Kirche Weitental

†  Gott ist die Liebe - Er liebt dich  †
 Gott ist der beste und liebste Vater, immer bereit zu verzeihen, Er sehnt sich nach dir, wende dich an Ihn
nähere dich deinem Vater, der nichts als Liebe ist. Bei Ihm findest du wahren und echten Frieden, der alles Irdische überstrahlt

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Maria Valtorta - Der Gottmensch

Band 4

 

Dieses Werk ist eine Gnade unseres lieben Herrn, man lernt hier Jesus und seine Worte in der richtigen Art und Weise kennen, seine Liebe, seinen Gehorsam, seine klaren und wahren Worte, nicht verdrehte, nicht unverständliche oder hoch theologische, nein, einfache Worte. Er erklärt für jeden verständlich die Gleichnisse. Glaube ist kein Studium, es ist Demut, Hingabe, Geduld, Vertrauen, nicht mein Wille muss an erster Stelle stehen, sondern den Willen Gottes gilt es zu suchen, die Gebote gilt es zu halten und hier erlangt man ein Verständnis hierfür. Zudem stimmen die Worte Jesu mit seinem Leben überein, voller Hingabe an den Willen seines und unseren Vaters. Nimm dir Zeit es aufmerksam zu lesen, du wirst es nicht bereuen.

Das Werk kann man hier in Buchform erwerben:

Parvis-Verlag, Route de l'Eglise 71, 1648 Hauteville, Schweiz, Tel. +41 26 915 93 93, buchhandlung@parvis.ch, www.parvis.ch

Aus rechtlichen Gründen dürfen nur Auszüge daraus veröffentlicht werden!
 



Nur zu Testzwecken!

Inhalt
 

Band IV:
Zweites Jahr des öffentlichen Lebens Jesu (Fortsetzung)

• 230. Ankunft in Esdrelon und Aufenthalt bei Michäus. S. 9
• 231. Der Sabbat in Esdrelon; Der kleine Jabe. S. 11
• 232. Von Esdrelon nach Engannim über Mageddo. S. 18
• 233. Von Engannim nach Sichem in zwei Tagen. S. 23
• 234. Von Sichem nach Beeroth. S. 27
• 235. Von Beeroth nach Jerusalem. S. 32
• 236. Der Sabbath in Gethsemane. S. 36
• 237. Im Tempel zur Stunde des Opfers. S. 44
• 238. Begegnung Jesu mit seiner Mutter in Bethanien. S. 48
• 239. Die Macht des Wortes Marias. S. 55
• 240. Aglaia beim Meister. S. 65
• 241. Die Prüfung Margziams. S. 71
• 242. Am Abend vor Ostern im Tempel. S. 76
• 243. Jesus lehrt das Vaterunser. S. 80
• 244. Jesus und die Heiden in Bethanien. S. 87
• 245. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn. S. 95
• 246. Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen. S. 102
• 247. Das Gleichnis vom König, der seinem Sohn die Hochzeit bereitet. S. 108
• 248. Nach Bethlehem mit den Aposteln und den Jüngern. S. 115
• 249. Auf dem Weg zu Elisa in Bethsur. S. 125
• 250. Im Haus Elisa:«Lasst eure Leiden fruchtbar werden!». S. 135
• 251. Auf dem Weg nach Hebron; Die Absichten der Welt und die Absicht Gottes. S. 141
• 252. Festliche Begrüssung in Hebron. S. 146
• 253. In Jutta; Predigt im Haus Isaaks. S. 154
• 254. In Kerioth; Jesus spricht in der Synagoge. S. 160
• 255. Im Hausdes Judas von Kerioth. S. 163
• 256. Das launenhafte Mädchen von Bethginna. S. 169
• 257. In der Ebene auf dem Weg nach Askalon. S. 175
• 258. Im Streit mit den Pharisäern Jesus Herr auch über den Sabbat. S. 179
• 259. Jesus und die Seinen auf dem Weg nach Askalon. S. 183
• 260. Die Predigten und die Wunder in Askalon. S. 194
• 261. Jesus verbrennt in Magdalgad ein heidnisches Götzenbild. S. 201
• 262. Belehrungen der Apostel auf dem Weg nach Jabnia. S. 207
• 263. Jesus und die Seinen auf dem Weg nach Modin. S. 214
• 264. Jesus spricht zu Wegelagern. S. 218
• 265. Die Ankunft in Behter. S. 223
• 266. Der Gelähmte am Teich von Bethsaida. S. 230
• 267. In Bethanien; «Meister Maria hat Martha gerufen». S. 240
• 268. Margziam wird Porphyria, der Frau des Petrus anvertraut. S. 243
• 269. Jesus spricht in Bethsaida. S. 246
• 270. Die blutflüssige Frau und die Töchter des Jairus. S. 248
• 271. Jesus und Martha in Kapharnaum. S. 253
• 272. Heilung der beiden Blinden und des stummen Besessenen. S. 259
• 273. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf. S. 264
• 274. «Nach der Erinnerung an das Gesetz habe ich die Hoffnung auf Vergebung singen lassen». S. 267
• 275. Jesus zu Martha: «Du hast den Sieg schon in deiner Hand». S. 275
• 276. Magdalena im Haus des Pharisäers Simon. S. 277
• 277. «Viel wird dem verziehen der viel liebt. S. 280
• 278. Erwägungen über die Bekehrung Maria Magdalenas. S. 282
• 279. «Es lohnt sich, eine Freundschaft zu verlieren, um eine Seele zu gewinnen». S. 285
• 280. In Begleitung von Maria Magdalena unter den Jüngerinnen. S. 292
• 281. Das Gleichnis von den Fischern. S. 297
• 282. Margziam lehrt Magdalena das Vaterunser. S. 303
• 283. Jesus zu Philippus:«Ich bin der machtvolle Liebhaber»; Das Gleichnis von der verlorenen Drachme. S. 306
• 284. «Wissen ist nicht Verderben, wenn es Religion ist». S. 312
• 285. Im Haus von Kana. S. 321
• 286. Johannes wiederholt die Rede Jesu auf dem Tabor. S. 329
• 287. Jesus in Nazareth. S. 335
• 288. Der Sabbat in der Synagoge von Nazareth. S. 341
• 289. Die Mutter unterrichtet Magdalena. S. 350
• 290. Zu Bethlehem in Galiläa. S. 355
• 291. «Die Berufung ist mehr als Blut. Auf dem Weg nach Sycaminon. S. 366
• 292. An die Jünger von Sycaminon: «Sich selbst verzehren. S. 370
• 293. In Tyrus;«Beharrlichheit ist das grosse Wort. S. 380
• 294. Zu den Jüngern von Sycaminon:«Der Glaube. S. 384
• 295. Jesus sagt Magdalena:«Ich werde dich schmieden mit Feuer und Ambos». S. 393

 

 

230. ANKUNFT IN ESDRELON UND AUFENTHALT BEI MICHÄAS

Als Jesus zu den Feldern Jochanans kommt, beginnt die Röte des Sonnenuntergangs den Himmel zu färben.

«Freunde, beschleunigen wir unsere Schritte, bevor die Sonne untergeht. Du, Petrus, geh mit deinem Bruder voraus und melde uns bei unseren Freunden an; bei jenen, die für Doras arbeiteten.»

«Ich gehe, ja, auch um zu sehen, ob der Sohn wirklich fort ist.» Petrus sagt das Wort "Sohn" auf eine Art, die eine ganze Rede ersetzt. Dann eilt er fort.

Jesus geht nun etwas langsamer und schaut umher, ob er irgendeinen der Landarbeiter des Jochanan sehe. Aber da sind nur die fruchtbaren Felder mit den schon wohlgeformten Ähren.

Endlich kommt aus dem Gezweig des Weinbergs ein verschwitztes Gesicht hervor, und eine Stimme ruft aus: «Oh! Herr, sei gepriesen!»

Der Landarbeiter eilt aus dem Weinberg, um sich Jesus zu Füßen zu werfen.

«Der Friede sei mit dir, Jesaja!»

«Oh, auch meinen Namen weißt du noch?»

«Ich habe ihn ins Herz geschrieben. Steh auf, wo sind deine Kameraden?»

«Dort in den Obstgärten. Ich will ihnen Bescheid sagen. Du bist doch unser Gast, nicht wahr? Der Herr ist nicht da, und so können wir feiern. Und dann... ein wenig aus Angst, ein wenig aus Freude, ist er jetzt freundlicher zu uns. Stell dir vor, er hat uns dieses Jahr ein Lamm und den Besuch des Tempels zugebilligt! Er hat uns nur sechs Tage gegeben... aber wir werden uns auf der Straße beeilen... Wir werden in Jerusalem sein... Stell dir vor! ... Das verdanken wir nur dir!» Der Mann ist im siebten Himmel vor Freude, daß er als Mensch und als Israelit behandelt wird.

«Ich habe nichts getan, soviel ich weiß».... sagt Jesus lächelnd.

«O nein! Du hast viel getan. Doras, und dann die Felder des Doras. Sieh, wie schön die Felder dieses Jahr sind... Jochanan hat von deinem Kommen erfahren. Er ist nicht dumm. Er hat Angst, hat Angst!»

«Vor was?»

«Er fürchtet, es könnte ihm wie Doras ergehen. Im Leben und mit den Gütern. Hast du die Felder des Doras gesehen?»

«Ich komme von Naim...»

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«Dann hast du sie nicht gesehen. Sie sind alle verwüstet. (Der Mann sagt dies leise, aber mit Nachdruck, so als wollte er im geheimen eine schreckliche Nachricht anvertrauen.) Alles verwüstet! Kein Heu, keine Garben, kein Obst. Die Reben sind verdorrt, die Obstbäume vertrocknet... Tot... alles tot... wie in Sodom und Gomorrha... Komm, komm, ich will sie dir zeigen.»

«Nicht nötig. Ich will zu den Landarbeitern gehen ...»

«Aber sie sind nicht mehr da! Weißt du es nicht? Doras, der Sohn des Doras, hat sie alle verstreut oder entlassen; diejenigen, die er auf andere Ländereien geschickt hat, hat er verpflichtet, nicht von dir zu reden. Er hat mit der Prügelstrafe gedroht. Nicht von dir reden! Das wird schwierig sein! Auch Jochanan hat es gesagt.»

«Was hat er gesagt?»

«Er hat gesagt: "Ich bin nicht so dumm wie Doras und sage nicht zu euch: 'Ich will nicht, daß ihr vom Messias redet.' Es wäre nutzlos, denn ihr würdet es trotzdem tun, und ich will euch nicht verlieren und euch wie widerspenstige Tiere unter Peitschenschlägen sterben sehen. Im Gegenteil, ich sage euch: 'Seid gut, wie der Nazarener es euch lehrt, und sagt ihm, daß ich euch gut behandle.' Ich möchte nicht auch verflucht werden." Er sieht ja, was diese Felder sind, die du gesegnet hast, und was jene dort sind, die du verflucht hast. Oh, da kommen sie, die meinen Acker gepflügt haben...» und der Mann eilt Petrus und Andreas entgegen.

Doch Petrus grüßt nur kurz, geht weiter und er schreit: «Oh, Meister! Hier ist niemand mehr! Nur neue Gesichter. Und alles ist verwüstet. Hier hat er wahrlich keine Arbeiter nötig! Es ist schlimmer als am Toten Meer! ...»

«Ich weiß es. Isaias hat es mir gesagt.»

«Aber komm und schau es dir an! Welch ein Anblick! ...»

Jesus stellt ihn zufrieden, nachdem er zuvor zu Isaias gesagt hat: «Ich werde also zu euch kommen. Gib den Freunden Bescheid! Macht keine Umstände. Die Nahrung habe ich selbst. Es genügt uns ein Heuschuppen zum Schlafen und eure Liebe. Ich werde sofort kommen.»

Der Anblick der Felder ist wahrlich trostlos. Äcker und Wiesen sind ausgetrocknet und öde, die Weingärten dürr, das Laubwerk und die Früchte auf den Bäumen von Millionen von Insekten jeglicher Art befallen. Der Obstgarten beim Haus gleicht einem sterbenden Hain. Die Bauern irren umher, reißen Unkraut aus, vernichten Raupen, Schnecken, Regenwürmer und ähnliche Tiere, indem sie die Zweige rütteln und Gefäße darunter halten, die mit Wasser gefüllt sind, um die Maden, die Raupen und alle die Parasiten zu ertränken, welche die übriggebliebenen Blätter befallen haben und den Baum kahlfressen, so daß er eingehen muß. Die Arbeiter suchen in den Weinbergen nach Lebenszeichen. Doch die Ranken brechen bei der leisesten Berührung, so dürr sind sie, und oft fallen

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ganze Rebstöcke zu Boden, als ob sie mit einer Säge an den Wurzeln abgeschnitten worden wären. Der Unterschied zu den Feldern des Jochanan mit seinen Obstbäumen und Weingärten ist wirklich kraß, und die Verwüstung der verfluchten Ländereien erscheint noch furchtbarer, wenn man sie mit den fruchtbaren Feldern Jochanans vergleicht.

«Der Gott des Sinai hat eine schwere Hand», murmelt Simon der Zelote.

Jesus macht eine Bewegung, als wollte er sagen: «Und wie!» Doch er sagt nichts. Er fragt nur: «Wie ist es geschehen?»

Ein Landarbeiter antwortet zwischen den Zähnen: «Maulwürfe, Heuschrecken, Würmer... Doch geh fort! Der Aufseher ist Doras ergeben. Schade uns nicht ...»

Jesus seufzt und geht.

Ein anderer Arbeiter, der in gebückter Haltung einen Apfelbaum mit einer Stütze versieht, in der Hoffnung, ihn noch retten zu können, sagt: «Wir werden dich morgen aufsuchen, wenn der Aufseher nach Jezrael geht, um zu beten... Wir werden in das Haus des Michäas kommen...»

Jesus macht eine Geste des Segnens und geht. Als er zum Kreuzweg kommt, sind alle Arbeiter Jochanans festlich und freudig versammelt und umringen ihren Messias, um ihn zu den armseligen Hütten zu geleiten.

«Hast du es gesehen?»

«Ich habe es gesehen. Morgen werden die Landarbeiter des Doras kommen.»

«Ja, während die Hyänen beim Gebet sind... Wir machen es jeden Sabbat so... und wir reden über dich, über das, was wir von Jonas erfahren haben, was uns Isaak, der uns oft besucht, erzählt hat, und über deine Predigt im Tischri. So wie wir zu reden verstehen. Denn wir müssen von dir sprechen, wir können nicht anders. Und je mehr wir leiden, um so mehr reden wir von dir; aber es ist verboten. Die Armen... Sie trinken jeden Sabbat das Leben... Aber in dieser Ebene sind so viele, die wenigstens von dir wissen müßten, die nicht bis hierher kommen können ...»

«Ich werde auch an sie denken. Ihr sollt gesegnet sein für das, was ihr tut.»

Die Sonne geht unter, als Jesus in eine verräucherte Küche eintritt. Die Sabbatruhe hat begonnen.

231. DER SABBAT IN ESDRELON; DER KLEINE JABE

«Gib Michäas soviel Geld, daß er morgen alles zurückgeben kann, was er sich heute von den Arbeitern in dieser Gegend geliehen hat», sagt Jesus zu Judas von Kerioth, der normalerweise die gemeinsame Kasse verwaltet.

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Dann ruft Jesus Andreas und Johannes und schickt sie zu zwei Stellen, von wo aus man die Straße oder die Wege sehen kann, die nach Jezrael führen. Er ruft Petrus und Simon herbei und schickt sie den Arbeitern des Doras entgegen mit der Weisung, sie an der Grenze der beiden Besitzungen aufzuhalten. Endlich sagt er zu Jakobus und Judas: «Nehmt die Verpflegung und kommt mit.»

Es folgen ihnen die Arbeiter Jochanans, Frauen, Männer und Kinder. Die Männer tragen je zwei kleinere Krüge, die wahrscheinlich mit Wein gefüllt sind. Jeder von diesen Krügen enthält wohl um die zehn Liter. (Ich bitte immer, meine Schätzungen nicht als Glaubenssätze anzunehmen.) Sie gehen dorthin, wo ein dichter, schon ganz mit neuen Blättern bedeckter Weinberg die Grenze des Besitzes Jochanans anzeigt. Jenseits befindet sich ein breiter Wassergraben, der mit wer weiß wieviel Mühe in Ordnung gehalten wird.

«Siehst du? Jochanan hat sich mit Doras deswegen gestritten. Jochanan sagte: "Es ist die Schuld deines Vaters, daß alles verwüstet ist. Wenn er den Messias nicht verehren wollte, dann hätte er ihn wenigstens fürchten, aber nicht herausfordern sollen." Und Doras brüllte wie ein Dämon: "Du hast deine Felder gerettet wegen dieses Grabens. Das Ungeziefer hat ihn nicht überschritten..." Und Jochanan sagte: "Warum ist jetzt alles bei dir verwüstet, während zuvor die Felder die schönsten von Esdrelon waren? Es ist die Strafe Gottes, glaub mir! Ihr habt das Maß überschritten. Dieses Wasser?... Das ist immer schon dagewesen, und das ist es nicht, was mich verschont hat." "Er ist ein Gerechter" ' hat Jochanan daraufhin geschrien. Und so haben sie sich eine Weile hin- und hergestritten, solange sie Atem hatten; darauf ließ Jochanan mit großen Ausgaben Wasser vom Fluß kommen, nach Grundwasser graben und neue Gräben an den Grenzen zwischen seinem Besitz und dem seines Verwandten ausheben, die noch tiefer sind. Uns sagte Jochanan, was wir dir gestern schon berichtet haben... Im Grunde ist er glücklich über das Geschehene. Er ist immer so neidisch auf Doras gewesen... Nun hofft er, alles kaufen zu können, denn Doras wird nichts anderes übrigbleiben, als alles für ein paar Drachmen zu veräußern.»

Jesus hört gutmütig alle diese Mitteilungen an und wartet unterdessen auf die armen Arbeiter des Doras, die bald kommen und sich auf die Knie werfen, als sie Jesus im Schatten eines Baumes erblicken.

«Der Friede sei mit euch, Freunde. Kommt! Heute ist die Synagoge hier, und ich bin euer Synagogenvorsteher. Aber zuerst möchte ich euer Hausvater sein. Setzt euch im Kreis nieder, ich will euch die Speise reichen. Heute habt ihr den Bräutigam hier, und wir wollen ein Hochzeitsmahl halten.»

Jesus öffnet einen Korb und entnimmt ihm Brote, die er den erstaunten Arbeitern des Doras gibt; aus dem anderen Korb nimmt er, was aufzutreiben war: Käse, Gemüse, das er kochen ließ, und ein kleines gekochtes

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Geißchen oder Lämmlein, das er an die armen Unglücklichen verteilt. Dann schenkt er den Wein aus und läßt den einfachen Kelch kreisen, damit alle trinken können.

«Aber warum? Aber warum? Und diese?» sagen die Leute des Doras und zeigen auf die Jochanans.

«Sie haben schon gehabt.»

«Aber diese Ausgaben! Wie konntest du das tun?»

«Es gibt noch gute Menschen in Israel», sagt Jesus lächelnd.

«Aber heute ist Sabbat ...»

«Dankt diesem Mann», sagt Jesus und deutet auf den Mann von Endor. «Er hat das Lamm gespendet. Das andere war leicht aufzutreiben.»

Die Armen verschlingen – man muß so sagen – die Speisen, die sie schon lange nicht mehr gekostet haben. Da ist ein schon alter Mann, der einen Knaben an sich zieht, der vielleicht zehn Jahre alt ist; er ißt und weint.

«Warum weinst du so, Vater?» fragt Jesus.

«Weil deine Güte zu groß ist ...»

Der Mann von Endor sagt mit seiner tiefen Stimme: «Das ist wahr... man muß weinen. Aber es sind keine bitteren Tränen ...»

«Keine bitteren, das ist wahr. Und dann... ich habe einen Wunsch. Diese Tränen sind auch eine Bitte.»

«Was möchtest du, Vater?»

«Siehst du dieses Kind? Es ist mein Enkel. Er ist mir geblieben nach der Seuche dieses Winters. Nicht einmal Doras weiß, daß er bei mir ist, denn ich lasse den Knaben wie ein wildes Tier im Wald leben und kann ihn nur am Sabbat sehen. Wenn Doras ihn entdeckte, würde er ihn verjagen oder zur Arbeit treiben ... dann wäre dieses mein junges Blut schlimmer dran als ein Arbeitstier ... Zu Ostern werde ich ihn mit Michäas nach Jerusalem schicken, damit er ein Sohn des Gesetzes wird... und dann? ... Er ist der Sohn meiner Tochter ...»

«Würdest du ihn lieber mir mitgeben? Weine nicht! Ich habe viele Freunde, die ehrbar, heilig und kinderlos sind. Sie würden ihn heiligmäßig erziehen, auf meinem Wege...»

«Oh, Herr! Seit ich von dir gehört habe, ist dies mein Wunsch. Und ich habe den heiligen Jonas gebeten – er weiß, was es heißt, einen solchen Herrn zu haben – meinen Enkel vor diesem Tod zu bewahren ...»

«Kind, willst du mit mir kommen?»

«Ja, mein Herr. Ich will dich nicht enttäuschen!»

«abgemacht!»

«Aber... wem willst du ihn geben?» fragt Petrus und zupft Jesus dabei am Ärmel. «Auch ihn dem Lazarus?»

«Nein, Simon. Es gibt viele, die keine Kinder haben ...»

«Auch ich bin ohne Kinder...» Das Antlitz des Petrus wird ganz schmal bei diesem Wunsch.

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«Simon, ich habe es dir schon gesagt: Du wirst der "Vater" aller Kinder sein, die ich dir als Erbschaft hinterlasse. Aber du darfst die Ketten eines eigenen Kindes nicht haben. Sei nicht traurig. Du bist dem Meister zu unentbehrlich, und daher kann der Meister nicht auf dich verzichten wegen einer Anhänglichkeit. Ich verlange viel, Simon. Ich bin anspruchsvoller als der eifersüchtigste Bräutigam. Ich liebe dich ganz besonders, und ich will dich ganz für mich haben.»

«Gut, Herr! Gut! Es geschehe nach deinem Willen.» Der arme Petrus ist heroisch in seiner Ergebenheit.

«Er wird der Sohn meiner heranwachsenden Kirche sein. Ist es gut so? Er gehört allen und niemand. Er wird "unser" Sohn sein. Wir werden ihn mit uns nehmen, wenn die Entfernungen es erlauben, oder er wird uns bisweilen treffen, und seine Pflegeväter werden die Hirten sein, die in den Kindern "ihr" Jesuskind lieben. Komm her, Kind. Wie heißt du?»

«Jabe des Johannes; ich bin aus Judäa», sagt der Knabe ganz bestimmt.

«Ja, wir sind Judäer», bestätigt der Alte. «Ich habe auf den Feldern des Doras in Judäa gearbeitet, und meine Tochter war mit einem von dort verheiratet. Ich arbeitete in den Wäldern von Arimathäa, und diesen Winter...»

«Kam das Unglück...»

«Der Knabe wurde gerettet, weil er in jener Nacht bei einem entfernten Verwandten war... Er hat den Namen mit Recht, Herr! Ich habe damals zu meiner Tochter gesagt: "Warum? Erinnerst du dich nicht an Althergebrachte?" Doch der Mann wollte ihn so nennen, und nun heißt er Jabe.»

«"Der Knabe wird den Herrn anrufen, und der Herr wird ihn segnen und seine Grenzen weiten, und die Hand des Herrn wird auf seiner Hand liegen, und er wird von keinem Übel mehr befallen werden." Dies wird der Herr geschehen lassen, um dich, Vater, und die Seelen der Verstorbenen zu trösten, und den Waisenknaben zu stärken. Und nun, da wir die Bedürfnisse des Leibes von denen der Seele getrennt haben mit einem Akt der Liebe zum Knaben, hört das Gleichnis, das ich für euch erdacht habe:

Es lebte einst ein sehr reicher Mann. Er besaß die schönsten Kleider und brüstete sich auf den Straßen und im Haus mit seinen Purpurgewändern und Damastkleidern, und er wurde von den Bürgern, die ihm aus Eigennutz schmeichelten, als der Mächtigste des Landes verehrt. In seinen Gemächern fanden jeden Tag herrliche Gastmähler statt, bei denen die Menge der Eingeladenen – lauter reiche Leute, nicht Bedürftige – sich drängte und dem reichen Prasser huldigte. Seine Gastmähler waren bekannt durch den Überfluß an vorzüglichen Speisen und Weinen.

In der gleichen Stadt lebte aber auch ein Bettler, ein armer Bettler. Er war so arm, wie der andere reich war. Doch unter der Kruste der menschlichen Armseligkeit des Bettlers Lazarus war ein Schatz verborgen, der größer als die Armut des Lazarus und der Reichtum des Prassers war: die

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Heiligkeit von Lazarus. Er hatte das Gesetz nie übertreten, nicht einmal in der größten Not, und vor allem hatte er immer das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe beachtet. Er ging zu den Türen der Reichen, wie es die Bettler tun, und bat um Almosen, um nicht verhungern zu müssen. Und jeden Abend ging er zum Tor des Prassers, um wenigstens einige Überreste der prunkvollen Gastmähler, die in den reichen Sälen stattfanden, zu erhalten.

Er legte sich bei der Türe auf den Weg und wartete geduldig. Aber wenn der Prasser ihn gewahr wurde, ließ er ihn wegjagen, denn der wundenbedeckte, unterernährte Körper in zerrissenen Kleidern war ein trauriger Anblick für seine Gäste. Der Prasser sagte so. In Wirklichkeit aber war der Anblick der Armseligkeit und Güte ein andauernder Vorwurf für ihn. Mitleidiger als er waren seine Hunde, die wohlgenährt waren und herrliche Halsbänder trugen, sich zu Lazarus gesellten und seine Wunden leckten und freudig knurrten, wenn Lazarus ihr Fell kraulte. Sie schleppten die Abfälle der reichen Tafeln herbei, so daß Lazarus dank der Tiere nicht verhungerte; denn die Menschen hätten ihn sterben lassen, da sie ihm nicht einmal erlaubten, nach dem Mahle einzutreten und die unter die Tische gefallenen Reste an sich zu nehmen.

Eines Tages starb Lazarus. Niemand auf der Welt störte dies, niemand weinte ihm nach. Der Prasser freute sich vielmehr darüber, daß er nun an seiner Schwelle dieses Elend nicht mehr sehen mußte, das er "Scheusal" nannte. Aber im Himmel gewahrten die Engel den Armen. Und bei seinem letzten Atemzug in der kalten leeren Hütte waren die himmlischen Scharen anwesend, die seine Seele in einen Lichtschein aufnahmen und sie mit Hosannarufen in Abrahams Schoß trugen.

Nach einiger Zeit starb auch der Prasser. Oh, welch prächtige Trauerfeier! Die ganze Stadt war über seinen Todeskampf unterrichtet worden, und die Leute drängten sich auf dem Platz vor dem Palast, um als Freunde des großen Verstorbenen erkannt zu werden, mehr noch aus Neugier und Interesse für die Erben. Sie folgten dem Sarg, und mit den Klagen der Trauer stiegen auch die verlogenen Lobgesänge auf den "Großen", den "Wohltäter", den "Gerechten" zum Himmel.

Kann Menschenwort das Urteil Gottes ändern? Nein, dies kann es nicht. Wer gerichtet ist, ist gerichtet, und was geschrieben ist, ist geschrieben. Und ungeachtet des feierlichen Begräbnisses wurde die Seele des Prassers in die Hölle verbannt.

In diesem schrecklichen Gefängnis, mit Feuer und Finsternis gespeist und getränkt, von allen Seiten mit Haß und Qual umgeben, erhob der Prasser seinen Blick zum Himmel; zum Himmel, den er für einen kurzen Augenblick, den Bruchteil einer Sekunde, in seiner unsagbaren Schönheit sah und der ihm für immer vor Augen bleiben sollte als höchste Qual aller Qualen.

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Er sah dort Abraham; fern, doch strahlend und selig. Und in dessen Schoß, ebenso strahlend und selig Lazarus, den armen Lazarus, der einst verachtet, abstoßend und elend war. Nun war er wunderschön im Lichte Gottes, in seiner Heiligkeit reich an Liebe Gottes, und wurde nicht von den Menschen, sondern von den Engeln des Himmels bewundert.

Der Prasser rief weinend aus: "Vater Abraham, erbarme dich meiner! Sende Lazarus, denn ich kann nicht erwarten, daß du es selbst tust; sende Lazarus, damit er seinen Finger mit Wasser netze und ihn mir auf die Zunge lege, um sie zu erfrischen; denn ich leide durch die Flamme, die unaufhörlich in mir brennt!"

Abraham antwortete: "Denk daran, daß du alle Güter im Leben genossen hast, während Lazarus nur das Leid der Erde hatte. Er hat es verstanden, aus dem Schlechten Gutes zu machen, während du all deine Schätze zum Bösen mißbraucht hast. Daher ist es gerecht, daß er nun getröstet wird, während du leiden mußt. Jetzt ist nichts mehr zu ändern. Die Heiligen sind über die Erde verstreut, damit die Menschen aus ihnen Nutzen ziehen. Aber wenn der Mensch trotz ihrer Nähe das bleibt, was er ist – in deinem Falle ein Dämon – so nützt es nichts, sich an die Heiligen zu wenden, wenn es zu spät ist. Nun sind wir getrennt. Auf den Wiesen sind die Kräuter vermischt. Aber wenn sie gemäht worden sind, dann werden die guten von den schlechten getrennt. So ist es mit euch und mit uns. Wir waren zusammen auf der Welt. Du hast uns verjagt, hast uns auf vielerlei Weise gequält, hast uns vergessen und hast gegen die Liebe gefehlt. Jetzt sind wir getrennt. Zwischen dir und uns ist ein solcher Abgrund, daß jene, die von hier zu euch kommen möchten, nicht können; und auch ihr, die ihr dort seid, könnt den schrecklichen Abgrund nicht überqueren, um zu uns zu kommen."

Der Prasser weinte und schrie: "O heiliger Vater, sende, ich bitte dich, sende den Lazarus in das Haus meines Vaters. Ich habe fünf Brüder. Ich habe nie verstanden, was Liebe ist, auch nicht innerhalb der Familie. Aber nun, nun verstehe ich, wie schrecklich es ist, ohne Liebe zu sein. Und da hier, wo ich bin, Haß herrscht, habe ich erkannt – in jenem Augenblick, in dem meine Seele Gott sah (beim besonderen Gerichte), was die Liebe ist. Ich will nicht, daß meine Brüder dasselbe leiden müssen. Ich habe Angst um sie, denn sie leben, wie ich gelebt habe. Oh, sende Lazarus zu ihnen, damit er ihnen sage, wo ich bin und warum ich hier bin; damit er ihnen sage, daß es die Hölle gibt und daß sie schrecklich ist und daß alle, die Gott und den Nächsten nicht lieben, ins höllische Feuer kommen. Sende ihn, damit sie noch vorsorgen können, bevor es zu spät ist, damit sie nicht hierher, an diesen Ort des ewigen Schreckens, kommen müssen."

Abraham aber antwortete: "Deine Brüder haben Moses und die Propheten. Auf diese sollen sie hören."

Mit dem Jammer einer gequälten Seele antwortete der Prasser: "Oh,

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Vater Abraham! Ein von den Toten Auferstandener wird sie mehr beeindrucken... Erhöre mich! Hab Erbarmen!"

Doch Abraham sagte: "Wenn sie nicht auf Moses und die Propheten gehört haben, dann werden sie auch nicht auf einen hören, der für eine Stunde von den Toten auferstanden ist, um ihnen Worte der Wahrheit zu sagen. Übrigens ist es nicht recht, daß ein Seliger meinen Schoß verläßt, um von den Söhnen des Feindes beleidigt zu werden. Die Zeit des Unrechts ist für ihn vorbei. Er ist nun im Frieden und bleibt im Frieden auf Anordnung Gottes, der sieht, daß der Versuch einer Bekehrung unnütz ist bei allen, die nicht an das Wort Gottes glauben und nicht danach leben."

Dies ist das Gleichnis, dessen Bedeutung so klar ist, daß es keiner weiteren Erklärung bedarf.

Hier hat wahrlich der neue Lazarus, mein Jonas, seine Heiligkeit erlangt. Seine Herrlichkeit in Gott offenbart sich im Schutz, den jene erfahren, die auf ihn hoffen. Zu euch kann Jonas als Freund und Beschützer kommen, und er kommt auch, wenn ihr immer gut seid. Ich würde euch – und ich sage euch, was ich ihm schon im letzten Frühling gesagt habe – ich würde euch allen gerne helfen, auch materiell, aber es geht nicht, und das schmerzt mich. Ich kann euch nur auf den Himmel hinweisen; ich kann euch nur die große Wahrheit der Ergebung lehren und euch das künftige Reich versprechen. Haßt niemals, aus keinem Grunde! Der Haß ist mächtig in der Welt. Aber der Haß hat auch seine Grenzen. Die Liebe kennt keine Grenzen, weder in ihrer Macht, noch in der Zeit. Liebt daher, um die Liebe als Schutz und Trost auf Erden und als Lohn im Himmel zu besitzen. Es ist besser, ein Lazarus zu sein als ein Prasser, glaubt es mir! Glaubt es und ihr werdet selig werden.

Seht in der Verwüstung dieser Felder nicht Haß, auch wenn die Vorgänge es rechtfertigen könnten. Legt das Wunder nicht schlecht aus. Ich bin die Liebe, und ich hätte nicht gestraft. Aber da ich sah, daß die Liebe den grausamen Prasser nicht beugen konnte, habe ich ihn der Gerechtigkeit überlassen, und diese hat den Märtyrer Jonas und seine Brüder gerächt.

Lernt dieses aus dem Wunder: Die Gerechtigkeit ist immer wachsam, auch wenn sie abwesend zu sein scheint, und da Gott der Herr der ganzen Schöpfung ist, kann er sich der geringsten Tierlein wie Ameisen und Ungeziefer bedienen, um das Herz des Grausamen und Gierigen zu züchtigen und ihn an einem Schluck Gift ersticken lassen.

Ich segne euch nun. Jeden Morgen bete ich für euch. Und du, Vater, hab keine Sorge um das Lamm, das du mir anvertraust. Ich werde es dir wieder zurückbringen, damit du dich freuen kannst, zu sehen, daß es an Weisheit, Liebe und Güte auf dem Wege Gottes zunimmt. Es soll dein Osterlamm sein an diesem armen Osterfest: das wohlgefälligste der auf dem Altare Jehovas geopferten Lämmer. Jabe, verabschiede dich vom

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alten Vater, und komm dann zu deinem Erlöser, zu deinem guten Hirten! Der Friede sei mit euch!»

«Oh, Meister! Guter Meister! Dich lassen zu müssen! ...»

«Ja, es tut weh! Aber es wäre nicht gut, wenn der Aufseher euch hier vorfände. Ich bin eigens hierher gekommen, um Bestrafungen zu vermeiden. Gehorcht aus Liebe zur Liebe, die euch berät.»

Die Unglücklichen erheben sich mit Tränen in den Augen und kehren zu ihrem Kreuz zurück. Jesus segnet sie noch einmal. Dann geht er, seine Hand in der Hand des Knaben, und mit dem Manne von Endor auf der anderen Seite, auf dem gleichen Weg, auf dem er gekommen war, zum Haus des Michäas zurück. Auch Andreas und Johannes vereinigen sich am Ende ihrer Wache wieder mit den Gefährten.

232. VON ESDRELON NACH ENGANNIM ÜBER MAGEDDO

«Herr, ist der Gipfel dort der Karmel?» fragt Vetter Jakobus.

«Ja, Bruder. Dies ist die Kette des Karmel, und der höchste Gipfel gibt seinen Namen dem ganzen Gebirge.»

«Die Welt muß von dort oben schön sein. Bist du noch nie hinaufgestiegen?»

«Einmal, ganz allein, als ich eben mit dem Predigen begonnen hatte. An seinem Fuße habe ich meinen ersten Aussätzigen geheilt. Doch wir wollen zusammen auf den Berg steigen und des Elias gedenken ...»

«Danke, Jesus! Wie immer hast du mich verstanden.»

«Und wie immer arbeite ich an deiner Vervollkommnung, Jakobus.»

«Warum?»

«Der Grund steht im Himmel geschrieben.»

«Könntest du es mir nicht sagen, Bruder, du, der du lesen kannst, was im Himmel geschrieben steht?» Jesus und Jakobus gehen nebeneinander, und nur der kleine Jabe, immer noch an der Hand Jesu, kann das vertrauliche Gespräch der Vettern hören, die sich zulächeln und in die Augen schauen.

Jesus legt einen Arm um die Schultern des Jakobus, zieht ihn näher an sich heran und fragt ihn: «Willst du es wirklich wissen? Nun gut, ich werde es dir als Rätsel sagen, und wenn du den Schlüssel dazu findest, dann bist du weise. Höre also! "Die falschen Propheten hatten sich auf dem Berge Karmel versammelt. Da näherte sich Elias dem Volke und sprach: 'Wie lange noch hinkt ihr nach zwei Seiten? Wenn der Herr Gott ist, dann folgt ihm; wenn es Baal ist, so folgt diesem.' Das Volk antwortete nicht. Dann fuhr Elias fort zum Volke zu reden: 'Von den Propheten des Herrn bin nur ich geblieben" und die einzige Kraft des Einsamen war der Ruf:

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'Erhöre mich, Herr, erhöre mich, damit dieses Volk erkenne, daß du der Herr, unser Gott bist und aufs neue ihre Herzen bekehrt hast.' Darauf fiel das Feuer des Herrn vom Himmel und verzehrte das Opfer." Nun, Bruder, kannst du raten.»

Jakobus denkt gesenkten Hauptes nach, und Jesus betrachtet ihn lächelnd. Sie gehen einige Meter, dann sagt Jakobus: «Bezieht sich dies auf Elias oder auf meine Zukunft?»

«Auf deine Zukunft, natürlich...»

Jakobus denkt weiter nach, dann flüstert er: «So werde ich dazu bestimmt sein, Israel aufzufordern, in der Wahrheit einen Weg zu gehen? So werde ich der sein, der allein in Israel zurückbleibt? Wenn ja, dann heißt es, daß die anderen verfolgt und vertrieben werden und daß ... daß ich dich für die Bekehrung dieses Volkes bitten werde... vielleicht als Priester... vielleicht als Opfer... Aber wenn es so ist, dann entzünde mich jetzt schon, Jesus...»

«Du bist es schon. Aber du wirst vom Feuer erfaßt werden wie Elias. Daher werden wir, ich und du, allein auf den Karmel gehen, um miteinander zu reden.»

«Wann? Nach Ostern?»

«Ja, nach einem Ostern. Dann werde ich dir viele Dinge sagen...»

Ein schöner kleiner Fluß, der zum Meere fließt und durch den Frühjahrsregen und die Schneeschmelze Hochwasser hat, hindert sie am Weitergehen. Petrus eilt herbei und sagt: «Die Brücke ist weiter oben, dort wo die Straße von Ptolemais nach Engannim ist.»

Jesus kehrt willig zurück und überschreitet den Bach auf einer starken Brücke aus Stein. Kurz darauf erscheinen andere Berge und Hügel, aber sie sind nicht hoch.

«Werden wir gegen Abend in Engannim sein?» fragt Philippus.

«Ganz bestimmt. Aber... jetzt haben wir den Knaben. Bist du müde, Jabe?» fragt Jesus liebevoll. «Sei aufrichtig wie ein Engel.»

«Ein wenig, Herr; aber ich will mich anstrengen.»

«Dieses Kind ist geschwächt», sagt der Mann von Endor mit seiner tiefen Stimme.

«Das glaube ich gerne», ruft Petrus. «Bei dem Leben, das es seit einigen Monaten führt! Komm, ich trage dich.»

«O nein, Herr. Ermüde dich nicht. Ich kann schon noch gehen.»

«Komm, komm, du bist bestimmt nicht schwer. Du gleichst einem unterernährten Vöglein», und Petrus setzt ihn auf seine Schultern und hält ihn an den Beinen fest.

Sie gehen rascher, denn die Sonne ist schon heiß und treibt an, die schattigen Hügel zu erreichen.

Sie verweilen in einer Ortschaft, die ich Mageddo nennen höre, und halten Rast bei einem sehr frischen Brunnen, der viel Wasser hat, das

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geräuschvoll in ein dunkles Steinbecken plätschert. Aber niemand aus dem Dorf kümmert sich um die Wanderer, die namenlos wie viele andere mehr oder weniger reiche Pilger sind, die zu Fuß oder auf Eseln nach Jerusalem zum Osterfest ziehen. Es herrscht hier schon eine Freudenstimmung, und viele Kinder sind unter den Wanderern, die der Gedanke der Zeremonie der "Volljährigkeit" heiter stimmt.

Zwei Knaben aus wohlhabenden Familien, die zum Brunnen kommen, um zu spielen, während Petrus Jabe mit tausend Kleinigkeiten zu ergötzen sucht, fragen den Jungen: «Gehst du auch nach Jerusalem, um ein Sohn des Gesetzes zu werden?»

Jabe antwortet schüchtern: «Ja»; aber er versteckt sich dabei hinter Petrus.

«Ist das dein Vater? Du bist arm, nicht wahr?»

«Ich bin arm, ja.»

Die beiden Knaben, vielleicht Söhne von Pharisäern, prüfen das Kind spöttisch und neugierig und sagen: «Das sieht man!»

Ja, man sieht es... Sein Gewand ist recht armselig! Vielleicht ist der Knabe gewachsen, und obgleich der entfärbte braune Saum bereits ausgelassen worden ist, reicht das Kleid nur bis zur Mitte der braungebrannten Waden und läßt die mageren Füße frei, die in zwei unförmigen Sandalen stecken. Letztere werden von Schnüren gehalten, die sicherlich Schmerzen bereiten.

Die Knaben, die in ihrem Egoismus, der so vielen Kindern eigen ist, und in ihrer Grausamkeit als böse Kinder unerbittlich sind, sagen nun: «Oh, dann hast du also kein neues Gewand für das Fest! Wir hingegen! ... Nicht wahr, Joachim? Ich, ganz rot mit einem gleichfarbigen Mantel. Er ganz himmelblau. Und wir haben Sandalen mit silbernen Schnallen und einen kostbaren Gürtel und ein Talet von einer goldenen Platte gehalten und ...»

«Und ein Herz aus Stein, sage ich!» platzt Petrus heraus, der eben fertig ist, seine Füße zu erfrischen und alle Flaschen mit Wasser zu füllen. «Ihr seid böse Buben. Die Zeremonie und das Kleid sind keine Kröte wert, wenn das Herz nicht gut ist. Ich ziehe lieber diesen meinen Buben vor! Macht, daß ihr weiterkommt, ihr Hochnäsigen! Geht zu den Reichen und habt Ehrfurcht vor den Armen und Gerechten. Komm, Jabe! Das Wasser tut deinen müden Füßchen gut. Komm, ich will sie dir waschen, dann können wir nachher besser wandern. Oh, die Schnüre haben dir sehr weh getan. Du darfst nicht mehr gehen. Ich werde dich tragen, bis wir in Engannim sind. Dort werden wir einen Sandalenmacher finden, und ich werde dir ein Paar neue Sandalen kaufen.»

Petrus wäscht und trocknet die kleinen Füße, die schon lange keine solche Fürsorge mehr erfahren haben.

Das Kind sieht ihn an und zögert etwas; dann aber beugt es sich über

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den Mann, der eben die kleinen Sandalen schnürt, umarmt ihn mit seinen mageren Ärmchen und sagt: «Wie gut bist du!» und küßt ihn auf die grauen Haare.

Petrus ist gerührt. Er setzt sich auf den Boden, dort in die Nässe, wie es gerade kommt, nimmt das Kind auf den Schoß und sagt: «Dann nenne mich "Vater".»

Es ist ein liebliches Bild. Jesus nähert sich mit den anderen. Doch zuvor kommen die hochnäsigen Buben noch einmal, die verwundert zugesehen hatten, und sagen: «Aber er ist doch nicht dein Vater!»

«Er ist mir Vater und Mutter», sagt Jabe bestimmt.

«Ja, liebes Kind, das hast du gut gesagt: Vater und Mutter! Und ihr, meine lieben Herrchen, ich versichere euch, er wird nicht schlecht gekleidet zur Zeremonie gehen. Auch er wird ein königliches Gewand haben, rot wie das Feuer, und einen Gürtel, grün wie das Gras, und ein Talet, weiß wie der Schnee.»

Obwohl diese Zusammenstellung nicht gerade harmonisch ist, setzt sie die beiden Hochnäsigen in Erstaunen und treibt sie in die Flucht.

«Was machst du, Simon, in der Nässe?» fragt Jesus lächelnd.

«Naß? Ach ja. Nun merke ich es. Was ich tue? Ich mache mich zum Lamm mit der Unschuld im Herzen. Ach Meister, Meister! Gut, gehen wir. Aber du mußt mich machen lassen mit diesem Kinde. Später kannst du den Jungen haben. Aber solange er kein wahrer Israelit ist, gehört er mir.»

«Aber ja. Du wirst immer sein Vormund sein, wie ein alter Vater. Bist du zufrieden? Laßt uns gehen, damit wir bis zum Abend nach Engannim kommen, ohne daß das Kind zu rasch gehen muß.»

«Ich werde ihn tragen. Mein Netz ist schwerer als er. Er kann nicht gehen mit diesen zwei zerrissenen Sohlen. Komm!» Und mit seinem Söhnchen beladen, macht sich Petrus glücklich wieder auf den Weg. Durch nunmehr immer längere Schatten der Obstgärten beginnen sie die Besteigung der sanften Hügel, von denen aus man einen schönen Ausblick über die fruchtbare Ebene von Esdrelon hat.

Sie sind schon in der Nähe von Engannim, das ein schönes Städtchen sein muß, gut mit Wasser versorgt durch einen hohen, wahrscheinlich römischen Aquädukt. Eine militärische Reitertruppe nähert sich; sie verlassen die Straße. Die Pferdehufe dröhnen auf der Straße, die hier, in der Nähe der Stadt, mit einem leichten Pflaster versehen ist, das man jedoch unter dem Staub und dem Unrat kaum sieht.

«Sei gegrüßt, Meister! Du in dieser Gegend?» schreit Publius Quintillianus, steigt vom Pferd und geht mit einem aufrichtigen Lächeln auf Jesus zu, indem er sein Pferd am Zügel hält. Seine Soldaten gehen im Schritt, um sich ihrem Vorgesetzten anzupassen.

«Ich gehe nach Jerusalem zum Osterfest.»

«Ich auch. Für die Festtage werden die Wachen verstärkt, auch weil

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Pontius Pilatus in die Stadt kommt, und Claudia dasein wird. Wir sind ihre Stafette. Die Wege sind so unsicher. Die Adler treiben die Schakale in die Flucht», lacht der Soldat und blickt Jesus an.

Dann sagt er leiser: «Doppelte Wache dieses Jahr, um den Rücken des schmutzigen Antipas zu decken. Es herrscht viel Unzufriedenheit über den Arrest des Propheten. Unzufriedenheit in Israel und Unzufriedenheit unter uns. Aber... wir haben schon daran gedacht, dem Hohenpriester und seinen Gesellen eine wohltätige Flötenmusik blasen zu lassen», und mit flüsternder Stimme: «Geh daher unbesorgt! Alle Krallen haben sich bereits in die Pfoten zurückgezogen. Ha, ha! Sie fürchten uns. Es genügt schon, daß wir uns räuspern, und sie nehmen es schon für Löwengebrüll. Wirst du in Jerusalem reden? Komm zum Prätorium. Claudia spricht von dir als einem großen Philosophen. Das ist gut für dich, denn... der Prokonsul ist Claudia.»

Er schaut um sich und sieht Petrus schwerbeladen, rot und verschwitzt.

«Und dieses Kind?»

«Ein Waisenkind, das ich zu mir genommen habe.»

«Aber dein Mann hier müht sich zuviel ab. Kind, traust du dich, einige Meter auf dem Pferd zu reiten? Ich werde dich mit mir auf den Sattel nehmen und langsam reiten. Ich werde dich dann am Stadttor... diesem Manne zurückgeben.»

Das Kind wehrt sich nicht, es muß sanft sein wie ein Lamm, und Publius hebt es zu sich in den Sattel. Während er den Soldaten den Befehl gibt, langsam zu reiten, sieht er auch den Mann von Endor. Er schaut ihn fest an und sagt: «Du bist hier?»

«Ja, ich habe es aufgegeben, den Römern Eier zu verkaufen. Aber die Hühner sind noch dort. Nun bin ich mit dem Meister...»

«Gut für dich. Da hast du mehr Halt. Leb wohl! Sei gegrüßt, Meister, ich erwarte dich bei der Baumgruppe.» Und er gibt die Sporen.

«Du kennst ihn, und er kennt dich?» fragen mehrere Johannes von Endor.

«Ja, als Hühnerlieferant. Zuerst kannte er mich nicht. Doch einmal wurde ich nach Naim beordert, um die Preise auszumachen, und da war er dort. Seither hat er mich immer gegrüßt, wenn ich, um Bücher oder sonstiges einzukaufen, nach Caesarea kam. Er nennt mich Zyklop oder Diogenes. Er ist nicht böse, und obgleich ich diese Römer hasse, habe ich ihn nie beleidigt, denn er konnte mir nützlich sein.»

«Hast du gehört, Meister? So hat meine Einsprache beim Centurio in Kapharnaum etwas genützt. Nun bin ich beruhigt», sagt Petrus.

Sie erreichen die Baumgruppe, in deren Schatten die Reiter abgestiegen sind.

«Hier gebe ich dir den Knaben zurück. Hast du etwas zu besorgen, Meister?»

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«Nein, Publius. Gott möge sich dir zeigen.»

«Leb wohl!» Er steigt wieder auf, gibt die Sporen, und die Seinen folgen ihm mit großem Hufgeklapper und Eisengeklirr.

Sie betreten die Stadt; Petrus geht mit dem Kind Sandalen kaufen.

«Dieser Mann stirbt am Wunsche nach einem Sohne», sagt der Zelote, und er fügt hinzu: «Er hat recht.»

«Und ich werde sie ihm zu Tausenden geben. Nun wollen wir uns nach einem Obdach umsehen, um morgen in aller Frühe aufzubrechen.»

233. VON ENGANNIM NACH SICHEM IN ZWEI TAGEN

Auf den Straßen, die immer mehr mit Pilgern überfüllt sind, setzt Jesus seinen Weg nach Jerusalem fort. Ein nächtlicher Wolkenbruch hat die Straße mit etwas Schlamm überzogen, doch gleichzeitig die Luft vom Staub befreit. Die Felder gleichen einem vom Gärtner wohlgepflegten Garten.

Alle gehen rascher, denn sie sind nach dem Aufenthalt ausgeruht, und das Kind mit seinen neuen Sandalen muß nun nicht mehr beim Gehen Schmerzen leiden, sondern beginnt immer vertrauensvoller zu werden und redet mit diesem und mit jenem. Es vertraut Johannes an, daß sein Vater auch Johannes und seine Mutter Maria geheißen haben, und daß es deshalb Johannes sehr gern hat. «Aber», so beendet es sein Geplauder, «ich habe schon alle sehr gern, und im Tempel werde ich viel, viel beten, für alle und besonders für den Herrn Jesus.»

Es ist rührend zu sehen, wie diese Gruppe meist kinderloser Männer so väterlich und voller Fürsorge für den kleinsten Jünger Jesu ist. Selbst der Mann von Endor bekommt ein milderes Aussehen, wenn er den Kleinen drängt, ein Ei auszutrinken, oder in die Wälder hinaufsteigt, welche die Hügel und die immer höher werdenden Berge grün erscheinen lassen; sie werden durch Täler getrennt, durch welche die Hauptstraße führt... Der Mann pflückt Zweige mit säuerlichen Blättern oder Stengeln von wildem Fenchel und gibt sie dem Kinde, damit es seinen Durst stillen kann, der mit Wassertrinken nur noch größer würde; er lenkt den Knaben von der Länge des Weges ab und macht ihn auf verschiedene Dinge und Aussichten aufmerksam.

Der ehemalige Erzieher von Citium, den menschliche Schlechtigkeit ruiniert hat, lebt für dieses Kind: für ein Elend, wie er selbst ein Elend ist; er lebt wieder auf und glättet die Runzeln des Unglücks und der Bitterkeit mit einem freundlichen Lächeln. Jabe ist nun nicht mehr so armselig mit seinen neuen Sandalen und dem weniger traurigen Gesicht, auf dem, ich weiß nicht welche apostolische Hand dafür gesorgt hat, alle Zeichen eines

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während vieler Monate geführten Lebens auszulöschen, indem sie ihm die Haare, die bis dahin unordentlich und staubig waren, nach einer energischen Wäsche schön frisiert hat. Auch der Mann von Endor, der immer noch staunt, wenn er sich Johannes nennen hört, dann aber sein Haupt schüttelt mit einem verständnisvollen Lächeln über sein kurzes Gedächtnis, ist sehr verändert. Tag für Tag verliert sein Gesicht immer mehr von der Härte, die es hatte, und nimmt einen ernsten Ausdruck an, der keine Angst einflößt. Natürlich vermehrt sich in beiden, die durch die Güte Jesu wieder aufleben, die Liebe zum Meister. Die Gefährten sind gut, aber Jesus... Wenn er sie betrachtet oder mit ihnen spricht, dann drücken ihre Gesichter Glückseligkeit aus.

Sie haben nun das Tal und einen schönen grünen Hügel hinter sich, von dessen Höhe man noch einmal die Ebene von Esdrelon überblicken kann. Das hat den Knaben seufzen lassen: «Was wird der alte Vater machen?» worauf er mit einem traurigen Seufzer und einem Tränenschimmer in den braunen Augen hinzugefügt hat: «Oh, er ist nicht so glücklich wie ich... und dabei ist er so gut!» Und die Klage des Knaben hat über alle einen Schleier der Traurigkeit geworfen.

Nun gelangen sie in ein fruchtbares Tal, dessen Felder und Ölgärten gepflegt sind. Der leise Wind bedeckt das Erdreich mit den schneeweißen Blütchen der Reben und der ersten Oliven. Die Ebene von Esdrelon ist nun endgültig den Augen entschwunden.

Eine kurze Rast für die Mahlzeit, dann geht die Wanderung nach Jerusalem weiter. Es muß stark geregnet haben, oder dies ist eine Gegend mit viel Grundwasser, denn die Wiesen gleichen einem niedrigen Sumpf, soviel Wasser schimmert zwischen den dichten Kräutern. Und selbst die etwas höher liegende Straße ist mit Schlamm bedeckt. Die Erwachsenen schürzen sich die Gewänder, damit sie keine Schlammkruste bekommen, und Judas Thaddäus nimmt das Kind auf die Schultern, damit es sich ausruhen kann, und sie rascher aus dieser feuchten und vielleicht ungesunden Gegend kommen. Sie überwinden noch einige Hügel und ein felsiges, trockenes Tal, und der Tag neigt sich bereits, als sie ein Dorf erreichen, das auf einer felsigen Anhöhe liegt. Sie bahnen sich einen Weg durch die Menge der Pilger und suchen Unterkunft in einer sehr einfachen Herberge: einer Überdachung, unter der viel Heu liegt, weiter nichts.

Die Pilgerfamilien, die da und dort beim Abendessen sitzen, haben Kleine Lampen angezündet; arme Familien wie die apostolische, denn die Reichen haben ihre Zelte außerhalb der Ortschaft aufgeschlagen und vermeiden den Kontakt mit den Bewohnern des Dorfes und den armen Pilgern.

Die Nacht ist hereingebrochen, und rundherum wird es still... Der Erste, der in den Schlaf sinkt, ist der Knabe, der müde im Schoß des Petrus liegt. Der Apostel bettet ihn auf das Stroh und deckt ihn sorgfältig zu.

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Jesus versammelt die Erwachsenen zum Gebet, dann wirft sich jeder auf sein Lager, um sich von dem weiten Weg auszuruhen.

Am anderen Tage: Die Apostelgruppe, die am Morgen aufgebrochen ist, trifft gegen Abend in Sichern ein, nachdem sie Samaria hinter sich gelassen hat. Sichern ist eine schöne Stadt, die mit einer Mauer umgeben ist und prächtige Bauten hat, um die sich schöne Häuser ordentlich gruppieren. Ich habe den Eindruck, daß die Stadt, wie Tiberias, erst vor kurzem nach römischem Muster neu aufgebaut worden ist. Die Mauer ist von sehr fruchtbarem und gut bebautem Ackerland umgeben. Die Straße, die aus Samaria nach Sichern führt, hat viele Kurven mit Stützmauern, was mich an die Hügel von Fiesole erinnert; man hat von ihr eine herrliche Aussicht auf grüne Berge im Süden und auf eine wunderschöne Ebene gegen Westen.

Die Straße neigt sich dem Tale zu, doch ab und zu steigt sie wieder an, um über die Hügel zu führen, welche die Gegend von Samaria beherrschen. Diese zeigt schöne Anpflanzungen von Olivenbäumen, Getreide und Weingärten, über denen in der Höhe Eichenwälder und andere Wälder mit hochgewachsenen Bäumen wachsen, die ein Segen sind und verhindern, daß die Winde, die in den Tälern leicht Wirbel bilden, die Kulturen verwüsten. Das erinnert mich an viele Stellen im Apennin um Amiata herum, wenn das Auge die flachen und wächsernen Kulturen der Maremma, die festlichen Hügel und die ernsten Berge betrachtet, die höher werden im Inneren des Landes. Ich weiß nicht, wie heute die Landschaft von Samaria aussieht. Damals war sie sehr schön.

Nun zeigt sich zwischen den beiden hohen Bergen, den höchsten der Gegend, ein fruchtbares, wasserreiches Tal und in dessen Mitte die Stadt Sichern.

Hier wird Jesus mit den Seinen von der festlichen Karawane des Gefolges des Konsuls eingeholt, die sich ebenfalls zum Fest nach Jerusalem begibt. Sklaven zu Fuß und Sklaven auf Wagen, um den Transport der Gegenstände zu bewachen. Mein Gott, wieviel Zeug konnten sie damals mitschleppen! Und wieder Wagen mit Sklaven und Wagen mit allem Möglichen, auch kompletten Sänften und Reisewagen. Letztere sind geräumig auf vier Rädern, gut gefedert und bedeckt, in denen die Damen reisen. Und wieder Wagen und Sklaven...

Ein Vorhang wird von einer ringgeschmückten Frauenhand bewegt, und es erscheint das ernste Profil der Plautina, die wortlos grüßt, aber lächelt. Valeria macht es ebenso. Sie hat ihre Kleine zwischen den Knien, die lacht und plappert. Ein zweiter, noch pompöserer Reisewagen fährt vorbei, ohne daß der Vorhang bewegt wird. Doch als er schon vorbeigefahren ist, erscheint auf seiner Rückseite zwischen den zurückgezogenen Vorhängen das rosige Angesicht Lydias, die eine Geste der Verneigung macht. Die Karawane entfernt sich.

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«Die reisen gut!» sagt Petrus, der müde ist und schwitzt. «Aber mit Gottes Hilfe werden auch wir morgen in Jerusalem sein.»

«Nein, Simon. Ich muß einen Umweg über den Jordan machen.»

«Aber warum, Herr?»

«Des Kindes wegen. Es ist sehr traurig, und es würde noch trauriger, wenn es den Berg des Unglücks wiedersähe.»

«Aber wir werden ihn nicht sehen! Oder besser: wir wollen ihn von einer anderen Seite sehen... und ich werde dafür sorgen, daß der Knabe abgelenkt wird, ich und Johannes... Er läßt sich sofort ablenken, dieses arme Täubchen ohne Nest. In Richtung Jordan gehen? O weh! Besser, diesem direkten kurzen, sicheren Weg folgen. Nein, nein! Diesen, diesen Weg! Siehst du, auch die Römerinnen nehmen ihn. Längs des Meeres und des Flusses dampfen die Fieber nach diesen Regenfällen des Frühlings. Hier ist es gesünder. Und... Wann würden wir ankommen, wenn wir den Weg noch verlängern? Denk daran, wie erregt deine Mutter sein wird nach dem schlimmen Vorfall mit dem Täufer! ...» Petrus setzt sich durch, und Jesus gibt nach.

«Wir werden uns bald und gut ausruhen und morgen beim Sonnenaufgang aufbrechen, damit wir übermorgen in Gethsemane sind. Dann wollen wir am Tag nach dem Freitag zur Mutter nach Bethanien gehen, wo wir die Bücher des Johannes lassen, die euch sehr belastet haben, und Isaak finden, dem wir diesen armen Bruder anvertrauen wollen.»

«Und das Kind, gibst du es gleich weg?»

Jesus lächelt: «Nein, ich werde es zur Mutter bringen, damit sie es für "sein" Fest vorbereitet. Dann nehmen wir das Kind mit uns für Ostern. Doch nachher müssen wir es weggeben... Hänge nicht zu sehr an ihm, oder besser, liebe es wie dein eigenes, aber im übernatürlichen Sinne. Du siehst, es ist schwach und müde. Ich hätte es gerne unterrichtet und, genährt von der Weisheit, heranwachsen lassen. Aber ich bin der Unermüdliche, und Jabe ist zu jung und zu schwach, um unsere Mühen durchzustehen. Wir werden durch Judäa ziehen, für Pfingsten nach Jerusalem zurückkehren, und darauf, die Botschaft verkündend, wandern... Wir werden das Kind im Sommer in unserer Heimat finden. Nun sind wir am Tore von Sichern. Geh mit deinem Bruder und Simon des Judas voraus und besorge eine Unterkunft. Ich gehe zum Marktplatz und erwarte dich dort.»

Sie trennen sich, und während Petrus davoneilt, um eine Unterkunft zu suchen, kommen die anderen nur mühsam auf der Straße voran, die verstopft ist von schreienden und gestikulierenden Menschen, sowie von Eseln und Karren, die alle nach Jerusalem zum bevorstehenden Osterfest ziehen. Stimmen, Rufe und Schimpfworte vermischen sich mit den Eselsschreien, alles zusammen hallt in den Gassen wider und bildet ein Geräusch, das an jenes erinnert, das man vernimmt, wenn man bestimmte Muscheln ans Ohr hält. Das Echo hallt von Bogen zu Bogen, wo sich

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schon die Schatten vereinigen, und die Leute suchen, vorwärtsgedrängt, nach einem Obdach, einem Platz, einer Wiese, um dort die Nacht zu verbringen...

Jesus, das Kind an der Hand und an einen Baum gelehnt, erwartet Petrus auf einem Platze, der bei solchen Gelegenheiten stets voller Händler ist.

«Daß uns ja niemand sieht und erkennt!» sagt Iskariot.

«Wie kann man ein Korn im Sand erkennen?» antwortet Thomas. «Siehst du die Menschenmenge nicht?»

Petrus kommt. «Außerhalb der Stadt gibt es ein Dach und darunter Heu. Ich habe nichts anderes gefunden.»

«Wir suchen nichts anderes! Es ist schon zu schön für den Menschensohn.»

234. VON SICHEM NACH BEEROTH

Wie ein Fluß, der durch immer neue Zuflüsse anschwillt, so wird auch die Straße von Sichern nach Jerusalem von immer mehr Menschen aus den Nebenstraßen erfüllt, die alle zur heiligen Stadt pilgern. Es ist so für Petrus leichter, das Kind abzulenken, das nahe an den heimatlichen Hügeln vorbeikommt, in deren Erde die Eltern begraben sind.

