Kirche Weitental

†  Gott ist die Liebe - Er liebt dich  †
 Gott ist der beste und liebste Vater, immer bereit zu verzeihen, Er sehnt sich nach dir, wende dich an Ihn
nähere dich deinem Vater, der nichts als Liebe ist. Bei Ihm findest du wahren und echten Frieden, der alles Irdische überstrahlt

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Maria Valtorta - Der Gottmensch

Band 4

 

Dieses Werk ist eine Gnade unseres lieben Herrn, man lernt hier Jesus und seine Worte in der richtigen Art und Weise kennen, seine Liebe, seinen Gehorsam, seine klaren und wahren Worte, nicht verdrehte, nicht unverständliche oder hoch theologische, nein, einfache Worte. Er erklärt für jeden verständlich die Gleichnisse. Glaube ist kein Studium, es ist Demut, Hingabe, Geduld, Vertrauen, nicht mein Wille muss an erster Stelle stehen, sondern den Willen Gottes gilt es zu suchen, die Gebote gilt es zu halten und hier erlangt man ein Verständnis hierfür. Zudem stimmen die Worte Jesu mit seinem Leben überein, voller Hingabe an den Willen seines und unseren Vaters. Nimm dir Zeit es aufmerksam zu lesen, du wirst es nicht bereuen.

Das Werk kann man hier in Buchform erwerben:

Parvis-Verlag, Route de l'Eglise 71, 1648 Hauteville, Schweiz, Tel. +41 26 915 93 93, buchhandlung@parvis.ch, www.parvis.ch

Aus rechtlichen Gründen dürfen nur Auszüge daraus veröffentlicht werden!
 



Nur zu Testzwecken!

Inhalt
 

Band IV:
Zweites Jahr des öffentlichen Lebens Jesu (Fortsetzung)

• 230. Ankunft in Esdrelon und Aufenthalt bei Michäus. S. 9
• 231. Der Sabbat in Esdrelon; Der kleine Jabe. S. 11
• 232. Von Esdrelon nach Engannim über Mageddo. S. 18
• 233. Von Engannim nach Sichem in zwei Tagen. S. 23
• 234. Von Sichem nach Beeroth. S. 27
• 235. Von Beeroth nach Jerusalem. S. 32
• 236. Der Sabbath in Gethsemane. S. 36
• 237. Im Tempel zur Stunde des Opfers. S. 44
• 238. Begegnung Jesu mit seiner Mutter in Bethanien. S. 48
• 239. Die Macht des Wortes Marias. S. 55
• 240. Aglaia beim Meister. S. 65
• 241. Die Prüfung Margziams. S. 71
• 242. Am Abend vor Ostern im Tempel. S. 76
• 243. Jesus lehrt das Vaterunser. S. 80
• 244. Jesus und die Heiden in Bethanien. S. 87
• 245. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn. S. 95
• 246. Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen. S. 102
• 247. Das Gleichnis vom König, der seinem Sohn die Hochzeit bereitet. S. 108
• 248. Nach Bethlehem mit den Aposteln und den Jüngern. S. 115
• 249. Auf dem Weg zu Elisa in Bethsur. S. 125
• 250. Im Haus Elisa:«Lasst eure Leiden fruchtbar werden!». S. 135
• 251. Auf dem Weg nach Hebron; Die Absichten der Welt und die Absicht Gottes. S. 141
• 252. Festliche Begrüssung in Hebron. S. 146
• 253. In Jutta; Predigt im Haus Isaaks. S. 154
• 254. In Kerioth; Jesus spricht in der Synagoge. S. 160
• 255. Im Hausdes Judas von Kerioth. S. 163
• 256. Das launenhafte Mädchen von Bethginna. S. 169
• 257. In der Ebene auf dem Weg nach Askalon. S. 175
• 258. Im Streit mit den Pharisäern Jesus Herr auch über den Sabbat. S. 179
• 259. Jesus und die Seinen auf dem Weg nach Askalon. S. 183
• 260. Die Predigten und die Wunder in Askalon. S. 194
• 261. Jesus verbrennt in Magdalgad ein heidnisches Götzenbild. S. 201
• 262. Belehrungen der Apostel auf dem Weg nach Jabnia. S. 207
• 263. Jesus und die Seinen auf dem Weg nach Modin. S. 214
• 264. Jesus spricht zu Wegelagern. S. 218
• 265. Die Ankunft in Behter. S. 223
• 266. Der Gelähmte am Teich von Bethsaida. S. 230
• 267. In Bethanien; «Meister Maria hat Martha gerufen». S. 240
• 268. Margziam wird Porphyria, der Frau des Petrus anvertraut. S. 243
• 269. Jesus spricht in Bethsaida. S. 246
• 270. Die blutflüssige Frau und die Töchter des Jairus. S. 248
• 271. Jesus und Martha in Kapharnaum. S. 253
• 272. Heilung der beiden Blinden und des stummen Besessenen. S. 259
• 273. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf. S. 264
• 274. «Nach der Erinnerung an das Gesetz habe ich die Hoffnung auf Vergebung singen lassen». S. 267
• 275. Jesus zu Martha: «Du hast den Sieg schon in deiner Hand». S. 275
• 276. Magdalena im Haus des Pharisäers Simon. S. 277
• 277. «Viel wird dem verziehen der viel liebt. S. 280
• 278. Erwägungen über die Bekehrung Maria Magdalenas. S. 282
• 279. «Es lohnt sich, eine Freundschaft zu verlieren, um eine Seele zu gewinnen». S. 285
• 280. In Begleitung von Maria Magdalena unter den Jüngerinnen. S. 292
• 281. Das Gleichnis von den Fischern. S. 297
• 282. Margziam lehrt Magdalena das Vaterunser. S. 303
• 283. Jesus zu Philippus:«Ich bin der machtvolle Liebhaber»; Das Gleichnis von der verlorenen Drachme. S. 306
• 284. «Wissen ist nicht Verderben, wenn es Religion ist». S. 312
• 285. Im Haus von Kana. S. 321
• 286. Johannes wiederholt die Rede Jesu auf dem Tabor. S. 329
• 287. Jesus in Nazareth. S. 335
• 288. Der Sabbat in der Synagoge von Nazareth. S. 341
• 289. Die Mutter unterrichtet Magdalena. S. 350
• 290. Zu Bethlehem in Galiläa. S. 355
• 291. «Die Berufung ist mehr als Blut. Auf dem Weg nach Sycaminon. S. 366
• 292. An die Jünger von Sycaminon: «Sich selbst verzehren. S. 370
• 293. In Tyrus;«Beharrlichheit ist das grosse Wort. S. 380
• 294. Zu den Jüngern von Sycaminon:«Der Glaube. S. 384
• 295. Jesus sagt Magdalena:«Ich werde dich schmieden mit Feuer und Ambos». S. 393

 

 

230. ANKUNFT IN ESDRELON UND AUFENTHALT BEI MICHÄAS

Als Jesus zu den Feldern Jochanans kommt, beginnt die Röte des Sonnenuntergangs den Himmel zu färben.

«Freunde, beschleunigen wir unsere Schritte, bevor die Sonne untergeht. Du, Petrus, geh mit deinem Bruder voraus und melde uns bei unseren Freunden an; bei jenen, die für Doras arbeiteten.»

«Ich gehe, ja, auch um zu sehen, ob der Sohn wirklich fort ist.» Petrus sagt das Wort "Sohn" auf eine Art, die eine ganze Rede ersetzt. Dann eilt er fort.

Jesus geht nun etwas langsamer und schaut umher, ob er irgendeinen der Landarbeiter des Jochanan sehe. Aber da sind nur die fruchtbaren Felder mit den schon wohlgeformten Ähren.

Endlich kommt aus dem Gezweig des Weinbergs ein verschwitztes Gesicht hervor, und eine Stimme ruft aus: «Oh! Herr, sei gepriesen!»

Der Landarbeiter eilt aus dem Weinberg, um sich Jesus zu Füßen zu werfen.

«Der Friede sei mit dir, Jesaja!»

«Oh, auch meinen Namen weißt du noch?»

«Ich habe ihn ins Herz geschrieben. Steh auf, wo sind deine Kameraden?»

«Dort in den Obstgärten. Ich will ihnen Bescheid sagen. Du bist doch unser Gast, nicht wahr? Der Herr ist nicht da, und so können wir feiern. Und dann... ein wenig aus Angst, ein wenig aus Freude, ist er jetzt freundlicher zu uns. Stell dir vor, er hat uns dieses Jahr ein Lamm und den Besuch des Tempels zugebilligt! Er hat uns nur sechs Tage gegeben... aber wir werden uns auf der Straße beeilen... Wir werden in Jerusalem sein... Stell dir vor! ... Das verdanken wir nur dir!» Der Mann ist im siebten Himmel vor Freude, daß er als Mensch und als Israelit behandelt wird.

«Ich habe nichts getan, soviel ich weiß».... sagt Jesus lächelnd.

«O nein! Du hast viel getan. Doras, und dann die Felder des Doras. Sieh, wie schön die Felder dieses Jahr sind... Jochanan hat von deinem Kommen erfahren. Er ist nicht dumm. Er hat Angst, hat Angst!»

«Vor was?»

«Er fürchtet, es könnte ihm wie Doras ergehen. Im Leben und mit den Gütern. Hast du die Felder des Doras gesehen?»

«Ich komme von Naim...»

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«Dann hast du sie nicht gesehen. Sie sind alle verwüstet. (Der Mann sagt dies leise, aber mit Nachdruck, so als wollte er im geheimen eine schreckliche Nachricht anvertrauen.) Alles verwüstet! Kein Heu, keine Garben, kein Obst. Die Reben sind verdorrt, die Obstbäume vertrocknet... Tot... alles tot... wie in Sodom und Gomorrha... Komm, komm, ich will sie dir zeigen.»

«Nicht nötig. Ich will zu den Landarbeitern gehen ...»

«Aber sie sind nicht mehr da! Weißt du es nicht? Doras, der Sohn des Doras, hat sie alle verstreut oder entlassen; diejenigen, die er auf andere Ländereien geschickt hat, hat er verpflichtet, nicht von dir zu reden. Er hat mit der Prügelstrafe gedroht. Nicht von dir reden! Das wird schwierig sein! Auch Jochanan hat es gesagt.»

«Was hat er gesagt?»

«Er hat gesagt: "Ich bin nicht so dumm wie Doras und sage nicht zu euch: 'Ich will nicht, daß ihr vom Messias redet.' Es wäre nutzlos, denn ihr würdet es trotzdem tun, und ich will euch nicht verlieren und euch wie widerspenstige Tiere unter Peitschenschlägen sterben sehen. Im Gegenteil, ich sage euch: 'Seid gut, wie der Nazarener es euch lehrt, und sagt ihm, daß ich euch gut behandle.' Ich möchte nicht auch verflucht werden." Er sieht ja, was diese Felder sind, die du gesegnet hast, und was jene dort sind, die du verflucht hast. Oh, da kommen sie, die meinen Acker gepflügt haben...» und der Mann eilt Petrus und Andreas entgegen.

Doch Petrus grüßt nur kurz, geht weiter und er schreit: «Oh, Meister! Hier ist niemand mehr! Nur neue Gesichter. Und alles ist verwüstet. Hier hat er wahrlich keine Arbeiter nötig! Es ist schlimmer als am Toten Meer! ...»

«Ich weiß es. Isaias hat es mir gesagt.»

«Aber komm und schau es dir an! Welch ein Anblick! ...»

Jesus stellt ihn zufrieden, nachdem er zuvor zu Isaias gesagt hat: «Ich werde also zu euch kommen. Gib den Freunden Bescheid! Macht keine Umstände. Die Nahrung habe ich selbst. Es genügt uns ein Heuschuppen zum Schlafen und eure Liebe. Ich werde sofort kommen.»

Der Anblick der Felder ist wahrlich trostlos. Äcker und Wiesen sind ausgetrocknet und öde, die Weingärten dürr, das Laubwerk und die Früchte auf den Bäumen von Millionen von Insekten jeglicher Art befallen. Der Obstgarten beim Haus gleicht einem sterbenden Hain. Die Bauern irren umher, reißen Unkraut aus, vernichten Raupen, Schnecken, Regenwürmer und ähnliche Tiere, indem sie die Zweige rütteln und Gefäße darunter halten, die mit Wasser gefüllt sind, um die Maden, die Raupen und alle die Parasiten zu ertränken, welche die übriggebliebenen Blätter befallen haben und den Baum kahlfressen, so daß er eingehen muß. Die Arbeiter suchen in den Weinbergen nach Lebenszeichen. Doch die Ranken brechen bei der leisesten Berührung, so dürr sind sie, und oft fallen

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ganze Rebstöcke zu Boden, als ob sie mit einer Säge an den Wurzeln abgeschnitten worden wären. Der Unterschied zu den Feldern des Jochanan mit seinen Obstbäumen und Weingärten ist wirklich kraß, und die Verwüstung der verfluchten Ländereien erscheint noch furchtbarer, wenn man sie mit den fruchtbaren Feldern Jochanans vergleicht.

«Der Gott des Sinai hat eine schwere Hand», murmelt Simon der Zelote.

Jesus macht eine Bewegung, als wollte er sagen: «Und wie!» Doch er sagt nichts. Er fragt nur: «Wie ist es geschehen?»

Ein Landarbeiter antwortet zwischen den Zähnen: «Maulwürfe, Heuschrecken, Würmer... Doch geh fort! Der Aufseher ist Doras ergeben. Schade uns nicht ...»

Jesus seufzt und geht.

Ein anderer Arbeiter, der in gebückter Haltung einen Apfelbaum mit einer Stütze versieht, in der Hoffnung, ihn noch retten zu können, sagt: «Wir werden dich morgen aufsuchen, wenn der Aufseher nach Jezrael geht, um zu beten... Wir werden in das Haus des Michäas kommen...»

Jesus macht eine Geste des Segnens und geht. Als er zum Kreuzweg kommt, sind alle Arbeiter Jochanans festlich und freudig versammelt und umringen ihren Messias, um ihn zu den armseligen Hütten zu geleiten.

«Hast du es gesehen?»

«Ich habe es gesehen. Morgen werden die Landarbeiter des Doras kommen.»

«Ja, während die Hyänen beim Gebet sind... Wir machen es jeden Sabbat so... und wir reden über dich, über das, was wir von Jonas erfahren haben, was uns Isaak, der uns oft besucht, erzählt hat, und über deine Predigt im Tischri. So wie wir zu reden verstehen. Denn wir müssen von dir sprechen, wir können nicht anders. Und je mehr wir leiden, um so mehr reden wir von dir; aber es ist verboten. Die Armen... Sie trinken jeden Sabbat das Leben... Aber in dieser Ebene sind so viele, die wenigstens von dir wissen müßten, die nicht bis hierher kommen können ...»

«Ich werde auch an sie denken. Ihr sollt gesegnet sein für das, was ihr tut.»

Die Sonne geht unter, als Jesus in eine verräucherte Küche eintritt. Die Sabbatruhe hat begonnen.

231. DER SABBAT IN ESDRELON; DER KLEINE JABE

«Gib Michäas soviel Geld, daß er morgen alles zurückgeben kann, was er sich heute von den Arbeitern in dieser Gegend geliehen hat», sagt Jesus zu Judas von Kerioth, der normalerweise die gemeinsame Kasse verwaltet.

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Dann ruft Jesus Andreas und Johannes und schickt sie zu zwei Stellen, von wo aus man die Straße oder die Wege sehen kann, die nach Jezrael führen. Er ruft Petrus und Simon herbei und schickt sie den Arbeitern des Doras entgegen mit der Weisung, sie an der Grenze der beiden Besitzungen aufzuhalten. Endlich sagt er zu Jakobus und Judas: «Nehmt die Verpflegung und kommt mit.»

Es folgen ihnen die Arbeiter Jochanans, Frauen, Männer und Kinder. Die Männer tragen je zwei kleinere Krüge, die wahrscheinlich mit Wein gefüllt sind. Jeder von diesen Krügen enthält wohl um die zehn Liter. (Ich bitte immer, meine Schätzungen nicht als Glaubenssätze anzunehmen.) Sie gehen dorthin, wo ein dichter, schon ganz mit neuen Blättern bedeckter Weinberg die Grenze des Besitzes Jochanans anzeigt. Jenseits befindet sich ein breiter Wassergraben, der mit wer weiß wieviel Mühe in Ordnung gehalten wird.

«Siehst du? Jochanan hat sich mit Doras deswegen gestritten. Jochanan sagte: "Es ist die Schuld deines Vaters, daß alles verwüstet ist. Wenn er den Messias nicht verehren wollte, dann hätte er ihn wenigstens fürchten, aber nicht herausfordern sollen." Und Doras brüllte wie ein Dämon: "Du hast deine Felder gerettet wegen dieses Grabens. Das Ungeziefer hat ihn nicht überschritten..." Und Jochanan sagte: "Warum ist jetzt alles bei dir verwüstet, während zuvor die Felder die schönsten von Esdrelon waren? Es ist die Strafe Gottes, glaub mir! Ihr habt das Maß überschritten. Dieses Wasser?... Das ist immer schon dagewesen, und das ist es nicht, was mich verschont hat." "Er ist ein Gerechter" ' hat Jochanan daraufhin geschrien. Und so haben sie sich eine Weile hin- und hergestritten, solange sie Atem hatten; darauf ließ Jochanan mit großen Ausgaben Wasser vom Fluß kommen, nach Grundwasser graben und neue Gräben an den Grenzen zwischen seinem Besitz und dem seines Verwandten ausheben, die noch tiefer sind. Uns sagte Jochanan, was wir dir gestern schon berichtet haben... Im Grunde ist er glücklich über das Geschehene. Er ist immer so neidisch auf Doras gewesen... Nun hofft er, alles kaufen zu können, denn Doras wird nichts anderes übrigbleiben, als alles für ein paar Drachmen zu veräußern.»

Jesus hört gutmütig alle diese Mitteilungen an und wartet unterdessen auf die armen Arbeiter des Doras, die bald kommen und sich auf die Knie werfen, als sie Jesus im Schatten eines Baumes erblicken.

«Der Friede sei mit euch, Freunde. Kommt! Heute ist die Synagoge hier, und ich bin euer Synagogenvorsteher. Aber zuerst möchte ich euer Hausvater sein. Setzt euch im Kreis nieder, ich will euch die Speise reichen. Heute habt ihr den Bräutigam hier, und wir wollen ein Hochzeitsmahl halten.»

Jesus öffnet einen Korb und entnimmt ihm Brote, die er den erstaunten Arbeitern des Doras gibt; aus dem anderen Korb nimmt er, was aufzutreiben war: Käse, Gemüse, das er kochen ließ, und ein kleines gekochtes

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Geißchen oder Lämmlein, das er an die armen Unglücklichen verteilt. Dann schenkt er den Wein aus und läßt den einfachen Kelch kreisen, damit alle trinken können.

«Aber warum? Aber warum? Und diese?» sagen die Leute des Doras und zeigen auf die Jochanans.

«Sie haben schon gehabt.»

«Aber diese Ausgaben! Wie konntest du das tun?»

«Es gibt noch gute Menschen in Israel», sagt Jesus lächelnd.

«Aber heute ist Sabbat ...»

«Dankt diesem Mann», sagt Jesus und deutet auf den Mann von Endor. «Er hat das Lamm gespendet. Das andere war leicht aufzutreiben.»

Die Armen verschlingen – man muß so sagen – die Speisen, die sie schon lange nicht mehr gekostet haben. Da ist ein schon alter Mann, der einen Knaben an sich zieht, der vielleicht zehn Jahre alt ist; er ißt und weint.

«Warum weinst du so, Vater?» fragt Jesus.

«Weil deine Güte zu groß ist ...»

Der Mann von Endor sagt mit seiner tiefen Stimme: «Das ist wahr... man muß weinen. Aber es sind keine bitteren Tränen ...»

«Keine bitteren, das ist wahr. Und dann... ich habe einen Wunsch. Diese Tränen sind auch eine Bitte.»

«Was möchtest du, Vater?»

«Siehst du dieses Kind? Es ist mein Enkel. Er ist mir geblieben nach der Seuche dieses Winters. Nicht einmal Doras weiß, daß er bei mir ist, denn ich lasse den Knaben wie ein wildes Tier im Wald leben und kann ihn nur am Sabbat sehen. Wenn Doras ihn entdeckte, würde er ihn verjagen oder zur Arbeit treiben ... dann wäre dieses mein junges Blut schlimmer dran als ein Arbeitstier ... Zu Ostern werde ich ihn mit Michäas nach Jerusalem schicken, damit er ein Sohn des Gesetzes wird... und dann? ... Er ist der Sohn meiner Tochter ...»

«Würdest du ihn lieber mir mitgeben? Weine nicht! Ich habe viele Freunde, die ehrbar, heilig und kinderlos sind. Sie würden ihn heiligmäßig erziehen, auf meinem Wege...»

«Oh, Herr! Seit ich von dir gehört habe, ist dies mein Wunsch. Und ich habe den heiligen Jonas gebeten – er weiß, was es heißt, einen solchen Herrn zu haben – meinen Enkel vor diesem Tod zu bewahren ...»

«Kind, willst du mit mir kommen?»

«Ja, mein Herr. Ich will dich nicht enttäuschen!»

«abgemacht!»

«Aber... wem willst du ihn geben?» fragt Petrus und zupft Jesus dabei am Ärmel. «Auch ihn dem Lazarus?»

«Nein, Simon. Es gibt viele, die keine Kinder haben ...»

«Auch ich bin ohne Kinder...» Das Antlitz des Petrus wird ganz schmal bei diesem Wunsch.

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«Simon, ich habe es dir schon gesagt: Du wirst der "Vater" aller Kinder sein, die ich dir als Erbschaft hinterlasse. Aber du darfst die Ketten eines eigenen Kindes nicht haben. Sei nicht traurig. Du bist dem Meister zu unentbehrlich, und daher kann der Meister nicht auf dich verzichten wegen einer Anhänglichkeit. Ich verlange viel, Simon. Ich bin anspruchsvoller als der eifersüchtigste Bräutigam. Ich liebe dich ganz besonders, und ich will dich ganz für mich haben.»

«Gut, Herr! Gut! Es geschehe nach deinem Willen.» Der arme Petrus ist heroisch in seiner Ergebenheit.

«Er wird der Sohn meiner heranwachsenden Kirche sein. Ist es gut so? Er gehört allen und niemand. Er wird "unser" Sohn sein. Wir werden ihn mit uns nehmen, wenn die Entfernungen es erlauben, oder er wird uns bisweilen treffen, und seine Pflegeväter werden die Hirten sein, die in den Kindern "ihr" Jesuskind lieben. Komm her, Kind. Wie heißt du?»

«Jabe des Johannes; ich bin aus Judäa», sagt der Knabe ganz bestimmt.

«Ja, wir sind Judäer», bestätigt der Alte. «Ich habe auf den Feldern des Doras in Judäa gearbeitet, und meine Tochter war mit einem von dort verheiratet. Ich arbeitete in den Wäldern von Arimathäa, und diesen Winter...»

«Kam das Unglück...»

«Der Knabe wurde gerettet, weil er in jener Nacht bei einem entfernten Verwandten war... Er hat den Namen mit Recht, Herr! Ich habe damals zu meiner Tochter gesagt: "Warum? Erinnerst du dich nicht an Althergebrachte?" Doch der Mann wollte ihn so nennen, und nun heißt er Jabe.»

«"Der Knabe wird den Herrn anrufen, und der Herr wird ihn segnen und seine Grenzen weiten, und die Hand des Herrn wird auf seiner Hand liegen, und er wird von keinem Übel mehr befallen werden." Dies wird der Herr geschehen lassen, um dich, Vater, und die Seelen der Verstorbenen zu trösten, und den Waisenknaben zu stärken. Und nun, da wir die Bedürfnisse des Leibes von denen der Seele getrennt haben mit einem Akt der Liebe zum Knaben, hört das Gleichnis, das ich für euch erdacht habe:

Es lebte einst ein sehr reicher Mann. Er besaß die schönsten Kleider und brüstete sich auf den Straßen und im Haus mit seinen Purpurgewändern und Damastkleidern, und er wurde von den Bürgern, die ihm aus Eigennutz schmeichelten, als der Mächtigste des Landes verehrt. In seinen Gemächern fanden jeden Tag herrliche Gastmähler statt, bei denen die Menge der Eingeladenen – lauter reiche Leute, nicht Bedürftige – sich drängte und dem reichen Prasser huldigte. Seine Gastmähler waren bekannt durch den Überfluß an vorzüglichen Speisen und Weinen.

In der gleichen Stadt lebte aber auch ein Bettler, ein armer Bettler. Er war so arm, wie der andere reich war. Doch unter der Kruste der menschlichen Armseligkeit des Bettlers Lazarus war ein Schatz verborgen, der größer als die Armut des Lazarus und der Reichtum des Prassers war: die

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Heiligkeit von Lazarus. Er hatte das Gesetz nie übertreten, nicht einmal in der größten Not, und vor allem hatte er immer das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe beachtet. Er ging zu den Türen der Reichen, wie es die Bettler tun, und bat um Almosen, um nicht verhungern zu müssen. Und jeden Abend ging er zum Tor des Prassers, um wenigstens einige Überreste der prunkvollen Gastmähler, die in den reichen Sälen stattfanden, zu erhalten.

Er legte sich bei der Türe auf den Weg und wartete geduldig. Aber wenn der Prasser ihn gewahr wurde, ließ er ihn wegjagen, denn der wundenbedeckte, unterernährte Körper in zerrissenen Kleidern war ein trauriger Anblick für seine Gäste. Der Prasser sagte so. In Wirklichkeit aber war der Anblick der Armseligkeit und Güte ein andauernder Vorwurf für ihn. Mitleidiger als er waren seine Hunde, die wohlgenährt waren und herrliche Halsbänder trugen, sich zu Lazarus gesellten und seine Wunden leckten und freudig knurrten, wenn Lazarus ihr Fell kraulte. Sie schleppten die Abfälle der reichen Tafeln herbei, so daß Lazarus dank der Tiere nicht verhungerte; denn die Menschen hätten ihn sterben lassen, da sie ihm nicht einmal erlaubten, nach dem Mahle einzutreten und die unter die Tische gefallenen Reste an sich zu nehmen.

Eines Tages starb Lazarus. Niemand auf der Welt störte dies, niemand weinte ihm nach. Der Prasser freute sich vielmehr darüber, daß er nun an seiner Schwelle dieses Elend nicht mehr sehen mußte, das er "Scheusal" nannte. Aber im Himmel gewahrten die Engel den Armen. Und bei seinem letzten Atemzug in der kalten leeren Hütte waren die himmlischen Scharen anwesend, die seine Seele in einen Lichtschein aufnahmen und sie mit Hosannarufen in Abrahams Schoß trugen.

Nach einiger Zeit starb auch der Prasser. Oh, welch prächtige Trauerfeier! Die ganze Stadt war über seinen Todeskampf unterrichtet worden, und die Leute drängten sich auf dem Platz vor dem Palast, um als Freunde des großen Verstorbenen erkannt zu werden, mehr noch aus Neugier und Interesse für die Erben. Sie folgten dem Sarg, und mit den Klagen der Trauer stiegen auch die verlogenen Lobgesänge auf den "Großen", den "Wohltäter", den "Gerechten" zum Himmel.

Kann Menschenwort das Urteil Gottes ändern? Nein, dies kann es nicht. Wer gerichtet ist, ist gerichtet, und was geschrieben ist, ist geschrieben. Und ungeachtet des feierlichen Begräbnisses wurde die Seele des Prassers in die Hölle verbannt.

In diesem schrecklichen Gefängnis, mit Feuer und Finsternis gespeist und getränkt, von allen Seiten mit Haß und Qual umgeben, erhob der Prasser seinen Blick zum Himmel; zum Himmel, den er für einen kurzen Augenblick, den Bruchteil einer Sekunde, in seiner unsagbaren Schönheit sah und der ihm für immer vor Augen bleiben sollte als höchste Qual aller Qualen.

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Er sah dort Abraham; fern, doch strahlend und selig. Und in dessen Schoß, ebenso strahlend und selig Lazarus, den armen Lazarus, der einst verachtet, abstoßend und elend war. Nun war er wunderschön im Lichte Gottes, in seiner Heiligkeit reich an Liebe Gottes, und wurde nicht von den Menschen, sondern von den Engeln des Himmels bewundert.

Der Prasser rief weinend aus: "Vater Abraham, erbarme dich meiner! Sende Lazarus, denn ich kann nicht erwarten, daß du es selbst tust; sende Lazarus, damit er seinen Finger mit Wasser netze und ihn mir auf die Zunge lege, um sie zu erfrischen; denn ich leide durch die Flamme, die unaufhörlich in mir brennt!"

Abraham antwortete: "Denk daran, daß du alle Güter im Leben genossen hast, während Lazarus nur das Leid der Erde hatte. Er hat es verstanden, aus dem Schlechten Gutes zu machen, während du all deine Schätze zum Bösen mißbraucht hast. Daher ist es gerecht, daß er nun getröstet wird, während du leiden mußt. Jetzt ist nichts mehr zu ändern. Die Heiligen sind über die Erde verstreut, damit die Menschen aus ihnen Nutzen ziehen. Aber wenn der Mensch trotz ihrer Nähe das bleibt, was er ist – in deinem Falle ein Dämon – so nützt es nichts, sich an die Heiligen zu wenden, wenn es zu spät ist. Nun sind wir getrennt. Auf den Wiesen sind die Kräuter vermischt. Aber wenn sie gemäht worden sind, dann werden die guten von den schlechten getrennt. So ist es mit euch und mit uns. Wir waren zusammen auf der Welt. Du hast uns verjagt, hast uns auf vielerlei Weise gequält, hast uns vergessen und hast gegen die Liebe gefehlt. Jetzt sind wir getrennt. Zwischen dir und uns ist ein solcher Abgrund, daß jene, die von hier zu euch kommen möchten, nicht können; und auch ihr, die ihr dort seid, könnt den schrecklichen Abgrund nicht überqueren, um zu uns zu kommen."

Der Prasser weinte und schrie: "O heiliger Vater, sende, ich bitte dich, sende den Lazarus in das Haus meines Vaters. Ich habe fünf Brüder. Ich habe nie verstanden, was Liebe ist, auch nicht innerhalb der Familie. Aber nun, nun verstehe ich, wie schrecklich es ist, ohne Liebe zu sein. Und da hier, wo ich bin, Haß herrscht, habe ich erkannt – in jenem Augenblick, in dem meine Seele Gott sah (beim besonderen Gerichte), was die Liebe ist. Ich will nicht, daß meine Brüder dasselbe leiden müssen. Ich habe Angst um sie, denn sie leben, wie ich gelebt habe. Oh, sende Lazarus zu ihnen, damit er ihnen sage, wo ich bin und warum ich hier bin; damit er ihnen sage, daß es die Hölle gibt und daß sie schrecklich ist und daß alle, die Gott und den Nächsten nicht lieben, ins höllische Feuer kommen. Sende ihn, damit sie noch vorsorgen können, bevor es zu spät ist, damit sie nicht hierher, an diesen Ort des ewigen Schreckens, kommen müssen."

Abraham aber antwortete: "Deine Brüder haben Moses und die Propheten. Auf diese sollen sie hören."

Mit dem Jammer einer gequälten Seele antwortete der Prasser: "Oh,

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Vater Abraham! Ein von den Toten Auferstandener wird sie mehr beeindrucken... Erhöre mich! Hab Erbarmen!"

Doch Abraham sagte: "Wenn sie nicht auf Moses und die Propheten gehört haben, dann werden sie auch nicht auf einen hören, der für eine Stunde von den Toten auferstanden ist, um ihnen Worte der Wahrheit zu sagen. Übrigens ist es nicht recht, daß ein Seliger meinen Schoß verläßt, um von den Söhnen des Feindes beleidigt zu werden. Die Zeit des Unrechts ist für ihn vorbei. Er ist nun im Frieden und bleibt im Frieden auf Anordnung Gottes, der sieht, daß der Versuch einer Bekehrung unnütz ist bei allen, die nicht an das Wort Gottes glauben und nicht danach leben."

Dies ist das Gleichnis, dessen Bedeutung so klar ist, daß es keiner weiteren Erklärung bedarf.

Hier hat wahrlich der neue Lazarus, mein Jonas, seine Heiligkeit erlangt. Seine Herrlichkeit in Gott offenbart sich im Schutz, den jene erfahren, die auf ihn hoffen. Zu euch kann Jonas als Freund und Beschützer kommen, und er kommt auch, wenn ihr immer gut seid. Ich würde euch – und ich sage euch, was ich ihm schon im letzten Frühling gesagt habe – ich würde euch allen gerne helfen, auch materiell, aber es geht nicht, und das schmerzt mich. Ich kann euch nur auf den Himmel hinweisen; ich kann euch nur die große Wahrheit der Ergebung lehren und euch das künftige Reich versprechen. Haßt niemals, aus keinem Grunde! Der Haß ist mächtig in der Welt. Aber der Haß hat auch seine Grenzen. Die Liebe kennt keine Grenzen, weder in ihrer Macht, noch in der Zeit. Liebt daher, um die Liebe als Schutz und Trost auf Erden und als Lohn im Himmel zu besitzen. Es ist besser, ein Lazarus zu sein als ein Prasser, glaubt es mir! Glaubt es und ihr werdet selig werden.

Seht in der Verwüstung dieser Felder nicht Haß, auch wenn die Vorgänge es rechtfertigen könnten. Legt das Wunder nicht schlecht aus. Ich bin die Liebe, und ich hätte nicht gestraft. Aber da ich sah, daß die Liebe den grausamen Prasser nicht beugen konnte, habe ich ihn der Gerechtigkeit überlassen, und diese hat den Märtyrer Jonas und seine Brüder gerächt.

Lernt dieses aus dem Wunder: Die Gerechtigkeit ist immer wachsam, auch wenn sie abwesend zu sein scheint, und da Gott der Herr der ganzen Schöpfung ist, kann er sich der geringsten Tierlein wie Ameisen und Ungeziefer bedienen, um das Herz des Grausamen und Gierigen zu züchtigen und ihn an einem Schluck Gift ersticken lassen.

Ich segne euch nun. Jeden Morgen bete ich für euch. Und du, Vater, hab keine Sorge um das Lamm, das du mir anvertraust. Ich werde es dir wieder zurückbringen, damit du dich freuen kannst, zu sehen, daß es an Weisheit, Liebe und Güte auf dem Wege Gottes zunimmt. Es soll dein Osterlamm sein an diesem armen Osterfest: das wohlgefälligste der auf dem Altare Jehovas geopferten Lämmer. Jabe, verabschiede dich vom

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alten Vater, und komm dann zu deinem Erlöser, zu deinem guten Hirten! Der Friede sei mit euch!»

«Oh, Meister! Guter Meister! Dich lassen zu müssen! ...»

«Ja, es tut weh! Aber es wäre nicht gut, wenn der Aufseher euch hier vorfände. Ich bin eigens hierher gekommen, um Bestrafungen zu vermeiden. Gehorcht aus Liebe zur Liebe, die euch berät.»

Die Unglücklichen erheben sich mit Tränen in den Augen und kehren zu ihrem Kreuz zurück. Jesus segnet sie noch einmal. Dann geht er, seine Hand in der Hand des Knaben, und mit dem Manne von Endor auf der anderen Seite, auf dem gleichen Weg, auf dem er gekommen war, zum Haus des Michäas zurück. Auch Andreas und Johannes vereinigen sich am Ende ihrer Wache wieder mit den Gefährten.

232. VON ESDRELON NACH ENGANNIM ÜBER MAGEDDO

«Herr, ist der Gipfel dort der Karmel?» fragt Vetter Jakobus.

«Ja, Bruder. Dies ist die Kette des Karmel, und der höchste Gipfel gibt seinen Namen dem ganzen Gebirge.»

«Die Welt muß von dort oben schön sein. Bist du noch nie hinaufgestiegen?»

«Einmal, ganz allein, als ich eben mit dem Predigen begonnen hatte. An seinem Fuße habe ich meinen ersten Aussätzigen geheilt. Doch wir wollen zusammen auf den Berg steigen und des Elias gedenken ...»

«Danke, Jesus! Wie immer hast du mich verstanden.»

«Und wie immer arbeite ich an deiner Vervollkommnung, Jakobus.»

«Warum?»

«Der Grund steht im Himmel geschrieben.»

«Könntest du es mir nicht sagen, Bruder, du, der du lesen kannst, was im Himmel geschrieben steht?» Jesus und Jakobus gehen nebeneinander, und nur der kleine Jabe, immer noch an der Hand Jesu, kann das vertrauliche Gespräch der Vettern hören, die sich zulächeln und in die Augen schauen.

Jesus legt einen Arm um die Schultern des Jakobus, zieht ihn näher an sich heran und fragt ihn: «Willst du es wirklich wissen? Nun gut, ich werde es dir als Rätsel sagen, und wenn du den Schlüssel dazu findest, dann bist du weise. Höre also! "Die falschen Propheten hatten sich auf dem Berge Karmel versammelt. Da näherte sich Elias dem Volke und sprach: 'Wie lange noch hinkt ihr nach zwei Seiten? Wenn der Herr Gott ist, dann folgt ihm; wenn es Baal ist, so folgt diesem.' Das Volk antwortete nicht. Dann fuhr Elias fort zum Volke zu reden: 'Von den Propheten des Herrn bin nur ich geblieben" und die einzige Kraft des Einsamen war der Ruf:

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'Erhöre mich, Herr, erhöre mich, damit dieses Volk erkenne, daß du der Herr, unser Gott bist und aufs neue ihre Herzen bekehrt hast.' Darauf fiel das Feuer des Herrn vom Himmel und verzehrte das Opfer." Nun, Bruder, kannst du raten.»

Jakobus denkt gesenkten Hauptes nach, und Jesus betrachtet ihn lächelnd. Sie gehen einige Meter, dann sagt Jakobus: «Bezieht sich dies auf Elias oder auf meine Zukunft?»

«Auf deine Zukunft, natürlich...»

Jakobus denkt weiter nach, dann flüstert er: «So werde ich dazu bestimmt sein, Israel aufzufordern, in der Wahrheit einen Weg zu gehen? So werde ich der sein, der allein in Israel zurückbleibt? Wenn ja, dann heißt es, daß die anderen verfolgt und vertrieben werden und daß ... daß ich dich für die Bekehrung dieses Volkes bitten werde... vielleicht als Priester... vielleicht als Opfer... Aber wenn es so ist, dann entzünde mich jetzt schon, Jesus...»

«Du bist es schon. Aber du wirst vom Feuer erfaßt werden wie Elias. Daher werden wir, ich und du, allein auf den Karmel gehen, um miteinander zu reden.»

«Wann? Nach Ostern?»

«Ja, nach einem Ostern. Dann werde ich dir viele Dinge sagen...»

Ein schöner kleiner Fluß, der zum Meere fließt und durch den Frühjahrsregen und die Schneeschmelze Hochwasser hat, hindert sie am Weitergehen. Petrus eilt herbei und sagt: «Die Brücke ist weiter oben, dort wo die Straße von Ptolemais nach Engannim ist.»

Jesus kehrt willig zurück und überschreitet den Bach auf einer starken Brücke aus Stein. Kurz darauf erscheinen andere Berge und Hügel, aber sie sind nicht hoch.

«Werden wir gegen Abend in Engannim sein?» fragt Philippus.

«Ganz bestimmt. Aber... jetzt haben wir den Knaben. Bist du müde, Jabe?» fragt Jesus liebevoll. «Sei aufrichtig wie ein Engel.»

«Ein wenig, Herr; aber ich will mich anstrengen.»

«Dieses Kind ist geschwächt», sagt der Mann von Endor mit seiner tiefen Stimme.

«Das glaube ich gerne», ruft Petrus. «Bei dem Leben, das es seit einigen Monaten führt! Komm, ich trage dich.»

«O nein, Herr. Ermüde dich nicht. Ich kann schon noch gehen.»

«Komm, komm, du bist bestimmt nicht schwer. Du gleichst einem unterernährten Vöglein», und Petrus setzt ihn auf seine Schultern und hält ihn an den Beinen fest.

Sie gehen rascher, denn die Sonne ist schon heiß und treibt an, die schattigen Hügel zu erreichen.

Sie verweilen in einer Ortschaft, die ich Mageddo nennen höre, und halten Rast bei einem sehr frischen Brunnen, der viel Wasser hat, das

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geräuschvoll in ein dunkles Steinbecken plätschert. Aber niemand aus dem Dorf kümmert sich um die Wanderer, die namenlos wie viele andere mehr oder weniger reiche Pilger sind, die zu Fuß oder auf Eseln nach Jerusalem zum Osterfest ziehen. Es herrscht hier schon eine Freudenstimmung, und viele Kinder sind unter den Wanderern, die der Gedanke der Zeremonie der "Volljährigkeit" heiter stimmt.

Zwei Knaben aus wohlhabenden Familien, die zum Brunnen kommen, um zu spielen, während Petrus Jabe mit tausend Kleinigkeiten zu ergötzen sucht, fragen den Jungen: «Gehst du auch nach Jerusalem, um ein Sohn des Gesetzes zu werden?»

Jabe antwortet schüchtern: «Ja»; aber er versteckt sich dabei hinter Petrus.

«Ist das dein Vater? Du bist arm, nicht wahr?»

«Ich bin arm, ja.»

Die beiden Knaben, vielleicht Söhne von Pharisäern, prüfen das Kind spöttisch und neugierig und sagen: «Das sieht man!»

Ja, man sieht es... Sein Gewand ist recht armselig! Vielleicht ist der Knabe gewachsen, und obgleich der entfärbte braune Saum bereits ausgelassen worden ist, reicht das Kleid nur bis zur Mitte der braungebrannten Waden und läßt die mageren Füße frei, die in zwei unförmigen Sandalen stecken. Letztere werden von Schnüren gehalten, die sicherlich Schmerzen bereiten.

Die Knaben, die in ihrem Egoismus, der so vielen Kindern eigen ist, und in ihrer Grausamkeit als böse Kinder unerbittlich sind, sagen nun: «Oh, dann hast du also kein neues Gewand für das Fest! Wir hingegen! ... Nicht wahr, Joachim? Ich, ganz rot mit einem gleichfarbigen Mantel. Er ganz himmelblau. Und wir haben Sandalen mit silbernen Schnallen und einen kostbaren Gürtel und ein Talet von einer goldenen Platte gehalten und ...»

«Und ein Herz aus Stein, sage ich!» platzt Petrus heraus, der eben fertig ist, seine Füße zu erfrischen und alle Flaschen mit Wasser zu füllen. «Ihr seid böse Buben. Die Zeremonie und das Kleid sind keine Kröte wert, wenn das Herz nicht gut ist. Ich ziehe lieber diesen meinen Buben vor! Macht, daß ihr weiterkommt, ihr Hochnäsigen! Geht zu den Reichen und habt Ehrfurcht vor den Armen und Gerechten. Komm, Jabe! Das Wasser tut deinen müden Füßchen gut. Komm, ich will sie dir waschen, dann können wir nachher besser wandern. Oh, die Schnüre haben dir sehr weh getan. Du darfst nicht mehr gehen. Ich werde dich tragen, bis wir in Engannim sind. Dort werden wir einen Sandalenmacher finden, und ich werde dir ein Paar neue Sandalen kaufen.»

Petrus wäscht und trocknet die kleinen Füße, die schon lange keine solche Fürsorge mehr erfahren haben.

Das Kind sieht ihn an und zögert etwas; dann aber beugt es sich über

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den Mann, der eben die kleinen Sandalen schnürt, umarmt ihn mit seinen mageren Ärmchen und sagt: «Wie gut bist du!» und küßt ihn auf die grauen Haare.

Petrus ist gerührt. Er setzt sich auf den Boden, dort in die Nässe, wie es gerade kommt, nimmt das Kind auf den Schoß und sagt: «Dann nenne mich "Vater".»

Es ist ein liebliches Bild. Jesus nähert sich mit den anderen. Doch zuvor kommen die hochnäsigen Buben noch einmal, die verwundert zugesehen hatten, und sagen: «Aber er ist doch nicht dein Vater!»

«Er ist mir Vater und Mutter», sagt Jabe bestimmt.

«Ja, liebes Kind, das hast du gut gesagt: Vater und Mutter! Und ihr, meine lieben Herrchen, ich versichere euch, er wird nicht schlecht gekleidet zur Zeremonie gehen. Auch er wird ein königliches Gewand haben, rot wie das Feuer, und einen Gürtel, grün wie das Gras, und ein Talet, weiß wie der Schnee.»

Obwohl diese Zusammenstellung nicht gerade harmonisch ist, setzt sie die beiden Hochnäsigen in Erstaunen und treibt sie in die Flucht.

«Was machst du, Simon, in der Nässe?» fragt Jesus lächelnd.

«Naß? Ach ja. Nun merke ich es. Was ich tue? Ich mache mich zum Lamm mit der Unschuld im Herzen. Ach Meister, Meister! Gut, gehen wir. Aber du mußt mich machen lassen mit diesem Kinde. Später kannst du den Jungen haben. Aber solange er kein wahrer Israelit ist, gehört er mir.»

«Aber ja. Du wirst immer sein Vormund sein, wie ein alter Vater. Bist du zufrieden? Laßt uns gehen, damit wir bis zum Abend nach Engannim kommen, ohne daß das Kind zu rasch gehen muß.»

«Ich werde ihn tragen. Mein Netz ist schwerer als er. Er kann nicht gehen mit diesen zwei zerrissenen Sohlen. Komm!» Und mit seinem Söhnchen beladen, macht sich Petrus glücklich wieder auf den Weg. Durch nunmehr immer längere Schatten der Obstgärten beginnen sie die Besteigung der sanften Hügel, von denen aus man einen schönen Ausblick über die fruchtbare Ebene von Esdrelon hat.

Sie sind schon in der Nähe von Engannim, das ein schönes Städtchen sein muß, gut mit Wasser versorgt durch einen hohen, wahrscheinlich römischen Aquädukt. Eine militärische Reitertruppe nähert sich; sie verlassen die Straße. Die Pferdehufe dröhnen auf der Straße, die hier, in der Nähe der Stadt, mit einem leichten Pflaster versehen ist, das man jedoch unter dem Staub und dem Unrat kaum sieht.

«Sei gegrüßt, Meister! Du in dieser Gegend?» schreit Publius Quintillianus, steigt vom Pferd und geht mit einem aufrichtigen Lächeln auf Jesus zu, indem er sein Pferd am Zügel hält. Seine Soldaten gehen im Schritt, um sich ihrem Vorgesetzten anzupassen.

«Ich gehe nach Jerusalem zum Osterfest.»

«Ich auch. Für die Festtage werden die Wachen verstärkt, auch weil

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Pontius Pilatus in die Stadt kommt, und Claudia dasein wird. Wir sind ihre Stafette. Die Wege sind so unsicher. Die Adler treiben die Schakale in die Flucht», lacht der Soldat und blickt Jesus an.

Dann sagt er leiser: «Doppelte Wache dieses Jahr, um den Rücken des schmutzigen Antipas zu decken. Es herrscht viel Unzufriedenheit über den Arrest des Propheten. Unzufriedenheit in Israel und Unzufriedenheit unter uns. Aber... wir haben schon daran gedacht, dem Hohenpriester und seinen Gesellen eine wohltätige Flötenmusik blasen zu lassen», und mit flüsternder Stimme: «Geh daher unbesorgt! Alle Krallen haben sich bereits in die Pfoten zurückgezogen. Ha, ha! Sie fürchten uns. Es genügt schon, daß wir uns räuspern, und sie nehmen es schon für Löwengebrüll. Wirst du in Jerusalem reden? Komm zum Prätorium. Claudia spricht von dir als einem großen Philosophen. Das ist gut für dich, denn... der Prokonsul ist Claudia.»

Er schaut um sich und sieht Petrus schwerbeladen, rot und verschwitzt.

«Und dieses Kind?»

«Ein Waisenkind, das ich zu mir genommen habe.»

«Aber dein Mann hier müht sich zuviel ab. Kind, traust du dich, einige Meter auf dem Pferd zu reiten? Ich werde dich mit mir auf den Sattel nehmen und langsam reiten. Ich werde dich dann am Stadttor... diesem Manne zurückgeben.»

Das Kind wehrt sich nicht, es muß sanft sein wie ein Lamm, und Publius hebt es zu sich in den Sattel. Während er den Soldaten den Befehl gibt, langsam zu reiten, sieht er auch den Mann von Endor. Er schaut ihn fest an und sagt: «Du bist hier?»

«Ja, ich habe es aufgegeben, den Römern Eier zu verkaufen. Aber die Hühner sind noch dort. Nun bin ich mit dem Meister...»

«Gut für dich. Da hast du mehr Halt. Leb wohl! Sei gegrüßt, Meister, ich erwarte dich bei der Baumgruppe.» Und er gibt die Sporen.

«Du kennst ihn, und er kennt dich?» fragen mehrere Johannes von Endor.

«Ja, als Hühnerlieferant. Zuerst kannte er mich nicht. Doch einmal wurde ich nach Naim beordert, um die Preise auszumachen, und da war er dort. Seither hat er mich immer gegrüßt, wenn ich, um Bücher oder sonstiges einzukaufen, nach Caesarea kam. Er nennt mich Zyklop oder Diogenes. Er ist nicht böse, und obgleich ich diese Römer hasse, habe ich ihn nie beleidigt, denn er konnte mir nützlich sein.»

«Hast du gehört, Meister? So hat meine Einsprache beim Centurio in Kapharnaum etwas genützt. Nun bin ich beruhigt», sagt Petrus.

Sie erreichen die Baumgruppe, in deren Schatten die Reiter abgestiegen sind.

«Hier gebe ich dir den Knaben zurück. Hast du etwas zu besorgen, Meister?»

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«Nein, Publius. Gott möge sich dir zeigen.»

«Leb wohl!» Er steigt wieder auf, gibt die Sporen, und die Seinen folgen ihm mit großem Hufgeklapper und Eisengeklirr.

Sie betreten die Stadt; Petrus geht mit dem Kind Sandalen kaufen.

«Dieser Mann stirbt am Wunsche nach einem Sohne», sagt der Zelote, und er fügt hinzu: «Er hat recht.»

«Und ich werde sie ihm zu Tausenden geben. Nun wollen wir uns nach einem Obdach umsehen, um morgen in aller Frühe aufzubrechen.»

233. VON ENGANNIM NACH SICHEM IN ZWEI TAGEN

Auf den Straßen, die immer mehr mit Pilgern überfüllt sind, setzt Jesus seinen Weg nach Jerusalem fort. Ein nächtlicher Wolkenbruch hat die Straße mit etwas Schlamm überzogen, doch gleichzeitig die Luft vom Staub befreit. Die Felder gleichen einem vom Gärtner wohlgepflegten Garten.

Alle gehen rascher, denn sie sind nach dem Aufenthalt ausgeruht, und das Kind mit seinen neuen Sandalen muß nun nicht mehr beim Gehen Schmerzen leiden, sondern beginnt immer vertrauensvoller zu werden und redet mit diesem und mit jenem. Es vertraut Johannes an, daß sein Vater auch Johannes und seine Mutter Maria geheißen haben, und daß es deshalb Johannes sehr gern hat. «Aber», so beendet es sein Geplauder, «ich habe schon alle sehr gern, und im Tempel werde ich viel, viel beten, für alle und besonders für den Herrn Jesus.»

Es ist rührend zu sehen, wie diese Gruppe meist kinderloser Männer so väterlich und voller Fürsorge für den kleinsten Jünger Jesu ist. Selbst der Mann von Endor bekommt ein milderes Aussehen, wenn er den Kleinen drängt, ein Ei auszutrinken, oder in die Wälder hinaufsteigt, welche die Hügel und die immer höher werdenden Berge grün erscheinen lassen; sie werden durch Täler getrennt, durch welche die Hauptstraße führt... Der Mann pflückt Zweige mit säuerlichen Blättern oder Stengeln von wildem Fenchel und gibt sie dem Kinde, damit es seinen Durst stillen kann, der mit Wassertrinken nur noch größer würde; er lenkt den Knaben von der Länge des Weges ab und macht ihn auf verschiedene Dinge und Aussichten aufmerksam.

Der ehemalige Erzieher von Citium, den menschliche Schlechtigkeit ruiniert hat, lebt für dieses Kind: für ein Elend, wie er selbst ein Elend ist; er lebt wieder auf und glättet die Runzeln des Unglücks und der Bitterkeit mit einem freundlichen Lächeln. Jabe ist nun nicht mehr so armselig mit seinen neuen Sandalen und dem weniger traurigen Gesicht, auf dem, ich weiß nicht welche apostolische Hand dafür gesorgt hat, alle Zeichen eines

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während vieler Monate geführten Lebens auszulöschen, indem sie ihm die Haare, die bis dahin unordentlich und staubig waren, nach einer energischen Wäsche schön frisiert hat. Auch der Mann von Endor, der immer noch staunt, wenn er sich Johannes nennen hört, dann aber sein Haupt schüttelt mit einem verständnisvollen Lächeln über sein kurzes Gedächtnis, ist sehr verändert. Tag für Tag verliert sein Gesicht immer mehr von der Härte, die es hatte, und nimmt einen ernsten Ausdruck an, der keine Angst einflößt. Natürlich vermehrt sich in beiden, die durch die Güte Jesu wieder aufleben, die Liebe zum Meister. Die Gefährten sind gut, aber Jesus... Wenn er sie betrachtet oder mit ihnen spricht, dann drücken ihre Gesichter Glückseligkeit aus.

Sie haben nun das Tal und einen schönen grünen Hügel hinter sich, von dessen Höhe man noch einmal die Ebene von Esdrelon überblicken kann. Das hat den Knaben seufzen lassen: «Was wird der alte Vater machen?» worauf er mit einem traurigen Seufzer und einem Tränenschimmer in den braunen Augen hinzugefügt hat: «Oh, er ist nicht so glücklich wie ich... und dabei ist er so gut!» Und die Klage des Knaben hat über alle einen Schleier der Traurigkeit geworfen.

Nun gelangen sie in ein fruchtbares Tal, dessen Felder und Ölgärten gepflegt sind. Der leise Wind bedeckt das Erdreich mit den schneeweißen Blütchen der Reben und der ersten Oliven. Die Ebene von Esdrelon ist nun endgültig den Augen entschwunden.

Eine kurze Rast für die Mahlzeit, dann geht die Wanderung nach Jerusalem weiter. Es muß stark geregnet haben, oder dies ist eine Gegend mit viel Grundwasser, denn die Wiesen gleichen einem niedrigen Sumpf, soviel Wasser schimmert zwischen den dichten Kräutern. Und selbst die etwas höher liegende Straße ist mit Schlamm bedeckt. Die Erwachsenen schürzen sich die Gewänder, damit sie keine Schlammkruste bekommen, und Judas Thaddäus nimmt das Kind auf die Schultern, damit es sich ausruhen kann, und sie rascher aus dieser feuchten und vielleicht ungesunden Gegend kommen. Sie überwinden noch einige Hügel und ein felsiges, trockenes Tal, und der Tag neigt sich bereits, als sie ein Dorf erreichen, das auf einer felsigen Anhöhe liegt. Sie bahnen sich einen Weg durch die Menge der Pilger und suchen Unterkunft in einer sehr einfachen Herberge: einer Überdachung, unter der viel Heu liegt, weiter nichts.

Die Pilgerfamilien, die da und dort beim Abendessen sitzen, haben Kleine Lampen angezündet; arme Familien wie die apostolische, denn die Reichen haben ihre Zelte außerhalb der Ortschaft aufgeschlagen und vermeiden den Kontakt mit den Bewohnern des Dorfes und den armen Pilgern.

Die Nacht ist hereingebrochen, und rundherum wird es still... Der Erste, der in den Schlaf sinkt, ist der Knabe, der müde im Schoß des Petrus liegt. Der Apostel bettet ihn auf das Stroh und deckt ihn sorgfältig zu.

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Jesus versammelt die Erwachsenen zum Gebet, dann wirft sich jeder auf sein Lager, um sich von dem weiten Weg auszuruhen.

Am anderen Tage: Die Apostelgruppe, die am Morgen aufgebrochen ist, trifft gegen Abend in Sichern ein, nachdem sie Samaria hinter sich gelassen hat. Sichern ist eine schöne Stadt, die mit einer Mauer umgeben ist und prächtige Bauten hat, um die sich schöne Häuser ordentlich gruppieren. Ich habe den Eindruck, daß die Stadt, wie Tiberias, erst vor kurzem nach römischem Muster neu aufgebaut worden ist. Die Mauer ist von sehr fruchtbarem und gut bebautem Ackerland umgeben. Die Straße, die aus Samaria nach Sichern führt, hat viele Kurven mit Stützmauern, was mich an die Hügel von Fiesole erinnert; man hat von ihr eine herrliche Aussicht auf grüne Berge im Süden und auf eine wunderschöne Ebene gegen Westen.

Die Straße neigt sich dem Tale zu, doch ab und zu steigt sie wieder an, um über die Hügel zu führen, welche die Gegend von Samaria beherrschen. Diese zeigt schöne Anpflanzungen von Olivenbäumen, Getreide und Weingärten, über denen in der Höhe Eichenwälder und andere Wälder mit hochgewachsenen Bäumen wachsen, die ein Segen sind und verhindern, daß die Winde, die in den Tälern leicht Wirbel bilden, die Kulturen verwüsten. Das erinnert mich an viele Stellen im Apennin um Amiata herum, wenn das Auge die flachen und wächsernen Kulturen der Maremma, die festlichen Hügel und die ernsten Berge betrachtet, die höher werden im Inneren des Landes. Ich weiß nicht, wie heute die Landschaft von Samaria aussieht. Damals war sie sehr schön.

Nun zeigt sich zwischen den beiden hohen Bergen, den höchsten der Gegend, ein fruchtbares, wasserreiches Tal und in dessen Mitte die Stadt Sichern.

Hier wird Jesus mit den Seinen von der festlichen Karawane des Gefolges des Konsuls eingeholt, die sich ebenfalls zum Fest nach Jerusalem begibt. Sklaven zu Fuß und Sklaven auf Wagen, um den Transport der Gegenstände zu bewachen. Mein Gott, wieviel Zeug konnten sie damals mitschleppen! Und wieder Wagen mit Sklaven und Wagen mit allem Möglichen, auch kompletten Sänften und Reisewagen. Letztere sind geräumig auf vier Rädern, gut gefedert und bedeckt, in denen die Damen reisen. Und wieder Wagen und Sklaven...

Ein Vorhang wird von einer ringgeschmückten Frauenhand bewegt, und es erscheint das ernste Profil der Plautina, die wortlos grüßt, aber lächelt. Valeria macht es ebenso. Sie hat ihre Kleine zwischen den Knien, die lacht und plappert. Ein zweiter, noch pompöserer Reisewagen fährt vorbei, ohne daß der Vorhang bewegt wird. Doch als er schon vorbeigefahren ist, erscheint auf seiner Rückseite zwischen den zurückgezogenen Vorhängen das rosige Angesicht Lydias, die eine Geste der Verneigung macht. Die Karawane entfernt sich.

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«Die reisen gut!» sagt Petrus, der müde ist und schwitzt. «Aber mit Gottes Hilfe werden auch wir morgen in Jerusalem sein.»

«Nein, Simon. Ich muß einen Umweg über den Jordan machen.»

«Aber warum, Herr?»

«Des Kindes wegen. Es ist sehr traurig, und es würde noch trauriger, wenn es den Berg des Unglücks wiedersähe.»

«Aber wir werden ihn nicht sehen! Oder besser: wir wollen ihn von einer anderen Seite sehen... und ich werde dafür sorgen, daß der Knabe abgelenkt wird, ich und Johannes... Er läßt sich sofort ablenken, dieses arme Täubchen ohne Nest. In Richtung Jordan gehen? O weh! Besser, diesem direkten kurzen, sicheren Weg folgen. Nein, nein! Diesen, diesen Weg! Siehst du, auch die Römerinnen nehmen ihn. Längs des Meeres und des Flusses dampfen die Fieber nach diesen Regenfällen des Frühlings. Hier ist es gesünder. Und... Wann würden wir ankommen, wenn wir den Weg noch verlängern? Denk daran, wie erregt deine Mutter sein wird nach dem schlimmen Vorfall mit dem Täufer! ...» Petrus setzt sich durch, und Jesus gibt nach.

«Wir werden uns bald und gut ausruhen und morgen beim Sonnenaufgang aufbrechen, damit wir übermorgen in Gethsemane sind. Dann wollen wir am Tag nach dem Freitag zur Mutter nach Bethanien gehen, wo wir die Bücher des Johannes lassen, die euch sehr belastet haben, und Isaak finden, dem wir diesen armen Bruder anvertrauen wollen.»

«Und das Kind, gibst du es gleich weg?»

Jesus lächelt: «Nein, ich werde es zur Mutter bringen, damit sie es für "sein" Fest vorbereitet. Dann nehmen wir das Kind mit uns für Ostern. Doch nachher müssen wir es weggeben... Hänge nicht zu sehr an ihm, oder besser, liebe es wie dein eigenes, aber im übernatürlichen Sinne. Du siehst, es ist schwach und müde. Ich hätte es gerne unterrichtet und, genährt von der Weisheit, heranwachsen lassen. Aber ich bin der Unermüdliche, und Jabe ist zu jung und zu schwach, um unsere Mühen durchzustehen. Wir werden durch Judäa ziehen, für Pfingsten nach Jerusalem zurückkehren, und darauf, die Botschaft verkündend, wandern... Wir werden das Kind im Sommer in unserer Heimat finden. Nun sind wir am Tore von Sichern. Geh mit deinem Bruder und Simon des Judas voraus und besorge eine Unterkunft. Ich gehe zum Marktplatz und erwarte dich dort.»

Sie trennen sich, und während Petrus davoneilt, um eine Unterkunft zu suchen, kommen die anderen nur mühsam auf der Straße voran, die verstopft ist von schreienden und gestikulierenden Menschen, sowie von Eseln und Karren, die alle nach Jerusalem zum bevorstehenden Osterfest ziehen. Stimmen, Rufe und Schimpfworte vermischen sich mit den Eselsschreien, alles zusammen hallt in den Gassen wider und bildet ein Geräusch, das an jenes erinnert, das man vernimmt, wenn man bestimmte Muscheln ans Ohr hält. Das Echo hallt von Bogen zu Bogen, wo sich

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schon die Schatten vereinigen, und die Leute suchen, vorwärtsgedrängt, nach einem Obdach, einem Platz, einer Wiese, um dort die Nacht zu verbringen...

Jesus, das Kind an der Hand und an einen Baum gelehnt, erwartet Petrus auf einem Platze, der bei solchen Gelegenheiten stets voller Händler ist.

«Daß uns ja niemand sieht und erkennt!» sagt Iskariot.

«Wie kann man ein Korn im Sand erkennen?» antwortet Thomas. «Siehst du die Menschenmenge nicht?»

Petrus kommt. «Außerhalb der Stadt gibt es ein Dach und darunter Heu. Ich habe nichts anderes gefunden.»

«Wir suchen nichts anderes! Es ist schon zu schön für den Menschensohn.»

234. VON SICHEM NACH BEEROTH

Wie ein Fluß, der durch immer neue Zuflüsse anschwillt, so wird auch die Straße von Sichern nach Jerusalem von immer mehr Menschen aus den Nebenstraßen erfüllt, die alle zur heiligen Stadt pilgern. Es ist so für Petrus leichter, das Kind abzulenken, das nahe an den heimatlichen Hügeln vorbeikommt, in deren Erde die Eltern begraben sind.

Nach einem langen Marsch, der erst unterbrochen wird, nachdem sie Silo auf seinem Berg linker Hand hinter sich gebracht und in einem grünen, wasserreichen Tal etwas geruht und Speise zu sich genommen haben, nehmen sie die Wanderung wieder auf und bezwingen einen Kalkhügel, der beinahe kahl ist und auf den die Sonne unbarmherzig brennt. Der Abstieg führt durch eine Reihe von schönen Weingärten, die mit ihren Girlanden die Bergvorsprünge schmücken, jedoch die Gipfel sehen lassen.

Petrus gibt mit einem verschmitzten Lächeln Jesus ein Zeichen, der ebenfalls lächelt. Das Kind merkt nichts, denn es hört aufmerksam Johannes von Endor zu, der ihm von anderen Ländern erzählt, die er gesehen hat, und in denen es zuckersüße Trauben gibt, die jedoch weniger für den Wein benützt werden, als für Süßigkeiten, die besser schmecken als Honigkuchen.

Nun kommt ein neuer mühsamer Anstieg, da die Gruppe die staubige und überfüllte Hauptstraße verlassen und eine waldige Abkürzung vorgezogen hat.

Als sie die Anhöhe erreicht haben, sehen sie in der Ferne ein glänzendes Meer, das über einer weißen Siedlung leuchtet, vielleicht von weiß gekalkten Häusern.

«Jabe», ruft Jesus. «Komm her. Siehst du den goldenen Punkt? Es ist

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das Haus Gottes. Dort wirst du schwören, dem Gesetz zu gehorchen. Aber kennst du es auch gut?»

«Mama hat mir davon gesprochen, und mein Vater hat mich die Gebote gelehrt. Ich kann lesen und glaube noch alles zu wissen, was sie mir vor ihrem Tod gesagt haben ...» Das Kind, das lächelnd dem Ruf Jesu gefolgt ist, weint nun; es neigt das Köpfchen, und das Händchen zittert in der Hand Jesu.

«Weine nicht. Höre! Weißt du, wo wir sind? Dies hier ist Bethel. Hier hatte der heilige Jakobus seinen Traum von den Engeln. Weißt du das? Erinnerst du dich daran?»

«Ja, Herr. Er sah eine Leiter, die von der Erde bis zum Himmel reichte, auf der die Engel auf- und abstiegen, und die Mama sagte, wenn man bis zur Stunde des Todes immer gut gewesen ist, dann kann man das gleiche erfahren und auf der Leiter in das Haus Gottes gehen. Viele Dinge hat mir die Mama gesagt... doch jetzt sagt sie nichts mehr... Ich habe alles hier, und das ist alles, was ich von ihr habe...» Die Tränen rinnen über das traurige Gesichtchen.

«Aber weine doch nicht so! Höre, Jabe! Auch ich habe eine Mutter, die Maria heißt und die heilig und gut ist und viele schöne Dinge weiß. Sie ist klüger als ein Lehrer und besser und schöner als ein Engel. Nun wollen wir zu ihr gehen. Sie wird dich liebhaben. Sie wird dir viele Dinge sagen. Und mit ihr ist die Mama des Johannes; auch sie ist gut, und auch sie heißt Maria. Und die Mutter meines Vetters Judas; auch sie ist gut wie Honigbrot und trägt den Namen Maria. Sie alle werden dich liebhaben. Sehr lieb, denn du bist ein gutes Kind, aus Liebe zu mir, der ich dich sehr liebhabe. Du wirst bei den drei Marien heranwachsen, und wenn du groß bist, wirst du ein Heiliger Gottes sein und wie ein Gelehrter über Jesus predigen, der dir wieder eine Mutter auf Erden gegeben hat, und der die Pforten des Himmels für deine tote Mutter, deinen Vater und auch für dich öffnen wird, wenn die Stunde gekommen ist. Du wirst es in der Stunde deines Todes nicht einmal nötig haben, die lange Leiter zum Himmel hinaufzusteigen, denn du wirst sie schon während deines Lebens erstiegen haben, da du ein guter Jünger sein wirst; du wirst an der Schwelle des geöffneten Paradieses stehen, und ich werde dort sein und zu dir sagen: "Komm, mein Freund und Kind Marias", und dann werden wir beisammen bleiben.»

Das strahlende Lächeln Jesu, der etwas gebeugt geht, um dem zu ihm aufblickenden Gesichtchen des Kindes, das neben ihm geht und sein Händchen in Jesu Hand hat, näher zu sein, und die wunderbare Erzählung trocknet die Tränen und lockt ein Lächeln hervor.

Das Kind, das bestimmt nicht dumm ist, sondern nur verstört von soviel Leid und Entbehrungen, die es erdulden mußte, hört aufmerksam zu und fragt dann: «Aber du sagst, daß du die Pforten des Himmels öffnen

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wirst. Sind sie denn nicht wegen der großen Sünde verschlossen? Mama sagte mir, daß niemand eintreten kann, bevor die Verzeihung erfolgt ist, und daß die Gerechten in der Vorhölle darauf warten.»

«So ist es! Doch nachdem ich das Wort Gottes verkündet und die Verzeihung für euch erlangt habe, werde ich zum Vater gehen und zu ihm sagen: "Mein Vater, jetzt habe ich deinen Willen erfüllt. Nun erbitte ich die Belohnung für mein Opfer. Es sollen die Gerechten kommen, die auf dein Reich warten." Und der Vater wird zu mir sagen: "Es geschehe, wie du willst." Und dann werde ich hinabsteigen und alle Gerechten rufen, und die Vorhölle wird ihre Pforten öffnen beim Klang meiner Stimme, und die heiligen Patriarchen, die erleuchteten Propheten, die gesegneten Frauen von Israel und viele, viele Kinder werden jubelnd hinaufziehen. Weißt du, wie viele Kinder? Wie eine Wiese voller Blumen jeglichen Alters! Und sie werden singend mir folgen und aufsteigen in das schöne Paradies.»

«Und wird auch meine Mama unter ihnen sein?»

«Ganz bestimmt.»

«Du hast nicht gesagt, daß sie mit dir an der Pforte stehen wird, wenn ich gestorben bin ...»

«Sie, und mit ihr dein Vater, haben es nicht nötig, an jener Pforte zu stehen. Wie leuchtende Engel fliegen sie vom Himmel zur Erde, von Jesus zu ihrem kleinen Jabe, und wenn du im Sterben liegst, dann werden sie es wie die Vöglein dort in jenen Hecken machen. Siehst du sie?» Jesus nimmt das Kind in seine Arme, damit es besser sehen kann. «Siehst du, wie sie auf ihren kleinen Eiern sitzen? Sie warten, bis sich diese öffnen; dann werden sie ihre Flügel über die Brut breiten und sie vor jeder Gefahr beschützen; dann, wenn die Kleinen größer und flügge sind, tragen sie dieselben auf ihren starken Flügeln in die Höhe, immer höher, der Sonne entgegen. So werden es deine Eltern mit dir tun.»

«Wird es genauso sein?»

«Genauso.»

«Aber wirst du es ihnen sagen, damit sie nicht vergessen zu kommen?»

«Das ist nicht nötig, denn sie lieben dich über alles; aber ich werde es ihnen sagen!»

«Oh, wie ich dich liebhabe!»

Das Kind, noch in den Armen Jesu, legt ihm die Arme um den Hals und küßt ihn mit einer freudigen, rührenden Bewegung. Jesus erwidert den Kuß und stellt das Kind auf den Boden.

«Gut. Nun gehen wir weiter zur heiligen Stadt. Wir werden gegen morgen abend dort ankommen. Warum eine solche Eile? Kannst du es mir sagen? Wäre es nicht einerlei, wenn wir übermorgen ankommen würden?»

«Nein! Es wäre nicht dasselbe, denn morgen ist Parasceve, und nach Sonnenuntergang darf man nicht mehr als sechs Stadien gehen. Weiter darf man nicht gehen, denn der Sabbat und die Ruhe haben begonnen.»

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«So ist man also am Sabbat müßig?»

«Nein, man betet den Allerhöchsten, den Herrn, an.»

«Wie heißt er?»

«Adonai. Nur die Heiligen dürfen seinen Namen nennen.»

«Auch die guten Kinder. Sag ihn, wenn du ihn weißt!»

«Jahwe.» (Das Kind spricht das Wort mit einem langgezogenen a aus.)

«Und warum betet man zum Allerhöchsten Herrn am Sabbat?»

«Weil er es Moses befohlen hat, als er ihm die Gesetzestafeln gegeben hat.»

«Ja? Und was hat er da gesagt?»

«Er hat gesagt, daß man den Sabbat heiligen soll. "Du sollst sechs Tage arbeiten; doch am siebten Tage sollst du ruhen und ausruhen lassen, denn auch ich habe es so gemacht nach der Erschaffung der Welt."»

«Wie, der Herr hat sich ausgeruht? Ist er denn bei der Schöpfung müde geworden? Hat er wirklich alles erschaffen? Woher weißt du es? Ich weiß, daß Gott nie müde wird.»

«Er ist nicht müde geworden, denn Gott braucht nicht zu gehen und seine Arme zu bewegen. Er hat es getan, um Adam und uns zu belehren und um uns einen Tag zu geben, an dem wir an ihn denken sollen. Er hat alles erschaffen, das ist sicher. Das Buch des Herrn sagt es.»

«Aber ist das Buch von ihm geschrieben worden?»

«Nein. Aber es ist die Wahrheit. Und man muß daran glauben, uni nicht bei Luzifer zu enden.»

«Du hast gesagt, daß Gott nicht geht und seine Arme nicht bewegt. Wie hat er dann erschaffen können? Wie ist er denn? Eine Statue?»

«Er ist kein Götze. Er ist Gott. Und Gott ist... Gott ist... laß mich nachdenken und mich daran erinnern, was Mama gesagt hat, und besser noch als sie der Mann, der in deinem Namen die Armen von Esdrelon besucht... Die Mama sagte, um mir Gott verständlich zu machen: "Gott ist wie meine Liebe zu dir. Sie hat keinen Leib, und doch ist sie." Und der kleine Mann mit dem so sanften Lächeln sagte: "Gott ist der eine und dreieinige ewige Geist, und die zweite Person hat Fleisch angenommen aus Liebe zu uns, zu uns Armen, und er hat den Namen..." Oh, Herr! Nun verstehe ich... daß du es bist!» Und das erschrockene Kind wirft sich anbetend zur Erde.

Alle kommen eilends herbei, da sie annehmen, daß das Kind gefallen sei.

Doch Jesus fordert sie mit dem Finger an den Lippen zum Schweigen auf und sagt dann: «Steh auf, Jabe! Die Kinder brauchen vor mir keine Angst zu haben!»

Das Kind blickt ehrfürchtig zu Jesus auf, ohne etwas sagen zu können, fast ängstlich. Doch Jesus lächelt, reicht ihm die Hand und sagt: «Du bist ein kluger kleiner Israelit. Fahren wir mit der Prüfung fort! Weißt du nun, da du mich erkannt hast, was über mich im Buch geschrieben steht?»

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«O ja, Herr! Von Anfang an bis jetzt. Alles spricht von dir. Du bist der verheißene Erlöser. Nun verstehe ich, weshalb du die Pforten der Vorhölle öffnen wirst. Oh, Herr, Herr! Und du liebst mich wirklich sehr?»

«Ja, Jabe!»

«Nein, nicht mehr Jabe. Gib mir einen Namen, der bedeutet, daß du mich geliebt und gerettet hast ...»

«Den Namen werde ich mit der Mutter wählen. Ist es recht so?»

«Aber er soll genau diesen Sinn haben. Und ich will den Namen annehmen an dem Tage, an dem ich Sohn des Gesetzes werde.»

«Ja, du wirst ihn an diesem Tag annehmen.»

Bethel liegt nun hinter ihnen, und in einem kühlen Tal, wo es reichlich Wasser gibt, machen sie Rast und halten eine Mahlzeit. Jabe ist noch ganz benommen von der Offenbarung; er ißt schweigend und nimmt ehrfürchtig jeden Bissen entgegen, den Jesus ihm reicht. Doch langsam wird das Kind gelöster, und nach einem heiteren Spiel mit Johannes, während die anderen sich auf dem grünen Grase ausruhen, geht es mit dem lächelnden Johannes zu Jesus zurück, und sie bilden eine Dreiergruppe.

«Du hast mir noch nicht gesagt, wer über mich im Buch spricht.»

«Die Propheten, Herr. Und noch zuvor spricht das Buch von dir bei der Vertreibung Adams und dann zu Jakob, Abraham und Moses... Oh, mein Vater sagte, daß er zu Johannes gegangen war – nicht zu diesem, zum anderen Johannes, dem vom Jordan – und daß er, der große Prophet, dich Lamm genannt hatte... Nun verstehe ich das Lamm des Moses... Du bist das Passahlamm!»

Johannes neckt ihn: «Aber welcher Prophet hat ihn besser als Johannes vorausgesagt?»

«Isaias und Daniel. Aber mir gefällt Daniel besser, nachdem ich dich nun wie meinen Vater liebe. Darf ich es sagen? Darf ich sagen, daß ich dich liebe, wie ich meinen Vater geliebt habe? Ja? Also, ziehe ich Daniel vor.»

«Und warum? Isaias ist es, der von Christus spricht.»

«Ja, aber er spricht von den Schmerzen Christi. Während Daniel vom schönen Engel und von deiner Ankunft spricht. Ja, auch er sagt, daß Christus geopfert werden wird. Aber ich denke, daß das Lamm mit einem Schlag getötet wird. Nicht wie Isaias und Daniel sagen. Ich habe immer geweint, wenn ich dies gehört habe, und Mama hat es mir dann nicht mehr vorgelesen.»

Das Kind weint beinahe wieder, während es die Hand Jesu streichelt.

«Denk jetzt nicht daran! Höre! Kennst du die Gebote?»

«Ja, Herr. Ich glaube, daß ich sie kenne. Im Wald habe ich sie mir immer vorgesagt, damit ich sie nicht vergesse und um mich der Worte Mamas und Vaters zu erinnern. Doch nun weine ich nicht mehr (es ist wirklich ein großes Leuchten in den Augen), denn nun habe ich dich.»

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Johannes lächelt, umarmt seinen Jesus und sagt: «Genau meine Worte! Alle, die ein kindliches Herz haben, reden so.»

«Ja, denn ihre Worte entspringen einer einzigen Weisheit. Jetzt müssen wir aber gehen, damit wir bald in Beeroth sind. Die Menge wächst immer mehr an, und ein Gewitter zieht herauf. Die Unterkünfte werden im Nu überfüllt sein. Ich will nicht, daß ihr krank werdet.»

Johannes ruft die Gefährten, und sie gehen weiter nach Beeroth durch eine Ebene, die nicht sehr bebaut, aber auch nicht so öde ist, wie der Hügel hinter Silo.

235. VON BEEROTH NACH JERUSALEM

Es regnet. Petrus gleicht einem umgekehrten Äneas, denn anstelle des eigenen Vaters hat er den kleinen Jabe auf den Schultern, der ganz in seinen großen Mantel gehüllt ist. Über dem grauen Kopf des Petrus sieht man das Köpfchen: Das Kind hat die Arme um seinen Hals geschlungen und lacht, wenn Petrus in die Pfützen tappt.

«Das hätte uns erspart bleiben können», nörgelt Iskariot, der nervös ist wegen des Wassers, das vom Himmel fällt und vom Boden her die Kleider bespritzt.

«Oh, viele Dinge könnten uns erspart bleiben», entgegnet Johannes von Endor und blickt mit seinem einzigen Auge, das, wie mir scheint, für beide sieht, den schönen Judas fest an.

«Was meinst du damit?»

«Ich will sagen, daß es unnütz ist, zu verlangen, daß die Elemente Rücksicht auf uns nehmen, wenn wir keine Rücksicht auf unseresgleichen nehmen, in weit schwerwiegenderen Dingen als zwei Tropfen Wasser und ein Spritzer Schlamm.»

«Das ist wahr. Aber ich möchte die Stadt sauber betreten. Ich habe viele Freunde dort, und ziemlich oben ...»

«Paß nur auf, daß du nicht hinunterfällst!»

«Willst du mich ärgern?»

«Nein, aber ich bin ein alter Lehrer... und ein alter Schüler. Seit ich lebe, studiere und lerne ich. Zuerst habe ich gelernt, dahinzuleben; dann habe ich das Leben beobachtet und die Bitternis des Lebens kennengelernt und habe eine unnütze Gerechtigkeit ausgeübt, die des "Einer" gegen Gott und gegen die ganze Gesellschaft. Gott hat mich bestraft mit Gewissensbissen, die Gesellschaft mit Ketten, so daß ich im Grunde selbst der Gerichtete gewesen bin. Endlich habe ich gelernt, lerne ich nun, zu "leben". Da ich Lehrer und Schüler bin, wirst du begreifen, daß es ganz natürlich ist, wenn ich die Lektion wiederhole.»

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«Aber ich bin der Apostel...»

«Und ich unglücklich, ich weiß; ich dürfte mir nicht erlauben, dich belehren zu wollen. Aber siehst du, man weiß nie, was man noch alles tun wird. Ich hatte geglaubt, als ehrsamer und verehrter Erzieher in Cypern zu sterben, und wurde zum Mörder und ein lebenslänglicher Zuchthäusler. Aber als ich das Messer erhob, um mich zu rächen, und als ich die Ketten nachschleppte und das Universum haßte, und wenn man mir gesagt hätte, daß ich ein Jünger des Heiligen werde, so hätte ich am Verstand dessen, der dies gesagt hätte, gezweifelt. Und doch, du siehst es! Daher kann ich, wer weiß, auch dir, Apostel, eine gute Lehre erteilen. Aus meiner Erfahrung, nicht wegen der Heiligkeit, an sie denke ich nicht.»

«Der Römer hatte recht, als er dich Diogenes nannte.»

«Ja, aber Diogenes hat den Menschen gesucht und ihn nicht gefunden. Ich bin glücklicher als er, ich habe eine Schlange gefunden, als ich glaubte, es sei eine Frau, und einen Kuckuck, statt einen Freund; aber, nachdem ich viele Jahre herumgeirrt bin und in dieser Erkenntnis verrückt geworden bin, habe ich den Menschen, den Heiligen gefunden.»

«Ich kenne nur die Weisheit Israels.»

«Wenn es so ist, kannst du dich schon retten. Nun hast du aber auch die Wissenschaft, vielmehr die Weisheit Gottes.»

«Das ist dasselbe.»

«O nein! Das ist wie ein Regentag im Vergleich zu einem Tag voll Sonne.»

«Also, du willst mich belehren? Ich habe keine Lust dazu.»

«Laß mich ausreden. Zuerst habe ich zu Kindern gesprochen: Sie waren unaufmerksam; dann zu den Schatten: Sie verfluchten mich; dann zu den Hühnern: Sie waren schon besser als die beiden ersten, viel besser. Jetzt spreche ich zu mir selbst, da ich noch nicht mit Gott reden kann. Weshalb willst du mich daran hindern? Ich kann nur mit einem Auge sehen, das Kreuz schmerzt mich wegen der Arbeit im Bergwerk, und das Herz ist seit vielen Jahren krank. Erlaube, daß wenigstens mein Geist nicht steril werde.»

«Jesus ist Gott.»

«Ich weiß es und ich glaube es. Mehr als du. Denn ich bin durch seinen Eingriff wiedergeboren worden. Aber so sehr er auch die Güte sein mag, er ist immer ER: Gott! Und ich, der arme Unglückliche, wage es nicht, in einem so vertraulichen Ton zu ihm zu sprechen wie du. Meine Seele spricht mit ihm, die Lippen wagen es nicht; nur die Seele, und ich fühle, daß er sie kennt mit ihren Tränen der Dankbarkeit und ihrer reuigen Liebe.»

«Das ist wahr, Johannes. Ich höre deine Seele.» Jesus mischt sich in das Gespräch der beiden ein. Judas wird rot vor Scham, der Mann aus Endor vor Freude.

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«Ich höre deine Seele, das ist wahr. Und ich spüre auch die Arbeit deines Geistes. Du hast gut gesprochen. Wenn du dich durch mich bilden lassen hast, wird es dir von großem Nutzen sein, daß du ein aufmerksamer Lehrer und Schüler gewesen bist. Sprich, sprich, auch zu dir selbst...»

«Es ist noch nicht lange her, Meister, da hast du gesagt, es sei nicht gut, mit dem eigenen Ich zu reden», bemerkt Judas unverschämt.

«Das ist wahr. Ich habe es gesagt. Aber es war nur, weil du mit deinem eigenen Ich gemurrt hast. Dieser Mann murrt nicht. Er denkt nach und mit einer guten Absicht. Er tut nichts Böses.»

«Dann bin ich also im Unrecht!» Judas wird aggressiv.

«Du hast nur einen Dorn im Herzen. Es kann nicht immer gutes Wetter sein. Die Landleute wünschen auch Regen. Und es ist Nächstenliebe, darum zu beten, daß er kommt. Auch dies ist Liebe. Aber schau, welch schöner Regenbogen sich von Ataroth nach Rama spannt. Wir haben Ataroth schon hinter uns. Das dunkle Tal ist überwunden, und alles ist nun schön bebaut und lacht unter der Sonne, welche die Wolken zerreißt. Wenn wir in Rama ankommen, dann haben wir nur noch 36 Stadien bis Jerusalem. Wir werden es hinter dem Hügel sehen, dem Ort der schrecklichen Blutschande der Gibeoniten. Eine schreckliche Sache, der Biß des Fleisches, Judas ...»

Judas antwortet nicht und läßt seinem Zorn freien Lauf, indem er in die Wasserpfützen patscht.

«Aber was hat er denn heute?» fragt Bartholomäus.

«Schweige, damit Simon des Jonas es nicht hört. Wir wollen Streitereien vermeiden und Simon nicht die gute Laune verderben. Er ist so glücklich mit dem Kind.»

«Ja, Meister, aber es ist nicht recht. Ich werde es ihm sagen ...»

«Er ist jung, Nathanael. Auch du warst es einmal ...»

«Ja, aber er sollte es nicht an Achtung fehlen lassen ...» Ohne es zu wollen, hat er etwas lauter gesprochen.

Petrus kommt herbei: «Was gibt es? Wer fehlt gegen die Ehrfurcht? Der neue Jünger?» und er schaut nach Johannes von Endor, der sich still zurückgezogen hat, als er bemerkte, daß Jesus den Apostel zurechtwies, und nun mit Jakobus des Alphäus und Simon dem Zeloten spricht.

«Was denkst du! Er ist ehrfürchtig wie ein Kind.»

«Ah, gut so... Wenn nicht, dann wäre sein Auge in Gefahr! Dann ist es also Judas! ...»

«Höre, Simon, könntest du dich nicht um den kleinen Jungen kümmern? Du hast ihn mir weggenommen, und nun willst du dich in eine freundschaftliche Unterhaltung zwischen mir und Nathanael mischen. Meinst du nicht, daß du zuviel auf einmal willst?»

Jesus lächelt so ruhig, daß Petrus über seine Vermutung unsicher wird. Er schaut Bartholomäus an; doch dieser hat sein Adlergesicht erhoben, um den Himmel zu prüfen... So läßt Petrus seinen Verdacht fallen.

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Der Anblick der nun nahen Stadt mit all ihren Hügeln, Weingärten, Olivenhainen, Häusern und besonders dem Tempel: ein Anblick, der immer noch Quelle der Rührung und des Stolzes für die Israeliten sein muß, läßt alles andere vergessen. Die schon warme Aprilsonne von Judäa hat rasch die Steine der Hauptstraße getrocknet. Jetzt muß man die Pfützen direkt suchen. Die Apostel lösen am Stadtrand die geschürzten Gewänder, waschen sich die Füße in einem klaren Bach, bringen ihre Haare in Ordnung und hüllen sich in ihre Mäntel; Jesus tut dasselbe. Ich sehe, daß alle Pilger es auch tun.

Der Einzug in Jerusalem mußte eine wichtige Angelegenheit sein. Sich in dieser Zeit der Feste an den Mauern der Stadt zu zeigen, kam einer Audienz bei einem Herrscher gleich. Die "Heilige Stadt" war die wahre Königin der Israeliten; das begreife ich gut, da ich auf dieser Landstraße die Menschenscharen und ihr Verhalten beobachten kann. Hier bilden die Mitglieder der verschiedenen Familien zwei Gruppen: die Frauen mit den Frauen, die Männer mit den Männern, und die Kinder mit den einen oder den anderen; aber alle sehr ernst und gleichzeitig froh. Einige legen den abgenützten Mantel zusammen und holen einen besseren aus dem Reisesack hervor, einen neuen; manche wechseln auch die Sandalen. Dann wird der Gang feierlich, hieratisch. In jeder Gruppe ist ein Vorbeter, der den Ton angibt, und die alten, ruhmreichen Hymnen Davids werden angestimmt. Die Menschen blicken sich mit freundlichen Augen an, die durch den Anblick des Hauses Gottes sanfter geworden sind. Das heilige Haus, dieser enorme Marmorwürfel, auf dem goldene Kuppeln thronen, liegt wie eine Perle im Inneren der gewaltigen Umfassungsmauer des Tempels.

Die Apostelgruppe hat sich wie folgt aufgestellt: Jesus und Petrus mit dem Kind in der Mitte; dahinter Simon, Iskariot und Johannes; dann Andreas, der Johannes von Endor gezwungen hat, zwischen ihm und Jakobus des Zebedäus zu gehen; in der vierten Reihe die beiden Vettern des Herrn mit Matthäus; und als letzte Thomas mit Philippus und Bartholomäus. Hier, in dieser Gruppe, stimmt Jesus mit seiner kräftigen und schönen Stimme, einem wohlklingenden Bariton, die Gesänge an. Judas Iskariot antwortet mit einem hellen Tenor, Johannes mit der klaren Stimme eines noch sehr jungen Menschen, die beiden Vettern Jesu mit ihren Baritonstimmen, und Thomas mit seinem Baß. Die anderen, die nicht so schöne Stimmen haben, stimmen leise in den Chor jener ein, die meisterhaft singen können. (Die Psalmen sind die bekannten Gradualpsalmen.) Der kleine Jabe, mit seiner engelgleichen Stimme unter den starken Stimmen der Männer, singt sehr gut, vielleicht weil er besser als die anderen den 121. Psalm kennt. «Wie habe ich mich gefreut, als man mir sagte, "Ins Haus des Herrn wollen wir gehen."» Er strahlt vor Freude über das ganze Gesicht, das vor wenigen Tagen noch so traurig war.

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Nun sind die Mauern erreicht. Sie sind vor dem Fischtor. Die Straßen sind überfüllt.

Sofort zum Tempel für ein erstes Gebet. Dann der Friede im Frieden von Gethsemane, das Nachtmahl, die Ruhe.

Die Reise nach Jerusalem ist beendet.

236. DER SABBAT IN GETHSEMANE

Der Vormittag des Sabbats ist von den meisten dazu benützt worden, den müden Leib ausruhen zu lassen und die staubigen und zerknitterten Reisekleider in Ordnung zu bringen. In den weiten Zisternen von Gethsemane, die von den Regenfällen aufgefüllt sind, und im Kedron, der auf den Steinen schäumt und seine Symphonie erklingen läßt, ist nun soviel Wasser, daß alle geradezu hingezogen werden. Einer nach dem anderen tauchen die Pilger, die sich nicht vor dem kalten Naß fürchten, ein und kleiden sich dann neu von Kopf bis Fuß. Mit noch nassen Haaren holen sie Wasser aus den Zisternen, um es in Becken zu schütten, in denen schon nach Farben getrennt die schmutzigen Kleider liegen.

«Oh! Fein!» sagt Petrus zufrieden. «So sind die vorgereinigt, und Maria hat weniger Mühe beim Waschen.» (Ich nehme an, daß er die Frau des Bauern im Gethsemane meint.)

«Nur du, Kleiner, kannst dich nicht umziehen. Aber morgen...» Das Kind hat ein sauberes Kleidchen an, das aus seinem Sack genommen worden ist und für eine Puppe gerade groß genug wäre, so kurz ist es. Es ist noch dünner und kürzer als das andere. Petrus betrachtet es sorgenvoll und murmelt dabei: «Wie mache ich es bloß, dieses Kind mit in die Stadt zu nehmen? Ich würde am liebsten meinen Mantel teilen, denn so könnte man alles verdecken.»

Jesus, der das väterliche Selbstgespräch hört, sagt: «Es ist besser, das Kind nun ausruhen zu lassen. Heute abend gehen wir nach Bethanien ...»

«Aber ich will ihm das Gewand kaufen. Ich habe es ihm versprochen ...»

«Das wirst du ganz bestimmt tun. Aber es ist besser, sich mit der Mutter zu beraten... weißt du, die Frauen haben mehr Erfahrung beim Einkaufen... und sie wird glücklich sein, sich um ein Kind kümmern zu können; ihr werdet zusammen gehen.»

Der Gedanke, mit Maria zum Einkaufen zu gehen, versetzt den Apostel in den siebten Himmel. Ich weiß nicht, ob Jesus alles sagt, was er denkt, oder ob er einen Teil verschweigt; also nicht sagt, daß seine Mutter einen besseren Geschmack hat und sich besser auf Farbenzusammenstellung versteht. Auf jeden Fall erreicht Jesus seinen Zweck, ohne Petrus zu kränken.

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Sie zerstreuen sich auf dem Ölberg, der an diesem herrlichen Apriltag wunderschön ist. Der Regen der vergangenen Tage scheint die Oliven versilbert und Blumen gesät zu haben, denn alles erscheint strahlend in der Sonne und zahlreiche Blumen blühen unter den Ölbäumen. Die Vöglein singen und fliegen nach allen Richtungen. Die Stadt liegt dort in westlicher Richtung, von Gethsemane aus gesehen.

Man kann das Menschengewühl im Stadtinnern nicht erkennen, aber man sieht die Karawanen, die zum Fischtor und zu anderen Toren, deren Namen ich nicht kenne, ziehen, und die dann von der Stadt wie von einem hungrigen Bauch verschlungen werden.

Jesus wandelt umher und beobachtet Jabe, der heiter mit Johannes und den jüngeren Aposteln spielt. Auch Iskariot, dessen Ärger vom Vortage verflogen scheint, ist heiter und spielt mit. Die älteren beobachten ihn und lächeln.

«Was wird deine Mutter zu diesem Kind sagen?» fragt Bartholomäus.

«Ich sage, daß sie sagen wird: "Es ist sehr mager"», sagt Thomas.

«O nein! Sie wird sagen: "Armes Kind!"» meint Petrus.

«Sie wird zu dir sagen: "Ich freue mich, daß du das Kind liebst"», bemerkt Philippus.

«Daran hätte die Mutter nie gezweifelt. Aber ich meine, daß sie nichts sagen wird. Sie wird es an ihr Herz ziehen», bemerkt der Zelote.

«Und du, Meister, was meinst du, was sie sagen wird?»

«Sie wird tun, wie ihr sagt. Aber vieles, vielmehr alles, wird sie in ihrem Herzen bewahren, und beim Küssen wird sie nur sagen: "Du sollst gesegnet sein!" Sie wird das Kind pflegen, wie ein aus dem Nest gefallenes Vöglein. Einmal, hört, erzählte sie mir von ihrer Kindheit. Sie war noch nicht drei Jahre alt – sie war noch nicht im Tempel – und ihr Herz floß über vor Liebe, wie Blumen und Oliven, die gepreßt werden, ihren Wohlgeruch und Öl ausströmen. In der Verzückung dieser Liebe sagte sie zu ihrer Mutter, daß sie, um dem Erlöser mehr zu gefallen, Jungfrau bleiben wolle, daß sie aber auch Sünderin sein wolle, um erlöst zu werden; und sie weinte beinahe, weil die Mutter sie nicht verstand und ihr nicht erklären konnte, wie man gleichzeitig die "Reine" und "Sünderin" sein kann. Der Vater schenkte ihr den Frieden wieder, indem er ihr einen kleinen Sperling brachte, den er gerettet hatte, als er auf dem Brunnenrand in Gefahr war. Er erzählte ihr das Gleichnis vom Vöglein und sagte, daß Gott sie im voraus vorweg gerettet hätte und sie ihn daher zweimal preisen müsse. Und die kleine Jungfrau Gottes, die herrliche Jungfrau Maria, übte ihre erste geistige Mutterschaft über diesen Nestling aus, den sie fliegen ließ, als er kräftiger geworden war. Das Vöglein aber verließ nie mehr den Garten von Nazareth und tröstete mit seinen Flügen und seinem Gezwitscher das traurige Haus und die traurigen Herzen von Anna und Joachim, nachdem Maria zum Tempel gebracht worden war. Das Vöglein starb kurz

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bevor Anna entschlief... Es hatte seine Pflicht erfüllt... Meine Mutter hatte sich der Jungfräulichkeit aus Liebe geweiht. Aber sie hatte, da sie ein vollkommenes Geschöpf war, die Mütterlichkeit im Blut und im Geist; denn die Frau ist zur Mutterschaft berufen, und es ist unnatürlich, wenn sie taub gegen dieses Gefühl ist, das Liebe zweiten Grades ist...»

Auch die anderen sind nun leise, leise näher gekommen.

«Was willst du sagen, Meister, wenn du von Liebe zweiten Grades sprichst?» fragt Judas Thaddäus.

«Mein Freund, es gibt Liebe verschiedener Art. Ersten Grades ist jene, die man Gott schenkt. Die Liebe zweiten Grades ist die mütterliche oder väterliche Liebe. Denn wenn die erste Liebe ganz geistig ist, so ist die zweite zu zwei Drittel geistig und zu einem Drittel fleischlich. Hier mischt sich das menschliche Gefühl bei, aber es herrscht das höhere vor; denn eine Mutter und ein Vater, die gesund und heiligmäßig leben, beschränken sich nicht darauf, den Körper des Kindes zu ernähren und zu liebkosen, sondern geben auch dem Geist und der Seele ihres Geschöpfes Nahrung und Liebe. Es ist wahr, wenn ich sage, daß wer sich den Kindern widmet, wenn auch nur, um sie zu unterrichten, sie schließlich liebt wie sein eigenes Fleisch.»

«Ich habe meine Schüler sehr geliebt», sagt Johannes von Endor.

«Ich habe verstanden, daß du ein sehr guter Lehrer gewesen bist, als ich beobachtete, wie du mit Jabe umgehst.»

Der Mann von Endor neigt sich und küßt die Hand Jesu, ohne zu antworten.

«Fahre fort, ich bitte dich, mit der Klassifizierung der Liebe», bittet der Zelote.

«Es gibt die Gattenliebe, die Liebe dritten Grades; sie ist zur Hälfte – ich spreche immer von einer gesunden, heiligen Liebe – geistig und zur anderen Hälfte körperlich. Der Mann ist für seine Frau außer dem Gatten ein Lehrer und ein Vater; und die Frau ist für den Mann außer der Gattin ein Engel und eine Mutter. Dies sind die drei Arten der höheren Liebe.»

«Und die Nächstenliebe? Irrst du dich nicht? Oder hast du dies vergessen?» fragt Iskariot. Die anderen blicken ihn erstaunt und entsetzt ob dieser Bemerkung an.

Aber Jesus antwortet ruhig. «Nein, Judas! Aber schau, Gott wird geliebt, weil er Gott ist, und keine Erklärung ist nötig, um von der Notwendigkeit dieser Liebe zu überzeugen. Gott ist, der ist, also alles; und der Mensch ist das Nichts, das Anteil an dem "alles" hat durch die vom Ewigen eingegossene Seele, ohne welche der Mensch eines der vielen unvernünftigen Tiere wäre, die auf der Erde, im Wasser oder in der Luft leben. Und der Mensch muß Gott anbeten, um zu verdienen, in dem "alles" zu überleben; das heißt, verdienen, Teil des heiligen Volkes Gottes im Himmel zu werden, Bürger des Jerusalem, das in alle Ewigkeit keine Schändung und Zerstörung kennen wird.

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Die Liebe des Menschen, besonders der Frau zum Kind, hat den Ursprung im Befehl Gottes, der zu Adam und Eva sagte, nachdem er sie gesegnet und festgestellt hatte, daß er "Gutes getan" hatte an seinem fernen sechsten Tage, dem ersten sechsten Tage der Schöpfung: "Wachst und mehrt euch und erfüllt die Erde..."

Ich kenne deine unausgesprochene Entgegnung und antworte dir sofort wie folgt: Da in der Schöpfung vor dem Sündenfall alles durch Liebe geregelt und auf die Liebe gegründet war, wäre diese Vermehrung der Kinder eine heilige, mächtige und vollkommene Liebe gewesen. Und Gott hat sie dem Menschen als erstes Gebot gegeben: "Wachst, mehrt euch." Liebt also nach mir eure Söhne! Die Liebe, wie sie heute ist, die jetzige Art, Kinder zu zeugen, gab es damals noch nicht. Es gab noch die Bosheit nicht und darum die Sinnenlust nicht. Der Mann liebte die Frau, und die Frau liebte den Mann auf natürliche Weise, nicht gemäß der Natur, wie ihr Menschen sie versteht, sondern gemäß der Natur der Kinder Gottes, also übernatürlicherweise.

Selige erste Tage der Liebe zwischen den beiden, die Geschwister waren, da sie denselben Vater hatten, und die doch auch Gatten waren und sich in der Liebe wie mit unschuldigen Augen von Zwillingen in der Wiege ansahen. Der Mann empfand väterliche Liebe für die Gefährtin: "Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch", so wie es der Sohn von seinem Vater ist; und die Frau kannte die Freude, Tochter zu sein, also beschützt von einer gar hohen Liebe; denn sie spürte, daß sie etwas in sich hatte vom herrlichen Mann, den sie mit Unschuld und engelhafter Leidenschaft in den schönen Gärten Edens liebte!

In der Ordnung der von Gott seinen geliebten Kleinen mit einem Lächeln gegebenen Gebote fügt sich das Gebot hinzu, das Adam, der durch die Gnade mit einer Intelligenz begabt wurde, die nur von der Intelligenz Gottes übertroffen wurde, selbst bestätigte in Bezug auf seine Gefährtin und in ihr für alle Frauen: den Ratschluß Gottes, der sich deutlich im klaren Spiegel des Geistes Adams widerspiegelte und im Gedanken und Wort aufblühte: "Der Mann verläßt seinen Vater und seine Mutter und vereinigt sich mit seiner Gattin, und die beiden werden nur ein Fleisch sein."

Wenn nicht die drei Säulen der drei genannten Arten der Liebe wären, gäbe es eine Nächstenliebe? Nein! Es könnte keine geben. Die Liebe zu Gott macht Gott zum Freund und lehrt die Liebe. Wer Gott nicht liebt, der gut ist, kann seinen Nächsten nicht lieben, der meist fehlerhaft ist. Wenn es keine Gatten- und Elternliebe auf der Welt gäbe, dann gäbe es keinen Nächsten, denn der Nächste ist das Kind, das von den Menschen geboren wird. Bist du nun überzeugt?»

«Ja, Meister. Ich hatte nicht darüber nachgedacht.»

«Es ist nicht einfach, zu den Quellen vorzudringen. Der Mensch ist

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seit Jahrtausenden im Schlamm eingesunken, und diese Quellen entspringen nur in den Höhen! Die erste Quelle entspringt auf einem Abgrund von Höhe: Gott! Ich aber will euch an der Hand nehmen und zu den Quellen geleiten. Ich weiß, wo sie sind...»

«Und die anderen Liebesarten?» fragen Simon der Zelote und der Mann aus Endor gleichzeitig.

«Die erste der zweiten Reihe ist die Nächstenliebe. In Wirklichkeit handelt es sich um die Liebe vierten Grades. Dann kommt die Liebe zur Wissenschaft, und darauf die Liebe zur Arbeit.»

«Sind das alle?»

«Das sind alle.»

«Aber es gibt noch viele andere Arten der Liebe», ruft Iskariot aus.

«Nein, es gibt andere Gelüste. Das sind keine Liebesarten. Sie sind gegen die Liebe. Sie leugnen Gott, sie leugnen den Menschen. Es kann sich also nicht um Liebe handeln, denn sie sind ihr Gegenteil, also Haß.»

«Wenn ich das Böse ablehne, ist das denn Haß?» will Judas von Kerioth wissen.

«Oh, wir armen Tröpfe! Du bist ja noch spitzfindiger als ein Schriftgelehrter! Willst du mir verraten, was du hast? Ist es die sanfte Luft von Judäa, die deine Nerven wie ein Krampf kitzelt?» ruft Petrus aus.

«Nein, ich möchte mich gerne weiterbilden und viele klare Ideen haben. Hier kann man leicht ins Gespräch mit Schriftgelehrten kommen. Ich möchte wissen, wie ich ihnen antworten kann.»

«Und du glaubst, in jedem Augenblick, so wie du es gerade nötig hast, aus dem Fädengewirr deines Lumpensacks die richtige Farbe herauszupfen zu können?» fragt Petrus.

«Lumpen, die Worte des Meisters? Du lästerst!»

«Tue nicht so scheinheilig. In seinem Munde sind es keine Lumpen; aber wenn seine Worte von uns mißbraucht werden, dann werden sie es. Versuch einmal, ein kostbares Stück Damast in die Hand eines Kindes zu geben. In kurzer Zeit ist es ein schmutziger und zerrissener Fetzen. So geht es auch uns. Wenn du dir jetzt vornimmst, im richtigen Augenblick den richtigen Flicken unter den teils zerrissenen, teils schmutzigen herauszufinden, dann weiß ich nicht, wie du das kannst.»

«Das geht dich nichts an. Das ist meine Angelegenheit!»

«Sei beruhigt, ich mache mir darüber keine Gedanken. Mir genügen die eigenen. Und dann, ich bin schon zufrieden, wenn du dem Meister keinen Schaden zufügst. Denn, in diesem Falle, würde ich mich auch in deine Angelegenheiten mischen.»

«Wenn ich Böses tue, dann tue es. Aber es soll nie geschehen, denn ich weiß, was ich tue... Ich bin kein Dummkopf...»

«Aber ich bin einer, ich weiß. Aber gerade weil ich es weiß, mache ich kein Durcheinander, damit ich im rechten Augenblick nicht einen

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Blödsinn sage. Ich empfehle mich Gott, und Gott wird mir helfen aus Liebe zu seinem Messias, dessen geringster und getreuester Diener ich bin.»

«Wir sind alle treu!» entgegnet Iskariot arrogant.

«Du Böser! Warum beleidigst du meinen Vater? Er ist alt und gut. Du darfst es nicht tun. Du bist ein böser Mann, und ich habe Angst vor dir», sagt Jabe ernst und bricht sein aufmerksames Schweigen.

«Nun schon zwei», sagt Jakobus des Zebedäus mit unterdrückter Stimme und stößt mit dem Ellbogen Andreas an.

Er hat es leise gesagt, doch Iskariot hat es gehört. «Siehst du, Meister, daß die Worte des dummen Kindes von Magdala Spuren hinter sich ziehen?» sagt Judas ärgerlich.

«Wäre es nicht besser, den Unterricht des Meisters fortzusetzen, als vielen störrischen Ziegen zu gleichen?» fragt der friedliche Thomas.

«Aber ja, Meister. Erzähle uns von deiner Mutter. Ihre Kindheit ist so wunderbar! Die Seele reinigt sich, wenn sie sich in ihr spiegelt, und ich armer Sünder habe das so nötig!» ruft Matthäus aus.

«Was soll ich euch erzählen? Es gibt viele Episoden, eine schöner als die andere ...»

«Hat sie sie dir erzählt?»

«Einige... aber viel mehr Joseph, und auch Alphäus der Sara, der nur einige Jahre älter war als die Mutter, und der ihr in den wenigen Jahren, in denen sie in Nazareth weilte, ein guter Freund war. Dies waren die schönsten Erzählungen für mich als Kind.»

«Oh, erzähle...» bittet Johannes. Alle sitzen im Kreis im Schatten der Ölbäume, und Jabe, der in der Mitte sitzt, blickt Jesus immer fest an als lausche er einem paradiesischen Märchen...

«Ich werde euch von einem Beispiel der Keuschheit erzählen, das meine Mutter wenige Tage vor dem Eintritt in den Tempel ihrem kleinen Freund und anderen gab.

An jenem Tag hatte sich in Nazareth ein Mädchen verheiratet, eine Verwandte der Sara; auch Joachim und Anna waren zur Hochzeit eingeladen, und mit ihnen die kleine Maria, die mit anderen Kindern dazu bestimmt war, Blütenblätter auf den Weg der Braut zu streuen. Man sagt, Maria sei als Kind wunderschön gewesen, und alle wollten sie nach dem feierlichen Einzug der Braut bei sich haben. Es war nicht leicht, Maria zu sehen, denn sie lebte sehr zurückgezogen und liebte mehr als jeden anderen Ort eine kleine Grotte, die sie noch jetzt ihr "Brautgemach" nennt. Wenn sie blond, rosig und lieblich, wie sie war, erschien, wurde sie mit Liebkosungen überhäuft. Man nannte sie die "Blume von Nazareth" oder die "Perle von Galiläa" oder den "Frieden Gottes", in Erinnerung an einen großen Regenbogen, der sich bei ihrer Geburt am Himmel gebildet hatte. Sie war und sie ist es tatsächlich, und sie ist noch mehr. Sie ist die Blume des Himmels und der Schöpfung, sie ist die Perle des Paradieses,

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sie ist der Friede Gottes... Ja, der Friede! Ich bin der Friedvolle, denn ich bin der Sohn des Vaters und der Sohn Marias: der unendliche Friede, der süße Friede.

An jenem Hochzeitstage wollten alle sie küssen und auf den Schoß nehmen. Und sie, die eine gewisse Scheu vor Küssen und Berührungen hatte, sagte mit höflichem Ernst: "Ich bitte euch, zerknittert mich nicht." Alle glaubten, daß sie damit ihr Leinenkleidchen meine, das mit himmelblauen Bändern in der Taille, an den Ärmelbündchen und am Halse verziert war... oder das Kränzchen von blauen Blümchen, womit Anna sie gekrönt hatte, um die Löckchen zu befestigen; sie versicherten ihr alle, daß sie weder das Kleidchen noch das Kränzchen zerknittern wollten. Aber Maria, eine sichere, kleine Frau von drei Jahren, inmitten eines Kreises von Erwachsenen stehend, sagte ernst: "Ich denke nicht an das, was man wieder gutmachen kann. Ich spreche von meiner Seele. Sie gehört Gott. Und ich will nur von Gott berührt werden." Und sie entgegneten ihr: "Aber wir küssen dich, nicht deine Seele." Und sie: "Mein Körper ist der Tempel der Seele und der Geist ist dort Priester. Das Volk darf das Presbyterium nicht betreten. Ich bitte euch darum: Betretet das Gehege Gottes nicht."

Alphäus, der damals acht Jahre alt war und sie sehr gern hatte, war durch diese Antwort so betroffen, daß er sie anderen Tages, als er sie in der Nähe ihrer Grotte Blumen pflückend sah, fragte: "Maria, wenn du Frau geworden bist, willst du mich dann heiraten?"

In ihr war noch die ganze Aufregung des Hochzeitsfestes, dem sie beigewohnt hatte, und so sagte sie: "Ich habe dich sehr gern. Aber ich sehe dich nicht als Mann. Ich will dir ein Geheimnis sagen. Ich sehe nur die Seele der Lebenden. Sie liebe ich sehr, mit dem ganzen Herzen. Aber ich sehe nichts anderes als Gott, den 'wahren Lebenden, dem ich mich schenken werde."

Dies ist eine Episode.»

«"Wahrhaft Lebender"! Aber weißt du, das ist ein tiefes Wort!» ruft Bartholomäus aus.

Und Jesus demütig lächelnd: «Sie war die Mutter der Weisheit.»

«Schon damals? ... War sie nicht erst drei Jahre alt?»

«Sie war es, denn ich lebte schon in ihr, da Gott seit ihrer Empfängnis in seiner vollkommensten Einheit und Dreieinigkeit in ihr war.»

«Aber – verzeih, wenn ich Schuldbeladener zu sprechen wage – aber Joachim und Anna, wußten sie denn, daß sie die auserwählte Jungfrau war?» fragt Judas von Kerioth.

«Sie wußten es nicht.»

«Und wie konnte dann Joachim behaupten, daß Gott sie im voraus erlöst hatte? Spielt das nicht auf ihr Privileg betreffs der Sünde an?»

«Es spielt darauf an. Doch Joachim sprach als Stimme Gottes, wie alle

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Propheten. Auch er verstand die herrliche übernatürliche Weisheit nicht, die der Geist auf seine Lippen gelegt hatte. Denn er war ein Gerechter, so sehr, daß er dieser Vaterschaft würdig war. Und er war demütig. Wo nämlich Stolz herrscht, ist keine Gerechtigkeit. Er war gerecht und demütig. Er tröstete die Tochter in seiner Vaterliebe, er unterrichtete sie mit der Weisheit des Priesters, da er der Hüter der Bundeslade war, und er weihte sie als Oberpriester mit dem schönsten Titel: "Die Unbefleckte". Es wird der Tag kommen, da ein anderer ergrauter Oberhirte der Welt sagen wird: "Sie ist die unbefleckte Empfängnis", und er wird den Gläubigen diese Wahrheit schenken als unangreifbaren Glaubenssatz, damit in der künftigen Welt, die immer mehr in einen grauen Nebel von Häresien und Lastern versinken wird, vollkommen enthüllt sei die ganz Schöne Gottes, von Sternen bekränzt und mit Mondstrahlen bekleidet, die ihr an Schönheit nachstehen, und auf den Sternen ruhend, die Königin des Erschaffenen und des Unerschaffenen. Denn Gott-König hat in seinem Reich Maria als Königin bestellt.»

«Joachim war also ein Prophet?»

«Er war ein Gerechter. Seine Seele sagte wie ein Echo das, was Gott zu seiner von Gott geliebten Seele sprach.»

«Wann gehen wir zu dieser Mama, Herr?» fragt der kleine Jabe mit sehnsüchtigen Augen.

«Heute abend. Was wirst du ihr sagen, wenn du sie siehst?»

«"Ich grüße dich, Mutter des Erlösers." Ist es gut so?»

«Sehr gut», bestätigt Jesus, das Kind liebkosend.

«Gehen wir heute nicht zum Tempel?» fragt Philippus.

«Bevor wir uns nach Bethanien begeben, werden wir zum Tempel gehen. Du wirst aber ganz brav hierbleiben. Nicht wahr?»

«Ja, Herr!»

Die Frau des Jonas, des Verwalters des Ölgartens, ist leise eingetreten und sagt: «Warum nimmst du ihn nicht mit? Das Kind wünscht es so sehr...»

Jesus schaut sie fest an, ohne zu sprechen.

Die Frau versteht und sagt: «Ich habe verstanden! Ich muß noch den kleinen Mantel von Markus haben. Ich will ihn holen», und sie geht eilends hinaus.

Jabe zieht Johannes am Ärmel: «Werden die Lehrer sehr streng sein?»

«O nein, hab keine Angst! Und dann ist es nicht schon heute. In den wenigen Tagen, die du mit der Mutter verbringst, wirst du gescheiter als ein Gelehrter werden», versichert ihm Johannes. Die anderen hören es und lächeln über die Ängste Jabes.

«Wer aber wird ihn an Vaters Statt vorstellen?» fragt Markus.

«Ich natürlich, vorausgesetzt, daß der Meister es nicht selbst tun möchte», sagt Petrus.

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«Nein, Simon, ich werde es nicht tun. Ich überlasse dir diese Ehre.»

«Danke, Meister. Wirst du auch dabeisein?»

«Sicher! Alle werden wir dabeisein. Es ist doch "unser" Kind ...»

Maria des Jonas kommt mit einem dunkelvioletten Mantel zurück, der noch gut erhalten ist. Aber welch eine Farbe! Sie selbst sagt es: «Markus hat ihn nie anziehen wollen, weil ihm die Farbe nicht gefiel ...»

Das glaube ich gern, denn die Farbe ist abscheulich. Und der arme Jabe, mit dem olivgrünen Gesichtsteint, sieht in diesem schreienden Violett wie ein Ertrunkener aus. Aber er sieht sich selbst nicht... und ist deshalb glücklich über diesen Mantel, in den er sich wie ein Erwachsener einhüllen kann...

«Die Mahlzeit ist bereit, Meister. Die Magd hat das Lamm vom Spieß genommen.»

«Dann wollen wir gehen.»

Und sie steigen zum Haus hinab und begeben sich in die geräumige Küche zum Mahl.

237. IM TEMPEL ZUR STUNDE DES OPFERS

Petrus betritt feierlich als "Vater" den Vorhof des Tempels; er führt den kleinen Jabe an der Hand. Er sieht sogar größer aus, so steif geht er voraus. Hinter ihm folgt die Gruppe der anderen. Jesus als letzter. Er spricht mit dem Mann von Endor, der sich anscheinend schämt, in den Tempel einzutreten.

Petrus fragt seinen Schützling: «Bist du schon einmal hier gewesen?»und erhält die Antwort: «Als ich geboren wurde, Vater, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern», was den Petrus herzlich zum Lachen reizt, daß er es den anderen wiederholen muß, die dann ihrerseits herzlich lachen und gutmütig und scherzhaft sagen: «Vielleicht hast du geschlafen und deshalb ...»; oder: «Es geht uns allen wie dir. Wir können uns alle nicht mehr daran erinnern, daß wir nach unserer Geburt hierher gebracht worden sind.»

Auch Jesus stellt seinem Schützling dieselbe Frage und erhält eine ähnliche Antwort. Denn Johannes von Endor sagt: «Wir waren Bekehrte, und ich kam hierher auf den Armen meiner Mutter, genau an einem Osterfest; denn ich wurde in den ersten Tagen des Adar geboren, und die Mutter, die aus Judäa stammte, machte sich, sobald es ihr möglich war, auf den Weg, um ihren Sohn rechtzeitig dem Herrn aufzuopfern. Vielleicht zu früh... denn sie erkrankte bei dieser Reise und konnte sich danach nicht mehr erholen. Ich war nicht ganz zwei Jahre alt, als ich ohne Mutter blieb. Das erste Unglück meines Lebens. Aber ich war ihr

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Erstgeborener und war aufgrund ihrer Krankheit ihr einziges Kind geblieben, und so war sie stolz darauf, sterben zu müssen, weil sie das Gesetz beachtet hatte. Mein Vater sagte mir: "Sie ist glücklich gestorben, weil sie sich im Tempel aufgeopfert hat"... Arme Mutter! Was hast du aufgeopfert? Einen künftigen Mörder...»

«Johannes, sprich nicht so! Damals warst du Felix, nun bist du Johannes. Denk daran, welch große Gnade dir der Herr erwiesen hat, für immer! Aber vergiß die Demütigung der Vergangenheit... Bist du nie mehr zum Tempel zurückgekehrt?»

«O ja. Mit zwölf Jahren, und von da an immer... solange ich es konnte... Nachher, als ich es aufs neue hätte tun können, tat ich es nicht mehr; denn ich sagte dir schon, ich hatte nur einen Kult: den Haß! Und auch deswegen kann ich nicht mehr hier eintreten. Ich fühle mich als Fremder im Haus des Vaters... Ich bin zu lange von ihm ferngeblieben ...»

«Du kehrst zu ihm zurück, von mir geführt, der ich der Sohn des Vaters bin. Wenn ich dich vor den Altar führe, dann deshalb, weil ich weiß, daß dir alles verziehen worden ist.»

Johannes von Endor sagt mit einem trockenen Schluchzen: «Danke, mein Gott!»

«Ja, danke dem Allerhöchsten! Siehst du, daß deine Mutter den prophetischen Geist einer wahren Israelitin hatte? Du bist der dem Herrn geopferte Erstgeborene, und nicht mehr der Verstoßene. Du bist mein, du gehörst Gott, du bist Jünger und daher zukünftiger Priester deines Herrn in der neuen Zeit und Religion, die meinen Namen tragen wird. Ich spreche dich von allem los, Johannes! Geh ruhigen Herzens auf das Heiligtum zu. Wahrlich, ich sage dir, unter denen, die zwischen diesen Mauern wohnen, gibt es viele, die weit mehr schuldig sind als du und weniger würdig, sich dem Altare zu nähern...»

Petrus gibt sich inzwischen Mühe, dem Kind die bemerkenswertesten Dinge des Tempels zu zeigen; er ruft jedoch die anderen zu Hilfe, die etwas gebildeter sind, besonders Bartholomäus und Simon, denn er genießt inmitten der Älteren seine Würde als Vater.

Sie haben den Opfertisch erreicht, um ihre Gaben darzubringen, als Joseph von Arimathäa ruft: «Ihr hier? Seit wann?» fragt er nach der gegenseitigen Begrüßung.

«Seit gestern abend.»

«Und der Meister?»

«Er ist dort, mit einem neuen Jünger. Er wird gleich kommen.»

Joseph betrachtet das Kind und fragt Petrus: «Eines deiner Enkelkinder?»

«Nein... ja... Nun: nicht dem Blute nach; vielmehr dem Glauben nach, alles der Liebe nach.»

«Ich verstehe dich nicht...»

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«Ein Waisenkind... daher nicht dem Blut nach. Ein Jünger... daher viel dem Glauben nach. Ein Sohn... daher alles der Liebe nach. Der Meister hat ihn aufgenommen... und ich habe ihn gern. Er wird in diesen Tagen volljährig.»

«Schon zwölf Jahre alt? Und so klein?»

«Nun... der Meister wird es dir sagen... Joseph, du bist gut... einer der wenigen Guten hier drinnen... Sag mir, würdest du mir bei dieser Angelegenheit helfen? Weißt du... ich stelle ihn vor, als ob er mein Sohn wäre. Doch ich bin ein Galiläer und habe einen schlimmen Aussatz am Leibe ...»

«Aussatz!» ruft der erschrockene Joseph fragend aus und weicht zurück.

«Keine Angst. Mein Aussatz ist, Jesus zu gehören; das ist das Schlimmste für die hier im Tempel, einige ausgenommen.»

«Nein! Sag das nicht!»

«Es ist wahr und es muß gesagt werden... Daher fürchte ich, daß sie grausam sein werden mit dem Kleinen, meinetwegen und wegen Jesus. Ich weiß auch nicht, wie gut er das Gesetz kennt, die Halacha, die Haggada und die Midraschot. Jesus sagt, er weiß genug ...»

«Nun, wenn Jesus es sagt, dann keine Angst!»

«Aber, um mir Kummer zu bereiten, werden sie...»

«Du mußt dieses Kind sehr lieb haben! Wirst du es bei dir behalten?»

«Ich kann nicht! ... Wir sind immer unterwegs... Das Kind ist klein und schwach ...»

«Aber ich würde gerne mit dir gehen ...» sagt Jabe, der nun beruhigt ist, da Joseph ihn streichelt.

Petrus strahlt vor Freude ... Doch er sagt: «Der Meister sagt, es geht nicht, und so lassen wir es ... Aber wir werden uns trotzdem sehen... Joseph, wirst du mir helfen?»

«Aber ja! Ich werde mit dir kommen. Vor mir erlauben sie sich keine Ungerechtigkeiten. Wann? Oh, Meister! Gib mir deinen Segen!»

«Der Friede sei mit dir, Joseph. Ich freue mich, dich bei guter Gesundheit zu sehen.»

«Ich auch, Meister. Und auch die Freunde werden sich freuen, dich zu sehen. Bist du in Gethsemane?»

«Ich war dort. Nach dem Gebet gehen wir nach Bethanien.»

«Zu Lazarus?»

«Nein, zu Simon. Auch meine Mutter, die Mutter meiner Brüder und die des Johannes und des Jakobus werden dort sein. Wirst du mich besuchen?»

«Du fragst? Es wird eine große Freude und eine große Ehre für mich sein. Ich danke dir. Ich werde mit einigen Freunden kommen...»

«Sei vorsichtig, Joseph, mit den Freunden!» rät Simon der Zelote.

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«Oh, ihr kennt sie schon. Die Klugheit sagt: "Die Luft soll es nicht hören." Aber sobald ihr sie seht, werdet ihr verstehen, daß es Freunde sind.»

«Nun denn ...»

«Meister, Simon des Jonas sprach zu mir wegen der Zeremonie für den Knaben. Du bist gerade gekommen, als ich fragte, wann diese stattfinden soll. Ich möchte anwesend sein.»

«Am Mittwoch vor Ostern. Ich möchte, daß er sein Ostern als Sohn des Gesetzes halte.»

«Sehr gut. Einverstanden! Ich werde euch in Bethanien abholen. Doch am Montag möchte ich mit den Freunden kommen.»

«Abgemacht.»

«Meister, ich verlasse dich nun. Der Friede sei mit dir. Es ist die Stunde des Rauchopfers.»

«Leb wohl, Joseph. Der Friede sei mit dir. Komm Jabe, dies ist die feierlichste Stunde des Tages. Es gibt eine ähnliche am Morgen. Doch diese ist feierlicher. Der Morgen beginnt den Tag. Es ist gut, daß der Mensch den Herrn preise, um während des Tages in allen seinen Werken gesegnet zu sein. Doch am Abend ist es noch feierlicher. Die Sonne sinkt, das Tagewerk ist vollbracht, und es kommt die Nacht. Das abnehmende Licht erinnert an den Fall in die Sünde, denn die meisten Sünden werden in der Nacht begangen. Warum? Weil der Mensch, der nicht mehr durch die Arbeit abgelenkt wird, leichter vom Bösen angezogen werden kann, wenn er das Netz seiner Verlockungen und Ängste auswirft. Daher ist es gut, daß man Gott, nach dem Dank für den während des Tages gewährten Schutz, anruft, damit er die Trugbilder der Nacht und die Versuchungen von uns fernhalte. Die Nacht und der Schlaf sind Sinnbilder des Todes. Glücklich aber ist jener, der mit dem Segen Gottes gelebt hat; denn er wird nicht in der Finsternis schlafen, sondern zu einem strahlenden Morgen erwachen. Der Priester, der den Weihrauch opfert, tut dies für uns alle. Er bittet für das ganze Volk in Vereinigung mit Gott, und Gott vertraut ihm seinen Segen an für das Volk seiner Kinder. Siehst du, wie hoch der Dienst des Priesters steht?»

«Er würde mir gefallen... Mir würde sein, als wäre ich noch näher bei der Mama...»

«Wenn du immer ein guter Jünger und ein guter Sohn des Petrus bist, dann wirst du es werden. Nun komm! Die Posaunen künden an, daß die Stunde gekommen ist. Laßt uns mit Ehrfurcht Jehova preisen.»

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238. BEGEGNUNG JESU MIT SEINER MUTTER IN BETHANIEN

Auf der schattigen Straße, die den Ölberg mit Bethanien verbindet – man könnte auch sagen, daß der Berg mit seinen grünen Hängen bis zu den Feldern von Bethanien reicht – bewegt sich Jesus mit den Seinen raschen Schrittes auf die Stadt des Lazarus zu. Kaum ist er dort angelangt, da wird er schon erkannt, und freiwillige Boten eilen nach allen Richtungen fort, um seine Ankunft zu verkünden. Daher kommen bald Maximin und Lazarus von der einen Seite und Isaak mit Timoneus und Joseph von einer anderen; als dritte erscheint Martha mit Marcella, die ihren Schleier hochhebt, um das Gewand Jesu zu küssen; und gleich darauf kommen auch Maria des Alphäus und Maria. Der kleine Jabe, immer an der Hand Jesu, beobachtet erstaunt, wie all diese lebhaften Begrüßungen vor sich gehen, und während Johannes von Endor, der sich fremd fühlt, sich in den Hintergrund zurückzieht, kommt die Mutter auf dem Weg, der zum Hause Simons führt, daher.

Jesus läßt die Hand Jabes los und schiebt sanft die Freunde beiseite, um ihr entgegenzueilen. Die beiden Worte "Sohn" und "Mutter" durchdringen die Luft und erklingen wie ein Solo der Liebe in dem Stimmengewirr der Leute. Sie küssen sich, und im Kuß von Maria liegt die Sorge eines Menschen, der lange Zeit in Angst gelebt hat und nun bei der Befreiung von dieser Angst die der Anstrengung folgende Müdigkeit empfindet und in ihrem ganzen Ausmaße erkennt, wie groß die Gefahr gewesen ist.

Jesus, der sie versteht, liebkost sie und sagt: «Außer meinem Engel hatte ich auch deinen, Mutter, der über mich wachte; daher konnte mir kein Übel zustoßen.»

«Dafür sei der Herr gepriesen! Aber ich habe sehr gelitten!»

«Ich wollte früher kommen, aber ich mußte andere Wege nehmen, um dir zu gehorchen. Es war gut so, denn dein Befehl, o meine Mutter, ist mir wie immer zum Segen geworden!»

«Dein Gehorsam, Sohn!»

«Dein weiser Befehl, Mutter ...» Sie lächeln sich zu wie zwei Verliebte.

Aber ist es denn möglich, daß diese Frau die Mutter dieses Mannes ist? Wo sind die sechzehn Jahre Altersunterschied? Die Frische und die Anmut des Gesichtes und des jungfräulichen Körpers machen aus Maria die Schwester ihres Sohnes, der die Fülle seiner männlichen Schönheit erreicht hat.

«Warum fragst du nicht, weshalb es zum Guten gereichte?» fragt Jesus immer noch lächelnd.

«Ich weiß, daß mein Sohn nichts vor mir verbirgt.»

«Teure Mama!» Er küßt sie noch einmal...

Die Leute halten sich in einer gewissen Entfernung und tun so, als ob

sie diese Szene übersähen. Aber ich wette, daß unter diesen Augen kein

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einziges ist, das nicht nach dieser süßen Szene schielt, obgleich sie alle so tun, als ob sie in eine andere Richtung blickten.

Am offensichtlichsten sieht Jabe zu, den Jesus allein gelassen hat, als er zur Mutter geeilt ist und sie umarmt hat; bei den vielen Fragen und Antworten hat sich niemand mehr um den Kleinen gekümmert... Jabeschaut und schaut, dann läßt er den Kopf sinken, kämpft mit den Tränen... und kann sich schließlich nicht mehr beherrschen, bricht in Tränen aus und jammert: «Mama, Mama!»

Alle, Jesus und Maria als erste, drehen sich um; alle wollen wieder gutmachen oder wissen, wer das Kind ist. Maria des Alphäus eilt herbei, Petrus ebenfalls; sie waren beisammen und sagen gleichzeitig: «Warum weinst du?»

Doch bevor Jabe in seinem tiefen Schluchzen Atem holen kann, ist Maria herbeigeeilt und hat ihn in ihre Arme genommen. Sie sagt: «Ja, mein Söhnchen, die Mama! Weine nicht mehr und verzeih, daß ich dich nicht gleich gesehen habe. Das ist, Freunde, mein Söhnchen ...» Es versteht sich, daß Jesus ihr schnell zugeflüstert hat: «Es ist ein Waisenkind, das ich zu mir genommen habe.» Das Übrige hat Maria erraten.

Das Kind weint immer noch, doch nicht mehr so untröstlich, und da Maria es umarmt und küßt, verklärt sich das von Tränen gewaschene Gesichtlein zu einem Lächeln.

«Komm, ich will alle diese Tränen trocknen. Du sollst nicht mehr weinen. Gib mir einen Kuß...»

Jabe... wollte ja nichts anderes; denn nach all den Liebkosungen von seiten der bärtigen Männer genießt er es, die zarten Wangen Mariens zu küssen.

Jesus aber hat Johannes von Endor gesucht und entdeckt; er holt ihn aus seiner Ecke. Während die Apostel Maria begrüßen, kommt Jesus zu ihr, Johannes von Endor an der Hand, und sagt: «Hier, Mutter, der andere Jünger. Diese beiden Söhne sind die Frucht deines Befehles.»

«Deines Gehorsams, Sohn», wiederholt Maria; dann grüßt sie den Mann und sagt: «Der Friede sei mit dir!»

Der rauhe, unruhige Mann aus Endor, der sich schon sehr geändert hat seit dem Morgen, an dem die Laune von Judas Jesus nach Endor geführt hat, legt endlich seine Vergangenheit beiseite, als er sich vor Maria verneigt. Ich glaube, es ist so, denn sein Antlitz erscheint, als er sich nach der tiefen Verneigung wieder aufgerichtet hat, heiter und wirklich "befriedet".

Nun begeben sich alle zum Hause Simons. Maria mit Jabe, Jesus mit Johannes von Endor an der Hand; neben ihnen und hintendrein Lazarus und Martha, die Apostel mit Maximinus, Isaak, Joseph und Timoneus. Sie betreten das Haus, an dessen Schwelle der alte Diener Simons Jesus und seinen Herrn begrüßt und ihnen Ehre erweist.

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verneigt

«Der Friede sei mit dir, Joseph, und mit diesem Haus», sagt Jesus und erhebt die Hand zum Segen, nachdem er sie zuerst auf das weiße Haupt des alten Dieners gelegt hat.

Lazarus und Martha sind nach der ersten Freude etwas traurig, und Jesus fragt: «Warum, Freunde?»

«Weil du nicht bei uns bist, weil alle mit dir gehen außer der Seele, von der wir wünschten, daß sie dir gehörte.»

«Verstärkt eure Geduld, hofft und betet! Und dann, ich bin ja bei euch. Dieses Haus hier ist nur das Nest, von dem aus der Menschensohn jeden Tag zu seinen lieben Freunden fliegt, die nicht weit entfernt, aber übernatürlich betrachtet unendlich näher in der Liebe sind. Ihr seid in meinem Herzen und ich bin im eurigen. Kann man sich noch näher sein? Doch heute abend werden wir beisammen sein. Nehmt an meinem Tisch Platz.»

«Oh, ich Arme! Ich vertrödle hier die Zeit! Komm, Salome, wir haben zu tun!» Der Aufschrei Marias des Alphäus bringt alle zum Lachen, während die gute Verwandte von Jesus eilends aufsteht, um an die Arbeit zu gehen.

Doch Martha holt sie ein: «Mache dir keine Sorgen um die Mahlzeit, Maria. Ich werde gehen und Anweisung geben. Du brauchst nur die Tische zu decken. Ich werde dir genügend Polster und alles Nötige schicken. Komm, Marcella. Ich bin gleich wieder da, Meister!»

«Ich habe Joseph von Arimathäa gesehen, Lazarus. Am Montag wird er mit Freunden hierherkommen.»

«Oh, dann gehörst du mir an diesem Tag!»

«Ja, er kommt, damit wir beisammen sein können; aber auch, um eine Zeremonie zu besprechen, die Jabe betrifft. Johannes, bring das Kind auf die Terrasse; es wird sich freuen.»

Johannes des Zebedäus, immer gehorsam, steht sofort auf, und kurz darauf hört man das Jauchzen des Kindes und seine kleinen Schritte auf der Terrasse, die das Haus umgibt.

«Das Kind», erklärt Jesus der Mutter, dem Freund und den Frauen, unter denen sich Martha befindet, die sofort zurückgekehrt ist, um von der Freude, beim Meister zu sein, keine Minute zu verlieren, «ist der Enkel eines Arbeiters von Doras. Ich bin an Esdrelon vorbeigegangen ...»

«Ist es wahr, daß die Felder verwüstet sind und er sie verkaufen will?»

«Verwüstet sind sie. Vom Verkauf weiß ich nichts. Ein Arbeiter Jochanans hat es mir angedeutet. Aber ich weiß nichts Genaueres darüber.»

«Wenn er sie verkaufen will... würde ich sie gerne kaufen, um auch in diesem Schlangennest ein Obdach für dich zu haben.»

«Ich glaube nicht, daß es dir gelingen wird. Jochanan ist bereit, sie zu übernehmen.»

«Wir werden sehen... Doch fahre mit dem Bericht fort. Um was für Arbeiter handelt es sich? Die er vorher hatte, sind alle verstreut.»

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«Ja. Sie kommen von seinen Gütern in Judäa, wenigstens der Alte, der Großvater des Kindes. Das Kind mußte im Walde versteckt werden wie ein wildes Tier, damit Doras es nicht finde... es war während des Winters dort ...»

«Oh, armes Kind. Aber warum denn?» Die Frauen überfließen alle vor Mitleid.

«Weil sein Vater und seine Mutter unter dem Erdrutsch bei Emmaus begraben liegen. Alle: Vater, Mutter und Geschwister. Er hat überlebt, weil er nicht zu Hause war. Sie hatten ihn zum Großvater gebracht. Aber was kann schon ein Arbeiter von Doras unternehmen? Du, Isaak, hast

auch in diesem Falle von mir als von einem Erlöser gesprochen.»

«Habe ich schlecht gehandelt, Herr?» fragt Isaak demütig.

«Du hast gut gehandelt. Gott hat es so gewollt. Aber der Alte hat mir das Kind gegeben, denn es soll in diesen Tagen volljährig werden.»

«Das arme Geschöpf! So klein mit zwölf Jahren! Mein Judas war im gleichen Alter doppelt so groß... Und Jesus erst ...» sagt Maria des Alphäus.

Und Salome: «Auch meine Söhne waren sehr groß.»

Martha flüstert: «Er ist wirklich sehr klein! Ich nahm an, er sei noch keine zehn Jahre alt.»

«Nun, der Hunger ist schlimm! Das Kind muß darunter gelitten haben, seit es auf der Welt ist. Und dann... was hätte der Alte ihm geben können, wenn man dort Hungers stirbt?» sagt Petrus.

«Ja, es hat viel gelitten. Aber es ist sehr gut und sehr intelligent. Ich habe es angenommen, um den Alten und das Kind zu trösten.»

«Wirst du es adoptieren?» fragt Lazarus.

«Nein, das geht nicht.»

«Dann werde ich es tun.»

Petrus, der seine Hoffnung schwinden sieht, seufzt ehrlich: «Herr, alles ihm?»

Jesus lächelt: «Lazarus, du hast schon soviel getan, und ich bin dir dankbar. Doch dieses Kind kann ich dir nicht überlassen. Es ist "unser" Kind. Es gehört uns allen. Es ist die Freude der Apostel und des Meisters. Hier würde es im Wohlstand aufwachsen. Ich will ihm mein Königsgewand schenken: "die ehrbare Armut". Jene Armut, die der Menschensohn für sich selbst gewollt hat, um sich all der vielen Nöte, ohne jemand zu demütigen, nähern zu können. Du hast auch erst kürzlich eine Gabe von mir erhalten ...»

«Ach ja, den alten Patriarchen und seine Tochter. Die Frau ist sehr fleißig, und der Greis ist sehr gut.»

«Wo sind sie jetzt? Ich meine, an welchem Ort?»

«Hier in Bethanien. Meinst du, ich würde den Segen, den du mir schickst, weggeben? Die Frau arbeitet am Webstuhl. Dazu braucht es

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leichte Hände, die bei dieser Arbeit Erfahrung haben. Dem Greis, der unbedingt arbeiten wollte, habe ich die Bienen anvertraut. Gestern – nicht wahr, Schwester – hatte er seinen langen Bart ganz aus Gold. Die schwärmenden Bienen hatten sich auf ihm niedergelassen, und er sprach zu ihnen wie zu Kindern. Er ist glücklich.»

«Das glaube ich. Sei gesegnet!» sagt Jesus.

«Danke, Meister. Aber dieses Kind wird dich etwas kosten. Erlaube mir wenigstens ...»

«Ich sorge schon für sein Festkleid», schreit Petrus. Alle lachen über die Plötzlichkeit des Rufes.

«Gut so. Aber es wird auch andere Kleider brauchen; Simon, sei lieb. Auch ich habe keine Kinder. Laß, daß ich und Martha uns trösten, indem wir für die kleinen Gewänder sorgen.»

Petrus, so gebeten, wird sofort weich und sagt: «Die anderen Kleider ja; aber das Gewand für Mittwoch besorge ich. Der Meister hat es mir versprochen und gesagt, daß ich mit der Mutter morgen zum Einkaufen gehen darf.» Petrus sagt alles aus Angst vor einer Änderung zu seinen Ungunsten.

Jesus lächelt und sagt: «Ja, Mutter, ich bitte dich, morgen mit Simon zu gehen. Sonst stirbt mir dieser Mann aus Eifer. Du wirst ihn bei der Auswahl beraten.»

«Ich habe gesagt: rotes Gewand und grüner Gürtel. Das wird sehr schön sein; besser als die Farbe, die er jetzt trägt.»

«Rot wird sehr gut gehen. Auch Jesus war in Rot gekleidet. Aber ich würde sagen, auf dem Rot wäre ein roter Gürtel sehr schön, oder wenigstens ein mit Rot bestickter», sagt Maria sanft.

«Ich habe es gesagt, weil ich sah, daß Judas, der dunkel ist, gut aussieht mit diesen grünen Streifen auf dem roten Gewand.»

«Aber die sind nicht grün, Freund!» lacht Iskariot.

«Nein? Was ist das denn für eine Farbe?»

«Diese Farbe heißt: Achatader.»

«Wie kann ich das wissen? Mir schien es grün zu sein. Ich habe diese Farbe auch an Blättern gesehen...»

Die heiligste Mutter mischt sich sanft ein: «Simon hat recht. Es ist genau die Farbe, welche die Blätter beim ersten Regen des Tischri bekommen ...»

«Na, also! Und da die Blätter grün sind, sagte ich, daß es grün ist», schließt Petrus zufrieden. Die Gütige hat Frieden und Freude auch in diese kleine Angelegenheit gebracht.

«Wollt ihr den Kleinen rufen?» bittet Maria. Und das Kind eilt sofort mit Johannes herbei.

«Wie heißt du?» fragt Maria liebevoll.

«Ich bin... ich war Jabe. Doch nun warte ich auf meinen Namen...»

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«Du wartest?»

«Ja. Jabe möchte einen Namen, der besagt, daß ich ihn gerettet habe. Du wirst ihn finden, Mutter. Einen Namen der Liebe und des Heiles.»

Maria denkt nach... und sagt dann: «Margziam (Maarhgziam). Du bist der kleine Tropfen im Meere der von Jesus Erlösten. Gefällt er dir? Er erinnert an die Erlösung und auch an mich.»

«Er ist sehr schön», sagt das Kind glücklich.

«Aber ist es nicht ein Frauenname?» fragt Bartholomäus.

«Mit einem L am Ende, anstatt des M. Wenn dieses Menschlein erwachsen sein wird, dann könnt ihr diesen Namen mit einem L am Ende anstatt des M in einen Männernamen verwandeln. Jetzt trägt es den Namen, den ihm die Mutter gegeben hat. Nicht wahr?»

Das Kind sagt ja, und die Mutter liebkost es.

Die Schwägerin meint: «Die Wolle ist sehr schön»; sie berührt dabei das Mäntelchen Jabes, «aber die Farbe! Wie findet ihr sie? Ich werde es dunkelrot färben. So wird es schön werden.»

«Morgen abend wollen wir es machen. Denn morgen wird es sein neues Gewand haben; dann können wir es ihm nehmen.»

Martha sagt: «Willst du mit mir kommen, Kind? Ich werde dir vieles zeigen, und dann kommen wir hierher zurück ...»

Jabe weigert sich nicht. Er lehnt niemals etwas ab, aber er scheint etwas verängstigt, mit der noch fast unbekannten Frau zu gehen. Er sagt daher schüchtern und höflich: «Könnte Johannes mitkommen?»

«Aber sicher! ...»

Sie gehen. Während ihrer Abwesenheit geht die Unterhaltung in den einzelnen Gruppen weiter: Beispiele, Bemerkungen und Seufzer über die menschliche Hartherzigkeit.

Isaak berichtet, was er über den Täufer in Erfahrung gebracht hat. Die einen sagen, er sei in Machaerus, die anderen behaupten in Tiberias. Die Jünger sind noch nicht zurückgekommen...

«Waren sie ihm nicht gefolgt?»

«Ja, aber bei Doko haben die Häscher mit dem Gefangenen den Fluß überquert; es ist nicht bekannt, ob sie zum See hinauf- oder nach Machaerus hinabgegangen sind. Johannes, Matthäus und Simon haben sich auf die Suche gemacht; werden nicht davon ablassen.»

«Und du, Isaak, wirst bestimmt diesen neuen Jünger nicht mir überlassen. Für den Augenblick ist er bei mir. Ich will, daß er mit mir Ostern feiert.»

«Ich werde das Fest in Jerusalem im Haus Johannas feiern. Sie hat mich gesehen und mir einen Raum angeboten, für mich und die Gefährten. Alle werden dieses Jahr kommen. Wir werden mit Jonathan zusammen sein.»

«Auch mit denen von Libanon?»

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«Auch mit ihnen. Aber die Jünger des Täufers kommen vielleicht nicht.»

«Weißt du, daß die Jochanans kommen?»

«Wirklich? Ich werde mich an das Tor stellen zu den Opferpriestern. Dort sehe ich sie gleich und nehme sie mit.»

«Warte bis zum letzten Moment. Ihre Zeit ist bemessen. Sie bringen das Lamm.»

«Ich auch. Herrlich! Lazarus hat es mir gegeben. Wir werden es opfern; das andere, das ihre, wird ihnen für die Rückkehr dienen.»

Martha kommt mit Johannes herein. Das Kind trägt ein kleines Gewand aus weißem Linnen mit einem roten Überwurf. Auf den Armen hat es einen roten Mantel.

«Erkennst du es, Lazarus? Siehst du, wie alles nützlich sein kann?»

Die Geschwister lachen.

Jesus sagt – «Ich danke dir, Martha.»

«Oh, mein Herr, ich habe die Krankheit, alles aufzubewahren. Das habe ich von meiner Mutter geerbt. Ich besitze noch viele Kleider von meinem Bruder. Sie sind mir lieb, denn Mutter hat sie berührt. Ab und zu nehme ich ein Stück für irgendein Kind. Nun wird sie Margziam bekommen. Sie sind noch etwas zu lang, aber man kann sie umschlagen. Lazarus wollte sie nicht mehr, nachdem er volljährig geworden war... Er war schon als Kind launenhaft... er blieb stets Sieger, denn meine Mutter liebte ihren Lazarus über alles.»

Die Schwester streichelt liebevoll ihren Lazarus, und dieser nimmt ihre schöne Hand, küßt sie und sagt: «Und dich nicht?» Sie lächeln sich beide zu.

«Es ist eine wahre Vorsehung», bemerken viele.

«Ja, meine Launen haben Gutes gebracht. Vielleicht wird mir deswegen verziehen werden.»

Das Nachtmahl ist aufgetragen; jeder geht an seinen Platz...

... Es ist schon Nacht, als Jesus endlich in Frieden mit der Mutter sprechen kann. Sie sind auf die Terrasse gegangen und, Seite an Seite sitzend und sich gegenseitig die Hände haltend, sprechen sie und hören sich gegenseitig an.

Zuerst erzählt Jesus, was alles vorgefallen ist. Dann sagt Maria: «Sohn, nach deinem Weggang, gleich danach, ist eine Frau zu mir gekommen... Sie suchte dich. Ein großes Elend. Und eine große Bekehrung. Aber dieses Geschöpf verlangte nach deiner Vergebung, um in seinem Vorsatz standhalten zu können. Ich habe sie Susanna anvertraut und dieser gesagt, daß sie eine der von dir Geheilten ist. Es ist wahr. Ich hätte sie bei mir behalten, wenn unser Haus nicht zu einem Meer geworden wäre, auf dem alle segeln... und viele in böser Absicht. Die Frau empfindet nunmehr Abscheu vor der Welt. Willst du wissen, wer es ist?»

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«Es ist eine Seele. Aber sag mir ihren Namen, damit ich sie, ohne mich zu irren, empfangen kann.»

«Es handelt sich um Aglaia, die Römerin, Schauspielerin und Sünderin, deren Rettung du bereits in Hebron begonnen hast; sie hatte dich gesucht und beim "Trügerischen Gewässer" gefunden; sie hat viel für ihre wiedergeborene Ehrbarkeit gelitten... Sie hat mir alles erzählt... Wie schrecklich! ...»

«Ihre Sünden?»

«Ja! Aber noch viel mehr die Welt. Oh, mein Sohn! Mißtraue den Pharisäern von Kapharnaum! Sie wollten die Unglückliche mißbrauchen, um dir zu schaden. Auch sie...»

«Ich weiß es, Mutter... Wo ist Aglaia?»

«Sie wird vor Ostern mit Susanna eintreffen.»

«Gut so! Ich werde mit ihr reden. Ich bin jeden Abend hier und werde, ausgenommen den Osterabend, den ich der Familie vorbehalte, auf sie warten. Du mußt sie nur bei dir behalten, wenn sie kommt. Es handelt sich um eine große Bekehrung, du hast es gesagt. Und eine spontane! In Wahrheit sage ich dir, in wenigen Herzen hat mein Same mit solcher Kraft Wurzeln schlagen können, wie auf diesem unglücklichen Boden. Danach hat Andreas beim Heranwachsen bis zur endgültigen Reife geholfen.»

«Sie hat es mir gesagt.»

«Mutter, was hast du empfunden in der Nähe dieser Ruine?»

«Abscheu und Freude. Mir war, als ob ich an einem höllischen Abgrund stünde; doch gleichzeitig fühlte ich mich in den Himmel erhoben. Wie sehr bist du Gott, mein Jesus, wenn du solche Wunder wirkst!»

Sie bleiben stumm unter den strahlenden Sternen und im Schein des Mondviertels, das schon bald Vollmond sein wird. Sie schwiegen und sprachen wieder miteinander in der Liebe des einen zum anderen.

239. DIE MACHT DES WORTES MARIAS

Der herrliche Morgen lädt wirklich dazu ein, die Lagerstätten und die Häuser zu verlassen und spazierenzugehen; die Bewohner des Hauses des Zeloten stehen wie viele Bienen beim ersten Sonnenlicht auf, um die reine Luft im Obstgarten des Lazarus zu genießen, der an das gastliche Haus grenzt. Bald gesellen sich auch jene dazu, die bei Lazarus untergebracht sind, also Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Thomas, Andreas und Jakobus des Zebedäus. Die Sonne dringt festlich durch die weitgeöffneten Türen und Fenster ein, und die einfachen, sauberen Räume hüllen sich in ein Gold, das die Farben der Kleider, der Haare und der Augen belebt und aufleuchten läßt.

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Maria des Alphäus und Salome bedienen diese Männer mit gesundem Appetit; Maria hingegen beobachtet aufmerksam einen Diener des Lazarus, der die Haare Margziams in Ordnung bringt und sie mit mehr Geschick als sein erster Friseur in gleicher Länge schneidet. «Für den Augenblick lassen wir sie so», sagt der Diener. «Dann, wenn du dem Herrn deine Kinderlocken geopfert hast, werde ich dir das Haar kurz schneiden. Bald kommt die Hitze, und du wirst dich besser fühlen mit freiem Hals. Deine Haare sind spröde und brüchig, vernachlässigt: durch das Schneiden werden sie kräftiger. Siehst du, Maria? Sie brauchen Pflege. Nun werde ich sie einfetten, damit sie anliegen. Rieche einmal, Kind, welch ein feiner Duft! Es ist das Öl, das Martha verwendet. Mandeln, Palmen und feinstes Mark mit seltenen Essenzen. Es tut sehr gut. Meine Herrin hat gesagt, ich solle dieses Töpfchen für das Kind verwenden. Oh! Nun siehst du wie der Sohn eines Königs aus», und der Diener, der anscheinend der Barbier im Haus des Lazarus ist, gibt Margziam einen kleinen Klaps, grüßt Maria und geht befriedigt weg.

«Komm, damit ich dich anziehen kann», sagt Maria zum Knaben, der im Augenblick nur eine Art kleine Tunika mit kurzen Ärmeln trägt. Ich glaube, es ist das Hemd oder jedenfalls das Kleidungsstück, das damals als solches diente. Aus der Feinheit des Linnens ersehe ich, daß es zur Ausstattung des Lazarus gehörte, als er noch ein Kind war. Maria nimmt das Tuch weg, in das Margziam eingehüllt war, und legt ihm das Unterkleid an mit den Krausen am Hals und an den Ärmeln und dann das tote Obergewand aus Wolle mit dem weiten Ausschnitt und den weiten Ärmeln. Das schneeweiße Linnen tritt leuchtend am Ausschnitt und an den Ärmeln unter dem roten Stoff hervor. Die Hand Mariens muß während der Nacht die Länge des Kleides und der Ärmel zurechtgeschneidert haben, denn alles paßt genau, besonders nachdem die Taille mit einer weichen Binde umgürtet ist, die in weißroten Wollquasten endet. Das Kind gleicht nicht mehr dem armen Wesen, das es noch vor wenigen Tagen war.

«Geh nun spielen, ohne dich schmutzig zu machen, während ich mich vorbereite», sagt Maria und liebkost ihn.

Das Kind eilt hüpfend und glücklich hinaus und sucht seine großen Freunde auf.

Der erste, der den Knaben sieht, ist Thomas: «Wie schön du bist! Wie zur Hochzeit gekleidet! Du stellst mich ja direkt in den Schatten», sagt der immer fröhliche, dickliche Thomas. Dann nimmt er Margziam bei der Hand und sagt: «Komm, wir gehen zu den Frauen. Sie haben dich schon gesucht, um dich zu füttern.»

Sie gehen in die Küche, und Thomas läßt die beiden Marien auffahren, die über die Feuerstelle gebückt sind, als er laut ausruft: «Hier ist ein junger Mann, der zu euch möchte», und lachend stellt er das Kind vor, das sich hinter seiner beleibten Gestalt versteckt hat.

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«Oh, mein Lieber! Komm, laß dich küssen! Schau, Salome, wie gut es ihm steht», ruft Maria des Alphäus.

«Wahrhaftig! Nun muß er nur noch etwas kräftiger werden. Doch dafür werde ich sorgen. Komm, laß dich auch von mir küssen», sagt Salome.

«Aber Jesus will ihn zu den Hirten führen ...» entgegnet Thomas.

«Kommt nicht in Frage! Darin irrt sich mein Jesus. Was habt ihr Männer für Bedürfnisse? Ihr streitet – denn nebenbei gesagt, seid ihr ziemlich streitsüchtig – ihr streitet wie die Ziegen, die sich zanken und einander in die Hörner geraten; ihr eßt, redet, habt noch tausend andere Bedürfnisse und verlangt vom Meister, daß er sich immer um euch kümmert... sonst seid ihr beleidigt. Die Kinder brauchen Mütter. Nicht wahr? ... Wie heißt du?»

«Margziam.»

«Ach ja, meine gebenedeite Maria! Sie hätte dir einen einfacheren Namen geben sollen!»

«Er ist beinahe wie der ihre!» ruft Salome aus.

«Ja, aber der ihre ist viel einfacher. Er hat nicht die drei Konsonanten in der Mitte... Drei sind einfach zuviel...»

Iskariot ist eingetreten und sagt: «Sie hat den Namen mit der richtigen Bedeutung gegeben, nach dem alten unverfälschten Sprachgebrauch.»

«Na, gut! Aber er ist schwierig, und ich mache ihn kürzer und sage Margziam. Das ist leichter, und die Welt wird deswegen nicht untergehen. Nicht wahr, Simon?»

Petrus, der gerade mit Johannes von Endor sprechend am Fenster vorbeigeht, blickt herein und fragt: «Was ist los?»

«Ich sagte, daß ich das Kind Margziam nennen werde. Es ist leichter auszusprechen.»

«Du hast recht, Frau! Wenn es mir die Mutter erlaubt, werde auch ich so sagen. Wie schön er aussieht! Aber auch ich! Seht nur!»

Er ist tatsächlich gebürstet, an den Wangen rasiert, die Haare und der Bart sind gekämmt und geölt, das Kleid ist nicht zerknittert und die Sandalen sehen wie neu aus, so rein und glänzend sind sie. Die Frauen bewundern ihn; Petrus lacht zufrieden.

Das Kind hat seine Mahlzeit beendet und geht hinaus zu seinem großen Freund, den es immer "Vater" nennt.

Da kommt Jesus mit Lazarus aus dem Haus desselben und sagt zum Kind, das ihm entgegeneilt: «Zwischen uns sei Frieden, Margziam. Geben wir uns den Friedenskuß!»

Lazarus küßt und liebkost das Kind und gibt ihm eine Süßigkeit.

Alle versammeln sich um Jesus. Auch Maria, die nun in ein türkisfarbenes Wollkleid und den etwas dunkleren Mantel eingekleidet ist, nähert sich lächelnd dem Sohne.

«So können wir also gehen», sagt Jesus. «Du, Simon, mit meiner

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Mutter und dem Kind, wenn du unbedingt Geld ausgeben willst, nachdem Lazarus schon vorgesorgt hat.»

«Aber sicher! Und dann... werde ich sagen können, daß ich einmal an der Seite deiner Mutter gehen durfte. Eine große Ehre!»

«Geh nur! Du, Simon, wirst mich zu deinen Freunden, den Aussätzigen begleiten ...»

«Wirklich, Meister! Wenn du erlaubst, dann eile ich voraus, um sie zusammenzurufen... Du wirst mich später erreichen. Du weißt ja, wo sie sind ...»

«Gut, gehe! Die anderen können tun, was sie wollen. Ihr seid alle frei bis Mittwoch morgen. Zur dritten Stunde wollen wir uns dann an der Goldenen Pforte treffen.»

«Ich komme mit dir, Meister», sagt Johannes.

«Ich auch», erklärt sein Bruder Jakobus.

«Auch wir», sagen die beiden Vettern.

«Auch ich komme», ruft Matthäus, und ebenso Andreas.

«Und ich? Auch ich möchte kommen ... Aber wenn ich zum Einkaufen gehe, dann kann ich nicht mitkommen ...» sagt Petrus unschlüssig.

«Es ist schon möglich. Zuerst gehen wir zu den Aussätzigen; meine Mutter begibt sich in der Zwischenzeit mit dem Kind in ein befreundetes Haus in Ophel. Dann treffen wir uns mit ihr, und du kannst mit ihr gehen, während ich mich mit den anderen zu Johanna begebe. Zur Mahlzeit sind wir dann alle in Gethsemane, und gegen Abend kehren wir hierher zurück.»

«Wenn du erlaubst, dann besuche ich einige Freunde ...» sagt Iskariot.

«Ich habe doch gesagt, daß ihr tun könnt, was ihr wollt.»

«Dann begebe ich mich zu Verwandten. Vielleicht ist mein Vater schon angekommen. Wenn er da ist, bringe ich ihn zu dir», sagt Thomas.

«Wir zwei, was meinst du Philippus? Wir könnten Samuel aufsuchen.»

«Gut so», entgegnet er Bartholomäus.

«Und du, Johannes?» fragt Jesus den Mann von Endor. «Ziehst du es vor, hierzubleiben, um deine Bücher unterzubringen, oder willst du mit mir kommen?»

«Ehrlich gesagt, ziehe ich vor, dich, das lebendige Buch, zu lesen.»

«Dann komm. Leb wohl, Lazarus ...»

«Auch ich komme mit. Meinen Beinen geht es nun etwas besser, und ich werde mich von den Aussätzigen gleich nach Gethsemane begeben und dort auf dich warten.»

«Gehen wir! Der Friede sei mit euch, ihr Frauen!»

Bis kurz vor Jerusalem bleiben alle beisammen. Dann trennen sie sich. Iskariot schlägt den Weg zum Tor, das zum Turm Antonia führt, ein, während Thomas mit Philippus und Nathanael noch einige Meter mit Jesus und den anderen gehen und dann im Vorort Ophel mit Maria und dem Knaben die Stadt betreten.

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«Nun suchen wir die Unglücklichen auf», sagt Jesus und kehrt der Stadt den Rücken, um sich zu einem abseits gelegenen Ort zu begeben, der sich auf dem Abhang eines felsigen Hügels zwischen den beiden Straßen, die von Jericho nach Jerusalem führen, befindet. Ein eigenartiger Ort, stufenartig ansteigend, unwirtlich und öde, trostlos anzusehen.

«Meister», ruft Simon der Zelote. «Ich bin hier. Bleib stehen. Ich werde dir den Weg weisen ...»

Und der Zelote, der sich an den Felsen gelehnt hatte, um im Schatten zu stehen, kommt heran und schlägt einen stufenförmigen Weg ein, der in Richtung Gethsemane führt, doch von diesem getrennt wird durch die Straße, die vom Ölgarten nach Bethanien führt.

«Hier sind wir. In den Gräbern von Siloe habe ich gelebt, und hier sind meine Freunde. Einige von ihnen. Die anderen sind in Ben Hinnom; doch sie können nicht kommen... Sie müßten die Straße überqueren und könnten dabei gesehen werden.»

«Wir werden auch sie besuchen!»

«Danke, für sie und für mich.»

«Sind es viele?»

«Der Winter tötet die meisten. Hier leben noch fünf von jenen, mit denen ich gesprochen habe. Sie erwarten dich. Sie sind dort am Rand ihres Bereiches ...»

Es sind ungefähr zehn unheimliche Gestalten. Ich sage ungefähr, denn fünf kann man gut sehen, da sie aufrecht stehen, während die anderen wegen der grauen Hautfarbe, der Verunstaltung des Gesichtes und ihres Dahinkriechens auf den Steinen kaum unterscheidbar sind. Unter den Stehenden befindet sich auch eine Frau. Man erkennt sie nur an ihrem grauen, wirren Haar, das steif und schmutzig über die Schultern bis zum Gürtel fällt. Sonst unterscheidet sie sich nicht von den anderen, da die fortgeschrittene Krankheit sie zum Skelett abmagern ließ und jede weibliche Form vernichtete, wie auch von den Männern nur noch ein einziger Barthaare aufweist. Die anderen sind infolge des zerstörerischen Übels ausgefallen.

Sie schreien: «Jesus, unser Erlöser, erbarme dich unser!» und strecken ihm die unförmigen, wundbedeckten Hände entgegen. «Jesus, Sohn Davids, erbarme dich!»

«Was wollt ihr von mir?» fragt Jesus und blickt sie an.

«Daß du uns von der Sünde und von der Krankheit heilst.»

«Von der Sünde rettet der Wille und die Reue ...»

«Aber wenn du willst, kannst du unsere Sünden auslöschen. Wenigstens dies, wenn du unsere Körper nicht heilen willst.»

«Wenn ich euch sage: "Wählt zwischen den beiden Dingen", um was bittet ihr mich dann?»

«Um die Vergebung Gottes, Herr, damit sie uns zum Trost diene.»

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Jesus macht ein Zeichen der Zustimmung und lächelt verklärt; dann hebt er die Arme und ruft: «Seid erhört! Ich will es!»

Erhört! Das kann sich sowohl auf die Sünde wie auf die Krankheit als auch auf beide beziehen, und die fünf Unglücklichen bleiben im Ungewissen. Aber im Ungewissen sind nicht die Apostel, und sie können nur ihr Hosanna rufen, als sie sehen, wie rasch der Aussatz verschwindet... wie Schneeflocken, die auf Feuer fallen. Und nun begreifen die Fünf, daß sie voll erhört worden sind. Ihre Schreie klingen wie ein Siegesruf. Sie umarmen sich gegenseitig, werfen Jesus Kußhände zu, da sie nicht zu seinen Füßen eilen dürfen, und wenden sich dann an die Gefährten und sagen: «Wollt ihr immer noch nicht glauben? Wie töricht seid ihr doch!»

«Seid gut, seid gut! Die armen Brüder müssen erst nachdenken. Sagt nichts mehr. Den Glauben kann man nicht aufzwingen. Man predigt ihn friedlich, mit Sanftmut, Geduld und Ausdauer. Das werdet ihr nach eurer Reinigung tun, wie Simon es mit euch getan hat. Das Wunder spricht ja für sich selbst. Ihr Geheilten geht zum Priester, so bald als möglich! Ihr Kranken, erwartet uns am Abend. Wir werden euch Nahrung bringen. Der Friede sei mit euch!»

Jesus steigt zur Straße hinab, immer noch von den Segenswünschen aller gefolgt.

«Nun gehen wir nach Ben Hinnom», sagt Jesus.

«Meister... ich würde gern mitkommen, aber ich weiß, daß ich es nicht schaffen werde. Ich gehe nach Gethsemane», sagt Lazarus.

«Geh, Lazarus. Der Friede sei mit dir!»

Während Lazarus sich langsam entfernt, sagt der Apostel Johannes: «Meister, ich werde ihn begleiten. Er kommt mühsam voran, und der Weg ist nicht sehr gut. Ich werde dich dann in Ben Hinnom erreichen.»

«Geh nur! Laßt uns gehen.»

Sie überqueren den Kedron, nehmen einen Weg, der den Südhang des Berges Tophet entlangführt, und kommen schließlich in das kleine Tal, das ganz mit Gräbern und Unrat übersät ist. Nirgendwo ein Baum oder etwas anderes, das vor der Sonne schützen könnte, die auf dieser Mittagsseite vom Himmel sengt und das Gestein zum Glühen bringt. In den Höhlen, die Einäscherungsöfen gleichen, aus denen stinkender Rauch aufsteigt und die Hitze noch erhöht, befinden sich die armen Körper, die sich verzehren... Siloe muß im Winter ein häßlicher Ort sein, da es feucht und gegen Norden gelegen ist. Aber im Sommer ist es schrecklich...

Simon der Zelote stößt einen Ruf aus, und gleich kommen drei, dann zwei, dann einer und schließlich noch einer, wie sie können, bis zur vorgeschriebenen Grenze. Es sind zwei Frauen darunter; eine führt an der Hand ein schreckliches Kind, das der Aussatz im Gesicht befallen hat. Es ist schon blind...

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Auch ein Mann ist da, von vornehmen Aussehen, trotz seiner erbärmlichen Verfassung. Er ergreift das Wort für alle: «Der Messias des Herrn sei gepriesen, der in unsere Hölle gestiegen ist, um ihr jene zu entreißen, die auf ihn hoffen. Rette uns, Herr, denn wir gehen zugrunde! Rette uns, Erlöser! König aus dem Geschlechte Davids, König Israels, hab Erbarmen mit deinen Untergebenen. O du Reis aus dem Geschlechte Jesse, von dem gesagt worden war, daß zu seiner Zeit kein Übel mehr besteht; strecke deine Hand aus und sammle die Ruinen deines Volkes. Befreie uns von diesem Tod und trockne unsere Tränen, denn so ist von dir gesagt worden. Rufe uns, Herr, auf deine köstlichen Weiden, zu deinen süßen Wassern, die wir so sehr dürsten. Leite uns zu den ewigen Hügeln, wo es keine Schuld und keinen Schmerz mehr gibt. Hab Erbarmen, Herr ...»

«Wer bist du?»

«Johannes, einer vom Tempel. Vielleicht bin ich durch einen Aussätzigen angesteckt worden. Seit kurzem erst, wie du siehst, hat mich die Krankheit befallen. Aber diese da! ... Unter ihnen solche, die den Tod seit Jahren erwarten; und dieses kleine Mädchen kam hierher, bevor es gehen konnte. Es kennt die Schöpfung Gottes nicht. Was es kennt und an was es sich erinnert: das sind diese Gräber, die unbarmherzige Sonne und die Sterne der Nacht. Habe Erbarmen mit den Schuldigen und den Unschuldigen, Herr, unser Erlöser!» Alle knien nun nieder und strecken die Hände aus.

Jesus weint ob soviel Elends, dann öffnet er die Arme und ruft: «Vater! Ich will es: Heil, Leben, Augenlicht und Gesundheit für sie!» Er bleibt mit erhobenen Armen stehen und betet inbrünstig aus seinem ganzen Herzen. Er scheint sich im Gebet zu verklären und zu erheben: eine Flamme der Liebe, weiß und mächtig unter dem mächtigen Gold der Sonne.

«Mama, ich kann sehen!» ertönt der erste Schrei, und es folgen der Schrei der Mutter, die ihr geheiltes Mädchen an sich drückt, und dann die Ausrufe der anderen und der Apostel. Das Wunder ist geschehen!

«Johannes, du, als Priester, wirst die Gefährten zum Ritus geleiten. Der Friede sei mit euch. Auch euch werden wir heute abend Nahrung bringen.» Er segnet sie und schickt sich zum Gehen an.

Doch der aussätzige Johannes schreit: «Ich will dir auf allen Wegen folgen. Sag mir, was ich tun muß, wohin ich gehen soll, um dich zu verkünden!»

«Gehe in dieses trostlose Geviert, das öde ist und sich zum Herrn bekehren muß. Die Stadt Jerusalem soll dein Feld sein. Leb wohl.»

«Und jetzt kehren wir zur Mutter zurück!» sagt Jesus zu den Aposteln.

«Aber wo ist sie?» fragen viele.

«In einem Haus, das Johannes kennt. Im Haus des Mädchens, das voriges Jahr geheilt worden ist.»

Sie gehen in die Stadt zurück, durchqueren einen großen Teil des

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dichtbesiedelten Vorortes Ophel und gelangen zu einem weißen Häuschen. Jesus tritt mit seinem lieben Friedensgruß durch die unverschlossene Tür in das Haus, und gleich darauf vernimmt man die sanfte Stimme Marias, die Silberstimme Annalias und die kräftige ihrer Mutter. Das Mädchen wirft sich anbetend zu Boden, und die Mutter läßt sich auf die Knie nieder. Maria erhebt sich.

Sie möchten den Meister und seine Mutter noch zurückhalten. Aber Jesus verspricht, an einem anderen Tage wiederzukommen, segnet sie und geht. Petrus geht mit Maria einkaufen. Sie haben den Knaben in ihrer Mitte und gleichen einer glücklichen Familie. Viele wenden sich bewundernd nach ihnen um. Jesus betrachtet sie lächelnd.

«Simon ist glücklich!» ruft der Zelote.

«Warum lächelst du, Meister?» fragt Jakobus des Zebedäus.

«Weil ich in dieser Gruppe eine große Verheißung sehe.»

«Welche, Bruder? Was siehst du?» fragt Thaddäus.

«Ich sehe, daß ich, wenn die Stunde gekommen ist, ruhig scheiden kann. Ich werde mir um meine Kirche keine Sorgen machen müssen. Sie wird dann noch klein und schmächtig wie Margziam sein. Aber meine Mutter wird sie an der Hand halten und ihr Mutter sein, während Petrus ihr Vater ist. In seine ehrliche, schwielenbedeckte Hand werde ich ohne Sorge die Hand meiner jungen, neuen Kirche legen. Er wird ihr die Kraft seines Schutzes geben, meine Mutter die Kraft ihrer Liebe. Und die Kirche wird wachsen... wie Margziam... Er ist wahrlich das Kind des Symbols. Gott segne meine Mutter, meinen Petrus und ihr und unser Kind! Laß uns nun zu Johanna gehen ...»

... Es ist Abend; wir befinden uns wieder im kleinen Haus von Bethanien. Die meisten haben sich schon zurückgezogen. Petrus aber wandelt auf dem schmalen Wege hin und her und blickt immer zur Terrasse hinauf, wo Jesus und Maria beisammensitzen und miteinander reden. Johannes von Endor spricht unter einem in voller Blüte stehenden Granatapfelbaum mit dem Zeloten.

Maria muß schon viel gesprochen haben, denn ich höre von Jesus die Worte: «Alles, was du gesagt hast, ist richtig; ich werde darauf Rücksicht nehmen. Auch dein Rat für Annalia ist gut. Daß der Vater ihn so rasch angenommen hat, ist ein gutes Zeichen. Die Behörden in Jerusalem sind wirklich voller Torheit und Haß. Aber unter dem bescheidenen Volke gibt es Perlen von unbekanntem Wert. Ich bin froh, daß Annalia glücklich ist. Sie ist ein Geschöpf, das sich mehr im Himmel als auf der Erde befindet, und der Mann, der nun geistiger geworden ist, hat dies wohl verstanden, denn er achtet sie, er verehrt sie fast. Sein Vorsatz, anderswohin zu ziehen, um nicht mit einem menschlichen Gefühl das reine Gelübde seines Mädchens zu beflecken, beweist dies.»

«Ja, mein Sohn, der Mann spürt den Duft der Jungfräulichkeit... Ich

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erinnere mich an Joseph. Ich wußte nicht, wie ich es ihm sagen sollte. Er kannte mein Geheimnis nicht; doch hat er mir mit der Empfindsamkeit eines Heiligen geholfen, es ihm zu sagen. Er hatte den Duft meiner Seele gespürt. Siehst du, Johannes? ... Welcher Friede! ... Und alle kommen zu ihm, selbst Judas von Kerioth, obgleich... Nein, Sohn, Judas hat sich nicht geändert. Ich weiß es, und auch du weißt es. Wir sagen nur nichts, um keinen Krieg anzuzetteln. Aber, auch wenn wir nicht davon reden, wissen wir es; auch wenn wir nichts sagen, ahnen die anderen es. Oh, mein Jesus! Die Jungen haben es mir heute im Gethsemane erzählt: das Vorkommnis in Magdala und das vom Sabbatmorgen. Die Unschuld spricht; denn sie sieht mit den Augen ihres Engels. Aber auch die Alten durchschauen ihn. Sie haben nicht unrecht. Er ist ein schlüpfriges Wesen. Alles in ihm ist schlüpfrig... und ich habe Angst vor ihm, und auf meinen Lippen sind die Worte Benjamins von Magdala und die des Margziam im Gethsemane; denn ich habe den gleichen Abscheu vor Judas wie diese Kinder ...»

«Nicht alle können Johannes sein ...»

«Das verlange ich auch nicht! Sonst hätten wir das Paradies auf Erden. Aber siehst du, du hast mir vom anderen Johannes erzählt... von einem Mann, der gemordet hat. Ich habe nur Mitleid mit ihm. Vor Judas aber habe ich Angst.»

«Liebe ihn, Mutter! Liebe ihn aus Liebe zu mir!»

«Ja, Sohn! Aber auch meine Liebe wird nichts nützen. Sie wird nur Schmerz für mich und Schuld für ihn sein. Oh, warum ist er beigetreten! Er stört alle und beleidigt Petrus, der jede Achtung verdient.»

«Ja, Petrus ist gut. Für ihn würde ich alles tun, denn er verdient es.»

«Wenn er dich hören könnte, würde er mit seinem offenen Lächeln sagen: "Ach, Herr, das stimmt nicht." Und er hätte recht.»

«Warum, Mutter?» Jesus lächelt, denn er hat verstanden.

«Weil du ihn nicht zufriedenstellst und ihm keinen Sohn schenkst. Er hat mir alle seine Hoffnungen und Wünsche... und deine Ablehnung anvertraut.»

«Und er hat dir die Gründe nicht genannt, mit denen ich es rechtfertigte? ...»

«Doch, er hat sie mir genannt, und hinzugefügt: "Es ist wahr... aber ich bin ein Mensch, ein armer Mensch. Jesus besteht darauf, in mir einen besseren Menschen zu sehen. Aber ich weiß, daß ich untauglich bin und deshalb... könnte er mir einen Knaben geben. Ich heiratete, um Kinder zu haben... und werde sterben, ohne ein Kind zu besitzen." Und dann hat er gesagt – indem er auf das Kind deutete, das glücklich war über das von Petrus gekaufte Kleid; es küßte ihn und sagte: "Geliebter Vater" – und dann fügte er bei: "Schau, wenn dieses Geschöpf, das ich vor zehn Tagen noch nicht kannte, so zu mir spricht, dann werde ich weicher als Butter

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und süßer als Honig und weine... denn jeder Tag, der vergeht, entfernt mich von diesem Kinde..."»

Maria schweigt und beobachtet Jesus; sie studiert sein Gesicht und erwartet ein Wort... Aber Jesus hat seine Ellbogen auf die Knie gestützt, hält sein Haupt zwischen den Händen und schaut auf die grüne Fläche des Obstgartens.

Maria ergreift seine Hand, streichelt sie und sagt: «Simon hat diesen großen Wunsch; während ich ihn begleitete, hat er über nichts anderes gesprochen, und er hat so vernünftige Gründe angeführt, daß ich nicht fähig war, ihn zum Schweigen zu bringen. Es waren dieselben Gründe, die wir alle, Frauen und Mütter, haben. Das Kind ist schwach. Wenn es so wäre, wie du gewesen bist... oh, dann hätte es dem Leben als Jünger furchtlos entgegengehen können. Aber es ist so schwach... Sehr intelligent, sehr gut... aber sonst nichts. Wenn eine junge Taube schwach ist, dann kann sie nicht zum Fliegen gebracht werden, wie dies bei kräftigen möglich ist. Die Hirten sind gut... aber sie sind dennoch Männer. Die Kinder brauchen die Frauen. Warum läßt du es nicht Simon? Wenn du ihm ein von ihm gezeugtes Kind verweigerst, so verstehe ich den Grund. Ein eigenes Kind ist wie ein Anker. Und Simon, der zu Hohem bestimmt ist, kann keinen Anker brauchen, der ihn bindet. Aber du mußt zugeben, daß er eines Tages der "Vater" all der Kinder sein muß, die du ihm hinterläßt. Wie kann er jedoch Vater sein, wenn er nicht die Schule mit einem Kind gemacht hat? Ein Vater muß gütig sein. Simon ist gut, aber gütig ist er nicht. Er ist impulsiv und unnachgiebig. Nur ein schwaches Geschöpf kann ihm die feine Kunst beibringen, mit den Schwachen Mitleid zu haben... Denke an die Zukunft von Petrus... Er ist dein Nachfolger! Oh, ich muß es aussprechen, dieses harte Wort! Aber wegen des großen Schmerzes, den ich dabei empfinde, höre mich an! Nie würde ich dir etwas raten, das nicht gut ist. Margziam... Du willst aus ihm einen vollkommenen Jünger machen... Aber er ist noch ein Kind. Du... wirst uns verlassen, bevor er ein Mann geworden ist. Wer wird dann seine Bildung besser vervollständigen können als Petrus? Und schließlich, du weißt, wie der arme Petrus deinetwegen von der Schwiegermutter geplagt worden ist; und doch hat er keinen Funken seiner früheren Freiheit zurückverlangt, um seine Schwiegermutter zufriedenzustellen, die nicht einmal du hast ändern können. Und sein armes Weib? Oh, sie hat ein solches Verlangen zu lieben und geliebt zu werden. Die Mutter... oh! ... Der Mann? Ein lieber Rechthaber... Niemals eine Liebesbezeugung, ohne gleichzeitig viel zu verlangen... Arme Frau! Laß ihr das Kind. Höre auf mich, mein Sohn. Vorerst nehmen wir es zu uns. Auch ich werde nach Judäa gehen. Du wirst mich zu einer lieben Gefährtin des Tempels bringen, die fast verwandt mit uns ist, da sie aus dem Geschlechte Davids stammt. Sie lebt in Bethsur. Ich sehe sie gern wieder, wenn sie noch lebt. Dann, bei der Rückkehr nach

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Galiläa, werden wir ihn Porphyria geben. Und wenn wir in die Nähe von Bethsaida gekommen sind, wird Petrus ihn zu sich nehmen. Wenn wir hierher zurückgekehrt sind, wird das Kind bei ihr sein. Ah! Nun lächelst du! Also stellst du deine Mutter zufrieden. Danke, mein Jesus.»

«Ja, es geschehe nach deinem Wunsch.» Jesus erhebt sich und ruft laut: «Simon des Jonas, komm her!»

Petrus erhebt sich und eilt die Stufen hinauf: «Was willst du, Meister ?»

«Komm her, du Usurpator und Eroberer!»

«Ich? Warum? Was habe ich getan, Herr?»

«Du hast das Herz meiner Mutter erobert. Daher wolltest du allein mit ihr sein. Was soll ich mit dir anfangen?» Doch Jesus lächelt, und Petrus beruhigt sich.

«Oh», sagt er, «du hast mir richtig Angst eingejagt. Aber nun lächelst du. Was willst du von mir, Meister? Das Leben? Ich habe nur noch das, denn du hast mir alles genommen... Aber, wenn du es willst, so gebe ich es dir.»

«Ich will nichts nehmen, sondern geben. Aber nütze diesen Sieg nicht aus und gib das Geheimnis den anderen nicht preis, du schlauer Mann, der du den Meister mit der Waffe des Wortes der Mutter besiegt hast. Du wirst das Kind haben, aber ...»

Jesus kann nicht weiterreden, denn Petrus, der auf den Knien war, springt auf und küßt Jesus mit solchem Ungestüm, daß er ihm jedes weitere Wort abschneidet.

«Danke ihr, nicht mir! Aber vergiß nicht, daß es dir eine Hilfe und kein Hindernis sein soll ...»

«Herr, du wirst das Geschenk nicht bereuen. Oh, Maria! Sei immer gepriesen, du Heilige und Gute!»

Petrus, der wieder auf die Knie gesunken ist, weint, während er die Hand Marias küßt...

240. AGLAIA BEIM MEISTER

Jesus geht allein ins Haus des Zeloten. Der Abend bricht herein, heiter und friedlich nach soviel Sonne. Jesus zeigt sich an der Küchentür, grüßt und geht ins obere Zimmer, um dort zu meditieren. Der Saal ist schon für das Nachtmahl vorbereitet. Der Herr scheint nicht sehr froh zu sein. Er seufzt öfters und geht auf und ab und wirft ab und zu einen Blick auf die umliegende Landschaft, die man von den vielen Fenstern und Türen dieses großen Saales aus, der wie ein Würfel auf dem Untergeschoß sitzt, überblicken kann. Dann tritt er auf die Terrasse hinaus, geht um den Saal

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herum, bleibt regungslos stehen und sieht Johannes von Endor zu, der höflich Wasser aus dem Brunnen schöpft, um es der vielbeschäftigten Salome anzubieten.

Jesus betrachtet ihn, schüttelt das Haupt und seufzt. Die Kraft seines Blickes zieht die Aufmerksamkeit von Johannes an, und dieser wendet sich um und fragt: «Meister, brauchst du mich?»

«Nein, ich habe dir nur zugeschaut.»

«Johannes ist so gut. Er hilft mir», sagt Salome.

«Auch für diese Hilfe wird Gott ihn belohnen.»

Nach diesen Worten geht Jesus in den Raum zurück und setzt sich. Er ist so sehr in seine Betrachtung vertieft, daß er das Geräusch der vielen Stimmen und Schritte im Korridor des Untergeschoßes nicht hört, und noch weniger einige leichte Schritte, die auf der Außentreppe sich dem Saale nähern. Erst als Maria ihn ruft, erhebt er das Haupt.

«Sohn, Susanna ist mit ihrer Familie aus Jerusalem angekommen und hat sogleich Aglaia zu mir gebracht. Willst du sie anhören, solange wir allein sind?»

«Ja, Mutter, sofort! Und niemand darf heraufkommen, bevor wir fertig sind. Ich hoffe, daß alles vor der Rückkehr der anderen beendet ist. Aber ich bitte dich, darauf zu achten, daß keine indiskrete Neugier aufkommt; bei niemand, und besonders nicht bei Judas des Simon ...»

«Ich werde sorgfältig aufpassen...»

Maria geht hinaus und kommt kurz darauf, Aglaia an der Hand führend, zurück. Diese ist nicht mehr in ihren großen, grauen Mantel eingehüllt und hat den Schleier nicht mehr über das Gesicht gezogen; sie trägt auch nicht die hochgeschnürten, mit Schnallen und Bändern verzierten Sandalen wie früher, sondern gleicht nun in allem einer Hebräerin. Ihre Sandalen sind flach und so einfach wie die Marias. Über dem dunkelblauen Kleid trägt sie den Mantel, während ein Schleier ihr teilweise das Gesicht bedeckt: das gewöhnliche Gewand unzähliger Frauen. Und da sie sich außerdem in einer Gruppe von Galiläern befindet, besteht keine Gefahr, erkannt zu werden. Sie kommt geneigten Hauptes herein, wird bei jedem Schritt röter im Gesicht; ich glaube, wenn Maria sie nicht sanft zu Jesus hinführen würde, wäre sie auf der Schwelle niedergekniet.

«Hier, Sohn! Hier ist sie, die dich schon lange sucht! Höre sie an», sagt Maria, als sie bei Jesus angelangt ist, und sie zieht sich sogleich zurück, wobei sie die Vorhänge an den offenen Türen und die Türe an der Treppe schließt.

Aglaia entledigt sich der Tasche, die sie über der Schulter trägt, kniet dann zu Jesu Füßen nieder und bricht in lautes Weinen aus. Sie läßt sich auf den Boden gleiten und weint, den Kopf auf die am Boden gekreuzten Arme gelegt.

«Weine nicht! Die Zeit der Tränen ist vorbei. Grund zum Weinen hattest

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du, als Gott dir zürnte. Nicht jetzt, da du ihn liebst und von ihm geliebt wirst.» Aber Aglaia fährt fort, zu weinen...

«Glaubst du nicht, daß es so ist?»

Die Stimme bricht sich Bahn unter dem Schluchzen: «Ich liebe ihn, das ist wahr, so wie ich bin und wie ich kann... Aber obgleich ich weiß und glaube, daß Gott die Güte ist, wage ich es nicht zu hoffen, daß er meine Liebe erwidert. Ich habe zuviel gesündigt... Ich werde seine Liebe vielleicht eines Tages haben... Aber ich muß noch viel weinen... Vorerst bin ich noch allein mit meiner Liebe. Ich bin allein... Es ist nicht die trostlose Einsamkeit der vergangenen Jahre. Es ist eine Einsamkeit voll Verlangens nach Gott, also nicht mehr eine verzweifelte... Doch ist sie so traurig, so traurig!»

«Aglaia, wie schlecht kennst du doch den Herrn! Dieses Verlangen nach ihm ist der Beweis dafür, daß Gott deine Liebe erwidert, daß er dir Freund ist, dich ruft, dich einlädt und dich will. Gott ist unfähig der Liebe seines Geschöpfes zu widerstehen; denn diese Liebe hat er selbst im Herzen erweckt; er, der Schöpfer und Herr aller Geschöpfe. Er hat dieses Verlangen entzündet, denn er hat die Seele, die nun nach ihm verlangt, mit Vorzug geliebt. Die Liebe Gottes geht immer der Liebe des Geschöpfes voraus; denn er ist der Vollkommene: daher ist seine Liebe unmittelbarer und brennender als die Liebe seines Geschöpfes.»

«Aber wie kann Gott meinen Schmutz lieben?»

«Bemühe dich nicht, mit deinem Verstande begreifen zu wollen. Er ist ein Abgrund der Barmherzigkeit, dem menschlichen Geiste unbegreiflich. Aber dort, wo die menschliche Intelligenz nicht mehr begreift, erkennt die Intelligenz der Liebe die Liebe des Geistes. Sie versteht und dringt sicher in das Geheimnis, das Gott ist, und in das Geheimnis der Begegnung der Seele mit Gott ein. Sie dringt ein, ich sage es dir. Sie dringt ein, weil Gott es will.»

«O mein Erlöser! So bin ich also losgesprochen? So werde ich also wirklich geliebt? Darf ich es glauben?»

«Habe ich dir je die Unwahrheit gesagt?»

«O nein, Herr! Alles, was du in Hebron zu mir gesagt hast, ist eingetroffen. Du hast mich erlöst, wie dies dein Name sagt. Du hast mich arme, verlorene Seele gesucht. Du hast der toten Seele, die ich in mir getragen habe, das Leben wiedergeschenkt. Du hast mir gesagt, wenn ich dich suche, werde ich dich finden. Alles ist eingetroffen. Du hast mir gesagt, daß du überall bist, wo der Mensch den Arzt und die Arznei nötig hat. Es ist wahr! Alles, alles, was du zur armen Aglaia gesagt hast, von jenen Worten des Junimorgens bis zu den anderen am "Trügerischen Gewässer"...»

«So mußt du auch den jetzigen glauben!»

«Ja, ich glaube, ich glaube! Aber sage mir: "Ich verzeihe dir"!»

«Ich verzeihe dir im Namen Gottes und im Namen Jesu!»

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«Danke... Aber nun... Was soll ich nun tun? Sage mir, mein Erlöser, was soll ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? Der Mann wird schon verdorben, sobald er mich ansieht! Ich kann nicht in der ständigen Angst leben, entdeckt und angesprochen zu werden... Auf dieser Reise habe ich bei jedem Blick eines Mannes gezittert... Ich will nicht mehr sündigen und nicht mehr zur Sünde verleiten! Sage mir den Weg, den ich gehen muß. Wie er auch sei, ich werde ihn gehen. Du siehst, ich bin auch in Entbehrungen stark... Wenn ich aufgrund einer zu großen Not sterben sollte, ich habe keine Angst! Ich werde den Tod "meinen Freund" nennen, denn er wird mich für immer von den Gefahren der Erde befreien. Sprich, mein Erlöser!»

«Geh an einen einsamen Ort.»

«Wohin, Herr?»

«Wohin du willst. Dorthin, wo dein Geist dich hinführen wird.»

«Wird mein kaum gebildeter Geist dazu fähig sein?»

«Ja, denn Gott wird dich leiten.»

«Und wer wird mir von Gott sprechen?»

«Deine wiedererstandene Seele, vorerst...»

«Werde ich dich nie mehr wiedersehen?»

«Nie mehr auf dieser Erde. Doch bald werde ich dich völlig erlöst haben und deinen Geist vorbereiten auf den Anstieg zu Gott.»

«Wie wird meine vollständige Erlösung erfolgen, wenn ich dich nicht wiedersehe? Wie wirst du sie mir zuteil werden lassen?»

«Ich werde für alle Sünder sterben!»

«Nein! Du darfst nicht sterben!»

«Um euch das Leben zu schenken, muß ich den Tod auf mich nehmen. Ich bin deshalb Mensch geworden. Weine nicht! Du wirst mich bald dort erreichen, wo ich nach meinem und deinem Opfer bin.»

«Mein Herr! So werde auch ich für dich sterben?»

«Ja, aber auf andere Art. Dein Fleisch wird von Stunde zu Stunde durch das Mitwirken deines Willens absterben. Es ist schon beinahe ein Jahr, daß es abstirbt; wenn es ganz abgetötet sein wird, dann werde ich dich rufen.»

«Werde ich die Kraft haben, mein sündhaftes Fleisch zu vernichten?»

«In der Einsamkeit, in der Satan dich wütend mit allen seinen Mitteln versucht, wirst du, je mehr du dem Himmel gehörst, einen Apostel finden, der einst Sünder war und dann erlöst wurde.»

«Also nicht den Gesegneten, der mir von dir gesprochen hat? Er ist zu gut, er kann kein Sünder gewesen sein!»

«Nicht er ist es, sondern ein anderer. Er wird zu dir kommen, wenn die Zeit reif ist. Er wird dir sagen, was du noch nicht wissen kannst. Geh in Frieden! Der Segen Gottes sei mit dir!»

Aglaia war die ganze Zeit auf den Knien; sie neigt sich jetzt, um Jesus

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die Füße zu küssen. Mehr wagt sie nicht. Dann nimmt sie ihre Tasche und leert sie aus. Es kommen einfache Kleider zum Vorschein, ein kleines klingendes Säckchen und ein Töpfchen aus feinstem Alabaster.

Aglaia legt die Kleider wieder in die Tasche, nimmt das Säckchen und sagt: «Das ist für die Armen; der Rest meiner Schmuckstücke. Ich behalte nur die Münzen für die Wegzehrung... denn, auch wenn du es nicht gesagt hättest, wäre ich in die Einsamkeit gegangen. Und dies ist für dich. Es ist nicht so herrlich, wie der Duft deiner Heiligkeit, aber doch vom Besten, was die Erde bieten kann. Es hat mir geholfen, das Schlimmste zu tun... Hier! Gott möge mir erlauben, vor deinem Angesicht wenigstens im Himmel einen solchen Wohlgeruch zu verbreiten.» Sie öffnet das Gefäß und schüttet den kostbaren Inhalt auf den Boden. Ein starker Rosenduft erfüllt die Luft, und die Ziegelsteine am Boden saugen die wertvollen Essenzen auf. Aglaia legt das leere Gefäß in die Tasche zurück. «Zum Andenken an diese Stunde», sagt sie und verneigt sich nochmals, um Jesu Füße zu küssen. Dann erhebt sie sich, geht rückwärts zur Tür, tritt auf die Terrasse hinaus und schließt die Tür... Man hört ihre Schritte sich entfernen auf die Treppe zu, und ihre Stimme, die einige Worte mit Maria wechselt, und schließlich das Geräusch der Sandalen, die die Treppe hinuntersteigen. Dann nichts mehr.

Von Aglaia bleibt nur das Säckchen zu Füßen Jesu und der durchdringende Duft, der den ganzen Saal erfüllt.

Jesus steht auf... nimmt das Säcklein und verbirgt es an der Brust; dann geht er auf das Fenster an der Straßenseite zu und lächelt, als er die Frau allein, in ihren hebräischen Mantel gehüllt, in Richtung Bethlehem wandern sieht. Er macht ein Zeichen des Segens, geht dann auf die Terrasse und ruft: «Maria!»

Maria geht rasch die Treppe hinauf. «Du hast sie glücklich gemacht, mein Sohn. Sie ist gegangen, gekräftigt und mit Frieden im Herzen!»

«Ja, Mutter. Wenn Andreas zurückkommt, schicke ihn sogleich zu mir.»

Es vergeht eine geraume Zeit, dann hört man die Stimmen der Apostel, die zurückkehren... Andreas eilt herbei: «Meister, verlangst du nach mir?»

«Ja, komm her. Niemand wird es erfahren; aber dir will ich es gerechterweise sagen. Andreas, ich danke dir, im Namen Gottes und einer Seele.»

«Danke? Wofür?»

«Riechst du nicht diesen Duft? Es ist das Andenken der Verschleierten. Sie ist gekommen. Sie ist gerettet!»

Andreas wird rot wie eine Erdbeere, rutscht auf die Knie und ist sprachlos; dann sagt er: «Nun bin ich zufrieden! Der Herr sei gepriesen!»

«Ja. Steh auf und sag es niemand, wer hiergewesen ist.»

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«Ich werde schweigen, Herr.»

«Geh nun! Höre, ist Judas des Simon noch da?»

«Ja, er wollte uns begleiten und hat... viele Lügen gesagt. Warum tut er das, Herr?»

«Weil er ein verzogener Junge ist. Sag mir die Wahrheit: habt ihr euch gestritten?»

«Nein! Mein Bruder ist zu glücklich mit seinem Kind, als daß er Lust zum Streiten hätte, und die anderen... du weißt... sind klüger. Aber ganz bestimmt fühlen wir uns im Herzen abgestoßen. Nach dem Abendessen geht er wieder fort. Andere Freunde, sagt er... Oh! Und er verabscheut die Dirnen! ...»

«Sei gut, Andreas. Auch du sollst an diesem Abend glücklich sein...»

«Ja, Meister. Auch ich habe meine unsichtbare, aber süße Vaterschaft. Ich gehe.»

Nach einer Weile kommen die Apostel mit dem Kind und Johannes von Endor. Es folgen ihnen die Frauen mit den Speisen und den Lampen. Zuletzt kommt Lazarus mit Simon. Kaum haben sie den Saal betreten, rufen sie aus: «Ah, von hierher kommt er!» und ziehen die vom Rosenparfüm gesättigte Luft ein; gesättigt, trotz der weitgeöffneten Türen.

«Wer hat diesen Raum so parfümiert? Vielleicht Martha?» fragen mehrere.

«Meine Schwester hat das Haus heute nach dem Mahl nicht verlassen», antwortet Lazarus.

«Wer dann? Irgendein assyrischer Satrap?» scherzt Petrus.

«Die Liebe einer Erlösten», sagt Jesus ernst.

«Sie hätte sich diesen unnötigen Rauch für ihre Erlösung ersparen und die Kosten für die Armen verwenden können. Es sind so viele; sie wissen, daß wir helfen. Ich habe keinen Pfennig mehr», sagt Iskariot verärgert. «Wir müssen das Lamm kaufen, die Miete für den Abendmahlsaal bezahlen und...»

«Oh, ich habe euch alles angeboten», sagt Lazarus.

«Das ist nicht richtig. Das Schöne am Ritus geht dabei verloren. Das Gesetz sagt: "Kaufe das Lamm für dich und dein Haus." Es sagt nicht: "Laß dir das Lamm schenken."»

Bartholomäus wendet sich brüsk um und öffnet den Mund, schließt ihn aber dann wieder. Petrus wird karminrot unter der Anstrengung, den Mund zu halten und zu schweigen.

Der Zelote aber, der sich in seinem eigenen Haus befindet, fühlt, daß er etwas sagen muß: «Das sind rabbinische Spitzfindigkeiten. Ich bitte dich, sie zu unterlassen und meinem Freund Lazarus Achtung zu bezeugen.»

«Bravo, Simon!» Petrus wäre geplatzt, hätte er noch länger geschwiegen. «Bravo! Mir scheint, daß man ein bißchen zu oft vergißt, daß nur der

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Meister das Recht hat, zu belehren...» Petrus sagt dieses "man" mit einer heroischen Anstrengung, um nicht zu sagen: «Judas vergißt ...»

«Das ist wahr... aber... ich bin nervös, das ist alles. Entschuldige, Meister!»

«Ja. Und ich will dir auch antworten. Die Dankbarkeit ist eine große Tugend. Ich bin Lazarus dankbar, wie die Erlöste mir dankbar war. Ich, das Haupt von euch allen, ergieße über Lazarus den Duft meines Segens, auch für jene unter meinen Aposteln, die es nicht zu tun verstehen. Die Frau hat zu meinen Füßen die Freude, erlöst zu sein, ausgegossen. Sie hat den König erkannt und sie ist zum König gekommen, viel früher als viele andere, denen der König viel mehr Liebe erwiesen hat als ihr. Laßt sie es tun, ohne sie zu tadeln. Sie kann nicht dabei sein, wenn man mir zujubelt, noch bei meiner Salbung. Ihr Kreuz ist schon auf ihren Schultern. Petrus, du hast gefragt, ob ein assyrischer Satrap hierher gekommen sei. Ich sage dir: nicht einmal der Weihrauch der Weisen, so rein und kostbar er auch war, war köstlicher und wertvoller als dieser Wohlgeruch. Die Essenz ist mit Tränen vermischt und daher so durchdringend: die Demut fördert die Liebe und läßt sie vollkommen werden. Nun nehmen wir an der Tafel Platz, Freunde...»

Und mit dem Anbieten der Speisen endet die Vision.

241. DIE PRÜFUNG MARGZIAMS

Es muß der Mittwochmorgen sein, denn die Gruppe der Apostel und Frauen, von Jesus, Maria und dem Kleinen angeführt, nähert sich dem Fischtor. Unter ihnen ist auch Joseph von Arimathäa, der, getreu dem gegebenen Wort, ihnen entgegengegangen ist. Jesus sucht mit den Blicken den Soldat Alexander, sieht ihn aber nicht.

«Auch heute ist er nicht da. Ich möchte wissen, warum...»

Doch es sind so viele Leute da, daß es nicht möglich ist, sich an die Soldaten zu wenden; es wäre vielleicht auch unklug, denn die Judäer sind unerbittlicher denn je wegen des bevorstehenden Festes und auch wegen der Gefangennahme des Täufers, bei der sie auch Pilatus und seine Satelliten der Mithilfe verdächtigen. Ich entnehme dies Schimpfworten und Beleidigungen, die am Tor zwischen Soldaten und Bewohnern hin- und herfliegen; aus solchen erregten Wortgefechten können aber leicht jeden Augenblick blutige Zusammenstöße aufflackern wie das Feuer aus einem Feuerrad. Die Frauen von Galiläa sind entrüstet und hüllen sich fester als sonst in ihre Schleier und Mäntel. Maria errötet, schreitet aber sicher voran, aufrecht wie eine Palme und ihren Sohn betrachtend, der seinerseits nicht einmal versucht, die aufgebrachten Hebräer zur Vernunft zu ermahnen

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oder den Soldaten Nachsicht für die Hebräer zu empfehlen. Da auch immer wieder wenig schöne Bemerkungen gegen die Galiläer fallen, geht Joseph von Arimathäa zu Jesus nach vorne; die Menge, die ihn erkennt, schweigt aus Respekt vor ihm.

Das Fischtor ist endlich durchschritten, und der Menschenstrom, der sich wellenartig in die Stadt ergießt und in dem auch Esel und andere Tiere zu erkennen sind, verläuft sich in den Gassen...

«Hier sind wir, Meister!» grüßt Thomas, der mit Philippus und Bartholomäus am Tor wartet.

«Ist Judas nicht da? Warum seid ihr hier?» fragen einige.

«Nein. Wir sind hier seit dem frühen Morgen aus Angst, daß du dein Kommen vorverlegen könntest. Aber ihn haben wir nicht gesehen. Gestern bin ich ihm begegnet. Er war mit Sadok, dem Schriftgelehrten, weißt du, Joseph? Der alte Magere mit dem Muttermal unter dem Auge. Es waren auch andere dabei... junge. Ich habe ihm zugerufen: "Ich grüße dich, Judas", aber er hat nicht geantwortet und getan, als ob er mich nicht kenne. Ich sagte: "Aber was hat er denn?" Ich bin ihm einige Meter nachgegangen. Er hat sich von Sadok getrennt, bei dem ein Levit war, und hat sich anderen seines Alters angeschlossen, die bestimmt nicht Leviten waren... Und nun ist er nicht da... Er wußte doch, daß wir beschlossen hatten, uns hier zu treffen.»

Philippus sagt nichts. Bartholomäus preßt die Lippen zusammen, bis sie ganz verschwinden, als ob er eine Sperre bilden wollte für das Urteil, das ihm aus dem Herzen aufsteigt.

«Gut, gut! Wir gehen trotzdem! Ich werde bestimmt wegen seiner Abwesenheit nicht weinen», sagt Petrus.

«Wir wollen noch ein wenig warten. Er kann unterwegs aufgehalten worden sein», sagt Jesus ernst.

Sie bleiben an der Mauer im Schatten stehen; die Frauen bilden eine Gruppe, die Männer eine andere. Alle sind festlich gekleidet. Petrus sogar vornehm. Er hat eine neue Kopfbedeckung, weiß wie Schnee und von einer Borte gehalten, die mit Rot und Gold bestickt ist. Außerdem trägt er sein bestes dunkelgranatrotes Gewand, das von einem neuen Gürtel gehalten wird, ähnlich der Borte der Kopfbedeckung. An diesem Gürtel hängt sein Messer mit dem ziselierten Griff, das in einer Scheide aus durchbrochenem Messing steckt, durch die das glänzende Eisen der Schneide blinkt. Auch die anderen sind mehr oder weniger so bewaffnet. Nur Jesus hat keine Waffe. Er trägt ein schneeweißes Leinenkleid mit einem hellblauen Mantel, den Maria bestimmt während des Winters gewoben hat. Margziam ist hellrot gekleidet, mit einer etwas dunkleren Borte am Hals, am Saum und an den Ärmeln, und einer ebensolchen Borte, die bestickt ist, in der Höhe des Gürtels und an den Rändern des Mantels, den das Kind zusammengefaltet über dem Arm trägt und zufrieden streichelt.

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Von Zeit zu Zeit erhebt es sein Gesicht, das teils froh und teils besorgt aussieht... Auch Petrus hat ein Paket in der Hand, das er sorgfältig hütet.

Die Zeit vergeht, doch Judas kommt nicht.

«Er hat sich nicht herabgelassen», brummt Petrus, und vielleicht würde er noch anderes hinzufügen; doch der Apostel Johannes sagt: «Vielleicht erwartet er uns am Goldenen Tor.»

Sie gehen zum Tempel, doch Judas ist nicht dort.

Joseph von Arimathäa verliert die Geduld. Er sagt: «Gehen wir.»

Margziam wird ein wenig bleich; er küßt Maria und sagt: «Bete! ... Bete! ...»

«Ja, Liebes, hab keine Angst. Du weißt alles ...»

Margziam hängt sich nun an Petrus. Er drückt fest dessen Hand, und da er sich immer noch nicht sicher fühlt, möchte er auch die Hand Jesu ergreifen. «Ich komme nicht, Margziam. Ich bete für dich. Wir werden uns nachher sehen.»

«Du kommst nicht? Warum, Meister?» fragt Petrus überrascht.

«Weil es besser so ist!» Jesus ist sehr ernst, ich würde sagen traurig. Er schließt: «Joseph, der Gerechte, kann mein Tun verstehen.» In der Tat, Joseph widerspricht ihm nicht und stimmt mit seinem Schweigen und einem tiefen Seufzer zu.

«Also, gehen wir!» Petrus ist etwas betrübt.

Margziam ergreift nun die Hand von Johannes. Sie folgen Joseph, der ununterbrochen von allen Seiten mit tiefen Verbeugungen gegrüßt wird. Mit ihnen gehen Simon und Thomas, die anderen bleiben bei Jesus. Sie betreten den Saal, den seinerzeit auch Jesus betreten hat. Ein Jüngling, der in einer Ecke schreibt, erhebt sich sofort als er Joseph sieht, und verbeugt sich bis zur Erde.

«Gott sei mit dir, Zacharias! Geh und rufe Asrael und Jakobus.»

Der Junge geht und kommt mit zwei Rabbis zurück. Synagogenvorsteher? Schriftgelehrte? Ich weiß es nicht. Zwei hochnäsige Persönlichkeiten' die ihren Dünkel nur vor Joseph fallen lassen. Hinter ihnen kommen noch andere acht, weniger wichtige Personen. Sie setzen sich, während sie die Bittsteller stehen lassen, den von Arimathäa inbegriffen.

«Was willst du, Joseph?» fragt der Älteste.

«Eurer Weisheit diesen Sohn Abrahams vorstellen, der das vorgeschriebene Alter erreicht hat, um gesetzmäßig zu werden und sich selbst zu leiten.»

«Ein Verwandter von dir?» Sie schauen erstaunt.

«In Gott sind wir alle verwandt. Doch der Junge ist Waise, und dieser Mann, für dessen Ehrbarkeit ich bürge, hat ihn an Kindes Statt angenommen, da er keine eigenen Kinder hat.»

«Wer ist der Mann? Er antworte selbst.»

«Simon des Jonas, aus Bethsaida in Galiläa, verheiratet, ohne

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Nachkommen, Fischer für die Welt, Sohn des Gesetzes vor dem Allerhöchsten.»

«Galiläer, nimmst du die Vaterschaft auf dich? Warum?»

«Das Gebot sagt, man soll sich der Waisen und der Witwen annehmen. Ich tue dies.»

«Kann der Kleine das Gesetz so gut kennen, um würdig zu sein... Du, Knabe, antworte. Wer bist du?»

«Jabe Margziam des Johannes, von den Ländereien bei Emmaus, vor zwölf Jahren geboren.»

«Judäer also. Ist es erlaubt, daß ein Galiläer für ihn sorgt? Laßt uns das Gesetz prüfen!»

«Aber wer bin ich denn? Ein Aussätziger oder ein Verfluchter?» Das Blut des Petrus beginnt zu kochen.

«Sei still, Petrus! Ich werde reden. Ich habe euch gesagt, daß ich für diesen Mann bürge. Ich kenne ihn, als würde er zu meinem Haus gehören. Der "Älteste" Joseph würde niemals eine Sache unterstützen, die gegen das Gesetz ist... oder auch nur gegen die Vorschriften... Prüft also den Knaben mit Gerechtigkeit und Aufmerksamkeit. Der Vorraum ist voller Knaben, die auf ihre Prüfung warten. Seid nicht so langsam, nehmt Rücksicht auf alle.»

«Aber wer beweist uns, daß der Junge zwölf Jahre alt und vom Tempel losgekauft ist?»

«Du kannst es mit den Schriften beweisen. Eine langweilige Sucherei, aber man kann es tun. Junge, du hast gesagt, daß du ein Erstgeborener bist?»

«Ja, Herr! Du kannst es überprüfen, denn ich wurde dem Herrn geheiligt und mit den erforderlichen Gaben losgekauft.»

«So wollen wir diese Eintragungen suchen ...» sagt Joseph.

«Nicht nötig!» antworten trocken die beiden Spitzfindigen.

«Komm hierher, Knabe. Sag die Zehn Gebote»; das Kind sagt sie sicher auf. «Gib mir die Rolle, Jakob! So, nun lies, wenn du lesen kannst.»

«Wo, Rabbi?»

«Wo du willst. Wo dein Auge hinfällt», sagt Asrael.

«Nein! Hier. Gib her», sagt Jakob, öffnet die Rolle bis zu einer gewissen Stelle und sagt dann: «Hier!»

«"Alsdann sagte er zu ihnen insgeheim: 'Preist den Gott des Himmels und lobt ihn vor allen Lebenden, denn er hat euch seine Barmherzigkeit erwiesen. Es ist gut, das Geheimnis des Königs verborgen zu halten, aber es ist auch ehrenhaft, es zu offenbaren!"'»

«Genug! Genug! Was bedeuten diese?» fragt Jakobus und deutet auf seine Fransen am Mantel.

«Die heiligen Fransen, Herr; wir tragen sie, um uns an die Vorschriften des Allerhöchsten Herrn zu erinnern.»

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«Ist es einem Israeliten erlaubt, sich mit jedem Fleisch zu nähren?» fragt Asrael.

«Nein, Herr, nur mit solchem, das als rein erklärt worden ist.»

«Sag mir die Vorschriften...»

Das fügsame Kind beginnt die Litanei der: "Du sollst nicht..."

«Genug, genug! Als Galiläer weißt du sogar zuviel. Mann, nun ist es an dir, zu schwören, daß der Sohn volljährig ist...»

Petrus sagt mit all dem Anstand, über den er nach der Marter noch verfügt, seinen kleinen väterlichen Spruch auf: «Wie ihr habt beobachten können, ist mein Sohn nach Erreichung des vorgeschriebenen Alters fähig, sich zu benehmen, da er das Gesetz, die Gebote, die Gebräuche, die Überlieferungen, die Zeremonien, die Segnungen und die Gebete kennt. Daher kann von mir und von ihm, wie ihr feststellt, die Volljährigkeit gefordert werden. Das mußte wahrlich zuerst von mir gesagt werden! Aber es sind hier die Gebräuche verletzt worden, nicht von uns Galiläern, und der Knabe ist vor dem Vater befragt worden. Nun aber sage ich euch, da ihr ihn als fähig und volljährig anerkennt: ich bin von nun an nicht mehr verantwortlich für seine Taten, weder vor Gott noch vor den Menschen ...»

«Geht nun in die Synagoge.»

Die kleine Prozession begibt sich vor den mißtrauischen Gesichtern der Rabbis, die Petrus zurechtgewiesen hat, in die Synagoge. Aufrecht vor den Pulten und den Lampen stehend, läßt Margziam den Haarschnitt über sich ergehen, der unterhalb der Ohren beginnt. Dann öffnet Petrus sein Bündel und entnimmt diesem einen schönen roten, mit Goldfäden bestickten Gürtel und bindet ihn dem Knaben um die Taille. Während die Priester an der Stirne und am Arm die Lederstreifen anbringen, beeilt sich Petrus, am Mantel, den ihm Margziam gereicht hat, die heiligen Fransen zu befestigen. Petrus ist sehr gerührt, als er das Loblied an den Herrn anstimmt! ...

Die Zeremonie ist beendet. Sie machen, daß sie rasch wegkommen, und Petrus sagt: «Gott sei Dank! Ich hätte mich nicht länger beherrschen können. Hast du gesehen, Joseph? Sie haben nicht einmal den Ritus eingehalten. Das ist bedeutungslos! Du... du, mein Sohn, hast jemand, der dich weiht! Gehen wir, um ein Lämmlein für das Opfer zu kaufen zum Lob des Herrn. Ein liebes Lämmlein, wie du. Ich danke dir, Joseph. Sage auch du "Danke" zu diesem großen Freund! Ohne dich hätten sie uns noch schlechter behandelt.»

«Simon, ich bin glücklich, daß ich einem Gerechten wie dir nützlich sein konnte, und ich bitte dich, in mein Haus nach Bezetha zum Mahl zu kommen. Und mit dir alle anderen, selbstverständlich!»

«Wir wollen zum Meister gehen und es ihm sagen. Für mich ist das zuviel Ehre!» sagt Petrus demütig; aber er strahlt vor Freude.

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Sie gehen durch die verschiedenen Höfe bis zu dem der Frauen, wo Margziam von allen beglückwünscht wird. Dann treten die Männer in den Vorhof der Israeliten, wo Jesus mit den Seinen weilt. Sie versammeln sich alle in einer Gruppe voller Glück, und während Petrus geht, sein Lämmlein zu opfern, erreichen sie durch die Hallen und Höfe die äußerste Umfassungsmauer.

Wie glücklich ist Petrus mit seinem Kind, das nun ein vollkommener Israelit ist! So glücklich, daß er die Falte nicht bemerkt, welche die Stirne Jesu teilt. So glücklich, daß er das bedrückende Schweigen der Gefährten nicht spürt. Erst im Saale des Hauses Josephs, als das Kind auf die Frage, was es in Zukunft zu tun gedenke, erklärt: «Ich will Fischer werden, wie mein Vater ...» kommt Petrus unter Tränen zur Ernüchterung.

«Oh, Judas hat uns einen Tropfen Gift in dieses Fest geträufelt... und du bist betrübt, Meister... und die anderen sind traurig darüber. Verzeiht alle, daß ich es nicht eher bemerkt habe... Ach! dieser Judas!»

Ich glaube, sein Seufzer ist in allen Herzen... Aber, um das Gift von ihnen zu nehmen, bemüht Jesus sich zu lächeln und sagt: «Sei nicht traurig, Petrus. Es fehlt nur deine Frau zum Fest, und ich habe auch an sie gedacht... Sie ist so gut und immer opferwillig! Aber bald wird sie ihre unerwartete Freude haben, und wer weiß, wie glücklich sie sein wird. Denken wir an das Schöne auf der Welt. Komm! Nicht wahr, Margziam hat gut geantwortet? Ich wußte es im voraus.»

Joseph kommt herein, nachdem er den Dienern Anweisung gegeben hat. «Ich danke euch allen», sagt er, «daß ihr mich mit dieser Zeremonie verjüngt habt und mir nun die Ehre erweist, den Meister, seine Mutter, die Verwandten und euch, liebe Mitjünger, in meinem Haus zu empfangen. Kommt in den Garten! Dort gibt es Luft und Blumen...»

Und alles ist zu Ende.

242. AM ABEND VOR OSTERN IM TEMPEL

Osterabend! Jesus ist mit seinen Aposteln allein, denn die Frauen sind nicht bei der Gruppe, und sie warten auf die Rückkehr des Petrus, der das Osterlamm zum Opfer dargebracht hat. Während sie warten, und Jesus dem Kind von Salomon erzählt, erscheint plötzlich Judas im großen Hof. Er befindet sich in einer Gruppe von Jünglingen und redet mit ausholenden Gesten und gekünstelter Haltung. Sein Mantel ist dauernd in Bewegung; er hat ihn in seiner gesuchten Art umgehängt ... Ich bin sicher, daß Cicero bei seinen Reden nicht eindrucksvoller war ...

«Sieh dort, Judas!» sagt Thaddäus.

«Er ist in einer Gruppe von "Saforim"», bemerkt Philippus.

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Thomas erklärt: «Ich gehe und höre, was er sagt» und geht, ohne darauf zu warten, daß Jesus sein voraussehbares "Nein" sagen kann.

Jesus... Oh, welch einen Gesichtsausdruck hat Jesus! Einen Ausdruck des wahren Leidens und des ernsten Urteils! Margziam, der ihn schon vorher betrachtet hat, während er ihm sanft und leicht betrübt vom großen König Israels erzählte, sieht diese Veränderung und erschrickt. Er ergreift die Hand Jesu, damit dieser wieder zu sich selbst kommt, und sagt: «Schau nicht hin! Schau nicht hin! Sieh mich an; ich habe dich sehr lieb.»

Thomas gelingt es, sich Judas zu nähern, ohne von ihm gesehen zu werden, und er folgt ihm einige Schritte. Ich weiß nicht, was er zu hören bekommt, ich höre nur einen plötzlichen, dröhnenden Ausruf, der viele aufschreckt, besonders Judas, der vor Zorn erbleicht: «Aber wie viele Rabbis gibt es denn in Israel! Ich beglückwünsche dich und mich, neues Licht der Weisheit!»

«Ich bin kein Kiesel, sondern ein Schwamm. Ich sauge auf. Und wenn der Wunsch der nach Weisheit Hungernden es verlangt, dann quetsche ich mich aus, um mich mit allen meinen Lebenssäften hinzugeben.» Judas ist aufgeblasen und verächtlich.

«Du möchtest ein getreues Echo sein. Aber das Echo muß, um anzudauern, bei der Stimme bleiben. Sonst stirbt es, Freund. Und mir scheint, daß du dich von ihr entfernst. Er ist dort. Kommst du nicht?»

Judas nimmt alle Farben und einen wütenden und widerlichen Gesichtsausdruck an wie in seinen schlimmsten Momenten. Aber er beherrscht sich. Er sagt: «Ich grüße euch, Freunde. Ich gehe mit dir, Thomas, mein lieber Freund. Wir wollen sofort zum Meister gehen. Ich wußte nicht, daß er im Tempel war. Wenn ich es gewußt hätte, dann hätte ich ihn gesucht.» Und er legt einen Arm um die Schultern des Thomas, als ob er eine große Zuneigung zu ihm spüre. Doch Thomas, der zwar friedlich, doch kein Dummkopf ist, läßt sich nicht täuschen und fragt ein wenig spöttisch: «Wie, weißt du nicht, daß Ostern ist? Und meinst du, daß der Meister das Gesetz nicht einhält?»

«O nein! Aber im vergangenen Jahre hat er sich gezeigt und gesprochen... Ich erinnere mich genau an diesen Tag. Er hat mich angezogen durch seine königliche Gewalt... Nun kommt er mir vor wie einer, der seine Kraft verloren hat. Meinst du nicht auch?»

«Mir scheint es nicht so. Mir kommt er vor wie einer, der an Achtung verloren hat.»

«In seiner Mission? Du hast recht,»

«Nein, du verstehst mich falsch. Er hat bei den Menschen an Vertrauen verloren. Und du gehörst zu denen, die dazu beitragen. Schäme dich!»Thomas lacht nicht mehr. Er ist tiefernst, und sein «Schäme dich!» ist schneidend wie ein Peitschenhieb.

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«Achte darauf, wie du redest!» sagt Iskariot drohend.

«Achte darauf, was du tust. Wir sind hier zwei Judäer ohne Zeugen. Und daher rede ich. Und ich sage dir nochmals: "Schäme dich!" Aber jetzt schweige! Spiele nur nicht den Beleidigten und Gekränkten, denn sonst rede ich vor allen. Dort sind der Meister und die Gefährten. Richte dich danach.»

«Der Friede sei mit dir! Meister ...»

«Der Friede sei mit dir! Judas des Simon.»

«Ich freue mich sehr, dich hier zu sehen... Ich muß mit dir reden ...»

«Sprich!»

«Weißt du... Ich wollte dir sagen... Willst du mich nicht abseits anhören?»

«Du bist unter Gefährten.»

«Aber ich möchte dich allein sprechen.»

«In Bethanien stehe ich allen zur Verfügung, die mich wollen und aufsuchen. Aber du suchst mich nicht. Du weichst mir aus ...»

«Nein, Meister, das darfst du nicht sagen.»

«Warum hast du gestern Simon und mich und mit uns Joseph von Arimathäa, die Gefährten, meine Mutter und die anderen beleidigt?»

«Ich? Aber ich habe euch doch nicht gesehen!»

«Du hast uns nicht sehen wollen. Warum bist du nicht gekommen, wie es vereinbart war, um dem Herrn für einen Unschuldigen, der ins Gesetz aufgenommen wurde, zu danken? Antworte! Du hast es nicht einmal für nötig gehalten, uns Bescheid zu geben, daß du nicht kommst!»

«Da ist mein Vater!» schreit Margziam, der Petrus entdeckt, mit seinem geschlachteten, ausgenommenen Lamm, das wieder in sein Fell gehüllt ist. «Oh, es begleiten ihn Michäas und die anderen! Ich gehe... Darf ich ihm entgegengehen, um von ihnen etwas über meinen Großvater zu erfahren? ...»

«Geh, Sohn», sagt Jesus, ihn liebkosend. Dann fügt er hinzu, indem er Johannes von Endor an der Schulter berührt: «Ich bitte dich, begleite ihn und halte sie ein wenig auf.» Schließlich wendet er sich aufs neue an Judas: «Ich warte auf deine Antwort!»

«Meister, eine unvorhergesehene Verpflichtung... eine unumgängliche... Es tut mir leid... aber ...»

«Und es gab in Jerusalem keinen, der deine Entschuldigung hätte überbringen können, angenommen, daß du eine hattest? Und diese Entschuldigung wäre auf jeden Fall ein Fehler gewesen. Ich möchte dich daran erinnern, daß erst kürzlich ein Mann darauf verzichtet hat, seinen Vater zu begraben, um mir nachzufolgen, und daß diese meine Brüder trotz der Verwünschungen das väterliche Haus verlassen haben, um mir zu folgen. Simon und Thomas und mit ihnen Andreas, Jakobus, Johannes, Philippus und Nathanael haben ihre Familien verlassen, Simon der Kananiter

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hat auf seine Reichtümer verzichtet, um sie mir zu geben, und Matthäus hat der Sünde den Rücken gewendet, um mir nachzufolgen. Ich könnte fortfahren und weitere hundert Namen aufzählen. Unter ihnen sind Männer, die ihr Leben hingeben, sogar das Leben, um mir ins Himmelreich zu folgen. Aber da du wenig hochherzig bist, sei wenigstens anständig. Du kennst keine Nächstenliebe, sei also wenigstens höflich. Ahme, da sie dir gefallen, die falschen Pharisäer nach, die mich verraten, die uns verraten, und sich dabei als gut erzogen erweisen. Deine Pflicht wäre es gewesen, dich gestern für uns frei zu machen, um Petrus nicht zu kränken. Denn ich verlange, daß er von allen geachtet wird. Du hättest wenigstens eine Nachricht schicken können.»

«Ich habe gefehlt. Aber jetzt bin ich eigens gekommen, um dich zu suchen und dir zu sagen, daß ich aus dem gleichen Grund auch morgen nicht kommen kann. Weißt du... Ich habe Freunde meines Vaters und...»

«Genug! Geh mit ihnen! Leb wohl!»

«Meister, zürnst du mir? Du hast doch gesagt, daß du mir Vater sein willst... ich bin ein leichtfertiger Junge; aber ein Vater verzeiht...»

«Ich verzeihe dir, ja. Doch nun geh. Laß die Freunde deines Vaters nicht länger warten, wie auch ich die Freunde des heiligen Jonas nicht länger warten lasse.»

«Wann wirst du Bethanien verlassen?»

«Am Ende der ungesäuerten Brote. Leb wohl!»

Jesus wendet sich um und geht zu den Landarbeitern, die verzückt vor dem veränderten Margziam stehen. Er macht nur einige Schritte, dann bleibt er auf den Rat von Thomas stehen: «Bei Jehova! Er wollte dich in der königlichen Macht sehen! Er hat sie nun erfahren.»

«Ich bitte euch alle, den Vorfall zu vergessen, so wie ich mich bemühe, es zu tun. Ich befehle euch, vor Simon des Jonas, Johannes von Endor und dem Kind zu schweigen. Aus Gründen, die zu verstehen eure Intelligenz imstande ist, ist es besser, die drei nicht zu betrüben und ihnen kein Ärgernis zu bereiten. Und schweigt darüber in Bethanien vor den Frauen. Meine Mutter ist dort, denkt daran!»

«Sei beruhigt, Meister!»

«Wir wollen alles tun, um wiedergutzumachen.»

«Und auch, um dich zu trösten», sagen alle.

«Danke... Oh, der Friede sei mit euch allen! Isaak hat euch gefunden, das macht mir Freude. Genießt im Frieden euer Osterfest! Meine Hirten werden euch gute Brüder sein. Isaak, bevor sie fortgehen, bringe sie zu mir. Ich will sie nochmals segnen. Habt ihr das Kind gesehen?»

«O Meister! Wie gut es ihm nun geht! Es ist aufgeblüht. Oh, wir wollen es dem alten Vater berichten. Wie wird er darüber glücklich sein! Dieser Gerechte hat uns gesagt, daß Jabe nun sein Sohn ist... Eine Vorsehung! Wir werden alles erzählen.»

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«Auch daß ich nun ein Sohn des Gesetzes bin. Und daß ich glücklich bin. Und daß ich immer an ihn denke. Und daß er meinetwegen und wegen Mama nicht weinen soll. Sie ist mir und auch ihm nahe wie ein Engel, und in seiner Todesstunde wird sie bei ihm sein; sobald Jesus die Pforten des Himmels geöffnet hat, wird die Mama, schöner als ein Engel, dem alten Vater entgegengehen und ihn zu Jesus führen. Er hat es gesagt. Wollt ihr es ihm wiederholen? Könnt ihr es ihm wiederholen?»

«Ja, Jabe.»

«Nein. Jetzt heiße ich Margziam. Die Mama des Herrn hat mir diesen Namen gegeben. Es ist, wie wenn man ihren Namen sagt. Sie ist so gütig. Sie bringt mich jeden Abend zu Bett und lehrt mich die gleichen Gebete wie ihrem eigenen Kind. Sie weckt mich mit einem Kuß, kleidet mich an und lehrt mich viele Dinge. Aber auch er. Sie gehen so leicht ein, daß man sie ohne Mühe lernt. Mein Meister!» Das Kind drängt sich an Jesus mit einer solchen Verehrung im Ausdruck und in der Bewegung, die tief bewegt.

«Ja, sagt alles und sagt auch, daß der Alte die Hoffnung nicht aufgeben soll. Dieser Engel betet für ihn, und ich segne ihn. Auch euch segne ich. Geht! Der Friede sei mit euch!»

Die Gruppen trennen sich, und jeder geht seines Weges.

243. JESUS LEHRT DAS VATERUNSER

Jesus verläßt mit den Seinen ein Haus in der Nähe der Mauer, wohl in der Gegend von Bezetha, denn beim Verlassen der Stadt müssen sie am Haus Josephs vorbei, das sich am Herodestor befindet. Die Stadt ist halb verlassen in dieser friedlichen, vom Mondschein erhellten Nacht. Ich verstehe, daß das Ostermahl in einem der Häuser von Lazarus eingenommen worden ist, jedoch auf keinen Fall in dem des Abendmahlsaales. Es liegt gerade in der entgegengesetzten Richtung. Das eine liegt im Norden, das andere im Süden Jerusalems.

An der Haustüre verabschiedet sich Jesus auf seine freundliche Art von Johannes von Endor, den er zum Schutz der Frauen zurückläßt; er dankt dafür. Er küßt Margziam, der ebenfalls an die Türe gekommen ist, und geht dann zum Herodestor hinaus.

«Wohin gehen wir, Herr?»

«Kommt mit mir! Ich will das Osterfest mit einer kostbaren und ersehnten Perle krönen. Daher wollte ich mit euch allein sein. Mit meinen Aposteln! Danke, Freunde, für eure große Liebe zu mir. Wenn ihr sehen könntet, wie sie mich tröstet, wäret ihr überrascht. Schaut: ich schreite inmitten dauernder Sorgen und Enttäuschungen voran. Enttäuschungen

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für euch! Denn für mich, seid dessen versichert, gibt es keine, da mir die Gabe des Nichtwissens nicht beschieden ist... Auch aus diesem Grunde möchte ich euch raten, euch von mir leiten zu lassen. Wenn ich einem dies oder jenes erlaube, dann hindert ihn nicht! Wenn ich nichts unternehme, um einer Sache ein Ende zu setzen, so tut es nicht eurerseits. Alles hat seine Zeit. Habt Vertrauen in mich, in allem.»

Sie befinden sich an der nordöstlichen Ecke der Umfassungsmauern. Von dort aus gehen sie am Berg Moriah entlang bis zur Stelle, wo sie auf einer kleinen Brücke den Kedron überschreiten können.

«Gehen wir nach Gethsemane?» fragt Jakobus des Alphäus.

«Nein, höher, auf den Ölberg.»

«Oh, oben ist es schön!» sagt Johannes.

«Das hätte dem Kind auch gefallen», murmelt Petrus.

«Es wird noch oft dorthin kommen. Es war müde. Es ist ja noch ein Kind. Ich möchte euch etwas Großes geben, denn die Zeit dafür ist reif.»

Sie steigen zwischen den Ölbäumen hinauf, lassen Gethsemane zu ihrer Rechten und gehen weiter bis zum Gipfel, auf dem die Ölbäume einen rauschenden Kamm bilden.

Jesus bleibt stehen und sagt: «Machen wir etwas halt, meine teuren und lieben Jünger, meine künftigen Nachfolger. Kommt in meine Nähe! Mehrmals habt ihr mir gesagt: "Lehre uns, zu beten, wie du betest. Lehre uns, wie Johannes der Täufer die Seinen gelehrt hat, damit wir Jünger mit den Worten des Meisters beten können." Ich habe euch stets geantwortet: "Ich werde es tun, sobald ich in euch ein Mindestmaß an notwendiger Vorbereitung sehe, damit dieses Gebet keine leere Formel menschlicher Wörter sei, sondern wahres Gespräch mit dem Vater." Jetzt ist die Zeit gekommen. Ihr seid genügend vorbereitet, um die Worte zu kennen, die würdig sind, zu Gott gesagt zu werden. Und ich will sie euch heute abend lehren, im Frieden und in der Liebe, die zwischen uns herrschen; im Frieden und in der Liebe Gottes und mit Gott, denn wir haben als echte Israeliten das Ostergebot und das göttliche Gebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten befolgt. Einer von euch hat in diesen Tagen sehr gelitten. Gelitten wegen einer unverdienten Behandlung und der Mühe, die er auf sich nahm, um das Ärgernis zu überwinden. Ja, Simon des Jonas, komm her! Kein Zucken deines ehrbaren Herzens ist verborgen geblieben und kein Leid gegeben, das ich nicht mit dir geteilt habe. Ich und auch deine Gefährten...»

«Aber du, Herr, bist tiefer beleidigt worden als ich! Das war für mich ein weit größerer Schmerz... größer, nein spürbarer... Schau: daß Judas es für gut fand, nicht an meinem Fest teilzunehmen, hat mich als Mensch gekränkt. Aber sehen zu müssen, daß du betrübt und beleidigt warst, hat mir auf eine andere Art weh getan; deswegen habe ich doppelt gelitten ... Ich... ich will mich nicht loben... indem ich deine Worte gebrauche ...

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Aber ich muß sagen – wenn ich hochmütig bin, sage es mir – ich muß sagen, daß ich in meiner Seele gelitten habe... und das tut viel mehr weh.»

«Das ist nicht Hochmut, Simon! Du hast seelisch gelitten, weil Simon des Jonas, der Fischer von Galiläa, dabei ist, sich in Petrus des Jesus zu verwandeln; in Petrus des Jesus, des Meisters der Seele, durch den auch seine Jünger tätig und weise im Geiste werden. Und für diesen deinen Fortschritt und für euren Fortschritt im Leben des Geistes, will ich euch heute abend das Gebet lehren. Wie sehr habt ihr euch verändert, seit unserem Aufenthalt in der Einsamkeit!»

«Alle, Herr?» fragt Bartholomäus etwas ungläubig.

«Ich verstehe, was du sagen willst... Aber ich spreche zu euch Elfen, nicht zu anderen...»

«Aber was hat denn Judas des Simon, Meister? Wir verstehen ihn nicht mehr... Er schien so anders geworden zu sein, und nun, seit wir den See verlassen haben ...», sagt Andreas ganz untröstlich.

«Schweige, Bruder! Den Schlüssel des Geheimnisses habe ich! Da hat sich ein Stückchen von Beelzebub eingemischt. Er hat ihn in der Höhle von Endor aufgesucht, um ihn in Staunen zu versetzen; er ist bedient worden! Der Meister hat es an jenem Tag gesagt... In Gamala sind die Teufel in die Schweine gefahren. In Endor sind die Teufel, die den unglücklichen Johannes verließen, in ihn hineingefahren... Es versteht sich von selbst, daß... Laß es mich sagen, Meister! Es steckt mir im Halse, und wenn ich es nicht sage, bleibt es drin und erstickt mich...»

«Simon, sei gut!»

«Ja, Meister... Und ich versichere dir, daß ich nicht ungut zu ihm sein werde. Aber ich sage und denke, daß Judas, der ein lasterhafter Mensch ist – alle haben wir das erkannt – etwas vom Schweine hat, und man versteht, daß die Dämonen gerne Schweine für ihren Wohnungswechsel wählen. So, nun habe ich es gesagt.»

«Du meinst, daß es so ist?» fragt Jakobus des Zebedäus.

«Was soll es sonst sein? Es gibt keinen anderen Grund dafür, daß er so unerträglich geworden ist. Schlimmer als beim "Trügerischen Gewässer"! Damals konnte man noch annehmen, es seien der Ort und die Jahreszeit, die ihn beunruhigten. Aber nun ...»

«Es gibt einen anderen Grund, Simon ...»

«Sage ihn, Meister! Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.»

«Judas ist eifersüchtig. Er ist unruhig aus Eifersucht.»

«Eifersüchtig? Auf wen? Er hat keine Frau, und wenn er eine hätte und es mit den Frauen hätte: ich glaube, keiner von uns würde den Mitjünger deswegen verachten...»

«Er ist eifersüchtig auf mich. Überlege: Judas hat sich nach Endor und Esdrelon verändert. Als er sah, daß ich mich um Johannes und Jabe kümmere. Nun aber, da Johannes, vor allem Johannes, sich entfernt, weil er

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von mir weg zu Isaak geht, wirst du sehen, daß Judas wieder fröhlich und gut wird.»

«Nun gut. Du wirst mir aber doch nicht sagen wollen, daß er nicht von einem Teufelchen besessen ist. Und vor allem... Nein, ich sage es! Und vor allem wirst du doch nicht behaupten wollen, daß er sich in diesen Monaten gebessert hat. Auch ich bin letztes Jahr eifersüchtig gewesen. Ich wollte keinen anderen mehr als uns sechs, die ersten sechs, erinnerst du dich? Nun, nun... laß mich einmal Gott zum Zeugen meiner Gedanken anrufen. Nun sage ich, daß ich um so glücklicher bin, je mehr Jünger sich um dich scharen. Oh, ich möchte alle Menschen gewinnen und sie dir bringen; ich möchte alle Mittel haben, um denen helfen zu können, die Not leiden, damit das Elend keinem ein Hindernis sei, zu dir zu gelangen. Gott sieht, daß ich die Wahrheit sage. Aber warum bin ich nun so? Weil ich mich von dir habe ändern lassen. Er... hat sich nicht geändert. Im Gegenteil... Gib es zu, Meister, daß ihn ein Teufelchen reitet ...»

«Sag dies nicht! Denke es nicht einmal. Bete, daß er gesundet. Die Eifersucht ist eine Krankheit...»

«An deiner Seite wird jeder gesund, wenn er es nur will. Ach, deinetwegen will ich ihn ertragen... Aber welch eine Mühsal! ...»

«Ich habe dir den Lohn dafür gegeben: das Kind! Und nun lehre ich dich das Beten.»

«O ja, Bruder. Sprechen wir darüber. Mein Namensvetter soll nur genannt werden als ein Mensch, der das Gebet nötig hat. Mir scheint, er hat schon seine Strafe. Er ist nicht bei uns, in dieser Stunde», sagt Judas Thaddäus...

«Hört. Wenn ihr betet, sprecht so: "Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme auf Erden wie im Himmel, und auf Erden wie im Himmel geschehe dein Wille. Gib uns heute unser tägliches Brot, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen."»

Jesus hat sich erhoben, um das Gebet zu sprechen, und alle haben es ihm nachgetan, aufmerksam und bewegt.

«Anderes braucht es nicht, meine Freunde. In diesen Worten ist alles, was der Mensch für die Seele, den Leib und das Blut benötigt wie in einem goldenen Ring eingeschlossen. Mit diesem Gebet bittet um das, was dem einen und den anderen nützlich ist; wenn ihr darum bittet, werdet ihr das ewige Leben erlangen. Es ist ein so vollkommenes Gebet, daß die Wellen der Häretiker und der Lauf der Jahrhunderte es nicht zu ändern imstande sind. Das Christentum wird vom Biß Satans zerstückelt werden, und viele Teile meines mystischen Leibes werden zerrissen und abgetrennt, eigene Zellen bilden, im vergeblichen Verlangen, einen vollkommenen Leib zu gestalten, wie es der mystische Leib Christi ist, in welchen alle Gläubigen

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in der apostolischen Kirche vereint sind und in der alleinigen wahren Kirche, die bestehen wird, so lange die Erde besteht! Aber die abgetrennten Teilchen, denen die Gaben nicht zukommen, die ich der Mutterkirche schenke, um meine Kinder zu nähren, werden sich immer christlich nennen und sich dessen erinnern, daß sie auf Christus zurückzuführen sind. Auch sie werden dieses universelle Gebet beten. Vergeßt es nie und denkt stets darüber nach. Wendet es auf euer Wirken an. Es braucht nichts anderes für die Heiligung. Wenn einer allein unter Heiden, ohne Kirche und ohne Bücher wäre, hätte er alles, was zur Betrachtung erforderlich ist, in diesem Gebet, und eine offene Kirche in seinem Herzen durch dieses Gebet. Er hätte eine Regel und ein sicheres Mittel, sich zu heiligen.

"Vater unser"

Ich nenne ihn Vater. Er ist der Vater des Wortes. Er ist der Vater des Menschgewordenen. Daher will ich, daß auch ihr ihn so nennt; denn ihr seid eins mit mir, wenn ihr in mir bleibt. Es hat eine Zeit gegeben, da mußte der Mensch sein Antlitz zur Erde werfen und vor Schrecken zitternd flüstern: "Gott!" Wer nicht an mich und mein Wort glaubt, befindet sich immer noch in dieser lähmenden Angst. Beobachtet, was im Tempel geschieht. Nicht nur Gott, sondern sogar die Erinnerung an Gott ist hinter dem dreifachen Schleier den Augen der Menschen verborgen. Trennung durch Entfernung, Trennung durch Verschleierung. Alle Mittel werden angewandt, um dem Beter zu sagen: "Du bist Staub. Er ist Licht. Du bist Verworfenheit. Er ist Heiligkeit. Du bist Sklave. Er ist König."

Aber nun! ... Erhebt euch! Tretet näher! Ich bin der Ewige Priester. Ich kann euch an der Hand nehmen und sagen: "Kommt!" Ich kann den Vorhang der Verschleierung ergreifen und den unbetretbaren Ort öffnen, der bisher verschlossen war. Verschlossen? Warum? Verschlossen aufgrund der Schuld, ja! Aber noch mehr verschlossen durch das niedrige Denken der Menschen. Warum aber verschlossen, wenn Gott die Liebe, der Vater, ist? Ich kann, ich soll und ich will euch nicht in den Staub treten, sondern ins Himmelsblau ziehen, nicht entfernen, sondern annähern, nicht ins Gewand der Sklaven kleiden, sondern der Söhne am Herzen Gottes. "Vater! Vater!" müßt ihr sagen. Ihr dürft nicht müde werden, dieses Wort zu wiederholen. Wißt ihr denn nicht, daß jedesmal, wenn ihr es aussprecht, der Himmel wegen der Freude Gottes aufleuchtet? Und wenn ihr nur das und mit wahrer Liebe sagen würdet, sprächt ihr ein Gott wohlgefälliges Gebet. "Vater, mein Vater!" sagen die Kinder zu ihrem Vater. Es sind die ersten Worte, die sie sprechen: "Mutter, Vater." Ihr seid die Kinder Gottes. Ich habe euch aus dem alten Menschen, der ihr wart, gebildet; ich habe ihn mit meiner Liebe vernichtet, damit ein neuer Mensch, der Christ, daraus geboren werde. Ruft also mit dem Wort, das die Kinder als erstes kennen, den heiligsten Vater an, der im Himmel ist.

"Geheiligt werde dein Name"

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Oh! Ein Name, der mehr als jeder andere heilig und wohlklingend ist. Ein Name, den der Schrecken des Schuldhaften unter anderen zu verbergen gelehrt hat. Nein, nicht mehr Adonai! Gott ist es! Gott, der in einem Übermaß an Liebe die Menschen erschaffen hat. Die Menschheit ruft ihn von nun an bei seinem Namen, mit den Lippen, die gereinigt sind im Bad, das ich bereite; sie nennt ihn mit seinem Namen in der Erwartung, die wahre Bedeutung des Unbegreiflichen in der Fülle der Weisheit verstehen zu lernen, wenn die Menschheit in ihren besten Söhnen mit Ihm vereint und angenommen wird im Reiche, das zu gründen ich gekommen bin.

"Dein Reich komme auf Erden wie im Himmel"

Ersehnt mit all euren Kräften diese Ankunft. Es wäre die Seligkeit auf Erden, wenn es käme: das Reich Gottes in den Herzen, in den Familien, in den Bürgern und den Nationen. Leidet, bemüht euch, opfert euch auch für dieses Reich. Die Erde soll in den Einzelnen ein Spiegelbild des Lebens in den Himmeln sein. Es wird kommen. Eines Tages wird alles kommen. Jahrhunderte um Jahrhunderte der Tränen und des Blutes, der Irrtümer, der Verfolgungen, der Trümmer und des Nebels, in dem das Licht des mystischen Leuchtturms meiner Kirche leuchtet, werden vergehen. Aber das Schiff der Kirche wird nicht untergehen. Wie ein unerschütterlicher Fels wird sie jedem Angriff standhalten und das Licht hochhalten, mein Licht, das Licht Gottes. Erst danach wird die Erde das Reich Gottes besitzen. Und sie wird dann wie das starke Aufflammen eines Sternes sein, der die Vollkommenheit seiner Existenz erreicht hat und zerfällt; unermeßliche Blume der kosmischen Gärten, um mit strahlendem Pulsschlag seine Existenz und seine Liebe zu Füßen seines Schöpfers auszuhauchen. Es wird kommen, das Reich! Und es wird ein vollkommenes Reich sein, das selige, ewige Reich des Himmels.

"Und auf Erden wie im Himmel geschehe dein Wille"

Das Aufgeben des eigenen Willens in einen anderen kann erst vollzogen werden, wenn die vollkommene Liebe das Geschöpf erreicht. Das Sich Auflösen des eigenen Willens im Willen Gottes kann nur erfolgen, wenn man die theologischen Tugenden in heroischer Weise besitzt. Im Himmel, wo alles makellos ist, gilt nur der Wille Gottes. Versteht es, ihr Kinder des Himmels, das zu tun, was im Himmel getan wird!

"Gib uns unser tägliches Brot"

Wenn ihr im Himmel seid, werdet ihr euch nur in Gott nähren. Die Seligkeit wird eure Nahrung sein. Aber hier habt ihr noch Brot nötig. Ihr seid die Kinder Gottes. Es ist daher richtig, zu bitten: "Vater, gib uns Brot." Habt ihr Angst, nicht erhört zu werden? O nein. Überlegt: Wenn einer von euch einen Freund hat und bemerkt, daß er kein Brot hat, um einen anderen Freund oder Verwandten, der am Ende der zweiten Nachtwache zu ihm kommt, zu sättigen, dann geht er zum ersten und sagt: "Freund, leihe mir drei Brote, denn es ist ein Gast gekommen und ich

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habe nichts zu essen im Haus." Wird er je die Antwort hören müssen: "Störe mich nicht, ich habe die Türe schon geschlossen und den Riegel vorgelegt, und meine Kinder schlafen schon an meiner Seite. Ich kann nicht aufstehen und dir geben, was du verlangst?" Nein. Wenn er sich an einen wahren Freund gewandt hat und weiter bittet, wird er bekommen, was er verlangt. Er würde es auch bekommen, wenn er sich an keinen besonders guten Freund gewandt hätte. Er bekäme es schon wegen seines Drängens; denn der um diesen Gefallen Ersuchte würde dem Drängen nachgeben, um nicht länger belästigt zu werden.

Ihr aber wendet euch, wenn ihr den Vater bittet, nicht an einen Freund dieser Erde, sondern an den vollkommenen Freund, den Vater des Himmels! Daher sage ich euch: "Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch aufgemacht werden." Denn wer bittet, empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet werden. Welches Menschenkind bekommt einen Stein in die Hand gelegt, wenn es den eigenen Vater um Brot bittet? Wird der Vater ihm anstelle eines gebratenen Fisches eine Schlange geben? Ein Vater, der die eigenen Kinder so behandelt, wäre ein Verbrecher. Ich habe es euch schon einmal gesagt, und ich wiederhole es nun, um in euch die Güte und das Vertrauen zu stärken: wenn also einer, mit gesundem Verstand, einen Skorpion anstelle eines Eies gibt, mit welch größerer Güte wird Gott euch geben, um was ihr bittet! Denn er ist gut, während ihr mehr oder weniger schlecht seid. Bittet also mit demütiger und kindlicher Liebe den Vater um das tägliche Brot.

"Vergib uns unsere Schuld, wie wir sie unseren Schuldigern vergeben"

Es gibt materielle und geistige Schuld. Es gibt auch moralische Schuld. Eine materielle Schuld ist das Geld oder die Ware, die geliehen ist und darum zurückgegeben werden muß. Eine moralische Schuld ist die Ehrabschneidung, die nicht wiedergutgemacht wurde, und erbetene, doch verweigerte Hilfe. Geistige Schuld ist der Gehorsam gegenüber Gott, der viel verlangt, dem aber nur wenig gegeben wird. Er liebt uns und muß geliebt werden wie eine Mutter, eine Gattin oder ein Sohn, von denen man vieles verlangt. Der Egoist will haben, nicht geben. Aber der Egoist gehört zur Gegenseite des Himmels.

Wir haben Schulden gegenüber allen. Von Gott bis zum Verwandten, von diesem bis zum Freund, vom Freund bis zum Nächsten, vom Nächsten bis zum Diener und Sklaven; denn sie alle sind Geschöpfe, wie wir es sind. Wehe dem, der nicht verzeiht! Ihm wird nicht vergeben werden. Gott kann – aus Gerechtigkeit – keine Schuld nachlassen, wenn der Mensch nicht seinesgleichen verzeiht.

"Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen"

Der Mann, der es nicht für nötig hielt, mit uns das Ostermahl zu teilen, hat mich vor ungefähr einem Jahr gefragt: "Wie? Du hast gebeten, nicht

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versucht zu werden, und um Hilfe in den Versuchungen?" Wir beide waren allein; und ich habe ihm geantwortet. Dann waren wir zu viert an einem einsamen Ufer, und ich habe noch einmal geantwortet. Doch es war bisher ergebnislos; denn in einen widerspenstigen Geist muß erst eine Bresche geschlagen und die bösartige Festung der Starrköpfigkeit zerstört werden. Und darum will ich es noch einmal, zehnmal, hundertmal sagen, bis alles vollzogen ist.

Aber ihr, die ihr euch nicht mit unglücklichen Lehren und noch unglücklicheren Leidenschaften beschäftigt, betet so: Betet mit Demut, daß Gott die Versuchungen verhindere. Oh, die Demut! Sich als das zu erkennen, was man ist! Ohne darüber zu verzweifeln, sondern um zu erkennen. Zu sagen: "Ich könnte nachgeben, obgleich ich keine Lust dazu habe, denn ich bin ein unvollkommener Richter mir selbst gegenüber. Darum, Vater, halte wenn möglich die Versuchungen von mir fern, indem du mich so nahe bei dir hältst, daß der Böse keine Möglichkeit hat, mir zu schaden." Denn, erinnert euch daran, es ist nicht Gott, der zum Bösen versucht, sondern es ist der Böse, der versucht. Bittet den Vater, daß er euch in eurer Schwäche unterstütze, um nicht den Versuchungen des Bösen zu unterliegen!

Ich habe gesprochen, meine Auserwählten! Ich feiere mein zweites Ostern mit euch. Letztes Jahr haben wir nur das Brot und das Lamm miteinander geteilt. Dieses Jahr schenke ich euch das Gebet. Andere Gaben werde ich bei den kommenden Osterfesten mit euch teilen, damit ihr, wenn ich dorthin gegangen bin, wo der Vater es will, ein Andenken an mich, das Lamm, an jedem Fest des mosaischen Lammes besitzt.

Erhebt euch und laßt uns gehen! Wir werden bei Sonnenaufgang in die Stadt zurückkehren. Besser: Morgen wirst du, Simon, und du, mein Bruder (Judas Thaddäus), die Frauen und das Kind hierherholen. Du, Simon des Jonas, und ihr anderen bleibt bei mir, bis sie zurückkommen. Dann gehen wir zusammen nach Bethanien.»

Sie steigen nach Gethsemane hinab und begeben sich ins Haus zur Ruhe.

244. JESUS UND DIE HEIDEN IN BETHANIEN

Jesus ruht sich im Frieden des Sabbats an einem blühenden Flachsfeld aus, das Lazarus gehört. Mehr als "an" würde ich sagen "in"; denn er ist, am Rand einer Furche sitzend und in Gedanken versunken, ganz vom hohen Flachs umgeben.

In seiner Nähe sind nur einige lautlose Schmetterlinge und ein paar schleichende Eidechsen, die ihn mit ihren Schalkaugen betrachten und

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das dreieckige Köpfchen vom hellen, klopfenden Hals abheben. Sonst nichts. In dieser späten Nachmittagsstunde schweigt auch der leiseste Windhauch zwischen den hohen Halmen.

Von fern, vielleicht aus dem Garten des Lazarus, ertönt das Lied einer Frau, und mit diesem vermischt, das fröhliche Lachen eines spielenden Kindes. Dann eine, zwei und schließlich drei Stimmen, die rufen: «Meister! Jesus!»

Jesus schüttelt sich und steht auf. Obgleich der Flachs, der schon am Ende seines Reifens scheint, sehr hoch ist, überragt Jesus nun doch dieses grün-blaue Meer.

«Dort ist er, Johannes», schreit der Zelote.

Nun hört man Johannes rufen: «Mutter, der Meister ist am Flachsfeld!»

Während Jesus sich auf dem Weg nähert, der zu den Häusern führt, kommt Maria herbei.

«Was willst du, Mutter?»

«Mein Sohn, es sind Heiden angekommen mit einigen Frauen. Sie sagen, sie hätten von Johanna erfahren, daß du hier bist. Sie sagen auch, sie hätten dich in all diesen Tagen bei der Burg Antonia erwartet ...»

«Ah, ich verstehe! Ich komme sofort. Wo sind sie?»

«Im Haus des Lazarus, in seinem Garten. Er ist bei den Römern beliebt; er verabscheut sie nicht wie wir. Er ließ sie mit ihren Wagen in den großen Garten fahren, um jedes Ärgernis zu vermeiden.»

«In Ordnung, Mutter! Es sind römische Soldaten und Damen. Ich weiß es.»

«Was wollen sie von dir?»

«Was viele in Israel nicht wollen: Licht!»

«Aber für was halten sie dich? Für Gott, vielleicht?»

«Auf ihre Art, ja. Für sie ist es einfach, die Idee der Menschwerdung eines Gottes in einem sterblichen Leib anzunehmen; leichter als für uns.»

«Dann glauben sie also an dich...»

«Noch nicht, Mama! Zuerst muß ich ihren Glauben zerstören. Vorerst bin ich für sie ein Weiser, ein Philosoph, wie sie sagen. Aber, ob es nun das Verlangen, philosophische Lehren kennenzulernen, oder ihre Neigung, die Inkarnation eines Gottes für möglich zu halten, ist, es hilft mir, sie zum wahren Glauben zu führen. Glaube mir, sie sind in ihren Gedanken weit unverdorbener als viele in Israel.»

«Aber sind sie auch aufrichtig? Man sagt, daß der Täufer ...»

«Nein, wenn es nach ihnen gegangen wäre, dann wäre Johannes frei und in Sicherheit. Wer sich nicht auflehnt, den lassen sie in Frieden. Vielmehr, bei ihnen ist der Prophet oder, wie sie sagen, der Philosoph – denn die Erhabenheit der übernatürlichen Weisheit ist für sie eine Philosophie – hochgeachtet. Sei nicht besorgt, Mama! Von dort erfahre ich nichts Böses ...»

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«Aber die Pharisäer... wenn sie davon hören, was werden sie von dir und von Lazarus sagen? Du bist du und mußt das Wort in die Welt tragen. Aber Lazarus! ... Sie kränken ihn schon zu oft ...»

«Aber er ist unantastbar. Sie wissen, daß er von Rom beschützt wird.»

«Ich verlasse dich, mein Sohn! Hier kommt Maximinus; er führt dich zu den Heiden.»

Maria, die an der Seite Jesu geschritten war, zieht sich rasch zurück und begibt sich ins Haus des Zeloten, während Jesus durch ein offenes eisernes Türchen einen abgelegenen Teil des Gartens betritt. Hier liegt der Obstgarten und ungefähr die Stelle, an der Lazarus begraben werden wird.

Da steht nun auch Lazarus, sonst niemand. «Meister, ich habe mir erlaubt, sie zu bewirten...»

«Du hast recht getan. Wo sind sie?»

«Im Schatten der Buchs- und Lorbeerbäume. Wie du siehst, sind sie mindestens fünfhundert Schritte vom Haus entfernt.»

«Gut, gut! Das Licht möge euch allen leuchten!»

«Sei gegrüßt, Meister!» Quintillianus ist es, der bürgerlich gekleidet ist.

Die Damen erheben sich zur Begrüßung. Es sind Plautina, Valeria, Lydia und eine ältere, die ich nicht kenne und von der ich auch nicht weiß, ob sie ebenbürtig oder untergeordnet ist. Alle sind sehr einfach gekleidet; nichts unterscheidet sie voneinander.

«Wir möchten dich anhören; du bist nie gekommen. Ich hatte Wachdienst bei deiner Ankunft. Aber ich habe dich nicht gesehen.»

«Ich habe den Soldaten auch nicht gesehen, der am Fischtor mein Freund wurde. Er hieß Alexander ...»

«Alexander? Ich weiß nicht genau, wer es ist. Ich weiß nur, daß wir vor kurzem einen namens Alexander ablösen mußten, um die Juden zu beruhigen; einen Soldaten, der beschuldigt wurde, mit dir gesprochen zu haben. Er ist jetzt in Antiochia. Vielleicht kommt er wieder zurück. Uff! Wie lästig sie doch sind! Sie wollen auch jetzt noch befehlen, wo sie unterworfen sind. Man muß sehr vorsichtig sein, damit nichts Schlimmes passiert... Sie machen uns das Leben schwer, glaub es mir. Du aber bist gut und weise. Wirst du zu uns sprechen? Vielleicht muß ich bald Palästina verlassen. Ich möchte etwas hören, das mich an dich erinnert.»

«Ja, ich werde mit euch sprechen. Ich enttäusche nie. Was möchtet ihr erfahren?»

Quintillianus blickt die Damen fragend an...

«Was du willst», sagt Valeria. Plautina steht auf und erklärt: «Ich habe viel nachgedacht... Ich müßte vieles kennenlernen... alles, um urteilen zu können. Aber wenn es erlaubt ist zu fragen, möchte ich wissen, wie ein Glaube aufgebaut wird – deiner zum Beispiel – auf einem Erdreich, das

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nach deinen Worten keinen wahren Glauben besitzt. Du hast gesagt, daß, was wir glauben, wertlos sei. Es bleibt uns also nichts. Wie können wir zu etwas gelangen?»

«Ich werde etwas als Beispiel nehmen, das auch ihr habt: die Tempel. Eure Heiligtümer sind wirklich schön. Ihre einzige Unvollkommenheit ist, daß sie dem Nichts geweiht sind. Sie können euch aber lehren, wie man zu einem wahren Glauben kommen kann. Also: Wo werden sie errichtet? Welcher Ort wird, wenn möglich, für sie gewählt? Wie werden sie gebaut? Der Ort ist meist weiträumig, gut zugänglich und etwas erhöht. Ist er es nicht, dann schafft man einen; man reißt nieder, was stört und einengt. Wenn er nicht erhöht ist, wird eine Erhöhung, die höher ist als die drei Stufen, die bei Tempeln auf natürlichen Erhebungen üblich sind, errichtet. Eingeschlossen in den heiligen Bezirk, der aus Säulengängen und Höfen besteht, befinden sich die den Göttern heiligen Bäume, Brunnen und Altäre, Statuen und Stelen, die die eigentliche Kultstätte umgeben, an der die Gebete für die vermeintliche Gottheit verrichtet werden. Gegenüber liegt die Opferstätte; denn das Opfer geht dem Gebet voraus. Oftmals, und besonders in den großartigsten Tempeln, umgibt sie das Peristylium, die Zelle der vermeintlichen Gottheit und das rückwärtige Vestibulum. Marmor, Statuen, Fassaden, Stuck und Verzierungen, alles reich, kostbar und dekorativ, lassen den Tempel auch dem ungebildeten Betrachter erhaben erscheinen. Ist es nicht so?»

«So ist es, Meister! Du hast sie gesehen und sehr gut studiert», bestätigt und lobt Plautina.

«Aber er hat doch noch nie Palästina verlassen! ?» ruft Quintillianus aus.

«Ich bin noch nie in Rom oder Athen gewesen. Aber ich kenne die römische und griechische Architektur, und im Genius des Menschen, der den Parthenon ausgeschmückt hat, war ich gegenwärtig; denn ich bin überall, wo Leben und Zeichen des Lebens sind. Dort, wo ein Weiser denkt, ein Steinmetz meißelt, ein Dichter dichtet, eine Mutter über einer Wiege singt, ein Mann sich mit einer Furche abmüht, ein Arzt mit Krankheiten kämpft, ein Lebender atmet, ein Tier lebt, ein Baum hochwächst: dort bin ich mit ihm, von dem ich komme. Im Donnern des Erdbebens und im Zucken der Blitze, im Schein der Sterne oder in den Gezeiten der Meere, im Fluge des Adlers oder im Summen der Fliege, bin ich gegenwärtig mit dem allerhöchsten Schöpfer!»

«Somit... Du... du weißt alles? Auch die Gedanken und das menschliche Tun kennst du?» fragt noch Quintillianus.

«Ich kenne sie!»

Die Römer sehen sich verblüfft an. Es folgt ein langes Schweigen; dann bittet Valeria schüchtern: «Lege uns deine Gedanken genauer aus, Meister, damit wir wissen, was wir tun müssen.»

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«Ja! Den Glauben baut man auf wie die Tempel, auf die ihr so stolz seid. Man schafft Platz für den Tempel, man macht die Umgebung frei und man erstellt eine Erhöhung.»

«Aber den Tempel, in dem man den Glauben, die wahre Gottheit, unterbringt, wo ist er?» fragt Plautina.

«Glaube ist keine Gottheit, Plautina. Er ist eine Tugend. Es gibt keine Götter im wahren Glauben. Es gibt nur einen einzigen und wahren Gott!»

«Dann ist er also dort oben in seinem Olymp allein? Und was tut er, wenn er allein ist?»

«Er genügt sich selbst, er ist besorgt um alles in der ganzen Schöpfung. Ich habe dir schon gesagt, daß Gott auch im Summen der Mücke gegenwärtig ist. Er langweilt sich nicht; zweifle nicht daran. Er ist kein armer Mensch, Herr eines riesigen Reiches, in dem er sich gehaßt weiß und zitternd lebt. Er ist die Liebe und lebt, um zu lieben. Sein Leben ist fortwährend Liebe. Er genügt sich selbst, denn er ist unendlich und allmächtig; er ist die Vollkommenheit. Aber es gibt so viele erschaffene Dinge, die durch sein beständiges Wollen leben, daß er gar keine Zeit hat, sich zu langweilen. Die Langeweile ist die Frucht des Müßiggangs und des Lasters. Im Himmel des wahren Gottes gibt es keinen Müßiggang und keine Laster. Aber bald wird ihm nicht nur von den Engeln, die ihm dienen, sondern auch von einem Volk der Gerechten zugejubelt werden, und immer mehr wird dieses Volk anwachsen durch die künftig an den wahren Gott Glaubenden.»

«Die Engel sind wohl die Schutzgeister?» fragt Lydia.

«Nein. Es sind geistige Wesen, wie Gott es ist, der sie erschaffen hat.»

«Und was sind dann die Schutzgeister?»

«So wie ihr sie euch vorstellt, sind sie nur Lüge. Sie existieren nicht, so wie ihr sie euch vorstellt. Aber der Mensch hat einen instinktiven Drang, nach der Wahrheit zu suchen. Den Anstoß gibt die Seele, die auch in den Heiden lebt und in diesen leidet, weil ihr Verlangen nicht gestillt wird; sie hungert in ihrer Sehnsucht nach dem wahren Gott, an den sie sich erinnert in ihrem Körper, in dem sie wohnt und der von einem heidnischen Geist geleitet wird. Auch ihr habt gespürt, daß der Mensch nicht nur Leib ist und daß seinem vergänglichen Leib etwas Unsterbliches innewohnt. Und so haben es die Städte und die Nationen vernommen. Daher glaubt ihr, fühlt ihr, daß es notwendigerweise Schutzgeister gibt. Und ihr gebt euch den individuellen Schutzgeist: den der Familie, der Stadt, der Nation. Ihr habt den Schutzgeist von Rom. Ihr glaubt an den Schutzgeist des Kaisers. Und ihr betet sie an als niedrigere Götter. Nehmt den wahren Glauben an. Erkennt und befreundet euch mit dem wahren Engel, dem ihr Verehrung, aber nicht Anbetung erweist. Nur Gott wird angebetet.»

«Du hast gesagt: "Der Anstoß der Seele, die auch in den Heiden lebt und gegenwärtig ist, und die leidet, weil sie enttäuscht wird." Aber die Seele, woher kommt sie?» fragt Publius Quintillianus.

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«Von Gott. Er ist der Schöpfer!»

«Aber werden wir nicht vom Weib durch Vereinigung mit dem Mann geboren? Auch unsere Götter wurden so erzeugt.»

«Eure Götter gibt es nicht! Es sind Täuschungen eures Denkens, das das Bedürfnis hat, zu glauben. Und dieses Bedürfnis ist zwingender als das Atmen. Auch wer sagt, daß er nicht glaubt, glaubt. An irgendetwas glaubt man. Die Tatsache allein, daß er sagt: "Ich glaube nicht an Gott", setzt einen anderen Glauben voraus. Den Glauben an sich selbst oder mehr noch, an seinen eigenen hochmütigen Verstand. Aber an etwas glaubt man immer. Das ist wie der Gedanke. Wenn ihr sagt: "Ich will nicht denken" oder "Ich glaube nicht an Gott", so zeigt ihr mit diesen beiden Sätzen, daß ihr denkt und daß ihr nicht an den glauben wollt, von dem ihr wißt, daß er existiert. Über den Menschen müßtet ihr sagen, um den Begriff genau auszudrücken: "Der Mensch wird erzeugt wie alle Tiere durch eine Vereinigung zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen. Die Seele aber, also das, was den Menschen vom unvernünftigen Tier unterscheidet, kommt von Gott. Er erschafft sie jedesmal, wenn ein Mensch erzeugt, oder besser gesagt, empfangen wird in einem Schoße und Gott die Seele in dieses Fleisch senkt, das sonst nur Tier wäre."»

«Und auch wir haben sie? Wir Heiden? Was man von deinen Landsleuten hört, scheint eher das Gegenteil zu bestätigen», sagt Quintillianus ironisch.

«Jeder von der Frau Geborene hat sie.»

«Du hast aber gesagt, daß sie durch die Sünde getötet wird. Wie kann sie dann in uns Sündern lebendig sein?» fragt Plautina.

«Ihr sündigt nicht gegen den Glauben, da ihr glaubt, den wahren Glauben zu besitzen. Wenn ihr aber die Wahrheit erkennt und im Irrtum verharrt, dann sündigt ihr. Gleicherweise sind Dinge, die für die Israeliten Sünde sind, keine Sünde für euch; denn kein göttliches Gesetz verbietet sie euch. Sünde ist, wenn sich jemand wissentlich gegen die von Gott gegebene Ordnung auflehnt und sagt: "Ich weiß, daß das, was ich tue, schlecht ist; aber ich will es trotzdem tun." Gott ist gerecht. Er kann nicht jemand bestrafen, der Böses tut im Glauben, daß es gut sei. Er bestraft jene, die gelernt haben, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, und trotzdem das Böse wählen und darin verharren.»

«Also ist die Seele in uns lebendig und gegenwärtig?»

«Ja.»

«Und sie leidet? Glaubst du wirklich, daß sie sich an Gott erinnert? Wir erinnern uns nicht einmal mehr an den Leib, der uns getragen hat. Wir können nicht sagen, wie es darin aussah. Die Seele, wenn ich recht verstanden habe, ist geistigerweise von Gott gezeugt worden. Kann sie sich denn an diesen erinnern, wenn der Körper sich nicht mehr an den langen Aufenthalt im Schoße der Mutter erinnert?»

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«Die Seele ist nicht tierisch, Plautina. Sie ist ewig, geistig und Gott ähnlich. Ewig vom Augenblicke an, da sie von Gott erschaffen wird, während Gott der vollkommene Ewige ist und daher weder Anfang noch Ende hat. Die Seele, hellsichtig, intelligent und geistig, ein Werk Gottes, erinnert sich ihres Ursprungs. Sie leidet, weil sie nach Gott verlangt, dem wahren Gott, von dem sie kommt, und sie hungert nach Gott. Daher drängt sie den trägen Körper, sich Gott zu nähern.»

«Also haben auch wir eine Seele wie sie, die ihr die Gerechten eures Volkes nennt? Wirklich eine ebensolche?»

«Nein, Plautina. Es kommt darauf an, was du sagen willst. Wenn du sagen willst: gemäß Herkunft und Natur ist sie in allem der Seele unserer Heiligen gleich. Wenn du sagen willst: was die Bildung betrifft, so muß ich dir sagen, daß sie anders ist. Und wenn du weiter sagen willst: hinsichtlich der vor dem Tod erreichten Vollkommenheit, dann kann ein absoluter Unterschied bestehen. Aber dies betrifft nicht nur euch Heiden. Auch ein Sohn dieses Volkes kann im künftigen Leben absolut verschieden von einem Heiligen sein.

Die Seele erlebt drei Phasen. Die erste ist die Erschaffung, die zweite die Wiedergeburt und die dritte die Vollkommenheit. Die erste ist bei allen Menschen gleich. Die zweite ist den Gerechten eigen, die mit ihrem Willen die Seele zu einer vollständigen Wiedergeburt führen, wobei sie ihre guten Werke mit der Güte des Werkes Gottes vereinigt; sie erhebt dadurch eine schon geistige Seele in einen vollkommeneren Stand, und stellt so zwischen der ersten und der dritten Etappe eine Verbindung her. Die dritte ist den Seligen, oder wenn es euch besser gefällt, den Heiligen eigen, die tausend- und abertausendfach die ursprüngliche, dem Menschen entsprechende Seele höher gebracht und aus ihr das gemacht haben, was sie befähigt, in Gott zu ruhen...»

«Wie können wir Raum, Freiheit und Erhöhung für die Seele schaffen ?»

«Durch die Ausschaltung aller unnützen Dinge in eurem Ich. Durch dessen Befreiung von allen falschen Ideen und, mit dem sich so ergebenden Schutt, durch den Aufbau des Hügels für den heiligen Tempel. Die Seele muß auf den drei Stufen immer höher hinaufgetragen werden.

Oh, ihr Römer, liebt die Symbole! Betrachtet die drei Stufen im Lichte des Symbols. Sie können euch ihre Namen sagen: Buße, Geduld, Beharrlichkeit; oder Demut, Reinheit, Gerechtigkeit; oder: Weisheit, Großherzigkeit, Barmherzigkeit; so ergibt sich der herrliche Dreiklang: Glaube, Hoffnung, Liebe. Betrachtet noch das Symbol der Umfassungsmauer, die den Platz des Tempels ziert und machtvoll umgürtet. Auch die Seele ist abzuschirmen, die Königin des Körpers, Tempel des ewigen Geistes ist, mit einer Mauer, die sie schützt, die das Eindringen des Lichtes nicht hindert, die aber die Sicht auf alles Häßliche ausschaltet. Eine sichere Mauer,

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vom Wunsch der Liebessehnsucht gemeißelt, das niedere Streben von Fleisch und Blut dem Höheren, dem Geist dienstbar zu machen. Mit dem Willen zugerichtet durch Abschleifen der Kanten, der Unebenheiten, der Flecken und Schwachstellen vom Marmor unseres Ichs, damit die Umgebung der Seele vollkommen werde. Gleichzeitig kann die Mauer zum Schutz des Tempels den Unglücklicheren barmherzige Zuflucht bieten, die nicht wissen, was die Liebe ist. Die Vorhallen: das Sich-Ergießen der Liebe, der Barmherzigkeit und des Willens, andere zu Gott zu führen; die Vorhallen sind liebenden Armen gleich, die sich wie ein Schleier über die Wiege eines Waisenkindes ausbreiten. Und jenseits der Mauern die schönsten, duftenden Pflanzen, als Ehrenbezeugung an den Schöpfer. Sät auf dem nackten Erdreich und pflegt dann die Pflanzen: die Tugenden jeder Art, als zweites, lebendiges und blühendes Gehege rings um das Heiligtum, und zwischen den Pflanzen, zwischen den Tugenden, die Brunnen: wiederum Liebe, nochmals Reinigung: bevor ihr euch dem Allerheiligsten nähert und zum Altar hinaufsteigt, muß das Opfer des Aufgebens aller Sinnlichkeit und jeder Unkeuschheit erbracht werden. Dann weiter zum Altar schreiten, um das Opfer aufzulegen, und dann erst die Halle, das Vestibül durchschreitend, sich zur Zelle begeben, in welcher Gott ist. Und die Zelle, was wird sie sein? Ein Überfluß geistiger Reichtümer; denn nichts ist zuviel, um Gott zu ehren.

Habt ihr verstanden? Ihr habt mich gefragt, wie man den Glauben aufbaut. Ich habe euch geantwortet: auf dieselbe Weise, wie man einen Tempel errichtet! Ihr seht, wie wahr es ist! Habt ihr mich noch etwas zu fragen?»

«Nein, Meister. Ich glaube, daß Flavia die Dinge, die du gesagt hast, niederschrieb. Claudia möchte sie auch kennenlernen. Hast du geschrieben?»

«Jedes Wort», erwidert die Frau und überreicht die Wachstäfelchen.

«Das wird uns bleiben, damit wir es wieder lesen können», sagt Plautina.

«Es ist auf Wachs, die Schrift kann ausgelöscht werden. Schreibt es in eure Herzen, dann wird es nicht mehr ausgelöscht.»

«Meister, wir sind umgeben von unnützen Tempeln. Wir vertauschen sie mit deinem Wort und begraben sie. Aber es wird eine Arbeit von langer Dauer sein», sagt Plautina mit einem Seufzer. Und sie endet: «Gedenke unser in deinem Himmel!»

«Geht beruhigt, ich werde es tun! Euer Besuch hat mich erfreut! Leb wohl, Publius Quintillianus! Denk an Jesus von Nazareth!»

Die Frauen grüßen und entfernen sich als erste. Dann geht Quintillianus in Gedanken versunken. Jesus sieht ihnen nach, wie sie sich in Begleitung von Maximinus zu den Wagen begeben.

«Was denkst du, Meister?» fragt Lazarus.

«Daß es viele Unglückliche auf der Welt gibt.»

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«Und ich bin einer von diesen.»

«Warum, mein Freund?»

«Weil alle zu dir kommen, nur Maria nicht. Ist sie also der größte Trümmerhaufen?»

Jesus blickt ihn an und lächelt.

«Du lächelst? Schmerzt es dich nicht, daß Maria sich nicht bekehrt? Schmerzt es dich nicht, daß ich leide? Martha weint seit Montagabend. Wer war jene Frau? Weißt du, daß wir einen ganzen Tag gehofft haben, daß sie es sei?»

«Ich lächle, weil du ein ungeduldiges Kind bist. Und ich lächle, weil ich denke, daß ihr Kraft und Tränen verschwendet. Wenn es sie gewesen wäre, dann hätte ich mich beeilt, es euch zu sagen.»

«Sie war es also nicht?»

«Oh! Lazarus...»

«Du hast recht. Geduld! Und noch einmal Geduld! ... Hier, Meister, die Schmuckstücke, die du mir zum Verkaufen gegeben hast. Sie sind zu Geld geworden für die Armen. Sie waren sehr schön... von einer Frau.»

«Sie waren von "jener" Frau.»

«Das habe ich mir gedacht. Oh, wären sie doch von Maria gewesen!... Aber sie... aber sie... Ich verliere die Hoffnung, mein Herr!»

Jesus schließt ihn wortlos in seine Arme. Dann sagt er nach einer Weile: «Ich bitte dich, über die Schmuckstücke gegenüber allen zu schweigen. Sie muß verschwinden vor Bewunderungen und Gelüsten, wie die vom Wind verwehte Wolke, ohne daß eine Spur von ihr im Himmelsblau zurückbleibt.»

«Sei beruhigt, Meister... und als Gegendienst bringe mir Maria, unsere unglückliche Maria ...»

«Der Friede sei mit dir, Lazarus. Was ich versprochen habe, das halte ich.»

245. DAS GLEICHNIS VOM VERLORENEN SOHN

«Johannes von Endor, komm her zu mir! Ich muß mit dir reden», sagt Jesus, der sich an der Türe zeigt.

Der Mann eilt herbei und läßt das Kind stehen, dem er gerade etwas erklärte.

«Was hast du mir zu sagen, Meister?» fragt er.

«Komm mit mir hinauf!»

Sie gehen zur Terrasse hinauf und setzen sich in eine geschützte Ecke, denn, obwohl es noch Vormittag ist, brennt die Sonne schon sehr heiß. Jesus läßt seinen Blick über die Landschaft schweifen, in der das Korn von

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Tag zu Tag goldener wird und die Früchte der Bäume anschwellen. Es scheint, als wolle er seine Gedanken aus dieser Veränderung der Pflanzen schöpfen.

«Höre, Johannes! Ich glaube, heute wird Isaak kommen, um mich zu den Landarbeitern Jochanans zu führen, bevor sie abreisen. Ich habe Lazarus gebeten, ihnen einen Wagen zu leihen, damit sie bei ihrer Rückkehr rascher vorwärtskommen und nicht wegen einer Verspätung eine Strafe befürchten müssen. Lazarus wird es tun, denn Lazarus tut alles, was ich ihm sage. Aber von dir möchte ich etwas anderes. Ich habe hier eine Summe, die ich von einem Menschenkind für die Armen des Herrn bekommen habe. Normalerweise hat einer meiner Apostel die Aufgabe, das Geld zu verwalten und die Almosen zu verteilen. Gewöhnlich tut es Judas von Kerioth, manchmal auch ein anderer. Judas ist abwesend. Die anderen brauchen nicht zu wissen, was ich im Sinne habe. Auch Judas wird es diesesmal nicht erfahren. Du wirst es in meinem Namen tun...»

«Ich, Herr? ... Ich... ich bin nicht würdig ...»

«Du mußt dich daran gewöhnen, in meinem Namen zu arbeiten. Bist du nicht deswegen gekommen?»

«Ja, aber ich dachte, an meiner armen Seele arbeiten zu müssen.»

«Ich gebe dir die Möglichkeit dazu. Wogegen hast du gefehlt? Gegen die Barmherzigkeit und die Liebe. Du hast deine Seele mit Haß verwüstet. Mit Liebe und Barmherzigkeit sollst du sie wiederaufbauen. Ich gebe dir das Material dazu. Ich werde dich besonders für Werke der Barmherzigkeit und Liebe einsetzen. Du kannst auch heilen und reden. Daher bist du imstande, dich um die physisch und moralisch Kranken zu kümmern. Du wirst mit diesem guten Werk beginnen. Nimm die Börse. Du wirst sie Michäas und seinen Freunden geben. Mache gleiche Teile, aber mache sie so, wie ich es sage. Mache zehn Teile. Davon gibst du vier dem Michäas, einen für ihn, einen für Saul, einen für Joel und einen für Isaias. Die anderen sechs Teile gibst du Michäas, damit er sie dem alten Vater des Jabe bringt, für ihn und seine Gefährten. Es wird ihnen ein kleiner Trost sein.»

«Gut, aber was werde ich ihnen sagen, um es zu rechtfertigen?»

«Du kannst sagen: "Dies, damit ihr euch daran erinnert, für eine Seele zu beten, die auf dem Weg zur Erlösung ist."»

«Doch dann könnten sie glauben, daß es sich um mich handelt. Das ist nicht recht!»

«Warum, willst du nicht gerettet werden?»

«Es ist nicht recht, sie glauben zu lassen, daß ich der Spender bin.»

«Laß nur und tue was ich sage!»

«Ich gehorche... aber erlaube mir wenigstens, daß ich etwas dazulege. Ich brauche ja nicht mehr viel. Bücher werde ich keine mehr kaufen, die Hühner brauche ich auch nicht mehr zu füttern... Mir genügt sehr wenig... Nimm, Meister! Ich behalte nur eine kleine Summe für die Sandalen ...»

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und er entnimmt einem Beutel am Gürtel viele Münzen und fügt sie den Münzen Jesu bei.

«Gott segne dich für deine Barmherzigkeit... Johannes, bald werden wir uns trennen, denn du wirst mit Isaak gehen.»

«Das tut mir weh, Meister, aber ich werde gehorchen.»

«Auch mich schmerzt es, daß du uns verläßt. Aber ich brauche dringend pilgernde Jünger. Meine Gegenwart genügt nicht mehr. Bald werde ich die Apostel aussenden, und dann die Jünger. Du wirst es recht gut machen. Dich behalte ich mir für besondere Aufgaben vor. Inzwischen wirst du dich bei Isaak bilden. Er ist sehr gut, und der Geist des Herrn hat ihn fürwahr während seiner langen Krankheit geformt. Er ist der Mensch, der immer alles verziehen hat... Unsere Trennung bedeutet andererseits nicht, daß wir uns nicht mehr sehen. Wir werden uns oft begegnen, und jedesmal, wenn wir zusammenkommen, werde ich besonders für dich sprechen. Denk daran!»

Johannes neigt sich vornüber, verbirgt sein Antlitz in den Händen mit einem bitteren Schluchzen und seufzt: «Oh, sag mir gleich irgendetwas, was mich davon überzeugt, daß mir verziehen worden ist, daß ich Gott dienen kann... Wenn du wüßtest, wie ich nun, da der Rauch des Hasses weg ist, meine Seele sehe... und wie ich an Gott denke...»

«Ich weiß es, weine nicht! Bleibe demütig, aber betrübe dich nicht. Betrübnis ist eine andere Art des Hochmuts. Nur Demut allein sollst du haben. Auf, weine nicht mehr ...»

Johannes von Endor beruhigt sich langsam.

Als ihn Jesus beruhigt sieht, sagt er: «Komm, laß uns unter das Blätterdach der Apfelbäume gehen und die Frauen und die Gefährten versammeln. Ich werde zu allen sprechen, dir aber sagen, wie Gott dich liebt.»

Sie gehen hinunter und scharen die anderen um sich, so wie sie ihnen begegnen.

Dann setzen sie sich im Kreise in den Schatten der Apfelbäume. Auch Lazarus, der mit dem Zeloten gesprochen hatte, schließt sich der Gesellschaft an. Es sind im ganzen zwanzig Personen.

«Hört! Es ist ein schönes Gleichnis, das euch in vielen Fällen mit seinem Licht leiten wird.

Ein Mann hatte zwei Söhne. Der ältere war ernst, arbeitsam, liebevoll und gehorsam. Der andere war intelligenter als der ältere, der etwas schwerfällig war und sich gerne beraten ließ, um nicht die Sorge eigener Entscheidungen auf sich nehmen zu müssen; aber der jüngere war auch widerspenstig, ausgelassen, Liebhaber der Bequemlichkeit und des Vergnügens, verschwenderisch und müßig. Die Intelligenz ist eine große Gabe Gottes; aber sie ist eine Gabe, die weise verwendet werden muß. Sonst hat sie die Wirkung gewisser Arzneimittel, die, wenn falsch benützt, nicht heilen, sondern töten. Der Vater hatte das Recht und die

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Pflicht, ihn zu ermahnen, ein geordnetes Leben zu führen. Aber alles war nutzlos. Er bekam nur böse Antworten und erreichte, daß der Sohn in seinen schlechten Ansichten noch verstockter wurde.

Eines Tages schließlich, nach einem heftigen Wortwechsel, sagte der jüngere Sohn: "Gib mir meinen Erbanteil. So brauche ich deine Ermahnungen und das Gejammer des Bruders nicht mehr zu hören. Jedem das Seine, und damit setzen wir allem ein Ende."

"Schau" ' erwiderte der Vater, "bald wirst du ganz unter den Rädern sein. Was wirst du dann tun? Denk daran, daß ich deinetwegen nicht ungerecht bin und deinem Bruder keinen Pfennig nehmen werde, um dir zu helfen..."

"Ich werde nichts von dir verlangen. Sei beruhigt und gib mir meinen Teil!"

Der Vater ließ die Ländereien und die wertvollen Gegenstände abschätzen, und da er sah, daß Geld und Schmuckstücke genausoviel wert waren wie Haus und Grundbesitz, gab er dem älteren die Felder und Weingärten, die Herden und Olivenhaine, und dem jüngeren das Geld und die Wertsachen, welche dieser sofort in Geld umwandelte. Nachdem er in wenigen Tagen alles geregelt hatte, machte er sich auf den Weg nach einem fernen Land, wo er als großer Herr lebte und alles vergeudete in Schwelgereien jeder Art und sich als Sohn eines Königs feiern ließ, weil er sich schämte, zu sagen: "Ich bin ein Bauernsohn." Und somit verleugnete er seinen Vater.

Feste, Freunde und Freundinnen, Kleider, Wein, Spiele... ein ausschweifendes Leben... Bald sah er seine Mittel schwinden und das Elend sich nähern. Und um das Elend noch zu vergrößern, kam eine große Hungersnot über das Land, die sein letztes Geld aufzehrte. Nun wäre der Sohn gern zu seinem Vater zurückgekehrt, aber sein Stolz hinderte ihn daran. So ging er zu einem Wohlhabenden des Ortes, der in guten Zeiten sein Freund gewesen war, und bat ihn: "Nimm mich unter deine Knechte auf in Erinnerung an die Feste, an denen du teilgenommen hast." Seht, wie dumm der Mensch ist! Er zieht es vor, sich unter die Peitsche eines Herrn zu ducken, als zum Vater zu sagen: "Verzeih, ich habe gefehlt." Dieser Jüngling hatte viele unnütze Dinge erlernt, dank seiner wachen Intelligenz, wollte aber den Ausspruch Sirachs nicht lernen: "Wie niederträchtig ist der, der seinen Vater verläßt, und wie verflucht von Gott der, der seine Mutter beunruhigt." Er war intelligent, aber nicht weise.

Der Mann, an den er sich hilfesuchend gewandt hatte, stellte den Dummkopf als Schweinehirt an, als Dank für die mit ihm verbrachten genußvollen Stunden; denn sie waren in einem heidnischen Land, und es gab dort viele Schweine. Schmutzig, zerlumpt, stinkend und hungrig -denn die Nahrung war knapp wegen der vielen Diener, besonders der bösartigen, und er, der ausländische Schweinehirt, wurde zu alledem noch

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verlacht – sah er, daß die Schweine sich mit Eicheln satt fraßen und jammerte: "Könnte ich doch meinen Bauch mit diesen Früchten füllen. Aber sie sind zu bitter! Nicht einmal der Hunger läßt sie mir besser schmecken." Er weinte, als er an die reichen Feste voller Gelächter, Gesängen und Tänze dachte, die er noch vor kurzem als Verschwender geboten hatte; und an die bescheidenen, doch sättigenden Mahlzeiten in seiner fernen Heimat, an die Portionen, die der Vater immer selbst nach den persönlichen Bedürfnissen austeilte, während er selbst stets mit wenig zufrieden war und sich über den gesunden Appetit seiner Kinder freute... Und der Sohn dachte an die gefüllten Teller, die der Gerechte seinen Dienern zuteilte, und seufzte: "Auch die letzten Knechte meines Vaters haben genügend Brot, und ich sterbe hier vor Hunger..."

Eine lange Arbeit des Überlegens, ein langer Kampf, um den Stolz niederzuringen! Endlich kam der Tag, da er, wiedergeboren in Demut und Weisheit, auf die Füße sprang und sagte: "Ich gehe zu meinem Vater. Dieser Stolz ist Dummheit, die mich gefangen hält. Und wozu? Warum körperlich und noch mehr seelisch leiden, wenn ich Verzeihung und Erleichterung erhalten kann? Ich gehe zu meinem Vater. Es ist beschlossen! Aber was werde ich ihm sagen? Nun, das, was ich in dieser Demütigung, in diesem Schmutz, unter dem beißenden Hunger gelernt habe. Ich werde sagen: 'Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und gegen dich. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden, behandle mich daher wie deinen letzten Knecht, aber laß mich unter deinem Dach weilen, damit ich dich vorbeigehen sehen kann...' Ich werde nicht sagen können: 'Weil ich dich liebe...' denn er würde es mir nicht glauben. Aber mein Leben soll es ihm sagen, und er wird verstehen und mich vor seinem Tod noch segnen... Oh, ich hoffe es; denn mein Vater liebt mich." Als er am Abend ins Dorf zurückkam, kündigte er seinem Arbeitgeber, und, sich von Ort zu Ort durchbettelnd, kehrte er in seine Heimat zurück. Da waren schon die väterlichen Ländereien... und das Haus... und der Vater, der die Arbeit leitete, gealtert und abgemagert durch den Schmerz, aber immer noch gütig. Der Schuldige blieb furchtsam stehen. Doch der Vater, der umherschaute, erblickte ihn, eilte ihm entgegen, und als er ihn erreicht hatte, schlang er die Arme um seinen Hals und küßte ihn. Nur der Vater hatte in diesem traurigen Bettler seinen Sohn erkannt, und nur er hatte einen Liebesantrieb verspürt.

Der Sohn in seinen Armen, den Kopf an die väterliche Brust gelehnt, flüsterte unter Schluchzen: "Vater, laß mich dir zu Füßen niederfallen." "Nein, mein Sohn! Nicht zu Füßen! An mein Herz, das so viel ob deiner Abwesenheit gelitten hat und das wieder aufleben muß mit dem Gefühl deiner Wärme an meiner Brust." Der Sohn weinte noch stärker und sagte: "Oh, mein Vater! Ich habe gegen den Himmel und gegen dich gesündigt, und ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Aber erlaube mir, daß

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ich unter deinen Knechten, unter deinem Dache bleiben und dich sehen, dein Brot essen und deinen Wein trinken kann. Bei jedem Bissen Brot, bei jedem deiner Atemzüge wird mein verdorbenes Herz sich erneuern, und ich werde redlich werden..."

Doch der Vater, der ihn immer noch in den Armen hielt, führte ihn zu den Dienern, die sich in einiger Entfernung versammelt und die Szene beobachtet hatten, und sagte: "Bringt rasch das schönste Gewand und ein Becken mit duftendem Wasser. Wascht ihn, salbt ihn, kleidet ihn an, legt ihm neue Schuhe an und steckt ihm einen Ring an den Finger. Dann nehmt ein gemästetes Kalb, schlachtet es und bereitet ein Festmahl; denn dieser mein Sohn war tot und ist auferstanden; er war verloren, und ist wiedergefunden worden. Ich will, daß auch er nun seine einfache Kindesliebe wiederfindet, und meine Liebe und das Fest im Haus zu seiner Rückkehr sollen sie ihm wiedergeben. Er soll verstehen, daß er für mich immer der jüngste Sohn ist, wie er es in seiner fernen Kindheit war, als er an meiner Seite ging und mich mit seinem Lächeln und Geplauder beglückte." Und die Diener folgten dem Befehl.

Der ältere Sohn aber war auf dem Feld und erfuhr nichts davon bis zu seiner Rückkehr. Am Abend, als er nach Hause kam, sah er es hellerleuchtet und vernahm Musikinstrumente und Tanzweisen. Er rief einen Diener, der vielbeschäftigt umherrannte, und fragte ihn: "Was geschieht hier?" Und der Diener antwortete: "Dein Bruder ist zurückgekehrt. Dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er seinen Sohn gesund und von seinem großen Übel geheilt wieder besitzt, und er hat ein Festmahl angeordnet. Wir warten nur noch auf dich, um damit anzufangen." Der Ältere aber erzürnte, denn er betrachtete es als eine Ungerechtigkeit, ein solches Fest für den Jüngeren zu halten, zudem der Jüngere böse gewesen war; er wollte nicht hineingehen, sondern schickte sich an, sich vom Haus zu entfernen. Aber der Vater, der davon erfuhr, eilte hinaus, holte ihn ein und versuchte, ihn zu überzeugen, und bat ihn, seine Freude nicht zu vergällen. Der Erstgeborene antwortete seinem Vater: "Du willst, daß ich mich nicht aufrege? Du bist gegen deinen Erstgeborenen ungerecht und setzest ihn herab. Seit ich dazu fähig war, habe ich gearbeitet und dir gedient; es sind nun schon viele Jahre. Ich habe immer alle deine Befehle ausgeführt und auch alle deine Wünsche erfüllt. Ich bin immer in deiner Nähe gewesen und habe dich für zwei geliebt, um die Wunde, die mein Bruder dir zugefügt hat, zu heilen. Und du hast mir nicht einmal ein Ziegenböcklein geschenkt, damit ich es mit meinen Freunden genießen könnte. Ihm hingegen, der dich beleidigt und verlassen hat, der faul und verschwenderisch gewesen ist, der nur heimkehrt, weil er Hunger leidet, ihn ehrst du, und für ihn läßt du das schönste Kalb schlachten. Es lohnt sich also nicht, ein guter Arbeiter und ohne Laster zu sein! Das hättest du mir nicht antun dürfen!" Da zog der Vater den älteren Sohn an seine

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Brust und sagte: "Oh, mein Sohn! Glaubst du, daß ich dich nicht liebe, weil ich keine Festfahne für deine Arbeit hisse? Deine Werke sind gut, und die Menschen loben dich deswegen. Aber dieser dein Bruder muß die Achtung der Welt und seiner selbst wiedererlangen. Glaubst du, daß ich dich nicht liebe, weil ich dir keine sichtbare Belohnung gebe? Morgens und abends, bei jedem Atemzug und Gedanken bist du in meinem Herzen, und in jedem Augenblick segne ich dich. Du hast den dauernden Lohn, immer bei mir zu sein, und was mein ist, das ist dein. Aber es war gerecht, ein Mahl zu halten und ein Fest zu feiern für diesen deinen Bruder, der tot war und zum Guten auferstanden ist, der verloren war und in unsere Liebe zurückgeführt worden ist." Und der Ältere gab nach.

So, meine Freunde, geschieht es auch im Haus des Vaters. Wer glaubt, dem jüngeren Bruder im Gleichnis zu gleichen, der soll es ihm nachtun und zum Vater gehen, damit der Vater ihm sagen kann: "Nicht zu meinen Füßen, sondern an mein Herz, das ob deiner Abwesenheit gelitten hat und nun über deine Rückkehr glücklich ist." Wer dem Erstgeborenen gleicht und ohne Schuld dem Vater gegenüber ist, soll nicht eifersüchtig auf die väterliche Freude sein, sondern daran teilnehmen, indem er dem erlösten Bruder Liebe schenkt.

Ich habe gesprochen. Bleib hier, Johannes von Endor, und auch du, Lazarus. Die anderen können gehen und die Tische decken. Wir werden gleich nachkommen.»

Alle ziehen sich zurück. Als Jesus, Lazarus und Johannes allein sind, sagt Jesus den beiden: «So geschieht es der teuren Seele, die du erwartest, Lazarus, und so geschieht es dir, Johannes: die Güte Gottes übersteigt alle Maße.»

Die Apostel mit der Mutter und den Frauen gehen zum Haus, ihnen voraus hüpft und springt Margziam. Doch schon kommt er zurück, nimmt Maria bei der Hand und sagt: «Komm mit mir, ich muß dir etwas sagen; dir allein!»

Maria stellt ihn zufrieden. Sie wenden sich dem Brunnen zu, der sich in einer Ecke des Hofes befindet, unter einer dichten Pergola verborgen, die sich vom Boden in einem Bogen bis zur Terrasse hinzieht. Dort hinten wartet Iskariot.

«Judas, was willst du? Geh, Margziam... Sprich, was willst du?»

«Ich fühle mich schuldig... Ich wage es nicht, zum Meister zu gehen und den Gefährten zu begegnen... Hilf du mir!»

«Ich will dir helfen... Aber denkst du nicht daran, wieviel Schmerz du verursachst? Mein Sohn hat deinetwegen geweint. Auch die Gefährten haben gelitten. Aber komm, niemand wird dir etwas vorwerfen. Wenn du kannst, falle nicht mehr in diese Fehler zurück. Es ist des Mannes unwürdig und ein Sakrileg gegen das Wort Gottes.»

«Und du, Mutter, kannst du mir verzeihen?»

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«Ich? Ich zähle nichts bei dir, der du dir soviel einbildest. Ich bin die Geringste unter den Dienern des Herrn. Wie kannst du dich um mich kümmern, wenn du kein Mitleid mit meinem Sohn hast.»

«Weil auch ich eine Mutter habe, und wenn ich deine Verzeihung erhalte, so kommt es mir vor, als hätte auch sie mir verziehen.»

«Sie kennt diese deine Schuld nicht.»

«Aber ich habe ihr schwören müssen, gut zum Meister zu sein. Ich habe den Eid gebrochen. Ich spüre den Vorwurf der Seele meiner Mutter.»

«Du spürst ihn? Und die Klage und den Vorwurf des Vaters und des Wortes spürst du nicht? Du Unglücklicher, Judas! Du säst in dir und in denen, die dich lieben, den Schmerz.»

Maria ist sehr ernst und traurig. Sie spricht ohne Härte, doch mit großem Ausdruck in der Stimme. Judas weint.

«Weine nicht, sondern bessere dich! Komm.»

Sie nimmt ihn an der Hand, und so betreten sie die Küche. Das allgemeine Erstaunen ist groß. Aber Maria kommt jeder unbarmherzigen Äußerung zuvor. Sie sagt: «Judas ist zurückgekehrt. Macht es wie der Erstgeborene nach der Rede des Vaters. Johannes, geh und sag Jesus Bescheid.»

Johannes des Zebedäus eilt weg. Ein tiefes Schweigen lastet auf denen in der Küche. Schließlich sagt Judas: «Verzeih mir, du, Simon, als erster. Du hast ein so väterliches Herz. Auch ich bin ein Waisenkind.»

«Ja, ja, ich verzeihe dir. Bitte rede nicht mehr davon. Wir sind Brüder und mir gefallen diese Ebben und Fluten nicht, die Bitten um Verzeihung und die Rückfälle. Sie betrüben beide Teile. Da kommt Jesus. Geh ihm entgegen. Das genügt.»

Judas geht, während Petrus sich nicht anders zu helfen weiß, als hinauszugehen und wütend trockenes Holz zu spalten...

246. DAS GLEICHNIS VON DEN ZEHN JUNGFRAUEN

Jesus spricht vor den Arbeitern Jochanans: Isaak, vielen Jüngern, den Frauen, unter ihnen Maria, die allerheiligste Mutter, und Martha, sowie anderen Leuten von Bethanien. Alle Apostel sind anwesend. Das Kind sitzt Jesus gegenüber und läßt sich kein Wort entgehen. Die Predigt muß gerade erst begonnen haben, denn es kommen immer noch Menschen...

Jesus sagt: «... Gerade wegen dieser Angst, die ich so lebhaft in vielen von euch sehe, möchte ich euch heute ein schönes Gleichnis erzählen. Ein Gleichnis, das für die Menschen guten Willens süß und für die anderen bitter ist. Aber diese können sich vom Bitteren befreien. Auch sie können guten Willens werden, und der Vorwurf, der sich durch das Gleichnis im Gewissen regt, wird sich legen.

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Das Himmelreich ist das Haus, in dem sich die Vermählung Gottes mit den Seelen vollzieht, und der Augenblick des Eintritts ist der Hochzeitstag.

So hört also. Bei uns ist es Sitte, daß Jungfrauen den Bräutigam begleiten, um ihn mit Lichtern und Gesängen mit seiner Braut ins Hochzeitshaus zu geleiten. Wenn der Hochzeitszug das Haus der Braut verläßt, die sich verschleiert und gerührt als Königin zu ihrem Platz begibt, in ein Haus, das nicht das ihrige ist, das aber in dem Augenblick, da sie und der Bräutigam ein Fleisch werden, das ihrige wird, dann eilen die Jungfrauen, meist Freundinnen der Braut, diesen beiden Glücklichen entgegen, um sie mit einem Lichterkranz zu umringen.

Nun geschah es, daß in einem Dorf eine Hochzeit gefeiert wurde. Während die Brautleute sich mit den Verwandten und Freunden im Haus der Braut versammelten, gingen zehn Jungfrauen an ihren Platz, in den Vorraum des Hauses des Bräutigams, bereit, ihm entgegenzueilen, sobald der Klang der Zimbeln und Gesänge ankündigen würden, daß die Brautleute das Haus der Braut verlassen, um zum Haus des Bräutigams zu gehen. Aber das Mahl im Haus der Braut zog sich in die Länge, und die Nacht brach herein. Die Jungfrauen, ihr wißt es, haben immer brennende Lampen, um im rechten Augenblick keine Zeit zu verlieren. Nun waren unter diesen zehn Jungfrauen mit brennenden Lampen fünf kluge und fünf törichte. Die Klugen hatten sich weislich mit kleinen Gefäßen voll Öl eingedeckt, um ihre Lampen damit auffüllen zu können, wenn die Wartezeit länger als vorgesehen sein würde, während die Törichten nur ihre Lampen gut gefüllt hatten.

Eine Stunde verging nach der anderen. Zuerst redeten sie miteinander, erzählten sich gegenseitig Geschichten und machten Späße, um sich die Zeit zu vertreiben. Doch schließlich wußten sie nichts mehr zu sagen und zu tun. Gelangweilt oder auch einfach müde, setzten sich die zehn Mädchen bequem nieder, mit ihren brennenden Lampen in der Nähe, und schliefen langsam alle ein. Es kam die Mitternacht, und man hörte den Ruf: "Auf! Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!" Die zehn Mädchen erhoben sich sofort, nahmen ihre Schleier und ihre Blumenkränze und machten sich bereit; dann liefen sie zum Tisch, auf den sie ihre Lampen gestellt hatten. Fünf von diesen waren bereits am Erlöschen... Der Docht, der nicht mehr von Öl getränkt und daher verbraucht war, rauchte. Die Flammen wurden immer schwächer und drohten beim leisesten Windhauch zu erlöschen. Die fünf anderen Lampen hingegen, die vor dem Schlaf von den Klugen aufgefüllt worden waren, hatten noch helle Flammen und strahlten noch heller, nachdem neues Öl nachgefüllt worden war.

"Oh", baten die Törichten, "gebt uns ein wenig von eurem Öl, sonst erlöschen unsere Lampen, sobald wir sie bewegen. Eure leuchten so schön."

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Aber die Klugen antworteten: "Draußen bläst der nächtliche Wind, und der Regen fällt mit großen Tropfen. Das Öl wird nicht ausreichen, um eine große Flamme zu machen, die dem Wind und dem Regen standhält. Wenn wir davon abgeben, wird es geschehen, daß auch unsere Lampen nur noch flackern, und der Brautzug wäre jämmerlich ohne das Leuchten der Lampen! Lauft, geht zum nächsten Krämer, bittet, klopft an, damit er aufsteht, um euch Öl zu geben."

Die fünf Törichten folgten dem Rat der Gefährtinnen, wobei sie unterwegs die Kränze verloren, da sie immer wieder in der Dunkelheit zusammenstießen und sich die Schleier zerknitterten und die Kleider beschmutzten.

Doch während sie gingen, Öl zu kaufen, erschien am Ende der Straße der Bräutigam mit der Braut. Die fünf Jungfrauen eilten ihnen mit den brennenden Lampen entgegen und betraten mit dem Bräutigam in ihrer Mitte das Haus, um dort die Feier abzuschließen, indem sie die Braut ins Brautgemach geleiteten. Nach ihrem Eintritt wurde das Haus geschlossen, und wer draußen war, mußte draußen bleiben. So fanden die fünf Törichten, die endlich mit dem Öl angekommen waren, die Tür verschlossen und klopften vergebens, sich die Hände verletzend und klagend: "Herr, Herr, öffne uns! Wir gehören zum Hochzeitszuge. Wir sind die glückbringenden Jungfrauen, dazu auserwählt, deinem Brautgemach Ehre und Glück zu bringen." Aber der Bräutigam rief vom Obergeschoß des Hauses herab, nachdem er für einen Augenblick die intimsten Eingeladenen verlassen hatte, mit denen er sich gerade unterhielt, während die Braut sich in das Brautgemach zurückgezogen hatte: "Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid. Eure Gesichter waren nicht unter den Feiernden, die meine Geliebte umgaben. Ihr seid nicht das, wofür ihr euch ausgebt, und sollt daher aus dem Hochzeitshaus ausgeschlossen bleiben." Die fünf Törichten gingen weinend mit den nun nutzlosen Lampen, den zerknitterten Kleidern, den zerrissenen Schleiern und den aufgelösten oder verlorenen Blumenkränzen auf der finsteren Straße fort.

Und nun hört die im Gleichnis enthaltene Lehre! Ich habe euch anfangs gesagt, daß das Himmelreich das Haus der Vereinigung der Seelen mit Gott ist. Zur himmlischen Hochzeit sind alle Gläubigen geladen, denn Gott liebt alle seine Kinder. Die einen finden sich früher, die anderen später zur Hochzeit ein, und wer dort ankommt hat großes Glück.

Nun hört weiter! Ihr wißt, wie die Mädchen es als Ehre und Glück betrachten, als Mägde der Braut eingeladen zu werden. Wir wollen in unserem Fall die Rollen verteilen, so werdet ihr besser begreifen. Der Bräutigam ist Gott. Die Braut ist die Seele eines Gerechten, die die Zeit der Verlobung im Haus des Vaters, also in dessen Fürsorge und im Gehorsam zu ihm und zur Lehre Gottes, in Gerechtigkeit verbracht hat und nun zur

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Hochzeit in das Haus des Bräutigams gebracht wird. Die Jungfrauen sind die Seelen der Gläubigen, die dem Beispiel der Braut folgend versuchen, zur selben Ehre zu gelangen, indem sie nach Heiligkeit streben; denn die Tatsache, daß der Bräutigam die Frau wegen ihrer Tugenden gewählt hat, ist ein Zeichen dafür, daß sie ein lebendes Beispiel der Heiligkeit war. Diese Seelen haben ein weißes, reines und frisches Gewand, weiße Schleier und sind mit Blumenkränzen gekrönt. Sie haben brennende Lampen in den Händen. Die Lampen sind gereinigt, der Docht vom feinsten Öl getränkt, damit es nicht übel riecht.

Im weißen Gewand. Die beharrlich geübte Gerechtigkeit verleiht ein weißes Gewand, und bald kommt der Tag, an dem es herrlich sein wird, ohne den leisesten Schimmer eines Makels, mit einem übernatürlichen Glanz und einer engelhaften Reinheit.

In einem reinen Gewand. Es ist nötig, durch die Demut das Kleid immer rein zu halten. Sehr leicht kann die Reinheit des Herzens getrübt werden. Und wer nicht reinen Herzens ist, kann Gott nicht sehen. Die Demut ist wie Wasser, das wäscht. Da sein Auge nicht vom Rauch des Stolzes getrübt ist, wird der Demütige sich sofort bewußt, wenn sein Gewand beschmutzt wird; er eilt zu seinem Herrn und sagt: "Ich habe mein Herz der Reinheit beraubt. Ich weine, um mich zu reinigen; ich weine zu deinen Füßen. Und du, meine Sonne, mache mit deinem gütigen Verzeihen, mit deiner väterlichen Liebe, mein Kleid wieder weiß."

In frischem Gewand. Oh, die Frische des Herzens! Die Kinder haben sie als Gabe Gottes. Die Gerechten haben sie als Gabe Gottes und durch eigenen Willen. Die Heiligen haben diese Frische als Gabe Gottes und aus eigenem, zum Heroismus gesteigerten Willen. Aber die Sünder mit ihrer zerlumpten, angesengten, vergifteten und beschmutzten Seele; werden sie nie mehr ein reines Gewand haben können? Oh doch, sie können es haben! Sie beginnen, es wiederzubekommen in dem Augenblick, da sie sich mit Abscheu betrachten, und es wird um so weißer, je mehr sie sich bemühen, ihr Leben zu ändern. Sie vervollkommnen es, wenn sie sich mit der Buße reinigen und entgiften und ihre arme Seele wieder aufrichten, immer betend um die Hilfe Gottes, der seinen Beistand nie denen versagt, die darum bitten, und auch mit dem eigenen Willen, der zum Heroismus gelangen muß; denn sie haben es nicht nur nötig, das zu hüten, was sie haben, sondern sie müssen wiederaufbauen, was sie abgebrochen haben, also doppelte, dreifache, siebenfache Mühe aufwenden. Schließlich müssen sie mit unermüdlichen, unerbittlichen Bußübungen des eigenen Ich, das gesündigt hat, ihre Seele zu einer neuen Frische der Kindheit führen, die wertvoll wird durch die Erfahrung und sie zu Lehrern macht für die anderen, die Sünder sind, wie sie selbst es zuvor gewesen sind.

Die weißen Schleier. Die Demut! Ich habe gesagt: "Wenn ihr betet oder Buße tut, dann macht es so, daß die Welt nichts davon bemerkt." In den

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Büchern der Weisheit steht geschrieben: "Es ist nicht gut, das Geheimnis des Königs zu enthüllen." Die Demut ist der weiße Schleier, der als Schutz über das Gute, das man tut, und über das Gute, das Gott gewährt, ausgebreitet wird. Kein Rühmen für das Privileg der Liebe, die Gott gewährt; kein törichter menschlicher Ruhm! Die Gabe würde sofort entzogen. Vielmehr innerlicher Lobgesang des Herzens für seinen Gott: "Hochpreise meine Seele den Herrn, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd gesehen."»

Jesus macht eine kurze Pause und wirft einen Blick auf seine Mutter, die sich fester in ihren Schleier hüllt und sich tief beugt, als wolle sie die Haare des Kindes, das zu ihren Füßen sitzt, in Ordnung bringen, in Wirklichkeit jedoch, um zu verbergen, wie tief die Erinnerung sie bewegt...

Mit Blumen gekrönt. Die Seele muß sich schmücken mit Girlanden täglicher Tugendhaftigkeit, denn vor dem Antlitz des Allerhöchsten kann Fehlerhaftes nicht bestehen; man darf nicht nachlässig werden. Täglich, habe ich gesagt! Denn die Seele weiß nicht, wann Gott-Bräutigam erscheint, um zu sagen: "Komm!" Daher darf sie nie müde werden, den Kranz zu erneuern. Habt keine Angst, wenn die Blumen verwelken. Die Blumen der Tugendhaftigkeit welken nicht. Der Engel Gottes, den jeder Mensch an seiner Seite hat, sammelt diese täglichen Kränze und trägt sie in den Himmel. Dort zieren sie den Thron des neuen Seligen, wenn er als Braut in den Hochzeitssaal eintritt.

Ihre Lampen brennen. Um den Bräutigam zu ehren und für sich selbst den Weg zu beleuchten. Wie strahlend ist der Glaube und welch ein holder Freund ist er! Er ist wie eine strahlende Flamme, wie ein Stern, eine lachende Flamme, sicher ihrer Gewißheit; eine Flamme, die auch das Gefäß, das sie trägt, leuchten läßt. Auch der menschliche Körper, der vom Glauben genährt wird, scheint schon auf dieser Erde strahlender, vergeistigter und immun gegen heftige Leidenschaften; denn wer glaubt, richtet sich nach den Worten und Geboten Gottes, um Gott, sein Ziel, zu besitzen; er flieht daher alles Verderbliche und kennt keine Unruhe, Ängste und Selbstvorwürfe. Er braucht sich nicht anzustrengen, um sich seiner Lügen zu erinnern oder seine bösen Taten zu verbergen, und er bleibt schön und jung in der schönen Unberührtheit des Heiligen. Ein Fleisch und ein Blut, ein Geist und ein Herz, gereinigt von aller Unzucht, um das Öl des Glaubens zu bewahren und rauchfreies Licht zu spenden. Ein beständiger Wille, stets dieses Licht zu nähren. Das tägliche Leben mit seinen Enttäuschungen, Feststellungen, Berührungen, Versuchungen und Angriffen führt leicht zur Verminderung des Glaubens. Das darf nicht geschehen! Geht täglich zu den Quellen des sanften Öles, des weisen Öles, des göttlichen Öles.

Die wenig genährte Lampe kann vom leisesten Windhauch und den schweren Regentropfen der Nacht ausgelöscht werden. Die Nacht, die

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Stunde der Finsternis, der Sünde, der Versuchung, kommt für alle. Es ist die Nacht der Seele. Aber wenn diese voller Glauben ist, kann die Flamme nicht vom Wind der Welt und vom Nebel der Sinnlichkeit gelöscht werden.

Wachsamkeit, Wachsamkeit, Wachsamkeit! Wer unklug ist, vertraut unklugerweise und sagt: "Oh, Gott kommt rechtzeitig, solange noch Licht in mir ist." Wer schläft statt zu wachen; wer weiterschläft, ohne sich beim ersten Ruf sofort zu erheben; wer sich auf den letzten Augenblick verläßt, um sich das Öl des Glaubens oder den starken Docht des guten Willens zu verschaffen, lebt in der Gefahr, draußen bleiben zu müssen, wenn der Bräutigam kommt. Wacht also mit Klugheit, Ausdauer, Reinheit und Vertrauen, um immer bereit zu sein, wenn Gott euch ruft, denn ihr wißt wirklich nicht, wann er kommen wird.

Meine lieben Jünger, ich will nicht, daß ihr vor Gott zittert; vielmehr sollt ihr Vertrauen in seine Güte haben. Sowohl ihr, die ihr bleibt, als auch ihr, die ihr nun geht, denkt alle daran, daß ihr, wenn ihr es wie die klugen Jungfrauen macht, gerufen werdet, nicht nur, um dem Bräutigam das Geleit zu geben, sondern wie die junge Esther, die anstelle Waschtis Königin wurde, auserwählte Bräute zu sein, da der Bräutigam in euch jede Anmut und Gunst vor jeder anderen gefunden hat. Ich segne euch, die ihr gehen müßt. Tragt in euch und zu den Gefährten dieses mein Wort. Der Friede des Herrn sei allezeit mit euch!»

Jesus nähert sich den Landarbeitern, um sie noch einmal zu grüßen, aber Johannes von Endor flüstert ihm zu: «Meister, Judas ist da ...»

«Das ist gleichgültig! Begleite sie zum Wagen und tue, was ich dir aufgetragen habe.»

Die Versammlung löst sich langsam auf. Viele reden noch mit Lazarus, und dieser wendet sich an Jesus, läßt die Leute stehen und sagt: «Meister, bevor du uns verläßt, sprich noch einmal zu uns. Die Leute von Bethanien wünschen es.»

«Der Abend sinkt hernieder. Er ist friedlich und klar. Wenn ihr euch auf dem gemähten Heu versammeln wollt, will ich noch einmal sprechen, bevor ich diesen freundlichen Ort verlasse. Oder sonst morgen, bei Sonnenaufgang, denn es ist schon spät.»

«Später! Aber diesen Abend!» schreien alle.

«Wie ihr wollt. Geht nun! Zur Mitte der ersten Nachtwache werde ich zu euch reden ...»

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247. DAS GLEICHNIS VOM KÖNIG, DER SEINEM SOHN DIE HOCHZEIT BEREITET

Jesus ist wirklich unermüdlich. Während die Sonne mit letztem rötlichen Schein verschwindet, und vereinzelt, noch unsicher, die ersten Grillen zirpen, begibt sich Jesus auf ein erst vor kurzem gemähtes Feld, auf dem das trocknende Gras einen dichten, weichen, duftenden Teppich bildet. Ihm folgen die Apostel, die Marien, Martha und Lazarus mit der Hausgemeinschaft, Isaak mit den Jüngern und, könnte man sagen, ganz Bethanien. Unter den Bediensteten befinden sich auch der Greis und die Frau, die beiden, die auf dem Berg der Seligkeiten Trost für ihre Tage gefunden haben. Jesus bleibt stehen, um den Patriarchen zu segnen, der ihm weinend die Hand küßt und das Kind streichelt, das an der Seite Jesu geht, und ihm sagt: «Glücklich bist du, der du ihm folgen darfst! Sei brav und sei aufmerksam, Sohn! Du hast ein großes Glück, ein großes Glück! Über deinem Haupt schwebt eine Krone. Oh, du Glücklicher!»

Als alle Platz genommen haben, beginnt Jesus zu reden: «Die armen Freunde sind abgereist. Sie hatten es so nötig, in der Hoffnung, ja in der Gewißheit bestärkt zu werden; ein kleines Wissen genügt, um in das Reich aufgenommen zu werden; es genügt ein Mindestmaß an Wahrheit, auf welcher der gute Wille aufbauen kann. Nun spreche ich zu euch, die ihr viel weniger unglücklich seid, da es euch materiell besser geht und ihr eine größere Hilfe vom Wort erhält. Meine Liebe erreicht sie nur in Gedanken. Euch erreicht meine Liebe auch mit dem Wort. Daher werdet ihr im Himmel und auf Erden mit größerer Strenge behandelt; denn, wem viel gegeben wurde, von dem wird auch viel verlangt. Sie, die armen Freunde, die in ihre Galeere zurückkehren, können nur ein Minimum Gutes haben; und sie haben dagegen ein Maximum an Leid. Ihnen gilt daher nur das Versprechen des Wohlwollens, denn alles andere wäre überflüssig. Wahrlich, ich sage euch, ihr Leben ist Buße und Heiligkeit, und mehr darf ihnen nicht zugemutet werden. Und in Wahrheit sage ich euch, daß sie wie die klugen Jungfrauen ihre Lampen bis zur Stunde der Abberufung nicht erlöschen lassen.

Erlöschen lassen? Nein! Ihr ganzes Gut ist dieses Licht. Sie können es nicht erlöschen lassen. Wahrlich, ich sage euch, so wie ich im Vater bin, so sind die Armen in Gott, und darum wollte ich, das Wort des Vaters, arm geboren werden und arm bleiben. Denn unter den Armen fühle ich mich dem Vater näher, der die Armen liebt und von diesen mit ihrer ganzen Kraft geliebt wird. Die Reichen haben viele Dinge. Die Armen haben nur Gott. Die Reichen haben Freunde. Die Armen sind allein. Die Reichen haben vielen Trost. Die Armen haben keinen Trost. Die Reichen haben Vergnügen. Die Armen haben nur ihre Arbeit. Für die Reichen wird alles durch das Geld erleichtert. Die Armen haben das Kreuz der Angst vor

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Krankheit und Mißernten; denn diese bedeuten für sie Hunger und Tod. Aber die Armen haben Gott als ihren Freund und Tröster. Er ist es, der sie ablenkt von ihrer betrüblichen Gegenwart durch himmlische Hoffnungen. Er ist es, zu dem sie sagen können, und sie tun es auch, weil sie arm, demütig und allein sind: "Vater, steh uns mit deiner Barmherzigkeit bei."

Was ich hier auf dem Besitz des Lazarus, meines und des Freundes Gottes sage, kann eigenartig klingen, da Lazarus sehr reich ist. Doch Lazarus ist eine Ausnahme unter den Reichen; denn Lazarus hat die Tugend erreicht, die am seltensten auf Erden zu finden ist und noch seltener nach Anweisung anderer ausgeübt werden kann: die Tugend der Freiheit vom Reichtum. Lazarus ist gerecht. Er fühlt sich jetzt nicht beleidigt. Man kann ihn nicht beleidigen, denn er weiß, daß er der Reiche-Arme ist und mein verdeckter rügender Vorwurf nicht ihm gilt. Lazarus ist gerecht. Er anerkennt, daß es in der Welt der Großen so ist, wie ich sage. Daher spreche ich und sage: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, leichter gelangt ein Armer zu Gott als ein Reicher, und im Himmel meines und eures Vaters werden viele Sitze von denen besetzt sein, die auf Erden verachtet wurden, weil sie geringer als der Staub waren, der zertreten wird.

Die Armen bewahren in ihren Herzen die Perlen der Worte Gottes. Sie sind ihr einziger Schatz. Wer nur einen Schatz hat, der wacht darüber. Wer viele hat, langweilt sich und ist zerstreut, ist hochmütig und sinnlich. Daher bewundert er nicht mit demütigen und verliebten Augen den Schatz, den Gott ihm gegeben hat. Er mischt ihn unter andere Dinge, die nur scheinbar wertvoll sind, Schätze, die den Reichtum der Erde bilden, und denkt dabei: "Es ist eine Herablassung meinerseits, wenn ich die Worte von einem annehme, der mir dem Fleische nach gleich ist." Er stumpft seine Fähigkeit, das zu kosten, was übernatürlich ist, mit dem starken Geruch der Sinnlichkeit ab. Starke Gerüche! Ja, sehr gewürzte; um den Gestank und Verwesungsgeruch zu überdecken.

Aber hört, und ihr werdet besser verstehen, warum Reichtümer und Schwelgereien den Eintritt ins Himmelreich versperren.

Ein König bereitete die Hochzeit seines Sohnes vor. Ihr könnt euch vorstellen, was das für ein Fest im Königreich war. Er war sein einziger Sohn, und da er das richtige Alter erreicht hatte, heiratete er seine Auserwählte. Der Vater und König wollte, daß die Freude seines Sohnes, der endlich Bräutigam seiner Vielgeliebten war, nur von Freude umgeben sei. Zu den vielen Feiern gehörte auch ein großes Festmahl. Er ließ es gut vorbereiten und überwachte selbst alle Einzelheiten, damit es herrlich und des Königssohnes würdig werde.

Er sandte auch rechtzeitig seine Diener aus, um Freunde, Verbündete und auch die Vornehmen seines Reiches zu unterrichten, daß die Hochzeit an einem festgelegten Tag stattfinde; daß sie eingeladen seien und kommen sollten, um einen würdigen Hof für den Sohn zu bilden. Aber die

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Freunde, die Verbündeten und die Vornehmen des Reiches nahmen die Einladung nicht an.

Der König, der im Zweifel darüber war, daß die ersten Diener bestimmt genug gesprochen hatten, sandte noch andere aus, die sagen sollten: "Aber kommt doch! Wir bitten euch! Alles ist vorbereitet! Die Tafel ist gedeckt, kostbare Weine sind von überall her gebracht worden; in der Küche ist schon das Fleisch der Rinder und gemästeten Tiere aufgehäuft, um gebraten zu werden; Sklaven kneten den Teig für Süßwaren, andere zerstoßen in den Mörsern die Mandeln, um daraus feinste Leckereien zu backen, in die sie auserlesenste Aromen mischen. Die besten Tänzerinnen und Musiker sind für das Fest bestellt. Kommt also, damit all dieser Aufwand nicht vergeblich sei."

Aber die Freunde, die Verbündeten und die Großen im Reich lehnten entweder ab oder sagten: "Wir haben anderes zu tun." Einige taten so, als ob sie die Einladung annähmen, gingen dann aber ihren Geschäften nach, die einen auf dem Feld, die anderen im Handel, wieder andere auf weniger edlen Gebieten. Verärgerte nahmen sogar wegen des vielen Drängens den Diener fest und töteten ihn, um ihn zum Schweigen zu bringen, da er erklärt hatte: "Verweigere dem König diese Bitte nicht, denn es könnte dir zum Schaden gereichen!"

Die Diener kehrten zum König zurück und berichteten ihm alles. Der König wurde von Zorn erfüllt und sandte seine Soldaten aus, um die Mörder seiner Diener zu bestrafen und auch jene, die seine Einladung abgeschlagen hatten; und er nahm sich vor, jene zu belohnen, die zu kommen versprochen hatten. Aber am Abend des Festes, zur festgelegten Stunde, erschien kein einziger von allen. Der erzürnte König rief seine Diener und sagte: "Es darf nicht geschehen, daß mein Sohn an diesem Hochzeitsabend von niemand gefeiert wird. Das Hochzeitsmahl ist bereit, aber die Eingeladenen sind dessen nicht wert. Das Hochzeitsmahl meines Sohnes muß jedoch stattfinden. Geht daher auf die Straßen, stellt euch an die Wegkreuzungen, haltet die Vorübergehenden auf, versammelt die Rastenden und bringt sie hierher, damit der Saal voll werde mit feiernden Menschen."

Die Diener gingen hinaus auf die Straßen, verstreuten sich auf die Plätze, stellten sich an die Wegkreuzungen und versammelten alle, die sie finden konnten, Gute und Böse, Reiche und Arme. Sie brachten sie zum königlichen Palast und gaben ihnen das Nötige, um würdig im Saale des Hochzeitsmahles erscheinen zu können. Dann führten sie alle hin, und der Saal füllte sich, wie der König es gewünscht hatte, mit fröhlichen Menschen.

Doch als der König den Saal betrat, um nachzusehen, ob das Fest beginnen könne, sah er einen, der ungeachtet der von den Dienern geleisteten Hilfe kein Festkleid trug. Er fragte ihn: "Warum bist du ohne Festkleid

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hereingekommen?" Doch jener wußte nichts zu antworten, denn es gab keine Entschuldigungsgründe. Da rief der König die Diener herbei und sagte zu ihnen: "Nehmt diesen, bindet ihn an Händen und Füßen und werft ihn hinaus aus meinem Haus in die Finsternis und den eisigen Schlamm. Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen, wie er es verdient hat aufgrund seines Undankes und der mir zugefügten Beleidigung. Mehr noch als mich hat er meinen Sohn beleidigt, da er in ärmlichen, schmutzigen Kleidern den Festsaal betreten hat, in den niemand eintreten darf, der dessen und meines Sohnes nicht würdig ist."

Ihr seht also, daß die Interessen der Welt, der Geiz, die Sinnlichkeit und Grausamkeit den Zorn des Königs erwecken und den Menschen, die sich den Angelegenheiten der Welt widmen, den Eintritt in den königlichen Palast versperren. Und ihr seht, daß auch unter denen einer bestraft wird, die im Hinblick auf seinen Sohn gerufen worden sind.

Wie vielen auf dieser Welt hat Gott bis zum heutigen Tag sein Wort gesandt!

Die Verbündeten, die Freunde, die Großen seines Volkes hat Gott wirklich durch seine Diener eingeladen, und er wird sie immer dringender einladen, je näher die Stunde der Hochzeit rückt. Aber sie werden die Einladung nicht annehmen, denn sie sind falsche Verbündete, falsche Freunde und nur dem Namen nach Große; denn Niederträchtigkeit steckt in ihnen.»

Jesus läßt seine Stimme immer mehr anschwellen; seine Augen sind wahre Lichtbündel im Schein des Feuers, das für ihn und seine Zuhörer angezündet worden ist, um den Abend zu erhellen, da der im letzten Viertel stehende Mond erst spät aufgeht. «Ja, Niederträchtigkeit steckt in ihnen, und daher verstehen sie nicht, daß es eine Pflicht und eine Ehre für sie ist, der Einladung des Königs zu folgen.

Hochmut, Härte und Fleischeslust bilden ein Bollwerk in ihren Herzen. Und – Unglückliche, die sie sind! – sie hassen mich und wollen daher nicht zur Hochzeit kommen. Sie wollen nicht kommen. Sie ziehen der Hochzeit schmutzige Verbindungen mit der Politik, schmieriges Geld und schmutzigste Sinnenlust vor. Sie ziehen die schmählichen Berechnungen, Verschwörungen, heimtückischen Verschwörungen, die Täuschung und das Verbrechen vor.

Dies alles verurteile ich im Namen Gottes. Und gerade deshalb haßt man die Stimme, die spricht, und die Feste, zu welchen sie einlädt. In diesem Volk werden Henker der Diener Gottes, der Propheten gesucht. Die Propheten waren die Diener Gottes bis jetzt; meine Jünger sind die Diener von jetzt an. In diesem Volk werden Spötter Gottes gesucht, die sagen: "Ja, wir kommen", während sie im Innern denken: "Nie und nimmer." Das geschieht in Israel.

Damit der Sohn eine würdige Hochzeitsfeier habe, schickt der König

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des Himmels seine Diener an die Wegkreuzungen, um jene einzuladen, die keine Freunde, keine Vornehmen und keine Verbündeten sind, sondern einfaches, vorüberziehendes Volk. Durch meine Hand, die Hand des Sohnes und Dieners Gottes, ist schon mit der Ernte begonnen worden.

Wer es auch sein mag, kann kommen... Es sind ihrer schon gekommen. Ich helfe ihnen, sich rein und schön für das Hochzeitsfest zu machen. Aber es sind Menschen darunter, die zu ihrem Unglück von der Hochherzigkeit Gottes Wohlgerüche und königliche Gewänder annehmen, um sich selbst erscheinen zu lassen, was sie nicht sind. als reich und würdig; sie mißbrauchen die Güte, um in unwürdiger Weise zu verführen und zu verdienen... Individuen mit niederträchtiger Seele in den Fängen des abstoßenden Polyps der Laster. Sie unterschlagen wohlriechende Essenzen und Gewänder, um unerlaubten Gewinn daraus zu ziehen und sie nicht für die Hochzeit des Königssohnes, sondern für ihre Hochzeit mit dem Satan zu verwenden.

Dies alles wird geschehen, denn viele sind berufen, aber nur wenige, die in der Berufung auszuharren verstehen, auserwählt.

Es wird aber auch geschehen, daß diese Hyänen, die das Aas der lebendigen Nahrung vorziehen, zur Strafe aus dem Festsaal in die Finsternis des ewigen Sumpfes geworfen werden, in welchem Satan bei jedem Sieg über eine Seele sein schreckliches Gelächter ausstößt, und in dem auf ewig das Klagen der Verzweiflung der Törichten ertönt, die dem Bösen folgten statt der Güte, die sie gerufen hatte.

Erhebt euch und laßt uns zur Ruhe gehen. Ich segne euch alle, ihr Bewohner von Bethanien, alle. Ich segne euch und schenke euch meinen Frieden. Und ich segne besonders dich, Lazarus, mein Freund, und dich, Martha. Ich segne meine alten und meine neuen Jünger, die ich in die Welt sende, um zur Hochzeit des Königs einzuladen. Kniet euch alle nieder, ich will euch alle segnen.

Petrus, sag das Gebet, das ich euch gelehrt habe; sage es hier, an meiner Seite stehend, denn so muß es von dem gesagt werden, der von Gott dazu bestimmt ist.»

Die ganze Versammlung kniet nieder im Heu. Nur Jesus steht in seinem Leinenkleid groß und schön da, Petrus in seinem braunen Gewande neben ihm, ist aufgeregt, beinahe zitternd. Er betet mit seiner nicht schönen, aber männlichen Stimme langsam, aus Angst, einen Fehler zu machen: «Vater unser...»

Man hört vereinzelt Schluchzen... von Männern, von Frauen... Margziam, der vor Maria kniet, die seine gefalteten Händchen hält, blickt mit einem engelgleichen Lächeln zu Jesus auf und sagt leise: «Schau, Mutter, wie schön er ist! Und wie schön ist auch mein Vater! Es ist wie im Himmel... Wird auch meine Mama hier sein und uns sehen?»

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Und Maria antwortet mit einem Flüstern, das in einem Kuß endet: «Ja, Lieber, sie ist hier; sie lernt das Gebet.»

«Und ich, lerne ich es auch?»

«Sie wird es dir in die Seele flüstern, während du schläfst, und ich wiederhole es dir tagsüber.»

Das Kind legt das braune Köpfchen zurück an die Brust Marias und bleibt so, während Jesus mit dem stets feierlichen Segen des Moses segnet.

Dann erheben sich alle und gehen in ihre Häuser. Nur Lazarus folgt Jesus und geht mit ihm in das Haus Simons, um noch mit ihm zu sein. Auch die anderen treten ein. Iskariot setzt sich beschämt in eine halbdunkle Ecke. Er wagt nicht, sich Jesus zu nähern, wie die anderen...

Lazarus beglückwünscht Jesus. Er sagt: «Oh, es tut mir so leid, dich fortgehen zu sehen. Aber ich bin sehr glücklich, daß du uns nicht schon vorgestern verlassen hast!»

«Warum, Lazarus?»

«Du kamst mir so traurig und müde vor... Du hast nicht gesprochen, hast kaum gelächelt... Gestern und heute bist du wieder mein heiliger, guter Meister geworden; das erfüllt mich mit Freude ...»

«Ich war es auch, als ich schwieg...»

«Du warst es. Aber du bist die Abgeklärtheit und das Wort. Das erwarten wir von dir. Wir trinken an diesen Quellen unsere Kraft. Und da schienen diese Brunnen versiegt zu sein; und unser Durst war quälend... Du hast gesehen, daß auch die Heiden überrascht waren und gekommen sind, dich aufzusuchen ...»

Iskariot, dem sich Johannes des Zebedäus genähert hatte, wagt nun zu sprechen: «Stimmt, sie hatten auch mich gefragt... denn ich war in der Nähe der Burg Antonia, in der Hoffnung, dich dort anzutreffen.»

«Du wußtest, wo ich war», entgegnet Jesus kurz.

«Ich habe es gewußt; aber ich hoffte, daß du nicht jene enttäuschst, die auf dich warteten. Auch die Römer waren enttäuscht. Ich weiß nicht, warum du so gehandelt hast.»

«Und du fragst mich das? Bist du nicht auf dem laufenden über die Umtriebe des Synedriums, der Pharisäer und noch anderer, die mich betreffen?»

«Wie? Hattest du Angst?»

«Nein, Ekel. Letztes Jahr, als ich allein war, einer allein gegen die ganze Welt, die nicht einmal wußte, daß ich Prophet bin, habe ich bewiesen, daß ich keine Angst habe. Und du bist ein Erwerb meiner Furchtlosigkeit. Ich habe meine Stimme erhoben gegen eine ganze Menge von Schreihälsen. Ich habe dem Volk die Stimme Gottes vernehmen lassen, welche sie vergessen hatte. Ich habe das Haus des Herrn vom materiellen Schmutz gereinigt, der darin herrschte; ich habe nicht gehofft, es von noch viel schlimmerem moralischem Schmutz, der sich dort eingenistet hat, reinigen zu

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können, weil ich die Zukunft der Menschen kenne. Ich habe nur meine Pflicht erfüllt, im Eifer für das Haus des ewigen Herrn, das in einen lärmigen Markt mit Händlern, Wucherern und Dieben verwandelt worden war; ich wollte alle aus ihrer Trägheit aufrütteln, welche die Jahrhunderte priesterlicher Nachlässigkeit in einen geistigen Todesschlaf versetzt hatten. Ich habe mein Volk zusammengeläutet, um es zu Gott zu führen. Dieses Jahr bin ich zurückgekehrt; ich habe gesehen, daß der Tempel um nichts besser geworden ist... ja, noch schlimmer! Nicht mehr eine Spelunke der Diebe, sondern ein Ort der Verschwörung ist er. Er wird ein Ort des Verbrechens, dann eine Fuchshöhle und schließlich zerstört werden von einer Kraft, die mächtiger ist als die Samsons; und eine Kaste wird zermalmt, die unwürdig ist, sich heilig zu nennen. Es wäre unnütz, an diesem Ort zu reden, an dem mir – du erinnerst dich – verboten wurde, zu reden. Glaubensloses Volk! Volk, in seinen Häuptern vergiftet, verbietet, daß das Wort Gottes in seinem Haus spricht! Es ist mir verboten worden. Ich habe geschwiegen aus Liebe zu den Kleinen.

Die Stunde meiner Hinrichtung ist noch nicht gekommen. Zu viele brauchen mich noch, und meine Apostel sind noch nicht kräftig genug, um meine Nachkommenschaft in ihre Arme schließen zu können: die weit.

Weine nicht, Mutter! Verzeih deinem Sohn, du Gute, sein Bedürfnis, jedem, der sich täuscht oder täuschen lassen will, die Wahrheit zu sagen, die ich kenne... Ich schweige; aber wehe denen, für die Gott schweigt! ... Mutter, Margziam, weint nicht! ... Ich bitte euch. Niemand soll weinen.»

Aber in Wirklichkeit weinen alle mehr oder weniger schmerzlich.

Judas, totenbleich in seinem gelb-rot gestreiften Gewand, wagt noch mit einer kläglichen und lächerlichen Stimme zu sagen: «Glaube mir, Meister, ich bin erstaunt und betrübt... Ich weiß nicht, was das heißen soll... Ich weiß von nichts... Es ist wahr, daß ich niemand im Tempel gesehen habe. Ich habe die Verbindungen zu allen abgebrochen... Aber wenn du es sagst, muß es wahr sein...»

«Judas! ... Auch Sadok hast du nicht gesehen?»

Judas läßt den Kopf sinken und murmelt: «Er ist ein Freund. Als solchen habe ich ihn gesehen. Nicht als einen vom Tempel ...»

Jesus antwortet nicht. Er wendet sich an Isaak und Johannes von Endor und gibt ihnen noch Anweisungen über ihre Arbeit.

Unterdessen trösten die Frauen Maria, die weint, und das Kind weint, weil es Maria weinen sieht.

Auch Lazarus und die Apostel sind traurig. Doch Jesus geht zu ihnen. Er hat wieder sein sanftes Lächeln; während er die Mutter umarmt und das Kind liebkost, sagt er: «Nun lebt wohl, ihr, die ihr hierbleibt; denn beim Morgengrauen wollen wir aufbrechen. Leb wohl, Lazarus! Leb wohl, Maximinus! Joseph, ich danke dir für alle Aufmerksamkeit, die du

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meiner Mutter und den Jüngern erwiesen hast, während sie auf mich gewartet haben. Danke für alles. Und du, Lazarus, segne Martha noch einmal in meinem Namen. Ich werde bald wiederkommen. Beruhige dich, Mutter! Auch ihr, Maria und Salome, wenn ihr mitkommen wollt.»

«Natürlich kommen wir!» sagen die beiden Marien.

«Dann zur Ruhe! Der Friede sei mit allen. Gott sei mit euch.» Er macht ein Zeichen des Segens und geht hinaus, das Kind an der Hand führend und die Mutter umarmend.

Der Aufenthalt in Bethanien ist zu Ende.

248. NACH BETHLEHEM MIT DEN APOSTELN UND DEN JÜNGERN

Beim ersten Morgengrauen sind sie von Bethanien aufgebrochen; Jesus geht mit seiner Mutter, Maria des Alphäus und Maria Salome nach Bethlehem, gefolgt von den Aposteln, denen Jabe vorauseilt und sich an allem, was er sieht, erfreut: an den aufgescheuchten Schmetterlingen, den zwitschernden Vögeln, die auf dem Weg Körnchen picken, an den Blumen, die mit diamantenen Tautropfen bedeckt sind, an einer herankommenden Herde mit vielen blökenden Lämmern. Nachdem sie den rauschenden Bach überquert haben, der im Süden von Bethanien fröhlich schäumend über die Steine fließt, schlagen sie die Richtung nach Bethlehem ein. Sie befinden sich nun zwischen zwei Hügelketten, die ganz von grünen Olivenhainen und Weinbergen bedeckt sind, während kleine goldfarbene Äcker schon darauf warten, gemäht zu werden. Das Tal ist kühl, und der Weg einigermaßen bequem.

Simon des Jonas geht rascher und holt die Gruppe Jesu ein. Er fragt: «Geht es hier nach Bethlehem? Johannes sagt, das letzte Mal habt ihr einen anderen Weg genommen.»

«Das ist wahr», antwortet Jesus. «Damals kamen wir von Jerusalem. Dieser Weg ist kürzer. Am Grabmal der Rachel, das die Frauen sehen wollen, werden wir uns trennen, wie wir es schon besprochen haben. Wir werden uns dann in Bethsur wiedersehen, wo meine Mutter etwas bleiben möchte.»

«Ja, das haben wir, wie gesagt, vorgesehen. Aber es wäre schön, wenn wir alle nach Bethlehem gingen... ganz besonders die Mutter... denn schließlich ist sie die Königin von Bethlehem und von der Grotte, und sie weiß alles ganz genau... Wenn wir es von ihr hörten, wäre es doch etwas ganz anderes.»

Jesus lächelt und blickt Simon an, der seinen Wunsch so liebevoll ausspricht.

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«Welche Grotte, Vater?» fragt Margziam.

«Die Grotte, in der Jesus geboren wurde.»

«Oh, schön, da gehe ich mit! ...»

«Es wäre wirklich schön», sagen Maria des Alphäus und Salome.

«Sehr schön! ... Es wäre ein Zurückkehren in die Zeit, als die Welt dich noch nicht kannte, das ist wahr... aber dich auch noch nicht haßte. Da könnten wir die Liebe der Einfachen wiederfinden, die nichts anderes kannten, als glauben und lieben in Demut und Vertrauen... Da könnte ich die Last der Bitterkeit ablegen, die auf meinem Herzen liegt, seit ich dich so gehaßt weiß, und sie niederlegen dort in deine Krippe... Es muß dort noch etwas von der Süßigkeit deines Blickes, deines Atems und deines noch unsicheren Lächelns zurückgeblieben sein. Das würde mein Herz erfreuen... Es ist ja so verbittert...» sagt Maria leise voller Sehnsucht und Trauer.

«So wollen wir hingehen, Mama. Du wirst uns führen. Heute bist du die Lehrerin; ich bin das Kind, das lernt.»

«Oh, Sohn! Nein, du bist stets der Lehrer...»

«Nein, Mama, Simon des Jonas hat es gut gesagt. In Bethlehem bist du die Königin. Es ist dein erstes Schloß. Maria aus dem Geschlechte Davids, führe dieses kleine Volk in dein Haus.»

Iskariot möchte reden, doch er schweigt. Jesus, der seine Bewegung bemerkt und verstanden hat, sagt: «Wenn jemand aus Müdigkeit oder aus einem anderen Grund nicht mitkommen will, kann er selbstverständlich nach Bethsur gehen.» Niemand erwidert etwas darauf.

Sie folgen der Straße durch das grüne Tal in Richtung Ost-West. Dann biegen sie leicht nach Norden ab, an einem Hügel entlang, der vorsteht, und erreichen so die Straße, die von Jerusalem nach Bethlehem führt, gerade in der Nähe des mit einer Kuppel gekrönten Würfels des Grabmals der Rachel. Dort verweilen sie in ehrfürchtigem Gebet.

«Hier haben Joseph und ich Rast gemacht... Es ist alles noch so wie damals. Nur die Jahreszeit ist nicht dieselbe. Damals war es ein kalter Tag im Kislew. Es hatte geregnet, und die Straßen waren schlammig geworden. Ein eisiger Wind wehte, und in der Nacht war Rauhreif entstanden. Die Straßen waren hart gewesen; jetzt aber sind sie voller Furchen von Karren und Menschenscharen. Sie waren wie ein Meer voller Schiffe; mein Eselchen hatte große Mühe...»

«Und du nicht, meine Mutter?»

«Oh, ich hatte dich! ...» und sie blickt ihn mit solch glückstrahlenden Augen an, daß es alle rührt. Dann fährt sie fort: «Der Abend kam, und Joseph war sehr in Sorge. Es kam ein immer stärkerer, bissiger Wind auf... Die Leute hatten es eilig, nach Bethlehem zu kommen; sie stießen und drängten einander, und viele schimpften auf mein Eselchen, das so langsam lief und vorsichtig abtastete, wohin es seine Hufe setzte... Es war,

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als ob es gewußt hätte, daß du dabei warst und einen letzten Schlummer in der Wiege meines Schoßes hieltest. Es war sehr kalt. Doch mein Herz glühte. Ich spürte dich kommen. Kommen? Du könntest sagen: "Ich war schon seit neun Monaten bei dir, Mama! Ja, aber nun war es, als ob du vom Himmel kämest. Die Himmel neigten sich über mich; ich sah ihren Lichterglanz... Ich sah die Gottheit leuchten in ihrer Freude über deine bevorstehende Geburt; und Gluten drangen in mich ein, sie entflammten mich, sie enthoben mich allem... Kälte, Wind, Mensch! Nichts! Ich sah Gott... Ab und zu gelang es mir, meinen Geist auf die Erde zurückzurufen, und ich lächelte Joseph zu, der meinetwegen Angst vor der Kälte und der Anstrengung hatte; er führte das Eselchen und befürchtete ständig, es könnte stolpern. Er hüllte mich in die Decke ein aus Angst, ich könnte mich erkälten... Doch mir konnte nichts geschehen. Die Stöße spürte ich nicht. Ich hatte das Gefühl, auf einem Sternenpfad zu wandeln, zwischen leuchtenden Wolken und von Engeln getragen... Und ich lächelte... zuerst dir zu... Ich schaute dich an, durch die Schranken des Fleisches, wie du mit geschlossenen Fäustchen in deinem Bettchen von lebenden Rosen schlummertest, meine Lilienknospe! Dann lächelte ich dem so betrübten Bräutigam zu, um ihn zu ermutigen... dann den Leuten, die nichts ahnten von der Morgenröte ihres Erlösers.

Wir machten am Grabmal der Rachel Rast, um das Eselchen ausruhen zu lassen und ein wenig Brot und Oliven, unsere Nahrung der Armen zu essen. Aber ich hatte keinen Hunger. Ich konnte keinen Hunger haben; ich wurde genährt von meiner Freude... Wir nahmen den Weg wieder auf... Kommt, ich zeige euch, wo wir dem Hirten begegnet sind... Habt keine Angst, daß ich mich irre. Ich erlebe diese Stunde und finde jeden Ort wieder; denn ich sehe alles durch ein großes engelhaftes Licht. Vielleicht ist die Schar der Engel wieder hier, dem Körper unsichtbar, aber den Seelen mit ihrem leuchtenden Schein gut sichtbar, und alles enthüllt sich, und alles wird gezeigt. Sie können nicht irren, und sie führen mich, zu meiner und zu eurer Freude. Hier... Vom Feld dort zu diesem hier kam Elias mit seinen Schafen, und Joseph bat ihn um Milch für mich. Da auf der Wiese machten wir Rast, während er die warme Milch melkte, die mich erquickte, und Joseph seine Weisungen erteilte.

Kommt, kommt! Hier, hier ist der Pfad durch das letzte Tälchen vor Bethlehem. Wir haben diesen genommen, denn die Hauptstraße in der Nähe der Stadt war zu sehr von Leuten und Reittieren überfüllt... Dort ist Bethlehem! Oh, liebe, teure Erde meiner Väter, die du mir den ersten Kuß meines Sohnes geschenkt hast. Du hast dich geöffnet, duftend wie gutes Brot, von dem du den Namen trägst (Bethlehem bedeutet Haus des Brotes), um der an Hunger sterbenden Menschheit das wahre Brot zu geben! Du hast mich umschlungen, du, in der die mütterliche Liebe Rachels erhalten geblieben ist, wie eine Mutter; heilige Erde des davidischen Bethlehem,

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erster Tempel des Erlösers, Morgenstern aus Jakob geboren, um die Öffnung der Himmel über der ganzen Menschheit kundzutun! Betrachtet Bethlehem, wie schön es im Frühjahr ist! Aber auch damals war es schön, obgleich die Felder öde und die Weingärten kahl waren. Ein leichter Schleier von Rauhreif verwandelte die nackten Zweige, und sie schienen mit Diamanten bestreut, als wären sie in einen unberührbaren, paradiesischen Schleier gehüllt. Jedes Haus rauchte wegen des bevorstehenden Nachtmahls aus seinem Kamin, und der Rauch, der in Schwaden bis zum Hügel dort aufstieg, ließ die Stadt ebenfalls verschleiert erscheinen. Alles war keusch, gesammelt, in Erwartung... Auf dich, auf dich, mein Sohn! Die Erde spürte dein Kommen... Und auch die Bethlehemiten hätten dich gespürt, denn sie sind nicht böse, auch wenn ihr es nicht glauben wollt. Sie konnten uns nicht beherbergen... In den guten und ehrbaren Häusern Bethlehems drängten sich jene, die wie immer arrogant, taub und hochmütig waren und es auch noch heute sind; sie konnten dich nicht spüren... Wie viele Pharisäer, Sadduzäer, Herodianer, Schriftgelehrte und Essener waren da! Oh, ihr starrsinniges Wesen von heute kommt daher, daß sie schon damals so hartherzig waren. Sie haben an jenem Abend ihr Herz der Liebe für ihre arme Schwester verschlossen; sie sind so geblieben und werden auch in Zukunft in der Finsternis bleiben. Sie haben Gott schon damals abgewiesen, da sie nichts von der Liebe zum Nächsten wissen wollten.

Kommt, laßt uns zur Grotte gehen! Es ist unnötig, in die Stadt zu treten. Die liebsten Freunde meines Kindes sind nicht mehr. Es genügt die Freundin Natur mit ihren Felsen, ihrem Bach und ihrem Gehölz, um Feuer machen zu können. Die Natur hat das Kommen ihres Herrn gespürt. Kommt! Hier muß man abbiegen... Dies sind die Trümmer des Davidsturmes. Oh, sie sind uns teurer als ein Königreich! Gesegnete Ruinen! Gesegneter Bach! Gesegneter Baum, der du dich wie durch ein Wunder im Wind vieler Zweige entledigtest und uns Holz botest, um Feuer zu machen!»

Maria geht behend zur Grotte hinab, übersteigt den kleinen Bach auf einem Brett, das als Brücke dient, eilt auf den Platz vor den Trümmern und fällt am Eingang der Grotte auf die Knie. Sie neigt sich und küßt den Boden. Alle anderen folgen ihr. Sie sind erschüttert... Das Kind, das sie nicht einen Augenblick aus den Augen läßt, scheint einer wunderbaren Geschichte zu lauschen, und seine schwarzen Äuglein trinken die Worte und Gesten Marias, ohne auch nur eine davon zu verlieren.

Maria erhebt sich und geht hinein. «Alles, alles wie damals! ... Doch damals war es Nacht! Joseph machte Licht, als ich eintrat. Da, und nur da, als ich vom Eselchen abstieg, spürte ich, wie müde und durchfroren ich war... Ein Ochse begrüßte uns, und ich ging zu ihm hin, um mich ein wenig zu wärmen... um mich aufs Heu zu legen... Hier, wo ich stehe, breitete

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Joseph das Heu aus, um mir ein Lager herzurichten; er trocknete es für mich, wie auch für dich, Jesus, am Feuer, das dort in der Ecke brannte; denn er war gut wie ein Vater in seiner Liebe als Bräutigam-Engel... Wir hielten uns bei den Händen wie zwei verirrte Geschwister im Dunkel der Nacht; und wir aßen unser Brot und unseren Käse; dann ging er hin, das Feuer zu schüren. Er legte den Mantel ab, um ihn zum Schutz vor die Öffnung zu hängen... In Wirklichkeit senkte er einen Schleier vor die Herrlichkeit Gottes, die vom Himmel kam... du, mein Jesus!

Ich lag auf dem Heu in der Wärme der beiden Tiere, eingehüllt in einen Mantel und die Wolldecke... Mein lieber Bräutigam!

In der angstvollen Stunde, in der ich allein war mit dem Geheimnis der ersten Mutterschaft, die immer voller Ungewißheit für eine Frau ist und es auch für mich in meiner einzigen Mutterschaft war, geheimnisvoll auch, den Sohn Gottes aus sterblichem Fleisch erstehen zu sehen! Er, Joseph, war mir wie eine Mutter, war wie ein Engel; und er war mir Trost... damals und immer!

Und dann das Schweigen und der Schlummer, die niedersanken, um den Gerechten einzuhüllen, damit er nicht sehen konnte, was für mich der tägliche Kuß Gottes war... Und für mich, nach der Unterbrechung für die leiblichen Bedürfnisse, Wogen, unermeßliche Wogen der Ekstase, die aus dem paradiesischen Meer kamen und mich aufs neue emporhoben auf den leuchtenden und immer höheren Kämmen, die mich trugen, hinauf, hinauf, hinauf, in einen Ozean voller Licht und Freude, voll des Friedens und der Liebe, bis ich mich verlor im Meer Gottes, im Schoße Gottes... Noch eine Stimme von der Erde: "Schläfst du, Maria?" Oh, so weit entfernt! Ein Echo, eine Erinnerung an die Erde! Und so schwach, daß die Seele nicht erschrickt und nicht weiß, was sie antworten soll, während ich aufsteige, aufsteige in diesen Abgrund des Feuers, der unendlichen Seligkeit, der Vorahnung Gottes... bis zu ihm, zu ihm! Oh, aber du bist es, der mir geboren wurde, oder bin ich es, die von den drei Flammen dieser Nacht geboren wurde? Bin ich es, die dich geschenkt hat, oder hast du mich aufgesogen, um mich zu schenken? Ich weiß es nicht...

Dann der Abstieg, von Engelschor zu Engelschor, von Stern zu Stern, von Sphäre zu Sphäre, süß, sacht, selig, friedlich... wie eine Blume, die von einem Adler in die Höhe getragen und dann freigegeben, langsam auf den Flügeln der Lüfte niederschwebt, noch schöner geworden durch die Perlen des Taus und ein Stückchen Regenbogen am Himmel, das sie mitgenommen hat, um sich auf der heimatlichen Scholle wiederzufinden... Mein Diadem: du! Du an meinem Herzen...

Ich saß dort, nachdem ich dich auf den Knien angebetet hatte, und liebte dich! Endlich konnte ich dich liebhaben ohne die Schranken des Fleisches, und von dort habe ich dich zu dem getragen, der wie ich würdig war, dich als einer der ersten zu liebkosen. Dort, zwischen den beiden

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rohen Säulen, habe ich dich dem Vater aufgeopfert. Und dort hast du zum ersten Mal am Herzen Josephs geruht...

Dann habe ich dich in Windeln gewickelt, und zusammen haben wir dich dorthin gebettet. Ich wiegte dich in den Schlaf, während Joseph Heu am Feuer trocknete und es warmhielt, indem er es an seine Brust legte... Dann haben wir dich angebetet, so, über dich gebeugt, wie ich es jetzt tue, um deinen Atem zu trinken, um zu sehen, zu welcher Selbstverleugnung die Liebe führen kann; um aus Freude zu weinen, wie man nur im Himmel aus der unerschöpflichen Freude, Gott sehen zu dürfen, weinen kann.»

Maria, die beim Erzählen hin- und hergegangen ist, um die Stellen zu zeigen, von Liebe überwältigt, mit einem Tränenschimmer in den blauen Augen und einem Lächeln der Freude auf den Lippen, beugt sich nun über ihren Jesus, der sich auf einen großen Stein gesetzt hatte, während sie ihre Erinnerungen erzählt, und küßt ihn weinend auf die Haare, anbetend wie einst...

«Und dann die Hirten... sie hier drinnen, um mit ihrer guten Seele und dem großen Seufzer der Erde, der mit ihnen hereingekommen war, mit ihrem Geruch der Menschlichkeit, der Herden und des Heus, dich anzubeten; und draußen und überall die Engel, um dich mit ihrer Liebe, ihren Gesängen, die kein menschliches Geschöpf nachahmen kann, und der Liebe des Himmels, den Lüften des Himmels, die mit ihnen hereinwehten und die sie in ihrem Glanz mit sich trugen, zu preisen... Das war deine Geburt, Gesegneter!»

Maria ist an der Seite des Sohnes niedergekniet und weint vor Erregung, das Haupt auf seinen Knien... Niemand wagt eine Weile zu reden. Mehr oder weniger bewegt blicken die Anwesenden umher, als erwarteten sie, zwischen den Spinnweben und dem roten Gestein die beschriebene Szene gemalt zu sehen...

Maria erholt sich und sagt: «Nun habe ich die unendlich einfache und überaus großartige Geburt meines Sohnes geschildert, mit meinem Frauenherzen, nicht mit der Weisheit des Lehrers. Mehr gibt es nicht zu sagen, obwohl es das größte Weltereignis, verborgen unter den gewöhnlichsten Umständen, war!»

«Aber am Tag danach? Und an den darauffolgenden Tagen?» fragen mehrere, unter ihnen die beiden Marien.

«Am Tag danach? Oh, ganz einfach! Da war ich die Mutter, die das Kind stillte, es wusch und wickelte, wie es alle Mütter tun. Ich wärmte das Wasser vom Bach am Feuer, das draußen brannte, damit der Rauch die blauen Äuglein nicht zum Weinen reizte, und dann wusch ich mein Kind in einer geschützten Ecke in einer alten Schüssel und legte ihm frische Wäsche an. Und ich ging zum Bach, um die Windeln zu waschen und hängte sie zum Trocknen in der Sonne auf. Dann, die größte aller Freuden, legte

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ich Jesus an die Brust, und er trank und wurde rosig und glücklich... Am ersten Tag setzte ich mich auch in der wärmsten Stunde draußen hin, um ihn besser betrachten zu können. Drinnen war Zwielicht; Licht und Flamme gaben den Dingen ein verzerrtes Aussehen. Ich ging hinaus in die Sonne und betrachtete das fleischgewordene Wort. Da erkannte die Mutter den Sohn, und die Dienerin Gottes ihren Herrn. Und ich war Mutter und Anbeterin... Dann das Haus Annas. Die Tage an deiner Wiege, deine ersten Schritte, deine ersten Worte. Doch das geschah später, zu seiner Zeit. Nichts kam der Stunde deiner Geburt gleich ... Erst bei meiner Rückkehr zu Gott werde ich diese Fülle wiederfinden ...»

«Aber warum seid ihr so spät abgereist? Welch eine Unvorsichtigkeit! Warum konntet ihr nicht warten? Das Dekret sah doch einen verlängerten Termin für Ausnahmefälle, wie Geburten oder Krankheiten, vor! Alphäus sagte es ...» erklärt Maria des Alphäus.

«Warten? O nein! Am gleichen Abend, als Joseph die Nachricht brachte, hüpften wir, ich und du, Sohn, vor Freude. Das war der Ruf... denn hier, nur hier, solltest du geboren werden, wie es die Propheten vorhergesagt hatten. Das unvorhergesehene Dekret war wie ein barmherziger Himmel, der in Joseph auch die Erinnerung an seinen Verdacht auslöschte. Das war es, was ich erwartet hatte, deinetwegen und seinetwegen, für die jüdische Welt und für die zukünftige Welt, bis zum Ende der Zeiten. Es war vorhergesagt worden! Und so, wie es vorhergesagt war, so ist es geschehen! Warten? Kann eine Braut lange auf ihren Hochzeitstraum warten? Warum denn warten?»

«Aber was hätte alles passieren können!» sagt wieder Maria des Alphäus.

«Ich hatte keine Angst. Ich ruhte in Gott.»

«Aber hast du denn gewußt, daß alles so kommen werde?»

«Niemand hat es mir gesagt, und ich habe auch nicht darüber nachgedacht; um Joseph zu ermutigen, ließ ich ihn und auch euch im Zweifel über die Zeit der Niederkunft. Aber ich wußte, dies wußte ich, daß am Fest der Lichter das Licht der Welt geboren werde.»

«Warum hast du denn Maria nicht begleitet, Mutter? Und der Vater, warum hat er nicht daran gedacht? Auch ihr mußtet euch nach Bethlehem begeben! Sind denn nicht alle gegangen?» fragt Judas Thaddäus seine Mutter streng.

«Dein Vater hatte beschlossen, nach dem Lichterfest hierherzukommen, und sagte es seinem Bruder. Aber Joseph wollte nicht warten.»

«Aber du wenigstens...» fängt Judas Thaddäus wieder an.

«Rüge sie nicht, Judas! Wir hatten es gemeinsam für richtig gehalten, einen Schleier über das Geheimnis dieser Geburt zu breiten.»

«Aber wußte Joseph denn, daß es nach diesen Anzeichen geschehen werde? Wenn du es nicht gewußt hast, wie konnte er es wissen?»

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«Wir wußten nur, daß er geboren werde.» «Und dann?»

«Und dann hat uns die göttliche Weisheit so geleitet, wie es richtig war. Die Geburt Jesu, sein Erscheinen auf der Welt, sollte ohne Aufsehen erfolgen; denn ein allgemeines Aufsehen hätte Satan nur gereizt... Ihr seht, daß die augenblickliche Ablehnung des Messias in Bethlehem eine Folge der ersten Erscheinung Christi ist. Die Wut Satans benützte die Offenbarung, um Blut zu vergießen und durch das Blutvergießen Haß zu erzeugen! Bist du zufrieden, Simon des Jonas, weil du so still bist und kaum atmest ?»

«Sehr... So sehr, daß es mir vorkommt, außerhalb der Welt zu sein, an einem noch heiligeren Ort als hinter dem Tempelvorhang... So sehr, daß ich nun, da ich dich an diesem heiligen Ort im Lichte von damals gesehen habe, befürchte, dir nicht genügenden Respekt bezeugt zu haben; wie einer großen Frau, aber eben doch wie einer Frau... Nun werde ich nicht mehr wagen wie bisher Maria zu dir zu sagen. Vorerst bist du für mich die Mutter meines Meisters. Jetzt habe ich dich auf dem Kamm der himmlischen Wellen als Königin gesehen; ich Armseliger werde dies tun als Sklave, der ich bin.» Er wirft sich zu Boden und küßt Maria die Füße.

Nun sagt Jesus: «Simon, steh auf! Komm her zu mir!»

Petrus geht auf die linke Seite Jesu, denn Maria steht rechts.

«Was sind wir nun?» fragt Jesus.

«Wir? Nun, wir sind Jesus, Maria und Simon.» «Gut, aber wie viele sind wir?» «Drei, Meister.»

«Eine Dreiheit also. Eines Tages entstand in der göttlichen Dreifaltigkeit im Himmel ein Gedanke: "Jetzt ist die Zeit gekommen, daß das Wort auf die Erde gehe." Und in einem Herzschlag der Liebe kam das Wort zur Erde. Es trennte sich also vom Vater und vom Heiligen Geist. Es kam, um auf der Erde zu wirken. Im Himmel betrachteten die beiden Zurückgebliebenen die Werke des Wortes, und sie bleiben mehr denn je vereinigt, um in das auf der Erde wirkende Wort Gedanken und Liebe zu ergießen. Es wird der Tag kommen, an dem vom Himmel der Befehl ergehen wird: "Es ist Zeit, daß du zurückkehrst, denn alles ist erfüllt"; dann wird das Wort zum Himmel zurückkehren, so... (Jesus zieht sich einen Schritt zurück, während Maria und Simon stehen bleiben), und aus den Höhen des Himmels wird es dann die Werke der beiden auf der Erde Zurückgebliebenen betrachten, die aus heiligen Beweggründen sich enger zusammenschließen, um Macht und Liebe auszugießen und sie zum Mittel zu machen, mit dem der Wunsch des Wortes erfüllt wird: "Die Erlösung der Welt durch andauernde Unterweisung seiner Kirche." Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist werden aus ihren Strahlen ein Band machen, um die beiden auf der Erde Zurückgebliebenen immer fester aneinander zu ketten:

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meine Mutter, die Liebe, und dich Petrus, die Macht! Daher mußt du Maria wohl als Königin behandeln, ja, aber nicht wie ein Sklave. Meinst du nicht auch?»

«Ich will alles, was du willst. Ich bin vernichtet! Ich die Macht? Oh, wenn ich die Macht sein soll, dann muß ich mich auf sie stützen! Oh, Mutter meines Herrn, verlasse mich nicht! Nie! Nie! Nie!»

«Hab keine Angst. Ich werde dich immer an der Hand halten, so wie ich es mit meinem Kind tat, solange es nicht allein gehen konnte.»

«Und nachher?»

«Dann werde ich dir mit meinem Gebet beistehen. Auf, Simon, zweifle nie an der Macht Gottes! Ich habe nie daran gezweifelt; Joseph ebenfalls nicht. Auch du darfst nicht zweifeln. Gott hilft uns Stunde für Stunde, wenn wir demütig und treu bleiben... Nun kommt hinaus zum Bach, in den Schatten des guten Baumes, der uns, wenn der Sommer fortgeschritten wäre, außer dem Schatten auch seine Äpfel spenden würde. Kommt, wir wollen etwas essen, bevor wir weitergehen... Wohin, mein Sohn?»

«Nach Jala. Es ist nicht weit dorthin. Morgen werden wir nach Bethsur gehen.»

Sie setzen sich in den Schatten des Apfelbaumes, und Maria lehnt sich an den kräftigen Stamm.

Bartholomäus blickt sie unentwegt an, die junge und noch ganz in der Erinnerung verzückte Mutter, wie sie nun vom Sohn die gesegneten Speisen empfängt und ihm mit liebevollen Blicken zulächelt und er flüstert: «"In seinem Schatten habe ich mich ausgeruht, und seine Speise ist meinem Gaumen süß."»

Judas Thaddäus antwortet ihm: «Wahrlich, sie sehnt sich nach Liebe; aber man kann gewiß nicht sagen, daß sie unter einem Apfelbaum geweckt wurde.»

«Warum nicht, Bruder? Was wissen wir von den Geheimnissen des Königs?» entgegnet Jakobus des Alphäus.

Jesus sagt lächelnd: «Die neue Eva ist vom Gedanken zu Füßen des paradiesischen Apfelbaums empfangen worden, damit vor ihrem Lachen und ihrem Weinen die Schlange fliehe und die vergiftete Frucht entgiftet werde. Sie ist zum Baum der Frucht der Erlösung geworden. Kommt, Freunde, und eßt davon; denn sich nähren mit ihrer Süßigkeit heißt, sich mit dem Honig Gottes nähren.»

«Meister, erfülle mir einen alten Wunsch und antworte mir auf die Frage: Bezieht sich das Hohelied, das wir zitiert haben, auf sie?» fragt Bartholomäus leise, während Maria sich des Kindes annimmt und mit den Frauen spricht.

«Vom Anfang des Buches an ist von ihr die Rede, und von ihr werden die zukünftigen Bücher reden, bis das Wort des Menschen sich in das ewige

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Hosanna der ewigen Stadt Gottes verwandelt», und Jesus wendet sich den Frauen zu.

«Wie spürt man doch, daß es von David abstammt! Welche Weisheit, welche Poesie!» sagt der Zelote zu den Gefährten.

«Nun», mischt sich Iskariot ein, der noch unter dem Eindruck des Vortages steht und wenig spricht, obgleich er schon versucht, sich die üblichen Freiheiten herauszunehmen. «Nun, ich möchte wissen, warum die Menschwerdung erfolgen mußte. Nur Gott kann so reden, daß Satan machtlos wird. Nur Gott hat die Macht, die Erlösung zu bringen. Daran zweifle ich nicht. Ich meine nur, es wäre nicht nötig gewesen, daß das Wort sich so sehr erniedrige und selbst Mensch werde, sich allen Beschwerden der Kindheit und des Menschseins aussetze usw. Hätte es nicht in der Gestalt eines erwachsenen Menschen erscheinen können? Oh, wenn es absolut eine Mutter haben wollte, hätte es sich eine Adoptivmutter aussuchen können, wie es für den Nährvater geschehen ist. Ich glaube, diese Frage schon einmal gestellt zu haben, aber Jesus hat mir nicht ausführlich geantwortet, oder ich muß die Antwort vergessen haben.»

«Frag ihn doch! Wir sind noch beim Thema...» sagt Thomas.

«Ich tue es nicht. Ich habe ihn gekränkt und fühle, daß mir noch nicht vergeben worden ist. Fragt ihr ihn an meiner Stelle.»

«Aber entschuldige! Wir nehmen alles an ohne viele Erklärungen; jetzt sollen wir für dich fragen? Das ist nicht recht!» entgegnet Jakobus des Zebedäus.

«Was ist nicht recht?» fragt Jesus.

Erst herrscht betretenes Schweigen, dann macht sich der Zelote zum Sprecher für alle und wiederholt die Fragen des Judas von Kerioth und die Antworten der anderen.

«Ich kenne keinen Groll; das fürs erste. Ich mache die notwendigen Bemerkungen, leide und verzeihe. Dies für den, der infolge seiner Verwirrung Angst hat. Über meine Menschwerdung sage ich: "Es ist gut, daß es so gewesen ist." In Zukunft werden viele in bezug auf meine Menschwerdung dem Irrtum verfallen, mir Formen zuzuschreiben, die Judas irrtümlicherweise in mir sehen möchte. Man wird zum Beispiel sagen, daß ich scheinbar einen materiellen Körper hatte, in Wirklichkeit aber ungreifbar wie eine Lichterscheinung. Man wird behaupten, daß ich nicht wirklich Fleisch geworden bin, und daß die Mutterschaft Marias keine wirkliche gewesen ist. In Wahrheit aber bin ich Fleisch und in Wahrheit ist Maria die Mutter des fleischgewordenen Wortes. Wenn die Stunde der Geburt nur eine Ekstase war, dann deshalb, weil sie die neue Eva ohne die Last der Sünde und ohne die Erbschaft der Strafe ist. Aber es war für mich nicht erniedrigend in ihr zu ruhen. War denn vielleicht das im Tabernakel eingeschlossene Manna entehrt? Nein, es war vielmehr geehrt in dieser Behausung. Andere werden sagen, daß ich, weil ich nicht wirklich Fleisch

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war, nicht gelitten habe und nicht gestorben bin während meines Aufenthalts auf Erden. Ja, da man nicht leugnen kann, daß ich auf Erden war, wird man meine wirkliche Menschwerdung oder meine wahre Gottheit verneinen. Doch ich bin in Wirklichkeit auf ewig eins mit dem Vater, und ich bin im Fleisch mit Gott vereinigt, denn die Liebe hat wahrhaftig in ihrer Vollkommenheit das Unerreichbare erreicht und sich mit Fleisch bekleidet, um das Fleisch zu erlösen. Eine Antwort auf alle die Irrlehren ist mein ganzes Leben, das von der Geburt bis zum Tod Blut vergossen und sich allem unterworfen hat, was menschlich ist, außer der Sünde. Geboren, ja, von ihr! Und zu eurem Wohl. Ihr wißt nicht, wie sehr die Gerechtigkeit besänftigt worden ist, seit sie, die Frau, Mitwirkende ist. Habe ich dich zufriedengestellt, Judas?»

«Ja, Meister.»

«Nun tue du dasselbe mit mir.»

Iskariot neigt das Haupt, verwirrt und vielleicht auch wirklich etwas betroffen von so viel Güte.

Der Aufenthalt verlängert sich im kühlen Schatten des Apfelbaums. Die einen schlafen, die anderen träumen. Maria aber steht auf und geht in die Grotte zurück; Jesus folgt ihr...

249. AUF DEM WEG ZU ELISA IN BETHSUR

«Wir werden sie sicher finden, wenn wir einige Zeit dem Weg nach Hebron folgen. Ich bitte euch darum. Geht zu zweit auf die Suche nach ihnen auf den Gebirgspfaden. Von hier zu den Teichen Salomons, von dort nach Bethsur. Wir werden nachkommen. Hier ist ihr Weidegebiet», sagt der Herr zu den Zwölfen, und ich verstehe, daß er von den Hirten spricht.

Die Apostel schicken sich an, jeder mit seinem Lieblingsgefährten zu gehen, und nur das fast unzertrennliche Paar Johannes und Andreas bleibt nicht bestehen, denn beide gehen zu Iskariot und sagen: «Ich schließe mich dir an!» Judas antwortet: «Ja, komm Andreas! Es ist besser so, Johannes. Wir beide kennen die Hirten; es ist daher besser, wenn du mit einem anderen gehst.»

«Dann kommt der Junge mit mir», sagt Petrus und verläßt Jakobus des Zebedäus, der ohne Widerrede mit Thomas geht, während der Zelote mit Judas Thaddäus, Jakobus des Alphäus mit Matthäus und die beiden Unzertrennlichen, Philippus und Bartholomäus, zusammen gehen. Das Kind bleibt bei Jesus und den Marien.

Die Straße ist kühl und schön inmitten der grünen Berge, die mit Sträuchern und Wiesen bewachsen sind. Man begegnet Herden, die sich im bleichen Morgenlicht zu ihren Weiden begeben.

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Bei jedem Glöckchengeklingel hört Jesus auf zu reden und schaut sich um; er fragt die Hirten, ob Elias, der Hirte von Bethlehem, sich in der Gegend befinde. Ich verstehe, daß Elias nunmehr der "Bethlehemit" genannt wird. Obgleich es andere Hirten von dort gibt, ist er von Rechts wegen oder zum Scherz der "Bethlehemit". Doch keiner weiß, wo er sich aufhält. Sie antworten, indem sie die Herden stehen lassen und aufhören, auf ihren einfachen Flöten zu spielen. Die Jungen haben fast alle primitive Rohrflöten, was Margziam in Entzücken versetzt, bis ein guter, alter Hirte ihm die Flöte seines Enkels schenkt und sagt: «Er kann sich eine andere machen.» Margziam geht glücklich mit seinem am Hals hängenden Instrument weiter, auch wenn er es vorerst noch nicht zu benützen versteht.

«Ich würde mich sehr freuen, ihm zu begegnen!» ruft Maria aus.

«Wir werden ihn bestimmt finden. Zu dieser Jahreszeit sind sie immer in der Gegend von Hebron.»

Der Junge hat Interesse an den Hirten, die Jesus als Kind gesehen haben; er stellt Maria tausend Fragen, die sie liebevoll und geduldig beantwortet.

«Aber warum hat man sie bestraft? Sie taten doch nur Gutes!» sagt er, nachdem ihm von ihrem Schicksal berichtet worden ist.

«Weil der Mensch oft Fehler macht und Unschuldige des Übels bezichtigt, das ein anderer angerichtet hat. Da die Hirten aber gut waren und zu verzeihen wußten, liebt sie Jesus so sehr. Man muß immer verzeihen!»

«Aber alle diese Kinder, die umgebracht worden sind, wie haben sie dem Herodes verzeihen können?»

«Sie sind kleine Märtyrer, Margziam, und die Märtyrer sind Heilige. Sie verzeihen nicht nur ihrem Mörder, sondern lieben ihn, weil er ihnen den Himmel öffnet.»

«Aber sind sie denn im Himmel?»

«Nein, noch nicht. Aber sie sind in der Vorhölle, zur Freude der Patriarchen und der Gerechten!»

«Warum?»

«Weil sie gesagt haben, als sie dort angekommen sind mit ihrer von Blut purpurroten Seele: "Wir sind die Herolde des Erlösers Christus. Freut euch, die ihr wartet, denn er ist schon auf der Erde." Und alle liebten die Künder dieser guten Botschaft.»

«Die gute Botschaft, hat mein Vater gesagt, ist auch das Wort Jesus. Wenn also mein Vater in die Vorhölle kommt, nachdem er das Wort auf Erden verkündet hat, und wenn auch ich dorthin gelange, werden wir dann ebenfalls geliebt?»

«Du wirst nicht in die Vorhölle kommen, Kleiner.»

«Warum?»

«Weil Jesus dann schon in den Himmel zurückgekehrt ist und diesen

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geöffnet hat, so daß alle Guten sofort nach dem Tod in den Himmel eingehen.»

«Ich will gut sein, ich verspreche es dir. Und Simon des Jonas auch, nicht wahr? Ich will nicht zum zweiten Mal Waisenkind werden.»

«Auch er will es nicht, sei dessen versichert. Aber im Himmel gibt es keine Waisen. Wir haben Gott, und Gott ist alles. Auch hier sind wir nicht allein, denn der Vater ist immer bei uns.»

«Aber Jesus sagt in dem schönen Gebet, das du mich am Tag, und meine Mama mich in der Nacht lehrt: "Vater unser, der du bist im Himmel." Wir sind aber noch nicht im Himmel. Wie können wir dann bei ihm sein?»

«Wir sind bei ihm, weil Gott allgegenwärtig ist, mein Sohn. Er wacht über das Kind, das auf die Welt kommt, und über den Greis, der stirbt. Das Kind, das in diesem Augenblick am äußersten Ende der Welt geboren wird, hat das Auge Gottes und seine Liebe über sich und wird sie bis ans Lebensende haben.»

«Auch wenn es böse ist, wie Doras?»

«Auch dann.»

«Aber kann denn Gott, der gut ist, Doras lieben, der böse ist und den alten Vater zum Weinen bringt?»

«Er schaut auf ihn mit Abscheu und Schmerz. Aber wenn er sich bekehrt und bereut, dann würde er zu ihm sprechen wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Du solltest beten, daß er sich bekehrt und ...»

«O nein, Mutter! Ich werde beten, daß er stirbt!» sagt das Kind, entrüstet. Wenn diese Antwort kaum engelgleich ist, so ist doch die Inbrunst derart ehrlich, daß die anderen nur herzlich lachen können.

Doch dann nimmt Maria wieder ihren sanften Ernst als Lehrerin an: «Nein, mein Lieber, so darf man einen Sünder nicht behandeln. Wir müssen dem Nächsten, auch wenn er sehr böse ist, das Beste wünschen. Das Leben ist ein Gut; denn es gibt dem Menschen die Möglichkeit, Verdienste in den Augen Gottes zu erwerben.»

«Aber wenn einer böse ist, dann begeht er Sünden.»

«Man muß beten, daß er sich bessert!»

Das Kind denkt nach. Doch die Unterweisung befriedigt Margziam nicht, und er schließt: «Doras wird sich nie bessern, auch wenn ich bete. Er ist zu böse! Nicht einmal, wenn alle Märtyrer-Kinder mit mir beteten, würde er sich bekehren. Weißt du nicht... weißt du nicht... daß er den alten Vater einmal mit einer Eisenrute geschlagen hat, weil er ihn während der Arbeitszeit sitzend angetroffen hatte? Er konnte nicht mehr stehen, denn er fühlte sich krank, und Doras hat ihn geprügelt, bis er wie tot am Boden lag, und dann hat er ihm einen Fußtritt ins Gesicht gegeben... Ich hatte es gesehen, denn ich war hinter einer Hecke verborgen... Ich war bis dorthin gegangen, denn niemand hatte mir seit zwei Tagen Brot gegeben,

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und ich hatte Hunger... Ich mußte fortlaufen, um nicht entdeckt zu werden, denn ich habe laut geweint, als ich den alten Vater so liegen sah, mit Blut im Bart, wie tot... Ich bin weinend fortgelaufen und habe um Brot gebettelt... aber dieses Brot habe ich immer noch hier... denn es riecht nach dem Blut meines Vaters und nach seinen Tränen und meinen und dem Blut von allen Gemarterten. Ich kann jene nicht lieben, die quälen. Ich würde Doras gern prügeln, damit er spürt, wie Schläge wehtun; ohne Brot würde ich ihn lassen, damit er begreift, was Hunger ist, und in der heißen Sonne würde ich ihn arbeiten lassen, im Schlamm, unter der Drohung des Aufsehers und ohne Nahrung, damit er erkennt, was er den Armen antut... Ich kann ihm nicht gut sein, denn er bringt meinen heiligen Vater um, und ich... wenn ich euch nicht gefunden hätte... wem würde ich gehören?» Das Kind klagt und weint, es zittert, ist verstört und ballt die kleinen Hände zur Faust, schlägt in die Luft, da es den Schinder nicht schlagen kann.

Die Frauen sind erstaunt und gerührt und versuchen Jabe zu beruhigen. Er aber macht eine wahrhaft schmerzvolle Krise durch und hört auf nichts. Er schreit: «Ich kann nicht! Ich kann ihn nicht lieben und ihm nicht verzeihen. Ich hasse ihn, für alle hasse ich ihn, ich hasse ihn, ich hasse ihn!»

Es ist mitleiderregend und beängstigend. Es ist die Erregung eines Geschöpfes, das zuviel gelitten hat. Und Jesus sagt: «Das ist das größte Verbrechen des Doras: daß er ein unschuldiges Kind zum Hassen gebracht hat ...»

So schließt er das Kind in seine Arme und sagt: «Höre, Margziam. Willst du eines Tages mit der Mama, dem Vater, den Geschwistern und dem alten Vater zusammen sein?»

«Jaaa!»

«Dann darfst du niemand hassen. Wer haßt, kann nicht in den Himmel eintreten. Kannst du jetzt für Doras nicht beten? Dann bete eben nicht; aber hasse auch nicht! Weißt du, was du kannst? Schau einfach nicht mehr zurück, denke nicht mehr an das Vergangene ...»

«Aber der Vater, der leidet, ist nicht Vergangenheit.»

«Das ist wahr. Aber schau, Margziam, versuch einmal, so zu beten: "Vater unser, der du bist im Himmel, denk du an das, was ich so sehr wünsche..." Du wirst sehen, daß der Vater dich auf die beste Weise erhören wird. Wenn du Doras umbringen würdest, was würdest du damit erreichen? Du würdest die Liebe Gottes, den Himmel und die Wiedervereinigung mit Vater und Mutter verlieren, du würdest und könntest dem Greis, den du liebst, die Leiden nicht nehmen. Du bist zu klein, um dies zu tun. Aber Gott kann es! Sag es ihm. Sag: "Du weißt, wie ich den armen Vater liebe, wie ich alle liebe, die unglücklich sind. Sorge du für sie, der du alles vermagst." Wie? Willst du nicht die gute Botschaft verkünden? Aber sie

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spricht von Liebe und Verzeihen! Wie kannst du einem anderen sagen: "Hasse nicht! Verzeih!" wenn du selbst nicht lieben und verzeihen kannst? Laß den lieben Gott machen, und du wirst sehen, wie gut er vorsorgt. Willst du es tun?»

«Ja, denn ich habe dich lieb.»

Jesus küßt das Kind und stellt es auf die Erde.

Die Episode ist zu Ende, und auch die Straße. Die drei großen in den Bergfelsen gehauenen Becken, wahrhaftig ein wundervolles Werk, leuchten an der klaren Oberfläche. Vom ersten Becken fällt das Wasser in das zweite, größere und von diesem in das dritte, das einem kleinen See gleicht, von dem aus Wasserleitungen bis zu fernen Städten führen. Aufgrund der Feuchtigkeit in dieser Gegend ist der ganze Berg, von der Quelle bis zum Stausee und von dort bis zu den Feldern, von einer beeindruckenden Fruchtbarkeit, und verschiedene Blumen zieren zusammen mit seltenen, duftenden Kräutern die grünen Ufer. Es scheint, daß hier vom Menschen Gartenblumen und Würzkräuter gesät werden, die dank der warmen Sonne die Luft mit ihrem Duft von Zimt, Kampfer, Nelken, Lavendel und anderen würzigen, starken und wohltuenden Gerüchen erfüllt: eine herrliche Mischung feinster Wohlgerüche der Erde! Ich würde sagen, es ist eine Symphonie der Wohlgerüche, ein Hymnus von Kräutern und Blumen in Farben und Düften.

Alle Apostel sitzen im Schatten eines Baumes mit großen, weißen Blüten, dessen Name mir unbekannt ist. Die Blüten gleichen großen Glocken aus weißem Email und schwingen beim leisesten Windhauch hin und her; sie strömen zugleich einen süßen Duft aus. Die Blüte erinnert mich an den Strauch, der in Kalabrien wächst und der "Bottaro" heißt; aber dies hier ist ein Baum mit einem starken Stamm und kein Strauch.

Jesus ruft die Apostel, und sie eilen herbei.

«Joseph haben wir fast sofort gefunden, da er von einem Markt zurückkehrte. Heute abend werden sie alle in Bethsur sein. Wir haben uns wiedervereinigt, indem wir uns laut zugerufen haben, und warteten hier im Schatten», erklärt Petrus.

«Welch ein schöner Ort! Ein wahrer Garten! Wir haben uns darüber unterhalten, ob er auf natürliche Weise entstanden ist oder nicht; die einen vertreten hartnäckig die eine Ansicht, und die anderen die andere», sagt Thomas.

«Die Erde Judäas hat diese Herrlichkeiten», sagt Iskariot, von allem unvermeidlich zum Stolz veranlaßt, sogar von Blumen und Kräutern.

«Ja, aber... Ich glaube, wenn man zum Beispiel den Garten Johannas in Tiberias sich selbst überlassen und verwildern ließe, besäße auch Galiläa die Pracht herrlicher Rosen zwischen Ruinen», entgegnet Jakobus des Zebedäus.

«Da hast du recht. In dieser Gegend waren die Gärten Salomons, die

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weltberühmt wurden wie seine Paläste. Vielleicht hat er hier das Hohelied ersonnen und auf die Heilige Stadt alle die hier nach seinem Willen entstandenen Schönheiten übertragen», sagt Jesus.

«Dann hatte ich also recht!» sagt Thaddäus.

«Du hattest recht! Weißt du Meister, er zitierte aus dem Ekklesiastikus und vereinigte die Idee der Gärten mit jener der Wasserbecken und schloß: "Aber er erkannte, daß alles vergänglich ist und nichts unter der Sonne Bestand hat, außer dem Worte meines Jesus"», sagt der andere Vetter, Jakobus.

«Ich danke dir. Aber laßt uns auch Salomon danken, ob die Blumen nun von ihm stammen oder nicht. Sicher ist, daß es seine Wasserbecken sind, die Gras und Menschen versorgen. Er sei dafür gepriesen! Gehen wir zum großen Rosenstock, dessen Ranken sich von Baum zu Baum schlingen und eine blühende Überdachung bilden. Dort wollen wir Rast halten. Wir sind bereits auf halbem Weg.»

... Zur neunten Stunde wird die Wanderung fortgesetzt, da nun die Schatten der Bäume in dieser gut bebauten Gegend schon länger werden. Man hat das Gefühl, durch einen weitangelegten botanischen Garten zu wandeln, denn jede Pflanze, ob es sich nun um Bäume für Brennholz, um Obstbäume oder Zierpflanzen handelt, ist hier vertreten. Nicht selten treffen sie Landarbeiter an, die aber kein Interesse für vorüberziehende Gruppen zeigen. Es ist ja auch nicht die einzige. Andere Gruppen von Hebräern befinden sich auf dem Rückweg vom Osterfest.

Die Straße ist einigermaßen gut, obwohl sie sich zwischen den Bergen hindurchschlängelt; die immer wechselnde Landschaft belebt die Einförmigkeit der Wanderung. Bäche und Wildbäche zeichnen Kommas aus flüssigem Silber und schreiben Wörter, die in den tausenden von Windungen singen, während sie unter Gebüsche gleiten oder in Höhlen verschwinden, um an anderer Stelle noch schöner hervorzustürzen. Es scheint, als spielten sie wie fröhliche Kinder mit Pflanzen und Steinen. Auch Margziam, der vollkommen beruhigt ist, spielt und übt sich auf seinem Instrument, die Vögel nachzuahmen. Doch seine Musik ist kein Singen, sondern ein verstimmtes Gejammer, das einigen in der Gruppe ziemlich auf die Nerven geht, wie Bartholomäus aufgrund seines Alters und Judas Iskariot aus vielerlei Gründen. Doch niemand sagt es offen, und das Kind pfeift, dahin und dorthin hüpfend. Nur zweimal deutet es auf ein Dörflein, das mitten im Wald gelegen ist, und fragt: «Ist dies mein Dorf?» und wird dabei ganz blaß. Doch Simon, der immer in seiner Nähe bleibt, antwortet: «Deines ist weit entfernt von hier. Komm, laß uns diese schöne Blume pflücken, um sie Martha zu bringen», und lenkt ihn damit ab.

Die Dämmerung bricht herein, als Bethsur auf seinem Hügel sichtbar wird. Fast gleichzeitig erscheinen auf einem Nebenweg Herden, die Hirten

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eilen herbei. Als Elias sieht, daß auch Maria da ist, erhebt er erstaunt die Arme zum Himmel, steht fassungslos da und wagt es nicht zu glauben.

«Der Friede sei mit dir, Elias! Ich bin es wirklich. Es ist dir versprochen worden, und es war nicht möglich uns in Jerusalem zu treffen... Doch denk nicht daran. Jetzt sehen wir uns», sagt Maria mit sanfter Stimme.

«Oh, Mutter! Mutter! ...» Elias ist unfähig, andere Worte zu finden. Dann faßt er sich endlich: «Jetzt feiere ich mein Osterfest! Ja, das Fest, besser noch...»

«Ja, Elias! Wir haben gut verkaufen können. Wir können ein Lamm schlachten. Oh, seid die Gäste unseres armen Mahles», bitten Levi und Joseph.

«Heute abend sind wir müde. Morgen. Hört, kennt ihr eine gewisse Elisa, die Frau Abrahams des Samuel?»

«Ja. Sie ist in ihrem Haus in Bethsur. Doch Abraham ist tot, und im letzten Jahr sind auch ihre beiden Söhne nach kurzer Krankheit gestorben. Woran der erste gestorben ist, hat man nie herausgefunden. Der andere ist langsam dahingesiecht, und nichts hat das Übel aufhalten können. Wir haben ihm Milch einer zum erstenmal Mutter gewordenen Ziege gegeben; denn die Ärzte hatten dies für den Kranken empfohlen. Er hat viel davon getrunken, und alle Hirten haben ihn damit versorgt, denn die arme Mutter hatte überall nach einer Ziege herumgefragt, die zum erstenmal Milch gab. Aber es war alles nutzlos. Als wir wieder hierherkamen, konnte der Junge nichts mehr zu sich nehmen. Und als wir im Adar zurückkehrten, war er schon zwei Monate tot.»

«Meine arme Freundin! Sie war so gut zu mir im Tempel... Sie war eine entfernte Verwandte... Sie war gut... Sie verließ den Tempel, um Abraham zu heiraten, dem sie von Kindheit an versprochen war, zwei Jahre vor mir, und ich erinnere mich an sie, als sie kam, um ihren Erstgeborenen dem Herrn aufzuopfern. Sie hat mich rufen lassen; nicht nur mich allein, aber dann wollte sie lange Zeit mit mir allein sein... Und nun ist sie allein. Oh, ich muß mich beeilen, um sie zu trösten! Ihr bleibt zurück. Ich werde mit Elias gehen und allein eintreten. Der Schmerz verlangt Achtung in seiner Umgebung...»

«Auch ich nicht, Mutter?»

«Du immer. Aber die anderen... Nicht einmal du, Kleiner. Es würde ihr Schmerz bereiten. Komm, komm, Jesus!»

«Erwartet uns auf dem Dorfplatz. Sucht eine Unterkunft für die Nacht. Lebt wohl», befiehlt Jesus.

Nur von Elias begleitet, gehen Jesus und die Mutter bis zu einem großen Haus, das verschlossen und schweigend dasteht. Dort klopft der Hirte mit seinem Stock an die Tür. Ein Dienerin zeigt ihr Gesicht am kleinen Fenster und fragt, wer da sei. Maria geht nach vorne und sagt: «Maria des Joachim und ihr Sohn aus Nazareth. Sag es deiner Herrin.»

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«Es ist unnütz. Sie will niemand sehen. Sie wird in der Trauer sterben.»«Versuche es!»

«Nein. Ich weiß, daß sie mich fortjagt, wenn ich versuche, sie abzulenken und zu zerstreuen. Sie will niemand sehen und mit niemand sprechen. Sie spricht nur mit der Erinnerung ihrer Söhne...»

«Geh, Frau! Ich befehle es dir! Sage ihr: "Die kleine Maria von Nazareth ist gekommen, die dir im Tempel Tochter war..." Du wirst sehen, sie wird mich empfangen.»

Die Frau geht kopfschüttelnd fort. Maria erklärt dem Sohn und den Hirten: «Elisa war viel älter als ich. Sie wartete im Tempel auf die Rückkehr des Bräutigams, der in Erbschaftsangelegenheiten nach Ägypten gegangen war, sie blieb darum über das übliche Alter hinaus. Sie ist etwa zehn Jahre älter als ich. Die Lehrerinnen gaben immer die jüngsten Zöglinge den ältesten zur Betreuung... Und sie war meine Lehr-Gefährtin. Sie war gut und... Da kommt die Frau!»

Tatsächlich eilt die erstaunte Dienerin herbei und öffnet weit das Tor. «Komm herein, komm herein!» sagt sie. Und dann mit leiser Stimme: «Sei gesegnet, weil du sie aus der Kammer herausholst!»

Elias verabschiedet sich, und Maria begibt sich mit Jesus in das Haus.

«Aber dieser Mann... Barmherzigkeit! Er ist im gleichen Alter wie Levi ...»

«Laß ihn eintreten. Er ist mein Sohn und wird sie besser trösten können als ich.»

Die Frau zuckt mit den Schultern und geht ihnen im langen Vestibül eines schönen, aber traurigen Hauses voraus. Alles ist sauber, aber alles scheint auch tot zu sein...

Eine hochgewachsene Frau, gebeugt in ihren dunklen Gewändern, kommt ihnen im Halbdunkel entgegen.

«Elisa! Liebe! Ich bin Maria!» sagt Maria, ihr entgegeneilend und sie umarmend.

«Maria, du? ... Ich dachte, auch du wärst gestorben. Man hatte es mir erzählt... Wann? Ich weiß es nicht mehr. Ich habe eine Leere im Kopf... Es war mir gesagt worden, du seist mit vielen anderen Müttern nach der Ankunft der Weisen gestorben. Aber wer hat mir gesagt, daß du die Mutter des Erlösers bist?»

«Vielleicht die Hirten...»

«Oh, die Hirten!» Die Frau bricht in ein angstvolles Weinen aus. «Sag diesen Namen nicht. Er erinnert mich an die letzte Hoffnung für Levi. Und doch... ja... ein Hirte erzählte mir vom Erlöser, und ich habe meinen Sohn getötet, weil ich ihn dorthin brachte, wo angeblich der Erlöser sein sollte: zum Jordan. Aber es war niemand dort... und mein Sohn ist gerade rechtzeitig zurückgekehrt, um zu Hause zu sterben... Die Mühe, die Kälte... Ich habe ihn getötet... Aber ich wollte doch keine Mörderin sein.

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Man hatte mir gesagt, daß er, der Messias, Krankheiten heilen kann... und ich habe es deswegen getan... Nun klagt mich mein Sohn an, daß ich ihn getötet habe...»

«Nein, Elisa, das bildest du dir nur ein. Höre! Ich glaube, dein Sohn hat mich an der Hand genommen und gesagt: "Komm zu meiner lieben Mama. Bringe ihr den Erlöser. Mir geht es hier besser als auf Erden. Aber sie fühlt nur ihren Schmerz, und sie hört meine Worte nicht, die ich ihr unter den Küssen zuflüstere. Arme Mama! Sie scheint von einem Dämon besessen, der sie zur Verzweiflung bringen will, um uns zu trennen. Während wir für immer vereint wären, wenn sie sich ergeben und glauben wollte, daß Gott für alles seine guten Gründe hat; dann wären wir für immer mit dem Vater und dem Bruder vereint. Jesus kann es tun." Und so bin ich gekommen... mit Jesus... Willst du ihn nicht sehen? ...» Maria hat gesprochen und die Unglückliche immer in den Armen gehalten und sie auf die grauen Haare geküßt mit einer Zartheit, die nur sie besitzt.

«Oh, wenn das wahr wäre! Aber warum, warum ist Daniel nicht früher zu dir gegangen, um dir zu sagen, daß du zu mir kommen sollst? Wer hat mir erzählt, du seiest schon lange tot? Ich weiß es nicht mehr... Ich kann mich nicht mehr erinnern... Auch deshalb habe ich so lange gewartet, zum Messias zu gehen. Aber sie hatten gesagt, daß er, du und ihr alle in Bethlehem umgekommen seid...»

«Denk nicht daran, wer dir dies gesagt haben könnte. Komm und sieh, hier ist mein Sohn. Geh zu ihm! Stelle deine Söhne und deine Maria zufrieden. Wisse, daß wir leiden, dich so zu sehen.» Maria führt sie zu Jesus, der sich in eine dunkle Ecke gestellt hatte, und erst jetzt ins Licht einer Lampe tritt, welche die Dienerin auf ein hohes Regal gestellt hat.

Die arme Mutter hebt das Haupt... und ich sehe jetzt, daß Elisa auch unter den frommen Frauen auf dem Kalvarienberg war. Jesus streckt ihr seine Hände entgegen mit einer Geste voller Liebe. Die Unglückliche zögert ein wenig, gibt ihm dann ihre Hände und läßt sich schließlich jammernd an Jesu Brust fallen: «Sag mir, sag mir du, daß ich am Tod Levis nicht schuldig bin! Sag mir, daß sie nicht auf ewig verloren sind; sag mir, daß ich auch bald bei ihnen bin ...»

«Ja, gewiß! Höre mich an! Sie frohlocken jetzt, da du in meinen Armen bist. Bald werde ich bei ihnen sein, was soll ich ihnen sagen? Daß du dich dem Herrn nicht ergibst? Soll ich das sagen? Die Frauen Israels, die Frauen Davids, so stark und so klug, sollen durch dich ihren guten Ruf verlieren? Nein! Du leidest, weil du allein gelitten hast. Dein Schmerz und du. Du und dein Schmerz. Das kannst du nicht ertragen. Erinnerst du dich nicht mehr an die Worte der Hoffnung für jene, die der Tod uns genommen hat? "Ich werde euch aus den Gräbern holen und euch in das Land Israel führen. Und ihr werdet erkennen, daß ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber geöffnet und euch herausgeholt habe. Wenn ich euch meinen

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Geist eingehaucht habe, werdet ihr das Leben besitzen." Das Land Israel ist für die im Herrn Entschlafenen das Reich Gottes. Ich werde es öffnen und jenen geben, die es erwarten.»

«Auch meinem Daniel? Meinem Levi? ... Er hat sich so vor dem Tod gefürchtet! ... Er konnte sich nicht vorstellen, weit weg von seiner Mama zu sein. Deshalb wollte ich sterben, um im Grab an seiner Seite zu sein ...»

«Aber dort sind sie nicht mit ihrem lebendigen Sein. Dort sind die toten Gebeine, die dich nicht hören. Deine Söhne sind am Ort des Wartens ...»

«Gibt es ihn wirklich? Nimm kein Ärgernis an mir. Mein Gedächtnis hat sich in Tränen aufgelöst. Ich habe nur das Rauschen der Tränen und das Röcheln der Söhne im Kopf. Welch ein Röcheln! Welch ein Röcheln! ... Es hat mir das Gehirn erweicht... ich höre hier drinnen nichts anderes als dieses Röcheln ...»

«Ich gebe dir die Worte des Lebens. Ich werde das Leben säen, wo der Tod ist, denn ich bin das Leben! Denk an den großen Judas Makkabäus, der ein Opfer für die Toten verlangt hat. Er dachte mit Recht, daß sie für die Auferstehung bestimmt sind, und daß man mit Opfern ihren Frieden beschleunigen kann. Wenn Judas, der Makkabäer, nicht von der Auferstehung überzeugt gewesen wäre, hätte er dann für die Toten gebetet und beten lassen? Er dachte daran, wie es geschrieben steht, welch große Belohnung jenen verheißen ist, die selig sterben, so wie deine Söhne gut gestorben sind... Siehst du, daß du ja sagst! Darum verzweifle nicht, sondern bete fromm für deine Toten, damit ihnen die Sünden vergeben werden, bevor ich zu ihnen komme. Dann werden sie, ohne länger warten zu müssen, mit mir in den Himmel eingehen. Denn ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, und ich führe zur Wahrheit und verkünde die Wahrheit und gebe das Leben dem, der an meine Wahrheit glaubt und mir nachfolgt. Sage mir, haben deine Söhne an das Kommen des Messias geglaubt?»

«Aber gewiß! Sie hatten von mir gelernt, daran zu glauben.»

«Und Levi, hat er seine Heilung durch meinen Willen für möglich gehalten?»

«Ja, Herr! Wir haben auf dich gehofft... aber es war vergeblich... und er ist ungetröstet gestorben, obwohl wir so gehofft hatten...»

Die Frau beginnt aufs neue zu weinen, ruhiger, aber untröstlicher in ihrer Ruhe als zuvor in ihrer Verzweiflung.

«Sage nicht, es war vergeblich. Wer an mich glaubt, wird ewig leben, auch wenn er schon gestorben ist... Der Tag neigt sich, Frau. Ich muß zu meinen Aposteln gehen. Ich lasse dir meine Mutter hier ...»

«Oh, bleib auch du! ... Ich habe Angst, daß mich die Unruhe wieder überkommt, wenn du fortgehst ... Langsam, langsam beruhigt sich der Sturm beim Klang deiner Worte ...»

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«Hab keine Angst! Maria bleibt bei dir! Morgen komme ich wieder. Ich muß den Hirten einiges sagen. Kann ich ihnen auch sagen, daß sie dich in deinem Haus aufsuchen können?»

«O ja! Sie kamen auch im letzten Jahr für meinen Sohn... Hinter dem Haus ist ein Garten und ein einfacher Hof. Sie können dorthin gehen, wie sie es damals taten, um ihre Herden zusammenzuhalten ...»

«Gut so! Ich werde kommen. Sei tapfer! Denk daran, daß Maria dir im Tempel anvertraut war. Ich vertraue sie dir für diese Nacht an.»

«Ja, sei beruhigt! Ich werde mich um sie kümmern... Ich werde an ihr Abendessen und an ihre Nachtruhe denken... Wie lange ist es her, seit ich nicht mehr an solche Dinge gedacht habe! Maria, willst du in meinem Zimmer schlafen, wie Levi es während seiner Krankheit tat? Ich im Bett des Sohnes, du in meinem. Es wird mir dann sein, als hörte ich seinen Atem... Er hielt mich immer bei der Hand...»

«Ja, Elisa. Zuvor werden wir aber noch über viele Dinge sprechen.»

«Nein! Du bist müde! Du mußt schlafen!»

«Du auch ...»

«Oh, ich... Ich schlafe schon seit Monaten nicht mehr. Ich weine... weine... Ich kann nichts anderes tun...»

«Heute abend werden wir beten und dann zu Bett gehen, und du wirst schlafen... Wir werden Hand in Hand schlafen, wir zwei... Geh nur, Sohn, und bete für uns!»

«Ich segne euch! Der Friede sei mit euch und mit diesem Haus!»

Jesus geht mit der Dienerin weg, die erstaunt ist und dauernd wiederholt: «Welch ein Wunder, Herr! Welch ein Wunder! Nach vielen Monaten hat sie endlich gesprochen, hat sie gedacht... Oh, welch ein Zustand! ... Man sagte, sie werde als Irre sterben... Das tat mir immer weh, denn sie ist gut!»

«Ja, sie ist gut, und Gott wird ihr deswegen helfen. Leb wohl, Frau! Der Friede sei auch mit dir!»

Jesus geht auf die halbdunkle Straße hinaus, und alles ist zu Ende.

250. IM HAUS ELISAS: «LASST EURE LEIDEN FRUCHTBAR WERDEN!»

Die Nachricht, daß Elisa ihre tragische Trübsinnigkeit überwunden hat, muß sich im Dorf verbreitet haben, denn als Jesus, gefolgt von den Aposteln und den Jüngern, sich zum Haus begibt, betrachten ihn viele Menschen aufmerksam, und einige stellen diesem oder jenem Hirten Fragen über Jesus; sie wollen wissen, warum er gekommen ist, wer seine Begleiter, das Kind und die Frauen sind, welche Medikamente er Elisa

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gegeben hat, um sie so plötzlich der geistigen Verwirrung zu entreißen, was er tut oder was er sagt...

Die letzte Frage lautet: «Können wir nicht mitkommen?» Worauf die Hirten antworten: «Das wissen wir nicht, da müßt ihr den Meister fragen. Geht zu ihm.»

«Wenn er uns aber abweist?»

«Er weist nicht einmal die Sünder ab. Geht nur, er wird sich freuen.»

Eine Gruppe von Männern und Frauen, fast alle im Alter Elisas, hält Rat. Schließlich nähern sie sich Jesus, der gerade mit Petrus und Bartholomäus spricht, und wenden sich etwas unsicher an ihn: «Meister...»

«Was wollt ihr?» fragt Bartholomäus.

«Mit dem Meister reden und ihn etwas fragen ...»

«Der Friede komme zu euch! Was wollt ihr mich fragen?»

Sie werden durch sein Lächeln ermutigt und sagen: «Wir sind alle Freunde Elisas und ihres Hauses. Wir haben gehört, daß sie geheilt ist. Wir möchten sie sehen... und dich hören. Dürfen wir kommen?»

«Mich hören, gern! Sie sehen nicht, Freunde! Haltet mit eurer Freundschaft zurück, und auch mit eurer Neugier; denn auch diese ist dabei. Habt Ehrfurcht vor einem großen Schmerz, der nicht wieder aufgeweckt werden darf.»

«Ist sie denn nicht geheilt?»

«Sie wendet sich dem Licht zu. Aber, wenn die Nacht endet, ist es dann gleich Mittag? Wenn ein erloschenes Feuer angefacht wird, brennt es sofort stark? Das gleiche gilt für Elisa. Wenn ein plötzlicher Wind auf eine Flamme bläst, löscht er sie nicht aus? Seid daher klug! Die Frau ist eine einzige Wunde. Auch die Freundschaft könnte sie erregen; sie hat Ruhe, Schweigen und Einsamkeit nötig; keine tragische Einsamkeit wie die bisherige, sondern eine ergebene, um zu sich selbst zurückzufinden ...»

«Wann werden wir sie sehen können?»

«Früher als ihr denkt. Sie ist auf dem Weg zur Besserung. Aber wenn ihr wüßtet, was es heißt, aus ihrer Finsternis zu kommen! Sie ist schlimmer als der Tod. Und wer aus ihr kommt, schämt sich ihrer und darüber, daß die Welt davon weiß.»

«Bist du ein Arzt?»

«Ich bin der Meister.»

Sie sind beim Haus angelangt. Jesus wendet sich den Hirten zu: «Geht in den Hof. Wer will, kann mit euch gehen. Daß mir niemand Lärm schlägt und weiter als in den Hof eindringt! Wacht auch ihr darüber», sagt er zu den Aposteln. «Und ihr (er spricht zu Salome und Maria des Alphäus) sorgt dafür, daß das Kind keinen Lärm macht. Lebt wohl!» Er klopft an die Türe, während die anderen in einem Gäßchen verschwinden.

Die Dienerin öffnet. Jesus tritt vor der sich ständig verbeugenden Dienerin in das Haus ein.

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«Wo ist deine Herrin?»

«Bei deiner Mutter... und denk nur, sie ist in den Garten hinabgestiegen! Ein Ereignis, ein Ereignis! Gestern abend ist sie in den Speisesaal gekommen. Sie hat geweint, aber sie ist gekommen! Ich hatte gehofft, sie werde die Mahlzeit einnehmen anstelle des üblichen Tropfens Milch, aber es ist mir nicht gelungen.»

«sie wird es schon noch tun. Bestehe jetzt nicht darauf. Sei auch in deiner Liebe geduldig mit der Herrin!»

«Ja, Erlöser, ich werde alles tun, was du sagst.»

Ich glaube in der Tat, daß die Frau, auch wenn Jesus unbegreifliche Dinge von ihr verlangte, sie widerspruchslos tut; denn sie ist fest davon überzeugt, daß Jesus Jesus ist und daß alles, was er tut, gut ist. Sie begleitet ihn in einen großen Garten mit vielen Obstbäumen und Blumen. Doch während die Obstbäume sich selbst mit Blättern und Blüten bedecken und kleine Früchte gebildet haben, sind die armen Blumengewächse, die seit mehr als einem Jahre nicht mehr gepflegt werden, zu einer Wildnis geworden, in welcher die größeren Pflanzen die niedrigeren und schwächeren ersticken. Beete und Wege bilden ein einziges chaotisches Durcheinander. Nur im Hintergrund, wo die Dienerin Salat und Gemüse gesät hat, herrscht etwas Ordnung.

Maria sitzt mit Elisa unter einer wirren Laube, deren Zweige und Ranken bis zur Erde reichen. Jesus bleibt stehen und beobachtet seine junge Mutter, die sehr geschickt den Geist Elisas weckt und ihn auf Dinge lenkt, die nichts mit den Gedanken der Trauernden von gestern zu tun haben.

Die Dienerin geht zur Herrin und sagt: «Der Erlöser ist gekommen.»

Die Frauen wenden sich um und gehen ihm entgegen, die eine mit ihrem sanften Lächeln, die andere mit einem müden und verlegenen Gesicht.

«Der Friede sei mit euch! Dieser Garten ist schön ...»

«Er war es ...» sagt Elisa.

«Der Boden ist fruchtbar. Schau, wieviel schönes Obst am Reifen ist! Wie viele Blüten der Rosenstock hat! Und dort? Sind das nicht Lilien?»

«Ja, rund um ein Becken, an dem meine Kinder so gern gespielt haben. Aber damals wurden sie noch gepflegt... Jetzt ist hier alles verwüstet. Und es scheint mir nicht mehr der Garten meiner Kinder zu sein.»

«In wenigen Tagen wird er wie damals sein. Ich werde dir helfen. Nicht wahr, Jesus? Du läßt mich einige Tage hier bei Elisa. Wir haben so viel zu tun ...»

«Alles, was du willst, Mutter, will auch ich.»

Elisa sieht ihn an und flüstert: «Danke!»

Jesus läßt seine Hand über das graue Haupt gleiten und verabschiedet sich dann, um zu den Hirten zu gehen. Die Frauen bleiben im Garten. Doch kurz darauf, als man in der Stille die Stimme Jesu vernimmt, der die Anwesenden grüßt, nähert sich Elisa langsam, wie von einer

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unwiderstehlichen Kraft angezogen, einer sehr hohen Hecke, hinter der sich der Vorhof befindet.

Jesus spricht zuerst zu den drei Hirten. Er steht ganz nahe an der Hecke, vor sich die Apostel und die Bewohner von Bethsur, die ihnen nachgegangen sind. Die Marien mit dem Kind sitzen in einer Ecke.

Jesus sagt: «Seid ihr durch einen Vertrag gebunden, oder könnt ihr euch jederzeit von euren Pflichten befreien?»

«Ja, wir sind freie Knechte. Aber es wäre nicht schön von uns, wenn wir sofort unseren Dienst aufgäben; denn die Herden benötigen gerade jetzt große Pflege, und es ist schwer, andere Hirten zu finden.»

«Nein, das wäre nicht schön von euch. Aber es ist auch nicht sofort nötig. Ich werde euch rechtzeitig Bescheid sagen, damit ihr gewissenhaft vorsorgen könnt. Ich will, daß ihr freie Menschen werdet, euch mit den Jüngern vereinigt und mir Hilfe bieten könnt...»

«Oh, Meister!» Die drei sind vor Freude wie verzückt. «Aber werden wir dazu imstande sein?» fragen sie dann.

«Daran zweifle ich nicht. Also, habt ihr verstanden? Sobald es euch möglich ist, begebt ihr euch zu Isaak.»

«Ja, Meister.»

«Geht nun zu den anderen. Ich werde zwei Worte zu den Leuten sagen.»

Und er wendet sich ab von den Hirten und dem Volk zu.

«Der Friede sei mit euch! Gestern habe ich von zwei Unglücklichen sprechen gehört. Der eine befindet sich im Morgenrot seines Lebens, der andere hat schon den Lebensabend erreicht: zwei Seelen, die weinten in ihrer Verzweiflung. Ich weinte im Herzen mit ihnen, weil ich sah, wieviel Elend es auf der Erde gibt; ein Elend, das nur Gott, das genaue Wissen um Gott, seine große, unendliche Güte, seine ständige Gegenwart und seine Verheißungen erleichtern können. Ich habe gesehen, wie der Mensch von Menschen gequält und durch den Tod in Trauer versetzt werden kann, was Satan dazu benützt, den Schmerz zu vergrößern und alles zu zerstören. Da habe ich mir gesagt: "Die Kinder Gottes sollen nicht neben solchen Torturen noch die Schmerzen weiterer Torturen erleiden. Wir wollen jenen das Wissen von Gott geben, die es noch nicht haben; wir wollen es jenen wiedergeben, die es unter dem Ansturm der Schmerzen vergessen haben." Aber ich habe auch erkannt, daß ich allein den unzähligen Nöten der Brüder nicht genüge. So beschloß ich, viele zu berufen, in immer steigender Zahl, damit alle, die den Trost Gottes benötigen, ihn bekommen.

Diese zwölf sind die ersten. Als mein zweites Ich sind sie fähig, andere zu mir, also zum Trost, zu führen; alle, die von einer zu großen Leidenslast niedergedrückt sind. In Wahrheit sage ich euch: Kommt alle zu mir die ihr traurig, mutlos, verwundeten Herzens und müde seid, ich werde an eurem Schmerz teilnehmen und euch den Frieden schenken. Kommt zu

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mir durch meine Apostel und meine Jünger und Jüngerinnen, deren Zahl sich von Tag zu Tag durch neue Freiwillige vergrößert. Ihr werdet Trost finden in euren Leiden, Begleiter in euerer Einsamkeit, brüderliche Liebe, die euch den Haß der Welt vergessen läßt; ihr werdet vor allem den besten Tröster, den vollkommensten Gefährten: die Liebe Gottes, finden. Ihr werdet über nichts mehr im Zweifel sein. Ihr werdet nie mehr sagen: "Für mich ist alles zu Ende!" sondern: "Alles beginnt für mich in einer übernatürlichen Welt, welche die Entfernungen und die Trennungen aufhebt", so daß die Waisenkinder mit ihren Eltern, die in dem Schoß Abrahams sind, vereinigt werden, und die Väter und die Mütter, die Ehefrauen und die Witwen ihre verlorenen Söhne und den verlorenen Gatten wiederfinden.

In diesem Lande Judäa, nahe bei Bethlehem Noemis, erinnere ich euch daran, daß die Liebe den Schmerz lindert und Freude schenkt.

Betrachtet, ihr Weinenden, die Trostlosigkeit Noemis, als ihr Haus männerlos geworden war. Hört ihre an Orfa und Ruth gerichteten traurigen Worte: "Kehrt zurück in das Haus eurer Mutter. Der Herr möge euch Barmherzigkeit erweisen, wie ihr ihnen, die tot sind, und auch mir Barmherzigkeit erwiesen habt." Hört ihr müdes Drängen. Sie erhoffte nichts mehr vom Leben; sie, die einst die schöne Noemi gewesen war. Sie war die tragische Noemi geworden, vom Schmerz zerrissen und vom einzigen Wunsch erfüllt, zum Ort zurückzukehren, an dem sie in ihrer Jugend zwischen der Liebe des Gatten und den Küssen der Kinder glücklich gewesen war. Sie sagte: "Geht, geht. Es hat keinen Sinn, zu mir zu kommen... Ich bin wie eine Tote... Mein Leben ist nicht mehr hier, sondern dort, im anderen Leben, wo sie sind. Opfert eure Jugend nicht an der Seite eines Dinges, das im Sterben liegt; denn ich bin wahrhaftig nur noch ein Ding. Alles ist mir gleichgültig! Gott hat mir alles genommen... Ich bin zur Angst geworden, und der Herr könnte mich deswegen zur Rechenschaft ziehen, er, der mich so stark geschlagen hat; es wäre Egoismus, euch junge Menschen bei mir, einer Toten, zurückzuhalten. Geht zu euren Müttern!..."

Aber Ruth blieb, um dem leidenden Alter Stütze zu sein; denn sie hatte begriffen, daß es immer größere Schmerzen als die eigenen gibt und daß ihr Schmerz als junge Witwe immer noch geringer war als jener der Frau, die außer dem Mann noch die beiden Söhne verloren hatte; so wie der Schmerz dessen, der aus vielerlei Gründen dazu kommt, die Welt zu hassen und in jedem Menschen einen Feind zu sehen, den er fürchtet und gegen den er sich verteidigen muß, größer als alle anderen Schmerzen ist; denn er trifft nicht allein das Fleisch, das Blut und den Geist, sondern die Seele mit ihren übernatürlichen Pflichten und Rechten; er läuft Gefahr, zugrunde zu gehen. Wie viele kinderlose Mütter für mutterlose Kinder gibt es auf der Welt! Wie viele Witwen ohne Nachkommen gibt es, die sich barmherzigerweise einsamer Alter annehmen können! Wie viele gibt

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es, die keine menschliche Liebe kennen und unglücklich werden in ihrem Bedürfnis nach Liebe; sie möchten alles geben, um den Haß in der unglücklichen Menschheit, die immer mehr leidet, zu bekämpfen, weil der Haß immer stärker wird.

Schmerz ist Kreuz, aber auch Flügel. Die Trauer entblößt, aber um neu zu bekleiden. Erhebt euch, ihr, die ihr weint! Öffnet die Augen und schüttelt die Bedrängnisse, die Finsternis und den Egoismus ab! Bedenkt: Die Welt ist die Erde, auf der man weint und stirbt. Die Welt ruft: "Hilf mir!" durch den Mund der Waisen, der Kranken, der Einsamen, der Zweifelnden, durch den Mund der Verratenen oder der Opfer der Grausamkeit, der Gefangenen infolge einer Rache. Geht zu ihnen, die rufen! Vergeßt euch selbst unter den Vergessenen! Gesundet unter den Kranken! Hofft mit den Hoffnungslosen! Die Welt steht allen offen, die guten Willens sind, um Gott im Nächsten zu dienen und den Himmel zu gewinnen, der die Vereinigung mit Gott und die Wiedervereinigung mit allen ist, die wir beweinen. Hier ist der Kampfplatz, dort ist der Sieg. Kommt. Ahmt in allen euren Leiden Ruth nach! Sagt auch ihr: "Ich bleibe bei dir bis zum Tode." Und wenn euch die Unglücklichen, die sich unheilbar glauben, antworten: "Nennt mich nicht mehr Noemi, sondern Mara; denn Gott hat mich mit Bitterkeit erfüllt" ' harrt aus! In Wahrheit sage ich euch, eines Tages werden diese Unglücklichen eure Ausdauer mit dem Ausruf belohnen: "Gepriesen sei der Herr, der mich von der Bitterkeit, der Traurigkeit und der Einsamkeit befreit hat mit Hilfe eines Geschöpfes, das verstanden hat, seinen Schmerz für das Gute fruchtbar zu machen. Gott möge dieses Geschöpf auf ewig segnen, denn es ist mir zum Retter geworden."

Die gute Tat Ruths an Noemi hat – denkt daran – der Welt den Messias geschenkt, denn von David des Isai, von Isai des Obed, kommt der Messias, wie Obed des Booz, Booz des Salmon, Salmon des Nahasson, Nahasson des Amminadab, Amminadab des Aram, Aram des Esron und Esron des Fares. Sie alle waren berufen, das Land von Bethlehem zu bevölkern und die Vorfahren des Herrn vorzubereiten. Jede gute Tat ist der Ursprung großer Dinge, die ihr euch nicht vorstellen könnt. Der Sieg eines Menschen über den eigenen Egoismus kann eine Welle der Liebe auslösen, die fähig ist, aufzusteigen, aufzusteigen und in ihrer hellen Klarheit jenen zu halten, der sie ausgelöst hat, um ihn zum Fuße des Altares, zum Herzen Gottes, hinzutragen.

Gott möge euch seinen Frieden geben!»

Ohne durch die in der Hecke befindliche Türe in den Garten zu gehen, wacht Jesus darüber, daß niemand sich der Hecke nähert, hinter welcher ein lautes Weinen hörbar ist... Erst als alle Bewohner von Bethsur sich entfernt haben, geht auch er mit den Seinen, ohne das heilsame Weinen zu stören...

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251. AUF DEM WEG NACH HEBRON; DIE ABSICHTEN DER WELT UND DIE ABSICHTEN GOTTES

«Ihr wollt doch nicht eine Wallfahrt zu allen Orten, die dem Volk Israel heilig sind, unternehmen», sagt spöttisch Iskariot; er unterhält sich mit einer Gruppe, in der sich Maria des Alphäus und Salome, sowie Andreas und Thomas befinden.

«Warum nicht? Wer verbietet es uns?» fragt Maria Kleophä.

«Aber ich... Meine Mutter erwartet mich schon längst... !»

«Geh doch zu deiner Mutter. Wir kommen dann nach», sagt Salome; es scheint, als füge sie in Gedanken hinzu: «Niemand wird wegen deiner Abwesenheit traurig sein!»

«Nein, das geht nicht! Ich will mit dem Meister zu ihr gehen. Die Mutter wird nicht mitkommen, wie es abgemacht war. Das hätte nicht geschehen dürfen, denn es war mir versprochen worden, daß sie dabeisein werde.»

«Sie ist in Bethsur zurückgeblieben, um ein gutes Werk zu tun. Die Frau dort war sehr unglücklich.»

«Jesus konnte sie sofort heilen, ohne sie langsam, Schritt für Schritt, zu sich kommen zu lassen. Ich verstehe nicht, warum er keine aufsehenerregenden Wunder mehr wirken will.»

«Wenn er es getan hat, wird er seine heiligen Gründe dafür haben», sagt Andreas ruhig.

«Ja, aber so verliert er Jünger. Der Aufenthalt in Jerusalem! Welch eine Enttäuschung! Je mehr hochtönende Dinge nötig wären, desto mehr verbirgt er sich im Schatten. Ich habe so fest damit gerechnet, etwas zu sehen, etwas zu bekämpfen ...»

«Entschuldige die Frage... Was wolltest du sehen und wen wolltest du bekämpfen?» fragt Thomas.

«Was? Wen? Nun, ich wollte seine Wunderwerke sehen und so die Möglichkeit haben, jenen zu trotzen, die behaupten, er sei ein falscher Prophet oder ein vom Dämon Besessener. Denn so spricht man von ihm, verstehst du? Sie sagen, wenn Beelzebub ihn nicht unterstützt, ist er ein armer Mensch. Und da die Launenhaftigkeit Beelzebubs bekannt ist, und man weiß, daß es ihm Spaß macht zu fassen und zu lassen, wie es der Leopard mit der Beute macht, und da die Tatsachen diese Überlegung rechtfertigen, bin ich beunruhigt, wenn ich daran denke, daß er nichts tut. Schön stehen wir da: als Apostel eines Meisters... voller Lehre, das kann man nicht leugnen, aber sonst nichts.» Das plötzliche Innehalten des Judas nach dem Worte "Meister" gibt zu denken, daß er noch Schwerwiegenderes sagen wollte.

Die Frauen sind bestürzt; Maria des Alphäus, als Verwandte Jesu, sagt deutlich: «Ich wundere mich nicht über dich; es wundert mich vielmehr, daß er dich duldet, Bube!»

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Andreas, der stets sanftmütige Andreas, verliert die Geduld und schreit rot vor Wut, einmal ganz seinem Bruder gleichend: «Aber so geh doch! Stell dich nicht immer bloß, wegen des Meisters! Wer hat dich gerufen? Uns hat er gewollt. Dich nicht! Du hast mehrere Male bitten und betteln müssen, bevor er dich angenommen hat. Du hast dich aufgedrängt. Ich weiß nicht, was mich zurückhält, den anderen alles zu berichten ...»

«Mit euch kann man nicht reden. Man hat recht, wenn man euch raufsüchtig und dumm nennt...»

«Wahrlich, auch ich verstehe wirklich nicht, wo der Fehler des Meisters liegt. Ich wußte nichts von diesen launenhaften Umtrieben des Dämons. Armer Kerl! Er muß wirklich ein seltsames Wesen sein. Wenn er vernünftiger wäre, hätte er sich nicht gegen Gott aufgelehnt. Doch ich will es mir merken», sagt Thomas ironisch, um den aufkommenden Sturm zu besänftigen.

«Spotte nicht. Ich spaße nicht. Kannst du vielleicht behaupten, daß er in Jerusalem besonders aufgefallen ist? Übrigens, auch Lazarus hat es gesagt...»

Thomas bricht in ein schallendes Gelächter aus. Dann sagt er, immer noch lachend, und sein Lachen hat Iskariot bereits verwirrt: «Er soll nichts getan haben? Geh, und frage die Aussätzigen von Siloe und Hinnom. Nun, in Hinnom wirst du keinen mehr finden, denn sie sind alle geheilt. Wenn du nicht dabei warst, weil du es eilig hattest, zu den... Freunden zu gehen, und daher nichts davon weißt, so hindert das nicht, daß in den Tälern Jerusalems und in vielen anderen die Hosanna der Geheilten ertönen», endet Thomas ernst. Immer noch ernst fügt er hinzu: «Du bist gallenkrank, Freund. Darum bist du verbittert und siehst überall grün. Es muß eine stets wiederkehrende Krankheit in dir sein. Glaube uns, es ist nicht angenehm, mit einem wie du zusammenzuleben. Mäßige dich. Ich werde den anderen nichts erzählen, und wenn diese guten Frauen auf mich hören, werden auch sie schweigen, und mit ihnen Andreas. Aber du, beherrsche dich! Spiele nicht den Enttäuschten, denn es gibt keine Enttäuschung. Es ist nicht nötig, denn der Meister weiß, was er tut. Versuche nicht, der Meister des Meisters zu sein. Wenn er die arme Frau Elisa so behandelt hat, dann kannst du daraus schließen, daß es gut war. Laß die Schlangen zischen und spucken, soviel sie wollen. Bemühe dich nicht, den Vermittler zwischen ihnen und ihm zu spielen, und noch weniger darfst du dich entwürdigt fühlen, mit ihm zu sein. Selbst wenn er nicht einmal einen Schnupfen mehr heilte, wäre er trotzdem mächtig. Sein Wort allein ist ein fortwährendes Wunder. Gib dich zufrieden! Wir haben keine Bogenschützen hinter uns! Wir werden unser Ziel erreichen. Laß nur, wir werden erreichen, daß die Welt sich überzeugt, daß Jesus Jesus ist. Sei auch davon überzeugt, daß Maria deine Mutter besuchen wird, wenn sie es versprochen hat.

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Wir pilgern indessen durch diese schönen Gegenden; das ist unsere Arbeit! Ganz bestimmt! Wir stellen auch die Jüngerinnen zufrieden und besuchen das Grab Abrahams und seinen Baum und darauf das Grab des Jesse und... was habt ihr sonst noch gesagt?»

«Man sagt, hier sei der Ort, wo Adam gelebt hat und Abel getötet worden ist.»

«Die üblichen sinnlosen Legenden! ...» murrt Judas Iskariot.

«Nach hundert Jahren wird man sagen, daß die Grotte von Bethlehem und viele andere Dinge Legende sind! Und dann, entschuldige bitte, du wolltest doch das stinkende Loch von Endor besuchen, das, wie mir scheint, nicht einem heiligen Zyklus angehört, meinst du nicht auch? Und man kommt hierher, weil man sagt, daß hier das Blut und die Asche von Heiligen ruhen. Endor hat uns Johannes geschenkt, und wer weiß...»

«Schönes Geschenk, der Johannes!» spottet Iskariot.

«Im Gesicht ist er es nicht. In der Seele aber kann er besser sein als wir es sind.»

«Daß ich nicht lache! Mit dieser Vergangenheit!»

«Schweige! Der Meister hat gesagt, daß wir sie vergessen sollen.»

«Das ist bequem! Ich möchte sehen, ob ihr, wenn ich derartiges täte, alles vergessen würdet!»

«Leb wohl, Judas! Es ist besser, du bleibst allein. Du bist zu unruhig. Wenn du wenigstens selber wüßtest, was dir fehlt!»

«Was mir fehlt, Thomas? Ich muß zusehen, wie wir, die wir zuerst gekommen sind, vernachlässigt werden. Ich muß zusehen, wie alle anderen mir vorgezogen werden. Ich muß erkennen, daß man auf meine Abwesenheit gewartet hat, um das Gebet zu lehren. Glaubst du, all dies mache mir Freude?»

«Nein, das glaube ich nicht! Aber ich möchte dich darauf aufmerksam machen, daß du, wenn du mit uns an Ostern zum Abendmahl gekommen, auch auf dem Ölberg mit uns gewesen wärest, als der Meister uns das Gebet gelehrt hat. Ich sehe nicht, inwiefern wir zuerst Gekommenen vernachlässigt werden. Weil dieses unschuldige Kind hier spricht? Oder weil der unglückliche Johannes mit uns ist?»

«Wegen des einen und des anderen. Jesus spricht fast nicht mehr mit uns. Wie du siehst, auch jetzt! Er verbringt seine Zeit, um mit dem Kind zu reden. Er wird doch lange warten müssen, bevor er es unter die Jünger einreihen kann! Und der andere, der wird nie ein Jünger. Er ist zu stolz, zu gebildet, zu verhärtet und hat schlechte Neigungen. Und doch: "Johannes hier, Johannes da!..."»

«Vater Abraham, laß mich nicht die Geduld verlieren! Warum glaubst du, daß der Meister andere dir vorzieht?»

«Siehst du es auch jetzt nicht? Es ist an der Zeit, Bethsur zu verlassen, wo er drei Hirten unterweisen wollte, die gut von Isaak hätten unterwiesen

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werden können; und wen läßt er bei seiner Mutter zurück? Mich? Dich? Nein! Er läßt den Simon da. Einen Alten, der kaum einmal spricht!....»

«Aber das Wenige, das er sagt, sagt er immer gut», entgegnet Thomas, der nunmehr allein ist, da die Frauen sich mit Andreas von ihnen getrennt haben und, wie um zu fliehen, und um ein Stück des Weges allein zu sein, eilenden Schrittes vorangehen.

Die beiden Apostel sind so aufgeregt, daß sie nicht bemerken, wie Jesus sich ihnen nähert; denn das Geräusch seiner Schritte verliert sich völlig im Staub der Straße. Aber wenn er kein Geräusch macht, so schreien die beiden für zehn, und Jesus hört sie. Hinter ihm kommen Petrus, Matthäus, die beiden Vettern des Herrn, Philippus und Bartholomäus, sowie die beiden Söhne des Zebedäus, die Margziam in ihrer Mitte haben.

Jesus spricht: «Das hast du gut gesagt, Thomas! Simon spricht wenig, aber das Wenige ist immer gut. Er ist ein ruhiger Geist und hat ein ehrliches Herz. Und vor allem hat er viel guten Willen. Darum habe ich ihn bei meiner Mutter gelassen. Er ist ein wahrer Ehrenmann, der Anstand hat, der gelitten hat und alt ist. Daher – ich sage dies absichtlich, denn ich vermute, daß jemand die Wahl ungerecht nennt – daher war er der Geeignetste, zu bleiben. Ich konnte nicht erlauben, Judas, meine Mutter allein bei einer armen, kranken Frau zurückzulassen. Und es war richtig, sie zurückzulassen. Die Mutter wird das Werk vollenden, das ich begonnen habe. Aber ich konnte sie auch nicht mit meinen Brüdern, noch mit Andreas, Jakobus, Johannes oder mit dir zurücklassen. Wenn du meine Gründe nicht verstehst, weiß ich nicht, was ich dir sagen soll ...»

«Weil es deine Mutter ist, jung, schön, und die Leute...»

«Nein! Die Leute haben immer Unrat in den Gedanken, auf den Lippen, an den Händen und besonders im Herzen. Schlechte Menschen sehen in allem nur das, was sie selber sind. Aber über diesen Unrat mache ich mir keine Gedanken. Der fällt von selbst ab, wenn er trocken ist. Ich habe Simon vorgezogen, weil er alt ist und nicht zu sehr an die toten Söhne der untröstlichen Witwe erinnert. Ihr Jungen hättet sie eurer Jugend wegen stets daran erinnert. Simon kann wachen, ohne sich bemerkbar zu machen; er ist anspruchslos, verständnisvoll und weiß sich zu beherrschen. Ich hätte Petrus nehmen können. Wer paßt besser als er zu meiner Mutter? Aber er ist immer noch zu impulsiv. Du siehst, ich kann es ihm ins Gesicht sagen, er ist deswegen nicht beleidigt. Petrus ist aufrichtig und liebt die Wahrheit, auch wenn sie zu seinem Nachteil ist. Ich hätte Nathanael nehmen können. Aber er ist noch nie in Judäa gewesen. Simon kennt Judäa gut; dies wird von Vorteil sein, wenn er die Mutter nach Kerioth begleiten wird. Er weiß, wo dein Landhaus ist, und auch das Haus in der Stadt; er wird nicht ...»

«Aber, Meister... Wird deine Mutter wirklich meine Mutter besuchen ?»

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«So ist es beschlossen; wenn etwas beschlossen ist, dann wird es auch gemacht. Wir gehen langsam und halten uns im einen und anderen Dorf auf, um zu predigen. Möchtest du nicht, daß ich Judäa die Frohe Botschaft verkünde?»

«Ja, natürlich, Meister... Aber ich glaubte... ich dachte ...»

«Vor allem quälst du dich mit Hirngespinsten, die du nur träumst. Beim zweiten Mondviertel des Ziw werden wir alle bei deiner Mutter sein. Wir – also auch meine Mutter mit Simon! Nun verkündet sie die Frohe Botschaft in Bethsur, der Stadt in Judäa, so wie Johanna es in Jerusalem tut; mit ihr ein Mädchen und ein Priester, der zuvor aussätzig gewesen war; so wie es Lazarus mit Martha und der alte Ismael in Bethanien und Sara in Jutta tun, wie deine Mutter bestimmt in Kerioth vom Messias spricht. Du kannst also nicht sagen, daß ich Judäa ohne Belehrung verlasse. Im Gegenteil, ich gebe den Judäern, die verschlossener und stolzer als die Bewohner anderer Gebiete sind, die zartesten Stimmen, die Stimmen der Frauen und des heiligmäßigen Isaak und meines Freundes Lazarus. Die Frauen sagen ihre Worte in feiner Frauenart; sie sind Meisterinnen in der Kunst, die Seelen dorthin zu führen, wohin sie wollen. Du sagst nichts mehr? Warum weinst du beinahe, du großes, launenhaftes Kind? Was hast du davon, dich mit Schatten zu vergiften? Hast du noch andere Gründe zur Beunruhigung? Auf, so rede!»

«Ich bin schlecht... und du bist so gut. Deine Güte trifft mich immer; sie ist stets so frisch, so neu... Ich weiß nie, wann ich sie auf meinem Weg finde...»

«Du hast die Wahrheit gesagt. Du kannst es nicht wissen! Aber das kommt daher, weil sie nicht frisch und neu, sondern ewig ist, Judas. Sie ist allgegenwärtig, Judas... Oh, nun sind wir in der Nähe von Hebron; Maria, Salome und Andreas winken uns zu. Laßt uns weitergehen! Sie sprechen mit Männern. Sie werden sich nach den geschichtlichen Stätten erkundigt haben. Deine Mutter verjüngt sich bei diesen Erinnerungen, mein Bruder!»

Judas Thaddäus lächelt dem Vetter zu, der ebenso lächelt.

«Wir verjüngen uns alle», sagt Petrus. «Mir scheint, als sei ich in der Schule. Aber es ist eine schöne Schule! Besser als die des Nörglers Elisäus. Erinnerst du dich, Philippus? Oje, die Geschichte der Abstammung: "Sagt die Städte der Stämme!"; "Ihr habt sie nicht im Chor gesagt... Fangt wieder von vorne an..."; "Simon, du gleichst einem verschlafenen Frosch. Du bleibst zurück. Beginnt noch einmal von vorne." Oje! Ich war völlig zu Städtenamen aus lang vergangenen Zeiten geworden und wußte nichts anderes. Hier hingegen! Hier lernt man wirklich etwas. Weißt du, Margziam, in ein paar Tagen wird dein Vater die Prüfung ablegen; er weiß Bescheid ...»

Alle lachen und gehen Andreas und den Frauen entgegen.

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252. FESTLICHE BEGRÜSSUNG IN HEBRON

Sie sitzen alle im Kreise in einem Hain bei Hebron, essen und reden miteinander. Judas, der nun davon überzeugt ist, daß Maria seine Mutter besuchen wird, ist in bester Stimmung und versucht, die Erinnerung an seine schlechte Laune bei Gefährten und Frauen mit tausend Aufmerksamkeiten auszulöschen. Er hat anscheinend im Dorf die Einkäufe besorgt, denn er erzählt, daß er es sehr verändert vorgefunden hat seit dem letzten Jahr: «Die Kunde von den Predigten und Wundern Jesu ist bis hierher gedrungen; die Menschen haben angefangen, über viele Dinge nachzudenken. Weißt du, Meister, daß sich in dieser Gegend ein Besitz des Doras befindet? Auch die Frau Chuzas hat auf diesen Hügeln Ländereien und eine Burg: ihre Mitgift. Man sieht, daß ein wenig sie und ein wenig die Landarbeiter des Doras die Leute hier vorbereitet haben. Er, Doras, hat Schweigen geboten. Aber sie! ... Ich glaube, daß sie nicht einmal bei Strafe schweigen würden. Der Tod des alten Pharisäers hat eine Erschütterung ausgelöst, weißt du! Und erst die gute Gesundheit Johannas, die vor Ostern hierhergekommen ist! Oh, auch der Liebhaber der Aglaia hat dir genützt. Weißt du, daß Aglaia entflohen ist, kurz nachdem wir hier vorbeigekommen waren? Er, der Liebhaber, hat den Teufel gespielt und sich an vielen Unschuldigen gerächt. Darum glaubt das Volk endlich an dich als an den Rächer der Unterdrückten und verlangt nach dir. Ich meine die Besten ...»

«Rächer der Unterdrückten! Ja, das bin ich. Aber auf der übernatürlichen Ebene. Keiner von denen, die mich mit Szepter und Weltkugel in der Hand als König und Richter irdischer Dinge sehen, sieht mich richtig. Natürlich bin ich gekommen, um von der Unterdrückung zu befreien. Von der Sünde, der schlimmsten aller Unterdrückungen, von Krankheiten, Trostlosigkeit, Unwissenheit und Egoismus! Viele werden lernen, daß es nicht recht ist, zu unterdrücken, wenn das Schicksal sie über andere gestellt hat. Sie werden lernen, ihre gesellschaftliche Stellung dazu zu nützen, um den Untergeordneten zu helfen.»

«Lazarus tut es, und auch Johanna. Aber es sind nur zwei gegen Hunderte!» sagt Philippus traurig.

«Die Flüsse sind an der Quelle nicht so breit wie an der Mündung: Tropfen, Wasserfäden, aber dann... Es gibt Flüsse, die an der Mündung einem Meer gleichen.»

«Der Nil, nicht wahr?! Deine Mutter hat es mir erzählt nach der Rückkehr aus Ägypten. Sie sagte immer: "Ein Meer, glaub es mir, ein grün-blaues Meer! Ihn bei Hochwasser zu sehen, ist ein Traum!" Und sie erzählte mir von den Pflanzen, die aus dem Wasser zu wachsen scheinen, und von all dem Grün, das sich zeigte, wenn das Wasser sich zurückzog ...» sagte Maria des Alphäus.

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«Und so sage ich euch: Wie der Nil an der Quelle ein Wasserfaden ist und dann zum Riesen wird, so wird auch das Fädchen, das heute mit Liebe und aus Liebe den Geringsten dient, zu einer Vielfalt werden. Johanna, Lazarus, Martha jetzt, und dann viele, viele!» Jesus scheint alle zu sehen, die sich den Brüdern barmherzig erweisen, und lächelt, in seine Vision versunken.

Judas verrät, daß der Synagogenvorsteher mit ihm kommen wollte, es aber nicht gewagt hatte, von sich aus eine Entscheidung zu treffen: «Erinnerst du dich, Johannes, wie er uns im letzten Jahre vertrieben hat?»

«Ich erinnere mich, aber sage es doch dem Meister!»

Jesus antwortet, daß sie sich Hebron nähern. Wenn die Bewohner sie wollten, werde man sie rufen, und sie werden bleiben; wenn nicht, werden sie sogleich weiterziehen.

«So können wir das Haus des Täufers sehen. Wem gehört es jetzt?»

«Dem, der es will, glaube ich. Schammai ist fortgezogen und nicht zurückgekehrt. Er hat Diener und Möbel weggebracht. Um sich zu rächen, haben die Bürger die Umfassungsmauer abgebrochen; das Haus gehört nun allen. Wenigstens der Garten. Sie versammeln sich dort, um ihren Täufer zu verehren. Man sagt, daß Schammai ermordet worden ist. Ich weiß nicht, weshalb... es scheint wegen einer Frauengeschichte...»

«Irgendeine Intrige am Hof, bestimmt!» murmelt Nathanael in seinen Bart.

Die Gruppe erhebt sich und geht nach Hebron, zum Haus des Täufers. Dort angekommen, finden sie eine geschlossene Menge von Bürgern vor. Sie kommen ihnen etwas unsicher, neugierig und überrascht entgegen. Jesus grüßt sie lächelnd. Sie machen sich Mut, gehen auseinander, und aus der Gruppe löst sich der Synagogenvorsteher, der im vergangenen Jahr so unhöflich war.

«Der Friede sei mit dir!» grüßt Jesus gleich. «Erlaubst du uns, in deiner Stadt zu verweilen? Ich bin mit allen meinen bevorzugten Jüngern hier, und einige ihrer Mütter sind dabei.»

«Meister, hast du keinen Groll gegen uns, gegen mich?»

«Groll? Ich kenne so etwas nicht; auch wüßte ich nicht, weshalb ich grollen sollte.»

«Letztes Jahr habe ich dich beleidigt...»

«Du hast den Unbekannten beleidigt und hast geglaubt, dazu berechtigt zu sein. Dann aber hast du begriffen und bereut, es getan zu haben. Das ist vorbei. So wie die Reue die Schuld tilgt, so löscht die Gegenwart die Vergangenheit aus. Ich bin für dich nicht mehr der Unbekannte. Welche Gefühle hast du nun für mich?»

«Ehrfurcht, Herr, Verlangen...»

«Verlangen? Was willst du von mir?»

«Dich besser kennenlernen.»

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«Wie? Auf welche Art?»

«Durch deine Worte und deine Werke. Die Kunde von dir, von deiner Lehre und deiner Macht hat uns erreicht; und man hat uns gesagt, daß du an der Befreiung des Täufers nicht unbeteiligt warst. Du hast ihn also nicht gehaßt, hast nicht versucht, unseren Johannes zu verdrängen! ... Er selbst hat nicht verneint, daß er dank dir das Tal des heiligen Jordan wiedergesehen hat. Wir sind bei ihm gewesen, haben von dir gesprochen, und er hat uns gesagt: "Ihr wißt nicht, wen ihr vertrieben habt. Ich mußte euch tadeln; doch ich verzeihe euch, denn er hat mich gelehrt, zu verzeihen und sanftmütig zu sein. Wenn ihr also nicht vom Herrn und von mir, seinem Diener, verflucht werden wollt, so liebt den Messias. Zweifelt nicht! Sein Zeugnis ist: Geist des Friedens, vollkommene Liebe, höhere Weisheit als jede andere, himmlische Lehre, absolute Sanftmut; Macht über alle Dinge, vollkommene Demut und engelgleiche Keuschheit. Ihr könnt nicht fehlgehen. Wenn ihr Frieden in der Nähe eines Menschen atmet, der von sich sagt, daß er der Messias ist; wenn ihr Liebe trinkt, die Liebe, die von ihm ausgeht; wenn ihr aus eurem Dunkel ins Licht eingeht; wenn ihr seht, daß Sünden vergeben und Leiber geheilt werden, dann saget: 'Dieser ist wahrlich das Lamm Gottes!"' Wir wissen, daß deine Werke es sind, von denen unser Johannes gesprochen hat. Daher verzeihe uns, liebe uns, gib uns das, was die Welt von dir erwartet.»

«Ich bin deswegen gekommen; ich komme von sehr weit her, um auch der Stadt des Johannes das zu geben, was ich jedem Ort, der mich aufnimmt, gebe. Sagt daher, was ihr von mir wollt!»

«Auch wir haben Kranke, und unwissend sind wir. Besonders, was Liebe und Güte betrifft, sind wir unwissend. Johannes hat mit seiner vollkommenen Gottesliebe eine eiserne Hand und Feuer-Worte; er will alle biegen, wie ein Riese einen Grashalm biegt. Viele verfallen der Mutlosigkeit, denn der Mensch ist mehr Sünder als Heiliger. Es ist schwierig, heilig zu sein. Man sagt, daß du nicht biegst, sondern aufrichtest, nicht verwundest, sondern Balsam auflegst, nicht schlägst, sondern streichelst. Man sagt, daß du väterlich bist mit den Sündern und Macht über die Krankheiten hast, wie sie auch heißen, besonders über die des Herzens. Die Rabbis verstehen es nicht mehr.»

«Bringt mir eure Kranken und versammelt euch dann in diesem Garten, der verlassen und von der Sünde entweiht ist, nachdem er einmal der Tempel der Gnade war, die hier gewohnt hat.»

Die Hebroniten entfernen sich in alle Richtungen, wie Schwalben; nur der Synagogenvorsteher bleibt. Er geht mit Jesus und den Jüngern innerhalb der Abgrenzung des Gartens in den Schatten einer Laube, die mit wild wuchernden Rosen und Weinreben überwachsen ist. Die Hebroniten kommen bald zurück. Sie bringen einen Gelähmten auf einer Bahre, ein blindes Mädchen, einen Taubstummen und zwei Kranke, die an

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irgendeiner mir unbekannten Krankheit leiden und von Begleitern geführt werden.

«Der Friede sei mit dir», grüßt Jesus jeden ankommenden Kranken. Dann die sanfte Frage: «Was wollt ihr, daß ich tue?» Und es antwortet der Klagechor der Unglücklichen; jeder möchte seine eigene Geschichte erzählen.

Jesus, der dagesessen hatte, erhebt sich und geht zum Stummen, dem er die Lippen mit seinem Speichel befeuchtet und dem er das große Wort sagt: «Öffne dich!» Ebenso sagt er zur Blinden, deren geschlossene Lider er mit dem von Speichel befeuchteten Finger berührt. Dann gibt er dem Gelähmten die Hand und sagt: «Steh auf!» Zum Schluß legt er den beiden Kranken seine Hände auf mit den Worten: «Werdet gesund, im Namen des Herrn!»

Der Stumme, der zuvor nur unverständliche Laute von sich gab, sagt klar und deutlich «Mama», während das Mädchen die entsiegelten Lider dem Lichte öffnet, sie wieder schließt und wieder öffnet und mit den Fingern zur unbekannten Sonne deutet, lacht und weint, sich die Augen reibt, da es die Sonne nicht gewöhnt ist, und auf die Erde, die Personen und besonders auf Jesus schaut. Der Gelähmte steigt sicher von der Bahre, und seine barmherzigen Träger halten dieselbe leer in die Höhe, um den entfernt Stehenden zu verstehen zu geben, daß die Gnade gewährt worden ist, während die beiden Kranken vor Freude weinen und niederknien, um ihren Retter zu verehren.

Die Menschen brechen in begeisterte Hosannarufe aus. Thomas, der nahe bei Judas steht, blickt ihn fest und mit einem so vielsagenden Ausdruck an, daß dieser ihm antwortet: «Ich war töricht, verzeih!»

Nachdem die Rufe nachgelassen haben, beginnt Jesus zu reden.

«Der Herr sprach zu Josua und sagte: "Sprich zu den Kindern Israels und sage zu ihnen: Teilt die Städte mit den Flüchtigen, von denen ich durch Moses zu euch gesprochen habe, damit sich dorthin flüchten kann, wer unfreiwillig jemand getötet hat und sich dem Zorn der Verwandten und den Bluträchern entziehen will!" Hebron ist eine dieser Städte.

Es wird weiter gesagt: "Und die Ältesten der Stadt sollen den Unschuldigen nicht dem ausliefern, der ihn zu töten sucht, sondern sie sollen ihn aufnehmen und ihm eine Wohnung geben, damit er bis zum Gericht und solange der betreffende Hohepriester nicht gestorben ist, dort bleiben kann. Danach kann er in seine Stadt und in sein Haus zurückkehren."

In diesem Gesetz ist schon die barmherzige Liebe zum Nächsten berücksichtigt und befohlen. Dieses Gebot hat Gott gegeben, da es nicht erlaubt ist, zu töten, ohne vorher den Angeklagten verhört zu haben; es ist auch nicht erlaubt, im Zorn zu töten.

Dies gilt auch für die moralischen Vergehen und Anschuldigungen. Es ist nicht erlaubt, zu beschuldigen, wenn man nicht genau untersucht hat,

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oder zu richten, bevor man den Angeklagten angehört hat. Doch heute kommen zu den bisherigen Anklagen und Verurteilungen für begangene oder vermutete Taten neue hinzu: solche, die sich gegen Menschen richten, die im Namen Gottes auftreten. In den Jahrhunderten ist das gegen die Propheten vorgekommen; heute erhebt man sich gegen den Vorläufer des Christus und gegen Christus. Ihr selbst könnt es feststellen. Mit Hinterlist aus dem Gebiet von Sichern gelockt, erwartet der Täufer in den Kerkern von Herodes den Tod; denn er wird nie in eine Lüge und in Kompromisse einwilligen, selbst wenn er geköpft werden sollte: nichts wird seine Ehrlichkeit zerstören und seine Seele von der Wahrheit trennen können, der er in allen ihren verschiedenen Formen, den göttlichen, den übernatürlichen und den moralischen treu gedient hat. Genauso wird Christus verfolgt, mit doppelter und zehnfacher Wut, da er sich nicht darauf beschränkt, Herodes zu sagen: "Es ist dir nicht erlaubt", sondern überall dort, wo er eintretend Sünde antrifft oder weiß, daß Sünde vorliegt, sagt: "Es ist dir nicht erlaubt", ohne daß er eine Kategorie im Namen Gottes und zur Ehre Gottes ausschließt. Wie kann dies geschehen? Gibt es keine Diener Gottes mehr in Israel? Ja, es gibt sie. Aber sie verehren Götzen!

Im Brief des Jeremias an die Exilierten stehen unter anderem diese Dinge. Ich rufe sie euch ins Gedächtnis, da jedes Wort des Briefes Lehre ist, die sich vom Augenblick an, in dem der Geist sie infolge eines Ereignisses der Gegenwart niederschreiben läßt, auch auf ein zukünftiges Vorkommnis bezieht. Es steht also geschrieben: "Wenn ihr nach Babylon kommt, werdet ihr Götzen aus Gold, Silber, Stein und Holz sehen... Hütet euch davor, das Tun der Fremden nachzuahmen oder sie zu fürchten oder Angst zu haben... sagt in eurem Herzen: 'Dich allein, o Herr, müssen wir anbeten!"' Und der Brief beschreibt diese Idole in allen Einzelheiten; diese Idole, die eine künstliche Zunge haben und sich dieser nicht bedienen, um ihre falschen Priester zu tadeln, die sie berauben, um mit dem Gold des Idols die Dirnen zu kleiden; diesen aber nehmen sie das Gold wieder ab, das beschmutzt ist durch die Prostitution, um das Idol damit wieder zu bedecken; diese Idole, die Rost und Gewürm zerstören, und die nur sauber und ordentlich sind, wenn der Mensch ihr Gesicht wäscht und sie kleidet; während sie allein nichts vermögen, selbst wenn sie Szepter und Waage in der Hand halten. Und der Prophet endet: "Fürchtet sie daher nicht!" Dann fährt er fort: "Unnütz wie zerbrochene Gefäße sind diese Götter. Ihre Augen sind voll vom aufgewirbelten Staub der Tempelbesucher; sie sind immer geschlossen, wie in einem Grab oder wie die Augen dessen, der den König beleidigt hat; jeder Mensch kann sie ihrer kostbaren Gewänder berauben. Sie sehen das Licht der Lampen nicht, daher sind sie im Tempel wie Balken, und die Lampen sind nur dazu da, um sie mit Ruß zu bedecken, während Käuzchen, Schwalben und andere Vögel auf ihren Kopf fliegen und ihn mit ihrem Kot beschmutzen; die Katzen

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machen aus ihren Gewändern ihr Lager und zerfetzen sie. Nein, diese Idole sind nicht zu fürchten; sie sind tote Dinge. Nicht einmal das Gold nützt ihnen; es dient nur als Schmuck, und wenn es nicht geputzt wird, dann glänzt es nicht. Sie haben auch nichts gespürt, als sie hergestellt wurden. Das Feuer hat sie nicht zum Leben erweckt. Sie sind für namhafte Summen gekauft worden und werden dort aufgestellt, wo der Mensch sie haben will; denn sie sind in beschämender Weise ohnmächtig... Warum werden sie dann Götter genannt? Weil man sie anbetet und ihnen Opfer darbringt in Schauspielen falscher Zeremonien, an die weder die Ausführenden noch die Beiwohnenden glauben. Wenn ihnen Gutes oder Böses angetan wird, vergelten sie es nicht; sie sind unfähig, einen König zu ernennen oder abzusetzen; sie können weder Reichtum noch Übel verteilen; sie können einen Menschen nicht vor dem Tod bewahren und einen Schwachen nicht vor dem Mächtigen schützen. Sie haben auch kein Mitleid mit den Witwen und den Waisen. Sie gleichen den Felsen im Gebirge..." Das sagt der Brief so ungefähr.

Seht, auch wir haben Idole, aber keine Heiligen mehr in den Reihen der Diener des Herrn. Daher kann sich das Böse gegen das Gute erheben. Das Böse, das den Verstand und das Herz der nicht mehr Heiligen mit Schmutz bespritzt und sich einnistet in ihre falschen Gewänder der Güte.

Sie können die Worte Gottes nicht mehr aussprechen. Das ist natürlich! Sie haben eine von Menschen angefertigte Zunge und sagen Menschenworte, wenn sie nicht Satansworte sagen; sie sprechen nichts anderes aus als unvernünftige Vorwürfe an Unschuldige und Arme, und schweigen dort, wo sie Verdorbenheit von Mächtigen sehen. Denn sie sind alle verdorben und können sich daher nicht gegenseitig dieselbe Schuld vorwerfen. Sie arbeiten eifrig, nicht für den Herrn, sondern für Mammon und nehmen das Gold der Unzucht und des Verbrechens an, feilschend, stehlend und von einer Gier besessen, die jede Grenze und alles Maß übersteigt. Jeglicher Staub bleibt auf ihnen liegen, gärt auf ihnen, und wenn sie dem Herrn ein gewaschenes Gesicht zeigen, so sieht das Auge Gottes ein sehr schmutziges Herz. Der Rost des Hasses und das Gewürm der Sünde nagt an ihnen; sie tun nichts, um sich zu retten. Sie gehen um mit Verfluchungen wie mit Szepter und Schwert; aber sie wissen nicht, daß sie selbst verflucht sind. Eingeschlossen in ihr Denken und ihre Süchte wie Leichen in ihren Gräbern oder Gefangene in ihrem Kerker, stehen sie da und klammern sich an die Eisenstangen ihrer Zelle aus Angst, daß eine Hand sie von dort herausholen könnte; denn da sind diese Toten immer noch etwas: Mumien, aber nicht Mumien mit einem menschlichen Aussehen, sondern zu vertrocknetem Holz verdorrte Leiber; draußen wären sie überholte Dinge von der Welt, die das Leben sucht, die das Leben nötig hat, wie der Säugling die Brust, und die den sucht, der Leben schenkt und nicht Leichengeruch.

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Sie stehen im Tempel, ja, und der Rauch der Lampen: der Ehren, bedeckt sie mit seinem Ruß; aber das Licht dringt nicht in sie hinein; alle Leidenschaften nisten sich in ihnen ein wie Vögel und Katzen; doch keine Begeisterung für ihre Aufgabe entzündet in ihnen die mystische Unruhe nach Gott. Sie weisen die Liebe ab. Das Feuer der Liebe entzündet sie nicht, so wie die Liebe sie nicht mit ihrem herrlichen Goldglanz umkleidet; die doppelte Liebe in Form und Ursprung: Liebe zu Gott und dem Nächsten die Form; Liebe zu Gott und dem Menschen die Quelle. Denn Gott entfernt sich vom Menschen, der nicht liebt, und die Quelle versiegt; und es entfernt sich der Mensch vom bösen Menschen, und somit versiegt auch die zweite Quelle. Alles wird dem Menschen ohne Liebe von dem, der die Liebe ist, genommen. Sie lassen sich kaufen für verfluchtes Geld, und sie lassen sich dorthin bringen, wo der Nutzen und die Macht sie haben wollen.

Nein! Nein, das ist nicht erlaubt! Es gibt keine Münze, mit der man das Gewissen kaufen kann, und besonders nicht das der Priester und der Lehrer. Es ist nicht erlaubt, in Dingen der Erde nachgiebig zu sein, wenn diese zu Handlungen verführen, die gegen die von Gott festgelegte Ordnung verstoßen. Das ist geistige Impotenz, und es steht geschrieben: "Der Eunuch kann nicht in die Versammlung des Herrn eintreten." Wenn aber in der Natur Impotente nicht zum Volk Gottes gehören können, kann dann der im Geiste Impotente ein Minister Gottes werden? In Wahrheit sage ich euch, daß viele Priester und Lehrer jetzt von schuldhaftem geistigen Eunuchentum befallen sind, denn sie sind verstümmelt in ihrer geistigen Männlichkeit. Viele, allzuviele!

Überlegt! Beobachtet! Vergleicht! Ihr werdet sehen, daß wir viele Idole haben und wenige Diener des Guten, das Gott ist. Daher sind die Zufluchtsstädte keine Zufluchtsstätten mehr. Nichts wird mehr geachtet in Israel, und die Heiligen sterben, da sie von den Unheiligen gehaßt werden.

Aber ich lade euch ein: "Kommt!" Ich rufe euch im Namen eures Johannes, der schmachtet, weil er heilig war; der bestraft wird, weil er mein Vorläufer ist und versucht hat, den Weg des Lammes vom Schmutz zu säubern.

Kommt, um Gott zu dienen! Die Zeit ist nahe! Seid nicht unvorbereitet für die Erlösung. Macht, daß der Regen auf das besäte Feld falle. Sonst ist er umsonst vergossen worden. Ihr, ihr von Hebron, an der Spitze müßt ihr stehen! Habt ihr nicht mit Zacharias und Elisabeth gelebt? Diese Heiligen haben vom Himmel den Johannes verdient, und hier hat Johannes den Wohlgeruch der Gnade mit der wahren Reinheit seiner Kindheit verbreitet, und aus seiner Wüste hat er euch den Verderben verhindernden Weihrauch seiner Gnade gesandt, die zum Wunder der Buße geworden ist. Enttäuscht euren Johannes nicht! Er hat die Nächstenliebe auf eine fast göttliche Stufe gebracht, indem er den letzten Bewohner der Wüste, wie

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euch, seine Mitbürger, liebt. Gewiß erfleht er für euch das Heil. Und das Heil besteht darin, der Stimme des Herrn zu folgen und an sein Wort zu glauben. Kommt zahlreich aus dieser Priesterstadt zum Dienst des Herrn! Ich gehe vorüber und rufe euch. Steht den Dirnen nicht nach, denen ein Wort der Barmherzigkeit genügt, um den bisherigen Weg zu verlassen und auf den Weg des Guten zu kommen.

Bei meiner Ankunft bin ich gefragt worden: "Aber hegst du uns gegenüber keinen Groll?" Groll? O nein! Liebe habe ich für euch! Und ich habe die Hoffnung, euch in den Reihen meines Volkes zu sehen; des Volkes, das ich im neuen Exodus zu Gott führe, zum wahren Land der Verheißung: zum Reich Gottes durch das Rote Meer der Sinne und durch die Wüste der Sünde, frei von jeder Sklaverei, zum ewigen Land voller Herrlichkeit und Frieden... Kommt! Es ist die Liebe, die vorüberzieht! Wer will, kann ihr folgen; denn um von ihr angenommen zu werden, ist nur der gute Wille nötig.»

Jesus hat in einem unerwarteten Schweigen geendet. Viele scheinen die gehörten Worte abzuwägen, durchzudenken und zu vergleichen.

Während dies geschieht und Jesus sich müde und erhitzt niedergesetzt hat und sich mit Johannes und Judas unterhält, ertönt ein Geschrei jenseits der Umzäunung des Gartens. Wirre Schreie erst, und dann ganz klar: «Ist er der Messias? Ist er da?» Und nachdem dies bestätigt worden ist, wird ein Krüppel herangeführt, der wie ein S aussieht, so verwachsen ist er.

«Oh, es ist Masala!»

«Aber der ist doch zu sehr verkrüppelt; was kann er noch erhoffen?»

«Seine Mutter, die Unglückliche, ist auch da!»

«Meister, der Mann hat diese Frau verstoßen wegen dieser Mißgeburt; sie lebt hier von Almosen. Aber jetzt ist sie alt und wird nicht mehr lange leben ...»

Eine Mißgeburt, wahrlich! Sie ist bei Jesus angelangt. Der Krüppel kann Jesus nicht einmal ins Gesicht sehen, so sehr ist er verkrümmt. Er gleicht der Karikatur eines Menschenaffen oder einem vermenschlichten Kamel. Die Mutter, alt und arm, sagt kein Wort, sie seufzt nur: «Herr, Herr... ich glaube ...»

Jesus legt seine Hände auf die schiefen Schultern des Mannes, der ihm nur bis zur Taille reicht, hebt sein Antlitz zum Himmel und ruft aus: «Steh auf und wandle auf dem Weg des Herrn!» Der Mann schüttelt sich und richtet sich auf wie ein normaler Mensch. Die Bewegung erfolgt so plötzlich, daß man meint, die Feder, die ihn in diese abnormale Position gezwungen hat, sei zerbrochen. Er reicht nun Jesus bis an die Schultern, schaut ihn an und sinkt zusammen mit der Mutter auf die Knie. Sie küssen die Füße des Retters.

Was jetzt unter dem Volk geschieht, ist unbeschreiblich. Allem

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Widerstand zum Trotz wird Jesus gezwungen, in Hebron Aufenthalt zu nehmen; denn das Volk schickt sich an, alle Ausgänge zu besetzen, um sein Weggehen zu verhindern.

So begibt sich Jesus in das Haus des alten Synagogenvorstehers, der seit dem letzen Jahr völlig verändert ist.

253. IN JUTTA; PREDIGT IM HAUS ISAAKS

Ganz Jutta ist Jesus entgegengekommen mit Feld- und Waldblumen seiner Hügel und den Frühgemüsen seiner Kulturen, mit dem Lächeln seiner Kinder und den Segenswünschen seiner Bewohner. Bevor Jesus den Fuß in die Ortschaft setzen kann, ist er schon von diesen Guten umringt, die von den vorausgesandten Judas Iskariot und Johannes benachrichtigt worden und herbeigeeilt sind mit allem, was ihnen am geeignetsten schien, um den Erlöser zu ehren, und vor allem mit ihrer Liebe.

Jesus kann nichts anderes tun, als dieser Menge von Erwachsenen und Kindern mit Wort und Geste den Segen zu erteilen; dieser Menge, die sich an und um ihn drängt, ihm das Gewand und die Hände küßt und Säuglinge auf die Arme legt, damit er sie mit seinem Kuß segne. Die erste, die dies tut, ist Sara, die ihm ein prächtiges Kind von ungefähr zehn Monaten reicht, das von jetzt an Jesai heißt.

Die Liebe hindert Jesus am Weitergehen, denn sie ist so überwältigend wie eine hochgehende Woge. Ich glaube, Jesus wird mehr von dieser Woge als von den eigenen Füßen getragen, und sein Herz ist hochgestimmt in der Freude, die ihm diese Liebe schenkt. Sein Antlitz leuchtet wie in den Augenblicken der lebhaften Freude als Gottmensch. Es ist nicht der mächtige Ausdruck mit dem magnetischen Blick der Stunden der Wunder, nicht das majestätische Antlitz, das er zeigt, wenn er seine beständige Vereinigung mit dem Vater offenbart. Es ist auch nicht das strenge Antlitz, das er hat, wenn er eine Schuld tadelt: alles Reflexe verschiedener Lichter. Dies aber ist das Leuchten der Stunden der Entspannung seines ganzen "ICHS", das von so vielen Seiten angegriffen und gezwungen wird, jede kleinste Geste, jedes Wort, von ihm selbst oder von anderen, zu überwachen; es wird verwickelt in die Umtriebe der Welt, die wie eine bösartige Spinne ihre satanischen Fäden um den göttlichen Schmetterling, den Gottmensch, spinnt und hofft, ihn dadurch am Flug zu hindern und den Geist zu lähmen, damit er die Welt nicht rette; sie hofft, seine Worte verstümmeln zu können, damit er die sündhafte Unwissenheit der Erde nicht belehre; die hofft, ihm die Hände zu binden, damit diese Hände des Ewigen Priesters die Menschen nicht heiligen, die vom Satan und vom Fleisch verdorben worden sind; die ihm die Augen verschleiern möchten,

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damit die Vollkommenheit seines Blickes – der ein Magnet, Verzeihung, Liebe und bezwingend ist – der mit jedem nicht vollkommen satanischen Widerstand fertig wird, die Herzen nicht an sich ziehe.

Oh, steht es nicht immer noch so um Christus durch das Wirken der Feinde Christi? Immer noch versuchen Wissenschaft und Häresie, Haß und Neid und die aus derselben Menschheit geborenen Feinde der Menschheit, wie vergiftete Zweige einer gesunden Pflanze, alles, um die Menschheit zu vernichten; diese Menschheit, die sie noch mehr hassen als Christus; denn sie hassen sie konkret, indem sie alles unternehmen, um sie durch die Entchristlichung ihrer Freude zu berauben, da sie Christus nichts nehmen können, denn er ist Gott, und sie sind nur Staub.

Ja, sie tun es! Aber Jesus zieht sich in die treuen Herzen zurück, wacht von dort aus über sie und spricht zu ihnen. Von dort aus segnet er die Menschheit, und dann... dann gibt er sich diesen Herzen, und sie... und sie berühren den Himmel mit seiner Seligkeit, hierbleibend, aber brennend, bis ihr ganzes Sein von einer wunderbaren Unruhe erfüllt ist: in den Sinnen und den Organen, in den Gefühlen und den Gedanken und endlich im Geist... Tränen und Lächeln, Seufzer, Gesang und Erschöpfung; gleichzeitig sind die dringenden Notwendigkeiten des Lebens unsere Begleiter oder vielmehr unser Sein selbst; denn wie die Knochen im Fleisch, die Venen und die Nerven unter der Haut sind, und alles zusammen den Menschen bildet, so sind auch die Dinge, die sich an Jesus entzündet haben und geschenkt wurden, in uns, in unserer armseligen Menschlichkeit. Was sind wir in jenen Momenten, die nicht ewig dauern können, denn sollten sie mehr als einen Augenblick dauern, würde man verbrannt und vernichtet sterben? Wir sind keine Menschen mehr. Wir sind nicht mehr die mit Vernunft begabten Tiere, die auf Erden leben. Wir sind, wir sind: oh, Herr! Laß es mich einmal sagen, nicht aus Stolz, sondern um deine Herrlichkeit zu rühmen; denn dein Blick verbrennt mich und versetzt mich in Verzückung... Wir sind dann Seraphim. Und es wundert mich, daß keine Flammen aus uns kommen, spürbar für die Menschen und für die Materie, wie das bei den Erscheinungen der Verdammten der Fall ist. Denn, wenn es wahr ist, daß das höllische Feuer so ist, daß ein einziger von einem Verdammten ausgelöster Reflex genügt, um Holz zum Brennen und Metalle zum Schmelzen zu bringen: was ist dann dein Feuer, o Gott, der du alles hast, was unendlich und vollkommen ist?

Nein, man stirbt nicht am Fieber, man verbrennt nicht an ihm und man wird nicht vom Fieber der Übel des Fleisches verzehrt. Du bist das Fieber in uns, Liebe! Und an ihr verbrennt man, stirbt man, verzehrt man sich, und in ihr zerreißen die Fasern des Herzens, das so viel nicht mehr aushalten kann. Ich habe mich schlecht ausgedrückt; denn die Liebe ist Delirium, die Liebe ist eine Sturzflut, die Deiche bricht und alles überschwemmt, was nicht sie ist; Liebe ist, seinen Geist anfüllen mit wahren Gefühlen, die alle da sind; denn die Hand ist nicht schnell genug, das vom Herzen empfundene Gefühl in Gedanken niederzuschreiben. Es ist nicht wahr, daß man stirbt. Man lebt. In einem verzehnfachten Leben. Mit einem verdoppelten Leben als Mensch und als Seliger: das Leben der Erde und das des Himmels. Man erreicht und überhöht, oh, dessen bin ich sicher, das Leben ohne Schaden, ohne Verminderung noch Begrenzung; denn Du, Vater, Sohn und Heiliger Geist, du, Gott, Schöpfer und Dreieiniger, hast Adam das Leben gegeben als Präludium für das Leben nach der Aufnahme durch dich in den Himmel, nach einem friedvollen Übergang von dem irdischen Paradies zum himmlischen und einem Sprung in die liebenden Arme der Engel; so wie es der süße Schlummer und die süße Auffahrt Marias in den Himmel war, um zu dir zu gelangen, zu dir, zu dir, zu dir!

Man lebt das wahre Leben. Dann findet man sich wieder hier, und, wie es mir geschehen ist, man staunt, man schämt sich, sich mit soviel anderem beschäftigt zu haben und man sagt: «Herr, ich bin nicht würdig. Verzeih, Herr!» Man klopft sich an die Brust voller Schrecken, eine Hochmutssünde begangen zu haben; und man senkt einen dichteren Schleier über das Leuchten, das, wenn es aus Mitleid mit unserer Begrenztheit nicht mit einer

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außergewöhnlichen Flamme weiterbrennt, im Mittelpunkt unseres Herzens weiterglüht, bereit, in einem neuen Augenblick, einem von Gott gewollten Augenblick der Seligkeit, wieder kräftig aufzuflackern. Man senkt den Schleier über das Heiligtum, in dem Gott brennt mit seinem Feuer, seinem Licht, seiner Liebe... und erschöpft und doch wiederbelebt, setzt man seinen Weg fort, wie... betrunken von einem starken und kräftigenden Wein, der den Verstand nicht benebelt, sondern ihn davor bewahrt, Augen und Gedanken zu haben für das, was nicht der Herr ist; du, mein Jesus, Verbindungsglied zwischen unserem Elend und der Gottheit, Mittler der Erlösung von unserer Schuld, Schöpfer der Seligkeit für unsere Seele, du, Sohn, der mit den durchbohrten Händen unsere Hände in die geistigen Hände des Vaters und des Heiligen Geistes legt, damit wir in euch seien, jetzt und für immer. Amen.

Aber wohin bin ich gegangen, als Jesus mich aufflammen läßt und die Bewohner von Jutta mit seinem Blick der Liebe entzündet? Sie werden bemerkt haben, daß ich nicht mehr oder nur selten von mir rede. Wieviel Dinge könnte ich sagen! Aber körperliche Müdigkeit und Schwäche, die mich sofort nach den Diktaten befallen, und geistige Scham, die immer stärker wird, je mehr ich voranschreite, überzeugen, ja, verpflichten mich zu schweigen. Aber heute... bin ich zu hoch gestiegen, und man weiß, daß die Stratosphärenluft die Kontrolle verlieren läßt... Und ich bin weit über die Stratosphäre hinausgegangen, und da konnte ich mich nicht mehr beherrschen... Und dann glaube ich, daß wir, wenn wir jedesmal schweigen würden, wenn wir von diesem Wirbel der Liebe erfaßt werden, schließlich explodierten wie Geschosse, oder besser, wie überhitzte, geschlossene Kessel...

Verzeihen Sie mir, Pater. Nun fahren wir fort.

Jesus betritt Jutta, wird zum Marktplatz begleitet und von dort zum armen Häuschen, in dem Isaak dreißig Jahre lang gelitten hat. Man erklärt ihm: «Hierher kommen wir, um von dir zu reden und um zu beten, wie in einer wahren, wirklichen Synagoge. Denn hier begann unsere Bekanntschaft, und hier riefen dich die Gebete eines Heiligen zu uns. Tritt ein! Schau, wie wir es eingerichtet haben.»

Das Häuschen, das vor einem Jahre noch aus frei durchlöcherten Zimmern bestand (im ersten bettelte der kranke Isaak, das zweite war ein Ablageraum, und das dritte eine Küche, die zum Hof führte), ist nun in einen einzigen Raum verwandelt worden, in dem Bänke stehen für die Leute, die hier zusammenkommen. In einer Hütte im Hof sind die wenigen Einrichtungsgegenstände Isaaks wie Reliquien aufgestellt; die Ehrfurcht der Bewohner von Jutta hat den Hof zu einem etwas weniger traurigen Ort gemacht. Schlinggewächse bilden den Anfang einer Pergola; sie winden sich an Seilen, die wie ein Netz gespannt sind, bis in die Höhe des niedrigen Daches hinauf.

Jesus lobt sie und sagt: «Hier wollen wir bleiben. Ich bitte euch, nur die Frauen und das Kind zu beherbergen.»

«Oh, Meister, das soll niemals geschehen! Wir kommen mit dir hierher, und du wirst zu uns sprechen; aber du und die Deinen, ihr alle seid unsere Gäste! Schenk uns die Gnade, dich und die Diener Gottes aufnehmen zu können. Es ist nur bedauerlich, daß es ihrer nicht so viele sind, wie Häuser zur Verfügung stehen...»

Jesus gibt nach und verläßt das Häuschen, um sich zum Haus der Sara

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zu begeben, die an niemand ihr Recht, Jesus und den Seinen eine Mahlzeit anzubieten, abgibt...

.. . Jesus spricht im Haus Isaaks. Die Leute füllen den Raum, den Hof und benötigen auch noch den Platz; und, um von allen verstanden zu werden, stellt sich Jesus in die Mitte des Raumes, so daß seine Stimme auch im Hof und auf dem Platz vernommen wird.

Es muß sich um ein Thema handeln, das aufgrund vorhergegangener Fragen oder Vorkommnisse bereits erörtert worden ist. Jesus sagt: «... Aber zweifelt nicht daran. Wie Jeremias sagt, werden sie selbst erfahren, wie bitter und schmerzvoll es ist, den Herrn verlassen zu haben. Für gewisse Verbrechen, meine Freunde, gibt es kein Nitrat oder Borit, die fähig sind, das Mal auszumerzen. Nicht einmal das höllische Feuer löscht dieses Zeichen aus. Es ist unzerstörbar.

Auch hier muß man die Richtigkeit der Worte von Jeremias anerkennen. Unsere Großen Israels scheinen wirklich die wilden Esel zu sein, von denen der Prophet spricht. Verwahrloste in der Wüste ihres Herzens; denn, glaubt es mir, solange jemand mit Gott ist – auch wenn er arm wie Job, allein und nackt ist – ist er nie allein, arm und entblößt, nie in der Wüste. Doch sie haben Gott aus ihren Herzen entfernt und befinden sich daher in einer öden Wüste. Wie wilde Eselinnen wittern sie im Wind den Geruch der Esel; was hier in unserem Fall, wegen der Begehrtheit Macht, Geld und außerdem mit Recht Unzucht heißt: deren Geruch laufen sie nach bis zum Verbrechen. Ja, sie folgen ihm und werden ihm mehr und mehr folgen. Sie wissen nicht, daß nicht ihr Fuß, sondern ihr Herz nackt ist in den Augen Gottes, der ihr Verbrechen bestrafen wird. Wie werden Könige und Fürsten, Priester und Schriftgelehrte überrascht sein, die in Wahrheit zu dem, was nichts ist, oder schlimmer noch, was Sünde ist, gesagt haben und sagen: "Du bist mein Vater. Du hast mich erschaffen!"

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, daß Moses im Zorn die Gesetzestafeln zerschlug, als er das Volk Götzendienst treiben sah, und dann auf den Berg stieg, um zu beten, anzubeten; und er wurde erhört. So geht es seit Jahrhunderten. Aber noch ist er nicht verschwunden und er wird auch nicht verschwinden, sondern wie Hefe im Mehl aufgehen: der Götzendienst in den Herzen der Menschen. Fast jeder Mensch hat sein eigenes goldenes Kalb. Die Erde ist eine Wildnis von Götzenbildern, weil jedes Herz ein Altar ist, auf dem nur selten Gott ist. Wer nicht eine böse bestimmte Leidenschaft hat, hat eine andere. Wer nicht die eine Begierde hat, folgt einer mit anderem Namen. Wer nicht alles nur des Geldes wegen tut, tut alles für seine gesellschaftliche Stellung. Wer nicht ganz für das Fleisch lebt, lebt ganz für den Egoismus. Wie viele "Ich" werden wie goldene Kälber in den Herzen angebetet! Der Tag wird kommen, an dem sie erschüttert zum Herrn rufen und die Antwort erhalten: "Wende dich an deine Götter, ich kenne dich nicht!" Ich kenne dich nicht! Schreckliches

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Wort, wenn es von Gott zu einem Menschen gesprochen wird! Gott hat das Menschengeschlecht erschaffen und kennt jeden einzelnen Menschen. Wenn er daher sagt: "Ich kenne dich nicht" ' dann ist dies ein Zeichen, daß er kraft seines Willens diesen Menschen in seinem Gedächtnis ausgelöscht hat. Ich kenne dich nicht! Ist Gott mit diesem Urteil zu streng? Nein! Der Mensch hat zum Himmel geschrien: "Ich kenne dich nicht", und der Himmel hat dem Menschen geantwortet: "Ich kenne dich nicht." Getreu wie ein Echo...

Erwägt doch: der Mensch ist verpflichtet, Gott zu erkennen aus Dankbarkeit und mit Rücksicht auf den eigenen Verstand.

Aus Dankbarkeit: Gott hat den Menschen erschaffen. Er hat ihm die unschätzbare Gabe des Lebens geschenkt und ihn mit der unermeßlichen Gabe der Gnade versehen. Wenn diese durch eigene Schuld verlorengegangen ist, dann hört der Mensch in sich das große Versprechen: "Ich will dir die Gnade wieder schenken." Gott, der Beleidigte, ist es, der so zum Beleidiger spricht, als ob er, Gott, der Schuldige und verpflichtet wäre, wiedergutzumachen. Gott hält sein Versprechen. Ich bin hier, um den Menschen die Gnade wieder zu schenken. Gott begnügt sich nicht damit, nur das Übernatürliche zu geben; er beugt seine geistige Wesensheit, um für die bedrückenden Bedürfnisse des Fleisches und Blutes des Menschen zu sorgen, und gibt Sonnenwärme, Erquickung des Wassers, des Getreides, der Reben, der verschiedensten Früchte und der verschiedenartigsten Tiere. So hat der Mensch von Gott alle Mittel zum Leben. Er ist der Wohltäter. Man muß ihm dankbar dafür sein und ihm diese Dankbarkeit zeigen mit der Bemühung, ihn zu erkennen.

Rücksicht auf den eigenen Verstand: Der Irre und der Schwachsinnige sind ihren Betreuern nicht dankbar, denn sie verstehen den wahren Wert der Pflege nicht und hassen den, der sie wäscht und füttert, sie führt oder zu Bett bringt, sie überwacht und vor Gefahren hütet; sie hassen ihn, weil sie aufgrund ihrer Geisteskrankheit die Pflege mit Quälerei verwechseln. Der Mensch, der gegen Gott fehlt, entehrt sich selbst, weil er mit Verstand begabt ist. Nur die Schwachsinnigen oder die Irren sind unfähig, den Vater vom Fremden, den Wohltäter vom Feind zu unterscheiden. Der intelligente Mensch aber erkennt seinen Vater und seinen Wohltäter; er freut sich, ihn immer besser kennenzulernen, auch in Dingen, die er nicht kennt, da sie vielleicht geschehen sind, bevor er geboren wurde oder bevor er vom Vater oder vom Wohltäter beschenkt worden ist. So muß man es auch mit dem Herrn halten: beweisen, daß man Verstand hat und kein Tier ist. Aber viele in Israel gleichen den Irren, die den Vater und den Wohltäter nicht erkennen.

Jeremias fragt sich: "Kann jemals eine Jungfrau ihr Geschmeide vergessen und eine Braut ihren Gürtel?" O ja! In Israel gibt es viele dieser irren Jungfrauen, dieser schamlosen Bräute, die das Geschmeide und den

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ehrbaren Gürtel vergessen, um sich den Tand der Dirnen anzuziehen; es geschieht in einem immer größeren Maße, je höher man in den Klassen steigt, die Vorbild für das Volk sein sollten! Der Tadel Gottes gilt ihnen, der Schmerz und die Tränen Gottes: "Warum strengst du dich an, deinen Wandel als gut hinzustellen, um Liebe zu suchen, du, der du die Bosheit lehrst und dessen Gewandesränder Blutspuren der Armen und Unschuldigen aufweisen?"

Freunde, die Entfernung kann etwas Gutes und etwas Böses bedeuten. Sehr weit vom Ort entfernt zu sein, wo ich oft rede, ist ein Nachteil, der hindert, die Worte des Lebens zu vernehmen. Ihr beklagt euch deswegen. Es ist wahr. Aber die Entfernung hat auch etwas Gutes an sich, denn sie hält euch fern von Orten, an welchen die Sünde kocht und das Verderben gärt und Fallen gestellt werden, mir zu schaden, mich in meiner Arbeit zu stören und in die Herzen Zweifel und Lügen über mich zu legen.

Darum ist es mir lieber, euch fern von Verdorbenen zu wissen. Ich werde sorgen für eure Bildung. Ihr seht, Gott hat schon vorgesorgt, bevor wir uns kennengelernt und deswegen geliebt haben. Ich war euch bekannt, bevor wir uns gesehen haben. Isaak ist mein Bote gewesen. Ich werde viele Isaak senden, um euch meine Botschaft verkünden zu lassen. Ihr müßt übrigens wissen, daß Gott überall allein mit der Seele des Menschen sprechen und sie in seiner Lehre heranbilden kann.

Fürchtet nicht, daß das Alleinsein euch in Irrtümer führe! Nein! Wenn ihr es nicht wollt, werdet ihr dem Herrn und seinem Christus nicht untreu. Übrigens, wer absolut nicht fern vom Messias sein kann, der wisse, daß der Messias ihm Herz und Arme öffnet und sagt: "Kommt!" Kommt ihr alle, die ihr kommen wollt. Bleibt zurück, ihr, die ihr zurückbleiben wollt. Aber predigt Christus, die einen wie auch die anderen durch ein reines, ehrbares Leben. Predigt ihn gegen die Ehrlosigkeit, die sich in zu vielen Herzen einnistet. Predigt ihn gegen die Leichtfertigkeit der Unzähligen, die nicht treu bleiben können; die ihren Schmuck und ihren Gürtel vergessen als Seelen, die zur Hochzeit mit Christus berufen sind. Glücklich habt ihr gesagt: "Seit du zu uns gekommen bist, haben wir keine Kranken und Toten mehr. Dein Segen hat uns beschützt." Ja, die Gesundheit ist eine große Sache. Aber seht zu, daß mein jetziges Kommen euch alle gesunden Geistes macht, für immer und in allem! Daher segne ich euch und gebe euch meinen Frieden, euch, euren Kindern, den Feldern, den Häusern, den Ernten, den Herden, den Obstbäumen. Bedient euch ihrer in Heiligkeit; lebt nicht für sie, sondern durch sie; gebt den Überfluß den Bedürftigen, um damit ein volles Maß des Segens eures Vaters und einen Platz im Himmel zu erwerben. Geht! Ich will noch bleiben, um zu beten ...»

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254. IN KERIOTH; JESUS SPRICHT IN DER SYNAGOGE

Das Innere der Synagoge von Kerioth. An derselben Stelle, wo Saul tot hingelegt wurde, nachdem er die künftige Herrlichkeit des Christus gesehen hatte. Und an dieser Stelle, in einer geschlossenen Gruppe, die von Jesus und Judas überragt wird, den zwei größten, beide leuchtenden Gesichtes, der eine aufgrund seiner Liebe, der andere in der Freude darüber, daß seine Stadt dem Meister noch immer treu ist und ihm mit all dieser Aufmachung Ehre erweist, befinden sich die Vornehmen von Kerioth und dann, etwas weiter von Jesus entfernt, aber doch dicht aneinander gedrängt wie Samen in einem Säckchen, die Bürger; sie füllen die Synagoge, in der man trotz der geöffneten Türen nicht atmen kann. Um den Meister zu ehren und um ihn zu hören, geraten sie in ein schönes Durcheinander und machen einen Lärm, in dem man nichts versteht.

Jesus erträgt und schweigt. Die anderen aber werden unruhig, fuchteln mit den Armen und schreien: «Ruhe!» Der Ruf verliert sich im Geschrei wie ein Hilferuf am Strand während eines Sturmes.

Judas macht keine langen Geschichten. Er steigt auf einen hohen Schemel und klopft an die Lampen, die wie Trauben herunterhängen. Das hohle Metall tönt, und die Ketten klirren wie Musikinstrumente. Die Leute beruhigen sich, und man kann endlich Jesus reden hören.

Er sagt zum Synagogenvorsteher: «Gib mir die zehnte Rolle aus dem Regal.» Als er sie erhält, löst er das Band und gibt sie dem Synagogenvorsteher zurück und sagt: «Lies das 4. Kapitel des II. Buches der Makkabäer.»

Der Synagogenvorsteher liest gehorsam. Und die Wechselfälle des Onias und die Irrtümer des Jason und die Verrätereien und Diebereien des Menelaus ziehen im Geist der Anwesenden vorüber. Das Kapitel ist beendet. Der Synagogenvorsteher blickt auf Jesus, der aufmerksam zugehört hat.

Jesus gibt ein Zeichen, daß soweit die Lesung genügt und wendet sich zum Volk: «In der Stadt meines lieben Jüngers will ich nicht die üblichen Worte der Belehrung benützen. Wir werden einige Tage hier verweilen, und ich möchte, daß auch er zu euch spricht. Denn von nun an soll ein direkter, fortwährender Kontakt zwischen den Aposteln und dem Volk stattfinden. Das ist im oberen Galiläa beschlossen worden, und dort hat es bereits den ersten Erfolg gebracht. Aber die Demut meiner Jünger ließ sie dann in den Schatten zurücktreten, denn sie fürchten, unfähig und unwürdig zu sein, meinen Platz einzunehmen. Aber sie müssen es tun, und sie werden es gut machen und so ihrem Meister helfen. Hier also soll die wahre apostolische Verkündigung ihren Anfang nehmen, und die galiläisch-phönizischen Grenzen mit den Gebieten von Judäa, den südlichsten, die an die Länder der Sonne und des Sandes grenzen, in einer einzigen

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Liebe verbinden; denn der Meister genügt den Bedürfnissen der Scharen nicht mehr. Und es ist gerecht, daß die Jungadler ihren Horst verlassen und die ersten Flugversuche machen, solange die Sonne noch mit ihnen ist und starke Flügel sie beschwingen.

Ich werde also in diesen Tagen euer Freund und euere Ermutigung sein. Sie sind das Wort und streuen den Samen aus, den ich ihnen gegeben habe. Ihr werdet also nicht Worte allgemeiner Belehrung von mir erhalten; ich will euch etwas Besonderes schenken. Eine Prophezeiung! Erinnert euch in künftigen Zeiten daran, wenn das schrecklichste Ereignis der Menschheit die Sonne verfinstert, und die Herzen in der Finsternis einem irrigen Urteil verfallen könnten. Ich will nicht, daß ihr zu einem Irrtum verleitet werdet, die ihr vom ersten Augenblick an gut zu mir gewesen seid. Ich will nicht, daß die Welt sagen kann: "Kerioth war Christus feindlich gesinnt." Ich bin gerecht. Ich kann nicht zulassen, daß die Kritik, die für oder grollend und lieblos gegen mich spricht, euch aus verschiedenen Gründen der Schuld mir gegenüber bezichtige. So wie man bei einer großen Familie nicht gleiche Heiligkeit aller Kinder verlangen kann, so kann man dies auch nicht von einer bevölkerten Stadt verlangen. Aber es wäre ungerecht, wenn man wegen eines ungeratenen Kindes oder eines schlechten Bürgers sagt: "Die ganze Familie oder die ganze Stadt ist ein Fluch."

Hört also zu, erinnert euch daran, seid immer treu, und so wie ich euch liebe und euch vor einer ungerechten Anklage verteidige, so sollt auch ihr die Unschuldigen lieben. Wer auch immer sie sind. Wie auch ihre Verwandtschaftsbeziehung zu Schuldigen sein möge. Nun hört! Es wird eine Zeit kommen, in der in Israel Verräter des Schatzes und des Vaterlandes sich befinden, die in der Hoffnung, Freunde der Ausländer zu werden, schlecht über den wahren Hohenpriester reden und ihn anklagen, mit den Feinden Israels verbündet zu sein und die Kinder Gottes schlecht zu behandeln. Und um dies zu erreichen, sind sie fähig, Verbrechen zu begehen und die Verantwortung dafür auf den Unschuldigen zu schieben. Es wird die Zeit kommen, da wiederum in Israel, mehr noch als zur Zeit des Onias, ein Verbrecher behauptet, der Hohepriester zu sein, zu den Mächtigen in Israel geht und sie mit Gold und, was noch niederträchtiger ist, mit lügenvollen Worten bestechen will. Er wird die Wahrheit verdrehen und nicht gegen Mißstände auftreten; vielmehr wird er seine unwürdigen Ziele verfolgen und versuchen, die Sitten zu zerstören, um leichter die Seelen zu gewinnen, die die Freundschaft Gottes nicht mehr besitzen; alles nur, um sein Ziel zu erreichen. Und es wird ihm gelingen. Oh, gewiß! Denn wenn in demselben Gebäude auf dem Berge Moriah nicht Arenen nach dem Vorbild Jasons sind, so sind sie in Wirklichkeit in den Herzen der Bewohner des Berges, die für die Freiheit bereit sind, das zu verkaufen, was mehr als ein Landstück, sondern ihr eigenes Gewissen ist. Die Früchte des alten Irrtums treten dann zutage, und wer Augen hat zu sehen, wird

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erkennen, daß dies gerade dort geschieht, wo Liebe, Reinheit, Gerechtigkeit, Güte und heilige Religion herrschen müßten. Aber wenn jene Früchte schon erzittern lassen, so werden die Früchte, die aus ihren Samen hervorgehen, nicht nur schreckenerregend sein, sondern auch den göttlichen Fluch erregen.

Und nun die eigentliche Prophezeiung. In Wahrheit sage ich euch, daß der Mann, der listig, vertrauenerweckend und im Ablauf eines langen, hinterhältigen Spiels angenommen worden ist, den Hohenpriester, den wahren Priester, für Geld den Feinden überliefern wird. Getäuscht durch Liebesbezeugungen und den Mördern bezeichnet mit einer Liebesgeste wird der wahre Hohepriester, ohne jede Berücksichtigung der Gerechtigkeit, getötet. Welche Anklage wird gegen Christus erhoben – ich spreche von mir – um die Hinrichtung zu rechtfertigen? Welches Los ist denen vorbehalten, die solches tun? Ein unmittelbares Schicksal schrecklicher Gerechtigkeit. Ein Schicksal, das sich nicht individuell, sondern kollektiv an den Komplizen des Verräters vollziehen wird. Ein Schicksal, das entfernter und schrecklicher sein wird als das des Menschen, den die Reue dazu treibt, seinen dämonisierten Geist mit einem letzten Verbrechen gegen sich selbst zu krönen. Dieses Verbrechen ist in einem Augenblick beendet. Diese letzte Strafe aber wird lang und schrecklich sein. Ihr findet sie in den Worten: "... und von Zorn entbrannt, ließ er Andronikus sofort den Purpurmantel wegnehmen, die Kleider herunterreißen und ihn durch die Stadt führen bis zum Platz, wo er sich gegen Onias vergangen hatte" (2 Makk 4, 38).

Ja, die priesterliche Kaste wird in den Söhnen bestraft werden, nicht nur in den Ausführenden. Und das Los der Komplizen könnt ihr aus diesen Worten erfahren: "Die Stimme dieses Blutes schreit von der Erde zu mir. Du sollst daher verflucht sein..." (Gen 4, 9). Gott wird es zum ganzen Volk sagen, daß es das Geschenk des Himmels nicht mehr zu bewahren verstand; denn, wenn es wahr ist, daß ich gekommen bin, um zu erlösen, dann wehe jenen, die Mörder und nicht Erlöste sein werden in diesem Volk, das als erste Erlösung mein Wort hat.

Ich habe gesprochen. Erinnert euch dieser Worte! Wenn ihr hört, daß man sagt, ich sei ein Übeltäter, dann entgegnet: "Nein. Er hat es gesagt. Das ist seine Prophezeiung, die sich erfüllt, und er ist das für die Sünden der Welt getötete Opfer."»

Die Synagoge leert sich, und alle gestikulieren und reden über die Weissagung und die Hochachtung, die Jesus Judas erweist. Die Bewohner von Kerioth fühlen sich geehrt, weil der Messias die Heimatstadt eines Apostels, und überdies die des Apostels von Kerioth für den Beginn des apostolischen Wirkens und auch für das Geschenk der Weissagung gewählt hat. Obwohl diese Prophezeiung traurigen Inhalts ist, ist es doch eine große Ehre, sie erhalten zu haben und mit ihr die Worte der Liebe, die ihr vorausgegangen sind...

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In der Synagoge bleiben Jesus und die Gruppe der Apostel. Sie gehen zusammen in das Gärtchen, das zwischen der Synagoge und dem Haus des Synagogenvorstehers liegt. Judas hat sich niedergesetzt und weint.

«Warum weinst du? Ich sehe keinen Grund dafür...» sagt der andere Judas.

«Aber ja, fast möchte auch ich weinen... Habt ihr gehört? Jetzt sollen wir reden ...» sagt Petrus.

«Nun, ein wenig haben wir es schon auf dem Berg getan. Wir werden es immer besser tun. Du und Johannes, ihr seid sofort dazu fähig gewesen», sagt Jakobus des Zebedäus, um ihn zu ermutigen.

«Ich bin am schlimmsten dran... doch Gott wird mir helfen. Nicht wahr, Meister?» fragt Andreas.

Jesus, der in den Rollen liest, die er mitgenommen hat, dreht sich um und fragt: «Was hast du gesagt?»

«Daß Gott mir helfen wird, wenn ich reden soll. Ich werde versuchen, deine Worte so gut wie möglich zu wiederholen. Aber mein Bruder hat Angst, und Judas weint.»

«Du weinst? Warum?» fragt Jesus.

«Weil ich wirklich gesündigt habe. Andreas und Thomas können es bezeugen. Ich habe dich verleumdet, und du zeichnest mich aus, nennst mich "deinen lieben Jünger" und willst mich als Lehrer hier haben... Wieviel Liebe!»

«Aber hast du denn nicht gewußt, daß ich dich liebe?»

«Ja, aber... Danke, Meister. Ich werde nie mehr murren, denn ich bin wahrlich die Finsternis und du bist das Licht!»

Der Synagogenvorsteher kehrt zurück und lädt sie in sein Haus ein. Im Gehen sagt er: «Ich denke über deine Worte nach. Wenn ich recht verstanden habe, hast du in Kerioth einen Liebling gefunden, unseren Judas des Simon, und du prophezeist, daß du einen Unwürdigen hier findest. Das betrübt mich. Wenigstens wird Judas ein Ausgleich für den anderen sein ...»

«Mit meinem ganzen Sein», sagt Judas, der sich wieder erholt hat.

Jesus sagt nichts; er betrachtet seine Gesprächspartner, macht eine Geste und breitet die Arme, als wollte er sagen: «So ist es!»

255. IM HAUS DES JUDAS VON KERIOTH

Jesus ist gerade dabei, mit all den Seinen im schönen Haus des Judas zu Tisch zu gehen. Er sagt zur Mutter des Judas, die in ihr Landhaus gekommen ist, um den Meister würdig zu beherbergen: «Nein, auch du, Mutter, sollst mit uns zusammen sein. Wir sind hier eine Familie. Es ist nicht das

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einfache, kalte Mahl, das zufälligen Gästen angeboten wird. Ich habe dir einen Sohn genommen, und ich wünsche, daß du mich wie einen Sohn annimmst, so wie ich dich wie eine Mutter betrachte; denn du bist dessen würdig. Nicht wahr, Freunde, so fühlen wir uns wohler und wie zu Hause?»

Die Apostel und die beiden Marien bestätigen es aufs wärmste. Und die Mutter des Judas, mit ihren stark glänzenden Augen, muß sich zwischen ihren Sohn und den Meister setzen, dem gegenüber Margziam mit den beiden Frauen sitzt. Die Dienerin bringt die Speisen, und Jesus opfert, segnet und teilt sie aus; denn darauf besteht die Mutter des Judas. Er teilt aus, indem er jeweils bei ihr beginnt, was die Frau immer mehr bewegt und Judas stolz macht und gleichzeitig nachdenklich stimmt.

Man spricht über verschiedene Dinge, und Jesus versucht, die Mutter des Judas dafür zu interessieren und sie mit den beiden Jüngerinnen bekanntzumachen. Margziam hilft ihm dabei; er erklärt, daß er die Mutter des Judas sehr gern hat, «weil sie Maria heißt wie alle guten Frauen.»

«Und die Frau, die uns am See erwartet, die liebst du wohl nicht, du Schlingel?» fragt Petrus halb ernst.

«Oh, sehr, wenn sie gut ist.»

«Dessen kannst du sicher sein. Alle sagen es, und auch ich muß es sagen; immer hat sie Geduld mit ihrer Mutter und auch mit mir gezeigt; das besagt, daß sie gut ist. Aber sie heißt nicht Maria, mein Sohn. Sie hat einen eigenartigen Namen; denn ihr Vater gab ihr den Namen der Ware, die ihm zum Reichtum verholfen hat, und nannte sie Porphyria. Der Purpur ist schön und kostbar. Meine Frau ist nicht schön; aber sie ist kostbar wegen ihrer Güte. Ich liebe sie, denn sie ist sehr ruhig, keusch und schweigsam: drei Tugenden, die nicht leicht zu finden sind! Ich beobachtete sie schon, als sie noch ein kleines Mädchen war. Oft ging ich mit Fischen nach Kapharnaum und fand sie bei den Netzen oder am Brunnen oder auch im Hausgarten schweigsam bei der Arbeit; und sie war nicht ein herumflatternder Schmetterling, der da- und dorthin fliegt; auch nicht eine dumme Henne, die ihre Augen verdreht bei jedem Kikeriki des Hahnes. Sie hob nie den Kopf, wenn sie Männerstimmen hörte, und als ich, in ihre Güte und ihre herrlichen Zöpfe verliebt, und auch... und auch aus Mitleid mit ihrem Sklavendasein in der Familie, meine ersten Grußworte an sie richtete – sie war damals sechzehn Jahre alt – da hat sie kaum geantwortet, hat ihren Schleier noch weiter heruntergezogen und ist ins Haus gegangen. Oh, es hat lange gedauert, bis ich begriff, daß ich ihr nicht wie ein Bär erschien und mit meiner Werbung Ernst machen konnte! ... Aber ich bereue es nicht. Ich hätte die ganze Welt durchwandern können, ohne eine wie sie zu finden. Nicht wahr, Meister, sie ist gut?»

«Sehr gut. Ich bin sicher, daß Margziam sie lieben wird, auch wenn sie nicht Maria heißt. Nicht wahr, Margziam?»

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«Ja; sie wird "Mama" genannt; die Mütter sind gut und müssen geliebt werden!»

Dann erzählt Judas, was er tagsüber tat. Ich verstehe, daß er die Mutter über die Ankunft Jesu und der Jünger unterrichtete. Darauf hat er auf den Feldern von Kerioth zu reden begonnen, mit Andreas als Begleiter. Dann sagt er: «Morgen möchte ich, daß ihr alle kommt. Ich will nicht allein glänzen. Wir wollen, soweit als möglich zu zweit, jeweils ein Judäer und ein Galiläer, zusammen gehen. Ich zum Beispiel mit Johannes und Simon mit Thomas. Wenn nur der andere Simon käme! Ihr – er zeigt auf die Söhne des Alphäus – gehört zusammen. Ich habe allen, auch solchen, die es nicht wissen wollten, mitgeteilt, daß ihr Vettern des Meisters seid. Jedoch ihr beiden (er deutet auf Philippus und Bartholomäus) könnt miteinander gehen. Ich habe gesagt, daß Nathanael Rabbi ist und zum Gefolge Jesu gehört. Das macht Eindruck. So bleiben drei übrig. Sobald jedoch der Zelote da ist, kann man ein Paar mehr bilden. Dann wechseln wir ab; denn ich will, daß euch alle kennenlernen...» Judas ist voller Schwung. «Ich habe über die Zehn Gebote gesprochen, Meister, und versucht, besonders jene Teile zu erklären, gegen welche in diesem Gebiet am meisten gesündigt wird.»

«Sei nicht grob in deinen Worten, ich bitte dich! Denke stets daran, daß man mit Sanftmut mehr erreicht als mit Härte, und daß auch du ein Mensch bist. Darum prüfe dich und überlege, wie leicht auch du fallen kannst und wie du dich aufregst, wenn du zu offen getadelt wirst», sagt Jesus, während die Mutter des Judas das Haupt neigt und errötet.

«Hab keine Angst, Meister. Ich will mich bemühen, dich in allem nachzuahmen. Jedoch im Dorf, das wir von dieser Tür aus sehen können (sie essen bei offenen Türen, und man sieht von diesem oberen Raum aus eine schöne Landschaft), ist ein Kranker, der geheilt werden möchte. Man kann ihn nicht hierher bringen. Würdest du mit mir kommen?»

«Morgen, Judas. Morgen früh, ganz bestimmt! Wenn es noch andere Kranke gibt, so sagt es mir und führt mich zu ihnen.»

«Willst du wirklich meiner Heimat Wohltaten erweisen, Meister?»

«Ja, damit man nicht sagen kann, daß ich ungerecht bin gegen jene, die mir nichts Böses angetan haben. Ich wirke auch für Böse Gutes. Warum also nicht für Gute in Kerioth? Ich will ein unauslöschbares Andenken an mich hinterlassen...»

«Aber wie? Werden wir nie mehr nach Kerioth kommen?»

«Wir kommen wieder, aber ...»

«Da ist die Mutter, die Mutter mit Simon!» zwitschert das Kind, das Maria und Simon die Treppe heraufkommen sieht, die zur Terrasse führt, auf der sich der Saal befindet.

Alle stehen auf und gehen den beiden entgegen. Man hört Ausrufe, Begrüßungen und Stühlerücken. Maria geht direkt auf Jesus zu und grüßt

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ihn, dann die Mutter von Judas, die sich tief verneigt, während Maria sie aufrichtet und umarmt wie eine liebe Freundin, die sich nach langer Abwesenheit wiedertreffen.

Sie gehen in den Saal zurück, und Maria des Judas ordnet der Dienerin an, Speisen für die Neuangekommenen zu bringen.

«Sieh, Sohn, der Gruß Elisas», sagt Maria und gibt Jesus eine kleine Rolle, die er öffnet und liest, worauf er sagt: «Ich habe es gewußt. Ich war dessen sicher. Ich danke dir, Mutter. Meinerseits und für Elisa. Du bist wirklich "das Heil der Kranken".»

«Ich? Du, Sohn, nicht ich.»

«Du, und du bist meine größte Hilfe.» Dann wendet sich Jesus an die Apostel und die Jüngerinnen und sagt: «Elisa schreibt: "Komm zurück, mein Friede. Ich will dich nicht nur lieben, sondern dir auch dienen." Somit haben wir ein Geschöpf von der Angst und der Traurigkeit befreit und eine Jüngerin gewonnen. Ja, wir werden zurückkehren.»

«Sie möchte auch die Jüngerinnen kennenlernen. Sie macht langsam, aber sicher Fortschritte. Arme Teure! Von Zeit zu Zeit wird sie noch von einer angstvollen Verwirrung erfaßt. Nicht wahr, Simon? Eines Tages versuchte sie, mit mir auszugehen. Da begegnete sie einem Freund ihres Daniel, und wir hatten große Mühe, sie wieder zu beruhigen. Aber Simon ist so tüchtig! Er hat mir vorgeschlagen, Johanna zu rufen, da Elisa den Wunsch äußerte, auszugehen; Bethsur aber ist voller Erinnerungen für sie. So ist Simon gegangen Johanna zu holen, Sie war nach den Festtagen nach Bether, zu ihren herrlichen Rosengärten in Judäa zurückgekehrt. Simon sagt, daß es traumhaft schön gewesen sei, über die mit Rosenstöcken bedeckten Hügel zu schreiten, und daß er das Gefühl hatte, im Paradies zu sein. Sie ist sofort gekommen. Johanna möchte Elisa überzeugen, Bethsur zu verlassen und auf ihr Schloß zu kommen. Es wird ihr gelingen, denn sie ist sanft wie eine Taube, aber auch hart wie Granit in ihrem Wollen.»

«Wir werden bei der Rückkehr nach Bethsur gehen und uns dann trennen. Die Jüngerinnen bleiben für einige Zeit bei Elisa und Johanna. Wir gehen nach Judäa; und an Pfingsten treffen wir uns in Jerusalem...»

Maria, die Hochheilige, und Maria, die Mutter des Judas, sind beisammen. Nicht im Stadthaus, sondern im Haus auf dem Land. Sie sind allein.

Die Apostel sind mit Jesus auswärts, und die Jüngerinnen halten sich mit dem Kind im herrlichen Obstgarten auf. Man hört ihre Stimmen und das Geräusch von Wäschestücken, die auf die Mauern geschlagen werden. Vielleicht haben sie große Wäsche, während das Kind spielt.

Die Mutter des Judas, die in einer Ecke des halbdunklen Raumes neben Maria sitzt, sagt: «Diese Tage des Friedens werden wie ein süßer Traum in mir bleiben. Zu kurz, zu kurz sind sie. Ich verstehe, daß man nicht egoistisch sein darf, und ich verstehe, daß ihr zu dieser armen Frau und zu

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vielen anderen Unglücklichen gehen müßt. Ach, wenn ich nur könnte! Wenn ich die Zeit anhalten oder mit euch gehen könnte! ... Aber ich kann nicht! Ich habe außer meinem Sohn keine anderen Verwandten, und ich muß die Güter des Hauses hüten ...»

«Ich verstehe... Dich vom Sohn zu trennen, ist ein Schmerz für dich. Wir Mütter möchten immer bei unseren Kindern sein. Aber wir geben sie Ihm aus einem ganz bestimmten Grunde, so verlieren wir sie nicht. Nicht einmal der Tod nimmt sie uns, wenn sie und wir in den Augen Gottes im Stand der Gnade sind. Aber wir haben sie noch auf der Erde, auch wenn der Wille Gottes sie uns von der Brust reißt, um sie der Welt zu ihrem Wohl zu geben. Wir können sie immer erreichen, und auch das Echo ihrer Werke ist wie eine Liebkosung für unser Herz; denn ihre Taten sind der Wohlgeruch ihrer Seele.»

«Was bedeutet dein Sohn für dich, Frau?» fragt Maria des Judas leise.

Maria, die Hochheilige, antwortet bestimmt: «Er ist meine Freude!»

«Deine Freude! ...» Dann ein Tränenausbruch, und die Mutter des Judas neigt sich nach vornüber, um die Tränen zu verbergen. Sie berührt beinah mit der Stirn die Knie, so sehr neigt sie sich vornüber.

«Warum weinst du, meine arme Freundin? Warum? Sag es mir! Ich bin glücklich in meiner Mutterschaft, aber ich kann auch die Mütter verstehen, die nicht glücklich sind ...»

«Ja, nicht glücklich... Ich gehöre zu diesen. Dein Sohn ist deine Freude... Mein Sohn ist mein Schmerz. Er ist es bisher gewesen. Nun, seit er bei deinem Sohn ist, betrübt er mich weniger. Oh, unter all denen, die für dein heiliges Geschöpf beten, damit es Wohlergehen und Erfolg erlebe, ist, außer dir, du Glückliche, niemand, der so viel betet wie die Unglückliche, die mit dir spricht. Sag mir die Wahrheit: was denkst du von meinem Sohn? Wir sind zwei Mütter, und nur Gott kann uns hören. Wir reden von unseren Söhnen. Für dich ist es leicht, von deinem Sohn zu sprechen. Aber ob mir dieses Gespräch Freude oder Schmerz bringt, es hat gewiß eine Erleichterung bewirkt, mich ausgesprochen zu haben...

Die Frau von Bethsur ist beinahe wahnsinnig geworden wegen des Todes ihrer Söhne, nicht wahr? Aber ich schwöre dir, daß ich manchmal meinen Sohn betrachte und denke... er ist schön, gesund und intelligent, aber nicht gut, nicht tugendhaft und nicht aufrichtigen Herzens; ich zöge es in diesen Augenblicken vor, ihn als einen Toten beweinen zu müssen, als ihn von Gott verflucht zu wissen! Sage mir, was denkst du über meinen Sohn? Sei aufrichtig! Mehr als ein Jahr schon brennt mir diese Frage auf dem Herzen. Aber wen kann ich fragen? Die Mitbürger? Sie wußten nicht einmal, daß der Messias schon gekommen ist und daß Judas mit ihm gehen wollte. Ich habe es gewußt. Er hatte es mir gesagt, als er nach Ostern hierher kam, überheblich und gewalttätig wie immer, wenn er seine Launen hat, und immer abfällig gegen den Rat seiner Mutter. Soll ich seine

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Freunde in Jerusalem fragen? Eine heilige Klugheit und eine fromme Hoffnung halten mich zurück. Ich will denen, die ich nicht liebe, da sie alles andere als heilig sind, nicht sagen: "Judas folgt dem Messias." Ich hoffte, daß es sich um eine seiner üblichen, kurzlebigen Launen handle, die wohl Tränen und Schmerz kosten, aber bald vergehen. Die Liebe so mancher Mädchen hier oder anderswo hat er sich gewonnen, und dann aber nie eines zur Frau genommen.

Weißt du, daß es Orte gibt, an die er nicht mehr hinzugehen wagt, weil er einer gerechten Strafe entgegenginge? Auch seine Zugehörigkeit zum Tempel war eine Laune. Er weiß nicht, was er will. Sein Vater, Gott möge es ihm verzeihen, hat ihn verdorben. Ich hatte in meinem Haus nie etwas zu sagen; ich konnte nur weinen und unter Demütigungen aller Art versuchen, wiedergutzumachen. Als Johanna starb, wußte ich, obgleich niemand davon gesprochen hat, daß sie aus Gram gestorben war, nachdem sie ihre ganze Jugendzeit gewartet hatte, und Judas schließlich erklärte, daß er nicht heiraten wolle; zur gleichen Zeit aber sandte er Freunde nach Jerusalem, um eine reiche Frau mit Handelsverbindungen bis nach Zypern um die Hand ihrer Tochter zu bitten. Ich habe mich als Mitschuldige betrachtet. Nein! Nein, ich bin es nicht! Aber er hört nicht auf mich.

Im vergangenen Jahr, als der Meister hier war, begriff ich, daß er alles wußte, und ich wollte mit ihm reden. Aber es ist schmerzvoll für eine Mutter, sagen zu müssen: "Nimm dich vor meinem Sohn in acht. Er ist ruhmsüchtig, hartherzig, lasterhaft, stolz und wankelmütig." Ja, so ist er! Ich bete, daß dein Sohn, der so viele Wunder wirkt, auch bei meinem Judas eines vollbringe... Aber du, sage mir: was denkst du von ihm?»

Maria, die schweigend und mit einem mitleidigen Gesichtsausdruck die mütterlichen Klagen angehört hat, kann mit ihrer aufrichtigen Seele nicht lügen und sagt leise: «Arme Mutter! ... Was ich denke? Ja, dein Sohn hat nicht die reine Seele von Johannes, noch die Sanftmut von Andreas; er hat auch nicht die Stärke des Matthäus, der sich ändern wollte und dem es auch gelungen ist. Judas ist... launenhaft. Ja, so ist es! Aber wir wollen viel für ihn beten, ich und du. Weine nicht! Vielleicht siehst du ihn in deiner Mutterliebe, die sich seiner gerne rühmen würde, noch schlimmer als er ist ...»

«Nein, nein, ich sehe richtig und habe große Angst.»

Das Zimmer ist voll von den Klagen der Mutter von Judas; und in der Dämmerung leuchtet das Antlitz Marias, das noch bleicher als sonst ist nach diesem mütterlichen Bekenntnis, das den Verdacht der Mutter des Herrn bestätigt. Aber sie beherrscht sich. Sie zieht die unglückliche Mutter an sich und liebkost sie, während diese, da nun alle Deiche der Zurückhaltung gebrochen sind, verwirrt und atemlos von den Lieblosigkeiten, Ansprüchen und Gewalttaten ihres Judas erzählt und schließt: «Ich erröte seinetwegen, wenn dein Sohn mir sein Wohlwollen bekundet. Ich bitte

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ihn nicht darum, aber ich bin sicher, daß er es in seiner Güte tut, um Judas damit zu sagen: "Denk daran, so behandelt man die Mutter." Jetzt ist er, wie es scheint, in sich gegangen... Oh, wenn es nur wahr wäre! Hilf mir, hilf mir mit Gebet, du, die du heilig bist, damit mein Sohn nicht der großen Gnade, die Gott ihm gewährt, unwürdig werde. Wenn er mich nicht lieben will, wenn er mir, die ich ihn geboren und erzogen habe, nicht dankbar ist, so spielt das keine Rolle. Aber daß er Jesus liebt und ihm in Treue und Dankbarkeit dient! Wenn nicht, dann möge ihm Gott sein Leben nehmen. Ich würde ihn lieber im Grab sehen... so würde er endlich mein... denn seit er seinen Verstand zu gebrauchen versteht, habe ich wenig von ihm gehabt. Besser tot, als ein schlechter Apostel! Kann ich so beten? Was sagst du?»

«Bete zu Gott, daß er alles zum Besseren wende. Weine nicht mehr. Ich habe Dirnen und Heiden zu Füßen meines Sohnes gesehen, und mit diesen Zöllner und Sünder. Sie sind alle durch seine Gnade zu Lämmern geworden. Hoffe, Maria, hoffe! Die Leiden der Mutter retten die Söhne, weißt du das nicht?»

Mit dieser tröstlichen Frage ist alles zu Ende.

256. DAS LAUNENHAFTE MÄDCHEN VON BETHGINNA

Ich sehe weder die Rückkehr nach Bethsur, noch die Rosenhügel von Bether, die ich so gern gesehen hätte. Jesus ist allein mit den Aposteln. Auch Margziam, der sicherlich bei der Mutter Gottes und den Jüngerinnen geblieben ist, fehlt. Die Gegend ist sehr gebirgig; die dichten Pinienwälder verbreiten den balsamischen und belebenden Duft ihres Harzes. Durch diese grünen Wälder wandert Jesus, mit dem Rücken nach Osten, zusammen mit den Seinen. Ich höre, wie sie über Elisa reden, die sich sehr verändert hat und nun entschlossen ist, Johanna auf ihr Landgut in Bether zu folgen, weil sie von der Güte Johannas überzeugt ist. Sie reden auch von der neuen Reise zu den fruchtbaren Ebenen, die dem Meer vorgelagert sind. Und Namen vergangener Herrlichkeit klingen auf und erwecken Erzählungen, Fragen, Erklärungen und gutmütige Diskussionen.

«Wenn wir auf dem Gipfel dieses Hügels angelangt sind, will ich euch von der Höhe aus alle Dörfer zeigen, die euch interessieren. Ihr könnt daraus Gedanken schöpfen, die euch beim Reden zum Volk nützlich sein werden.»

«Aber wie denn, mein Herr? Ich bin nicht fähig dazu», seufzt Andreas, und ihm schließen sich Petrus und Jakobus an. «Wir sind die Armseligsten!»

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«Ach! Auch ich bin nicht besser. Wenn es sich um Gold und Silber handelte, könnte ich reden; aber von diesen Dingen ...» sagt Thomas.

«Und ich, wer war ich?» fragt Matthäus.

«Du hast keine Angst vor den Leuten, du kannst diskutieren», entgegnet Andreas.

«Aber leider nur über andere Dinge», sagt Matthäus.

«Ach ja! Aber... auf jeden Fall, du weißt schon, was ich sagen will, und nimm an, ich hätte es gesagt. Tatsache ist, daß du fähiger bist als wir», sagt Petrus.

«Aber meine Lieben! Es ist doch nicht nötig, sich ins Erhabene zu erheben. Sprecht einfach aus eurer vollen Überzeugung, was ihr denkt. Glaubt mir, wenn einer überzeugt ist, dann überzeugt er auch», sagt Jesus.

Aber Judas von Kerioth bittet ihn: «Gib uns viele Anhaltspunkte. Eine gute Idee kann in vielen Situationen nützlich sein. Diese Dörfer wissen noch nichts von dir, wie mir scheint; denn niemand zeigt, daß er dich kennt.»

«Das kommt daher, weil hier noch viel Wind von Moriah her weht, der alles unfruchtbar macht...» antwortet Petrus.

«Das kommt daher, weil hier noch nicht gesät worden ist. Aber wir werden säen», entgegnet Iskariot selbstsicher; er ist noch glücklich über seine ersten Erfolge.

Der Kamm des Hügels ist erreicht. Eine weite Rundsicht öffnet sich vor ihnen; es ist herrlich, diese Gegend im Schatten der dichten Sträucher stehend zu betrachten. Wechselreiche und sonnige Gebirgsketten, die sich in allen Richtungen dahinziehen wie versteinerte Wellen eines Ozeans, der vom Gegenwind aufgewühlt wird und einer ausgedehnten Ebene vorgelagert ist, aus der sich, einsam wie der Leuchtturm im Hafen, ein Berg erhebt.

«Seht das Dorf, das bis zum Gipfel aufsteigt, als wollte es die Sonne bis zu ihrem Untergang genießen; dort wollen wir Aufenthalt nehmen; es ist wie der Mittelpunkt eines Strahlenkranzes geschichtlicher Orte. Kommt her! Dort, im Norden, liegt Jerimot. Erinnert ihr euch an Josua? Und an die Niederlage der Könige, die das Lager der Israeliten, welche von den Gibeoniten unterstützt wurden, angreifen wollten? Daneben Bethsames, die priesterliche Stadt Judas, in der die Bundeslade von den Philistern zurückgegeben wurde, zusammen mit den Goldgeschenken, die von den Orakeln und den Priestern dem Volk auferlegt worden waren zur Befreiung von den Plagen, welche die schuldbeladenen Philister getroffen hatten. Dort, voll in der Sonne, Saraä, die Heimat Samsons, und, etwas weiter östlich, Timnata, wo er sich eine Frau nahm, viele Heldentaten vollbrachte und viel Unfug trieb. Dann Azeco und Soco, einst Feldlager der Philister. Etwas weiter unten liegt Zanoe, eine der Städte Judas. Dreht euch jetzt um, so seht ihr das Tal des Terebinto, wo David gegen Goliath

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gekämpft hat; näher liegt Magedda, wo Josua die Amoriter besiegt hat. Dreht euch noch einmal um. Seht ihr den einsamen Berg in der Mitte der Ebene, die einst den Philistern gehörte? Dort ist Geth, die Heimat Goliaths, und der Ort, an dem David bei Achis Zuflucht suchte, um der fürchterlichen Wut Sauls zu entgehen, und wo auch der kluge König Wahnsinn vortäuschte, da die Welt Verrückte statt die Klugen verteidigt. Am Horizont seht ihr die Ebene mit der fruchtbaren Erde der Philister. Wir werden dorthin ziehen, bis nach Ramle. Jetzt begeben wir uns nach Bethginna. Du, ja du, Philippus, der du mich so bittend anblickst, wirst mit Andreas durch das Dorf gehen. Wir machen Rast, während ihr euch zum Brunnen oder zum Marktplatz begebt.»

«Oh, Herr, schicke uns nicht allein! Komm du mit», bitten die beiden.

«Geht, habe ich gesagt. Der Gehorsam wird euch mehr helfen als meine stumme Gegenwart.»

... So gehen also Philippus und Andreas durch das Dorf, bis sie eine kleine Herberge finden, die mehr Stall als Herberge ist; es sind Käufer darin, die mit Hirten über Schafe verhandeln. Sie treten ein und bleiben stumm im Hof stehen, der mit einem einfachen Säulengang umgeben ist.

Der Wirt eilt herbei. «Was wollt ihr? Unterkunft?»

Die zwei beraten sich mit einem Blick, einem sehr verlegenen Blick. Anscheinend fällt ihnen keines der wohlüberlegten Worte mehr ein. Doch gerade Andreas faßt sich als erster wieder und antwortet: «Ja, Unterkunft für uns und den Rabbi von Israel.»

«Was für ein Rabbi? Deren gibt es viele. Aber sie sind große Herren. Sie kommen nicht in arme Dörfer, um den Armen ihre Weisheit zu bringen. Die Armen müssen zu ihnen gehen und es als eine Gnade ansehen, daß sie uns in ihrer Nähe dulden.»

«Es gibt nur einen Rabbi in Israel! Er kommt gerade, um den Armen die Frohe Botschaft zu bringen; je ärmer und je sündhafter sie sind, um so mehr sucht er sie auf und nähert sich ihnen», antwortet Andreas sanft.

«Er verdient hier aber kein Geld!»

«Er sucht keine Reichtümer. Er ist arm und gut. Sein Tag ist voll, wenn er eine Seele retten kann», antwortet wiederum Andreas.

«Hm, das erste Mal, daß ich höre, ein Rabbi sei arm und gut. Der Täufer ist arm, aber streng. Alle anderen sind streng und reich und gierig wie Blutsauger. Habt ihr gehört? Kommt her, ihr, die ihr durch die Welt zieht. Diese Männer hier sagen, daß es einen armen Meister gibt, der gut ist und der kommt, um die Armen und die Sünder aufzusuchen.»

«Oh, dann muß es der sein, der weiß gekleidet geht wie ein Essener. Ich habe ihn vor einiger Zeit in Jericho gesehen», sagt ein Makler.

«Nein, der wandert allein. Es muß der andere sein, von dem Thomas erzählt hat; er hatte zufällig mit Hirten vom Libanon über ihn gesprochen», antwortet ein großer und kräftiger Hirte.

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«Ja, sicher. Jetzt ist er vom Libanon bis hierher gekommen, um deine Katzenaugen zu sehen!» ruft ein anderer aus.

Während der Wirt spricht und mit seinen Kunden zuhört, sind die Apostel in der Mitte des Hofes stehengeblieben wie zwei Säulen. Schließlich sagt ein Mann: «Ihr da! Kommt her! Wer ist es? Woher kommt er, von dem ihr redet?»

«Es ist Jesus des Joseph, von Nazareth», sagt Philippus ernst und steht da wie einer, der darauf wartet, ausgelacht zu werden. Aber Andreas fügt hinzu: «Er ist der verheißene Messias. Ich beschwöre euch zu eurem eigenen Besten, hört ihn an! Ihr habt den Täufer genannt. Gut, ich war bei ihm, und er hat uns auf Jesus, der vorbeiging, aufmerksam gemacht und sagte: "Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt." Als Jesus zur Taufe in den Jordan stieg, da öffnete sich der Himmel, und eine Stimme rief: "Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe!" Und die Liebe Gottes stieg wie eine Taube herab und erstrahlte über seinem Haupt.»

«Siehst du, so ist es doch der Nazarener! Aber sagt einmal, ihr, die ihr euch seine Freunde nennt...»

«Freunde? Nein! Apostel, Jünger sind wir und von ihm gesandt, um seine Ankunft anzukünden; denn wer Rettung braucht, soll zu ihm gehen», verbessert Andreas.

«Gut, gut! Aber sagt einmal: ist er wirklich so, wie einige sagen, ein Heiliger, der heiliger als der Täufer ist, oder ist er ein Dämon, wie andere sagen? Ihr, die ihr bei ihm seid, weil ihr seine Jünger seid, sagt einmal ehrlich: ist es wahr, daß er ein Lüstling und Gauner ist? Daß er die Dirnen und die Zöllner liebt? Daß er ein Wahrsager ist und bei Nacht Geister anruft, um Geheimnisse der Herzen zu erfahren?»

«Warum stellst du diesen Männern all diese Fragen? Frag doch lieber, ob er gut ist. Diese beiden werden beleidigt fortgehen und dem Meister von unserer schlechten Redensart berichten, und wir werden verflucht. Man kann nie wissen... Gott oder Teufel, wer er auch sein mag, es ist immer besser, gut mit ihm umzugehen.»

Diesmal antwortet Philippus: «Wir können aufrichtig antworten, denn es gibt nichts Böses zu verbergen. Er ist unser Meister; er ist der Heilige unter den Heiligen! Seine Tage sind erfüllt von den Mühen der Unterweisung. Unermüdlich geht er von Ort zu Ort auf der Suche nach den Seelen. Seine Nacht verbringt er im Gebet für uns. Er verachtet Tisch und Freundschaft nicht; aber nicht aus Eigensucht, sondern um sich denen zu nähern, die anders nicht zugänglich sind. Er weist Zöllner und Dirnen nicht zurück; aber nur, um sie zu erlösen. Sein Weg ist gezeichnet mit Wundern der Erlösung und Wundern bei Kranken. Ihm gehorchen die Winde und die Meere. Er braucht niemand, um Wunder zu wirken, und keine Geister, um in den Herzen lesen zu können.»

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«Und wie kann er das? ... Du hast gesagt, daß ihm die Meere und die Winde gehorchen. Aber diese Dinge haben keinen Verstand. Wie kann er ihnen gebieten?» fragt der Wirt.

«Antworte mir, Mann: was meinst du, ist schwieriger, dem Wind oder dem Tod zu gebieten?»

«Bei Jehova! Aber dem Tod befiehlt man doch nicht! Das Meer kann man mit Öl beruhigen; man kann ihm Segel entgegensetzen; man kann klugerweise davon absehen, auf das Meer hinauszufahren. Den Wind kann man durch Schlösser an den Türen abhalten. Aber dem Tod kann man nicht gebieten! Es gibt kein Öl, das ihn besänftigt. Es gibt kein Segel, das, an unserem Lebensschiff befestigt, so schnell dahinsegelt, daß es dem Tod entflieht. Es gibt auch keine Schlösser, um den Tod auszuschließen. Wenn er kommen will, dann kommt er, auch wenn die Riegel vorgeschoben sind. Niemand kann diesem König befehlen.»

«Doch, unser Meister befiehlt ihm. Nicht nur, wenn der Tod in der Nähe ist, auch wenn er seine Beute schon erfaßt hat. Ein Jüngling von Naim sollte gerade in die schrecklichen Tiefen des Grabes gelegt werden; da sagte der Messias: "Ich sage dir, steh auf" ' und der Jüngling kam ins Leben zurück. Naim liegt nicht außerhalb der Welt. Ihr könnt hingehen und nachsehen.»

«Aber wie? In Gegenwart aller?»

«Auf dem Weg, in Anwesenheit von ganz Naim.»

Wirt und Gäste betrachten sich schweigend. Dann sagt der Wirt: «Aber solche Dinge wird er wohl nur für seine Freunde tun.»

«Nein, Mann! Für alle, die an ihn glauben, und nicht nur für sie. Er ist die Barmherzigkeit auf der Erde, glaube mir! Niemand wendet sich umsonst an ihn. Hört alle zu! Ist niemand unter euch, der leidet und klagt wegen einer Krankheit in der Familie, wegen eines Zweifels, wegen einer Reue, wegen Versuchungen oder wegen Unwissenheit? Wendet euch an Jesus, den Messias der Frohen Botschaft. Heute ist er hier! Morgen wird er anderswo sein. Laßt die Gnade des Herrn nicht unnütz vorübergehen», sagt Philippus, der immer sicherer geworden ist.

Der Wirt fährt sich mit der Hand durch die Haare, öffnet und schließt den Mund, spielt mit den Fransen seines Gürtels... Und sagt schließlich: «Ich will es versuchen! ... Ich habe eine Tochter. Bis zum letzten Sommer ging es ihr gut. Dann wurde sie launenhaft; sie steht wie ein stummes Tier in einer Ecke, immer dort, und nur mit Mühe gelingt es der Mutter, sie zu kleiden und zu füttern. Einige Ärzte behaupten, ihr Hirn sei verbrannt von zuviel Sonne; andere sagen, wegen einer unglücklichen Liebe. Andere Leute meinen, sie sei besessen. Aber wie ist das möglich, wenn das Mädchen nie von hier weg gewesen ist? Wo hat sie den Dämon hergenommen? Was sagt dein Meister? Kann der Dämon sich auch einer Unschuldigen bemächtigen?»

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Philippus antwortet sicher: «Ja, um die Eltern zu quälen und zur Verzweiflung zu treiben.»

«Und... kann er die Launenhaften heilen? Darf ich hoffen?»

«Du mußt glauben!» erwidert Andreas rasch. Er erzählt das Wunder von Gerasa und endet: «Wenn dort eine Legion von Dämonen aus den Herzen der Sünder geflohen ist, wie wird dann erst der fliehen, der in das jugendliche Herz eingedrungen ist! Ich sage dir, Mann: wer an ihn glaubt, für den wird das Unmögliche einfach wie das Atmen. Ich habe die Werke meines Meisters gesehen und bezeuge seine Macht.»

«Oh! Wer von euch geht ihn holen?»

«Ich selbst, Mann! Ich bin gleich zurück.» Andreas eilt davon, während Philippus bleibt, um weiterzureden.

Als Andreas Jesus unter einem Torbogen entdeckt, wo er sich vor der unerbittlichen Sonne schützt, die den Dorfplatz erhitzt, eilt er ihm entgegen und sagt: «Komm, Meister, komm! Die Tochter des Herbergevaters ist launisch. Der Vater bittet dich um ihre Heilung.»

«Aber kannte er mich?»

«Nein, Meister! Wir haben versucht, dich bekannt zu machen...»

«Und es ist euch gelungen. Wenn einer so weit kommt, daß er glaubt, daß ich eine unheilbare Krankheit heilen kann, ist er im Glauben schon fortgeschritten. Und ihr hattet Angst, es nicht fertigzubringen. Was habt ihr gesagt?»

«Das könnte ich dir gar nicht sagen. Wir haben gesagt, was wir über dich und deine Werke denken. Vor allem haben wir gesagt, daß du die Liebe und die Barmherzigkeit bist. Die Welt kennt dich so schlecht!»

«Aber ihr kennt mich gut, das genügt.»

Die kleine Herberge ist erreicht. Alle Gäste stehen neugierig an der Tür. In ihrer Mitte steht der Wirt mit Philippus. Der Wirt führt ununterbrochen Selbstgespräche, bis er Jesus sieht und ihm entgegeneilt: «Meister, Herr, Jesus... ich... ich glaube, ich glaube fest, daß du es bist, daß du alles weißt, daß du alles siehst, daß du alles kennst, daß du alles kannst. Ich glaube es so fest, daß ich zu dir sage: Habe Erbarmen mit meiner Tochter, obwohl ich viele Sünden auf dem Herzen habe. Nicht auf mein Geschöpf komme die Strafe dafür, daß ich so unredlich in meinem Geschäft war. Ich werde nicht mehr betrügen, ich schwöre es! Du siehst mein Herz mit seiner Vergangenheit und seiner jetzigen Reue. Verzeihung und Barmherzigkeit, Meister, und ich werde von dir reden zu allen, die hierher kommen, in meine Herberge...» Der Mann ist auf die Knie gefallen.

Jesus sagt: «Steh auf und bleibe beim Vorsatz von heute! Bring deine Tochter zu mir!»

«Sie ist in einem Stall, Herr. Die Hitze macht sie noch kränker. Sie will nicht herauskommen.»

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«Das macht nichts. Ich gehe zu ihr. Es ist nicht die Hitze. Es ist der Dämon, der mich kommen hört.»

Sie gehen durch den Hof in einen dunklen Stall. Alle folgen. Das ungekämmte, schmutzige Mädchen wirft sich im dunkelsten Winkel hin und her; als es Jesus bemerkt, schreit es: «Geh fort, geh fort! Störe mich nicht! Du bist der Christus des Herrn, ich einer von denen, die du verstoßen hast. Laß mich in Ruhe! Warum stellst du dich in meinen Weg?»

«Fahre aus diesem Geschöpf! Fort mit dir! Ich will es! Gib Gott deine Beute zurück und schweige!»

Ein erschütternder Schrei, ein Aufbäumen, dann ein auf das Stroh niedersinkender Körper... und schließlich die ruhigen, traurigen, erstaunten Fragen: «Wo bin ich? Warum denn hier? Wer sind sie?» Und der Ruf: «Mama!» des Mädchens, das sich schämt, weil es ohne Schleier und mit zerrissenem Kleid vor den Augen so vieler Fremder steht.

«Oh, ewiger Herr, sie ist geheilt!» Es ist ergreifend zu sehen, wie der grobe , rotwangige Wirt wie ein Kind weint... Er ist glücklich und weint, indem er fortwährend die Hände Jesu küßt; die Mutter weint ebenfalls, umringt von einer Schar erstaunter Kinder; sie küßt ihre vom Dämon befreite Älteste. Die Anwesenden sind ein einziges Stimmengewirr, und noch andere kommen dazu, um das Wunder zu sehen. Der Hof ist voller Menschen.

«Bleibe, Herr, der Abend sinkt hernieder. Verweile unter meinem Dach!»

«Wir sind dreizehn, Mann!»

«Auch wenn ihr dreihundert wäret, wäre es mir recht! Ich weiß, was du sagen willst. Aber der geizige, unehrliche Samuel ist tot, Herr! Auch mein Dämon ist aus mir gefahren. Nun lebt ein neuer Samuel. Er wird weiterhin Wirt, aber ein heiliger Wirt sein. Komm, komm mit mir! Ich will dich ehren wie einen König, wie einen Gott, der du auch bist. Oh, gesegnet sei die heutige Sonne, die dich zu mir geführt hat.»

257. IN DER EBENE AUF DEM WEG NACH ASKALON

Eine Ebene, der Sonne ausgesetzt, die das reifende Korn röstet und ihm einen Duft entlockt, der schon an Brot erinnert. Der Geruch der Sonne, der frischen Wäsche, der Ernte, der Geruch des Sommers.

Jesus geht durch das reife Korn. Der Tag ist heiß, das Gebiet verlassen. Man sieht keinen Menschen auf den Feldern. Nur reife Ähren und da und dort Bäume. Sonne, Getreide, Vögel, Eidechsen, grünes Gebüsch in der ruhigen Luft: das ist es, was Jesus umgibt. Die Hauptstraße, auf der Jesus dahinschreitet, ist wie ein staubiges und blendend weißes Band zwischen

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wogenden Ähren; auf der einen Seite ein kleines Dorf, auf der anderen ein Bauernhof, sonst nichts.

Alle gehen schweigend und sind erhitzt. Sie haben ihre Mäntel ausgezogen, aber sie leiden trotzdem in ihren Wollgewändern, obgleich sie leicht sind. Nur Jesus, die beiden Vettern und Iskariot sind in Leinwand oder Hanf gekleidet. Sicher sind die Gewänder Jesu und des Judas aus weißem Linnen; die der Söhne des Alphäus kommen mir wegen ihrer Steifheit schwerer als Leinwand vor; sie haben dieselbe satte Elfenbeinfarbe, die das Tuch aus ungebleichtem Hanf hat. Die anderen sind wie üblich gekleidet und trocknen sich den Schweiß mit dem Linnen, das ihnen als Kopfbedeckung dient.

An einer Wegkreuzung kommen sie zu einer kleinen Baumgruppe. Sie machen im wohltuenden Schatten Rast und trinken gierig Wasser aus ihren Flaschen.

«Es ist so heiß, als ob es von Feuer käme», brummt Petrus.

«Wenn es wenigstens einen kleinen Bach gäbe! Aber nichts, nichts!» seufzt Bartholomäus. «Meine Flasche ist bald leer.»

«Beinahe möchte ich sagen, das Gebirge ist besser», seufzt Jakobus des Zebedäus, dem die Hitze das Blut in den Kopf treibt.

«Am besten ist doch das Boot: kühl, beruhigend, sauber, ach!» Das Herz des Petrus hängt an seinem See und an seiner Barke.

«Ihr habt alle recht. Aber die Sünder sind sowohl im Gebirge als auch in der Ebene zu finden. Wenn sie uns nicht vom "Trügerischen Gewässer" vertrieben hätten und auf den Fersen gefolgt wären, wäre ich zwischen Tebet und Schebat hierher gekommen. Doch bald sind wir am Ufer des Meeres. Dort kühlt der Wind der Bucht die Luft», tröstet Jesus.

«Ja, das wäre schön. Hier gleichen wir sterbenden Hechten. Wie kann das Getreide so schön sein, obwohl es kein Wasser gibt?» fragt Petrus.

«Es gibt hier Grundwasser, welches das Erdreich feucht hält», erklärt Jesus.

«Es wäre besser, wenn das Wasser oben und nicht unten wäre. Was nützt es mir, wenn ich oben bin? Ich bin doch keine Wurzel», sagt Petrus impulsiv, und alle lachen.

Dann aber wird Judas Thaddäus ernst und sagt: «Der Boden ist ein Egoist wie es die Menschen sind; er ist auch gefühllos. Hätten sie uns in jener Ortschaft ausruhen und den Sabbat dort verbringen lassen, dann hätten wir Schatten, Wasser und Ruhe. Aber sie haben uns vertrieben ...»

«Auch Nahrung war vorhanden. Und jetzt haben wir nichts mehr zu essen. Ich habe solchen Hunger. Wenn es doch nur Früchte gäbe! Aber die Obstbäume sind in der Nähe der Häuser. Wer wagt sich schon dorthin? Wenn alle so mürrisch sind, wie die dort...» meint Thomas und zeigt nach Osten zum Dorf hin, das sie verlassen haben.

«Nimm meine Portion, ich habe nie großen Hunger», sagt der Zelote.

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«Nehmt auch meine», sagt Jesus, «wer den größten Hunger hat, soll essen.»

Doch zusammengelegt bilden die Portionen von Jesus, dem Zeloten und Nathanael ein recht kleines Häufchen; die bestürzten Augen des Thomas und der Jüngeren bestätigen es. Doch schweigend verzehrt jeder seine mikroskopische Portion.

Der geduldige Zelote geht zu einer Stelle, wo einige grüne Pflanzen auf dem trockenen Erdreich auf Feuchtigkeit schließen lassen. Auf dem Grund des Kiesbettes fließt tatsächlich ein dünner Wasserfaden, der sicher bald versickern wird. Simon ruft die anderen, und alle eilen herbei und begeben sich in den spärlichen Schatten einer Reihe von Bäumen, die am Ufer des halbvertrockneten Baches wachsen. Sie können sich nun die staubigen Füße erfrischen, das schwitzende Antlitz waschen und vor allem die Flaschen füllen, die sie dann im Schatten ins Wasser legen, damit sie kühl bleiben. Sie setzen sich am Fuß eines Baumes nieder und schlummern müde ein.

Jesus betrachtet sie voller Liebe und Mitleid und schüttelt das Haupt. Der Zelote, der noch einmal trinken gegangen ist, sieht ihn und fragt: «Was hast du, Meister?»

Jesus steht auf, geht zu ihm und legt ihm einen Arm auf die Schultern. Er führt ihn zu einem anderen Baume und sagt: «Was ich habe? Ich bin besorgt, weil ihr müde seid. Wenn ich nicht wüßte, was ich mit euch vorhabe, fände ich keine Ruhe wegen des Ungemachs, das ich euch zumute.»

«Ungemach? Nein, Meister! Es ist für uns eine Freude. Nichts ist eine Mühe, wenn wir mit dir gehen dürfen. Wir sind alle glücklich, glaube es mir. Es gibt kein Nachtrauern, es gibt kein...»

«Schweige, Simon. Das Menschliche schreit auch in den Guten. Menschlich gesprochen, habt ihr nicht unrecht, zu schreien. Ich habe euch euren Häusern, den Familien und den Geschäften entzogen; ihr seid gekommen und habt euch das Mir-Nachfolgen ganz anders vorgestellt. Aber euer jetziges Schreien, euer innerliches Aufbegehren, wird sich eines Tages beruhigen; dann versteht ihr, daß es schön war, durch Nebel und Schlamm, durch Staub und unter brennender Sonne verfolgt, dürstend, müde und ohne Nahrung dem verfolgten, unbeliebten, verleumdeten Meister nachzugehen. Alles wird euch schön erscheinen; denn ihr werdet dann anders denken und alles in einem anderen Lichte sehen. Ihr werdet mir dankbar sein, daß ich euch auf meinen schweren Weg geführt habe...»

«Du bist traurig, Meister. Und deine Traurigkeit wegen der Welt ist gerechtfertigt. Aber wir sind nicht traurig, wir sind alle glücklich!»

«Alle? Bist du sicher?»

«Denkst du anders?»

«Ja, Simon, anders. Du bist immer glücklich, denn du hast begriffen.

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Viele andere nicht! Siehst du sie dort, die schlafen? Weißt du, wie viele und was für Gedanken sie im Schlaf wiederkauen? Und manche unter den Jüngern? Glaubst du, daß sie mir treu bleiben, bis alles erfüllt ist?

Schau, laß uns das alte Spiel machen, das du bestimmt schon als Kind gespielt hast. (Jesus pflückt einen runden Löwenzahn, der zwischen den Steinen hervorragt und der zur vollkommenen Reife gelangt ist. Er führt ihn vorsichtig an den Mund und bläst; das zarte Gebilde löst sich in winzig kleine Schirmchen auf, die sich in die Luft erheben.) Siehst du? Schau... wie viele sind in meinen Schoß gefallen, als ob sie mich liebten? Zähle sie... Es sind dreiundzwanzig. Im ganzen waren es bestimmt dreimal soviel. Und die anderen? Schau! Einige fliegen noch, andere sind anscheinend durch ihre Schwere schon auf dem Boden gelandet; einige steigen mit ihrem silbernen Haarbusch stolz empor, andere fallen in den Schlamm, den wir mit unseren Flaschen erzeugt haben. Nun... schau, auch von den dreiundzwanzig, die mir in den Schoß gefallen waren, sind sieben weggeflogen! Diese Hornisse genügte, sie mit ihrem Flugwind fortzuwehen. Was hatten sie zu befürchten? Wer hat sie entführt? Vielleicht der Stachel oder vielleicht die schönen Farben schwarz und gelb, das anmutige Aussehen, die schimmernden Flügel... Sie sind weggeflogen... hinter einer trügerischen Schönheit her...

Simon, so wird es mit meinen Jüngern sein. Der eine aufgrund seiner Unruhe; der andere wegen mangelnder Ausdauer; dieser anhand seiner Schwerfälligkeit; jener aus Stolz oder Leichtsinn; einer aus Lust am Schmutz, ein anderer aus Angst oder Ungeschicklichkeit; sie werden mich verlassen.

Glaubst du, daß alle, die jetzt zu mir sagen: "ich folge dir nach", in der entscheidenden Stunde meiner Sendung an meiner Seite bleiben? Es waren mehr als siebzig Samenhütchen am Löwenzahn, den mein Vater erschaffen hat, und nun sind nur noch sieben in meinem Schoße; die leichteren sind in einem Lufthauch weggeflogen... So wird es sein. Und ich denke an eure inneren Kämpfe, um mir treu zu bleiben... Komm, Simon! Laß uns hingehen und den schönen Libellen zusehen, die über dem Wasserspiegel schweben, wenn du dich nicht lieber ausruhen willst.»

«Nein, Meister, deine Worte machen mich traurig. Aber ich hoffe, daß der geheilte Aussätzige, der verfolgte Mann, den du gerechtfertigt hast, damit er Liebe finden und schenken kann, dich nicht verlassen wird... Meister... Was denkst du von Judas? Im letzten Jahr hast du, mit mir, seinetwegen geweint. Ich weiß nicht... Meister, laß die zwei kleinen Libellen sein, schau mich an, höre mich an! Ich würde dies niemand sagen... Nicht den Gefährten und auch nicht den Freunden. Aber dir sage ich es. Es will mir nicht gelingen, Judas zu lieben. Ich muß es bekennen! Er lehnt meinen Wunsch, ihn zu lieben, ab. Nicht, daß er mich verachtet; nein, er ist sogar höflich zum alten Zeloten, den er aufgrund seiner Menschenkenntnis für

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erfahrener als die anderen hält. Aber seine Art zu handeln! Glaubst du, daß er aufrichtig ist? Sage es mir.»

Jesus schweigt einen Augenblick und betrachtet entzückt die beiden Libellen, die an der Wasseroberfläche mit den irisierenden Flügeln einen kleinen Regenbogen bilden; einen kostbaren Regenbogen, der dazu dient, ein neugieriges Mücklein anzuziehen, das von einem dieser kleinen und flinken Insekten verschlungen wird, das seinerseits von einer Kröte oder einem Frosch geschnappt wird, der nun Insekt und Mücklein zusammen verspeist. Jesus erhebt sich, denn er hatte sich hingekauert, um das kleine Naturdrama besser beobachten zu können, und sagt: «So ist es! Die Libelle hat ihre starken Kiefer, um sich von Gräsern zu ernähren, und ihre starken Flügel, um Fliegen zu fangen, und der Frosch einen breiten Schlund, um die Libelle zu verschlingen. Jeder hat das Seine und benützt das Seine. Laß uns gehen, Simon! Die anderen erwachen.»

«Du hast mir nicht geantwortet, Herr. Du hast mir nicht antworten wollen.»

«Aber ich habe dir doch geantwortet! Mein alter Gelehrter, denke nach, so wirst du finden ...»

Jesus verläßt das Kiesbett und begibt sich zu den Jüngern, die eben erwachen und ihn suchen.

258. IM STREIT MIT DEN PHARISÄERN;

JESUS HERR AUCH ÜBER DEN SABBAT

Immer noch derselbe Ort; die Sonne brennt nicht mehr so unerbittlich, denn es geht auf den Abend zu.

«Wir müssen uns beeilen, das Haus zu erreichen», sagt Jesus.

Sie gehen und erreichen es. Sie bitten um Brot und Obdach, aber der Verwalter weist sie hart zurück.

«Philisterbande! Natterngezücht! Immer dieselben! Sie sind auf dem gleichen Stamm gewachsen und geben giftige Früchte», murren die hungrigen und müden Jünger. «Es wird euch zurückgegeben, was ihr gebt.»

«Aber warum verfehlt ihr euch gegen die Liebe? Es ist nicht mehr die Zeit des "Auge um Auge und Zahn um Zahn". Gehen wir weiter. Noch ist es nicht Nacht, und ihr seid noch nicht am Verhungern. Ein kleines Opfer, weil diese Seelen Hunger nach mir empfinden», mahnt Jesus.

Aber die Jünger – ich glaube mehr aus Trotz als wegen unerträglichen Hungers – gehen ziemlich weit in ein Weizenfeld hinein und pflücken Ähren, zerreiben sie in den Handflächen und essen die Körner.

«Sie sind gut, Meister», ruft Petrus. «Nimmst du keine? Sie schmecken doppelt so gut... Ich würde am liebsten das ganze Feld aufessen.»

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«Du hast recht! Dann würde es ihnen leid tun, uns kein Brot gegeben zu haben», erwidern die anderen zwischen den Ähren und essen mit Genuß. Jesus geht allein auf der staubigen Straße. Fünf oder sechs Meter hinter ihm sind der Zelote und Bartholomäus im Gespräch.

An einer Wegkreuzung steht eine Gruppe finster blickender Pharisäer. Sie sind vermutlich auf dem Heimweg von den Gebeten des Sabbat, denen sie im kleinen Dorf beigewohnt haben, das man am Ende der Seitenstraße sieht, das breit und flach wie ein großes vor seiner Höhle kauerndes Tier daliegt.

Jesus bemerkt die Pharisäer, schaut sie sanft und lächelnd an und grüßt: «Der Friede sei mit euch!»

Statt den Gruß zu erwidern, fragt ein Pharisäer arrogant:

«Wer bist du?»

«Jesus von Nazareth.»

«Seht ihr, er ist es!» sagt einer zu den anderen. Inzwischen gesellen sich Nathanael und Simon zum Meister, während die anderen, in den Furchen gehend, auf die Straße zukommen. Sie kauen noch und haben Getreidekörner in den Händen.

Der Pharisäer, der zuerst gesprochen hat, vielleicht der einflußreichste, fängt wieder an, mit Jesus zu reden, der stehenblieb, um ihn weiter anzuhören.

«So, du bist der berühmte Jesus von Nazareth. Warum bist du bis hierher gekommen?»

«Weil es auch hier Seelen zu retten gibt.»

«Dafür genügen wir. Wir verstehen unsere und die unserer Untergebenen zu retten.»

«Wenn es so ist, ist es gut! Aber ich bin gesandt worden, die Frohe Botschaft zu verkünden und zu retten.»

«Gesandt, gesandt! Und wer beweist es uns? Deine Werke sicherlich nicht!»

«Warum sprichst du so? Fürchtest du nicht für dein Leben?»

«Ach ja, du lieferst alle dem Tod aus, die dich nicht anbeten. Du willst die ganze priesterliche Klasse umbringen, die Pharisäer, die Schriftgelehrten und viele andere, weil sie dich nicht und niemals anbeten. Niemals, verstehst du! Niemals werden wir, die Auserwählten Israels, dir huldigen... oder dich gar lieben.»

«Ich zwinge euch nicht, mich zu lieben; ich sage euch nur: Betet Gott an, denn...»

«Also dich, denn du bist Gott, nicht wahr? Aber wir sind nicht wie der lausige galiläische Pöbel, wir sind nicht die Dummköpfe Judäas, die hinter dir herlaufen und unsere Rabbis vergessen ...»

«Rege dich nicht auf, Mann! Ich verlange nichts. Ich erfülle meine Sendung; ich lehre, Gott zu lieben; ich wiederhole die Gebote, die zu oft

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vergessen werden, und was noch schlimmer ist, die schlecht befolgt werden. Ich will das Leben geben. Das ewige Leben. Ich wünsche niemand den leiblichen Tod und noch weniger den geistigen. Ich fragte dich, ob du nicht befürchtest, dein Leben zu verlieren; ich meinte damit das Leben deiner Seele; denn ich liebe deine Seele, auch wenn sie mich nicht liebt. Ich bin betrübt, wenn ich sehe, daß du sie tötest, wenn du Gott beleidigst und seinen Messias verachtest.»

Der Pharisäer scheint von Krämpfen befallen zu werden, so erregt ist er; er zerrt an seinen Kleidern, reißt die Fransen aus, nimmt die Kopfbedeckung ab, rauft sich die Haare und schreit: «Hört, Hört! Zu mir, Jonathan des Uziel, dem direkten Nachkommen Simons des Gerechten, zu mir sagt er dies! Ich den Herrn beleidigen! Ich weiß nicht, was mich zurückhält, dich zu verfluchen, aber...»

«Die Angst hält dich zurück. Aber tue es nur. Ich werde dich trotzdem nicht zu Asche werden lassen. Zu gegebener Zeit wirst du nach mir rufen. Aber zwischen mir und dir wird dann ein roter Bach sein: mein Blut!»

«Gut! Aber wie kannst du, der sich heilig nennt, gewisse Dinge zulassen? Du, der du dich Meister nennst, warum belehrst du nicht zuerst deine Apostel? Schau sie an, hinter dir! ... Sie haben noch das Mittel zur Sünde in den Händen! Siehst du, sie haben Ähren gesammelt, und es ist doch Sabbat. Sie haben Ähren gesammelt, die ihnen nicht gehören. Sie haben den Sabbat entheiligt und gestohlen.»

«Sie haben Hunger. Wir baten im Dorf, wo wir gestern abend angekommen sind, um Herberge und Brot. Man hat uns fortgejagt. Nur eine Greisin gab uns ihr Brot und eine Handvoll Oliven. Gott möge es ihr hundertfach vergelten, denn sie gab alles, was sie besaß, und wollte dafür nur den Segen. Wir sind eine Meile gegangen, dann ruhten wir, dem Gesetz entsprechend, und tranken Wasser. Darauf begaben wir uns bei Einbruch der Dämmerung zum Haus dort; wir wurden wiederum weggejagt. Du siehst, wir hatten den Willen, das Gesetz zu beachten!» antwortet Petrus.

«Aber ihr habt es nicht getan. Es ist nicht erlaubt, am Sabbat Handarbeit zu verrichten und nie ist es zulässig zu nehmen, was anderen gehört. Ich und meine Freunde sind darüber empört!»

«Ich nicht! Habt ihr nicht gelesen, wie David in Nob die geweihten Brote nahm, um sich und seine Begleiter zu nähren? Die heiligen Brote gehörten Gott und befanden sich in seinem Haus; sie waren durch ein ewiges Gesetz für die Priester bestimmt. Es steht geschrieben: "Sie sollen Aaron und seinen Söhnen gehören, die sie am heiligen Ort essen werden; denn sie sind eine heilige Sache." Und doch nahm David sie für sich und seine Gefährten; denn sie hatten Hunger. Wenn also der heilige König in das Haus Gottes eingetreten ist und die geweihten Brote am Sabbat gegessen hat – er, dem es nicht erlaubt war, sie zu essen -; wenn es ihm nicht als Sünde angerechnet worden ist – denn Gott liebte ihn auch nachher

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noch – wie kannst du sagen, daß wir Sünder sind, wenn wir auf dem Grund und Boden Gottes die durch seinen Willen gewachsenen und reifgewordenen Ähren pflücken? Diese Ähren gehören auch den Vögeln, und du willst verbieten, daß sich damit Menschen, die Kinder des Vaters, nähren ?» fragt Jesus.

«Sie hatten um Brote gebeten. Sie hatten sie nicht ohne Erlaubnis genommen. Das ist ein Unterschied. Und dann ist es nicht wahr, daß Gott dies dem David nicht als Sünde angerechnet hat. Gott hat ihn hart bestraft!»

«Aber nicht deswegen, sondern wegen der Unzucht und der Volkszählung», entgegnete Thaddäus.

«Oh, nun aber genug! Es ist nicht erlaubt, es ist verboten! Ihr habt kein Recht das zu tun, und ihr tut es trotzdem! Geht fort. Wir wollen euch nicht in unserem Gebiet. Wir brauchen euch nicht. Wir wissen nicht, was wir mit euch tun sollen.»

«Wir gehen», sagt Jesus und verhindert somit eine weitere Gegenrede.

«Und für immer, damit Jonathan des Uziel dich nie mehr unter die Augen bekommt. Geh!»

«Ja, wir gehen. Doch werden wir uns wiedersehen. Dann ist es Jonathan, der mich sehen will, um das Urteil zu wiederholen und die Welt für immer von mir zu befreien. Aber dann wird es der Himmel sein, der zu dir sagen wird: "Es ist dir nicht erlaubt!" Und dieses "Es ist dir nicht erlaubt" wird dir wie ein Trompetenschall im Herzen nachklingen, dein ganzes Leben lang und darüber hinaus. Wie an den Tagen des Sabbat die Priester im Tempel das Gebot der Sabbatruhe übertreten und doch nicht sündigen, so können auch wir, die Diener des Herrn, wenn der Mensch uns die Nächstenliebe verweigert, Liebe und Hilfe vom heiligsten Vater empfangen, ohne deswegen zu sündigen.

Hier ist einer, der viel größer als der Tempel ist, und daher nehmen kann, was er will von dem, was Gott erschaffen und zum Schemel für sein Wort gesetzt hat. Ich nehme und gebe. So auch die Ähren des Vaters, die auf der großen Tafel, die die Erde ist, liegen. Ich nehme und gebe. Den Guten wie den Bösen. Denn ich bin die Barmherzigkeit. Wenn ihr wüßtet, was es heißt, daß ich die Barmherzigkeit bin, würdet ihr auch verstehen, daß ich nichts anderes als sie will. Wenn ihr wüßtet, was Barmherzigkeit ist, dann hättet ihr keine Unschuldigen verurteilt. Aber ihr wißt es nicht! Ihr wißt nicht einmal, daß ich euch nicht verurteile; daß ich euch verzeihe und den Vater für euch um Verzeihung bitte, denn ich will Barmherzigkeit und nicht Bestrafung. Aber ihr wißt es nicht. Ihr wollt es nicht wissen! Das ist eine größere Sünde als die, die ihr mir zuschreibt; als die, von der ihr sagt, daß diese Unschuldigen sie begangen haben. ]Übrigens sollt ihr wissen, daß der Sabbat für den Menschen gemacht worden ist und nicht der Mensch für den Sabbat, daß der Menschensohn auch Herr über den Sabbat ist. Lebt wohl ...»

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Er wendet sich an die Jünger: «Kommt, laßt uns ein Lager im Sand suchen; es ist nicht weit. Die Sterne werden uns Gesellschaft leisten und der Tau wird uns erfrischen. Gott, der Israel das Manna schenkte, wird auch uns ernähren, die wir arm und ihm treu sind.» Und Jesus läßt die feindselige Gruppe stehen und geht mit den Seinen weiter, während der Abend mit seinen ersten violetten Schatten anbricht.

Sie finden endlich eine Hecke von Kaktusfeigen, auf deren stacheligen Schaufeln bereits reife Früchte sitzen. Alles ist gut für den, der Hunger hat. So sammeln sie, obwohl sie sich dabei stechen, die reifen Feigen und gehen weiter, bis die Felder zu Ende sind und die sandigen Dünen beginnen. Von ferne hört man das Rauschen des Meeres.

«Wir wollen uns hier ausruhen. Der Sand ist weich und warm. Morgen werden wir Askalon erreichen», sagt Jesus; alle legen sich am Fuße einer hohen Düne nieder.

259. JESUS UND DIE SEINEN AUF DEM WEG NACH ASKALON

Der Morgen weckt mit seinem kühlen Hauch die Schläfer. Sie erheben sich von ihrem Lager im Sand, auf dem sie im Schutz einer mit seltenen, vertrockneten Gräsern bedeckten Düne geschlafen haben, und klettern dieselbe hinauf. Vor ihnen liegt ein sandiger Meeresstrand, während links und rechts davon sich schöne, bestellte Äcker aneinanderreihen. Ein ausgetrocknetes Flußbett zeichnet sich mit seinen weißen Steinen auf dem goldenen Sand ab und verläuft mit diesem Weiß trockener Knochen bis zum Meer, das in der Weite glänzt mit seinen durch die morgendliche Flut geschwollenen Wogen, die durch den Nordwestwind, der den Ozean durchkämmt, noch größer werden.

Sie gehen am Rand der Düne entlang bis zum ausgetrockneten Bachbett, überqueren es, gehen schräg auf den Dünen weiter, die unter den Schritten einfallen und, gewellt wie sie sind, aussehen wie eine Fortsetzung der Meeresfläche mit festem und trockenem Material anstelle des bewegten Wassers. Sie erreichen den feuchten Strand und gehen rascher voran.

Während Johannes entzückt das grenzenlose Meer betrachtet, auf dem die ersten Sonnenstrahlen aufglühen, und sichtlich diese Schönheit genießt, die das Blau seiner Augen noch blauer zu färben scheint, zieht Petrus, der praktisch veranlagte Petrus, seine Sandalen aus, hebt das Gewand hoch, patscht in die kleinen Wellen des Ufers und hält Ausschau nach einer kleinen Krabbe oder einer Muschel zum Ausschlürfen.

In etwa zwei Kilometer Entfernung liegt eine schöne Stadt am Meer, die sich längs dem Ufer hinzieht, auf einem halbmondförmigen Felsenriff, an

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das Wind und Wellen den Sand getrieben haben. Der Fels kommt nun auch hier zum Vorschein, nachdem die Flut zurückgegangen ist, und zwingt die Wanderer, auf den trockenen Sand zurückzukehren, um die nackten Füße nicht zu verletzen.

«Auf welcher Seite können wir in die Stadt gelangen, Herr? Von hier aus sieht man nur ein festes Mauerwerk. Von der Seeseite aus kann man sie nicht betreten. Die Stadt liegt am tiefsten Punkt des Bogens», sagt Philippus.

«Kommt! Ich weiß, wo man hineingeht.»

«Bist du denn schon hier gewesen?»

«Einmal, als kleines Kind; ich erinnere mich nicht mehr; aber ich weiß, wo der Eingang ist.»

«Eigenartig! Schon oft habe ich es beobachtet... Du verfehlst nie den Weg. Manchmal sind wir es, die dich falsch zu wählen veranlassen. Aber du! Es scheint, als ob du immer am Ort gelebt hättest, an dem du dich gerade aufhältst», bemerkt Jakobus des Zebedäus.

Jesus lächelt, antwortet aber nicht. Er geht sicher bis zu einem kleinen ländlichen Vorort, wo Gärtner Gemüse für die Städter anpflanzen. Die kleinen Äcker und die Beete sind gleichmäßig angelegt und gut gepflegt. Frauen und Männer bearbeiten sie und schütten Wasser in die Furchen. Sie ziehen das Wasser mit großer Mühe aus dem Brunnen herauf; andere benützen die alte und quietschende Methode der Eimer, die von einem armen Esel, der mit verbundenen Augen um den Brunnen herumläuft, heraufgezogen werden. Aber die Leute sagen nichts. Jesus grüßt: «Der Friede sei mit euch.» Die Leute aber bleiben stumm, nicht ablehnend, doch teilnahmslos.

«Herr, hier läuft man Gefahr, Hungers zu sterben. Sie verstehen deinen Gruß nicht. Nun will ich es versuchen», sagt Thomas. Er nähert sich dem ersten Gärtner, den er sieht, und sagt: «Ist dein Gemüse sehr teuer?»

«Nicht teurer als anderswo. Teuer oder billig, das hängt davon ab, wie dick die Börse ist.»

«Du hast recht. Aber wie du siehst, sterbe ich noch nicht an Unterernährung. Ich bin auch ohne dein Gemüse dick und rosig. Ein Zeichen, daß meine Börse eine gute Brust ist. Kurz, wir sind dreizehn und wir können kaufen. Was hast du zu verkaufen?»

«Eier, Gemüse, Frühmandeln, Äpfel, die schon ganz runzlig sind, Oliven... alles was du willst.»

«Gib mir Eier, Äpfel und Brot für alle.»

«Brot habe ich nicht; das findest du in der Stadt.»

«Ich habe aber jetzt Hunger, nicht erst in einer Stunde. Ich glaube dir nicht, daß du kein Brot hast.»

«Ich habe noch keines. Die Frau ist erst am Backen. Aber siehst du den Alten dort? Er hat immer Brot, da er viel auf der Straße ist und oft von

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Pilgern danach gefragt wird. Geh zu Ananias und frag ihn. Ich bringe dir gleich die Eier. Aber paß auf, sie kosten einen Denar das Paar.»

«Dieb! Deine Hühner legen wohl goldene Eier?»

«Nein, aber es ist nicht schön, im Gestank des Hühnerstalles zu leben, und für nichts tut man nichts. Und außerdem, seid ihr nicht Juden? Dann zahlt!»

«Behalte deine Eier. So bist du schon bezahlt», und Thomas dreht ihm den Rücken zu.

«Warte, Mann! Komm, ich will sie dir billiger geben. Drei für einen Denar.»

«Und wenn du mir vier gäbest... Trink sie selbst, sie sollen dir im Hals steckenbleiben.»

«Komm her! Höre, was willst du mir geben?» Der Gärtner läuft Thomas nach.

«Nichts! Ich will keine mehr haben. Ich wollte nur einen kleinen Imbiß nehmen, bevor ich in die Stadt gehe. Aber es ist besser so! Ich will weder Worte vergeuden noch mir den Appetit verderben, um die Geschichte des Königs zu singen und in der Herberge eine schöne Mahlzeit zu halten.»

«Ich gebe dir das Paar für eine Zehnteldrachme.»

«Uff, du bist lästiger als eine Wanze. Gib mir deine Eier! Aber frische, sonst komm ich zurück und mach dir dein Maul noch gelber als es schon ist!»

Und Thomas geht mit ihm und kommt mit mindestens zwei Dutzend Eiern im Mantelzipfel zurück. «Habt ihr gesehen? Von nun an werde ich in diesem Land der Diebe einkaufen. Ich weiß, wie man sie behandelt. Sie kommen mit Haufen von Geld zu uns, um für ihre Frauen einzukaufen; und die Armreifen sind nie groß genug, und sie feilschen tagelang um den Preis. Nun kann ich mich rächen. Nun gehen wir zum anderen Skorpion. Komm, Petrus! Du, Johannes, nimm die Eier!»

Sie gehen zum Alten, dessen Garten längs der Hauptstraße liegt, die von der Stadt nach Norden führt, an deren beiden Seiten sich die Häuser des Vororts aneinanderreihen. Eine schöne, gut gepflegte Straße, bestimmt ein Werk der Römer. Das Stadttor an der Ostseite ist nunmehr ganz nahe; man sieht hindurch; die gerade Straße jenseits der Mauern ist kunstvoll von großen, schattigen Portiken umsäumt, die von Marmorsäulen getragen werden und in deren kühlem Schatten die Menschen wandeln, während die Straßenmitte den Eseln, Kamelen, Hunden und Pferden überlassen wird.

«Gruß dir! Verkaufst du Brot?» fragt Thomas.

Der Alte hört nicht oder will nicht hören. Das Kreischen der Räder ist so durchdringend, daß beides möglich ist. Petrus verliert die Geduld und schreit: «Halt deinen Samson an! So kann er wenigstens verschnaufen und bricht nicht vor meinen Augen zusammen. Höre uns an!»

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Der Mann hält den Maulesel an und blickt schief auf den Fragenden; doch Petrus entwaffnet ihn und sagt: «Na, ist es vielleicht nicht recht, einen Maulesel Samson zu nennen? Wenn du Philister bist, muß der Name dir gefallen, denn dann ist es eine Beleidigung für Samson. Wenn du aus Israel bist, muß er dir gefallen, weil er dich an einen Sieg über die Philister erinnert. Du siehst also...»

«Ich bin Philister und bin stolz darauf.»

«Du hast recht. Auch ich werde dich rühmen, wenn du uns Brot gibst.»

«Aber bist du nicht Jude?»

«Ich bin Christ!»

«Wo liegt dieser Ort?»

«Das ist kein Ort. Es ist eine Person. Und ich gehöre dieser Person.»

«Bist du ihr Sklave?»

«Ich bin freier als jeder andere Mensch; denn wer dieser Person gehört, untersteht nur Gott.»

«Sagst du die Wahrheit? Auch nicht Caesar?»

«Pah... was ist denn Caesar im Vergleich zu ihm, dem ich nachfolge, dem ich gehöre und in dessen Namen ich dich um Brot bitte?»

«Wo ist dieser Mächtige?»

«Es ist der Mann dort, der hierherschaut und lächelt. Er ist Christus, der Messias. Hast du noch nie von ihm reden gehört?»

«Ja, er ist der König von Israel. Wird er Rom besiegen?»

«Rom? Die ganze Weit und auch die Hölle!»

«Ihr seid seine Generäle? So gekleidet? Vielleicht um den Verfolgungen der niederträchtigen Juden zu entgehen.»

«Ja und nein. Aber gib mir Brot; während wir essen, will ich es dir erklären.»

«Brot? Aber auch Wasser, Wein und Stühle im Schatten für dich und deinen Begleiter und für deinen Messias. Hole ihn!»

Und Petrus geht rasch zu Jesus und sagt: «Komm, komm! Der alte Philister dort gibt uns, was wir wollen. Ich fürchte jedoch, daß er dich mit Fragen bestürmen wird... Ich habe ihm gesagt, wer du bist... so ungefähr habe ich es ihm gesagt. Aber er ist gutwillig.»

Sie gehen alle zusammen in den Garten, wo der Mann schon unter einer dichten Weinlaube Bänke um einen einfachen Tisch aufgestellt hat.

«Der Friede sei mit dir, Ananias! Die Erde möge dank deiner Nächstenliebe erblühen und dir reiche Ernte bringen ...»

«Danke, auch dir Frieden! Setz dich, setzt euch. Anibe, Nubi! Wein, Brot und Wasser, rasch!» befiehlt der Alte zwei Frauen, die bestimmt Afrikanerinnen sind; denn die eine ist ganz schwarz mit dicken Lippen und krausen Haaren, und die andere sehr dunkel, obgleich sie mehr ein europäischer Typ ist. Der Alte erklärt: «Die Töchter der Sklavinnen meiner Frau, Sie ist tot, und tot sind auch sie, die mit ihr gekommen waren.

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Aber die Töchter sind mir geblieben. Oberer und unterer Nil. Meine Frau stammte von dort. Verboten, nicht wahr? Aber ich schere mich nicht darum. Ich bin nicht aus Israel, und die Frauen der niederen Rasse sind sanft.»

«Du bist nicht aus Israel?»

«Gezwungenermaßen bin ich es; denn Israel hat man am Hals wie ein Joch. Aber bist du ein Israelit und beleidigt über das, was ich sage? ...»

«Nein, ich bin nicht beleidigt. Ich möchte nur, daß du die Stimme Gottes anhörst.»

«Er spricht nicht zu uns!»

«Das sagst du! Ich rede mit dir, und das ist seine Stimme!»

«Aber du bist doch der König von Israel.»

Die Frauen, die gerade mit Brot, Wasser und Wein ankommen und von einem König reden hören, bleiben erstaunt stehen und betrachten den blonden, lächelnden, vornehmen jungen Mann, den man Herr König nennt; sie ziehen sich zurück, fast kriechend vor Ehrfurcht.

«Danke, Frauen! Auch euch Frieden!» Dann wendet sich Jesus dem Greis zu: «Sie sind jung... du kannst ruhig deine Arbeit fortsetzen.»

«Nein, die Erde ist begossen und kann warten. Anibe, binde den Esel los und führe ihn in den Stall. Und du, Nubi, leere die letzten Eimer und dann... Willst du verweilen, Herr?»

«Laß dich nicht stören. Ich werde ein wenig Speise zu mir nehmen und dann nach Askalon gehen.»

«Du störst mich nicht. Geh ruhig in die Stadt. Aber am Abend komm! Wir werden das Brot brechen und das Salz teilen. Bewegt euch, ihr! Du gehst zum Brot und du rufst Geteo, damit er ein Böcklein schlachtet und es für heute abend vorbereitet. Geht!» Die beiden Frauen gehen schweigend fort.

«Du bist also König. Aber die Waffen? Herodes Grausamkeit kennt keine Grenzen. Er hat uns Askalon wieder aufgebaut, aber zum eigenen Ruhm. Und nun! ... Aber du kennst die Schande Israels besser als ich. Wie wirst du vorgehen?»

«Ich habe nur die Waffe, die von Gott kommt.»

«Das Schwert Davids?»

«Das Schwert meines Wortes.»

«Oh, armer Träumer! Es wird am Metall der Herzen abprallen!»

«Glaubst du? Ich strebe kein Königreich auf dieser Welt an. Für euch alle strebe ich nach dem Himmelreich.»

«Für uns alle? Auch für mich Philister? Auch für meine Sklavinnen?»

«Für alle, für dich, für sie und selbst für den Wildesten im Innern des afrikanischen Urwaldes.»

«Willst du denn ein so großes Reich gründen? Warum nennst du es "Himmelreich"? Du könntest es doch Weltreich nennen.»

«Nein, du mußt mich richtig verstehen. Mein Reich ist das Reich des wahren Gottes. Gott ist im Himmel. Darum ist es das Reich des Himmels. Jeder Mensch ist eine mit einem Körper bekleidete Seele, und die Seele kann nur im Himmel leben. Ich will eure Seelen heilen, die Irrtümer und den Groll aus ihr entfernen und sie durch die Güte und die Liebe zu Gott führen.»

«Das gefällt mir sehr. Die anderen... ich gehe nicht nach Jerusalem, aber ich weiß, daß die anderen von Israel seit Jahrhunderten nicht so sprechen. So haßt du uns also nicht?»

«Ich hasse niemand.»

Der Alte denkt nach... dann fragt er: «Und haben die beiden Sklavinnen auch eine Seele, wie ihr von Israel?»

«Gewiß. Sie sind keine gefangenen Tiere. Sie sind unglückliche Geschöpfe. Wir müssen sie lieben. Liebst du sie?»

«Ich behandle sie nicht schlecht. Ich verlange Gehorsam, aber ich verwende keine Peitsche. Ein schlecht genährtes Tier arbeitet nicht, sagt man. Aber auch ein schlecht genährter Mensch ist kein gutes Geschäft. Außerdem sind sie im Haus geboren! Ich habe sie heranwachsen sehen. Jetzt werden nur sie zurückbleiben; denn ich bin sehr alt, weißt du, beinahe achtzig. Sie und Geteo sind das, was von meinem einstigen Haus übrigbleibt. Ich habe sie liebgewonnen wie Möbelstücke. Sie werden mir die Augen schließen...»

«Und dann?»

«Und dann... Ich weiß es nicht. Sie werden einen anderen Herrn finden, und das Haus wird geschlossen werden. Es tut mir leid. Ich habe es mit meiner Arbeit reich gemacht. Die Äcker werden veröden... Der Weingarten... Meine Frau und ich haben ihn gepflanzt. Dieser Rosenstrauch... Er ist ägyptischer Herkunft, Herr, und ich spüre den Duft meiner Frau in ihm... Er ist für mich wie ein Sohn... Der einzige Sohn, jetzt schon Staub, ist zu seinen Füßen begraben... Schmerzen... Es ist besser, jung zu sterben und dies und den Tod, der sich nähert, nicht sehen zu müssen.»

«Dein Sohn und deine Frau sind nicht tot; ihr Geist überlebt. Das Fleisch ist tot. Der Tod darf nicht erschrecken. Der Tod ist Leben für den, der auf Gott vertraut und als Gerechter lebt. Denkt daran... Ich gehe in die Stadt. Ich werde heute abend zurückkommen und möchte dich um die Vorhalle bitten, um mit den Meinen dort zu schlafen.»

«Nein, Herr! Ich habe viele leere Zimmer. Ich stelle sie dir zur Verfügung.»

Judas legt Münzen auf den Tisch.

«Nein! Ich will sie nicht. Ich bin aus dieser Gegend, die euch verhaßt ist. Aber vielleicht bin ich besser als sie, die uns beherrschen. Leb wohl, Herr!»

«Der Friede sei mit dir, Ananias!»

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Die zwei Sklavinnen sind mit Geteo, einem kräftigen, alten Landarbeiter, herbeigekommen, um Jesus weggehen zu sehen.

«Auch euch Frieden! Seid gut! Lebt wohl.» Und Jesus läßt leicht seine Hand über die krausen Haare von Nubi und die glänzenden, glatten Haare von Anibe gleiten, lächelt dem Mann zu und entfernt sich.

Bald danach betreten sie auch die Straße mit den beidseitigen Säulengängen, die direkt in Askalons Zentrum führt. Die Stadt ist mit ihren Becken und Brunnen, mit ihren Plätzen, die als Forum dienen, und ihren Türmen längs der Mauer eine Nachäffung Roms. Überall der Name von Herodes, von ihm selbst angebracht, um sich selbst zu feiern, denn die Askaloniten feiern ihn nicht.

Es herrscht eine große Bewegung in den Straßen, die sich steigert, je mehr die Zeit vergeht und man ins Zentrum der Stadt gelangt. Diese Stadt ist offen und luftig mit dem Meer als Hintergrund, das wie ein Türkis in einer Zange aus rosafarbenen Korallen liegt zwischen den Häusern, die sich an der tiefen Bucht aneinanderreihen, bis zur Küste; sie bildet keinen Golf, sondern einen echten Bogen, einen Halbkreis, den die Sonne in einem bleichen Rosarot leuchten läßt.

«Wir wollen uns in vier Gruppen teilen. Ich gehe, das heißt, ich lasse euch gehen. Dann wähle ich. Geht! Nach der neunten Stunde treffen wir uns am Tor, durch das wir gekommen sind. Seid klug und geduldig!»

Jesus schaut ihnen nach. Er ist mit Judas Iskariot allein geblieben, der erklärt hat, daß er hier nicht reden wird, da die Leute schlimmer als die Heiden sind.

Als er aber hört, daß Jesus da und dorthin gehen will, ohne zu reden, überlegt er es sich anders und sagt: «Mißfällt es dir nicht, allein zu bleiben? Ich möchte mit Matthäus, Jakobus und Andreas gehen; sie sind die Unbeholfensten...»

«Geh nur! Leb wohl!»

Und Jesus wandelt allein durch die Stadt. Er durchschreitet sie der Länge und der Breite nach, ohne daß die geschäftigen Menschen auf ihn aufmerksam werden. Nur zwei oder drei Kinder heben neugierig den Kopf, und eine nachlässig gekleidete Frau kommt ihm entschlossen und mit einem zweideutigen Lächeln entgegen. Doch Jesus blickt sie so streng an, daß sie purpurrot wird und, weitergehend, die Augen niederschlägt. An der Ecke wendet sie sich noch einmal um, und da ein Mann, der die Szene beobachtet hat, ihr beißende Worte des Spottes für ihre Niederlage zuwirft, hüllt sie sich in ihren Mantel und eilt davon.

Die Kinder jedoch umringen Jesus, sehen zu ihm auf und erwidern sein Lächeln. Das mutigste unter ihnen fragt: «Wer bist du?»

«Jesus», antwortet er, indem er es liebkost.

«Was machst du?»

«Ich warte auf Freunde.»

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«Von Askalon?»

«Nein, aus meinem Dorf und aus Judäa.»

«Bist du reich? Ich bin es. Mein Vater hat ein schönes Haus, in dem er Teppiche anfertigt. Komm, ich will es dir zeigen; es ist in der Nähe.»

Jesus folgt dem Kind in einen langen Hausflur, der wie eine überdachte Gasse ist. Im Hintergrund des halbdunklen Hausflurs glänzt ein Stückchen Meer in der Sonne. Sie begegnen einem schmächtigen Mädchen, das weint.

«Das ist Dina. Sie lebt arm, weißt du? Meine Mutter gibt ihr zu essen. Ihre Mutter kann nichts mehr verdienen. Der Vater ist schon gestorben, auf dem Meer. Bei einem Gewitter, als er von Gaza zum Hafen des großen Flusses fuhr, um Waren abzuliefern und andere zu holen. Da die Waren meinem Vater gehörten, und der Vater der Dina einer unserer Seeleute war, sorgt meine Mama nun für sie. Doch viele sind auf diese Weise ohne Vater geblieben... Was sagst du dazu? Es muß schlimm sein, ein Waisenkind und arm zu sein. Hier ist mein Haus. Sage nicht, daß ich auf der Straße war. Ich hätte in der Schule sein müssen; aber man hat mich weggeschickt, weil ich die Kameraden mit dem da zum Lachen brachte...» Er zieht ein wirklich lustiges, geschnitztes Püppchen aus dem Gewand, mit einem wahrhaft karikaturistischen, vorstehenden Kinn und einer langen Nase.

Jesus hat ein Lächeln auf den Lippen, aber er beherrscht sich und sagt: «Das ist doch nicht der Lehrer, nicht wahr? Und auch kein Verwandter! Das wäre nicht recht.»

«Nein, es ist der Synagogenvorsteher der Juden. Er ist alt und häßlich; wir ärgern ihn immer.»

«Auch das ist nicht recht. Er ist bestimmt viel älter als du und...»

«Oh, er ist ein sehr alter Mann, bucklig und blind; aber er ist so häßlich... Ich kann doch nichts dafür, daß er so häßlich ist!»

«Nein. Aber es ist schlecht, über einen Alten zu spotten. Auch du wirst als alter Mann häßlich sein; denn du wirst gebückt gehen, wenig Haare auf dem Kopf haben, halb blind sein; du wirst an Stöcken gehen und genauso ein Gesicht haben... Und dann? Würde es dir gefallen, von einem respektlosen Jungen verspottet zu werden?

Warum ärgerst du den Lehrer und störst die Kameraden? Das ist nicht recht! Wenn dein Vater es wüßte, würde er dich strafen und deine Mutter würde es schmerzen. Ich sage ihnen nichts. Aber du mußt mir sofort zwei Dinge geben: das Versprechen, nicht mehr solche Späße zu machen und diesen Hampelmann. Wer hat ihn gemacht?»

«Ich, Herr ...» sagt der Junge beschämt, nunmehr der Schwere seiner Fehler bewußt. Er fügt hinzu: «Ich mache sehr gerne Holzschnitzereien! Manchmal verfertige ich Blumen, wie sie auf Teppichen dargestellt sind, oder Drachen, Sphinxe und andere Tiere...»

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«Das sollst du tun. Es ist so viel Schönes auf der Erde. Also gib mir dein Versprechen und den Hampelmann. Sonst sind wir keine Freunde mehr. Ich behalte ihn als Andenken an dich und werde für dich beten. Wie heißt du?»

«Alexander. Und du, was gibst du mir?»

Jesus hat immer so wenig! Aber er erinnert sich, daß er am Gewand eine sehr schöne Schnalle hat. Er sucht in seiner Tasche, findet sie, trennt sie vom Gewand ab und gibt sie dem Knaben. «Und nun gehen wir. Aber paß auf, auch wenn ich fortgehe, weiß ich doch alles. Wenn ich merke, daß du böse bist, dann komme ich zurück und erzähle alles deiner Mutter.» Das Bündnis ist geschlossen.

Sie treten in das Haus. Dem Vorhof folgt ein weiter Hof, auf drei Seiten von Hallen umgeben, in denen Webstühle stehen. Die Dienerin, die geöffnet hat, ist erstaunt, den Jungen mit einem Unbekannten zu sehen. Sie benachrichtigt die Herrin, und diese, eine hochgewachsene Frau mit zartem Antlitz, eilt herbei und fragt: «Hat mein Sohn sich nicht wohlgefühlt?»

«Nein, Frau! Er hat mich hierher geführt, um mir deine Webstühle zu zeigen. Ich bin ein Fremder.»

«Willst du einkaufen?»

«Nein, ich habe kein Geld. Aber ich habe Freunde, welche schöne Dinge lieben und auch Geld haben.»

Die Frau blickt diesen Mann erstaunt an, der ohne Umschweife bekennt, daß er arm ist, und sagt: «Ich habe angenommen, daß du ein Herr bist. Du hast das Benehmen und das Aussehen eines großen Herrn.»

«Ich bin jedoch nur ein Rabbi aus Galiläa: Jesus von Nazareth.»

«Wir treiben Handel und kennen keine Vorurteile. Komm und schau!»

Sie führt ihn zu den Webstühlen, an denen Mädchen unter der Anleitung der Herrin arbeiten. Die Teppiche sind wirklich kostbar, was Zeichnung und Farben betrifft. Dick und weich, wie sie sind, gleichen sie Blumenbeeten oder einem Kaleidoskop von Edelsteinen. Andere haben von Blumen umgebene allegorische Figuren wie Einhörner, Sirenen, Drachen oder heraldische Vögel, wie sie bei uns üblich sind.

Jesus drückt seine Bewunderung aus: «Du bist sehr tüchtig. Es freut mich, daß ich dies gesehen habe. Und ich freue mich, daß du gut bist.»

«Woher weißt du das?»

«Man liest es dir im Gesicht, und der Junge hat mir von Dina erzählt. Gott möge es dir vergelten. Auch wenn du es nicht glaubst, du bist sehr nahe an der Wahrheit, denn du hast Nächstenliebe.»

«Welche Wahrheit?»

«Die Wahrheit des allerhöchsten Herrn! Wer den Nächsten liebt und in der Familie und bei den Untergebenen Nächstenliebe übt und sie auf die Armen ausdehnt, hat die Religion schon in sich. Das Mädchen ist Dina, nicht wahr?»

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«Ja. Ihre Mutter liegt im Sterben. Nach ihrem Tod werde ich das Mädchen zu mir nehmen; aber nicht für den Webstuhl. Sie ist zu klein und zu schwach. Begrüße diesen Herrn, Dina!»

Das Mädchen mit dem traurigen Gesicht unglücklicher Kinder kommt zögernd näher. Jesus liebkost es und sagt: «Begleitest du mich zu deiner Mutter? Du möchtest, daß sie gesund wird, nicht wahr? Dann führe mich zu ihr! Leb wohl, Frau! Leb wohl, Alexander! Bleibe brav!»

Jesus geht mit dem Kind an der Hand hinaus. Er fragt: «Bist du allein?»

«Ich habe drei Geschwister. Das Kleinste hat den Vater nicht mehr gekannt.»

«Weine nicht. Kannst du glauben, daß Gott deine Mutter heilen kann? Du weißt, daß es nur einen Gott gibt, der seine Geschöpfe, die Menschen und besonders die guten Kinder liebt, nicht wahr? Und daß er alles kann...»

«Ich weiß es, Herr; denn früher ging mein Bruder Tolme zur Schule, und in der Schule hat er sich unter die Juden gemischt. Er weiß daher viele Dinge. Ich weiß, daß es einen Gott gibt und daß er Jahwe heißt; und daß er uns bestraft hat, weil die Philister böse gegen ihn waren. Das werfen uns die hebräischen Kinder immer vor. Ich war aber damals noch nicht geboren, und die Mama und der Vater ebenfalls nicht. Warum also...»Das Weinen macht ein Weiterreden unmöglich.

«Weine nicht, Gott liebt auch dich, und er hat mich deinetwegen und deiner Mama wegen hierher geführt. Weißt du, daß die Israeliten auf den Messias warten, der kommen wird, um das Himmelreich zu gründen, das Reich Jesu, des Erlösers und Heilands der Welt?»

«Ich weiß es, Herr. Und sie drohen uns damit und sagen: "Dann wird es euch schlecht gehen."»

«Und weißt du, was der Messias tun wird?»

«Er wird Israel groß machen und uns sehr schlecht behandeln!»

«Nein! Er wird die Welt erlösen, sie von der Sünde befreien und die Menschen anleiten, nicht mehr zu sündigen. Er wird die Armen, die Kranken und die Traurigen lieben und sie aufsuchen. Er wird die Reichen, die Gesunden und die Glücklichen lehren, sie zu lieben. Er wird alle ermahnen, gut zu sein, um das ewige Leben zu erlangen und im Himmel selig zu sein. Das wird er tun, und er wird niemand unterdrücken.»

«Und woran wird man erkennen, daß er es ist?»

«Daran, daß er alle liebt und die Kranken heilt, die an ihn glauben; daß er die Sünder losspricht und Liebe lehrt!»

«Oh, wenn er doch kommen würde, bevor die Mama stirbt. Wie würde ich glauben! Wie würde ich ihn bitten! Ich würde gehen und ihn suchen, bis ich ihn gefunden hätte, und würde ihm sagen: "Ich bin ein armes Mädchen ohne Vater, und meine Mutter liegt im Sterben! Ich hoffe auf

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dich!" Ich weiß, daß er mich erhören würde, obgleich ich eine Philisterin bin.»

Ein einfacher und starker Glaube schwingt mit in der Stimme des Mädchens. Jesus lächelt und blickt auf die Arme, die an seiner Seite geht. Das Mädchen kann dieses strahlende Lächeln nicht sehen, da es geradeaus zum nunmehr nahen Haus schaut.

Sie kommen zu einem armen Häuschen am Ende einer Sackgasse. «Hier ist es, Herr! Tritt ein!» Ein einfacher Raum, ein Strohsack, auf dem ein erschöpfter Körper liegt, und drei Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren sitzen neben dem Strohsack. Alles drückt Armut und Hunger aus.

«Der Friede sei mit dir, Frau! Rege dich nicht auf! Bemühe dich nicht! Ich habe dein Mädchen getroffen und weiß, daß du krank bist. Ich bin gekommen. Möchtest du gesund werden?»

Die Frau antwortet mit ihrer schwachen Stimme: «Oh, Herr! ... Ich bin am Ende», und sie weint.

«Deine Tochter glaubt, daß der Messias dich heilen kann. Und du?»

«Oh, auch ich würde glauben. Aber wo ist der Messias?»

«Ich bin es, der zu dir spricht.» Und Jesus, der sich über den Strohsack gebeugt und seine Worte über das Antlitz der Geschwächten geflüstert hatte, richtet sich auf und ruft: «Ich will! Sei geheilt!»

Die Kinder fürchten sich beinahe vor seiner mächtigen Gestalt und stehen mit erstaunten Gesichtern um das mütterliche Lager herum. Dina drückt ihre Hände an die kleine Brust. Ein Licht der Seligkeit, der Hoffnung huscht über ihr Gesicht. Sie atmet fast schwer, so sehr ist sie erregt. Der kleine Mund ist geöffnet für ein Wort, welches das Herz schon flüstert, und als sie sieht, daß die Mutter, die noch eben wachsbleich und kraftlos dalag, sich zum Sitzen aufrichtet, als ob eine Kraft sie anziehen und in sie übergehen würde, und wie sie dann, immer die Augen auf jene des Erlösers gerichtet, aufsteht, einen Freudenschrei ausstößt: «Mama!»Das Wort, welches das Herz gefüllt hatte, ist ausgesprochen! ... Und dann ein zweites: «Jesus!» Dina umarmt die Mutter, zwingt sie niederzuknien und sagt dabei: «Bete an, bete an! Er ist es, den der Lehrer Tolmes den verheißenen Erlöser nannte.»

«Betet den wahren Gott an, seid gut und erinnert euch meiner. Lebt wohl!» Und Jesus geht rasch hinaus, während die beiden Glücklichen noch am Boden knien...

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260. DIE PREDIGTEN UND DIE WUNDER IN ASKALON

Gehorsam der erhaltenen Weisung folgend, kommen die kleinen Gruppen der Apostel eine nach der anderen zum Stadttor. Jesus ist noch nicht da. Doch bald kommt auch er aus einer Gasse längs der Mauer.

«Der Meister scheint guten Erfolg erzielt zu haben», sagt Matthäus. «Seht wie er lächelt.»

Sie gehen ihm entgegen und verlassen dann die Stadt auf der Hauptstraße. Die Gemüsegärten des Vorortes säumen diese auf beiden Seiten. Jesus fragt die Seinen: «Nun, wie ist es euch ergangen? Was habt ihr getan?» «Sehr schlecht», sagen Iskariot und Bartholomäus gleichzeitig. «Warum? Was ist vorgefallen?»

«Man hätte uns beinahe gesteinigt. Wir mußten weglaufen. Verlassen wir dieses Land der Barbaren! Laß uns dorthin gehen, wo man uns liebt. Ich rede nicht mehr! Ich wollte vorerst nicht reden. Doch dann habe ich mich dazu verleiten lassen; du hast mich nicht zurückgehalten, obwohl du wußtest ...» Iskariot ist aufgeregt.

«Aber was ist denn passiert?»

«Oh, ich war mit Matthäus, Jakobus und Andreas. Wir sind bis zum Gerichtsplatz gegangen; denn dort sind bessere Leute, die Zeit zu verlieren haben und zuhören können, wenn jemand reden will. Wir hatten beschlossen, daß Matthäus sprechen sollte, da er am fähigsten ist, mit Zöllnern und ihrer Kundschaft umzugehen. Er hat auch angefangen; er sagte zweien, die sich in einer Erbschaftsangelegenheit um einen Acker stritten: "Haßt euch nicht wegen einer Sache, die vergänglich ist und die ihr nicht mit ins andere Leben nehmen könnt. Liebt euch, um ewige Güter genießen zu können, für die ihr nichts anderes zu tun braucht als den bösen Leidenschaften zu widerstehen, um Gewinner und Besitzer des Guten zu werden." Du hast doch so gesagt, nicht wahr?» Und dann fuhr er fort zu reden, während zwei oder drei sich näherten, um zuzuhören. "Hört auf die Wahrheit, die dieser Aufruf die Welt lehrt, damit die Welt im Frieden lebe. Ihr habt erfahren, daß man wegen übertriebenen Interesses an vergänglichen Dingen leidet. Aber die Welt ist nicht alles! Es gibt auch den Himmel, und im Himmel ist Gott, so wie jetzt auf Erden sein Messias ist, den er gesandt hat, um euch zu verkünden, daß die Zeit der Barmherzigkeit gekommen ist, und kein Sünder mehr sagen kann: 'Niemand hört mich an'; denn wenn er wahrhaft bereut, dann erhält er Verzeihung; er wird erhört, geliebt und ins Reich Gottes eingeladen."

Viele Menschen hatten sich inzwischen angesammelt; es waren Leute darunter, die ehrfürchtig zuhörten, und andere, die Fragen stellten und damit Matthäus verwirrten. Ich antworte nie sofort, sondern erst am Ende der Predigt. Die Leute merkten sich ihre Fragen und stellten sie mir am Schluß. Matthäus jedoch wollte sofort antworten... Auch uns hat man

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Fragen gestellt. Manche aber sagten grinsend: "Noch ein Verrückter! Der kommt bestimmt aus der Höhle von Israel. Die Juden sind wie Kletten, die sich überall anhängen. Immer ihre ewigen Märchen! Sie haben Gott als Gevatter. Hört sie nur! Er ist auf der Schneide ihres Schwertes und in der Bitterkeit ihrer Zunge. Ja, ja, nun kommen sie mit ihrem Messias daher. Ein anderer Irrer, der uns beunruhigen will, wie es schon seit Jahrhunderten geschieht. Die Pest soll ihn und seine Rasse holen!"

Da habe ich die Geduld verloren. Ich habe den Matthäus zurückgezogen, der immer noch lächelnd weitersprach, als ob man ihm Ehren erwiese, und ich habe zu reden begonnen und Jeremias zum Thema meiner Rede genommen. "Sieh, Wasser steigen auf aus dem Norden; sie werden zum

schwellenden Gießbach und überfluten das Land .. Bei ihrem Lärm",

habe ich gesagt, "- die Strafe Gottes über euch, verfluchte Rasse, wird dem Rauschen vieler Wasser gleichen; doch werden es Waffen und Bewaffnete der Erde und himmlische Reiter sein, die dem Befehl der Häupter des Volkes Gottes folgen, um euch für eure Schandtaten zu bestrafen – bei ihrem Lärm werdet ihr die Kraft verlieren; euer Hochmut, eure Herzen, eure Arme, eure Gefühle und alles wird zusammenbrechen. Ausgerottet werdet ihr, ihr Überbleibsel der Insel der Sünde, Tor der Hölle! Seid ihr wieder hochmütig geworden, weil Herodes eure Stadt hat wieder aufbauen lassen? Aber ihr werdet noch mehr geschoren werden und bald hoffnungslose Kahlköpfe sein; in euren Städten und Dörfern, in den Tälern und Ebenen werdet ihr von allen Übeln heimgesucht werden. Die Weissagung ist noch nicht tot"; und ich wollte so fortfahren, aber sie sind auf uns losgestürmt; und nur weil gerade eine Karawane aus einer Seitenstraße kam, konnten wir uns retten, denn schon flogen die ersten Steine. Sie haben die Kamele und die Kameltreiber getroffen, und es hat eine Rauferei gegeben, so daß wir fliehen konnten. Dann haben wir uns in einem kleinen Hof des Vorortes still verhalten. Oh! Ich komme nicht mehr hierher ...»

«Aber entschuldige, du hast sie beleidigt! Die Schuld liegt bei dir! Jetzt verstehe ich, warum sie wütend auf uns losgestürmt sind, um uns fortzujagen!» ruft Nathanael aus. Er fährt fort: «Höre, Meister. Wir, also Simon des Jonas, ich und Philippus sind zum Tor gegangen, das zum Meer führt. Dort waren Seeleute und Schiffsbesitzer, die Waren nach Zypern, nach Griechenland und in fernere Länder verluden. Sie schimpften auf die Sonne, den Staub und die Mühen. Sie verfluchten ihr Los als Philister und Sklaven ihrer Unterdrücker, da sie doch Könige hätten sein können. Sie verfluchten die Propheten, die Tempel und uns allesamt. Ich wollte weggehen, aber Simon war dagegen und sagte: "Nun erst recht nicht! Gerade sie sind die Sünder, denen wir uns nähern müssen. Der Meister würde es tun, darum müssen auch wir es tun." "Dann rede du", sagten Philippus und ich. "Und wenn ich es nicht kann?" entgegnete Simon. "Dann werden wir dir helfen", antworteten wir.

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Simon ist also lächelnd auf zwei Seeleute zugegangen, die sich schwitzend auf einen großen Ballen gesetzt hatten, den sie nicht mehr auf das Schiff zu hissen vermochten, und sagte. "Der ist schwer, nicht wahr?" "Mehr als schwer, und wir sind müde. Wir müssen mit dem Beladen des Schiffes fertig werden, denn der Herr hat es befohlen. Er will zur Zeit der Ebbe den Anker lichten; denn heute abend wird das Meer bewegter sein, und da müssen die Riffe hinter uns sein." "Riffe im Meer?" "Ja, dort, wo das Wasser brandet. Schlimme Stelle!" "Strudel? Natürlich, denn der Mittagswind dreht und stößt dort mit der Strömung zusammen." "Bist du Seemann?" "Fischer, im Süßwasser. Doch Wasser ist immer Wasser, und Wind ist Wind. Auch ich habe schon mehr als einmal Wasser getrunken und nicht selten den ganzen Fang verloren. Unser Handwerk hat seine guten und seine bösen Seiten. So ist es in allen Dingen! Nirgendwo leben nur böse Menschen. Mit ein bißchen gutem Willen kann man sich immer verständigen, und überall gibt es gute Menschen. Los, ich will euch helfen." Und Simon hat Philippus gerufen: "Komm, faß den Ballen hier an, ich nehme ihn dort, und diese guten Leute führen uns zum Lagerraum auf dem Schiff."

Zuerst wollten die Philister nicht; doch dann ließen sie uns gewähren. Nachdem wir den Ballen und noch weitere, die auf der Brücke lagen, im Lagerraum untergebracht hatten, begann Simon, wie nur er es kann, das Schiff und die schöne Stadt am Meer zu loben und sich für die Seefahrt und die Städte anderer Länder zu interessieren. Und alle haben ihn umringt, um ihm zu danken und ihn zu loben, bis einer zu fragen anfing. "Aber du, woher kommst du denn? Vom Nil?" "Nein, vom galiläischen Meer. Aber wie ihr seht, bin ich kein grausamer Mensch. Das ist wahr." "Suchst du Arbeit?" "Ja." "Ich nehme dich sofort, wenn du willst. Ich sehe, daß du ein tüchtiger Seemann bist", sagte der Herr, "Und ich nehme dich." "Mich? Hast du nicht gesagt, daß du Arbeit suchst?" "Das ist wahr. Aber meine Arbeit besteht darin, die Menschen zum Messias Gottes zu führen. Du bist ein Mensch. Also bist du Arbeit für mich." "Aber ich bin ein Philister. Was bedeutet das?" "Das bedeutet, daß ihr uns haßt und seit jeher verfolgt. Eure Oberhäupter haben es uns immer wieder gesagt .. Die Propheten, nicht wahr? Aber jetzt sind die Prophetenstimmen verstummt. Jetzt gibt es nur noch den einen, den großen, den heiligen Jesus. Er schreit nicht, sondern ruft mit der Stimme eines Freundes. Er verflucht nicht, sondern segnet. Er bringt kein Übel, sondern beseitigt es. Er haßt nicht und will nicht, daß man haßt; er liebt alle und will, daß wir auch unsere Feinde lieben. In seinem Reiche gibt es keine Sieger und Besiegte mehr, keine Freien und Sklaven, keine Freunde und Feinde. Es gibt dort Unterschiede nicht mehr, die nur Böses verursachen und zur menschlichen Bosheit führen. Dort gibt es nur mehr seine Nachfolger, also Menschen, die in der Liebe und der Freiheit leben, Sieger über alles,

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was Übel und Schmerz ist. Ich bitte euch, glaubt meinen Worten und verlangt nach ihm. Weissagungen wurden geschrieben. Aber er ist viel größer als die Propheten, und für alle, die ihn lieben, gelten die Prophezeiungen nicht mehr. Seht ihr eure schöne Stadt? Schöner noch werdet ihr sie im Himmel wiederfinden, wenn es euch gelingt, den Herrn, unseren Christus, den Christus Gottes zu lieben."

So hat Simon gesprochen, gutmütig und zur gleichen Zeit erleuchtet; alle haben ihm aufmerksam und voller Achtung zugehört. Ja, voller Achtung! Dann sind plötzlich aus einer Seitenstraße schreiende Bürger hergestürmt, mit Stöcken und Steinen bewaffnet. Sie haben uns gesehen und an unserer Kleidung erkannt, daß wir Fremde sind, und... Nun verstehe ich erst... Fremde deiner Art, Judas! Sie müssen geglaubt haben, daß wir sind wie du. Wenn uns die vom Schiff nicht geholfen hätten, wäre es um uns geschehen! Sie haben eine Schaluppe niedergelassen, haben uns auf dem Meer weggefahren und uns dann bei den Gärten im Süden ausgebootet; von dort sind wir in die Stadt zurückgekehrt, zusammen mit den Blumenzüchtern für die Reichen hier. Aber du, Judas, verdirbst alles! Ist das die Art zu überzeugen?»

«Es ist die Wahrheit.»

«Die man zu benützen verstehen muß. Auch Petrus hat keine Lügen gesagt; aber er hat zu reden verstanden», entgegnet Nathanael.

«Oh, ich... Ich habe nur versucht, mich in den Meister zu versetzen, und gedacht: "Er ist sanft, also muß auch ich es sein"», sagt Petrus schlicht.

«Ich ziehe eben die harte Art vor. Sie ist vornehmer.»

«Deine übliche Einbildung! Du hast unrecht, Judas! Seit einem Jahr sucht der Meister dich von dieser Einbildung zu kurieren; aber du bist nicht bereit, dich zu bessern. Auch beharrst du hartnäckig im Irrtum, wie die Philister, die du beschimpfst», ruft Simon der Zelote.

«Wann hat er mich zurechtgewiesen? Außerdem, jeder hat seine Art und handelt danach.»

Simon der Zelote fährt zusammen, als er diese Worte hört und schaut auf Jesus, der aber schweigt und dann auf diesen vielsagenden Blick mit einem verständnisvollen Lächeln antwortet.

«Das ist kein Grund», sagt Jakobus des Alphäus ruhig und fährt fort: «Wir sind hier, um uns zu bessern, bevor wir andere zu bessern suchen. Der Meister ist unser Lehrer. Er wäre es nicht, hätte er nicht gewollt, daß wir unsere Gewohnheiten und unsere Ansichten ändern.»

«Er war Meister in seiner Weisheit ...»

«War? Er ist es», sagt Thaddäus ernst.

«Wieviel Haarspalterei! Ja, er ist es!»

«Er ist in allem der Meister. Nicht nur in der Weisheit. Seine Belehrung bezieht sich auf alles, was in uns ist. Er ist vollkommen, wir sind unvollkommen. Strengen wir uns also an, vollkommener zu werden», schlägt Jakobus des Alphäus sanft vor.

«Ich sehe nicht ein, daß ich Fehler gemacht habe. Es ist so gekommen, weil es eine verfluchte Rasse ist. Sie sind alle verdorben.»

«Nein, das kannst du nicht sagen», bricht Thomas hervor. «Johannes ist zu den Geringsten gegangen: zu den Fischern, die ihre Fische auf den Markt brachten. Siehst du diesen feuchten Sack? Es ist vortrefflicher Fisch darin. Sie haben auf den Verdienst verzichtet und ihn uns geschenkt. Aus Furcht, daß der, den sie in der Frühe gefangen hatten, nicht mehr frisch sein könnte, sind sie noch einmal aufs Meer hinausgefahren und haben uns mitnehmen wollen. Es war wie auf dem See von Galiläa, und ich versichere dir, wenn die Gegend und auch die Barken voller aufmerksamer Gesichter uns daran erinnerten, ließ uns Johannes noch mehr daran erinnern. Er glich Jesus. Die Worte quollen ihm süß wie Honig aus dem Mund, und sein Gesicht leuchtete wie die Sonne. Wie sehr hat er dir geglichen, Meister! Ich war ganz gerührt. Drei Stunden waren wir auf dem Meer und warteten, bis die ausgespannten Netze voller Fische waren; es waren drei Stunden der Seligkeit. Dann verlangten alle, dich zu sehen. Aber Johannes sagte: "Wir werden uns in Kapharnaum wiedersehen" ' so als ob er sagen würde: "Wir treffen uns auf dem Marktplatz eures Dorfes." Und sie haben versprochen: "Wir kommen." Wir mußten uns wehren, daß sie uns nicht zuviel Fisch aufluden. Sie haben uns vom Feinsten gegeben. Wir wollen ihn gleich kosten. Heute abend halten wir ein großes Gastmahl, um uns vom gestrigen Fasttag zu erholen.»

«Aber was sagst du denn! Auch Johannes hat die Propheten genannt; doch er hat sie auf den Kopf gestellt», erklärt Thomas.

«Auf den Kopf gestellt?» fragt Iskariot erstaunt.

«Ja. Du hast das Bittere an den Propheten gewählt, er das Sanfte; denn ihre Strenge ist letztlich Liebe, eine außerordentliche, heftige Liebe, wenn du willst; aber dennoch Liebe für die Seelen, die nach ihrem Wunsch dem Herrn treu sein wollen. Ich weiß nicht, ob du jemals darüber nachgedacht hast, du, der du von den Schriftgelehrten ausgebildet worden bist. Ich wohl, obgleich ich Goldschmied bin. Auch das Gold hämmert und bearbeitet man, um es schöner zu machen. Nicht aus Haß, sondern aus Liebe! So tun es die Propheten mit den Seelen. Ich kann das verstehen, vielleicht weil ich Goldschmied bin. Johannes hat Zacharias zitiert, und zwar die Weissagung, die sich auf Hadrach und Damaskus bezieht, und an der Stelle angekommen: "Bei diesem Anblick wird Askalon erschaudern, und Gaza wird vor Angst gewaltig erbeben, und auch Ekron, denn seine Hoffnung ist zuschanden worden. Gaza wird keinen König mehr haben", hat er erklärt, wie dies alles eingetroffen ist, weil der Mensch sich von Gott entfernt hat; und darauf hat er von der Ankunft des Messias gesprochen, der Vergebung und Liebe ist und verspricht, daß die auf ein

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armes, weltliches Königtum hoffenden Menschen, die der Lehre des Messias nachfolgen, ein ewiges und unendliches Königtum im Himmel erwerben werden. Das zu sagen, ist nichts; aber es gehört zu haben! Es war, als ob man eine Musik hörte und von Engeln nach oben getragen würde. Und daher haben uns die Propheten, die dir Prügel gegeben haben, eine Menge köstlicher Fische geschenkt!»

Judas schweigt betroffen.

«Und ihr?» fragt der Meister die Vettern und den Zeloten.

«Wir sind zu den Werftarbeitern gegangen, wo die Schiffsausbesserer arbeiten. Auch wir haben es vorgezogen, zu den Armen zu gehen. Aber es waren auch reiche Philister dort, die den Bau ihrer Schiffe überwachten. Wir waren uns nicht schlüssig, wer von uns reden sollte. So haben wir wie die Kinder um Punkte gespielt. Judas hatte sieben Finger, ich vier und Simon zwei geöffnet. So hat es also Judas getroffen. Er hat gesprochen», erklärt Jakobus des Alphäus.

«Was hast du gesagt?» fragen alle.

«Ich habe mich offen als den zu erkennen gegeben, der ich bin, und habe gesagt, daß ich von ihrer Gastfreundschaft die Güte erbitte, das Wort des Pilgers anzuhören, der in ihnen seine Brüder sieht, weil wir einen gemeinsamen Ursprung und dasselbe Ziel haben; weil mich die nicht gemeinsame, aber liebevolle Hoffnung erfüllt, sie ins Haus des Vaters mitnehmen und auf ewig in der unendlichen Glückseligkeit des Himmels Brüder nennen zu können. Ich habe dann weiter gesagt: "Sophonias, unser Prophet sagt: 'Die Region des Meeres wird ein Ort der Hirten werden... dort werden sie ihre Weiden haben, und am Abend werden sie in den Häusern von Askalon ruhen."' Und ich habe meine Gedanken dargelegt und gesagt: "Der höchste Hirte ist unter euch, nicht mit Pfeilen bewaffnet, sondern mit Liebe. Er bietet euch seine Hand an und führt euch auf seine heiligen Weiden. Er erinnert sich der Vergangenheit nur, um die Menschen des großen Leides wegen zu bemitleiden, das sie sich wie unvernünftige Kinder mit Haß zugefügt haben, während sie doch mit gegenseitiger Liebe viele Schmerzen aus der Welt schaffen könnten; denn sie sind Brüder. Dieses Gebiet", habe ich gesagt, "wird zum Weideland der heiligen Hirten, der Diener des höchsten Hirten; denn sie wissen schon, daß sie hier die fruchtbarsten Weiden und die besten Herden besitzen, und ihr Herz wird sich an ihrem Lebensabend ausruhen im Gedanken an eure Herzen, an die eurer Söhne, wie auch der Angehörigen eurer befreundeten Häuser, denn sie werden als Herrn unseren Herrn haben." Sie haben mich verstanden. Sie haben mir, vielmehr uns, Fragen gestellt. Und Simon hat seine Heilung geschildert, mein Bruder deine Güte zu den Armen. Der Beweis: hier, diese gefüllte Börse für die Armen, denen wir unterwegs begegnen. Auch uns haben die Propheten nichts zuleide getan...»

Iskariot ist sprachlos.

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«Nun», tröstet ihn Jesus, «das nächste Mal wird es Judas besser machen. Er hat gemeint, recht zu handeln. Er hat in gutem Glauben gesprochen und daher in keiner Weise gesündigt. Ich bin auch mit ihm zufrieden. Apostel sein, ist nicht leicht; doch man kann es lernen. Etwas tut mir allerdings leid, und zwar, daß ich dieses Geld nicht schon vorher erhalten und euch nicht gefunden habe. Ich hätte es für eine arme Familie gut brauchen können.»

«Wir können ja zurückgehen, es ist noch früh... Aber entschuldige, Meister, wie hast du das Volk hier gefunden? Was hast du getan? Wirklich nichts? Hast du deine Botschaft nicht verkündet?»

«Ich? Ich bin spazierengegangen. Schweigend sagte ich zu einer Dirne: "Befreie dich von deiner Sünde!" Ich traf einen Jungen, einen echten Lausbuben; ich belehrte ihn, indem ich Geschenke mit ihm ausgetauscht habe. Ich habe ihm die Spange gegeben, die mir Maria Salome in Bethanien an das Kleid geheftet hatte; er schenkte mir diese seine Arbeit.» Jesus nimmt die spöttische Holzfigur aus seinem Gewand. Alle betrachten sie und lachen. «Dann sah ich herrliche Teppiche, die eine Frau in Askalon anfertigt, um sie in Ägypten oder sonstwo zu verkaufen. Darauf tröstete ich ein kleines vaterloses Mädchen und heilte seine Mutter. Das ist alles!»

«Das scheint dir wenig zu sein?»

«Ja, denn ich hätte auch Geld benötigt; ich hatte keines.»

«Gehen wir doch zurück, denn... wir haben niemand belästigt», sagt Thomas.

«Und der Fisch?» scherzt Jakobus des Zebedäus.

«Der Fisch? Nun, ihr mit dem Fluch auf dem Buckel, geht zum Alten, der uns beherbergt, um den Fisch vorzubereiten. Wir gehen in die Stadt.»

«Ja», sagt Jesus. «Ich will euch das Haus aus der Ferne zeigen. Es werden Leute dort sein. Ich komme nicht mit, man würde mich aufhalten. Ich will den Gastgeber, der uns erwartet, nicht beleidigen. Jede Unhöflichkeit ist stets Mangel an Liebe.»

Iskariot senkt sein Haupt noch tiefer und wird purpurrot; er wechselt beständig seine Farbe, weil er sich erinnert, wie oft er schon in diesen Fehler gefallen ist.

Jesus wiederholt: «Ihr geht in das Haus und sucht das Mädchen; es ist dort das einzige, ihr könnt nicht irren. Ihr gebt dem Mädchen diese Börse und sagt: "Das schickt dir Gott, weil du Glauben bezeugt hast. Es ist für dich, die Mama und die Geschwister." Darauf kommt ihr sofort zurück. Nun, gehen wir.»

Die Gruppe trennt sich. Jesus begibt sich mit Johannes, Thomas und den Vettern in die Stadt, während die anderen zum Haus des Gärtners, des Philisters, gehen.

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261. JESUS VERBRENNT IN MAGDALGAD EIN HEIDNISCHES GÖTZENBILD

Askalon und seine Gärten sind schon Erinnerung. In den frühen Stunden eines herrlichen Morgens kehrt Jesus dem Meer den Rücken und geht mit den Seinen auf die freundlichen, nicht sehr hohen, grünen Hügel zu, die sich in einer fruchtbaren Ebene erheben. Seine ausgeruhten, zufriedenen Apostel sind alle frohgestimmt und sprechen von Ananias, seinen Sklavinnen, von Askalon und dem Durcheinander, das in der Stadt herrschte, als sie zurückkehrten, um Dina die Geldspende zu bringen.

«Es war bestimmt, daß ich den Druck der Philister erleben sollte. Der Haß und die Liebe haben, wenn man so will, dieselben Kundgebungen. Und ich, der ich den Haß der Philister nicht kennenlernte, erlag beinahe ihrer Liebe. Sie hätten uns beinahe eingesperrt, um aus uns herauszupressen, wo der Messias sich befinde, sie alle vom Wunder Begeisterten. Und welch ein Geschrei! Nicht wahr, Johannes? Die Stadt kochte wie ein Kessel. Aufgeregte wollten keine Vernunft annehmen, sondern die Juden finden, um sie zu verprügeln. Die Beschenkten und die Freunde der Beschenkten wollten die Erstgenannten überzeugen, daß ein Gott vorübergegangen sei. Welch ein Durcheinander! Sie haben Gesprächsstoff für Monate. Das Übel bei dem Ganzen ist, daß sie mehr mit den Prügeln als mit der Zunge diskutierten. Nun, das ist ihre Sache! Sie sollen tun, was sie wollen», sagt Thomas.

«Aber sie sind nicht schlecht», bemerkt Johannes.

«Nein, sie sind nur verblendet, aus vielen Gründen», antwortet der Zelote.

Jesus redet nicht während einer langen Wegstrecke. Dann sagt er: «Ich begebe mich in das kleine Dorf auf dem Hügel dort; ihr geht weiter nach Azot. Seid vorsichtig! Seid höflich, sanft und geduldig! Wenn sie euch verspotten, ertragt es in Frieden, wie Matthäus es gestern tat, und Gott wird euch helfen. Bei der Dämmerung geht hinaus zum Weiher, der in der Nähe von Azot liegt; dort werden wir uns treffen.»

«Aber Herr, ich lasse dich nicht allein gehen!» ruft Iskariot aus. «Sie sind gewalttätig... Es wäre unklug.»

«Sorgt euch nicht um mich. Geh, geh, Judas, aber sei klug. Lebt wohl! Der Friede sei mit euch!»

Die Zwölf gehen wenig begeistert weiter. Jesus sieht ihnen nach und schlägt dann den Pfad, der kühl und schattig ist, zum Hügel ein. Der Hügel selbst ist bedeckt mit Wäldern von Öl-, Nuß- und Feigenbäumen und Reben, die gut gepflegt sind und schon eine reiche Ernte versprechen. In den flachen Gebieten sind Getreidefelder, an den Hängen weiden blonde Ziegen in dem grünen Gras.

Jesus erreicht die ersten Häuser des Ortes. Er ist gerade daran, das Dorf

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zu betreten, als ihm eine eigenartige Prozession entgegenkommt. Es sind schreiende Frauen und stimmkräftige Männer, die einen klagenden Wechselgesang leiern und um einen Widder tanzen, der mit verbundenen Augen daherkommt, geschlagen wird und schon an den Knien blutet, da er auf dem steinigen Pfad gestolpert und gefallen ist. Eine andere ebenfalls schreiende Gruppe tanzt um ein geschnitztes, sehr häßliches Götzenbild und hält Pfannen mit glühenden Kohlen in die Höhe, in die Harz und Salz gestreut werden; so kommt es mir wenigstens vor, denn das eine duftet nach brennendem Harz und das andere knistert, wie es das Salz tut. Eine letzte Gruppe von Menschen umringt einen Zauberer, vor dem sie sich unentwegt verneigen und schreien: «Durch deine Macht!» (Die Männer.) «Du allein kannst es!» (Die Frauen.) «Flehe Gott an!» (Die Männer.) «Entkräfte die Verwünschung!» (Die Frauen.) «Befiehl der Gebärenden!» «Rette die Frau!» Und alle zusammen mit einem höllischen Geschrei: «Tod der Hexe!» Schließlich wieder von vorne mit einer Abwandlung: «Durch deine Macht!» «Du allein kannst es!» «Befiehl Gott!» «Daß er sehen lasse!» «Befiehl dem Widder!» «Daß er die Hexe zeige!»Und mit einem Ruf der Verzweiflung: «Die das Haus des Fara haßt!»

Jesus hält einen aus der letzten Gruppe an und fragt ihn sanft: «Was ist geschehen? Ich bin fremd ...»

Da die Prozession einen Augenblick zum Stillstand kommt, um den Widder zu schlagen, Harz auf die Kohlen zu streuen und Atem zu holen, erklärt ihm der Mann: «Die Frau Faras, des Großen von Magdalgad, stirbt unter den Geburtswehen. Eine haßt sie und hat den bösen Blick auf sie geworfen. Die Eingeweide haben sich verschlungen; das Kind kann nicht geboren werden. Wir suchen die Hexe, um sie zu töten. Nur so kann die Frau Faras gerettet werden. Wenn wir die Hexe nicht finden, werden wir den Widder opfern, um die höchste Barmherzigkeit der Göttin der Gebärenden zu erflehen.» (Man versteht nun, daß die primitive Puppe eine Göttin darstellt.)

«Haltet an. Ich kann die Frau heilen und den Sohn retten. Teilt es dem Priester mit», sagt Jesus zu dem Mann und zu zwei anderen, die hinzugetreten sind.

«Bist du Arzt?»

«Mehr als das.»

Die drei bahnen sich einen Weg durch die Menge und gehen zum Götzenpriester. Sie sprechen mit ihm. Die Leute diskutieren erregt. Die Prozession, die sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, hält an. Der Priester, imponierend in seinen vielfarbigen Gewändern, gibt Jesus ein Zeichen und sagt: «Junger Mann, komm her!» Und als er in seiner Nähe ist: «Ist das, was du sagst, wahr? Nimm dich in acht, wenn das, was du sagst, nicht eintrifft, müssen wir annehmen, daß der Geist der Hexe auf dich übergegangen ist, und dich statt sie töten.»

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"Es ist wahr! Bringt mich sofort zur Frau und gebt mir den Widder! Ich brauche ihn. Nehmt ihm die Binde ab und bringt ihn hierher.»

Sie folgen seinen Anweisungen. Das arme Tier, verstört, wankend und blutend, wird zu Jesus gebracht, der sein dichtes Fell streichelt.

«Gehorcht mir jetzt ohne Widerrede! Tut ihr es?»

«Ja», schreit die Menge.

«Gehen wir. Hört auf mit dem Geschrei und verbrennt kein Harz mehr. Ich befehle es.»

Sie brechen auf, betreten das Dorf und begeben sich auf der besten Straße zu einem Haus, das inmitten eines Obstgartens steht. Schreie und Weinen dringen aus den weit geöffneten Türen, und alles wird von dem jämmerlichen Klagen der Frau, die nicht gebären kann, übertönt.

Fara wird benachrichtigt, der erschüttert aus dem Haus kommt, und von weinenden Frauen und machtlosen Götzendienern umringt ist, die Weihrauch und Kräuter auf Kupferschalen verbrennen. «Rette meine Frau!» «Rette meine Tochter!» «Rette sie, rette sie!» schreien abwechselnd der Mann, eine Alte und das Volk.

«Ich will sie retten und mit ihr deinen Sohn; denn es ist ein Sohn, er ist gesund und hat zwei sanfte Augen von der Farbe reifer Oliven und einen Kopf mit Haaren, die schwarz sind wie dieses Fell.»

«Wie kannst du das wissen? Siehst du auch in die Eingeweide?»

«Ich sehe alles, und mein Blick durchdringt alles. Ich kenne alles und kann alles. Ich bin Gott!»

Hätte er einen Blitz aufleuchten lassen, es hätte weniger Eindruck gemacht. Alle werfen sich wie tot zu Boden.

«Steht auf und hört mich an! Ich bin der mächtige Gott und dulde keine anderen Götter neben mir! Zündet ein Feuer an und werft dieses Gebilde hinein!»

Die Leute weigern sich. Sie beginnen am geheimnisvollen Gott zu zweifeln, der die Verbrennung der Göttin verlangt. Die Priester sind aufgebracht. Aber Fara und die Mutter der Frau, die um das Leben der Tochter bangt, widersprechen der feindlich gesinnten Menge; da Fara aber die einflußreichste Person im Dorf ist, beruhigt sich die Menge. Der Mann fragt: «Wie kann ich glauben, daß du ein Gott bist? Gib mir ein Zeichen, dann will ich den Befehl geben, daß getan wird, was du willst.»

«Schau her! Siehst du die Wunden des Widders? Sie sind offen, nicht wahr? Sie bluten, nicht wahr? Das Tier ist am Verenden, nicht wahr? Ich aber will, daß dies nicht geschieht ... Schau her!»

Der Mann beugt sich und schaut ... und schreit: «Der Widder hat keine Wunden mehr!» Er wirft sich zu Boden und fleht: «Meine Frau, meine Frau!»

Doch der Priester, der die Prozession anführt, sagt: «Fürchte dich, Fara! Wir wissen nicht, wer dieser ist. Fürchte die Rache der Götter!»

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Der Mann wird nun von zwei Ängsten erfaßt: die Götter... die Frau... Er fragt: «Wer bist du?»

«Ich bin, der ich bin im Himmel und auf Erden. Alle Mächte sind mir untertan, jeder Gedanke ist mir bekannt. Die Bewohner des Himmels beten mich an, die Bewohner der Hölle fürchten mich, und wer an mich glaubt, kann Wunder aller Art erleben!»

«Ich glaube, ich glaube! Wie heißt du?»

«Jesus Christus, der menschgewordene Herr. Werft das Götzenbild ins Feuer! Ich dulde keine Götter vor meinem Angesicht. Löscht den Weihrauch in den Schalen aus! Nur mein Feuer will und vermag alles. Gehorcht oder ich zünde selbst das unnütze Götzenbild an und gehe meines Weges, ohne zu heilen.»

Jesus ist erschreckend anzusehen in seinem Leinenkleid, von dessen Schultern der lange, im Wind sich bewegende blaue Mantel herunterhängt; sein Arm ist zum Befehl erhoben, das Antlitz leuchtet. Die Leute haben Angst. Niemand spricht. Im Schweigen hört man den schwächer werdenden, erschütternden Schrei der Gebärenden. Aber man zögert noch, zu gehorchen. Das Antlitz Jesu wird immer unerträglicher anzusehen. Es ist wahrhaft ein Feuer, das Dinge und Seelen verbrennt. Die Kupferpfannen sind die ersten, die diesem Willen gehorchen. Ihre Träger müssen sie wegwerfen; sie können die Hitze nicht mehr ertragen, obwohl die Kohlen erloschen zu sein scheinen... Dann folgen die Träger des Götzenbildes, die das Traggestell auf den Boden stellen müssen, da die Stangen auf den Schultern zu glühen beginnen, als ob eine geheimnisvolle Flamme sie erfaßt hätte; kaum steht die Trage auf dem Boden, geht das Götzenbild in Flammen auf.

Die Leute fliehen erschreckt...

Jesus wendet sich an Fara: «Kannst du nun an meine Macht glauben?»

«Ich glaube, ich glaube! Du bist Gott! Du bist der Gott Jesus.»

«Nein, ich bin das Wort des Vaters, des Jahwe Israels, gekommen in Fleisch, Blut, Seele und Gottheit, um die Welt zu erlösen und ihr den Glauben an den wahren Gott, den einen und dreieinigen Gott in den höchsten Himmeln, zu bringen. Ich bin gekommen, um den Menschen Hilfe und Barmherzigkeit zu erweisen, damit sie sich vom Irrtum abwenden und zur Wahrheit gelangen, welche der eine Gott Moses und der Propheten ist. Kannst du noch glauben?»

«Ich glaube, ich glaube!»

«Ich bin gekommen, um den Menschen Weg, Wahrheit und Leben zu eröffnen, um die Götzen niederzuwerfen, um die Weisheit zu lehren. Durch mich wird die Welt erlöst; denn ich werde sterben aus Liebe für die Welt und für das ewige Heil der Menschen. Kannst du noch glauben?»

«Ich glaube, ich glaube!»

«Ich bin gekommen, um den Menschen zu sagen, daß sie, wenn sie an

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den wahren Gott glauben, das ewige Leben haben werden im Himmel, beim Allerhöchsten, welcher der Schöpfer jedes Menschen, Tieres und Planeten ist. Kannst du noch glauben?»

«Ich glaube, ich glaube!»

Jesus geht nicht einmal in das Haus hinein. Er streckt nur die Arme in Richtung des Zimmers der Leidenden aus, wie bei der Auferweckung von Lazarus, und ruft: «Komm an das Licht, um das göttliche Licht kennenzulernen und auf Befehl des Lichtes, das Gott ist!» Ein tönender Befehl, auf den kurz darauf das Echo eines Triumphgeschreis folgt, in dem Angst und Freude mitklingt. Dann wird das schwache, aber deutliche und immer lauter werdende Weinen eines Neugeborenen hörbar.

«Dein Sohn weint und begrüßt die Erde. Geh zu ihm und sag ihm, jetzt und später, daß nicht die Erde seine Heimat ist, sondern der Himmel. Laß ihn wachsen und wachse du mit ihm für den Himmel. Es ist die Wahrheit, die dir dies sagt. Diese dort (Jesus zeigt auf die Kupferschalen, die, wie trockene Blätter zusammengeschmolzen und nutzlos geworden, am Boden liegen, und auf die Asche, die den Platz bezeichnet, wo das Traggestell mit dem Götzen stand) sind die Lüge, die nicht helfen und nicht retten kann. Leb wohl!»

Und Jesus schickt sich an zu gehen. Doch da kommt eine Frau aus dem Haus mit einem lebhaften Neugeborenen, der in Linnen gewickelt ist, und schreit: «Es ist ein Knabe, Fara! Schön, stark, mit Augen wie reife Oliven, und Löckchen, schwärzer und feiner als die eines heiligen Böckleins. Die Mutter schlummert selig. Sie leidet nicht mehr, als ob nichts geschehen wäre. Eine plötzliche Veränderung ist eingetreten, denn sie lag schon im Sterben, aber nach jenen Worten ...»

Jesus lächelt, und da der Mann ihm den Neugeborenen zeigt, berührt er das Köpfchen mit den Fingerspitzen. Die Leute kommen näher, um den Neugeborenen zu betrachten und Jesus anzusehen. Die Priester sind erzürnt weggegangen, als sie sahen, daß Fara nachgab.

Fara möchte Jesus Geld und Werte für das Wunder geben; doch er sagt sanft und bestimmt: «Ich will nichts! Das Wunder bezahlt man nur mit der Treue zu Gott, der es gewirkt hat. Ich behalte nur diesen Widder als Andenken an deine Stadt.» Und er geht mit dem Widder, der neben ihm trottet als ob Jesus sein Herr wäre. Das Tier ist gesund, glücklich und blökt vor Freude, mit jemand zu sein, der nicht schlägt. Sie steigen einen Abhang hinunter und gelangen auf die Hauptstraße, die nach Azot führt...

Am Abend dann, beim schattigen Weiher, sieht Jesus die ankommenden Jünger, und das Erstaunen ist gegenseitig: sie sehen Jesus mit dem Widder, und Jesus sieht ihre enttäuschten Gesichter, die besagen, daß sie keinen Erfolg hatten.

«Welch eine Niederlage, Meister! Sie haben uns zwar nicht geschlagen,

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aber aus der Stadt gejagt. Wir sind zwischen den Feldern herumgeirrt und haben nur für teures Geld Nahrung erhalten. Aber wir sind sanft geblieben», berichten sie traurig.

«Das ist unwichtig. Auch in Hebron haben sie uns im vergangenen Jahr vertrieben, dieses Jahr aber mit Ehren empfangen. Ihr dürft den Mut nicht verlieren.»

«Und du, Meister? Warum das Tier?» fragen sie.

«Ich bin nach Magdalgad gegangen. Ich verbrannte ein Götzenbild und die Weihrauchgefäße desselben; ich ließ einen Knaben zur Welt kommen, ich verkündete den wahren Gott durch Wunder, und als Belohnung nahm ich den Widder, der für den Götzendienst bestimmt war. Armes Tier, es war eine einzige Wunde!»

«Aber jetzt geht es ihm gut. Ein sehr schönes Tier!»

«Ein heiliges Tier, für den Götzendienst bestimmt. Gesund... ja. Das erste Wunder, um sie zu überzeugen, daß ich der Mächtige bin, und nicht ihr Stück Holz.»

«Was machst du mit dem Tier?»

«Ich bringe es Margziam. Ein Hampelmann gestern, ein Böcklein heute! Er wird sich freuen.»

«Aber willst du den Widder bis nach Bether mitnehmen?»

«Ja! Ich sehe nicht, was Schreckliches daran ist. Wenn ich der Hirte bin, darf ich auch einen Widder haben. Wir werden ihn den Frauen geben. Sie nehmen ihn mit nach Galiläa, und sie werden eine Ziege finden. Simon, du wirst Hirt werden. Besser wären Schafe... Aber in der Welt gibt es mehr Böcke als Schafe... Es ist ein Symbol, mein Petrus. Denk daran... Durch dein Opfer wirst du aus den Böcken viele Lämmer machen. Kommt, wir wollen das von Obstgärten umgebene Dorf erreichen. Dort werden wir uns in den Häusern oder bei den Garben, die schon gebunden auf den Feldern liegen, ausruhen. Und morgen werden wir nach Jabnia gehen.»

Die Apostel sind erstaunt, betrübt und entmutigt. Erstaunt über die Wunder; betrübt, weil sie nicht dabeisein konnten; entmutigt wegen ihrer Unfähigkeit, während Jesus alles kann. Jesus hingegen ist glücklich! Es gelingt ihm, sie davon zu überzeugen, daß nichts unnütz ist. Nicht einmal der Mißerfolg. Denn er macht demütig, während das Reden dazu dient, einen Namen, den seinen, bekannt zu machen, ein Andenken in den Herzen zu hinterlassen. Und Jesus ist so überzeugend und so strahlend vor Freude, daß die Apostel sich beruhigen.

Nun möchte ich Ihnen (Ihrem Seelenführer) etwas sagen, sonst wird es mir zur fixen Idee. Vor zwei Wochen oder auch früher sagte die teure Stimme in meinem Herzen: «Denk an die getrennten Brüder! Denk daran, daß du auch für sie Opferseele bist. Denk daran daß sie unterstützt wurden von deiner Freundin Gabriella im Trappistinnenkloster. Denk daran, daß das Hindernis der Kriegszeit beseitigt ist. Denk daran, daß man den Seelen nicht nur

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durch das Gebet hilft. Denk daran, daß ich der Christus für alle bin, daß alle Christen Christus gehören. Denk daran, daß deine Sendung weit über die verwandtschaftlichen und gefühlsmäßigen Bande hinausgeht. Du bist die Trägerin der Stimme, und die Stimme richtet sich an alle. Das kannst du nicht leugnen. Denk daran, daß ich – du hast es selbst erkannt – mit mehr Ehrfurcht von Angehörigen anderer Bekenntnisse als von euch geliebt werde. Es ist nur ein Schritt, um in den einen Schafstall unter dem einen Hirten einzutreten. Es braucht eine Hand, die sich ihnen über den trennenden Bach entgegenstreckt und ihnen beim Kommen hilft. Der Durst nach mir ist dort sehr groß...»

Aber ich, was kann ich tun? Ich verliere den Schlaf, der mir bleibt, wegen dieser ständigen Mahnung, die mir keinen Frieden läßt. Ich verliere die Ruhe, weil ich nicht weiß, wie ich es machen soll; denn ich sträube mich, es zu tun, und spüre gleichzeitig, daß ich Jesus mißfalle, wenn ich es nicht tue. Von den getrennten Brüdern kenne ich nur dem Namen nach jene der Nashdom Abbey. Und was soll ich tun? Was soll ich sagen? Ich spreche nicht Englisch. Warum verlangt Jesus von mir Dinge, die meine Fähigkeiten übersteigen und meinen Neigungen entgegengesetzt sind? Wollen Sie mir daher helfen? Denn wenn Jesus will, dann will er und gibt sich nicht zufrieden, bis ich ihn zufriedengestellt habe. Jesus sagt: «Als Ersatz für die fehlende Eintracht zwischen den Völkern soll wenigstens Eintracht unter den Christen herrschen, denn die Zeit der Christusgegner naht, und die Vorhersage muß erfüllt werden.» Nun gut... Aber wie? Ich opfere auf jeden Fall alle meine Leiden auf und behalte nur ein Körnchen für andere Zwecke zurück. Doch scheint mir, daß dies nicht genügt, und ich vermag keine weiteren Leiden denen, die ich schon habe, hinzuzufügen. Was soll ich also tun?

262. BELEHRUNGEN DER APOSTEL AUF DEM WEG NACH JABNIA

«Gehen wir von Jabnia nach Acron?» fragen die Apostel auf dem Weg durch eine fruchtbare Landschaft, in der das Getreide seinen letzten Schlaf unter der Sommersonne, die es zur Reife gebracht hat, schläft. Dieses Getreide liegt in Garben auf den abgemähten Feldern, die traurig wie riesige Totenbetten keine Ähren mehr als Gewänder tragen, sondern "Kornleichen", die darauf warten, weggebracht zu werden.

Sind aber die Felder kahl, so erscheinen die Apfelbäume festlich gekleidet. Ihre Früchte haben es eilig, vom kleinen, grünen, harten Apfel zur saftigen, gelblichen, rötlichen, wie mit Wachs polierten Frucht heranzureifen, während die Feigen, deren elastische Haut an gewissen Stellen schon platzt, den süßen Schrein der Frucht-Blüte öffnen und durch den grünweißen oder violettweißen Spalt die durchsichtige Gallerte sehen lassen, die mit den dunkleren Samenkörnchen gefüllt ist. Ein leichter Wind schüttelt die ovalen, jadegrünen Tropfen an den Ölbäumen, die im Silbergrün der Zweige hängen; die feierlichen Nußbäume halten ihre Früchte, die unter dem Flaum der Hülle anschwellen, am starken Stiel fest, während die Mandelbäume die ihren zur Reife bringen unter der Verpackung, deren Samt bereits Runzeln bekommt und die Farbe wechselt; die Reben schwellen ihre Beeren, und einige Trauben, die günstig hängen, lassen

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schon den durchsichtigen Topas und den zukünftigen Rubin der reifen Beere ahnen, während die Kakteen in der Ebene oder auf den ersten Abhängen die täglich lebhaftere Dekoration ihrer Koralleneier hochhalten, die von einem fröhlichen Dekorateur in den bizarrsten Zusammenstellungen auf die fetten Schaufeln gesetzt worden sind; letztere gleichen Händen, welche dem Himmel ihre Früchte, die sie heranwachsen und -reifen lassen haben, anbieten.

Vereinzelte Palmen und große Johannisbrotbäume erinnern schon sehr an das nahe Afrika, und während erstere mit ihren harten Blättern, die runden Kämmen gleichen, wie Kastagnetten klappern, sind die anderen mit dunkelgrünem Email bedeckt und stehen stolz und würdevoll in ihrem schönen Gewand da. Blonde und schwarze Ziegen, groß und flink mit langen, gebogenen Hörnern und sanften forschenden Augen, sättigen sich an Kakteengewächsen und fleischigen Agaven mit den enormen Pinseln aus harten Blättern, aus deren Mitte, wie bei geöffneten Artischocken, kandelaberartige, riesige Stengel mit sieben Armen emporragen, auf denen die zart duftenden gelben und roten Blüten leuchten.

Afrika und Europa reichen sich die Hand, indem sie den Erdboden mit pflanzlicher Schönheit bedecken, und kaum, daß die Apostelgruppe die Ebene verläßt, um einen Pfad einzuschlagen, der sich an einem Hügel hochschlängelt, der an dieser, dem Meer zugewandten Seite, buchstäblich mit Reben bedeckt ist – es handelt sich um eine felsige, kalkreiche Küste, auf der die Weintrauben wunderbar gedeihen und einen süßen Wein geben müssen – zeigt sich das Meer, mein Meer, das Meer des Johannes, das Meer Gottes mit seiner grenzenlosen Fläche aus gekräuselter blauer Seide; es ruft die Erinnerung an die Unendlichkeit und die Macht Gottes wach und singt dabei mit dem Himmel und der Sonne das Terzett der Herrlichkeiten der Schöpfung. Die wellenartige Ebene dehnt sich in ihrer ganzen Schönheit vor ihnen aus mit kaum angedeuteten, nur wenige Meter hohen Erhebungen, darauffolgenden ebenen Landstrichen und goldenen Dünen, die bis zu den Städten und Dörfern am Meer reichen, deren Weiß vor dem Blau des Wassers beinahe blendet.

«Wie schön, wie schön», flüstert Johannes entzückt.

«Aber, mein Herr! Dieser Knabe lebt vom Blau des Wassers. Du mußt ihn dafür bestimmen. Es scheint, als erblicke er die Braut, wenn er das Meer sieht!» sagt Petrus, der nicht viel Unterschied macht zwischen dem Wasser des weiten Meeres und dem Wasser eines Sees. Er lacht gutmütig.

«Er ist schon dafür bestimmt, Simon. Ihr alle habt schon eure Bestimmung.»

«Oh, schön! Wohin schickst du mich?»

«Oh, du! ...»

«Sag es mir, sei lieb!»

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«An einen Ort, der größer ist als deine und meine Stadt, Magdala und Tiberias zusammen.»

«Da verliere ich mich!»

«Keine Angst! Du wirst einer Ameise auf einem riesigen Skelett gleichen. Aber unermüdlich hin- und herwandernd, wirst du das Skelett vom Tod erwecken.»

«Ich verstehe dich nicht... Drücke dich bitte klarer aus.»

«Du wirst es noch verstehen!» Jesus lächelt.

«Und ich?» «Und ich?» Alle sind neugierig.

«Ich werde es so machen.» Jesus bückt sich – sie gehen am kiesigen Ufer eines noch ziemlich wasserreichen Baches entlang – und nimmt eine Handvoll kleiner Kieselsteine. Er wirft sie in die Höhe; jeder von ihnen landet beim Herunterfallen an einer anderen Stelle. «Seht, nur dieses Steinchen ist in meinen Haaren hängengeblieben. Auch ihr werdet verstreut.»

«Du, Bruder, stellst Palästina dar, nicht wahr?» fragt Jakobus des Alphäus ernst.

«Ja.»

«Ich möchte wissen, wer in Palästina bleibt», fragt wiederum Jakobus.

«Nimm dieses Steinchen als Erinnerung»; Jesus gibt ihm das Kieselsteinchen, das in seinen Haaren hängenblieb; er lächelt dabei.

«Könntest du mich in Palästina lassen? Ich bin dafür am besten geeignet, denn ich bin der Unbeholfenste, und zu Haus finde ich mich noch etwas zurecht. In der Fremde hingegen...» sagt Petrus.

«Nein, du eignest dich am wenigsten für Palästina. Ihr seid gegen den Rest der Welt voreingenommen und glaubt, daß es einfacher sei, im Land der Gläubigen die Frohe Botschaft zu verkünden als bei Götzendienern und Heiden. Das Gegenteil ist wahr.

Wenn ihr darüber nachdächtet, was uns das wahre Palästina in seinen hohen und niedrigen Klassen bietet, wobei das Volk weniger schlimm ist, und wenn ihr daran dächtet, daß wir hier an Orten, in welchen der Name Palästinas und der Name Gottes verhaßt und in ihrer wahren Bedeutung unbekannt sind, nicht schlechter aufgenommen werden als in Judäa, in Galiläa und der Dekapolis, dann würdet ihr von euren Vorurteilen abkommen und erkennen, daß ich recht habe, wenn ich sage, daß es einfacher ist, jene zu bekehren, die das wahre Wort nicht kennen, als jene des Volkes Gottes, die scheinheiligen, schuldigen Götzendiener, die sich hochmütig für vollkommen halten und so bleiben möchten wie sie sind. Wie viele Edelsteine, wie viele Perlen sieht mein Auge dort, wo ihr nur Land und Meer seht! Das Land der Völker, die nicht Palästina sind. Das Meer der Menschheit, das nicht Palästina ist und das als Meer nur auf die Perlenfischer wartet, um ihnen diese Perlen zu überlassen, so wie das Erdreich umgegraben werden muß, um die Edelsteine freizugeben. Überall

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gibt es Schätze; aber sie müssen gesucht werden. Jede Scholle kann einen Schatz verbergen und einen Samen nähren; jede Tiefe eine Perle bergen. Wie? Erwartet ihr vielleicht, daß ein gewaltiger Sturm das Meer aufwühlt und die Perlenmuscheln auf die Klippen spült, damit sie dort von selbst aufspringen und dem Faulen, der sich nicht bemühen will und dem Kleinmütigen, der keine Gefahr laufen will, Schätze vor die Füße legen? Wünscht ihr, daß die Erde aus einem Sandkorn eine Pflanze hervorbringe, die Früchte ohne Samen trägt? Nein, meine Lieben. Anstrengung, Arbeit und Begeisterung sind nötig. Und vor allem Unvoreingenommenheit.

Ich weiß, daß ihr, die einen mehr, die anderen weniger, mit dieser Reise zu den Philistern einverstanden seid. Nicht einmal der Ruhm, an den dieses Land erinnert, der Ruhm Israels, der aus diesen Feldern spricht, die gedüngt sind mit dem Blute der Hebräer, das vergossen wurde, um Israel groß zu machen; nicht einmal der Anblick dieser Städte, die eine nach der anderen den Feinden abgerungen wurden, um Judäa zu krönen und zu einer mächtigen Nation zu machen, lassen in euch Liebe für diese Pilgerfahrt aufkommen. Ich sage euch nicht: Nicht einmal der Gedanke, den Boden vorzubereiten, damit er das Evangelium aufnehmen könne, und die Hoffnung, die Seelen zu retten, macht sie euch sinnvoll. Ich sage es nicht, um euch von der Wichtigkeit der Reise zu überzeugen, da dies eure Gedanken weit übersteigt. Doch eines Tages werdet ihr es begreifen. Dann werdet ihr sagen: "Wir glaubten es sei eine Laune; wir glaubten es wäre eine Zumutung; wir dachten es wäre ein Mangel an Liebe des Meisters uns gegenüber, uns so weit gehen zu lassen; uns eine lange und mühselige Wanderung zuzumuten, die mit großen Gefahren verbunden wäre. Dagegen war es Liebe, Vorsorge und ein Wegbereiten für die Zeit, da er nicht mehr bei uns weilt, und wir uns noch mehr als Verirrte fühlen werden. Damals waren wir wie Ranken, die nach allen Richtungen streben, aber wissen, daß der Rebstock sie nährt und der starke Pfahl sie stützt, während wir nunmehr Ranken sind, die allein eine Laube bilden müssen; sie werden noch von ihrem Stamm Nahrung erhalten; aber kein Pfahl ist mehr vorhanden, auf den sie sich stützen können." So werdet ihr sprechen und mir dankbar sein.

Außerdem... Ist es nicht schön, so zu wandern und Funken von Licht, himmlische Klänge, Kränze und Wohlgerüche der Wahrheit im Dienst und zum Lob Gottes auf das Land fallenzulassen, das in Finsternis eingehüllt ist, in stumme Herzen, in unfruchtbare Seelen, die einer Wüste gleichen, um den Gestank der Lüge zu besiegen und so miteinander, ich und ihr, ihr und ich, der Meister und die Apostel, ein Herz und eine Seele, ein einziges Streben, einen einzigen Willen zu bilden? Damit Gott erkannt und geliebt werde! Damit Gott alle Völker in seinem Himmel versammle! Damit da, wo er ist, wir alle seien! Das ist die Hoffnung, der Wunsch, das Verlangen Gottes! Und das ist die Hoffnung, der Wunsch, das Verlangen

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der Seelen, die nicht verschiedenen Rassen angehören, sondern eine einzige Rasse bilden, die Gott erschaffen hat. Da alle Kinder eines Einzigen sind, haben alle die gleichen Wünsche, die gleichen Hoffnungen, das gleiche Verlangen nach dem Himmel, der Wahrheit, der wirklichen Liebe...

Es scheint als hätten die Irrtümer der Jahrhunderte den Instinkt der Seelen geändert. Aber es ist nicht so. Der Irrtum umnebelt den Verstand. Da der Verstand mit dem Fleisch verbunden ist, spürt er das Gift, das von Satan in den tierischen Menschen eingeträufelt wird. So kann der Irrtum auch das Herz einhüllen, denn auch es ist in das Fleisch eingebettet und spürt das Gift. Die dreifache Begierde bedrängt die Sinne, die Gefühle und die Gedanken. Der Geist aber ist nicht mit dem Fleisch verwachsen. Er kann zwar von den Fäusten Satans und von der Lüsternheit bedrängt werden. Er kann geblendet werden durch die Angriffe des Fleisches und von Spritzern kochenden Blutes des Menschen-Tieres, das in ihm lebt. Doch sein Verlangen nach dem Himmel, nach Gott, ist nicht verlorengegangen. Dies Verlangen kann sich nicht ändern. Seht ihr das reine Wasser dieses Baches? Es ist vom Himmel gefallen und wird zum Himmel zurückkehren durch den von Sonne und Wind geförderten Prozeß der Verdunstung. Es kommt herab und steigt wieder auf. Das Element verbraucht sich nicht, es kehrt zu seinem Ursprung zurück.

Die Seele kehrt zu ihrem Ursprung zurück. Wenn dieses Wasser hier zwischen den Steinen reden könnte, würde es euch sagen, daß es sich danach sehnt, in die Höhen des Himmels zurückzukehren, um von den Winden in den schönen Gefilden des Firmaments als weiche, weiße Wolke zu schweben, die sich im Morgenschein rötlich, am Abend wie glühendes Kupfer und beim Aufgehen der Sterne violett färbt; es würde euch sagen, daß es wie Stratuswolken einen Schleier über Sterne und Mond breiten möchte, damit sie nicht die nächtlichen Häßlichkeiten mitansehen müssen; es möchte nicht zwischen den Steinen rinnen, der Gefahr ausgesetzt, sich in Schlamm zu verwandeln, gezwungen, vielleicht die Bosheit der Nattern und Kröten kennenzulernen, daß es die einsame Freiheit der Atmosphäre liebt. Auch die Geister, wenn sie reden könnten, würden alle dasselbe sagen: "Gebt uns Gott! Gebt uns die Wahrheit!" Aber sie sagen es nicht, da sie wissen, daß der Mensch nicht auf sie hört, sie nicht versteht und das Flehen der "großen Bettler", der Seelen, die Gott suchen in ihrem großen Verlangen nach Wahrheit, verlacht. Die Götzendiener, die Römer, die Gottlosen, die Unglücklichen, denen wir unterwegs begegnen, und denen ihr immer begegnen werdet, diese in ihrem Verlangen nach Gott Verachteten, sei es aus politischen Gründen, aus familiärem Egoismus oder aus Häresie, die im eiternden Herzen geboren wurde und sich dann über eine ganze Nation ausbreitet: sie haben Hunger! Sie hungern! Und ich erbarme mich ihrer. Sollte ich nicht Erbarmen haben, da ich bin, der ich bin? Wenn ich den Menschen Nahrung beschaffe und mich des

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Sperlings erbarme, sollte ich mich dann nicht erst recht der Seelen erbarmen, die ohne eigene Schuld die Wahrheit Gottes nicht gefunden haben, die aber die Arme ihres Geistes ausstrecken und rufen: "Wir haben Hunger!" Haltet ihr sie für böse? Für verwildert? Für unfähig, Gott zu lieben? Da seid ihr im Irrtum. Es sind Seelen, die Liebe und Licht erwarten.

Heute morgen wurden wir vom drohenden Blöken des Widders geweckt, der den großen Hund verjagen wollte, welcher gekommen war, mich zu beschnüffeln. Ihr habt gelacht als ihr sahet, wie der Widder seine Hörner hob, nachdem er sich vom Strick losgerissen hatte, mit dem er am Baume, unter dem wir geschlafen hatten, angebunden war; mit einem Sprung stellte er sich zwischen mich und den großen Hund, ohne darauf zu achten, daß dieser ihn angreifen könnte und der ungleiche Kampf zu seinem Schaden ausgegangen wäre. So werden auch die Völker, die in euren Augen wilden Widdern gleichen, mutig den Glauben Christi verteidigen, wenn sie erkannt haben, daß Christus die Liebe ist, die sie einlädt, ihm zu folgen. Sie einlädt, ja! Und ihr müßt ihnen helfen, zu mir zu kommen.

Hört ein Gleichnis.

Ein Mann verheiratete sich, und seine Frau schenkte ihm viele Kinder. Eines davon aber kam verkrüppelt zur Welt und schien einer anderen Rasse anzugehören. Der Mann hielt es für eine Schande und liebte das Geschöpf nicht, obwohl es unschuldig war. Der Junge wuchs vernachlässigt unter den geringsten Knechten heran, war also auch minderwertig in den Augen seiner Brüder. Die Mutter war bei seiner Geburt gestorben; sie konnte darum die Härte des Vaters nicht mildern, den Spott der Brüder nicht verhindern, und die irrigen Gedanken, die sich in dem ungebildeten Kind entwickelt hatten, nicht berichtigen. Ein kleines wildes Tier, das im Haus der Söhne des Herzens kaum geduldet wurde.

Der Knabe wuchs so zum Mann heran. Der spät entwickelte Verstand, der nun endlich zur Reife gekommen war, begriff, daß man nicht Sohn ist, wenn man in einem Stall lebt mit einem Brocken Brot und einem Lumpen als Gewand, und nie einen Kuß erhält, nie ein Wort, nie eine Einladung ins väterliche Haus. Er litt, litt und klagte in seiner Höhle: "Vater, Vater!" Er aß sein Brot, aber der große Hunger im Herzen blieb ungestillt. Er bedeckte sich mit den Lumpen, aber in seinem Herzen blieb eine große Kälte. Im Herzen fühlte er sich einsam.

"Vater! Vater!"... Die Diener, die Brüder, die Nachbarn hörten ihn immer klagen wie einen Irren. Man nannte ihn verrückt. Endlich ging ein Diener zum verstoßenen Sohn und sagte: "Warum wirfst du dich nicht zu Füßen des Vaters nieder?" "Ich würde es tun, aber ich wage es nicht..." "Warum kommst du nicht ins Haus?" "Ich habe Angst!" "Aber möchtest du es tun?" "O ja, denn danach sehne ich mich; deswegen friere ich

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und fühle mich einsam wie in einer Wüste. Aber ich weiß nicht, wie man im Haus des Vaters lebt."

Der gute Diener begann den jungen Mann zu unterrichten, sein Aussehen menschlicher zu gestalten und ihm die Angst zu nehmen, vom Vater gescholten zu werden. Er sagte: "Dein Vater möchte dich wohl haben; aber er weiß nicht, ob du ihn liebst. Du läufst ihm immer weg... Nimm von deinem Vater den Vorwurf, daß er zu streng gehandelt hat, und den Schmerz, dich verkümmert zu wissen. Komm! Auch deine Brüder werden dich nicht mehr verachten, denn ich habe ihnen von deinem Kummer erzählt." So begab sich der arme Sohn eines Abends, vom guten Diener begleitet, ins Haus des Vaters und rief: "Vater, ich liebe dich! Laß mich eintreten!..." Der alte, traurige Vater, der an seine Vergangenheit und an seine ewige Zukunft dachte, zuckte zusammen, als er die Stimme hörte, und sagte: "Mein Schmerz läßt nach, denn ich habe in der Stimme des Krüppels meine eigene wiedererkannt, und seine Liebe beweist, daß er Blut von meinem Blut und Fleisch von meinem Fleisch ist. Er trete ein und nehme seinen Platz an der Seite der Brüder ein; gesegnet sei der gute Knecht, der meine Familie vereinigt und den verstoßenen Sohn mit den Söhnen des Vaters zusammengeführt hat."

Dies ist das Gleichnis. Aber bei der Auslegung desselben müßt ihr daran denken, daß der Vater der geistigen Krüppel Gott ist; denn die geistigen Krüppel sind die Schismatiker, die Häretiker, die Getrennten, und sie haben Gott gezwungen, hart zu sein, und ihre Krüppelhaftigkeit selbst gewollt. Doch Gottes Liebe hat nie nachgelassen. Er erwartet sie immer! Bringt sie zu ihm! Es ist eure Pflicht!

Ich habe euch zu beten gelehrt: "Gib uns heute unser tägliches Brot, o unser Vater." Aber wißt ihr auch, was dieses "unser" bedeutet?

Es bezieht sich nicht nur auf euch zwölf; nicht nur auf die Jünger Christi, sondern auf alle Menschen. Auf alle Menschen, die gegenwärtigen und die zukünftigen. Auf sie, die Gott kennen, und auf die anderen, die Gott nicht kennen. Auf sie, die Gott und seinen Christus lieben, und auf die anderen, die ihn nicht oder schlecht lieben. Ich habe das Gebet für alle auf eure Lippen gelegt. Das ist eure Aufgabe. Ihr, die ihr Gott und seinen Christus kennt und liebt, ihr müßt für alle beten. Ich habe euch gesagt, daß mein Gebet allumfassend ist und dauern wird, solange die Erde dauert. Aber ihr müßt umfassend beten, indem ihr eure Stimmen und eure Herzen als Apostel und Jünger der Kirche Jesu mit jenen der Angehörigen anderer Kirchen, die christlich, doch nicht apostolisch sind, vereinigt. Ihr müßt darauf bestehen – da ihr Brüder seid im Haus des Vaters, sie außerhalb des gemeinsamen Hauses mit ihrem Hunger und ihrem Heimweh – daß auch ihnen, wie euch, das "wahre Brot" gegeben werde, das Christus, der Herr ist, verwaltet auf den apostolischen Altären, nicht auf anderen, auf denen es mit unreinen Speisen vermischt wird. Ihr müßt

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darauf drängen, bis der Vater zu diesen "verkrüppelten Brüdern" sagen kann: "Mein Schmerz läßt nach, denn in euch, in eurer Stimme, habe ich die Stimme und die Worte meines Eingeborenen und Erstgeborenen vernommen. Gesegnet seien die Diener, die euch ins Haus des Vaters zurückgebracht haben, auf daß meine Familie vollständig sei." Als Diener eines unendlichen Gottes müßt ihr die Unendlichkeit in alle eure Absichten legen.

Habt ihr verstanden? Hier ist Jabnia. Einst kam hier die Bundeslade vorbei auf dem Weg nach Acron, das sie nicht beschützen konnte und sie nach Bethsemes zurücksandte. Jetzt kehrt die Bundeslade nach Acron zurück. Johannes, komm mit mir; ihr bleibt in Jabnia und bemüht euch, nachzudenken und zu reden. Der Friede sei mit euch!»

Jesus geht. Es folgen ihm Johannes und der Widder, der ihm bellend wie ein Hund nachläuft.

263. JESUS UND DIE SEINEN AUF DEM WEG NACH MODIN

Nach Jabnia werden die Hügel in Richtung Ost immer höher und höher. In der Ferne heben sich die grünen und violetten Joche des Gebirges von Judäa gegen den fast nächtlichen Himmel ab. Der Tag ist schnell zu Ende gegangen, wie es in südlichen Ländern der Fall ist. Das Lichtbad des Abendrots ist in weniger als einer Stunde vom Aufstrahlen der ersten Sterne abgelöst worden, und es scheint unwahrscheinlich, wie schnell das Feuermeer ausgelöscht und von einem Schleier in der Farbe des blutroten Amethystes bedeckt worden ist. Sehr bald hat der Himmel die Farbe einer blasser werdenden Malve angenommen, ist immer durchsichtiger und unwirklicher geworden, nicht blau, sondern schwach grün, um sich schließlich zu verdunkeln und blaugrün wie der junge Hafer zu werden, ein Vorspiel für das Dunkel, das die Nacht beherrscht, indem es sich mit Diamanten bedeckt wie ein Königsmantel.

Die ersten Sterne zeigen sich im Osten zusammen mit der Mondsichel im ersten Viertel.

Die Erde wird mehr und mehr zum Paradies unter dem Gleißen der Sterne und dem Schweigen der Menschen. Nun singen die Dinge, die nicht sündigen können: die Nachtigallen, die Gewässer, die Blätter, die leise rauschen, die Grillen, die zirpen, und die Frösche, die mit Oboenstößen den Tau begrüßen. Vielleicht singen auch die Sterne in der Höhe... Sie sind den Engeln viel näher als wir.

Die Erde kühlt sich langsam in der Nachtluft ab, die taufrisch ist und den Pflanzen, den Menschen und den Tieren so wohltut.

Jesus hat am Fuße eines Hügels die von Jabnia kommenden Apostel

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erwartet, die von Johannes abgeholt worden sind; er spricht jetzt mit Iskariot, übergibt ihm Geldbörsen und weist ihn an, wie er das Geld zu verteilen hat. Hinter ihm geht Johannes mit dem Widder, schweigend zwischen dem Zeloten und Bartholomäus, die über Jabnia reden, wo Andreas und Philippus sich mutig verhalten haben. Weiter hinten alle anderen in einer Gruppe, eine laute Schar, die über alle Erlebnisse im Lande der Philister spricht und offen ihre Freude über die baldige Rückkehr nach Judäa für das Pfingstfest äußert.

«Gehen wir sofort weiter?» fragt Philippus, der sehr müde vom Gehen im heißen Sande ist.

«So sagte es der Meister. Du hast es doch gehört», antwortet Jakobus des Alphäus.

«Mein Bruder weiß es; aber er sieht so verträumt aus. Was die beiden in den fünf Tagen gemacht haben, ist ein Geheimnis», sagt Jakobus des Zebedäus.

«Ja, ich sterbe vor Verlangen, es zu erfahren. Als Belohnung wenigstens für die Plage, in Jabnia fünf Tage lang auf jedes Wort, auf jeden Blick oder Schritt achten zu müssen, um nicht in Schwierigkeiten zu kommen», sagt Petrus.

«Aber es ist uns gelungen! Nun fangen wir an, unser Handwerk zu verstehen», sagt Matthäus zufrieden.

«Um die Wahrheit zu sagen... zwei- oder dreimal habe ich richtig gezittert. Dieser verdammte Bursche, Judas des Simon! ... Wird er je lernen, sich zu beherrschen?» sagt Philippus.

«Wenn er alt ist, vielleicht. Aber man kann auch sagen, daß er es in guter Absicht versucht. Hast du gehört? Auch der Meister hat es gesagt. Er tut es mit Eifer...» will Andreas Iskariot entschuldigen.

«Ach! Der Meister sagt nur so, weil er die Güte und die Klugheit ist. Aber ich glaube nicht, daß er es gutheißt und mit ihm zufrieden ist», entgegnet Petrus.

«Er lügt nicht», entgegnet Thaddäus.

«Lügen tut er nicht; aber er versteht es, in seine Antworten die ganze Klugheit zu legen, die uns abgeht; er sagt die Wahrheit, ohne jemand das Herz bluten zu lassen, ohne Verachtung und Vorwürfe hervorzurufen. Nun ja, er ist eben Er!» seufzt Petrus.

Schweigend gehen sie im Mondschein weiter. Dann sagt Petrus zu Jakobus des Zebedäus: «Versuche einmal, Johannes zu rufen. Ich weiß nicht, weshalb er uns meidet!»

«Das kann ich dir gleich sagen: weil er weiß, daß wir darauf bestehen, daß er uns alles erzählt», antwortet Thomas.

«So ist es! Deswegen bleibt er bei den beiden, die am klügsten und weisesten sind», bestätigt Philippus.

«Versuche es trotzdem, Jakobus! Sei lieb», bettelt Petrus.

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Und Jakobus gibt nach und ruft dreimal Johannes, der nicht hört oder nicht hören will. Da wendet sich aber Bartholomäus um, dem Jakobus aufträgt: «Sag meinem Bruder, er soll zu mir kommen», und sich dann Petrus zuwendet: «Ich glaube nicht, daß wir etwas von ihm erfahren.»

Johannes kommt sogleich und fragt: «Was wollt ihr?»

«Wissen, ob dieser Weg direkt nach Judäa führt», sagt sein Bruder.

«Der Meister bejahte es. Er wollte erst nicht nach Acron zurückkehren und schickte mich, euch zu holen. Doch dann zog er es vor, zu den letzten Abhängen zu gelangen... Man kann auch von hier aus Judäa erreichen.»

«Über Modin?»

«Über Modin!»

«Es ist ein unsicherer Weg. Straßenräuber lauern hier auf Karawanen und überfallen sie», bemerkt Thomas.

«Oh... mit ihm! ... Ihm kann nichts widerstehen!» Johannes hebt sein Gesicht zum Himmel, das aufgrund weiß Gott welcher Erinnerungen verzückt zu sein scheint und lächelt. Alle beobachten ihn; Petrus fragt: «Sag mal, liest du eine selige Geschichte am Sternenhimmel, weil du so ein Gesicht machst?»

«Ich? ... Nein!»

«Na, geh schon! Die Steine sogar sehen, daß du fern von der Erde bist. Sag, was ist in Acron passiert?»

«Aber nichts, Simon! Ich versichere es dir. Ich wäre nicht so glücklich, wenn etwas Peinliches passiert wäre.»

«Nicht etwas Peinliches. Im Gegenteil! Los... rede!»

«Aber ich habe nichts zu sagen, was er noch nicht gesagt hätte. Sie waren gut, wie Menschen, die über die Wunder erstaunt sind. Das ist alles. Genau, wie er es gesagt hat.»

«Nein.» Petrus schüttelt das Haupt. «Nein, du kannst nicht lügen. Du bist klar wie Quellwasser. Nein, du wechselst die Farbe. Ich kenne dich von klein auf. Du hast nie lügen können. Aus Unfähigkeit des Herzens, des Gewissens, der Zunge und sogar der Haut, welche die Farbe wechselt. Daher habe ich dich so lieb. Los, komm her zu deinem alten Simon des Jonas, deinem Freund. Erinnerst du dich noch, du warst ein Kind und ich schon ein Mann? Wie ich dich verwöhnt habe! Du wolltest Geschichten hören und Spielzeugboote aus Kork haben, die nie Schiffbruch erleiden, sagtest du, und mit denen du in die Ferne fahren könntest... Auch jetzt, auch jetzt gehst du weit fort und läßt den armen Simon am Ufer zurück. Und dein Boot wird nie untergehen. Es gleitet dahin, mit Blumen gefüllt, wie jene, die du als Kind schwimmen ließest zu Bethsaida im Fluß, damit der Fluß sie zum See trage. Erinnerst du dich noch daran? Ich habe dich lieb, Johannes! Wir alle lieben dich! Du bist unser Segel. Du bist unser Boot, das nicht untergeht. Nimm uns in dein Kielwasser. Warum erzählst du uns das Wunder von Acron nicht?»

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Petrus hat gesprochen, indem er Johannes einen Arm um die Taille gelegt hat, und dieser versucht die Fragen zu umgehen und sagt: «Und du, das Haupt, warum sprichst du nicht zum Volk mit dieser überzeugenden Nachdrücklichkeit, die du bei mir anwendest? Das Volk muß überzeugt werden, nicht ich.»

«Weil ich mich in deiner Gegenwart wohl fühle. Ich habe dich lieb. Die anderen kenne ich nicht», entschuldigt sich Petrus.

«Und du liebst sie nicht. Das ist dein Fehler. Du mußt sie lieben, auch wenn du sie nicht kennst. Sage dir selbst: "Ich gehöre unserem Vater"; du wirst sehen, daß du sie kennen- und liebenlernst. Sieh in jedem einen Johannes...»

«Das ist schnell gesagt. Als ob man Nattern und Igel mit dir vergleichen könnte, du ewiges Kind.»

«O nein, ich bin wie alle!»

«Nein, Bruder, nicht wie alle. Wir, Bartholomäus, Andreas und der Zelote vielleicht ausgenommen, hätten schon alles erzählt, auch den Gräsern, was wir erlebten und was uns glücklich macht. Du schweigst; aber mir, deinem großen Bruder, kannst du es doch sagen. Ich bin wie ein Vater», sagt Jakobus des Zebedäus.

«Der Vater ist Gott, der Bruder ist Jesus, die Mutter Maria», sagt Johannes.

«Das Blut bedeutet dir also nichts mehr?» schreit Jakobus aufgeregt.

«Reg dich nicht auf. Ich segne das Blut und den Leib, die mich gebildet haben: Vater und Mutter; und ich segne dich, Bruder, der mir im Blut gleich ist. Sie beide, weil sie mich gezeugt und erzogen und mir dadurch die Möglichkeiten gegeben haben, dem Meister nachzufolgen, und dich, weil du ihm folgst. Die Mutter, seit sie Jüngerin ist, liebe ich auf zwei Arten: im Fleisch und im Blut als Sohn; im Geist als ihr Mitjünger. Oh, welch eine Freude, in der Liebe zu ihm verbunden zu sein! ...»

Jesus ist zurückgekommen, da er die aufgeregte Stimme von Jakobus gehört hat; die letzten Worte klären ihn über den Vorfall auf.

«Laßt Johannes in Ruhe! Ihr quält ihn umsonst. Er hat eine große Ähnlichkeit mit meiner Mutter. Er wird nicht reden.»

«Dann mußt du es uns sagen, Meister», betteln alle.

«Nun denn, es sei. Ich habe Johannes mit mir genommen, denn er war am besten geeignet für das, was ich im Sinn hatte. Er war mir eine Hilfe und hat sich vervollkommnet. Das ist alles!»

Petrus, Jakobus, der Bruder des Johannes, Thomas und Iskariot blicken sich an und verziehen den Mund: sie sind enttäuscht. Judas Iskariot beschränkt sich nicht darauf, enttäuscht zu sein, sondern sagt: «Warum ihn vervollkommnen, der doch schon der Beste ist?»

Jesus antwortet ihm: «Du hast gesagt: "Jeder hat seine Art und handelt danach." Ich habe meine Art. Johannes hat die seine, die der meinen

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sehr gleicht. Meine Art kann nicht vervollkommnet werden. Seine schon. Und das ist es, was ich wünsche; denn es ist gut, daß es geschehe. Darum habe ich ihn mitgenommen. Ich brauchte jemand, der diese Art und diese Seele hat. Daher keinen Unmut und keine Neugier! Wir gehen nach Modin. Die Nacht ist heiter, kühl und hell. Wir werden wandern, solange der Mond scheint; dann schlafen wir bis zum Morgengrauen. Ich werde die beiden Judas zu den Gräbern der Makkabäer führen, deren ruhmvollen Namen sie tragen.»

«Nur wir allein mit dir!» sagt Iskariot glücklich.

«Nein, mit allen. Aber der Besuch am Grab der Makkabäer findet euretwegen statt, damit ihr lernt, sie in übernatürlicher Weise nachzuahmen, in Kämpfen und Siegen auf einem ganz geistigen Feld.»

264. JESUS SPRICHT ZU WEGELAGERERN

«Im Ort, zu dem wir gehen, werde ich reden», sagt Jesus, während die Gruppe immer tiefer in Täler eindringt, die das Gebirge mit schwierigen, steinigen, engen Pfaden durchziehen. Sie steigen an und fallen ab, die Aussicht verdeckend und wieder freigebend, solange, bis sie zu einem tiefen Tale gelangen nach einem steilen Abstieg, auf dem sich nur der Widder wohl fühlt, wie Petrus sagt. Die Gruppe rastet dort und nimmt an einer wasserreichen Quelle ihre Mahlzeit ein.

Andere Leute sind auf den Wiesen und im Wald und halten Mahlzeit wie Jesus und die Seinen. Es muß ein bevorzugter Rastplatz sein, er ist vor Winden geschützt, hat weiche Rasen und Wasser. Es sind Pilger da, auf dem Weg nach Jerusalem. Reisende, die sich vielleicht zum Jordan begeben, Händler mit Lämmern, die für den Tempel bestimmt sind, und Hirten mit ihren Herden. Einige machen die Reise auf Reittieren, die meisten jedoch zu Fuß. Es kommt auch ein festlich geschmückter Hochzeitszug. Gold leuchtet unter dem Schleier, der die Braut verhüllt. Sie ist noch fast ein Mädchen, das von mit glitzernden Armreifen und Halsketten behangenen zwei Matronen und von einem Mann, anscheinend dem Brautführer, sowie zwei Dienern begleitet wird. Sie sind auf Eseln angekommen, die mit Bändern und Glöckchen geschmückt sind; alle lassen sich in einer Ecke zum Essen nieder, als ob sie fürchteten, daß die Blicke der Anwesenden das Bräutchen beunruhigen könnten. Der Brautführer oder Verwandte hält Wache, während die Frauen beim Essen sind.

Die Neugier der Anwesenden ist tatsächlich sehr lebhaft und mit der Entschuldigung, um etwas Salz, ein Messer oder einen Tropfen Essig zu bitten, geht der eine zum anderen, um von ihm zu erfahren, wer die Braut sei, wohin sie wohl gehe und viele andere Dinge...

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Es ist einer da, der das Woher und das Wohin kennt und glücklich ist, alles, was er weiß, erzählen zu können, angespornt von einem anderen, der ihm immer mehr die Zunge löst mit großzügigem Füllen des Weinfasses. So kommen die bestgehüteten Geheimnisse der beiden Familien ans Licht. Man erfährt von der Aussteuer, welche die Braut in den beiden großen Kisten mit sich führt; von Reichtümern, die im Haus des Bräutigams auf sie warten, und so weiter. Man erfährt auch, daß die Braut Tochter eines reichen Händlers von Joppe ist; daß sie zur Hochzeit mit dem Sohn eines reichen Händlers nach Jerusalem geht; daß der Bräutigam vorausreist, um das Hochzeitshaus zu schmücken, bevor die Braut ankommt; daß ihr Begleiter, der Freund des Bräutigams, der Sohn eines Händlers und zwar Abrahams ist, der Perlen und Edelsteine bearbeitet, während der Bräutigam Goldschmied ist und der Vater der Braut mit Wolle, Linnen, Teppichen und Vorhängen handelt.

Da der Schwätzer in der Nähe der apostolischen Gruppe sitzt, hört ihn Thomas und fragt: «Ist vielleicht Nathanael des Levi der Bräutigam?»

«Jawohl, er ist es! Kennst du ihn?»

«Ich kenne den Vater sehr gut durch Geschäftsverbindung. Nathanael etwas weniger. Eine reiche Heirat!»

«Und eine glückliche Braut! Sie ist in Gold gehüllt. Abraham, Verwandter der Brautmutter und Vater des Freundes des Bräutigams, hat es sich etwas kosten lassen, wie auch der Bräutigam und sein Vater. Man sagt, daß in den Kisten Dinge im Wert von vielen Goldtalenten liegen.»

«Alle Achtung!» ruft Petrus aus und pfeift durch die Zähne. Dann fügt er bei: «Ich will hingehen und nachsehen, ob die Hauptware dem Rest entspricht.» Zusammen mit Thomas steht er auf; sie gehen um die Brautgruppe herum, wobei sie die drei Frauen aufmerksam betrachten: ein Haufen von Stoffen und Schleiern; nur Hände und geschmückte Handgelenke sind sichtbar sowie der Schmuck an Ohren und Hals. Sie betrachten auch den prahlerischen Brautführer, der anscheinend einen Ansturm von Korsaren auf das Jüngferchen abzuwehren hat, so wichtig fühlt er sich. Er blickt die beiden Apostel böse an. Doch Thomas bittet ihn, Nathanael des Levi im Namen des Thomas, auch Didimus genannt, Grüße zu bestellen. Und der Friede ist geschlossen, und zwar so sehr, daß das Bräutchen Gelegenheit findet, sich bewundern zu lassen; es steht auf, läßt den Mantel und die Schleier fallen und zeigt sich im vollen Charme seines Körpers und der Gewänder und in seinem Reichtum wie ein Götzenbild. Die Braut ist höchstens fünfzehn Jahre alt und hat listige Augen. Sie bewegt sich anmutig, trotz des Unwillens der Matronen; sie läßt die Zöpfe herunter und steckt sie dann mit kostbaren Nadeln wieder hoch; sie zieht ihren mit Edelsteinen besetzten Gürtel fester an; sie löst die Sandalen aus Ziegenleder, zieht sie aus und wieder an und schmückt die kleinen Füße mit goldenen Spangen; es gelingt ihr auch, die schönen, wohlfrisierten

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Haare, die schönen Hände, die weichen Arme, die enge Taille, die Brust und die wohlgeformten Hüften, die zarten Füßchen und alle die Schmuckstücke, die im letzten Tageslicht und beim Schein der Flammen der ersten Lagerfeuer klingen und glitzern, zu zeigen.

Petrus und Thomas kehren zurück. Thomas sagt: «Ein schönes Mädchen!»

«Eine vollkommene Verführerin! Ich weiß nicht... aber ich glaube, dein Freund Nathanael wird bald dahinterkommen, daß sie das Bett und er das Gold warmhält, um es zu schmieden. Sein Freund ist ein völliger Dummkopf. Er hat das Bräutchen dem Rechten anvertraut!» endet Petrus und setzt sich zu den Gefährten.

«Mir hat der Mann nicht gefallen, der den anderen Dummkopf dort zum Reden gebracht hat. Nachdem er alles erfahren hatte, was er wissen wollte, ist er den Bergpfad hinaufgegangen... Wir sind in einer gefährlichen Gegend. Und die Stunde ist günstig für einen Überfall der Wegelagerer. Die Mondnacht, die ermüdende Hitze des heutigen Tages, die dichtbelaubten Bäume... Hm! Mir gefällt dieser Platz nicht», murrt Bartholomäus. «Wir hätten besser daran getan, weiterzugehen.»

«Dazu das Großmaul, das von soviel Reichtum geschwätzt hat! Der andere, der den Helden und den Wächter über Schatten spielt, aber die wirklichen Gestalten übersieht! Nun, ich will bei den Feuern Wache halten. Wer kommt mit mir?» fragt Petrus.

«Ich, Simon», antwortet der Zelote. «Ich widerstehe dem Schlaf mühelos.»

Viele der Lagernden, besonders die Alleinreisenden, haben sich erhoben und sind aufgebrochen. Es bleiben die Hirten mit den Herden, die Braut mit ihren Begleitern, die apostolische Gruppe und die drei Händler mit Lämmern, die schon schlafen. Auch die Braut schläft mit den Matronen in einem Zelt, das die Diener aufgerichtet haben. Die Apostel suchen sich einen Platz. Jesus zieht sich zum Gebet zurück. Die Hirten zünden inmitten der Wiese, wo sie sich aufhalten, ein großes Feuer an. Petrus und Simon bereiten ein anderes vor beim Pfad, den der Mann eingeschlagen hat, der Bartholomäus mißtrauisch machte.

Die Stunden vergehen, und wer nicht schnarcht, läßt den Kopf sinken. Jesus betet. Es herrscht völlige Stille. Sogar die Quelle, die im Mondlicht glänzt, scheint zu schweigen. Der Mond steht jetzt hoch am Himmel und beleuchtet den ganzen Platz, während die Ränder im Schatten des dichten Gebüsches liegen.

Ein großer Schäferhund knurrt. Ein Hirt hebt den Kopf. Der Hund steht auf, sträubt das Fell, wittert etwas und nimmt eine abwehrende Haltung ein. Er zittert; das Knurren in seinem Innern wird immer stärker. Auch Simon hebt den Kopf und rüttelt Petrus wach, der eingeschlummert ist. Ein leises Rascheln kommt aus dem Wald.

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«Wir wollen zum Meister gehen und ihn zu uns herholen», sagen die beiden.

Inzwischen weckt der Hirte seine Kameraden. Alle lauschen, ohne selbst ein Geräusch zu verursachen. Jesus hat sich erhoben, schon bevor er gerufen wurde; er geht den beiden Aposteln entgegen. Sie versammeln sich mit den Gefährten bei den Hirten, deren Hund immer erregter ist.

«Ruft die Schlafenden. Alle! Sagt ihnen, sie sollen hierher kommen, ohne Lärm zu machen; besonders die Frauen und die Diener mit den Kisten. Sagt ihnen, daß vielleicht Räuber in der Nähe sind. Nicht den Frauen, aber allen Männern!»

Die Apostel entfernen sich, dem Meister gehorchend, der den Hirten sagt: «Schürt das Feuer zu einer großen Flamme!»

Die Hirten gehorchen; da sie aufgeregt sind, sagt Jesus: «Fürchtet euch nicht! Es wird euch kein Wollflöckchen weggenommen!»

Die Händler kommen herbei und flüstern: «Oh, unser ganzer Verdienst», und fügen eine Litanei von Schimpfwörtern bei auf die römische Verwaltung und die Juden, die die Welt von den Räubern nicht säubern.

«Habt keine Angst, ihr verliert auch nicht die kleinste Münze», tröstet sie Jesus.

Die ängstlichen Frauen kommen. Sie weinen, denn der mutige Brautführer zittert vor Angst und jammert ohne Unterlaß: «Das ist der Tod! Der Tod von Räuberhand!»

«Fürchtet euch nicht. Ihr werdet nicht einmal von einem Blick gestreift», tröstet Jesus die Frauen und führt sie in die Mitte der kleinen Versammlung von Männern und verängstigten Tieren.

Die Esel schreien, der Hund heult, die Schafe blöken, die Frauen schluchzen, die Männer fluchen und klagen, mehr sogar als die Frauen, in einem unverständlichen lautstarken Geschwätz. Jesus ist ruhig, als ob nichts bevorstände. Das Geräusch im Wald ist bei diesem Lärm nicht mehr vernehmbar. Aber Äste, die gebrochen werden, oder die Steine, die ins Rollen geraten, verraten, daß im Wald Räuber sich nähern.

«Ruhe!» gebietet Jesus. Er sagt es auf eine Weise, daß sofort Ruhe herrscht. Jesus verläßt seinen Platz und geht zum Waldrand, wo er zu reden beginnt.

«Das bösartige Verlangen nach Gold verleitet die Menschen zu verwerflichen Taten. Das Gold entlarvt den Menschen mehr als alles andere. Seht, wieviel Unheil dieses Metall mit seinem gleißenden, unnützen Glanz anrichtet. Ich glaube, daß die Luft der Hölle die Farbe des Goldes hat, so höllisch scheint es zu sein seit der Mensch zum Sünder geworden ist. Der Schöpfer hatte es in die Eingeweide des enormen Lapislazuli, der die Erde ist, eingebettet, bei der Erschaffung, damit es dem Menschen diene und den Tempel schmücke. Aber Satan, der die Augen Evas küßte und das Ich des Mannes befleckte, gab dem unschuldigen Metall einen bösartigen

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Geschmack. Seitdem mordet und sündigt man des Goldes wegen. Die Frau wird des Goldes wegen zur Verführerin und ist zur Sünde des Fleisches bereit. Der Mann wird seinetwegen zum Dieb, zum Wucherer und Mörder; er wird hartherzig gegen seinen Nächsten und seine eigene Seele, die er ihres wahren Erbes beraubt; er bringt sie um den ewigen Schatz, für einige gleißende, wertlose Splitter, die er am Tag des Todes zurücklassen muß.

O ihr, die ihr des Geldes wegen mehr oder weniger schwer sündigt! Je mehr ihr sündigt, um so mehr verspottet ihr, was eure Mütter oder eure Lehrer euch gelehrt haben: daß es einen Lohn oder eine Strafe gibt für das während des Lebens Getane. Ihr denkt nicht daran, daß ihr wegen der Sünden den Schutz Gottes, das ewige Leben und die ewige Glückseligkeit verliert; daß Gewissensbisse und Fluch das Herz belasten und die Angst eure Begleiterin ist; die Angst vor menschlichen Strafen, die immer doch ein Nichts sind im Vergleich zur Angst, die ihr haben müßt und nicht habt: der heilsamen Angst vor der göttlichen Strafe. Ihr denkt nicht daran, daß euer Ende schrecklich sein wird als Strafe für eure Untaten, wenn sie Verbrechen geworden sind; und das Ende ist um so schrecklicher, weil es ewig dauert, selbst wenn ihr bei euren Untaten aus Liebe zum Gold nicht bis zum Blutvergießen gegangen seid, sondern nur das Gesetz der Liebe und der Achtung des Nächsten mißachtet habt, statt jenen zu helfen, die hungern wegen eures Geizes, eurer Laster und eurer Habgier. Nein, ihr denkt nicht daran! Ihr sagt: "Das sind Märchen. Ich habe diese Märchen unter dem Gewicht meines Goldes begraben. Sie leben nicht mehr." Aber es sind keine Märchen, es ist die Wahrheit!

Sagt nicht: "Wenn ich tot bin, ist alles zu Ende." Nein, dann beginnt alles! Das andere Leben ist kein Abgrund ohne Sinn und ohne Erinnerung an die gelebte Vergangenheit, ohne Verlangen nach Gott, wie ihr euch die Zeitspanne der Erwartung des Erlösers vorstellt. Das andere Leben ist selige Erwartung für die Gerechten, geduldige Erwartung für die Büßenden, qualvolle Erwartung für die Verdammten. Für die ersteren in der Vorhölle, für die zweiten im Fegfeuer, und für die letzten in der Hölle. Und während für die ersten die Erwartung mit dem Einzug des Erlösers in den Himmel endet, wird bei den zweiten die Erwartung nach dieser Stunde durch die Hoffnung viel tröstlicher, während für die dritten die Erwartung mit der schrecklichen Gewißheit der ewigen Verdammnis endet. Denkt daran, ihr Sünder! Es ist nie zu spät, um zu bereuen. Ändert das Urteil, das im Himmel für euch geschrieben wird, durch eine wahre Reue. Das Fegfeuer wird für euch nicht die Hölle, sondern reuevolle Erwartung sein. Nicht Dunkel, sondern Morgendämmerung. Nicht Trennung, sondern Heimweh. Nicht Verzweiflung, sondern Hoffnung.

Geht! Versucht nicht, gegen Gott zu kämpfen. Er ist der Starke und der Gute. Schändet den Namen eurer Eltern nicht. Hört, wie diese Quelle

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seufzt; ein Seufzer, gleich dem, der die Herzen eurer Mütter zerreißt, wenn ihr zu Mördern werdet. Hört, wie der Wind in der Schlucht pfeift. Es scheint, daß er droht und verflucht, wie euch der Vater verflucht wegen des Lebens, das ihr führt. Hört, wie das Gewissen in euren Herzen heult. Warum wollt ihr leiden, wenn ihr mit wenig im Frieden auf Erden leben könntet, um dann im Himmel alles zu haben? Gebt eurer Seele Frieden! Gebt Frieden den angstvollen Menschen, die euch wie Raubtiere fürchten müssen! Gebt euch Frieden, ihr armen Unglücklichen! Erhebt den Blick zum Himmel, entfernt den Mund von der vergifteten Speise und reinigt die Hände, die vom Blut des Bruders triefen. Reinigt euer Herz!

Ich vertraue euch! Daher rede ich zu euch. Denn wenn die ganze Welt euch haßt und fürchtet, ich hasse und fürchte euch nicht. Ich strecke euch die Hand entgegen, um euch zu sagen: "Erhebt euch! Kommt! Kehrt friedlich zu den Menschen zurück, als Menschen zu Menschen." Ich fürchte euch so wenig, daß ich jetzt zu diesen Leuten sagen kann: "Kehrt zur Ruhe zurück, ohne Haß gegen die armen Brüder. Betet für sie. Ich bleibe hier, um sie mit den Augen der Liebe anzublicken, und ich schwöre euch, daß nichts geschieht; denn die Liebe entwaffnet die Gewalttätigen und sättigt die Gierigen. Die Liebe, die wahre Macht in der Welt, sei gepriesen! Diese unbekannte Macht! Eine Macht, die Gott gehört."»

Dann wendet Jesus sich an alle: «Geht, geht! Fürchtet euch nicht. Es sind keine Landstreicher mehr hier, nurmehr erschütterte, weinende Männer! Wer weint, tut nichts Böses. Gebe Gott, daß sie bleiben, wie sie jetzt sind! Es wäre ihre Rettung!»

265. DIE ANKUNFT IN BETHER

Die Apostelgruppe hat in ihrem Tier-Gefolge eine Veränderung erlebt. Anstelle des Widders sehe ich ein Schaf mit zwei Lämmlein. Das Schaf ist fett und hat ein volles Euter, die Lämmlein sind fröhlich wie zwei Büblein. Eine kleine Herde mit einem weniger magischen Aussehen als der tiefschwarze Widder; alle sind zufrieden.

«Ich hatte euch gesagt, daß eine Ziege komme, um aus Margziam einen kleinen, glücklichen Hirten zu machen. Anstelle der Ziege – da ihr Ziegen und Böcke nicht leiden könnt – sind nun die Schafe da. Sie sind weiß. Genauso, wie Petrus es gewünscht hat.»

«Aber gewiß! Mir schien immer, daß ich Beelzebub hinter mir herschleppe», sagt Petrus.

«Tatsache ist, daß eigenartige Dinge sich ereignet haben, während das Tier mit uns war. Er war der Zauber, der uns verfolgte», bestätigt Iskariot erregt.

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«Ein guter Zauber also! Was ist uns Böses zugestoßen?» antwortet Johannes ruhig.

Alle erheben gleichzeitig die Stimme, um ihn zu tadeln wegen seiner Blindheit: «Aber hast du in Modin nicht gesehen, wie alle uns verspotteten?» «Und mir scheint, der Sturz meines Bruders zähle für dich nicht? Er hätte Schaden erleiden können. Wie hätten wir ihn weggetragen, wenn er sich die Beine oder das Rückgrat gebrochen hätte?» «Und die letzte Nacht ist dir wohl wie ein schönes Zwischenspiel vorgekommen?»

«Ich habe alles gesehen. Ich habe alles überlegt und den Herrn gepriesen, weil uns kein Unheil zugestoßen ist. Das Übel ist auf uns zugekommen, dann ist es geflüchtet, wie immer, und die Begegnung hat dazu gedient, Samen des Guten sowohl in Modin als auch bei den Winzern zu hinterlassen, die mit der Gewißheit zu Hilfe gekommen sind, wenigstens einen Verwundeten vorzufinden, und mit dem Bedauern, lieblos gewesen zu sein, so daß sie wiedergutmachen wollten. Und auch bei den Räubern in der vergangenen Nacht ist guter Same hinterlassen worden. Sie haben uns nichts Böses zugefügt, und Petrus hat die Lämmer im Tausch gegen den Widder und als Geschenk dafür, daß sie gerettet worden sind, erhalten. Die Armen haben nun genügend Geld durch die Börsen, die die Händler uns gegeben haben, und durch die Spenden der Frauen. Und was noch mehr Wert hat: alle haben das Wort Jesu aufgenommen.»

«Johannes hat recht», sagen der Zelote und Judas Thaddäus. Dieser fügt hinzu: «Es scheint wirklich, daß alles eintrifft in klarer Vorausschau der kommenden Dinge. Aufgrund der durch meinen Sturz verursachten Verspätung sind wir mit den schmuckbehangenen Frauen, den Hirten mit der großen Herde und den Händlern, die im Geld ersticken, zusammengestoßen. Herrliche Beute für die Diebe! Bruder, sag mir, wußtest du, daß dies alles geschehen sollte?» fragt der Thaddäus den Meister.

«Ich habe euch schon oft gesagt, daß ich in den Herzen lese, und, wenn der Vater nichts anderes bestimmt, dann ist mir nicht unbekannt, was geschehen wird.»

«Aber warum machst du dann manchmal den Fehler, zu feindseligen Pharisäern oder in Städte mit feindseliger Bevölkerung zu gehen?» fragt Judas Iskariot.

Jesus schaut ihn fest an und sagt dann ruhig und langsam: «Das sind keine Fehler! Es sind notwendige Aufgaben meiner Sendung. Den Arzt haben die Kranken nötig und den Lehrer die Unwissenden. Sowohl die einen als auch die anderen weisen manchmal den Arzt oder den Lehrer zurück. Aber wenn es gute Ärzte oder gute Lehrer sind, gehen sie trotzdem zu jenen, die sie abgewiesen haben; es ist ihre Pflicht, sie aufzusuchen. Ich gehe. Ihr wollt, daß überall, wo ich mich zeige, jeder Widerstand falle. Ich könnte es machen. Aber ich zwinge niemanden. Ich überzeuge. Zwang soll nur in ganz besonderen Fällen angewandt werden, und nur,

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wenn der von Gott erleuchtete Geist versteht, daß es dazu dienen kann, zu überzeugen, daß Gott ist und daß er der Stärkere ist... oder in Fällen von vielfacher Rettung.»

«Wie gestern abend, nicht wahr?» fragt Petrus.

«Gestern abend hatten die Diebe Angst, als sie uns bereit sahen, sie zu empfangen», sagt Iskariot mit sichtlicher Verachtung.

«Nein, sie sind durch Worte überzeugt worden», sagt Thomas.

«Ja, ganz gewiß! Das sind wirklich zarte Seelen, die sich mit zwei Worten überzeugen lassen, auch wenn sie von Jesus kommen! Das weiß ich von damals, als ich mit der ganzen Familie und vielen anderen von Bethsaida in der Schlucht von Adummim überfallen wurde!» entgegnet Philippus.

«Meister, sag einmal, seit gestern schon möchte ich dich fragen – "Sind es deine Worte oder dein Wille, die den Überfall verhindert haben?"» fragt Jakobus des Zebedäus.

Jesus lächelt und schweigt.

Matthäus antwortet: «Ich glaube, es ist sein Wille, der die Härte dieser Herzen überwunden und sie förmlich gelähmt hat, damit Jesus zu ihnen reden und sie retten konnte.»

«Auch ich sage, daß es so ist. Aus diesem Grund ist er dort allein geblieben, um in den Wald hineinzusehen. Er hat sie mit seinem Blick unterworfen, mit seinem Vertrauen in sie und seiner unerschütterlichen Ruhe besiegt. Er hatte nicht einmal einen Stock!» sagt Andreas.

«Gut. Aber dies alles sagen wir. Es sind unsere Gedanken. Ich aber möchte es vom Meister hören», sagt Petrus.

Es beginnt eine lebhafte Diskussion; Jesus läßt sie gewähren. Unter anderem wird gesagt, Jesus habe erklärt, er zwinge niemand, er habe auch diesen Räubern gegenüber keine Gewalt angewandt. Dies sagt Bartholomäus, während Iskariot, von Thomas unterstützt, behauptet, daß er nicht glaube, daß der Blick eines Menschen so viel vermöge. Matthäus entgegnet: «Das und noch mehr! Ich bin von seinem Blick bekehrt worden, noch bevor mich seine Worte berührt haben.» Die "Ja" und die "Nein" stehen sich hart gegenüber, da ein jeder an seiner Meinung festhält. Johannes schweigt wie Jesus und lächelt, das Haupt gesenkt, um sein Lächeln zu verbergen. Petrus geht aufs neue zum Angriff über, denn keine Meinung und Ansicht der Gefährten kann ihn überzeugen. Er denkt und sagt, daß der Blick Jesu verschieden ist von dem irgend eines anderen Menschen; er will wissen, ob dies so ist, weil er Jesus, der Messias, oder weil er immer Gott ist.

Jesus sagt: «In Wahrheit sage ich euch, daß nicht ich allein, sondern jeder, der mit Gott in Heiligkeit, Reinheit und tiefem Glauben vereinigt ist, dies und noch mehr tun kann. Der Blick eines Kindes, dessen Seele mit Gott vereinigt ist, kann heidnische Tempel zum Einsturz bringen, ohne

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die Kraft Samsons zu benötigen; kann mit Sanftmut wilden Tieren und wilden Menschen befehlen; kann den Tod abweisen und Krankheiten der Seele besiegen; wie das Wort eines Kindes, das mit Gott verbunden und Werkzeug des Herrn ist, auch Krankheiten heilen, Schlangen das Gift nehmen und jedes Wunder wirken kann. Denn Gott wirkt in ihm!»

«Ah, nun habe ich verstanden!» sagt Petrus. Er schaut, schaut, schaut Johannes an. Und er faßt dann das Ergebnis seiner Gedanken in die Worte zusammen: «Also, du, Meister, hast es gekonnt, weil du Gott bist und weil du als Mensch mit Gott vereinigt bist. Und so kann es geschehen, daß jemand dasselbe erreichen kann oder schon erreicht hat, weil er mit Gott vereint ist. Ich habe verstanden! Ich habe wirklich verstanden!»

«Aber du fragst nicht nach dem Schlüssel dieser Vereinigung und nach dem Geheimnis dieser Macht? Nicht alle Menschen erreichen sie, obwohl alle die gleichen Voraussetzungen haben.»

«Richtig! Wo ist der Schlüssel dieser Kraft, die einen mit Gott vereinigt und den Dingen befiehlt? Handelt es sich um ein Gebet oder geheime Worte?»

«Vor kurzem hat Judas des Simon den Widder zum Sündenbock für alle die Unannehmlichkeiten, die uns zugestoßen sind, gemacht. Die Tiere können nicht hexen. Befreit euch von diesem Aberglauben; er ist Götzendienst und kann Unglück verursachen. Da es keine Formeln gibt, um Hexereien zu vollbringen, so gibt es auch keine geheimen Worte, um Wunder zu wirken. Es gibt nur die Liebe. Wie ich schon gestern abend gesagt habe, besänftigt die Liebe die Grausamen und sättigt die Geizigen. Die Liebe: Gott! Mit Gott in euch, ganz in Besitz genommen durch das Verdienst einer vollkommenen Liebe, wird das Auge zum Feuer, das jedes Götzenbild in Flammen aufgehen läßt und die Götzen zu Boden wirft, und das Wort wird Macht. Weiter: Das Auge wird zur Waffe, die entwaffnet. Man kann Gott, der Liebe, nicht widerstehen. Nur der Dämon widersteht ihr, denn er ist der vollkommene Haß, und mit ihm widerstehen ihr seine Söhne. Die anderen, die Schwachen, die von einer Leidenschaft besessen sind, aber sich nicht freiwillig an den Dämon verkauft haben, widerstehen ihr nicht. Was auch ihre Religion oder ihre Glaubenslosigkeit sei, welches auch das Niveau ihrer geistigen Niedrigkeit sei, sie werden von der Liebe getroffen, welche die große Siegerin ist. Suche sie zu erreichen, und zwar bald, dann wirst du das tun können, was die Kinder Gottes und die Träger Gottes tun.»

Petrus und der Zelote wenden ihre Augen nicht von Johannes ab; auch die Söhne des Alphäus und Jakobus mit Andreas beginnen zu verstehen.

«Aber Herr», sagt Jakobus des Zebedäus, «was ist mit meinem Bruder geschehen? Du sprichst von ihm. Ist er das Kind, das Wunder wirkt? Das hast du gemeint, nicht wahr?»

«Was er getan hat? Er hat ein Blatt im Buch des Lebens umgewendet

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und neue Geheimnisse kennengelernt. Sonst nichts! Er ist euch vorausgegangen, denn er hält sich nicht damit auf, jedes Hindernis zu bewerten, jede Schwierigkeit abzuwägen, jeden Nutzen zu berechnen. Er sieht die Erde nicht mehr. Er sieht das Licht und geht auf es zu, rastlos. Aber laßt ihn in Ruhe. Die Seelen, die mehr Feuer verbrauchen, kann man nicht stören in ihrem Brand, der erfreut und verzehrt. Man muß sie brennen lassen. Es ist für sie höchste Freude und höchste Belastung zugleich. Gott gibt ihnen auch Augenblicke der Nacht; denn er weiß, daß der Brand die Seelenblüte versengt, wenn sie einer andauernden Sonne ausgesetzt ist. Gott gewährt Schweigen und mystischen Tau den Seelenblüten, wie den Blumen des Feldes. Laßt den Athleten der Liebe im Frieden, wenn ihn Gott ihm gewährt. Macht es den Sportlehrern nach, die ihren Schülern die nötige Ruhe gewähren. Wenn ihr erreicht, was er schon erreicht hat und noch weiter, denn weiter werdet ihr gehen wie er auch, dann versteht ihr das Bedürfnis nach Achtung, Schweigen und Schatten, das die Seelen empfinden, welche die Liebe zu ihrer Beute und zu ihrem Werkzeug gemacht hat. Denkt nicht: "Ich werde mich dann freuen, wenn es bekannt wird; Johannes ist töricht, denn die Seelen der Nächsten wie jene der Kinder wollen vom Wunderbaren ergriffen werden." Nein! Wenn ihr dort angekommen seid, habt ihr das gleiche Bedürfnis nach Schweigen und Verborgenheit, das Johannes jetzt hat. Und wenn ich nicht mehr unter euch bin, denkt daran, daß ihr zur Bemessung einer Bekehrung und der Macht der Heiligkeit immer die Demut als Maßstab nehmen müßt. Wenn in einem der Stolz anhält, dann laßt euch nicht täuschen und glaubt nicht, daß er sich bekehrt hat. Wenn von einem gesagt wird, daß er ein "Heiliger" sei, aber stolz ist, dann könnt ihr sicher sein, daß es sich nicht um einen Heiligen handelt. Er könnte wie ein Scharlatan scheinheilig den Heiligen spielen und Wunder vortäuschen; aber er ist kein Heiliger. Der Anschein ist Scheinheiligkeit, die Wunder sind Satanismus. Habt ihr verstanden?»

«Ja, Meister.» ... Sie schweigen alle nachdenklich. Aber wenn auch der Mund schweigt, so sind die Gedanken leicht in ihren Blicken und Gesichtsausdrücken zu lesen. Ein großes Verlangen nach Erkenntnis zittert wie aus ihnen strömender Äther um sie herum.

Der Zelote bemüht sich, die Gefährten zu zerstreuen, um Zeit zu gewinnen und mit jedem einzeln reden zu können. Bestimmt will er ihnen raten, vorläufig zu schweigen. Ich habe den Eindruck, daß der Zelote diese Aufgabe oft in der apostolischen Gruppe hat. Er ist der Mäßiger, der Versöhner, der Berater der Gefährten, und außerdem versteht er den Meister sehr gut. Nun sagt er: «Wir sind schon auf dem Besitztum Johannas. Das Dorf in der Mulde ist Bether. Der Palast auf dem Gipfel ist ihr Geburtsschloß. Spürt ihr den Duft? Es sind die Rosengärten, die in der Morgensonne zu duften beginnen. Am Abend ist es eine Fülle von Düften. Aber

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jetzt ist die Zeit, sie zu sehen. In der Kühle des Morgens sind sie noch mit Tau bedeckt, wie wenn Millionen von Diamanten in Millionen Blütenkelche, die sich gerade öffnen, geschüttet worden wären. Wenn die Sonne untergeht, werden die voll aufgeblühten Rosen gepflückt. Kommt! Ich will euch von einem Brunnen aus die Rosengärten zeigen, die vom Gipfel aus wie ein Wasserfall bis zum anderen Hügel hinfluten. Ein Wasserfall von Blumen, der dann wieder wie eine Welle nach oben zu den beiden anderen Hügeln steigt. Ein Amphitheater, ein Meer von Blumen! Herrlich! Die Straße ist steiler. Aber es ist der Mühe wert, sie zu gehen, denn von dieser Anhöhe überblickt man das ganze Paradies. So gelangen wir auch schneller zum Schloß. Johanna lebt hier frei inmitten ihrer Landarbeiter, die einzigen Wächter all dieses Reichtums. Doch die Arbeiter lieben ihre Herrin, die aus diesen Tälern ein Eden der Schönheit und des Friedens macht, so sehr, daß sie mehr wert sind als alle Wachen des Herodes. Schau, Meister! Schaut, Freunde!» Er zeigt auf die im Halbkreis liegenden Hügel, die völlig mit Rosenpflanzen bewachsen sind.

Überall sieht das umherschweifende Auge unter sehr hohen Bäumen, die vor Hagelschlag, Winden und der stechenden Sonne schützen, auf den Terrassen Rosensträucher über Rosensträucher. Die Sonne umspielt sie und auch der Wind unter dem leuchtenden Dache, das abschirmt, aber nicht bedrückt, und sie werden von den Gärtnern in der nötigen Ordnung gehalten; unter bester Pflege gedeihen hier die schönsten Rosensträucher der Welt. Es sind Tausende und Abertausende von Rosen jeder Art: Zwergrosen, niedrige, hohe und langstielige. Wie mit Blumen bestickte Kissen liegen sie zu Füßen der Bäume auf dem grünen Rasen oder hängen in den Hecken längs der Wege; an den Ufern der Bäche, rings um die Bewässerungsbecken, die über diesen Park mit seinen Hügeln verstreut sind, ranken sie sich hoch und bilden über die Äste Bögen und Girlanden. Eine wirklich traumhafte Schönheit! Alle Größen und alle Schattierungen sind vorhanden und miteinander verflochten, die elfenbeinfarbene Teerose neben der blutroten Blütenkrone, während zahlenmäßig die eigentlichen Rosen in der Farbe einer Kinderwange, die an den Rändern mit Weiß und Rosa bekränzt sind, vorwiegen.

Alle sind beeindruckt von soviel Schönheit.

«Aber was macht Johanna denn mit diesem Riesengarten?» fragt Philippus.

«Sie erfreut sich daran», antwortet Thomas.

«Nein! Sie gewinnt aus den Blüten duftende Öle und gibt somit Hunderten von Gartenarbeitern Arbeit. Die Römer sind begierig auf diese Öle. Jonathan sagte es mir und zeigte mir die Rechnungen der letzten Ernte. Aber hier ist Maria des Alphäus mit dem Kinde. Sie haben uns gesehen und rufen die anderen herbei...»

Tatsächlich kommt Johanna mit den beiden Marien, die von Margziam

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überholt werden, der mit den zur Umarmung geöffneten Armen auf Jesus und Petrus zueilt. Alle werfen sich vor Jesus nieder.

«Der Friede sei mit euch allen! Wo ist meine Mutter?»

«Zwischen den Rosensträuchern, mit Elisa. Oh, sie ist nun geheilt. Sie kann der Welt entgegentreten und dir nachfolgen. Ich danke dir, daß du mich dazu verwendet hast.»

«Ich danke dir, Johanna. Siehst du, wie nötig es war, nach Judäa zu kommen? Margziam, hier sind Geschenke für dich! Diese hübsche Puppe und die schönen Lämmlein. Gefallen sie dir?»

Das Kind ist sprachlos vor Freude. Es hält sich an Jesus fest, der sich gebückt hat, um ihm die Puppe zu geben, und in dieser Haltung verblieben ist, um ihm ins Gesicht zu schauen; er umarmt und küßt ihn mit aller nur möglichen Herzlichkeit.

«So wirst du sanft wie die Schäflein, und später wirst du ein guter Hirte für die an Christus Glaubenden sein, nicht wahr?»

Margziam sagt: «Ja, ja, ja ...» mit stockendem Atem und vor Freude glänzenden Augen.

«Nun geh zu Petrus, denn ich suche meine Mutter auf. Ich sehe einen Schleierzipfel längs der Rosenhecke daherkommen.»

Und Jesus eilt Maria entgegen und zieht sie an der Biegung des Weges an sein Herz. Nach dem ersten Kuß, noch ganz atemlos, erklärt Maria: «Dahinten kommt Elisa! Ich bin vorausgeeilt, um dich zu küssen; dich nicht zu küssen, Sohn, brächte ich nicht fertig; und dich vor ihren Augen küssen, das wollte ich nicht... Sie ist sehr verändert. Aber das Herz schmerzt immer noch bei den Freuden der anderen, die ihr immer versagt worden sind.»

Elisa macht rasch die letzten Schritte und kniet nieder, um das Gewand Jesu zu küssen. Sie ist nicht mehr die verzweifelte Frau von Bethsur, sondern eine ernste Greisin, vom Schmerz gezeichnet und eindrucksvoll durch die Spuren, die der Schmerz auf dem Antlitz und im Blick hinterlassen hat.

«Sei gebenedeit, mein Meister, jetzt und immer, da du mir das wiedergegeben hast, was ich verloren hatte.»

«Immer mehr Frieden für dich, Elisa! Ich freue mich, dich hier zu finden. Steh auf!»

«Auch ich freue mich. Ich habe dir viele Dinge zu berichten und dich vieles zu fragen, Herr.»

«Wir haben Zeit, denn ich werde hier einige Tage rasten. Komm, damit ich dich mit den Mitjüngern bekanntmachen kann.»

«Oh, so hast du also schon verstanden, was ich dir sagen wollte? Daß ich zu neuem Leben wiedergeboren werden möchte; mir wieder eine Familie schaffen möchte; die deine, die deiner Söhne, wie du gesagt hast, als du von Noemi gesprochen hast in meinem Haus zu Bethsur. Die neue

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Noemi bin ich durch deine Gnade, mein Herr; sei gepriesen! Ich bin nicht mehr verbittert und unglücklich. Ich werde wieder Mutter sein. Und, wenn Maria es erlaubt, auch ein wenig deine Mutter in der Schar der Jünger deiner Lehre.»

«So soll es sein! Maria ist nicht eifersüchtig, und ich werde dich so lieben, daß es dich nicht zu reuen braucht, gekommen zu sein. Wir wollen jetzt zu denen gehen, die dir sagen möchten, daß sie dich wie Brüder lieben.» Und Jesus nimmt Elisa bei der Hand und führt sie ihrer neuen Familie zu.

Die Reise in Erwartung des Pfingstfestes ist zu Ende.

266. DER GELÄHMTE AM TEICH VON BETHSAIDA

Jesus befindet sich in Jerusalem, genauer gesagt in der Umgebung der Burg Antonia. Bei ihm sind alle Apostel mit Ausnahme von Judas Iskariot. Eine große Menschenmenge bewegt sich eilenden Schrittes zum Tempel. Alle sind festlich gekleidet, die Apostel wie die anderen Pilger, und ich nehme an, daß gerade das Pfingstfest gefeiert wird. Viele Bettler mischen sich unter das Volk mit ihrem mitleidheischenden Gejammer! Sie sind auf dem Weg zu den besten Plätzen, d.h. zu den Toren des Tempels und den Wegkreuzungen, an denen die Leute vorbei müssen. Jesus geht, Almosen austeilend, an ihnen vorüber, während sie ihm all ihr Elend aufzählen und beschreiben. Ich habe den Eindruck, daß Jesus bereits im Tempel gewesen ist; denn ich höre die Apostel über Gamaliel reden, der tat, als ob er Jesus nicht sähe, obwohl sein Schüler Stephanus ihn auf seine Ankunft aufmerksam gemacht hat.

Ich vernehme auch, wie Bartholomäus seine Gefährten fragt: «Was hat der Schriftgelehrte wohl mit dem Satz gemeint: "Eine Hammelherde für einen billigen Schlachthof?"»

«Er wird von einem seiner Geschäfte gesprochen haben», antwortet Thomas.

«O nein, er meinte uns damit. Ich habe es wohl gemerkt. Denn der folgende Satz bestätigt den Sinn des ersten: "Bald wird auch er als Lamm zur Schur und zur Schlachtbank geführt werden."»

«Ja, auch ich habe es gehört», bestätigt Andreas.

«Stimmt! Ich hätte große Lust, zurückzukehren und den Begleiter des Schriftgelehrten zu fragen, was er von Judas des Simon weiß», sagt Petrus.

«Was wird er schon wissen! Judas ist diesmal nicht dabei, weil er tatsächlich krank ist. Wir wissen es. Vielleicht hat ihn die Reise wirklich zu sehr angestrengt. Wir sind kräftiger. Er hat immer ein bequemes Leben geführt und wird schnell müde», meint Jakobus des Alphäus.

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«Ja, wir wissen es; aber der Schriftgelehrte hat auch gesagt: "Es fehlt das Chamäleon der Gruppe." Ist das Chamäleon nicht das Tier, das seine Farbe wechseln kann sooft es will?» fragt Petrus.

«Ja, Simon. Aber sie haben sicher damit gemeint, daß er immer neue Kleider trägt. Er hält etwas darauf, er ist noch jung. Man muß Mitleid mit ihm haben...» beruhigt ihn der Zelote.

«Auch das stimmt. Jedoch! ... Welch eigenartige Bemerkungen!»schließt Petrus.

«Er glaubt immer, er sei bedroht», sagt Jakobus des Zebedäus.

«Auch wir glauben immer, bedroht zu sein, und sehen Gefahren, wo keine sind!» bemerkt Judas Thaddäus.

«Und wir sehen Fehler, wo keine sind», schließt Thomas.

«Ach ja, mißtrauisch zu sein, ist schlimm... Wer weiß, wie es Judas heute geht? Er wird sich wie im Paradies vorkommen, bei diesen Engeln... Um diese Wonne genießen zu können, möchte auch ich beinahe krank sein!» sagt Petrus, und Bartholomäus antwortet: «Hoffen wir, daß er bald wieder gesund wird. Wir müssen wirklich bald ans Ziel unserer Reise kommen, denn die Hitze beginnt drückend zu werden.»

«Oh, an Pflege wird es ihm nicht fehlen, und außerdem denkt ja auch der Meister an ihn, wenn etwas geschähe», versichert Andreas.

«Er hatte hohes Fieber, als wir ihn verlassen haben. Ich weiß nicht, wie er es bekommen hat ...» sagt Jakobus des Zebedäus, und Matthäus fügt hinzu: «Wie man eben Fieber bekommt! Es mußte wohl kommen. Aber es wird nichts passieren. Der Meister hat keinerlei Bedenken. Wenn er etwas Schlimmes vermutete, hätte er das Schloß Johannas nicht verlassen.»

Jesus ist tatsächlich unbesorgt. Er unterhält sich mit Margziam und Johannes, während er vorausgeht und Almosen verteilt. Gewiß erklärt er dem Knaben viele Dinge, denn ich sehe, wie er auf dieses und jenes hinweist. Er geht dem Ende der Tempelmauer zu, zur Nord-Ost-Ecke. Dort sind viele Menschen, die sich zu einem von mehreren Säulen umgebenen Platz begeben. Dieser Platz befindet sich vor einem Tor, das ich "Herdentor" nennen höre.

«Hier ist der Teich der Prüfung: der Teich von Bethsaida. Nun schau gut auf das Wasser. Siehst du, es liegt jetzt völlig still. Bald wird es steigen bis oben zum noch feuchten Rand. Siehst du? Dann steigt der Engel des Herrn herab, das Wasser spürt es und verehrt ihn, wie es kann. Er bringt dem Wasser den Befehl, den zu heilen, der bereit ist, darin unterzutauchen. Siehst du die vielen Menschen? Aber viele sind nicht genügend aufmerksam und sehen die erste Bewegung des Wassers nicht; oder aber die Stärkeren stoßen in liebloser Weise die Schwächeren zurück. Man darf sich von den Zeichen Gottes nicht ablenken lassen. Man muß die Seele immer wachsam halten, denn man weiß nie, wenn Gott sich zeigt oder seinen Engel schickt. Und man darf nie selbstsüchtig sein, nicht einmal, um

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der Gesundheit willen. Oft geschieht es, daß diese Unglücklichen darüber streiten, wer das Wasser zuerst berühren darf oder wer es am nötigsten hat; so bringen sie sich um die Wohltat der Ankunft des Engels», erklärt Jesus geduldig dem kleinen Margziam, der ihn mit weitgeöffneten Augen aufmerksam anschaut und zugleich auch das Wasser im Auge behält.

«Kann man den Engel sehen? Das würde mir gefallen.»

«Levi, der Hirte, der in deinem Alter ist, sieht ihn. Paß auch du gut auf und sei bereit, ihn zu preisen!»

Der Knabe läßt sich nun von nichts mehr ablenken. Seine Augen blicken bald auf das Wasser, bald über das Wasser; anderes sieht und hört er nicht mehr.

Indessen betrachtet Jesus das kleine Volk der Kranken, Blinden, Krüppel und Gelähmten, die warten.

Auch die Apostel schauen aufmerksam zu. Die Sonne spielt mit ihrem Licht auf dem Wasser und bemächtigt sich als Königin auch der fünf Säulengänge, welche die Becken umgeben.

«Schau da, schau!» jubelt Margziam. «Das Wasser steigt, es bewegt sich, es funkelt! Was für ein Licht! Der Engel!»... und das Kind wirft sich auf die Knie.

Tatsächlich kommt Bewegung in das Wasser im Becken, das wie ein Spiegel in der Sonne gleißt und nun plötzlich anschwillt und bis zum Beckenrand ansteigt. Für einen Augenblick ein blendender Glanz! Ein Lahmer ist bereit, sich ins Wasser zu tauchen; gleich darauf steigt er wieder heraus, und das Bein, das durch eine große Narbe verunstaltet war, ist völlig geheilt. Die anderen beklagen sich und streiten mit dem Geheilten und werfen ihm vor, daß er nicht arbeitsunfähig war, wie sie es sind. Der Streit dauert an.

Jesus sieht sich um und erblickt einen Gelähmten, der auf seiner Bahre leise vor sich hinweint. Er nähert sich ihm, beugt sich über ihn und fragt: «Du weinst?»

«Ja. Niemand denkt an mich. Ich bin immer hier. Alle werden geheilt, ich nie. Schon achtundreißig Jahre liege ich auf dem Rücken. Ich habe meine ganze Habe aufgezehrt; meine Angehörigen sind gestorben, und nun bin ich bei einem entfernten Verwandten, der mich morgens hierher bringt und am Abend wieder abholt... Ich bin für ihn eine große Belastung! Oh, ich möchte sterben!»

«Verliere nur nicht den Mut. Du hast viel Geduld und Glauben bewiesen, Gott wird dich erhören!»

«Ich hoffe es... Aber es kommen Augenblicke der Trostlosigkeit. Du bist gut, aber die anderen... Wer geheilt ist, sollte sich Gott dankbar erweisen, hierbleiben, um den armen Brüdern zu helfen.»

«Das sollte er wirklich tun. Doch habe deswegen keinen Groll in deinem

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Herzen. Sie denken nicht daran. Es ist keine Bosheit ihrerseits. Die Freude, geheilt zu sein, macht sie zu Egoisten. Verzeih ihnen ...»

«Du bist gut. Du würdest nicht so handeln. Ich gebe mir Mühe, mich auf den Händen hinzuschleppen, wenn das Wasser aufwallt; doch es kommt mir immer ein anderer zuvor; am Rand kann ich mich nicht aufhalten, ich würde niedergetrampelt werden. Aber selbst wenn ich mich dort aufhalten würde, wer würde mich ins Wasser tauchen? Wenn ich dich früher gesehen hätte, hätte ich dich darum gebeten ...»

«Willst du wirklich geheilt werden? Dann erhebe dich! Nimm dein Bett und gehe!» Jesus hat sich erhoben, um diesen Befehl zu erteilen, und es scheint, als habe er auch den Gelähmten erhoben; denn dieser stellt sich auf seine Füße und macht ein, zwei, drei Schritte – er kann es kaum fassen – hinter Jesus her, der sich entfernt; und da er nun gewahr wird, daß er wirklich gehen kann, stößt er einen Schrei aus, so daß sich alle umwenden.

«Aber wer bist du? Im Namen Gottes, sage es mir! Bist du vielleicht der Engel des Herrn?»

«Ich bin mehr als ein Engel. Mein Name ist "Erbarmen". Geh im Frieden!»

Alle drängen sich herbei. Sie wollen sehen. Sie wollen reden. Sie wollen geheilt werden. Aber da kommen schon die Tempelwachen herbei, die anscheinend auch den Teich überwachen, und stoßen die schreiende Menge unter Drohungen zurück.

Der Gelähmte nimmt sein Bett: zwei Stangen auf zwei Paar kleinen Rädern und ein zerrissenes Tuch, das auf die Stangen genagelt ist; er geht glücklich davon und ruft Jesus zu: «Ich werde dich wiederfinden! Ich werde dein Gesicht und deinen Namen nicht vergessen.»

Jesus ist unter die Menge getreten; er geht in entgegengesetzter Richtung der Stadtmauer zu. Aber er hat die letzte Säulenhalle noch nicht verlassen, da hält ihn auch schon eine Gruppe von Juden der übelsten Klasse, wie von einer wilden Furie gepeitscht, an, alle vereint im Verlangen, Jesus Unverschämtheiten zu sagen. Sie suchen, sie schauen umher, sie forschen. Aber es gelingt ihnen nicht, zu erfahren, was vorgefallen ist, und Jesus geht weg, während die Juden, enttäuscht, sich auf einen Hinweis der Wächter auf den armen, glücklichen Geheilten stürzen und ihm vorwerfen: «Warum trägst du das Bett? Es ist Sabbat! Das ist dir nicht erlaubt!»

Der Mann schaut sie an und sagt: «Ich verstehe euch nicht. Ich weiß nur, daß er, der mich geheilt hat, sagte: "Nimm dein Bett und wandle." Das weiß ich!»

«Es war sicher ein Dämon, der dir befohlen hat, den Sabbat zu entheiligen. Wie sah er aus? Wer war es? Ein Jude? Ein Galiläer? Ein Proselyt?»

«Ich weiß es nicht. Er war hier. Er sah mich weinen und kam zu mir. Er

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sprach mit mir. Er heilte mich. Er ging mit einem Kind an der Hand weg. Ich glaube, es war sein Sohn; denn er ist alt genug, um einen Sohn jenes Alters zu haben.»

«Ein Kind? So war er es nicht! ... Wie war sein Name? Hast du ihn nicht gefragt? Lüge nicht!»

«Er hat mir gesagt, daß er "Erbarmen" heißt.»

«Du Dummkopf! Das ist doch kein Name!»

Der Mann hebt die Schultern und geht fort.

Die anderen sagen: «Er war es ganz bestimmt. Die Schriftgelehrten Ananias und Zachäus sahen ihn im Tempel.»

«Aber er hat doch keine Kinder!»

«Und doch ist er es. Er war mit seinen Jüngern da.»

«Aber Judas war nicht dabei, den kennen wir gut! Die anderen... sie können allerlei Volk sein.»

«Nein, sie gehören zu ihm!»

Der Wortstreit geht weiter, während die Säulenhallen sich wieder mit Kranken anfüllen...

Jesus kehrt von einer anderen Seite in den Tempel zurück. Von der Westseite her, die besonders mit der Stadt verbunden ist. Die Apostel folgen ihm. Jesus blickt umher und sieht schließlich das, was er sucht: Jonathan, der ihn ebenfalls sucht.

«Es geht ihm besser, Meister. Das Fieber sinkt. Deine Mutter sagt, daß sie hofft, bis zum kommenden Sabbat kommen zu können.»

«Danke Jonathan. Du bist pünktlich gewesen.»

«Nicht sehr. Maximinus des Lazarus hat mich aufgehalten. Er ist auf der Suche nach dir. Er ist zur Säulenhalle Salomons gegangen.»

«Ich werde ihn einholen. Der Friede sei mit dir, und bringe meinen Frieden der Mutter und den frommen Frauen, und auch Judas.»

Jesus geht eilends zur Säulenhalle Salomons, wo er tatsächlich Maximinus vorfindet.

«Lazarus hat erfahren, daß du hier bist. Er möchte dich sehen, um dir etwas Wichtiges mitzuteilen. Wirst du kommen?»

«Ohne Zweifel. Und zwar sehr bald. Du kannst ihm sagen, daß er mich in dieser Woche erwarten kann.»

Maximinus geht, nachdem sie noch einige Worte gewechselt haben.

«Beten wir noch etwas, da wir bis hierher zurückgekommen sind», sagt Jesus und geht auf den Vorhof der Hebräer zu.

Dort aber begegnet er dem geheilten Gelähmten, der dem Herrn im Tempel gedankt hat. Der Geheilte entdeckt Jesus in der Menge, begrüßt ihn freudig und erzählt, was ihm nach seinem Weggehen zustieß. Er schließt mit den Worten: «Einer, der sehr erstaunt über meine Heilung war, hat mir gesagt, wer du bist. Du bist der Messias. Ist das wahr?»

«Ich bin es! Aber auch, wenn du durch das Wasser oder eine andere

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Macht geheilt worden wärest, hättest du immer dieselbe Verpflichtung Gott gegenüber gehabt: jene, die Gesundheit zu guten Werken benützen. Du bist nun geheilt. Kehre daher mit guten Vorsätzen zu den täglichen Pflichten zurück. Und sündige nicht mehr, damit Gott dich nicht noch einmal strafen muß.

Geh in Frieden!»

«Ich bin alt... ich kann nichts... Aber ich möchte dir folgen, um dir zu dienen und um zu lernen. Willst du mich?»

«Ich weise niemand ab. Überlege es dir jedoch, bevor du kommst. Und wenn du dich entschlossen hast, dann komm!»

«Wohin? Ich weiß nicht, wohin du gehst ...»

«Durch die Welt. Überall wirst du Jünger finden, die dich zu mir führen. Der Herr erleuchte dich zu deinem Wohl!»

Jesus geht an seinen Platz und betet...

Ich weiß nicht, ob der Geheilte spontan zu den Juden tritt oder ob diese, auf der Lauer, ihn anhalten, um zu erfahren, ob der Mann, mit dem er soeben gesprochen hat, ihn auch auf wunderbare Weise heilte. Ich weiß nur, daß er sich mit den Juden unterhält und dann weitergeht, während sie sich zur Treppe begeben, die Jesus hinabsteigen muß, um zu den anderen Höfen und zum Ausgang des Tempels zu gelangen.

Als Jesus kommt, sagen sie zu ihm, ohne ihn zu grüßen: «Du fährst also fort, den Sabbat zu schänden nach all den Rügen, die dir schon erteilt worden sind! Und dann verlangst du noch, daß man dich als einen Gesandten Gottes achtet?»

«Als Gesandten? Noch viel mehr: als Sohn Gottes; denn Gott ist mein Vater. Wenn ihr mich nicht achten wollt, dann laßt es eben bleiben. Aber ich werde deswegen nicht aufhören, meine Mission auszuüben. Gott hört keinen Augenblick auf, tätig zu sein. Auch jetzt ist mein Vater tätig, und ich bin ebenfalls tätig; denn ein guter Sohn tut, was sein Vater tut, und ich bin gekommen, um auf Erden zu wirken.»

Das Volk hat sich angesammelt, um den Disput mitanzuhören. Es sind Leute darunter, die Jesus kennen, andere, die von ihm Wohltaten empfangen haben, und wieder andere, die ihn zum erstenmal sehen; einige lieben ihn, andere hassen ihn, die meisten sind unschlüssig. Die Apostel umringen den Meister. Margziam hat Angst, und sein Gesichtsausdruck verrät, daß er den Tränen nahe ist.

Die Juden, Schriftgelehrten, Pharisäer und Sadduzäer schreien laut und verärgert: «Du wagst es? Oh, du nennst dich Sohn Gottes? Sakrileg! Gott ist, der da ist, und er hat keinen Sohn! Ruft doch Gamaliel und holt Sadok! Versammelt die Rabbis, damit sie hören und widerlegen.»

«Regt euch nicht auf! Ruft sie, und sie werden euch sagen, ob es wahr ist, daß Gott der Eine und Dreieinige ist: Vater, Sohn und Heiliger Geist, und daß das Wort, also der Sohn des Gedankens, gekommen ist, wie es

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prophezeit ist, um Israel und die Welt von den Sünden zu erlösen. Das Wort bin ich! Ich bin der verheißene Messias! Es ist daher keine Gotteslästerung, wenn ich den Vater meinen Vater nenne. Ihr seid beunruhigt, weil ich Wunder wirke; weil ich dadurch die Menge an mich ziehe und sie überzeuge. Ihr klagt mich an, ein Dämon zu sein, weil ich Wunder wirke. Aber Beelzebub ist schon seit Jahrhunderten auf der Welt, und wahrlich, es fehlt ihm nicht an Anbetern... Warum tut er denn nicht, was ich tue?»

Das Volk flüstert: «Das stimmt! Das ist wahr! Niemand tut, was er tut.»

Jesus fährt fort: «Ich sage euch: es kommt daher, daß ich weiß, was er nicht weiß, und kann, was er nicht kann. Wenn ich die Werke Gottes vollbringe, dann deshalb, weil ich sein Sohn bin. Niemand kann etwas tun, was er nicht vorher einen anderen hat tun sehen. Ich, der Sohn, tue nur das, was ich den Vater habe tun sehen, da ich von Ewigkeit zu Ewigkeit eins mit ihm bin, und weder im Wesen noch im Wirken verschieden von ihm bin. Alle Dinge, die der Vater tut, vollbringe auch ich, da ich sein Sohn bin. Weder Beelzebub noch andere können das tun, was ich tue, weil weder Beelzebub noch die anderen das wissen, was ich weiß. Der Vater liebt mich, seinen Sohn, und er liebt mich ohne Maß, wie auch ich ihn liebe. Deshalb zeigt er mir immer alles, was er tut, damit ich das tue, was er tut: Ich auf der Erde in dieser Zeit der Gnade, er im Himmel seit den Zeiten, als es die Erde noch nicht gab. Und er wird mir immer noch größere Werke zeigen, die ich vollbringen soll, damit ihr euch darüber wundert.

Sein Gedanke ist unerschöpflich im Ausdenken. Ich ahme ihn nach, da ich unerschöpflich bin in der Erfüllung dessen, was der Vater denkt und in Gedanken wünscht. Ihr wißt noch nicht, was die unerschöpfliche Liebe alles vermag. Wir sind die Liebe. Und es gibt keine Begrenzung für uns, und es gibt nichts, was nicht angewendet werden könnte auf die drei Grade des Menschen: den niedrigen, den höheren und den geistigen. Und wahrlich, so wie der Vater die Toten erweckt und ihnen das Leben wiedergibt, so kann auch ich, der Sohn, das Leben denen geben, die ich erwecken will. Mehr noch, durch die unendliche Liebe des Vaters für den Sohn ist es mir erlaubt, nicht nur dem niederen, sondern auch dem höheren Grad das Leben wiederzugeben, durch die Befreiung des Gedankens und des Herzens des Menschen von den Irrtümern seines Verstandes und den bösen Leidenschaften; und was den geistigen Teil betrifft, so kann ich die Befreiung von den Sünden bewirken, denn der Vater verurteilt niemanden, sondern hat das Gericht dem Sohne übergeben, da der Sohn es ist, der durch sein eigenes Opfer die Menschheit erkauft, um sie zu erlösen; und das tut der Vater aus Gerechtigkeit, denn es ist nur gerecht, dem zu geben, der mit eigener Münze zahlt, und damit alle den Sohn ehren, wie sie bereits den Vater ehren.

Wißt also, wenn ihr den Vater vom Sohn trennt oder den Sohn vom

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Vater und euch der Liebe nicht erinnert, dann liebt ihr Gott nicht, wie es ihm gebührt: mit Wahrheit und Weisheit; sondern ihr verfällt der Irrlehre, sofern ihr nur einem allein die Ehre gebt, während sie eine wunderbare Dreifaltigkeit bilden. Wer den Sohn nicht ehrt, ist wie einer, der den Vater nicht ehrt: denn der Vater, Gott, nimmt es nicht hin, daß nur ein Teil von ihm angebetet wird. Er will in seiner Ganzheit angebetet werden. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn als seinen vollkommenen Gedanken der Liebe gesandt hat. Er leugnet daher, daß Gott seine Werke recht zu machen weiß.

In Wahrheit sage ich euch: wer mein Wort hört und an den glaubt, der mich gesandt hat, der wird das ewige Leben haben und nicht verdammt werden, sondern vom Tod zum Leben übergehen; denn an Gott glauben und mein Wort annehmen bedeutet, in sich das Leben aufnehmen, das nicht stirbt.

Die Stunde ist im Kommen, für viele ist sie bereits gekommen, in der die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören, und wer sie im Grunde des Herzens als Lebensspenderin vernommen hat, der wird leben.

Was sagst du, Schriftgelehrter?»

«Ich sage, daß die Toten nichts mehr hören und daß du von Sinnen bist.»

«Der Himmel wird dich überzeugen, daß es nicht so ist und daß dein Wissen nichts ist im Vergleich zum Wissen Gottes. Ihr habt die übernatürlichen Dinge so sehr vermenschlicht, daß ihr den Worten keine andere Bedeutung mehr gebt als eine unmittelbare und irdische. Ihr habt die Haggada gelehrt, auf bestimmte Formeln festgelegt, und zwar eure eigenen, ohne euch zu bemühen, die Allegorien in ihrer Wahrheit zu erfassen; und jetzt, da euch der Druck der Menschlichkeit, die über den Geist triumphiert, ermüdet hat, glaubt ihr das nicht mehr, was ihr selbst lehrt. Und das ist der Grund, weshalb ihr nicht mehr gegen die finsteren Mächte ankämpfen könnt.

Der Tod, von dem ich spreche, ist nicht der Tod des Fleisches, sondern der des Geistes. Es werden jene kommen, die mit den Ohren mein Wort hören, und es in ihr Herz aufnehmen und in die Tat umsetzen. Diese werden, auch wenn sie geistig tot sind, zum Leben erweckt; denn mein Wort ist Leben, das vergeistigt. Und ich kann es geben, wem ich will, denn in mir ist die Fülle des Lebens, und wie der Vater in sich das vollkommene Leben hat, so hat auch der Sohn das Leben vom Vater in sich selbst, das vollkommene, vollständige, ewige, unerschöpfliche und übertragbare Leben. Und mit dem Leben hat mir der Vater die Gewalt gegeben zu richten; denn der Sohn des Vaters ist der Menschensohn, und er kann und muß den Menschen richten.

Wundert euch nicht über diese erste, geistige Auferstehung, die ich mit meinem Wort bewirke. Ihr werdet noch viel größere Dinge sehen, größer

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für eure schwerfälligen Sinne, denn in Wahrheit sage ich euch, es gibt nichts Größeres als die unsichtbare, doch wirkliche Auferstehung eines Geistes. Bald kommt die Stunde, daß die Gräber von der Stimme des Gottessohnes durchdrungen werden, und alle, die in den Gräbern sind, werden sie hören. Und die Gutes getan haben, werden hervorgehen zur Auferstehung des ewigen Lebens, und die Böses getan haben, zur Auferstehung der ewigen Verdammung.

Ich will damit nicht sagen, daß ich es aus mir selbst und durch meinen eigenen Willen tue: ich handle durch den Willen meines Vaters, der mit dem meinigen vereinigt ist. Ich spreche und urteile gemäß dem, was ich höre, und mein Urteil ist richtig, weil ich nicht meinen Willen suche, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.

Ich bin nicht vom Vater getrennt. Ich bin in ihm, und er ist in mir, und ich kenne seine Gedanken und setze sie in Wort und Tat um.

Was ich da sage, um für mich Zeugnis abzulegen, kann für euren ungläubigen Geist unannehmbar sein, der in mir nichts anderes sehen will als einen Menschen, der euch allen gleich ist. Noch einen anderen gibt es, der für mich Zeugnis ablegt und von dem ihr sagt, daß ihr ihn als großen Propheten verehrt. Ich weiß, daß sein Zeugnis wahr ist. Aber ihr, die ihr sagt, daß ihr ihn verehrt, nehmt das Zeugnis nicht an, weil es euch nicht gefällt und ihr mir feindlich gesinnt seid. Ihr nehmt das Zeugnis des gerechten Mannes, des letzten Propheten Israels, nicht an, in allem, was euch nicht gefällt, und ihr sagt, auch er sei nur ein gewöhnlicher Mensch und könne irren.

Ihr habt Johannes fragen lassen in der Hoffnung, daß er, was mich betrifft, nach euren Gedanken antworten werde. Aber Johannes hat ein der Wahrheit entsprechendes Zeugnis abgelegt, und ihr habt es nicht angenommen. Denn der Prophet sagt, daß Jesus von Nazareth der Sohn Gottes ist; ihr aber sagt – doch nur im Herzen, denn ihr fürchtet die Menschen – daß der Prophet ein Wahnsinniger ist, wie es auch Christus ist. Ich selbst jedoch erhalte kein Zeugnis vom Menschen, auch wenn es sich um den Heiligsten von Israel handelt; ich sage euch: er war die brennende und leuchtende Lampe, ihr aber habt nur für kurze Zeit ihr Licht genutzt. Als dieses Licht sich über mich verbreitet hat, um euch Christus erkennen zu lassen als das, was er ist, da habt ihr die Leuchte unter den Scheffel gestellt. Vorher habt ihr schon zwischen euch und dem Licht eine Mauer errichtet, um im Schein des Lichtes nicht den Gesalbten des Herrn erkennen zu müssen.

Ich bin Johannes für sein Zeugnis dankbar, und auch der Vater ist ihm dafür dankbar. Und Johannes wird großen Lohn für dieses sein Zeugnis erhalten. Er wird daher im Himmel leuchten. Als die erste Sonne wird er strahlen, strahlen wie alle, die der Wahrheit treu und hungrig nach der Gerechtigkeit gewesen sind. Aber ich habe noch ein größeres Zeugnis als das

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des Johannes, und das ist das Zeugnis meiner Werke. Denn die Werke, die der Vater mir zu erfüllen aufgetragen hat, verrichte ich, und diese bezeugen, daß der Vater mich gesandt und mir jede Macht gegeben hat. Und so ist es der Vater selbst, der mich gesandt hat, der zu meinen Gunsten Zeugnis ablegt.

Ihr habt seine Stimme nie vernommen noch sein Antlitz geschaut. Aber ich habe ihn gesehen und sehe ihn immer. Ich habe ihn gehört und höre ihn. In euch wohnt nicht sein Wort, weil ihr nicht an ihn glaubt, der mich gesandt hat.

Ihr forscht in der Schrift, weil ihr glaubt, durch ihre Kenntnis das ewige Leben erwerben zu können. Und ihr seht nicht, daß gerade die Schriften es sind, die von mir sprechen. Und warum wollt ihr immer noch nicht zu mir kommen, um das Leben zu besitzen? Ich sage es euch: wenn ihr etwas findet, das euren verknöcherten Ideen widerspricht, weist ihr es zurück. Es fehlt euch die Demut! Ihr bringt es nicht über euch, zu sagen: "Ich habe gefehlt; dieser oder dieses Buch sagen die Wahrheit, und ich bin im Irrtum." So habt ihr es mit Johannes getan, so mit den Schriften, so mit dem Wort, das zu euch spricht. Ihr könnt nicht mehr sehen und verstehen, weil ihr in eurem Hochmut eingehüllt und von euren eigenen Stimmen besessen seid.

Glaubt ihr, daß ich so zu euch spreche, weil ich von euch verherrlicht werden möchte? Nein, wißt, ich suche und nehme kein Lob von den Menschen an. Was ich suche und will, ist euer ewiges Heil. Das ist die Ehre, die ich suche. Mein Ruhm als Erlöser kann kein anderer sein als Erlöste zu haben, und ich werde um so größer sein, je mehr Erlöste ich habe. Das ist die Ehre, die mir gegeben werden muß von den geretteten Seelen und vom Vater und vom Heiligen Geist. Aber ihr werdet nicht gerettet werden. Ich habe euch erkannt wie ihr wirklich seid. Ihr habt keine Gottesliebe in euch. Ihr seid ohne Liebe. Und deswegen gelangt ihr nicht zur Liebe, die zu euch spricht, und deswegen geht ihr nicht ins Reich der Liebe ein. Dort seid ihr unbekannt. Der Vater kennt euch nicht, weil ihr mich nicht anerkennt, der ich im Vater bin. Ihr wollt mich nicht erkennen.

Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr habt mich nicht aufgenommen, während ihr bereit seid, einen jeden aufzunehmen, der im eigenen Namen kommt, vorausgesetzt, daß er euch nach dem Mund redet. Ihr sagt, daß in euren Seelen der Glaube zuhause ist. Nein, das ist nicht wahr. Wie könnt ihr glauben, ihr, die ihr um irdische Ehre bettelt, und nicht den Ruhm des Himmels sucht, der von Gott allein ausgeht? Den Ruhm, der die Wahrheit ist, und nicht ein Interessenspiel, das nicht über die weltlichen Dinge hinausgeht und nur der lasterhaften Menschlichkeit der entarteten Söhne Adams schmeichelt.

Ich werde euch beim Vater nicht anklagen. Denkt so etwas nie! Es ist schon einer da, der euch anklagt. Es ist Moses, auf den ihr hofft. Er wird

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euch vorwerfen, daß ihr nicht an ihn glaubt, weil ihr nicht an mich glaubt; denn er hat von mir gesprochen, und ihr erkennt mich nicht an dem, was er schriftlich hinterlassen hat. Ihr glaubt nicht an die Worte von Moses, der doch jener Große ist, bei dem ihr schwört! Wie könnt ihr an die Worte des Menschensohnes glauben, der für euch ein Gotteslästerer ist? Menschlich gesprochen ist das logisch. Aber hier befinden wir uns auf dem Gebiet des Geistes, und eure Seelen sind im Widerspruch zu ihm. Gott beobachtet sie im Licht meiner Werke, und er vergleicht eure Handlungen mit dem, was ich euch zu lehren gekommen bin. Und Gott richtet euch.

Ich gehe jetzt. Lange Zeit werdet ihr mich nicht wiedersehen. Wißt, daß dies kein Sieg ist, sondern eine Strafe. Gehen wir!»

Und Jesus durchschreitet die Menge, die teils verstummt ist, teils aus Furcht vor den Pharisäern beifällig flüstert, und entfernt sich.

267. IN BETHANIEN; «MEISTER, MARIA HAT MARTHA GERUFEN»

Jesus geht an einem wunderschönen Sommermorgen in Begleitung des Zeloten in den Garten des Lazarus. Die Morgenröte ist noch nicht erloschen und daher ist alles noch frisch und strahlend.

Der Gartendiener eilt herbei, um den Meister zu empfangen, weist auf den Zipfel eines weißen Gewandes hin, das hinter einer Hecke verschwindet, und sagt: «Lazarus geht mit Schriftrollen zur Jasminlaube, um zu lesen. Ich rufe ihn sofort.»

«Nein, ich gehe selbst zu ihm! Ganz allein.»

Und Jesus folgt behende einem Pfad, der von blühenden Hecken eingesäumt ist. Das Gras am Wegrand dämpft das Geräusch der Schritte, und Jesus sucht gerade auf diesem zu gehen, um Lazarus zu überraschen.

Das gelingt ihm auch. Lazarus steht aufrecht da, die Schriftrollen auf einem Marmortisch ausgebreitet, und betet mit lauter Stimme: «Enttäusche mich nicht, o Herr. Laß sie wachsen, diese Hoffnung, die in meinem Herzen entsprungen ist. Gewähre mir, um was ich dich unter Tränen zehn- und hundertmal gebeten habe. Das, um das ich dich auch mit meinen Handlungen, meinem Verzeihen und meinem ganzen Ich gebeten habe! Gib es mir und nimm mein Leben dafür! Gib es mir im Namen deines Jesu, der mir den Frieden versprochen hat. Kann er je die Unwahrheit sagen? Soll ich annehmen, daß sein Versprechen nur leeres Wort war? Ist denn seine Macht geringer als der Sündenabgrund meiner Schwester? Sage es mir, Herr, und ich werde mich um deiner Liebe willen damit abfinden ...»

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«Ja, ich sage es dir!» sagt Jesus.

Lazarus wendet sich mit einem Ruck um und ruft: «Oh, mein Herr! Aber wann bist du gekommen?» Dann beugt er sich nieder, um das Gewand Jesu zu küssen.

«Vor einigen Minuten.»

«Allein?»

«Mit Simon dem Zeloten. Aber hierher, wo du bist, wollte ich allein gehen. Ich weiß, daß du mir etwas Wichtiges zu sagen hast. Sage es mir also.»

«Nein! Antworte mir zuerst auf die Fragen, die ich an Gott richte. Entsprechend deiner Antwort werde ich es dir sagen.»

«Sage sie mir, sage sie mir, diese deine große Neuigkeit. Du kannst sie mir sagen ...» Und Jesus lächelt, während er in einladender Weise seine Arme ausbreitet.

«Allerhöchster Gott! Aber ist es wirklich wahr? Du weißt also, daß es wahr ist?!» und Lazarus sinkt Jesus in die Arme, um ihm seine wichtige Neuigkeit anzuvertrauen.

«Maria hat Martha nach Magdala gerufen. Und Martha ist besorgt abgereist, da sie fürchtete, daß etwas Schlimmes vorgefallen sei... Ich bin hier mit der gleichen Angst zurückgeblieben. Aber Martha hat mir durch den sie begleitenden Diener einen Brief zukommen lassen, der mich mit Hoffnung erfüllt. Schau, ich habe ihn hier an meiner Brust. Ich bewahre ihn hier auf, denn er ist mir der kostbarste Schatz. Es sind nur wenige Worte, aber ich lese sie immer wieder, um sicher zu sein, daß sie wirklich geschrieben worden sind. Schau ...» Lazarus nimmt eine kleine Schriftrolle, die mit einem violetten Band gebunden ist, aus seinem Gewand und öffnet sie. «Siehst du? Lies, lies! Mit lauter Stimme. Von dir vorgelesen, überzeugen die Worte mich mehr!»

«"Lazarus, mein Bruder. Friede und Segen sei über dich. Ich bin schnell und gut angekommen. Und mein Herz schlägt nicht mehr aus Furcht vor neuem Unglück, denn ich habe Maria gesehen, unsere Maria, gesund und... darf ich es dir sagen? ... in ihrem Aussehen nicht mehr so zügellos wie vorher. Sie hat an meinem Herzen geweint. Heftig geweint... Und dann in der Nacht, im Zimmer, in das sie mich geführt hatte, hat sie mich viele Dinge über den Meister gefragt. Ich will dir nicht mehr darüber sagen; aber da ich das Antlitz von Maria gesehen und ihre Worte gehört habe, ist in meinem Herzen eine Hoffnung erwacht. Bete, Bruder! Hoffe! Oh! Möchte es doch wahr sein! Ich bleibe noch etwas, denn ich fühle, daß sie mich in ihrer Nähe haben will, als Schutz gegen die Versuchung. Und um zu lernen... Was? Das, was wir schon kennen. Die unendliche Güte Jesu. Ich habe ihr von jener Frau erzählt, die nach Bethanien gekommen ist... Ich sehe, daß Maria nachdenkt und nachdenkt... Jesus müßte hier sein. Bete. Hoffe. Der Herr sei mit dir."» Jesus legt die Rolle zusammen und gibt sie Lazarus zurück.

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«Meister ...»

«Ich werde hingehen. Kannst du Martha benachrichtigen, daß sie mir in ungefähr vierzehn Tagen bis nach Kapharnaum entgegenkommen soll?»

«Das ist möglich, Herr. Und ich?»

«Du bleibst hier, denn auch Martha werde ich hierher schicken.»

«Warum?»

«Weil Bekehrungen mit tiefer Scham verbunden sind. Und nichts ist beschämender als das Auge der Eltern oder der Geschwister. Ich sage dir darum: "Bete, bete, bete!"»

Lazarus weint an der Brust Jesu... Nachdem er sich beruhigt hat, erzählt er von seiner Aufregung und seinen Entmutigungen...

«Es ist fast ein Jahr, daß ich hoffe... und verzweifle... Wie lange dauert die Zeit der Auferstehung! ...» ruft er aus. Jesus läßt ihn reden, reden, reden... bis Lazarus merkt, daß er seine Pflicht der Gastfreundschaft vernachlässigt, und sich erhebt, um Jesus ins Haus zu bitten. Auf dem Weg kommen sie an einer dichten Hecke blühenden Jasmins vorbei, auf dessen sternförmigen Blüten goldfarbene Bienen schwirren.

«Ah! Ich vergaß dir zusagen... Der alte Patriarch, den du mir geschickt hast, ist in den Schoß Abrahams zurückgekehrt. Maximinus hat ihn hier sitzend vorgefunden, das Haupt an diese Hecke gestützt, als ob er bei den Bienenstöcken eingeschlafen wäre, die er immer versorgt hat, als ob es Häuser voll goldener Kinder wären. Er nannte die Bienen Kinder. Es schien, als verständen sie sich gegenseitig.

Und als Maximinus den im Frieden des guten Gewissens entschlafenen Greis fand, schien er mit einem kostbaren Schleier kleiner goldener Körper bedeckt zu sein. Alle Bienen hatten sich auf ihrem Freund niedergelassen. Die Diener hatten große Mühe, sie zu entfernen. Er war so gut, daß er den Bienen Honig zu sein schien... Er war so tugendhaft; für die Bienen wie eine unbefleckte Blüte... Es war für mich sehr schmerzhaft. Ich hätte ihn noch gerne länger in meinem Haus behalten. Er war ein Gerechter ...»

«Beweine ihn nicht. Er ist im Frieden, und in seinem Frieden betet er für dich, der du ihm die letzten Tage erhellt hast. Wo ist er begraben?»

«Im Hintergrund des Gartens. Ganz in der Nähe seiner Bienenstöcke. Komm, ich will dich hinführen ...»

Sie gehen durch einen kleinen Wald von wachshaltigen Lorbeerbäumen zu den Bienenstöcken, von denen ein emsiges Gesumme zu ihnen dringt...

23. Juli, 8 Uhr, vormittags.

Es ist ein gar bleicher Judas, der vom Wagen steigt zusammen mit der Madonna und den Jüngerinnen, also den Marien, Johanna und Elisa...

... Aufgrund des Durcheinanders, der diesen Morgen in meinem Haus geherrscht hat, habe ich nicht schreiben können, während ich die Schauung hatte, und daher kann ich jetzt,

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gegen 18 Uhr, nur sagen, daß ich begriffen und gehört habe, daß der genesende Judas zu Jesus zurückkehrt und daß er sich in Gethsemane befindet mit Maria, die ihn gepflegt hat, und mit Johanna, die darauf besteht, daß die Frauen und der Genesende mit dem Wagen nach Galiläa zurückkehren. Jesus ist damit einverstanden und ordnet an, daß auch der Knabe mit ihnen reise. Johanna und Elisa bleiben noch einige Tage in Jerusalem; dann wird Elisa nach Bethsur und Johanna nach Bether zurückkehren. Ich erinnere mich, daß Elisa sagte: «Jetzt habe ich den Mut, dorthin zurückzukehren, weil mein Leben nicht mehr sinnlos ist. Ich werde dafür sorgen, daß meine Freunde dich lieben.» Und ich erinnere mich, daß Johanna hinzufügte: «Dasselbe will ich auf meinen Ländereien tun, solange Chuza mich hierläßt. Das wird immer ein Dir-Dienen sein, obwohl ich es vorzöge, dir zu folgen.»

Ich erinnere mich auch, daß Judas sagte, er habe sich nicht einmal in den schlimmsten Stunden seiner Krankheit nach seiner Mutter gesehnt, weil, wie er sagte: «Deine Mutter mir eine wahre, gütige und liebevolle Mutter gewesen ist, was ich ihr niemals vergessen werde.»Das Übrige ist wirr (was die Worte betrifft), und daher will ich es nicht sagen; denn es wären meine Worte und nicht die Worte der Personen, die in der Vision sprechen.

268. MARGZIAM WIRD PORPHYRIA, DER FRAU DES PETRUS, ANVERTRAUT

Jesus ist zusammen mit seinen Aposteln auf dem See von Galiläa. Es ist früher Morgen. Alle Apostel sind anwesend. Auch Judas, der nun vollkommen geheilt ist und nach der Krankheit und dank der Pflege einen milderen Gesichtsausdruck hat. Margziam ist ebenfalls dabei, etwas beeindruckt von seinem ersten Aufenthalt auf dem Wasser. Er will es nicht merken lassen, aber bei jedem stärkeren Wellenstoß umklammert er mit einem Arm den Hals des Schafes, das seine Furcht teilt und jämmerlich blökt, während der andere Arm nach dem greift, was er gerade fassen kann: Mastbaum, Bänke, Ruder oder auch ein Bein des Petrus, des Andreas oder der Schiffsjungen, die vorübergehen. Er schließt dabei die Augen, vielleicht in der Überzeugung, daß seine letzte Stunde gekommen sei.

Petrus sagt ihm bisweilen mit einem kleinen Klaps auf die Wangen: «Hast du etwa Angst, he? Ein Jünger darf nie Furcht haben.» Das Kind verneint mit einer Kopfbewegung. Da jedoch der Wind stärker und das Wasser unruhiger werden, je mehr das Boot sich der Jordanmündung nähert, klammert es sich fester an und schließt öfter die Augen, bis ihm bei einem plötzlichen Schiefliegen des Bootes infolge einer Flutwelle ein Angstschrei entschlüpft.

Einige lachen und scherzen über Petrus, der einen Sohn angenommen hat, der nicht in einem Boot aufrecht stehen kann; andere scherzen über Margziam, der immer davon spricht, daß er über Land und Meer reisen will, um von Jesus zu predigen, und sich dann fürchtet, wenn er einige Stadien auf dem See zurücklegen muß. Aber Margziam verteidigt sich mit den Worten: «Ein jeder hat Furcht vor den Dingen, die er nicht kennt. Ich vor dem Wasser, und Judas vor dem Tod...»

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Ich schließe daraus, daß Judas große Furcht vor dem Sterben haben muß, und ich wundere mich, daß er nicht auf die Bemerkung eingeht und nur sagt: «Das hast du gut gesagt. Man fürchtet sich vor dem, was man nicht kennt. Jetzt aber sind wir am Ziel. Bethsaida ist nur wenige Stadien entfernt. Du darfst sicher sein, daß du hier Liebe finden wirst. Auch ich möchte meinem väterlichen Haus nahe sein, um sicher zu gehen, Liebe zu finden!» Er sagt es müde und traurig.

«Hast du kein Gottvertrauen?» fragt Andreas erstaunt.

«Nein, ich mißtraue mir selbst. In diesen Tagen der Krankheit, umgeben von vielen reinen und guten Frauen, habe ich mich so klein gefühlt! Viel habe ich da nachgedacht! Ich sagte mir: "Wenn sie noch arbeiten, um besser zu werden und den Himmel zu erwerben, was muß ich dann wohl tun?" Denn sie, die mir schon alle als Heilige erscheinen, fühlten sich noch Sünderinnen. Und ich? ... Werde ich dies jemals erreichen, Meister ?»

«Mit gutem Willen kann man alles!»

«Aber mein Wille ist sehr unvollkommen.»

«Die Hilfe Gottes kann das Fehlende ergänzen, um heilig zu werden. Deine augenblickliche Demut stammt aus der Krankheit. Du siehst also, daß der gute Gott dafür gesorgt hat, dir mittels eines schmerzlichen Zwischenfalles etwas zu geben, was du vorher nicht kanntest.»

«Es ist wahr, Meister. Aber diese Frauen! Was für vollkommene Schülerinnen! Von deiner Mutter ganz zu schweigen. Man kennt sie! Ich meine die anderen. Oh, die sind uns wahrlich überlegen! Ich bin eines der ersten Beispiele für ihre künftige Mission. Aber glaube mir, Meister, du kannst dich auf sie verlassen. Ich und Elisa waren in ihrer Pflege; sie ist mit geheiltem Gemüt nach Bethsur zurückgekehrt, und ich hoffe, ich hoffe, mich zu bessern, nachdem sie an meiner Seele gearbeitet haben ...» Judas, noch geschwächt, beginnt zu weinen. Jesus, der sich neben ihn gesetzt hat, legt die Hand auf sein Haupt und gibt den anderen ein Zeichen, nicht zu reden.

Petrus und Andreas sind sehr mit den letzten Landungsmanövern beschäftigt und sprechen nicht, und auch der Zelote, Matthäus, Philippus und Margziam sind nicht versucht, zu reden, teils wegen der ängstlichen Erwartung der Landung, teils aus Klugheit.

Die Barke lenkt in die Mündung des Jordan ein und liegt bald fest auf dem Kies. Während die Burschen aussteigen, um sie an einem großen Stein zu befestigen und das Brett, das als Landebrücke dient, anzubringen, legen Petrus und Andreas ihre langen Gewänder an. Die andere Barke macht dasselbe Landungsmanöver, und die anderen Apostel steigen aus. Auch Jesus und Judas steigen aus, während Petrus dem Knaben das Gewand anzieht und ihn in Ordnung bringt, um ihn seiner Frau vorzustellen.

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Jetzt sind alle an Land, die Lämmer eingeschlossen.

«Und nun gehen wir», sagt Petrus, aufgeregt. Er nimmt den ebenfalls aufgeregten Knaben bei der Hand, der sogar die Schäflein vergißt, deren sich nun Johannes annimmt. Der Knabe fragt in einem plötzlichen Anfall von Angst: «Aber wird sie mich auch haben wollen? Und wird sie mich wirklich liebhaben?» Petrus beruhigt ihn; doch vielleicht überträgt sich die Angst auch auf ihn, denn er sagt zu Jesus: «Sprich du, Meister, mit Porphyria. Ich glaube, daß ich es nicht gut sagen würde.» Jesus lächelt, verspricht jedoch, daß er sich der Sache annehmen will. Dem kiesigen Ufer folgend ist das Haus bald erreicht. Durch die offene Tür hört man, daß Porphyria gerade ihre häuslichen Arbeiten verrichtet.

«Der Friede sei mit dir!» sagt Jesus, der sich an der Küchentüre zeigt, wo die Frau gerade ihr Geschirr in Ordnung bringt.

«Meister! Simon!» Die Frau eilt herbei, um sich Jesus und ihrem Ehemann zu Füßen zu werfen. Dann steht sie auf und sagt mit ihrem gutmütigen, wenn auch nicht schönen Gesicht, errötend: «Wie sehr habe ich mich nach euch gesehnt! Seid ihr alle wohlauf? Kommt! Kommt! Ihr werdet müde sein ...»

«Nein! Wir kommen von Nazareth, wo wir einige Tage verbracht haben, und in Kana haben wir nochmals haltgemacht. In Tiberias lagen die Barken. Du siehst, daß wir nicht müde sind. Wir haben ein Kind bei uns. Und Judas des Simon ist immer noch von seiner Krankheit geschwächt.»

«Ein Kind? Einen kleinen Jünger?»

«Ein Waisenkind, das wir auf dem Weg mitgenommen haben.»

«Oh, Liebling! Komm Schatz, laß mich dich küssen!»

Der Knabe, der sich schüchtern halb hinter Jesus versteckt hatte, läßt sich ohne Widerstreben von der Frau umarmen und küssen, die niedergekniet ist, um auf der gleichen Höhe zu sein.

«Und nun nehmt ihr ihn immer mit euch, obwohl er noch so klein ist? Das wird ihn ermüden ...» Die Frau hat Mitleid mit dem Kind. Sie umarmt es und legt ihre Wange an die seine.

«Eigentlich hatte ich eine andere Absicht. Ich wollte ihn einer Jüngerin anvertrauen, wenn wir uns von Galiläa und vom See entfernen ...»

«Warum nicht mir? Ich habe nie Kinder gehabt. Dafür aber Neffen und Nichten, und ich weiß mit Kindern umzugehen. Ich bin die Jüngerin, die nicht zu reden versteht, und die nicht so kräftig und gesund ist, um dir wie die anderen folgen zu können. Oh, du weißt es! Ich bin auch wankelmütig; aber du weißt, in welcher Klemme ich mich befinde. Habe ich Klemme gesagt? Ich bin zwischen zwei Stricken, die mich in entgegengesetzte Richtungen ziehen, und ich habe nicht den Mut, einen von den beiden zu durchschneiden. Laß mich dir wenigstens in etwas dienen und die Mama-Jüngerin dieses Kindes sein. Ich werde ihm alles beibringen, was die vielen anderen lehren... dich zu lieben! ...»

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Jesus legt ihr die Hand aufs Haupt, lächelt und sagt: «Wir haben das Kind hierhergebracht, weil es hier eine Mutter und einen Vater finden soll. Sieh her, jetzt bilden wir die Familie.» Und Jesus legt die beiden Hände des Margziam in die Hand des Petrus, der mit glänzenden Augen dasteht, und in die Hand der Porphyria: «Erzieht mir diesen Unschuldigen heiligmäßig!»

Petrus weiß ja schon Bescheid; deshalb beschränkt er sich darauf, mit dem Handrücken eine Träne abzuwischen. Seine Frau aber, die diese Überraschung nicht erwartet hat, bleibt eine Weile stumm vor Staunen. Dann kniet sie wiederum nieder und sagt: «Oh, mein Herr! Du hast mir meinen Mann genommen und mich fast zur Witwe gemacht. Nun aber gibst du mir einen Sohn... Du gibst meinem Leben alle Rosen zurück; nicht nur jene, die du mir genommen hast, sondern auch andere, die ich nie besessen habe. Sei darum gepriesen! Mehr als ein eigenes soll mir dieses Kind lieb sein, denn es kommt von dir!» Und die Frau küßt das Gewand Jesu, küßt das Kind und setzt es sich auf den Schoß. Sie ist glücklich...

«Überlassen wir sie nun ihren Gefühlsergüssen», sagt Jesus.

«Bleibe auch du hier, Simon. Wir wollen in die Stadt gehen, um zu predigen. Wir werden am späten Abend zurückkommen und dich um Speise und ein Lager bitten.»

Jesus geht mit seinen Aposteln hinaus, und die drei bleiben im Frieden zurück...

Johannes sagt: «Mein Herr, Simon ist heute selig!»

«Möchtest du auch ein Kind?»

«Nein! Ich möchte nur ein Paar Flügel, die mich bis an die Pforte des Himmels tragen, und ich möchte die Sprache des Lichtes erlernen, um sie den Menschen wiederholen zu können», und er lächelt.

Sie bringen die Schafe im Hintergrund des Gartens, beim Schuppen der Netze unter, geben ihnen Blätter und Gras und dazu Wasser aus dem Brunnen. Dann begeben sie sich in die Stadt.

269. JESUS SPRICHT IN BETHSAIDA

Jesus spricht vom Haus des Philippus aus. Viel Volk ist dort vor Jesus versammelt, der aufrecht auf der Schwelle steht, zu welcher zwei hohe Stufen führen.

Die Neuigkeit vom Adoptivsohn des Petrus, der mit seinem kleinen Reichtum von drei Schäflein gekommen ist und den großen Reichtum einer Familie vorgefunden hat, hat sich wie ein Tropfen Öl auf einem Gewebe ausgebreitet. Alle reden davon und flüstern, je nach ihrer

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Denkungsart, die entsprechenden Bemerkungen. Wer Petrus und Porphyria gut gesinnt ist, teilt ihre Freude. Der Mißgünstige sagt: «Damit sie ihn annehmen, mußte er ihn mit einer Mitgift ausstatten.» Der Gutgesinnte sagt: «Wir wollen alle diesen Kleinen lieben, den Jesus liebt.» Der Bösartige meint: «Die Großmut des Petrus! Aber sicher! Er wird gewiß einen Gewinn daraus schlagen, andernfalls! ...»

Andere Habgierige: «Auch ich hätte es getan, wenn ich die drei Schäflein zum Kind dazubekommen hätte. Drei, habt ihr verstanden?! Das gibt eine kleine Herde. Und schön sind sie! Wolle und Milch sind gesichert; man kann die Lämmlein verkaufen oder aufziehen! Jedenfalls ein Reichtum! Der Junge kann dienen, kann arbeiten ...»

Andere erheben laut die Stimme: «Oh, Schande! Sich eine Wohltat bezahlen lassen? Simon hat bestimmt nicht daran gedacht. In seiner bescheidenen Wohlhabenheit als Fischer haben wir ihn immer als großherzig den Armen und besonders den Kindern gegenüber gekannt. Es ist nur recht und billig, daß er jetzt, da er weniger durch den Fischfang verdient und eine Person mehr in der Familie hat, auf andere Weise noch etwas dazuverdient.»

Während so ein jeder seine Bemerkung macht, indem er aus seinem eigenen Herzen hervorzieht, was an Gutem oder Bösem darin verborgen ist und es in Worte kleidet, unterhält sich Jesus mit jemandem aus Kapharnaum, der ihn bittet, sobald als möglich in diese Stadt zu kommen, da die Tochter des Synagogenvorstehers im Sterben liege und außerdem seit einigen Tagen eine von einer Dienerin begleitete Dame nach ihm suche. Jesus verspricht, am nächsten Morgen hinzugehen. Das betrübt die Leute von Bethsaida, die ihn gerne einige Tage in ihrer Mitte sehen würden.

«Ihr braucht mich weniger als die anderen. Laßt mich gehen! Übrigens werde ich während des Sommers in Galiläa bleiben und oft in Kapharnaum sein. Wir werden uns leicht sehen können. Dort befinden sich ein Vater und eine Mutter in Ängsten. Die Liebe verlangt, ihnen zu helfen. Ihr lobt die Güte Simons gegenüber einem Waisenkind, wenigstens die Guten unter euch. Nur das Urteil der Guten hat einen Wert. Den Bösen, mit ihren von Gift und Lüge gefärbten Ansichten, soll man kein Gehör schenken. So müßt ihr Guten auch meine Güte billigen und mich hingehen lassen, um einen Vater und eine Mutter von ihrem Kummer zu befreien. Sorgt dafür, daß eure Zustimmung nicht unfruchtbar bleibt, sondern zur Nachahmung anspornt.

Wieviel Gutes durch eine gute Tat entstehen kann, sagen euch die Seiten der Schrift. Denken wir an Tobias. Er hat es verdient, daß der Erzengel den jungen Tobias in seinen Schutz nahm und ihn anleitete, dem Vater das Augenlicht wiederzugeben. Doch wieviel rechte Nächstenliebe ohne eigene Interessen hat der rechtschaffene Tobias geübt, trotz der tadelnden Worte seiner Frau und der Gefahren für sein Leben! Und erinnert euch

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der Worte des Erzengels: "Eine gute Sache ist, verbunden mit Fasten und Almosengeben, Gebet: es ist mehr wert als Berge von Goldschätzen, denn das Almosen befreit vom Tod, reinigt von den Sünden, läßt Barmherzigkeit und das ewige Leben finden... Als du unter Tränen gebetet und die Toten begraben hast... habe ich deine Gebete zum Herrn getragen."

Wahrlich ich sage euch, mein Simon wird in vielen Dingen die Tugenden des alten Tobias übertreffen. Er wird wie ein Vormund eurer Seelen in meinem Leben sein, wenn ich gegangen bin. Jetzt beginnt er mit seiner Vaterschaft für die Seelen, um morgen der heilige Vater aller mir treu ergebenen Seelen zu sein. Murrt daher nicht! Aber wenn ihr eines Tages ein Waisenkind wie einen aus dem Nest gefallenen Vogel auf eurem Weg findet, nehmt es auf. Der Bissen Brot, den ihr mit einem Waisenkind teilt, wird das Mahl der eigenen Kinder nicht schmälern; vielmehr bringt das Waisenkind dem Haus den Segen Gottes. Tut dies, da Gott der Vater der Waisen ist und sich in ihnen anbietet, und helft ihnen, das Nest wieder herzurichten, das der Tod zerzaust hat. Tut dies, weil es das Gesetz vorschreibt, das Moses, der unser Gesetzgeber ist, von Gott bekommen hat. Er hat im Land der Feinde und der Götzen als Kind ein erbarmungsvolles Herz gefunden, das ihn vor dem Tod bewahrt, das ihn aus dem Wasser gezogen und vor den Verfolgungen beschützt hat, weil Gott ihn dazu bestimmt hatte, dereinst der Befreier Israels zu sein. Ein Akt der Barmherzigkeit hat Israel den Führer geschenkt. Die Folgen einer guten Tat sind wie Tonwellen, die sich vom Sendepunkt ausbreiten, oder, wenn euch das besser gefällt, wie der Wind, der verlorene Samenkörner fern auf fruchtbare Erdschollen trägt. Geht nun. Der Friede sei mit euch!»

270. DIE BLUTFLÜSSIGE FRAU UND DIE TOCHTER DES JAIRUS

Jesus befindet sich auf einer sonnenbeschienenen, staubigen Straße, die am Ufer des Sees entlang führt. Er geht auf eine Ortschaft zu, in der ihn eine große Menschenmenge erwartet, die ihn sofort umringt, obgleich die Apostel mit Armen und Schultern arbeiten, um ihm Raum zu schaffen und mit lauter Stimme das Volk auffordern, Platz zu machen.

Doch Jesus ist keineswegs wegen dieses großen Durcheinanders beunruhigt. Einen Kopf größer als die Menge, die ihn umgibt, schaut er mit sanftem Lächeln auf die ihn Umdrängenden, erwidert ihre Grüße, liebkost das eine oder andere Kind, dem es gelingt, sich durch die Menge der Erwachsenen zu nähern, und legt seine Hand auf die Köpfchen der Säuglinge, welche die Mütter ihm über die Köpfe der Umstehenden entgegenhalten, damit er sie berühre. Inzwischen geht er weiter, langsam und

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geduldig inmitten des Geschreies und des ständigen Gedränges, das jeder andere als lästig empfinden würde.

Eine Männerstimme ruft: «Macht Platz, macht Platz!» Es ist eine kummervolle Stimme, die jedoch von vielen erkannt und als die einer einflußreichen Person geachtet wird; denn die Menge weicht auseinander, nur mit Mühe, weil sie so dicht gedrängt steht, und läßt einen Mann um die Fünfzig durch, der mit einem langen, wallenden Gewand und einem weißen Kopftuch, dessen Zipfel längs des Gesichtes und den Rücken hinunterfallen, daherkommt.

Bei Jesus angelangt, wirft er sich ihm zu Füßen und sagt: «Oh, Meister, weshalb bist du so lange weggewesen? Mein Töchterlein ist sehr krank. Keinem gelingt es zu helfen. Du allein bist meine und seiner Mutter Hoffnung. Komm, Meister! Ich habe dich mit unendlicher Sehnsucht erwartet. Komm, komm schnell! Mein einziges Kind liegt im Sterben ...» und er weint.

Jesus legt seine Hände auf das Haupt des Weinenden, auf das gebeugte und vom Schluchzen geschüttelte Haupt, und antwortet: «Weine nicht! Habe Vertrauen! Dein Töchterlein wird leben. Wir wollen zu ihm gehen. Steh auf! Gehen wir!» Diese beiden letzten Worte klingen wie ein Befehl. Zuvor war er der Tröster. Jetzt ist es der Herrscher, der spricht.

Sie setzen sich in Bewegung. Jesus hat den weinenden Vater an der Seite und hält ihn an der Hand. Als ein lautes Schluchzen den starken Mann schüttelt, sehe ich, wie Jesus ihn anblickt und ihm die Hand drückt. Er tut nichts anderes, aber wieviel Kraft muß in eine Seele einfließen, wenn sie sich von Jesus betreut fühlt! Vorher war Jakobus an der Stelle des Vaters gewesen. Aber Jesus hat ihn aufgefordert, dem armen Vater seinen Platz zu überlassen. Petrus ist auf der anderen Seite. Johannes geht neben Petrus und sucht mit ihm einen Damm gegen den Andrang der Menge zu bilden. Dasselbe tun Jakobus und Iskariot auf der anderen Seite, auf der sich der weinende Vater befindet. Die übrigen Apostel sind teils vor, teils hinter Jesus. Doch mit geringem Erfolg. Besonders den dreien hinter ihnen, unter welchen ich Matthäus erkenne, gelingt es kaum, die lebende Mauer zurückzudrängen. Aber als sie zu murren und die aufgeregte Menge zu beschimpfen anfangen, wendet Jesus das Haupt und sagt sanft: «Laßt diese meine Kleinen nur gewähren! ...»

In einem gewissen Augenblick jedoch dreht er sich plötzlich um, läßt sogar die Hand des Vaters los und bleibt stehen. Er wendet nicht nur das Haupt, sondern macht mit dem ganzen Körper kehrt. Er scheint auch viel größer, denn er hat eine königliche Haltung angenommen. Mit strengem und forschendem Blick prüft er die Menge. Seine Augen haben ein nicht hartes, sondern majestätisches Leuchten. «Wer hat mich berührt?» fragt er.

Niemand gibt Antwort.

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«Wer hat mich berührt, wiederhole ich?» besteht Jesus auf seiner Frage.

«Meister», antworten die Jünger, «siehst du nicht, wie die Menge dich von allen Seiten umdrängt? Alle berühren dich, trotz all unserer Anstrengungen.»

«Wer hat mich berührt, um ein Wunder zu erhalten, will ich wissen. Ich habe gespürt, daß Wunderkraft von mir ausgegangen ist; denn ein gläubiges Herz hat danach verlangt. Wer ist es?»

Die Augen Jesu blicken, während er redet, zwei- oder dreimal auf eine kleine Frau von etwa vierzig Jahren, die ärmlich gekleidet ist und sehr abgehärmt aussieht. Sie versucht in der Menge zu verschwinden und zu entkommen. Aber diese Augen müssen auf ihr brennen. Sie begreift, daß ein Entkommen unmöglich ist, kehrt zurück und wirft sich Jesus zu Füßen, das Gesicht beinah im Staub und die Hände emporstreckend, ohne jedoch Jesus zu berühren.

«Verzeihung! Ich bin es. Ich war krank. Zwölf Jahre war ich krank! Alles ist vor mir geflohen. Mein Mann hat mich verlassen. Ich habe mein ganzes Hab und Gut aufgewandt, um nicht der Abscheu meiner Mitmenschen zu sein; um leben zu können wie alle anderen. Aber niemand hat mich heilen können. Siehst du, Meister? Ich bin vor der Zeit gealtert. Die Kraft ist von mir gewichen mit meinem unheilbaren Blutfluß und auch der Friede. Man hat mir gesagt, daß du gut bist. Ein Aussätziger, der durch dich geheilt worden ist, hat es mir gesagt; die Menschen haben ihn viele Jahre hindurch gemieden; er hatte keinen Abscheu vor mir. Ich habe nicht gewagt, es dir vorher zu sagen. Darum bitte ich dich um Verzeihung. Ich habe mir gedacht, daß ich dich nur zu berühren brauche, um geheilt zu werden. Ich habe dich aber nicht unrein gemacht. Ich habe kaum den Saum deines Gewandes angefaßt, dort, wo er die Erde berührt, den Schmutz am Boden... Ich bin auch nur Schmutz... Aber ich bin geheilt, und du sollst gepriesen sein! In dem Augenblick, da ich dein Kleid berührte, ist das Übel von mir gewichen. Ich bin wieder wie alle! Nun werde ich nicht mehr von allen verabscheut werden. Mein Mann, meine Kinder, meine Verwandten können jetzt bei mir sein, und ich werde sie liebkosen dürfen. Ich werde wieder im Haus nützlich sein. Danke Jesus, guter Meister! Du sollst in Ewigkeit gepriesen sein!»

Jesus betrachtet sie mit unendlicher Güte. Er lächelt ihr zu und sagt zu ihr: «Geh in Frieden, Tochter! Dein Glaube hat dir geholfen! Sei für immer geheilt. Sei gut und glücklich. Geh!»

Während er noch spricht, kommt ein Mann herbei, anscheinend ein Knecht, der sich an den Vater wendet. Dieser ist die ganze Zeit in einer ehrfürchtigen Erwartung neben Jesus gewandelt, obgleich er ein gequältes Gesicht hat als stände er auf heißen Kohlen. «Deine Tochter ist tot! Es ist zwecklos, weiterhin den Meister zu belästigen. Sie hat den Geist

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aufgegeben, und die Frauen halten schon die Totenklage. Die Mutter läßt dir dies sagen und dich bitten, sofort zu kommen.»

Der arme Vater schluchzt laut. Er führt seine Hände zur Stirne, drückt sich die Augen zu und krümmt sich, wie von einem Hieb getroffen.

Jesus, der aufmerksam mit der Frau gesprochen hat und anderes zu sehen und zu hören scheint, dreht sich jetzt um, legt seine Hand auf die gebeugten Schultern des armen Vaters und sagt: «Mann, ich habe es dir doch gesagt, habe Glauben! Ich wiederhole, habe Glauben! Hab keine Angst, dein Kind wird leben. Gehen wir zu ihm.» Und er geht weiter und drückt den vernichteten Mann an sich. Die Menge bleibt vor diesem Schmerz und der bereits erfolgten Heilung erschrocken stehen, teilt sich, läßt Jesus und die Seinen ungehindert durch und folgt wie Kielwasser der Gnade, die vorausgeht.

Sie gehen etwa hundert Meter, vielleicht auch mehr – ich kann es nicht gut schätzen – und kommen immer näher zur Stadtmitte. Eine große Menge hat sich vor einem bürgerlichen Haus versammelt. Mit lauten Stimmen wird der Todesfall im Haus beklagt und auf die lauten Rufe geantwortet, die aus der weitgeöffneten Tür kommen. Es sind schrille, auf einer Höhe bleibende Töne, und sie scheinen von einer beherrschenden Stimme vorgetragen und von einer Gruppe schwacher und einer Gruppe stärkerer Stimmen beantwortet zu werden. Ein Lärm, der auch Gesunde umzubringen imstande ist.

Jesus gibt den Seinen die Weisung, vor dem Ausgang stehenzubleiben, und ruft Petrus, Jakobus und Johannes zu sich. Mit ihnen geht er in das Haus, den weinenden Vater immer noch am Arm festhaltend.

Es scheint, daß er ihm die Gewißheit geben will, daß er da ist, und ihn glücklich machen möchte mit dieser Umklammerung. Die Klagenden (ich würde sie eher die Heulenden nennen) verdoppeln ihr Geschrei beim Anblick des Hausvaters und des Meisters. Sie klatschen in die Hände, hauen auf die Pauken, schlagen an die Triangeln und auf diese... Musik stützen sie ihr Gejammer.

«Schweigt!» sagt Jesus. «Hier ist kein Grund zum Weinen. Das Mädchen ist nicht gestorben, es schläft nur!»

Die Frauen stoßen noch stärkere Schreie aus, und einige wälzen sich auf der Erde, zerkratzen sich, reißen sich die Haare aus (oder besser gesagt, tun so als ob ... ), um zu beweisen, daß die Tochter wirklich tot ist. Die Musikanten und die Freunde schütteln den Kopf über die Illusion Jesu. Aber er wiederholt: «Schweigt», und zwar in einem so energischen Ton, daß der Lärm zwar nicht aufhört, doch sehr abnimmt. Dann schreitet er weiter vorwärts.

Er betritt eine kleine Kammer. Auf dem Lager liegt ein totes Mädchen ausgestreckt. Mager und totenbleich liegt es mit sorgfältig geordneten Haaren, bekleidet da. Die Mutter steht weinend auf der rechten Seite des

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Bettes und hält die wächserne Hand der Toten. Jesus! ... Oh, wie schön ist er jetzt! So habe ich ihn selten gesehen! Jesus nähert sich eilig. Es scheint, als schwebe er über dem Boden, so schnell eilt er auf das Bettlein zu.

Die drei Apostel stehen an der Türe und schließen sie vor den Augen der Neugierigen. Der Vater bleibt am Fußende des Bettes stehen.

Jesus geht auf die linke Seite des Lagers, streckt seine linke Hand aus und erfaßt damit das leblose Händchen des Kindes