Kirche Weitental

†  Gott ist die Liebe - Er liebt dich  †
 Gott ist der beste und liebste Vater, immer bereit zu verzeihen, Er sehnt sich nach dir, wende dich an Ihn
nähere dich deinem Vater, der nichts als Liebe ist. Bei Ihm findest du wahren und echten Frieden, der alles Irdische überstrahlt

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Maria Valtorta - Der Gottmensch

Band 9

 

Dieses Werk ist eine Gnade unseres lieben Herrn, man lernt hier Jesus und seine Worte in der richtigen Art und Weise kennen, seine Liebe, seinen Gehorsam, seine klaren und wahren Worte, nicht verdrehte, nicht unverständliche oder hoch theologische, nein, einfache Worte. Er erklärt für jeden verständlich die Gleichnisse. Glaube ist kein Studium, es ist Demut, Hingabe, Geduld, Vertrauen, nicht mein Wille muss an erster Stelle stehen, sondern den Willen Gottes gilt es zu suchen, die Gebote gilt es zu halten und hier erlangt man ein Verständnis hierfür. Zudem stimmen die Worte Jesu mit seinem Leben überein, voller Hingabe an den Willen seines und unseren Vaters. Nimm dir Zeit es aufmerksam zu lesen, du wirst es nicht bereuen.

Das Werk kann man hier in Buchform erwerben:

Parvis-Verlag, Route de l'Eglise 71, 1648 Hauteville, Schweiz, Tel. +41 26 915 93 93, buchhandlung@parvis.ch, www.parvis.ch

Aus rechtlichen Gründen dürfen nur Auszüge daraus veröffentlicht werden!
 



Nur zu Testzwecken!

Inhalt
 

Band IX:
Drittes Jahr des Lebens Jesu (Fortsetzung)

540. Im Tempel:«Nur noch kurze Zeit bin ich bei euch». S. 9
541. Jesus in Nob; Ein Windwunder. S. 14
542. Jesus im Lager der Galiläer seinen Apostel. S. 20
543. Am letzten grossen Tag des Laubhüttenfestes. S. 28
544. In Bethanien; «man kann auf viele Arten töten». S. 35
545. Am Brunnen von En Rogel. S. 38
546. Jesus, die Pharisäer und die Ehebrecherin. S. 43
547. «Den Schuldigen weise ich den Weg der Rettung. S. 46
548. Unterweisung der Apostel und Jünger. S. 49
549. Im Dorf und im Haus Salomo. S. 53
550. Jesus und Simon des Jonas. S. 58
551. Jesus spricht mit Thaddäus und Jakobus des Zebedäus. S. 62
552. Jesus und der Mann aus Petra bei Hesbon. S. 67
553. Der Abstieg vom Berg Nebo. S. 71
554. «Die Finsternis weist das Licht ab». S. 75
555. Jesus ermutigt seine Apostel. S. 83
556. Die Frau des sadduzäischen Nekromanten. S. 87
557. «Ein Gebet kann euch mit Gott verbinden, nicht eine magische Formel». S. 97
558. «Die, die man lieben gehen fort». S. 98
559. Das Gleichnis vom ungerechten Richter. S. 104
560. «Ich bin das Licht der Welt. S. 110
561. «Wir sind Nachkommen Abrahams». S. 115
562. Im Haus des Joseph von Sephoris. S. 128
563. Der alte Priester Mathan (oder Nathan). S. 135
564. Heilung des Blingeborenen. S. 142
565. In Nob; Judas von Kerioth lügt. S. 156
566. Jesus in den Ruinen eines zerstörten Dorfes. S. 163
567. Jesus spricht in Emmaus im Gebirge. S. 166
568. Jesus in Beth Horon. S. 174
569. Nach Gibeon. S. 185
570. In Gibeon. S. 192
571. Zurück nach Jerusalem. S. 196
572. Ich bin der Gute Hirte. S. 200
573. Auf dem Weg nach Bethanien; Im Hausdes Lazarus. S. 210
574. Auf dem Weg nach Thekoa; Der alte Heli-Anna. S. 216
575. Jesus spricht in Thekoa. S. 225
576. In Jericho. S. 230
577. Predigt in Jericho. S. 237
578. Im Haus des Zachäus mit den Bekehrten. S. 245
579. Jesus urteilt über Sabäa von Beth Lechi. S. 255
580. In Bethabara. S. 272
581. Auf dem Rückweg nach Nob. S. 276
582. In Nob; Judas Iskariot gehorcht nicht mehr. S. 280
583. Die folgenden Tage in Nob. S. 285
584. Jesus mit dem unzüchtigen Judas von Kerioth. S. 292
585. Jesus und Valeria; Das Wunder an dem kleinen Levi zu Nob. S. 297
586. Jesus und die Sünderin die ihn versuchen soll. S. 316
587. Jesus und Judas Iskariot auf dem Weg nach Jerusalem. S. 329
588. Jesus in der Synagoge der römischen Libertiner. S. 332
589. Judas und die Feinde Jesu. S. 341
590. Die sieben geheilten Aussätzigen; Jesus zu den Aposteln, Martha und Maria. S. 351
591. Jesus am Tempelweihfest. S. 361
592. Jesus begibt sich zur Geburtshöhle, um allein zu sein. S. 373
593. Jesus und Johannes des Zebedäus. S. 382
594. Jesus, Johannes und Manaen. S. 388

 

 

540. IM TEMPEL:

«NUR NOCH KURZE ZEIT BIN ICH BEI EUCH»

Ohne sich um die Mißgunst der anderen zu kümmern, kehrt Jesus auch am dritten Tag in den Tempel zurück. Er hat aber wohl nicht in Jerusalem geschlafen, denn seine Sandalen sind offensichtlich sehr verstaubt. Vielleicht hat er die Nacht auf den Hügeln in der Nähe der Stadt verbracht. Bei ihm müssen seine Brüder Jakobus und Judas gewesen sein, zusammen mit den Hirten Joseph und Salomon. Er trifft die übrigen Apostel und Jünger an der östlichen Tempelmauer.

«Sie sind gekommen, weißt du? Sowohl zu uns, als auch zu den bekanntesten Jüngern. Gut, daß du nicht da warst!»

«So müssen wir es immer machen.»

«Gut. Aber wir werden später darüber sprechen. Gehen wir.»

«Eine große Menschenmenge ist dir und uns vorausgeeilt und hat deine Wunder gepriesen. Wie viele sind nun überzeugt und glauben an dich! In dieser Beziehung haben deine Brüder recht gehabt», sagt der Apostel Johannes.

«Sie haben dich sogar bei Annalia gesucht, weißt du?»

«Und zum Palast der Johanna sind sie gegangen. Aber sie haben nur Chuza vorgefunden... und er war nicht gerade guter Laune. Wie Hunde hat er sie verjagt und ihnen gesagt, daß er in seinem Haus keine Spione duldet und daß er ihretwegen schon genug ertragen hätte. Das hat uns Jonathan berichtet, der mit seinem Herrn hier ist», sagt der Hirte Daniel.

«Weißt du, daß die Schriftgelehrten alle, die auf dich warteten, vertreiben wollten, indem sie sie zu überzeugen versuchten, daß du nicht der Messias bist. Aber sie haben geantwortet: "Der Christus ist er nicht? Wer soll er denn dann sein? Kann je ein anderer Mensch solche Wunder wirken? Haben vielleicht andere, die sich Christus nannten, sie gewirkt? Nein, nein, es können hundert und tausend Betrüger, die ihr womöglich geschickt habt, auftauchen und behaupten, sie seien Christus, aber keiner von ihnen wird je solche Wunder wirken wie er, noch so viele wie er." Als die Schriftgelehrten und Pharisäer dann behaupteten, er wirke sie, weil er Beelzebub wäre, haben sie geantwortet: "Dann müßtet ihr ja wohl aufsehenerregende Wunder wirken können, da ihr gewiß Beelzebub seid im Vergleich zu dem Heiligen"», berichtet Petrus lachend, und alle lachen über diese schlagfertige Antwort der Leute und über die Empörung der Schriftgelehrten und Pharisäer, die schließlich unwillig weggegangen sind.

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Sie sind nun bereits im Tempel und sogleich umgeben von einer noch zahlreicheren Menge als an den vorangegangenen Tagen.

«Der Friede sei mit dir, Herr! Friede! Friede!» rufen die Israeliten.

«Salve, Meister!» grüßen die Heiden.

«Friede und Licht mögen mit euch sein», antwortet Jesus mit einem einzigen Gruß für alle.

«Wir fürchteten, sie hätten dich gefangengenommen oder du würdest aus Vorsicht und aus Abscheu nicht kommen; aber dann hätten wir uns verteilt und dich überall gesucht», sagen viele.

Jesus fragt mit einem schwachen Lächeln: «Dann wollt ihr mich also nicht verlieren?»

«Wenn wir dich verlieren, Meister, wer wird uns dann die Unterweisungen und die Gnaden geben, die du uns gibst?»

«Meine Unterweisungen werden in euch bleiben, und ihr werdet sie noch besser verstehen, wenn ich von euch gegangen bin... Selbst wenn ich einst nicht mehr unter den Menschen bin, wird es dennoch nicht an Gnaden fehlen, die auf alle herabkommen, die mich gläubig darum bitten.»

«Oh, Meister, willst du uns denn wirklich verlassen? Sage uns, wohin du gehst, und wir werden dir nachfolgen. Wir brauchen dich so sehr.»

«Der Meister spricht so, um zu sehen, ob wir ihn lieben. Aber wo sollte denn der Rabbi von Israel hingehen, wenn nicht nach Israel?»

«Wahrlich, ich sage euch, nur noch kurze Zeit bin ich unter euch und gehe ich zu jenen, zu denen der Vater mich gesandt hat. Dann werdet ihr mich suchen und mich nicht finden, und wo ich bin, dahin werdet ihr nicht kommen können. Aber laßt mich nun gehen. Heute werde ich nicht hier im Tempel sprechen. Ich habe arme Brüder, die mich anderswo erwarten und die nicht kommen können, weil sie schwer krank sind. Nach dem Gebet werde ich zu ihnen gehen.»

Mit Hilfe seiner Jünger bahnt er sich einen Weg, um zum Vorhof der Israeliten zu gelangen.

Die Zurückbleibenden schauen einander verwundert an.

«Wohin geht er wohl?»

«Gewiß zu seinem Freund Lazarus. Er ist schwer krank.»

«Ich meine nicht, wohin er heute geht, sondern wenn er uns einst für immer verläßt. Habt ihr nicht gehört, daß er gesagt hat, daß wir ihn nicht werden finden können?»

«Vielleicht geht er, Israel zu vereinigen, indem er all den Unseren die Botschaft verkündet, die in anderen Nationen zerstreut leben. Die Diaspora hofft wie wir auf den Messias.»

«Oder er geht zu den Heiden, um sie zu belehren und sie in sein Reich einzuladen.»

«Nein, so kann es nicht sein. Wir könnten ihn überall finden, auch wenn er im fernen Asien oder im Innern Afrikas, in Rom, in Gallien, in

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Iberia, in Thrazien oder bei den Sarmaten wäre. Wenn er sagt, daß wir ihn nicht finden würden, selbst wenn wir ihn suchten, ist das ein Zeichen, daß er an keinem dieser Orte sein wird.»

«Nun ja, was wird das wohl bedeuten, wenn er sagt: "Ihr werdet mich suchen und mich nicht finden, und wo ich bin, dahin werdet ihr nicht kommen können"? "Ich bin..." Nein: "Ich werde sein..." Wo ist er denn? Ist er nicht hier unter uns?»

«Ich sage es dir, Judas! Er scheint ein Mensch zu sein, aber er ist ein Geist!»

«Aber nein! Unter den Jüngern sind einige, die ihn als Neugeborenes gesehen haben. Ja, mehr noch. Sie haben seine Mutter schwanger gesehen, kurz bevor er geboren wurde.»

«Aber ist er denn wirklich jenes Knäblein gewesen, das jetzt ein Mann geworden ist? Wer versichert uns, daß er nicht ein anderes Wesen ist?»

«0 nein. Er könnte wohl ein anderer sein, und die Hirten könnten sich täuschen. Aber die Mutter! Aber die Brüder, und der ganze Ort!»

«Haben die Hirten die Mutter wiedererkannt?»

«Ja sicher...»

«Dann... aber warum sagt er dann: "Wo ich bin, dahin werdet ihr nicht kommen können"? Für uns gibt es die Zukunft: "Werdet ihr nicht können." Für sich bleibt er in der Gegenwart: "Ich bin." Hat dieser Mensch vielleicht keine Zukunft?»

«Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll. Er ist so.»

«Ich sage euch, er ist verrückt.»

«Du bist es vielleicht, du Spion des Synedriums.»

«Ich, ein Spion? Ich bin ein Jude, der ihn bewundert. Habt ihr nicht gesagt, daß er zu Lazarus geht?»

«Nichts haben wir gesagt, du alter Spion. Wir wissen nichts, und wenn wir etwas wüßten, würden wir es dir nicht sagen. Geh, und sage denen, die dich geschickt haben, daß sie ihn selbst suchen sollen. Spion, Spion! Bestochener... !»

Der Mann sieht, daß er es schlecht-getroffen hat, und macht sich aus dem Staub.

«Aber wir stehen hier herum! Wären wir hinausgegangen, hätten wir ihn gesehen. Lauf du dorthin! Und du dahin! ... Sagt uns, welchen Weg er eingeschlagen hat. Sagt ihm, er soll nicht zu Lazarus gehen.»

Die Jüngeren eilen davon... und kehren alsbald zurück: «Er ist nicht mehr da... Er hat sich unter die Menge gemischt, und niemand weiß ...»

Die Menge ist enttäuscht und löst sich langsam auf...

Aber Jesus ist viel näher, als sie glauben. Durch eines der Tore hat er die Stadt verlassen und ist dann um die Burg Antonia herum, durch das Schaftor in das Kedrontal hinabgestiegen. Der Kedron führt nur wenig Wasser in der Mitte des Flußbettes. Jesus überschreitet ihn, wobei er über

die Steine springt, die aus dem Wasser hervorschauen, und begibt sich auf den Ölberg. Die Ölbäume sind an dieser Stelle dicht belaubt und noch mit Gebüsch vermischt und verleihen diesem Teil Jerusalems einen düsteren, fast traurigen Charakter. Er erstreckt sich von den dunklen Mauern des Tempels, der mit seinem Berg diese Seite beherrscht, bis zum Ölberg auf der anderen Seite. Gegen Süden zu wird das Tal heller und weiter, aber hier ist es noch ziemlich eng, wie eine von einer gigantischen Kralle zwischen dem Berg Moriah und dem Ölberg gezogene Furche.

Jesus geht nicht nach Gethsemane, sondern gerade in die entgegengesetzte Richtung, nach Norden, immer auf dem Berg, der in ein wildes Tal übergeht, wo entlang einer Reihe im Bogen verlaufender niedriger, steiniger Hügel ein Bach im Norden um die Stadt herum fließt. Anstelle der Ölbäume wachsen dort unfruchtbare, dornige, verkrüppelte, zerzauste Bäumchen, zusammen mit Brombeersträuchern, die ihre Fühler nach allen Seiten ausstrecken. Ein sehr trauriger, sehr einsamer Ort. Er hat etwas Höllisches, Apokalyptisches an sich. Einige Gräber, mehr nicht, nicht einmal Aussätzige. Eigenartig ist diese Einsamkeit im Gegensatz zu der so nahe gelegenen volksreichen Stadt mit ihren vielen Menschen und ihrem Lärm. Hier ist kein Geräusch zu hören, mit Ausnahme des über die Steine gurgelnden Wassers und des Rauschens des Windes zwischen Felsen und Gebüsch. Es fehlt sogar die freundliche Note der Vögel, die so zahlreich sind in den Ölbäumen von Gethsemane und dem Ölgarten. Der Wind aus Nordosten ist ziemlich stark. Er wirbelt kleine Staubwolken in die Höhe und verdrängt jegliches Geräusch aus der Stadt. So herrscht ein bedrückendes, fast furchterregendes Schweigen, das Schweigen eines Ortes des Todes.

«Aber ist das denn der richtige Weg?» fragt Petrus Isaak.

«Ja, ja. Man kommt auch auf anderen Straßen dorthin, wenn man die Stadt durch das Herodestor oder besser noch durch das Damaskustor verläßt. Aber es ist gut, wenn ihr auch die weniger bekannten Pfade kennenlernt. Wir haben die ganze Umgebung durchstreift, um sie herauszufinden und sie euch zu zeigen. So könnt ihr gehen, wohin ihr wollt in der Nähe der Stadt, ohne die gewöhnlichen Wege zu benützen.»

«Kann man den Leuten von Nob trauen?» fragt Petrus wiederum.

«Wie seinen eigenen Hausgenossen. Thomas im vergangenen Winter, Nikodemus immer, der Priester Johannes, sein Jünger, und andere haben aus der kleinen Ortschaft eine Heimat für den Meister getan.»

«Und du hast mehr als alle anderen gemacht», sagt der Hirte Benjamin.

«Oh! Ich! Wenn ich etwas getan habe, dann haben wir alle etwas getan. Aber glaube mir, Meister, du hast jetzt rings um die Stadt überall Zufluchtsorte...»

«Auch Rama...» sagt Thomas, der etwas auf seine Stadt hält. «Mein

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Vater und mein Schwager haben zusammen mit Nikodemus an dich gedacht.»

«Und auch Emmaus», sagt ein Mann, der mir nicht neu ist, von dem ich aber nicht mit Bestimmtheit sagen könnte, wer er ist, auch weil ich in Judäa mehrfach Ortschaften mit Namen Emmaus begegnet bin, ganz abgesehen von dem Emmaus bei Tarichäa.

«Es ist zwar weit, wenn man es auf Wegen wie diesen erreichen will, aber ich werde es nicht versäumen, bisweilen auch dorthin zu kommen.»

«Und in mein Haus», sagt Salomon.

«Dorthin gewiß wenigstens einmal, um den Alten zu grüßen.»

«Dann gibt es auch noch Bether.»

«Und Bethsur.»

«Ich werde nicht in die Häuser der Jüngerinnen gehen; aber wenn es nötig ist, werde ich sie zu mir rufen.»

«Ich habe einen treuen Freund in der Nähe von En Rogel. Sein Haus steht dir zur Verfügung. Und keiner von denen, die dich hassen, wird glauben, daß du so in ihrer Nähe bist», sagt Stephanus.

«Der Gärtner der königlichen Gärten kann dich beherbergen. Er ist ganz eines Sinnes mit Manaen, der ihm diesen Posten verschafft hat... Und überdies... du hast ihn einmal geheilt ...»

«Ich? Ich kenne ihn nicht ...»

«Er war zu Ostern unter den Armen, die du bei Chuza geheilt hast. Die von einer schmutzigen Sichel verursachte Wunde ließ sein Bein vereitern, und sein erster Herr hatte ihn deshalb verjagt. Er mußte betteln gehen, um seine Kinder zu ernähren, und du hast ihn geheilt. Manaen hat ihm dann in einem günstigen Augenblick bei Antipas die Stelle eines Gärtners verschafft. Jetzt tut der Mann alles, was ihm Manaen sagt. Und für dich erst ...» sagt der Hirte Matthias.

«Ich habe Manaen nie bei euch gesehen ...» sagt Jesus und schaut ihm fest in die Augen. Matthias wird rot und verwirrt.

«Komm, gehen wir etwas voraus!»

Der Jünger folgt ihm.

«Sprich!»

«Herr... Manaen hat einen Fehler begangen... und er leidet sehr darunter, und mit ihm Timoneus und einige andere. Sie finden keinen Frieden mehr, weil du ...»

«Sie glauben doch nicht etwa, daß ich sie hasse ...»

«Nein, aber... Sie fürchten sich vor deinen Worten und deinem Blick.»

«Oh, welch ein Irrtum! Gerade weil sie gefehlt haben, bedürfen sie der Medizin. Weißt du, wo sie sind?»

«Ja, Meister.»

«Dann geh und sag ihnen, daß ich sie in Nob erwarte.»

Matthias macht sich auf den Weg, ohne Zeit zu verlieren. Der Bergpfad

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steigt so stark an, daß bald die ganze Nordseite Jerusalems zu sehen ist... Jesus und die Seinen wenden der Stadt den Rücken und entfernen sich in entgegengesetzter Richtung.

541. JESUS IN NOB; EIN WINDWUNDER

Ein ruhiges, ziemlich gepflegtes Dorf. Die Bewohner sind in den Häusern, da ein starker Wind weht. Aber sobald die Jünger Jesus ankündigen, kommen alle Frauen, Kinder und die alten Männer, die aus Altersgründen im Ort zurückgeblieben sind, herbei und scharen sich um Jesus, der sie auf dem kleinen Dorfplatz erwartet. Da die Ortschaft auf einer Anhöhe liegt, hat sie Luft und Licht auch an dunklen Tagen, und der Blick schweift von dort bis Jerusalem im Süden und bis Rama im Norden (ich sage Rama, denn so steht es auf einem Meilenstein, nebst der Entfernungsangabe, geschrieben).

Die Leute sind sehr gerührt, denn daß sie es sind, die den Herrn beherbergen dürfen, ist etwas ganz Neues und Aufregendes für sie! ... Ein Alter, ein wahrer Patriarch, sagt es im Namen aller, und die Frauen nicken eifrig mit dem Kopf dazu.

Daran gewöhnt, vom priesterlichen und pharisäischen Stolz zurechtgewiesen zu werden, sind sie schüchtern... Aber Jesus sorgt dafür, daß sie sich sofort wohlfühlen. Er nimmt ein kleines Mädchen auf den Arm, das gerade die ersten Schritte tut, und streichelt den Greis mit den Worten: «Habt ihr mich noch nie gesehen?»

«Von weitem, als du auf dem Weg vorübergegangen bist... und der eine oder andere Mann unter uns im Tempel. Aber obwohl wir so nahe bei der Stadt wohnen, ist es schwieriger für uns, das zu erreichen, was andere haben, die von weither kommen», sagt der Alte.

«Es ist immer so, Vater. Was die Dinge zu erleichtern scheint, macht sie schwierig; denn alle leben in der Überzeugung, daß es leicht ist. Aber jetzt werden wir uns kennenlernen. Geh in dein Haus, Vater. Der Herbstwind braust, und er bekommt alten Patriarchen nicht wohl.»

«Oh, ich bin allein geblieben, und die Tage zählen für mich nicht mehr ...»

«Seine Tochter ist weit weg verheiratet, und die Frau ist am Laubhüttenfest gestorben», erklärt eine Frau.

«Johannes, so darfst du nicht sprechen, heute, da du den Rabbi bei dir hast. Du hast ihn doch so sehr ersehnt!» sagt eine kleine Alte zu ihm.

«Das ist wahr. Aber... Du bist der Messias, nicht wahr?»

«Ja, Vater.»

«Wonach kann ich also noch verlangen, jetzt, da ich ihn gesehen habe

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und sehe, daß sich das dem Abraham gegebene Versprechen erfüllt hat? Ein Alter, damals war er der Alte, sang eines Tages im Tempel – ich war an jenem Tag dort, da meine Lia zur Reinigung ging nach der einzigen Geburt, und vor uns hatte eine Frau den Ritus vollzogen, die fast noch ein Mädchen war – also, der Alte sang, während er das Kind jenes Mädchens küßte: "Nun läßt du, o Herr, deinen Diener in Frieden scheiden, denn meine Augen haben den Erlöser gesehen." Dieses Neugeborene warst also du! Oh! Ich Glücklicher! Ich habe damals den Herrn gebeten: "Gib, daß auch ich sterben kann, nachdem ich ihn kennengelernt habe." Jetzt kenne ich dich. Du bist hier. Die Hand meines Herrn ruht auf meinem Haupt. Seine Stimme hat zu mir gesprochen. Was soll ich sagen, wenn nicht die Worte des alten, gelehrten und gerechten Simeon? Ich sage sie: "Laß, o Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden, denn meine Augen haben deinen Gesalbten gesehen!"»

«Willst du nicht warten, um auch sein Reich zu sehen?» sagt eine Frau.

«Nein, Maria, die Feste sind nicht für die Alten. Überdies glaube ich nicht, was die meisten sagen. Ich erinnere mich der Worte des Simeon... Er hat für das Herz dieses Mädchens ein Schwert vorausgesagt, da nicht alle in der Welt den Erlöser lieben werden... Er hat gesagt, daß Verderben und Auferstehung für viele kommen werden um seinetwillen... Und dann ist da Isaias... und David... Nein, ich ziehe es vor, zu sterben und seine Gnade im Jenseits zu erwarten... Dort wird sein Reich sein ...»

«Vater, du siehst klarer als die Jungen. Mein Reich ist das der Himmel. Für dich jedoch bedeutet meine Ankunft nicht Verderben, denn du verstehst an mich zu glauben. Gehen wir in dein Haus: ich bleibe bei dir.» Und geführt von dem Alten, geht er zu einem weißen Häuschen an einem Sträßchen inmitten von Gärten, deren Blätter der Wind wie ein Dieb davonträgt. Er tritt dort ein mit Petrus, den beiden Söhnen des Alphäus und Johannes. Die anderen verteilen sich auf die übrigen Häuser... um nach einiger Zeit zurückzukehren und das Häuschen, den Garten und die Terrasse unter dem Dach mit Menschen zu füllen. Sogar auf das Mäuerchen, das den Garten auf der einen Seite vom Weg trennt, steigen sie, und auf einen mächtigen Nußbaum und einen ebenso großen Apfelbaum, ungeachtet des Sturmwindes, der immer stärker wird und Staubwolken aufwirbelt.

Sie wollen Jesus hören, der einige Zeit verstreichen läßt, bevor er, auf der Küchenschwelle stehend, zu sprechen beginnt, so daß man seine Stimme drinnen wie draußen vernehmen kann.

«Ein mächtiger König, dessen Reich sehr groß war, wollte eines Tages seine Untergebenen besuchen. Er wohnte in einem wundervollen Palast, von wo aus er durch seine Knechte und Boten den Untertanen seine Befehle und Gaben zukommen ließ. Diese wußten also von seiner Gegenwart, seiner Liebe zu ihnen und seinen Absichten, ohne ihn jedoch persönlich zu

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kennen. Sie kannten weder seine Stimme noch seine Sprache. Kurz, sie wußten wohl, daß er da war und ihr Herr war, mehr aber nicht. Und wie es oft geschieht, wurden deshalb viele seiner Gesetze und Anordnungen falsch ausgelegt, sei es aus Böswilligkeit, sei es aus Unfähigkeit, sie zu verstehen; und die Interessen der Untergebenen und die Wünsche des Königs, der sie glücklich wissen wollte, litten Schaden. Oft war er gezwungen, sie zu strafen, und litt mehr als sie selbst darunter. Aber die Strafen brachten keine Besserung. Da sagte er: "Ich werde hingehen und persönlich mit ihnen sprechen. Ich werde mich zu erkennen geben. Dann werden sie mich lieben, mir besser gehorchen und glücklich werden." Er verließ also seine herrliche Wohnung, um unter sein Volk zu gehen.

Großes Staunen verursachte sein Kommen. Das Volk war gerührt und geriet in Aufregung. Die einen jubelten, die anderen fürchteten sich, wieder andere zürnten ihm, mißtrauten ihm oder haßten ihn. Der König, der geduldig war, begann unermüdlich mit ihnen zu verkehren, sowohl mit denen, die ihn liebten, als auch mit denen, die ihn fürchteten oder haßten. Er erklärte sein Gesetz, hörte seine Untertanen an, ließ ihnen Wohltaten zuteil werden und ertrug sie. Und schließlich liebten ihn viele von ihnen und flohen ihn nicht mehr wegen seiner Hoheit. Einige wenige hörten auf, ihm zu mißtrauen und ihn zu hassen. Das waren die Besseren. Aber viele blieben, was sie gewesen waren, denn sie waren nicht guten Willens. Der König jedoch, der sehr weise war, ertrug auch dies und nahm seine Zuflucht zu der Liebe der Besseren, um einen Lohn für seine Mühen zu erhalten.

Doch, was geschah dann? Es geschah, daß auch einige der Besten ihn nicht verstanden. Er kam von so weit her! Seine Sprache war so neu! Sein Wille war so verschieden von dem seiner Untergebenen, und er wurde nicht von allen verstanden... Einige fügten ihm sogar Schmerz und auch sonstigen Schaden zu oder liefen wenigstens Gefahr, ihm Schaden zuzufügen, da sie ihn nicht richtig verstanden hatten. Als sie jedoch einsahen, daß sie ihm Kummer gemacht und Schaden zugefügt hatten, flohen sie betrübt vor seinem Antlitz und gingen nicht mehr zu ihm aus Furcht vor seinem Tadel.

Aber der König hatte in ihren Herzen gelesen und in seiner Liebe rief er täglich nach ihnen, und bat den Ewigen, ihm zu gewähren, sie wiederzufinden, um ihnen sagen zu können: "Warum fürchtet ihr mich? Es ist wahr, euer Unverständnis hat mit Schmerz bereitet; aber ich habe gesehen, daß dies nicht aus Bosheit geschah, sondern nur die Folge eurer Unfähigkeit war, meine Sprache zu verstehen, die so verschieden ist von der eurigen. Was mir wehtut ist, daß ihr mich fürchtet. Dies sagt mir, daß ihr mich nicht nur als König mißverstanden habt, sondern auch als Freund. Warum kommt ihr nicht? So kehrt doch zurück. Was die Freude, mich zu lieben, euch nicht verstehen ließ, hat euch der Schmerz darüber, mir

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Schmerz bereitet zu haben, klargemacht. Oh, kommt, kommt, meine Freunde. Vermehrt nicht eure Unwissenheit durch euer Fernbleiben, eure Finsternis, indem ihr euch verbergt, eure Bitterkeiten durch das Abweisen meiner Liebe. Seht ihr? Wir leiden schmerzlich, ihr und ich, durch diese Trennung. Ich noch mehr als ihr. Kommt also und schenkt mir Freude."

So wollte der König sprechen, und so spricht er. Und so spricht auch Gott zu den Sündern, und der Erlöser zu denen, die vielleicht gefehlt haben.

So spricht der König Israels zu seinen Untertanen. Der wahre König Israels, jener, der seine Untertanen aus dem kleinen irdischen Reich ins große Reich der Himmel führen will. In dieses können nicht eingehen, die dem König nicht folgen und nicht lernen, seine Worte und seine Gedanken zu verstehen. Aber wie kann man etwas lernen, wenn man nach dem ersten Fehler dem Meister flieht?

Niemand soll mutlos werden, wenn er gesündigt und bereut hat, wenn er gefehlt hat und seinen Fehler anerkennt. Er komme zur Quelle, die die Fehler tilgt und Licht und Weisheit schenkt; er stille seinen Durst an dieser Quelle, die, vom Himmel gekommen, sich glühend danach sehnt, sich den Menschen zu schenken.»

Jesus schweigt. Nur der Wind läßt seine Stimme immer stärker vernehmen. Auf dem Hügel, auf dem Nob liegt, bläst er so wild, daß die Bäume in beängstigender Weise ächzen.

Die Menschen sind gezwungen, sich in die Häuser zurückzuziehen. Doch als sich die Menge aufgelöst hat, Jesus ins Haus zurückgekehrt ist und die Tür geschlossen hat, erscheint Matthias hinter dem Mäuerchen, gefolgt von Manaen und Timoneus, betritt das Gärtchen und klopft an die verschlossene Tür.

Jesus selbst geht und öffnet. «Meister, da sind sie... !» sagt Matthias und weist auf die beiden, die beschämt am Rande des Gartens stehengeblieben sind und nicht wagen, das Antlitz zu erheben und Jesus anzuschauen.

«Manaen! Timoneus! Meine Freunde!» sagt Jesus, tritt hinaus in den Garten und schließt die Tür wieder hinter sich, um denen drinnen zu verstehen zu geben, daß sie ihm nicht neugierig folgen sollen. Er geht mit ausgebreiteten Armen auf die beiden zu, um sie zu umarmen.

Die beiden erheben die Augen, gerührt von der Liebe in der Stimme des Meisters. Sie sehen sein Antlitz, seine Augen, so voll der Liebe, und ihre Furcht schwindet dahin. Sie laufen ihm entgegen und rufen mit tränenerstickter Stimme: «Meister!» Sie fallen ihm zu Füßen, umarmen seine Knie, küssen seine bloßen Füße und benetzen sie mit ihren Tränen.

«Meine Freunde! Nicht so. Hier, an mein Herz. Ich habe euch so sehnsüchtig erwartet! Und so gut verstanden! Erhebt euch ...» Und er versucht sie aufzurichten.

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«Verzeihung! Oh, Verzeihung! ... Verweigere sie uns nicht, Meister. Wir haben so viel gelitten!»

«Ich weiß es. Aber wenn ihr vorher gekommen wäret, hätte ich euch schon früher gesagt: "Ich liebe euch."»

«Du liebst uns, Meister? So wie früher?!» sagt als erster Timoneus und erhebt fragend sein Antlitz.

«Mehr als früher, denn jetzt seid ihr geheilt von aller Menschlichkeit, die eurer Liebe zu mir anhaftete.»

«Es ist wahr, o mein Meister.» Und Manaen springt auf die Füße und kann nicht mehr widerstehen. Er wirft sich an Jesu Brust, und Timoneus tut es ihm gleich...

«Seht ihr, wie man sich hier wohlfühlt? Ist es hier nicht besser als in einem armen Königspalast? Wo besitzt ihr mich mehr und mächtiger, milder und reicher an unendlichen Schätzen, als wenn ihr mich als Erlöser, Retter, geistigen König und liebevollen Freund habt?»

«Es ist wahr! Es ist wahr! Sie hatten uns verführt! Und wir glaubten, dir Ehre zu erweisen und daß ihre Idee richtig sei!»

«Denkt nicht mehr daran. Das ist vorüber und gehört nun der Vergangenheit an. Laßt die Zeit, die vorübergeht wie der Sturm, der uns schüttelt, es forttragen, weit fort, und für immer zerstreuen... Aber gehen wir ins Haus. Es ist nicht möglich, hier zu bleiben ...»

Es ist wirklich ein wahrer Wirbelsturm, der sich von Norden her auf das Dorf stürzt. Äste werden abgerissen, Dachziegel fliegen fort, einige unsichere Mäuerchen der Terrassen auf den Dächern krachen zusammen und der Nuß- und der Apfelbaum schütteln sich, als wollten sie sich entwurzeln.

Sie treten ins Haus, und die vier Apostel schauen erstaunt auf die zwar noch tränennassen, aber doch lächelnden Gesichter der beiden Jünger. Aber sie sagen nichts.

«Ein Unglück ist im Anzug», sagt der alte Johannes.

«0 ja. Die, die noch in den Schutzhütten sind... Ich weiß nicht, was sie tun werden», sagt Petrus.

Der Wind ist so stark, daß die Flämmchen eines dreiarmigen Leuchters, den man angezündet hat, um das verschlossene Zimmer zu erleuchten, trotz der verrammelten Türen flackern.

In das Getöse des Sturmes, der immer heftiger wird und Erde und Geröll auf das Haus prasseln läßt, als wäre es feiner Hagel, mischt sich das immer näher kommende Geschrei von Frauen. Es sind erschrockene Gattinnen, geängstigte Mütter: «Unsere Männer! Unsere Kinder! Sie sind unterwegs. Wir haben Angst. Eine Mauer des verlassenen Hauses ist schon eingestürzt... Herr, Jesus! Erbarmen!»

Jesus erhebt sich und öffnet nur mit Mühe die Tür, gegen die der Sturm drückt. Frauen, die gekrümmt gehen, um gegen den Wind anzukommen

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- einen wahren Wirbelsturm unter einem schreckenerregenden Himmel – schluchzen und strecken ihre Arme aus.

«Kommt herein. Fürchtet euch nicht!» sagt Jesus. Er betrachtet den Himmel und die Bäume, die nahe daran sind, entwurzelt zu werden.

«Komm zurück, Jesus! Sieh, wie die Äste brechen und die Dachziegel herunterfallen! Es ist nicht klug, draußen zu bleiben», schreit Judas des Alphäus.

«Die armen Oliven! Das ist Hagel. Wo er herunterkommnt, gibt es keine Ernte mehr», meint Petrus.

Jesus geht nicht wieder hinein. Er geht vielmehr ganz in den Wirbelsturm hinaus, der sein Gewand flattern und seine Haare fliegen läßt. Er breitet seine Arme aus und betet. Dann befiehlt er: «Genug! Ich will es!»und kehrt ins Haus zurück.

Der Wind heult ein letztes Mal auf, dann regt sich plötzlich nichts mehr. Die Stille ist höchst eindrucksvoll nach einem solchen Getöse. Aus den Häusern schauen erstaunte Gesichter. Es bleiben nur die Zeichen des Wirbelsturmes: Blätter, zerbrochene Äste und Fetzen von Vorhängen. Aber überall herrscht Stille. Der Himmel entspricht der nun nicht mehr erschütterten Erde, und die schwarzen Wolken hellen sich auf. Sie zerstreuen sich und richten keinen Schaden an, sondern lassen einen Sprühregen niedergehen, der die trübe Luft von all dem aufgewirbelten Staub reinigt.

«Aber was ist denn geschehen?»

«So plötzlich hat alles aufgehört?»

«Es schien, als wäre das Ende gekommen, und jetzt beginnt die Sonne zu strahlen!»

Stimmen fragen von Haus zu Haus.

Die Frauen, die sich zu Jesus geflüchtet hatten, laufen hinaus. «Der Herr, der Herr ist mit uns. Er hat ein Wunder gewirkt! Er hat dem Wind Einhalt geboten. Er hat die Wolken zerstreut. Hosanna, Hosanna! Lobpreis dem Sohne Davids! Friede! Segen! Christus ist mit uns! Mit uns ist der Gesegnete, der Heilige! Der Heilige! Der Heilige! Der Messias ist mit uns! Halleluja!»

Alle Bewohner der Ortschaft, Einheimische und Gäste, also die Apostel und die Jünger, eilen zu dem Häuschen, in dem sich Jesus befindet. Alle wollen ihn küssen, berühren, preisen.

«Lobt den höchsten Herrn! Er ist der Herr über Wind und Wasser. Wenn er seinen Sohn erhört hat, geschah es, um den Glauben und die Liebe zu belohnen, die ihr ihm bezeugt habt.»

Jesus würde sich gerne von den Menschen verabschieden. Aber wer vermag ein Dorf zu beruhigen, das wegen eines so offenkundigen Wunders in Feststimmung gerät, zumal, wenn es sich um ein Dorf voller Frauen handelt? Die Bemühungen Jesu sind vergeblich. Er lächelt geduldig,

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während der Alte, der ihn beherbergt, seine linke Hand küßt und mit Tränen benetzt.

Da kommen auch schon die ersten Männer keuchend aus Jerusalem zurück, durchnäßt und erschrocken. Sie fürchten wer weiß welches Unglück und sehen das Volk in Feststimmung. «Was gibt es? Was ist geschehen? Habt ihr keinen Sturm gehabt? Vom Berge aus sah man das Dorf in Staubwolken verschwinden. Wir glaubten, alles sei eingestürzt, und nun ist hier alles heil und in Ordnung!»

«Der Herr, der Herr! Er ist zur rechten Zeit gekommen, um uns vor dem Verderben zu retten. Nur das verfluchte Haus ist eingestürzt, einige Ziegel sind heruntergefallen und einige Äste abgebrochen. Und ihr? Was ist in Jerusalem geschehen?»

Fragen und Antworten kreuzen sich. Aber die Männer schaffen sich Platz, um den Heiland zu verehren. Erst danach erklären sie, daß in der Stadt große Furcht herrschte wegen des bevorstehenden Sturmes, daß alle aus den Hütten in die Häuser flohen und die Besitzer der Ölgärten sich schon wegen der verlorenen Ernte beklagten... als sich ganz plötzlich der Sturm legte und der Himmel sich nach einem kleinen Regenschauer aufklärte... Die ganze Stadt war erstaunt. Und da die Phantasie in gewissen Fällen sofort in Aktion tritt, erzählten die Männer, daß die Leute, die am Tag zuvor im Tempel waren und nun sahen, wie der Moriah am stärksten vom Sturm heimgesucht wurde, so daß die Tische der Geldwechsler umstürzten und Schäden am Haus des Hohenpriesters entstanden, sagten, dies sei die Strafe für die Beschimpfung des Messias. Und so weiter, und so weiter... Je mehr Leute kommen, desto farbiger werden die Geschichten; und manchmal sind sie sogar apokalyptischer als der Bericht über den Karfreitag...

542. JESUS IM LAGER DER GALILÄER MIT

SEINEN APOSTELVETTERN

«Judas und Jakobus, kommt mit mir.»

Die beiden Söhne des Alphäus lassen sich das nicht zweimal sagen. Sie erheben sich sogleich und verlassen mit Jesus ein Häuschen eines Vorortes im Süden von Jerusalem, in dem man sie heute aufgenommen hat.

«Wo gehen wir hin, Jesus?» fragt Jakobus.

«Wir wollen uns von den Galiläern auf dem Ölberg verabschieden.»

Sie gehen zunächst eine Weile in Richtung Jerusalem und dann am Fuße einiger kleiner Hügel entlang, in deren Grün Häuser, gewiß herrschaftliche Häuser, liegen. Nachdem sie die Straße nach Bethanien und Jericho überquert haben, die südlichste, die zwischen Tophet und Siloe

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endet, gehen sie um einen weiteren Hügel herum, der schon zu den Ausläufern des Ölberges gehört, überschreiten noch eine Straße, die direkt vom Ölberg nach Bethanien führt, und steigen schließlich auf einer kleineren Nebenstraße zwischen Ölbäumen zum Lager der Galiläer hinauf. Dort stehen nur noch wenige Zelte, und als Andenken an die große Zahl von Besuchern bleiben vertrocknete, auf dem Boden verstreute Zweige, Reste von einfachen Feuerstätten, die das Gras angesengt haben, Asche, angebrannte Holzscheite und Gerümpel, wie immer an verlassenen Lagerplätzen, zurück.

Die Kälte der Jahreszeit und der früh einsetzende Regen haben die Abreise der Pilger beschleunigt. Karawanen von Frauen und Kindern sind auch jetzt noch im Aufbruch begriffen. Die Männer, besonders die kräftigsten, sind noch geblieben, um das Fest zu Ende zu feiern.

Die an den Herrn glaubenden Galiläer müssen durch einige Jünger benachrichtigt worden sein, denn ich sehe alle aus den mir bekanntesten Orten. Nazareth ist vertreten durch die beiden Jünger, Alphäus, dem Jesus nach dem Tode seiner Mutter verziehen hat, und einige andere. Ich sehe jedoch weder Joseph noch Simon des Alphäus. Dafür fehlen andere nicht, unter ihnen der Synagogenvorsteher, der sichtbar verlegen ist und Jesus mit besonderer Hochachtung begrüßt, nachdem er ihm so viele Schwierigkeiten bereitet hat. Er hilft sich damit, daß er sagt, die Verwandten Jesu hätten sich bei «dem Freund, den du kennst» einquartiert wegen der Kinder, die sonst in der stürmischen Nacht gelitten hätten. Kana ist vertreten durch den Gemahl der Susanna, ihren Vater und andere; Naim durch seinen Auferweckten und andere; Bethlehem in Galiläa durch viele Bürger, und die Städte östlich des Sees durch ihre Bewohner...

«Der Friede sei mit euch! Der Friede sei mit euch!» grüßt Jesus im vorübergehen. Er liebkost die Kinder, die noch geblieben sind, seine kleinen Freunde aus den galiläischen Ortschaften, und hört Jairus zu, der ihm sagt, wie sehr es ihm leid getan hat, daß er das letzte Mal nicht da war.

Jesus erkundigt sich, ob die Witwe von Aphek sich in Kapharnaum niedergelassen und den Waisenknaben von Gischala zu sich genommen hat. «Ich weiß es nicht. Meister. Vielleicht war ich schon abgereist», sagt Jairus.

«Ja, ja. Es kam eine Frau, die den Kindern viel Honig und Liebkosungen zukommen läßt. Sie bäckt ihnen auch kleine Kuchen. Und die Kinder, die bei dir waren, gehen immer zu ihr essen. Am letzten Tage hat sie uns einen ganz kleinen Jungen gezeigt. Sie hat zwei Ziegen gekauft wegen der Milch und uns gesagt, daß dieser Kleine der Sohn des Himmels und des Herrn sei. Zum Fest ist sie nicht gekommen, wie sie vorhatte, weil sie ein so kleines Kind nicht hätte mitnehmen können. Sie hat uns auch gebeten, dir auszurichten, daß sie es in Gerechtigkeit lieben wird und dich segnet.»

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Die Kinder von Kapharnaum zwitschern wie Spatzen um Jesus herum, da sie stolz sind zu wissen, was nicht einmal der Synagogenvorsteher weiß, und Botschafter sein zu dürfen für den guten Meister, der ihnen aufmerksam zuhört, als wären sie Erwachsene, und dann antwortet: «Ihr werdet ihr sagen, daß auch ich sie segne und daß sie für mich die Kinder lieben soll. Ihr aber, seid lieb zu ihr und nützt sie nicht aus, weil sie gut ist. Liebt sie nicht nur wegen des Honigs und der Kuchen, sondern weil sie gut ist. So gut, daß sie verstanden hat, mich glücklich zu machen, da sie in meinem Namen ein Kind liebt. Ahmt sie alle nach, ob ihr klein oder groß seid, und bedenkt immer, daß, wer ein Kind in meinem Namen aufnimmt, einen besonderen Platz im Himmel haben wird. Denn Barmherzigkeit wird immer belohnt, auch wenn es sich nur um einen Becher Wasser handelt, den ihr in meinem Namen gebt; doch die Barmherzigkeit gegenüber den Kindern, die man nicht nur vor Hunger, Durst und Kälte schützt, sondern auch vor der Verderbnis der Welt, wird unendlichen Lohn erhalten... Ich bin gekommen, um euch zu segnen, bevor ihr heimkehrt. Ihr sollt meinen Segen euren Frauen und euren Häusern bringen ...»

«Aber kommst du denn nicht mehr zu uns, Meister?»

«Ich werde wiederkommen... aber nicht jetzt. Nach dem Passahfest...»

«Oh, wenn du so lange fortbleibst, wirst du gewiß dein Versprechen vergessen...»

«Habt keine Sorge. Eher wird die Sonne aufhören zu leuchten, als daß Jesus den vergißt, der auf ihn hofft.»

«Es wird eine lange Zeit sein...

«Und eine traurige.»

«Wenn wir krank werden...»

«Wenn wir in Not sind ...»

«Wenn der Tod unsere Häuser heimsucht ...»

«Wer wird uns dann helfen?» sagen mehrere aus verschiedenen Orten.

«Gott. Er ist mit euch, wenn ihr in mir bleibt mit eurem Willen.»

«Und wir? Erst seit kurzem glauben wir an dich und bekennen es. Werden wir also keinen Beistand haben? Jetzt, da wir dich Wunder wirken sahen und im Tempel reden hörten, jetzt glauben wir an dich.»

«Und ich freue mich sehr darüber; denn daß meine Mitbürger auf dem Weg des Heiles wandeln, ist mein glühendstes Verlangen.»

«Liebst du uns so sehr? Aber wir haben dich doch so lange Zeit beleidigt und verlacht... !»

«Das ist vorbei. Das ist nicht mehr. Seid treu in Zukunft. In Wahrheit sage ich euch, sowohl auf Erden als auch im Himmel ist eure Vergangenheit getilgt.»

«Bleibst du noch eine Weile bei uns? Wir werden das Brot miteinander teilen, wie so oft in Nazareth, als wir noch alle gleich waren und uns an den Sabbaten in den Olivenhainen ausruhten, oder wie damals, als du nur

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Jesus warst und mit uns zu den Festen nach Jerusalem kamst...» Bedauern und Sehnsucht nach Vergangenem liegt in den Stimmen der Nazarener, die nun von ihm überzeugt sind.

«Ich wollte zu Joseph und Simon gehen. Aber ich werde sie später aufsuchen. Ihr seid mir alle Brüder in Gott, und für mich hat der Geist und der Glaube mehr Wert als Fleisch und Blut, denn letztere gehen zugrunde, während erstere unsterblich sind.»

Während einige sich eilig Feuer anfachen, um Fleisch zu rösten, und einige Plätze des Ölgartens für das Mahl herrichten, drängen sich die ältesten und bedeutendsten Männer aller Orte von Galiläa um Jesus und fragen ihn, warum er am Morgen und am Tag zuvor nicht im Tempel war und ob er morgen, am letzten Tage des Festes, dorthin zurückkehren wird.

«Ich war anderswo... Aber morgen werde ich bestimmt dort sein.»

«Und wirst du dann sprechen?»

«Wenn ich kann...»

Alphäus der Sara schaut sich um und flüstert mit leiser Stimme dem Meister zu: «Deine Brüder sind gegangen, um dir Hilfe in der Stadt zu sichern... Ein gewisser Mann, dessen Frau mit einem vom Tempel verwandt ist, weiß viele Dinge... Joseph macht sich Sorgen um dich, weißt du... Im Grunde ist er ein guter Mensch ...»

«Ich weiß es. Er wird immer besser werden, wenn er geistig gut ist.»

Noch mehr Galiläer kommen aus der Stadt. Die Zahl derer, die sich um Jesus scharen, mehrt sich zum großen Mißfallen der Kinder, die von den Erwachsenen zurückgeschoben werden und denen es nicht mehr gelingt, sich bis zu Jesus vorzudrängen, bis er schließlich die verdrießliche und unschuldige Schar bemerkt und lächelnd sagt: «Laßt meine Kinder zu mir kommen.»

Oh! Der Kreis öffnet sich und, nun wieder fröhlich wie ein Schwarm Vögel, eilen sie sogleich zu Jesus, der sie streichelt, während er weiter mit den Erwachsenen spricht. Seine schlanke, von der sommerlichen Sonne gebräunte Hand streicht wieder und wieder über die schwarzen und die kastanienbraunen Köpfe, unter denen sich auch hin und wieder ein goldener Schopf befindet. Sie drängen sich so nahe wie möglich an ihm, verstecken ihre Gesichtchen in seinem Gewand, unter seinem Mantel oder umarmen seine Knie und seine Hüften, haschen nach einer Liebkosung und sind selig darüber.

Dann essen sie im Kreise sitzend, nachdem Jesus die Speisen gesegnet und verteilt hat, in heiterer und freundschaftlicher Einheit der Herzen.

Die übrigen, die keine Anhänger Jesu sind, schauen von weitem zu, höhnisch und ungläubig. Aber niemand kümmert sich um sie...

Die Mahlzeit ist beendet. Jesus erhebt sich als erster und ruft Jairus, Alphäus, Daniel von Naim, Elias von Chorazim, Samuel (den früheren Krüppel von ich weiß nicht wo), dann einen gewissen Urias, einen der

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vielen Johannes, einen der vielen Simon, einen Levi, einen Isaak, Abel von Bethlehem usw. usw., zu sich; einen von jeder Ortschaft. Mit Hilfe seiner Vettern macht er ebensoviele gleiche Teile aus zwei vollen Beuteln und gibt jedem der Gerufenen einen für die Armen ihrer Dörfer.

Nachdem ihm selbst kein Heller mehr geblieben ist, segnet er alle und verabschiedet sich. Er will in Richtung Gethsemane gehen, um durch das Schaftor in die Stadt zurückzukehren. Aber fast alle folgen ihm, besonders die Kinder, die sein Gewand oder die Zipfel seines Mantels nicht loslassen und ihm nun sicher lästig sind. Doch er läßt sie gewähren...

Der Knabe von Magdala, Benjamin, der einmal ein klares Urteil über Judas von Kerioth ausgesprochen hat, zieht Jesus am Gewand, bis er sich niederbeugt, um ihn anzuhören.

«Hast du ihn noch immer bei dir, diesen Bösewicht?»

«Welchen Bösewicht? Bei mir sind keine...» sagt Jesus lächelnd.

«Doch, gewiß sind welche bei dir. Dieser große, schwarze Mann, der gelacht hat. Weißt du, der, von dem ich gesagt habe, daß er außen schön und innen häßlich ist... der ist böse.»

«Er spricht von Judas», sagt Thaddäus, der hinter Jesus steht und es hört.

«Ich weiß», antwortet Jesus und wendet sich ihm zu. Dann sagt er zu dem Knaben: «Gewiß ist dieser Mann bei mir. Er ist einer meiner Apostel. Aber jetzt ist er sehr gut... Warum schüttelst du den Kopf? Man darf nicht schlecht von seinen Mitmenschen denken, besonders von einem, den man nicht kennt.»

Das Kind läßt den Kopf hängen und schweigt.

«Antwortest du mir nicht?»

«Du willst nicht, daß ich lüge... ich habe dir versprochen, es nicht zu tun, und habe mein Versprechen gehalten. Aber wenn ich dir jetzt sage: "Ja, ich glaube es, daß er gut ist", dann sage ich die Unwahrheit, weil ich denke, daß er böse ist. Ich kann meinen Mund halten, um dir zu gefallen, aber ich kann meinen Kopf nicht dazu zwingen, nicht zu denken.»

Die Antwort ist so direkt und logisch in ihrer noch kindlichen Einfalt, daß alle, die sie hören, lachen müssen. Alle außer Jesus, der seufzend sagt: «Nun gut, dann mußt du etwas tun, nämlich beten, damit er gut wird, wenn er dir wirklich böse zu sein scheint. Du mußt sein Engel sein. Wirst du das tun? Wenn er sich dann bessert, werde ich mich sehr darüber freuen. Wenn du also für ihn betest, betest du darum, daß ich glücklich werde.»

«Ich werde es tun. Aber wenn er böse ist und nicht gut wird bei dir, dann wird mein Gebet ihm nichts nützen.»

Jesus beendet das Gespräch damit, daß er stehenbleibt und sich niederbeugt, um die Kinder zu küssen. Dann befiehlt er allen zurückzukehren...

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Als schließlich Jesus und die beiden Vettern allein sind, sagt Judas des Alphäus nach einem kurzen Schweigen, als hätte er vorher mit sich selbst gesprochen... «Er hat recht! In allem hat er recht. Und ich denke genau wie er.»

«Von wem sprichst du denn?» fragt ihn sein Bruder Jakobus, der in Gedanken versunken ein wenig vorausgegangen ist auf dem schmalen Pfad, auf dem man nur hintereinander gehen kann.

«Von Benjamin spreche ich, und von dem, was er gesagt hat. Und... Du willst es nicht hören. Aber auch ich sage dir, daß Judas... kein wahrer Apostel ist... Er ist nicht aufrichtig. Er liebt dich nicht...»

«Judas! Judas! Warum willst du mir wehtun?»

«Mein Bruder, weil ich dich liebe und mich vor Iskariot fürchte, mehr als vor einer Schlange...»

«Du bist ungerecht. Ohne ihn wäre ich vielleicht schon gefangengenommen worden.»

«Jesus hat recht. Judas hat viel getan. Er hat sich Haß und Hohn zugezogen, ohne auf sich selbst zu achten, und hat für Jesus gearbeitet, und er arbeitet immer noch für ihn», sagt Jakobus.

«Ich kann nicht glauben, daß du töricht oder ein Lügner bist, und ich frage mich, warum du Judas in Schutz nimmst. Ich spreche nicht so aus Eifersucht oder Haß. Ich rede, weil ich innerlich fühle, daß er schlecht ist, daß er unaufrichtig ist... Alles, was ich aus Liebe zu dir glauben kann, ist, daß er verrückt ist; ein armer Irrer, der heute diesen Unsinn und morgen einen anderen macht. Aber gut ist er nicht, das nicht. Mißtraue ihm, Jesus! Mißtraue ihm... Niemand von uns ist ganz gut. Aber schaue uns in die Augen. Sie sind klar. Beobachte uns gut. Unser Benehmen ist immer gleich. Aber sagt dir die Tatsache nichts, daß ihm die Spötteleien über die Pharisäer gar nicht so übelgenommen werden? Daß die vom Tempel nicht auf seine Worte reagieren? Daß er immer Freunde unter denen hat, die er scheinbar beleidigt? Daß er immer Geld hat? Nicht nur wir zwei, sondern auch Nathanael, der reich ist, und Thomas, dem die Mittel nicht fehlen, haben nur das Notwendige. Er... Oh! ...»

Jesus schweigt...

Jakobus bemerkt: «Teilweise hat mein Bruder recht. Sicher ist, daß Judas immer Mittel und Wege findet, allein zu sein ... allein zu gehen. Aber ich will weder kritisieren noch urteilen. Du weißt ...»

«Ja, ich weiß und deswegen sage ich, daß ich keine Urteile will. Wenn ihr einst meine Stellvertreter in der Welt seid, werdet ihr Menschen begegnen, die noch viel eigenartiger sind als Judas. Was für Apostel wäret ihr, wenn ihr sie abweisen wolltet, weil sie seltsam sind? Gerade weil sie so sind, müßt ihr sie mit geduldiger Liebe lieben, um aus ihnen Lämmer des Herrn zu machen. Laßt uns nun zu Joseph und Simon gehen. Ihr habt es gehört, nicht wahr? Sie arbeiten im geheimen für mich. Ihr werdet sagen:

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Liebe zur Familie. Ja, das ist wahr; aber es ist immerhin Liebe. Ihr seid das letzte Mal nicht als Freunde auseinandergegangen. Schließt jetzt Frieden. Sie und ihr habt recht und unrecht zugleich. Jeder erkenne sein eigenes Unrecht und betone nicht die Punkte, in denen er recht hat.»

«Er hat mich sehr beleidigt, indem er dich sehr schwer beleidigt hat», sagt Jakobus.

«Du gleichst sehr Joseph, meinem Vater, und dein Bruder Joseph gleicht Alphäus, deinem Vater. Schau, Joseph wurde oft von seinem älteren Bruder kritisiert, aber er ertrug ihn und verzieh ihm immer. Denn mein Vater war ein großer Gerechter. Sei auch du so.»

«Aber wenn er mich zurechtweist, als wäre ich noch ein kleines Kind? Du weißt, wenn er aufgeregt ist, kann man nicht mehr mit ihm reden...»

«Und du, schweige! Das ist das einzige Heilmittel, um den Zorn zu besänftigen. Schweige in Demut und Geduld, und wenn du merkst, daß du nicht mehr schweigen kannst und grob werden würdest, dann geh fort. Man muß zu schweigen und fortzugehen wissen! Nicht aus Feigheit, nicht aus Mangel an Worten, sondern aus Tugend, Klugheit, Liebe und Demut. Bei Streitigkeiten ist es so schwierig, gerecht zu bleiben und den Seelenfrieden zu bewahren. Immer dringt etwas ein, verändert unser Inneres, trübt es und stört die Ruhe. Und das Bild Gottes, das sich in jedem guten Geiste widerspiegelt, wird verdunkelt, entschwindet, und man kann sein Wort nicht mehr hören. Friede! Friede unter den Brüdern. Friede auch im Umgang mit den Feinden. Wenn sie unsere Feinde sind, sind sie Freunde des Teufels. Aber sollen auch wir Freunde Satans werden, indem wir den hassen, der uns haßt? Wie können wir sie zur Liebe führen, wenn wir selbst außerhalb der Liebe stehen? Ihr sagt mir: "Jesus, du hast es schon oft gesagt und handelst danach; aber man haßt dich dennoch!" Ich werde es immer sagen. Wenn ich nicht mehr unter euch bin, werde ich euch diese Worte vom Himmel aus eingeben. Ebenso sage ich euch, zählt nicht die Niederlagen, sondern die Siege. Preisen wir den Herrn für sie! Es geht kein Monat vorüber, ohne daß einige Erfolge zu verzeichnen sind... Das muß sich der Diener Gottes vor Augen halten und darüber im Herrn jubeln, ohne in Zorn zu geraten wie die Weltleute, wenn ihnen einer ihrer armseligen Siege verloren geht. Wenn ihr so handelt ...»

«Der Friede sei mit dir, Meister. Kennst du mich nicht?» sagt ein Jüngling, der von der Stadt kommt und nach Gethsemane hinaufgeht.

«Du? ... Du bist der Levit, der im vergangenen Jahr bei uns war, zusammen mit dem Priester.»

«Der bin ich. Wie hast du mich wiedererkannt, da du so viele Menschen um dich herum siehst?»

«Ich vergesse die Gesichter und die Seelen in ihrer Eigenart nicht.»

«Welche Eigenart hat denn mein Geist?»

«Er ist gut... und unbefriedigt. Unbefriedigt bist du von deiner

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Umgebung. Dein Geist strebt nach Höherem, da du fühlst, daß es so etwas gibt. Du fühlst, daß die Stunde der Entscheidung für ein ewiges Gut gekommen ist, und daß es jenseits der Finsternis eine Sonne gibt, das Licht. Du willst das Licht.»

Der Jüngling wirft sich auf die Knie: «Meister, du hast es gesagt. Es ist wahr. Ich fühle dies in meinem Herzen. Und ich vermochte nicht, mich zu entscheiden. Der alte Priester Jonathan hat geglaubt, dann ist er gestorben. Er war alt. Ich bin jung. Aber ich habe dich im Tempel reden gehört... Weise mich nicht ab, Herr, denn nicht alle dort hassen dich, und ich bin einer von denen, die dich lieben... Sage mir, was ich tun muß, da ich ein Levit bin ...»

«Tue deine Pflicht bis zur neuen Zeit. Bedenke, daß du nicht einer irdischen Herrlichkeit entgegengehst, wenn du mir folgst, sondern dem Schmerz. Wenn du ausharrst, wirst du Herrlichkeit im Himmel erlangen. Nimm meine Lehre an und bestärke dich in ihr...»

«Wie?»

«Der Himmel selbst wird dich durch seine Zeichen bestärken. Bestärke dich mit Hilfe meiner Jünger. Erkenne und übe immer mehr alles, was ich gelehrt habe. Tue dies, und du wirst das ewige Leben haben.»

«Ich werde es tun, Herr. Aber... darf ich noch dem Tempel dienen?»

«Ich habe es dir gesagt: Bis zur neuen Zeit.»

«Segne mich, Meister. Das wird für mich die neue Weihe sein.»

Jesus segnet und küßt ihn. Dann trennen sie sich.

«Seht ihr? So ist das Leben der Arbeiter des Herrn. Vor einem Jahr ist der Same in sein Herz gefallen. Es schien kein Sieg zu sein, denn er kam nicht sofort zu uns. Ein Jahr später, seht, da kommt er, um die Worte zu bestätigen, die ich kurz zuvor gesagt habe. Ein Sieg. Ist es nicht dies, was den Tag schön für uns macht?»

«Du hast immer recht, mein Jesus... Aber gib acht auf Judas! Ich bin töricht, daß ich etwas sage, ich weiß es. Aber... weißt du, mein Herz wird von dem Gedanken gequält... Ich sage es den anderen nicht, aber es ist so... Und ich bin sicher, daß auch die anderen dieselbe Qual haben.»

Jesus erwidert nichts. Er sagt: «Ich bin froh, daß Joseph und Nikodemus mir dieses Geld gegeben haben. So kann ich meinen Armen in Galiläa etwas helfen ...»

Sie sind am Tor angelangt, gehen hindurch und entschwinden in der Menge.

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543. AM LETZTEN GROSSEN TAG DES LAUBHÜTTENFESTES

Der Tempel ist nun zum Bersten voll von Menschen. Doch fehlen Frauen und Kinder. Das anhaltend stürmische Wetter mit den vorzeitigen, zwar kurzen, aber heftigen Regenfällen, muß die Frauen mit ihren Kindern zur Abreise bewogen haben. Aber die Männer aus allen Gegenden Palästinas und die Proselyten der Diaspora drängen sich im wahrsten Sinne des Wortes im Tempel, um noch ihre letzten Gebete zu verrichten, die letzten Opfer darzubringen und die letzten Predigten der Schriftgelehrten anzuhören.

Die galiläischen Anhänger Jesu sind schon alle da, die wichtigsten von ihnen in der vordersten Reihe. In ihrer Mitte und sich ihrer Eigenschaft als Verwandte wohl bewußt, stehen Joseph des Alphäus und sein Bruder Simon. Eine andere geschlossene und wartende Gruppe ist die der zweiundsiebzig Jünger. Ich meine die Jünger, die Jesus auserwählt hat, die Frohe Botschaft zu verkünden; Zahl und Gesichter haben sich geändert, da einige der älteren nicht mehr dabei sind seit ihrem Abfall nach der Predigt über das Brot des Himmels, während andere neue, wie Nikolaus von Antiochia, dazugekommen sind. Eine dritte Gruppe, ebenfalls sehr geschlossen und zahlreich, ist die der Judäer, unter denen ich die Synagogenvorsteher von Emmaus, Hebron und Kerioth sehe. Aus Jutta ist der Mann der Sara und aus Bethsur sind die Verwandten der Elisa zugegen.

Sie stehen alle beim Schönen Tor, und ihre Absicht ist klar: Sie wollen sich um den Meister scharen, sobald er erscheint. Tatsächlich kann Jesus keinen Schritt innerhalb der Mauern tun, ohne daß diese drei Gruppen ihn umgeben, als wollten sie ihn von den Böswilligen oder auch den nur Neugierigen absondern.

Jesus begibt sich in den Vorhof der Israeliten zum Gebet, und die anderen folgen ihm geschlossen, soweit dies das Gedränge des Volkes gestattet, taub gegenüber den Protesten derer, die beiseite geschoben werden und den vielen Leuten Platz machen müssen, die Jesus umgeben. Er selbst geht zwischen seinen Vettern. Weder der Blick noch das Verhalten des Joseph des Alphäus sind sanft und demütig wie bei Jesus. Vielmehr mustert er mit vielsagender Miene einige der Pharisäer...

Sie beten und kehren dann in den Vorhof der Heiden zurück. Jesus setzt sich demütig auf den Boden mit dem Rücken zur Mauer der Säulenhalle, vor sich einen immer dichter werdenden Halbkreis aus vielen Reihen von Leuten; sie setzen sich hinter den Reihen, die Jesus am nächsten sind, oder lehnen sich im Stehen irgendwo an. Alle Blicke sind auf ein einziges Antlitz gerichtet. Die Neugierigen, die Unwissenden, die von weither kommen, und die Übelgesinnten befinden sich hinter dieser Schranke von Getreuen und versuchen, etwas zu sehen, indem sie die Hälse recken und sich auf die Fußspitzen stellen.

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Jesus hört inzwischen diesen und jenen an, der ihn um Rat fragt oder ihm etwas berichtet. So reden die Verwandten der Elisa von ihr und fragen, ob sie wohl kommen und dem Meister dienen darf. Er aber antwortet: «Ich bleibe nicht hier. Später kann sie kommen.» Auch der Verwandte der Maria des Simon, der Mutter des Judas von Kerioth, spricht und sagt, daß er zurückbleiben würde, um die Besitzungen zu verwalten, während Maria fast immer bei der Mutter der Johanna sei. Judas reißt erstaunt die Augen auf, sagt aber nichts. Der Gemahl der Sara erzählt, daß ihm bald noch ein Sohn geboren wird, und fragt, wie er ihn nennen soll. Jesus antwortet: «Johannes, wenn er männlichen Geschlechtes,

Anna, wenn es ein Mädchen ist.» Und der alte Synagogenvorsteher von Emmaus flüstert ihm eine Gewissensfrage zu, die Jesus leise beantwortet.

Und so geht es weiter.

Indessen kommen immer mehr Leute. Jesus erhebt das Haupt und betrachtet die Menge. Da die Säulenhalle einige Stufen höher liegt, kann er,

obwohl er auf dem Boden sitzt, einen guten Teil dieser Seite des Vorhofes überblicken und sieht Gesichter über Gesichter.

Nun steht er auf und sagt laut mit seiner volltönenden, starken Stimme: «Wer Durst hat, der komme zu mir und trinke! Den Herzen jener, die an mich glauben, werden Ströme lebendigen Wassers entspringen.»

Seine Stimme erfüllt den weiten Vorhof und die wunderschönen Säulenhallen. Gewiß erreicht sie auch die Leute jenseits des Hofes, verbreitet sich noch weiter und übertönt jede andere Stimme wie ein harmonischer Donner voller Versprechungen. Er spricht und schweigt dann einen Augenblick, als wolle er mit diesen Worten das Thema seiner Predigt ankündigen und danach den nicht Interessierten Zeit lassen, sich zu entfernen

und die anderen später nicht mehr zu stören. Die Schriftgelehrten und Gesetzeslehrer schweigen, d.h. sie dämpfen ihre Stimmen zu einem sicher nicht wohlwollenden Getuschel. Gamaliel sehe ich nicht.

Jesus tritt vor, durch den Halbkreis, der sich bei seinem Kommen öffnet und sich dann hinter ihm wieder schließt und so einen vollen Kreis bildet. Langsam und majestätisch schreitet er dahin und scheint fast zu schweben über dem bunten Marmor des Fußbodens. Sein langer Mantel bildet eine Art Schleppe hinter ihm. Er begibt sich an eine Ecke der Säulenhalle, auf die in den Vorhof hinausragenden Stufe, und bleibt dort stehen. So überblickt er zwei Seiten der ersten Umfassungsmauer. Schließlich erhebt er seinen rechten Arm, wie immer, wenn er zu sprechen beginnt, während er mit der Linken den Mantel auf der Brust zusammenhält.

Er wiederholt die anfangs gesprochenen Worte: «Wer Durst hat, der komme zu mir und trinke! Den Herzen jener, die an mich glauben, werden Ströme lebendigen Wassers entspringen! Der die Theophanie des Herrn schaute, der große Ezechiel, der Priester

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und Prophet, sah zunächst prophetisch die unreinen Handlungen im entweihten Haus des Herrn. Er sah auch prophetisch, daß nur die mit dem Tau Gekennzeichneten im wahren Jerusalem leben würden, während die anderen eine Katastrophe nach der anderen, eine Verurteilung nach der anderen, eine Strafe nach der anderen erleben müßten... Und die Zeit ist nahe, o ihr, die ihr mir zuhört, sie ist nahe, viel näher als ihr denkt. Daher ermahne ich euch als Meister und Erlöser, nicht länger zu zögern, euch mit dem rettenden Zeichen zu versehen, nicht länger zu zögern, in euch das Licht und die Weisheit aufleuchten zu lassen, Buße zu tun und über euch selbst und die anderen zu weinen, um gerettet zu werden. Nachdem Ezechiel all dies und anderes mehr gesehen hat, spricht er von einer erschreckenden Vision, jener der verdorrten Gebeine.

Der Tag wird kommen, da über einer toten Welt, unter einem erloschenen Firmament, auf die Trompetenstöße der Engel hin Totengebeine über Totengebeine erscheinen werden. Wie ein Leib, der sich öffnet, um zu gebären, so wird die Erde aus ihren Eingeweiden alle Gebeine der Menschen ausspeien, die gestorben sind und in ihr begraben liegen, von Adam bis zum letzten Menschen. Das wird die Auferstehung der Toten sein zum großen, letzten Gericht. Danach wird sich die Welt wie ein Sodomsapfel entleeren und zu Nichts werden, und das Firmament mit seinen Sternen wird erlöschen. Alles wird ein Ende haben, außer zwei ewigen Dingen, die unendlich fern voneinander liegen, gleich zwei unendlich tiefen Abgründen, und die einen vollkommenen Gegensatz zueinander bilden in ihrem Wesen, in ihrer Beschaffenheit und in der Art und Weise, in der sich für alle Ewigkeit die Macht Gottes äußern wird: Das Paradies – Licht, Freude, Friede und Liebe; die Hölle – Finsternis, Schmerz, Schrecken und Haß.

Aber glaubt ihr, weil die Welt noch nicht vergangen ist und die Trompeten der Engel noch nicht zusammenrufen, sei die verwüstete Erde nicht bedeckt mit leblosen, gänzlich verdorrten, reglosen, verstreuten und toten, toten, toten Gebeinen? Wahrlich, ich sage euch, es ist so. Unter denen, die noch zu den Lebenden zählen, weil sie atmen, sind Unzählige, die Leichnamen gleichen, verdorrten Gebeinen, wie Ezechiel sie geschaut hat. Von wem spreche ich? Von denen, die das Leben des Geistes nicht in sich haben.

Solche gibt es in Israel ebenso wie auf der ganzen Welt. Daß es unter den Heiden und Götzendienern, die darauf warten, vom wahren Leben zum Leben geführt zu werden, nur Tote gibt, ist natürlich und schmerzt nur die, die die wahre Weisheit besitzen; denn diese läßt sie begreifen, daß der Ewige die Geschöpfe für sich und nicht für den Götzendienst geschaffen hat und betrübt ist, so viele Tote sehen zu müssen. Aber wenn der Allerhöchste schon diesen Schmerz hat, und er ist groß, wie sehr muß er dann deretwegen leiden, die seinem Volke angehören und doch bleiches Gebein ohne Leben und ohne Geist sind?

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Die Auserwählten, die Bevorzugten, die Beschützten, die Genährten, die von ihm selbst oder von seinen Propheten Unterwiesenen, warum sind sie aus eigener Schuld verdorrtes Gebein geworden, da doch gerade für sie immer das Wasser des Lebens vom Himmel floß und sie mit Leben und Wahrheit tränkte? Warum sind sie vertrocknet, obwohl eingepflanzt in das Land des Herrn? Warum ist ihr Geist tot, obwohl der Ewige ihnen einen so großen Schatz an Weisheit zur Verfügung gestellt hat, auf daß sie daraus schöpfen und leben? Durch welches Wunder können sie noch zum Leben gebracht werden, wenn sie den von Gott gegebenen Quellen, Weiden und Lichtern den Rücken gekehrt haben und in der Finsternis dahintaumeln, an unreinen Quellen trinken und sich mit unheiligen Speisen nähren?

Werden sie also nie mehr zum Leben zurückkehren? Doch. Im Namen des Allerhöchsten schwöre ich es. Viele werden auferstehen. Gott hält das Wunder schon bereit, ja, es ist schon am Wirken, es ist in einigen schon geschehen und dürre Gebeine sind zu neuem Leben erstanden; denn der Allerhöchste, dem nichts unmöglich ist, hat sein Versprechen gehalten und hält es auch weiterhin und vervollständigt es immer mehr. Von der Höhe des Himmels ruft er diesen das Leben erwartenden Gebeinen zu: "Seht, ich werde euch den Geist eingießen, und ihr werdet leben." Und er hat seinen Geist berufen, der er selbst ist, hat ein Fleisch gebildet, um sein Wort damit zu bekleiden, und hat es zu diesen Toten gesandt, auf daß es zu ihnen spreche und das Leben wieder in sie einkehre.

Wie oft hat Israel im Laufe der Jahrhunderte gerufen: "Unsere Gebeine sind verdorrt, unsere Hoffnung ist erstorben, wir sind verworfen!" Aber jedes Versprechen ist heilig, und jede Prophezeiung ist wahr. Seht, die Zeit ist gekommen, da der Messias Gottes die Gräber öffnet, um die Toten herauszuholen, sie zu beleben und mit sich zu führen ins wahre Israel, ins Reich des Herrn, ins Reich meines und eures Vaters.

Ich bin die Auferstehung und das Leben! Ich bin das Licht, das gekommen ist, zu erleuchten, was in der Finsternis lag! Ich bin die Quelle, aus der ewiges Leben hervorsprudelt.

Wer zu mir kommt, wird den Tod nicht kennen. Wer dürstet nach Leben, der komme und trinke. Wer das Leben, d.h. Gott, besitzen will, der glaube an mich, und aus seinem Herzen werden nicht nur Tropfen, sondern Ströme lebendigen Wassers hervorsprudeln. Denn wer an mich glaubt, wird mit mir den neuen Tempel bilden, aus dem die Wasser des Heiles quellen, von denen Ezechiel spricht.

Kommt zu mir, ihr Völker! Kommt zu mir, ihr Geschöpfe! Kommt und bildet einen einzigen Tempel; denn ich weise niemanden zurück, sondern ich will euch aus Liebe bei mir haben, bei meiner Arbeit, in meinen Verdiensten, in meiner Herrlichkeit.

"Und ich sah Wasser unter der Tempelschwelle hervorströmen nach

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Osten zu... Das Wasser floß unterhalb der rechten Seitenwand des Tempels hinab, südlich vom Altar."

Dieser Tempel sind jene, die glauben an den Gesalbten des Herrn, an den Christus und an das neue Gesetz, an die Lehre der Zeit des Heils und des Friedens. Wie die Mauern dieses Tempels aus Steinen bestehen, so werden lebendige Seelen die mystischen Mauern des Tempels bilden, der in Ewigkeit nicht untergehen und sich, nach dem Kampf und der Prüfung, wie sein Gründer von der Erde zum Himmel erheben wird.

Dieser Altar, von dem die Wasser fließen, dieser Altar im Osten bin ich. Mein Wasser aber wird zur Rechten hervorströmen, denn die Rechte ist der Platz der Auserwählten im Reiche Gottes. Diese Wasser gehen aus von mir, um sich in meine Auserkorenen zu ergießen und sie reich an lebendigem Wassern zu machen, auf daß sie diese nach Norden und Süden, nach Osten und Westen tragen, sie weitergeben, und der Erde in ihren Völkern, die der Stunde des Lichtes harren, das Leben bringen; der Stunde, die kommen wird, die mit absoluter Gewißheit kommen wird für jeden Ort, bevor die Erde aufhört zu sein.

Mögen meine Wasser hervorsprudeln und sich verbreiten, zusammen mit jenen, die ich selbst meinen Nachfolgern gegeben habe und noch geben werde. Und obwohl sie zerstreut sein werden, um die Erde urbar zu machen, werden sie doch vereint sein in einem einzigen Strom der Gnade, der immer tiefer und immer breiter werden wird; der von Tag zu Tag stetig anwachsen wird durch die Wasser der neuen Gefolgschaft, bis er einem Meer gleichen wird, das alle Orte bespült, um die ganze Erde zu heiligen.

Gott will dies, Gott tut dies. Eine Sintflut hat die Erde überschwemmt und den Sündern den Tod gebracht. Eine neue Flut anderer Art, die kein Regen ist, wird die Welt reinwaschen und ihr das Leben geben.

Und durch einen geheimnisvollen Eingriff der Gnade können die Menschen Teil dieser heiligenden Flut werden, wenn sie ihren Willen mit dem meinen und ihre Mühen und ihre Leiden mit den meinen vereinigen. Und die Weit wird die Wahrheit erkennen und das Leben haben. Und wer daran teilhaben will, wird es können. Nur wer nicht von den Wassern des Lebens trinken will, wird ein sumpfiger, stinkender Morast werden oder bleiben und die reichen Ernten der Früchte der Gnade, der Weisheit und des Heils nicht kennenlernen, die denen vorbehalten sind, die in mir leben.

Wahrlich, ich sage euch noch einmal: Wer Durst hat und zu mir kommt, wird trinken und keinen Durst mehr verspüren; denn meine Gnade wird in ihm Quellen und Ströme lebendigen Wassers hervorquellen lassen. Wer aber nicht an mich glaubt, wird verderben wie salziger Boden, auf dem kein Leben gedeihen kann.

Wahrlich, ich sage euch, nach mir wird der Quell nicht versiegen; denn ich werde nicht sterben sondern leben, und nachdem ich fortgegangen

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bin, nicht gestorben, sondern fortgegangen, um die Pforten des Himmels zu öffnen, wird ein anderer kommen, der mir gleich sein und mein Werk vollenden wird. Er wird euch verständlich machen, was ich euch gesagt habe, und euch entflammen, damit ihr zu "Lichtern" werdet, vorausgesetzt, daß ihr das Licht aufgenommen habt.»

Jesus schweigt.

Die Menge, die bisher geschwiegen hat unter der majestätischen Gewalt der Worte, flüstert nun und macht allerlei Bemerkungen.

Der eine sagt: «Welche Worte! Er ist ein wahrer Prophet!»

Der andere: «Er ist der Christus, ich sage es euch. Nicht einmal Johannes sprach so, und kein Prophet ist so groß wie er.»

«Und er legt uns die Propheten aus, selbst Ezechiel, dessen Symbolik so schwer zu verstehen ist.»

«Habt ihr gehört? Die Wasser! Der Altar! Das ist klar!»

«Und die verdorrten Knochen?! Hast du gesehen, wie die Schriftgelehrten, die Pharisäer und die Priester verwirrt waren? Sie haben die Lektion verstanden!»

«Ja, und sie haben die Wachen geschickt. Aber die! ... Sie haben vergessen, ihn gefangenzunehmen und sind wie kleine Kinder, die Engel sehen, stehengeblieben. Schaut sie an da drüben. Sie scheinen wie betäubt zu sein.»

«Schau! Schau! Ein hoher Beamter ruft sie zurück und tadelt sie. Gehen wir zuzuhören!»

Inzwischen heilt Jesus Kranke, die zu ihm gebracht werden, und kümmert sich um nichts anderes, bis eine Gruppe von Priestern und Pharisäern sich durch das Volk drängt, angeführt von einem dreißig- bis fünfunddreißigjährigen Mann, dem alle mit Furcht, fast schon Schrecken, aus dem Weg gehen, und zu Jesus hintritt.

«Bist du immer noch hier? Geh! Im Namen des Hohenpriesters!»

Jesus erhebt sich – er hat sich gerade über einen Gelähmten gebeugt -und schaut sie ruhig und sanft an. Dann beugt er sich wieder nieder, um dem Kranken die Hände aufzulegen.

«Fort von hier! Hast du verstanden, du Verführer des Volkes? Sonst lassen wir dich gefangennehmen.»

«Geh hin und preise den Herrn durch ein heiliges Leben», sagt Jesus dem Kranken, der sich geheilt erhebt. Dies ist seine einzige Antwort, während die, die ihm drohen, Gift schäumen und die Volksmenge mit ihren Hosannarufen sie mahnt, Jesus nichts zuleide zu tun.

Doch wenn Jesus auch sanft ist, so ist es doch Joseph des Alphäus nicht. Er richtet sich kerzengerade auf, wirft seinen Kopf zurück, um größer zu erscheinen, und ruft aus: «Eleazar, der du mit deinesgleichen das Szepter des auserwählten Sohnes Gottes und Davids fällen willst, wisse, daß du damit jeglichen Baum fällst, den deinen, auf den du so stolz bist,

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als allerersten; denn die Ungerechtigkeit läßt über deinem Haupt das Schwert des Herrn schweben!» Er würde noch so manches andere sagen, doch Jesus legt ihm die Hand auf die Schulter mit den Worten: «Friede! Friede, mein Bruder!» Und Joseph, rot vor Zorn, hüllt sich in Schweigen.

Sie gehen auf den Ausgang zu. Außerhalb der Mauern wird Jesus berichtet, die Häupter der Priester und Pharisäer hatten die Wachen getadelt, weil sie Jesus nicht gefangengenommen hatten, und diese hätten sich entschuldigt mit den Worten, niemand habe je so gesprochen wie Jesus. Eine Antwort, die die obersten der Priester und Pharisäer, unter ihnen viele Synedristen, ganz rasend gemacht hatte. Um nun den Wachen zu beweisen, daß nur Toren sich durch einen Verrückten verführen lassen können, wollten sie selber kommen und ihn als einen Gotteslästerer gefangennehmen. Auch, um dem Volk zu zeigen, welches die Wahrheit ist. Aber Nikodemus, der zugegen war, hatte sich dem widersetzt mit den Worten: «Ihr könnt nicht gegen ihn vorgehen. Unser Gesetz verbietet es, einen Menschen zu verurteilen, bevor man ihn angehört und gesehen hat, was er tut. Wir haben ihn immer nur Dinge tun sehen und sagen gehört, die keineswegs verwerflich sind...» Da hatte sich der Zorn der Feinde Jesu auf Nikodemus gerichtet, und sie hatten ihn mit Drohungen, Vorwürfen und Spott überhäuft, als ob er ein Tor und ein Sünder wäre. Eleazar Ben Annas war schließlich selbst mit den Zornigsten aufgebrochen, um Jesus zu vertreiben. Mehr wagten sie aus Furcht vor dem Volk nicht.

Joseph des Alphäus ist furchtbar wütend. Jesus schaut ihn an und sagt: «Siehst du, mein Bruder?» Mehr sagt er nicht... doch es liegt so viel in diesen Worten: die Mahnung, daß er recht hat, wenn er spricht oder schweigt; die Erinnerung an seine Worte; der Hinweis auf das, was Judäa in Gestalt seiner höchsten Kasten ist, was der Tempel ist, usw...

Joseph senkt das Haupt und sagt: «Du hast recht ...» Er schweigt nachdenklich. Dann wirft er plötzlich die Arme um den Hals Jesu, weint an seiner Brust und sagt: «Mein armer Bruder! Arme Maria! Arme Mutter!» Ich glaube, daß Joseph in diesem Augenblick klar das Schicksal Jesu erahnt...

«Weine nicht! Tue auch du, wie ich, den Willen unseres Vaters!» tröstet ihn Jesus und küßt ihn.

Als Joseph sich etwas beruhigt hat, machen sie sich auf den Weg zum Haus, in dem er zu Gast ist. Dort verabschieden sie sich mit einem Kuß, und Joseph sagt zutiefst gerührt diese letzten Worte: «Geh in Frieden, Jesus! Alles was ich dir bei Nazareth gesagt habe, wiederhole ich dir, und zwar noch eindringlicher. Geh in Frieden. Kümmere dich nur um dein Werk. An alles übrige werde ich denken. Geh, und Gott möge dir beistehen.» Nochmals küßt er ihn mit väterlicher Miene und legt ihm wie zum Segen als Familienoberhaupt die Hand auf das Haupt. Dann verabschiedet sich Joseph von den Brüdern. Er wechselt auch mit Simon

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einen Abschiedsgruß. Aber ich bemerke, daß Jakobus, ich weiß nicht warum, ihm gegenüber eher zurückhaltend ist, und umgekehrt ebenso. Simon gegenüber zeigt Joseph mehr Herzlichkeit.

Zum Schluß sagt Joseph noch zu Jakobus: «Soll ich also sagen, daß ich dich verloren habe?»

«Nein, Bruder. Du sollst sagen, daß du weißt, wo ich bin, und daß es daher an dir ist, mich zu finden. Ohne Groll. Bete vielmehr für dich, denn in den Dingen des Geistes soll man nicht gleichzeitig zwei Pfade einschlagen. Du weißt, was ich damit sagen will ...»

«Du siehst doch, daß ich ihn verteidige...»

«Du verteidigst den Menschen und den Verwandten. Das genügt nicht, um die Ströme der Gnade zu empfangen, von denen er gesprochen hat. Verteidige den Sohn Gottes, ohne Furcht vor der Welt und ohne an eigene Interessen zu denken, und du wirst vollkommen sein. Leb wohl. Ich empfehle dir unsere Mutter und Maria des Joseph ...»

Ich weiß nicht, ob Jesus sie gehört hat, denn er ist dabei, sich von den anderen Nazarenern und Galiläern zu verabschieden. Als er damit fertig ist, gebietet er: «Gehen wir auf den Ölberg. Von dort aus gehen wir dann irgendwohin weiter...»

544. IN BETHANIEN; «MAN KANN AUF VIELE ARTEN TÖTEN»

Ein Haus in Bethanien, das immer trauriger wird, jedoch stets gastfreundlich ist... Die Gegenwart von Freunden und Jüngern nimmt dem Haus nichts von seiner Traurigkeit. Da sind Joseph, Nikodemus, Manaen, Elisa und Anastasica, die, so glaube ich, es nicht länger ausgehalten haben, fern von Jesus zu sein und sich entschuldigen, als wären sie ungehorsam gewesen, die aber auch fest entschlossen sind, nicht fortzugehen. Elisa erklärt die triftigen Gründe dafür, nämlich: die Unmöglichkeit für die Schwestern des Lazarus, dem Meister zu folgen, um ihm und den Aposteln die mütterliche Sorge zukommen zu lassen, die eine Gruppe von alleinstehenden Männern nötig hat, zumal sie auch noch verfolgt wird.

«Nur wir können dafür sorgen; denn Martha und Maria können ihren Bruder nicht im Stich lassen; Johanna ist nicht da; Annalia ist zu jung, um mit uns zu kommen; und Nike bleibt besser, wo sie ist, um euch aufnehmen zu können. Meine weißen Haare schützen uns vor Gerede. Ich werde dir vorausgehen oder dich dort erwarten, wo du mich hinschickst. So wirst du immer eine Mutter in der Nähe haben, und ich werde das Gefühl haben, immer noch einen Sohn zu besitzen. Ich werde tun, was du willst, aber laß mich dir dienen.»

Jesus willigt ein, da er sieht, daß alle ihr beistimmen. Vielleicht möchte

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er auch, bei den großen Bitterkeiten, mit denen sein Herz sich abfinden muß, ein mütterliches Herz in der Nähe haben, in dem er einen Widerschein der Liebe seiner Mutter findet...

Elisa jubelt vor Freude.

Jesus sagt: «Ich werde oft in Nob sein. Du wirst ins Haus des alten Johannes gehen, das er mir für meine Aufenthalte angeboten hat, und immer, wenn wir zurückkommen, werde ich dich dort finden...»

«Willst du denn trotz des Regens aufbrechen?» fragt Joseph von Arimathäa.

«Ja. Ich will noch nach Peräa gehen und im Haus des Salomon verweilen; dann werde ich mich nach Jericho und Samaria begeben. Oh, ich möchte noch so viele Orte aufsuchen... !»

«Meister, entferne dich nicht zu weit von den bewachten Straßen und von den Städten, denen ein Centurio vorsteht. Die Römer sind unsicher, und auch die anderen sind es. Zweierlei Befürchtungen, zweierlei Überwachung. Sie überwachen dich, überwachen sich aber auch gegenseitig. Doch glaube mir, für dich sind die Römer weniger gefährlich ...»

«Sie haben uns aufgegeben... !» platzt Judas von Kerioth heraus.

«Glaubst du? Nein. Kannst du vielleicht unterscheiden, wer von den Heiden, die dem Meister zuhören, von Claudia oder von Pontius geschickt worden ist? Unter den Freigelassenen der ersteren und ihren Freundinnen sind nicht wenige, die im Beth Hamidrasch reden könnten, wenn sie Israeliten wären. Vergiß nicht, daß es überall Gelehrte gibt, daß Rom die Welt beherrscht und daß die Patrizier gern die beste Beute für sich nehmen zum Schmuck ihrer Häuser. Wenn die Gymnasiarchen und die Veranstalter der Spiele im Zirkus sich alle die aussuchen, die ihnen Gewinn und Ruhm einbringen können, so suchen sich die Patrizier jene aus, die durch Bildung oder Schönheit ihnen selbst und ihren Häusern zur Zierde und Ehre gereichen... Meister, diese Unterhaltung weckt eine Erinnerung in mir... Erlaubst du mir, dir eine Frage zu stellen?»

«Sprich.»

«Diese Frau, die Griechin, die im vergangenen Jahr hier war... und der Anlaß einer Anklage gegen dich, wo ist sie jetzt? Viele haben das zu erfahren versucht... und nicht zu einem guten Zweck. Aber ich habe keine schlechten Absichten... Nur... daß sie in ihren Irrtum zurückgefallen ist, scheint mir unmöglich zu sein. Sie besaß eine große Intelligenz und eine aufrichtige Rechtschaffenheit. Aber sie ist nicht mehr zu sehen ...»

«An einem Ort der Erde hat sie, die Heidin, einem verfolgten Israeliten die Nächstenliebe zu schenken verstanden, die ihm von den Israeliten verweigert wurde.»

«Meinst du Johannes von Endor? Ist er bei ihr?»

«Er ist gestorben.»

«Gestorben?»

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«Ja, und man hätte ihn an meiner Seite sterben lassen können... man hätte nicht mehr lange warten müssen... Die, und es sind viele, die darauf hingewirkt haben, ihn von mir zu entfernen, haben einen Mord begangen, wie wenn sie den Dolch gegen ihn erhoben hätten. Sie haben ihm das Herz gebrochen, und obwohl sie wissen, daß er daran gestorben ist, fühlen sie sich nicht als Mörder, und keine Gewissensbisse quälen sie. Man kann auf verschiedene Art einen Bruder töten, mit einer Waffe, mit der Zunge oder auch durch eine böse Tat. Zum Beispiel, indem man den Verfolgern den Aufenthaltsort des Verfolgten verrät ... oder einem Unglücklichen eine Zufluchtsstätte des Trostes verwehrt ... Oh, auf wievielerlei Arten tötet man... Aber der Mensch empfindet keine Gewissensbisse. Der Mensch, und das ist das Zeichen seiner geistigen Dekadenz, hat sein Gewissen getötet.»

Jesus ist so streng bei diesen Worten, daß niemand den Mut zu reden findet. Sie schauen sich gegenseitig an, lassen den Kopf hängen und sind verwirrt, auch die unschuldigsten und die besten unter ihnen.

Nach einem kurzen Schweigen sagt Jesus: «Niemand braucht meinen Feinden und denen des Verstorbenen berichten, was ich jetzt gesagt habe, damit sie noch in teuflischer Freude jubeln. Sollten sie euch jedoch nach ihm fragen, so sagt nur, daß Johannes im Frieden ist, daß sein Leib in einem fernen Grab ruht und sein Geist mich erwartet.»

«Herr, hat dir das viel Schmerz bereitet?» fragt Nikodemus.

«Was? Sein Tod?»

«Ja.»

«Nein, sein Tod hat mir Frieden gegeben, weil es sein Frieden gewesen ist. Schmerz, großen Schmerz, haben mir jene verursacht, die aus niedrigen Gefühlen dem Synedrium seine Anwesenheit unter den Jüngern verraten und so seine Abreise bewirkt haben. Aber jeder hat sein System, und nur ein starker guter Wille kann Instinkten und Systemen gebieten. Doch ich sage euch: "Wer verraten hat, wird weiterhin verraten. Wer einen Tod verursacht hat, wird weiterhin Tod verursachen." Doch wehe ihm! Er glaubt zu siegen und verliert. Und das Gericht Gottes erwartet ihn.»

«Warum schaust du mich so an, Meister?» fragt Johannes des Zebedäus, verwirrt und errötend, als wäre er der Schuldige.

«Wenn ich dich anschaue, wird niemand denken, nicht einmal der Schlechteste, daß du einen deiner Brüder gehaßt haben könntest.»

«Es wird ein Pharisäer oder irgendein Römer gewesen sein... Er hat ihnen ja Eier geliefert», sagt Judas Iskariot.

«Ein Dämon ist es gewesen. Aber er hat ihm Gutes erwiesen, obwohl er ihm schaden wollte. Er hat seine vollständige Reinigung und die Ankunft seines Friedens beschleunigt.»

«Wie hast du das erfahren? Wer hat dir die Nachricht überbracht?» fragt Joseph.

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«Hat es der Meister vielleicht nötig, daß ihm jemand Nachrichten bringt? Sieht er nicht die Handlungen der Menschen? Ist er nicht hingegangen und hat Johanna gerufen, damit sie zu ihm komme und geheilt werde? Was ist bei Gott unmöglich?» fragt Maria Magdalena mit Heftigkeit.

«Es ist wahr, Frau. Doch nur wenige besitzen deinen Glauben... und daher habe ich eine so törichte Frage gestellt.»

«Gut. Aber jetzt komm, Meister. Lazarus ist aufgewacht und erwartet dich ...»

Sie führt ihn einfach und entschieden mit sich fort und verhindert so jedes weitere Gespräch und jede weitere Frage.

545. AM BRUNNEN VON EN ROGEL

Jesus kehrt auf dem unteren Weg nach Bethanien zurück (ich meine damit den längeren Weg, nicht den über den Ölberg, sondern den, der über den Vorort Tophet in die Stadt führt).

Zuerst hält er sich kurz auf, um einigen Aussätzigen zu helfen, die nichts anderes zu erbitten wissen als Brot, und geht dann direkt auf ein viereckiges Wasserbecken zu, das fast ganz bedeckt und nur auf einer Seite offen ist. Einen Brunnen, ein großer, bedeckter Brunnen, der größte, den ich je gesehen habe. Er ist noch größer als der der Samariterin und muß auch reicher an Wasser sein, denn der Boden ringsum läßt dies erkennen und ist sehr fruchtbar im Gegensatz zum trockenen Hinnomtal, das man im Nordwesten teilweise sieht und das mit Grabmälern übersät ist. Nur eine Konstruktion aus massiven Steinen wie die des Brunnens mit ihrer Überdachung hat der Feuchtigkeit des Bodens widerstehen können; und die dunklen und mächtigen Steine, die selbst ein Unkundiger als sehr alt erkennen kann, bieten einen guten Schutz für das kostbare Wasser.

Trotz des düsteren Tages und der Nähe der Gräber der Aussätzigen, die der Umgebung stets einen Stempel der Traurigkeit aufdrücken, ist der Ort selbst heiter, sei es wegen seiner großen Fruchtbarkeit, sei es wegen der üppigen Gärten dahinter im Norden, mit ihrer Vielzahl verschiedenartiger Bäume, die ihre dicht belaubten Wipfel in den aschgrauen, tief über der Stadt hängenden Himmel erheben, sei es, weil sich davor im Süden das Kedrontal, das ein gutes Stück der Straße von Bethanien nach Jericho folgt, sich erweitert und mit seinem nun größeren Wasserreichtum und der größeren Lichtfülle fröhlicher wirkt.

Ich sehe viel Volk: Frauen mit Krügen, Eseltreiber mit Wasserschläuchen und Karawanen, die kommen und gehen. Sie machen beim Brunnen halt und schöpfen Wasser. Der Boden ist in weitem Umkreis feucht, da

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beim Abfüllen von den Schläuchen in andere Gefäße immer Wasser verschüttet wird.

Ruhige, wohlklingende Frauenstimmen, trillernde Kinderstimmen, ernste, rauhe, starke Männerstimmen, schreiende Esel und knurrende Kamele, die unter ihren Lasten kauernd warten, bis die Kameltreiber mit dem Wasser zurückkehren. Es ist eine sehr charakteristische Szene, in einer trüben Dämmerung mit plötzlichen, sonderbaren und unnatürlich

gelben Flecken am Himmel, die ein eigenartiges Licht auf alles werfen, während schwere bleierne Wolken sich ballen und nach Westen ziehen.

Die höchsten Teile der Stadt erscheinen geisterhaft in diesem eigenartigen Licht gegen einen bleiernen Horizont, der mit schwefelgelben Strichen durchzogen ist.

«Alles deutet auf Wasser und Wind...» meint Petrus und fragt: «Wo

gehen wir heute abend hin?»

«Zum Aufseher der Gärten. Morgen gehe ich in den Tempel hinauf und...»

«Noch einmal? Gib acht, was du tust! Nimm lieber die Einladung der Libertiner an und geh in ihre Synagoge», rät Simon der Zelote.

«Also, Synagoge ist gleich Synagoge. Es gibt auch noch andere, die gezeigt haben, daß er bei ihnen willkommen ist! Warum gerade sie?» sagt Judas von Kerioth.

«Weil sie am sichersten sind... und den Grund weiß man, ohne daß ich ihn nenne», erwidert der Zelote.

«Sicher! Was gibt dir diese Sicherheit?»

«Die Tatsache, daß sie treu geblieben sind trotz allem, was sie durchgemacht haben.»

«Streitet euch nicht darüber. Morgen gehe ich in den Tempel, wie ich gesagt habe. Jetzt bleiben wir noch ein wenig hier. Es ist auch dies ein Ort, an dem man gut die Frohe Botschaft verkünden kann.»

«Nicht besser als anderswo. Ich weiß nicht, weshalb du ihn vorziehst.»

«Warum, Judas? Aus vielen Gründen, die ich dem sagen werde, der sich mir anschließt, und aus einem Grund, den ich nur euch mitteile. An diesem Brunnen der Quelle von En Rogel hielten die drei Weisen aus dem

Morgenland unentschlossen und enttäuscht an; denn hier erlosch der Stern, der sie aus fernen Landen hierher geführt hatte. Jeder andere Mensch hätte das Vertrauen auf Gott und sein Selbstvertrauen verloren. Sie, die allein wachten, während die Diener schliefen, beteten bis zum

Morgengrauen bei ihren müden Kamelen. Dann erhoben sie sich und gingen zu den Toren, ohne Rücksicht auf die Gefahr, daß man sie für Verrückte oder Volksaufwiegler halten könnte, und ohne sich um die Gefährdung ihres Lebens zu sorgen. Bedenkt, daß damals Herodes, dieser Blutrünstige, herrschte. Und es hätte weit weniger als der Satz, den die Weisen dem König sagen wollten, genügt, um sie zum Tode zu verurteilen. Sie

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aber suchten mich. Sie suchten weder Ehre, noch Reichtümer, noch Ruhm. Sie suchten mich, mich allein: ein Kind, ihren Messias, ihren Gott. Da die Suche nach Gott gut ist, bringt sie immer die nötige Hilfe und den nötigen Mut mit sich. Befürchtungen, gemeine Dinge, sind das Erbe derer, die von niedrigen Dingen träumen. Jene verlangten danach, Gott zu huldigen, und waren stark in dieser ihrer Liebe. Nur wenige Stunden darauf wurde ihre Liebe belohnt, als der Stern in der mondhellen Nacht wieder vor ihren Augen erschien. Der Stern Gottes fehlt dem nie, der in Gerechtigkeit und Liebe Gott sucht. Die drei Weisen! Sie hätten sich ausruhen können bei den falschen Ehrenbezeugungen, die Herodes ihnen nach der Antwort der höchsten Priester und Schriftgelehrten erwies. Sie waren so müde! ... Aber sie hielten sich nicht einmal eine Nacht auf, und bevor die Stadttore geschlossen wurden, gingen sie hinaus und blieben bis Sonnenaufgang hier. Dann... erlebten sie nicht den Sonnenaufgang, sondern den Aufgang Gottes, der ihnen wieder erschien, um den Weg mit seinem Silberschein zu beleuchten. Der Stern rief sie mit seinem Licht, und sie kamen zum Licht. Selig, selig sind sie, und selig jene, die sie nachzuahmen wissen!»

Die Apostel, Margziam und Isaak hören, wie immer wenn Jesus von seiner Geburt erzählt, mit strahlenden Gesichtern zu. Isaak nickt, seufzt und lächelt bei dieser Erinnerung... mit verzücktem Gesicht, weit entfernt von Ort und Zeit. Im Geist kehrt er zurück zu jener Nacht vor dreißig Jahren, zu jenem Stern, den er gewiß bei seinen Schafen gesehen hat...

Andere Leute haben sich zu ihnen gesellt und hören zu, denn viele kommen hier des Weges, und manch einer erinnert sich noch der großartigen Karawane und der Nachricht, die sie ihnen brachte... und auch der Folgen.

«Dies ist von jeher eine Stätte gewesen, an der man sich zur Beratung zusammengefunden hat. Die Geschichte wiederholt sich immer. Dies war stets eine Stätte der Prüfung, für die Guten wie für die Bösen. Aber das ganze Leben des Menschen ist eine Prüfung im Glauben und in der Gerechtigkeit. Ich erinnere euch an die Treue des Huschai, des Zadok, des Abjathar, des Jonathan und des Ahimaaz, die von diesem Ort aufbrachen, um ihren König zu retten, und von Gott beschützt wurden, weil sie gerecht handelten.

Ich erinnere euch an ein Ereignis, das mit diesem selben Ort zusammenhängt, aber zu keinem guten Ergebnis führte, weil es sich um eine Gewalttat handelte, die von Gott nicht gesegnet wurde. Bei dem Felsen von Soheleth, in der Nähe der Quelle von En Rogel, verschwor sich Adonia gegen den Willen seines Vaters und ließ sich von seinen Anhängern zum König ausrufen. Aber dieser Mißbrauch half ihm nichts, denn noch bevor das Bankett zu Ende war und Jonathan, der Sohn des Abjathar, gesprochen hatte, unterrichteten ihn die Hosannarufe in Gihon darüber, daß Salomon König war und er, der den Thron an sich hatte reißen wollen, nur noch auf die Barmherzigkeit Salomons hoffen konnte.

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Gar viele wiederholen diese Tat des Adonia und bekämpfen den wahren König oder verschwören sich gegen ihn, indem sie der Partei folgen, die ihnen die mächtigste zu sein scheint. Gar wenige von ihnen wissen danach, um Verzeihung zu bitten und zum Altar zu treten im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes.

Können wir nach der Betrachtung dieser drei Ereignisse, die sich an diesem Brunnen zugetragen haben, sagen, daß diese Stätte guten oder schlechten Einflüssen unterworfen ist? Nein. Nicht der Ort, nicht die Zeit oder das Ereignis, sondern der Wille des Menschen ist es, der den Menschen auf Abwege führt. En Rogel hat die Treue der Knechte Davids und die Sünde des Adonia gesehen, ebenso die Treue der drei Weisen. Es ist derselbe Brunnen. Auf seine Steine haben sie sich gestützt, mit seinem Wasser haben sie ihren Durst gelöscht: Jonathan und Ahimaaz, ebenso wie Adonia und die Seinen, wie auch die drei Weisen. Aber dieselben Wasser und Steine haben drei verschiedene Dinge gesehen... Treue zu König David, Verrat an König David und Treue zu Gott und dem König der Könige. Es ist immer der Wille des Menschen, der entweder Gutes oder Böses tun läßt. Und auf den Willen des Menschen wirft der Wille Gottes sein Licht und der Wille Satans seine giftigen Ausdünstungen. Am Menschen liegt es, das Licht oder das Gift aufzunehmen und so ein Gerechter oder ein Sünder zu werden.

Bei diesem Brunnen steht ein Wächter, damit niemand das Wasser verunreinigt. Außer diesem Hüter sorgen Mauern und ein Dach dafür, daß der Wind keine Blätter und keinen Unrat hineinweht, die das kostbare Wasser beschmutzen könnten. Auch dem Menschen hat Gott einen Wächter gegeben: den intelligenten und bewußten Willen des Menschen; und Schutzmauern: die Gebote und die Ratschläge der Engel, auf daß der Geist des Menschen nicht wissentlich oder unwissentlich verdorben werde. Aber wenn der Mensch sein Gewissen und seinen Verstand verdirbt, die Eingebungen des Himmels überhört und das Gesetz mit Füßen tritt, dann ist er wie ein Wächter, der den Brunnen unbewacht läßt, und wie ein Törichter, der die Schutzmauern niederreißt. Er gibt das Feld den satanischen Feinden, den Begierlichkeiten der Welt und des Fleisches preis, den Versuchungen, die, auch wenn man ihnen nicht nachgibt, immer vorsichtig überwacht und zurückgewiesen werden müssen.

Ihr Söhne von Jerusalem, Hebräer, Proselyten, und Wanderer, die der Zufall hier vereint hat, die Stimme Gottes zu vernehmen, seid Weise der wahren Wissenschaft, die darin besteht, sich selbst vor Handlungen zu schützen, die den Menschen entehren.

Ich sehe hier auch viele Heiden. Ihnen sage ich, daß man nicht ausschließlich Reichtümer und Waren erwerben kann, sondern auch noch etwas anderes, nämlich das Leben für die eigene Seele; denn der Mensch hat eine Seele in seinem Inneren, etwas Unsichtbares. Und doch ist sie es, die

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den Menschen lebendig macht. Sie ist etwas Unsterbliches, das auch nach dem Tod des Leibes weiterlebt. Sie ist etwas, das ein Recht hat, sein wahres, ewiges Leben zu leben. Aber sie kann es nicht leben, wenn der Mensch sein wahres Ich durch schlechte Handlungen tötet.

Götzendienst und Heidentum sind nicht unüberwindlich. Der Weise denkt nach und sagt: "Warum soll ich den Götzen folgen und ohne Hoffnung auf ein besseres Leben leben, während ich ewige Glückseligkeit erwerben kann, wenn ich zum wahren Gott komme?" Der Mensch geizt mit seinen Tagen, und der Tod jagt ihm Schrecken ein. Je mehr ihn die Finsternis falscher Religionen oder des Unglaubens umgibt, um so mehr fürchtet er den Tod. Wer aber zum wahren Glauben kommt, verliert den Schrecken vor dem Tod, denn er weiß, daß es jenseits des Todes ein ewiges Leben gibt, wo die Geister sich wiederfinden und es keinen Schmerz und keine Trennung mehr gibt. Es ist nicht schwer, den Weg des Lebens zu gehen. Es genügt, an den einzigen wahren Gott zu glauben, den Nächsten zu lieben und Redlichkeit in allen Handlungen zu üben.

Ihr von Israel wißt, welches die Gebote und welches die Verbote sind. Aber ich sage denen, die mir zuhören und meine Worte mit sich in die Ferne tragen werden, welche es sind... (und er nennt die Zehn Gebote).

Darin besteht die wahre Religion, nicht in vergeblichen und aufwendigen Opfern. Ihr müßt die Gebote einer vollkommenen Moral, einer makellosen Tugend befolgen, Barmherzigkeit üben, ihr müßt fliehen, was den Menschen entehrt, die Eitelkeiten ablegen, den Vergöttlichung des Irrtums, den lügnerischen Auguren und den Träumen der Bösen abschwören, und in Gerechtigkeit die Gaben Gottes benützen, die da sind: Gesundheit, Glück, Reichtum, Verstand und Macht; ihr dürft euch nicht dem Hochmut ergeben, der ein Zeichen der Torheit ist, da der Mensch nur lebendig, gesund, reich, weise und mächtig ist, solange Gott es ihm gewährt; ihr dürft keine maßlosen Wünsche hegen, die oft bis zum Verbrechen führen. Mit einem Wort: ihr sollt, auch aus Selbstachtung, als Menschen und nicht als Unmenschen leben.

Hinabsteigen ist leicht, aufsteigen ist schwer. Aber wer möchte in einem stinkenden Abgrund leben, nur weil er dort hineingefallen ist? Wer würde nicht versuchen herauszuklettern, um auf blühenden Höhen ins Licht der Sonne zu gelangen? Wahrlich, ich sage euch: Das Leben des Sünders spielt sich in einem Abgrund ab, und ebenso das Leben im Irrtum. Aber die das Wort der Wahrheit aufnehmen und zur Wahrheit kommen, steigen auf zu den Höhen, dem Licht entgegen.

Geht nun alle eurer Wege und erinnert euch daran, daß euch die Quelle der Weisheit am Brunnen von En Rogel ihr Wasser zu trinken gegeben hat, damit ihr weiterhin nach ihr dürstet und zu ihr zurückkehrt.»

Jesus macht sich auf zur Stadt und läßt das Volk mit seinen Bemerkungen, Fragen und Anworten zurück.

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546. JESUS, DIE PHARISÄER UND DIE EHEBRECHERIN

Ich sehe die Umfassungsmauer des Tempels von innen, also einen der vielen Höfe, die von Säulenhallen umgeben sind. Ich sehe auch Jesus, der ganz in den Mantel gehüllt ist, den er über seinem Gewand trägt, das nicht weiß, sondern dunkelrot ist und aus einem schweren wollenen Gewebe zu sein scheint. Jesus spricht von viel Volk umgeben.

Ich würde sagen, daß es ein Wintertag ist, denn ich sehe alle in dicke Mäntel gehüllt. Es muß sehr kalt sein, denn anstatt stillzustehen, gehen alle rasch hin und her, als wollten sie sich auf diese Weise erwärmen. Es bläst auch ein starker Wind, der die Mäntel bewegt und den Staub in den Höfen aufwirbelt.

Die Gruppe, die sich um Jesus drängt und die als einzige stillsteht, während alle anderen, die sich um diesen oder jenen Meister scharen, hin- und hergehen, teilt sich nun, um einen kleinen Trupp heftig gestikulierender Schriftgelehrter und Pharisäer vorbeizulassen, die giftiger sind als je zuvor. Sie sprühen Gift aus ihren Augen, ihrer Gesichtsfarbe und ihrem Mund. Welche Vipern! Sie führen, oder vielmehr, sie schleifen eine Frau von etwa dreißig Jahren mit wüstem Haar und ungeordneter Kleidung mit sich, die aussieht, als sei sie mißhandelt worden, und die jetzt weint. Vor Jesus werfen sie sie zu Boden, als wäre sie ein Haufen Lumpen oder ein toter Balg. Dort bleibt sie zusammengekauert liegen, das Gesicht auf den Armen, die es verbergen und gleichzeitig ein Kissen auf dem Boden bilden.

«Meister, diese wurde auf frischer Tat ertappt, als sie Ehebruch beging. Ihr Gemahl liebte sie und ließ es ihr an nichts fehlen. Sie war Königin in ihrem Haus, aber sie betrog ihn, weil sie eine undankbare, lasterhafte Sünderin ist, die ihr Haus entehrt. Eine Ehebrecherin ist sie, und als solche muß sie gesteinigt werden. Moses hat es befohlen. In seinem Gesetz gebietet er, daß Frauen, wie sie, wie unreine Tiere gesteinigt werden müssen. Und unrein sind sie, denn sie mißbrauchen das Vertrauen des Mannes, der sie liebt und für sie sorgt, und wie das immer durstige Erdreich sind sie unersättlich in ihrem Verlangen nach Wollust. Schlimmer als Huren sind sie, denn ohne durch die Not dazu gezwungen zu sein, geben sie sich hin, um ihre Begierde zu sättigen. Sie sind ansteckend in ihrer Verkommenheit und müssen zum Tode verurteilt werden. Moses hat es befohlen. Und du, Meister, was sagst du dazu?»

Jesus hat bei der stürmischen Ankunft der Pharisäer aufgehört zu sprechen. Er schaut die armselige Meute mit seinen durchdringenden Augen an, senkt dann den Blick auf die zu seinen Füßen liegende, gedemütigte Frau und schweigt.

Er beugt sich nieder, ohne sich von seinem Sitz zu erheben, und schreibt mit einem Finger auf den vom Wind mit Staub bedeckten Boden der Säulenhalle. Sie reden, und er schreibt.

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«Meister, wir sprechen mit dir. Höre uns zu. Antworte uns. Hast du nicht verstanden? Diese Frau ist beim Ehebruch ertappt worden, in ihrem eigenen Haus, im Ehebett ihres Mannes. Sie hat es mit ihrer Unzucht beschmutzt.»

Jesus schreibt.

«Der Mann ist blöde! Seht ihr nicht, daß er nichts versteht und Zeichen in den Staub schreibt wie ein armer Irrer?»

«Meister, um deines guten Namens willen, sprich. Deine Weisheit antworte auf unsere Frage. Wir wiederholen dir: Dieser Frau hat es an nichts gefehlt. Sie hatte Kleider, Nahrung, Liebe, und sie hat ihren Mann betrogen ...»

Jesus schreibt.

«Sie hat ihren Mann belogen, der ihr vertraute. Mit lügnerischem Mund hat sie ihn gegrüßt und mit einem Lächeln zur Türe begleitet, und dann hat sie die geheime Türe geöffnet und ihren Liebhaber eingelassen. Und während der Gatte abwesend war, um für sie zu arbeiten, hat sie sich wie ein unreines Tier in ihrer Wollust gewälzt.»

«Meister, sie hat das Gesetz entheiligt, nicht nur das Ehebett. Sie ist eine Rebellin, eine Schänderin, eine Gotteslästerin.»

Jesus schreibt. Er schreibt, verwischt das Geschriebene wieder mit seinen Sandalen und schreibt dann daneben weiter, während er sich langsam um sich selbst dreht, um noch mehr Platz zum Schreiben zu finden. Er gleicht einem spielenden Kind; doch das, was er nacheinander geschrieben hat, sind nicht die Worte eines Spiels. Er hat geschrieben: «Wucherer... Lügner... unehrerbietiger Sohn... Ehebrecher... Mörder... Gesetzesschänder... Usurpator ... Dieb... Unzüchtiger... unwürdiger Gatte und Vater... Gotteslästerer ... Rebell gegen Gott ...» und immer neue Worte schreibt er, während immer neue Ankläger reden.

«Aber nun höre doch endlich, Meister! Gib ein Urteil ab. Die Frau muß gerichtet werden. Sie darf mit der Last ihrer Sünden nicht die Erde beflecken. Ihr Atem ist ein Gifthauch, der die Herzen verwirrt.»

Jesus erhebt sich. Barmherzigkeit! Welch ein Antlitz! Flammende Blitze, die auf die Ankläger fallen. Er scheint noch stattlicher als sonst, mit hocherhobenem Haupt. Er gleicht einem König auf seinem Thron, so streng und feierlich ist er. Sein Mantel ist ihm von einer Schulter geglitten und bildet eine kleine Schleppe hinter ihm. Aber er kümmert sich nicht darum.

Mit unbeweglichem Antlitz, ohne den leisesten Schatten eines Lächelns um Mund und Augen, richtet er seinen Blick auf die Menge, die zurückweicht wie vor zwei spitzen Klingen. Er schaut einen nach dem anderen fest an, mit prüfender Intensität, die Furcht einflößt. Die, die er so angesehen hat, versuchen sich in der Menge zu verbergen. So wird der Kreis immer größer und löst sich auf, wie von einer geheimen Kraft gesprengt.

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Endlich spricht er: «Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie.» Seine Stimme gleicht dem Donner, begleitet von den noch lebhafteren Blitzen seiner Augen. Jesus, die Arme vor der Brust gekreuzt, steht aufrecht da wie ein Richter, der wartet. Sein Blick läßt ihnen keine Ruhe. Er forscht, durchdringt, klagt an.

Zuerst einer, dann zwei, dann fünf und schließlich in Grüppchen entfernen sich die Anwesenden mit gesenktem Haupt. Nicht nur die Schriftgelehrten und die Pharisäer, sondern auch die, die sich schon zuvor um Jesus geschart hatten, und andere, die nähergetreten waren, um seine Ansicht und die Verurteilung zu hören, und die zusammen mit den übrigen die Schuldige beschimpft und ihre Steinigung gefordert hatten.

Jesus bleibt allein mit Petrus und Johannes zurück. Die anderen Apostel sehe ich nicht.

Jesus hat wieder begonnen zu schreiben, während die Ankläger geflohen sind, und nun schreibt er: «Pharisäer ... Nattern... Gräber voller Unrat... Lügner... Verräter... Feinde Gottes ... Beleidiger seines Wortes...»

Als der ganze Hof sich geleert hat und ein großes Schweigen eingetreten ist, hört man nur noch das Rauschen des Windes und das Plätschern eines Brünnleins in einer Ecke. Da erhebt Jesus sein Haupt und schaut sich um. Sein Antlitz ist nun ruhig, traurig, aber nicht mehr erzürnt. Er blickt Petrus kurz an, der sich etwas entfernt und an eine Säule gelehnt hat, und dann Johannes, der fast hinter ihm steht und ihn mit seinen liebevollen Augen anschaut. Der Schatten eines Lächelns gleitet über das Antlitz Jesu, als er Petrus ansieht, und als er den Blick auf Johannes richtet, wird es lebhafter. Zwei verschiedene Lächeln.

Dann betrachtet er die Frau, die immer noch weinend zu seinen Füßen liegt. Er beobachtet sie. Sie richtet sich auf und bringt ihr Gewand in Ordnung, als wolle sie sich auf den Weg machen. Jesus gibt den beiden Aposteln einen Wink, sich zum Ausgang zu begeben.

Als sie allein sind, ruft er die Frau: «Frau, höre mir zu. Schau mich an.» Er wiederholt seinen Befehl, da sie nicht wagt, ihr Haupt zu erheben. «Frau, wir sind allein. Schau mich an.»

Die Unglückliche erhebt ihr Gesicht, auf das Tränen und Staub eine Maske der Demütigung gezeichnet haben.

«Frau, wo sind deine Ankläger?» Jesus spricht leise, mit mitleidigem Ernst. Sein Antlitz und sein Körper neigen sich leicht über dieses Elend auf dem Boden, und mit Augen voll des Erbarmens und der Aufmunterung fragt er: «Hat dich niemand verurteilt?»

Die Frau antwortet zwischen zwei Seufzern: «Niemand, Meister.»

«Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige nicht mehr. Geh nach Hause und bitte Gott und den Betrogenen um Verzeihung. Mißbrauche nicht die Güte des Herrn. Geh.»

Er hilft der Frau aufzustehen, indem er ihre Hand nimmt. Aber er

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segnet sie nicht und sagt auch nicht den Friedensgruß. Er sieht sie fortgehen mit geneigtem Haupt und etwas wankend unter dem Gewicht ihrer Schande, und als sie verschwunden ist, geht auch er mit den beiden Jüngern.

547. «DER SCHULDIGEN WEISE ICH DEN WEG DER RETTUNG»

Jesus spricht:

«Was mich verletzt hat, war der Mangel an Liebe und Aufrichtigkeit der Ankläger. Nicht daß ihre Anklage falsch gewesen wäre, die Frau war wirklich schuldig. Aber sie waren unaufrichtig und taten, als ob sie Ärgernis nähmen an einer Sünde, die sie selbst tausendmal begangen hatten und die nur wegen ihrer größeren Schlauheit und weil sie mehr Glück gehabt hatten, unbekannt geblieben war. Die Frau war bei ihrer ersten Sünde weniger schlau und hatte nicht viel Glück. Aber keiner ihrer Ankläger und Anklägerinnen – denn auch die Frauen, die zwar ihre Stimmen nicht zur Anklage erhoben, beschuldigten sie in ihrem Herzen – war frei von Schuld.

Ehebrecher ist, wer die Tat begeht, aber auch, wer mit seinem ganzen Sein danach verlangt. Unzucht begeht sowohl der, der sündigt, als auch der, der zu sündigen begehrt. Es genügt nicht, das Böse nicht zu tun, man darf auch nicht danach begehren.

Erinnere dich, Maria, des ersten Wortes deines Meisters, als ich dir am Rande des Abgrundes, an dem du dich befandest, zurief: "Es genügt nicht, das Böse nicht zu tun. Man darf auch nicht danach verlangen, es zu tun."

Wer sich sinnlichen Gedanken hingibt und sinnliche Gefühle durch Lektüre und durch vorsätzlich und aus ungesunder Gewohnheit gesuchte Schauspiele erregt, ist ebenso unrein wie der, der sich tatsächlich schuldig macht. Ich wage zu sagen: er ist noch schuldiger; denn er verstößt mit seinen Gedanken gegen die Natur, nicht nur gegen die Sittlichkeit. Ich spreche nicht von dem, der sogar wirklich naturwidrige Akte begeht. Die einzige Entschuldigung für einen solchen wäre eine organische oder psychische Krankheit. Wer aber diese Entschuldigung nicht hat, steht um zehn Stufen tiefer als das schmutzigste Tier. Damit einer gerecht urteilen kann, muß er selbst frei von Schuld sein.

Bezüglich der wichtigsten Voraussetzungen für einen Richter, verweise ich euch auf die früheren Diktate.

Mir waren die Herzen jener Pharisäer und Schriftgelehrten nicht unbekannt, ebenso wie die der anderen, die sich ihnen angeschlossen hatten, um gegen die Schuldige loszuziehen. Sünder gegen Gott und gegen den

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Nächsten waren sie, schuldig gegenüber der Religion, schuldig gegenüber den Eltern und den Nächsten, schuldig vor allem auch, und am häufigsten, gegenüber ihren Frauen. Wenn ich durch ein Wunder ihrem Blut befohlen hätte, ihre Sünden auf ihre Stirn zu schreiben, dann hätte unter den vielen Anklagen die des tatsächlichen oder gedanklichen Ehebrechers vorgeherrscht. Ich habe gesagt: "Was aus dem Herzen des Menschen kommt, ist es, was den Menschen befleckt." Abgesehen von mir selbst war dort niemand unter den Richtern, der ein reines Herz gehabt hätte.

Unaufrichtig und lieblos waren sie. Nicht einmal ihre eigene Ähnlichkeit mit ihr in Bezug auf die Begierlichkeit, konnte sie zur Barmherzigkeit bewegen. Ich, der ich als einziger Abscheu hätte empfinden müssen, übte Liebe gegenüber dieser gedemütigten Frau. Erinnert euch jedoch daran: Je besser einer ist, desto barmherziger ist er mit den Schuldigen. Nicht die Sünde selbst entschuldigt er, das nicht, aber er bedauert die Schwachen, die der Sünde nicht widerstehen konnten.

Der Mensch! Oh! Leichter als ein schwaches Rohr und eine feine Zaunwinde gibt er der Versuchung nach und klammert sich an Dinge, von denen er Trost und Stütze erhofft.

Oft kommt es ja gerade beim schwachen Geschlecht zur Sünde, weil man Trost zu finden sucht. Daher sage ich, wer es seiner Frau oder auch der eigenen Tochter an Liebe fehlen läßt, ist zu neunzig Prozent an der Sünde seiner Frau oder seiner Tochter schuld und wird an ihrer Stelle Rechenschaft dafür ablegen müssen. Sowohl die übertriebene Liebesbezeigung, die zur törichten Sklaverei eines Mannes gegenüber der Frau oder eines Vaters gegenüber einer Tochter führt, als auch die Vernachlässigung, oder schlimmer die Sünde der sinnlichen Lust, die den Mann zu fremder Liebe treibt und die Eltern zu anderen Interessen als die der Erziehung ihrer Kinder, sind der Ursprung der Hurerei und des Ehebruchs, und daher verurteile ich sie. Ihr seid vernunftbegabte Wesen, die von einem göttlichen Gesetz und von einem Sittengesetz geleitet werden. Sich zu einer wilden oder tierischen Lebensweise zu erniedrigen, müßte eurem großen Hochmut verabscheuenswert erscheinen. Aber den Stolz, der in diesem Falle sogar nützlich wäre, habt ihr nur für ganz andere Dinge.

Ich habe Petrus und Johannes auf verschiedene Art angeschaut, denn dem ersten, einem Mann, wollte ich sagen: "Petrus, fehle auch du nicht gegen die Liebe und die Aufrichtigkeit." Außerdem wollte ich ihm als meinem künftigen Hohenpriester sagen: "Erinnere dich dieser Stunde und urteile in Zukunft wie dein Meister." Dem anderen hingegen, einem Jüngling mit der Seele eines Kindes, wollte ich sagen: "Du kannst urteilen und urteilst nicht, weil du ein Herz wie das meine hast. Danke, Geliebter, der du so sehr mein eigen bist, daß du mein zweites Ich geworden bist." Ich habe beide fortgeschickt, bevor ich die Frau rief, um ihre Demütigung nicht zu vermehren durch die Anwesenheit zweier Zeugen.

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Lernt, ihr Menschen, ohne Barmherzigkeit: Wie schuldbeladen einer auch sein mag, soll er doch immer mit Achtung und Liebe behandelt werden. Freut euch nicht über seine Demütigung. Zieht nicht über ihn her, nicht einmal mit neugierigen Blicken. Erbarmen, Erbarmen für den, der gefallen ist!

Der Schuldigen weise ich den Weg der Rettung: Die Rückkehr nach Hause, das demütige Bitten um Verzeihung und das Erlangen der Verzeihung durch ein rechtschaffenes Leben. Sie soll nicht mehr den Versuchungen des Fleisches nachgeben und die Güte Gottes und der Menschen nicht mißbrauchen, um nicht durch eine zweifache oder vielfache Sünde noch schwerer büßen zu müssen als bisher. Gott verzeiht, und er verzeiht, weil er die Güte ist. Aber der Mensch weiß nicht zweimal zu verzeihen, obwohl ich gesagt habe: "Verzeih deinem Bruder siebenmal siebzigmal."

Ich gebe ihr nicht den Frieden und den Segen, weil ich bei ihr noch nicht die entschiedene Absage an die Sünde gefunden habe, die erforderlich ist, um Verzeihung zu erlangen. In ihrem Fleisch und leider auch in ihrem Herzen herrscht nicht der Abscheu vor der Sünde. Maria von Magdala hatte, als sie mein Wort begriff, Abscheu vor der Sünde und war zu mir gekommen mit dem unbeugsamen Willen, ein anderer Mensch zu werden. In dieser Frau jedoch schwankten die Stimmen des Fleisches und des Geistes noch. Sie konnte in der Verwirrung der Stunde noch nicht die Axt an den Wurzelstock des Fleisches legen und ihn ausreißen, um befreit von ihrer Last sehnsüchtig dem Reiche Gottes entgegenzugehen; befreit von dem, was zum Untergang führt, und bereichert mit dem, was Rettung bedeutet.

Willst du wissen, ob sie später gerettet wurde? Nicht für alle bin ich der Erlöser gewesen. Für alle wollte ich es sein, und doch war ich es nicht, denn nicht alle sehnten sich danach, gerettet zu werden. Und das ist einer der furchtbarsten Pfeile gewesen, die mein Herz durchbohrten in der Agonie von Gethsemane.

Du, geh hin in Frieden, Maria Marias, und habe den Willen, nicht mehr zu sündigen, auch nicht in den kleinsten Dingen. Unter dem Mantel Marias ist nur Reinheit. Erinnere dich daran.

Eines Tages hat Maria, meine Mutter, dir gesagt: "Ich bitte meinen Sohn unter Tränen um euch." Und ein anderes Mal: "Ich überlasse meinem Jesus die Sorge, eure Liebe für mich zu gewinnen... Wenn ihr mich liebt, komme ich, und mein Kommen ist Freude und Rettung."

Die Mutter hat dich gewollt, und ich habe dich ihr geschenkt. Ja, ich habe dich zu ihr geführt, denn ich weiß: wozu ich euch mit meiner Autorität bringen kann, dazu bringt sie euch mit der Liebkosung ihrer Liebe, und sie kann es noch besser als ich. Ihre Berührung ist ein Siegel, vor dem Satan flieht. Nun hast du ihr Gewand, und wenn du die Gebete der beiden Orden (Franziskaner und Serviten) treu erfüllst, betrachtest du täglich das Leben unserer Mutter, ihre Freuden, ihre Schmerzen, also auch meine Freuden und meine Schmerzen; denn von dem Augenblick an, da ich, das Wort, Jesus wurde, habe ich mit ihr und aus denselben Gründen gejubelt und geweint.

Du siehst, daß "Maria lieben" auch "Jesus lieben" heißt. Und es heißt, ihn leichter lieben. Denn ich lasse dich das Kreuz tragen und gebe dir die Last des Kreuzes, während die Mutter

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dich stützt oder am Fuße des Kreuzes steht, um dich an ihr Herz zu drücken, das nichts als Liebe kennt. Auch in der Todesstunde ist der Schoß Marias süßer als eine Wiege. Wer seinen Geist in ihr aushaucht, vernimmt nur die Stimmen der englischen Chöre, die sich um Maria scharen. Er sieht keine Finsternis, wohl aber den sanften lichten Strahl des Morgensternes. Er kennt kein Weinen, wohl aber ihr Lächeln. Er fühlt keine Angst. Wer wagt es, uns, die wir es lieben, wer wagt es, eines ihrer Kinder den Armen Marias zu entreißen?

Sage nicht "Danke" zu mir; sage es ihr, die sich an nichts anderes erinnern wollte, als an das wenige Gute, das du getan hast, und an die Liebe, die du mir bezeugst. Und deshalb wollte sie dich haben, um unter ihrem Fuß das zu zähmen, was dein guter Wille nicht zu zähmen vermochte. Rufe aus: "Es lebe Maria!" Bleibe zu ihren Füßen am Fuße des Kreuzes, und du wirst dein Kleid schmücken mit den Rubinen meines Blutes und den Perlen ihrer Tränen. Du wirst ein königliches Kleid tragen beim Eintritt in mein Reich.

Geh in Frieden. Ich segne dich.»

548. UNTERWEISUNG DER APOSTEL UND JÜNGER

Jesus hat die zehn Apostel und die wichtigsten Jünger an den Hängen des Ölberges in der Nähe der Quelle von Siloe getroffen. Als sie ihn eiligen Schrittes zwischen Petrus und Johannes kommen sehen, gehen sie ihm entgegen und begegnen ihm gerade bei der Quelle.

«Steigen wir zum Weg nach Bethanien hinauf. Ich verlasse die Stadt für

einige Zeit. Unterwegs werde ich euch sagen, was ihr tun sollt», gebietet Jesus.

Unter den Jüngern befinden sich auch Manaen und Timoneus, die nun beruhigt sind und ihren Platz wieder eingenommen haben. Ich sehe auch

Stephanus und Hermas, Nikolaus, Johannes von Ephesus und den Priester Johannes, mit einem Wort, alle die wegen ihrer Weisheit Angesehensten und auch die Einfachen, die aber durch die Gnade Gottes und ihren eigenen Willen zu den aktivsten Jüngern gehören.

«Du willst die Stadt verlassen? Ist dir etwas zugestoßen?» fragen viele.

«Nein, aber es gibt noch Orte, die auf mich warten...»

«Was hast du heute morgen getan?»

«Ich habe gesprochen... Die Propheten... noch einmal. Aber sie hören nicht auf mich.»

«Kein Wunder, Herr?» fragt Matthäus.

«Keines. Eine Verzeihung und eine Verteidigung.»

«Wer war es? Wer hat angeklagt?»

«Die, die sich ohne Sünde dünken, haben eine Sünderin angeklagt. Ich habe sie vor ihnen gerettet.»

«Aber wenn sie eine Sünderin war, waren sie im Recht.»

«Ihr Fleisch war gewiß der Sünde verfallen, aber ihre Seele... So vieles hätte ich zu sagen über die Seelen. Ich würde nicht nur jene Sünder nennen, deren Schuld offenkundig ist. Auch die begehen eine Sünde, die

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andere zur Sünde verführen, und eine viel listigere Sünde, denn sie sind zugleich Schlangen und Sünder.»

«Was hatte denn die Frau getan?»

«Ehebruch.»

«Ehebruch? Und du hast sie gerettet? Das hättest du nicht tun sollen!»ruft Iskariot aus.

Jesus schaut ihn scharf an und fragt: «Warum nicht?»

«Warum? Es kann dir schaden. Du weißt doch, wie sehr sie dich hassen und Anklagepunkte gegen dich suchen! Und gewiß... Eine Ehebrecherin retten bedeutet gegen das Gesetz verstoßen.»

«Ich habe nicht gesagt, daß ich sie gerettet habe. Ich habe nur gesagt, daß, wer ohne Sünde ist, sie steinigen solle. Doch niemand hat sie gesteinigt, weil keiner ohne Sünde war. Ich habe also das Gesetz bestätigt, das Ehebruch mit der Steinigung bestraft, aber ich habe auch die Frau gerettet, da sich keiner fand, der sie steinigen wollte.»

«Aber du ...»

«Meinst du, ich hätte sie steinigen sollen? Es wäre gerecht gewesen, denn ich hätte sie steinigen können. Aber es wäre nicht barmherzig gewesen.»

«Ah! Sie hat bereut! Sie hat dich angefleht, und du ...»

«Nein. Sie hat nicht einmal Reue gezeigt. Sie war gedemütigt und verängstigt.»

«Aber dann... Warum? ... Ich verstehe dich nicht mehr! Früher konnte ich deine Verzeihung noch verstehen, bei Maria von Magdala, bei Johannes von Endor, bei... nun, bei vielen Sü ...»

«Sag nur: bei Matthäus. Ich nehme dir das nicht übel. Im Gegenteil. Ich bin dir dankbar, wenn du mir hilfst, mich an die Dankbarkeit zu erinnern, die ich dem Meister schulde», sagt Matthäus ruhig und würdevoll.

«Nun, ja, auch bei Matthäus... Aber sie haben ihre Sünden, ihr liederliches Leben bereut. Diese hingegen! ... Ich verstehe dich nicht mehr. Und ich bin nicht der einzige, der dich nicht versteht ...»

«Ich weiß es, du verstehst mich nicht... Du hast mich immer nur wenig verstanden. Und nicht nur du allein. Aber das ändert nicht meine Handlungsweise.»

«Verzeihung kann nur erhalten, wer darum bittet.»

«Oh, wenn Gott nur denen verzeihen würde, die ihn darum bitten, und alle unverzüglich bestrafen müßte, die auf die Sünde nicht sogleich die Reue folgen lassen! Hast du niemals gefühlt, daß dir verziehen wurde, bevor du Reue empfunden hast? Kannst du wirklich sagen, daß du bereut hast und daß dir deshalb verziehen wurde?»

«Meister, ich ...»

«Hört mir alle zu, denn viele unter euch sind der Ansicht, daß ich gefehlt habe und daß Judas recht hat. Hier sind Petrus und Johannes. Sie

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haben gehört, was ich der Frau gesagt habe, und können es euch wiederholen. Ich habe nicht törichterweise verziehen. Ich habe nicht dasselbe gesagt, was ich anderen Seelen gesagt habe, denen ich verziehen habe, weil sie ganz Reue waren. Ich habe dieser Seele vielmehr Gelegenheit gegeben und Zeit gelassen, zur Reue und zur Heiligkeit zu gelangen, wenn sie diese erreichen will. Erinnert euch daran für die Zeit, da ihr Lehrmeister der Seelen sein werdet.

Zwei Dinge sind wesentlich, um wahre und würdige Seelenführer zu sein. Das erste ist: ein strenges Leben führen, um urteilen zu können und nicht heuchlerisch bei anderen zu verurteilen, was man sich selbst verzeiht. Das zweite ist: geduldig Barmherzigkeit üben, um den Seelen Gelegenheit zu geben, zu gesunden und zu erstarken. Nicht alle Seelen gesunden sofort von ihren Wunden. Einigen gelingt es nur nach und nach, langsam, und mit Rückfällen. Sie zu verjagen, zu verurteilen oder zu verängstigen gehört nicht zur Kunst eines Seelenarztes.

Wenn ihr sie verjagt, werden sie sich zum Ausgleich in die Arme falscher Freunde und Meister werfen. Öffnet eure Arme und euer Herz, immer, allen kranken Seelen. Sie sollen in euch eine wahre und heilige Vertrauensperson finden, in deren Gegenwart sie sich nicht scheuen zu weinen. Wenn ihr sie verurteilt und sie der geistigen Hilfe beraubt, macht ihr sie nur noch kränker und schwächer.

Wenn ihr ihnen Schrecken vor euch und vor Gott einjagt, wie können sie dann noch die Augen zu euch und zu Gott erheben? Der Mensch begegnet als erstem Richter dem Menschen. Nur ein im Geist lebendes Wesen weiß zuerst Gott zu begegnen. Aber das Geschöpf, das es erreicht hat, im Geist zu leben, fällt nicht in schwere Schuld. Sein Fleisch kann noch Schwächen haben, aber der starke Geist wacht, und so werden aus den Schwächen keine schweren Sünden. Wenn aber der Mensch noch sehr aus Fleisch und Blut besteht, sündigt er und begegnet dem Menschen. Wenn nun aber der Mensch, der ihn auf Gott hinweisen und seinen Geist formen soll, ihm Furcht einflößt, wie kann dann der Sünder sich ihm anvertrauen? Und wie kann er sagen: "Ich demütige mich, weil ich glaube, daß Gott gut ist und daß er verzeiht", wenn er sieht, daß einer seinesgleichen nicht gut ist?

Ihr müßt als Vergleich dienen, als Maß dessen, was Gott ist, so wie eine kleine Münze einen Teil eines Talentes darstellt und seinen Wert erkennen läßt. Wenn ihr, die ihr nur ein Teilchen des Unendlichen und seine Stellvertreter seid, grausam mit den Seelen seid, welch unnachgiebige Strenge werden sie sich dann erst von Gott erwarten?

Judas, der du ein so strenger Richter bist, wenn ich dir jetzt sagen würde: "Ich werde dich beim Synedrium wegen magischer Praktiken anzeigen..."»

«Herr! Das wirst du nicht tun! Das wäre... das wäre... Du weißt, daß es ...»

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«Ich weiß es und weiß es nicht. Aber du siehst, wie du sofort um Erbarmen bittest... und du weißt auch, daß sie dich nicht verurteilen würden, weil ...»

«Was willst du sagen, Meister? Warum sagst du das?» unterbricht Judas Jesus ganz außer sich.

Ganz ruhig, aber mit einem Blick, der das Herz des Judas durchbohrt und gleichzeitig seinen verwirrten Apostel zügelt, auf den die Blicke der anderen elf Apostel und vieler Jünger gerichtet sind, sagt Jesus: «Nun, weil sie dich lieben. Du hast gute Freunde unter ihnen. Du hast es ja selbst mehrmals gesagt.»

Mit einem Seufzer der Erleichterung wischt sich Judas den Schweiß ab, der an diesem so kalten und windigen Tage seltsam erscheint. Dann sagt er: «Es ist wahr. Alte Freunde. Aber ich glaube nicht, daß sie, wenn ich sündigen würde ...»

«Und würdest du dafür um Barmherzigkeit bitten?»

«Gewiß. Ich bin noch unvollkommen und möchte vollkommen werden.»

«Du sagst es. Auch dieses Geschöpf ist sehr unvollkommen, und ich habe ihm Zeit gegeben, gut zu werden, wenn es will.»

Judas entgegnet nichts mehr.

Sie sind nun auf dem Weg nach Bethanien, schon weit von Jerusalem entfernt. Jesus bleibt stehen und sagt: «Und ihr, habt ihr den Armen gegeben, was ich euch für sie gegeben habe? Habt ihr alles getan, was ich euch gesagt habe?»

«Alles, Meister», sagen die Apostel und Jünger.

«Dann hört. Ich werde euch jetzt segnen und entlassen. Ihr zerstreut euch wie immer über Palästina und kommt wieder zum Passahfest hier zusammen. Da dürft ihr nicht fehlen... und in diesen Monaten stärkt eure Herzen und die Herzen derer, die an mich glauben. Werdet immer gerechter, selbstloser und geduldiger. Seid, was ich euch zu sein gelehrt habe. Sucht Städte, Ortschaften und vereinzelte Gehöfte auf. Geht niemandem aus dem Weg. Ertragt alles. Nicht euch selbst dient ihr, so wie ich nicht mir selbst, Jesus von Nazareth, diene, sondern meinem Vater. Auch ihr dient eurem Vater, und daher müssen euch seine, nicht eure, Interessen heilig sein, auch wenn sie euch Leid einbringen und eure menschlichen Interessen beeinträchtigen. Habt den Geist der Selbstverleugnung und des Gehorsams. Es kann geschehen, daß ich euch rufe oder euch befehle, zu bleiben, wo ihr seid... kritisiert nicht meinen Befehl. Gehorcht, wie immer er auch lauten mag, und seid fest davon überzeugt, daß er gut ist und zu eurem Besten gegeben wird. Seid nicht neidisch aufeinander, wenn ich einige zu mir rufe und andere nicht... Ihr seht... einige haben sich von mir getrennt, und ich habe darunter gelitten. Es waren jene, die nach ihrem

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eigenen Gutdünken handeln wollten. Der Stolz ist der Hebel, der die Geister zur Empörung führt, und der Magnet, der sie mir entreißt. Verflucht nicht die, die mich verlassen haben. Betet, daß sie zurückkehren. Meine Hirten sollen jeweils zu zweit in der unmittelbaren Nähe von Jerusalem bleiben. Isaak kommt vorerst mit mir, und auch Margziam. Liebt euch sehr. Helft euch gegenseitig, meine Freunde. Alles andere wird euch euer Geist sagen, wenn ihr euch meiner Lehre erinnert, und eure Engel werden es euch eingeben. Ich segne euch.»

Alle werfen sich nieder, während Jesus den mosaischen Segen spricht. Dann drängen sie sich heran, um sich von Jesus zu verabschieden. Endlich trennen sie sich von ihm, der mit den Zwölf, Isaak und Margziam den Weg nach Bethanien einschlägt.

«Nun werden wir kurz anhalten, um Lazarus zu grüßen, und dann gehen wir weiter dem Jordan zu.»

«Gehen wir nach Jericho?» fragt Judas von Kerioth neugierig.

«Nein, nach Bethabara.»

«Aber... die Nacht...»

«Es fehlt nicht an Ortschaften und Häusern von hier bis zum Fluß ...»

Niemand spricht mehr, und außer dem Rauschen der Ölbäume und dem Scharren der Schritte ist kein Geräusch zu hören.

549. IM DORF UND IM HAUS SALOMONS

Um von den Leuten nicht gesehen zu werden, betreten sie das Dorf dort, wo das Häuschen des Salomon steht, indem sie den Damm des Flusses hinaufgehen. Diese Vorsorge ist anscheinend unnötig, denn im November oder Ende Oktober bricht der Abend frühzeitig herein, und die Leute sind schon in ihren Häusern. Die Straße ist menschenleer, und würde man nicht da und dort ein Blöken hören, so könnte man glauben, sich in einem verlassenen Ort zu befinden.

Sie rütteln am Gittertor. Es ist verschlossen. Gut verschlossen ist der Eingang zu dem im Halbschatten sehr ordentlich daliegenden Gärtchen.

«Ruft ihn! Er ist in der Küche. Ein Lichtstrahl dringt durch die Fensterläden», sagt Jesus.

Thomas übernimrnt mit seiner mächtigen Stimme die Aufgabe, den Alten zu rufen, der sogleich die Tür öffnet und auf den Weg schaut. Aber im schwachen Licht draußen sieht er nicht viel, zumal er aus der Küche kommt, wo das Feuer flackert und eine Lampe brennt.

Als aber Jesus sagt: «Wird sind es», erkennt der Alte sofort seine Stimme und ruft: «Der Meister!» Er kommt die einfache Stufe an der Schwelle herab und eilt herbei, um zu öffnen.

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«Mein Herr, tritt ein! Tritt ein in dein Haus, und gesegnet sei dieser Tag, der mit deiner Ankunft endet», sagt er, während er mit dem Torschloß hantiert. Dann erklärt er: «Ich bin allein und verschließe gut... Die Diebe sind zu allem fähig, und es gibt einige, die bald hier, bald da Schaden anrichten. Sie kommen aus den Bergen Galaads ins Tal. Nicht, daß ich etwa um mein Leben fürchte; aber ich habe etwas für dich vorbereitet und... So, Meister, komm. Der Abend ist feucht, deine Haare sind naß vom Tau ...»

«Und du bist emsiger als die Braut im Hohenlied, Vater. Bereitet es dir nicht zu viele Unannehmlichkeiten, den Pilger aufzunehmen?» fragt Jesus lächelnd.

«Unannehmlichkeiten? Wie lange ist mir diese Zeit vorgekommen! Ein Tag nach dem anderen, einer nach dem anderen. Ich hatte euren Samen ausgestreut und sah das Gemüse wachsen. Ich sagte mir: "Wenn er käme, würde es ihm sicher schmecken." Aber alles ist zur Reife gelangt, und du bist nicht gekommen... Und ich habe gesehen, wie die Früchte auf den Bäumen sich färbten, und habe sie mit Wehmut gegessen, weil du nicht davon gegessen hast. Dieses Schaf hat mir ein ganz weißes Lämmlein geboren, und lange habe ich es aufbewahrt, um es mit dir zu essen. Ich hoffte, dich vor dem Laubhüttenfest zu sehen. Dann... ein Lämmlein ganz für mich allein... das ist zu viel! Ich habe es getauscht gegen ein junges Schaf, und sie waren gut zu mir und schauten nicht auf den Preisunterschied. Aber von den Früchten und vom Käse habe ich so viel ich nur konnte für dich aufbewahrt; auch getrockneten Fisch, Hülsenfrüchte, einige Melonen und etwas Wein... Ich trinke keinen, aber ich habe ihn für dich bereitet, für den Winter.»

Er spricht, während er den Tisch abwischt und das Geschirr daraufstellt, das Feuer schürt, mehr Wasser in den Kessel gießt und sich sonst noch zu schaffen macht. Er ist glücklich und scheint nicht mehr der arme Alte von vor wenigen Monaten zu sein.

Er geht hinaus, kehrt zurück mit Milch und entschuldigt sich: «Es ist wenig, denn nur ein Schaf gibt Milch. Aber bald werden es zwei sein. Für dich allerdings genügt es.»

Er ist wirklich väterlich, ergeben und väterlich zugleich. Er hat ihnen die feuchten Mäntel und die mit Schlamm bedeckten Sandalen abgenommen und sie in einen anderen Raum getragen. Und mit Äpfeln, Granatäpfeln, Weintrauben und einigen halbgetrockneten Feigen ist er zurückgekehrt und erklärt: «Ich habe sie getrocknet, um sie dich einmal kosten zu lassen. Ich dachte... ich erinnerte mich, daß sie meinem Ananias so sehr gut schmeckten... !» Die vorher heitere Stimme wird tiefer vor Traurigkeit, während er diese Worte spricht, und er endet: «Ich dachte, sie müßten dir so schmecken, und während ich sie trocknete, hatte ich das Gefühl, es noch für den Sohn meines Sohnes zu tun.» Er schüttelt den Kopf und zwingt sich zu lächeln, während Tränen in seinen Augen glänzen.

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Jesus, der am Tisch gesessen ist, erhebt sich, legt ihm einen Arm um die Schultern und zieht den kleinen Alten an sich mit den Worten: «Sie schmecken mir sehr. Es ist etwas, was mich an meine Kindheit erinnert... und an meinen Vater. Aber du sollst nicht meinetwegen auf so viele Dinge verzichten. Den Alten tun sie gut. Du mußt gesund und stark bleiben, um mich immer aufnehmen zu können wie heute. Es ist so schön, ein solches Haus zu finden mit einem Vater, der uns erwartet. Nicht wahr, ihr, meine Freunde?»

«Gewiß ist es so! Und es ist so schön, daß man ganz träge wird, und Ananias nicht hilft», sagt Petrus und erhebt sich mit den Worten: «Auf! Gehen wir und richten wir unsere Lagerstätten, während Jesus mit dem Mann spricht.»

«Oh, das braucht ihr nicht zu tun, sie sind immer bereit. Es ist alles sauber und in Ordnung... Nur... sie reichen nicht für alle! Ihr seid mehr als zwölf. Aber ich werde im Heu schlafen und...»

«Das kommt nicht in Frage, Vater! Ich werde dort schlafen», sagt Johannes.

«Nein, ich», sagen Andreas und andere einstimmig.

«Das ist nicht nötig. Ich schlafe hier auf diesem Tisch. Er ist sicher nicht härter als der Boden meiner Barke. Und Margziam...» sagt Petrus.

«Schläft bei mir», unterbricht ihn Jesus.

«Oder bei mir, wenn du willst... Wie der kleine Ananias es tat», sagt der Alte mit bittenden Augen.

«Ja, Meister. Du hast mich auch später noch. Er... ich schlafe bei ihm», sagt Margziam.

Jesus liebkost ihn voller Verständnis für seine Geste.

«Man ist nach Pfingsten mehrmals gekommen und hat dich gesucht; danach aber nicht mehr», sagt das Väterchen dann.

«Wer hat ihn gesucht?»

«Pharisäer! Und andere wie sie. Sie wollten dich ausfragen. Aber ich habe ihnen gesagt: "Geht in sein Dorf. Er ist nicht hier und ich weiß nicht, wann er kommen wird..." Das entsprach der Wahrheit. Schließlich haben sie es aufgegeben, hierher zu kommen. Aber sie suchten auch einen anderen, einen gewissen Johannes, von dem sie sagten, daß er bei dir sei, und vielleicht glaubten, daß er hier verborgen sei. Ich habe gesagt: "Aber das ist doch sein Apostel, und er wird bei ihm sein." Sie haben entgegnet: "Ist sein Apostel vielleicht einäugig? Ein alter, kranker Mann, der dem Tod nah ist?" Ich habe verstanden, daß nicht du gemeint warst, und habe geantwortet: "Ich kenne nur den Apostel Johannes, einen Jüngling, liebevoller als ein Kind und gesund an Leib und Seele." Da haben sie mir gedroht. Aber was konnte ich anderes sagen? Dies ist die Wahrheit ...»

«Ja, es ist die Wahrheit. Sei immer aufrichtig, auch wenn es mir schaden könnte, Vater. Lüge nie!»

«Herr, meine Haare sind weiß geworden, während ich mich bemüht

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habe, immer dem Herrn zu gehorchen. Und zu seinen Geboten gehört auch, daß man nie die Unwahrheit sagen darf. Aber... warum suchen sie dich denn, Herr? Ich war blind. Deshalb ging ich nicht nach Jerusalem. Jetzt bin ich wieder dort gewesen, nur zum Ritus; denn ich wollte hier sein, um dich zu erwarten... Und ich habe dich von Haß und Liebe umgeben gesehen. Aber es kam mir vor, als gäbe es mehr Haß als Liebe unter den Vorstehern des Volkes. Ich war an jenem Morgen im Tempel, als sie dich angreifen wollten... und ich, traurig, bin geflohen, um dich hier zu erwarten und zu weinen. Warum sind die Menschen so schlecht!?»

«Weil sie ihren Geist getötet haben und mit ihm die Fähigkeit, Gewissensbisse wegen ihres eigenen Unrechts zu empfinden.»

«Das ist wahr... Und suchen sie dich, um dir Böses zuzufügen?»

«Ja.»

«Ja?! Israel will seinem König schaden? Schrecklich! Israel verurteilt sich selbst zu den prophezeiten Strafen! ... Oh, jetzt bin ich froh, daß mein Sohn gestorben ist... Und auch ich möchte sterben, um die Sünde Israels nicht mehr erleben zu müssen...»

Es entsteht eine große Stille. Nur das Holz im Feuer knistert weiter.

«Aber sprechen wir doch von etwas anderem! Immer wird nur von Tod, Haß und Verrat gesprochen! Genug, genug! Ich kann es nicht mehr hören!» sagt Iskariot nervös, finster, unruhig und aufgeregt, während er in der Küche herumläuft und alles an ihm in Bewegung ist, Beine, Arme, seine ganze Person.

«Judas hat recht», sagen viele.

«Aber nichts hören wollen, nützt nichts. Nützlich ist nur, nicht zuzustimmen», sagt Jesus und streckt in einer Geste der Ergebung seine nach oben geöffneten Hände über den rauhen Tisch.

«Was willst du damit sagen? Zustimmen? Wer könnte dem zustimmen?» Judas fuchtelt mit den Händen vor Jesu Antlitz, über den Tisch gebeugt, um dem Meister näher zu sein.

«Wer? Alle, die schon davon träumen, mich in meinem Blute sterben zu sehen. Blut! Blut deines Messias! Blut über dich, du Erde, die du deinen Herrn nicht annehmen willst! Blut, leuchtender als diese Flammen! Blut, Feuer in der eisigen Kälte und Finsternis einer verbrecherischen Welt! Sie hoffen, das Licht zu töten, indem sie ihm das Blut nehmen. Aber Licht ist der Geist, Blut ist noch Materie. Die Materie beschwert den Geist. Blut auf einer Glimmerscheibe schwächt das Licht ab. Ist das etwa nicht wahr? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wie dieses Holz nicht leuchtete, bis es zur Flamme wurde und sein Harz sich entzündete und in Glanz verwandelte, so wie sie nun ein glühendes Leuchten sind, ebenso wird mein Geist, wenn alles vollbracht ist und Fleisch und Blut im Opfer verzehrt sind, mehr denn je in der Welt als Feuer erstrahlen – so wie das Feuer dort, das nun alles in Licht verwandelt hat – und ich werde mehr

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denn je Licht sein. Ein Licht, das für immer die Hasser des Lichtes, seine Mörder, blenden wird. Ein so starkes Licht, daß die goldenen Pforten des Himmels, die der Menschheit seit so vielen Jahrhunderten verschlossen sind, schmelzen werden und der Himmel sich den Gerechten öffnen wird. Ein Licht, das die Felsblöcke, die das Gewölbe des Abgrundes bilden, durchdringen wird und das schreckliche Feuer der Hölle unter den Blitzen meiner Strahlen noch schrecklicher werden läßt. Wehe, wehe dann denen, die dem Licht nachgestellt haben! Blut und Licht! Diese beiden Dinge werden immer vor ihren Augen sein und sie zum Wahnsinn und zur Verzweiflung treiben. Dämonen!»

Jesus, der sich bei dem Wort "wahrlich" erhoben und allen Furcht eingeflößt hat mit seiner stattlichen, von den Flammen erleuchteten Gestalt in der niedrigen Küche mit ihren dunklen Wänden, setzt sich wieder und schweigt. -

Alle schauen sich gegenseitig an. Alle, mit Ausnahme des Judas, der wie hypnotisiert ins Feuer blickt... hypnotisiert und entsetzt. Ein Entsetzen, das sein Gesicht in eine gräßliche Maske verwandelt, auf deren grünlicher Blässe das rötliche Licht der Flammen spielt. Es erinnert mich an sein entsetzliches Gesicht am Karfreitag. Dann wendet er sich forsch um und schreit: «Aber hör doch auf! Schweige! Warum quälst du uns», und geht hinaus und schlägt heftig die Türe zu...

«Es ist seine Art, das ist wahr. Aber er liebt dich sehr... Er leidet, wenn er gewisse Worte hört», sagt Thomas und fügt hinzu: «Sie tun auch uns so weh! Aber wir sind weniger... eigenartig, ja, sagen wir: eigenartig...»

Niemand sagt ein Wort. Selbst Jesus schweigt ...

«Das Gemüse ist gar, und die Milch ist warm ...» flüstert der Alte, der ganz eingeschüchtert ist und nach diesem Zwischenfall kaum noch von so gewöhnlichen Dingen zu sprechen wagt...

«Ruft Judas und laßt uns zu Abend essen», befiehlt Jesus.

Johannes geht hinaus, um den Gefährten zu rufen. Sie kommen zurück... Judas hat ein gequältes Aussehen. Es muß eine Qual sein, die ihm keinen Augenblick Frieden gewährt. Er setzt sich aber an den Tisch und erhebt sich wie die anderen, als Jesus opfert und segnet, und sieht verstohlen zu, wie Jesus die Stücke verteilt und für sich das letzte nimmt.

Alle möchten gern die im Raum herrschende Traurigkeit vertreiben. Niemandem gelingt es, bis Jesus selbst sich an den kleinen Alten wendet und sich erkundigt, ob die Leute im Dorfe und in den Nachbarorten das Wort des Herrn aufgenommen haben.

«Ja, ja, Meister, und sogar sehr gut. Ich würde sagen, besser als die am anderen Ufer. Weißt du... hier ist das Andenken an den Täufer sehr lebendig, und seine Jünger, die nun die deinen sind, halten es wach, und auf der Grundlage seiner Worte sprechen sie von dir. Und dann... hier... in Peräa und in der Dekapolis sind nur wenige Pharisäer, und daher...»

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550. JESUS UND SIMON DES JONAS

Ich weiß nicht, wo sie sind; sicher nicht mehr im Jordantal, sondern schon in den Bergen, die es flankieren, denn ich sehe das grüne Tal und den schönen blauen Fluß tief unten, während hohe Bergkämme hinter der weiten Hochebene, die sich östlich des Jordans erstreckt, auftauchen.

Ich sehe Petrus, der allein auf einer kleinen Anhöhe scharf nach Nordosten schaut und traurig seufzt. Zu seinen Füßen liegen Holzstücke, die er wohl in den Wäldern auf diesen Hügeln gesammelt hat. Ein kleines Dorf ist ins Grün eingebettet. Petrus ist wirklich sehr niedergeschlagen. Schließlich setzt er sich auf sein Bündel und stützt den Kopf in die Hände, ganz zusammengekauert. Er sitzt da, vergißt die Zeit und alles andere und ist so in sich versunken, daß er nicht einmal aufwacht, als einige Kinder hinter ihren hüpfenden Ziegen vorüberkommen. Die Kinder betrachten ihn und laufen dann hinter den Ziegen her dem Dörflein zu. Die Sonne sinkt langsam nieder, und Petrus sitzt immer noch reglos da.

Auf dem Pfad, der vom Dörflein auf den Hügel führt, kommt Jesus herauf. Er geht vorsichtig, um Geräusche zu vermeiden. So erreicht er die Stelle, an der Petrus sitzt, stellt sich gerade vor ihn hin und ruft: «Simon!»

«Meister!» Petrus fährt auf und erhebt sein verstörtes Gesicht, während er es sagt.

«Was tust du hier, Simon? Deine Gefährten sind alle zurückgekehrt. Du allein bist nicht gekommen, und wir haben uns Gedanken gemacht. So sehr, daß dein Bruder und die Söhne des Zebedäus zusammen mit Thomas und Judas dich auf den Bergen gesucht haben, während meine Brüder mit Isaak und Margziam zur Ebene hinabgestiegen sind.

«Es tut mir leid... Es tut mir leid, daß ich euch Sorge und Mühe bereitet habe.»

«Sie haben dich gern, deine Kameraden... Es war gerade Judas, der sich als erster Sorgen gemacht und Margziam getadelt hat, weil er dich allein hat gehen lassen.»

«Hm...»

«Simon, was hast du?»

«Nichts, Meister.»

«Was hast du hier getan auf diesem Hügel, so allein, während der Abend hereinbricht?»

«Ich habe herumgeschaut ...»

«Du wirst herumgeschaut haben, Simon. Aber jetzt hast du nicht mehr geschaut... Kinder sind bei dir vorübergekommen und haben fast Angst bekommen, daß du gestorben bist, so zusammengekauert warst du. Sie sind zur Hürde gelaufen, wo wir Unterschlupf gefunden haben, und haben es mir erzählt. Also bin ich gekommen... Was hast du angeschaut, Simon?»

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«Ich habe geschaut... in Richtung Ramot Galaad, Gerasa, Bozrah, Arbeia... Die Reise vom vergangenen Jahr war so schön, so... Die Mutter war bei uns! Die Jüngerinnen... Johannes von Endor... Der Kaufmann... Selbst er war gut und hat uns zu einer guten Reise verholfen... Wie vieles hat sich geändert! Wie verschieden ist alles... Und wieviel Schmerz! Das ist es, was ich betrachtet habe: die Vergangenheit.»

«Und die Zukunft, mein Simon.» Jesus setzt sich an der Seite des Petrus auf das Bündel, legt ihm einen Arm um die Schultern und spricht zu

ihm: «Du hast den Horizont angeschaut... und die Traurigkeit hat ihn dir verdüstert. Die Gegenwart hat wie ein Wirbelwind furchterregende Wolken aufgehäuft, die heiteren Erinnerungen voller Versprechungen und Hoffnungen verhüllt und dir Furcht eingejagt. Simon, du durchlebst eine jener Stunden der Traurigkeit und des Verdrusses, denen unsere menschliche Natur auf ihrer Wanderschaft begegnet. Kein Mensch ist davon ausgenommen. Denn der Urheber dieser Stunden ist der, der den Menschen haßt. Und je mehr der Mensch Gott dient, um so mehr versucht Satan,

ihm Angst einzujagen und ihn zu ermüden, um ihn von seiner Aufgabe abzubringen. Außerdem erliegst du einer Stunde der Müdigkeit... Das

ständige Hämmern der Verfolgung auf deinen Meister ermüdet dich. Und schließlich – du weißt nicht, daß nicht du es bist, der da spricht, sondern der Versucher – hörst du auf eine Stimme, die dir zuflüstert: "Und morgen? ... Was wird morgen sein?..."»

«Herr, das ist wahr. Du liest in meinem Herzen. Aber du siehst auch, daß ich mich das frage, nicht weil ich für mich selbst fürchte, sondern weil... Ich könnte es nicht mitansehen, wenn du gequält würdest... Du sprichst oft von Verbrechen, von Verrat. Ich... Oh, ich bin nicht der einzige! Wie viele, besonders von den Alten, haben dich gebeten, sterben zu dürfen, um nicht zu sehen, wie ihr König beleidigt wird! Und ich... Du weißt es... du bist alles für mich. Nichts, was nicht du bist, interessiert mich. Es ist nicht, wie Judas sagt, Heimweh nach dem Boot und der Frau... Schau: Du siehst, ob ich die Wahrheit sage. Ich habe so darauf

gedrungen, Margziam zu bekommen. Mein menschliches Gefühl wollte wenigstens einen Adoptivsohn haben anstelle der Kinder, die mir meine

Frau nicht schenken konnte, was mich als Mann, der sich fortpflanzen wollte, beschämte. Aber jetzt, heute... ich liebe ihn, ja. Doch wenn du ihn mir nehmen wolltest, würde ich keinen Widerstand leisten. Ich würde dir

nur sagen... Aber nein! Ich würde nichts sagen!»

«Du würdest mir nur sagen ... ? Vollende.»

«Es ist nutzlos, Meister.»

«Sprich!»

«Ich würde sagen: "Gib ihn dem, der ihn besser als ich zu einem Gerechten erziehen kann." Mehr nicht! Und auch... und das sage ich und weine über sein Schicksal, über mein eigenes, das meines Bruders, das des

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Johannes und des Jakobus ... auch über das der anderen... aber wir, wir sind deine ersten gewesen ...» Petrus kniet nieder und lehnt sich an die Knie Jesu, die Hände erhoben, die Handflächen nach oben gewendet, flehend und mit Tränen auf den Wangen, die sich in seinem Bart verlieren... «... Ich sage es unseretwegen: Laß uns sterben, nimm uns fort, bevor wir... Oh! Ich habe gedacht, ich denke seit Monaten immer daran, und du siehst, daß es ein Gedanke ist, der an mir nagt und mich altern läßt... Es ist eine beständige Furcht, die mir keine Ruhe läßt, nicht einmal im Schlaf. Ich denke, wenn es wirklich so geschehen wird, wie du sagst, dann könnte auch ich der Verräter sein, oder Andreas, oder Johannes, oder Jakobus, oder Margziam... Und wenn es auch nicht so weit käme, dann doch einer von denen, von denen du vor drei Tagen bei Ananias gesprochen hast; einer von denen, die soweit gehen, dein Blut zu fordern, oder auch einer von denen, die sich aus Feigheit nicht widersetzen wollen und dem Bösen zustimmen aus Furcht vor dem Bösen... Ich... Wenn ich auch nur durch Tatenlosigkeit und aus Furcht zustimmen würde... Meister, oh! Mein Meister, dann würde ich mir das Leben nehmen, um mich zu strafen, oder... ich würde deine Mörder töten, wenn ich ihnen begegnete. Ich... Wenn du das nicht willst, laß mich vorher sterben, sofort, hier... Das Leben ist nichts... aber gegen die Liebe zu dir zu fehlen... einer von denen zu sein... zu sehen und nicht...» Er ist so erregt, daß ihm sogar die Worte fehlen. Er legt sein Antlitz unter herben Tränen auf die Knie Jesu und weint, wie nur ein etwas rauher, alter und wenig an das Weinen gewöhnter Mann weinen kann, der von allzu vielen Gefühlen überwältigt wird.

Jesus legt ihm die Hände aufs Haupt, wie um diesen Schmerz zu mildern und die finsteren Gedanken zu zerstreuen, und tröstet: «Mein Freund, und du glaubst, daß der gerechte Herr, wenn du dich auch in jener Stunde nicht als vollkommen erweisen solltest, deine jetzige Liebe und dein jetziges Wollen nicht gegen deinen Fehler aufwiegen würde? Und fürchtest du, daß dieses goldene Lieben und Wollen weniger wiegen könnte als deine momentane Unvollkommenheit, daß es ungenügend wäre, um dir die Verzeihung Gottes zu erlangen und mit der Verzeihung alle Hilfe, um dich, meinen geliebten Petrus, wieder auf den rechten Weg zu bringen?»

«Laß mich sterben! Rette mich! Ich habe Angst!»

«Du bist mein Fels, Simon. Kann ich den Fels zerbröckeln, auf dem ich gründen werde, was mich auf Erden verewigen soll?»

«Ich bin dessen unwürdig, ich fühle es. Ich bin ein armer unwissender Mensch, ein Sünder. Alle schlechten Neigungen sind in mir. Ich bin nicht würdig, ich bin nicht würdig! Ich werde ein Verruchter sein, ein Mörder, von allem das Schlimmste... Laß mich sterben. Verstehe, daß wenn ich entdecken sollte, wer dich haßt ...»

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«Es ist eine ganze Welt, die mich haßt ' Simon. Man muß verzeihen ...»

«Ich spreche vom Hauptschuldigen. Einen Hauptschuldigen wird es geben und...»

«Es wird viele dieser Art geben, und alle werden ihre vorrangige Aufgabe haben ...»

«Welche Aufgabe? Jene... Oh! Laß es mich nicht aussprechen! Aber ich ...»

«Aber du mußt verzeihen wie ich und mit mir. Warum erregst du dich so und überlegst, was du tun könntest, um zu strafen? Überlaß dem Herrn diese Aufgabe. Du, liebe und verzeihe; habe Mitleid und verzeihe.

Sie, alle die, die deinem Jesus gegenüber schuldig sein werden, bedürfen so sehr der Hilfe, um Verzeihung zu erlangen!»

«Es gibt keine Verzeihung für sie.»

«Oh! Wie streng bist du mit den Brüdern, Simon! Ja, es gibt Verzeihung auch für sie, wenn sie sich bessern. Wehe, wenn all denen, die mich beleidigen, nicht verziehen werden könnte! Auf, steh auf, Simon. Sicherlich machen sich deine Gefährten noch größere Sorgen, da sie sehen, daß

auch ich nicht mehr in der Hürde bin. Doch auch wenn wir sie noch eine Weile leiden lassen, wollen wir beten, bevor wir zu ihnen zurückkehren.

Beten wir zusammen. Es gibt kein anderes Mittel, um Frieden, geistige Kraft, Liebe und Barmherzigkeit wiederzufinden... auch für uns selbst. Das Gebet vertreibt die Phantome Satans, läßt uns Gottes Nähe fühlen,

und mit Gott an der Seite kann man alles in Gerechtigkeit und mit Verdienst bewältigen und ertragen. Beten wir also, ich und du zusammen, hier auf diesem Berg, von dem aus man einen so großen Teil unseres Vaterlandes überblicken kann, so wie sich vor Moses auf dem Nebo das Gelobte Land ausbreitete. Wir sind glücklicher als er, denn wir können diesem Lande, das das Land des Gesalbten sein wird, das Wort und das Heil bringen. Ich zuerst, und dann du. Schau. Im letzten Licht des Abends sieht man noch die Berge von Judäa. Aber jenseits von ihnen liegt die Ebene, das Meer, dann andere Länder, die Welt... Sie, sie alle warten auf dich, Petrus. Sie erwarten dich, um zu erfahren, daß es einen wahren Gott gibt: einen Gott, der den Seelen, die im Dunkel des Heidentums und des Götzendienstes umhertaumeln, das wahre Licht gibt. Schau, das irdische Licht schwindet. Wie können sich die Wanderer in einer Nacht ohne Licht

orientieren? Sieh, dort ist der Polarstern. Er steigt schon herauf, um die Wanderer zu führen. Meine Religion wird der Stern sein, der die geistig

Wandernden auf dem Weg zum Himmel führt. Und du wirst so eins sein mit ihr, daß du ein Licht mit mir und meiner Lehre sein wirst, o mein Petrus, o mein gesegneter Fels. Beten wir für die Stunde, in der die Menschen gerettet werden durch meinen Namen. "Vater unser, der du bist im Himmel..."»

Er betet langsam das Vaterunser, während er Petrus an der Hand hält;

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und es scheint, als ob er ihn dem Vater empfehle, als er die Arme und die Hände erhebt und dabei in seiner Rechten die Linke des Petrus hält.

«Und nun steigen wir hinab und lassen die unnütze Traurigkeit und die unnützen Sorgen über die Zukunft hier zurück. Zusammen mit dem täglichen Brot wird uns der Vater morgen und alle Tage seine Hilfe erweisen. Bist du davon überzeugt, Simon?»

«Ja, Meister, ich glaube es», sagt Petrus fest. Sein Antlitz ist jetzt nicht mehr verwirrt, sondern ernst, wie es seit wenigen Monaten immer ist, so daß er ein anderer zu sein scheint. Er ist nicht mehr der rauhe, widerspenstige Fischer, der er in den ersten zwei Jahren war.

Sie gehen hinunter, Jesus voran, Petrus mit seinem Bündel hinterher, und schon fast beim ersten Haus der Ortschaft treffen sie die aufgeregten Apostel.

«Aber wo bist du denn hingegangen?» rufen sie Petrus zu.

«Wir wären schon längst hier gewesen, aber ich habe mich mit ihm im Gespräch aufgehalten, während wir nach Gerasa blickten ...» antwortet Jesus für ihn.

Sie biegen rechts ab zu einem halb verfallenen Schafstall. Hinter einem ebenfalls halb eingefallenen und im übrigen wackeligen, morschen Bretterzaun steht ein schlecht gedecktes Schutzdach, das auf drei Seiten von einer groben Mauer getragen wird und auf der vierten mit einer Bretterwand nur mangelhaft verschlossen ist. Drinnen ist nichts als etwas Stroh am Boden und eine einfache Feuerstätte in einer Ecke.

Ich vermute, daß man sie im Dorf nicht aufgenommen hat und sie sich deshalb hierher geflüchtet haben.

551. JESUS SPRICHT MIT THADDÄUS UND

JAKOBUS DES ZEBEDÄUS

«Aber willst du wirklich diesen Weg einschlagen? Das scheint mir aus vielen Gründen unklug zu sein ...» wendet Iskariot ein.

«Warum? Sind sie nicht aus dieser Gegend bis nach Kapharnaum zu mir gekommen, um Heilung und Weisheit zu erlangen? Sind nicht auch sie Geschöpfe Gottes?»

«Ja... aber... es ist nicht ratsam für dich, so nahe an die Burg Machaerus heranzukommen. Es ist ein für die Feinde des Herodes gefährliches Gebiet.»

«Machaerus ist noch weit entfernt und ich habe keine Zeit, bis dorthin zu gehen. Ich möchte nach Petra und noch weiter... Aber ich werde nur halb so weit kommen, oder noch weniger. Aber gehen wir auf jeden Fall ...»

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«Joseph hat dir geraten ...»

«Auf bewachten Straßen zu bleiben. Dies ist gerade der Weg von Transjordanien, den die Römer stark bewachen. Ich bin nicht feige, Judas, und auch nicht unklug.»

«Ich würde mich nicht hintrauen und mich auch nicht von Jerusalem entfernen. Ich ...»

«Aber laß ihn doch machen, den Meister. Er ist der Meister, und wir sind seine Jünger. Wann hat man je gesehen, daß der Schüler dem Meister

einen Rat erteilt?» sagt Jakobus des Zebedäus.

«Wann? Es ist noch nicht lange her, daß dein Bruder dem Meister gesagt hat, nicht nach Achor zu gehen, und er hat ihm Gehör geschenkt. Jetzt möge er auch mich anhören.»

«Du bist eifersüchtig und anmaßend. Wenn mein Bruder gesprochen hat und angehört wurde, so ist das ein Zeichen dafür, daß seine Worte gerechtfertigt waren und es verdienten, angehört zu werden. Es genügte,

Johannes damals anzusehen, um zu wissen, daß es richtig war, auf ihn zu hören.»

«Oh! Bei all seiner Weisheit war er nie imstande ihn zu verteidigen, und er wird es auch nie können. Hingegen ist es noch nicht lange her, daß ich es getan habe, als ich nach Jerusalem kam.»

«Da hast du nur deine Pflicht getan. Auch mein Bruder hätte es getan, und anders, denn er kann nicht einmal zu einem guten Zweck lügen, und darüber bin ich froh ...»

«Du beleidigst mich! Du nennst mich einen Lügner.»

«Soll ich dich vielleicht aufrichtig nennen, weil du geschickt gelogen hast und ohne die Farbe zu wechseln?»

«Ich habe es getan ...»

«Ja, ich weiß. Ich weiß! Um den Meister zu retten. Aber so etwas gilt bei mir nicht, und bei keinem von uns. Uns gefällt die einfache Antwort des Alten besser. Wir ziehen es vor, zu schweigen, töricht genannt und auch mißhandelt zu werden, als zu lügen; denn man beginnt damit zu einem guten Zweck und endet mit einem üblen Zweck.»

«Ein schlechter Mensch, ja. Ich nicht. Einer, der töricht ist. Ich nicht.»

«Nun ist's genug! Obwohl jeder recht hat, endet ihr damit, im Unrecht zu sein; auf andere Art, als ihr es euch gegenseitig vorwerft, denn euer Unrecht besteht darin, daß ihr gegen die Liebe fehlt... Was ich über die Aufrichtigkeit denke, wißt ihr alle. Was ich von eurer Liebe fordere, wißt ihr auch. Gehen wir. Diese eure Streitereien sind mir unangenehmer als die Schmähungen der Feinde.»

Jesus, offensichtlich beunruhigt, beginnt schnell und allein vorauszugehen auf einer Straße, die man, auch ohne Archäologe zu sein, als von den Römern gebaut erkennt. Sie führt nach Süden, fast geradeaus, soweit das Auge reicht, zwischen zwei recht ansehnlichen Bergketten. Es ist eine

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eintönige und wegen der Wälder, die sie säumen und den Horizont verbergen, düstere Straße, aber sie ist in gutem Zustand. Von Zeit zu Zeit führt eine römische Brücke über Bergbäche oder Flüßchen, die gewiß dem Jordan oder dem Toten Meer zu fließen. Ich kann es nicht genau sagen, denn die Berge hindern mich, nach Westen zu schauen, wo der Fluß und das Meer liegen müssen. Auf der Straße die eine oder andere Karawane, die vielleicht vom Roten Meer heraufkommt und wer weiß wohin zieht mit vielen Kamelen, Kameltreibern und Kaufleuten offensichtlich anderer Rasse als der hebräischen.

Jesus geht immer allein voraus. Hinter ihm, in zwei Gruppen, die Apostel, die sich miteinander unterhalten. Als erste die Galiläer, dahinter die Judäer mit Andreas, Johannes und zwei Jüngern, die sich ihnen angeschlossen haben. Von den beiden Gruppen versucht die eine Jakobus zu trösten, der ziemlich niedergeschlagen ist wegen des Tadels des Meisters. Die andere versucht Judas dazuzubringen, nicht immer so eigensinnig und angriffslustig zu sein. Und beide Gruppen sind sich darin einig, daß sie den beiden Getadelten raten, zum Meister zu gehen und Frieden mit ihm zu schließen.

«Ich? Ich gehe sofort. Ich weiß, daß ich recht habe. Ich weiß, was ich tue. Nicht ich war es, der etwas Böses angedeutet hat. Ich gehe», sagt Iskariot. Keck, unverschämt, würde ich sagen. Er beschleunigt den Schritt, um Jesus einzuholen. Ich frage mich wieder einmal, ob er schon damals bereit war, Jesus zu verraten, und sich bereits mit seinen Feinden verschworen hatte...

Jakobus hingegen, im Grund der weniger Schuldige, ist so niedergeschlagen darüber, dem Meister Schmerz bereitet zu haben, daß er nicht den Mut hat, zu ihm nach vorne zu gehen. Er schaut ihn an, seinen Meister, der nun mit Judas spricht... Er betrachtet ihn, und auf seinem Antlitz ist das Verlangen nach einem Wort der Verzeihung zu lesen. Aber gerade seine aufrichtige, beständige, starke Liebe läßt ihm seinen Fehler unverzeihlich erscheinen.

Jetzt haben sich die beiden Gruppen zusammengeschart, und auch Simon der Zelote, Andreas, Thomas und Jakobus sagen: «Aber geh doch! Als ob du ihn nicht kennen würdest! Er hat dir ja schon verziehen!» Und mit viel Scharfsinn legt der alte, weise Bartholomäus die Hand auf die Schulter des Jakobus und sagt: «Ich sage dir: um keinen neuen Sturm zu entfachen, hat er euch beide gleicherweise getadelt. Aber in seinem Herzen hat er nur Judas gemeint.»

«So ist es, Tholmai! Mein Bruder bringt übermenschliche Geduld auf im Ertragen dieses Menschen, den er auf den rechten Weg zurückführen will, und er wird nie müde, uns überzeugen zu wollen, daß Judas so ist... wie wir sind. Er ist der Meister, und ich... bin ich... Aber wenn ich er wäre, oh, dann wäre der Mann von Kerioth nicht bei uns», sagt Thaddäus, und seine herrlichen Augen, die an die des Herrn erinnern, blitzen.

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«Glaubst du? Hast du einen Verdacht? Welchen?» sagen mehrere.

«Nichts. Nichts Bestimmtes. Aber dieser Mann gefällt mir nicht.»

«Er hat dir nie gefallen, Bruder. Eine unbegründete Abneigung, die von der ersten Begegnung herstammt. Du hast es mir einmal gestanden. Das ist gegen die Liebe. Du solltest sie überwinden, wenn auch nur, um Jesus eine Freude zu bereiten», sagt ruhig und überzeugend Jakobus des Alphäus.

«Du hast recht, aber... es gelingt mir nicht. Komm, Jakobus, gehen wir zusammen zu meinem Bruder.» Und Judas des Alphäus nimmt Jakobus des Zebedäus energisch am Arm und zieht ihn mit sich.

Judas hört sie kommen, dreht sich um und sagt etwas zu Jesus. Jesus bleibt stehen und erwartet sie. Judas betrachtet den gedemütigten Apostel mit boshaftem Blick.

«Entschuldige, laß uns einen Augenblick allein. Ich muß mit meinem Bruder sprechen», sagt Thaddäus höflich, aber in sehr trockenem Ton.

Iskariot lächelt ein wenig und entfernt sich dann mit einem Achselzucken, um sich den anderen anzuschließen.

«Jesus, wir sind Sünder ...» sagt Judas Thaddäus.

«Ich bin ein Sünder, nicht du», murmelt Jakobus mit geneigtem Haupt.

«Wir sind Sünder, Jakobus, denn was du getan hast, habe ich gedacht und dir in meinem Herzen zugestimmt. Daher bin auch ich ein Sünder. Denn meinem Herzen entspringt das Urteil gegen Judas, das meine Liebe befleckt... deshalb habe auch ich gesündigt... Jesus, sagst du deinen Jüngern, die ihre Sünde bekennen, nichts?»

«Was soll ich sagen, was ihr nicht schon wißt? Ändern meine Worte etwa euer Benehmen gegenüber eurem Kameraden?»

«Nein, wie auch er sich nicht ändert durch die Worte, die du ihm sagst», antwortet er aufrichtig für sich und im Namen der anderen seinem Vetter.

«Laß sein, Judas, laß sein! Ich habe gefehlt. Um mich geht es, und um mich muß ich mich kümmern, nicht um andere. Meister, beunruhige dich nicht meinetwegen ...»

«Jakobus, ich möchte von dir und von allen nur eines. Ich leide so viel wegen der Verständnislosigkeit, der ich begegne... wegen so viel hartnäckigen Widerstandes. Ihr seht es ja... Für jeden Ort, der mir Freude bereitet, stehen drei, die es nicht tun und mich wie einen Übeltäter vertreiben. Aber dieses Verständnis und diese Anhänglichkeit, die die anderen mir nicht entgegenbringen, möchte ich wenigstens von euch erfahren. Daß die Welt mich nicht liebt, daß ich das Gefühl habe zu ersticken bei all diesem Haß, dieser Abneigung, dieser Feindseligkeit und diesen Verdächtigungen, die mich umgeben, bei den Häßlichkeiten aller Art, der Selbstsucht und all dem, was nur meine unendliche Liebe zum Menschen mich ertragen läßt, ist schmerzlich; aber ich kann es noch mit Duldsamkeit

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ertragen. Ich bin gekommen, dies zu erleiden von denen, die das Heil hassen. Aber ihr! Nein, das ertrage ich nicht! Daß ihr unfähig seid, einander zu lieben und mich zu verstehen. Daß ihr meinen Geist nicht annehmt und euch nicht bemüht zu tun, was ich tue.

Glaubt ihr denn, könnt ihr wirklich alle glauben, daß ich die Fehler des Judas nicht sehe, daß mir irgend etwas von ihm unbekannt ist? Oh! Seid überzeugt, daß es nicht so ist. Doch wenn ich im Geiste vollkommene Wesen um mich haben wollte, hätte ich die Engel Fleisch annehmen lassen und mich mit ihnen umgeben. Ich hätte es tun können. Wäre das aber wirklich gut gewesen? Nein. Es wäre Selbstsucht und Verachtung meinerseits gewesen. Ich wäre dem Schmerz entgangen, den mir eure Unvollkommenheiten bereiten, und ich hätte die Menschen verachtet, die mein Vater erschaffen und so sehr geliebt hat, daß er mich gesandt hat, um sie zu retten. Was die Menschen angeht, wäre es ein Schaden für die Zukunft gewesen. Wenn ich nach Vollendung meiner Sendung mit meinen Engeln wieder in den Himmel zurückgekehrt wäre, was und wer wäre dann auf Erden zurückgeblieben, um meine Mission fortzusetzen? Welcher Mensch hätte die Kraft besessen, das zu tun, was ich sage, wenn nur ein Gott und Engel das Beispiel eines neuen, vom Geiste geleiteten Lebens gegeben hätten? Es war notwendig, daß ich mich in Fleisch kleide, um den Menschen zu überzeugen, daß er, wenn er will, in jeder Weise keusch und heilig sein kann. Und ich mußte Menschen wählen, die mit ihrem Geist dem Aufruf meines Geistes Folge leisten, ohne Rücksicht darauf, ob sie nun reich oder arm, gelehrt oder unwissend, Städter oder Dorfbewohner waren. Ich mußte sie nehmen, so wie ich sie fand, und mit Hilfe meines und ihres Willens langsam Meister für andere Menschen aus ihnen machen.

Der Mensch kann dem Menschen glauben, dem Menschen, den er sieht. Denn für den Menschen, der so tief gefallen ist, ist es schwierig, einem Gott zu glauben, den er nicht sieht. Die Blitze auf dem Sinai hatten noch nicht aufgehört zu leuchten, und schon frönte man am Fuße des Berges dem Götzendienst... Moses, dessen Antlitz man nicht anzuschauen vermochte, war noch nicht gestorben, und schon sündigte man gegen das Gesetz. Aber wenn ihr einst, in Meister umgewandelt, als Beispiel, als Zeugnis, als Sauerteig unter den Menschen sein werdet, dann können sie nicht mehr sagen: "Das sind zu den Menschen herabgestiegene Wesen, und wir können sie nicht nachahmen." Sie werden sagen müssen: "Das sind Menschen wie wir. Sie unterliegen denselben Instinkten und Trieben wie wir, aber sie wissen diesen Instinkten und Trieben zu widerstehen und sie reagieren ganz anders als wir in unserer Roheit." Und sie werden sich überzeugen, daß der Mensch sich vergöttlichen kann, wenn er nur den Willen hat, auf den Wegen Gottes zu wandeln. Beobachtet die Heiden und die Götzendiener. Ihr ganzer Olymp und all ihre Götzen, machen sie

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sie etwa besser? Nein. Denn wenn sie ungläubig sind, sagen sie, daß ihre Götter Hirngespinste sind, und wenn sie gläubig sind, denken sie: "Sie sind Götter, und wir sind Menschen! Und sie geben sich keine Mühe, sie nachzuahmen. Ihr aber sollt euch bemühen, so zu werden, wie ich bin. Habt keine Eile. Der Mensch entwickelt sich langsam vom vernunftbegabten Lebewesen zum geistigen Wesen. Habt Verständnis und Nachsicht füreinander! Niemand, außer Gott, ist vollkommen.

Nun ist alles vorbei, nicht wahr? Arbeitet mit festem Willen an euch und tut es Simon des Jonas nach, der in weniger als einem Jahr Riesenfortschritte gemacht hat. Und doch... Wer von euch war mehr Mensch als Simon mit allen Mängeln einer an das Irdische gebundenen Menschlichkeit?»

«Es ist wahr, Jesus. Dieser Mann ist Gegenstand meines beständigen Studiums und meiner Bewunderung», bekennt Thaddäus.

«Ja, ich bin seit unserer Kindheit mit ihm zusammen. Ich kenne ihn, als ob er mein Bruder wäre. Aber jetzt habe ich einen ganz neuen Simon vor mir. Ich muß gestehen, daß ich damals, und nicht nur ich allein, als du ihn zu unserem Haupt ernannt hast, sehr verblüfft war. Er schien mir der am wenigsten Geeignete von allen zu sein. Simon, im Vergleich zum anderen Simon und zu Nathanael! Simon, im Vergleich zu meinem Bruder und zu deinen Brüdern! Vor allem diese fünf. Er schien mir wirklich ein Fehlgriff zu sein... Jetzt bekenne ich, daß du recht gehabt hast.»

«Und ihr seht nur die Oberfläche des Simon, ich aber sehe in die Tiefe. Um vollkommen zu sein, hat er noch viel zu tun und zu leiden. Doch wie glücklich wäre ich, wenn ihr alle seinen guten Willen hättet, seine Einfachheit, seine Demut und seine Liebe ...»

Jesus schaut vor sich hin. Er scheint irgend etwas zu sehen, wer weiß was. In Gedanken versunken lächelt er bei dem, was er sieht. Dann senkt er seinen Blick auf Jakobus und lächelt ihm zu.

«Also... Hast du mir verziehen?»

«Ich wollte, ich könnte allen so verzeihen wie dir... Schau, diese Stadt muß wohl Hesbon sein. Der Mann hat gesagt: "Nach der Brücke mit den drei Bögen kommt die Stadt." Warten wir auf die anderen, damit wir alle zusammen die Stadt betreten können.»

552. JESUS UND DER MANN AUS PETRA BEI HESBON

Ich sehe die Stadt Hesbon nicht. Jesus und die Seinen verlassen sie bereits, und in den Gesichtern der Apostel lese ich, daß es ein Mißerfolg gewesen ist. In einer Entfernung von einigen Metern folgt ihnen, oder vielmehr, werden sie verfolgt von einer schreienden, drohenden Schar...

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«Diese Orte um das Salzmeer herum sind verflucht wie das Meer selbst», sagt Petrus.

«Dieser Ort ist genauso wie zur Zeit Moses, und du bist viel zu gut, um ihn zu bestrafen, wie es damals geschah. Aber hier wäre es am Platz. Man sollte sie durch die Mächte des Himmels und der Erde unterjochen, alle, bis zum letzten Mann und zum letzten Ort», sagt Nathanael aufgeregt und mit einem Blitzen des Unmuts in seinen tiefliegenden Augen. Die jüdische Rasse macht sich stark bemerkbar bei dem hageren, alten Apostel in seinem heftigen Unwillen. In diesem Augenblick ähnelt er vielen der Rabbis und Pharisäer, die Jesus immer widersprechen.

Dieser wendet sich um und erhebt seine Hand mit den Worten: «Friede! Friede! Auch sie werden noch von der Wahrheit angezogen werden. Aber dazu gehört Friede. Mitleid muß man mit ihnen haben. Wir sind noch nie hierher gekommen, und sie kennen uns nicht. Auch andere Orte waren das erste Mal so und haben sich dann geändert.»

«Es kommt daher, daß es Orte sind wie Masada. Sie sind verkauft! Kehren wir zum Jordan zurück», drängt Petrus.

Aber Jesus geht auf der Militärstraße, die sie nun wieder eingeschlagen haben, weiter nach Süden. Die am meisten gegen ihn Aufgebrachten verfolgen ihn immer noch und lenken die Aufmerksamkeit der Vorüberziehenden auf sich.

Ein reicher Kaufmann, oder doch wenigstens einer, der für einen Kaufmann arbeitet und eine lange, nach Norden ziehende Karawane anführt, beobachtet erstaunt die Szene und hält sein Kamel an. Und mit dem seinen bleiben auch alle anderen stehen. Er schaut Jesus an, schaut die Apostel an, die so wehrlos und gutartig aussehen, dann schaut er die schreienden, drohenden Menschen, die ihnen folgen, an und befragt die letzteren neugierig. Seine Worte höre ich nicht, aber das als Antwort geheulte: «Es ist der verfluchte Nazarener, der Verrückte, der Besessene. Wir wollen ihn nicht in unseren Mauern haben!»

Der Mann fragt nicht weiter, wendet sein Kamel um, ruft einem der Seinen, der ihm nahe gefolgt ist, etwas zu und treibt sein Tier an, das in wenigen Sätzen die Apostel erreicht. «Im Namen eures Gottes, wer von euch ist Jesus von Nazareth?» fragt er die Apostel Matthäus, Philippus, Simon den Zeloten und Isaak, die das letzte Grüppchen bilden.

«Warum fragst du das? Willst auch du ihn belästigen? Genügt es nicht, wenn es schon seine Landsleute tun? Willst auch du dich noch einmischen?» fragt Philippus ziemlich beunruhigt.

«Ich bin besser als sie. Und bitte um Gnade. Weist mich nicht ab. Ich bitte euch im Namen eures Gottes.»

Irgend etwas in der Stimme des Mannes überzeugt die vier, und Simon antwortet: «Der erste ganz vorne zwischen den beiden jüngeren Männern.»

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Der Mann treibt erneut sein Tier an, denn Jesus, der vorher schon vorausgegangen ist, hat während des kurzen Gespräches, das er nicht gehört hat, wieder ein gutes Stück Weg zurückgelegt.

«Herr, höre einen Unglücklichen an...» sagt er, als er ihn erreicht hat.

Jesus, Johannes und Margziam wenden sich verwundert um.

«Was willst du?»

«Ich bin aus Petra, Herr. Und bringe für Rechnung anderer Waren, die vom Roten Meer kommen, nach Damaskus. Ich bin nicht arm, aber es ist mir, als wäre ich es. Ich habe zwei Kinder, Herr, die an einem Augenleiden

erkrankt und nun erblindet sind. Eines, das erste, das erkrankte, ist vollständig blind, und das andere wird es auch bald sein, denn sein Augenlicht ist schon sehr schwach. Die Ärzte wirken keine Wunder, aber du wohl.»

«Woher weißt du das?»

«Ich kenne einen reichen Kaufmann, der dich kennt. Er macht immer bei mir halt. Manchmal arbeite ich auch für ihn. Als er meine Kinder sah, sagte er: "Nur Jesus von Nazareth könnte sie heilen. Suche ihn auf" Ich hätte dich gesucht, aber ich habe wenig Zeit und muß mich an die für die Transporte geeignetsten Wege halten.»

«Wann hast du Alexander gesehen?»

«Zwischen euren beiden Festen im Frühling. Seither habe ich noch zwei weitere Reisen unternommen, aber ich bin dir nie begegnet. Herr, habe Erbarmen mit mir!»

«Mann, ich kann nicht nach Petra gehen, und du kannst die Karawane nicht alleinlassen ...»

«Doch, ich kann es. Arisa ist zuverlässig. Ich schicke ihn langsam voraus und eile selbst nach Petra. Mein Kamel ist schneller als der Wüstenwind und geschmeidiger als eine Gazelle. Ich hole die Kinder und einen anderen treuen Diener und bin gleich wieder bei dir. Du heilst sie... Oh,

gib ihren schwarzen Augensternen, die nun von dichten Nebeln verdunkelt sind, das Licht wieder! Ich will dann weiterreisen, während sie zur Mutter zurückkehren. Ich sehe, daß du weitergehst, Herr. Wohin führt dich deine Reise?»

«Ich bin auf dem Weg nach Dibon ...»

«Geh nicht dorthin. Es ist voll von ... von denen aus Machaerus. Ver-

fluchte Orte, Herr. Verweigere dich nicht den Unglücklichen, Herr, um dich den Verfluchten zu geben.»

«Genau das, was ich gesagt habe», brummt Bartholomäus in seinen Bart, und viele geben ihm recht.

Sie haben sich nun alle um Jesus und den Mann aus Petra versammelt. Die Bewohner von Hesbon hingegen treten den Rückzug an, da sie sehen,

daß die Karawane den Verfolgten wohlgesinnt ist. Die Karawane selbst steht still und wartet auf das Ergebnis der Unterredung und auf einen Befehl.

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«Mann, wenn ich die Städte im Süden nicht besuchen kann, gehe ich wieder nach Norden. Und es ist nicht gesagt, daß ich dich erhöre.»

«Ich weiß, daß ich für euch von Israel ein Verworfener bin. Ich bin ein Unbeschnittener und verdiene keine Erhörung. Aber du bist der König der Welt, und in der Welt sind auch wir.»

«Das ist es nicht. Es ist... wie kannst du glauben, daß mir gelingt, was den Ärzten nicht gelungen ist?»

«Weil du der Messias Gottes und sie nur Menschen sind. Du bist der Sohn Gottes. Misaze hat es mir gesagt, und ich glaube ihm... Du kannst alles tun, auch für einen Armen wie ich es bin.» Aus seiner Antwort klingt volle Überzeugung, und der Mann bestätigt sie dadurch, daß er zu Boden gleitet, ohne das Kamel niederknien zu lassen, und sich vor Jesus in den Staub wirft.

«Dein Glaube ist größer als der Glaube vieler. Geh hin. Weißt du, wo der Berg Nebo ist?»

«Ja, Herr. Der Berg dort ist der Nebo. Auch wir kennen Moses. Er ist groß. Zu groß, um uns nicht bekannt zu sein. Aber du bist größer. Im Vergleich zu Moses bist du wie ein Berg gegenüber einem Felsen.»

«Geh nach Petra. Ich werde dich auf dem Nebo erwarten ...»

«Am Fuße des Berges ist ein Dorf für die Besucher des Nebo mit Herbergen... In spätestens zehn Tagen kann ich dort sein. Ich werde das Tier zur Eile antreiben, und wenn der, der dich sendet, mich beschützt, werde ich nicht in einen Sturm geraten.»

«Geh und kehre so schnell als möglich zurück. Ich muß noch anderswohin gehen ...»

«Herr, ich ... bin nicht beschnitten. Mein Segen ist für dich eine Schmach, doch der eines Vaters ist es nie. Ich segne dich und gehe.»

Er nimmt ein silbernes Pfeifchen und pfeift dreimal. Der Mann an der Spitze der Karawane kommt im Galopp herbei. Sie sprechen miteinander und verabschieden sich. Dann kehrt der Mann zur Karawane zurück, die sich nun in Bewegung setzt. Der andere besteigt wieder sein Kamel und reitet im Galopp nach Süden. Jesus und die Seinen setzen ihren Weg fort.

«Gehen wir wirklich zum Nebo?»

«Ja. Wir werden statt der Städte die Hänge der Abarim-Berge aufsuchen. Dort sind viele Hirten. Sie werden uns den Weg zum Berg Nebo zeigen können, und wir weisen ihnen den Weg zum Berg Gottes. Dann bleiben wir dort einige Tage, wie wir es auf den Bergen von Arbela und beim Kerith gemacht haben.»

«Oh, das wird schön sein! Dort werden wir besser werden. Immer, wenn wir solche Orte verlassen haben, sind wir danach stärker und besser geworden», sagt Johannes.

«Und du wirst uns von all dem erzählen, woran der Nebo erinnert. Bruder, weißt du noch, als wir noch Kinder waren und du eines Tages Moses

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spieltest, der vor seinem Tode Israel segnete?» sagt Judas des Alphäus. «Ja, und deine Mutter erschrak, als sie dich auf dem Boden ausgestreckt sah wie einen Toten! Jetzt gehen wir wirklich zum Nebo», sagt Jakobus des Alphäus.

«Und du wirst Israel segnen, du, der wahre Führer des Gottesvolkes!»ruft Nathanael aus.

«Aber du stirbst uns nicht. Du wirst nie sterben, nicht wahr, Meister?»fragt Judas von Kerioth mit einem eigenartigen Lächeln.

«Ich werde sterben und auferstehen, wie es geschrieben steht. Viele Menschen werden tot sein an jenem Tag, ohne gestorben zu sein. Und während die Gerechten auferstehen werden, auch wenn sie schon seit Jahren tot sind, werden die nur im Fleische Lebenden, im Geiste aber an jenem Tag endgültig Toten, nicht auferstehen. Hüte dich davor, nicht zu diesen zu gehören.»

«Und du, hüte dich davor, andere hören zu lassen, daß du auferstehen wirst. Man hält es für eine Gotteslästerung», erwidert Judas Iskariot.

«Es ist die Wahrheit. Und ich sage sie.»

«Was für einen Glauben hat jener Mann! Und dieser Misaze!» sagt der Zelote, um sie auf ein anderes Thema zu bringen.

«Aber wer ist denn Misaze?» fragen die, die im vergangenen Jahr nicht an der Reise nach Transjordanien teilgenommen haben. Dann entfernen sie sich im Gespräch über diese Dinge, während Jesus, Margziam und Johannes das zuvor unterbrochene Gespräch wieder aufnehmen.

553. DER ABSTIEG VOM BERG NEBO

«Ich werde immer mit Sehnsucht an diesen Berg und diesen Frieden im Herrn denken», sagt Petrus, während sie auf einer ziemlich unwegsamen Seite des Berges ins Tal hinabsteigen.

Sie befinden sich in einer sehr hohen Bergkette. Gegen Osten, jenseits des Tales und auch im Süden erheben sich weitere Berge, und im Norden noch höhere. Im Nordwesten sehe ich das grüne Tal des Jordan, der ins Tote Meer mündet. Im Westen zunächst das dunkle Meer, und dann die unfruchtbare Felswüste, nur von der herrlichen Oase Engedi unterbrochen, und die Berge von Judäa. Ein beeindruckendes, weit ausgedehntes Panorama. Das Auge kann hinschauen, wo es will, und beim Anblick von so viel üppiger Vegetation, die man bewohnt weiß oder vermutet, den düsteren, selbst in der Sonne dunklen Asphaltsee, ohne Segel, ohne Leben, mit seiner traurigen flachen, langen Halbinsel, die sich vom Ostufer bis fast in die Mitte des Sees erstreckt vergessen. Aber was für Pfade führen ins Tal! Nur wilde Tiere können sich auf diesen Pfaden wohlfühlen. Und

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wenn man sich nicht an Ästen und Büschen festhalten könnte, wäre es unmöglich, vom Gipfel hinabzusteigen, was Iskariot zum Spotten veranlaßt.

«Und doch würde ich gerne wieder einmal hierher zurückkommen», erwidert Petrus.

«Dann hast du einen besonderen Geschmack. Dieser Ort hier ist noch schlimmer als der erste und der zweite.»

«Aber nicht schlimmer als der Ort, an dem sich unser Meister auf die Verkündigung der Frohen Botschaft vorbereitet hat», entgegnet Johannes.

«Ja, für dich ist immer alles schön... !»

«Ja. Alles, was meinen Meister umgibt, ist schön und gut, und ich liebe es.»

«Paß auf, zu diesem Alles gehöre auch ich... und oft sind zudem Pharisäer, Sadduzäer, Schriftgelehrte und Herodianer da... Liebst du auch sie?»

«Er liebt sie.»

«Und du, ha, ha, ha! Du machst es wohl wie er? Doch er ist er, und du bist du. Ich weiß nicht, ob du immer lieben können wirst, du, der du schon bleich wirst, wenn du nur von Verrat und Tod reden hörst oder jemanden siehst, der so etwas tun will.»

«Ein Zeichen, daß ich noch sehr unvollkommen bin, wenn ich mich aufrege aus Angst um ihn und aus Unwillen über die Bösewichter.»

«Ah! Du regst dich also auch aus Unwillen auf? Das hätte ich nicht gedacht... Wenn du nun eines Tages sehen müßtest, daß jemand wirklich dem Meister schadet, was würdest du dann tun?»

«Ich? Das fragst du mich? Im Gesetz steht: "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Meine Hände würden sich wie eine Zange um seinen Hals legen.»

«Oh, oh! Er sagt, man müsse verzeihen! Ist dies das Ergebnis deiner Betrachtung?»

«Laß mich in Ruhe, du Störenfried! Warum versuchst und verwirrst du mich? Was hast du in deinem Herzen? Ich wollte, ich könnte darin lesen ...»

«Wer die Wasser des Toten Meeres erforscht, dem eröffnet sich nicht das Geheimnis ihrer Tiefen. Diese Wasser sind wie ein Grabstein über der Verwesung, die sie unter sich begraben haben», sagt hinter ihrem Rücken Bartholomäus, der hinter allen anderen zurückgeblieben ist. Diese gehen mehr oder weniger voraus und haben nichts gehört. Bartholomäus hingegen hat sie gehört und mischt sich mit einem mahnenden Blick in das Gespräch der beiden ein.

«Oh, der weise Tholmai! Aber du willst doch wohl nicht sagen, daß ich dem Salzmeer gleiche?»

«Ich habe nicht mit dir, sondern mit Johannes gesprochen. Komm mit mir, Sohn des Zebedäus. Ich werde dich nicht verwirren», und er nimmt

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Johannes am Arm, wie um Halt zu suchen, er, der Alte, bei dem behenden jungen Gefährten.

Judas bleibt allein zurück und macht hinter ihrem Rücken eine häßliche Gebärde des Zornes. Es scheint, als ob er sich selbst etwas schwöre oder drohe...

«Was wollte Judas sagen, und was wolltest du sagen?» fragt Johannes den schon alten Nathanael.

«Denke nicht daran, mein Freund. Denken wir lieber an all das, was uns der Meister in diesen Tagen erklärt hat. Wie gut wir nun Israel verstehen!»

«Das ist wahr. Aber ich begreife nicht, daß die Welt ihn nicht versteht.»

«Nicht einmal wir verstehen ihn vollständig, Johannes. Wir wollen ihn nicht verstehen. Siehst du nicht, wie schwer wir uns tun, seine messianische Idee anzunehmen?»

«Ja, in allem glauben wir ihm blindlings, nur in diesem Punkt nicht. Du, der du gelehrt bist, kannst du mir den Grund dafür angeben? Wir,

die wir die Rabbis für begriffsstutzig halten, was Christus betrifft, warum gelangen nicht einmal wir zu dieser vollkommenen Idee vom geistigen Königtum des Messias?»

«Ich habe es mich oft selbst gefragt; denn ich möchte zu dem gelangen,

was du eine vollkommene Idee nennst. Und ich glaube mich damit zufriedengeben zu können, daß ich mir selbst sage, daß das, was sich in uns wehrt – die wir doch bereit sind, ihm nicht nur in Person und in seiner Lehre, sondern auch geistig zu folgen – diese Idee zu akzeptieren, all die Jahrhunderte sind, die wir hinter uns haben... und die in uns stecken. In

uns. Verstehst du? Schau nach Osten, Süden und Westen. Jeder Stein ist mit einer Erinnerung verbunden und hat einen Namen. Jeder Fels, jede Quelle, jeder Pfad, jedes Dorf oder Schloß, jede Stadt, jeder Fluß und jeder Berg, woran erinnern sie uns? Was wollen sie uns mitteilen? Das Versprechen eines Erlösers. Die Barmherzigkeit Gottes gegen sein Volk. Wie Öltropfen aus einem löcherigen Schlauch, so breitete sich mit Abraham die ursprünglich kleine Gruppe, der Kern des künftigen Volkes Israel über die Welt bis zum fernen Ägypten aus. Dann kehrte sie, immer zahlreicher geworden und mit dem Reichtum immer umfassenderer und sichererer Versprechen und Zeichen der Väterlichkeit Gottes, in das Land des Stammvaters Abraham zurück. Es wurde ein wahres Volk, denn es war ausgestattet mit einem Gesetz, heilig wie kein anderes. Aber was ist dann

geschehen? Das, was mit dem Gipfel dort geschehen ist, der noch vor kurzem in der Sonne erglänzte. Schau ihn jetzt an. Er ist in Wolken gehüllt, die sein Aussehen völlig verändern. Wenn man nicht wüßte, daß es derselbe Gipfel ist und daß man sich nach ihm richten muß, um den rechten Weg zu finden, würden wir ihn noch erkennen, jetzt, da Wolken ihn umgeben, die Bergrücken und Jochen gleichen? In uns ist dasselbe geschehen. Der

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Messias ist, was Gott unseren Vätern und den Patriarchen und Propheten gesagt hat. Unwandelbar. Aber das, was wir von dem Unsrigen hinzugefügt haben, um... ihn uns zu erklären mit unserer armseligen menschlichen Weisheit, das ist es, was uns einen Messias, eine so falsche ideelle Gestalt des Messias, geschaffen hat, daß wir den wahren Messias nicht mehr erkennen. Wir, mit den Jahrhunderten und Geschlechtern, die uns vorausgegangen sind, glauben an einen Messias, den wir uns selbst geschaffen haben, an einen Rächer, einen menschlichen, sehr menschlichen König, und es gelingt uns nicht, obwohl wir behaupten zu glauben, den Messias und König zu verstehen, wie er wirklich ist, wie ihn Gott versteht und gewollt hat. Das ist es, mein Freund!»

«Aber wird es uns dann nie gelingen, uns, wenigstens uns, den wahren Messias zu sehen, an ihn zu glauben und ihn zu wollen?»

«Es wird uns gelingen. Wenn wir das nicht erreichen könnten, hätte er uns nicht erwählt. Und wenn die Menschheit es nie fertigbrächte, aus dem Kommen des Messias Nutzen zu ziehen, hätte ihn der Allerhöchste nicht gesandt.»

«Aber er wird die Schuld wiedergutmachen auch ohne die Hilfe der Menschheit. Durch sein alleiniges Verdienst.»

«Mein Freund, schon die Erlösung von der Erbschuld wäre großartig. Aber nicht komplett. Denn des Menschen Seele ist nicht nur von der Erbsünde, sondern auch von individuellen Sünden befleckt. Und diese bedürfen, um abgewaschen zu werden, eines Erlösers und des Glaubens dessen, der zu ihm seine Zuflucht nimmt als zu seinem Heiland. Ich denke mir, daß die Erlösung fortdauern wird bis ans Ende der Zeiten. Christus wird keinen Augenblick untätig sein, nachdem er der Erlöser geworden ist und der Menschheit das Leben gegeben hat, das in ihm ist... so wie eine Quelle beständig jedem zu trinken gibt, der Durst hat, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, Jahrhundert für Jahrhundert. Und die Menschheit wird immer des Lebens bedürfen. Er kann nicht aufhören, es dem zu geben, der auf ihn hofft und an ihn glaubt mit Weisheit und Gerechtigkeit.»

«Du bist gelehrt, Nathanael. Ich bin ein armer ungebildeter Junge.»

«Du verwirklichst durch deinen geistigen Instinkt, was mir nur durch mühsame Gedankenarbeit gelingt: die Umwandlung von uns Israeliten in Christen. Aber du wirst schneller am Ziele sein, denn du liebst mehr als du nachdenkst, und es ist die Liebe, die dich führt und formt.

«Du bist gut, Nathanael. Wären wir doch alle wie du!» Johannes seufzt laut.

«Denk nicht daran, Johannes! Beten wir für Judas», sagt der alte Apostel, der den Seufzer des Johannes verstanden hat...

«Oh! Auch ihr seid da! Wir haben euch kommen sehen. Was habt ihr so viel miteinander zu reden?» fragt Thomas lächelnd.

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«Wir haben vom alten Israel gesprochen. Wo ist der Meister?»

«Er ist mit den Brüdern und Isaak vorausgegangen zu einem kranken Hirten. Er hat uns gesagt, wir sollen auf dieser Straße weitergehen bis zum Pfad, der auf den Gipfel führt.»

«Gehen wir also.»

Sie steigen nun auf einem weniger halsbrecherischen Weg hinab zu einem Saumpfad, der auf den Nebo führt. Einige Häuser stehen im Wald

verstreut. Etwas tiefer, fast im Tal, liegt ein wirkliches Dorf, strahlend weiß auf dem schon fast in die Ebene übergehenden Hang. Von dem Sträßchen, auf dem sie sich befinden, sehen sie Leute ins Dorf gehen.

«Sollen wir dort den Mann aus Petra erwarten?» fragt Petrus.

«Ja, das ist die Ortschaft. Hoffen wir, daß er schon angekommen ist. In diesem Fall setzen wir morgen den Weg zum Jordan fort. Ich weiß nicht, aber ich fühle mich hier gar nicht sicher», sagt Matthäus.

«Der Meister hat gesagt, daß wir noch viel weiter gehen», sagt Iskariot.

«Ja, aber ich hoffe, daß er sich vom Gegenteil überzeugen wird.»

«Aber wovor fürchtest du dich denn? Vor Herodes? Vor seinen Schergen?»

«Schergen gibt es nicht nur bei Herodes. Oh, da kommt der Meister!

Die Hirten sind zahlreich und glücklich. Sie sind gewonnen. Es sind Nomaden. Sie werden hingehen und die gute Nachricht verbreiten, daß der Messias in seinem Lande ist», sagt wiederum Matthäus.

Jesus ist mit einem Gefolge von Hirten und Herden bei ihnen angelangt.

«Gehen wir. Wir werden den Ort gerade noch im letzten Licht erreichen. Diese hier werden für Herberge sorgen. Sie sind bekannt.» Jesus ist glücklich, unter einfachen Menschen zu sein, die an den Herrn zu glauben wissen.

554. «DIE FINSTERNIS WEIST DAS LICHT AB»

Es ist ein schöner Herbstmorgen. Abgesehen von den gelben und roten

Blättern, die den Boden bedecken und an die Jahreszeit erinnern, ist das Gras so grün mit seinen Blümlein, die durch den Oktoberregen aus den wiedererwachten Wurzelstöcken hervorgesproßt sind, und die Luft, die

durch die teils schon entlaubten Ästen zieht, ist so ruhig, daß man auf den Gedanken kommen könnte, der Frühling sei angebrochen. Um so mehr,

als die immergrünen Bäume zwischen den anderen mit jährlich sich erneuernden Blättern, mit ihren jungen smaragdgrünen Blättchen an den Spitzen der Zweige eine fröhliche Note auch in die kahlen Äste der übrigen Bäume bringen und es aussieht, als ob diese die ersten Blättchen treiben

würden. Die Schafe kommen aus ihren Hürden und machen sich blökend mit den Lämmlein des Herbstwurfes auf den Weg zu den Weiden. Das Wasser des Brunnens am Eingang des Dorfes glänzt wie flüssiger Diamant unter dem Kuß der Sonne und erzeugt bei seinem Fall in das dunkle Becken ein vielfarbiges Glitzern vor einer im Laufe der Zeit geschwärzten Hauswand.

Jesus setzt sich auf ein Mäuerchen, das auf der einen Seite den Weg begrenzt, und wartet. Die Seinen und die Bewohner des Dorfes stehen um ihn herum, während die Hirten mit ihren Herden, um sich nicht zu weit zu entfernen, anstatt weiter hinaufzugehen sich auf beiden Seiten des Weges der Ebene verteilen.

Auf dem Weg, der vom Tal zum Nebo führt, kommt im Augenblick niemand.

«Wird er auch wirklich kommen?» fragen die Apostel.

«Er wird kommen, und wir werden auf ihn warten. Ich will nicht eine erwachende Hoffnung enttäuschen und einen künftigen Glauben zerstören», antwortet Jesus.

«Gefällt es euch nicht bei uns? Wir haben euch das Beste gegeben, was wir hatten», sagt ein Alter, der sich in der Sonne wärmt.

«Besser als anderswo, Vater. Und eure Güte wird von Gott belohnt werden», antwortet ihm Jesus.

«Dann sprich noch zu uns. Bisweilen kommen eifernde Pharisäer und hochmütige Schriftgelehrte hierher. Aber sie würdigen uns keines Wortes. Es ist recht so. Sie sind in ihrer Erhabenheit getrennt von... allem, und sie sind weise. Aber wir... Dürfen wir denn gar nichts wissen, weil das Schicksal uns hier hat zur Welt kommen lassen?»

«Im Haus meines Vaters gibt es weder Trennungen noch Unterschiede für jene, die zum Glauben an ihn gelangen und sein Gesetz befolgen. Dieses ist der Kodex seines Willens, damit der Mensch als Gerechter lebe und den ewigen Lohn in seinem Reich verdiene.

«Hört! Ein Vater hatte viele Söhne. Einige lebten in beständigem engem Kontakt mit ihm, andere lebten aus verschiedenen Gründen etwas weiter vom Vater entfernt. Da sie jedoch die Wünsche des Vaters kannten, konnten sie trotz der Entfernung, die sie von ihm trennte, so handeln, als wäre er zugegen. Wieder andere waren noch weiter entfernt und vom Tag ihrer Geburt an von Knechten, die andere Sprachen sprachen und andere Sitten hatten, aufgezogen worden; aber sie bemühten sich, dem Vater zu dienen, entsprechend dem Wenigen, das sie, mehr instinktiv als bewußt, als ihm wohlgefällig erachteten. Der Vater, der gar wohl wußte, daß seine Knechte sich trotz seiner Anordnungen nicht bemüht hatten, diesen entfernt lebenden Kindern seine Wünsche bekanntzumachen, da sie sie in ihrem Hochmut für minderwertig und ungeliebt hielten, nur weil sie nicht beim Vater wohnten, wollte eines Tages seine ganze Nachkommenschaft

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um sich versammeln und rief sie zu sich. Glaubt ihr nun, daß er nach den Richtlinien des menschlichen Rechtes urteilte und seine Güter nur an die

verteilte, die immer in seinem Haus gewesen waren oder doch wenigstens so nahe bei ihm gelebt hatten, daß die Entfernung sie nicht hinderte, seine Befehle und Wünsche kennenzulernen? Nein, er ging nach ganz anderen Grundsätzen vor und berücksichtigte die Taten derer, die aus Liebe zum Vater gerecht gewesen waren; dieses Vaters, den sie nur dem Namen nach kannten, den sie aber durch all ihre Handlungen geehrt hatten. Er ließ sie zu sich kommen und sprach: "Doppelt groß ist euer Verdienst, denn ihr seid einzig und allein durch euren guten Willen und ohne jegliche Hilfe gerecht gewesen. Kommt und schart euch um mich: es ist euer gutes Recht! Die Ersteren haben mich immer bei sich gehabt, und jede ihrer

Handlungen wurde geleitet von meinem Rat und belohnt mit meinem Lächeln. Ihr mußtet einzig im Glauben und in der Liebe handeln. Kommt, denn in meinem Haus ist euer Platz bereit. Seit langem ist er bereit, und

in meinen Augen besteht kein Unterschied zwischen denen, die immer in meinem Haus waren, und denen, die weit entfernt lebten. Unterschiedlich sind nur die Handlungen meiner Söhne, ob nahe oder fern von mir."

Dies ist das Gleichnis. Und die Auslegung ist folgende: Es könnte sein, daß die Schriftgelehrten und Pharisäer, die jetzt nahe beim Tempel leben, einst in der Ewigkeit nicht im Haus Gottes wohnen, und daß viele, die so weit entfernt leben, daß sie die Dinge Gottes nur in großen Zügen kennen,

einst in seinem Schoße sein werden. Denn was das Reich erlangen läßt, ist der gute Wille des Menschen, der nach dem Gehorsam gegenüber Gott strebt, und nicht die Unzahl von Praktiken und Weisheiten.

Tut daher, was ich euch gestern gesagt habe. Tut es ohne übermäßige, lähmende Furcht, und tut es ohne den berechnenden Hintergedanken, daß ihr dadurch der Strafe entgeht. Tut alles nur aus Liebe zu Gott, der euch erschaffen hat, um euch zu lieben und von euch geliebt zu werden; dann werdet ihr einen Platz im Haus des Vaters haben.»

«Oh, sprich noch weiter zu uns!»

«Was soll ich euch sagen?»

«Gestern hast du gesagt, daß es Opfer gibt, die Gott wohlgefälliger sind als die Lämmer und Widder, und daß es einen Aussatz gibt, der abscheulicher ist als der des Fleisches. Ich habe deine Gedanken nicht richtig verstanden», sagt ein Hirte und schließt mit den Worten: «Weißt du,

wie viele Opfer man bringen muß, bevor ein Lämmlein ein Jahr alt und das schönste der Herde ist, ohne Fehl und Makel, und weißt du, wie viele Versuchungen man überwinden muß, um es nicht zum Leithammel zu machen oder es als solchen zu verkaufen? Wenn man nun ein ganzes Jahr

solchen Versuchungen widersteht, sich um das Tier sorgt und mit dem Herzen an dieser Perle der Herde hängt, weißt du, welch ein Opfer und wie schmerzlich es dann ist, es darzubringen, und überdies keinen direkten

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Nutzen davon zu haben? Kann man dem Herrn ein größeres Opfer darbringen?»

«Lieber Mann, ich sage dir: Das Opfer besteht nicht in dem geopferten Tier, sondern in der Überwindung, die es dich gekostet hat, es aufzuziehen, um es zu opfern. Wahrlich, ich sage dir, der Tag wird kommen, an dem geschieht, was das eingegebene Wort verkündet, und Gott wird sagen: "Ich bedarf nicht der Opfer der Lämmer und der Böcke", und er wird ein einziges und vollkommenes Opfer verlangen. Von jener Stunde an wird jedes Opfer geistiger Art sein. Aber schon seit Jahrhunderten sagt Gott, weiches Opfer ihm am wohlgefälligsten ist. David ruft seufzend aus: "All die Opfer erfreuen dich nicht; wollte ich Brandopfer bringen, du nimmst sie nicht an. Mein Opfer, o Gott, ist ein reuiger Sinn (und ich füge hinzu: ein gehorsames und liebevolles Herz; denn man kann auch Opfer des Lobes, der Freude und der Liebe bringen, nicht nur Sühneopfer). Mein Opfer, o Gott, ist ein reuiger Sinn; ein Herz voll Demut und Reue wirst du, o Gott, nicht verschmähen." Nein, er verschmäht nicht einmal ein Herz, das gesündigt und bereut hat, dieser euer Vater. Wie wird er dann erst das Opfer eines reinen und gerechten Herzens, das ihn liebt, annehmen. Dieses ist das ihm wohlgefälligste Opfer: das tägliche Opfer, das der menschliche Wille dem göttlichen darbringt, der sich kundgibt im Gesetz, in den Eingebungen und in den täglichen Ereignissen. So ist nicht der Aussatz des Fleisches der beschämendste, der den Kontakt mit Menschen und heiligen Orten ausschließt, sondern der Aussatz der Sünde. Es ist wahr, daß die Menschen diesen letzteren oft übersehen. Aber lebt ihr für die Menschen oder für den Herrn? Endet alles hier auf Erden oder geht es weiter nach dem Tode? Ihr wißt es. Seid also heilig, um nicht Aussätzige zu sein in den Augen Gottes, der in die Herzen der Menschen schaut, und bewahrt die Reinheit des Geistes, um dereinst zu leben in Ewigkeit.»

«Und wenn jemand schwer gesündigt hat?»

«Dann soll er es nicht wie Kain machen, oder wie Adam und Eva. Er eile vielmehr zu Füßen Gottes, und bitte ihn in aufrichtiger Reue um Verzeihung. Ein Kranker, ein Verwundeter begibt sich zum Arzt, um geheilt zu werden. Ein Sünder gehe zu Gott, um Verzeihung zu erlangen. Ich ...»

«Du hier, Meister?» ruft einer, der auf dem Weg heraufkommt und ganz in seinen Mantel gehüllt und von vielen anderen umgeben ist.

Jesus wendet sich um und schaut ihn an.

«Erkennst du mich nicht? Ich bin Rabbi Sadok. Hier und da begegnen wir uns.»

«Die Welt ist immer klein, wenn Gott die Menschen einander begegnen lassen will. Wir werden uns nochmals begegnen. Indes, der Friede sei mit dir.»

Der andere erwidert den Friedensgruß nicht, sondern fragt: «Was tust du hier?»

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«Das, was du zu tun gedenkst, habe ich getan. Ist dir dieser Berg nicht heilig?

«Du sagst es. Und ich komme mit meinen Schülern hierher. Aber ich bin ein Schriftgelehrter.»

«Und ich bin ein Sohn des Gesetzes. Daher verehre ich Moses, wie du ihn verehrst.»

«Das ist eine Lüge. Du hebst sein Wort durch das deinige auf und verlangst, daß man deinem Wort gehorche und nicht mehr dem unseren.»

«Dem euren nicht; denn es ist euer Wort, und es ist unnötig.»

«Unnötig? Entsetzlich!»

«Nein. Ebenso unnötig wie die vielen wallenden Zizith, die dein Gewand zieren, überflüssig sind, um dich vor der Herbstluft zu schützen. Es

ist nämlich das Gewand, das dich schützt. So nehme ich von den vielen Worten, die gelehrt werden, nur die notwendigen, heiligen, die mosaischen an und um die anderen kümmere ich mich nicht.»

«Samariter! Du glaubst nicht an die Propheten.»

«Die Propheten achtet ihr selbst nicht. Wenn ihr auf sie hören würdet, würdet ihr mich nicht einen Samariter nennen.»

«Aber laß ihn doch in Ruhe, Sadok. Willst du mit einem Dämon sprechen?» sagt einer der Pilger, der mit anderen Leuten hinzugekommen ist.

Dann läßt er seinen strengen Blick über die Gruppe um Jesus schweifen, sieht Judas von Kerioth und grüßt ihn spöttisch.

Vielleicht wäre es zu einem unangenehmen Zwischenfall gekommen, denn die Dorfbewohner wollen Jesus verteidigen, doch da drängt sich, gefolgt von einem Diener, der Mann aus Petra schreiend durch die Menge. Sowohl er als auch sein Knecht haben ein Kind in den Armen. «Laßt mich durch! Herr, habe ich dich zu lange warten lassen?»

«Nein, Mann. Komm zu mir.»

Die Leute bilden eine Gasse, um ihn durchzulassen. Er kommt zu Jesus, kniet nieder und legt ein Mädchen auf die Erde, dessen Köpfchen in Linnen gehüllt ist. Der Diener tut das gleiche mit einem Knaben, der trübe Augen hat.

«Meine Kinder, Meister und Herr!» sagt er, und in diesen wenigen Worten liegt der ganze Schmerz und die ganze Hoffnung eines Vaters.

«Du hast einen großen Glauben, Mann. Und wenn ich dich enttäuscht hätte? Wenn du mich nicht gefunden hättest? Wenn ich dir sagen würde, daß ich sie nicht heilen kann?»

«Ich würde dir nicht glauben. Und ich würde mich auch nicht mit der Tatsache abfinden, dich nicht anzutreffen. Ich würde sagen, daß du dich verborgen hast, um meinen Glauben zu prüfen, und würde dich suchen, bis ich dich gefunden hätte.»

«Und die Karawane? Und dein Verdienst?»

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«Oh, die! Was sind sie im Vergleich zu dir, der du meine Kinder heilen und mir einen starken Glauben an dich schenken kannst?»

«Enthülle das Antlitz des Mädchens», gebietet Jesus.

«Ich halte es bedeckt, weil es sehr unter dem Licht leidet.»

«Es wird nur ein kurzer Schmerz sein», sagt Jesus.

Aber die Kleine fängt an, ganz verzweifelt zu weinen und will nicht, daß man ihr die Binde abnimmt.

«Sie tut es, weil sie glaubt, daß du sie mit Feuer quälen willst wie die Ärzte», erklärt der Vater, der sich bemüht, die Händchen des Kindes von den Binden zu nehmen.

«Oh, fürchte dich nicht, mein Kind. Wie heißt du?»

Die Kleine weint und antwortet nicht. Der Vater antwortet für sie. «Tamar, nach dem Ort ihrer Geburt; und der Junge Fara.»

«Weine nicht, Tamar. Ich tue dir nicht weh. Fühle meine Hände. Sie haben nichts in den Fingern. Komm auf meinen Schoß. Inzwischen will ich deinen Bruder heilen.. und er wird dir sagen, was er empfunden hat. Komm hierher, Knabe.»

Der Diener schiebt ihm den kleinen Blinden vor die Füße. Jesus streichelt seinen Kopf und fragt ihn: «Weißt du, wer ich bin?»

«Jesus von Nazareth, der Rabbi von Israel, der Sohn Gottes.»

«Willst du an mich glauben?»

«Ja.»

Jesus legt ihm eine Hand auf die Augen und bedeckt so mehr als die Hälfte seines Gesichtes. Er sagt: «Ich will! Und das Licht der Pupillen möge den Weg zum Licht des Glaubens öffnen.» Dann nimmt er seine Hand weg.

Das Kind stößt einen Schrei aus, hebt die Hände zu den Augen und sagt dann: «Vater, ich sehe!» Aber es eilt nicht zum Vater. In seiner kindlichen Unbefangenheit hängt es sich an den Hals Jesu, küßt ihn auf die Wangen und bleibt so, an seinem Hals, das Köpfchen an die Schulter Jesu gelehnt, um die Augen langsam wieder an das Sonnenlicht zu gewöhnen.

Die Menge drückt ihr Staunen über das Wunder aus, während der Vater den Knaben vom Hals Jesu lösen möchte.

«Laß ihn nur. Er stört mich nicht. Nun, Fara, sage deiner Schwester, was ich dir getan habe.»

«Eine Liebkosung, Tamar. Es war, als wäre es die Hand der Mutter gewesen. Oh, werde auch du gesund, dann können wir wieder zusammen spielen!»

Das Mädchen läßt sich mit noch einigem Widerstreben auf die Knie Jesu setzen, der es heilen will, ohne auch nur die Binde zu berühren. Aber die Schriftgelehrten und ihre Begleiter schreien: «Das ist ein Betrug. Das Mädchen kann sehen. Es ist eine Verschwörung, um euren guten Glauben zu täuschen, Bewohner dieser Ortschaft.»

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«Meine Tochter ist krank. Ich ...»

«Laß sie nur! Du, Tamar, bist jetzt brav und läßt mich die Binden entfernen.»

Das Mädchen, nunmehr überzeugt, läßt ihn gewähren. Welch ein Anblick, als auch das letzte Linnentuch gefallen ist! Zwei rote, verkrustete und geschwollene Wunden anstelle der Augen, aus denen Tränen und Eiter tropfen. Durch das Volk geht ein Flüstern des Schauderns und des Mitleids, während das Kind seine Händchen vors Gesicht hält, um sich vor dem Licht zu schützen, unter dem es offensichtlich furchtbar leidet.

Die roten Schläfen zeugen von frischen Brandwunden.

Jesus entfernt die Händchen, berührt sanft diese elenden Augen, legt eine Hand darauf und spricht dabei: «Vater, der du das Licht geschaffen hast zur Freude der Lebenden und selbst der Mücke Augen gegeben hast,

gib diesem deinem Geschöpf das Augenlicht wieder, damit es dich sehe und an dich glaube und aus dem Licht der Erde durch den Glauben eingehe in das Licht deines Reiches.» Dann nimmt er seine Hand weg...

«Oh!» rufen alle aus.

Es sind keine Wunden mehr zu sehen. Aber die Kleine hält die Augen noch geschlossen.

«Öffne sie, Tamar. Fürchte dich nicht. Das Licht wird dir nicht mehr wehtun.»

Das Kind gehorcht etwas ängstlich und hebt Lider über den lebhaften schwarzen Äuglein.

«Mein Vater! Ich sehe dich!» Und auch sie lehnt ihr Köpfchen an die

Schulter Jesu, um sich langsam an das Licht zu gewöhnen.

Die Menge ist außer sich vor Begeisterung, während der Mann aus Petra sich vor Freude schluchzend zu Füßen Jesu wirft.

«Dein Glaube hat seinen Lohn erhalten. Von nun an möge deine Dankbarkeit deinen Glauben an den Menschensohn in die höchste Sphäre tragen: in die des wahren Gottes... Erhebe dich und laß uns gehen.»

Jesus stellt das Mädchen, das glücklich lächelt, auf den Boden, löst sich aus den Armen des Knaben und steht auf. Er liebkost die Kinder noch einmal und will durch den Kreis der Menschen gehen, die sich um ihn drängen, um die geheilten Augen zu sehen.

«Auch du solltest um Heilung für deine verschleierten Augen bitten», sagt ein Jünger zu einem Alten, der an der Hand geführt wird, da er fast nichts mehr sieht.

«Ich?! Ich?! Ich will nicht das Licht von einem Dämon erhalten. Vielmehr rufe ich zu dir, o ewiger Gott! Höre mich! Vollständige Finsternis gib mir, damit ich nicht das Antlitz des Dämons, dieses Dämons, dieses Gotteslästerers, dieses Anmaßenden, Frevlers und Gottesmörders sehen muß. Möge die Finsternis für immer auf meine Augen herabsteigen. Die Finsternis, die Finsternis, um ihn niemals sehen zu müssen, niemals!» Er

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selbst scheint ein Dämon zu sein! In seiner Erregung schlägt er sich auf die Augen, als wolle er sie zerschlagen.

«Fürchte dich nicht! Du wirst mich nicht sehen. Die Finsternis scheut das Licht, und das Licht drängt sich dem, der es abweist, nicht auf. Ich gehe, alter Mann. Auf Erden wirst du mich nicht mehr sehen. Aber du wirst mich dennoch sehen, an einem anderen Ort.»

Und in großer Betrübnis, die der leicht nach vorne geneigte Gang sehr großer Leute noch betont, macht sich Jesus auf den Weg hinunter. So betrübt ist er, daß er schon dem Verurteilten gleicht, der, beladen mit dem Kreuz, den Moriah hinabsteigt. Und das Gebrüll der Feinde, aufgestachelt von dem wütenden Alten, gleicht sehr dem Toben der Menschenmenge von Jerusalem am Karfreitag.

Der Mann aus Petra, das ängstlich weinende Kind in den Armen, flüstert bestürzt: «Wegen mir, Herr! Durch meine Schuld! So viel Gutes tust du mir! Und ich! Im Gepäck auf dem Kamel sind einige Sachen für dich. Aber was ist das im Verhältnis zu den Beleidigungen, die ich dir eingebracht habe. Ich schäme mich, zu dir gekommen zu sein ...»

«Nein, Mann. Das ist mein bitteres tägliches Brot, und du bist der Honig, der es versüßt. Das Brot ist immer reichlicher als der Honig. Aber ein Tropfen Honig genügt, um viel Brot zu versüßen.»

«Du bist gut... Aber sage mir wenigstens: was muß ich tun, um diese Wunden zu lindern?»

«Bewahre den Glauben an mich. Für den Augenblick, wie und soweit du kannst. Bald... Ja, bald werden meine Jünger bis Petra und noch weiter kommen. Dann befolge ihre Lehre, denn ich werde durch sie sprechen. Vorerst sprich du zu den Leuten von Petra von dem, was ich für dich getan habe, damit, wenn die Meinen, die mich jetzt umgeben, und andere in meinem Namen kommen, mein Name ihnen nicht unbekannt sei.»

Am Ende des Abstiegs, auf der römischen Straße, stehen drei Kamele. Eines nur mit einem Sattel, die anderen mit Baldachinen. Ein Diener bewacht sie. Der Mann holt unter einem Baldachin einige Bündel hervor: «Nimm», sagt er und bietet sie Jesus an, «sie werden dir nützlich sein. Danke mir nicht. Ich kann dir nicht genügend vergelten, was du mir gegeben hast. Wenn du es bei Unbeschnittenen tun kannst, segne mich und meine Kinder, o Herr!» Und er kniet mit seinen Kindern und den Dienern nieder.

Jesus breitet die Hände aus und betet leise mit zum Himmel erhobenen Augen: «Geh, sei ein Gerechter, und du wirst Gott auf deinem Weg finden und ihm folgen, ohne ihn je wieder zu verlieren. Lebe wohl, Tamar! Lebe wohl, Fara!» Er liebkost sie, bevor jedes zusammen mit einem Diener ein Kamel besteigt.

Die Tiere erheben sich auf das Krrr-Krrr der Kameltreiber hin, wenden sich um und beginnen in Richtung Süden zu traben. Zwei braune

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Händchen erscheinen zwischen den Vorhängen und zwei Stimmchen rufen: «Leb wohl, Herr Jesus! Auf Wiedersehen, Vater!»

Der Mann schickt sich an, seinerseits aufzusteigen. Er neigt sich zu Boden und küßt das Gewand Jesu. Dann steigt er in den Sattel und reitet nach Norden.

«Und nun, gehen wir», sagt Jesus und schlägt ebenfalls den Weg nach Norden ein.

«Wie, gehst du nicht mehr, wohin du gehen wolltest?» fragen die Jünger.

«Nein, wir können nicht mehr hingehen. Die Stimmen der Welt hatten recht! ... Und dies, weil die Welt verschlagen ist und die Werke Satans kennt ... Wir gehen nach Jericho ...»

Wie traurig ist Jesus! ... Alle folgen ihm niedergeschlagen und wortlos, beladen mit den Bündeln, die ihnen der Mann gegeben hat...

555. JESUS ERMUTIGT SEINE APOSTEL

Soeben haben sie die Furt von Bethabara durchwatet. Jenseits des blauen Flusses, der durch die vom herbstlichen Regen gespeisten Zuflüsse ziemlich angeschwollen ist, sieht man das andere Ufer, das Ostufer, mit vielen gestikulierenden Menschen. Am westlichen Ufer hingegen, wo sich Jesus mit den Seinen befindet, ist nur ein Hirte mit seiner im Grün des Ufers weidenden Herde.

Petrus setzt sich auf einen Mauerrest und trocknet sich nicht einmal die noch von der Furt nassen Beine ab. In dieser Gegend benützt man zwar Fähren; aber um sie in den seichten Gewässern nicht auf Grund laufen zu lassen, benützt man sie nur an den tiefsten Stellen und setzt die Reisenden ab, wenn der Bug des Bootes auf die von Wasser bedeckten Gräser auffährt. Also müssen die Übergesetzten jeweils ein Stück durch das Wasser waten.

«Was hast du? Fühlst du dich nicht gut?» fragen seine Gefährten.

«Nein. Aber ich kann nicht mehr. Auf dem Nebo dieser heftige Zusammenstoß, vorher in Hesbon, und in Jerusalem und in Kapharnaum, und nach dem Nebo in Callirrhoe und jetzt in Bethabara... Oh! ...» Er verbirgt den Kopf in seinen Händen und weint.

«Laß dich nicht entmutigen, Simon. Nimm mir nicht auch noch deinen und euren Mut!» sagt Jesus, während er zu ihm geht und eine Hand auf das schwere, graue Gewand des Apostels legt.

«Ich kann es nicht mehr mitansehen! Ich kann es nicht sehen, daß man dich so schlecht behandelt. Wenn du mich wenigstens eingreifen ließest ... Vielleicht könnte ich... Aber so... Wenn ich mich zusammennehmen ...

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und die Beleidigungen mitansehen muß, und wie du leidest wie ein wehrloses Kind... dann zerreißt es mir das Herz und ich fühle mich so elend... Aber schaut ihn euch doch an. Er sieht aus wie ein Kranker, als hätte er Fieber... wie ein verfolgter Verbrecher, der nicht einmal Zeit findet, auch nur einen Bissen Brot zu sich zu nehmen, einen Schluck zu trinken oder einen Stein zu suchen, um sich ein wenig auszuruhen! Diese Hyäne vom Nebo! Diese Schlangen von Callirhoe! Und dieser Wahnsinnige, der immer noch dort steht (er zeigt auf das andere Ufer). Weniger teuflisch war der von Callirhoe, obwohl es erst der zweite ist, von dem du gesagt hast, daß er von Beelzebub besessen sei. Ich fürchte mich vor Besessenen. Ich denke mir, wenn Satan sie so gefangenhält, müssen sie wohl sehr schlecht gewesen sein... Aber... der Mensch kann auch fallen ohne den ausdrücklichen Willen, Böses zu tun. Die, die ohne besessen zu sein, aus ganz freiem Willen so handeln! ... Oh! Wirst du sie niemals besiegen, da du sie ja nicht bestrafen willst? ... Und sie... sie werden dich besiegen? ...» Das Weinen des treuen Apostels, das in der Hitze des Unwillens etwas versiegt war, beginnt erneut...

«Mein Petrus, glaubst du vielleicht, sie seien nicht besessen? Glaubst du, um besessen zu sein, müsse man sich benehmen wie der Mann von Callirhoe und andere, denen wir begegnet sind? Glaubst du, daß die Besessenheit sich nur äußert in wildem Geschrei, Sprüngen, Wutanfällen, in der Manie, in Höhlen zu hausen, in Stummheit, im Verlust der Beherrschung der Gliedmaßen oder in Umnebelung des Verstandes, so daß der Besessene nur unbewußt spricht und handelt? Nein. Es gibt auch eine Besessenheit feinerer und mächtigerer Art, die viel gefährlicher ist, weil sie den Verstand nicht stört und schwächt und ihn nicht hindert, Gutes zu tun, sondern ihn sogar entwickelt und stärkt, damit er dem, der ihn in Besitz genommen hat, besser dienen kann. Wenn Gott von einem Verstand Besitz ergreift und ihn für seine Zwecke benützt, dann ergießt er in ihn für die Zeit, in der er im Dienste Gottes steht, ein übernatürliches Erkenntnisvermögen, das die natürliche Intelligenz des Menschen um vieles übersteigt. Glaubt ihr z.B., daß wenn andere die Prophezeiungen aufgezeichnet und Isaias, Ezechiel, Daniel und die übrigen Propheten sie hätten lesen und auslegen müssen, ihr Sinn für sie nicht genauso dunkel und unverständlich gewesen wäre wie für unsere Zeitgenossen? Und doch sage ich euch, daß sie sie, als sie ihnen eingegeben wurden, vollkommen verstanden... Schau, Simon. Nehmen wir diese Blume, die zu deinen Füßen blüht. Was siehst du im Schatten, der auf ihrem Kelch liegt? Nichts. Du siehst einen tiefen Kelch und eine kleine Öffnung und weiter nichts. Aber sieh sie jetzt an, wenn ich sie pflücke und in die Sonne halte. Was siehst du jetzt?»

«Ich sehe Blütenstempel, Blütenstaub und eine kleine Krone aus Härchen, die die Stempel wie Wimpern umgeben. Ich sehe zarte, mit Härchen

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versehene Linien, die das große und die beiden kleineren Blütenblätter schmücken... Ich sehe ein kleines Tautröpfchen im Innern des Kelches... und... oh! eine kleine Mücke, die hineingeschlüpft ist, um zu trinken, und im Gewirr der Härchen hängengeblieben ist und sich nicht mehr daraus befreien kann... Aber laß mich genauer hinsehen. Oh, die Härchen sind ja wie mit Honig bestrichen, sie kleben... Ich habe verstanden! Gott hat es so eingerichtet, entweder damit die Pflanze sich nährt oder damit die Vöglein die Mücken herauspicken können, oder aber damit auf diese Weise die Luft von ihnen gereinigt wird... Welch ein Wunder!»

«Ohne das starke Sonnenlicht hättest du aber nichts gesehen.»

«Nein, wirklich nicht!»

«Ähnlich ist es bei der Inbesitznahme durch Gott. Das Geschöpf, das von sich aus nur seinen guten Willen einsetzt, um seinen Gott vollkommen und vorbehaltlos zu lieben, sich ganz seinem Willen überläßt, die Tugenden übt und die Leidenschaften beherrscht, geht so in Gott, im Licht, das Gott ist, und in der Weisheit, die Gott ist, auf, daß es alles sieht und versteht. Später, wenn die eigentliche Einwirkung des Übernatürlichen endet, geht das Geschöpf in einen Zustand über, in dem das Empfangene zur Norm für das Leben und die Heiligung wird, sich jedoch wieder verdunkelt, oder vielmehr: was vorher so klar war, erscheint nun in einem Dämmerlicht. Der Dämon, der immerwährende Affe Gottes, ruft bei den geistig Besessenen eine ähnliche Wirkung hervor, wenngleich sie begrenzt ist, da nur Gott unendlich ist. Denen, die sich ihm freiwillig ergeben, um zu triumphieren, gewährt er eine höhere Intelligenz, die aber einzig auf das Böse ausgerichtet ist, um Gott zu beleidigen und dem Menschen zu schaden. Die satanische Einwirkung, die, da sie in der Seele Zustimmung findet, kontinuierlich ist, führt stufenweise bis zur totalen Wissenschaft des Bösen. Das ist die schlimmste Art der Besessenheit. Da äußerlich nichts zu bemerken ist, werden diese Besessenen auch nicht gemieden; aber sie sind da. Wie ich schon mehrmals gesagt habe, wird der Menschensohn von den in dieser Weise Besessenen besiegt werden.»

«Aber könnte Gott nicht die Hölle besiegen?» fragt Philippus.

«Er könnte es, denn er ist der Stärkere.»

«Und warum tut er es nicht, um dich zu verteidigen?»

«Die Absichten Gottes werden erst im Himmel bekannt sein. Auf, gehen wir. Und laßt euch nicht entmutigen.»

Der Hirte, der zugehört hat, ohne es sich anmerken zu lassen, fragt: «Weißt du, wo du Unterkunft finden kannst? Wirst du erwartet?»

«Nein, Mann. Ich müßte über Jericho hinausgehen; aber ich werde nirgends erwartet.»

«Und bist du sehr müde, Rabbi?»

«Müde, ja. Man hat uns keinen Aufenthalt gegönnt und keine Unterkunft angeboten, seit wir den Berg Nebo verlassen haben.»

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«Dann... Ich wollte dir sagen... Ich wohne in der Nähe von Alt-Beth Hagla... Ich habe einen blinden Vater und kann nicht weit weggehen, um ihn nicht zu lange allein zu lassen. Aber das Herz und die Herde leiden darunter. Wenn du möchtest... Ich könnte dir Unterkunft gewähren. Es ist nicht weit von hier. Der Alte glaubt fest an dich... Joseph, der Sohn des Joseph, deines Jüngers, kennt ihn.»

«Gehen wir.»

Der Mann läßt sich das nicht zweimal sagen. Er sammelt die Herde und treibt sie der Ortschaft zu, die nordwestlich von ihrem jetzigen Standpunkt liegen muß. Jesus geht mit den Seinen hinter der Herde her.

«Meister», sagt Iskariot nach einiger Zeit, «in Beth Hagla gibt es sicher niemanden, der die Geschenke jenes Mannes erwerben könnte...»

«Wenn wir nach Jericho gehen, um Nike zu besuchen, werden wir sie verkaufen.»

«Ich meine nur... Der Mann ist arm, und wir werden ihm etwas geben müssen. Ich habe keinen Pfennig mehr.»

«Lebensmittel haben wir genug, auch für einige Bettler. Mehr brauchen wir jetzt nicht.»

«Wie du willst. Aber es wäre besser, du würdest mich vorausschicken. Ich könnte...»

«Es ist nicht nötig.»

«Meister, das ist Mißtrauen! Warum schickst du uns nicht mehr wie früher zu zweien aus?»

«Weil ich euch liebe und an euer Wohl denke.»

«Es ist nicht gut, daß wir so unbekannt bleiben. Man wird denken, daß wir unwürdig und unfähig sind... Früher hast du uns gehen lassen, und wir haben gepredigt, Wunder gewirkt und waren bekannt...»

«Bedauerst du, es nicht mehr tun zu können? Hat es dir gefallen, ohne mich zu gehen? Du bist der einzige, der sich darüber beklagt, nicht allein gehen zu können... Judas!»

«Meister, du weißt, daß ich dich liebe!» sagt Judas selbstsicher.

«Ich weiß es. Und damit dein Geist nicht verdorben wird, behalte ich dich bei mir. Du bist ja schon der, der sammelt und verteilt, der verkauft oder tauscht für die Armen. Das genügt. Ja, es ist schon zu viel. Betrachte deine Gefährten. Kein einziger bittet um das, was du verlangst.»

«Aber den Jüngern hast du es erlaubt... Dieser Unterschied ist ungerecht.»

«Judas, du bist der einzige, der mich ungerecht nennt... Aber ich verzeihe dir. Geh nach vorn und schicke mir Andreas.»

Und Jesus verlangsamt seinen Schritt, um auf Andreas zu warten und mit ihm allein zu sprechen. Ich weiß nicht, was er ihm sagt. Ich weiß, daß Andreas in seiner gewohnten Art sanft lächelt, sich verneigt, um die Hände des Meisters zu küssen, und dann wieder nach vorn geht.

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Jesus bleibt allein hinter allen zurück... Er geht mit tief geneigtem Haupt und wischt sich oft mit dem Zipfel seines Gewandes das Antlitz ab, als würde er schwitzen. Aber es sind Tränen und keine Schweißtropfen, die über seine hageren, bleichen Wangen rollen.

556. DIE FRAU DES SADDUZÄISCHEN NEKROMANTEN

immer noch wandert Jesus unermüdlich auf den Wegen Palästinas. Der Fluß ist noch zu seiner Rechten, und er folgt dem Lauf des schönen blauen Wassers, das unter dem Kuß der Sonne glitzert und an den Ufern das dunkle Laub der Bäume blaugrün widerspiegelt.

Jesus ist von seinen Jüngern umgeben. Ich höre, wie Bartholomäus ihn fragt: «Gehen wir jetzt wirklich nach Jericho? Fürchtest du keine Nachstellungen?»

«Nein. Ich werde zum Passahfest auf einem anderen Weg nach Jerusalem kommen, und sie werden enttäuscht sein und nicht mehr wissen, wo sie mich gefangen nehmen sollen, ohne bei der Menge zu großes Aufsehen zu erregen. Glaube mir, Bartholomäus, in einer volkreichen Stadt bin ich weniger in Gefahr als auf einsamen Pfaden. Das Volk ist gut und aufrichtig. Aber es kann auch heftig sein und würde sich gegen meine Festnahme auflehnen, solange ich unter ihm bin, um zu lehren und zu heilen. Die Schlangen arbeiten in der Einsamkeit und im Verborgenen. Außerdem... habe ich noch heute, morgen und viele Tage zu arbeiten... Dann... wird die Stunde des Teufels kommen, und ihr werdet mich verlieren... um mich kurz darauf wiederzufinden. Glaubt daran. Und glaubt auch dann daran, wenn die Ereignisse meinen Worten mehr denn je zu widersprechen scheinen.»

Die Apostel seufzen niedergeschlagen und schauen ihn mit liebevollen, schmerzerfüllten Blicken an. Johannes stößt einen Seufzer aus: «Nein!»Petrus legt seine kurzen, starken Arme um Jesus, als wolle er ihn beschützen, und sagt: «O mein Herr und Meister!» Mehr sagt er nicht. Aber es liegt so viel in diesen wenigen Worten.

«So ist es, Freunde. Dazu bin ich gekommen. Seid stark. Seht, wie sicher ich meinem Ziel entgegengehe; wie einer, der der Sonne entgegengeht und ihr, die ihn auf die Stirn küßt, zulächelt. Mein Opfer wird eine Sonne für die Welt sein. Das Licht der Gnade wird in die Herzen hinabsteigen, der Friede mit Gott wird sie fruchtbar machen, und die Verdienste meines Martyriums werden die Menschen befähigen, sich den Himmel zu verdienen. Was will ich anderes als dies? Eure Hände will ich in die Hände des Ewigen, meines und eures Vaters, legen und sagen: "Sieh, ich führe dir diese deine Söhne wieder zu. Sieh, Vater, sie sind rein. Sie können zu dir zurückkehren." Ich will sehen, wie er euch umarmt, und sagen:

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"Liebt euch endlich, denn sowohl der Eine hat sich danach gesehnt als auch ihr anderen, und ihr habt stark darunter gelitten, daß ihr euch nicht lieben konntet." Seht, das ist meine Freude, und jeder Tag, der mich der Vollendung dieser Rückkehr, dieser Verzeihung, dieser Vereinigung näherbringt, vermehrt meine Sehnsucht, das Opfer zu vollbringen, um euch Gott und sein Reich zu schenken.»

Jesus ist feierlich und fast ekstatisch bei diesen Worten. Er wandelt aufrecht einher in seinem blauen Gewand und seinem etwas dunkleren Mantel, mit unbedecktem Haupt, in dieser noch frischen Morgenstunde. Er scheint irgendeiner Vision zuzulächeln, die seine Augen im Blau des heiteren Himmels schauen. Die Sonne, die seine linke Wange streichelt, läßt seinen strahlenden Blick noch stärker leuchten und goldene Funken in seinem vom Gehen und einem sanften Wind bewegten Haar aufblitzen. Sie betont noch das Rot der in einem Lächeln leicht geöffneten Lippen und scheint das ganze Antlitz in einer Freude aufleuchten zu lassen, die aber in Wirklichkeit aus dem Inneren seines anbetungswürdigen, in Liebe zu uns Menschen glühenden Herzens strömt.

«Meister, darf ich dir etwas sagen?» fragt Thomas.

«Was denn?»

«Vorgestern hast du gesagt, daß der Erlöser, also du, einen Verräter haben wird. Wie kann ein Mensch dich, den Sohn Gottes, verraten?»

«Ein Mensch könnte den Sohn Gottes, der Gott ist wie der Vater, tatsächlich nicht verraten. Aber jener wird kein Mensch sein. Er wird ein Dämon sein mit dem Leib eines Menschen. Es wird der am meisten besessene und rasendste aller Menschen sein. Maria von Magdala hatte sieben Dämonen, und der Besessene vor einigen Tagen war beherrscht von Beelzebub. Aber in diesem wird Beelzebub sein mit seinem ganzen dämonischen Hof... O wahrlich, die Hölle wird in diesem Herzen sein, um ihm die Kühnheit zu verleihen, den Sohn Gottes seinen Feinden auszuliefern, wie ein Lamm dem Schlächter.»

«Hat Satan jetzt schon von diesem Menschen Besitz ergriffen?»

«Nein, Judas. Aber er neigt dazu, Satan zu folgen; und wer dazu neigt, setzt sich der Gefahr aus, ganz in Satans Gewalt zu geraten.» (Jesus spricht mit Iskariot.)

«Und warum kommt er nicht zu dir, um sich von seiner Neigung heilen zu lassen? Weiß er, daß er sie hat oder weiß er es nicht?»

«Wenn er es nicht wüßte, wäre er nicht schuldig, wie er es ist; denn er weiß, daß er zum Bösen neigt und sich nicht an seine Vorsätze hält, sich davon zu befreien. Wenn er sich daran halten würde, käme er zu mir... Aber er kommt nicht... Das Gift dringt ein, und meine Nähe reinigt ihn nicht, weil sie nicht gewünscht ist, sondern gemieden wird... Das ist euer Fehler, o Menschen. Ihr flieht vor mir, wenn ihr meiner am meisten bedürft.» (Jesus hat Andreas geantwortet.)

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«Aber ist er schon einmal zu dir gekommen? Kennst du ihn? Und wir, kennen wir ihn?»

«Matthäus, ich kenne die Menschen, noch bevor sie mich kennenlernen. Du weißt es, und ihr anderen wißt es auch. Ich bin es, der euch berufen hat, da ich euch kannte.»

«Aber kennen wir ihn?» drängt Matthäus.

«Kann euch einer unbekannt bleiben, der zu eurem Meister kommt? Ihr seid meine Freunde und teilt mit mir Brot, Ruhe und Mühen. Selbst mein Haus habe ich euch geöffnet, das Haus meiner heiligen Mutter. Ich bringe euch zu ihr, damit die heilige Atmosphäre des Hauses euch befähige, den Himmel mit seinen Stimmen und Geboten zu verstehen. Ich führe euch zu ihr, wie ein Arzt seine Kranken, die eben eine Reihe schwerer Krankheiten überwunden haben, zu einer Heilquelle bringt, um sie zu stärken und die Reste der Krankheiten zu beseitigen, die sich immer noch schädlich auswirken können. Es bleibt euch also niemand von denen unbekannt, die zu mir kommen.»

«In welcher Stadt bist du ihm begegnet?»

«Petrus, Petrus!»

«Es ist wahr, Meister, ich bin schlimmer als eine geschwätzige Frau. Verzeih mir. Aber es ist Liebe, weißt du ...»

«Ich weiß es, und deshalb sage ich dir, daß mir dein Fehler nicht zuwider ist. Aber befreie dich auch von ihm.»

«Ja, mein Herr.»

Der Pfad wird schmaler und verläuft zwischen einer Reihe von Bäumen und einem kleinen Wassergraben, und die Gruppe löst sich auf. Jesus spricht gerade mit Iskariot, dem er Anordnungen bezüglich der Käufe und Almosen gibt. Ihnen folgen, jeweils zu zweit, die anderen. Der letzte ist Petrus, allein und nachdenklich. Mit geneigtem Haupt geht er so in Gedanken vertieft, daß er gar nicht merkt, daß der Abstand zwischen ihm und den anderen immer größer wird.

«He du, Mann!» ruft ihm jemand zu, der zu Pferd vorbeikommt. «Gehörst du zum Nazarener?»

«Ja, warum?»

«Geht ihr nach Jericho?»

«Drängt es dich, das zu wissen? Ich weiß nichts. Ich gehe hinter dem Meister her und frage nicht. Wohin auch immer er geht, es ist mir recht. Der Weg führt zwar nach Jericho; aber wir könnten auch in die Dekapolis zurückkehren. Wer weiß! Wenn du mehr wissen willst, weiter vorn ist der Meister.»

Der Mann gibt dem Pferd die Sporen, und Petrus schneidet eine komische Grimasse und murmelt: «Ich traue dir riecht, mein schöner Herr. Ihr seid alle eine Rotte von Schurken! Ich will nicht der Verräter sein und schwöre mir selbst: "Dieser Mund wird verschlossen bleiben." Petrus

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macht ein Zeichen über die Lippen, als ob er sie mit einem Vorlegeschloß verschließen wollte.

Der Reiter hat Jesus erreicht und stellt ihm Fragen. So kommt es, daß Petrus die anderen einholt. Als der Mann weiterreitet, grüßt er noch Iskariot. Niemand bemerkt es außer Petrus, der als letzter kommt und dem der Gruß nicht zu gefallen scheint. Er faßt Judas am Ärmel und fragt ihn: «Wer war das? Kennst du ihn? Woher?»

«Nur vom Sehen. Er ist ein reicher Mann aus Jerusalem.»

«Du hast Freundschaften in hochgestellten Kreisen! Gut... vorausgesetzt, daß es zu etwas gut ist. Sag einmal: Ist dieses Fuchsgesicht, das dir so viele Dinge sagt ... ?»

«Welche Dinge?»

«Nun, das, was du über den Meister zu wissen vorgibst.»

«Ich?»

«Ja, du! Erinnerst du dich nicht an den Abend im Regen und im Schlamm? Zur Zeit des Hochwassers ...»

«Ah! Nein, nein! Denkst du denn noch immer an Worte, die ich in einem Augenblick schlechter Laune gesagt habe?»

«Ich denke an alles, was Jesus schaden kann: Dinge, Personen, Freunde, Feinde... Und ich bin immer bereit, die Versprechen zu halten, die ich denen gebe, die Jesus schaden wollen... Leb wohl.»

Judas folgt ihm mit einem eigenartigen Blick. Staunen, Schmerz und Ärger, ich würde sogar sagen: Zorn liegen darin.

Petrus holt Jesus ein und ruft ihn.

«Oh, Petrus! Komm her!» Jesus legt ihm den Arm um die Schultern.

«Wer war dieser borstige Jude?»

«Borstig, Petrus ? Er war doch ganz geschniegelt und parfümiert!»

«Aber er hatte ein borstiges Gewissen. Mißtraue ihm, Jesus 1»

«Ich habe dir doch gesagt, daß meine Stunde noch nicht gekommen ist. Und wenn sie da ist, wird kein Mißtrauen mich retten... wenn ich mich retten wollte. Selbst die Steine würden schreien und mich umringen, wenn ich mich retten wollte.»

«Mag sein... Aber traue ihnen nicht... Meister!»

«Petrus, was hast du?»

«Meister... ich muß dir etwas sagen, denn ich habe eine Last auf dem Herzen.»

«Du mußt mir etwas sagen und hast eine Last?»

«Ja. Die Last ist eine Sünde. Das Etwas ist ein Rat.»

«Beginne mit der Sünde.»

«Meister... ich... ich hasse... besser gesagt, ich empfinde Abscheu für einen unter uns, denn du willst ja nicht, daß wir hassen. Ich glaube in der Nähe einer Höhle zu sein, aus der Gestank brünstiger Schlangen dringt... und ich möchte nicht, daß sie herauskommen und dir schaden. Dieser

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Mensch ist eine Schlangenhöhle, und er selbst ist in Brunst mit dem Teufel.»

«Wie kommst du darauf?»

«Bah! ... Ich weiß es nicht. Ich bin grob und ungebildet, aber dumm bin ich nicht. Ich bin gewohnt, aus Wind und

habe ich auch einen Blick für die Herzen. Jesus... Ich habe Angst.»

«Urteile nicht, Petrus, schöpfe keinen Verdacht, denn Verdacht schafft Hirngespinste. Man sieht Dinge, die nicht existieren.»

«Der Ewige gebe, daß es nichts sei. Aber ich bin nicht sicher.»

«Wen meinst du, Petrus?»

«Judas von Kerioth. Er rühmt sich, Freundschaften in hochstehenden Kreisen zu haben, und gerade eben noch hat dieser häßliche Kerl ihn gegrüßt, wie man einen guten Bekannten grüßt. Früher hatte er diese Bekanntschaften nicht.»

«Judas ist derjenige, der Gaben entgegennimmt und verteilt. Er hat Gelegenheit, sich den reichen Leuten zu nähern, und weiß mit ihnen umzugehen.»

«Ja, er weiß mit ihnen umzugehen... Meister, sage mir die Wahrheit. Hast du keinen Verdacht?»

«Petrus, du bist mir so teuer wegen deines Herzens. Aber ich will dich vollkommen wissen. Nicht vollkommen ist einer, der nicht gehorcht. Ich habe dir gesagt: Urteile nicht und verdächtige niemanden.»

«Aber du sagst mir nicht...»

«Bald werden wir in der Nähe von Jericho sein und haltmachen, um auf eine Frau zu warten, die uns nicht in ihrem Haus empfangen kann ...»

«Warum? Ist sie eine Sünderin?»

«Nein, sie ist eine Unglückliche. Dieser Reiter, der dich so sehr stört, ist gekommen, um mich zu bitten, dort auf sie zu warten. Ich werde es tun, obwohl ich weiß, daß ich nichts für sie tun kann. Weißt du, wer sie und den Reiter auf meine Spur gebracht hat? Judas. Du siehst, daß die Bekanntschaft mit diesem Juden gerechtfertigt ist.»

Petrus senkt den Kopf und schweigt beschämt. Vielleicht ist er nicht überzeugt und neugierig. Doch er schweigt.

Jesus bleibt vor der Stadtmauer stehen und setzt sich müde unter eine Baumgruppe, die einer Quelle Schatten spendet, in deren Nähe Tiere an Tränke stehen. Auch die Jünger setzen sich und warten. Es muß ein recht unbedeutender Stadtteil sein, denn außer diesen Pferden und Eseln, die gewiß reisenden Kaufleuten gehören, ist niemand zu sehen,

Eine ganz in einen schweren, dunklen Mantel gehüllte und verschleierte Frau tritt vor. Der dichte, dunkle Schleier bedeckt ihr Gesicht gut zur Hälfte. Neben ihr der Reiter von vorher, jetzt zu Fuß, und drei andere pompös gekleidete Männer.

«Wir grüßen dich, Meister.»

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«Der Friede sei mit euch.»

«Dies ist die Frau. Höre sie an und erfülle ihren Wunsch.»

«Wenn es mir möglich ist.»

«Du kannst alles.»

«Glaubst du das als Sadduzäer?» Der Sadduzäer ist der, der vorher zu Pferd war.

«Ich glaube an das, was ich sehe.»

«Hast du gesehen, daß ich es kann?»

«Ich habe es gesehen.»

«Und warum ich es kann, weißt du das auch?» Schweigen. «Darf ich wissen, weshalb du glaubst, daß ich es kann?» Schweigen.

Jesus kümmert sich nicht mehr um ihn und um die anderen. Er spricht zu der Frau: «Was willst du?»

«Meister... Meister ...»

«Sprich nur ohne Furcht.»

Die Frau wirft einen schiefen Blick auf ihre Begleiter, die ihn auf ihre Art auslegen.

«Die Frau hat einen kranken Mann und bittet dich, ihn zu heilen. Er ist eine einflußreiche Persönlichkeit am Hofe des Herodes, und es lohnt sich für dich, sie zu erhören.»

«Nicht weil er einflußreich ist, sondern weil sie unglücklich ist, werde ich sie erhören, wenn ich kann. Ich habe es schon gesagt. Was hat dein Gemahl? Und warum ist er nicht gekommen? Warum willst du nicht, daß ich zu ihm gehe?»

Wiederum Schweigen, und ein weiterer schiefer Blick.

«Willst du ohne Zeugen mit mir sprechen? Komm.» Sie entfernen sich einige Schritte. «Sprich.»

«Meister... Ich glaube an dich. So sehr, daß ich sicher bin, daß du alles über ihn, über mich und über unser unglückliches Leben weißt... Aber er glaubt nicht... Er haßt dich sogar... Und er ...»

«Aber er kann nicht geheilt werden, weil er nicht glaubt. Nicht nur an mich glaubt er nicht, sondern nicht einmal an den wahren Gott.»

«Ah! Du weißt es!» Die Frau weint verzweifelt. «Mein Haus ist eine Hölle. Eine Hölle! Du befreist die Besessenen. Du weißt daher, was ein Dämon ist. Aber kennst du auch diesen raffinierten, intelligenten, falschen und gebildeten Dämon? Weißt du, zu welcher Perversion er führt? Weißt du, zu welchen Sünden? Weißt du, welches Verderben er um sich herum verursacht? Mein Haus? Ist es ein Haus? Nein. Es ist die Schwelle der Hölle. Und mein Gemahl? Ist er mein Gemahl? Jetzt ist er krank und kümmert sich nicht um mich. Aber auch als er noch stark war und nach Liebe verlangte, war es da ein Mensch, der mich umarmte, der mich hielt, der mich besaß? Nein, ich war in den Klauen eines Dämons, ich spürte den Atem und die Schlüpfrigkeit eines Dämons. Ich habe ihn so sehr

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geliebt, und ich liebe ihn noch immer. Ich bin seine Frau, und er hat mir meine Jungfräulichkeit genommen, als ich noch fast ein Kind war. Ich war kaum vierzehn Jahre alt. Aber auch wenn mich der Augenblick zurückführte zu jener ersten Stunde und mir die zarten Gefühle der ersten Umarmung, die mich zur Frau gemacht hatte, wiedergab, fühlte ich mich zunächst mit dem edelsten Teil meines Wesens und dann auch mit Fleisch und Blut abgestoßen; ich schauderte vor Entsetzen, wenn ich daran dachte, daß er sich mit der Beschwörung der Geister beschmutzt hatte. Es schien mir, daß nicht mein Mann, sondern die Toten, die er beschwor, sich meiner bemächtigt hatten und sich mit mir vergnügten... Selbst jetzt, jetzt, wenn ich nur sehe, wie er dahinstirbt und immer noch dieser Magie ergeben ist, empfinde ich Abscheu. Nicht ihn sehe ich... Satan sehe ich. Oh, welch ein Schmerz! Nicht einmal in der Todesstunde werde ich bei ihm sein, denn das Gesetz verbietet es. Rette ihn, Meister. Ich bitte dich, heile ihn, damit er Zeit hat, sich zu bekehren.» Die Frau weint verzweifelt.

«Arme Frau! Ich kann ihn nicht heilen.»

«Warum nicht, Herr?»

«Weil er nicht will.»

«Doch. Er hat Angst vor dem Tode, und er will.»

«Er will nicht. Er ist kein Wahnsinniger und kein Besessener, der seinen eigenen Zustand nicht erkennt und nicht um Befreiung bittet, weil er keine Gedankenfreiheit besitzt. Sein Wille ist nicht behindert. Er ist einer, der so sein will. Er weiß, daß, was er tut, verboten ist. Er weiß, daß der Gott Israels ihn verflucht hat, und dennoch verharrt er in seiner Sünde. Auch wenn ich ihn heilen und bei seiner Seele beginnen würde, würde er wieder zurückkehren zu seiner satanischen Ergötzung. Sein Wille ist verderbt. Er ist ein Widersacher. Ich kann nichts tun.»

Die Frau weint noch stärker. Ihre Begleiter nähern sich. «Wirst du sie nicht zufriedenstellen, Meister?»

«Ich kann nicht.»

«Habe ich es euch nicht gesagt? Und die Gründe?»

«Du, Sadduzäer, fragst mich? Denke an das Buch der Könige. Lies nach, was Samuel zu Saul und Elias zu Ochozias gesagt hat. Der Geist des Propheten tadelt den König, da er ihn im Reich der Toten gestört hat. Es ist nicht erlaubt, dies zu tun. Lies das Buch Leviticus, wenn du dich nicht des Wortes Gottes, des Schöpfers und Herrn des Universums, des Beschützers der Lebendigen und der Toten, erinnerst. Lebendige und Tote sind in der Hand Gottes, und es ist nicht erlaubt, sie ihr zu entreißen. Weder aus eitler Neugierde, noch mit gotteslästerlicher Gewalt, noch aus verfluchtem Unglauben. Was wollt ihr wissen? Ob es eine ewige Zukunft gibt? Und ihr behauptet, daß ihr an Gott glaubt. Wenn es einen Gott gibt, wird er auch einen Hof haben. Und was für ein Hof kann das sein, wenn nicht einer, der ewig ist wie er, einer aus ewigen Geistern? Wenn ihr sagt,

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daß ihr an Gott glaubt, warum glaubt ihr dann nicht an sein Wort? Heißt es nicht: "Ihr dürft keine Wahrsagerei betreiben und nicht in den Träumen lesen"? Heißt es nicht: "Gegen jeden, der sich an Totenbeschwörer und Wahrsager wendet und mit ihnen Unzucht treibt, werde ich mein Angesicht richten und ihn aus der Mitte seines Volkes austilgen"? Heißt es nicht: "Ihr sollt euch kein geschnitztes Bildnis machen"? Und was seid ihr: Samariter und Verlorene oder Söhne Israels? Was seid ihr: Törichte oder vernunftbegabte Wesen? Und wenn ihr logisch denkt und die Unsterblichkeit der Seele leugnet, warum ruft ihr dann die Toten? Wenn sie nicht unsterblich sind, diese immateriellen Bestandteile, die den Körper beleben, was bleibt dann noch übrig von einem Menschen nach dem Tode? Verwestes Fleisch und Gebein, kalkhaltige Knochen in einem Haufen Würmer. Und wenn ihr nicht an Gott glaubt, sondern zu Götzen und Zeichen eure Zuflucht nehmt, um Heilung, Geld und Antworten zu erhalten, wie der, dessen Heilung ihr erbittet, warum macht ihr euch dann Götzenbilder und glaubt, daß sie euch Worte sagen können, die mehr Wahrheit enthalten, die heiliger und göttlicher sind als die Worte, die Gott euch sagt? Und nun gebe ich euch dieselbe Antwort, die Elias dem Ochozias gab: "Weil du Boten gesandt hast, um Baal-Sebub, den Gott von Ekron zu befragen, als ob es keinen Gott in Israel gäbe, den man befragen könnte; darum wirst du von dem Lager, das du bestiegen hast, nicht wieder herabsteigen, sondern du sollst in deiner Sünde sterben."»

«Du bist immer der, der beschimpft und uns angreift. Ich mache dich' darauf aufmerksam. Wir kommen dir entgegen, um ...»

«Um mich in eine Falle zu locken. Aber ich lese in euren Herzen. Herunter mit der Maske, ihr an den Feind Israels verkauften Herodianer! Herunter mit der Maske, ihr falschen und grausamen Pharisäer! Herunter mit der Maske, ihr Sadduzäer, ihr wahren Samariter! Herunter mit der Maske, ihr Schriftgelehrten, deren Taten der Schrift entgegenstehen! Herunter mit der Maske ihr alle, die ihr das Gesetz Gottes brecht, ihr Feinde der Wahrheit und Helfer des Bösen! Nieder mit den Schändern des Hauses Gottes! Nieder mit euch, ihr Aufwiegler schwacher Gewissen! Fort, ihr Schakale, die ihr euer Opfer im Wind aufspürt, der es gestreift hat, und seiner Spur folgt, es belauert und die günstigste Gelegenheit abwartet, um es zu töten. Schon leckt ihr euch die Lippen im Vorgeschmack des Blutes und träumt von dieser Stunde! ... O ihr Betrüger und Ehebrecher, die ihr für weniger als eine Handvoll Linsen euer Erstgeburtsrecht unter den Völkern verkauft. Kein Segen ruht mehr auf euch, und andere Völker werden sich bekleiden mit dem Vlies des Gotteslammes; und die wahren Gesalbten werden erscheinen vor den Augen des Allerhöchsten, der den Wohlgeruch seines Christus an ihnen wahrnehmen und sagen wird: "Dies ist der Duft meines Sohnes, gleich dem Duft eines blühenden, von Gott gesegneten Ackers. Über euch sei der Tau des Himmels: die Gnade. Für

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euch die Fülle der Erde: die Frucht meines Blutes. Für euch der Überfluß an Korn und Wein: mein Leib und mein Blut, die ich für das Leben der Menschen und zum Andenken an mich hingeben werde. Euch sollen die Völker dienen, vor euch sich verneigen die Menschen, denn dort, wo das Zeichen meines göttlichen Lammes sein wird, wird auch der Himmel sein. Und die Erde ist dem Himmel untertan. Seid Herrscher über eure Brüder, denn die Nachfolger meines Christus werden die Könige des Geistes sein, da sie das Licht besitzen; und auf dieses Licht werden die anderen ihren Blick richten und von ihm werden sie Hilfe erwarten. Es sollen sich vor euch die Söhne eurer Mutter, der Erde, verneigen. Ja, alle Erdensöhne werden sich einst vor meinem Zeichen verneigen. Verflucht sei, wer euch verflucht, und gesegnet, wer euch segnet; denn Segen und Fluch, die euch zuteil werden, gelten mir, eurem Vater und Gott." Dies wird er sagen. Dies, o ihr Ehebrecher, die ihr als geliebte Braut der Seele den wahren Glauben haben könntet und mit Satan und seinen falschen Lehren Unzucht treibt. Dies wird er sagen, ihr Mörder. Mörder der Gewissen und Mörder der Leiber.

Hier sind zwei eurer Opfer. Aber wenn auch zwei Herzen ermordet worden sind, einen Leib werdet ihr nicht länger als für die Zeit des Jonas haben. Und dann wird er, verbunden mit seiner unsterblichen Wesenheit, euch richten.»

Jesus ist furchtbar bei dieser Anklagerede. Ich glaube, daß er am Tag des Jüngsten Gerichtes ungefähr so sein wird.

«Und wo sind die Ermordeten? Du phantasierst! Du lebst im Konkubinat mit Beelzebub. Du treibst Unzucht mit ihm und wirkst in seinem Namen Wunder. Aber in diesem Fall vermagst du es nicht, da wir die Freundschaft Gottes besitzen.»

«Satan vertreibt sich nicht selbst. Ich vertreibe die Dämonen. Im Namen wessen also?» ... Schweigen ... «Antwortet mir!»

«Es ist doch gar nicht der Mühe wert, sich mit diesem Besessenen abzugeben. Ich habe es euch ja gesagt, und ihr habt mir nicht geglaubt. Jetzt hört es von ihm selbst. Antworte, du verrückter Nazarener. Kennst du den Schemhamphorasch (der "unaussprechliche" Name Gottes)?»

«Ich bedarf seiner nicht!»

«Hört ihr? Noch eine Frage. Bist du nicht in Ägypten gewesen?»

«Ja.»

«Seht ihr? Wer ist der Totenbeschwörer, der Satan? Schrecklich! Komm, Frau. Dein Mann ist ein Heiliger im Vergleich zu diesem hier. Komm! ... Du wirst dich reinigen müssen. Du hast Satan berührt! ...»Und sie gehen und schleppen die weinende Frau mit lebhaften Gesten des Abscheus mit sich.

Jesus steht mit verschränkten Armen da und verfolgt sie mit den Blitzen seiner Augen.

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«Meister... Meister...» Die Apostel sind erschrocken sowohl über die Heftigkeit Jesu als auch über die Worte der Judäer.

Petrus fragt, und er steht bei diesen Worten sehr gebeugt da: «Was haben sie sagen wollen mit ihren letzten Fragen? Was war das?»

«Was meinst du? Der Schemhamphorasch?»

«Ja, was ist das?»

«Denke nicht daran. Sie verwechseln die Wahrheit mit der Lüge, Gott mit Satan, und in ihrem satanischen Hochmut glauben sie, daß Gott, damit er sich dem Willen der Menschen beugt, mit seinem Tetragrammaton beschworen werden muß. Der Sohn spricht mit dem Vater die wahre Sprache, und dadurch, durch die gegenseitige Liebe des Vaters und des Sohnes, kommen Wunder zustande.»

«Aber warum haben sie gefragt, ob du in Ägypten gewesen bist?»

«Weil der Böse sich der unschuldigsten Dinge bedient, um daraus eine Anklage gegen sein Opfer zu machen. Mein Aufenthalt in Ägypten als Kind wird einer der Anklagepunkte sein in der Stunde ihrer Rache. Ihr und eure Nachfolger sollt wissen, daß man dem verschlagenen Satan und seinen Helfershelfern gegenüber doppelt klug sein muß. Deshalb habe ich gesagt: "Seid klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben." Dies, um den Dämonen nur so wenig Waffen als möglich in die Hände zu geben. Und doch nützt es nichts. Laßt uns gehen.»

«Wohin, Meister? Nach Jericho?»

«Nein. Wir werden ein Boot nehmen und den Jordan wieder an der Dekapolis vorbei bis Ennon hinauffahren. Dort steigen wir aus und nehmen dann am Ufer des Sees von Genesareth ein anderes Boot, mit dem wir nach Tiberias übersetzen. Von dort gehen wir nach Kana und Nazareth. Ich bedarf meiner Mutter, und auch ihr. Was Christus mit seinem Wort nicht erreicht, gelingt ihr mit ihrem Schweigen. Was meiner Macht nicht gelingt, vermag ihre Reinheit. Oh! Meine Mutter!»

«Weinst du, Meister? Du weinst? Oh nein! Wir werden dich verteidigen. Wir lieben dich!»

«Ich weine nicht aus Furcht vor denen, die mir Böses antun wollen. Ich weine, weil die Herzen härter sind als Jaspis und ich bei so vielen von ihnen nichts erreiche. Kommt, Freunde.»

Sie gehen zum Flußufer hinab und fahren mit dem Boot irgendeines Mannes stromaufwärts. So endet alles.

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557. «EIN GEBET KANN EUCH MIT GOTT VERBINDEN,

NICHT EINE MAGISCHE FORMEL»

Jesus sagt: «Die Welt – und unter Welt verstehe ich nicht nur die Laien – leugnet das Übernatürliche; aber dann, wenn sie mit göttlichen Offenbarungen und Kundgebungen konfrontiert wird, ist sie schnell dabei, nicht das Übernatürliche, sondern das Okkulte aufs Tapet zu bringen. Man verwechselt das eine mit dem anderen. Und nun hört: Übernatürlich ist, was von Gott kommt. Okkult ist, was einer außerirdischen Quelle entspringt, nicht aber auf Gott zurückzuführen ist.

Wahrlich, ich sage euch, die Geister können zu euch kommen. Aber wie? Auf zweifache Art und Weise: Auf Befehl Gottes oder durch menschliche Gewalt. Auf Befehl Gottes kommen die Engel, die Seligen, die Geister, die bereits im Lichte Gottes sind. Durch den Eingriff des Menschen können Geister erscheinen, denen auch ein Mensch befehlen kann, weil sie in einem tieferen Schlamm stecken als die menschlichen Seelen, in denen noch eine Erinnerung an die Gnade lebt, wenn auch die Gnade nicht mehr wirksam ist. Erstere kommen spontan auf einen einzigen Befehl hin, den meinen, und bringen die Wahrheit mit sich, die ihr, weil ich es will, kennenlernen sollt. Die anderen kommen durch eine Kombination von Kräften, Kräften des Götzendienst treibenden Menschen und Kräften des Götzen Satan. Können sie auch Wahres vermitteln? Nein, nie, in keinem Fall! Kann eine Formel, auch wenn sie von Satan gelehrt wird, Gott dem Willen des Menschen unterwerfen? Nein. Gott kommt immer freiwillig. Ein Gebet kann euch mit ihm verbinden, nicht eine magische Formel.

Und wenn jemand einwendet: "Samuel erschien dem Saul" sage ich: "Nicht durch die Macht der Hexe, sondern durch meinen Willen und zu dem Zweck, den König aufzurütteln, der sich gegen mein Gesetz auflehnte." Einige werden sagen: "Und die Propheten?" Die Propheten verkünden die Wahrheit aus einer Erkenntnis, die ihnen direkt eingegeben oder durch einen Engel vermittelt wird. Andere werden entgegnen: "Und die schreibende Hand beim Gastmahls des Königs Belsazar?" Diese mögen die Antwort Daniels lesen: "Auch du hast dich gegen den Herrn des Himmels erhoben... du hast die Götter aus Silber, Bronze, Erz, Gold, Holz und Stein gepriesen, die nichts sehen und nichts hören und keinen Verstand haben; aber den Gott, in dessen Hand dein Atem ist und bei dem alle deine Wege sind, hast du nicht verehrt. Daher wurde von ihm die Hand gesandt, die diese Schrift geschrieben hat. (Er schickte sie von sich aus, während du, törichter König und törichter Mensch, nicht daran dachtest und nur darum besorgt warst, deinen Magen zu füllen und deinem Geist zu schmeicheln.)"

Bisweilen ermahnt euch Gott durch Kundgebungen, die ihr "medial"

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nennt und die in Wirklichkeit Akte der Barmherzigkeit einer göttlichen Liebe sind, die euch retten will. Ihr dürft sie jedoch nicht selbst hervorzurufen suchen, denn die von euch hervorgerufenen sind nie echt und auch nie nützlich und bringen euch nichts Gutes. Macht euch nicht zu Sklaven dessen, was euch ins Verderben stürzt. Haltet euch nicht für intelligenter als die Demütigen, die sich der seit Jahrhunderten von meiner Kirche anerkannten Wahrheit beugen. Ihr seid nicht intelligenter, nur weil ihr hochmütig seid und in eurem Ungehorsam Freiheit für eure unerlaubten Gelüste sucht. Geht in euch und bleibt der seit vielen Jahrhunderten geltenden Lehre treu. Von Moses bis Christus, von Christus bis zu euch, und von euch bis zum letzten Tage ist dies die Lehre, und keine andere.

Kommt sie von euch, diese Lehre? Nein, die Wahrheit ist in mir und in meiner Lehre, und die Weisheit des Menschen besteht darin, mir zu gehorchen. Ist die Neugierde gefahrlos? Nein, sie steckt euch an, und ihr habt dann die Folgen zu tragen. Weg von Satan, wenn ihr Christus haben wollt. Ich bin der Gute. Ich und der Geist des Bösen, wir haben nichts gemeinsam. Entweder ich oder er. Wählt.»

«0 mein "Sprachrohr": Sage dies denen, die es angeht. Es ist das letzte Mal, daß ich zu ihnen spreche. Du aber und dein Seelenführer, seid vorsichtig. Die Beweise werden zu Gegenbeweisen in der Hand des Feindes und der Feinde meiner Freunde. Nehmt euch in acht. Geht hin in meinem Frieden.»

558. «DIE, DIE MICH LIEBEN, GEHEN FORT»

«Erhebt euch und laßt uns aufbrechen. Gehen wir wieder zum Fluß und suchen wir ein Boot. Geh du, Petrus, mit Jakobus. Man soll uns bis in die Nähe von Bethabara bringen. Wir werden einen Tag bei Salomon bleiben und dann ...»

«Aber willst du denn nicht nach Nazareth gehen?»

«Nein. Heute nacht habe ich mich entschlossen. Es tut mir leid für euch, aber ich muß zurückkehren.»

«Ich bin glücklich darüber!» ruft Margziam. «So werde ich länger bei dir sein!»

«Ja; obgleich du, armer Junge, gar traurige Tage an meiner Seite verlebst!»

«Gerade deswegen möchte ich bei dir bleiben, um dich meine Liebe fühlen zu lassen. Das allein will ich, sonst verlange ich nichts.»

Jesus küßt ihn auf die Stirn.

«Gehen wir also wieder über Bethabara?» fragt Matthäus.

«Nein. Wir überqueren den Fluß mit irgendeinem Fischerboot.»

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Petrus kommt mit Jakobus zurück. «Bis heute abend, Meister, ist kein Boot zu haben... Und... soll ich es sagen?»

«Sage es.»

«Einige sind hier vorbeigekommen... Sie müssen entweder gut bezahlt oder stark gedroht haben... Ich glaube nicht, daß du am Abend wirklich ein Boot finden wirst... Sie sind erbarmungslos ...» seufzt Petrus.

«Das macht nichts. Gehen wir... und der Herr wird uns helfen.»

Die Jahreszeit ist ungünstig, es regnet und der Weg ist aufgeweicht. Zum Regen kommt noch der Tau der Nacht, der auf dem Damm am Flußufer sehr reichlich fällt. Dennoch gehen sie auf diesem schmalen, erhöhten und der Straße entlang verlaufenden Weg, der weniger schlammig und weniger dem ununterbrochenen Geriesel des feinen Regens ausgesetzt ist durch eine Reihe von Pappeln, die einigermaßen Schutz gewähren, wenn nicht gerade ein Windstoß alle Tropfen auf einmal herunterschüttelt, die die Zweige zurückgehalten haben.

«Ja, es ist eben jetzt die Zeit», sagt Thomas philosophisch, indem er den Kragen seines Gewandes hochklappt.

«Ja, es ist seine Zeit», bestätigt Bartholomäus mit einem Seufzer.

«Wir werden schon irgendwo unsere Kleider trocknen können... Es werden doch nicht alle gegen uns aufgebracht sein», sagt Petrus.

«Es kann immer noch sein, daß wir ein Boot finden... Wer weiß!» fügt Jakobus des Alphäus hinzu.

«Wenn wir viel Geld hätten, würden wir alles finden; aber er hat mich ja nicht nach Jericho gehen lassen, um die Sachen zu verkaufen!» sagt Judas von Kerioth.

«Schweig! Ich bitte dich. Der Meister ist so betrübt. Schweig!» fleht Johannes.

«Ich schweige. Ja, ich freue mich sogar über seinen Befehl. So kann man nicht sagen, daß ich diese Sadduzäer beigeschickt habe», und er schaut dabei Petrus an. Aber Petrus ist in Gedanken versunken, sieht nichts und antwortet nichts.

Sie gehen weiter und weiter unter dem Regen, der so fein wie Nebel durch den grauen Tag rieselt. Von Zeit zu Zeit sprechen sie miteinander, aber es scheinen eher Selbstgespräche zu sein, so sehr gleichen ihre Worte Schlüssen aus einem Dialog mit einem unsichtbaren Gesprächspartner.

«Wir werden doch schließlich irgendwo anhalten müssen.»

«Alle Orte sind gleich, denn überall kommen sie hin.»

«Ob wir verfolgt werden oder nicht, besser ist es doch, in einer Stadt zu sein. Wenigstens wird man dort nicht naß.»

«Aber was wollen sie denn eigentlich erreichen?»

«Arme Maria! Wenn sie wüßte!»

«Großer Gott, beschütze deine Diener!» usw. ... Dann stecken sie alle die Köpfe zusammen und diskutieren leise miteinander.

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Jesus geht voran, allein... Allein! Bis Margziam ihn mit dem Zeloten einholt.

«Die anderen sind zum Ufer hinuntergestiegen, um zu sehen, ob ein Boot zu haben ist... Dann würde es schneller gehen. Dürfen wir zu dir kommen?»

«Kommt! Worüber habt ihr vorhin gesprochen?»

«Über dein Leiden.»

«Und über den Haß der Menschen. Was können wir tun, um dein Leiden zu lindern und den Haß zu zügeln?» fragt der Zelote.

«Mein Schmerz wird durch eure Liebe gelindert... Für den Haß... gibt es nichts anderes, als ihn zu ertragen... Das ist etwas, was mit dem Leben auf Erden aufhört, und dieser Gedanke gibt Geduld und Kraft, ihn zu ertragen. Margziam! Junge! Warum bist du so betrübt?»

«Weil mich das an Doras erinnert.»

«Du hast recht. Es wird Zeit, daß ich dich nach Hause schicke ...»

«Nein, Jesus! Nein! Warum willst du mich für etwas Böses bestrafen, das ich nicht getan habe?»

«Nicht zur Strafe, sondern um dich zu behüten... Ich will nicht, daß du an Doras denkst. Was fühlst du bei dieser Erinnerung? Antworte mir...»

Margziam weint mit gesenktem Kopf; dann erhebt er sein Gesicht und sagt: «Du hast recht. Mein Geist ist nicht imstande zu verstehen und zu verzeihen, noch nicht. Aber warum willst du mich fortschicken? Wenn du leidest, habe ich einen Grund mehr, in deiner Nähe zu sein. Du hast mich doch auch immer getröstet! Ich bin nicht mehr das törichte Kind, das dir im vergangenen Jahr gesagt hat: "Laß mich deinen Schmerz nicht schauen." Ich bin jetzt wirklich erwachsen. Laß mich bei dir bleiben, Herr... Sag du es ihm, Simon.»

«Der Meister weiß, was gut für uns ist. Und vielleicht... will er dir einen Auftrag geben... Ich weiß nicht... Es ist nur so ein Gedanke von mir.»

«Du hast recht. Ich hätte ihn gern bei mir behalten bis nach dem Lichterfest. Aber... meine Mutter ist allein. Man redet so viel über den Haß meiner Feinde, und sie könnte Schlimmeres befürchten, als wirklich ist. Meine Mutter ist allein, und sicherlich weint sie. Du wirst zu ihr gehen und ihr ausrichten, daß ich sie grüßen lasse und sie nach dem Lichterfest erwarte. Sonst sollst du ihr nichts sagen, Margziam.»

«Aber wenn sie mich fragt?»

«Oh, du kannst sagen ohne zu lügen... daß das Leben ihres Jesus wie dieser Himmel des Etanim ist: Wolken und Regen, teilweise Sturm. Aber es fehlen auch nicht die Sonnentage, wie gestern, wie vielleicht auch morgen. Schweigen ist nicht lügen. Du kannst ihr von den Wundern erzählen, die du gesehen hast. Du kannst ihr sagen, daß Elisa bei mir ist; daß Ananias mich wie ein Vater aufgenommen hat; daß ich in Nob im Haus eines

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guten Israeliten bin... Über den Rest bewahre Schweigen. Dann gehst du zu Porphyria und bleibst dort, bis ich dich rufe.»

Margziam weint noch stärker.

«Warum weinst du so? Gehst du nicht gern zu Maria? Gestern warst du noch ...» sagt Simon.

«Ja, gestern, weil wir alle zusammen zu ihr gehen wollten. Ich weine auch aus Angst, dich nicht mehr zu sehen... Oh, Herr! Herr! Nie mehr wird es für mich so glückliche Tage geben, wie es die letzten waren!»

«Wir werden uns noch wiedersehen, Margziam. Ich verspreche es dir.»

«Wann? Nicht vor dem Passahfest. Das ist eine lange Zeit.» Jesus schweigt. «Willst du mich wirklich nicht vor Passah bei dir haben?»

Jesus legt einen Arm um seine noch schmalen Schultern und zieht ihn an sich. «Warum willst du die Zukunft kennen? Heute sind wir noch. Morgen sind wir nicht mehr. Auch der reichste und mächtigste Mann kann seinem Leben keinen Tag hinzufügen. Sein Leben und die ganze Zukunft liegt in der Hand Gottes ...»

«Aber zum Passahfest muß ich ja in den Tempel kommen. Ich bin Israelit. Du kannst mich nicht sündigen lassen!»

«Du wirst nicht sündigen. Und die erste Sünde, von der du mir versprechen mußt, daß du sie nie begehst, ist die des Ungehorsams. Du sollst gehorchen. Immer. Jetzt mir, und später dem, der in meinem Namen zu dir sprechen wird. Versprichst du mir das? Denk daran, daß ich, dein Meister und Gott, meinem Vater gehorcht habe und ihm gehorchen werde bis zum Ende meiner Tage.» Jesu Stimme wird feierlich bei diesen letzten Worten.

Margziam sagt fast mit Begeisterung: «Ich werde gehorchen. Ich schwöre es vor dir und dem ewigen Gott.»

Es folgt ein Schweigen.

Dann fragt der Zelote: «Geht er allein zu ihr?»

«Nein, gewiß nicht. Mit einigen Jüngern. Wir werden noch andere finden außer Isaak.»

«Schickst du auch Isaak nach Galiläa?»

«Ja, er wird mit meiner Mutter zurückkehren.»

Man ruft sie vom Fluß. Die drei überqueren den Weg und gehen ans Wasser hinunter.

«Schau, Meister, wir haben etwas gefunden. Und sie wollen keine Bezahlung. Es sind Verwandte eines wunderbar Geheilten. Sie bringen Sand zum Dorf, also müssen wir bis dorthin zu Fuß gehen. Dann nehmen sie uns mit.»

«Gott vergelte es ihnen. So können wir gegen Abend bei Ananias sein.»

Petrus kommt sehr zufrieden wieder zum Weg herauf und sieht das traurige Gesicht des Margziam. «Was hast du? Was hat er getan?»

«Nichts Böses, Simon. Ich habe ihm gesagt, daß ich ihn nach Hause

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schicken werde, sobald wir irgendwo Jünger antreffen. Und deshalb ist er traurig.»

«Nach Hause... Ja... das ist richtig... Die Jahreszeit...» Petrus überlegt. Dann schaut er Jesus an und zieht ihn am Ärmel, damit er sich zu seinem Mund herunterneigt, und flüstert ihm ins Ohr: «Meister, aber warum schickst du ihn fort, ohne abzuwarten ...»

«Wegen der Jahreszeit, du hast es selbst gesagt.»

«Und außerdem?»

«Simon, ich will dir nichts vormachen. Auch, weil es nicht gut ist, daß Margziam sich das Herz vergiftet...»

«Du hast recht, Meister. Vergiftung des Herzens... Das ist es. Genau dazu würde es schließlich kommen.» Dann sagt er laut: «Der Meister hat wirklich recht. Du wirst gehen und... wir sehen uns dann an Passah wieder. Schließlich ist es ja nicht mehr lange bis dahin. Der Kislew ist vorüber... Oh, bald kommt der schöne Nisan. Ja, gewiß, er hat recht...» Die Stimme des Petrus wird unsicher. Er wiederholt behutsam und traurig: «Er hat recht ...» Und zu sich selbst sagt er: «Was wird wohl alles passieren bis zum Nisan?» Er schlägt verzweifelt mit der Hand auf die Stirn.

Weiter und weiter gehen sie in der Nässe des Tages. Es regnet nicht mehr, bis sie, an die Knie mit Schlamm bedeckt, in fünf kleine, feuchte, sandige Kähne steigen, die mit der Strömung flußabwärts fahren. Dann beginnt es wieder zu regnen. Die Tropfen klatschen auf das stille Wasser des Flusses, das den wolkenverhangenen Himmel widerspiegelt, und bilden sich immer wieder auflösende Kreise in einem Spiel von perlmutternen Facetten.

Es scheint eine ganz verlassene Gegend zu sein. An den Ufern, in den winzigen Dörfchen, ist keine Seele zu sehen. Wegen des Regens sind die Häuser verschlossen und die Wege verlassen, so daß sie bei der Landung in der beginnenden Abenddämmerung nahe dem kleinen Dorf Salomons den Weg still und leer vorfinden und zum Haus gelangen, ohne von jemandem gesehen zu werden. Sie klopfen an. Sie rufen. Nichts. Nur das Gurren der Tauben, das Blöken der Schäflein und das Rauschen des Regens.

«Es ist niemand da. Was machen wir?»

«Geht zu den Häusern des Dorfes. Zuerst zu dem des kleinen Michael», gebietet Jesus.

Während die jüngeren Apostel eilig weitergehen, bleiben Jesus und die älteren in der Nähe des Hauses und beobachten und besprechen die Lage.

«Alles ist verschlossen... Auch das Gittertor ist gut zugebunden und gesichert. Schau! Da ist sogar ein großer Nagel. Die Fenster sind verschlossen wie bei Nacht. Wie traurig es aussieht! Und dann dieses Jammern der Schafe und Tauben! Ob er wohl krank ist? Was meinst du, Meister?»

Jesus schüttelt den Kopf. Er ist müde und traurig...

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Die Apostel kehren im Laufschritt zurück. Andreas kommt als erster bei ihnen an und ruft ihnen schon aus einigen Metern Entfernung zu: «Er ist tot... Ananias ist gestorben... Man darf nicht ins Haus, weil es noch nicht gereinigt ist... Erst seit einigen Stunden ist er im Grab... Wären wir doch gestern schon gekommen... Gleich kommt die Frau, die Mutter Michaels.»

«Aber was verfolgt uns denn so?!» platzt Bartholomäus heraus.

«Armer Alter! Er war so glücklich! Es ging ihm so gut! Wie kam es denn? Wann ist er krank geworden?» Alle reden auf einmal.

Da kommt die Frau. Aus einer gewissen Entfernung sagt sie: «Herr, der Friede sei mit dir! Mein Haus steht dir offen. Aber... ich weiß nicht, ob... Ich habe den Toten hergerichtet. Deswegen nähere ich mich dir nicht. Doch kann ich dir die Häuser angeben, die euch aufnehmen werden.»

«Ja, Frau. Gott möge es dir vergelten und mit dir all jenen, die den Wanderern Barmherzigkeit erweisen. Aber wie ist der Mann denn gestorben?»

«Oh, ich weiß es nicht. Er war nicht krank. Vorgestern ging es ihm noch gut. Ja, gewiß, es ging ihm gut. Michael war am Morgen gekommen, um die beiden Schafe zu holen und sie zu den unsrigen zu bringen. So war es abgemacht. Ich hatte ihm um die sechste Stunde die Kleidungsstücke gebracht, die ich ihm gewaschen hatte. Er saß am Tisch und aß. Ganz gesund. Am Abend hatte Michael noch die Schafe zurückgebracht und zwei Krüge Wasser für ihn geholt. Er hatte ihm zwei Brötchen geschenkt, die er sich gemacht hatte. Gestern morgen kam mein Sohn wegen der Schafe. Alles war verschlossen wie jetzt, und niemand antwortete auf die Rufe des Knaben. Er versuchte die Gartentür aufzustoßen, aber es gelang ihm nicht, sie zu öffnen. Sie war verschlossen. Da erschrak Michael und kam zu mir gelaufen. Ich, mein Mann und andere liefen hin. Wir öffneten die Gartentür und klopften an die Küchentür... Dann brachen wir die Tür auf. Er saß noch neben der Feuerstätte mit über den Tisch geneigtem Haupt. Die Lampe stand noch in der Nähe; aber sie war erloschen wie er. Ein Messerchen lag zu seinen Füßen und ein halbgeschnitzter Holzteller... Der Tod hat ihn so überrascht... Er lächelte... Er war im Frieden... Oh, welch schönes Antlitz eines Gerechten. Er schien noch schöner als sonst... Ich... Erst seit kurzem habe ich mich seiner angenommen... Aber ich war ihm sehr zugetan... und weine ...»

«Er ist im Frieden. Du selbst hast es gesagt. Weine nicht! Wo habt ihr ihn begraben?»

«Wir haben gewußt, daß du ihn sehr liebst, und daher haben wir ihn in das Grab gelegt, das Levi sich vor kurzem hat errichten lassen. Ein einzelnes Grab, denn Levi ist reich. Wir sind nicht reich. Dort hinten, jenseits des Weges. Wenn du willst, werden wir jetzt alles reinigen und ...»

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«Ja. Nimm du die Schafe und die Tauben, und den Rest bewahrt für mich und die Meinen, damit ich mich dort manchmal aufhalten kann. Gott segne dich, Frau. Gehen wir zum Grab.»

«Willst du ihn auferwecken?» fragt Thomas erstaunt.

«Nein, das wäre keine Freude für ihn. Dort, wo er ist, ist er glücklicher. Er hat sich ja danach gesehnt ...»

Aber Jesus ist sehr niedergeschlagen. Es scheint, als ob alles sich verschworen hätte, seine Traurigkeit zu vermehren. Aus den Haustüren schauen Frauen, grüßen und machen ihre Bemerkungen.

Bald ist die Grabstätte erreicht: ein kleiner, erst kürzlich gebauter Würfel. Jesus bleibt in der Nähe stehen und betet. Dann wendet er sich um mit tränennassen Augen und spricht – «Gehen wir... in die Häuser des Dorfes. In unserem Häuschen ist niemand mehr, der uns erwartet, um uns zu segnen... Mein Vater! Einsamkeit umgibt deinen Sohn. Die Leere wird immer größer und trüber. Die mich lieben, gehen fort, und es bleiben die, die mich hassen... Vater, dein Wille geschehe und sei gepriesen allezeit... !»

Sie kehren ins Dorf zurück. Zwei hier, drei dort, betreten sie die Häuser derer, die den Toten nicht berührt haben, um Unterkunft und Erquickung zu finden.

559. DAS GLEICHNIS VOM UNGERECHTEN RICHTER

Jesus ist wieder in Jerusalem, in einem windigen, düsteren, winterlichen Jerusalem. Margziam ist noch bei Jesus, ebenso Isaak. Die Jünger sprechen miteinander, sie sind auf dem Weg zum Tempel.

Mit den Zwölf sind auch Joseph und Nikodemus. Mehr als mit den anderen sprechen sie mit dem Zeloten und mit Thomas. Aber dann verlassen sie diese und gehen grüßend an Jesus vorüber, ohne sich bei ihm aufzuhalten.

«Sie wollen ihre Freundschaft mit dem Meister nicht offen bekennen. Das wäre gefährlich», zischt Iskariot Andreas zu.

«Ich glaube, sie tun es aus einem vernünftigen Grund, nicht aus Feigheit», verteidigt sie Andreas.

«Im übrigen sind sie ja keine Jünger und deshalb frei. Sie sind es nie gewesen», sagt der Zelote.

«Nicht?! Mir schien es aber ...»

«Nicht einmal Lazarus ist ein Jünger, und nicht einmal ...»

«Aber wenn du ausschließt und ausschließt, wer bleibt dann noch?»

«Wer? Die, die die Sendung eines Jüngers haben.»

«Und die anderen, was sind dann die?»

«Freunde, nicht mehr als Freunde. Verlassen sie etwa ihre Häuser, ihre Geschäfte, um Jesus zu folgen?»

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«Nein. Aber sie hören ihn gern, helfen ihm und...»

«Wenn es nur das ist! Auch die Heiden tun das. Du siehst, daß wir auch bei Nike jemanden gefunden haben, der an ihn gedacht hatte. Und diese Frauen waren gewiß keine Jünger.»

«Erhitze dich nicht! Ich habe nur so gesagt. Legst du so viel Wert darauf, daß deine Freunde keine Jünger sind? Mir scheint, du solltest das Gegenteil wünschen.»

«Ich erhitze mich nicht und will auch gar nichts. Nicht einmal, daß du ihnen schadest, indem du sie als seine Jünger bezeichnest.»

«Aber wem sollte ich das denn sagen? Ich bin doch immer bei euch ...»

Simon der Zelote sieht ihn so streng an, daß das Lächeln auf den Lippen des Judas erstirbt und dieser es für angebracht hält, das Thema zu wechseln und fragt: «Was wollten sie heute, daß sie mit euch beiden so viel geredet haben?»

«Sie haben das Haus für Nike gefunden, bei den Gärten, nahe am Stadttor. Joseph kannte den Eigentümer und wußte, daß er es für einen guten Gewinn verkaufen würde. Wir werden es Nike mitteilen.»

«Wozu so das Geld hinauswerfen?»

«Sie hat es und kann damit tun, was sie will. Sie will in der Nähe des Meisters sein. Sie gehorcht damit dem Willen ihres Mannes und ihrem eigenen Herzen.»

«Nur meine Mutter ist fern...» seufzt Jakobus des Alphäus.

«Und meine», sagt der andere Jakobus.

«Aber nur für kurze Zeit. Hast du gehört, was Jesus zu Isaak, Johannes und Matthias gesagt hat? "Wenn ihr zum Neumond des Schebat zurückkehrt, dann bringt außer meiner Mutter auch die Jüngerinnen mit."»

«Ich weiß nicht, weshalb er nicht will, daß Margziam mit ihnen kommt, denn er hat zu ihm gesagt: "Du wirst kommen, wenn ich dich rufe."»

«Vielleicht, damit Porphyria nicht ohne Hilfe bleibt... Wenn keiner fischen geht da oben, gibt es auch nichts zu essen. Wir tun es nicht, also muß Margziam gehen. Der Feigenbaum, der Bienenstock, die wenigen Ölbäume und die beiden Schafe reichen gewiß nicht aus, um eine Frau zu kleiden und zu ernähren ...» bemerkt Andreas.

Jesus, der vor der Umfassungsmauer des Tempels stehengeblieben ist, schaut sie an, während sie herankommen. Bei ihm sind Petrus, Margziam und Judas des Alphäus. Einige Arme erheben sich von ihren Steinlagern am Weg, der zum Tempel führt – der Weg von Sion zum Moriah, nicht der von Ophel zum Tempel – und gehen Jesus jammernd und um Almosen bittend entgegen. Niemand bittet um Heilung. Jesus beauftragt Judas, ihnen Geldstücke zu geben. Dann betritt er den Tempel.

Es ist nicht viel Volk da. Nach dem großen Zustrom an den Festtagen kommen keine Pilger mehr. Nur wer wegen wichtiger Geschäfte gezwungen

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ist, nach Jerusalem zu kommen, oder wer in der Stadt selbst wohnt, geht zum Tempel hinauf. Daher sind die Vorhöfe und Säulengänge, wenn auch nicht ganz verlassen, so doch weniger belebt, und sie erscheinen viel geräumiger und heiliger, da weniger geräuschvoll. Auch die Wechsler und Verkäufer von Tauben und anderen Tieren sind weniger zahlreich. Sie lehnen sich an die von der Sonne beschienenen Mauern – einer blassen Sonne, die durch die grauen Wolken dringt.

Nach dem Gebet im Vorhof der Israeliten kehrt Jesus zurück und lehnt sich an eine Säule, so daß er beobachten kann... aber auch beobachtet wird.

Er sieht einen Mann und eine Frau, die gewiß vom Vorhof der Hebräer zurückkehren und zwar nicht offen weinen, deren Gesichter aber auch ohne Tränen einen großen Schmerz erkennen lassen. Der Mann versucht die Frau zu trösten, obwohl man sieht, daß auch er sehr betrübt ist.

Jesus verläßt die Säule und geht ihnen entgegen. «Was schmerzt euch?» fragt er sie mitleidig.

Der Mann schaut ihn an, erstaunt über diese Anteilnahme. Vielleicht kommt er ihm sogar aufdringlich vor. Aber der Blick Jesu ist so sanft, daß er ihn entwaffnet. Und bevor er ihm seinen Schmerz erzählt, fragt er: «Wie kommt es, daß ein Rabbi sich um das Leid eines einfachen Gläubigen kümmert?»

«Weil der Rabbi dein Bruder ist, o Mensch, dein Bruder im Herrn, und er liebt dich, wie das Gebot es vorschreibt.»

«Dein Bruder? Ich bin ein armer Bauer der Saronebene bei Dora, du aber bist ein Rabbi.»

«Ein Rabbi fühlt den Schmerz wie alle anderen. Ich weiß, was Schmerz ist, und möchte dich trösten.»

Die Frau hebt ein wenig den Schleier, um Jesus anzuschauen, und flüstert ihrem Gatten zu: «Sag es ihm. Vielleicht kann er uns helfen ...»

«Rabbi, wir hatten eine Tochter, wir haben sie noch. Noch haben wir sie... Und wir haben sie, wie es sich geziemt, einem jungen Mann zur Frau gegeben, von dem uns ein gemeinsamer Freund versichert hatte, daß es ein Ehemann würde. Sie sind seit sechs Jahren verheiratet und haben zwei Kinder; nur zwei... denn danach schwand die Liebe, so daß der Gatte nunmehr die Scheidung verlangt. Unsere Tochter weint und verzehrt sich vor Gram; deshalb haben wir gesagt, daß wir sie noch haben. Denn bald wird sie vor Schmerz sterben. Wir haben alles versucht, ihren Gatten zu überreden. Und wir haben so inbrünstig zum Allerhöchsten gebetet. Aber keiner von beiden hat uns erhört. Daher haben wir eine Pilgerfahrt hierher unternommen und sind einen ganzen Monat lang hiergeblieben. Alle Tage sind wir in den Tempel gegangen, ich an meinen Platz, die Frau an den ihren. Heute früh ist ein Diener meiner Tochter mit der Nachricht gekommen, daß der Gatte nach Caesarea gegangen sei, um ihr von dort den

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Scheidebrief zu schicken. Das ist die Antwort, die unsere Gebete erhalten haben ...»

«Sprich nicht so, Jakob», fleht die Frau mit leiser Stimme. «Der Rabbi wird uns als Gotteslästerer verfluchen... Und Gott wird uns strafen. Dies ist unser Schmerz, und er kommt von Gott... und wenn er uns geschlagen hat, dann geschah es, weil wir es verdient haben», schließt

Schluchzen.

«Nein, Frau. Ich verfluche euch nicht, und Gott wird euch nicht bestrafen. Ich sage es euch, so wie ich euch auch sage, daß nicht Gott es ist, der euch diesen Schmerz bereitet, sondern der Mensch. Gott läßt es geschehen, um euch zu prüfen und um den Mann eurer Tochter zu prüfen. Verliert nicht das Vertrauen, und der Herr wird euch erhören.»

«Es ist zu spät. Unsere Tochter ist nun verstoßen und entehrt und wird sterben», sagt der Mann.

«Es ist nie zu spät für den Allerhöchsten. In einem Augenblick und durch Ausdauer im Gebet kann er den Lauf der Ereignisse ändern. Zwischen dem Kelch und den Lippen bleibt dem Tod immer noch Zeit, mit seinem Dolch zuzustoßen und zu verhindern, daß der sich dem Mund nähernde Kelch getrunken werden muß. Und dies geschieht durch das Eingreifen Gottes. Ich sage es euch. Kehrt zurück zu euren Gebetsplätzen, verharrt heute, morgen und übermorgen noch im Gebet. Habt Glauben und Vertrauen, und ihr werdet das Wunder erleben.»

«Rabbi, du willst uns trösten; aber in diesem Augenblick... Du weißt, daß man einen Scheidebrief, wenn er der Verstoßenen einmal übergeben worden ist, nicht mehr rückgängig machen kann», sagt der Mann.

«Hab Vertrauen, sage ich dir. Es ist wahr, man kann ihn nicht rückgängig machen. Aber weißt du, ob deine Tochter ihn erhalten hat?»

«Von Dora nach Caesarea ist kein weiter Weg. Während der Diener hierher kam, ist Jakob gewiß nach Hause zurückgekehrt und hat Maria verjagt.»«Der Weg ist zwar nicht weit, aber bist du sicher, daß er ihn zurückgelegt hat? Sollte ein über dem Menschen stehender Wille einen Mann nicht aufhalten können, wenn Josua mit Gottes Hilfe die Sonne zum Stillstand brachte? Ist euer inständiges, vertrauensvolles Beten in guter Absicht nicht etwa ein heiliges Wollen, das sich dem bösen Willen des Menschen entgegenstellt? Und da ihr um etwas Gutes bittet, sollte euch da nicht Gott, der doch euer Vater ist, helfen, dem Wahnsinnigen Einhalt zu gebieten? Hat er euch vielleicht nicht schon geholfen? Selbst wenn der Mann noch darauf bestehen würde zu gehen, könnte er ihm nicht Einhalt gebieten, wenn ihr ebenso beständig den Vater um eine gerechte Sache bittet? Ich sage euch: Geht hin und betet heute, morgen und übermorgen, und ihr werdet das Wunder erleben.»

«Oh, gehen wir, Jakob! Der Rabbi muß es wissen. Und wenn er uns auffordert zu beten, ist dies ein Zeichen, daß es das Richtige ist. Hab

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Vertrauen, mein Gatte. Ich fühle in mir einen großen Frieden, eine große Hoffnung aufsteigen, während ich vorher so großen Schmerz empfand. Gott lohne es dir, o Rabbi, der du so gut bist, und er möge dich erhören. Bete auch du für uns. Komm, Jakob, komm.» Und es gelingt ihr, ihren Mann zu überzeugen, der ihr folgt, nachdem sie sich von Jesus mit dem üblichen hebräischen Gruß verabschiedet haben: «Der Friede sei mit dir», den Jesus mit denselben Worten beantwortet.

«Warum hast du ihm nicht gesagt, wer du bist? Sie hätten dann mit größerem Frieden im Herzen gebetet», sagen die Apostel, und Philippus fügt hinzu: «Ich gehe und sage es ihm.»

Aber Jesus hält ihn zurück mit den Worten: «Ich will es nicht. Er würde wirklich mit Frieden beten, aber mit weniger Verdienst. So wird ihr Glaube vollkommen sein und belohnt werden.»

«Wirklich?»

«Glaubt ihr vielleicht, daß ich lüge und zwei Unglückliche betrüge?»

Er schaut auf das Volk, das sich versammelt hat, an die hundert Menschen, und spricht: «Hört dieses Gleichnis, das euch den Wert des ausdauernden Gebetes erklären wird!

Ihr wißt, was das Deuteronomium über die Richter und Beamten sagt. Sie müssen gerecht und barmherzig sein und ohne Voreingenommenheit alle anhören, welche sich an sie wenden. Sie sollen deren Angelegenheiten so behandeln, als wären es ihre eigenen, keine Geschenke annehmen, nicht auf Drohungen achten, schuldig gewordene Freunde nicht begünstigen und solche, die mit den Freunden des Richters verfeindet sind, nicht benachteiligen. Und wenn auch die Worte des Gesetzes gerecht sind, so sind es doch die Menschen, die dem Gesetz nicht zu gehorchen wissen, nicht immer. Man sieht also, daß die menschliche Gerechtigkeit oft unvollkommen ist; denn selten sind die Richter, die sich nicht durch Bestechlichkeit beflecken, die barmherzig und geduldig sind sowohl mit den Reichen als auch mit den Armen, mit den Witwen und Waisen, wie auch mit denen, die dies nicht sind.

In einer Stadt lebte ein seines Amtes, das er nur durch mächtige Verwandte erlangt hatte, sehr unwürdiger Richter. Er war äußerst ungerecht in seinen Urteilen und immer geneigt, den Reichen und Mächtigen, den von Reichen und Mächtigen Empfohlenen, und auch denen, die ihn mit reichen Geschenken bestachen, recht zu geben. Er fürchtete Gott nicht und lachte über die Klagen der Armen und Schwachen, die keinen mächtigen Verteidiger hatten. Wenn er jemanden nicht anhören wollte, der so überzeugende Beweise gegen einen Reichen vorbrachte, daß er ihm in keiner Weise Unrecht geben konnte, ließ er ihn von sich jagen und drohte ihm mit Kerker. Die meisten ertrugen seine Gewaltakte stillschweigend, zogen sich geschlagen zurück und akzeptierten ihre Niederlage, noch bevor ihr Fall vor Gericht erörtert worden war.

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In dieser Stadt lebte auch eine Witwe mit vielen Kindern, der ein reicher, einflußreicher Herr eine große Sunime für Arbeiten, die ihr verstorbener Gatte für diesen Mächtigen ausgeführt hatte, schuldig geblieben war. Getrieben von Not und mütterlicher Liebe hatte sie sich bemüht, die Summe zu erhalten, die es ihr ermöglicht hätte, ihre Kinder zu ernähren und sie für den kommenden Winter mit Kleidung zu versehen. Aber all ihr Drängen und Flehen war erfolglos geblieben, und so wandte sie sich all den Richter.

Der Richter war ein Freund dieses Reichen, und letzterer hatte zu ihm gesagt: "Wenn du mir recht gibst, gehört ein Drittel der Summe dir." Daher war der Richter taub gegenüber den Worten der Witwe, die ihn bat: "Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher. Du siehst, wie sehr ich des Geldes bedarf. Alle können dir bestätigen, daß ich ein Anrecht auf diese Summe habe." Der Richter aber blieb taub und ließ sie von seinen Dienern fortjagen. Doch die Frau kehrte ein-, zwei-, zehnmal zurück, am Morgen, zur sechsten und neunten Stunde, am Abend, unermüdlich. Sie lief ihm nach auf der Straße und rief ihm zu: "Schaffe mir Recht. Meine Kinder haben Hunger und frieren, und ich habe kein Geld, um Mehl und Kleider zu kaufen." Sie war an der Schwelle seines Hauses, wenn er heimkehrte, um sich mit seinen Kindern zu Tisch zu setzen. Und der Schrei der Witwe: "Schaffe mir Recht, denn ich leide zusammen mit meinen Kindern Hunger und Kälte", drang bis ins Haus, bis in den Speisesaal und in das Schlafgemach während der Nacht, durchdringend wie das Geschrei eines Wiedehopfs: "Erweise mir Gerechtigkeit, wenn du nicht willst, daß Gott dich bestrafe! Erweise mir Gerechtigkeit! Bedenke, daß die Witwen und 'Waisen Gott heilig sind, und wehe dem, der sie bedrückt. Erweise mir Gerechtigkeit, wenn du nicht eines Tages erleiden willst, was wir jetzt leiden. Hunger leiden und frieren, wie wir jetzt, wirst du im anderen Leben, wenn du nicht Gerechtigkeit walten läßt, du Elender!"

Der Richter fürchtete weder Gott noch den Nächsten. Doch er hatte es satt, von der Hartnäckigkeit der Witwe beständig verfolgt und zum Gegenstand des Spottes und auch des Tadels der ganzen Stadt zu werden. Daher sagte er eines Tages zu sich selbst: "Wenn ich auch weder Gott noch die Drohungen der Frau oder das Urteil der Mitbürger fürchte, so will ich doch all diesen Belästigungen ein Ende setzen und der Witwe Gehör schenken. Ich werde Gerechtigkeit walten lassen und den Reichen verpflichten zu zahlen, damit sie mich nicht mehr verfolgt und mich in Ruhe läßt." So rief er denn den reichen Freund zu sich und sagte ihm: "Mein Freund, es ist mir nicht länger möglich, dich zufriedenzustellen. Tue deine Pflicht und zahle, denn ich ertrage es nicht länger, deinetwegen belästigt zu werden." So mußte der Reiche die Sunime zahlen, wie es die Gerechtigkeit wollte.

Das ist das Gleichnis. Nun ist es an euch, es anzuwenden.

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Ihr habt die Worte eines Ungerechten gehört: "Um den vielen Belästigungen ein Ende zu setzen, will ich der Frau Gehör schenken." Er war ein Ungerechter! Sollte etwa Gott, der gütigste Vater, weniger gut sein als der schlechte Richter? Wird er nicht diesen seinen Kindern Gerechtigkeit erweisen, die ihn Tag und Nacht anrufen? Wird er sie so lange auf die Gnade warten lassen, bis ihr niedergeschlagenes Herz aufhört zu beten? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich Gerechtigkeit widerfahren lassen, damit ihre Seele nicht den Glauben verliere. Man muß aber auch zu beten wissen und nicht gleich nach den ersten Gebeten ermüden, und man muß um Gutes zu bitten wissen. Auch muß man sich Gott anvertrauen und sagen: "Es möge jedoch geschehen, was deine Weisheit für uns als das Beste erachtet."

Habt Vertrauen! Wißt zu beten im Vertrauen auf das Gebet und auf Gott, euren Vater, und er wird euch Gerechtigkeit erweisen gegenüber euren Bedrückern, mögen sie nun Menschen oder Dämonen, Krankheiten oder andere Unglücksfälle sein. Das beharrliche Gebet öffnet den Himmel, und das Vertrauen rettet die Seele, in welcher Weise auch immer das Gebet gehört und erhört wird. Laßt uns gehen!»

Er geht auf den Ausgang zu. Und als er beim Hinausgehen sein Haupt erhebt und sieht, wie wenige ihm folgen und wie viele ihm gleichgültig und feindselig von weitem nachschauen, ruft er traurig aus: «Wenn der Menschensohn wiederkehrt, wird er dann noch Glauben finden auf Erden?» Und seufzend hüllt er sich enger in seinen Mantel und begibt sich mit langen Schritten zur Vorstadt Ophel.

560. «ICH BIN DAS LICHT DER WELT»

Jesus ist noch in Jerusalem, aber nicht in einem der Vorhöfe des Tempels. Er befindet sich in einem großen, schön geschmückten Raum, in einem der zahlreichen Räume innerhalb eines Bezirkes, der die Ausdehnung eines ganzen Dorfes hat.

Er ist gerade erst eingetreten und geht noch an der Seite dessen, der ihn eingeladen hat hereinzukommen, vielleicht um ihm Schutz zu bieten vor dem kalten Wind, der auf dem Moriah weht. Die Apostel und einige Jünger folgen ihm. Ich sage einige, denn außer Isaak und Margziam sehe ich Jonathan, und unter dem Volk, das ebenfalls hinter dem Meister hereinkommt, ist der Levit Zacharias, der wenige Tage zuvor gesagt hatte, er wolle ein Jünger Jesu werden. Ferner sind noch zwei andere da, die ich schon unter den Jüngern gesehen habe, deren Namen ich aber nicht kenne. Neben diesen Gutgesinnten fehlen natürlich auch nicht die üblichen, unvermeidlichen, unverbesserlichen Pharisäer. Sie bleiben nahe der Tür

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stehen, als hielten sie sich zufällig dort auf, um Geschäfte zu besprechen; in Wirklichkeit aber sind sie da, um zu horchen. Die Anwesenden warten alle auf das Wort des Herrn.

Jesus schaut auf diese Versammlung von Menschen, die sichtlich aus verschiedenen Nationen stammen, nicht alle aus Palästina sind, wohl aber alle der jüdischen Religion angehören. Er betrachtet diese Leute, die vielleicht schon morgen in die verschiedenen Regionen zurückkehren, aus denen sie gekommen sind, und dort verkünden werden: «Wir haben den Mann gesehen, der unser Messias sein soll.» Und er spricht zu ihnen nicht von dem ihnen schon bekannten Gesetz, wie er es oft tut, wenn er sich vor unwissenden und im Glauben erschütterten Menschen befindet, sondern vielmehr von sich selbst, damit sie ihn kennenlernen.

Er sagt: «Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln, sondern das Licht des Lebens haben.» Dann schweigt er, nachdem er das Thema angekündigt hat, wie er es gewöhnlich tut, wenn er eine große Predigt halten will. Er schweigt, um den Leuten Zeit zu lassen zu entscheiden, ob sie das Thema mehr oder weniger interessiert, und um auch denen, die an dem angekündigten Thema kein Interesse haben, Zeit zum Weggehen zu lassen. Aber niemand von den Anwesenden entfernt sich. Und die Pharisäer, die in ein vorgebliches und geflissentliches Gespräch vertieft an der Tür gestanden sind, beim ersten Wort Jesu sogleich geschwiegen und sich dem Inneren der Synagoge zugewandt haben, kommen nun sogar herein und machen sich mit ihrer immer gleichbleibenden Anmaßung breit.

Sobald der Lärm sich gelegt hat, wiederholt Jesus den eben gesagten Satz mit noch mächtigerer Stimme und fährt dann fort: «Ich bin das Licht der Welt, da ich der Sohn des Vaters bin, der da ist der Vater des Lichtes. Der Sohn gleicht immer dem Vater, der ihn gezeugt hat und dessen Natur er besitzt. Ebenso gleiche ich dem und besitze ich die Natur dessen, der mich gezeugt hat. Gott, der Allerhöchste, der vollkommene und unendliche Geist, ist Licht der Liebe, Licht der Weisheit, Licht der Macht, Licht der Güte, Licht der Schönheit. Er ist der Vater der Lichter, und wer aus ihm und in ihm lebt, sieht, denn er ist im Licht, so wie es auch das Verlangen Gottes ist, daß seine Geschöpfe sehen. Er hat den Menschen Verstand und Herz gegeben, damit sie das Licht, d.h. ihn selbst sehen, verstehen und lieben können; und er hat den Menschen Augen gegeben, damit sie das Schönste unter den geschaffenen Dingen sehen können, die Vollkommenheit der Elemente, durch die die Schöpfung sichtbar wird, die zu den ersten Werken des Schöpfer Gottes gehört und das sichtbarste Zeichen dessen trägt, der es geschaffen hat: das Licht, das körperlose, leuchtende, beseligende und tröstende Licht, das so notwendig ist, wie es der Vater aller ist: der ewige und allerhöchste Gott.

Durch einen Befehl seines Gedankens schuf er das Firmament und die

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Erde, d.h. die Masse der Atmosphäre und die Masse des Staubes, das Körperlose und das Körperliche, das Leichte und das Schwere, aber beides noch arm und leer und formlos, da in Finsternis gehüllt, ohne Himmelskörper und ohne Leben. Und um der Erde und dem Firmament ihr wahres Aussehen zu geben und etwas Schönes, Nutzbringendes und zur Fortsetzung des Schöpfungswerkes Geeignetes aus ihnen zu machen, rief der Geist Gottes, der über den Wassern schwebte und eins war mit dem Schöpfer, der erschuf, und mit der schöpferischen Kraft, die zum Erschaffen trieb, um nicht nur sich selbst lieben zu können im Vater und im Sohne, sondern auch eine unendliche Zahl von Geschöpfen, die da genannt werden: Gestirne, Planeten, Gewässer, Meere, Wälder, Pflanzen, Blumen und Tiere, die fliegen, schnellen, schleichen, laufen, springen und klettern, und schließlich den Menschen, das vollkommenste unter den geschaffenen Dingen, vollkommener als die Sonne, da er aus Materie und Seele besteht, aus Instinkt und Verstand, aus Gesetzmäßigkeit und freiem Willen... den Menschen, der Gott ähnlich ist durch seinen Geist, dem Tier ähnlich durch seinen Körper, den Halbgott, der göttlich wird durch die Gnade Gottes und den eigenen Willen; das Menschenwesen, das durch sein Wollen zum Engel werden kann, das geliebteste der sinnlich wahrnehmbaren Geschöpfe, für das Gott trotz seiner Sündhaftigkeit vor dem Anfang der Zeiten den Erlöser, das Opfer, bereitet hat in der Person des von ihm unendlich geliebten Wesens, im Sohn, dem Wort, für das alles geschaffen wurde – um also, wie ich sagte, der Erde und dem Firmament ihr wahres Aussehen zu geben, rief der im Kosmos schwebende Geist Gottes aus, und hier manifestiert sich zum ersten Mal das Wort: "Es werde Licht", und es ward Licht, gut, wohltuend und mächtig am Tag, mild in der Nacht, aber unvergänglich, solange die Zeit dauern wird. Dem Ozean der Wunderdinge, der da ist der Thron Gottes, der Schoß Gottes, entnahm Gott die schönste Perle. Sie ist das Licht und geht dem vollkommensten Juwel, der Erschaffung des Menschen, voraus, in dem sich nicht nur ein Edelstein Gottes befindet, sondern Gott selbst, der dem Staub seinen Odem einhauchte, um daraus ein Fleisch und ein Leben zu bilden, seinen Erben im himmlischen Paradies, wo er die Gerechten, die Söhne erwartet, um sich an ihnen zu erfreuen und ihnen die Freude der Glückseligkeit in Gott zu schenken.

Wenn Gott zu Beginn der Schöpfung über seinen Werken das Licht wollte, wenn er sich des Wortes bediente, um das Licht zu erschaffen, wenn er denen, die er am meisten liebt, das schenkt, was ihm am ähnlichsten ist: das Licht, das irdische, freudige und körperlose, das geistige, weise und heiligende Licht, sollte er dann dem Sohn seiner Liebe versagt haben, was er selbst ist? Wahrlich, dem, in dem er sich von Ewigkeit her wohlgefällt, hat der Höchste alles gegeben; und von diesem Alles zuerst und vor allem das Licht, damit die Menschen nicht auf ihren Eintritt

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ins Himmelreich warten müssen, um das Wunder der Dreifaltigkeit zu erkennen, das die Himmel in seligen Chören besingen, besingen in der Harmonie der bewundernden Freude, die den Engeln aus der Anschauung des Lichtes, Gottes, erwächst, des Lichtes, das das Paradies erfüllt und beseligt in all seinen Bewohnern.

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln, sondern das Licht des Lebens haben! Wie das Licht auf der gestaltlosen Erde das Leben der Tiere und Pflanzen möglich machte, so macht mein Licht das ewige Leben für die Seelen möglich. Ich, das Licht, schaffe in euch das Leben, erhalte es und vermehre es; ich schaffe euch neu in ihm, forme euch um und bringe euch zur Wohnstatt Gottes auf den Wegen der Weisheit, der Liebe und der Heiligung. Wer das Licht in sich hat, hat Gott in sich; denn das Licht ist eins mit der Liebe, und wer die Liebe hat, hat Gott. Wer in sich das Licht hat, hat in sich das Leben; denn Gott ist dort, wo sein geliebter Sohn aufgenommen wird.»

«Du redest unvernünftig. Wer hat je gesehen, was Gott ist? Nicht einmal Moses hat Gott gesehen, denn sobald er auf dem Horeb erkannte, wer aus dem brennenden Dornbusch sprach, verhüllte er sein Antlitz; und auch die anderen Male konnte er ihn nicht sehen unter den blendenden Blitzen. Und du behauptest, gesehen zu haben? Auf dem Antlitz des Moses, der ihn nur sprechen hörte, blieb ein Glanz zurück. Aber du, wo ist das Licht auf deinem Gesicht? Du bist ein armer Galiläer mit einem bleichen Gesicht, wie die meisten von euch. Ein Kranker bist du, müde und mager. Wahrlich, wenn du Gott gesehen hättest und er dich lieben würde, sähest du nicht aus wie einer, der dem Tode nahe ist. Du willst das Leben geben, du, der du es nicht einmal für dich selbst hast?» Und sie schütteln die Köpfe mit mitleidiger Ironie.

«Gott ist Licht, und ich weiß, welches sein Licht ist, denn die Söhne kennen ihren Vater und jeder kennt sich selbst. Ich kenne meinen Vater und ich weiß, wer ich bin. Ich bin das Licht der Welt. Ich bin das Licht, weil mein Vater Licht ist, mich gezeugt und mir seine Natur gegeben hat. Das Wort ist den Gedanken nicht unähnlich, denn das Wort drückt aus, was der Verstand denkt. Und übrigens, kennt ihr die Propheten nicht mehr? Erinnert ihr euch nicht an Ezechiel und vor allem an Daniel? In seiner Beschreibung Gottes, den er in seiner Schau auf dem Wagen der vier Tiere sah, sagt der Erstere: "Auf dem Thron war einer, der das Aussehen eines Menschen hatte. Und ich sah etwas, wie den Anblick des Glanzes, wie das Aussehen des Feuers inwendig, und von seinen Lenden an aufwärts und abwärts sah ich etwas wie Feuer, das ringsum erstrahlte. Wie der Anblick des Bogens, der in den Wolken steht an einem Regentag, so war der Anblick des Glanzes ringsum." Und Daniel sagt: "Ich sah, wie Throne aufgestellt wurden, und ein Hochbetagter setzte sich. Sein Gewand war weiß wie Schnee, sein Haupthaar wie reine Wolle. Sein Thron

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war von Flammen und seine Räder von Feuerbränden. Ein Feuerstrom floß und ging von ihm aus." So ist Gott, und so werde ich sein, wenn ich komme, um euch zu richten.»

«Dein Zeugnis ist nicht gültig. Du legst Zeugnis von dir selbst ab. Welchen Wert kann daher dein Zeugnis haben? Für uns ist es nicht wahr.»

«Obwohl ich von mir selbst Zeugnis ablege, ist mein Zeugnis wahr; denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe. Ihr aber wißt weder woher ich komme, noch wohin ich gehe. Ihr kennt nur das, was ihr seht. Ich hingegen kenne alles, was dem Menschen unbekannt ist, und ich bin gekommen, damit auch ihr es wißt. Daher habe ich gesagt, daß ich das Licht bin; denn das Licht läßt erkennen, was im Schatten verborgen war. Im Himmel ist Licht, während auf Erden vielfach Finsternis herrscht und den Geistern die Wahrheit verbirgt; denn die Finsternis haßt die Menschenseelen und will nicht, daß sie die Wahrheit erkennen, durch die sie sich heiligen können. Deshalb bin ich gekommen, damit ihr das Licht habt und damit das Leben. Aber ihr wollt mich nicht aufnehmen. Ihr wollt beurteilen, was ihr nicht kennt, und ihr könnt darüber nicht urteilen, weil es so hoch über euch steht und dem unbegreiflich bleibt, der es nicht mit den Augen des Geistes betrachtet, mit demütigem und von Glauben genährtem Geist. Ihr urteilt nach dem Fleisch, daher könnt ihr nicht wahrheitsgemäß urteilen. Ich hingegen urteile über niemanden, wenn immer ich mich eines Urteils enthalten kann. Voll Mitleid schaue ich euch an und bete für euch, damit ihr euch dem Licht öffnet. Aber wenn ich urteilen muß, dann ist mein Urteil wahr, da ich nicht allein, sondern in meinem Vater bin, der mich gesandt hat, und er sieht von seiner Herrlichkeit aus ins Innere der Herzen. Und so wie er das eure sieht, sieht er auch das meine. Wenn er in meinem Herzen ein ungerechtes Urteil sehen würde, würde er mich aus Liebe zu mir und zur Ehre seiner Gerechtigkeit darauf hinweisen. Aber ich und der Vater, wir urteilen auf gleiche Weise, und daher sind wir zwei und nicht nur einer beim Urteilen und Zeugnisablegen. In eurem Gesetz steht geschrieben, daß das Zeugnis zweier Zeugen, die das Gleiche aussagen, als wahr und gültig angenommen werden, muß. Ich lege also Zeugnis ab von meiner Natur, und mit mir bezeugt der Vater, der mich gesandt hat, dasselbe. Daher ist das, was ich sage, wahr.»

«Wir hören die Stimme des Allerhöchsten nicht. Du behauptest, daß er dein Vater ist ...»

«Er hat am Jordan von mir gesprochen ...»

«Nun gut. Aber du warst nicht allein am Jordan. Da war auch Johannes, und Gott kannte ihn, meinen... Er war ein großer Prophet.»

«Mit euren eigenen Lippen verurteilt ihr euch. Sagt mir: Wer spricht durch den Mund der Propheten?»

«Der Geist Gottes.»

«Und war Johannes für euch ein Prophet?»

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«Einer der Größten, wenn nicht der Größte.»

«Warum habt ihr dann seinen Worten nicht geglaubt? Und warum glaubt ihr nicht an sie? Er hat mich das Lamm Gottes genannt, das gekommen ist, die Sünden der Welt zu tilgen. Wer ihn fragte, ob er der Christus sei, dem antwortete er: "Ich bin nicht der Christus, sondern der, der ihm vorangeht. Und nach mir kommt einer, der mir in Wirklichkeit voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht. Aber der, der mich aus dem Schoß meiner Mutter geholt, mich in der Wüste berufen und mir befohlen hat zu taufen, hat zu mir gesagt: 'Auf wen du den Geist herabsteigen siehst, dieser ist es, der mit dem Heiligen Geist und dem Feuer tauft."' Erinnert ihr euch nicht daran? Und doch waren viele von euch zugegen... Warum glaubt ihr also dem Propheten nicht, der auf mich hingewiesen hat, nachdem er die Worte des Himmels vernommen hatte? Soll ich meinem Vater sagen, daß sein Volk den Propheten nicht mehr glaubt?»

«Wo ist denn dein Vater? Joseph, der Zimmermann, ruht seit Jahren im Grab. Du hast keinen Vater mehr.»

«Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; aber wenn ihr mich erkennen wolltet, würdet ihr auch meinen wahren Vater kennen.»

«Du bist ein Besessener und ein Lügner. Du bist ein Gotteslästerer, da du behauptest, daß der Allerhöchste dein Vater ist. Du hättest es verdient, nach dem Gesetz abgeurteilt zu werden.»

Die Pharisäer und andere vom Tempel erheben drohend ihre Stimmen, während das Volk sie finster anblickt und bereit ist, Christus zu verteidigen.

Jesus schaut sie an, ohne ein Wort hinzuzufügen, und verläßt dann den Raum durch eine Seitentür, die zu einer Säulenhalle führt.

561. «WIR SIND NACHKOMMEN ABRAHAMS»

Jesus betritt mit den Aposteln und den Jüngern wieder den Tempel. Einige Apostel, und nicht nur sie, geben ihm zu bedenken, daß dies nicht klug ist. Er aber antwortet: «Mit weichem Recht könnten sie mir den Eintritt verwehren? Bin ich etwa verurteilt worden? Nein, bis jetzt wenigstens noch nicht. Ich steige also zum Altar Gottes hinauf wie jeder gottesfürchtige Israelit.»

«Aber du hast die Absicht zu sprechen ...»

«Ist dies etwa nicht der Ort, an dem die Rabbis sich versammeln, um zu sprechen? Es ist eher die Ausnahme, daß ein Rabbi außerhalb des Tempels spricht und lehrt, vielleicht dann, wenn er sich etwas Ruhe gönnen will, oder aus persönlichen Gründen. Aber der Ort, an dem jeder für

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gewöhnlich seinen Jüngern Unterricht erteilt, ist dieser hier. Seht ihr nicht, wie sich um die berühmten Rabbis Menschen aller Nationen scharen, um wenigstens einmal Gelegenheit zu haben, ihr Wort zu hören? Und wenn es nur darum ist, daß sie bei ihrer Rückkehr in die Heimat sagen können: "Wir haben einen Meister, einen Philosophen reden gehört nach der Art Israels." Meister nennen sie sie, wenn sie schon Juden sind oder es werden wollen, Philosophen sind sie für die eigentlichen wahren Heiden. Und die Rabbis halten es nicht für unter ihrer Würde, auch letztere als Zuhörer zu haben, weil sie hoffen, Proselyten aus ihnen machen zu können. Ohne diese Hoffnung, die ich, wenn sie demütig wäre, heilig nennen würde, würden sie sich nicht im Vorhof der Heiden aufhalten. Sie würden vielmehr verlangen, im Vorhof der Israeliten und, wenn möglich, sogar im Allerheiligsten reden zu dürfen; denn sie halten sich für so heilig, daß nur Gott ihnen überlegen ist... Und ich, der Meister, spreche dort, wo die Meister sprechen. Aber fürchtet euch nicht! Ihre Stunde ist noch nicht gekommen. Wenn sie kommt, werde ich es euch sagen, um eure Herzen zu stärken.»

«Du wirst es uns nicht sagen», entgegnet Iskariot.

«Warum?»

«Weil du es nicht wissen kannst. Kein Anzeichen wird es dich wissen lassen. Es gibt kein Anzeichen. Ich bin jetzt schon fast drei Jahre bei dir und habe dich immer bedroht und verfolgt gesehen. Anfangs warst du noch allein. Jetzt hast du das Volk hinter dir, das dich liebt und das die Pharisäer fürchten. Du bist also stärker. Woran willst du den Augenblick erkennen?»

«An dem, was ich in den Herzen der Menschen lese.»

Judas ist einen Augenblick sprachlos. Dann sagt er: «Und du wirst es auch nicht sagen, weil... Du wirst uns schonen, weil du an unserem Mut zweifelst.»

«Um uns nicht zu betrüben, wird er schweigen», sagt Jakobus des Zebedäus.

«Auch das. Aber sicher wirst du es uns nicht sagen.»

«Ich werde es euch sagen, aber solange ich es euch nicht sage – mögen Haß und Wut um mich herum noch so heftig toben – laßt euch nicht schrecken. Dies wird keine Folgen haben. Geht jetzt voraus. Ich bleibe hier und warte auf Manaen und Margziam.»

Nur ungern gehen die Zwölf und die anderen mit ihnen weiter.

Jesus begibt sich zum Tor, um die beiden zu erwarten, und er geht sogar auf die Straße hinaus und in Richtung der Burg Antonia.

Die Legionäre, die bei der Festung herumstehen, zeigen auf ihn und reden miteinander. Es scheint, daß sie etwas verschiedener Meinung sind, und schließlich sagt einer mit lauter Stimme: «Ich werde ihn fragen», und geht auf Jesus zu.

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«Salve, Meister! Sprichst du auch heute da drinnen?»

«Das Licht möge dich erleuchten. Ja, ich werde sprechen.»

«Dann nimm dich in acht. Einer, der es weiß, hat uns gewarnt, und eine, die dich bewundert, hat uns befohlen, zu wachen. Wir werden beim Untergeschoß an der Ostseite sein. Kennst du den Eingang?»

«Ich kenne ihn. Aber er ist auf beiden Seiten verschlossen.»

«Meinst du?» Der Legionär lacht kurz und im Schatten seines Helmes blitzen Augen und Zähne auf und lassen ihn jünger erscheinen. Dann

grüßt er stramm: «Salve, Meister. Erinnere dich des Quintus Felix.»

«Ich werde mich deiner erinnern. Das Licht erleuchte dich.»

Jesus geht weiter, und der Legionär kehrt an seinen vorigen Platz zurück und spricht mit seinen Waffenbrüdern.

«Meister, haben wir zu lange gebraucht? Es waren so viele Aussätzige

da!» sagen gleichzeitig der einfach in Dunkelbraun gekleidete Manaen und Margziam.

«Nein, ihr seid schnell gewesen. Aber gehen wir, denn die anderen warten auf uns. Manaen, bist du es gewesen, der die Römer benachrichtigt hat?»

«Worüber, Herr? Ich habe mit niemandem gesprochen, und ich wüßte

nicht... Die Römerinnen sind nicht in Jerusalem.»

Sie sind wieder am Tor der Umfassungsmauer, und wie durch Zufall befindet sich dort der Levit Zacharias.

«Der Friede sei mit dir, Meister. Ich will dir sagen... Ich werde mich bemühen, immer dort zu sein, wo du bist, solange du dich im Tempel aufhältst. Und du, verliere mich nicht aus den Augen. Wenn es einen Aufruhr

gibt und du siehst, daß ich fortgehe, versuche mir immer zu folgen. Sie hassen dich so sehr! Mehr kann ich nicht tun... Verstehe mich ...»

«Gott vergelte es dir und segne dich für deine Treue gegenüber seinem Wort. Ich werde tun, wie du sagst. Und sei nicht besorgt, daß jemand deine Liebe zu mir erkennen wird.»

Sie trennen sich.

«Vielleicht ist er es gewesen, der mit den Römern gesprochen hat. Vielleicht hat er drinnen etwas erfahren», flüstert Manaen.

Sie gehen zum Gebet durch das Volk, das sie mit unterschiedlichen Gefühlen anschaut und sich dann hinter Jesus versammelt, als er nach Beendigung des Gebets in den Vorhof der Hebräer zurückkehrt.

Außerhalb der zweiten Umfassungsmauer will Jesus stehenbleiben, als ihn eine gemischte Gruppe aus Schriftgelehrten, Pharisäern und Priestern umringt. Einer der Vertreter des Tempels spricht für alle.

«Bist du noch immer hier? Verstehst du denn nicht, daß wir dich nicht haben wollen? Denkst du auch nicht an die Gefahr, die dir hier droht?

Geh. Es ist schon viel, daß wir dich überhaupt zum Gebet hereinlassen, aber wir erlauben dir nicht, deine Lehren vorzutragen.»

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«Ja, fort mit dir! Fort, du Gotteslästerer!»

«Ja, ich werde gehen, wie ihr wollt. Aber nicht nur diese Mauern werde ich verlassen. Ich bin schon im Begriff fortzugehen, viel weiter fort, dorthin, wo ihr mich nicht mehr erreichen könnt. Und es werden Stunden kommen, da auch ihr mich sucht, und nicht nur, um mich zu verfolgen, sondern aus abergläubischer Furcht vor einer Strafe dafür, daß ihr mich vertrieben habt; in dem abergläubischen und brennenden Wunsch, Verzeihung für eure Sünde und Barmherzigkeit zu erlangen. Aber ich sage euch: Dies ist die Stunde der Barmherzigkeit. Dies ist die Stunde, sich den Allerhöchsten zum Freund zu machen. Ist diese Gelegenheit vorüber, gibt es keine Abhilfe mehr. Ihr werdet mich nicht mehr bei euch haben und in euren Sünden sterben. Selbst wenn ihr die ganze Erde durcheilen würdet und zu den Sternen und Planeten gelangen könntet, nirgends würdet ihr mich mehr finden; denn wohin ich gehe, dahin könnt ihr mir nicht folgen. Ich habe es euch schon gesagt. Gott kommt und geht vorüber. Der Weise nimmt ihn bei seinem Vorübergehen auf mit seinen Gaben. Der Törichte läßt ihn vorüberziehen und findet ihn niemals wieder. Ihr seid von hier unten. Ich bin von dort oben. Ihr seid von dieser Welt. Ich bin nicht von dieser Welt. Wenn ich daher in die Wohnung meines Vaters außerhalb dieser eurer Welt zurückgekehrt bin, werdet ihr mich nicht mehr finden und in euren Sünden sterben, denn ihr werdet mich nicht einmal im Geist durch den Glauben zu erreichen wissen.»

«Willst du dich selbst umbringen, du von Satan Besessener? Gewiß, in die Hölle, in die die Gewalttätigen hinabsteigen, werden wir dir nicht folgen können, denn die Hölle ist für die Verdammten, für die Verfluchten, und wir sind die gesegneten Söhne des Allerhöchsten», sagen einige.

Andere stimmen zu mit den Worten: «Sicher will er sich umbringen, da er sagt, wohin er geht, dorthin könnten wir ihm nicht folgen. Er hat eingesehen, daß seine Pläne aufgedeckt sind, sein Versuch mißlungen ist und will sich selbst umbringen und nicht erst warten, bis ihn dasselbe Schicksal ereilt wie den anderen falschen Christus aus Galiläa.»

Wieder andere, die Jesus wohlgesinnt sind, wenden ein: «Wenn er aber doch der Christus ist und wirklich zu dem zurückkehrt, der ihn gesandt hat?»

«Wohin? In den Himmel? Abraham ist nicht dort, und du willst, daß er dorthin gehe? Vorher muß der Messias kommen.»

«Aber Elias wurde auf einem feurigen Wagen in den Himmel entrückt.»

«Auf einem Wagen, ja. Aber in den Himmel? ... Wer kann das beweisen?» und der Streit geht weiter, während Pharisäer, Schriftgelehrte, Beamte, Priester und den Priestern servil ergebene Judäer Christus durch die weiten Säulengänge hinausdrängen, wie eine Meute von Hunden ein aufgespürtes Wild bedrängt.

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Aber einige, die Guten in dieser feindseligen Menge, bahnen sich, getrieben von ehrlichem Verlangen, einen Weg zu Jesus und stellen ihm die ängstliche Frage, die ihm schon so oft, sei es aus Liebe, sei es aus Haß, gestellt wurde: «Wer bist du? Sage es uns, damit wir uns danach richten können. Sage die Wahrheit im Namen des Allerhöchsten.»

«Ich bin die Wahrheit selbst und bediene mich nie der Lüge. Ich bin der, der ich immer erklärt habe zu sein, an allen Orten Palästinas und vom ersten Tag an, da ich zum Volk gesprochen habe. Ich bin der, der ich erklärt habe zu sein, immer wieder, hier, ganz nahe beim Allerheiligsten, dessen strafende Blitze ich nicht fürchte, da ich die Wahrheit sage. Ich habe noch vieles zu sagen und über vieles zu urteilen an meinem Tag, was dieses Volk betrifft, und obwohl es scheinen mag, daß mein Abend schon herannaht, weiß ich, daß ich alles sagen und über alles urteilen werde, denn so hat es mir der versprochen, der mich gesandt hat und der wahrhaftig ist. In einer ewigen Umarmung der Liebe hat er zu mir gesprochen und mir alle seine Gedanken mitgeteilt, damit ich sie durch mein Wort der Welt mitteile, und ich kann nicht schweigen und niemand kann mich zum Schweigen bringen, bis ich der Welt alles verkündet habe, was ich von meinem Vater gehört habe.»

«Immer noch lästerst du Gott? Du fährst fort, dich Sohn Gottes zu nennen? Wer soll dir das denn glauben? Wer soll in dir den Sohn Gottes sehen?» schreien seine Feinde und fuchteln, außer sich vor Haß, mit ihren Fäusten beinahe vor seinem Gesicht herum.

Die Apostel, die Jünger und die Wohlgesinnten drängen sie zurück und bilden ein Schutzwall für den Meister. Der Levit Zacharias nähert sich Jesus, der von Manaen und den Söhnen des Alphäus umgeben ist, ganz sachte und mit vorsichtigen Bewegungen, um die Aufmerksamkeit der Wutschnaubenden nicht auf sich zu lenken.

Sie sind nun am Ende des Vorhofes der Heiden angelangt, denn man kommt bei den sich in die entgegengesetzte Richtung schiebenden Menschenströmen nur langsam vorwärts, und Jesus bleibt an der gewohnten Stelle, an der letzten Säule auf der Ostseite stehen. Von diesem Platz, an dem auch die Heiden verweilen dürfen, können sie keinen wahren Israeliten vertreiben, ohne das Volk zu erregen, und dies wollen diese Arglistigen ja vermeiden.

Von dort aus beginnt Jesus nun seinen Widersachern und auch allen anderen bei ihnen zu antworten: «Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt ...»

Da schreien die Pharisäer und die Schriftgelehrten: «Wer will dich denn erhöhen? Arm wäre das Land, das einen törichten Schwätzer und einen Gott mißfälligen Gotteslästerer wie dich als König hätte. Niemand wird dich erhöhen, dessen kannst du sicher sein. Und der Rest an Verstand, der dir geblieben ist, hat dich das rechtzeitig erkennen lassen, als

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du versucht warst... Du weißt, daß wir dich niemals zu unserem König machen können!»

«Ich weiß es. Ihr werdet mich nicht auf einen Thron erheben, und dennoch werdet ihr mich erhöhen. Ihr werdet glauben, mich zu erniedrigen, indem ihr mich erhöht. Aber gerade dann, wenn ihr glaubt, mich gedemütigt zu haben, werde ich erhöht werden. Nicht nur über Palästina, nicht nur über das über die ganze Welt zerstreute Israel, sondern über die ganze Welt, und sogar über die heidnischen Nationen und über die Gegenden, die den Gelehrten der Welt noch unbekannt sind. Und ich werde es nicht nur ein Menschenleben lang sein, sondern solange die Erde dauert. Und immer weiter wird sich der Schatten meines Thronhimmels über die Erde ausbreiten, bis sie ganz davon bedeckt ist. Dann erst werde ich wiederkommen, und ihr werdet mich sehen. Oh, ihr werdet mich sehen!»

«Aber hört doch, welch tolle Reden das sind: Wir werden ihn erhöhen, indem wir ihn erniedrigen, und wir werden ihn erniedrigen, indem wir ihn erhöhen! Ein Narr! Ein Verrückter! Und der Schatten seines Thrones soll die ganze Erde bedecken! Größer als Cyrus! Größer als Alexander! Größer als Caesar! Was wirst du mit Caesar tun? Glaubst du, er wird dir das römische Reich überlassen? Und er wird auf dem Thron sitzen, solange die Welt dauert! Ha, ha, ha!» Beißend ist ihr Spott, wie Geißelhiebe ihre Ironie!

Aber Jesus läßt sie reden. Dann erhebt er seine Stimme, um gehört zu werden im Geschrei derer, die ihn verlachen oder verteidigen und den Platz mit Lärm erfüllen wie ein tosendes Meer.

«Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr verstehen, wer ich bin und daß ich nichts aus mir selbst tue, sondern nur das sage, was mein Vater mich gelehrt hat, und nur das tue, was er will. Und er, der mich gesandt hat, läßt mich nicht allein, er ist vielmehr bei mir; so wie der Schatten dem Körper folgt, so ist mein Vater hinter mir, wachsam und gegenwärtig, wenn auch unsichtbar. Er ist hinter mir, stärkt mich, hilft mir und entfernt sich nicht von mir, denn ich tue immer, was ihm wohlgefällig ist. Gott entfernt sich hingegen, wenn seine Söhne seinen Gesetzen und seinen Eingebungen nicht gehorchen. Dann geht er und läßt den Menschen allein. Deshalb sündigen so viele in Israel; denn der Mensch, der sich selbst überlassen ist, bleibt schwerlich gerecht und fällt leicht in die Fänge der Schlange. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wegen eures sündhaften Widerstandes gegen das Licht und die Barmherzigkeit Gottes entfernt sich Gott von euch und wird diesen Ort und eure Herzen leer zurücklassen. Was Jeremias beweint hat in seinen Prophezeiungen und Klageliedern, wird sich genau erfüllen. Denkt nach über diese prophetischen Worte, zittert und geht in euch in guter Gesinnung. Nicht Drohungen hört ihr, sondern die Güte des Vaters, der seine Söhne mahnt, solange es ihnen noch möglich ist, zu sühnen und sich zu retten. Erkennt Gott in den Worten

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und Tatsachen, und wenn ihr meinen Worten nicht glauben wollt, weil ihr im alten Israel erstickt, so glaubt wenigstens dem alten Israel. In ihm verkünden die Propheten mit lauter Stimme die Gefahren und das Unheil, die über die heilige Stadt und unser ganzes Vaterland kommen werden, wenn es sich nicht zum Herrn, seinem Gott, bekehrt und dem Erlöser nicht folgt. Auf diesem Volk lastete die Hand Gottes schon in den vergangenen Jahrhunderten. Aber ein Nichts sind Vergangenheit und Gegenwart im Vergleich zu der furchtbaren Zukunft, die es erwartet, weil es den Gesandten Gottes nicht annehmen wollte. Weder hinsichtlich der Strenge noch hinsichtlich der Dauer ist das, was Israel erwartet, das den Gesalbten verstoßen hat, mit irgendetwas zu vergleichen. Ich sage es euch, da die kommenden Jahrhunderte offen vor meinen Blicken liegen: Wie einem entwurzelten und über einen reißenden Strom gestürzten Baum, so wird es dem vom göttlichen Bannstrahl getroffenen hebräischen Volk ergehen. Zäh wird es sich da und dort an die Ufer zu klammern suchen, und zahlreich wie es ist, wird es Schößlinge hervorbringen und Wurzeln schlagen. Aber wenn es glaubt, eine neue Heimat gefunden zu haben, wird die Heftigkeit des Stromes es ergreifen und es wieder entwurzeln, wird sowohl seine Wurzeln als auch seine Sprosse zerbrechen, und es wird weitergetrieben werden, um zu leiden, Wurzel zu fassen und erneut entwurzelt und zerstreut zu werden. Und nichts wird ihm Frieden geben können, denn die Flut, die sich über Israel ergießt, wird der Zorn Gottes und die Verachtung der Völker sein. Nur wenn es sich in ein Meer lebendigen und heiligenden Blutes stürzen würde, könnte es Frieden finden. Aber es wird vor diesem Blut fliehen; denn obwohl es noch immer seine einladende Stimme vernimmt, wird es ihm scheinen, die Stimme des Blutes Abels zu hören, die es ruft: den Kain des himmlischen Abel.»

Wieder entsteht beträchtlicher Lärm auf dem großen Platz, wie das Tosen von Wellen. Aber in diesem Lärm fehlen die rauhen Stimmen der Pharisäer, der Schriftgelehrten und der ihnen ergebenen Juden.

Jesus will die Gelegenheit benützen und versucht den Ort zu verlassen. Aber einige, die in einer gewissen Entfernung von ihm gestanden sind, nähern sich und sagen: «Meister, höre uns zu. Wir sind nicht alle wie diese (und sie deuten auf die Feinde), aber es fällt uns schwer, dir zu folgen, auch weil deiner Stimme hundert und tausend Stimmen gegenüberstehen, die das Gegenteil von dem sagen, was du sagst. Und was sie sagen, das haben wir seit unserer Kindheit von unseren Vätern vernommen. Doch deine Worte führen uns zum Glauben. Aber was sollen wir tun, um vollständig glauben und das Leben besitzen zu können? Wir sind wie gebunden durch die Denkweise der Vergangenheit...»

«Wenn ihr euch gefestigt habt in meinem Wort, als wäret ihr eben erneut geboren worden, werdet ihr auch vollständig glauben und meine Jünger werden. Aber ihr müßt eure Vergangenheit abstreifen und meine

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Lehre annehmen. Sie löscht nicht eure gesamte Vergangenheit aus. Im Gegenteil, sie erhält und stärkt, was heilig und übernatürlich war in der Vergangenheit, und entfernt das Menschlich-Überflüssige, indem sie die Vollkommenheit meiner Lehre an die Stelle der immer unvollkommenen menschlichen Lehren setzt. Wenn ihr zu mir kommt, werdet ihr die Wahrheit kennenlernen, und die Wahrheit wird euch frei machen.»

«Meister, wir haben dir zwar gesagt, daß wir wie gebunden sind durch die Vergangenheit. Aber diese Bindung bedeutet weder Gefangenschaft noch Sklaverei. Wir sind Nachkommen Abrahams in den Dingen des Geistes. Denn Nachkommenschaft Abrahams bedeutet, wenn wir nicht irren, geistige Nachkommenschaft im Gegensatz zu jener der Hagar, die eine Nachkommenschaft von Sklaven ist. Wie kannst du also sagen, daß wir frei sein werden?»

«Ich möchte euch darauf aufmerksam machen, daß auch Ismael und seine Kinder zur Nachkommenschaft Abrahams gehören, denn Abraham war der Vater des Isaak und des Ismael.»

«Aber seine Nachkommenschaft ist unrein, denn er war der Sohn einer ägyptischen Sklavin.»

«Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es gibt nur eine Sklaverei: die der Sünde. Nur wer Sünden begeht, ist ein Sklave. Und es ist eine Sklaverei, aus der Geld nicht loskaufen kann und die an einen unerbittlich grausamen Herrn kettet. Durch sie verliert man jegliches Recht auf die freie Souveränität des Himmelreiches. Der Sklave, der Mensch, der durch einen Krieg oder ein Unglück zum Sklaven geworden ist, kann auch der Besitz eines guten Herrn werden. Aber sein Schicksal ist immer ungewiß, da der Besitzer ihn an einen anderen grausamen Herrn verkaufen kann. Er ist eine Ware und nicht mehr. Bisweilen dient er auch als Ersatz für Geld, um eine Schuld zu tilgen. Und er hat nicht einmal das Recht zu weinen. Der Diener hingegen lebt im Haus des Herrn, solange ihn dieser nicht entläßt. Der Sohn aber bleibt immer im Haus des Vaters, und der Vater denkt nicht daran, ihn zu verjagen. Nur aus eigenem freien Willen könnte er es verlassen. Und darin besteht der Unterschied zwischen Sklaverei und Knechtschaft, zwischen Knechtschaft und Kindschaft. Die Sklaverei legt den Menschen in Ketten. Die Knechtschaft stellt ihn in den Dienst eines Herrn. Die Kindschaft schenkt ihm für immer einen Platz im Haus des Vaters, in dem er lebt wie der Vater. Die Sklaverei vernichtet den Menschen, die Knechtschaft macht ihn zum Untergebenen, die Kindschaft aber macht ihn frei und glücklich. Die Sünde macht den Menschen zum Sklaven des grausamsten und unumschränktesten Herrn: Satan. Die Knechtschaft, in diesem Fall das alte Gesetz, flößt dem Menschen Furcht vor einem unduldsamen Gott ein. Die Kindschaft hingegen, d.h. der Weg zu Gott zusammen mit seinem Erstgeborenen, mit mir, macht den Menschen frei und glücklich, da er den Vater kennt und Vertrauen hat zu seiner

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Liebe. Die Annahme meiner Lehre ist ein Hingehen zu Gott zusammen mit mir, dem Erstgeborenen vieler geliebter Kinder. Ich werde eure Ketten zerreißen, wenn ihr nur zu mir kommt, damit ich sie zerreiße; und ihr werdet wahrhaft frei und zusammen mit mir Miterben des Himmelreiches sein. Ich weiß, daß ihr die Nachkommenschaft Abrahams seid. Wer unter euch mich aber zu töten versucht, ehrt nicht mehr Abraham, sondern Satan, und dient ihm als treuer Sklave. Warum? Weil er mein Wort zurückweist und es bei so vielen von euch nicht eindringen kann. Gott zwingt den Menschen nicht zu glauben. Er zwingt ihn nicht, mich anzunehmen. Aber er schickt mich, damit ich euch seinen Willen verkünde. Und ich sage euch das, was ich bei meinem Vater gesehen und gehört habe, und tue das, was er will. Diejenigen aber unter euch, die mich verfolgen, tun das, was sie von ihrem Vater gelernt haben und was er ihnen eingibt.»

Wie ein Paroxysmus, der einen Augenblick nachgelassen hat und nun wieder heftig wird, so bricht der Zorn der Juden, Pharisäer und Schriftgelehrten, der sich etwas beruhigt zu haben schien, erneut aus. Sie drängen sich wie ein Keil in den dichten Kreis um Jesus und versuchen, sich ihm zu nähern. Die Menge gleicht einem hin- und herwogenden Meer, entsprechend den gegensätzlichen Gefühlen der Herzen. Die Juden brüllen grün vor Zorn und Haß: «Unser Vater ist Abraham. Wir haben keinen anderen Vater.»

«Der Vater der Menschen ist Gott. Abraham selbst ist auch ein Sohn des universellen Vaters. Aber viele verschmähen den wahren Vater zugunsten eines, der nicht ihr Vater ist, den sie sich aber als solchen erwählen, weil er mächtiger zu sein scheint und bereit ist, ihre unmäßigen Wünsche zu erfüllen. Die Söhne tun die Werke, die sie ihren Vater tun sehen. Wenn ihr doch Söhne Abrahams seid, warum tut ihr dann nicht die Werke Abrahams? Kennt ihr sie nicht? Muß ich sie euch aufzählen in ihrer Natur und Symbolkraft? Abraham gehorchte und ging in das Land, das Gott ihm anwies. Er war das Vorbild des Menschen, der bereit sein muß, alles zu verlassen, um dorthin zu gehen, wohin Gott ihn schickt. Abraham war großmütig mit dem Sohn seines Bruders und ließ ihn die Gegend auswählen, die er wünschte; er war ein Vorbild des Respekts vor der Handlungsfreiheit des Nächsten und der Nächstenliebe. Abraham blieb demütig, auch nachdem Gott ihn auserwählt hatte, und er ehrte ihn in Mamre bei Hebron, da er sich stets als ein Nichts fühlte im Vergleich zum Allerhöchsten, der zu ihm gesprochen hatte. So war er auch ein Vorbild für die ehrfurchtsvolle Liebe, die der Mensch Gott gegenüber immer empfinden soll. Abraham glaubte und gehorchte Gott auch in den Dingen, die am schwersten zu glauben waren und deren Ausführung schmerzte. Und um sich sicher zu fühlen, hütete er sich vor der Selbstsucht und betete für Sodom. Abraham handelte nicht mit dem Herrn um den Lohn für seinen

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Gehorsam; vielmehr, um ihn bis zum letzten zu ehren, opferte er ihm sogar seinen vielgeliebten Sohn...»

«Er opferte ihn nicht.»

«Er opferte ihm den geliebten Sohn, da sein Herz ihn bereits auf dem Weg geopfert hatte durch seinen Willen zum Gehorsam. Als der Engel ihn zurückhielt, war das Herz des Vaters schon zerrissen, da er eben das Herz des Sohnes durchbohren wollte. Er wollte seinen Sohn töten, um Gott zu ehren. Ihr tötet den Sohn Gottes, um Satan zu ehren. Tut ihr also die Werke dessen, den ihr euren Vater nennt? Nein, das tut ihr nicht. Ihr sucht mich zu töten, weil ich euch die Wahrheit sage, so wie ich sie von Gott gehört habe. Abraham handelte nicht wie ihr. Er versuchte nicht die Stimme zu ersticken, die vom Himmel kam, sondern gehorchte ihr. Nein, ihr tut nicht die Werke Abrahams, sondern die, die euch euer Vater angibt.»

«Wir sind nicht von einer Hure geboren. Bastarde sind wir nicht. Du hast gesagt, du selbst, daß der Vater der Menschen Gott ist, und wir sind außerdem das auserwählte Volk und gehören zu den auserwählten Kasten dieses Volkes. Daher haben wir Gott als einzigen Vater.»

«Wenn ihr Gott als Vater im Geist und in der Wahrheit anerkennen würdet, würdet ihr mich lieben, da ich von Gott komme; denn ich komme nicht von mir selbst, sondern er ist es, der mich gesandt hat. Wenn ihr daher wirklich den Vater kennen würdet, müßtet ihr auch mich kennen, seinen Sohn, euren Bruder und Erlöser. Sollten Brüder sich nicht gegenseitig erkennen? Sollten die Söhne eines Einzigen nicht die Sprache kennen, die im Haus des einzigen Vaters gesprochen wird? Warum also versteht ihr meine Sprache nicht und ertragt nicht meine Worte? Weil ich von Gott komme und ihr nicht. Ihr habt das Vaterhaus verlassen und die Sprache und das Antlitz dessen vergessen, der darin wohnt. Ihr seid freiwillig in die Fremde gegangen, in andere Wohnungen, wo ein anderer herrscht, der nicht Gott ist, und wo man eine andere Sprache spricht. Und der dort herrscht verlangt, daß man sein Sohn wird und ihm gehorcht, um eingelassen zu werden. Ihr habt es getan und tut es. Ihr habt dein Vater Gott abgeschworen und ihn verleugnet, um euch einen anderen Vater zu erwählen, und dieser ist Satan. Ihr habt den Teufel zum Vater und wollt tun, was er euch einflüstert. Die Wünsche des Teufels aber sind Sünde und Gewalttat, und ihr habt sie euch zu eigen gemacht. Von Anfang an war er ein Menschenmörder, und er beharrte nicht in der Wahrheit, da er, der sich gegen die Wahrheit empörte, nicht die Liebe zur Wahrheit in sich haben kann. Wenn er spricht, spricht er so, wie er ist, d.h. als Lügner und Geschöpf der Finsternis, denn er ist wahrhaft ein Lügner und hat die Sünde gezeugt und geboren, nachdem er sie mit dem Hochmut befruchtet und mit der Auflehnung genährt hat. Alle Begierlichkeit ist in seinem. Schoß, er speit sie aus und impft sie den Geschöpfen ein, um sie zu vergiften. Er ist das Wesen der Finsternis, der Spötter, die verfluchte schleichende

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Schlange, die Abscheulichkeit, die Schändlichkeit selbst. Seit Jahrhunderten quält er die Menschen mit seinen Machenschaften, deren Kennzeichen und Früchte den Menschen wohl bekannt sind. Und doch schenkt ihr dem Gehör, der lügt und zugrunderichtet, während ihr mir nicht glaubt und mich einen Sünder nennt, wenn ich spreche und euch die Wahrheit und das Gute verkünde. Aber wer von den vielen, die sich mir mit Haß oder Liebe genähert haben, kann sagen, daß er mich sündigen gesehen hat? Wer kann es in Wahrheit sagen? Wo sind die Beweise, die mich und jene, die an mich glauben, davon überzeugen können, daß ich ein Sünder bin? Gegen welches der Zehn Gebote habe ich je gesündigt? Wer kann vor dem Altar Gottes beschwören, daß er mich gegen das Gesetz und die Bräuche, die Vorschriften, die Überlieferungen, die Gebete verstoßen gesehen hätte? Wer unter allen Menschen wird mich beschämen können durch sichere Beweise, die mich der Sünde überführen? Niemand vermag es. Niemand unter den Menschen und niemand unter den Engeln. Gott ruft in den Herzen der Menschen: "Er ist unschuldig." Davon seid ihr alle überzeugt, und gerade ihr, die ihr mich anklagt, mehr als die anderen, die noch im Ungewissen darüber sind, wer von uns recht hat. Aber nur wer von Gott ist, hört auf die Worte Gottes. Ihr hört nicht auf sie, und wenn sie auch Tag und Nacht in euren Seelen widerhallen. Ihr hört nicht auf sie, da ihr nicht von Gott seid.»

«Wir, die wir für das Gesetz und unter genauester Beachtung der Vorschriften leben, um den Höchster. zu ehren, wir sind nicht von Gott? Und du wagst es, das zu sagen? Ah!» Sie scheinen zu ersticken vor Abscheu, als hätten sie einen Strick um den Hals. «Und da sollen wir nicht sagen, daß du ein Besessener und ein Samariter bist?»

«Ich bin weder das eine noch das andere, sondern ich ehre meinen Vater, auch wenn ihr es leugnet, um mich zu schmähen. Aber eure Schmähungen schmerzen mich nicht. Ich suche nicht meine Ehre. Es ist einer, der sie sucht und richtet. Das sage ich euch, die ihr mich kränken wollt. Wer guten Willens ist, dem sage ich: Wer mein Wort aufnimmt oder es schon aufgenommen hat und es bewahrt, der wird in Ewigkeit den Tod nicht schauen.»

«Ah! Jetzt sehen wir klar, daß von deinen Lippen der Dämon redet, der dich in Besitz genommen hat! Du selbst hast es gesagt: "Er spricht als Lügner." Was du gesagt hast, sind Worte der Lüge, und daher die Worte eines Dämons. Abraham ist tot. Gestorben sind auch die Propheten, und du sagst, daß wer dein Wort bewahrt, in Ewigkeit den Tod nicht schauen wird. Du selbst wirst also auch nicht sterben?»

«Ich werde nur als Mensch sterben, um zur Zeit der Gnade wieder aufzuerstehen, aber als das Wort werde ich nicht sterben. Das Wort ist Leben und stirbt nicht, und wer das Wort in sich aufnimmt, der wird das Leben

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in sich haben und in Ewigkeit nicht sterben, sondern auferstehen in Gott, weil ich ihn auferwecken werde.»

«Gotteslästerer! Verrückter! Dämon! Bist du mehr als unser Vater Abraham, der gestorben ist, und mehr als die Propheten? Was bildest du dir ein zu sein?»

«Der Anfang, der zu euch spricht.»

Es entsteht ein Höllenlärm, in dessen Verlauf der Levit Zacharias mit Hilfe der Söhne des Alphäus und einiger anderer, die vielleicht gar nicht recht wissen, was sie tun, Jesus unauffällig in eine Ecke des Vorhofs schiebt.

Als Jesus die Mauer im Rücken und seine Getreuesten als Schutzwall vor sich hat und auch die Aufregung im Hof sich etwas legt, sagt er mit seiner eindrucksvollen und schönen, auch in den Augenblicken größter Verwirrung immer ruhigen Stimme: «Wenn ich mich selbst ehrte, wäre meine Ehre nichts. Jeder kann von sich sagen, was er will. Aber wer mich ehrt, ist mein Vater, von dem ihr sagt, daß er euer Gott sei, obwohl er so wenig euer ist, daß ihr ihn nicht kennt, nie gekannt habt und auch nicht durch mich kennenlernen wollt, der ich zu euch von ihm spreche, da ich ihn kenne. Wenn ich sagen würde, daß ich ihn nicht kenne, um euren Haß gegen mich zu besänftigen, wäre ich ein Lügner wie ihr, die ihr behauptet, ihn zu kennen. Ich weiß, daß ich unter keinen Umständen lügen darf. Der Menschensohn darf nicht lügen, auch wenn die Wahrheit die Ursache seines Todes sein sollte. Denn wenn der Menschensohn lügen würde, wäre er wahrlich nicht mehr der Sohn der Wahrheit, und die Wahrheit würde ihn von sich stoßen. Ich kenne Gott, sowohl als Gott als auch als Mensch. Und als Gott und als Mensch bewahre ich sein Wort und befolge es. Israel, besinne dich: Hier erfüllt sich die Verheißung. In mir erfüllt sie sich. Erkenne mich als das, was ich bin. Abraham, euer Vater, sehnte sich danach, meinen Tag zu schauen. Er sah ihn mit prophetischem Blick durch die Gnade Gottes, und er jubelte darüber. Und ihr, die ihr ihn tatsächlich seht...»

«Schweige! Du bist noch keine fünfzig Jahre alt, und du willst sagen, daß Abraham dich gesehen hat und daß du ihn gesehen hast?» Und ihr höhnisches Gelächter verbreitet sich wie eine Giftwelle oder wie ätzende Säure.

«Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham geboren wurde, bin ich.»

«"Bin ich." Nur Gott kann das sagen, da er ewig ist. Du nicht, du Gotteslästerer! "Bin ich"! Anathema! Bist du etwa Gott? Du, der du so sprichst?» schreit ihn einer an, der eine einflußreiche Persönlichkeit sein muß; denn obwohl er erst gerade erschienen ist, ist er schon. nahe bei Jesus, da alle bei seinem Kommen fast mit Schrecken zur Seite treten.

«Du sagst es», entgegnet Jesus mit donnernder Stimme.

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Alles wird zur Waffe in der Hand dessen, der von Haß erfüllt ist. Während der letzte, der den Meister befragt hat, alle Schattierungen von Empörung und Entsetzen in seinem Mienenspiel zur Schau stellt, sich die Kopfbedeckung vom Haupt reißt, Haupt- und Barthaar rauft und die Schnallen öffnet, die sein Gewand am Hals zusammenhalten, als sei er nahe daran, vor Abscheu die Sinne zu verlieren, werfen die wütenden Menschen Erde und Steine – die die Verkäufer von Tauben und anderen Tieren benützen, um die Seile ihrer Einfriedungen straff zu halten, und die Wechsler... in vorausschauender Sorge um ihre Geldschreine, die sie mehr hüten als ihr Leben – auf den Meister. Sie fallen natürlich auf die Menge selbst, da Jesus zu weit hinten im Säulengang ist, um getroffen zu werden, und die Leute fluchen und jammern.

Zacharias, der Levit, gibt nun Jesus einen gewaltigen Stoß, das einzige Mittel, ihn zu einem niedrigen Türchen zu bringen, das in der Mauer des Säulenganges versteckt und nur angelehnt ist. Er drängt ihn zusammen mit den beiden Söhnen des Alphäus, Johannes, Manaen und Thomas hindurch. Die anderen bleiben draußen im Tumult, dessen Geräusch stark abgeschwächt in den unterirdischen Gang in den mächtigen Steinmauern dringt, deren architektonische Bezeichnung mir nicht bekannt ist. Die Steine sind so aneinandergefügt, daß jeweils auf einen großen Stein ein kleiner folgt, und darüber auf den kleinen Steinen ein großer liegt und umgekehrt. Ich weiß nicht, ob ich das richtig erkläre. Dunkel, mächtig und nur grob behauen, sind sie im Halbdunkel kaum zu erkennen. Durch in regelmäßigen Abständen in der Decke angebrachte schmale Spalte dringt Luft und etwas Licht herein, da es sonst völlig dunkel wäre. Es ist ein schmaler Gang und ich weiß nicht, wozu er dient, aber ich habe den Eindruck, daß dieser Gang um den ganzen Vorhof herum verläuft. Vielleicht hat man ihn zum Schutz gebaut, als Zuflucht, oder um die Mauern doppelt und dadurch widerstandsfähiger zu machen, diese Mauern der Vorhöfe, die ebenso viele Ringmauern um den wahren und eigentlichen Tempel, um das Allerheiligste, darstellen. Ich weiß nicht. Ich sage, was ich sehe. Es riecht nach Feuchtigkeit, nach dieser Feuchtigkeit, von der man nicht sagen kann, ob sie kalt oder warm ist, wie in manchen Kellern.

«Was machen wir hier?» fragt Thomas.

«Schweige! Zacharias hat mir gesagt, daß er kommen wird und daß wir still sein sollen und hierbleiben», antwortet Thaddäus.

«Aber... kann man ihm trauen?» «Ich hoffe es.»

«Fürchtet euch nicht. Der Mann ist gut», versichert Jesus.

Draußen entfernt sich der Tumult. Einige Zeit vergeht. Dann dumpfe Schritte und ein kleines zitterndes Licht, das sich aus der finsteren Tiefe nähert. «Bist du dort, Meister?» fragt eine Stimme, die gehört werden will, aber auch fürchtet, gehört zu werden.

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«Ja, Zacharias.»

«Gott sei Lob und Dank! Habe ich auf mich warten lassen? Ich mußte warten, bis alle zu den anderen Ausgängen gelaufen waren. Komm, Meister... Deine Apostel... Es ist mir gelungen, Simon zu sagen, daß sie alle nach Bethesda gehen und dort warten sollen. Hier geht es hinunter... Wenig Licht, aber der Weg ist sicher. Er wird nicht immer zu guten Zwecken gebraucht. Aber diesmal wohl... und das heiligt ihn ...»

Sie steigen immer tiefer hinunter in der Dunkelheit, die nur von dem flackernden Flämmchen erhellt wird, bis weit vorne ein anderer heller Schein sichtbar wird... und dahinter das Leuchten von fernem Grün... Ein Gitter, fast eine Tür, so massiv und dick ist es, befindet sich am Ende des Tunnels.

«Meister, ich habe dich gerettet. Du kannst nun gehen. Aber höre mich an. Komm einige Zeit nicht hierher. Ich könnte dir nicht immer dienen, ohne bemerkt zu werden. Und... vergiß; vergeßt alle diesen Weg und mich, der ich ihn euch gewiesen habe», sagt Zacharias, während er einen Mechanismus in Bewegung setzt und das schwere Gitter so weit öffnet, daß ein Mensch hinausschlüpfen kann. Dann wiederholt er: «Vergeßt alles, mit Rücksicht auf mich.»

«Fürchte nichts. Keiner von uns wird darüber sprechen, und Gott sei mit dir für deine Liebe.» Jesus hebt die Hand und legt sie auf das geneigte Haupt des Jünglings.

Er tritt ins Freie, gefolgt von seinen Vettern und den übrigen. Sie befinden sich gegenüber dem Ölberg, auf einem von Brombeersträuchern umwucherten kleinen Platz, der kaum alle fassen kann. Ein Ziegenpfad führt zwischen dem Dornengestrüpp hinunter zum Bach.

«Gehen wir. Wir werden wieder zum Schaftor hinaufsteigen, und ich gehe mit den Brüdern zu Joseph, während ihr nach Bethesda geht, die anderen holt und zu mir kommt. Morgen abend werden wir uns nach Sonnenuntergang nach Nob begeben.»

562. IM HAUS DES JOSEPH VON SEPHORIS

Das Haus des Joseph ist nicht das des Joseph von Arimathäa, sondern das eines alten Galiläers von Sephoris, eines Freundes der Söhne des Alphäus. Und er ist einer der ältesten, denn er war ein Freund, vielleicht auch ein entfernter Verwandter des alten und nun verstorbenen Alphäus. Und wenn ich nicht irre, unterhielt er auch eine enge Beziehung zu den Söhnen des Zebedäus wegen des Handels mit getrocknetem Fisch, der vom See Genesareth in die Hauptstadt gebracht wird, zusammen mit anderen Erzeugnissen aus Galiläa, die den Galiläern, die sich in Jerusa ein

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etwas fremd fühlen, lieb sind. Dergleichen erfahre ich aus den Gesprächen, die die beiden Söhne des Alphäus und Johannes mit Thomas führen.

Jesus hingegen ist mit Manaen etwas zurückgeblieben, dem er den Auftrag gibt, zu Joseph von Arimathäa und zu Nikodemus zu gehen, um sie zu ihm einzuladen. Manaen macht sich sogleich auf den Weg. Jesus schließt sich noch einen Augenblick den dreien an und ermahnt sie, vorsichtig zu sein im Reden, «dem Leviten zuliebe, der sie gerettet hat». Dann trennt er sich von ihnen und geht mit großen Schritten auf einem Landsträßchen weiter...

Aber bald gesellt sich Johannes zu ihm.

«Warum bist du gekommen?»

«Wir konnten dich nicht so alleinlassen... also bin ich gekommen.»

«Und glaubst du, du allein könntest mich gegen so viele verteidigen?»

«Das weiß ich nicht sicher. Aber ich würde wenigstens vor dir sterben, und das würde mir genügen.»

«Du wirst erst lange Zeit nach mir sterben, Johannes. Aber das soll dich nicht betrüben. Wenn der Allerhöchste dich noch in der Welt läßt, geschieht es, damit du ihm und seinem Wort dienst.»

«Aber danach...»

«Danach wirst du mir dienen. Wie lange müßtest du leben, um mir zu dienen, wie unsere beiden Herzen es sich wünschen. Aber auch nach deinem Tod wirst du mir noch dienen.»

«Wie werde ich das machen, mein Meister? Wenn ich bei dir im Himmel bin, werde ich dich anbeten. Aber ich werde dir nicht auf der Erde dienen können, wenn ich sie verlassen habe...»

«Glaubst du das wirklich? Nun gut, ich sage dir, daß du mir bis zu meiner erneuten und letzten Ankunft dienen wirst. Viele Dinge werden verdorren vor der Endzeit, wie die Flüsse, die austrocknen und sich von einem schönen blauen und wohltuenden Wasserlauf in ein staubiges und steiniges Flußbett verwandeln. Aber du wirst auch dann noch ein rauschender Fluß sein, in dem mein Wort widerhallt und sich mein Licht widerspiegelt. Du wirst das erhabene Licht sein, das bleibt, um an Christus zu erinnern; denn du wirst ein ganz geistiges Licht sein, und die Endzeit wird ein Kampf der Finsternis gegen das Licht und des Fleisches gegen den Geist sein. Wer dann im Glauben auszuharren versteht, wird Kraft, Hoffnung und Trost finden in dem, was du hinterlassen hast und was immer noch du selbst sein wirst... und was vor allem ich sein werde, weil wir, du und ich, uns lieben und weil ich bin, wo du bist, und du bist, wo ich bin. Ich habe Petrus versprochen, daß die Kirche, die meinen Fels als Grundlage und Oberhaupt hat, nicht von der Hölle und ihren wiederholten und immer stärker werdenden Angriffen überwältigt werden wird. Aber nun sage ich dir, daß das, was immer noch ich sein werde und was du

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als Licht zurücklassen wirst für den, der das Licht sucht, nicht zerstört werden wird, obwohl es die Hölle mit allen Mitteln zu vernichten suchen wird. Ja noch mehr! Selbst die, deren Glauben an mich nur unvollkommen ist, da sie zwar mich aufnehmen, aber meinen Petrus nicht annehmen, werden sich immer zu deinem Leuchtturm flüchten wie Schifflein ohne Kapitän und ohne Kompaß, die inmitten ihrer Stürme auf ein Licht zusteuern, weil Licht immer auch Rettung bedeutet.»

«Aber was kann ich hinterlassen, mein Herr? Ich bin... arm... unwissend... Ich habe nichts als Liebe ...»

«Das ist es: du wirst Liebe hinterlassen. Und die Liebe zu deinem Jesus wird dein Wort sein. Und viele, sehr viele, auch unter denen, die nicht zu meiner Kirche gehören, die zu keiner Kirche gehören, aber ein Licht und einen Trost suchen wegen des Stachels in ihrem unbefriedigten Geist und ein Bedürfnis nach Mitleid haben in ihrem Schmerz, werden zu dir kommen und mich finden.»

«Ich wünschte, die ersten, die zu dir finden, wären diese grausamen Juden, diese Pharisäer und Schriftgelehrten ... Aber ich bin zu so etwas nicht fähig ...»

«Dort, wo schon alles übervoll ist, kann nichts mehr eindringen. Aber du sollst dich nicht entmutigen lassen... Sieh, wir sind schon bei Joseph. Klopfe an, und dann laß uns eintreten.»

Es ist ein schmales, hohes Haus mit einem niedrigen, vollgestopften Warenlager an einer Seite; daneben ein wegen der hohen Mauern, die ihn umgeben, finsterer Hof, ein Hof, der auch eine Herberge sein könnte, wie sie damals üblich waren: Säulenhallen für die Waren, Stallungen für die Lasttiere und Zimmerchen oder größere Räume für die Gäste. Dies hier ist ein schlecht gepflasterter Hof mit einer Tränke, zwei niedrigen, dunklen Ställen, einem einfachen Wetterdach, das den Vorhof ersetzt und sich an das Haus lehnt, und einem abgenützten Tor, das zum Warenlager führt. Daneben steht das bereits erwähnte alte, dunkle Haus mit einer schmalen, hohen Tür, zu der drei ausgetretene Stufen führen.

Johannes klopft an die Tür und wartet, bis sich ein Guckloch öffnet und eine runzlige Alte forschend aus dem Halbschatten hervorblickt. «Oh, Johannes, ich öffne sofort! Gott sei mit dir», sagt der Mund, der zu diesem runzligen Gesicht gehört, und die Tür öffnet sich, nachdem man sie mit viel Lärm entriegelt hat.

«Ich bin nicht allein, Maria; ich habe den Meister bei mir.»

«Der Friede sei auch mit ihm, der Ehre Galiläas, und selig der Tag, der den Heiligen in das Haus eines wahren Israeliten führt. Tritt ein, Herr. Ich werde Joseph gleich benachrichtigen. Er erledigt gerade die letzten Auslieferungen, denn der Abend bricht im traurigen Etanim schnell herein ...»

«Halte ihn nicht von seiner Arbeit ab, Frau. Wir bleiben bis morgen hier.»

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«Das ist uns eine große Freude. Schon lange haben wir dich erwartet. Und vor einigen Tagen hat dein Bruder Joseph jemanden geschickt, um Nachricht von dir zu erhalten. Aber mein Mann kann es dir besser erzählen. Sieh, hier kannst du bleiben... Und nun verlasse ich dich, Herr, damit ich mit dem Brot fertigwerde, denn vor Sonnenuntergang sollte es gebacken sein. Wenn du irgendetwas brauchst, weiß Johannes, wo ich bin.»

«Geh in Frieden. Wir brauchen nichts als eine Unterkunft.»

Sie bleiben geraume Zeit allein. Dann schaut plötzlich ein braunes Gesichtchen furchtsam und neugierig zugleich hinter einem Vorhang hervor, der das Zimmer vom Hausgang trennt.

«Wer ist dieser Junge»? fragt Jesus Johannes.

«Ich weiß es nicht, Herr. Er war sonst nicht hier. Allerdings seit ich bei dir bin, bin ich nie mehr im Auftrag meines Vaters hierher gekommen. Komm her, Junge.»

Das Kind kommt mit kleinen Schritten näher.

«Wer bist du?»

«Das sage ich dir nicht.»

«Warum nicht»?

«Ich will nicht, daß man mir häßliche Worte sagt. Wenn du sie sagst, antworte ich dir, und Joseph will es nicht.»

«Das ist etwas ganz Neues. Meister, was sagst du dazu?» und Johannes lacht über die Begründung des kleinen Mannes.

Auch Jesus lächelt, legt ihm aber eine Hand auf die Schulter und betrachtet ihn. Schließlich sagt er: «Und weißt du, wer ich bin ... ?»

«Ja, ich weiß es. Du bist der Messias, der die Welt sein eigen machen wird, und dann wird man keine schlechten Worte mehr zu den Kindern wie mir sagen.»

«Du bist kein Israelit, nicht wahr?»

«Ich bin beschnitten ... und das hat sehr wehgetan... Aber auch der Hunger hat wehgetan... und keine Mutter mehr zu haben... niemand... Aber es tut auch weh zu hören, daß man... daß uns...» Er weint, denn nun hat er seine ganze vorherige Kühnheit eingebüßt.

«Er muß ein fremdes Waisenkind sein, Johannes. Joseph wird ihn wohl aus Erbarmen aufgenommen haben und hat ihn beschneiden lassen...»erklärt Jesus Johannes, der über die Worte des Knaben und seine Tränen erstaunt ist. Jesus hebt den ziemlich schweren Jungen hoch und setzt ihn auf seine Knie.

«Sage mir, wie du heißt, Kind. Ich habe dich lieb. Jesus liebt alle Kinder, und besonders die Waisenkinder. Auch ich habe eines und sein Name ist Margziam ...»

«Auch mich... auch mich... denn ich bin ein Römer», flüstert der Knabe mit kaum vernehmlicher Stimme.

«Ich habe es dir ja gesagt. Du bist ein Waisenkind, nicht wahr?»

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«Ja... An meinen Vater erinnere ich mich nicht, an meine Mutter wohl. Sie ist gestorben, als ich schon größer war ... und ich bin allein geblieben und niemand wollte mich haben. Von Caesarea aus bin ich dann hinter Reisenden hergelaufen, als der Hausherr wieder in die Ferne gezogen war. So viel Hunger habe ich gelitten! Und wenn ich meinen Namen sagte, gab es Prügel... Denn man hat aus dem Namen seine Schlüsse gezogen! Dann bin ich an einem Festtag hierher gekommen und hatte Hunger. Mit einer Karawane bin ich in die Stallungen geschlüpft und habe mich im Stroh versteckt, um den Hafer und das Johannisbrot der Esel zu essen. Ein Esel hat mich gebissen. Da habe ich geschrien, und man ist herbeigelaufen und wollte mich schlagen. Aber Joseph hat gesagt: "Nein. Er hat es getan, und er sagt, daß man tun soll, was er tut. Und ich werde den Jungen zu mir nehmen und einen Israeliten aus ihm machen." Dann hat er mich aufgenommen und gepflegt, zusammen mit Maria, und er hat mir einen anderen Namen gegeben, weil der meine... Aber meine Mutter nannte mich Martial...» Und die Tränen beginnen wieder zu fließen.

«Und ich werde dich Martial nennen wie die Mutter. Joseph ist sehr gut zu dir gewesen, und du mußt ihn sehr liebhaben.»

«Ja, aber dich noch mehr. Er selbst sagt es. Er sagt immer: "Wenn du eines Tages Jesus von Nazareth, dem Messias, begegnest, dann liebe ihn von ganzem Herzen; denn du hast es ihm zu verdanken, wenn du vom Irrtum errettet worden bist." Maria hat drüben der Dienerin gesagt, daß der Messias im Haus ist, und so bin ich gekommen, um zu sehen, wer mich gerettet hat.»

«Ich hätte das Joseph nicht zugetraut. Er war so ... geizig... Nie hätte ich geglaubt, daß er... Armer Joseph! Geizig und von seinen Söhnen enttäuscht. Sie haben sein weißes Haar nicht geachtet.»

«Ich weiß es. Aber siehst du? Vielleicht lebt er an der Seite dieses Knaben wieder auf und vergißt. So vergilt ihm Gott das gute Werk, das er an dem Knaben getan hat. Wie heißt du denn jetzt?»

«Ich habe einen häßlichen Namen. Er gefällt mir nur, weil er beginnt wie der meine: Manasse heiße ich! ... Aber Maria versteht mich und nenn mich einfach "Man".» Der Junge sagt das mit einem so trostlosen Gesichtchen, daß Jesus und Johannes sich eines Lächelns nicht enthalten können.

Um ihn zu trösten, erklärt ihm Jesus: «Manasse ist ein Name, der für uns eine schöne Bedeutung hat, nämlich: Der Herr läßt mich jede Schmerz vergessen. Joseph hat ihn dir gegeben, weil er damit sagen wollte, daß du ihn all seinen Schmerz vergessen lassen wirst. Und du wirst es tun, mein Kind, um dich ihm dankbar zu erweisen. Du selbst sollst die durch deinen neuen Namen sagen lassen, daß der Herr dich so sehr geliebt hat, daß er dir einen neuen Vater, eine neue Mutter und ein neue Zuhause gegeben hat. Ist es nicht so?»

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«Ja. Wenn du es so erklärst, ja... Aber Joseph sagt, ich soll auch mein Haus vergessen. Ich will aber meine Mutter nicht vergessen!»

Jesus schaut Johannes an und Johannes den Meister, und über dem braunen Köpfchen findet ein ganzes Gespräch mit Blicken statt...

«Eine Mutter kann man nicht vergessen, Kind. Joseph hat sich nicht Klar ausgedrückt, oder vielleicht hast du ihn nicht recht verstanden. Sicher wollte er dir sagen, daß du allen Schmerz der Vergangenheit vergessen sollst, weil du jetzt dieses Zuhause hast und darüber glücklich sein sollst.»

«O ja! Und Maria ist gut und macht mich glücklich. Auch jetzt macht sie mir Pfannkuchen. Ich gehe nachschauen, ob sie schon gebacken sind, und dann bringe ich dir davon.» Und er gleitet von den Knien Jesu und läuft aus dem Zimmer. Das Geräusch der nackten Füßchen verliert sich in dem langen Hausgang.

«Immer diese Neigung zur Härte, auch bei den Besten unter uns. Immer Unmögliches verlangen! Strenger als ihr Gott sind die Söhne seines Volkes! Armer Junge! Kann man denn verlangen, daß ein Kind seine Mutter vergißt, weil es jetzt beschnitten ist? Ich werde es Joseph sagen.»

«Ich wußte nichts von der ganzen Geschichte. Mein Vater kommt, wie viele Galiläer, zu den Festtagen hierher. Er hat mir nie davon erzählt, als ob er nichts gewußt hätte... Aber ich höre die Stimme Josephs.»

Jesus erhebt sich und Johannes ebenfalls, bereit, mit den geziemenden Ehrenbezeugungen den Hausherrn zu begrüßen, der nun eintritt, sich seinerseits tief verbeugt und schließlich zu Füßen Jesu niederkniet.

«Steh auf, Joseph! Ich bin gekommen, wie du siehst.»

«Verzeih, wenn ich dich habe warten lassen. Der Freitag ist immer ein strenger Tag! Sei auch du gegrüßt, Johannes. Hast du Nachrichten von Zebedäus?»

«Nein. Seit dem Laubhüttenfest habe ich ihn nicht mehr gesehen.»

«Dann sollst du wissen, daß es ihm gut geht, und auch Salome. Ich habe neueste Nachrichten, die heute morgen mit der letzten Ladung Fische gekommen sind. Auch dir, Meister, kann ich sagen, daß es deinen Verwandten in Nazareth gut geht. Am Tag nach dem Sabbat wird der Überbringer wieder abreisen, und wenn ihr ihm Nachrichten mitgeben wollt ... Seid ihr allein?»

«Nein. Bald werden auch die anderen hier sein...»

«Gut! Hier ist Platz für alle. Dies ist ein treues Haus. Es tut mir leid, daß Maria mit Brotbacken beschäftigt gewesen ist und ich mit den Verkäufen. Man hat euch ganz allein gelassen... Wir haben dir nicht die nötige Ehre erwiesen und Gesellschaft geleistet, wie es sich für einen so hohen Gast geziemt.»

«Ein Kind Gottes, wie du, Joseph und alle, die das Gesetz Gottes befolgen.»

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«Aber nein! Du bist du! Ich bin nicht so töricht wie diese Judäer. Du bist der Messias!»

«Nach göttlichem Willen. Aber nach meinen Wünschen und Pflichten bin ich ein Sohn des Gesetzes wie du.»

«Die dich verleumden, sprechen und handeln nicht, wie du jetzt sprichst und handelst!»

«Du hingegen tust viel von dem, was ich lehre. Ich habe den Knaben gesehen, Joseph...»

«Ah! Du hast ihn gesehen? Er ist gekommen! Er weiß, daß ich das nicht will! Bei dir... freut es mich. Aber es hätte ja auch jemand anders sein können...»

«Und? Was wäre dann geschehen?»

«Es gefällt mir nicht, das ist es!»

«Warum, Joseph? Um nicht dafür gelobt zu werden? Deine Absicht ist lobenswert. Aber der Knabe könnte denken, daß du dich schämst, ihn zu zeigen ...»

«Und es ist wahr.»

«Es ist wahr? Erkläre mir das.»

«Sieh, der Knabe ist kein Kind von Hebräern, nicht einmal von Proselyten oder von einer hebräischen Frau und einem heidnischen Mann, sondern der Sohn zweier römischer Freigelassener aus dem Haus eines Römers in Caesarea am Meer. Der Knabe war dort, solange dieser dort war... Nach seiner Abreise kümmerte sich niemand mehr um ihn, und er blieb allein. Die Hebräer nahmen ihn natürlich nicht auf... Wie die Römer sind, weißt du... und erst die Römer von Caesarea! Der Knabe ging betteln.»

«Ja, ich weiß es. Er kam hierher, und du hast ihn aufgenommen. Gott hat diese Tat im Himmel aufgezeichnet.»

«Ich habe aus ihm einen Beschnittenen gemacht und ihm einen neuen Namen gegeben, da der seine heidnisch war, der Name eines Götzendieners. Aber ich will nicht, daß er sich sehen läßt und sich an seine Vergangenheit erinnert.»

«Warum, Joseph?» fragt Jesus sanft und fährt fort: «Der Knabe leidet darunter. Er denkt an seine Mutter, und das ist begreiflich.»

«Begreiflich ist aber auch mein Wunsch, nicht kritisiert zu werden, weil ich einen aufgenommen habe ...»

«Einen Unschuldigen. Nicht mehr als das, Joseph. Warum fürchtest du das Urteil der Menschen, wenn ein höheres Urteil, das göttliche, die Heiligkeit deiner Tat bestätigt? Warum schämst du dich aus menschlicher Rücksichtnahme oder aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen einer guten Tat? Warum willst du dem Kind ein Beispiel von Unehrlichkeit geben, indem du es aus Furcht vor Schaden dazu zwingst, seinen Namen zu wechseln und seine Vergangenheit zu verheimlichen? Warum willst du

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dem Kind Verachtung gegenüber Vater und Mutter einflößen? Schau, Joseph, du hast eine lobenswerte Tat vollbracht, aber du bedeckst sie mit Staub durch diese... unvollkommenen Ideen. Du hast meine Handlungsweise nachgeahmt und meine Worte aufgenommen, und das ist gut. Aber warum vollendest du nicht meine Nachfolge, indem du deine Tat offen bekennst und sagst: "Ja, das Kind war ein Römer; aber ich habe keinen Abscheu empfunden, denn es ist ein Sohn des Schöpfers wie ihr alle. Ich wollte nur, daß es nach unserem Gesetz lebe, und habe es daher beschneiden lassen." Wahrlich... die wahre Beschneidung wird noch kommen; sie wird an den Herzen der Menschen vorgenommen, und die würgende Fessel der dreifachen Begierlichkeit wird entfernt werden. Wenn daher der Knabe ein Unschuldiger geblieben wäre bis zu dieser Zeit... Aber ich will dir dafür keinen Vorwurf machen. Du, als Jude, hast gut daran getan, ihn zum Juden zu machen. Lasse ihm aber seinen Namen. Oh! Wie viele wird es in Zukunft geben, die den Namen Martial, Cajus, Felix, Cornelius oder Claudius tragen und dennoch Christus und dem Himmel gehören. Auch er kann einer von ihnen sein, dieser Knabe, der weder vom Judentum noch vom Heidentum etwas weiß. Er wird großjährig werden, wenn das wahre und neue Gesetz mit dem neuen Tempel und den neuen Priestern gegründet ist; und nicht so, wie du es dir vorstellst, sondern wie es von Gott geprüft und seines neuen Tempels würdig befunden wurde. Laß ihm den Namen, den ihm seine Mutter gegeben hat, er ist für ihn eine mütterliche Liebkosung. Ich verstehe, was du hast sagen wollen mit dem Namen Manasse. Aber laß ihm den Namen Martial. Wer dich fragt, dem antworte: "Ja, er heißt Martial. Fast wie der Jünger Christi, dem Maria diesen Namen gegeben hat." Habe Mut zum Guten, Joseph, und du wirst groß, wirklich groß sein.»

«Meister... wie du willst. Ich will dir nicht mißfallen. Und glaubst du, daß ich auch als Mensch gut gehandelt habe?»

«Du hast gut gehandelt. Dein Schmerz hat dich gut gemacht; daher ist alles gut, was du getan hast, und auch diese Tat ist gut.»

Ein Klopfen an der Tür zur Straße unterbricht die Unterredung.

563. DER ALTE PRIESTER MATHAN (ODER NATHAN)

Petrus tritt ein. Mit einer ebenso niedergeschlagenen Bewegung wie nach dem Durchwaten des Jordan bei Bethabara wirft er sich erschöpft auf den ersten Stuhl, den er findet, und stützt den Kopf in die Hände. Die anderen sind zwar nicht so niedergeschlagen, aber verärgert; bleich und verstört sind sie mehr oder weniger alle. Die Söhne des Alphäus, Jakobus des Zebedäus und Andreas erwidern kaum den Gruß des Joseph von

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Sephoris und seiner Frau, die mit einer alten Dienerin erscheint und warmes Brot und andere Speisen bringt.

Auf Margziams Gesicht sieht man noch Spuren von Tränen. Isaak eilt auf Jesus zu, ergreift seine Hand, streichelt sie und flüstert: «Wie in jener furchtbaren Nacht ... und wieder einmal, noch einmal, gut davongekommen. Oh, mein Herr, wie lange noch? Wie lange noch wirst du dich retten können?»

Das ist der Ausruf, der alle Zungen löst. Alle sprechen nun durcheinander und erzählen von den Mißhandlungen, Drohungen, der Angst...

Erneut ein Klopfen an der Tür.

«0 weh! Man wird uns doch nicht gefolgt sein?! Ich habe ihnen gesagt, sie sollen alle einzeln kommen!» sagt Iskariot.

«Ja, es wäre besser gewesen. Wir haben sie immer auf den Fersen. Aber nun ...» sagt Bartholomäus.

Wenn auch ungern, geht Joseph persönlich durch das Guckloch nachschauen, während seine Frau sagt: «Von der Terrasse könnt ihr auf die Stallungen steigen und von dort in den hinteren Garten gelangen. Ich werde es euch zeigen ...» Aber als sie gerade gehen will, ruft ihr Gatte: «.Joseph vom Ältestenrat. Welche Ehre!» Und er öffnet die Tür, um Joseph von Arimathäa einzulassen.

«Der Friede sei mit dir, Meister. Ich war dort und habe alles gesehen... Manaen ist mir begegnet, als ich unendlich angewidert den Tempel verließ. Ach, nicht dazwischentreten zu können, nichts unternehmen zu können, um dir nützlicher zu sein ... Oh, bist auch du hier, Judas von Kerioth? Du, der du so viele Freunde hast, du könntest etwas tun! Fühlst du dich als sein Apostel nicht dazu verpflichtet?»

«Du bist sein Jünger ...»

«Nein. Wenn ich es wäre, würde ich zu seinem Gefolge gehören wie so manche andere. Ich bin sein Freund.»

«Das ist dasselbe.»

«Nein. Auch Lazarus ist sein Freund, aber du wirst doch nicht sagen wollen, daß er sein Jünger ist...»

«In der Seele doch.»

«Alle, die nicht zu Satan halten, sind Jünger seines Wortes, denn sie erkennen es als Wort der Weisheit.»

Der kleine Wortstreit zwischen Joseph und Judas von Kerioth endet, während Joseph von Sephoris, der erst jetzt begreift, daß etwas Schlimmes vorgefallen ist, diesem und jenem mit Interesse und mit dem Ausdruck des Bedauerns Fragen stellt. «Das muß man Joseph des Alphäus sagen. Man muß es sagen. Und ich werde den Auftrag geben... Was willst du von mir, Joseph?» fragt er und wendet sich an den Ältesten, der ihm auf die Schulter tippt, als wolle er ihm eine Frage stellen.

«Nichts. Ich wollte dich nur beglückwünschen wegen deiner guten

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Verfassung. Das ist ein guter Israelit, treu und gerecht in allem. Ja, ich weiß es. Von ihm kann man sagen, daß Gott ihn geprüft und als gut erkannt hat...»

Ein erneutes Klopfen an der Tür. Die beiden Josephs begeben sich miteinander zum Tor um zu öffnen, und ich sehe, wie Joseph von Arimathäa sich dem anderen zuneigt und ihm etwas ins Ohr flüstert, worauf dieser sich mit allen Anzeichen großer Überraschung umdreht und einen Augenblick die Apostel anschaut. Dann öffnet er die Tür.

Nikodemus und Manaen treten ein, gefolgt von allen Hirten-Jüngern, die sich in Jerusalem aufhalten, also Jonathan und die früheren Jünger des Täufers. Bei ihnen sind auch der Priester Johannes mit einem anderen greisen Priester und Nikolaus. Den Schluß bilden Nike mit dem Mädchen, das Jesus ihr anvertraut hat, und Annalia mit ihrer Mutter. Sie heben die Schleier, die ihre Gesichter verhüllen, und scheinen sehr besorgt zu sein.

«Meister, was ist dir denn zugestoßen? Ich habe erfahren... Zuerst von den Leuten und dann von Manaen... Die ganze Stadt redet und summt wie ein Bienenstock. Und wer dich liebt, läuft und sucht dich, wo er dich vermutet. Sicherlich sind sie auch zu deinem Haus gekommen, Joseph... Ich selbst bin zu den Häusern des Lazarus gegangen... Es ist schlimm! Wie bist du denn davongekommen?»

«Die Vorsehung hat über mich gewacht. Die Jüngerinnen sollen nicht weinen, sondern den Ewigen preisen und sich ein Herz fassen. Euch allen möchte ich danken und euch meinen Segen geben. Die Liebe und die Gerechtigkeit sind in Israel noch nicht ganz erstorben, und das tröstet mich.»

«Ja, aber geh nicht mehr in den Tempel, Meister. Für längere Zeit, geh nicht mehr hin!» Die Anwesenden sind sich alle einig und ihr besorgtes: «Geh nicht hin» hallt warnend und flehend von den starken Mauern des alten Hauses wider.

Der kleine Martial, der sich irgendwo versteckt hatte, hört den Lärm, läuft neugierig herbei und steckt sein Köpfchen durch die Vorhänge. Als er Maria sieht, flüchtet er sich in ihre Arme aus Furcht vor dem Tadel des Joseph von Sephoris. Aber Joseph ist zu aufgeregt und zu sehr damit beschäftigt, diesem und jenem zuzuhören, Ratschläge zu erteilen, zuzustimmen usw., als daß er auf ihn achten könnte. Er bemerkt den Knaben erst, als dieser, nachdem die alte Maria ihm etwas zugeflüstert hat, zu Jesus geht, ihn küßt und ihm die Arme um den Hals legt. Jesus zieht ihn mit einem Arm an sich, während er all denen antwortet, die ihm vorschlagen, was ihrer Meinung nach am besten zu tun sei.

«Nein, ich gehe nicht fort von hier. Geht ihr zu Lazarus, der mich erwartet, und sagt ihm, daß ich nicht kommen kann. Als Galiläer und langjähriger Freund der Familie bleibe ich bis zum morgigen Sonnenuntergang hier. Dann werde ich sehen, wo ich hingehe...»

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«Das sagst du immer, und dann kehrst du doch wieder dorthin zurück. Aber wir lassen dich nicht mehr hingehen. Ich wenigstens. Ich habe dich wirklich verloren geglaubt...» sagt Petrus, und zwei Tränen bilden sich wieder in den Winkeln seiner vorstehenden Augen.

«Noch nie habe ich so etwas gesehen. Das genügt. Dies hat mich zu einem Entschluß gebracht. Wenn du mich nicht abweist... Ich bin jetzt zu alt für den Altar, aber ich tauge noch dazu, für dich zu sterben. Und ich bin bereit zu sterben, wenn es nötig ist, zwischen dem Vorhof und dem Altar, wie der weise Zacharias oder wie Onias, der Verteidiger des Tempels und des Schatzes. Ich werde außerhalb des heiligen Bezirks, dem ich mein Leben geweiht habe, sterben. Aber du wirst mir das Tor zu einem heiligeren Ort öffnen! Oh! Ich kann diesen Greuel nicht mehr mitansehen. Warum müssen meine alten Augen dies noch sehen? Der vom Prophet geschaute Greuel ist schon in den Mauern und schwillt an wie eine Wasserflut, die bei ihrem Ansteigen eine Stadt verschlingt. Sie steigt und steigt und überschwemmt Höfe und Säulengänge, überflutet die Stufen und breitet sich weiter aus. Sie steigt und hat schon das Allerheiligste erreicht. Die schlammigen Wellen bespülen bereits die Steine, mit denen der heilige Ort gepflastert ist, und verdunkeln ihre schönen Farben! Der Fuß des Priesters wird durch sie beschmutzt! Sein Gewand durch sie benetzt. Das Ephod in den Schlamm getaucht. Die Steine des Brustschildes sind getrübt, und die Namen auf ihnen nicht mehr lesbar. Oh! Oh! Die Wellen des Greuels steigen bis zum Antlitz des Hohenpriesters und besudeln es. Eine Schmutzkruste bedeckt die Heiligkeit des Herrn, und die Tiara gleicht einem Tuch, das in einen schlammigen Tümpel gefallen ist. Schlamm! Schmutz! Dringt er von außen ein oder fließt er von der Höhe des Moriah über die Stadt und über ganz Israel? Vater Abraham! Vater Abraham! Wolltest du nicht dort das Opferfeuer entzünden, damit das Ganzopfer des getreuen Herzens erstrahle? Nun sprudelt dort Schlamm hervor, wo heiliges Feuer sein sollte. Isaak ist unter uns, und das Volk opfert ihn. Aber selbst wenn das Opfer rein ist... wenn es auch rein ist... so sind doch die Opfernden unrein. Fluch über uns! Auf dem Berg wird der Herr den Greuel seines Volkes sehen! ... Ach!» Und der Greis, der mit dem Priester Johannes gekommen ist, sinkt zu Boden, bedeckt sein Gesicht mit den Händen und weint in der trostlosen Art der alten Leute.

«Ich habe ihn zu dir geführt... Schon so lange wünschte er es. Aber heute, nachdem er das gesehen hat, konnte ihn niemand mehr zurückhalten... Der alte Mathan (oder Nathan) besitzt oft prophetischen Geist, und wenn sich die Pupillen seiner Augen auch mehr und mehr verschleiern, so sieht doch sein Geist um so klarer. Nimm meinen Freund an, Herr», sagt der Priester Johannes.

«Ich weise niemanden zurück. Erhebe dich, Priester, und erhebe deinen

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Geist. In der Höhe gibt es keinen Schmutz, und der Schmutz berührt den nicht, der sich zu erheben weiß.»

Der Greis steht auf; doch zuvor ergreift er den äußersten Zipfel des Gewandes Jesu und küßt ihn ehrfurchtsvoll.

Die Frauen, besonders Annalia, weinen noch ergriffen hinter ihren Schleiern, und die Worte des Greises vermehren ihr Schluchzen. Jesus ruft die Frauen zu sich, und sie kommen mit geneigtem Haupt aus ihrem Winkel auf den Meister zu. Wenn es Nike und der Mutter der Annalia auch gelingt, ihr Weinen zu unterdrücken und fast zu verbergen, so schluchzt doch die jugendliche Jüngerin laut und ohne auf jene zu achten, die sie mit unterschiedlichen Gefühlen betrachten.

«Verzeih ihr, Meister! Sie verdankt dir ihr Leben und liebt dich. Sie kann es nicht verstehen, daß man dir Böses zufügen will. Und außerdem ist sie so ... allein... und so traurig, seit...» sagt die Mutter.

«Oh, das ist es nicht! Nein, das ist es nicht! Herr! Meister! Mein Erlöser! Ich ... ich ...» Annalia vermag nicht weiterzusprechen, teils wegen des Schluchzens, teils aus Schamgefühl oder aus sonst einem Grund.

«Sie hat Vergeltungsmaßnahmen befürchtet, weil sie eine Jüngerin ist. Sicher ist es deshalb. Viele gehen aus diesem Grund fort ...» sagt Iskariot.

«0 nein! Aus diesem Grund am allerwenigsten! Du, Mann, verstehst überhaupt nichts oder unterschiebst anderen deine Gedanken. Aber du, o Herr, du weißt, warum ich weine. Ich hielt dich für tot und glaubte, daß du dich deines Versprechens nicht erinnert hättest ...» Und sie seufzt, nachdem sie die ersten Worte mit Nachdruck gesagt hat, um sich gegen die Verdächtigung des Judas zu wehren.

Jesus antwortet ihr: «Nie vergesse ich ein Versprechen. Fürchte nicht. Geh beruhigt nach Hause und erwarte die Stunde meines Triumphes und deines Friedens. Geh hin. Der Tag neigt sich seinem Ende zu. Zieht euch nun zurück, ihr Frauen, und der Friede sei mit euch.»

«Herr, ich möchte dich nicht verlassen ...» sagt Nike.

«Gehorsam ist Liebe.»

«Das ist wahr, Meister. Aber warum darf ich nicht bleiben wie Elisa?»

«Weil du mir hier nützlich bist, wie sie in Nob. Geh nun, Nike, geh! Einige Männer sollen die Frauen begleiten, damit sie nicht belästigt werden.»

Manaen und Jonathan schicken sich an, der Aufforderung nachzukommen. Aber Jesus hält Jonathan zurück und fragt ihn: «Du kehrst also nach Galiläa zurück?»

«Ja, Meister, am Tag nach dem Sabbat. Der Gutsherr will es.»

«Hast du noch Platz auf dem Wagen?»

«Ich bin allein, Meister.»

«Dann wirst du Margziam und Isaak mitnehmen. Du, Isaak, weißt, was du tun mußt. Und auch du, Margziam ...»

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«Ja, Meister», antworten beide, Isaak mit seinem sanften Lächeln und Margziam mit weinerlicher Stimme und zitternden Lippen.

Jesus streichelt ihn, und Margziam, der nun jegliche Zurückhaltung vergißt, wirft sich an seine Brust und sagt: «Dich verlassen... jetzt, da alle dich verfolgen! Oh, mein Meister! Ich werde dich nie mehr wiedersehen ... Du bist mein ganzes Glück gewesen. In dir habe ich alles gefunden ... ! Warum schickst du mich fort? Laß mich mit dir sterben! Was kümmert mich mein Leben noch, wenn ich dich nicht mehr habe?»

«Ich sage dir, was ich Nike gesagt habe: Gehorsam ist Liebe.»

«Ich gehe! Segne mich, Jesus!»

Jonathan geht mit Manaen, Nike und den anderen drei Frauen fort. Auch die übrigen Jünger entfernen sich in Grüppchen.

Erst als der zuvor überfüllte Raum fast leer ist, bemerkt man das Fehlen des Judas von Kerioth. Und viele sind erstaunt darüber, denn eben war er noch da und hat keinen Auftrag erhalten.

«Er wird wohl fortgegangen sein, um etwas für uns einzukaufen», sagt Jesus, um Bemerkungen zu verhindern. Dann spricht er weiter mit Joseph von Arimathäa und Nikodemus, die als einzige geblieben sind außer den elf Aposteln und Margziam, der neben Jesus sitzt und sich in diesen letzten Stunden noch an ihm erfreuen will. Jesus sitzt also zwischen Margziam, dem Jüngling, und Martial, dem Knaben, beide braun, schmal, gleich unglücklich in ihrer Kindheit und gleicherweise aufgenommen im Namen Jesu von zwei guten Israeliten.

Joseph von Sephoris und seine Frau haben sich klugerweise zurückgezogen, um dem Meister Freiheit zu lassen.

Nikodemus fragt: «Aber wer ist denn dieser Knabe?»

«Es ist Martial, ein Knabe, den Joseph als Sohn in sein Haus aufgenommen hat».

«Das wußte ich nicht.»

«Niemand, oder fast niemand weiß es.»

«Sehr demütig ist dieser Mann. Ein anderer hätte sich damit gebrüstet», bemerkt Joseph.

«Meinst du? ... Geh, Martial, und zeige Margziam das Haus...» sagt Jesus. Als die beiden gegangen sind, fährt er fort: «Du täuschest dich, Joseph. Wie schwierig ist es doch, gerecht zu urteilen!»

«Aber, Herr! Einen Waisenknaben zu sich zu nehmen – denn sicher ist er einer – und sich dessen nicht zu rühmen, ist zweifellos ein Akt der Demut.»

«Der Knabe ist, wie sein Name besagt, nicht aus Israel...»

«Ah! Jetzt verstehe ich! Dann ist es gut, wenn er ihn versteckt hält.»

«Er ist allerdings schon beschnitten ...»

«Das spielt keine Rolle. Du weißt... auch Johannes von Endor war es, und dennoch wurdest du seinetwegen getadelt. Joseph, der dazu noch ein

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Galiläer ist, könnte sich trotz der Beschneidung Unannehmlichkeiten zuziehen. Es gibt so viele Waisen auch in Israel ... Gewiß, mit diesem Namen ... und mit diesem Äußeren...»

«Wie seid ihr doch alle "Israel" ' auch die Besten! Selbst wenn ihr Gutes tut, versteht ihr nicht und wißt nicht vollkommen zu sein! Begreift ihr denn immer noch nicht, daß es nur einen Vater im Himmel gibt und daß jeder Mensch ein Kind Gottes ist? Versteht ihr immer noch nicht, daß der Mensch nur einen wahren Lohn oder eine wahre Strafe erhalten kann, die wirklich Lohn und Strafe sind? Warum macht ihr euch zu Sklaven der Menschenfurcht? Aber das ist die Frucht der Entstellung des göttlichen Gesetzes! Dieses ist so sehr bearbeitet und mit menschlichen Zusatzgeboten versehen worden, daß es selbst die Gedanken des Gerechten, der danach handelt, verdunkelt und trübt. Im mosaischen, also im göttlichen Gesetz, im vormosaischen und ausschließlich auf der Moral basierenden Gesetz, das ihr durch himmlische Eingebung erhalten habt, steht da etwa geschrieben, daß alle, die nicht Israel gehören, nicht zu Israeliten werden können? Steht nicht in der Genesis: "Mit acht Tagen soll alles Männliche bei euch beschnitten werden in euren Geschlechtern, sowohl der Hausgeborene als auch der um Geld von einem Fremden Erkaufte, der nicht von deinem Stamm ist." So steht es geschrieben, und jeder andere Zusatz stammt von euch. Ich habe es Joseph gesagt, und auch euch sage ich es. Bald wird die althergebrachte Beschneidung keine übermäßige Bedeutung mehr haben. Eine neue und wahrhaftigere wird an ihre Stelle treten und einen erhabeneren Teil des Menschen betreffen. Aber solange der alte Brauch währt und ihr in der Treue zum Herrn die Beschneidung vornehmt an den aus euch geborenen oder von euch adoptierten Kindern, schämt euch nicht, sie auch am Fleisch von anderer Abstammung vorgenommen zu haben. Das Fleisch ist des Grabes, die Seele gehört Gott. Man beschneidet das Fleisch, da man nicht beschneiden kann, was geistig ist. Aber das heilige Zeichen erstrahlt über dem Geist, und der Geist ist vom Vater aller Menschen. Denkt darüber nach.»

Es folgt ein Schweigen. Dann erhebt sich Joseph von Arimathäa und sagt: «Ich gehe, Meister. Komm morgen zu mir.»

«Nein, es ist besser, wenn ich nicht komme.»

«Dann komm in mein Haus am Weg zwischen dem Ölberg und Bethanien. Dort herrscht Friede und...»

«Auch nicht. Ich werde in den Ölgarten gehen, um zu beten. Denn mein Geist verlangt nach Einsamkeit. Entschuldigt mich.»

«Wie du willst, Meister. Und... geh nicht zum Tempel. Der Friede sei mit dir.»

«Der Friede sei mit euch.»

Die beiden gehen...

«Ich möchte wissen, wohin Judas gegangen ist!» ruft Jakobus des

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Zebedäus aus. «Ich würde sagen: zu den Armen; aber hier ist der Geldbeutel!»

«Macht euch keine Sorgen darüber... Er wird kommen...»

Maria des Joseph kehrt mit Lampen zurück, denn das Tageslicht dringt nicht mehr durch die dicke Glimmerscheibe, die zur Erhellung des großen Raumes dient. Auch die beiden Knaben kommen wieder.

«Ich freue mich, dich bei jemandem zu lassen, der beinahe meinen Namen trägt. Wenn du ihn rufst, wirst du dich meiner erinnern», sagt Margziam.

Jesus zieht ihn an sich.

Nun tritt auch Judas ein, dem die Dienerin geöffnet hat, kühn, lächelnd, unbefangen.

«Meister, ich wollte nachsehen... Der Sturm hat sich gelegt. Und ich habe auch die Frauen begleitet ... Diese Jungfrau ist so furchtsam! Ich habe dir nichts gesagt, denn sonst hättest du mich zurückgehalten, und ich wollte sehen, ob Gefahr für dich besteht. Aber niemand denkt mehr daran. Am Sabbat sind die Straßen menschenleer.»

«Nun gut. Also können wir hier in Frieden verweilen, und morgen...»

«Du willst doch nicht etwa in den Tempel gehen!» schreien die Apostel erregt.

«Nein, in unsere Synagoge, als gute, treue Galiläer.»

564. HEILUNG DES BLINDGEBORENEN

Jesus verläßt mit seinen Aposteln und Joseph von Sephoris das Haus in Richtung der Synagoge. Der klare, heitere Tag erfreut die Herzen wie ein Frühlingsversprechen nach so vielen Tagen windigen Wetters mit winterlichen Wolken. Viele Bewohner Jerusalems sind daher auf den Straßen, die einen auf dem Weg zu den Synagogen, die anderen auf dem Rückweg von dort oder von anderen Orten. Wieder andere verlassen mit ihrer Familie die Stadt in der Absicht, die Sonne im Freien zu genießen. Durch das Herodestor, das man vom Haus des Joseph von Sephoris aus sieht, strömt das Volk zu fröhlichen Vergnügungen außerhalb der Stadtmauern. Ein Sprung ins Grüne und Weite, ins Freie, heraus aus den engen Straßen zwischen den hohen Häusern. Ich glaube, daß die Bürger, die die Sabbatvorschriften mit dem Verlangen nach Luft und Sonne auf den Wegen vereinbaren und sich nicht mit den Balkonen ihrer Häuser begnügen wollen, ganz spontan diesen ländlichen Gürtel um Jerusalem aufsuchen.

Jesus aber geht nicht zum Herodestor, sondern kehrt ihm vielmehr den Rücken und begibt sich ins Innere der Stadt. Aber kaum hat er einige Schritte zurückgelegt auf der breiteren Straße, in die der Weg mündet, an

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dem das Haus des Joseph von Sephoris liegt, lenkt Judas von Kerioth seine Aufmerksamkeit auf einen Jüngling, der auf sie zukommt und dabei mit nach oben gerichtetem Gesicht, in dem die Augen fehlen, die Mauer mit einem Stab abtastet in der für die Blinden typischen Haltung. Sein Gewand ist ärmlich, aber sauber. Er muß eine in Jerusalem bekannte Gestalt sein, denn mehr als einer zeigt auf ihn. Einige gehen sogar auf ihn zu mit den Worten: «Mann, heute hast du den Weg verfehlt. Die Wege zum Moriah liegen hinter dir. Du bist bereits in Bezetha.»

«Ich bitte heute nicht um ein Almosen in Geld», entgegnet der Blinde mit einem Lächeln, entfernt sich immer noch lächelnd in nördlicher Richtung.

«Meister, schau ihn dir an. Seine Augenlider sind zugewachsen. Ich würde fast sagen, daß er gar keine hat. Die Stirn geht in die Wangen über ohne jegliche Vertiefung, und es scheint, als ob darunter keine Augäpfel wären. So ist er zur Welt gekommen, der Unglückliche, und so wird er sterben, ohne je das Licht der Sonne oder das Antlitz eines Menschen gesehen zu haben. Nun sage mir, Meister: wenn einer so sehr gestraft wurde, muß er sicherlich viel gesündigt haben. Aber wenn er blind geboren wurde, was sicher der Fall ist, wie kann er dann vor seiner Geburt gesündigt haben? Haben vielleicht seine Eltern gesündigt und Gott hat sie gestraft, indem er ihn in diesem Zustand zur Welt kommen ließ?»

Auch die anderen Apostel, Isaak und Margziam drängen sich heran, um Jesu Antwort zu hören. Und, wie angezogen von der Größe Jesu, der die Menge überragt, eilen zwei ordentlich aussehende Bürger von Jerusalem herbei, die in geringer Entfernung dem Blinden gefolgt sind. Ich sehe auch Joseph von Arimathäa, der aber nicht näher kommt, sondern sich an ein durch zwei Stufen etwas erhöht liegendes Haustor lehnt, den Blick über die Gesichter schweifen läßt und alle beobachtet.

Jesus antwortet, und seine Worte sind deutlich zu hören in dem plötzlich eingetretenen Schweigen: «Weder er noch seine Eltern haben mehr gesündigt als jeder andere Mensch; vielleicht sogar weniger, denn Armut verhindert oft manche Sünden. Er ist so geboren, damit an ihm noch einmal die machtvollen Werke Gottes offenbar werden. Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist, damit alle in der Welt, die Gott vergessen oder sein geistiges Ebenbild zerstört haben, sehen und sich erinnern, und damit alle, die Gott suchen oder schon die Seinen sind, in ihrem Glauben und in ihrer Liebe gefestigt werden. Der Vater hat mich gesandt, damit ich in der Zeit, die Israel noch zugestanden wird, das Wissen um Gott in Israel und in der Welt vervollkommne. Seht, daher muß ich die Werke dessen tun, der mich gesandt hat, um Zeugnis davon abzulegen, daß ich vermag, was er vermag, da ich eins bin mit ihm. Die Welt soll wissen und sehen, daß der Sohn dem Vater nicht ungleich ist, und an mich glauben um dessentwillen, was ich bin. Danach wird die Nacht kommen, in der niemand

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mehr wirken kann, die Finsternis, und wer sich nicht mit meinem Zeichen bezeichnet und im Glauben an mich gefestigt hat, der wird es nicht mehr tun können in der Finsternis und der Verwirrung, im Schmerz, in der Trostlosigkeit und im Verderben, die über diese Orte kommen und die Seelen mit schrecklichen Ängsten erfüllen werden. Aber solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht und das Zeugnis, das Wort, der Weg und das Leben, die Weisheit, die Macht und die Barmherzigkeit. Geh daher hin, hole den Blindgeborenen und führe ihn zu mir.»

«Geh du, Andreas. Ich möchte hierbleiben und sehen, was der Meister tut», antwortet Judas und weist auf Jesus, der zur staubigen Erde gebeugt, auf ein Erdhäufchen gespieen und mit dem Finger den Staub mit dem Speichel vermengt hat, um ein Schlammkügelchen zu bilden, während der immer gefällige Andreas geht und den Blinden holt, der gerade in das Sträßlein einbiegt, das zum Haus des Joseph von Sephoris führt. Jesus bestreicht sich beide Zeigefinger mit dem erdigen Speichel und hält die Hände dann so, wie der Priester sie bei der hl. Messe beim Evangelium oder bei der Epistel hält. Judas zieht sich von seinem Posten zurück und sagt zu Matthäus und Petrus: «Kommt hierher, ihr seid kleiner. So könnt ihr besser sehen.» Er stellt sich hinter alle anderen, fast versteckt hinter den Söhnen des Alphäus und Bartholomäus, die ziemlich groß sind.

Andreas kommt zurück mit dem Blinden an der Hand, der immer wieder sagt: «Ich will kein Geld. Laß mich gehen. Ich weiß, wo der ist, der Jesus genannt wird. Ich gehe, um ihn zu bitten ...»

«Der jetzt vor dir steht, ist Jesus», sagt Andreas und bleibt vor dem Meister stehen.

Gegen seine sonstige Gewohnheit stellt Jesus keine Fragen an den Mann. Er bestreicht sofort die geschlossenen Augenlider des Blinden mit dem Schlamm an seinen Zeigefingern und befiehlt: «Und jetzt geh, so schnell du kannst, zum Teich von Siloe, ohne stehenzubleiben und ohne mit jemandem zu sprechen.»

Der Blinde bleibt mit seinem mit Schlamm beschmierten Gesicht einen Augenblick verwirrt stehen und öffnet die Lippen, um zu sprechen. Dann schließt er sie wieder und gehorcht. Die ersten Schritte sind langsam, wie die eines nachdenklichen oder enttäuschten Menschen. Dann aber beschleunigt er seinen Gang und berührt dabei die Mauer mit seinem Stab. Er läuft immer schneller, soweit ein Blinder dies vermag, und vielleicht auch, weil er sich geführt fühlt...

Die beiden Bürger von Jerusalem lachen höhnisch und gehen kopfschüttelnd weiter. Joseph von Arimathäa folgt ihnen zu meinem Erstau neu, ohne den Meister auch nur zu grüßen. Er kehrt auf dem Weg zurück auf dem er gekommen ist, und geht also auf den Tempel zu. So entfernen sich sowohl der Blinde als auch die beiden zuvor Erwähnten und Joseph von Arimathäa in Richtung Süden, während Jesus nach Westen geht. Ich

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verliere ihn aus den Augen, denn der Wille des Herrn läßt mich dem Blinden folgen und denen, die ihm nachlaufen.

Nachdem sie Bezetha hinter sich gelassen haben, gehen sie alle in das Tal, das zwischen dem Moriah und Sion liegt. Mir scheint, daß ich es andere Male Tyropoeon nennen gehört habe. Sie durcheilen es bis zum Stadtteil Ophel, gehen an ihm vorüber und kommen auf die Straße, die zum Teich Siloe hinunterführt, immer in derselben Reihenfolge: zuerst der Blinde, der in diesem Stadtteil des einfachen Volkes bekannt sein muß, darin die beiden Bürger von Jerusalem, und zuletzt, in einiger Entfernung, Joseph von Arimathäa.

Joseph bleibt bei einer armseligen Hütte stehen, die halb versteckt hinter einer Buchsbaumhecke liegt, die den Garten des kleinen Häuschens umgibt. Die beiden Erwähnten gehen direkt zum Teich und beobachten den Blinden, der sich vorsichtig dem großen Becken nähert, die feuchte Mauer abtastet und eine Hand ins Wasser taucht. Mit einer Hand voll Wasser wäscht er sich dann ein-, zwei-, dreimal die Augen. Beim dritten Mal drückt er auch die andere Hand auf das Gesicht, läßt er seinen Stock fallen und stößt etwas wie einen Schmerzensschrei aus. Dann nimmt er behutsam die Hände vom Gesicht, und sein Schmerzensschrei verwandelt sich in jauchzende Freude: «Oh! Allerhöchster! Ich sehe!» Er wirft sich zu Boden wie überwältigt von innerer Erregung. Um seine Augen zu schützen und trotz des ihn blendenden Lichtes sehen zu können, preßt er die Hände an die Schläfen und wiederholt: «Ich sehe! Ich sehe! Das also ist die Erde! Das ist das Licht! Und das ist das Gras, das ich nur von seiner Frische her kannte.» Dann erhebt er sich und geht noch gebeugt, wie von einer Last niedergedrückt, von der Last der Freude, zu dem Bächlein, das das aus dem Becken überfließende Wasser bildet. Er sieht es fröhlich glitzernd dahinfließen und flüstert: «Und das ist das Wasser... Ja, so habe ich es zwischen den Fingern gefühlt (er taucht eine Hand ein). Es war kalt und man konnte es nicht festhalten. Aber ich kannte es doch nicht... Ach, wie schön, wie schön ist alles!» Er erhebt die Augen und sieht einen Baum... Er geht an ihn heran, berührt ihn, streckt eine Hand aus und zieht ein Zweiglein an sich, schaut es an und lacht, lacht. Und die Hand über die Augen haltend schaut er zum Himmel, zur Sonne, und zwei Tränen fallen von den jungen Lidern, die sich geöffnet haben, um die Welt zu betrachten... Dann senkt er den Blick wieder auf das Gras, wo eine Blume sich auf ihrem Stiel wiegt, und sieht sich selbst im Spiegel des Baches und betrachtet sich und sagt: «Und das bin ich!» Staunend beobachtet er eine Turteltaube, die in geringer Entfernung trinkt, eine Ziege, die die letzten Blätter eines wilden Rosenstrauches abreißt, und eine Frau, die mit ihrem Söhnlein an der Brust zum Teich kommt. Diese Frau erinnert ihn an seine Mutter, an seine Mutter, deren Antlitz er nie gesehen hat, und mit zum Himmel erhobenen Händen ruft er aus: «Sei gesegnet,

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du Allerhöchster, für das Licht, für die Mutter und für Jesus!» Dann läuft er fort, und läßt seinen nun nutzlosen Stab am Boden liegen...

Die beiden Männer aus Jerusalem haben diese letzten Szenen nicht abgewartet. Sobald sie bemerkt haben, daß der Mann sehen kann, sind sie in die Stadt gelaufen.

Joseph hingegen bleibt bis zum Ende, und als der von seiner Blindheit Geheilte nun an ihm vorbeieilt und im Wirrwarr der Gassen des volksreichen Ophel verschwindet, verläßt auch er den Ort und kehrt sehr nachdenklich in die Stadt zurück.

Der eigentlich immer recht geräuschvolle Vorort Ophel ist nun geradezu in Aufruhr. Alles rennt hin und her. Fragen, Antworten.

«Aber ihr werdet ihn mit einem anderen verwechselt haben...»

«Nein, ich sage es dir. Ich habe mit ihm gesprochen und gesagt: "Aber bist du wirklich Sidonias mit dem Beinamen Bartholmai?" Und er hat mir geantwortet: "Ich bin es." Ich wollte ihn fragen, wie es sich ereignet hat, aber er ist fortgelaufen.»

«Wo ist er jetzt?»

«Sicher bei der Mutter.»

«Wer? Wer hat ihn gesehen?» fragen neu Hinzugekommene.

«Ich, ich», geben verschiedene zur Antwort.

«Aber wie ist es geschehen?»

«Ich habe ihn daherrennen sehen, ohne Stock, mit zwei Augen im Gesicht, und habe gesagt: Schaut! So würde Bartholmai aussehen, wenn ...»

«Ich sage dir: Ich zittere förmlich. Beim Eintreten hat er geschrieen: "Mutter, ich sehe dich!"»

«Eine große Freude für die Eltern! Jetzt kann er seinem Vater helfen und sich selbst seinen Unterhalt verdienen ...»

«Die arme Frau! Es ist ihr vor lauter Freude übel geworden. Oh, so etwas! So etwas! Ich war hingegangen, um mir etwas Salz zu holen, und...»

«Laufen wir zu ihm und hören wir ihn selbst...»

Joseph von Arimathäa befindet sich mitten in diesem Trubel, und ich weiß nicht, ob aus Neugierde oder aus dem Instinkt der Nachahmung: er folgt dem Strom und gelangt in eine Sackgasse, die am Kedron enden würde, wenn sie weiterführte. Dort drängt sich die Menge und übertönt mit ihrem Gerede das Rauschen des durch den Herbstregen angeschwollenen Baches.

Joseph kommt gerade dort an, als aus einer anderen Gasse die beiden Männer aus Jerusalem von zuvor mit drei weiteren Männern auftauchen: einem Schriftgelehrten, einem Priester und einem dritten, den ich an seiner Kleidung nicht identifizieren kann. Anmaßend bahnen sie sich einen Weg und versuchen, in das mit Menschen überfüllte Haus zu gelangen. Das Haus besteht aus einer großen Küche, die schwarz ist wie Teer. In einem durch eine einfache Bretterwand abgeteilten Winkel, befindet sich

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ein Lager und eine Tür, durch die man in ein anderes Zimmer mit einem größeren Bett gelangt. Durch eine offene Tür in der gegenüberliegenden Wand sieht man einen nur wenige Quadratmeter großen Garten. Das ist alles.

Der geheilte Blinde spricht, an den Tisch gelehnt, und beantwortet die Fragen; alles arme Leute wie er selbst, niederes Volk von Jerusalem, aus diesem Stadtteil, der vielleicht der ärmste von allen ist. Seine Mutter steht neben ihm, schaut ihn an und weint und trocknet sich die Augen mit ihrem Schleier. Der Vater, ein von der Arbeit verbrauchter Mann, fährt sich mit der zitternden Hand durch den Bart.

In das Haus hineinzukommen, ist selbst der jüdischen und gelehrten Anmaßung unmöglich, und die fünf müssen sich die Worte des Geheilten von draußen anhören.

«Wie sie sich geöffnet haben? Der Mann, der sich Jesus nennt, hat meine Augen mit feuchter Erde bestrichen und mir gesagt: "Geh und wasche dich am Teich Siloe." Und ich bin hingegangen, habe mich gewaschen, und meine Augen haben sich geöffnet, und ich konnte sehen.»

«Aber wie hast du es geschafft, den Rabbi zu finden? Du bist immer unglücklich darüber gewesen, daß er dir nie begegnet ist, nicht einmal damals, als er immer hier vorüberkam, um zu Jonas nach Gethsemane zu gehen. Und heute, da niemand weiß, wo er sich aufhält...»

«Gestern abend kam einer seiner Jünger, gab mir zwei Münzen und sagte: "Warum versuchst du nicht, das Augenlicht zu erlangen?" Ich habe ihm geantwortet: "Ich habe es versucht, aber ich finde diesen Jesus, der Wunder wirkt, nie. Ich suche ihn, seit er Annalia geheilt hat, die aus demselben Vorort stammt, aber wenn ich ihn hier suche, ist er dort..." Und er hat mir gesagt: "Ich bin einer seiner Apostel, und was ich will, das tut er. Komm morgen nach Bezetha und suche das Haus des Joseph des Galiläers. Der, der getrockneten Fisch verkauft, Joseph von Sephoris. Es liegt beim Herodestor, nahe dem Bogen auf der Ostseite des Platzes, und du wirst sehen, daß er früher oder später dort vorbeigeht oder in das Haus geht. Ich werde dich dem Meister vorstellen." Ich habe gesagt: "Aber morgen ist Sabbat." Ich wollte damit sagen, daß er am Sabbat nichts tun würde. Er aber sprach zu mir: "Wenn du geheilt werden willst, ist das der Tag, denn danach verlassen wir die Stadt, und du weißt nicht, ob du ihm noch einmal begegnen wirst." Ich habe noch gesagt: "Ich weiß, daß sie ihn verfolgen. Ich habe es gehört an den Toren der Tempelmauer, wo ich zum Betteln hingehe. Und da sie ihn so verfolgen, will er jetzt wohl nicht mehr so verfolgt werden und wird am Sabbat nicht heilen." Er aber: "Tue, was ich dir sage, und du wirst am Sabbat die Sonne sehen." Darauf bin ich hingegangen. Wer wäre nicht gegangen? Wenn es einer seiner Apostel Sagt! Er hat mir auch gesagt: "Ich bin der, auf den er am meisten hört, und ich komme absichtlich, weil ich Mitleid mit dir habe und weil ich will,

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daß seine Macht erstrahle, nachdem man ihn geschmäht hat. Du, der Blindgeborene, wirst sie erstrahlen lassen. Ich weiß, was ich sage. Komm, und du wirst sehen." Ich ging und war noch nicht beim Haus des Joseph angelangt, als ein Mann zu mir kam und mich an der Hand nahm; doch der Stimme nach war es nicht der von gestern. Er sagte zu mir: "Komm mit mir, Bruder." Ich wollte ihm nicht folgen, denn ich glaubte, er wolle mir Brot und Geld geben, vielleicht auch Kleider. Ich sagte, er solle mich gehen lassen, weil ich erfahren hatte, wo ich den finden könnte, den sie Jesus nennen. Und der Mann hat mir geantwortet: "Dieser hier ist Jesus, er steht vor dir." Aber ich habe nichts gesehen, weil ich blind war. Ich habe gefühlt, wie mich zwei mit feuchter Erde bedeckte Finger hier und hier berührt haben, und eine Stimme hat gesagt: "Geh sogleich zum Teich von Siloe, wasche dich und sprich mit niemandem." Und ich habe es getan. Aber ich war traurig, weil ich gehofft hatte, sofort sehen zu können, und glaubte beinahe, es handle sich um einen herzlosen Bubenstreich. Fast wäre ich nicht zum Teich gegangen. Aber dann hörte ich so etwas wie eine innere Stimme: "Hoffe und gehorche." So bin ich zum Teich gelaufen, habe mich gewaschen und das Augenlicht erlangt.» Der Jüngling schweigt verzückt im Gedanken an die Freude des ersten Augenblicks, da er plötzlich sehen konnte...

«Laßt den Mann heraus! Wir wollen ihn befragen», schreien die fünf.

Der Jüngling schafft sich Platz und kommt heraus auf die Schwelle.

«Wo ist der, der dich geheilt hat?»

«Ich weiß es nicht», sagt der Jüngling, dem ein Freund zugeflüstert hat: «Es sind Schriftgelehrte und Priester.»

«Wieso weißt du das nicht? Du hast doch gerade gesagt, du wüßtest es. Belüge nicht die Gesetzeslehrer und Priester! Wehe dem, der versucht, die Vorsteher des Volkes zu betrügen!»

«Ich betrüge niemanden. Der Jünger hat mir gesagt: "Er ist in jene

Haus." Und es war wahr, denn ich war schon in der Nähe, als man mich anhielt und zu ihm führte. Aber wo er jetzt ist, weiß ich nicht. Der Jünger sagte mir, daß sie fortgehen würden. Er könnte also schon die Stadt verlassen haben.»

«Aber wohin ist er gegangen?»

«Wie soll ich das wissen? ... Er wird nach Galiläa gegangen sein ... nach dem, wie er hier behandelt wurde... !»

«Du törichter und ungezogener Mensch! Gib acht, wie du sprichst, du Auswurf des Volkes! Ich habe dich gefragt, welchen Weg er eingeschlagen hat.»

«Aber wie soll ich das wissen, da ich doch blind war? Kann ein Blinde sagen, wohin ein anderer geht?»

«Nun gut, folge uns!»

«Wohin wollt ihr mich bringen?»

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«Zu den obersten der Pharisäer.»

«Warum? Was haben diese mit mir zu tun? Haben sie mich etwa geheilt, daß ich mich bei ihnen bedanken müßte? Als ich blind war und bettelte, hat meine Hand niemals eine Münze von ihnen empfangen. Aus ihrem Munde vernahm ich niemals Worte des Mitleids, und mein Herz hat niemals ihre Liebe gefühlt. Was soll ich ihnen sagen? Ich kenne nur einen, dem ich "Danke" sagen muß, außer meinem Vater und meiner Mutter, die mich Unglücklichen so viele Jahre hindurch geliebt haben. Und es ist dieser Jesus, der mich geheilt hat, da er mich mit seinem Herzen liebte, wie meine Eltern mit dem ihrigen. Ich gehe nicht zu den Pharisäern. Ich bleibe bei meiner Mutter und meinem Vater und will mich daran erfreuen, ihr Antlitz zu sehen, so wie sie sich an meinen Augen erfreuen, die jetzt erst geboren wurden, so viele Lenze nachdem ich geboren wurde, aber das Licht nicht sah.»

«Mach nicht so viele Worte. Komm und folge uns!»

«Nein! Ich komme nicht! Habt ihr etwa jemals meiner über mein Unglück verzweifelten Mutter eine Träne abgewischt, oder meinem von der Arbeit erschöpften Vater den Schweiß? Jetzt, da es mein Anblick zu tun vermag, sollte ich sie alleinlassen und euch folgen?»

«Wir befehlen es dir. Nicht du hast zu befehlen, sondern der Tempel und die Führer des Volkes. Wenn der Stolz, geheilt zu sein, dir den Verstand umnebelt und dich vergessen läßt, daß wir hier befehlen, so erinnern wir dich daran. Vorwärts! Marsch!»

«Aber warum soll ich denn kommen? Was wollt ihr von mir?»

«Du sollst als Zeuge aussagen. Es ist Sabbat. Hier ist am Sabbat Arbeit getan worden. Das wird als Sünde aufgezeichnet. Als deine Sünde und als Sünde dieses Satans.»

«Ihr selbst seid die Teufel! Ihr selbst seid Sünder! Und ich sollte Zeugnis ablegen gegen den, der mir Gutes getan hat? Ihr seid wohl betrunken! Zum Tempel werde ich gehen, um dem Herrn zu danken. Und sonst nichts. So viele Jahre habe ich im Dunkel der Blindheit gelebt. Aber die verschlossenen Lider haben mir nur die Augen verdunkelt. Der Verstand ist trotzdem durch die Gnade Gottes erleuchtet gewesen, und er sagt mir, daß ich dem einzigen Heiligen in Israel keinen Schaden zufügen darf.»

«Mann, jetzt ist es aber genug. Weißt du nicht, daß es Strafen gibt für die, die sich der Obrigkeit widersetzen?»

«Ich weiß nichts. Hier bin ich und hier bleibe ich. Und ich rate euch nicht, mir etwas anzutun. Seht ihr denn nicht, daß ganz Ophel auf meiner Seite steht?»

«Ja, ja! Laßt ihn in Ruhe, ihr Schakale! Er wird von Gott beschützt! Rührt ihn nicht an! Gott ist mit den Armen! Gott ist mit uns, ihr Blutsauger und Heuchler!» Das Volk schreit und droht in einer dieser spontanen Ausbrüche, die explosionsartig den Unwillen der Bedrückten gegenüber

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ihren Bedrückern oder die Liebe zu ihren Beschützern zum Ausdruck bringen. Die Leute rufen: «Wehe, wenn ihr unseren Retter angreift! Den Freund der Armen, den Messias, den dreimal Heiligen! Wehe euch! Wir haben weder den Zorn des Herodes noch den des Prokonsuls gefürchtet, wenn es nötig war. Wir fürchten auch den euren nicht, ihr alten zahnlosen Hyänen! Ihr Schakale mit beschnittenen Krallen! Ihr unfähigen Anmaßenden! Rom will keine Tumulte und belästigt den Rabbi nicht, da er der Friede ist. Aber sie kennt euch. Fort von hier! Verlaßt die Stadtteile derer, die ihr mit einem Zehnten bedrückt, der ihre Kräfte übersteigt, damit ihr Geld habt, um eure Gelüste zu stillen und dunkle Geschäfte zu betreiben. Ihr Abkömmlinge eines Jason, eines Simon! Ihr Peiniger eines wahren Eleazar, eines heiligen Onias. Ihr Widersacher der Propheten! Fort, fort!» Der Tumult entflammt sich immer mehr.

Joseph von Arimathäa, der sich bislang als untätiger, wenn auch aufmerksamer Zuschauer an ein Mäuerchen gedrückt hat, springt mit einer für einen alten Mann unerwarteten Behendigkeit und noch dazu in Mantel und Gewand gehüllt auf eben dieses Mäuerchen und ruft mit lauter Stimme: «Schweigt, ihr Bürger! Hört auf Joseph vom Hohen Rat!»

Einer, zwei, zehn Köpfe blicken in Richtung des Rufes. Sie sehen Joseph und rufen seinen Namen. Er muß sehr bekannt sein, der Herr von Arimathäa, und auch die Gunst des Volkes besitzen, denn die Schreie der Verachtung verwandeln sich in Zurufe der Freude: «Joseph vom Synedrium! Er lebe hoch! Friede und langes Leben dem Gerechten! Friede und Segen dem Wohltäter der Elenden! Ruhe, denn Joseph will sprechen! Ruhe!»

Nur langsam legt sich der Lärm, und für einige Minuten hört man das Rauschen des Kedron jenseits der Gasse. Alle Köpfe sind Joseph zugewandt und alle haben vergessen, was sie zuvor in der entgegengesetzten Richtung beschäftigt hat: die fünf unglückseligen, unvorsichtigen Männer, die den Tumult heraufbeschworen haben.

«Bewohner von Jerusalem, Leute von Ophel, warum wollt ihr euch blenden lassen durch Verdacht und Zorn? Warum wollt ihr euch verfehlen gegen die Ehrfurcht und die guten Sitten, ihr, die ihr immer den Gesetzen der Väter so treu ergeben wart? Was befürchtet ihr denn? Daß der Tempel ein Moloch ist, der nicht zurückgibt, was er aufnimmt? Daß eure Richter lauter Blinde sind, blinder als euer Freund, blind im Herzen und taub gegenüber der Gerechtigkeit? Ist es nicht Brauch, daß ein wunderbares Geschehnis zu Protokoll gegeben, niedergeschrieben und aufbewahrt wird von denen, die den Auftrag haben, die Chronik Israels zu führen? Laßt daher zu, daß, auch zur Ehre des Rabbi, den ihr liebt, der wunderbar Geheilte hingehe und bezeuge, was Jesus an ihm getan hat. «Zögert ihr noch? Nun gut, ich werde dafür bürgen, daß eurem Bartholmai nichts Böses zustößt. Ihr wißt, daß ich euch nicht betrüge. Wie einen mir teuren

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Sohn werde ich ihn dorthin geleiten, und ich werde ihn dann auch wieder zu euch zurückführen. Glaubt mir, und macht aus dem Sabbat nicht einen Tag der Sünde durch einen Aufstand gegen eure Oberhäupter.»

«Er hat recht! Das dürfen wir nicht. Ihm können wir glauben, denn er ist ein Gerechter. Wenn gute Entscheidungen im Synedrium gefällt werden, ist immer seine Stimme dabei.» Die Leute tauschen ihre Meinungen aus und rufen schließlich: «Dir ja! Dir können wir unseren Freund anvertrauen», und dem Jüngling zugewandt: «Geh! Fürchte dich nicht. Bei Joseph von Arimathäa bist du in Sicherheit, mehr als bei deinem Vater.»Und sie machen Platz, damit der Jüngling zu Joseph gelangen kann, der von seinem improvisierten Rednerpult herabgestiegen ist, und rufen ihm im Vorbeigehen zu: «Keine Angst! Wir kommen mit.»

Joseph, in seinem prächtigen Gewand aus wundervoller Wolle, legt dem Jüngling die Hand auf die Schulter und macht sich mit ihm auf den Weg. Die graue, abgetragene Tunika des Jünglings und sein kurzer Mantel streifen das faltenreiche, dunkelrote Gewand und den noch dunkleren, prunkvollen Mantel des alten Mitglieds des Hohen Rates. Hinter ihnen gehen die fünf, und dann noch viele, sehr viele Bewohner von Ophel...

Nun sind sie schon beim Tempel angekommen, nachdem sie die Straßen der Innenstadt überquert und die Aufmerksamkeit vieler auf sich gelenkt haben, die auf den Blindgeborenen zeigen und sagen: «Aber das ist doch der blindgeborene Bettler! Und jetzt hat er Augen! Vielleicht ist es einer, der ihm gleicht... Nein! Er ist es sicher, und sie führen ihn zum Tempel. Gehen wir, um zu hören», und der Schwarm wird immer größer, bis die Tempelmauern sie alle miteinander aufnehmen.

Joseph führt den Jüngling in einen Saal. Es ist nicht der Sitzungssaal des Synedriums, aber viele Pharisäer und Schriftgelehrte sind dort versammelt. Joseph tritt ein, und mit ihm Bartholmai und die fünf. Die einfachen Leute von Ophel werden in den Vorhof zurückgedrängt.

«Hier ist der Mann. Ich selbst bringe ihn euch, denn ich habe, ohne bemerkt zu werden, die Begegnung mit dem Rabbi und seine Heilung miterlebt und kann euch bezeugen, daß das Zusammentreffen nicht von dem Rabbi geplant war. Der Mann, ihr werdet es selbst hören, wurde von Judas von Kerioth, der euch bekannt ist, gebracht oder vielmehr aufgefordert, zur Wohnung des Rabbi zu kommen. Und ich habe gehört, ebenso wie diese beiden hier bei mir gehört haben, da sie dort waren, wie Judas Jesus von Nazareth veranlaßt hat, das Wunder zu wirken. Ich bezeuge hiermit, daß wenn jemand bestraft werden muß, dies weder der Blinde noch der Rabbi, sondern der Mann von Kerioth ist. Er ist – und Gott sieht, ob ich lüge, wenn ich sage, was ich denke – der alleinige Urheber der Sache, die er absichtlich und arglistig herbeigeführt hat. Ich habe gesprochen.»

«Deine Aussage befreit den Rabbi nicht von Schuld. Wenn auch einer

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seiner Jünger sündigt, so darf doch der Meister nicht sündigen. Und er hat gesündigt, weil er am Sabbat geheilt hat. Er hat knechtliche Arbeit getan.»

«Auf die Erde spucken ist keine knechtliche Arbeit. Die Augen eines anderen berühren, ist auch keine knechtliche Arbeit. Auch ich berühre den Mann und glaube nicht, dadurch zu sündigen.»

«Er hat am Sabbat ein Wunder gewirkt. Darin liegt die Sünde.»

«Die Ehrung des Sabbat durch ein Wunder ist Ausdruck der Gnade und der Güte Gottes. Der Sabbat ist der Tag des Herrn. Und kann der Allmächtige ihn nicht feiern durch ein Wunder, das seine Macht erstrahlen läßt?»

«Wir sind nicht hier, um dich anzuhören. Du bist nicht beschuldigt worden. Den Mann hier wollen wir befragen. Antworte du. Wie hast du das Augenlicht erhalten?»

«Ich habe es schon gesagt, und alle diese hier haben mich gehört. Der Jünger dieses Jesus hat mir gestern gesagt: "Komm, und ich werde dich heilen lassen." Da bin ich hingegangen. Ich habe gefühlt, daß mir feuchte Erde hier ins Gesicht gestrichen wurde, und eine Stimme hat mir befohlen, zum Teich von Siloe zu gehen und mich zu waschen. Ich habe es getan, und jetzt sehe ich.»

«Aber weißt du, wer dich geheilt hat?»

«Gewiß weiß ich es! Jesus. Ich habe es euch schon gesagt.»

«Aber weißt du denn genau, wer Jesus ist?»

«Ich weiß überhaupt nichts. Ich bin arm und unwissend, und bis vor kurzem war ich blind. Das weiß ich. Und ich weiß, daß er mich geheilt hat. Und wenn er es tun konnte, ist Gott gewiß mit ihm.»

«Lästere nicht! Gott kann nicht mit dem sein, der das Sabbatgebot nicht beachtet», brüllen einige.

Doch Joseph und die Pharisäer Eleazar, Johannes und Joachim bemerken: «Ein Sünder kann aber auch nicht solche Wunder wirken.»

«Hat euch dieser Besessene etwa auch schon verführt?»

«Nein. Wir sind gerecht. Und wir sagen: Wenn Gott nicht mit dem sein kann, der am Sabbat arbeitet, so kann doch auch ein Mann nicht ohne Gott bewirken, daß ein Blindgeborener sehend wird», sagt Eleazar ruhig. Und die anderen nicken zustimmend.

«Und den Teufel, wohin tut ihr den?» schreien aufgeregt die Übelwollenden.

«Ich kann nicht glauben, und auch ihr glaubt es nicht, daß der Teufel Werke tut, für die man den Herrn lobt», sagt der Pharisäer Johannes.

«Und wer lobt ihn?»

«Der Jüngling, seine Eltern, ganz Ophel und ich mit ihnen, und mit mir alle, die gerecht sind und Gott in heiliger Weise Gott fürchten», entgegnet Joseph.

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Die beschämten Bösen, die nicht mehr wissen, was sie entgegnen sollen, wenden sich nun an Sidonias, genannt Bartholmai: «Und du, was sagst du von dem, der dir die Augen geöffnet hat?»

«Für mich ist er ein Prophet. Und größer als Elias mit dem Sohn der Witwe von Sarepta. Denn Elias ließ nur die Seele in den Knaben zurückkehren. Dieser Jesus hingegen hat mir gegeben, was ich nie verloren habe, da ich es nie besessen habe: das Augenlicht. Und wenn er mir in so kurzer Zeit aus Nichts, außer mit ein wenig Erde, Augen gemacht hat, während meine Mutter sie mir in neun Monaten nicht mit ihrem Fleisch und Blut geben konnte, muß er groß sein wie Gott, der aus Erde den Menschen erschaffen hat.»

«Fort mit dir! Fort mit dir! Du Gotteslästerer! Du Lügner! Du Bestochener!» Und sie jagen den Mann hinaus, als wäre er ein Verdammter.

«Der Mann lügt. Das kann nicht wahr sein. Alle können bestätigen, daß ein Blindgeborener unheilbar ist. Es wird einer sein, der dem Bartholmai ähnlich sieht und den der Nazarener bezahlt hat... oder... Bartholmai ist niemals blind gewesen.»

Angesichts dieser überraschenden Behauptung fährt Joseph von Arimathäa auf: «Daß der Haß verblendet, ist bekannt seit den Zeiten Kains. Aber daß er auch töricht macht, das ist neu. Könnt ihr euch denn vorstellen, daß sich einer bis zum Jünglingsalter blind stellt, um ein mögliches aufsehenerregendes Ereignis in ferner Zukunft abzuwarten. Oder daß die Eltern des Bartholmai ihren Sohn nicht kennen oder sich für eine solche Lüge hergeben?»

«Das Geld vermag alles. Und sie sind arm.»

«Der Nazarener ist noch ärmer als sie.»

«Du lügst. Der Reichtum eines Satrapen geht durch seine Hände.»

«Aber er bleibt dort keinen Augenblick. Diese Summen sind für die Armen. Sie werden für gute Zwecke verwendet, nicht für Betrug!»

«Wie sehr du ihn verteidigst! Und dabei gehörst du zum Hohen Rat.»

«Joseph hat recht. Die Wahrheit muß gesagt werden, welches auch immer das Amt eines Mannes sei», sagt Eleazar.

«Lauft und ruft den Blinden zurück. Bringt ihn wieder hierher. Andere sollen zu den Eltern gehen und sie herbringen», schreit Elchias und reißt die Tür auf. Und sein Mund ist fast ganz bedeckt von Geifer, so sehr hat ihn der Zorn gepackt.

Der eine läuft hierhin, der andere dorthin. Der erste, der zurückkehrt, ist der erstaunte und ärgerliche Sidonias, genannt Bartholmai. Sie stellen ihn in eine Ecke und beobachten ihn, wie eine Meute Hunde ein Wild umstellt.

Dann, nach einer guten Weile, kommen auch seine Eltern, umgeben von einer Menschenmenge.

«Kommt herein, ihr zwei. Und die anderen, hinaus!»

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Die beiden treten erschrocken ein und sehen ihren Sohn dort hinten in der Ecke, gesund, aber wie einen Gefangenen. Die Mutter stöhnt: «Mein Sohn! Und das hätte doch ein Festtag für uns sein sollen!»

«Hört zu. Ist dieser Mann euer Sohn?» fragt ein Pharisäer grob.

«Gewiß ist er unser Sohn. Wer sonst sollte es denn sein?»

«Seid ihr dessen wirklich sicher?»

Vater und Mutter sind so erstaunt über diese Frage, daß sie einander zuerst einmal anschauen, bevor sie antworten.

«Antwortet!»

«Edler Pharisäer, kannst du dir vorstellen, daß ein Vater und eine Mutter ihr eigenes Kind mit einem anderen verwechseln könnten?» fragt der Vater bescheiden.

«Aber... könnt ihr beschwören, daß... Ja. Daß man nicht für Geld von euch verlangt hat, daß ihr diesen für euren Sohn ausgebt, während er vielleicht einer ist, der ihm ähnlich sieht?»

«Wer soll das von uns verlangt haben? Schwören? Tausendmal, sowohl beim Altar, als auch beim Namen Gottes, wenn du willst!» Und ihre Aussage ist so überzeugend, daß sie auch den Eigensinnigsten entwaffnen würde.

Doch die Pharisäer sind nicht entwaffnet. Sie fragen: «Ist euer Sohn denn nicht blind zur Welt gekommen?»

«Ja, so ist es. Mit verschlossenen Lidern ist er zur Welt gekommen, und darunter war nichts...»

«Und wie kann er denn jetzt auf einmal sehen? Er hat Augen und darüber offene Lider. Ihr wollt doch nicht behaupten, daß die Augen wachsen können wie die Blumen im Frühling und daß die Lider sich öffnen wie der Kelch einer Blume... !» sagt ein anderer Pharisäer mit sarkastischem Lachen.

«Wir wissen, daß dieser Mann seit fast dreißig Jahren wirklich unser Sohn ist und daß er blind geboren wurde. Aber wie er jetzt auf einmal sehen kann, das wissen wir nicht, noch wissen wir, wer ihm die Augen geöffnet hat. Im übrigen fragt ihn doch selbst. Er ist kein Dummkopf und auch kein Kind mehr. Er ist alt genug, fragt ihn, und er wird euch antworten.»

«Ihr lügt! Er hat in eurem Haus erzählt, wie er geheilt wurde und von wem. Warum sagt ihr, daß ihr es nicht wißt?» schreit einer von den beiden, die dem Blinden die ganze Zeit gefolgt sind.

«Wir waren wie betäubt von der Überraschung, so daß wir ihn gar nicht gehört haben», entschuldigen sich die beiden.

Die Pharisäer wenden sich nun an Sidonias, genannt Bartholmai: «Tritt vor und erweise Gott die gebührende Ehre, wenn es dir gelingt! Weißt du nicht, daß der, der deine Augen berührt hat, ein Sünder ist? Du weißt es nicht? Nun, dann sollst du es jetzt wissen. Wir, die wir es wissen, sagen es dir.»

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«Bah 1 Mag sein, daß es ist, wie ihr sagt. Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich vorher blind war und jetzt sehe, und sehr klar.»

«Aber was hat er mit dir gemacht? Wie hat er dir die Augen geöffnet?»

«Ich habe es euch schon gesagt, und ihr habt mir zugehört. Jetzt wollt ihr es noch einmal hören? Warum? Wollt ihr vielleicht seine Jünger werden?»

«Du Dummkopf! Sei du nur ein Jünger dieses Mannes. Wir sind Jünger des Moses. Und über Moses wissen wir alles, auch daß Gott zu ihm gesprochen hat. Aber von diesem Menschen wissen wir nichts, weder woher er kommt, noch wer er ist, und kein Zeichen vom Himmel weist darauf hin, daß er ein Prophet ist.»

«Das ist ja gerade das Wunderbare! Ihr wißt nicht, woher er kommt und wer er ist, und ihr sagt, daß kein Zeichen vom Himmel darauf hinweist, daß er ein Gerechter ist. Aber er hat mir die Augen geöffnet, und keiner von uns in Israel hätte das fertiggebracht, nicht einmal die Liebe einer Mutter und die Opfer meines Vaters. Eines aber wissen wir alle, sowohl ich als auch ihr: Gott erhört nicht den Sünder, sondern den, der Gottesfurcht besitzt und seinen Willen tut. Niemals hat man gehört, daß irgend jemand auf der Welt die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hätte, aber dieser Jesus hat es getan. Wenn er nicht von Gott wäre, hätte er es nicht tun können.»

«Du bist ganz in der Sünde geboren, und dein Geist ist noch mißgestalteter als es dein Körper war, und du nimmst dir heraus, uns zu belehren? Fort mit dir, verfluchte Mißgeburt! Und werde ein Satan zusammen mit deinem Verführer. Fort! Fort, ihr alle, törichtes und sündhaftes Volk.» Und sie werfen den Sohn, den Vater und die Mutter hinaus, als wären sie drei Aussätzige.

Die drei eilen davon, gefolgt von ihren Freunden. Sobald sie außerhalb der Tempelmauer sind, dreht Sidonias sich um und spricht: «Bleibt, wo ihr seid, und sagt, was ihr wollt! Die Wahrheit ist, daß ich jetzt sehe und Gott dafür preise. Ihr seid wohl die Satane, und nicht der Gute, der mich geheilt hat.»

«Schweige, Sohn! Schweige! Daß man uns nur nichts Böses antut...»stöhnt die Mutter.

«Oh, meine Mutter! Die Luft jenes Raumes hat deine Seele vergiftet. In meinem Schmerz hast du mich gelehrt, Gott zu preisen, und jetzt, in der Freude, bist du nicht imstande, ihm zu danken, und hast Furcht vor den Menschen?»

«Der Sohn hat recht, Frau. Laßt uns in unsere Synagoge gehen und dort den Herrn preisen, da man uns aus dem Tempel vertrieben hat. Beeilen wir uns, bevor der Sabbat zu Ende ist...»

Und sie beschleunigen ihre Schritte und entschwinden auf dem Weg ins Tal.

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565. IN NOB; JUDAS VON KERIOTH LÜGT

Jesus befindet sich in Nob. Er kann noch nicht lange dort sein, denn er ist dabei, die Zwölf in drei Gruppen von je vier Personen aufzuteilen, um sie in den verschiedenen Häusern unterzubringen. Bei sich behält er Petrus, Johannes, Judas Iskariot und Simon den Zeloten, während Jakobus des Zebedäus die Gruppe mit Matthäus, Judas des Alphäus und Philippus anführt. Der dritten Gruppe ist Bartholomäus vorgesetzt, und zu ihr gehören Jakobus des Alphäus, Andreas und Thomas.

«Geht nun in die Häuser, wo man sich angeboten hat, euch nach der Abendmahlzeit aufzunehmen. Morgen kehrt ihr hierher zurück, und dann werde ich euch sagen, was zu tun ist. Bei den Mahlzeiten werden wir beisammen sein. Erinnert euch an das, was ich euch schon oft gesagt habe: Ihr sollt meine Lehre auch durch eure Lebensweise predigen, in eurem Umgang untereinander und mit denen, die euch aufgenommen haben. Seid daher einfach, geduldig und aufrichtig im Reden, im Handeln und in eurem ganzen Gebaren, so daß Gerechtigkeit von euch ausströmt wie ein Wohlgeruch. Ihr seht, daß die Augen der Welt stets auf uns gerichtet sind, um uns zu verleumden oder zu prüfen, aber auch um uns zu ehren. Aber die uns ehren sind in der Minderheit unter den vielen, die uns beobachten. Und gerade diesen wenigen müssen wir uns mit größter Sorgfalt widmen; denn auf ihren Glauben richtet sich das Augenmerk der Welt, um ihn zu erschüttern, und alles dient ihr als Waffe, um die Liebe der Guten zu mir und demzufolge auch zu euch zu zerstören. Helft also nicht der Welt durch eine unheilige Lebensweise und vermehrt nicht die Last derer, die ihren Glauben verteidigen müssen gegen die Nachstellungen meiner Gegner, indem ihr für sie zum Stein des Anstoßes werdet. Der Anstoß verwirrt die Seelen, er vertreibt und schwächt sie. Wehe dem Apostel, der bei den Seelen Anstoß erregt. Er sündigt gegen seinen Meister und gegen seinen Nächsten, gegen Gott und gegen die Herde Gottes. Ich verlasse mich auf euch. Fügt nicht ihr zu meinem schon so großen Schmerz noch einen neuen hinzu.»

«Sei unbesorgt, Meister. Von uns soll dir kein Schmerz kommen, es sei denn, Satan würde uns alle verführen», sagt Bartholomäus.

Anastasica, die mit Elisa in der Küche gearbeitet hat, tritt ein und sagt: «Das Abendessen ist bereit, Meister. Geh hinunter, solange die Speisen noch warm sind. Das wird dich stärken.»

«Gehen wir.»

Jesus erhebt sich und geht hinter der Frau die Treppe hinunter, die vom oberen Raum, in dem schon die Nachtlager vorbereitet sind, zum Gärtchen führt, und gelangt von dort in die von einem flackernden Feuer erhellte Küche.

Der alte Johannes steht neben der Feuerstelle, während Elisa noch

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Speisen anrichtet. Sie wendet sich mit einem mütterlichen Lächeln dem eintretenden Jesus zu und beeilt sich, die in Milch gekochte Gerste oder den Weizen in eine große Schüssel zu schütten. Dasselbe Gericht hat Maria des Alphäus in Nazareth vor der Abreise des Johannes und der Syntyche bereitet.

«So 1 Ich habe mich immer daran erinnert, daß Maria des Kleophas mir gesagt hat, daß dir dieses Gericht schmeckt. Und ich habe auch den besten Honig aufbewahrt, um es für Margziam zu kochen... Es tut mir leid, daß der Knabe nicht gekommen ist...»

«Nike und Isaak haben ihn bei sich behalten, da sie morgen sehr früh abreisen. Die Frau wird die Gelegenheit benützen und mit dem Wagen bis Jericho fahren, um dort den Auftrag auszuführen, den du kennst ...»

«Was für ein Auftrag, Meister?» fragt Iskariot neugierig.

«Eine ganz frauliche Aufgabe: ein Kind aufzuziehen. Nur bedarf das Kind nicht der Milch, sondern des Glaubens, denn es ist ein Kind im Geist. Aber jede Frau ist Mutter und weiß, wie man solche Dinge angeht. Wenn sie einmal verstanden hat, worum es geht... dann ist sie dazu ebenso fähig wie ein Mann. Und überdies kann sie sich der Macht ihrer mütterlichen Sanftheit bedienen.»

«Du bist so gut zu uns, Meister!» sagt Elisa und liebkost ihn mit einem Lächeln.

«Ich sage nur die Wahrheit, Elisa. Wir in Israel, und nicht nur wir, sind es gewöhnt, die Frau als ein niedrigeres Wesen zu betrachten. Nein. Wenn sie auch dem Mann unterworfen ist, wie es recht und billig ist; wenn sie auch wegen der Sünde Evas unter einer größeren Strafe zu leiden hat; wenn sie auch dazu bestimmt ist, ihre Aufgaben hinter Schleiern und im Halbschatten zu erfüllen, ohne große Worte und aufsehenerregende Taten; wenn sich auch all ihr Tun hinter einem Vorhang abspielt, so ist sie doch deshalb nicht weniger stark und weniger fähig als der Mann. Auch ohne an die großen Frauen Israels zu erinnern, sage ich euch, daß sich viel Kraft im Herzen der Frau findet. Im Herzen, wie bei uns Männern im Verstand. Ich sage euch, daß sich die Stellung der Frau hinsichtlich der Bräuche und auch sonst in vieler Beziehung ändern wird. Und es wird recht sein, denn so wie ich für alle Menschen, so wird eine Frau besonders für die Frauen Gnade und Erlösung erlangen.»

«Eine Frau? Und wie soll eine Frau erlösen?» fragt Judas von Kerioth lachend.

«Wahrlich, ich sage dir: Sie erlöst schon. Weißt du, was das heißt: Erlösen?»

«Gewiß weiß ich das! Es heißt, von der Sünde befreien.»

«Ja. Doch das Befreien von der Sünde würde nicht viel nützen, da der Feind ewig ist und neue Nachstellungen bereiten würde. Aus dein irdischen Paradies erklang eine Stimme, die Stimme Gottes: "Feindschaft

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will ich setzen zwischen dir und der Frau ... Sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen." Nicht mehr als eine Nachstellung, denn die Frau wird in sich haben, was den Gegner besiegt. Und daher erlöst sie, seit sie ist. Eine tatsächliche, wenn auch verborgene Erlösung. Aber bald wird alle Welt sie erkennen, und die Frauen werden sich durch sie gestärkt fühlen.»

«Daß du erlösest ... gut. Aber daß eine Frau es vermag... das anerkenne ich nicht, Meister.»

«Erinnerst du dich nicht an Tobias? An seinen Gesang?»

«Ja, aber er spricht von Jerusalem.»

«Hat Jerusalem etwa noch ein Zelt, in dem Gott wohnt? Kann Gott aus seiner Herrlichkeit herabblicken auf die Sünden, die in den Mauern des Tempels begangen werden? Ein anderes Zelt war nötig, ein heiliges, ein Stern, der die Irrenden zum Allerhöchsten zurückführt. Und dies habt ihr in der Miterlöserin, die sich durch alle Jahrhunderte hindurch freuen wird, die Mutter der Erlösten zu sein. "Du wirst in herrlichstem Licht erstrahlen. Alle Völker der Erde werden dir huldigen. Sie werden von ferne zu dir kommen, Geschenke bringen und in dir den Herrn anbeten... Sie werden deinen erhabenen Namen anrufen... Verflucht sei, wer dich haßt, gesegnet alle, die dich lieben in Ewigkeit. Dann freue dich und frohlocke über die Söhne der Gerechten, denn sie werden versammelt und preisen den Herrn." Das ist der wahre Hochgesang der Miterlöserin. Und die Engel im Himmel, die sehen, singen ihn schon... Das neue, himmlische Jerusalem beginnt in ihr. O ja, das ist die Wahrheit! Die Welt kennt sie nicht, und auch die im Geist verfinsterten Rabbis von Israel kennen sie nicht...» Jesus versenkt sich in seine Gedanken...

«Aber von wem spricht er denn?» fragt Iskariot Philippus, der neben ihm steht.

Noch bevor dieser antworten kann, sagt Elisa, die gerade Käse und schwarze Oliven auf den Tisch stellt, mit einer gewissen Härte: «Von seiner Mutter spricht er. Begreifst du denn nicht?»

«Aber ich habe nicht gewußt, daß sie von den Propheten als Märtyrerin bezeichnet wird... Man spricht nur von einem Erlöser, und ...»

«Glaubst du, es gäbe nur körperliche Qual? Weißt du nicht, daß diese nichts ist im Vergleich zur Qual einer Mutter, die ihren Sohn sterben sehen muß? Dein Verstand – ich spreche nicht von deinem Herzen, denn ich weiß nicht, wie es schlägt – sagt dir dein Verstand, dessen du dich so rühmst, denn nicht, daß sich eine Mutter hundertmal der Qual und selbst dem Tod überliefern würde, nur um nicht das Stöhnen ihres Sohnes hören zu müssen? Du bist ein Mann und hast Verstand. Ich kann nur Frau und Mutter sein. Aber ich sage dir, du bist viel unwissender als ich, weil du nicht einmal das Herz deiner Mutter kennst ...»

«Oh, du beleidigst mich!»

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«Nein, ich bin eine alte Frau und gebe dir nur einen Rat. Laß dein Herz weise werden, und du wirst Tränen und Strafen vermeiden. Tue es, wenn du kannst.»

Die Apostel, besonders Judas des Alphäus, Jakobus des Zebedäus, Bartholomäus und der Zelote blinzeln einander heimlich zu. Sie neigen den Kopf, um das leichte Lächeln zu verbergen, das um ihre Lippen spielt wegen der aufrichtigen Worte Elisas an den Apostel, der sich immer so vollkommen glaubt. Jesus, der noch in seine Gedanken versunken ist, bemerkt nichts.

Elisa wendet sich an Anastasica und sagt: «Komm! Während sie die Mahlzeit beenden, richten wir noch zwei weitere Betten her, denn drei sind zu wenig», und sie schickt sich an hinauszugehen.

«Elisa, ihr gebt doch nicht das eurige her!» ruft Petrus aus. «Das geht nicht. Ich und Johannes können auf den Brettern schlafen. Wir sind daran gewöhnt.»

«Nein, Simon. Wir haben noch Rohrflechtwerk und Strohmatten. Aber sie sind weggeräumt. Wir legen sie jetzt auf die Gestelle.» Dann geht sie mit der anderen Frau hinaus.

Die müden Apostel nicken in der Wärme der Küche etwas ein. Jesus denkt nach, den Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hand gestützt.

Da klopft es an die Tür, und Thomas, der ihr am nächsten ist, erhebt sich, um zu öffnen und ruft aus: «Du, Joseph? Und mit Nikodemus? Tretet ein! Tretet ein!»

«Der Friede sei mit dir, Meister, und mit allen in diesem Haus. Wir gehen nach Rama, Meister. Nikodemus hat mich dorthin eingeladen. Beim Vorübergehen haben wir uns gesagt: "Machen wir kurz halt, um den Meister zu begrüßen." Wir wollten wissen, ob ... ob du wieder belästigt worden bist, da sie dich bei Joseph gesucht haben. Sie haben dich überall gesucht, seit du den Blinden geheilt hast. Aus den Mauern der Stadt sind sie allerdings nicht gegangen. Keinen Stuhl haben sie verrückt, um den Sabbat nicht zu entheiligen, und halten sich deshalb für rein. Aber um dich zu suchen und Bartholmai zu folgen, oh, da haben sie weit mehr getan als erlaubt ist.»

«Und wie haben sie davon erfahren, da der Meister doch nichts getan hat auf der Straße?» fragt Matthäus.

«Ja, nicht einmal wir wußten, ob er geheilt worden war. Wir sind in die Synagoge gegangen, und dann haben wir Nike gegrüßt und Isaak und Margziam, die bei ihr geblieben sind. Bei Sonnenuntergang sind wir schließlich schnell hierher gekommen», sagt Petrus.

«Ihr habt es nicht gewußt; aber die Abgesandten der Pharisäer haben es gewußt. Ihr habt sie nicht gesehen, aber ich habe sie beobachtet. Zwei von ihnen waren zugegen, als der Meister die Augen des Blinden berührte. Stundenlang hatten sie auf ihn gewartet.»

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«Wieso das?» fragt Judas von Kerioth mit unschuldiger Miene.

«Mich fragst du das?»

«Es ist doch seltsam, deshalb frage ich.»

«Noch eigentümlicher ist es, daß seit einiger Zeit immer gerade dort, wo sich der Meister befindet, Spione auftauchen.»

«Die Geier sind dort, wo es Beute gibt, und die Wölfe in der Nähe der Herde.»

«Und die Räuber sind dort, wo ihnen von einem Komplizen die Karawane gemeldet wird. Das hast du gut gesagt!»

«Was willst du andeuten?»

«Nichts. Ich vervollständige nur dein Sprichwort, indem ich es auf die Menschen anwende. Denn Jesus ist ein Mensch, und Menschen sind die, die ihm Nachstellungen bereiten.»

«Erzähle Joseph, erzähle ...» sagen viele.

«Wenn der Meister damit einverstanden ist... Ich bin gekommen, um es zu berichten.»

«Sprich!» sagt Jesus.

Joseph erzählt nun in allen Einzelheiten, was er gesehen hat, verschweigt jedoch, daß es Judas gewesen ist, der dem Blinden den Aufenthaltsort Jesu mitgeteilt hat. Die Bemerkungen dazu sind zahlreich, voller Groll oder Bedauern, je nach der Gemütsverfassung des einzelnen. Judas von Kerioth ist anscheinend am meisten besorgt und erregt. Er ist gegen alle aufgebracht, besonders aber gegen den unklugen Blinden, der ausgerechnet am Sabbat den Weg Jesu gekreuzt hat, im Vertrauen auf die bekannte Güte des Meisters ...

«Oh, du bist es doch gewesen, der den Meister auf ihn hingewiesen hat! Ich war doch neben dir und habe es gehört», sagt Philippus erstaunt.

«Hinweisen bedeutet nicht, etwas zu tun befehlen.»

«Oh, ich glaube dir wohl, daß du nie gewagt hättest, dem Meister Befehle zu erteilen...» sagt Thaddäus.

«Ich? Aber ganz im Gegenteil. Ich habe ihn nur auf den Mann aufmerksam gemacht, weil ich einige Erklärungen haben wollte.»

«Ja. Aber ein Hinweis kann manchmal einer Versuchung gleichkommen, und das war hier der Fall», erwidert Thaddäus.

«Das sagst du, aber es ist nicht so», versichert Judas unverschämt.

«Ist es wirklich nicht so? Bist du dessen gewiß? Bist du absolut sicher, daß du dem Blinden nichts von Jesus gesagt hast, daß du ihn nicht aufgefordert hast, sich an Jesus zu wenden, und daß du ihn nicht sogar angespornt hast, es sofort zu tun, bevor Jesus die Stadt verläßt?» fragt Joseph von Arimathäa.

«Ganz sicher! Wer hat überhaupt je mit diesem Mann gesprochen? Ich bestimmt nicht. Tag und Nacht bin ich beim Meister, und wenn ich nicht bei ihm bin, bin ich bei den Gefährten...»

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«Ich dachte, du hättest es gestern getan, als du mit den Frauen fortgegangen bist», sagt Bartholomäus.

«Gestern? Ich habe weniger Zeit dazu gebraucht, als eine Schwalbe gebraucht hätte, um hin- und zurückzufliegen. Wie hätte ich in so kurzer Zeit den Blinden suchen, finden und mit ihm sprechen können?»

«Du hättest ihm begegnen können...»

«Ich habe ihn nie gesehen.»

«Dann ist dieser Mann ein Lügner; denn er hat versichert, du hättest ihm gesagt, wohin er gehen und wie er es anstellen soll; und du hättest ihm sogar garantiert, daß Jesus dich erhören würde und ...» sagt Joseph von Arimathäa.

Judas unterbricht ihn heftig: «Schluß! Genug! Er verdient es, wieder blind zu werden für all die Lügen, die er gesagt hat. Ich – das kann ich aufs Heiligtum beschwören – ich kenne ihn nur vom Sehen und habe nie mit ihm gesprochen.»

«Nun ist es wirklich genug. Ist deine Seele schon so weit, o Judas von Kerioth, daß du Gott nicht fürchtest und deine Handlungen für heilig hältst! Du... Glücklicher, der du nichts fürchtest», sagt Joseph und blickt ihn streng und mit durchbohrenden Augen an.

«Ich fürchte nichts, nein, weil ich ohne Sünde bin.»

«Wir alle sündigen, Judas. Und es ist nur wenig, wenn wir nach den ersten Sünden bereuen können und uns nicht mit immer größerer und schlimmerer Schuld beladen», sagt Nikodemus, der bisher geschwiegen hat. Dann wendet er sich an den Meister: «Es ist bedauerlich, daß man Joseph von Sephoris mit dem Ausschluß aus der Synagoge gedroht hat, falls er dich noch einmal aufnehmen sollte; und Bartholmai haben sie schon aus ihr verjagt. Er war mit dem Vater und der Mutter hingegangen, wurde aber von den Pharisäern in seiner Synagoge erwartet, und sie verwehrten ihm den Eintritt und verfluchten ihn.»

«Das ist zuviel! Wie lange soll das noch weitergehen, Herr?» rufen viele.

«Friede! Friede! Das ist nichts. Bartholmai ist auf dem Weg zum Reich Gottes. Was hat er also verloren? Er ist im Licht. Ist er also nicht noch mehr Sohn Gottes als zuvor? Oh! Verwechselt nicht die Werte! Friede! Friede! Wir werden auch nicht mehr zu Joseph gehen. Es ist bedauerlich, daß Isaak nun meine Mutter und Maria des Alphäus dorthin bringt... Aber es wäre doch nur für einige Stunden gewesen, denn es ist ja schon jemand da, der vorgesorgt hat.» Er wendet sich an Johannes von Nob: «Vater, fürchtest du dich vor dem Hohen Rat? Du siehst, wie teuer man dafür bezahlt, wenn man den Menschensohn aufnimmt... Du bist alt. Du bist ein treuer Israelit. Du könntest noch an deinen letzten Sabbaten aus der Synagoge vertrieben werden. Würdest du das ertragen? Sage es ehrlich. Wenn du Angst hast, gehe ich fort. Es wird sich immer noch eine Höhle in den Bergen von Israel für den Menschensohn finden...»

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«Ich, Herr? Aber wen soll ich fürchten, wenn nicht Gott? Ich fürchte das offene Grab nicht. Ich betrachte es vielmehr als einen Freund. Sollte ich da die Zungen der Menschen fürchten? Ich würde nur das Gericht Gottes fürchten, wenn ich aus Menschenfurcht Jesus, den Gesalbten des Herrn, von mir jagen würde!»

«Gut. Du bist ein Gerechter... Ich werde also hier bleiben... wenn ich nicht Nachbarstädte aufsuche, wie ich es noch einmal tun möchte.»

«Komm zu mir nach Rama, Herr», sagt Nikodemus.

«Und wenn dir das schadet?»

«Laden dich die Pharisäer nicht etwa in böser Absicht ein? Könnte ich nicht dasselbe tun, um deine Gesinnung besser kennenzulernen?»

«Ja, Meister, gehen wir nach Rama. Mein Vater wird sehr glücklich darüber sein, wenn er zu Hause ist. Und wenn er nicht dort sein sollte, wie es oft der Fall ist, wird er bei seiner Rückkehr deinen Segen vorfinden», sagt Thomas flehentlich.

«Wir werden zuerst nach Rama gehen. Morgen...»

«Meister, wir verlassen dich. Wir haben unsere Reittiere draußen und werden vor dem Ende der zweiten Nachtwache in Rama sein. Der Mond erhellt die Wege wie eine blasse Sonne. Leb wohl, Meister! Der Friede sei mit dir», sagt Nikodemus.

«Der Friede sei mit dir, Meister... und höre auf einen guten Rat des Ältesten Joseph. Sei ein wenig schlau. Schau dich um. Halte die Augen offen und die Lippen verschlossen. Handle, und sage nie im voraus, was du vorhast... komm für einige Zeit nicht nach Jerusalem, und wenn du kommst, halte dich nur die Zeit im Tempel auf, die du zum Beten brauchst. Verstehst du mich? Leb wohl, Meister. Der Friede sei mit dir.» Joseph hat die letzten Sätze mit großem Nachdruck gesprochen und dabei Jesus fest angeschaut. Schon seine Blicke sind eine Warnung.

Sie treten in den mondhellen Garten hinaus und binden zwei kräftige Esel vom Stamm eines Nußbaumes los, steigen in den Sattel und reiten davon auf der verlassenen, mondhellen Straße. Jesus kehrt mit den Seinen in die Küche zurück.

«Was hat er eigentlich sagen wollen?»

«Und wie haben die das wohl erfahren?»

«Was werden sie Joseph von Sephoris noch antun?»

«Nichts. Worte. Nur leeres Gerede. Denkt nicht mehr daran. Das sind Dinge, die der Vergangenheit angehören und keine Folgen haben werden. Gehen wir. Laßt uns jetzt das Gebet sprechen, und dann trennen wir uns für heute Nacht. "Vater unser..."»

Er segnet sie und schaut ihnen nach, während sie fortgehen. Dann steigt er mit den vieren, die er bei sich behalten hat, in das Zimmer mit den Betten hinauf.

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566. JESUS IN DEN RUINEN EINES ZERSTÖRTEN DORFES

Ich weiß nicht, wo Jesus ist. Auf jeden Fall zwischen Bergen und in einem verlassenen Ort, dessen Häuser durch eine Naturkatastrophe oder einen Krieg zerstört worden sind. Ich möchte das letztere annehmen, denn die Ruinen der Häuser weisen an den vor dem Regen geschützten Stellen und unter dem Wirrwarr von Dornen, Efeu und sonstigen Kletter- oder Schmarotzerpflanzen, die überall gewachsen sind, noch Spuren eines Brandes auf. Die langen, haarigen Blätter einer Pflanze, deren Namen ich nicht kenne, die ich aber auch in Italien schon gesehen habe, bedecken zur Gänze eine Ruine, die wie ein kleiner abschüssiger Hügel aussieht. Kapern und andere Gewächse überwuchern die Mauer dahinter, die allein noch stehengeblieben ist und traurig die Reste des eingestürzten Hauses zu betrachten scheint, und von der durchbrochenen Brustwehr einer einstigen Terrasse läßt eine Waldrebe ihre Ranken wie gelöstes Haar im Wind wehen. Ein anderes eingestürztes Haus, dessen Außenmauern jedoch noch stehen, sieht aus wie eine riesige Blumenvase, in der anstelle von Blumen Bäume stehen, die dort, wo früher die Zimmer waren, spontan gewachsen sind... Ein anderes, teilweise und stufenartig stehengebliebenes Haus gleicht einem irgendeinen Ritus hergerichteten und ganz mit Grün geschmückten Altar. Ganz oben auf der Ruine steht eine Pappel, schlank und gerade wie ein Schwert, die den Himmel nach dem Warum dieses Unheils zu fragen scheint. Die hartnäckigen, verwilderten Obstbäume zwischen Häusern und Trümmern, die von der übrigen Vegetation überwuchert werden oder sie selbst überwuchern, gleichen einem verhexten Wald; denn diese Vegetation, die aus zu Boden gefallenen Früchten entstanden ist, wächst nun krumm und gerade, kriecht und sprießt aus Mauerritzen und vertrockneten Brunnen. Tauben und andere Vögel fliegen aus den Mauerspalten und stürzen sich gierig auf die Nahrung im Feld, das früher gewiß gepflügtes Ackerland war und wo jetzt nur noch ein Gestrüpp von zähen Wicken zu finden ist. Sie sind ausgetrocknet von der Sonne und öffnen ihre Hülsen, um die Samen fallenzulassen und dann im Frühling als Unkraut wieder zu erwachen und aufzublühen. Die Tauben verjagen mit wildem Flügelschlag die kleineren Vögel, die ein Körnchen Hirse oder Hanf zu erhaschen suchen, das aus wer weiß woher gekommenem Samen gewachsen ist und sich Jahr um Jahr auf den brachliegenden Feldern selbst neu ausgesät hat. Jetzt rächen sich die kleinen Vögel, besonders die streitsüchtigen Spatzen, indem sie die seltenen und am wenigsten verkümmerten Ähren abreißen, um sie in ihr Nest zu tragen. Nur mühsam und ganz schief fliegen sie mit der Last dieser kleinen Kölbchen davon.

Jesus hat nicht nur die Apostel, sondern auch noch eine ansehnliche Gruppe von Jüngern um sich, unter ihnen Kleophas und Hermas von

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Emmaus, die Söhne des alten Synagogenvorstehers Kleophas, und Stephanus. Auch andere Männer und Frauen sind dabei. Es scheint, als wären sie aus irgendeinem Dorf gekommen, um Jesus zu sich einzuladen, oder als wären sie ihm gefolgt, nachdem er bei ihnen gewesen ist. Jesus geht durch den zerstörten Ort, bleibt oft stehen und schaut und macht schließlich endgültig halt, als er die höchste Stelle erreicht hat, von der aus man das ganze Gewirr von Trümmern und Gestrüpp überblicken kann. Nur noch Tauben erinnern an das Leben, das diesen Ort einst erfüllte. Damals waren sie sicher sanft und zahm, während sie nun verwildert und angriffslustig sind. Jesus betrachtet alles mit über der Brust gekreuzten Armen und leicht geneigtem Haupt, und je länger er schaut, desto blasser und trauriger wird er.

«Warum bleibst du hier, Meister? Dieser Ort stimmt dich offensichtlich traurig. Bleib nicht stehen, um ihn zu betrachten. Ich bereue es nun, dich hierdurch geführt zu haben, aber es ist der kürzeste Weg», sagt Kleophas von Emmaus.

«Oh, ich sehe nicht das, was ihr seht!»

«Was dann, Herr? Vielleicht siehst du, was sich in der Vergangenheit hier abgespielt hat? Es war sicher furchtbar. Aber das ist nun einmal die Art der Römer ...» sagt der andere von Emmaus.

«Und das sollte euch nachdenklich stimmen. Ihr seht es alle. Hier war einmal eine Stadt, nicht groß, aber schön. Sie bestand mehr aus herrschaftlichen Häusern als aus Hütten. Reichen also gehörte diese Gegend, die nun eine Wildnis ist. Reichen Menschen gehörten diese nun unfruchtbaren und von Brombeeren, Unkraut und Nesseln überwucherten Felder... Damals waren es üppige Obstgärten und Felder, die ansehnliche Ernten einbrachten. Die Häuser waren schön, umgeben von blumenreichen Gärten, mit Brunnen und Wasserbecken, in denen Tauben badeten und an denen Kinder spielten. Alle Bewohner dieses Ortes waren glücklich, aber das Glück machte sie nicht zu Gerechten. Sie vergaßen den Herrn und seine Worte... Und nun seht!

Keine Häuser mehr, keine Blumen, keine Brunnen, keine Ernten und keine Früchte. Nur die Tauben sind geblieben, aber auch sie sind nicht glücklich wie einst. Anstatt sich wie früher an blondem Weizen und an Kümmel gütlich zu tun, müssen sie sich nun um trockene Wicken und bittere Kräuter zanken. Es ist ein Fest für sie, wenn sie noch eine Gerstenähre unter den Dornen finden! ... Und wenn ich um mich schaue, sehe ich nicht einmal mehr die Tauben ... sondern Gesichter und wieder Gesichter... von denen viele noch nicht geboren sind... und ich sehe Ruinen über Ruinen, Dornengestrüpp, wilden Wein und Waldreben, die die Erde meines Vaterlandes bedecken... Und all das, weil man den Herrn nicht aufnehmen wollte. Ich höre das Jammern sterbender Kinder, die noch unglücklicher sind als diese Vögel, für die Gott immer noch sorgt mit einem Minimum

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an Nahrung, während diese Kleinen jegliche Hilfe entbehren, da auch sie die allgemeine Strafe trifft und sie an der vertrockneten Brust ihrer an Hunger, Schmerz und namenlosen Entsetzen sterbenden Mütter dahinwelken. Und ich höre die Klagen der Mütter über die auf ihrem Schoß verhungerten Kinder. Ich höre die Klagen der Bräute, die ihren Bräutigam verloren haben, die Klagen der gefangenen Jungfrauen, die der Lust der Sieger ausgeliefert sind, die Klagen der in Ketten fortgeführten Männer, die im Krieg jegliche Erniedrigung erlitten haben, und das Jammern der Alten, die leben mußten bis zur Erfüllung der Weissagung des Propheten Daniel. Ich höre die unermüdliche Stimme des Isaias im Säuseln des Windes in den Ruinen, im Klagen der Tauben in den Trümmern: "In unverständlicher, fremder Sprache wird der Herr sprechen zu diesem Volk, zu dem er gesprochen hat: 'Das ist die Ruhe: Gönnt Ruhe dem Müden. Und das ist die Erholung."

Aber sie wollten nicht hören. Nein, sie haben nicht gewollt, und der Herr kann keine Ruhe bei seinem Volk finden. Er ist ermattet und müde, nachdem er durch das Land gewandert ist, um zu lehren, zu heilen, zu bekehren und zu trösten, und statt Erquickung zu finden, begegnet er Verfolgung, statt Erholung Hinterlist und Verrat. Ganz eins ist der Sohn mit dem Vater. Und wenn die Wahrheit euch gelehrt hat, daß selbst ein Glas Wasser, das ihr eurem Nächsten reicht, belohnt werden wird, da man jeden Akt der Barmherzigkeit, den man dem Bruder erweist, Gott selbst erweist, welche Strafe wird dann jene erwarten, die dem Menschensohn nicht einmal den Stein am Weg als Kopfkissen gönnen; die ihm den Bergquell streitig machen, der durch die Güte des Schöpfers entsprang, und die an dem Ast vergessene oder verschmähte, unreife oder kranke Frucht, und die den Tauben genommene Ähre, die ihre Schlinge bereithalten, um ihm die Luft zum Atmen zu nehmen, und mit der Luft das Leben? Oh, elendes Israel, verloren hast du die Gerechtigkeit, verloren die Barmherzigkeit Gottes!

Seht, noch einmal ertönt die Stimme des Propheten Isaias im Abendwind, furchtbarer als der Schrei des Todesvogels, furchtbar fast wie die Stimme, die im irdischen Paradiese ertönte und die beiden Sündigen verdammte. Und – oh, wie furchtbar – diese Stimme des Propheten ist nicht verbunden mit dem Versprechen der Verzeihung wie damals, wie damals! Nein. Es gibt keine Verzeihung für die Gotteslästerer, die da sagen: "Wir haben einen Bund mit dem Tod geschlossen, und mit der Hölle einen Vertrag gemacht. Saust die verwüstende Geißel heran, sie wird uns nicht treffen. Denn wir haben die Lüge zu unserer Burg gemacht und uns im Trug geborgen." Seht, Isaias wiederholt, was er vom Herrn gehört hat: "Siehe, ich lege in Sion einen Grundstein, einen herrlichen Stein, einen kostbaren Eckstein... Ich mache zur Richtschnur das Recht und zum Senkblei die Gerechtigkeit. Hagel wird die Lügenburg vernichten und Wasser schwemmt

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den Zufluchtsort hinweg. Euer Bund mit dem Tod wird vernichtet und euer Vertrag mit der Unterwelt wird nicht halten. Wenn die geschwungene Geißel daherfährt, werdet ihr von ihr zermalmt werden. Sooft sie heransaust, wird sie euch treffen. Morgen für Morgen fährt sie heran, bei Tag und bei Nacht. Dann deutet mit Schaudern ihr die Offenbarung."

Armes Israel! Wie diese Felder, auf denen nur trockene Wicken und bitteres Kraut Bestand haben, aber kein Weizen mehr wächst, so wird Israel sein, und die Erde, die den Herrn verschmäht, wird kein Brot mehr hervorbringen für ihre Kinder. Und die Söhne, die den Müden nicht aufnehmen wollten, werden geschlagen werden und verwahrlosen. Galeerensträflinge am Ruder werden sie sein und Sklaven derer, die sie jetzt als minderwertig verachten. Gott wird sein hochmütiges Volk wahrhaft zermalmen unter dem Gewicht seiner Gerechtigkeit, und mit dem Mühlstein seines Urteils wird er es zerschmettern...

All das sehe ich in diesen Ruinen. Ruinen! Überall Ruinen! Im Norden, im Süden, im Osten und im Westen, und vor allem im Zentrum, im Herzen, wo sich die schuldbeladene Stadt in eine Grube der Fäulnis verwandeln wird...»

Langsam rollen Tränen über das bleiche Antlitz Jesu, der den Mantel hebt, um sein Antlitz zu verbergen, und nur die in dieser schmerzlichen Schauung weit geöffneten Augen freiläßt.

Dann macht er sich wieder auf den Weg, während seine Begleiter kaum zu flüstern wagen und vor Schreck wie erstarrt sind...

567. JESUS SPRICHT ZU EMMAUS IM GEBIRGE

Der Platz von Ernmaus ist voll von Menschen, sehr voll. Mitten auf dem Platz steht Jesus, der sich kaum bewegen kann wegen der vielen Leute, die ihn umgeben, bedrängen und belagern. Er befindet sich zwischen dem Sohn des Synagogenvorstehers und dem anderen Jünger; und um ihn herum, wahrscheinlich in der Absicht ihn zu schützen, stehen die Apostel und die Jünger. Und zwischen ihnen sind Kinder und noch mehr Kinder, die überall durchschlüpfen, wie kleine Eidechsen durch das Gewirr einer dichten Hecke.

Es ist erstaunlich, welche Anziehungskraft Jesus auf die Kleinen ausübt! An allen Orten, mag er dort bekannt sein oder nicht, ist er sofort von Kindern umgeben, die glücklich sind, wenn sie sich an sein Gewand hängen können. Noch glücklicher sind sie, wenn seine Hand sie leicht berührt und voll Liebe streichelt, obwohl er vielleicht gleichzeitig den Erwachsenen eine strenge Rüge erteilt. Am glücklichsten sind sie natürlich, wenn er sich auf einen Stuhl, ein Mäuerchen, einen Stein, einen Baumstumpf oder

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gar ins Gras setzt, denn dann haben sie ihn auf ihrer eigenen Höhe, können ihn umarmen, ihre Köpfchen auf seine Schulter oder sein Knie legen oder sich unter seinem Mantel verstecken, um sich in seinen Armen wiederzufinden wie Küchlein, die den liebevollsten und sichersten Schutz gefunden haben. Immer verteidigt Jesus sie gegenüber den Erwachsenen und gegen deren unvollkommene Hochachtung vor ihm, die sich, da sie aus so vielen und schwerwiegenderen Gründen so unvollkommen ist, eifrig zeigen will, in dem sie die Kleinen vom Meister fernhält.

Auch jetzt ertönen die gewohnten Worte Jesu zur Verteidigung seiner kleinen Freunde: «Laßt sie nur gewähren! Sie belästigen mich nicht. Nicht die Kinder sind es, die mir zur Last fallen und mir Schmerz bereiten!»

Jesus neigt sich über diese Kinder mit einem strahlenden Lächeln, das ihn verjüngt und ihm beinahe das Aussehen eines älteren Bruders, eines wohlwollenden Komplizen bei einer ihrer unschuldigen Vergnügungen gibt. Dann flüstert er: «Seid brav und ruhig, ganz still, dann schicken sie euch nicht fort, und wir können noch eine Weile zusammenbleiben.»

«Und erzählst du uns auch ein schönes Gleichnis?» fragt der Kühnste unter ihnen.

«Ja. Eines das ganz für euch ist. Danach spreche ich zu euren Eltern. Hört alle zu. Denn, was für die Kleinen gut ist, kann auch den Erwachsenen nützen.

Ein Mann wurde eines Tages von einem großen König zu sich gerufen, der zu ihm sagte: "Ich habe erfahren, daß du eine Belohnung verdienst, denn du bist weise und gereicht der ganzen Stadt zur Ehre mit deiner Arbeit und deinem Wissen. Nun, ich werde dir nicht irgendetwas geben, sondern dich in meine Schatzkammer führen; dort wirst du dir auswählen, was du haben willst, und ich werde es dir geben. Auf diese Weise kann ich auch beurteilen, ob du wirklich so bist, wie man sagt."

Hierbei begab sich der König auf die Terrasse seiner Vorhalle. Er warf einen Blick auf den Platz vor seinem Palast und sah einen kleinen Knaben in ärmlichen Kleidern vorübergehen, gewiß das Kind einer sehr armen Familie, vielleicht auch eine Waise oder ein Bettelkind. Er wandte sich an seine Diener und sprach: "Geht zu diesem Knaben und bringt ihn zu mir."

Die Diener gingen hinaus und kehrten mit dem Knäblein zurück, das erzitterte, als es sich vor dem König stehen sah. Die Würdenträger des Hofes forderten es auf: "Verneige dich und begrüße den König, sage: Ehre und Herrlichkeit sei dir, o mein König. Ich beuge mein Knie vor dir, du Mächtiger, den die Erde erhöht hat als ein Wesen, das seinesgleichen nicht hat." Aber der Knabe wollte sich weder verneigen noch diese Worte nachsagen. Darüber waren die Würdenträger verärgert, tadelten ihn heftig und sprachen: "0 König, dieser Knabe ist ungezogen und schmutzig, er ist

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eine Schande für deinen Palast. Erlaube, daß wir ihn hinauswerfen auf die Straße. Wenn du an deiner Seite einen Knaben zu haben wünschst und wenn dich die unsrigen langweilen, werden wir dir einen auswählen unter den Reichen der Stadt und ihn dir bringen. Aber verjage diesen Schmutzfink, der nicht einmal imstande ist zu grüßen..."

Der reiche, weise Mann, der sich zuvor in unzähligen tiefen Verbeugungen gedemütigt hatte, als ob er vor einem Altar stünde, sagte: "Deine Würdenträger haben recht. Die Erhabenheit deiner Krone läßt es nicht zu, daß man deiner geheiligten Person die Ehre verweigert, die dir zusteht", und während er dies sagte, warf er sich wiederum zu Boden und küßte sogar einen Fuß des Königs.

Doch der König erwiderte: "Nein. Ich will diesen Knaben bei mir haben. Und nicht nur das. Ich will auch ihn in meine Schatzkammer führen, damit er sich aussucht, was er will, und ich werde es ihm geben. Ist es mir etwa nicht erlaubt, einen armen Knaben glücklich zu machen, da ich doch König bin? Ist er nicht einer meiner Untertanen wie ihr alle? Ist es etwa seine Schuld, daß er unglücklich ist? Nein. Bei Gott, ich will, daß er wenigstens einmal in seinem Leben glücklich sei. Komm, Junge. Fürchte dich nicht vor mir." Und er reichte ihm die Hand, die der Knabe unbefangen ergriff und küßte. Der König lächelte. Zwischen zwei Reihen seiner Würdenträger, die sich ehrfurchtsvoll verneigten, schritt er auf Teppichen von Purpur und mit goldenen Blumen zur Schatzkammer, zu seiner Rechten den reichen, weisen Mann und zu seiner Linken den unwissenden, armen Knaben. Der königliche Mantel bildete einen krassen Gegensatz zu dem ausgefransten Kleidchen und den nackten Füßen des armen Kindes.

Sie traten in die Schatzkammer, deren Tür zwei Große des Hofes geöffnet hatten, und erblickten einen hohen, runden Saal ohne Fenster. Doch viel Licht fiel durch die Decke, die aus einer einzigen großen Glimmerscheibe bestand. Ein mildes Licht, das aber dennoch die Goldbeschläge der Schatztruhen und die Purpurbänder der zahlreichen Buchrollen auf den hohen, geschmückten Pulten aufleuchten ließ. Es waren prunkvolle Rollen mit kostbaren Stäben und Verschlüssen, geschmückt mit strahlenden Edelsteinen: seltene Dinge, die nur ein König besitzen kann. Achtlos auf einem schmucklosen, dunklen, niedrigen Pult lag eine kleine Rolle. Sie war um ein weißes Hölzchen gerollt, mit einer groben Schnur zusammengebunden und verstaubt, als hätte man sie vergessen.

Der König sprach, während er auf die Wände wies: "Seht, hier findet ihr alle Schätze der Erde und andere, die noch größer als die irdischen sind. Denn hier sind alle Werke des menschlichen Geistes und auch solche, die aus übermenschlichen Quellen stammen. Geht und nehmt, was ihr wollt." Dann stellte er sich mit verschränkten Armen in die Mitte des Raumes und beobachtete.

Der reiche, gelehrte Mann ging zuerst zu den Schatztruhen. Er hob die

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Deckel mit immer wachsender Erregung. Gold in Stäben und goldene Geschmeide, Silber, Perlen, Saphire, Rubine, Smaragde, Opale... es funkelte aus allen Truhen... Rufe der Bewunderung bei jedem geöffneten Schrein... Dann begab er sich zu den Pulten. Beim Lesen der Titel auf den Buchrollen, erneute Rufe der Bewunderung... und schließlich wandte sich der Mann glühend vor Begeisterung an den König und sagte: "Du hast ja einen Schatz ohnegleichen. Die Edelsteine sind so wertvoll wie die Buchrollen, und die einen so wertvoll wie die anderen! Darf ich wirklich frei wählen?"

"Ich habe es dir gesagt. Tue, als ob alles dir gehörte."

Der Mann warf sich mit dem Antlitz zu Boden und sprach: "Ich bete dich an, o großer König!" Dann erhob er sich und lief zuerst zu den Truhen und danach zu den Pulten, und nahm vom einen und vom anderen das Beste, was er fand.

Der König, der ein erstes Mal in seinen Bart hineingelächelt hatte, als er sah, mit welch fieberhafter Aufregung der Mann von Truhe zu Truhe lief, und ein zweites Mal, als er sah, wie er sich huldigend zu Boden warf, lächelte nun zum dritten Mal, als er beobachten konnte, mit weicher Gier und mit welchem Kennerblick er Juwelen und Schriftrollen aussuchte. Dann wandte er sich dem Kind zu, das an seiner Seite stand, und sagte zu ihm: "Willst nicht auch du hingehen und dir schöne Steine und wertvolle Schriftrollen aussuchen?"

Das Kind schüttelte den Kopf.

"Und warum nicht?"

"Die Schriftrollen kann ich nicht lesen... und den Wert der Steine kenne ich nicht. Für mich sind sie nicht mehr als die Steinchen auf der Straße."

"Aber sie würden dich reich machen..."

"Ich habe weder Vater noch Mutter noch Brüder. Was würde es mir nützen in meinem Schlupfwinkel, wenn ich einen Schatz im Schoß hätte?"

"Aber du könntest dir damit ein Haus kaufen."

"Dann würde ich ganz allein darin wohnen."

"Oder Kleider."

"Ich würde trotzdem immer frieren, da mir die Liebe der Eltern fehlt."

"Nahrung."

"Ich könnte mich nicht an den Küssen der Mutter sättigen, noch sie um irgendeinen Preis kaufen."

"Du könntest dir Lehrer nehmen und lesen lernen..."

"Das würde mir besser gefallen. Aber was soll ich dann lesen?"

"Die Werke der Dichter, der Philosophen, der Weisen... und alte Sprüche und die Geschichte der Völker."

"Unnütze, eitle und vergangene Dinge... Ist nicht der Mühe wert."

"Was für ein dummer Junge!" rief der Mann aus, der seine Arme mit

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Schriftrollen beladen und den Gürtel und die Tunika über der Brust mit Edelsteinen vollgestopft hatte.

Der König lächelte wieder in seinen Bart. Dann nahm er den Knaben auf den Arm und trug ihn zu den Schatztruhen. Er griff mit der Hand in die Perlen, Rubine, Topase und Amethyste und ließ sie wie einen glitzernden Regen fallen, um ihn zu versuchen.

"Nein, o König! Davon will ich nichts. Ich möchte etwas anderes..."

Der König brachte ihn zu den Pulten und las ihm Gedichte, Szenen aus Heldenepen und Beschreibungen von Ländern vor.

"Oh! Lesen ist viel schöner. Aber es ist nicht das, was ich gern hätte..."

"Was willst du also? Sprich, und ich werde es dir geben, Kind."

"Oh! Ich glaube nicht, o König, daß du das kannst, trotz deiner Macht. Es ist nicht etwas von dieser Erde..."

"Ach, du willst Werke, die nicht von dieser Erde sind! Dann schau. Hier sind die Werke, die Gott seinen Knechten diktiert hat. Höre." Und er las vom Herrn eingegebene Schriften vor.

"Das ist viel schöner! Aber um das zu verstehen, muß man zuvor gut die Sprache Gottes lernen. Gibt es kein Buch, das sie lehrt, das uns begreifen läßt, was Gott ist?"

Der König machte eine Gebärde des Staunens und lachte nicht mehr, sondern drückte den Knaben an sein Herz.

Der Mann hingegen lachte spöttisch und sagte: "Nicht einmal die Weisesten wissen, was Gott ist, und du, unwissender Junge, willst es wissen? Willst du etwa damit reich werden ... ?"

Der König schaute ihn streng an, während der Kleine antwortete: "Ich suche keine Reichtümer. Ich suche Liebe, und man sagte mir einmal, daß Gott die Liebe ist."

Nun trug ihn der König zu dem schmucklosen Pult, auf dem die kleine Schriftrolle lag, die mit einer einfachen Schnur zusammengebunden und ganz verstaubt war. Er nahm sie, öffnete sie und las die ersten Zeilen: "Wer klein ist, der komme zu mir, und ich, Gott, werde ihn die Wissenschaft der Liebe lehren... In diesem Buch ist sie, und ich..."

"Oh! Das will ich! So werde ich Gott kennenlernen, und wenn ich ihn habe, werde ich alles haben. Gib mir diese Buchrolle, o König, und ich werde glücklich sein."

"Aber sie hat doch keinen Geldwert! Dieser Knabe ist wirklich töricht! Er kann nicht lesen und nimmt sich ein Buch! Er ist nicht gebildet und will sich nicht unterrichten lassen. Er ist arm und nimmt keine Schätze."

"Ich werde mich bemühen, die Liebe zu besitzen, und dieses Buch wird mich darin unterweisen. Sei gesegnet, o König, denn du gibst mir etwas, womit ich mich nicht mehr als arme Waise fühle!"

"Dann bete den König wenigstens an, wie ich es getan habe, wenn du glaubst, daß du durch seine Hilfe glücklich geworden bist!"

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"Ich bete keinen Menschen an, nur Gott, der ihn so gut gemacht hat." "Dieser Knabe ist der wahre Weise in meinem Reich. Du, Mann, der du zu Unrecht den Ruf eines Weisen erworben hast, bist trunken vor Hochmut und Habgier bis zu dem Punkt, daß du das Geschöpf statt den Schöpfer anbetest. Und dies, nur weil dir das Geschöpf Edelsteine und menschliche Werke angeboten hat. Du hast nie daran gedacht, daß die Edelsteine, die du nun hast und die ich hatte, von Gott erschaffen wurden, und daß die seltenen Bücher große Gedanken beinhalten, weil Gott dem Menschen den Verstand gegeben hat. Dieser Kleine, der Hunger und Kälte leidet, der verlassen ist und alles Leid dieser Welt kennt, er hätte einen entschuldbaren Grund gehabt, vor so vielen Reichtümern den Kopf zu verlieren. Doch siehe, er hat es verstanden, Gott gerechten Dank zu zollen dafür, daß er mein Herz gut gemacht hat, und er sucht nur das einzig Notwendige: Gott zu lieben und die Liebe kennenzulernen, um hier und im Jenseits die wahren Reichtümer zu besitzen. Mann, ich habe dir versprochen, daß ich dir geben würde, was du ausgewählt hast. Das Wort des Königs ist heilig. Geh nun mit deinen Steinen und Schriftrollen, den bunten Kieseln und dem Stroh menschlicher Gedanken. Und lebe in Angst vor Dieben und Motten, den Feinden der Edelsteine und des Pergaments. Laß dich blenden vom täuschenden Glanz dieser Splitter und anwidern vom süßlichen Geschmack menschlicher Weisheit, die nur den Gaumen kitzelt, aber nicht nährt. Geh! Dieser Knabe bleibt an meiner Seite, und zusammen werden wir uns bemühen, das Buch zu lesen, das Liebe ist, also Gott. Wir werden uns weder mit dem täuschenden Glanz kalter Steine, noch mit dem süßlichen Strohgeschmack der Werke menschlichen Wissens begnügen, sondern das Feuer des ewigen Geistes wird uns schon hier auf Erden das Entzücken des Paradieses schenken, und wir werden die Weisheit besitzen, die stärkender als Wein und nahrhafter als Honig ist. Komm, Knabe, der dir die Weisheit ihr wahres Antlitz gezeigt hat, auf daß du sie zu deiner Braut erwählst."

Nachdem er den Mann weggeschickt hatte, nahm er den Knaben zu sich und unterrichtete ihn in der göttlichen Weisheit, auf daß er sowohl ein Gerechter als auch ein der heiligen Salbung auf Erden würdiger König werde, und ein Bürger des Reiches Gottes im anderen Leben.

Das ist das Gleichnis, das ich den Kindern versprochen und den Erwachsenen angeboten habe.

Erinnert ihr euch an Baruch? Er sagt: "Wie kommt es, Israel, daß du im Feindeslande weilst, daß du dahinsiechst in fremdem Land und daß du, wie Leichen, als unrein giltst? Denen beigezählt wirst, die ins Grab gesunken?" Und antwortet: "Den Quell der Weisheit hast du verlassen. Wärst du gewandelt auf Gottes Wegen, du weiltest daheim in Frieden für immer."

Oh, hört, ihr, die ihr euch zu oft beklagt, im Exil zu leben, obwohl ihr

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doch in eurem Vaterland seid, weil das Vaterland nicht mehr uns, sondern dem fremden Herrscher gehört. Ihr beklagt euch darüber und wißt nicht, daß dies im Vergleich zu dem, was euch in der Zukunft erwartet, wie ein Tropfen Galle im Vergleich zu dem betäubenden Kelch ist, den man den Verurteilten reicht und der, wie ihr wißt, bitter wie kein anderer Trank auf Erden ist. Das Volk Gottes leidet, weil es die Weisheit verlassen hat. Wie könnt ihr Klugheit, Stärke und Einsicht besitzen, wie könnt ihr überhaupt wissen, wo sie zu finden sind, um dann wenigstens die geringeren Dinge zu erfahren, wenn ihr euch nicht bemüht, an den Quellen der Weisheit zu schöpfen?

Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Aber die Barmherzigkeit Gottes gewährt euch die Quelle. Sie ist in Gott. Sie ist Gott selbst. Aber Gott öffnet seinen Schoß, damit sie zu euch hinabsteige. Nun, hat Israel etwa noch seinen Schatz, den es besitzt oder besessen hat? In seinem törichten Hochmut über die Wunder, die es vergeudet hat, glaubt es ihn noch zu besitzen. Es hält sich noch für reich und verlangt daher Ehren, während es doch nur Mitleid und Spott erntet. Noch einmal: Besitzt Israel, das Reichtümer, Eroberungen und Ehren besitzt oder besessen hat, wenigstens noch seinen einzigen Schatz? Nein. Und es verliert auch die anderen, denn, wer die Weisheit verliert, verliert auch die Fähigkeit, groß zu sein. Wer die Weisheit nicht kennt, fällt von einem Irrtum in den anderen. Israel kennt gar viele Dinge, allzu viele, aber die Weisheit nicht mehr.

Mit Recht sagt daher Baruch: "Die Jungen dieses Volkes sahen das Licht, und wohnten auf Erden, doch auch sie erkannten nicht den Weg zur Weisheit, und wußten nichts von ihren Pfaden. Auch ihre Söhne nahmen sie nicht an, dem Weg zu ihr blieben sie fern."

Weit weg von ihr! Die Söhne nahmen sie nicht an! Prophetische Worte! Ich bin die Weisheit, die zu euch spricht, und drei Viertel von Israel nimmt mich nicht auf. Die Weisheit entfernt sich und wird sich immer weiter entfernen, und Israel wird allein sein... Was werden dann jene tun, die sich für Riesen halten und daher glauben, den Herrn zwingen zu können, ihnen zu helfen und ihnen zu dienen? Sind diese Riesen Gott denn von Nutzen bei der Errichtung seines Reiches? Nein. Mit Baruch sage ich: "Um das wahre Reich Gottes zu gründen, wird sich Gott nicht die Stolzen erwählen. Er wird sie vielmehr umkommen lassen in ihrer Torheit", da sie seine Wege verfehlt haben. Denn um mit dem Geist zum Himmel aufzusteigen und die Lehren der Weisheit zu verstehen, braucht man einen demütigen und gehorsamen Geist und vor allem Liebe. Denn die Weisheit spricht ihre eigene Sprache, die Sprache der Liebe, da sie selbst Liebe ist. Um ihre Wege zu erkennen, ist ein klarer, ein demütiger Blick erforderlich, der frei ist von der dreifachen Begierlichkeit. Um die Weisheit zu besitzen, muß man sie mit lebenden Münzen erkaufen: den Tugenden.

Dies fehlt Israel, und ich bin gekommen, um die Weisheit zu lehren,

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euch ihre Wege zu weisen und in eure Herzen die Tugenden zu säen. Denn ich kenne alles, weiß alles, und bin gekommen, um es Jakob, meinen Knecht, und Israel, meine Geliebte, zu lehren. Ich bin auf die Welt gekommen, um mit den Menschen zu reden, ich, das Wort des Vaters, um die Menschensöhne an der Hand zu nehmen, ich, der Sohn Gottes und der Menschensohn, der Weg des Lebens. Ich bin gekommen, um euch in die Kammer der ewigen Schätze zu führen, ich, dem alles von meinem Vater übergeben wurde. Ich bin gekommen, ich, der ewig Liebende, um meine Braut zu holen, die Menschheit, die ich auf meinen Thron erheben und in mein Brautgemach führen will, damit sie bei mir sei im Himmel. Ich will sie in meinen Weinkeller führen, auf daß sie trunken werde vom wahren Weinstock, von dem die Reben ihr Leben empfangen. Aber Israel ist die träge Braut, die sich nicht vom Lager erhebt, um dem zu öffnen, der zu ihr kommt. Und so geht der Bräutigam fort. Er wird vorübergehen. Er ist schon im Begriff vorüberzugehen. Später wird Israel ihn vergebens suchen, und es wird nicht die barmherzige Liebe seines Erlösers finden, sondern die Streitwagen seiner Beherrscher; und es wird zerschmettert werden und Hochmut und Leben verlieren, nachdem es versucht hat, sich sogar den barmherzigen Willen Gottes zu unterwerfen.

0 Israel, Israel! Du verlierst das wahre Leben, um dir eine trügerische Illusion von Macht zu bewahren! O Israel, du glaubst dich zu retten und willst dich retten abseits von den Wegen der Weisheit und gehst zugrunde, da du dich der Lüge und dem Verbrechen verkaufst. Schiffbrüchiges Israel, du willst dich nicht am sicheren Ankertau festhalten, das dir zu deiner Rettung zugeworfen wird, und klammerst dich an das Wrack deiner Vergangenheit. So trägt dich der Sturm fort, auf das weite, furchterregende, lichtlose Meer hinaus. O Israel, was nützt es dir, dein Leben zu retten oder es retten zu wollen für eine Stunde, ein Jahr, ein, zwei oder drei Jahrzehnte auf Kosten eines Verbrechens, wenn du dann für alle Ewigkeit zugrundegehst? Das Leben, der Ruhm, die Macht, was sind sie? Eine schmutzige Wasserblase an der Oberfläche eines Tümpels, der zum Wäschewaschen benützt wird und irisiert, nicht von Edelsteinen, sondern vom fettigen Schmutz, der mit dem Salpeter hohle Blasen bildet, die bald zerplatzen, so daß nichts mehr bleibt als ein Ring in dem von menschlichem Schweiß verschmutzten Wasser. Nur eines ist notwendig, o Israel: der Besitz der Weisheit. Sogar um den Preis des Lebens. Denn das Leben ist nicht das Kostbarste auf Erden. Und besser ist es, hundert Leben zu verlieren als die eigene Seele.»

Jesus hat in einem bewundernden Schweigen geendet. Er versucht, sich einen Weg zu bahnen und fortzugehen... Aber die Kinder wollen noch einen Kuß von seinen Lippen, und die Erwachsenen seinen Segen. Erst danach, nachdem er noch Kleophas und Hermas von Emmaus gegrüßt hat, kann er gehen.

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568. JESUS IN BETH HORON

Jesus ist noch in den Bergen. Außer den Aposteln und Jüngern folgt ihm viel Volk, und darunter befinden sich auch Jünger, die früher Hirten waren und die sie vielleicht in einem Dörflein, durch das sie gekommen sind, getroffen haben. Jesus steigt durch ein Tal zu einem Berg hinauf, auf einer Straße, die mit ihren Windungen dem Fuß des Hanges folgt und gewiß von den Römern gebaut wurde – den unverwechselbaren Steinplatten und dem guten Zustand nach zu schließen, die man nur bei römischen Straßen vorfindet. Leute kommen und gehen, ins Tal hinunter oder vom Tal hinauf zu der Bergkette, deren Höhen von Dörfern und Städten gekrönt sind. Manch einer der Vorübergehenden sieht Jesus, fragt, wer er sei, und schließt sich an. Andere betrachten ihn nur, wieder andere schütteln den Kopf und grinsen.

Ein Trupp römischer Soldaten holt sie ein mit schwerem Schritt und Klirren von Waffen und Panzern. Sie wenden sich um und schauen Jesus an, der gerade die römische Straße verläßt und in einen... jüdischen Weg einbiegt, der zu einem Dorf auf dem Bergkamm führt. Es ist ein holpriger, schlammiger Weg, denn es hat geregnet, und entweder gleitet der Fuß auf den Steinen aus oder er tritt in eine Pfütze. Die Soldaten, die wohl in die gleiche Stadt gehen wollen, setzen sich nach einem kurzen Halt wieder in Bewegung, und das Volk ist gezwungen, sich an den Rand des sehr schmalen Weges zu drücken, um den Trupp vorüberzulassen, der in strenger Formation marschiert. Die eine oder andere beleidigende Bemerkung wird laut, aber die Disziplin in der Kolonne verbietet es den Soldaten, entsprechend zu antworten.

Jetzt sind sie wieder in der Nähe Jesu, der etwas zur Seite gegangen ist, um sie vorübermarschieren zu lassen, und sie mit seinem sanften Blick anschaut, und das Leuchten seiner saphirblauen Augen scheint zu segnen und zu liebkosen. Die verschlossenen Gesichter der Soldaten hellen sich auf und ihr kaum merkliches Lächeln bringt nicht Hohn, sondern vielmehr einen respektvollen Gruß zum Ausdruck.

Sie gehen vorüber. Das Volk folgt wieder dem Rabbi, der allein vorausgeht. Ein Jüngling löst sich aus der Menge, holt den Meister ein und grüßt ihn ehrfurchtsvoll. Jesus erwidert den Gruß.

«Ich möchte dich etwas fragen, Meister.»

«Sprich.»

«Ich habe dir zufällig einmal – es war an einem Morgen nach dem Passahfest – bei den Schluchten von Kerith zugehört. Seitdem habe ich mir gedacht... daß auch ich einer von denen sein könnte, die du berufst. Aber zuvor wollte ich genau wissen, was man tun muß und was man nicht tun darf, und jedesmal, wenn ich deine Jünger getroffen habe, habe ich sie befragt. Der eine sagte dies, der andere das. Und ich war verwirrt, fast

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erschreckt, denn in einem stimmten sie alle mit mehr oder weniger Strenge überein, nämlich in der Verpflichtung, vollkommen zu werden... Ich bin aber ein armer Mensch, Herr, und vollkommen ist nur Gott... Ich habe dich ein zweites Mal gehört, und da hast du selbst gesagt: "Seid vollkommen." Das hat mich entmutigt. Ein drittes Mal habe ich dich vor wenigen Tagen im Tempel gehört. Und so streng du auch warst, schien es mir doch nicht mehr ganz unmöglich, vollkommen zu werden, denn... Ich weiß nicht einmal warum, wie ich es mir erklären soll und wie ich es dir erklären soll. Aber ich dachte mir, wenn es unmöglich oder gar gefährlich wäre, es werden zu wollen, da es ja fast bedeutet, Gott gleichen zu wollen, dann hättest du, der du uns retten willst, es nicht von uns verlangt. Denn Anmaßung ist Sünde, und Gott gleich sein zu wollen, ist die Sünde Luzifers... Aber vielleicht gibt es eine Art es zu werden, ohne dabei zu sündigen. Gewiß muß man dazu deine Lehre befolgen, die uns zum Heil gereicht. Ist das richtig?»

«Sehr richtig. Und dann?»

«Dann habe ich weiterhin diesen und jenen befragt, und als ich erfuhr, daß du in Rama bist, bin ich hingegangen. Seither bin ich dir, mit Erlaubnis meines Vaters, gefolgt. Sieh, ich würde dir gern immer weiter folgen...»

«So komm. Was fürchtest du?»

«Ich weiß nicht... Ich weiß es selbst nicht... Ich frage und frage... Aber immer wenn ich dich höre, scheint es mir leicht zu sein, und ich entschließe mich zu kommen; und wenn ich dann später über deine Worte nachdenke, oder noch schlimmer, wenn ich den einen oder anderen nach seiner Meinung frage, scheint es mir zu schwer zu sein.»

«Ich sage dir, woher das kommt: es ist eine Nachstellung des Teufels, der dich davon abhalten will, zu mir zu kommen. Er erschreckt dich mit Trugbildern und verwirrt dich. Er läßt dich Leute fragen, die selbst, wie du, des Lichtes bedürfen... Warum bist du nicht direkt zu mir gekommen?»

«Weil... ich hatte zwar keine Furcht, aber... Unsere Priester und Rabbis sind so hart und hochmütig! Und du... Ich wagte es nicht, mich dir zu nähern. Aber gestern in Emmaus! ... Oh, ich glaube verstanden zu haben, daß ich keine Angst zu haben brauche. Und jetzt bin ich hier, um dich zu fragen, was ich wissen will. Einer deiner Apostel hat mir kürzlich gesagt: "Geh und fürchte dich nicht. Er ist gut, auch zu den Sündern." Und ein anderer: "Mach ihn glücklich durch dein Vertrauen. Wer Vertrauen in ihn hat, der findet ihn sanfter als eine Mutter." Wieder ein anderer: "Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber ich glaube, daß er dir sagen wird, daß die Vollkommenheit in der Liebe ist." Sieh, so haben deine Apostel gesprochen, einige wenigstens, die sanftesten unter deinen Jüngern. Aber nicht alle; denn unter den Aposteln sind einige, die ein Echo deiner Stimme zu sein scheinen; aber es sind deren zu wenige... Einige sind darunter, die

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einem armen Menschen wie mir Furcht einflößen. Einer hat mir mit einem unschönen Lächeln gesagt: "Du willst vollkommen werden? Nicht einmal wir, seine Apostel, sind es, und du willst es sein? Das ist unmöglich." Wenn ich nicht mit den anderen gesprochen hätte, wäre ich ganz entmutigt geflohen. Aber jetzt mache ich den letzten Versuch... und wenn auch du mir sagst, daß es unmöglich ist, dann...»

«Mein Sohn, kann ich gekommen sein, um den Menschen Unmögliches aufzutragen? Wer, glaubst du, hat in dein Herz dieses Verlangen nach Vollkommenheit gelegt? Dein eigenes Herz?»

«Nein, Herr. Ich denke, daß du es mit deinen Worten gewesen bist.»

«Du bist nicht weit von der Wahrheit entfernt. Aber antworte mir weiter. Was für Worte sind meine Worte für dich?»

«Gerechte Worte.»

«Nun gut. Aber ich will sagen: Waren es Menschenworte oder mehr als Menschenworte?»

«Oh, du sprichst wie die Weisheit selbst, und noch viel sanfter und klarer. Ich sage daher, daß deine Worte mehr sind als Menschenworte, und glaube mich nicht zu irren, wenn ich das richtig verstanden habe, was du im Tempel gesagt hast. Denn es schien mir, du hättest damals gesagt, daß du das Wort Gottes selbst bist und daß daher Gott aus dir spricht.»

«Du hast es richtig verstanden und gut gesagt. Nun also, wer hat dir das Verlangen nach Vollkommenheit ins Herz gelegt?»

«Gott hat es mir gegeben durch dich, sein Wort.»

«Also ist Gott es gewesen. Nun überlege: Wenn Gott, der die Fähigkeiten der Menschen kennt, euch sagt: "Kommt zu mir und seid vollkommen!", so heißt das, daß der Mensch, wenn er will, es auch werden kann. Es ist ein uraltes Wort und erging zum ersten Mal an Abraham als eine Offenbarung, ein Befehl, eine Einladung: "Ich bin Gott, der Allmächtige. Wandle in meiner Gegenwart. Sei vollkommen." Gott offenbart sich, damit der Patriarch nicht zweifle an der Heiligkeit des Befehls und an der Echtheit der Einladung. Er befiehlt ihm, in seiner Gegenwart zu wandeln, denn wer in der Überzeugung lebt, im Angesicht Gottes zu wandeln, der begeht keine schlechte Tat und wird somit imstande sein, vollkommen zu werden, wie Gott es von ihm verlangt.»

«Das ist wahr! Das ist wirklich wahr! Wenn Gott es verlangt hat, so deshalb, weil man es tun kann. Oh, Meister! Wie ist doch alles so gut verständlich, wenn du sprichst! Warum aber malen uns dann deine Jünger und auch dieser Apostel ein so furchterregendes Bild von der Heiligkeit? Halten sie vielleicht diese Worte und auch die deinen nicht für wahr? Oder verstehen sie nicht in der Gegenwart Gottes zu wandeln?»

«Denke nicht an das was ist, und urteile nicht. Schau, mein Sohn 1 Gerade ihr Verlangen, vollkommen zu sein, und ihre Demut flößen ihnen vielleicht bisweilen die Furcht ein, es nie werden zu können.»

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«Aber sind denn das Verlangen nach Vollkommenheit und die Demut dem Streben nach Vollkommenheit hinderlich?»

«Nein, mein Sohn, das Verlangen danach und die Demut sind keine Hindernisse. Man muß sich vielmehr recht tief davon durchdringen lassen, aber in geordneter Weise. Und das ist dann der Fall, wenn es nicht verbunden ist mit unbesonnener Hast, mit unbegründeter Niedergeschlagenheit, Zweifeln und Mißtrauen, die uns z.B. glauben lassen, der Mensch sei angesichts seiner Unvollkommenheit nicht fähig, vollkommen zu werden. Alle Tugenden sind notwendig, insbesonders der lebhafte Wunsch, ein Gerechter zu werden.»

«Ja, das haben mir auch die gesagt, die ich befragt habe. Sie sagten mir, daß es notwendig sei, Tugenden zu besitzen. Jedoch bezeichnete mir der eine diese der andere jene als besonders notwendig. Alle betonten die absolute Notwendigkeit, die zu besitzen, die sie für die wichtigste hielten, um heilig zu werden. Und das hat mich verängstigt. Denn wie kann man alle Tugenden in vollkommener Weise besitzen, sie alle zusammen aufblühen lassen wie einen Strauß verschiedener Blumen? Dazu braucht es Zeit... und das Leben ist so kurz. Meister, erkläre mir du, welche Tugend unentbehrlich ist.»

«Es ist die Liebe. Wenn du liebst, wirst du heilig sein, denn der Liebe zum Allerhöchsten und zum Nächsten entspringen alle Tugenden und guten Werke.»

«Ja? So erscheint mir alles viel leichter. Die Heiligkeit ist also Liebe. Wenn ich die Liebe habe, habe ich alles... Darin besteht die Heiligkeit.»

«Aus dieser und aus den anderen Tugenden. Denn die Heiligkeit bedeutet nicht, nur demütig, nur klug oder nur keusch usw. zu sein, sondern man muß tugendhaft sein. Sieh, mein Sohn, wenn ein Reicher ein Gastmahl geben will, läßt er dann nur eine einzige Speise auftischen? Weiter: Wenn jemand einen Blumenstrauß binden will, um einen anderen zu ehren, nimmt er dann etwa nur eine einzige Blume? Nein, nicht wahr? Denn wenn er von derselben Speise auch noch so viele Schüsseln auf die Tische stellen würde, würden die Geladenen ihn für einen unfähigen Gastgeber halten, der nur darum besorgt ist zu zeigen, daß er viel einkaufen kann, nicht aber das Taktgefühl besitzt, auf den unterschiedlichen Geschmack seiner Gäste einzugehen und sie nicht nur mit reichlicher Speise zu sättigen, sondern sie überdies zu erfreuen. Dasselbe gilt für den Blumenstrauß. Eine einzige Blume, und sei sie auch noch so groß, ist noch kein Blumenstrauß. Viele Blumen zusammen bilden ihn, und die verschiedenen Farben und Düfte ergötzen das Auge und den Geruchsinn und lassen uns den Herrn loben. Die Heiligkeit, die wir betrachten sollen als einen Blumenstrauß, den wir dem Herrn anbieten, muß aus allen Tugenden zusammengesetzt sein. In der einen Seele wird die Demut vorherrschen, in der anderen der Starkmut, wieder in einer anderen der Opfergeist oder die

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Bußgesinnung, alles Blumen, die im Schatten der königlichen, duftenden Pflanze der Liebe, deren Blüten stets im Strauß vorherrschen werden, aufgesprossen sind, aber alle Tugenden zusammen stellen erst die Heiligkeit dar.»

«Und welche Tugend muß mit besonderer Sorgfalt gepflegt werden?»

«Die Liebe. Ich habe es dir schon gesagt.»

«Und dann?»

«Es gibt keine besondere Methode, mein Sohn. Wenn du den Herrn liebst, wird er dir seine Gaben schenken, d.h. er wird sich dir mitteilen, und dann werden die Tugenden, in denen du dich zu festigen suchst, unter der Sonne der Gnade heranwachsen.»

«Mit anderen Worten: Es ist Gott, der in der liebenden Seele hauptsächlich wirkt?»

«Ja, mein Sohn. Gott ist es, der hauptsächlich wirkt und es dabei dem Menschen überläßt, seinerseits mit seinem freien Willen nach der Vollkommenheit zu streben und sich zu bemühen, den Versuchungen zu widerstehen, um seinem Vorsatz treu zu bleiben im Kampf gegen das Fleisch, die Welt und den Teufel, die ihn angreifen. Das geschieht, damit sein Sohn eigene Verdienste erwirbt auf dem Weg zur Heiligkeit.»

«Ah! Also ist es sehr richtig zu sagen, daß der Mensch geschaffen ist, um vollkommen zu sein, wie Gott es will. Danke, Meister. Jetzt weiß ich es, nun werde ich handeln. Du aber bete für mich.»

«Ich werde dich in meinem Herzen bewahren. Geh und fürchte nicht, daß Gott dich ohne Hilfe lassen könnte.»

Der Jüngling verabschiedet sich zufrieden von Jesus...

Sie sind nun in der Nähe der Ortschaft. Bartholomäus und Stephanus kommen zu Jesus, um ihm zu erzählen, daß während seines Gespräches mit dem Jüngling ein Mann von Beth Horon, ein Verwandter des Pharisäers Elchias, gekommen ist, um sie zu bitten, den Meister sofort zu seiner sterbenden Frau zu bringen.

«So laßt uns gehen. Ich werde dann später sprechen. Wißt ihr, wo sie wohnt?»

«Der Mann hat einen Diener bei uns zurückgelassen. Dieser folgt uns mit den anderen.»

«Geht ihn holen, und beeilen wir uns.»

Der Diener eilt herbei. Ein kräftiger, aber bestürzter Alter. Er grüßt und betrachtet Jesus dabei verstohlen; dieser lächelt ihm zu und fragt: «Woran stirbt deine Herrin?»

«An... Sie sollte ein Kind gebären. Aber es ist ihr im Schoß gestorben, und ihr Blut ist vergiftet. Sie redet irre und liegt im Sterben. Man hat ihr die Adern geöffnet, um das Fieber zu senken. Aber ihr Blut ist ganz vergiftet, und sie muß sterben. Man hat sie in den Brunnen hinabgelassen, um die Glut zu löschen. Das Fieber sinkt, wenn sie im kalten Wasser ist.

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Danach aber steigt es höher als zuvor. Sie hustet und hustet ... und muß sterben.»

«Das glaube ich gern, bei solchen Kuren!» brummt Matthäus zwischen den Zähnen.

«Seit wann ist sie krank?»

Der Diener will gerade antworten, als der Führer der römischen Manipel den Hang heruntergelaufen kommt. Er bleibt vor Jesus stehen.

«Salve! Du bist der Nazarener?»

«Ich bin es. Was willst du von mir?»

Die Anhänger Jesu eilen herbei in der Annahme, es sei weiß Gott was geschehen...

«Eines Tages hatte eines unserer Pferde einen hebräischen Knaben getreten, und du hattest ihn geheilt, um zu verhindern, daß sich die Hebräer gegen uns auflehnten. Jetzt haben die Steine der Juden einen unserer Soldaten verletzt, und er liegt mit einem gebrochenen Bein da. Ich kann mich nicht aufhalten, denn ich bin im Dienst. Niemand im Dorf will ihn aufnehmen. Gehen kann er nicht, und ich kann ihn mit dem gebrochenen Bein nicht mitschleppen. Ich weiß, daß du uns nicht verachtest, wie alle anderen Juden es tun...»

«Du möchtest also, daß ich den Soldaten heile?»

«Ja. Du hast auch den Diener des Centurio geheilt und das Kind der Valeria. Du hast Alexander geschützt vor dem Zorn deiner Landsleute.

Diese Dinge sind überall bekannt.»

«Gehen wir zu dem Soldaten.»

«Und meine Herrin?» fragt der Knecht unzufrieden.

«Später.» Jesus folgt dem Offizier, der in größter Eile voranschreitet mit seinen langen nervigen Beinen, die nicht von lästigen Gewändern behindert werden.

Aber wenngleich er allen vorauseilt, findet er doch Gelegenheit, ein Wort an Jesus zu richten, der gleich hinter ihm geht: «Ich war früher einmal mit Alexander zusammen. Er... Er sprach von dir. Der Zufall hat mich in diesem Augenblick zu dir geführt.»

«Der Zufall'? Warum sagst du nicht Gott, der wahre Gott?»

Der Soldat schweigt einen Augenblick. Dann sagt er leise, so daß nur Jesus ihn hören kann: «Der wahre Gott wäre der Gott der Hebräer... Aber es ist nicht leicht, ihn zu lieben, wenn er so ist wie die Hebräer! Nicht einmal mit einem Verwundeten haben sie Mitleid...»

«Der wahre Gott ist der Gott der Hebräer und der Römer, der Griechen, der Araber, der Parther, der Skythen, der Iberer, der Gallier, der Kelten, der Libyer und der Nordländer. Es gibt nur einen Gott! Aber viele kennen ihn nicht, und andere kennen ihn nicht richtig. Wenn alle ihn gut

kennen würden, wären sie untereinander wie Brüder, und es gäbe weder Gewalt noch Haß, noch Verleumdung, Rache, Ausschweifungen,

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Diebstähle, Morde, Ehebrüche und Lügen. Ich kenne den wahren Gott und bin gekommen, damit man ihn kennenlernt.»

«Man sagt... Wir müssen immer die Ohren offenhalten und den Centurionen Bericht erstatten, und diese dann dem Prokonsul. Man sagt, du seist Gott. Ist das wahr?» fragt der Soldat sehr unruhig, schaut Jesus aus dem Schatten seines Helmes an und scheint fast Angst zu haben.

«Ich bin es.»

«Beim Jupiter! So ist es also wahr, daß die Götter herabsteigen, um mit den Menschen zu sprechen? Ich habe unter den Feldzeichen die ganze Welt durchstreift, und nun, da ich schon alt bin, komme ich hierher und finde einen Gott!»

«Den Gott, den einzigen Gott, nicht einen Gott», verbessert Jesus.

Aber der Soldat ist völlig außer Fassung bei dem Gedanken, vor einem Gott herzuschreiten... Er spricht nicht mehr... Er denkt nach. Er denkt nach, bis sie am Eingang des Dorfes den Trupp Soldaten stehen sehen, der den auf der Erde liegenden, klagenden Verwundeten umgibt.

«Sieh», sagt der Offizier kurz und bündig.

Jesus schafft sich Platz und nähert sich. Das Bein ist mehrfach gebrochen, der Fuß ist nach innen gedreht und schon blau und geschwollen. Der Mann muß große Schmerzen haben, und als er sieht, daß Jesus die Hand ausstreckt, fleht er: «Tue mir nicht weh!»

Jesus lächelt, berührt mit den Fingerspitzen nur leicht die Stelle, an der ein bläulicher Kreis auf den Bruch hinweist, und sagt dann: «Erhebe dich!»

«Aber er hat einen zweiten Bruch, weiter oben, nahe der Hüfte», erklärt der Offizier und will damit sicher sagen: «Berührst du nicht auch diese Stelle?»

In diesem Augenblick erscheint ein Bürger von Beth Horon: «Meister, Meister, du verlierst Zeit mit den Heiden, und meine Frau stirbt!»

«Geh und bringe sie zu mir.»

«Das kann ich nicht. Sie ist nicht mehr bei Sinnen!»

«Geh und bringe sie zu mir, wenn du Vertrauen in mich hast.»

«Meister, man kann sie nicht bändigen. Sie ist nackt, und man kann sie nicht ankleiden. Sie ist wahnsinnig und zerreißt sich die Kleider. Sie liegt im Sterben und kann nicht gehen.»

«Geh und bringe sie zu mir, wenn dein Glaube nicht geringer ist als der dieser Heiden.»

Der Mann geht unzufrieden fort.

Jesus schaut auf den zu seinen Füßen liegenden Römer: «Und du, kannst du glauben?»

«Ich ja! Was soll ich tun?»

«Erhebe dich!»

«Gib acht, Camillus ...» sagt sogleich der Offizier. Aber der Soldat steht schon auf den Füßen, munter und geheilt.

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Die Israeliten rufen nicht Hosanna; der Geheilte ist ja kein Hebräer. Vielmehr scheinen sie unzufrieden zu sein, oder wenigstens machen sie Gesichter, die ihr Mißfallen über Jesu Handlungsweise zeigen. Ganz anders die Soldaten. Sie ziehen ihre kurzen, breiten Schwerter aus der Scheide und schwingen sie in der aschgrauen Luft, nachdem sie damit auf die Schilde geschlagen haben, als wollten sie einen festlichen Lärm erzeugen. Jesus befindet sich inmitten eines Kreises blanker Schwerter.

Der Offizier schaut ihn an. Er weiß nicht, was er sagen oder tun soll, er, der Mensch neben einem Gott, er, der Heide neben Gott... Er denkt nach und findet, daß er vor Gott wenigstens das tun muß, was er vor Caesar tun würde, und befiehlt den dem Kaiser gebührenden militärischen Gruß. (Wenigstens glaube ich, daß es das ist, denn ich höre ein mächtiges «Ave!», während die mit gestrecktem Arm fast horizontal hochgehaltenen Klingen blitzen.) Noch nicht zufrieden damit sagt der Offizier leise: «Geh ruhig deines Weges, auch zur Nachtzeit. Die Straßen sind alle bewacht. Zum Schutz gegen Diebe. Du kannst in Sicherheit gehen. Ich ...»Dann stockt er und weiß nicht mehr, was er sagen soll.

Jesus lächelt ihm zu und spricht: «Danke. Geh und sei gut. Sei auch menschlich gegenüber Dieben. Sei treu in deinem Dienst, aber nicht grausam. Es sind unglückliche Menschen, und sie werden vor Gott für ihre Taten Rechenschaft ablegen müssen.»

«Ich werde es sein. Salve! Ich würde dich gerne einmal wiedersehen...»

Jesus schaut ihm tief in die Augen und sagt dann: «Wir werden uns wiedersehen. Auf einem anderen Berg.» Abermals wiederholt er: «Seid gut. Lebt wohl.»

Die Soldaten marschieren weiter. Jesus geht ins Dorf. Schon nach einigen Metern sehen er und seine Begleiter eine zahlreiche schreiende Menge auf sich zukommen. Aus der Gruppe lösen sich ein Mann und eine Frau – der Mann zuerst – und verneigen sich vor Jesus: die Frau fällt auf die Knie, während der Mann sich nur verbeugt.

«Richtet euch auf und preist den Herrn. Aber dir, o Mann, muß ich sagen, daß dein Gewissen nicht rein ist. Du hast dich aus Selbstsucht an mich gewandt und nicht aus Liebe zu mir und weil du an mich glaubst. Du hast an meinem Wort gezweifelt, obwohl du weißt, wer ich bin. Dann hast du böse Gedanken gehegt, weil ich mich aufgehalten habe, um einen Heiden zu heilen. Das ganze Dorf hat schlecht gehandelt, da es einen Verwundeten abgewiesen hat. Im Übermaß meiner Barmherzigkeit und uni zu versuchen, dein Herz zum Guten zu wandeln, habe ich deine Frau geheilt, ohne zu dir zu kommen. Du hättest es nicht verdient, ich aber habe es getan, um dir zu zeigen, daß ich dazu nicht zu dir kommen muß. Mein Wille genügt. Aber in Wahrheit sage ich euch allen: die ihr verachtet, sind besser als ihr. Sie haben einen größeren Glauben an meine Macht als ihr. Erhebe dich, Frau. Du bist nicht schuldig, denn du konntest deinen Verstand nicht

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gebrauchen. Geh hin und wisse von nun an zu glauben aus Dankbarkeit gegenüber dem Herrn.»

Die Mienen der Dorfbewohner sind bei den Vorwürfen Jesu kalt und hochmütig geworden. Die Leute folgen ihm verdrossen bis zum Platz, wo er stehenbleibt um zu reden, da der Vorsteher ihn nicht einlädt, die Synagoge zu betreten, und kein Haus sich dem Meister öffnet.

«Wenn Gott mit den Menschen ist, vermögen die Menschen alles gegen das Unglück, wie immer es auch heißen mag. Wenn Gott jedoch nicht mit den Menschen ist, vermögen sie nichts gegen das Unglück. Die Geschichte dieser Stadt erinnert mehr als einmal an diese Tatsache. Gott war mit Josua, und Josua schlug die kananäischen Könige, und auf dieser Straße half Gott ihm, die Feinde Israels zu vernichten, "indem er vom Himmel gewaltige Hagelsteine auf sie warf, und mehr kamen von ihnen unter den Hagelsteinen als unter der Schärfe des Schwertes um", wie es im Buch Josua heißt. Gott war mit Judas Makkabäus, der auf diesem Hügel mit seinem kleinen Heer erschien, um das mächtige Heer des Seron, des Befehlshabers der syrischen Streitmacht, zu beobachten. Und Gott bekräftigte die Worte des Führers Israels mit einem glänzenden Sieg. Aber die notwendige Bedingung, um Gott auf seiner Seite zu haben, ist immer, daß man für eine gerechte Sache kämpft. "Nicht von der Größe des Heeres hängt der Erfolg im Krieg ab, sondern von der Kraft, die vom Himmel kommt, sagt der Makkabäer. In allen Angelegenheiten des Lebens hängt das Wohl nicht ab vom Geld, von der Macht oder sonst etwas, sondern vom Beistand, der vom Himmel kommt; und er kommt, weil er für eine gute Sache erbeten wird. Für unser Leben und für unsere Gesetze, sagt weiterhin der Makkabäer. Wo man sich aber an Gott wendet um eines schlechten oder unsauberen Zieles willen, da ruft man seine Hilfe vergebens an; dann antwortet Gott nicht, oder aber mit Züchtigungen anstatt mit Segnungen.

Diese Wahrheit hat man in Israel jetzt allzu sehr vergessen. Man will Gottes Hilfe und ruft ihn an für üble Zwecke. Die Tugenden werden nicht geübt und die Gebote nicht wahrhaft gehalten, d.h., man beachtet nur das, was von den Menschen gesehen und gelobt werden kann. Aber hinter dem Schein sind oft ganz andere Dinge verborgen.

Ich komme euch zu sagen: Seid aufrichtig in eurem Handeln, denn Gott sieht alles, und vergeblich sind alle Opfer, unnütz die Gebete, wenn man sie nur verrichtet, damit man gesehen wird, während das Herz voll Sünde ist, voll Haß und bösen Begierden.

Beth Horon, tue nicht in deinen Bewohnern, was Obadias von Edom sagt. Edom glaubte sicher zu sein und nahm sich heraus, Jakob zu bedrücken und sich über seine Niederlage zu freuen. Nicht so, du Priesterstadt. Nimm und betrachte das Buch Obadias. Betrachte und ändere deine Wege. Folge der Gerechtigkeit, wenn du nicht Tage des Schreckens erleben willst. Es wird dich dann nicht retten, daß du auf dieser Höhe

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liegst, noch daß du scheinbar abseits des Kriegsschauplatzes liegst. Ich sehe viele in dir, die nicht mit Gott sind und von Gott nichts wissen wollen. Ihr murrt? Ich sage euch die Wahrheit. Ich bin bis hierher heraufgestiegen, um es euch zu sagen. Um euch noch zu retten.

Hattet ihr nicht einen einzigen Namen? War nicht alles Israel? Weshalb ist es nun geteilt und hat zwei Namen? Oh, wahrlich, das erinnert mich an die Ehe des Hoseas mit dem buhlerischen Weib und an die Söhne, die aus ihr hervorgingen, die gebuhlt hat. Was aber sagt der Prophet darüber: "Die Zahl der Kinder Israels wird sein wie Sand am Meer... und anstatt ihnen zu sagen: 'Ihr seid nicht mein Volk' ' wird man zu ihnen sagen: 'Ihr seid Kinder des lebendigen Gottes" und dann werden sich die Söhne Judas und Israels zusammenschließen und über sich ein gemeinsames Oberhaupt setzen und aus dem Land ziehen. Denn groß ist der Tag Jisreels." Warum tadelt ihr den, der alles wiedervereinigen und ein einziges Volk schaffen soll, ein großes und einziges, wie Gott ein einziger ist, der alle Menschenkinder liebt, da alle Kinder Gottes sind; und der auch jene zu Söhnen des lebendigen Gottes machen soll, die jetzt tot zu sein scheinen? Könnt ihr denn meine Handlungen beurteilen, ihre und eure Herzen? Woher kommt euch das Licht? Das Licht kommt von Gott. Aber wenn Gott mich schickt mit dem Auftrag, alle unter einem Szepter zu vereinen, wie könnt ihr dann ein Licht haben, das wahrhaft göttlich ist, da es euch die Dinge anders erscheinen läßt, als sie in den Augen Gottes sind? Und doch seht ihr sie ganz anders, als Gott sie sieht.

Murrt nicht. Das ist die Wahrheit. Ihr lebt nicht in Gerechtigkeit. Und viele unter euch gibt es, die euch zur Ungerechtigkeit verführen, und diese werden doppelt bestraft werden. Ihr klagt mich an, daß ich mit dem Feind, mit dem Beherrscher Unzucht treibe. Ich lese in euren Herzen. Aber ihr, treibt ihr nicht Unzucht mit Satan, da ihr denen folgt, die den Menschensohn bekämpfen, den Gesalbten Gottes? Seht, ihr haßt mich. Aber ich kenne das Antlitz dessen, der euch den Haß einträufelt. So wie es bei Hoseas heißt, bin ich gekommen mit den Händen voller Geschenke und dem Herzen voller Liebe. Ich habe versucht, euch sanft an mich zu ziehen, um eure Liebe zu gewinnen. Ich habe zu meinem Volk gesprochen wie ein Bräutigam zu seiner Braut und habe ihm ewige Liebe, Friede, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit angeboten. Eine Stunde bleibt noch um zu verhindern, daß das Volk, das mich verwirft, daß seine Häupter, die es aufwiegeln – ich kenne sie – ohne König, Fürsten, Opfer und Altar gelassen wird. Aber in ihrer Höhle, wo der Haß am stärksten ist und die Strafe am schrecklichsten sein wird, seht, da wird gearbeitet, um die Gewissen zu erkaufen und sie auf den Weg des Verderbens zu führen... Oh, in Wahrheit sage ich euch, daß jene, die vom rechten Weg abbringen und die Gewissen verderben, siebenmal siebenmal strenger bestraft werden als die von ihnen Verführten.

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Gehen wir. Ich bin gekommen, habe ein Wunder gewirkt und euch die Wahrheit gepredigt, um euch davon zu überzeugen, wer ich bin. Nun gehe ich. Und wenn unter euch auch nur ein einziger Gerechter ist, so möge er mir folgen, denn traurig ist die Zukunft dieses Ortes, wo Schlangen der Verführung und des Verrates ihre Nester haben.»

Jesus wendet sich um und begibt sich wieder zu der Straße, auf der er gekommen ist.

«Meister, warum hast du so zu ihnen gesprochen? Sie werden dich nun hassen», fragen die Apostel.

«Ich suche nicht durch Lüge und Schacher Liebe zu gewinnen.»

«Aber wäre es dann nicht besser gewesen, überhaupt nicht hinzugehen?»

«Nein. Es ist notwendig, ihnen keinerlei Zweifel zu lassen.»

«Und wen hast du überzeugt?»

«Niemanden. Vorerst niemanden. Aber bald wird einer sagen: "Wir können niemanden verfluchen, denn wir wurden gewarnt und haben nichts getan." Und wenn sie Gott vorwerfen, daß er sie geschlagen hat, so wird ihr Vorwurf wie eine Gotteslästerung sein.»

«Aber auf wen hast du angespielt mit den Worten ...»

«Fragt Judas von Kerioth. Er kennt viele aus diesem Ort, und er kennt auch ihre Verschlagenheit.»

Alle Apostel schauen Judas an.

«Ja. Dieser Ort ist Elchias fast untertan... aber... ich glaube nicht, daß Elchias ...» Die Worte ersterben auf den Lippen des Judas, als er seine Augen von seinem Gürtel erhebt, den er sich gerade zurecht gerückt hat, UM Haltung zu bewahren, und dem Blick Jesu begegnet. Dieser Blick ist so flammend und durchdringend, daß er fast hypnotisiert. Judas senkt den Kopf und schließt mit den Worten: «Gewiß ist es ein stolzes und geiziges Dorf und verdient den, der es beherrscht. Jeder bekommt, was er verdient. Sie haben Elchias. Wir haben Jesus. Der Meister hat gut daran getan, sehr gut sogar, sie wissen zu lassen, daß er Bescheid weiß.»

«Schlecht sind sie bestimmt! Habt ihr gesehen? Nicht einmal ein Gruß nach dem Wunder! Nicht einmal ein Almosen! Nichts!» bemerkt Philippus.

«Ich habe aber immer Angst, wenn der Meister sie so bloßstellt», seufzt Andreas.

«Ob er es tut oder nicht, es ist dasselbe. Sie werden ihn gleichwohl hassen. Ich würde gern nach Galiläa zurückkehren», sagt Johannes.

«Nach Galiläa, ja!» seufzt Petrus und senkt nachdenklich das Haupt.

Jene, die Jesus nicht verlassen haben und ihm weiterhin folgen, tauschen untereinander und mit den Jüngern ihre Gedanken aus.

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569. NACH GIBEON

Nur kurze Zeit kann Jesus seinen Gedanken nachgehen. Johannes und sein Vetter Jakobus, zusammen mit Petrus und Simon dem Zeloten, holen ihn ein und lenken seine Aufmerksamkeit auf die Aussicht, die man von der Höhe des Hügels hat. Vielleicht um ihn zu zerstreuen, denn er ist sichtlich sehr traurig, rufen sie Ereignisse in Erinnerung, die sich in dieser Gegend, die vor ihnen liegt, zugetragen haben: die Reise nach Askalon... das Haus der Bauern in der Saron-Ebene, wo Jesus dem alten Vater des Gamala und Jakob das Augenlicht wieder gegeben hat... die Zurückgezogenheit Jesu und Jakobus auf dem Karmel... Caesarea am Meer und das Mädchen Aurea Galla... die Begegnung mit Syntyche... die Heiden von Joppe... die Räuber bei Modin... das Erntewunder im Haus des Joseph von Arimathäa... die alte Ährenleserin... Ja, alles Ereignisse, die aufheitern sollten, mit denen sich aber auch für alle oder für ihn allein schmerzliche Erinnerungen verknüpfen. Die Apostel selbst bemerken es und flüstern: «In allen Dingen dieser Welt findet sich ein Schmerz. Die Erde ist ein Ort der Sühne ...»

Auch Andreas, der sich zusammen mit Jakobus des Zebedäus der Gruppe angeschlossen hat, bemerkt richtig: «Dies ist ein gerechtes Gesetz für uns Sünder. Aber warum so viel Schmerz für ihn?»

Es entsteht eine wohlwollende Diskussion, und sie bleibt auch wohlwollend, als alle anderen, angezogen von den Stimmen der ersteren, sich der Gruppe anschließen. Alle außer Judas Iskariot, der sich wichtig macht bei den einfachen Menschen und sie belehrt, indem er den Meister nachahmt in seiner Stimme, seinen Gesten und seinen Worten. Aber es ist ein theatralisches, pompöses Nachäffen. Es fehlt ihm Jesu Wärme und Überzeugungskraft, und seine Zuhörer sagen es ihm auch ohne Umschweife. Judas regt sich auf und schilt sie begriffsstutzig, weil sie ihn nicht verstehen. Zudem erklärt er, daß er sich nicht weiter mit ihnen abgibt, da er die Perlen der Weisheit nicht den Schweinen vorwerfen will. Dann aber bleibt er bei ihnen, weil die einfachen und gedemütigten Leute ihn bitten, Geduld mit ihnen zu haben, und bekennen, daß sie «ihm gegenüber so gering sind wie ein Tier gegenüber einem Menschen ...»

Jesus hört nicht auf das, was die elf Apostel um ihn herum sagen, um den Worten des Judas zu lauschen. Was er hört, erfreut ihn durchaus nicht... Er seufzt und schweigt, bis ihn schließlich Bartholomäus direkt ins Gespräch zieht und ihm die verschiedenen Ansichten vorlegt über den Grund, weshalb er, auf dem keine Sündenschuld lastet, so viel leiden muß.

Bartholomäus sagt: «Ich bin der Ansicht, daß es so ist, weil der Mensch den haßt, der gut ist. Ich spreche von schuldbeladenen Menschen, also von der Mehrheit. Diese Menschen fühlen, daß ihre Schuld

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und Lasterhaftigkeit im Vergleich mit dem Schuldlosen noch klarer und deutlicher hervortreten, und aus Ärger darüber rächen sie sich, indem sie dem Guten Leid zufügen.»

«Ich hingegen bin der Meinung, daß du leidest unter dem Gegensatz zwischen deiner Vollkommenheit und unserer Schwäche. Auch wenn dich niemand kränken würde, würdest du dennoch leiden, denn deine Vollkommenheit muß schmerzlichen Abscheu vor den Sünden der Menschen empfinden», sagt Judas Thaddäus.

«Ich hingegen vertrete die Ansicht, daß du, da du auch ein Mensch bist, unter der Mühe leidest, das Aufbegehren deiner menschlichen Natur gegen deine Feinde durch deine übermenschliche Natur zu beherrschen», sagt Matthäus.

«Ich täusche mich gewiß, da ich ein törichter Mensch bin, aber ich glaube, daß du leidest, weil deine Liebe zurückgewiesen wird. Du leidest nicht, weil du nicht bestrafen kannst, wie es deine menschliche Natur wünschen könnte, sondern weil du nicht wohltun kannst, wie du es gern tun würdest», sagt Andreas.

«Ich schließlich glaube, daß du leidest, weil du alles Leid ertragen mußt, um uns von allem Leid zu erlösen. Da in dir nicht die eine oder andere Natur überwiegt, sondern beide Naturen in vollkommenem Gleichgewicht in dir sind, um das vollkommene Opfer zu bilden. Dieses Opfer ist so übernatürlich, daß es die Beleidigung Gottes durch den Menschen wiedergutmachen kann, und andererseits so menschlich, daß es die ganze Menschheit vertritt und sie zur Unversehrtheit des ersten Adam zurückführt, das Vergangene tilgt und eine neue Menschheit begründet. Eine neue Menschheit soll jetzt geschaffen werden, nach der Absicht Gottes, d.h. eine Menschheit, die wahrhaft ein Ebenbild und Gleichnis Gottes ist und die der Bestimmung des Menschen entgegengeht: der Besitz, die Möglichkeit des Strebens nach dem Besitz Gottes in seinem Reich. Du mußt auf übernatürliche Weise leiden, und du leidest wegen allem, was du siehst und was dich umgibt, ich würde sagen, unter der fortwährenden Beleidigung Gottes. Du mußt auf menschliche Weise leiden und leidest auch, um die Sinnenlust unseres von Satan vergifteten Fleisches zu ersticken. Mit dem Leiden deiner beiden vollkommenen Naturen wirst du die Beleidigung Gottes, die Schuld des Menschen in vollkommener Weise wiedergutmachen», sagt der Zelote.

Die anderen schweigen, und Jesus fragt: «Und ihr sagt nichts? Welche ist eurer Meinung nach die treffendste Erklärung?»

Der eine sagt dies, der andere das. Nur Jakobus des Alphäus und Johannes schweigen.

«Und ihr zwei? Seid ihr mit keiner einverstanden?» spornt Jesus sie an.

«Nein. Wir erkennen in allen etwas Wahres oder sogar viel Wahres. Aber wir fühlen auch, daß die eigentliche Wahrheit noch fehlt.»

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«Und ihr könnt sie nicht finden?»

«Vielleicht haben Johannes und ich sie gefunden. Aber es scheint uns fast eine Gotteslästerung, sie auszusprechen, denn... Wir sind gute Israeliten und fürchten Gott so sehr, daß wir kaum seinen Namen auszusprechen wagen. Wenn man nun bedenkt, daß ein Mensch aus dem auserwählten Volk, ein Sohn Gottes, den gepriesenen Namen Gottes fast nicht aussprechen kann und ihn durch andere Worte ersetzt, um seinen Gott zu nennen, so scheint es doch ein gotteslästerlicher Gedanke zu sein, daß Satan es wagen könnte, Gott zu schaden. Und doch fühlen wir, daß der Schmerz dir keine Ruhe läßt, da du Gott bist und Satan dich haßt. Er haßt dich wie keinen anderen. Du begegnest Haß, mein Bruder, weil du Gott bist», sagt Jakobus.

«Ja. Du findest Haß, weil du die Liebe bist. Es sind nicht die Pharisäer oder die Rabbis, es ist nicht der eine oder der andere, der dir aus diesem oder jenem Grund Schmerz bereitet. Es ist der Haß, der die Menschen durchdringt und sie gegen dich aufhetzt in blindem Haß, weil du mit deiner Liebe dem Haß zu große Beute entreißt», sagt Johannes.

«Es fehlt noch etwas bei diesen zahlreichen Erklärungen. Sucht den eigentlichen Grund, um dessentwillen ich...» sagt Jesus ermutigend.

Aber niemand findet ihn. Sie überlegen und überlegen. Schließlich geben sie auf und sagen: «Wir finden ihn nicht...»

«Es ist so einfach. Ihr habt ihn immer vor euch. Er ist zu erkennen in den Worten unserer heiligen Bücher, in den Gestalten unserer Geschichte... Auf, sucht! In all euren Erklärungen ist etwas Wahres, aber der wichtigste Grund fehlt. Sucht ihn nicht im Heute, sondern in der entferntesten Vergangenheit, noch vor den Propheten, den Patriarchen und vor der Erschaffung des Weltalls...»

Die Apostel denken nach... finden aber keine Antwort.

Jesus lächelt. Schließlich sagt er: «Und doch, wenn ihr euch an meine Worte erinnern würdet, müßtet ihr den Grund finden. Aber ihr könnt noch nicht alles behalten. Eines Tages werdet ihr es können. So hört. Gehen wir zurück durch die Jahrhunderte bis vor den Beginn der Zeit. Wer hat den Geist des Menschen verdorben? Ihr wißt es: Satan, die Schlange, der Widersacher, der Feind, der Haß. Nennt ihn, wie ihr wollt. Aber weshalb hat er ihn verdorben? Aus großem Neid. Weil der Mensch für den Himmel bestimmt war, aus dem er selbst verstoßen worden war. So wünschte er auch dem Menschen die Verbannung, unter der er selbst litt. Weshalb verjagt? Weil er sich gegen Gott empörte, ihr wißt es. Aber wie? Durch seinen Ungehorsam. Am Anfang des Schmerzes steht der Ungehorsam. Ist es dann nicht notwendig und logisch, daß, um die Ordnung, die immer Freude ist, wiederherzustellen, vollkommener Gehorsam erforderlich ist? Gehorchen ist nicht leicht, vor allem in schwerwiegenden Dingen. Das Schwierige schmerzt den, der es vollbringt. Bedenkt nun, ob

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ich, den die Liebe gefragt hat, ob er den Gotteskindern die Freude wiederbringen will, nicht unendlich viel leiden muß, um den Gedanken Gottes Gehorsam zu leisten. Ich muß also leiden, um nicht nur eine oder tausend Sünden zu tilgen, zu besiegen, sondern die Sünde an sich und im wahrsten Sinn des Wortes, die im Geist Luzifers, des Engels, und im Geist, der Adam belebte, die Sünde des Ungehorsams gegen Gott war und es immer sein wird, bis zum letzten Menschen.

Ihr Menschen müßt nur beschränkt dem Wenigen gehorchen – er scheint euch viel zu sein, aber es ist nur so wenig – was Gott von euch verlangt. In seiner Gerechtigkeit verlangt er nur das, was ihr geben könnt. Ihr wißt von den Wünschen Gottes nur, was ihr erfüllen könnt. Aber ich kenne alle seine Pläne in den größten und kleinsten Dingen. Mir sind keine Grenzen im Erkennen und im Handeln gesetzt. Der voll Liebe Opfernde, der göttliche Abraham, verschont nicht sein Opferlamm, seinen eigenen Sohn. Die unbefriedigte, beleidigte Liebe verlangt nach Wiedergutmachung und Opfer. Und wenn ich tausend und abertausend Jahre leben würde, es wäre alles nichts, wenn ich nicht den Menschen bis zum Letzten überwinden würde. Ebenso wäre alles nichts, wenn ich nicht von Ewigkeit her dem Vater mein Ja gegeben hätte und bereit gewesen wäre zu gehorchen, sowohl als Gottessohn als auch als Mensch, zu dem von meinem Vater bestimmten richtigen Zeitpunkt. Der Gehorsam ist Schmerz und Herrlichkeit. Der Gehorsam, wie der Geist, stirbt nie. Wahrlich, ich sage euch, die wahrhaft Gehorsamen werden Götter sein, aber erst nach einem ausdauernden Kampf gegen sich selbst" die Welt und Satan. Der Gehorsam ist Licht. Je gehorsamer man ist, um so klarer sieht man. Der Gehorsam ist Geduld. Je gehorsamer man ist, um so leichter erträgt man Dinge und Personen. Der Gehorsam ist Demut. Je gehorsamer man ist, um so demütiger ist man dem Nächsten gegenüber. Der Gehorsam ist Liebe, da er ein Akt der Liebe ist. Je gehorsamer man ist, um so zahlreicher und vollkommener sind unsere Akte der Liebe. Gehorsam ist Heldenhaftigkeit. Der Held des Geistes ist der Heilige, der Bürger des Himmels, der vergöttlichte Mensch. Wenn die Liebe die Tugend ist, in der man den einen und dreieinigen Gott wiederfindet, so ist der Gehorsam die Tugend, in der man mich findet, euren Meister. Sorgt dafür, daß die Welt euch als meine Jünger erkenne an eurem absoluten Gehorsam allem gegenüber, was heilig ist. Ruft Judas. Ich habe auch ihm etwas zu sagen .»

Judas eilt herbei. Jesus weist auf den Ausblick, der sich immer mehr verengt, je weiter sie hinabsteigen, und sagt: «Ein kleines Gleichnis für euch, die künftigen Geisteslehrer. Je weiter ihr auf dem steilen, mühevollen Weg der Vollkommenheit hinaufsteigt, um so mehr werdet ihr sehen. Wir haben zuerst die beiden Ebenen gesehen, die der Philister und die von Saron mit den zahlreichen Dörfern, Feldern und Obstgärten, und sogar das ferne Blau des großen Meeres und den grünen Karmel im Hintergrund.

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Jetzt sehen wir nur noch wenig. Der Horizont hat sich verengt und wird sich immer mehr verengen, bis er im Talgrund gänzlich verschwindet. Dasselbe geschieht dein, der geistig absteigt anstatt emporzusteigen: immer geringer werden seine Tugend und seine Weisheit, immer beschränkter wird seine Urteilsfähigkeit, bis er sie völlig verliert. Dann ist ein Meister des Geistes seiner Sendung verlorengegangen. Er unterscheidet nicht mehr und kann nicht mehr Führer sein. Er ist ein Leichnam und kann nur verderben, so wie er selbst verdorben ist. Das Abgleiten erfolgt vielleicht unfreiwillig, sogar fast immer, denn seine Ursache ist die Befriedigung der Sinne. Auch wir steigen hinab ins Tal, um Ruhe und Nahrung zu finden. Aber wenn wir dies auch für unseren Körper brauchen, so ist es deshalb noch lange nicht notwendig, der sinnlichen Begierlichkeit und der Trägheit des Geistes nachzugeben und in die Auen moralischer und seelischer Weichlichkeit hinabzusteigen. Nur ein einziges 'Tal darf man betreten, das Tal der Demut, und dies, weil Gott selbst in dieses Tal hinabsteigt, um den Geist des Demütigen an sich zu ziehen und ihn zu sich emporzuheben. Wer sich erniedrigt, wird erhöht werden. Jedes andere Tal ist tödlich, weil es vom Himmel entfernt.»

«Deswegen hast du mich gerufen, Meister?»

«Deswegen. Du hast viel mit denen gesprochen, die dich befragt haben.»

«Ja, und es war nicht der Mühe wert. Sie sind sturer als Maulesel.»

«Und ich wollte etwas zu denken geben, wo alles entschwunden ist. Damit du deinen Geist nähren kannst.»

Judas schaut ihn ganz verblüfft an. Er weiß nicht, ob es ein Lob oder ein Vorwurf ist. Die anderen, die die Gespräche des Iskariots mit den ihnen folgenden Leuten nicht gehört haben, begreifen nicht, daß Jesus Judas wegen seines Hochmuts tadelt.

Judas zieht es vor, das Gesprächsthema zu wechseln und fragt: «Meister, was meinst du? Können diese Römer oder der Mann von Petra jemals deine Lehre annehmen, da sie nur so wenig mit dir zusammengekommen sind? Und dieser Alexander? Er ist fortgegangen... Wir werden ihn nie mehr zu Gesicht bekommen. Man könnte glauben, daß sie instinktiv die Wahrheit suchen, daß sie aber bis zum Hals in ihr Heidentum versunken sind. Werden sie es jemals zu etwas Gutem bringen?»

«Meinst du damit, ob sie jemals die Wahrheit finden werden?»

«Ja, Meister.»

«Und warum sollte es ihnen nicht gelingen?»

«Weil sie Sünder sind.»

«Sind nur sie allein Sünder? Sind unter uns denn keine?»

«Viele, das gebe ich zu. Aber gerade deshalb sage ich, daß wenn wir, die wir schon seit Jahrhunderten von der Weisheit und der Wahrheit genährt werden, Sünder sind und es uns nicht gelingt, gerecht und Nachfolger

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dieser Wahrheit zu werden, die du darstellst, wie können sie es dann schaffen, die so sehr von Unreinheit durchdrungen sind?»

«Jeder Mensch kann zur Wahrheit gelangen, sie erkennen und besitzen, und mit ihr Gott, von wo auch immer er aufbricht zu ihrer Erlangung. Wenn bei ihm nicht geistiger Hochmut und fleischliche Verderbtheit vorherrschen, sondern aufrichtiges Verlangen nach Wahrheit und Licht, Reinheit der Absicht und Sehnsucht nach Gott, dann ist ein Geschöpf ganz sicher auf dem Weg zu Gott.»

«Hochmut des Geistes... Verderbtheit des Fleisches... Meister... dann...»

«Vollende den Gedanken, er ist gut.»

Judas zögert erst und sagt dann: «Also können sie nicht zu Gott gelangen, weil sie verderbt sind.»

«Das ist es nicht, was du sagen wolltest, Judas. Warum hast du deine Gedanken und dein Gewissen geknebelt? Oh! Wie schwierig ist es für den Menschen, zu Gott emporzusteigen! Und das Haupthindernis steckt in ihm selbst, da er seine Fehler nicht bekennen und nicht über sich selbst nachdenken will. Wahrlich, auch Satan ist oft verleumdet worden, indem man ihm alle Schuld an der geistigen Verderbnis zugeschrieben hat. Noch mehr wird Gott selbst verleumdet, indem man ihm alle Ereignisse zuschreibt. Gott verletzt die Freiheit des Menschen nicht. Satan vermag nichts über einen im Guten gefestigten Willen. Wahrlich, ich sage euch: siebzig von hundert Menschen sündigen aus eigenem freiem Willen. Und man bedenkt dies nicht, aber es ist so: Der Mensch erhebt sich nicht aus der Sünde, weil er der Selbstprüfung entgehen will, und auch wenn das Gewissen sich ganz unerwartet wehrt und ihm die Wahrheit zuschreit, über die er nicht nachdenken wollte, erstickt er diesen Aufschrei, verscheucht die strenge und trauernde Gestalt, die sich vor seinem Geist erhebt, verdrängt mit Gewalt den von der anschuldigenden Stimme erweckten Gedanken und will z.B. nicht zugeben: "Dann können wir, ich, nicht zur Wahrheit gelangen, weil wir geistigen Stolz und fleischliche Verderbnis nähren." Wahrlich, wir sind nicht auf dem Weg zu Gott, weil geistiger Hochmut und Verderbnis des Fleisches unter uns herrschen. Ein Hochmut, der mit dem Satans wetteifert, so sehr, daß wir die Handlungen Gottes bemängeln und ihnen Hindernisse in den Weg legen, wenn sie den Interessen der Menschen und Parteien zuwider sind. Und diese Sünde macht aus vielen in Israel auf ewig Verdammte.»

«Wir sind aber nicht alle so.»

«Nein. Menschen guten Geistes gibt es noch, und in allen Schichten. Zahlreicher sind sie jedoch bei den Niedrigen des Volkes als bei den Gelehrten und Reichen. Aber es gibt sie. Doch wie viele sind es? Wie viele im Verhältnis zu diesem Volk von Palästina, das ich seit fast drei Jahren belehre und mit Wohltaten überhäufe und für das ich mich verzehre. Es gibt

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mehr Sterne an einem bewölkten Nachthimmel als Seelen in Israel, die gewillt sind, in mein Reich zu kommen.»

«Und die Heiden, diese Heiden, werden sie hineinkommen?»

«Nicht alle, aber viele. Auch unter meinen eigenen Jüngern werden nicht alle ausharren bis ans Ende. Aber sorgen wir uns nicht um die Früchte, die verfault vom Baum fallen. Versuchen wir, solange wir können, ihre Fäulnis zu verhindern durch Sanftheit und Festigkeit, durch Ermahnung und Verzeihung, durch Geduld und Liebe. Wenn sie dann "Nein" sagen zu Gott und zu den Brüdern, die sie retten wollen, wenn sie sich in die Arme des Todes und Satans werfen und unbußfertig sterben, dann neigen wir das Haupt und opfern Gott unseren Schmerz auf, weil es uns nicht gelungen ist, ihn durch die Rettung dieser Seelen zu erfreuen. Jeder Lehrer kennt solche Niederlagen, und auch sie sind zu etwas gut. Sie können dazu dienen, den Hochmut des Seelenführers zu ertöten und seine Beharrlichkeit im Dienst der Seelen zu prüfen. Die Niederlage darf jedoch nicht den Willen des geistigen Erziehers erlahmen lassen, sondern sie sollte ihn anspornen, in Zukunft mehr und besser zu arbeiten.»

«Warum hast du dem Decurio gesagt, daß du ihn auf einem Berg wiedersehen würdest? Wie kannst du das wissen?»

Jesus schaut Judas mit einem eindringlichen, eigenartigen Blick an, gleichzeitig traurig und lächelnd, und sagt: «Er wird zugegen sein bei meiner Erhöhung und dem großen Lehrer Israels ein strenges Wort der Wahrheit sagen. Und von diesem Zeitpunkt an wird er sich auf dem sicheren Weg zum Licht befinden. Aber hier ist Gibeon. Petrus soll mit sieben anderen vorausgehen und mich ankündigen. Ich werde sogleich sprechen, damit ich die, die mir aus den benachbarten Dörfern gefolgt sind, entlassen kann. Die übrigen werden bis nach dem Sabbat bei mir bleiben. Du, Judas, bleibe bei Matthäus, Simon und Bartholomäus.»

(Bei der Kreuzigung habe ich keinen Soldaten entdeckt, der diesem Decurio geglichen hätte. Ich muß aber auch sagen, daß ich wegen der aufmerksamen Betrachtung meines Jesus nicht sehr auf sie geachtet habe. Sie waren für mich einfach eine Gruppe diensttuender Soldaten. Mehr nicht. Und wenn ich sie auch besser hätte beobachten können als "alles vollbracht war", so war das Licht doch so schwach, daß ich nur sehr bekannte Gesichter erkennen konnte. Ich glaube aber, daß es nach den Worten Jesu jener Soldat gewesen sein muß der einige Worte zu Gamaliel sagte, deren ich mich jetzt nicht mehr entsinne, und die ich auch nicht nachsehen kann, da ich allein bin und mir niemand das Heft mit der Passion geben kann.)

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570. IN GIBEON

Im Frühling, Sommer und Herbst muß Gibeon eine angenehme und luftige Stadt sein mit einem herrlichen Ausblick. Sie liegt auf der Anhöhe eines einzelnen lieblichen, niedrigen Hügels in einer sehr fruchtbaren Ebene. Ihre weißen Häuser verstecken sich fast zwischen den immergrünen Bäumen jeglicher Art, unter die sich zu dieser Jahreszeit auch kahle Bäume mischen, die dann wohl im Frühling den Hügel in eine Wolke leichter Blütenblätter verwandeln und später in ein Füllhorn von Früchten. Jetzt, im Grau des Winters, zeigt er seine Hänge mit ihren Reihen kahler Weinstöcke und silbergrauer Ölbäume, und dazwischen die dunklen Stämme entlaubter Obstbäume. Dennoch ist diese Anhöhe schön und luftig, und das Auge ruht sich aus beim Anblick der Hänge und der gepflügten Ebene.

Jesus begibt sich zu einer großen Zisterne oder einem Brunnen, der mich ein wenig an den der Samariterin, an En Rogel und mehr noch an die Wasserbehälter von Hebron erinnert.

Viele Leute sind dort. Menschen, die noch schnell reichlich Wasser schöpfen für den nahenden Sabbat. Leute, die ihre letzten geschäftlichen Angelegenheiten erledigen oder sich nach vollendeter Arbeit schon der Sabbatruhe hingeben.

Mitten unter ihnen sind die acht Apostel, die den Meister ankündigen und schon einigen Erfolg gehabt haben, denn ich sehe, daß Kranke herbeigebracht werden, Bettler sich versammeln und auch andere Leute aus den Häusern kommen.

Als Jesus den Platz betritt, auf dem sich das Wasserbecken befindet, entsteht ein Flüstern, das schließlich in den einstimmigen Ruf übergeht: «Hosanna! Hosanna! Der Sohn Davids ist unter uns. Gesegnet sei die Weisheit, die dorthin kommt, wo sie angerufen wurde!»

«Gesegnet seid ihr, die ihr sie aufnehmt. Friede! Friede und Segen!»Dann begibt sich Jesus sogleich zu den Kranken, zu den durch Unglücksfälle oder Krankheiten Verkrüppelten und den nie fehlenden Blinden oder schon beinahe Blinden, und heilt sie.

Sehr schön ist die wunderbare Heilung eines stummen Kindes, das eine Mutter ihm weinend darreicht. Jesus heilt es mit einem Kuß auf den Mund, und das Kind gebraucht die ihm vom Wort verliehene Sprache dazu, die beiden schönsten Namen auszurufen: «Jesus! Mutter!» Aus den Armen der Mutter, die es hoch über die Menge gehalten hat, wirft sich das Knäblein in die Arme Jesu und hängt sich an seinen Hals, bis dieser es der glücklichen Mutter wiedergibt. Die Frau erklärt Jesus, wie ihr Erstgeborener in den Herzen der Eltern schon vor seiner Geburt zum Leviten bestimmt war und es nun werden kann, da er ohne Gebrechen ist. «Nicht für mich hatte ich zusammen mit meinem Mann Joachim seine

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Heilung vom Herrn erbeten, sondern auf daß er dem Herrn diene. Nicht damit er mich Mutter nenne und mir sage, daß er mich liebt, habe ich für ihn die Sprache erbeten. Schon seine Augen und seine Küsse sagten mir das. Ich habe vielmehr darum gebeten, damit er als makelloses Lamm ganz dem Herrn dargebracht werden könne, um seinen Namen zu preisen.»

Darauf antwortet Jesus: «Der Herr hat das Wort deiner Seele vernommen, denn wie eine Mutter läßt er Gefühlen Worte und Taten folgen. Gut war dein Begehren, und der Allerhöchste hat dich erhört. Nun erziehe deinen Sohn zum vollkommenen Lob, damit er vollkommen werde im Dienst seines Herrn.»

«Ja, Rabbi. Aber sage du mir, was ich tun soll.»

«Sorge dafür, daß er den Herrn, seinen Gott, mit seinem ganzen Sein liebt; dann wird in seinem Herzen von selbst das vollkommene Lob erblühen, und vollkommen wird er sein im Dienst seines Herrn.»

«Das hast du gut, gesagt, Rabbi. Die Weisheit ist auf deinen Lippen. Sprich zu uns allen, ich bitte dich darum», sagt ein würdevoller Gibeoniter, der sich einen Weg zu Jesus gebahnt hat und ihn nun in die Synagoge einlädt. Es ist sicher der Synagogenvorsteher.

Jesus begibt sich dorthin, gefolgt von allen anderen. Und da unmöglich alle aus der Stadt und aus dem Gefolge Jesu darin Platz finden, geht Jesus auf den Vorschlag des Vorstehers ein, auf der Terrasse seines Hauses neben der Synagoge zu sprechen. Ein niedriges, breites Haus, das auf zwei Seiten vom dauerhaften Grün eines Jasmin-Spaliers bewachsen ist.

Die mächtige, harmonische Stimme Jesu ertönt in der ruhigen Luft des hereinbrechenden Abends über den Platz und die drei Wege, die dort münden, während ein kleines Meer von Köpfen mit erhobenen Gesichtern dasteht, um ihm zuzuhören.

«Die Frau aus eurer Stadt, die die Sprache für ihr Kind erbeten hat, nicht weil sie von den Lippen ihres Sohnes süße Worte hören wollte, sondern damit er zum Dienst Gottes befähigt sei, erinnert mich an ein anderes früheres Wort aus dem Mund eines großen Mannes eben dieser Stadt. Auf dieses wie auf das Wort eurer Mitbürgerin hat Gott mit einem "Ja" geantwortet, weil er in beiden eine Bitte der Gerechtigkeit sah; einer Gerechtigkeit, die in allen Bittgebeten vorhanden sein sollte, damit sie Aufnahme und Gnade bei Gott finden. Was ist nötig im Leben, um einst den ewigen Lohn zu empfangen, das wahre und ewige Leben in einer Glückseligkeit ohne Ende? Man muß Gott lieben mit seinem ganzen Wesen und den Nächsten wie sich selbst. Das ist das Allerwichtigste, um Gott zum Freund zu haben und von ihm Gnaden und Segen zu erlangen. Als Salomon nach dem Tode Davids König wurde, begab er sich in diese Stadt, wo er große Opfergaben darbrachte, Und in derselben Nacht erschien ihm der Höchste und sprach zu ihm: "Verlange, was ich dir geben soll!" Ein

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Zeichen großer Güte Gottes, und eine große Prüfung für den Menschen. Denn jede Gabe bringt eine große Verantwortung für den Empfänger mit sich, eine um so größere Verantwortung, je größer Gottes Gabe ist. Und sie ist auch eine Prüfung für den Bildungsgrad des Geistes. Wenn eine von Gott begnadete Seele, anstatt sich zu vervollkommnen, hinabsteigt Zum Materiellen, dann hat sie die Prüfung nicht bestanden und beweist dadurch ihre fehlende oder mangelhafte Bildung. Zwei Dinge sind es, die den geistigen Wert des Menschen anzeigen: die Art, wie er sich in der Freude, und die Art, wie er sich im Schmerz verhält. Nur der in der Gerechtigkeit Fortgeschrittene wird demütig bleiben bei Ehrungen, treu in der Freude, dankbar und beständig, auch nachdem er sein Begehren erfüllt sieht und ihm nichts mehr zu wünschen übrigbleibt. Aber er versteht es auch, geduldig und beharrlich in der Liebe zu seinem Gott zu bleiben, wenn das Leid ihn erbarmungslos trifft, wenn er wirklich heilig ist.»

«Meister, darf ich dich etwas fragen?» sagt einer von Gibeon.

«Sprich.»

«Alles ist wahr, was du sagst. Und wenn ich es richtig verstanden habe, willst du sagen, daß Salomon seine Prüfung gut bestanden hat. Aber später hat er doch gesündigt. Nun sage mir: Warum hat Gott ihm solche Wohltaten erwiesen, da er doch später sündigen sollte. Sicher kannte der Herr die künftige Sünde des Königs. Warum hat er dennoch zu ihm gesagt: "Verlange, was du willst." War das gut oder schlecht?»

«Es war auf jeden Fall gut, denn Gott tut nichts Schlechtes.»

«Aber du hast doch gesagt, daß jedes Geschenk eine Verantwortung mit sich bringt. Nun aber hatte Salomon um Weisheit gebeten und sie auch erlangt...»

«Er hatte die Verantwortung, weise zu sein, und er war es nicht, willst du sagen. Das ist wahr. Und ich sage dir, daß dieses Fehlen gegen die Weisheit bestraft wurde, und zurecht. Aber die Tatsache, daß Gott ihm die Weisheit gewährte, war gut, und gut war es auch, daß Salomon um Weisheit bat und nicht um andere Dinge. Da Gott Vater und zugleich auch Gerechtigkeit ist, hat er ihm im Augenblick seiner Verwirrung einen großen Teil seiner Fehler verziehen, da er bedachte, daß der Sünder früher einmal die Weisheit mehr geliebt hat als alles andere in der Welt. Das eine hat das andere abgeschwächt. Das Gute, das vor der Sünde vollbracht wurde, bleibt und fällt ins Gewicht bei der Verzeihung, wenn der Sünder seine Sünden bereut. Daher sage ich euch: Laßt die Gelegenheit, Gutes zu tun, nicht vorübergehen, damit es wie Münzen gegen eure Sünden aufgerechnet werden kann, wenn ihr euch mit der Gnade Gottes reumütig bekehrt.

Auch wenn die guten Taten der Vergangenheit anzugehören scheinen und man daher irrtümlich annehmen könnte, daß sie nicht mehr in uns wirken und keine neuen Anreize und Kräfte zum Guten erwecken, sind sie dennoch immer aktiv, und sei es nur durch die Erinnerung, die in der

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gefallenen Seele aufsteigt und eine schmerzliche Sehnsucht nach der Zeit, als man noch gut war, weckt. Und das Bedauern ist oft der erste Schritt auf dem Weg der Rückkehr zur Gerechtigkeit. Ich habe gesagt, daß auch ein Becher Wasser, den man mit Liebe dem Dürstenden reicht, nicht unbelohnt bleibt. Ein Schluck Wasser ist nichts, wenn man nur den materiellen Wert betrachtet, aber etwas Großes macht aus ihm die Liebe, so daß er nicht ohne Belohnung bleibt. Bisweilen besteht der Lohn in der Rückkehr zum Guten durch die Erinnerung an diese Tat, an die Worte des durstenden Bruders und an die Gefühle des Herzens von damals, des Herzens, das im Namen Gottes und aus Liebe Wasser reichte. Und dann, als Folge einer Reihe von Erinnerungen, kehrt Gott zurück und leuchtet am Horizont eines armen Herzens, das ihn verloren hatte, wie die Sonne nach der finsteren Nacht erneut aufsteigt. Und der Mensch, bezaubert von seiner unaussprechlichen Gegenwart, demütigt sich und ruft: "Vater, ich habe gesündigt! Verzeihe mir! Ich liebe dich wieder."

Die Liebe zu Gott ist Weisheit. Sie ist die Weisheit aller Weisheiten, denn wer liebt, kennt alles und besitzt alles. Da der Abend herniedersinkt und der Abendwind die Menschen in ihren Kleidern frösteln und die Fackeln, die ihr angezündet habt, flackern läßt, will ich nicht länger bleiben, um euch zu sagen, was ihr schon kennt: die Stellen im Buche der Weisheit, wo geschrieben steht, wie Salomon die Weisheit erwarb und welches Gebet er sprach, um sie zu erlangen. Aber zur Erinnerung an mich und damit ihr einen sicheren Weg und ein Licht, das euch führt, habt, fordere ich euch auf, mit eurem Synagogenvorsteher diese Seiten zu betrachten. Das Buch der Weisheit sollte ein Gesetzbuch des geistigen Lebens sein. Wie eine mütterliche Hand sollte es euch leiten und einführen in die vollkommene Erkenntnis der Tugenden und meiner Lehre. Denn die Weisheit bereitet mir die Wege und macht aus den kurzlebigen Menschen, die unfähig sind, Recht und Gesetz Gottes zu verstehen, Knechte und Söhne der Mägde Gottes, Götter des göttlichen Paradieses.

Sucht vor allem die Weisheit, um den Herrn zu ehren und um ihn am Tag der Ewigkeit sagen zu hören: "Weil du vor allem nach ihr gesucht hast und nicht nach Reichtümern, Gütern, Ehre, langem Leben und Sieg über deine Feinde, sei dir die Weisheit zugestanden.", d.h. Gott selbst. Denn der Geist der Weisheit ist der Geist Gottes. Sucht vor allem die heilige Weisheit, und ich sage euch, alles andere wird euch hinzugegeben werden, und so, wie kein Großer der Welt es erlangen kann. Liebt Gott! Bemüht euch nur darum, ihn zu lieben. Liebt euren Nächsten, um Gott zu ehren. Weiht euch dem Dienst Gottes, seinem Triumph in den Herzen. Bekehrt alle zum Herrn, die noch nicht Freunde Gottes sind. Seid heilig. Häuft heilige Werke an zu eurer Verteidigung gegen die möglichen Schwächen des Geschöpfes. Seid dem Herrn treu. Kritisiert weder die Lebenden noch die Toten. Bemüht euch vielmehr, die Guten nachzuahmen. Und nicht zu

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eurer irdischen Freude, sondern zur Freude Gottes bittet den Herrn um Gnaden, und sie werden euch gegeben werden.

Laßt uns gehen. Morgen werden wir zusammen beten, und Gott wird mit uns sein.»

Dann segnet sie Jesus und entläßt sie.

571. ZURÜCK NACH JERUSALEM

Ein kalter, feuchter Wind weht über die Bäume des Hügels und treibt am Himmel graue Wolkenmassen vor sich her. Ganz in ihre schweren Mäntel gehüllt, steigen Jesus und die Zwölf mit Stephanus von Gibeon zu dem Weg hinab, der in die Ebene führt. Sie sprechen miteinander, während Jesus, wie so oft, schweigt und weit weg ist von allem, was ihn umgibt. Er schweigt, bis sie auf halber Höhe oder vielmehr schon fast am Fuß des Hügels an eine Wegkreuzung gelangen; dann sagt er: «Nehmen wir diesen Weg und gehen wir nach Nob.»

«Wie? Kehrst du nicht nach Jerusalem zurück?» fragt Iskariot.

«Nob und Jerusalem ist fast das Gleiche für den, der das viele Wandern gewohnt ist. Aber ich ziehe es vor, in Nob zu bleiben. Mißfällt dir das?»

«Oh, Meister! Hier oder dort, für mich ist es dasselbe... Es mißfällt mir vielmehr, daß du in einem Ort, der dir so zugetan ist, so wenig Bedeutendes getan hast. In Beth Horon hast du viel länger gesprochen, obwohl es dir gewiß nicht gerade freundlich gesinnt war. Mir scheint, du solltest das Gegenteil tun. Du solltest versuchen, immer mehr die Städte an dich zu ziehen, die du dir gewogen weißt, und daraus... Stützpunkte machen gegen die Städte, die von deinen Feinden beherrscht werden. Weißt du, wie wichtig es ist, die Städte in der Nähe Jerusalems auf deiner Seite zu haben? Schließlich ist ja Jerusalem nicht alles. Auch die anderen Orte können eine Bedeutung haben und einen entscheidenden Einfluß auf Jerusalem ausüben. Für gewöhnlich werden die Könige in den treuesten Städten ausgerufen, und die anderen fügen sich dann den Tatsachen."

«Wenn sie nicht rebellieren, denn dann gibt es einen Bürgerkrieg. Aber ich glaube nicht, daß der Messias sein Reich mit einem Bürgerkrieg beginnen will», sagt Philippus.

«Ich möchte nur eins: daß mein Reich in euch mit einer klaren, richtigen Auffassung beginne. Wann werdet ihr mich endlich verstehen?»

Da Judas Iskariot merkt, daß wahrscheinlich ein Tadel im Anzug ist, fragt er weiter: «Warum hast du also hier in Gibeon nur so kurz gesprochen ?»

«Ich habe es vorgezogen, zuzuhören und auszuruhen. Versteht ihr nicht, daß auch ich der Ruhe bedarf?»

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«Wir hätten dort einige Zeit bleiben und sie glücklich machen können. wenn du so müde bist, warum hast du dich dann wieder auf den Weg gemacht?» fragt Bartholomäus ganz betrübt.

«Meine Glieder sind nicht müde. Ich brauche keinen Aufenthalt, um ihnen Ruhe zu gönnen. Mein Herz ist es, das müde ist und Ruhe braucht; und Ruhe finde ich, wo ich Liebe finde. Glaubt ihr vielleicht, ich sei unempfindlich gegenüber so viel Haß, und die Abweisung würde mich nicht schmerzen? Glaubt ihr, daß die Verschwörungen gegen mich mir nicht eine Last sind? Daß ich den Verrat derer, die sich als Freunde ausgeben und in Wirklichkeit Späher meiner Feinde sind, die man mir geschickt hat ...»

«Da sei Gott vor, Herr! Du darfst nicht einmal einen solchen Verdacht haben. Wenn du so sprichst, beleidigst du uns», protestiert Iskariot und übertrifft mit seiner tief bekümmerten Entrüstung alle anderen, obgleich alle protestieren und sagen: «Meister, du betrübst uns mit diesen Worten. Du zweifelst an uns!» Jakobus des Zebedäus ruft impulsiv aus: «Ich verabschiede mich von dir, Meister, und kehre mit gebrochenem Herzen nach Kapharnaum zurück. Aber ich gehe fort, und wenn Kapharnaum nicht weit genug ist, fahre ich mit den Fischern von Tyrus und Sidon nach Citium. So weit fort, daß du unmöglich mehr denken kannst, daß ich dich verrate. Gib mir deinen Segen für die Reise!»

Jesus umarmt ihn mit den Worten: «Friede, mein Apostel. Es gibt so viele, die sich meine Freunde nennen, nicht nur ihr allein. Dich und euch alle schmerzen meine Worte, aber welchen Herzen soll ich meine Traurigkeit mitteilen und wo soll ich Trost suchen, wenn nicht bei meinen Aposteln und treuen Jüngern? Ich suche bei euch etwas von der Vereinigung mit meinem Vater im Himmel, den ich verlassen habe, um die Menschen zu vereinigen; und einen Tropfen der Liebe meiner Mutter, die ich aus Liebe zu den Menschen verlassen habe. Ich suche sie zu meiner Stärkung. Oh! Die bittere Welle, die unmenschliche Last überfluten und bedrücken mein Herz, das Herz des Menschensohnes! ... Meine Passion, meine Stunde rückt immer näher... Helft mir, sie zu ertragen, sie zu erfüllen... denn sie ist so schmerzlich.»

Die Apostel schauen sich an, zutiefst gerührt von dem tiefen Schmerz, der aus den Worten des Meisters spricht, und sie wissen nichts anderes zu tun, als sich an ihn zu hängen, ihn zu liebkosen und zu küssen... Judas und Johannes küssen ihn gleichzeitig auf die rechte und die linke Wange, und Jesus senkt die Lider, um seine Augen zu verbergen, während Judas Iskariot und Johannes ihn küssen...

Sie gehen wieder weiter, und Jesus kann seinen unterbrochenen Gedankengang vollenden: «In dieser großen Betrübnis sucht mein Herz nach Orten, wo es Liebe und Ruhe findet. Wo es nicht zu harten Steinen, listigen Schlangen oder flatternden Schmetterlingen spricht, sondern die Worte

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anderer Herzen hören und in ihrer Aufrichtigkeit, Liebe und Gerechtigkeit Trost finden kann. Gibeon ist einer dieser Orte. Ich war bisher noch nie dort. Aber ich habe ein von guten Arbeitern Gottes gepflügtes und besätes Feld vorgefunden. Der Synagogenvorsteher! Er ist zum Licht gekommen, aber sein Geist war schon erleuchtet. Wieviel Gutes vermag ein guter Diener Gottes zu wirken! Auch Gibeon ist sicherlich den Machenschaften derer ausgesetzt, die mich hassen. Böse Andeutungen und Verderbnis werden auch dort einzudringen suchen. Aber im Ort ist ein Synagogenvorsteher, der ein Gerechter ist, und das Gift des Bösen verliert dort seine Wirkung. Glaubt ihr, es sei mir angenehm, immer verbessern, verbieten und sogar tadeln zu müssen? Viel lieber ist es mir, wenn ich sagen kann: "Du hast die Weisheit verstanden. Fahre fort auf deinem Weg und sei heilig", wie ich es dem Vorsteher von Gibeon gesagt habe.»

«Werden wir also dorthin zurückkehren?»

«Wenn der Vater mich einen Ort des Friedens finden läßt, freue ich mich und preise meinen Vater. Aber ich bin nicht dazu gekommen. Ich bin gekommen, um die schuldbeladenen Orte zu bekehren, die fern vom Herrn sind. Ihr seht, ich könnte in Bethanien sein, aber ich bin es nicht.»

«Auch um Lazarus nicht zu schaden?»

«Nein, Judas des Simon. Selbst die Steine wissen, daß Lazarus mein Freund ist. Es wäre also unnütz, wenn ich aus diesem Grund mein Verlangen nach Tröstung unterdrücken würde. Es ist vielmehr wegen...»

«Wegen der Schwestern des Lazarus, besonders wegen Maria.»

«Auch das nicht, Judas des Simon. Selbst die Steine wissen, daß die Wollust des Fleisches mich nicht anficht. Bedenke, daß unter den zahlreichen Anklagen, die man gegen mich vorgebracht hat, die erste, die zusammen gebrochen ist, gerade diese war. Denn auch meine verbissensten Gegner haben begriffen, daß die Aufrechterhaltung dieser Anklage ihre Lügenhaftigkeit entlarvt hätte. Keiner unter den ehrenhaften Menschen hätte geglaubt, daß ich ein sinnlicher Mensch bin. Die Sinnlichkeit kann nur jene anziehen, die sich nicht vom Übernatürlichen nähren und vor dem Opfer zurückschrecken. Aber wie sollte eine Stunde des Genusses Anziehungskraft für den besitzen, der sich dem Opfer geweiht hat und selbst ein Opfer ist? Die Freude der Opferseelen liegt ausschließlich im Geist, und wenn sie auch ein Fleisch umkleidet, so bleibt dieses eben nur eine Bekleidung. Meinst du, daß die Gewänder, die wir tragen, Gefühle haben? Ebenso ist das Fleisch für die, die im Geist leben, ein Kleid und nichts weiter. Der geistige Mensch ist der wahre Übermensch, da er nicht Sklave der Sinne ist, während der rein auf die Materie ausgerichtete Mensch ein UnWert ist, was die wahre Würde des Menschen betrifft, da er mit dem unvernünftigen Tier gar zu viele Gelüste gemeinsam hat. Er steht sogar noch

unter ihm und übertrifft es insofern, als er aus dem tierischen Instinkt ein erniedrigendes Laster macht.»

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Judas beißt sich verwirrt auf die Lippen und sagt schließlich: «Ja, und außerdem könntest du Lazarus nicht mehr schaden. Bald wird ihn der Tod von jeglicher Gefahr eines Racheaktes befreien... Warum also gehst du nicht häufiger nach Bethanien?»

«Weil ich nicht gekommen bin, um das Leben zu genießen, sondern um zu bekehren. Ich habe es dir schon gesagt.»

«Aber... du freust dich doch, wenn du deine Brüder bei dir hast.»

«Ja. Aber es ist auch wahr, daß ich nicht parteiisch bin, was sie betrifft. Wenn es heißt sich aufzuteilen, um in den Häusern Platz zu finden, bleiben sie gewöhnlich nicht bei mir, sondern ihr. Und dies, um euch zu zeigen, daß in den Augen und in den Gedanken dessen, der sich der Erlösung widmet, Fleisch und Blut nicht zählen, sondern nur die Bildung der Seelen und ihre Erlösung. Jetzt gehen wir nach Nob, und auch dort werden wir uns für die Nacht trennen und ich werde wieder dich bei mir behalten, und Matthäus, Philippus und Bartholomäus.»

«Sind wir vielleicht die am wenigsten Fortgeschrittenen? Besonders ich, da du mich immer bei dir haben willst?»

«Ja, so ist es, Judas des Simon.»

«Danke, Meister. Ich habe es mir gedacht», sagt Iskariot mit schlecht verborgenem Zorn.

«Wenn du es dir gedacht hast, warum gibst du dir dann keine Mühe, dich zu bessern? Glaubst du etwa, ich würde lügen, um dir eine Demütigung zu ersparen? Übrigens sind wir unter Brüdern, und die Fehlerhaftigkeit von einem unter euch sollte weder der Gegenstand des Spottes noch der Niedergeschlagenheit sein, wenn jemand vor den anderen, die die Schwächen jedes einzelnen Bruders schon kennen, zurechtgewiesen wird. Niemand ist vollkommen, ich sage es euch. Aber die allseitigen Unvollkommenheiten, so peinlich sie auch anzusehen und zu ertragen sind, müssen ein Grund zur Besserung sein, damit sie nicht das gegenseitige Mißbehagen vermehren. Und glaube mir, Judas, auch wenn ich dich erkenne als das, was du bist: niemand, nicht einmal deine Mutter, liebt dich, wie ich dich liebe, und bemüht sich so sehr, dich gut zu machen, wie dein Jesus.»

«Und doch tadelst und demütigst du mich, selbst in Gegenwart eines Jüngers.»

«Ist es das erste Mal, daß ich dich zur Gerechtigkeit aufrufe?» Judas schweigt. «Antworte mir!» sagt Jesus gebieterisch.

«Nein.»

«Und wie oft habe ich es öffentlich getan? Kannst du behaupten, daß ich dich beschämt habe? Oder mußt du nicht zugeben, daß ich dich in Schutz genommen und verteidigt habe? Sprich!»

«Du hast mich verteidigt, das ist wahr. Aber jetzt ...»

«Aber jetzt ist es zu deinem Besten. Wer einen schuldbeladenen Sohn liebkost, wird später seine Wunden verbinden müssen, sagt das

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Sprichwort; und ein anderes sagt, daß ein ungezähmtes Pferd unbrauchbar ist und der sich selbst überlassene Sohn auf Abwege gerät.»

«Aber bin ich denn dein Sohn?» fragt Judas, während sein Gesicht sich entspannt und die Bosheit sich in Zerknirschung wandelt.

«Wenn ich dich gezeugt hätte, könntest du es nicht mehr sein. Und ich würde mir das Herz herausreißen lassen, um es dir zu geben und dich nach meinen Wünschen formen zu können...»

Judas hat nun wieder einen seiner Momente der Umkehr... Er wirft sich aufrichtig, wahrhaft aufrichtig in die Arme Jesu und ruft: «Oh, ich bin deiner nicht wert! Ich bin ein Dämon und bin deiner nicht würdig! Du bist zu gut! Rette mich, Jesus!» Er weint, weint wirklich in der Erregung eines von bösen Dingen aufgewühlten Herzens und auch aus Reue darüber, den betrübt zu haben, der ihn liebt.

572. ICH BIN DER GUTE HIRTE

Jesus, der die Stadt durch das Herodestor betreten hat, durchquert sie nun in Richtung des Tyropoeon und des Vorortes Ophel.

«Gehen wir zum Tempel?» fragt Iskariot.

«Ja.»

«Gib acht auf das, was du tust!» mahnen mehrere.

«Ich werde mich nur zum Gebet dort aufhalten.»

«Sie werden dich festnehmen.»

«Nein. Wir werden den Tempel durch die nördlichen Tore betreten und ihn durch die südlichen verlassen, und sie werden keine Zeit haben, sich zu organisieren, um mir zu schaden. Es sei denn, einer wäre beständig hinter mir her und würde mich anzeigen.»

Niemand erwidert etwas, und Jesus geht dem Tempel zu, der nun schon erscheint auf seinem Hügel, fast gespenstisch im grünlichgelben Licht des düsteren Wintermorgens, an dem die blasse aufgehende Sonne sich bemüht, die schweren Wolkenmassen zu durchdringen und ihren Platz zu behaupten. Vergebliche Mühe! Der heitere Glanz der Morgenröte beschränkt sich auf einen blassen Widerschein von unwirklichem Gelb, der auch nicht gleichmäßig, sondern mit grauen und grünlichen Tönen vermischt ist. In diesem Licht erscheinen Marmor und Gold des Tempels farblos und traurig, ich möchte fast sagen unheimlich, wie Ruinen über den Trümmern einer toten Stadt.

Jesus betrachtet ihn aufmerksam beim Aufstieg zur Umfassungsmauer. Er betrachtet auch die Gesichter der morgendlichen Wanderer. Zum größten Teil niedriges Volk: Gärtner, Hirten mit Schlachtvieh, Knechte oder Hausfrauen, die sich zum Markt begeben. Alle gehen sie schweigsam

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ihres Weges, in Mäntel gehüllt und etwas gebeugt, um sich gegen den Morgenwind zu schützen. Auch die Gesichter scheinen blasser zu sein, als sie es gewöhnlich bei den Menschen dieser Rasse sind. Es ist das eigenartige Licht, das sie so grünlich oder beinahe perlgrau erscheinen läßt, und die farbigen Mäntel mit ihrem Grün, ihrem leuchtenden Violett und ihrem grellen Gelb tragen sicher nicht dazu bei, den Gesichtern eine gesunde Hautfarbe zu verleihen. Der eine oder andere grüßt den Meister, bleibt jedoch nicht stehen. Die Stunde ist nicht günstig. Bettler sind noch keine da, die ihre jammernden Rufe an den Straßenkreuzungen und unter den großen Bögen, die sich hier und da über die Straßen wölben, ertönen lassen. Die Stunde und die Jahreszeit tragen das Ihrige dazu bei, daß Jesus ohne Hindernisse vorwärtskommt.

Als sie bei der Umfassungsmauer des Tempels ankommen, gehen sie in den Vorhof der Israeliten. Sie beten, während Trompetenstöße – ich würde sagen, silberne Trompeten der Klangfarbe nach – über den ganzen Hügel erschallen und ein sicher wichtiges Ereignis ankündigen, und Weihrauchduft jeden anderen weniger angenehmen Geruch vertreibt, der sich hier auf dem Moriah bemerkbar machen könnte: also der ständige, fast schon natürliche Geruch der geschlachteten Tiere und ihres vom Feuer verzehrten Fleisches, des verbrannten Mehls und des brennenden Öls, der dort oben wegen der immerwährenden Brandopfer dauernd mehr oder weniger stark die Luft erfüllt.

Sie entfernen sich in eine andere Richtung, und allmählich werden die ersten Besucher des Tempels, einige, die zum Tempel gehören, und die Wechsler und Händler, die ihre Bänke und Einfriedungen aufstellen, auf sie aufmerksam. Aber es sind noch zu wenige, und die Überraschung ist so groß, daß sie nicht wissen, was sie tun sollen. Sie wechseln einige erstaunte Worte: «Er ist wieder zurückgekehrt!»

«Er ist also nicht nach Galiläa gegangen, wie es geheißen hat.»

«Aber wo war er denn versteckt, daß man ihn nirgends gefunden hat?»

«Er will sie offensichtlich herausfordern.»

«Wie töricht!»

«Wie heilig!» usw., je nach der Gesinnung der einzelnen.

Jesus ist schon außerhalb des Tempels und steigt den Weg nach Ophel hinunter, als er an der Kreuzung mit Wegen, die zum Sion hinaufführen, dem Blindgeborenen begegnet, den er vor kurzem geheilt hat. Er ist mit Körben voll duftender Äpfel beladen, geht frohen Mutes dahin und scherzt mit gleichaltrigen Jünglingen, die ebenfalls schwer beladen sind und in die entgegensetzte Richtung gehen.

Vielleicht würde der Jüngling nichtsahnend vorübergehen, da er ja weder das Antlitz Jesu noch das der Apostel kennt. Doch Jesus entgeht das Gesicht des wunderbar Geheilten nicht, und er ruft ihn. Sidonias, genannt Bartholmai, dreht sich um und schaut den trotz seiner einfachen

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Kleidung majestätischen Mann, der ihn beim Namen ruft und dabei auf ein kleines Gäßchen zugeht, fragend an.

«Komm hierher!» gebietet Jesus.

Der Jüngling nähert sich, ohne seine Bürde abzustellen. Er blickt Jesus an, und in der Meinung, dieser wolle seine Äpfel erwerben, sagt er: «Mein Herr hat diese schon verkauft, aber er hat noch andere, wenn du welche willst. Sie sind schön und gut. Gestern sind sie uns von den Obstgärten der Saronebene gebracht worden. Und wenn du viele kaufst, bekommst du einen großen Preisnachlaß, denn...»

Jesus lächelt, erhebt seine Rechte, um der Gesprächigkeit des Jünglings Einhalt zu gebieten, und sagt: «Ich habe dich nicht gerufen, um Apfel zu kaufen, sondern um mich mit dir zu freuen und den Höchsten zu preisen, der dir Gnade erwiesen hat.»

«Ja! Ich tue es immerzu, sowohl für das Licht, das ich sehe, als auch für die Arbeit, die ich verrichten kann und durch die ich meinem Vater und meiner Mutter endlich helfen kann. Ich habe einen guten Herrn gefunden. Er ist kein Jude, aber er ist gut. Die Hebräer wollten mich nicht haben, weil... sie wissen, daß ich aus der Synagoge ausgestoßen worden bin», sagt der Jüngling, während er seine Körbe auf den Boden stellt.

«Sie haben dich ausgestoßen? Warum? Was hast du denn getan?»

«Nichts. Ich versichere es dir. Gott hat es getan. Er hat mich am Sabbat diesen Menschen finden lassen, von dem man sagt, daß er der Messias sei; und er hat mich geheilt, wie du siehst, und deshalb haben sie mich ausgestoßen.»

«Dann hat dir also der, der dich geheilt hat, nicht ausschließlich einen guten Dienst erwiesen», sagt Jesus prüfend.

«Sage das nicht! Es gleicht einer Gotteslästerung! Er hat mir vor allem gezeigt, daß Gott mich liebt, und außerdem hat er mir das Augenlicht geschenkt... Du weißt nicht, was das bedeutet, weil du immer gesehen hast. Aber einer, der noch nie gesehen hat! Oh! Es ist... alles hat man, wenn man das Augenlicht besitzt. Ich sage dir, als ich zum ersten Mal gesehen habe, dort beim Siloe-Teich, da habe ich gelacht und geweint, aber aus Freude. Verstehst du? Ich habe geweint, wie ich nie zuvor in meinem Unglück geweint habe, denn ich habe verstanden, wie wundervoll das Augenlicht und wie gut der Allerhöchste ist. Nun kann ich mir den Lebensunterhalt verdienen durch ehrenwerte Arbeit. Und außerdem – das ist mein größter Wunsch nach dem Wunder – hoffe ich, dem Menschen zu begegnen, der der Messias genannt wird, und dem Jünger, der mich...»

«Und was würdest du dann tun?»

«Ich würde ihn lobpreisen, ihn und seinen Jünger. Und ich würde den Meister, der wirklich von Gott kommen muß, bitten, mich als seinen Diener anzunehmen.»

«Wie? Seinetwegen bist du verflucht worden, nur mit Mühe findest du

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Arbeit, du könntest auch noch schwerer bestraft werden, und dennoch willst du ihm dienen? Weißt du nicht, daß alle verfolgt werden, die dem nachfolgen, der dich geheilt hat?»

«O ja, ich weiß es. Aber er ist der Sohn Gottes, so sagen wir unter uns. Obgleich die dort oben (er weist auf den Tempel) nicht wollen, daß man es sagt. Verdient er es nicht, daß man alles verläßt, um ihm zu dienen?»

«Glaubst du also an den Sohn Gottes und an seine Gegenwart in Palästina ?»

«Ich glaube an ihn. Aber ich möchte ihn kennenlernen, um nicht nur in Gedanken an ihn zu glauben, sondern mit meinem ganzen Wesen. Wenn du ihn kennst und weißt, wo er ist, sage es mir, damit ich zu ihm gehen, ihn sehen, an ihn glauben, vollkommen glauben, und ihm dienen kann.»

«Du hast ihn schon gesehen und brauchst nicht zu ihm zu gehen. Der, den du vor dir siehst und der zu dir spricht, ist der Sohn Gottes.»

Ich könnte es nicht mit Sicherheit sagen, aber mir scheint, als sei Jesus bei diesen Worten für einen Augenblick fast verklärt gewesen und überaus schön, ja strahlend geworden. Ich würde sagen, um seinen demütigen Glauben zu belohnen und ihn in seinem Glauben zu bestärken, hat er dem Jüngling für die Dauer eines Blitzes die künftige Schönheit enthüllt, die er nach der Auferstehung besitzen und im Himmel bewahren wird, die Schönheit seiner verherrlichten menschlichen Natur, des verklärten Leibes, verbunden mit der unaussprechlichen Schönheit der ihm eigenen Vollkommenheit. Es war ein Augenblick, ein Blitz. Aber der halbdunkle Winkel unter dem Gewölbe des Gäßchens, in den sie sich zurückgezogen haben, um miteinander zu reden, wurde erhellt von einem eigenartigen, wunderschönen Licht, das von Jesus ausstrahlte.

Dann ist alles wieder wie zuvor. Nur der Jüngling liegt nun am Boden, das Gesicht im Staub und betet Jesus an mit den Worten: «Mein Herr und mein Gott, ich glaube!»

«Erhebe dich. Ich bin in die Welt gekommen, um das Licht und die Erkenntnis Gottes zu bringen, um die Menschen zu prüfen und sie zu richten. Diese meine Zeit ist eine Zeit der Auslese, der Wahl und der Auswahl. Ich bin gekommen, damit alle, die reinen Herzens sind, die Aufrichtigen, die Demütigen und die Sanftmütigen, die Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frieden lieben, damit alle, die weinen, und alle, die den verschiedenen Schätzen ihren wahren Wert beizumessen verstehen und die geistigen allen materiellen Reichtümern vorziehen, finden wonach ihr Geist sich sehnt; damit alle sehen, die blind waren, weil die Menschen dicke Mauern vor ihren Augen errichtet haben, um das Licht, d.h. die Erkenntnis Gottes, nicht zu ihnen dringen zu lassen; damit alle, die zu sehen glauben, blind werden ...»

«Dann haßest du einen Großteil der Menschen und bist nicht so gut, wie du behauptest. Wenn du es wärest, würdest du dich darum bemühen, daß

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alle sehen und wer sehend ist, nicht blind werde», unterbrechen. ihn einige Pharisäer, die von der Hauptstraße gekommen sind und sich mit anderen vorsichtig von hinten der Gruppe der Apostel genähert haben.

Jesus wendet sich um und schaut sie an. Jetzt ist er ganz gewiß nicht mehr verklärt in sanfter Schönheit, sondern ein gar strenger Jesus, der seine Saphirblicke auf seine Verfolger richtet. Seine Stimme hat nicht mehr den goldenen Ton der Freude, sondern hart und schneidend wie Bronze klingt seine Antwort: «Nicht ich will, daß die, die sie gegenwärtig bekämpfen, die Wahrheit nicht sehen. Sie selbst schließen die Augen, um nicht zu sehen. Und sie sind blind aus eigenem freiem Willen. Denn der Vater hat mich gesandt, damit die Scheidung stattfinde und sich zeige, wer zu den Kindern des Lichtes und wer zu den Kindern der Finsternis gehört, wer sehen will und wer blind sein will.»

«Sind vielleicht auch wir unter diesen Blinden?»

«Wenn ihr unter ihnen wäret und versuchen würdet zu sehen, wäret ihr nicht schuldig. Aber ihr sündigt, weil ihr sagt: "Wir sehen", und dann wollt ihr doch nicht sehen. Eure Sünde bleibt bestehen, weil ihr in eurer Blindheit nicht zu sehen sucht.»

«Was müssen wir denn sehen?»

«Den Weg, die Wahrheit und das Leben. Ein Blindgeborener, wie dieser es war, kann mit seinem Stab immer die Tür seines Hauses finden und sich darin bewegen, weil er es kennt. Wenn man ihn aber an einen anderen Ort führen würde, könnte er nicht durch die Tür das neue Haus betreten, weil er nicht wüßte, wo er sich befindet, und er würde gegen die Mauer stoßen.

Die Zeit des neuen Gesetzes ist gekommen. Alles wird erneuert, und eine neue Welt, ein neues Volk und ein neues Reich erstehen. Die Menschen aus der vergangenen Zeit kennen all dies nicht. Sie kennen nur ihre Zeit. Sie sind wie Blinde, die man in eine neue Stadt führt, in der sich der Palast des Vaters befindet, dessen Standort sie aber nicht kennen.

Ich bin gekommen, um sie zu führen und hineinzuführen, und damit sie sehen. Aber ich selbst bin die Pforte, durch die man in das Vaterhaus, in das Reich Gottes, zum Licht, zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben gelangt. Ich bin auch der, der gekommen ist, die führerlose Herde zu sammeln und sie in einen einzigen Schafstall zu führen: in den des Vaters. Ich bin das Tor des Schafstalles, denn ich bin zugleich das Tor und der Hirte. Ich gehe ein und aus, wie und wann ich will. Ich betrete ihn frei und durch das Tor, denn ich bin der wahre Hirte.

Wenn jemand kommt und den Schafen Gottes andere Weisungen gibt oder versucht sie irrezuleiten, sie auf andere Wege und an andere Orte zu führen, dann ist er kein guter, sondern ein götzendienerischer Hirte. Und wenn er den Schafstall nicht durch das Tor betritt, sondern versucht, anderswo einzudringen und über den Zaun zeigt, so ist er kein Hirte, sondern

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ein Dieb und ein Mörder, der dort erscheint in der Absicht zu rauben und auch zu morden, damit die geraubten Schafe durch ihr Schreien nicht die Aufmerksamkeit der Wächter und des Hirten auf sich lenken. Auch bei den Schafen der Herde Israels versuchen sich falsche Hirten einzuschleichen, um sie von den Weiden fortzuführen, fern vom wahren Hirten. Und sie sind auch bereit, sie mit Gewalt aus der Herde zu holen und sie sogar auf mannigfache Weise zu töten und zu schlagen, damit sie den Hirten nicht auf die Tücke der falschen Hirten aufmerksam machen und nicht zu Gott um Schutz vor ihrem und ihres Hirten Feind rufen.

Ich bin der Gute Hirte und meine Schafe kennen mich, und es kennen mich jene, die in Ewigkeit die Wächter des wahren Schafstalles sind. Sie haben mich kennengelernt und meinen Namen verkündet, damit er in Israel bekannt werde. Sie haben über mich berichtet und meine Wege bereitet; und als meine Stimme erklungen ist, da hat der letzte von ihnen mir das Tor geöffnet. Er hat zu der Herde, die in Erwartung des wahren Hirten um seinen Stab versammelt war, gesagt: "Seht, das ist der, von dem ich gesagt habe, daß er nach mir kommen würde. Er ging mir voraus, denn er war schon vor mir, und ich kannte ihn nicht. Aber damit ihr bereit seid, ihn aufzunehmen, bin ich gekommen, um mit Wasser zu taufen, auf daß Israel ihn erkenne." Und die guten Schafe haben meine Stimme gehört, und als ich sie beim Namen rief, sind sie zu mir geeilt. Ich habe sie mit mir geführt wie ein guter Hirte, den die Schafe kennen und an der Stimme erkennen und dem sie folgen, wohin er auch immer geht. Wenn er sie alle vereinigt hat, geht er vor ihnen her, und sie folgen ihm, denn sie lieben die Stimme des Hirten. Einem Fremdling dagegen folgen sie nicht, sie fliehen ihn vielmehr, da sie ihn nicht kennen und ihn fürchten. Auch ich wandle vor den Schafen, um ihnen den Weg zu weisen, um als erster den Gefahren zu begegnen und die Herde zu warnen, denn ich will sie sicher in mein Reich führen.»

«Ist Israel etwa nicht mehr das Reich Gottes?»

«Israel ist der Ort, von dem sich das Volk Gottes zum wahren Jerusalern und zum Reich Gottes erheben muß.»

«Und der versprochene Messias? Dieser Messias, der du zu sein behauptest? Soll er denn Israel nicht zum Sieg führen und es zum glorreichen Herrn über die ganze Welt machen, der seinem Szepter alle Völker unterwirft und sich rächt, gewaltig rächt an all denen, die es unterjocht haben, seit es ein Volk ist? Ist also nichts wahr von all dem? Leugnest du die Propheten? Du nennst unsere Rabbis töricht? Du...»

«Das Reich des Messias ist nicht von dieser Welt. Es ist das Reich Gottes, das auf Liebe gegründet ist, und nichts anderes. Der Messias ist kein König der Völker und Heere, sondern ein König der Seelen. Aus dem auserwählten Volk wird der Messias hervorgehen, aus königlichem Geschlecht, und vor allem aus Gott, der ihn gezeugt und gesandt hat. Im

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Volk Israel hat die Gründung des Gottesreiches begonnen, die Verkündigung des Gesetzes der Liebe und die Verkündigung der Frohen Botschaft, von der der Prophet spricht. Aber der Messias wird der König der Welt sein, der König der Könige, und seinem Reich werden zeitlich und räumlich kein Ende und keine Grenzen gesetzt sein. Öffnet die Augen und nehmt die Wahrheit an.»

«Wir haben nichts verstanden von deinen irren Reden. Du sagst Worte, die keinen Sinn ergeben. Rede und antworte ohne Gleichnisse. Bist du der Messias oder bist du es nicht?»

«Habt ihr denn immer noch nicht verstanden? Ich habe euch gesagt, daß ich die Pforte und der Hirte bin. Bisher hat keiner in das Reich Gottes eingehen können, da es verschlossen und ohne Eingang war. Nun aber bin ich gekommen, und das Eingangstor ist da.»

«Oh! Schon andere haben gesagt, sie seien der Messias, und später wurden sie als Empörer und Diebe entlarvt, und menschliche Gerechtigkeit hat ihre Frechheit bestraft. Wer gibt uns die Gewißheit, daß du nicht einer von ihnen bist? Wir sind es müde zu leiden und das Volk die Strenge Roms verspüren zu lassen als Folge der Lügen derer, die sich zum König erklären und das Volk zum Aufstand aufwiegeln!»

«Nein, was ihr da sagt, ist ungenau. Ihr wollt nicht leiden, das ist wahr. Aber daß das Volk leidet, schmerzt euch nicht. Ihr geht sogar so weit, daß ihr zur Strenge eurer Beherrscher noch eure eigene Härte hinzufügt und mit eurem übertriebenen Zehnten und vielem anderen das niedere Volk bedrückt. Was gibt euch die Gewißheit, daß ich kein Betrüger bin? Meine Handlungen. Nicht ich werde der Anlaß sein, daß Roms Hand schwerer auf euch lastet. Vielmehr, wenn überhaupt etwas, erleichtere ich eure Last, da ich den Herrschern und den Beherrschten zu Geduld und Menschlichkeit rate. Wenigstens dies.»

Inzwischen hat sich viel Volk angesammelt, das immer zahlreicher wird, so daß es den Verkehr auf der großen Straße behindert und alle in das Seitengäßchen ausweichen, unter dessen Gewölben die zustimmenden Rufe lautstark widerhallen: «Was du vom Zehnten gesagt hast, ist richtig! Es ist wahr, er empfiehlt uns Unterwerfung und den Römern Barmherzigkeit.»

Wie immer werden die Pharisäer durch die Zustimmung des Volkes nur noch giftiger und beißender im Ton, in dem sie sich an Christus wenden: «Antworte, ohne so viele Worte zu verlieren, und beweise uns, daß du der Messias bist.»

«Wahrlich, wahrlich ich sage euch, ich bin es. Ich, ich allein bin das Tor zum Schafstall der Himmel. Wer nicht durch mich hindurchgeht, kann nicht in das Himmelreich eingehen. Es ist wahr, daß falsche Messiasse gekommen sind, und andere werden noch kommen. Aber der einzige und wahre Messias bin ich. Alle, die bisher gekommen sind und sich so

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genannt haben, waren es nicht. Sie waren lediglich Diebe und Räuber. Und das gilt nicht nur für jene, die sich von wenigen Gleichgesinnten Messias nennen ließen, sondern auch für die, die ohne diesen Namen anzunehmen eine Anbetung verlangen, die nicht einmal dem wahren Messias zuteil wird. Wer Ohren hat zu hören, der höre. Aber nun gebt acht. Weder den falschen Messiassen noch den falschen Hirten und Meistern haben die Schafe Gehör geschenkt, denn die Seelen fühlten die Falschheit ihrer Stimmen, die sanft erscheinen wollten, in Wirklichkeit aber grausam waren. Nur die Böcke sind ihnen gefolgt, um bei ihren Schurkereien mitzuwirken. Wilde, ungezähmte Böcke, die nicht in den Schafstall Gottes, unter das Szepter des wahren Königs und Hirten kommen wollen. Denn dieser ist nunmehr in Israel. Und er, der König der Könige, wird zum Hirten der Herde, während früher einmal einer, der der Hirte der Herden war, König wurde; und der eine wie der andere entspringen einer einzigen Wurzel, der Wurzel Jesse, wie es geschrieben steht in den Verheißungen und Prophezeiungen. Die falschen Hirten sprachen weder aufrichtige Worte noch vollbrachten sie Werke des Trostes. Sie haben die Herde zerstreut und gequält, sie den Wölfen überlassen oder sie sogar getötet, sie ausgenützt und verkauft, um ihres eigenen Lebens sicher zu sein. Oder sie haben ihr die Weide entzogen, um daraus Stätten des Vergnügens und Götzenhaine zu machen.

Wißt ihr, wer die Wölfe sind? Es sind die bösen Leidenschaften, die Laster, die die falschen Hirten die Herde gelehrt haben und denen sie als Erste frönten. Und wißt ihr, was ich mit den Götzenhainen meine? Es ist die Eigensucht, die allzu viele mit Weihrauch beräuchern. Die anderen beiden Dinge bedürfen der Erklärung nicht, denn sie ergibt sich klar genug aus dem schon Gesagten. Aber daß die falschen Hirten so handeln ist logisch. Sie sind nichts als Räuber, die kommen um zu rauben, zu töten und zu zerstören, um die Schafe aus dem Stall auf trügerische Weiden oder in falsche Schafställe zu führen, die nichts anderes sind als Schlachthäuser. Die dagegen, die zu mir kommen, sind in Sicherheit. Sie können hinausgehen auf meine Weide oder wieder hereinkommen zu meinen Ruhestätten, um sich dort durch heilige und gesunde Nahrung zu stärken. Denn dazu bin ich gekommen. Meine Schafe, die bisher mager und betrübt waren, sollen nun das Leben haben, überreiches Leben, Leben des Friedens und der Freude. Und so sehr wünsche ich dies, daß ich gekommen bin, um mein eigenes Leben hinzugeben, auf daß meine Schafe das vollkommene, überreiche Leben der Kinder Gottes haben.

Ich bin der gute Hirte. Ein guter Hirte gibt sein Leben hin, um seine Herde gegen Wölfe und Räuber zu verteidigen, während der Mietling, der nicht die Schafe, sondern das Geld liebt, das er für seine Arbeit erhält, nur sich selbst und das Geld in seiner Tasche retten will. Wenn er den Wolf oder den Räuber sieht, flieht er und bringt sich in Sicherheit; und erst

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später kehrt er zurück, um das eine oder andere Schaf, das der Wolf halbtot zurückgelassen hat oder das dem Räuber entgangen ist, an sich zu nehmen. Das erstere wird er schlachten, um es zu verzehren, während er das andere verkaufen wird, als ob es sein eigenes wäre. Damit erhöht er seinen Tagelohn und dem Besitzer wird er dann unter lügenhaften Tränen berichten, daß kein einziges der Schafe gerettet werden konnte. Was kümmert es den Mietling, wenn der Wolf die Schafe zerreißt und zerstreut oder der Räuber viele Tiere erbeutet, um sie zur Schlachtbank zu führen? Hat er etwa über sie gewacht, als sie heranwuchsen, und sich um sie bemüht, damit sie gesund und kräftig werden? Der Besitzer hingegen, der den Wert eines Schäfleins kennt und weiß, wie viele Mühen, Nachtwachen und Opfer es ihn gekostet hat, liebt seine Schafe und kümmert sich um sie, denn sie sind sein Reichtum. Aber ich bin mehr als ein Besitzer. Ich bin der Retter meiner Herde. Ich weiß, wieviel die Rettung selbst einer einzigen Seele kostet, und bin deshalb zu allem bereit, um eine Seele zu retten. Sie ist mir von meinem Vater anvertraut worden. Alle Seelen sind mir anvertraut worden mit dem Auftrag, sie in überaus großer Zahl zu retten. Je mehr Seelen ich dem Tod des Geistes zu entreißen vermag, um so größer wird der Ruhm meines Vaters sein. Daher kämpfe ich, um sie von allen ihren Feinden zu befreien, d.h. von ihrem Ich, der Welt, dem Fleisch, dem Teufel und von meinen Gegnern, die sie mir streitig machen wollen, um mir weh zu tun. Ich tue dies, weil ich die Gedanken meines Vaters kenne. Und mein Vater hat mich gesandt, dies zu tun, weil er meine Liebe zu ihm und zu den Seelen kennt. Auch die Schafe meiner Herde kennen mich und meine Liebe, und sie fühlen, daß ich bereit bin, mein Leben hinzugeben, um ihnen die Glückseligkeit zu schenken

Ich habe noch andere Schafe, aber sie sind nicht aus diesem Schafstall. Daher erkennen sie mich nicht als das, was ich bin, und viele wissen nicht, daß ich bin und wer ich bin. Es sind Schafe, die vielen von uns schlimmer zu sein scheinen als wilde Ziegen, so daß sie nicht für würdig befunden werden, die Wahrheit kennenzulernen und das Leben und das Reich zu besitzen. Doch dem ist nicht so. Der Vater will auch diese, und daher muß ich auch zu ihnen gehen, mich ihnen zu erkennen geben, ihnen die Frohe Botschaft verkündigen, sie auf meine Weiden führen und sie dort versammeln. Auch sie werden auf meine Stimme hören und sie schließlich lieben. Und es wird nur eine Herde und einen Hirten geben, und das Reich Gottes wird errichtet auf Erden und bereit sein, in das Himmelreich aufgenommen zu werden unter meinem Szepter, meinem Zeichen und meinem wahren Namen.

Mein wahrer Name! Er ist nur mir bekannt. Aber wenn die Zahl der Auserwählten voll ist und sie unter Jubelhymnen an der großen Hochzeitstafel des Bräutigams und der Braut sitzen, dann wird mein Name allen meinen Auserwählten bekannt sein, die sich in Treue zu ihm geheiligt

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haben, obwohl sie nicht die ganze Weite und Tiefe dessen begriffen hatten, was es heißt, mit meinem Namen bezeichnet zu sein und für ihre Liebe zu ihm belohnt zu werden, noch was ihr Lohn sein würde... Das will ich meinen treuen Schafen schenken: das, was meine eigene Freude ist...»

Jesus läßt den unter Tränen der Verzückung leuchtenden Blick über die Anwesenden schweifen und ein Lächeln bebt auf seinen Lippen, ein so vergeistigtes Lächeln auf seinem vergeistigten Antlitz, daß die Menge von einem Schauer ergriffen wird. Sie ahnt die Verzückung Christi in einer beseligenden Schauung und sein Liebesverlangen, sie verwirklicht zu sehen. Dann faßt er sich wieder. Einen Augenblick schließt er die Augen und verhüllt das Geheimnis, das sein Geist schaut und sein Blick zu sehr verraten könnte, und fährt fort:

«Dafür liebt mich der Vater, o mein Volk, o meine Herde! Denn für dich, für dein ewiges Glück gebe ich mein Leben hin. Später werde ich wieder ins Leben zurückkehren. Aber zuerst werde ich es hingeben, damit du das Leben habest und deinen Erlöser besitzest. Ich werde es hingeben auf eine Weise, daß du dich davon nähren kannst, und werde mich vom Hirten in Weide und Quelle verwandeln, die dir Speise und Trank geben werden, nicht nur vierzig Jahre lang, wie den Hebräern in der Wüste, sondern für die ganze Zeit deines Exils in den Wüsteneien der Erde. Niemand nimmt mir in Wirklichkeit das Leben. Weder jene, die es ihrer großen Liebe wegen zu mir verdienen, daß ich mich für sie aufopfere, noch jene, die mich töten aus maßlosem Haß und törichter Furcht. Niemand könnte es mir nehmen, wenn ich nicht selbst zustimmen und mein Vater es nicht zulassen würde, da uns beide eine unaussprechliche Liebe für die schuldbeladene Menschheit erfüllt. Aus eigenem freien Willen gebe ich mein Leben hin. Und ich habe die Macht, es mir wieder zu nehmen, wann ich will, denn es geziemt sich nicht, daß der Tod über das Leben herrsche. Daher hat der Vater mir diese Macht verliehen. Ja, der Vater hat mir sogar diesen Auftrag gegeben. Und durch die Aufopferung meines Lebens werden die Völker ein Volk werden: das meinige, das himmlische Volk der Kinder Gottes. In den Völkern werden sich die Schafe von den Böcken scheiden, und die Schafe werden dem Hirten in das Reich des ewigen Lebens folgen.»

Jesus, der bis dahin laut gesprochen hat, wendet sich nun mit gedämpfter Stimme an Sidonias, genannt Bartholmai, der die ganze Zeit mit seinem Korb duftender Äpfel vor ihm gestanden hat, und sagt zu ihm: «Du hast meinetwegen alles andere vergessen. Jetzt wirst du gewiß bestraft werden und deine Arbeit verlieren. Siehst du? Ich mache dir immer Kummer. Meinetwegen bist du aus der Synagoge gejagt worden, und nun wirst du auch noch deinen Dienstherrn verlieren...»

«Was kümmert mich all das, wenn ich dich habe? Du allein bedeutest mir etwas. Gerne lasse ich alles zurück, um dir zu folgen, wenn du es mir

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erlaubst. Laß mich nur noch diese Früchte dem bringen, der sie gekauft hat, und dann bin ich bei dir.»

«Gehen wir zusammen. Danach gehen wir zu deinem Vater, denn du hast einen Vater und mußt ihn ehren und seinen Segen erbitten.»

«Ja, Herr. Alles was du willst. Doch du wirst mich vieles lehren müssen, denn ich weiß nichts, wirklich nichts. Ich kann nicht einmal lesen und schreiben, weil ich blind war.»

«Sorge dich nicht darum. Der gute Wille wird dein Lehrer sein.»

Dann macht er sich auf den Weg und kehrt auf die Hauptstraße zurück, während die Menge ihre Bemerkungen macht, diskutiert, sich sogar zankt und immer noch schwankt zwischen den beiden Ansichten, die nach wie vor dieselben sind: Ist Jesus von Nazareth ein Besessener oder ein Heiliger? Die Leute diskutieren und streiten weiter, als Jesus sich entfernt.

573. AUF DEM WEG NACH BETHANIEN; IM HAUS DES LAZARUS

Jesus entläßt die Jünger Levi, Joseph, Matthias und Johannes, die er, ich weiß nicht wo, getroffen und denen er den neuen Jünger Sidonias, genannt Bartholmai, anvertraut hat. Das geschieht bei den ersten Häusern von Bethanien. Die Hirten-Jünger gehen mit dem neu Angekommenen und sieben anderen Männern, die schon bei ihnen waren, weg. Jesus blickt ihnen nach, dann schaut er die Apostel an und sagt: «Und jetzt warten wir hier auf Judas des Simon ...»

«Ah! Du hast also bemerkt, daß er fortgegangen ist!» sagen die anderen erstaunt. «Wir dachten, du hättest es nicht beachtet, denn so viel Volk war da. Und du hast immer gesprochen, zuerst mit dem Jüngling und dann mit den Hirten...»

«Ich habe sofort bemerkt, daß er sich entfernt hat. Nichts entgeht mir. Deshalb bin ich in die Häuser der Freunde gegangen und habe dort gesagt, man solle Judas nach Bethanien schicken, wenn er nach mir fragt...»

«Wollte Gott, daß er es nicht tut», knurrt der andere Judas grantig.

Jesus blickt ihn an, scheint jedoch dem Satz keine Bedeutung beizumessen und spricht weiter zu allen, da er sieht, daß alle der Ansicht des Thaddäus sind – manchmal drücken Gesichter mehr aus als Worte -: «Diese Ruhe in Erwartung seiner Rückkehr wird gut sein und uns bekommen. Dann werden wir nach Thekoa gehen. Es ist recht frisch, aber der Himmel heitert sich auf. Ich will in dieser Stadt die Frohe Botschaft verkünden, und danach werden wir wieder an Jericho vorbei hinaufsteigen

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und den Fluß überqueren. Die Hirten haben mir gesagt, daß viele Kranke mich suchen, und ich habe ihnen sagen lassen, daß sie nicht die Mühen der Reise auf sich nehmen, sondern mich in den Orten dort erwarten sollen.»

«Gehen wir also», seufzt Petrus.

«Gehst du nicht gern zu Lazarus?» fragt Thomas.

«Doch, ich gehe gern.»

«Du sagst das in so eigenartigem Ton.»

«Nicht wegen Lazarus, sondern wegen Judas...»

«Du bist ein Sünder, Petrus», mahnt Jesus.

«Ich bin es. Aber er... Judas von Kerioth, der einfach fortläuft, der unverschämt ist, eine Qual für uns alle, oder etwa nicht?» fährt der unruhige Petrus auf, der sich nicht mehr beherrschen kann.

«Es ist wahr. Aber wenn er es ist, sollst du es nicht auch sein. Keiner von uns soll so sein. Erinnert euch daran, daß Gott einst Rechenschaft von uns fordern wird – ich sage uns, da der Vater diesen Menschen noch vor euch vor allem mir anvertraut hat – was wir zu seiner Rettung getan haben.»

«Und du hast Hoffnung auf Erfolg, Bruder? Ich kann es nicht glauben. Du, das glaube ich sicher, kennst die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Daher kannst du dich nicht täuschen in deinem Urteil über diesen Menschen. Und... Aber es ist besser, wenn ich den Rest nicht sage.»

«Wahrlich, schweigen zu können, ist eine große Tugend. Wisse jedoch, daß die mehr oder weniger genaue Kenntnis der Zukunft eines Herzens niemanden der Verpflichtung enthebt, sich bis zuletzt für seine Rettung einzusetzen. Verfalle nicht auch du dem Fatalismus der Pharisäer, die die Ansicht vertreten, daß das, was bestimmt ist, sich erfüllen muß und nichts das Vorherbestimmte verhindern kann. Mit diesem Argument rechtfertigen sie selbst ihre Sünden, und auch das letzte Werk ihres Hasses gegen mich werden sie damit rechtfertigen. Oft wartet Gott auf das Opfer eines Herzens, das seinen Abscheu und seinen Widerwillen, seine berechtigte Abneigung überwindet, um eine Seele dem Sumpf zu entreißen, in dem sie versinkt. Ja, ich sage es euch. Oft wartet Gott, der Allmächtige, der alles ist, ab, ob ein Geschöpf, ein Nichts, ein Opfer bringt oder nicht, ein Gebet verrichtet oder nicht, um die Verdammung einer Seele zu besiegeln oder nicht. Es ist nie spät, nie zu spät, um zu hoffen und zu versuchen, eine Seele zu retten. Und ich werde euch Beweise dafür geben. Selbst an der Schwelle des Todes, wenn sowohl der Sünder als auch der um ihn besorgte Gerechte im Begriff sind, die Erde zu verlassen, um vor das erste Gericht Gottes zu treten, kann man immer noch retten oder gerettet werden. Zwischen dem Becher und den Lippen, sagt das Sprichwort, ist immer noch Raum für den Tod. Ich hingegen sage: Zwischen dem sich

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seinem Ende nähernden Todeskampf und dem Tod ist immer noch Zeit, Verzeihung zu erlangen für uns selbst oder für die, die wir retten wollen.»

Keiner hat etwas zu entgegnen.

Jesus ist nun an dem schweren Gartentor angelangt. Er ruft einen Diener herbei, um sich öffnen zu lassen, geht hinein und fragt nach Lazarus.

«0 Herr! Siehst du? Ich habe gerade Lorbeerblätter, Kampfer, Beeren von Zypressen, andere Blätter und duftende Früchte gepflückt, um sie mit Wein und Harz zu kochen und ein Bad für den Hausherrn zu bereiten. Sein Fleisch verfällt, und der Gestank ist unausstehlich. Du bist gekommen, aber ich weiß nicht, ob man dich zu ihm hineinlassen wird...» Aus Furcht, daß selbst die Luft Ohren haben könnte, flüstert der Diener ganz leise: «Jetzt, da es sich nicht mehr verheimlichen läßt, daß Wunden vorhanden sind, weisen die Herrinnen alle ab... aus Furcht... Du weißt... Lazarus ist nur bei wenigen beliebt und viele würden sich aus mancherlei Gründen freuen, wenn... Oh! Laß mich nicht an das denken, was die Angst des ganzen Hauses ist.»

«Sie tun gut daran. Aber fürchtet euch nicht. Dieses Unglück wird euch nicht treffen.»

«Aber... kann er gesund werden? Durch ein Wunder von dir?...»

«Er wird nicht geheilt werden. Aber dies wird zur Verherrlichung des Herrn dienen.»

Der Diener ist enttäuscht... Jesus, der alle heilt, tut hier nichts! ... Aber er äußert seine Gedanken nur durch einen Seufzer. Dann sagt er: «Ich gehe zu den Herrinnen und kündige dich an.»

Die Apostel umgeben Jesus. Sie interessieren sich für das Befinden des Lazarus und sind niedergeschlagen, als Jesus sie aufklärt. Aber da kommen schon die beiden Schwestern. Ihre blühende und verschiedenartige Schönheit scheint beeinträchtigt durch den Schmerz und die Mühen der langen Nachtwachen. Bleich, niedergeschlagen, abgemagert, mit erloschenen Augen, die doch bei beiden einst wie Sterne glänzten, ohne Ringe und Armbänder und in dunkle, aschgraue Gewänder gekleidet, scheinen sie eher Dienerinnen als Herrinnen zu sein. Sie knien in einer gewissen Entfernung von Jesus nieder und bieten ihm als einzigen Gruß ihre Tränen an. Es ist ein ergebenes, stummes Weinen, das wie aus einer inneren Quelle aufsteigt, die nicht versiegen kann.

Jesus nähert sich ihnen, doch Martha streckt die Hände aus und flüstert: «Bleib stehen, Herr! Wir fürchten wahrhaftig, schon gegen das Gesetz über den Aussatz verstoßen zu haben. Aber wir können nicht, o Gott, wir können nicht zulassen, daß man mit Lazarus entsprechend den Vorschriften dieses Gesetzes verfährt. Du jedoch nähere dich nicht, denn wir sind unrein, da wir nur noch Wunden berühren. Wir allein. Alle anderen halten wir von ihm fern und alles, was wir brauchen, legt man uns auf die Schwelle, und wir nehmen es und wachen und verbrennen dann alles

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im Raum neben dem unseres Bruders. Siehst du unsere Hände? Sie sind verbrannt von dem ungelöschten Kalk, den wir für die Gefäße verwenden, die wir den Dienern zurückgeben. Dadurch glauben wir, weniger schuldig zu sein.» Und sie weint.

Maria von Magdala, die bisher geschwiegen hat, seufzt nun ihrerseits schwer: «Wir sollten den Priester rufen. Aber... Ich, ich bin die Schuldigere von beiden, denn ich will es nicht, weil ich glaube, daß es nicht die schreckliche, von Israel verfluchte Krankheit ist. Sie ist es nicht, nein! Aber so viele hassen uns, und sie würden es so nennen. Wegen viel weniger wurde Simon, dein Apostel, für aussätzig erklärt.»

«Du bist weder Priester noch Arzt», schluchzt Martha.

«Ich bin es nicht. Aber du weißt, was ich getan habe, um sicher zu sein, was ich sage. Herr, ich bin durch das ganze Hinnom-Tal, ganz Siloe, zu allen Gräbern bei En Rogel gegangen, als Magd gekleidet, verschleiert, im ersten Licht des Morgens, mit Lebensmitteln, Arzneien, Verbänden und Kleidung bepackt. Und ich habe gegeben, gegeben... Ich sagte, es sei ein Gelübde für den, den ich liebe. Und es war wahr. Ich wollte nur die Wunden der Aussätzigen sehen. Sie müssen mich für verrückt gehalten haben... Wer will denn schon etwas so Entsetzliches sehen?! Aber nachdem ich meine Gaben am Fuß des Hanges niedergelegt hatte, bat ich sie, ihre Wunden sehen zu dürfen. Und ich habe geschaut, sie oben, ich unten, sie voll Verwunderung, ich erfüllt von Ekel; und sie weinten und ich weinte, aber ich schaute, schaute, schaute. Ich schaute die Körper an mit ihren Schuppen, Krusten, Wunden, die zerfressenen Gesichter, die weißen, borstigen Haare, die verfaulten Löcher der Augen, die Wangen, durch die man die Zähne sah, die nackten Schädel auf lebendigen Körpern, die Klauenhände von Ungeheuern, die Füße wie knotige Äste, den Gestank, das Entsetzen, die Fäulnis. Oh! Wenn ich gesündigt habe durch die Anbetung des Fleisches, wenn ich mit Augen, Geruch, Gehör und Gefühl genossen habe, was schön, duftend, harmonisch weich und glatt ist, oh, ich versichere dir, meine Sinne sind nun geläutert durch das Grauen dieses Anblicks. Meine Augen haben beim Betrachten dieser Ungeheuer die verführerische Schönheit des Mannes vergessen, meine Ohren haben beim Hören dieser rauhen, schon nicht mehr menschlichen Stimmen für meine frühere Freude an der Stimme des Mannes gebüßt, mein Fleisch hat geschaudert, mein Geruchsinn war angewidert... und jeglicher Überrest des Kultes meiner selbst ist erstorben; denn ich habe gesehen, was wir nach dem Tod sind... Doch ich habe nun die Gewißheit, daß Lazarus nicht aussätzig ist. Seine Stimme ist nicht gebrochen, sein Haar ist gesund und seine Wunden sind anders! Er ist nicht aussätzig! Nein! Aber Martha betrübt mich, weil sie mir nicht glaubt und Lazarus nicht ermutigt, indem sie ihn überzeugt, daß er nicht unrein ist. Siehst du? Er will dich nicht sehen, obwohl er weiß, daß du hier bist, um dich nicht zu verunreinigen.

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Die törichten Befürchtungen meiner Schwester berauben ihn auch deines Trostes... !»

Ihre ungestüme Natur läßt sie zornig werden. Doch als sie sieht, daß ihre Schwester in ein untröstliches Weinen ausbricht, beherrscht sie sich sofort. Sie umarmt Martha und küßt sie mit den Worten: «Oh, Martha, verzeih, verzeih mir! Es ist der Schmerz, der mich so ungerecht werden läßt. Meine Liebe zu dir und zu Lazarus möchte euch überzeugen. Meine arme Schwester! Was sind wir doch für arme Frauen!»

«Auf! Weint nicht so! Ihr habt Frieden und gegenseitiges Vertrauen nötig, für euch selbst und für ihn. Lazarus ist übrigens nicht aussätzig, ich sage es euch.»

«Oh, dann komm zu ihm, Herr. Wer kann es besser beurteilen als du, ob er aussätzig ist?» fleht Martha.

«Habe ich dir nicht schon gesagt, daß er es nicht ist?»

«Aber wie kannst du das sagen, wenn du ihn nicht siehst?»

«Oh, Martha, Martha! Gott verzeiht dir, weil du leidest und fast von Sinnen bist! Ich habe Mitleid mit dir und werde zu Lazarus gehen. Ich werde seine Wunden aufdecken und ...»

«Und ihn heilen!» schreit Martha und springt auf.

«Ich habe dir schon andere Male gesagt, daß ich es nicht tun kann... Aber ich werde euch den Frieden geben zu wissen, daß ihr nicht gegen das Gesetz über die Aussätzigen verstoßen habt. Gehen wir ...»

Und er geht als erster auf das Haus zu, wobei er den Aposteln ein Zeichen gibt, ihm nicht zu folgen.

Martha eilt voraus, öffnet eine Tür, läuft durch einen Korridor, öffnet eine zweite Tür zu einem kleinen inneren Hof, macht noch einige Schritte und betritt dann ein halbdunkles Zimmer voller Schüsseln, Gefäße, Krüge und Verbandzeug... Ein Gemisch von duftenden Aromen und Verwesungsgeruch dringt in die Nase. Maria öffnet eine weitere Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes und ruft mit einer Stimme, die hell und freudig klingen möchte: «Der Meister ist da! Er kommt, dir zu sagen, daß ich recht habe, mein Bruder. Auf! Freue dich, denn unsere Liebe und unser Friede kommt!» Und sie neigt sich über den Bruder, richtet ihn auf seinen Kissen auf und küßt ihn, ohne auf den Geruch zu achten, der ihr trotz aller Gegenmittel von diesem Körper voller Wunden entgegenströmt. Während sie noch über ihn gebeugt ist und ihn zurechtmacht, erklingt schon der liebevolle Gruß Jesu in dem dunklen Raum, der sich durch die Gegenwart des erhabenen Sohnes Gottes zu erhellen scheint.

«Meister, hast du keine Angst? Ich bin ...»

«Krank! Nicht mehr als das. Lazarus, die so umfassenden und strengen Vorschriften sind gegeben worden aus verständlicher Klugheit. Es ist besser, zu vorsichtig als zu unvorsichtig zu sein in gewissen Fällen, z.B. bei ansteckenden Krankheiten. Aber deine Krankheit ist nicht ansteckend,

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mein armer Freund. Du bist nicht unrein, so daß ich nicht gegen die Vorsicht im Interesse der Brüder fehle, wenn ich dich umarme und küsse.»Und er nimmt seinen abgemagerten Körper in die Arme und küßt ihn.

«Du bist wahrhaft der Friede! Aber du hast mich noch nicht gesehen. Maria, decke diesen Graus auf. Ich bin schon ein Toter, Herr. Ich weiß nicht, wie meine Schwestern dies ertragen können...»

Auch ich könnte es nicht ertragen, so erschreckend und abstoßend sind die Wunden entlang den Krampfadern der Beine. Die herrlichen Hände Marias pflegen sie behutsam, während sie mit ihrer wunderbaren Stimme entgegnet: «Deine Wunden sind Rosen für deine Schwestern. Dornige Rosen, nur weil du unter ihnen leidest. Siehst du, Meister? Dies ist kein Aussatz!»

«Nein, es ist keiner. Es ist ein böses Übel, und es verzehrt dich, aber es stellt keine Gefahr dar. Glaube deinem Meister. Decke ihn wieder zu, Maria. Ich habe es gesehen.»

«Und... berührst du ihn wirklich nicht?» seufzt Martha, die die Hoffnung nicht aufgibt.

«Besser nicht. Nicht aus Abscheu, sondern um die Wunden nicht zu reizen.»

Martha neigt sich, ohne weiter zu drängen, über ein Becken mit Wein oder wohlriechendem Essigwasser und taucht Tücher hinein, die sie dann ihrer Schwester reicht. Stumme Tränen fallen in die rötliche Flüssigkeit...

Maria umwickelt die wunden Glieder und breitet wieder die Decken über die Füße, die schon steif und gelblich sind wie die eines Toten.

«Bist du allein?»

«Nein, alle sind bei mir mit Ausnahme des Judas von Kerioth, der in Jerusalem geblieben ist und noch kommen wird... Wenn ich also schon fern sein sollte, so schickt ihn nach Bethabara. Ich werde dort sein. Und er soll mich dort erwarten.»

«So gehst du gleich wieder fort...»

«Und bald werde ich zurückkehren, denn bald ist das Tempelweihfest. Und an diesen Tagen werde ich bei dir sein.»

«Werde ich am Lichterfest nicht die Ehre haben, dich...»

«An diesem Tag werde ich in Bethlehem sein. Ich möchte die Stätte meiner Geburt wiedersehen...»

«Du bist traurig... Ich weiß es... Oh! Nichts tun zu können!»

«Ich bin nicht traurig. Ich bin der Erlöser... Aber du bist müde. Kämpfe nicht gegen den Schlaf an, mein Freund.»

«Ich habe es dir zu Ehren getan...»

«Schlafe, schlafe. Wir werden uns noch sehen ...» Und Jesus zieht sich lautlos zurück.

«Hast du gesehen, Meister?» fragt Martha draußen im Hof.

«Ich habe gesehen. Meine armen Jüngerinnen... Ich weine mit euch...

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Aber in Wahrheit muß ich euch gestehen, daß mein Herz viel mehr verwundet ist als euer Bruder. Mein Herz wird von Schmerzen gemartert ...»Und er schaut sie mit einer so tiefen Traurigkeit an, daß die beiden ihren eigenen Schmerz vergessen, um an dem seinen Anteil zu nehmen. Da sie ihn als Frauen nicht umarmen können, küssen sie seine Hände und sein Gewand und dienen ihm wie liebevolle Schwestern. Sie bedienen ihn in einem kleinen Saal und umgeben ihn mit liebevoller Aufmerksamkeit.

Die kräftigen Stimmen der Apostel sind jenseits des Hofes zu hören... alle, außer der des bösen Apostels. Jesus lauscht ihnen und seufzt... Er seufzt und wartet geduldig auf den Flüchtigen.

574. AUF DEM WEG NACH THEKOA; DER ALTE HELI-ANNA

Sie sind noch immer zu elft, als sie sich wieder auf den Weg machen. Elf sinnende, traurige Gesichter umgeben Jesus, der sich von den Schwestern verabschiedet. Bevor er aber durch das Gittertor schreitet, befiehlt er nach kurzer Überlegung Simon dem Zeloten und Bartholomäus: «Ihr bleibt hier. Ihr könnt mich entweder in Thekoa bei Simon oder im Haus der Nike bei Jericho oder in Bethabara erreichen, je nachdem, wann er kommt. Und... übt Liebe an ihm. Habt ihr mich verstanden?»

«Sei beruhigt, Meister. Wir werden in keiner Weise gegen die Nächstenliebe fehlen», versichert Bartholomäus.

«Um welche Stunde er auch kommen mag, ihr reist sofort ab.»

«Sofort, Meister. Und... danke für das Vertrauen, das du in uns setzest», sagt der Zelote.

Sie küssen sich, und während ein Diener das Gittertor schließt und Jesus sich entfernt, gehen die beiden Zurückgebliebenen mit den Schwestern wieder ins Haus.

Jesus geht allein voraus. Hinter ihm Petrus zwischen Matthäus und Jakobus des Alphäus. Dahinter Philippus mit Andreas, Jakobus und Johannes des Zebedäus. Als letzte kommen, schweigend wie die anderen, Thomas und Judas Thaddäus. Aber ich habe mich schlecht ausgedrückt. Auch Petrus spricht nicht. Seine beiden Begleiter wechseln einige Worte, aber er, der zwischen ihnen geht, sagt nichts. Er schreitet schweigend und mit geneigtem Haupt voran und scheint ein stummes Gespräch mit den Steinen und den Gräsern unter seinen Füßen zu führen.

Auch die beiden Letzten verhalten sich fast ebenso. Thomas scheint in die Betrachtung eines Weidenzweiges vertieft zu sein, von dem er Blatt um Blatt abrupft und dabei jedes Blatt, das er abreißt, anschaut, so als ob er die grünliche Farbe auf der einen Seite, die silberne auf der anderen oder die Verzweigung der Blattadern studiere. Judas Thaddäus blickt starr

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geradeaus. Ich weiß nicht, ob er den Horizont betrachtet, der sich, nachdem sie über einen Höhenzug gewandert sind, vor ihnen auftut mit seinem hellen Dunst, der in der Morgenröte über der Ebene liegt, oder ob er einzig auf das blonde Haupt Jesu blickt, der seinen Mantel zurückgeschlagen hat, wie um die milde Dezembersonne zu genießen. Thomas beendet seine Beschäftigung im gleichen Augenblick wie Judas Thaddäus seine Betrachtung des Horizontes oder des Meisters. Dieser senkt seinen Blick und wendet sich seinem Gefährten zu, während Thomas, der nun einen blattlosen Stiel in der Hand hält, die Augen zu Thaddäus erhebt. Ein scharfer und zugleich gutmütiger und trauriger Blick begegnet einem ebensolchen.

«So ist es, Freund! Genau so!» sagt Thomas, als ob er ein Gespräch beende.

«Ja, so ist es. Mein Schmerz ist sehr groß... Bei mir spielt auch noch die Verwandtenliebe mit ...»

«Ich verstehe... dich quält dein Herz, das an ihm hängt. Aber mich? Mich quälen Gewissensbisse. Und das ist noch schlimmer.»

«Gewissensbisse? Du hast keinen Grund dazu. Du bist gut und treu. Jesus ist zufrieden mit dir, und du hast uns nie einen Grund gegeben, Anstoß an dir zu nehmen. Wie kannst du also Gewissensbisse haben?»

«Wegen einer Erinnerung. Es ist die Erinnerung an jenen Tag, an dem ich mich entschlossen habe, dem neuen Rabbi zu folgen, der im Tempel erschienen war... Ich und Judas waren in der Nähe, und wir bewunderten die Handlungen und die Worte des Meisters. Und wir waren entschlossen, ihn aufzusuchen... Ich war noch entschlossener als Judas und habe ihn gewissermaßen mitgezogen. Er sagt das Gegenteil, aber so war es. Meine Gewissensbisse bestehen darin: Ich habe darauf bestanden, daß auch er kommt... Und damit habe ich Jestis beständiges Leid verursacht. Aber Judas, das wußte ich, war bei vielen beliebt, und ich dachte, er könnte Jesus nützlich sein. Töricht wie alle, die nur an einen König von Israel denken, der noch größer als David und Salomon ist, aber auf jeden Fall ein König... ein König, wie er es nach seinen eigenen Worten nie sein wird... wollte ich unbedingt, daß dieser, der ihm nützen könnte, unter seinen Jüngern sei. Ich hoffte es wenigstens. Doch erst jetzt verstehe ich, immer besser verstehe ich, wie gerecht Jesus handelte, als er ihn nicht sofort annahm und ihm sogar verbot, ihn aufzusuchen... Das sind Gewissensbisse, sage ich dir! Dieser Mann ist nicht gut.»

«Er ist nicht gut. Aber du brauchst dir deshalb keine Vorwürfe zu machen. Was du getan hast, hast du nicht in böser Absicht getan, und daher trifft dich keine Schuld. Ich sage es dir.»

«Bist du dessen gewiß oder sagst du es nur, um mich zu trösten?»

«Ich sage es, weil es die Wahrheit ist. Denke nicht mehr an die Vergangenheit, Thomas, denn du kannst sie dadurch nicht ungeschehen machen ...»

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«Das ist richtig! Aber bedenke, wenn der Meister durch mich ins Unglück geriete... Mein Herz ist voller Angst und Verdacht. Ich bin ein Sünder, weil ich über den Gefährten urteile, und nicht barmherzig urteile. Und ich bin ein Sünder, weil ich den Worten des Meisters Glauben schenken sollte... Er entschuldigt Judas... Du... glaubst du deinem Bruder?»

«In allem, nur nicht in diesem Punkt. Aber sei nicht betrübt. Wir haben alle denselben Gedanken. Petrus, der sich verzehrt in dem Bemühen, gut von diesem Menschen zu denken, Andreas, der sanfter als ein Lämmlein ist, und auch Matthäus, der einzige unter uns, der keinen Sünder und keine Sünderin verabscheut. Selbst der so liebevolle, reine Johannes, der das Glück hat, weder das Böse noch das Laster fürchten zu müssen, da er so voll Liebe und Reinheit ist, daß bei ihm das andere keinen Platz findet, hegt diesen Gedanken. Dasselbe gilt für meinen Bruder, ich meine Jesus. Doch gewiß hat er auch andere Gedanken, Gedanken die ihm die Notwendigkeit anzeigen, Judas zu behalten... bis alle Möglichkeiten, ihn zu bessern, erschöpft sind.»

«Ja, aber wie wird das alles enden? Er hat viele... und er hat nicht... Du verstehst, was ich meine. Wie weit wird er es treiben?»

«Ich weiß es nicht... Vielleicht wird er sich von uns trennen... Vielleicht bleibt er und wartet ab, um zu sehen, wer der Stärkere ist in diesem Kampf zwischen Jesus und der jüdischen Welt ...»

«Sonst nichts? Glaubst du nicht, daß er schon jetzt zwei Herren dient?»

«Das ist sicher.»

«Und fürchtest du nicht, daß er schließlich nur den Zahlreicheren dienen und dadurch dem Meister endgültig schaden könnte?»

«Nein. Ich mag ihn nicht... Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß er... Wenigstens jetzt nicht. Doch ich fürchte, daß es dazu kommen könnte, wenn der Meister eines Tages die Gunst des Volkes verlieren würde. Wenn hingegen das Volk Jesus zu seinem König und Führer erklären würde, dann – dessen bin ich sicher – würde Judas alle für ihn verlassen. Er ist ein Opportunist... Gott möge ihn davor bewahren und Jesus und uns alle schützen... !»

Die beiden bemerken, daß sie ihre Schritte verlangsamt haben und weit hinter den Kameraden zurückgeblieben sind. Ohne weiter zu reden, beschleunigen sie ihren Gang.

«Was habt ihr denn gemacht?» fragt Matthäus. «Der Meister wollte euch sprechen...»

Thomas und Thaddäus beeilen sich, Jesus einzuholen.

«Worüber habt ihr gesprochen?» fragt Jesus und schaut ihnen ins Gesicht.

Die beiden sehen sich an. Sollen sie es sagen oder nicht? Schließlich siegt die Aufrichtigkeit: «Über Judas», sagen sie gleichzeitig:

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«Ich wußte es, aber ich wollte eure Ehrlichkeit auf die Probe stellen. Ihr hättet mich betrübt, wenn ihr nicht die Wahrheit gesagt hättet ... Aber sprecht nicht mehr über ihn, und erst recht nicht auf diese Weise. Es gibt so viele gute Dinge, über die man reden kann. Warum immer zu irdischen, allzu irdischen Dingen hinabsteigen? Isaias sagt: "Sagt euch los von dem Menschen, in dessen Nase nur ein Hauch ist." Ich sage euch: Laßt ab davon, diesen Menschen zu analysieren, und kümmert euch um seine Seele. Das Tier, das Untier in ihm soll eure Blicke und Urteile nicht anziehen; laßt vielmehr Liebe walten, eine schmerzliche und tätige Liebe für seine Seele. Befreit ihn von dem Ungeheuer, das ihn fesselt. Ihr wißt nicht ...»

Dann wendet er sich, um die anderen sieben zu rufen: «Kommt alle her, denn es nützt allen, was ich sage; ihr habt ja alle dieselben Gedanken in euren Herzen... Wißt ihr nicht, daß ihr durch Judas von Kerioth mehr lernt als durch jeden anderen Menschen? Viele Judasse werdet ihr antreffen und sehr wenige Jesus in eurem apostolischen Wirken. Die Jesus-Seelen werden sanft, gut, rein, treu, gehorsam, klug und ohne Habsucht sein. Es werden sehr wenige sein... Aber wie viele, die dem Judas Iskariot gleichen, werdet ihr und eure Anhänger und Nachfolger auf den Wegen dieser Welt treffen! Und um Meister zu sein und zu verstehen, müßt ihr diese Schule durchmachen... Er mit seinen Fehlern zeigt euch, wie der Mensch ist; ich zeige euch den Menschen, wie er sein sollte. Zwei gleich notwendige Vorbilder. Ihr, die ihr nun beide gut kennt, müßt danach trachten, den ersten nach dem zweiten umzugestalten ... Und meine Geduld soll eure Richtschnur sein.»

«Herr, ich bin ein großer Sünder gewesen und werde gewiß auch ein Beispiel abgeben. Aber ich möchte, daß Judas, der kein so großer Sünder ist wie ich es war, sich bekehrt, wie ich es getan habe. Ist es Hochmut, das zu sagen?»

«Nein Matthäus, es ist kein Hochmut. Du ehrst mit deinen Worten zwei Wahrheiten. Die erste ist im Sprichwort enthalten: Der gute Wille des Menschen wirkt göttliche Wunder. Die zweite ist, daß Gott dich unendlich geliebt hat, schon bevor du an eine Bekehrung gedacht hast, und er hat es getan, weil er deine Fähigkeit zum Heldenmut kannte. Du bist die Frucht zweier Kräfte: deines guten Willens und der Liebe Gottes. Zuerst nenne ich deinen guten Willen, denn ohne diesen wäre die Liebe Gottes nutzlos gewesen, nutzlos und unwirksam...»

«Aber könnte Gott uns nicht auch ohne unseren Willen bekehren?» fragt Jakobus des Alphäus.

«Gewiß. Aber dann wäre doch immer noch der Wille des Menschen erforderlich, um in der wunderbar erlangten Bekehrung zu verharren.»

«Dann war und ist also in Judas dieser Wille nicht vorhanden, weder bevor er dich kannte, noch jetzt ...» sagt Philippus heftig. Einige lachen, andere seufzen.

Jesus allein verteidigt den abwesenden Apostel: «Sag das nicht! Er hat

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ihn gehabt und hat ihn immer noch. Aber das sündige Gesetz des Fleisches überwältigt ihn von Zeit zu Zeit. Er ist ein Kranker... ein armer, kranker Bruder. In jeder Familie gibt es einen Schwachen, einen Kranken, einen, der die Last, die Trübsal und der Kummer der Familie ist. Und doch, ist nicht gerade das schwächlichste das von der Mutter am meisten geliebte Kind? Kümmern sich die Brüder nicht gerade am meisten um ein unglückliches Brüderchen? Gibt der Vater nicht gerade ihm den besten Bissen, den er auf dem Teller findet, um ihm eine Freude zu bereiten und um ihn nicht fühlen zu lassen, daß er eine Last ist und ihm dadurch sein Leiden noch schwerer zu machen?»

«Es ist wirklich wahr. So ist es. Meine Zwillingsschwester war kränklich in ihrem zarten Alter. Ich hatte ihr alle Kraft weggenommen. Aber die Liebe der ganzen Familie hat ihr so sehr geholfen, daß sie nun eine blühende Frau und Mutter geworden ist», sagt Thomas.

«Nun also. Tut an eurem schwachen Bruder im Geist so, wie ihr an einem schwachen leiblichen Bruder tun würdet. Ich werde kein Wort des Tadels für ihn haben, und ihr seid nicht mehr als ich. Eure geduldige Liebe ist der stärkste Vorwurf, und er kann sich nicht gegen ihn wehren. In Thekoa werde ich Matthäus und Philippus zurücklassen, damit sie auf Judas warten... Der erstere möge sich erinnern, daß er einst ein Sünder war, und der zweite, daß er Vater ist.»

«Ja, Meister, wir werden uns daran erinnern.»

«In Jericho werde ich, wenn Judas noch nicht bei uns sein sollte, Andreas und Johannes zurücklassen, und auch sie sollen sich daran erinnern, daß nicht alle in gleichem Maße die freien Gaben Gottes empfangen haben... Aber geht jetzt zu dem alten Bettler, der dort auf der Straße daherwankt. Die Stadt ist nicht mehr weit, und mit dem Almosen kann er sich Brot kaufen.»

«Herr, es geht nicht. Judas hat die Börse bei sich ...» sagt Petrus, «und die Schwestern haben uns nichts gegeben.»

«Du hast recht, Simon. Sie sind wie betäubt durch den Schmerz, und wir mit ihnen. Aber es macht nichts. Wir haben noch etwas Brot, und wir sind jung und stark. Geben wir es dem Alten, damit er nicht auf dem Weg zusammenbricht.»

Sie suchen in den Taschen, sammeln einige Stücke Brot und geben sie dem alten Mann, der sie erstaunt anblickt.

«Iß, iß!» ermutigt ihn Jesus und läßt ihn aus seiner Flasche trinken, während er ihn fragt, wohin er geht.

«Nach Thekoa. Morgen ist dort großer Markt... Aber seit gestern habe ich nichts mehr gegessen.»

«Bist du allein?»

«Mehr als allein... Mein Sohn hat mich verjagt...» Seine greisenhafte Stimme hat wirklich einen herzzerreißenden Klang.

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Barmherzigkeit glauben kannst.»

«Und an die seines Messias. Aber mein Sohn wird keinen Messias finden, er kann den Messias nicht finden, da er ihn so sehr haßt, daß er sogar seinen Vater haßt, weil er ihn liebt.»

«Hat er dich deshalb verjagt?»

«Deshalb, und um nicht die Freundschaft einiger Leute zu verlieren, die den Messias verfolgen. Er hat ihnen beweisen wollen, daß sein Haß den ihren übertrifft und ihn selbst die Stimme des Blutes überhören läßt.»

«Schrecklich!» sagen alle.

«Es wäre schlimmer, wenn ich dieselben Gedanken hätte wie mein Sohn», sagt der kleine Alte heftig.

«Aber wer ist er? Wenn ich recht verstanden habe, muß er einer sein, der Macht und Einfluß hat...» sagt Thomas.

«Mann, es gibt keinen Vater, der den Namen seines schuldigen Sohnes nennt, damit man ihn verachtet. Ich muß sagen, daß ich Hunger leide und friere, ich, der ich durch viel Arbeit den Wohlstand des Hauses vermehrt habe, um meinen Sohn glücklich zu machen. Mehr aber nicht. Denke, daß ich ein Judäer bin, wie auch er ein Judäer ist; daß wir also von gleicher Rasse, aber von verschiedener Gesinnung sind. Der Rest ist unwichtig.»

«Und bittest du Gott um nichts, du, der du ein Gerechter bist?» fragt Jesus sanft.

«Daß er das Herz meines Kindes rühre und es an das glauben lasse, was ich glaube.»

«Aber für dich, für dich selbst, bittest du um nichts?»

«Ich möchte dem begegnen, der für mich der Sohn Gottes ist. Ich möchte ihm noch huldigen und dann sterben.»

«Aber wenn du stirbst, wirst du ihn nicht mehr sehen. Du wirst im Limbus sein ...»

«Für kurze Zeit. Du bist ein Rabbi, nicht wahr? Ich sehe nur sehr wenig... Das Alter... die vielen Tränen, und auch der Hunger... Aber ich sehe die Quasten deines Gürtels... Wenn du ein guter Rabbi bist, und es scheint mir so, dann mußt auch du fühlen, daß die Zeit gekommen ist. Die Zeit, die Isaias vorausgesagt hat, meine ich. Und die Stunde muß nahe sein, in der das Lamm alle Sünden der Welt auf sich nehmen wird; in der es all unsere Sünden und Schmerzen tragen und daher durchbohrt und geopfert werden wird, damit wir geheilt werden und mit dem Ewigen in Frieden seien. Und dann wird es auch für die Seelen Frieden geben... Ich hoffe es im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes.»

«Hast du den Meister noch nie gesehen?»

«Nein. Ich habe ihn an den Festen im Tempel sprechen gehört. Aber ich bin klein von Gestalt und noch kleiner durch das Alter, und ich sehe auch

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wenig, wie ich schon gesagt habe. Wenn ich daher in einer Menschenmenge bin, sehe ich wenig wegen meiner Vordermänner, und wenn ich weit weg stehe, sehe ich nichts wegen der Entfernung. Oh, ich würde ihn gern sehen, wenigstens einmal!»

«Du wirst ihn sehen, Väterchen; Gott wird es dir gewähren. Weißt du schon, wohin du in Thekoa gehen kannst?»

«Nein. Ich werde in einem Säulengang oder unter einem Torbogen bleiben. Ich bin schon daran gewöhnt.»

«Komm mit mir. Ich kenne einen guten Israeliten. Er wird dich aufnehmen im Namen Jesu, des Meisters von Galiläa.»

«Auch du stammst aus Galiläa. Man erkennt es an deiner Aussprache.»

«Ja... Bist du müde? Aber wir sind ja schon bei den ersten Häusern. Bald wirst du dich stärken und ausruhen können.»

Jesus neigt sich, um Petrus etwas zu sagen, und Petrus entfernt sich und teilt den anderen die Worte des Meisters mit. Ich verstehe sie nicht. Dann geht er mit den Söhnen des Alphäus und Johannes voraus in die Stadt. Jesus folgt ihm mit den anderen und paßt seinen Schritt dem des armen Alten an, der nicht mehr redet und so erschöpft ist, daß er schließlich mit Andreas und Matthäus zurückbleibt.

Die Stadt scheint verlassen zu sein. Es ist Mittag und viele sind in den Häusern, um Mahlzeit zu halten. Nach wenigen Metern erscheint Petrus: «Alles in Ordnung, Herr. Simon nimmt ihn auf, weil du ihn bringst, und er dankt dir dafür, daß du an ihn gedacht hast.»

«Preisen wir den Herrn! Es gibt doch noch Gerechte in Israel. Dieser Alte ist einer von ihnen, und Simon ein anderer. Ja, es gibt immer noch Gute, Barmherzige, Gott Ergebene. Und das entschädigt mich für so manche Bitterkeiten und läßt mich hoffen, daß die göttliche Gerechtigkeit um dieser Guten willen weniger streng sein wird.»

«Aber... daß ein Sohn den Vater vertreiben kann, um nicht die Freundschaft einiger mächtiger Pharisäer zu verlieren!»

«So weit kann der Haß auf dich führen! Ich bin empört!» sagt Philippus.

«Oh, ihr werdet noch viel mehr erleben!», entgegnet Jesus.

«Noch mehr? Was gibt es denn Schlimmeres, als daß ein Vater verjagt wird, nur weil er dich nicht haßt? Ungeheuerlich ist die Sünde dieses Menschen... !»

«Noch viel ungeheuerlicher wird die Sünde des Volkes gegen seinen Gott sein... Aber warten wir auf den Alten...»

«Wer wird wohl dieser Sohn sein?»

«Ein Pharisäer!»

«Einer vom Hohen Rat!»

«Ein Rabbi!» Die Ansichten gehen auseinander.

«Ein Unglücksmensch. Forscht nicht nach. Heute hat er seinen Vater

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geschlagen. Morgen wird er mich schlagen. Ihr seht, daß die Sünde des Judas, der wie ein ungezogener Sohn fortgelaufen ist, nichts ist im Vergleich dazu. Und dennoch bete ich für diesen undankbaren Sohn, für diesen Hebräer, der Gott beleidigt, auf daß er sich besinne. Tut das gleiche... Komm, Vater. Wie heißt du?»

«Heli-Anna. Ich bin nie glücklich gewesen. Der Vater ist mir gestorben, bevor ich zur Welt gekommen bin, und die Mutter starb bei meiner Geburt. Die Mutter meiner Mutter, die mich aufgezogen hat, hat mir die beiden Namen des Vaters und der Mutter zusammen gegeben.»

«Wahrlich, du bist ein Heli, Mann, und dein Sohn gleicht jenem Pinehas», sagt Philippus, der sich nicht beruhigen kann wegen einer solchen Sünde.

«Gott verhüte das, Mann! Pinehas starb als Sünder, und er starb, als die Bundeslade geraubt wurde. Dies wäre ein großes Unglück für seine Seele und für ganz Israel», antwortet der kleine Mann.

«Höre, dieses Haus ist mir freundlich gesinnt, und was ich vom Hausherrn erbitte, erhalte ich. Es gehört einem gewissen Simon, einem Gerechten vor Gott und den Menschen. Er wird dich aus Liebe zu mir aufnehmen, wenn dir das Haus recht ist», sagt Jesus, bevor er an die Tür klopft.

«Könnte ich denn wählerisch sein? Ich werde die Segnungen des Himmels auf den herabrufen, der mir in seiner Barmherzigkeit Brot gibt und Unterkunft gewährt. Aber ich möchte arbeiten. Es ist keine Schande zu dienen. Eine Schande ist es nur, zu sündigen ...»

«Wir werden es Simon sagen», versichert Jesus und betrachtet mit einem mitleidigen Lächeln das alte Väterchen, das durch Entbehrung und seelischen Schmerz zu einem Nichts geworden ist.

Die Tür öffnet sich: «Tritt ein, Meister. Der Friede sei mit dir und mit deinen Begleitern. Wo ist denn dieser mein Bruder, den du mir bringst? Ich möchte ihm den Friedenskuß geben und ihn willkommen heißen», sagt ein Mann von etwa fünfzig Jahren.

«Sieh, da ist er. Der Herr möge dir alles vergelten.»

«Das geschieht schon, denn ich habe dich zu Gast. Wer dich aufnimmt, hat Gott in seinem Haus. Ich habe dich nicht erwartet und kann dich daher nicht so ehren, wie ich es gerne möchte. Aber ich höre, daß du in einigen Tagen wiederzukommen beabsichtigst. Dann werde ich bereit sein und dich aufnehmen, wie es sich geziemt.»

Sie sind nun in einem Raum, in dem dampfende Becken für die Waschungen bereitstehen. Der alte Mann steht verschüchtert an der Tür, doch der Hausherr nimmt ihn bei der Hand, führt ihn zu einem Stuhl, will ihm mit eigener Hand die Schuhe ausziehen, ihn bedienen wie einen König und ihm dann neue Sandalen anlegen. Der Alte wehrt sich: «Warum? Aber warum? Ich bin gekommen, um zu dienen, und du bedienst mich? Das ist nicht recht.»

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«Es ist recht, lieber Mann. Ich kann dem Rabbi nicht nachfolgen, da das Haus meine Gegenwart erfordert. Aber als letzter Jünger des heiligen Meisters befleißige ich mich, seine Worte in die Tat umzusetzen.»

«Du kennst ihn also gut. Wahrlich, du kennst ihn, denn du bist gut. Viele sind in Israel, die ihn kennen. Aber wie? Mit ihren Augen und mit ihrem Haß. Daher kennen sie ihn nicht wirklich. Eine Frau kennt man nur dann, wenn einem nichts mehr von ihr unbekannt ist und man sie ganz besitzt. So ist es mit Jesus von Nazareth, dessen Antlitz ich nie gesehen habe, den ich aber besser als viele andere kenne, da ich glaube, daß in ihm die Weisheit ist. Du aber kennst ihn wirklich, sein Aussehen und seine Lehre.»

Der Mann schaut Jesus an, sagt aber nichts.

Der Alte fährt fort: «Ich habe zu diesem Rabbi gesagt, daß ich arbeiten will ...»

«Ja, ja. Wir werden schon eine Arbeit für dich finden. Jetzt aber komm zu Tisch. Meister, deine Jünger werden gleich hier sein. Wollen wir uns schon zu Tisch begeben, oder willst du lieber auf sie warten?»

«Ich möchte auf sie warten. Aber wenn du noch zu tun hast...»

«Oh, Meister, du weißt, daß es für mich eine Freude ist, auch den geringsten deiner Wünsche zu erfüllen.»

Dem alten Männlein kommt in diesem Augenblick zum ersten Mal ein Verdacht über die Identität des Mannes, der ihm auf dem Weg beigestanden hat. Er schaut ihn an, schaut ihn wieder an und schaut dann seine Begleiter an... Aufmerksam prüfend geht er um sie herum. Da treten die Söhne des Alphäus mit Johannes ein. Jesus ruft ihre Namen.

«Oh! Großer Gott! Ja, aber... dann bist du es ja selbst!» ruft der Alte aus und wirft sich huldigend nieder.

Sein Staunen ist nicht geringer als das der anderen. Diese Art, den Meister zu erkennen, ist so seltsam, daß Petrus ihn fragt: «Was ist denn so besonderes an diesen in Israel so häufigen Namen, daß du an ihnen erkannt hast, den Messias vor dir zu haben?»

«Ich kenne Judas. Er kommt immer zu meinem Sohn und ...» Der Alte unterbricht sich plötzlich ganz verlegen, weil er seinen Sohn genannt hat.

«Aber ich habe dich niemals gesehen, lieber Mann», sagt Thaddäus und stellt sich etwas gebeugt vor ihn hin, um ihm ins Gesicht zu sehen.

«Auch ich kenne dich nicht. Aber ein Jünger des Christus mit Namen Judas kommt oft zu meinem Sohn, und ich habe sie reden hören von einem Johannes, von einem Jakobus, von einem Simon, dem Freund des Lazarus von Bethanien, und von vielen anderen Dingen... Drei Namen zu hören von denen, die bekannt sind als die der engsten Freunde des Meisters! Und er selbst, der so gut ist! ... Ich habe begriffen! Aber wo ist der andere Judas?»

«Er ist nicht da. Aber es ist wahr. Du hast recht. Ich bin es. Der Herr ist

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gut, Vater. Du hast danach verlangt, mich zu sehen, und du hast mich gesehen. Preisen wir die Barmherzigkeit Gottes... Entferne dich nicht, Heli-Anna. Du warst an meiner Seite, als ich für dich ein Wanderer war und nichts weiter. Warum willst du dich jetzt von mir entfernen, da du weißt, daß ich das Ziel bin? Du weißt nicht, wie sehr dein Herz mich getröstet hat! Du kannst es nicht wissen. Ich bin es, der mehr empfangen hat, nicht du... Wenn Dreiviertel von Israel und noch mehr mich hassen bis zum Verbrechen, wenn die Schwachen meinen Weg verlassen, wenn die Trübsal der Undankbarkeit, der Mißgunst und der Verleumdung mich von allen Seiten umgeben, wenn ich keine Erquickung finden kann in dem Gedanken, daß mein Opfer das Heil Israels sein wird... dann ist die Begegnung mit einem wie du es bist, o Vater, ein Ausgleich für meinen Schmerz... Du weißt es nicht... Niemand kennt die immer größere Traurigkeit des Menschensohnes. Ich dürste nach Liebe... Und gar zu viele Herzen sind ausgetrocknete Quellen, denen ich mich vergeblich nähere... Aber gehen wir...»

Den Alten an seiner Seite, betritt er den Raum, in dem die schon gedeckten Tische stehen...

575. JESUS SPRICHT IN THEKOA

Der hintere Teil des Hauses des Simon ist nichts als ein großer Platz, dessen Seiten die beiden Flügel des U-förmigen Hauses bilden. Ich spreche von einem Platz, denn an Markttagen wie dem heutigen, wird an drei Stellen das stabile Gitter geöffnet, das den Hof von einem öffentlichen, noch viel größeren Platz abtrennt. Dann findet eine Invasion von Kaufleuten statt, die ihre Schaukästen in den Säulenhallen an den drei Seiten des Hauses aufstellen, deren finanziellen Nutzen ich nun erkenne; denn Simon geht als guter Hebräer zu jedem Kaufmann und verlangt von ihm eine Abgabe für die Benützung des Platzes. Es zieht den kleinen Alten hinter sich her, der nun ein anständiges Gewand anhat, und stellt ihn allen mit den Worten vor: «Seht, ab heute werdet ihr diesem hier die festgesetzte Summe zahlen.» Nachdem er die Runde der Säulenhallen gemacht hat, sagt er zu Heli-Anna: «Das ist also deine Arbeit. Hier, drinnen in der Herberge und in den Stallungen. Sie ist weder schwierig noch mühsam, zeigt dir jedoch, wie sehr ich dich schätze. Ich habe einen nach dem anderen von meinen drei Gehilfen entlassen müssen, weil sie nicht ehrlich waren. Aber du gefällst mir. Außerdem hat er dich hergebracht, und er kennt die Herzen. Gehen wir 7U ihm und sagen wir ihm, daß jetzt der Zeitpunkt günstig ist, wenn er sprechen will.» Dann entfernt er sich, gefolgt von dem alten Männlein...

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Immer mehr Volk füllt den Platz, und der Lärm wird immer größer. Frauen, die ihre Einkäufe machen; Viehhändler; Käufer von Pflugochsen und anderen Tieren; Bauern, gebeugt unter der Last ihrer Obstkörbe, die ihre Ware anpreisen; Messerschmiede, die alles, was schneidet, auf Matten ausgebreitet haben und mit höllischem Lärm Beile in Holzklötze schlagen, um die Festigkeit der Schneide zu beweisen, oder mit einem Hammer auf Sicheln klopfen, die an Gestellen aufgehängt sind, um die Härte der Klinge zu demonstrieren, oder Pflugscharen hochheben und sie dann mit beiden Händen in die Erde schlagen, um zu zeigen, daß ihren Pflugscharen kein Erdreich widersteht; Kupferschmiede mit ihren Kannen und Eimern, Pfannen und Lampen, die einen betäubenden Lärm erzeugen, indem sie an das klingende Metall schlagen, um zu zeigen, wie massiv es ist, und aus voller Kehle schreiend ihre Laternen und ein- und mehrflammigen Leuchter für die kommenden Feste im Kislew anpreisen. Und alles übertönt das monotone, schrille Geschrei der Bettler, ähnlich dem Gekreisch der Nachteulen, die sich an den strategischen Punkten des Marktes postiert haben.

Jesus kommt zusammen mit Petrus und Jakobus des Zebedäus aus dem Haus. Die anderen sehe ich nicht. Ich glaube, daß sie durch die Stadt gehen und den Meister ankündigen, denn ich sehe, daß das Volk ihn sofort erkennt und viele herbeieilen, während Lärm und Geschrei langsam abnehmen. Jesus läßt einigen Bettlern Almosen geben und bleibt dann stehen, um zwei Männer zu begrüßen, die mit ihren Dienern nach den Einkäufen gerade den Marktplatz verlassen wollten. Jetzt bleiben auch sie stehen, um den Meister zu hören. Jesus beginnt zu sprechen und macht das, was er sieht, zum Gegenstand seiner Rede:

«Alles zu seiner Zeit, alles an seinem Platz. Man hält keinen Markt am Sabbat und treibt keinen Handel in der Synagoge. Auch arbeitet man nicht in der Nacht, sondern solange es noch Tag ist. Nur der Sünder handelt auch am Tag des Herrn, entheiligt die zum Gebet bestimmten Orte durch menschliche Geschäfte oder geht in der Nacht aus, um Diebstahl und Verbrechen zu begehen. Wer ehrlich handelt, bemüht sich auch, seinen Käufern die Güte seiner Lebensmittel oder die Haltbarkeit seiner Werkzeuge zu beweisen; und der Käufer geht zufrieden fort mit dem guten Kauf. Wenn es aber einem Kaufmann mit viel List gelingt, den Käufer zu betrügen, und es sich herausstellt, daß die Werkzeuge oder Lebensmittel nicht gut sind oder nicht dem bezahlten Preis entsprechen, wird sich dann der Käufer in Zukunft nicht schützen, indem er zumindest nichts mehr bei diesem Händler kauft oder gar zum Richter geht, um sein Geld zurückzuerhalten? So würde es geschehen, und es wäre recht.

Und doch, sehen wir nicht in Israel, wie das Volk getäuscht wird von jenen, die wertlose Ware als gute verkaufen und den anschwärzen, der wirklich gute Ware liefert, da er der Gerechte des Herrn ist? Ja, wir alle

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sehen es. Gestern abend sind viele von euch gekommen, um von den Kniffen der schlechten Kaufleute zu berichten, und ich habe ihnen gesagt: "Laßt sie nur machen. Seid standhaft, und Gott wird vorsorgen." Wen beleidigen die, die schlechte Ware verkaufen? Euch? Mich? Nein, Gott selbst. Schuldig ist nicht der Betrogene, sondern der Betrüger. Es ist nicht so sehr eine Sünde gegen den Menschen als vielmehr gegen Gott, wenn jemand versucht, schlechte Ware zu verkaufen, damit der Käufer die gute Ware nicht bekommt. Ich sage nicht: Lehnt euch auf. Rächt euch. Solche Worte kommen nicht über meine Lippen. Ich sage nur: Hört auf den wahren Klang der Worte, beobachtet gut, in hellem Licht, die Handlungen dessen, der spricht, kostet den ersten Schluck, den ersten Bissen, der euch angeboten wird, und wenn ihr einen rauhen Klang vernehmt, wenn euch das Handeln des Anderen dunkel erscheint, wenn der Geschmack, der in eurem Herzen zurückbleibt, verwirrend wirkt, dann weist, was euch angeboten wird, als schlechte Ware ab. Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe sind niemals rauh oder verwirrend und lieben nicht die Dunkelheit.

Ich weiß, daß mir meine Jünger vorausgegangen sind, und ich werde euch zwei meiner Apostel hier zurücklassen. Zudem habe ich gestern abend, mehr durch meine Werke als durch meine Worte, Zeugnis davon gegeben, woher und mit welcher Sendung ich komme. Es sind daher keine langen Reden erforderlich, um euch auf meinen Weg zu führen. Denkt nach und bleibt immer auf diesem Weg. Ahmt die Gründer dieser Stadt am Rand der trockenen Wüste nach. Bedenkt immer, daß außerhalb meiner Lehre die Trockenheit der Wüste herrscht, während in meiner Lehre die Quellen des Lebens fließen. Was auch immer vorfallen mag, laßt euch nicht verwirren und nehmt keinen Anstoß daran. Erinnert euch der Worte des Herrn bei Isaias. Meine Hand wird nie zu kurz sein, um denen Wohltaten zu erweisen, die auf meinen Wegen wandeln, so wie die Hand des Allerhöchsten nie zu kurz sein wird, um jene zu strafen, die mich beleidigen und mir Schmerz zufügen; denn ich bin gekommen und habe nur wenige gefunden, die mich aufgenommen haben; ich habe gerufen, aber nur wenige haben mir geantwortet. Und so wie jeder, der mich ehrt, auch den Vater ehrt, der mich gesandt hat, so verachtet jeder, der mich verachtet, auch den, der mich gesandt hat. Und nach dem alten Gesetz der Vergeltung wird dem, der mich verstößt, Verstoßung zuteil werden.

Aber ihr, die ihr mein Wort aufgenommen habt: fürchtet nicht die Schmähungen der Menschen, zittert nicht vor ihren Beschimpfungen, die zuerst mich und dann euch treffen werden, weil ihr mich liebt. Obwohl es scheinen wird, daß man mich verfolgt und schlägt, werde ich euch trösten und beschützen. Habt keine Furcht, habt keine Furcht vor dem sterblichen Menschen, der heute ist und morgen nur noch eine Erinnerung und Staub sein wird. Fürchtet vielmehr den Herrn. Fürchtet ihn mit heiliger Liebe, nicht mit Angst. Fürchtet, ihn nicht so zu lieben, wie es seiner

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unendlichen Liebe gebührt. Ich sage euch nicht: Tut dies oder jenes. Was zu tun ist, wißt ihr. Ich sage euch: Liebt. Liebt Gott und seinen Gesalbten. Liebt euren Nächsten, wie ich es euch gelehrt habe, und ihr werdet alles richtig machen, wenn ihr zu lieben wißt.

Ich segne euch, ihr Bürger von Thekoa, der Stadt am Rand der Wüste, die aber eine Oase des Friedens für den verfolgten Menschensohn ist. Mein Segen sei in euren Herzen und in euren Häusern, jetzt und immer.»

«Bleibe, Meister! Bleibe bei uns. Die Wüste war immer gut für die Heiligen Israels!»

«Ich kann nicht. Ich habe noch andere, die auf mich warten. Ihr seid in mir, und ich bin in euch, weil wir uns lieben.»

Jesus bahnt sich nur mühsam einen Weg durch die Menge, die ihm folgt und ihre Geschäfte und alles andere vergißt. Geheilte Kranke preisen ihn immer wieder, getröstete Herzen danken ihm, Bettler grüßen ihn: «Du lebendiges Manna Gottes... !» Das alte Männlein geht an seiner Seite und bleibt dort, bis sie den Stadtrand erreicht haben. Erst als Jesus Matthäus und Philippus, die in Thekoa bleiben, segnet, entschließt er sich, seinen Retter zu verlassen, und er tut es mit Küssen auf die nackten Füße des Meisters und unter Tränen und Worten der Dankbarkeit.

«Erhebe dich Heli-Anna, daß ich dich küsse. Ein Kuß des Sohnes für den Vater, und er möge dir alles ersetzen. Auf dich wende ich die Worte des Propheten an: "Du, der du weinst, wirst nimmer weinen, da der Barmherzige Erbarmen mit dir gehabt hat." Der Herr wird dir spärliches Brot und wenig Wasser geben. Mehr kann ich nicht für dich tun. Denn du bist nur von einem verjagt worden, ich dagegen werde von den Mächtigen des ganzen Volkes gejagt, und es ist schon viel, wenn ich Nahrung und Unterkunft für mich und meine Apostel finde. Aber deine Augen haben den gesehen, den du ersehnt hast, und deine Ohren haben meine Worte vernommen, so wie dein Herz meine Liebe fühlen darf. Geh hin in Frieden, denn du bist ein Märtyrer der Gerechtigkeit, ein Vorläufer all derer, die um meinetwillen Verfolgung erleiden werden. Weine nicht, Vater!»Und er küßt ihn auf sein weißes Haupt.

Der Alte erwidert den Kuß Jesus auf die Wange und flüstert ihm ins Ohr: «Traue dem anderen Judas nicht, mein Herr. Ich will meine Zunge nicht beschmutzen... aber traue ihm nicht! Er kommt nicht mit guten Absichten zu meinem Sohn...»

«Ja. Aber denke nicht mehr an die Vergangenheit. Bald wird alles beendet sein, und niemand wird mir mehr schaden können. Leb wohl, Heli-Anna. Der Herr sei mit dir.»

Sie trennen sich...

«Meister, was hat der Alte dir so leise ins Ohr gesagt?» fragt Petrus, der nur mit Mühe an der Seite Jesu geht, denn Jesus macht große Schritte mit seinen langen Beinen, was der kleine Petrus nicht kann.

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«Armer Alter! Was soll er mir sagen, was ich nicht schon wüßte», antwortet Jesus, um einer genaueren Antwort auszuweichen.

«Er sprach wohl von seinem Sohn? Hat er dir gesagt, wer er ist?»

«Nein, Petrus. Ich versichere es dir. Er hat den Namen in seinem Herzen bewahrt.»

«Aber du kennst ihn?»

«Ich kenne ihn, aber ich werde ihn dir nicht sagen.»

Es folgt ein langes Schweigen. Dann rückt Petrus mit der erregten Frage und dem Bekenntnis heraus: «Aber warum, wozu geht Iskariot in das Haus eines so schlechten Menschen, wie es der Sohn des Heli-Anna ist? Ich habe keine Angst, Meister! Judas hat keine guten Freunde. Er geht im Verborgenen dorthin und hat auch nicht die Kraft, dem Bösen zu widerstehen. Ich habe Angst, Meister. Warum? Warum geht Judas insgeheim zu diesem Menschen?» Das Gesicht des Petrus ist ein einziges, tief bekümmertes Fragezeichen.

Jesus schaut ihn an und antwortet nicht. Was sollte er auch antworten? Was sollte er sagen, ohne zu lügen oder den treuen Petrus gegen den untreuen Judas aufzubringen. Er zieht es vor, Petrus reden zu lassen.

«Antwortest du mir nicht? Seit gestern, seit der Alte glaubte, unter uns Judas zu erkennen, habe ich keinen Frieden mehr. Es ist wie an dem Tag, als du mit der Frau des Sadduzäers gesprochen hast. Erinnerst du dich daran? Erinnerst du dich an meinen Verdacht?»

«Ich erinnere mich. Und erinnerst du dich an meine Worte von damals?»

«Ja, Meister.»

«Mehr brauche ich nicht zu sagen, Petrus. Die Handlungen der Menschen erscheinen uns oft so, wie sie in Wirklichkeit nicht sind. Aber ich in glücklich, für den Alten gesorgt zu haben. Es ist, als ob Ananias zurückgekehrt wäre. Und wahrlich, wenn Simon von Thekoa ihn nicht aufgenommen hätte, dann hätte ich ihn zum Haus des Salomon geführt, um dort einen Vater zu haben, der uns immer erwartet. Aber für Heli ist es besser so. Simon ist gut und hat viele Enkel. Heli liebt Kinder... und Kinder lassen viele schmerzliche Dinge vergessen ...»

Wie er es immer versteht, die Aufmerksamkeit des Gesprächspartners auf andere Themen zu lenken, wenn er keine geeignete Antwort auf gefährliche Fragen findet, hat Jesus Petrus von seinen Gedanken abgelenkt. Nun spricht er weiter von den Kindern, die ihnen da und dort begegnet sind, bis er schließlich Margziam erwähnt, der vielleicht zu dieser Stunde nach einem Fischfang auf dem schönen See von Genesareth die Netze einzieht.

Und Petrus, der nun in Gedanken weit entfernt von Heli und Judas ist, lächelt und fragt: «Aber nach dem Passahfest gehen wir dorthin, nicht wahr? Es ist so schön. Oh, viel schöner als hier. Wir Galiläer sind für die

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Leute in Judäa Sünder... Aber hier zu leben! Oh, ewige Barmherzigkeit! Wenn wir gestraft werden sollen, dies hier ist gewiß keine Belohnung.»

Jesus ruft die anderen, die zurückgeblieben sind, und geht dann mit ihnen auf dem von der Dezembersonne erwärmten Weg weiter.

576. IN JERICHO

Jesus wird schon erwartet. Viel Volk wartet auf den Feldern vor der Stadt. Und als ein Wachtposten von einem hohen Nußbaum aus schreit: «Da kommt das Lamm Gottes!» erhebt sich die Menge und eilt Jesus entgegen, der im leichten Dunst der Abenddämmerung einherschreitet.

«Meister! Meister! Wir haben schon so lange auf dich gewartet! Unsere Kranken! Unsere Kinder! Dein Segen! Die Alten warten auf dich, um in Frieden entschlafen zu können. Wenn du uns segnest, Herr, dann werden wir vor jedem Unglück bewahrt sein.» Alle reden sie gleichzeitig, während Jesus mehrere Male die Hand zum Segen erhebt und immer wieder sagt: «Friede! Friede! Der Friede sei mit euch allen!» Die Apostel, die noch bei ihm sind, werden gleich in Anspruch genommen, von Jesus getrennt und verschwinden in der Menge, und die Leute, die sich liebevoll beklagen, daß sie so lange auf ihn warten mußten, lassen Jesus kaum vorankommen.

Der arme Zachäus kämpft verzweifelt, um zu Jesus vorzudringen, um von ihm gehört oder wenigstens gesehen zu werden. Aber da er so klein und weder sehr gewandt noch stark ist, wird er von immer neu hinzukommendem Volk zurückgedrängt. Seine Rufe verlieren sich im allgemeinen Geschrei, und er geht in dem Durcheinander von sich bewegenden Köpfen, Armen und Kleidern unter. Vergeblich fleht und schimpft er auch hin und wieder, aber niemand hat Mitleid mit ihm. Die Menge ist immer egoistisch, wenn es etwas Erfreuliches gibt, und geht dann oft grausam mit den Schwächeren um. Erschöpft und überzeugt von der Nutzlosigkeit seiner Anstrengungen, verliert der arme Zachäus schließlich seinen Kampfeswillen und gibt betrübt auf. Wie sollte er auch Erfolg haben, da auf allen Wegen neues Volk herbeiströmt und die Wege Bächen gleichen, die sich alle in einen einzigen Fluß ergießen: die Straße, auf der Jesus dahinschreitet. Jeder neue Zustrom, jede neue Welle läßt die Menge noch dichter werden, so daß es schon fast gefährlich ist, mitten in diesem Gedränge zu stecken, und der arme Zachäus wird noch weiter nach hinten gestoßen.

Thaddäus sieht ihn und versucht sich durchzukämpfen, um ihn aus dem Winkel der Straße zu befreien, in den ihn die Menge gedrückt hat. Aber er wird von den Menschen, die von hinten drängen, mitgerissen, und

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der Versuch mißglückt. Thomas versucht es ebenfalls und macht von seiner kräftigen Gestalt Gebrauch, benützt seine Ellbogen und brüllt mit seiner mächtigen Stimme: «Macht Platz... !» Aber es ist alles zwecklos. Das Volk bildet eine Mauer, die fest wie ein Felsen und gleichzeitig geschmeidig wie Gummi ist. Sie gibt nach, aber sie bricht nicht. Es ist keine Umarmung mehr, sondern eine unlösliche Kette. Und auch Thomas gibt auf.

Zachäus verliert nun jegliche Hoffnung, denn Didymus ist der letzte der Apostel, der von dem Strom mitgerissen wird. Endlich ist dieser vorüber... Stoffetzen, Quasten, Fransen, Haarnadeln von Frauen und Kleiderschnallen bleiben am Boden liegen und zeugen von der Gewalt des Kampfes, der stattgefunden hat. Auch eine ganz zertretene Kindersandale scheint traurig auf den kleinen Fuß zu warten, der sie verloren hat... Zachäus folgt ganz am Ende, traurig wie das Schuhchen, das die Menge seinem kleinen Eigentümer entrissen hat.

Jesus sieht man nicht einmal mehr. Eine Biegung der Straße verbirgt ihn vor den Augen des armen Zachäus... Doch als er als letzter den Platz erreicht, wo früher seine Zollbank stand, sieht er, daß das Volk schreiend, betend und flehend stehengeblieben ist. Und er sieht auch, daß Jesus, der auf die Stufen am Eingang eines Hauses gestiegen ist, mit Kopf und Armen verneinende Gebärden macht und etwas sagt, was sich im Getöse verliert. Schließlich sieht er, daß Jesus mit Mühe von seinem Piedestal heruntersteigt, weitergeht und sich in Richtung... ja, in Richtung seines Hauses wendet. Zachäus nimmt alle seine Kräfte zusammen. Das Volk ist zahlreich, aber der Platz ist groß, und daher sind die Leute hier nicht so dicht gedrängt und man kann sich durchzwängen wie durch eine nicht allzu kompakte Hecke, wenn man den Mut dazu hat und keine Verletzungen fürchtet. Zachäus ist ein Keil, ein Katapult, ein Widder geworden. Er stößt, pufft, drängt, verteilt und erhält Faustschläge ins Gesicht, Ellbogenstöße in den Magen und Fußtritte ans Schienbein. Doch er schafft sich Platz und kommt voran... Und schon ist er auf der anderen Seite... Hier aber kommt er nicht weiter und stößt wieder auf eine undurchdringliche Mauer. Nur wenige Schritte trennen ihn noch von Jesus, der schon vor seinem Haus steht. Doch wenn Wüsten und Flüsse ihn von ihm trennen würden, könnte er mehr Hoffnung haben, ihn zu erreichen. Er regt sich auf, schimpft und drängt: «Ich muß zu meinem Haus! Laßt mich durch! Seht ihr nicht, daß er zu mir kommen will?»

Das hätte er nicht sagen dürfen! Das erweckt in den Leuten wieder den Wunsch, den Meister in den eigenen Häusern aufnehmen zu können. Der eine macht sich lustig über den armen Zachäus, der andere gibt ihm eine böse Antwort. Niemand hat Mitleid mit ihm. Sie fangen vielmehr an, noch mehr zu schreien und zu toben, damit der Meister ihn nicht hört und sieht. Einige rufen: «Du hast schon zuviel von ihm gehabt, du alter Sünder!»

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Ich glaube, daß bei so viel Unmut auch die Erinnerung an seine frühere Steuereintreibung und Erpressung eine Rolle spielt. Auch der mehr zum Übernatürlichen neigende Mensch bewahrt in sich fast immer ein Eckchen, in dem die Liebe zum Geld und die Erinnerung an den, der ihm dieses Geld abgenommen hat, sehr lebendig ist...

Aber die Zeit der Prüfung ist nun für Zachäus vorüber, und Jesus belohnt ihn für seine Beständigkeit. Er ruft ihn mit der ganzen Kraft seiner Stimme: «Zachäus, komm zu mir! Laßt ihn durch, denn ich will in sein Haus einkehren.»

Der Menge bleibt nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Ein Gang öffnet sich, und Zachäus tritt vor, rot vor Anstrengung und vor Freude. Er versucht, seine zerzausten Haare, das aufgeknöpfte Gewand und den Gürtel, dessen Quasten nach hinten gerutscht sind, in Ordnung zu bringen. Er sucht den Mantel... Wer weiß, wo der geblieben ist... Macht nichts. Jetzt steht er vor Jesus und verbeugt sich ein wenig, um ihn zu begrüßen. Mehr kann er nicht tun, denn es ist kaum Platz, um sich zu verbeugen.

«Der Friede sei mit dir, Zachäus. Komm, daß ich dir den Friedenskuß gebe. Du hast ihn wohl verdient», sagt Jesus mit einem heiteren, jugendlichen Lächeln, das ihn wahrhaft jünger erscheinen läßt.

«0 ja, Herr. Ich habe es wohl verdient. Es ist so schwer, zu dir zu kommen, Herr», sagt Zachäus und reckt sich so gut er kann, um die Hölle Jesu zu erreichen, der sich niederbeugt, um ihn zu küssen; und dabei sieht man sein Gesicht, das aus einem Kratzer auf der rechten Wange blutet und ein geschwollenes Auge von einem Ellbogenstoß aufweist.

Jesus küßt ihn und sagt dann: «Aber ich belohne dich nicht für diese Mühe, sondern für die anderen, geheimen Mühen, die vielen unbekannt sind, die ich aber kenne. Du hast recht: Es ist nicht leicht, zu mir zu kommen; und die Menge ist nicht das einzige und nicht einmal das größte Hindernis auf dem Weg zu mir.

0 Volk, das du mich fast im Triumph getragen hast, das größte und hartnäckigste Hindernis, das immer von neuem auftaucht nach jedem Versuch, es zu zerbrechen und zu überwinden, ist das eigene Ich. Ihr habt geglaubt, ich sähe nichts, aber ich habe alles gesehen und alles bewertet. Und was habe ich gesehen? Ich habe den bekehrten Sünder gesehen, einen, der früher hartherzig war und Bequemlichkeiten liebte, der stolz, eitel, genußsüchtig und geizig war. Und ich habe gesehen, wie er sich seines alten Ichs entäußert hat, auch in den kleineren Dingen, und wie er seine Art und seine Vorlieben geändert hat, um zu seinem Retter zu eilen; wie er, um bei mir zu sein, gekämpft, demütig gefleht, geduldig Hohn und Vorwürfe ertragen, an seinem Körper die Schläge der Menge erlitten und auch in seinem Herzen gelitten hat, da er sich auf den letzten Platz zurückgedrängt sah und nicht einmal einen Blick von mir erhaschen

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konnte. Und ich habe noch andere Dinge in ihm gesehen, Dinge die auch ihr kennt, die ihr aber nicht berücksichtigen wollt, obwohl sie euch Erleichterung verschafft haben.

Ihr werdet sagen: "Woher weißt du das, da du doch nicht bei uns wohnst?" Ich antworte euch: Wie ich in den Herzen der Menschen lese, so sind mir auch die Handlungen der Menschen nicht unbekannt, und ich weiß gerecht zu sein und zu belohnen im richtigen Verhältnis zu dem Weg, den einer zurücklegt, um zu mir gelangen; zu den Mühen, die er auf sich genommen hat, um den Urwald zu roden, der seinen Geist bedeckte, um ihn zu verschönern und alles zu entfernen, was nicht der Baum des Lebens ist, um diesen zum König des eigenen Ichs zu machen und ihn zu seiner Ehre mit den Pflanzen der Tugenden zu umgeben; zu dem Eifer, mit dem er darüber gewacht hat, daß kein unreines Getier, kein kriechendes, verdorbenes, schlüpfriges und müßiges Wesen – die verschiedenen bösen Leidenschaften – sich ins Gebüsch einschleiche, sondern nur das seinen Geist bewohne, was gut ist und Gott preist: nämlich die übernatürlichen Neigungen. Sie gleichen Singvögeln oder sanften Lämmern, die bereit sind, sich zu opfern, die bereit sind zum vollkommenen Lob aus Liebe zu Gott.

Und wie mir die Werke des Zachäus, seine Gedanken und Mühen, nicht unbekannt sind, so ist mir auch nicht unbekannt, daß in vielen Menschen dieser Stadt, die mir zugejubelt haben, mehr eine menschliche als eine geistige Liebe herrscht. Wenn ihr mich in rechter Weise lieben würdet, hättet ihr eurem Mitbürger Barmherzigkeit erwiesen. Ihr hättet ihn nicht gedemütigt mit dem Hinweis auf die Vergangenheit; diese Vergangenheit, die er vernichtet hat und an die Gott nicht mehr denkt, da er auf die einmal gewährte Verzeihung nur dann zurückkommt, wenn der Mensch wieder sündigt. Und er kommt darauf zurück, um ihn für die neue Sünde zu richten, nicht wegen der bereits verziehenen. Ich sage euch nun – und ihr sollt über meine Worte nachdenken bei euren nächtlichen Betrachtungen – daß die wahre Liebe zu mir nicht in begeisterten Zurufen besteht, sondern im Vollbringen dessen, was ich tue und was ich euch lehre, in der Übung der gegenseitigen Liebe, der Demut und der Barmherzigkeit. Bedenkt, daß ihr alle aus demselben Erdenschlamm gebildet seid, was euer irdisches Sein angeht, und daß der Schlamm sich immer zum Sumpf hingezogen fühlt. Und wenn daher euer Geist, der euch bisher die Kraft gegeben hat, euch über dem Sumpf zu halten, noch keine Niederlage kennengelernt hat – und dies ist unmöglich, denn der Mensch ist ein Sünder und nur Gott ist ohne Sünde – so könnte dieser euer Geist schon morgen zahlreichere und schlimmere Niederlagen erleiden als die des früheren Sünders, der in der Gnade wiedergeboren und durch sie nun jugendlich und frisch geworden ist wie ein neugeborenes Kind. Denn er besitzt eine Demut, die der Erinnerung an sein früheres sündhaftes Leben

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entspringt, und außerdem den festen Willen, in den ihm noch verbleibenden Jahren so viel Gutes zu tun, wie man in einem ganzen langen, dem Guten gewidmeten Leben tun könnte, um in vollem Maße alles Böse, das er getan hat, wiedergutzumachen.

Morgen werde ich wieder zu euch sprechen. Für heute abend genügt es. Geht hin mit meiner Ermahnung und preist Gott, der euch den Arzt geschickt hat, der eure unter dem Schleier geistiger Gesundheit verborgene Sinnlichkeit beschneidet, die wie verborgene Krankheiten unter dem Schleier scheinbarer Gesundheit am Leben zehren... Komm, Zachäus.»

«Ja, mein Herr. Ich habe nur noch einen alten Diener, und öffne dir daher selbst meine Tür, und mit ihr mein zutiefst gerührtes Herz. Oh! Wie sehr hat mich deine unendliche Güte bewegt!»

Er öffnet das Gartentor und führt Jesus und die Apostel zum Haus durch den Garten, der zu einem Gemüsegarten geworden ist. Auch im Haus ist kein Überfluß mehr zu sehen. Zachäus zündet eine Lampe an und ruft den Diener.

«Sieh, der Meister ist da. Er und die Seinen werden hier schlafen und das Abendessen mit uns einnehmen. Hast du alles vorbereitet, wie ich es dir gesagt habe?»

«Ja. Abgesehen vom Gemüse, das ich jetzt in das kochende Wasser werfen werde, ist alles bereit.»

«Dann wechsle dein Gewand und sage denen, die du kennst, daß er hier ist und sie kommen sollen.»

«Ich gehe, Herr. Gepriesen seist du, Meister, der du mich glücklich sterben läßt!» Und er geht hinaus.

«Es ist der Diener meines Vaters, der bei mir geblieben ist. Die anderen habe ich alle entlassen. Er aber ist mir teuer, denn er war die Stimme, die niemals schwieg, wenn ich sündigte. Und dafür habe ich ihn oft mißhandelt. Jetzt ist er der, den ich nach dir am meisten liebe... Kommt, Freunde. Dort ist Feuer und alles, was euren müden und erfrorenen Gliedern Erquickung schenken kann. Du, Meister, kommst in mein eigenes Zimmer...» Und er führt ihn in einen Raum am Ende des Korridors.

Er tritt ein, schließt die Tür, gießt dampfendes Wasser in ein Becken, löst die Sandalen von Jesu Füßen und bedient ihn. Bevor er ihm die Sandalen wieder anlegt, küßt er den bloßen Fuß und legt ihn auf seinen Hals mit den Worten: «So! Zertritt den Rest des alten Zachäus!» Dann erhebt er sich und schaut Jesus mit einem zitternden Lächeln auf den Lippen, einem demütigen Lächeln, und Tränen in den Augen an. Er weist mit der Hand auf die Umgebung und sagt: «Hier drinnen habe ich so viel gesündigt. Aber ich habe alles verändert, damit ich nichts mehr vor Augen habe, was mich daran erinnern könnte... Die Erinnerungen... Ich bin schwach... Die leeren Wände und dieses harte Lager sollen mich nur an die Bekehrung erinnern... Den Rest habe ich verkauft und zu

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Geld gemacht, denn ich hatte nichts mehr und wollte Gutes tun. Setze dich, Meister...»

Jesus setzt sich auf einen hölzernen Hocker und Zachäus läßt sich zu seinen Füßen, halb sitzend, halb kniend auf dem Boden nieder. Er beginnt wieder zu reden.

«Ich weiß nicht, ob ich richtig gehandelt habe, ob du meine Handlungsweise billigen kannst. Vielleicht habe ich dort angefangen, wo ich hätte aufhören sollen. Aber auch sie sind da. Und nur ein alter Zöllner kann nicht Abscheu vor ihnen empfinden in Israel: Nein, falsch. Nicht nur ein alter Zöllner, sondern auch du, der du mich ja gelehrt hast, sie wahrhaft zu lieben. Früher waren sie meine Komplizen im Laster, aber ich liebte sie nicht. Jetzt halte ich sie davon ab, aber ich liebe sie. Du und ich. Der ganz Heilige und der bekehrte Sünder. Du, weil du nie gesündigt hast und uns die Freude geben willst, die du hast, die Freude des Menschen ohne Schuld; und ich, weil ich so viel gesündigt habe und weiß, wie süß der Friede ist, den die Verzeihung, die Erlösung, die Erneuerung schenkt! ... Ich wollte ihn auch für sie. Ich habe sie gesucht. Oh, es ist schwer gewesen am Anfang! Ich wollte sie gut machen und hatte doch genug an mir selbst zu arbeiten... Welche Mühe! Ich mußte mich überwachen, weil ich fühlte, daß sie mich überwachten. Ein Nichts hätte genügt, und sie hätten sich von mir entfernt... Und dann... Viele sündigten aus Notwendigkeit, aus beruflichen Zwängen. Ich habe alles verkauft, um Geld zu haben und sie unterhalten zu können, bis sie eine Arbeit fanden, die zwar weniger einträglich und mühsamer, aber ehrbar war. Und es gibt immer noch einige, die zu mir kommen, teils aus Neugierde, teils in der Absicht, ein Mensch und nicht mehr nur ein Tier zu sein. Und ich muß sie beherbergen, bis sie sich an das neue Joch gewöhnt haben. Viele haben sich beschneiden lassen. Der erste Schritt zum wahren Gott. Aber ich zwinge sie nicht dazu. Ich breite die Arme aus, um alles Elend zu umfangen, ich, der ich keinen Abscheu davor haben kann. Auch ich würde ihnen gerne geben, was du ihnen geben möchtest: die Freude, wenigstens ohne Gewissensbisse zu leben, da es nicht möglich ist, wie du ohne Schuld zu sein. Nun sage mir, mein Herr, habe ich zu viel gewagt?»

«Du hast gut gehandelt, Zachäus. Du gibst ihnen mehr, als du hoffst und glaubst, von dem, was ich den Menschen geben will. Nicht nur die Freude, Verzeihung zu erhalten und ohne Gewissensbisse zu leben, sondern auch die, bald Bürger meines himmlischen Reiches zu sein. Diese deine Werke waren mir nicht unbekannt. Ich bin dir auf deinem schweren, aber glorreichen Weg der Liebe gefolgt; denn es ist Liebe, die reinste Art der Liebe. Du hast das Wort vom Reich verstanden. Wenige haben es verstanden, denn in ihnen lebt noch die alte Auffassung und die Überzeugung, sie seien schon heilig und gelehrt. Du bist nach der Entlastung deines Herzens von der Vergangenheit leer gewesen und konntest, wolltest

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in dein Inneres die neuen Worte aufnehmen, das Künftige, das Ewige. Fahre fort auf diesem Weg, Zachäus, und du wirst der Steuereinnehmer des Herrn, deines Jesus Christus sein», schließt Jesus lächelnd und legt seine Hand auf das Haupt des Zachäus.

«Billigst du mein Tun, Herr? In allem?»

«In allem, Zachäus. Ich habe es auch Nike gesagt, die mir von dir gesprochen hat. Nike versteht dich. Sie hat sich der allumfassenden Barmherzigkeit geöffnet.»

«Nike hat mir viel geholfen. Aber jetzt sehe ich sie nur an jedem Neumond... Ich hätte ihr folgen wollen. Aber Jericho ist ein gutes Arbeitsfeld ...»

«Sie wird nicht lange in Jerusalem bleiben... Du würdest unnötig den Wohnort wechseln. Später wird Nike hierher zurückkehren ...»

«Wann später, Herr?»

«Wenn mein Reich ausgerufen worden ist.»

«Dein Reich... Ich fürchte mich vor diesem Augenblick. Die, die sich heute deine Getreuen nennen, werden sie es auch dann sein? Denn es wird gewiß Aufruhr geben und Kämpfe zwischen denen, die dich lieben, und denen, die dich hassen... Du weißt, Herr, daß deine Feinde sogar Räuber besolden, den Abschaum des Volkes, um Anhänger zu gewinnen, die zu allem fähig sind. Ich habe es von einem meiner armen Brüder erfahren... Oh! Ist da vielleicht ein großer Unterschied zwischen dem, der gesetzlich raubt, der die Ehre raubt, und einem Wegelagerer? Auch ich habe gesetzlich geraubt, bis du mich gerettet hast. Aber nicht einmal damals hätte ich denen geholfen, die dich hassen... Der, von dem ich eben gesprochen habe, ist ein junger Mann. Ein Räuber. Ja, ein Räuber. Eines Abends war ich bis zum Adummim gegangen, um dort auf drei Männer meinesgleichen zu warten, die von Ephraim mit Vieh kamen, das sie ganz billig erworben hatten. Ich fand ihn in einer Schlucht und sprach mit ihm... Ich habe nie eine Familie gehabt, und dennoch glaube ich, daß ich so zu meinem Sohn sprechen würde, wenn ich ihn dazu überreden wollte, sein Leben zu ändern. Er hat mir erklärt, wie und warum er ein Räuber geworden ist... Ach, wie oft sind die wahren Schuldigen jene, die scheinbar nichts Böses tun! ... Ich habe ihm gesagt: "Raube nicht mehr. Wenn du Hunger hast, werde ich auch für dich ein Brot haben. Ich werde dir eine ehrbare Arbeit finden. Bis jetzt bist du noch kein Mörder geworden. Kehre um! Rette dich!" Und ich habe ihn überzeugt. Er hat mir gesagt, er sei allein geblieben, weil die anderen mit viel Geld von denen gekauft wurden, die dich hassen. Jetzt sind sie bereit, Aufruhr zu stiften und sagen überall, sie seien deine Jünger, um beim Volk Anstoß zu erregen. Sie halten sich in den Höhlen des Kedrontales verborgen, in den Gräbern beim Phasael, in den Höhlen im Norden der Stadt, zwischen den Gräbern der Könige und der Richter... Was haben sie vor, o Herr?»

«Josua konnte die Sonne zum Stillstand bringen; sie aber werden trotz aller Anstrengungen nichts gegen den Willen Gottes vermögen!»

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«Sie haben Geld, Herr! Der Tempel ist reich. Für sie ist das dem Tempel gespendete Gold nicht Korban, wenn es darum geht zu triumphieren.»

«Nichts haben sie. Mein ist die Macht. Ihr Gebäude wird einstürzen, als wäre es aus im Herbstwind vertrockneten Blättern, mit denen ein Kind ein Schloß gebaut hat. Fürchte dich nicht, Zachäus. Dein Jesus wird wahrhaft der Retter sein.»

«Gott, möge es geben, Herr! ... Wir werden gerufen. Laß uns gehen.»

577. PREDIGT IN JERICHO

Der Morgen ist bereits fortgeschritten, als Jesus mit Zachäus, Petrus und Jakobus des Alphäus das Haus verläßt. Die anderen Apostel haben sich vielleicht auf dem Land zerstreut, um zu verkünden, daß der Messias in der Stadt ist.

Hinter der Gruppe mit Jesus, Zachäus und den Aposteln folgt eine weitere aus Leuten sehr verschiedenartigen Aussehens, sowohl was die Gesichter als auch das Alter und die Kleidung betrifft. Man kann wohl mit Sicherheit sagen, daß diese Menschen verschiedenen Rassen angehören, vielleicht sogar solchen, die einander nicht wohlgesinnt sind. Aber die Wechselfälle des Lebens haben sie in diese Stadt Palästinas geführt und sie zusammengeführt, damit sie aus ihrem Abgrund zum Licht emporsteigen. Meist sind es welke Gesichter von Menschen, die das Leben gelebt und es auch in mancherlei Weise mißbraucht haben, meist müde Augen. Bei anderen hat die lange gewohnheitsmäßige Beschäftigung mit... der fiskalischen Ausbeutung oder die brutale Befehlsgewalt den Blick raubgierig und hart gemacht. Und hin und wieder erscheint dieser frühere Blick noch unter dem feinen Schleier der Besinnung, den ihr neues Leben über sie geworfen hat. Das geschieht besonders dann, wenn ein Bewohner von Jericho sie voll Verachtung anschaut oder ihnen irgendeine Unverschämtheit zuruft. Gleich darauf wird der Ausdruck ihrer Augen wieder müde und demütig, während sie niedergeschlagen die Köpfe senken.

Jesus wendet sich zweimal um, um sie zu beobachten, und da er sieht, daß sie ihren Schritt verlangsamen, je näher sie dem Platz kommen, auf dem er sprechen will und der sich schon mit Menschen füllt, verlangsamt auch er den seinen, um auf sie zu warten, und sagt dann zu ihnen: «Geht mir nur voraus und fürchtet euch nicht. Ihr habt der Welt getrotzt, als ihr Böses tatet; so dürft ihr sie auch jetzt nicht fürchten, da ihr euch von eurer Vergangenheit gelöst habt. Was euch damals dazu gedient hat, sie zu bezwingen, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Urteil der Welt, die einzige Waffe, die sie des Urteilens müde werden läßt, macht auch jetzt davon Gebrauch, und sie wird die Lust verlieren, sich mit euch zu beschäftigen.

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Sie wird euch akzeptieren, wenn auch nur langsam, und ihr werdet verschwinden in der großen anonymen Masse dieser elenden Welt, die sich wahrlich immer zu wichtig nimmt.»

Die Männer, es sind fünfzehn an der Zahl, gehorchen und gehen voraus.

«Meister, dort sind die Kranken vom Land», sagt Jakobus des Zebedäus, der Jesus entgegenkommt und auf einen sonnenbeschienenen Winkel zeigt.

«Ich komme. Und wo sind die anderen?»

«Unter dem Volk. Aber sie haben dich schon gesehen und werden gleich hier sein. Bei ihnen sind auch Salomon, Joseph von Emmaus, Johannes von Ephesus und Philippus von Arbela. Sie sind auf dem Weg zum Haus des letzteren und kommen von Joppe, Lydda und Modin. Sie haben Männer von der Küste und Frauen bei sich. Sie haben dich sogar gesucht, denn sie sind uneinig hinsichtlich der Verurteilung einer Frau. Aber sie werden selbst mit dir sprechen ...»

Jesus ist in der Tat bald von den anderen Jüngern umgeben, die ihn ehrfurchtsvoll begrüßen. Hinter diesen sind neue Leute, die sich von der Lehre Jesu angezogen fühlen. Doch Johannes von Ephesus ist nicht da, und Jesus fragt nach dem Grund.

«Er hält sich mit einer Frau und deren Verwandten in einem Haus fern von der Menge auf. Man weiß nicht, ob die Frau besessen oder ob sie eine Prophetin ist. Die Leute ihres Dorfes behaupten, sie sage wunderbare Dinge. Aber die Schriftgelehrten, die sie gehört haben, halten sie für besessen. Die Verwandten haben mehrmals Exorzisten kommen lassen, aber diese konnten den aus ihr redenden Dämon nicht vertreiben. Einer sagte schließlich dem Vater der Frau – sie ist eine in der Familie lebende, noch jungfräuliche Witwe -: "Für deine Tochter brauchen wir Jesus, den Messias. Er wird ihre Worte verstehen und wissen, woher sie kommen. Ich habe versucht, dem Geist, der aus ihr spricht, zu befehlen, sie im Namen Jesu, der Christus genannt wird, zu verlassen; denn die Geister der Finsternis sind immer geflohen, wenn ich diesen Namen angerufen habe. Diesmal aber nicht. Daher sage ich: entweder ist es Beelzebub selbst, der da spricht und auch diesem Namen, den ich ausspreche, zu widerstehen vermag, oder es ist der Geist Gottes, und dieser fürchtet sich nicht, denn er ist eins mit Christus. Ich bin eher vom letzteren als vom ersteren überzeugt. Aber mit Sicherheit kann nur Jesus darüber urteilen. Er wird die Worte und ihren Ursprung verstehen. Und er wurde von den anwesenden Schriftgelehrten angegriffen, die erklärten, er sei ebenso besessen wie die Frau und wie du. Verzeih, wenn wir dir das sagen müssen... Die Schriftgelehrten haben uns seither nicht mehr in Ruhe gelassen. Sie bewachen die Frau, denn sie wollen sehen, ob ihr deine Ankunft mitgeteilt wird. Die Frau sagt nämlich, daß sie dein Antlitz und deine Stimme kennt

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und dich unter Tausenden und Abertausenden erkennen würde, während doch sicher ist, daß sie das Dorf nie verlassen hat; nicht einmal ihr Haus hat sie verlassen, seit ihr Bräutigam vor fünfzehn Jahren am Vorabend der Hochzeit gestorben ist. Es steht auch fest, daß du nie durch ihr Dorf gekommen bist, das Beth Lechi heißt. Und die Schriftgelehrten warten nun auf diesen letzten Beweis, um sie als besessen bezeichnen zu können. Willst du sie sofort sehen?»

«Nein. Ich muß zum Volk sprechen. Es wäre eine allzu aufsehenerregende Begegnung hier, mitten unter den Volksmassen. Geh und sage Johannes von Ephesus, den Verwandten der Frau und auch den Schriftgelehrten, daß ich sie alle bei Beginn des Sonnenunterganges in den Wäldern am Fluß erwarte, auf dem Weg, der zur Furt führt. Geh nun.»

Nachdem Jesus Salomon, der für alle gesprochen hat, entlassen hat, geht er zu den Kranken, die um Heilung bitten, und heilt sie. Eine alte, durch Arthritis steif gewordene Frau, ein Gelähmter, ein blöder Jüngling, ein anscheinend schwindsüchtiges Mädchen und zwei Augenkranke.

Das Volk jubelt vor Freude.

Aber die Reihe der Kranken ist noch nicht zu Ende. Eine Mutter tritt vor, entstellt von Schmerz und gestützt von zwei Freundinnen oder Verwandten. Sie kniet nieder und spricht: «Ich habe einen sterbenden Sohn. Er kann nicht hierher gebracht werden... Hab Erbarmen mit mir!»

«Hast du einen unbegrenzten Glauben?»

«Ja, mein Herr.»

«Dann geh zurück nach Hause.»

«Nach Hause? ... Ohne dich? ...» Die Frau schaut ihn einen Augenblick traurig an. Dann geht ihr ein Licht auf. Ihr armes Gesicht verklärt sich, und sie ruft aus: «Ich gehe, Herr. Gepriesen seist du und der Allerhöchste, der dich geschickt hat!» Und sie läuft davon, schneller als ihre Begleiterinnen...

Jesus wendet sich an einen Mann von Jericho, an einen würdevollen Bürger der Stadt: «Ist diese Frau eine Jüdin?»

«Nein. Wenigstens nicht von Geburt. Sie kommt aus Milet. Doch ist sie mit einem der unseren verheiratet und hat unseren Glauben angenommen.»

«Sie hat mehr Glauben als viele Hebräer», bemerkt Jesus.

Dann steigt er auf die höchste Stufe einer Haustreppe und breitet in seiner üblichen Geste die Arme aus, wie immer, wenn er sprechen will und Schweigen gebietet. Als Ruhe eingetreten ist, rafft er die Falten seines Mantels, der sich bei dieser Geste über der Brust geöffnet hat, und hält sie mit der Linken, während er die Rechte wie zum Schwur senkt mit den Worten: «Bürger von Jericho, hört die Gleichnisse des Herrn, und jeder betrachte sie dann in seinem Herzen und ziehe daraus die Lehre, um seinen Geist zu nähren. Ihr könnt es tun, denn nicht erst seit gestern, seit einem Monat oder auch seit dem letzten Winter kennt ihr das Wort Gottes.

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Bevor ich der Meister wurde, hat mein Vorläufer Johannes euch auf mein Kommen vorbereitet, und nachdem ich es geworden war, haben meine Jünger dieses Erdreich siebenmal und abermals siebenmal gepflügt, um allen Samen zu säen, den ich ihnen gegeben hatte. So könnt ihr also das Wort und das Gleichnis verstehen.

Womit soll ich die vergleichen, die sich bekehren, nachdem sie Sünder gewesen sind? Ich werde sie vergleichen mit geheilten Kranken.

Womit soll ich die anderen vergleichen, die nicht öffentlich gesündigt haben oder sich – was seltener vorkommt als schwarze Perlen – niemals, nicht einmal im geheimen, schwer verfehlt haben? Ich werde sie vergleichen mit gesunden Personen.

Die Welt besteht aus diesen beiden Gruppen von Menschen, sei es im geistigen, sei es im körperlichen. Aber wenn man auch diesen Vergleich machen kann, so ist doch die Art, in der die Welt die im Fleisch geheilten Kranken behandelt, sehr verschieden von der Art, in der sie die bekehrten Sünder, deren Seele krank war und die zum Heil zurückkehren, behandelt.

Wir können es am Beispiel selbst eines Aussätzigen sehen, der an der gefährlichsten aller Krankheiten leidet und daher isoliert wird. Wenn er die Gnade der Heilung erlangt, wird er wieder in die Gemeinschaft aufgenommen, nachdem er vom Priester untersucht und gereinigt worden ist; die Bürger seiner Stadt feiern ihn sogar, weil er geheilt und dem Leben, der Familie und den Kindern zurückgegeben wurde. Ein großes Fest wird in der Familie und in der Stadt gefeiert, wenn ein Aussätziger die Gnade der Heilung erlangt. Und die Familienmitglieder und die Mitbürger wetteifern miteinander, ihm dies und das zu bringen oder, wenn er allein ist und kein Haus und keine Möbel mehr besitzt, ihm ein Bett und anderen Hausrat anzubieten. Alle sagen: "Er ist ein von Gott Bevorzugter. Der Finger Gottes hat ihn geheilt. Erweisen wir ihm daher Ehre, denn so ehren wir auch den, der ihn erschaffen und nun neu erschaffen hat." Es ist gerecht, so zu handeln. Und wenn sich andererseits an jemand unglücklicherweise die ersten Anzeichen des Aussatzes zeigen, mit welch ängstlicher Liebe überhäufen ihn dann Verwandte und Freunde mit Zärtlichkeiten, solange es noch möglich ist. Es scheint, als wollten sie ihm in der kurzen, noch verbleibenden Zeit den ganzen großen Schatz ihrer Zuneigung auf einmal geben, den er sonst im Laufe vieler Jahre erhalten hätte, damit er ihn mit in sein lebendiges Grab nehme.

Aber warum tut man nicht dasselbe, wenn es sich um die anderen Kranken handelt? Ein Mensch beginnt zu sündigen. Die Verwandten und besonders die Mitbürger, kümmern sie sich darum? Warum versuchen sie nicht, ihn mit Liebe der Sünde zu entreißen? Eine Mutter, ein Vater, eine Braut oder eine Schwester tun es vielleicht noch... Aber es kommt schon sehr selten vor, daß es die Geschwister tun, ganz zu schweigen von den

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Vettern und den Kusinen. Die Mitbürger schließlich wissen nichts anderes zu tun als zu kritisieren, zu schmähen, zu verhöhnen, sich zu ärgern, die Sünden des Sünders zu übertreiben, mit Fingern auf ihn zu zeigen und sich von ihm fernzuhalten wie von einem Aussätzigen. So machen es die noch etwas Besseren, während die nicht Gerechten seine Komplizen werden, um von ihm zu profitieren. Aber nur sehr selten findet sich ein Mund und besonders ein Herz, das sich dem Unglücklichen mit Festigkeit und Geduld, mit Mitleid und übernatürlicher Liebe zuwendet und versucht, ihn von einem weiteren Abgleiten in die Sünde abzuhalten.

Und warum? Ist die Krankheit der Seele nicht gefährlich, viel gefährlicher und wahrhaft tödlich? Beraubt sie nicht, und für immer, des Reiches Gottes? Wäre es nicht die erste Aufgabe für einen, der Gott und seinen Nächsten liebt, einen Sünder zu heilen zum Wohl seiner Seele und zur Ehre Gottes?

Und wenn ein Sünder sich bekehrt, wozu dann dieses eigensinnige

Beharren auf dem Urteil über ihn, als ob man es fast bedaure, daß er zur Gesundheit der Seele zurückgefunden hat? Seht ihr eure Vorhersagen über die sichere Verdammung eines eurer Mitbürger Lügen gestraft? Ihr solltet glücklich darüber sein; denn der euch Lügen straft, ist der barmherzige Gott, der euch ein Zeichen seiner Güte gibt und euch ermutigt für den Fall, daß auch ihr mehr oder weniger große Schuld auf euch geladen habt.

Und warum darauf bestehen, etwas als schmutzig und verachtenswert zu betrachten und isolieren zu wollen, was Gott und der gute Wille eines

Herzens in bewunderungswürdiger Weise gereinigt und wiederhergestellt haben, so daß es wirklich die Achtung und Bewunderung der Brüder verdient?

Ihr jubelt doch auch, wenn ein Ochse, ein Esel, ein Kamel, ein Schaf der Herde oder eine Lieblingstaube von einer Krankheit gesundet! Ihr jubelt, wenn ein Fremder, an dessen Namen ihr euch kaum erinnert und von dem ihr nur gehört habt, als er wegen seines Aussatzes fortgeschickt wurde, geheilt zurückkehrt. Warum also freut ihr euch nicht über diese Heilungen der Seelen, über die Siege Gottes? Der Himmel frohlockt,

wenn ein Sünder sich bekehrt. Der Himmel: Gott und die reinsten Engel, die nicht wissen, was sündigen ist. Und ihr, ihr Menschen, wollt strenger sein als Gott?

Macht rechtschaffen euer Herz und erkennt die Gegenwart Gottes, nicht nur in den Weihrauchwolken und den Gesängen des Tempels, an

dem Ort, wo die Heiligkeit des Herrn nur durch den Hohenpriester verehrt werden darf und der heilig sein sollte, wie sein Name besagt. Erkennt ihn auch in dem Wunder der Auferstehung dieser Seelen, dieser wiedergeweihten Altäre, auf die die Liebe Gottes herabsteigt mit ihrem Feuer, um das Opfer zu entzünden.»

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Jesus wird unterbrochen durch die Mutter von vorher, die ihm unter Segensrufen huldigen will. Jesus hört sie an und segnet sie. Dann schickt er sie nach Hause und nimmt seine unterbrochene Rede wieder auf.

«Und wenn ein Sünder, der euch früher zum Ärgernis gereichte, nun ein erbauliches Beispiel für alle ist, dann verhöhnt ihn nicht, sondern ahmt ihn nach. Denn niemand ist so vollkommen, daß er nichts mehr von einem anderen lernen könnte. Und das Gute ist immer eine Lehre, die man annehmen muß, auch wenn der, der es tut, früher Gegenstand der Mißbilligung gewesen ist. Ahmt ihn nach und helft ihm, denn dadurch verherrlicht ihr den Herrn und zeigt, daß ihr sein Wort verstanden habt. Seid nicht wie die, die ihr in euren Herzen verurteilt, weil ihre Handlungen ihren Worten nicht entsprechen. Bemüht euch vielmehr, daß jedes eurer guten Werke die Krönung eines guten Wortes sei. Dann wird euch der Allerhöchste wahrhaft mit Wohlwollen ansehen und anhören.

Und nun hört noch ein Gleichnis, damit ihr versteht, welches die Dinge sind, die in den Augen Gottes einen Wert haben. Es wird euch helfen, euch von einem unguten Gedanken befreien, der viele Herzen beherrscht. Die meisten Menschen beurteilen sich selbst, und da unter tausend Menschen nur einer wahrhaft demütig ist, kommt es, daß der Mensch sich für vollkommen hält, während er beim Nächsten Hunderte von Fehlern sieht.

Eines Tages gingen zwei Männer, die auf einer Geschäftsreise nach Jerusalem gekommen waren, zum Tempel, wie es sich für jeden guten Israeliten geziemt, wenn er die heilige Stadt betritt. Der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der erste war gekommen, um die Miete für einige Warenlager einzuziehen und mit seinen Verwaltern abzurechnen, die in der Nähe der Stadt wohnten. Der andere war gekommen, um die Steuergelder abzugeben. Er wollte auch um Barmherzigkeit bitten für eine Witwe, die ihre Steuern für das Boot und die Netze nicht zahlen konnte, da der Fischfang ihres ältesten Sohnes kaum ausreichte, um die vielen anderen Kinder zu ernähren.

Bevor er zum Tempel ging, suchte der Pharisäer die Mieter seiner Geschäfte auf. Er warf einen Blick in die Läden und war sehr zufrieden mit sich selbst, da er sie voller Waren und Käufer sah. Dann rief er den ersten Mieter zu sich und sagte: "Ich sehe, daß deine Geschäfte gut gehen."

"Ja, Gott sei Dank. Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit. Ich habe meine Waren vermehrt und hoffe, es noch weiter tun zu können. Ich habe den Laden verschönert, und da ich im kommenden Jahr keine Ausgaben für Bänke und Gestelle mehr habe, wird der Gewinn größer sein."

"Gut. Sehr gut. Das freut mich. Wieviel bezahlst du für dieses Geschäft?"

"Hundert Doppeldrachmen im Monat. Es ist teuer, aber die Lage ist gut..."

"Du hast es gesagt: die Lage ist gut. Daher verdopple ich die Miete."

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"Aber, Herr", rief der Kaufmann aus, "auf diese Weise nimmst du mir jeden Verdienst."

"Das ist nur recht und billig. Soll vielleicht ich dich bereichern? Und das auf meinem Boden? Schnell. Entweder du gibst mir zweitausendvierhundert Doppeldrachmen, und zwar sofort, oder ich jage dich fort und behalte die Ware. Der Laden gehört mir, und ich mache damit, was ich will."

So machte er es mit dem ersten, mit dem zweiten und mit dem dritten Mieter. Allen verdoppelte er die Miete, taub gegen jede Bitte. Und da der dritte, der viele Kinder hatte, Widerstand leisten wollte, rief er die Ordnungshüter und ließ die Siegel der Beschlagnahme anbringen; den Unglücklichen aber jagte er fort.

Dann kehrte er in seinen Palast zurück, prüfte die Register der Verwalter, schimpfte sie Faulpelze und beschlagnahmte den Anteil, der ihnen von Rechts wegen zustand. Einer hatte einen Sohn, der im Sterben lag, und wegen der vielen Ausgaben hatte er einen Teil seines Öls verkaufen müssen, um die Arzneien bezahlen zu können. Er besaß daher nichts, was er seinem habgierigen Herrn hätte geben können.

"Hab Erbarmen mit mir, Herr. Mein armer Sohn liegt im Sterben, und ich werde später zusätzliche Arbeiten verrichten, um dir geben zu können, was du für richtig hältst. Aber jetzt, das wirst du verstehen, kann ich nicht."

"Du kannst nicht? Ich werde dir zeigen, ob du kannst oder nicht." Und er ging mit dem armen Verwalter in die Vorratskammer und nahm ihm auch noch den Rest Öl, den der Mann aufbewahrt hatte für seine armselige Nahrung, und um die Lampe für die Nachtwachen bei seinem Sohn unterhalten zu können.

Der Zöllner hingegen ging zu seinem Vorgesetzten, und nachdem er die eingetriebenen Steuern abgegeben hatte, mußte er hören: "Aber da fehlen ja dreihundertsiebzig Asses. Wie kommt das?"

"Sieh, ich will es dir erklären. In der Stadt lebt eine Witwe mit sieben Kindern. Nur der Erstgeborene ist schon imstande zu arbeiten. Aber er kann sich noch nicht sehr weit vom Ufer entfernen mit dem Boot, denn seine Arme sind zu schwach für die Ruder und das Segel, und er kann auch keinen Schiffsjungen bezahlen. Da es in der Nähe des Ufers wenig Fische gibt und der Fang kaum ausreicht, um acht Unglückliche zu ernähren, habe ich es nicht übers Herz bringen können, die Steuern von ihr zu verlangen."

"Ich verstehe. Aber Gesetz ist Gesetz. Wehe, wenn man erführe, daß es Mitleid hat. Alle würden Ausreden finden, um nicht zahlen zu müssen. Der Jüngling soll sich eine andere Arbeit suchen und das Boot verkaufen, wenn sie nicht bezahlen können!"

"Aber das Boot bedeutet für sie das tägliche Brot... und ist ein Andenken an ihren Vater."

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"Ich verstehe. Aber man darf nicht nachgiebig sein!'

"Nun gut. Aber ich bringe es nicht fertig, acht Unglückliche ihres einzigen Gutes zu berauben. Dann werde ich die dreihundertsiebzig Asses bezahlen."

Nachdem sie ihre Angelegenheiten erledigt hatten, stiegen die beiden zum Tempel hinauf, und als sie am Opferkasten vorüberkamen, zog der Pharisäer ostentativ einen großen Geldbeutel aus seiner Brusttasche und schüttete den Inhalt bis zum letzten Heller in den Tempelschatz. In dieser Geldbörse waren vor allem die Geldstücke, die er den Kaufleuten abverlangt hatte, und der Erlös für das Öl, das er dem Verwalter abgenommen und sofort an einen Händler verkauft hatte. Der Zöllner hingegen warf eine Handvoll kleiner Münzen hinein und behielt so viel zurück, als er für die Rückreise in die Heimat benötigte. Der eine wie der andere gaben alles, was sie hatten. Scheinbar war sogar der Pharisäer der Großzügigere, da er alles bis zum letzten Heller hergab. Aber man muß bedenken, daß er in seinem Palast noch viel Geld hatte und außerdem Kredit bei reichen Geldwechslern.

Dann begaben sich beide vor den Herrn. Der Pharisäer ging nach vorn, bis zur Grenze des Atriums der Hebräer vor dem Heiligtum. Der Zöllner blieb hinten stehen, fast unter dem Gewölbe, das zum Vorhof der Frauen führt. Er stand da, gebeugt und niederschmettert bei dem Gedanken an sein Elend im Vergleich zur göttlichen Vollkommenheit. Beide beteten.

Der Pharisäer stand aufrecht, fast anmaßend da, als ob er der Hausherr wäre, der sich herabläßt, einen Besucher zu empfangen, und sprach: "Sieh, ich bin gekommen, um dich in dem Haus zu verehren, das unser Ruhm ist. Ich bin gekommen, obwohl ich fühle, daß du in mir bist, da ich ein Gerechter bin. Ich weiß, daß ich es bin. Und obwohl ich weiß, daß ich es nur durch mein Verdienst bin, danke ich dir, wie das Gesetz es verlangt, für das, was ich bin. Ich bin kein Räuber. Ich bin nicht ungerecht, kein Ehebrecher und kein Sünder wie jener Zöllner dort, der fast gleichzeitig mit mir eine Handvoll Kupfermünzen in den Schatz geworfen hat. Ich, du hast es gesehen, habe dir alles gegeben, was ich bei mir hatte. Dieser Geizhals dagegen hat zwei Teile gemacht und dir den kleineren gegeben. Den anderen Teil wird er wohl für Schwelgereien und für Frauen behalten haben. Ich bin rein. Ich beflecke mich nicht. Ich bin rein und gerecht, faste zweimal in der Woche und bezahle den Zehnten von allem, was ich besitze. Ja, ich bin rein, gerecht und gesegnet, weil ich heilig bin. Erinnere dich daran, Herr."

Der Zöllner in seinem entfernten Winkel wagte kaum, die Augen zu den kostbaren Pforten des Heiligtums zu erheben. Er schlug an seine Brust und betete so: "Herr, ich bin nicht würdig, an diesem Ort zu stehen. Aber du bist gerecht und heilig, und du gestattest es mir, weil du weißt, daß der Mensch ein Sünder ist und ein Teufel wird, wenn er nicht zu dir kommt. Oh, mein Herr, ich möchte dich ehren Tag und Nacht, aber ich bin so viele

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Stunden der Sklave meiner Arbeit. Es ist eine harte Arbeit, die mich demütigt, denn ich füge meinem unglücklichen Nächsten Schmerz zu. Aber ich muß meinen Vorgesetzten gehorchen, um mein tägliches Brot zu verdienen. Hilf mir, o mein Gott, daß ich das Pflichtgefühl gegenüber meinen Vorgesetzten immer mäßige durch die Liebe zu meinen armen Brüdern, damit meine Arbeit nicht zu meiner Verdammung führe. Jede Arbeit ist heilig, wenn sie mit Liebe getan wird. Laß deine Liebe stets in meinem Herzen gegenwärtig sein, damit ich, armselig wie ich bin, mit meinen Untergebenen Mitleid habe, wie du mit mir, dem großen Sünder, Mitleid hast. Ich hätte dich gerne mehr geehrt, o Herr, du weißt es. Aber ich hielt es für besser, mit dem für den Tempel bestimmten Geld acht unglückliche Herzen zu trösten als es in den Opferkasten zu werfen und dann acht unschuldige und unglückliche Menschen verzweifelt weinen zu lassen. Wenn ich jedoch gefehlt habe, laß es mich wissen, o Herr, und ich werde dir alles bis zum letzten Heller und sogar zu Fuß und um Brot bettelnd nach Hause zurückkehren. Laß mich deine Gerechtigkeit erkennen. Habe Erbarmen mit mir, o Herr, denn ich bin ein großer Sünder!'

Das ist das Gleichnis. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, während der Pharisäer den Tempel verließ, nachdem er noch eine Sünde zu den schon bevor er den Moriah erstieg begangenen hinzugefügt hatte, ging der Zöllner gerechtfertigt hinaus, und der Segen Gottes begleitete ihn bis zu seinem Haus und ruhte darauf. Denn er war demütig und barmherzig, und seine Werke waren noch heiliger als seine Worte; der Pharisäer dagegen war nur mit Worten und nach außen hin gut, in seinem Inneren aber und mit seinem Hochmut und seiner Hartherzigkeit vollbrachte er Werke des Teufels, weshalb er Gott verhaßt war.

Wer sich selbst erhöht, wird immer, früher oder später, erniedrigt werden; wenn nicht in diesem, dann im anderen Leben. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden, besonders droben im Himmel, wo die Handlungen der Menschen in ihrem wahren Wert erscheinen.

Komm, Zachäus. Kommt ihr, die ihr mit ihm seid, und ihr, meine Apostel und Jünger. Ich werde noch allein mit euch sprechen.»

Er hüllt sich in seinen Mantel und kehrt in das Haus des Zachäus zurück.

578. IM HAUS DES ZACHÄUS MIT DEN BEKEHRTEN

Sie sind alle in einem weiten, leeren Zimmer versammelt. Früher war es sicher schön. Jetzt ist es nur noch ein großer Raum. Sie haben Stühle und Betten aus dem Speisezimmer und den Schlafkammern gebracht und sitzen um den Meister herum, der in einem Sessel Platz genommen hat. Dieser,

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aus geschnitztem Holz und mit einem gewebten Teppich bedeckt, ist das prunkvollste Möbelstück des Hauses.

Zachäus spricht von einem Gutshof, den sie mit dem von ihnen allen zusammengelegten Geld erworben haben: «Wir mußten etwas unternehmen! Der Müßiggang ist keine gute Medizin gegen die Sünde. Es ist ein noch wenig fruchtbares Land, denn es wurde vernachlässigt, wie wir, und ist, wie wir, Ödland voller Steine und Unkraut. Nike hat uns ihre Bauern geschickt, damit sie uns zeigen, wie man die verschütteten Brunnen in Ordnung bringt, die Felder säubert, die wenigen Bäume beschneidet und neue anpflanzt. Wir kannten viele Dinge... aber nicht die heiligen Werke des Menschen. Nun, bei dieser Arbeit, die so neu für uns ist, finden wir auch zu einem neuen Leben. Nichts um uns herum erinnert an die Vergangenheit. Nur das Gewissen erinnert uns noch daran. Und das ist gut... Wir sind ja Sünder... Wirst du dir das Landgut anschauen?»

«Wir werden zusammen von hier aufbrechen und zum Jordan gehen, und ich werde dort bei euch haltmachen. Du hast ja gesagt, daß es sich auf dem Weg zum Fluß befindet...»

«Ja, Meister. Aber es ist nicht schön. Das Haus ist in einem sehr schlechten Zustand und ohne Möbel. Wir haben nicht Geld für alles gehabt... nachdem wir, soweit es möglich war, unsere Vergehen am Nächsten wiedergutgemacht hatten. Diese, Herr, haben sich aus Heu Lager bereitet, mit Ausnahme von Demetrios, Valens und Levi, die schon zu alt sind für solche Entbehrungen und hier schlafen.»

«Ich habe oft nicht einmal das. Auch ich werde auf dem Heu schlafen, Zachäus. Ich habe die ersten Stunden meines Lebens darauf verbracht, und es waren süße Stunden, denn die Liebe wachte über meinen Schlaf. Auch diesmal wird mein Schlaf erquickend und ruhig sein, denn ich befinde mich unter Menschen, in denen der gute Wille zu neuem Leben erstanden ist.»

Jesus liebkost diese Erstlinge der Erlösung aus allen Ländern mit seinem Blick. Und sie schauen ihn an... Es sind keine Männer, die leicht weinen. Wer weiß, wie viele Tränen sie verschuldet haben? Ihre Gesichter sind ebenso viele Bücher, in denen ihre unglückliche Vergangenheit geschrieben steht, und wenn das neue Leben die Härte der darin geschriebenen Worte nun auch verschleiert, so sind sie doch immer noch deutlich genug, um zu verraten, aus welchen Abgründen diese Männer zum Licht emporgestiegen sind. Und doch hellen sich ihre Gesichter auf, ihre Blicke werden frei und erstrahlen in einer übernatürlichen Hoffnung und inneren Genugtuung, als der Meister sagt, daß ihr guter Wille zu neuem Leben erstanden ist.

Zachäus sagt: «Billigst du also alles, was ich getan habe? Schau, Meister, ich habe dir damals gesagt: "Ich will dir nachfolgen." Und ich wollte dir auch tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes folgen. Aber ausgerechnet an jenem Abend kam Demetrios zu mir wegen eines dieser... wegen

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eines seiner schamlosen Geschäfte... und brauchte Geld. Er kam aus Jerusalem ... diese Stadt wird zwar heilig genannt, aber alles Schamlose ist in ihr zu finden, und die ersten, die diese Schamlosigkeiten wollen, sind gerade die, die uns dann wie Aussätzige mit Steinen bewerfen... Aber ich muß ja unsere Sünden aufzählen, nicht die ihren. Ich hatte kein Geld mehr, denn ich hatte alles dir gegeben. Auch das, was ich noch im Haus hatte, war eigentlich schon vergeben, denn ich hatte es bereits aufgeteilt, um es denen zu geben, denen ich einst durch Wucher geschadet hatte. Also sagte ich zu ihm: "Ich habe kein Geld. Aber ich habe mehr als alle Schätze." Und ich habe ihm von meiner Bekehrung erzählt, von deinen Worten und dem inneren Frieden, den ich gefunden hatte... Ich habe gesprochen, so lange, bis das Licht des neuen Tages hereinkam, uns ins Gesicht schien und die Lampen überflüssig wurden, und ich sprach immer noch. Was ich im einzelnen sagte, weiß ich nicht mehr; ich weiß nur, daß er mit der Faust auf den Tisch schlug, an dem wir saßen, und ausrief: "Merkur hat einen Gefolgsmann verloren und die Satyre einen Kameraden. Nimm auch dieses Geld, das nicht ausreicht für das Verbrechen, mit dem man aber Brot für einen Bettler kaufen kann, und laß mich mit dir kommen. Ich will einen Wohlgeruch kennenlernen nach so viel Gestank." Und er ist geblieben. Wir sind zusammen nach Jerusalem gegangen, ich, um Gegenstände zu verkaufen, er, um sich aus allen Verpflichtungen zu lösen. Und bei der Rückkehr habe ich gesagt – ich hatte im Tempel nach langer Zeit wieder mit dem reinen und friedvollen Herzen eines Kindes gebetet – ich habe mir also gesagt: "Heißt es nicht auch dem Meister nachfolgen, und vielleicht noch besser nachfolgen, wenn ich in Jericho bleibe, wo meine unglücklichen Freunde sind, die Zöllner, wie ich einer war, die Spielhölleninhaber, die Zuhälter und die Wucherer, die, nachdem sie als Aufseher von Galeerensträflingen, Gefangenen und Sklaven alle Elenden dieser Welt gequält haben, und als gesetz- und mitleidlose Soldaten, die, nachdem sie versucht haben, ihre Gewissensbisse in Schwelgerei und Trunkenheit zu ersticken, zu mir kommen, um ihre verfluchten Gelder anzulegen, mir Geschäfte vorzuschlagen oder mich zu Gastmählern und anderem elenden Schmutz einladen? Die Stadt verachtet mich. Die Hebräer werden mich immer als einen Sünder betrachten. Sie aber nicht. Sie sind wie ich. Sie sind Unrat, aber sie können etwas in sich haben, was sie zum Guten drängt, und dann finden sie niemanden, der ihnen eine Hand reicht und ihnen hilft. Ich habe ihnen im Bösen geholfen. Vielleicht haben sie manchmal auch durch meine Ratschläge und meine Forderungen gesündigt. Ich habe die Pflicht, ihnen zum Guten zu verhelfen. So wie ich die entschädigt habe, die ich geschädigt hatte, so wie ich meinen Mitbürgern Wiedergutmachung gezahlt, ebenso habe ich auch bei ihnen etwas wiedergutzumachen." Also bin ich hiergeblieben. Bald der eine, bald der andere, sind sie von dieser oder jener Stadt gekommen, und ich habe mit

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ihnen gesprochen. Nicht alle waren wie Demetrios. Einige sind für immer verschwunden, nachdem sie mich verspottet hatten. Andere haben gezögert. Manche sind eine Weile bei mir geblieben, aber nach einiger Zeit sind sie dann wieder in ihre Hölle zurückgekehrt. Diese hier sind geblieben. Und nun fühle ich, daß ich dir auf diese Weise nachfolgen muß; daß wir dir nachfolgen müssen, indem wir mit uns selbst kämpfen und die Verachtung der Welt ertragen, die nicht verzeihen kann. Unsere Herzen vergießen viele Tränen, wenn wir sehen, daß die Welt nicht verzeihen will... wenn die Erinnerungen wiederkehren... und sie sind so zahlreich und schmerzlich... In manchen von uns sind sie ...»

«Die schreckliche Nemesis, die uns unsere Verbrechen vorhält und mit der Rache nach dem Tod droht», sagt einer.

«Es sind die Klagen jener, die völlig erschöpft waren und die ich geschlagen habe, um sie zur Arbeit anzutreiben.»

«Es sind die Verwünschungen derer, die ich zu Sklaven gemacht habe, nachdem ich ihnen durch Wucher alles genommen hatte.»

«Es sind die flehentlichen Bitten der Witwen und Waisen, die nicht bezahlen konnten und denen ich im Namen des Gesetzes die letzte Habe beschlagnahmt habe.»

«Es sind die Greueltaten an unbewaffneten, durch die Niederlage verängstigten Menschen in den eroberten Ländern.»

«Es sind die Tränen meiner Mutter, meiner Frau und meiner Tochter, die an Entbehrungen gestorben sind, während ich alles bei festlichen Gelagen verpraßte.»

«Es sind... Oh, mein Verbrechen ist unsagbar! Herr, an meinen Händen klebt kein Blut, ich habe kein Geld geraubt, ich habe keinen übermäßigen Zoll erhoben, keinen Wucherzins gefordert und keine Besiegten mißhandelt, aber ich habe alles Elend ausgenützt und mit den unschuldigen Mädchen der Besiegten und den Waisen, die ich wie Ware für ihr tägliches Brot verkauft habe, Geld verdient. Ich bin in der Welt umhergezogen und habe solche Gelegenheiten gesucht, hinter siegenden Heeren, dort, wo Hungersnot herrschte, wo eine Überschwemmung die Menschen der Nahrung beraubt oder ein Massensterben junge, schutzlose Leben übriggelassen hatte. Ich habe Menschen zur Ware, abscheulicher und doch unschuldiger Ware, gemacht! Abscheulich, weil sie mir Geld einbrachte, unschuldig, weil sie das Entsetzen noch nicht kannte. Herr, an meinen Händen klebt die verlorene Jungfräulichkeit entehrter Mädchen und die Ehre junger Frauen aus eroberten Städten. Meine Handelshäuser... und meine Freudenhäuser waren berühmt, Herr... Verfluche mich nicht jetzt, da du weißt...»

Die Apostel sind unwillkürlich von dem letzten Sprecher weggerückt. Jesus erhebt sich, geht zu ihm. Er legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt: «Es ist wahr. Dein Verbrechen ist groß. Du hast vieles

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wiedergutzumachen. Aber ich, der ich die Barmherzigkeit bin, sage dir: Auch wenn du der Dämon selbst wärest und alle Verbrechen der Erde auf dir lasten würden, kannst du alles wiedergutmachen, wenn du nur willst, und Gott, der wahre, große, väterliche Gott, wird dir verzeihen. Vereinige deinen Willen mit dem meinen. Auch ich will, daß dir verziehen wird. Vereinige dich mit mir. Gib mir deine arme, entehrte, verdorbene Seele, die voller Narben und Mutlosigkeit ist, nachdem du dich von der Sünde abgewendet hast. Ich lege sie in mein Herz, dorthin, wo ich die größten Sünder lege, und werde sie mit mir nehmen im Opfer der Erlösung. Das heiligste Blut, das Blut meines Herzens, das letzte Blut des für die Menschen Dahingegebenen wird diese Trümmer besprengen und sie erneuern. Vorerst hege Hoffnung. Eine Hoffnung, größer als dein unermeßliches Verbrechen, Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes; denn sie ist grenzenlos, o Mensch, für den, der auf sie vertraut.»

Der Mann würde gerne die auf seiner Schulter ruhende Hand nehmen und sie küssen-, diese bleiche, magere Hand auf dem braunen Gewand und der kräftigen Schulter. Aber er wagt es nicht. Jesus versteht ihn und reicht ihm die Hand mit den Worten: «Küsse die Handfläche, Mann. Ich werde diesen Kuß wiederfinden als Medizin für eine Wunde. Geküßte Hand, verwundete Hand. Geküßt aus Liebe, verwundet aus Liebe. Oh, wenn doch alle das große Sühnopfer küssen wollten und es in seinem Gewand aus Wunden sterben würde in dem Bewußtsein, daß auf jeder Wunde der Kuß und die Liebe jedes erlösten Menschen ruht!» Und er hält seine Handfläche auf die rasierten Lippen des Mannes, der allem Anschein nach ein Römer ist. Und er läßt sie dort, bis der Mann sich von ihr löst wie gesättigt, nachdem er die Glut seines bösen Gewissens gelöscht und die Barmherzigkeit des Herrn aus der Höhlung der göttlichen Hand getrunken hat.

Jesus kehrt an seinen Platz zurück und legt im Vorübergehen die Hand auf das krause Haar eines sehr jungen Mannes. Ich glaube, daß er kaum zwanzig Jahr alt und Jude ist. Er hat bisher noch nicht gesprochen. Jesus fragt ihn: «Und du, mein Sohn, sagst du nichts zu deinem Erlöser?»

Der Jüngling erhebt das Haupt und schaut ihn an... Eine ganze Geschichte kann man aus diesem Blick herauslesen. Eine Geschichte des Schmerzes, des Hasses, der Reue und der Liebe.

Jesus neigt sich etwas über ihn, schaut ihm in die Augen, liest eine stumme Geschichte und sagt dann: «Deshalb nenne ich dich Sohn. Du bist nicht mehr allein. Verzeih allen deinen Verwandten und den Fremden, wie Gott dir verzeiht. Und liebe die Liebe, die dich gerettet hat. Komm einen Augenblick mit mir. Ich will mit dir allein sprechen.»

Der Jüngling erhebt sich und folgt ihm. Als sie allein sind, sagt Jesus: «Ich will dir folgendes sagen, mein Sohn. Der Herr hat dich sehr geliebt, obwohl es nicht so scheinen mag bei oberflächlicher Betrachtung. Das

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Leben hat dich sehr geprüft. Die Menschen haben dir sehr geschadet. Beides zusammen hätte aus dir ein nicht wiederherzustellendes Wrack machen können. Dahinter war Satan, der deine Seele begehrte. Aber über dir wachte das Auge Gottes. Und dieses gebenedeite Auge hat deine Feinde in Schach gehalten. Seine Liebe hat Zachäus auf deinen Lebensweg geführt. Und mit Zachäus mich, der ich zu dir spreche. Ich, der ich zu dir spreche, sage dir, daß du in dieser Liebe alles finden mußt, was du bisher nicht gehabt hast. Du mußt alles vergessen, was dich verbittert hat, und du mußt verzeihen. Verzeihe deiner Mutter, verzeihe dem schamlosen Herrn, verzeihe dir selbst. Hasse dich nicht in ungeziemender Weise. Hasse die Zeit deiner Sünde, aber nicht deinen Geist, der es verstanden hat, sich von der Sünde abzuwenden. Deine Gedanken seien gute Freunde deiner Seele, und zusammen mögen sie nach Vollkommenheit streben.»

«Ich vollkommen!»

«Hast du gehört, was ich diesem Mann gesagt habe? Und doch ist er in der Tiefe des Abgrundes gewesen! ... Und ich danke dir, mein Sohn»

«Wofür, mein Herr? Ich bin es, der dir danken muß ...»

«Ich danke dir, daß du nicht zu denen gehen wolltest, die Männer kaufen, um mich zu verraten.»

«0 Herr! Wie konnte ich das tun, da ich doch wußte, daß du nicht einmal uns Räuber verachtest? Auch ich war unter denen, die dir das Lamm nach Kerith brachten. Und einer von uns, den die Römer jetzt gefangengenommen haben – wenigstens sagt man das; jedenfalls ist er seit dem Laubhüttenfest nicht mehr in den Schlupfwinkeln der Räuber gesehen worden – hat mir deine Worte in einem Tal bei Modin wiederholt... Denn ich war damals noch nicht bei den Räubern. Ich habe mich ihnen erst am Ende des letzten Adar angeschlossen und habe sie zu Beginn des Etanim verlassen. Aber ich habe nichts getan, was deinen Dank rechtfertigt. Du warst gut. Und auch ich wollte gut sein und einen deiner Freunde warnen... Kann ich Zachäus als solchen bezeichnen?»

«Ja, das kannst du. Alle, die mich lieben, sind meine Freunde. Auch du bist es.»

«Oh! ... Ich wollte ihn warnen, damit du dich vorsiehst. Aber eine Warnung verdient keinen Dank...»

«Ich wiederhole dir: Weil du dich nicht verkauft hast gegen mich, danke ich dir. Das allein hat einen Wert.»

«Und die Warnung nicht?»

«Mein Sohn, nichts wird den Haß hindern können, sich über mich zu ergießen. Hast du schon einmal einen Fluß gesehen, der über die Ufer tritt ?»

«Ja. Ich war bei Jabes Galaad und habe die Verwüstung gesehen, die der Fluß angerichtet hat vor seiner Mündung in den Jordan.»

«Und hat irgend etwas die Wasser aufhalten können?»

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«Nein, sie haben alles überschwemmt und verwüstet. Selbst Häuser haben sie mitgerissen.»

«So ist der Haß. Aber er wird mich nicht vernichten. Ich werde überflutet, aber nicht zerstört werden. In der bittersten Stunde wird die Liebe derer, die den Unschuldigen nicht gehaßt haben, mein Trost sein, mein Licht in der Stunde der Finsternis, meine Süßigkeit im Kelch des mit Galle und Myrrhe gemischten Weines.»

«Du? ... Du sprichst von dir, wie wenn... Für die Räuber ist dieser Kelch, für die zum Kreuz Verurteilten. Aber du bist kein Räuber! Du bist schuldlos. Du bist ...»

«Der Erlöser. Gib mir einen Kuß, mein Sohn.»

Jesus nimmt den Kopf des Jünglings in die Hände und küßt ihn auf die Stirn; dann beugt er sich nieder, um den Kuß des Jünglings zu empfangen: ein zaghafter Kuß, der kaum die magere Wange berührt... Und dann wirft sich der Jüngling weinend an Jesu Brust.

«Weine nicht, mein Sohn! Ich werde von der Liebe geopfert, und dies ist immer ein süßes Opfer, auch wenn es qualvoll für die menschliche Natur ist.»

Er hält ihn in seinen Armen, bis er sich beruhigt hat, und geht dann, den Jüngling an seiner Hand, an den Platz zurück, auf dem zuvor Petrus gesessen ist.

Er beginnt wieder zu reden: «Während wir die Mahlzeit eingenommen haben, hat einer von euch, kein