Nach einem langen Marsch, der erst unterbrochen wird, nachdem sie Silo auf seinem Berg linker Hand hinter sich gebracht und in einem grünen, wasserreichen Tal etwas geruht und Speise zu sich genommen haben, nehmen sie die Wanderung wieder auf und bezwingen einen Kalkhügel, der beinahe kahl ist und auf den die Sonne unbarmherzig brennt. Der Abstieg führt durch eine Reihe von schönen Weingärten, die mit ihren Girlanden die Bergvorsprünge schmücken, jedoch die Gipfel sehen lassen.

Petrus gibt mit einem verschmitzten Lächeln Jesus ein Zeichen, der ebenfalls lächelt. Das Kind merkt nichts, denn es hört aufmerksam Johannes von Endor zu, der ihm von anderen Ländern erzählt, die er gesehen hat, und in denen es zuckersüße Trauben gibt, die jedoch weniger für den Wein benützt werden, als für Süßigkeiten, die besser schmecken als Honigkuchen.

Nun kommt ein neuer mühsamer Anstieg, da die Gruppe die staubige und überfüllte Hauptstraße verlassen und eine waldige Abkürzung vorgezogen hat.

Als sie die Anhöhe erreicht haben, sehen sie in der Ferne ein glänzendes Meer, das über einer weißen Siedlung leuchtet, vielleicht von weiß gekalkten Häusern.

«Jabe», ruft Jesus. «Komm her. Siehst du den goldenen Punkt? Es ist

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das Haus Gottes. Dort wirst du schwören, dem Gesetz zu gehorchen. Aber kennst du es auch gut?»

«Mama hat mir davon gesprochen, und mein Vater hat mich die Gebote gelehrt. Ich kann lesen und glaube noch alles zu wissen, was sie mir vor ihrem Tod gesagt haben ...» Das Kind, das lächelnd dem Ruf Jesu gefolgt ist, weint nun; es neigt das Köpfchen, und das Händchen zittert in der Hand Jesu.

«Weine nicht. Höre! Weißt du, wo wir sind? Dies hier ist Bethel. Hier hatte der heilige Jakobus seinen Traum von den Engeln. Weißt du das? Erinnerst du dich daran?»

«Ja, Herr. Er sah eine Leiter, die von der Erde bis zum Himmel reichte, auf der die Engel auf- und abstiegen, und die Mama sagte, wenn man bis zur Stunde des Todes immer gut gewesen ist, dann kann man das gleiche erfahren und auf der Leiter in das Haus Gottes gehen. Viele Dinge hat mir die Mama gesagt... doch jetzt sagt sie nichts mehr... Ich habe alles hier, und das ist alles, was ich von ihr habe...» Die Tränen rinnen über das traurige Gesichtchen.

«Aber weine doch nicht so! Höre, Jabe! Auch ich habe eine Mutter, die Maria heißt und die heilig und gut ist und viele schöne Dinge weiß. Sie ist klüger als ein Lehrer und besser und schöner als ein Engel. Nun wollen wir zu ihr gehen. Sie wird dich liebhaben. Sie wird dir viele Dinge sagen. Und mit ihr ist die Mama des Johannes; auch sie ist gut, und auch sie heißt Maria. Und die Mutter meines Vetters Judas; auch sie ist gut wie Honigbrot und trägt den Namen Maria. Sie alle werden dich liebhaben. Sehr lieb, denn du bist ein gutes Kind, aus Liebe zu mir, der ich dich sehr liebhabe. Du wirst bei den drei Marien heranwachsen, und wenn du groß bist, wirst du ein Heiliger Gottes sein und wie ein Gelehrter über Jesus predigen, der dir wieder eine Mutter auf Erden gegeben hat, und der die Pforten des Himmels für deine tote Mutter, deinen Vater und auch für dich öffnen wird, wenn die Stunde gekommen ist. Du wirst es in der Stunde deines Todes nicht einmal nötig haben, die lange Leiter zum Himmel hinaufzusteigen, denn du wirst sie schon während deines Lebens erstiegen haben, da du ein guter Jünger sein wirst; du wirst an der Schwelle des geöffneten Paradieses stehen, und ich werde dort sein und zu dir sagen: "Komm, mein Freund und Kind Marias", und dann werden wir beisammen bleiben.»

Das strahlende Lächeln Jesu, der etwas gebeugt geht, um dem zu ihm aufblickenden Gesichtchen des Kindes, das neben ihm geht und sein Händchen in Jesu Hand hat, näher zu sein, und die wunderbare Erzählung trocknet die Tränen und lockt ein Lächeln hervor.

Das Kind, das bestimmt nicht dumm ist, sondern nur verstört von soviel Leid und Entbehrungen, die es erdulden mußte, hört aufmerksam zu und fragt dann: «Aber du sagst, daß du die Pforten des Himmels öffnen

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wirst. Sind sie denn nicht wegen der großen Sünde verschlossen? Mama sagte mir, daß niemand eintreten kann, bevor die Verzeihung erfolgt ist, und daß die Gerechten in der Vorhölle darauf warten.»

«So ist es! Doch nachdem ich das Wort Gottes verkündet und die Verzeihung für euch erlangt habe, werde ich zum Vater gehen und zu ihm sagen: "Mein Vater, jetzt habe ich deinen Willen erfüllt. Nun erbitte ich die Belohnung für mein Opfer. Es sollen die Gerechten kommen, die auf dein Reich warten." Und der Vater wird zu mir sagen: "Es geschehe, wie du willst." Und dann werde ich hinabsteigen und alle Gerechten rufen, und die Vorhölle wird ihre Pforten öffnen beim Klang meiner Stimme, und die heiligen Patriarchen, die erleuchteten Propheten, die gesegneten Frauen von Israel und viele, viele Kinder werden jubelnd hinaufziehen. Weißt du, wie viele Kinder? Wie eine Wiese voller Blumen jeglichen Alters! Und sie werden singend mir folgen und aufsteigen in das schöne Paradies.»

«Und wird auch meine Mama unter ihnen sein?»

«Ganz bestimmt.»

«Du hast nicht gesagt, daß sie mit dir an der Pforte stehen wird, wenn ich gestorben bin ...»

«Sie, und mit ihr dein Vater, haben es nicht nötig, an jener Pforte zu stehen. Wie leuchtende Engel fliegen sie vom Himmel zur Erde, von Jesus zu ihrem kleinen Jabe, und wenn du im Sterben liegst, dann werden sie es wie die Vöglein dort in jenen Hecken machen. Siehst du sie?» Jesus nimmt das Kind in seine Arme, damit es besser sehen kann. «Siehst du, wie sie auf ihren kleinen Eiern sitzen? Sie warten, bis sich diese öffnen; dann werden sie ihre Flügel über die Brut breiten und sie vor jeder Gefahr beschützen; dann, wenn die Kleinen größer und flügge sind, tragen sie dieselben auf ihren starken Flügeln in die Höhe, immer höher, der Sonne entgegen. So werden es deine Eltern mit dir tun.»

«Wird es genauso sein?»

«Genauso.»

«Aber wirst du es ihnen sagen, damit sie nicht vergessen zu kommen?»

«Das ist nicht nötig, denn sie lieben dich über alles; aber ich werde es ihnen sagen!»

«Oh, wie ich dich liebhabe!»

Das Kind, noch in den Armen Jesu, legt ihm die Arme um den Hals und küßt ihn mit einer freudigen, rührenden Bewegung. Jesus erwidert den Kuß und stellt das Kind auf den Boden.

«Gut. Nun gehen wir weiter zur heiligen Stadt. Wir werden gegen morgen abend dort ankommen. Warum eine solche Eile? Kannst du es mir sagen? Wäre es nicht einerlei, wenn wir übermorgen ankommen würden?»

«Nein! Es wäre nicht dasselbe, denn morgen ist Parasceve, und nach Sonnenuntergang darf man nicht mehr als sechs Stadien gehen. Weiter darf man nicht gehen, denn der Sabbat und die Ruhe haben begonnen.»

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«So ist man also am Sabbat müßig?»

«Nein, man betet den Allerhöchsten, den Herrn, an.»

«Wie heißt er?»

«Adonai. Nur die Heiligen dürfen seinen Namen nennen.»

«Auch die guten Kinder. Sag ihn, wenn du ihn weißt!»

«Jahwe.» (Das Kind spricht das Wort mit einem langgezogenen a aus.)

«Und warum betet man zum Allerhöchsten Herrn am Sabbat?»

«Weil er es Moses befohlen hat, als er ihm die Gesetzestafeln gegeben hat.»

«Ja? Und was hat er da gesagt?»

«Er hat gesagt, daß man den Sabbat heiligen soll. "Du sollst sechs Tage arbeiten; doch am siebten Tage sollst du ruhen und ausruhen lassen, denn auch ich habe es so gemacht nach der Erschaffung der Welt."»

«Wie, der Herr hat sich ausgeruht? Ist er denn bei der Schöpfung müde geworden? Hat er wirklich alles erschaffen? Woher weißt du es? Ich weiß, daß Gott nie müde wird.»

«Er ist nicht müde geworden, denn Gott braucht nicht zu gehen und seine Arme zu bewegen. Er hat es getan, um Adam und uns zu belehren und um uns einen Tag zu geben, an dem wir an ihn denken sollen. Er hat alles erschaffen, das ist sicher. Das Buch des Herrn sagt es.»

«Aber ist das Buch von ihm geschrieben worden?»

«Nein. Aber es ist die Wahrheit. Und man muß daran glauben, uni nicht bei Luzifer zu enden.»

«Du hast gesagt, daß Gott nicht geht und seine Arme nicht bewegt. Wie hat er dann erschaffen können? Wie ist er denn? Eine Statue?»

«Er ist kein Götze. Er ist Gott. Und Gott ist... Gott ist... laß mich nachdenken und mich daran erinnern, was Mama gesagt hat, und besser noch als sie der Mann, der in deinem Namen die Armen von Esdrelon besucht... Die Mama sagte, um mir Gott verständlich zu machen: "Gott ist wie meine Liebe zu dir. Sie hat keinen Leib, und doch ist sie." Und der kleine Mann mit dem so sanften Lächeln sagte: "Gott ist der eine und dreieinige ewige Geist, und die zweite Person hat Fleisch angenommen aus Liebe zu uns, zu uns Armen, und er hat den Namen..." Oh, Herr! Nun verstehe ich... daß du es bist!» Und das erschrockene Kind wirft sich anbetend zur Erde.

Alle kommen eilends herbei, da sie annehmen, daß das Kind gefallen sei.

Doch Jesus fordert sie mit dem Finger an den Lippen zum Schweigen auf und sagt dann: «Steh auf, Jabe! Die Kinder brauchen vor mir keine Angst zu haben!»

Das Kind blickt ehrfürchtig zu Jesus auf, ohne etwas sagen zu können, fast ängstlich. Doch Jesus lächelt, reicht ihm die Hand und sagt: «Du bist ein kluger kleiner Israelit. Fahren wir mit der Prüfung fort! Weißt du nun, da du mich erkannt hast, was über mich im Buch geschrieben steht?»

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«O ja, Herr! Von Anfang an bis jetzt. Alles spricht von dir. Du bist der verheißene Erlöser. Nun verstehe ich, weshalb du die Pforten der Vorhölle öffnen wirst. Oh, Herr, Herr! Und du liebst mich wirklich sehr?»

«Ja, Jabe!»

«Nein, nicht mehr Jabe. Gib mir einen Namen, der bedeutet, daß du mich geliebt und gerettet hast ...»

«Den Namen werde ich mit der Mutter wählen. Ist es recht so?»

«Aber er soll genau diesen Sinn haben. Und ich will den Namen annehmen an dem Tage, an dem ich Sohn des Gesetzes werde.»

«Ja, du wirst ihn an diesem Tag annehmen.»

Bethel liegt nun hinter ihnen, und in einem kühlen Tal, wo es reichlich Wasser gibt, machen sie Rast und halten eine Mahlzeit. Jabe ist noch ganz benommen von der Offenbarung; er ißt schweigend und nimmt ehrfürchtig jeden Bissen entgegen, den Jesus ihm reicht. Doch langsam wird das Kind gelöster, und nach einem heiteren Spiel mit Johannes, während die anderen sich auf dem grünen Grase ausruhen, geht es mit dem lächelnden Johannes zu Jesus zurück, und sie bilden eine Dreiergruppe.

«Du hast mir noch nicht gesagt, wer über mich im Buch spricht.»

«Die Propheten, Herr. Und noch zuvor spricht das Buch von dir bei der Vertreibung Adams und dann zu Jakob, Abraham und Moses... Oh, mein Vater sagte, daß er zu Johannes gegangen war – nicht zu diesem, zum anderen Johannes, dem vom Jordan – und daß er, der große Prophet, dich Lamm genannt hatte... Nun verstehe ich das Lamm des Moses... Du bist das Passahlamm!»

Johannes neckt ihn: «Aber welcher Prophet hat ihn besser als Johannes vorausgesagt?»

«Isaias und Daniel. Aber mir gefällt Daniel besser, nachdem ich dich nun wie meinen Vater liebe. Darf ich es sagen? Darf ich sagen, daß ich dich liebe, wie ich meinen Vater geliebt habe? Ja? Also, ziehe ich Daniel vor.»

«Und warum? Isaias ist es, der von Christus spricht.»

«Ja, aber er spricht von den Schmerzen Christi. Während Daniel vom schönen Engel und von deiner Ankunft spricht. Ja, auch er sagt, daß Christus geopfert werden wird. Aber ich denke, daß das Lamm mit einem Schlag getötet wird. Nicht wie Isaias und Daniel sagen. Ich habe immer geweint, wenn ich dies gehört habe, und Mama hat es mir dann nicht mehr vorgelesen.»

Das Kind weint beinahe wieder, während es die Hand Jesu streichelt.

«Denk jetzt nicht daran! Höre! Kennst du die Gebote?»

«Ja, Herr. Ich glaube, daß ich sie kenne. Im Wald habe ich sie mir immer vorgesagt, damit ich sie nicht vergesse und um mich der Worte Mamas und Vaters zu erinnern. Doch nun weine ich nicht mehr (es ist wirklich ein großes Leuchten in den Augen), denn nun habe ich dich.»

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Johannes lächelt, umarmt seinen Jesus und sagt: «Genau meine Worte! Alle, die ein kindliches Herz haben, reden so.»

«Ja, denn ihre Worte entspringen einer einzigen Weisheit. Jetzt müssen wir aber gehen, damit wir bald in Beeroth sind. Die Menge wächst immer mehr an, und ein Gewitter zieht herauf. Die Unterkünfte werden im Nu überfüllt sein. Ich will nicht, daß ihr krank werdet.»

Johannes ruft die Gefährten, und sie gehen weiter nach Beeroth durch eine Ebene, die nicht sehr bebaut, aber auch nicht so öde ist, wie der Hügel hinter Silo.

235. VON BEEROTH NACH JERUSALEM

Es regnet. Petrus gleicht einem umgekehrten Äneas, denn anstelle des eigenen Vaters hat er den kleinen Jabe auf den Schultern, der ganz in seinen großen Mantel gehüllt ist. Über dem grauen Kopf des Petrus sieht man das Köpfchen: Das Kind hat die Arme um seinen Hals geschlungen und lacht, wenn Petrus in die Pfützen tappt.

«Das hätte uns erspart bleiben können», nörgelt Iskariot, der nervös ist wegen des Wassers, das vom Himmel fällt und vom Boden her die Kleider bespritzt.

«Oh, viele Dinge könnten uns erspart bleiben», entgegnet Johannes von Endor und blickt mit seinem einzigen Auge, das, wie mir scheint, für beide sieht, den schönen Judas fest an.

«Was meinst du damit?»

«Ich will sagen, daß es unnütz ist, zu verlangen, daß die Elemente Rücksicht auf uns nehmen, wenn wir keine Rücksicht auf unseresgleichen nehmen, in weit schwerwiegenderen Dingen als zwei Tropfen Wasser und ein Spritzer Schlamm.»

«Das ist wahr. Aber ich möchte die Stadt sauber betreten. Ich habe viele Freunde dort, und ziemlich oben ...»

«Paß nur auf, daß du nicht hinunterfällst!»

«Willst du mich ärgern?»

«Nein, aber ich bin ein alter Lehrer... und ein alter Schüler. Seit ich lebe, studiere und lerne ich. Zuerst habe ich gelernt, dahinzuleben; dann habe ich das Leben beobachtet und die Bitternis des Lebens kennengelernt und habe eine unnütze Gerechtigkeit ausgeübt, die des "Einer" gegen Gott und gegen die ganze Gesellschaft. Gott hat mich bestraft mit Gewissensbissen, die Gesellschaft mit Ketten, so daß ich im Grunde selbst der Gerichtete gewesen bin. Endlich habe ich gelernt, lerne ich nun, zu "leben". Da ich Lehrer und Schüler bin, wirst du begreifen, daß es ganz natürlich ist, wenn ich die Lektion wiederhole.»

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«Aber ich bin der Apostel...»

«Und ich unglücklich, ich weiß; ich dürfte mir nicht erlauben, dich belehren zu wollen. Aber siehst du, man weiß nie, was man noch alles tun wird. Ich hatte geglaubt, als ehrsamer und verehrter Erzieher in Cypern zu sterben, und wurde zum Mörder und ein lebenslänglicher Zuchthäusler. Aber als ich das Messer erhob, um mich zu rächen, und als ich die Ketten nachschleppte und das Universum haßte, und wenn man mir gesagt hätte, daß ich ein Jünger des Heiligen werde, so hätte ich am Verstand dessen, der dies gesagt hätte, gezweifelt. Und doch, du siehst es! Daher kann ich, wer weiß, auch dir, Apostel, eine gute Lehre erteilen. Aus meiner Erfahrung, nicht wegen der Heiligkeit, an sie denke ich nicht.»

«Der Römer hatte recht, als er dich Diogenes nannte.»

«Ja, aber Diogenes hat den Menschen gesucht und ihn nicht gefunden. Ich bin glücklicher als er, ich habe eine Schlange gefunden, als ich glaubte, es sei eine Frau, und einen Kuckuck, statt einen Freund; aber, nachdem ich viele Jahre herumgeirrt bin und in dieser Erkenntnis verrückt geworden bin, habe ich den Menschen, den Heiligen gefunden.»

«Ich kenne nur die Weisheit Israels.»

«Wenn es so ist, kannst du dich schon retten. Nun hast du aber auch die Wissenschaft, vielmehr die Weisheit Gottes.»

«Das ist dasselbe.»

«O nein! Das ist wie ein Regentag im Vergleich zu einem Tag voll Sonne.»

«Also, du willst mich belehren? Ich habe keine Lust dazu.»

«Laß mich ausreden. Zuerst habe ich zu Kindern gesprochen: Sie waren unaufmerksam; dann zu den Schatten: Sie verfluchten mich; dann zu den Hühnern: Sie waren schon besser als die beiden ersten, viel besser. Jetzt spreche ich zu mir selbst, da ich noch nicht mit Gott reden kann. Weshalb willst du mich daran hindern? Ich kann nur mit einem Auge sehen, das Kreuz schmerzt mich wegen der Arbeit im Bergwerk, und das Herz ist seit vielen Jahren krank. Erlaube, daß wenigstens mein Geist nicht steril werde.»

«Jesus ist Gott.»

«Ich weiß es und ich glaube es. Mehr als du. Denn ich bin durch seinen Eingriff wiedergeboren worden. Aber so sehr er auch die Güte sein mag, er ist immer ER: Gott! Und ich, der arme Unglückliche, wage es nicht, in einem so vertraulichen Ton zu ihm zu sprechen wie du. Meine Seele spricht mit ihm, die Lippen wagen es nicht; nur die Seele, und ich fühle, daß er sie kennt mit ihren Tränen der Dankbarkeit und ihrer reuigen Liebe.»

«Das ist wahr, Johannes. Ich höre deine Seele.» Jesus mischt sich in das Gespräch der beiden ein. Judas wird rot vor Scham, der Mann aus Endor vor Freude.

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«Ich höre deine Seele, das ist wahr. Und ich spüre auch die Arbeit deines Geistes. Du hast gut gesprochen. Wenn du dich durch mich bilden lassen hast, wird es dir von großem Nutzen sein, daß du ein aufmerksamer Lehrer und Schüler gewesen bist. Sprich, sprich, auch zu dir selbst...»

«Es ist noch nicht lange her, Meister, da hast du gesagt, es sei nicht gut, mit dem eigenen Ich zu reden», bemerkt Judas unverschämt.

«Das ist wahr. Ich habe es gesagt. Aber es war nur, weil du mit deinem eigenen Ich gemurrt hast. Dieser Mann murrt nicht. Er denkt nach und mit einer guten Absicht. Er tut nichts Böses.»

«Dann bin ich also im Unrecht!» Judas wird aggressiv.

«Du hast nur einen Dorn im Herzen. Es kann nicht immer gutes Wetter sein. Die Landleute wünschen auch Regen. Und es ist Nächstenliebe, darum zu beten, daß er kommt. Auch dies ist Liebe. Aber schau, welch schöner Regenbogen sich von Ataroth nach Rama spannt. Wir haben Ataroth schon hinter uns. Das dunkle Tal ist überwunden, und alles ist nun schön bebaut und lacht unter der Sonne, welche die Wolken zerreißt. Wenn wir in Rama ankommen, dann haben wir nur noch 36 Stadien bis Jerusalem. Wir werden es hinter dem Hügel sehen, dem Ort der schrecklichen Blutschande der Gibeoniten. Eine schreckliche Sache, der Biß des Fleisches, Judas ...»

Judas antwortet nicht und läßt seinem Zorn freien Lauf, indem er in die Wasserpfützen patscht.

«Aber was hat er denn heute?» fragt Bartholomäus.

«Schweige, damit Simon des Jonas es nicht hört. Wir wollen Streitereien vermeiden und Simon nicht die gute Laune verderben. Er ist so glücklich mit dem Kind.»

«Ja, Meister, aber es ist nicht recht. Ich werde es ihm sagen ...»

«Er ist jung, Nathanael. Auch du warst es einmal ...»

«Ja, aber er sollte es nicht an Achtung fehlen lassen ...» Ohne es zu wollen, hat er etwas lauter gesprochen.

Petrus kommt herbei: «Was gibt es? Wer fehlt gegen die Ehrfurcht? Der neue Jünger?» und er schaut nach Johannes von Endor, der sich still zurückgezogen hat, als er bemerkte, daß Jesus den Apostel zurechtwies, und nun mit Jakobus des Alphäus und Simon dem Zeloten spricht.

«Was denkst du! Er ist ehrfürchtig wie ein Kind.»

«Ah, gut so... Wenn nicht, dann wäre sein Auge in Gefahr! Dann ist es also Judas! ...»

«Höre, Simon, könntest du dich nicht um den kleinen Jungen kümmern? Du hast ihn mir weggenommen, und nun willst du dich in eine freundschaftliche Unterhaltung zwischen mir und Nathanael mischen. Meinst du nicht, daß du zuviel auf einmal willst?»

Jesus lächelt so ruhig, daß Petrus über seine Vermutung unsicher wird. Er schaut Bartholomäus an; doch dieser hat sein Adlergesicht erhoben, um den Himmel zu prüfen... So läßt Petrus seinen Verdacht fallen.

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Der Anblick der nun nahen Stadt mit all ihren Hügeln, Weingärten, Olivenhainen, Häusern und besonders dem Tempel: ein Anblick, der immer noch Quelle der Rührung und des Stolzes für die Israeliten sein muß, läßt alles andere vergessen. Die schon warme Aprilsonne von Judäa hat rasch die Steine der Hauptstraße getrocknet. Jetzt muß man die Pfützen direkt suchen. Die Apostel lösen am Stadtrand die geschürzten Gewänder, waschen sich die Füße in einem klaren Bach, bringen ihre Haare in Ordnung und hüllen sich in ihre Mäntel; Jesus tut dasselbe. Ich sehe, daß alle Pilger es auch tun.

Der Einzug in Jerusalem mußte eine wichtige Angelegenheit sein. Sich in dieser Zeit der Feste an den Mauern der Stadt zu zeigen, kam einer Audienz bei einem Herrscher gleich. Die "Heilige Stadt" war die wahre Königin der Israeliten; das begreife ich gut, da ich auf dieser Landstraße die Menschenscharen und ihr Verhalten beobachten kann. Hier bilden die Mitglieder der verschiedenen Familien zwei Gruppen: die Frauen mit den Frauen, die Männer mit den Männern, und die Kinder mit den einen oder den anderen; aber alle sehr ernst und gleichzeitig froh. Einige legen den abgenützten Mantel zusammen und holen einen besseren aus dem Reisesack hervor, einen neuen; manche wechseln auch die Sandalen. Dann wird der Gang feierlich, hieratisch. In jeder Gruppe ist ein Vorbeter, der den Ton angibt, und die alten, ruhmreichen Hymnen Davids werden angestimmt. Die Menschen blicken sich mit freundlichen Augen an, die durch den Anblick des Hauses Gottes sanfter geworden sind. Das heilige Haus, dieser enorme Marmorwürfel, auf dem goldene Kuppeln thronen, liegt wie eine Perle im Inneren der gewaltigen Umfassungsmauer des Tempels.

Die Apostelgruppe hat sich wie folgt aufgestellt: Jesus und Petrus mit dem Kind in der Mitte; dahinter Simon, Iskariot und Johannes; dann Andreas, der Johannes von Endor gezwungen hat, zwischen ihm und Jakobus des Zebedäus zu gehen; in der vierten Reihe die beiden Vettern des Herrn mit Matthäus; und als letzte Thomas mit Philippus und Bartholomäus. Hier, in dieser Gruppe, stimmt Jesus mit seiner kräftigen und schönen Stimme, einem wohlklingenden Bariton, die Gesänge an. Judas Iskariot antwortet mit einem hellen Tenor, Johannes mit der klaren Stimme eines noch sehr jungen Menschen, die beiden Vettern Jesu mit ihren Baritonstimmen, und Thomas mit seinem Baß. Die anderen, die nicht so schöne Stimmen haben, stimmen leise in den Chor jener ein, die meisterhaft singen können. (Die Psalmen sind die bekannten Gradualpsalmen.) Der kleine Jabe, mit seiner engelgleichen Stimme unter den starken Stimmen der Männer, singt sehr gut, vielleicht weil er besser als die anderen den 121. Psalm kennt. «Wie habe ich mich gefreut, als man mir sagte, "Ins Haus des Herrn wollen wir gehen."» Er strahlt vor Freude über das ganze Gesicht, das vor wenigen Tagen noch so traurig war.

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Nun sind die Mauern erreicht. Sie sind vor dem Fischtor. Die Straßen sind überfüllt.

Sofort zum Tempel für ein erstes Gebet. Dann der Friede im Frieden von Gethsemane, das Nachtmahl, die Ruhe.

Die Reise nach Jerusalem ist beendet.

236. DER SABBAT IN GETHSEMANE

Der Vormittag des Sabbats ist von den meisten dazu benützt worden, den müden Leib ausruhen zu lassen und die staubigen und zerknitterten Reisekleider in Ordnung zu bringen. In den weiten Zisternen von Gethsemane, die von den Regenfällen aufgefüllt sind, und im Kedron, der auf den Steinen schäumt und seine Symphonie erklingen läßt, ist nun soviel Wasser, daß alle geradezu hingezogen werden. Einer nach dem anderen tauchen die Pilger, die sich nicht vor dem kalten Naß fürchten, ein und kleiden sich dann neu von Kopf bis Fuß. Mit noch nassen Haaren holen sie Wasser aus den Zisternen, um es in Becken zu schütten, in denen schon nach Farben getrennt die schmutzigen Kleider liegen.

«Oh! Fein!» sagt Petrus zufrieden. «So sind die vorgereinigt, und Maria hat weniger Mühe beim Waschen.» (Ich nehme an, daß er die Frau des Bauern im Gethsemane meint.)

«Nur du, Kleiner, kannst dich nicht umziehen. Aber morgen...» Das Kind hat ein sauberes Kleidchen an, das aus seinem Sack genommen worden ist und für eine Puppe gerade groß genug wäre, so kurz ist es. Es ist noch dünner und kürzer als das andere. Petrus betrachtet es sorgenvoll und murmelt dabei: «Wie mache ich es bloß, dieses Kind mit in die Stadt zu nehmen? Ich würde am liebsten meinen Mantel teilen, denn so könnte man alles verdecken.»

Jesus, der das väterliche Selbstgespräch hört, sagt: «Es ist besser, das Kind nun ausruhen zu lassen. Heute abend gehen wir nach Bethanien ...»

«Aber ich will ihm das Gewand kaufen. Ich habe es ihm versprochen ...»

«Das wirst du ganz bestimmt tun. Aber es ist besser, sich mit der Mutter zu beraten... weißt du, die Frauen haben mehr Erfahrung beim Einkaufen... und sie wird glücklich sein, sich um ein Kind kümmern zu können; ihr werdet zusammen gehen.»

Der Gedanke, mit Maria zum Einkaufen zu gehen, versetzt den Apostel in den siebten Himmel. Ich weiß nicht, ob Jesus alles sagt, was er denkt, oder ob er einen Teil verschweigt; also nicht sagt, daß seine Mutter einen besseren Geschmack hat und sich besser auf Farbenzusammenstellung versteht. Auf jeden Fall erreicht Jesus seinen Zweck, ohne Petrus zu kränken.

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Sie zerstreuen sich auf dem Ölberg, der an diesem herrlichen Apriltag wunderschön ist. Der Regen der vergangenen Tage scheint die Oliven versilbert und Blumen gesät zu haben, denn alles erscheint strahlend in der Sonne und zahlreiche Blumen blühen unter den Ölbäumen. Die Vöglein singen und fliegen nach allen Richtungen. Die Stadt liegt dort in westlicher Richtung, von Gethsemane aus gesehen.

Man kann das Menschengewühl im Stadtinnern nicht erkennen, aber man sieht die Karawanen, die zum Fischtor und zu anderen Toren, deren Namen ich nicht kenne, ziehen, und die dann von der Stadt wie von einem hungrigen Bauch verschlungen werden.

Jesus wandelt umher und beobachtet Jabe, der heiter mit Johannes und den jüngeren Aposteln spielt. Auch Iskariot, dessen Ärger vom Vortage verflogen scheint, ist heiter und spielt mit. Die älteren beobachten ihn und lächeln.

«Was wird deine Mutter zu diesem Kind sagen?» fragt Bartholomäus.

«Ich sage, daß sie sagen wird: "Es ist sehr mager"», sagt Thomas.

«O nein! Sie wird sagen: "Armes Kind!"» meint Petrus.

«Sie wird zu dir sagen: "Ich freue mich, daß du das Kind liebst"», bemerkt Philippus.

«Daran hätte die Mutter nie gezweifelt. Aber ich meine, daß sie nichts sagen wird. Sie wird es an ihr Herz ziehen», bemerkt der Zelote.

«Und du, Meister, was meinst du, was sie sagen wird?»

«Sie wird tun, wie ihr sagt. Aber vieles, vielmehr alles, wird sie in ihrem Herzen bewahren, und beim Küssen wird sie nur sagen: "Du sollst gesegnet sein!" Sie wird das Kind pflegen, wie ein aus dem Nest gefallenes Vöglein. Einmal, hört, erzählte sie mir von ihrer Kindheit. Sie war noch nicht drei Jahre alt – sie war noch nicht im Tempel – und ihr Herz floß über vor Liebe, wie Blumen und Oliven, die gepreßt werden, ihren Wohlgeruch und Öl ausströmen. In der Verzückung dieser Liebe sagte sie zu ihrer Mutter, daß sie, um dem Erlöser mehr zu gefallen, Jungfrau bleiben wolle, daß sie aber auch Sünderin sein wolle, um erlöst zu werden; und sie weinte beinahe, weil die Mutter sie nicht verstand und ihr nicht erklären konnte, wie man gleichzeitig die "Reine" und "Sünderin" sein kann. Der Vater schenkte ihr den Frieden wieder, indem er ihr einen kleinen Sperling brachte, den er gerettet hatte, als er auf dem Brunnenrand in Gefahr war. Er erzählte ihr das Gleichnis vom Vöglein und sagte, daß Gott sie im voraus vorweg gerettet hätte und sie ihn daher zweimal preisen müsse. Und die kleine Jungfrau Gottes, die herrliche Jungfrau Maria, übte ihre erste geistige Mutterschaft über diesen Nestling aus, den sie fliegen ließ, als er kräftiger geworden war. Das Vöglein aber verließ nie mehr den Garten von Nazareth und tröstete mit seinen Flügen und seinem Gezwitscher das traurige Haus und die traurigen Herzen von Anna und Joachim, nachdem Maria zum Tempel gebracht worden war. Das Vöglein starb kurz

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bevor Anna entschlief... Es hatte seine Pflicht erfüllt... Meine Mutter hatte sich der Jungfräulichkeit aus Liebe geweiht. Aber sie hatte, da sie ein vollkommenes Geschöpf war, die Mütterlichkeit im Blut und im Geist; denn die Frau ist zur Mutterschaft berufen, und es ist unnatürlich, wenn sie taub gegen dieses Gefühl ist, das Liebe zweiten Grades ist...»

Auch die anderen sind nun leise, leise näher gekommen.

«Was willst du sagen, Meister, wenn du von Liebe zweiten Grades sprichst?» fragt Judas Thaddäus.

«Mein Freund, es gibt Liebe verschiedener Art. Ersten Grades ist jene, die man Gott schenkt. Die Liebe zweiten Grades ist die mütterliche oder väterliche Liebe. Denn wenn die erste Liebe ganz geistig ist, so ist die zweite zu zwei Drittel geistig und zu einem Drittel fleischlich. Hier mischt sich das menschliche Gefühl bei, aber es herrscht das höhere vor; denn eine Mutter und ein Vater, die gesund und heiligmäßig leben, beschränken sich nicht darauf, den Körper des Kindes zu ernähren und zu liebkosen, sondern geben auch dem Geist und der Seele ihres Geschöpfes Nahrung und Liebe. Es ist wahr, wenn ich sage, daß wer sich den Kindern widmet, wenn auch nur, um sie zu unterrichten, sie schließlich liebt wie sein eigenes Fleisch.»

«Ich habe meine Schüler sehr geliebt», sagt Johannes von Endor.

«Ich habe verstanden, daß du ein sehr guter Lehrer gewesen bist, als ich beobachtete, wie du mit Jabe umgehst.»

Der Mann von Endor neigt sich und küßt die Hand Jesu, ohne zu antworten.

«Fahre fort, ich bitte dich, mit der Klassifizierung der Liebe», bittet der Zelote.

«Es gibt die Gattenliebe, die Liebe dritten Grades; sie ist zur Hälfte – ich spreche immer von einer gesunden, heiligen Liebe – geistig und zur anderen Hälfte körperlich. Der Mann ist für seine Frau außer dem Gatten ein Lehrer und ein Vater; und die Frau ist für den Mann außer der Gattin ein Engel und eine Mutter. Dies sind die drei Arten der höheren Liebe.»

«Und die Nächstenliebe? Irrst du dich nicht? Oder hast du dies vergessen?» fragt Iskariot. Die anderen blicken ihn erstaunt und entsetzt ob dieser Bemerkung an.

Aber Jesus antwortet ruhig. «Nein, Judas! Aber schau, Gott wird geliebt, weil er Gott ist, und keine Erklärung ist nötig, um von der Notwendigkeit dieser Liebe zu überzeugen. Gott ist, der ist, also alles; und der Mensch ist das Nichts, das Anteil an dem "alles" hat durch die vom Ewigen eingegossene Seele, ohne welche der Mensch eines der vielen unvernünftigen Tiere wäre, die auf der Erde, im Wasser oder in der Luft leben. Und der Mensch muß Gott anbeten, um zu verdienen, in dem "alles" zu überleben; das heißt, verdienen, Teil des heiligen Volkes Gottes im Himmel zu werden, Bürger des Jerusalem, das in alle Ewigkeit keine Schändung und Zerstörung kennen wird.

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Die Liebe des Menschen, besonders der Frau zum Kind, hat den Ursprung im Befehl Gottes, der zu Adam und Eva sagte, nachdem er sie gesegnet und festgestellt hatte, daß er "Gutes getan" hatte an seinem fernen sechsten Tage, dem ersten sechsten Tage der Schöpfung: "Wachst und mehrt euch und erfüllt die Erde..."

Ich kenne deine unausgesprochene Entgegnung und antworte dir sofort wie folgt: Da in der Schöpfung vor dem Sündenfall alles durch Liebe geregelt und auf die Liebe gegründet war, wäre diese Vermehrung der Kinder eine heilige, mächtige und vollkommene Liebe gewesen. Und Gott hat sie dem Menschen als erstes Gebot gegeben: "Wachst, mehrt euch." Liebt also nach mir eure Söhne! Die Liebe, wie sie heute ist, die jetzige Art, Kinder zu zeugen, gab es damals noch nicht. Es gab noch die Bosheit nicht und darum die Sinnenlust nicht. Der Mann liebte die Frau, und die Frau liebte den Mann auf natürliche Weise, nicht gemäß der Natur, wie ihr Menschen sie versteht, sondern gemäß der Natur der Kinder Gottes, also übernatürlicherweise.

Selige erste Tage der Liebe zwischen den beiden, die Geschwister waren, da sie denselben Vater hatten, und die doch auch Gatten waren und sich in der Liebe wie mit unschuldigen Augen von Zwillingen in der Wiege ansahen. Der Mann empfand väterliche Liebe für die Gefährtin: "Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch", so wie es der Sohn von seinem Vater ist; und die Frau kannte die Freude, Tochter zu sein, also beschützt von einer gar hohen Liebe; denn sie spürte, daß sie etwas in sich hatte vom herrlichen Mann, den sie mit Unschuld und engelhafter Leidenschaft in den schönen Gärten Edens liebte!

In der Ordnung der von Gott seinen geliebten Kleinen mit einem Lächeln gegebenen Gebote fügt sich das Gebot hinzu, das Adam, der durch die Gnade mit einer Intelligenz begabt wurde, die nur von der Intelligenz Gottes übertroffen wurde, selbst bestätigte in Bezug auf seine Gefährtin und in ihr für alle Frauen: den Ratschluß Gottes, der sich deutlich im klaren Spiegel des Geistes Adams widerspiegelte und im Gedanken und Wort aufblühte: "Der Mann verläßt seinen Vater und seine Mutter und vereinigt sich mit seiner Gattin, und die beiden werden nur ein Fleisch sein."

Wenn nicht die drei Säulen der drei genannten Arten der Liebe wären, gäbe es eine Nächstenliebe? Nein! Es könnte keine geben. Die Liebe zu Gott macht Gott zum Freund und lehrt die Liebe. Wer Gott nicht liebt, der gut ist, kann seinen Nächsten nicht lieben, der meist fehlerhaft ist. Wenn es keine Gatten- und Elternliebe auf der Welt gäbe, dann gäbe es keinen Nächsten, denn der Nächste ist das Kind, das von den Menschen geboren wird. Bist du nun überzeugt?»

«Ja, Meister. Ich hatte nicht darüber nachgedacht.»

«Es ist nicht einfach, zu den Quellen vorzudringen. Der Mensch ist

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seit Jahrtausenden im Schlamm eingesunken, und diese Quellen entspringen nur in den Höhen! Die erste Quelle entspringt auf einem Abgrund von Höhe: Gott! Ich aber will euch an der Hand nehmen und zu den Quellen geleiten. Ich weiß, wo sie sind...»

«Und die anderen Liebesarten?» fragen Simon der Zelote und der Mann aus Endor gleichzeitig.

«Die erste der zweiten Reihe ist die Nächstenliebe. In Wirklichkeit handelt es sich um die Liebe vierten Grades. Dann kommt die Liebe zur Wissenschaft, und darauf die Liebe zur Arbeit.»

«Sind das alle?»

«Das sind alle.»

«Aber es gibt noch viele andere Arten der Liebe», ruft Iskariot aus.

«Nein, es gibt andere Gelüste. Das sind keine Liebesarten. Sie sind gegen die Liebe. Sie leugnen Gott, sie leugnen den Menschen. Es kann sich also nicht um Liebe handeln, denn sie sind ihr Gegenteil, also Haß.»

«Wenn ich das Böse ablehne, ist das denn Haß?» will Judas von Kerioth wissen.

«Oh, wir armen Tröpfe! Du bist ja noch spitzfindiger als ein Schriftgelehrter! Willst du mir verraten, was du hast? Ist es die sanfte Luft von Judäa, die deine Nerven wie ein Krampf kitzelt?» ruft Petrus aus.

«Nein, ich möchte mich gerne weiterbilden und viele klare Ideen haben. Hier kann man leicht ins Gespräch mit Schriftgelehrten kommen. Ich möchte wissen, wie ich ihnen antworten kann.»

«Und du glaubst, in jedem Augenblick, so wie du es gerade nötig hast, aus dem Fädengewirr deines Lumpensacks die richtige Farbe herauszupfen zu können?» fragt Petrus.

«Lumpen, die Worte des Meisters? Du lästerst!»

«Tue nicht so scheinheilig. In seinem Munde sind es keine Lumpen; aber wenn seine Worte von uns mißbraucht werden, dann werden sie es. Versuch einmal, ein kostbares Stück Damast in die Hand eines Kindes zu geben. In kurzer Zeit ist es ein schmutziger und zerrissener Fetzen. So geht es auch uns. Wenn du dir jetzt vornimmst, im richtigen Augenblick den richtigen Flicken unter den teils zerrissenen, teils schmutzigen herauszufinden, dann weiß ich nicht, wie du das kannst.»

«Das geht dich nichts an. Das ist meine Angelegenheit!»

«Sei beruhigt, ich mache mir darüber keine Gedanken. Mir genügen die eigenen. Und dann, ich bin schon zufrieden, wenn du dem Meister keinen Schaden zufügst. Denn, in diesem Falle, würde ich mich auch in deine Angelegenheiten mischen.»

«Wenn ich Böses tue, dann tue es. Aber es soll nie geschehen, denn ich weiß, was ich tue... Ich bin kein Dummkopf...»

«Aber ich bin einer, ich weiß. Aber gerade weil ich es weiß, mache ich kein Durcheinander, damit ich im rechten Augenblick nicht einen

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Blödsinn sage. Ich empfehle mich Gott, und Gott wird mir helfen aus Liebe zu seinem Messias, dessen geringster und getreuester Diener ich bin.»

«Wir sind alle treu!» entgegnet Iskariot arrogant.

«Du Böser! Warum beleidigst du meinen Vater? Er ist alt und gut. Du darfst es nicht tun. Du bist ein böser Mann, und ich habe Angst vor dir», sagt Jabe ernst und bricht sein aufmerksames Schweigen.

«Nun schon zwei», sagt Jakobus des Zebedäus mit unterdrückter Stimme und stößt mit dem Ellbogen Andreas an.

Er hat es leise gesagt, doch Iskariot hat es gehört. «Siehst du, Meister, daß die Worte des dummen Kindes von Magdala Spuren hinter sich ziehen?» sagt Judas ärgerlich.

«Wäre es nicht besser, den Unterricht des Meisters fortzusetzen, als vielen störrischen Ziegen zu gleichen?» fragt der friedliche Thomas.

«Aber ja, Meister. Erzähle uns von deiner Mutter. Ihre Kindheit ist so wunderbar! Die Seele reinigt sich, wenn sie sich in ihr spiegelt, und ich armer Sünder habe das so nötig!» ruft Matthäus aus.

«Was soll ich euch erzählen? Es gibt viele Episoden, eine schöner als die andere ...»

«Hat sie sie dir erzählt?»

«Einige... aber viel mehr Joseph, und auch Alphäus der Sara, der nur einige Jahre älter war als die Mutter, und der ihr in den wenigen Jahren, in denen sie in Nazareth weilte, ein guter Freund war. Dies waren die schönsten Erzählungen für mich als Kind.»

«Oh, erzähle...» bittet Johannes. Alle sitzen im Kreis im Schatten der Ölbäume, und Jabe, der in der Mitte sitzt, blickt Jesus immer fest an als lausche er einem paradiesischen Märchen...

«Ich werde euch von einem Beispiel der Keuschheit erzählen, das meine Mutter wenige Tage vor dem Eintritt in den Tempel ihrem kleinen Freund und anderen gab.

An jenem Tag hatte sich in Nazareth ein Mädchen verheiratet, eine Verwandte der Sara; auch Joachim und Anna waren zur Hochzeit eingeladen, und mit ihnen die kleine Maria, die mit anderen Kindern dazu bestimmt war, Blütenblätter auf den Weg der Braut zu streuen. Man sagt, Maria sei als Kind wunderschön gewesen, und alle wollten sie nach dem feierlichen Einzug der Braut bei sich haben. Es war nicht leicht, Maria zu sehen, denn sie lebte sehr zurückgezogen und liebte mehr als jeden anderen Ort eine kleine Grotte, die sie noch jetzt ihr "Brautgemach" nennt. Wenn sie blond, rosig und lieblich, wie sie war, erschien, wurde sie mit Liebkosungen überhäuft. Man nannte sie die "Blume von Nazareth" oder die "Perle von Galiläa" oder den "Frieden Gottes", in Erinnerung an einen großen Regenbogen, der sich bei ihrer Geburt am Himmel gebildet hatte. Sie war und sie ist es tatsächlich, und sie ist noch mehr. Sie ist die Blume des Himmels und der Schöpfung, sie ist die Perle des Paradieses,

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sie ist der Friede Gottes... Ja, der Friede! Ich bin der Friedvolle, denn ich bin der Sohn des Vaters und der Sohn Marias: der unendliche Friede, der süße Friede.

An jenem Hochzeitstage wollten alle sie küssen und auf den Schoß nehmen. Und sie, die eine gewisse Scheu vor Küssen und Berührungen hatte, sagte mit höflichem Ernst: "Ich bitte euch, zerknittert mich nicht." Alle glaubten, daß sie damit ihr Leinenkleidchen meine, das mit himmelblauen Bändern in der Taille, an den Ärmelbündchen und am Halse verziert war... oder das Kränzchen von blauen Blümchen, womit Anna sie gekrönt hatte, um die Löckchen zu befestigen; sie versicherten ihr alle, daß sie weder das Kleidchen noch das Kränzchen zerknittern wollten. Aber Maria, eine sichere, kleine Frau von drei Jahren, inmitten eines Kreises von Erwachsenen stehend, sagte ernst: "Ich denke nicht an das, was man wieder gutmachen kann. Ich spreche von meiner Seele. Sie gehört Gott. Und ich will nur von Gott berührt werden." Und sie entgegneten ihr: "Aber wir küssen dich, nicht deine Seele." Und sie: "Mein Körper ist der Tempel der Seele und der Geist ist dort Priester. Das Volk darf das Presbyterium nicht betreten. Ich bitte euch darum: Betretet das Gehege Gottes nicht."

Alphäus, der damals acht Jahre alt war und sie sehr gern hatte, war durch diese Antwort so betroffen, daß er sie anderen Tages, als er sie in der Nähe ihrer Grotte Blumen pflückend sah, fragte: "Maria, wenn du Frau geworden bist, willst du mich dann heiraten?"

In ihr war noch die ganze Aufregung des Hochzeitsfestes, dem sie beigewohnt hatte, und so sagte sie: "Ich habe dich sehr gern. Aber ich sehe dich nicht als Mann. Ich will dir ein Geheimnis sagen. Ich sehe nur die Seele der Lebenden. Sie liebe ich sehr, mit dem ganzen Herzen. Aber ich sehe nichts anderes als Gott, den 'wahren Lebenden, dem ich mich schenken werde."

Dies ist eine Episode.»

«"Wahrhaft Lebender"! Aber weißt du, das ist ein tiefes Wort!» ruft Bartholomäus aus.

Und Jesus demütig lächelnd: «Sie war die Mutter der Weisheit.»

«Schon damals? ... War sie nicht erst drei Jahre alt?»

«Sie war es, denn ich lebte schon in ihr, da Gott seit ihrer Empfängnis in seiner vollkommensten Einheit und Dreieinigkeit in ihr war.»

«Aber – verzeih, wenn ich Schuldbeladener zu sprechen wage – aber Joachim und Anna, wußten sie denn, daß sie die auserwählte Jungfrau war?» fragt Judas von Kerioth.

«Sie wußten es nicht.»

«Und wie konnte dann Joachim behaupten, daß Gott sie im voraus erlöst hatte? Spielt das nicht auf ihr Privileg betreffs der Sünde an?»

«Es spielt darauf an. Doch Joachim sprach als Stimme Gottes, wie alle

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Propheten. Auch er verstand die herrliche übernatürliche Weisheit nicht, die der Geist auf seine Lippen gelegt hatte. Denn er war ein Gerechter, so sehr, daß er dieser Vaterschaft würdig war. Und er war demütig. Wo nämlich Stolz herrscht, ist keine Gerechtigkeit. Er war gerecht und demütig. Er tröstete die Tochter in seiner Vaterliebe, er unterrichtete sie mit der Weisheit des Priesters, da er der Hüter der Bundeslade war, und er weihte sie als Oberpriester mit dem schönsten Titel: "Die Unbefleckte". Es wird der Tag kommen, da ein anderer ergrauter Oberhirte der Welt sagen wird: "Sie ist die unbefleckte Empfängnis", und er wird den Gläubigen diese Wahrheit schenken als unangreifbaren Glaubenssatz, damit in der künftigen Welt, die immer mehr in einen grauen Nebel von Häresien und Lastern versinken wird, vollkommen enthüllt sei die ganz Schöne Gottes, von Sternen bekränzt und mit Mondstrahlen bekleidet, die ihr an Schönheit nachstehen, und auf den Sternen ruhend, die Königin des Erschaffenen und des Unerschaffenen. Denn Gott-König hat in seinem Reich Maria als Königin bestellt.»

«Joachim war also ein Prophet?»

«Er war ein Gerechter. Seine Seele sagte wie ein Echo das, was Gott zu seiner von Gott geliebten Seele sprach.»

«Wann gehen wir zu dieser Mama, Herr?» fragt der kleine Jabe mit sehnsüchtigen Augen.

«Heute abend. Was wirst du ihr sagen, wenn du sie siehst?»

«"Ich grüße dich, Mutter des Erlösers." Ist es gut so?»

«Sehr gut», bestätigt Jesus, das Kind liebkosend.

«Gehen wir heute nicht zum Tempel?» fragt Philippus.

«Bevor wir uns nach Bethanien begeben, werden wir zum Tempel gehen. Du wirst aber ganz brav hierbleiben. Nicht wahr?»

«Ja, Herr!»

Die Frau des Jonas, des Verwalters des Ölgartens, ist leise eingetreten und sagt: «Warum nimmst du ihn nicht mit? Das Kind wünscht es so sehr...»

Jesus schaut sie fest an, ohne zu sprechen.

Die Frau versteht und sagt: «Ich habe verstanden! Ich muß noch den kleinen Mantel von Markus haben. Ich will ihn holen», und sie geht eilends hinaus.

Jabe zieht Johannes am Ärmel: «Werden die Lehrer sehr streng sein?»

«O nein, hab keine Angst! Und dann ist es nicht schon heute. In den wenigen Tagen, die du mit der Mutter verbringst, wirst du gescheiter als ein Gelehrter werden», versichert ihm Johannes. Die anderen hören es und lächeln über die Ängste Jabes.

«Wer aber wird ihn an Vaters Statt vorstellen?» fragt Markus.

«Ich natürlich, vorausgesetzt, daß der Meister es nicht selbst tun möchte», sagt Petrus.

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«Nein, Simon, ich werde es nicht tun. Ich überlasse dir diese Ehre.»

«Danke, Meister. Wirst du auch dabeisein?»

«Sicher! Alle werden wir dabeisein. Es ist doch "unser" Kind ...»

Maria des Jonas kommt mit einem dunkelvioletten Mantel zurück, der noch gut erhalten ist. Aber welch eine Farbe! Sie selbst sagt es: «Markus hat ihn nie anziehen wollen, weil ihm die Farbe nicht gefiel ...»

Das glaube ich gern, denn die Farbe ist abscheulich. Und der arme Jabe, mit dem olivgrünen Gesichtsteint, sieht in diesem schreienden Violett wie ein Ertrunkener aus. Aber er sieht sich selbst nicht... und ist deshalb glücklich über diesen Mantel, in den er sich wie ein Erwachsener einhüllen kann...

«Die Mahlzeit ist bereit, Meister. Die Magd hat das Lamm vom Spieß genommen.»

«Dann wollen wir gehen.»

Und sie steigen zum Haus hinab und begeben sich in die geräumige Küche zum Mahl.

237. IM TEMPEL ZUR STUNDE DES OPFERS

Petrus betritt feierlich als "Vater" den Vorhof des Tempels; er führt den kleinen Jabe an der Hand. Er sieht sogar größer aus, so steif geht er voraus. Hinter ihm folgt die Gruppe der anderen. Jesus als letzter. Er spricht mit dem Mann von Endor, der sich anscheinend schämt, in den Tempel einzutreten.

Petrus fragt seinen Schützling: «Bist du schon einmal hier gewesen?»und erhält die Antwort: «Als ich geboren wurde, Vater, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern», was den Petrus herzlich zum Lachen reizt, daß er es den anderen wiederholen muß, die dann ihrerseits herzlich lachen und gutmütig und scherzhaft sagen: «Vielleicht hast du geschlafen und deshalb ...»; oder: «Es geht uns allen wie dir. Wir können uns alle nicht mehr daran erinnern, daß wir nach unserer Geburt hierher gebracht worden sind.»

Auch Jesus stellt seinem Schützling dieselbe Frage und erhält eine ähnliche Antwort. Denn Johannes von Endor sagt: «Wir waren Bekehrte, und ich kam hierher auf den Armen meiner Mutter, genau an einem Osterfest; denn ich wurde in den ersten Tagen des Adar geboren, und die Mutter, die aus Judäa stammte, machte sich, sobald es ihr möglich war, auf den Weg, um ihren Sohn rechtzeitig dem Herrn aufzuopfern. Vielleicht zu früh... denn sie erkrankte bei dieser Reise und konnte sich danach nicht mehr erholen. Ich war nicht ganz zwei Jahre alt, als ich ohne Mutter blieb. Das erste Unglück meines Lebens. Aber ich war ihr

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Erstgeborener und war aufgrund ihrer Krankheit ihr einziges Kind geblieben, und so war sie stolz darauf, sterben zu müssen, weil sie das Gesetz beachtet hatte. Mein Vater sagte mir: "Sie ist glücklich gestorben, weil sie sich im Tempel aufgeopfert hat"... Arme Mutter! Was hast du aufgeopfert? Einen künftigen Mörder...»

«Johannes, sprich nicht so! Damals warst du Felix, nun bist du Johannes. Denk daran, welch große Gnade dir der Herr erwiesen hat, für immer! Aber vergiß die Demütigung der Vergangenheit... Bist du nie mehr zum Tempel zurückgekehrt?»

«O ja. Mit zwölf Jahren, und von da an immer... solange ich es konnte... Nachher, als ich es aufs neue hätte tun können, tat ich es nicht mehr; denn ich sagte dir schon, ich hatte nur einen Kult: den Haß! Und auch deswegen kann ich nicht mehr hier eintreten. Ich fühle mich als Fremder im Haus des Vaters... Ich bin zu lange von ihm ferngeblieben ...»

«Du kehrst zu ihm zurück, von mir geführt, der ich der Sohn des Vaters bin. Wenn ich dich vor den Altar führe, dann deshalb, weil ich weiß, daß dir alles verziehen worden ist.»

Johannes von Endor sagt mit einem trockenen Schluchzen: «Danke, mein Gott!»

«Ja, danke dem Allerhöchsten! Siehst du, daß deine Mutter den prophetischen Geist einer wahren Israelitin hatte? Du bist der dem Herrn geopferte Erstgeborene, und nicht mehr der Verstoßene. Du bist mein, du gehörst Gott, du bist Jünger und daher zukünftiger Priester deines Herrn in der neuen Zeit und Religion, die meinen Namen tragen wird. Ich spreche dich von allem los, Johannes! Geh ruhigen Herzens auf das Heiligtum zu. Wahrlich, ich sage dir, unter denen, die zwischen diesen Mauern wohnen, gibt es viele, die weit mehr schuldig sind als du und weniger würdig, sich dem Altare zu nähern...»

Petrus gibt sich inzwischen Mühe, dem Kind die bemerkenswertesten Dinge des Tempels zu zeigen; er ruft jedoch die anderen zu Hilfe, die etwas gebildeter sind, besonders Bartholomäus und Simon, denn er genießt inmitten der Älteren seine Würde als Vater.

Sie haben den Opfertisch erreicht, um ihre Gaben darzubringen, als Joseph von Arimathäa ruft: «Ihr hier? Seit wann?» fragt er nach der gegenseitigen Begrüßung.

«Seit gestern abend.»

«Und der Meister?»

«Er ist dort, mit einem neuen Jünger. Er wird gleich kommen.»

Joseph betrachtet das Kind und fragt Petrus: «Eines deiner Enkelkinder?»

«Nein... ja... Nun: nicht dem Blute nach; vielmehr dem Glauben nach, alles der Liebe nach.»

«Ich verstehe dich nicht...»

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«Ein Waisenkind... daher nicht dem Blut nach. Ein Jünger... daher viel dem Glauben nach. Ein Sohn... daher alles der Liebe nach. Der Meister hat ihn aufgenommen... und ich habe ihn gern. Er wird in diesen Tagen volljährig.»

«Schon zwölf Jahre alt? Und so klein?»

«Nun... der Meister wird es dir sagen... Joseph, du bist gut... einer der wenigen Guten hier drinnen... Sag mir, würdest du mir bei dieser Angelegenheit helfen? Weißt du... ich stelle ihn vor, als ob er mein Sohn wäre. Doch ich bin ein Galiläer und habe einen schlimmen Aussatz am Leibe ...»

«Aussatz!» ruft der erschrockene Joseph fragend aus und weicht zurück.

«Keine Angst. Mein Aussatz ist, Jesus zu gehören; das ist das Schlimmste für die hier im Tempel, einige ausgenommen.»

«Nein! Sag das nicht!»

«Es ist wahr und es muß gesagt werden... Daher fürchte ich, daß sie grausam sein werden mit dem Kleinen, meinetwegen und wegen Jesus. Ich weiß auch nicht, wie gut er das Gesetz kennt, die Halacha, die Haggada und die Midraschot. Jesus sagt, er weiß genug ...»

«Nun, wenn Jesus es sagt, dann keine Angst!»

«Aber, um mir Kummer zu bereiten, werden sie...»

«Du mußt dieses Kind sehr lieb haben! Wirst du es bei dir behalten?»

«Ich kann nicht! ... Wir sind immer unterwegs... Das Kind ist klein und schwach ...»

«Aber ich würde gerne mit dir gehen ...» sagt Jabe, der nun beruhigt ist, da Joseph ihn streichelt.

Petrus strahlt vor Freude ... Doch er sagt: «Der Meister sagt, es geht nicht, und so lassen wir es ... Aber wir werden uns trotzdem sehen... Joseph, wirst du mir helfen?»

«Aber ja! Ich werde mit dir kommen. Vor mir erlauben sie sich keine Ungerechtigkeiten. Wann? Oh, Meister! Gib mir deinen Segen!»

«Der Friede sei mit dir, Joseph. Ich freue mich, dich bei guter Gesundheit zu sehen.»

«Ich auch, Meister. Und auch die Freunde werden sich freuen, dich zu sehen. Bist du in Gethsemane?»

«Ich war dort. Nach dem Gebet gehen wir nach Bethanien.»

«Zu Lazarus?»

«Nein, zu Simon. Auch meine Mutter, die Mutter meiner Brüder und die des Johannes und des Jakobus werden dort sein. Wirst du mich besuchen?»

«Du fragst? Es wird eine große Freude und eine große Ehre für mich sein. Ich danke dir. Ich werde mit einigen Freunden kommen...»

«Sei vorsichtig, Joseph, mit den Freunden!» rät Simon der Zelote.

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«Oh, ihr kennt sie schon. Die Klugheit sagt: "Die Luft soll es nicht hören." Aber sobald ihr sie seht, werdet ihr verstehen, daß es Freunde sind.»

«Nun denn ...»

«Meister, Simon des Jonas sprach zu mir wegen der Zeremonie für den Knaben. Du bist gerade gekommen, als ich fragte, wann diese stattfinden soll. Ich möchte anwesend sein.»

«Am Mittwoch vor Ostern. Ich möchte, daß er sein Ostern als Sohn des Gesetzes halte.»

«Sehr gut. Einverstanden! Ich werde euch in Bethanien abholen. Doch am Montag möchte ich mit den Freunden kommen.»

«Abgemacht.»

«Meister, ich verlasse dich nun. Der Friede sei mit dir. Es ist die Stunde des Rauchopfers.»

«Leb wohl, Joseph. Der Friede sei mit dir. Komm Jabe, dies ist die feierlichste Stunde des Tages. Es gibt eine ähnliche am Morgen. Doch diese ist feierlicher. Der Morgen beginnt den Tag. Es ist gut, daß der Mensch den Herrn preise, um während des Tages in allen seinen Werken gesegnet zu sein. Doch am Abend ist es noch feierlicher. Die Sonne sinkt, das Tagewerk ist vollbracht, und es kommt die Nacht. Das abnehmende Licht erinnert an den Fall in die Sünde, denn die meisten Sünden werden in der Nacht begangen. Warum? Weil der Mensch, der nicht mehr durch die Arbeit abgelenkt wird, leichter vom Bösen angezogen werden kann, wenn er das Netz seiner Verlockungen und Ängste auswirft. Daher ist es gut, daß man Gott, nach dem Dank für den während des Tages gewährten Schutz, anruft, damit er die Trugbilder der Nacht und die Versuchungen von uns fernhalte. Die Nacht und der Schlaf sind Sinnbilder des Todes. Glücklich aber ist jener, der mit dem Segen Gottes gelebt hat; denn er wird nicht in der Finsternis schlafen, sondern zu einem strahlenden Morgen erwachen. Der Priester, der den Weihrauch opfert, tut dies für uns alle. Er bittet für das ganze Volk in Vereinigung mit Gott, und Gott vertraut ihm seinen Segen an für das Volk seiner Kinder. Siehst du, wie hoch der Dienst des Priesters steht?»

«Er würde mir gefallen... Mir würde sein, als wäre ich noch näher bei der Mama...»

«Wenn du immer ein guter Jünger und ein guter Sohn des Petrus bist, dann wirst du es werden. Nun komm! Die Posaunen künden an, daß die Stunde gekommen ist. Laßt uns mit Ehrfurcht Jehova preisen.»

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238. BEGEGNUNG JESU MIT SEINER MUTTER IN BETHANIEN

Auf der schattigen Straße, die den Ölberg mit Bethanien verbindet – man könnte auch sagen, daß der Berg mit seinen grünen Hängen bis zu den Feldern von Bethanien reicht – bewegt sich Jesus mit den Seinen raschen Schrittes auf die Stadt des Lazarus zu. Kaum ist er dort angelangt, da wird er schon erkannt, und freiwillige Boten eilen nach allen Richtungen fort, um seine Ankunft zu verkünden. Daher kommen bald Maximin und Lazarus von der einen Seite und Isaak mit Timoneus und Joseph von einer anderen; als dritte erscheint Martha mit Marcella, die ihren Schleier hochhebt, um das Gewand Jesu zu küssen; und gleich darauf kommen auch Maria des Alphäus und Maria. Der kleine Jabe, immer an der Hand Jesu, beobachtet erstaunt, wie all diese lebhaften Begrüßungen vor sich gehen, und während Johannes von Endor, der sich fremd fühlt, sich in den Hintergrund zurückzieht, kommt die Mutter auf dem Weg, der zum Hause Simons führt, daher.

Jesus läßt die Hand Jabes los und schiebt sanft die Freunde beiseite, um ihr entgegenzueilen. Die beiden Worte "Sohn" und "Mutter" durchdringen die Luft und erklingen wie ein Solo der Liebe in dem Stimmengewirr der Leute. Sie küssen sich, und im Kuß von Maria liegt die Sorge eines Menschen, der lange Zeit in Angst gelebt hat und nun bei der Befreiung von dieser Angst die der Anstrengung folgende Müdigkeit empfindet und in ihrem ganzen Ausmaße erkennt, wie groß die Gefahr gewesen ist.

Jesus, der sie versteht, liebkost sie und sagt: «Außer meinem Engel hatte ich auch deinen, Mutter, der über mich wachte; daher konnte mir kein Übel zustoßen.»

«Dafür sei der Herr gepriesen! Aber ich habe sehr gelitten!»

«Ich wollte früher kommen, aber ich mußte andere Wege nehmen, um dir zu gehorchen. Es war gut so, denn dein Befehl, o meine Mutter, ist mir wie immer zum Segen geworden!»

«Dein Gehorsam, Sohn!»

«Dein weiser Befehl, Mutter ...» Sie lächeln sich zu wie zwei Verliebte.

Aber ist es denn möglich, daß diese Frau die Mutter dieses Mannes ist? Wo sind die sechzehn Jahre Altersunterschied? Die Frische und die Anmut des Gesichtes und des jungfräulichen Körpers machen aus Maria die Schwester ihres Sohnes, der die Fülle seiner männlichen Schönheit erreicht hat.

«Warum fragst du nicht, weshalb es zum Guten gereichte?» fragt Jesus immer noch lächelnd.

«Ich weiß, daß mein Sohn nichts vor mir verbirgt.»

«Teure Mama!» Er küßt sie noch einmal...

Die Leute halten sich in einer gewissen Entfernung und tun so, als ob

sie diese Szene übersähen. Aber ich wette, daß unter diesen Augen kein

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einziges ist, das nicht nach dieser süßen Szene schielt, obgleich sie alle so tun, als ob sie in eine andere Richtung blickten.

Am offensichtlichsten sieht Jabe zu, den Jesus allein gelassen hat, als er zur Mutter geeilt ist und sie umarmt hat; bei den vielen Fragen und Antworten hat sich niemand mehr um den Kleinen gekümmert... Jabeschaut und schaut, dann läßt er den Kopf sinken, kämpft mit den Tränen... und kann sich schließlich nicht mehr beherrschen, bricht in Tränen aus und jammert: «Mama, Mama!»

Alle, Jesus und Maria als erste, drehen sich um; alle wollen wieder gutmachen oder wissen, wer das Kind ist. Maria des Alphäus eilt herbei, Petrus ebenfalls; sie waren beisammen und sagen gleichzeitig: «Warum weinst du?»

Doch bevor Jabe in seinem tiefen Schluchzen Atem holen kann, ist Maria herbeigeeilt und hat ihn in ihre Arme genommen. Sie sagt: «Ja, mein Söhnchen, die Mama! Weine nicht mehr und verzeih, daß ich dich nicht gleich gesehen habe. Das ist, Freunde, mein Söhnchen ...» Es versteht sich, daß Jesus ihr schnell zugeflüstert hat: «Es ist ein Waisenkind, das ich zu mir genommen habe.» Das Übrige hat Maria erraten.

Das Kind weint immer noch, doch nicht mehr so untröstlich, und da Maria es umarmt und küßt, verklärt sich das von Tränen gewaschene Gesichtlein zu einem Lächeln.

«Komm, ich will alle diese Tränen trocknen. Du sollst nicht mehr weinen. Gib mir einen Kuß...»

Jabe... wollte ja nichts anderes; denn nach all den Liebkosungen von seiten der bärtigen Männer genießt er es, die zarten Wangen Mariens zu küssen.

Jesus aber hat Johannes von Endor gesucht und entdeckt; er holt ihn aus seiner Ecke. Während die Apostel Maria begrüßen, kommt Jesus zu ihr, Johannes von Endor an der Hand, und sagt: «Hier, Mutter, der andere Jünger. Diese beiden Söhne sind die Frucht deines Befehles.»

«Deines Gehorsams, Sohn», wiederholt Maria; dann grüßt sie den Mann und sagt: «Der Friede sei mit dir!»

Der rauhe, unruhige Mann aus Endor, der sich schon sehr geändert hat seit dem Morgen, an dem die Laune von Judas Jesus nach Endor geführt hat, legt endlich seine Vergangenheit beiseite, als er sich vor Maria verneigt. Ich glaube, es ist so, denn sein Antlitz erscheint, als er sich nach der tiefen Verneigung wieder aufgerichtet hat, heiter und wirklich "befriedet".

Nun begeben sich alle zum Hause Simons. Maria mit Jabe, Jesus mit Johannes von Endor an der Hand; neben ihnen und hintendrein Lazarus und Martha, die Apostel mit Maximinus, Isaak, Joseph und Timoneus. Sie betreten das Haus, an dessen Schwelle der alte Diener Simons Jesus und seinen Herrn begrüßt und ihnen Ehre erweist.

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verneigt

«Der Friede sei mit dir, Joseph, und mit diesem Haus», sagt Jesus und erhebt die Hand zum Segen, nachdem er sie zuerst auf das weiße Haupt des alten Dieners gelegt hat.

Lazarus und Martha sind nach der ersten Freude etwas traurig, und Jesus fragt: «Warum, Freunde?»

«Weil du nicht bei uns bist, weil alle mit dir gehen außer der Seele, von der wir wünschten, daß sie dir gehörte.»

«Verstärkt eure Geduld, hofft und betet! Und dann, ich bin ja bei euch. Dieses Haus hier ist nur das Nest, von dem aus der Menschensohn jeden Tag zu seinen lieben Freunden fliegt, die nicht weit entfernt, aber übernatürlich betrachtet unendlich näher in der Liebe sind. Ihr seid in meinem Herzen und ich bin im eurigen. Kann man sich noch näher sein? Doch heute abend werden wir beisammen sein. Nehmt an meinem Tisch Platz.»

«Oh, ich Arme! Ich vertrödle hier die Zeit! Komm, Salome, wir haben zu tun!» Der Aufschrei Marias des Alphäus bringt alle zum Lachen, während die gute Verwandte von Jesus eilends aufsteht, um an die Arbeit zu gehen.

Doch Martha holt sie ein: «Mache dir keine Sorgen um die Mahlzeit, Maria. Ich werde gehen und Anweisung geben. Du brauchst nur die Tische zu decken. Ich werde dir genügend Polster und alles Nötige schicken. Komm, Marcella. Ich bin gleich wieder da, Meister!»

«Ich habe Joseph von Arimathäa gesehen, Lazarus. Am Montag wird er mit Freunden hierherkommen.»

«Oh, dann gehörst du mir an diesem Tag!»

«Ja, er kommt, damit wir beisammen sein können; aber auch, um eine Zeremonie zu besprechen, die Jabe betrifft. Johannes, bring das Kind auf die Terrasse; es wird sich freuen.»

Johannes des Zebedäus, immer gehorsam, steht sofort auf, und kurz darauf hört man das Jauchzen des Kindes und seine kleinen Schritte auf der Terrasse, die das Haus umgibt.

«Das Kind», erklärt Jesus der Mutter, dem Freund und den Frauen, unter denen sich Martha befindet, die sofort zurückgekehrt ist, um von der Freude, beim Meister zu sein, keine Minute zu verlieren, «ist der Enkel eines Arbeiters von Doras. Ich bin an Esdrelon vorbeigegangen ...»

«Ist es wahr, daß die Felder verwüstet sind und er sie verkaufen will?»

«Verwüstet sind sie. Vom Verkauf weiß ich nichts. Ein Arbeiter Jochanans hat es mir angedeutet. Aber ich weiß nichts Genaueres darüber.»

«Wenn er sie verkaufen will... würde ich sie gerne kaufen, um auch in diesem Schlangennest ein Obdach für dich zu haben.»

«Ich glaube nicht, daß es dir gelingen wird. Jochanan ist bereit, sie zu übernehmen.»

«Wir werden sehen... Doch fahre mit dem Bericht fort. Um was für Arbeiter handelt es sich? Die er vorher hatte, sind alle verstreut.»

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«Ja. Sie kommen von seinen Gütern in Judäa, wenigstens der Alte, der Großvater des Kindes. Das Kind mußte im Walde versteckt werden wie ein wildes Tier, damit Doras es nicht finde... es war während des Winters dort ...»

«Oh, armes Kind. Aber warum denn?» Die Frauen überfließen alle vor Mitleid.

«Weil sein Vater und seine Mutter unter dem Erdrutsch bei Emmaus begraben liegen. Alle: Vater, Mutter und Geschwister. Er hat überlebt, weil er nicht zu Hause war. Sie hatten ihn zum Großvater gebracht. Aber was kann schon ein Arbeiter von Doras unternehmen? Du, Isaak, hast

auch in diesem Falle von mir als von einem Erlöser gesprochen.»

«Habe ich schlecht gehandelt, Herr?» fragt Isaak demütig.

«Du hast gut gehandelt. Gott hat es so gewollt. Aber der Alte hat mir das Kind gegeben, denn es soll in diesen Tagen volljährig werden.»

«Das arme Geschöpf! So klein mit zwölf Jahren! Mein Judas war im gleichen Alter doppelt so groß... Und Jesus erst ...» sagt Maria des Alphäus.

Und Salome: «Auch meine Söhne waren sehr groß.»

Martha flüstert: «Er ist wirklich sehr klein! Ich nahm an, er sei noch keine zehn Jahre alt.»

«Nun, der Hunger ist schlimm! Das Kind muß darunter gelitten haben, seit es auf der Welt ist. Und dann... was hätte der Alte ihm geben können, wenn man dort Hungers stirbt?» sagt Petrus.

«Ja, es hat viel gelitten. Aber es ist sehr gut und sehr intelligent. Ich habe es angenommen, um den Alten und das Kind zu trösten.»

«Wirst du es adoptieren?» fragt Lazarus.

«Nein, das geht nicht.»

«Dann werde ich es tun.»

Petrus, der seine Hoffnung schwinden sieht, seufzt ehrlich: «Herr, alles ihm?»

Jesus lächelt: «Lazarus, du hast schon soviel getan, und ich bin dir dankbar. Doch dieses Kind kann ich dir nicht überlassen. Es ist "unser" Kind. Es gehört uns allen. Es ist die Freude der Apostel und des Meisters. Hier würde es im Wohlstand aufwachsen. Ich will ihm mein Königsgewand schenken: "die ehrbare Armut". Jene Armut, die der Menschensohn für sich selbst gewollt hat, um sich all der vielen Nöte, ohne jemand zu demütigen, nähern zu können. Du hast auch erst kürzlich eine Gabe von mir erhalten ...»

«Ach ja, den alten Patriarchen und seine Tochter. Die Frau ist sehr fleißig, und der Greis ist sehr gut.»

«Wo sind sie jetzt? Ich meine, an welchem Ort?»

«Hier in Bethanien. Meinst du, ich würde den Segen, den du mir schickst, weggeben? Die Frau arbeitet am Webstuhl. Dazu braucht es

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leichte Hände, die bei dieser Arbeit Erfahrung haben. Dem Greis, der unbedingt arbeiten wollte, habe ich die Bienen anvertraut. Gestern – nicht wahr, Schwester – hatte er seinen langen Bart ganz aus Gold. Die schwärmenden Bienen hatten sich auf ihm niedergelassen, und er sprach zu ihnen wie zu Kindern. Er ist glücklich.»

«Das glaube ich. Sei gesegnet!» sagt Jesus.

«Danke, Meister. Aber dieses Kind wird dich etwas kosten. Erlaube mir wenigstens ...»

«Ich sorge schon für sein Festkleid», schreit Petrus. Alle lachen über die Plötzlichkeit des Rufes.

«Gut so. Aber es wird auch andere Kleider brauchen; Simon, sei lieb. Auch ich habe keine Kinder. Laß, daß ich und Martha uns trösten, indem wir für die kleinen Gewänder sorgen.»

Petrus, so gebeten, wird sofort weich und sagt: «Die anderen Kleider ja; aber das Gewand für Mittwoch besorge ich. Der Meister hat es mir versprochen und gesagt, daß ich mit der Mutter morgen zum Einkaufen gehen darf.» Petrus sagt alles aus Angst vor einer Änderung zu seinen Ungunsten.

Jesus lächelt und sagt: «Ja, Mutter, ich bitte dich, morgen mit Simon zu gehen. Sonst stirbt mir dieser Mann aus Eifer. Du wirst ihn bei der Auswahl beraten.»

«Ich habe gesagt: rotes Gewand und grüner Gürtel. Das wird sehr schön sein; besser als die Farbe, die er jetzt trägt.»

«Rot wird sehr gut gehen. Auch Jesus war in Rot gekleidet. Aber ich würde sagen, auf dem Rot wäre ein roter Gürtel sehr schön, oder wenigstens ein mit Rot bestickter», sagt Maria sanft.

«Ich habe es gesagt, weil ich sah, daß Judas, der dunkel ist, gut aussieht mit diesen grünen Streifen auf dem roten Gewand.»

«Aber die sind nicht grün, Freund!» lacht Iskariot.

«Nein? Was ist das denn für eine Farbe?»

«Diese Farbe heißt: Achatader.»

«Wie kann ich das wissen? Mir schien es grün zu sein. Ich habe diese Farbe auch an Blättern gesehen...»

Die heiligste Mutter mischt sich sanft ein: «Simon hat recht. Es ist genau die Farbe, welche die Blätter beim ersten Regen des Tischri bekommen ...»

«Na, also! Und da die Blätter grün sind, sagte ich, daß es grün ist», schließt Petrus zufrieden. Die Gütige hat Frieden und Freude auch in diese kleine Angelegenheit gebracht.

«Wollt ihr den Kleinen rufen?» bittet Maria. Und das Kind eilt sofort mit Johannes herbei.

«Wie heißt du?» fragt Maria liebevoll.

«Ich bin... ich war Jabe. Doch nun warte ich auf meinen Namen...»

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«Du wartest?»

«Ja. Jabe möchte einen Namen, der besagt, daß ich ihn gerettet habe. Du wirst ihn finden, Mutter. Einen Namen der Liebe und des Heiles.»

Maria denkt nach... und sagt dann: «Margziam (Maarhgziam). Du bist der kleine Tropfen im Meere der von Jesus Erlösten. Gefällt er dir? Er erinnert an die Erlösung und auch an mich.»

«Er ist sehr schön», sagt das Kind glücklich.

«Aber ist es nicht ein Frauenname?» fragt Bartholomäus.

«Mit einem L am Ende, anstatt des M. Wenn dieses Menschlein erwachsen sein wird, dann könnt ihr diesen Namen mit einem L am Ende anstatt des M in einen Männernamen verwandeln. Jetzt trägt es den Namen, den ihm die Mutter gegeben hat. Nicht wahr?»

Das Kind sagt ja, und die Mutter liebkost es.

Die Schwägerin meint: «Die Wolle ist sehr schön»; sie berührt dabei das Mäntelchen Jabes, «aber die Farbe! Wie findet ihr sie? Ich werde es dunkelrot färben. So wird es schön werden.»

«Morgen abend wollen wir es machen. Denn morgen wird es sein neues Gewand haben; dann können wir es ihm nehmen.»

Martha sagt: «Willst du mit mir kommen, Kind? Ich werde dir vieles zeigen, und dann kommen wir hierher zurück ...»

Jabe weigert sich nicht. Er lehnt niemals etwas ab, aber er scheint etwas verängstigt, mit der noch fast unbekannten Frau zu gehen. Er sagt daher schüchtern und höflich: «Könnte Johannes mitkommen?»

«Aber sicher! ...»

Sie gehen. Während ihrer Abwesenheit geht die Unterhaltung in den einzelnen Gruppen weiter: Beispiele, Bemerkungen und Seufzer über die menschliche Hartherzigkeit.

Isaak berichtet, was er über den Täufer in Erfahrung gebracht hat. Die einen sagen, er sei in Machaerus, die anderen behaupten in Tiberias. Die Jünger sind noch nicht zurückgekommen...

«Waren sie ihm nicht gefolgt?»

«Ja, aber bei Doko haben die Häscher mit dem Gefangenen den Fluß überquert; es ist nicht bekannt, ob sie zum See hinauf- oder nach Machaerus hinabgegangen sind. Johannes, Matthäus und Simon haben sich auf die Suche gemacht; werden nicht davon ablassen.»

«Und du, Isaak, wirst bestimmt diesen neuen Jünger nicht mir überlassen. Für den Augenblick ist er bei mir. Ich will, daß er mit mir Ostern feiert.»

«Ich werde das Fest in Jerusalem im Haus Johannas feiern. Sie hat mich gesehen und mir einen Raum angeboten, für mich und die Gefährten. Alle werden dieses Jahr kommen. Wir werden mit Jonathan zusammen sein.»

«Auch mit denen von Libanon?»

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«Auch mit ihnen. Aber die Jünger des Täufers kommen vielleicht nicht.»

«Weißt du, daß die Jochanans kommen?»

«Wirklich? Ich werde mich an das Tor stellen zu den Opferpriestern. Dort sehe ich sie gleich und nehme sie mit.»

«Warte bis zum letzten Moment. Ihre Zeit ist bemessen. Sie bringen das Lamm.»

«Ich auch. Herrlich! Lazarus hat es mir gegeben. Wir werden es opfern; das andere, das ihre, wird ihnen für die Rückkehr dienen.»

Martha kommt mit Johannes herein. Das Kind trägt ein kleines Gewand aus weißem Linnen mit einem roten Überwurf. Auf den Armen hat es einen roten Mantel.

«Erkennst du es, Lazarus? Siehst du, wie alles nützlich sein kann?»

Die Geschwister lachen.

Jesus sagt – «Ich danke dir, Martha.»

«Oh, mein Herr, ich habe die Krankheit, alles aufzubewahren. Das habe ich von meiner Mutter geerbt. Ich besitze noch viele Kleider von meinem Bruder. Sie sind mir lieb, denn Mutter hat sie berührt. Ab und zu nehme ich ein Stück für irgendein Kind. Nun wird sie Margziam bekommen. Sie sind noch etwas zu lang, aber man kann sie umschlagen. Lazarus wollte sie nicht mehr, nachdem er volljährig geworden war... Er war schon als Kind launenhaft... er blieb stets Sieger, denn meine Mutter liebte ihren Lazarus über alles.»

Die Schwester streichelt liebevoll ihren Lazarus, und dieser nimmt ihre schöne Hand, küßt sie und sagt: «Und dich nicht?» Sie lächeln sich beide zu.

«Es ist eine wahre Vorsehung», bemerken viele.

«Ja, meine Launen haben Gutes gebracht. Vielleicht wird mir deswegen verziehen werden.»

Das Nachtmahl ist aufgetragen; jeder geht an seinen Platz...

... Es ist schon Nacht, als Jesus endlich in Frieden mit der Mutter sprechen kann. Sie sind auf die Terrasse gegangen und, Seite an Seite sitzend und sich gegenseitig die Hände haltend, sprechen sie und hören sich gegenseitig an.

Zuerst erzählt Jesus, was alles vorgefallen ist. Dann sagt Maria: «Sohn, nach deinem Weggang, gleich danach, ist eine Frau zu mir gekommen... Sie suchte dich. Ein großes Elend. Und eine große Bekehrung. Aber dieses Geschöpf verlangte nach deiner Vergebung, um in seinem Vorsatz standhalten zu können. Ich habe sie Susanna anvertraut und dieser gesagt, daß sie eine der von dir Geheilten ist. Es ist wahr. Ich hätte sie bei mir behalten, wenn unser Haus nicht zu einem Meer geworden wäre, auf dem alle segeln... und viele in böser Absicht. Die Frau empfindet nunmehr Abscheu vor der Welt. Willst du wissen, wer es ist?»

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«Es ist eine Seele. Aber sag mir ihren Namen, damit ich sie, ohne mich zu irren, empfangen kann.»

«Es handelt sich um Aglaia, die Römerin, Schauspielerin und Sünderin, deren Rettung du bereits in Hebron begonnen hast; sie hatte dich gesucht und beim "Trügerischen Gewässer" gefunden; sie hat viel für ihre wiedergeborene Ehrbarkeit gelitten... Sie hat mir alles erzählt... Wie schrecklich! ...»

«Ihre Sünden?»

«Ja! Aber noch viel mehr die Welt. Oh, mein Sohn! Mißtraue den Pharisäern von Kapharnaum! Sie wollten die Unglückliche mißbrauchen, um dir zu schaden. Auch sie...»

«Ich weiß es, Mutter... Wo ist Aglaia?»

«Sie wird vor Ostern mit Susanna eintreffen.»

«Gut so! Ich werde mit ihr reden. Ich bin jeden Abend hier und werde, ausgenommen den Osterabend, den ich der Familie vorbehalte, auf sie warten. Du mußt sie nur bei dir behalten, wenn sie kommt. Es handelt sich um eine große Bekehrung, du hast es gesagt. Und eine spontane! In Wahrheit sage ich dir, in wenigen Herzen hat mein Same mit solcher Kraft Wurzeln schlagen können, wie auf diesem unglücklichen Boden. Danach hat Andreas beim Heranwachsen bis zur endgültigen Reife geholfen.»

«Sie hat es mir gesagt.»

«Mutter, was hast du empfunden in der Nähe dieser Ruine?»

«Abscheu und Freude. Mir war, als ob ich an einem höllischen Abgrund stünde; doch gleichzeitig fühlte ich mich in den Himmel erhoben. Wie sehr bist du Gott, mein Jesus, wenn du solche Wunder wirkst!»

Sie bleiben stumm unter den strahlenden Sternen und im Schein des Mondviertels, das schon bald Vollmond sein wird. Sie schwiegen und sprachen wieder miteinander in der Liebe des einen zum anderen.

239. DIE MACHT DES WORTES MARIAS

Der herrliche Morgen lädt wirklich dazu ein, die Lagerstätten und die Häuser zu verlassen und spazierenzugehen; die Bewohner des Hauses des Zeloten stehen wie viele Bienen beim ersten Sonnenlicht auf, um die reine Luft im Obstgarten des Lazarus zu genießen, der an das gastliche Haus grenzt. Bald gesellen sich auch jene dazu, die bei Lazarus untergebracht sind, also Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Thomas, Andreas und Jakobus des Zebedäus. Die Sonne dringt festlich durch die weitgeöffneten Türen und Fenster ein, und die einfachen, sauberen Räume hüllen sich in ein Gold, das die Farben der Kleider, der Haare und der Augen belebt und aufleuchten läßt.

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Maria des Alphäus und Salome bedienen diese Männer mit gesundem Appetit; Maria hingegen beobachtet aufmerksam einen Diener des Lazarus, der die Haare Margziams in Ordnung bringt und sie mit mehr Geschick als sein erster Friseur in gleicher Länge schneidet. «Für den Augenblick lassen wir sie so», sagt der Diener. «Dann, wenn du dem Herrn deine Kinderlocken geopfert hast, werde ich dir das Haar kurz schneiden. Bald kommt die Hitze, und du wirst dich besser fühlen mit freiem Hals. Deine Haare sind spröde und brüchig, vernachlässigt: durch das Schneiden werden sie kräftiger. Siehst du, Maria? Sie brauchen Pflege. Nun werde ich sie einfetten, damit sie anliegen. Rieche einmal, Kind, welch ein feiner Duft! Es ist das Öl, das Martha verwendet. Mandeln, Palmen und feinstes Mark mit seltenen Essenzen. Es tut sehr gut. Meine Herrin hat gesagt, ich solle dieses Töpfchen für das Kind verwenden. Oh! Nun siehst du wie der Sohn eines Königs aus», und der Diener, der anscheinend der Barbier im Haus des Lazarus ist, gibt Margziam einen kleinen Klaps, grüßt Maria und geht befriedigt weg.

«Komm, damit ich dich anziehen kann», sagt Maria zum Knaben, der im Augenblick nur eine Art kleine Tunika mit kurzen Ärmeln trägt. Ich glaube, es ist das Hemd oder jedenfalls das Kleidungsstück, das damals als solches diente. Aus der Feinheit des Linnens ersehe ich, daß es zur Ausstattung des Lazarus gehörte, als er noch ein Kind war. Maria nimmt das Tuch weg, in das Margziam eingehüllt war, und legt ihm das Unterkleid an mit den Krausen am Hals und an den Ärmeln und dann das tote Obergewand aus Wolle mit dem weiten Ausschnitt und den weiten Ärmeln. Das schneeweiße Linnen tritt leuchtend am Ausschnitt und an den Ärmeln unter dem roten Stoff hervor. Die Hand Mariens muß während der Nacht die Länge des Kleides und der Ärmel zurechtgeschneidert haben, denn alles paßt genau, besonders nachdem die Taille mit einer weichen Binde umgürtet ist, die in weißroten Wollquasten endet. Das Kind gleicht nicht mehr dem armen Wesen, das es noch vor wenigen Tagen war.

«Geh nun spielen, ohne dich schmutzig zu machen, während ich mich vorbereite», sagt Maria und liebkost ihn.

Das Kind eilt hüpfend und glücklich hinaus und sucht seine großen Freunde auf.

Der erste, der den Knaben sieht, ist Thomas: «Wie schön du bist! Wie zur Hochzeit gekleidet! Du stellst mich ja direkt in den Schatten», sagt der immer fröhliche, dickliche Thomas. Dann nimmt er Margziam bei der Hand und sagt: «Komm, wir gehen zu den Frauen. Sie haben dich schon gesucht, um dich zu füttern.»

Sie gehen in die Küche, und Thomas läßt die beiden Marien auffahren, die über die Feuerstelle gebückt sind, als er laut ausruft: «Hier ist ein junger Mann, der zu euch möchte», und lachend stellt er das Kind vor, das sich hinter seiner beleibten Gestalt versteckt hat.

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«Oh, mein Lieber! Komm, laß dich küssen! Schau, Salome, wie gut es ihm steht», ruft Maria des Alphäus.

«Wahrhaftig! Nun muß er nur noch etwas kräftiger werden. Doch dafür werde ich sorgen. Komm, laß dich auch von mir küssen», sagt Salome.

«Aber Jesus will ihn zu den Hirten führen ...» entgegnet Thomas.

«Kommt nicht in Frage! Darin irrt sich mein Jesus. Was habt ihr Männer für Bedürfnisse? Ihr streitet – denn nebenbei gesagt, seid ihr ziemlich streitsüchtig – ihr streitet wie die Ziegen, die sich zanken und einander in die Hörner geraten; ihr eßt, redet, habt noch tausend andere Bedürfnisse und verlangt vom Meister, daß er sich immer um euch kümmert... sonst seid ihr beleidigt. Die Kinder brauchen Mütter. Nicht wahr? ... Wie heißt du?»

«Margziam.»

«Ach ja, meine gebenedeite Maria! Sie hätte dir einen einfacheren Namen geben sollen!»

«Er ist beinahe wie der ihre!» ruft Salome aus.

«Ja, aber der ihre ist viel einfacher. Er hat nicht die drei Konsonanten in der Mitte... Drei sind einfach zuviel...»

Iskariot ist eingetreten und sagt: «Sie hat den Namen mit der richtigen Bedeutung gegeben, nach dem alten unverfälschten Sprachgebrauch.»

«Na, gut! Aber er ist schwierig, und ich mache ihn kürzer und sage Margziam. Das ist leichter, und die Welt wird deswegen nicht untergehen. Nicht wahr, Simon?»

Petrus, der gerade mit Johannes von Endor sprechend am Fenster vorbeigeht, blickt herein und fragt: «Was ist los?»

«Ich sagte, daß ich das Kind Margziam nennen werde. Es ist leichter auszusprechen.»

«Du hast recht, Frau! Wenn es mir die Mutter erlaubt, werde auch ich so sagen. Wie schön er aussieht! Aber auch ich! Seht nur!»

Er ist tatsächlich gebürstet, an den Wangen rasiert, die Haare und der Bart sind gekämmt und geölt, das Kleid ist nicht zerknittert und die Sandalen sehen wie neu aus, so rein und glänzend sind sie. Die Frauen bewundern ihn; Petrus lacht zufrieden.

Das Kind hat seine Mahlzeit beendet und geht hinaus zu seinem großen Freund, den es immer "Vater" nennt.

Da kommt Jesus mit Lazarus aus dem Haus desselben und sagt zum Kind, das ihm entgegeneilt: «Zwischen uns sei Frieden, Margziam. Geben wir uns den Friedenskuß!»

Lazarus küßt und liebkost das Kind und gibt ihm eine Süßigkeit.

Alle versammeln sich um Jesus. Auch Maria, die nun in ein türkisfarbenes Wollkleid und den etwas dunkleren Mantel eingekleidet ist, nähert sich lächelnd dem Sohne.

«So können wir also gehen», sagt Jesus. «Du, Simon, mit meiner

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Mutter und dem Kind, wenn du unbedingt Geld ausgeben willst, nachdem Lazarus schon vorgesorgt hat.»

«Aber sicher! Und dann... werde ich sagen können, daß ich einmal an der Seite deiner Mutter gehen durfte. Eine große Ehre!»

«Geh nur! Du, Simon, wirst mich zu deinen Freunden, den Aussätzigen begleiten ...»

«Wirklich, Meister! Wenn du erlaubst, dann eile ich voraus, um sie zusammenzurufen... Du wirst mich später erreichen. Du weißt ja, wo sie sind ...»

«Gut, gehe! Die anderen können tun, was sie wollen. Ihr seid alle frei bis Mittwoch morgen. Zur dritten Stunde wollen wir uns dann an der Goldenen Pforte treffen.»

«Ich komme mit dir, Meister», sagt Johannes.

«Ich auch», erklärt sein Bruder Jakobus.

«Auch wir», sagen die beiden Vettern.

«Auch ich komme», ruft Matthäus, und ebenso Andreas.

«Und ich? Auch ich möchte kommen ... Aber wenn ich zum Einkaufen gehe, dann kann ich nicht mitkommen ...» sagt Petrus unschlüssig.

«Es ist schon möglich. Zuerst gehen wir zu den Aussätzigen; meine Mutter begibt sich in der Zwischenzeit mit dem Kind in ein befreundetes Haus in Ophel. Dann treffen wir uns mit ihr, und du kannst mit ihr gehen, während ich mich mit den anderen zu Johanna begebe. Zur Mahlzeit sind wir dann alle in Gethsemane, und gegen Abend kehren wir hierher zurück.»

«Wenn du erlaubst, dann besuche ich einige Freunde ...» sagt Iskariot.

«Ich habe doch gesagt, daß ihr tun könnt, was ihr wollt.»

«Dann begebe ich mich zu Verwandten. Vielleicht ist mein Vater schon angekommen. Wenn er da ist, bringe ich ihn zu dir», sagt Thomas.

«Wir zwei, was meinst du Philippus? Wir könnten Samuel aufsuchen.»

«Gut so», entgegnet er Bartholomäus.

«Und du, Johannes?» fragt Jesus den Mann von Endor. «Ziehst du es vor, hierzubleiben, um deine Bücher unterzubringen, oder willst du mit mir kommen?»

«Ehrlich gesagt, ziehe ich vor, dich, das lebendige Buch, zu lesen.»

«Dann komm. Leb wohl, Lazarus ...»

«Auch ich komme mit. Meinen Beinen geht es nun etwas besser, und ich werde mich von den Aussätzigen gleich nach Gethsemane begeben und dort auf dich warten.»

«Gehen wir! Der Friede sei mit euch, ihr Frauen!»

Bis kurz vor Jerusalem bleiben alle beisammen. Dann trennen sie sich. Iskariot schlägt den Weg zum Tor, das zum Turm Antonia führt, ein, während Thomas mit Philippus und Nathanael noch einige Meter mit Jesus und den anderen gehen und dann im Vorort Ophel mit Maria und dem Knaben die Stadt betreten.

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«Nun suchen wir die Unglücklichen auf», sagt Jesus und kehrt der Stadt den Rücken, um sich zu einem abseits gelegenen Ort zu begeben, der sich auf dem Abhang eines felsigen Hügels zwischen den beiden Straßen, die von Jericho nach Jerusalem führen, befindet. Ein eigenartiger Ort, stufenartig ansteigend, unwirtlich und öde, trostlos anzusehen.

«Meister», ruft Simon der Zelote. «Ich bin hier. Bleib stehen. Ich werde dir den Weg weisen ...»

Und der Zelote, der sich an den Felsen gelehnt hatte, um im Schatten zu stehen, kommt heran und schlägt einen stufenförmigen Weg ein, der in Richtung Gethsemane führt, doch von diesem getrennt wird durch die Straße, die vom Ölgarten nach Bethanien führt.

«Hier sind wir. In den Gräbern von Siloe habe ich gelebt, und hier sind meine Freunde. Einige von ihnen. Die anderen sind in Ben Hinnom; doch sie können nicht kommen... Sie müßten die Straße überqueren und könnten dabei gesehen werden.»

«Wir werden auch sie besuchen!»

«Danke, für sie und für mich.»

«Sind es viele?»

«Der Winter tötet die meisten. Hier leben noch fünf von jenen, mit denen ich gesprochen habe. Sie erwarten dich. Sie sind dort am Rand ihres Bereiches ...»

Es sind ungefähr zehn unheimliche Gestalten. Ich sage ungefähr, denn fünf kann man gut sehen, da sie aufrecht stehen, während die anderen wegen der grauen Hautfarbe, der Verunstaltung des Gesichtes und ihres Dahinkriechens auf den Steinen kaum unterscheidbar sind. Unter den Stehenden befindet sich auch eine Frau. Man erkennt sie nur an ihrem grauen, wirren Haar, das steif und schmutzig über die Schultern bis zum Gürtel fällt. Sonst unterscheidet sie sich nicht von den anderen, da die fortgeschrittene Krankheit sie zum Skelett abmagern ließ und jede weibliche Form vernichtete, wie auch von den Männern nur noch ein einziger Barthaare aufweist. Die anderen sind infolge des zerstörerischen Übels ausgefallen.

Sie schreien: «Jesus, unser Erlöser, erbarme dich unser!» und strecken ihm die unförmigen, wundbedeckten Hände entgegen. «Jesus, Sohn Davids, erbarme dich!»

«Was wollt ihr von mir?» fragt Jesus und blickt sie an.

«Daß du uns von der Sünde und von der Krankheit heilst.»

«Von der Sünde rettet der Wille und die Reue ...»

«Aber wenn du willst, kannst du unsere Sünden auslöschen. Wenigstens dies, wenn du unsere Körper nicht heilen willst.»

«Wenn ich euch sage: "Wählt zwischen den beiden Dingen", um was bittet ihr mich dann?»

«Um die Vergebung Gottes, Herr, damit sie uns zum Trost diene.»

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Jesus macht ein Zeichen der Zustimmung und lächelt verklärt; dann hebt er die Arme und ruft: «Seid erhört! Ich will es!»

Erhört! Das kann sich sowohl auf die Sünde wie auf die Krankheit als auch auf beide beziehen, und die fünf Unglücklichen bleiben im Ungewissen. Aber im Ungewissen sind nicht die Apostel, und sie können nur ihr Hosanna rufen, als sie sehen, wie rasch der Aussatz verschwindet... wie Schneeflocken, die auf Feuer fallen. Und nun begreifen die Fünf, daß sie voll erhört worden sind. Ihre Schreie klingen wie ein Siegesruf. Sie umarmen sich gegenseitig, werfen Jesus Kußhände zu, da sie nicht zu seinen Füßen eilen dürfen, und wenden sich dann an die Gefährten und sagen: «Wollt ihr immer noch nicht glauben? Wie töricht seid ihr doch!»

«Seid gut, seid gut! Die armen Brüder müssen erst nachdenken. Sagt nichts mehr. Den Glauben kann man nicht aufzwingen. Man predigt ihn friedlich, mit Sanftmut, Geduld und Ausdauer. Das werdet ihr nach eurer Reinigung tun, wie Simon es mit euch getan hat. Das Wunder spricht ja für sich selbst. Ihr Geheilten geht zum Priester, so bald als möglich! Ihr Kranken, erwartet uns am Abend. Wir werden euch Nahrung bringen. Der Friede sei mit euch!»

Jesus steigt zur Straße hinab, immer noch von den Segenswünschen aller gefolgt.

«Nun gehen wir nach Ben Hinnom», sagt Jesus.

«Meister... ich würde gern mitkommen, aber ich weiß, daß ich es nicht schaffen werde. Ich gehe nach Gethsemane», sagt Lazarus.

«Geh, Lazarus. Der Friede sei mit dir!»

Während Lazarus sich langsam entfernt, sagt der Apostel Johannes: «Meister, ich werde ihn begleiten. Er kommt mühsam voran, und der Weg ist nicht sehr gut. Ich werde dich dann in Ben Hinnom erreichen.»

«Geh nur! Laßt uns gehen.»

Sie überqueren den Kedron, nehmen einen Weg, der den Südhang des Berges Tophet entlangführt, und kommen schließlich in das kleine Tal, das ganz mit Gräbern und Unrat übersät ist. Nirgendwo ein Baum oder etwas anderes, das vor der Sonne schützen könnte, die auf dieser Mittagsseite vom Himmel sengt und das Gestein zum Glühen bringt. In den Höhlen, die Einäscherungsöfen gleichen, aus denen stinkender Rauch aufsteigt und die Hitze noch erhöht, befinden sich die armen Körper, die sich verzehren... Siloe muß im Winter ein häßlicher Ort sein, da es feucht und gegen Norden gelegen ist. Aber im Sommer ist es schrecklich...

Simon der Zelote stößt einen Ruf aus, und gleich kommen drei, dann zwei, dann einer und schließlich noch einer, wie sie können, bis zur vorgeschriebenen Grenze. Es sind zwei Frauen darunter; eine führt an der Hand ein schreckliches Kind, das der Aussatz im Gesicht befallen hat. Es ist schon blind...

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Auch ein Mann ist da, von vornehmen Aussehen, trotz seiner erbärmlichen Verfassung. Er ergreift das Wort für alle: «Der Messias des Herrn sei gepriesen, der in unsere Hölle gestiegen ist, um ihr jene zu entreißen, die auf ihn hoffen. Rette uns, Herr, denn wir gehen zugrunde! Rette uns, Erlöser! König aus dem Geschlechte Davids, König Israels, hab Erbarmen mit deinen Untergebenen. O du Reis aus dem Geschlechte Jesse, von dem gesagt worden war, daß zu seiner Zeit kein Übel mehr besteht; strecke deine Hand aus und sammle die Ruinen deines Volkes. Befreie uns von diesem Tod und trockne unsere Tränen, denn so ist von dir gesagt worden. Rufe uns, Herr, auf deine köstlichen Weiden, zu deinen süßen Wassern, die wir so sehr dürsten. Leite uns zu den ewigen Hügeln, wo es keine Schuld und keinen Schmerz mehr gibt. Hab Erbarmen, Herr ...»

«Wer bist du?»

«Johannes, einer vom Tempel. Vielleicht bin ich durch einen Aussätzigen angesteckt worden. Seit kurzem erst, wie du siehst, hat mich die Krankheit befallen. Aber diese da! ... Unter ihnen solche, die den Tod seit Jahren erwarten; und dieses kleine Mädchen kam hierher, bevor es gehen konnte. Es kennt die Schöpfung Gottes nicht. Was es kennt und an was es sich erinnert: das sind diese Gräber, die unbarmherzige Sonne und die Sterne der Nacht. Habe Erbarmen mit den Schuldigen und den Unschuldigen, Herr, unser Erlöser!» Alle knien nun nieder und strecken die Hände aus.

Jesus weint ob soviel Elends, dann öffnet er die Arme und ruft: «Vater! Ich will es: Heil, Leben, Augenlicht und Gesundheit für sie!» Er bleibt mit erhobenen Armen stehen und betet inbrünstig aus seinem ganzen Herzen. Er scheint sich im Gebet zu verklären und zu erheben: eine Flamme der Liebe, weiß und mächtig unter dem mächtigen Gold der Sonne.

«Mama, ich kann sehen!» ertönt der erste Schrei, und es folgen der Schrei der Mutter, die ihr geheiltes Mädchen an sich drückt, und dann die Ausrufe der anderen und der Apostel. Das Wunder ist geschehen!

«Johannes, du, als Priester, wirst die Gefährten zum Ritus geleiten. Der Friede sei mit euch. Auch euch werden wir heute abend Nahrung bringen.» Er segnet sie und schickt sich zum Gehen an.

Doch der aussätzige Johannes schreit: «Ich will dir auf allen Wegen folgen. Sag mir, was ich tun muß, wohin ich gehen soll, um dich zu verkünden!»

«Gehe in dieses trostlose Geviert, das öde ist und sich zum Herrn bekehren muß. Die Stadt Jerusalem soll dein Feld sein. Leb wohl.»

«Und jetzt kehren wir zur Mutter zurück!» sagt Jesus zu den Aposteln.

«Aber wo ist sie?» fragen viele.

«In einem Haus, das Johannes kennt. Im Haus des Mädchens, das voriges Jahr geheilt worden ist.»

Sie gehen in die Stadt zurück, durchqueren einen großen Teil des

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dichtbesiedelten Vorortes Ophel und gelangen zu einem weißen Häuschen. Jesus tritt mit seinem lieben Friedensgruß durch die unverschlossene Tür in das Haus, und gleich darauf vernimmt man die sanfte Stimme Marias, die Silberstimme Annalias und die kräftige ihrer Mutter. Das Mädchen wirft sich anbetend zu Boden, und die Mutter läßt sich auf die Knie nieder. Maria erhebt sich.

Sie möchten den Meister und seine Mutter noch zurückhalten. Aber Jesus verspricht, an einem anderen Tage wiederzukommen, segnet sie und geht. Petrus geht mit Maria einkaufen. Sie haben den Knaben in ihrer Mitte und gleichen einer glücklichen Familie. Viele wenden sich bewundernd nach ihnen um. Jesus betrachtet sie lächelnd.

«Simon ist glücklich!» ruft der Zelote.

«Warum lächelst du, Meister?» fragt Jakobus des Zebedäus.

«Weil ich in dieser Gruppe eine große Verheißung sehe.»

«Welche, Bruder? Was siehst du?» fragt Thaddäus.

«Ich sehe, daß ich, wenn die Stunde gekommen ist, ruhig scheiden kann. Ich werde mir um meine Kirche keine Sorgen machen müssen. Sie wird dann noch klein und schmächtig wie Margziam sein. Aber meine Mutter wird sie an der Hand halten und ihr Mutter sein, während Petrus ihr Vater ist. In seine ehrliche, schwielenbedeckte Hand werde ich ohne Sorge die Hand meiner jungen, neuen Kirche legen. Er wird ihr die Kraft seines Schutzes geben, meine Mutter die Kraft ihrer Liebe. Und die Kirche wird wachsen... wie Margziam... Er ist wahrlich das Kind des Symbols. Gott segne meine Mutter, meinen Petrus und ihr und unser Kind! Laß uns nun zu Johanna gehen ...»

... Es ist Abend; wir befinden uns wieder im kleinen Haus von Bethanien. Die meisten haben sich schon zurückgezogen. Petrus aber wandelt auf dem schmalen Wege hin und her und blickt immer zur Terrasse hinauf, wo Jesus und Maria beisammensitzen und miteinander reden. Johannes von Endor spricht unter einem in voller Blüte stehenden Granatapfelbaum mit dem Zeloten.

Maria muß schon viel gesprochen haben, denn ich höre von Jesus die Worte: «Alles, was du gesagt hast, ist richtig; ich werde darauf Rücksicht nehmen. Auch dein Rat für Annalia ist gut. Daß der Vater ihn so rasch angenommen hat, ist ein gutes Zeichen. Die Behörden in Jerusalem sind wirklich voller Torheit und Haß. Aber unter dem bescheidenen Volke gibt es Perlen von unbekanntem Wert. Ich bin froh, daß Annalia glücklich ist. Sie ist ein Geschöpf, das sich mehr im Himmel als auf der Erde befindet, und der Mann, der nun geistiger geworden ist, hat dies wohl verstanden, denn er achtet sie, er verehrt sie fast. Sein Vorsatz, anderswohin zu ziehen, um nicht mit einem menschlichen Gefühl das reine Gelübde seines Mädchens zu beflecken, beweist dies.»

«Ja, mein Sohn, der Mann spürt den Duft der Jungfräulichkeit... Ich

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erinnere mich an Joseph. Ich wußte nicht, wie ich es ihm sagen sollte. Er kannte mein Geheimnis nicht; doch hat er mir mit der Empfindsamkeit eines Heiligen geholfen, es ihm zu sagen. Er hatte den Duft meiner Seele gespürt. Siehst du, Johannes? ... Welcher Friede! ... Und alle kommen zu ihm, selbst Judas von Kerioth, obgleich... Nein, Sohn, Judas hat sich nicht geändert. Ich weiß es, und auch du weißt es. Wir sagen nur nichts, um keinen Krieg anzuzetteln. Aber, auch wenn wir nicht davon reden, wissen wir es; auch wenn wir nichts sagen, ahnen die anderen es. Oh, mein Jesus! Die Jungen haben es mir heute im Gethsemane erzählt: das Vorkommnis in Magdala und das vom Sabbatmorgen. Die Unschuld spricht; denn sie sieht mit den Augen ihres Engels. Aber auch die Alten durchschauen ihn. Sie haben nicht unrecht. Er ist ein schlüpfriges Wesen. Alles in ihm ist schlüpfrig... und ich habe Angst vor ihm, und auf meinen Lippen sind die Worte Benjamins von Magdala und die des Margziam im Gethsemane; denn ich habe den gleichen Abscheu vor Judas wie diese Kinder ...»

«Nicht alle können Johannes sein ...»

«Das verlange ich auch nicht! Sonst hätten wir das Paradies auf Erden. Aber siehst du, du hast mir vom anderen Johannes erzählt... von einem Mann, der gemordet hat. Ich habe nur Mitleid mit ihm. Vor Judas aber habe ich Angst.»

«Liebe ihn, Mutter! Liebe ihn aus Liebe zu mir!»

«Ja, Sohn! Aber auch meine Liebe wird nichts nützen. Sie wird nur Schmerz für mich und Schuld für ihn sein. Oh, warum ist er beigetreten! Er stört alle und beleidigt Petrus, der jede Achtung verdient.»

«Ja, Petrus ist gut. Für ihn würde ich alles tun, denn er verdient es.»

«Wenn er dich hören könnte, würde er mit seinem offenen Lächeln sagen: "Ach, Herr, das stimmt nicht." Und er hätte recht.»

«Warum, Mutter?» Jesus lächelt, denn er hat verstanden.

«Weil du ihn nicht zufriedenstellst und ihm keinen Sohn schenkst. Er hat mir alle seine Hoffnungen und Wünsche... und deine Ablehnung anvertraut.»

«Und er hat dir die Gründe nicht genannt, mit denen ich es rechtfertigte? ...»

«Doch, er hat sie mir genannt, und hinzugefügt: "Es ist wahr... aber ich bin ein Mensch, ein armer Mensch. Jesus besteht darauf, in mir einen besseren Menschen zu sehen. Aber ich weiß, daß ich untauglich bin und deshalb... könnte er mir einen Knaben geben. Ich heiratete, um Kinder zu haben... und werde sterben, ohne ein Kind zu besitzen." Und dann hat er gesagt – indem er auf das Kind deutete, das glücklich war über das von Petrus gekaufte Kleid; es küßte ihn und sagte: "Geliebter Vater" – und dann fügte er bei: "Schau, wenn dieses Geschöpf, das ich vor zehn Tagen noch nicht kannte, so zu mir spricht, dann werde ich weicher als Butter

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und süßer als Honig und weine... denn jeder Tag, der vergeht, entfernt mich von diesem Kinde..."»

Maria schweigt und beobachtet Jesus; sie studiert sein Gesicht und erwartet ein Wort... Aber Jesus hat seine Ellbogen auf die Knie gestützt, hält sein Haupt zwischen den Händen und schaut auf die grüne Fläche des Obstgartens.

Maria ergreift seine Hand, streichelt sie und sagt: «Simon hat diesen großen Wunsch; während ich ihn begleitete, hat er über nichts anderes gesprochen, und er hat so vernünftige Gründe angeführt, daß ich nicht fähig war, ihn zum Schweigen zu bringen. Es waren dieselben Gründe, die wir alle, Frauen und Mütter, haben. Das Kind ist schwach. Wenn es so wäre, wie du gewesen bist... oh, dann hätte es dem Leben als Jünger furchtlos entgegengehen können. Aber es ist so schwach... Sehr intelligent, sehr gut... aber sonst nichts. Wenn eine junge Taube schwach ist, dann kann sie nicht zum Fliegen gebracht werden, wie dies bei kräftigen möglich ist. Die Hirten sind gut... aber sie sind dennoch Männer. Die Kinder brauchen die Frauen. Warum läßt du es nicht Simon? Wenn du ihm ein von ihm gezeugtes Kind verweigerst, so verstehe ich den Grund. Ein eigenes Kind ist wie ein Anker. Und Simon, der zu Hohem bestimmt ist, kann keinen Anker brauchen, der ihn bindet. Aber du mußt zugeben, daß er eines Tages der "Vater" all der Kinder sein muß, die du ihm hinterläßt. Wie kann er jedoch Vater sein, wenn er nicht die Schule mit einem Kind gemacht hat? Ein Vater muß gütig sein. Simon ist gut, aber gütig ist er nicht. Er ist impulsiv und unnachgiebig. Nur ein schwaches Geschöpf kann ihm die feine Kunst beibringen, mit den Schwachen Mitleid zu haben... Denke an die Zukunft von Petrus... Er ist dein Nachfolger! Oh, ich muß es aussprechen, dieses harte Wort! Aber wegen des großen Schmerzes, den ich dabei empfinde, höre mich an! Nie würde ich dir etwas raten, das nicht gut ist. Margziam... Du willst aus ihm einen vollkommenen Jünger machen... Aber er ist noch ein Kind. Du... wirst uns verlassen, bevor er ein Mann geworden ist. Wer wird dann seine Bildung besser vervollständigen können als Petrus? Und schließlich, du weißt, wie der arme Petrus deinetwegen von der Schwiegermutter geplagt worden ist; und doch hat er keinen Funken seiner früheren Freiheit zurückverlangt, um seine Schwiegermutter zufriedenzustellen, die nicht einmal du hast ändern können. Und sein armes Weib? Oh, sie hat ein solches Verlangen zu lieben und geliebt zu werden. Die Mutter... oh! ... Der Mann? Ein lieber Rechthaber... Niemals eine Liebesbezeugung, ohne gleichzeitig viel zu verlangen... Arme Frau! Laß ihr das Kind. Höre auf mich, mein Sohn. Vorerst nehmen wir es zu uns. Auch ich werde nach Judäa gehen. Du wirst mich zu einer lieben Gefährtin des Tempels bringen, die fast verwandt mit uns ist, da sie aus dem Geschlechte Davids stammt. Sie lebt in Bethsur. Ich sehe sie gern wieder, wenn sie noch lebt. Dann, bei der Rückkehr nach

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Galiläa, werden wir ihn Porphyria geben. Und wenn wir in die Nähe von Bethsaida gekommen sind, wird Petrus ihn zu sich nehmen. Wenn wir hierher zurückgekehrt sind, wird das Kind bei ihr sein. Ah! Nun lächelst du! Also stellst du deine Mutter zufrieden. Danke, mein Jesus.»

«Ja, es geschehe nach deinem Wunsch.» Jesus erhebt sich und ruft laut: «Simon des Jonas, komm her!»

Petrus erhebt sich und eilt die Stufen hinauf: «Was willst du, Meister ?»

«Komm her, du Usurpator und Eroberer!»

«Ich? Warum? Was habe ich getan, Herr?»

«Du hast das Herz meiner Mutter erobert. Daher wolltest du allein mit ihr sein. Was soll ich mit dir anfangen?» Doch Jesus lächelt, und Petrus beruhigt sich.

«Oh», sagt er, «du hast mir richtig Angst eingejagt. Aber nun lächelst du. Was willst du von mir, Meister? Das Leben? Ich habe nur noch das, denn du hast mir alles genommen... Aber, wenn du es willst, so gebe ich es dir.»

«Ich will nichts nehmen, sondern geben. Aber nütze diesen Sieg nicht aus und gib das Geheimnis den anderen nicht preis, du schlauer Mann, der du den Meister mit der Waffe des Wortes der Mutter besiegt hast. Du wirst das Kind haben, aber ...»

Jesus kann nicht weiterreden, denn Petrus, der auf den Knien war, springt auf und küßt Jesus mit solchem Ungestüm, daß er ihm jedes weitere Wort abschneidet.

«Danke ihr, nicht mir! Aber vergiß nicht, daß es dir eine Hilfe und kein Hindernis sein soll ...»

«Herr, du wirst das Geschenk nicht bereuen. Oh, Maria! Sei immer gepriesen, du Heilige und Gute!»

Petrus, der wieder auf die Knie gesunken ist, weint, während er die Hand Marias küßt...

240. AGLAIA BEIM MEISTER

Jesus geht allein ins Haus des Zeloten. Der Abend bricht herein, heiter und friedlich nach soviel Sonne. Jesus zeigt sich an der Küchentür, grüßt und geht ins obere Zimmer, um dort zu meditieren. Der Saal ist schon für das Nachtmahl vorbereitet. Der Herr scheint nicht sehr froh zu sein. Er seufzt öfters und geht auf und ab und wirft ab und zu einen Blick auf die umliegende Landschaft, die man von den vielen Fenstern und Türen dieses großen Saales aus, der wie ein Würfel auf dem Untergeschoß sitzt, überblicken kann. Dann tritt er auf die Terrasse hinaus, geht um den Saal

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herum, bleibt regungslos stehen und sieht Johannes von Endor zu, der höflich Wasser aus dem Brunnen schöpft, um es der vielbeschäftigten Salome anzubieten.

Jesus betrachtet ihn, schüttelt das Haupt und seufzt. Die Kraft seines Blickes zieht die Aufmerksamkeit von Johannes an, und dieser wendet sich um und fragt: «Meister, brauchst du mich?»

«Nein, ich habe dir nur zugeschaut.»

«Johannes ist so gut. Er hilft mir», sagt Salome.

«Auch für diese Hilfe wird Gott ihn belohnen.»

Nach diesen Worten geht Jesus in den Raum zurück und setzt sich. Er ist so sehr in seine Betrachtung vertieft, daß er das Geräusch der vielen Stimmen und Schritte im Korridor des Untergeschoßes nicht hört, und noch weniger einige leichte Schritte, die auf der Außentreppe sich dem Saale nähern. Erst als Maria ihn ruft, erhebt er das Haupt.

«Sohn, Susanna ist mit ihrer Familie aus Jerusalem angekommen und hat sogleich Aglaia zu mir gebracht. Willst du sie anhören, solange wir allein sind?»

«Ja, Mutter, sofort! Und niemand darf heraufkommen, bevor wir fertig sind. Ich hoffe, daß alles vor der Rückkehr der anderen beendet ist. Aber ich bitte dich, darauf zu achten, daß keine indiskrete Neugier aufkommt; bei niemand, und besonders nicht bei Judas des Simon ...»

«Ich werde sorgfältig aufpassen...»

Maria geht hinaus und kommt kurz darauf, Aglaia an der Hand führend, zurück. Diese ist nicht mehr in ihren großen, grauen Mantel eingehüllt und hat den Schleier nicht mehr über das Gesicht gezogen; sie trägt auch nicht die hochgeschnürten, mit Schnallen und Bändern verzierten Sandalen wie früher, sondern gleicht nun in allem einer Hebräerin. Ihre Sandalen sind flach und so einfach wie die Marias. Über dem dunkelblauen Kleid trägt sie den Mantel, während ein Schleier ihr teilweise das Gesicht bedeckt: das gewöhnliche Gewand unzähliger Frauen. Und da sie sich außerdem in einer Gruppe von Galiläern befindet, besteht keine Gefahr, erkannt zu werden. Sie kommt geneigten Hauptes herein, wird bei jedem Schritt röter im Gesicht; ich glaube, wenn Maria sie nicht sanft zu Jesus hinführen würde, wäre sie auf der Schwelle niedergekniet.

«Hier, Sohn! Hier ist sie, die dich schon lange sucht! Höre sie an», sagt Maria, als sie bei Jesus angelangt ist, und sie zieht sich sogleich zurück, wobei sie die Vorhänge an den offenen Türen und die Türe an der Treppe schließt.

Aglaia entledigt sich der Tasche, die sie über der Schulter trägt, kniet dann zu Jesu Füßen nieder und bricht in lautes Weinen aus. Sie läßt sich auf den Boden gleiten und weint, den Kopf auf die am Boden gekreuzten Arme gelegt.

«Weine nicht! Die Zeit der Tränen ist vorbei. Grund zum Weinen hattest

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du, als Gott dir zürnte. Nicht jetzt, da du ihn liebst und von ihm geliebt wirst.» Aber Aglaia fährt fort, zu weinen...

«Glaubst du nicht, daß es so ist?»

Die Stimme bricht sich Bahn unter dem Schluchzen: «Ich liebe ihn, das ist wahr, so wie ich bin und wie ich kann... Aber obgleich ich weiß und glaube, daß Gott die Güte ist, wage ich es nicht zu hoffen, daß er meine Liebe erwidert. Ich habe zuviel gesündigt... Ich werde seine Liebe vielleicht eines Tages haben... Aber ich muß noch viel weinen... Vorerst bin ich noch allein mit meiner Liebe. Ich bin allein... Es ist nicht die trostlose Einsamkeit der vergangenen Jahre. Es ist eine Einsamkeit voll Verlangens nach Gott, also nicht mehr eine verzweifelte... Doch ist sie so traurig, so traurig!»

«Aglaia, wie schlecht kennst du doch den Herrn! Dieses Verlangen nach ihm ist der Beweis dafür, daß Gott deine Liebe erwidert, daß er dir Freund ist, dich ruft, dich einlädt und dich will. Gott ist unfähig der Liebe seines Geschöpfes zu widerstehen; denn diese Liebe hat er selbst im Herzen erweckt; er, der Schöpfer und Herr aller Geschöpfe. Er hat dieses Verlangen entzündet, denn er hat die Seele, die nun nach ihm verlangt, mit Vorzug geliebt. Die Liebe Gottes geht immer der Liebe des Geschöpfes voraus; denn er ist der Vollkommene: daher ist seine Liebe unmittelbarer und brennender als die Liebe seines Geschöpfes.»

«Aber wie kann Gott meinen Schmutz lieben?»

«Bemühe dich nicht, mit deinem Verstande begreifen zu wollen. Er ist ein Abgrund der Barmherzigkeit, dem menschlichen Geiste unbegreiflich. Aber dort, wo die menschliche Intelligenz nicht mehr begreift, erkennt die Intelligenz der Liebe die Liebe des Geistes. Sie versteht und dringt sicher in das Geheimnis, das Gott ist, und in das Geheimnis der Begegnung der Seele mit Gott ein. Sie dringt ein, ich sage es dir. Sie dringt ein, weil Gott es will.»

«O mein Erlöser! So bin ich also losgesprochen? So werde ich also wirklich geliebt? Darf ich es glauben?»

«Habe ich dir je die Unwahrheit gesagt?»

«O nein, Herr! Alles, was du in Hebron zu mir gesagt hast, ist eingetroffen. Du hast mich erlöst, wie dies dein Name sagt. Du hast mich arme, verlorene Seele gesucht. Du hast der toten Seele, die ich in mir getragen habe, das Leben wiedergeschenkt. Du hast mir gesagt, wenn ich dich suche, werde ich dich finden. Alles ist eingetroffen. Du hast mir gesagt, daß du überall bist, wo der Mensch den Arzt und die Arznei nötig hat. Es ist wahr! Alles, alles, was du zur armen Aglaia gesagt hast, von jenen Worten des Junimorgens bis zu den anderen am "Trügerischen Gewässer"...»

«So mußt du auch den jetzigen glauben!»

«Ja, ich glaube, ich glaube! Aber sage mir: "Ich verzeihe dir"!»

«Ich verzeihe dir im Namen Gottes und im Namen Jesu!»

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«Danke... Aber nun... Was soll ich nun tun? Sage mir, mein Erlöser, was soll ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? Der Mann wird schon verdorben, sobald er mich ansieht! Ich kann nicht in der ständigen Angst leben, entdeckt und angesprochen zu werden... Auf dieser Reise habe ich bei jedem Blick eines Mannes gezittert... Ich will nicht mehr sündigen und nicht mehr zur Sünde verleiten! Sage mir den Weg, den ich gehen muß. Wie er auch sei, ich werde ihn gehen. Du siehst, ich bin auch in Entbehrungen stark... Wenn ich aufgrund einer zu großen Not sterben sollte, ich habe keine Angst! Ich werde den Tod "meinen Freund" nennen, denn er wird mich für immer von den Gefahren der Erde befreien. Sprich, mein Erlöser!»

«Geh an einen einsamen Ort.»

«Wohin, Herr?»

«Wohin du willst. Dorthin, wo dein Geist dich hinführen wird.»

«Wird mein kaum gebildeter Geist dazu fähig sein?»

«Ja, denn Gott wird dich leiten.»

«Und wer wird mir von Gott sprechen?»

«Deine wiedererstandene Seele, vorerst...»

«Werde ich dich nie mehr wiedersehen?»

«Nie mehr auf dieser Erde. Doch bald werde ich dich völlig erlöst haben und deinen Geist vorbereiten auf den Anstieg zu Gott.»

«Wie wird meine vollständige Erlösung erfolgen, wenn ich dich nicht wiedersehe? Wie wirst du sie mir zuteil werden lassen?»

«Ich werde für alle Sünder sterben!»

«Nein! Du darfst nicht sterben!»

«Um euch das Leben zu schenken, muß ich den Tod auf mich nehmen. Ich bin deshalb Mensch geworden. Weine nicht! Du wirst mich bald dort erreichen, wo ich nach meinem und deinem Opfer bin.»

«Mein Herr! So werde auch ich für dich sterben?»

«Ja, aber auf andere Art. Dein Fleisch wird von Stunde zu Stunde durch das Mitwirken deines Willens absterben. Es ist schon beinahe ein Jahr, daß es abstirbt; wenn es ganz abgetötet sein wird, dann werde ich dich rufen.»

«Werde ich die Kraft haben, mein sündhaftes Fleisch zu vernichten?»

«In der Einsamkeit, in der Satan dich wütend mit allen seinen Mitteln versucht, wirst du, je mehr du dem Himmel gehörst, einen Apostel finden, der einst Sünder war und dann erlöst wurde.»

«Also nicht den Gesegneten, der mir von dir gesprochen hat? Er ist zu gut, er kann kein Sünder gewesen sein!»

«Nicht er ist es, sondern ein anderer. Er wird zu dir kommen, wenn die Zeit reif ist. Er wird dir sagen, was du noch nicht wissen kannst. Geh in Frieden! Der Segen Gottes sei mit dir!»

Aglaia war die ganze Zeit auf den Knien; sie neigt sich jetzt, um Jesus

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die Füße zu küssen. Mehr wagt sie nicht. Dann nimmt sie ihre Tasche und leert sie aus. Es kommen einfache Kleider zum Vorschein, ein kleines klingendes Säckchen und ein Töpfchen aus feinstem Alabaster.

Aglaia legt die Kleider wieder in die Tasche, nimmt das Säckchen und sagt: «Das ist für die Armen; der Rest meiner Schmuckstücke. Ich behalte nur die Münzen für die Wegzehrung... denn, auch wenn du es nicht gesagt hättest, wäre ich in die Einsamkeit gegangen. Und dies ist für dich. Es ist nicht so herrlich, wie der Duft deiner Heiligkeit, aber doch vom Besten, was die Erde bieten kann. Es hat mir geholfen, das Schlimmste zu tun... Hier! Gott möge mir erlauben, vor deinem Angesicht wenigstens im Himmel einen solchen Wohlgeruch zu verbreiten.» Sie öffnet das Gefäß und schüttet den kostbaren Inhalt auf den Boden. Ein starker Rosenduft erfüllt die Luft, und die Ziegelsteine am Boden saugen die wertvollen Essenzen auf. Aglaia legt das leere Gefäß in die Tasche zurück. «Zum Andenken an diese Stunde», sagt sie und verneigt sich nochmals, um Jesu Füße zu küssen. Dann erhebt sie sich, geht rückwärts zur Tür, tritt auf die Terrasse hinaus und schließt die Tür... Man hört ihre Schritte sich entfernen auf die Treppe zu, und ihre Stimme, die einige Worte mit Maria wechselt, und schließlich das Geräusch der Sandalen, die die Treppe hinuntersteigen. Dann nichts mehr.

Von Aglaia bleibt nur das Säckchen zu Füßen Jesu und der durchdringende Duft, der den ganzen Saal erfüllt.

Jesus steht auf... nimmt das Säcklein und verbirgt es an der Brust; dann geht er auf das Fenster an der Straßenseite zu und lächelt, als er die Frau allein, in ihren hebräischen Mantel gehüllt, in Richtung Bethlehem wandern sieht. Er macht ein Zeichen des Segens, geht dann auf die Terrasse und ruft: «Maria!»

Maria geht rasch die Treppe hinauf. «Du hast sie glücklich gemacht, mein Sohn. Sie ist gegangen, gekräftigt und mit Frieden im Herzen!»

«Ja, Mutter. Wenn Andreas zurückkommt, schicke ihn sogleich zu mir.»

Es vergeht eine geraume Zeit, dann hört man die Stimmen der Apostel, die zurückkehren... Andreas eilt herbei: «Meister, verlangst du nach mir?»

«Ja, komm her. Niemand wird es erfahren; aber dir will ich es gerechterweise sagen. Andreas, ich danke dir, im Namen Gottes und einer Seele.»

«Danke? Wofür?»

«Riechst du nicht diesen Duft? Es ist das Andenken der Verschleierten. Sie ist gekommen. Sie ist gerettet!»

Andreas wird rot wie eine Erdbeere, rutscht auf die Knie und ist sprachlos; dann sagt er: «Nun bin ich zufrieden! Der Herr sei gepriesen!»

«Ja. Steh auf und sag es niemand, wer hiergewesen ist.»

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«Ich werde schweigen, Herr.»

«Geh nun! Höre, ist Judas des Simon noch da?»

«Ja, er wollte uns begleiten und hat... viele Lügen gesagt. Warum tut er das, Herr?»

«Weil er ein verzogener Junge ist. Sag mir die Wahrheit: habt ihr euch gestritten?»

«Nein! Mein Bruder ist zu glücklich mit seinem Kind, als daß er Lust zum Streiten hätte, und die anderen... du weißt... sind klüger. Aber ganz bestimmt fühlen wir uns im Herzen abgestoßen. Nach dem Abendessen geht er wieder fort. Andere Freunde, sagt er... Oh! Und er verabscheut die Dirnen! ...»

«Sei gut, Andreas. Auch du sollst an diesem Abend glücklich sein...»

«Ja, Meister. Auch ich habe meine unsichtbare, aber süße Vaterschaft. Ich gehe.»

Nach einer Weile kommen die Apostel mit dem Kind und Johannes von Endor. Es folgen ihnen die Frauen mit den Speisen und den Lampen. Zuletzt kommt Lazarus mit Simon. Kaum haben sie den Saal betreten, rufen sie aus: «Ah, von hierher kommt er!» und ziehen die vom Rosenparfüm gesättigte Luft ein; gesättigt, trotz der weitgeöffneten Türen.

«Wer hat diesen Raum so parfümiert? Vielleicht Martha?» fragen mehrere.

«Meine Schwester hat das Haus heute nach dem Mahl nicht verlassen», antwortet Lazarus.

«Wer dann? Irgendein assyrischer Satrap?» scherzt Petrus.

«Die Liebe einer Erlösten», sagt Jesus ernst.

«Sie hätte sich diesen unnötigen Rauch für ihre Erlösung ersparen und die Kosten für die Armen verwenden können. Es sind so viele; sie wissen, daß wir helfen. Ich habe keinen Pfennig mehr», sagt Iskariot verärgert. «Wir müssen das Lamm kaufen, die Miete für den Abendmahlsaal bezahlen und...»

«Oh, ich habe euch alles angeboten», sagt Lazarus.

«Das ist nicht richtig. Das Schöne am Ritus geht dabei verloren. Das Gesetz sagt: "Kaufe das Lamm für dich und dein Haus." Es sagt nicht: "Laß dir das Lamm schenken."»

Bartholomäus wendet sich brüsk um und öffnet den Mund, schließt ihn aber dann wieder. Petrus wird karminrot unter der Anstrengung, den Mund zu halten und zu schweigen.

Der Zelote aber, der sich in seinem eigenen Haus befindet, fühlt, daß er etwas sagen muß: «Das sind rabbinische Spitzfindigkeiten. Ich bitte dich, sie zu unterlassen und meinem Freund Lazarus Achtung zu bezeugen.»

«Bravo, Simon!» Petrus wäre geplatzt, hätte er noch länger geschwiegen. «Bravo! Mir scheint, daß man ein bißchen zu oft vergißt, daß nur der

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Meister das Recht hat, zu belehren...» Petrus sagt dieses "man" mit einer heroischen Anstrengung, um nicht zu sagen: «Judas vergißt ...»

«Das ist wahr... aber... ich bin nervös, das ist alles. Entschuldige, Meister!»

«Ja. Und ich will dir auch antworten. Die Dankbarkeit ist eine große Tugend. Ich bin Lazarus dankbar, wie die Erlöste mir dankbar war. Ich, das Haupt von euch allen, ergieße über Lazarus den Duft meines Segens, auch für jene unter meinen Aposteln, die es nicht zu tun verstehen. Die Frau hat zu meinen Füßen die Freude, erlöst zu sein, ausgegossen. Sie hat den König erkannt und sie ist zum König gekommen, viel früher als viele andere, denen der König viel mehr Liebe erwiesen hat als ihr. Laßt sie es tun, ohne sie zu tadeln. Sie kann nicht dabei sein, wenn man mir zujubelt, noch bei meiner Salbung. Ihr Kreuz ist schon auf ihren Schultern. Petrus, du hast gefragt, ob ein assyrischer Satrap hierher gekommen sei. Ich sage dir: nicht einmal der Weihrauch der Weisen, so rein und kostbar er auch war, war köstlicher und wertvoller als dieser Wohlgeruch. Die Essenz ist mit Tränen vermischt und daher so durchdringend: die Demut fördert die Liebe und läßt sie vollkommen werden. Nun nehmen wir an der Tafel Platz, Freunde...»

Und mit dem Anbieten der Speisen endet die Vision.

241. DIE PRÜFUNG MARGZIAMS

Es muß der Mittwochmorgen sein, denn die Gruppe der Apostel und Frauen, von Jesus, Maria und dem Kleinen angeführt, nähert sich dem Fischtor. Unter ihnen ist auch Joseph von Arimathäa, der, getreu dem gegebenen Wort, ihnen entgegengegangen ist. Jesus sucht mit den Blicken den Soldat Alexander, sieht ihn aber nicht.

«Auch heute ist er nicht da. Ich möchte wissen, warum...»

Doch es sind so viele Leute da, daß es nicht möglich ist, sich an die Soldaten zu wenden; es wäre vielleicht auch unklug, denn die Judäer sind unerbittlicher denn je wegen des bevorstehenden Festes und auch wegen der Gefangennahme des Täufers, bei der sie auch Pilatus und seine Satelliten der Mithilfe verdächtigen. Ich entnehme dies Schimpfworten und Beleidigungen, die am Tor zwischen Soldaten und Bewohnern hin- und herfliegen; aus solchen erregten Wortgefechten können aber leicht jeden Augenblick blutige Zusammenstöße aufflackern wie das Feuer aus einem Feuerrad. Die Frauen von Galiläa sind entrüstet und hüllen sich fester als sonst in ihre Schleier und Mäntel. Maria errötet, schreitet aber sicher voran, aufrecht wie eine Palme und ihren Sohn betrachtend, der seinerseits nicht einmal versucht, die aufgebrachten Hebräer zur Vernunft zu ermahnen

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oder den Soldaten Nachsicht für die Hebräer zu empfehlen. Da auch immer wieder wenig schöne Bemerkungen gegen die Galiläer fallen, geht Joseph von Arimathäa zu Jesus nach vorne; die Menge, die ihn erkennt, schweigt aus Respekt vor ihm.

Das Fischtor ist endlich durchschritten, und der Menschenstrom, der sich wellenartig in die Stadt ergießt und in dem auch Esel und andere Tiere zu erkennen sind, verläuft sich in den Gassen...

«Hier sind wir, Meister!» grüßt Thomas, der mit Philippus und Bartholomäus am Tor wartet.

«Ist Judas nicht da? Warum seid ihr hier?» fragen einige.

«Nein. Wir sind hier seit dem frühen Morgen aus Angst, daß du dein Kommen vorverlegen könntest. Aber ihn haben wir nicht gesehen. Gestern bin ich ihm begegnet. Er war mit Sadok, dem Schriftgelehrten, weißt du, Joseph? Der alte Magere mit dem Muttermal unter dem Auge. Es waren auch andere dabei... junge. Ich habe ihm zugerufen: "Ich grüße dich, Judas", aber er hat nicht geantwortet und getan, als ob er mich nicht kenne. Ich sagte: "Aber was hat er denn?" Ich bin ihm einige Meter nachgegangen. Er hat sich von Sadok getrennt, bei dem ein Levit war, und hat sich anderen seines Alters angeschlossen, die bestimmt nicht Leviten waren... Und nun ist er nicht da... Er wußte doch, daß wir beschlossen hatten, uns hier zu treffen.»

Philippus sagt nichts. Bartholomäus preßt die Lippen zusammen, bis sie ganz verschwinden, als ob er eine Sperre bilden wollte für das Urteil, das ihm aus dem Herzen aufsteigt.

«Gut, gut! Wir gehen trotzdem! Ich werde bestimmt wegen seiner Abwesenheit nicht weinen», sagt Petrus.

«Wir wollen noch ein wenig warten. Er kann unterwegs aufgehalten worden sein», sagt Jesus ernst.

Sie bleiben an der Mauer im Schatten stehen; die Frauen bilden eine Gruppe, die Männer eine andere. Alle sind festlich gekleidet. Petrus sogar vornehm. Er hat eine neue Kopfbedeckung, weiß wie Schnee und von einer Borte gehalten, die mit Rot und Gold bestickt ist. Außerdem trägt er sein bestes dunkelgranatrotes Gewand, das von einem neuen Gürtel gehalten wird, ähnlich der Borte der Kopfbedeckung. An diesem Gürtel hängt sein Messer mit dem ziselierten Griff, das in einer Scheide aus durchbrochenem Messing steckt, durch die das glänzende Eisen der Schneide blinkt. Auch die anderen sind mehr oder weniger so bewaffnet. Nur Jesus hat keine Waffe. Er trägt ein schneeweißes Leinenkleid mit einem hellblauen Mantel, den Maria bestimmt während des Winters gewoben hat. Margziam ist hellrot gekleidet, mit einer etwas dunkleren Borte am Hals, am Saum und an den Ärmeln, und einer ebensolchen Borte, die bestickt ist, in der Höhe des Gürtels und an den Rändern des Mantels, den das Kind zusammengefaltet über dem Arm trägt und zufrieden streichelt.

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Von Zeit zu Zeit erhebt es sein Gesicht, das teils froh und teils besorgt aussieht... Auch Petrus hat ein Paket in der Hand, das er sorgfältig hütet.

Die Zeit vergeht, doch Judas kommt nicht.

«Er hat sich nicht herabgelassen», brummt Petrus, und vielleicht würde er noch anderes hinzufügen; doch der Apostel Johannes sagt: «Vielleicht erwartet er uns am Goldenen Tor.»

Sie gehen zum Tempel, doch Judas ist nicht dort.

Joseph von Arimathäa verliert die Geduld. Er sagt: «Gehen wir.»

Margziam wird ein wenig bleich; er küßt Maria und sagt: «Bete! ... Bete! ...»

«Ja, Liebes, hab keine Angst. Du weißt alles ...»

Margziam hängt sich nun an Petrus. Er drückt fest dessen Hand, und da er sich immer noch nicht sicher fühlt, möchte er auch die Hand Jesu ergreifen. «Ich komme nicht, Margziam. Ich bete für dich. Wir werden uns nachher sehen.»

«Du kommst nicht? Warum, Meister?» fragt Petrus überrascht.

«Weil es besser so ist!» Jesus ist sehr ernst, ich würde sagen traurig. Er schließt: «Joseph, der Gerechte, kann mein Tun verstehen.» In der Tat, Joseph widerspricht ihm nicht und stimmt mit seinem Schweigen und einem tiefen Seufzer zu.

«Also, gehen wir!» Petrus ist etwas betrübt.

Margziam ergreift nun die Hand von Johannes. Sie folgen Joseph, der ununterbrochen von allen Seiten mit tiefen Verbeugungen gegrüßt wird. Mit ihnen gehen Simon und Thomas, die anderen bleiben bei Jesus. Sie betreten den Saal, den seinerzeit auch Jesus betreten hat. Ein Jüngling, der in einer Ecke schreibt, erhebt sich sofort als er Joseph sieht, und verbeugt sich bis zur Erde.

«Gott sei mit dir, Zacharias! Geh und rufe Asrael und Jakobus.»

Der Junge geht und kommt mit zwei Rabbis zurück. Synagogenvorsteher? Schriftgelehrte? Ich weiß es nicht. Zwei hochnäsige Persönlichkeiten' die ihren Dünkel nur vor Joseph fallen lassen. Hinter ihnen kommen noch andere acht, weniger wichtige Personen. Sie setzen sich, während sie die Bittsteller stehen lassen, den von Arimathäa inbegriffen.

«Was willst du, Joseph?» fragt der Älteste.

«Eurer Weisheit diesen Sohn Abrahams vorstellen, der das vorgeschriebene Alter erreicht hat, um gesetzmäßig zu werden und sich selbst zu leiten.»

«Ein Verwandter von dir?» Sie schauen erstaunt.

«In Gott sind wir alle verwandt. Doch der Junge ist Waise, und dieser Mann, für dessen Ehrbarkeit ich bürge, hat ihn an Kindes Statt angenommen, da er keine eigenen Kinder hat.»

«Wer ist der Mann? Er antworte selbst.»

«Simon des Jonas, aus Bethsaida in Galiläa, verheiratet, ohne

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Nachkommen, Fischer für die Welt, Sohn des Gesetzes vor dem Allerhöchsten.»

«Galiläer, nimmst du die Vaterschaft auf dich? Warum?»

«Das Gebot sagt, man soll sich der Waisen und der Witwen annehmen. Ich tue dies.»

«Kann der Kleine das Gesetz so gut kennen, um würdig zu sein... Du, Knabe, antworte. Wer bist du?»

«Jabe Margziam des Johannes, von den Ländereien bei Emmaus, vor zwölf Jahren geboren.»

«Judäer also. Ist es erlaubt, daß ein Galiläer für ihn sorgt? Laßt uns das Gesetz prüfen!»

«Aber wer bin ich denn? Ein Aussätziger oder ein Verfluchter?» Das Blut des Petrus beginnt zu kochen.

«Sei still, Petrus! Ich werde reden. Ich habe euch gesagt, daß ich für diesen Mann bürge. Ich kenne ihn, als würde er zu meinem Haus gehören. Der "Älteste" Joseph würde niemals eine Sache unterstützen, die gegen das Gesetz ist... oder auch nur gegen die Vorschriften... Prüft also den Knaben mit Gerechtigkeit und Aufmerksamkeit. Der Vorraum ist voller Knaben, die auf ihre Prüfung warten. Seid nicht so langsam, nehmt Rücksicht auf alle.»

«Aber wer beweist uns, daß der Junge zwölf Jahre alt und vom Tempel losgekauft ist?»

«Du kannst es mit den Schriften beweisen. Eine langweilige Sucherei, aber man kann es tun. Junge, du hast gesagt, daß du ein Erstgeborener bist?»

«Ja, Herr! Du kannst es überprüfen, denn ich wurde dem Herrn geheiligt und mit den erforderlichen Gaben losgekauft.»

«So wollen wir diese Eintragungen suchen ...» sagt Joseph.

«Nicht nötig!» antworten trocken die beiden Spitzfindigen.

«Komm hierher, Knabe. Sag die Zehn Gebote»; das Kind sagt sie sicher auf. «Gib mir die Rolle, Jakob! So, nun lies, wenn du lesen kannst.»

«Wo, Rabbi?»

«Wo du willst. Wo dein Auge hinfällt», sagt Asrael.

«Nein! Hier. Gib her», sagt Jakob, öffnet die Rolle bis zu einer gewissen Stelle und sagt dann: «Hier!»

«"Alsdann sagte er zu ihnen insgeheim: 'Preist den Gott des Himmels und lobt ihn vor allen Lebenden, denn er hat euch seine Barmherzigkeit erwiesen. Es ist gut, das Geheimnis des Königs verborgen zu halten, aber es ist auch ehrenhaft, es zu offenbaren!"'»

«Genug! Genug! Was bedeuten diese?» fragt Jakobus und deutet auf seine Fransen am Mantel.

«Die heiligen Fransen, Herr; wir tragen sie, um uns an die Vorschriften des Allerhöchsten Herrn zu erinnern.»

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«Ist es einem Israeliten erlaubt, sich mit jedem Fleisch zu nähren?» fragt Asrael.

«Nein, Herr, nur mit solchem, das als rein erklärt worden ist.»

«Sag mir die Vorschriften...»

Das fügsame Kind beginnt die Litanei der: "Du sollst nicht..."

«Genug, genug! Als Galiläer weißt du sogar zuviel. Mann, nun ist es an dir, zu schwören, daß der Sohn volljährig ist...»

Petrus sagt mit all dem Anstand, über den er nach der Marter noch verfügt, seinen kleinen väterlichen Spruch auf: «Wie ihr habt beobachten können, ist mein Sohn nach Erreichung des vorgeschriebenen Alters fähig, sich zu benehmen, da er das Gesetz, die Gebote, die Gebräuche, die Überlieferungen, die Zeremonien, die Segnungen und die Gebete kennt. Daher kann von mir und von ihm, wie ihr feststellt, die Volljährigkeit gefordert werden. Das mußte wahrlich zuerst von mir gesagt werden! Aber es sind hier die Gebräuche verletzt worden, nicht von uns Galiläern, und der Knabe ist vor dem Vater befragt worden. Nun aber sage ich euch, da ihr ihn als fähig und volljährig anerkennt: ich bin von nun an nicht mehr verantwortlich für seine Taten, weder vor Gott noch vor den Menschen ...»

«Geht nun in die Synagoge.»

Die kleine Prozession begibt sich vor den mißtrauischen Gesichtern der Rabbis, die Petrus zurechtgewiesen hat, in die Synagoge. Aufrecht vor den Pulten und den Lampen stehend, läßt Margziam den Haarschnitt über sich ergehen, der unterhalb der Ohren beginnt. Dann öffnet Petrus sein Bündel und entnimmt diesem einen schönen roten, mit Goldfäden bestickten Gürtel und bindet ihn dem Knaben um die Taille. Während die Priester an der Stirne und am Arm die Lederstreifen anbringen, beeilt sich Petrus, am Mantel, den ihm Margziam gereicht hat, die heiligen Fransen zu befestigen. Petrus ist sehr gerührt, als er das Loblied an den Herrn anstimmt! ...

Die Zeremonie ist beendet. Sie machen, daß sie rasch wegkommen, und Petrus sagt: «Gott sei Dank! Ich hätte mich nicht länger beherrschen können. Hast du gesehen, Joseph? Sie haben nicht einmal den Ritus eingehalten. Das ist bedeutungslos! Du... du, mein Sohn, hast jemand, der dich weiht! Gehen wir, um ein Lämmlein für das Opfer zu kaufen zum Lob des Herrn. Ein liebes Lämmlein, wie du. Ich danke dir, Joseph. Sage auch du "Danke" zu diesem großen Freund! Ohne dich hätten sie uns noch schlechter behandelt.»

«Simon, ich bin glücklich, daß ich einem Gerechten wie dir nützlich sein konnte, und ich bitte dich, in mein Haus nach Bezetha zum Mahl zu kommen. Und mit dir alle anderen, selbstverständlich!»

«Wir wollen zum Meister gehen und es ihm sagen. Für mich ist das zuviel Ehre!» sagt Petrus demütig; aber er strahlt vor Freude.

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Sie gehen durch die verschiedenen Höfe bis zu dem der Frauen, wo Margziam von allen beglückwünscht wird. Dann treten die Männer in den Vorhof der Israeliten, wo Jesus mit den Seinen weilt. Sie versammeln sich alle in einer Gruppe voller Glück, und während Petrus geht, sein Lämmlein zu opfern, erreichen sie durch die Hallen und Höfe die äußerste Umfassungsmauer.

Wie glücklich ist Petrus mit seinem Kind, das nun ein vollkommener Israelit ist! So glücklich, daß er die Falte nicht bemerkt, welche die Stirne Jesu teilt. So glücklich, daß er das bedrückende Schweigen der Gefährten nicht spürt. Erst im Saale des Hauses Josephs, als das Kind auf die Frage, was es in Zukunft zu tun gedenke, erklärt: «Ich will Fischer werden, wie mein Vater ...» kommt Petrus unter Tränen zur Ernüchterung.

«Oh, Judas hat uns einen Tropfen Gift in dieses Fest geträufelt... und du bist betrübt, Meister... und die anderen sind traurig darüber. Verzeiht alle, daß ich es nicht eher bemerkt habe... Ach! dieser Judas!»

Ich glaube, sein Seufzer ist in allen Herzen... Aber, um das Gift von ihnen zu nehmen, bemüht Jesus sich zu lächeln und sagt: «Sei nicht traurig, Petrus. Es fehlt nur deine Frau zum Fest, und ich habe auch an sie gedacht... Sie ist so gut und immer opferwillig! Aber bald wird sie ihre unerwartete Freude haben, und wer weiß, wie glücklich sie sein wird. Denken wir an das Schöne auf der Welt. Komm! Nicht wahr, Margziam hat gut geantwortet? Ich wußte es im voraus.»

Joseph kommt herein, nachdem er den Dienern Anweisung gegeben hat. «Ich danke euch allen», sagt er, «daß ihr mich mit dieser Zeremonie verjüngt habt und mir nun die Ehre erweist, den Meister, seine Mutter, die Verwandten und euch, liebe Mitjünger, in meinem Haus zu empfangen. Kommt in den Garten! Dort gibt es Luft und Blumen...»

Und alles ist zu Ende.

242. AM ABEND VOR OSTERN IM TEMPEL

Osterabend! Jesus ist mit seinen Aposteln allein, denn die Frauen sind nicht bei der Gruppe, und sie warten auf die Rückkehr des Petrus, der das Osterlamm zum Opfer dargebracht hat. Während sie warten, und Jesus dem Kind von Salomon erzählt, erscheint plötzlich Judas im großen Hof. Er befindet sich in einer Gruppe von Jünglingen und redet mit ausholenden Gesten und gekünstelter Haltung. Sein Mantel ist dauernd in Bewegung; er hat ihn in seiner gesuchten Art umgehängt ... Ich bin sicher, daß Cicero bei seinen Reden nicht eindrucksvoller war ...

«Sieh dort, Judas!» sagt Thaddäus.

«Er ist in einer Gruppe von "Saforim"», bemerkt Philippus.

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Thomas erklärt: «Ich gehe und höre, was er sagt» und geht, ohne darauf zu warten, daß Jesus sein voraussehbares "Nein" sagen kann.

Jesus... Oh, welch einen Gesichtsausdruck hat Jesus! Einen Ausdruck des wahren Leidens und des ernsten Urteils! Margziam, der ihn schon vorher betrachtet hat, während er ihm sanft und leicht betrübt vom großen König Israels erzählte, sieht diese Veränderung und erschrickt. Er ergreift die Hand Jesu, damit dieser wieder zu sich selbst kommt, und sagt: «Schau nicht hin! Schau nicht hin! Sieh mich an; ich habe dich sehr lieb.»

Thomas gelingt es, sich Judas zu nähern, ohne von ihm gesehen zu werden, und er folgt ihm einige Schritte. Ich weiß nicht, was er zu hören bekommt, ich höre nur einen plötzlichen, dröhnenden Ausruf, der viele aufschreckt, besonders Judas, der vor Zorn erbleicht: «Aber wie viele Rabbis gibt es denn in Israel! Ich beglückwünsche dich und mich, neues Licht der Weisheit!»

«Ich bin kein Kiesel, sondern ein Schwamm. Ich sauge auf. Und wenn der Wunsch der nach Weisheit Hungernden es verlangt, dann quetsche ich mich aus, um mich mit allen meinen Lebenssäften hinzugeben.» Judas ist aufgeblasen und verächtlich.

«Du möchtest ein getreues Echo sein. Aber das Echo muß, um anzudauern, bei der Stimme bleiben. Sonst stirbt es, Freund. Und mir scheint, daß du dich von ihr entfernst. Er ist dort. Kommst du nicht?»

Judas nimmt alle Farben und einen wütenden und widerlichen Gesichtsausdruck an wie in seinen schlimmsten Momenten. Aber er beherrscht sich. Er sagt: «Ich grüße euch, Freunde. Ich gehe mit dir, Thomas, mein lieber Freund. Wir wollen sofort zum Meister gehen. Ich wußte nicht, daß er im Tempel war. Wenn ich es gewußt hätte, dann hätte ich ihn gesucht.» Und er legt einen Arm um die Schultern des Thomas, als ob er eine große Zuneigung zu ihm spüre. Doch Thomas, der zwar friedlich, doch kein Dummkopf ist, läßt sich nicht täuschen und fragt ein wenig spöttisch: «Wie, weißt du nicht, daß Ostern ist? Und meinst du, daß der Meister das Gesetz nicht einhält?»

«O nein! Aber im vergangenen Jahre hat er sich gezeigt und gesprochen... Ich erinnere mich genau an diesen Tag. Er hat mich angezogen durch seine königliche Gewalt... Nun kommt er mir vor wie einer, der seine Kraft verloren hat. Meinst du nicht auch?»

«Mir scheint es nicht so. Mir kommt er vor wie einer, der an Achtung verloren hat.»

«In seiner Mission? Du hast recht,»

«Nein, du verstehst mich falsch. Er hat bei den Menschen an Vertrauen verloren. Und du gehörst zu denen, die dazu beitragen. Schäme dich!»Thomas lacht nicht mehr. Er ist tiefernst, und sein «Schäme dich!» ist schneidend wie ein Peitschenhieb.

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«Achte darauf, wie du redest!» sagt Iskariot drohend.

«Achte darauf, was du tust. Wir sind hier zwei Judäer ohne Zeugen. Und daher rede ich. Und ich sage dir nochmals: "Schäme dich!" Aber jetzt schweige! Spiele nur nicht den Beleidigten und Gekränkten, denn sonst rede ich vor allen. Dort sind der Meister und die Gefährten. Richte dich danach.»

«Der Friede sei mit dir! Meister ...»

«Der Friede sei mit dir! Judas des Simon.»

«Ich freue mich sehr, dich hier zu sehen... Ich muß mit dir reden ...»

«Sprich!»

«Weißt du... Ich wollte dir sagen... Willst du mich nicht abseits anhören?»

«Du bist unter Gefährten.»

«Aber ich möchte dich allein sprechen.»

«In Bethanien stehe ich allen zur Verfügung, die mich wollen und aufsuchen. Aber du suchst mich nicht. Du weichst mir aus ...»

«Nein, Meister, das darfst du nicht sagen.»

«Warum hast du gestern Simon und mich und mit uns Joseph von Arimathäa, die Gefährten, meine Mutter und die anderen beleidigt?»

«Ich? Aber ich habe euch doch nicht gesehen!»

«Du hast uns nicht sehen wollen. Warum bist du nicht gekommen, wie es vereinbart war, um dem Herrn für einen Unschuldigen, der ins Gesetz aufgenommen wurde, zu danken? Antworte! Du hast es nicht einmal für nötig gehalten, uns Bescheid zu geben, daß du nicht kommst!»

«Da ist mein Vater!» schreit Margziam, der Petrus entdeckt, mit seinem geschlachteten, ausgenommenen Lamm, das wieder in sein Fell gehüllt ist. «Oh, es begleiten ihn Michäas und die anderen! Ich gehe... Darf ich ihm entgegengehen, um von ihnen etwas über meinen Großvater zu erfahren? ...»

«Geh, Sohn», sagt Jesus, ihn liebkosend. Dann fügt er hinzu, indem er Johannes von Endor an der Schulter berührt: «Ich bitte dich, begleite ihn und halte sie ein wenig auf.» Schließlich wendet er sich aufs neue an Judas: «Ich warte auf deine Antwort!»

«Meister, eine unvorhergesehene Verpflichtung... eine unumgängliche... Es tut mir leid... aber ...»

«Und es gab in Jerusalem keinen, der deine Entschuldigung hätte überbringen können, angenommen, daß du eine hattest? Und diese Entschuldigung wäre auf jeden Fall ein Fehler gewesen. Ich möchte dich daran erinnern, daß erst kürzlich ein Mann darauf verzichtet hat, seinen Vater zu begraben, um mir nachzufolgen, und daß diese meine Brüder trotz der Verwünschungen das väterliche Haus verlassen haben, um mir zu folgen. Simon und Thomas und mit ihnen Andreas, Jakobus, Johannes, Philippus und Nathanael haben ihre Familien verlassen, Simon der Kananiter

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hat auf seine Reichtümer verzichtet, um sie mir zu geben, und Matthäus hat der Sünde den Rücken gewendet, um mir nachzufolgen. Ich könnte fortfahren und weitere hundert Namen aufzählen. Unter ihnen sind Männer, die ihr Leben hingeben, sogar das Leben, um mir ins Himmelreich zu folgen. Aber da du wenig hochherzig bist, sei wenigstens anständig. Du kennst keine Nächstenliebe, sei also wenigstens höflich. Ahme, da sie dir gefallen, die falschen Pharisäer nach, die mich verraten, die uns verraten, und sich dabei als gut erzogen erweisen. Deine Pflicht wäre es gewesen, dich gestern für uns frei zu machen, um Petrus nicht zu kränken. Denn ich verlange, daß er von allen geachtet wird. Du hättest wenigstens eine Nachricht schicken können.»

«Ich habe gefehlt. Aber jetzt bin ich eigens gekommen, um dich zu suchen und dir zu sagen, daß ich aus dem gleichen Grund auch morgen nicht kommen kann. Weißt du... Ich habe Freunde meines Vaters und...»

«Genug! Geh mit ihnen! Leb wohl!»

«Meister, zürnst du mir? Du hast doch gesagt, daß du mir Vater sein willst... ich bin ein leichtfertiger Junge; aber ein Vater verzeiht...»

«Ich verzeihe dir, ja. Doch nun geh. Laß die Freunde deines Vaters nicht länger warten, wie auch ich die Freunde des heiligen Jonas nicht länger warten lasse.»

«Wann wirst du Bethanien verlassen?»

«Am Ende der ungesäuerten Brote. Leb wohl!»

Jesus wendet sich um und geht zu den Landarbeitern, die verzückt vor dem veränderten Margziam stehen. Er macht nur einige Schritte, dann bleibt er auf den Rat von Thomas stehen: «Bei Jehova! Er wollte dich in der königlichen Macht sehen! Er hat sie nun erfahren.»

«Ich bitte euch alle, den Vorfall zu vergessen, so wie ich mich bemühe, es zu tun. Ich befehle euch, vor Simon des Jonas, Johannes von Endor und dem Kind zu schweigen. Aus Gründen, die zu verstehen eure Intelligenz imstande ist, ist es besser, die drei nicht zu betrüben und ihnen kein Ärgernis zu bereiten. Und schweigt darüber in Bethanien vor den Frauen. Meine Mutter ist dort, denkt daran!»

«Sei beruhigt, Meister!»

«Wir wollen alles tun, um wiedergutzumachen.»

«Und auch, um dich zu trösten», sagen alle.

«Danke... Oh, der Friede sei mit euch allen! Isaak hat euch gefunden, das macht mir Freude. Genießt im Frieden euer Osterfest! Meine Hirten werden euch gute Brüder sein. Isaak, bevor sie fortgehen, bringe sie zu mir. Ich will sie nochmals segnen. Habt ihr das Kind gesehen?»

«O Meister! Wie gut es ihm nun geht! Es ist aufgeblüht. Oh, wir wollen es dem alten Vater berichten. Wie wird er darüber glücklich sein! Dieser Gerechte hat uns gesagt, daß Jabe nun sein Sohn ist... Eine Vorsehung! Wir werden alles erzählen.»

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«Auch daß ich nun ein Sohn des Gesetzes bin. Und daß ich glücklich bin. Und daß ich immer an ihn denke. Und daß er meinetwegen und wegen Mama nicht weinen soll. Sie ist mir und auch ihm nahe wie ein Engel, und in seiner Todesstunde wird sie bei ihm sein; sobald Jesus die Pforten des Himmels geöffnet hat, wird die Mama, schöner als ein Engel, dem alten Vater entgegengehen und ihn zu Jesus führen. Er hat es gesagt. Wollt ihr es ihm wiederholen? Könnt ihr es ihm wiederholen?»

«Ja, Jabe.»

«Nein. Jetzt heiße ich Margziam. Die Mama des Herrn hat mir diesen Namen gegeben. Es ist, wie wenn man ihren Namen sagt. Sie ist so gütig. Sie bringt mich jeden Abend zu Bett und lehrt mich die gleichen Gebete wie ihrem eigenen Kind. Sie weckt mich mit einem Kuß, kleidet mich an und lehrt mich viele Dinge. Aber auch er. Sie gehen so leicht ein, daß man sie ohne Mühe lernt. Mein Meister!» Das Kind drängt sich an Jesus mit einer solchen Verehrung im Ausdruck und in der Bewegung, die tief bewegt.

«Ja, sagt alles und sagt auch, daß der Alte die Hoffnung nicht aufgeben soll. Dieser Engel betet für ihn, und ich segne ihn. Auch euch segne ich. Geht! Der Friede sei mit euch!»

Die Gruppen trennen sich, und jeder geht seines Weges.

243. JESUS LEHRT DAS VATERUNSER

Jesus verläßt mit den Seinen ein Haus in der Nähe der Mauer, wohl in der Gegend von Bezetha, denn beim Verlassen der Stadt müssen sie am Haus Josephs vorbei, das sich am Herodestor befindet. Die Stadt ist halb verlassen in dieser friedlichen, vom Mondschein erhellten Nacht. Ich verstehe, daß das Ostermahl in einem der Häuser von Lazarus eingenommen worden ist, jedoch auf keinen Fall in dem des Abendmahlsaales. Es liegt gerade in der entgegengesetzten Richtung. Das eine liegt im Norden, das andere im Süden Jerusalems.

An der Haustüre verabschiedet sich Jesus auf seine freundliche Art von Johannes von Endor, den er zum Schutz der Frauen zurückläßt; er dankt dafür. Er küßt Margziam, der ebenfalls an die Türe gekommen ist, und geht dann zum Herodestor hinaus.

«Wohin gehen wir, Herr?»

«Kommt mit mir! Ich will das Osterfest mit einer kostbaren und ersehnten Perle krönen. Daher wollte ich mit euch allein sein. Mit meinen Aposteln! Danke, Freunde, für eure große Liebe zu mir. Wenn ihr sehen könntet, wie sie mich tröstet, wäret ihr überrascht. Schaut: ich schreite inmitten dauernder Sorgen und Enttäuschungen voran. Enttäuschungen

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für euch! Denn für mich, seid dessen versichert, gibt es keine, da mir die Gabe des Nichtwissens nicht beschieden ist... Auch aus diesem Grunde möchte ich euch raten, euch von mir leiten zu lassen. Wenn ich einem dies oder jenes erlaube, dann hindert ihn nicht! Wenn ich nichts unternehme, um einer Sache ein Ende zu setzen, so tut es nicht eurerseits. Alles hat seine Zeit. Habt Vertrauen in mich, in allem.»

Sie befinden sich an der nordöstlichen Ecke der Umfassungsmauern. Von dort aus gehen sie am Berg Moriah entlang bis zur Stelle, wo sie auf einer kleinen Brücke den Kedron überschreiten können.

«Gehen wir nach Gethsemane?» fragt Jakobus des Alphäus.

«Nein, höher, auf den Ölberg.»

«Oh, oben ist es schön!» sagt Johannes.

«Das hätte dem Kind auch gefallen», murmelt Petrus.

«Es wird noch oft dorthin kommen. Es war müde. Es ist ja noch ein Kind. Ich möchte euch etwas Großes geben, denn die Zeit dafür ist reif.»

Sie steigen zwischen den Ölbäumen hinauf, lassen Gethsemane zu ihrer Rechten und gehen weiter bis zum Gipfel, auf dem die Ölbäume einen rauschenden Kamm bilden.

Jesus bleibt stehen und sagt: «Machen wir etwas halt, meine teuren und lieben Jünger, meine künftigen Nachfolger. Kommt in meine Nähe! Mehrmals habt ihr mir gesagt: "Lehre uns, zu beten, wie du betest. Lehre uns, wie Johannes der Täufer die Seinen gelehrt hat, damit wir Jünger mit den Worten des Meisters beten können." Ich habe euch stets geantwortet: "Ich werde es tun, sobald ich in euch ein Mindestmaß an notwendiger Vorbereitung sehe, damit dieses Gebet keine leere Formel menschlicher Wörter sei, sondern wahres Gespräch mit dem Vater." Jetzt ist die Zeit gekommen. Ihr seid genügend vorbereitet, um die Worte zu kennen, die würdig sind, zu Gott gesagt zu werden. Und ich will sie euch heute abend lehren, im Frieden und in der Liebe, die zwischen uns herrschen; im Frieden und in der Liebe Gottes und mit Gott, denn wir haben als echte Israeliten das Ostergebot und das göttliche Gebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten befolgt. Einer von euch hat in diesen Tagen sehr gelitten. Gelitten wegen einer unverdienten Behandlung und der Mühe, die er auf sich nahm, um das Ärgernis zu überwinden. Ja, Simon des Jonas, komm her! Kein Zucken deines ehrbaren Herzens ist verborgen geblieben und kein Leid gegeben, das ich nicht mit dir geteilt habe. Ich und auch deine Gefährten...»

«Aber du, Herr, bist tiefer beleidigt worden als ich! Das war für mich ein weit größerer Schmerz... größer, nein spürbarer... Schau: daß Judas es für gut fand, nicht an meinem Fest teilzunehmen, hat mich als Mensch gekränkt. Aber sehen zu müssen, daß du betrübt und beleidigt warst, hat mir auf eine andere Art weh getan; deswegen habe ich doppelt gelitten ... Ich... ich will mich nicht loben... indem ich deine Worte gebrauche ...

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Aber ich muß sagen – wenn ich hochmütig bin, sage es mir – ich muß sagen, daß ich in meiner Seele gelitten habe... und das tut viel mehr weh.»

«Das ist nicht Hochmut, Simon! Du hast seelisch gelitten, weil Simon des Jonas, der Fischer von Galiläa, dabei ist, sich in Petrus des Jesus zu verwandeln; in Petrus des Jesus, des Meisters der Seele, durch den auch seine Jünger tätig und weise im Geiste werden. Und für diesen deinen Fortschritt und für euren Fortschritt im Leben des Geistes, will ich euch heute abend das Gebet lehren. Wie sehr habt ihr euch verändert, seit unserem Aufenthalt in der Einsamkeit!»

«Alle, Herr?» fragt Bartholomäus etwas ungläubig.

«Ich verstehe, was du sagen willst... Aber ich spreche zu euch Elfen, nicht zu anderen...»

«Aber was hat denn Judas des Simon, Meister? Wir verstehen ihn nicht mehr... Er schien so anders geworden zu sein, und nun, seit wir den See verlassen haben ...», sagt Andreas ganz untröstlich.

«Schweige, Bruder! Den Schlüssel des Geheimnisses habe ich! Da hat sich ein Stückchen von Beelzebub eingemischt. Er hat ihn in der Höhle von Endor aufgesucht, um ihn in Staunen zu versetzen; er ist bedient worden! Der Meister hat es an jenem Tag gesagt... In Gamala sind die Teufel in die Schweine gefahren. In Endor sind die Teufel, die den unglücklichen Johannes verließen, in ihn hineingefahren... Es versteht sich von selbst, daß... Laß es mich sagen, Meister! Es steckt mir im Halse, und wenn ich es nicht sage, bleibt es drin und erstickt mich...»

«Simon, sei gut!»

«Ja, Meister... Und ich versichere dir, daß ich nicht ungut zu ihm sein werde. Aber ich sage und denke, daß Judas, der ein lasterhafter Mensch ist – alle haben wir das erkannt – etwas vom Schweine hat, und man versteht, daß die Dämonen gerne Schweine für ihren Wohnungswechsel wählen. So, nun habe ich es gesagt.»

«Du meinst, daß es so ist?» fragt Jakobus des Zebedäus.

«Was soll es sonst sein? Es gibt keinen anderen Grund dafür, daß er so unerträglich geworden ist. Schlimmer als beim "Trügerischen Gewässer"! Damals konnte man noch annehmen, es seien der Ort und die Jahreszeit, die ihn beunruhigten. Aber nun ...»

«Es gibt einen anderen Grund, Simon ...»

«Sage ihn, Meister! Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.»

«Judas ist eifersüchtig. Er ist unruhig aus Eifersucht.»

«Eifersüchtig? Auf wen? Er hat keine Frau, und wenn er eine hätte und es mit den Frauen hätte: ich glaube, keiner von uns würde den Mitjünger deswegen verachten...»

«Er ist eifersüchtig auf mich. Überlege: Judas hat sich nach Endor und Esdrelon verändert. Als er sah, daß ich mich um Johannes und Jabe kümmere. Nun aber, da Johannes, vor allem Johannes, sich entfernt, weil er

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von mir weg zu Isaak geht, wirst du sehen, daß Judas wieder fröhlich und gut wird.»

«Nun gut. Du wirst mir aber doch nicht sagen wollen, daß er nicht von einem Teufelchen besessen ist. Und vor allem... Nein, ich sage es! Und vor allem wirst du doch nicht behaupten wollen, daß er sich in diesen Monaten gebessert hat. Auch ich bin letztes Jahr eifersüchtig gewesen. Ich wollte keinen anderen mehr als uns sechs, die ersten sechs, erinnerst du dich? Nun, nun... laß mich einmal Gott zum Zeugen meiner Gedanken anrufen. Nun sage ich, daß ich um so glücklicher bin, je mehr Jünger sich um dich scharen. Oh, ich möchte alle Menschen gewinnen und sie dir bringen; ich möchte alle Mittel haben, um denen helfen zu können, die Not leiden, damit das Elend keinem ein Hindernis sei, zu dir zu gelangen. Gott sieht, daß ich die Wahrheit sage. Aber warum bin ich nun so? Weil ich mich von dir habe ändern lassen. Er... hat sich nicht geändert. Im Gegenteil... Gib es zu, Meister, daß ihn ein Teufelchen reitet ...»

«Sag dies nicht! Denke es nicht einmal. Bete, daß er gesundet. Die Eifersucht ist eine Krankheit...»

«An deiner Seite wird jeder gesund, wenn er es nur will. Ach, deinetwegen will ich ihn ertragen... Aber welch eine Mühsal! ...»

«Ich habe dir den Lohn dafür gegeben: das Kind! Und nun lehre ich dich das Beten.»

«O ja, Bruder. Sprechen wir darüber. Mein Namensvetter soll nur genannt werden als ein Mensch, der das Gebet nötig hat. Mir scheint, er hat schon seine Strafe. Er ist nicht bei uns, in dieser Stunde», sagt Judas Thaddäus...

«Hört. Wenn ihr betet, sprecht so: "Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme auf Erden wie im Himmel, und auf Erden wie im Himmel geschehe dein Wille. Gib uns heute unser tägliches Brot, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen."»

Jesus hat sich erhoben, um das Gebet zu sprechen, und alle haben es ihm nachgetan, aufmerksam und bewegt.

«Anderes braucht es nicht, meine Freunde. In diesen Worten ist alles, was der Mensch für die Seele, den Leib und das Blut benötigt wie in einem goldenen Ring eingeschlossen. Mit diesem Gebet bittet um das, was dem einen und den anderen nützlich ist; wenn ihr darum bittet, werdet ihr das ewige Leben erlangen. Es ist ein so vollkommenes Gebet, daß die Wellen der Häretiker und der Lauf der Jahrhunderte es nicht zu ändern imstande sind. Das Christentum wird vom Biß Satans zerstückelt werden, und viele Teile meines mystischen Leibes werden zerrissen und abgetrennt, eigene Zellen bilden, im vergeblichen Verlangen, einen vollkommenen Leib zu gestalten, wie es der mystische Leib Christi ist, in welchen alle Gläubigen

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in der apostolischen Kirche vereint sind und in der alleinigen wahren Kirche, die bestehen wird, so lange die Erde besteht! Aber die abgetrennten Teilchen, denen die Gaben nicht zukommen, die ich der Mutterkirche schenke, um meine Kinder zu nähren, werden sich immer christlich nennen und sich dessen erinnern, daß sie auf Christus zurückzuführen sind. Auch sie werden dieses universelle Gebet beten. Vergeßt es nie und denkt stets darüber nach. Wendet es auf euer Wirken an. Es braucht nichts anderes für die Heiligung. Wenn einer allein unter Heiden, ohne Kirche und ohne Bücher wäre, hätte er alles, was zur Betrachtung erforderlich ist, in diesem Gebet, und eine offene Kirche in seinem Herzen durch dieses Gebet. Er hätte eine Regel und ein sicheres Mittel, sich zu heiligen.

"Vater unser"

Ich nenne ihn Vater. Er ist der Vater des Wortes. Er ist der Vater des Menschgewordenen. Daher will ich, daß auch ihr ihn so nennt; denn ihr seid eins mit mir, wenn ihr in mir bleibt. Es hat eine Zeit gegeben, da mußte der Mensch sein Antlitz zur Erde werfen und vor Schrecken zitternd flüstern: "Gott!" Wer nicht an mich und mein Wort glaubt, befindet sich immer noch in dieser lähmenden Angst. Beobachtet, was im Tempel geschieht. Nicht nur Gott, sondern sogar die Erinnerung an Gott ist hinter dem dreifachen Schleier den Augen der Menschen verborgen. Trennung durch Entfernung, Trennung durch Verschleierung. Alle Mittel werden angewandt, um dem Beter zu sagen: "Du bist Staub. Er ist Licht. Du bist Verworfenheit. Er ist Heiligkeit. Du bist Sklave. Er ist König."

Aber nun! ... Erhebt euch! Tretet näher! Ich bin der Ewige Priester. Ich kann euch an der Hand nehmen und sagen: "Kommt!" Ich kann den Vorhang der Verschleierung ergreifen und den unbetretbaren Ort öffnen, der bisher verschlossen war. Verschlossen? Warum? Verschlossen aufgrund der Schuld, ja! Aber noch mehr verschlossen durch das niedrige Denken der Menschen. Warum aber verschlossen, wenn Gott die Liebe, der Vater, ist? Ich kann, ich soll und ich will euch nicht in den Staub treten, sondern ins Himmelsblau ziehen, nicht entfernen, sondern annähern, nicht ins Gewand der Sklaven kleiden, sondern der Söhne am Herzen Gottes. "Vater! Vater!" müßt ihr sagen. Ihr dürft nicht müde werden, dieses Wort zu wiederholen. Wißt ihr denn nicht, daß jedesmal, wenn ihr es aussprecht, der Himmel wegen der Freude Gottes aufleuchtet? Und wenn ihr nur das und mit wahrer Liebe sagen würdet, sprächt ihr ein Gott wohlgefälliges Gebet. "Vater, mein Vater!" sagen die Kinder zu ihrem Vater. Es sind die ersten Worte, die sie sprechen: "Mutter, Vater." Ihr seid die Kinder Gottes. Ich habe euch aus dem alten Menschen, der ihr wart, gebildet; ich habe ihn mit meiner Liebe vernichtet, damit ein neuer Mensch, der Christ, daraus geboren werde. Ruft also mit dem Wort, das die Kinder als erstes kennen, den heiligsten Vater an, der im Himmel ist.

"Geheiligt werde dein Name"

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Oh! Ein Name, der mehr als jeder andere heilig und wohlklingend ist. Ein Name, den der Schrecken des Schuldhaften unter anderen zu verbergen gelehrt hat. Nein, nicht mehr Adonai! Gott ist es! Gott, der in einem Übermaß an Liebe die Menschen erschaffen hat. Die Menschheit ruft ihn von nun an bei seinem Namen, mit den Lippen, die gereinigt sind im Bad, das ich bereite; sie nennt ihn mit seinem Namen in der Erwartung, die wahre Bedeutung des Unbegreiflichen in der Fülle der Weisheit verstehen zu lernen, wenn die Menschheit in ihren besten Söhnen mit Ihm vereint und angenommen wird im Reiche, das zu gründen ich gekommen bin.

"Dein Reich komme auf Erden wie im Himmel"

Ersehnt mit all euren Kräften diese Ankunft. Es wäre die Seligkeit auf Erden, wenn es käme: das Reich Gottes in den Herzen, in den Familien, in den Bürgern und den Nationen. Leidet, bemüht euch, opfert euch auch für dieses Reich. Die Erde soll in den Einzelnen ein Spiegelbild des Lebens in den Himmeln sein. Es wird kommen. Eines Tages wird alles kommen. Jahrhunderte um Jahrhunderte der Tränen und des Blutes, der Irrtümer, der Verfolgungen, der Trümmer und des Nebels, in dem das Licht des mystischen Leuchtturms meiner Kirche leuchtet, werden vergehen. Aber das Schiff der Kirche wird nicht untergehen. Wie ein unerschütterlicher Fels wird sie jedem Angriff standhalten und das Licht hochhalten, mein Licht, das Licht Gottes. Erst danach wird die Erde das Reich Gottes besitzen. Und sie wird dann wie das starke Aufflammen eines Sternes sein, der die Vollkommenheit seiner Existenz erreicht hat und zerfällt; unermeßliche Blume der kosmischen Gärten, um mit strahlendem Pulsschlag seine Existenz und seine Liebe zu Füßen seines Schöpfers auszuhauchen. Es wird kommen, das Reich! Und es wird ein vollkommenes Reich sein, das selige, ewige Reich des Himmels.

"Und auf Erden wie im Himmel geschehe dein Wille"

Das Aufgeben des eigenen Willens in einen anderen kann erst vollzogen werden, wenn die vollkommene Liebe das Geschöpf erreicht. Das Sich Auflösen des eigenen Willens im Willen Gottes kann nur erfolgen, wenn man die theologischen Tugenden in heroischer Weise besitzt. Im Himmel, wo alles makellos ist, gilt nur der Wille Gottes. Versteht es, ihr Kinder des Himmels, das zu tun, was im Himmel getan wird!

"Gib uns unser tägliches Brot"

Wenn ihr im Himmel seid, werdet ihr euch nur in Gott nähren. Die Seligkeit wird eure Nahrung sein. Aber hier habt ihr noch Brot nötig. Ihr seid die Kinder Gottes. Es ist daher richtig, zu bitten: "Vater, gib uns Brot." Habt ihr Angst, nicht erhört zu werden? O nein. Überlegt: Wenn einer von euch einen Freund hat und bemerkt, daß er kein Brot hat, um einen anderen Freund oder Verwandten, der am Ende der zweiten Nachtwache zu ihm kommt, zu sättigen, dann geht er zum ersten und sagt: "Freund, leihe mir drei Brote, denn es ist ein Gast gekommen und ich

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habe nichts zu essen im Haus." Wird er je die Antwort hören müssen: "Störe mich nicht, ich habe die Türe schon geschlossen und den Riegel vorgelegt, und meine Kinder schlafen schon an meiner Seite. Ich kann nicht aufstehen und dir geben, was du verlangst?" Nein. Wenn er sich an einen wahren Freund gewandt hat und weiter bittet, wird er bekommen, was er verlangt. Er würde es auch bekommen, wenn er sich an keinen besonders guten Freund gewandt hätte. Er bekäme es schon wegen seines Drängens; denn der um diesen Gefallen Ersuchte würde dem Drängen nachgeben, um nicht länger belästigt zu werden.

Ihr aber wendet euch, wenn ihr den Vater bittet, nicht an einen Freund dieser Erde, sondern an den vollkommenen Freund, den Vater des Himmels! Daher sage ich euch: "Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch aufgemacht werden." Denn wer bittet, empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet werden. Welches Menschenkind bekommt einen Stein in die Hand gelegt, wenn es den eigenen Vater um Brot bittet? Wird der Vater ihm anstelle eines gebratenen Fisches eine Schlange geben? Ein Vater, der die eigenen Kinder so behandelt, wäre ein Verbrecher. Ich habe es euch schon einmal gesagt, und ich wiederhole es nun, um in euch die Güte und das Vertrauen zu stärken: wenn also einer, mit gesundem Verstand, einen Skorpion anstelle eines Eies gibt, mit welch größerer Güte wird Gott euch geben, um was ihr bittet! Denn er ist gut, während ihr mehr oder weniger schlecht seid. Bittet also mit demütiger und kindlicher Liebe den Vater um das tägliche Brot.

"Vergib uns unsere Schuld, wie wir sie unseren Schuldigern vergeben"

Es gibt materielle und geistige Schuld. Es gibt auch moralische Schuld. Eine materielle Schuld ist das Geld oder die Ware, die geliehen ist und darum zurückgegeben werden muß. Eine moralische Schuld ist die Ehrabschneidung, die nicht wiedergutgemacht wurde, und erbetene, doch verweigerte Hilfe. Geistige Schuld ist der Gehorsam gegenüber Gott, der viel verlangt, dem aber nur wenig gegeben wird. Er liebt uns und muß geliebt werden wie eine Mutter, eine Gattin oder ein Sohn, von denen man vieles verlangt. Der Egoist will haben, nicht geben. Aber der Egoist gehört zur Gegenseite des Himmels.

Wir haben Schulden gegenüber allen. Von Gott bis zum Verwandten, von diesem bis zum Freund, vom Freund bis zum Nächsten, vom Nächsten bis zum Diener und Sklaven; denn sie alle sind Geschöpfe, wie wir es sind. Wehe dem, der nicht verzeiht! Ihm wird nicht vergeben werden. Gott kann – aus Gerechtigkeit – keine Schuld nachlassen, wenn der Mensch nicht seinesgleichen verzeiht.

"Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen"

Der Mann, der es nicht für nötig hielt, mit uns das Ostermahl zu teilen, hat mich vor ungefähr einem Jahr gefragt: "Wie? Du hast gebeten, nicht

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versucht zu werden, und um Hilfe in den Versuchungen?" Wir beide waren allein; und ich habe ihm geantwortet. Dann waren wir zu viert an einem einsamen Ufer, und ich habe noch einmal geantwortet. Doch es war bisher ergebnislos; denn in einen widerspenstigen Geist muß erst eine Bresche geschlagen und die bösartige Festung der Starrköpfigkeit zerstört werden. Und darum will ich es noch einmal, zehnmal, hundertmal sagen, bis alles vollzogen ist.

Aber ihr, die ihr euch nicht mit unglücklichen Lehren und noch unglücklicheren Leidenschaften beschäftigt, betet so: Betet mit Demut, daß Gott die Versuchungen verhindere. Oh, die Demut! Sich als das zu erkennen, was man ist! Ohne darüber zu verzweifeln, sondern um zu erkennen. Zu sagen: "Ich könnte nachgeben, obgleich ich keine Lust dazu habe, denn ich bin ein unvollkommener Richter mir selbst gegenüber. Darum, Vater, halte wenn möglich die Versuchungen von mir fern, indem du mich so nahe bei dir hältst, daß der Böse keine Möglichkeit hat, mir zu schaden." Denn, erinnert euch daran, es ist nicht Gott, der zum Bösen versucht, sondern es ist der Böse, der versucht. Bittet den Vater, daß er euch in eurer Schwäche unterstütze, um nicht den Versuchungen des Bösen zu unterliegen!

Ich habe gesprochen, meine Auserwählten! Ich feiere mein zweites Ostern mit euch. Letztes Jahr haben wir nur das Brot und das Lamm miteinander geteilt. Dieses Jahr schenke ich euch das Gebet. Andere Gaben werde ich bei den kommenden Osterfesten mit euch teilen, damit ihr, wenn ich dorthin gegangen bin, wo der Vater es will, ein Andenken an mich, das Lamm, an jedem Fest des mosaischen Lammes besitzt.

Erhebt euch und laßt uns gehen! Wir werden bei Sonnenaufgang in die Stadt zurückkehren. Besser: Morgen wirst du, Simon, und du, mein Bruder (Judas Thaddäus), die Frauen und das Kind hierherholen. Du, Simon des Jonas, und ihr anderen bleibt bei mir, bis sie zurückkommen. Dann gehen wir zusammen nach Bethanien.»

Sie steigen nach Gethsemane hinab und begeben sich ins Haus zur Ruhe.

244. JESUS UND DIE HEIDEN IN BETHANIEN

Jesus ruht sich im Frieden des Sabbats an einem blühenden Flachsfeld aus, das Lazarus gehört. Mehr als "an" würde ich sagen "in"; denn er ist, am Rand einer Furche sitzend und in Gedanken versunken, ganz vom hohen Flachs umgeben.

In seiner Nähe sind nur einige lautlose Schmetterlinge und ein paar schleichende Eidechsen, die ihn mit ihren Schalkaugen betrachten und

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das dreieckige Köpfchen vom hellen, klopfenden Hals abheben. Sonst nichts. In dieser späten Nachmittagsstunde schweigt auch der leiseste Windhauch zwischen den hohen Halmen.

Von fern, vielleicht aus dem Garten des Lazarus, ertönt das Lied einer Frau, und mit diesem vermischt, das fröhliche Lachen eines spielenden Kindes. Dann eine, zwei und schließlich drei Stimmen, die rufen: «Meister! Jesus!»

Jesus schüttelt sich und steht auf. Obgleich der Flachs, der schon am Ende seines Reifens scheint, sehr hoch ist, überragt Jesus nun doch dieses grün-blaue Meer.

«Dort ist er, Johannes», schreit der Zelote.

Nun hört man Johannes rufen: «Mutter, der Meister ist am Flachsfeld!»

Während Jesus sich auf dem Weg nähert, der zu den Häusern führt, kommt Maria herbei.

«Was willst du, Mutter?»

«Mein Sohn, es sind Heiden angekommen mit einigen Frauen. Sie sagen, sie hätten von Johanna erfahren, daß du hier bist. Sie sagen auch, sie hätten dich in all diesen Tagen bei der Burg Antonia erwartet ...»

«Ah, ich verstehe! Ich komme sofort. Wo sind sie?»

«Im Haus des Lazarus, in seinem Garten. Er ist bei den Römern beliebt; er verabscheut sie nicht wie wir. Er ließ sie mit ihren Wagen in den großen Garten fahren, um jedes Ärgernis zu vermeiden.»

«In Ordnung, Mutter! Es sind römische Soldaten und Damen. Ich weiß es.»

«Was wollen sie von dir?»

«Was viele in Israel nicht wollen: Licht!»

«Aber für was halten sie dich? Für Gott, vielleicht?»

«Auf ihre Art, ja. Für sie ist es einfach, die Idee der Menschwerdung eines Gottes in einem sterblichen Leib anzunehmen; leichter als für uns.»

«Dann glauben sie also an dich...»

«Noch nicht, Mama! Zuerst muß ich ihren Glauben zerstören. Vorerst bin ich für sie ein Weiser, ein Philosoph, wie sie sagen. Aber, ob es nun das Verlangen, philosophische Lehren kennenzulernen, oder ihre Neigung, die Inkarnation eines Gottes für möglich zu halten, ist, es hilft mir, sie zum wahren Glauben zu führen. Glaube mir, sie sind in ihren Gedanken weit unverdorbener als viele in Israel.»

«Aber sind sie auch aufrichtig? Man sagt, daß der Täufer ...»

«Nein, wenn es nach ihnen gegangen wäre, dann wäre Johannes frei und in Sicherheit. Wer sich nicht auflehnt, den lassen sie in Frieden. Vielmehr, bei ihnen ist der Prophet oder, wie sie sagen, der Philosoph – denn die Erhabenheit der übernatürlichen Weisheit ist für sie eine Philosophie – hochgeachtet. Sei nicht besorgt, Mama! Von dort erfahre ich nichts Böses ...»

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«Aber die Pharisäer... wenn sie davon hören, was werden sie von dir und von Lazarus sagen? Du bist du und mußt das Wort in die Welt tragen. Aber Lazarus! ... Sie kränken ihn schon zu oft ...»

«Aber er ist unantastbar. Sie wissen, daß er von Rom beschützt wird.»

«Ich verlasse dich, mein Sohn! Hier kommt Maximinus; er führt dich zu den Heiden.»

Maria, die an der Seite Jesu geschritten war, zieht sich rasch zurück und begibt sich ins Haus des Zeloten, während Jesus durch ein offenes eisernes Türchen einen abgelegenen Teil des Gartens betritt. Hier liegt der Obstgarten und ungefähr die Stelle, an der Lazarus begraben werden wird.

Da steht nun auch Lazarus, sonst niemand. «Meister, ich habe mir erlaubt, sie zu bewirten...»

«Du hast recht getan. Wo sind sie?»

«Im Schatten der Buchs- und Lorbeerbäume. Wie du siehst, sind sie mindestens fünfhundert Schritte vom Haus entfernt.»

«Gut, gut! Das Licht möge euch allen leuchten!»

«Sei gegrüßt, Meister!» Quintillianus ist es, der bürgerlich gekleidet ist.

Die Damen erheben sich zur Begrüßung. Es sind Plautina, Valeria, Lydia und eine ältere, die ich nicht kenne und von der ich auch nicht weiß, ob sie ebenbürtig oder untergeordnet ist. Alle sind sehr einfach gekleidet; nichts unterscheidet sie voneinander.

«Wir möchten dich anhören; du bist nie gekommen. Ich hatte Wachdienst bei deiner Ankunft. Aber ich habe dich nicht gesehen.»

«Ich habe den Soldaten auch nicht gesehen, der am Fischtor mein Freund wurde. Er hieß Alexander ...»

«Alexander? Ich weiß nicht genau, wer es ist. Ich weiß nur, daß wir vor kurzem einen namens Alexander ablösen mußten, um die Juden zu beruhigen; einen Soldaten, der beschuldigt wurde, mit dir gesprochen zu haben. Er ist jetzt in Antiochia. Vielleicht kommt er wieder zurück. Uff! Wie lästig sie doch sind! Sie wollen auch jetzt noch befehlen, wo sie unterworfen sind. Man muß sehr vorsichtig sein, damit nichts Schlimmes passiert... Sie machen uns das Leben schwer, glaub es mir. Du aber bist gut und weise. Wirst du zu uns sprechen? Vielleicht muß ich bald Palästina verlassen. Ich möchte etwas hören, das mich an dich erinnert.»

«Ja, ich werde mit euch sprechen. Ich enttäusche nie. Was möchtet ihr erfahren?»

Quintillianus blickt die Damen fragend an...

«Was du willst», sagt Valeria. Plautina steht auf und erklärt: «Ich habe viel nachgedacht... Ich müßte vieles kennenlernen... alles, um urteilen zu können. Aber wenn es erlaubt ist zu fragen, möchte ich wissen, wie ein Glaube aufgebaut wird – deiner zum Beispiel – auf einem Erdreich, das

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nach deinen Worten keinen wahren Glauben besitzt. Du hast gesagt, daß, was wir glauben, wertlos sei. Es bleibt uns also nichts. Wie können wir zu etwas gelangen?»

«Ich werde etwas als Beispiel nehmen, das auch ihr habt: die Tempel. Eure Heiligtümer sind wirklich schön. Ihre einzige Unvollkommenheit ist, daß sie dem Nichts geweiht sind. Sie können euch aber lehren, wie man zu einem wahren Glauben kommen kann. Also: Wo werden sie errichtet? Welcher Ort wird, wenn möglich, für sie gewählt? Wie werden sie gebaut? Der Ort ist meist weiträumig, gut zugänglich und etwas erhöht. Ist er es nicht, dann schafft man einen; man reißt nieder, was stört und einengt. Wenn er nicht erhöht ist, wird eine Erhöhung, die höher ist als die drei Stufen, die bei Tempeln auf natürlichen Erhebungen üblich sind, errichtet. Eingeschlossen in den heiligen Bezirk, der aus Säulengängen und Höfen besteht, befinden sich die den Göttern heiligen Bäume, Brunnen und Altäre, Statuen und Stelen, die die eigentliche Kultstätte umgeben, an der die Gebete für die vermeintliche Gottheit verrichtet werden. Gegenüber liegt die Opferstätte; denn das Opfer geht dem Gebet voraus. Oftmals, und besonders in den großartigsten Tempeln, umgibt sie das Peristylium, die Zelle der vermeintlichen Gottheit und das rückwärtige Vestibulum. Marmor, Statuen, Fassaden, Stuck und Verzierungen, alles reich, kostbar und dekorativ, lassen den Tempel auch dem ungebildeten Betrachter erhaben erscheinen. Ist es nicht so?»

«So ist es, Meister! Du hast sie gesehen und sehr gut studiert», bestätigt und lobt Plautina.

«Aber er hat doch noch nie Palästina verlassen! ?» ruft Quintillianus aus.

«Ich bin noch nie in Rom oder Athen gewesen. Aber ich kenne die römische und griechische Architektur, und im Genius des Menschen, der den Parthenon ausgeschmückt hat, war ich gegenwärtig; denn ich bin überall, wo Leben und Zeichen des Lebens sind. Dort, wo ein Weiser denkt, ein Steinmetz meißelt, ein Dichter dichtet, eine Mutter über einer Wiege singt, ein Mann sich mit einer Furche abmüht, ein Arzt mit Krankheiten kämpft, ein Lebender atmet, ein Tier lebt, ein Baum hochwächst: dort bin ich mit ihm, von dem ich komme. Im Donnern des Erdbebens und im Zucken der Blitze, im Schein der Sterne oder in den Gezeiten der Meere, im Fluge des Adlers oder im Summen der Fliege, bin ich gegenwärtig mit dem allerhöchsten Schöpfer!»

«Somit... Du... du weißt alles? Auch die Gedanken und das menschliche Tun kennst du?» fragt noch Quintillianus.

«Ich kenne sie!»

Die Römer sehen sich verblüfft an. Es folgt ein langes Schweigen; dann bittet Valeria schüchtern: «Lege uns deine Gedanken genauer aus, Meister, damit wir wissen, was wir tun müssen.»

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«Ja! Den Glauben baut man auf wie die Tempel, auf die ihr so stolz seid. Man schafft Platz für den Tempel, man macht die Umgebung frei und man erstellt eine Erhöhung.»

«Aber den Tempel, in dem man den Glauben, die wahre Gottheit, unterbringt, wo ist er?» fragt Plautina.

«Glaube ist keine Gottheit, Plautina. Er ist eine Tugend. Es gibt keine Götter im wahren Glauben. Es gibt nur einen einzigen und wahren Gott!»

«Dann ist er also dort oben in seinem Olymp allein? Und was tut er, wenn er allein ist?»

«Er genügt sich selbst, er ist besorgt um alles in der ganzen Schöpfung. Ich habe dir schon gesagt, daß Gott auch im Summen der Mücke gegenwärtig ist. Er langweilt sich nicht; zweifle nicht daran. Er ist kein armer Mensch, Herr eines riesigen Reiches, in dem er sich gehaßt weiß und zitternd lebt. Er ist die Liebe und lebt, um zu lieben. Sein Leben ist fortwährend Liebe. Er genügt sich selbst, denn er ist unendlich und allmächtig; er ist die Vollkommenheit. Aber es gibt so viele erschaffene Dinge, die durch sein beständiges Wollen leben, daß er gar keine Zeit hat, sich zu langweilen. Die Langeweile ist die Frucht des Müßiggangs und des Lasters. Im Himmel des wahren Gottes gibt es keinen Müßiggang und keine Laster. Aber bald wird ihm nicht nur von den Engeln, die ihm dienen, sondern auch von einem Volk der Gerechten zugejubelt werden, und immer mehr wird dieses Volk anwachsen durch die künftig an den wahren Gott Glaubenden.»

«Die Engel sind wohl die Schutzgeister?» fragt Lydia.

«Nein. Es sind geistige Wesen, wie Gott es ist, der sie erschaffen hat.»

«Und was sind dann die Schutzgeister?»

«So wie ihr sie euch vorstellt, sind sie nur Lüge. Sie existieren nicht, so wie ihr sie euch vorstellt. Aber der Mensch hat einen instinktiven Drang, nach der Wahrheit zu suchen. Den Anstoß gibt die Seele, die auch in den Heiden lebt und in diesen leidet, weil ihr Verlangen nicht gestillt wird; sie hungert in ihrer Sehnsucht nach dem wahren Gott, an den sie sich erinnert in ihrem Körper, in dem sie wohnt und der von einem heidnischen Geist geleitet wird. Auch ihr habt gespürt, daß der Mensch nicht nur Leib ist und daß seinem vergänglichen Leib etwas Unsterbliches innewohnt. Und so haben es die Städte und die Nationen vernommen. Daher glaubt ihr, fühlt ihr, daß es notwendigerweise Schutzgeister gibt. Und ihr gebt euch den individuellen Schutzgeist: den der Familie, der Stadt, der Nation. Ihr habt den Schutzgeist von Rom. Ihr glaubt an den Schutzgeist des Kaisers. Und ihr betet sie an als niedrigere Götter. Nehmt den wahren Glauben an. Erkennt und befreundet euch mit dem wahren Engel, dem ihr Verehrung, aber nicht Anbetung erweist. Nur Gott wird angebetet.»

«Du hast gesagt: "Der Anstoß der Seele, die auch in den Heiden lebt und gegenwärtig ist, und die leidet, weil sie enttäuscht wird." Aber die Seele, woher kommt sie?» fragt Publius Quintillianus.

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«Von Gott. Er ist der Schöpfer!»

«Aber werden wir nicht vom Weib durch Vereinigung mit dem Mann geboren? Auch unsere Götter wurden so erzeugt.»

«Eure Götter gibt es nicht! Es sind Täuschungen eures Denkens, das das Bedürfnis hat, zu glauben. Und dieses Bedürfnis ist zwingender als das Atmen. Auch wer sagt, daß er nicht glaubt, glaubt. An irgendetwas glaubt man. Die Tatsache allein, daß er sagt: "Ich glaube nicht an Gott", setzt einen anderen Glauben voraus. Den Glauben an sich selbst oder mehr noch, an seinen eigenen hochmütigen Verstand. Aber an etwas glaubt man immer. Das ist wie der Gedanke. Wenn ihr sagt: "Ich will nicht denken" oder "Ich glaube nicht an Gott", so zeigt ihr mit diesen beiden Sätzen, daß ihr denkt und daß ihr nicht an den glauben wollt, von dem ihr wißt, daß er existiert. Über den Menschen müßtet ihr sagen, um den Begriff genau auszudrücken: "Der Mensch wird erzeugt wie alle Tiere durch eine Vereinigung zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen. Die Seele aber, also das, was den Menschen vom unvernünftigen Tier unterscheidet, kommt von Gott. Er erschafft sie jedesmal, wenn ein Mensch erzeugt, oder besser gesagt, empfangen wird in einem Schoße und Gott die Seele in dieses Fleisch senkt, das sonst nur Tier wäre."»

«Und auch wir haben sie? Wir Heiden? Was man von deinen Landsleuten hört, scheint eher das Gegenteil zu bestätigen», sagt Quintillianus ironisch.

«Jeder von der Frau Geborene hat sie.»

«Du hast aber gesagt, daß sie durch die Sünde getötet wird. Wie kann sie dann in uns Sündern lebendig sein?» fragt Plautina.

«Ihr sündigt nicht gegen den Glauben, da ihr glaubt, den wahren Glauben zu besitzen. Wenn ihr aber die Wahrheit erkennt und im Irrtum verharrt, dann sündigt ihr. Gleicherweise sind Dinge, die für die Israeliten Sünde sind, keine Sünde für euch; denn kein göttliches Gesetz verbietet sie euch. Sünde ist, wenn sich jemand wissentlich gegen die von Gott gegebene Ordnung auflehnt und sagt: "Ich weiß, daß das, was ich tue, schlecht ist; aber ich will es trotzdem tun." Gott ist gerecht. Er kann nicht jemand bestrafen, der Böses tut im Glauben, daß es gut sei. Er bestraft jene, die gelernt haben, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, und trotzdem das Böse wählen und darin verharren.»

«Also ist die Seele in uns lebendig und gegenwärtig?»

«Ja.»

«Und sie leidet? Glaubst du wirklich, daß sie sich an Gott erinnert? Wir erinnern uns nicht einmal mehr an den Leib, der uns getragen hat. Wir können nicht sagen, wie es darin aussah. Die Seele, wenn ich recht verstanden habe, ist geistigerweise von Gott gezeugt worden. Kann sie sich denn an diesen erinnern, wenn der Körper sich nicht mehr an den langen Aufenthalt im Schoße der Mutter erinnert?»

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«Die Seele ist nicht tierisch, Plautina. Sie ist ewig, geistig und Gott ähnlich. Ewig vom Augenblicke an, da sie von Gott erschaffen wird, während Gott der vollkommene Ewige ist und daher weder Anfang noch Ende hat. Die Seele, hellsichtig, intelligent und geistig, ein Werk Gottes, erinnert sich ihres Ursprungs. Sie leidet, weil sie nach Gott verlangt, dem wahren Gott, von dem sie kommt, und sie hungert nach Gott. Daher drängt sie den trägen Körper, sich Gott zu nähern.»

«Also haben auch wir eine Seele wie sie, die ihr die Gerechten eures Volkes nennt? Wirklich eine ebensolche?»

«Nein, Plautina. Es kommt darauf an, was du sagen willst. Wenn du sagen willst: gemäß Herkunft und Natur ist sie in allem der Seele unserer Heiligen gleich. Wenn du sagen willst: was die Bildung betrifft, so muß ich dir sagen, daß sie anders ist. Und wenn du weiter sagen willst: hinsichtlich der vor dem Tod erreichten Vollkommenheit, dann kann ein absoluter Unterschied bestehen. Aber dies betrifft nicht nur euch Heiden. Auch ein Sohn dieses Volkes kann im künftigen Leben absolut verschieden von einem Heiligen sein.

Die Seele erlebt drei Phasen. Die erste ist die Erschaffung, die zweite die Wiedergeburt und die dritte die Vollkommenheit. Die erste ist bei allen Menschen gleich. Die zweite ist den Gerechten eigen, die mit ihrem Willen die Seele zu einer vollständigen Wiedergeburt führen, wobei sie ihre guten Werke mit der Güte des Werkes Gottes vereinigt; sie erhebt dadurch eine schon geistige Seele in einen vollkommeneren Stand, und stellt so zwischen der ersten und der dritten Etappe eine Verbindung her. Die dritte ist den Seligen, oder wenn es euch besser gefällt, den Heiligen eigen, die tausend- und abertausendfach die ursprüngliche, dem Menschen entsprechende Seele höher gebracht und aus ihr das gemacht haben, was sie befähigt, in Gott zu ruhen...»

«Wie können wir Raum, Freiheit und Erhöhung für die Seele schaffen ?»

«Durch die Ausschaltung aller unnützen Dinge in eurem Ich. Durch dessen Befreiung von allen falschen Ideen und, mit dem sich so ergebenden Schutt, durch den Aufbau des Hügels für den heiligen Tempel. Die Seele muß auf den drei Stufen immer höher hinaufgetragen werden.

Oh, ihr Römer, liebt die Symbole! Betrachtet die drei Stufen im Lichte des Symbols. Sie können euch ihre Namen sagen: Buße, Geduld, Beharrlichkeit; oder Demut, Reinheit, Gerechtigkeit; oder: Weisheit, Großherzigkeit, Barmherzigkeit; so ergibt sich der herrliche Dreiklang: Glaube, Hoffnung, Liebe. Betrachtet noch das Symbol der Umfassungsmauer, die den Platz des Tempels ziert und machtvoll umgürtet. Auch die Seele ist abzuschirmen, die Königin des Körpers, Tempel des ewigen Geistes ist, mit einer Mauer, die sie schützt, die das Eindringen des Lichtes nicht hindert, die aber die Sicht auf alles Häßliche ausschaltet. Eine sichere Mauer,

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vom Wunsch der Liebessehnsucht gemeißelt, das niedere Streben von Fleisch und Blut dem Höheren, dem Geist dienstbar zu machen. Mit dem Willen zugerichtet durch Abschleifen der Kanten, der Unebenheiten, der Flecken und Schwachstellen vom Marmor unseres Ichs, damit die Umgebung der Seele vollkommen werde. Gleichzeitig kann die Mauer zum Schutz des Tempels den Unglücklicheren barmherzige Zuflucht bieten, die nicht wissen, was die Liebe ist. Die Vorhallen: das Sich-Ergießen der Liebe, der Barmherzigkeit und des Willens, andere zu Gott zu führen; die Vorhallen sind liebenden Armen gleich, die sich wie ein Schleier über die Wiege eines Waisenkindes ausbreiten. Und jenseits der Mauern die schönsten, duftenden Pflanzen, als Ehrenbezeugung an den Schöpfer. Sät auf dem nackten Erdreich und pflegt dann die Pflanzen: die Tugenden jeder Art, als zweites, lebendiges und blühendes Gehege rings um das Heiligtum, und zwischen den Pflanzen, zwischen den Tugenden, die Brunnen: wiederum Liebe, nochmals Reinigung: bevor ihr euch dem Allerheiligsten nähert und zum Altar hinaufsteigt, muß das Opfer des Aufgebens aller Sinnlichkeit und jeder Unkeuschheit erbracht werden. Dann weiter zum Altar schreiten, um das Opfer aufzulegen, und dann erst die Halle, das Vestibül durchschreitend, sich zur Zelle begeben, in welcher Gott ist. Und die Zelle, was wird sie sein? Ein Überfluß geistiger Reichtümer; denn nichts ist zuviel, um Gott zu ehren.

Habt ihr verstanden? Ihr habt mich gefragt, wie man den Glauben aufbaut. Ich habe euch geantwortet: auf dieselbe Weise, wie man einen Tempel errichtet! Ihr seht, wie wahr es ist! Habt ihr mich noch etwas zu fragen?»

«Nein, Meister. Ich glaube, daß Flavia die Dinge, die du gesagt hast, niederschrieb. Claudia möchte sie auch kennenlernen. Hast du geschrieben?»

«Jedes Wort», erwidert die Frau und überreicht die Wachstäfelchen.

«Das wird uns bleiben, damit wir es wieder lesen können», sagt Plautina.

«Es ist auf Wachs, die Schrift kann ausgelöscht werden. Schreibt es in eure Herzen, dann wird es nicht mehr ausgelöscht.»

«Meister, wir sind umgeben von unnützen Tempeln. Wir vertauschen sie mit deinem Wort und begraben sie. Aber es wird eine Arbeit von langer Dauer sein», sagt Plautina mit einem Seufzer. Und sie endet: «Gedenke unser in deinem Himmel!»

«Geht beruhigt, ich werde es tun! Euer Besuch hat mich erfreut! Leb wohl, Publius Quintillianus! Denk an Jesus von Nazareth!»

Die Frauen grüßen und entfernen sich als erste. Dann geht Quintillianus in Gedanken versunken. Jesus sieht ihnen nach, wie sie sich in Begleitung von Maximinus zu den Wagen begeben.

«Was denkst du, Meister?» fragt Lazarus.

«Daß es viele Unglückliche auf der Welt gibt.»

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«Und ich bin einer von diesen.»

«Warum, mein Freund?»

«Weil alle zu dir kommen, nur Maria nicht. Ist sie also der größte Trümmerhaufen?»

Jesus blickt ihn an und lächelt.

«Du lächelst? Schmerzt es dich nicht, daß Maria sich nicht bekehrt? Schmerzt es dich nicht, daß ich leide? Martha weint seit Montagabend. Wer war jene Frau? Weißt du, daß wir einen ganzen Tag gehofft haben, daß sie es sei?»

«Ich lächle, weil du ein ungeduldiges Kind bist. Und ich lächle, weil ich denke, daß ihr Kraft und Tränen verschwendet. Wenn es sie gewesen wäre, dann hätte ich mich beeilt, es euch zu sagen.»

«Sie war es also nicht?»

«Oh! Lazarus...»

«Du hast recht. Geduld! Und noch einmal Geduld! ... Hier, Meister, die Schmuckstücke, die du mir zum Verkaufen gegeben hast. Sie sind zu Geld geworden für die Armen. Sie waren sehr schön... von einer Frau.»

«Sie waren von "jener" Frau.»

«Das habe ich mir gedacht. Oh, wären sie doch von Maria gewesen!... Aber sie... aber sie... Ich verliere die Hoffnung, mein Herr!»

Jesus schließt ihn wortlos in seine Arme. Dann sagt er nach einer Weile: «Ich bitte dich, über die Schmuckstücke gegenüber allen zu schweigen. Sie muß verschwinden vor Bewunderungen und Gelüsten, wie die vom Wind verwehte Wolke, ohne daß eine Spur von ihr im Himmelsblau zurückbleibt.»

«Sei beruhigt, Meister... und als Gegendienst bringe mir Maria, unsere unglückliche Maria ...»

«Der Friede sei mit dir, Lazarus. Was ich versprochen habe, das halte ich.»

245. DAS GLEICHNIS VOM VERLORENEN SOHN

«Johannes von Endor, komm her zu mir! Ich muß mit dir reden», sagt Jesus, der sich an der Türe zeigt.

Der Mann eilt herbei und läßt das Kind stehen, dem er gerade etwas erklärte.

«Was hast du mir zu sagen, Meister?» fragt er.

«Komm mit mir hinauf!»

Sie gehen zur Terrasse hinauf und setzen sich in eine geschützte Ecke, denn, obwohl es noch Vormittag ist, brennt die Sonne schon sehr heiß. Jesus läßt seinen Blick über die Landschaft schweifen, in der das Korn von

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Tag zu Tag goldener wird und die Früchte der Bäume anschwellen. Es scheint, als wolle er seine Gedanken aus dieser Veränderung der Pflanzen schöpfen.

«Höre, Johannes! Ich glaube, heute wird Isaak kommen, um mich zu den Landarbeitern Jochanans zu führen, bevor sie abreisen. Ich habe Lazarus gebeten, ihnen einen Wagen zu leihen, damit sie bei ihrer Rückkehr rascher vorwärtskommen und nicht wegen einer Verspätung eine Strafe befürchten müssen. Lazarus wird es tun, denn Lazarus tut alles, was ich ihm sage. Aber von dir möchte ich etwas anderes. Ich habe hier eine Summe, die ich von einem Menschenkind für die Armen des Herrn bekommen habe. Normalerweise hat einer meiner Apostel die Aufgabe, das Geld zu verwalten und die Almosen zu verteilen. Gewöhnlich tut es Judas von Kerioth, manchmal auch ein anderer. Judas ist abwesend. Die anderen brauchen nicht zu wissen, was ich im Sinne habe. Auch Judas wird es diesesmal nicht erfahren. Du wirst es in meinem Namen tun...»

«Ich, Herr? ... Ich... ich bin nicht würdig ...»

«Du mußt dich daran gewöhnen, in meinem Namen zu arbeiten. Bist du nicht deswegen gekommen?»

«Ja, aber ich dachte, an meiner armen Seele arbeiten zu müssen.»

«Ich gebe dir die Möglichkeit dazu. Wogegen hast du gefehlt? Gegen die Barmherzigkeit und die Liebe. Du hast deine Seele mit Haß verwüstet. Mit Liebe und Barmherzigkeit sollst du sie wiederaufbauen. Ich gebe dir das Material dazu. Ich werde dich besonders für Werke der Barmherzigkeit und Liebe einsetzen. Du kannst auch heilen und reden. Daher bist du imstande, dich um die physisch und moralisch Kranken zu kümmern. Du wirst mit diesem guten Werk beginnen. Nimm die Börse. Du wirst sie Michäas und seinen Freunden geben. Mache gleiche Teile, aber mache sie so, wie ich es sage. Mache zehn Teile. Davon gibst du vier dem Michäas, einen für ihn, einen für Saul, einen für Joel und einen für Isaias. Die anderen sechs Teile gibst du Michäas, damit er sie dem alten Vater des Jabe bringt, für ihn und seine Gefährten. Es wird ihnen ein kleiner Trost sein.»

«Gut, aber was werde ich ihnen sagen, um es zu rechtfertigen?»

«Du kannst sagen: "Dies, damit ihr euch daran erinnert, für eine Seele zu beten, die auf dem Weg zur Erlösung ist."»

«Doch dann könnten sie glauben, daß es sich um mich handelt. Das ist nicht recht!»

«Warum, willst du nicht gerettet werden?»

«Es ist nicht recht, sie glauben zu lassen, daß ich der Spender bin.»

«Laß nur und tue was ich sage!»

«Ich gehorche... aber erlaube mir wenigstens, daß ich etwas dazulege. Ich brauche ja nicht mehr viel. Bücher werde ich keine mehr kaufen, die Hühner brauche ich auch nicht mehr zu füttern... Mir genügt sehr wenig... Nimm, Meister! Ich behalte nur eine kleine Summe für die Sandalen ...»

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und er entnimmt einem Beutel am Gürtel viele Münzen und fügt sie den Münzen Jesu bei.

«Gott segne dich für deine Barmherzigkeit... Johannes, bald werden wir uns trennen, denn du wirst mit Isaak gehen.»

«Das tut mir weh, Meister, aber ich werde gehorchen.»

«Auch mich schmerzt es, daß du uns verläßt. Aber ich brauche dringend pilgernde Jünger. Meine Gegenwart genügt nicht mehr. Bald werde ich die Apostel aussenden, und dann die Jünger. Du wirst es recht gut machen. Dich behalte ich mir für besondere Aufgaben vor. Inzwischen wirst du dich bei Isaak bilden. Er ist sehr gut, und der Geist des Herrn hat ihn fürwahr während seiner langen Krankheit geformt. Er ist der Mensch, der immer alles verziehen hat... Unsere Trennung bedeutet andererseits nicht, daß wir uns nicht mehr sehen. Wir werden uns oft begegnen, und jedesmal, wenn wir zusammenkommen, werde ich besonders für dich sprechen. Denk daran!»

Johannes neigt sich vornüber, verbirgt sein Antlitz in den Händen mit einem bitteren Schluchzen und seufzt: «Oh, sag mir gleich irgendetwas, was mich davon überzeugt, daß mir verziehen worden ist, daß ich Gott dienen kann... Wenn du wüßtest, wie ich nun, da der Rauch des Hasses weg ist, meine Seele sehe... und wie ich an Gott denke...»

«Ich weiß es, weine nicht! Bleibe demütig, aber betrübe dich nicht. Betrübnis ist eine andere Art des Hochmuts. Nur Demut allein sollst du haben. Auf, weine nicht mehr ...»

Johannes von Endor beruhigt sich langsam.

Als ihn Jesus beruhigt sieht, sagt er: «Komm, laß uns unter das Blätterdach der Apfelbäume gehen und die Frauen und die Gefährten versammeln. Ich werde zu allen sprechen, dir aber sagen, wie Gott dich liebt.»

Sie gehen hinunter und scharen die anderen um sich, so wie sie ihnen begegnen.

Dann setzen sie sich im Kreise in den Schatten der Apfelbäume. Auch Lazarus, der mit dem Zeloten gesprochen hatte, schließt sich der Gesellschaft an. Es sind im ganzen zwanzig Personen.

«Hört! Es ist ein schönes Gleichnis, das euch in vielen Fällen mit seinem Licht leiten wird.

Ein Mann hatte zwei Söhne. Der ältere war ernst, arbeitsam, liebevoll und gehorsam. Der andere war intelligenter als der ältere, der etwas schwerfällig war und sich gerne beraten ließ, um nicht die Sorge eigener Entscheidungen auf sich nehmen zu müssen; aber der jüngere war auch widerspenstig, ausgelassen, Liebhaber der Bequemlichkeit und des Vergnügens, verschwenderisch und müßig. Die Intelligenz ist eine große Gabe Gottes; aber sie ist eine Gabe, die weise verwendet werden muß. Sonst hat sie die Wirkung gewisser Arzneimittel, die, wenn falsch benützt, nicht heilen, sondern töten. Der Vater hatte das Recht und die

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Pflicht, ihn zu ermahnen, ein geordnetes Leben zu führen. Aber alles war nutzlos. Er bekam nur böse Antworten und erreichte, daß der Sohn in seinen schlechten Ansichten noch verstockter wurde.

Eines Tages schließlich, nach einem heftigen Wortwechsel, sagte der jüngere Sohn: "Gib mir meinen Erbanteil. So brauche ich deine Ermahnungen und das Gejammer des Bruders nicht mehr zu hören. Jedem das Seine, und damit setzen wir allem ein Ende."

"Schau" ' erwiderte der Vater, "bald wirst du ganz unter den Rädern sein. Was wirst du dann tun? Denk daran, daß ich deinetwegen nicht ungerecht bin und deinem Bruder keinen Pfennig nehmen werde, um dir zu helfen..."

"Ich werde nichts von dir verlangen. Sei beruhigt und gib mir meinen Teil!"

Der Vater ließ die Ländereien und die wertvollen Gegenstände abschätzen, und da er sah, daß Geld und Schmuckstücke genausoviel wert waren wie Haus und Grundbesitz, gab er dem älteren die Felder und Weingärten, die Herden und Olivenhaine, und dem jüngeren das Geld und die Wertsachen, welche dieser sofort in Geld umwandelte. Nachdem er in wenigen Tagen alles geregelt hatte, machte er sich auf den Weg nach einem fernen Land, wo er als großer Herr lebte und alles vergeudete in Schwelgereien jeder Art und sich als Sohn eines Königs feiern ließ, weil er sich schämte, zu sagen: "Ich bin ein Bauernsohn." Und somit verleugnete er seinen Vater.

Feste, Freunde und Freundinnen, Kleider, Wein, Spiele... ein ausschweifendes Leben... Bald sah er seine Mittel schwinden und das Elend sich nähern. Und um das Elend noch zu vergrößern, kam eine große Hungersnot über das Land, die sein letztes Geld aufzehrte. Nun wäre der Sohn gern zu seinem Vater zurückgekehrt, aber sein Stolz hinderte ihn daran. So ging er zu einem Wohlhabenden des Ortes, der in guten Zeiten sein Freund gewesen war, und bat ihn: "Nimm mich unter deine Knechte auf in Erinnerung an die Feste, an denen du teilgenommen hast." Seht, wie dumm der Mensch ist! Er zieht es vor, sich unter die Peitsche eines Herrn zu ducken, als zum Vater zu sagen: "Verzeih, ich habe gefehlt." Dieser Jüngling hatte viele unnütze Dinge erlernt, dank seiner wachen Intelligenz, wollte aber den Ausspruch Sirachs nicht lernen: "Wie niederträchtig ist der, der seinen Vater verläßt, und wie verflucht von Gott der, der seine Mutter beunruhigt." Er war intelligent, aber nicht weise.

Der Mann, an den er sich hilfesuchend gewandt hatte, stellte den Dummkopf als Schweinehirt an, als Dank für die mit ihm verbrachten genußvollen Stunden; denn sie waren in einem heidnischen Land, und es gab dort viele Schweine. Schmutzig, zerlumpt, stinkend und hungrig -denn die Nahrung war knapp wegen der vielen Diener, besonders der bösartigen, und er, der ausländische Schweinehirt, wurde zu alledem noch

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verlacht – sah er, daß die Schweine sich mit Eicheln satt fraßen und jammerte: "Könnte ich doch meinen Bauch mit diesen Früchten füllen. Aber sie sind zu bitter! Nicht einmal der Hunger läßt sie mir besser schmecken." Er weinte, als er an die reichen Feste voller Gelächter, Gesängen und Tänze dachte, die er noch vor kurzem als Verschwender geboten hatte; und an die bescheidenen, doch sättigenden Mahlzeiten in seiner fernen Heimat, an die Portionen, die der Vater immer selbst nach den persönlichen Bedürfnissen austeilte, während er selbst stets mit wenig zufrieden war und sich über den gesunden Appetit seiner Kinder freute... Und der Sohn dachte an die gefüllten Teller, die der Gerechte seinen Dienern zuteilte, und seufzte: "Auch die letzten Knechte meines Vaters haben genügend Brot, und ich sterbe hier vor Hunger..."

Eine lange Arbeit des Überlegens, ein langer Kampf, um den Stolz niederzuringen! Endlich kam der Tag, da er, wiedergeboren in Demut und Weisheit, auf die Füße sprang und sagte: "Ich gehe zu meinem Vater. Dieser Stolz ist Dummheit, die mich gefangen hält. Und wozu? Warum körperlich und noch mehr seelisch leiden, wenn ich Verzeihung und Erleichterung erhalten kann? Ich gehe zu meinem Vater. Es ist beschlossen! Aber was werde ich ihm sagen? Nun, das, was ich in dieser Demütigung, in diesem Schmutz, unter dem beißenden Hunger gelernt habe. Ich werde sagen: 'Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und gegen dich. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden, behandle mich daher wie deinen letzten Knecht, aber laß mich unter deinem Dach weilen, damit ich dich vorbeigehen sehen kann...' Ich werde nicht sagen können: 'Weil ich dich liebe...' denn er würde es mir nicht glauben. Aber mein Leben soll es ihm sagen, und er wird verstehen und mich vor seinem Tod noch segnen... Oh, ich hoffe es; denn mein Vater liebt mich." Als er am Abend ins Dorf zurückkam, kündigte er seinem Arbeitgeber, und, sich von Ort zu Ort durchbettelnd, kehrte er in seine Heimat zurück. Da waren schon die väterlichen Ländereien... und das Haus... und der Vater, der die Arbeit leitete, gealtert und abgemagert durch den Schmerz, aber immer noch gütig. Der Schuldige blieb furchtsam stehen. Doch der Vater, der umherschaute, erblickte ihn, eilte ihm entgegen, und als er ihn erreicht hatte, schlang er die Arme um seinen Hals und küßte ihn. Nur der Vater hatte in diesem traurigen Bettler seinen Sohn erkannt, und nur er hatte einen Liebesantrieb verspürt.

Der Sohn in seinen Armen, den Kopf an die väterliche Brust gelehnt, flüsterte unter Schluchzen: "Vater, laß mich dir zu Füßen niederfallen." "Nein, mein Sohn! Nicht zu Füßen! An mein Herz, das so viel ob deiner Abwesenheit gelitten hat und das wieder aufleben muß mit dem Gefühl deiner Wärme an meiner Brust." Der Sohn weinte noch stärker und sagte: "Oh, mein Vater! Ich habe gegen den Himmel und gegen dich gesündigt, und ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Aber erlaube mir, daß

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ich unter deinen Knechten, unter deinem Dache bleiben und dich sehen, dein Brot essen und deinen Wein trinken kann. Bei jedem Bissen Brot, bei jedem deiner Atemzüge wird mein verdorbenes Herz sich erneuern, und ich werde redlich werden..."

Doch der Vater, der ihn immer noch in den Armen hielt, führte ihn zu den Dienern, die sich in einiger Entfernung versammelt und die Szene beobachtet hatten, und sagte: "Bringt rasch das schönste Gewand und ein Becken mit duftendem Wasser. Wascht ihn, salbt ihn, kleidet ihn an, legt ihm neue Schuhe an und steckt ihm einen Ring an den Finger. Dann nehmt ein gemästetes Kalb, schlachtet es und bereitet ein Festmahl; denn dieser mein Sohn war tot und ist auferstanden; er war verloren, und ist wiedergefunden worden. Ich will, daß auch er nun seine einfache Kindesliebe wiederfindet, und meine Liebe und das Fest im Haus zu seiner Rückkehr sollen sie ihm wiedergeben. Er soll verstehen, daß er für mich immer der jüngste Sohn ist, wie er es in seiner fernen Kindheit war, als er an meiner Seite ging und mich mit seinem Lächeln und Geplauder beglückte." Und die Diener folgten dem Befehl.

Der ältere Sohn aber war auf dem Feld und erfuhr nichts davon bis zu seiner Rückkehr. Am Abend, als er nach Hause kam, sah er es hellerleuchtet und vernahm Musikinstrumente und Tanzweisen. Er rief einen Diener, der vielbeschäftigt umherrannte, und fragte ihn: "Was geschieht hier?" Und der Diener antwortete: "Dein Bruder ist zurückgekehrt. Dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er seinen Sohn gesund und von seinem großen Übel geheilt wieder besitzt, und er hat ein Festmahl angeordnet. Wir warten nur noch auf dich, um damit anzufangen." Der Ältere aber erzürnte, denn er betrachtete es als eine Ungerechtigkeit, ein solches Fest für den Jüngeren zu halten, zudem der Jüngere böse gewesen war; er wollte nicht hineingehen, sondern schickte sich an, sich vom Haus zu entfernen. Aber der Vater, der davon erfuhr, eilte hinaus, holte ihn ein und versuchte, ihn zu überzeugen, und bat ihn, seine Freude nicht zu vergällen. Der Erstgeborene antwortete seinem Vater: "Du willst, daß ich mich nicht aufrege? Du bist gegen deinen Erstgeborenen ungerecht und setzest ihn herab. Seit ich dazu fähig war, habe ich gearbeitet und dir gedient; es sind nun schon viele Jahre. Ich habe immer alle deine Befehle ausgeführt und auch alle deine Wünsche erfüllt. Ich bin immer in deiner Nähe gewesen und habe dich für zwei geliebt, um die Wunde, die mein Bruder dir zugefügt hat, zu heilen. Und du hast mir nicht einmal ein Ziegenböcklein geschenkt, damit ich es mit meinen Freunden genießen könnte. Ihm hingegen, der dich beleidigt und verlassen hat, der faul und verschwenderisch gewesen ist, der nur heimkehrt, weil er Hunger leidet, ihn ehrst du, und für ihn läßt du das schönste Kalb schlachten. Es lohnt sich also nicht, ein guter Arbeiter und ohne Laster zu sein! Das hättest du mir nicht antun dürfen!" Da zog der Vater den älteren Sohn an seine

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Brust und sagte: "Oh, mein Sohn! Glaubst du, daß ich dich nicht liebe, weil ich keine Festfahne für deine Arbeit hisse? Deine Werke sind gut, und die Menschen loben dich deswegen. Aber dieser dein Bruder muß die Achtung der Welt und seiner selbst wiedererlangen. Glaubst du, daß ich dich nicht liebe, weil ich dir keine sichtbare Belohnung gebe? Morgens und abends, bei jedem Atemzug und Gedanken bist du in meinem Herzen, und in jedem Augenblick segne ich dich. Du hast den dauernden Lohn, immer bei mir zu sein, und was mein ist, das ist dein. Aber es war gerecht, ein Mahl zu halten und ein Fest zu feiern für diesen deinen Bruder, der tot war und zum Guten auferstanden ist, der verloren war und in unsere Liebe zurückgeführt worden ist." Und der Ältere gab nach.

So, meine Freunde, geschieht es auch im Haus des Vaters. Wer glaubt, dem jüngeren Bruder im Gleichnis zu gleichen, der soll es ihm nachtun und zum Vater gehen, damit der Vater ihm sagen kann: "Nicht zu meinen Füßen, sondern an mein Herz, das ob deiner Abwesenheit gelitten hat und nun über deine Rückkehr glücklich ist." Wer dem Erstgeborenen gleicht und ohne Schuld dem Vater gegenüber ist, soll nicht eifersüchtig auf die väterliche Freude sein, sondern daran teilnehmen, indem er dem erlösten Bruder Liebe schenkt.

Ich habe gesprochen. Bleib hier, Johannes von Endor, und auch du, Lazarus. Die anderen können gehen und die Tische decken. Wir werden gleich nachkommen.»

Alle ziehen sich zurück. Als Jesus, Lazarus und Johannes allein sind, sagt Jesus den beiden: «So geschieht es der teuren Seele, die du erwartest, Lazarus, und so geschieht es dir, Johannes: die Güte Gottes übersteigt alle Maße.»

Die Apostel mit der Mutter und den Frauen gehen zum Haus, ihnen voraus hüpft und springt Margziam. Doch schon kommt er zurück, nimmt Maria bei der Hand und sagt: «Komm mit mir, ich muß dir etwas sagen; dir allein!»

Maria stellt ihn zufrieden. Sie wenden sich dem Brunnen zu, der sich in einer Ecke des Hofes befindet, unter einer dichten Pergola verborgen, die sich vom Boden in einem Bogen bis zur Terrasse hinzieht. Dort hinten wartet Iskariot.

«Judas, was willst du? Geh, Margziam... Sprich, was willst du?»

«Ich fühle mich schuldig... Ich wage es nicht, zum Meister zu gehen und den Gefährten zu begegnen... Hilf du mir!»

«Ich will dir helfen... Aber denkst du nicht daran, wieviel Schmerz du verursachst? Mein Sohn hat deinetwegen geweint. Auch die Gefährten haben gelitten. Aber komm, niemand wird dir etwas vorwerfen. Wenn du kannst, falle nicht mehr in diese Fehler zurück. Es ist des Mannes unwürdig und ein Sakrileg gegen das Wort Gottes.»

«Und du, Mutter, kannst du mir verzeihen?»

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«Ich? Ich zähle nichts bei dir, der du dir soviel einbildest. Ich bin die Geringste unter den Dienern des Herrn. Wie kannst du dich um mich kümmern, wenn du kein Mitleid mit meinem Sohn hast.»

«Weil auch ich eine Mutter habe, und wenn ich deine Verzeihung erhalte, so kommt es mir vor, als hätte auch sie mir verziehen.»

«Sie kennt diese deine Schuld nicht.»

«Aber ich habe ihr schwören müssen, gut zum Meister zu sein. Ich habe den Eid gebrochen. Ich spüre den Vorwurf der Seele meiner Mutter.»

«Du spürst ihn? Und die Klage und den Vorwurf des Vaters und des Wortes spürst du nicht? Du Unglücklicher, Judas! Du säst in dir und in denen, die dich lieben, den Schmerz.»

Maria ist sehr ernst und traurig. Sie spricht ohne Härte, doch mit großem Ausdruck in der Stimme. Judas weint.

«Weine nicht, sondern bessere dich! Komm.»

Sie nimmt ihn an der Hand, und so betreten sie die Küche. Das allgemeine Erstaunen ist groß. Aber Maria kommt jeder unbarmherzigen Äußerung zuvor. Sie sagt: «Judas ist zurückgekehrt. Macht es wie der Erstgeborene nach der Rede des Vaters. Johannes, geh und sag Jesus Bescheid.»

Johannes des Zebedäus eilt weg. Ein tiefes Schweigen lastet auf denen in der Küche. Schließlich sagt Judas: «Verzeih mir, du, Simon, als erster. Du hast ein so väterliches Herz. Auch ich bin ein Waisenkind.»

«Ja, ja, ich verzeihe dir. Bitte rede nicht mehr davon. Wir sind Brüder und mir gefallen diese Ebben und Fluten nicht, die Bitten um Verzeihung und die Rückfälle. Sie betrüben beide Teile. Da kommt Jesus. Geh ihm entgegen. Das genügt.»

Judas geht, während Petrus sich nicht anders zu helfen weiß, als hinauszugehen und wütend trockenes Holz zu spalten...

246. DAS GLEICHNIS VON DEN ZEHN JUNGFRAUEN

Jesus spricht vor den Arbeitern Jochanans: Isaak, vielen Jüngern, den Frauen, unter ihnen Maria, die allerheiligste Mutter, und Martha, sowie anderen Leuten von Bethanien. Alle Apostel sind anwesend. Das Kind sitzt Jesus gegenüber und läßt sich kein Wort entgehen. Die Predigt muß gerade erst begonnen haben, denn es kommen immer noch Menschen...

Jesus sagt: «... Gerade wegen dieser Angst, die ich so lebhaft in vielen von euch sehe, möchte ich euch heute ein schönes Gleichnis erzählen. Ein Gleichnis, das für die Menschen guten Willens süß und für die anderen bitter ist. Aber diese können sich vom Bitteren befreien. Auch sie können guten Willens werden, und der Vorwurf, der sich durch das Gleichnis im Gewissen regt, wird sich legen.

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Das Himmelreich ist das Haus, in dem sich die Vermählung Gottes mit den Seelen vollzieht, und der Augenblick des Eintritts ist der Hochzeitstag.

So hört also. Bei uns ist es Sitte, daß Jungfrauen den Bräutigam begleiten, um ihn mit Lichtern und Gesängen mit seiner Braut ins Hochzeitshaus zu geleiten. Wenn der Hochzeitszug das Haus der Braut verläßt, die sich verschleiert und gerührt als Königin zu ihrem Platz begibt, in ein Haus, das nicht das ihrige ist, das aber in dem Augenblick, da sie und der Bräutigam ein Fleisch werden, das ihrige wird, dann eilen die Jungfrauen, meist Freundinnen der Braut, diesen beiden Glücklichen entgegen, um sie mit einem Lichterkranz zu umringen.

Nun geschah es, daß in einem Dorf eine Hochzeit gefeiert wurde. Während die Brautleute sich mit den Verwandten und Freunden im Haus der Braut versammelten, gingen zehn Jungfrauen an ihren Platz, in den Vorraum des Hauses des Bräutigams, bereit, ihm entgegenzueilen, sobald der Klang der Zimbeln und Gesänge ankündigen würden, daß die Brautleute das Haus der Braut verlassen, um zum Haus des Bräutigams zu gehen. Aber das Mahl im Haus der Braut zog sich in die Länge, und die Nacht brach herein. Die Jungfrauen, ihr wißt es, haben immer brennende Lampen, um im rechten Augenblick keine Zeit zu verlieren. Nun waren unter diesen zehn Jungfrauen mit brennenden Lampen fünf kluge und fünf törichte. Die Klugen hatten sich weislich mit kleinen Gefäßen voll Öl eingedeckt, um ihre Lampen damit auffüllen zu können, wenn die Wartezeit länger als vorgesehen sein würde, während die Törichten nur ihre Lampen gut gefüllt hatten.

Eine Stunde verging nach der anderen. Zuerst redeten sie miteinander, erzählten sich gegenseitig Geschichten und machten Späße, um sich die Zeit zu vertreiben. Doch schließlich wußten sie nichts mehr zu sagen und zu tun. Gelangweilt oder auch einfach müde, setzten sich die zehn Mädchen bequem nieder, mit ihren brennenden Lampen in der Nähe, und schliefen langsam alle ein. Es kam die Mitternacht, und man hörte den Ruf: "Auf! Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!" Die zehn Mädchen erhoben sich sofort, nahmen ihre Schleier und ihre Blumenkränze und machten sich bereit; dann liefen sie zum Tisch, auf den sie ihre Lampen gestellt hatten. Fünf von diesen waren bereits am Erlöschen... Der Docht, der nicht mehr von Öl getränkt und daher verbraucht war, rauchte. Die Flammen wurden immer schwächer und drohten beim leisesten Windhauch zu erlöschen. Die fünf anderen Lampen hingegen, die vor dem Schlaf von den Klugen aufgefüllt worden waren, hatten noch helle Flammen und strahlten noch heller, nachdem neues Öl nachgefüllt worden war.

"Oh", baten die Törichten, "gebt uns ein wenig von eurem Öl, sonst erlöschen unsere Lampen, sobald wir sie bewegen. Eure leuchten so schön."

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Aber die Klugen antworteten: "Draußen bläst der nächtliche Wind, und der Regen fällt mit großen Tropfen. Das Öl wird nicht ausreichen, um eine große Flamme zu machen, die dem Wind und dem Regen standhält. Wenn wir davon abgeben, wird es geschehen, daß auch unsere Lampen nur noch flackern, und der Brautzug wäre jämmerlich ohne das Leuchten der Lampen! Lauft, geht zum nächsten Krämer, bittet, klopft an, damit er aufsteht, um euch Öl zu geben."

Die fünf Törichten folgten dem Rat der Gefährtinnen, wobei sie unterwegs die Kränze verloren, da sie immer wieder in der Dunkelheit zusammenstießen und sich die Schleier zerknitterten und die Kleider beschmutzten.

Doch während sie gingen, Öl zu kaufen, erschien am Ende der Straße der Bräutigam mit der Braut. Die fünf Jungfrauen eilten ihnen mit den brennenden Lampen entgegen und betraten mit dem Bräutigam in ihrer Mitte das Haus, um dort die Feier abzuschließen, indem sie die Braut ins Brautgemach geleiteten. Nach ihrem Eintritt wurde das Haus geschlossen, und wer draußen war, mußte draußen bleiben. So fanden die fünf Törichten, die endlich mit dem Öl angekommen waren, die Tür verschlossen und klopften vergebens, sich die Hände verletzend und klagend: "Herr, Herr, öffne uns! Wir gehören zum Hochzeitszuge. Wir sind die glückbringenden Jungfrauen, dazu auserwählt, deinem Brautgemach Ehre und Glück zu bringen." Aber der Bräutigam rief vom Obergeschoß des Hauses herab, nachdem er für einen Augenblick die intimsten Eingeladenen verlassen hatte, mit denen er sich gerade unterhielt, während die Braut sich in das Brautgemach zurückgezogen hatte: "Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid. Eure Gesichter waren nicht unter den Feiernden, die meine Geliebte umgaben. Ihr seid nicht das, wofür ihr euch ausgebt, und sollt daher aus dem Hochzeitshaus ausgeschlossen bleiben." Die fünf Törichten gingen weinend mit den nun nutzlosen Lampen, den zerknitterten Kleidern, den zerrissenen Schleiern und den aufgelösten oder verlorenen Blumenkränzen auf der finsteren Straße fort.

Und nun hört die im Gleichnis enthaltene Lehre! Ich habe euch anfangs gesagt, daß das Himmelreich das Haus der Vereinigung der Seelen mit Gott ist. Zur himmlischen Hochzeit sind alle Gläubigen geladen, denn Gott liebt alle seine Kinder. Die einen finden sich früher, die anderen später zur Hochzeit ein, und wer dort ankommt hat großes Glück.

Nun hört weiter! Ihr wißt, wie die Mädchen es als Ehre und Glück betrachten, als Mägde der Braut eingeladen zu werden. Wir wollen in unserem Fall die Rollen verteilen, so werdet ihr besser begreifen. Der Bräutigam ist Gott. Die Braut ist die Seele eines Gerechten, die die Zeit der Verlobung im Haus des Vaters, also in dessen Fürsorge und im Gehorsam zu ihm und zur Lehre Gottes, in Gerechtigkeit verbracht hat und nun zur

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Hochzeit in das Haus des Bräutigams gebracht wird. Die Jungfrauen sind die Seelen der Gläubigen, die dem Beispiel der Braut folgend versuchen, zur selben Ehre zu gelangen, indem sie nach Heiligkeit streben; denn die Tatsache, daß der Bräutigam die Frau wegen ihrer Tugenden gewählt hat, ist ein Zeichen dafür, daß sie ein lebendes Beispiel der Heiligkeit war. Diese Seelen haben ein weißes, reines und frisches Gewand, weiße Schleier und sind mit Blumenkränzen gekrönt. Sie haben brennende Lampen in den Händen. Die Lampen sind gereinigt, der Docht vom feinsten Öl getränkt, damit es nicht übel riecht.

Im weißen Gewand. Die beharrlich geübte Gerechtigkeit verleiht ein weißes Gewand, und bald kommt der Tag, an dem es herrlich sein wird, ohne den leisesten Schimmer eines Makels, mit einem übernatürlichen Glanz und einer engelhaften Reinheit.

In einem reinen Gewand. Es ist nötig, durch die Demut das Kleid immer rein zu halten. Sehr leicht kann die Reinheit des Herzens getrübt werden. Und wer nicht reinen Herzens ist, kann Gott nicht sehen. Die Demut ist wie Wasser, das wäscht. Da sein Auge nicht vom Rauch des Stolzes getrübt ist, wird der Demütige sich sofort bewußt, wenn sein Gewand beschmutzt wird; er eilt zu seinem Herrn und sagt: "Ich habe mein Herz der Reinheit beraubt. Ich weine, um mich zu reinigen; ich weine zu deinen Füßen. Und du, meine Sonne, mache mit deinem gütigen Verzeihen, mit deiner väterlichen Liebe, mein Kleid wieder weiß."

In frischem Gewand. Oh, die Frische des Herzens! Die Kinder haben sie als Gabe Gottes. Die Gerechten haben sie als Gabe Gottes und durch eigenen Willen. Die Heiligen haben diese Frische als Gabe Gottes und aus eigenem, zum Heroismus gesteigerten Willen. Aber die Sünder mit ihrer zerlumpten, angesengten, vergifteten und beschmutzten Seele; werden sie nie mehr ein reines Gewand haben können? Oh doch, sie können es haben! Sie beginnen, es wiederzubekommen in dem Augenblick, da sie sich mit Abscheu betrachten, und es wird um so weißer, je mehr sie sich bemühen, ihr Leben zu ändern. Sie vervollkommnen es, wenn sie sich mit der Buße reinigen und entgiften und ihre arme Seele wieder aufrichten, immer betend um die Hilfe Gottes, der seinen Beistand nie denen versagt, die darum bitten, und auch mit dem eigenen Willen, der zum Heroismus gelangen muß; denn sie haben es nicht nur nötig, das zu hüten, was sie haben, sondern sie müssen wiederaufbauen, was sie abgebrochen haben, also doppelte, dreifache, siebenfache Mühe aufwenden. Schließlich müssen sie mit unermüdlichen, unerbittlichen Bußübungen des eigenen Ich, das gesündigt hat, ihre Seele zu einer neuen Frische der Kindheit führen, die wertvoll wird durch die Erfahrung und sie zu Lehrern macht für die anderen, die Sünder sind, wie sie selbst es zuvor gewesen sind.

Die weißen Schleier. Die Demut! Ich habe gesagt: "Wenn ihr betet oder Buße tut, dann macht es so, daß die Welt nichts davon bemerkt." In den

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Büchern der Weisheit steht geschrieben: "Es ist nicht gut, das Geheimnis des Königs zu enthüllen." Die Demut ist der weiße Schleier, der als Schutz über das Gute, das man tut, und über das Gute, das Gott gewährt, ausgebreitet wird. Kein Rühmen für das Privileg der Liebe, die Gott gewährt; kein törichter menschlicher Ruhm! Die Gabe würde sofort entzogen. Vielmehr innerlicher Lobgesang des Herzens für seinen Gott: "Hochpreise meine Seele den Herrn, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd gesehen."»

Jesus macht eine kurze Pause und wirft einen Blick auf seine Mutter, die sich fester in ihren Schleier hüllt und sich tief beugt, als wolle sie die Haare des Kindes, das zu ihren Füßen sitzt, in Ordnung bringen, in Wirklichkeit jedoch, um zu verbergen, wie tief die Erinnerung sie bewegt...

Mit Blumen gekrönt. Die Seele muß sich schmücken mit Girlanden täglicher Tugendhaftigkeit, denn vor dem Antlitz des Allerhöchsten kann Fehlerhaftes nicht bestehen; man darf nicht nachlässig werden. Täglich, habe ich gesagt! Denn die Seele weiß nicht, wann Gott-Bräutigam erscheint, um zu sagen: "Komm!" Daher darf sie nie müde werden, den Kranz zu erneuern. Habt keine Angst, wenn die Blumen verwelken. Die Blumen der Tugendhaftigkeit welken nicht. Der Engel Gottes, den jeder Mensch an seiner Seite hat, sammelt diese täglichen Kränze und trägt sie in den Himmel. Dort zieren sie den Thron des neuen Seligen, wenn er als Braut in den Hochzeitssaal eintritt.

Ihre Lampen brennen. Um den Bräutigam zu ehren und für sich selbst den Weg zu beleuchten. Wie strahlend ist der Glaube und welch ein holder Freund ist er! Er ist wie eine strahlende Flamme, wie ein Stern, eine lachende Flamme, sicher ihrer Gewißheit; eine Flamme, die auch das Gefäß, das sie trägt, leuchten läßt. Auch der menschliche Körper, der vom Glauben genährt wird, scheint schon auf dieser Erde strahlender, vergeistigter und immun gegen heftige Leidenschaften; denn wer glaubt, richtet sich nach den Worten und Geboten Gottes, um Gott, sein Ziel, zu besitzen; er flieht daher alles Verderbliche und kennt keine Unruhe, Ängste und Selbstvorwürfe. Er braucht sich nicht anzustrengen, um sich seiner Lügen zu erinnern oder seine bösen Taten zu verbergen, und er bleibt schön und jung in der schönen Unberührtheit des Heiligen. Ein Fleisch und ein Blut, ein Geist und ein Herz, gereinigt von aller Unzucht, um das Öl des Glaubens zu bewahren und rauchfreies Licht zu spenden. Ein beständiger Wille, stets dieses Licht zu nähren. Das tägliche Leben mit seinen Enttäuschungen, Feststellungen, Berührungen, Versuchungen und Angriffen führt leicht zur Verminderung des Glaubens. Das darf nicht geschehen! Geht täglich zu den Quellen des sanften Öles, des weisen Öles, des göttlichen Öles.

Die wenig genährte Lampe kann vom leisesten Windhauch und den schweren Regentropfen der Nacht ausgelöscht werden. Die Nacht, die

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Stunde der Finsternis, der Sünde, der Versuchung, kommt für alle. Es ist die Nacht der Seele. Aber wenn diese voller Glauben ist, kann die Flamme nicht vom Wind der Welt und vom Nebel der Sinnlichkeit gelöscht werden.

Wachsamkeit, Wachsamkeit, Wachsamkeit! Wer unklug ist, vertraut unklugerweise und sagt: "Oh, Gott kommt rechtzeitig, solange noch Licht in mir ist." Wer schläft statt zu wachen; wer weiterschläft, ohne sich beim ersten Ruf sofort zu erheben; wer sich auf den letzten Augenblick verläßt, um sich das Öl des Glaubens oder den starken Docht des guten Willens zu verschaffen, lebt in der Gefahr, draußen bleiben zu müssen, wenn der Bräutigam kommt. Wacht also mit Klugheit, Ausdauer, Reinheit und Vertrauen, um immer bereit zu sein, wenn Gott euch ruft, denn ihr wißt wirklich nicht, wann er kommen wird.

Meine lieben Jünger, ich will nicht, daß ihr vor Gott zittert; vielmehr sollt ihr Vertrauen in seine Güte haben. Sowohl ihr, die ihr bleibt, als auch ihr, die ihr nun geht, denkt alle daran, daß ihr, wenn ihr es wie die klugen Jungfrauen macht, gerufen werdet, nicht nur, um dem Bräutigam das Geleit zu geben, sondern wie die junge Esther, die anstelle Waschtis Königin wurde, auserwählte Bräute zu sein, da der Bräutigam in euch jede Anmut und Gunst vor jeder anderen gefunden hat. Ich segne euch, die ihr gehen müßt. Tragt in euch und zu den Gefährten dieses mein Wort. Der Friede des Herrn sei allezeit mit euch!»

Jesus nähert sich den Landarbeitern, um sie noch einmal zu grüßen, aber Johannes von Endor flüstert ihm zu: «Meister, Judas ist da ...»

«Das ist gleichgültig! Begleite sie zum Wagen und tue, was ich dir aufgetragen habe.»

Die Versammlung löst sich langsam auf. Viele reden noch mit Lazarus, und dieser wendet sich an Jesus, läßt die Leute stehen und sagt: «Meister, bevor du uns verläßt, sprich noch einmal zu uns. Die Leute von Bethanien wünschen es.»

«Der Abend sinkt hernieder. Er ist friedlich und klar. Wenn ihr euch auf dem gemähten Heu versammeln wollt, will ich noch einmal sprechen, bevor ich diesen freundlichen Ort verlasse. Oder sonst morgen, bei Sonnenaufgang, denn es ist schon spät.»

«Später! Aber diesen Abend!» schreien alle.

«Wie ihr wollt. Geht nun! Zur Mitte der ersten Nachtwache werde ich zu euch reden ...»

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247. DAS GLEICHNIS VOM KÖNIG, DER SEINEM SOHN DIE HOCHZEIT BEREITET

Jesus ist wirklich unermüdlich. Während die Sonne mit letztem rötlichen Schein verschwindet, und vereinzelt, noch unsicher, die ersten Grillen zirpen, begibt sich Jesus auf ein erst vor kurzem gemähtes Feld, auf dem das trocknende Gras einen dichten, weichen, duftenden Teppich bildet. Ihm folgen die Apostel, die Marien, Martha und Lazarus mit der Hausgemeinschaft, Isaak mit den Jüngern und, könnte man sagen, ganz Bethanien. Unter den Bediensteten befinden sich auch der Greis und die Frau, die beiden, die auf dem Berg der Seligkeiten Trost für ihre Tage gefunden haben. Jesus bleibt stehen, um den Patriarchen zu segnen, der ihm weinend die Hand küßt und das Kind streichelt, das an der Seite Jesu geht, und ihm sagt: «Glücklich bist du, der du ihm folgen darfst! Sei brav und sei aufmerksam, Sohn! Du hast ein großes Glück, ein großes Glück! Über deinem Haupt schwebt eine Krone. Oh, du Glücklicher!»

Als alle Platz genommen haben, beginnt Jesus zu reden: «Die armen Freunde sind abgereist. Sie hatten es so nötig, in der Hoffnung, ja in der Gewißheit bestärkt zu werden; ein kleines Wissen genügt, um in das Reich aufgenommen zu werden; es genügt ein Mindestmaß an Wahrheit, auf welcher der gute Wille aufbauen kann. Nun spreche ich zu euch, die ihr viel weniger unglücklich seid, da es euch materiell besser geht und ihr eine größere Hilfe vom Wort erhält. Meine Liebe erreicht sie nur in Gedanken. Euch erreicht meine Liebe auch mit dem Wort. Daher werdet ihr im Himmel und auf Erden mit größerer Strenge behandelt; denn, wem viel gegeben wurde, von dem wird auch viel verlangt. Sie, die armen Freunde, die in ihre Galeere zurückkehren, können nur ein Minimum Gutes haben; und sie haben dagegen ein Maximum an Leid. Ihnen gilt daher nur das Versprechen des Wohlwollens, denn alles andere wäre überflüssig. Wahrlich, ich sage euch, ihr Leben ist Buße und Heiligkeit, und mehr darf ihnen nicht zugemutet werden. Und in Wahrheit sage ich euch, daß sie wie die klugen Jungfrauen ihre Lampen bis zur Stunde der Abberufung nicht erlöschen lassen.

Erlöschen lassen? Nein! Ihr ganzes Gut ist dieses Licht. Sie können es nicht erlöschen lassen. Wahrlich, ich sage euch, so wie ich im Vater bin, so sind die Armen in Gott, und darum wollte ich, das Wort des Vaters, arm geboren werden und arm bleiben. Denn unter den Armen fühle ich mich dem Vater näher, der die Armen liebt und von diesen mit ihrer ganzen Kraft geliebt wird. Die Reichen haben viele Dinge. Die Armen haben nur Gott. Die Reichen haben Freunde. Die Armen sind allein. Die Reichen haben vielen Trost. Die Armen haben keinen Trost. Die Reichen haben Vergnügen. Die Armen haben nur ihre Arbeit. Für die Reichen wird alles durch das Geld erleichtert. Die Armen haben das Kreuz der Angst vor

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Krankheit und Mißernten; denn diese bedeuten für sie Hunger und Tod. Aber die Armen haben Gott als ihren Freund und Tröster. Er ist es, der sie ablenkt von ihrer betrüblichen Gegenwart durch himmlische Hoffnungen. Er ist es, zu dem sie sagen können, und sie tun es auch, weil sie arm, demütig und allein sind: "Vater, steh uns mit deiner Barmherzigkeit bei."

Was ich hier auf dem Besitz des Lazarus, meines und des Freundes Gottes sage, kann eigenartig klingen, da Lazarus sehr reich ist. Doch Lazarus ist eine Ausnahme unter den Reichen; denn Lazarus hat die Tugend erreicht, die am seltensten auf Erden zu finden ist und noch seltener nach Anweisung anderer ausgeübt werden kann: die Tugend der Freiheit vom Reichtum. Lazarus ist gerecht. Er fühlt sich jetzt nicht beleidigt. Man kann ihn nicht beleidigen, denn er weiß, daß er der Reiche-Arme ist und mein verdeckter rügender Vorwurf nicht ihm gilt. Lazarus ist gerecht. Er anerkennt, daß es in der Welt der Großen so ist, wie ich sage. Daher spreche ich und sage: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, leichter gelangt ein Armer zu Gott als ein Reicher, und im Himmel meines und eures Vaters werden viele Sitze von denen besetzt sein, die auf Erden verachtet wurden, weil sie geringer als der Staub waren, der zertreten wird.

Die Armen bewahren in ihren Herzen die Perlen der Worte Gottes. Sie sind ihr einziger Schatz. Wer nur einen Schatz hat, der wacht darüber. Wer viele hat, langweilt sich und ist zerstreut, ist hochmütig und sinnlich. Daher bewundert er nicht mit demütigen und verliebten Augen den Schatz, den Gott ihm gegeben hat. Er mischt ihn unter andere Dinge, die nur scheinbar wertvoll sind, Schätze, die den Reichtum der Erde bilden, und denkt dabei: "Es ist eine Herablassung meinerseits, wenn ich die Worte von einem annehme, der mir dem Fleische nach gleich ist." Er stumpft seine Fähigkeit, das zu kosten, was übernatürlich ist, mit dem starken Geruch der Sinnlichkeit ab. Starke Gerüche! Ja, sehr gewürzte; um den Gestank und Verwesungsgeruch zu überdecken.

Aber hört, und ihr werdet besser verstehen, warum Reichtümer und Schwelgereien den Eintritt ins Himmelreich versperren.

Ein König bereitete die Hochzeit seines Sohnes vor. Ihr könnt euch vorstellen, was das für ein Fest im Königreich war. Er war sein einziger Sohn, und da er das richtige Alter erreicht hatte, heiratete er seine Auserwählte. Der Vater und König wollte, daß die Freude seines Sohnes, der endlich Bräutigam seiner Vielgeliebten war, nur von Freude umgeben sei. Zu den vielen Feiern gehörte auch ein großes Festmahl. Er ließ es gut vorbereiten und überwachte selbst alle Einzelheiten, damit es herrlich und des Königssohnes würdig werde.

Er sandte auch rechtzeitig seine Diener aus, um Freunde, Verbündete und auch die Vornehmen seines Reiches zu unterrichten, daß die Hochzeit an einem festgelegten Tag stattfinde; daß sie eingeladen seien und kommen sollten, um einen würdigen Hof für den Sohn zu bilden. Aber die

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Freunde, die Verbündeten und die Vornehmen des Reiches nahmen die Einladung nicht an.

Der König, der im Zweifel darüber war, daß die ersten Diener bestimmt genug gesprochen hatten, sandte noch andere aus, die sagen sollten: "Aber kommt doch! Wir bitten euch! Alles ist vorbereitet! Die Tafel ist gedeckt, kostbare Weine sind von überall her gebracht worden; in der Küche ist schon das Fleisch der Rinder und gemästeten Tiere aufgehäuft, um gebraten zu werden; Sklaven kneten den Teig für Süßwaren, andere zerstoßen in den Mörsern die Mandeln, um daraus feinste Leckereien zu backen, in die sie auserlesenste Aromen mischen. Die besten Tänzerinnen und Musiker sind für das Fest bestellt. Kommt also, damit all dieser Aufwand nicht vergeblich sei."

Aber die Freunde, die Verbündeten und die Großen im Reich lehnten entweder ab oder sagten: "Wir haben anderes zu tun." Einige taten so, als ob sie die Einladung annähmen, gingen dann aber ihren Geschäften nach, die einen auf dem Feld, die anderen im Handel, wieder andere auf weniger edlen Gebieten. Verärgerte nahmen sogar wegen des vielen Drängens den Diener fest und töteten ihn, um ihn zum Schweigen zu bringen, da er erklärt hatte: "Verweigere dem König diese Bitte nicht, denn es könnte dir zum Schaden gereichen!"

Die Diener kehrten zum König zurück und berichteten ihm alles. Der König wurde von Zorn erfüllt und sandte seine Soldaten aus, um die Mörder seiner Diener zu bestrafen und auch jene, die seine Einladung abgeschlagen hatten; und er nahm sich vor, jene zu belohnen, die zu kommen versprochen hatten. Aber am Abend des Festes, zur festgelegten Stunde, erschien kein einziger von allen. Der erzürnte König rief seine Diener und sagte: "Es darf nicht geschehen, daß mein Sohn an diesem Hochzeitsabend von niemand gefeiert wird. Das Hochzeitsmahl ist bereit, aber die Eingeladenen sind dessen nicht wert. Das Hochzeitsmahl meines Sohnes muß jedoch stattfinden. Geht daher auf die Straßen, stellt euch an die Wegkreuzungen, haltet die Vorübergehenden auf, versammelt die Rastenden und bringt sie hierher, damit der Saal voll werde mit feiernden Menschen."

Die Diener gingen hinaus auf die Straßen, verstreuten sich auf die Plätze, stellten sich an die Wegkreuzungen und versammelten alle, die sie finden konnten, Gute und Böse, Reiche und Arme. Sie brachten sie zum königlichen Palast und gaben ihnen das Nötige, um würdig im Saale des Hochzeitsmahles erscheinen zu können. Dann führten sie alle hin, und der Saal füllte sich, wie der König es gewünscht hatte, mit fröhlichen Menschen.

Doch als der König den Saal betrat, um nachzusehen, ob das Fest beginnen könne, sah er einen, der ungeachtet der von den Dienern geleisteten Hilfe kein Festkleid trug. Er fragte ihn: "Warum bist du ohne Festkleid

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hereingekommen?" Doch jener wußte nichts zu antworten, denn es gab keine Entschuldigungsgründe. Da rief der König die Diener herbei und sagte zu ihnen: "Nehmt diesen, bindet ihn an Händen und Füßen und werft ihn hinaus aus meinem Haus in die Finsternis und den eisigen Schlamm. Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen, wie er es verdient hat aufgrund seines Undankes und der mir zugefügten Beleidigung. Mehr noch als mich hat er meinen Sohn beleidigt, da er in ärmlichen, schmutzigen Kleidern den Festsaal betreten hat, in den niemand eintreten darf, der dessen und meines Sohnes nicht würdig ist."

Ihr seht also, daß die Interessen der Welt, der Geiz, die Sinnlichkeit und Grausamkeit den Zorn des Königs erwecken und den Menschen, die sich den Angelegenheiten der Welt widmen, den Eintritt in den königlichen Palast versperren. Und ihr seht, daß auch unter denen einer bestraft wird, die im Hinblick auf seinen Sohn gerufen worden sind.

Wie vielen auf dieser Welt hat Gott bis zum heutigen Tag sein Wort gesandt!

Die Verbündeten, die Freunde, die Großen seines Volkes hat Gott wirklich durch seine Diener eingeladen, und er wird sie immer dringender einladen, je näher die Stunde der Hochzeit rückt. Aber sie werden die Einladung nicht annehmen, denn sie sind falsche Verbündete, falsche Freunde und nur dem Namen nach Große; denn Niederträchtigkeit steckt in ihnen.»

Jesus läßt seine Stimme immer mehr anschwellen; seine Augen sind wahre Lichtbündel im Schein des Feuers, das für ihn und seine Zuhörer angezündet worden ist, um den Abend zu erhellen, da der im letzten Viertel stehende Mond erst spät aufgeht. «Ja, Niederträchtigkeit steckt in ihnen, und daher verstehen sie nicht, daß es eine Pflicht und eine Ehre für sie ist, der Einladung des Königs zu folgen.

Hochmut, Härte und Fleischeslust bilden ein Bollwerk in ihren Herzen. Und – Unglückliche, die sie sind! – sie hassen mich und wollen daher nicht zur Hochzeit kommen. Sie wollen nicht kommen. Sie ziehen der Hochzeit schmutzige Verbindungen mit der Politik, schmieriges Geld und schmutzigste Sinnenlust vor. Sie ziehen die schmählichen Berechnungen, Verschwörungen, heimtückischen Verschwörungen, die Täuschung und das Verbrechen vor.

Dies alles verurteile ich im Namen Gottes. Und gerade deshalb haßt man die Stimme, die spricht, und die Feste, zu welchen sie einlädt. In diesem Volk werden Henker der Diener Gottes, der Propheten gesucht. Die Propheten waren die Diener Gottes bis jetzt; meine Jünger sind die Diener von jetzt an. In diesem Volk werden Spötter Gottes gesucht, die sagen: "Ja, wir kommen", während sie im Innern denken: "Nie und nimmer." Das geschieht in Israel.

Damit der Sohn eine würdige Hochzeitsfeier habe, schickt der König

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des Himmels seine Diener an die Wegkreuzungen, um jene einzuladen, die keine Freunde, keine Vornehmen und keine Verbündeten sind, sondern einfaches, vorüberziehendes Volk. Durch meine Hand, die Hand des Sohnes und Dieners Gottes, ist schon mit der Ernte begonnen worden.

Wer es auch sein mag, kann kommen... Es sind ihrer schon gekommen. Ich helfe ihnen, sich rein und schön für das Hochzeitsfest zu machen. Aber es sind Menschen darunter, die zu ihrem Unglück von der Hochherzigkeit Gottes Wohlgerüche und königliche Gewänder annehmen, um sich selbst erscheinen zu lassen, was sie nicht sind. als reich und würdig; sie mißbrauchen die Güte, um in unwürdiger Weise zu verführen und zu verdienen... Individuen mit niederträchtiger Seele in den Fängen des abstoßenden Polyps der Laster. Sie unterschlagen wohlriechende Essenzen und Gewänder, um unerlaubten Gewinn daraus zu ziehen und sie nicht für die Hochzeit des Königssohnes, sondern für ihre Hochzeit mit dem Satan zu verwenden.

Dies alles wird geschehen, denn viele sind berufen, aber nur wenige, die in der Berufung auszuharren verstehen, auserwählt.

Es wird aber auch geschehen, daß diese Hyänen, die das Aas der lebendigen Nahrung vorziehen, zur Strafe aus dem Festsaal in die Finsternis des ewigen Sumpfes geworfen werden, in welchem Satan bei jedem Sieg über eine Seele sein schreckliches Gelächter ausstößt, und in dem auf ewig das Klagen der Verzweiflung der Törichten ertönt, die dem Bösen folgten statt der Güte, die sie gerufen hatte.

Erhebt euch und laßt uns zur Ruhe gehen. Ich segne euch alle, ihr Bewohner von Bethanien, alle. Ich segne euch und schenke euch meinen Frieden. Und ich segne besonders dich, Lazarus, mein Freund, und dich, Martha. Ich segne meine alten und meine neuen Jünger, die ich in die Welt sende, um zur Hochzeit des Königs einzuladen. Kniet euch alle nieder, ich will euch alle segnen.

Petrus, sag das Gebet, das ich euch gelehrt habe; sage es hier, an meiner Seite stehend, denn so muß es von dem gesagt werden, der von Gott dazu bestimmt ist.»

Die ganze Versammlung kniet nieder im Heu. Nur Jesus steht in seinem Leinenkleid groß und schön da, Petrus in seinem braunen Gewande neben ihm, ist aufgeregt, beinahe zitternd. Er betet mit seiner nicht schönen, aber männlichen Stimme langsam, aus Angst, einen Fehler zu machen: «Vater unser...»

Man hört vereinzelt Schluchzen... von Männern, von Frauen... Margziam, der vor Maria kniet, die seine gefalteten Händchen hält, blickt mit einem engelgleichen Lächeln zu Jesus auf und sagt leise: «Schau, Mutter, wie schön er ist! Und wie schön ist auch mein Vater! Es ist wie im Himmel... Wird auch meine Mama hier sein und uns sehen?»

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Und Maria antwortet mit einem Flüstern, das in einem Kuß endet: «Ja, Lieber, sie ist hier; sie lernt das Gebet.»

«Und ich, lerne ich es auch?»

«Sie wird es dir in die Seele flüstern, während du schläfst, und ich wiederhole es dir tagsüber.»

Das Kind legt das braune Köpfchen zurück an die Brust Marias und bleibt so, während Jesus mit dem stets feierlichen Segen des Moses segnet.

Dann erheben sich alle und gehen in ihre Häuser. Nur Lazarus folgt Jesus und geht mit ihm in das Haus Simons, um noch mit ihm zu sein. Auch die anderen treten ein. Iskariot setzt sich beschämt in eine halbdunkle Ecke. Er wagt nicht, sich Jesus zu nähern, wie die anderen...

Lazarus beglückwünscht Jesus. Er sagt: «Oh, es tut mir so leid, dich fortgehen zu sehen. Aber ich bin sehr glücklich, daß du uns nicht schon vorgestern verlassen hast!»

«Warum, Lazarus?»

«Du kamst mir so traurig und müde vor... Du hast nicht gesprochen, hast kaum gelächelt... Gestern und heute bist du wieder mein heiliger, guter Meister geworden; das erfüllt mich mit Freude ...»

«Ich war es auch, als ich schwieg...»

«Du warst es. Aber du bist die Abgeklärtheit und das Wort. Das erwarten wir von dir. Wir trinken an diesen Quellen unsere Kraft. Und da schienen diese Brunnen versiegt zu sein; und unser Durst war quälend... Du hast gesehen, daß auch die Heiden überrascht waren und gekommen sind, dich aufzusuchen ...»

Iskariot, dem sich Johannes des Zebedäus genähert hatte, wagt nun zu sprechen: «Stimmt, sie hatten auch mich gefragt... denn ich war in der Nähe der Burg Antonia, in der Hoffnung, dich dort anzutreffen.»

«Du wußtest, wo ich war», entgegnet Jesus kurz.

«Ich habe es gewußt; aber ich hoffte, daß du nicht jene enttäuschst, die auf dich warteten. Auch die Römer waren enttäuscht. Ich weiß nicht, warum du so gehandelt hast.»

«Und du fragst mich das? Bist du nicht auf dem laufenden über die Umtriebe des Synedriums, der Pharisäer und noch anderer, die mich betreffen?»

«Wie? Hattest du Angst?»

«Nein, Ekel. Letztes Jahr, als ich allein war, einer allein gegen die ganze Welt, die nicht einmal wußte, daß ich Prophet bin, habe ich bewiesen, daß ich keine Angst habe. Und du bist ein Erwerb meiner Furchtlosigkeit. Ich habe meine Stimme erhoben gegen eine ganze Menge von Schreihälsen. Ich habe dem Volk die Stimme Gottes vernehmen lassen, welche sie vergessen hatte. Ich habe das Haus des Herrn vom materiellen Schmutz gereinigt, der darin herrschte; ich habe nicht gehofft, es von noch viel schlimmerem moralischem Schmutz, der sich dort eingenistet hat, reinigen zu

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können, weil ich die Zukunft der Menschen kenne. Ich habe nur meine Pflicht erfüllt, im Eifer für das Haus des ewigen Herrn, das in einen lärmigen Markt mit Händlern, Wucherern und Dieben verwandelt worden war; ich wollte alle aus ihrer Trägheit aufrütteln, welche die Jahrhunderte priesterlicher Nachlässigkeit in einen geistigen Todesschlaf versetzt hatten. Ich habe mein Volk zusammengeläutet, um es zu Gott zu führen. Dieses Jahr bin ich zurückgekehrt; ich habe gesehen, daß der Tempel um nichts besser geworden ist... ja, noch schlimmer! Nicht mehr eine Spelunke der Diebe, sondern ein Ort der Verschwörung ist er. Er wird ein Ort des Verbrechens, dann eine Fuchshöhle und schließlich zerstört werden von einer Kraft, die mächtiger ist als die Samsons; und eine Kaste wird zermalmt, die unwürdig ist, sich heilig zu nennen. Es wäre unnütz, an diesem Ort zu reden, an dem mir – du erinnerst dich – verboten wurde, zu reden. Glaubensloses Volk! Volk, in seinen Häuptern vergiftet, verbietet, daß das Wort Gottes in seinem Haus spricht! Es ist mir verboten worden. Ich habe geschwiegen aus Liebe zu den Kleinen.

Die Stunde meiner Hinrichtung ist noch nicht gekommen. Zu viele brauchen mich noch, und meine Apostel sind noch nicht kräftig genug, um meine Nachkommenschaft in ihre Arme schließen zu können: die weit.

Weine nicht, Mutter! Verzeih deinem Sohn, du Gute, sein Bedürfnis, jedem, der sich täuscht oder täuschen lassen will, die Wahrheit zu sagen, die ich kenne... Ich schweige; aber wehe denen, für die Gott schweigt! ... Mutter, Margziam, weint nicht! ... Ich bitte euch. Niemand soll weinen.»

Aber in Wirklichkeit weinen alle mehr oder weniger schmerzlich.

Judas, totenbleich in seinem gelb-rot gestreiften Gewand, wagt noch mit einer kläglichen und lächerlichen Stimme zu sagen: «Glaube mir, Meister, ich bin erstaunt und betrübt... Ich weiß nicht, was das heißen soll... Ich weiß von nichts... Es ist wahr, daß ich niemand im Tempel gesehen habe. Ich habe die Verbindungen zu allen abgebrochen... Aber wenn du es sagst, muß es wahr sein...»

«Judas! ... Auch Sadok hast du nicht gesehen?»

Judas läßt den Kopf sinken und murmelt: «Er ist ein Freund. Als solchen habe ich ihn gesehen. Nicht als einen vom Tempel ...»

Jesus antwortet nicht. Er wendet sich an Isaak und Johannes von Endor und gibt ihnen noch Anweisungen über ihre Arbeit.

Unterdessen trösten die Frauen Maria, die weint, und das Kind weint, weil es Maria weinen sieht.

Auch Lazarus und die Apostel sind traurig. Doch Jesus geht zu ihnen. Er hat wieder sein sanftes Lächeln; während er die Mutter umarmt und das Kind liebkost, sagt er: «Nun lebt wohl, ihr, die ihr hierbleibt; denn beim Morgengrauen wollen wir aufbrechen. Leb wohl, Lazarus! Leb wohl, Maximinus! Joseph, ich danke dir für alle Aufmerksamkeit, die du

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meiner Mutter und den Jüngern erwiesen hast, während sie auf mich gewartet haben. Danke für alles. Und du, Lazarus, segne Martha noch einmal in meinem Namen. Ich werde bald wiederkommen. Beruhige dich, Mutter! Auch ihr, Maria und Salome, wenn ihr mitkommen wollt.»

«Natürlich kommen wir!» sagen die beiden Marien.

«Dann zur Ruhe! Der Friede sei mit allen. Gott sei mit euch.» Er macht ein Zeichen des Segens und geht hinaus, das Kind an der Hand führend und die Mutter umarmend.

Der Aufenthalt in Bethanien ist zu Ende.

248. NACH BETHLEHEM MIT DEN APOSTELN UND DEN JÜNGERN

Beim ersten Morgengrauen sind sie von Bethanien aufgebrochen; Jesus geht mit seiner Mutter, Maria des Alphäus und Maria Salome nach Bethlehem, gefolgt von den Aposteln, denen Jabe vorauseilt und sich an allem, was er sieht, erfreut: an den aufgescheuchten Schmetterlingen, den zwitschernden Vögeln, die auf dem Weg Körnchen picken, an den Blumen, die mit diamantenen Tautropfen bedeckt sind, an einer herankommenden Herde mit vielen blökenden Lämmern. Nachdem sie den rauschenden Bach überquert haben, der im Süden von Bethanien fröhlich schäumend über die Steine fließt, schlagen sie die Richtung nach Bethlehem ein. Sie befinden sich nun zwischen zwei Hügelketten, die ganz von grünen Olivenhainen und Weinbergen bedeckt sind, während kleine goldfarbene Äcker schon darauf warten, gemäht zu werden. Das Tal ist kühl, und der Weg einigermaßen bequem.

Simon des Jonas geht rascher und holt die Gruppe Jesu ein. Er fragt: «Geht es hier nach Bethlehem? Johannes sagt, das letzte Mal habt ihr einen anderen Weg genommen.»

«Das ist wahr», antwortet Jesus. «Damals kamen wir von Jerusalem. Dieser Weg ist kürzer. Am Grabmal der Rachel, das die Frauen sehen wollen, werden wir uns trennen, wie wir es schon besprochen haben. Wir werden uns dann in Bethsur wiedersehen, wo meine Mutter etwas bleiben möchte.»

«Ja, das haben wir, wie gesagt, vorgesehen. Aber es wäre schön, wenn wir alle nach Bethlehem gingen... ganz besonders die Mutter... denn schließlich ist sie die Königin von Bethlehem und von der Grotte, und sie weiß alles ganz genau... Wenn wir es von ihr hörten, wäre es doch etwas ganz anderes.»

Jesus lächelt und blickt Simon an, der seinen Wunsch so liebevoll ausspricht.

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«Welche Grotte, Vater?» fragt Margziam.

«Die Grotte, in der Jesus geboren wurde.»

«Oh, schön, da gehe ich mit! ...»

«Es wäre wirklich schön», sagen Maria des Alphäus und Salome.

«Sehr schön! ... Es wäre ein Zurückkehren in die Zeit, als die Welt dich noch nicht kannte, das ist wahr... aber dich auch noch nicht haßte. Da könnten wir die Liebe der Einfachen wiederfinden, die nichts anderes kannten, als glauben und lieben in Demut und Vertrauen... Da könnte ich die Last der Bitterkeit ablegen, die auf meinem Herzen liegt, seit ich dich so gehaßt weiß, und sie niederlegen dort in deine Krippe... Es muß dort noch etwas von der Süßigkeit deines Blickes, deines Atems und deines noch unsicheren Lächelns zurückgeblieben sein. Das würde mein Herz erfreuen... Es ist ja so verbittert...» sagt Maria leise voller Sehnsucht und Trauer.

«So wollen wir hingehen, Mama. Du wirst uns führen. Heute bist du die Lehrerin; ich bin das Kind, das lernt.»

«Oh, Sohn! Nein, du bist stets der Lehrer...»

«Nein, Mama, Simon des Jonas hat es gut gesagt. In Bethlehem bist du die Königin. Es ist dein erstes Schloß. Maria aus dem Geschlechte Davids, führe dieses kleine Volk in dein Haus.»

Iskariot möchte reden, doch er schweigt. Jesus, der seine Bewegung bemerkt und verstanden hat, sagt: «Wenn jemand aus Müdigkeit oder aus einem anderen Grund nicht mitkommen will, kann er selbstverständlich nach Bethsur gehen.» Niemand erwidert etwas darauf.

Sie folgen der Straße durch das grüne Tal in Richtung Ost-West. Dann biegen sie leicht nach Norden ab, an einem Hügel entlang, der vorsteht, und erreichen so die Straße, die von Jerusalem nach Bethlehem führt, gerade in der Nähe des mit einer Kuppel gekrönten Würfels des Grabmals der Rachel. Dort verweilen sie in ehrfürchtigem Gebet.

«Hier haben Joseph und ich Rast gemacht... Es ist alles noch so wie damals. Nur die Jahreszeit ist nicht dieselbe. Damals war es ein kalter Tag im Kislew. Es hatte geregnet, und die Straßen waren schlammig geworden. Ein eisiger Wind wehte, und in der Nacht war Rauhreif entstanden. Die Straßen waren hart gewesen; jetzt aber sind sie voller Furchen von Karren und Menschenscharen. Sie waren wie ein Meer voller Schiffe; mein Eselchen hatte große Mühe...»

«Und du nicht, meine Mutter?»

«Oh, ich hatte dich! ...» und sie blickt ihn mit solch glückstrahlenden Augen an, daß es alle rührt. Dann fährt sie fort: «Der Abend kam, und Joseph war sehr in Sorge. Es kam ein immer stärkerer, bissiger Wind auf... Die Leute hatten es eilig, nach Bethlehem zu kommen; sie stießen und drängten einander, und viele schimpften auf mein Eselchen, das so langsam lief und vorsichtig abtastete, wohin es seine Hufe setzte... Es war,

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als ob es gewußt hätte, daß du dabei warst und einen letzten Schlummer in der Wiege meines Schoßes hieltest. Es war sehr kalt. Doch mein Herz glühte. Ich spürte dich kommen. Kommen? Du könntest sagen: "Ich war schon seit neun Monaten bei dir, Mama! Ja, aber nun war es, als ob du vom Himmel kämest. Die Himmel neigten sich über mich; ich sah ihren Lichterglanz... Ich sah die Gottheit leuchten in ihrer Freude über deine bevorstehende Geburt; und Gluten drangen in mich ein, sie entflammten mich, sie enthoben mich allem... Kälte, Wind, Mensch! Nichts! Ich sah Gott... Ab und zu gelang es mir, meinen Geist auf die Erde zurückzurufen, und ich lächelte Joseph zu, der meinetwegen Angst vor der Kälte und der Anstrengung hatte; er führte das Eselchen und befürchtete ständig, es könnte stolpern. Er hüllte mich in die Decke ein aus Angst, ich könnte mich erkälten... Doch mir konnte nichts geschehen. Die Stöße spürte ich nicht. Ich hatte das Gefühl, auf einem Sternenpfad zu wandeln, zwischen leuchtenden Wolken und von Engeln getragen... Und ich lächelte... zuerst dir zu... Ich schaute dich an, durch die Schranken des Fleisches, wie du mit geschlossenen Fäustchen in deinem Bettchen von lebenden Rosen schlummertest, meine Lilienknospe! Dann lächelte ich dem so betrübten Bräutigam zu, um ihn zu ermutigen... dann den Leuten, die nichts ahnten von der Morgenröte ihres Erlösers.

Wir machten am Grabmal der Rachel Rast, um das Eselchen ausruhen zu lassen und ein wenig Brot und Oliven, unsere Nahrung der Armen zu essen. Aber ich hatte keinen Hunger. Ich konnte keinen Hunger haben; ich wurde genährt von meiner Freude... Wir nahmen den Weg wieder auf... Kommt, ich zeige euch, wo wir dem Hirten begegnet sind... Habt keine Angst, daß ich mich irre. Ich erlebe diese Stunde und finde jeden Ort wieder; denn ich sehe alles durch ein großes engelhaftes Licht. Vielleicht ist die Schar der Engel wieder hier, dem Körper unsichtbar, aber den Seelen mit ihrem leuchtenden Schein gut sichtbar, und alles enthüllt sich, und alles wird gezeigt. Sie können nicht irren, und sie führen mich, zu meiner und zu eurer Freude. Hier... Vom Feld dort zu diesem hier kam Elias mit seinen Schafen, und Joseph bat ihn um Milch für mich. Da auf der Wiese machten wir Rast, während er die warme Milch melkte, die mich erquickte, und Joseph seine Weisungen erteilte.

Kommt, kommt! Hier, hier ist der Pfad durch das letzte Tälchen vor Bethlehem. Wir haben diesen genommen, denn die Hauptstraße in der Nähe der Stadt war zu sehr von Leuten und Reittieren überfüllt... Dort ist Bethlehem! Oh, liebe, teure Erde meiner Väter, die du mir den ersten Kuß meines Sohnes geschenkt hast. Du hast dich geöffnet, duftend wie gutes Brot, von dem du den Namen trägst (Bethlehem bedeutet Haus des Brotes), um der an Hunger sterbenden Menschheit das wahre Brot zu geben! Du hast mich umschlungen, du, in der die mütterliche Liebe Rachels erhalten geblieben ist, wie eine Mutter; heilige Erde des davidischen Bethlehem,

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erster Tempel des Erlösers, Morgenstern aus Jakob geboren, um die Öffnung der Himmel über der ganzen Menschheit kundzutun! Betrachtet Bethlehem, wie schön es im Frühjahr ist! Aber auch damals war es schön, obgleich die Felder öde und die Weingärten kahl waren. Ein leichter Schleier von Rauhreif verwandelte die nackten Zweige, und sie schienen mit Diamanten bestreut, als wären sie in einen unberührbaren, paradiesischen Schleier gehüllt. Jedes Haus rauchte wegen des bevorstehenden Nachtmahls aus seinem Kamin, und der Rauch, der in Schwaden bis zum Hügel dort aufstieg, ließ die Stadt ebenfalls verschleiert erscheinen. Alles war keusch, gesammelt, in Erwartung... Auf dich, auf dich, mein Sohn! Die Erde spürte dein Kommen... Und auch die Bethlehemiten hätten dich gespürt, denn sie sind nicht böse, auch wenn ihr es nicht glauben wollt. Sie konnten uns nicht beherbergen... In den guten und ehrbaren Häusern Bethlehems drängten sich jene, die wie immer arrogant, taub und hochmütig waren und es auch noch heute sind; sie konnten dich nicht spüren... Wie viele Pharisäer, Sadduzäer, Herodianer, Schriftgelehrte und Essener waren da! Oh, ihr starrsinniges Wesen von heute kommt daher, daß sie schon damals so hartherzig waren. Sie haben an jenem Abend ihr Herz der Liebe für ihre arme Schwester verschlossen; sie sind so geblieben und werden auch in Zukunft in der Finsternis bleiben. Sie haben Gott schon damals abgewiesen, da sie nichts von der Liebe zum Nächsten wissen wollten.

Kommt, laßt uns zur Grotte gehen! Es ist unnötig, in die Stadt zu treten. Die liebsten Freunde meines Kindes sind nicht mehr. Es genügt die Freundin Natur mit ihren Felsen, ihrem Bach und ihrem Gehölz, um Feuer machen zu können. Die Natur hat das Kommen ihres Herrn gespürt. Kommt! Hier muß man abbiegen... Dies sind die Trümmer des Davidsturmes. Oh, sie sind uns teurer als ein Königreich! Gesegnete Ruinen! Gesegneter Bach! Gesegneter Baum, der du dich wie durch ein Wunder im Wind vieler Zweige entledigtest und uns Holz botest, um Feuer zu machen!»

Maria geht behend zur Grotte hinab, übersteigt den kleinen Bach auf einem Brett, das als Brücke dient, eilt auf den Platz vor den Trümmern und fällt am Eingang der Grotte auf die Knie. Sie neigt sich und küßt den Boden. Alle anderen folgen ihr. Sie sind erschüttert... Das Kind, das sie nicht einen Augenblick aus den Augen läßt, scheint einer wunderbaren Geschichte zu lauschen, und seine schwarzen Äuglein trinken die Worte und Gesten Marias, ohne auch nur eine davon zu verlieren.

Maria erhebt sich und geht hinein. «Alles, alles wie damals! ... Doch damals war es Nacht! Joseph machte Licht, als ich eintrat. Da, und nur da, als ich vom Eselchen abstieg, spürte ich, wie müde und durchfroren ich war... Ein Ochse begrüßte uns, und ich ging zu ihm hin, um mich ein wenig zu wärmen... um mich aufs Heu zu legen... Hier, wo ich stehe, breitete

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Joseph das Heu aus, um mir ein Lager herzurichten; er trocknete es für mich, wie auch für dich, Jesus, am Feuer, das dort in der Ecke brannte; denn er war gut wie ein Vater in seiner Liebe als Bräutigam-Engel... Wir hielten uns bei den Händen wie zwei verirrte Geschwister im Dunkel der Nacht; und wir aßen unser Brot und unseren Käse; dann ging er hin, das Feuer zu schüren. Er legte den Mantel ab, um ihn zum Schutz vor die Öffnung zu hängen... In Wirklichkeit senkte er einen Schleier vor die Herrlichkeit Gottes, die vom Himmel kam... du, mein Jesus!

Ich lag auf dem Heu in der Wärme der beiden Tiere, eingehüllt in einen Mantel und die Wolldecke... Mein lieber Bräutigam!

In der angstvollen Stunde, in der ich allein war mit dem Geheimnis der ersten Mutterschaft, die immer voller Ungewißheit für eine Frau ist und es auch für mich in meiner einzigen Mutterschaft war, geheimnisvoll auch, den Sohn Gottes aus sterblichem Fleisch erstehen zu sehen! Er, Joseph, war mir wie eine Mutter, war wie ein Engel; und er war mir Trost... damals und immer!

Und dann das Schweigen und der Schlummer, die niedersanken, um den Gerechten einzuhüllen, damit er nicht sehen konnte, was für mich der tägliche Kuß Gottes war... Und für mich, nach der Unterbrechung für die leiblichen Bedürfnisse, Wogen, unermeßliche Wogen der Ekstase, die aus dem paradiesischen Meer kamen und mich aufs neue emporhoben auf den leuchtenden und immer höheren Kämmen, die mich trugen, hinauf, hinauf, hinauf, in einen Ozean voller Licht und Freude, voll des Friedens und der Liebe, bis ich mich verlor im Meer Gottes, im Schoße Gottes... Noch eine Stimme von der Erde: "Schläfst du, Maria?" Oh, so weit entfernt! Ein Echo, eine Erinnerung an die Erde! Und so schwach, daß die Seele nicht erschrickt und nicht weiß, was sie antworten soll, während ich aufsteige, aufsteige in diesen Abgrund des Feuers, der unendlichen Seligkeit, der Vorahnung Gottes... bis zu ihm, zu ihm! Oh, aber du bist es, der mir geboren wurde, oder bin ich es, die von den drei Flammen dieser Nacht geboren wurde? Bin ich es, die dich geschenkt hat, oder hast du mich aufgesogen, um mich zu schenken? Ich weiß es nicht...

Dann der Abstieg, von Engelschor zu Engelschor, von Stern zu Stern, von Sphäre zu Sphäre, süß, sacht, selig, friedlich... wie eine Blume, die von einem Adler in die Höhe getragen und dann freigegeben, langsam auf den Flügeln der Lüfte niederschwebt, noch schöner geworden durch die Perlen des Taus und ein Stückchen Regenbogen am Himmel, das sie mitgenommen hat, um sich auf der heimatlichen Scholle wiederzufinden... Mein Diadem: du! Du an meinem Herzen...

Ich saß dort, nachdem ich dich auf den Knien angebetet hatte, und liebte dich! Endlich konnte ich dich liebhaben ohne die Schranken des Fleisches, und von dort habe ich dich zu dem getragen, der wie ich würdig war, dich als einer der ersten zu liebkosen. Dort, zwischen den beiden

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rohen Säulen, habe ich dich dem Vater aufgeopfert. Und dort hast du zum ersten Mal am Herzen Josephs geruht...

Dann habe ich dich in Windeln gewickelt, und zusammen haben wir dich dorthin gebettet. Ich wiegte dich in den Schlaf, während Joseph Heu am Feuer trocknete und es warmhielt, indem er es an seine Brust legte... Dann haben wir dich angebetet, so, über dich gebeugt, wie ich es jetzt tue, um deinen Atem zu trinken, um zu sehen, zu welcher Selbstverleugnung die Liebe führen kann; um aus Freude zu weinen, wie man nur im Himmel aus der unerschöpflichen Freude, Gott sehen zu dürfen, weinen kann.»

Maria, die beim Erzählen hin- und hergegangen ist, um die Stellen zu zeigen, von Liebe überwältigt, mit einem Tränenschimmer in den blauen Augen und einem Lächeln der Freude auf den Lippen, beugt sich nun über ihren Jesus, der sich auf einen großen Stein gesetzt hatte, während sie ihre Erinnerungen erzählt, und küßt ihn weinend auf die Haare, anbetend wie einst...

«Und dann die Hirten... sie hier drinnen, um mit ihrer guten Seele und dem großen Seufzer der Erde, der mit ihnen hereingekommen war, mit ihrem Geruch der Menschlichkeit, der Herden und des Heus, dich anzubeten; und draußen und überall die Engel, um dich mit ihrer Liebe, ihren Gesängen, die kein menschliches Geschöpf nachahmen kann, und der Liebe des Himmels, den Lüften des Himmels, die mit ihnen hereinwehten und die sie in ihrem Glanz mit sich trugen, zu preisen... Das war deine Geburt, Gesegneter!»

Maria ist an der Seite des Sohnes niedergekniet und weint vor Erregung, das Haupt auf seinen Knien... Niemand wagt eine Weile zu reden. Mehr oder weniger bewegt blicken die Anwesenden umher, als erwarteten sie, zwischen den Spinnweben und dem roten Gestein die beschriebene Szene gemalt zu sehen...

Maria erholt sich und sagt: «Nun habe ich die unendlich einfache und überaus großartige Geburt meines Sohnes geschildert, mit meinem Frauenherzen, nicht mit der Weisheit des Lehrers. Mehr gibt es nicht zu sagen, obwohl es das größte Weltereignis, verborgen unter den gewöhnlichsten Umständen, war!»

«Aber am Tag danach? Und an den darauffolgenden Tagen?» fragen mehrere, unter ihnen die beiden Marien.

«Am Tag danach? Oh, ganz einfach! Da war ich die Mutter, die das Kind stillte, es wusch und wickelte, wie es alle Mütter tun. Ich wärmte das Wasser vom Bach am Feuer, das draußen brannte, damit der Rauch die blauen Äuglein nicht zum Weinen reizte, und dann wusch ich mein Kind in einer geschützten Ecke in einer alten Schüssel und legte ihm frische Wäsche an. Und ich ging zum Bach, um die Windeln zu waschen und hängte sie zum Trocknen in der Sonne auf. Dann, die größte aller Freuden, legte

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ich Jesus an die Brust, und er trank und wurde rosig und glücklich... Am ersten Tag setzte ich mich auch in der wärmsten Stunde draußen hin, um ihn besser betrachten zu können. Drinnen war Zwielicht; Licht und Flamme gaben den Dingen ein verzerrtes Aussehen. Ich ging hinaus in die Sonne und betrachtete das fleischgewordene Wort. Da erkannte die Mutter den Sohn, und die Dienerin Gottes ihren Herrn. Und ich war Mutter und Anbeterin... Dann das Haus Annas. Die Tage an deiner Wiege, deine ersten Schritte, deine ersten Worte. Doch das geschah später, zu seiner Zeit. Nichts kam der Stunde deiner Geburt gleich ... Erst bei meiner Rückkehr zu Gott werde ich diese Fülle wiederfinden ...»

«Aber warum seid ihr so spät abgereist? Welch eine Unvorsichtigkeit! Warum konntet ihr nicht warten? Das Dekret sah doch einen verlängerten Termin für Ausnahmefälle, wie Geburten oder Krankheiten, vor! Alphäus sagte es ...» erklärt Maria des Alphäus.

«Warten? O nein! Am gleichen Abend, als Joseph die Nachricht brachte, hüpften wir, ich und du, Sohn, vor Freude. Das war der Ruf... denn hier, nur hier, solltest du geboren werden, wie es die Propheten vorhergesagt hatten. Das unvorhergesehene Dekret war wie ein barmherziger Himmel, der in Joseph auch die Erinnerung an seinen Verdacht auslöschte. Das war es, was ich erwartet hatte, deinetwegen und seinetwegen, für die jüdische Welt und für die zukünftige Welt, bis zum Ende der Zeiten. Es war vorhergesagt worden! Und so, wie es vorhergesagt war, so ist es geschehen! Warten? Kann eine Braut lange auf ihren Hochzeitstraum warten? Warum denn warten?»

«Aber was hätte alles passieren können!» sagt wieder Maria des Alphäus.

«Ich hatte keine Angst. Ich ruhte in Gott.»

«Aber hast du denn gewußt, daß alles so kommen werde?»

«Niemand hat es mir gesagt, und ich habe auch nicht darüber nachgedacht; um Joseph zu ermutigen, ließ ich ihn und auch euch im Zweifel über die Zeit der Niederkunft. Aber ich wußte, dies wußte ich, daß am Fest der Lichter das Licht der Welt geboren werde.»

«Warum hast du denn Maria nicht begleitet, Mutter? Und der Vater, warum hat er nicht daran gedacht? Auch ihr mußtet euch nach Bethlehem begeben! Sind denn nicht alle gegangen?» fragt Judas Thaddäus seine Mutter streng.

«Dein Vater hatte beschlossen, nach dem Lichterfest hierherzukommen, und sagte es seinem Bruder. Aber Joseph wollte nicht warten.»

«Aber du wenigstens...» fängt Judas Thaddäus wieder an.

«Rüge sie nicht, Judas! Wir hatten es gemeinsam für richtig gehalten, einen Schleier über das Geheimnis dieser Geburt zu breiten.»

«Aber wußte Joseph denn, daß es nach diesen Anzeichen geschehen werde? Wenn du es nicht gewußt hast, wie konnte er es wissen?»

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«Wir wußten nur, daß er geboren werde.» «Und dann?»

«Und dann hat uns die göttliche Weisheit so geleitet, wie es richtig war. Die Geburt Jesu, sein Erscheinen auf der Welt, sollte ohne Aufsehen erfolgen; denn ein allgemeines Aufsehen hätte Satan nur gereizt... Ihr seht, daß die augenblickliche Ablehnung des Messias in Bethlehem eine Folge der ersten Erscheinung Christi ist. Die Wut Satans benützte die Offenbarung, um Blut zu vergießen und durch das Blutvergießen Haß zu erzeugen! Bist du zufrieden, Simon des Jonas, weil du so still bist und kaum atmest ?»

«Sehr... So sehr, daß es mir vorkommt, außerhalb der Welt zu sein, an einem noch heiligeren Ort als hinter dem Tempelvorhang... So sehr, daß ich nun, da ich dich an diesem heiligen Ort im Lichte von damals gesehen habe, befürchte, dir nicht genügenden Respekt bezeugt zu haben; wie einer großen Frau, aber eben doch wie einer Frau... Nun werde ich nicht mehr wagen wie bisher Maria zu dir zu sagen. Vorerst bist du für mich die Mutter meines Meisters. Jetzt habe ich dich auf dem Kamm der himmlischen Wellen als Königin gesehen; ich Armseliger werde dies tun als Sklave, der ich bin.» Er wirft sich zu Boden und küßt Maria die Füße.

Nun sagt Jesus: «Simon, steh auf! Komm her zu mir!»

Petrus geht auf die linke Seite Jesu, denn Maria steht rechts.

«Was sind wir nun?» fragt Jesus.

«Wir? Nun, wir sind Jesus, Maria und Simon.» «Gut, aber wie viele sind wir?» «Drei, Meister.»

«Eine Dreiheit also. Eines Tages entstand in der göttlichen Dreifaltigkeit im Himmel ein Gedanke: "Jetzt ist die Zeit gekommen, daß das Wort auf die Erde gehe." Und in einem Herzschlag der Liebe kam das Wort zur Erde. Es trennte sich also vom Vater und vom Heiligen Geist. Es kam, um auf der Erde zu wirken. Im Himmel betrachteten die beiden Zurückgebliebenen die Werke des Wortes, und sie bleiben mehr denn je vereinigt, um in das auf der Erde wirkende Wort Gedanken und Liebe zu ergießen. Es wird der Tag kommen, an dem vom Himmel der Befehl ergehen wird: "Es ist Zeit, daß du zurückkehrst, denn alles ist erfüllt"; dann wird das Wort zum Himmel zurückkehren, so... (Jesus zieht sich einen Schritt zurück, während Maria und Simon stehen bleiben), und aus den Höhen des Himmels wird es dann die Werke der beiden auf der Erde Zurückgebliebenen betrachten, die aus heiligen Beweggründen sich enger zusammenschließen, um Macht und Liebe auszugießen und sie zum Mittel zu machen, mit dem der Wunsch des Wortes erfüllt wird: "Die Erlösung der Welt durch andauernde Unterweisung seiner Kirche." Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist werden aus ihren Strahlen ein Band machen, um die beiden auf der Erde Zurückgebliebenen immer fester aneinander zu ketten:

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meine Mutter, die Liebe, und dich Petrus, die Macht! Daher mußt du Maria wohl als Königin behandeln, ja, aber nicht wie ein Sklave. Meinst du nicht auch?»

«Ich will alles, was du willst. Ich bin vernichtet! Ich die Macht? Oh, wenn ich die Macht sein soll, dann muß ich mich auf sie stützen! Oh, Mutter meines Herrn, verlasse mich nicht! Nie! Nie! Nie!»

«Hab keine Angst. Ich werde dich immer an der Hand halten, so wie ich es mit meinem Kind tat, solange es nicht allein gehen konnte.»

«Und nachher?»

«Dann werde ich dir mit meinem Gebet beistehen. Auf, Simon, zweifle nie an der Macht Gottes! Ich habe nie daran gezweifelt; Joseph ebenfalls nicht. Auch du darfst nicht zweifeln. Gott hilft uns Stunde für Stunde, wenn wir demütig und treu bleiben... Nun kommt hinaus zum Bach, in den Schatten des guten Baumes, der uns, wenn der Sommer fortgeschritten wäre, außer dem Schatten auch seine Äpfel spenden würde. Kommt, wir wollen etwas essen, bevor wir weitergehen... Wohin, mein Sohn?»

«Nach Jala. Es ist nicht weit dorthin. Morgen werden wir nach Bethsur gehen.»

Sie setzen sich in den Schatten des Apfelbaumes, und Maria lehnt sich an den kräftigen Stamm.

Bartholomäus blickt sie unentwegt an, die junge und noch ganz in der Erinnerung verzückte Mutter, wie sie nun vom Sohn die gesegneten Speisen empfängt und ihm mit liebevollen Blicken zulächelt und er flüstert: «"In seinem Schatten habe ich mich ausgeruht, und seine Speise ist meinem Gaumen süß."»

Judas Thaddäus antwortet ihm: «Wahrlich, sie sehnt sich nach Liebe; aber man kann gewiß nicht sagen, daß sie unter einem Apfelbaum geweckt wurde.»

«Warum nicht, Bruder? Was wissen wir von den Geheimnissen des Königs?» entgegnet Jakobus des Alphäus.

Jesus sagt lächelnd: «Die neue Eva ist vom Gedanken zu Füßen des paradiesischen Apfelbaums empfangen worden, damit vor ihrem Lachen und ihrem Weinen die Schlange fliehe und die vergiftete Frucht entgiftet werde. Sie ist zum Baum der Frucht der Erlösung geworden. Kommt, Freunde, und eßt davon; denn sich nähren mit ihrer Süßigkeit heißt, sich mit dem Honig Gottes nähren.»

«Meister, erfülle mir einen alten Wunsch und antworte mir auf die Frage: Bezieht sich das Hohelied, das wir zitiert haben, auf sie?» fragt Bartholomäus leise, während Maria sich des Kindes annimmt und mit den Frauen spricht.

«Vom Anfang des Buches an ist von ihr die Rede, und von ihr werden die zukünftigen Bücher reden, bis das Wort des Menschen sich in das ewige

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Hosanna der ewigen Stadt Gottes verwandelt», und Jesus wendet sich den Frauen zu.

«Wie spürt man doch, daß es von David abstammt! Welche Weisheit, welche Poesie!» sagt der Zelote zu den Gefährten.

«Nun», mischt sich Iskariot ein, der noch unter dem Eindruck des Vortages steht und wenig spricht, obgleich er schon versucht, sich die üblichen Freiheiten herauszunehmen. «Nun, ich möchte wissen, warum die Menschwerdung erfolgen mußte. Nur Gott kann so reden, daß Satan machtlos wird. Nur Gott hat die Macht, die Erlösung zu bringen. Daran zweifle ich nicht. Ich meine nur, es wäre nicht nötig gewesen, daß das Wort sich so sehr erniedrige und selbst Mensch werde, sich allen Beschwerden der Kindheit und des Menschseins aussetze usw. Hätte es nicht in der Gestalt eines erwachsenen Menschen erscheinen können? Oh, wenn es absolut eine Mutter haben wollte, hätte es sich eine Adoptivmutter aussuchen können, wie es für den Nährvater geschehen ist. Ich glaube, diese Frage schon einmal gestellt zu haben, aber Jesus hat mir nicht ausführlich geantwortet, oder ich muß die Antwort vergessen haben.»

«Frag ihn doch! Wir sind noch beim Thema...» sagt Thomas.

«Ich tue es nicht. Ich habe ihn gekränkt und fühle, daß mir noch nicht vergeben worden ist. Fragt ihr ihn an meiner Stelle.»

«Aber entschuldige! Wir nehmen alles an ohne viele Erklärungen; jetzt sollen wir für dich fragen? Das ist nicht recht!» entgegnet Jakobus des Zebedäus.

«Was ist nicht recht?» fragt Jesus.

Erst herrscht betretenes Schweigen, dann macht sich der Zelote zum Sprecher für alle und wiederholt die Fragen des Judas von Kerioth und die Antworten der anderen.

«Ich kenne keinen Groll; das fürs erste. Ich mache die notwendigen Bemerkungen, leide und verzeihe. Dies für den, der infolge seiner Verwirrung Angst hat. Über meine Menschwerdung sage ich: "Es ist gut, daß es so gewesen ist." In Zukunft werden viele in bezug auf meine Menschwerdung dem Irrtum verfallen, mir Formen zuzuschreiben, die Judas irrtümlicherweise in mir sehen möchte. Man wird zum Beispiel sagen, daß ich scheinbar einen materiellen Körper hatte, in Wirklichkeit aber ungreifbar wie eine Lichterscheinung. Man wird behaupten, daß ich nicht wirklich Fleisch geworden bin, und daß die Mutterschaft Marias keine wirkliche gewesen ist. In Wahrheit aber bin ich Fleisch und in Wahrheit ist Maria die Mutter des fleischgewordenen Wortes. Wenn die Stunde der Geburt nur eine Ekstase war, dann deshalb, weil sie die neue Eva ohne die Last der Sünde und ohne die Erbschaft der Strafe ist. Aber es war für mich nicht erniedrigend in ihr zu ruhen. War denn vielleicht das im Tabernakel eingeschlossene Manna entehrt? Nein, es war vielmehr geehrt in dieser Behausung. Andere werden sagen, daß ich, weil ich nicht wirklich Fleisch

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war, nicht gelitten habe und nicht gestorben bin während meines Aufenthalts auf Erden. Ja, da man nicht leugnen kann, daß ich auf Erden war, wird man meine wirkliche Menschwerdung oder meine wahre Gottheit verneinen. Doch ich bin in Wirklichkeit auf ewig eins mit dem Vater, und ich bin im Fleisch mit Gott vereinigt, denn die Liebe hat wahrhaftig in ihrer Vollkommenheit das Unerreichbare erreicht und sich mit Fleisch bekleidet, um das Fleisch zu erlösen. Eine Antwort auf alle die Irrlehren ist mein ganzes Leben, das von der Geburt bis zum Tod Blut vergossen und sich allem unterworfen hat, was menschlich ist, außer der Sünde. Geboren, ja, von ihr! Und zu eurem Wohl. Ihr wißt nicht, wie sehr die Gerechtigkeit besänftigt worden ist, seit sie, die Frau, Mitwirkende ist. Habe ich dich zufriedengestellt, Judas?»

«Ja, Meister.»

«Nun tue du dasselbe mit mir.»

Iskariot neigt das Haupt, verwirrt und vielleicht auch wirklich etwas betroffen von so viel Güte.

Der Aufenthalt verlängert sich im kühlen Schatten des Apfelbaums. Die einen schlafen, die anderen träumen. Maria aber steht auf und geht in die Grotte zurück; Jesus folgt ihr...

249. AUF DEM WEG ZU ELISA IN BETHSUR

«Wir werden sie sicher finden, wenn wir einige Zeit dem Weg nach Hebron folgen. Ich bitte euch darum. Geht zu zweit auf die Suche nach ihnen auf den Gebirgspfaden. Von hier zu den Teichen Salomons, von dort nach Bethsur. Wir werden nachkommen. Hier ist ihr Weidegebiet», sagt der Herr zu den Zwölfen, und ich verstehe, daß er von den Hirten spricht.

Die Apostel schicken sich an, jeder mit seinem Lieblingsgefährten zu gehen, und nur das fast unzertrennliche Paar Johannes und Andreas bleibt nicht bestehen, denn beide gehen zu Iskariot und sagen: «Ich schließe mich dir an!» Judas antwortet: «Ja, komm Andreas! Es ist besser so, Johannes. Wir beide kennen die Hirten; es ist daher besser, wenn du mit einem anderen gehst.»

«Dann kommt der Junge mit mir», sagt Petrus und verläßt Jakobus des Zebedäus, der ohne Widerrede mit Thomas geht, während der Zelote mit Judas Thaddäus, Jakobus des Alphäus mit Matthäus und die beiden Unzertrennlichen, Philippus und Bartholomäus, zusammen gehen. Das Kind bleibt bei Jesus und den Marien.

Die Straße ist kühl und schön inmitten der grünen Berge, die mit Sträuchern und Wiesen bewachsen sind. Man begegnet Herden, die sich im bleichen Morgenlicht zu ihren Weiden begeben.

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Bei jedem Glöckchengeklingel hört Jesus auf zu reden und schaut sich um; er fragt die Hirten, ob Elias, der Hirte von Bethlehem, sich in der Gegend befinde. Ich verstehe, daß Elias nunmehr der "Bethlehemit" genannt wird. Obgleich es andere Hirten von dort gibt, ist er von Rechts wegen oder zum Scherz der "Bethlehemit". Doch keiner weiß, wo er sich aufhält. Sie antworten, indem sie die Herden stehen lassen und aufhören, auf ihren einfachen Flöten zu spielen. Die Jungen haben fast alle primitive Rohrflöten, was Margziam in Entzücken versetzt, bis ein guter, alter Hirte ihm die Flöte seines Enkels schenkt und sagt: «Er kann sich eine andere machen.» Margziam geht glücklich mit seinem am Hals hängenden Instrument weiter, auch wenn er es vorerst noch nicht zu benützen versteht.

«Ich würde mich sehr freuen, ihm zu begegnen!» ruft Maria aus.

«Wir werden ihn bestimmt finden. Zu dieser Jahreszeit sind sie immer in der Gegend von Hebron.»

Der Junge hat Interesse an den Hirten, die Jesus als Kind gesehen haben; er stellt Maria tausend Fragen, die sie liebevoll und geduldig beantwortet.

«Aber warum hat man sie bestraft? Sie taten doch nur Gutes!» sagt er, nachdem ihm von ihrem Schicksal berichtet worden ist.

«Weil der Mensch oft Fehler macht und Unschuldige des Übels bezichtigt, das ein anderer angerichtet hat. Da die Hirten aber gut waren und zu verzeihen wußten, liebt sie Jesus so sehr. Man muß immer verzeihen!»

«Aber alle diese Kinder, die umgebracht worden sind, wie haben sie dem Herodes verzeihen können?»

«Sie sind kleine Märtyrer, Margziam, und die Märtyrer sind Heilige. Sie verzeihen nicht nur ihrem Mörder, sondern lieben ihn, weil er ihnen den Himmel öffnet.»

«Aber sind sie denn im Himmel?»

«Nein, noch nicht. Aber sie sind in der Vorhölle, zur Freude der Patriarchen und der Gerechten!»

«Warum?»

«Weil sie gesagt haben, als sie dort angekommen sind mit ihrer von Blut purpurroten Seele: "Wir sind die Herolde des Erlösers Christus. Freut euch, die ihr wartet, denn er ist schon auf der Erde." Und alle liebten die Künder dieser guten Botschaft.»

«Die gute Botschaft, hat mein Vater gesagt, ist auch das Wort Jesus. Wenn also mein Vater in die Vorhölle kommt, nachdem er das Wort auf Erden verkündet hat, und wenn auch ich dorthin gelange, werden wir dann ebenfalls geliebt?»

«Du wirst nicht in die Vorhölle kommen, Kleiner.»

«Warum?»

«Weil Jesus dann schon in den Himmel zurückgekehrt ist und diesen

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geöffnet hat, so daß alle Guten sofort nach dem Tod in den Himmel eingehen.»

«Ich will gut sein, ich verspreche es dir. Und Simon des Jonas auch, nicht wahr? Ich will nicht zum zweiten Mal Waisenkind werden.»

«Auch er will es nicht, sei dessen versichert. Aber im Himmel gibt es keine Waisen. Wir haben Gott, und Gott ist alles. Auch hier sind wir nicht allein, denn der Vater ist immer bei uns.»

«Aber Jesus sagt in dem schönen Gebet, das du mich am Tag, und meine Mama mich in der Nacht lehrt: "Vater unser, der du bist im Himmel." Wir sind aber noch nicht im Himmel. Wie können wir dann bei ihm sein?»

«Wir sind bei ihm, weil Gott allgegenwärtig ist, mein Sohn. Er wacht über das Kind, das auf die Welt kommt, und über den Greis, der stirbt. Das Kind, das in diesem Augenblick am äußersten Ende der Welt geboren wird, hat das Auge Gottes und seine Liebe über sich und wird sie bis ans Lebensende haben.»

«Auch wenn es böse ist, wie Doras?»

«Auch dann.»

«Aber kann denn Gott, der gut ist, Doras lieben, der böse ist und den alten Vater zum Weinen bringt?»

«Er schaut auf ihn mit Abscheu und Schmerz. Aber wenn er sich bekehrt und bereut, dann würde er zu ihm sprechen wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Du solltest beten, daß er sich bekehrt und ...»

«O nein, Mutter! Ich werde beten, daß er stirbt!» sagt das Kind, entrüstet. Wenn diese Antwort kaum engelgleich ist, so ist doch die Inbrunst derart ehrlich, daß die anderen nur herzlich lachen können.

Doch dann nimmt Maria wieder ihren sanften Ernst als Lehrerin an: «Nein, mein Lieber, so darf man einen Sünder nicht behandeln. Wir müssen dem Nächsten, auch wenn er sehr böse ist, das Beste wünschen. Das Leben ist ein Gut; denn es gibt dem Menschen die Möglichkeit, Verdienste in den Augen Gottes zu erwerben.»

«Aber wenn einer böse ist, dann begeht er Sünden.»

«Man muß beten, daß er sich bessert!»

Das Kind denkt nach. Doch die Unterweisung befriedigt Margziam nicht, und er schließt: «Doras wird sich nie bessern, auch wenn ich bete. Er ist zu böse! Nicht einmal, wenn alle Märtyrer-Kinder mit mir beteten, würde er sich bekehren. Weißt du nicht... weißt du nicht... daß er den alten Vater einmal mit einer Eisenrute geschlagen hat, weil er ihn während der Arbeitszeit sitzend angetroffen hatte? Er konnte nicht mehr stehen, denn er fühlte sich krank, und Doras hat ihn geprügelt, bis er wie tot am Boden lag, und dann hat er ihm einen Fußtritt ins Gesicht gegeben... Ich hatte es gesehen, denn ich war hinter einer Hecke verborgen... Ich war bis dorthin gegangen, denn niemand hatte mir seit zwei Tagen Brot gegeben,

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und ich hatte Hunger... Ich mußte fortlaufen, um nicht entdeckt zu werden, denn ich habe laut geweint, als ich den alten Vater so liegen sah, mit Blut im Bart, wie tot... Ich bin weinend fortgelaufen und habe um Brot gebettelt... aber dieses Brot habe ich immer noch hier... denn es riecht nach dem Blut meines Vaters und nach seinen Tränen und meinen und dem Blut von allen Gemarterten. Ich kann jene nicht lieben, die quälen. Ich würde Doras gern prügeln, damit er spürt, wie Schläge wehtun; ohne Brot würde ich ihn lassen, damit er begreift, was Hunger ist, und in der heißen Sonne würde ich ihn arbeiten lassen, im Schlamm, unter der Drohung des Aufsehers und ohne Nahrung, damit er erkennt, was er den Armen antut... Ich kann ihm nicht gut sein, denn er bringt meinen heiligen Vater um, und ich... wenn ich euch nicht gefunden hätte... wem würde ich gehören?» Das Kind klagt und weint, es zittert, ist verstört und ballt die kleinen Hände zur Faust, schlägt in die Luft, da es den Schinder nicht schlagen kann.

Die Frauen sind erstaunt und gerührt und versuchen Jabe zu beruhigen. Er aber macht eine wahrhaft schmerzvolle Krise durch und hört auf nichts. Er schreit: «Ich kann nicht! Ich kann ihn nicht lieben und ihm nicht verzeihen. Ich hasse ihn, für alle hasse ich ihn, ich hasse ihn, ich hasse ihn!»

Es ist mitleiderregend und beängstigend. Es ist die Erregung eines Geschöpfes, das zuviel gelitten hat. Und Jesus sagt: «Das ist das größte Verbrechen des Doras: daß er ein unschuldiges Kind zum Hassen gebracht hat ...»

So schließt er das Kind in seine Arme und sagt: «Höre, Margziam. Willst du eines Tages mit der Mama, dem Vater, den Geschwistern und dem alten Vater zusammen sein?»

«Jaaa!»

«Dann darfst du niemand hassen. Wer haßt, kann nicht in den Himmel eintreten. Kannst du jetzt für Doras nicht beten? Dann bete eben nicht; aber hasse auch nicht! Weißt du, was du kannst? Schau einfach nicht mehr zurück, denke nicht mehr an das Vergangene ...»

«Aber der Vater, der leidet, ist nicht Vergangenheit.»

«Das ist wahr. Aber schau, Margziam, versuch einmal, so zu beten: "Vater unser, der du bist im Himmel, denk du an das, was ich so sehr wünsche..." Du wirst sehen, daß der Vater dich auf die beste Weise erhören wird. Wenn du Doras umbringen würdest, was würdest du damit erreichen? Du würdest die Liebe Gottes, den Himmel und die Wiedervereinigung mit Vater und Mutter verlieren, du würdest und könntest dem Greis, den du liebst, die Leiden nicht nehmen. Du bist zu klein, um dies zu tun. Aber Gott kann es! Sag es ihm. Sag: "Du weißt, wie ich den armen Vater liebe, wie ich alle liebe, die unglücklich sind. Sorge du für sie, der du alles vermagst." Wie? Willst du nicht die gute Botschaft verkünden? Aber sie

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spricht von Liebe und Verzeihen! Wie kannst du einem anderen sagen: "Hasse nicht! Verzeih!" wenn du selbst nicht lieben und verzeihen kannst? Laß den lieben Gott machen, und du wirst sehen, wie gut er vorsorgt. Willst du es tun?»

«Ja, denn ich habe dich lieb.»

Jesus küßt das Kind und stellt es auf die Erde.

Die Episode ist zu Ende, und auch die Straße. Die drei großen in den Bergfelsen gehauenen Becken, wahrhaftig ein wundervolles Werk, leuchten an der klaren Oberfläche. Vom ersten Becken fällt das Wasser in das zweite, größere und von diesem in das dritte, das einem kleinen See gleicht, von dem aus Wasserleitungen bis zu fernen Städten führen. Aufgrund der Feuchtigkeit in dieser Gegend ist der ganze Berg, von der Quelle bis zum Stausee und von dort bis zu den Feldern, von einer beeindruckenden Fruchtbarkeit, und verschiedene Blumen zieren zusammen mit seltenen, duftenden Kräutern die grünen Ufer. Es scheint, daß hier vom Menschen Gartenblumen und Würzkräuter gesät werden, die dank der warmen Sonne die Luft mit ihrem Duft von Zimt, Kampfer, Nelken, Lavendel und anderen würzigen, starken und wohltuenden Gerüchen erfüllt: eine herrliche Mischung feinster Wohlgerüche der Erde! Ich würde sagen, es ist eine Symphonie der Wohlgerüche, ein Hymnus von Kräutern und Blumen in Farben und Düften.

Alle Apostel sitzen im Schatten eines Baumes mit großen, weißen Blüten, dessen Name mir unbekannt ist. Die Blüten gleichen großen Glocken aus weißem Email und schwingen beim leisesten Windhauch hin und her; sie strömen zugleich einen süßen Duft aus. Die Blüte erinnert mich an den Strauch, der in Kalabrien wächst und der "Bottaro" heißt; aber dies hier ist ein Baum mit einem starken Stamm und kein Strauch.

Jesus ruft die Apostel, und sie eilen herbei.

«Joseph haben wir fast sofort gefunden, da er von einem Markt zurückkehrte. Heute abend werden sie alle in Bethsur sein. Wir haben uns wiedervereinigt, indem wir uns laut zugerufen haben, und warteten hier im Schatten», erklärt Petrus.

«Welch ein schöner Ort! Ein wahrer Garten! Wir haben uns darüber unterhalten, ob er auf natürliche Weise entstanden ist oder nicht; die einen vertreten hartnäckig die eine Ansicht, und die anderen die andere», sagt Thomas.

«Die Erde Judäas hat diese Herrlichkeiten», sagt Iskariot, von allem unvermeidlich zum Stolz veranlaßt, sogar von Blumen und Kräutern.

«Ja, aber... Ich glaube, wenn man zum Beispiel den Garten Johannas in Tiberias sich selbst überlassen und verwildern ließe, besäße auch Galiläa die Pracht herrlicher Rosen zwischen Ruinen», entgegnet Jakobus des Zebedäus.

«Da hast du recht. In dieser Gegend waren die Gärten Salomons, die

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weltberühmt wurden wie seine Paläste. Vielleicht hat er hier das Hohelied ersonnen und auf die Heilige Stadt alle die hier nach seinem Willen entstandenen Schönheiten übertragen», sagt Jesus.

«Dann hatte ich also recht!» sagt Thaddäus.

«Du hattest recht! Weißt du Meister, er zitierte aus dem Ekklesiastikus und vereinigte die Idee der Gärten mit jener der Wasserbecken und schloß: "Aber er erkannte, daß alles vergänglich ist und nichts unter der Sonne Bestand hat, außer dem Worte meines Jesus"», sagt der andere Vetter, Jakobus.

«Ich danke dir. Aber laßt uns auch Salomon danken, ob die Blumen nun von ihm stammen oder nicht. Sicher ist, daß es seine Wasserbecken sind, die Gras und Menschen versorgen. Er sei dafür gepriesen! Gehen wir zum großen Rosenstock, dessen Ranken sich von Baum zu Baum schlingen und eine blühende Überdachung bilden. Dort wollen wir Rast halten. Wir sind bereits auf halbem Weg.»

... Zur neunten Stunde wird die Wanderung fortgesetzt, da nun die Schatten der Bäume in dieser gut bebauten Gegend schon länger werden. Man hat das Gefühl, durch einen weitangelegten botanischen Garten zu wandeln, denn jede Pflanze, ob es sich nun um Bäume für Brennholz, um Obstbäume oder Zierpflanzen handelt, ist hier vertreten. Nicht selten treffen sie Landarbeiter an, die aber kein Interesse für vorüberziehende Gruppen zeigen. Es ist ja auch nicht die einzige. Andere Gruppen von Hebräern befinden sich auf dem Rückweg vom Osterfest.

Die Straße ist einigermaßen gut, obwohl sie sich zwischen den Bergen hindurchschlängelt; die immer wechselnde Landschaft belebt die Einförmigkeit der Wanderung. Bäche und Wildbäche zeichnen Kommas aus flüssigem Silber und schreiben Wörter, die in den tausenden von Windungen singen, während sie unter Gebüsche gleiten oder in Höhlen verschwinden, um an anderer Stelle noch schöner hervorzustürzen. Es scheint, als spielten sie wie fröhliche Kinder mit Pflanzen und Steinen. Auch Margziam, der vollkommen beruhigt ist, spielt und übt sich auf seinem Instrument, die Vögel nachzuahmen. Doch seine Musik ist kein Singen, sondern ein verstimmtes Gejammer, das einigen in der Gruppe ziemlich auf die Nerven geht, wie Bartholomäus aufgrund seines Alters und Judas Iskariot aus vielerlei Gründen. Doch niemand sagt es offen, und das Kind pfeift, dahin und dorthin hüpfend. Nur zweimal deutet es auf ein Dörflein, das mitten im Wald gelegen ist, und fragt: «Ist dies mein Dorf?» und wird dabei ganz blaß. Doch Simon, der immer in seiner Nähe bleibt, antwortet: «Deines ist weit entfernt von hier. Komm, laß uns diese schöne Blume pflücken, um sie Martha zu bringen», und lenkt ihn damit ab.

Die Dämmerung bricht herein, als Bethsur auf seinem Hügel sichtbar wird. Fast gleichzeitig erscheinen auf einem Nebenweg Herden, die Hirten

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eilen herbei. Als Elias sieht, daß auch Maria da ist, erhebt er erstaunt die Arme zum Himmel, steht fassungslos da und wagt es nicht zu glauben.

«Der Friede sei mit dir, Elias! Ich bin es wirklich. Es ist dir versprochen worden, und es war nicht möglich uns in Jerusalem zu treffen... Doch denk nicht daran. Jetzt sehen wir uns», sagt Maria mit sanfter Stimme.

«Oh, Mutter! Mutter! ...» Elias ist unfähig, andere Worte zu finden. Dann faßt er sich endlich: «Jetzt feiere ich mein Osterfest! Ja, das Fest, besser noch...»

«Ja, Elias! Wir haben gut verkaufen können. Wir können ein Lamm schlachten. Oh, seid die Gäste unseres armen Mahles», bitten Levi und Joseph.

«Heute abend sind wir müde. Morgen. Hört, kennt ihr eine gewisse Elisa, die Frau Abrahams des Samuel?»

«Ja. Sie ist in ihrem Haus in Bethsur. Doch Abraham ist tot, und im letzten Jahr sind auch ihre beiden Söhne nach kurzer Krankheit gestorben. Woran der erste gestorben ist, hat man nie herausgefunden. Der andere ist langsam dahingesiecht, und nichts hat das Übel aufhalten können. Wir haben ihm Milch einer zum erstenmal Mutter gewordenen Ziege gegeben; denn die Ärzte hatten dies für den Kranken empfohlen. Er hat viel davon getrunken, und alle Hirten haben ihn damit versorgt, denn die arme Mutter hatte überall nach einer Ziege herumgefragt, die zum erstenmal Milch gab. Aber es war alles nutzlos. Als wir wieder hierherkamen, konnte der Junge nichts mehr zu sich nehmen. Und als wir im Adar zurückkehrten, war er schon zwei Monate tot.»

«Meine arme Freundin! Sie war so gut zu mir im Tempel... Sie war eine entfernte Verwandte... Sie war gut... Sie verließ den Tempel, um Abraham zu heiraten, dem sie von Kindheit an versprochen war, zwei Jahre vor mir, und ich erinnere mich an sie, als sie kam, um ihren Erstgeborenen dem Herrn aufzuopfern. Sie hat mich rufen lassen; nicht nur mich allein, aber dann wollte sie lange Zeit mit mir allein sein... Und nun ist sie allein. Oh, ich muß mich beeilen, um sie zu trösten! Ihr bleibt zurück. Ich werde mit Elias gehen und allein eintreten. Der Schmerz verlangt Achtung in seiner Umgebung...»

«Auch ich nicht, Mutter?»

«Du immer. Aber die anderen... Nicht einmal du, Kleiner. Es würde ihr Schmerz bereiten. Komm, komm, Jesus!»

«Erwartet uns auf dem Dorfplatz. Sucht eine Unterkunft für die Nacht. Lebt wohl», befiehlt Jesus.

Nur von Elias begleitet, gehen Jesus und die Mutter bis zu einem großen Haus, das verschlossen und schweigend dasteht. Dort klopft der Hirte mit seinem Stock an die Tür. Ein Dienerin zeigt ihr Gesicht am kleinen Fenster und fragt, wer da sei. Maria geht nach vorne und sagt: «Maria des Joachim und ihr Sohn aus Nazareth. Sag es deiner Herrin.»

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«Es ist unnütz. Sie will niemand sehen. Sie wird in der Trauer sterben.»«Versuche es!»

«Nein. Ich weiß, daß sie mich fortjagt, wenn ich versuche, sie abzulenken und zu zerstreuen. Sie will niemand sehen und mit niemand sprechen. Sie spricht nur mit der Erinnerung ihrer Söhne...»

«Geh, Frau! Ich befehle es dir! Sage ihr: "Die kleine Maria von Nazareth ist gekommen, die dir im Tempel Tochter war..." Du wirst sehen, sie wird mich empfangen.»

Die Frau geht kopfschüttelnd fort. Maria erklärt dem Sohn und den Hirten: «Elisa war viel älter als ich. Sie wartete im Tempel auf die Rückkehr des Bräutigams, der in Erbschaftsangelegenheiten nach Ägypten gegangen war, sie blieb darum über das übliche Alter hinaus. Sie ist etwa zehn Jahre älter als ich. Die Lehrerinnen gaben immer die jüngsten Zöglinge den ältesten zur Betreuung... Und sie war meine Lehr-Gefährtin. Sie war gut und... Da kommt die Frau!»

Tatsächlich eilt die erstaunte Dienerin herbei und öffnet weit das Tor. «Komm herein, komm herein!» sagt sie. Und dann mit leiser Stimme: «Sei gesegnet, weil du sie aus der Kammer herausholst!»

Elias verabschiedet sich, und Maria begibt sich mit Jesus in das Haus.

«Aber dieser Mann... Barmherzigkeit! Er ist im gleichen Alter wie Levi ...»

«Laß ihn eintreten. Er ist mein Sohn und wird sie besser trösten können als ich.»

Die Frau zuckt mit den Schultern und geht ihnen im langen Vestibül eines schönen, aber traurigen Hauses voraus. Alles ist sauber, aber alles scheint auch tot zu sein...

Eine hochgewachsene Frau, gebeugt in ihren dunklen Gewändern, kommt ihnen im Halbdunkel entgegen.

«Elisa! Liebe! Ich bin Maria!» sagt Maria, ihr entgegeneilend und sie umarmend.

«Maria, du? ... Ich dachte, auch du wärst gestorben. Man hatte es mir erzählt... Wann? Ich weiß es nicht mehr. Ich habe eine Leere im Kopf... Es war mir gesagt worden, du seist mit vielen anderen Müttern nach der Ankunft der Weisen gestorben. Aber wer hat mir gesagt, daß du die Mutter des Erlösers bist?»

«Vielleicht die Hirten...»

«Oh, die Hirten!» Die Frau bricht in ein angstvolles Weinen aus. «Sag diesen Namen nicht. Er erinnert mich an die letzte Hoffnung für Levi. Und doch... ja... ein Hirte erzählte mir vom Erlöser, und ich habe meinen Sohn getötet, weil ich ihn dorthin brachte, wo angeblich der Erlöser sein sollte: zum Jordan. Aber es war niemand dort... und mein Sohn ist gerade rechtzeitig zurückgekehrt, um zu Hause zu sterben... Die Mühe, die Kälte... Ich habe ihn getötet... Aber ich wollte doch keine Mörderin sein.

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Man hatte mir gesagt, daß er, der Messias, Krankheiten heilen kann... und ich habe es deswegen getan... Nun klagt mich mein Sohn an, daß ich ihn getötet habe...»

«Nein, Elisa, das bildest du dir nur ein. Höre! Ich glaube, dein Sohn hat mich an der Hand genommen und gesagt: "Komm zu meiner lieben Mama. Bringe ihr den Erlöser. Mir geht es hier besser als auf Erden. Aber sie fühlt nur ihren Schmerz, und sie hört meine Worte nicht, die ich ihr unter den Küssen zuflüstere. Arme Mama! Sie scheint von einem Dämon besessen, der sie zur Verzweiflung bringen will, um uns zu trennen. Während wir für immer vereint wären, wenn sie sich ergeben und glauben wollte, daß Gott für alles seine guten Gründe hat; dann wären wir für immer mit dem Vater und dem Bruder vereint. Jesus kann es tun." Und so bin ich gekommen... mit Jesus... Willst du ihn nicht sehen? ...» Maria hat gesprochen und die Unglückliche immer in den Armen gehalten und sie auf die grauen Haare geküßt mit einer Zartheit, die nur sie besitzt.

«Oh, wenn das wahr wäre! Aber warum, warum ist Daniel nicht früher zu dir gegangen, um dir zu sagen, daß du zu mir kommen sollst? Wer hat mir erzählt, du seiest schon lange tot? Ich weiß es nicht mehr... Ich kann mich nicht mehr erinnern... Auch deshalb habe ich so lange gewartet, zum Messias zu gehen. Aber sie hatten gesagt, daß er, du und ihr alle in Bethlehem umgekommen seid...»

«Denk nicht daran, wer dir dies gesagt haben könnte. Komm und sieh, hier ist mein Sohn. Geh zu ihm! Stelle deine Söhne und deine Maria zufrieden. Wisse, daß wir leiden, dich so zu sehen.» Maria führt sie zu Jesus, der sich in eine dunkle Ecke gestellt hatte, und erst jetzt ins Licht einer Lampe tritt, welche die Dienerin auf ein hohes Regal gestellt hat.

Die arme Mutter hebt das Haupt... und ich sehe jetzt, daß Elisa auch unter den frommen Frauen auf dem Kalvarienberg war. Jesus streckt ihr seine Hände entgegen mit einer Geste voller Liebe. Die Unglückliche zögert ein wenig, gibt ihm dann ihre Hände und läßt sich schließlich jammernd an Jesu Brust fallen: «Sag mir, sag mir du, daß ich am Tod Levis nicht schuldig bin! Sag mir, daß sie nicht auf ewig verloren sind; sag mir, daß ich auch bald bei ihnen bin ...»

«Ja, gewiß! Höre mich an! Sie frohlocken jetzt, da du in meinen Armen bist. Bald werde ich bei ihnen sein, was soll ich ihnen sagen? Daß du dich dem Herrn nicht ergibst? Soll ich das sagen? Die Frauen Israels, die Frauen Davids, so stark und so klug, sollen durch dich ihren guten Ruf verlieren? Nein! Du leidest, weil du allein gelitten hast. Dein Schmerz und du. Du und dein Schmerz. Das kannst du nicht ertragen. Erinnerst du dich nicht mehr an die Worte der Hoffnung für jene, die der Tod uns genommen hat? "Ich werde euch aus den Gräbern holen und euch in das Land Israel führen. Und ihr werdet erkennen, daß ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber geöffnet und euch herausgeholt habe. Wenn ich euch meinen

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Geist eingehaucht habe, werdet ihr das Leben besitzen." Das Land Israel ist für die im Herrn Entschlafenen das Reich Gottes. Ich werde es öffnen und jenen geben, die es erwarten.»

«Auch meinem Daniel? Meinem Levi? ... Er hat sich so vor dem Tod gefürchtet! ... Er konnte sich nicht vorstellen, weit weg von seiner Mama zu sein. Deshalb wollte ich sterben, um im Grab an seiner Seite zu sein ...»

«Aber dort sind sie nicht mit ihrem lebendigen Sein. Dort sind die toten Gebeine, die dich nicht hören. Deine Söhne sind am Ort des Wartens ...»

«Gibt es ihn wirklich? Nimm kein Ärgernis an mir. Mein Gedächtnis hat sich in Tränen aufgelöst. Ich habe nur das Rauschen der Tränen und das Röcheln der Söhne im Kopf. Welch ein Röcheln! Welch ein Röcheln! ... Es hat mir das Gehirn erweicht... ich höre hier drinnen nichts anderes als dieses Röcheln ...»

«Ich gebe dir die Worte des Lebens. Ich werde das Leben säen, wo der Tod ist, denn ich bin das Leben! Denk an den großen Judas Makkabäus, der ein Opfer für die Toten verlangt hat. Er dachte mit Recht, daß sie für die Auferstehung bestimmt sind, und daß man mit Opfern ihren Frieden beschleunigen kann. Wenn Judas, der Makkabäer, nicht von der Auferstehung überzeugt gewesen wäre, hätte er dann für die Toten gebetet und beten lassen? Er dachte daran, wie es geschrieben steht, welch große Belohnung jenen verheißen ist, die selig sterben, so wie deine Söhne gut gestorben sind... Siehst du, daß du ja sagst! Darum verzweifle nicht, sondern bete fromm für deine Toten, damit ihnen die Sünden vergeben werden, bevor ich zu ihnen komme. Dann werden sie, ohne länger warten zu müssen, mit mir in den Himmel eingehen. Denn ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, und ich führe zur Wahrheit und verkünde die Wahrheit und gebe das Leben dem, der an meine Wahrheit glaubt und mir nachfolgt. Sage mir, haben deine Söhne an das Kommen des Messias geglaubt?»

«Aber gewiß! Sie hatten von mir gelernt, daran zu glauben.»

«Und Levi, hat er seine Heilung durch meinen Willen für möglich gehalten?»

«Ja, Herr! Wir haben auf dich gehofft... aber es war vergeblich... und er ist ungetröstet gestorben, obwohl wir so gehofft hatten...»

Die Frau beginnt aufs neue zu weinen, ruhiger, aber untröstlicher in ihrer Ruhe als zuvor in ihrer Verzweiflung.

«Sage nicht, es war vergeblich. Wer an mich glaubt, wird ewig leben, auch wenn er schon gestorben ist... Der Tag neigt sich, Frau. Ich muß zu meinen Aposteln gehen. Ich lasse dir meine Mutter hier ...»

«Oh, bleib auch du! ... Ich habe Angst, daß mich die Unruhe wieder überkommt, wenn du fortgehst ... Langsam, langsam beruhigt sich der Sturm beim Klang deiner Worte ...»

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«Hab keine Angst! Maria bleibt bei dir! Morgen komme ich wieder. Ich muß den Hirten einiges sagen. Kann ich ihnen auch sagen, daß sie dich in deinem Haus aufsuchen können?»

«O ja! Sie kamen auch im letzten Jahr für meinen Sohn... Hinter dem Haus ist ein Garten und ein einfacher Hof. Sie können dorthin gehen, wie sie es damals taten, um ihre Herden zusammenzuhalten ...»

«Gut so! Ich werde kommen. Sei tapfer! Denk daran, daß Maria dir im Tempel anvertraut war. Ich vertraue sie dir für diese Nacht an.»

«Ja, sei beruhigt! Ich werde mich um sie kümmern... Ich werde an ihr Abendessen und an ihre Nachtruhe denken... Wie lange ist es her, seit ich nicht mehr an solche Dinge gedacht habe! Maria, willst du in meinem Zimmer schlafen, wie Levi es während seiner Krankheit tat? Ich im Bett des Sohnes, du in meinem. Es wird mir dann sein, als hörte ich seinen Atem... Er hielt mich immer bei der Hand...»

«Ja, Elisa. Zuvor werden wir aber noch über viele Dinge sprechen.»

«Nein! Du bist müde! Du mußt schlafen!»

«Du auch ...»

«Oh, ich... Ich schlafe schon seit Monaten nicht mehr. Ich weine... weine... Ich kann nichts anderes tun...»

«Heute abend werden wir beten und dann zu Bett gehen, und du wirst schlafen... Wir werden Hand in Hand schlafen, wir zwei... Geh nur, Sohn, und bete für uns!»

«Ich segne euch! Der Friede sei mit euch und mit diesem Haus!»

Jesus geht mit der Dienerin weg, die erstaunt ist und dauernd wiederholt: «Welch ein Wunder, Herr! Welch ein Wunder! Nach vielen Monaten hat sie endlich gesprochen, hat sie gedacht... Oh, welch ein Zustand! ... Man sagte, sie werde als Irre sterben... Das tat mir immer weh, denn sie ist gut!»

«Ja, sie ist gut, und Gott wird ihr deswegen helfen. Leb wohl, Frau! Der Friede sei auch mit dir!»

Jesus geht auf die halbdunkle Straße hinaus, und alles ist zu Ende.

250. IM HAUS ELISAS: «LASST EURE LEIDEN FRUCHTBAR WERDEN!»

Die Nachricht, daß Elisa ihre tragische Trübsinnigkeit überwunden hat, muß sich im Dorf verbreitet haben, denn als Jesus, gefolgt von den Aposteln und den Jüngern, sich zum Haus begibt, betrachten ihn viele Menschen aufmerksam, und einige stellen diesem oder jenem Hirten Fragen über Jesus; sie wollen wissen, warum er gekommen ist, wer seine Begleiter, das Kind und die Frauen sind, welche Medikamente er Elisa

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gegeben hat, um sie so plötzlich der geistigen Verwirrung zu entreißen, was er tut oder was er sagt...

Die letzte Frage lautet: «Können wir nicht mitkommen?» Worauf die Hirten antworten: «Das wissen wir nicht, da müßt ihr den Meister fragen. Geht zu ihm.»

«Wenn er uns aber abweist?»

«Er weist nicht einmal die Sünder ab. Geht nur, er wird sich freuen.»

Eine Gruppe von Männern und Frauen, fast alle im Alter Elisas, hält Rat. Schließlich nähern sie sich Jesus, der gerade mit Petrus und Bartholomäus spricht, und wenden sich etwas unsicher an ihn: «Meister...»

«Was wollt ihr?» fragt Bartholomäus.

«Mit dem Meister reden und ihn etwas fragen ...»

«Der Friede komme zu euch! Was wollt ihr mich fragen?»

Sie werden durch sein Lächeln ermutigt und sagen: «Wir sind alle Freunde Elisas und ihres Hauses. Wir haben gehört, daß sie geheilt ist. Wir möchten sie sehen... und dich hören. Dürfen wir kommen?»

«Mich hören, gern! Sie sehen nicht, Freunde! Haltet mit eurer Freundschaft zurück, und auch mit eurer Neugier; denn auch diese ist dabei. Habt Ehrfurcht vor einem großen Schmerz, der nicht wieder aufgeweckt werden darf.»

«Ist sie denn nicht geheilt?»

«Sie wendet sich dem Licht zu. Aber, wenn die Nacht endet, ist es dann gleich Mittag? Wenn ein erloschenes Feuer angefacht wird, brennt es sofort stark? Das gleiche gilt für Elisa. Wenn ein plötzlicher Wind auf eine Flamme bläst, löscht er sie nicht aus? Seid daher klug! Die Frau ist eine einzige Wunde. Auch die Freundschaft könnte sie erregen; sie hat Ruhe, Schweigen und Einsamkeit nötig; keine tragische Einsamkeit wie die bisherige, sondern eine ergebene, um zu sich selbst zurückzufinden ...»

«Wann werden wir sie sehen können?»

«Früher als ihr denkt. Sie ist auf dem Weg zur Besserung. Aber wenn ihr wüßtet, was es heißt, aus ihrer Finsternis zu kommen! Sie ist schlimmer als der Tod. Und wer aus ihr kommt, schämt sich ihrer und darüber, daß die Welt davon weiß.»

«Bist du ein Arzt?»

«Ich bin der Meister.»

Sie sind beim Haus angelangt. Jesus wendet sich den Hirten zu: «Geht in den Hof. Wer will, kann mit euch gehen. Daß mir niemand Lärm schlägt und weiter als in den Hof eindringt! Wacht auch ihr darüber», sagt er zu den Aposteln. «Und ihr (er spricht zu Salome und Maria des Alphäus) sorgt dafür, daß das Kind keinen Lärm macht. Lebt wohl!» Er klopft an die Türe, während die anderen in einem Gäßchen verschwinden.

Die Dienerin öffnet. Jesus tritt vor der sich ständig verbeugenden Dienerin in das Haus ein.

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«Wo ist deine Herrin?»

«Bei deiner Mutter... und denk nur, sie ist in den Garten hinabgestiegen! Ein Ereignis, ein Ereignis! Gestern abend ist sie in den Speisesaal gekommen. Sie hat geweint, aber sie ist gekommen! Ich hatte gehofft, sie werde die Mahlzeit einnehmen anstelle des üblichen Tropfens Milch, aber es ist mir nicht gelungen.»

«sie wird es schon noch tun. Bestehe jetzt nicht darauf. Sei auch in deiner Liebe geduldig mit der Herrin!»

«Ja, Erlöser, ich werde alles tun, was du sagst.»

Ich glaube in der Tat, daß die Frau, auch wenn Jesus unbegreifliche Dinge von ihr verlangte, sie widerspruchslos tut; denn sie ist fest davon überzeugt, daß Jesus Jesus ist und daß alles, was er tut, gut ist. Sie begleitet ihn in einen großen Garten mit vielen Obstbäumen und Blumen. Doch während die Obstbäume sich selbst mit Blättern und Blüten bedecken und kleine Früchte gebildet haben, sind die armen Blumengewächse, die seit mehr als einem Jahre nicht mehr gepflegt werden, zu einer Wildnis geworden, in welcher die größeren Pflanzen die niedrigeren und schwächeren ersticken. Beete und Wege bilden ein einziges chaotisches Durcheinander. Nur im Hintergrund, wo die Dienerin Salat und Gemüse gesät hat, herrscht etwas Ordnung.

Maria sitzt mit Elisa unter einer wirren Laube, deren Zweige und Ranken bis zur Erde reichen. Jesus bleibt stehen und beobachtet seine junge Mutter, die sehr geschickt den Geist Elisas weckt und ihn auf Dinge lenkt, die nichts mit den Gedanken der Trauernden von gestern zu tun haben.

Die Dienerin geht zur Herrin und sagt: «Der Erlöser ist gekommen.»

Die Frauen wenden sich um und gehen ihm entgegen, die eine mit ihrem sanften Lächeln, die andere mit einem müden und verlegenen Gesicht.

«Der Friede sei mit euch! Dieser Garten ist schön ...»

«Er war es ...» sagt Elisa.

«Der Boden ist fruchtbar. Schau, wieviel schönes Obst am Reifen ist! Wie viele Blüten der Rosenstock hat! Und dort? Sind das nicht Lilien?»

«Ja, rund um ein Becken, an dem meine Kinder so gern gespielt haben. Aber damals wurden sie noch gepflegt... Jetzt ist hier alles verwüstet. Und es scheint mir nicht mehr der Garten meiner Kinder zu sein.»

«In wenigen Tagen wird er wie damals sein. Ich werde dir helfen. Nicht wahr, Jesus? Du läßt mich einige Tage hier bei Elisa. Wir haben so viel zu tun ...»

«Alles, was du willst, Mutter, will auch ich.»

Elisa sieht ihn an und flüstert: «Danke!»

Jesus läßt seine Hand über das graue Haupt gleiten und verabschiedet sich dann, um zu den Hirten zu gehen. Die Frauen bleiben im Garten. Doch kurz darauf, als man in der Stille die Stimme Jesu vernimmt, der die Anwesenden grüßt, nähert sich Elisa langsam, wie von einer

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unwiderstehlichen Kraft angezogen, einer sehr hohen Hecke, hinter der sich der Vorhof befindet.

Jesus spricht zuerst zu den drei Hirten. Er steht ganz nahe an der Hecke, vor sich die Apostel und die Bewohner von Bethsur, die ihnen nachgegangen sind. Die Marien mit dem Kind sitzen in einer Ecke.

Jesus sagt: «Seid ihr durch einen Vertrag gebunden, oder könnt ihr euch jederzeit von euren Pflichten befreien?»

«Ja, wir sind freie Knechte. Aber es wäre nicht schön von uns, wenn wir sofort unseren Dienst aufgäben; denn die Herden benötigen gerade jetzt große Pflege, und es ist schwer, andere Hirten zu finden.»

«Nein, das wäre nicht schön von euch. Aber es ist auch nicht sofort nötig. Ich werde euch rechtzeitig Bescheid sagen, damit ihr gewissenhaft vorsorgen könnt. Ich will, daß ihr freie Menschen werdet, euch mit den Jüngern vereinigt und mir Hilfe bieten könnt...»

«Oh, Meister!» Die drei sind vor Freude wie verzückt. «Aber werden wir dazu imstande sein?» fragen sie dann.

«Daran zweifle ich nicht. Also, habt ihr verstanden? Sobald es euch möglich ist, begebt ihr euch zu Isaak.»

«Ja, Meister.»

«Geht nun zu den anderen. Ich werde zwei Worte zu den Leuten sagen.»

Und er wendet sich ab von den Hirten und dem Volk zu.

«Der Friede sei mit euch! Gestern habe ich von zwei Unglücklichen sprechen gehört. Der eine befindet sich im Morgenrot seines Lebens, der andere hat schon den Lebensabend erreicht: zwei Seelen, die weinten in ihrer Verzweiflung. Ich weinte im Herzen mit ihnen, weil ich sah, wieviel Elend es auf der Erde gibt; ein Elend, das nur Gott, das genaue Wissen um Gott, seine große, unendliche Güte, seine ständige Gegenwart und seine Verheißungen erleichtern können. Ich habe gesehen, wie der Mensch von Menschen gequält und durch den Tod in Trauer versetzt werden kann, was Satan dazu benützt, den Schmerz zu vergrößern und alles zu zerstören. Da habe ich mir gesagt: "Die Kinder Gottes sollen nicht neben solchen Torturen noch die Schmerzen weiterer Torturen erleiden. Wir wollen jenen das Wissen von Gott geben, die es noch nicht haben; wir wollen es jenen wiedergeben, die es unter dem Ansturm der Schmerzen vergessen haben." Aber ich habe auch erkannt, daß ich allein den unzähligen Nöten der Brüder nicht genüge. So beschloß ich, viele zu berufen, in immer steigender Zahl, damit alle, die den Trost Gottes benötigen, ihn bekommen.

Diese zwölf sind die ersten. Als mein zweites Ich sind sie fähig, andere zu mir, also zum Trost, zu führen; alle, die von einer zu großen Leidenslast niedergedrückt sind. In Wahrheit sage ich euch: Kommt alle zu mir die ihr traurig, mutlos, verwundeten Herzens und müde seid, ich werde an eurem Schmerz teilnehmen und euch den Frieden schenken. Kommt zu

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mir durch meine Apostel und meine Jünger und Jüngerinnen, deren Zahl sich von Tag zu Tag durch neue Freiwillige vergrößert. Ihr werdet Trost finden in euren Leiden, Begleiter in euerer Einsamkeit, brüderliche Liebe, die euch den Haß der Welt vergessen läßt; ihr werdet vor allem den besten Tröster, den vollkommensten Gefährten: die Liebe Gottes, finden. Ihr werdet über nichts mehr im Zweifel sein. Ihr werdet nie mehr sagen: "Für mich ist alles zu Ende!" sondern: "Alles beginnt für mich in einer übernatürlichen Welt, welche die Entfernungen und die Trennungen aufhebt", so daß die Waisenkinder mit ihren Eltern, die in dem Schoß Abrahams sind, vereinigt werden, und die Väter und die Mütter, die Ehefrauen und die Witwen ihre verlorenen Söhne und den verlorenen Gatten wiederfinden.

In diesem Lande Judäa, nahe bei Bethlehem Noemis, erinnere ich euch daran, daß die Liebe den Schmerz lindert und Freude schenkt.

Betrachtet, ihr Weinenden, die Trostlosigkeit Noemis, als ihr Haus männerlos geworden war. Hört ihre an Orfa und Ruth gerichteten traurigen Worte: "Kehrt zurück in das Haus eurer Mutter. Der Herr möge euch Barmherzigkeit erweisen, wie ihr ihnen, die tot sind, und auch mir Barmherzigkeit erwiesen habt." Hört ihr müdes Drängen. Sie erhoffte nichts mehr vom Leben; sie, die einst die schöne Noemi gewesen war. Sie war die tragische Noemi geworden, vom Schmerz zerrissen und vom einzigen Wunsch erfüllt, zum Ort zurückzukehren, an dem sie in ihrer Jugend zwischen der Liebe des Gatten und den Küssen der Kinder glücklich gewesen war. Sie sagte: "Geht, geht. Es hat keinen Sinn, zu mir zu kommen... Ich bin wie eine Tote... Mein Leben ist nicht mehr hier, sondern dort, im anderen Leben, wo sie sind. Opfert eure Jugend nicht an der Seite eines Dinges, das im Sterben liegt; denn ich bin wahrhaftig nur noch ein Ding. Alles ist mir gleichgültig! Gott hat mir alles genommen... Ich bin zur Angst geworden, und der Herr könnte mich deswegen zur Rechenschaft ziehen, er, der mich so stark geschlagen hat; es wäre Egoismus, euch junge Menschen bei mir, einer Toten, zurückzuhalten. Geht zu euren Müttern!..."

Aber Ruth blieb, um dem leidenden Alter Stütze zu sein; denn sie hatte begriffen, daß es immer größere Schmerzen als die eigenen gibt und daß ihr Schmerz als junge Witwe immer noch geringer war als jener der Frau, die außer dem Mann noch die beiden Söhne verloren hatte; so wie der Schmerz dessen, der aus vielerlei Gründen dazu kommt, die Welt zu hassen und in jedem Menschen einen Feind zu sehen, den er fürchtet und gegen den er sich verteidigen muß, größer als alle anderen Schmerzen ist; denn er trifft nicht allein das Fleisch, das Blut und den Geist, sondern die Seele mit ihren übernatürlichen Pflichten und Rechten; er läuft Gefahr, zugrunde zu gehen. Wie viele kinderlose Mütter für mutterlose Kinder gibt es auf der Welt! Wie viele Witwen ohne Nachkommen gibt es, die sich barmherzigerweise einsamer Alter annehmen können! Wie viele gibt

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es, die keine menschliche Liebe kennen und unglücklich werden in ihrem Bedürfnis nach Liebe; sie möchten alles geben, um den Haß in der unglücklichen Menschheit, die immer mehr leidet, zu bekämpfen, weil der Haß immer stärker wird.

Schmerz ist Kreuz, aber auch Flügel. Die Trauer entblößt, aber um neu zu bekleiden. Erhebt euch, ihr, die ihr weint! Öffnet die Augen und schüttelt die Bedrängnisse, die Finsternis und den Egoismus ab! Bedenkt: Die Welt ist die Erde, auf der man weint und stirbt. Die Welt ruft: "Hilf mir!" durch den Mund der Waisen, der Kranken, der Einsamen, der Zweifelnden, durch den Mund der Verratenen oder der Opfer der Grausamkeit, der Gefangenen infolge einer Rache. Geht zu ihnen, die rufen! Vergeßt euch selbst unter den Vergessenen! Gesundet unter den Kranken! Hofft mit den Hoffnungslosen! Die Welt steht allen offen, die guten Willens sind, um Gott im Nächsten zu dienen und den Himmel zu gewinnen, der die Vereinigung mit Gott und die Wiedervereinigung mit allen ist, die wir beweinen. Hier ist der Kampfplatz, dort ist der Sieg. Kommt. Ahmt in allen euren Leiden Ruth nach! Sagt auch ihr: "Ich bleibe bei dir bis zum Tode." Und wenn euch die Unglücklichen, die sich unheilbar glauben, antworten: "Nennt mich nicht mehr Noemi, sondern Mara; denn Gott hat mich mit Bitterkeit erfüllt" ' harrt aus! In Wahrheit sage ich euch, eines Tages werden diese Unglücklichen eure Ausdauer mit dem Ausruf belohnen: "Gepriesen sei der Herr, der mich von der Bitterkeit, der Traurigkeit und der Einsamkeit befreit hat mit Hilfe eines Geschöpfes, das verstanden hat, seinen Schmerz für das Gute fruchtbar zu machen. Gott möge dieses Geschöpf auf ewig segnen, denn es ist mir zum Retter geworden."

Die gute Tat Ruths an Noemi hat – denkt daran – der Welt den Messias geschenkt, denn von David des Isai, von Isai des Obed, kommt der Messias, wie Obed des Booz, Booz des Salmon, Salmon des Nahasson, Nahasson des Amminadab, Amminadab des Aram, Aram des Esron und Esron des Fares. Sie alle waren berufen, das Land von Bethlehem zu bevölkern und die Vorfahren des Herrn vorzubereiten. Jede gute Tat ist der Ursprung großer Dinge, die ihr euch nicht vorstellen könnt. Der Sieg eines Menschen über den eigenen Egoismus kann eine Welle der Liebe auslösen, die fähig ist, aufzusteigen, aufzusteigen und in ihrer hellen Klarheit jenen zu halten, der sie ausgelöst hat, um ihn zum Fuße des Altares, zum Herzen Gottes, hinzutragen.

Gott möge euch seinen Frieden geben!»

Ohne durch die in der Hecke befindliche Türe in den Garten zu gehen, wacht Jesus darüber, daß niemand sich der Hecke nähert, hinter welcher ein lautes Weinen hörbar ist... Erst als alle Bewohner von Bethsur sich entfernt haben, geht auch er mit den Seinen, ohne das heilsame Weinen zu stören...

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251. AUF DEM WEG NACH HEBRON; DIE ABSICHTEN DER WELT UND DIE ABSICHTEN GOTTES

«Ihr wollt doch nicht eine Wallfahrt zu allen Orten, die dem Volk Israel heilig sind, unternehmen», sagt spöttisch Iskariot; er unterhält sich mit einer Gruppe, in der sich Maria des Alphäus und Salome, sowie Andreas und Thomas befinden.

«Warum nicht? Wer verbietet es uns?» fragt Maria Kleophä.

«Aber ich... Meine Mutter erwartet mich schon längst... !»

«Geh doch zu deiner Mutter. Wir kommen dann nach», sagt Salome; es scheint, als füge sie in Gedanken hinzu: «Niemand wird wegen deiner Abwesenheit traurig sein!»

«Nein, das geht nicht! Ich will mit dem Meister zu ihr gehen. Die Mutter wird nicht mitkommen, wie es abgemacht war. Das hätte nicht geschehen dürfen, denn es war mir versprochen worden, daß sie dabeisein werde.»

«Sie ist in Bethsur zurückgeblieben, um ein gutes Werk zu tun. Die Frau dort war sehr unglücklich.»

«Jesus konnte sie sofort heilen, ohne sie langsam, Schritt für Schritt, zu sich kommen zu lassen. Ich verstehe nicht, warum er keine aufsehenerregenden Wunder mehr wirken will.»

«Wenn er es getan hat, wird er seine heiligen Gründe dafür haben», sagt Andreas ruhig.

«Ja, aber so verliert er Jünger. Der Aufenthalt in Jerusalem! Welch eine Enttäuschung! Je mehr hochtönende Dinge nötig wären, desto mehr verbirgt er sich im Schatten. Ich habe so fest damit gerechnet, etwas zu sehen, etwas zu bekämpfen ...»

«Entschuldige die Frage... Was wolltest du sehen und wen wolltest du bekämpfen?» fragt Thomas.

«Was? Wen? Nun, ich wollte seine Wunderwerke sehen und so die Möglichkeit haben, jenen zu trotzen, die behaupten, er sei ein falscher Prophet oder ein vom Dämon Besessener. Denn so spricht man von ihm, verstehst du? Sie sagen, wenn Beelzebub ihn nicht unterstützt, ist er ein armer Mensch. Und da die Launenhaftigkeit Beelzebubs bekannt ist, und man weiß, daß es ihm Spaß macht zu fassen und zu lassen, wie es der Leopard mit der Beute macht, und da die Tatsachen diese Überlegung rechtfertigen, bin ich beunruhigt, wenn ich daran denke, daß er nichts tut. Schön stehen wir da: als Apostel eines Meisters... voller Lehre, das kann man nicht leugnen, aber sonst nichts.» Das plötzliche Innehalten des Judas nach dem Worte "Meister" gibt zu denken, daß er noch Schwerwiegenderes sagen wollte.

Die Frauen sind bestürzt; Maria des Alphäus, als Verwandte Jesu, sagt deutlich: «Ich wundere mich nicht über dich; es wundert mich vielmehr, daß er dich duldet, Bube!»

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Andreas, der stets sanftmütige Andreas, verliert die Geduld und schreit rot vor Wut, einmal ganz seinem Bruder gleichend: «Aber so geh doch! Stell dich nicht immer bloß, wegen des Meisters! Wer hat dich gerufen? Uns hat er gewollt. Dich nicht! Du hast mehrere Male bitten und betteln müssen, bevor er dich angenommen hat. Du hast dich aufgedrängt. Ich weiß nicht, was mich zurückhält, den anderen alles zu berichten ...»

«Mit euch kann man nicht reden. Man hat recht, wenn man euch raufsüchtig und dumm nennt...»

«Wahrlich, auch ich verstehe wirklich nicht, wo der Fehler des Meisters liegt. Ich wußte nichts von diesen launenhaften Umtrieben des Dämons. Armer Kerl! Er muß wirklich ein seltsames Wesen sein. Wenn er vernünftiger wäre, hätte er sich nicht gegen Gott aufgelehnt. Doch ich will es mir merken», sagt Thomas ironisch, um den aufkommenden Sturm zu besänftigen.

«Spotte nicht. Ich spaße nicht. Kannst du vielleicht behaupten, daß er in Jerusalem besonders aufgefallen ist? Übrigens, auch Lazarus hat es gesagt...»

Thomas bricht in ein schallendes Gelächter aus. Dann sagt er, immer noch lachend, und sein Lachen hat Iskariot bereits verwirrt: «Er soll nichts getan haben? Geh, und frage die Aussätzigen von Siloe und Hinnom. Nun, in Hinnom wirst du keinen mehr finden, denn sie sind alle geheilt. Wenn du nicht dabei warst, weil du es eilig hattest, zu den... Freunden zu gehen, und daher nichts davon weißt, so hindert das nicht, daß in den Tälern Jerusalems und in vielen anderen die Hosanna der Geheilten ertönen», endet Thomas ernst. Immer noch ernst fügt er hinzu: «Du bist gallenkrank, Freund. Darum bist du verbittert und siehst überall grün. Es muß eine stets wiederkehrende Krankheit in dir sein. Glaube uns, es ist nicht angenehm, mit einem wie du zusammenzuleben. Mäßige dich. Ich werde den anderen nichts erzählen, und wenn diese guten Frauen auf mich hören, werden auch sie schweigen, und mit ihnen Andreas. Aber du, beherrsche dich! Spiele nicht den Enttäuschten, denn es gibt keine Enttäuschung. Es ist nicht nötig, denn der Meister weiß, was er tut. Versuche nicht, der Meister des Meisters zu sein. Wenn er die arme Frau Elisa so behandelt hat, dann kannst du daraus schließen, daß es gut war. Laß die Schlangen zischen und spucken, soviel sie wollen. Bemühe dich nicht, den Vermittler zwischen ihnen und ihm zu spielen, und noch weniger darfst du dich entwürdigt fühlen, mit ihm zu sein. Selbst wenn er nicht einmal einen Schnupfen mehr heilte, wäre er trotzdem mächtig. Sein Wort allein ist ein fortwährendes Wunder. Gib dich zufrieden! Wir haben keine Bogenschützen hinter uns! Wir werden unser Ziel erreichen. Laß nur, wir werden erreichen, daß die Welt sich überzeugt, daß Jesus Jesus ist. Sei auch davon überzeugt, daß Maria deine Mutter besuchen wird, wenn sie es versprochen hat.

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Wir pilgern indessen durch diese schönen Gegenden; das ist unsere Arbeit! Ganz bestimmt! Wir stellen auch die Jüngerinnen zufrieden und besuchen das Grab Abrahams und seinen Baum und darauf das Grab des Jesse und... was habt ihr sonst noch gesagt?»

«Man sagt, hier sei der Ort, wo Adam gelebt hat und Abel getötet worden ist.»

«Die üblichen sinnlosen Legenden! ...» murrt Judas Iskariot.

«Nach hundert Jahren wird man sagen, daß die Grotte von Bethlehem und viele andere Dinge Legende sind! Und dann, entschuldige bitte, du wolltest doch das stinkende Loch von Endor besuchen, das, wie mir scheint, nicht einem heiligen Zyklus angehört, meinst du nicht auch? Und man kommt hierher, weil man sagt, daß hier das Blut und die Asche von Heiligen ruhen. Endor hat uns Johannes geschenkt, und wer weiß...»

«Schönes Geschenk, der Johannes!» spottet Iskariot.

«Im Gesicht ist er es nicht. In der Seele aber kann er besser sein als wir es sind.»

«Daß ich nicht lache! Mit dieser Vergangenheit!»

«Schweige! Der Meister hat gesagt, daß wir sie vergessen sollen.»

«Das ist bequem! Ich möchte sehen, ob ihr, wenn ich derartiges täte, alles vergessen würdet!»

«Leb wohl, Judas! Es ist besser, du bleibst allein. Du bist zu unruhig. Wenn du wenigstens selber wüßtest, was dir fehlt!»

«Was mir fehlt, Thomas? Ich muß zusehen, wie wir, die wir zuerst gekommen sind, vernachlässigt werden. Ich muß zusehen, wie alle anderen mir vorgezogen werden. Ich muß erkennen, daß man auf meine Abwesenheit gewartet hat, um das Gebet zu lehren. Glaubst du, all dies mache mir Freude?»

«Nein, das glaube ich nicht! Aber ich möchte dich darauf aufmerksam machen, daß du, wenn du mit uns an Ostern zum Abendmahl gekommen, auch auf dem Ölberg mit uns gewesen wärest, als der Meister uns das Gebet gelehrt hat. Ich sehe nicht, inwiefern wir zuerst Gekommenen vernachlässigt werden. Weil dieses unschuldige Kind hier spricht? Oder weil der unglückliche Johannes mit uns ist?»

«Wegen des einen und des anderen. Jesus spricht fast nicht mehr mit uns. Wie du siehst, auch jetzt! Er verbringt seine Zeit, um mit dem Kind zu reden. Er wird doch lange warten müssen, bevor er es unter die Jünger einreihen kann! Und der andere, der wird nie ein Jünger. Er ist zu stolz, zu gebildet, zu verhärtet und hat schlechte Neigungen. Und doch: "Johannes hier, Johannes da!..."»

«Vater Abraham, laß mich nicht die Geduld verlieren! Warum glaubst du, daß der Meister andere dir vorzieht?»

«Siehst du es auch jetzt nicht? Es ist an der Zeit, Bethsur zu verlassen, wo er drei Hirten unterweisen wollte, die gut von Isaak hätten unterwiesen

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werden können; und wen läßt er bei seiner Mutter zurück? Mich? Dich? Nein! Er läßt den Simon da. Einen Alten, der kaum einmal spricht!....»

«Aber das Wenige, das er sagt, sagt er immer gut», entgegnet Thomas, der nunmehr allein ist, da die Frauen sich mit Andreas von ihnen getrennt haben und, wie um zu fliehen, und um ein Stück des Weges allein zu sein, eilenden Schrittes vorangehen.

Die beiden Apostel sind so aufgeregt, daß sie nicht bemerken, wie Jesus sich ihnen nähert; denn das Geräusch seiner Schritte verliert sich völlig im Staub der Straße. Aber wenn er kein Geräusch macht, so schreien die beiden für zehn, und Jesus hört sie. Hinter ihm kommen Petrus, Matthäus, die beiden Vettern des Herrn, Philippus und Bartholomäus, sowie die beiden Söhne des Zebedäus, die Margziam in ihrer Mitte haben.

Jesus spricht: «Das hast du gut gesagt, Thomas! Simon spricht wenig, aber das Wenige ist immer gut. Er ist ein ruhiger Geist und hat ein ehrliches Herz. Und vor allem hat er viel guten Willen. Darum habe ich ihn bei meiner Mutter gelassen. Er ist ein wahrer Ehrenmann, der Anstand hat, der gelitten hat und alt ist. Daher – ich sage dies absichtlich, denn ich vermute, daß jemand die Wahl ungerecht nennt – daher war er der Geeignetste, zu bleiben. Ich konnte nicht erlauben, Judas, meine Mutter allein bei einer armen, kranken Frau zurückzulassen. Und es war richtig, sie zurückzulassen. Die Mutter wird das Werk vollenden, das ich begonnen habe. Aber ich konnte sie auch nicht mit meinen Brüdern, noch mit Andreas, Jakobus, Johannes oder mit dir zurücklassen. Wenn du meine Gründe nicht verstehst, weiß ich nicht, was ich dir sagen soll ...»

«Weil es deine Mutter ist, jung, schön, und die Leute...»

«Nein! Die Leute haben immer Unrat in den Gedanken, auf den Lippen, an den Händen und besonders im Herzen. Schlechte Menschen sehen in allem nur das, was sie selber sind. Aber über diesen Unrat mache ich mir keine Gedanken. Der fällt von selbst ab, wenn er trocken ist. Ich habe Simon vorgezogen, weil er alt ist und nicht zu sehr an die toten Söhne der untröstlichen Witwe erinnert. Ihr Jungen hättet sie eurer Jugend wegen stets daran erinnert. Simon kann wachen, ohne sich bemerkbar zu machen; er ist anspruchslos, verständnisvoll und weiß sich zu beherrschen. Ich hätte Petrus nehmen können. Wer paßt besser als er zu meiner Mutter? Aber er ist immer noch zu impulsiv. Du siehst, ich kann es ihm ins Gesicht sagen, er ist deswegen nicht beleidigt. Petrus ist aufrichtig und liebt die Wahrheit, auch wenn sie zu seinem Nachteil ist. Ich hätte Nathanael nehmen können. Aber er ist noch nie in Judäa gewesen. Simon kennt Judäa gut; dies wird von Vorteil sein, wenn er die Mutter nach Kerioth begleiten wird. Er weiß, wo dein Landhaus ist, und auch das Haus in der Stadt; er wird nicht ...»

«Aber, Meister... Wird deine Mutter wirklich meine Mutter besuchen ?»

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«So ist es beschlossen; wenn etwas beschlossen ist, dann wird es auch gemacht. Wir gehen langsam und halten uns im einen und anderen Dorf auf, um zu predigen. Möchtest du nicht, daß ich Judäa die Frohe Botschaft verkünde?»

«Ja, natürlich, Meister... Aber ich glaubte... ich dachte ...»

«Vor allem quälst du dich mit Hirngespinsten, die du nur träumst. Beim zweiten Mondviertel des Ziw werden wir alle bei deiner Mutter sein. Wir – also auch meine Mutter mit Simon! Nun verkündet sie die Frohe Botschaft in Bethsur, der Stadt in Judäa, so wie Johanna es in Jerusalem tut; mit ihr ein Mädchen und ein Priester, der zuvor aussätzig gewesen war; so wie es Lazarus mit Martha und der alte Ismael in Bethanien und Sara in Jutta tun, wie deine Mutter bestimmt in Kerioth vom Messias spricht. Du kannst also nicht sagen, daß ich Judäa ohne Belehrung verlasse. Im Gegenteil, ich gebe den Judäern, die verschlossener und stolzer als die Bewohner anderer Gebiete sind, die zartesten Stimmen, die Stimmen der Frauen und des heiligmäßigen Isaak und meines Freundes Lazarus. Die Frauen sagen ihre Worte in feiner Frauenart; sie sind Meisterinnen in der Kunst, die Seelen dorthin zu führen, wohin sie wollen. Du sagst nichts mehr? Warum weinst du beinahe, du großes, launenhaftes Kind? Was hast du davon, dich mit Schatten zu vergiften? Hast du noch andere Gründe zur Beunruhigung? Auf, so rede!»

«Ich bin schlecht... und du bist so gut. Deine Güte trifft mich immer; sie ist stets so frisch, so neu... Ich weiß nie, wann ich sie auf meinem Weg finde...»

«Du hast die Wahrheit gesagt. Du kannst es nicht wissen! Aber das kommt daher, weil sie nicht frisch und neu, sondern ewig ist, Judas. Sie ist allgegenwärtig, Judas... Oh, nun sind wir in der Nähe von Hebron; Maria, Salome und Andreas winken uns zu. Laßt uns weitergehen! Sie sprechen mit Männern. Sie werden sich nach den geschichtlichen Stätten erkundigt haben. Deine Mutter verjüngt sich bei diesen Erinnerungen, mein Bruder!»

Judas Thaddäus lächelt dem Vetter zu, der ebenso lächelt.

«Wir verjüngen uns alle», sagt Petrus. «Mir scheint, als sei ich in der Schule. Aber es ist eine schöne Schule! Besser als die des Nörglers Elisäus. Erinnerst du dich, Philippus? Oje, die Geschichte der Abstammung: "Sagt die Städte der Stämme!"; "Ihr habt sie nicht im Chor gesagt... Fangt wieder von vorne an..."; "Simon, du gleichst einem verschlafenen Frosch. Du bleibst zurück. Beginnt noch einmal von vorne." Oje! Ich war völlig zu Städtenamen aus lang vergangenen Zeiten geworden und wußte nichts anderes. Hier hingegen! Hier lernt man wirklich etwas. Weißt du, Margziam, in ein paar Tagen wird dein Vater die Prüfung ablegen; er weiß Bescheid ...»

Alle lachen und gehen Andreas und den Frauen entgegen.

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252. FESTLICHE BEGRÜSSUNG IN HEBRON

Sie sitzen alle im Kreise in einem Hain bei Hebron, essen und reden miteinander. Judas, der nun davon überzeugt ist, daß Maria seine Mutter besuchen wird, ist in bester Stimmung und versucht, die Erinnerung an seine schlechte Laune bei Gefährten und Frauen mit tausend Aufmerksamkeiten auszulöschen. Er hat anscheinend im Dorf die Einkäufe besorgt, denn er erzählt, daß er es sehr verändert vorgefunden hat seit dem letzten Jahr: «Die Kunde von den Predigten und Wundern Jesu ist bis hierher gedrungen; die Menschen haben angefangen, über viele Dinge nachzudenken. Weißt du, Meister, daß sich in dieser Gegend ein Besitz des Doras befindet? Auch die Frau Chuzas hat auf diesen Hügeln Ländereien und eine Burg: ihre Mitgift. Man sieht, daß ein wenig sie und ein wenig die Landarbeiter des Doras die Leute hier vorbereitet haben. Er, Doras, hat Schweigen geboten. Aber sie! ... Ich glaube, daß sie nicht einmal bei Strafe schweigen würden. Der Tod des alten Pharisäers hat eine Erschütterung ausgelöst, weißt du! Und erst die gute Gesundheit Johannas, die vor Ostern hierhergekommen ist! Oh, auch der Liebhaber der Aglaia hat dir genützt. Weißt du, daß Aglaia entflohen ist, kurz nachdem wir hier vorbeigekommen waren? Er, der Liebhaber, hat den Teufel gespielt und sich an vielen Unschuldigen gerächt. Darum glaubt das Volk endlich an dich als an den Rächer der Unterdrückten und verlangt nach dir. Ich meine die Besten ...»

«Rächer der Unterdrückten! Ja, das bin ich. Aber auf der übernatürlichen Ebene. Keiner von denen, die mich mit Szepter und Weltkugel in der Hand als König und Richter irdischer Dinge sehen, sieht mich richtig. Natürlich bin ich gekommen, um von der Unterdrückung zu befreien. Von der Sünde, der schlimmsten aller Unterdrückungen, von Krankheiten, Trostlosigkeit, Unwissenheit und Egoismus! Viele werden lernen, daß es nicht recht ist, zu unterdrücken, wenn das Schicksal sie über andere gestellt hat. Sie werden lernen, ihre gesellschaftliche Stellung dazu zu nützen, um den Untergeordneten zu helfen.»

«Lazarus tut es, und auch Johanna. Aber es sind nur zwei gegen Hunderte!» sagt Philippus traurig.

«Die Flüsse sind an der Quelle nicht so breit wie an der Mündung: Tropfen, Wasserfäden, aber dann... Es gibt Flüsse, die an der Mündung einem Meer gleichen.»

«Der Nil, nicht wahr?! Deine Mutter hat es mir erzählt nach der Rückkehr aus Ägypten. Sie sagte immer: "Ein Meer, glaub es mir, ein grün-blaues Meer! Ihn bei Hochwasser zu sehen, ist ein Traum!" Und sie erzählte mir von den Pflanzen, die aus dem Wasser zu wachsen scheinen, und von all dem Grün, das sich zeigte, wenn das Wasser sich zurückzog ...» sagte Maria des Alphäus.

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«Und so sage ich euch: Wie der Nil an der Quelle ein Wasserfaden ist und dann zum Riesen wird, so wird auch das Fädchen, das heute mit Liebe und aus Liebe den Geringsten dient, zu einer Vielfalt werden. Johanna, Lazarus, Martha jetzt, und dann viele, viele!» Jesus scheint alle zu sehen, die sich den Brüdern barmherzig erweisen, und lächelt, in seine Vision versunken.

Judas verrät, daß der Synagogenvorsteher mit ihm kommen wollte, es aber nicht gewagt hatte, von sich aus eine Entscheidung zu treffen: «Erinnerst du dich, Johannes, wie er uns im letzten Jahre vertrieben hat?»

«Ich erinnere mich, aber sage es doch dem Meister!»

Jesus antwortet, daß sie sich Hebron nähern. Wenn die Bewohner sie wollten, werde man sie rufen, und sie werden bleiben; wenn nicht, werden sie sogleich weiterziehen.

«So können wir das Haus des Täufers sehen. Wem gehört es jetzt?»

«Dem, der es will, glaube ich. Schammai ist fortgezogen und nicht zurückgekehrt. Er hat Diener und Möbel weggebracht. Um sich zu rächen, haben die Bürger die Umfassungsmauer abgebrochen; das Haus gehört nun allen. Wenigstens der Garten. Sie versammeln sich dort, um ihren Täufer zu verehren. Man sagt, daß Schammai ermordet worden ist. Ich weiß nicht, weshalb... es scheint wegen einer Frauengeschichte...»

«Irgendeine Intrige am Hof, bestimmt!» murmelt Nathanael in seinen Bart.

Die Gruppe erhebt sich und geht nach Hebron, zum Haus des Täufers. Dort angekommen, finden sie eine geschlossene Menge von Bürgern vor. Sie kommen ihnen etwas unsicher, neugierig und überrascht entgegen. Jesus grüßt sie lächelnd. Sie machen sich Mut, gehen auseinander, und aus der Gruppe löst sich der Synagogenvorsteher, der im vergangenen Jahr so unhöflich war.

«Der Friede sei mit dir!» grüßt Jesus gleich. «Erlaubst du uns, in deiner Stadt zu verweilen? Ich bin mit allen meinen bevorzugten Jüngern hier, und einige ihrer Mütter sind dabei.»

«Meister, hast du keinen Groll gegen uns, gegen mich?»

«Groll? Ich kenne so etwas nicht; auch wüßte ich nicht, weshalb ich grollen sollte.»

«Letztes Jahr habe ich dich beleidigt...»

«Du hast den Unbekannten beleidigt und hast geglaubt, dazu berechtigt zu sein. Dann aber hast du begriffen und bereut, es getan zu haben. Das ist vorbei. So wie die Reue die Schuld tilgt, so löscht die Gegenwart die Vergangenheit aus. Ich bin für dich nicht mehr der Unbekannte. Welche Gefühle hast du nun für mich?»

«Ehrfurcht, Herr, Verlangen...»

«Verlangen? Was willst du von mir?»

«Dich besser kennenlernen.»

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«Wie? Auf welche Art?»

«Durch deine Worte und deine Werke. Die Kunde von dir, von deiner Lehre und deiner Macht hat uns erreicht; und man hat uns gesagt, daß du an der Befreiung des Täufers nicht unbeteiligt warst. Du hast ihn also nicht gehaßt, hast nicht versucht, unseren Johannes zu verdrängen! ... Er selbst hat nicht verneint, daß er dank dir das Tal des heiligen Jordan wiedergesehen hat. Wir sind bei ihm gewesen, haben von dir gesprochen, und er hat uns gesagt: "Ihr wißt nicht, wen ihr vertrieben habt. Ich mußte euch tadeln; doch ich verzeihe euch, denn er hat mich gelehrt, zu verzeihen und sanftmütig zu sein. Wenn ihr also nicht vom Herrn und von mir, seinem Diener, verflucht werden wollt, so liebt den Messias. Zweifelt nicht! Sein Zeugnis ist: Geist des Friedens, vollkommene Liebe, höhere Weisheit als jede andere, himmlische Lehre, absolute Sanftmut; Macht über alle Dinge, vollkommene Demut und engelgleiche Keuschheit. Ihr könnt nicht fehlgehen. Wenn ihr Frieden in der Nähe eines Menschen atmet, der von sich sagt, daß er der Messias ist; wenn ihr Liebe trinkt, die Liebe, die von ihm ausgeht; wenn ihr aus eurem Dunkel ins Licht eingeht; wenn ihr seht, daß Sünden vergeben und Leiber geheilt werden, dann saget: 'Dieser ist wahrlich das Lamm Gottes!"' Wir wissen, daß deine Werke es sind, von denen unser Johannes gesprochen hat. Daher verzeihe uns, liebe uns, gib uns das, was die Welt von dir erwartet.»

«Ich bin deswegen gekommen; ich komme von sehr weit her, um auch der Stadt des Johannes das zu geben, was ich jedem Ort, der mich aufnimmt, gebe. Sagt daher, was ihr von mir wollt!»

«Auch wir haben Kranke, und unwissend sind wir. Besonders, was Liebe und Güte betrifft, sind wir unwissend. Johannes hat mit seiner vollkommenen Gottesliebe eine eiserne Hand und Feuer-Worte; er will alle biegen, wie ein Riese einen Grashalm biegt. Viele verfallen der Mutlosigkeit, denn der Mensch ist mehr Sünder als Heiliger. Es ist schwierig, heilig zu sein. Man sagt, daß du nicht biegst, sondern aufrichtest, nicht verwundest, sondern Balsam auflegst, nicht schlägst, sondern streichelst. Man sagt, daß du väterlich bist mit den Sündern und Macht über die Krankheiten hast, wie sie auch heißen, besonders über die des Herzens. Die Rabbis verstehen es nicht mehr.»

«Bringt mir eure Kranken und versammelt euch dann in diesem Garten, der verlassen und von der Sünde entweiht ist, nachdem er einmal der Tempel der Gnade war, die hier gewohnt hat.»

Die Hebroniten entfernen sich in alle Richtungen, wie Schwalben; nur der Synagogenvorsteher bleibt. Er geht mit Jesus und den Jüngern innerhalb der Abgrenzung des Gartens in den Schatten einer Laube, die mit wild wuchernden Rosen und Weinreben überwachsen ist. Die Hebroniten kommen bald zurück. Sie bringen einen Gelähmten auf einer Bahre, ein blindes Mädchen, einen Taubstummen und zwei Kranke, die an

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irgendeiner mir unbekannten Krankheit leiden und von Begleitern geführt werden.

«Der Friede sei mit dir», grüßt Jesus jeden ankommenden Kranken. Dann die sanfte Frage: «Was wollt ihr, daß ich tue?» Und es antwortet der Klagechor der Unglücklichen; jeder möchte seine eigene Geschichte erzählen.

Jesus, der dagesessen hatte, erhebt sich und geht zum Stummen, dem er die Lippen mit seinem Speichel befeuchtet und dem er das große Wort sagt: «Öffne dich!» Ebenso sagt er zur Blinden, deren geschlossene Lider er mit dem von Speichel befeuchteten Finger berührt. Dann gibt er dem Gelähmten die Hand und sagt: «Steh auf!» Zum Schluß legt er den beiden Kranken seine Hände auf mit den Worten: «Werdet gesund, im Namen des Herrn!»

Der Stumme, der zuvor nur unverständliche Laute von sich gab, sagt klar und deutlich «Mama», während das Mädchen die entsiegelten Lider dem Lichte öffnet, sie wieder schließt und wieder öffnet und mit den Fingern zur unbekannten Sonne deutet, lacht und weint, sich die Augen reibt, da es die Sonne nicht gewöhnt ist, und auf die Erde, die Personen und besonders auf Jesus schaut. Der Gelähmte steigt sicher von der Bahre, und seine barmherzigen Träger halten dieselbe leer in die Höhe, um den entfernt Stehenden zu verstehen zu geben, daß die Gnade gewährt worden ist, während die beiden Kranken vor Freude weinen und niederknien, um ihren Retter zu verehren.

Die Menschen brechen in begeisterte Hosannarufe aus. Thomas, der nahe bei Judas steht, blickt ihn fest und mit einem so vielsagenden Ausdruck an, daß dieser ihm antwortet: «Ich war töricht, verzeih!»

Nachdem die Rufe nachgelassen haben, beginnt Jesus zu reden.

«Der Herr sprach zu Josua und sagte: "Sprich zu den Kindern Israels und sage zu ihnen: Teilt die Städte mit den Flüchtigen, von denen ich durch Moses zu euch gesprochen habe, damit sich dorthin flüchten kann, wer unfreiwillig jemand getötet hat und sich dem Zorn der Verwandten und den Bluträchern entziehen will!" Hebron ist eine dieser Städte.

Es wird weiter gesagt: "Und die Ältesten der Stadt sollen den Unschuldigen nicht dem ausliefern, der ihn zu töten sucht, sondern sie sollen ihn aufnehmen und ihm eine Wohnung geben, damit er bis zum Gericht und solange der betreffende Hohepriester nicht gestorben ist, dort bleiben kann. Danach kann er in seine Stadt und in sein Haus zurückkehren."

In diesem Gesetz ist schon die barmherzige Liebe zum Nächsten berücksichtigt und befohlen. Dieses Gebot hat Gott gegeben, da es nicht erlaubt ist, zu töten, ohne vorher den Angeklagten verhört zu haben; es ist auch nicht erlaubt, im Zorn zu töten.

Dies gilt auch für die moralischen Vergehen und Anschuldigungen. Es ist nicht erlaubt, zu beschuldigen, wenn man nicht genau untersucht hat,

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oder zu richten, bevor man den Angeklagten angehört hat. Doch heute kommen zu den bisherigen Anklagen und Verurteilungen für begangene oder vermutete Taten neue hinzu: solche, die sich gegen Menschen richten, die im Namen Gottes auftreten. In den Jahrhunderten ist das gegen die Propheten vorgekommen; heute erhebt man sich gegen den Vorläufer des Christus und gegen Christus. Ihr selbst könnt es feststellen. Mit Hinterlist aus dem Gebiet von Sichern gelockt, erwartet der Täufer in den Kerkern von Herodes den Tod; denn er wird nie in eine Lüge und in Kompromisse einwilligen, selbst wenn er geköpft werden sollte: nichts wird seine Ehrlichkeit zerstören und seine Seele von der Wahrheit trennen können, der er in allen ihren verschiedenen Formen, den göttlichen, den übernatürlichen und den moralischen treu gedient hat. Genauso wird Christus verfolgt, mit doppelter und zehnfacher Wut, da er sich nicht darauf beschränkt, Herodes zu sagen: "Es ist dir nicht erlaubt", sondern überall dort, wo er eintretend Sünde antrifft oder weiß, daß Sünde vorliegt, sagt: "Es ist dir nicht erlaubt", ohne daß er eine Kategorie im Namen Gottes und zur Ehre Gottes ausschließt. Wie kann dies geschehen? Gibt es keine Diener Gottes mehr in Israel? Ja, es gibt sie. Aber sie verehren Götzen!

Im Brief des Jeremias an die Exilierten stehen unter anderem diese Dinge. Ich rufe sie euch ins Gedächtnis, da jedes Wort des Briefes Lehre ist, die sich vom Augenblick an, in dem der Geist sie infolge eines Ereignisses der Gegenwart niederschreiben läßt, auch auf ein zukünftiges Vorkommnis bezieht. Es steht also geschrieben: "Wenn ihr nach Babylon kommt, werdet ihr Götzen aus Gold, Silber, Stein und Holz sehen... Hütet euch davor, das Tun der Fremden nachzuahmen oder sie zu fürchten oder Angst zu haben... sagt in eurem Herzen: 'Dich allein, o Herr, müssen wir anbeten!"' Und der Brief beschreibt diese Idole in allen Einzelheiten; diese Idole, die eine künstliche Zunge haben und sich dieser nicht bedienen, um ihre falschen Priester zu tadeln, die sie berauben, um mit dem Gold des Idols die Dirnen zu kleiden; diesen aber nehmen sie das Gold wieder ab, das beschmutzt ist durch die Prostitution, um das Idol damit wieder zu bedecken; diese Idole, die Rost und Gewürm zerstören, und die nur sauber und ordentlich sind, wenn der Mensch ihr Gesicht wäscht und sie kleidet; während sie allein nichts vermögen, selbst wenn sie Szepter und Waage in der Hand halten. Und der Prophet endet: "Fürchtet sie daher nicht!" Dann fährt er fort: "Unnütz wie zerbrochene Gefäße sind diese Götter. Ihre Augen sind voll vom aufgewirbelten Staub der Tempelbesucher; sie sind immer geschlossen, wie in einem Grab oder wie die Augen dessen, der den König beleidigt hat; jeder Mensch kann sie ihrer kostbaren Gewänder berauben. Sie sehen das Licht der Lampen nicht, daher sind sie im Tempel wie Balken, und die Lampen sind nur dazu da, um sie mit Ruß zu bedecken, während Käuzchen, Schwalben und andere Vögel auf ihren Kopf fliegen und ihn mit ihrem Kot beschmutzen; die Katzen

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machen aus ihren Gewändern ihr Lager und zerfetzen sie. Nein, diese Idole sind nicht zu fürchten; sie sind tote Dinge. Nicht einmal das Gold nützt ihnen; es dient nur als Schmuck, und wenn es nicht geputzt wird, dann glänzt es nicht. Sie haben auch nichts gespürt, als sie hergestellt wurden. Das Feuer hat sie nicht zum Leben erweckt. Sie sind für namhafte Summen gekauft worden und werden dort aufgestellt, wo der Mensch sie haben will; denn sie sind in beschämender Weise ohnmächtig... Warum werden sie dann Götter genannt? Weil man sie anbetet und ihnen Opfer darbringt in Schauspielen falscher Zeremonien, an die weder die Ausführenden noch die Beiwohnenden glauben. Wenn ihnen Gutes oder Böses angetan wird, vergelten sie es nicht; sie sind unfähig, einen König zu ernennen oder abzusetzen; sie können weder Reichtum noch Übel verteilen; sie können einen Menschen nicht vor dem Tod bewahren und einen Schwachen nicht vor dem Mächtigen schützen. Sie haben auch kein Mitleid mit den Witwen und den Waisen. Sie gleichen den Felsen im Gebirge..." Das sagt der Brief so ungefähr.

Seht, auch wir haben Idole, aber keine Heiligen mehr in den Reihen der Diener des Herrn. Daher kann sich das Böse gegen das Gute erheben. Das Böse, das den Verstand und das Herz der nicht mehr Heiligen mit Schmutz bespritzt und sich einnistet in ihre falschen Gewänder der Güte.

Sie können die Worte Gottes nicht mehr aussprechen. Das ist natürlich! Sie haben eine von Menschen angefertigte Zunge und sagen Menschenworte, wenn sie nicht Satansworte sagen; sie sprechen nichts anderes aus als unvernünftige Vorwürfe an Unschuldige und Arme, und schweigen dort, wo sie Verdorbenheit von Mächtigen sehen. Denn sie sind alle verdorben und können sich daher nicht gegenseitig dieselbe Schuld vorwerfen. Sie arbeiten eifrig, nicht für den Herrn, sondern für Mammon und nehmen das Gold der Unzucht und des Verbrechens an, feilschend, stehlend und von einer Gier besessen, die jede Grenze und alles Maß übersteigt. Jeglicher Staub bleibt auf ihnen liegen, gärt auf ihnen, und wenn sie dem Herrn ein gewaschenes Gesicht zeigen, so sieht das Auge Gottes ein sehr schmutziges Herz. Der Rost des Hasses und das Gewürm der Sünde nagt an ihnen; sie tun nichts, um sich zu retten. Sie gehen um mit Verfluchungen wie mit Szepter und Schwert; aber sie wissen nicht, daß sie selbst verflucht sind. Eingeschlossen in ihr Denken und ihre Süchte wie Leichen in ihren Gräbern oder Gefangene in ihrem Kerker, stehen sie da und klammern sich an die Eisenstangen ihrer Zelle aus Angst, daß eine Hand sie von dort herausholen könnte; denn da sind diese Toten immer noch etwas: Mumien, aber nicht Mumien mit einem menschlichen Aussehen, sondern zu vertrocknetem Holz verdorrte Leiber; draußen wären sie überholte Dinge von der Welt, die das Leben sucht, die das Leben nötig hat, wie der Säugling die Brust, und die den sucht, der Leben schenkt und nicht Leichengeruch.

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Sie stehen im Tempel, ja, und der Rauch der Lampen: der Ehren, bedeckt sie mit seinem Ruß; aber das Licht dringt nicht in sie hinein; alle Leidenschaften nisten sich in ihnen ein wie Vögel und Katzen; doch keine Begeisterung für ihre Aufgabe entzündet in ihnen die mystische Unruhe nach Gott. Sie weisen die Liebe ab. Das Feuer der Liebe entzündet sie nicht, so wie die Liebe sie nicht mit ihrem herrlichen Goldglanz umkleidet; die doppelte Liebe in Form und Ursprung: Liebe zu Gott und dem Nächsten die Form; Liebe zu Gott und dem Menschen die Quelle. Denn Gott entfernt sich vom Menschen, der nicht liebt, und die Quelle versiegt; und es entfernt sich der Mensch vom bösen Menschen, und somit versiegt auch die zweite Quelle. Alles wird dem Menschen ohne Liebe von dem, der die Liebe ist, genommen. Sie lassen sich kaufen für verfluchtes Geld, und sie lassen sich dorthin bringen, wo der Nutzen und die Macht sie haben wollen.

Nein! Nein, das ist nicht erlaubt! Es gibt keine Münze, mit der man das Gewissen kaufen kann, und besonders nicht das der Priester und der Lehrer. Es ist nicht erlaubt, in Dingen der Erde nachgiebig zu sein, wenn diese zu Handlungen verführen, die gegen die von Gott festgelegte Ordnung verstoßen. Das ist geistige Impotenz, und es steht geschrieben: "Der Eunuch kann nicht in die Versammlung des Herrn eintreten." Wenn aber in der Natur Impotente nicht zum Volk Gottes gehören können, kann dann der im Geiste Impotente ein Minister Gottes werden? In Wahrheit sage ich euch, daß viele Priester und Lehrer jetzt von schuldhaftem geistigen Eunuchentum befallen sind, denn sie sind verstümmelt in ihrer geistigen Männlichkeit. Viele, allzuviele!

Überlegt! Beobachtet! Vergleicht! Ihr werdet sehen, daß wir viele Idole haben und wenige Diener des Guten, das Gott ist. Daher sind die Zufluchtsstädte keine Zufluchtsstätten mehr. Nichts wird mehr geachtet in Israel, und die Heiligen sterben, da sie von den Unheiligen gehaßt werden.

Aber ich lade euch ein: "Kommt!" Ich rufe euch im Namen eures Johannes, der schmachtet, weil er heilig war; der bestraft wird, weil er mein Vorläufer ist und versucht hat, den Weg des Lammes vom Schmutz zu säubern.

Kommt, um Gott zu dienen! Die Zeit ist nahe! Seid nicht unvorbereitet für die Erlösung. Macht, daß der Regen auf das besäte Feld falle. Sonst ist er umsonst vergossen worden. Ihr, ihr von Hebron, an der Spitze müßt ihr stehen! Habt ihr nicht mit Zacharias und Elisabeth gelebt? Diese Heiligen haben vom Himmel den Johannes verdient, und hier hat Johannes den Wohlgeruch der Gnade mit der wahren Reinheit seiner Kindheit verbreitet, und aus seiner Wüste hat er euch den Verderben verhindernden Weihrauch seiner Gnade gesandt, die zum Wunder der Buße geworden ist. Enttäuscht euren Johannes nicht! Er hat die Nächstenliebe auf eine fast göttliche Stufe gebracht, indem er den letzten Bewohner der Wüste, wie

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euch, seine Mitbürger, liebt. Gewiß erfleht er für euch das Heil. Und das Heil besteht darin, der Stimme des Herrn zu folgen und an sein Wort zu glauben. Kommt zahlreich aus dieser Priesterstadt zum Dienst des Herrn! Ich gehe vorüber und rufe euch. Steht den Dirnen nicht nach, denen ein Wort der Barmherzigkeit genügt, um den bisherigen Weg zu verlassen und auf den Weg des Guten zu kommen.

Bei meiner Ankunft bin ich gefragt worden: "Aber hegst du uns gegenüber keinen Groll?" Groll? O nein! Liebe habe ich für euch! Und ich habe die Hoffnung, euch in den Reihen meines Volkes zu sehen; des Volkes, das ich im neuen Exodus zu Gott führe, zum wahren Land der Verheißung: zum Reich Gottes durch das Rote Meer der Sinne und durch die Wüste der Sünde, frei von jeder Sklaverei, zum ewigen Land voller Herrlichkeit und Frieden... Kommt! Es ist die Liebe, die vorüberzieht! Wer will, kann ihr folgen; denn um von ihr angenommen zu werden, ist nur der gute Wille nötig.»

Jesus hat in einem unerwarteten Schweigen geendet. Viele scheinen die gehörten Worte abzuwägen, durchzudenken und zu vergleichen.

Während dies geschieht und Jesus sich müde und erhitzt niedergesetzt hat und sich mit Johannes und Judas unterhält, ertönt ein Geschrei jenseits der Umzäunung des Gartens. Wirre Schreie erst, und dann ganz klar: «Ist er der Messias? Ist er da?» Und nachdem dies bestätigt worden ist, wird ein Krüppel herangeführt, der wie ein S aussieht, so verwachsen ist er.

«Oh, es ist Masala!»

«Aber der ist doch zu sehr verkrüppelt; was kann er noch erhoffen?»

«Seine Mutter, die Unglückliche, ist auch da!»

«Meister, der Mann hat diese Frau verstoßen wegen dieser Mißgeburt; sie lebt hier von Almosen. Aber jetzt ist sie alt und wird nicht mehr lange leben ...»

Eine Mißgeburt, wahrlich! Sie ist bei Jesus angelangt. Der Krüppel kann Jesus nicht einmal ins Gesicht sehen, so sehr ist er verkrümmt. Er gleicht der Karikatur eines Menschenaffen oder einem vermenschlichten Kamel. Die Mutter, alt und arm, sagt kein Wort, sie seufzt nur: «Herr, Herr... ich glaube ...»

Jesus legt seine Hände auf die schiefen Schultern des Mannes, der ihm nur bis zur Taille reicht, hebt sein Antlitz zum Himmel und ruft aus: «Steh auf und wandle auf dem Weg des Herrn!» Der Mann schüttelt sich und richtet sich auf wie ein normaler Mensch. Die Bewegung erfolgt so plötzlich, daß man meint, die Feder, die ihn in diese abnormale Position gezwungen hat, sei zerbrochen. Er reicht nun Jesus bis an die Schultern, schaut ihn an und sinkt zusammen mit der Mutter auf die Knie. Sie küssen die Füße des Retters.

Was jetzt unter dem Volk geschieht, ist unbeschreiblich. Allem

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Widerstand zum Trotz wird Jesus gezwungen, in Hebron Aufenthalt zu nehmen; denn das Volk schickt sich an, alle Ausgänge zu besetzen, um sein Weggehen zu verhindern.

So begibt sich Jesus in das Haus des alten Synagogenvorstehers, der seit dem letzen Jahr völlig verändert ist.

253. IN JUTTA; PREDIGT IM HAUS ISAAKS

Ganz Jutta ist Jesus entgegengekommen mit Feld- und Waldblumen seiner Hügel und den Frühgemüsen seiner Kulturen, mit dem Lächeln seiner Kinder und den Segenswünschen seiner Bewohner. Bevor Jesus den Fuß in die Ortschaft setzen kann, ist er schon von diesen Guten umringt, die von den vorausgesandten Judas Iskariot und Johannes benachrichtigt worden und herbeigeeilt sind mit allem, was ihnen am geeignetsten schien, um den Erlöser zu ehren, und vor allem mit ihrer Liebe.

Jesus kann nichts anderes tun, als dieser Menge von Erwachsenen und Kindern mit Wort und Geste den Segen zu erteilen; dieser Menge, die sich an und um ihn drängt, ihm das Gewand und die Hände küßt und Säuglinge auf die Arme legt, damit er sie mit seinem Kuß segne. Die erste, die dies tut, ist Sara, die ihm ein prächtiges Kind von ungefähr zehn Monaten reicht, das von jetzt an Jesai heißt.

Die Liebe hindert Jesus am Weitergehen, denn sie ist so überwältigend wie eine hochgehende Woge. Ich glaube, Jesus wird mehr von dieser Woge als von den eigenen Füßen getragen, und sein Herz ist hochgestimmt in der Freude, die ihm diese Liebe schenkt. Sein Antlitz leuchtet wie in den Augenblicken der lebhaften Freude als Gottmensch. Es ist nicht der mächtige Ausdruck mit dem magnetischen Blick der Stunden der Wunder, nicht das majestätische Antlitz, das er zeigt, wenn er seine beständige Vereinigung mit dem Vater offenbart. Es ist auch nicht das strenge Antlitz, das er hat, wenn er eine Schuld tadelt: alles Reflexe verschiedener Lichter. Dies aber ist das Leuchten der Stunden der Entspannung seines ganzen "ICHS", das von so vielen Seiten angegriffen und gezwungen wird, jede kleinste Geste, jedes Wort, von ihm selbst oder von anderen, zu überwachen; es wird verwickelt in die Umtriebe der Welt, die wie eine bösartige Spinne ihre satanischen Fäden um den göttlichen Schmetterling, den Gottmensch, spinnt und hofft, ihn dadurch am Flug zu hindern und den Geist zu lähmen, damit er die Welt nicht rette; sie hofft, seine Worte verstümmeln zu können, damit er die sündhafte Unwissenheit der Erde nicht belehre; die hofft, ihm die Hände zu binden, damit diese Hände des Ewigen Priesters die Menschen nicht heiligen, die vom Satan und vom Fleisch verdorben worden sind; die ihm die Augen verschleiern möchten,

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damit die Vollkommenheit seines Blickes – der ein Magnet, Verzeihung, Liebe und bezwingend ist – der mit jedem nicht vollkommen satanischen Widerstand fertig wird, die Herzen nicht an sich ziehe.

Oh, steht es nicht immer noch so um Christus durch das Wirken der Feinde Christi? Immer noch versuchen Wissenschaft und Häresie, Haß und Neid und die aus derselben Menschheit geborenen Feinde der Menschheit, wie vergiftete Zweige einer gesunden Pflanze, alles, um die Menschheit zu vernichten; diese Menschheit, die sie noch mehr hassen als Christus; denn sie hassen sie konkret, indem sie alles unternehmen, um sie durch die Entchristlichung ihrer Freude zu berauben, da sie Christus nichts nehmen können, denn er ist Gott, und sie sind nur Staub.

Ja, sie tun es! Aber Jesus zieht sich in die treuen Herzen zurück, wacht von dort aus über sie und spricht zu ihnen. Von dort aus segnet er die Menschheit, und dann... dann gibt er sich diesen Herzen, und sie... und sie berühren den Himmel mit seiner Seligkeit, hierbleibend, aber brennend, bis ihr ganzes Sein von einer wunderbaren Unruhe erfüllt ist: in den Sinnen und den Organen, in den Gefühlen und den Gedanken und endlich im Geist... Tränen und Lächeln, Seufzer, Gesang und Erschöpfung; gleichzeitig sind die dringenden Notwendigkeiten des Lebens unsere Begleiter oder vielmehr unser Sein selbst; denn wie die Knochen im Fleisch, die Venen und die Nerven unter der Haut sind, und alles zusammen den Menschen bildet, so sind auch die Dinge, die sich an Jesus entzündet haben und geschenkt wurden, in uns, in unserer armseligen Menschlichkeit. Was sind wir in jenen Momenten, die nicht ewig dauern können, denn sollten sie mehr als einen Augenblick dauern, würde man verbrannt und vernichtet sterben? Wir sind keine Menschen mehr. Wir sind nicht mehr die mit Vernunft begabten Tiere, die auf Erden leben. Wir sind, wir sind: oh, Herr! Laß es mich einmal sagen, nicht aus Stolz, sondern um deine Herrlichkeit zu rühmen; denn dein Blick verbrennt mich und versetzt mich in Verzückung... Wir sind dann Seraphim. Und es wundert mich, daß keine Flammen aus uns kommen, spürbar für die Menschen und für die Materie, wie das bei den Erscheinungen der Verdammten der Fall ist. Denn, wenn es wahr ist, daß das höllische Feuer so ist, daß ein einziger von einem Verdammten ausgelöster Reflex genügt, um Holz zum Brennen und Metalle zum Schmelzen zu bringen: was ist dann dein Feuer, o Gott, der du alles hast, was unendlich und vollkommen ist?

Nein, man stirbt nicht am Fieber, man verbrennt nicht an ihm und man wird nicht vom Fieber der Übel des Fleisches verzehrt. Du bist das Fieber in uns, Liebe! Und an ihr verbrennt man, stirbt man, verzehrt man sich, und in ihr zerreißen die Fasern des Herzens, das so viel nicht mehr aushalten kann. Ich habe mich schlecht ausgedrückt; denn die Liebe ist Delirium, die Liebe ist eine Sturzflut, die Deiche bricht und alles überschwemmt, was nicht sie ist; Liebe ist, seinen Geist anfüllen mit wahren Gefühlen, die alle da sind; denn die Hand ist nicht schnell genug, das vom Herzen empfundene Gefühl in Gedanken niederzuschreiben. Es ist nicht wahr, daß man stirbt. Man lebt. In einem verzehnfachten Leben. Mit einem verdoppelten Leben als Mensch und als Seliger: das Leben der Erde und das des Himmels. Man erreicht und überhöht, oh, dessen bin ich sicher, das Leben ohne Schaden, ohne Verminderung noch Begrenzung; denn Du, Vater, Sohn und Heiliger Geist, du, Gott, Schöpfer und Dreieiniger, hast Adam das Leben gegeben als Präludium für das Leben nach der Aufnahme durch dich in den Himmel, nach einem friedvollen Übergang von dem irdischen Paradies zum himmlischen und einem Sprung in die liebenden Arme der Engel; so wie es der süße Schlummer und die süße Auffahrt Marias in den Himmel war, um zu dir zu gelangen, zu dir, zu dir, zu dir!

Man lebt das wahre Leben. Dann findet man sich wieder hier, und, wie es mir geschehen ist, man staunt, man schämt sich, sich mit soviel anderem beschäftigt zu haben und man sagt: «Herr, ich bin nicht würdig. Verzeih, Herr!» Man klopft sich an die Brust voller Schrecken, eine Hochmutssünde begangen zu haben; und man senkt einen dichteren Schleier über das Leuchten, das, wenn es aus Mitleid mit unserer Begrenztheit nicht mit einer

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außergewöhnlichen Flamme weiterbrennt, im Mittelpunkt unseres Herzens weiterglüht, bereit, in einem neuen Augenblick, einem von Gott gewollten Augenblick der Seligkeit, wieder kräftig aufzuflackern. Man senkt den Schleier über das Heiligtum, in dem Gott brennt mit seinem Feuer, seinem Licht, seiner Liebe... und erschöpft und doch wiederbelebt, setzt man seinen Weg fort, wie... betrunken von einem starken und kräftigenden Wein, der den Verstand nicht benebelt, sondern ihn davor bewahrt, Augen und Gedanken zu haben für das, was nicht der Herr ist; du, mein Jesus, Verbindungsglied zwischen unserem Elend und der Gottheit, Mittler der Erlösung von unserer Schuld, Schöpfer der Seligkeit für unsere Seele, du, Sohn, der mit den durchbohrten Händen unsere Hände in die geistigen Hände des Vaters und des Heiligen Geistes legt, damit wir in euch seien, jetzt und für immer. Amen.

Aber wohin bin ich gegangen, als Jesus mich aufflammen läßt und die Bewohner von Jutta mit seinem Blick der Liebe entzündet? Sie werden bemerkt haben, daß ich nicht mehr oder nur selten von mir rede. Wieviel Dinge könnte ich sagen! Aber körperliche Müdigkeit und Schwäche, die mich sofort nach den Diktaten befallen, und geistige Scham, die immer stärker wird, je mehr ich voranschreite, überzeugen, ja, verpflichten mich zu schweigen. Aber heute... bin ich zu hoch gestiegen, und man weiß, daß die Stratosphärenluft die Kontrolle verlieren läßt... Und ich bin weit über die Stratosphäre hinausgegangen, und da konnte ich mich nicht mehr beherrschen... Und dann glaube ich, daß wir, wenn wir jedesmal schweigen würden, wenn wir von diesem Wirbel der Liebe erfaßt werden, schließlich explodierten wie Geschosse, oder besser, wie überhitzte, geschlossene Kessel...

Verzeihen Sie mir, Pater. Nun fahren wir fort.

Jesus betritt Jutta, wird zum Marktplatz begleitet und von dort zum armen Häuschen, in dem Isaak dreißig Jahre lang gelitten hat. Man erklärt ihm: «Hierher kommen wir, um von dir zu reden und um zu beten, wie in einer wahren, wirklichen Synagoge. Denn hier begann unsere Bekanntschaft, und hier riefen dich die Gebete eines Heiligen zu uns. Tritt ein! Schau, wie wir es eingerichtet haben.»

Das Häuschen, das vor einem Jahre noch aus frei durchlöcherten Zimmern bestand (im ersten bettelte der kranke Isaak, das zweite war ein Ablageraum, und das dritte eine Küche, die zum Hof führte), ist nun in einen einzigen Raum verwandelt worden, in dem Bänke stehen für die Leute, die hier zusammenkommen. In einer Hütte im Hof sind die wenigen Einrichtungsgegenstände Isaaks wie Reliquien aufgestellt; die Ehrfurcht der Bewohner von Jutta hat den Hof zu einem etwas weniger traurigen Ort gemacht. Schlinggewächse bilden den Anfang einer Pergola; sie winden sich an Seilen, die wie ein Netz gespannt sind, bis in die Höhe des niedrigen Daches hinauf.

Jesus lobt sie und sagt: «Hier wollen wir bleiben. Ich bitte euch, nur die Frauen und das Kind zu beherbergen.»

«Oh, Meister, das soll niemals geschehen! Wir kommen mit dir hierher, und du wirst zu uns sprechen; aber du und die Deinen, ihr alle seid unsere Gäste! Schenk uns die Gnade, dich und die Diener Gottes aufnehmen zu können. Es ist nur bedauerlich, daß es ihrer nicht so viele sind, wie Häuser zur Verfügung stehen...»

Jesus gibt nach und verläßt das Häuschen, um sich zum Haus der Sara

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zu begeben, die an niemand ihr Recht, Jesus und den Seinen eine Mahlzeit anzubieten, abgibt...

.. . Jesus spricht im Haus Isaaks. Die Leute füllen den Raum, den Hof und benötigen auch noch den Platz; und, um von allen verstanden zu werden, stellt sich Jesus in die Mitte des Raumes, so daß seine Stimme auch im Hof und auf dem Platz vernommen wird.

Es muß sich um ein Thema handeln, das aufgrund vorhergegangener Fragen oder Vorkommnisse bereits erörtert worden ist. Jesus sagt: «... Aber zweifelt nicht daran. Wie Jeremias sagt, werden sie selbst erfahren, wie bitter und schmerzvoll es ist, den Herrn verlassen zu haben. Für gewisse Verbrechen, meine Freunde, gibt es kein Nitrat oder Borit, die fähig sind, das Mal auszumerzen. Nicht einmal das höllische Feuer löscht dieses Zeichen aus. Es ist unzerstörbar.

Auch hier muß man die Richtigkeit der Worte von Jeremias anerkennen. Unsere Großen Israels scheinen wirklich die wilden Esel zu sein, von denen der Prophet spricht. Verwahrloste in der Wüste ihres Herzens; denn, glaubt es mir, solange jemand mit Gott ist – auch wenn er arm wie Job, allein und nackt ist – ist er nie allein, arm und entblößt, nie in der Wüste. Doch sie haben Gott aus ihren Herzen entfernt und befinden sich daher in einer öden Wüste. Wie wilde Eselinnen wittern sie im Wind den Geruch der Esel; was hier in unserem Fall, wegen der Begehrtheit Macht, Geld und außerdem mit Recht Unzucht heißt: deren Geruch laufen sie nach bis zum Verbrechen. Ja, sie folgen ihm und werden ihm mehr und mehr folgen. Sie wissen nicht, daß nicht ihr Fuß, sondern ihr Herz nackt ist in den Augen Gottes, der ihr Verbrechen bestrafen wird. Wie werden Könige und Fürsten, Priester und Schriftgelehrte überrascht sein, die in Wahrheit zu dem, was nichts ist, oder schlimmer noch, was Sünde ist, gesagt haben und sagen: "Du bist mein Vater. Du hast mich erschaffen!"

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, daß Moses im Zorn die Gesetzestafeln zerschlug, als er das Volk Götzendienst treiben sah, und dann auf den Berg stieg, um zu beten, anzubeten; und er wurde erhört. So geht es seit Jahrhunderten. Aber noch ist er nicht verschwunden und er wird auch nicht verschwinden, sondern wie Hefe im Mehl aufgehen: der Götzendienst in den Herzen der Menschen. Fast jeder Mensch hat sein eigenes goldenes Kalb. Die Erde ist eine Wildnis von Götzenbildern, weil jedes Herz ein Altar ist, auf dem nur selten Gott ist. Wer nicht eine böse bestimmte Leidenschaft hat, hat eine andere. Wer nicht die eine Begierde hat, folgt einer mit anderem Namen. Wer nicht alles nur des Geldes wegen tut, tut alles für seine gesellschaftliche Stellung. Wer nicht ganz für das Fleisch lebt, lebt ganz für den Egoismus. Wie viele "Ich" werden wie goldene Kälber in den Herzen angebetet! Der Tag wird kommen, an dem sie erschüttert zum Herrn rufen und die Antwort erhalten: "Wende dich an deine Götter, ich kenne dich nicht!" Ich kenne dich nicht! Schreckliches

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Wort, wenn es von Gott zu einem Menschen gesprochen wird! Gott hat das Menschengeschlecht erschaffen und kennt jeden einzelnen Menschen. Wenn er daher sagt: "Ich kenne dich nicht" ' dann ist dies ein Zeichen, daß er kraft seines Willens diesen Menschen in seinem Gedächtnis ausgelöscht hat. Ich kenne dich nicht! Ist Gott mit diesem Urteil zu streng? Nein! Der Mensch hat zum Himmel geschrien: "Ich kenne dich nicht", und der Himmel hat dem Menschen geantwortet: "Ich kenne dich nicht." Getreu wie ein Echo...

Erwägt doch: der Mensch ist verpflichtet, Gott zu erkennen aus Dankbarkeit und mit Rücksicht auf den eigenen Verstand.

Aus Dankbarkeit: Gott hat den Menschen erschaffen. Er hat ihm die unschätzbare Gabe des Lebens geschenkt und ihn mit der unermeßlichen Gabe der Gnade versehen. Wenn diese durch eigene Schuld verlorengegangen ist, dann hört der Mensch in sich das große Versprechen: "Ich will dir die Gnade wieder schenken." Gott, der Beleidigte, ist es, der so zum Beleidiger spricht, als ob er, Gott, der Schuldige und verpflichtet wäre, wiedergutzumachen. Gott hält sein Versprechen. Ich bin hier, um den Menschen die Gnade wieder zu schenken. Gott begnügt sich nicht damit, nur das Übernatürliche zu geben; er beugt seine geistige Wesensheit, um für die bedrückenden Bedürfnisse des Fleisches und Blutes des Menschen zu sorgen, und gibt Sonnenwärme, Erquickung des Wassers, des Getreides, der Reben, der verschiedensten Früchte und der verschiedenartigsten Tiere. So hat der Mensch von Gott alle Mittel zum Leben. Er ist der Wohltäter. Man muß ihm dankbar dafür sein und ihm diese Dankbarkeit zeigen mit der Bemühung, ihn zu erkennen.

Rücksicht auf den eigenen Verstand: Der Irre und der Schwachsinnige sind ihren Betreuern nicht dankbar, denn sie verstehen den wahren Wert der Pflege nicht und hassen den, der sie wäscht und füttert, sie führt oder zu Bett bringt, sie überwacht und vor Gefahren hütet; sie hassen ihn, weil sie aufgrund ihrer Geisteskrankheit die Pflege mit Quälerei verwechseln. Der Mensch, der gegen Gott fehlt, entehrt sich selbst, weil er mit Verstand begabt ist. Nur die Schwachsinnigen oder die Irren sind unfähig, den Vater vom Fremden, den Wohltäter vom Feind zu unterscheiden. Der intelligente Mensch aber erkennt seinen Vater und seinen Wohltäter; er freut sich, ihn immer besser kennenzulernen, auch in Dingen, die er nicht kennt, da sie vielleicht geschehen sind, bevor er geboren wurde oder bevor er vom Vater oder vom Wohltäter beschenkt worden ist. So muß man es auch mit dem Herrn halten: beweisen, daß man Verstand hat und kein Tier ist. Aber viele in Israel gleichen den Irren, die den Vater und den Wohltäter nicht erkennen.

Jeremias fragt sich: "Kann jemals eine Jungfrau ihr Geschmeide vergessen und eine Braut ihren Gürtel?" O ja! In Israel gibt es viele dieser irren Jungfrauen, dieser schamlosen Bräute, die das Geschmeide und den

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ehrbaren Gürtel vergessen, um sich den Tand der Dirnen anzuziehen; es geschieht in einem immer größeren Maße, je höher man in den Klassen steigt, die Vorbild für das Volk sein sollten! Der Tadel Gottes gilt ihnen, der Schmerz und die Tränen Gottes: "Warum strengst du dich an, deinen Wandel als gut hinzustellen, um Liebe zu suchen, du, der du die Bosheit lehrst und dessen Gewandesränder Blutspuren der Armen und Unschuldigen aufweisen?"

Freunde, die Entfernung kann etwas Gutes und etwas Böses bedeuten. Sehr weit vom Ort entfernt zu sein, wo ich oft rede, ist ein Nachteil, der hindert, die Worte des Lebens zu vernehmen. Ihr beklagt euch deswegen. Es ist wahr. Aber die Entfernung hat auch etwas Gutes an sich, denn sie hält euch fern von Orten, an welchen die Sünde kocht und das Verderben gärt und Fallen gestellt werden, mir zu schaden, mich in meiner Arbeit zu stören und in die Herzen Zweifel und Lügen über mich zu legen.

Darum ist es mir lieber, euch fern von Verdorbenen zu wissen. Ich werde sorgen für eure Bildung. Ihr seht, Gott hat schon vorgesorgt, bevor wir uns kennengelernt und deswegen geliebt haben. Ich war euch bekannt, bevor wir uns gesehen haben. Isaak ist mein Bote gewesen. Ich werde viele Isaak senden, um euch meine Botschaft verkünden zu lassen. Ihr müßt übrigens wissen, daß Gott überall allein mit der Seele des Menschen sprechen und sie in seiner Lehre heranbilden kann.

Fürchtet nicht, daß das Alleinsein euch in Irrtümer führe! Nein! Wenn ihr es nicht wollt, werdet ihr dem Herrn und seinem Christus nicht untreu. Übrigens, wer absolut nicht fern vom Messias sein kann, der wisse, daß der Messias ihm Herz und Arme öffnet und sagt: "Kommt!" Kommt ihr alle, die ihr kommen wollt. Bleibt zurück, ihr, die ihr zurückbleiben wollt. Aber predigt Christus, die einen wie auch die anderen durch ein reines, ehrbares Leben. Predigt ihn gegen die Ehrlosigkeit, die sich in zu vielen Herzen einnistet. Predigt ihn gegen die Leichtfertigkeit der Unzähligen, die nicht treu bleiben können; die ihren Schmuck und ihren Gürtel vergessen als Seelen, die zur Hochzeit mit Christus berufen sind. Glücklich habt ihr gesagt: "Seit du zu uns gekommen bist, haben wir keine Kranken und Toten mehr. Dein Segen hat uns beschützt." Ja, die Gesundheit ist eine große Sache. Aber seht zu, daß mein jetziges Kommen euch alle gesunden Geistes macht, für immer und in allem! Daher segne ich euch und gebe euch meinen Frieden, euch, euren Kindern, den Feldern, den Häusern, den Ernten, den Herden, den Obstbäumen. Bedient euch ihrer in Heiligkeit; lebt nicht für sie, sondern durch sie; gebt den Überfluß den Bedürftigen, um damit ein volles Maß des Segens eures Vaters und einen Platz im Himmel zu erwerben. Geht! Ich will noch bleiben, um zu beten ...»

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254. IN KERIOTH; JESUS SPRICHT IN DER SYNAGOGE

Das Innere der Synagoge von Kerioth. An derselben Stelle, wo Saul tot hingelegt wurde, nachdem er die künftige Herrlichkeit des Christus gesehen hatte. Und an dieser Stelle, in einer geschlossenen Gruppe, die von Jesus und Judas überragt wird, den zwei größten, beide leuchtenden Gesichtes, der eine aufgrund seiner Liebe, der andere in der Freude darüber, daß seine Stadt dem Meister noch immer treu ist und ihm mit all dieser Aufmachung Ehre erweist, befinden sich die Vornehmen von Kerioth und dann, etwas weiter von Jesus entfernt, aber doch dicht aneinander gedrängt wie Samen in einem Säckchen, die Bürger; sie füllen die Synagoge, in der man trotz der geöffneten Türen nicht atmen kann. Um den Meister zu ehren und um ihn zu hören, geraten sie in ein schönes Durcheinander und machen einen Lärm, in dem man nichts versteht.

Jesus erträgt und schweigt. Die anderen aber werden unruhig, fuchteln mit den Armen und schreien: «Ruhe!» Der Ruf verliert sich im Geschrei wie ein Hilferuf am Strand während eines Sturmes.

Judas macht keine langen Geschichten. Er steigt auf einen hohen Schemel und klopft an die Lampen, die wie Trauben herunterhängen. Das hohle Metall tönt, und die Ketten klirren wie Musikinstrumente. Die Leute beruhigen sich, und man kann endlich Jesus reden hören.

Er sagt zum Synagogenvorsteher: «Gib mir die zehnte Rolle aus dem Regal.» Als er sie erhält, löst er das Band und gibt sie dem Synagogenvorsteher zurück und sagt: «Lies das 4. Kapitel des II. Buches der Makkabäer.»

Der Synagogenvorsteher liest gehorsam. Und die Wechselfälle des Onias und die Irrtümer des Jason und die Verrätereien und Diebereien des Menelaus ziehen im Geist der Anwesenden vorüber. Das Kapitel ist beendet. Der Synagogenvorsteher blickt auf Jesus, der aufmerksam zugehört hat.

Jesus gibt ein Zeichen, daß soweit die Lesung genügt und wendet sich zum Volk: «In der Stadt meines lieben Jüngers will ich nicht die üblichen Worte der Belehrung benützen. Wir werden einige Tage hier verweilen, und ich möchte, daß auch er zu euch spricht. Denn von nun an soll ein direkter, fortwährender Kontakt zwischen den Aposteln und dem Volk stattfinden. Das ist im oberen Galiläa beschlossen worden, und dort hat es bereits den ersten Erfolg gebracht. Aber die Demut meiner Jünger ließ sie dann in den Schatten zurücktreten, denn sie fürchten, unfähig und unwürdig zu sein, meinen Platz einzunehmen. Aber sie müssen es tun, und sie werden es gut machen und so ihrem Meister helfen. Hier also soll die wahre apostolische Verkündigung ihren Anfang nehmen, und die galiläisch-phönizischen Grenzen mit den Gebieten von Judäa, den südlichsten, die an die Länder der Sonne und des Sandes grenzen, in einer einzigen

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Liebe verbinden; denn der Meister genügt den Bedürfnissen der Scharen nicht mehr. Und es ist gerecht, daß die Jungadler ihren Horst verlassen und die ersten Flugversuche machen, solange die Sonne noch mit ihnen ist und starke Flügel sie beschwingen.

Ich werde also in diesen Tagen euer Freund und euere Ermutigung sein. Sie sind das Wort und streuen den Samen aus, den ich ihnen gegeben habe. Ihr werdet also nicht Worte allgemeiner Belehrung von mir erhalten; ich will euch etwas Besonderes schenken. Eine Prophezeiung! Erinnert euch in künftigen Zeiten daran, wenn das schrecklichste Ereignis der Menschheit die Sonne verfinstert, und die Herzen in der Finsternis einem irrigen Urteil verfallen könnten. Ich will nicht, daß ihr zu einem Irrtum verleitet werdet, die ihr vom ersten Augenblick an gut zu mir gewesen seid. Ich will nicht, daß die Welt sagen kann: "Kerioth war Christus feindlich gesinnt." Ich bin gerecht. Ich kann nicht zulassen, daß die Kritik, die für oder grollend und lieblos gegen mich spricht, euch aus verschiedenen Gründen der Schuld mir gegenüber bezichtige. So wie man bei einer großen Familie nicht gleiche Heiligkeit aller Kinder verlangen kann, so kann man dies auch nicht von einer bevölkerten Stadt verlangen. Aber es wäre ungerecht, wenn man wegen eines ungeratenen Kindes oder eines schlechten Bürgers sagt: "Die ganze Familie oder die ganze Stadt ist ein Fluch."

Hört also zu, erinnert euch daran, seid immer treu, und so wie ich euch liebe und euch vor einer ungerechten Anklage verteidige, so sollt auch ihr die Unschuldigen lieben. Wer auch immer sie sind. Wie auch ihre Verwandtschaftsbeziehung zu Schuldigen sein möge. Nun hört! Es wird eine Zeit kommen, in der in Israel Verräter des Schatzes und des Vaterlandes sich befinden, die in der Hoffnung, Freunde der Ausländer zu werden, schlecht über den wahren Hohenpriester reden und ihn anklagen, mit den Feinden Israels verbündet zu sein und die Kinder Gottes schlecht zu behandeln. Und um dies zu erreichen, sind sie fähig, Verbrechen zu begehen und die Verantwortung dafür auf den Unschuldigen zu schieben. Es wird die Zeit kommen, da wiederum in Israel, mehr noch als zur Zeit des Onias, ein Verbrecher behauptet, der Hohepriester zu sein, zu den Mächtigen in Israel geht und sie mit Gold und, was noch niederträchtiger ist, mit lügenvollen Worten bestechen will. Er wird die Wahrheit verdrehen und nicht gegen Mißstände auftreten; vielmehr wird er seine unwürdigen Ziele verfolgen und versuchen, die Sitten zu zerstören, um leichter die Seelen zu gewinnen, die die Freundschaft Gottes nicht mehr besitzen; alles nur, um sein Ziel zu erreichen. Und es wird ihm gelingen. Oh, gewiß! Denn wenn in demselben Gebäude auf dem Berge Moriah nicht Arenen nach dem Vorbild Jasons sind, so sind sie in Wirklichkeit in den Herzen der Bewohner des Berges, die für die Freiheit bereit sind, das zu verkaufen, was mehr als ein Landstück, sondern ihr eigenes Gewissen ist. Die Früchte des alten Irrtums treten dann zutage, und wer Augen hat zu sehen, wird

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erkennen, daß dies gerade dort geschieht, wo Liebe, Reinheit, Gerechtigkeit, Güte und heilige Religion herrschen müßten. Aber wenn jene Früchte schon erzittern lassen, so werden die Früchte, die aus ihren Samen hervorgehen, nicht nur schreckenerregend sein, sondern auch den göttlichen Fluch erregen.

Und nun die eigentliche Prophezeiung. In Wahrheit sage ich euch, daß der Mann, der listig, vertrauenerweckend und im Ablauf eines langen, hinterhältigen Spiels angenommen worden ist, den Hohenpriester, den wahren Priester, für Geld den Feinden überliefern wird. Getäuscht durch Liebesbezeugungen und den Mördern bezeichnet mit einer Liebesgeste wird der wahre Hohepriester, ohne jede Berücksichtigung der Gerechtigkeit, getötet. Welche Anklage wird gegen Christus erhoben – ich spreche von mir – um die Hinrichtung zu rechtfertigen? Welches Los ist denen vorbehalten, die solches tun? Ein unmittelbares Schicksal schrecklicher Gerechtigkeit. Ein Schicksal, das sich nicht individuell, sondern kollektiv an den Komplizen des Verräters vollziehen wird. Ein Schicksal, das entfernter und schrecklicher sein wird als das des Menschen, den die Reue dazu treibt, seinen dämonisierten Geist mit einem letzten Verbrechen gegen sich selbst zu krönen. Dieses Verbrechen ist in einem Augenblick beendet. Diese letzte Strafe aber wird lang und schrecklich sein. Ihr findet sie in den Worten: "... und von Zorn entbrannt, ließ er Andronikus sofort den Purpurmantel wegnehmen, die Kleider herunterreißen und ihn durch die Stadt führen bis zum Platz, wo er sich gegen Onias vergangen hatte" (2 Makk 4, 38).

Ja, die priesterliche Kaste wird in den Söhnen bestraft werden, nicht nur in den Ausführenden. Und das Los der Komplizen könnt ihr aus diesen Worten erfahren: "Die Stimme dieses Blutes schreit von der Erde zu mir. Du sollst daher verflucht sein..." (Gen 4, 9). Gott wird es zum ganzen Volk sagen, daß es das Geschenk des Himmels nicht mehr zu bewahren verstand; denn, wenn es wahr ist, daß ich gekommen bin, um zu erlösen, dann wehe jenen, die Mörder und nicht Erlöste sein werden in diesem Volk, das als erste Erlösung mein Wort hat.

Ich habe gesprochen. Erinnert euch dieser Worte! Wenn ihr hört, daß man sagt, ich sei ein Übeltäter, dann entgegnet: "Nein. Er hat es gesagt. Das ist seine Prophezeiung, die sich erfüllt, und er ist das für die Sünden der Welt getötete Opfer."»

Die Synagoge leert sich, und alle gestikulieren und reden über die Weissagung und die Hochachtung, die Jesus Judas erweist. Die Bewohner von Kerioth fühlen sich geehrt, weil der Messias die Heimatstadt eines Apostels, und überdies die des Apostels von Kerioth für den Beginn des apostolischen Wirkens und auch für das Geschenk der Weissagung gewählt hat. Obwohl diese Prophezeiung traurigen Inhalts ist, ist es doch eine große Ehre, sie erhalten zu haben und mit ihr die Worte der Liebe, die ihr vorausgegangen sind...

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In der Synagoge bleiben Jesus und die Gruppe der Apostel. Sie gehen zusammen in das Gärtchen, das zwischen der Synagoge und dem Haus des Synagogenvorstehers liegt. Judas hat sich niedergesetzt und weint.

«Warum weinst du? Ich sehe keinen Grund dafür...» sagt der andere Judas.

«Aber ja, fast möchte auch ich weinen... Habt ihr gehört? Jetzt sollen wir reden ...» sagt Petrus.

«Nun, ein wenig haben wir es schon auf dem Berg getan. Wir werden es immer besser tun. Du und Johannes, ihr seid sofort dazu fähig gewesen», sagt Jakobus des Zebedäus, um ihn zu ermutigen.

«Ich bin am schlimmsten dran... doch Gott wird mir helfen. Nicht wahr, Meister?» fragt Andreas.

Jesus, der in den Rollen liest, die er mitgenommen hat, dreht sich um und fragt: «Was hast du gesagt?»

«Daß Gott mir helfen wird, wenn ich reden soll. Ich werde versuchen, deine Worte so gut wie möglich zu wiederholen. Aber mein Bruder hat Angst, und Judas weint.»

«Du weinst? Warum?» fragt Jesus.

«Weil ich wirklich gesündigt habe. Andreas und Thomas können es bezeugen. Ich habe dich verleumdet, und du zeichnest mich aus, nennst mich "deinen lieben Jünger" und willst mich als Lehrer hier haben... Wieviel Liebe!»

«Aber hast du denn nicht gewußt, daß ich dich liebe?»

«Ja, aber... Danke, Meister. Ich werde nie mehr murren, denn ich bin wahrlich die Finsternis und du bist das Licht!»

Der Synagogenvorsteher kehrt zurück und lädt sie in sein Haus ein. Im Gehen sagt er: «Ich denke über deine Worte nach. Wenn ich recht verstanden habe, hast du in Kerioth einen Liebling gefunden, unseren Judas des Simon, und du prophezeist, daß du einen Unwürdigen hier findest. Das betrübt mich. Wenigstens wird Judas ein Ausgleich für den anderen sein ...»

«Mit meinem ganzen Sein», sagt Judas, der sich wieder erholt hat.

Jesus sagt nichts; er betrachtet seine Gesprächspartner, macht eine Geste und breitet die Arme, als wollte er sagen: «So ist es!»

255. IM HAUS DES JUDAS VON KERIOTH

Jesus ist gerade dabei, mit all den Seinen im schönen Haus des Judas zu Tisch zu gehen. Er sagt zur Mutter des Judas, die in ihr Landhaus gekommen ist, um den Meister würdig zu beherbergen: «Nein, auch du, Mutter, sollst mit uns zusammen sein. Wir sind hier eine Familie. Es ist nicht das

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einfache, kalte Mahl, das zufälligen Gästen angeboten wird. Ich habe dir einen Sohn genommen, und ich wünsche, daß du mich wie einen Sohn annimmst, so wie ich dich wie eine Mutter betrachte; denn du bist dessen würdig. Nicht wahr, Freunde, so fühlen wir uns wohler und wie zu Hause?»

Die Apostel und die beiden Marien bestätigen es aufs wärmste. Und die Mutter des Judas, mit ihren stark glänzenden Augen, muß sich zwischen ihren Sohn und den Meister setzen, dem gegenüber Margziam mit den beiden Frauen sitzt. Die Dienerin bringt die Speisen, und Jesus opfert, segnet und teilt sie aus; denn darauf besteht die Mutter des Judas. Er teilt aus, indem er jeweils bei ihr beginnt, was die Frau immer mehr bewegt und Judas stolz macht und gleichzeitig nachdenklich stimmt.

Man spricht über verschiedene Dinge, und Jesus versucht, die Mutter des Judas dafür zu interessieren und sie mit den beiden Jüngerinnen bekanntzumachen. Margziam hilft ihm dabei; er erklärt, daß er die Mutter des Judas sehr gern hat, «weil sie Maria heißt wie alle guten Frauen.»

«Und die Frau, die uns am See erwartet, die liebst du wohl nicht, du Schlingel?» fragt Petrus halb ernst.

«Oh, sehr, wenn sie gut ist.»

«Dessen kannst du sicher sein. Alle sagen es, und auch ich muß es sagen; immer hat sie Geduld mit ihrer Mutter und auch mit mir gezeigt; das besagt, daß sie gut ist. Aber sie heißt nicht Maria, mein Sohn. Sie hat einen eigenartigen Namen; denn ihr Vater gab ihr den Namen der Ware, die ihm zum Reichtum verholfen hat, und nannte sie Porphyria. Der Purpur ist schön und kostbar. Meine Frau ist nicht schön; aber sie ist kostbar wegen ihrer Güte. Ich liebe sie, denn sie ist sehr ruhig, keusch und schweigsam: drei Tugenden, die nicht leicht zu finden sind! Ich beobachtete sie schon, als sie noch ein kleines Mädchen war. Oft ging ich mit Fischen nach Kapharnaum und fand sie bei den Netzen oder am Brunnen oder auch im Hausgarten schweigsam bei der Arbeit; und sie war nicht ein herumflatternder Schmetterling, der da- und dorthin fliegt; auch nicht eine dumme Henne, die ihre Augen verdreht bei jedem Kikeriki des Hahnes. Sie hob nie den Kopf, wenn sie Männerstimmen hörte, und als ich, in ihre Güte und ihre herrlichen Zöpfe verliebt, und auch... und auch aus Mitleid mit ihrem Sklavendasein in der Familie, meine ersten Grußworte an sie richtete – sie war damals sechzehn Jahre alt – da hat sie kaum geantwortet, hat ihren Schleier noch weiter heruntergezogen und ist ins Haus gegangen. Oh, es hat lange gedauert, bis ich begriff, daß ich ihr nicht wie ein Bär erschien und mit meiner Werbung Ernst machen konnte! ... Aber ich bereue es nicht. Ich hätte die ganze Welt durchwandern können, ohne eine wie sie zu finden. Nicht wahr, Meister, sie ist gut?»

«Sehr gut. Ich bin sicher, daß Margziam sie lieben wird, auch wenn sie nicht Maria heißt. Nicht wahr, Margziam?»

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«Ja; sie wird "Mama" genannt; die Mütter sind gut und müssen geliebt werden!»

Dann erzählt Judas, was er tagsüber tat. Ich verstehe, daß er die Mutter über die Ankunft Jesu und der Jünger unterrichtete. Darauf hat er auf den Feldern von Kerioth zu reden begonnen, mit Andreas als Begleiter. Dann sagt er: «Morgen möchte ich, daß ihr alle kommt. Ich will nicht allein glänzen. Wir wollen, soweit als möglich zu zweit, jeweils ein Judäer und ein Galiläer, zusammen gehen. Ich zum Beispiel mit Johannes und Simon mit Thomas. Wenn nur der andere Simon käme! Ihr – er zeigt auf die Söhne des Alphäus – gehört zusammen. Ich habe allen, auch solchen, die es nicht wissen wollten, mitgeteilt, daß ihr Vettern des Meisters seid. Jedoch ihr beiden (er deutet auf Philippus und Bartholomäus) könnt miteinander gehen. Ich habe gesagt, daß Nathanael Rabbi ist und zum Gefolge Jesu gehört. Das macht Eindruck. So bleiben drei übrig. Sobald jedoch der Zelote da ist, kann man ein Paar mehr bilden. Dann wechseln wir ab; denn ich will, daß euch alle kennenlernen...» Judas ist voller Schwung. «Ich habe über die Zehn Gebote gesprochen, Meister, und versucht, besonders jene Teile zu erklären, gegen welche in diesem Gebiet am meisten gesündigt wird.»

«Sei nicht grob in deinen Worten, ich bitte dich! Denke stets daran, daß man mit Sanftmut mehr erreicht als mit Härte, und daß auch du ein Mensch bist. Darum prüfe dich und überlege, wie leicht auch du fallen kannst und wie du dich aufregst, wenn du zu offen getadelt wirst», sagt Jesus, während die Mutter des Judas das Haupt neigt und errötet.

«Hab keine Angst, Meister. Ich will mich bemühen, dich in allem nachzuahmen. Jedoch im Dorf, das wir von dieser Tür aus sehen können (sie essen bei offenen Türen, und man sieht von diesem oberen Raum aus eine schöne Landschaft), ist ein Kranker, der geheilt werden möchte. Man kann ihn nicht hierher bringen. Würdest du mit mir kommen?»

«Morgen, Judas. Morgen früh, ganz bestimmt! Wenn es noch andere Kranke gibt, so sagt es mir und führt mich zu ihnen.»

«Willst du wirklich meiner Heimat Wohltaten erweisen, Meister?»

«Ja, damit man nicht sagen kann, daß ich ungerecht bin gegen jene, die mir nichts Böses angetan haben. Ich wirke auch für Böse Gutes. Warum also nicht für Gute in Kerioth? Ich will ein unauslöschbares Andenken an mich hinterlassen...»

«Aber wie? Werden wir nie mehr nach Kerioth kommen?»

«Wir kommen wieder, aber ...»

«Da ist die Mutter, die Mutter mit Simon!» zwitschert das Kind, das Maria und Simon die Treppe heraufkommen sieht, die zur Terrasse führt, auf der sich der Saal befindet.

Alle stehen auf und gehen den beiden entgegen. Man hört Ausrufe, Begrüßungen und Stühlerücken. Maria geht direkt auf Jesus zu und grüßt

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ihn, dann die Mutter von Judas, die sich tief verneigt, während Maria sie aufrichtet und umarmt wie eine liebe Freundin, die sich nach langer Abwesenheit wiedertreffen.

Sie gehen in den Saal zurück, und Maria des Judas ordnet der Dienerin an, Speisen für die Neuangekommenen zu bringen.

«Sieh, Sohn, der Gruß Elisas», sagt Maria und gibt Jesus eine kleine Rolle, die er öffnet und liest, worauf er sagt: «Ich habe es gewußt. Ich war dessen sicher. Ich danke dir, Mutter. Meinerseits und für Elisa. Du bist wirklich "das Heil der Kranken".»

«Ich? Du, Sohn, nicht ich.»

«Du, und du bist meine größte Hilfe.» Dann wendet sich Jesus an die Apostel und die Jüngerinnen und sagt: «Elisa schreibt: "Komm zurück, mein Friede. Ich will dich nicht nur lieben, sondern dir auch dienen." Somit haben wir ein Geschöpf von der Angst und der Traurigkeit befreit und eine Jüngerin gewonnen. Ja, wir werden zurückkehren.»

«Sie möchte auch die Jüngerinnen kennenlernen. Sie macht langsam, aber sicher Fortschritte. Arme Teure! Von Zeit zu Zeit wird sie noch von einer angstvollen Verwirrung erfaßt. Nicht wahr, Simon? Eines Tages versuchte sie, mit mir auszugehen. Da begegnete sie einem Freund ihres Daniel, und wir hatten große Mühe, sie wieder zu beruhigen. Aber Simon ist so tüchtig! Er hat mir vorgeschlagen, Johanna zu rufen, da Elisa den Wunsch äußerte, auszugehen; Bethsur aber ist voller Erinnerungen für sie. So ist Simon gegangen Johanna zu holen, Sie war nach den Festtagen nach Bether, zu ihren herrlichen Rosengärten in Judäa zurückgekehrt. Simon sagt, daß es traumhaft schön gewesen sei, über die mit Rosenstöcken bedeckten Hügel zu schreiten, und daß er das Gefühl hatte, im Paradies zu sein. Sie ist sofort gekommen. Johanna möchte Elisa überzeugen, Bethsur zu verlassen und auf ihr Schloß zu kommen. Es wird ihr gelingen, denn sie ist sanft wie eine Taube, aber auch hart wie Granit in ihrem Wollen.»

«Wir werden bei der Rückkehr nach Bethsur gehen und uns dann trennen. Die Jüngerinnen bleiben für einige Zeit bei Elisa und Johanna. Wir gehen nach Judäa; und an Pfingsten treffen wir uns in Jerusalem...»

Maria, die Hochheilige, und Maria, die Mutter des Judas, sind beisammen. Nicht im Stadthaus, sondern im Haus auf dem Land. Sie sind allein.

Die Apostel sind mit Jesus auswärts, und die Jüngerinnen halten sich mit dem Kind im herrlichen Obstgarten auf. Man hört ihre Stimmen und das Geräusch von Wäschestücken, die auf die Mauern geschlagen werden. Vielleicht haben sie große Wäsche, während das Kind spielt.

Die Mutter des Judas, die in einer Ecke des halbdunklen Raumes neben Maria sitzt, sagt: «Diese Tage des Friedens werden wie ein süßer Traum in mir bleiben. Zu kurz, zu kurz sind sie. Ich verstehe, daß man nicht egoistisch sein darf, und ich verstehe, daß ihr zu dieser armen Frau und zu

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vielen anderen Unglücklichen gehen müßt. Ach, wenn ich nur könnte! Wenn ich die Zeit anhalten oder mit euch gehen könnte! ... Aber ich kann nicht! Ich habe außer meinem Sohn keine anderen Verwandten, und ich muß die Güter des Hauses hüten ...»

«Ich verstehe... Dich vom Sohn zu trennen, ist ein Schmerz für dich. Wir Mütter möchten immer bei unseren Kindern sein. Aber wir geben sie Ihm aus einem ganz bestimmten Grunde, so verlieren wir sie nicht. Nicht einmal der Tod nimmt sie uns, wenn sie und wir in den Augen Gottes im Stand der Gnade sind. Aber wir haben sie noch auf der Erde, auch wenn der Wille Gottes sie uns von der Brust reißt, um sie der Welt zu ihrem Wohl zu geben. Wir können sie immer erreichen, und auch das Echo ihrer Werke ist wie eine Liebkosung für unser Herz; denn ihre Taten sind der Wohlgeruch ihrer Seele.»

«Was bedeutet dein Sohn für dich, Frau?» fragt Maria des Judas leise.

Maria, die Hochheilige, antwortet bestimmt: «Er ist meine Freude!»

«Deine Freude! ...» Dann ein Tränenausbruch, und die Mutter des Judas neigt sich nach vornüber, um die Tränen zu verbergen. Sie berührt beinah mit der Stirn die Knie, so sehr neigt sie sich vornüber.

«Warum weinst du, meine arme Freundin? Warum? Sag es mir! Ich bin glücklich in meiner Mutterschaft, aber ich kann auch die Mütter verstehen, die nicht glücklich sind ...»

«Ja, nicht glücklich... Ich gehöre zu diesen. Dein Sohn ist deine Freude... Mein Sohn ist mein Schmerz. Er ist es bisher gewesen. Nun, seit er bei deinem Sohn ist, betrübt er mich weniger. Oh, unter all denen, die für dein heiliges Geschöpf beten, damit es Wohlergehen und Erfolg erlebe, ist, außer dir, du Glückliche, niemand, der so viel betet wie die Unglückliche, die mit dir spricht. Sag mir die Wahrheit: was denkst du von meinem Sohn? Wir sind zwei Mütter, und nur Gott kann uns hören. Wir reden von unseren Söhnen. Für dich ist es leicht, von deinem Sohn zu sprechen. Aber ob mir dieses Gespräch Freude oder Schmerz bringt, es hat gewiß eine Erleichterung bewirkt, mich ausgesprochen zu haben...

Die Frau von Bethsur ist beinahe wahnsinnig geworden wegen des Todes ihrer Söhne, nicht wahr? Aber ich schwöre dir, daß ich manchmal meinen Sohn betrachte und denke... er ist schön, gesund und intelligent, aber nicht gut, nicht tugendhaft und nicht aufrichtigen Herzens; ich zöge es in diesen Augenblicken vor, ihn als einen Toten beweinen zu müssen, als ihn von Gott verflucht zu wissen! Sage mir, was denkst du über meinen Sohn? Sei aufrichtig! Mehr als ein Jahr schon brennt mir diese Frage auf dem Herzen. Aber wen kann ich fragen? Die Mitbürger? Sie wußten nicht einmal, daß der Messias schon gekommen ist und daß Judas mit ihm gehen wollte. Ich habe es gewußt. Er hatte es mir gesagt, als er nach Ostern hierher kam, überheblich und gewalttätig wie immer, wenn er seine Launen hat, und immer abfällig gegen den Rat seiner Mutter. Soll ich seine

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Freunde in Jerusalem fragen? Eine heilige Klugheit und eine fromme Hoffnung halten mich zurück. Ich will denen, die ich nicht liebe, da sie alles andere als heilig sind, nicht sagen: "Judas folgt dem Messias." Ich hoffte, daß es sich um eine seiner üblichen, kurzlebigen Launen handle, die wohl Tränen und Schmerz kosten, aber bald vergehen. Die Liebe so mancher Mädchen hier oder anderswo hat er sich gewonnen, und dann aber nie eines zur Frau genommen.

Weißt du, daß es Orte gibt, an die er nicht mehr hinzugehen wagt, weil er einer gerechten Strafe entgegenginge? Auch seine Zugehörigkeit zum Tempel war eine Laune. Er weiß nicht, was er will. Sein Vater, Gott möge es ihm verzeihen, hat ihn verdorben. Ich hatte in meinem Haus nie etwas zu sagen; ich konnte nur weinen und unter Demütigungen aller Art versuchen, wiedergutzumachen. Als Johanna starb, wußte ich, obgleich niemand davon gesprochen hat, daß sie aus Gram gestorben war, nachdem sie ihre ganze Jugendzeit gewartet hatte, und Judas schließlich erklärte, daß er nicht heiraten wolle; zur gleichen Zeit aber sandte er Freunde nach Jerusalem, um eine reiche Frau mit Handelsverbindungen bis nach Zypern um die Hand ihrer Tochter zu bitten. Ich habe mich als Mitschuldige betrachtet. Nein! Nein, ich bin es nicht! Aber er hört nicht auf mich.

Im vergangenen Jahr, als der Meister hier war, begriff ich, daß er alles wußte, und ich wollte mit ihm reden. Aber es ist schmerzvoll für eine Mutter, sagen zu müssen: "Nimm dich vor meinem Sohn in acht. Er ist ruhmsüchtig, hartherzig, lasterhaft, stolz und wankelmütig." Ja, so ist er! Ich bete, daß dein Sohn, der so viele Wunder wirkt, auch bei meinem Judas eines vollbringe... