Kirche Weitental

†  Gott ist die Liebe - Er liebt dich  †
 Gott ist der beste und liebste Vater, immer bereit zu verzeihen, Er sehnt sich nach dir, wende dich an Ihn
nähere dich deinem Vater, der nichts als Liebe ist. Bei Ihm findest du wahren und echten Frieden, der alles Irdische überstrahlt

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Maria Valtorta - Der Gottmensch

Band 8

 

Dieses Werk ist eine Gnade unseres lieben Herrn, man lernt hier Jesus und seine Worte in der richtigen Art und Weise kennen, seine Liebe, seinen Gehorsam, seine klaren und wahren Worte, nicht verdrehte, nicht unverständliche oder hoch theologische, nein, einfache Worte. Er erklärt für jeden verständlich die Gleichnisse. Glaube ist kein Studium, es ist Demut, Hingabe, Geduld, Vertrauen, nicht mein Wille muss an erster Stelle stehen, sondern den Willen Gottes gilt es zu suchen, die Gebote gilt es zu halten und hier erlangt man ein Verständnis hierfür. Zudem stimmen die Worte Jesu mit seinem Leben überein, voller Hingabe an den Willen seines und unseren Vaters. Nimm dir Zeit es aufmerksam zu lesen, du wirst es nicht bereuen.

Das Werk kann man hier in Buchform erwerben:

Parvis-Verlag, Route de l'Eglise 71, 1648 Hauteville, Schweiz, Tel. +41 26 915 93 93, buchhandlung@parvis.ch, www.parvis.ch

Aus rechtlichen Gründen dürfen nur Auszüge daraus veröffentlicht werden!
 



Nur zu Testzwecken!

Inhalt
 

Band VIII:
Drittes Jahr des öffentlichen Lebens Jesu (Fortsetzung)

482. In Nazareth. S. 9
483. Jesus erzählt bei der Arbeit das Gleichnis vom lackierten Holz. S. 14
484. Friedliche Sabbate in Nazareth. S. 21
485. «Bevor ich Mutter bin, bin ich Tochter und Dienerin Gottes». S. 26
486. Jesus und Maria im Gespräch. S. 31
487. Maria in Tiberias. S. 34
488. Man muss dem Wohltäter Dankbarkeit erweisen. S. 41
489. Ein weiterer Sabbat in Nazareth. S. 44
490. Abreise nach Bethlehem in Galiläa. S. 50
491. Judas Iskariot bei Maria in Nazareth. S. 59
492. Der Tod des Grossvaters von Margziam. S. 66
493. Jesus spricht zu den Aposteln über die Liebe. S. 70
494. Jesus in Tiberias. S. 78
495. Jesus kommt nach Kapharnaum. S. 90
496. Verkündigung des Evangeliums in der Gegend am See; In Kapharnaum. S. 91
497. In Magdala. S. 98
498. Episode in Kapharnaum; Jesus Beschützer der Kinder. S. 108
499. In einem Vorort von Hippos. S. 113
500. Morgendliche Predigt in der Vorstadt am See. S. 121
501. Predigt am Aufenthaltsort des Aussätzigen. S. 127
502. Jesus in Hippos. S. 137
503. Nach Gamala. S. 145
504. In Gamala. S. 151
505. Von Gamala nach Apheca. S. 164
506. Predigt in Apheca. S. 171
507. Nach Gergesa und Rückkehr nach Kapharnaum. S. 175
508. «Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben». S. 181
509. Der Sabbat in Kapharnaum. S. 187
510. Bei Johanna des Chuza; Briefe aus Antiochia. S. 194
511. Bei den Thermen von Emmaus bei Tiberias. S. 215
512. In Tarichäa. S. 221
513. Im Landhaus des Chuza jenseits des Jordan. S. 231
514. Jesus spricht von seinem vielgeliebten Jünger. S. 246
515. In Bethsaida und Kapharnaum; Erneute Abreise. S. 250
516. Bei Judas und Anna am Meronsee. S. 259
517. Jesus erzählt das Gleichnis von der Wasserverteilung. S. 263
518. «Ich kenne keine bessere Ruhe als sagen zu können: Ich habe einen gerettet, der zugrunde ging!». S. 273
519. Jeder Fall hat seine Vorgeschichte in der Zeit. S. 279
520. Abschied von den wenigen Gläubigen in Chorazim. S. 280
521. Jesus spricht über die Pflichten von Schwiegermutter und Schwiegertochter. S. 282
522. Jesus spricht von seinem Reich und von seinem Gesetz. S. 287
523. Ein Urteil. S. 295
524. Jesus heilt den blindgeborenen Knaben von Sidon. S. 303
525. «Die Lehre der Schauung handelt von der Gattentreue». S. 308
526. Auf der Rückkehr aus den syro-phönizischen Grenzgebieten. S. 311
527. Auf dem Weg nach Sephoris. S. 312
528. Jesus bei den Aussätzigen Sündern von Bethlehem in Galiläa. S. 318
529. Jesus und seine Mutter im Wald des Mattathias. S. 327
530. Jesus im Gespräch mit Joseph des Alphäus. S. 336
531. In Erwartung der Bauern des Jochanan beim Turm von Jezrael. S. 345
532. Auf dem Weg nach Engannim. S. 349
533. Ankunft Jesu mit Johannes in Engannim. S. 351
534. Jesus und der samaritanische Hirte. S. 356
535. Die zehn Aussätzigen bei Ephraim. S. 363
536. Jesus in Ephraim; Das Gleichnis vom Granatapfel. S. 372
537. Jesus in Bethanien zum Laubhüttenfest. S. 377
538. Jesus beim Laubhüttenfest im Tempel; «Das Reich Gottes kommt nicht mit Gepränge». S. 383
539. Im Tempel; «Kennt ihr mich und wisst ihr, woher ich bin?». S. 391

 

 

482. IN NAZARETH

Wer von Sephoris kommt, erreicht Nazareth von Nordwesten her, d.h. von der höher gelegenen felsigen Gegend. Das Amphitheater, auf dem Nazareth stufenweise erbaut ist, liegt vollständig vor den Augen dessen, der von Sephoris kommend durch ziemlich steile Schluchten in die Ortschaft hinabsteigt. Wenn ich mich richtig erinnere (denn seither ist schon einige Zeit verstrichen und viele Orte im Gebirge sehen einander ähnlich), ist die Stelle, an der sich Jesus gerade befindet, genau die, an der seine Mitbürger ihn zu steinigen versuchten, er sie aber durch seine Macht lähmte und mitten durch sie hindurchschritt.

Jesus bleibt stehen und schaut auf die ihm so teure und zugleich so feindlich gesinnte Stadt, und ein zufriedenes Lächeln läßt sein Antlitz aufleuchten. Welch ein von den Nazarenern unbeachteter und für sie unverdienter Segen ist dieses göttliche Lächeln doch, das sicherlich Gnaden über die Erde ergießt, die ihn als Kind aufgenommen und heranwachsen gesehen hat und wo seine Mutter geboren und Braut Gottes und Gottesgebärerin wurde!

Auch die beiden Vettern betrachten ihre Stadt mit sichtlicher Freude, obwohl die des Thaddäus etwas durch seinen strengen, zurückhaltenden Ernst gemäßigt wird, während die des Jakobus offener und sanfter, mehr der von Jesus ähnlich ist.

Das Antlitz des Thomas leuchtet vor Freude, obwohl es nicht seine Stadt ist, als er auf das Häuschen Marias, aus dessen Kamin Rauch emporsteigt, zeigt und sagt: «Die Mutter ist zu Hause und bäckt Brot...» Es scheint, als spräche er von seiner eigenen Mutter mit der ganzen Zuneigung eines Sohnes, so viel Liebe bergen diese einfachen Worte.

Der Zelote, bedächtiger aufgrund seines Alters und der Erziehung, die er erhalten hat, sagt lächelnd: «Ja, und ihr Friede dringt schon in unsere Herzen.»

«Beeilen wir uns», sagt Jakobus, «und nehmen wir diesen Pfad, auf dem wir fast keinen Nazarenern begegnen werden. Sie würden uns aufhalten ...»

«Aber so entfernt ihr euch von eurem Haus... Auch eure Mutter möchte euch sehen.»

«Oh, du kannst sicher sein, Simon, daß unsere Mutter bei Maria ist. Sie ist fast immer dort ... Auch jetzt wird sie dort sein, um beim Brotbacken zu helfen, und auch des kranken Mädchens wegen.»

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«Ja, nehmen wir diesen Weg. Wir werden den Garten des Alphäus hinten umgehen und direkt zur Hecke unseres Gartens gelangen», sagt Jesus.

Sie steigen eilig den Pfad hinab, der anfangs recht steil ist, dann aber in der Nähe sanfter abfällt. Sie durchqueren Olivenhaine, dann kleine Felder, deren Heu schon eingesammelt worden ist. Nun kommen sie an den ersten Gärten der Stadt vorüber, und die hohen, dichtbelaubten Hecken, die sie umschließen und über die sich die Zweige der fruchtbeladenen Bäume neigen, verbergen sie vor den Blicken der Hausfrauen, die in den Gärten beschäftigt sind oder Wäsche waschen und sie auf dem kleinen Rasen vor den Häusern ausbreiten...

Die Hecke, die auf einer Seite den Garten Marias begrenzt, ein Dornengestrüpp im Winter, eine reiche Blütenpracht des Weißdorn im Frühling, ein Blütenwogen im Sommer und ein rubinartiges Aufleuchten der kleinen roten Früchte im Herbst, wird jetzt verschönert durch einen üppig wachsenden Jasmin und Blumenkelche, deren Name mir unbekannt ist und die sich mit ihren Zweigen vom Innern des Gartens her über die Hecke neigen, um sie noch dichter und schöner erscheinen zu lassen. Eine Grasmücke singt in diesem Dickicht, und drinnen gurren die Turteltauben.

«Auch der Garteneingang ist über und über mit blühenden Zweigen bedeckt», sagt Jakobus, der vorausgelaufen ist, um nach dem einfachen Gittertor auf der Rückseite des Gartens zu sehen, das nach jahrelangem unnützen Dasein schließlich dazu gedient hatte, den von Petrus für Johannes und Syntyche vorbereiteten Wagen ein- und ausfahren zu lassen.

«Wir werden durch das kleine Gäßchen gehen und an die Türe klopfen. Meiner Mutter würde es leid tun, wenn wir diesen Schutz beschädigen», entgegnet ihm Jesus.

«Ihr verschlossener Garten!» ruft Judas des Alphäus aus.

«Ja, sie ist die Rose darin», sagt Thomas.

«Die Lilie unter den Dornen», sagt Jakobus.

«Die versiegelte Quelle», sagt der Zelote.

«Besser noch: der Urquell lebendigen Wassers, das stürmisch hervorquillt aus dem schönen Berg, der Erde das Wasser des Lebens gibt und mit seiner duftenden Schönheit zum Himmel aufsteigt», sagt Jesus.

«In Kürze wird sie glückselig sein, dich wiederzusehen», sagt Jakobus.

«Mein Bruder, kläre mich über etwas auf, was ich seit langer Zeit gerne wüßte. Als was betrachtest du Maria? Als Mutter oder als Untergebene? Sie ist dir Mutter, aber sie ist eine Frau, und du bist Gott ...» sagt Thaddäus.

«Als Schwester und Braut, als Wonne und Friede Gottes und als Trost des Menschen. Alles sehe und finde ich in Maria als Gott und als Mensch. Sie, die die Wonne der zweiten Person der Dreieinigkeit im Himmel, die Wonne des Wortes und des Vaters und des Heiligen Geistes war, ist die

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Wonne des fleischgewordenen Gottes und wird es auch des verherrlichten Gottmenschen sein.»

«Welch ein Geheimnis! Gott hat also in zweifacher Weise seinem Wohlgefallen entsagt: in dir und in Maria, und hat euch der Erde geschenkt...»erwägt der Zelote...

«Welch eine Liebe, mußt du sagen! Die Liebe drängte die Dreieinigkeit, Maria und Jesus der Erde zu schenken», sagt Jakobus.

«Nicht dich, der du Gott bist, sondern seine Rose betreffend, möchte ich dich etwas fragen: war Gott nicht besorgt, als er sie den Menschen anvertraute, die doch alle unwürdig sind, sie zu behüten?» fragt Thomas.

«Thomas, die Antwort findest du im Hohenlied: Der Friedfertige hatte einen Weinberg und vertraute ihn den Winzern an, die als vom Schänder angespornte Schänder große Summen geboten hätten, ihn zu besitzen, also alle Verführungskünste anwandten, ihn zu verführen; aber der schöne Weinberg des Herrn schützte sich selbst und wollte seine Früchte niemand anderem geben als dem Herrn. Ihm allein wollte er sich öffnen, um den unbezahlbaren Schatz zu gebären: den Erlöser.»

Nun sind sie an der Haustür angelangt. Judas des Alphäus bemerkt, während Jesus an die verschlossene Türe klopft: «Jetzt wäre es angebracht, zu sagen: ... Öffne mir, Schwester, meine Braut, Geliebte, Taube, Unbefleckte...»

Aber als sich die Tür öffnet und das liebliche Antlitz der Jungfrau erscheint, sagt Jesus, indem er die Arme ausbreitet, nur das eine süßeste Wort: «Mutter!»

«Oh! Mein Sohn! Gesegneter! Tritt ein! Der Friede und die Liebe seien mit dir!»

«Und mit meiner Mutter, dem Haus und denen, die darin verweilen», sagt Jesus und tritt ein, gefolgt von den anderen.

«Da drüben ist eure Mutter; die beiden Jüngerinnen sind mit Backen und Waschen beschäftigt...» erklärt Maria nach der gegenseitigen Begrüßung mit den Aposteln und Neffen. Letztere ziehen sich rücksichtsvoll zurück, um die Mutter mit ihrem Sohn alleinzulassen.

«Sieh, nun bin ich wieder bei dir, meine Mutter. Wir werden ein wenig zusammensein... Wie süß ist die Rückkehr... das Haus und besonders du, o Mutter, nach einem so langen Verweilen unter den Menschen ...»

«Die dich immer besser kennenlernen und sich durch diese Kenntnis in zwei Gruppen spalten: die, die dich lieben... und die, die dich hassen... und die größere Gruppe ist letztere ...» -

«Der Böse fühlt, daß er nahe daran ist, besiegt zu werden. Er ist wutentbrannt... und stachelt auch die anderen an... Wie geht es dem Mädchen ?»

«Etwas besser... Es war dem Tode nahe... Aber seine Worte gleichen noch jetzt, trotz seiner Zurückhaltung, denen, die es im Fieberwahn

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ausgesprochen hat. Es hieße, nicht die Wahrheit sagen, wenn wir behaupten würden, nicht ihre Lebensgeschichte daraus abgelesen zu haben... Die Unglückliche!»

«Ja, aber die Vorsehung hat über sie gewacht.»

«Und nun? ...»

«Und nun... Ich weiß es nicht. Aurea gehört mir nicht als Mensch. Ihre Seele ist mein, doch ihr Körper gehört Valeria. Vorerst wird sie hierbleiben, um zu vergessen...»

«Myrtha möchte sie haben.»

«Ich weiß es... Doch ich habe nicht das Recht, ohne die Erlaubnis der Römerin zu handeln. Ich weiß nicht einmal, ob sie das Mädchen mit Geld erworben oder nur die Waffe der Versprechungen benützt hat. Wenn es die Römerin wieder anfordert...»

«Ich werde für dich hingehen, mein Sohn. Es wäre nicht gut, wenn du selbst hingingst... Überlasse dies deiner Mutter. Wir Frauen... die niedrigsten Wesen in den Augen Israels, werden nicht so sehr beobachtet, wenn wir mit Heidinnen sprechen gehen, und zudem ist deine Mutter der Welt so unbekannt! Niemand wird auf eine Jüdin aus dem einfachen Volk achten, die in ihren Mantel gehüllt durch die Straßen von Tiberias geht und an die Haustür einer römischen Dame klopft...»

«Du könntest zum Haus der Johanna gehen... und dort mit der Dame sprechen...»

«So werde ich es machen, mein Sohn! Dein Herz sei erleichtert, o mein Jesus! Du bist so sehr betrübt... Ich verstehe es ... und ich würde gerne so viel für dich tun...»

«Du tust schon sehr viel für mich, Mutter. Ich danke dir für alles, was du tust...»

«Oh, ich bin dir nur eine geringe Hilfe, mein Sohn! Denn es gelingt mir nicht, die Menschen dazuzubringen, dich zu lieben, dir... Freude zu bereiten... solange es dir noch gewährt ist, ein wenig Liebe und Freude zu erfahren... Was bin ich dir also? Eine gar armselige Jüngerin...»

«Mutter! Mutter! Sprich nicht so! Meine Kraft kommt mir aus deinen Gebeten. Mein Geist ruht sich aus im Gedanken an dich, und nun findet mein Herz Trost, indem ich mein Haupt an dein gesegnetes Herz lege... Oh, meine Mutter! ...» Jesus hat seine Mutter an sich gezogen, die neben ihm steht, während er auf einer an der Wand stehenden Truhe sitzt. Er lehnt seine Stirn an ihre Brust, und sie streichelt ihm sanft das Haar...

Eine Pause voll der Liebe.

Dann erhebt Jesus sein Haupt, steht auf und sagt: «Gehen wir zu den anderen und zu dem Mädchen», und er begibt sich mit der Mutter in den Garten. Die drei Jüngerinnen stehen auf der Schwelle des Zimmers, in dem das kranke Mädchen liegt, und sprechen leise mit den Aposteln. Doch als sie Jesus erblicken, schweigen sie und knien nieder.

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«Der Friede sei mit dir, Maria des Alphäus, und mit euch, Myrtha und Noemi. Schläft das Mädchen?»

«Ja. Das Fieber dauert an, verwirrt es und verzehrt seine Kräfte. Wenn es so weitergeht, wird das Mädchen bald sterben. Sein zarter Körper widersteht der Krankheit nicht mehr, und sein Geist wird durch Erinnerungen erregt», sagt Maria des Alphäus.

«Ja... sie spricht auf nichts an und sagt nur, daß sie sterben möchte, um keinen Römer mehr zu sehen», bestätigt Myrtha.

«Ein Schmerz für uns, die wir sie schon liebgewonnen haben ...» sagt Noemi.

«Keine Sorge!» erwidert Jesus, der bis zur Schwelle des Kämmerleins geht und den Vorhang aufhebt...

In dem kleinen Bett an der Wand, gegenüber der Tür, erscheint das abgemagerte Gesichtchen, mit hochroten Wangen, sonst schneeweiß und im langen, goldfarbenen Haar begraben. Das Mädchen schläft unruhig und von Angst gequält, unverständliche Worte murmelnd, und macht mit den auf der Decke liegenden Händen von Zeit zu Zeit eine Bewegung, als wolle es etwas von sich weisen.

Jesus nähert sich ihr nicht weiter. Er betrachtet sie mit mitleidigen Augen und ruft dann laut: «Aurea! Komm! Dein Retter ist da.»

Das Mädchen richtet sich plötzlich in seinem Bettchen auf, sieht ihn, steht mit einem Schrei auf und läuft barfuß in seiner langen Tunika auf Jesus zu. Es wirft sich ihm zu Füßen mit den Worten: «Herr! Jetzt hast du mich befreit!»

«Sie ist geheilt. Seht ihr? Sie konnte nicht sterben, denn vorher muß sie die Wahrheit kennenlernen.» Dann sagt er zu dem Mädchen, das seine Füße küßt: «Steh auf und lebe in Frieden», und legt die Hände auf sein Haupt, das nun nicht mehr fiebert.

Aurea in ihrem langen Linnengewand, vielleicht eines von Maria, der Jungfrau, da es so lang ist, daß sie es auf dem Boden nachschleift, die Haare aufgelöst, so daß sie ihre zarte Gestalt wie ein Mantel bedecken, die graublauen Augen noch glänzend von dem eben entschwundenen Fieber und der Freude, die sie nun erfüllt, gleicht einem Engel.

«Bis nachher. Wir ziehen uns in die Werkstatt zurück, während ihr euch um das Mädchen und das Haus kümmert...» sagt der Meister und, gefolgt von den vier Aposteln, betritt er die Werkstatt Josephs und setzt sich mit ihnen auf die nicht benutzten Arbeitstische...

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483. JESUS ERZÄHLT BEI DER ARBEIT DAS GLEICHNIS VOM LACKIERTEN HOLZ

Die einfache Feuerstätte in der Werkstatt wird nach langer Zeit wieder benützt und der Geruch des Leimes, der in einem Behälter kocht, vermischt sich mit dem so charakteristischen des Sägemehls und der frischen Späne, die in immer neuen Schichten den Boden unter der Hobelbank bedecken.

Jesus arbeitet mit Ausdauer an Holzbrettern, die er mit Hilfe der Säge und des Hobels in Stuhlbeine, Laden usw. verwandelt. Schlichte Möbelstücke, die Möbel des Häuschens von Nazareth sind in die Werkstatt gebracht worden. Der Backtrog ist auszubessern, außerdem einer der Webstühle Marias, zwei Hocker, eine Gartenleiter, eine kleine Sitztruhe und die Backofentür, deren unterer Teil vielleicht die Mäuse angenagt haben.

Jesus ist damit beschäftigt, all das wieder in Ordnung zu bringen, was der Gebrauch und die Zeit verschlissen haben.

Thomas hingegen arbeitet mit Geschick an Silberfolien. Er hat die kleinen Goldschmiedeinstrumente wohl seiner Tasche entnommen, die auf dem Bett liegt, das man, wie jenes des Zeloten, gegen die Wand gerückt hat. Das Klopfen seines Hämmerchens auf den Grabstichel erzeugt einen silbernen Ton, der sich unter das dumpfe Geräusch der Werkzeuge Jesu mischt.

Von Zeit zu Zeit wechseln sie einige Worte, und Thomas ist so glücklich, dort beim Meister und bei seiner Arbeit als Goldschmied zu sein und zeigt es auch, indem er in den Gesprächspausen leise vor sich hinpfeift. Bisweilen erhebt er die Augen und denkt nach, wobei er die rauchigen Wände des Raumes betrachtet.

Jesus bemerkt es und sagt: «Läßt du dich von dieser schwarzen Wand inspirieren, Thomas? Ja, sie ist durch die langjährige Arbeit eines Gerechten so geworden; doch glaube ich nicht, daß sie einem Goldschmied Ideen für seine Arbeit eingeben könnte...»

«Nein, Meister. Ein Goldschmied kann wahrlich mit dem kostbaren Metall nicht die Poesie der heiligen Armut wiedergeben... doch kann er mit seinem Metall schöne Dinge der Natur nachahmen und so Gold und Silber veredeln, indem er damit Blumen und Blätter nachbildet, wie man sie in der Schöpfung findet. Ich denke an diese Blumen, diese Blätter, und um mich genau an ihr Aussehen zu erinnern, fixiere ich die Wand; aber in Wirklichkeit sehe ich die Wälder und Felder unseres Heimatlandes, die leichten Blätter, die Blumen, die Kelchen und Sternen gleichen, die Haltung der Stiele und des Laubwerks...»

«Dann bist du ein Dichter, der mit dem Metall das besingt, was ein anderer mit Tinte auf seinem Pergament ausdrückt.»

«Ja. Tatsächlich ist der Goldschmied ein Dichter, der mit dem Metall

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die Schönheiten der Natur beschreibt. Aber unsere Arbeit, obwohl künstlerisch und schön, hat nicht den Wert der deinen, die so demütig und heilig ist; denn die unsrige dient der Eitelkeit der Reichen, während die deinige der Heiligkeit des Hauses und zum Nutzen der Armen dient.»

«Gut gesagt, Thomas», wirft der Zelote ein, der vom Garten kommend auf der Türschwelle erschienen ist mit aufgeschürztem Gewand und aufgekrempelten Ärmeln. Er hat eine alte Schürze umgebunden und hält einen Farbtopf in der Hand.

Jesus und Thomas drehen sich um und schauen ihn lächelnd an. Thomas antwortet: «Ja, ich habe recht. Aber ich möchte, daß die Arbeit des Goldschmiedes wenigstens einmal dazu dient, etwas... Gutes, Heiliges zu schmücken...»

«Was sagst du da?»

«Das ist mein Geheimnis. Schon seit langer Zeit spiele ich mit diesem Gedanken, und seit wir in Rama waren, trage ich eine kleine Goldschmiedetasche bei mir, immer in der Erwartung dieses Augenblicks... Und deine Arbeit, Simon?»

«Oh, ich bin kein vollkommener Künstler wie du, Thomas. Es ist das erste Mal, daß ich einen Pinsel in der Hand halte, und mein Anstrich ist noch ungleichmäßig, obwohl ich all meinen guten Willen hineinlege. Deswegen habe ich mit den einfachsten Teilen begonnen... um mich zu üben... und ich versichere dir, meine Ungeschicklichkeit brachte das Mädchen herzlich zum Lachen. Aber das freut mich. Sie kehrt stündlich mehr und mehr zu einem heiteren, ruhigen Leben zurück, und das ist notwendig, um die Vergangenheit auszulöschen und einen neuen Menschen aus ihr für dich zu machen, Meister.»

«Ja... aber vielleicht wird Valeria sie zurückverlangen...» sagt Thomas.

«Ach! Was kann die schon für ein Interesse an ihr haben? Wenn sie die Kleine bei sich behalten hat, so nur, um sie nicht in der Welt verkommen zu lassen. Und sicher wäre es gut, das Mädchen für immer und in jeder Beziehung zu retten, besonders was ihre Seele betrifft. Ist es nicht so, Meister ?»

«So ist es. Wir müssen viel darum beten. Das Kind ist einfach und wirklich gut, und in der Wahrheit erzogen, könnte es gute Früchte bringen. Es strebt von sich aus zum Licht.»

«Das will ich meinen! Sie hat keinen Trost auf Erden und sucht ihn im Himmel, die Arme! Ich glaube, daß, wenn deine Frohe Botschaft einst auf der ganzen Welt verkündet werden kann, es gerade die Sklaven sein werden, die sie als erste und in besonders großer Zahl annehmen; jene, die des menschlichen Trostes entbehren und ihn in deinen Versprechungen suchen und finden werden... Und ich versichere dir, wenn mir die Ehre zuteil werden sollte, über dich zu predigen, dann werde ich eine ganz besondere Vorliebe für diese Unglücklichen zeigen ...»

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«Und du wirst gut daran tun, Thomas», sagt Jesus.

«Ja, aber wie wirst du an sie herankommen?»

«Oh! Ich werde Goldschmied für die Damen sein und... Meister für ihre Sklaven. Ein Goldschmied kommt in die Häuser, oder die Diener der Reichen kommen in sein Haus... und so werde ich zwei Metalle bearbeiten: die der Erde für die Reichen... die des Geistes für die Sklaven...»

«Gott segne dich für diese Vorsätze, Thomas. Harre aus...»

«Ja, Meister.»

«Gut. Nun, da du Thomas geantwortet hast, komm mit mir, Meister. Schau dir meine Arbeit an und sage mir, was ich noch anstreichen soll. Vertraue mir nur einfache Arbeiten an, denn ich bin noch ein sehr ungeschickter Lehrling.»

«Gehen wir, Simon ...» Jesus legt seine Werkzeuge nieder und geht mit dem Zeloten hinaus...

Nach einiger Zeit kehren sie zurück, und Jesus weist auf die Gartenleiter: «Streiche diese an. Die Ölfarbe macht das Holz wasserdicht und haltbarer, ganz abgesehen davon, daß sie es auch verschönert. Sie wirkt wie die Tugenden, die das Menschenherz schützen und es verschönern. Dieses Herz mag ungebildet und roh sein... doch wenn es die Tugenden bekleiden, wird es anmutiger und freundlicher. Schau, um einen schönen Anstrich zu erzielen und einen wirklichen Nutzen davon zu haben, muß man auf mehreres achten: Erstens muß man mit Sorgfalt all das zusammensuchen, was zur Herstellung der Farbe notwendig ist. Also ein Gefäß, das frei von Schmutz und Überresten alter Farben ist, gutes Öl und gute Farben. Dann muß mit Geduld gemischt und gerührt werden, um eine Flüssigkeit herzustellen, die weder zu dick und noch zu dünn ist; und man darf nicht aufhören zu rühren, bis auch das kleinste Klümpchen sich aufgelöst hat. Ist die Farbe bereit, so nimmt man einen Pinsel, der keine Borsten verliert, und achtet darauf, daß diese nicht zu hart und nicht zu weich sind. Den Pinsel muß man von jeder vorher benützten Farbe gründlich säubern. Doch bevor man mit dem Anstrich beginnt, heißt es noch, alle rauhen Stellen, alle Farbkrusten und allen sonstigen Schmutz vom Holz zu entfernen. Alsdann fährt man mit sicherer Hand stets in derselben Richtung über den Gegenstand, der bemalt werden soll, und trägt die Farbe mit viel Geduld auf, denn dasselbe Stück Holz kann mehrere Härten aufweisen. Auf den Knoten z.B. bleibt die Farbe zwar glatt, doch haftet sie dort schlecht, als ob das Holz sie abstoßen würde. Andererseits haftet die Farbe an den weicheren Holzteilen sofort gut; aber diese sind meistens nicht so ebenmäßig, und daher können sich Blasen oder Streifen bilden... Man muß also nachhelfen, indem man die Farbe mit beständiger Handbewegung aufträgt. Ferner gibt es bei alten

Möbeln oder Gegenständen neuere Teile. So hat diese Gartenleiter neue

Sprossen, die durch einen neuen Anstrich den älteren angepaßt werden

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müssen... Schau, so!» Jesus arbeitet, während er spricht, am unteren Teil der Leiter.

Thomas, der seinen Stichel niedergelegt hat, um näherzukommen und zuzusehen, fragt: «Warum hast du unten angefangen statt oben? Wäre es nicht besser gewesen, umgekehrt vorzugehen?»

«Es könnte besser scheinen, ist aber nicht so. Denn der unterste Teil wird am meisten in Anspruch genommen und nützt sich zudem ab, da er auf den Boden aufgesetzt wird. Deswegen muß er mehrmals gestrichen werden, einmal, zweimal, vielleicht, wenn nötig, auch dreimal... Um nicht müßig zu sein, bis er zu einem zweiten Anstrich bereit ist, streiche ich inzwischen die oberen und die mittleren Sprossen.»

«Aber dabei können die Kleider schmutzig und die bereits getane Arbeit zunichte gemacht werden.»

«Wenn man gut achtgibt, beschmutzt man sich nicht und beschädigt auch nichts. Siehst du? So macht man es. Man rafft die Kleider zusammen und hält sich in einem gewissen Abstand von der Leiter; nicht aus Ekel vor der Farbe, sondern um die zarte, frisch aufgetragene Farbschicht nicht zu beschädigen», und Jesus bemalt mit hochgestrecktem Arm den oberen Teil der Leiter.

Dann fährt er fort: «So macht man es auch mit den Seelen. Ich habe anfangs gesagt, daß der Farbanstrich mit der Verschönerung des Menschenherzens durch die Tugenden zu vergleichen ist. Er bedeutet für das Holz Verschönerung und Schutz gegen Holzwürmer, Regen und große Hitze. Wehe dem Hausherrn, der sich nicht um den Neuanstrich der hölzernen Teile kümmert und sie verkommen läßt. Wenn man sieht, daß die Farbe vom Holz abblättert, darf man nicht lange zögern, sie aufzufrischen... Auch die Tugenden können nach einem ersten großen Eifer wieder nachlassen oder gänzlich entschwinden, wenn der Mensch nicht über sie wacht; und Fleisch und Geist, die dann schutzlos der Witterung und den Parasiten ausgesetzt sind, d.h. den Leidenschaften und der Zügellosigkeit, können, von diesen angegriffen, gänzlich ihr schönes Kleid verlieren und schließlich nur noch für das Feuer taugen.

Wenn wir daher bei uns oder unseren geliebten Jüngern den Zerfall oder die Schwächung der Tugenden, die unser Ich wie ein Gewand umkleiden und schützen sollen, wahrnehmen, müssen wir uns unentwegt darum bemühen, sie zu erneuern, auf daß wir und sie einst mit der glorreichen Auferstehung würdigem Fleisch und ebensolcher Seele dem Tod entgegengehen können.

Damit die Tugenden wahr und echt seien, muß man sie mit reinem und mutigem Herzen zu üben beginnen, d.h. alle Reste und allen Schmutz entfernen und keine Unvollkommenheit bei ihrer Heranbildung sich einschleichen lassen. Man vermeide einerseits allzugroße Härte, andererseits übertriebene Weichlichkeit; beides schadet nur.

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Nun zum Pinsel, dem Willen. Er muß frei sein von früheren menschlichen Gewohnheiten, die die geistige Färbung beeinträchtigen könnten. Man muß sich selbst oder andere durch eine wenn auch mühevolle aber zweckmäßige und notwendige Arbeit vorbereiten, um das alte Ich von seinen früheren schlechten Gewohnheiten zu befreien und es zur Aufnahme der Tugenden zu befähigen. Denn man kann nicht Neues mit Altem vermischen.

Dann kann mit Sorgfalt und Bedachtsamkeit die eigentliche Arbeit beginnen. Man darf nicht ohne ernsten Grund hin- und herspringen, einmal in die eine Richtung und dann wieder in die andere. Das wäre vielleicht weniger ermüdend, aber der Strich würde unregelmäßig werden. So geschieht es auch bei den ungeordneten Seelen. Sie haben ihre guten Seiten, aber daneben auch Entgleisungen: andere Farbtöne... Es gibt Stellen, die Knoten, die dem Anstrich Widerstand leisten, Wirrwarr der Materie oder ungeordnete Leidenschaften, abgetötet durch den Willen, ja, wie das Holz durch den Hobel geglättet wird, die jedoch wie ein abgesägter, aber nicht ganz entfernter Knoten Widerstand leisten. Oftmals können sie täuschen, indem sie schon von Tugend umkleidet zu sein scheinen, während doch nur ein leichter Schleier sie bedeckt, der plötzlich fällt. Achtet auf die Knoten der Begierlichkeit. Sie müssen regelmäßig mit Tugend bedeckt werden, um nicht wieder aufzuleben und das neue Ich zu verderben, so wie auch die weichen Teile, die mit allzu großer Nachgiebigkeit Färbungen annehmen, aber nach ihrem Gutdünken, mit Bläschen und Rissen. Sie müssen mit Fischhaut immer und immer wieder geglättet werden, um für einen oder zwei Anstriche vorbereitet zu sein, bis ihre Oberfläche wie starkes Email vollkommen glatt ist. Ferner muß man darauf achten, nicht übermäßig Farbe aufzutragen. Ein Übermaß an Ansprüchen an die Tugend bewirkt die Auflehnung des Geschöpfes, das sich beim ersten Konflikt wiederum verfehlt. Nein, weder zu viel noch zu wenig. Gerechtigkeit bei der Bearbeitung seiner selbst und der Geschöpfe, die aus Leib und Seele bestehen.

Und wenn dann, wie es meistens geschieht – denn Menschen wie Aurea sind eine Ausnahme, nicht die Regel – Neues mit Altem vermischt wird, wie das der Fall ist bei den Juden, die sich von Moses zu Christus bekehren und auch bei den Heiden mit ihrem Mosaik religiöser Bräuche, die sich nicht mit einem Schlag beseitigen lassen, sondern immer wieder mit Sehnsüchten und Erinnerungen auftauchen, zumindest in den reinsten Dingen, dann sind noch mehr Augenmerk und Takt geboten, und man muß solange arbeiten, bis das Alte im Neuen aufgegangen ist, indem man schon zuvor bestehende Dinge durch die neuen Tugenden vervollständigt. So spielen z.B. bei den Römern Vaterlandsliebe und Mannesmut eine große Rolle. Diese sind beinahe zum Mythos geworden. Zerstört sie nicht, sondern prägt dem vaterländischen Geist einen neuen Geist ein, d.h. die

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Überzeugung, daß Rom auch geistig groß werden muß als Mittelpunkt des Christentums, und benützt die römische Männlichkeit dazu, jene im Glauben stark zu machen, die es auch in der Schlacht sind. Ein anderes Beispiel: Aurea. Der Abscheu vor einer brutalen Offenbarung treibt sie dazu, das zu lieben, was rein ist. Gut, benützt dies, um sie zu einer vollkommenen Reinheit zu führen, indem ihr sie lehrt, die Verderbtheit zu verabscheuen, als ob sie der brutale Römer wäre.

Versteht ihr mich? Macht aus den Gewohnheiten der Menschen Mittel, um in sie einzudringen und sie zu überzeugen. Zerstört nichts brutal. Ihr hättet dann nicht sofort etwas bereit, was euch zum Aufbau dienen kann. Ersetzt ganz langsam mit Liebe, Geduld und Ausdauer das, was im Bekehrten nicht zurückbleiben darf. Da jedoch das Materielle besonders bei den Heiden stets die Überhand behält und sich diese, obwohl bekehrt, immer noch auf die heidnische Welt stützen, in der sie leben, so besteht besonders auf der Enthaltsamkeit. Hinter der Sinnlichkeit drängt sich nämlich alles übrige herein. Überwacht bei den Heiden die übermäßige Sinnlichkeit, aber auch bei uns, wo sie – bekennen wir es – ebenfalls sehr lebendig ist. Wenn ihr dann bemerkt, daß die Berührung mit der Welt die schützende Farbschicht abblättern läßt, dann fahret nicht fort, den oberen Teil zu bemalen, sondern kehrt zurück zum unteren Teil, indem ihr das Gleichgewicht zwischen Geist und Fleisch, zwischen hoch und tief, beibehaltet. Aber beginnt immer beim Fleisch, beim materiellen Laster, um den Menschen darauf vorzubereiten, den Gast zu empfangen, der sich nicht in unreinen Körpern mit Seelen, die nach fleischlicher Verderbnis stinken, niederläßt ... Versteht ihr mich?

Fürchtet euch nicht vor der Berührung eures Gewandes mit den unteren Teilen der Leiter bei den Bekehrungsversuchen an den noch nicht Bekehrten. Klug sei euer Vorgehen, damit ihr nicht zerstört, anstatt aufzubauen. Lebt gesammelt in eurem von Gott genährten Ich, im Schutz der Tugend, und geht mit Zartgefühl vor, besonders wenn ihr euch mit dem so empfindlichen seelischen Ich anderer beschäftigt; dann wird es euch sicher gelingen, auch aus den verderbtesten Menschen des Himmels würdige Wesen zu machen.»

«Welch schönes Gleichnis hast du uns da erzählt! Ich will es für Margziam niederschreiben», sagt der Zelote.

«Und für mich, die ich noch ganz für den Herrn geschmückt werden muß», sagt langsam, nach Worten suchend, Aurea, die schon seit einiger Zeit barfuß auf der Schwelle der Tür zum Garten steht.

«Oh! Aurea! Hast du uns zugehört?» fragt Jesus.

«Ich habe dir zugehört. Es ist so schön. Habe ich nicht gut daran getan ?»

«Nein, Kind. Bist du schon längere Zeit hier?»

«Nein. Und es tut mir leid, daß ich nicht weiß, was du vorher gesagt

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hast, Deine Mutter hat mich geschickt, dir zu sagen, daß es Zeit ist, sich zu Tisch zu begeben. Das Brot wird gleich aus dem Ofen geholt. Ich habe schon gelernt, Brot zu backen... Wie schön! Ich habe ebenfalls gelernt, Leinwand zu bleichen. Bei der Arbeit mit dem Brot und der Leinwand hat mir deine Mutter zwei andere Gleichnisse erzählt.»

«Ja? Was hat sie denn gesagt?»

«Daß ich noch wie Mehl im Mehlsieb bin, daß aber deine Güte mich reinigen, deine Gnade mich kneten, dein Apostolat mich formen und deine Liebe mich backen wird. Wenn ich mich von dir reinigen und bearbeiten lasse, wird aus dem unreinen, mit Kleie vermischten Mehl, wie ich es bin, ein Hostienmehl und ein Brot werden, die des Altares würdig sind. Bezüglich der Leinwand, die dunkel, ölig und rauh war, aber durch Seifenkraut und Schlagen rein und weich geworden ist und nun in der Sonne noch strahlend weiß werden wird, hat sie mir gesagt, daß die Sonne Gottes auch mit mir so verfahren wird, wenn ich immer unter ihren Strahlen bleibe und die Waschungen und auch die Abtötungen annehme, um des Königs der Könige, Deiner, meines Herrn, würdig zu werden. Welch schöne Dinge lerne ich jetzt... Es scheint mir ein Traum zu sein... ein schöner, wunderschöner Traum! Alles ist schön hier... Schicke mich nicht fort, Herr!»

«Würdest du nicht gern zu Myrtha und Noemi gehen?»

«Ich würde lieber hierbleiben... Aber... auch bei ihnen... Nur nicht bei Römern, Herr. Nein, das nicht!»

«Bete, Kind!» sagt Jesus, indem er seine Hand auf ihr honigblondes Haar legt. «Hast du schon beten gelernt?»

«O ja! Es ist so schön zu sagen: "Vater unser" und an den Himmel zu denken... Aber... der Wille Gottes macht mir etwas Angst, denn ich weiß nicht, ob Gott will, was ich will...»

«Gott will nur dein Bestes.»

«Ja? Du sagst es? Dann habe ich keine Angst mehr... Ich fühle, daß ich in Israel bleiben werde, um immer mehr diesen meinen Vater kennenzulernen... und... um die erste Jüngerin aus Gallien zu sein, o mein Herr!»

«Deine Hoffnung wird in Erfüllung gehen, weil sie gut ist. Gehen wir ...»

Alle gehen hinaus, um sich am Becken unter der Quelle zu waschen, während Aurea zu Maria läuft; und man hört die beiden Frauenstimmen, wortgewandt die Marias, unsicher die andere, und hin und wieder ein fröhliches Lachen wegen eines sprachlichen Fehlers, den Maria liebevoll verbessert.

«Das Mädchen lernt schnell und gut», bemerkt Thomas.

«Ja, es ist gut und willig.»

«Und dann: Deine Mutter als Lehrerin zu haben 1 ... Nicht einmal Satan könnte ihr widerstehen! ...» sagt der Zelote.

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Jesus seufzt, ohne ein Wort zu sagen.

«Warum seufzest du so, Meister? Habe ich etwas Unrechtes gesagt?»

«Du hast ganz richtig gesprochen. Aber es gibt Menschen, die hartnäckiger sind als Satan, der wenigstens vor dem Anblick Marias flieht. Es gibt Menschen, die in ihrer Nähe sind und sich, obwohl von ihr belehrt, nicht zum Guten ändern...»

«Aber wir doch nicht, wie?»

«Ihr nicht... Gehen wir...»

Sie gehen ins Haus, und alles ist zu Ende.

484. FRIEDLICHE SABBATE IN NAZARETH

Der Sabbat ist der Tag der Ruhe, das wissen wir schon. Es ruhen die Menschen und die Werkzeuge. Letztere zugedeckt oder ordentlich an ihrem Platz aufgehoben.

Nun, da der rötliche Sonnenuntergang eines sommerlichen Freitags seinem Ende zugeht, sieht man Maria, die im Schatten eines großen Apfelbaumes an ihrem kleinen Webstuhl sitzt, sich erheben. Sie bedeckt ihr Gerät und bringt es mit Hilfe des Thomas ins Haus an seinen Platz. Darin bittet sie Aurea, die, zu ihren Füßen auf einem Hocker sitzend, noch etwas ungeschickt die Kleider zusammennäht, die sie von den Römerinnen erhalten und die Maria ihrer Statur angepaßt hat, die Stoffe zusammenzufalten, alles einzusammeln und es geordnet auf die Konsole ihres Zimmerchens zu legen. Während Aurea tut, was ihr aufgetragen worden ist, begibt sich Maria mit Thomas in die Werkstatt, wo Jesus und der Zelote damit beschäftigt sind, Sägen, Hobel, Bohrer, Hämmer und Farb- und Leimtöpfe an ihren Platz zu stellen und Hobelspäne und Sägemehl vom Arbeitstisch und vom Boden zu kehren. Von der getanen Arbeit bleiben nur zwei Bretter, die an der Verbindungsstelle im Schraubstock zusammengepreßt sind, damit der Leim in den Einschnitten gut trocknen kann (vielleicht ist es eine Schublade), und ein Stuhl, der zur Hälfte angestrichen ist und noch stark nach frischer Farbe riecht.

Nun tritt auch Aurea ein, beugt sich über die Silberarbeit des Thomas, bewundert sie und fragt neugierig, wozu sie dient und ob sie ihr gut stehen würde.

«Sie würde dir gut stehen, aber noch besser steht es dir an, brav zu sein. Das sind Schmucksachen, die mir den Körper schmücken, dem Geist aber nichts nützen. Vielmehr schaden sie dem Geist, da sie nur die Eitelkeit wecken.»

«Wenn das so ist, warum machst du sie dann?» fragt das Mädchen logischerweise. «Willst du denn einer Seele Böses zufügen?»

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Der immer gutmütige Thomas lächelt über diese Bemerkung und sagt

«Schaden bewirkt der Überfluß bei einem schwachen Geist. Bei einem starken Geist bleibt das Schmuckstück nur das, was es ist: eine Schnalle, die notwendig ist, um das Kleid in Ordnung zu halten.»

«Für wen machst du sie? Für deine Braut?» «Ich habe keine Braut und werde auch nie eine haben.»«Dann für deine Schwester.» «Sie hat mehr, als sie braucht.» «Dann für deine Mutter.» «Die arme alte Frau, was soll sie damit anfangen?» «Aber es ist für eine Frau...»«Ja, aber nicht für dich.»

«Oh! Ich denke nicht einmal daran... und da du gesagt hast, daß diese Dinge einem schwachen Geist schaden, möchte ich sie auch nicht haben. Ich werde auch diese Borten von den Kleidern entfernen. Ich will dem nichts Böses antun, was meines Erlösers ist!»

«Du bist ein braves Kind. Sieh, du hast mit diesem deinem guten Willen ein schöneres Werk geschaffen als ich.»

«Oh! Das sagst du, weil du gut bist! ...»

«Ich sage es, weil es wahr ist. Siehst du: Ich habe diesen silbernen Block genommen, habe Blättchen daraus gemacht und diese dann mit dem Werkzeug, vielmehr mit vielen Werkzeugen so gebogen. Aber ich muß sie noch mehr biegen. Ich muß die verschiedenen Teile auf ganz natürliche Weise miteinander verbinden. Vollendet sind vorläufig nur die beiden Blätter mit ihren Blümchen», und Thomas nimmt zwischen seine großen Finger den feinen Stengel eines Maiglöckchens, das in ein Blatt gehüllt ist, das in vollendeter Weise die natürliche Form nachahmt. Es macht einen gewissen Eindruck, dieses glitzernde Schmuckstück aus reinem Silber zwischen den starken, gebräunten Fingern des Goldschmiedes zu sehen.

«Oh, schön! Es gab so viele davon auf der Insel, und wir durften sie sammeln, bevor die Sonne aufging. Denn wir Blonden durften nie an die Sonne gehen, um wertvoller zu sein. Die Brünetten hingegen ließ man draußen unter der Sonne, bis sie sich übel fühlten, um sie noch brauner werden zu lassen... Sie... Wie sagt man, wenn einer etwas verkauft und behauptet, es sei eine bestimmte Ware, während es etwas anderes ist ... ?»

«Nun... es handelt sich um eine Lüge, einen Betrug... Ich weiß nicht.»

«Ja, sie betrogen die Mädchen, indem sie ihnen sagten, sie seien aus Arabien oder aus dem Gebiet des oberen Nils, dort, wo er entspringt. Eine haben sie verkauft als Abkömmling der Königin von Saba.»

«Nichts weniger! Aber sie haben nicht die Mädchen, sondern die Käufer betrogen. Welch eine Brut! Wie werden die Käufer überrascht gewesen sein, zu sehen, daß ihre Äthiopierinnen mit der Zeit immer hellhäutiger

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wurden! Hörst du, Meister? Wie viele Dinge, von denen wir nichts wissen! ...»

«Ich höre. Aber das Traurigste dabei ist nicht der Betrug des Käufers, sondern das Schicksal dieser Mädchen...»

«Das ist wahr. Sie sind ein für allemal entweihte, verlorene Seelen...»

«Nein. Gott kann immer eingreifen...»

«Bei mir hat er es getan. Du hast mich gerettet! ...» sagt Aurea, indem sie ihren klaren, heiteren Blick auf den Herrn richtet, und sie schließt mit den Worten: «Ich bin so glücklich!» Da sie jedoch nicht hingehen kann, um Jesus zu umarmen, umfaßt sie Maria mit einem Arm und legt ihr blondes Haupt auf die Schulter der Jungfrau zum Zeichen ihrer vertrauensvollen Liebe.

Die beiden blonden Köpfe in ihren verschiedenen Tönungen heben sich gegen die dunkle Wand ab: ein allerliebstes Bild. Aber Maria denkt an die Mahlzeit, und sie trennen sich und gehen hinaus.

«Darf man eintreten?» sagt an der Tür, die von dem großen Raum zur Straße führt, die etwas rauhe Stimme des Petrus.

«Simon! Öffnet ihm!»

«Simon! Er hat es nicht ausgehalten, länger fernzubleiben», sagt Thomas lachend, während er zur Tür läuft, um zu öffnen.

«Simon, das war vorauszusehen...» sagt der Zelote lächelnd.

Aber es ist nicht nur das Gesicht des Petrus, das nun in der Türöffnung erscheint. Es sind alle Apostel vom See, alle mit Ausnahme von Bartholomäus und Iskariot... und bei ihnen sind auch schon Judas und Jakobus, die Söhne des Alphäus.

«Der Friede sei mit euch! Aber warum seid ihr in dieser Hitze gekommen?»

«Weil... wir nicht länger fern von dir bleiben konnten. Es sind schon zweieinhalb Wochen, weißt du? Zweieinhalb Wochen, daß wir dich nicht sehen!» Es scheint fast, als wolle Petrus sagen: «Zwei Jahrhunderte! Eine Ewigkeit!»

«Aber ich habe euch doch gesagt, ihr sollt Judas jeden Sabbat erwarten.»

«Ja, aber an zwei Sabbaten ist er nicht gekommen... und am dritten kommen nun wir. Nur Nathanael, der nicht ganz wohl ist, ist dort geblieben, und er wird Judas empfangen, wenn er kommen sollte... Doch er wird sicher nicht hingehen... Benjamin und Daniel, die durch Tiberias gekommen sind, um auf dem Weg zum Großen Hermon bei uns vorbeizuschauen, sagten, sie hätten ihn dort gesehen... Aber das werde ich dir später erzählen...» schließt Petrus, da ihn sein Bruder am Gewand zupft, damit er nicht weitererzählt.

«Nun gut. Du wirst es mir später sagen... Aber ihr habt euch doch so sehr nach Ruhe gesehnt, und jetzt, da ihr ausruhen könnt, macht ihr solche Märsche? Wann seid ihr denn aufgebrochen 7»

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«Gestern abend. Der See war glatt wie ein Spiegel, und wir haben in Tarichäa angelegt, um Tiberias zu meiden... und um nicht mit Judas zusammenzutreffen...»

«Warum?»

«Weil wir dich in Frieden genießen wollten.»

«Ihr seid Egoisten!»

«Nein. Er hat schon seine Freuden ... Ach! Ich weiß nicht, wer ihm so viel Geld gibt, um es zu verprassen mit ... Ja, ich habe verstanden, Andreas. Aber zieh mich nicht so am Gewand. Ich habe nur dieses, du weißt es doch. Soll ich mit einem zerrissenen Gewand von hier wieder fortgehen?»

Andreas wird rot. Die anderen lachen. Jesus lächelt.

«Gut. Wir sind in Tarichäa gelandet, auch weil, tadle mich nicht... Vielleicht ist es die Hitze, vielleicht werde ich fern von dir boshaft, oder vielleicht ist es nur, weil ich daran dachte, daß er sich von dir getrennt hat, um sich mit ... Hör auf, mich am Ärmel zu ziehen! Du siehst ja, daß ich rechtzeitig schweigen kann! ... Also, Meister, es gibt so mancherlei Gründe... Ich wollte nicht sündigen, und wenn ich Judas gesehen hätte, wäre es geschehen. Deshalb bin ich nach Tarichäa gefahren, und im Morgengrauen haben wir uns auf den Weg gemacht.»

«Seid ihr über Kana gekommen?»

«Nein, wir wollten den Weg nicht zu sehr verlängern... Er ist ohnehin schon sehr weit gewesen, und die Fische sind uns ausgegangen... Wir haben sie in einem Haus zurückgelassen, um in den heißesten Stunden eine Unterkunft zu haben. Nach der neunten Stunde sind wir dann wieder aufgebrochen... Ein wahrer Backofen! ...»

«Das hättet ihr euch ersparen können. Ich wäre selbst bald gekommen.»

«Wann?»

«Nach dem Austritt der Sonne aus dem "Löwen".»

«Und du meinst, wir hätten es so lange ohne dich ausgehalten? Tausend ähnlich heißen Tagen hätten wir getrotzt, um zu kommen und dich zu sehen, unseren Meister! Unseren geliebten Meister!» Und Petrus umarmt seinen wiedergefundenen Schatz.

«Wenn man bedenkt, daß ihr, sobald wir beisammen sind, nichts anderes tut, als euch zu beklagen über das Wetter, über die Länge des Weges...»

«Wir sind eben töricht. Wenn wir beisammen sind, dann kommt es uns nicht zum Bewußtsein, was du für uns bist... Aber nun sind wir hier. Wir haben schon Unterkunft gefunden: der eine bei Maria des Alphäus, der andere bei Simon des Alphäus, wieder andere bei Ismael, Aser oder hier in der Nachbarschaft. Jetzt werden wir uns ausruhen, und morgen abend können wir wieder zufrieden und glücklich abreisen.»

«Vergangenen Sabbat hatten wir Myrtha und Noemi hier. Sie kamen, um das Mädchen wiederzusehen», sagt Thomas.

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«Siehst du? Wer nur irgendwie kann, kommt hierher!»

«Ja, Petrus. Und was habt ihr in dieser letzten Zeit getan?»

«Gefischt haben wir... die Barken angestrichen... die Netze ausgebessert. Jetzt fährt Margziam oft mit den Schiffsjungen aus. Ein Umstand, der meine Schwiegermutter etwas seltener gegen den "Faulpelz" schimpfen läßt, "der seine Frau verhungern läßt, nachdem er ihr auch noch einen Bastard gebracht hat". Dabei ist es Porphyria noch nie so gut gegangen wie jetzt, da sie Margziam hat für ihr Herz... und alles andere. Aus den drei Lämmern sind fünf geworden und bald werden es noch mehr sein... Das will etwas bedeuten für eine kleine Familie wie die unsrige! Überdies ersetzt mich Margziam beim Fischfang. Aber diese Frau hat eine giftige Zunge, während ihre Tochter die einer Taube hat ... Aber auch du hast gearbeitet, wie ich sehe ...»

«Ja, Simon. Wir alle haben gearbeitet; meine Brüder in ihrem Haus, ich mit diesen in dem meinigen, um unsere Mütter etwas zur Ruhe kommen zu lassen.»

«Ja, auch wir», sagen die Söhne des Zebedäus.

«Und ich habe meiner Frau geholfen, indem ich mich um die Bienenstöcke und den Weinberg gekümmert habe», sagt Philippus.

«Und du, Matthäus?»

«Ich habe niemanden, den ich glücklich machen kann... So habe ich mich selbst glücklich gemacht, indem ich die Dinge niedergeschrieben habe, an die ich mich am liebsten erinnere...»

«Oh! Dann werden wir dir das Gleichnis vom Lackieren erzählen. Ich habe es als höchst unerfahrener Anstreicher herausgefordert...» sagt der Zelote.

«Dann hast du das Handwerk aber schnell erlernt. Schaut, wie schön er diesen Sitz gestrichen hat», sagt Thaddäus...

Alle geben ihm recht. Jesus, der nun einen entspannteren Gesichtsausdruck hat, seit er wieder zu Hause ist, strahlt vor Freude, da er seine Apostel um sich hat. Aurea tritt ein und bleibt erstaunt auf der Schwelle stehen.

«Oh! Da ist sie! Aber schau, wie gut sie aussieht! Sie scheint wirklich eine kleine Jüdin zu sein in diesem Gewand!»

Aurea wird purpurrot und weiß nicht, was sie sagen soll. Aber Petrus ist so gutmütig und väterlich, daß sie bald wieder Mut faßt und sagt: «Ich bemühe mich, es zu werden... und mit Hilfe meiner Lehrerin hoffe ich, es bald zu sein... Meister, ich gehe deiner Mutter sagen, daß diese hier sind», und sie zieht sich schnell zurück.

«Sie ist ein gutes Mädchen», erklärt der Zelote.

«Ja. Ich wollte, sie bliebe bei uns in Israel. Bartholomäus hat eine gute Gelegenheit und eine Freude verpaßt, als er sie zurückgewiesen hat», sagt Thomas.

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«Bartholomäus hält sich sehr ... an die Formeln», entschuldigt ihn Philippus.

«Sein einziger Fehler», bemerkt Jesus.

Maria tritt ein... «Der Friede sei mit dir, Maria», sagen die Ankömmlinge aus Kapharnaum.

«Der Friede sei mit euch... Ich wußte nicht, daß ihr hier seid. Ich werde gleich für euch sorgen... Kommt inzwischen ...»

«Unsere Mutter und Salome werden von zu Hause verschiedene Speisen mitbringen. Mach dir keine Sorge, Maria», sagt Jakobus des Alphäus.

«Gehen wir in den Garten... Es erhebt sich ein angenehmer Abendwind ...» sagt Jesus.

Sie betreten den Garten und setzen sich, brüderliche Gespräche führend, da und dort hin, während die Tauben gurren und sich um ihre abendliche Mahlzeit streiten, die Aurea ihnen auf den Boden streut... Dann werden die blühenden Blumenbeete und die einfachen, nützlichen und schönen Gemüsebeete begossen. Die Apostel wollen das selbst besorgen in ihrer heiteren Art, während Maria des Alphäus, die dazugekommen ist, mit Aurea und Maria das Essen für die Gäste bereitet. Und der Duft der bratenden Speisen mischt sich mit dem der feuchten Erde, so wie das Gezwitscher der Vögel, die sich um einen guten Platz in den dichtbelaubten Bäumen des Gartens streiten, sich mit den tiefen oder hellen Stimmen der Apostel mischt...

485. «BEVOR ICH MUTTER BIN, BIN ICH TOCHTER

UND DIENERIN GOTTES»

Der Sabbat dauert an, der eigentliche Sabbattag.

In dieser strahlenden Morgenstunde, wenn die Hitze die Luft noch nicht beschwert, ist es angenehm, in brüderlicher, friedlicher Gemeinschaft in der schattigen Laube zu sitzen oder dort, wo der Apfelbaum zusammen mit dem Feigen- und dem Mandelbaum seinen Schatten hinwirft und so den der Laube, unter der die Trauben heranreifen, verlängert. Es ist auch angenehm, auf den Pfaden zwischen den Beeten hin- und herzuwandeln, vom Bienenstock zum Taubenschlag zu gehen, von dort zur kleinen Grotte und an den Frauen, Maria, Maria des Kleophas, ihrer Schwiegertochter Salome des Simon und Aurea vorbei zu den vereinzelten Olivenbäumen, die vom Hang her ihre Äste über den stillen Gemüsegarten breiten.

Dies tun Jesus und die Seinen, Maria und die anderen Frauen. Jesus belehrt, ohne es zu beabsichtigen, und auch Maria belehrt, ohne es zu

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beabsichtigen. Sowohl seine Jünger als auch ihre Jüngerinnen lauschen aufmerksam den Worten der beiden Meister.

Aurea sitzt wie gewöhnlich zusammengekauert auf ihrem kleinen Hocker zu Füßen Marias. Sie hat die Hände um die Knie geschlungen, das Antlitz erhoben und blickt mit ihren weit geöffneten Augen Maria fest an. Sie scheint ein Kind zu sein, das einer herrlichen Fabel lauscht. Aber es ist keine Fabel. Es ist eine schöne Wahrheit. Maria erzählt der kleinen Heidin von gestern die Geschichte Israels, und wenn auch die anderen die vaterländischen Geschichten schon kennen, so hören sie doch aufmerksam zu. Denn es ist immer schön, die Geschichten von Rachel, von der Tochter des Jephtha und von Anna des Elkana zu hören, wenn sie von ihren Lippen strömen!

Judas des Alphäus nähert sich langsam und hört lächelnd zu. Er steht hinter Maria, die ihn deshalb nicht sehen kann. Aber der lächelnde Blick, den Maria des Kleophas ihrem Judas zuwirft, verrät Maria, daß jemand hinter ihrem Rücken steht, und sie wendet sich um: «Oh! Judas? Bist du von Jesus weggelaufen, um mich arme Frau anzuhören?»

«Ja. Einst habe ich dich verlassen, um zu Jesus zu gehen, denn du warst meine erste Lehrmeisterin. Aber es ist mir eine Freude, ihn bisweilen zu verlassen, um zu dir zu kommen und wieder Kind zu werden wie damals, als ich dein Schüler war. Fahre fort, ich bitte dich...»

«Aurea will jeden Sabbat ihren Lohn, und ihr Lohn besteht darin, daß ich ihr erzähle, was sie am tiefsten beeindruckt hat an unserer Geschichte, die ich ihr Tag für Tag während der Arbeit etwas erkläre.»

Auch die anderen sind herbeigekommen... Thaddäus sagt: «Und was gefällt dir besonders, Mädchen?»

«Alles, könnte ich sagen... Aber ganz besonders gefallen mir Rachel und Anna des Elkana, dann Ruth... und dann... Ah! Wie schön! Tobias und der kleine Tobias mit dem Engel, und dann die Braut, die betet, um befreit zu werden ...»

«Und Moses nicht?»

«Vor dem habe ich Angst... Er ist zu gewaltig... Aber von den Propheten gefällt mir Daniel, der Susanna verteidigt.» Dann schaut sie sich um und flüstert: «Auch ich bin verteidigt worden von meinem Daniel», und dabei blickt sie auf Jesus.

«Aber auch die Bücher des Moses sind schön!»

«Ja, wo sie lehren, daß man nichts Böses tun soll, und dort, wo sie vom Stern sprechen, der aus Jakob aufgehen wird. Ich kenne jetzt seinen Namen. Früher wußte ich nichts davon, und ich bin glücklicher als jener Prophet, denn ich sehe ihn aus der Nähe. Sie hat mir alles gesagt, und nun weiß auch ich es», schließt sie fast triumphierend.

«Und das Passahfest, gefällt dir das nicht?»

«Ja... aber... auch die Kinder der anderen sind Kinder einer Mutter.

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Warum sie töten? Ich ziehe den Gott, der rettet, dem Gott, der tötet, vor ...»

«Du hast recht ... Maria, hast du ihr noch nicht von seiner Geburt erzählt?» fragt Jakobus, indem er auf den Herrn weist, der zuhört und schweigt.

«Noch nicht. Ich will, daß sie erst die Vergangenheit gut kennt, damit sie die Gegenwart verstehen kann, die auf der Vergangenheit basiert. Sobald sie die Vergangenheit kennt, wird sie auch begreifen, daß der Gott, der ihr Furcht einflößt, der Gott des Sinai, zwar ein Gott der strengen Liebe ist, doch stets ein Gott der Liebe.»

«Oh, Mutter! Erzähl es mir doch jetzt! Es wird mir weniger Mühe machen, die Vergangenheit zu verstehen, wenn ich die Gegenwart kenne; denn nach dem, was ich von ihr schon weiß, ist sie wirklich wunderbar und läßt mich Gott ohne Furcht lieben. Ich habe es so nötig, keine Angst zu fühlen!»

«Das Mädchen hat recht. Erinnert euch alle immer an diese Wahrheit, wenn ihr das Evangelium verkünden werdet. Die Seelen müssen frei von Angst sein, um voller Vertrauen zu Gott gehen zu können. Ich bin immer darum bemüht, und man muß es um so mehr sein, je mehr sie aus Unwissenheit oder wegen ihrer Sünden der Angst vor Gott ausgeliefert sind. Aber Gott, auch der Gott, der die Ägypter schlug und dir Furcht einflößt, o Aurea, ist immer gut. Schau: Als er die Kinder der grausamen Ägypter tötete, hat er Barmherzigkeit geübt an diesen Kindern, die, da sie nicht heranwachsen konnten, keine Sünder wie ihre Eltern geworden sind; und auch an den Eltern, indem er ihnen Zeit gab, ihre Missetaten zu bereuen. Es handelte sich also um eine strenge Güte. Denn man muß unterscheiden können zwischen echter Güte und Weichlichkeit in der Erziehung. Auch als ich ein kleines Kind war, wurden viele Neugeborene sogar auf dem Schoß ihrer Mütter getötet. Die Welt schrie auf vor Entsetzen. Aber wenn die Zeit einmal für die einzelnen und für die ganze Menschheit abgelaufen ist, dann werdet ihr ein für allemal begreifen, daß jene die Glücklichen, die Gesegneten in Israel, im Israel der Zeit Christi waren, die von der großen Sünde bewahrt blieben, mitschuldig am Tode des Erlösers zu sein, weil sie schon in ihrer Kindheit – getötet wurden.»

«Jesus!» ruft Maria des Alphäus entsetzt aus, indem sie aufsteht und sich umschaut, als ob sie fürchtete, die Gottesmörder hinter den Hecken und Bäumen des Gartens auftauchen zu sehen. «Jesus!» wiederholt sie und blickt ihn schmerzerfüllt an.

«Was ist? Erinnerst du dich nicht mehr an die Schrift, daß du so erstaunt bist über das, was ich sage?» fragt Jesus sie.

«Aber ... aber... es ist nicht möglich ... Das darfst du nicht zulassen ... Deine Mutter ...»

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«Sie ist Erlöserin wie ich, und sie weiß es. Betrachte sie und ahme sie nach!»

Maria ist tatsächlich ernst, königlich in ihrer tiefen Blässe. Sie sitzt unbeweglich da, die Hände im Schoß gefaltet wie zum Gebet, das Haupt erhoben mit einem Blick, der in die Weite schweift.

Maria des Alphäus schaut sie an; dann wendet sie sich von neuem Jesus zu: «Sprich dennoch nicht von dieser schrecklichen Zukunft! Du bohrst ein Schwert in ihr Herz.»

«Seit zweiunddreißig Jahren ist dieses Schwert in ihrem Herzen.»

«Nein! Das ist nicht möglich! Maria... immer so heiter... Maria ...»

«Frage sie selbst, wenn du nicht glaubst, was ich dir sage.»

«Ja, ich frage sie! Ist es wahr, Maria? Weißt du es? ...»

Da sagt Maria mit leiser, aber fester Stimme: «Es ist wahr. Er war erst vierzig Tage alt, da wurde es mir von einem Heiligen gesagt... Aber auch vorher schon ... Oh! Als der Engel mir sagte, daß ich, obwohl ich Jungfrau blieb, einen Sohn gebären würde, der seiner göttlichen Empfängnis wegen Sohn Gottes genannt werden und es tatsächlich sein würde... als mir dies gesagt wurde, und daß sich im Schoße der unfruchtbaren Elisabeth durch ein Wunder des Ewigen eine Frucht gebildet hätte, da habe ich mich sofort der Worte des Isaias erinnert: "Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und er wird Immanuel genannt werden"... Alles, alles von Isaias! Dort, wo er vom Vorläufer spricht ... und dort, wo er vom Mann der Schmerzen spricht, rot, rot von Blut, nicht mehr zu erkennen... ein Aussätziger ... um unserer Sünden willen... Das Schwert ist seit jener Zeit in meinem Herzen, und alles hat dazu gedient, es noch tiefer hineinzubohren: der Gesang der Engel und die Worte Simeons, die Weisen aus dem Morgenland und alles andere, alles ...»

«Aber was sagst du da, meine Maria? Jesus triumphiert, Jesus wirkt Wunder ... Die Menschen, die ihm folgen, werden immer zahlreicher ... Ist das etwa nicht wahr?» sagt Maria des Alphäus.

Maria, immer noch in derselben Haltung, antwortet auf jede Frage: «Ja, ja, ja», ohne Besorgnis, ohne Freude; es ist nur eine ruhige Zustimmung, denn die Dinge stehen in der Tat so.

«Nun? Welches andere "Alles" bohrt dir dann das Schwert immer tiefer ins Herz?»

«Oh... alles ...»

«Und so ruhig bist du dabei? Immer dieselbe, seit du vor dreiunddreißig Jahren als Braut hierher gekommen bist; und es scheint mir gestern gewesen zu sein, so lebhaft erinnere ich mich daran ... Aber wie bist du dazu fähig? ... Ich ... ich wäre wahnsinnig geworden ... Ich würde... ich weiß nicht, was ich tun würde ... Ich ... Aber nein! Es ist nicht möglich, daß eine Mutter dies weiß und dabei so ruhig bleibt!»

«Bevor ich Mutter bin, bin ich Tochter und Dienerin Gottes ... Meine

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Ruhe, wie ich sie finde? Indem ich den Willen Gottes erfülle. Meine Heiterkeit, woher mir die kommt? Aus der Erfüllung dieses Willens. Wenn ich den Willen eines Menschen erfüllen müßte, könnte ich vielleicht betrübt sein; denn der Wille eines Menschen, auch des weisesten, kann sich immer auf Irrtum gründen. Aber der Wille Gottes! Wenn er mich zur Mutter seines Christus auserkoren hat, sollte ich dann vielleicht denken, das sei grausam, und sollte ich bei diesem Gedanken meine Heiterkeit verlieren? Bei dem Gedanken, daß dies die Erlösung ist durch ihn und durch mich und auch für mich, sollte ich mich verwirren lassen durch Nachdenken, was ich tun werde, um jene Stunde zu überstehen? Oh! Sie wird furchtbar sein ...» und Maria zuckt unwillkürlich zusammen und ringt die Hände, wie um ihr Zittern zu bezwingen, wie um inständiger zu beten, während ihr Antlitz noch blasser wird und die zarten Wimpern sich mit einem Anflug von Angst über die schönen, himmelblauen Augen senken. Doch nach einem tiefen Seufzer faßt sie sich wieder und schließt mit den Worten: «Aber der, der mir seinen Willen auferlegt hat und dem ich mit vertrauensvoller Liebe diene, wird mir in jener Stunde die nötige Hilfe gewähren. Mir und ihm... Denn der Vater kann niemand einen Willen auferlegen, der über die menschlichen Kräfte hinausgeht... und er hilft... immer... und er wird uns helfen, mein Sohn. Er wird uns helfen... Er wird uns Kraft geben... und nur er, dem unendliche Mittel zur Verfügung stehen, wird uns zu Hilfe kommen können.»

«Ja, Mutter. Die Liebe wird uns beistehen, in der Liebe werden wir uns gegenseitig beistehen, und in der Liebe werden wir erlösen ...» Jesus hat sich an die Seite seiner Mutter begeben und legt ihr die Hand auf die Schulter. Sie erhebt ihr Antlitz, um ihn anzublicken, ihren schönen und gesunden Jesus, der dazu bestimmt ist, entstellt zu werden durch Martern und getötet zu werden durch tausend Wunden, und sie sagt: «In der Liebe und im Schmerz... Ja. Und zusammen ...»

Niemand spricht mehr... Im Kreis um die beiden Hauptpersonen der künftigen Tragödie von Golgotha stehen die Apostel und Jüngerinnen nachdenklich und wie Statuen da...

Aurea sitzt wie versteinert auf ihrem kleinen Hocker... Aber sie ist die erste, die sich faßt, und ohne aufzustehen gleitet sie auf die Knie, gerade vor Maria. Sie umschlingt ihre Knie und legt das Haupt auf ihren Schoß mit den Worten: «Auch für mich wird all dies geschehen! ... Wieviel ich euch koste und wie sehr ich euch liebe für das, was ich euch koste! O Mutter meines Gottes, segne mich, damit ich euch nicht umsonst so viel koste ...»

«Ja, meine Tochter. Fürchte dich nicht! Gott wird auch dir helfen, wenn du immer seinen Willen annimmst.» Sie streichelt ihr Haar und ihre Wangen und fühlt, daß sie tränennaß sind. «Weine nicht! Von Christus hast du als erstes das schmerzenreiche Los kennengelernt, das Ende seiner

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Mission als Mensch. Es wäre nicht recht, wenn dir unbekannt bliebe, was in der ersten Stunde seines Lebens geschah. Höre... Alle werden gern diese bitteren, düsteren Betrachtungen für einen Augenblick vergessen und sich jener lieblichen Stunde erinnern, die ganz Licht, ganz Gesang, ganz Hosanna war: der Stunde seiner Geburt ... Höre»...

Und Maria erklärt den Grund ihrer Reise nach Bethlehem in Judäa, der Stadt, die als Geburtsstadt des Erlösers vorhergesagt worden war, und erzählt dann voller Liebe von der Nacht der Geburt Christi.

486. JESUS UND MARIA IM GESPRÄCH

Ich weiß nicht, ob es am Abend desselben Sabbat ist. Ich weiß nur, daß ich Jesus und Maria sehe. Sie sitzen auf der Steinbank vor dem Haus, nahe der Tür des Eßraumes, aus dem der schwache Schein einer Öllampe dringt. Die Flamme hebt und senkt sich in der Zugluft, als wäre ihre Bewegung durch regelmäßige Atemzüge geregelt. Es ist das einzige Licht in der mondlosen Nacht, ein winziges Licht, das ein Streifchen des Bodens vor dem Ausgang beleuchtet und schon beim ersten Rosenstock des Blumenbeetes erstirbt. Aber dieses geringe Licht reicht aus, die Profile der beiden im Gespräch Vertieften abzuzeichnen in dieser heiteren Nacht, die erfüllt ist vom Duft des Jasmin und anderer Sommerblumen.

Sie unterhalten sich über die Verwandten... über Joseph des Alphäus, der immer noch starrköpfig ist; über Simon, der so wenig Mut hat in seinem Bekenntnis zum Glauben, da ihn nun einmal der älteste seiner Brüder, der wie sein Vater autoritär und eigensinnig in seinen Ansichten ist, beherrscht. Es ist der große Schmerz Marias, die alle Neffen unter den Jüngern Jesu sehen möchte...

Jesus tröstet sie, und um den Vetter zu entschuldigen, weist er auf seinen starken israelitischen Glauben hin: «Das ist ein Hindernis, weißt du? Ein wahres Hindernis. Denn all die Formeln und Vorschriften bilden eine Schranke gegen die Annahme des messianischen Gedankens in seiner Wahrheit. Es ist viel leichter, einen Heiden zu bekehren, vorausgesetzt daß er keine vollständig verderbte Seele hat. Der Heide denkt nach und sieht den großen Unterschied zwischen seinem Olymp und meinem Reich. Aber Israel, besonders was die Gebildeten angeht, tut sich schwer, die neuen Ideen anzunehmen...»

«Und doch ist es immer jene Idee!»

«Ja, es handelt sich immer um den gleichen Dekalog und um die gleichen Prophezeiungen. Aber sie sind vom Menschen entstellt worden. Er hat sie von der übernatürlichen Sphäre, in der sie waren, heruntergeholt und auf das Niveau der Erde, in die Atmosphäre der Welt gebracht. Er hat

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sie mit seiner Menschlichkeit bearbeitet und verändert ... Der Messias, der geistige König des großen Reiches Israel, das man so nennt, weil der Messias aus Israel hervorgeht, das man aber besser das Reich Christi nennen sollte, da Christus den besseren Teil des heutigen und des gestrigen Israel um sich vereint und ihn veredelt in seiner Vollkommenheit als Gottmensch ... der Messias kann für sie nicht der demütige, arme Mensch sein, der für sich weder Macht noch Reichtum beansprucht, der denen gehorcht, die uns als Strafe Gottes beherrschen, weil im Gehorsam Heiligkeit liegt, solange der Gehorsam nicht das große Gesetz verletzt. Deswegen kann man sagen, daß ihr Glaube gegen den wahren Glauben arbeitet, und solche Starrköpfe und von ihrer Gerechtigkeit Überzeugte gibt es viele ... in allen Gesellschaftsschichten ... selbst unter meinen Verwandten und Aposteln. Glaube mir, o Mutter, das ist darin der Grund für ihre Unfähigkeit, an mein Leiden zu glauben. Ihre Irrtümer in der Einschätzung der Menschen haben hier ihren Ursprung... Auch ihre hartnäckige Widerspenstigkeit, wenn sie in den Heiden die Götzendiener sehen wollen, indem sie nur auf das Körperliche im Menschen schauen anstatt auf den Geist, jenen Geist, der einen einzigen Ursprung hat und dem Gott nur eine Bestimmung geben möchte: den Himmel. Schau Bartholomäus an... Er ist ein Beispiel dafür. Er ist gut, weise und zu allem bereit, um mir Ehre zu erweisen und Trost zu geben... Aber gegenüber einer Aglaia und sogar einer Syntyche, die schon eine Blume ist im Vergleich zur armen Aglaia, die nur durch die Buße vom Schlamm zur Blume wird, und selbst gegenüber einem armen Mädchen, dessen Schicksal bei jedem Mitleid hervorruft und dessen instinktives Schamgefühl jedem Bewunderung entlockt, kann er seinen Abscheu vor den Heiden nicht verleugnen. Nicht einmal mein Beispiel kann ihn überzeugen, und auch nicht meine Lehre, daß ich für alle gekommen bin ...»

«Du hast recht. Und gerade Bartholomäus und Judas von Kerioth, die beiden Gelehrtesten – wenigstens betrifft das Bartholomäus, während ich von Judas Iskariot nicht einmal weiß, welcher Klasse ich ihn genau zuordnen soll, der aber ganz von der Atmosphäre des Tempels durchdrungen ist – gerade sie sind die Widerspenstigsten. Jedoch ist Bartholomäus ein guter Mensch, und sein Widerstand ist noch entschuldbar. Judas... nicht. Du hast gehört, was Matthäus gesagt hat, der eigens nach Tiberias gegangen ist... und Matthäus hat Erfahrung im Leben, und besonders in diesem Leben... Richtig ist auch die Beobachtung des Jakobus des Zebedäus: "Aber wer gibt Judas denn so viel Geld?" Denn ein solches Leben kostet nicht wenig... Arme Maria des Simon!»

Jesus macht die gewohnte Handbewegung, um zu sagen: «So ist es...»und seufzt. Dann sagt er: «Hast du gehört? Die Römerinnen sind in Tiberias... Valeria hat mich nichts wissen lassen. Aber ich muß etwas wissen, bevor ich meinen Weg fortsetze. Mutter, ich will dich für einige Tage in

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Kapharnaum bei mir haben... Dann kehrst du wieder hierher zurück, und ich werde bis an die Grenzen der Syro-Phönizier wandern und dann zurückkommen und dich besuchen, bevor ich nach Judäa, zum störrischen Schaf Israels, gehe...»

«Sohn, morgen abend werde ich aufbrechen... Ich werde Maria des Alphäus mit mir nehmen. Aurea wird zu Simon des Alphäus gehen, denn die Kritik würde nicht ausbleiben, wenn sie mehrere Tage hier mit euch zubringt... Die Welt ist eben so... Ich werde aufbrechen... und mein erster Aufenthalt wird Kana sein. Dann werde ich im Morgengrauen von dort weggehen und anschließend bei der Mutter der Salome des Simon verweilen. Bei Sonnenuntergang werde ich weiterreisen, um noch bei Tageslicht nach Tiberias zu kommen. Ich werde mich in das Haus des Jüngers Joseph begeben, denn ich will persönlich mit Valeria sprechen; wenn ich zu Johanna ginge, würde sie den Auftrag übernehmen wollen... Nein. Ich, als Mutter des Heilands, werde anders aufgenommen werden als eine, die in ihren Augen nur eine Jüngerin ist... Mir wird sie nichts abschlagen. Habe keine Sorge, mein Sohn!»

«Ich habe keine Sorge. Aber die Mühe, die du damit auf dich nimmst, tut meinem Herzen weh.»

«Oh, um eine Seele zu retten! Was sind schon zwanzig Meilen in dieser Jahreszeit.»

«Es wird auch psychisch mühevoll sein. Bitten... und vielleicht gedemütigt werden...»

«Das ist wenig und geht wieder vorüber. Aber eine Seele bleibt!»

«Du wirst wie eine verlorene Schwalbe in diesem verkommenen Tiberias sein. Nimm Simon mit dir.»

«Nein, mein Sohn. Wir zwei allein, zwei arme Frauen... aber zwei Mütter und zwei Jüngerinnen, die moralisch stark sind. Ich werde mich beeilen. Laß mich gehen... Gib mir nur noch deinen Segen.»

«Ja, Mutter, von ganzem Herzen als Sohn und mit meiner ganzen Macht als Gott. Geh, und die Engel mögen dich auf deinem Weg begleiten.»

«Danke, Jesus. Kehren wir also ins Haus zurück. Ich werde schon im Morgengrauen aufstehen müssen, um alles für die Abreisenden und die Zurückbleibenden herzurichten. Sprich das Gebet, Sohn...»

Jesus und Maria stehen auf und beten zusammen das "Vater unser"... Dann gehen sie ins Haus und schließen die Tür... Das Licht wird ausgelöscht, und jede menschliche Stimme verstummt. Es weht nur noch ein leichter Wind durch die Zweige, und das leise Plätschern des Wassers im Brunnenbecken ist zu vernehmen.

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487. MARIA IN TIBERIAS

Tiberias ist schon in Sicht, während die beiden müden Pilgerinnen ihre Wanderung in der sinkenden Abenddämmerung fortsetzen.

«Bald wird es dunkel sein... und wir sind noch inmitten der Felder... zwei Frauen allein... und in der Nähe einer großen Stadt voller... Uh! Welch ein Volk! Beelzebub! Beelzebub, zum größten Teil ...» sagt Maria des Alphäus, indem sie sich ängstlich umsieht.

«Fürchte dich nicht, Maria! Beelzebub wird uns nichts Böses antun. Er schadet nur dem, der ihn in sein Herz aufnimmt.»

«Aber diese Heiden haben ihn! ...

«In Tiberias gibt es nicht nur Heiden, und auch unter den Heiden gibt es Gerechte.»

«Ja aber! Sie kennen unseren Gott nicht! ...»

Maria entgegnet nichts, denn sie weiß, daß es nutzlos wäre. Die gute Schwägerin ist nur eine der vielen Israelitinnen, die ausschließlich sich selbst als tugendhaft betrachten... weil sie Israelitinnen sind.

Es folgt ein Schweigen, in dem man nur das Geräusch der Sandalen an den müden und staubigen Füßen hört.

«Es wäre besser gewesen, wenn wir den üblichen Weg eingeschlagen hätten... Den kennen wir gut... und dort wäre man auch mehr Menschen begegnet. Dieser hier... zwischen den Gärten... ist so einsam und unbekannt... Ich fürchte mich, das ist es!»

«Aber nein, Maria! Schau, die Stadt ist gleich dort, und hier sind ruhige Gärten der Bauern von Tiberias. Nicht weit von hier ist das Ufer. Willst du, daß wir am Ufer entlang gehen? Dort werden wir Fischern begegnen... Wir brauchen nur diese Gärten zu durchqueren.»

«Nein, nein. So entfernen wir uns wieder von der Stadt. Und dann... Die Bootsleute sind fast alle Griechen, Kreter, Araber, Ägypter, Römer ...» und es scheint, als ob sie ebensoviele Höllennamen ausspräche. Maria, die allerheiligste Jungfrau, kann nicht umhin, im Schutze ihres Schleiers zu lächeln.

Sie gehen weiter. Der Weg wird zur Allee, aber noch dunkler als zuvor... und Maria des Alphäus wird noch ängstlicher und ruft Jahwe an bei jedem ihrer Schritte, die immer langsamer werden.

«Auf! Sei mutig! Beeile dich, wenn du Angst hast!» spornt Maria sie an, die auf jede Anrufung: «Maran Atha!» geantwortet hat.

Doch Maria des Alphäus bleibt nun gänzlich stehen und fragt: «Aber warum hast du hierher kommen wollen? Vielleicht, um mit dem Iskariot zu sprechen?»

«Nein, Maria, oder wenigstens nicht genau aus diesem Grunde. Ich bin gekommen, um mit der Römerin Valeria zu sprechen...»

«Barmherzigkeit! Gehen wir in ihr Haus? O nein! Maria! Tu das nicht!

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Ich ... werde dich nicht hinbegleiten! Aber was willst du denn dort tun bei diesen... diesen... Verfluchten! ...»

Die allerseligste Jungfrau lächelt nicht mehr sanft, sondern blickt ihre Begleiterin ernst an und fragt: «Erinnerst du dich nicht, daß es darum geht, Aurea zu retten? Mein Sohn hat ihre Befreiung begonnen. Ich werde sie vollenden. Obst du auf solche Weise deine Liebe zu den Seelen?»

«Aber sie ist doch nicht von Israel ...»

«Wahrlich, du hast noch kein Wort der Frohen Botschaft begriffen! Du bist eine sehr unvollkommene Jüngerin... Du arbeitest nicht für deinen Meister und bereitest mir großen Schmerz.»

Maria des Alphäus senkt das Haupt... Doch ihr Herz, das voller israelitischer Vorurteile, im Grunde aber gut ist, gewinnt die Oberhand, und mit einem Tränenausbruch umarmt sie Maria und sagt: «Verzeih mir! Verzeih mir! Sage mir nicht, daß ich dir Schmerz bereite und meinem Jesus nicht ergeben bin! Ja, ja! Ich bin sehr unvollkommen und verdiene deinen Tadel... Aber ich werde in Zukunft nicht mehr so sein... Ich komme, ich komme! Auch in die Hölle, wenn du dahin gehen solltest, um ihr eine Seele zu entreißen und sie Jesus zu bringen... Gib mir einen Kuß, Maria, zum Zeichen, daß du mir verzeihst...»

Maria küßt sie, und sie setzen rasch ihren Weg fort, wieder ermutigt durch die Liebe...

Nun sind sie in Tiberias, in der Nähe des kleinen Fischerhafens. Sie suchen das Häuschen des Joseph, des Jüngers und Bootsmannes... Sie finden es und klopfen an.

«Die Mutter meines Meisters! Tritt ein, o Frau! Gott sei mit dir und mit mir, der ich dich beherbergen darf. Tritt auch du ein, und der Friede sei mit dir, Mutter der Apostel.»

Sie treten ein, während die Frau und die junge Tochter des Bootsmannes herbeieilen, sie zu begrüßen, gefolgt von einer ganzen Schar kleiner Kinder...

Das karge Abendmahl ist schnell eingenommen, und Maria des Kleophas zieht sich müde zurück, zusammen mit den Kindern des Hauses. Die anderen bleiben auf der hohen Terrasse, von der aus man den See sieht, dessen Wellen an das Ufer schlagen – d.h. man hört mehr als man sieht, denn der Mond ist noch nicht aufgegangen. Anwesend sind die allerseligste Jungfrau, der Bootsmann und seine Frau, die sich zwar bemüht, eine gute Gesellschafterin zu sein, in Wirklichkeit aber bald den Kopf sinken läßt und einschläft.

«Sie ist müde», entschuldigt sie Joseph.

«Die Arme. Die Hausfrauen sind am Abend immer müde.»

«Ja, sie arbeiten viel, und sind nicht wie jene dort, die nur an ihr Vergnügen denken», sagt der Fährmann verächtlich, indem er auf die Barken weist, die hell erleuchtet sind und unter Sang und Klang vom Ufer

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abstoßen. «Sie fahren um diese Stunde hinaus! Für sie beginnt jetzt die Arbeit, wenn die rechtschaffenen Leute schlafen gehen. Sie schädigen nur die Arbeiter; denn sie tun, als ob sie fischen wollten, und zwar an den besten Plätzen, und verjagen uns, denen der See das Brot für die Familie gibt ...»

«Wer sind diese Leute?»

«Römerinnen und ihresgleichen; und zu letzteren rechne ich auch Herodias, ihre wollüstige Tochter und andere Hebräerinnen... Denn Marien von Magdala haben wir viele... ich meine die Maria vor der Bekehrung ...»

«Es sind Unglückliche...»

«Unglückliche? Die Unglücklichen sind wir, die wir sie nicht steinigen, um Israel von diesen Verderbten zu säubern, die den Fluch Gottes auf uns herabziehen.»

Indessen haben weitere Boote das Ufer verlassen, und der See rötet sich von den Lichtern der Boote der Genießer.

«Spürst du den Harzgeruch in der Luft? Sie betäuben sich erst mit Rauch, dann tun sie den Rest bei ihren Gelagen. Sie sind imstande zu den warmen Quellen am anderen Ufer zu fahren... In den Thermen dort... spielen sich Höllenszenen ab. Beim Morgengrauen, im Morgenrot oder auch später kehren sie dann zurück ... betrunken, übereinander liegend wie Säcke, Männer und Frauen, und die Sklaven müssen sie in ihre Häuser tragen, wo sie sich dann nach den Orgien ausschlafen. Heute abend fahren sie wirklich alte aus, die schönen Boote! Schau nur! Schau nur! Aber ich grolle mehr den Juden, die sich ihnen anschließen, als ihnen selbst. Sie, das ist bekannt, sind haltlose Tiere. Aber wir! ... Frau, weißt du, daß der Apostel Judas hier ist?»

«Ich weiß es.»

«Er gibt kein gutes Beispiel, weißt du?»

«Warum? Geht er mit jenen? ...»

«Nein... aber er hat schlechten Umgang... und eine Frau. Ich habe ihn nicht gesehen... Niemand von uns hat ihn so gesehen. Aber Pharisäer haben über uns gespottet mit den Worten: "Euer Apostel hat den Meister gewechselt. Jetzt hat er eine Frau und ist in der guten Gesellschaft der Zöllner."»

«Urteile nicht über das, was du nur erzählen gehört hast, Joseph. Du weißt, daß die Pharisäer euch nicht lieben und nicht einmal den Meister loben.»

«Das ist wahr... Aber das Gerücht geht um... und schadet... !»

«So wie es aufgekommen ist, wird es wieder verschwinden. Aber du, sündige nicht gegen den Bruder. Wo wohnt er? Weißt du es?»

«Ja, bei einem Freund, glaube ich. Es ist einer, der ein Warenlager von Weinen und Gewürzen hat. Es ist das dritte Lager auf der Ostseite des Marktes, gleich nach dem Brunnen ...»

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«Sind alle Römerinnen gleich?»

«Oh! Mehr oder weniger! ... Auch wenn sie sich nicht sehen lassen, tun sie Böses.»

«Gibt es solche, die sich nicht sehen lassen?»

«Die, die am Osterfest zu Lazarus gekommen sind. Sie führen ein zurückgezogeneres Leben... Ich will sagen, sie nehmen nicht immer an den Gastmählern teil. Jedoch gehen sie immerhin noch oft genug hin, daß man sagen kann, sie sind unrein.»

«Sagst du das, weil du dessen sicher bist oder weil deine hebräische Voreingenommenheit dich so reden läßt? Prüfe dich genau...»

«Ja... eigentlich... weiß ich es nicht... Ich habe sie nicht mehr in den Booten der Unreinen gesehen ... aber zur Nachtzeit gehen sie auf den See.»

«Auch du.»

«Gewiß, wenn ich fischen will!»

«Die Hitze ist sehr groß! Nur in der Nacht auf dem See findet man etwas Erfrischung. Das sind deine eigenen Worte, du hast dies während des Abendessens gesagt.»

«Es ist wahr.»

«Warum aber sollte man denken, daß sie nicht aus demselben Grund auf den See hinausfahren?»

Der Mann schweigt... und fährt dann fort: «Es ist schon spät. Die Sterne lassen mich erkennen, daß wir in der zweiten Nachtwache sind. Ich gehe zur Ruhe, Frau. Kommst du nicht?»

«Nein. Ich bleibe hier und bete. Ich werde morgen sehr früh ausgehen. Wundere dich nicht, wenn du mich beim Morgengrauen nicht mehr im Haus findest.»

«Du kannst tun, was du willst. Anna! Auf! Gehen wir zu Bett!» Er weckt seine Frau auf, die schon tief schläft, und sie gehen.

Maria bleibt allein... Sie kniet nieder und betet, betet... Aber sie verliert die dahinsegelnden Boote nie aus den Augen, die Boote der Herren, die hell erleuchtet, voller Blumen, Gesang und Weihrauch sind. Viele fahren weit und immer weiter nach Osten, werden in der Ferne immer kleiner, und schließlich sind auch die Gesänge nicht mehr zu hören. Ein vornehmes Boot bleibt allein auf dem vom Mond erleuchteten Wasserspiegel des Sees vor Tiberias zurück. Es segelt langsam hin und her... Maria beobachtet es, bis sie sieht, daß es den Bug dem Ufer zuwendet.

Nun steht Maria auf und sagt: «Herr, hilf mir! Gib, daß sie es sind...»; dann steigt sie leichten Schrittes die Treppe hinunter und betritt leise ein Zimmer mit angelehnter Tür... Im hellen Mondschein ist es ihr möglich, ein einfaches Nachtlager zu sehen. Maria beugt sich darüber und ruft: «Maria! Maria! Wach auf! Wir müssen gehen!»

Maria des Alphäus wacht auf und fragt noch etwas schlaftrunken,

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indem sie sich die Augen reibt: «Ist es schon Zeit zu gehen? Wie schnell ist es doch Morgen geworden!» Sie ist noch so schläfrig, daß sie nicht bemerkt, daß es nicht das Morgengrauen, sondern das fahle Mondlicht ist, das durch die halboffene Tür dringt. Es wird ihr erst bewußt, als sie draußen auf dem kleinen bebauten Acker vor dem Haus des Fährmanns steht.

«Es ist ja noch Nacht!» ruft sie aus.

«Ja, aber wir werden die Dinge so schneller erledigen können und früher aus dieser Stadt kommen... Ich hoffe es wenigstens. Komm! Hier, am Ufer entlang. Beeile dich! Bevor das Boot anlegt ...»

«Das Boot? Welches Boot?» fragt Maria; aber sie läuft hinter der Jungfrau her, die am verlassenen Ufer entlang zur Mole eilt, wo das Boot anlegen will.

Sie kommen atemlos einige Augenblicke vor diesem an... Maria blickt forschend auf das Boot und ruft aus: «Gott sei Lob! Sie sind es. Jetzt komm hinter mir her... denn wir müssen ihnen folgen. Ich weiß nicht, wo sie wohnen...»

«Aber Maria... Gott erbarme! ... Sie werden uns für Dirnen halten!»

Die Reinste schüttelt den Kopf und flüstert: «Es genügt, es nicht zu sein. Komm!» und sie zieht sie in den Halbschatten eines Hauses.

Das Boot legt an, und während des Manövers nähert sich dem Landungsplatz eine Sänfte. Zwei Frauen steigen ein, während zwei andere neben der Sänfte einhergehen. Die Sänfte setzt sich in Bewegung im gleichmäßigen Schritt von vier Numidiern in ganz kurzen, ärmellosen Tuniken, die kaum den Rumpf bedecken...

Maria folgt, trotz der leisen Proteste der Maria des Alphäus: «Zwei Frauen allein! ... Hinter denen dort, die halb nackt sind... Pfui! ...»

Nur wenige Meter Weges, dann bleibt die Sänfte stehen.

Eine Frau steigt aus, während der Anführer der Gruppe an ein großes Tor klopft.

«Vale, Lydia!»

«Vale, Valeria! Liebkose Faustina für mich. Morgen abend werden wir wieder in Ruhe lesen, während die anderen prassen...»

Das Tor öffnet sich, und Valeria ist dabei, mit ihrer Sklavin oder Freigelassenen einzutreten.

Maria macht einen Schritt nach vorn und spricht: «Domina! Nur ein Wort!»

Valeria schaut die beiden Frauen an, die in ganz einfache jüdische Mäntel gehüllt sind und den Schleier über das Antlitz herabgelassen haben, und hält sie für Bettlerinnen. Sie befiehlt: «Barbara, gib ein Almosen!»

«Nein, Domina. Ich möchte kein Geld. Ich bin die Mutter Jesu von Nazareth, und das ist eine Verwandte. Ich komme in seinem Namen, um dir eine Bitte vorzutragen.»

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«Domina! Wird dein Sohn vielleicht... verfolgt ...»

«Nicht mehr als gewöhnlich. Aber er möchte...»

«Tritt ein, Domina. Es ist deiner nicht würdig, daß du auf der Straße bleibst wie eine Bettlerin.»

«Nein, es ist schnell gesagt, wenn du mich im geheimen anhören willst...»

«Fort, ihr alle!» befiehlt Valeria der Sklavin oder Freigelassenen, was immer sie ist, und dem Pförtner. «Wir sind allein. Was möchte der Meister? Ich bin nicht gekommen, um ihm in seiner Stadt nicht zu schaden. Er, ist er vielleicht nicht gekommen, um mir bei meinem Gatten nicht zu schaden?»

«Nein, ich habe es ihm geraten. Mein Sohn ist vielen verhaßt, Domina.»

«Ich weiß es.»

«Trost findet er nur in seiner Sendung.»

«Ich weiß es.»

«Er verlangt keine Ehren und keine Soldaten. Er erstrebt weder Reiche noch Reichtümer. Er macht nur sein Recht auf die Seelen geltend.»

«Ich weiß es.»

«Domina... Er müßte dir jenes Mädchen zurückgeben; aber – ich möchte dich nicht kränken, indem ich das sage – hier könnte es nicht Jesus ihre Seele schenken. Du bist besser als die anderen, aber in deiner Umgebung ist der Schlamm der Welt zu mächtig.»

«Das ist wahr. Und?»

«Du bist Mutter... Mein Sohn hat väterliche Gefühle für jede Seele. Würdest du nicht darunter leiden, wenn dein Kind inmitten von Leuten aufwachsen müßte, die es verderben können?»

«Jetzt habe ich verstanden... Nun gut... Sage deinem Sohn folgendes: "Zur Erinnerung an Faustina, die du dem Leibe nach gerettet hast, überläßt dir Valeria Aurea, damit du sie dem Geiste nach rettest..." Es ist wahr! Wir sind zu sehr verkommen... als daß wir bei einem Heiligen Vertrauen erwecken könnten... Domina, bete für mich!» und sie zieht sich unversehens zurück, noch bevor Maria ihr danken kann. Sie zieht sich zurück unter Tränen, möchte ich sagen...

Maria des Alphäus steht wie versteinert da.

«Gehen wir, Maria... Wir reisen noch in der Nacht ab, und morgen abend werden wir in Nazareth sein...»

«Gehen wir... Sie hat sie hergegeben... wie einen Gegenstand...»

«Für diese Menschen ist das Mädchen ein Gegenstand. Für uns ist es eine Seele. Komm! Schau... Der Himmel hellt sich schon auf. Man kann wohl sagen, daß es eigentlich keine Nacht gibt in diesem Monat...»

Sie nehmen den Weg vor ihnen, der nun nicht mehr im Dunkel liegt, anstatt dem, der am Ufer entlangführt. Er verläuft hinter einer Reihe von

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bescheidenen Häuschen ... Als sie auf halbem Wege sind, erscheint Judas an der Ecke eines Hauses, ganz offenbar betrunken. Ein Judas auf der Rückkehr von wer weiß welchem Fest, ungekämmt, die Kleider zerknittert, die Augen blau umrandet.

«Judas! Du hier? In diesem Zustand?»

Judas gelingt es nicht, so zu tun, als würde er sie nicht kennen, und er kann auch nicht fliehen... Die Überraschung läßt ihn zu sich kommen. Er bleibt wie angewurzelt stehen und weiß nicht, was er tun soll.

Maria nähert sich ihm, indem sie den Ekel überwindet, den der Anblick des Apostels in ihr hervorruft, und sagt zu ihm: «Judas, Unglückssohn, was tust du? Denkst du nicht an Gott? An deine Seele? An deine Mutter? Was tust du? Warum willst du ein Sünder sein? Schau mich an, Judas! Du hast kein Recht, deine Seele zu töten ...» Sie berührt ihn und versucht seine Hand zu ergreifen.

«Laß mich in Ruhe. Ich bin schließlich ein Mann, und... und es steht mir frei zu tun, was alle tun. Sage dem, der dich schickt, um mich auszuspionieren, daß ich noch nicht ganz Geist bin und daß ich jung bin!»

«Du bist nicht frei, dich ins Verderben zu stürzen, Judas! Habe Erbarmen mit dir selbst ... Wenn du so weitermachst, wird deine Seele nie glücklich sein... Judas ... Er hat mich nicht geschickt, dich auszuspionieren. Er betet für dich. Das allein, und ich mit ihm. Im Namen deiner Mutter...»

«Laß mich in Ruhe», sagt Judas unhöflich, und dann – vielleicht bemerkt er selbst seine Grobheit – verbessert er sich: «Ich verdiene dein Mitleid nicht... Leb wohl...» und er macht sich eilends davon...

«Welch ein Teufel! ... Das werde ich Jesus sagen», ruft Maria des Alphäus aus. «Mein Judas hat recht!»

«Du wirst niemandem etwas davon sagen. Bete für ihn. Das ja ...»

«Weinst du? Weinst du seinetwegen? Oh! ...»

«Ich weine... Ich war so froh, Aurea gerettet zu haben... Jetzt weine ich, weil Judas ein Sünder ist. Aber Jesus, der schon so betrübt ist, überbringen wir nur die gute Nachricht. Durch Gebet und Buße, wie wenn er unser Sohn wäre, Maria, werden wir Judas dem Teufel entreißen! ... Du bist ja auch Mutter und weißt ... Für jene unglückliche Mutter, für diese sündige Seele, für unseren Jesus ...»

«Ja, ja, ich werde beten... Aber ich glaube nicht, daß er es verdient...»

«Maria, sag das nicht!»

«Nein, aber es ist so. Gehen wir nicht zu Johanna?»

«Nein, wir werden sie bald mit Jesus zusammen sehen ...»

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488. MAN MUSS DEM WOHLTÄTER DANKBARKEIT ERWEISEN

Die Jungfrau ist bei ihrer Ankunft zu Hause sehr müde, aber auch sehr glücklich. Sie sucht sofort ihren Jesus auf, der immer noch arbeitet beim letzten Licht des Tages, der zur Neige geht. Er ist mit der Tür des Backofens beschäftigt, die er gerade wieder in Ordnung bringt. Simon hat ihr geöffnet und sich nach der Begrüßung klugerweise in die Werkstatt zurückgezogen. Thomas sehe ich nicht. Vielleicht ist er außerhalb des Hauses.

Jesus legt seine Werkzeuge beiseite, als er die Mutter sieht, und geht ihr entgegen, wobei er sich die Hände an der Arbeitsschürze abwischt. Er war gerade dabei, die Angel und den Riegel mit Fett zu schmieren. Ihr gegenseitiges Lächeln scheint den Garten zu erhellen, in dem das Tageslicht zusehends abnimmt.

«Der Friede sei mit dir, Mutter.»

«Der Friede sei mit dir, mein Sohn.»

«Wie müde du bist! Du hast dich nicht ausgeruht ...»

«Vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang im Haus des Joseph... Wäre nicht diese große Hitze gewesen, wäre ich sofort zurückgekehrt, um dir zu sagen, daß Aurea dein ist.»

«Ja?!» Das Antlitz Jesu verjüngt sich sogar bei dieser freudigen Überraschung.

Es scheint das Gesicht eines Zwanzigjährigen zu sein, und in seiner Freude verliert es fast jenen Ernst, der gewöhnlich auf seinem Antlitz und in seinen Bewegungen liegt. So gleicht er noch mehr seiner Mutter, die immer so jugendlich heiter in ihren Bewegungen und ihrem Aussehen ist.

«Ja, Jesus, und ohne jede Mühe habe ich es erreicht. Die Dame hat sofort zugesagt. Sie war ganz bewegt, als sie zugab, daß sie, und mit ihr ihre Freundinnen, nicht imstande wären, ein solches Kind für Gott zu erziehen. Welch ein demütiges, ehrliches Zugeständnis, nicht wahr? Es ist nicht leicht, jemanden zu finden, der, ohne dazu gezwungen zu sein, seine Fehlerhaftigkeit zugibt.»

«Ja, es ist nicht leicht. Viele in Israel würden dies nicht tun. Es sind schöne Seelen, begraben unter einer Schmutzkruste. Wenn aber dieser Schmutz einst abfällt...»

«Wird dies geschehen, mein Sohn?»

«Ich bin dessen sicher. Sie streben instinktiv nach dem Guten und werden ihm schließlich anhängen. Was hat sie dir gesagt?»

«Oh! Wenige Worte... Wir haben uns sogleich verstanden. Aber es wird gut sein, sofort zu Aurea zu gehen. Wenn du es mir gestattest, mein Sohn, möchte ich ihr die Nachricht selbst überbringen.»

«Ja, Mutter. Wir werden Simon schicken», und er ruft mit lauter Stimme den Zeloten, der unverzüglich herbeieilt.

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«Simon, geh zu Simon des Alphäus und sage ihm, daß meine Mutter zurückgekehrt ist. Dann komm mit dem Mädchen und mit Thomas, der sicher dort ist, um die Arbeit zu vollenden, um die ihn Salome gebeten hat, wieder hierher.»

Simon verneigt sich und geht sofort.

«Erzähle, Mutter... von deiner Reise... und deinem Gespräch. Arme Mutter, wie müde du bist um meinetwillen!»

«O nein, Jesus! Ich verspüre keine Müdigkeit, wenn du glücklich bist...» und Maria erzählt von ihrer Reise und von den Befürchtungen der Maria des Alphäus, von ihrem Aufenthalt im Haus des Bootsmannes, von ihrer Begegnung mit Valeria und schließt: «Ich habe es vorgezogen, sie in jener Stunde zu sehen, da der Himmel dies erlaubte. So war sie freier, und auch ich selbst, und Maria Kleophä war schneller beruhigt; denn sie hatte solche Furcht, weil wir zwei Frauen allein durch Tiberias gingen, daß nur die Liebe zu dir, der Gedanke, dir zu dienen, sie überwinden konnte», und Maria lächelt beim Gedanken an die Ängste ihrer Schwägerin...

Auch Jesus lächelt und sagt: «Die Arme! Sie ist eine echte Israelitin, die Frau der alten Zeiten, zurückhaltend, ganz ihrer Familie ergeben, eine starke Frau im Sinne des Buches der Sprüche. Aber in der neuen Religion wird die Frau nicht nur im Haus stark sein... Es wird viele geben, die eine Judith und eine Jael überragen, die im Sinne der Mutter der Makkabäer heldenhaft sind... Auch unsere Maria wird es sein. Aber vorerst ist sie noch so... Hast du Johanna gesehen?»

Maria lächelt nicht mehr. Vielleicht fürchtet sie eine weitere Frage über Judas, und antwortet schnell-. «Nein, ich wollte Maria nicht mit neuen Ängsten belasten. Wir haben uns bis um die Zeit zwischen der neunten Stunde und dem Abend im Haus eingeschlossen. Wir haben uns ausgeruht und sind dann abgereist ... Ich habe gedacht, daß wir sie bald am See sehen werden.»

«Das hast du gut gemacht. Du hast mir einen Beweis gegeben für die Gesinnung der Römerinnen mir gegenüber. Wenn Johanna mitgekommen wäre, hätte man denken können, sie hätten ihrer Freundin nachgegeben. Jetzt warten wir bis zum Sabbat, und wenn Myrtha nicht kommt, gehen wir mit Aurea zu ihr.»

«Sohn, ich möchte hierbleiben...»

«Du bist sehr müde, ich sehe es.»

«Nein, nicht deswegen... Ich denke, Judas könnte vielleicht hierher kommen... So wie es gut ist, daß in Kapharnaum immer jemand auf ihn wartet, um ihn als Freund aufzunehmen, so ist es auch gut, daß ihn hier jemand liebevoll empfängt.»

«Danke, Mutter. Du allein verstehst, was ihn noch retten kann.»

Alle beide seufzen über den Jünger, der so viel Schmerz bereitet...

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Simon und Thomas kehren zurück mit Aurea, die Maria entgegenläuft. Jesus läßt sie bei der Mutter und geht mit den Aposteln ins Haus.

«Du hast viel gebetet, Tochter, und der gute Gott hat dich erhört...»beginnt Maria.

Aber das Mädchen unterbricht sie mit einem Freudenschrei: «Ich bleibe bei dir!» wirft ihr die Arme um den Hals und küßt sie.

Maria erwidert den Kuß und sagt, indem sie sie umarmt hält: «Dem Wohltäter muß man Dankbarkeit erweisen, nicht wahr?»

«O ja! Und ich werde sie dir mit all meiner Liebe erweisen.»

«Ja, Tochter. Aber über mir steht Gott. Er ist es, der dir diese große Wohltat erwiesen hat, der dir die unermeßliche Gnade hat zuteil werden lassen, dich in sein Volk aufzunehmen, dich zur Jüngerin des Erlösers und Meisters zu machen. Ich bin nur das Werkzeug der Gnade gewesen, aber die Gnade hat er, der Allerhöchste, dir geschenkt. Was wirst du also dem Allerhöchsten geben, um ihm zu sagen, daß du ihm dafür dankst?»

«Aber... ich weiß nicht... Sage du es mir, Mutter...»

«Liebe, das ist sicher. Aber die Liebe muß, um wirklich Liebe zu sein, mit Opfern verbunden werden; denn wenn eine Sache etwas kostet, hat sie mehr Wert. Ist es nicht so?»

«Ja, Mutter.»

«Sieh, dann würde ich sagen, daß du mit derselben Freude, mit der du gerufen hast: "Ich bleibe bei dir!", auch rufen solltest: "Ja, Herr!", wenn ich, seine arme Dienerin, dir den Willen des Herrn mitteile.»

«Sage ihn mir, Mutter», sagt Aurea, wobei ihr Gesicht einen sehr ernsten Ausdruck annimmt.

«Der Wille Gottes vertraut dich zwei guten Müttern an, Noemi und Myrtha...»

Dicke Tränen rollen von den klaren Augen des Mädchens über das rosige Gesichtchen herunter.

«Sie sind gut. Sie sind Jesus und mir teuer. Der einen hat Jesus den Sohn gerettet. Der anderen habe ich ihn ernährt, als er klein war. Daß sie gut sind, hast du bereits gesehen...»

«Ja... aber ich habe gehofft, bei dir bleiben zu dürfen...»

«Tochter, man kann nicht alles haben! Du siehst, daß auch ich nicht bei meinem Jesus sein kann. Ich schenke ihn euch, und ich bin so fern von ihm, während er durch Palästina wandert, um zu predigen, zu heilen und die Mädchen zu retten.»

«Das ist wahr...»

«Wenn ich ihn für mich allein haben wollte, wärest du nicht gerettet worden... Wenn ich ihn für mich allein haben wollte, würden eure Seelen nicht gerettet werden. Bedenke, wie groß mein Opfer ist. Ich gebe euch einen Sohn, damit er geopfert werde für eure Seelen. Außerdem werden wir, du und ich, stets vereint sein; denn die Jüngerinnen sind und werden

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immer um Jesus vereint sein. Sie bilden eine große Familie, vereint in der Liebe zu ihm.»

«Das ist wahr. Und dann ... Ich werde doch wieder hierher kommen dürfen, nicht wahr? Wir sehen uns doch wieder?»

«Gewiß. Solange Gott es will.»

«Und du wirst immer für mich beten...»

«Ja, ich werde immer für dich beten.»

«Und wenn wir beisammen sind, wirst du mich dann wieder unterrichten ?»

«Ja, meine Tochter...»

«Ah! Ich möchte wie du werden. Werde ich das je können? Wissen, um gut zu sein ...»

«Noemi ist die Mutter eines Synagogenvorstehers und Jüngers des Herrn. Myrtha ist die Mutter eines Sohnes, der die Gnade einer wunderbaren Heilung verdient hat und ein guter Jünger ist. Die beiden Frauen sind gut und weise und zudem voller Liebe.»

«Versicherst du mir das?»

«Ja, Tochter.»

«Dann ... segne mich, und der Wille des Herrn geschehe... wie es im Gebet Jesu heißt. Ich habe es so oft gebetet ... Es ist recht, daß ich jetzt tue, was ich gesagt habe, um zu erlangen, daß ich nicht mehr zu den Römern zurückkehren muß ...»

«Du bist ein gutes Mädchen, und Gott wird dir immer mehr helfen. Komm, gehen wir Jesus sagen, daß seine jüngste Schülerin den Willen Gottes anzunehmen weiß ...» und indem sie sie an der Hand hält, begibt sich Maria mit dem Mädchen ins Haus.

489. EIN WEITERER SABBAT IN NAZARETH

Ein weiterer Sabbat, denn kaum hat der Sonnenuntergang des Freitags begonnen, als erhitzt, aber freudig Myrtha und Noemi zusammen mit dem jungen Abel eintreffen. Sie steigen von ihren Reittieren, die Abel wegführt, sicher zur Stallung eines Freundes, vielleicht eines der beiden Eseltreiber von Nazareth, die Jünger geworden sind, und treten durch die Tür der Werkstatt ein, die offen steht, um den Raum zu lüften, in dem bis vor kurzem die Hitze der einfachen Feuerstätte mit der des Sommers zusammengekommen ist.

Thomas ist dabei, seine Werkzeuge in Ordnung zu bringen, während Simon Sägemehl und Hobelspäne zusammenkehrt und Jesus Töpfe und Töpfchen von Leim und Farben reinigt.

«Der Friede sei mit dir, Meister, und mit euch, ihr Jünger», grüßen die

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Frauen, wobei sie sich immer wieder verneigen, bis sie sich, nachdem sie die Werkstatt durchquert haben, schließlich zu Füßen Jesu niederwerfen.

«Der Friede sei mit euch. Ihr seid sehr getreu, daß ihr bei dieser Hitze gekommen seid!»

«Oh, das ist nichts! Man fühlt sich so wohl hier, daß man all das vergißt. Wo ist deine Mutter?»

«Sie ist drüben und näht gerade ein Kleid für Aurea fertig. Geht nur zu ihr.»

Die beiden entfernen sich rasch mit ihren Beuteln, und man hört ihre wohlklingenden, eher tiefen Stimmen sich mit dem noch etwas herben Stimmchen der Aurea und der Silberstimme Marias mischen.

«Jetzt sind sie wohl glücklich», sagt Thomas.

«Ja, es sind gute Frauen», antwortet Jesus.

«Meister, Myrtha hat nun außer dem Sohn, den sie schon hat, noch ein anderes Kind angenommen, und das alles ist in wenig mehr als einem Jahr geschehen ...» sagt der Zelote.

«Ja, in wenig mehr als einem Jahr! Es ist schon mehr als ein Jahr her, daß Maria des Lazarus sich bekehrt hat. Wie die Zeit vergeht! Es scheint mir gestern gewesen zu sein... und wie viele Dinge sind auch im vergangenen Jahr geschehen! Welch eine schöne Zurückgezogenheit vor der Wahl der Apostel! Dann Johannes von Endor, Margziam, Daniel von Naim, Maria des Lazarus... und schließlich Syntyche... Aber wo wird Syntyche nun sein? Ich denke oft daran, und ich verstehe nicht, warum ...» Thomas spricht am Ende mit sich selbst, da Jesus und Simon ihm nicht geantwortet haben, sondern vielmehr hinausgegangen sind, um sich im Garten zu waschen und sich dann zu den Jüngerinnen zu gesellen...

Die Vision wird durch die Ankunft eines Briefes von Pater Migliorini aus Rom unterbrochen, und Jesus sagt zu mir: «Öffne ihn und lies ihn.» Ich tue es. Und ich wüßte ehrlich gesagt nicht, was ich antworten soll... Während ich überlege und den Brief ein zweites Mal lese, läßt mich die geliebte Stimme meines Herrn zusammenfahren, so nah ist sie, hinter meinem Rücken. Sie sagt:

«Antworte ihm in meinem Namen folgendes: Die Weisheit und auch das Evangelium sagen – und ihr könnt daher nicht leugnen, daß diese Worte heilig sind: "Jesus lehrte in seiner Vaterstadt Nazareth und in deren Synagogen... Die Bewohner von Nazareth empörten sich über ihn... und wegen ihres Unglaubens wirkte er dort nicht viele Wunder" (Matthäus und Markus)... "Und Jesus ging nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, betrat die Synagoge und stand auf, um vorzulesen... und er sagte: '... Kein Prophet wird in seiner Heimat gut aufgenommen...'Und die Bewohner Nazareths drängten ihn voller Groll bis zum Rand des Berges, um ihn hinabzustürzen" (Lukas). "Darauf fing er an, Klage zu führen über die Städte, in denen die meisten seiner Wunder geschehen waren, weil sie sich nicht bekehrt hatten, und sagte: 'Wehe euch, o Chorazim, Bethsaida ... und Kapharnaum... denn ihr habt euch nicht zum Herrn bekehrt' " (Matthäus). "Und Jesus sagte: 'Jerusalern, du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind... Seht, euer Haus wird öde gelassen und ihr werdet mich nicht mehr sehen bis die Zeit kommt, da ihr sprecht: 'Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn' " (Lukas). "Und Jesus weinte, als er Jerusalern erblickte, und sagte: 'Oh, wenn du doch erkannt hättest ... Du hast nicht die Zeit erkannt, da der Herr dich aufgesucht hat' " (Lukas).

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Seht, es steht geschrieben: Bethlehem wollte den Herrn nicht. Nazareth wollte den Herrn nicht, Kapharnaum, Bethsaida und Chorazim waren des Herrn nicht würdig, und Jerusalem haßte den Herrn, weil "es ihn nicht in seinem Wort erkannte". Es gibt viele, die den Namen "Christus" verdienen, und viele, die ihrer Sendung dieselben Hindernisse in den Weg legen wie die Städte Palästinas ihrem Retter und Meister. Sage dies und sage auch: Wer Ohren hat, der höre; wer Verstand hat, der denke nach; wer Liebe hat, der handle. Der Rest soll eine Lehre sein, die unter uns bleibt, o mein Sprachrohr, und mein Friede, meine Gnade, meine Liebe und die Liebe des Vaters und des Heiligen Geistes seien mit dir.»

Die Vision beginnt von neuem ...

Abel aus Bethlehem in Galiläa kehrt zurück und findet Thomas noch immer nachdenklich an dem Platz, wo er für gewöhnlich arbeitet und jetzt ganz in Gedanken seine kleinen Meisterwerke der Goldschmiedekunst hin- und herschiebt.

«Hast du Arbeit gefunden?» fragt der Jünger, indem er sich über die kleinen Gegenstände beugt.

«Oh, ich habe alle Frauen von Nazareth glücklich gemacht. Ich hätte nie geglaubt, daß es hier so viele Schnallen, Armbänder, Halsketten und andere Schmucksachen zu reparieren gibt. Ich habe sogar Matthäus bitten müssen, mir Metalle aus Tiberias zu verschaffen. Ich habe mir nun eine Kundschaft erworben ... ha, ha, ha», sagt er fröhlich lachend, «wie nicht einmal mein Vater sie gehabt hat. Allerdings muß ich sagen, daß ich von den Leuten kein Geld verlange...»

«Bezahlst du alles selbst?»

«Nein, ich lasse mir nur den Wert des Metalles bezahlen. Die Arbeit aber schenke ich ihnen.»

«Du bist großzügig.»

«Nein, ich bin klug. Ich bin nicht müßig. Ich gebe ein Beispiel, was Arbeitsamkeit und Loslösung vom Geld betrifft, und ... ich predige... Schweig! Ich glaube, daß ich mehr auf diese Weise gepredigt habe – ohne ein Gleichnis zu erzählen, ohne ein Wort in der Synagoge gesprochen zu haben – als wenn ich beständig geredet hätte. Außerdem übe ich mich für die Zukunft. Ich habe mir vorgenommen, mit meiner Arbeit Propaganda zu machen, wenn ich einst die Lehre Jesu unter den Ungläubigen predigen muß.»

«Du bist tüchtig, als Goldschmied und als Apostel.»

«Ich bemühe mich, es zu sein, aus Liebe zu Jesus. Du hast also eine Schwester bekommen. Behandle sie gut, weißt du? Sie ist wie ein Täubchen, ein Nesthäkchen, und das sage ich dir, der ich durch mein Handwerk Erfahrung im Umgang mit Frauen habe. Ein unschuldiges Täubchen, dem ein Sperber große Angst eingejagt hat und das jetzt den Schutz mütterlicher und brüderlicher Fittiche sucht. Wenn deine Mutter sie nicht zu sich genommen hätte, hätte ich sie für meine Zwillingsschwester erbeten. Ein Kind mehr oder weniger ... Meine Schwester ist so gut!»

«Auch meine Mutter ist gut. Ihr ist ein kleines Mädchen gestorben, als

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sie Witwe wurde. Vielleicht ist ihr die Milch schlecht geworden durch den Schmerz über den Tod ihres Gatten... Ich erinnere mich kaum an dieses Schwesterlein... und vielleicht würde ich mich überhaupt nicht mehr daran erinnern, wenn meine Mutter deswegen nicht so oft geweint hätte und wenn nicht alle armen Mädchen von Bethlehem im Gedenken an die kleine Tote Nahrung und Kleidung von unserer Familie erhalten hätten. Aber da ich mit der Mutter allein aufgewachsen bin, habe auch ich schließlich eine große Liebe zu den kleinen Mädchen entwickelt... Diese ist nun zwar kein kleines Kind mehr, aber ich werde sie als solches ansehen wegen ihres Herzens, wenn sie so ist, wie meine Mutter Noemi und du sie schildern...»

«Sei dessen versichert. Gehen wir dort hinüber ...»

Dort, im Eßzimmerchen, sind die Frauen, Jesus und der Zelote versammelt. Und Myrtha, die schon mit einer großen Hoffnung gekommen ist, ist nun dabei, Aurea zu erobern, indem sie sie ein Linnengewand anprobieren läßt, das sie für das Mädchen genäht hat.

«Es steht dir wirklich gut», sagt sie, während sie es ihr wieder auszieht, sie liebkost und ihr Kleid zurechtlegt, das in Unordnung geraten ist, als sie das neue angezogen hat. «Es steht dir wirklich gut. Alles wird gut gehen, du wirst sehen, meine Tochter... Oh! Sieh, da ist mein Abel. Komm näher, mein Sohn. Das ist Aurea. Sie wird jetzt zu uns gehören, weißt du?»

«Ich weiß es, Mutter, und ich bin glücklich mit dir.» Er betrachtet das Mädchen forschend... Seine dunklen Augen mustern es und verlieren sich in der weiten, himmelblauen Iris ihrer Augen. Die Prüfung fällt positiv aus. Er lächelt ihr zu und sagt: «Wir werden uns lieben im Herrn, der uns gerettet hat, und wir werden ihn lieben und ihm die Liebe der anderen Menschen erobern, und ich werde dir Bruder sein im Geiste und in der Liebe. Ich verspreche es vor dem Meister und meiner Mutter»; und mit dem lieblichen klaren Lächeln eines reinen Jünglings, der schon auf dem Weg zu einer hohen Geistigkeit ist, streckt er ihr seine starke braune Hand entgegen.

Aurea zögert zunächst. Dann legt sie errötend ihre linke Hand in seine rechte und sagt: «So werden wir es machen. Im Herrn.»

Die Erwachsenen lächeln einander zu...

«Hier kann man eintreten, ohne an die Türen zu klopfen...»

«Sieh, da kommt Simon des Jonas! Diesmal hat er der Versuchung nicht widerstanden...» lacht Thomas und läuft hinaus.

«Ja, ich habe ihr nicht widerstanden... Der Friede sei mit dir, Meister!» Er küßt Jesus und wird von ihm geküßt. «Wer kann da widerstehen?» Er sieht Maria und grüßt sie, indem er sich verbeugt, und fährt dann fort: «Doch aus Gewissenhaftigkeit sind wir durch Tiberias gegangen und haben Judas gesucht... Denn... es sind alle gekommen, wißt ihr?! Die anderen werden gleich da sein, auch Margziam... Also, ich sagte,

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daß wir durch Tiberias gegangen sind. Hm! Um Judas zu suchen für den Fall, daß er daran gedacht hätte, wenigstens am vierten Sabbat nach Kapharnaum zu kommen... Es wäre nicht schön gewesen, wenn wir alle weggegangen wären... Und wir haben ihn gefunden... das heißt, Isaak hat ihn gefunden, als er Jonathan besuchen ging... Denn Isaak ist nach Kapharnaum gekommen, um auf dich zu warten, ich weiß nicht mit wie vielen, die dort geblieben sind, um sich unterrichten zu lassen unter der Leitung des Hermas und Stephanus, deines Sohnes, Noemi, und des Priesters Johannes... Aber Isaak ist mit uns gekommen, denn auch er leidet, wenn er dich nicht sieht... Armer Isaak, er ist von Judas nicht sehr freundlich aufgenommen worden. Doch glaube ich, daß Isaak seine Ungeduld, seine Empfindlichkeit und seine Neigung zu Zornausbrüchen während seiner langen Krankheit verloren hat... er regt sich nie auf. Selbst wenn man ihn ins Gesicht schlüge, würde er lächeln... Welch ein friedfertiger Mensch. Gut. Er hat uns gesagt: "Ich habe Judas gesehen. Er kommt nicht. Besteht nicht darauf." Ich habe verstanden und gefragt: "Hat er dir frech geantwortet? Sage es mir. Ich bin euer Oberhaupt und muß es wissen..."

"O nein", hat er geantwortet, "er selbst hat nicht frech geantwortet, aber sein Übel. Er ist zu bedauern." Also bedauern wir ihn... Nun sind wir hier, und wir sind glücklich, daß... Seht, da kommen auch die anderen ...»

Bei den anderen sind auch Judas und Jakobus des Alphäus mit ihrer Mutter und den Jüngern von Nazareth: Aser, Ismael, Simon des Alphäus und, ein seltener Fall, auch Joseph des Alphäus.

Sie entledigen sich ihrer Reisetaschen. Nathanael hat Honig mitgebracht und Philippus ein Körbchen voller Weintrauben, die blond sind wie das Haar der Aurea, Petrus gesalzenen Fisch, und so auch die Söhne des Zebedäus. Matthäus, der bei seinem frauenlosen Haushalt nichts Gutes zu bieten hat, bringt einen Topf voller Erde mit einem kleinen Zitronen- oder Orangenbäumchen oder sonst einem Zitrusgewächs, und sagt: «Eine Seltenheit... Nur wer in Cyrene gewesen ist, kann so etwas bekommen: und ich kenne jemanden, der in Cyrene gewesen ist, einen vom Zoll, wie ich einst. Er ist nun in den Ruhestand versetzt worden und wohnt in Hippos. Ich bin zu ihm gegangen und habe mir dieses junge Pflänzchen geben lassen, denn sobald Neumond ist, muß es gesetzt werden. Es gibt gute und schöne Früchte, und die Blüte hat einen so angenehmen Duft und scheint ein Stern aus Wachs zu sein, ein Stern, wie dein Name besagt... Hier»; und mit diesen Worten bietet er Maria die Pflanze an.

«Aber, was hast du dich abgemüht mit diesem Gewicht, Matthäus' Ich danke dir. Mein Garten wird immer schöner durch euch. Der Kampfer der Porphyria, die Rosen der Johanna, deine seltene Pflanze, Matthäus, und die anderen Blumen, die Judas Iskariot gebracht hat... Wie viele schöne Dinge! Wie gut seid ihr doch alle zur Mutter eures Jesu!»

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Die Apostel sind alle gerührt; nur als Maria Judas erwähnt, blicken sie sich gegenseitig an.

«Ja, sie meinen es alle gut mit dir. Aber auch wir haben dich lieb», sagt steif und ernst Joseph des Alphäus.

«Gewiß! Ihr seid die lieben Söhne meines Verwandten Alphäus und der guten Maria. Wir sind Verwandte, und es ist natürlich, daß ihr mich liebt. Diese hingegen gehören nicht zu unserer Familie, und doch sind sie für mich wie Söhne und für Jesus wie Brüder; so sehr lieben sie ihn und folgen ihm unbeirrt nach...»

Joseph versteht die Anspielung. Er hustet und sucht nach Worten... Schließlich findet er sie... und sagt: «Ja. Aber wenn ich noch nicht unter ihnen bin, so nur darum, weil ich auch an die Folgen denke; an die Folgen für ihn, für dich... und... und... Auch das ist Liebe, besonders zu dir, arme Frau, die du zu lange allein bleibst... Ich bin gekommen, um Jesus zu sagen, wie glücklich ich bin, daß er auch an die Bedürfnisse der Mutter gedacht und hier nützliche Arbeit geleistet hat...» Und in seiner Zufriedenheit, das "Haupt" der Verwandtschaft zu sein und loben und ermahnen zu können, geruht er, Jesus zu loben wegen der Arbeiten als Schreiner und Anstreicher und all dem, was er im letzten Monat getan hat. «So gehört es sich», sagt er. «Jetzt sieht man, daß diese Frau einen Sohn hat! Ich freue mich sagen zu können, daß ich meinen klugen Jesus, den Sohn des Joseph, wiedergefunden habe. Bravo! Bravo!»

Der "kluge" Jesus des Joseph, das allerweiseste Göttliche Wort, das sich dazu erniedrigt hat, Fleisch zu werden, nimmt sanft und bescheiden das Lob... und die feierlichen Ratschläge seines Vetters Joseph an, und sein liebliches Lächeln verhindert jede voreilige Regung von seiten der Apostel zugunsten ihres Jesus.

Nach diesem Anlauf, als Joseph sieht, daß man ihm Gehör schenkt, kennt er keine Grenzen mehr und fährt fort: «Ich will hoffen, daß Nazareth von nun an nicht mehr mitansehen muß, wie eine arme Mutter im Stich gelassen wird und ein unkluger Sohn den von allen begangenen Pfad verläßt, um sowohl hinsichtlich des Ziels als auch der Folgen unsichere Wege einzuschlagen. Ich werde mit meinen Freunden, mit dem Synagogenvorsteher sprechen... Wir werden dir verzeihen... Oh! Nazareth wird dir gern die Arme öffnen, um dich wie einen zurückkehrenden Sohn zu empfangen, der wieder für alle Bürger ein Beispiel der Tugend sein wird. Schon morgen werde ich selbst dich in die Synagoge begleiten und ...»

Jesus erhebt die Hand, um Schweigen zu gebieten, und sagt ruhig, aber sehr entschieden: «In die Synagoge werde ich als Gläubiger kommen, wie ich dies auch an den anderen Sabbaten getan habe. Aber es ist nicht nötig, daß du zu meinen Gunsten sprichst; denn eine Stunde nach Sonnenuntergang werde ich abreisen, um fortzufahren, die Frohe Botschaft zu

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verkünden, wie es meine Gehorsamspflicht gegenüber dem Allerhöchsten verlangt.»

Das ist eine große Schmach für Joseph! ... Eine sehr große! ... Seine ganze Gutmütigkeit ist dahin und seine feindselige Anmaßung kommt wieder zum Vorschein: «Also gut! Aber suche mich nicht auf in der Stunde der Not. Ich habe meine Pflicht getan, und dein sicheres Unglück soll nicht auf mich zurückfallen. Leb wohl! Hier fühle ich mich überflüssig, da ich euch nicht begreifen kann und ihr mich nicht verstehen könnt. Ich ziehe mich zurück, ohne Groll, doch sehr betrübt... Der Herr möge dich beschützen, wie er alle jene beschützt, die... einfältig und unerfahren sind... Leb wohl, Maria! Sei tapfer, arme Mutter!»

«Leb wohl, Joseph! Aber nicht seinetwegen, sondern deinetwegen muß ich mir Mut machen; denn du bist derjenige, der nicht auf dem Wege Gottes geht und mir Schmerz bereitet», sagt Maria ruhig und entschieden.

«Du bist ein Dummkopf, das ist es! Und wenn du nicht das Familienoberhaupt wärest, würde ich dich schlagen, Geschöpf meines Blutes, aber nicht meines Geistes ...» kreischt Maria des Alphäus; und sie würde noch mehr sagen, doch Maria fleht sie an: «Schweig, aus Liebe zu mir!»

«Ich schweige. Ja. Aber... aber sagt mir, ob es gerecht ist, daß ich unter meinen Söhnen ein solches Scheusal haben muß! ...»

Das Scheusal ist indessen schon fortgegangen, während die gute Maria des Alphäus sich ihre Sorgen vom Herzen redet, die ihr dieser dickköpfige Sohn aufgebürdet hat, und ihren Tränen freien Lauf läßt. Schluchzend spricht sie den Schmerz aus, der sie am meisten bedrückt: «Und ich werde ihn einst nicht bei mir im Himmel haben, diesen da!» Ich werde ihn nicht bei mir haben! Ich werde ihn in seinen Qualen sehen! Oh, Jesus! Wirke du an ihm ein Wunder!»

«Aber ja, Maria! Aber ja. Weine nicht! Es wird auch für ihn die Stunde kommen. Vielleicht die elfte Stunde. Aber sie wird kommen. Ich versichere es dir. Weine nicht ...» So tröstet Jesus die Frau, und als sie sich beruhigt hat, sagt er zu den Aposteln und Jüngern: «Kommt in den Olivengarten, während die Frauen ihre Sachen vorbereiten. Wir werden dort miteinander sprechen.»

490. ABREISE NACH BETHLEHEM IN GALILÄA

Es ist der Abend des eigentlichen Sabbats, und das Leben nimmt wieder seinen gewohnten Lauf. Hier, im Häuschen von Nazareth, beginnt man nach der Ruhepause wieder mit den Vorbereitungen für die Abreise. Reisevorrat wird eingepackt, Kleider werden in die Säcke gestopft, die Reisetaschen werden sorgfältig zugebunden, die Lederriemen und Verschlüsse

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der Sandalen werden nachgeprüft, die gut genährten Esel, die vor der Hecke warten, werden getränkt... Abschiedsgrüße und einige Tränen, während man sich lächelnd das Beste wünscht und verspricht, sich bald wiederzusehen... und schließlich das Geschenk von Thomas für Maria: eine Schnalle, wir würden sagen eine Anstecknadel, um das Kleid am Hals zusammenzuhalten. Sie besteht aus drei feinen, zierlichen Stielen mit Maiglöckchen, die von zwei Blättern zusammengehalten werden und die den echten täuschend ähnlich sehen, während sie doch von Meisterhand in Metall nachgemacht sind.

«Du wirst sie nicht tragen, Maria, ich weiß es; aber nimm sie trotzdem an. Ich hatte den Wunsch, dir dieses Geschenk zu machen, seit mein Herr eines Tages von dir sprach und dich mit der Lilie der Täler verglich ... Ich habe nichts für dein Haus getan... aber ich habe dies gemacht, um das Lob deines Sohnes in ein Symbol zu übertragen für dich, die du es mehr als jede andere Frau verdienst. Und wenn ich dem Metall nicht die Geschmeidigkeit der lebendigen Pflanze und den Duft der Blume geben konnte, so sollen meine aufrichtige, verehrungsvolle Liebe ihm die Zartheit einer Liebkosung und die Tiefe meiner Ergebenheit ihm Duft verleihen, Mutter meines Herrn.»

«Oh! Thomas! Es ist wahr. Ich trage keine Schmucksachen, da sie mir Ausdruck der Eitelkeit zu sein scheinen. Aber hier handelt es sich um etwas anderes, um die Liebe meines Jesus und eines seiner Apostel, und so wird es mir lieb sein. Ich werde es täglich anschauen und des guten Thomas gedenken, der seinen Meister so sehr liebt, daß er sich nicht nur seine Lehre merkt, sondern auch seine schlichtesten Worte über die einfachsten Dinge und die niedrigsten und unbedeutendsten Personen. Ich danke dir, Thomas. Nicht wegen des Wertes, sondern für deine Liebe. Danke!»

Alle bewundern die vollkommene Arbeit, und Thomas, ganz glücklich, zieht noch ein anderes kleineres Werk hervor: drei Jasmin-Sternchen, umgeben von einem zarten Ring winziger Blättchen, und überreicht es Aurea. «Weil du nicht kokett gewesen bist und es nicht selbst verlangt hast; weil du hier gewesen bist, während der Jasmin blühte, und damit diese Sternlein dich immer an unseren Stern erinnern. Doch gibt gut acht! Du mußt den Blumen durch deine Tugenden Duft verleihen und selbst eine reine, schöne, weiße Blume sein, die ihren Duft gen Himmel verströmt. Wenn du das nicht tust, werde ich mir die Schnalle wieder zurückholen. Auf! Weine nicht... denn alles geht vorüber... und... bald werden wir zu Maria zurückkehren oder sie wird zu uns kommen und ...» Aber angesichts der immer stärker fließenden Tränen, fühlt Thomas, daß es besser ist, nicht weiterzureden, und geht hinaus. Gedemütigt sagt er zu Petrus: «Wenn ich gewußt hätte... daß sie so noch mehr weint, hätte ich ihr nichts gegeben... Ich habe diese Schnalle eigens gemacht, um sie in dieser Stunde zu trösten ... Ich konnte das nicht vorhersehen ...»

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Petrus verliert in diesem Augenblick der Verwirrung die Kontrolle über sich selbst und sagt: «So ist es eben immer, wenn man Abschied nimmt ... Hättest du Syntyche gesehen, damals ...» Er merkt, was er gesagt hat, will sich verbessern, wird krebsrot ... Aber es ist geschehen.

Thomas versteht ihn, legt gutmütig den Arm um seine Schultern, und sagt: «Gräme dich nicht darüber, Simon. Ich weiß zu schweigen und verstehe, weshalb ihr geschwiegen habt ... wegen Judas des Simon. Ich schwöre dir beim Gott unserer Väter, daß das, was ich ungewollt erfahren habe, vergessen ist. Verschmerze es, Simon! ...»

«Der Meister wollte es nicht ...»

«Gewiß hatte er allen Grund dazu. Ich nehme es ihm nicht übel.»

«Ich weiß es. Aber was wird er mir sagen? ...»

«Nichts, denn er wird nichts davon erfahren. Vertraue auf mich!»

«Ach nein! Verheimlichen will ich dem Meister nichts. Ich habe gefehlt und verdiene Tadel, und zwar sofort. Ich werde keinen Frieden mehr haben, wenn ich ihm nicht sofort meinen Fehler bekenne. Thomas, sei so gut, geh und hole ihn... Ich warte in der Werkstatt. Geh, und komme mit ihm zurück. Ich bin zu verwirrt, um es zu tun, und die anderen würden es mir anmerken.»

Thomas schaut ihn voller Bewunderung und Mitleid an und kehrt ins Haus zurück, um Jesus zu rufen: «Meister, komm doch einen Augenblick. Ich muß dir etwas sagen.»

Jesus, der sich gerade von Maria des Alphäus verabschiedet hat, folgt ihm sogleich. «Was möchtest du?» fragt er, während er neben ihm hergeht.

«Ich nichts. Simon möchte dich sprechen, Sieh, da ist er...»

«Simon, was hast du, daß du so verwirrt bist?»

Petrus wirft sich Jesus zu Füßen und seufzt: «Ich habe gesündigt! Verzeihe mir!»

«Gesündigt? Worin? Du warst doch bei uns, fröhlich und ruhig...»

«Ach, Meister, ich habe dir nicht gehorcht. Ich habe Thomas von Syntyche gesprochen... Ich war verwirrt wegen der Tränen, und er war es noch mehr als ich; er glaubte, sie vermehrt zu haben... Um ihn zu trösten, habe ich gesagt: "Es ist immer so, wenn man Abschied nimmt... Du hättest Syntyche sehen sollen..." und er hat gleich verstanden!» Der gedemütigte Petrus erhebt seinen untröstlichen Blick und schaut Jesus an.

«Gott sei gelobt, mein Simon. Ich glaubte schon, du hättest etwas viel Schlimmeres angestellt, und deine Aufrichtigkeit löscht auch diese Schuld aus. Du hast ohne böse Hintergedanken mit einem Kameraden geredet. Thomas ist gut und wird mit niemandem darüber sprechen...»

«Ja, er hat es mir geschworen... Aber sieh, jetzt fürchte ich, zu töricht zu sein, um ein Geheimnis bewahren zu können ...»

«Du hast es bis zu dieser Stunde bewahrt.»

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«Ja, aber stell dir vor: Nie ein Wort zu Philippus und Nathanael. Und jetzt ...»

«Auf! Steh auf! Der Mensch ist immer unvollkommen. Aber wenn er es ohne Bosheit ist, begeht er keine Sünde. Wache über dich. Aber beruhige dich nun. Dein Jesus braucht dir nur noch den Friedenskuß zu geben. Thomas, komm her.» Thomas eilt herbei. «Du hast sicher die Gründe für das Schweigen begriffen.»

«Ja, Meister, und ich habe mir geschworen, mich daran zu halten, soweit ich dazu fähig bin. Ich habe es auch Simon schon gesagt...»

«Dem dummen Simon», seufzt Petrus.

«Nein, Freund. Du hast mich erbaut durch deine vollkommene Demut und Aufrichtigkeit. Du hast mir eine wichtige Lehre erteilt, die ich mir merken werde. Ich werde dies aus Vorsicht nicht weitersagen können, und das tut mir leid, denn nur wenige unter uns besitzen die Aufrichtigkeit, die du gezeigt hast. Aber man ruft uns! Gehen wir.»

Tatsächlich sind viele schon auf der Straße, und die drei Frauen, Noemi, Myrtha und Aurea, sitzen auf ihren Eselchen. Maria ist zusammen mit ihrer Schwägerin bei Aurea. Sie küssen sie immer wieder, und als sie Jesus kommen sehen, küssen sie auch die beiden Mitjüngerinnen und verabschieden sich schließlich von Jesus, der sie segnet, bevor er sich auf den Weg macht...

Maria und Maria Kleophä kehren ins Haus zurück ... In das Haus, in dem als Andenken an das kurz zuvor Geschehene überall verstreute Stühle und Geschirr zurückgeblieben sind... Die Unordnung nach einer Abreise.

Maria fährt mit ihrer Hand gedankenverloren über den kleinen Webstuhl, an dem sie Aurea weben gelehrt hat... Ihre Augen glänzen von zurückgehaltenen Tränen.

«Du leidest, Maria!» sagt ihr Maria Kleophä, die weint, ohne sich zu bemühen, die Tränen zurückzuhalten. «Sie ist dir lieb geworden! ... Sie kommen hierher und dann gehen sie wieder... und uns tut es weh ...»

«Das ist unser Leben als Jüngerinnen. Du hast gehört, was Jesus heute gesagt hat: "So werdet ihr es auch in Zukunft tun. Ihr werdet in allen Geschöpfen brüderliche Seelen sehen und gastfreundlich, in übernatürlicher Weise gastfreundlich sein, indem ihr euch selbst als Pilgerinnen fühlt, die andere Pilger aufnehmen. Erweist Hilfe, gebt Erquickung, Ratschläge und dann laßt eure Brüder ihrer Bestimmung entgegengehen, ohne sie mit eifersüchtiger Liebe zurückzuhalten, in der Gewißheit, sie nach dem Tode wiederzusehen. Es werden Verfolgungen kommen, und viele werden euch verlassen und dem Martyrium entgegengehen. Seid nicht feige und ratet nicht zur Feigheit. Verbleibt betend in den leeren Häusern, um den Märtyrern in ihrem Mut zur Seite zu stehen; seid heiter, um die Schwächeren zu stärken, und tapfer, um bereit zu sein, die Helden nachzuahmen. Gewöhnt

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euch schon jetzt an Trennung und Loslösung, an das Apostolat der Nächstenliebe..." Und wir tun es. Unter Schmerzen, sicher, denn wir sind Geschöpfe aus Fleisch und Blut... Doch der Geist frohlockt in geistiger Freude über die Erfüllung des Willens unseres Herrn und das Mitwirken an seiner Verherrlichung. Überdies ... bin ich die Mutter aller... und darf es nicht für einen allein sein. Ich bin es nicht einmal ausschließlich für Jesus ... Du siehst, wie ich ihn gehen lasse, ohne ihn zurückzuhalten... Ich möchte bei ihm sein, das ja. Aber er hat entschieden, daß ich bleiben muß, bis er sagen wird: "Komm." So bleibe ich hier. Seine Aufenthalte hier? Das sind meine mütterlichen Freuden. Meine Wanderungen mit ihm? Das sind meine Freuden als Jüngerin. Meine Einsamkeit hier? Das ist meine Freude als Gläubige, die den Willen des Herrn erfüllt.»

«Dieser Herr ist doch dein Sohn, Maria...»

«Ja, aber er ist doch immer mein Herr... Bleibst du bei mir, Maria?»

«Ja, wenn du nichts dagegen hast... Mein Haus ist so traurig in diesen ersten Stunden, nachdem meine Söhne es verlassen haben! ... Morgen wird es schon anders sein... und diesmal würde ich noch mehr weinen...»

«Warum, Maria?»

«Weil ich seit gestern weine... Ich bin wie eine Zisterne, eine Zisterne zur Zeit der Regenfälle.»

«Aber warum, Teuerste?»

«Wegen Joseph... Gestern... Oh! Ich weiß nicht, ob ich hingehen und ihn bitter zurechtweisen soll; denn schließlich ist er doch mein Sohn, den dieser Schoß getragen und diese Brust genährt hat, und es gibt keine Erstgeburt, die über einer Mutter steht... oder ob ich nicht mehr mit ihm sprechen soll, mit diesem Scheusal, das ich zur Welt gebracht habe und das meinen Jesus und dich beleidigt ...»

«Nichts von alledem darfst du tun. Für ihn wirst du immer die Mutter sein, eine Mutter, die auch mit dem widerspenstigen, kranken, entgleisten Sohn Mitleid hat und ihn durch Güte besänftigt und durch Gebet und Geduld zu Gott zurückführt... Habe Mut und weine nicht mehr! ... Komm vielmehr mit mir. Wir werden in meinem Zimmer beten, für ihn, für die, die fortgegangen sind, für das Mädchen, auf daß es weniger leide und heilig heranwachse... Komm, komm, meine Maria», und sie nimmt sie mit sich...

Inzwischen marschieren die Pilger in Richtung Südwesten. Die Frauen voraus auf den gutgenährten, ausgeruhten Eseln. Die Tiere trotten so fröhlich daher, daß sie Margziam und Abel, die sich vorsichtshalber zu beiden Seiten von Aurea halten, die zum ersten Mal im Sattel sitzt, fast zwingen, im Laufschritt zu gehen. Wenn die Sache auch mühevoll ist, so dient sie wenigstens dazu, das Mädchen von ihrem Schmerz über die Trennung von Maria abzulenken.

Immer wieder hält Myrtha ihren Esel an, um die beiden Jünglinge ein

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wenig verschnaufen zu lassen, und treibt ihn erst wieder an, wenn die Gruppe der Apostel sie eingeholt hat. Doch bei jeder Rast wird Aurea immer wieder traurig, weil sie dann nicht mehr durch die Schwierigkeiten des Reitens abgelenkt wird ... Margziam, der als Waisenkind Erfahrungen gesammelt hat und selbst von einer Adoptivmutter aus Liebe aufgenommen worden ist, nachdem er Maria kennengelernt hatte, tröstet sie, indem er ihr erzählt, wie man die Adoptivmutter dann liebgewinnt, «als ob es die eigene Mutter wäre», und wie Maria und Matthias bei Johanna und Anastasica bei Elisa glücklich sind.

Aurea hört sich die Erzählungen an, und als Margziam mit den Worten schließt: «Glaube mir, die Jüngerinnen sind alle gut, und Jesus weiß, wem er uns arme Geschöpfe anvertrauen muß», und Abel bekräftigt: «Und du darfst meiner Mutter nicht mißtrauen, die so glücklich ist, dich bei sich zu haben, und in den vergangenen Tagen so viel gebetet hat, um dich von Gott zu erhalten», da sagt Aurea: «Ich glaube es und habe sie lieb... Aber Maria ist Maria! Ihr müßt mich verstehen...»

«Ja. Aber es tut uns leid, dich traurig zu sehen...»

«Oh, ich bin schon nicht mehr so traurig wie im Haus des Römers und in den ersten Stunden nach der Befreiung... Ich bin nur... Ich fühle mich nur so verloren. Ich habe seit Jahren keine Liebkosungen mehr erfahren... Nur Maria hat sie mir wieder zuteil werden lassen, nach so vielen Jahren unter irgendwelchen Herren...»

«Meine liebe Seele! Aber ich bin ja da, um sie dir zu geben! Ich werde eine zweite Maria für dich sein. Komm näher zu mir... Wenn du kleiner wärest, würde ich dich zu mir auf den Sattel nehmen, wie ich es mit meinem Abel gemacht habe, als er noch ein Kind war... Aber du bist ja schon eine Frau...» sagt Myrtha, indem sie sich ihr nähert und sie bei der Hand nimmt. «Du bist meine kleine Frau, und ich werde dir viele Dinge beibringen, und wenn Abel einst fortgeht, um die Frohe Botschaft zu verkünden, dann werden wir beide die Pilger aufnehmen, wie der Herr sagt, und in seinem Namen viel Gutes tun. Du bist jung und wirst mir helfen...»

«Aber schaut, was für ein Licht da drüben jenseits des Hügels!» ruft Jakobus des Zebedäus aus, der sie eingeholt hat.

«Brennt da ein Wald?»

«Oder eine Ortschaft?»

«Beeilen wir uns, um zu sehen, was geschehen ist...»

Keiner ist mehr müde, denn die Neugierde läßt alle anderen Empfindungen verblassen. Jesus folgt ihnen wohlwollend, indem er den Weg verläßt und einen Pfad einschlägt, der zur Höhe führt. Der Gipfel ist bald erreicht...

Aber es ist weder ein Wald noch eine Ortschaft die brennen, sondern der Besenginster in der weiten Mulde zwischen zwei Höhenzügen. Das von der Sonnenhitze ausgetrocknete Heidekraut hat Feuer gefangen, vielleicht

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durch einen von den Holzfällern, die weiter oben Bäume umgesägt haben, erzeugten Funken, und nun brennt es: ein Teppich niedriger, aber lebhafter Flammen, die weiterwandern, nachdem sie dort alles verzehrt haben, wo das Feuer ausgebrochen ist, und sich nun neues Heidekraut suchen. Die Holzfäller bemühen sich, den Brand zu löschen, indem sie die Flammen mit Knütteln schlagen. Aber es ist umsonst. Sie sind wenige an der Zahl, und wenn sie auf der einen Seite arbeiten, dehnt sich das Feuer auf der anderen aus.

«Wenn der Brand den Wald erreicht, gibt es eine Katastrophe. Dort wachsen viele harzhaltige Bäume», meint Philippus. Jesus steht mit verschränkten Armen aufrecht auf dem Hügelkamm, blickt hinab und lächelt nachdenklich...

Der Gegensatz zwischen dem weißen Mondlicht im Osten und der Röte der Flammen im Westen ist beeindruckend, und die Zuschauer haben durch das Mondlicht einen weißen Rücken und ein rotes Gesicht durch das Licht der Flammen.

Das Feuer breitet sich aus wie Wasser, das über die Ufer getreten ist, steigt und immer mehr Land überflutet... Das Feuer ist nun wenige Meter vom Wald entfernt und beleuchtet schon die Holzstapel an seinem Rand, und in immer hellerem Schein erscheinen die Häuschen eines Dorfes auf der Anhöhe des Hügels, an dem sich die Flammen emporarbeiten.

«Die armen Leute! Sie werden alles verlieren», sagen einige. Sie schauen auf Jesus, der nichts sagt, sondern nur still lächelt...

Aber dann... dann breitet er die Arme aus und ruft: «Halt ein! Stirb! Ich will es.»

Und als ob ein großer Scheffel sich niedergelassen hätte, um die Flammen zu ersticken, erlischt das Feuer auf wunderbare Weise. Das lebendige, heftige Züngeln der Flammen verwandelt sich in rote Kohlenglut. Dann wird das Rot zu Violett und schließlich zu einem Graurot... Da und dort züngelt es noch empor aus der Asche... dann bleibt nur der Mond mit seinem Silber, der die Wälder erhellt.

In seinem weißen Schein sieht man, wie die Holzfäller sich gestikulierend versammeln, umherschauen und in die Höhe blicken... auf der Suche nach dem Engel des Wunders...

«Steigen wir hinab. Ich werde durch dieses unerwartete Ereignis an diesen Seelen wirken, und wir werden in dem kleinen Dorf bleiben und nicht in die Stadt gehen. In der Morgenfrühe reisen wir dann weiter. Einen Platz für die Frauen werden sie wohl haben. Uns genügt der Wald», sagt Jesus und beginnt sogleich den Abstieg, gefolgt von den anderen.

«Aber warum hast du so gelächelt? Du schienst so glücklich?» fragt Petrus.

«Du wirst es aus meinen Worten erfahren.»

Sie sind schon dort, wo das Brachfeld in Asche liegt, die noch warm ist

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und unter den Sandalen knistert. Sie schreiten darüber hinweg. In der Mitte angekommen, wo der Mond sie voll beleuchtet, werden sie von den Holzhauern entdeckt.

«Oh! Ich habe es ja gesagt! Nur er kann das getan haben. Laufen wir und verehren wir ihn», schreit ein Waldarbeiter, indem er sich in die Asche zu Füßen Jesu wirft.

«Wie kommst du dazu zu glauben, daß ich dies tun konnte?»

«Weil nur der Messias so etwas tun kann.»

«Und woher weißt du, daß ich der Messias bin? Kennst du mich vielleicht?»

«Nein. Aber nur der Gute, der die Armen liebt, kann Erbarmen gehabt haben, und nur der Heilige Gottes kann dem Feuer befohlen haben, so daß es ihm gehorcht hat. Der Allerhöchste sei gepriesen, der uns seinen Messias gesandt hat, und der Messias, der rechtzeitig gekommen ist, um unsere Häuser zu retten.»

«Ihr müßt mehr Sorge tragen für die Rettung eurer Seele.»

«Diese rettet man durch den Glauben an dich und indem man das tut, was du lehrst. Aber du weißt, o Herr, daß die Trostlosigkeit unsere schwachen Seelen noch mehr schwächt; und wenn man alles verliert... dann wird man leicht zum Zweifel an Gottes Vorsehung verleitet.»

«Wer hat euch über mich unterrichtet?»

«Einige deiner Jünger... Sieh, da sind unsere Familien... Wir haben jemanden geschickt, um sie aufzuwecken, da wir fürchteten, das Feuer würde sich über den ganzen Hügel ausbreiten... Kommt her... und dann haben wir noch einen Mann geschickt, um ihnen mitzuteilen, daß ein Wunder geschehen ist und daß sie kommen sollen. Da sind sie, Herr. Die meinige, die des Jakob, die des Jonathan, die des Markus... Das hier ist die meines Bruders Tobias, das die meines Schwagers Melchias... Hier die des Philippus und die des Eleazar. Die anderen sind Frauen von Hirten, die auf den Bergen bei den Herden sind...»

Es ist eine Gruppe von höchstens zweihundertfünfzig Personen, die ganz Kleinen, Säuglinge oder kaum entwöhnte mitgerechnet, die nun, halb wach geworden, weinen, oder schlafen, ohne zu wissen, welcher Gefahr sie entronnen sind.

«Der Friede sei mit euch allen. Der Engel Gottes hat euch gerettet. Loben wir miteinander den Herrn.»

«Du hast uns gerettet, denn du bist immer da, wo Gläubige auf dich vertrauen», sagen mehrere Frauen... denen die Männer mit großem Ernst zustimmen.

«Ja. Wo der Glaube an mich lebt, ist auch die Vorsehung gegenwärtig. Doch sowohl in materiellen als auch in geistigen Dingen muß man immerzu Vorsicht walten lassen. Was hat denn die Feuersbrunst im Heidekraut verursacht? Wahrscheinlich ein Funke, der von eurer Feuerstelle

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übergesprungen ist, oder ein Zweiglein, das eines der Kinder am Feuer anzünden wollte, um da unten damit zu spielen, es zu schwenken und zu werfen, mit der Sorglosigkeit, die dem kindlichen Alter eigen ist. Es ist schön, einen Feuerpfeil die Luft durchschneiden zu sehen, wenn der Abend herniedersinkt. Aber seht nun, was eine Unvorsichtigkeit verursachen kann! Sie kann verheerende Folgen haben. Ein Funke oder ein brennender Zweig, der auf dürres Heidekraut fällt, hat genügt, um ein ganzes Tal in Flammen aufgehen zu lassen, und wenn der Ewige mich nicht gesandt hätte, würde ein Brand eure Güter und euer Leben verschlungen haben.

So ist es mit den geistlichen Dingen. Beständig muß kluge Vorsicht obwalten, auf daß kein Feuerpfeil, kein Funke euren Glauben erfasse und zerstöre, nachdem er unvermerkt in eurem Herzen sozusagen gebrütet hat und zu einer Feuersbrunst geworden ist, die von jenen angefacht wird, die mich hassen und euch mir entziehen wollen. Hier ist das Feuer, da es zur rechten Zeit gelöscht wurde, vom schadenbringenden in ein nutzbringendes verwandelt worden; denn es hat das Brachfeld im Tal von unnützem Unkraut, das ihr habt wachsen lassen, gesäubert und gibt euch durch dessen Zerstörung und durch die Düngung des Bodens Gelegenheit, nützliche Kulturen anzulegen, wenn ihr arbeitsam seid. Aber in den Herzen geschieht leider etwas ganz anderes. Wenn darin alles Gute zerstört ist, kann nichts mehr, außer Dornen, als Streu für die Dämonen, gedeihen.

Erinnert euch daran und hütet euch vor den Einflüsterungen meiner Feinde, die sie wie höllische Funken in eure Herzen werfen. Seid dann bereit, das Feuer zu löschen. Und wie könnt ihr gegen dieses Feuer angehen? Durch einen immer stärkeren Glauben, einen unbeugsamen Willen, Gott anzugehören, also durch den Bund mit dem heiligen Feuer. Denn das Feuer verzehrt nicht das Feuer. Wenn ihr also Feuer seid in der Liebe zum wahren Gott, wird euch das Feuer des Gotteshasses nicht schaden können. Das Feuer der Liebe besiegt jedes andere Feuer. Meine Lehre ist Liebe, und wer sie aufnimmt, geht ein in das Feuer der Liebe und kann vom Feuer des Dämons nicht mehr gequält werden.

Während ich von der Höhe dieses Hügels das Heidekraut und den Besenginster brennen sah und mehr den an den Herrgott gerichteten Worten eurer Seelen lauschte als ich euren Kampf gegen das Feuer betrachtete, lächelte ich, und einer meiner Apostel fragte mich: "Warum lächelst du?" Ich versprach ihm: "Ich werde es dir sagen, wenn ich zu den Geretteten spreche." Nun tue ich es. Ich lächelte, weil ich daran dachte, daß, ebenso wie sich die Flammen im Heidekraut des Tales trotz eurer Löscharbeiten ausgebreitet haben, meine Lehre sich in der Welt ausbreiten wird trotz der Angriffe der Feinde des Lichtes. Es wird Licht geben. Es wird eine Reinigung sein. Es wird eine Wohltat sein. Wie viele kleine Schlangen sind doch in der glühenden Asche umgekommen, und mit ihnen andere Schädlinge! Ihr habt dieses Tal gefürchtet wegen der allzu vielen Schlangen, die es

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bevölkern. Seht, nun lebt keine einzige mehr. Ebenso wird die Welt von vielen Irrlehren befreit werden, von vielen Sünden und vielen Schmerzen, wenn sie mich kennengelernt hat und vom Feuer meiner Lehre gereinigt sein wird. Gereinigt und befreit von unnützen Gewächsen, wird die Welt auf den guten Samen vorbereitet sein, der eine reiche Ernte an heiligen Früchten erbringen wird.

Seht ihr nun, weshalb ich lächelte? ... Ich sah in dem sich ausbreitenden Feuer ein Sinnbild für die Ausbreitung meiner Lehre in der Welt. Dann hat die Nächstenliebe, die nie von der Liebe zum Herrn getrennt werden darf, meine Gedanken auf eure Bedürfnisse gelenkt, und so habe ich den inneren Blick des Herzens von der Betrachtung der Interessen Gottes auf die Betrachtung der Interessen der Brüder gesenkt und dem Feuer Einhalt geboten, damit ihr durch euren Jubelgesang den Herrn preisen möget. Seht also: Mein Gedanke ist zu Gott aufgestiegen, er ist noch viel mächtiger herabgestiegen, weil die Vereinigung mit Gott unsere Fähigkeiten immer verstärkt; und schließlich ist er wieder zusammen mit dem eurigen zu Gott aufgestiegen. Auf diese Weise habe ich durch die Liebe die Interessen des Vaters und die meiner Brüder vertreten. Tut auch ihr desgleichen in eurem künftigen Leben.

Nun bitte ich euch um eine Unterkunft für diese Frauen. Das Mondlicht nimmt ab, und wir sind durch den Brand aufgehalten worden und können die nächste Stadt nicht mehr erreichen.»

«Kommt, kommt! Es gibt Platz für alle. Wir selbst hätten um diese Zeit ohne Dach sein können. Unsere Häuser sind eure Häuser. Es sind Häuser armer Leute, aber sie sind sauber. Kommt und seid gesegnet», rufen alle.

Langsam steigen sie wiederum den Hügel hinauf, dessen Hang recht steil ist, bis zu dem Dörflein, das auf wunderbare Weise von der Zerstörung gerettet worden ist, und ein jeder geht nach Hause mit seinem Gast...

491. JUDAS ISKARIOT BEI MARIA IN NAZARETH

Kaum zeigen sich im Osten die ersten Anzeichen des Morgenrots, als Judas von Kerioth an die Tür des kleinen Hauses von Nazareth klopft.

Auf dem Weg sind nur Bauern, besser gesagt: Kleingrundbesitzer von Nazareth, die sich mit dem Arbeitsgerät zu ihren Weinbergen oder Olivenhainen begeben. Sie schauen erstaunt auf den Mann, der zu so früher Stunde am Haus Marias anklopft, und tuscheln miteinander.

«Es ist ein Jünger», antwortet einer auf die Bemerkung eines anderen.

«Bestimmt sucht er Jesus, den Sohn des Joseph.»

«Aber vergeblich. Gestern abend ist er abgereist. Ich habe ihn gesehen. Ich will es ihm sagen...» sagt ein anderer.

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«Laß es sein! Es ist Judas Iskariot. Dieser Mann gefällt mir nicht. Vielleicht haben wir Jesus viel Unrecht angetan und das ist nicht recht, aber der, dieser da, hat im vergangenen Jahr viel Unheil unter uns gestiftet ... Vielleicht hätten wir uns bekehrt. Aber er ...»

«Woher? Was? Woher weißt du das?»

«Ich war einmal dabei, eines Abends im Haus des Synagogenvorstehers und töricht, wie ich bin, glaubte ich gleich alles ... Jetzt aber Schluß! Ich glaube, daß ich gesündigt habe.»

«Vielleicht ist auch er zu der Einsicht gekommen, daß er gesündigt hat und...»

Sie entfernen sich, und ich höre nichts mehr.

Judas klopft noch einmal an die kleine Tür, an die er sein Gesicht gelehnt hat, wie um nicht gesehen oder erkannt zu werden. Aber das Türlein bleibt verschlossen. Judas ist enttäuscht, entfernt sich und schlägt einen kleinen Pfad ein, der am Garten entlang hinter das Haus führt. Er blickt verstohlen über die Hecke des stillen Gartens, der nur von Tauben belebt ist.

Judas denkt darüber nach, was er wohl tun soll. Er führt ein Selbstgespräch: «Wird auch sie fortgegangen sein? Ich ... müßte sie doch gesehen haben... Und dann! Nein. Gestern abend habe ich noch ihre Stimme gehört ... Vielleicht ist sie zur Schwägerin schlafen gegangen ... Puh! Das ist mir lästig wie eine Biene im Gesicht, denn sie werden zusammen zurückkehren, und ich will sie doch allein sprechen, ohne diese Alte als Zeugin. Sie ist geschwätzig und würde mir Vorwürfe machen. Ich will keine Vorwürfe. Zudem ist sie schlau, wie alle alten Frauen aus dem Volk. Sie würde meine Entschuldigungen nicht anerkennen und diese dumme Taube von Schwägerin warnen... Bei der bin ich sicher, daß ich sie auf jeden Fall einwickeln kann. Sie ist sanft wie ein Lamm... und ich muß das wiedergutmachen, was in Tiberias vorgefallen ist. Denn wenn sie darüber spricht... Wer weiß, ob sie etwas erzählt oder geschwiegen hat... Wenn sie darüber gesprochen hat, wird es schwieriger sein, die Sache in Ordnung zu bringen... Aber sie wird nichts gesagt haben ... Sie verwechselt Tugend mit Dummheit. Wie die Mutter, so der Sohn ... Und die anderen arbeiten, während sie selbst schlafen. Ach, schließlich haben sie recht. Warum ihnen keine Aufmerksamkeit schenken, wenn sie anscheinend gewillt sind... Aber was wollen sie denn eigentlich? In meinem Kopf herrscht ein solches Durcheinander... Ich muß aufhören zu trinken und... Ja! Aber das Geld verlockt, und ich bin wie ein Füllen, das zu lange eingeschlossen war. Zwei Jahre, sage ich! Mehr noch! Zwei Jahre mit all den Entbehrungen... Aber schließlich... Was hat Elchias doch vorgestern gesagt? Ja, der belehrt mich nicht schlecht! Gewiß! Alles ist erlaubt, wenn es nur gelingt, Jesus auf den Thron zu erheben. Aber wenn er nicht will? Andererseits muß er doch bedenken, daß – wenn er nicht triumphiert – es mit uns

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allen aus ist und wir wie die Nachfolger des Theudas oder des Judas von Galiläa enden werden ... Vielleicht würde ich gut daran tun, mich von ihnen zu trennen, denn ... Ja, ich weiß nicht, ob das, was sie wollen, gut ist. Ich setzte wenig Vertrauen in sie... Sie sind seit einiger Zeit zu sehr verändert ... Ich möchte nicht... Oh, schrecklich! Sollte ich das Mittel sein, um Jesus zu schädigen? Nein. Ich trenne mich von ihnen. Doch ist es bitter, ein Reich erträumt zu haben, und dann wieder... was zu sein? Ein Nichts ... Aber besser ein Nichts als ... Er sagt immer: "Der, der die große Sünde begehen wird." Oh! Das werde doch nicht ich sein! Ich? Ich? Lieber ertränke ich mich im See... Ich gehe weg. Es ist besser, ich gehe weg. Ich werde zu meiner Mutter gehen und mir von ihr Geld geben lassen; denn ich kann gewiß nicht die Synedristen um Geld bitten für die Reise. Sie... sie helfen mir, weil sie hoffen, daß ich ihnen helfe, aus der Ungewißheit herauszukommen. Wenn Jesus einmal König ist, dann ist alles in Ordnung. Die Menge wird mit uns sein... Und Herodes... Wer kümmert sich um ihn? Die Römer nicht, und auch das Volk nicht. Alle hassen ihn! Und... und... Aber Jesus ist fähig, zu verzichten, sobald er zum König ausgerufen wird. Oh, gut! Eleazar des Annas versichert mir, daß sein Vater bereit ist, ihn zum König zu krönen! ... Dann wird er sich nicht mehr des heiligen Charakters entledigen können... im Grunde handle ich wie der treulose Verwalter in seinem Gleichnis... Ich greife auf Freunde zurück zu meinem Nutzen, ja, aber auch zu seinem Nutzen. Ich bediene mich ungerechter Mittel, um... Nein... ich muß unbedingt noch einmal versuchen, ihn zu überzeugen. Ich bin nicht überzeugt, gut zu handeln, indem ich diese List anwende ... Oh! Wenn ich ihn überreden könnte! Denn es wäre so schön! So schön ... Ja! Das ist die beste Idee: Alles ganz ehrlich dem Meister sagen, ihn anflehen... vorausgesetzt, daß ihm Maria nichts von Tiberias gesagt hat... Was wollte ich Maria sagen? ... Ah! Die Abweisung der Römerinnen. Diese verfluchte Frau! Wenn ich an jenem Abend nicht zu ihr gegangen wäre, hätte ich Maria nicht angetroffen. Aber was hatte wohl Maria in Tiberias zu tun? Wenn ich bedenke, daß ich jeweils am Tag vor dem Sabbat, am Sabbat und am Tag danach nie ausgegangen bin, nur um keinem Apostel zu begegnen... Ich Dummkopf! Dummkopf! Hätte ich nicht auch nach Hippos oder Gerasa gehen können, um Frauen zu suchen? Nein! Ausgerechnet dort, in Tiberias, wo die von Kapharnaum durchkommen müssen, um hierher zu gelangen... Aber all das wegen der Römerinnen... Ich hoffte... Nein, dies muß ich zu meiner Rechtfertigung sagen, aber es ist nicht wahr. Es nützt nichts, daß ich es mir einrede, mir, da ich genau weiß, weshalb ich hingegangen bin: Um mich mit den Mächtigen Israels zu treffen und mich zu vergnügen, da ich nun viel Geld habe... Doch ... wie schnell ist das Geld ausgegeben. Bald werde ich keines mehr haben ... Ha, ha! Ich werde dem Elchias und seinen Gefährten irgendein Märchen erzählen, und sie werden mir wieder Geld geben ...»

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«Oh, Judas! Bist du nicht bei Sinnen? Schon ein ganzes Weilchen beobachte ich dich hier von diesem Olivenbaum aus. Du gestikulierst und führst Selbstgespräche... Hat dir die Sonne des Tammus zugesetzt ?» ruft Alphäus der Sara und schaut von einem Ast eines riesigen Olivenbaumes herab, der in einer Entfernung von ungefähr dreißig Metern von Judas steht.

Judas fährt auf, dreht sich um, sieht ihn und brummt: «Hole dich der Teufel! Verfluchtes Dorf von Spionen!» Doch dann lächelt er freundlich und ruft laut: «Nein. Ich bin besorgt, weil Maria mir nicht öffnet ... Sie wird doch nicht etwa krank sein? Ich habe wiederholt geklopft! ...»

«Maria? Da kannst du lange klopfen! Sie ist bei einer armen Alten, die im Sterben liegt. Man hat sie um die dritte Nachtwache gerufen ...»

«Aber ich muß mit ihr sprechen.»

«Warte. Ich steige herab und gebe ihr Bescheid. Aber brauchst du sie wirklich?»

«Das möchte ich wohl sagen! Ich bin seit dem ersten Sonnenstrahl hier.»

Der eifrige Alphäus steigt vom Baum herab und geht rasch davon.

«Jetzt hat mich auch der da noch gesehen! Sicher kehrt er nun auch mit jener anderen zurück! Mir genügt schon eine!» Nun folgt eine ganze Litanei von Schimpfworten gegen Nazareth, die Nazarener, Maria des Alphäus und schließlich auch noch gegen die Liebe der allerheiligsten Jungfrau und sogar gegen die Sterbende...

Er ist noch nicht fertig damit, da öffnet sich die Tür, die vom Eßraum zum Garten führt, und auf der Schwelle erscheint eine ganz blasse und traurige Maria. «Judas!» «Maria!» sagen sie im gleichen Augenblick.

«Ich öffne dir gleich die Tür. Alphäus hat mir weiter nichts gesagt als: "Geh nach Hause. Jemand wünscht dich zu sprechen", und ich bin gelaufen, um so mehr, als die arme alte Frau meiner nicht mehr bedarf. Sie hat ausgelitten wegen eines schlechten Sohnes ...»

Während Maria spricht, läuft Judas den kleinen Pfad entlang und erreicht die Vorderseite des Hauses ... Maria öffnet.

«Der Friede sei mit dir, Judas von Kerioth. Tritt ein.»

«Der Friede sei mit dir, Maria.»

Judas zögert etwas. Maria ist milde, aber ernst.

«Ich habe so lange angeklopft, heute früh.»

«Gestern abend hat ein Sohn das Herz seiner Mutter gebrochen ... Sie kamen hierher, um Jesus zu holen. Aber Jesus ist nicht da. Auch dir sage ich: Jesus ist nicht hier. Du bist zu spät gekommen.»

«Ich weiß, daß er nicht da ist.»

«Woher weißt du das? Du bist doch gerade erst angekommen ...»

«Mutter, ich will ehrlich mit dir sein, denn du bist gut. Seit gestern bin ich schon hier...»

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«Warum bist du dann nicht gekommen? Deine Kameraden sind nur ein einziges Mal an diesen Sabbaten nicht hierher gekommen.»

«Ja, ich weiß es! Ich bin nach Kapharnaum gegangen und habe sie dort nicht angetroffen.»

«Lüge nicht, Judas. Du bist nie in Kapharnaum gewesen. Bartholomäus ist immer dortgeblieben, und er hat dich nie gesehen. Erst gestern ist Bartholomäus gekommen. Aber du warst ja gestern hier... und deshalb ... Warum lügst du, Judas? Weißt du nicht, daß die Lüge der erste Schritt zum Diebstahl und zum Menschenmord ist? ... Die arme Esther ist gestorben, getötet durch den Schmerz über das Benehmen ihres Sohnes. Und Samuel, ihr Sohn, begann die Schande Nazareths zu werden mit seinen kleinen Lügen, die immer größer wurden ... und von diesen ist er dann zu allem anderen übergegangen. Willst du es ihm nachtun, du, Apostel des Herrn? Willst du deine Mutter vor Schmerz sterben lassen?»

Der Vorwurf ist mit leiser Stimme und langsam hervorgebracht worden. Aber welch einen Eindruck hat er auf Judas gemacht! Er weiß nicht mehr, was er antworten soll. Er setzt sich plötzlich hin, mit dem Kopf zwischen den Händen.

Maria beobachtet ihn. Dann fährt sie fort: «Nun? Weshalb wolltest du mich sprechen? Während ich der armen Esther beistand, betete ich für deine Mutter... und für dich... denn ihr tut mir leid, der eine wie die andere, aber aus zwei verschiedenen Gründen.»

«Wenn du Mitleid mit mir hast, dann verzeihe mir.»

«Ich habe niemals Groll gegen dich gehegt.»

«Wie? ... Nicht einmal wegen jenes Morgens in Tiberias? ... Weißt du, ich war so, weil die Römerinnen mich am Abend zuvor schlecht behandelt hatten wie einen Verrückten... und wie einen Verräter des Meisters. Ja, das bekenne ich. Ich habe schlecht daran getan, mit Claudia zu sprechen. Ich habe ihm gegenüber gefehlt, aber ich tat es um eines guten Zweckes willen. Ich habe den Meister betrübt. Er hat es mir nicht gesagt, aber ich weiß, daß er erfahren hat, daß ich gesprochen habe. Gewiß war es Johanna, die ihn benachrichtigt hat. Johanna hat mich nie leiden mögen, und die Römerinnen haben mir arg zugesetzt... Um zu vergessen, habe ich getrunken...»

Maria sagt mit einem unwillkürlich ironischen Ausdruck des Mitgefühls: «Dann müßte Jesus bei all dem Schmerz, den er täglich zu ertragen hat, jede Nacht berauscht sein...»

«Hast du es ihm gesagt?»

«Ich vermehre meinem Sohn nicht die Bitterkeit des Kelches durch Nachrichten von neuen Niederlagen, Verfehlungen, Sünden, Nachstellungen... Ich habe geschwiegen und werde auch weiterhin schweigen.»

Judas fällt in die Knie und versucht, die Hand Marias zu küssen; aber sie zieht sie zurück, ohne verletzend zu wirken, jedoch entschieden, weder geküßt noch berührt zu werden.

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«Danke Mutter! Du rettest mich. Deshalb bin ich gekommen... damit du es mir leichter machst, zum Meister zu gehen, ohne Vorwürfe und Demütigungen ertragen zu müssen.»

«Um das zu vermeiden, hätte es genügt, wenn du nach Kapharnaum gegangen und mit den anderen gekommen wärest. Das wäre sehr einfach gewesen.»

«Es ist wahr... Aber die anderen sind nicht gut. Sie haben mich ausspionieren lassen, um mich nachher tadeln und anklagen zu können.»

«Beleidige deine Brüder nicht, Judas. Es genügt, gesündigt zu haben. Du hast hier spioniert, hier in Nazareth, in der Heimat Christi, du...»

Judas unterbricht sie: «Wann? Im vergangenen Jahr? Siehst du, sie haben meine Worte verdreht! Aber glaube mir, daß ich ...»

«Ich weiß nicht, was du im vergangenen Jahr gesagt und getan hast, aber ich spreche von gestern. Du bist seit gestern hier. Du weißt, daß Jesus abgereist ist. Du hast also nachgeforscht, und nicht in den befreundeten Häusern des Aser, Ismael, Alphäus oder des Bruders des Judas und Jakobus; und nicht bei Maria des Alphäus oder bei den anderen Wenigen, die Jesus lieben. Denn wenn du das getan hättest, wären sie gekommen und hätten es mir gesagt. Das Haus der Esther hat sich im Morgengrauen, als sie gestorben ist, mit Frauen gefüllt, aber keine einzige wußte von dir. Es waren die besten Frauen von Nazareth, die, die mich lieben und die Jesus lieben und sich bemühen, seine Lehre zu befolgen trotz der Feindseligkeit ihrer Gatten, Väter und Söhne. Du aber hast dich bei denen erkundigt, die Feinde meines Jesus sind. Wie nennst du das? Ich möchte es nicht sagen. Du mußt es dir selbst sagen. Warum hast du dies getan? Ich will es nicht wissen. Ich sage dir nur das eine: Viele Schwerter werden in mein Herz gestoßen werden und mich erbarmungslos martern, und dies durch Menschen, die meinem Jesus Schmerz zufügen und ihn hassen. Ein Schwert wird das deine sein, und es wird nicht mehr herausgezogen werden, denn die Erinnerung an dich, Judas, der du dich nicht retten willst, der du dich selbst zugrunderichtest, an dich, der du mir Angst einflößt, nicht Angst meinetwegen, sondern um deine Seele, wird nicht mehr aus meinem Herzen weichen. Eines hat der gerechte Simeon hineingebohrt, während ich mein Kindlein, mein heiliges Lämmlein, an meinem Herzen trug... Das andere... das andere bist du. Schon berührt die Spitze deines Schwertes mein Herz. Aber es genügt dir noch nicht, einer armen Frau diesen Schmerz zuzufügen... und du wartest darauf, dein Henkerschwert gänzlich ins Herz derjenigen zu bohren, die dir stets nur Liebe geschenkt hat.. Aber töricht bin ich, daß ich von dir Erbarmen erwarte, der du es nicht einmal für deine eigene Mutter hast... Vielmehr, es sei gesagt: Mit einem einzigen Schlag wirst du mich und sie treffen, du ungeratener Sohn, der die Gebete zweier Mütter nicht retten! ...»

Maria weint, während sie spricht, und die Tränen fallen nicht auf da

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braune Haupt des Judas, weil er geblieben ist, wo er auf die Knie gefallen ist, etwas entfernt von Maria... Die heiligen Tränen trinkt der Boden... Und die Szene erinnert mich an Aglaia, auf welche die Tränen Marias fielen, weil sie sich an Maria geklammert hatte im aufrichtigen Verlangen nach Erlösung.

«Findest du kein Wort, Judas? Gelingt es dir nicht, in dir die Kraft zu einem guten Vorsatz zu finden? Oh, Judas! Judas! Aber sage mir: Bist du mit deinem Leben zufrieden? Prüfe dich, Judas. Sei demütig, aufrichtig mit dir selbst, das zuallererst und dann Gott gegenüber, um zu ihm zu gehen, nachdem dir die zentnerschwere Last vom Herzen gefallen ist, und zu sagen: "Sieh, ich habe diese Felsbrocken entfernt aus Liebe zu dir."»

«Ich habe nicht den Mut, vor Jesus zu bekennen...»«Du hast nicht die Demut, es zu tun.» «Das ist wahr. Hilf du mir ...»«Geh nach Kapharnaum und erwarte ihn dort, in Demut.» «Aber könntest du...»

«Ich werde nichts anderes tun können, als meinem Sohn empfehlen, das zu tun, was er immer tut: Barmherzigkeit zu üben. Nicht ich bin es, die Jesus belehrt, sondern Jesus ist es, der seine Jüngerin belehrt.»

«Du bist ihm Mutter.»

«Das gilt für mein Herz. Doch er ist mein Meister, nicht mehr und nicht weniger als er es für alle anderen Jüngerinnen ist.»

«Du bist vollkommen.» «Er ist der Vollkommenste.»

Judas schweigt und denkt nach. Dann fragt er: «Wohin ist der Meister gegangen?»

«Nach Bethlehem in Galiläa.» «Und dann?» «Das weiß ich nicht.» «Kommt er hierher zurück?» «Ja.»«Wann?»«Das weiß ich nicht.»«Du willst es mir nicht sagen!»

«Ich kann dir nicht sagen, was ich nicht weiß. Du folgst ihm seit zwei Jahren. Kannst du sagen, daß er immer ein bestimmtes Reiseziel gehabt hat? Wie oft hat ihn der Wille der Menschen zur Änderung seiner Pläne gezwungen.»

«Das ist wahr. Ich werde aufbrechen... nach Kapharnaum.»

«Die Sonne ist zu heiß, um zu wandern. Bleibe. Du bist ein Pilger wie alle anderen, und er hat gesagt, daß die Jüngerinnen für die Pilger Sorge tragen sollen.»

«Du nimmst Anstoß an meiner Lebensführung...»

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«Es ist schmerzlich, daß du nicht geheilt werden willst. Das allein... Lege den Mantel ab ... Wo hast du geschlafen?»

«Ich habe nicht geschlafen. Ich habe das Morgengrauen abgewartet, um dich allein sprechen zu können.»

«Dann wirst du müde sein. In der Werkstatt sind die Lagerstätten, die Simon und Thomas benutzt haben. Dort kannst du Ruhe und jetzt noch Kühle finden. Geh und schlafe, während ich dir das Essen bereite.»

Judas geht, ohne etwas zu entgegnen. Ohne sich nach der Nachtwache auszuruhen, begibt sich Maria in die Küche, um das Feuer anzufachen, und dann in den Garten, um Gemüse zu holen. Tränen, viele Tränen rinnen leise über ihre Wangen herab, während sie sich über die Feuerstätte beugt, um die Holzscheite zurechtzulegen, während sie über die Erdschollen schreitet, um das Gemüse zu holen, und während sie es in einem Becken wäscht und herrichtet... Tränen fallen auf die blonden Weizenkörner, mit denen sie die Tauben füttert, und auf die Wäsche, die sie aus dem Trog nimmt und in der Sonne ausbreitet... Die Tränen der Gottesmutter... jener, die ohne Schuld und dennoch nicht frei vom Schmerz war und mehr litt als jede andere Mutter, weil sie die "Miterlöserin" ist...

492. DER TOD DES GROSSVATERS VON MARGZIAM

Jesus muß sich bereits von den Frauen getrennt haben, denn bei ihm sind nur die Apostel, Isaak und Margziam. Sie gehen gerade die letzten Hänge hinab, die zur Ebene Esdrelon führen, während der Abend langsam hereinbricht.

Margziam ist sehr glücklich, daß der Herr ihn zu seinem teuren Großvater bringt. Weniger glücklich sind die Apostel, die sich des letzten Zwischenfalles mit Ismael erinnern. Aber sie sind ernst und schweigen, um dem Jüngling nicht wehzutun, der sich darüber freut, daß er den Honig noch nicht angerührt hat, den Porphyria ihm gegeben hat, «weil» – wie er sagt – «ich die Hoffnung hatte, daß der Herr mir meinen Herzenswunsch erfüllen würde, mich meinen Vater sehen zu lassen. Ich weiß nicht warum... aber seit einiger Zeit ist er ständig in meinem Geiste gegenwärtig, als ob er mich rufen würde. Ich habe es Porphyria gesagt und sie hat darauf geantwortet: "Auch mir geht es so, wenn Simon fern ist." Aber es muß nicht unbedingt so sein, wie sie gesagt hat, denn früher ist dies bei mir nie vorgekommen.»

«Weil du früher noch ein Knabe warst, und jetzt bist du ein Mann, der selbständiger zu denken vermag», sagt Petrus zu ihm.

«Ich habe auch zwei kleine Kugelkäse und einige Oliven. Das, was ich vom Meinigen meinem geliebten Vater habe bringen können. Und dann

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habe ich eine Tunika aus Hanf und ein Gewand aus Hanf. Porphyria wollte sie für mich machen. Aber ich habe ihr gesagt: "Wenn du mich liebst, mache sie für den alten Vater." Er trägt immer zerrissene Kleider und schwitzt in der schlechten Wolle... Es wird eine Erleichterung für ihn sein.»

«Und du bist indessen ohne neue Kleider geblieben und schwitzest wie ein Schwamm in denen aus Wolle», sagt Petrus.

«Oh, das macht nichts! Mein Vater hat so oft gehungert, um mir sein Essen zu bringen, als ich im Wald war... Endlich kann auch ich ihm etwas geben. Wenn ich mir nur genügend zusammensparen könnte, um ihm zu ermöglichen, die Arbeit aufzugeben.»

«Wieviel hast du bis jetzt?» fragt Andreas.

«Wenig. Beim Fischen habe ich 11O Doppeldrachmen verdient. Aber bald werde ich die Lämmer verkaufen, und dann... Oh, wenn ich es doch tun könnte, bevor die große Kälte kommt! ...»

«Werdet ihr ihn aufnehmen?» fragt Nathanael den Petrus.

«Ja. Wir werden nicht zugrundegehen, wenn dieser arme Alte einen Bissen von unserem Teller erhält...»

«Und außerdem... Er kann auch kleine Arbeiten verrichten... Er könnte zu uns nach Bethsaida kommen, nicht wahr, Philippus?»

«Gewiß, gewiß... Wir werden dir helfen, Simon, unseren guten Margziam und den Alten zufriedenzustellen ...»

«Hoffen wir, daß Jochanan nicht dort ist...» sagt Judas Thaddäus.

«Ich werde vorausgehen, um sie zu benachrichtigen», sagt Isaak.

Sie gehen eilig im Mondlicht weiter... An einer bestimmten Stelle trennt sich Isaak von den anderen und beschleunigt seine Schritte noch mehr, während ihm die Gruppe langsamer folgt. Eine große Stille herrscht in der Ebene. Selbst die Nachtigallen schweigen.

Sie gehen und gehen, bis sie zwei Schatten sehen, die auf sie zueilen.

«Der eine ist sicher Isaak... Der andere ... kann sowohl Michäas als auch der Aufseher sein. Sie sind gleich groß ...» sagt Johannes.

Jetzt sind sie schon nahe... ganz nahe. Es ist wirklich der Aufseher, dem Isaak anscheinend ganz niedergeschlagen folgt.

«Meister... Margziam... armer Junge! ... Kommt schnell. Dein Vater, Margziam, ist krank ... schwer krank...»

«Ach, Herr!» ruft der Jüngling schmerzerfüllt aus.

«Gehen wir, beeilen wir uns... Sei stark, Margziam», und Jesus nimmt ihn bei der Hand und beginnt fast zu laufen, während er den Aposteln sagt: «Kommt uns nach!»

«Ja... aber seid leise... Jochanan ist zu Hause», ruft der Aufseher schon aus einiger Entfernung...

Der arme Alte befindet sich im Haus des Michäas. Selbst ein Schwachsinniger würde begreifen, daß er im Sterben liegt. Er ist abwesend, mit

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geschlossenen Augen und den eingefallenen Zügen eines Sterbenden. Seine Haut ist bleich wie Wachs, abgesehen von den Wangen, auf denen ein bläuliches Rot zurückgeblieben ist.

Margziam beugt sich über das Lager und ruft: «Vater! Mein Vater! Ich bin Margziam. Verstehst du mich? Margziam! Jabe! Dein Jabe! ... Oh, Herr! Er hört mich nicht mehr... Komm, Herr... Komm hierher. Versuche du... Heile ihn... Mach, daß er mich sehen kann, daß er mit mir sprechen kann... Aber muß ich denn alle die Meinen so sterben sehen? ...»

Jesus nähert sich, neigt sich über den Sterbenden, legt ihm die Hand aufs Haupt und spricht: «Sohn meines Vaters, höre mich.»

Wie einer, der aus einem tiefen Schlaf erwacht, tut der Alte einen tiefen Atemzug, öffnet die schon glasigen Augen und blickt unsicher auf die beiden Gesichter, die sich über ihn neigen. Er versucht zu sprechen, aber die Zunge gehorcht ihm nicht mehr. Doch, jetzt muß er sie erkannt haben, denn er lächelt und versucht, die Hände der beiden zu ergreifen, um sie an seine Lippen zu führen.

«Vater, ich bin gekommen ... Ich habe so viel gebetet, um kommen zu können! ... Ich wollte dir sagen ... daß ich bald genug haben werde... um dich von dieser Arbeit zu befreien... damit du zu mir kommen kannst, zu Simon und Porphyria, die so gut sind, so gut zu deinem Jabe... und zu allen...»

Dem Alten gelingt es nun, seine Zunge zu bewegen, und mit Mühe sagt er: «Gott vergelte es ihnen... er vergelte es auch dir... Aber es ist zu spät... Ich gehe zu Abraham... um nicht mehr zu leiden ...» Er wendet sich an Jesus und fragt sehnsüchtig: «So ist es doch, nicht wahr?»

«So ist es. Geh in Frieden!» Jesus richtet sich auf, in der ganzen Erhabenheit seiner Gestalt, und spricht: «In meiner Macht als Richter und Erlöser spreche ich dich los von allem, was du im Leben an Verfehlungen und Unterlassungen begangen hast, von allen Regungen gegen die Liebe und gegen diejenigen, die dich gehaßt haben. Von allem spreche ich dich los, o Sohn. Geh in Frieden!» Jesus hat seine Hände über das Lager ausgestreckt, als ob es ein Altar wäre und als ob er, der Priester, die Opfergabe weihte.

Margziam weint, während der Alte sanft lächelt und flüstert: «Ich entschlafe im Frieden mit deiner Hilfe... Danke, Herr...» und er sinkt zurück...

«Vater! Vater! Oh! Er stirbt! Er stirbt! Geben wir ihm etwas Honig... Er hat eine so trockene Zunge... Er ist kalt... Der Honig erwärmt ...» ruft Margziam aus und wühlt mit einer Hand in seinem Sack, während er mit der anderen das Haupt seines Großvaters stützt, das immer schwerer wird

Auf der Türschwelle sind die Apostel erschienen... und betrachten stumm die Szene...

«Weiter, Margziam. Den Vater werde ich stützen», sagt Jesus... und dann zu Petrus: «Petrus, komm her.»

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Und Simon nähert sich ganz erschüttert und gerührt.

Margziam versucht, dem Vater etwas Honig einzuflößen. Er steckt den Finger ins Gefäß, zieht ihn mit Honig bedeckt hervor und träufelt diesen auf die Lippen des Großvaters. Dieser öffnet nochmals die Augen, blickt ihn an, lächelt ihm zu und sagt: «Er ist gut.»

«Er ist für dich, und auch das Gewand aus kühlem Hanf ist für dich...»

Der Alte erhebt die zitternde Hand und versucht, sie auf das braune Haupt zu legen, indem er sagt: «Du bist gut ... besser als der Honig... und das ist es... deine Liebe ist es, die mir guttut ... Aber deinen Honig... brauche ich nicht mehr... auch das neue Gewand nicht ... Behalte sie... behalte sie mit meinem Segen...»

Margziam sinkt in die Knie und weint, das Haupt auf den Rand des Lagers gelehnt, und seufzt: «Allein! Ich bleibe allein!»

Simon läuft um das Lager herum und während er die Haare des Margziam streichelt, sagt er mit vor Erregung rauher Stimme: «Nein... nicht allein... Ich habe dich lieb, und auch Porphyria... Die Jünger... so viele Brüder... und dann Jesus, der dich so lieb hat. Weine nicht, mein Sohn!»

«Dein... Sohn... Ja... glücklich ich... Herr! ... Herr...» Der Alte röchelt, zuckt... er fühlt das Ende nahen.

Jesus legt ihm den Arm um die Schultern, richtet ihn auf und stimmt langsam das: «Ich erhebe die Augen zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommen wird» an. Er fährt mit dem ganzen 120. Psalm fort. Dann hält er ein und betrachtet den Mann, der bei diesen Worten friedlich in seinen Armen stirbt... Er beginnt mit dem 121. Psalm, von dem er nur wenige Verse betet, denn kaum hat er den vierten angestimmt, unterbricht er sich und sagt: «Geh in Frieden, gerechte Seele!» Langsam legt er ihn nieder und schließt ihm mit der Hand die Augenlider.

Es ist ein so sanfter Tod, daß außer Jesus niemand des Hinüberganges gewahr wird. Doch erkennen es alle aus der Handlungsweise Jesu und beginnen zu flüstern.

Jesus gebietet Schweigen. Er geht an die Seite Margziams, der mit über das Bett geneigtem Haupte weint und nichts gemerkt hat. Jesus beugt sich über ihn, umarmt ihn und sucht ihn aufzurichten mit den Worten: «Er ist im Frieden, Margziam! Er leidet nicht mehr. Die größte Gnade Gottes für ihn ist diese: der Tod in den Armen des Herrn! Weine nicht, teurer Sohn. Schau, wie friedlich er daliegt... so friedlich... Wenige in Israel haben den Lohn erhalten, der diesem Gerechten zuteil geworden ist, der am Herzen des Heilandes sterben durfte. Komm in meine Arme... Du bist nicht allein. Und auch Gott ist da, und er ist alles und liebt dich für die ganze Welt.»

Der arme Margziam ist wirklich zu bedauern; aber er findet noch die Kraft zu sagen: «Ich danke dir, Herr, daß du gekommen bist... und dir, Simon, daß du mich hierher begleitet hast... Euch allen danke ich für das,

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was ihr mir für ihn gegeben habt... Aber er braucht es nicht mehr... Doch... das Kleid schon... Wir sind arm... Wir können keine Einbalsamierung vornehmen... Oh! Mein Vater! Nicht einmal ein Grab kann ich dir geben! ... Aber wenn ihr mir traut, wenn ihr könnt... bezahlt für mich, und ich werde euch im Oktober den Erlös aus dem Verkauf der Lämmer und der Fische geben...»

«Halt einmal! Du hast doch einen Vater, meine ich! Laß das meine Sorge sein, und wenn ich ein Boot verkaufen müßte. Wir werden dem alten Vater alle Ehren erweisen. Es braucht nur einen, der vorausbezahlt... und einen, der ein Grab hergibt...»

Der Aufseher sagt: «In Jezrael gibt es Jünger unter dem Volk. Sie werden uns nichts abschlagen. Ich gehe sofort zu ihnen und werde um die dritte Stunde zurück sein ...»

«Ja... Aber... der Pharisäer?»

«Fürchtet euch nicht. Ich werde ihn wissen lassen, daß ein Toter hier ist. Um sich nicht zu beflecken, wird er das Haus nicht verlassen. Ich gehe...»

Während Margziam über den Großvater gebeugt weint und ihn liebkost und Jesus leise mit den Aposteln spricht, kommen und gehen Isaak, Michäas und die anderen und bereiten alles vor für die letzten Ehren, die sie ihrem hingeschiedenen Gefährten erweisen wollen.

Hier mache ich von mir (Valtorta) aus eine Bemerkung. Ich habe mich schon öfters in ähnlichen Situationen befunden und habe immer wieder bemerkt, daß die Anwesenden in guter Absicht oder aus Hartherzigkeit die Trauer derer, die einen Verwandten verloren haben, tadeln. Ihr Verhalten steht in großem Gegensatz zur Milde Jesu, der Mitleid hat mit dem Schmerz des Waisenkindes und von ihm keinen unnatürlichen Heroismus verlangt ... Wieviel kann man lernen aus jeder, auch aus der kleinsten Geste Jesu!

493. JESUS SPRICHT ZU DEN APOSTELN ÜBER DIE LIEBE

«Wo hast du die Boote gelassen, Simon, als du nach Nazareth gekommen bist?» fragt Jesus, während er in nordöstlicher Richtung auf den Tabor zugeht und die Ebene Esdrelons im Rücken hat.

«Ich habe sie zum Fischen zurückgeschickt, Meister. Aber ich habe de Bootsmännern gesagt, sie sollen sich alle drei Tage in Tarichäa einfinden... Ich wußte nicht, wie lange ich bei dir bleiben würde.»

«Sehr gut. Wer von euch will gehen und meine Mutter und Maria de Alphäus benachrichtigen, daß wir uns in Tiberias treffen werden? Da Haus des Joseph wird unser Treffpunkt sein.»

«Meister... wir alle möchten es tun, aber sage du, wer gehen soll; da wird besser sein.»

«Dann sollen Matthäus, Philippus, Andreas und Jakobus des Zebedäus

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hingehen, und die anderen kommen mit mir nach Tarichäa. Erklärt den Frauen die Gründe für unsere Verspätung. Sie sollen das Haus schließen und dann kommen. Wir werden einen ganzen Monat zusammensein. Geht, denn hier ist schon der Scheideweg. Der Friede sei mit euch.» Er küßt die vier, die sie verlassen, und nimmt mit den übrigen den Marsch wieder auf.

Doch nach wenigen Schritten bleibt er stehen und blickt Margziam an, der gesenkten Hauptes ein wenig hinter den anderen hergeht. Als der Jüngling ihn erreicht hat, faßt Jesus ihn beim Kinn, so daß er zu ihm aufschauen muß. Tränen rollen über sein braunes Gesicht herab.

«Würdest du auch gerne nach Nazareth gehen?»

«Ja, Meister... Aber tu, wie du willst.»

«Ich will, daß du getröstet wirst, mein Sohn... Geh! ... Lauf hinter ihnen her. Die Mutter wird dich trösten.» Er küßt ihn und läßt ihn gehen; und Margziam beginnt zu laufen und holt die vier schnell ein.

«Er ist noch ein Kind», bemerkt Petrus.

«Und er leidet sehr... Er hat mir gestern abend, als ich ihn weinend in einem Winkel des Hauses fand, gesagt: "Es ist, als wären mir gestern Vater und Mutter gestorben... Der Tod des alten Vaters hat die Wunde in meinem Herzen wieder aufgerissen... !"» sagt Johannes.

«Armer Sohn! ... Aber es war doch gut, daß er bei diesem Tod zugegen war...» sagt der Zelote.

«Er hatte sich so sehr darauf eingestellt, dem Alten helfen zu können 1 ... Porphyria sagte mir, er habe alle möglichen Opfer gebracht, um Geld für ihn zusammenzubekommen. Er hat auf den Feldern gearbeitet, Reisigbündel für die Öfen gemacht, gefischt; er hat sich sogar die Käslein vom Munde abgespart und sie verkauft, und ebenso den Honig... Er hatte diesen Dorn im Herzen und wollte den Alten bei sich haben...» sagt Petrus.

«Es ist ein Mensch mit ernsten Vorsätzen. Opfer bringen und arbeiten fällt ihm nicht schwer. Das sind gute Eigenschaften», sagt Bartholomäus.

«Ja, er ist ein guter Sohn und wird einer der besten Jünger werden. Seht, welche Selbstbeherrschung er auch in den schwierigsten Augenblicken aufbringt... Sein betrübtes Herz hat sich nach Maria gesehnt, aber dennoch hat er nicht darum gebeten, mitgehen zu dürfen. Er hat so gut verstanden, was die Kraft des Gebetes vermag, daß er darin viele Erwachsene übertrifft», sagt Jesus.

«Glaubst du, daß er Opfer zu einem bestimmten Zweck bringt?» fragt Thomas.

«Dessen bin ich gewiß.»

«Es ist wahr. Gestern gab er die Früchte einem Alten mit den Worten: "Bete für den Vater meines Vaters, der mir vor kurzem gestorben ist." Als ich dazu bemerkte: "Er ist im Frieden, Margziam. Glaubst du nicht, daß

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die Lossprechung Jesu gültig ist?" hat er mir geantwortet: "Ich halte sie für gültig. Aber ich denke bei der Darbringung von Gebeten an die Seelen derer, für die niemand betet, und wenn sie für meinen Vater nicht mehr nötig sind, dann mögen sie denen zugute kommen an die niemand denkt." Und ich bin davon erbaut gewesen», sagt Jakobus des Alphäus.

«Ja, gestern kam er zu mir, warf mir die Arme um den Hals – denn er ist im Grunde genommen noch ein Kind – und sagte: "Jetzt bist du wirklich mein Vater... Ich gebe dir das, was deine Güte mich zur Seite hat legen lassen. Dieses Geld nützt meinem alten Vater jetzt nicht mehr... und du und Porphyria, ihr tut so viel für mich..." Ich hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten, und habe ihm geantwortet: "Nein, mein Sohn. Benützen wir dieses Geld als Almosen für elende Alte oder arme Waisenkinder, und Gott wird deine Almosen dazu verwenden, den Frieden deines alten Vaters zu mehren." Margziam hat mir zwei Küsse gegeben, und zwar so stark, daß ich... ja, daß ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Und wie ist er dir doch dankbar gewesen, Bartholomäus, daß du die Begräbniskosten übernommen hast. Er sagte mir: "Für mich hat die dem Alten erwiesene Ehre keinen Preis. Ich werde Bartholomäus bitten, mich als seinen Knecht zu nehmen."»

«O armer Junge! Nicht einmal für eine Stunde! Er dient dem Herrn und erbaut uns alle. Ich habe einem Gerechten eine Ehre erwiesen. Ich konnte es tun, denn mein Name ist bekannt, und es ist mir leicht, jemanden zu finden, der mir Geld vorstreckt. Von Bethsaida aus werde ich die kleine Schuld begleichen, eine Kleinigkeit im Grunde...»

«Ja, vom Geld her betrachtet ist es wenig, denn die Leute von Jezrael waren großzügig; aber betrachtet man die Liebe zum Mitjünger, ist es keine Kleinigkeit, denn jeder Liebesakt hat großen Wert.

Ihr seid dabei, euch heranzubilden in dieser Nächstenliebe, die der zweite Teil des grundlegenden Gebotes des göttlichen Gesetzes ist, die aber in Israel sehr vernachlässigt worden ist. Die vielen Vorschriften und Kleinlichkeiten, die dem geradlinigen und in seiner Kürze doch vollständigen Gesetz vom Sinai gefolgt sind, haben den ersten Teil dadurch entstellt, daß sie daraus eine Menge äußerer Riten gemacht haben, denen aber der Kern, der Wert und die Wahrheit fehlen; d.h. es fehlt die aktive Anteilnahme des Inneren an den äußeren Formen des Kultes durch Werke und durch die Abweisung der Versuchungen.

Welchen Wert kann die Zurschaustellung eines Kultes in den Augen Gottes haben, wenn das Herz in seinem Inneren Gott nicht liebt, sich nicht vernichtet in verehrungsvoller Gottesliebe; wenn es ihn nicht lobt und bewundert mit der Liebe zu den von ihm geschaffenen Werken und vor allem mit der Liebe zum Menschen, dem Meisterwerk der irdischen Schöpfung? Seht ihr, wo der Fehler Israels liegt? Darin, daß man aus dem einen Gebot von Anfang an zwei gemacht, und schließlich, mit de

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Verfall der Geister, das zweite vom ersten getrennt hat, als wäre es ein unnützer Zweig.

Es war kein unnützer Zweig, es waren nicht einmal zwei Zweige. Es war ein einziger Stamm, der sich von Grund auf geschmückt hatte mit den einzelnen Tugenden der beiden Arten der Liebe. Betrachtet den großen Feigenbaum dort droben auf dem Hügel. Ganz von selbst, fast an der Wurzel, hat er zwei Äste gebildet, die so sehr vereint sind, daß die Rinde der beiden miteinander verwachsen ist. Aber jeder Ast hat seine eigene Krone, und zwar auf eine so eigenartige Weise, daß man dem Dorf auf diesem kleinen Hügel den Namen "Haus des Zwillingsfeigenbaumes" gegeben hat. Nun, wenn man die beiden Stämme trennen wollte, die im Grunde nur ein einziger sind, müßte man eine Axt oder eine Säge benützen. Aber was würde man damit erreichen? Der Baum würde absterben; oder, wenn man so geschickt wäre, die Axt oder die Säge so zu führen, daß man nur einen der beiden Stämme beschädigt, würde man zwar einen davon retten, aber der zweite würde sicher absterben. Der Ast aber, der überleben würde, würde wahrscheinlich keine oder nur sehr wenig Frucht bringen.

Dasselbe ist in Israel geschehen. Man wollte die beiden Teile voneinander trennen, die so eng zusammengehören, daß sie wirklich nur ein Einziges sind. Man wollte verbessern, was schon vollkommen war. Denn alle Werke, Gedanken und Worte Gottes sind vollkommen. Und wenn Gott auf dem Sinai das Gebot der Liebe zum allerheiligsten Gott und zum Nächsten als ein einziges Gebot geben wollte, so ist es klar, daß es nicht zwei Gebote sind, die unabhängig voneinander befolgt werden können.

Da ich euch ohne Unterlaß in dieser erhabenen Tugend, der größten von allen, heranbilden möchte, in jener, die mit dem Geist in den Himmel aufsteigt – denn es ist die einzige, die im Himmel besteht – betone ich sie immer wieder. Sie ist die Seele des ganzen geistlichen Lebens, das abstirbt, wenn es die Liebe verliert, weil es dadurch auch Gott verliert.

Hört zu. Nehmt an, eines Tages klopfte an eure Tür ein sehr reiches Brautpaar, das für sein ganzes Leben beherbergt werden wollte. Könntet ihr sagen: "Wir nehmen den Bräutigam auf, aber nicht die Braut" ' ohne daß der Bräutigam sagen würde: "Das geht nicht, denn ich kann mich nicht vom Fleische meines Fleisches trennen; wenn ihr sie nicht aufnehmen wollt, dann kann auch ich mich nicht bei euch aufhalten und gehe weiter mit all meinen Schätzen, die ich mit euch geteilt hätte?"

Gott ist mit der Liebe verbunden. Sie ist wahrhaftig und noch inniger und wahrhaftiger als bei einem Brautpaar, das sich inständig liebt, Geist von seinem Geiste. Gott selbst ist die Liebe, die Liebe ist nichts anderes als die deutlichste und ihn am klarsten darstellende Eigenschaft Gottes. Unter all seinen Eigenschaften ist sie die königliche, die Ur-Eigenschaft; denn alle anderen Eigenschaften sind in der Liebe verankert. Was ist die

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Macht Gottes, wenn nicht die wirkende Liebe? Was ist die Weisheit, wenn nicht die belehrende Liebe? Was ist die Barmherzigkeit, wenn nicht die verzeihende Liebe? Was ist die Gerechtigkeit, wenn nicht die ordnende Liebe? So könnte ich fortfahren mit all den unzähligen Eigenschaften Gottes.

Nach all dem, was ich euch gesagt habe, könnt ihr da noch annehmen, daß ein Mensch ohne Liebe Gott besitzen kann? Könnt ihr euch vorstellen, daß er wohl Gott aufnehmen kann, aber nicht die Liebe? Die Liebe ist eine einzige und umfaßt Schöpfer und Geschöpf, und man kann nicht nur die eine Hälfte besitzen; d.h. man kann nicht die Liebe zum Schöpfer besitzen ohne die andere Hälfte, die Liebe zum Nächsten. Gott ist in den Geschöpfen. Er ist in ihnen mit seinem unauslöschlichen Zeichen, mit seinen Rechten als Vater, Bräutigam und König. Die Seele ist sein Thron, der Körper sein Tempel. Wenn also jemand seinen Bruder nicht liebt, ihn verachtet oder ihm Schmerz zufügt, verkennt er den Hausherrn seines Bruders, den König, Vater und Gemahl des Bruders; und es ist natürlich, daß dieses große Wesen, das alles ist und das in einem Bruder und in allen Brüdern gegenwärtig ist, die Beleidigungen des kleinen Wesens, d.h. des einzelnen Menschen, zu den seinigen macht. Deswegen habe ich euch die Werke der leiblichen und geistigen Barmherzigkeit gelehrt; deswegen habe ich euch gelehrt, dem Bruder kein Ärgernis zu geben, ihn nicht zu richten, nicht zu verachten und nicht abzuweisen, möge er gut oder schlecht, ein Gläubiger oder ein Heide, ein Freund oder ein Feind, ein Reicher oder ein Armer sein.

Wenn in einem Brautgemach eine Empfängnis stattfindet, so ist es immer dasselbe Ereignis, mag es sich in einem Gemach aus Gold oder auf der Spreu eines Stalles zutragen. Das Geschöpf, das sich in einem königlichen Schoße bildet, ist nicht verschieden von dem im Schoße einer Bettlerin. Die Empfängnis, die Entwicklung eines neuen Wesens, ist dieselbe auf der ganzen Welt. Alle Geschöpfe werden geboren wie Kain und Abel, die Söhne Evas.

Der Gleichheit der Empfängnis, der Entwicklung und der Art der Geburt der Kinder eines Mannes und einer Frau auf Erden entspricht eine andere Gleichheit im Himmel: die der Erschaffung der Seele, die dem Embryo eingehaucht wird, damit er ein Mensch sei und nicht ein Tier und damit sie ihn begleite vom Augenblick seiner Zeugung an bis zum Tod und weiterlebe in Erwartung der allgemeinen Auferstehung, um sich dann mit dem auferstandenen Leib wieder zu vereinigen und mit ihm Lohn oder Strafe zu empfangen, je nach den Handlungen im irdischen Leben. Denkt nicht, die Liebe sei ungerecht und belohne jene nicht, die nicht von Israel und keine Nachfolger Christi gewesen sind. Wenn sie tugendhaft waren und gewissenhaft nach ihrer Religion gelebt haben, in der Überzeugung daß es die wahre ist, werden sie ihres ewigen Lohnes nicht verlustig gehen.

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Nach dem Ende der Welt wird keine andere Tugend überleben als die Liebe, d.h. die Vereinigung aller Geschöpfe mit dem Schöpfer, die in Gerechtigkeit gelebt haben. Es wird nicht mehrere Himmel geben: einen für Israel, einen für die Christen und einen für die Heiden. Nein, es wird nur einen Himmel geben, und so wird es auch nur einen Lohn geben: Gott, den Schöpfer, der sich mit seinen Geschöpfen vereinen wird, die in Gerechtigkeit gelebt haben und in deren heiliger Schönheit, der leiblichen sowohl als auch der geistigen, er sich selbst mit der Freude eines Vaters und eines Gottes bewundern wird. Es wird nur einen Herrn geben, nicht einen für Israel, einen für die Christen und einen anderen für die Andersgläubigen.

Jetzt enthülle ich euch eine große Wahrheit. Erinnert euch ihrer und überliefert sie euren Nachfolgern. Wartet nicht immer darauf, daß der Heilige Geist die Wahrheiten nach Jahren und Jahrhunderten der Dunkelheit aufklärt. Hört! Ihr werdet vielleicht sagen: "Was für eine Gerechtigkeit ist das, wenn wir, die wir die heilige Religion bekennen, am Ende der Welt alle in gleicher Weise behandelt werden wie die Heiden?" Ich antworte euch: Es ist dieselbe Gerechtigkeit, und es ist wahre Gerechtigkeit, die diejenigen erfahren werden, die nicht selig sein werden, weil sie trotz der heiligen Religion, der sie angehörten, nicht heiligmäßig gelebt haben. Ein tugendhafter Heide, der sein Leben mit der Übung ausgezeichneter Tugenden verbracht hat, in der Überzeugung, daß seine Religion gut war, wird am Ende im Himmel sein. Aber wann? Am Ende der Welt, wenn von den vier Aufenthaltsorten der Hingeschiedenen nur noch zwei übrigbleiben werden, nämlich das Paradies und die Hölle. Denn die Gerechtigkeit wird alsdann nur noch die beiden ewigen Reiche bestehen lassen, und zwar für diejenigen, die vom Baume des freien Willens die guten oder die schlechten Früchte gewählt haben. Aber welch ein langes Warten, bevor ein tugendhafter Heide zu dieser Belohnung gelangt... Denkt ihr nicht daran? Diese Wartezeit, besonders von der Stunde an, da die Erlösung mit allen aus ihr erwachsenden Wundern sich verwirklicht haben und das Evangelium in der Welt gepredigt werden wird, stellt die Reinigung der Seelen, die als rechtschaffene Menschen in anderen Religionen gelebt haben, aber den wahren Glauben nicht annehmen konnten, nachdem sie ihn als erwiesene Wirklichkeit kennengelernt hatten. Sie warten im Limbus durch die Jahrhunderte hindurch bis ans Ende der Welt. Für die, die an den wahren Gott geglaubt, aber nicht in heldenhafter Heiligkeit gelebt haben, wird es ein langes Fegefeuer geben, das für einige bis zum Ende der Welt dauern kann.

Aber nach der Sühne und der Wartezeit werden die Guten, welches auch immer ihre Herkunft sei, alle zur Rechten Gottes stehen; die Bösen aber, welches auch ihre Herkunft sein mag, werden zu seiner Linken stehen und in die schreckliche Hölle verwiesen werden, während der Heiland mit den Guten in das ewige Reich eingehen wird.»

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«Herr, verzeihe mir, wenn ich dich nicht verstehe. Was du sagst, ist sehr schwierig ... wenigstens für mich ... Du sagst immer, daß du der Erlöser bist und diejenigen erlösen wirst, die an dich glauben. Wie können nun die, die nicht an dich glauben, weil sie dich nicht kennengelernt haben, weil sie vorher gelebt oder – die Welt ist ja so groß – noch nichts von dir gehört haben, gerettet werden?» fragt Bartholomäus.

«Ich habe es dir erklärt: durch ihr Leben als Gerechte, durch ihre guten Werke, durch ihren Glauben, den sie für den wahren hielten.»

«Sie haben aber doch nicht ihre Zuflucht zum Erlöser genommen! ...»

«Aber der Erlöser wird auch für sie leiden. Bedenkst du nicht, Bartholomäus, welch unendlichen Wert meine Verdienste als Gottmensch haben werden?»

«Mein Herr, sie werden sicher geringer sein als die göttlichen, als die, die du schon von Ewigkeit her hast.»

«Die Antwort ist richtig und doch nicht richtig. Die Verdienste Gottes sind unendlich, sagst du. Alles ist unendlich in Gott. Aber Gott hat keine Verdienste in dem Sinne, daß er sie erwerben müßte. Er hat Eigenschaften, ihm eigene Tugenden. Er ist der, der er ist: die Vollkommenheit, der Unendliche, der Allmächtige. Aber um Verdienste zu sammeln, muß man sich anstrengen, etwas leisten, was über die menschliche Natur hinausgeht. Essen z.B. ist noch kein Verdienst. Aber es kann zum Verdienst werden, wenn man mäßig ißt und wirkliche Opfer bringt, um etwas für die Armen zu erübrigen. Es ist auch noch kein Verdienst, wenn man schweigt; doch wird das Schweigen zum Verdienst, wenn ich die Antwort auf eine Beleidigung unterdrücke, und so weiter.

Nun verstehst du, daß Gott es nicht nötig hat, sich selbst zu überwinden, er, der Vollkommene und Unendliche. Aber der Gottmensch kann sich selbst überwinden, indem er die unendliche göttliche Natur zu menschlicher Begrenztheit erniedrigt; indem er die menschliche Natur besiegt, die nicht abwesend oder nur gleichnishaft in ihm ist, sondern wirklich, mit all ihren Sinnen und Gefühlen, mit den Möglichkeiten des Leidens und des Sterbens und dem freien Willen.

Niemand liebt den Tod, besonders wenn er schmerzhaft, verfrüht und unverdient ist. Niemand liebt ihn, und trotzdem muß jeder Mensch sterben. Daher sollte er den Tod mit derselben Ruhe betrachten, mit der er alles, was Leben hat, zu Ende gehen sieht. Nun, ich zwinge mich als Mensch, den Tod zu lieben. Nicht das allein. Ich habe das Leben erwählt, um sterben zu können, für die Menschheit. Ich sammle also unter der Gestalt des Gottmenschen jene Verdienste, die ich mir als Gott nicht erwerben konnte. Durch diese Verdienste – die unendlich sind durch die Art und Weise, in der ich sie erwerbe, weil meine menschliche Natur mit der göttlichen verbunden ist; Kraft der Liebe und des Gehorsams, die mich befähigt haben, sie zu verdienen; durch die Stärke, die Gerechtigkeit, die

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Mäßigkeit, die Klugheit, durch alle Tugenden, die ich in mein Herz gelegt habe, um es Gott, meinem Vater, wohlgefällig zu machen – werde ich eine unendliche Macht haben, nicht nur als Gott, sondern auch als Mensch, der sich für alle aufopfert, d.h. die äußersten Grenzen der Liebe erreicht hat. Das Opfer ist es, das Verdienst verleiht. Je größer das Opfer, desto größer das Verdienst. Die Vollendung des Opfers ist die Vollendung des Verdienstes, und ist das Opfer vollkommen, so ist auch das Verdienst vollkommen. Es wird angewendet gemäß dem heiligen Willen des Opferlammes, zu dem der Vater spricht: "Es geschehe, wie du willst!"; denn dieses Opferlamm hat Gott und ebenso den Nächsten grenzenlos geliebt.

Ich sage euch: Der ärmste unter den Menschen kann der reichste sein und einer Unzahl von Brüdern Wohltaten erweisen, wenn er bis zum Opfer zu lieben weiß. Ich sage euch: Selbst wenn ihr nicht einmal ein Krümchen Brot, einen Becher Wasser oder einen Kleiderfetzen besitzen würdet, könntet ihr immer noch Gutes tun. Wie? Durch Gebet und Opfer für die Brüder. Wem sollt ihr Wohltaten erweisen? Allen. Auf welche Art? Auf tausend Arten, die alle heilig sind; denn wenn ihr zu lieben wüßtet, wäret ihr fähig, wie Gott zu wirken, zu lehren, zu verzeihen, zu ordnen und wie der Gottmensch zu erlösen.»

«O Herr, gib uns diese Liebe!» seufzt Johannes.

«Gott gibt sie euch, weil er sich selbst euch schenkt. Aber ihr müßt sie aufnehmen und in einer immer vollkommeneren Weise üben. Kein Geschehnis darf bei euch von der Liebe getrennt sein, vom materiellen bis zum geistigen. Alles geschehe mit Liebe und durch die Liebe. Heiligt eure Handlungen, euer Tagewerk. Gebt Salz in eure Gebete, Licht in euer Wirken. Das Licht, der Wohlgeruch, die Heiligung ist die Liebe, und ohne sie sind die Riten umsonst, die Gebete vergeblich, und die Opfer unecht. Wahrlich, ich sage euch, das Lächeln, mit dem ein Armer euch als Brüder grüßt, ist mehr wert als ein Sack voll Geld, den jemand euch zu Füßen wirft, nur um beachtet zu werden. Wißt zu lieben, und Gott wird immer bei euch sein.»

«Lehre uns, so zu lieben, Herr!»

«Schon seit zwei Jahren lehre ich es euch. Tut, was ihr mich tun seht, und ihr werdet in der Liebe sein, und die Liebe wird in euch sein... und ihr werdet das Siegel, die Salbung, die Krone haben, die euch als wahrhaftige Diener des Gottes der Liebe erkennen lassen... Nun machen wir an diesem schattigen Ort eine Pause. Hier ist dichtes, hohes Gras, und die Bäume schützen uns vor der Hitze. Am Abend werden wir weitergehen...»

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494. JESUS IN TIBERIAS

Jesus kommt mit den Seinen an einem stürmischen Morgen nach Tiberias. Er erreicht die Stadt nach einer kurzen Überfahrt von Tarichäa her. Die Boote schaukeln auf dem unruhigen See, der grau wie der Himmel ist, an dem sich wenig Gutes versprechende Wolken auftürmen.

Petrus betrachtet prüfend den Himmel und den See und befiehlt den Schiffsjungen, die Boote in Sicherheit zu bringen: «Bald werdet ihr die Musik hören! Ich will nicht Simon der Fischer heißen, wenn nicht in Kürze ein Wolkenbruch und eine Wasserflut vom See her Schaden anrichten. Ist niemand auf dem See?» fragt er sich selbst, indem er prüfend das Galiläische Meer betrachtet. Es ist verlassen, aufgewühlt von immer höheren Sturzwellen unter dem immer bedrohlicheren Himmelsgewölbe. Er tröstet sich damit, daß der See einsam ist und keine Menschenopfer fordern wird, und folgt so beruhigter dem Meister, der unter den Windstößen voranschreitet, die derartig stark sind, daß man nur mit Mühe, in Staubwolken gehüllt und unter großem Geflatter der Kleider, vorwärtskommen kann.

In Tiberias, in diesem Teil von Tiberias, der vom gewöhnlichen Volk bewohnt wird, von den Familien der Fischer und der kleinen Handwerker, deren Arbeit ebenfalls mit dem Fischfang zusammenhängt, ist man damit beschäftigt, alles in den Häusern unterzubringen, was durch den Sturm beschädigt werden könnte. Der eine ist beladen mit Netzen und Rudern von Barken, die bereits in Sicherheit sind. Der andere schleppt Werkzeuge nach Hause. Das alles spielt sich ab, während der Sturmwind heult, Staubwolken aufwirbelt und Türen zuschlagen läßt. Das nördlichere Tiberias, mit seinen Palästen am See und den schönen Parkanlagen, die in der Bucht zu sehen sind, schläft in seinem Müßiggang. Nur Diener und Sklaven, je nachdem, ob es sich um israelitische oder römische Häuser handelt, bemühen sich, die Zelttücher von den hohen Terrassen zu entfernen, die leichten Vergnügungsschiffe ans Ufer zu bringen und die Sessel zu bergen, die in den Gärten herumstehen...

Jesus, der sich in diesen Stadtteil begeben hat, sagt zu Simon dem Zeloten und zu seinem Vetter Judas: «Geht und fragt den Türhüter der Johanna des Chuza, ob sich keiner der Unsrigen nach uns erkundigt hat. Ich warte hier.»

«Gut... Und Johanna?»

«Wir werden sie später sehen. Geht und tut, was ich sage.»

Die beiden machen sich eiligst auf den Weg, und während die anderen ihre Rückkehr abwarten, schickt Jesus sie da- und dorthin, um Nahrungsmittel einzukaufen «für sie und die Frauen, denn es ist nicht recht, der Familie des Jüngers zur Last zu fallen», wie er sagt. Er bleibt allein zurück, an die Mauer eines Gartens gelehnt, in dem der Lärm eines Orkans tobt;

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so mächtig ist der Kampf, den die hohen Bäume mit dem Wind auszufechten haben.

Jesus steht da, in sich gesammelt. Er hat sich in seinen Mantel gehüllt und ihn wie eine Kapuze über den Kopf gezogen, zum Schutz gegen den Wind, der ihm die Haare ins Gesicht weht. Ganz verstaubt, sein Antlitz halb verdeckt unter dem Mantel, angelehnt an eine Mauer fast an der Ecke des Weges, der sich mit einer schönen Strandallee kreuzt, welche zur Stadtmitte führt, macht er den Eindruck eines Bettlers, der um eine milde Gabe bittet. Einige Vorübergehende schauen ihn an. Da er aber nichts sagt und um nichts bittet, sondern nur geneigten Hauptes dasteht, hält sich niemand auf, um ihm etwas zu geben oder mit ihm zu sprechen. Indessen nimmt der Sturm zu, und das Rauschen des Sees wächst gewaltig an und erfüllt die ganze Stadt mit seinem Getöse.

Da kommt ein großer Mann vom Stadtinnern zur Strandallee. Er geht gebeugt, gegen den Wind ankämpfend, ebenfalls in einen Mantel gehüllt, den er unter dem Kinn festhält. Nun erhebt er den Blick, um eine Reihe von Eseln vorüberziehen zu lassen, deren Besitzer ihr Gemüse auf den Märkten abgeladen haben und nun zu ihren Gärten zurückkehren; und dann sieht er Jesus (und ich bemerke, daß es kein anderer als Judas von Kerioth ist)

«Oh, Meister!» sagt er von der anderen Seite der Eselreihe. «Ich komme gerade von Johanna, um dich zu suchen. Ich war in Kapharnaum und hoffte, dich dort zu finden; aber...» Der letzte Esel ist vorüber, und Judas beeilt sich, zum Meister zu kommen und schließt mit den Worten: «... aber in Kapharnaum war niemand. Ich habe tagelang gewartet, und bin dann hierher zurückgekehrt. Jeden Tag ging ich zu Joseph und zu Johanna, um dich zu suchen...»

Jesus schaut ihn mit seinen durchdringenden Augen an und schneidet diesen Wortschwall ab, indem er sagt: «Der Friede sei mit dir.»

«Es ist wahr. Ich habe dich nicht einmal gegrüßt! Der Friede sei mit dir, Meister. Aber du hast ihn ja immer, diesen Frieden!»

«Und du nicht?»

«Ich bin ein Mensch, Meister.»

«Der gerechte Mensch hat den Frieden, nur der Schuldbeladene ist verwirrt. Bist du das 7»

«Ich? ... Nein, nein, Meister. Wenigstens... Gewiß, wenn ich die Wahrheit sagen soll: die Zeit der Trennung von dir hat mich nicht glücklich gemacht... es war noch nicht der Verlust des Friedens, die Sehnsucht nach dir war es, wegen meiner Zuneigung zu dir... Aber der Friede ist etwas anderes, nicht wahr?»

«Ja, er ist etwas anderes. Trennungen stören noch nicht den Frieden des Herzens, wenn das Herz des Getrennten nicht Dinge tut, von denen ihm das Gewissen sagt, daß sie den Geliebten betrüben würden, wenn er davon wüßte.»

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«Aber die Abwesenden wissen ja nicht ... es sei denn, daß es ihnen jemand erzählt.»

Jesus schaut ihn an und schweigt.

«Bist du allein, Meister?» fragt Judas und versucht damit, das Gespräch auf nebensächliche Dinge zu lenken.

«Ich erwarte jene, die ich zu Johanna gesandt habe, um zu erfahren, ob meine Mutter von Nazareth gekommen ist.»

«Deine Mutter? Läßt du deine Mutter hierherkommen?»

«Ja, ich werde mit ihr einen ganzen Monat lang in Kapharnaum bleiben. Ich werde mit den Booten die Ortschaften am Ufer aufsuchen, aber jeden Tag nach Kapharnaum zurückkehren. Es muß dort viele Jünger geben...»

«Ja... viele...» Judas hat seine Gesprächigkeit verloren und wird nachdenklich...

«Hast du mir nichts zu sagen, Judas? Wir beide sind allein... Ist dir nichts zugestoßen in dieser Zeit der Trennung, nichts, was dich nach dem Wort deines Jesus verlangen läßt?» sagt Jesus sanft, wie um dem Jünger zu helfen, seine Fehler zu bekennen, indem er ihn seine ganze barmherzige Liebe fühlen läßt.

«Und du weißt nichts, wofür ich dein Wort benötigen könnte? Wenn du es weißt, dann sprich! Ich weiß nämlich nichts, wofür ich ein solche Wort nötig hätte. Es ist schwer für einen Menschen, sich seiner Vergehen und Fehler erinnern zu müssen und sie einem anderen einzugestehen ...»

«Ich, der ich mit dir spreche, bin nicht ein anderer Mensch, sondern ...»

«Nein, du bist Gott. Ich weiß es. Deswegen ist es nicht einmal nötig daß ich derjenige bin, der spricht. Du weißt...»

«Ich bin nicht irgendein anderer Mensch, wollte ich sagen, sonder dein liebevollster Freund. Ich sage nicht: dein Meister, das Haupt, sondern ich sage dir: der Freund...»

«Es ist trotzdem das gleiche. Es ist immer dieselbe unangenehme Sucherei nach dem, was man in der Vergangenheit getan hat und für dessen Bekenntnis man Vorwürfe zu erwarten hat. Aber mehr noch als die Vor würfe schmerzt das Sinken im Ansehen des Freundes...»

«Am letzten Sabbat, den ich in Nazareth verbrachte, sagte Simon ungewollt etwas zu einem Kameraden, worüber er hätte schweigen sollen. E war kein bewußter Ungehorsam, es war keine Verleumdung, es war nichts was den Nächsten hätte schädigen können. Simon Petrus hatte es eine ehrlichen, rechtschaffenen Menschen erzählt. Dieser bemerkte, daß er ein Geheimnis erfahren hatte, das weder er zu erfahren beabsichtigt, noch Petrus absichtlich enthüllt hatte, und schwur, daß er es niemandem weiter erzählen würde. Simon hätte damit beruhigt sein können; ihm jedoch ließ es keine Ruhe, bis er mir seine Schuld bekannt hatte... Armer Simon Er nannte es Schuld! Aber wenn im Herzen meiner Jünger keine andere

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Schuld wäre als diese und so viel Demut, so viel Vertrauen, so viel Liebe wie bei Petrus, oh, dann könnte ich mich Meister einer Schar von Heiligen nennen! ...»

«Und damit willst du mir sagen, daß Petrus heilig ist und ich nicht. Es ist wahr. Ich bin kein Heiliger. So jage mich doch fort ...»

Du bist nicht demütig, Judas. Der Hochmut bringt dich ins Verderben. Zudem kennst du mich noch nicht...» schließt Jesus zutiefst betrübt.

Judas fühlt diesen Schmerz und flüstert: «Verzeih mir, Meister! ...»

«Immer. Aber sei gut, Sohn! Sei gut! Warum willst du dir selbst Böses zufügen?»

Judas hat Tränen in den Augen, ob echte oder unechte, weiß ich nicht. Er wirft sich in die Arme Jesu und weint an seiner Schulter. Jesus streichelt ihm über das Haar und flüstert: «Armer Judas! Armer, armer Judas, der seinen Frieden dort sucht, wo er ihn nicht finden kann, und wo er auch nicht findet, wer ihn versteht ...»

«Ja, es ist wahr. Du hast recht, Meister. Der Friede ist hier... in deinen Armen... Ich bin ein Unglücklicher... Du allein verstehst mich und liebst mich... Du allein... Der Törichte bin ich... Verzeih mir, Meister!»

«Ja, sei gut, sei demütig. Wenn du fehlst, komm zu mir, und ich werde dir helfen. Wenn du in Versuchung gerätst, eile zu mir, und ich werde dich verteidigen vor dir selbst, vor dem, der dich haßt, vor allem... Aber richte dich nun auf, die anderen kommen...»

«Einen Kuß, Meister... einen Kuß ...»

Jesus küßt ihn... und Judas faßt sich... Ja, aber seine Sünden hat er doch noch nicht bekannt, denke ich...

«Wir haben uns verspätet, weil Johanna schon auf war und der Türhüter sie benachrichtigen wollte. Sie wird im Laufe des Tages zu Joseph kommen, um dich zu begrüßen», sagt Thaddäus.

«Zu Joseph? Wenn all das Wasser kommt, das der Himmel verspricht, verwandeln diese Wege sich in einen Sumpf. Johanna wird gewiß nicht in diese Hütte und auf diesen Wegen kommen. Es wäre besser, wenn wir zu ihr gingen...» sagt Judas, der sich schon wieder sicher fühlt.

Jesus antwortet ihm nicht, wohl aber seinem Vetter mit der Frage: «Hat uns niemand von den Unsrigen bei Johanna gesucht?»

«Noch niemand.»

«Gut. Dann gehen wir zu Joseph, und die anderen werden uns nachkommen...»

«Wenn ich wüßte, daß unsere Mütter schon unterwegs sind, würde ich ihnen gern entgegengehen...» sagt Judas des Alphäus.

«Es wäre gut. Aber mehrere Wege führen nach Tiberias, und vielleicht haben sie nicht die Hauptstraße eingeschlagen...»

«Das ist wahr, Jesus... Gehen wir...»

Sie gehen schnell unter dem ersten Donner und den Blitzen, die den

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blaßblauen Himmel durchfurchen. Das Donnerrollen hallt in den Mulden zwischen den Hügeln wider, die den See fast von allen Seiten umgeben. Sie betreten das ärmliche Haus des Joseph, das bei diesem Gewitter noch elender und dunkler erscheint. Nur die Gesichter des Jüngers und seiner Farnilienangehörigen, die glücklich sind, den Meister in ihrem Haus zu haben, leuchten.

«Aber du triffst es schlecht», entschuldigt sich der Bootsmann. «Bei diesem Seegang habe ich nicht fischen können... und habe nur Gemüse ...»

«Und dein gutes Herz. Ich habe vorgesorgt, und bald werden die Gefährten mit dem Notwendigen kommen. Bemühe dich nicht, Frau... Wir können auch auf dem Boden sitzen. Es ist alles so sauber hier. Du bist eine gute Frau, ich weiß es, und die Ordnung, die ich hier sehe, bestätigt es mir.»

«Oh, meine Gattin! Eine wahrhaft tapfere Frau! Meine, unsere Freude», erklärt der Bootsmann, selig über das Lob des Herrn, der sich auf den niederen Rand der beinahe erloschenen Feuerstätte, fast auf den Boden gesetzt und ein Knäblein zwischen die Knie genommen hat, das ihn erstaunt mustert.

Da kommen, als schon der erste Regen herniederrauscht, diejenigen an, die die Einkäufe gemacht haben und nun auf der Schwelle Mantel und Sandalen ausschütteln, um nicht Wasser und Schlamm ins Haus zu tragen.

Man meint, das Ende der Welt ist unter Donner, Blitz, Regen und Sturm gekommen. Das Getöse des Sees begleitet die Soli der zuckenden Blitze und das Heulen des Windes.

«Seid gegrüßt. Der Sommer nimmt ein Bad und wäscht die Hitze weg.. Danach wird man sich wohler fühlen ... Wenn das Gewitter nur in der Weinbergen keinen Schaden anrichtet ... Darf ich nach oben gehen, um den See zu betrachten? Ich möchte sehen, was er für eine Laune hat ...»

«Geh nur, das Haus steht euch zur Verfügung», antwortet der Jünger dem Petrus.

Petrus, nur mit der Tunika bekleidet, geht glücklich hinaus, um das Unwetter zu genießen. Er steigt die kleine äußere Treppe hinauf und hält sich auf der Terrasse auf, um sich zu erfrischen und denen drinnen seine Ein drücke kundzutun, als stünde er auf der Brücke seines Schiffes und gäbe die Befehle zum Manövrieren.

Die anderen sitzen da und dort in der Küche herum, wo man sich kaum sehen kann, da man die Tür angelehnt lassen muß wegen des Platzregen durch deren Spalt nur ein Faden grünlichen Lichtes eindringt, unterbrochen vom kurzen Aufleuchten der grellen Blitze...

Petrus kommt zurück, durchnäßt, als wäre er in den See gefallen, und erklärt: «Jetzt ist das Gewitter über uns, aber es zieht vorüber in Richtung Samaria, um dort alles zu baden...»

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«Dich hat es schon gebadet. Du triefst ja nur so», bemerkt Thomas. «Ja. Aber ich fühle mich sehr wohl nach so viel Hitze.»

«Komm herein. So naß an der Tür zu stehen, wird dir schlecht bekommen», rät Bartholomäus.

«Nein, nein. Ich bin ein alter Hase... Als ich noch kaum "Vater" sagen konnte, habe ich schon angefangen, im Nassen zu stehen. Oh! Wie leicht man jetzt atmen kann! Doch die Straße ist ein Fluß... Ihr solltet den See sehen! Er hat alle möglichen Farben angenommen, und kocht wie das Wasser in einem Topf. Man weiß nicht einmal mehr, wohin seine Wellen gehen. Sie kochen auf der Stelle... Es war aber wirklich nötig.»

«Ja, es war nötig. Die Mauern kühlen schon nicht mehr ab, so sehr waren sie von der Sonne durchwärmt. Mein Weinstock hatte ganz vertrocknete, verstaubte Blätter. Ich habe ihn am Wurzelstamm bewässert... Ja, aber was hilft ein wenig Wasser, wenn ringsum alles wie Feuer ist?» sagt Joseph.

«Es schadet mehr, als es nützt, Freund», urteilt Bartholomäus. «Die Pflanzen bedürfen des Wassers vom Himmel, denn sie trinken auch mit ihren Blättern; ja, es scheint nicht so zu sein, aber es ist so. Die Wurzeln, die Wurzeln, gut. Aber auch die Blätter haben ihren Zweck und ihre Rechte...»

«Scheint es dir nicht, Meister, daß Bartholomäus das Thema für ein schönes Gleichnis vorgeschlagen hat?» sagt der Zelote, der Jesus zum Sprechen anregen will.

Aber Jesus, der das Knäblein in den Schlaf wiegt, das Angst vor den Blitzen hat, erzählt kein Gleichnis; er nickt nur und sagt: «Und du, wie würdest du es erzählen?»

«Bestimmt schlecht, Meister. Ich bin nicht du...»

«Erzähle es, wie du kannst. Es wird euch sehr nützlich sein, in Gleichnissen zu predigen. Gewöhnt euch daran. Ich höre dir zu, Simon...»

«Oh! ... Meister, du mir... der ich töricht bin... Aber ich werde gehorchen. Ich würde erzählen: "Ein Mann hatte einen schönen Weinstock. Da er jedoch keinen Weinberg besaß, pflanzte er den Weinstock in einen kleinen Hausgarten, um ihn bis zur Terrasse wachsen zu lassen; so würde er ihm Schatten spenden und zugleich Trauben einbringen. Er ließ seinem Weinstock gute Pflege angedeihen, aber dieser wuchs inmitten der Häuser, in der Nähe einer Straße, und so lagerten sich der Ruß der Küchen und Backöfen und der Staub der Straße auf seinen Blättern ab. Solange die Regengüsse des Monats Nisan anhielten, wurden die Blätter des Weinstocks von allen Unreinheiten befreit, so daß sie Sonne und Luft genießen konnten, ohne auf der Oberfläche eine dem Wachstum hinderliche Kruste zu haben. Als aber der Sommer kam und kein Wasser mehr vom Himmel fiel, blieben auf den Blättern Rauch, Staub und Exkremente von Vögeln in vielen Schichten haften, während die allzu heiße Sonne die Rebe austrocknete.

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Der Besitzer des Weinstocks gab den tief in der Erde liegenden Wurzeln Wasser, und so starb der Weinstock zwar nicht ab, er vegetierte jedoch kümmerlich dahin, denn das von den Wurzeln aufgesaugte Wasser drang nur bis in das Innere der Zweige vor, und die armen Blätter kamen zu kurz. Vielmehr stiegen von dem trockenen Boden, der nur wenig Wasser erhalten hatte, schädliche Dünste auf, durch die sich die Blätter mit Flecken, wie mit bösartigen Pusteln, bedeckten. Endlich fiel ein kräftige Regen vom Himmel. Das Wasser lief über das Blätterwerk an den Ästen über die Früchte und am Stamm entlang und löschte die Glut des Mauerwerks und des Bodens. Als das Gewitter vorüber war, sah der Besitzer de Weinstocks, daß dieser frisch und sauber war und ihm unter einem heiteren Himmel Freude bereitete." Das ist das Gleichnis.»

«Gut so. Aber wo bleibt der Vergleich mit dem Menschen? ...»

«Meister, mache du ihn.»

«Nein, du. Wir sind unter Brüdern, und du brauchst nicht fürchten dich zu blamieren.»

«Was das Blamieren angeht, so fürchte ich mich nicht davor. Im Gegenteil, ich liebe es, denn es hilft mir, demütig zu bleiben. Aber ich möchte keine falschen Dinge erzählen...»

«Ich werde dich verbessern.»

«Nun denn! Seht, ich würde sagen: "So ergeht es dem Menschen, de nicht abgesondert in den Gärten Gottes lebt, sondern inmitten des Staube und des Rauches der weltlichen Dinge. Letztere bilden fast unbemerkt einer Belag, und sein Geist wird unfruchtbar unter der allzu dicken Kruste de Menschlichkeit, so daß der Geist Gottes und die Sonne der Weisheit ihn nichts mehr nützen. Vergeblich sucht er dies zu ersetzen durch etwas Wasser das er aus einigen religiösen Übungen schöpft und mit so viel Menschlichkeit dem niederen Teil zukommen läßt, daß der höhere Teil keinen Nutze daraus zieht... Wehe dem Menschen, der sich nicht mit dem Wasser de Himmels wäscht, das von allen Unreinheiten befreit, die Leidenschaften löscht und wahrhaft dem ganzen Wesen Nahrung gibt." Ich habe geendet.

«Das hast du gut gesagt. Ich würde noch hinzufügen, daß im Unter schied zur Pflanze, die ein Geschöpf ohne freien Willen und mit der Erde verhaftet ist und daher nicht auf die Suche dessen gehen kann, was nützlich ist, und vermeiden kann, was schädlich ist, der Mensch das Wasser de Himmels aufsuchen und den Staub, den Rauch und die Leidenschaften de Fleisches, der Welt und des Teufels fliehen kann. So wäre die Unterweisung vollständiger.»

«Danke, Meister. Ich werde es mir merken», antwortet der Zelote.

«Wir sind aber keine Einsiedler... Wir leben in der Welt... und daher... sagt Judas von Kerioth.

«Was: daher? Willst du sagen, daß Simon töricht gesprochen hat? fragt Judas des Alphäus.

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«Das nicht. Ich sage nur, daß wir uns nicht absondern können und eben notgedrungen von dem umgeben sind, was von der Welt ist.»

«Der Meister und Simon sagen ausdrücklich, daß man das Wasser vom Himmel aufsuchen soll, um sich rein zu erhalten trotz der Welt, die uns umgibt», sagt Jakobus des Alphäus.

«Ja, aber ist das Wasser vom Himmel immer da, um uns zu reinigen?»

«Ja», sagt Johannes mit Bestimmtheit.

«Und wo findest du es?»

«In der Liebe.»

«Die Liebe ist Feuer. Sie läßt dich nur noch mehr brennen.»

«Sie ist Feuer, ja, aber sie ist auch zugleich Wasser, das reinigt. Denn sie entfernt alles Irdische und gibt alles Himmlische.»

«... Vorgänge, die ich nicht verstehe. Sie nimmt, sie gibt...»

«Ja. Ich rede keinen Unsinn. Ich sage, daß sie von dir nimmt, was menschlich ist, und dir gibt, was von Gott kommt und daher göttlich ist. Und alles Göttliche kann nur nähren und heiligen. Tag für Tag reinigt dich die Liebe von dem, was die Welt auf dir abgelagert hat.»

Judas will antworten, aber der Kleine auf dem Schoße Jesu sagt: «Ein anderes Gleichnis, ein schönes, schönes für mich...» und das lenkt die Gemüter von der Diskussion ab.

«Worüber, Kind?» fragt Jesus, der sogleich darauf eingeht.

Das Knäblein schaut um sich, und dann findet es etwas. Es zeigt mit dem Fingerchen auf die Mutter und sagt: «Über die Mama.»

«Die Mutter ist für Seele und Leib das, was Gott für sie ist. Was tut deine Mutter für dich? Sie wacht über dich, sie sorgt für dich, sie belehrt und liebt dich; sie paßt auf, daß du dir nicht wehtust, und nimmt dich – wie die Taube es mit ihren Kleinen macht – unter die Fittiche ihrer Liebe. Der Mutter muß man gehorchen und sie lieben, weil sie alles für unser Wohl tut. Auch der liebe Gott, und zwar in einer noch viel vollkommeneren Weise als Mütter es vermögen, hält seine Kinder unter den Fittichen seiner Liebe. Er beschützt sie, belehrt sie, hilft ihnen und denkt Tag und Nacht an sie. Auch dem lieben Gott muß man gehorchen und ihn lieben, da er viel mehr ist als die Mutter; denn, wenn sie auch die größte Liebe auf Erden ist, so bleibt doch Gott die allergrößte und ewige Liebe auf Erden und im Himmel. Man muß ihm also gehorchen und ihn lieben für all das, was er zu unserem Wohl tut...»

«Auch die Blitze?» unterbricht ihn der Kleine, der große Angst vor ihnen hat.

«Auch sie.»

«Warum?»

«Weil sie den Himmel und die Luft reinigen und ...»

«Und danach der Regenbogen kommt! ...» ruft Petrus aus, der halb draußen und halb drinnen gestanden und zugehört und geschwiegen hat,

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und fügt hinzu: «Komm, Täubchen, ich zeige ihn dir. Schau, wie schön er ist! ...»

Tatsächlich leuchtet nun der Mond, da das Unwetter vorüber ist, und ein großer Regenbogen, der am Ufer bei Hippos beginnt, spannt sein Band über den See und verliert sich jenseits der Berge hinter Magdala.

Alle drängen sich auf der Schwelle, aber um den See zu sehen, müssen sie die Schuhe ausziehen, denn der Hof ist ein kleiner Teich von gelblichem Wasser, das langsam abläuft. Vom Gewitter bleibt nur noch der fahle See zurück, dessen leichtbewegtes Wasser sich allmählich beruhigt. Doch der Himmel ist heiter, die Luft ist leicht, und auch die Blätter haben wieder Farbe bekommen.

Tiberias belebt sich wieder ... und bald sieht man auf der noch mit Wasser und Schlamm überschwemmten Straße Johanna mit Jonathan kommen. Sie erheben den Blick und grüßen den Meister, der sich auf der Terrasse befindet. Dann steigen sie rasch hinauf, um sich glückselig vor ihm niederzuwerfen... Die Apostel sprechen miteinander, und nur Judas, zwischen Jesus und Johanna auf der einen Seite und den Aposteln auf der anderen, scheint in Gedanken versunken zu sein. Ich wette, daß er sehr gespannt ist zu hören, was Johanna erzählt, deren Gedanken über Juda sich nicht erraten lassen, da sie alle Apostel zusammen mit einem einzigen: «Der Friede sei mit euch» begrüßt hat.

Aber Johanna spricht nur von den Kindern und von der Erlaubnis, die Chuza ihr gegeben hat, mit dem Boot nach Kapharnaum zu fahren, wem der Meister dort ist. Der Verdacht des Judas legt sich, und so begibt er sich zu den anderen Kameraden ...

Den unteren Teil der Gewänder mit Schlamm bedeckt, aber am Rest de Körpers trocken, nähern sich nun die heiligste Mutter und Maria des Alphäus zusammen mit den fünf, die ihnen entgegengegangen sind. Das Lächeln Marias beim Ersteigen der kurzen Treppe ist noch lieblicher als de Regenbogen, der weiterhin am Himmel steht.

«Deine Mutter, Meister!» verkündet Thomas.

Jesus geht ihr entgegen, und alle anderen folgen ihm. Sie sind glücklich, daß die Frauen ohne weitere Unannehmlichkeiten als ein wem Schlamm am Saum ihrer Kleider davongekommen sind.

«Wir haben bei einem Gärtner haltgemacht, als die ersten Tropfen fielen», erklärt Matthäus und fragt: «Wartet ihr schon lange auf uns?»

«Nein. Wir sind im Morgengrauen angekommen.»

«Wir haben uns wegen eines Unglücklichen verspätet...» sagt Andrea

«Gut. Jetzt, da ihr alle hier seid und das Wetter gut wird, möchte ich vorschlagen, daß wir heute abend nach Kapharnaum abreisen», sagt Petrus.

Maria, die sonst immer einwilligt, sagt diesmal: «Nein, Simon. W können nicht abreisen, bevor... Mein Sohn, eine Mutter hat mir ihre

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einzigen Sohn empfohlen. Sie bittet darum, daß du – der einzige, der es vermag – ihren Sohn bekehrst. Ich bitte dich, höre auf mich, denn ich habe es ihr versprochen... Verzeihe ihm... Deine Verzeihung ...»

«Er hat schon verziehen, Maria. Ich habe bereits mit dem Meister gesprochen...» unterbricht Iskariot, in der Meinung, Maria spreche von ihm.

«Ich spreche nicht von dir, Judas des Simon. Ich spreche von Esther des Levi, einer Nazarenerin, einer Mutter, die wegen der Lebensweise ihres Sohnes vor Gram gestorben ist. Jesus, sie ist in der Nacht gestorben, in der du abgereist bist. Sie hat dich angerufen, aber nicht für sich selbst, die arme Märtyrerin und Mutter eines niederträchtigen Sohnes, sondern für ihren Sohn... denn wir Mütter sind ja nicht um uns selbst besorgt, sondern um euch, die Söhne... Sie möchte, daß ihr Samuel gerettet werde... Aber jetzt, da sie tot ist, scheint Samuel die Beute von Gewissensbissen geworden zu sein. Er ist wie wahnsinnig und hört auf kein vernünftiges Wort... Aber du, mein Sohn, kannst ihm Verstand und Seele heilen...»

«Hat er bereut?»

«Wie sollte er bereut haben, da er verzweifelt ist?»

«Wenn einer seine Mutter umbringt, indem er ihr andauernd Kummer macht, dann hat er allen Grund zur Verzweiflung. Man übertritt nicht ungestraft das erste der Gebote Gottes, das Gebot der Liebe zum Nächsten. Mutter, wie willst du, daß ich verzeihe und Gott dem Muttermörder Frieden schenke, wenn er nicht bereut?»

«Mein Sohn, diese Mutter bittet aus dem jenseitigen Leben um Frieden... Sie war gut... und hat so viel gelitten.»

«Sie wird Frieden haben...»

«Nein, Jesus. Der Geist einer Mutter kann keinen Frieden finden, wenn sie ihr Kind fern von Gott weiß...»

«Es ist gerecht, daß er seiner beraubt ist.»

«Ja, Sohn. Ja. Aber um der armen Esther willen... Ihre letzten Worte waren ein Gebet für ihren Sohn... und sie hat mich gebeten, es dir zu sagen. Jesus, Esther hat in ihrem Leben nie eine Freude gehabt. Du weißt es. Schenke ihr nun diese Freude, jetzt, da sie gestorben ist; verleihe sie ihrem Geist, der um ihres Sohnes willen leidet.»

«Mutter, ich habe versucht, Samuel während meiner Aufenthalte in Nazareth zu bekehren, aber ich habe vergeblich zu ihm gesprochen, weil die Liebe in ihm erloschen ist...»

«Ich weiß es. Aber Esther hat ihre Verzeihung und ihre Leiden aufgeopfert, auf daß die Liebe in Samuel wiedergeboren werde. Und wer weiß? Könnte nicht seine gegenwärtige Qual wiedererwachende Liebe sein? Eine schmerzliche Liebe, und manch einer würde vielleicht sagen: eine unnütze Liebe, da die Mutter sich ihrer nicht mehr erfreuen kann. Aber du und ich, wir wissen – ich, durch meinen Glauben, du, durch deine

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Erkenntnis – daß die Liebe der Heimgegangenen wach und nahe ist. Sie sind nicht uninteressiert an dein und in Unkenntnis dessen, was ihren lieben Hinterbliebenen widerfährt ... und Esther kann sich noch dieser verspäteten Liebe ihres undankbaren Sohnes erfreuen, der jetzt gequält wird von Gewissensbissen. O mein Jesus, ich weiß es, dieser Mensch erregt Abscheu in dir wegen seiner maßlosen Schuld. Ein Sohn, der seine Mutter haßt: Ein Ungeheuer für dich, der du eine so große Liebe zu deiner Mutter hast. Doch, da du eine so große Liebe zu mir hegst, höre auf mich! Kehren wir doch zusammen sogleich nach Nazareth zurück. Der Weg wird mir nicht beschwerlich sein. Nichts ist beschwerlich für mich, wenn es dazu dient, eine Seele zu retten ...»

«Nun gut. Du hast gesiegt, Mutter ... Judas des Simon, nimm Joseph mit dir und mach dich auf nach Nazareth. Du wirst Samuel zu mir nach Kapharnaum bringen.»

«Ich? Warum ich?»

«Weil du nicht müde bist wie alle anderen. Sie sind viel gewandert, während du dich ausgeruht hast...»

«Auch ich bin gewandert. Ich bin in Nazareth gewesen, um dich zu suchen. Deine Mutter kann es dir sagen.»

«Deine Kameraden sind jeden Sabbat in Nazareth gewesen, und jetzt haben sie wieder einen weiten Weg zurückgelegt. Geh nun, ohne zu widersprechen ...»

«Es ist nur, weil... man mich in Nazareth nicht mag... Warum schickst du gerade mich?»

«Auch mich liebt man in Nazareth nicht und doch gehe ich hin. Es ist nicht notwendig, daß man dort, wo man hingeht, geliebt wird. Geh und widersprich mir nicht, ich wiederhole es dir.»

«Meister... Ich habe Angst vor Wahnsinnigen ...»

«Der Mann ist erschüttert von Gewissensbissen, nicht wahnsinnig.»

«Deine Mutter hat es gesagt.»

«Zum dritten Mal sage ich: Geh, ohne zu widersprechen. Es kann dir nur guttun, darüber nachzudenken, wozu es führen kann, wenn man einer Mutter Leiden verursacht...»

«Vergleichst du mich mit Samuel? Meine Mutter ist Königin in ihrem Haus. Ich bin nicht einmal bei ihr, um sie zu kontrollieren und ihr mit meinem Lebensunterhalt zur Last zu fallen...»

«Diese Dinge sind keine Last für die Mütter. Was ihnen das Herz zermalmt, ist die Lieblosigkeit der Söhne, ihre Unvollkommenheiten in den Augen Gottes und der Menschen. Geh nun, ich sage es dir.»

«Ich gehe. Und was soll ich dem Mann sagen?»

«Daß er zu mir nach Kapharnaum kommen soll.»

«Wenn er nicht einmal seiner Mutter gehorcht hat, glaubst du, daß er dann mir gehorchen wird, zumal jetzt, da er so verzweifelt ist?»

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«Hast du denn noch nicht verstanden, daß, wenn ich dich schicke, dies ein Zeichen dafür ist, daß ich schon auf den Geist des Samuel eingewirkt und ihn von dem Alptraum seiner verzweifelten Gewissensbisse befreit habe?»

«Ich gehe. Lebe wohl, Meister. Lebe wohl, Mutter. Lebt wohl, Freunde.» Durchaus nicht begeistert, entfernt er sich, gefolgt von Joseph, der hingegen sehr glücklich ist, für diese Mission auserwählt worden zu sein.

Petrus trällert etwas vor sich hin...

Jesus fragt ihn: «Was sagst du, Simon des Jonas?»

«Ich singe ein altes Seemannslied.»

«Und wie lautet der Text?»

«Der Text lautet: "So ist es immer. Das Fischen gefällt dem Ackersmann; dem Fischer gefällt das Fischen nicht!" Wahrlich, hier zeigt sich, daß der Jünger mehr Lust hat zu fischen als der Apostel ...»

Mehrere lachen. Jesus nicht. Er seufzt.

«Habe ich dich betrübt, Meister?» fragt Petrus.

«Nein. Aber du sollst nicht immer kritisieren.»

«Es ist wegen Judas, daß mein Bruder so betrübt ist», sagt Judas des Alphäus.

«Auch du sollst schweigen, und besonders im Grunde deines Herzens.»

«Aber hast du wirklich schon ein Wunder an Samuel gewirkt?» fragt Thomas neugierig und etwas ungläubig.

«Ja.»

«Dann ist es unnötig, ihn nach Kapharnaum kommen zu lassen.»

«Es ist nötig. Ich habe sein Herz noch nicht gänzlich geheilt. Es muß von sich aus nach Heilung streben, also mit heiliger Reuegesinnung Verzeihung verlangen. Aber ich habe bewirkt, daß er wieder fähig ist, seinen Verstand zu gebrauchen. Jetzt liegt es an ihm, den Rest mit seinem freien Willen zu erlangen. Gehen wir hinunter und zu den Armen...»

«Gehen wir nicht zu mir, Meister?»

«Nein, Johanna. Du kannst jederzeit zu mir kommen, jene aber sind an ihre Arbeit gebunden, und so gehe ich zu ihnen ...»

Jesus steigt von der Terrasse herab und begibt sich hinaus auf die Straße, gefolgt von den anderen, auch von Johanna, die Jonathan nach Hause geschickt hat und fest entschlossen ist, sich nicht von Jesus zu trennen, da er nicht zu ihr kommen will.

Vorbei an ärmlichen Häusern, gelangen sie in immer elendere Viertel... und so endet die Vision.

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495. JESUS KOMMT NACH KAPHARNAUM

Ich weiß nicht, ob sie von sich aus gekommen ist oder ob sie jemand benachrichtigt hat, doch Porphyria ist schon am Ufer von Kapharnaum, als die Boote dort anlegen. Es sind deren drei anstatt zwei, was mich vermuten läßt, daß jemand schon in Kapharnaum gewesen ist, um die Ankunft des Meisters anzukündigen und ein Boot für die Frauen und Margziam zu holen. Mit Porphyria sind außer der Mutter des Jakobus und des Johannes auch die Töchter des Philippus und Miriam des Jairus da.

Aber mir fällt besonders Porphyria auf, die trotz der kleinen Wellen des immer noch etwas bewegten Sees, die in ihrem lächelnden kecken Lauf auf den Kies plätschern, bis zu den Waden im Wasser steht, sich zu dem Boot hinüberneigt, in dem Margziam ist, und ihn mit den Worten küßt: «Ich werde dich auch für ihn lieben. Für alle werde ich dich lieben, mein teurer Sohn!» Sie ist ganz gerührt, und kaum haben die Boote angehalten und sind die Insassen ausgestiegen, zieht sie Margziam an sich und übernimmt ganz allein die Aufgabe, den Jüngling fühlen zu lassen, daß man ihn sehr liebt.

So begibt sie sich zur Gruppe der anderen Boote, um dem Meister Ehre zu erweisen, bevor die Leute von Kapharnaum und die zahlreichen Jünger, die schon lange auf die Ankunft Jesu warten, sich seiner bemächtigen und den Jüngerinnen die Freude nehmen, ihn für sich zu haben.

Die Frauen sind dicht um den Meister gedrängt, und nur den Kindern von Kapharnaum gelingt es, diesen Kreis von Jüngerinnen zu durchdringen, indem sie ihre kleinen Gestalten mit Gewalt zwischen die Frauen schieben, um zu Jesus zu gelangen, der langsam auf das Haus zuschreitet.

Zu dieser frühen Morgenstunde sieht man nur wenig Volk auf den Straßen, meist Frauen, die zur Quelle oder zum Markt gehen, umgeben von der Schar ihrer Kleinen, oder Fischer, die Ruder und Netze in die Boote tragen, um für den abendlichen Fischfang vorbereitet zu sein. Von den Notabeln ist niemand außer Jairus da, der ehrerbietig herbeieilt, um Jesus zu huldigen, und sich glücklich preist, da er hört, daß Jesus beabsichtigt, einige Wochen zu bleiben, um nachts in die Städte am See zu gehen, am Morgen dort zu predigen und sich dann tagsüber in Kapharnaum auszuruhen. Wegen der Achtung, die er seinen Mitbürgern einflößt, gelingt es Jairus, sich als erster an die Seite Jesu zu stellen. Es gelingt ihm auch dadurch, daß er seine Tochter mit väterlicher Autorität beiseiteschiebt. Nach ihm gelingt es den einflußreichsten Jüngern, sich Jesus zu nähern; jenen Jüngern, denen die anderen aus instinktiver Gerechtigkeit gleich nach den Aposteln den Vortritt lassen: dem alten Priester Johannes (dem früheren Aussätzigen), Stephanus, Hermas, Johannes, dem Sohn der Noemi, Nikolaus und den früheren Hirten und jetzigen Jüngern Jesu, die, abgesehen von den beiden zum Libanon gegangenen, alle zugegen sind.

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Jesus interessiert sich auch für die anderen, die abwesend sind, und erkundigt sich bei ihren Kameraden nach ihnen. «Sind sie noch eifrig?» «Oh! Sehr.» «Ruhen sie sich in ihren Häusern aus?» «Nein, sie bemühen sich in ihren Städten und in den benachbarten Dörfern, neue Jünger zu werben.» «Und Ermastheus?» «Er ist am Meer entlang gegangen und ist auf dem Weg zu seiner Stadt. Mit Joseph von Emmaus zusammen will er den Erlöser an allen Küsten predigen. Ihnen haben sich die beiden Freunde Samuel und Abel angeschlossen, um zu zeigen, was der Meister vermag, da der eine von ihnen ein Krüppel und der andere aussätzig war.»

Lauter Fragen und Antworten. Die Wegstrecke reicht nicht aus, um alles anzuhören, und das Haus des Thomas von Kapharnaum ist zu klein, um alles Volk aufzunehmen, das sich nun um den Meister drängt, der nach so langer Zeit zurückgekehrt ist.

Jesus entschließt sich, aufs Feld hinauszugehen, um mitten unter ihnen zu sein, ohne jemanden bevorzugen zu müssen.

496. VERKÜNDIGUNG DES EVANGELIUMS IN DER GEGEND AM SEE; IN KAPHARNAUM

Es ist ein Sabbat. Ich vermute es jedenfalls, da ich das Volk in der Synagoge versammelt sehe. Es könnte aber auch sein, daß es sich hierher zurückgezogen hat, um der Sonne zu entfliehen oder im Haus des Jairus sicherer zu sein. Das Volk drängt sich und ist aufmerksam trotz der Hitze, die nicht einmal durch die Zugluft gemildert wird, welche das Öffnen von Fenstern und Türen erzeugt.

Wer keinen Platz mehr in der Synagoge gefunden hat, ist, um nicht auf dem Weg von der Sonne verbrannt zu werden, in den schattigen Garten hinter der Synagoge geflohen, den Garten des Jairus mit seinen Weinlauben und dichtbelaubten Obstbäumen. Jesus spricht von der Pforte aus, die zum Garten führt, um sowohl von denen in der Synagoge als auch von denen im Garten gehört zu werden.

Jairus steht an seiner Seite und hört aufmerksam zu. Die Apostel sind in einer Gruppe in der Nähe der Türe zum Garten. Die Jüngerinnen, mit Maria in ihrer Mitte, sitzen in einer Laube, die fast das Haus berührt. Miriam des Jairus und die beiden Töchter des Philippus sitzen zu Füßen Marias.

Aus den Worten, die ich höre, entnehme ich, daß es wieder zu einem Zusammenstoß zwischen den üblichen Pharisäern und Jesus gekommen ist, und daß das Volk darüber beunruhigt ist, denn Jesus fordert zum Frieden und zum Verzeihen auf, indem er sagt, daß das Wort Gottes in verwirrten Herzen keine Frucht bringen kann.

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«Wir können es nicht ertragen, daß du beleidigt wirst», schreit einer aus der Menge.

«Laßt meinen und euren Vater walten, und ihr, ahmt mich nach. Ertragt! Verzeiht! Wenn man auf Beleidigungen mit Beleidigungen antwortet, überzeugt man die Feinde nicht.»

«Aber auch nicht mit beständiger Milde. Du läßt dich ja mit Füßen treten», brüllt Iskariot.

«Du, mein Apostel, gib kein schlechtes Beispiel durch Zorn und Kritik.»

«Er hat aber recht, dein Apostel. Seine Worte sind gerecht.»

«Das Herz dessen, der sie spricht, und das Herz dessen, der sie anhört, sind nicht gerecht. Wer mein Jünger sein will, muß mich nachahmen. Ich ertrage und verzeihe. Ich bin mild, demütig und friedfertig. Söhne des Zornes können nicht bei mir bleiben, denn sie sind Kinder der Welt und ihrer Leidenschaften.

Kennt ihr nicht das vierte Buch der Könige? Dort heißt es an einer Stelle, daß Isaias gegen Sennacherib sprach, der glaubte, alles wagen zu können, und ihm prophezeite, daß ihn nichts von der Strafe Gottes würde retten können. Er vergleicht ihn mit einem Tier, dem man einen Ring durch die Nase zieht und einen Zaum an die Lippen legt, um seine böse Wut zu zügeln. Ihr wißt, wie Sennacherib durch die Hand seiner eigenen Söhne umkam. Denn in der Tat richtet sich der Grausame durch seine eigene Grausamkeit zugrunde. Er geht körperlich und geistig zugrunde.

Ich liebe die Grausamen nicht, ich liebe die Jähzornigen nicht, und auch nicht die Habsüchtigen und Wollüstigen. Ich veranlasse euch weder durch mein Wort noch durch mein Beispiel so zu werden; vielmehr habe ich euch stets die Tugenden gelehrt, die diesen bösen Leidenschaften entgegengesetzt sind.

Wie schön ist doch das Gebet Davids, unseres Königs, in dem er, wiederum geheiligt durch aufrichtige Reue über die vergangenen Sünden und durch Jahre weiser Lebensart, den Herrn preist, milde und ergeben in den Beschluß, nicht der Erbauer des neuen Tempels sein zu dürfen. Beten wir es alle zusammen und preisen wir den allerhöchsten Herrin...»

Jesus stimmt das Gebet Davids an, während sich die Sitzenden erheben und die, die an die Wand gelehnt sind, eine ehrfurchtsvolle Stellung einnehmen.

Dann fährt Jesus wieder im üblichen Ton fort: «Man darf nie vergessen, daß alles in den Händen Gottes liegt, jedes Unterfangen, jedes Gelingen. Pracht, Macht, Ehre und Sieg sind des Herrn. Er gewährt dem Menschen dieses oder jenes, wenn er entschieden hat, daß die Stunde gekommen ist, es als ein sicheres Gut zu gewähren. Der Mensch jedoch kann es nicht beanspruchen. David, dem zwar verziehen wurde, der aber nach den begangenen Fehlern noch des Sieges über sich selbst bedurfte, gewährte

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Gott nicht, den Tempel zu errichten: "Du hast Blut in Menge vergossen und gewaltige Kriege geführt. Du darfst meinem Namen kein Haus bauen, denn du hast zu viel Blut zur Erde vergossen vor meinem Antlitz. Siehe, ein Sohn wird dir geboren. Dieser wird ein Mann des Friedens sein... und deshalb der Friedfertige genannt werden... Er wird meinem Namen ein Haus bauen." So sprach der Allerhöchste zu seinem Knecht David.

Ebenso sage ich zu euch. Wollt ihr, eures Jähzornes wegen, es nicht verdienen, einen Tempel des Herrn eures Gottes in euren Herzen zu errichten? Fern sei euch also jegliches Gefühl, das nicht der Liebe entspringt. Habt ein vollkommenes Herz, so wie David es für seinen Sohn, den Erbauer des Tempels, erbat, damit ihr in Beachtung meiner Gebote und in Befolgung all meiner Lehren dazu gelangt, in euch das Haus eures Gottes zu bauen in der Erwartung, einst in sein ewiges, freudvolles Reich eingehen zu dürfen.

Reiche mir eine Buchrolle, Jairus. Ich werde ihnen erklären, was Gott will.»

Jairus geht dorthin, wo die Buchrollen aufgeschichtet sind, nimmt die erste, die ihm zufällig in die Hand kommt, wischt den Staub ab und reicht sie Jesus. Er rollt sie auf und liest: «Jeremias, fünftes Kapitel: "Durchstreift Jerusalems Gassen, seht euch um und überzeugt euch, sucht auf seinen Plätzen, ob ihr einen findet, ob einer da ist, der recht tut, der Treue sucht, dann will ich ihr vergeben! "» (Der Herr sagt mir: «Fahre nicht fort mit den Aufzeichnungen, denn ich werde das ganze Kapitel lesen.»)

Nachdem Jesus alles gelesen hat, gibt er Jairus die Buchrolle zurück und spricht: «Meine Söhne, ihr habt gehört, welch furchtbare Strafen Jerusalem erwarten, Israel, das keine Gerechtigkeit kennt. Aber freut euch dessen nicht, es ist unser Vaterland. Freut euch nicht im Gedanken: "Wir werden zu jener Zeit vielleicht nicht mehr leben", denn es wird immer von euren Brüdern bevölkert sein. Sagt nicht: "Es geschieht ihm recht, denn es ist grausam gegen den Herrn." Das Unglück des Vaterlandes und das Leid der Mitbürger müssen die, die gerecht sind, immer betrüben. Meßt nicht mit dem Maß anderer, meßt mit dem Maß Gottes, also mit Barmherzigkeit.

Wie müßt ihr euch also diesem Vaterland und euren Mitbürgern gegenüber verhalten, sei es, daß ihr damit das große Vaterland und seine Bewohner, ganz Palästina, oder die engere Heimat, Kapharnaum, eure Stadt, meint; sei es, daß ihr damit alle Hebräer meint, die mir feindlich gesinnt sind, oder nur die wenigen, die in dieser kleinen Stadt Galiläas leben? Ihr müßt Werke der Liebe vollbringen. Ihr müßt euch bemühen, das Vaterland und die Mitbürger zu retten. Wie? Etwa durch Gewalt? Durch Verachtung? Nein. Durch Liebe, durch geduldige Liebe, um sie zu Gott zu bekehren.

ihr habt es gehört: "Wenn ich einen Menschen finde, der Gerechtigkeit

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übt, werde ich ihm barmherzig sein." Arbeitet daher, auf daß die Herzen zur Gerechtigkeit kommen und gerecht werden. Wahrlich, in ihrer Ungerechtigkeit sagen sie von mir: "Er ist es nicht", und daher glauben sie, daß ihnen nichts Böses zustoßen wird, wenn sie mich verfolgen. Wahrlich, sie sagen: "Diese Dinge werden niemals eintreffen. Die Worte der Propheten stimmen nur zufällig überein."

Sie bemühen sich, auch euch zu verführen, es ihnen nachzusprechen. Ihr, die ihr hier anwesend seid, seid gläubig. Aber wo ist Kapharnaum? Ist das ganz Kapharnaum? Wo sind jene, die sich die anderen Male um mich geschart haben? Hat also der Sauerteig, den ich das letzte Mal in ihre Herzen senkte, ihnen Verderben gebracht? Wo ist Alphäus? Wo Josua mit seinen drei Söhnen? Wo Aggäus des Malachias? Wo sind Joseph und Noemi? Wo Levi, Abel, Saulus und Zacharias? Haben sie die vor aller Augen empfangenen Wohltaten vergessen, weil sie mit lügenhaften Worten überhäuft worden sind? Aber können vielleicht Worte die Taten ungeschehen machen?

Ihr seht es. Dies hier ist nur eine kleine Ortschaft. In der Ortschaft, in der die mit Wohltaten Beschenkten am zahlreichsten sind, hat der Geifer den Glauben an mich vernichten können. Nur jene, die vollkommen im Glauben sind, sehe ich hier versammelt. Könnt ihr also annehmen, daß die in der Ferne geschehenen Werke, die in der Ferne gesprochenen Worte ganz Israel in der Treue zu Gott bewahren können? So sollte es sein, denn der Glaube muß auch ohne die Stütze der sichtbaren Wunder standhalten. Aber leider ist es nicht so. Je größer die Wissenschaft, desto geringer ist der Glaube; denn die Gelehrten fühlen sich nicht verpflichtet zum einfachen, schlichten Glauben, welcher der Kraft der Liebe entspringt und nicht auf der Wissenschaft gründet.

Die Liebe muß man auf andere übertragen und sie in ihnen entzünden; aber um dies tun zu können, muß man selbst entflammt sein. Man muß überzeugt sein, mutig und überzeugt, um überzeugen zu können. Nicht Unhöflichkeit, sondern Demut und Liebe sind als Antwort auf Beleidigungen am Platze. Mit ihnen heißt es vorangehen und die, die sie nicht mehr kennen an die Worte des Herrn erinnern: "Fürchten wir doch den Herrn unseren Gott, der uns den Frühregen und den Spätregen zur rechten Zeit spendet!"

«Sie würden uns nicht verstehen! Ja, sie würden uns sogar beleidigen und sagen, daß wir Gotteslästerer sind, da wir lehren, ohne das Recht dazu zu haben. Du weißt genau, wie Schriftgelehrte und Pharisäer sind! ...»

«Ja, ich weiß es, und selbst, wenn ich es nicht gewußt hätte, würde ich es jetzt wissen. Aber es kommt nicht darauf an, wie sie sind, sondern, es kommt darauf an, wie wir sind. Wenn sie und die Priester falschen Propheten Beifall zollen, die das prophezeien, was ihnen nützlich ist, und

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vergessen, daß man nur den guten Werken, die der Dekalog vorschreibt, Beifall zollen darf, dann dürfen meine Getreuen sie weder nachahmen noch sich entmutigen lassen und sich als Besiegte betrachten. Ihr müßt ebenso eifrig arbeiten, wie das Böse es tut...»

«Wir sind nicht das Böse», schreit von der Türe, die zur Straße führt, die kreischende Stimme Elis, des Pharisäers, der hineinzukommen versucht, wobei er weiterhin schreit: «Wie sind nicht das Böse, du Aufwiegler.»

«Mann, du stiftest Unruhe. Geh hinaus!» sagt prompt der Centurio, der offenbar bei der Synagoge Wache gehalten hat, so unmittelbar ist sein Eingreifen.

«Du, ein Heide, wagst es, mir zu gebieten...»

«Ich, ein Römer, ja. Hinaus! Der Rabbi stört dich nicht; aber du störst ihn. Das ist dir nicht erlaubt.»

«Rabbis sind wir, nicht der galiläische Schreiner», kreischt der Alte, der in diesem Augenblick mehr einer Marktfrau ähnelt als einem Lehrmeister.

«Einer mehr oder weniger... Ihr habt Hunderte, und alle mit schlechten Grundsätzen. Der einzige, der wirklich tugendhaft ist, steht dort. Ich befehle dir hinauszugehen.»

«Tugendhaft, was? Tugendhaft soll der sein, der mit Rom über seine Unverletzlichkeit verhandelt! Gotteslästerer! Unreiner!»

Der Centurio stößt einen Ruf aus, und das Geräusch der schweren Schritte einiger Bewaffneten mischt sich unter das beleidigende Gekreisch des Eli.

«Nehmt diesen Menschen und werft ihn hinaus!» befiehlt der Centurio.

«Mich? Hände von Heiden berühren mich? Füße von Heiden in unserer Synagoge! Anathema! Hilfe! Sie entweihen mich! Sie ...»

«Ich bitte euch, Soldaten, laßt ihn gehen! Kommt nicht herein. Achtet diesen Ort und seine weißen Haare», sagt Jesus.

«Wie du willst, o Rabbi.»

«Ha, du Intrigant! Aber der Hohe Rat wird es erfahren. Nun habe ich den Beweis! Nun glaube ich den Worten, die man uns gesagt hat. Ich habe den Beweis. Der Fluch ist über dir!»

«Und das Schwert über dir, wenn du noch ein Wort sagst. Rom verteidigt das Recht. Keine Intrigen, mit niemandem, du alte Hyäne. Der Hohe Rat wird deine Lügen erfahren, und der Prokonsul wird meinen Rapport erhalten, den ich sogleich niederschreibe. Geh nach Hause und halte dich zur Verfügung der römischen Obrigkeit», und der Centurio macht ein perfektes "Kehrt um", geht mit seinen vier Soldaten davon und läßt den verblüfften, zitternden, elendiglich zitternden Eli stehen...

Jesus beginnt wieder zu sprechen, als wäre er nicht unterbrochen worden:

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«Ihr müßt euch bemühen zu arbeiten, wie das Böse arbeitet, um in euch und um euch das Haus Gottes aufzubauen, wie ich anfangs sagte. Das geschehe mit großer Heiligkeit, auf daß Gott in die Herzen und in unser teures Vaterland herabsteigen möge, das schon so sehr gezüchtigt worden ist und das nicht merkt, welch unheilvolle Wolken sich im Norden zusammenballen, in der starken Nation, die uns bereits beherrscht und immer mehr beherrschen wird, weil die Taten der Bürger den Allgütigen anwidern und den Starken reizen. Wollt ihr etwa mit dem Zorne Gottes und der Herrschenden Frieden und Wohlergehen erlangen? Seid gut, seid brav, ihr Söhne Gottes. Sorgt dafür, daß nicht nur einzelne, sondern Hunderte und Aberhunderte von Menschen in Israel gut werden, um dem schrecklichen Strafgericht Gottes zu entgehen. Ich habe euch schon anfangs gesagt, daß, wo kein Friede ist, auch das Wort Gottes nicht sein kann, das in Frieden angehört werden muß, wenn es in den Herzen Frucht bringen soll. Ihr seht, daß auch diese Versammlung weder ruhig war noch fruchtbringend. Allzuviel Unruhe herrscht in den Herzen... Geht nun. Wir werden noch Zeit haben, um beisammen zu sein. Betet, wie auch ich bete, auf daß die Ruhestörer zur Besinnung kommen mögen... Gehen wir, Mutter», und indem er sich einen Weg durch die Menge bahnt, geht er auf die Straße hinaus.

Eli ist noch dort, zu Tode erschrocken. Er wirft sich Jesus zu Füßen und ruft: «Erbarmen! Du hast mir einmal den Enkel gerettet. Rette nun mich damit ich Zeit habe, zur Einsicht zu kommen. Ich habe gesündigt! Ich bekenne es. Aber du bist gut. Rom ... Oh! Was wird Rom mir antun?»

«Es wird dich mit kräftigen Geißelhieben vom Staub des Sommers befreien», schreit einer, und das Volk lacht, während Eli ein Geheul an stimmt, als fühle er schon die Geißelhiebe und seufzt: «Ich bin alt.. krank vor Schmerzen... O weh!»

«Die Kur wird sie schon vergehen lassen, alter Schakal!»

«Du wirst wieder ganz jung werden und tanzen können...»

«Schweigt!» befiehlt Jesus den Spöttern, und zu dem Pharisäer gewandt sagt er: «Erhebe dich. Bewahre deine Würde. Du weißt, daß ich nicht gemeinsame Sache mit Rom mache. Was soll ich also für dich tun?

«Es ist wahr. Ja, es ist wahr. Du zettelst keine Verschwörungen an, viel mehr verachtest du die Römer, du haßt sie, du ver ...»

«Nichts von all dem. Lüge nicht mit deinem Lob wie vorher mit deine Anklage, und wisse, daß du mir keine Ehre erweisest mit der Behauptung daß ich diesen oder jenen hasse, diesen oder jenen verfluche. Ich bin de Erlöser aller Seelen, und in meinen Augen besteht kein Unterschied zwischen den Rassen, den Gesichtern, ich sehe nur die Seelen.»

«Es ist wahr! Es ist wahr! Aber du bist gerecht, und Rom weiß es und deshalb verteidigt es dich. Du beruhigst die Menschen und lehrst Achtung vor den Gesetzen und...»

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«ist das in deinen Augen vielleicht Sünde?»

«O nein, es ist Gerechtigkeit! Du weißt zu tun, was wir alle tun müßten, denn du bist gerecht, du...»

Die Menge grinst und murmelt. Nicht wenige Beinamen hört man, wie «Lügner! Feigling! Noch heute früh hat er anders geredet!» usw. Man hört sie, obwohl sie nur geflüstert werden.

«Nun, was soll ich tun?»

«Geh, geh schnell zum Centurio, bevor der Bote davoneilt. Siehst du? Sie satteln schon die Pferde! Oh, Erbarmen!»

Jesus schaut ihn an, den kleinen, zitternden, totenbleichen, armseligen Menschen... und betrachtet ihn voller Mitleid. Nur vier Augen blicken mitleidig auf ihn: die des Sohnes und die der Mutter. Alle anderen schauen entweder ironisch, streng oder aufgebracht... Selbst der Blick des Johannes und des Andreas ist hart und drückt Entrüstung und Strenge aus.

«Ja, ich habe Erbarmen. Aber zum Centurio gehe ich nicht...»

«Du bist doch mit ihm befreundet ...»

«Nein.»

«Er ist dir gut gesinnt, wollte ich sagen, wegen seines von dir geheilten Knechtes.»

«Auch dir habe ich den Enkel geheilt, und du bist mir nicht dankbar, obwohl du ein Israelit bist wie ich. Die erwiesene Wohltat schafft keine Verpflichtung.»

«Doch, das schafft sie. Wehe dem Undankbaren ...» Eli merkt, daß er sich selbst anklagt, und beginnt zu stottern... Die Menge spöttelt.

«Schnell, Rabbi! Großer Rabbi! Heiliger Rabbi! Er gibt schon seine Befehle, siehst du? Sie sind dabei, loszureiten! Willst du, daß ich verspottet werde? Willst du, daß sie mich umbringen?»

«Nein, ich gehe nicht, ihn an eine Wohltat zu erinnern. Geh du, und sage ihm: "Der Meister läßt dir sagen, du mögest Erbarmen walten lassen." Geh!»

Eli trottet davon, und Jesus geht in entgegengesetzter Richtung nach Hause.

Der Centurio muß wohl nachgegeben haben, denn man sieht, wie die Soldaten, die schon im Sattel waren, wieder von den Pferden steigen. Sie geben dem Centurio ein Wachstäfelchen zurück und führen die Pferde wieder in den Stall.

«Schade! Es wäre ihm recht geschehen!» ruft Petrus aus, und Matthäus antwortet darauf: «Ja, der Meister hätte ihn ruhig bestrafen lassen sollen! So viele Schläge, als er Verwünschungen gegen uns ausgestoßen hat. Der gehässige Alte!»

«So fängt er bald wieder von neuem an!» ruft Thomas aus.

Jesus wendet sich um und sagt ernst: «Habe ich hier meine Nachfolger

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oder habe ich Teufel um mich? Geht, ihr Unbarmherzigen. Eure Gegenwart schmerzt mich.»

Die drei stehen wie versteinert da wegen des Vorwurfs.

«Mein Sohn! Du hast schon so viel zu leiden, und ich habe schon so viel Kummer. Füge nicht auch noch diesen hinzu... Schau sie an!»... fleht Maria.

Jesus dreht sich um und schaut die drei an... Drei betrübte Gesichter mit Augen voller Hoffnung und Schmerz.

«Kommt!» gebietet Jesus.

Oh! Die Schwalben sind nicht so flink wie die drei.

«Dies sei das letzte Mal, daß ich von euch solche Worte hören muß. Du, Matthäus, hast kein Recht dazu. Du, Thomas, bist noch nicht gestorben, daß du die Unvollkommenen richten dürftest, während du dich gerettet glaubst. Du, Simon des Jonas, hast dich wie ein Steinblock benommen, der mit Mühe auf die Höhe geschleppt worden und wieder ins Tal zurückgerollt ist. Hört zu, was ich euch sage: Hier in der Synagoge und in der Stadt ist es nutzlos zu reden. Ich werde von nun an da und dort am See vom Boot aus sprechen. Bereitet die Boote vor, so viele wie nötig, und dann werden wir an stillen, heiteren Abenden oder auch im frischen Morgengrauen hinausfahren ...»

497. IN MAGDALA

«Wohin fahren wir, Meister?» fragt Petrus, der alles Nötige getan und die Vorbereitungen zur Abfahrt getroffen hat und mit seinem Boot die kleine Flottille von Booten anführt, die mit ihrer Ladung Menschen nun darauf warten, dem Herrn zu folgen.

«Nach Magdala. Ich habe es Maria des Lazarus versprochen.»

«Gut», antwortet Petrus und steuert dem Ufer entlang auf die Stadt zu

Johanna befindet sich im Boot des Meisters, zusammen mit der aller heiligsten Mutter, mit Maria des Kleophas, Margziam, Matthäus, Jakobus des Alphäus und einem mir Unbekannten. Sie zeigt auf die zahlreichen Boote, die auf dem See sind an diesem ruhigen Sommerabend, de das Feuer des Sonnenunterganges durch eine Kaskade von violette Schleiern dämpft, als ob vom Himmel ein Schauer von Amethysten oder blühenden Glyzinien herabstürzte, und sagt: «Vielleicht befinden sich unter diesen Booten auch die der Römerinnen. Einer ihrer beliebteste Zeitvertreibe besteht darin, an solchen milden Abenden so zu tun, als o sie fischen.»

«Sie werden eher mehr im Süden sein», bemerkt der Mann, den ich nicht kenne.

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«O nein, Benjamin. Sie haben schnelle Boote und erfahrene Bootsmänner. Sie kommen bis hier herauf.»

«Bei dem, was sie zu tun haben ...» knurrt Petrus und murmelt das Weitere in seinen Bart mit der Unversöhnlichkeit des Fischers, der die Seefahrt und das Fischen als Beruf und nicht als Vergnügen betrachtet, fast als eine Religion, die gänzlich nach nützlichen und strengen Regeln geordnet ist, so daß es für ihn einer Profanierung gleichkommt, so etwas zum Spaß zu betreiben. «Mit ihrem Weihrauch, ihren Blumen, Düften und anderen dämonischen Dingen verseuchen sie das Gewässer; mit ihren Gesängen, ihrem Geschrei und Geschwätz stören sie die Fische; mit ihren rauchenden Fackeln erschrecken sie sie ; mit ihren verfluchten Netzen, die sie rücksichtslos auswerfen, verderben sie die Wassertiefen und die Fischbrut... Das sollte verboten sein! Das Meer von Galiläa gehört den Galiläern, d.h. ihren Fischern, und nicht den Dirnen und ihresgleichen... Wenn ich etwas zu sagen hätte! Ich würde es euch schon zeigen, ihr stinkenden, heidnischen Boote, ihr schwimmenden Lasterhöhlen, ihr schaukelnden Alkoven, die ihr bis hierher auf diese Gewässer Gottes, unseres Gottes, kommt, um eure... Oh! Da schaut! Sie steuern gerade auf uns zu! Aber ist denn das möglich! ... Kann man sich so etwas erlauben... Aber...»

Diese Anklage-Litanei, in die Petrus seinen ganzen israelitischen Geist und Fischerstolz hineinlegt, so daß er rot wird und sich erhitzt, als kämpfe er gegen höllische Mächte, unterbricht Jesus ruhig lächelnd: «Es ist gut für sie und für dich, daß du hier nicht der Herr und Meister bist. Glücklicherweise bist du es nicht. Denn jene würdest du davon abhalten, einem guten inneren Antrieb zu folgen; einem Impuls, der ihrem Geist – wohl heidnisch, das gebe ich zu, aber von Natur aus gut – von der ewigen Barmherzigkeit eingegeben wurde, die diese Geschöpfe, deren Schuld es nicht ist, daß sie als Römer, statt als Hebräer zur Welt gekommen sind, mit barmherzigem Auge lenkt, weil er sie dem Guten zugewendet sieht. Dir selbst würdest du ebenfalls schaden, weil du gegen die Liebe und gegen die Demut fehlen würdest...»

«Gegen die Demut? Das sehe ich nicht ein... Wenn ich Herr und Meister über den See wäre, könnte ich nach meinem Gutdünken darüber verfügen.»

«Nein, Simon des Jonas. Nein, du irrst dich. Auch die Dinge, die uns gehören, gehören uns nur, weil Gott sie uns gewährt. Da sie uns aber nur für eine begrenzte Zeit überlassen sind, müssen wir immer daran denken, daß nur einer allein alles zeitlich unbegrenzt und ohne Maß besitzt, daß nur einer allein der Herr ist. Die Menschen... oh, sie sind nur Verwalter von Krumen der großen Schöpfung. Herr aber ist er, mein Vater, der deine und Vater aller Lebewesen, er, der zudem Gott und deshalb ganz vollkommen in all seinen Gedanken und Werken ist. Wenn Gott nun mit Wohlgefallen auf die Regungen dieser heidnischen Herzen schaut und

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nicht nur auf sie herabschaut, sondern diese Regungen sogar begünstigt, indem er sie immer stärker sich dem Guten zuwenden läßt, scheint es dir dann nicht, daß du, Mensch, da du sie daran hindern willst, im Grunde eine Tat Gottes verhindern willst? Wann versucht man etwas zu verhindern? Wenn man es für nicht gut hält. Du würdest also von deinem Gott denken, daß er Ungutes tut? Nun, wenn es schon nicht gut ist, über die Brüder zu urteilen, da jeder Mensch seine Fehler hat und seine Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit so begrenzt ist, daß er sich in sieben von zehn Fällen täuscht, so ist es absolut verwerflich, Gott in seinen Werken beurteilen zu wollen. Simon, Simon! Luzifer wollte über einen Gedanken Gottes urteilen und hielt ihn für abwegig, er wollte sich selbst an seine Stelle setzen, da er glaubte, gerechter zu sein als er. Du weißt, Simon, was Luzifer damit erreicht hat, und du weißt, daß aller Schmerz, unter dem wir leiden, von diesem Hochmut herrührt...»

«Du hast recht, Meister! Ich bin wirklich ein unglückseliger Mensch! Verzeihe mir, Meister!» Petrus, impulsiv wie immer, verläßt das Steuerruder, um sich Jesus zu Füßen zu werfen. Das Boot, das sich gerade in einer Strömung befindet, gerät, so plötzlich sich selbst überlassen, vom Kurs ab und in fürchterliches Schwanken, und Maria des Kleophas und Johanna beginnen zu schreien, begleitet vom Gekreisch derer in der leichten Zwillingsbarke, die das schwere Boot Petri auf sich zukommen sehen. Zum Glück ist Matthäus sofort bereit, das Steuerruder zu ergreifen, und das Boot fährt wieder ruhig dahin nach diesem beängstigenden Schaukeln, das auch dadurch hervorgerufen worden ist, daß die anderen, um es von sich fernzuhalten, mit starken Schlägen ihrer Ruder das Wasser aufgerührt haben.

«He, Simon! Einmal hast du die Römer als schlechte Seeleute verhöhnt, weil sie uns beinahe mit ihrem Boot gerammt hätten. Aber diesmal hast du einen schlechten Eindruck auf sie gemacht... Und direkt vor ihrer Nase! Schau nur, wie sie alle in den Booten aufgestanden sind und herüberschauen ...» stichelt Iskariot, indem er auf die römischen Boote zeigt, die nun so nahe sind auf dem Wasserspiegel vor Magdala, daß man sie gut sehen kann, obwohl die immer dichter werdenden violetten Schleier des Abends das Licht dämpfen.

«Du hast auch einen Korb und ein Eimerchen verloren. Sollen wir versuchen, sie mit den Haken wieder herauszufischen?» sagt Jakobus des Zebedäus von einem anderen, sehr nahe gekommenen Boot aus, denn nach diesem Zwischenfall haben sich alle um das Boot des Petrus geschart.

«Aber wie hast du das gemacht? So etwas passiert dir doch sonst nie!»sagt und schreit Andreas aus noch einem anderen Boot.

Petrus antwortet allen, jedem einzeln, während die anderen fast alle au einmal geredet haben. «Haben sie mich gesehen? Das macht nichts

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Wenn sie auch in mein Herz gesehen hätten und... Gut, das brauchst du nicht zu sagen, Petrus... Doch du sollst wissen, Judas, daß du mich nicht gekränkt hast. Es war kein falsches Manöver. Es geschah aus einem guten Grund, und der ist es, der mich beschämt... Mache dir keine Sorgen, Jakobus! Altes Zeug, das auf den Grund des Sees geht... Ich wollte, ich könnte ihm den alten Menschen, der in mir hartnäckig widersteht, nachwerfen. Ich würde auf alles verzichten, auch auf mein Boot, wenn ich nur so werden könnte, wie der Meister es haben will... Wie ich das gemacht habe? Ja! Ich habe mir selbst und meiner Überheblichkeit, mit der ich selbst Gott in geistigen Dingen belehren wollte, bewiesen, daß ich ein dummer Esel bin, sogar was die Bootsmanöver angeht... Mir ist recht geschehen. Ich bin damit selbst zum Gleichnis für mich geworden. Meister, ist es nicht so?»

Jesus lächelt zustimmend... Er sitzt am Bug, an seinem gewohnten Platz. Sein klares, ruhiges Antlitz hebt sich gegen den Abendhimmel ab und ist so von den im sanften Wind wehenden Haaren umrahmt, daß er einem leuchtenden Friedensengel gleicht.

Die römischen Boote haben sie nun erreicht.

«Sie haben ausgezeichnete Schifflein und sehr gute Segel... und welch tüchtige Schiffsleute erst! Behende wie Eisvögel fliegen sie dahin. Jedes Lüftchen wissen sie auszunützen, jede kleine Strömung...»

«Sie sind fast alle Sklaven aus Kreta oder aus dem Gebiet des Nils, diese Ruderer», erklärt Johanna.

«Die Seeleute des Nildeltas sind außerordentlich erfahren; ebenso die aus Kreta. Aber auch die aus Italien sind sehr gut... Sie überwinden die Scylla und Charybdis, und das genügt, um sie als ausgezeichnet zu qualifizieren», gesteht der Unbekannte, den sie Benjamin nennen.

«Wohin fahren wir jetzt, Herr? Nach Magdala oder... Schau! Die Leute von Magdala kommen auf uns zu...»

Tatsächlich verlassen gerade alle kleinen Boote dieser Ortschaft den Kiesstrand und den Hafen. Sie sind in so furchterregender Weise mit Menschen überladen, daß Bordrand und Wasserspiegel fast eine einzige Linie bilden und sie sich nur mühsam den Booten von Kapharnaum nähern.

«Nein, wir warten hier auf dem See gegenüber der Stadt. Ich werde vom Boot aus sprechen...»

«Aber... diese Unvorsichtigen wollen wohl ertrinken. Schau, Meister! Der See ist glatt wie ein Silberspiegel ... aber Wasser bleibt Wasser... und Gewicht bleibt Gewicht... und dort ... sie scheinen zu glauben, sie seien auf festem Boden und nicht auf dem Wasser... Befiehl ihnen, zurückzukehren... Sonst ertrinken sie noch...»

«Du kleingläubiger Mensch! Erinnerst du dich nicht mehr daran, daß du einst auf dem Wasser wie auf festem Boden gewandelt bist, solange du

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auf mich vertraut hast? Sie haben Glauben. Daher wird das Wasser diese überladenen Barken entgegen allen Naturgesetzen von Wasserverdrängung und Gewicht tragen.»

«Wenn dies geschieht... dann ist heute ein Abend großer Wunder», murmelt Petrus achselzuckend, während er den kleinen Anker hinabläßt, um das Boot anzuhalten. Es befindet sich so in der Mitte eines Kreises von Booten, teils aus Kapharnaum, teils aus Magdala und auch aus Tiberias. Letztere sind die der Römerinnen, die sich klugerweise gegen die Seemitte zu, hinter denen von Kapharnaum, aufhalten.

Jesus wendet ihnen den Rücken zu. Er schaut auf die Leute von Magdala, auf den großen, schattigen Garten der Maria des Lazarus, und auf die in der Nacht weißlich schimmernden Häuser am Ufer.

Das Wasser des Sees, das nun nicht mehr von Bugen und Rudern bewegt wird, beruhigt sich: eine Kristallplatte, von den ersten Strahlen des Mondes silbern gemasert und mit Schuppen von Topasen oder auch Rubinen übersät, dort, wo sich das Feuer der Fackeln oder die Flammen der Laternen an den Bugen der Boote im See spiegeln.

Die Gesichter sehen eigenartig aus im Kontrast zwischen den rotgelben Lichtern und dem Mondschein. Die einen sieht man sehr deutlich, andere erkennt man kaum; wieder andere scheinen der Länge oder der Breite nach in zwei geteilt zu sein; bald ist nur die Stirn, bald nur das Kinn sichtbar, eine Wange oder nur eine Gesichtshälfte, die sich in scharfem Profil abhebt, als ob die andere Hälfte nicht existierte. Die Augen der einen leuchten, während andere nur leere Augenhöhlen zu haben scheinen. Die Mundpartien formen sich hier zu einem frohen Lächeln, das durch die strahlenden Zähne unterstrichen wird; dort hingegen scheinen sie ganz in den überschatteten Gesichtern zu verschwinden.

Damit nun aber alle Jesus sehen können, reicht man von den Booten aus Kapharnaum und Magdala Fackeln und Laternen herüber, die zu seinen Füßen aufgestellt oder an unbenutzten Rudern, am Bug und am Heck und sogar bündelweise am Mastbaum, dessen Segel eingezogen sind, aufgehängt werden. So erstrahlt das Boot Jesu in einem Kreis von Barken, die nunmehr ohne Licht sind, und Jesus selbst ist von allen Seiten beleuchtet und gut zu sehen. Nur die römischen Boote verbreiten noch den rötlichen Schein ihrer Fackeln, die in der leichten Brise flackern.

«Der Friede sei mit euch!» beginnt Jesus, indem er aufsteht und trotz des leichten Schwankens der Barke ganz ruhig dasteht und die Arme zum Segen erhebt. Dann spricht er langsam weiter, um von allen gut verstanden zu werden, und die Stimme breitet sich mächtig und harmonisch über den stillen See aus.

«Soeben hat mir einer meiner Apostel ein Gleichnis vorgeschlagen, das ich nun euch vortragen möchte, denn es kann allen nützlich sein, zumal ihr alle es verstehen könnt. Hört also.

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Ein Mann, der an einem friedlichen Abend wie dem heutigen auf dem See fuhr, meinte in seiner Selbstsicherheit, ohne Fehler zu sein. Er war sehr erfahren im Umgang mit Booten, und so glaubte er sich allen überlegen, denen er auf dem Wasser begegnete. Viele segelten zum Vergnügen und hatten daher nicht die Erfahrung, die man erwirbt, wenn man auf dem Wasser seinen Lebensunterhalt verdient. Außerdem war dieser Mann ein guter Israelit und deshalb überzeugt, im Besitz aller Tugenden zu sein. Schließlich war er auch wirklich ein guter Mensch.

Eines Abends nun, da er sicher auf dem See dahinfuhr, erlaubte er sich verurteilende Bemerkungen über seinen Nächsten. Dieser Nächste hatte seiner Meinung nach so wenig mit ihm zu tun, daß er ihn nicht einmal als seinen Nächsten betrachten konnte. Weder Nationalität, noch Beruf noch Glaube verband sie, und da ihn also weder nationale, noch religiöse noch berufliche Solidarität zurückhielt, lachte er ihn aus, verspottete ihn, und wurde so ungehalten in seinem Spott, daß er sich beklagte, nicht Besitzer des Sees zu sein, um diesen Nächsten verjagen zu können. Und in seinem unnachgiebigen Glauben machte er beinahe dem Allerhöchsten Vorwürfe, weil er diesen von ihm so verschiedenen Menschen erlaubte, dort zu sein und zu leben, wo er selbst arbeitete und lebte.

In seinem Boot war ein Freund, ein guter Freund, der ihn aufrichtig liebte und ihn deshalb weise sehen wollte, und der ihn auch gelegentlich zurechtwies, um ihn von falschen Gedanken abzubringen. An diesem Abend sagte der Freund zum Bootsmann: "Weshalb hegst du solche Gedanken? Haben die Menschen nicht alle ein und denselben Vater? Ist nicht er der Herr des Weltalls? Scheint nicht seine Sonne für alle Menschen, um sie zu wärmen, und benetzen nicht seine Wolken die Felder der Heiden genauso wie die der Hebräer? Wenn er also hinsichtlich der materiellen Bedürfnisse der Menschen so handelt, wird er dann nicht dieselbe Vorsehung bezüglich ihrer geistigen Bedürfnisse walten lassen? Willst du vielleicht Gott einen Rat geben, was er zu tun hat? Wer ist wie Gott?"

Der Mann war gut. Seinem harten Urteil lagen viel Unwissenheit und viele falschen Ideen zugrunde, aber nicht etwa böser Wille. Er wollte Gott nicht beleidigen, sondern vielmehr seine Interessen verteidigen. Als er diese Worte hörte, warf er sich zu den Füßen des weisen Mannes nieder und bat ihn um Verzeihung, daß er so töricht geredet hatte. Er bat ihn so inständig, daß es beinahe zu einem Unglück gekommen wäre. Fast wäre das Boot untergegangen mit allen, die darin waren, denn in seinem Eifer, um Verzeihung zu bitten, kümmerte er sich weder um das Steuer noch um die Segel noch um die Strömung. Daher beging er nach dem ersten Fehler des ungerechten Urteils auch noch den zweiten des Fehlmanövers und bewies sich selbst, daß er nicht nur ein schlechter Richter, sondern auch ein ungeschickter Seemann war.

Das ist das Gleichnis.

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Nun hört. Was glaubt ihr: ... hat Gott diesem Menschen verziehen oder nicht? Bedenkt: er hatte gegen Gott und den Nächsten gefehlt, indem er die Handlungen beider rügte und wäre beinahe zum Mörder seiner Gefährten geworden. Denkt nach und antwortet mir dann ...» Jesus verschränkt die Arme vor der Brust und läßt seine Blicke über alle Boote schweifen bis hin zu den entferntesten, den römischen, auf denen eine ganze Reihe aufmerksamer Gesichter von Patriziern und Ruderern zu sehen ist.

Die Leute sprechen miteinander und beraten sich... Ein kaum wahrnehmbares Geflüster verschmilzt mit dem leisen Gemurmel des gegen die Schiffswände plätschernden Wassers. Es ist schwer, eine Entscheidung zu fällen. Die meisten sind jedoch der Meinung, daß dem Mann nicht verziehen worden ist, weil er gesündigt hat, oder wenigstens, daß ihm die erste Sünde nicht vergeben worden ist.

Jesus bemerkt das Anwachsen des Gemurmels in diesem Sinne und lächelt mit seinen wunderschönen Augen, die auch im Mondschein wie Saphire leuchten. Der Mond wird immer schöner und heller, so daß viele daran denken, die Fackeln und Laternen zu löschen, um nur noch das phosphoreszierende Licht des Mondes als Leuchte zu haben.

«Lösche auch diese Laternen aus, Simon. Sie sind wie armselige Funken im Vergleich zu den Sternen und Planeten, die diesen Himmel schmücken», sagt Jesus zu Petrus, der auf das Urteil der Versammelten wartet. Jesus liebkost ihn, seinen Apostel, während dieser sich ausstreckt, um die Laternen vom Mast zu lösen, und fragt ihn leise: «Warum diese verwirrten Augen?»

«Weil du mich dieses Mal vom Volke richten läßt...»

«Oh! Warum, fürchtest du es?»

«Weil es, wie ich... ungerecht ist.»

«Aber Gott ist es doch, der richtet, Simon!»

«Ja. Aber du hast mir noch nicht verziehen, und jetzt wartest du ihr Urteil ab, um es zu tun... Du hast recht, Meister... Ich bin unverbesserlich... Aber warum verhängst du über deinen armen Simon dieses Gottesgericht?»

Jesus legt ihm die Hand auf die Schulter, und er hat keine Mühe, es zu tun, denn Petrus steht unten im Boot, während er selbst aufrecht auf dem Brett des Bugs, also hoch über ihm steht, und lächelt... antwortet ihm aber nicht. Er fragt vielmehr das Volk: «Nun? Sagt es laut. Boot für Boot.»

Ach, armer Petrus! Wenn Gott nach der Meinung der hier Anwesenden geurteilt hätte, dann hätte er ihn verdammt. Mit Ausnahme von drei Booten verdammen ihn alle, die der Apostel mit eingerechnet. Die Römerinnen sagen nichts und werden auch nicht gefragt; aber man sieht, daß auch sie den Mann für schuldig halten, denn von einem Boot zum anderen (es sind ihrer drei) zeigen sie mit den Daumen nach unten.

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Petrus erhebt seine großen erschreckten Augen zum Antlitz Jesu und begegnet einem noch viel sanfteren Blick aus den friedlichen Saphir Augen. Er sieht ein vor Liebe strahlendes Antlitz, das sich über ihn neigt, und fühlt sich an die Seite Jesu gezogen, so daß sein graues Haupt sich an Jesu Herz lehnt, während der Arm des Meisters sich um seine Schultern legt.

«So urteilt der Mensch. Aber so urteilt nicht Gott, meine Kinder! Ihr sagt: "Es wird ihm nicht verziehen worden sein." Ich sage: "Der Herr sah in ihm nicht einmal etwas, was er zu verzeihen gehabt hätte", denn Verzeihung setzt Schuld voraus. Hier aber lag keine Schuld vor. Nein, murrt nicht und schüttelt nicht den Kopf! Ich wiederhole: Hier lag keine Schuld vor.

Wann kommt eine Schuld zustande? Wenn der Wille zu sündigen da ist, das Bewußtsein zu sündigen; wenn die Tat als Sünde erkannt und dennoch begangen wird. Alles hängt vom Willen ab, mit dem man etwas tut, ob es sich nun um eine gute oder eine schlechte Tat handelt. Wenn jemand nach außen hin eine gute Tat vollbringt, selbst aber vom Gegenteil überzeugt ist, dann begeht er eine Sünde, gerade so, als wenn er etwas Schlechtes getan hätte. Dasselbe gilt auch umgekehrt.

Hört dieses Beispiel: Jemand hat einen Feind, von dem er weiß, daß er krank ist. Er weiß, daß er auf Verordnung des Arztes kein kaltes Wasser trinken darf, ja, daß er überhaupt keine Flüssigkeit zu sich nehmen darf. Indem er Liebe vorgibt, besucht er ihn. Er hört ihn seufzen: "Ich habe Durst! Ich habe Durst!" Mitleid vortäuschend reicht er ihm eiskaltes Brunnenwasser mit den Worten: "Trink, mein Freund. Ich liebe dich und kann dich nicht Durst leiden sehen. Sieh, ich habe dir eigens dieses frische Wasser gebracht. Trink, trink, denn ein großer Lohn wird denen zuteil, die dem Kranken beistehen und dem Dürstenden zu trinken geben." Doch durch diesen Trunk verursacht er seinen Tod. Glaubt ihr, daß diese Tat, die an sich gut ist, weil sie ein zweifacher Ausdruck der Barmherzigkeit ist, auch in diesem Fall gelobt werden kann, wo eine schlechte Absicht vorliegt? Nein, sie ist nicht gut.

Und weiter: Wenn ein Sohn einen Vater hat, der ein Trinker ist, und, um ihn vor dem Tod zu retten, den Keller verschließt, dem Vater das Geld wegnimmt und ihm ernstlich zuredet, nicht ins Dorf zu gehen und sich nicht durch den Wein zu verderben, glaubt ihr, daß dieser Sohn dann gegen das vierte Gebot fehlt, nur weil er den Vater zurechtweist, als ob er selbst das Familienoberhaupt wäre? Nur scheinbar läßt er seinen Vater leiden und nur scheinbar ist er schuldig. In Wirklichkeit ist er ein guter Sohn, weil seine Absicht gut ist und er den Vater vor dem Tod retten will. Es ist immer der Wille, der einer Handlung ihren sittlichen Wert verleiht.

Und weiter: Ist ein Soldat, der im Krieg einen Feind tötet, ein Mörder? Nein, wenn sein Geist mit dem Mord nicht einverstanden ist und er nur

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kämpft, weil er dazu gezwungen ist und dabei das Minimum an Menschlichkeit walten läßt, das ihm das harte Kriegsgesetz als Untergeordnetem erlaubt, dann nicht.

Daher beging jener Bootsmann, der in guter Absicht als Gläubiger, Patriot und Fischer die nicht ertrug, die er für Gesetzesschänder hielt, keine Sünde gegen die Nächstenliebe. Er hatte nur eine falsche Vorstellung von Nächstenliebe. Er fehlte auch nicht gegen die Ehrfurcht vor Gott; denn der Unwille gegen Gott entsprang der guten, aber unerleuchteten Seele eines Gläubigen. Auch hätte er schließlich keinen Mord begangen, da das Fehlmanöver durch den guten Willen, um Verzeihung zu bitten, zustande kam.

Wißt immer zu unterscheiden. Gott ist mehr Barmherzigkeit als Strenge. Gott ist gut. Gott ist Vater. Gott ist Liebe. Dieses ist der wahre Gott, und der wahre Gott öffnet allen sein Herz und spricht: "Kommt" ' und alle weist er auf sein Reich hin. Es steht ihm frei, so zu handeln, denn er ist der einzige Herr, der universale Herrscher, der Schöpfer, der Ewige.

Ich bitte euch, euch von Israel, seid gerecht! Erinnert euch an diese Dinge. Laßt es nicht so weit kommen, daß diejenigen, die ihr für unrein haltet, sie verstehen, während sie für euch unbegreiflich bleiben. Auch die übertriebene und ungeordnete Liebe zu Religion und Vaterland ist Sünde, denn sie wird zum Egoismus; und der Egoismus ist immer Grund und Ursache der Sünde.

Ja, Selbstsucht ist Sünde, denn sie sät im Herzen bösen Willen, der aufsässig gegen Gott und seine Gebote werden läßt. Der Geist des Selbstsüchtigen sieht Gott und seine Wahrheiten nicht mehr klar. Der Rauch des stolzen Egoismus verdunkelt die Wahrheit, und in diesem Nebel gerät der Geist, der das klare Licht der Wahrheit nicht mehr sieht wie früher, als er noch nicht hochmütig war, in den Wirbel der "Warum". Von den "Warum" geht er über zum Zweifel, und vom Zweifel zum Verlust nicht nur der Liebe des Vertrauens auf Gott und seine Gerechtigkeit, sondern auch der Furcht vor Gott und seiner Strafe. Daraus folgt die Leichtigkeit zu sündigen und aus der Leichtigkeit zu sündigen die Einsamkeit der Seele, die sich von Gott abwendet, sich nicht mehr vom Willen Gottes führen läßt und so dem Gesetz ihres eigenen Willens zur Sünde verfällt. Oh! Eine schlimme Kette ist der Wille des Sünders. Das eine Ende liegt in der Hand Satans und das andere hält den Fuß des Menschen fest, wie eine schwere Kugel, die ihn in Schmutz und Finsternis versklavt.

Kann der Mensch sich dann noch enthalten, schwer zu sündigen? Kann er die Sünden vermeiden, wenn nur noch böser Wille in ihm ist? Dann und nur dann verzeiht Gott nicht mehr. Wenn aber der Mensch noch guten Willen hat und somit spontan tugendhafte Taten vollbringt, wird er schließlich sicher zur Wahrheit gelangen; denn der gute Wille führt zu Gott, und Gott, der Allerhöchste Vater, neigt sich liebevoll, mitleidig und

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nachsichtig über seine Kinder, um sie zu segnen und ihnen zu verzeihen, wenn sie guten Willens sind.

Daher fand der Bootsmann so viel Liebe; denn da er nicht sündigen wollte, hatte er auch nicht gesündigt.

Begebt euch nun in Frieden zu euren Häusern. Die Sterne haben bereits den ganzen Himmel bedeckt, und der Mond kleidet die Welt in Reinheit. Geht hin, gehorsam wie die Sterne, und werdet rein wie der Mond, denn Gott liebt die Gehorsamen und die reinen Geistes sind und segnet jene, die in alle ihre Handlungen den guten Willen legen, Gott und die Brüder zu lieben und zur Ehre Gottes und zu ihrem Nutzen zu arbeiten.

Der Friede sei mit euch!»

Jesus öffnet wiederum seine Arme zum Segen, während der Kreis der Boote größer wird und sich auflöst und ein jeder seine Richtung einschlägt.

Petrus ist so glücklich, daß er gar nicht daran denkt, sein Boot in Bewegung zu setzen.

Matthäus schüttelt ihn: «Willst du nicht die Segel setzen, Simon? Ich verstehe wenig davon...»

«Es ist wahr... Oh, mein Meister! Du hast mich also nicht verurteilt?! Und ich hatte es so sehr befürchtet ...»

«Fürchte dich nicht, Simon des Jonas. Ich habe dich angenommen, um dich zu retten, nicht um dich zu verlieren. Ich habe dich deines guten Willens wegen angenommen ... Auf! Nimm das Steuer in die Hand. Schau auf den Polarstern und fahre zuversichtlich, Simon des Jonas. Immer zuversichtlich... auf all deinen Fahrten... Gott, dein Jesus, wird immer an deiner Seite stehen, am Bug deines geistigen Schiffes, und wird dich immer verstehen, Simon des Jonas. Hörst du? Immer. Er wird dir nie etwas zu verzeihen haben; denn selbst wenn du wie ein schwaches Kind fallen würdest, geschähe dies nicht aus Mangel an gutem Willen... Sei zufrieden, Simon des Jonas.»

Petrus nickt immer wieder. Er ist zu gerührt, um sprechen zu können, überwältigt von Liebe. Seine Hand zittert ein wenig am Steuer, aber sein Gesicht strahlt vor Frieden, Sicherheit und Liebe, während er zu seinem Meister aufschaut, der aufrecht an seiner Seite steht, am Rande des Bootes, wie ein leuchtender Erzengel.

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498. EPISODE IN KAPHARNAUM; JESUS BESCHÜTZER DER KINDER

«Nehmt Mundvorrat und Kleidungsstücke für mehrere Tage mit. Wir gehen nach Hippos und von dort nach Gamala und Apheca. Dann gehen wir nach Gergesa hinunter und kehren vor dem Sabbat hierher zurück», gebietet Jesus, der auf der Schwelle des Hauses steht und mechanisch die Kinder von Kapharnaum liebkost, die gekommen sind, um ihren guten Freund zu grüßen, da die sinkende Sonne nicht mehr so unbarmherzig vom Himmel herniederbrennt und es erlaubt, die Häuser zu verlassen. Jesus ist einer der ersten in der kleinen Stadt, die nach den Sonnenstunden in die drückende Schwüle hinaustreten.

Die Apostel scheinen nicht besonders begeistert zu sein über den erhaltenen Befehl. Sie schauen sich gegenseitig an und blicken zur Sonne, die immer noch so stark brennt. Sie berühren die noch heißen Hausmauern, prüfen mit ihren nackten Füßen die Temperatur des Bodens und bemerken: «Er ist so heiß wie ein Backstein im Ofen.» Mit diesem ganzen Gebärdenspiel wollen sie sagen, daß es ein Wahnsinn ist, sich bei diesem Wetter auf den Weg zu machen... Jesus entfernt sich von dem Türpfosten, an den er sich ein wenig angelehnt hatte, und sagt: «Wer nicht mitkommen will, soll hierbleiben. Ich zwinge niemanden, aber ich will diese Gegend nicht verlassen, ohne daß sie mein Wort gehört hat.»

«Meister... was sagst du da?! Wir kommen alle mit... Nur... schien es uns noch zu früh zu sein, um aufzubrechen ...»

«Vor dem Laubhüttenfest will ich in den Norden gehen; in viel entferntere Gegenden also, die man nicht mit dem Boot erreichen kann. Deshalb müssen wir jetzt die Ortschaften hier aufsuchen, da uns durch den See eine große Wegstrecke erspart bleibt.»

«Du hast recht. Ich gehe und richte die Boote her...» und Simon des Jonas entfernt sich mit seinem Bruder, den beiden Söhnen des Zebedäus und einigen Jüngern, um alles für die Abreise vorzubereiten.

Jesus bleibt mit dem Zeloten, den Vettern, mit Matthäus, Iskariot, Thomas und den Unzertrennlichen, Philippus und Bartholomäus, die ihre Reisetaschen vorbereiten und die Feldflaschen füllen, zurück. Sie sorgen für Brot, Früchte und alles, was sonst noch nötig ist.

Ein kleiner Wildfang wimmert zu Füßen Jesu.

«Warum weinst du, Alphäus», fragt Jesus, indem er sich niederbeugt und ihn küßt.

Keine Antwort... nur noch lauteres Wimmern.

«Er hat das Obst gesehen und will davon haben», sagt Iskariot ärgerlich.

«Oh, du Armer! Du hast recht. Man darf den Kindern gewisse Dinge nicht zeigen, ohne ihnen etwas davon zu geben. Nimm, Kind. Weine

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nicht!» sagt Maria des Alphäus und löst eine goldene Traube von einem Rebschößling, den sie samt den Blättern in einen Korb gelegt hatte.

«Ich will keine Trauben...» und er weint noch stärker als zuvor.

«Er will sicher Honigwasser», sagt Thomas und bietet ihm seine Feldflasche an mit den Worten: «Das schmeckt den Kindern und tut ihnen gut. Auch meine kleinen Neffen ...»

«Ich will dein Wasser nicht...» und das Weinen nimmt an Heftigkeit und Lautstärke zu.

«Aber was willst du denn dann?» fragt ernst und etwas verärgert Judas des Alphäus.

«Zwei Ohrfeigen will er, das ist es!» sagt Iskariot.

«Warum? Das arme Kind!» fragt Matthäus.

«Weil es so lästig ist.»

«Oh, wenn man alle ohrfeigen wollte, die einem lästig werden, würde man sein ganzes Leben damit verbringen», sagt Thomas ruhig und gelassen.

«Er fühlt sich vielleicht nicht wohl. Obst und Wasser, Wasser und Obst... das gibt Bauchweh», meint Maria Salome, die unter den Jüngerinnen ist.

«Für diesen da wäre es schon viel, wenn er Brot, Wasser und Obst essen könnte... Sie sind so arm!» sagt Matthäus, der durch seine Erfahrung als Steuereinnehmer die finanziellen Verhältnisse in Kapharnaum gut kennt.

«Was hast du, Knäblein? Tut dir etwas weh? ... Und doch hat er kein Fieber ...» sagt Maria des Kleophas, die sich neben den Kleinen hingekniet hat.

«Aber Mutter! Es ist nur Eigensinn! ... Siehst du es nicht? Du verwöhnst alle.»

«Ich habe dich nicht verwöhnt, mein Judas. Ich habe dich geliebt. Und hat es dir nicht gutgetan, daß ich dir Liebe erwiesen und dich sogar vor der Strenge des Alphäus beschützt habe? ...»

«Es ist wahr, Mutter... Ich habe dich zu unrecht getadelt.»

«Nichts für ungut, mein Sohn. Aber wenn du Apostel sein willst, dann mußt du für die Gläubigen das Herz einer Mutter haben. Sie sind wie Kinder, weißt du? Und man muß die Geduld der Liebe mit ihnen haben ...»

«Das hast du gut gesagt, Maria!» lobt sie Jesus.

«Wir kommen noch soweit, daß wir von den Frauen unterrichtet werden», brummt Judas Iskariot, «und vielleicht sogar von den Heidinnen...»

«Ohne Zweifel! Wenn ihr so bleibt, wie ihr jetzt seid, werden sie euch in vielem übertreffen, und dich mehr als alle anderen, Judas. Du wirst gewiß von allen überflügelt werden, von den Kleinen, von den Bettlern, von den Unwissenden, von den Frauen, von den Heiden ...»

«DU könntest ja auch sagen, daß ich der Abschaum der Welt bin, so ginge es schneller», erwidert Judas mit einem bitteren Lachen.

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«Die anderen kommen schon zurück... Es muß wohl Zeit zur Abfahrt sein, oder?» sagt Bartholomäus, um die Szene zu beenden, unter der viele leiden, alle auf verschiedene Art.

Das Weinen des Knaben hat seinen Höhepunkt erreicht.

«Aber nun Schluß! Was willst du? Was hast du?» fährt Judas Iskariot ihn an und schüttelt ihn grob, um ihn von den Knien Jesu loszureißen, an die sich das Kind geklammert hat, und vor allem, um seinen Unmut an dem unschuldigen Kleinen auszulassen.

«Mit dir! Mit dir! ... Du gehst fort... und ich bekomme Schläge, Schläge, Schläge ...»

«Ah... Oh! Armes Kind! Es ist wahr! Seit ihrer Wiederverheiratung behandelt die Frau die Kinder ihres ersten Mannes wie Bettelkinder... als ob sie nicht ihre eigenen Kinder wären... Sie schickt sie herum zum Betteln und hat kein Brot für sie...» sagt die Frau des Hausherrn, die anscheinend die Sachlage kennt, und schließt mit den Worten: «Jemand sollte diese drei Verlassenen als seine eigenen Kinder aufnehmen ...»

«Sag das nicht dem Simon des Jonas, Frau. Du würdest dich verhaßt machen bei seiner Schwiegermutter, die ohnehin schon über ihn verärgert ist und über uns alle. Auch heute morgen hat sie wieder Simon, Margziam

und mich, der ich gerade bei ihnen war, beschimpft», sagt Matthäus.

«Ich werde es Simon nicht sagen... aber es ist so ...»

«Und du würdest sie nicht zu dir nehmen? Du hast doch keine eigenen Kinder ...» sagt Jesus und schaut sie dabei fest an.

«Ich ... Oh! Es würde mir gefallen... Aber wir sind arm... und dann... Thomas ... er hat Neffen... und auch ich... und... und...»

«Und vor allem fehlt dir der Wille, deinesgleichen Wohltaten zu erweisen... Frau, du hast gestern die Pharisäer der Hartherzigkeit bezichtigt du hast die Mitbürger kritisiert, weil sie nicht auf mein Wort hören. Aber du, die du mich jetzt schon seit über zwei Jahren kennst, handelst du etwa anders?»

Die Frau läßt den Kopf sinken und zupft an ihren Kleidern herum, aber sie sagt kein Wort zugunsten des Kleinen, der immer noch weint.

«Wir sind fertig, Meister», ruft Petrus, der gerade ankommt.

«Oh! Arm sein! ... Und verfolgt werden! ...» seufzt Jesus, indem er die Hände erhebt und sie traurig schüttelt.

«Mein Sohn! ...» tröstet ihn Maria, die bis jetzt geschwiegen hat. Doch diese Worte genügen, um Jesus zu trösten.

«Geht ihr mit dem Proviant voraus. Ich gehe inzwischen mit meine Mutter zum Haus des Knaben», sagt Jesus zu den Anwesenden und zu denen, die gerade neu hinzukommen, und macht sich mit seiner Mutter die das Kind auf den Arm genommen hat, auf den Weg...

Sie gehen auf die Felder zu.

«Was wirst du ihr sagen, mein Sohn?»

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«Mutter, was soll ich einer Mutter sagen, die nicht einmal ihre eigenen Kinder liebt?»

«Du hast recht... Also?»

«Also, beten wir, meine Mutter.»

Sie gehen betend weiter.

Eine Alte fragt sie: «Bringt ihr Alphäus zu Meroba? Sagt ihr, daß es an der Zeit wäre, sich seiner anzunehmen. Die Kinder müssen ja praktisch zu Dieben werden ... und wo sie hinkommen, sind sie wie die Heuschrecken ... Aber ich bin böse auf sie, nicht etwa auf die drei armseligen Kinder! ... Oh, wie ungerecht ist doch der Tod! Hätte er nicht Jakob verschonen und sie sterben lassen können? Du solltest sie sterben lassen, so...»

«Frau, du bist schon so alt und immer noch nicht weise, und solche Reden führst du, du, die du selbst jeden Augenblick sterben könntest? Wahrlich, du bist ebenso ungerecht wie Meroba. Bereue und sündige nicht mehr.»

«Verzeih, Meister... Ihre Bosheit nimmt mir den Verstand ...»

«Ja, ich verzeihe dir. Aber sage das nie mehr, nicht einmal in deinem Innern. Fehler lassen sich nicht mit Verwünschungen wiedergutmachen, sondern nur mit Liebe. Wenn Meroba sterben würde, hätten diese Kinder dann ein besseres Los? Der Witwer würde sich dann vielleicht eine andere Frau nehmen und hätte Söhne aus einem dritten Ehebett... und diese Kinder hätten eine Stiefmutter, also ein noch schlimmeres Los.»

«Das ist wahr. Ich bin alt und töricht. Sieh, da kommt Meroba. Sie fängt schon an zu fluchen... Ich verlasse dich, Meister. Ich will nicht, daß sie denkt, ich hätte mit dir gesprochen. Sie ist eine Viper ...»

Aber die Neugierde ist stärker als die Furcht vor der "Viper", und die kleine Alte entfernt sich zwar ein wenig von Jesus und Maria, aber nicht allzuweit. Sie bückt sich und beginnt frisches Gras am Wegrand abzureißen, das hier, nahe bei einer Quelle, sehr feucht ist. So kann sie unauffällig zuhören.

«Da bist du? Was hast du angestellt? Nach Haus! Immer auf den Straßen wie räudige Tiere, wie herrenlose Hunde, wie ...»

«Wie Kinder ohne Mutter. Frau, du weißt, daß es ein schlechtes Zeugnis für eine Mutter ist, wenn die Kinder sich nicht um sie scharen.»

«Das kommt daher, daß sie böse sind...»

«Nein, ich komme schon seit dreißig Monaten hierher. Früher, als Jakob noch lebte und in den ersten Monaten deiner Witwenschaft, war es nicht so. Dann hast du einen anderen Mann genommen, und mit dem Andenken an deine erste Ehe hast du auch deine Kinder vergessen. Aber worin sind sie denn verschieden von dem, was jetzt in deinem Schoß heranwächst? Hast du nicht auch diese so getragen? Hast du sie vielleicht nicht mit deiner Milch genährt? Schau da die Taube... Wie sehr sorgt sie sich um ihre Kleinen... und doch brütet sie schon andere Eier aus... Sieh dieses

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Mutterschaf. Es nährt nicht mehr das Schäflein des vorigen Wurfes, denn es ist wieder trächtig, und doch, schau, wie es ihm das Mäulchen leck und sich von dem lebhaften Lämmlein in die Seite stoßen läßt! Antwortest du mir nicht? Frau, betest du zum Herrn?»

«Gewiß. Ich bin keine Heidin...»

«Aber wie kannst du zum gerechten Herrn sprechen, wenn du ungerecht bist? Und wie kannst du in die Synagoge gehen und dir die Lesung der Buchrollen anhören, wenn in ihnen von der Liebe Gottes zu seinen Kindern die Rede ist, ohne daß du Gewissensbisse in deinem Herzen verspürst? Warum schweigst du so hartnäckig?»

«Weil ich dich nicht um deine Worte gebeten habe... und nicht weiß warum du kommst, mich zu stören... Mein Zustand verdient Rücksichtnahme...»

«Und der deiner Seele nicht? Warum nimmst du keine Rücksicht au die Rechte deiner Seele? Ich weiß, was du mir sagen willst: daß ein Zornesausbruch das Leben deines künftigen Kindes in Gefahr bringen könnte... Aber um das Leben deiner Seele bist du nicht in Sorge? Es ist kost barer als das deines künftigen Kindes... Du weißt es, die Schwangerschaft könnte mit deinem Tode enden. Willst du dieser Stunde mit einer verwirrten, kranken, ungerechten Seele entgegensehen?»

«Mein Mann sagt mir, du seiest einer, auf den man nicht hören soll. Ich höre nicht auf dich. Komm, Alphäus...» Sie will umdrehen, begleitet von Geschrei des Kindes, das schon weiß, daß es wieder Schläge zu erwarte hat. Es will Maria nicht loslassen, die seufzend versucht, die Frau zu über reden und sich ihr zuwendet: «Ich bin auch Mutter, ich kann so vieles verstehen. Und ich bin eine Frau... und verstehe das Leid der Frau. D machst jetzt eine schlechte Zeit durch, nicht wahr? Du leidest, bist aber nicht imstande das Leid zu ertragen... Deshalb bist du leicht reizbar. Meine Schwester, höre mich an! Wenn ich dir jetzt den kleinen Alphäus gebe würde, würdest du dir und ihm Unrecht zufügen. Willst du ihn mir nicht für einige Tage überlassen? Du wirst sehen, daß du, wenn du ihn nicht mehr bei dir hast, dich nach ihm sehnen wirst... denn ein Sohn ist etwa so Liebes, daß wir uns arm, kalt und ohne Licht fühlen, wenn er von und geht...»

«Nimm ihn nur! Nimm ihn! Meinetwegen kannst du auch die beide anderen haben. Aber ich weiß nicht, wo sie sind ...»

«Ich nehme ihn, ja. Leb wohl, Frau. Komm, Jesus!» Maria wendet sie eilig um und entfernt sich schluchzend...

«Weine nicht, Mutter!»

«Verurteile sie nicht, mein Sohn!»

Die beiden Sätze so voller Barmherzigkeit kreuzen sich, und dann öffnen sich die Lippen beider, um ein und denselben Gedanken auszusprechen: «Wenn sie nicht die natürliche Liebe verstehen, werden sie dann

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die Liebe verstehen, die in der Frohen Botschaft enthalten ist?» Sie schauen sich an, dieser Sohn und diese Mutter, über dem Köpfchen des Unschuldigen, der sich vertrauensvoll und glücklich in die Arme Marias schmiegt.

«Wir werden einen Jünger mehr haben als vorgesehen war, Mutter.»

«Er wird jetzt Tage des Friedens genießen...»

«Habt ihr's gesehen? Taub ist sie wie eine Zimbel ohne Boden. Ich habe es euch ja gesagt! Und nun? Und dann? ...»

«Und nun ist Friede, und Gott möge gewähren, daß ein Herz sich erbarmt... Warum nicht das deine, Frau? Jeder Becher Wasser, aus Liebe gereicht, wird im Himmel angerechnet werden. Wer aber ein unschuldiges Kind liebt um meinetwillen... Oh! Welche Seligkeit für jene, die die Kleinen lieben und sie vor dem Bösen retten! ...»

Die Alte steht da, in Gedanken versunken... und Jesus geht auf einem Abkürzungsweg zum See. Dort angelangt, nimmt er das Knäblein aus den Armen seiner Mutter, damit sie leichter das Boot besteigen kann, und hält es so hoch wie möglich, damit alle es sehen können. Er sagt denen, die schon im Boot sind, mit einem strahlenden Lächeln: «Schaut! Diesmal werden wir eine fruchtbare Predigt halten können, denn ein Unschuldiger ist bei uns.» Dann steigt er über das schwankende Brett ins Boot und setzt sich neben seine Mutter, während das Boot vom Ufer abstößt und sogleich nach Südosten auf Hippos zusteuert.

499. IN EINEM VORORT VON HIPPOS

Hippos liegt nicht am See, wie ich glaubte, als ich die Häuser am Ufer, fast am Südostende des Sees sah. Ich entnehme es den Worten der Jünger. Diese Häusergruppe ist, könnte man sagen, ein Vorposten von Hippos, das weiter im Hinterland liegt. Wie Ostia für Rom oder Lido für Venedig, stellt er den Zugang zum See für die eigentliche Stadt dar, die über ihn auf dem Seeweg Waren ein- und ausführt und ihn auch benützt, um den Weg von dieser Gegend zum gegenüberliegenden galiläischen Ufer abzukürzen. Schließlich ist es auch eine Vergnügungsstätte für die Müßiggänger der Stadt und der Ort, an dem sie sich mit dem Fisch, den die zahlreichen Fischer des Fleckens beschaffen, versorgt.

Hier, wo sie an diesem ruhigen Abend anlegen, in dem natürlichen, von einem nun ausgetrockneten Flußbett gebildeten Hafen, in den jetzt die blauen Wellen des Sees einige Meter weit sanft eindringen, da sie nicht mehr vom Wasser des Flusses zurückgetrieben werden, liegen die Häuser und Häuschen der Gärtner und der Fischer. Letztere ziehen aus dem fischreichen Gewässer ihren Gewinn. Erstere hingegen nützen den durch

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die Nähe des Wassers fruchtbaren Streifen fetter Erde zwischen dem Strand und dem Hinterland, der sich hauptsächlich nach Norden ausdehnt und im Süden dort endet, wo der hohe Felsvorsprung beginnt, der steil zum See abfällt und von dem sich die Schweine nach dem an den Gerasenern gewirkten Wunder hinabstürzten.

Zu dieser Stunde sitzen die Bewohner auf den Terrassen oder in den Gärten, wo sie ihre Abendmahlzeit einnehmen. Da die Gärten nur von niedrigen Hecken und die Terrassen von niedrigen Mäuerchen umgeben sind, entdeckt man recht bald die kleine Bootsflottille, die sich der Landungsstelle nähert. Einige erheben sich aus Neugierde, andere, weil sie Jesus kennen, um den Ankömmlingen entgegenzueilen.

«Ich sehe das Boot des Simon des Jonas zusammen mit dem des Zebedäus. Also kann es kein anderer sein als der Rabbi, der mit seinen Jüngern hierher kommt», erklärt ein Fischer.

«Frau, nimm sofort den Knaben und folge mir! Vielleicht ist er es. Er wird ihn heilen. Der Engel des Herrn führt ihn zu uns», befiehlt ein Gärtner seiner Frau, deren Gesicht vom Weinen gerötet ist.

«Ich glaube an ihn. Ich erinnere mich jenes Wunders! Alle diese Schweine! Die Schweine, welche die Hitze der in sie gefahrenen Dämonen im kühlen Wasser löschten... Es muß eine große Qual für diese Tiere gewesen sein, wenn sie, die der Reinlichkeit so abgeneigt sind, sich ins Wasser stürzten», sagt ein Mann, der herbeigeeilt ist und den Messias preist.

«Ja, du sagst es. Gewiß muß es eine Qual für sie gewesen sein. Auch ich war dabei und erinnere mich daran. Die Leiber rauchten, das Wasser dampfte. Der See war heißer geworden als die Quellen von Hamatha, und wo sie vorüberrannten, waren Busch und Gras versengt.»

«Ich bin auch hingegangen, habe aber keine Veränderung vorgefunden...» entgegnet ein dritter.

«Keine? Dann hast du wohl Schuppen vor den Augen! Schau, man sieht es sogar von hier aus. Siehst du dort? Dort, wo das trockene Flußbett ist? Schau ein wenig weiter hinüber und sieh, ob ...»

«Aber nein. Diese Zerstörung haben die römischen Soldaten angerichtet, als sie jenen Aufrührer in den kalten Nächten des Tebet suchten. Sie haben dort ihr Lager aufgeschlagen und Feuer gemacht.»

«Haben sie wohl einen ganzen Wald angezündet, um Feuer zu machen? Sieh einmal, wie viele Bäume dort fehlen!»

«Einen Wald? Zwei oder drei Eichen!»

«Das scheint dir wenig zu sein?»

«Nein. Aber man weiß ja, daß das, was unser ist, für sie nur Streu ist. Sie sind die Herrscher und wir die Unterdrückten. Ah! Wie lange wohl noch?» Das Gespräch geht vom Übernatürlichen ins Politische über.

«Wer führt mich zum Rabbi? Habt Erbarmen mit einem Blinden! Wo ist er? Sagt es mir. Ich habe ihn in Jerusalern gesucht, in Nazareth, in

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Kapharnaum, und immer war er schon wieder abgereist, wenn ich ankam... Wo ist er? Oh! Habt Erbarmen mit mir!» klagt ein ungefähr Vierzigjähriger, der mit einem Stab umhertastet.

Er erntet nur Schimpfworte von denen, die er auf den Beinen oder am Rücken trifft. Aber keiner hat Mitleid mit ihm. Alle drängen ihn beim Vorübergehen zur Seite, ohne daß auch nur ein einziger die Hand ausstrecken würde, um ihn zu führen. Der arme Blinde bleibt verängstigt und entmutigt stehen...

«Der Rabbi! Der Rabbi! Ahe-Ahe, il il leee!» (Ich bemühe mich, den schrillen Freudenruf der Frauen zu beschreiben. Es ist ein schriller Schrei, kein Wort, und gleicht eher einem Vogelgekreisch als einem menschlichen Laut.)

«Er wird unsere Kinder segnen!»

«Sein Wort wird die Frucht in meinem Schoße aufjubeln lassen. Freue dich, mein Kind! Der Erlöser spricht zu dir», sagt eine blühende junge Frau, während sie ihren Schoß unter dem lockeren Gewand streichelt.

«Oh! Vielleicht macht er den meinigen fruchtbar! Das würde Freude und Frieden bringen zwischen mir und Elisäus. Ich bin an alle Orte gegangen, von denen man sagt, daß die Frauen dort die Fruchtbarkeit erlangen. Ich habe Wasser getrunken aus dem Brunnen beim Grab der Rachel und aus dem Bach bei der Grotte, wo die Mutter ihn gebar... Ich bin drei Tage lang nach Hebron gegangen, um Erde vom Geburtsort des Täufers zu holen... Ich habe von den Früchten der Abrahamseiche gegessen, geweint und Abel angerufen an dem Ort, an dem er geboren und erschlagen wurde... Alle heiligen, alle wunderbaren Dinge des Himmels und der Erde habe ich probiert, und Ärzte, Heilmittel, Gelübde, Gebete und Opfergaben... Aber mein Schoß hat den Samen nicht aufgenommen, und Elisäus erträgt mich gerade noch, enthält sich jedoch nur mit Mühe des Hasses! O weh!» seufzt eine ganz abgehärmte Frau.

«Du bist doch schon alt, Sella! Ergib dich in dein Schicksal!» sagen ihr halb mitleidig, halb verächtlich, aber offensichtlich triumphierend jene, die mit schwangerem Mutterleib oder mit dem Säugling an ihrer blühenden Brust vorübergehen.

«Nein, sagt das nicht! Er hat die Toten auferweckt. Könnte er da nicht auch meine Eingeweide aufleben lassen?»

«Macht Platz! Platz für meine kranke Mutter!» schreit ein Jüngling, der die Stangen einer improvisierten Tragbahre hält, deren anderes Ende ein tiefbetrübtes Mädchen trägt. Auf der Tragbahre liegt eine noch junge Frau, die aber zu einem gelblichen Skelett abgemagert ist.

«Wir müssen ihm von dem unglücklichen Johannes berichten und ihm den Ort zeigen, wo er sich aufhält. Er ist der Unglücklichste von allen, denn er ist aussätzig und kann den Meister nicht aufsuchen», sagt ein Stattlicher alter Mann.

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«Erst wir! Erst wir! Wenn er nach Hippos weitergeht, dann ist es aus. Die Städter nehmen ihn für sich in Anspruch, und wir bleiben, wie immer, im Hintergrund.»

«Aber was ist denn los? Warum schreien die Frauen dort am Ufer so?»

«Weil sie töricht sind.»

«Nein, es sind Freudenschreie. Laufen wir!»

Der Weg verwandelt sich in einen Strom von Menschen, der sich zu

Kiesstrand des Sees und des Flusses bewegt, wo Jesus mit den Seinen von den zuerst Herbeigeeilten umringt worden ist.

«Ein Wunder! Ein Wunder! Der Sohn der Elisa, den die Ärzte aufgegeben haben, seht, er ist geheilt! Der Rabbi hat ihn durch den Speichel geheilt, mit dem er seinen Gaumen berührt hat.» Die «Ahe-Ahe, il il leee» der Frauen werden noch lauter und schriller, und laut ertönen die Hosannarufe der Männer.

Jesus wird trotz seiner hochgewachsenen Gestalt buchstäblich überwältigt. Die Apostel tun ihr Bestes, um ihm Platz zu verschaffen, aber mit wenig Erfolg. Die Jüngerinnen, mit Maria in ihrer Mitte, stehen abseits vor der apostolischen Gruppe. Das Knäblein in den Armen der Maria des Alphäus weint verängstigt und sein Weinen lenkt die Aufmerksamkeit vor vielen auf die Gruppe der Jüngerinnen; und, wie gewöhnlich, ist ein gut Informierter da, der sagt: «Oh! Auch die Mutter des Rabbi und die Mütter der Jünger sind hier!»

«Welche? Welche sind es?»

«Die Mutter ist die bleiche, blonde Frau im Linnengewand, und die an deren sind die Alten, von denen die eine das Kind auf dem Arm und die andere das Körbchen auf dem Kopf hat.»

«Und wer ist das Kind?»

«Ihr Sohn natürlich! Hört ihr nicht, daß er sie Mutter nennt?»

«Der Sohn von wem? Von der Alten? Das ist nicht möglich!»

«Von der Jungen. Siehst du nicht, daß er zu ihr gehen will?»

«Nein. Der Rabbi hat keine Brüder, das weiß ich sicher.»

Frauen hören zu, und während Jesus mit Mühe die Bahre erreicht, au der die Kranke liegt, die von ihren Kindern getragen wird, und sie heilt gehen sie neugierig auf Maria zu.

Aber eine ist nicht neugierig. Sie wirft sich ihr zu Füßen mit den Worten: «Um deiner Mutterschaft willen habe Erbarmen mit mir!» Es ist die Unfruchtbare.

Maria neigt sich zu ihr und fragt sie: «Was willst du, Schwester?»

«Ich möchte Mutter werden... einen Knaben haben... Nur einen... Ich werde gehaßt, weil ich unfruchtbar bin. Ich glaube, daß dein Sohn alles vermag, und habe einen so großen Glauben an ihn, daß ich denke, weil er aus dir geboren worden ist, wird er dich heilig und mächtig gemacht haben wie er selbst es ist. Jetzt bitte ich dich... um deiner Mutterfreude

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willen bitte ich dich: Mache mich fruchtbar. Berühre mich mit deiner Hand, und ich werde glücklich sein...»

«Dein Glaube ist groß, Frau. Aber der Glaube muß auf den gerichtet sein, der ein Recht darauf hat: auf Gott. Komm daher zu meinem Jesus...» Maria nimmt sie bei der Hand und bahnt sich mit Anmut, aber bestimmt, einen Weg zu Jesus.

Die anderen Jüngerinnen folgen ihr durch die Menge, und so auch die anderen Frauen, die zu Maria gekommen sind. Letztere fragen Maria des Alphäus, wer der Kleine ist, den sie in den Armen hält.

«Ein Kind, das von seiner Mutter nicht mehr geliebt wird und beim Rabbi Liebe gesucht hat...»

«Ein Kind, das von seiner Mutter verstoßen worden ist?!»

«Hast du gehört, Susanna?»

«Wer ist diese Hyäne?»

«Ach! Und ich leide so, weil ich keines habe! Gib es mir, daß ich wenigstens einmal von einem Kindlein geküßt werde ...» Und die unfruchtbare Sella reißt Maria des Alphäus das Knäblein fast aus den Armen und drückt es an ihr Herz, während sie sich bemüht, Maria zu folgen, die sie zurückgelassen hat in dem Augenblick, in dem sie Marias Hand losgelassen hat, um den Kleinen zu nehmen.

«Jesus, hör zu. Da ist eine Frau, die um Gnade bittet. Sie ist unfruchtbar ...»

«Störe den Meister nicht ihretwegen, Frau. Ihr Schoß ist tot», sagt einer, der nicht weiß, daß er zur Mutter Gottes spricht. Dann versucht er in seiner Beschämung über den Irrtum, auf den er aufmerksam gemacht wird, zu verschwinden, während Jesus ihm und der Bittenden zugleich antwortet: «Ich bin das Leben. Frau, es geschehe dir nach deinem Wunsche.» Er legt für einen Augenblick seine Hände auf das Haupt der Sella.

«Jesus, Sohn Davids, habe Erbarmen mit mir!» schreit der Blinde von vorher, der langsam die Menge erreicht hat und schon von weitem seinen Flehruf ausstößt. Jesus, der das Haupt geneigt hat, um die Bitte der Sella anzuhören, erhebt nun sein Antlitz und schaut in die Richtung, aus der die Stimme des Blinden ertönt, die sehr an den Schrei eines Ertrinkenden erinnert.

«Was willst du, daß ich für dich tue?» ruft Jesus.

«Ich möchte sehen. Ich bin in der Finsternis.»

«Ich bin das Licht. Ich will es!»

«Ah! Ich sehe! Ich sehe wieder! Laßt mich durch, auf daß ich die Füße meines Herrn küsse.»

«Meister, du hast hier alle geheilt. Aber es ist da noch ein Aussätziger in einer Hütte im Wald. Er bittet uns immerzu, dich zu ihm zu führen...»

«Gehen wir! Vorwärts! Laßt mich gehen! Tut euch nicht weh! Ich bin für alle hier... Auf! Macht Platz. Ihr verletzt die Frauen und die Kinder.

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Ich gehe noch nicht fort. Ich bleibe bis morgen, und dann werde ich mich fünf Tage in der Umgebung aufhalten. Ihr könnt mir folgen, wenn ihr wollt ...»

Jesus versucht, das Volk zu beruhigen, zu verhindern, daß die Leute sich wegen seines Kommens gegenseitig wehtun. Aber diese Menschenmenge ist wie eine Gummimasse, die sich dehnt, um sich gleich darauf wieder um ihn herum zusammenzuziehen; sie ist wie eine Lawine, die nach dem Gesetz der Natur immer kompakter wird, je mehr sie sich vorwärtsbewegt; sie ist wie Eisenteilchen, die vom Magnet angezogen werden... deshalb kommt man nur langsam und mühsam voran... Alle schwitzen. Die Apostel schreien, benützen ihre Ellbogen und treten mit ihren Füßen an die Schienbeine, um sich einen Weg zu bahnen... Unnütz ist jede Gewaltanwendung! Um zehn Meter zurückzulegen, braucht es eine Viertelstunde.

Einer Frau von etwa vierzig Jahren gelingt es mit ihrer Beharrlichkeit, sich bis zu Jesus vorzudrängen und ihn am Ellbogen zu berühren.

«Was willst du, Frau?»

«Dieses Kind... Ich habe erfahren... Ich bin Witwe und habe keine Kinder... Erinnere dich meiner. Ich bin Sara aus Apheca, die Witwe des Verkäufers von Strohmatten. Erinnere dich. Ich habe ein Haus am Platz der Roten Quelle und auch einige Weinberge und Wälder. Ich könnte einsamen Menschen helfen... und ich wäre glücklich...»

«Ich werde an dich denken, Frau. Dein Erbarmen sei gesegnet.»

Die Ortschaft, die sich am Ufer entlangzieht, aber nicht weit landeinwärts reicht, ist bald durchquert, und eine sanfte, stille Flur in der sinkenden Abenddämmerung nimmt sie auf. Es gibt keine nächtlichen Schatten, denn der Übergang vom Licht des Tages zur mondhellen Nacht ist kaum wahrnehmbar. Sie erreichen die Ausläufer des hohen Felsenriffs, das im Süden an den See grenzt. Höhlen, ich weiß nicht, ob natürlichen Ursprungs oder von Menschenhand in den Stein gehauen, viele zugemauert und von außen weiß getüncht, gewiß Gräber, befinden sich in dem Felssprung.

«Da sind wir! Halten wir an, um uns nicht zu verunreinigen. Wir sind hier in der Nähe des Grabes des Lebendigen, und dies ist die Stunde, da er zu diesem Felsmassiv kommt, um die Gaben abzuholen. Er war reich, weißt du? Wir erinnern uns noch daran. Er war auch gut, aber jetzt ist er ein Heiliger. Je stärker das Leid ihn heimgesucht hat, desto gerechter ist er geworden. Wir wissen nicht, wie alles gekommen ist. Man sagt, er sei durch fremde Pilger angesteckt worden, die er beherbergt hatte. Sie waren auf dem Weg nach Jerusalern, so sagten sie. Sie schienen gesund zu sein. Aber es waren sicher Aussätzige. Tatsache ist, daß nach ihrem Aufenthalt zuerst seine Frau und die Knechte, dann seine Kinder und zuletzt auch er selbst vom Aussatz erfaßt wurden. Alle. Es begann an den Händen derer,

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die die Füße und die Kleider der Pilger gewaschen hatten; daher sagen wir, daß sie schuld an allem sind. Die Kinder – es waren drei – sind sehr rasch gestorben. Dann starb die Frau, mehr aus Gram und Schmerz als wegen der Krankheit... Er... Als der Priester alle als aussätzig erklärte, kaufte der Mann mit dem nunmehr unnützen Vermögen dieses Bergland und ließ sich und die Seinen – einschließlich der Knechte – mit Proviant versorgen. Er ließ auch Spitzhacken und Pickel bringen, und sie begannen die Gräber auszuhauen, in denen sie dann bestattet wurden, einer nach dem anderen: die kleinen Kinder, dann die Frau und die Knechte... Nun ist nur er übriggeblieben, allein und arm, denn alles endet mit der Zeit ... und seine Krankheit dauert nun schon fünfzehn Jahre... trotz alledem ... nie eine Klage. Er war gelehrt. Er kennt die Heilige Schrift auswendig. Er sagt sie den Sternen, den Kräutern, den Pflanzen, den Vögeln auf, und uns, die wir so viel von ihm zu lernen haben. Er tröstet uns in unseren Leiden... er, verstehst du, er tröstet uns. Sie kommen von Hippos und Gamala, selbst von Gergesa und Apheca, um ihn anzuhören. Als er vom Wunder an den zwei Besessenen hörte... oh, da begann er, den Glauben an dich zu predigen. Herr, wenn die Menschen dich hier begrüßt haben als den Messias, wenn die Frauen dich begrüßt haben als den König und den Sieger, wenn unsere Kinder deinen Namen kennen und wissen, daß du der Heilige Israels bist, so ist dies dem armen Aussätzigen zu verdanken.» So erzählt im Namen aller der Alte, der als erster von Johannes gesprochen hat.

«Wirst du ihn heilen?» fragen viele.

«Und das fragt ihr mich? Ich, der ich Erbarmen mit den Sündern habe, was werde ich erst für einen Gerechten haben? Ist es vielleicht der, der da kommt? Dort, zwischen den Sträuchern...»

«Gewiß ist er es. Aber was für Augen du hast, Herr! Wir hören ein Rascheln, aber wir sehen nichts...»

Auch das Rascheln hört auf. Alles ist in schweigender Erwartung...

Jesus steht im Licht, allein, ein wenig vor den anderen, denn er hat sich bis zu dem Felsmassiv begeben, an dem man die Vorräte niedergelegt hat. Die anderen stehen im Halbschatten einiger Bäume und verschwinden zwischen den Stämmen und Sträuchern des Brachfeldes. Auch die Kinder schweigen; entweder sind sie auf den Armen der Mütter eingeschlafen oder sie sind erschrocken über die Stille, die Gräber und die eigenartigen Schatten, die der Mond um Bäume und Felsen wirft.

Der Aussätzige jedoch muß das alles von seinem Versteck aus sehr gut sehen. Die hohe, feierliche Gestalt des Herrn, schneeweiß im weißen Mondschein und unbeschreiblich schön. Die müden Blicke des Aussätzigen kreuzen sich gewiß mit dem strahlenden Blick Jesu. Welche Sprache sprechen wohl diese göttlichen, großen, wie Sterne funkelnden Augen? Welche Sprache spricht das Lächeln der Liebe auf seinen halbgeöffneten

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Lippen, und welche Worte mögen wohl vom Herzen, vor allem vom Herzen Christi ausgehen? Ein Geheimnis. Eines der vielen Geheimnisse in den geistigen Beziehungen zwischen Gott und den Seelen. Sicher ist, daß der Aussätzige diese Sprache versteht, denn er ruft: «Seht das Lamm Gottes! Seht den, der gekommen ist, alles Leid der Welt zu heilen! Jesus, gesegneter Messias, unser König und Heiland, habe Erbarmen mit mir!»

«Was willst du? Wie kannst du an den Unbekannten glauben und in ihm den Verheißenen schauen? Was bin ich für dich? Der Unbekannte...»

«Nein, du bist der Sohn des lebendigen Gottes. Wie ich das weiß und sehe? Ich weiß es nicht. Hier, in meinem Inneren, hat eine Stimme laut gesagt: "Siehe, das ist der Erwartete. Er ist gekommen, um deinen Glauben zu belohnen." Unbekannt? Ja. Niemand hat das Antlitz Gottes je geschaut. Deshalb bist du der "Unbekannte" in deiner Erscheinung. Aber der Bekannte bist du durch deine Natur, durch deine Wirklichkeit. Jesus, Sohn des Vaters, fleischgewordenes Wort und Gott wie der Vater. Siehe, das bist du, und ich grüße und bitte dich, indem ich an dich glaube.»

«Und wenn ich nichts tun könnte und dein Glaube enttäuscht würde?»

«Dann würde ich sagen, daß dies der Wille des Allerhöchsten ist, und würde fortfahren zu glauben, zu lieben und stets auf den Herrn zu hoffen.»

Jesus wendet sich zur Menge, die aufmerksam zugehört hat und sagt: «Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, dieser Mann hat den Glauben, der Berge versetzt. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, daß sich die wahre Liebe und Hoffnung, der wahre Glaube mehr im Leiden als in der Freude offenbaren, gleichwie übermäßige Freude dem noch ungeformten Geist oftmals Verderben bringen kann. Es ist leicht zu glauben und gut zu sein, wenn das Leben zwar nicht lauter Freude, aber doch ein ruhiges Dahinfließen der Tage ist. Wer jedoch in Glaube, Hoffnung und Liebe ausharrt, auch wenn er durch Krankheit, Elend, Tod und Not vereinsamt, wenn er von allen verlassen und gemieden wird, und nichts anderes sagt als: "Es geschehe, was der Allerhöchste für mich für nützlich hält", wahrhaft, der verdient nicht nur den Beistand Gottes; vielmehr sage ich euch: im Himmelreich ist schon ein Platz für ihn bereit, und er wird nicht am Reinigungsort verweilen müssen, denn seine Gerechtigkeit hat alle Schuld seines vergangenen Lebens getilgt. Mann, ich sage dir: "Gehe hin in Frieden, denn Gott ist mit dir!"» Bei diesen Worten dreht er sich um und streckt dem Aussätzigen die Arme entgegen. Er zieht ihn gleichsam durch diese Geste an sich, und als er ziemlich nahe ist um gut zu sehen, befiehlt er: «Ich will: Sei rein!» Und es ist, als ob der Mond mit seinem Silberlicht die Pusteln, Wunden, Blasen und Krusten der abscheulichen Krankheit abwüsche und davontrüge.

Der Leib bildet sich neu in Gesundheit, und ein würdevoller Alter, asketisch in seiner Magerkeit, steht da, der seiner wunderbaren Heilung erst

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gewahr wird durch die Hosannarufe der Menge. Sogleich wirft er sich nieder und küßt den Boden, da es ihm nicht möglich ist, Jesus oder sonst jemanden zu berühren vor Ablauf der vom Gesetz vorgeschriebenen Zeit.

«Erhebe dich! Man wird dir ein reines Gewand bringen, damit du zum Priester gehen kannst. Aber wisse immer in der Reinheit des Geistes vor deinem Gott zu wandeln. Lebe wohl, Mann. Der Friede sei mit dir!»

Jesus geht wieder zu den Leuten und kehrt langsam zur Nachtruhe in die Ortschaft zurück.

500. MORGENDLICHE PREDIGT IN DER VORSTADT AM SEE

Es ist ein frischer Morgen, an dem das Volk darauf wartet, daß Jesus aus dem Haus des Vorortes am See trete, um seine Predigt zu beginnen.

Ich glaube, daß die Bewohner in dieser Nacht wenig geschlafen haben aus Erregung über die geschehenen Wunder, aus Freude, den Messias mitten unter sich zu haben, und in dem Wunsch, keine Minute seiner Gegenwart zu verlieren. Erst spät hat sich der Schlaf eingestellt, denn ihm sind viele Gespräche im Innern der Häuser vorausgegangen. Man hat die Ereignisse des Tages noch einmal an sich vorüberziehen lassen und geprüft, ob der Geist der einzelnen von jenem Glauben erfüllt ist, von jener unerschütterlichen Hoffnung und Liebe, die der Meister so gelobt und als sicheres Mittel genannt hat, um für dieses und das jenseitige Leben die Gnade Gottes zu erlangen. In der Befürchtung, der Meister könnte sich auf den Weg machen und bereits am frühen Morgen fortgehen, ohne daß sie beim Abschied dabei wären, haben sich die Bewohner schon zeitig wieder auf die Straßen begeben. Sie sind erstaunt gewesen, sich alle wiederzufinden, vom gleichen Gedanken angetrieben, und haben sich gesagt: «Es ist wirklich das erste Mal, daß derselbe Gedanke unsere Herzen rührt und vereint.» Und mit einer neuen, guten, brüderlichen Freundschaft sind sie einmütig zum Haus gegangen, das Jesus beherbergt, und haben begonnen, es friedlich zu belagern, ohne Lärm zu machen oder ungeduldig zu werden, aber beharrlich und fest entschlossen, dem Meister zu folgen, sobald er auf der Straße erscheint.

Viele Gärtner haben frisch gepflückte, noch taunasse Früchte aus ihren Gärten mitgebracht und bergen sie zum Schutz vor der aufgehenden Sonne, vor dem Staub und den Insekten unter frischem Weinlaub oder großen Feigenblättern, zwischen denen nun rotbackige, wie von einem Miniaturenmaler gemalte Äpfel hervorschauen, und der Bernstein und Onyx der Trauben, und die weichen Formen der Feigen aller Art, die einen fest umschlossen von der leicht faltigen Haut über dem honigsüßen Fruchtfleisch, die anderen prall, glatt und glänzend wie über einen dicken Tropfen

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straff gespannte Seide, wieder andere geöffnet in einem Lachen blonder, rosiger und tiefrosaroter Fasern, je nach der Sorte. Und Fischer haben in kleinen Körben Fische gebracht, gewiß in der Nacht gefangene Fische, für die sie ihren Schlaf geopfert haben. Denn einige der Fische leben noch und ihre Mäuler schnappen beim letzten schmerzhaften Atemholen und in den Zuckungen des Todes. Und diese zitternde Atmung und die zuckenden Bewegungen verstärken noch den silbernen oder zartblauen Glanz ihre Bäuche und Rücken auf dem Bett aus graugrünen Weiden- und Pappelblättern.

Inzwischen hat der See die zarte milchige Farbe gewechselt, die das Morgengrauen dem aus der Nacht hervortretenden Wasser verleiht – so rein, ich möchte fast sagen engelgleich, beinahe andächtig und mit kaum hörbarem Rauschen zwischen den Steinen gleitet der ruhige Wellenschlag auf das Ufer – und hat die lachende, menschlichere, ich würde sagen fleischlichere Farbe der Morgenröte angenommen, die mit ihren rosaroten, sich im See spiegelnden Wölkchen das Wasser entflammt. Im klaren Licht des Morgens wird das Wasser wieder blau und beginnt zu leben, zu pulsieren, mit seinen Wellchen, die lachend und schaumgekrönt ans Ufer hüpfen, um dann zurückzufliehen und mit anderen Wellen zu tanzen. So schmücken sie den ganzen Spiegel des Sees mit einer leichten, weißen Spitzenarbeit, hingeworfen über die himmlische Seide des Wassers, das der frische Morgenwind kräuselt. Und dann zerschneidet der erste Sonnenstrahl das Wasser, dort bei Tarichäa, wo es noch eben so blaugrün war durch die sich widerspiegelnden Wälder und sich nun vergoldet und glänzt wie ein von der Sonne zerbrochener Spiegel. Dieser Spiegel dehnt sich immer mehr aus, taucht die noch himmelblauen Wasser in Gold und Topas, vertreibt die Rosatöne der sich in den Wellen spiegelnden Wölkchen und umgibt auch die Kiele der letzten vom Fischfang heimkehrenden Boote und die der ersten, die hinausfahren, während die Segel im triumphalen Schein der nun aufgegangenen Sonne weiß wie Engelsflügel leuchten im Gegensatz zum Blau des Himmels und zum Grün der Hügel. Herrlich ist der See von Galiläa, der mich mit der Üppigkeit seiner Ufer an unseren Gardasee und wegen seines mystischen Friedens an den Trasimenischen See erinnert. Er ist die Perle von Palästina, ein würdiger Rahmen für den größeren Teil des öffentlichen Lebens Jesu.

Nun erscheint Jesus auf der Schwelle des gastlichen Hauses und lächelt, während er die Hände zum Segen erhebt über die geduldige Menge, die auf ihn gewartet hat.

«Der Friede sei mit euch allen.

Habt ihr mich erwartet? Habt ihr befürchtet, daß ich weggehen würde, ohne Abschied von euch zu nehmen? Ich halte meine Versprechen immer. Heute werde ich unter euch sein, um euch die Frohe Botschaft zu verkünden und, wie versprochen, eure Häuser, Gärten und Boote zu segnen, auf

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daß jede Familie und auch eure Arbeit geheiligt sei. Doch vergeßt nicht, daß mein Segen, um wirksam zu sein, von eurem guten Willen unterstützt werden muß. Und ihr wißt ja, worin dieser gute Wille besteht, der in einer Familie herrschen muß, damit das Haus, in dem sie lebt, heilig sei. Der Mann soll das Haupt sein, aber kein Despot, weder mit der Gattin noch mit den Kindern oder den Dienern; und gleichzeitig soll er der König sein, König im biblischen Sinne des Wortes. Erinnert ihr euch an das achte Kapitel des ersten Buches der Könige? Die Ältesten von Israel versammelten sich in Rama, wo Samuel wohnte und sagten zu ihm: "Siehe, du bist alt geworden, und deine Söhne wandeln nicht auf deinen Wegen. So setze denn einen König über uns ein, damit er uns richte, wie es bei allen Völkern Brauch ist!"

König sein will also heißen "Richter sein", und er muß ein gerechter Richter sein, der seine Untergebenen nicht unglücklich macht, weder in der Zeit durch Kriege, Mißbräuche oder ungerechte Steuern, noch in der Ewigkeit durch ein Königreich, in dem Weichlichkeit und Laster herrschen. Wehe den Königen, die ihr Amt mißbrauchen, die den Stimmen der Untergebenen ihr Ohr verschließen, die ihre Augen schließen vor den Wunden der Nation; die sich der Leiden des Volkes mitschuldig machen durch widerrechtliche Bündnisse, nur um ihre Macht zu stärken mit Hilfe von Verbündeten! Wehe auch jenen Vätern, die gegen ihre Pflichten fehlen, die blind und taub sind gegenüber den Bedürfnissen und Fehlern der Familienmitglieder, die die Ursache von Ärgernissen und Leiden ihrer Familie sind, die unwürdige eheliche Verbindungen zulassen, nur um sich mit reichen und mächtigen Familien zu verschwägern, ohne zu bedenken, daß die Ehe, abgesehen von der Fortpflanzung des Menschengeschlechtes, dazu dienen soll, Mann und Frau geistig zu erheben und zu stärken; daß sie eine Pflicht, eine Aufgabe in sich birgt und kein Geschäft ist, und kein Schmerz, keine Demütigung des einen oder anderen Partners sein darf; daß sie Liebe und nicht Haß ist.

Das Oberhaupt sei also gerecht ohne übertriebene Härte oder Forderungen, aber auch ohne übertriebene Nachgiebigkeit und Schwäche. Wenn ihr jedoch zu wählen hättet zwischen der Übertreibung im einen oder im anderen, dann wählt lieber das letztere, denn so wird Gott euch wenigsten sagen können: "Warum bist du so gut gewesen?", und er wird euch nicht verurteilen, weil das Übermaß an Güte schon durch die Anmaßung derer bestraft wird, die diese Güte mißbrauchen. Übertriebene Härte dagegen würde euch immer vorgeworfen werden, weil sie mangelnde Liebe gegenüber den euch am nächsten Stehenden bedeutet. Gerecht sei das Verhalten der Herrin des Hauses gegen den Gatten, die Kinder und die Diener. Sie erweise dem Gatten Gehorsam und achte ihn; sie sei ihm Trost und Hilfe.

Gehorsam, solange dieser nicht die Zustimmung zur Sünde bedeutet.

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Die Frau soll zwar unterwürfig sein, darf sich jedoch nicht entwürdigen lassen. Achtet darauf, ihr Gattinnen, daß nach Gott der erste, der eine gewisse sündhafte Nachgiebigkeit bei euch richtet, euer eigener Gatte ist, der euch vielleicht dazu verleitet. Nicht immer ist es Liebesbedürfnis, sondern oftmals eine Prüfung eurer Tugendhaftigkeit. Wenn ihr auch im Augenblick nicht daran denkt, so kann doch der Tag kommen, da der Gatte sich sagt: "Meine Frau ist sehr sinnlich", und deshalb an eurer ehelichen Treue zweifelt. Seid keusch in euren ehelichen Beziehungen. Bewirkt, daß eure Keuschheit eurem Gatten jene Zurückhaltung auferlegt, die man reinen Dingen gegenüber übt, und daß er euch wie seinesgleichen behandelt und nicht wie Sklavinnen oder Konkubinen, die nur dem "Vergnügen" dienen und verstoßen werden, sobald sie nicht mehr gefallen. Die tugendhafte Frau, ich will sagen, die Frau, die auch nach der Heirat ein gewisses jungfräuliches "Etwas" in ihren Worten, Handlungen und in der Hingabe in der Liebe bewahrt, kann ihren Mann von der Sinnlichkeit zum wahren Gefühl erheben, so daß er sich von der Wollust befreit und wirklich Eins wird mit seiner Gattin; die er dann mit der Rücksicht behandelt, mit der man einen Teil seiner selbst behandelt. Und das ist auch recht, denn die Frau ist "Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch" und niemand mißhandelt sein eigenes Fleisch und Bein; vielmehr liebt man es. Deshalb sollen sich die Gatten – wie das erste Ehepaar – nicht in ihrer sinnlichen Nacktheit betrachten, sondern sich in geistiger Weise und ohne erniedrigende Schamlosigkeit lieben.

Die Frau sei geduldig und mütterlich mit ihrem Gatten. Sie betrachte ihn als den ersten ihrer Söhne, denn die Frau ist immer Mutter, und der Mann bedarf stets einer Mutter, die geduldig, klug, liebevoll und hilfreich ist. Selig die Frau, die ihres Mannes Gefährtin und gleichzeitig seine Mutter, die ihn aufrichtet, zu sein versteht, und auch seine Tochter, die sich führen läßt. Die Frau sei arbeitsam. Die Arbeit hält Phantastereien fern, führt zur Rechtschaffenheit und tut auch der Börse gut. Sie quäle ihren Gatten nicht mit törichten Eifersüchteleien, die nichts bessern. Ist er ein ehrsamer Ehemann, kann ihn die grundlose Eifersucht dazu verleiten, das Haus zu verlassen, und ihn in Gefahr bringen, in die Netze einer Dirne zu geraten. Ist er jedoch nicht ehrsam und treu, dann vermag der Zorn einer eifersüchtigen Frau nichts daran zu ändern; wohl aber kann ein ernstes Verhalten ohne Unhöflichkeit und Groll, ein würdiges und liebevolles, immer wieder liebevolles Verhalten, eine Besinnung herbeiführen. Versucht, den Gatten wiederzugewinnen, wenn eine Leidenschaft ihn euch entfremdet hat. Durch eure Tugend werdet ihr ihn – wie in der Jugend durch eure Schönheit – noch einmal erobern. Und um die notwendige Kraft für diese Pflichterfüllung zu finden und um dem Schmerz begegnen zu können, der euch zur Ungerechtigkeit verleiten könnte, liebt eure Kinder und denkt an ihr Wohl.

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Alles besitzt die Frau in ihren Kindern: die Freude, die königliche Krone in den schönen Stunden, da sie wahrhaft die Königin des Hauses und ihres Gatten; und den Balsam für die schmerzlichen Stunden, in denen ein Verrat oder andere schmerzliche Erfahrung des Ehelebens ihre Stirn und besonders ihr Herz mit den Dornen ihres traurigen Königtums als Märtyrerin der Ehe durchstechen.

Werdet ihr so schlecht behandelt, daß ihr versucht seid, durch eine Scheidung in die eigene Familie zurückzukehren oder Ersatz zu finden bei einem falschen Freund, der nach einer Frau verlangt und Mitleid mit der "Betrogenen" vorgibt? Nein, Frauen! Nein! Die Kinder, die unschuldigen Kinder, die schon so frühzeitig verwirrt und traurig geworden sind durch die Stimmung im Haus, durch das Fehlen von Frieden und Rechtschaffenheit, haben ein Anrecht auf eine Mutter, auf einen Vater, auf den Trost eines Heimes, in dem nach dem Verlust einer Liebe die andere lebendig bleibt und über sie wacht. Ihre unschuldigen Augen betrachten euch, sie prüfen euch und verstehen mehr, als ihr glaubt. Ihre Seelen formen sich nach dem, was sie sehen und verstehen. Seid nie ein Ärgernis für diese Unschuldigen, sondern flüchtet euch zu ihnen wie in ein Bollwerk aus diamantenen Lilien gegen die Schwächen des Fleisches und die Nachstellungen der Schlangen.

Die Frau sei Mutter. Die gerechte Mutter, die zugleich die Schwester und Freundin ihrer Söhne und Töchter ist, und die vor allem ein gutes Beispiel gibt, in allem. Das heißt, wachen über Söhne und Töchter, liebevoll zurechtweisen, aufrichten und zum Nachdenken anspornen, und dies alles ohne Bevorzugung; denn die Kinder sind alle aus einem Samen und aus einem Schoß geboren, und wenn es natürlich ist, daß man die guten liebt wegen der Freude, die sie einem schenken, so ist es eine Pflicht, die zu lieben, die nicht gut sind, wenn auch mit schmerzlicher Liebe. Denkt daran, daß der Mensch nicht strenger sein darf als Gott, der nicht nur die Guten, sondern auch die Bösen liebt und ihnen Zeit und Gelegenheit gibt, sich zu bessern; der sie erträgt bis zu ihrem Tod und erst dann zum gerechten Richter wird, wenn der Mensch nichts wiedergutmachen kann.

Hier laßt euch etwas sagen, was zwar nicht zum Thema gehört, was aber nützlich ist, sich stets vor Augen zu halten. Oft, zu oft hört man sagen, daß die Bösen mehr Freuden im Leben haben als die Guten und daß das nicht gerecht ist. Dazu sage ich euch vor allem: "Urteilt nicht nach dem Äußeren und nach dem, was ihr nicht kennt." Das Äußere ist oft trügerisch, und das Urteil Gottes bleibt hier auf Erden verborgen. Ihr werdet im anderen Leben erkennen und sehen, daß das vergängliche Wohlergehen dem Bösen gewährt wurde als Mittel, um ihn zum Guten zu führen, und als Entgelt für das wenige Gute, das auch der schlimmste Mensch tun kann. Doch wenn ihr die Dinge im Licht der Gerechtigkeit des anderen Lebens betrachtet, dann werdet ihr erkennen, wie kurz die Zeit der Freude

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des Sünders ist; kürzer als das Leben eines Grashalmes, der im Frühling im Kies des Bachbetts wächst und in der sommerlichen Sonne verdorrt. Ein einziger Augenblick der himmlischen Herrlichkeit mit der Glückseligkeit, die sie dem Geist vermittelt, der sie genießt, ist viel mehr wert als die größten Triumphe des irdischen Lebens. Beneidet daher nicht den Bösen um sein Wohlergehen, sondern seid bestrebt, mit gutem Willen den ewigen Schatz des Gerechten zu erlangen.

Kehren wir nochmals zu den Bedingungen zurück, die erforderlich sind, damit mein Segen einer Familie und unter den Hausbewohnern bleibende Frucht bringt. Euch, Kindern, sage ich, seid euren Eltern untertan, achtet sie und gehorcht ihnen, damit ihr auch dem Herrn, eurem Gott, gehorchen könnt. Denn wenn ihr nicht lernt, den kleinen Geboten von Vater und Mutter, die ihr seht, zu gehorchen, wie werdet ihr dann den Geboten Gottes gehorchen können, die euch in seinem Namen verkündet werden, ohne daß ihr ihn selbst seht und hört? Wenn ihr nicht lernt zu glauben, daß wer liebt, wie ein Vater und eine Mutter lieben, nur Gutes auftragen kann, wie könnt ihr dann glauben, daß was man euch als Gebote Gottes nennt, gut ist? Gott liebt euch als Vater, wißt ihr das? Aber gerade weil er euch liebt und euch bei sich haben will, o ihr teuren Kinder, will er, daß ihr gut seid. Und die erste Schule, in der ihr lernt, gut zu sein, ist die Familie. Dort lernt ihr lieben und gehorchen und dort beginnt für euch der Weg, der zum Himmel führt. Seid daher gut, ehrfurchtsvoll und gelehrig. Liebt den Vater, auch wenn er euch zurechtweist, denn er tut dies zu eurem Wohl, und eure Mutter, die euch abhält von Handlungen, die sie nach ihren Erfahrungen nicht für gut hält. Ehrt eure Eltern und beschämt sie nicht durch eure schlechten Taten. Der Stolz ist nicht gut; aber es gibt den heiligen Stolz, sagen zu können: "Ich habe meinem Vater und meiner Mutter nie Kummer bereitet." Dies wird euch ihre Nähe zur Freude gereichen lassen, solange sie leben, und wird zum Balsam für eure Wunde, wenn sie sterben. Die Tränen hingegen, die ein Kind seinen Vater vergießen macht, fallen wie flüssiges Blei auf das Herz des schlechten Kindes, und trotz seiner Bemühungen, diese Wunde zu betäuben, schmerzt sie, und schmerzt um so mehr, wenn der Tod des Vaters dem Kind nicht mehr gestattet, seine Fehler wieder gutzumachen. Oh, ihr Kinder, seid immer gut, wenn ihr wollt, daß Gott euch liebt.

Schließlich ist jenes Haus heilig, in dem durch die Gerechtigkeit des Hausherrn und seiner Familie auch die Knechte und Mägde gerecht werden. Die Vorgesetzten sollen bedenken, daß ein schlechtes Benehmen ihrerseits den Knecht verbittert und verdirbt, und die Knechte sollen wissen, daß ihr schlechtes Betragen dem Herrn mißfällt. Ein jeder bleibe an seinem Platz, doch verbinde alle eine Nächstenliebe, die die Unterschiede zwischen Herren und Knechten ausgleicht.

Dann wird das von mir gesegnete Haus meinen Segen bewahren, und

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Gott wird darin wohnen. Ebenso wird mein Segen, und damit mein Schutz, auf den Booten und den Gärten, den Arbeits- und Fischfanggeräten verweilen, wenn sie in heiliger Weise an den erlaubten Tagen benützt werden, am heiligen Sabbat jedoch zu Gottes Ehre ruhen; wenn ihr euer Leben als Fischer und Gärtner verbringt, ohne beim Verkaufen und Wiegen zu betrügen; wenn ihr eure Arbeit nicht verwünscht, ihr aber andererseits auch nicht mehr Bedeutung einräumt als Gott. Denn so wie die Arbeit euch Gewinn bringt, so gibt Gott euch den Himmel.

Nun will ich die Häuser und die Boote, die Ruder, die Gärten und die Spaten segnen. Danach begeben wir uns zu Johannes, und ich werde dort sprechen, bevor er zum Priester geht. Denn ich werde nicht mehr hierher zurückkehren, und es ist gerecht, daß auch er mich wenigstens einmal hört. Nehmt das Brot, die Fische und die Früchte. Wir nehmen sie mit in den Wald und essen in Gegenwart des geheilten Aussätzigen. Ihm werden wir die besten Bissen geben, damit er auch im Fleisch frohlocke und sich schon als Bruder unter den Gläubigen des Herrn fühle.»

Jesus macht sich auf den Weg, gefolgt vom Volk der Vorstadt und anderen Leuten aus den benachbarten Ortschaften, denen die hiesigen Bewohner die Nachricht von der Ankunft des Messias vielleicht in der Nacht gebracht haben.

501. PREDIGT AM AUFENTHALTSORT DES AUSSÄTZIGEN

«Mein Herr!» ruft der vom Aussatz Geheilte und wirft sich auf die Knie, als er Jesus auf dem Brachfeld vor dem felsigen Ort, an dem er so viele Jahre verbracht hat, erblickt. Dann erhebt er sich und ruft wieder: «Kommst du noch einmal zu mir?»

«Um dir nach der gestrigen Heilung nun auch die Wegzehrung meines Wortes zu geben.»

«Wegzehrung gibt man einem Abreisenden, und ich breche tatsächlich heute abend auf, um mich zur Reinigung zu begeben. Doch ich gehe, um zurückzukehren und mich deinen Jüngern anzuschließen, wenn du mich aufnehmen willst. Ich habe weder Haus noch Verwandte, Herr. Ich bin zu alt, um meine frühere Lebensweise und Tätigkeit wieder aufzunehmen. Wohl wird man mir meine Güter zurückerstatten; aber wie wird das Haus aussehen, nachdem es fünfzehn Jahre lang leer gestanden hat? Was werde ich dort vorfinden? Vielleicht nur eingefallene Mauern. Ich bin wie ein Vogel ohne Nest. Erlaube, daß ich mich der Schar anschließe, die dir folgt. Im übrigen... gehöre ich nicht mehr mir selbst, denn nach dem, was du mir gegeben hast, gehöre ich dir. Ich gehöre nicht mehr der Welt, die mich gerechterweise verstoßen hat, da ich lange Zeit unrein war. Jetzt

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aber bin ich es, der die Welt unrein findet, da ich dich kennengelernt habe und ich fliehe die Welt, um zu dir zu kommen.»

«Ich weise dich nicht zurück. Jedoch möchte ich dir folgendes sagen Mein Wunsch wäre, daß du in dieser Gegend bleibst. Aera und Arbela haben ihre eigenen Söhne, die als Jünger das Evangelium verkünden. Seid dasselbe für Hippos, Gamala, Apheca und die benachbarten Ortschaften Ich werde bald nach Judäa gehen und nicht mehr in diese Gegend zurück kehren, und möchte auch hier Verkünder der Frohen Botschaft haben.

«Dein Wille läßt mich jeden Verzicht lieben. Ich werde tun, was du von mir verlangst, sobald die Reinigung erfolgt ist. Ich hatte daran gedacht mich nicht mehr um mein Haus zu kümmern; jetzt hingegen werde ich es wieder in Ordnung bringen, um dort zu wohnen und während des Winter Menschen aufnehmen zu können, die dich kennenlernen wollen. Auch werde ich einige Jünger, die dir schon seit Jahren folgen, bitten, zu mir zu kommen, denn wenn du aus mir einen kleinen Lehrmeister machen willst bedarf ich der Belehrung durch deine Nachfolger, die mehr wissen als ich Im Frühling werde ich dann hingehen wie die anderen und deinen Name verkünden.»

«Dein Vorhaben ist gut, und Gott wird dir helfen, es auszuführen.»

«Ich habe schon damit begonnen, alles zu verbrennen, was mir gehört das ärmliche Lager und die Gerätschaften, die ich benützte, das Gewand das ich bis gestern getragen habe, und alles, was meinen kranken Körbe berührt hat. Die Höhle, in der ich gelebt habe, ist schwarz vom Feuer, da ich dort angezündet habe, um zu vernichten und zu reinigen. Niemand wird sich anstecken, wenn er dort in einer stürmischen Nacht Zuflucht suchen sollte. Und dann... (Die Stimme des Mannes wird schwächer, fast bricht sie, und er spricht langsamer ... ) und dann hatte ich eine alte Truhe Sie war nun in schlechtem Zustand und wurmstichig, als ob der Aussatz sie zerfressen hätte. Aber für mich... war sie kostbarer als alle Reichtümer der Welt... In ihr bewahrte ich wertvolle Dinge auf... Andenken an mein Mutter... den Hochzeitsschleier meiner Anna... Ach, als ich ihn ihr ab nahm, selig, am Abend des Hochzeitstages, und jenes so schöne und rein Lilienantlitz betrachtete, wer hätte mir da vorausgesagt, daß ich es wenig Jahre später voller Wunden sehen würde! Und... die Kleider meiner Kinder, ihre Spielsachen, die sie in ihren kleinen Händchen hielten, solang sie dazu fähig waren... Oh, der Schmerz ist so groß... Verzeih mir mein Tränen... Die Wunde schmerzt so sehr, jetzt, da ich alles in Befolgung de Gesetzes verbrennen mußte... ohne sie nochmals küssen zu dürfen, wer diese Dinge einst Aussätzigen gehörten... Ich bin ungerecht, Herr. Ich weine vor dir ... Habe Mitleid mit mir... Ich habe die letzte Erinnerung an sie vernichtet ... und jetzt bin ich wie ein in der Wüste Verlorener ...» De Mann bricht weinend neben dem Aschenhaufen zusammen, der die Erinnerung an seine Vergangenheit darstellt.

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«Du bist nicht verloren, Johannes. Du bist nicht allein. Ich bin mit dir, und die Deinen werden bald bei mir im Himmel sein und dort auf dich warten. Diese Andenken, die dich an sie erinnerten, als sie schon von der Krankheit entstellt oder als sie noch schön und gesund waren vor dem Unglück, sind alles schmerzliche Andenken. Lasse sie zurück in der Asche. Vernichte sie in der Gewißheit, daß ich dir ein Wiedersehen mit den Deinen schenken werde, schön und glückselig in der Freude des Himmels. Die Vergangenheit ist tot, Johannes. Weine nicht mehr darüber. Das Licht zögert nicht, in die Finsternis der Nacht zu blicken, aber es freut sich, die Nacht zu überwinden und allmorgendlich der am Himmel aufsteigenden Sonne nachzufolgen. Auch die Sonne bleibt nicht im Osten stehen, sondern steigt auf und zieht ihre Bahn, bis sie hoch vom Firmament herabstrahlt. Deine Nacht ist nun zu Ende, denke nicht mehr an sie. Steig im Geiste dort hinauf, wo ich, das Licht, dich hinführe. Dort wirst du in froher Hoffnung und schönem Glauben schon jetzt die Freude finden: denn deine Liebe wird sich in Gott ergießen können und in die Deinen, die auf dich warten. Es ist nur ein rasches Emporsteigen... und bald wirst du oben sein bei ihnen. Das Leben ist ein Hauch... und die Ewigkeit ist die ewige Gegenwart.»

«Du hast recht, Herr. Du tröstet und belehrst mich, diese Stunde in Gerechtigkeit zu überwinden... Aber du stehst in der Sonne, um mir so nahe als möglich zu sein. Ziehe dich zurück, Meister. Du hast mir schon genug gegeben. Die Sonne könnte dir schaden, da sie bereits sehr stark ist.»

«Ich bin gekommen, um bei dir zu sein, und wir alle sind dazu gekommen. Gehe dort unter die Bäume, so können wir ohne Gefahr nahe beisammen sein.» Der Mann gehorcht und verläßt den Felsblock, vor dem ein Häufchen Asche liegt: die Vergangenheit, und geht in die Richtung, in die auch Jesus geht und wo die gerührten Apostel, die Frauen, die Bewohner des Vororts und jene, die aus anderen Städten gekommen sind, um den Meister zu hören, stehen.

«Zündet Feuer an und kocht die Fische. Wir werden ein Liebesmahl bereiten und alles unter alle verteilen», gebietet Jesus.

Während die Apostel sich an die Arbeit machen, geht er hin und her unter den Bäumen, die hier, an diesem wegen der Nähe des Aussätzigen von allen gemiedenen Ort, wild durcheinander gewachsen sind. Ein wirres Dickicht, eine Pflanzenwildnis, die noch nie eine Ziege oder eine Axt gesehen hat. Leidende und Betrübte haben sich im wohltuenden Schatten dieses Waldes niedergelassen und erzählen Jesus von ihrem Leid und ihren Sorgen. Jesus heilt, ermahnt und tröstet, geduldig und machtvoll. Weiter drüben, auf einer kleinen Wiese, spielt das Kind von Kapharnaum glücklich mit Kindern aus der Umgebung, und ihr Freudengeschrei wetteifert mit dem Gesang der vielen Vögel, die im dichten Laub der Bäume sitzen oder in ihrem bunten Federkleid durch das grüne Gras trippeln und großen Schmetterlingen gleichen, die von Blume zu Blume flattern.

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Das Essen ist fertig. Jesus wird gerufen. Er bittet einen Bauern, der Feigen und Trauben gebracht hat, um einen Korb und füllt ihn mit Brot, den schönsten Fischen und saftigen Früchten. Dann legt er noch seine Feldflasche mit Honigwasser dazu und begibt sich zu dem geheilten Aussätzigen.

«So hast du keine Feldflasche, Meister», bemerkt Bartholomäus. «Er kann sie dir nicht mehr zurückgeben.»

Jesus antwortet lächelnd: «Es gibt noch so viel Wasser, um den Durst des Menschensohnes zu stillen! Es ist das Wasser, das der Vater in die tiefen Brunnen gesenkt hat. Und der Menschensohn hat seine Hände noch frei, um sie zum Becher zu formen... Ein Tag wird kommen, da er weder das eine noch das andere hat... nicht einmal mehr den Trank der Liebe wird er haben, um den Dürstenden zu erquicken... Jetzt habe ich noch so viel Liebe um mich...» und er geht weiter, wobei er mit beiden Händen den großen, runden und hohen Korb trägt. Dann stellt er ihn einige Meter von Johannes entfernt ins Gras und sagt zu ihm: «Nimm und iß, es ist das Mahl Gottes.» Hierauf kehrt er zu seinem Platz zurück, opfert und segnet die Speisen und läßt sie unter die Anwesenden verteilen, die, was sie hatten, zusammengelegt haben. Alle essen mit Wohlbehagen und in friedlicher Freude. Maria kümmert sich mit mütterlicher Sanftmut um den kleinen Alphäus. Nachdem sich alle gestärkt haben, stellt sich Jesus zwischen das Volk und den früheren Aussätzigen und beginnt zu sprechen, während die Mütter ihre vom Essen satten und vom Spielen müden Kinder auf den Schoß nehmen, um sie in den Schlaf zu wiegen, damit sie nicht stören.

«Hört alle zu.

In einem Psalm Davids fragt sich der Psalmist: "Herr, wer darf weilen in deinem Zelt? Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berg?" Dann beginnt er jene aufzuzählen, die die Glücklichen sein werden, und erklärt, weshalb sie es sein werden. Er sagt: "Wer wandelt ohne Makel und Gerechtigkeit übt, der Wahrheit sinnet im Herzen, dessen Zunge nicht redet Verleumdung, der nicht schmäht seinen Nachbarn." Einige Verse weiter, nachdem er gesagt hat, wer ins Haus des Herrn eintreten wird, weist er auf das Gute hin, das diese Gesegneten tun, nachdem sie das Böse gemieden haben: "In seinen Augen ist der Verworfene verächtlich, die Gottesfürchtigen aber hält er in Ehren. Wenn er dem Nächsten einen Eid schwört, betrügt er nicht. Sein Geld leiht er nicht auf Wucher, nimmt keine Bestechungen wider den Unschuldigen an!" Und er schließt mit dem Worten: "Wer dies tut, wird nimmer wanken."

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, der Psalmist hat die Wahrheit gesagt, und ich bestätige in meiner Weisheit, daß wer so handelt, nicht wanken wird in Ewigkeit. Die erste Bedingung, um ins Himmelreich eingehen zu können, ist diese: ohne Makel zu leben.

Aber kann denn der Mensch, dieses schwache Geschöpf, ohne Makel

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leben? Das Fleisch, die Welt und der Teufel speien in einem fortwährenden Lodern der Leidenschaften, der Interessen und des Hasses ihren Geifer aus, um die Seelen zu beschmutzen, und wenn der Himmel nur denen offenstünde, die vom Alter der Vernunft an ohne Makel gelebt haben, dann würden nur sehr wenige in den Himmel eingehen, so wie es nur sehr wenige gibt, die ihr ganzes Leben bis zu ihrem Tod nie mehr oder weniger schwere Krankheiten gehabt haben.

Ist der Himmel also den Kindern Gottes verschlossen? Und werden diese sich sagen müssen: "Ich habe ihn verloren" ' wenn ein Ansturm des Satans oder des Fleisches sie zu Fall bringt und sie ihre Seele befleckt sehen? Wird es keine Verzeihung mehr geben für den, der gesündigt hat? Wird nichts den Makel auslöschen können, der den Geist verunstaltet?

Habt keine ungerechtfertigte Furcht vor eurem Gott. Er ist Vater, und ein Vater reicht dem wankenden Sohn immer seine Hand, bietet ihm seine Hilfe an, um ihn aufzurichten, und ermutigt ihn liebevoll, damit seine Beschämung nicht in Verzweiflung ausarte, sondern in Demut aufblühe mit der Absicht, wiedergutzumachen und aufs neue die Freude des Vaters zu sein.

Seht, die Reue des Sünders und der Wille zur Wiedergutmachung, beide der wahren Liebe zum Herrn entsprungen, entfernen den Sündenmakel und lassen den Menschen der göttlichen Verzeihung würdig werden. Wenn der, der zu euch spricht, einst seine Aufgabe auf Erden erfüllt hat, dann wird zur Lossprechung durch die Liebe, die Reue und den guten Willen die mächtige Lossprechung hinzugefügt werden, die Christus um den Preis seines Opfers erlangt hat. Reiner in ihrer Seele als neugeborene Kinder, viel reiner werden die sein, die an mich glauben; denn Ströme lebendigen Wassers werden in ihnen entspringen, das auch den Makel der Erbsünde, den Ursprung aller menschlichen Schwächen, abwaschen wird. Ihr werdet den Himmel, das Reich Gottes und seine Gezelte ersehnen können, denn die Gnade, die ich euch wiedergeben werde, wird euch befähigen, Gerechtigkeit zu üben, die um so größer wird, je mehr man sie übt; verleiht euch doch ein makelloser Geist das Recht, in die Freude des Hirnmelreiches einzugehen.

Es werden dort die Kleinen eingehen, die sich an der Seligkeit erfreuen werden, die ihnen umsonst zuteil werden wird; denn der Himmel ist Freude. Es werden dort auch die Erwachsenen und die Alten eingehen, jene, die hier auf Erden gelebt, gekämpft und gesiegt haben; die zur glänzenden Krone der Gnade die mannigfach leuchtende Krone ihrer heiligen Werke und ihrer Siege über Satan, die Welt und das Fleisch hinzugefügt haben. Groß, sehr groß wird ihre Seligkeit als Sieger sein; so groß, daß der Mensch es sich nicht vorzustellen vermag.

Wie übt man Gerechtigkeit? Wie erringt man den Sieg? Durch Aufrichtigkeit in Worten und Werken, durch Nächstenliebe, durch Anerkennung

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der Rechte Gottes und dadurch, daß man an die Stelle des allerheiligsten Gottes nicht die Götzen der Geschöpfe, das Geld und die Macht setzt. Jedem muß man den Platz einräumen, der ihm zusteht, ohne daß man versucht, mehr oder weniger zu geben, als die Pflicht es erfordert. Wer einen anderen ehrt und ihm auch bei bösen Werken dient, weil er sein Freund oder ein mächtiger Verwandter ist, dann ist er nicht gerecht. Wer andererseits seinen Nächsten schädigt und gegen ihn schwört, weil er von ihm keinen Nutzen irgendeiner Art zu erwarten hat, oder wer sich durch Geschenke bestechen läßt, falsches Zeugnis gegen einen Unschuldigen abzulegen, oder parteiisch urteilt, um persönlichen Vorteil zu erzielen, der ist nicht gerecht, und seine Gebete und Opfer sind wertlos, weil sie in den Augen Gottes mit Ungerechtigkeit befleckt sind.

Ihr seht, daß das, was ich euch sage, zu den Zehn Geboten gehört. Immer handelt das Wort des Rabbi vom Dekalog; denn das Gute, die Gerechtigkeit und die Ehre liegen in der Erfüllung dessen, was die Zehn Gebote lehren und gebieten. Es gibt keine andere Lehre, als die, die damals unter den Blitzen des Sinai gegeben wurde und euch heute unter den Strahlen der Barmherzigkeit wiederholt wird; doch die Lehre bleibt dieselbe und ändert sich nicht. Sie kann sich nicht ändern. Viele in Israel werden als Vorwand für ihren Mangel an Heiligkeit auch nach der Zeit, die der Erlöser auf Erden verbrachte, sagen: "Ich habe keine Gelegenheit gehabt, ihm zu folgen und ihn zu hören." Doch ihre Entschuldigung ist wertlos; denn der Erlöser ist nicht gekommen, um ein neues Gesetz zu geben, sondern um das erste, einzige Gesetz zu bestätigen; um es gerade in seiner heiligen Einfachheit, in seiner vollkommenen Schlichtheit zu bestätigen; um mit Liebe und dem Versprechen der Gewißheit der Liebe Gottes das zu bestätigen, was früher von der einen Seite mit Strenge gesagt und von der anderen mit Furcht aufgenommen wurde.

Um euch verständlich zu machen, was die Zehn Gebote sind und welche Bedeutung es hat, sie zu befolgen, erzähle ich euch folgendes Gleichnis:

Ein Familienvater hatte zwei Söhne. Er liebte sie beide und wollte beiden in gleichem Maße Wohltaten erweisen. Dieser Vater hatte außer dem Heim für die Söhne auch Besitzungen, auf denen große Schätze verborgen waren. Die Söhne wußten von diesen Schätzen, kannten jedoch nicht den Weg, der dorthin führte, denn der Vater hatte jenen Ort aus bestimmten Gründen viele, viele Jahre lang geheimgehalten. Aber zu einem gewissen Zeitpunkt rief er seine beiden Söhne zu sich und sagte: "Es ist gut, daß ihr nunmehr erfahrt, wo die Schätze sind, die euer Vater für euch aufgehoben hat, damit ihr sie in Empfang nehmen könnt, wenn ich es euch sagen werde. Vorerst sollt ihr den Weg kennen und die Zeichen, die ich angebracht habe, damit ihr nicht vom rechten Weg abkommt. Hört mich also an. Die Schätze sind nicht in der Ebene verborgen, wo die Wasser sich stauen, die Sonne brennt, der Staub verwüstet, Disteln und Dornen alles

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ersticken und die Räuber sie euch mit Leichtigkeit stehlen könnten. Die Schätze sind auf dem Gipfel jenes hohen, steilen Berges. Ich habe sie dorthinauf gebracht, und dort warten sie auf euch. Auf den Berg führt nicht nur ein Pfad, ja, es führen sogar viele Pfade dorthin, aber nur einer ist der gute. Die anderen enden in Abgründen, in Höhlen ohne Ausgang, in sumpfigen Wassergräben, in Schlupfwinkeln von Vipern, in Kratern mit brennendem Schwefel oder vor unüberwindbaren Wänden. Der richtige Weg ist zwar beschwerlich, doch führt er zum Gipfel, ohne von Abgründen und anderen Hindernissen unterbrochen zu werden. Damit ihr ihn erkennt, habe ich den ganzen Weg entlang in regelmäßigen Abständen zehn Steinmonumente aufgestellt, auf denen diese Erkennungsworte eingegraben sind: 'Liebe, Gehorsam, Sieg.' Geht und folgt diesem Pfad, und ihr werdet den Ort des Schatzes finden. Ich werde dann auf einem anderen Pfad, der mir allein bekannt ist, kommen und euch die Türen öffnen, auf daß ihr glücklich seiet."

Die beiden Söhne verabschiedeten sich vom Vater, der ihnen, solange sie ihn hören konnten, immer wiederholte: "Folgt dem Weg, den ich euch gewiesen habe. Es ist zu eurem Besten. Laßt euch nicht durch die anderen Wege in Versuchung bringen, selbst wenn sie euch besser zu sein scheinen. Ihr würdet den Schatz verlieren und mich mit ihm..."

Sie erreichten den Fuß des Berges. Ein erstes Monument stand dort unten, am Beginn des Pfades als Mittelpunkt, von dem viele Wege strahlenförmig in verschiedenen Richtungen den Berg hinauf führten. Die beiden Brüder schlugen den guten Pfad ein. Die erste Wegstrecke war noch sehr gut, obwohl sie nicht den geringsten Schatten bot... Die Sonne am Himmel überflutete den Weg mit Licht und die Hitze war stechend. Das weiße Felsgestein, in das der Pfad geschnitten war, der klare Himmel über ihren Häuptern und die heiße Sonne, die auf ihre Glieder herabbrannte, waren das einzige, was die Brüder sahen und fühlten. Aber noch belebt von ihrem guten Willen, von der Erinnerung an den Vater und an seine Ermahnungen, stiegen sie freudig zum Gipfel empor. Siehe, ein zweites Monument... und dann ein drittes. Der Pfad wurde immer mühsamer, einsamer, glühender. Man sah nicht einmal mehr die übrigen Pfade, an denen Gras und Bäume wuchsen, und wo es klares Wasser gab. Vor allem war der Anstieg dort viel sanfter, viel weniger steil, und sie verliefen auf Erdboden, nicht auf Felsengrund.

"Unser Vater will uns tot dort oben ankommen lassen" ' sagte der eine Sohn, als sie das vierte Monument erreichten, und begann seine Schritte zu verlangsamen. Der andere ermutigte ihn weiterzugehen, indem er sagte: "Er liebt uns wie andere sich selbst; mehr noch, denn er hat den Schatz so wunderbar für uns aufbewahrt. Den Weg, der unfehlbar von unten zum Gipfel führt, hat er selbst in den Fels gehauen. Diese Monumente hat er selbst errichtet, um uns den Weg zu weisen. Bedenke, mein Bruder, daß

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er das alles allein gemacht hat, aus Liebe zu uns, um uns den Schatz zu sichern, um uns ohne die Möglichkeit eines Irrtums und ohne Gefahr das Ziel erreichen zu lassen."

Sie gingen weiter. Aber die bequemen Wege, von denen sie sich am Fuß des Berges entfernt hatten, näherten sich von Zeit zu Zeit dem felsigen Pfad, und je weiter sie gingen, desto mehr näherten sie sich, da der Berg dem Gipfel zu immer schmaler wurde. Wie schön, schattig und einladend waren doch diese anderen Wege! ...

"Ich möchte beinahe einen von diesen Wegen einschlagen", sagte der Unzufriedene, als sie das sechste Monument erreicht hatten." Schließlich führt auch er nach oben.

"Das kannst du nicht wissen... Du siehst nicht, ob er nach oben oder nach unten führt."

"Siehst du ihn dort oben?"

"Du weißt nicht, ob es derselbe ist, und zudem hat der Vater doch gesagt, daß wir den rechten Weg nicht verlassen sollen..."

Widerwillig ging der unzufriedene Bruder weiter.

Sie kamen zum siebten Monument.

"Oh! Ich gehe jetzt wirklich einen anderen Weg!"

"Tu es nicht, Bruder!"

Also folgten sie weiterhin dem jetzt sehr schwierigen Weg, aber der Gipfel war ja schon so nahe... Dann das achte Monument, und ganz nahe, gleich daneben der blumige Pfad.

"Oh! Siehst du, wenn auch nicht in gerader Linie, so führt doch auch dieser Weg hinauf!"

"Du weißt nicht, ob es der richtige ist."

"Doch, ich erkenne ihn."

"Du täuschest dich."

"Nein, ich gehe."

"Tue es nicht! Denke an den Vater, an die Gefahren, an den Schatz!"

"Zum Teufel mit euch allen. Was fange ich mit dem Schatz an, wenn ich halbtot oben ankomme? Kann es eine größere Gefahr geben als diesen Weg? Welcher Haß ist größer als der des Vaters, der sich mit diesem Weg über uns lustigmachen und uns umbringen will? Leb wohl. Ich werde vor dir oben ankommen, und lebendig..." und er schlug den anderen Weg ein und verschwand mit einem Freudenruf hinter den schattenspendenden Baumstämmen.

Der andere Sohn ging traurig weiter... Oh! Der Weg war in seinem letzten Abschnitt wirklich furchtbar! Der Wanderer war am Ende seiner Kräfte. Er war wie trunken vor Müdigkeit und Sonnenhitze. Beim neunten Monument blieb er keuchend stehen, stützte sich auf den behauenen Steinblock und las nur noch mechanisch die eingemeißelten Worte. In der Nähe war ein schattiger Weg mit Wasser und Blumen...

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"Beinahe, beinahe... Aber nein! Nein! Hier steht es geschrieben. Mein Vater hat es geschrieben! Liebe, Gehorsam, Sieg. Ich muß an seine Liebe und seine Wahrheit glauben, und ich muß gehorchen, um ihm meine Liebe zu beweisen... Weiter! ... Die Liebe möge mir Kraft geben." Endlich, das zehnte Monument... Der Wanderer war erschöpft und von der Sonne verbrannt. Er schritt gebeugt wie unter einem Joch... Es war das liebevolle, heilige Joch der Treue, welche Liebe, Gehorsam, Stärke, Hoffnung, Gerechtigkeit, Klugheit, alles ist... Anstatt sich darauf zu stützen, setzte er sich in den spärlichen Schatten, den das Monument auf den Boden warf. Er glaubte zu sterben... Vom Seitenpfad her hörte man das Rauschen eines Baches und Waldesduft strömte herüber... "Vater, Vater, hilf mir mit deinem Geist, der Versuchung zu widerstehen... Hilf mir, treu zu bleiben bis ans Ende."

Aus der Ferne hörte er die lachende Stimme seines Bruders: "Komm, ich warte auf dich. Hier ist ein wahres Paradies! Komm!"

"Wenn ich nun hinginge?..." und er rief laut: "Steigt man dort wirklich zum Gipfel hinauf?"

"Ja. Komm, hier ist ein schattiger Durchgang, der nach oben führt. Komm! Ich sehe schon den Gipfel jenseits des Tunnels, der durch den Felsen führt."

"Soll ich gehen? Soll ich nicht gehen? ... Wer hilft mir? ... Ich gehe..." Er stützte die Hände auf, um sich zu erheben. Und während er dies tat, bemerkte er, daß die Worte nicht mehr so deutlich eingegraben waren wie im ersten Monument. "Bei jedem Monument wurde die Schrift schwächer ... als ob meinem erschöpften Vater die Kräfte gefehlt hätten, und... sieh ... auch hier das rotbraune Zeichen, das schon vom fünften Monument an zu sehen war; nur daß es hier die Höhlungen der Buchstaben füllt und sogar herunterläuft wie eine dunkle Träne... wie Blut..." Er kratzte mit dem Finger dort, wo der Fleck zwei Handbreit war. Und der Fleck bröckelte ab und ließ klar und deutlich diese Worte erkennen: "So sehr habe ich euch geliebt! Bis zum Vergießen des Blutes, um euch zum Schatz zu führen."

"Oh, mein Vater! Wie konnte ich daran denken, gegen deinen Willen zu handeln! Verzeihung, mein Vater! Verzeihung!" Der Sohn weinte, an den Felsblock gelehnt, und das Blut, das die Buchstaben ausfüllte, wurde frisch und leuchtete wie ein Rubin, und die Tränen wurden zu Speise und Trank für den Sohn und stärkten ihn... Er erhob sich. Aus Liebe rief er nun seinen Bruder mit lauter Stimme. Er wollte ihm von seiner Entdeckung berichten... von der Liebe des Vaters, und ihm sagen: "Kehre zurück." Doch niemand antwortete ihm.

Der Jüngling nahm den Weg wieder auf, fast auf den Knien. Glühend heiß war der Fels, und er selbst am Ende seiner Kräfte; doch sein Geist war heiter. Da war der Gipfel... und dort der Vater.

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"Mein Vater!"

"Mein geliebter Sohn!"

Der Jüngling warf sich an die Brust des Vaters, und der Vater umarmte ihn und bedeckte ihn mit Küssen.

"Bist du allein?"

"Ja... Aber bald wird mein Bruder ankommen..."

"Nein. Er wird nicht mehr ankommen. Er hat den Weg der zehn Monumente verlassen und ist nach den ersten mahnenden Enttäuschungen nicht auf ihn zurückgekehrt. Willst du ihn sehen? Dort ist er, im Abgrund des Feuers... Er verharrte hartnäckig in seiner Schuld. Ich hätte ihm noch verziehen und hätte auf ihn gewartet, wenn er nach der Erkenntnis seines Irrtums zurückgekehrt wäre und den Weg, wenn auch mit Verspätung, wiederaufgenommen hätte, den die Liebe vor ihm beschritten hat und auf dem sie gelitten hat bis zum Vergießen ihres kostbaren Blutes, des teuersten ihrer selbst, für euch."

"Er hat nicht gewußt..."

"Wenn er mit Liebe die Worte, die in die zehn Gedenksteine eingemeißelt sind, gelesen hätte, hätte er ihren wahren Sinn erfaßt. Du hast ihn vom fünften Monument an erkannt und hast den anderen darauf aufmerksam gemacht: 'Der Vater muß sich hier verletzt haben.' Dieselben Zeichen hast du auf dem sechsten, siebten, achten und neunten Monument gesehen... immer klarer, bis ein innerer Antrieb dich dazu geführt hat, das zu entdecken, was unter meinem Blute stand. Kennst du den Namen dieses inneren Antriebes? 'Deine wahre Vereinigung mit mir.' Die Fasern deines Herzens, vereinigt mit den meinigen, haben aufgejubelt und dir gesagt: 'Hier kannst du das Ausmaß der Liebe deines Vaters ablesen.' Nun, nimm Besitz von dem Schatz und von mir selbst, du, der du liebreich, gehorsam und siegreich bist in Ewigkeit."

Das ist das Gleichnis.

Die zehn Monumente sind die Zehn Gebote Gottes. Euer Gott hat sie gemeißelt und an dem Pfad aufgestellt, der zum ewigen Schatz führt. Er selbst hat gelitten, um euch auf diesen Weg zu führen. Ihr leidet? Auch Gott. Ihr müßt euch anstrengen? Auch Gott.

Wißt ihr, bis zu welchem Grad? Er hat die Trennung von sich selbst erlitten und sich dazu gezwungen, das Menschsein kennenzulernen mit all dem Elend, das es mit sich bringt: die Geburt, das Frieren, den Hunger, die Mühe, den Spott, die Feindschaft, den Haß, die Nachstellungen und schließlich den Tod, indem er sein ganzes Blut hingeben wird, um euch diesen Schatz zu schenken. Dies leidet Gott, der herabgestiegen ist, um euch zu retten. Dies leidet Gott im Himmel, da er zuläßt, es selbst zu erleiden.

Wahrlich, ich sage euch, daß kein Mensch, so mühevoll auch immer sein Weg zum Himmel sein mag, einen mühevolleren und schmerzlicheren

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Pfad ersteigen wird als den, welchen der Menschensohn gegangen ist, um vorn Himmel zur Erde und von der Erde zum Opfer zu gelangen und euch die Tore zum Schatz zu öffnen.

Auf den Tafeln des Gesetzes ist schon mein Blut. Auf dem Weg, den ich euch zeige, ist mein Blut. Das Tor, das zum Schatz führt, öffnet sich unter der Flut meines Blutes. Eure Seelen werden rein und stark durch die Läuterung und die Nahrung meines Blutes. Doch, auf daß es nicht vergeblich vergossen werde, müßt ihr den unveränderlichen Weg der Zehn Gebote einschlagen.

Nun wollen wir uns ausruhen. Bei Sonnenuntergang werde ich nach Hippos gehen. Johannes wird sich zur Reinigung begeben, und ihr zu euren Häusern. Der Friede des Herrn sei mit euch.»

502. JESUS IN HIPPOS

Ich bitte zu entschuldigen, daß die Schrift in diesem Heft besonders schlecht ist. Es handelt sich um Szenen, die ich gesehen habe, als ich nach dem schrecklichen 2. Juli 1946 zwischen Leben und Tod schwebte... Ich habe sie liegend niedergeschrieben, während hohes Fieber mich schüttelte und arge Schmerzen mich quälten...

Jesus zieht an einem klaren Sommermorgen in Hippos ein. Er muß im Landhaus eines Bewohners der Stadt übernachtet haben, der gekommen war, ihn zu hören. So kann er schon in den ersten Morgenstunden eines lärmenden Markttages in die Stadt hineingehen. Viele Leute von Hippos sind bereits um ihn versammelt und viele eilen ihm entgegen, da sie von anderen erfahren haben, daß der Rabbi kommt. Aber nicht nur die Bewohner von Hippos scharen sich um ihn, sondern auch jene aus der Vorstadt am See sind zugegen. Es fehlt nur die eine oder andere Frau, die sich wegen ihres Gesundheitszustandes oder weil sie noch ganz kleine Kinder hat, nicht so weit vom Haus entfernen kann.

Die Stadt liegt nur wenig über dem See, auf einer der ersten Hügelwellen der Hochebene jenseits des Sees, die in östlicher Richtung verläuft und im Südosten bis zu den Bergen der Hauranitis reicht und im Nordosten bis zu dem Gebirgsmasssiv, das vom Großen Hermon beherrscht wird. Es ist eine reiche, ansehnliche Handelsstadt, ein bedeutender Knotenpunkt auch von Handelsstraßen und ein Verbindungsglied zwischen verschiedenen Gebieten jenseits des Sees. Wegweiser in seiner Nähe deuten darauf hin: sie nennen Gamala, Gadara, Pella, Arbela, Bozrah, Gergesa und andere mehr.

Hippos ist dicht bevölkert und wird viel von Fremden besucht, die aus den benachbarten Städten kommen, um zu kaufen und zu verkaufen, oder aus anderen geschäftlichen Gründen. Ich sehe viele Römer, Zivilisten und

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Legionäre, denen gegenüber die Bevölkerung – ich weiß nicht, ob dies für die Stadt oder für die ganze Gegend kennzeichnend ist – nicht so aggressiv oder abweisend eingestellt ist. Vielleicht hat der Geschäftsverkehr Verbindungen geknüpft, die, wenn auch nicht zu Freundschaft, so doch zu einer größeren Höflichkeit geführt haben als in den Gebieten am anderen Ufer.

Die Menge nimmt allmählich zu, während sich Jesus der Stadtmitte nähert. Schließlich bleibt er auf einem Platz mit vielen Bäumen stehen, in deren Schatten der Markt stattfindet. Das heißt, nur die wichtigen Geschäfte werden dort ausgehandelt, denn die kleineren Ein- und Verkäufe von Lebensmitteln und Geschirr macht man jenseits dieses Platzes auf einer ungepflasterten freien Fläche, auf die schon die Sonne herabbrennt, vor der sich Käufer und Verkäufer durch Zelttücher schützen, die man über Stangen gespannt hat und die etwas Schatten auf die am Boden ausgebreiteten Waren werfen. Dieser Platz mit seinen nur wenig über dem Boden ausgespannten Zeltplanen in allen Farben, zwischen denen es von Menschen in bunten Kleidern wimmelt, gleicht einem mit riesigen Blumen geschmückten Rasen, von denen die einen unbeweglich dastehen, die anderen sich von Zelt zu Zelt bewegen. Das verleiht dem Ort noch eine gewisse Schönheit, die sicher sofort verschwunden ist, wenn die prähistorischen Läden wieder abgebrochen sind und der öde Erdboden in seiner gelblichen und trostlosen, wüstenähnlichen Unfruchtbarkeit zum Vorschein kommt.

Jetzt ist er von einem lauten Stimmengewirr erfüllt. Unglaublich, was für ein Geschrei und wie viele Worte diese Leute machen, während sie vielleicht den Preis eines Holznapfes, eines Beutels oder einer Handvoll Samen aushandeln! In das Stimmengewirr von Käufern und Verkäufern mischt sich ein Chor von Bettlern, die versuchen, noch lauter zu schreien als die anderen, um sich bemerkbar zu machen.

«Aber hier kannst du doch nicht reden, Meister», ruft Bartholomäus aus. «Deine Stimme ist zwar mächtig, diesen Lärm aber kann sie nicht übertönen!»

«Wir werden warten. Seht ihr? Der Markt ist bald zu Ende, denn einige beginnen schon, ihre Waren einzupacken. Inzwischen geht und verteilt die Gaben der Reichen hier als Almosen unter die Bettler. Das wird die Einleitung und der Segen für meine Predigt sein, denn mit Liebe gegebene Almosen sind mehr als nur materielle Hilfe, sie sind auch Nächstenliebe und ziehen Gnaden an», antwortet Jesus.

Die Apostel gehen, den Befehl auszuführen.

Jesus fährt fort, zur aufmerksamen Menge zu reden: «Die Stadt ist reich und blühend, wenigstens in diesem Teil. Ich sehe euch mit reinen und schönen Kleidern angetan. Eure Gesichter sind wohlgenährt. Alles verrät mir, daß ihr nicht in Armut und Elend lebt. Nun möchte ich wissen,

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ob jene, die dort klagen, von Hippos sind oder ob sie nur gelegentlich betteln und aus anderen Orten kommen, um hier Hilfe zu suchen. Seid aufrichtig ...»

«Nun gut. Wir werden es dir sagen, wenn auch der Vorwurf schon aus deinen Worten spricht. Einige sind von auswärts gekommen, die meisten aber sind von Hippos.»

«Und habt ihr keine Arbeit für sie? Ich habe gesehen, daß hier viel gebaut wird, und somit müßte es Arbeit für alle geben...»

«Es sind fast immer die Römer, die Arbeiter anheuern...»

«Fast immer. Das hast du gut gesagt, denn ich habe auch Einheimische gesehen, die die Arbeiten beaufsichtigen; und unter diesen waren viele, die Auswärtige beschäftigen... Warum helfen sie nicht zuerst den Mitbürgern?»

«Weil... die Arbeit schwer ist. Denn vor Jahren, vor allem bevor die Römer schöne Straßen bauten, war es mühsam, Steinblöcke zu befördern und Wege zu bahnen. Viele wurden dabei krank oder zu Krüppeln, so daß sie nicht mehr arbeiten können und zu Bettlern geworden sind.»

«Ihr jedoch genießt nun die Früchte ihrer Arbeit?»

«Sicher, Meister! Schau, welch schöne und bequeme Stadt wir haben mit reichlich Wasser in großen, tiefen Zisternen... und gute Straßen, die uns mit anderen reichen Städten verbinden. Schau, welch solide Bauten. Schau, wie viele Werkstätten. Schau ...»

«Ich sehe alles. Doch die, die jetzt klagen und euch um ein Brot bitten, haben euch einst geholfen, diese Dinge zu bauen? Ihr bejaht es? Wenn ihr euch nun dessen erfreut, was jene euch erarbeitet haben, warum laßt ihr sie dann nicht ein wenig an dieser Freude teilhaben? Gebt ihnen Brot, ohne daß sie darum bitten. Gebt ihnen Unterkunft, damit sie nicht gezwungen sind, Höhlen mit den wilden Tieren zu teilen. Unterstützung in der Not und Pflege in der Krankheit könnten dazu dienen, sie wieder arbeitsfähig werden zu lassen und sie so von ihrem erniedrigenden und demütigenden Müßiggang zu befreien. Wie könnt ihr euch zufrieden zu Tisch setzen und die überreichliche Nahrung unter eure frohen Kinder verteilen, wenn ihr wißt, daß in eurer Nähe Brüder Hunger leiden? Wie könnt ihr euch in einem weichen Bett zur Ruhe legen, wenn ihr wißt, daß es draußen in der Nacht Menschen gibt, die keine Lagerstätte und keine Ruhe haben? Brennen euch nicht die Geldstücke im Gewissen, die ihr in eure Geldschränke legt, obwohl ihr wißt, daß viele nicht einmal eine Münze haben, um sich ein Brot zu kaufen?

Ihr habt doch gesagt, daß ihr an den allerhöchsten Herrn glaubt und das Gesetz beachtet, daß ihr die Propheten und die Bücher der Weisheit kennt. Ihr habt mir gesagt, daß ihr an mich glaubt und euch nach meiner Lehre sehnt. Aber dann müßt ihr auch euer Herz zum Guten wenden, denn Gott ist Liebe und verlangt Liebe, denn das Gesetz ist Liebe. Denn

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die Propheten und die Bücher der Weisheit fordern zur Liebe auf, und meine Lehre ist eine Lehre der Liebe. Opfer und Gebete sind umsonst, wenn ihr Altar und ihre Grundlage nicht die Nächstenliebe ist, besonders die Liebe zum bedürftigen Nächsten, dem man alle möglichen Formen der Liebe schenken kann: ein Brot, ein Lager, Kleidung, Trost, Belehrung und Hinführung zu Gott. Elend entmutigt und läßt den Geist das Vertrauen in die Vorsehung verlieren, das doch so wichtig ist, um die Prüfungen des Lebens bestehen zu können. Wie könnt ihr verlangen, daß der Elende immer gut, geduldig und fromm sei, wenn er sehen muß, daß die vom Glück, und daher nach allgemeiner Auffassung auch von der göttlichen Vorsehung Begünstigten hartherzig und ohne wahre Religion sind -denn ihrer Religion fehlt der erste und wichtigste Teil: die Liebe – und wenn er sieht, daß diejenigen, die alles haben, keine Geduld kennen und nicht einmal das Flehen der Hungrigen ertragen? Verfluchen sie bisweilen Gott und euch? Aber wer führt sie denn zu dieser Sünde? Denkt ihr nie daran, ihr reichen Bürger einer reichen Stadt, daß ihr eine vorrangige Pflicht habt: jene, die Verlassenen durch eure Handlungsweise zur Weisheit zu erziehen?

Ich habe sagen gehört: "Wir möchten alle deine Jünger sein, um dich zu verkünden." Diesen allen antworte ich: Gewiß könnt ihr das. Aber diejenigen, die zaghaft und beschämt in ihren zerrissenen Kleidern und mit ihren eingefallenen Gesichtern zu euch kommen, sie sind es, die die Frohe Botschaft erwarten, die besonders für die Armen ist, damit ihnen übernatürlicher Trost zuteil werde in der Hoffnung auf ein glorreiches Leben nach der traurigen Wirklichkeit dieses irdischen Lebens. Ihr könnt meine Lehre mit geringer materieller Mühe in die Tat umsetzen; doch eure geistige Mühe ist um so größer: denn die Reichtümer sind eine Gefahr für die Heiligkeit und die Gerechtigkeit. Sie hingegen können es nur tun, indem sie Mühen aller Art auf sich nehmen. Das karge Brot, die ungenügende Bekleidung und das fehlende Obdach drängen sie zu der Frage: "Wie kann ich glauben, daß Gott mir Vater ist, wenn ich nicht einmal habe, was der Vogel in der Luft besitzt?" Wie können die Härten des Nächsten sie glauben lassen, daß man sich wie Brüder lieben soll? Ihr habt die Pflicht, ihnen die Gewißheit zu geben, daß Gott ein Vater ist und daß ihr Brüder seid mit eurer tätigen Liebe. Die Vorsehung existiert, und ihr seid ihre Verwalter, ihr, die Reichen der Welt. Ihr seid ihre Werkzeuge; betrachtet dies als die größte Ehre, die Gott euch zukommen läßt, und als einziges Mittel, um die gefahrvollen Reichtümer zu heiligen.

Handelt, als ob ihr in jedem von diesen hier mich selbst sehen würdet. Ich bin in ihnen. Ich wollte arm und verfolgt sein, um wie sie zu sein, und auf daß die Erinnerung an den armen, verfolgten Christus in den kommenden Jahrhunderten ein übernatürliches Licht auf die wie Christus Armen und Verfolgten werfe und die Menschen mich in ihnen erkennen

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und lieben. Ich bin in dem Bettler, dessen Hunger und Durst ihr stillt und den ihr bekleidet und aufnehmt. Ich bin in dem aus Liebe angenommenen Waisenkind, in dem Greis, in der Witwe, denen ihr helft, im Fremden, den ihr aufnehmt, im Kranken, den ihr pflegt. Ich bin im Betrübten, der getröstet, im Zweifelnden, dem Sicherheit gegeben, im Unwissenden, der belehrt wird. Ich bin überall, wo jemand Liebe empfängt. Und alles, was ihr einem geistig oder materiell armen Bruder tut, das habt ihr mir getan. Denn ich bin der Arme, der Betrübte, der Mann der Schmerzen, und ich bin es, um Reichtum, Freude und übernatürliches Leben allen Menschen zu geben, die – oft wissen sie es nicht, und doch ist es so – nur scheinbar reich und durch falsche Freuden beglückt, in Wirklichkeit aber arm an wahren Reichtümern und wahrer Freude sind; denn ihnen fehlt die Gnade wegen der Urschuld, die sie ihrer beraubt. Ihr wißt es: ohne die Erlösung gibt es keine Gnade, ohne Gnade keine wahre Freude und kein wahres Leben.

Um euch Gnade und Leben zu bringen, wollte ich nicht als König oder Mächtiger zur Welt kommen, sondern arm, niedrig, demütig; denn Kronen, Throne und Macht bedeuten nichts für den, der vom Himmel kommt, um zum Himmel zu führen, während alles von dem Beispiel abhängt, das ein wahrer Meister geben muß, um seiner Lehre Kraft zu verleihen. Denn die Armen und Unglücklichen sind zahlreicher als die Mächtigen und Glücklichen; und Güte bedeutet Barmherzigkeit.

Dazu bin ich gekommen und dazu hat der Herr seinen Gesalbten entsandt: um den Sanftmütigen die Frohe Botschaft zu verkünden und diejenigen zu heilen, die gebrochenen Herzens sind; um den Sklaven die Freiheit und den Gefangenen die Befreiung zu verkünden; um den Weinenden Trost zu spenden und den Söhnen Gottes, die es in Freude und Leid bleiben, ihr Diadem, das Kleid der Gerechtigkeit, zu geben und die wildwachsenden Bäume in einen Garten des Herrn zu verwandeln, in seine Vorkämpfer und seinen Ruhm. Ich bin allen alles, und alle will ich mit mir im Himmelreich vereint haben. Allen steht es offen, die rechtschaffen zu leben wissen. Die Rechtschaffenheit aber liegt in der Befolgung des Gesetzes und in der Übung der Liebe. In dieses Reich gelangt man nicht durch irdischen Reichtum, sondern durch das Heldentum der Heiligkeit. Wer dort eingehen will, der folge mir nach und tue das, was ich tue: er liebe Gott über alles und den Nächsten, wie ich ihn liebe; er lästere nicht den Herrn, heilige seine Feste, ehre die Eltern, erhebe seine Hand nicht gegen seinesgleichen, begehe keinen Ehebruch, beraube in keiner Weise seinen Nächsten, lege kein falsches Zeugnis ab und verlange nicht nach dem, was er nicht hat und andere haben, sondern sei vielmehr zufrieden mit seinem Los und denke stets daran, daß es sich nur um etwas Vergängliches handelt und ein Mittel ist, um ein besseres und ewiges Los zu erlangen; er liebe die Armen, die Betrübten, die Geringsten der Erde, die Witwen und die

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Waisen, und treibe keinen Wucher. Wer das tut, welcher Nation und Sprache, Stellung und Klasse er auch angehören mag, der wird eingehen in das Reich Gottes, dessen Tore ich euch öffne.

Kommt zu mir, ihr alle, die ihr guten Willens seid. Es erschrecke euch nicht, was ihr seid oder wart. Ich bin das Wasser, das die Vergangenheit abwäscht und für die Zukunft stärkt. Kommt zu mir, die ihr arm seid an Weisheit, in meinen Worten ist die Weisheit. Kommt zu mir, führt ein neues Leben mit anderen Grundsätzen. Fürchtet euch nicht, unwissend oder unfähig dazu zu sein. Meine Lehre ist leicht und mein Joch ist nicht schwer. Ich bin der Rabbi, der gibt, ohne ein anderes Entgelt als eure Liebe zu verlangen. Wenn ihr mich liebt, wird euch auch meine Lehre lieb sein, und ihr werdet auch euren Nächsten lieben und das ewige Leben und das himmlische Reich erlangen.

Ihr Reichen, befreit euch von eurer Sucht nach Reichtümern und erwerbt euch mit ihnen das ewige Reich durch alle Werke barmherziger Nächstenliebe. Ihr Armen, seid nicht so niedergeschlagen und kommt auf den Weg eures Königs. Mit Isaias sage ich euch: "Ihr Dürstenden, kommt zur Quelle, und auch ihr, die ihr kein Geld habt, kommt und kauft." Mit der Liebe werdet ihr kaufen, was Liebe ist, was unvergängliche Speise ist, Speise, die wahrhaft sättigt und stärkt.

Ich gehe nun, ihr Männer und Frauen, ihr Reichen und Armen von Hippos. Ich gehe, um den Willen Gottes zu erfüllen. Aber ich möchte bei meinem Aufbruch weniger betrübt sein als bei meiner Ankunft. Euer Versprechen ist es, das mir meine Betrübnis erleichtern wird. Zu eurem eigenen Wohl, ihr Reichen, zum Wohl dieser eurer Stadt, versprecht mir, in Zukunft barmherzig zu sein mit den Geringsten unter euch. Alles ist so schön hier. Aber so, wie schwarze Gewitterwolken selbst der schönster Stadt einen furchterregenden Anblick verleihen, bedeckt auch eure Herzenshärte wie ein dunkler Schatten alle Schönheit. Legt sie ab, und ihr werdet gesegnet sein. Bedenkt: Gott versprach, Sodom nicht zu zerstören wenn sich zehn Gerechte darin fänden. Ihr kennt die Zukunft nicht. Ich kenne sie, und wahrlich, ich sage euch: Sie bringt mehr und schwerer Strafen als eine sommerliche Wolke Hagelkörner. Rettet eure Stadt durch eure Rechtschaffenheit, durch eure Barmherzigkeit. Werdet ihr es tun?»

«Wir werden es tun, Herr, in deinem Namen. Sprich zu uns! Sprich weiter zu uns! Wir sind hart und sündhaft gewesen. Aber du rettest uns Du bist der Heiland. Sprich weiter zu uns ...»

«Ich werde bis zum Abend bei euch sein. Aber ich werde durch mein Werke zu euch sprechen. Jetzt, da die Sonne drückend heiß wird, geht all in eure Häuser und denkt über meine Worte nach.»

«Und du, wohin gehst du, Herr? Zu mir! Zu mir!» Alle Reichen von Hippos wollen ihn bei sich haben, und sie streiten sich beinahe, denn je der verteidigt seinen Grund, warum Jesus bei ihm einkehren muß.

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Jesus erhebt die Hand und gebietet Schweigen. Nur schwer erreicht er es. Dann sagt er: «Ich bleibe bei diesen hier», und weist auf die Armen, die sich am Rand der Menge zusammengedrängt haben und ihn anblicken mit den Augen von Menschen, die immer verschmäht worden sind und sich jetzt geliebt fühlen. Jesus wiederholt: «Ich bleibe bei ihnen, um sie zu trösten und das Brot mit ihnen zu teilen; um ihnen einen Vorgeschmack der Glückseligkeit des Reiches zu geben, in dem der König mitten unter seinen Untertanen beim Liebesmahl sitzen wird. Und inzwischen, da ihr Glaube auf ihren Gesichtern und in ihren Herzen geschrieben steht, sage ich ihnen: Es geschehe euch, um was ihr in euren Herzen bittet, und Leib und Seele sollen aufjubeln im ersten Heil, das euch der Heiland gibt.»

Die Armen bilden eine Gruppe von mindestens hundert Menschen. Von diesen sind wenigstens zwei Drittel verkrüppelt, blind oder sichtlich krank. Das andere Drittel sind Kinder, die für ihre verwitweten Mütter oder für ihre Großeltern betteln... Nun, es ist wunderbar zu sehen, wie die verkrüppelten Arme, die lahmen Hüften, die gekrümmten Rücken, die blinden Augen, die Entkräftung, diese schmerzhafte Vielfalt von Krankheiten und Mißgeschick, Folgen von Unfällen bei der Arbeit oder von Überanstrengung und Entbehrungen, auf einmal verschwinden, wie diese Unglücklichen sich beleben, da sie sich plötzlich imstande fühlen, sich selbst zu genügen. Ein Jubelgeschrei erfüllt mit seinem Widerhall den weiten Platz.

Ein Römer drängt sich mühsam durch die begeisterte Menge und gelangt schließlich zu Jesus, während dieser seinerseits versucht, die geheilten Armen zu erreichen, die ihn von ihrem Platz aus preisen, da es ihnen nicht möglich ist, durch die dichtgedrängte Menge zu ihm zu kommen.

«Salve, Rabbi von Israel. Ist das, was du gewirkt hast, nur für die aus deinem Volk?»

«Nein, Mann. Weder das, was ich getan habe, noch das, was ich gesagt habe. Meine Macht ist für alle da, denn meine Liebe gilt allen. Meine Lehre ist für alle, denn für sie gibt es keine Klassen, keine Religion oder Nation, die ihr Grenzen setzen könnten. Das Himmelreich ist für die Menschheit, für jeden, der an den wahren Gott glauben kann; und ich bin für all jene da, die an die Macht des wahren Gottes zu glauben wissen.»

«Ich bin Heide, aber ich glaube, daß du ein Gott bist. Ich habe einen Sklaven, der mir teuer ist, einen betagten Sklaven, der mir seit meiner Kindheit dient. Jetzt führt eine Lähmung langsam und unter großen Schmerzen seinen Tod herbei. Aber er ist ein Sklave, und vielleicht willst du...»

«Wahrlich, ich sage dir, ich kenne nur eine wahre Sklaverei, die mich abschreckt: die der Sünde, der hartnäckigen Sünde. Denn wer sündigt und bereut, dem wird meine Barmherzigkeit zuteil. Dein Sklave wird

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gesund werden. Geh und heile dich von deinem Irrtum, indem du de wahren Glauben annimmst.»

«Kommst du nicht in mein Haus?»

«Nein, Mann.»

«Fürwahr, ich habe zu viel verlangt. Ein Gott geht nicht in die Häuser der Sterblichen. Das liest man nur in den Märchen... und niemand hat je Jupiter oder Apollo zu Gast gehabt.»

«Weil sie nicht existieren. Aber Gott, der wahre Gott, betritt die Häuser der Menschen, die an ihn glauben, und bringt ihnen Heilung und Frieden.

«Wer ist der wahre Gott?»

«Der, der da ist.»

«Nicht du? Lüge nicht! Ich fühle, daß du Gott bist...»

«Ich lüge nicht. Du hast es gesagt. Ich bin es. Ich bin der Sohn Gottes der gekommen ist, auch deine Seele zu retten, wie ich deinen geliebte Sklaven geheilt habe. Ist es nicht der, der sich da rufend nähert?»

Der Römer wendet sich um und sieht einen Alten, der in eine Decke gehüllt und gefolgt von anderen laut rufend herbeieilt: «Marius! Marius Mein Herr!»

«Beim Jupiter! Mein Sklave! Wie! ... Ich... habe gesagt: Jupiter. Nein Ich will sagen: Beim Rabbi von Israel. Ich... ich...» Der Mann weiß nicht mehr, was er sagen soll.

Die Menge teilt sich gerne, um den geheilten Alten durchzulassen.

«Ich bin gesund, Herr. Ich habe ein Feuer in meinen Gliedern verspürt und gleichzeitig einen Befehlt vernommen: "Erhebe dich!" Es schien mir deine Stimme zu sein. Ich bin aufgestanden... und konnte auf meinen Füßen stehen... Ich habe versucht zu gehen... und es ist mir gelungen... Ich habe nach meinen Wunden vom Liegen getastet... Sie sind verschwunden Ich habe geschrien. Nereus und Quintus sind herbeigeeilt. Sie haben mir gesagt, wo du bist. Ich habe nicht gewartet, bis sie Kleider gebracht haben. Jetzt kann ich dir wieder dienen ...» Der Alte liegt auf den Knien und küßt die Gewänder des Römers.

«Nicht mir mußt du danken. Er, dieser Rabbi, hat dich geheilt. D wirst glauben müssen, Aquila. Er ist der wahre Gott. Er hat jene durch seine Stimme geheilt und dich... ich weiß nicht, wodurch... Glauben muß man... Herr... ich bin ein Heide... aber sieh hier... Nein, es ist zu wenig Sage mir, wohin du gehst, und ich werde dir Ehre erweisen.» Er hat ein Börse angeboten, sie dann aber wieder an sich genommen.

«Ich gehe mit diesen hier den dunklen Säulengang.»

«Ich werde dir etwas für sie schicken. Salve, Rabbi. Ich werde es alle erzählen, die nicht glauben...»

«Leb wohl. Ich erwarte dich auf den Wegen Gottes.»

Der Römer geht mit seinen Sklaven fort. Jesus entfernt sich mit seine Armen, den Aposteln und den Jüngerinnen.

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Der Säulengang – mehr ein überdeckter Weg als ein Säulengang – ist schattig und frisch, und die Freude ist so groß, daß auch dieser an sich unbedeutende Ort schön erscheint. Hin und wieder kommt ein Bürger und gibt Almosen. Der Sklave des Römers kehrt mit einer schweren Börse zurück. Jesus schenkt Worte des Lichtes und Trost mit dem Geld, und als die Apostel mit Lebensmitteln zurückkommen, bricht er das Brot, segnet die Speisen und gibt den Armen davon, seinen Armen...

503. NACH GAMALA

Der Abend sinkt hernieder mit einer frischen Brise, die nach so viel Hitze Erquickung bringt, und auch die Schatten verschaffen Erleichterung nach so viel Sonne.

Jesus verabschiedet sich von den Bewohnern von Hippos, fest entschlossen, seine Abreise nicht mehr zu verzögern, da er am Sabbat in Kapharnaum sein will.

Das Volk entfernt sich, wenn auch nur ungern, und der eine oder andere folgt ihm hartnäckig bis vor die Stadt. Unter diesen ist auch die Frau aus Apheca, die Witwe, die im Vorort am See den Herrn gebeten hatte, Pflegemutter des kleinen Alphäus, den seine Mutter nicht haben will, sein zu dürfen. Sie hat sich unter die Jüngerinnen gemischt, als ob sie eine von ihnen wäre, und nun ist sie schon so sehr mit ihnen vertraut, daß sie von den anderen als zur Familie gehörig betrachtet wird. In diesem Augenblick ist sie bei Salome und tuschelt ganz eifrig mit ihr. Weiter hinten sehe ich Maria mit ihrer Schwägerin. Sie passen ihre Schritte denen des Knäbleins an, das in ihrer Mitte geht und jeder von beiden eine Hand gegeben hat. Es vergnügt sich damit, vom Rand einer Steinplatte der Straße zu dem der nächsten zu springen; eine Straße, die offensichtlich die Römer gebaut haben, denn sie besteht aus regelmäßigen Platten.

Dabei lacht es jedesmal und sagt: «Siehst du, wie tüchtig ich bin? Schau, schau noch einmal.» Ein Spiel, das wohl alle Kinder der Welt machen, wenn sie an der Hand jener sind, die sie ihre Zuneigung fühlen lassen. Die beiden heiligen Frauen, die ihn an der Hand halten, zeigen große Begeisterung für sein Spiel und loben ihn für seine Tüchtigkeit im Springen. Der arme Kleine ist in den wenigen Tagen liebevollen Friedens förmlich aufgeblüht, sein Auge ist heiter wie das glücklicher Kinder, und sein silberhelles Lachen läßt ihn sogar noch schöner und vor allem kindlicher erscheinen, ohne jenen traurigen Ausdruck verfrühter Reife, den er am Abend der Abreise von Kapharnaum hatte.

Maria des Alphäus, die das beobachtet und einige Worte der Sara, der

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Witwe, vernimmt, sagt zur Schwägerin: «Es wäre wirklich gut so! Wenn ich Jesus wäre, würde ich ihn ihr geben.»

«Er hat noch eine Mutter, Maria...»

«Mutter? Das würde ich nicht sagen. Eine Wölfin ist eine bessere Mutter als diese Rabenmutter.»

«Das ist wahr. Doch selbst wenn sie ihrem Sohn gegenüber kein Pflichtgefühl hat, so hat sie immer noch ein Recht auf ihren Sohn.»

«Hm! Um ihn leiden zu lassen! Schau, wieviel besser es ihm hier geht!»

«Ich sehe es, aber... Jesus hat nicht das Recht, den Müttern die Kinder zu nehmen; nicht einmal, um sie jemand zu geben, der sie wirklich lieben würde.»

«Die Menschen hätten auch kein Recht zu... Genug. Was weiß ich ...»

«Oh! Ich verstehe dich... Du willst sagen: Die Menschen hätten auch kein Recht, dir deinen Sohn zu nehmen; und dennoch werden sie es tun. Aber durch das, was menschlich gesprochen grausam ist, werden sie etwas unendlich Gutes bewirken. Hier hingegen weiß ich nicht, ob es gut für diese Frau wäre ...»

«Für den Kleinen aber wohl. Doch warum... hat er uns diese schreckliche Zukunft eröffnet? Ich habe keine Ruhe mehr, seit ich es weiß ...»

«Wußtest du nicht schon vorher, daß der Erlöser leiden und sterben muß?»

«Ja, gewiß habe ich es gewußt! Aber ich wußte nicht, daß es Jesus war. Ich habe ihn so gern, weißt du? Mehr als meine eigenen Kinder. So schön, so gut... Oh! Ich habe dich um ihn beneidet, meine Maria, als er ein Kind war, und dann immer... immer... Schon ein Lufthauch beunruhigte mich seinetwegen... Ich darf nicht daran denken, daß er gequält werden wird...» Maria Kleophä weint in ihren Schleier.

Maria, die Mutter, tröstet sie: «Meine Maria, betrachte dies nicht vom menschlichen Standpunkt aus. Denke an die Früchte... Du kannst dir vorstellen, wie ich jeden Tag die Sonne sinken sehe... Wenn sie am Horizont entschwindet, sage ich mir: wieder einen Tag weniger, den ich Jesus habe... Oh! Maria! Für etwas danke ich dem Allerhöchsten ganz besonders: daß er mir gestattet hat, die vollkommenste Liebe zu erlangen, die ein Geschöpf besitzen kann, eine Liebe, die mir dazu verhilft, mein Herz zu trösten und zu stärken mit den Worten: "Sein und mein Schmerz werden das Heil meiner Brüder sein, daher sei dieser Schmerz gesegnet." Wenn ich nicht den Nächsten so sehr lieben würde... könnte ich nicht, niemals daran denken, daß man Jesus zum Tode führen wird...»

«Aber was für eine Liebe ist denn die deine? Was für eine Liebe muß man besitzen, um solche Worte aussprechen zu können? Um... um... u

nicht mit dem eigenen Geschöpf zu fliehen, es zu verteidigen und dein Nächsten zu sagen: "Mein erster Nächster ist mein Sohn, den ich über alles liebe?"»

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«Wer über alles geliebt werden muß, ist Gott.»

«Und er ist Gott.»

«Er tut den Willen des Vaters, und ich mit ihm. Was für eine Liebe die meine ist? Was für eine Liebe man haben muß, um solche Worte aussprechen zu können? Die Liebe der Verschmelzung mit Gott, die vollkommene Vereinigung, die vollkommene Hingabe, das Aufgehen in ihm, Man darf nur mehr ein Teil von ihm sein, so wie die Hand ein Teil von dir ist und das tut, was dein Kopf befiehlt. Das ist meine Liebe, und das ist die Liebe, die man haben muß, um immer mit gutem Willen den Willen Gottes zu erfüllen.»

«Aber du bist du. Du bist die Gebenedeite unter allen Geschöpfen. Gewiß warst du das schon, bevor du Jesus hattest; denn Gott hat dich dazu erwählt, ihn zu gebären, und dir ist es leicht...»

«Nein, Maria. Ich bin Frau und Mutter wie jede andere Frau und Mutter. Das Geschenk Gottes hebt nicht das Menschliche auf. Das Menschliche bleibt wie bei jeder anderen, auch wenn das Geschenk eine sehr starke Geistigkeit verleiht. Du weißt es ja, daß ich das Geschenk aus freiem Willen annehmen mußte, und mit allen Folgen, die es mit sich brachte; denn jedes Geschenk Gottes ist eine große Glückseligkeit, aber auch eine große Verpflichtung. Gott zwingt keinen Menschen, seine Gaben anzunehmen, sondern er fragt das Geschöpf. Wenn aber das Geschöpf der geistigen Stimme, die zu ihm spricht, mit einem "Nein" antwortet, zwingt Gott es nicht. Alle Seelen werden wenigstens einmal im Leben von Gott gefragt, ob...»

«Oh! Ich nicht! Von mir hat er nie etwas verlangt!» ruft Maria des Alphäus mit Bestimmtheit.

Die Jungfrau Maria lächelt sanft und antwortet: «Du hast es nicht bemerkt, und deine Seele hat geantwortet, ohne daß du dir dessen bewußt geworden bist; und dies, weil du den Herrn schon sehr liebst.»

«Ich versichere dir, daß er nie zu mir gesprochen hat ...»

«Warum bist du dann hier, als Jüngerin Jesu? Und warum kämpfst du innerlich so sehr darum, daß deine Söhne, alle Nachfolger Jesu werden? Du weißt, was es heißt, ihm nachzufolgen, und trotzdem willst du, daß deine Söhne ihm nachfolgen.»

«Gewiß! Ich möchte sie ihm alle geben. Dann erst könnte ich wirklich sagen, daß ich meine Kinder dem Licht geschenkt habe. Und ich bete inständig, daß ich sie ihm, Jesus, mit einer wahren, ewigen Mütterlichkeit gebären kann.»

«Da siehst du es! Und warum tust du das? Weil Gott dich eines Tages gefragt hat: "Maria, würdest du mir deine Söhne geben, damit sie meine Diener werden im Neuen Jerusalern?" ' und du ihm geantwortet hast: "Ja, Herr." Auch jetzt, da du weißt, daß der Schüler nicht über dem Meister steht, antwortest du Gott, der dich wiederum fragt, um deine Liebe zu

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prüfen: "Ja, mein Herr, ich will immer noch, daß sie dir angehören!" Ist es nicht so?»

«Ja, Maria, so ist es. Es ist wahr. Ich bin so unwissend, daß ich nicht verstehen kann, was in der Seele vor sich geht. Aber wenn ihr, Jesus oder du, mich nachdenklich macht, sage ich, daß es wahr ist. Es ist wirklich wahr. Ich sage... ich würde lieber sehen, daß sie von den Menschen getötet werden, als daß sie Feinde Gottes sind... Gewiß, wenn ich sie sterben sehen würde... wenn... Oh, aber der Herr würde mir helfen, nicht wahr? Sicherlich würde er mir in jener Stunde beistehen... Oder wird er nur dir allein helfen?»

«Er wird allen seinen treuen Töchtern helfen, die Märtyerinnen im Geiste, oder im Geiste und im Fleisch sein werden zu seiner Ehre.»

«Aber wer muß denn getötet werden?» fragt das Knäblein, das bei diesen Gesprächen aufgehört hat herumzuhüpfen und ganz Ohr gewesen ist Es fragt auch noch, halb neugierig, halb erschrocken, indem es seinen Blick über die verlassenen Felder schweifen läßt, die immer dunkler wer den: «Gibt es hier Räuber? Wo sind sie?»

«Es gibt keine Räuber hier, Kind, und vorläufig muß niemand getötet werden. Spring, spring noch einmal...» sagt die heilige Jungfrau Maria

Jesus, der schon weit vorne war, bleibt stehen, um auf die Frauen zu warten. Von denen, die ihm von Hippos gefolgt sind, sind noch drei Männer und die Witwe da. Die anderen haben sich, einer nach dem anderen entschlossen, ihn zu verlassen und in ihre Stadt zurückzukehren.

Die beiden Gruppen vereinigen sich: «Machen wir hier eine Pause bis der Mond aufgeht. Dann gehen wir weiter, so daß wir in der Morgenfrüh in Gamala sind.»

«Aber Herr, erinnerst du dich nicht, wie sie dich das letzte Mal vertrieben haben? Sie haben dich gebeten fortzugehen ...»

«Nun, ich bin ja fortgegangen, und jetzt komme ich wieder. Gott ist geduldig und klug. Damals waren sie in ihrer Aufregung nicht fähig, da Wort aufzunehmen, das nur dann Frucht bringen kann, wenn der Geist im Frieden ist. Erinnert euch des Elias und seiner Begegnung mit den Herrn auf dem Horeb und bedenkt, daß Elias ein von Gott geliebte Mensch war und es gewohnt war, ihm zuzuhören. Erst im Frieden eine leichten Brise, als der Geist nach seiner Bestürzung im Frieden der Schöpfung und seines aufrichtigen Ichs ruhte, erst dann sprach der Herr. Und der Herr hat gewartet, bis der Schrecken der Erinnerung an den Durchzug der Legion Dämonen durch diese Gegend – denn der Vorübergang de Herrn ist Frieden, während der Vorübergang Satans Verwirrung schafft – der Herr hat also gewartet, daß die Bestürzung sich legt und die Herze und Gemüter wieder klar sind, um zu den Bewohnern von Gamala zu rückzukehren, die auch seine Kinder sind. Fürchtet euch nicht. Sie werde uns nichts zuleide tun.»

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Die Witwe von Apheca tritt vor und wirft sich vor Jesus nieder: «Und zu Mir wirst du nicht kommen, Herr? Auch Apheca ist voll von Gotteskindern ...»

«Der Weg ist beschwerlich, und wir haben nicht viel Zeit. Wir haben die Frauen bei uns und müssen bis zum Sabbat in Kapharnaum sein. Bestehe nicht darauf, Frau», sagt Iskariot entschieden, indem er sie fast zurückstößt.

«Ich möchte... daß er sich überzeugt, daß ich das Knäblein gut aufziehen könnte.»

«Aber es hat noch seine Mutter, verstehst du?» antwortet wiederum Iskariot, und er sagt es sehr unhöflich.

«Kennst du Abkürzungen von Gamala nach Apheca?» fragt Jesus die gedemütigte Frau.

«O ja! Es gibt einen guten, schattigen Gebirgspfad durch den Wald, und für die Frauen könnten wir Esel nehmen, die ich gern bezahlen würde.»

«Ich werde in dein Haus kommen, um dich zu trösten, auch wenn ich dir das Knäblein nicht geben kann, weil es seine Mutter hat. Aber ich verspreche dir, daß ich, wenn es Gott für richtig halten sollte, daß das unschuldige Kind neue Liebe findet, an dich denken werde.»

«Danke, Meister. Du bist gut», sagt die Witwe und schaut Judas an auf eine Art, als wollte sie sagen: «Und du bist böse.»

Das Kind hat zugehört und auch verstanden, wenigstens teilweise. Es hat die Witwe bereits liebgewonnen, welche es ihrerseits mit Liebkosungen und Leckerbissen erobert hat. Ein wenig aus natürlicher Überlegung, ein wenig aus dem Geist der Nachahmung, der den Kindern eigen ist, tut es fast genau dasselbe wie die Witwe, ohne sich jedoch zu Jesu Füßen niederzuwerfen. Es klammert sich an seine Knie, erhebt sein Gesichtchen, das der Mond ganz bleich erscheinen läßt, und sagt: «Danke Meister, du bist gut.» Und es beschränkt sich nicht darauf, sondern will ganz klar machen, was es denkt, und fährt fort: «Und du bist böse», indem es mit seinem kleinen Füßchen dem Fuß des Judas einen leichten Tritt versetzt, damit keine Verwechslung der Person möglich sei.

Das Gelächter des Thomas ist so laut, daß es auch die anderen zum Lachen verleitet, als er sagt: «Armer Judas! Hier wird wieder klar, daß die Kinder dich nicht lieben! Von Zeit zu Zeit beurteilt dich eines von ihnen, und das Urteil fällt immer so schlecht aus! ...»

Judas hat so wenig Humor, daß er in Zorn gerät, in einen ungerechten Zorn, der in keinem Verhältnis steht zur Ursache und zum Gegenstand, der ihn hervorgerufen hat, und der sich dadurch äußert, daß er in häßlicher Weise den Kleinen von den Knien Jesu losreißt und ihn brüllend zurückschleudert: «Das geschieht, wenn man mit ernsten Dingen Spaß treibt. Es ist weder schön noch nützlich, ein Gefolge von Frauen und Bastarden zu haben...»

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«Nun übertreibst du aber. Auch du hast doch seinen Vater gekannt. Er war ein legitimer Gatte und ein Gerechter», bemerkt Bartholomäus streng.

«Ja und? Ist dieser da nicht trotzdem elternlos und ein künftiger Dieb? Flüstert man nicht seinetwegen wenig Gutes hinter unserem Rücken? Man hat ihn für einen Sohn deiner Mutter gehalten... Und wo ist der Gatte, um einen Sohn dieses Alters zu rechtfertigen? Oder man glaubt, er gehöre einem von uns ...»

«Schluß! Du sprichst die Sprache der Welt. Aber die Welt spricht im Schlamm zu den Kröten, den Nattern, den Eidechsen und allen unreinen Tieren... Komm, Alphäus. Weine nicht. Komm zu mir, ich nehme dich auf den Arm.»

Die Not des Kindes ist groß. Der ganze Schmerz des von der Mutter abgewiesenen Waisenkindes, der sich in diesen Tagen des Friedens etwas gelegt hat, lebt wieder auf. Mehr als die Schrammen, die es bei seinem Fall auf den steinigen Boden an Stirn und Händen davongetragen hat und die die Frauen reinigen und küssen, um es zu trösten, bringt es sein Schmerz als ungeliebter Sohn zum Weinen. Ein langes, herzzerreißendes Weinen, und Rufe nach seinem verstorbenen Vater und seiner Mutter... Oh! Armes Kind!

Ich, die die Menschen nie geliebt habe, weine mit ihm; und wie dieses Kind nehme ich meine Zuflucht zu Gott, heute, am Jahrestag des Begräbnisses meines Vaters; heute, da eine ungerechte Entscheidung mich der häufigen Kommunion beraubt...

Jesus nimmt das Kind auf, küßt es, wiegt es, tröstet es und geht i

Mondschein allen voraus mit dem Unschuldigen in den Armen. Während das Weinen des Kindes allmählich verstummt, hört man in der nächtlichen Stille die Stimme Jesu sagen: «Ich bin da, Alphäus. Ich für alle. Ich bin dir Vater und Mutter. Weine nicht! Dein Vater ist bei mir und küßt dich mit mir. Die Engel sorgen für dich, als wären sie Mütter. Alle Liebe ist mit dir, wenn du brav und unschuldig bist.»

Und die rauhe Stimme eines der Drei aus Hippos sagt: «Der Meister ist gut und zieht die Menschen an, aber seine Jünger nicht. Ich gehe...»

Und die strenge Stimme des Zeloten sagt zu Iskariot: «Siehst du, was du angestellt hast.»

Und dann, während allein die Witwe von Apheca bei den Jüngerinnen bleibt und mit ihnen seufzt, hört man nur noch das leiser werdende Geräusch der Schritte. Denn die Drei aus Hippos sind weggegangen. So geht es weiter, bis sie bei einer großen Höhle anhalten. Vielleicht ist es ein Unterschlupf der Hirten, denn sie finden frisch geschnittenes Heide- und Farnkraut, das zum Trocknen auf dem Boden ausgebreitet ist.

«Wir wollen hierbleiben. Laßt uns dieses Lager der Vorsehung für die Frauen herrichten. Wir werden uns draußen im Gras niederlegen», sagt Jesus. Und so geschieht es, während der Vollmond am Firmament dahinzieht.

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504. IN GAMALA

Jesus erwacht beim ersten Morgengrauen und setzt sich auf seinem rustikalen Lager aus Erde und Gras auf. Dann erhebt er sich, zieht die Sandalen an, nimmt den Mantel, der ihm zum Schutz gegen Tau und nächtliche Kühle gedient hat, und geht vorsichtig durch das Gewirr von Beinen und Armen, Rümpfen und Köpfen der Apostel, die um ihn herum eingeschlafen sind. Er entfernt sich einige Meter und muß dabei die Augen anstrengen, um zu sehen, wo er den Fuß hinsetzt; denn das ungewisse Licht des Morgengrauens ist hier unter den belaubten Bäumen nur ein schwacher Schimmer. So gelangt er auf eine offene Wiese. Durch eine Lücke zwischen Bäumen und Felsen sieht man einen kleinen Zipfel des Sees, der gerade erwacht, und ein großes Stück des Himmels, der sich immer mehr aufhellt und dabei von dem für das aus der Nacht auftauchende Firmament typischen Graublau in Himmelblau übergeht. Im Osten nimmt er schon eine gelbliche Tönung an, die immer deutlicher und stärker wird, bis sich der gelbliche Ton in ein rosiges Gelb wandelt und dann in ein blasses, unbestimmtes Korallenrot.

Der Morgen verspricht einen schönen Tag trotz des leichten Nebels, der sich nur langsam entschließt, im Osten das Feld zu räumen und sich in leichte Wolkenschleier auflöst, so leicht, daß das Blau des Himmels nicht darunter leidet; vielmehr schmückt das Firmament sich wie mit einem glänzend weißen Musselingewand mit gold- und korallenfarbenen Fransen, das, immer wechselnd, immer schöner wird, als wolle es den Höhepunkt seiner flüchtigen Schönheit erreichen, bevor der Tag sie mit dem Triumph der Sonne zerstört. Im Westen hingegen hält noch da und dort ein Sternlein dem wachsenden Tageslicht stand, wenn auch seine nächtliche Leuchtkraft schon verblaßt ist, und der Mond, der dabei ist, hinter einem Gebirgskamm zu entschwinden, zieht bleich und ohne Strahlen wie ein sterbender Planet dahin.

Jesus steht aufrecht mit bloßen Füßen im taunassen Gras, die Arme auf der Brust verschränkt und das Haupt erhoben, um den aufsteigenden Tag zu betrachten. Er denkt nach... oder ist mit dem Vater in geistigem Gespräch.

Absolutes Schweigen herrscht ringsherum, daß man selbst die Tropfen des überreichen Taues fallen hört.

Jesus neigt sein Haupt, immer noch aufrecht stehend und mit verschränkten Armen und immer tiefer in seine Betrachtung versunken. Er ist völlig in sich selbst eingekehrt. Seine wunderbaren Augen sind weit geöffnet auf den Boden gerichtet, fast als erwarte er von den Gräsern eine Antwort. Aber ich bin überzeugt, daß sie nicht einmal die leise Bewegung der Halme bemerken, die im frischen Morgenwind erzittern; ein Schauern, gleich dem eines Menschen, der vom Schlaf erwacht und sich reckt,

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dreht und wendet und schüttelt, um mit allen Nerven und Muskeln wach und lebendig zu sein. Jesus schaut, sieht aber nicht dieses Erwachen der Kräuter und wilden Blumen, die von Zweiglein, Blättern, Dolden und Blütentrauben, von Ähren und Büscheln, von Kelchen und Strahlenkränzen, Löwenmäulchen, Füllhörnern, Federbüschen und Beeren, die teils steif auf ihren Stielen sitzen, teils weich von Stengeln hängen, die nicht die ihren sind, um die sie sich aber gerankt haben, oder auch alleingelassen auf dem Boden kriechen; die kleine Familien aus vielen niedrigen und demütigen Pflänzchen bilden oder einsam, groß, breit und anspruchsvoll in Farbe und Gebaren dastehen, die aber alle von ihren Blütenblättern die Tautropfen abschütteln und jetzt nicht mehr Feuchtigkeit, sondern Sonne wollen – launisch in ihren Wünschen wie in ihrem Benehmen... und darin den Menschen sehr ähnlich, die auch nie zufrieden sind mit dein, was sie gerade haben.

Es scheint, als ob Jesus auf etwas horche. Aber sicher hört er weder das Rauschen des stärker werdenden Windes, der seinen Spaß daran hat, einen Regen von Tau herabzuschütteln und auf die Erde fallen zu lassen, noch das immer lauter werdende Gezwitscher der Vögel, die erwachen und sich gegenseitig ihre nächtlichen Träume erzählen oder ihre Betrachtungen austauschen über eine warme und fröhliche Wiege, in der zwischen Flaum und weichem Heu die Jungen, die gestern noch nackt waren, bereits die ersten Flaumfedern ansetzen oder ihre unverhältnismäßige Schnäbel aufsperren und die gierigen, roten Kehlen zur Schau stellen und dabei energisch nach Nahrung schreien. Es scheint, als ob er aufhorche. Aber sicher hört er weder den ersten spöttischen Ruf der Amsel, noch den ersten süßen Gesang der Grasmücke, noch die goldenen Triller der Lerche, die festlich dem ersten Sonnenstrahl entgegenfliegt, noch das Zwitschern der die ruhige Luft durchstreifenden, zahlreichen Schwalben, die nun die Löcher im Fels verlassen, wo sie ihr Nest gebaut haben, und mit ihren unermüdlichen Flügen ein Band zwischen Himmel und Erde zu weben beginnen. Gewiß hört er auch nicht die ausgelassenen Schreie der Elster, die sich auf einem Zweig der Steineiche schaukelt, bei der Jesus steht und ihm zuzurufen scheint: «Wer bist du? Was denkst du?» und ihn auslacht. All das stört ihn nicht in seiner Betrachtung.

Aber wer weiß nicht, daß die Elstern schalkhafte Tiere sind? Diese da ist es müde, einen Eindringling in dem Wiesengrund zu sehen, der vielleicht der Ort ihres Vergnügens ist. Sie reißt zwei schöne Eicheln an einem Stiel von einem Ast und läßt sie mit der Treffsicherheit eines erfahrenen Schützen auf das Haupt Jesu fallen. Es ist kein schweres Wurfgeschoß, das verletzen könnte; aber wegen der Höhe, aus der es herabfällt, ist seine Wucht doch groß genug, um den Sinnenden aufzurütteln. Er schaut nach oben und sieht den Vogel, der mit ausgebreiteten Flügeln und drolligen Verneigungen sich seiner Tat erfreut. Jesus lächelt, schüttelt das Haupt,

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seufzt auf wie zur Krönung seiner Betrachtungen und entfernt sich hin- und herwandelnd. Die Elster hüpft vergnügt und mit einem Lachen und einem spöttischen "Ge-Ge" herab, um mit den Flügeln zu schlagen, herumzustöbern und in der Wiese zu graben, die der Eindringling freigegeben hat.

Jesus sucht nach Wasser. Aber er findet keines. Er hat sich schon damit abgefunden, unverrichteter Dinge zu den Aposteln zurückzukehren, aber die Vögel zeigen ihm, wo Wasser zu finden ist. In Schwärmen steigen sie herab auf sehr breite Kelchblumen, die ebenso viele mit Wasser gefüllte kleine Becher sind, oder sie setzen sich auf breite, behaarte Blätter, die mit jedem Härlein einen Tropfen Tau aufgefangen haben; und dort stillen sie ihren Durst oder machen ihre Waschungen. Jesus macht es ihnen nach. Er sammelt das Wasser der Blumenkelche in der hohlen Hand und erfrischt sich damit das Gesicht; er pflückt die breiten haarigen Blätter und entfernt damit den Staub von den Füßen, reinigt die Sandalen und schnürt sie an seine Füße, und wäscht sich dann die Hände, bis sie sauber sind, wobei er lächelnd murmelt: «Die göttlichen Vollkommenheiten des Schöpfers!»

Nun ist er erfrischt und ordentlich, denn mit der feuchten Hand hat er sich auch Haare und Bart zurechtgemacht, und während der erste Sonnenstrahl die Wiese in einen diamantenen Teppich verwandelt, geht er die Apostel und die Frauen aufwecken.

Müde wie sie sind, wollen sie nicht gleich aufwachen. Aber Maria ist schon wach, sitzt jedoch unbeweglich da wegen des Knäbleins, das an ihrer Brust, mit dem Köpflein unter ihrem Kinn, schläft. Als die Mutter auf der Schwelle der Höhle ihren Jesus erblickt, lächelt sie ihm mit ihren sanften, himmelblauen Augen zu, und die Freude, ihn zu sehen, läßt sie erröten. Sie entledigt sich des Kindes, das ein wenig jammert, als es die Bewegung spürt, richtet sich auf und geht zu Jesus mit dem leisen, leicht schaukelnden Schritt einer reinen Taube.

«Gott segne dich, mein Sohn, an diesem Tage.»

«Gott sei mit dir, Mutter. Ist dir die Nacht beschwerlich gewesen?»

«Im Gegenteil. Ich war sehr glücklich. Es schien mir, dich als Kind in den Armen zu halten... und ich habe geträumt, daß es wie ein goldener Strom aus deinem Mund floß, mit einem Klang von unsagbarer Süßigkeit, und daß eine Stimme zu mir sagte... oh! welche Stimme! "Dies ist das Wort, das die Welt reich macht und jedem Seligkeit verleiht, der es hört und befolgt; grenzenlos in Macht, Zeit und Raum, wird es Rettung bringen." Oh, mein Sohn, und du bist es, mein Kind, dieses Wort! Wie werde ich lange genug leben und wirken können, um dem Ewigen dafür zu danken, daß er mich zu deiner Mutter auserwählt hat?»

«Mach dir darüber keine Gedanken, Mutter. An jedem Schlag deines Herzens hat Gott sein Wohlgefallen. Du bist das lebendige Gotteslob und wirst es immer sein, Mutter. Du sagst ihm Dank, seit du lebst...»

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«Aber es scheint mir, daß ich es nicht genug tue, Jesus. Es ist so groß, so groß, was Gott an mir getan hat! Und was tue ich schließlich mehr, als alle die guten Frauen, die wie ich deine Jüngerinnen sind? Mein Sohn, sage du unserem Vater, daß er mir zeigen soll, wie ich ihm so danken kann, wie dieses Geschenk es verdient.»

«Meine Mutter, glaubst du, der Vater bedürfe dieser meiner Bitte für dich? Er hat dir schon das Opfer bereitet, das du darbringen mußt für dieses vollkommene Lob. Und vollkommen wirst du sein, wenn du diese deine Aufgabe erfüllt hast ...»

«Mein Jesus! Ich verstehe, was du sagen willst... Aber werde ich in jener Stunde überhaupt fähig sein zu denken? Deine arme Mutter ...»

«Die selige Braut der Ewigen Liebe! Mutter, das bist du, und die Liebe wird in dir denken.»

«Du sagst es, Sohn, und ich baue auf dein Wort. Aber du... bete für mich in jener Stunde, die keiner von diesen hier versteht... und die nicht mehr fern ist... Ist es nicht so? Ist es vielleicht nicht wahr?» Es ist unmöglich, den Gesichtsausdruck Marias bei diesem Zwiegespräch zu beschreiben. Kein Schriftsteller könnte ihn in Worte kleiden, ohne in Zimperlichkeit oder unklare Ausdrucksweise zu verfallen. Nur wer ein Herz hat, und ein gutes und gleichzeitig starkes Herz, kann im Geiste den wirklichen Ausdruck beschreiben, den das Antlitz Marias in diesem Augenblick annimmt.

Jesus blickt sie an... Wieder ein Ausdruck, den man nicht in armselige menschliche Worte fassen kann. Er antwortet ihr: «Und du, bete für mich in der Stunde des Todes ... Ja, niemand von diesen versteht es... Es ist nicht ihre Schuld. Es ist Satan, der den Rauch verbreitet, damit sie nicht sehen und wie trunken nicht verstehen und daher unvorbereitet... leichter unterliegen. Aber ich und du, wir werden sie retten trotz der Nachstellungen Satans. Jetzt schon vertraue ich sie dir an, meine Mutter. Erinnere dich dieser Worte: ich vertraue sie dir an. Dir übergebe ich mein Erbe. Ich habe nichts auf Erden außer einer Mutter, und diese opfere ich Gott auf: Opfer mit dem Opfer. Und meine Kirche vertraue ich dir an. Sei ihr Ernährerin. Vor kurzem dachte ich daran, wie viele Menschen in den künftigen Jahrhunderten auf dieser Welt wie der Mann von Kerioth, und mit all seinen Lastern, leben werden, und es war mir klar, daß jeder, der nicht Jesus ist, ihn zurückweisen wird, dieses sündige Geschöpf. Aber ich werde ihn nicht zurückweisen. Ich bin Jesus. Du, die du auf Erden bleiben wirst, als zweite nach Petrus in der Hierarchie der Kirche, er als das Oberhaupt, du als erste unter den Gläubigen und Mutter der Kirche, da du mich, das Haupt dieses mystischen Leibes, geboren hast; weise du die zahlreichen Judasse nicht zurück, sondern belehre Petrus, die Brüder, Johannes, Jakobus, Simon, Philippus, Bartholomäus, Andreas, Thomas und Matthäus, sie nicht zurückzuweisen, sondern ihnen zu helfen. Verteidige mich

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in meinen Nachfolgern und verteidige mich gegen jene, welche die entstehende Kirche zerstören und zerstreuen wollen. Durch die Jahrhunderte, Mutter, sollst immer du diejenige sein, die für meine Kirche bittet, sie beschützt, sie verteidigt und ihr, meinen Priestern und meinen Gläubigen beisteht, und sie beschützt vor dem Bösen, vor der Strafe und vor ihnen selbst... Wie viele Judasse, o Mutter, wird es in den kommenden Jahrhunderten geben, und wie viele werden versagen wie er, weil sie nicht verstehen können, weil sie blind und taub sind, so daß sie nicht sehen und nicht hören können, oder weil sie wie die Krüppel und die Lahmen nicht kommen können... Mutter, nimm sie alle unter deinen Mantel. Du allein kannst und wirst die Strafe des Ewigen von einem und von vielen abwenden können; denn nichts vermag die Dreieinigkeit ihrer Blume zu versagen.»

«Ich werde es tun, Sohn. Was mich angeht, geh in Frieden deinem Ziel entgegen. Deine Mutter ist da, um dich für alle Zeit in deiner Kirche zu verteidigen.»

«Gott segne dich, Mutter... Komm, ich werde dir Blumenkelche voll des duftenden Morgentaus pflücken, und du wirst dein Gesicht erfrischen, wie ich es getan habe. Unser heiligster Vater hat sie uns bereitet, und die Vögel haben sie mir gezeigt. Sieh, wie alles dient in der wohlgeordneten Schöpfung Gottes! Dieses Hochplateau liegt nahe beim See und ist so fruchtbar durch die Nebel, die vom Galiläischen Meer aufsteigen, und wegen der hohen Bäume, die den Tau anziehen und auch in der Hitze des Sommers diese Üppigkeit von Gräsern und Blumen möglich machen, und diesen reichen Tauregen, der die Blumenkelche füllt, damit seine geliebten Kinder ihr Antlitz erfrischen können... Sieh, was der Vater denen bereitet hat, die ihn lieben. Nimm. Wasser Gottes, in Kelchen Gottes, um die Eva des neuen Paradieses zu erquicken.» Jesus pflückt die großen Blumenkelche (ich weiß nicht, wie die Blumen heißen) und gießt das Wasser, das sich in ihrem Innern gesammelt hat, in die Hände Marias. Auch die anderen haben sich inzwischen erfrischt und kommen Jesus holen, der sich einige Meter von der Höhle entfernt hat.

«Wir sind bereit, Meister.»

«Gut. Wir wollen diese Richtung einschlagen.»

«Aber ist es die richtige? Der Wald hört hier auf, und wir sind doch das letzte Mal immer durch Wälder gegangen...» entgegnet Jakobus des Zebedäus.

«Weil wir vom See heraufgekommen sind. Diesmal können wir den richtigen Weg nehmen. Seht ihr? Gamala liegt dort im Südosten, und der einzige Weg ist dieser, denn die anderen drei Seiten sind nur für wilde Ziegen geeignet.»

«Du hast recht. So vermeiden wir das große trockene Tal, aus dem wir die Besessenen kommen sahen», sagt Philippus.

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Sie verlassen rasch den Wald, in dem sie geschlafen haben, und gehen auf einem steinigen Pfad auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Tals weiter, das immer enger wird, je mehr es sich dem bizarren Berg nähert, an den sich Gamala klammert. Dieser Berg ist auf drei Seiten, nämlich im Osten, im Norden und im Westen, sehr steil und mit der Umgegend nur durch diesen einzigen direkten Weg verbunden, der von Süden nach Norden führt, hoch oben zwischen zwei felsigen, wilden Tälern, welche die Stadt von den Gefilden im Osten und von den Eichenwäldern im Westen trennen.

Viele Schweinehirten gehen mit ihren wühlenden Herden in Richtung auf die Eichenwälder. Mit viereckigen Steinen beladene und von Ochsen gezogene knarrende Karren fahren langsam vorüber. Der eine oder der andere Reiter trabt, Staubwolken aufwirbelnd, dahin. Gruppen von zerlumpten und abgezehrten Erdarbeitern, vermutlich in ihrer Mehrzahl Sklaven oder zu Zwangsarbeit Verurteilte, werden von strengen Aufsehern zu den Arbeitsplätzen getrieben.

Allmählich kommt der Berg näher, und schon steigt die Straße an. Man sieht bereits Festungsgräben, die sich wie Ringe um die Flanken des Berges ziehen. Diese Gräben auszuheben muß kein Leichtes gewesen sein, besonders an manchen beinahe überhängenden Stellen. Dennoch arbeiten zahlreiche Menschen daran, die schon bestehenden Befestigungen auszubessern und neue hinzuzufügen. Auf nackten Schultern schleppen sie viereckige Steine herbei, welche die Unglücklichen niederdrücken und oft blutige Spuren hinterlassen.

«Was machen diese Bürger da? Besteht etwa Kriegsgefahr, daß sie so hart arbeiten müssen? Sie müssen verrückt sein», sagen die Apostel zueinander, während die Frauen die unglücklichen halbnackten Männer bedauern, die schlecht genährt sind und zu Arbeiten gezwungen werden, die ihre Kräfte übersteigen.

«Aber wer zwingt sie denn zu arbeiten, der Tetrarch oder die Römer?»fragen die Apostel weiter und diskutieren miteinander, da mir Gamala doch unabhängig zu sein scheint von den Tetrarchien des Philippus und des Herodes. Auch halten es einige der Apostel für unmöglich, daß die Römer sozusagen zu Hause noch weitere Befestigungen errichten lassen, die morgen gegen sie benützt werden könnten. Die ewige, schon zum Wahn gewordene Idee vom zeitlichen Reich des Messias erscheint hier wieder wie das Wahrzeichen eines bereits sicheren Sieges und nationaler Größe und Unabhängigkeit.

Sie sprechen so laut, daß einige der Aufseher sich nähern und zuhören. Es sind rohe Menschen, der Rasse nach sichtlich keine Hebräer; viele sind bejahrt und verschiedene tragen Narben am Körper. Aber was sie sind, verraten die verächtlichen Worte eines von ihnen: «"Unser Reich"! Hast du das gehört, Titus? Oh, ihr Krummnasen! Euer Reich liegt schon unter

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diesen Steinen begraben. "Wer sich des Feindes bedient, um gegen den Feind Bauten zu errichten, dient dem Feind" , das sagt euch Publius Corfinius. Solltet ihr mich nicht verstehen, so wartet ab, und die Steine werden euch das Rätsel lösen», und er lacht und erhebt die Peitsche, da er sieht, daß einer der Arbeiter vor Erschöpfung wankt und sich niedersetzt. Und er würde ihn schlagen, wenn Jesus es nicht verhindern würde, indem er vortritt und sagt: «Es ist dir nicht erlaubt. Er ist ein Mensch wie du.»

«Wer bist du, daß du dich einmischest und einen Sklaven verteidigst?»

«Ich bin die Barmherzigkeit. Mein Name als Mensch würde dir nichts sagen; aber diese meine Eigenschaft soll dich daran erinnern, barmherzig zu sein. Du hast gesagt: "Wer sich des Feindes bedient, um gegen den Feind Bauten zu errichten, dient dem Feind." Damit hast du eine schmerzliche Wahrheit ausgesprochen. Aber ich sage dir nun eine lichtvolle: "Wer nicht Barmherzigkeit übt, wird keine Barmherzigkeit erfahren."»

«Bist du ein Rhetor?»

«Ich bin die Barmherzigkeit, ich habe es dir gesagt.»

Einige, die aus Gamala kommen oder auf dem Weg dorthin sind, sagen: «Es ist der Rabbi aus Galiläa, der den Krankheiten, den Winden und Wassern und den Dämonen befiehlt, der die Steine in Brot verwandelt und dem nichts widersteht. Laßt uns in die Stadt eilen, um es unseren Mitbürgern mitzuteilen. Die Kranken sollen kommen! Wir wollen sein Wort hören. Auch wir sind von Israel.» Und einige von ihnen laufen fort, während die anderen sich um den Meister drängen.

Der Aufseher von vorhin fragt: «Ist es wahr, was diese von dir sagen?»

«Es ist wahr.»

«Wirke ein Wunder, und ich werde glauben.»

«Man fordert nicht Wunder, um zu glauben. Man bittet um Glauben, um glauben und so ein Wunder erlangen zu können. Glauben und Barmherzigkeit für den Nächsten sind notwendig.»

«Ich bin Heide.»

«Das ist kein guter Grund. Du lebst in Israel und verdienst hier dein Geld...»

«Weil ich arbeite.»

«Nein, weil du andere arbeiten läßt.»

«Ich verstehe es, arbeiten zu lassen.»

«Ja, erbarmungslos. Hast du nie daran gedacht, daß du, wenn du statt Römer Israelit wärst, an der Stelle eines dieser Arbeiter sein könntest?»

«Ja, gewiß. Aber ich bin es nicht, dank dem Schutz der Götter.»

«Sie könnten dich nicht verteidigen, deine eitlen Götzen, wenn der wahre Gott dich anschuldigen wollte. Du bist noch nicht tot, sei also barmherzig, um Barmherzigkeit zu finden...»

Der Mann will antworten und etwas erwidern, dann aber dreht er Jesus

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mit einem verächtlichen Achselzucken den Rücken zu und geht, um einen zu schlagen, der aufgehört hat, mit der Spitzhacke eine widerspenstige Schicht des Gesteins zu bearbeiten.

Jesus schaut den unglücklichen Arbeiter und auch den Schläger an. Zwei Blicke gleicher und doch ungleicher Barmherzigkeit und von einer so tiefen Traurigkeit, daß sie mich an gewisse Blicke Christi während der Passion erinnern. Aber was kann er tun? Er kann nicht eingreifen, und so nimmt er den Weg wieder auf mit der Last dieses schrecklichen Anblicks, die ihm das Herz beschwert.

Doch von Gamala kommen im Laufschritt Bürger herab, gewiß wichtige Persönlichkeiten der Stadt. Bei Jesus angekommen, verneigen sie sich tief und laden ihn ein, in ihre Stadt zu kommen, um zu den Bürgern zu sprechen, die sich ihrerseits schon scharenweise nähern.

«Ihr könnt gehen, wohin ihr wollt. Diese hier (er zeigt auf die Arbeiter) können es nicht. Es ist noch frisch, und die Lage dieses Ortes schützt uns vor der Sonnenhitze. Gehen wir zu den Unglücklichen dort, damit auch sie das Wort des Lebens hören», antwortet Jesus. Er macht sich als erster auf den Weg, geht ein Stück zurück und schlägt dann einen holperigen Pfad ein, der genau am Berg entlang dorthin führt, wo die mühevollste Arbeit geleistet wird. Schließlich wendet er sich an die Prominenten und spricht: «Wenn es in eurer Gewalt steht, es zu tun, dann gebietet, daß die Arbeit eingestellt werde.»

«Gewiß können wir das. Wir sind ja diejenigen, die bezahlen, und wenn wir freie Stunden bezahlen, wird niemand sich beklagen können», sagen jene von Gamala und gehen, um mit den Aufsehern zu verhandeln, die ich kurz darauf die Achseln zucken sehe, wie um zu sagen: «Wenn ihr damit einverstanden seid, was kümmert es uns?» Sie pfeifen der Arbeiterkolonne ein Signal zu, das sicher Ruhepause bedeutet.

Jesus hat inzwischen mit noch anderen von Gamala gesprochen, die sich Zeichen der Zustimmung machen und zur Stadt zurückeilen sehe.

Die Arbeiter kommen furchtsam herbei und sammeln sich um ihre Aufseher.

«Unterbrecht eure Arbeit. Das Getöse stört den Philosophen», befiehlt einer von ihnen, vielleicht der Bauleiter. Die Arbeiter schauen müden Blickes auf den als "Philosophen" Bezeichneten, dem sie das Geschenk der Pause zu verdanken haben. Dieser "Philosoph", der sie mitleidig anschaut, antwortet auf ihre Blicke und auf die Worte des Vorstehers, indem er sagt: «Der Lärm stört mich nicht, aber es schmerzt mich, sie leiden zu sehen. Kommt, Söhne, ruht eure Glieder und noch mehr euer Herz beim Gesalbten Gottes aus.»

Volk, Sklaven, Sträflinge, Apostel und Jünger drängen sich auf dem freien Fleckchen Erde zwischen dem Berg und den Schützengräben, und wer dort keinen Platz findet, klettert zu einem höheren Verteidigungsgraben

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hinauf oder setzt sich auf einen der am Boden liegenden Steinblöcke. Die weniger Glücklichen ergeben sich darin, auf die Straße zu gehen, die die ersten Sonnenstrahlen schon erreichen. Immer mehr Volk strömt aus Gamala herbei, und es bleiben auch solche stehen, die von anderswoher auf dem Weg zur Stadt waren.

Eine große Menge. Darunter die, die vor kurzem weggegangen sind. Sie tragen Körbe und schwere Krüge und drängen sich bis zu Jesus vor, der die Apostel beauftragt hat, die Arbeiter in die vordersten Reihen zu bringen. Körbe und Krüge werden zu Jesu Füßen hingestellt.

«Gebt diesen die Liebesgaben!» befiehlt Jesus.

«Sie haben schon gegessen, und dort gibt es noch Trank und Brot. Wenn sie zu viel essen, sind sie zu schwerfällig bei der Arbeit», schreit ein Aufseher.

Jesus schaut ihn an und wiederholt den Befehl: «Gebt diesen ein menschenwürdiges Essen und bringt mir das ihrige!» Mit Hilfe von Freiwilligen führen die Apostel den Befehl aus.

Ihr Essen! Dunkle, harte Krusten, die man nicht einmal Tieren vorwerfen würde, und etwas mit Essig gemischtes Wasser... Das ist das Essen der Zwangsarbeiter. Jesus schaut es an und läßt diese armselige Nahrung an der Bergwand aufschichten. Dann blickt er auf jene, die es hätten essen sollen, abgezehrte Körper, die durch die außergewöhnliche Anstrengung fast nur aus überentwickelten Muskeln bestehen, aus Muskelbündeln unter der schlaffen Haut; die fiebrigen Augen sind verschüchtert, während die Münder gierig, fast tierisch die reichlichen, unerwarteten Speisen kauen und den frischen, stärkenden Wein trinken.

Jesus wartet geduldig, bis sie ihr Mahl beendet haben. Nicht lange muß er warten, denn ihre Gier so groß, daß bald alles verzehrt ist.

Nun breitet Jesus wie immer zu Beginn seiner Predigten die Arme aus, um die Aufmerksamkeit der Menge auf sich zu lenken und Schweigen zu gebieten. Er sagt: «Was sehen die Augen der Menschen an diesem Ort? Täler, noch tiefer gegraben, als die Natur sie geschaffen hat; Hügel, aufgehäuft aus Steinmassen und Erde; gewundene Wege, die wie Tierhöhlen in den Berg hineinführen. Wozu all das? Um eine Gefahr abzuwenden, von der man nicht weiß, woher sie kommen wird, deren Heraufziehen wie ein Hagelwetter bei stürmischem Himmel man aber fühlt.

Wahrlich, hier ist man in menschlicher Weise vorgegangen, mit menschlichen Kräften und Mitteln, und auch mit unmenschlichen, um Verteidigungs- und Angriffsmöglichkeiten vorzubereiten, ohne sich der Worte des Propheten zu erinnern, der sein Volk gelehrt hat, wie man sich vor dem menschlichen Mißgeschick mit übermenschlichen Mitteln – den wirksamsten – schützen kann. Er ruft: "Tröstet euch... ja tröstet Jerusalern, denn seine Knechtschaft ist zu Ende und seine Schuld gesühnt; denn zweifaches empfing es aus der Hand des Herrn für alle seine Sünden."

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Nach dem Versprechen zeigt er die Art, wie man es wahr werden läßt "Bereitet den Weg des Herrn, ebnet in der Steppe einen Pfad für unser Gott. Jedes Tal soll aufgefüllt und jeder Berg und Hügel abgetragen wer den; was krumm ist, soll gerade, was rauh ist, zu ebenen Wegen werden!' Worte, die aufgegriffen wurden vom Mann Gottes, von Johannes den Täufer, und erst bei seinem Tode erloschen sie auf seinen Lippen.

Dies ist, ihr Menschen, die wahre Verteidigung gegen die Unglücksfälle des Lebens. Nicht Waffe gegen Waffe, Verteidigung gegen Angriff, nicht Hochmut und Grausamkeit. Sondern übernatürliche Waffen, in der Einsamkeit erworbene Tugenden, d.h. im Inneren des Individuums, wo es allein ist mit sich selbst und an seiner Heiligung arbeitet, indem es Berge de Liebe aufhäuft, Gipfel des Stolzes abträgt, krumme Wege der Begierlichkeit gerade macht und Hindernisse der Sinne von seinem Pfad räumt Dann wird die Herrlichkeit des Herrn erscheinen, und Gott wird de Menschen verteidigen gegen die Nachstellungen geistiger und leibliche Feinde. Was vermögen die wenigen Schutzgräben, Burgen und Festungen gegen die Züchtigungen Gottes, welche die Menschen durch ihre Bosheit oder Nachlässigkeit verdient haben? Gegen die Züchtigungen, die heut den Namen "Römer" tragen, während sie in vergangenen Zeiten Babylonier, Philister und Ägypter genannt wurden, und die nichts anderes sind als eine Strafe Gottes, und nur dies, die der Hochmut, die Sinnlichkeit und die Begierlichkeit des Volkes, seine Lügenhaftigkeit, seine Selbst sucht und sein Ungehorsam gegenüber dem heiligen Gesetz des Dekaloges herabgezogen haben? Der Mensch, auch der stärkste, kann schon von einer Fliege getötet werden. Auch die am besten verteidigte Stadt kann erobert werden, wenn Gott ihm oder ihr seinen Schutz entzieht; wenn de Schutz flieht, wenn man den Schutz zurückweist durch die Sünden de Menschen und ganzer Städte.

Der Prophet sagt noch: "Alles Fleisch ist Gras, all seine Pracht wie die Blume des Feldes. Das Gras verdorrt, die Blume welkt, wenn des Herr Odem sie anweht."

Weil ich es will, blickt ihr heute mitleidig auf diese hier, die ihr bis gestern als Maschinen betrachtet habt, die verpflichtet sind für euch zu arbeiten. Heute, da ich sie euch vorgestellt habe als Brüder unter Brüdern als arme Brüder unter euch Reichen und Glücklichen, seht ihr in ihnen das, was sie sind: Menschen. Verachtung und Gleichgültigkeit sind au vielen Herzen gewichen, und Mitleid ist an ihre Stelle getreten. Aber blickt auch in ihr Inneres, nicht nur auf das gequälte Fleisch. Sie haben in ihrem Inneren eine Seele, Gedanken und Gefühle wie ihr. Einst waren sie wie ihr: gesund, frei, glücklich. Dann waren sie es plötzlich nicht mehr Denn wenn das Leben des Menschen wie das Gras ist, das verdorrt, dann ist sein Wohlergehen noch hinfälliger. Die heute noch gesund sind, können morgen krank sein, die heute noch frei sind, sind morgen vielleicht

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schon Sklaven, und wer heute noch glücklich ist, kann morgen schon unglücklich sein.

Gewiß sind unter diesen Schuldige. Urteilt jedoch nicht über ihre Schuld und freut euch nicht über ihre Bestrafung. Morgen könntet auch ihr aus vielen Gründen schuldig und zu harter Sühne gezwungen sein. Seid daher barmherzig, denn ihr kennt nicht euer Morgen, das so verschieden sein könnte von der Gegenwart und ihr wißt nicht, ob ihr nicht einst auf göttliche und menschliche Barmherzigkeit angewiesen sein werdet. Seid daher geneigt zur Liebe und zum Verzeihen. Es gibt keinen Menschen auf der Erde, der nicht der Verzeihung Gottes und des einen oder anderen Menschen bedürfte. Übt daher Verzeihung, damit auch euch verziehen werde.

Ferner sagt der Prophet: "Das Gras verdorrt und die Blume verwelkt, das Wort des Herrn aber bleibt ewig." Seht die Waffe und die Verteidigung: das ewige Wort, das zum Gesetz für all unsere Handlungen geworden ist.

Richtet diese wahre Schutzwehr auf gegen die bevorstehenden Gefahren, und ihr werdet gerettet sein. Nehmt daher das Wort Gottes auf, den, der zu euch spricht. Aber nehmt es nicht nur äußerlich für eine Stunde in die Mauern eurer Stadt auf, sondern in eure Herzen, für immer; denn ich bin der, der weiß und wirkt und herrscht mit Macht. Ich bin der gute Hirte, der die auf ihn vertrauende Herde weidet, der niemanden vernachlässigt, die Kleinen, die Müden und die Verwundeten, die vom Schicksal Geschlagenen und die über ihre Irrtümer Weinenden, noch den Reichen und Glücklichen, der aber alles geringschätzt um des wahren Reichtums und der wahren Glückseligkeit willen, nämlich, Gott zu dienen bis zum Tode.

Der Geist des Herrn ruht auf mir, da der Herr mich gesandt hat, den Sanftmütigen die Frohe Botschaft zu verkünden, zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, und den Sklaven die Freiheit und den Gefangenen die Befreiung zu predigen. Man kann mich nicht einen Aufwiegler nennen, denn ich rufe nicht zum Aufstand auf, noch rate ich den Sklaven und Gefangenen zur Flucht. Vielmehr lehre ich die Menschen in der Sklaverei die wahre Freiheit, die wahre Befreiung, die nicht weggenommen und nicht beschränkt werden kann; die um so größer wird, je mehr der Mensch sich ihr hingibt: die geistige Freiheit, die Befreiung von der Sünde, die Sanftmut im Schmerz; die Fähigkeit, Gott zu schauen jenseits der Menschen, die in Ketten liegen; die Fähigkeit zu glauben, daß Gott den liebt, der ihn liebt, und dort verzeiht, wo der Mensch nicht verzeiht; die Fähigkeit zu hoffen auf einen ewigen Ort der Belohnung für den, der gut zu sein weiß im Unglück, der seine Sünden bereut und dem Herrn treu ist.

Weint nicht, ihr, zu denen ich ganz besonders spreche. Ich bin gekommen, um zu trösten, die Verworfenen aufzunehmen, Licht in ihre Finsternis und Frieden in ihre Seelen zu bringen, und denen ein Reich der Freude

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zu versprechen, die bereuen oder schuldlos sind. Ich bin nicht gekommen, das Gegenwärtige zu verhindern, das dem himmlischen Lohn einbringt, der sein Los trägt und dem Herrn dient.

Es ist nicht schwer, o ihr armen Söhne, dem Herrn zu dienen. Er hat euch ein leichtes Mittel gegeben, ihm zu dienen, da er euch glücklich im Himmel haben will. Dem Herrn dienen, bedeutet lieben. Liebt den Willen Gottes, weil ihr Gott liebt. Der Wille Gottes verbirgt sich auch unter den scheinbar menschlichsten Dingen. Denn – ich spreche nun zu euch, die ihr vielleicht das Blut eurer Brüder vergossen habt – wenn es zwar gewiß nicht Gottes Wille war, daß ihr Gewalt angewendet habt, so ist es doch jetzt sein Wille, daß ihr in der Sühne eure Schuld gegen die Liebe tilgt. Denn wenn es auch nicht Gottes Wille war, daß ihr euch aufgelehnt habt gegen den Feind, so ist es nun sein Wille, daß ihr euch demütigt, so wie ihr seinerzeit übermütig gewesen seid zu eurem Schaden. Denn wenn es nicht Gottes Wille war, daß ihr euch durch kleinen oder großen Betrug angeeignet habt, was euch nicht zustand, so ist es nun Gottes Wille, daß ihr bestraft werdet, um nicht mit eurer Schuld im Herzen vor Gott zu erscheinen.

Und das dürfen auch die nicht vergessen, die jetzt glücklich sind und sich sicher dünken; die in ihrer törichten Selbstsicherheit das Reich Gottes nicht in sich bereiten und in der Stunde der Prüfung wie Söhne sein werden, die fern vom Vaterhause sind, der Gewalt des Sturmes und der Geißel des Schmerzes ausgesetzt.

Übt alle Gerechtigkeit und erhebt die Augen zum Haus des Vaters, zu

Reich der Himmel, das, wenn seine Tore weit offenstehen werden durch den, der gekommen ist, sie zu öffnen, niemand abweisen wird, der Gerechtigkeit erlangt hat.

Ihr körperlich Verstümmelten, ihr Krüppel und Eunuchen, ihr geistig Verstümmelten und ihr Eunuchen der Geisteskräfte, ihr Ausgeschlossenen in Israel, fürchtet nicht, keinen Platz im Himmelreich zu finden. Die Verstümmelung, die Verkrüppelung, die Beeinträchtigung des Fleische hat ein Ende mit dem Fleisch. Die moralischen Übel, wie Gefängnis und Sklaverei, vergehen auch eines Tages; die des Geistes, die Folgen frühere Fehler, werden ausgelöscht durch guten Willen. Körperliche Verstümmelungen zählen vor den Augen Gottes nicht, und geistige verschwinden vor seinen Augen, wenn liebevolle Reue sie bedeckt.

Dem heiligen Volk nicht anzugehören, bedeutet kein Hindernis mehr dem Herrn zu dienen. Denn die Zeit ist gekommen, da die Grenzen de Erde aufgehoben sind vor dem einzigen König, dem König aller König und Völker, der alle Völker vereint zu seinem einzigen neuen Volk. Von diesem Volk sind nur jene ausgeschlossen, die den Herrn zu täuschen suchen, indem sie nur vorgeben, den Dekalog zu beachten; denn alle Menschen guten Willens können die Zehn Gebote befolgen, seien sie Hebräer

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Heiden oder Götzendiener. Wo guter Wille herrscht, ist auch ein natürliches Streben nach Gerechtigkeit, und wer nach Gerechtigkeit strebt, dem fällt es nicht schwer, den wahren Gott anzubeten, wenn er ihn einmal erkannt hat, seinen Namen zu ehren, seine Feste zu heiligen, die Eltern zu ehren, nicht zu töten, nicht zu rauben, kein falsches Zeugnis zu geben, die Ehe nicht zu brechen, nicht Unzucht zu treiben und nicht zu begehren, was nicht sein eigen ist. Hat er sich bisher nicht danach gerichtet, so tue er es in Zukunft, damit seine Seele gerettet werde und er seinen Platz im Himmel erwerbe. Es steht geschrieben: "Ich werde ihnen einen Platz in meinem Haus geben, wenn sie meinen Bund halten, und ich werde sie glücklich machen." Das ist allen Menschen gesagt worden, die heiligen Willens sind, denn der Heilige der Heiligen ist der Vater aller Menschen.

Ich habe gesagt, daß ich kein Geld für diese Menschen habe, aber es wäre ihnen auch nicht von Nutzen. Euch von Gamala jedoch, die ihr schon so große Fortschritte auf dem Weg des Herrn gemacht habt seit unserer ersten Begegnung, fordere ich auf, den stärksten Schutzwall um eure Stadt zu errichten: den der Liebe untereinander und zu diesen Menschen, indem ihr ihnen in meinem Namen beisteht, während sie sich für euch abmühen. Werdet ihr das tun?»

«Ja, Herr», rufen alle im Chor.

«Dann laßt uns gehen. Ich hätte eure Stadt nicht betreten, wenn Herzenshärte mit einem "Nein" auf meine Bitte geantwortet hätte. Ihr, die ihr bleibt, seid gesegnet... Gehen wir.»

Jesus kehrt zurück auf dem Weg, der nun ganz in der Sonne liegt, und steigt zur Stadt empor, die fast wie eine Höhlenstadt in den Felsen hineingebaut ist, aber aus gut instandgehaltenen Häusern besteht und ein herrliches, abwechslungsreiches Panorama vor sich hat, ob man nun die Berge der Hauranitis, das Galiläische Meer, den fernen Großen Hermon oder das grüne Jordantal betrachtet. Die Stadt ist kühl wegen ihrer Höhenlage und den Gassen, die vor der heißen Sonne schützen. Sie gleicht fast mehr einem gewaltigen Kastell als einer Stadt, einer Reihe von Festungen, da die Häuser, die teils aus Mauerwerk bestehen, teils in den Felsen gehauen sind, das Aussehen von Burgen haben.

Auf dem Hauptplatz, der höher als alle anderen liegt – es ist der höchste Punkt der Stadt und ein weiter Ausblick auf Berge, Wälder, Seen und Flüsse erfreut hier das Auge – sind die Kranken von Gamala versammelt. Jesus geht heilend vorüber...

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505. VON GAMALA NACH APHECA

Sie müssen in Gamala übernachtet haben, denn jetzt ist es Morgen, ein windiger Morgen. Vielleicht rührt dieser in den Ländern des Ostens so wohltuende Wind von der Lage und der Terrassenbauweise der Stadt her. Diese Terrassen reichen von der Höhe bis zu den Stadtmauern, die sehr massiv gebaut und mit schweren eisenbeschlagenen Toren, richtigen Festungstoren, versehen sind. Wenn mir die Stadt gestern in den heißen Stunden schön erschien, so erscheint sie mir nun an diesem Morgen einfach prachtvoll. Die Häuser versperren durch ihre Anordnung nicht die Aussicht auf das weite Panorama, denn die Dachterrasse des einen ist immer auf dem Niveau des Hauses an der darüberliegenden Straße, so daß jede Straße eine lange, breite Terrasse zu sein scheint, von der aus man der ganzen Horizont überblicken kann: einen Horizont, der auf dem Gipfel des Berges einen vollständigen Kreis und etwas tiefer einen Halbkreis um faßt, der aber immer weit und überaus schön ist. Am Fuß des Berges bildet das Grün der Eichenwälder und der Felder eine smaragdfarbene Einfassung um das trockene Tal, das den Berg von Gamala umgibt. Nach Osten zu erstrecken sich, soweit das Auge reicht, die Pflanzungen de Hochebene.

Jenseits dieser weiten Hochebene liegen die Berge der Hauranitis und hinter diesen die noch höheren Gipfel des Basan. Im Süden erblickt man den fruchtbaren Landstrich zwischen dem blauen Jordan und der ausgedehnten Bodenerhebung östlich des Flusses, einer Art Ausläufer der weiten Hochebene. Im Norden hingegen erheben sich die fernen Berge der libanesischen Gebirgskette, die vom gewaltigen Hermon beherrscht wird der in dieser Morgenstunde in tausend Farbtönen erstrahlt. Unten, ganz nahe, liegt im Westen das Galiläische Meer. Ein wahrer Edelstein an dem himmelblauen Schmuckband des Jordan, dem Zufluß und Abfluß de Sees, dessen Blau jedoch verschieden ist von dem seinen; zarter, subtiler dort, wo er hineinfließt; kräftiger da, wo der Fluß, leuchtend in der Sonn und friedvoll zwischen den grünen, wahrhaft biblischen Ufern, seine Lauf nach Süden fortsetzt.

Der kleine Meronsee hingegen ist hinter den Hügeln im Norden von Bethsaida verborgen. Aber man kann ihn sich dort vorstellen wegen des satten Grüns der Gefilde, die ihn umgeben und sich dann gegen Nordwesten bis zum Galiläischen Meer hinziehen. In dieser Ebene, die ich die Apostel mehrmals die Ebene von Genesareth nennen gehört habe, erhebt sich Chorazim.

Jesus verabschiedet sich von den Bürgern, die ihn mit dem Stolz der Städter auf die Schönheiten der Umgebung und der Stadt selbst hinweisen mit ihren Aquädukten, Thermen und prächtigen Bauten: «Das ist alles Frucht unserer Mühe und unseres Geldes. Wir haben von den Römern

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gelernt und von ihnen das übernommen, was uns nützlich sein konnte. Aber wir sind nicht wie die anderen von der Dekapolis. Wir bezahlen, und die Römer arbeiten für uns, das ist alles. Wir bleiben treu. Auch diese Abgeschiedenheit ist Treue...»

«Sorgt dafür, daß die Treue nicht nur äußerlich, sondern wirklich, tiefgründig und gerecht ist. Sonst werden euch die Festungswerke nichts nützen. Ich wiederhole es euch. Seht, ihr habt diesen Aquädukt gebaut. Es ist solide und nützlich. Aber wenn es nicht von einer fernen Quelle gespeist würde, hättet ihr dann Wasser für eure Thermen und Springbrunnen ?»

«Nein, es wäre ein unnützer Bau.»

«Ihr habt recht, ein unnützer Bau. So sind auch die natürlichen Befestigungen aus Stein unnütz, wenn ihre Erbauer sie nicht stark machen durch die Hilfe Gottes, und Gott hilft nur seinen Freunden.»

«Meister, du sprichst, als ob du wüßtest, daß wir Gott sehr nötig haben...»

«Alle Menschen brauchen Gott, und für alle Dinge.»

«Ja, Meister. Aber es scheint, als ob wir ihn nötiger hätten als alle anderen Städte Palästinas und...»

«Oh! ...» Es ist ein so schmerzhaftes Oh...

Die Leute von Gamala schauen ihn ganz betroffen an. Der mutigste von ihnen fragt: «Was denkst du? Daß wir die alten Schrecknisse wiederum erleben werden?»

«Ja, und noch schlimmere und länger andauernde... viel länger... Oh! Mein Vaterland! So lange andauernde... und dies, wenn du den Herrn nicht aufnimmst!»

«Wir haben dich aufgenommen. Dann werden wir also gerettet werden! Das letzte Mal waren wir töricht, aber du hast uns ja verziehen ...»

«Harrt aus in der Gerechtigkeit mir gegenüber und nehmt zu in der Gerechtigkeit nach dem Gesetz.»

«Wir werden es tun, Herr.»

Sie möchten ihm folgen und ihn noch zurückhalten, aber Jesus will die Frauen einholen, die sich auf den Eseln schon ein gutes Stück entfernt haben. Er entzieht sich ihrer Zudringlichkeit und geht schnell die Straße hinab, auf der sie gestern gekommen sind. Nur als er den Ort der Fronarbeiter erreicht, verlangsamt er seinen Schritt und erhebt segnend die Hand über die Unglücklichen, die ihn ansehen, wie man Gott ansieht.

Am Fuß des Berges gabelt sich die Straße und führt sowohl zum See als auch ins Landesinnere. Letztere Richtung haben die vier Eselchen eingeschlagen, die den Staub der von der Sonne ausgetrockneten Straße aufwirbeln und ihre langen Ohren schütteln. Bisweilen dreht sich eine der Frauen um und schaut, ob Jesus nachkommt, und würde gerne anhalten, um auf ihn zu warten; doch Jesus fordert sie mit der Hand zum Weiterreiten auf,

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damit sie die schon der Sonne ausgesetzte Straße bald hinter sich haben und die Wälder erreichen, die Apheca zuwachsen.

Es sind erquickende Wälder, die über der Karawanenstraße ein grünes Gewölbe bilden. Mit einem Ausruf der Erleichterung erreichen sie dieses schattige Gebiet.

Apheca liegt viel weiter im Landesinneren als Gamala, zwischen den Bergen. Daher sieht man den See von Galiläa nicht mehr. Ja, man sieht überhaupt nichts mehr, denn die Straße steigt an zwischen zwei Hügeln, die jegliche Aussicht versperren.

Die Witwe reitet voran und zeigt ihnen den kürzesten Weg. Nun verläßt sie die Karawanenstraße und schlägt ein Sträßchen ein, das sich am Berg emporschlängelt und noch frischer und schattiger ist. Ich verstehe den Grund des Abschwenkens erst, als Sara sich im Sattel umwendet und sagt: «Sieh, diese Wälder gehören mir. Alles wertvolle Bäume. Sie werden so gar nach Jerusalern verkauft, wo man aus ihrem Holz Schreine für die reichen Leute herstellt. Dies hier sind die alten Bäume, aber ich habe auch Baumschulen, die immer wieder erneuert werden. Kommt und seht ...» Sie treibt ihr Eselchen steile Abhänge hinunter und dann wieder hinauf, und noch einmal hinunter, immer dem Sträßchen nach, an dem es tatsächlich Strecken mit ausgewachsenen Bäumen, die man schon fällen könnte, gibt, und andere mit noch jungen, nur einige Zentimeter hohe Pflanzen zwischen grünen Kräutern und allerlei Bergdüften.

«Schön sind die Wälder und gut gepflegt. Du bist tüchtig», lobt Jesus

«Oh! Aber nur für mich allein... Viel lieber würde ich sie für eine Sohn pflegen...»

Jesus antwortet nicht. Sie gehen weiter, und schon sieht man Apheca umgeben von Obstgärten.

«Auch dieser Obstgarten gehört mir. Zu viel habe ich für mich allein!.. Es war schon zu viel, als mein Gemahl noch lebte, und abends schaute wir uns an in dem leeren Haus, dem zu großen Haus, mit dem vielen Gel und den vielen Vorräten, und sagten uns: "Wozu all das?" Und jetzt sag ich es mir noch viel mehr ...» Die ganze Traurigkeit einer unfruchtbare Ehe liegt in den Worten der Frau.

«Die Armen sind immer da...» sagt Jesus.

«O ja! Mein Haus öffnet sich ihnen alle Tage. Aber später...»

«Willst du sagen, wenn du einst gestorben bist?»

«Ja, Herr. Es wird ein Schmerz sein. Wem soll ich die so sorgsam gepflegten Dinge hinterlassen?»

Mit einen Anflug von mitleidigen Lächeln antwortet Jesus voller Güte «Du bist weiser in den Dingen der Welt als in denen des Himmels, Frau. Du bemühst dich, damit deine Bäume gut wachsen und keine Lichtungen in den Wäldern entstehen. Du wirst traurig beim Gedanken, daß sie später nicht mehr so gepflegt werden wie jetzt. Aber diese Gedanken sind

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nicht sehr weise, sondern vielmehr wahrhaft töricht. Glaubst du, daß im anderen Leben armselige Dinge, wie Bäume, Früchte, Geld oder Häuser, einen Wert besitzen, und daß man betrübt sein wird, sie vernachlässigt zu sehen? Berichtige deine Denkungsart, Frau. Dort denkt man nicht wie hier, in keinem der drei Reiche. In der Hölle verblenden Haß und Strafe die Seelen elendiglich. Im Reinigungsort schließt der Durst nach Sühne jeden anderen Gedanken aus. Im Limbus wird die selige Erwartung der Gerechten von keinem menschlichen Gefühl profaniert. Die Erde mit ihrem Elend ist fern, und nur mit ihren übernatürlichen Bedürfnissen, den Bedürfnissen der Seelen, aber nicht irdischen Bedürfnissen, gegenwärtig. Die Hingeschiedenen, die nicht verdammt worden sind, richten nur aus übernatürlicher Liebe ihren geistigen Blick auf die Erde und lassen ihre Gebete zu Gott aufsteigen für jene, die auf Erden sind. Wenn die Gerechten einmal in das Reich Gottes eingegangen sind, was hat dann für den, der Gott schaut, dieser elende Kerker, dieses Exil, das Erde genannt wird, noch zu bedeuten und all die Dinge, die er dort zurückgelassen hat? Könnte der Tag einer rauchenden Lampe nachweinen, wenn ihn die Sonne erhellt ?»

«O nein!» «Warum seufzt du dann über das, was du zurücklassen wirst?» «Ich möchte, daß ein Erbe fortfährt...»

«Sich der irdischen Reichtümer zu erfreuen, und so durch sie gehindert wird, vollkommen zu werden, während die Loslösung von den Reichtümern eine Leiter bildet, um zu den ewigen Gütern zu gelangen. Siehst du, Frau? Das größte Hindernis für dich, diesen Unschuldigen zu erhalten, ist nicht die leibliche Mutter mit ihrem Recht auf den Sohn, sondern dein Herz. Er ist unschuldig, ein betrübtes Kind, doch unschuldig und wegen seines Leides Gott teuer. Wenn du aber durch die Mittel, die du hast, einen habgierigen, geizigen und vielleicht lasterhaften Menschen aus ihm machen würdest, würdest du ihn dann nicht der Vorliebe Gottes berauben? Könnte ich, der ich Sorge trage für diese Unschuldigen, ein unvorsichtiger Meister sein und ohne zu überlegen erlauben, daß ein unschuldiger Jünger auf Abwege gerät? Heile zuerst dich selbst, entledige dich deiner noch allzu lebhaften Menschlichkeit, befreie deine Gerechtigkeit von diesen irdischen Krusten, die sie belasten, dann wirst du es verdienen, Mutter zu sein. Denn Mutter zu sein bedeutet nicht nur, ein Kind zu gebären oder einen Adoptivsohn zu lieben und zu pflegen und seine rein natürlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Mutter dieses Knaben hat ihn wohl zur Welt gebracht; doch sie ist keine wahre Mutter, weil sie sich weder um seinen Leib noch um seine Seele kümmert. Mutter ist man, wenn man sich vor allem um das kümmert, was nicht mehr stirbt, um den Geist, die Seele, und nicht nur um das, was vergänglich ist, die Materie. Glaube mir, Frau: wer die Seele liebt, liebt auch den Leib, denn er besitzt die rechte Liebe und wird daher gerecht sein.»

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«Ich habe den Sohn verloren, ich verstehe es ...»

«Das ist nicht gesagt. Dein Verlangen sporne dich zur Heiligkeit an, und Gott wird dich erhören. Es wird immer Waisenkinder in der Welt geben.»

Sie sind bei den ersten Häusern angelangt. Apheca ist keine Stadt, die mit Gamala oder Hippos wetteifern könnte. Sie hat ein sehr ländliches Aussehen, doch, da es sich um einen wichtigen Straßenknotenpunkt handelt, ist sie nicht arm. Die Karawanen, die vom Landesinneren zum See oder von Norden nach Süden ziehen, kommen hier vorbei, und so muß die Stadt mit allem ausgerüstet sein, um Fremden Herberge und Kleidung, Sandalen und Nahrungsmittel anbieten zu können. Daher gibt es hier zahlreiche Warenlager und Gasthäuser.

Das Haus der Witwe liegt in der Nähe eines dieser Gasthäuser an einem Platz, und ein großes Warenlager, in dem alles mögliche zu finden ist, nimmt das ganze Erdgeschoß ein. Der langnasige, bärtige Alte, der ihm vorsteht, schreit gerade wie ein Verdammter im Zank mit seinen knickerigen Käufern.

«Samuel!» ruft die Frau.

«Herrin», antwortet er, indem er sich verneigt, soweit die vor ihm aufgestapelten Waren es erlauben.

«Laß dich von Elias oder Philippus ablösen und komm zu mir ins Haus», befiehlt die Witwe. Dann sagt sie zum Herrn gewandt: «Komm. Tritt ein in mein Haus und sei mein willkommener Gast.»

Alle gehen durch das Warenlager, während die Esel von einem herbeigerannten Burschen irgendwohin geführt werden. Hinter dem Warenlager, das dem Haus kein sehr künstlerisches Aussehen verleiht, liegt ein schöner Hof mit Säulengängen auf beiden Seiten. In der Mitte ist ein Springbrunnen oder wenigstens ein Becken, denn man sieht keinen Wasserstrahl. An den Seiten wachsen kräftige Platanen, die die weißen, kalkgetünchten Mauern beschatten. Eine Treppe führt zur Terrasse. Zimmer öffnen sich zum Hof hin an den Seiten ohne Säulengänge: es sind die am weitesten vom Warenlager entfernten.

«Früher, als mein Mann noch lebte, war hier immer alles voller Leute; auch Kaufleute, die von der Nacht überrascht wurden, fanden Unterkunft. Die Säulengänge für die Waren, die Ställe für die Tiere, und das Becken, um sie zu tränken. Komm in die Zimmer.» Sie geht quer durch den Hof zum schönsten Teil des Hauses und ruft: «Maria! Johanna!»

Zwei Dienerinnen eilen herbei, die eine mit Brotteig an den Händen, die andere mit einem Besen.

«Herrin! Der Friede sei mit dir und mit uns, nun, da du zurückgekehrt bist.»

«Und mit euch. Hat sich in diesen Tagen nichts Unangenehmes ereignet ?»

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«Joseph, dieser Unglücksrabe, hat den Rosenstock umgehauen, den du so sehr geliebt hast. Ich habe ihm eine ordentliche Tracht Prügel versetzt. Nun schlage du mich, da ich so töricht gewesen bin, ihn an die Pflanze heranzulassen.»

«Es macht nichts...» Aber Tränen treten in die Augen von Sara, die sie dem Meister erklärt: «Mein Mann hatte ihn mir im letzten Frühling gebracht, als er noch gesund war...»

«Und Elias hat sich ein Bein gebrochen; Samuel ist sehr zornig darüber, weil ihm nun, in dieser Zeit der großen Märkte, seine Hilfe fehlt. Er ist von der Leiter gestürzt, als er die Mauern streichen wollte für deine Wiederkehr und sich vorbeugte», sagt die andere Frau und fügt noch hinzu: «Er leidet sehr und wird wohl für immer gelähmt sein. Aber, Herrin, wie ist es dir auf der Reise ergangen?»

«Wie ich es besser nicht hätte wünschen können. Ich komme zurück mit dem Rabbi von Galiläa. Beeilt euch und richtet alles für meine Gäste her. Tritt ein, Meister!»

Sie betreten das Haus, indem sie an den beiden erstaunten Dienerinnen vorübergehen.

Ein großer, kühler, halbdunkler Raum, der mit Sitzen und Sitztruhen versehen ist, nimmt sie auf. Die Witwe geht hinaus, um Anordnungen zu treffen. Jesus ruft die Apostel zu sich und schickt sie in die Stadt, um die Menschen auf seine Ankunft vorzubereiten. Samuel, der sich von einem Verkäufer in einen Haushofmeister verwandelt hat, tritt ein, gefolgt von Dienern mit Krügen und Schüsseln für die Waschungen vor dem Essen, das sie auf großen Tabletts bringen: Brot, Früchte und Milch.

Die Hausherrin kehrt zurück: «Ich habe meinem Diener gesagt, daß du hier bist. Er bittet dich um deine Barmherzigkeit, und ich bitte dich, auch mir Barmherzigkeit zu erweisen. Am Laubhüttenfest kommt hier viel Volk vorüber, und das Reisen beginnt gleich nach dem Neumond des Tischri. Wie wir alle Arbeit bewältigen werden, wenn er krank ist, weiß ich nicht ...»

«Sage ihm, er soll hierher kommen.»

«Er kann nicht. Er kann nicht aufstehen.»

«Sage ihm, daß der Rabbi nicht zu ihm geht, ihn aber sehen möchte.»

«Ich werde ihn von Samuel und Joseph hertragen lassen.»

«Das hat uns gerade noch gefehlt! Ich bin alt und schwach», knurrt Samuel.

«Sage Elias, er soll auf seinen eigenen Beinen kommen. Ich will es.»

«Ein armer Rabbi! Nicht einmal Gamaliel vermag so viel», brummt wiederum der alte Diener.

«Schweig, Samuel! ... Verzeih ihm, Meister! Er ist ein treuer Diener, ein Sohn von Knechten des Hauses meines Gatten, eifrig und ehrlich, aber starrköpfig in den Ideen der alten Israeliten befangen», entschuldigt ihn die Witwe leise.

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«Ich verstehe seinen Geist. Aber das Wunder wird ihn verändern. Geh du und sage Elias, er soll kommen, und er wird kommen.»

Die Witwe geht hinaus und kehrt zurück: «Ich habe es ihm gesagt und bin davongelaufen, um nicht mitansehen zu müssen, wie er das schwarze, geschwollene Bein auf den Boden setzt.»

«Glaubst du nicht an das Wunder?»

«Das schon. Aber dieses Bein flößt mir Entsetzen ein... Ich fürchte, daß es ganz brandig werden wird. Es glänzt, es ist fürchterlich und... Oh!» Die Unterbrechung und der Ausruf rühren daher, daß sie Elias flinker als einen Gesunden herbeilaufen sieht. Er wirft sich Jesus zu Füßen mit den Worten: «Lob sei dem König von Israel.»

«Lob sei Gott allein. Wie bist du gekommen? Wie hast du es gewagt?»

«Ich habe gehorcht. Ich habe einfach gedacht: "Der Heilige kann nicht lügen und törichte Dinge befehlen. Ich habe Glauben, ich glaube" ' und ich habe das Bein bewegt, es schmerzte nicht mehr, und ich konnte es bewegen. Ich habe es auf den Boden gesetzt und bin aufgestanden. Dann habe ich einen Schritt zu machen versucht, und es gelang. Ich bin gelaufen. Gott enttäuscht nicht den, der an ihn glaubt.»

«Erhebe dich. Wahrlich, ich sage euch, daß wenige den Glauben dieses Mannes besitzen. Woher kommt dir dieser Glaube?»

«Von deinen Jüngern, die hier vorüberkamen und dich verkündeten.»

«Hast nur du allein sie gehört?»

«Nein. Alle. Denn wir haben sie hier nach Pfingsten beherbergt.»

«Und du allein hast geglaubt... Dein Geist ist schon weit fortgeschritten auf den Wegen des Herrn. Geh hin in Frieden.»

Der alte Samuel kämpft mit seinen widerstreitenden Gefühlen... Doch wie viele in Israel kann er sich nicht losreißen vom Alten zugunsten des Neuen und versteift sich und sagt: «Zauberei! Zauberei! Es steht geschrieben: "Mein Volk beflecke sich nicht mit Zauberern und Wahrsagern. Wenn es einer tut, werde ich mein Antlitz von ihm abwenden und ihn vernichten." Zittere, o Herrin, da du dem Gesetz untreu gewesen bist!» Dann geht er ernst davon, entsetzt, als hätte er den Teufel sich im Haus einnisten sehen.

«Bestrafe ihn nicht, Meister! Er ist alt. Er hat immer geglaubt...»

«Fürchte dich nicht. Wenn ich alle bestrafen wollte, die mich einen Dämon nennen, müßten sich viele Gräber auftun, um ihre Beute zu verschlingen. Ich kann warten... Ich werde gegen Abend sprechen und dann Apheca verlassen. Jetzt nehme ich gern deine Gastfreundschaft an.»

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506. PREDIGT IN APHECA

Jesus spricht von der Schwelle des Warenlagers der Sara aus zum Volk von Apheca. Er spricht zu einer sehr bunten Menschenmenge, die mehr neugierig als aufmerksam ist und in der die Hebräer am wenigsten zahlreich sind. Die Mehrzahl besteht aus vorüberziehenden Kaufleuten und Fremdlingen, die auf dem Weg zum See sind, zur Furt von Jericho hinabziehen oder von östlichen Städten kommen und die Städte am Meer aufsuchen wollen.

Vorerst ist es noch keine eigentliche Predigt, Jesus antwortet auf dies und das, während alle übrigen diesen Gesprächen zuhören, wenn auch mit ganz unterschiedlichen Gefühlen, die sich von den Gesichtern ablesen lassen. Aus den Bemerkungen der Anwesenden entnehme ich auch, wer sie sind und wohin sie gehen. Das Gespräch wechselt zuweilen den Ton und den Gegenstand, denn ohne weiter auf Jesus zu achten, streitet man sich aus Gründen der Rasse oder der unterschiedlichen Denkweise.

So gerät ein Alter aus Joppe mit einem Kaufmann aus Sidon in Streit, da dieser den Meister gegen den Unglauben des Juden verteidigt, der nicht zugeben will, daß Jesus der Erwartete des Volkes Israel ist. Auf den Wirrwarr von Schriftzitaten, die zum Teil richtig, zum Teil falsch angewendet sind, entgegnet der Syro-Phönizier einfach: «Ich verstehe nichts von diesen Worten, aber ich sage, daß er es ist, da ich seine Wunder gesehen und seine Worte gehört habe.» Das Streitgespräch geht weiter, weil auch andere Partei ergreifen. Die Gegner Christi schreien: «Beelzebub hilft ihm. Der Heilige Gottes ist nicht so. Er ist ein König und nicht ein falscher Rabbi und Bettler.» Jene, die wie der Mann aus Sidon denken, sagen: «Die Weisen sind arm, weil sie redlich sind. Die Philosophen sind nicht mit Gold geschmückt und anmaßend wie eure falschen Rabbis und Priester.» Selbstverständlich reden sie so, weil sie keine Hebräer, sondern Heiden aus verschiedenen Nationen sind, die sich zufällig in Palästina aufhalten oder dort ansässig wurden, aber ihren heidnischen Geist bewahrt haben.

«Gotteslästerer!»

«Ihr seid die Gotteslästerer, weil ihr nicht einmal die Göttlichkeit seiner Gedanken anerkennt», antworten einige.

«Ihr verdient es nicht, ihn unter euch zu haben. Aber beim Zeus! Wir haben Sokrates mit Füßen getreten, und es gereichte uns nicht zum Guten. Gebt acht, sage ich euch. Hütet euch, daß die Götter euch nicht bestrafen, wie es uns schon mehrmals geschehen ist», schreit einer, sicher ein Grieche.

«Oho! Heiden als Verteidiger des Königs von Israel!»

«Und Samariter! Wir sind stolz darauf, denn wir wüßten den Rabbi besser aufzunehmen, wenn er nach Samaria käme. Aber ihr... Ihr habt

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den Tempel gebaut. Er ist schön; aber er bleibt ein Grab voller Verderbtheit, auch wenn ihr ihn mit Gold und kostbarem Marmor bedeckt habt», schreit vom Rand der Menge her ein hochgewachsener, in Linnen gekleideter Mann, mit Falbeln und Stickereien, einer Schärpe um die Taille, mit Bändern und Armreifen...

«Uh! Ein Samariter!» Es hört sich an, als ob sie sagen würden: «Der Teufel!» so sehr brüllen die sturen Juden vor Entsetzen, während sie vor ihm zurückweichen wie vor einem Aussätzigen und Jesus zurufen: «Jage ihn fort! Er ist ein Unreiner ...»

Aber Jesus verjagt niemanden. Er versucht Ordnung zu schaffen und Ruhe zu gebieten, und desgleichen tun die Apostel, doch ohne großen Erfolg. Um den Streitigkeiten ein Ende zu bereiten, beginnt er einfach mit seiner Predigt.

«Als das Volk Gottes nach dem Tod der Miriam zu Kedes in der Wüste aus Mangel an Wasser zu hadern begann und gegen Moses, seinen Retter und Führer aus dem Land der Sünde ins Land der Verheißung, schrie, als ob er ein wahnsinniger Verführer wäre, und sich gegen Aaron als einen unnützen Priester erhob, trat Moses mit seinem Bruder ins Offenbarungszelt. Sie sprachen mit dem Herrn und erflehten ein Wunder, um dem Murren des Volkes ein Ende zu machen. Und obwohl der Herr nicht verpflichtet ist, jeder Forderung nachzugeben, besonders wenn es eine gewaltsame Forderung von zornigen Geistern ist, die das heilige Vertrauen auf die väterliche Vorsehung verloren haben, sprach er zu Moses und Aaron. Er hätte auch einzig und allein mit Moses sprechen können, denn Aaron hatte sich eines Tages, obwohl er Hoherpriester war, durch die Anbetung des Götzenbildes der Güte Gottes unwürdig gemacht. Aber Gott wollte ihn nochmals prüfen und ihm einen Weg weisen, in der Gnade Gottes zu wachsen. Er befahl daher, den Stab Aarons zu nehmen, der im heiligen Zelt aufbewahrt wurde, nachdem er frische Blätter und Blüten getrieben und dann Mandeln getragen hatte, und sich mit diesem zu dem Felsen zu begeben und zu ihm zu sprechen, auf daß er Wasser gebe für Menschen und Tiere. Moses und Aaron taten, wie der Herr ihnen befahl. Aber nicht beide brachten es fertig, dem Herrn vorbehaltlos zu glauben. Und der mit dem geringeren Glauben war der Hohepriester Israels: Aaron. Der Fels, vom Stabe berührt, öffnete sich und ließ genug Wasser hervorsprudeln, um damit den Durst von Menschen und Tieren zu stillen. Und dieses Wasser erhielt den Namen "Wasser des Widerspruchs" ' weil die Israeliten mit dem Herrn haderten, seine Handlungen und Befehle bemängelten und nicht alle gleicherweise treu blieben; ja, ausgerechnet beim Hohenpriester hatte der Zweifel an der Wahrheit der göttlichen Worte seinen Ursprung. So starb Aaron, ohne das Heilige Land gesehen zu haben.

Auch jetzt begehrt das Volk gegen den Herrn auf und sagt: "Du hast uns als Volk und als Einzelne zum Tod unter der Herrschaft der Bedrücker

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geführt." Und mir ruft es zu: "Mache dich zum König und befreie uns." Aber von welcher Befreiung sprecht ihr? Von welcher Züchtigung? Von den körperlichen? Oh! In materiellen Dingen ist weder Rettung noch Züchtigung! Eine viel größere Züchtigung und eine viel größere Befreiung liegen in Reichweite eures freien Willens, und ihr könnt wählen. Gott gesteht es euch zu.

Dies sage ich für die anwesenden Israeliten, für jene, die imstande sein sollten, die Bilder der heiligen Schrift zu lesen und zu verstehen. Da ich jedoch Barmherzigkeit an meinem Volke übe, dessen geistiger König ich bin, will ich euch wenigstens ein Bild erklären, damit es euch helfe zu verstehen, wer ich bin.

Der Allerhöchste sagte zu Moses und Aaron: "Nehmt den Stab und sprecht zum Felsen, und es werden Ströme hervorquellen für den Durst des Volkes, damit es sich nicht mehr beklage." Zum Ewigen Hohenpriester hat der Allerhöchste noch einmal gesagt, um den Klagen seines Volkes ein Ende zu setzen: "Nimm das Reis, entsprossen aus dem Stamme Jesse, und eine Blume wird aus ihm erblühen, unberührt von menschlichem Schlamm, und sie wird zur süßen Mandel voll der Salbung werden. Mit dieser Mandel aus der Wurzel Jesse, mit diesem wunderbaren Schößling, auf dem der Geist des Herrn mit seinen Sieben Gaben ruhen wird, schlage auf den Felsen Israel, auf daß reichlich Wasser sich aus ihm ergieße zu seinem Heil."

Der Priester des Herrn ist die Liebe selbst, und die Liebe bildete ein Fleisch, indem sie ihren Schößling aus der Wurzel Jesse hervorgehen ließ, die nicht vom Schlamm genährt worden war; und das Fleisch war das des fleischgewordenen Wortes, des verheißenen Messias, der gesandt ward, zum Felsen zu sprechen, auf daß er sich auftue. Auf daß er seine harte Schale des Hochmuts und der Begierlichkeit öffne und die Wasser empfange, die Gott gesandt hat, die Wasser, die aus seinem Gesalbten hervorströmen als lindes Öl seiner Liebe, und formbar und gut werde, sich heilige und in seinem Herzen das Geschenk des Allerhöchsten an sein Volk aufnehme.

Aber Israel will kein lebendiges Wasser in seinem Schoße dulden. Es bleibt verschlossen, hart, besonders in der Person seiner Großen, an die der Stab, der allein durch Gottes Allmacht blühte und Frucht brachte, vergebens schlägt und zu denen er vergebens spricht. Wahrlich, ich sage euch, viele aus diesem Volk werden nicht in das Reich eingehen, während viele, die nicht aus diesem Volk sind, daselbst eingehen werden; denn sie haben verstanden zu glauben, was die Priester Israels nicht glauben wollten. Aus diesem Grunde bin ich mitten unter euch als Zeichen des Widerspruchs, und ihr werdet gerichtet werden nach der Art, in der ihr mich versteht.

Aber zu den anderen, die nicht von Israel sind, sage ich: Das Haus

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Gottes, das die Söhne seines Volkes fliehen, steht allen offen, die das Licht suchen. Kommt und folgt mir. Wenn ich gesetzt bin als Zeichen des Widerspruchs, so bin ich auch gesetzt als Zeichen für alle Nationen, und wer mich liebt, wird gerettet sein.»

«Du liebst die Fremden mehr als uns. Wenn du uns predigen würdest, würden wir dich schließlich lieben. Aber du bist überall, nur nicht in Judäa», sagt ein Jude, den die Worte Jesu berührt haben.

«Ich werde mich auch nach Judäa begeben und mich lange dort aufhalten. Aber das wird den Felsen in den Herzen vieler nicht spalten. Nicht einmal, wenn das Blut auf den Stein herabfließt. Du bist Synagogenvorsteher, nicht wahr?»

«Ja. Woher weißt du das?»

«Ich weiß es. Nun gut, dann kannst du verstehen, was ich sage.»

«Das Blut darf nicht auf den Felsen herabfließen. Das ist Sünde.»

«Ihr werdet das Blut mit Freuden auf dem Felsen vergießen, damit es dort bleibe. Und der Fels, auf dem das Blut des wahren Lammes vergossen werden wird, wird euch wie eine Siegestrophäe erscheinen. Aber dann wird ein Tag kommen, da ihr versteht... Ihr werdet die wahre Züchtigung verstehen, und welches das wahre Heil war, das euch angeboten wurde. Laßt uns gehen...»

Ein Mann drängt sich nach vorn: «Ich bin Syro-Phönizier. Viele von uns glauben an dich, ohne daß wir dich bei uns haben... und wir haben Kranke, viele... Wirst du nicht zu uns kommen?»

«Zu euch nicht, die Zeit erlaubt es mir nicht. Aber nach dem Sabbat werde ich mich von hier in euer Grenzgebiet begeben, und wer der Gnaden bedarf, möge bei den Grenzübergängen auf mich warten.»

«Ich werde dies meinen Mitbürgern mitteilen. Der Herr behüte dich, Meister.»

«Der Friede sei mit dir, Mann.»

Jesus verabschiedet sich von der Witwe, das heißt, er möchte sich verabschieden, doch diese wirft sich ihm zu Füßen und bekennt ihren Entschluß: «Ich habe mich nun entschieden, Samuel hier zu lassen, der besser als Diener als Gläubiger ist, und zu dir nach Kapharnaum zu kommen.»

«Bald werde ich Kapharnaum verlassen, und für immer.»

«Dort hast du aber gute Jünger.»

«Das stimmt.»

«Mein Entschluß ist gefaßt... dadurch werde ich dir beweisen, daß ich imstande bin, mich von meinen Reichtümern zu lösen und in Gerechtigkeit zu lieben. Ich werde das Geld, das sich hier anhäuft, für deine Armen verwenden. Als erstes werde ich an den Knaben denken, wenn ihn seine Mutter wirklich haben und aufziehen möchte, obwohl sie ihn nicht liebt. Nimm vorläufig dies»"sagt sie und überreicht eine schwere Börse.

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«Gott segne dich mit seinem Segen und dem der Begünstigten. In wenigen Stunden hast du große Fortschritte gemacht.»

Die Frau errötet, und nachdem sie sich umgeschaut hat, bekennt sie: «Nicht ich bin es, die sich so gebessert hat, sondern dein Apostel hat mich belehrt. Der, der dort, der sich hinter dem braunen Jüngling verbirgt.»

«Simon Petrus, das Haupt der Apostel. Was hat er dir denn gesagt?»

«Oh, er hat so einfach und so gut gesprochen! Demütig hat mir dieser Apostel bekannt, daß er einst ebenso ungerechte Wünsche hegte wie ich. Oh, ich kann es nicht glauben! Doch dann habe er sich angestrengt um gut zu werden und das, was er wünschte, auch zu verdienen, und fortwährend würde er sich Mühe geben gut zu sein, um aus dem erlangten Guten nicht Böses zu machen. Weißt du, die Dinge, die wir Armen einander sagen, sind leichter verständlich... Beleidige ich dich, Herr ... ?»

«Nein, mit deiner Aufrichtigkeit und deinem Lob für den Apostel gibst du Gott die Ehre. Tue, was er dir geraten hat, und Gott sei immer mit dir, die du nach Gerechtigkeit strebst.»

Er segnet sie, bricht als erster auf und wandert unter grünen, im plötzlich aufgekommenen Wind rauschenden Obstbäumen, nach Nordwesten.

507. NACH GERGESA UND RÜCKKEHR NACH KAPHARNAUM

Sie erreichen das Ufer des Sees in unmittelbarer Nähe von Gergesa, während ein rötlicher Sonnenuntergang sich in eine violette, friedliche Abenddämmerung verwandelt. Das Ufer ist voll von Leuten, die ihre Barken für den nächtlichen Fischfang vorbereiten, andere baden vergnügt im See, den eine leichte Brise etwas bewegt.

Es dauert nicht lange, und Jesus wird gesehen und erkannt, so daß man vor seinem Eintritt in die Stadt bereits über seine Ankunft unterrichtet ist und das Volk herbeiströmt, um ihn zu hören.

Ein Mann tritt vor und sagt, daß am Morgen Leute aus Kapharnaum gekommen sind, um ihn zu holen, und daß er so bald wie möglich dorthin gehen soll.

«Ich gehe noch in dieser Nacht, denn ich werde mich hier nicht aufhalten; und da unsere Barken nicht hier sind, bitte ich euch, mir die eurigen zu leihen.»

«Wie du willst, Herr. Aber wirst du zu uns sprechen, bevor du fortgehst ?»

«Ja, auch um mich von euch zu verabschieden, da ich Galiläa bald verlassen werde...»

Eine weinende Frau in der Menge ruft nach ihm und bittet, man möge sie doch zum Meister durchlassen.

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«Es ist Arria, eine Heidin, die aus Liebe Jüdin geworden ist. Du hast einmal ihren Gatten geheilt. Aber ...»

«Ich erinnere mich. Laßt sie durch.»

Die Frau tritt hervor, wirft sich Jesus zu Füßen und weint.

«Was hast du, Frau?»

«Rabbi! Rabbi, hab Erbarmen mit mir! Simeon ...»

Einer von Gergesa hilft ihr: «Meister, die Gesundheit, die du ihm geschenkt hast, benützt er schlecht. Er ist hartherzig und räuberisch geworden und scheint nicht einmal mehr ein Israelit zu sein. Wahrlich, die Frau ist viel besser als er, obwohl sie heidnischer Abstammung ist. Seine Härte und Raubgier ziehen ihm Streit und Haß zu. In einem solchen Streit ist er nun am Kopf verletzt worden, und der Arzt sagt, daß er fast mit Sicherheit erblinden wird.»

«Und was kann ich da tun?»

«Du... heilst ... Sie, du siehst es, ist ganz verzweifelt ... Sie hat viele Kinder, und noch kleine. Die Blindheit des Gatten würde das ganze Haus ins Elend stürzen... Wahr ist, daß er sein Geld durch Betrug verdient... Aber sein Tod wäre ein großes Unglück, denn ein Gatte bleibt immer ein Gatte und ein Vater ist immer ein Vater, auch wenn er statt Liebe und Brot Betrug und Schläge gibt...»

«Ich habe ihn einmal geheilt und ihm gesagt: "Sündige nicht mehr." Er aber hat noch mehr gesündigt. Hatte er etwa nicht versprochen, nicht mehr zu sündigen? Hatte er nicht versprochen, nicht mehr Wucher zu treiben und nicht mehr zu stehlen, wenn ich ihn heilen würde, sondern zurückzugeben, was er sich durch Betrug angeeignet hatte oder, wenn das nicht möglich wäre, das zu unrecht Erworbene an die Armen zu verteilen?»

«Meister, das ist wahr. Ich war damals zugegen. Aber... der Mensch ist nicht standhaft in seinen Vorsätzen.»

«Das hast du gut gesagt, und Simeon ist nicht der einzige. Viele gibt es, die, wie Salomon sagt, zweierlei Gewicht und eine falsche Waage haben, und das nicht nur im materiellen Sinne, sondern auch im Richten, im Handeln und im Verhalten gegen Gott. Ebenso sagt Salomon: "Es ist verderblich für den Menschen, die Heiligen zu schädigen und ein Gelübde, nachdem er es gemacht hat, zu bereuen." Aber allzuviele tun es... Frau, weine nicht. Höre zu und sei gerecht, da du die Religion der Gerechtigkeit gewählt hast. Was willst du wählen, wenn ich dir zwei Dinge vorschlage: "Ich könnte deinen Mann heilen, und er würde leben, weiterhin Gottes spotten und Sünden auf seine Seele häufen; oder aber ich bekehre ihn, verzeihe ihm und lasse ihn dann sterben"? Wähle. Was du wählst, das werde ich tun.»

Die arme Frau kämpft schwer mit sich. Die natürliche Liebe und die Notwendigkeit, einen Mann zu haben, der so oder so den Lebensunterhalt

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für die Kinder verdient, drängen sie dazu, um "Leben" zu bitten. Die übernatürliche Liebe zum Gatten hingegen drängt sie, Verzeihung und Tod zu erbitten. Das Volk schweigt aufmerksam und gerührt in Erwartung der Entscheidung.

Schließlich wirft sich die arme Frau von neuem zu Boden, ergreift das Gewand Jesu, wie um Kraft daraus zu schöpfen, und seufzt: «Das ewige Leben... Aber hilf mir, o Herr»; und sie scheint zu sterben, so stark schlägt sie mit dem Antlitz auf dem Boden auf.

«Du hast das Bessere gewählt. Du sollst dafür gesegnet sein. Wenige in Israel wären dir gleich an Gottesfurcht und Gerechtigkeit. Erhebe dich, wir gehen zu ihm.»

«Aber läßt du ihn wirklich sterben, Herr? Und was werde ich dann anfangen?» Das menschliche Geschöpf ersteht aus dem Feuer des Geistes wie der mythische Phönix; es leidet und seufzt als Mensch...

«Fürchte dich nicht, Frau. Ich, du, wir alle vertrauen dem Vater im Himmel alles an, und er läßt seine Liebe wirken. Kannst du das glauben?»

«Ja, mein Herr.»

«Dann wollen wir gehen und zusammen das Gebet sprechen, das alle Bitten und alle Tröstungen enthält.»

Während er sich auf den Weg macht, umgeben von einem Schwarm von Menschen und mit einem Gefolge von weiteren, beginnt er langsam das "Vaterunser" zu beten. Die Apostelschar tut es ebenfalls, und in einem schön geordneten Chor steigen die Sätze des Gebetes empor und übertönen das Gemurmel der Menge, das allmählich verstummt, da man den Meister beten hören möchte, und so sind die letzten Bitten in dem feierlichen Schweigen klar zu vernehmen.

«Das tägliche Brot wird dir der Vater geben, das versichere ich dir in seinem Namen», sagt Jesus zur Frau, und an alle gewandt, nicht nur an sie, fährt er fort: «Und eure Schuld wird euch vergeben werden, wenn ihr dem vergeht, der euch beleidigt und geschädigt hat. Er bedarf eurer Verzeihung, um die göttliche zu empfangen. Und alle bedürfen des Schutzes Gottes, um nicht der Sünde zu verfallen wie Simeon. Bedenkt dies.»

Sie sind am Haus angelangt, und Jesus betritt es mit der Frau, Petrus, Bartholomäus und dem Zeloten.

Der Mann liegt auf seinem Lager, den Kopf in feuchte Tücher und Binden gewickelt, und bewegt sich unruhig und redet irre. Aber die Stimme oder der Wille Jesu lassen ihn wieder zu sich kommen, und er ruft aus: «Verzeihung! Verzeihung! Ich werde nicht mehr in die Sünde zurückfallen. Ich bitte um deine Verzeihung wie das letzte Mal! Aber heile mich auch, wie das letzte Mal. Arria! Arria! Ich schwöre es dir. Ich werde gut sein. Ich werde keine Gewalt mehr anwenden und keinen Betrug mehr begehen, nein...» Der Mann ist aus Angst vor dem Sterben zu jedem Versprechen bereit.

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«Warum willst du all das», fragt Jesus, «um sühnen zu können oder aus Furcht vor dem Gericht Gottes?»

«Dies, ja! Nicht sterben jetzt, nein! Die Hölle! ... Ich habe gestohlen, das Geld der Armen habe ich gestohlen. Ich habe gelogen, meinen Nächsten geschlagen und meine Familie Not leiden lassen. Ach! ...»

«Die Furcht nützt nichts. Reue ist nötig, wahre, echte Reue.»

«Tod oder Blindheit! O schreckliche Strafe! Nicht mehr sehen können! Finsternis! Finsternis! Nein! ...»

«Wenn die Finsternis der Augen schon schlimm ist, ist dann die Finsternis des Herzens nicht noch schrecklicher? Fürchtest du nicht die ewige, fürchterliche Finsternis der Hölle? Den ewigen Verlust Gottes? Die unaufhörlichen Gewissensbisse? Den Schmerz, die eigene Seele getötet zu haben? Liebst du diese Frau nicht? Und die Kinder, liebst du sie nicht? Deinen Vater, deine Mutter und deine Geschwister, liebst du sie nicht? Und denkst du nicht daran, daß du nie mehr mit ihnen zusammensein wirst, wenn du als Verdammter stirbst?»

«Nein, nein! Verzeihung! Verzeihung! Ich will hier sühnen, ja hier... Auch die Blindheit will ich ertragen, Herr... Aber die Hölle, nein... Gott soll mich nicht verfluchen. Herr! Herr! Du verjagst die Dämonen und verzeihst die Sünden. Erhebe nicht deine Hand, um mich zu heilen, sondern um mir zu verzeihen und mich vom Teufel zu befreien, der mich gefangen hält ... Lege deine Hand auf mein Herz, auf mein Haupt... Befreie mich, Herr ...»

«Ich kann nicht zwei Wunder für dich wirken. Denke nach. Wenn ich dich vom Dämon befreie, lasse ich dir die Krankheit ...»

«Das macht nichts! Sei mein Retter!»

«Es geschehe dir nach deinem Willen. Wisse meine Gnade zu nützen, denn es ist die letzte, die ich dir gewähre. Lebe wohl.»

«Du hast mich nicht berührt! Deine Hand! Deine Hand!»

Jesus stellt ihn zufrieden und legt seine Hand auf das Haupt und auf die Brust des Mannes. Da dieser ihn nicht sehen kann wegen der Binden und der Verletzung, tastet er ängstlich um sich, um die Hand Jesu zu erfassen; und nachdem er sie gefunden hat, weint er und will sie nicht loslassen, bis er, die Hand Jesu immer noch an seiner fiebernden Wange, wie ein müdes Kind einschläft.

Jesus zieht seine Hand vorsichtig zurück und geht leise aus dem Zimmer, gefolgt von der Frau und den drei Aposteln.

«Gott vergelte es dir, Herr. Bete für deine Dienerin.»

«Fahre fort zu wachsen in der Gerechtigkeit, Frau, und Gott wird immer mit dir sein.» Er erhebt seine Hand, um die Frau und das Haus zu segnen und geht dann auf die Straße hinaus.

Tausend neugierige Fragen lassen den Lärm draußen anschwellen. Doch Jesus gibt ein Zeichen, zu schweigen und ihm zu folgen, und kehrt

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auf die Hauptstraße zurück. Die Nacht bricht langsam herein. Jesus steigt in ein Boot, das in der Nähe des Ufers schaukelt, und spricht von dort aus.

«Nein. Er ist nicht gestorben und auch nicht geheilt worden, was den Leib betrifft. Sein Geist hat über seine Sünden nachgedacht und seine Gedanken auf den rechten Weg gelenkt. Ihm ist verziehen worden, weil er sühnen will, um Verzeihung zu erlangen.

Ihr alle, helft ihm auf dem Weg zu Gott. Bedenkt, daß wir alle verantwortlich sind für die Seele unseres Nächsten. Wehe dem, der Ärgernis gibt! Aber ebenso wehe dem, der durch sein unnachsichtiges Verhalten einen, der gerade zum Guten wiedererwacht ist, verängstigt und ihn mit seiner Unversöhnlichkeit gewaltsam von dem Weg abdrängt, auf den er sich begeben hat. Alle können ein wenig Lehrmeister sein, und gute Lehrrneister ihres Nächsten, um so mehr, wenn der Nächste schwach und unwissend ist in der Weisheit des Guten. Ich ermahne euch, seid geduldig, sanft und großmütig mit Simeon. Zeigt keinen Haß oder Groll, keine Verachtung oder Ironie. Schaut nicht auf die Vergangenheit und erinnert ihn nicht daran. Der Mensch, der nach der Verzeihung, nach der Reue und mit einem ehrlichen Vorsatz zu einem neuen Leben ersteht, hat zwar den guten Willen, aber er hat auch die Last, nämlich die Netze der Leidenschaften und der Gewohnheiten seiner Vergangenheit. Man muß es verstehen, ihm zu helfen, sich davon zu befreien, und das mit viel Feingefühl. Und ohne Anspielungen auf die Vergangenheit, denn sie wären unklug und ein Mangel an Liebe und Menschlichkeit.

Den reumütigen Sünder an seine Sünden zu erinnern, bedeutet, ihn zu demütigen. Dafür sorgt schon sein wiedererwachtes Gewissen. Einen Menschen an seine Vergangenheit zu erinnern bedeutet, alte Leidenschaften wiederzuerwecken und, in manchen Fällen, einen Rückfall in überwundene Leidenschaften und die Zustimmung dazu herbeizuführen. Bestenfalls handelt es sich um eine Versuchung. Führt euren Nächsten nicht in Versuchung. Seid klug und liebevoll. Hat euch Gott vor gewissen Sünden verschont, so preist ihn dafür, aber prahlt nicht mit eurer Gerechtigkeit, um nicht denjenigen zu demütigen, der ungerecht war. Wißt den flehentlichen Blick des Reuevollen zu begreifen, der möchte, daß ihr vergeßt, und da er weiß, daß ihr nicht vergeßt, fleht er euch an, ihn wenigstens nicht zu demütigen, indem ihr ihn an die Vergangenheit erinnert.

Sagt nicht: "Er war ein Aussätziger dem Geiste nach" ' um eure Verfehlungen zu rechtfertigen. Der körperlich Aussätzige wird nach der Heilung und der Reinigung wieder in die Gesellschaft aufgenommen. Ebenso geschehe dem von der Sünde Geheilten. Seid nicht wie jene, die sich für vollkommen halten, es aber nicht sind, weil sie keine Liebe für die Brüder haben. Umgebt vielmehr die zur Gnade auferstandenen Brüder mit eurer Liebe, auf daß euer Beistand einen Rückfall verhindere.

Ihr sollt nicht mehr sein wollen als Gott, der den reumütigen Sünder

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nicht zurückweist, sondern ihm vielmehr verzeiht und ihn wieder annimmt. Auch wenn euch der Sünder ein Leid zugefügt hat, das nicht wiedergutzumachen ist, so rächt euch nicht, jetzt, da ihr ihn nicht mehr als einen Gewalttätigen zu fürchten habt. Verzeiht ihm vielmehr und hab großes Mitleid mit ihm, denn er war arm an dem großen Schatz, den jede besitzen kann, wenn er es nur will: die Güte. Liebt ihn, denn mit den Schmerz, den er euch bereitet hat, hat er euch auch ein Mittel gegeben euch einen größeren Lohn im Himmel zu verdienen. Fügt seinem Mitte das eurige hinzu: die Verzeihung, und euer Lohn im Himmel wird noch größer sein.

Verachtet niemanden, nicht einmal, wenn er einer anderen Rasse angehört. Ihr seht, wenn Gott eine Seele an sich zieht, auch wenn es die eine Heiden ist, formt er sie so um, daß sie viele aus dem auserwählten Volk an Gerechtigkeit überragt.

Ich gehe nun. Erinnert euch jetzt und allezeit dieser und meiner übrigen Worte.»

Petrus, der schon bereit steht, stößt mit dem Ruder ab, und das Boot löst sich vom Ufer und beginnt seine Fahrt, gefolgt von den beiden anderen. Der etwas bewegte See bewirkt ein Schlingern der Boote, aber niemand beklagt sich darüber, weil die Überfahrt kurz ist. Die roten Laternen werfen rubinfarbene Tupfen auf das dunkle Gewässer und tauche den weißen Schaum in Blut.

«Meister, wird der Mann gesund werden oder nicht? Ich habe nicht verstanden», fragt Petrus nach einiger Zeit, ohne das Steuer loszulassen

Jesus antwortet nicht. Petrus gibt Johannes, der im Boot zu Füßen Jesu sitzt und sein Haupt auf dessen Knie gelegt hat, ein Zeichen und Johannes wiederholt leise die Frage.

«Er wird nicht gesund werden.»

«Warum, Herr? Demnach, was ich gehört habe, dachte ich, er müsse gesund werden, um sühnen zu können.»

«Nein, Johannes. Er würde von neuem sündigen, denn sein Geist ist schwach.»

Johannes legt sein Haupt wieder auf die Knie Jesu und sagt: «Aber du hättest ihn stark machen können...» und es scheint, als wolle er ihm d2 mit einen sanften Vorwurf machen.

Jesus lächelt, während er mit den Fingern durch die Haare seines Johannes fährt. Dann erhebt er die Stimme, damit alle ihn hören können, und gibt die letzte Belehrung des Tages: «Wahrlich, ich sage euch, auch bei Gewähren von Gnaden muß man in Betracht ziehen, ob sie angebracht sind. Nicht immer ist das Leben ein Geschenk, nicht immer die Wohlhabenheit, nicht immer ist es ein Sohn, und selbst die Auserwählung ist nicht immer ein Geschenk. Geschenke werden und bleiben sie, wenn der, der sie empfängt, sie richtig zu gebrauchen versteht für den übernatürliche

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Zweck der Heiligung. Wenn aber einer mit seiner Gesundheit, seinem Wohlstand, seinen Gefühlen und seiner Sendung, seine eigene Seele zugrunde richtet, dann wäre es für ihn besser, er hätte sie nie besessen. Manchmal macht Gott den Menschen das größte Geschenk damit, daß er ihnen nicht gibt, um was sie ihn bitten und was sie für gut erachten. Ein Familienvater und ein weiser Arzt wissen, was sie Kindern oder Kranken geben müssen, damit sie gesund oder nicht noch kränker werden. Ebenso weiß Gott, was gut ist für das Wohl einer Seele.»

«Dann wird dieser Mann also sterben? Welch ein Unglück für sein Haus!»

«Wäre es nicht ein größeres Unglück, wenn ein Verdammter darin wohnte? Und wäre er glücklicher, wenn er weiterleben und fortfahren würde zu sündigen? Wahrlich, ich sage euch, der Tod ist ein Geschenk, wenn er dazu dient, neue Sünden zu verhindern, und den Menschen trifft, während er mit seinem Gott wieder versöhnt ist.»

Der Kiel ist schon bei Kapharnaum auf Grund gelaufen.

«Gerade zur rechten Zeit. Diese Nacht kommt ein Sturm. Der See kocht, der Himmel ist ohne Sterne und pechschwarz. Hört ihr, dort hinter den Bergen? Seht ihr das Aufleuchten? Donner und Blitze. Gleich wird es regnen. Bringt die Barken in Sicherheit, zumal sie nicht uns gehören! Bringt die Frauen mit dem Kind unter Dach, bevor es regnet. He! Helft uns!» ruft Petrus anderen Fischern zu, die Netze und Körbe forttragen.

Mit ihren kräftigen Armen ziehen sie das Boot ein gutes Stück das Ufer hinauf, während die ersten Brecher schon die halbnackten Glieder und den Kies bespritzen.

Dann laufen sie schnell nach Hause, denn die ersten Riesentropfen wirbeln bereits den Staub auf und verbreiten einen starken Geruch. Blitze durchfurchen den Himmel über dem See, während die Donner die Bucht mit ihrem Getöse erfüllen.

508. «SEID KLUG WIE DIE SCHLANGEN UND SANFT WIE DIE TAUBEN»

«Im oberen Raum sind Männer aus Nazareth, und gestern sind deine Brüder gekommen, dich zu suchen. Auch Pharisäer und viele Kranke waren da; und einer aus Antiochia», teilt Iskariot mit, als er sie eintreten sieht.

«Sind sie wieder abgereist?»

«Nein. Der Mann aus Antiochia ist nach Tiberias gegangen; aber er kommt nach dem Sabbat zurück. Die Kranken sind in verschiedenen Häusern untergebracht. Die Pharisäer jedoch wollten unter vielen

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Ehrenbezeugungen deine Brüder aufnehmen. Sie sind alle bei Simon dem Pharisäer zu Gast.»

«Hm! ...» brummt Petrus.

«Was hast du? Bist du nicht zufrieden, daß sie den Meister in seinen Brüdern ehren?» fragt Iskariot.

«Oh! Wenn es wirklich eine Ehre und eine nützliche Begegnung ist... bin ich sehr zufrieden!»

«Mißtrauen bedeutet urteilen. Der Meister will nicht, daß man urteilt.»

«Aber ja! Ja! Um sicher zu sein, werde ich mit dem Urteilen warten. So werde ich weder töricht, noch ein Sünder sein.»

«Laßt uns hinaufgehen zu den Leuten aus Nazareth. Morgen werden wir die Kranken besuchen», sagt Jesus.

Iskariot wendet sich an Jesus: «Das kannst du nicht. Morgen ist Sabbat. Willst du dich von den Pharisäern tadeln lassen? Wenn du nicht daran denkst, so denke ich an deine Ehre», sagt er in einem sehr theatralischen Ton und fügt an: «Vielmehr – da ich deinen Wunsch verstehe, die, die dich aufsuchen, sofort zu heilen – können wir hingehen und ihnen in deinem Namen die Hände auflegen und ...»

«Nein!» Es ist ein sehr entschiedenes Nein, das keinen Widerspruch zuläßt.

«Du willst nicht, daß wir Wunder wirken? Willst du es selbst tun? Nun gut... Dann gehen wir und sagen ihnen, daß du hier bist und daß du ihnen versprichst, sie zu heilen. So werden sie schon glücklich sein...»

«Das ist nicht nötig. Die Fischer haben uns gesehen und deshalb weiß man schon, daß ich hier bin. Und daß ich diejenigen heile, die an mich glauben, wissen sie auch, deshalb haben sie mich ja aufgesucht.»

Judas schweigt unzufrieden, mit der finsteren Miene seiner bösen Augenblicke.

Jesus geht hinaus, ohne sich um das Unwetter und den prasselnden Regen zu kümmern, steigt zum oberen Raum hinauf, öffnet die Tür und tritt ein. Die Apostel folgen ihm. Die Frauen sind schon oben und sprechen mit den Nazarenern. In einer Ecke sitzt ein Mann, den ich nicht kenne.

«Der Friede sei mit euch.»

«Meister!» Die Nazarener verneigen sich. Dann sagen sie: «Da ist der Mann», und weisen auf den Unbekannten.

«Kommt her», befiehlt Jesus.

«Verfluche mich nicht!»

«Um das zu tun, wäre es nicht nötig gewesen, dich hierher zu rufen. Hast du deinem Retter nur dies zu sagen?» Jesu Stimme ist streng, aber zugleich auch ermutigend.

Der Mann schaut ihn an... Dann bricht er in Tränen aus und schreit, indem er sich zu Boden wirft: «Wenn du mir nicht verzeihst, werde ich keinen Frieden haben!»

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«Warum hast du mich zurückgewiesen, als ich dich auf den rechten Weg führen wollte? Jetzt ist es zu spät für eine Wiedergutmachung. Deine Mutter ist tot.»

«Ach, sag das nicht! Du bist grausam!»

«Nein. Ich bin die Wahrheit. Ich war die Wahrheit, als ich dir sagte, daß du deine Mutter töten würdest. Ich bin es auch jetzt. Du hast mich damals verhöhnt. Warum suchst du mich jetzt auf? Deine Mutter ist tot. Du hast gesündigt und immerzu gesündigt, obwohl dir bewußt war, daß du sündigst. Ich hatte es dir gesagt. Das ist deine große Schuld: du wolltest sündigen und hast das Wort und die Liebe zurückgewiesen. Warum beklagst du dich, wenn du jetzt keinen Frieden findest?»

«Herr! Herr! Erbarmen! Ich war wahnsinnig, und du hast mich geheilt. Ich habe meine Hoffnung auf dich gesetzt, vorher verzweifelte ich an allem. Enttäusche meine Hoffnung nicht...»

«Warum warst du verzweifelt?»

«Weil... meine Mutter wegen mir vor Schmerz gestorben ist... sogar am letzten Abend... sie war am Ende... und ich habe kein Erbarmen mit ihr gehabt... Ich habe sie geschlagen, Herr!» Der Schrei eines Verzweifelten erfüllt den Raum. «Ich habe sie geschlagen! ... und in derselben Nacht ist sie gestorben! ... Hatte sie mich nicht ermahnt, gut zu sein... meine Mutter! ... Und ich habe sie umgebracht...»

«Schon seit Jahren hast du sie umgebracht, Samuel! Seit du aufgehört hast, ein Gerechter zu sein. Die arme Esther! Wie oft habe ich sie weinen gesehen, und wie oft bat sie mich um eine kindliche Liebkosung an deiner Stelle... Und du weißt, daß ich nicht aus Freundschaft zu dir, meinem Altersgenossen, sondern aus Mitleid mit ihr in dein Haus kam. Ich sollte dir eigentlich nicht verzeihen, aber zwei Mütter haben für dich gebetet, und deine Reue ist aufrichtig. Daher verzeihe ich dir. Lösche durch ein unbescholtenes Leben die Erinnerung an den sündigen Samuel in den Herzen deiner Mitbürger und gewinne deine Mutter wieder. Es wird dir gelingen, wenn du dir durch ein rechtschaffenes Leben den Himmel und mit ihm auch deine Mutter erwirbst. Aber bedenke, bedenke es immer, daß deine Sünde sehr groß war und daß auch deine Gerechtigkeit dementsprechend sein muß, um die Schuld zu tilgen.»

«Oh! Du bist gut! Nicht wie jener von den Deinen, der sofort hinausgegangen ist, nachdem du eingetreten bist. Er ist nur nach Nazareth gekommen, um mir Schrecken einzujagen! Diese hier können es dir bestätigen ...»

Jesus wendet sich um... Von den Aposteln fehlt nur Iskariot. Daher ist er es, der Samuel schlecht behandelt hat. Was soll Jesus tun? Um den Apostel – den Apostel, nicht den Menschen – nicht der Kritik auszusetzen, sagt er: «Jeder Mensch kann deiner Sünde gegenüber nur streng sein. Wenn man Böses tut, sollte man bedenken, daß die Menschen urteilen, da

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man ihnen die Gelegenheit gibt, über uns zu urteilen. Aber du darfst keinen Groll gegen ihn hegen. Lege die Demütigung, die dir widerfahren ist, als Sühne auf die Waage Gottes. Gehen wir. Hier, unter den Gerechten, herrscht große Freude über deine Rettung. Du bist unter Brüdern, die dich nicht verachten. Denn jeder Mensch kann sündigen, und er ist nur verachtungswürdig, wenn er in seiner Sünde verharrt!»

«Ich preise dich, Herr. Ich bitte dich auch um Verzeihung für die vielen Male, da ich dich schmähte... Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll... Es ist der Friede, weißt du? Der Friede, der wieder bei mir einkehrt.» Nun weint er still vor sich hin...

«Bedanke dich bei meiner Mutter. Denn wenn dir verziehen wurde, wenn ich dich von deiner Raserei geheilt habe, um dich fähig zu machen, zu bereuen, so ist es um ihretwillen geschehen. Gehen wir hinunter. Die Mahlzeit ist bereit, und wir wollen das Essen verteilen.» Er geht hinaus und hält dabei den Mann an der Hand.

Das Abendessen ist tatsächlich bereit. Judas ist auch nicht hier unten, er ist im ganzen Haus nicht zu finden. Die Hausherrin erklärt: «Er ist fortgegangen und hat gesagt: "Ich komme gleich wieder zurück."»

«Nun gut! Setzen wir uns und essen wir.»

Jesus opfert, segnet und verteilt die Speisen. Aber etwas Eisiges ist in dem Raum, der von zwei Laternen und der Feuerstätte erleuchtet wird. Das Unwetter draußen wütet weiter...

Judas kehrt zurück, außer Atem und ganz durchnäßt, als wäre er in den See gefallen. Obwohl er sich den Mantel über den Kopf gezogen hatte, den er nun ganz durchweicht auf den Boden wirft, kleben seine triefnassen Haare an Wangen und Hals. Alle schauen ihn an, aber niemand sagt ein Wort.

Er will sich entschuldigen, obwohl niemand ihn darum gebeten hat: «Ich bin zu deinen Brüdern gelaufen, um ihnen zu sagen, daß du hier bist. Ich habe dir aber gehorcht und bin nicht zu den Kranken gegangen. Ich hätte es auch nicht tun können, denn es schüttet! Eine Flut! ... Aber ich wollte doch wenigstens sofort deine Verwandten benachrichtigen... Bist du nicht zufrieden, Meister? Du sprichst nicht...»

«Ich höre dir zu. Nimm und iß. Und bevor wir uns zur Ruhe begeben, sprechen wir noch miteinander.

Hört. Es steht geschrieben: Vertraut euer Herz nicht dem Fremdling an, denn ihr kennt nicht seine Gewohnheiten. Aber können wir denn sagen, daß wir das Herz unseres Landsmannes kennen? Das Herz des Freundes? Des Verwandten? Nur Gott sieht bis auf den Grund des Menschenherzens. Der Mensch hat nur ein Mittel, um das Herz seines Nächsten kennenzulernen und zu verstehen, ob er ihm ein wahrer Volksgenosse, ein wahrer Freund oder ein wahrer Verwandter ist.

Und worin besteht dieses Mittel? Wo findet man es? Im Nächsten und

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in uns selbst. In seinen Handlungen und Worten und in unserem redlichen Urteil. Wenn wir in den Worten und Handlungen des Nächsten oder in den Handlungen, die er von uns erwartet, unserem redlichen Urteil zufolge fühlen, daß etwas nicht in Ordnung ist, können wir sagen: "Dieser hat kein gutes Herz, ich muß ihm mißtrauen." Man muß ihn mit Liebe behandeln, denn er ist ein Unglücklicher, ein Unglücklicher der schlimmsten Art: er ist an der Seele krank; aber man darf ihn nicht nachahmen, seine Worte nicht als wahr und weise annehmen, und noch weniger seine Ratschläge befolgen.

Es soll euch nicht der hochmütige Gedanke zugrunderichten: "Ich bin stark, und das Böse der anderen dringt nicht in mich ein. Ich bin gerecht, und wenn ich auch die Ungerechten anhöre, werde ich dennoch gerecht bleiben." Der Mensch ist ein tiefer Abgrund, in dem alle Elemente von Gut und Böse zu finden sind. Die ersteren, die Hilfe, die Gott gibt, lassen uns wachsen und Könige werden; sie helfen uns, uns zu erheben und das Böse, die Leidenschaften und schlechten Freundschaften zu überwinden. Alle Keime des Bösen und alles Streben nach dem Guten sind im Menschen vorhanden durch das liebevolle Walten Gottes und das böse Sinnen Satans, der einflüstert, versucht und aufstachelt, während Gott uns an sich zieht, tröstet und liebt. Satan sucht zu verführen, Gott bemüht sich, uns zu gewinnen. Und nicht immer siegt Gott, da das Geschöpf schwerfällig ist, solange es sich nicht die Liebe zum Gesetz macht; und da es schwerfällig ist, sinkt es hinab und gelüstet eher nach dem, was unmittelbar befriedigt, aber nur das Niedrigste im Menschen.

Aus dem, was ich über die menschliche Schwäche gesagt habe, könnt ihr verstehen, wie notwendig es ist, sich selbst zu mißtrauen und seinen Nächsten sehr aufmerksam zu betrachten, um nicht das Gift eines unreinen Gewissens zu dem, was schon in uns gärt, hinzufügen. Wenn man erkennt, daß ein Freund die Seele zugrunderichtet, wenn seine Worte das Gewissen verwirren und seine Ratschläge Ärgernis geben, muß man imstande sein, diese schädliche Freundschaft aufzugeben. Wollte man an ihr festhalten, würde man schließlich seine Seele töten; denn man würde zu Handlungen übergehen, die von Gott entfernen und das verhärtete Gewissen daran hindern, die Eingebungen Gottes zu verstehen.

Wenn jeder Mensch, der sich schwerer Sünden schuldig gemacht hat, sagen könnte und wollte, wie es zu diesen Sünden gekommen ist, würde man erkennen, daß am Anfang immer eine schlechte Freundschaft war ...»

«Das ist wahr», bekennt Samuel von Nazareth leise.

«Mißtraut denen, die euch plötzlich mit Geschenken und Ehren überhäufen, nachdem sie euch grundlos bekämpft haben.

Mißtraut denen, die jede eurer Handlungen loben und überhaupt alle loben; die den Faulpelz als guten Arbeiter, den Ehebrecher als treuen

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Gatten, den Dieb als Ehrenmann, den Heftigen als Sanftmütigen, den Lügner als Aufrichtigen, den Bösen als Guten und den schlechtesten Schüler als ein Muster hinstellen. Sie tun es, um euch zu verderben und sich eures Ruins für ihre listigen Vorhaben zu bedienen.

Flieht die, die euch mit Lobeshymnen und Versprechen umnebeln wollen, um euch zu Handlungen zu verleiten, die ihr nicht tun würdet, wenn ihr nicht trunken wäret.

Wenn ihr jemandem Treue geschworen habt, habt keinen Umgang mit dessen Feinden. Sie können sich euch nur nähern, um dem zu schaden, den sie hassen, und dies mit eurer Beihilfe.

Öffnet die Augen! Ich habe gesagt: Seid klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben. Denn in den Dingen des Geistes ist die Einfalt heilig; aber um in der Welt leben zu können, ohne sich selbst und seinen Freunden zu schaden, braucht es die Klugheit, mit der man die Verschlagenheit dessen aufdeckt, der die Heiligen haßt. Die Welt ist eine Schlangengrube. Wißt die Welt und ihre Methoden zu erkennen. Dann aber, wenn ihr nicht wie die Schlangen im Staub kriecht, sondern wie die Tauben auf dem hohen Fels eure Zuflucht sucht, habt das einfältige Herz der Kinder Gottes. Und betet, betet, denn in Wahrheit sage ich euch, die große Schlange zischt um euch herum und ihr seid in großer Gefahr, und wer nicht wachsam ist, wird zugrundegehen. Ja, unter den Jüngern ist einer, der zugrundegehen wird, zur großen Freude Satans und zum unendlichen Schmerz Christi.»

«Wer kann das sein, Herr? Vielleicht einer, der nicht zu uns gehört, ein Proselyt, einer... der nicht aus Palästina ist, einer...»

«Sucht nicht nach ihm. Steht nicht geschrieben, daß der Greuel der Verwüstung errichtet werden wird, wie er schon an heiliger Stätte errichtet ist? Nun denn, wenn man selbst in der Nähe des Heiligtums sündigen kann, kann dann nicht auch einer von meinen Nachfolgern aus Galiläa oder Judäa sündigen? Wacht, wacht, meine Freunde... Wacht über euch selbst und die anderen; wacht über das, was euch die anderen sagen und was euch euer Gewissen sagt. Und wenn ihr selbst das Licht nicht habt, um klar zu sehen, dann kommt zu mir. Ich bin das Licht.»

Petrus fuchtelt hinter dem Rücken des Johannes herum und flüstert ihm etwas zu. Doch Johannes schüttelt mehrmals den Kopf. Jesus wendet den Blick und sieht es... Petrus nimmt wieder Haltung an und tut so, als ginge er weg. Jesus erhebt sich und lächelt ein wenig. Dann stimmt er das Gebet an, segnet und verabschiedet alle und bleibt allein zurück, um noch zu beten.

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509. DER SABBAT IN KAPHARNAUM

«Bringst du den Knaben nicht zu seiner Mutter?» fragt Bartholomäus Jesus, den er in tiefes Gebet versunken auf der Terrasse findet.

«Nein, ich werde warten, bis sie aus der Synagoge zurückkehrt...»

«Hoffst du, daß der Herr dort zu ihr spricht? Daß sie ihre Pflicht erkennt? Du denkst als Weiser, doch sie ist nicht weise. Eine andere Mutter wäre gestern abend herbeigeeilt, um ihr Kind abzuholen... schließlich, wir sind über einen stürmischen See gefahren... Sie wußte nicht, woher wir kommen würden; aber sie hat auch nicht versucht zu erfahren, ob ihrem Kind etwas zugestoßen ist. Kommt sie vielleicht heute morgen? Schau, wie viele Mütter schon auf den Beinen sind, obwohl der Tag erst angebrochen ist, und wie sie die Festkleider zum Trocknen aufhängen, damit sie die Kinder am Tag des Herrn sauber anziehen können. Ein Pharisäer würde sagen, daß sie knechtliche Arbeiten verrichten, wenn sie die Kleidchen vorbereiten. Ich sage, daß sie ein Werk der Liebe verrichten, für Gott und ihre Kinder. Zudem sind es arme Frauen. Schau dort, Maria des Benjamin und Rebecca des Michäas, und da, auf der ärmlichen Terrasse Johanna, die geduldig die Fransen des abgetragenen Kleides ihres Jungen in Ordnung bringt, damit es weniger ärmlich aussieht, wenn er zum Gottesdienst geht. Dort unten am Ufer, das bald ganz in der Sonne liegt, spannt Selida die noch ungebleichte Leinwand, damit, was nur grobe Leinwand ist, fein erscheine; denn schön ist sie nur durch das Opfer, das sie sie gekostet hat: viele Bissen Brot, die sie sich vom Munde absparen mußte, um dafür Hanf kaufen zu können. Ist das dort nicht Adina, die mit Grünzeug das verblichene Kleidchen ihres Mädchens bürstet, damit es wieder grüner aussehe? Aber sie ist nirgends zu sehen...»

«Der Herr möge ihr Herz umwandeln! Mehr kann man nicht sagen ...»

Auf das Mäuerchen der Terrasse gestützt, betrachten sie die durch das Gewitter erfrischte Natur. Die Atmosphäre und das Grün der Pflanzen sind gereinigt. Der See ist noch etwas bewegt und weniger blau als sonst, denn die nun wieder für wenige Stunden Wasser führenden Bäche, die den Staub ihrer sonnenverbrannten Betten mitreißen, ergießen sich in ihn. Doch ist er trotz dieser ockerfarbenen Strömungen schön. Er gleicht einem großen, von Perlen durchzogener Lapislazuli und lacht unter der klaren Sonne, die sich gerade hinter den östlichen Bergen erhebt und all die Tropfen entzündet, die noch im Geäst zurückgeblieben sind. Schwalben und Tauben schießen festlich durch die klare Luft, und in den Zweigen trillern und zwitschern Vögel aller Arten.

«Die Hitze läßt nach. Dies ist eine schöne Jahreszeit. Reich und schön. Wie ein reifes Alter. Nicht wahr, Meister?»

«Schön... ja...» Aber man sieht, daß Jesus in Gedanken weit weg ist.

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Bartholomäus schaut ihn an... Dann fragt er: «Woran denkst du? An das, was du heute in der Synagoge sagen wirst?»

«Nein, ich denke daran, daß die Kranken warten. Wir beide wollen gehen und sie heilen.»

«Wir allein?»

«Simon, Andreas, Jakobus und Johannes sind gegangen, um die Fischreusen einzuholen, die Thomas in der Annahme unserer Rückkehr ausgelegt hat. Die anderen schlafen noch. Gehen wir zwei.»

Sie steigen hinab und begeben sich aufs offene Feld zu den Häusern inmitten von Obstgärten und Feldern, auf der Suche nach den Kranken, die bei den stets gastfreundlichen Armen Unterkunft gefunden haben. Da ist schon einer, der vorausläuft, da er ahnt, wo der Meister hingehen will. Ein anderer sagt zu ihm: «Warte hier in meinem Garten. Wir werden sie dir herbringen...»

Wie die Wasser kleiner Bäche sich in einem einzigen Teich vereinigen, so kommen nun die Kranken aus verschiedenen Richtungen – oder sie werden getragen – zu dem, der sie heilt. Die Wunder geschehen, und Jesus entläßt sie mit den Worten: «Wenn jemand euch fragen sollte, sagt nicht, daß ich euch geheilt habe. Kehrt zurück in die Häuser, aus denen ihr gekommen seid. Mein Jünger hier wird noch vor Sonnenuntergang Hilfe für die Ärmsten bringen.»

«Ja, sagt es nicht. Ihr würdet ihm schaden. Bedenkt, daß Sabbat ist, und daß viele ihn hassen», fügt Bartholomäus noch hinzu.

«Wir werden dem nicht schaden, der uns Wohltaten erwiesen hat. Wir werden es in unseren Dörfern verkünden, ohne zu sagen, an welchem Tag wir geheilt wurden», sagt einer, der zuvor gelähmt war.

«Ich würde sogar vorschlagen, daß wir uns auf dem Land zerstreuen und dort auf den Sonnenuntergang warten. Die Pharisäer wissen, in welchen Häusern wir aufgenommen wurden und könnten kommen, um nach uns zu sehen ...» sagt einer der augenkrank war.

«Du hast recht, Isaak. Gestern haben wir zu oft gefragt und nach zu vielem... Sie werden denken, daß wir, des langen Wartens müde, vor Sonnenuntergang abgereist sind.»

«Aber gestern abend, hat uns da nicht der Apostel gesehen?» fragt ein geheilter Blinder. «War nicht er es, der sprach?»

«Nein. Es war ein Bruder des Herrn. Er wird uns nicht verraten.»

«Sagt mir nur, wo ihr hingeht, damit ich euch finden kann, wenn ich komme», sagt Bartholomäus.

Die Kranken beraten miteinander. Der eine möchte in Richtung Chorazim gehen, der andere in Richtung Magdala. Schließlich wenden sie sich an Jesus, und Jesus sagt: «Geht über die Felder entlang der Straße nach Magdala. Folgt dem zweiten Bergbach, und ihr werdet bald ein Haus finden. Geht dorthin und sagt: "Jesus schickt uns." Sie werden euch wie

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Brüder aufnehmen. Geht nun. Gott sei mit euch und ihr mit Gott, indem ihr in Zukunft nicht mehr sündigt.»

Jesus macht sich wieder auf den Weg, kehrt aber nicht sofort auf dem gleichen Weg in den Ort zurück. Er geht vielmehr im Halbkreis durch die Gemüsegärten, und gelangt zur Quelle in der Nähe des Sees. Sie wird gerade von Frauen belagert, die sich alle ihren Wasservorrat holen wollen, solange es noch frisch ist und die Sonne nicht hoch steht.

«Der Rabbi! Der Rabbi!»

Nun laufen Frauen und Kinder herbei, auch Männer aus dem Volk, meist alte und wegen des Sabbats müßige.

«Ein Wort, Meister, um diesen Tag freudig zu stimmen», sagt ein ganz Alter, der ein Knäblein an der Hand führt, vielleicht einen Urenkel, denn der Alte ist sicherlich schon hundert und das Kind kaum sechs Jahre alt.

«Ja, stelle den alten Levi zufrieden, und uns mit ihm.»

«Heute legt Jairus die Schrift aus. Ich bin hier, um ihm zuzuhören. Ihr habt einen weisen Synagogenvorsteher...»

«Warum sprichst du so, Meister? Du bist der Vorsteher aller Synagogenvorsteher, der Meister Israels. Wir kennen nur dich.»

«Das dürft ihr nicht. Die Synagogenvorsteher sind eingesetzt worden, um eure Lehrmeister zu sein, um den Gottesdienst zu feiern und euch ein gutes Beispiel zu geben, um gläubige Israeliten aus euch zu machen. Die Synagogenvorsteher werden weiterhin da sein, wenn ich nicht mehr da bin. Sie werden vielleicht einen anderen Namen, andere Zeremonien haben, aber sie werden doch immer die Diener des Kultes sein. Ihr sollt sie lieben und für sie beten. Denn wo ein guter Synagogenvorsteher ist, dort sind auch gute Gläubige, und deshalb ist dort auch Gott.»

«Wir werden es tun. Aber sprich doch zu uns. Man hat uns gesagt, daß du bald von uns gehst...»

«Ich habe so viele Schafe in ganz Palästina, und sie alle warten auf ihren Hirten. Aber ihr werdet immer zahlreichere und weisere Jünger haben...»

«Ja, aber was du sagst, ist immer gut und leicht verständlich für unsere unwissenden Köpfe.»

«Was soll ich euch sagen? ...»

«Jesus, wir haben dich überall gesucht!» schreit Joseph des Alphäus, der zusammen mit seinem Bruder Simon und einer Gruppe von Pharisäern hinzugekommen ist.

«Und wo kann der Menschensohn anders sein als unter den Kleinen und denen, die einfältigen Herzens sind? Ihr habt mich gesucht? Nun, hier bin ich. Aber laßt mich erst diesen Leuten ein Wort sagen...

Hört. Man hat euch gesagt, daß ich euch bald verlassen werde. Es ist wahr. Ich leugne es nicht. Aber bevor ich euch verlasse, gebe ich euch dieses Gebot: Wacht über euch, um euch selbst gut kennenzulernen, und

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nähert euch immer mehr dem Licht, um euch erkennen zu können. Mein Wort ist Licht. Bewahrt es in euch, und wenn ihr in seinem Schein Makel oder Schatten in eurem Herzen entdeckt, dann überwacht sie um sie aus eurem Herzen auszumerzen. Das, was ihr wart, bevor ich euch kannte, dürft ihr nicht mehr sein. Ihr müßt viel besser sein, denn ihr wißt nun viel mehr.

Zuvor habt ihr in einer Art Dämmerung gelebt, nun aber habt ihr das Licht in euch und müßt daher Kinder des Lichtes sein. Betrachtet den Himmel am Morgen, wenn die Morgendämmerung ihn erhellt: er erscheint vielleicht heiter, weil er nicht ganz von Gewitterwolken bedeckt ist; aber sobald das Licht zunimmt und der helle Schein der Sonne im Osten sichtbar wird, erblickt das erstaunte Auge rosarote Flecken im Blau des Himmels. Um was handelt es sich? Oh! Um leichte Wölklein, so fein, daß sie nicht da zu sein schienen, solange das Licht ungewiß war; jetzt aber, wo die Strahlen der Sonne sie treffen, erscheinen sie wie leichter Schaum am Himmelszelt und bleiben dort, bis die Sonne sie mit ihrem mächtigen Glanz auflöst.

Ihr sollt dasselbe mit eurer Seele tun. Führt sie immer näher zum Licht, um jeden Nebel, auch den geringsten, zu enthüllen, und dann setzt sie der starken Sonne der Liebe aus. Diese wird eure Unvollkommenheiten verzehren, wie die Sonne die leichte Feuchtigkeit verdunsten läßt, aus der diese kleinen und so zarten Wölkchen bestehen, die ihre Strahlen im Morgengrauen auflösen. Wenn ihr in der Liebe gefestigt seid, wird die Liebe beständige Wunder in euch wirken. Geht nun und seid gut ...»

Er verabschiedet sich und begibt sich zu den beiden Vettern, die er küßt, nachdem er sich vor den anwesenden Pharisäern tief verneigt hat, unter denen sich auch Simon, der Pharisäer von Kapharnaum, befindet. Die anderen Gesichter sind neu für mich.

«Wir haben dich mehr für diese als für uns selbst gesucht. Sie sind nach Nazareth gekommen, um dich zu suchen, und so ...»

«Der Friede sei mit euch. Was braucht ihr?»

«Oh! Nichts. Dich sehen, nur dich sehen. Dich hören. Die Weisheit deiner Worte möchten wir vernehmen ...»

«Nur darum seid ihr gekommen?»

«Eigentlich auch, um dir einen Rat zu geben... Du bist allzu gut, und das Volk mißbraucht deine Güte. Das Volk ist nicht gut, und du weißt es. Warum verfluchst du die Sünder nicht?»

«Weil der Vater mir gebietet zu retten, nicht zu verlieren.»

«Du wirst Mißgeschicken entgegengehen ...»

«Das macht nichts. Ich kann dem Auftrag des Allerhöchsten nicht zuwiderhandeln aus menschlichen Vernunftgründen.»

«Und wenn... Weißt du... Man sagt hinter vorgehaltener Hand, daß du dem Volk schmeichelst, um dich seiner für einen Aufstand zu bedienen. Wir sind gekommen, dich zu fragen, ob das wahr ist.»

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«Seid ihr gekommen oder hat man euch geschickt?»

«Das ist ein und dasselbe.»

«Nein. Aber ich antworte euch und denen, die euch geschickt haben, daß das Wasser, das aus meinem Schlauche überströmt, Wasser des Friedens ist, und daß der Same, den ich ausstreue, Same des Verzichtes ist. Ich beschneide die wuchernden Zweige. Ich bin bereit, die schlechten Triebe auszurotten, wenn sie dem aufgepfropften Reis nicht Platz machen, damit sie dem guten nicht schaden. Aber was ich "gut" nenne, ist nicht das, was ihr "gut" nennt. Denn ich nenne gut: den Gehorsam, die Armut, den Verzicht, die Demut und die Liebe, die zu jeder Erniedrigung und zu jeder Barmherzigkeit bereit ist. Ihr habt niemanden zu fürchten. Der Menschensohn versucht nicht, menschliche Macht zu untergraben, er kommt vielmehr, um den Seelen Kraft zu verleihen. Geht und berichtet, daß das Lamm nie ein Wolf sein wird.»

«Was willst du damit sagen? Du verstehst uns schlecht, und wir verstehen dich schlecht.»

«Nein. Ich und ihr, wir verstehen uns sehr wohl...»

«Nun denn, dann weißt du also, weshalb wir gekommen sind?»

«Ja. Um mir zu sagen, daß ich nicht zum Volk sprechen soll. Doch ihr bedenkt nicht, daß ihr mir nicht verbieten könnt, wie jeder Israelit dort hineinzugehen, wo die Heilige Schrift gelesen und erklärt wird, und wo jeder Beschnittene das Recht hat zu reden.»

«Wer hat dir das gesagt? Jairus, nicht wahr? Wir werden es berichten.»

«Ich habe Jairus noch nicht gesehen.»

«Du lügst.»

«Ich bin die Wahrheit.»

Ein Mann aus dem Volk, das sich inzwischen wieder versammelt hat, sagt: «Er lügt nicht. Jairus ist gestern vor Sonnenuntergang mit seiner Frau und seiner Tochter abgereist, um sie zur sterbenden Mutter zu begleiten. Er hat hier einen Vertreter zurückgelassen und wird erst nach der Reinigung zurückkehren.»

Die Pharisäer haben nicht die Genugtuung, beweisen zu können, daß Jesus lügt, aber sie haben immerhin die, ihn ohne seinen mächtigsten in Kapharnaum zu wissen. Sie schauen einander mit vielsagendem Mienenspiel an.

Joseph des Alphäus, der Familienälteste, fühlt sich verpflichtet, Jesus zu verteidigen, und wendet sich an den Pharisäer Simon: «Du hast mich geehrt, indem du mit mir Brot und Salz teilen wolltest, und der Allerhöchste wird dieser Ehrung Rechnung tragen, die du den Nachkommen Davids gezollt hast. Du hast dich mir gegenüber als gerecht erwiesen. Dieser mein Bruder wird von den Pharisäern hier angeklagt. Gestern haben sie mir, dem Haupt des Hauses, gesagt, ihr einziger Schmerz sei der, daß Jesus Judäa vernachlässige, da er als Messias von Israel die Pflicht habe, in gleicher

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Weise ganz Israel zu lieben und die Frohe Botschaft zu bringen. Ich fand diese Begründung gerechtfertigt und wollte sie meinem Bruder mitteilen. Aber warum sprechen sie heute so? Sie sollen wenigstens sagen, warum er nicht reden darf. Mir ist nicht bekannt, daß er etwas gegen das Gesetz und die heiligen Bücher gesagt hat. Gebt den Grund an, und ich werde Jesus überreden, anders zu sprechen.»

«Du hast recht. Antwortet dem Mann ...» sagt Simon der Pharisäer. «Hat er gotteslästerliche Dinge gesagt?»

«Nein, aber der Hohe Rat klagt ihn an, daß er die Nation spaltet oder versucht, sie zu spalten. Der König muß König von Israel und nicht nur von Galiläa sein.»

«Ihm ist das ganze Vaterland teuer. Besonders teuer aber ist ihm seine Heimat. Doch diese seine Liebe zu Galiläa ist keine so schwerwiegende Angelegenheit, daß sie eine Strafe verdient. Übrigens sind wir vom Stamme Davids und deshalb...»

«Dann soll er nach Judäa kommen und uns nicht verachten.»

«Hörst du sie? Das ist eine Ehre für dich und die Familie», sagt Joseph halb streng, halb prahlerisch.»

«Ich höre.»

«Ich rate dir, ihrem Wunsch zu entsprechen. Er ist gut und sehr ehrenvoll. Du sagst, du willst Frieden. Da du hier wie dort geliebt wirst, setze doch der Unstimmigkeit ein Ende, die zwischen den beiden Provinzen besteht. Du wirst es sicher tun. Oh! Bestimmt wird er es tun. Ich versichere an seiner statt, daß er den Vorstehern gehorchen wird.»

«Es steht geschrieben: "Niemand ist größer als ich. Es gibt keinen anderen Gott außer mir." Ich werde immer dem gehorchen, was Gott will.»

«Hört ihr ihn? Geht daher in Frieden.»

«Wir hören ihn. Doch bevor wir gehen, Joseph, wollen wir wissen, was für ihn Gottes Wille ist.»

«Was Gott will, ist, daß ich seinen Willen erfülle.»

«Und der wäre? Sage es uns.»

«Daß ich die Schafe Israels sammle und sie zu einer einzigen Herde vereinige. Und ich werde es tun.»

«Wir werden uns deine Worte merken.»

«Das wird gut sein. Gott sei mit euch.» Jesus wendet der Gruppe der Pharisäer den Rücken und geht nach Hause.

Joseph, sein Vetter, geht an seiner Seite, halb zufrieden, halb unzufrieden; und mit der Miene eines Beschützers macht er ihn darauf aufmerksam, daß, wenn man sie recht anzupacken weiß (wie er es getan hat), wenn man die Unterstützung der Verwandten hat (wie heute glücklicherweise), wenn man darauf hinweist, daß man ein Recht auf den Thron hat (als Nachkomme Davids), und so weiter, auch die Pharisäer gute Freunde werden.

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Jesus unterbricht ihn jedoch mit den Worten: «Und das glaubst du? Glaubst du ihren Worten? Wahrlich, der Hochmut und das trügerische Lob genügen oft, um den schärfsten Blick zu trüben.»

«Ich aber... würde sie doch zufriedenstellen. Du kannst nicht verlangen, daß sie dich von heute auf morgen unter Hosannarufen im Triumphzug tragen. Das geschieht nicht so plötzlich... du mußt sie erobern. Ein wenig Demut, Jesus, etwas Geduld. Die Ehre verdient jegliches Opfer...»

«Genug! Du sprichst eine menschliche Sprache und mehr noch. Gott verzeihe dir und gebe dir Licht, Bruder! Aber geh jetzt, denn du machst mir Kummer. Und sprich vor deiner Mutter, vor den Brüdern und meiner Mutter nicht von diesen deinen törichten Ratschlägen.»

«Du willst zugrundegehen. Du wirst die Ursache unseres und deines eigenen Ruins sein!»

«Warum bist du gekommen, wenn du immer noch derselbe bist? Ich habe noch nicht für dich gelitten, aber ich werde es tun. Und dann...»

Joseph ist beunruhigt weggegangen.

«Du stößt ihn ab... Er ist wie unser Vater, du weißt es. Er ist der alte Israelit...» flüstert ihm Simon zu.

«Wenn er begreift, wird er sehen, daß meine Handlungsweise, die ihn jetzt abgestoßen hat, heilig war...»

Sie sind an der Haustür und treten ein. Jesus befiehlt Petrus: «Sorge dafür, daß das Boot bei Sonnenuntergang bereit ist. Wir werden die beiden Marien nach Tiberias begleiten, und Simon wird sie nach Hause bringen. Außer dir werden Matthäus und deine Fischerkameraden mitkommen. Die anderen werden hierbleiben und auf uns warten.»

Petrus nimmt Jesus beiseite: «Und wenn der Mann aus Antiochia kommt? Ich sage es wegen Judas Iskariot...»

«Dein Meister sagt dir, daß wir ihn auf der Mole von Tiberias antreffen werden.»

«Ah, dann!» und mit lauter Stimme fügt er hinzu: «Das Boot wird bereit sein.»

«Mutter, komm mit mir hinauf. Wir werden diese Stunde zusammen verbringen.»

Maria folgt ihm, ohne ein Wort zu sagen. Sie betreten das Obergemach, das kühl und schattig ist wegen des Weinstocks, der es bedeckt, und den Vorhängen, die Schatten spenden.

«Gehst du fort, mein Jesus?» Maria ist ganz blaß.

«Ja, es ist Zeit.»

«Und ich soll nicht zum Laubhüttenfest kommen? Mein Sohn! ...»Maria seufzt.

«Mutter! Warum? Es ist ja nicht das erste Mal, daß wir uns trennen!»

«Nein, das ist wahr. Aber... Oh, ich erinnere mich an das, was du mir im Wald von Gamala gesagt hast... Mein Sohn! Verzeih einer armen

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Frau. Ich werde dir gehorchen... mit der Hilfe des Herrn werde ich stark sein... Aber ich möchte ein Versprechen von dir...»

«Welches, meine Mutter?»

«Daß du die schreckliche Stunde nicht vor mir verbirgst. Nicht aus Mitleid, nicht aus Mißtrauen... Es wäre ein allzu großer Schmerz, eine allzu große Qual... Ein Schmerz, denn ich würde alles unerwartet erfahren und von jemandem, der mich nicht liebt, wie du diese deine arme Mutter liebst... Und es wären Folterqualen, wenn ich denken müßte, daß vielleicht in dem Augenblick, in dem ich spinne, webe oder für die Tauben sorge, du, mein Sohn, zum Tode geführt wirst...»

«Fürchte dich nicht, Mutter. Du wirst es erfahren... Aber dies ist nicht der letzte Abschied. Wir werden uns wiedersehen ...»

«Wirklich?»

«Ja. Wir werden uns wiedersehen.»

«Und dann wirst du mir sagen: "Ich gehe, um mein Opfer zu vollenden"? Oh...»

«Ich werde es nicht so sagen. Aber du wirst mich verstehen... und dann wird Friede sein, so viel Friede... Bedenke: alles getan zu haben, was Gott von uns will, von uns, seinen Kindern, für das Wohl aller anderen Kinder. Welch großer Friede... Der Friede der vollkommenen Liebe.»

Er hat sie an sein Herz gezogen und hält sie in seinen Sohnesarmen, er, so groß und stark, sie viel kleiner, jung in ihrer unversehrten Jugend des Leibes und des Ausdrucks über der ewigen Jugend ihres unbefleckten Geistes. Dann wiederholt sie heldenmütig, so heldenmütig: «Ja, ja. Was Gott will...»

Es folgen keine Worte mehr. Die beiden Vollkommenen vollenden schon das schwerste Opfer ihres Gehorsams. Es gibt nicht einmal Tränen und nicht einmal einen Kuß. Ich sehe nur zwei, die vollkommen lieben und ihre Liebe zu Füßen Gottes niederlegen.

510. BEI JOHANNA DES CHUZA; BRIEFE AUS ANTIOCHIA

Die Bewohner von Tiberias sind alle am Ufer des Sees oder auf dem See selbst, um sich an der Brise zu erquicken, die über das Wasser weht und die Bäume in den Gärten am Gestade schüttelt. Die Reichen dieser Stadt, in der sich so viele Rassen aus den verschiedensten Gründen zusammenfinden, suchen Erleichterung auf bequemen Vergnügungsbooten oder beobachten aus dem schattigen Grün ihrer Gärten die Bewegungen der Barken auf dem türkisblauen Wasserspiegel, der sich schon von der Gelbfärbung durch das Gewitter vom Vorabend gereinigt hat. Die Armen und

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besonders die Kinder tummeln sich am Ufer, dort, wo die Wellen auslaufen, und ihre kleinen Schreie, wenn das kalte Wasser manchmal höher hinaufspritzt, als ihnen lieb ist, gleichen den Schreien der Schwalben.

Die Boote des Petrus und des Jakobus nähern sich dem Ufer und steuern auf die kleine Mole zu.

«Nein, zum Garten der Johanna!» gebietet Jesus.

Petrus gehorcht wortlos, und sein Boot, gefolgt vom Zwillingsboot, macht eine vollkommene Wendung. Das schäumende Kielwasser hinter ihnen bildet ein großes Fragezeichen, während sie zur Landungsstelle am Garten des Chuza gleiten und dort anlegen. Jesus steigt als erster aus und reicht den beiden Marien die Hand, um ihnen beim Ersteigen der kleinen Mole zu helfen.

«Jetzt geht ihr zum großen Anlegeplatz und beginnt dort, den Herrn zu verkünden. Ihr werdet einen Mann sehen, der sich euch nähern und euch fragen wird, wo ich bin. Das ist der Mann aus Antiochia. Führt ihn zu mir, nachdem ihr die Menge entlassen habt.»

«Ja... aber was sollen wir dem Volk sagen? Sollen wir deine Ankunft oder deine Lehre verkünden?»

«Meine Ankunft. Sagt, daß ich am frühen Morgen in Tarichäa sprechen und die Kranken heilen werde. Einer von euch soll die Boote bewachen, oder ihr beauftragt einen Jünger, es zu tun, damit sie bereit sind zur Abfahrt. Geht nun, und der Friede sei mit euch.» Er begibt sich zum Gartentor an der Landungsbrücke. Die beiden Marien folgen ihm schweigend.

In dem großen Garten, in dem noch vereinzelte hartnäckige Rosen blühen, wenn auch sehr wenige, ist niemand zu sehen. Aber man hört das fröhliche Geschrei der beiden Kleinen, die miteinander spielen... Jesus versucht, indem er die Hand durch die Arabesken des Gitters streckt, den Riegel aufzuschieben, was ihm aber nicht gelingt. Er sucht etwas, womit er ein Geräusch erzeugen könnte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, findet aber nichts. Schließlich hört er, daß sich die Stimmchen der beiden Kinder nähern, und ruft laut: «Maria!» Die beiden Stimmchen verstummen ganz plötzlich... Jesus wiederholt: «Maria!»

Doch dann taucht mitten auf der kurzgeschorenen Wiese, die einem Teppich gleicht, auf dem die gut gepflegten Rosenstöcke stehen, mit kleinen, vorsichtigen Schrittchen, ein Fingerchen auf den Lippen und den Blick prüfend in alle Richtungen wendend, das kleine Mädchen auf, und einige Schritte hinter ihm, gefolgt von einem schneeweißen Schäflein, Matthias.

«Maria, Matthias!» ruft Jesus laut.

Die Stimme zieht die unschuldigen Blicke an, und die beiden Kinder schauen zum Gartentor und sehen Jesu Gesicht hinter den Stäben, das ihnen zulächelt.

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«Der Herr! Lauf zur Mutter, Matthias... rufe Elias und Michäas... Sie sollen kommen und öffnen ...»

«Geh du, ich gehe zum Herrn ...» und so laufen sie alle beide mit ausgebreiteten Armen, wie zwei Schmetterlinge, der eine weiß, der andere rosig mit braunem Köpfchen. Aber zum Glück rufen sie während des Laufen die Diener, die noch mit Gießkannen und Hacken bewaffnet herbeieilen so daß sich schließlich das Tor öffnet und die beiden Kinder sich in die Arme Jesu werfen können, der sie küßt und mit ihnen an der Hand die Schwelle überschreitet.

«Die Mutter ist mit ihren Freundinnen im Haus, und dann schicken sie uns fort, weil diese uns nicht mögen», erklärt Matthias kurz und bündig

«Sag nicht so böse Sachen. Die Mutter schickt uns nur fort, weil die Damen Römerinnen sind und noch von ihren Göttern reden. Wir aber die wir durch Jesus gerettet worden sind, sollen nur ihn kennen. So ist es Herr. Matthias ist zu klein und versteht das noch nicht», sagt die Schwester anmutig und mit der Verständigkeit eines Geschöpfes, das gelitten ha und dadurch reifer, erwachsener, als es dem Alter entspricht, geworden ist

«Auch der Vater schickt uns fort, wenn Leute vom Hof kommen, und es würde mir so gefallen, sie zu sehen, denn es sind fast alles Soldaten.. Krieger... Der Krieg! Schön ist der Krieg! Er bringt den Sieg und verjagt die Römer! Nieder mit Rom! Es lebe das Reich Israel», schreit der Klein stolz.

«Der Krieg ist nicht schön, Matthias, und oft gewinnt man ihn nicht und dann wird man vom Untertanen zum Sklaven.»

«Aber dein Reich muß kommen. Und damit es kommen kann, wird man Krieg führen. Und alle werden fortgejagt werden, auch Herodes, und du wirst König sein.»

«Aber sei doch still, du Dummkopf! Du weißt, daß du nicht wieder holen sollst, was du hörst. Sie tun gut daran, dich fortzuschicken. Weiß du nicht, daß du dem Vater, der Mutter und auch Jesus schaden kannst wenn du so redest?» sagt Maria. Dann erklärt sie: «Eines Tages ist de gekommen, der so etwas wie ein Fürst und auch ein Verwandter des Herodes und dein Jünger ist, um mit dem Vater zu sprechen. Sie haben so geschrieen, und sie waren nicht allein, sondern mit vielen anderen...»

«Alle schön, mit schönen Schwertern, und sie sprachen vom Krieg... unterbricht sie Matthias.

«Sei still, sage ich dir! Sie haben so laut geschrieen, daß man es gehört hat, und dieser Dummkopf redet seit damals von nichts anderem. Sag du ihm, daß er es nicht darf... Die Mutter hat es ihm gesagt, und der Vater hat ihm gedroht, daß er ihn auf den Gipfel des Großen Hermon bringen und ihn dort mit einem taubstummen Sklaven in einer Höhle lasse wird, so lange, bis er das Schweigen gelernt hat. Dort müßte er schweigen denn wenn er mit diesem Sklaven spricht, hört er nichts und gibt kein

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Antwort, und wenn er schreit, kommen die Adler und die Wölfe und fressen ihn auf...»

«Das wäre wirklich eine furchtbare Strafe», sagt Jesus lächelnd und streichelt den Jungen, den seine ganze Kühnheit verlassen hat und der sich an Jesus klammert, als sähe er schon die Adler und die Wölfe, bereit, ihn samt seiner unvorsichtigen Zunge zu verschlingen. «Eine wirklich furchtbare Strafe», wiederholt Jesus.

«O ja! Und ich fürchte, daß er sie verdienen wird und daß ich ohne Matthias bleibe, und weine... Aber er hat weder mit mir noch mit der Mutter Mitleid und wird uns vor Schmerz sterben lassen.»

«Aber ich tue es nicht absichtlich... Ich habe es gehört... und wiederhole es... Es ist so schön zu denken, daß die Römer besiegt und Herodes und Philippus verjagt werden und Jesus König von Israel wird», beendet er seine Ausführungen im Flüsterton und versteckt dabei sein Gesicht in den Gewändern Jesu, um seine Stimme noch mehr zu dämpfen.

«Matthias wird diese Dinge nie mehr sagen. Er verspricht es mir und wird sein Versprechen halten. Ist es nicht so? So wird er nicht verschlungen werden, Johanna und Maria werden nicht vor Schmerz sterben, Chuza wird nicht beunruhigt sein und ich werde nicht gehaßt werden. Denn siehst du, Matthias, du machst mich verhaßt mit diesen Worten. Hättest du eine Freude, wenn Jesus verfolgt würde? Bedenke, was für Gewissensbisse du hättest, wenn du dir eines Tages sagen müßtest: "Ich bin Schuld daran, daß Jesus, der mich gerettet hat, verfolgt wird, und das, weil ich wiederholt habe, was ich zufällig gehört habe"... Jenes waren Männer, und die Männer verlieren Gott oft aus den Augen, denn sie sind Sünder. Wenn sie Gott nicht sehen, sehen sie auch die Weisheit nicht und begehen Irrtümer, selbst wenn es um einen guten Zweck geht oder einen, den sie für gut halten... Aber die Kinder sind gut. Ihre Seelen schauen Gott, und Gott ruht in ihren Herzen. Daher müssen sie die Dinge mit Weisheit verstehen und sagen, daß mein Reich sich nicht durch Gewalt auf Erden, sondern durch die Liebe in den Herzen verwirklichen wird. Sie sollen auch beten, damit alle Menschen dieses mein Reich verstehen, wie es die Kinder verstehen. Die Gebete der Kinder werden von den Engeln in den Himmel getragen, und der Höchste wandelt sie in Gnaden um; und Jesus braucht diese Gnaden, um aus den Menschen, die an den Krieg und an ein zeitliches Reich glauben, Apostel zu machen, die verstehen, daß Jesus der Friede und sein Reich ein geistiges und himmlisches ist. Siehst du dieses Lämmlein? Könnte es je andere zerreißen?»

«O nein! Wenn es das tun könnte, hätte der Vater es uns nicht geschenkt, damit es uns nicht zerreißt.»

«Das hast du gut gesagt. Auch der Vater, der im Himmel ist, hätte mich nicht gesandt, wenn ich die Macht und den Willen, zu zerreißen, gehabt hätte. Ich bin das Lamm und der Hirte. Ich bin milde und sanftmütig wie

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das Lamm, und ich bin der, der mit Liebe, mit dem Stab des guten Hirten vereint und nicht mit der Lanze und dem Schwert des Kriegers. Hast du verstanden? Und nun versprich mir, nie mehr von diesen Dingen zu reden.»

«Ja, Jesus, aber... hilf du mir... denn allein...»

«Ich werde dir helfen. Sieh, ich fahre dir über die Lippen, und so werden sie es fertigbringen, verschlossen zu bleiben.»

«Mein Meister, heilig ist dieser Abend, an dem es mir gewährt ist, dich zu sehen!» sagt Jonathan, der vom Haus herbeieilt und sich zu Jesu Füßen niederwirft.

«Der Friede sei mit dir, Jonathan. Kann ich Johanna sehen?»

«Sie kommt sofort. Sie hat die Römerinnen verabschiedet, um zu dir kommen zu können.»

Jesus schaut ihn fragend an, sagt aber nichts. Er geht auf das Haus zu und hört dabei Jonathan, der von dem "von Herodes sehr angewiderten" Chuza spricht und dann sagt: «Ich bitte dich, ihn aus Liebe zu meiner Herrin zu zügeln, denn er will Dinge tun, die sowohl dir als auch ihm selbst schaden würden, aber besonders dir.»

Johanna kommt eiligen Schrittes auf den Herrn zu. Sie ist in ein glänzend weißes Gewand gekleidet, über das vom Kopf herab ein Schleier fällt, der so stark mit Silber durchwirkt ist, daß er mehr wie Silberfiligran aussieht und ich nicht weiß, wie der zarte Stoff diese Brokatstickerei aushält. Dieser Schleier wird von einem feinen, vorne spitz auslaufenden Diadem, ähnlich einer mit Perlen besetzten Mitra, gehalten. Und dann, Perlen an den Ohren, in schweren Ohrringen, Perlen am Hals, Perlen an den Handgelenken und an den Fingern. Ein Bild der Schönheit, Reinheit und Anmut. Ungeachtet ihres prächtigen Gewandes, wirft sich Johanna in den Staub des kleinen Weges und küßt die Füße Jesu.

«Der Friede sei mit dir, Johanna.»

«Wenn du bei mir bist, ist der Friede in mir und in meinem Haus... Mutter! ...» und sie schickt sich an, auch die Füße Marias zu küssen, aber Maria umarmt Johanna und küßt sie. Auch mit Maria des Alphäus tauscht sie einen Kuß.

Nach der Begrüßung sagt Jesus: «Ich muß mit dir sprechen, Johanna.»

«Hier bin ich, Meister. Maria, mein Haus ist das deine. Verlange alles, was du brauchst. Ich gehe mit dem Meister ...»

Jesus hat sich schon entfernt und wartet auf der Wiese, für alle gut sichtbar, doch weit genug entfernt, daß man ihn nicht hören kann. Johanna holt ihn ein.

«Johanna, ich muß einen Boten aus Antiochia, gewiß von Syntyche, empfangen und habe gedacht, es in deinem Haus zu tun. Hier in deinem Garten...»

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«Du bist Herr über alles, was Johanna gehört.»

«Auch über dein Herz?» Jesus schaut sie scharf an.

«Du weißt es schon, Meister! Ich war dessen fast gewiß; nun aber bin ich ganz sicher. Chuza... die Widersprüchlichkeit der Männer ist gar groß! Ihre Eigensucht ist so stark, und ihre Hingabe an die Gattin ist so gering! ... Wir sind... Was sind wir denn, auch wir Frauen der Besseren? Ein Schmuckstück, das man zur Schau stellt, oder versteckt hält, je nach der Nützlichkeit... Eine Marionette, die lachen oder weinen, anziehen oder abstoßen, reden oder schweigen, sich zeigen oder sich verbergen muß, ganz nach dem Willen des Mannes... immer in seinem Interesse... Unser Los ist traurig, Herr, und auch entwürdigend!»

«Zum Ausgleich ist es euch gegeben, daß ihr euch im Geiste höher emporschwingen könnt.»

«Das ist wahr. Hast du es selbst gewußt oder haben dir andere davon gesprochen? Hast du Manaen gesehen? Er hat dich gesucht ...»

«Nein. Ich habe niemanden gesehen. Ist er hier?»

«Ja. Alle sind wir hier... Ich will sagen: alle Höflinge des Herodes... und viele, weil sie ihn hassen. Unter diesen ist auch Chuza, seit Herodes sich auf Verlangen der Herodias ein Vergnügen daraus macht, seinen Hofmeister zu demütigen... Herr, erinnerst du dich, daß ich dir in Bether sagte, daß er mich von dir trennen wollte, weil er fürchtete, bei Herodes in Ungnade zu fallen? Das war vor nur wenigen Monaten... und schon will er, daß ich... Ja, Herr, jetzt will er, daß ich dich überrede, seine Hilfe anzunehmen, damit du anstelle des Tetrarchen König wirst. Ich muß es dir sagen, denn ich bin eine Frau und daher dem Mann unterworfen; und zudem eine Hebräerin und deshalb um so mehr dem Willen des Mannes untertan. Ich sage es dir... Aber ich rate es dir nicht, denn ich glaube schon zu wissen, daß du... Oh! Du wirst nicht König werden wollen mit gedungenen Kriegsknechten. Oh! Was habe ich nur gesagt? Ich sollte nicht so reden... Ich hätte dich erst Chuza und Manaen und andere anhören lassen sollen. Aber wenn ich geschwiegen hätte, hätte ich dann nicht schlecht gehandelt? ... Herr, hilf mir, das Richtige zu sehen...»

«Das Richtige ist in deinem Herzen, Johanna. Weder mit den römischen Kohorten noch mit den israelitischen Lanzen werde ich mich zum König erheben, selbst wenn Rom und Israel durch mich diesem Lande den Frieden bringen wollten. Ich habe schon genug verstanden, um mir die Dinge zusammenzureimen. Matthias war unvorsichtig im Reden. Jonathan hat auf Unstimmigkeiten hingewiesen. Du sagst den Rest und ich vervollständige folgendermaßen: Eine törichte Vorstellung von meinem Reich treibt die Guten, noch nicht Gerechten, wie Manaen, dazu, Unruhen zu schüren. Sie wollen, entsprechend der fixen Idee vieler, ein israelitisches Reich errichten. Ein bohrendes, glühendes Verlangen, sich für eine Beleidigung zu rächen, treibt andere, zu denen auch dein Gatte gehört, zu

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denselben Taten. Dieser beiden Motive bedienen sich die hinterlistigen Pharisäer, Sadduzäer, Schriftgelehrten und auch Herodianer, um sich meiner zu entledigen, indem sie mich in den Augen unserer Beherrscher so darstellen, wie ich nicht bin. Du hast die Römerinnen verabschiedet, um mir dies zu sagen, um weder Chuza, noch Manaen noch andere zu verraten. Aber in Wahrheit sage ich dir, daß die, die mich am besten von allen verstanden haben, die Heiden sind. Sie nennen mich den Philosophen. Vielleicht halten sie mich für einen Träumer, einen Schwärmer, einen Unglücklichen, da sie überzeugt sind, daß man mit Gewalt alles erreicht. Jedoch haben sie verstanden, wenigstens sie haben verstanden, daß ich nicht von dieser Welt bin und daß mein Reich nicht von dieser Welt ist. Sie fürchten sich nicht vor mir, wohl aber vor meinen Anhängern, und sie haben recht. Diese, der eine aus Liebe, der andere aus Hochmut, wären zu allem fähig, um ihre Idee zu verwirklichen: aus mir, dem König der Könige, dem König des Universums, den armen König eines kleinen Staates zu machen... Und wahrlich, ich muß mich mehr hüten vor dieser Arglist, die im Verborgenen arbeitet, aufgestachelt von meinen tatsächlichen Feinden, die weder im Palast des Prokonsuls von Caesarea noch in dem des Legaten von Antiochia, und nicht einmal in der Burg Antonia zu finden sind, sondern hinter den Tephillim (Gebetsriemen), den Fransen und den Zizith (Schaufäden bzw. Schnüre an den Oberkleidern) der hebräischen Gewänder, und ganz besonders hinter den umfangreichen Tephillim und den wolligen Zizith an den weiten Gewändern der Pharisäer und Schriftgelehrten, mit denen sie eine noch größere Gesetzestreue zur Schau stellen. Aber das Gesetz ist in den Herzen, nicht an den Kleidern. Wenn das Gesetz im Herzen wäre, würden jene, die sich hassen, nun aber zusammenhalten und den gegenseitigen Haß vorübergehend vergessen, um zu schaden, zur Einsicht kommen. Der Haß hat tiefe Gräben zwischen der einen und der anderen Kaste in Israel geschaffen; doch sie sind nun nicht mehr offen, sondern überbrückt durch den Haß auf mich. Wenn also das Gesetz in ihren Herzen, und nicht nur an Kleider, Stirn und Hände gehängt wäre, so wie ein Wilder sich aus Aberglauben und als Schmuck Amulette, Muscheln, Knochen und Vogelschnäbel umhängt; wenn dieses Gesetz im Herzen wäre, wenn die Weisheit nicht auf den Tephillim, sondern auf den Fasern des Herzens geschrieben stünde, dann würden sie wohl verstehen, wer ich bin und daß sie nicht gegen mich angehen können, um mich als das Wort und als Mensch zu vernichten. Ich muß mich daher schützen vor Freunden und Feinden, die in ihrem Haß und in ihrer Liebe gleich ungerecht sind. Ich muß versuchen, die Liebeserweise zu lenken und die Gehässigkeit zu dämpfen. Ich tue es, um meine Pflicht zu erfüllen, und werde es tun, bis ich das Reich errichtet und mit meinem Blute die Steine verbunden und gefestigt habe. Wenn ich sie besprengt habe mit meinem Blute, dann werden eure Herzen nicht mehr wanken. Ich spreche

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von den Herzen derer, die mir treu sind, von deinem, Johanna, das in einem harten Kampf steht zwischen zwei Mächten, zwischen der zweifachen Liebe, die auf dich gerichtet und in dir ist: Ich und Chuza.»

«Aber du wirst siegen, Herr ...»

«Ja, ich werde siegen.»

«Versuche aber auch, Chuza zu retten... Liebe die, die ich liebe.»

«Ich liebe die, die dich lieben.»

«Liebe Chuza, der dich liebt...»

«Die Lüge ist nichts für diese Stirn, die so rein ist wie die Perlen, die sie umgeben, und die nun errötet in dem Bemühen, sich und mich zu überzeugen von einer Liebe des Chuza.»

«Und dennoch, er liebt dich.»

«Ja, in seinem Interesse, so, wie er mich in seinem Interesse in Zio und in Siram nicht liebte... Doch da kommt Simon des Jonas mit dem Fremden. Gehen wir zu ihnen...»

Sie begeben sich zu der geräumigen Vorhalle an der Rückseite des Hauses, oder eher einem halbkreisförmigen Portikus, der sich zum Park hin öffnet und die Vorhalle bildet; der Park verlängert sich bis ins Haus durch diesen halbrunden Vorhof. Er ist mit Säulen geschmückt, an denen sich Rosenstöcke, jetzt ohne Blüten, zartes Jasmingeflecht mit Blütensternen und andere purpurfarbene Rankengewächse, deren Name ich nicht kenne, emporwinden.

«Der Friede sei mit dir, Fremdling. Wolltest du mich sprechen?»

«Gruß dir und Ehre, Herr. Ich suchte dich. Ich habe einen Brief für dich, der mir von einer Griechin in Antiochia übergeben wurde. Ich bin... Nein, ich bin nicht mehr Grieche, da ich römischer Bürger geworden bin, um meine Geschäftsbeziehungen aufrechtzuerhalten. Ich bin Lieferant des römischen Heeres. Ich hasse sie. Aber sie verproviantieren bringt Gewinn. Für das, was sie uns angetan haben, sollte ich Schierling unter das Mehl mischen. Ja, man sollte sie alle vergiften. Aber es würde nichts nützen. Sie würden es noch schlimmer treiben... Sie glauben, daß ihnen alles erlaubt ist, weil sie mächtig sind. Barbaren sind sie im Vergleich zu den Griechen. Sie haben uns alles gestohlen, um sich mit dem Unsrigen zu schmücken und sich für zivilisiert auszugeben. Aber wenn man an der Schale kratzt, die mit unserer Zivilisation bemalt ist, entdeckt man immer einen Amulius, einen Romulus, einen Tarquinius... einen Brutus, der seinen Wohltäter tötet. Jetzt haben sie Tiberius! Doch das ist noch zu wenig für sie! Sie haben Seianus. Sie haben, was sie verdienen. Das Eisen, die Ketten und die von ihnen begangenen Verbrechen, wenden sich gegen sie selbst und beißen ins Fleisch der römischen Bestien. Noch ist es wenig, zu wenig. Aber was Gesetz ist, wird geschehen. Wenn das Ungeheuer erst einmal übergroß geworden ist, wird es durch sein eigenes Gewicht stürzen und verwesen. Dann werden die Besiegten über den riesigen Kadaver lachen

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und von neuem die Sieger sein. So sei es. Alle Füße der Eroberer sollen jene treten, die durch ihre brutale Expansion alles zermalmt hat ... . Aber verzeih, Herr. Der immerwährende Schmerz hat mich wieder einmal überwältigt... Ich sagte, daß eine Griechin mir einen Brief für dich mitgegeben hat. Sie hat mir auch gesagt, daß du der vollkommene Tugendhafte bist. Tugendhaft... Du bist sehr jung, um es zu sein. Die großen Denker von Hellas haben ein ganzes Leben gebraucht, um es ein wenig zu werden... Doch die Frau hat mir von deiner Idee gesprochen. Wenn du wahrhaft an das glaubst, was du lehrst, bist du groß... Ist es wahr, daß du lebst, um dich auf den Tod vorzubereiten, um die Welt die Weisheit zu lehren, wie Götter und nicht wie stumpfe Tiere zu leben, wie die Menschen es heute tun? Ist es wahr, daß du behauptest, daß es nur einen Reichtum gibt, der es verdient, erstrebt zu werden: jenen der Tugend? Ist es wahr, daß du gekommen bist, um zu erlösen, daß aber die Rettung in uns selbst ihren Anfang nimmt durch die Befolgung deiner Lehren? Ist es wahr, daß wir eine Seele besitzen und sie pflegen müssen, weil sie etwas Göttliches ist, etwas Unsterbliches, etwas Unvergängliches ihrer Natur nach, daß wir sie aber selbst entgöttlichen, wenn wir wie vernunftlose Tiere leben, obwohl wir diese Seele nicht zerstören können? Antworte mir, du Großer!»

«Es ist wahr! Alles ist wahr.»

«Beim Zeus! Das sagte auch der Größte der Unseren. Aber es war wie eine Melodie, in der eine Note fehlte, eine Lyra, der eine Saite fehlte. Immer wieder empfand man eine Leere, die der Philosoph nicht auszufüllen vermochte. Du hast sie ausgefüllt, wenn du wahrhaft gekommen bist, nicht nur um zu lehren, sondern auch um zu sterben, von niemandem dazu gezwungen, sondern aus freiem Willen, im Gehorsam gegen Gott, was deinen Tod von Selbstmord in Opfer wandelt... Bei der göttlichen Pallas! Keiner unserer Götter hat dies je getan. Daraus schließe ich, daß du mehr bist als sie. Die Griechin sagt, daß sie überhaupt nicht existieren, daß du allein bist... Spreche ich also mit einem Gott? Und kann ein Gott so einen räuberischen und verschlagenen Lieferanten des Feindes, einen elenden Menschen anhören? Warum hörst du mich an?»

«Weil ich deine Seele sehe.»

«Du siehst sie?! Wie ist sie denn?»

«Krumm, schmutzig, schlangengleich, verbittert und unwissend, obwohl dein Verstand sehr verschieden ist von dem eines Barbaren. Aber drinnen, in diesem häßlichen Tempel, hast du einen Altar, der auf dasselbe wartet wie der auf dem Areopag: auf den wahren Gott.»

«Auf dich also, denn die Griechin sagt, daß du der wahre Gott bist. Aber, beim Zeus, es ist wahr, was du von meiner Seele sagst. Du bist klarer und sicherer als das Orakel von Delphi. Du predigst Frieden, Liebe und Verzeihung, alles schwierige Tugenden. Auch Enthaltsamkeit predigst du und Rechtschaffenheit jeglicher Art... So zu leben bedeutet, größer zu

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sein als die Götter selbst, denn sie... oh, sind weder friedfertig, noch rechtschaffen, noch großherzig! ... Sie sind die Vollendung der schlechten menschlichen Leidenschaften, ausgenommen Minerva, die wenigstens weise ist ... Selbst Diana! Sie ist wohl rein, aber grausam... Ja, so zu sein, wie du predigst, bedeutet, mehr zu sein als die Götter. Wenn ich so werden könnte, beim herrlichen Ganymed! Aus diesem Jüngling wurde ein olympischer Adler und göttlicher Mundschenk, aber aus Zenon, der die barbarischen Herren mit Proviant versieht, würde ein Gott... Erlaube, daß ich mich etwas in diesen Gedanken vertiefe, und inzwischen kannst du den Brief der Frau lesen...» und der Mann beginnt auf- und abzugehen wie ein Peripatetiker.

Der müde Petrus hat sich, als er sieht, daß die Unterhaltung lange dauert, auf einem Sitz in der frischen Vorhalle gemütlich niedergelassen und ist auf den weichen Kissen sanft eingeschlummert. Er muß allerdings ein wachsames Ohr haben, denn schon das Zerbrechen des Siegels und das Aufrollen des Pergaments wecken ihn, und er steht auf und reibt sich die verschlafenen Augen. Dann nähert er sich dem Meister, der aufrecht unter einem Leuchter aus zartviolettem Glimmerschiefer steht. Das schwache Licht erhellt den Ort, ohne ihm den Zauber der mondhellen Nächte zu nehmen. Jesus hält das Blatt hoch, um die Schrift entziffern zu können, und Petrus an seiner Seite, der viel kleiner als der Meister ist, reckt den Hals und stellt sich auf die Zehenspitzen, um etwas zu sehen, was ihm aber nicht gelingt.

«Es ist wohl Syntyche, wie? Was sagt sie?» fragt er zweimal und fleht: «Lies laut, Meister!»

Aber Jesus antwortet nur: «Ja, sie ist es... Später...» Jesus liest immer weiter, und nachdem er das erste Blatt zu Ende gelesen hat, faltet er es und steckt es in die Falten seines Gürtels, um auf dem zweiten Blatt weiterzulesen.

«Viel hat sie geschrieben, nicht wahr? Wie geht es Johannes und wer ist jener Mann?» Petrus ist aufdringlich wie ein Kind, aber Jesus ist so in seine Lektüre vertieft, daß er ihm nicht mehr zuhört. Auch das zweite Blatt ist zu Ende und folgt dem Schicksal des ersten.

«Sie werden zerknittert dort. Gib mir die Blätter, damit ich sie halte...»und sicherlich denkt er sich dabei: «So kann ich etwas hineinblinzeln.»Doch während er aufschaut, um die Hände des Meisters zu beobachten, die das dritte und letzte Blatt wenden, sieht er eine Träne an den blonden Wimpern Jesu.

«Meister! Weinst du?! Warum, mein Meister?» sagt er und drückt ihn an sich, indem er ihm seinen kurzen, muskulösen Arm um die Hüften legt.

«Johannes ist gestorben...»

«Oh! Der Arme! Wann?»

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«Zu Beginn der Hitze ... mit großer Sehnsucht nach uns ...» e, und «Oh, armer Johannes! ... Nun ja... er war am Ende seiner Kräfte dazu der Trennungsschmerz... Alles wegen dieser Schlangen! Wenn ich nur ihre Namen kennen würde! ... Lies laut, Herr. Ich habe Johannes gern gehabt!»

«Später, später werde ich vorlesen. Schweige nun.»

Jesus liest aufmerksam weiter... Petrus reckt seinen Hals noch höher, um etwas zu sehen... Jesus hat zu Ende gelesen, faltet das Blatt und sagt: «Rufe meine Mutter.»

«Liest du den Brief nicht vor?»

«Ich warte auf die anderen. Inzwischen werde ich den Mann entlassen.»

Während Petrus ins Haus geht, wo sich die Jüngerinnen mit Johanna befinden, geht Jesus zu dem Griechen: «Wann wirst du abreisen?»

«Oh, ich muß nach Caesarea zum Prokonsul und dann nach Joppe, sobald ich Waren eingekauft habe. Ich werde in einem Monat abreisen, rechtzeitig, um die Novemberstürme zu vermeiden, denn ich werde den Seeweg nehmen. Bedarfst du meiner?»

«Ja, für die Antwort. Die Griechin sagt mir, daß ich dir vertrauen kann.»

«Man nennt uns falsch, aber wir sind auch fähig, es nicht zu sein. Verlasse dich auf mich. Du kannst den Brief vorbereiten und mich am Laubhüttenfest bei Kleanthes aufsuchen, dem, der mir den Käse aus Judäa für die römischen Tafeln liefert. Es ist das dritte Haus nach der Quelle des Dorfes Bethphage. Du kannst nicht fehlgehen.»

«Auch du kannst nicht fehlgehen, wenn du dem Weg folgst, auf den du den Fuß gesetzt hast. Leb wohl! Dein Griechentum wird dich zum Christentum führen.»

«Machst du mir keinen Vorwurf wegen meines Hasses?»

«Fühlst du, daß ich es tun müßte?»

«Ja, denn du verwirfst den Haß als unwürdige Leidenschaft und verabscheust die Rache.»

«Und was denkst du darüber?»

«Daß wer nicht haßt, sondern verzeiht, größer ist als Zeus.»

«Erreiche also auch du diese Größe... Leb wohl, Mann. Deine Familie möge Syntyche lieben; und im Exil, in dem ihr lebt, wandelt auf den Wegen, die zum unvergänglichen Vaterland führen, dem Himmel. Wer an mich glaubt und nach meinen Wort lebt, wird dieses Vaterland erlangen. Das Licht erleuchte dich. Gehe hin in Frieden.»

Der Mann grüßt und macht sich auf den Weg. Dann bleibt er stehen, kehrt zurück und fragt: «Werde ich dich nicht reden hören?»

«Am frühen Morgen werde ich in Tarichäa sprechen. Aber danach gehe ich nach Syro-Phönizien, und dann, ich weiß noch nicht auf welchem Wege, nach Jerusalern.»

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«Ich werde dich suchen und morgen in Tarichäa sein, um beurteilen zu können, ob du ebenso sprachgewandt bist wie weise.»

Dann geht er endgültig weg.

Die Frauen sind in der Vorhalle und sprechen mit Petrus über den Tod des Johannes. Inzwischen sind auch die anderen gekommen, die in der Stadt geblieben sind, um zu verkünden, daß der Rabbi morgen in Tarichäa sein wird. Alle sprechen von dem armen Johannes von Endor und sind begierig, etwas über ihn zu erfahren.

«Er ist gestorben, mein Sohn!»

«Ja, er ist im Frieden.»

«Wahrlich, er hat aufgehört zu leiden.»

«Er hat den Kerker endgültig verlassen.»

«Es wäre gerecht gewesen, daß er nicht diesen letzten Schmerz des Exils hätte erleiden müssen.»

«Eine Reinigung mehr.»

«Oh, ich möchte sie nicht für mich, diese Reinigung. Jede andere, nur nicht fern vom Meister sterben.»

«Und doch werden wir alle so sterben. Meister... nimm uns mit dir», sagt Andreas nach den anderen.

«Du weißt nicht, um was du bittest, Andreas. Dies ist euer Platz bis zu meinem Ruf. Aber hört, was Syntyche schreibt:

"Syntyche in Christus, grüßt Jesus Christus.

Der Mann, der dir diese Blätter überbringen wird, ist ein Landsmann von mir, der mir versprochen hat, dich zu suchen, bis er dich gefunden hat. Wenn es ihm jedoch nicht gelingen sollte, würde er den Brief Lazarus in Bethanien abgeben. Es ist einer, der sich so gut er kann schadlos hält für die Verluste, die Rom ihm und seinen Vorfahren zugefügt hat. Dreimal hat Rom sie getroffen, auf viele Arten und immer mit den üblichen Methoden. Er sagt mit seiner griechischen Schlauheit, daß er jetzt die Kühe vom Tiber melkt, damit sie die hellenischen Ziegen ausspeien. Er ist Lieferant des Hauses des Legaten und vieler römischer Häuser in diesem kleinen Rom, der königlichen Großstadt des Orients. Außerdem ist es ihm gelungen, nachdem er den raffinierten Geschmack der Reichen befriedigt hatte, mit List und Schmeichelei, die seinen abgrundtiefen Haß verbergen, die Verproviantierung der Kohorten im Orient zu übernehmen. Sein Vorgehen billige ich nicht, aber jeder hat seine Art. Ich würde das auf den Straßen erbettelte Brot den Schreinen voller Gold vorziehen, die er vom Unterdrücker erhält. Und so hätte ich es immer gehalten, wenn nicht jetzt ein anderer Grund als mein persönlicher Nutzen mich veranlassen würde, es dem Griechen für meine Zwecke nachzutun.

Im Grunde ist er ein guter Mensch. Gut sind auch seine Frau, die drei Töchter und ein Sohn. Ich habe sie in der kleinen Schule von Antigonea kennengelernt, und als die Mutter zu Beginn des Frühlings erkrankte,

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habe ich sie mit meinem Balsam geheilt und bekam so Zutritt zu ihrem Haus. Viele Häuser hätten mich gern als Lehrerin und Näherin aufgenommen, Häuser von Adeligen und Kaufleuten, aber ich habe dieses vorgezogen aus einem Grund, der nichts damit zu tun hat, daß darin Griechen leben. Ich werde es dir erklären.

Ich bitte dich, mit Zenon Nachsicht zu üben, auch wenn du seine Denkweise nicht billigen kannst. Er ist wie gewisse trockene Felder, quarzhaltig an der Oberfläche, aber sehr gut unter der harten Kruste. Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, diese harte Kruste, die von so viel Leid herrührt, zu entfernen und den guten Boden zutagezufördern. Er wäre eine große Hilfe für deine Gemeinde; denn Zenon ist bekannt und unterhält Beziehungen zu vielen Leuten aus Kleinasien, Griechenland und Zypern. Selbst in Malta und in Iberia hat er überall Verwandte und Freunde, die wie er Griechen und verfolgt sind oder Römer von der Militär- und Zivilverwaltung, die deiner Sache einmal sehr nützlich sein können.

Herr, während ich auf einer Terrasse des Hauses schreibe, sehe ich Antiochia mit seinen Molen am Fluß, dem Palast des Legaten auf der Insel, seinen Prunkstraßen und seinen Mauern mit Hunderten von mächtigen Türmen; und wenn ich mich umdrehe, sehe ich den Kamm des Silpius, der emporragt mit seinen Kasernen und dem anderen Palast des Legaten. So befinde ich mich zwischen zwei Wahrzeichen römischer Macht, ich, die arme unterjochte Frau, allein. Aber sie jagen mir keine Furcht ein, denn ich denke: was die Gewalt der Elemente und die Macht eines ganzen aufständischen Volkes nicht vermögen, das wird die Schwäche vollbringen, die keinen Schatten wirft; diese scheinbare Schwäche, die den Mächtigen verächtlich erscheint, die aber eine große Kraft in Gott besitzt, in dir.

Ich meine, und ich sage es dir, daß diese römische Macht einst die christliche Macht sein wird, wenn sie dich erkannt hat, und daß von den Zitadellen des heidnischen Rom aus die Arbeit beginnen muß, denn sie werden immer die Herrscher der Welt bleiben, und ein christliches Rom würde ein weltweites Christentum bedeuten. Wann wird dies wohl geschehen? Ich weiß es nicht. Aber ich fühle, daß es so sein wird. Deshalb schaue ich mit einem Lächeln auf diese Zeugnisse römischer Macht und denke an den Tag, da sie ihre Zeichen und ihre Macht in den Dienst des Königs der Könige stellen werden. Ich betrachte sie, wie man nützliche Freunde betrachtet, die noch nicht wissen, daß die es sind; die noch zu leiden geben, bis sie erobert sind, die aber, wenn sie einmal gewonnen sind, dich und deinen Namen bis an die Grenzen der Welt tragen werden.

Ich, als arme Frau, wage es meinen großen Brüdern in dir zu sagen, daß, wenn die Stunde der Eroberung der Welt für dein Reich schlagen wird, die Eroberung der Geister für die Wahrheit nicht in Israel beginnen soll, da es zu sehr von seinem mosaischen Rigorismus, den Pharisäer und andere Kasten noch auf die Spitze treiben, eingenommen ist, um erobert

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zu werden; vielmehr beginnt sie hier, in der römischen Welt und ihren Ausläufern – den Fangarmen, mit denen Rom jeden Glauben, jede Liebe und jede Freiheit, die es nicht will und die ihm nichts nützt, erstickt.

Du weißt dies alles, Herr. Aber ich spreche für meine Brüder, die nicht glauben können, daß auch wir, die Heiden, nach dem Guten streben. Den Brüdern sage ich, daß unter dem heidnischen Panzer Herzen schlagen, die enttäuscht sind von der heidnischen Leere und angeekelt von dem Leben, das sie führen, weil es so Brauch ist. Sie sind des Hasses, des Lasters, der Härte müde. Da gibt es redliche Seelen, die aber nicht wissen, auf wen sie sich stützen sollen, um die Erfüllung ihrer Sehnsucht nach dem Guten zu erlangen. Gebt ihnen einen Glauben, der sie erfüllt. Und sie werden für ihn sterben und ihn hinaustragen in die Finsternis wie eine Fackel, gleich den Athleten der hellenischen Spiele."»

Jesus faltet das erste Blatt zusammen, und während die Zuhörer über den Stil, die Kraft und die Ideen der Syntyche sprechen und sich fragen, weshalb sie wohl nicht mehr in Antigonea ist, entfaltet Jesus das zweite Blatt.

Petrus, der bisher sitzengeblieben ist, nähert sich nun, wie um besser zu hören, lehnt sich an Jesus und stellt sich wieder auf die Zehenspitzen, um zu sehen.

«Simon, es ist so heiß und deine Nähe beengt mich, geh doch an deinen Platz. Hast du denn bis jetzt nicht gehört?» sagt Jesus lächelnd.

«Gehört, ja, aber nicht gesehen, und jetzt möchte ich sehen, denn von diesem Blatt an hast du dich verändert und geweint... nicht nur wegen Johannes, denn daß er bald sterben würde, wußte man...»

Jesus lächelt. Doch, um zu verhindern, daß Petrus ihm von hinten über die Schultern schaut, lehnt er sich an die nächste Säule, obwohl er sich so vom Licht des Kronleuchters entfernt, der nun nicht mehr das Blatt, sondern das Antlitz Jesu hell beleuchtet.

Petrus, fest entschlossen zu sehen und zu verstehen, schiebt seinen Hocker vor Jesus hin, setzt sich und hält seine Augen auf das Antlitz des Meisters gerichtet.

«"So sehr bin ich davon überzeugt, daß ich, nachdem ich allein geblieben bin, Antigonea verlassen und mich nach Antiochia begeben habe in der Gewißheit, dort mehr arbeiten zu können, wo, wie in Rom, alle Rassen beieinander vermischt sind, als dort, wo Israel herrscht. Ich kann als Frau nicht zur Eroberung Roms ausziehen. Doch da diese Stadt für mich unerreichbar ist, so werfe ich in der schönsten Tochterstadt, die der Mutter auf der ganzen Welt am ähnlichsten ist, den Samen aus... In wie viele Herzen wird er fallen? In wie vielen wird er aufsprießen? In wie vielen wird er anderswohin getragen werden, um dann durch das Wirken der Apostel zu keimen? Ich weiß es nicht. Ich verlange auch nicht, es zu wissen. Ich arbeite und opfere diese Arbeit dem Gott auf, den ich kennengelernt habe

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und der meinen Geist und meinen Verstand erfüllt. An diesen Gott glaube ich als an den einzigen, allmächtigen Gott. Ich weiß, daß er den nicht enttäuscht, der guten Willens ist. Das genügt mir und gibt mir Kraft in meinem Tun.

Meister, Johannes ist gestorben am sechsten Tag vor den Nonen des Juni nach dem römischen Kalender, ungefähr im Neumond des Tammus nach hebräischer Zeitrechnung. Herr... dir brauche ich nicht zu sagen, was du schon weißt, aber ich sage es für meine Brüder: Johannes ist als Gerechter gestorben, und wenn ich an seine Leiden denke, muß ich der Wahrheit zuliebe hinzufügen: als Märtyrer.

Ich habe ihm beigestanden mit all dem Mitgefühl, dessen eine Frau fähig ist, mit all der Achtung, die man einem Helden entgegenbringt, und mit all der Liebe, die man für einen Bruder empfindet. Aber damit habe ich nicht ein Leiden verhindern können, das so groß war, daß ich nicht etwa aus Überdruß oder Müdigkeit, sondern aus Mitleid den Ewigen bat, ihn in seinen Frieden abzuberufen, 'zur Freiheit" wie er sich ausdrückte.

Welche Worte kamen aus seinem Munde! Kann ein Mensch, der in solche Tiefen hinabgestiegen ist, wie er sagte, zu einem so großen Licht der Weisheit aufsteigen? Oh, der Tod ist wirklich das Geheimnis, das unseren Ursprung enthüllt; und das Leben ist die Szenerie, die das Geheimnis verbirgt, eine Szenerie, die uns nicht vorgezeichnet wird und auf der wir nach unserem Gutdünken wirken können. Er hatte dort manches Unschöne eingezeichnet, aber die letzten Werke waren erhaben. Aus den düsteren Tiefen menschlichen Schmerzes und menschlicher Gewalttätigkeit hat er sich als weiser Künstler zu immer lichtvolleren Sphären erhoben, indem er die Zeitspanne seines christlichen Lebens mit Tugenden zierte und sie in der strahlenden Lichtfülle einer in Gott eingetauchten Seele beendete.

Ich versichere dir: Er sprach sie nicht, er sang seine letzte Dichtung. Er starb nicht, er stieg empor. Ich konnte auch nicht genau unterscheiden, wann es noch der Mensch war, der sprach, und wann schon der Geist, der Sohn Gottes, sprach.

Herr, du weißt, daß ich alle Werke der Philosophen gelesen habe, um eine Weide für die Seele zu finden, die noch in den doppelten Ketten der Sklaverei und des Heidentums lag. Aber es waren Menschenwerke. Hier waren es keine menschlichen Stimmen mehr: es waren Worte eines Übermenschen, eines königlichen Geistes, mehr noch, eines halb göttlichen Geistes.

Ich habe über das Geheimnis gewacht, das übrigens von denen, die uns beherbergten, nicht verstanden worden wäre. Sie waren gut zu ihm als Mensch, aber israelitisch im wahrsten und weitesten Sinn des Wortes. Zuletzt, als Johannes nur noch die sprechende Liebe war, habe ich alle anderen Menschen von ihm ferngehalten und allein das aufgenommen, von dem du gewiß weißt ...

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Herr, dieser Mann ist gestorben, er ist endlich aus dem Kerker in die Freiheit eingegangen, wie er mit dem letzten Hauch seiner Stimme und mit dem in Verzückung entflammten Blick sagte, während er meine Hand hielt und mir durch seine Worte das Paradies enthüllte. Im Sterben hat mich dieser Mann gelehrt, gut zu leben, zu verzeihen, zu glauben, zu lieben. Im Sterben hat er mich vorbereitet auf die letzte Zeit deines Lebens.

Herr, ich weiß alles. Er hat mich an den Winterabenden über die Propheten unterrichtet. Ich kenne das prophetische Buch wie eine echte Israelitin; aber ich weiß auch, was das Buch nicht ausdrücklich sagt...

Mein Meister und mein Herr... ich werde ihn nachahmen und würde gerne dieselbe Gunst erlangen; aber ich meine, daß es heldenhafter ist, nicht darum zu bitten und einfach deinen Willen zu tun..."»

Jesus faltet das Blatt zusammen und will das dritte ergreifen.

«Nein, nein, Meister! Das kann nicht sein... Da muß noch etwas anderes stehen. Dieses Blatt kann nicht so schnell zu Ende sein», ruft Petrus aus. «Du hast nicht alles gelesen. Warum, Herr? Ihr alle, protestiert! Syntyche hat mehr für uns als für ihn geschrieben, und er liest es nicht.»

«Bestehe nicht darauf, Petrus!»

«Und ob ich darauf bestehe! Weißt du, ich habe gesehen, daß dein Auge plötzlich weiter nach unten geschaut hat und daß du – es scheint etwas durch – die letzten Zeilen nicht gelesen hast. Ich werde keine Ruhe geben, bis du den letzten Abschnitt dieses Blattes noch liest. Du hast vorhin geweint! ... Gibt es vielleicht etwas zu weinen in dem, was du gelesen hast? Ja, gewiß ist es traurig, daß er gestorben ist. Aber über einen solchen Tod weint man nicht. Ich dachte schon, er hätte vor dem Tod seinen Glauben verloren, wäre nicht gut gestorben ... Statt dessen... Lies weiter! Mutter! Johannes! Ihr, die ihr alles erreicht ...»

«Höre ihn an, mein Sohn, und wenn auch etwas Schmerzliches darin steht, so werden wir alle den Kelch trinken...»

«Es sei denn, wie ihr wollt...

"Ich kenne das Buch wie eine echte Israelitin; aber ich weiß auch, was das Buch nicht ausdrücklich sagt, nämlich, daß dein Leiden bald vollendet sein wird, da Johannes nun gestorben ist und du ihm einen nur kurzen Aufenthalt im Limbus versprochen hast. Er hat es mir gesagt. Er hat mir gesagt, daß du ihm versprochen hast, ihn rechtzeitig aus dieser Welt scheiden zu lassen, damit er nicht mitansehen muß, wie weit der Haß Israels gegen dich gehen kann und um zu vermeiden, daß er aus Liebe zu dir deine Henker haßt. Jetzt ist er tot... Auch du bist also dem Tode nahe... Nein, dem Leben. Wahrlich, wir alle werden dem Leben nahe sein mit deiner Lehre, mit dir selbst in uns, mit der Göttlichkeit in uns, nachdem dein Opfer uns das Leben der Seele, die Gnade, die Vereinigung mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist wiedergegeben haben wird.

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Meister, mein Retter, mein König, mein Gott... groß ist meine Versuchung, vielmehr groß war sie, dich aufzusuchen, jetzt, da der Leib des Johannes im Grabe ruht und seine Seele in der Erwartung. Ich möchte bei dir sein mit den anderen, nahe bei deinem Altar. Aber die Altäre werden nicht nur mit dem Opferlamm geschmückt, sondern auch mit Girlanden zur Ehre des Gottes, dem das Opfer dargebracht wird. Ich lege als in der Ferne lebende Jüngerin meine violette Girlande am Fuße deines Altares nieder. Ich lege dort den Gehorsam, die Arbeit, das Opfer, dich weder hören noch sehen zu können, nieder... Ah, es wird sehr hart sein! Es ist schon jetzt hart, da deine übernatürlichen Gespräche mit Johannes zu Ende sind und ich mich ihrer nicht mehr erfreuen kann! ... Herr ' strecke deine Hand aus über deine Dienerin, damit sie nur deinen Willen tue und dir zu dienen verstehe."»

Jesus faltet das Blatt und schaut in die Gesichter der Zuhörer. Sie sind bleich. Aber Petrus murmelt: «Ich verstehe nicht, weshalb du geweint hast... Ich dachte, es stünde noch etwas anderes da...»

«Ich habe geweint, weil ich den einstigen Gattenmörder und Galeerensträfling und die heidnische Sklavin mit gar zu vielen in Israel verglichen habe.»

«Ich habe verstanden! Es bedrückt dich, daß die Hebräer tiefer stehen als die Heiden und die Priester und Fürsten tiefer als die Galeerensträflinge. Du hast recht. Ich war töricht! Welch eine Frau! Schade, daß sie weggehen mußte ...»

Jesus entfaltet das dritte Blatt:

«"Und damit ich in allem den Jünger und Bruder nachzuahmen wisse, der nun im Frieden ist und der dahingegangen ist, nachdem er jede Art der Reinigung vollzogen hatte... zu deiner Ehre und um deine Leiden zu erleichtern."»

«Ah, nein!» Petrus ist gewandt auf seinen Hocker gesprungen, bevor Jesus zur Seite treten kann und sieht nun, daß Jesus unmöglich schon bis zu der Stelle gekommen sein kann, wo er jetzt liest. Man muß sich auch vor Augen halten, daß sich das Pergament von selbst zusammenrollt, wenn es oben nicht gehalten wird, und daß also schon viele Zeilen im oberen Teil des Blattes verborgen sind.

Jesus erhebt sein Haupt und mit einem Blick, der eher wehmütig als traurig, sanft, aber entschieden ist, weist er seinen Apostel zurück und sagt: «Petrus, dein Meister weiß, was gut für dich ist! Laß mich dir geben, was gut für dich ist...»

Petrus ist betroffen von diesen Worten und noch mehr von den flehenden Augen Jesu, in denen Tränen, die fast schon heruntertropfen, glänzen. Er steigt vom Hocker herab und sagt: «Ich gehorche... Aber was wird da wohl stehen?!»

Jesus liest weiter: «"Nachdem ich nun von anderen gesprochen habe,

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will ich von mir sprechen. Ich habe nach dem Begräbnis des Johannes Antigonea verlassen. Nicht, daß man mich schlecht behandelt hätte. Ich fühlte nur, daß es nicht mein Platz war. Weshalb ich dieses Gefühl hatte? Ich weiß es nicht. Ich fühlte es. Wie ich dir schon gesagt habe, habe ich viele Familien kennengelernt, denn viele sind zu uns gekommen. Ich zog es vor, mich bei der des Zenon einzurichten, weil sie dem Gesellschaftskreis angehört, in dem ich zu arbeiten gedenke.

Eine römische Dame wollte mich in ihr herrliches Haus in der Nähe der Kolonnaden des Herodes mitnehmen. Eine sehr reiche Syrerin hätte mich gern als Meisterin in ihrer Stoffabrik gehabt, die ihr Gemahl aus Tyrus in Seleucia gegründet hat. Eine Witwe, Proselytin und Mutter von sieben Mädchen, die bei der Brücke von Seleucia wohnt, wollte mich im Gedenken an Johannes, den Lehrer ihrer Kinder, in ihrem Haus haben. Eine griechisch-syrische Familie mit Warenhäusern in einer Straße nahe dem Zirkus bat mich, zu ihr zu kommen, weil ich ihr zur Zeit der Spiele nützlich sein könnte. Schließlich drängte mich auch ein Römer, ich glaube, er war Centurio, aber sicher beim Militär, der aus ich weiß nicht welchen Gründen hiergeblieben ist, und den ich auch mit meinem Balsam geheilt habe, zu ihm zu kommen.

Nein. Ich wollte weder die Reichen noch die Kaufleute. Ich wollte Seelen, griechische und römische Seelen, denn ich fühle, daß bei diesen die Verbreitung deiner Lehre in der Welt beginnen muß. Und nun bin ich im Haus des Zenon an den Hängen des Silpius, in der Nähe der Kasernen. Die Festung droht von ihrem Gipfel. Aber trotz ihres finsteren Aussehens gefällt sie mir doch besser als die reichen Paläste des Omphalos und Nymphäums. Und ich habe Freunde dort. Einen Soldaten mit Namen Alexander, der dich kennt. Ein schlichtes Kinderherz in einem stattlichen Soldaten. Und selbst der römische Tribun, der vor kurzem aus Caesarea gekommen ist, birgt unter seiner Rüstung ein rechtschaffenes Herz. In seiner rauhen Einfachheit ist Alexander der Wahrheit näher. Doch der Tribun, der dich bewundert als einen vollkommenen Redner, einen 'göttlichen' Philosophen, wie er sagt, ist der Weisheit nicht feindlich gesinnt, wenn er die Wahrheit auch noch nicht zu erfassen vermag. Aber diese Männer und ihre Familien mit selbst einer geringen Kenntnis deiner Lehre zu erobern, bedeutet, Samen von dieser Kenntnis nach Norden und Süden, nach Osten und Westen auszustreuen; denn die Truppen sind wie die Körner, die eine Schaufel durcheinanderwirft, oder besser: sie sind wie Spreu, welche die Windmühle, in unserem Fall der Wille der Caesaren und die Bedürfnisse der Regierung, in alle Richtungen zerstreut.

Wenn der Tag kommt, da deine Apostel wie zum Fluge losgelassene Vögel in die Welt hinausgehen, wird es ihnen eine große Hilfe sein, am Ort ihres Apostolates einen Menschen, auch nur einen einzigen, anzutreffen,

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der schon etwas über dich weiß. In dieser Absicht pflege ich ;auch die schmerzenden Glieder der alten Gladiatoren und die Wunden der jungen. Aus demselben Grund fliehe ich nicht mehr die römischen Frauen und ertrage, die mir einst Schmerz bereiteten... Alles für dich!

Sollte ich fehlen, so rate du mir mit deiner Weisheit. Wisse nur, aber du weißt es ja schon, daß meine Fehler von Unfähigkeit und nicht von Bosheit herrühren.

Herr, deine Dienerin hat dir nun vieles erzählt... und doch ist es ein Nichts im Vergleich zu dem, was ich im Herzen trage. Aber du siehst meine Seele, Herr... Wann werde ich dein Antlitz schauen? Wann werde ich deine Mutter wiedersehen, die Brüder? ... Das Leben ist ein Traum, der vergeht. Auch die Trennung wird vorübergehen. Ich werde in dir sein und mit ihnen, und es wird Freude und Freiheit für mich sein, auch für mich, wie für Johannes.

Ich werfe mich zu deinen Füßen nieder, mein Retter. Segne mich mit deinem Frieden.

Maria von Nazareth und den Jüngerinnen Friede und Segen. Den Aposteln und Jüngern Friede und Segen. Dir, Herr, Ehre und Liebe."

Ich habe euch den Brief vorgelesen. Komm mit mir, Mutter. Ihr, wartet auf mich oder begebt euch zur Ruhe. Ich werde nicht ins Haus zurückkehren. Ich werde mit meiner Mutter im Gebet verweilen. Johanna, wenn mich jemand suchen sollte, bin ich im Pavillon am See.»

Petrus hat Maria beiseitegenommen und spricht aufgeregt, aber leise mit ihr. Maria lächelt ihm zu und flüstert etwas. Dann holt sie ihren Sohn ein, der auf dem in der Nacht kaum sichtbaren Pfad wandelt.

«Was wollte Simon des Jonas?»

«Er wollte allerlei wissen, mein Sohn. Er ist wie ein Kind... ein großes Kind... aber herzensgut.»

«Ja, er ist wirklich gut; und er hat dich, die Allergütigste gebeten, um etwas zu erfahren... Er hat den schwachen Punkt entdeckt: dich und Johannes. Ich weiß es, obwohl ich es mir nicht anmerken lasse. Aber ich kann nicht immer nachgeben, um ihn zufriedenzustellen... Es war nicht nötig, Jonathan. Wir hätten auch im Dunkeln sein können», sagt Jesus, als er Jonathan herbeieilen sieht mit einer silbernen Laterne, die er auf den Tisch stellt, und mit Kissen für die Sitze im Pavillon.

«Johanna hat es angeordnet. Der Friede sei mit dir, Meister.»

«Und mit dir.»

Sie bleiben allein.

«Ich sagte eben, daß ich ihn nicht immer zufriedenstellen kann. Heute Abend konnte ich es nicht. Du allein darfst die Dinge erfahren, die ich verschwiegen habe. Deswegen wollte ich dich hier haben, und auch, u

mit dir zusammen zu sein, Mutter... Das Zusammensein mit dir in den letzten Stunden vor einer Trennung bedeutet, süße Kraft zu schöpfen, um

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von ihr erfüllt zu sein in den Stunden der Einsamkeit, in einer Welt, die mich nicht versteht oder nur schlecht versteht. Und mit dir zusammen zu sein in den ersten Stunden nach einer Rückkehr heißt, mich an deiner gütigen Milde sogleich zu erholen von allen Kelchen, die ich auf dieser Welt trinken muß... und die so abstoßend und bitter sind.»

Maria liebkost ihn ohne zu sprechen. Die Mutter, die ihren Sohn tröstet, steht aufrecht neben ihm, der sitzt. Aber er fordert sie auf, sich zu setzen, und sagt: «Höre...» und Maria wird in ihrer aufmerksamen Haltung zur Jüngerin, die Jesus, dem Meister, aufmerksam zuhört.

«Syntyche schreibt in dem Absatz, in dem von Antiochia die Rede ist: "Hierher hat mich mein Wille – ich weiß nicht zu unterscheiden, wo der menschliche aufhört und der göttliche beginnt, denn ich bin nicht weise, – geführt, ein Wille, der stärker als meine Sehnsucht ist. Und wer weiß, ob dies nicht ganz der Wille Gottes gewesen ist. Gewiß, fast sicher ist es eine Gnade des Himmels, daß ich nun diese Stadt liebe, die mich mit den Höhen des Casius und des Amanus, die von beiden Seiten über sie wachen, und den grünen Kämmen der fernen Gebirge sehr an mein verlorenes Vaterland erinnert. Mir scheint, als wäre dies der erste Schritt meiner Rückkehr in die Heimat, nicht mehr der müde Schritt einer Pilgerin, die zurückkehrt, um zu sterben, sondern der einer Botin, die dem Land, wo ihre Wiege stand, neues Leben bringt. Mir scheint, daß ich von hier aus wie eine Schwalbe, die im Fluge geruht und sich mit Weisheit genährt hat, zu der Stadt fliegen muß, in der ich das Licht der Weit erblickte und von der ich zum Licht aufsteigen will, nachdem ich ihr das Licht, das mir geschenkt wurde, gebracht habe.

Meine Brüder in dir, ich weiß es, würden diesen Gedanken nicht billigen. Sie wollen deine Weisheit nur für sich. Aber das ist ein Fehler. Eines Tages werden sie begreifen, daß die Welt wartet und daß die verachtete Welt die bessere sein wird. Ich bereite ihnen den Weg. Nicht nur hier, sondern durch alle, die hier zu den Oberen gehören und später in andere Länder zurückkehren; und ich mache keinen Unterschied zwischen Heiden und Proselyten, Griechen und Römern, oder Leuten aus sonstigen Kolonien des Reiches und der Diaspora. Ich spreche und erwecke den Willen, dich kennenzulernen... Das Meer besteht nicht aus dem Regen eines einzigen Wolkenbruches. Es besteht aus vielen, vielen, vielen Wolken, deren Wasser auf die Erde fallen und sich dann ins Meer ergießen. Ich werde eine Wolke sein, und das Meer wird das Christentum sein. Ich will die Kenntnis von dir verbreiten, um dazu beizutragen, das Meer des Christentums zu bilden. Als Griechin liegt es mir zu Griechen sprechen, nicht so sehr wegen der Sprache, sondern weil ich ihre Eigenheiten kenne... Als einstige Sklavin der Römer kann ich mit den Römern umgehen, deren schwache Seiten ich kenne, und da ich lange unter Juden gelebt habe, weiß ich auch, wie man diese behandeln muß, besonders hier, wo es viele Proselyten

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gibt. Johannes ist gestorben zu deiner Ehre. Ich werde leben zu deiner Ehre. Segne unsere Seelen."

Dann, weiter unten, dort, wo sie vom Tod des Johannes erzählt, dort, wo ich Petrus nicht habe mitlesen lassen, steht geschrieben: "Johannes ist gestorben, nachdem er jegliche Art der Reinigung durchgemacht hat, auch die schwerste, da er denen verziehen hat, die ihn mit ihrer Handlungsweise getötet und dich gezwungen haben, ihn fortzuschicken. Ich kenne ihre Namen, wenigstens den des Schlimmsten unter ihnen. Johannes hat ihn mir enthüllt mit den Worten: 'Mißtraue ihm immer. Er ist ein Verräter. Er hat mich verraten und wird ihn und die Gefährten verraten. Aber ich verzeihe Iskariot, wie er ihm verzeihen wird. Der Abgrund, in dem er sich befindet, ist schon so tief, daß ich ihn nicht noch tiefer machen will, indem ich ihm die Verzeihung dafür verweigere, daß er mich umgebracht hat durch die Trennung von Jesus. Meine Verzeihung wird ihn nicht retten. Nichts wird ihn retten, weil er ein Dämon ist. Ich sollte das nicht sagen, ich, der ich selbst ein Mörder war. Aber ich hatte wenigstens einen Grund, eine Beleidigung, die mich zum Wahnsinn trieb. Er schilt den, der ihm nichts Böses zugefügt hat, und wird schließlich auch seinen Erlöser verraten. Aber ich verzeihe ihm, denn die Güte Gottes hat aus seinem Neid auf mich mein Wohl geschaffen. Siehst du? Alles habe ich gesühnt. Er, der Meister, hat es mir gestern abend gesagt. Alles habe ich gesühnt. Jetzt verlasse ich den Kerker, und bin wahrhaft frei; frei auch von der Last der Erinnerung an die Sünde, die Judas von Kerioth gegen einen Unglücklichen begangen hat, der bei seinem Herrn den Frieden gefunden hatte.'

Auch ich verzeihe ihm nach seinem Beispiel; ihm, der mich dir, der gesegneten Mutter, und den schwesterlichen Jüngerinnen entrissen hat; der mich daran hindert, dich zu hören und dir zu folgen bis zum Tode, um bei deinem Triumph als Erlöser zugegen zu sein. Ich tue es für dich, zu deiner Ehre und um deine Leiden zu erleichtern. Sei beruhigt, mein Herr. Der schmachvolle Name, der in den Reihen deiner Nachfolger zu finden ist, wird nie über meine Lippen kommen, und damit auch nichts von all dem, was ich von Johannes erfahren habe, als sein Ich mit deiner unsichtbaren, beglückenden Gegenwart sprach. Ich war im Zweifel, ob ich nicht zu dir kommen sollte, bevor ich mich in meinem neuen Heim einrichte. Aber ich fühlte, daß ich mich vielleicht verraten hätte durch meinen Abscheu vor Iskariot, und daß ich dir dadurch bei deinen Feinden geschadet hätte. So habe ich denn auch diesen Trost aufgeopfert... in der Überzeugung, daß dieses Opfer nicht ohne Frucht und Lohn bleiben wird."

Sieh, Mutter, konnte ich das Simon vorlesen?»

«Nein, weder ihm noch den anderen. Schmerz und Freude zugleich empfinde ich über diesen heiligmäßigen Tod des Johannes... Sohn, beten wir, auf daß er unsere Liebe fühle und... und Judas nicht zur Schande

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werde ... Oh, es ist furchtbar! ... Und doch... wir werden vergeben und verzeihen ...»

«Beten wir ...» Sie erheben sich und beten im flackernden Licht der Lampe, hinter den Vorhängen herabhängender Zweige, während die Brandung in regelmäßigem Rhythmus das Ufer bespült ...

511. BEI DEN THERMEN VON EMMAUS BEI TIBERIAS

Der See liegt da wie ein riesiger Sardonyx, eingefaßt von den Hügeln, die im Sternenschein kaum zu sehen sind, da der Mond bereits untergegangen ist. Jesus ist allein in dem grünen Pavillon am Tisch, im Schein der erlöschenden Lampe, sein Haupt auf die Vorderarme gelegt. Er schläft jedoch nicht, und bisweilen hebt er sein Haupt und betrachtet die Blätter des Briefes, die auf dem Tisch ausgebreitet sind, am oberen Rand von der Lampe und am unteren von seinen Vorderarmen gehalten. Dann neigt er wieder das Haupt.

Die Stille ist vollkommen. Selbst der See scheint in der schwülen Wärme zu schlafen. Dann plötzlich ein Windesrauschen im Laub und gleichzeitig das einsame Klatschen einer Welle am Ufer, eine Veränderung in der Natur, ich würde sagen, ein Knistern der erwachenden Elemente. Das kaum merkliche erste Morgengrauen ist schon ein Vorbote des Lichtes, obwohl das Auge es noch nicht wahrnimmt, wenn es über den verlassenen Garten schweift. Es ist der Spiegel des Sees, der diese Wiedergeburt des Lichtes anzeigt, denn sein dunkler, bleierner Sardonyx wird heller, und da er den sich aufhellenden Himmel widerspiegelt, geht das Bleigrau langsam in Schiefergrau und dann Eisengrau über. Danach gleicht er einem schillernden Opal, und schließlich nimmt er die Farbe des Himmels an, die Bläue paradiesischer Gewässer.

Jesus steht auf, faltet die Blätter zusammen, nimmt die Lampe, die der erste Hauch der frischen Brise ausgelöscht hat und geht dem Haus zu. Er begegnet einer Dienerin, die sich vor ihm verneigt, dann einem Gärtner, der sich zu den Beeten begibt und mit dem er einen Gruß austauscht. Nun betritt er die Vorhalle, in der andere Diener ihre ersten Arbeiten verrichten.

«Der Friede sei mit euch. Könntet ihr die Meinen rufen?»

«Sie sind schon aufgestanden, Herr, und der Wagen für die Frauen ist bereit. Auch Johanna ist bereits in der inneren Vorhalle.»

Jesus geht durch das Haus zur Vorhalle, die auf der Straßenseite liegt, und tatsächlich sind alle dort versammelt.

«Gehen wir. Mutter, der Herr sei mit dir. Auch mit dir, Maria, und mein Friede begleite euch. Leb wohl, Simon. Bring Salome und den Kindern meinen Frieden.»

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Jonathan öffnet das schwere Tor. Auf dem verlassenen Weg steht der bedeckte Wagen. Zwischen den Häusern ist es noch nicht sehr hell. Die Frauen steigen mit ihrem Verwandten ein, und der Wagen setzt sich in Bewegung.

«Auch wir wollen gleich aufbrechen. Andreas, laufe voraus zu den Booten und sage den Schiffsjungen, sie sollen in Tarichäa auf uns warten.»

«Wie? Gehen wir zu Fuß? Wir werden zu spät ankommen...»

«Das macht nichts. Geht voraus, während ich mich von Johanna verabschiede.»

Die Apostel machen sich auf den Weg...

«Ich folge dir, Herr, oder besser, ich fahre voraus, denn ich werde mit dem Boot kommen.»

«Du wirst lange warten müssen...»

«Das macht nichts. Laß mich kommen.»

«Wie du willst. Ist Chuza nicht hier?»

«Er ist noch nicht nach Hause gekommen, Herr.»

«Du kannst ihm sagen, daß ich ihn grüßen lasse und ihn ermahne, gerecht zu sein. Liebkose für mich die Kinder. Du aber, die du deinen Meister verstanden hast, überzeuge Chuza, daß er im Irrtum ist, und mit ihm alle jene, die aus dem Gesalbten einen zeitlichen König machen wollen.»

Auch Jesus macht sich auf den Weg und holt die Apostel bald ein.

«Laßt uns den Weg nach Emmaus einschlagen, denn viele Unglückliche begeben sich zu den Quellen, die einen, um Heilung zu erlangen, die anderen, um Hilfe zu finden.»

«Aber wir haben keinen Heller mehr ...» entgegnet Jakobus des Zebedäus.

Jesus antwortet nicht.

Die Straßen bevölkern sich zunehmend von Minute zu Minute, und mit Menschen zweier sehr verschiedener Gesellschaftsschichten. Man sieht Gärtner, Verkäufer, Diener, Sklaven und Leute aus dem Volk, die zu den Märkten eilen, und reiche Lebemänner, die sich in Sänften oder auf ihren Reittieren zu den Quellen begeben. Ich nehme an, daß es Thermalquellen sind, da sie Heilung bringen sollen.

Tiberias muß ziemlich kosmopolitisch sein, denn unter den Reisenden sieht man Personen verschiedener Nationen. Durch ihr müßiges und lasterhaftes Leben schwerfällig gewordene Römer. Herausgeputzte Griechen, die gewiß nicht weniger liederlich leben als die Römer, aber anders vom Laster gezeichnet sind als die Lateiner. Leute von der phönizischen Küste. Meist ältere Hebräer. Verschiedene Dialekte und Sprachen, Kleider aller Art, hier und da das bleiche Gesicht eines Kranken oder einer Kranken, müde Patriziergesichter... und auch Gesichter von Lebemenschen beiderlei Geschlechts, die in Gruppen reisen, die einen zu Pferd, die

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anderen in Sänften, die scherzen, über wertlose Dinge diskutieren und dabei noch Wetten abschließen...

Der Straße ist schön. Eine schattige Allee, deren Baumreihen auf der einen Seite den Blick auf den See und auf der anderen auf das freie Feld freigeben. Die Sonne, die bereits aufgegangen ist, belebt die Farben des Wassers und der Pflanzen.

Viele wenden sich um, um Jesus anzusehen, und flüstern sich dann etwas zu. Worte der Bewunderung vonseiten der Frauen, spöttische Worte vonseiten der Männer, auch Murren und Hohn, bisweilen flehentliche Bitten eines Leidenden, das Einzige, wofür Jesus ein Ohr hat und was er mit Erhörung beantwortet.

Als er die durch die Gicht gelähmten Glieder eines Mannes aus Tyrus wieder gelenkig macht, wird die ironische Gleichgültigkeit vieler Heiden erschüttert.

«Oha», ruft ein alter Römer mit von der Schwelgerei aufgedunsenem Gesicht. «Oha! Auf diese Weise gesund zu werden, ist schön. Ich werde ihn rufen.»

«Für dich tut er nichts, alter Silen. Was würdest du tun, wenn du geheilt würdest?»

«Weiter genießen!»

«Dann ist es zwecklos, zu dem traurigen Nazarener zu gehen.»

«Ich gehe zu ihm und wette um das, was ich habe, daß...»

«Wette nicht! Du wirst verlieren.»

«Laß ihn nur wetten. Er ist noch betrunken. Wir werden sein Geld schon genießen.»

Der schwankende Alte steigt aus seiner Sänfte und geht zu Jesus, der gerade eine hebräische Mutter anhört, die ihm von ihrer Tochter erzählt, einem blutarmen Mädchen, das sie an der Hand führt.

«Fürchte dich nicht, Frau. Deine Tochter wird nicht sterben. Kehre nach Hause zurück und geh nicht zu den Quellen. Sie würde dort die Gesundheit des Körpers nicht wiedererlangen, aber die Reinheit der Seele verlieren. Es sind Orte erniedrigender Lasterhaftigkeit.» Und er sagt es sehr laut, damit alle es hören.

«Ich habe Glauben, Rabbi. Ich kehre nach Hause zurück. Segne deine Dienerinnen, Meister.»

Jesus gibt ihnen den Segen und schickt sich an weiterzugehen.

Der Römer zieht ihn am Gewand und befiehlt: «Heile mich!»

Jesus schaut ihn an und fragt: «Wo?»

Die Römer, und mit ihnen Griechen und Phönizier, haben sich um ihn versammelt und grinsen und wetten. Israeliten, die sich ebenfalls genähert haben, flüstern: «Profanierung! Anathema!» und andere ähnliche Worte, bleiben aber dennoch neugierig stehen.

«Wo?» fragt Jesus.

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«Überall. Ich bin krank ... Hi, hi, hi!» Ich weiß nicht, ob er lacht oder weint, so eigenartig ist der Laut, den er von sich gibt. Es scheint, daß das schlaffe Fett, das die jahrelange Lasterhaftigkeit hinterlassen hat, selbst die Stimmbänder belastet. Der Mann zählt alle seine Gebrechen auf und spricht über seine Angst vor dem Tod.

Jesus schaut ihn streng an und antwortet: «Du hast allen Grund, dich vor dem Tod zu fürchten, denn du hast dich selbst zugrundegerichtet», und damit wendet er dem Römer den Rücken zu. Der aber sucht ihn wiederholt am Gewand zu packen, während die Anwesenden grinsen. Jesus befreit sich aus seinem Griff und entfernt sich.

«Daumen nach unten, Appius Fabius! Daumen nach unten! Der sogenannte König der Hebräer hat dich nicht begnadigt. Gib uns das Geld. Wette verloren.» Griechen und Römer machen einen Riesenlärm und umringen den Enttäuschten, der sie zur Seite stößt und zu laufen beginnt, so gut es ihm seine Fettleibigkeit erlaubt, wobei er sein Gewand rafft und mit der ganzen Masse seines Fettes wackelt, bis er schließlich stolpert und in den Staub fällt unter dem lauten Gelächter seiner Freunde, die ihn dann unter einen Baum schleppen. An dessen Stamm gelehnt, stimmt er das lächerliche Gejammer eines Betrunkenen an.

Die heißen Quellen müssen in der Nähe sein, denn die Volksscharen, die von allen Seiten zusammenströmen, werden immer dichter. Geruch von schwefelhaltigen Wasser liegt in der Luft.

«Gehen wir zum Ufer hinab, um diese Unreinen zu vermeiden?» fragt Petrus.

«Nicht alle sind unrein, Simon. Auch viele aus Israel sind unter ihnen», sagt Jesus.

Sie sind bei den Thermen angelangt. Ich sehe eine Reihe von weißen Gebäuden aus Marmor, die durch Alleen voneinander getrennt sind und dem See zu liegen, von dem sie wiederum eine Art großer Platz mit Bäumen trennt, auf dem die Besucher in Erwartung des Bades oder zur Erholung danach spazierengehen. Medusenköpfe aus Bronze an der Mauer eines Gebäudes sprudeln dampfendes Wasser in ein Marmorbecken, das außen weiß, innen rötlich ist, als ob es mit verrostetem Eisen verkleidet wäre. Viele Hebräer gehen zu den Quellen und trinken aus Bechern das Mineralwasser. Nur Hebräer sehe ich in diesem Pavillon. Es scheint mir, daß die strenggläubigen Juden einen abgesonderten, eigenen Platz haben wollen, um Kontakte mit den Heiden zu vermeiden.

Viele Kranke liegen auf Tragbahren und warten auf die Kur, und sobald sie Jesus erblicken, rufen viele: «Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner.»

Jesus begibt sich zu diesen Gelähmten, Gichtbrüchigen, Kranken mit gebrochenen Knochen, die nicht heilen wollen, Blut- und Drüsenkranken, frühzeitig verwelkten Frauen und frühreifen Kindern. Und unter den Bäumen jammern die Bettler und bitten um Almosen.

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Jesus bleibt bei den Kranken stehen, und die Nachricht, daß der Rabbi sprechen und heilen wird, verbreitet sich. Die Leute, auch die anderer Rasse, nähern sich, um zu sehen.

Jesus wendet sich nach allen Seiten. Er lächelt, als er, mit noch von der Dusche nassen Haaren, den Griechen kommen sieht, den Syntyche geschickt hat. Er erhebt sogleich seine Stimme, um gehört zu werden: «Die Barmherzigkeit öffnet die Tore der Gnade. Seid barmherzig, auf daß euch Barmherzigkeit widerfahre. Alle Menschen sind irgendwie arm! Die einen sind arm an Geld, die anderen an Liebe, Freiheit oder Gesundheit, und alle bedürfen der Hilfe Gottes, der das Universum geschaffen hat und als einziger Vater allen seinen Kindern zu Hilfe kommen kann.»

Jesus macht eine Pause, als ob er den Leuten Zeit lassen wollte, sich zu entscheiden, ob sie ihm zuhören oder sich in die Bäder begeben wollen. Aber die meisten haben die Bäder vergessen. Israeliten und Heiden sammeln sich, um ihm zuzuhören. Skeptische Römer verbergen ihre Neugierde unter dem Scherz: «Heute fehlt wenigstens der Redner nicht, um aus diesem Ort eine römische Therme zu machen...»

Der Grieche Zenon drängt sich durch die Menge und ruft aus: «Beim Zeus! Ich war dabei, mich nach Tarichäa zu begeben, und nun finde ich dich hier!»

Jesus fährt fort: «Gestern wurde mir gesagt: "Es ist schwierig, das auszuführen, was du tust." Nein, es ist nicht schwierig. Meine Lehre gründet sich auf die Liebe, und Liebe zu üben ist nicht schwierig. Was verlangt meine Lehre? Die Verehrung des wahren Gottes, die Liebe zum Nächsten. Der Mensch, das ewige Kind, fürchtet sich vor Schatten und folgt Trugbildern, weil er die Liebe nicht kennt. Die Liebe ist Weisheit und Licht. Sie ist Weisheit, weil sie herabsteigt, um zu belehren, und sie ist Licht, weil sie kommt, um zu erleuchten. Wo Licht ist, weichen die Schatten, und wo Weisheit ist, verschwinden die Trugbilder. Unter meinen Zuhörern sind auch Heiden. Sie sagen: "Wo ist Gott?" Sie sagen: "Wer gibt uns die Gewißheit, daß dein Gott der wahre ist?" Sie sagen: "Womit beweist du uns, daß dein Wort der Wahrheit entspricht?" Und das sagen nicht nur die Heiden. Auch andere fragen mich: "Mit welcher Macht tust du diese Dinge?" Mit der Macht, die mir vom Vater kommt, von dem Vater, der alle Dinge in den Dienst des Menschen, seines bevorzugten Geschöpfes, gestellt hat und mich sendet, die Menschen, meine Brüder, zu unterrichten. Kann der Vater, der den Eingeweiden der Erde die Macht gegeben hat, die Quellwasser heilkräftig zu machen, die Macht seines Gesalbten eingeschränkt haben? Und, welcher Gott, wenn nicht der wahre Gott, vermag dem Menschensohn die Kraft zu verleihen, Wunder zu wirken, kranke Gliedmassen wieder gesunden zu lassen? In welchem Götzentempel kann man sehen, daß Blinde das Augenlicht und Gelähmte die Beweglichkeit wiedererlangen; daß ein Sterbender auf das "Ich will" eines Menschen

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sich gesünder als die Gesunden erhebt? Nun gut, zum Lobe des wahren Gottes und damit er von euch anerkannt und gepriesen werde, sage ich den hier Versammelten, welcher Rasse und Religion sie auch angehören mögen, daß sie die Heilung erlangen werden, die sie vom Wasser erwarten. Von mir aber werden sie sie erhalten, von mir, dem lebendigen Wasser, der ich das Leben des Leibes und des Geistes dem gebe, der an mich glaubt und mit rechtschaffenem Herzen Barmherzigkeit übt. Ich verlange keine schwierigen Dinge, ich verlange nur Glauben und Liebe. Öffnet euer Herz dem Glauben. Öffnet euer Herz der Liebe. Gebt, um zu empfangen. Gebt das armselige Geld, um von Gott Hilfe zu erlangen. Fangt damit an, die Brüder zu lieben. Wißt Barmherzigkeit zu üben. Zwei Drittel von euch sind erkrankt, weil sie selbstsüchtig und lüstern sind. Überwindet die Selbstsucht und zügelt die Lüsternheit, und ihr werdet an körperlicher Gesundheit und an Weisheit zunehmen. Besiegt den Hochmut, und ihr werdet vom wahren Gott beschenkt werden. Ich bitte euch um Almosen für die Armen und danach werde ich euch das Geschenk der Gesundheit machen.»

Jesus hebt einen Zipfel seines Gewandes auf, um darin die Geldstücke zu empfangen, die vielen Geldstücke, die Heiden und Israeliten ihm eiligst zuwerfen. Nicht nur Münzen werden gegeben, sondern auch Ringe und anderer Schmuck, den ihm die römischen Frauen leichten Herzens bringen. Sie schauen den Meister an, während sie zu ihm hintreten, und manch eine flüstert ihm etwas zu, worauf Jesus nickt oder kurz antwortet.

Die Sammlung ist beendet. Jesus ruft die Apostel, damit sie ihm die Bettler zuführen, und mit derselben Schnelligkeit, mit der sich das Geldhäufchen gebildet hat, ist auch wieder bis zum letzten Heller verschwunden. Es bleiben die Schmuckstücke, die Jesus den Spenderinnen zurückgibt, weil niemand da ist, der sie für Geld erwerben will, und um sie zu trösten, sagt er: «Die Absicht entspricht der Tat. Eure Gabe ist genauso wertvoll, wie wenn diese Dinge verteilt worden wären, denn Gott sieht den Gedanken des' Menschen.»

Dann richtet er sich auf und ruft aus: «Woher kommt mir die Macht? Vom wahren Gott. Vater, verherrliche dich in deinem Sohn. In deinem Namen befehle ich den Kranken: Geht!»

Nun folgt das schon oft gesehene Aufstehen der Kranken. Krüppel richten sich auf, Lahme bewegen sich, in bleiche Gesichter kehrt die Farbe zurück, Augen strahlen und Hosannarufe werden laut. Unter den Römern, die sich gegenseitig beglückwünschen, sind zwei geheilte Frauen und ein Mann, die nun die Geheilten von Israel nachahmen wollen; aber da sie noch nicht fertigbringen, sich zu demütigen wie die Hebräer, die sich zu Boden werfen und Christus die Füße küssen, verneigen sie sich, erfassen einen Zipfel seines Gewandes und küssen ihn.

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Dann macht sich Jesus auf den Weg und will sich der Menge entziehen. Doch er kann sich ihr nicht entziehen, denn abgesehen von einigen verstockten Heiden und einigen noch sündhaft verstockteren Juden, folgen ihm alle auf der Straße nach Tarichäa.

512. IN TARICHÄA

Die kleine, in den See vorspringende Halbinsel von Tarichäa ist im Südwesten so tief eingeschnitten, daß man eher von einem Isthmus als von einer Halbinsel sprechen könnte, der von allen Seiten von Wasser umgeben und nur durch einen schmalen Streifen Landes mit dem Ufer verbunden ist. Wenigstens war es zur Zeit Jesu so, in der ich sie sehe. Ich weiß nicht, ob später, im Verlauf von zwanzig Jahrhunderten, Kies und Sand eines gerade in diesem Einschnitt im Südwesten in den See fließenden Bächleins das Aussehen des Ortes verändert haben, so daß die kleine Bucht vielleicht versandet und die Landzunge des Isthmus breiter geworden ist.

Die Bucht ist ruhig, bläulich mit jadefarbenen Streifen dort, wo sie das Grün der Bäume widerspiegelt, die am Ufer bis zum See herunter wachsen. Viele Barken schaukeln leicht auf dem fast reglosen Wasser.

Was mir besonders auffällt, ist ein eigentümlicher Damm, der mit seinen auf dem Kies des Ufers ruhenden Bögen einen Spazierweg oder eine Mole, ich weiß nicht was, bildet und in Richtung Westen führt. Ich weiß nicht, ob er als Zierde gedacht ist oder irgend einem nützlichen Zweck dienen soll. Diese Promenade, Mole oder dieser Damm ist mit einer dicken Erdschicht bedeckt und dicht mit nicht sehr hohen Bäumen bepflanzt, so daß sie eine grüne Galerie über der Straße bilden. Viele müßige Menschen spazieren unter dieser rauschenden Galerie, wo durch die Brise, die Nähe des Wassers und das Laub eine angenehme Kühle herrscht.

Man sieht sehr deutlich die Einmündung des Jordan und das Abfließen des Seewassers in das Bett des Flusses mit seinen Wirbeln und einigen Stauungen an den Pfeilern einer, ich würde sagen, römischen Brücke wegen ihrer Bauart und den massiven Pfeilern. Wie Schiffsschnäbel durchschneiden diese Pfeiler die Wassermassen, die sich unter den Strahlen der Sonne mit einem Spiel perlmuttener Lichter an ihren Kanten brechen und sich in das Flußbett zwängen, nachdem sie im See so reichlich Platz gefunden haben. Nahe beim Ende der Brücke, am anderen Ufer, liegt ein weißes Städtchen, dessen Häuser im Grün der fruchtbaren Landschaft verstreut sind. Weiter oben, gegen Norden, aber am Ostufer des Sees, liegt die kleine Hafenvorstadt von Hippos mit den Wäldern auf dem Felsenriff, hinter denen das auf dem Hügel liegende Gamala gut sichtbar ist.

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Jesus und der Menschenschwarm, der ihm von Emmaus aus gefolgt ist und zu dem sich nun auch jene gesellt haben, die in Tarichäa auf ihn gewartet haben – unter diesen ist auch Johanna, die mit ihrem Boot gekommen ist – begibt sich genau zu dem mit Bäumen bestandenen Damm. In der Mitte desselben bleibt Jesus stehen, so daß er das Wasser zur Rechten und das Ufer zur Linken hat. Wer kann, setzt sich auf den Weg mit den Bäumen. Wer dort keinen Platz mehr findet, begibt sich zum Ufer, das durch die nächtliche Flut oder aus sonst einem Grund noch etwas feucht, aber teilweise durch die Bäume auf dem Damm auch schattig ist. Einige nähern sich auch mit Booten und setzen sich in den Schatten der Segel.

Jesus gibt ein Zeichen, daß er reden will, und alle schweigen.

«Es steht geschrieben: "Du ziehst zur Rettung deines Volkes aus, Hilfe zu bringen deinem Gesalbten." Und weiter: "Ich aber will frohlocken im Herrn, will jubeln im Gott meines Heiles."

Das Volk Israel hat dieses Wort für sich beansprucht und ihm eine nationale, persönliche, egoistische Bedeutung gegeben, die nicht der Wahrheit über die Person des Messias entspricht. Es hat ihm einen beschränkten Sinn gegeben, der die Größe des messianischen Gedankens zu einer gewöhnlichen Offenbarung menschlicher Macht und einer siegreichen Überwältigung der Beherrscher erniedrigt, die der Gesalbte in Israel vorgefunden hat.

Aber die Wahrheit ist sehr verschieden. Sie ist groß und unbeschränkt. Sie kommt vom wahren Gott, dem Schöpfer und Herrn des Himmels und der Erde, vom Schöpfer der Menschheit, von dem, der zahllose Sterne an den Himmel gesetzt und die Erde mit Pflanzen aller Art bedeckt hat. Er hat sie bevölkert mit Tieren, mit Fischen im Wasser und Vögeln in der Luft; er hat die Söhne des von ihm geschaffenen Menschen sich vermehren lassen, damit er König sei über die Schöpfung und sein bevorzugtes Geschöpf. Wie könnte nun der Herr, der Vater des ganzen Menschengeschlechtes, ungerecht sein mit den Kindern und Kindeskindern, die abstammen von dem Mann und der Frau, die er aus Lehm gebildet und mit einer Seele bedacht hat: seinem göttlichen Hauch? Wie könnte er die einen anders behandeln als die anderen, als ob sie nicht ein und denselben Ursprung hätten, als stammten sie etwa nicht von ihm, sondern von einem anderen übernatürlichen, ihm feindlichen Wesen, als wären sie verschiedener Abkunft und somit verachtenswerte Fremde und Bastarde?

Der wahre Gott ist nicht ein armer Gott dieses oder jenes Volkes; er ist kein Götze, kein unwirkliches Gebilde. Er ist die höchste Wirklichkeit, die universale Wirklichkeit, das Einzige Wesen, das Höchste Wesen, der Schöpfer aller Dinge und aller Menschen. Und daher ist er auch der Gott aller Menschen. Er kennt sie, auch wenn sie ihn nicht kennen. Er liebt sie, auch wenn sie ihn nicht lieben, weil sie ihn nicht kennen, oder ihn nur

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zu lieben wissen, obwohl sie ihn kennen.

Die Vaterschaft hört nicht auf, wenn ein Sohn unwissend, töricht und böse ist. Der Vater bemüht sich, den Sohn zu unterweisen, denn ihn unterweisen bedeutet, ihn lieben. Der Vater bemüht sich, den törichten Sohn verständiger werden zu lassen. Der Vater versucht unter Tränen und mit Nachsicht, heilsamen Strafen und liebevoller Verzeihung, den bösen Sohn zu ändern und zu bessern. So verfährt der menschliche Vater. Sollte Gottvater weniger tun als ein menschlicher Vater? Gottvater liebt also alle Menschen und will die Rettung aller. Er, der König eines unendlichen Reiches, der ewige König, schaut auf sein Volk, das sich aus allen Völkern der Erde zusammensetzt, und spricht: "Dies ist das Volk meiner Geschöpfe, das Volk, das gerettet wird durch meinen Christus. Dies ist das Volk, für das das Reich der Himmel geschaffen wurde. Sieh, die Stunde ist gekommen, da es durch seinen Erlöser gerettet werden soll."

Wer ist Christus? Wer ist der Erlöser? Wer ist der Messias? Viele Griechen sind hier zugegen, aber auch viele Nicht-Griechen wissen, was das Wort Christus bedeutet. Christus ist der Geweihte, der zur Erfüllung seiner Mission mit königlichem Öl Gesalbte. Wozu ist er geweiht? Etwa um der geringen Herrlichkeit eines Thrones willen? Um der größeren eines Priestertums willen? Nein. Er ist geweiht, um alle Menschen unter einem Szepter, unter einer Lehre zu einem einzigen Volk zu vereinigen, auf daß sie Brüder und Söhne eines einzigen Vaters seien, Söhne, die den Vater kennen und sein Gesetz befolgen, um dereinst teilzuhaben an seinem Reich.

Als König, im Namen des Vaters, der ihn gesandt hat, herrscht Christus, wie es seiner Natur zukommt, d.h. göttlich, weil er aus Gott kommt. Gott hat seinem Gesalbten das All als Schemel unter die Füße gelegt, aber nicht, damit er es unterwerfe, sondern damit er es rette. Sein Name ist ja Jesus, was im Hebräischen Erlöser, Retter bedeutet. Wenn der Erlöser von der schlimmsten Nachstellung und Verwundung rettet, dann wird ein Berg unter seinen Füßen sein und Menschen aller Rassen werden auf dem Berg sein und damit symbolisieren, daß er sich über die ganze Welt und über alle Völker erhebt und herrscht. Aber der König wird entblößt sein, ohne anderen Reichtum als sein Opfer, um zu versinnbilden, daß er nur nach den Dingen des Geistes strebt und daß die Dinge des Geistes erobert und erworben werden durch die Werte des Geistes und die Heldenhaftigkeit des Opfers, und nicht mit Gewalt und Gold. Er wird es sein als Antwort für jene, die ihn fürchten, und auch für jene, die ihn mit ihrer falschen Liebe erheben und zugleich erniedrigen, da sie ihn zu einem König im weltlichen Sinne machen wollen; als Antwort für jene, die ihn nur hassen, weil sie befürchten, das, was ihnen lieb ist, aufgeben zu müssen. Er wird diesen also sagen, daß er ein geistiger König ist, und nur das, der

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gekommen ist, um die Seelen darin zu unterweisen, wie man das Reich erlangt, das einzige Reich, das ich zu gründen gekommen bin.

Ich gebe euch keine neuen Gesetze. Den Israeliten bestätige ich das Gesetz des Sinai. Den Heiden sage ich: das Gesetz, mit dem man das Reich erlangt, ist kein anderes als das Gesetz der Tugend, das jedes Geschöpf mit erhabener Moral sich selbst auferlegt und das durch den Glauben an den wahren Gott vom Gesetz menschlicher Moral und Tugend zum Gesetz übermenschlicher Moral wird.

O ihr Heiden! Ihr pflegt die großen Männer eurer Nation zu Göttern zu erheben und versetzt sie in die Scharen der zahlreichen und unwirklichen Götter, mit denen ihr den Olymp bevölkert, den ihr euch geschaffen habt, um etwas zu haben, an das ihr glauben könnt; denn der Mensch bedarf einer Religion, ebenso wie er einen Glauben braucht, da der Glaube der Dauerzustand des Menschen und der Unglaube eine zufällige Anomalie ist. Diese zur Gottheit erhobenen Menschen haben oft nicht einmal einen Wert als Menschen, da sie häufig durch brutale Gewalt, durch List oder durch irgendwie erworbene Macht groß geworden sind. So stellen sie als Zeichen ihres "Übermenschentums" elende Eigenschaften zur Schau, die der weise Mensch als das ansieht, was sie in Wirklichkeit sind: Fäulnis ungezähmter Leidenschaften. Daß ich euch die Wahrheit sage, bezeugt die Tatsache, daß ihr in euren trügerischen Olymp keinen einzigen der großen Denker versetzt habt, deren nachdenklicher und tugendhafter Geist die Existenz eines höchsten Wesens intuitiv erfaßt hat und die Mittler zwischen dem tierischen Menschen und der Gottheit gewesen sind. Von dem denkenden Geist des Philosophen, des wahren großen Philosophen, bis zum Geist des wahren Gläubigen, der den wahren Gott anbetet, ist es nur ein kurzer Schritt, während zwischen dem Geist des Gläubigen und dem Geist dessen, der nur an sein eigenes verschlagenes, anmaßendes Ich oder an den irdischen Heroen glaubt, ein tiefer Abgrund liegt. Trotzdem sind in euren Olymp nicht die versetzt worden, die sich durch ihr tugendhaftes Leben über die Masse der Menschen erhoben haben, so daß sie dem Reiche des Geistes nahe kamen, sondern die, die ihr als grausame Herrscher gefürchtet, denen ihr wie servile Sklaven geschmeichelt oder die ihr bewundert habt als lebende Beispiele für die Zügellosigkeit der animalischen Instinkte, die euren unnatürlichen Begierden Ziel und Zweck des Lebens zu sein scheinen.

Jene habt ihr beneidet, die unter die Götter eingereiht wurden, und jene habt ihr übersehen, die sich mehr der Göttlichkeit genähert haben durch die verkündete und in die Tat umgesetzte Lehre eines tugendhaften Lebens. Jetzt werde ich euch in Wahrheit den Weg weisen, wie ihr Götter werdet. Wer tut, was ich sage, und an das glaubt, was ich lehre, wird den wahren Olymp ersteigen; göttlich wird er sein, ein Sohn Gottes in einem Himmel, in dem es keinerlei Verderbtheit gibt und wo Liebe das einzige

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Gesetz ist; in einem Himmel, in dem man sich geistig liebt, ohne die Stumpfheit und die Gefahren der Sinne, die jeden Bürger zum Feind des anderen werden lassen, wie dies in euren Religionen geschieht.

Ich komme nicht, um große Heldentaten zu verlangen. Ich komme, um euch zu sagen: lebt wie mit Seele und Verstand begabte Geschöpfe, nicht wie primitive Tiere. Lebt so, daß ihr es verdient zu leben, wirklich zu leben, mit dem unsterblichen Teil eurer selbst im Reiche dessen, der euch geschaffen hat. Ich bin das Leben. Ich komme, um euch den Weg zum Leben zu zeigen. Ich komme, um euch allen das Leben zu geben, um euch die Auferstehung von eurem Tod, eurem Grab der Sünde und des Götzendienstes, zu schenken. Ich bin die Barmherzigkeit. Ich komme, euch alle zu rufen und zu vereinigen. Ich bin Christus, der Retter. Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wer an mich und an mein Wort glaubt, in dessen Herzen erwächst schon in diesen irdischen Tagen ein Reich, das Reich Gottes, das Reich Gottes in euch.

Von mir steht geschrieben, daß ich der bin, der die Gerechtigkeit unter die Nationen bringen wird. Und es ist wahr. Denn wenn die Bürger aller Nationen tun würden, was ich lehre, würden Haß, Krieg und Unterdrückung ein Ende haben. Von mir wird gesagt, daß ich nicht die Stimme erheben werde, um die Sünder zu verfluchen, noch die Hände, um jene zu zerschmettern, die durch ihr ungeziemendes Leben geknickten Rohren und rauchenden Dochten gleichen. Das ist wahr. Ich bin der Erlöser und komme, um alle aufzurichten, die niedergeschlagen sind, und allen Mut zu machen, deren Licht nur glimmt, da ihm die notwendige Lebenskraft fehlt. Von mir wird gesagt, daß ich der bin, der die Augen der Blinden öffnet, die Gefangenen aus den Kerkern befreit und zum Lichte führt, die in der Finsternis des Kerkers liegen. Es ist wahr. Die blindesten Blinden sind jene, die nicht einmal mit dem Auge der Seele das wahre Licht, den wahren Gott zu sehen vermögen. Ich komme als das Licht der Welt, auf daß sie sehen. Die eigentlichen Gefangenen sind jene, die in den Ketten böser Leidenschaften liegen. Jede andere Kette wird gelöst durch den Tod des Gefangenen. Die Ketten der Laster aber bleiben bestehen und bilden auch nach dem Tod des Fleisches eine Fessel. Ich komme, um sie zu lösen.

Ich komme, um alle aus der Finsternis des unterirdischen Kerkers, der Unkenntnis Gottes herauszuführen, die das Heidentum unter seinem vielfältigen Götzendienst erstickt. Kommt zum Licht, kommt zum Heil, kommt zu mir, denn mein Reich ist das wahre Reich und mein Gesetz ist gut. Es verlangt nichts anderes von euch, als daß ihr den einzigen Gott und euren Nächsten liebt. Verzichtet daher auf die Götzen und bekämpft die Leidenschaften, die eure Herzen verhärten und euch unfruchtbar, sinnlich und zu Dieben und Menschenmördern werden lassen.

Die Welt sagt: "Laßt uns den Armen, den Schwachen, den Einsamen bedrücken. Die Stärke sei unser Recht, die Härte sei unser Gewand,

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Unnachgiebigkeit, Haß und Grausamkeit seien unsere Waffen. Zertreten wir den Gerechten, damit er sich nicht wehrt, unterdrücken wir Witwen und Waisen, deren Stimme nur schwach ist."

Ich aber sage euch: Seid sanftmütig und mild, verzeiht den Feinden, eilt den Schwachen zu Hilfe, seid ehrlich beim Kaufen und Verkaufen. Auch wenn ihr im Recht seid, handelt mit Großmut und mißbraucht nicht eure Macht, um die Niedrigen noch mehr zu bedrücken. Rächt euch nicht. Überlaßt Gott die Sorge, eure Sache zu führen. Seid sittsam in all eurem Begehren, denn Mäßigung ist ein Beweis für sittliche Kraft, während Begierlichkeit ein Beweis der Schwäche ist. Seid Menschen und keine Tiere. Fürchtet aber auch nicht, zu tief gesunken zu sein und euch nicht wieder erheben zu können.

In Wahrheit sage ich euch: Wie Schlamm zu reinem Wasser werden kann, wenn die Feuchtigkeit an der Sonne verdunstet, durch das Feuer gereinigt wird und zum Himmel aufsteigt, um dann als schmutzfreier und erquickender Regen oder Tau herniederzufallen, so können auch die Seelen, die sich dem großen Licht, das Gott ist, nähern und ihm zurufen: "Ich habe gesündigt, ich bin Schlamm, aber ich verlange nach dem Licht, nach dir", sich als reine Seelen zum Schöpfer erheben. Nehmt dem Tod seine Schrecken, indem ihr aus eurem Leben eine Münze macht, mit der ihr euch das ewige Leben erwerbt. Entledigt euch eurer Vergangenheit wie eines schmutzigen Gewandes und bekleidet euch mit Tugenden.

Ich bin das Wort Gottes, und in seinem Namen sage ich euch, daß, wer an mich glaubt und guten Willens ist, wer seine Vergangenheit bereut und gute Vorsätze für die Zukunft faßt, sei er nun Jude oder Heide, ein Sohn Gottes und Besitzer des Himmelreiches werden wird. Ich habe euch zu Anfang gefragt: "Wer ist der Messias?" Jetzt sage ich euch: Ich, der ich zu euch spreche, bin es, und mein Reich ist in euren Herzen, wenn ihr es aufnehmt, und später wird es im Himmel sein, den ich euch öffnen werde, wenn ihr in meiner Lehre auszuharren wißt. Das ist der Messias und nichts anderes: König eines geistigen Reiches, dessen Pforten er durch sein Opfer allen Menschen öffnen wird, die guten Willens sind.»

Jesus hat aufgehört zu reden und will sich zu einer kleinen Treppe, die vom Damm zum Ufer führt, begeben. Vielleicht will er zum Boot des Petrus, das an einem sehr einfachen Anlegeplatz schaukelt. Aber plötzlich wendet er sich, schaut die Leute an und ruft: «Wer hat mich für seinen Leib und seine Seele angefleht?»

Niemand antwortet.

Er wiederholt die Frage und läßt seinen strahlenden Blick über die Menge schweifen, die sich hinter ihm drängt, nicht nur auf dem Weg, sondern auch unten auf dem Sand.

Wiederum ein Schweigen.

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Matthäus bemerkt: «Meister, wer weiß, wie viele in diesem Augenblick von deinen Worten gerührt sind und nach dir verlangt haben ...»

«Nein. Eine Seele hat gerufen: "Erbarmen", und ich habe sie gehört. Und um euch zu zeigen, daß es wahr ist, antworte ich: "Es geschehe dir nach deinem Wunsche, denn die Sehnsucht deines Herzens ist gerecht!' Und hoch aufgerichtet und strahlend streckt Jesus majestätisch eine Hand gegen das Gestade aus.

Er versucht, sich weiter der kleinen Treppe zu nähern, doch da stellt sich Chuza vor ihn hin, der offensichtlich gerade aus einer Barke gestiegen ist und ihn mit einer tiefen Verbeugung begrüßt: «Ich suche dich seit vielen Tagen. Ich bin um den ganzen See gefahren, Meister, immer dir nach. Ich muß dringend mit dir sprechen. Sei mein Gast. Ich habe viele Freunde bei mir.»

«Gestern war ich in Tiberias.»

«Man hat es mir gesagt. Aber ich bin nicht allein. Siehst du dort die Boote, die auf das andere Ufer zusteuern? Dort sind viele, die nach dir verlangen, unter ihnen auch einige deiner Jünger. Ich bitte dich, komm in mein Haus jenseits des Jordan.»

«Es ist unnütz, Chuza. Ich weiß, was du mir sagen willst.»

«Komm, Herr.»

«Kranke und Sünder warten auf mich; laß mich...»

«Auch wir warten auf dich, krank vor Verlangen, dir zu deinem Besten zu verhelfen. Es gibt dort auch Kranke am Körper, auch ...»

«Hast du meine Worte gehört? Warum bestehst du noch darauf?»

«Herr, weise uns nicht ab, wir ...»

Eine Frau drängt sich durch die Menge. Ich habe nun schon genug Erfahrung mit hebräischen Gewändern, um zu erkennen, daß sie keine Hebräerin ist, und mit... ehrbaren Gewändern, um zu verstehen, daß dies keine ehrbare Frau ist. Aber um ihre Gesichtszüge und ihre Gestalt, die vielleicht zu herausfordernd sind, zu verbergen, hat sie sich ganz in einen Schleier gehüllt, der himmelblau wie ihr weites Gewand ist. Trotzdem erscheint sie verführerisch, da der Schleier ihre schönen Arme unbedeckt läßt. Sie wirft sich zu Boden und kriecht im Staube vorwärts, bis es ihr gelingt, das Gewand Jesu zu ergreifen und seinen Saum zu küssen. Sie weint, ganz von Schluchzen geschüttelt.

Jesus, der gerade Chuza antworten wollte mit: «Ihr seid im Irrtum und ...» senkt den Blick und sagt: «Bist du die, die mich angefleht hat?»

«Ja, und ich bin der Gnade nicht würdig, die du mir erwiesen hast. Ich hätte dich nicht einmal im Geiste anrufen dürfen. Aber dein Wort... Herr... ich bin eine Sünderin. Wenn ich mein Antlitz enthüllen würde, könnten viele dir meinen Namen sagen. Ich bin... eine Kurtisane... und eine Kindsmörderin... und das Laster hat mich krank gemacht... Ich war in Emmaus. Ich habe dir ein Schmuckstück gegeben... Du hast es mir

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zurückgegeben... und dein Blick... ist in mein Herz gedrungen... Ich bin dir gefolgt... Du hast gesprochen. In meinem Innern habe ich deine Worte wiederholt: "Ich bin Schlamm, aber ich sehne mich nach dir, dem Licht." Ich habe gesagt: "Heile meine Seele und dann, wenn du willst, auch das Fleisch..." Herr, ich bin am Leibe geheilt... auch an der Seele? ...»

«Die Seele ist durch die Reue geheilt. Geh hin und sündige nicht mehr. Deine Sünden sind dir vergeben.»

Die Frau küßt von neuem den Saum seines Gewandes und erhebt sich. Dabei gleitet ihr der Schleier vom Gesicht.

«Die Galaterin! Die Galaterin!» rufen viele aus und schreien Schmähungen. Auch ergreifen sie Kiesel und Sand und werfen sie nach der Frau, die sich duckt und in Angst gerät.

Jesus wird sehr ernst, erhebt seine Hand und gebietet Schweigen. «Warum beschimpft ihr sie? Ihr habt es nicht getan, als sie eine Sünderin war. Warum tut ihr es jetzt, da sie sich bekehrt hat?»

«Sie tut es, weil sie alt und krank ist», rufen einige unter Schmähungen.

In Wirklichkeit ist die Frau, wenn auch nicht mehr sehr jung, so doch noch weit davon entfernt, alt und häßlich zu sein, wie sie sagen. Aber das Volk ist nun einmal so.

«Gehe vor mir her und steige in diese Barke; ich werde dich auf einem anderen Weg nach Hause begleiten.» Und er gebietet den Seinen: «Nehmt sie in eure Mitte und begleitet sie.»

Der Zorn der Menge, aufgestachelt von einigen unnachgiebigen Israeliten, wird nun vollauf an Jesus ausgelassen. Rufe wie: «Verfluchter! Falscher Christus! Beschützer der Prostituierten! Wer sie beschützt, der billigt sie. Mehr noch, er billigt sie, weil er sich ihrer erfreut!» werden laut. Solche und ähnliche Worte rufen sie ihm zu, oder besser gesagt: kläffen und bellen sie; und besonders eine Gruppe besessener Hebräer, die ich weiß nicht welcher Kaste angehören, tut sich hervor mit ihrem Geschrei. Sie schleudern Jesus sogar feuchten Sand ins Gesicht und beschmutzen ihn damit.

Er erhebt seinen Arm und wischt sich die Wange ab, ohne etwas zu entgegnen, und nicht nur das, er hält sogar durch einen Wink Chuza und andere davon ab, ihn zu verteidigen, und sagt: «Laßt sie machen. Für die Rettung einer Seele würde ich noch viel mehr Leid ertragen! Ich verzeihe!»

Zenon, der Mann aus Antiochia, der sich nie vom Meister entfernt hat, ruft aus: «Jetzt weiß ich wirklich, wer du bist! Ein wahrer Gott und kein falscher Rhetor. Die Griechin hat die Wahrheit gesagt! Deine Worte bei den Thermen hatten mich enttäuscht, diese aber haben mich erobert. Das Wunder hat mich erstaunt, deine Verzeihung für die, die dich beleidigen, hat mich erobert. Leb wohl, Herr! Ich werde an dich und an deine Worte denken.»

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«Leb wohl, Mann. Das Licht möge dein Herz erleuchten.»

Chuza bedrängt ihn von neuem, während sie zur Landungsstelle gehen und auf dem Damm ein Streit ausbricht zwischen Römern und Griechen auf der einen und Israeliten auf der anderen Seite.

«Komm! Nur für wenige Stunden. Es ist notwendig. Ich selbst werde dich zurückbegleiten. Du bist gütig mit den Dirnen, und mit uns willst du unerbittlich sein?»

«Nun gut, ich werde kommen. Es ist tatsächlich notwendig ...»

Er wendet sich an die Apostel, die schon in den Booten sind: «Fahrt voraus. Ich werde euch einholen...»

«Gehst du allein?» fragt Petrus etwas unzufrieden.

«Ich bin mit Chuza...»

«Hin! Und wir dürfen nicht kommen? Weshalb will er dich zu seinen Freunden bringen? Warum ist er nicht nach Kapharnaum gekommen?»

«Wir sind gekommen, aber ihr wart nicht dort.»

«Ihr hättet auf uns warten können. Das ist alles.»

«Statt dessen sind wir euren Spuren gefolgt.»

«Kommt jetzt nach Kapharnaum. Ist es der Meister, der zu euch kommen muß?»

«Simon hat recht», sagen die anderen Apostel.

«Aber warum wollt ihr nicht, daß er mit mir kommt? Ist es denn das erste Mal, daß er in mein Haus kommt? Kennt ihr mich vielleicht nicht?»

«Gewiß, dich kennen wir, aber die anderen kennen wir nicht, das ist es.»

«Und was fürchtet ihr? Daß ich ein Freund der Feinde des Meisters bin?»

«Ich weiß nichts. Ich denke nur an das Ende des Propheten Johannes!»

«Sinion, du beleidigst mich. Ich bin ein Ehrenmann. Ich schwöre dir, daß man mich durchbohren müßte, bevor man dem Meister ein Haar krümmen dürfte. Du mußt mir Glauben schenken. Mein Schwert steht dir zu Diensten...»

«Pah! Und wenn sie dich auch durchbohren würden, was würde das nützen? Nachher... Ja, ich glaube dir... Aber wenn du tot wärest, käme er an die Reihe. Ich ziehe mein Ruder deinem Schwert, mein armes Boot und besonders unsere schlichten Herzen in seinen Diensten vor.»

«Aber bei mir ist Manaen. Vertraust du Manaen? Und auch der Pharisäer Eleazar, den du kennst, und der Synagogenvorsteher Timoneus und Nathanael ben Fada sind dort. Letzteren kennst du zwar nicht, aber er ist ein wichtiger Vorsteher und möchte mit dem Meister sprechen. Dann ist da Johannes, genannt Antipas von Antipatris, der Günstling des Herodes des Großen, nunmehr alt und mächtig und Besitzer des ganzen Tales des Gaasch, und...»

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«Genug! Genug! Du zählst da große Namen auf, die mir nichts sagen, mit Ausnahme von zweien... und, ich komme auch mit...»

«Nein, sie wollen mit dem Meister sprechen ...»

«Sie wollen! Und wer bin ich? Sie wollen!? Und ich will nicht. Steig hier ein, Meister, und fahren wir. Ich will von niemandem etwas wissen und traue niemandem außer mir selbst. Komm, Meister. Und du, kehre ruhig zu jenen zurück und sage ihnen, das wir keine streunenden Hunde sind. Sie wissen, wo wir zu finden sind», und er drängt Jesus ohne viel Rücksichtnahme, während Chuza laut aufbegehrt.

Jesus greift nun endgültig ein: «Habe keine Sorge, Simon. Es wird mir nichts Böses zustoßen, ich weiß es. Und es ist gut, wenn ich gehe, gut für mich, verstehe mich ...» und Jesus schaut Petrus mit seinen strahlenden Augen fest an, wie um ihm zu sagen: «Bestehe nicht darauf. Du mußt mich verstehen. Hier liegen Gründe vor, die es empfehlenswert machen, daß ich mitgehe.»

Petrus gibt schweren Herzens nach. Er gibt nur nach, weil er vom Blick Jesu beherrscht wird. Doch dann murmelt er unzufrieden etwas vor sich hin.

«Geh beruhigt, Simon. Ich selbst werde deinen und meinen Herrn zurückbegleiten», verspricht Chuza.

«Wann?»

«Morgen.»

«Morgen?! Soviel Zeit brauchst du, um ihm ein paar Worte zu sagen? Jetzt sind wir zwischen der dritten und der sechsten Stunde... Wenn er vor Einbruch der Dämmerung nicht bei uns ist, kommen wir zu dir, vergiß das nicht. Und nicht nur wir allein...» Petrus schlägt einen Ton an, der keinen Zweifel über seine Absicht aufkommen läßt.

Jesus legt eine Hand auf die Schulter des Petrus: «Ich sage dir, Petrus, daß sie mir nichts zuleide tun werden. Zeige, daß du an meine wahre Natur glaubst. Ich versichere dir, ich weiß, daß sie mir nichts zuleide tun werden. Sie wollen sich nur mit mir aussprechen... Geh... Bring die Frau nach Tiberias und bleib ruhig bei Johanna. Du wirst sehen, daß sie mich nicht mit Booten und Bewaffneten entführen...»

«Ja, sein Haus (er zeigt auf Chuza) kenne ich. Ich weiß, daß dahinter noch Land liegt. Es ist keine Insel. Dahinter liegen Galgala und Gamala, Aera, Arbela, Gerasa, Bozrah, Pella, Ramot und viele andere Städte noch! ...»

«Aber fürchte dich nicht, sage ich dir! Gehorche. Gib mir einen Kuß, Simon. Geh! Auch ihr!» Er küßt sie und segnet sie. Und als das Boot sich von der Landestelle entfernt, ruft er ihnen nach: «Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Bis sie es ist, wird mir nichts zustoßen können und niemand wird seine Hand wider mich erheben. Lebt wohl, Freunde!»

Er wendet sich an Johanna, die sichtlich verwirrt und nachdenklich ist,

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und sagt zu ihr: «Fürchte dich nicht. Es ist gut, daß es geschehe. Geh in Frieden», und zu Chuza: «Fahren wir. Um dir zu zeigen, daß ich keine Furcht habe. Und um dich zu heilen...»

«Ich bin nicht krank, Herr ...»

«Du bist es. Ich sage es dir. Und viele mit dir. Fahren wir.»

Er steigt in das schlanke, reich ausgestattete Boot und setzt sich. Die Ruderer beginnen mit ihren regelmäßigen Ruderschlägen und machen einen Bogen, um die starke Strömung dort am Ende des Sees, wo das Wasser in den Jordan fließt, zu vermeiden.

513. IM LANDHAUS DES CHUZA JENSEITS DES JORDAN

Am anderen Ufer des Jordan bei der Brücke wartet bereits ein überdeckter Wagen.

«Steig ein, Meister. So wirst du nicht müde werden; denn der Weg ist weit, nicht so sehr wegen der Entfernung als vielmehr, weil ich befohlen habe, hier immer einige Ochsenpaare bereit zu halten, um bei den gesetzestreuesten Gästen keinen Anstoß zu erregen... Man muß Geduld haben mit ihnen...»

«Aber, wo sind sie denn jetzt?»

«Sie sind uns in anderen Wagen vorausgefahren. Tobiolus!»

«Mein Herr?» sagt der Kutscher, der dabei ist, die Ochsen anzuspannen.

«Wo werden die Gäste jetzt sein?»

«Oh, sie sind uns weit voraus. Sie kommen vielleicht schon bald an.»

«Hörst du, Meister?»

«Aber wenn ich nicht gekommen wäre?»

«Oh! Wir waren sicher, daß du kommen würdest. Warum hättest du nicht kommen sollen?»

«Warum?! Chuza, ich bin gekommen, um dir zu zeigen, daß ich nicht feige bin. Feige sind nur Bösewichte, die Übeltaten begangen haben und deshalb die Gerechtigkeit fürchten... die Gerechtigkeit der Menschen, leider, während sie doch in erster Linie und einzig die Gerechtigkeit Gottes fürchten sollten. Aber ich habe keine Schuld und deshalb auch keine Furcht vor den Menschen.»

«O Herr, die, die bei mir sind, verehren dich alle, wie ich! Wir sollten dir in keiner Weise Furcht einjagen, denn wir wollen dir ja nur Ehre erweisen und dich nicht beleidigen!» Chuza ist schmerzvoll berührt, fast gekränkt.

Jesus, der ihm gegenübersitzt, während der Wagen sich langsam und schwankend zwischen den grünen Feldern vorwärtsbewegt, antwortet:

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«Mehr als den erklärten Krieg der Feinde muß ich den der hinterlistigen falschen Freunde fürchten, und auch den unklugen Eifer meiner wahren Freunde, die mich immer noch nicht verstanden haben... Du bist einer von diesen. Erinnerst du dich nicht an das, was ich dir in Bether sagte?»

«Ich habe dich verstanden, Herr», flüstert Chuza mit unsicherer Stimme und ohne direkt auf die Frage einzugehen.

«Ja, du hast mich verstanden. Unter dem Einfluß des Schmerzes und der Freude wurde dein Herz geläutert, wie der Horizont sich nach dem Gewitter und dem Regenbogen aufklärt. Du hast recht gesehen. Dann aber... Wende dich um, Chuza, und schau dir unser Galiläisches Meer an. Es schien so klar am Morgen. In der Nacht hatte der Tau die Atmosphäre gereinigt, und die nächtliche Frische hatte die Verdunstung des Wassers vermindert. Himmel und See waren zwei helle Saphirspiegel, die gegenseitig ihre Schönheit spiegelten, und die Hügel ringsum waren frisch und rein, als hätte Gott sie in derselben Nacht erschaffen. Aber jetzt schau! Der Staub der Uferstraßen, auf denen sich Menschen und Tiere bewegen, und die Sonnenhitze, die Büsche und Gärten wie Kochtöpfe auf einem Herdfeuer zum Dampfen bringt und auf den See brennt, so daß auch sein Wasser verdunstet, siehst du, wie sie den Horizont getrübt haben?

Vorher schienen die Ufer nahe zu sein, klar und deutlich sichtbar in der klaren Luft ... Nun schau... Nun sind sie verschwommen und flimmern vage, wie etwas, das man durch einen Schleier unreinen Wassers sieht. So ist es auch dir ergangen. Der Staub ist die Menschlichkeit, die Sonne der Stolz... Chuza, schaffe dir nicht selbst Unruhe ...»

Chuza läßt den Kopf hängen und spielt mechanisch mit den Zieraten seines Gewandes und der Schnalle seines kostbaren Gürtels, an dem das Schwert hängt.

Jesus schweigt. Er hält die Augen fast geschlossen, wie wenn der Schlaf ihn übermannen würde. Chuza nimmt Rücksicht auf diese Ruhe oder was ihm als solche erscheint.

Der Wagen fährt langsam in Richtung Südosten, den sanften Hügelwellen zu, die, so glaube ich wenigstens, die erste Stufe der Hochebene bilden, die sich hier auf der Ostseite über dem Jordantal erhebt. Wohl wegen des Reichtums an Grundwasser oder an Wasserläufen sind diese Gefilde überaus fruchtbar und schön. Trauben und Früchte leuchten überall unter dem Laub hervor.

Der Wagen verläßt die Hauptstraße, biegt in eine Privatstraße ein und fährt nun in einer dichten Allee weiter, in der es wenigstens einigermaßen kühl und schattig ist im Vergleich zu dem Backofen auf der sonnigen Hauptstraße.

Ein niedriges, weißes Haus mit herrschaftlichem Aussehen wird am Ende dieser Allee sichtbar. Einfache Häuschen stehen da und dort in Feldern und Weingärten.

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Der Wagen fährt nun über eine kleine Brücke und durch eine Einfriedung, hinter der der Obstgarten von einem Ziergarten mit kiesbedecktem Weg abgelöst wird. Bei dem andersartigen Geräusch der Räder auf dem Kies öffnet Jesus die Augen.

«Wir sind da, Meister. Sieh, die Gäste haben uns gehört und eilen herbei», sagt Chuza.

Tatsächlich versammeln sich viele, alle sichtlich reiche Männer, am Ende der Allee und grüßen mit pompösen Verneigungen den ankommenden Meister. Ich sehe und erkenne Manaen, Timoneus und Eleazar; andere, deren Gesichter mir zwar nicht neu sind, kenne ich nicht mit Namen. Schließlich sind auch viele da, die ich noch nie gesehen habe oder die mir nie aufgefallen sind. Viele haben Schwerter umgeschnallt. Andere tragen statt der Schwerter das umfangreiche Beiwerk der Pharisäer, Priester und Rabbis.

Der Wagen hält an, und Jesus steigt als erster aus und grüßt alle mit einer Verneigung. Die Jünger Manaen und Timoneus treten vor und wechseln besondere Grußworte mit ihm. Dann nähert sich Eleazar (der gute Pharisäer beim Gastmahl im Haus des Ismael), und mit ihm bahnen sich zwei Schriftgelehrte, die Wert darauf legen, wiedererkannt zu werden, einen Weg. Der eine ist der, dessen Söhnlein zu Tarichäa bei der ersten wunderbaren Brotvermehrung geheilt wurde. Der andere ist der, der am Fuß des Berges der Seligpreisungen alle mit Nahrung versorgte. Noch ein anderer drängt sich vor. Es ist der Pharisäer, der im Haus des Joseph zur Zeit der Getreideernte von Jesus über den wahren Ursprung seiner ungerechten Eifersucht unterwiesen wurde.

Chuza beginnt, alle vorzustellen. Einzelheiten können wir uns ersparen, denn die vielen Simon, Levi, Johannes, Nathanael, Joseph, Philippus usw., usw. kann sich niemand merken; hauptsächlich sind es Sadduzäer, Schriftgelehrte, Priester und Herodianer. Letztere sind wohl am zahlreichsten vertreten. Ich sehe aber auch einige Pharisäer und Proselyten, zwei Synedristen, vier Synagogenvorsteher und einen einzigen Essener; wer weiß, wie dieser sich hierher verlaufen hat.

Jesus verneigt sich bei jedem Namen und mustert dabei jedes Gesicht. Manchmal lächelt er ein wenig, wenn z.B. jemand zur besseren Erläuterung seiner Identität auf ein Ereignis hinweist, das eine Beziehung mit Jesus hat. So etwa ein gewisser Joachim von Bozrah: «Meine Frau Maria wurde von dir vom Aussatz befreit, o du Gesegneter.» Der Essener sagt: «Ich habe dich gehört, als du in Jericho gesprochen hast, und einer unserer Brüder verließ die Ufer des Salzmeeres, um dir zu folgen. Auch hörte ich von dem Wunder, das du in Engedi an Elisäus gewirkt hast. In dieser Gegend leben wir Reine in der Erwartung ...»

Was sie erwarten, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß er bei diesen Worten mit einer etwas überschwenglichen Überlegenheit auf die anderen schaut,

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die sicherlich nicht als Mystiker erscheinen wollen, sondern größtenteils freudig die Wohlhabenheit genießen, die ihnen ihre Stellung gewährt.

Chuza entzieht nun seinen Gast der Begrüßungszeremonie und führt ihn in einen gut ausgestatteten Baderaum, wo er ihn für die üblichen Waschungen alleinläßt, die bei dieser Hitze sicher angenehm sind. Dann kehrt er zu seinen Gästen zurück, mit denen er sich lebhaft unterhält; und beinahe kommt es zu einem Streit, da die Anwesenden verschiedener Ansicht sind. Die einen wollen das Gespräch sofort beginnen. Worüber? Die anderen schlagen vor, man solle den Meister nicht gleich überfallen, sondern ihn zuerst von der großen Ehrerbietung aller ihm gegenüber überzeugen. Letztere Partei, die zahlreichere, setzt sich durch, und Chuza ruft als Hausherr die Diener herbei und beauftragt sie, ein Gastmahl für den Abend vorzubereiten, «um Jesus, der sichtlich müde ist, Gelegenheit zu geben, sich auszuruhen». Alle sind damit einverstanden. Als Jesus wieder erscheint, verabschieden sich die Gäste mit großen Verbeugungen und überlassen ihn Chuza, der ihn in einen schattigen Raum führt. Dort befindet sich ein niedriges Lager, das mit kostbaren Teppichen bedeckt ist.

Aber nachdem Jesus einem Diener Sandalen und Gewand übergeben hat, um sie vom Staub der Wanderschaft des Vortages reinigen zu lassen, und nun allein ist, schläft er nicht, sondern sitzt auf dem Rand der Lagerstatt, die nackten Füße auf der Strohmatte am Boden und nur bekleidet mit einer kurzen Tunika oder einem Unterkleid, das den Körper von den Ellbogen bis zu den Knien bedeckt, und ist in tiefes Nachdenken versunken. Wenn ihn auch diese Bekleidung jünger erscheinen läßt in der strahlenden, vollkommenen Harmonie seines männlichen Körpers, so gräbt doch die Intensität seiner sicherlich nicht freudigen Gedanken Falten in sein Antlitz, die ihm einen Ausdruck schmerzlicher Müdigkeit verleihen und ihn wiederum älter erscheinen lassen, als er ist.

Kein Geräusch im Haus, keines auf den Feldern, wo die Weintrauben in der drückenden Hitze reifen.

So gehen Stunden vorüber...

Die Halbschatten werden um so länger, je tiefer die Sonne sinkt; aber die Hitze hält an, und Jesus setzt seine Betrachtung fort.

Endlicht vernimmt man im Haus Zeichen des Erwachens. Man hört Stimmen, Schritte und Befehle.

Chuza hebt leise den Vorhang, um nachzusehen, ohne zu stören.

«Tritt ein! Ich schlafe nicht», sagt Jesus.

Chuza tritt ein, bereits festlich gekleidet für das Bankett. Er sieht sich um und bemerkt, daß das Lager gar nicht benützt worden ist.

«Du hast nicht geschlafen? Warum? Du bist müde...»

«Ich habe in der Stille und im Schatten geruht. Das genügt mir.»

«Ich lasse dir ein Gewand bringen...»

«Das meinige ist gewiß schon trocken. Ich ziehe es vor. Ich möchte

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abreisen, sobald das Bankett beendet ist, und bitte dich, mir den Wagen und das Boot zur Verfügung zu stellen.»

«Wie du willst, Herr... Ich hätte dich gern bis Sonnenaufgang bei mir behalten ...»

«Ich kann nicht länger bleiben, ich muß gehen...»

Chuza entfernt sich mit einer Verneigung.

Man vernimmt ein großes Getuschel...

Nach einiger Zeit kehrt ein Diener mit dem frisch gewaschenen und von Sonne duftenden Linnengewand und mit den vom Staub gereinigten Sandalen zurück, die man mit etwas Öl oder Fett glänzend und weich gemacht hat. Ein anderer Diener folgt mit einem Becken, einem Krug und Handtüchern und legt alles auf ein niedriges Tischchen. Sie gehen wieder hinaus...

... Jesus gesellt sich zu den Gästen im Atrium, das von Norden nach Süden durch das ganze Haus verläuft und so einen luftigen, angenehmen Aufenthaltsort schafft, mit vielen Sitzgelegenheiten und schmückenden leichten, bunten Segeltüchern, die das Licht dämpfen, ohne die Bewegung der Luft zu verhindern; nun, da sie zurückgezogen sind, lassen sie den grünen Rahmen sehen, der das Haus umgibt.

Jesus ist eine stattliche, eindrucksvolle Erscheinung. Obwohl er nicht geschlafen hat, scheint er doch wieder bei Kräften zu sein, und sein Gang ist königlich. Das eben angezogene Gewand ist schneeweiß, und die Haare, die noch vom morgendlichen Bad glänzen, erstrahlen sanft und umrahmen sein Antlitz mit ihrer goldenen Pracht.

«Komm, Meister. Wir haben nur noch auf dich gewartet», sagt Chuza und führt ihn als ersten in den Raum, in dem sich die gedeckten Tafeln befinden.

Sie setzen sich nach dem Gebet und einer zusätzlichen Waschung der Hände, und das Mahl beginnt, pompös wie immer und anfangs in allgemeinen Schweigen. Später aber bricht das Eis.

Jesus sitzt neben Chuza, Manaen an seiner anderen Seite, der wiederum Timoneus neben sich hat. Die anderen werden von Chuza mit der Gewandtheit des Höflings auf die Seiten der U-förmigen Tafel verteilt. Nur der Essener hat sich hartnäckig geweigert, am Bankett teilzunehmen und sich mit den anderen zu Tisch zu setzen. Erst als ein Diener ihm im Auftrag Chuzas ein kostbares Körbchen voller Früchte darbietet, ist er bereit, sich an einen kleinen Tisch zu setzen, nach ich weiß nicht wie vielen Waschungen und nachdem er sich die weiten Ärmel seines reinen Gewandes aufgekrempelt hat, aus Furcht es zu beschmutzen oder aus rituellen Gründen, das weiß ich nicht.

Es ist ein eigenartiges Gastmahl, bei dem man sich mehr mit Blicken als mit Worten unterhält. Es werden kaum kurze Höflichkeitsformeln ausgetauscht, worauf ein gegenseitiges Ausforschen einsetzt; d.h. Jesus beobachtet die Anwesenden, und diese beobachten ihn.

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Schließlich gibt Chuza den Dienern ein Zeichen, sich zurückzuziehen, nachdem sie große Schalen mit Früchten aufgetragen haben, die frisch und schön sind, weil man sie vielleicht in einem Brunnen aufbewahrt hat; ja sie scheinen fast den charakteristischen Reif von Früchten zu haben, die auf Eis gelegen haben.

Die Diener verlassen den Raum, nachdem sie die Leuchter angezündet haben, die im Augenblick noch unnötig sind, da der Tag mit seinem langsamen sommerlichen Sonnenuntergang genügend Licht verbreitet.

«Meister», beginnt Chuza, «du mußt dich wohl gefragt haben nach dem Warum dieses Treffens und dieses unseres Schweigens. Aber, was wir dir sagen wollen, ist sehr schwerwiegend, und unkluge Ohren dürfen es nicht vernehmen. Jetzt sind wir allein und können reden. Du siehst, daß alle Anwesenden große Hochachtung für dich empfinden. Du bist unter Menschen, die dich als Mensch und als Messias verehren. Deine Gerechtigkeit, deine Weisheit, die Gaben, mit denen Gott dich ausgezeichnet hat, sind uns bekannt, und wir bewundern sie. Für uns bist du der Messias Israels, der Messias im geistigen und im politischen Sinn. Du bist der Erwartete, der dem Leid, der Erniedrigung eines ganzen Volkes ein Ende setzen kann. Und nicht nur dieses Volkes, das innerhalb der Grenzen Israels, vielmehr Palästinas lebt, sondern des ganzen israelitischen Volkes der tausend und abertausend Kolonien der Diaspora, das über die ganze Erde zerstreut ist und den Namen Jahwes unter allen Himmeln erschallen läßt; das die Versprechen und Hoffnungen verkündet, die sich nun erfüllen, von einem messianischen Erneuerer, einem Rächer, einem Befreier und Schöpfer der wahren Unabhängigkeit und des Vaterlandes Israel, des größten Vaterlandes der Welt: der Königin und Herrscherin, die alle Erinnerungen an die Vergangenheit und alle lebendigen Zeichen der Knechtschaft tilgt, des Hebräertums, das über alles und über alle triumphiert, und zwar für immer; denn so ist es verheißen worden, und so wird es sich erfüllen. Herr: Hier vor dir hast du ganz Israel in den Vertretern der verschiedenen Klassen dieses ewigen Volkes, das gezüchtigt, aber dennoch vom Allerhöchsten geliebt wird, der es als das "seinige" bezeichnet. Du hast das pulsierende, unversehrte Herz Israels in den Vertretern des Hohen Rates und den Priestern, du hast die Macht und die Heiligkeit in den Pharisäern und Sadduzäern, du hast die Weisheit in den Schriftgelehrten und Rabbis, die politische Autorität und die Tapferkeit in den Herodianern, den Fiskus in den Reichen, das Volk in den Kaufleuten und Besitzenden, die Diaspora in den Proselyten, und du hast selbst die Getrennten, die jetzt eine Vereinigung kommen fühlen, da sie in dir den Erwarteten erkennen: die Essener, die unerreichbaren Essener. Schau, o Herr, dieses erste Wunder, dieses große Zeichen deiner Sendung und deiner Wahrheit! Du, mittellos, ohne Gewalt, ohne Diener, ohne Kriegsheer und Schwerter, vereinigst dein ganzes Volk, wie eine Riesenzisterne das Wasser

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von tausend Quellen sammelt. Fast ohne Worte und ohne den geringsten Druck auszuüben, vereinigst du uns, uns, das durch Schicksalsschläge, durch Haß, durch politische und religiöse Ideen geteilte Volk. Du gibst uns den Frieden. O Friedensfürst, frohlocke, denn du hast erlöst und wiederhergestellt, noch bevor dir Szepter und Krone überreicht wurden. Dein Reich, das erwartete Reich Israels, ist erstanden. Unsere Reichtümer, unsere Machtfülle, unsere Schwerter liegen zu deinen Füßen. Sprich! Befiehl! Die Stunde ist gekommen.»

Alle billigen die Rede des Chuza. Jesus hält die Arme vor der Brust verschränkt und schweigt.

«Sprichst du nicht? Antwortest du nicht, o Herr? Hat dich dies vielleicht in Staunen versetzt? ... Fühlst du dich vielleicht unvorbereitet und zweifelst du vor allem daran, daß Israel vorbereitet ist? ... Aber es ist nicht unvorbereitet. Höre unsere Stimmen. Ich spreche, und mit mir Manaen für den Königshof. Er verdient es nicht mehr, fortzubestehen. Er ist in seiner Fäulnis eine Schande für Israel... Es ist die schmachvolle Tyrannei, die das Volk Israel bedrückt und sich knechtisch und schmeichlerisch vor dem Usurpator beugt. Ihre Stunde hat geschlagen. Geh auf, o Stern Jakobs, und verscheuche die Finsternis dieser Anhäufung von Verbrechen und Schande. Hier sind jene, die zwar Herodianer heißen, aber Feinde der Profanatoren des ihnen heiligen Namens der Herodäer sind. Sprecht ihr nun.»

«Meister, ich bin alt und erinnere mich der einstigen Glanzzeit. Wie wenn ein gieriger Schurke sich Held nennen wollte, so schmücken sich die entarteten Abkömmlinge des Herodes, die unser Volk entwürdigen, mit seinem Namen. Es ist an der Zeit zu tun, was Israel schon mehrmals in der Geschichte getan hat, wenn unwürdige Monarchen über das leidende Volk regierten. Du allein bist würdig und fähig, es zu tun.»

Jesus schweigt.

«Meister, meinst du, daß wir noch Zweifel haben können? Wir haben

den Schriften geforscht. Du bist es. Du mußt herrschen», sagt ein Schriftgelehrter.

«Du sollst König und Priester sein. Der neue Nehemias. Größer als er sollst du werden und reinigen. Der Altar ist entweiht. Der heilige Eifer für den Allerhöchsten treibe dich an», sagt ein Priester.

«Viele von uns haben dich bekämpft, die, die dich als weisen Herrscher fürchten. Das Volk aber ist mit dir, und die Besten von uns sind mit dem Volk. Wir brauchen einen Weisen.»

«Eines Reinen bedürfen wir.»

«Eines wahren Königs!»

«Eines Heiligen!»

«Eines Retters. Immer mehr werden wir zu Sklaven aller, und in allem. Verteidige uns, Herr!»

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«Wir werden zertreten in der Welt, weil wir trotz unserer Zahl und unseres Reichtums wie Schafe ohne einen Hirten sind. Versammle dein Volk mit dem alten Ruf: "Kehre zurück zu deinen Zelten, o Israel!", und überall in der Diaspora werden deine Untergebenen wie bei einer Truppenaushebung aufstehen und die wankenden Throne der Mächtigen, die Gott nicht liebt, stürzen.»

Jesus schweigt noch immer. Er ist als einziger sitzengeblieben, ruhig, als ob ihn all das nichts anginge, inmitten dieser vierzig Hitzköpfe, von deren Gerede ich nur ein Zehntel verstehe; denn sie reden alle gleichzeitig wie auf einem Markt. Jesus bewahrt seine Haltung und sein Schweigen.

Alle schreien: «Nun sag doch ein Wort! Antworte!»

Nun erhebt sich Jesus langsam und stützt dabei die Hände auf die Tischkante. Plötzlich herrscht tiefes Schweigen. Wie verzehrt vom Feuer der achtzig Augen öffnet er die Lippen, und die anderen öffnen sie, wie um seine Antwort einzuatmen. Die Antwort ist kurz, aber klar und deutlich: «Nein.»

«Wie? Warum? Verrätst du uns? Er verrät sein Volk! Er verleugnet seine Sendung! Er verwirft die Anordnung Gottes!» Ein Durcheinander! Ein Tumult! Gesichter, die karmesinrot werden, Augen, die aufflammen, Hände, die beinahe drohen... Sie scheinen eher Feinde als Getreue zu sein. Aber so ist es: Wenn eine politische Idee die Herzen beherrscht, werden selbst Sanftmütige zu Wilden dem gegenüber, der sich ihren Ideen widersetzt.

Auf den Tumult folgt ein eigenartiges Schweigen. Alle scheinen ihre Kräfte erschöpft zu haben und fühlen sich müde, überwältigt. Sie schauen sich fragend an, trostlos... einige unruhig...

Jesus läßt seinen Blick in die Runde schweifen und sagt: «Ich wußte, daß ihr mich deswegen hier haben wolltet, und ich wußte auch um die Zwecklosigkeit eures Schrittes. Chuza kann euch bestätigen, daß ich in Tarichäa davon gesprochen habe. Ich bin hier, um euch zu beweisen, daß ich keinerlei Nachstellung fürchte, denn meine Stunde ist noch nicht gekommen. Und ich werde mich auch nicht fürchten, wenn die Stunde der Nachstellung über mich hereinbricht, denn dazu bin ich gekommen. Ich bin hier, um euch zu überzeugen. Ihr, nicht alle, aber viele unter euch, seid guten Glaubens. Aber ich muß euch von dem Irrtum befreien, dem ihr gutgläubig verfallen seid. Seht ihr? Ich mache euch keine Vorwürfe und werde niemanden tadeln, nicht einmal jene, die, um meine treuen Jünger zu sein, gerecht urteilen und ihre Leidenschaften zügeln sollten. Ich tadle dich nicht, gerechter Timoneus; aber ich sage dir, daß sich in deiner Liebe zu mir noch dein Ich verbirgt, das sich regt und von einer besseren Zeit träumt, in der jene büßen werden, die dich geschlagen haben. Ich tadle dich nicht, Manaen, obwohl du beweist, daß du die Weisheit und mein und meines Vorläufers, des Täufers, heiliges Beispiel vergessen hast. Ich sage

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dir nur, auch in dir ist noch die Menschlichkeit verwurzelt und drängt wieder an die Oberfläche, trotz des Feuers meiner Liebe. Ich tadle dich nicht, Eleazar, du Gerechter, schon allein der alten Frauen wegen, für die du sorgst; immer warst du gerecht, jetzt aber nicht. Auch dich tadle ich nicht, Chuza, obwohl ich es eigentlich tun sollte, weil bei dir stärker als bei allen anderen, die mich in gutem Glauben als König haben wollen, das eigene Ich im Spiel ist. Ja, als König willst du mich haben. Es ist keine Arglist in deinen Worten. Du kommst nicht, um mir eine Falle zu stellen und mich beim Hohen Rat, beim König und in Rom anklagen zu können. Du glaubst aus Liebe zu handeln, aber es ist nicht so. Mehr als aus Liebe handelst du, um dich für die Beleidigungen am Hof, die du hast ertragen müssen, zu rächen. Ich bin dein Gast und sollte die Wahrheit über deine Gefühle verschweigen. Aber ich bin die Wahrheit in allem und sage sie zu deinem Wohl. Dasselbe gilt für dich, Joachim von Bozrah, und für dich, Schriftgelehrter Johannes, und für dich, und für dich, und für dich...»Und er zeigt auf diesen und jenen, ohne Unmut, aber mit einem traurigen Blick... und fährt dann fort: «Ich tadle euch nicht, denn ich weiß, daß nicht ihr es seid, die dies alles aus eigenem Antrieb wollen. Es ist eine Nachstellung, der Widersacher, der in euch wirkt... Ihr seid, ohne es zu wissen, seine Werkzeuge. Selbst der Liebe, eurer Liebe, Timoneus, Manaen, Johannes und ihr, die ihr mich wirklich liebt, bedient er sich. Auch eurer Verehrung, die ihr in mir den vollkommenen Rabbi seht, bedient sich der Verfluchte, um euch und mir zu schaden. Euch allen, wie auch denen, die eure Gefühle nicht teilen und in immer niedrigerer, bis an Verrat und Verbrechen grenzender Absicht meine Zustimmung, König zu werden, erhalten wollen, sage ich: Nein! Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Kommt zu mir, damit ich mein Reich in euren Herzen errichte, nichts anderes. Nun laßt mich gehen.»

«Nein, Herr. Wir sind fest entschlossen. Wir haben schon Reichtum eingesetzt, Pläne gemacht; wir sind entschlossen, diese Ungewißheit zu beenden, die Israel keine Ruhe läßt und die von anderen ausgenützt wird, um Israel zu schaden. Es werden dir Nachstellungen bereitet, das ist wahr. Selbst im Tempel hast du Feinde. Obwohl ich zu den Ältesten gehöre, leugne ich das nicht. Aber um dem ein Ende zu setzen, gibt es nur einen Weg: deine Salbung zum König. Und wir sind bereit, dir diese zu geben. Es ist nicht das erste Mal, daß einer in Israel auf diese Weise zum König ausgerufen wird, um dem nationalen Elend und der Zwietracht ein Ende zu machen. Hier ist einer, der es im Namen Gottes tun kann. Laß es uns tun», sagt einer der Priester.

«Nein. Es ist euch nicht erlaubt. Ihr habt keine Bevollmächtigung dazu.»

«Der Hohepriester ist der erste, der eine solche Lösung wünscht, auch wenn es nicht so scheinen mag. Er kann die römische Herrschaft und die Schande des königlichen Hofes nicht länger ertragen.»

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«Lüge nicht, Priester. Auf deinen Lippen ist Gotteslästerung doppelt unrein. Du weißt es vielleicht nicht, aber du bist im Irrtum. Im Tempel will man das nicht.»

«Dann hältst du also unsere Zusicherung für eine Lüge?»

«Ja, wenn nicht bei allen, so doch bei vielen unter euch. Lügt nicht! Ich bin das Licht und lese in den Herzen ...»

«Uns aber kannst du glauben», schreien die Herodianer. «Wir lieben weder Herodes Antipas, noch irgendeinen anderen.»

«Nein, ihr liebt nur euch selbst, und ihr könnt mich nicht lieben. Ihr würdet euch nur meiner bedienen, um den Thron zu stürzen und euch den Weg zu einer größeren Macht zu bahnen, damit ihr das Volk noch mehr unterdrücken könnt. Ein Betrug an mir, am Volk und an euch selbst, denn Rom würde euch alle niederwerfen.»

«Herr, in den Kolonien der Diaspora leben viele, die zum Aufstand bereit sind... Wir geben unser Vermögen dafür», sagen die Proselyten.

«Und ich das meinige und die ganze Unterstützung des Hauran und der Trachonitis», brüllt jener von Bozrah. «Ich weiß, was ich sage. Unsere Berge können ein ganzes Heer aufstellen und sind geschützt vor Nachstellungen. Wie im Adlerflug könnten wir dir zu Hilfe eilen.»

«Auch Peräa.»

«Auch die Gaulanitis.»

«Auch das Tal des Gaasch ist mit dir.»

«Und die Ufer des Salzmeeres mit ihren Nomaden, die uns für Götter halten, wenn du bereit bist, dich mit uns zu vereinigen», schreit der Essener und fährt fort mit seiner Salbaderei eines Überspannten, die sich im allgemeinen Geschrei verliert.

«Die Bergbewohner von Judäa sind von der Art, der die starken Könige bedürfen.»

«Und die von Obergaliläa sind Helden von der Art der Debora. Auch die Frauen, selbst die Kinder sind Helden!»

«Glaubst du, wir seien wenige? Wir sind Scharen über Scharen. Das Volk ist ganz auf deiner Seite. Du bist der König aus dem Stamme Davids, der Messias! Dies ist der Ruf auf den Lippen der Weisen und der Unwissenden, denn dies ist der Ruf der Herzen. Deine Wunder... deine Worte... deine Zeichen...» Ein solches Stimmengewirr, daß ich nichts mehr verstehe.

Jesus, wie der Fels, um den ein Sturm wütet, rührt sich nicht und reagiert auch nicht im geringsten. Er ist unerschütterlich, und das Durcheinander von Bitten, Aufdringlichkeiten und Darlegungen geht weiter.

«Du enttäuschst uns! Warum willst du unser Verderben? Willst du alles allein machen? Das kannst du nicht. Mattathias, der Makkabäer, wies die Hilfe der Asidäer nicht zurück, und Judas befreite Israel mit ihrer Hilfe... Nimm doch unsere Hilfe an!» Ab und zu vereinigen alle ihre Stimmen, um diese Worte zu schreien.

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Jesus gibt nicht nach.

Einer der Ältesten, alt auch dem Alter nach, redet aufgeregt mit einem Priester und einem Schriftgelehrten, der noch älter ist als er. Sie treten vor und gebieten Ruhe. Dann spricht der alte Schriftgelehrte, der auch Eleazar und die beiden Schriftgelehrten namens Johannes zu sich gerufen hat: «Herr, warum willst du nicht den Kranz Israels aufsetzen?»

«Weil er nicht mir gehört. Ich bin nicht der Sohn eines hebräischen Prinzen.»

«Herr, du weißt es vielleicht nicht. Ich wurde mit einigen anderen eines Tages gerufen, da drei Weise gekommen waren und gefragt hatten: "Wo ist der neugeborene König der Juden." Verstehst du? "Der neugeborene König." Wir haben uns versammelt, wir, die obersten Priester und Schriftgelehrten des Volkes, um Herodes dem Großen zu antworten. Unter uns war auch der gerechte Hillel. Die Antwort lautete: "Zu Bethlehem in Juda." Du bist, das steht fest, dort geboren, und große Zeichen haben deine Geburt begleitet. Und unter deinen Jüngern sind mehrere, die Zeugnis davon ablegen können. Kannst du leugnen, daß du von den drei Weisen als König verehrt wurdest?»

«Ich leugne es nicht.»

«Kannst du leugnen, daß das Wunder dir vorausgeht, dich begleitet und dir folgt als Zeichen des Himmels?»

«Ich leugne es nicht.»

«Kannst du leugnen, daß du der verheißene Messias bist?»

«Ich leugne es nicht.»

«Im Namen des lebendigen Gottes, warum willst du dann die Hoffnungen eines Volkes enttäuschen?»

«Ich komme, die göttlichen Hoffnungen zu erfüllen.»

«Welche?»

«Die der Erlösung der Welt und der Errichtung des Reiches Gottes. Aber mein Reich ist nicht von dieser Welt. Behaltet euer Vermögen und legt eure Waffen nieder. Öffnet Augen und Geist, um die Schrift und die Propheten zu lesen und meine Wahrheit anzunehmen, und ihr werdet das Reich Gottes in euch haben.»

«Nein. Die Schrift spricht von einem Befreier-König.»

«Der euch von der Knechtschaft Satans, von der Sünde, vom Irrtum, vom Fleisch, vom Heidentum und vom Götzendienst befreien wird. Oh, was hat Satan aus euch gemacht, o ihr Hebräer, weises Volk, daß ihr die prophetischen Wahrheiten so falsch ausgelegt? Was hat er getan, um euch so blind sein zu lassen, o Hebräer, meine Brüder? Was hat er euch getan, daß selbst ihr, meine Jünger, nicht mehr versteht? Das größte Unglück für ein Volk und für einen Gläubigen ist es, die Zeichen falsch auszulegen, und hier haben wir dieses Unglück. Persönliche Interessen, Voreingenommenheit, Überspanntheit, falsche Vaterlandsliebe, alles dient dazu, den

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Abgrund zu schaffen... den Abgrund des Irrtums, in dem ein Volk zugrundegehen wird, da es seinen König verkennt.»

«Du verkennst deine Sendung.»

«Ihr verkennt euch und mich. Ich bin kein irdischer König, und ihr... Dreiviertel der hier Versammelten wissen genau, daß sie nicht mein Bestes, sondern mein Verderben wollen. Sie handeln aus Arglist und nicht aus Liebe. Ich verzeihe euch und sage denen, die aufrichtigen Herzens sind: Geht in euch und seid nicht die unbewußten Knechte des Bösen. Nun laßt mich gehen, es gibt weiter nichts zu sagen.»

Erstauntes Schweigen...

Eleazar sagt: «Ich bin dir nicht Feind. Ich glaubte, das Richtige zu tun, und bin nicht der einzige... gute Freunde denken wie ich.»

«Ich weiß es. Aber du, sage mir und sei aufrichtig: Was sagt Gamaliel?»

«Der Rabbi? ... Er sagt ... Ja, er sagt: "Der Allerhöchste wird ein Zeichen geben, wenn dieser sein Gesalbter ist."»

«Er hat recht gesprochen. Und was sagt Joseph, der Älteste?»

«Daß du der Sohn Gottes bist und als Gott regieren wirst.»

«Joseph ist ein Gerechter. Und Lazarus von Bethanien?»

«Er leidet ... und spricht wenig... Aber er sagt, daß du erst dann herrschen wirst, wenn unsere Herzen dich aufnehmen.»

«Lazarus ist weise. Wenn eure Herzen mich aufnehmen. Vorläufig nehmt ihr – auch jene, deren Herzen ich für empfänglich hielt – mich und mein Reich nicht auf, und darin besteht mein Schmerz.»

«Du lehnst uns also ab?» brüllen viele.

«Ihr habt es gesagt.»

«Wir haben uns deinetwegen kompromittiert, du schadest uns, du ...»schreien andere: Herodianer, Schriftgelehrte, Pharisäer, Sadduzäer, Priester ...

Jesus verläßt die Tafel und geht auf diese Gruppe zu und durchbohrt sie mit seinen Blicken. Welche Blicke! Ohne es zu wollen, verstummen sie und drücken sich an die Wand... Jesus steht ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüber und spricht leise, aber mit einer Schärfe, die schneidet wie ein Säbelhieb: «Es steht geschrieben: "Verflucht ist, wer seinen Nächsten heimlich erschlägt und für Bestechungsgeld unschuldiges Blut vergießt." Ich sage euch: ich verzeihe euch, doch eure Sünde ist dem Menschensohn bekannt. Wenn ich euch nicht verzeihen würde... Wegen viel geringerer Sünden wurden von Jahwe viele in Israel zu Staub und Asche gemacht.»

Er ist so furchtbar, während er dies sagt, daß niemand wagt, sich zu bewegen. Jesus hebt den schweren doppelten Vorhang und geht hinaus ins Atrium, ohne daß jemand sich rührt.

Erst als der Vorhang sich nicht mehr bewegt, d.h. nach einigen Minuten, fahren sie auf.

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«Man muß ihn einholen. Man muß ihn zurückhalten...» sagen die Wütendsten unter ihnen.

«Man muß ihn um Verzeihung bitten», seufzen die Besten, also Manaen, Timoneus, einige Proselyten, und der von Bozrah, kurz die, die aufrichtigen Herzens sind.

Außerhalb des Saales bleiben sie wieder zusammen stehen, suchen und fragen die Diener: «Der Meister? Wo ist er?»

Der Meister? Niemand hat ihn gesehen, nicht einmal die an den beiden Ausgängen des Atriums. Er ist nicht da. Mit Fackeln und Laternen suchen sie ihn in den dunklen Schatten des Gartens und in dem Zimmer, in dem er geruht hat. Er ist nicht da, auch sein Mantel ist nicht auf dem Lager, auf dem er ihn gelassen hatte, und seine Reisetasche ist nicht mehr im Atrium ...

«Er ist uns entflohen! Er ist ein Satan! Nein, er ist Gott. Er tut, was er will. Er wird uns verraten! Nein, vielmehr wird er uns erkannt haben als das, was wir sind.» Meinungsverschiedenheiten und gegenseitige Beschimpfungen. Die Guten sagen: «Ihr habt uns verführt. Verräter! Wir hätten es uns denken können!» Die Bösen, also die meisten, drohen. Die Streitenden, die den Sündenbock verloren haben, auf den sie sich stürzen wollten, stürzen nun aufeinander los...

Und Jesus? Wo ist er? Ich sehe ihn, da er es will, weit weg, in der Nähe der Brücke an der Mündung des Jordan. Er schreitet eilig dahin, wie vom Winde getragen. Die Haare wehen um sein blasses Antlitz, und sein Gewand flattert wie ein Segel in voller Fahrt. Nun, da er sicher ist, in genügend großer Entfernung zu sein, geht er durch das Ufergestrüpp und am Ostufer entlang, und als er die ersten Felsen des hohen Riffs erreicht hat, steigt er ungeachtet des schwachen Lichts, das das Erklettern der steilen Küste gefährlich macht, hinauf und immer weiter empor bis zu einer in den See vorspringenden und von einer uralten Eiche überragten Klippe. Dort setzt er sich, stützt einen Ellbogen auf das Knie und das Kinn in die Handfläche und blickt in die dunkle Weite. Er ist kaum sichtbar, höchstens wegen der Helle des Gewandes und des Blässe seines Antlitzes...

Aber es gibt jemanden, der ihm gefolgt ist. Johannes. Ein halbnackter Johannes, d.h., nur mit dem kurzen Fischergewand bekleidet, mit dem glatten Haar eines Menschen, der eben aus dem Wasser gestiegen ist, atemlos und bleich. Er nähert sich langsam seinem Jesus. Er gleicht einem Schatten, der über das rauhe Riff gleitet. In geringer Entfernung bleibt er stehen und beobachtet Jesus... Er bewegt sich nicht, sondern sieht aus wie ein Fels auf dem Fels. Seine dunkle Tunika läßt ihn noch weniger in Erscheinung treten und nur Gesicht, Arme und Beine sind schwach zu sehen in der nächtlichen Dunkelheit.

Doch als er Jesus mehr weinen hört als sieht, kann er sich nicht länger zurückhalten. Er geht auf ihn zu und ruft: «Meister!»

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Jesus hört das Flüstern und erhebt sein Haupt. Bereit zu entfliehen, rafft er sein Gewand zusammen.

Doch Johannes sagt: «Was haben sie dir angetan, Meister, daß du deinen Johannes nicht mehr erkennst?»

Jesus erkennt seinen Lieblingsjünger und streckt ihm die Arme entgegen. Johannes wirft sich an die Brust Jesu, und beide weinen aus verschiedenen schmerzlichen Gründen, aber von derselben Liebe erfüllt.

Dann verstummt das Weinen, und Jesus sieht als erster die Dinge wieder klar. Er fühlt und sieht Johannes halbnackt, mit nasser Tunika, kaltem Körper und barfüßig. «Wie kommst du hierher in diesem Zustand? Warum bist du nicht bei den anderen?»

«Oh, schilt mich nicht, Meister. Ich konnte nicht bleiben ... Ich konnte dich nicht allein gehen lassen... Ich habe mein Gewand ausgezogen und nur dies anbehalten und bin schwimmend nach Tarichäa zurückgekehrt. Von dort bin ich am Ufer entlang zur Brücke gerannt, und dann weiter, immer weiter hinter dir her. Ich habe mich im Graben beim Haus verborgen, bereit, dir zu Hilfe zu kommen, oder um wenigstens zu sehen, ob sie dich ergreifen oder dir sonstwie schaden wollten. Dann habe ich viele streitende Stimmen gehört und gesehen, wie du schnell an mir vorbeigelaufen bist. Du schienest ein Engel zu sein. Um dir zu folgen, ohne dich aus den Augen zu verlieren, bin ich in Gräben und Sümpfe gefallen und ganz schmutzig geworden. Ich werde dein Gewand beschmutzt haben... Ich betrachte dich, seit du hier bist... Du hast geweint? ... Was haben sie dir angetan, mein Herr? Haben sie dich beleidigt? Geschlagen?»

«Nein, sie wollten mich zum König machen, zu einem armen König, Johannes! Viele wollten es in gutem Glauben tun, aus wahrer Liebe, zu einem guten Zweck... die meisten aber, um mich anklagen und aus dem Wege räumen zu können.»

«Wer sind diese?»

«Frage nicht danach.»

«Und die anderen?»

«Frage auch nicht nach ihren Namen. Du darfst nicht hassen und nicht urteilen... Ich verzeihe.»

«Meister, waren auch Jünger dabei?... Sage mir nur das.»

«Ja.»

«Auch Apostel?»

«Nein, Johannes. Keine Apostel.»

«Wirklich, Herr?»

«Wirklich, Johannes.»

«Ah! Gott sei Lob und Dank dafür... Aber warum weinst du denn immer noch, Herr? Ich bin doch bei dir. Ich liebe dich für alle. Und auch Petrus, Andreas und die anderen... Als sie sahen, daß ich mich ins Wasser warf, hielten sie mich für verrückt. Petrus war wütend, und mein Bruder

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sagte, daß ich in den Wirbeln umkommen würde. Dann aber haben sie verstanden und mir zugerufen: "Gott sei mit dir! Geh, geh..." Dich lieben wir; aber keiner so innig wie ich, der arme Knabe.»

«Ja, keiner wie du. Ist dir kalt, Johannes? Komm unter meinen Mantel...»

«Nein. Zu deinen Füßen, so... Mein Meister! Warum lieben dich nicht alle so wie ich, der ich ein armer Junge bin?»

Jesus zieht ihn an sein Herz und setzt sich neben ihn. «Weil sie nicht dein kindliches Herz haben...»

«Sie wollten dich zum König machen? Aber haben sie denn noch nicht verstanden, daß dein Reich nicht von dieser Welt ist?»

«Sie haben es noch nicht verstanden.»

«Ohne Namen zu nennen, erzähle mir, Herr ...»

«Aber wirst du das, was ich dir erzähle, nicht weitersagen?»

«Wenn du es nicht willst, werde ich es nicht sagen...»

«Du wirst erst dann darüber sprechen, wenn die Menschen mich als einen gewöhnlichen Volksführer werden hinstellen wollen. Eines Tages wird dies geschehen, und du wirst es erleben. Dann wirst du sagen: "Er war kein König dieser Welt, weil er es nicht wollte, denn sein Reich war nicht von dieser Welt. Er war der Sohn Gottes, das fleischgewordene Wort, und konnte nicht annehmen, was irdisch ist. Er wollte in die Welt kommen und Fleisch annehmen, um das Fleisch, die Seelen und die Welt zu erlösen; aber er ist nie dem Prunk der Welt und dem Reiz der Sünde unterlegen, und nichts Fleischliches und Weltliches war in ihm. Das Licht hat sich nicht mit Finsternis umhüllt, und der Unendliche hat keine endlichen Dinge angenommen, aber aus den durch Fleisch und Sünde begrenzten Geschöpfen hat er ihm ähnlichere gemacht und die Gläubigen zum wahren Königtum geführt und sein Reich in den Herzen errichtet, noch bevor er es im Himmel errichtet hat, wo er ganz und auf ewig mit allen Geretteten zusammen sein wird." Das wirst du sagen, Johannes. Das wirst du denen sagen, die mich ganz als Mensch oder ganz als Geist sehen wollen und leugnen werden, daß ich Versuchungen unterworfen war... und gelitten habe... Du wirst den Menschen sagen, daß der Erlöser geweint hat und daß sie, die Menschen, auch durch mein Weinen erlöst worden sind...»

«Ja, Herr. Wie du leidest, Jesus! ...»

«Wie ich erlöse! Aber du tröstet mich im Leiden. Beim Morgengrauen werden wir von hier aufbrechen, und eine Barke werden wir finden. Glaubst du mir, wenn ich dir sage, daß wir ohne Ruder vorankommen werden?»

«Ich würde dir auch glauben, wenn du mir sagen würdest, daß wir ohne Barke vorankommen würden ...»

Sie halten sich umschlungen, in den Mantel Jesu eingehüllt, und Johannes wird in der Wärme von Müdigkeit übermannt und schläft schließlich ein, wie ein Kind in den Armen der Mutter.

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514. JESUS SPRICHT VON SEINEM VIELGELIEBTEN JÜNGER

Jesus sagt:

«Sieh, diese unbekannte und so erläuternde Seite der Frohen Botschaft ist für jene, die gerechten Herzens sind. Johannes, der nach vielen Jahrzehnten sein Evangelium niederschrieb, spielt kurz darauf an. Dem Willen des Meisters gehorsam, dessen göttliche Natur er klarer als jeder andere Evangelist hervorhebt, enthüllt er den Menschen diese unbekannte Einzelheit, und er tut es mit der jungfräulichen Zurückhaltung, die alle seine Handlungen und Worte mit demütiger und scheuer Schamhaftigkeit umgibt.

Johannes, mein Vertrauter in den wichtigsten Ereignissen meines Lebens, hat sich nie dieser meiner Vorliebe für ihn gerühmt. Im Gegenteil. Lest ihn aufmerksam. Es scheint, als leide er darunter, diese Ereignisse enthüllen zu müssen, als wolle er sagen: "Ich muß die Wahrheit sagen zur größeren Ehre meines Herrn, aber ich bitte euch um Verzeihung, wenn ich dabei in Erscheinung treten muß als der Einzige, der davon weiß" ' und in knappen Worten weist er auf die Einzelheit hin, die allein ihm bekannt ist.

Lest das erste Kapitel seines Evangeliums, wo er von seiner Begegnung mit mir erzählt: "Johannes der Täufer stand wieder da mit zweien seiner Jünger (zweien seiner Jünger, hört seine Worte)... Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer von den beiden, die die Worte des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Der erste, dem Andreas begegnete..." Er nennt sich selbst nicht, sondern verbirgt sich hinter Andreas, den er in den Vordergrund stellt.

Zu Kana war er bei mir, und er schreibt: "Jesus war mit seinen Jüngern... und seine Jünger glaubten an ihn." Es waren die anderen, die des Glaubens bedurften, denn er selbst glaubte schon; aber er zählt sich zu den anderen, als hätte er Wunder sehen müssen, um glauben zu können.

Als Zeuge der ersten Reinigung des Tempels von den Händlern, des Gespräches mit Nikodemus, der Begebenheit mit der Samariterin, sagt er nie: "Ich war dabei", sondern wie schon in Kana spricht er von "seinen Jüngern"; auch wenn er allein oder nur mit einem anderen bei mir war. Und so fährt er fort, ohne sich je zu nennen; vielmehr stellt er immer die Gefährten in den Vordergrund, als ob er nicht der Getreueste, der stets Getreue, der Vollkommenste in der Treue gewesen wäre.

Denkt an die Zartheit, mit der er auf das Geschehen beim Abendmahl hinweist, aus dem hervorgeht, daß er der Bevorzugte war, was auch von den anderen anerkannt wurde; denn sie wenden sich an ihn, um die Geheimnisse des Meisters zu erfahren: "Da blickten die Jünger einander ratlos an, weil sie nicht wußten, von wem er rede. Einer von seinen Jüngern, der, den Jesus liebte, lag an der Brust Jesu; diesem winkte Simon Petrus

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und sagte zu ihm: 'Sag, wer ist es, von dem er redet!' Er lehnte sich also an die Brust Jesu und sagte zu ihm: 'Herr, wer ist es?-

Er nennt sich nicht einmal, als er in Gethsemane zusammen mit Petrus und Jakobus gerufen wird. Er sagt nicht: "Ich folgte dem Herrn." Er sagt: "Simon Petrus aber und ein anderer Jünger folgten ihm. Dieser Jünger war mit dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus in den Vorhof des Hohenpriesters." Ohne Johannes hätte ich nicht den Trost gehabt, ihn und Petrus in den ersten Stunden nach meiner Gefangennahme zu sehen. Aber Johannes rühmt sich dessen nicht. Er, einer der Hauptzeugen in den Stunden der Leidensgeschichte, der einzige Apostel, der immer voller Liebe, Mitgefühl und mutig an der Seite des Christus und seiner Mutter stand angesichts des entfesselten Jerusalem, verschweigt seinen Namen auch, als er von der Kreuzigung und den Worten des Sterbenden berichtet: "Frau, siehe da deinen Sohn" – "Siehe da, deine Mutter." Er ist der "Jünger", der Namenlose, ohne jeden anderen Namen als den, der sein Ruhm ist, nachdem er seine Berufung gewesen ist: "der Jünger".

Selbst als er "Sohn" der Gottesmutter geworden ist, rühmt er sich dieser Ehre nicht, und nach der Auferstehung schreibt er: "Petrus und der andere Jünger (denen Maria des Lazarus von dem leeren Grabe gesprochen hatte) machten sich auf und gingen zum Grab... Die beiden aber liefen miteinander... doch der andere Jünger lief schneller als Petrus und kam als erster zum Grab. Er beugte sich hinein und sah ... doch ging er nicht hinein..." Ein Zug lieblicher Demut! Er, der Vielgeliebte, der Getreue, läßt Petrus, das Haupt, obwohl ein Sünder aus Feigheit, zuerst hineingehen. Er urteilt nicht über ihn. Petrus ist sein Oberhaupt. Er steht ihm vielmehr bei mit seiner Heiligkeit, denn auch die "Häupter" brauchen den Beistand ihrer Untergebenen als Stütze. Wie viele Untergebene sind besser als die "Häupter"! Ihr heiligen Untergebenen, verweigert den "Häuptern" eure liebevolle Hingabe nie, denn sie brechen zusammen unter ihrer drückenden Last, oder der Rauch der Ehre macht sie blind und trunken. O ihr heiligen Untergebenen, seid Cyrenäer eurer Vorgesetzten. Seid, und sei du, mein kleiner Johannes, denn was ich dir sage, gilt für alle die "Johannes", die den "Petri" vorauseilen und sie führen und dann innehalten, um ihnen den Vortritt zu lassen mit Rücksicht auf ihr Amt; die – oh! Höhepunkt der Demut – um ihre "Petri", die nicht verstehen und glauben können, nicht zu demütigen, vorgeben und glauben lassen, daß auch sie begriffsstutzig und ungläubig sind wie die "Petri"...

Lest auch die letzte Begebenheit am See von Tiberias. Es ist wiederum Johannes, der, wie schon andere Male, den Herrn in dem Mann erkennt, der am Ufer steht; und auch nachdem die Speisen verteilt worden sind und nach der Frage des Petrus: "Herr, was ist mit diesem?" bleibt er der "Jünger", nichts mehr.

Seine eigene Person hebt Johannes nie hervor; aber wenn es darum

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geht, etwas zu sagen, was das fleischgewordene Wort Gottes noch deutlicher in göttlichem Licht erstrahlen läßt, dann hebt Johannes den Schleier und enthüllt ein Geheimnis. Im sechsten Kapitel seines Evangeliums sagt er: "Als er bemerkte, daß sie ihn ergreifen wollten, um ihn zum König zu machen, zog er sich wieder allein auf den Berg zurück"; und den Gläubigen wird diese Stunde aus dem Leben Jesu enthüllt, weil sie wissen sollen, daß Jesus vielen und mannigfachen Versuchungen und Kämpfen ausgesetzt war wegen seiner verschiedenen Eigenschaften als Mensch, Meister, Messias, Erlöser und König, und daß die Menschen und Satan, der ewige Verführer der Menschen, ihm, Christus, keine Nachstellung ersparten, um ihn zu erniedrigen, zu überwältigen und zu zerschmettern. Gegen den Menschensohn, den Ewigen Hohenpriester, den Meister und Herrn, stürmten die satanischen und menschlichen Mächte mit eher mittelmäßigen als guten Gründen an. Sie versuchten die Leidenschaften des Bürgers, des Patrioten, des Sohnes, des Menschen anzustacheln, um einen schwachen Punkt zu finden und dort den Hebel anzusetzen.

O ihr, meine Söhne, die ihr nur meine erste und meine letzte Versuchung vor Augen habt und nur die letzten Mühsale des Erlösers für "Mühsale", nur die letzten Stunden seines Lebens für schmerzlich und nur die letzten Erfahrungen für bitter und ernüchternd haltet, versetzt euch nur für eine Stunde in meine Lage. Stellt euch vor, ihr hättet die Aussicht, Frieden mit euren Landsleuten, und mit ihrer Hilfe, zu schließen, die erforderliche Säuberung zur Heiligung des geliebten Vaterlandes vorzunehmen, und die zerstreuten Glieder Israels wieder zu vereinen, sie endlich dem Schmerz und der Knechtschaft zu entreißen und die Entweihung des Heiligtums zu beenden. Ich sage nicht: Versetzt euch in meine Lage und stellt euch vor, daß man euch eine Krone anbietet; ich sage nur: setzt eine Stunde lang mein menschliches Herz an die Stelle des euren. Was würdet ihr bei einem so verführerischen Angebot tun? Würdet ihr der Idee Gottes treu bleiben, oder würdet ihr nicht eher besiegt? Würdet ihr geistiger und heiliger aus der Versuchung hervorgehen oder euch nicht vielmehr durch Nachgiebigkeit gegenüber den Verlockungen und Drohungen selbst zugrunderichten? Und wie wäre euer Herz daraus hervorgegangen, nachdem ihr feststellen mußtet, bis zu welchem Punkt Satan gehen kann, um meine Mission zu stören und meine Gefühle zu verletzen, um meine guten Jünger auf irrige Wege zu bringen und mich selbst in eine offene Konfrontation mit meinen Feinden, die jetzt demaskiert und außer sich vor Zorn sind, da ihr Komplott aufgedeckt ist?

Kommt also nicht mit Kompaß und Lineal, mit Mikroskop und menschlicher Wissenschaft, und fangt nicht an, mit der kleinlichen Argumentation von Schriftgelehrten abzuwägen, zu vergleichen und zu widerlegen, inwieweit Johannes recht hat, inwieweit dies oder jenes wahr ist. Vergleicht nicht den Satz des Johannes mit der gestrigen Begebenheit, um

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zu sehen, ob alles übereinstimmt. Johannes hat nicht aus Altersschwäche und der kleine Johannes nicht aus kränklicher Schwäche gefehlt. Dieser hat berichtet, was er gesehen hat. Der große Johannes hat viele Jahrzehnte nach dem Geschehnis beschrieben, was er darüber wußte. Mit einer feinen Verkettung von Ort und Handlung hat er das ihm allein bekannte Geheimnis über die nicht ohne Arglist versuchte Krönung des Christus enthüllt.

Zu Tarichäa, nach der ersten Brotvermehrung, spricht man im Volk davon, den Rabbi von Nazareth zum König von Israel zu machen. Manaen, der Schriftgelehrte und viele andere, die zugegen sind, zwar unvollkommen im Geist, aber aufrichtigen Herzens, greifen diesen Gedanken auf und setzen sich dafür ein, um den Meister zu Ehren zu bringen und den ungerechten Kampf gegen ihn zu beenden; und wegen eines Irrtums in ihrer Auslegung der Heiligen Schrift – ein in dem von dem Traum eines irdischen Königtums verblendeten Israel weitverbreiteter Irrtum – und in der Hoffnung, das von vielen Dingen befleckte Vaterland zu heiligen.

Und dann gibt es natürlich viele, die einfach der Idee anhängen; und viele geben arglistig vor, mir anzuhängen, um mir zu schaden. Letztere schließen sich aus Haß gegen mich zusammen, vergessen sogar den Haß der Klassen untereinander, der sie immer getrennt hat, und verbünden sich, um mich zu versuchen und damit dem Verbrechen, das sie in ihren Herzen schon beschlossen haben, einen legalen Anschein zu geben. Sie hoffen auf meine Schwäche, auf meinen Hochmut. Beides, Hochmut und Schwäche, und meine daraus folgende Annahme der mir angebotenen Krone, würde die Anklagen, die sie gegen mich vorbringen wollen, rechtfertigen. Und dann... dann hätten sie, womit sie ihren arglistigen und von Gewissensbissen geplagten Geist beruhigen könnten, denn sie würden sich sagen, in der Hoffnung, es auch glauben zu können: "Rom, nicht wir, hat den Aufwiegler von Nazareth bestraft." Eine legale Beseitigung ihres Feindes, denn das war ihr Erlöser für sie.

Dies sind die Gründe für die geplante Ernennung. Hier ist der Schlüssel für den immer größer werdenden Haß in der Folgezeit. Hier ist schließlich die hohe Lehre Christi. Versteht ihr sie? Es ist die Lehre der Demut, der Gerechtigkeit, des Gehorsams, des Starkmutes, der Klugheit, der Treue, der Verzeihung, der Geduld, der Wachsamkeit und des Duldens, gegenüber Gott, der eigenen Mission, den Freunden, den Verblendeten, Satan und seinen menschlichen Werkzeugen der Versuchung, gegenüber Dingen und Ideen. Alles muß stets betrachtet, geliebt oder nicht geliebt, angenommen oder abgewiesen werden im Hinblick auf das heilige Ziel des Menschen: den Himmel und den Willen Gottes.

Kleiner Johannes, dies war eine der Stunden Satans für mich. Wie Christus sie erlebte, so werden sie auch die "kleinen Christusse" erleben. Man muß sie ertragen und überwinden

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ohne Hochmut, ohne Mißtrauen. Sie sind nicht umsonst, vielmehr dienen sie einem guten Zweck. Habt also keine Furcht, Gott verläßt euch in diesen Stunden nicht, sondern er hilft euch, wenn ihr ihm treu seid. Und danach steigt die Liebe hernieder, um aus den Getreuen Könige zu machen. Die Getreuen steigen nach Beendigung dieses irdischen Lebens auf in sein Reich, in den ewigen Frieden, siegreich für immer...

Du kleiner, mit Dornen gekrönter Johannes, mein Friede sei mit dir ...»

515. IN BETHSAIDA UND KAPHARNAUM; ERNEUTE ABREISE

«Steure auf Bethsaida zu», ordnet Jesus an, der mit Johannes in einem kleinen Boot, wahrhaft einer Nußschale, sitzt. Sie befinden sich mitten auf dem See, der sich im Morgengrauen allmählich erhellt.

Johannes gehorcht, ohne ein Wort zu sagen. Ein recht kräftiger Wind bläht das kleine Segel und läßt das Boot so rasch dahingleiten, daß es sich sogar zur Seite neigt. Schnell geht es am Ostufer entlang, und das nördliche runde Ende des Sees nähert sich immer mehr.

«Lande noch vor der Ortschaft. Ich möchte zu Porphyria gehen, ohne daß andere mich sehen; und du fahre zur gewohnten Landestelle und erwarte mich dort im Boot.»

«Ja, Meister. Und wenn mich jemand sieht?»

«Halte alle bei dir auf, ohne zu sagen, wo ich bin. Ich werde mich beeilen.»

Johannes bemerkt am Ufer einen guten Landeplatz bei der Mündung eines sandigen Baches (um diese Jahreszeit erinnert nur das Bachbett an ihn), aus dem sich die Leute zu irgendeinem Gebrauch Sand geholt haben, so daß eine kleine Bucht von wenigen Metern Breite entstanden ist. Dort kann ein Boot an dem etwa 5O cm über dem Wasser liegenden Ufer anlegen.

Dorthin steuert er. Das Boot streift etwas über den Kies, doch das Anlegen gelingt und Johannes hält es am Ufer fest, indem er eine Wurzel erfaßt, die aus dem Sand hervorragt. Jesus springt ans Ufer. Johannes stemmt das Ruder dagegen, um das Boot wieder ins tiefere Wasser zu schieben. Es gelingt ihm. Er erhebt lächelnd sein strahlendes Antlitz und sagt: «Leb wohl, Meister!»

«Leb wohl, Johannes», und Jesus geht zwischen den Bäumen weg, während Johannes mit dem Boot am Ufer entlangfährt.

Jesus geht landeinwärts und wandert durch die Gemüsegärten hinter Bethsaida. Er beeilt sich, da er vermeiden will, in den Ort zu kommen, wenn dieser erwacht. Ohne jemandem zu begegnen, gelangt er zum Haus des Petrus und klopft an die Küchentür. Nach einigen Augenblicken erscheint das Gesicht Porphyrias vorsichtig über dem Mäuerchen auf dem

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Dach. Sie sieht den Meister und ein erstauntes «Oh» entfährt ihr. Dann sammelt sie mit einer Hand ihre herrlichen Haare (ihre einzige Schönheit), die ihr über die Schultern fallen, und eilt die kleine Treppe hinunter, barfuß wie sie ist, nach der eiligen Morgentoilette.

«Herr? Du allein?»

«Ja, Porphyria. Margziam, wo ist er?»

«Er schläft. Er schläft noch. Der Junge ist etwas traurig... etwas kränklich ... und ich schone ihn ein wenig. Es hängt auch mit dem Alter zusammen ... dem Wachstum... Wenn er schläft, denkt er nicht nach und weint nicht ...

«Weint er oft?»

«Ja. Meister. Ich glaube, daß es seine momentane Schwäche ist. Ich versuche, ihn zu kräftigen... und zu trösten... Aber er sagt: "Ich bleibe allein. Alle, die ich liebe, gehen fort. Wenn Jesus nicht mehr da sein wird..." Er sagt das, wie wenn du uns verlassen würdest... Gewiß, er hat in seinem Leben schon viel Leid durchgemacht ... Aber Simon und ich lieben ihn... Sehr. Glaube mir, Meister.»

«Ich weiß es. Aber seine Seele fühlt ... Porphyria, ich muß mit dir gerade über diese Dinge sprechen. Deswegen bin ich um diese Stunde und ohne Simon gekommen. Wohin können wir gehen und miteinander sprechen, ohne daß uns Margziam hören oder jemand anderer stören kann?»

«Herr, ich habe nur... mein Schlafzimmer... oder den Raum mit den Fischernetzen... Oben ist Margziam. Ich war auch oben, denn um der Hitze zu entgehen, schlafen wir nun dort...»

«Gehen wir in den Raum mit den Netzen. Er ist weiter entfernt, und Margziam wird uns nicht hören, auch wenn er aufwacht.»

«Komm, Herr», und Porphyria führt ihn in einen einfachen großen Raum, der mit allen möglichen Dingen vollgestopft ist: Netze, Ruder, Vorräte, Heu für die Schafe, ein Webstuhl...

Porphyria räumt eilig eine an der Wand stehende Art Tischchen ab und wischt mit einem Bausch Werg den Staub weg, damit der Meister sich setzen kann.

«Das ist nicht wichtig, Frau. Ich bin nicht müde.»

Porphyria blickt mit ihren milden Augen zum abgespannten, müden Antlitz Jesu auf und scheint ihm sagen zu wollen: «Doch, das bist du wohl!» Aber da sie gewohnt ist zu schweigen, sagt sie nichts.

«Höre, Porphyria. Du bist eine gute Frau und eine gute Jüngerin. Seit ich dich kenne, habe ich dich immer sehr geliebt, und mit großer Freude habe ich dich als Jüngerin angenommen und dir auch den Knaben anvertraut. Ich weiß, daß du klug und tugendhaft bist wie wenige. Ich weiß auch, daß du schweigen kannst... eine seltene Tugend bei den Frauen. Aus all diesen Gründen bin ich gekommen, um insgeheim mit dir zu sprechen und dir eine Sache anzuvertrauen, die niemand weiß, nicht einmal die

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Apostel und auch nicht Simon. Ich vertraue sie dir an, weil ich dir sagen muß, wie du dich in Zukunft Margziam... und auch allen anderen gegenüber zu verhalten hast... Ich bin sicher, daß du deinen Meister zufriedenstellen wirst in dem, worum ich dich bitte, und klug sein wirst wie immer...»

Porphyria, die bei diesem Lob des Meisters purpurrot geworden ist, nickt nur mit dem Kopf, so gerührt ist sie. Sie, so schüchtern und immer dem Willen eigenmächtiger Personen unterstellt, die ihr befehlen ohne zu fragen, ob sie mit etwas einverstanden ist, sie ist jetzt zu gerührt, um ihre Zustimmung in Worten auszudrücken.

«Porphyria, ich werde nie mehr in diese Gegend zurückkehren, nie mehr, bevor nicht alles vollendet ist... Du weißt, was ich erfüllen muß, nicht wahr?...»

Porphyria hat bei diesen Worten ihre Haare fallen gelassen, die sie immer noch mit der Linken im Nacken zusammengehalten hat, und stößt mehr als einen Schrei, ein tiefes Schluchzen aus, das sie erstickt, indem sie beide Hände vors Gesicht schlägt, während sie auf die Knie sinkt und stöhnt. «Ich weiß es, Herr, mein Gott...» und sie weint still vor sich hin. Nur an den Tränen, die zwischen den auf ihr Gesicht gepreßten Fingern zu Boden fallen, erkennt man, daß sie weint.

«Weine nicht, Porphyria. Dazu bin ich gekommen. Ich bin bereit... und bereit sind jene, die, indem sie dem Bösen dienen, in Wahrheit dem Guten dienen werden, weil sie die Stunde der Erlösung nahen lassen. Sie könnte sich auch jetzt schon erfüllen, denn wir, ich und sie, sind darauf vorbereitet ... und jede Stunde, die noch vergeht, und jedes Ereignis, das noch stattfindet, wird nichts anderes sein als eine Vervollständigung ihres Verbrechens... und meines Opfers. Aber auch diese noch zahlreichen Stunden, die jener Stunde vorausgehen, werden zu etwas gut sein... Es ist noch einiges zu tun und zu sagen, auf daß alles, was sich erfüllen muß, damit man mich kennt, geschehe... Aber ich werde nicht mehr hierher zurückkehren... Ich betrachte diesen Ort zum letzten Mal... und betrete zum letzten Mal dieses ehrbare Haus... Weine nicht... Ich wollte nicht fortgehen, ohne mich von dir zu verabschieden und dir den Segen deines Meisters zu geben. Ich werde Margziam mit mir nehmen, wenn ich mich jetzt an die phönizische Grenze begebe, und später, wenn ich nach Judäa hinabziehe zum Laubhüttenfest. Ich werde es nicht unterlassen, ihn vor dem Winter zurückzuschicken. Armer Knabe! Er wird sich noch einige Zeit meiner Gegenwart erfreuen. Und dann... Porphyria, es ist nicht gut, wenn Margziam in meiner Stunde zugegen ist, und darum sollst du ihn nicht zum Passahfest gehen lassen ...»

«Aber die Vorschrift, Herr...»

«Ich entbinde ihn von dem Gebot. Ich bin der Meister, Porphyria, und ich bin Gott, du weißt es. Als Gott kann ich ihm im voraus eine

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Unterlassung vergeben, die nicht einmal eine ist, da ich selbst es ihm befehle aus einem berechtigten Grund. Der Gehorsam gegen mein Gebot beinhaltet schon die Lossprechung von der Nichtbefolgung der Vorschrift, denn der Gehorsam gegen Gott – und er bedeutet auch ein Opfer für Margziam – steht immer über allen anderen Dingen. Ich bin der Meister. Und kein guter Meister wäre, wer nicht die Eigenschaften und Reaktionen eines Jüngers in Betracht ziehen und nicht abschätzen könnte, welche Folgen eine über die Kräfte des Jüngers gehende Anstrengung für diesen nach sich ziehen würde. Auch wenn man Tugendhaftigkeit verlangt, muß man klug sein und darf nicht die geistige Bildung und die allgemeinen Kräfte des Wesens überfordern. Wenn man eine Tugend oder eine geistige Selbstbeherrschung verlangt, die den vom Menschen erreichten Grad geistiger, moralischer und auch physischer Kraft übersteigt, kann dies zu einer Zersplitterung aller bereits erlangten Kräfte führen und zum Zusammenbruch des Wesens in den drei Bereichen: dem geistigen, dem moralischen und dem physischen. Margziam, der arme Junge, hat schon zu viel gelitten und zu oft die Brutalität seiner Mitmenschen kennengelernt, so daß er sie beinahe gehaßt hätte. Er könnte nicht ertragen, was meine Passion sein wird: ein Meer schmerzhafter Liebe, in dem ich die Sünden der Welt reinwasche, und ein Meer teuflischen Hasses, das versuchen wird, alle jene zu verschlingen, die ich geliebt habe, und all mein Wirken als Meister zu vernichten. Wahrlich, ich sage dir, auch die Stärksten werden sich unter der Flut Satans beugen, wenigstens für kurze Zeit... Aber ich will nicht, daß Margziam diese verwüstende Woge über sich ergehen lassen und kosten muß... Er ist unschuldig... Er ist mir teuer... Ich habe viel Mitleid mit ihm, der schon mehr gelitten hat, als seine Kräfte zulassen ... Ich habe die Seele des Johannes von Endor ins Jenseits abberufen ...»

«Ist Johannes gestorben? Margziam hat viele Schriftrollen für ihn geschrieben... Ein neuer Schmerz für den Knaben ...»

«Ich selbst werde ihm vom Tod des Johannes berichten... Ich sagte, daß ich ihn aus diesem Leben abberufen habe, um auch ihn vor der schmerzlichen Erschütterung jener Stunde zu bewahren. Auch Johannes hat zuviel von den Menschen erleiden müssen. Warum eingeschläferte Gefühle erneut wecken? Gott ist gut. Er prüft seine Kinder. Aber er macht keine unvorsichtigen Experimente... Oh, wenn die Menschen ebenso zu handeln verstünden! Wieviel weniger gebrochene Herzen oder auch nur gefahrvolle Stürme in den Herzen würde es geben! ...

Aber um auf Margziam zurückzukommen. Er darf nicht zum nächsten Passahfest kommen. Vorläufig sollst du nicht darüber reden. Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du so zu ihm sprechen: "Der Meister hat mir befohlen, dich nicht nach Jerusalem zu schicken. Er verspricht dir einen besonderen Lohn, wenn du ihm gehorchst." Margziam ist ein guter Junge

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und wird gehorchen... Porphyria, das möchte ich von dir: dein Schweigen, deine Treue, deine Liebe.»

«Alles, was du willst, mein Herr. Du ehrst deine arme Dienerin gar zu sehr... Ich verdiene nicht so viel... Geh in Frieden, Meister und Gott. Ich werde tun, was du willst...» Doch der Schmerz überwältigt sie, und sie wirft sich mit dem Gesicht zu Boden. Vorher war sie auf den Knien, auf die Fersen zurückgelehnt, die Augen fest auf das Antlitz Jesu geheftet. Nun liegt sie am Boden, ganz bedeckt von ihrem rabenschwarze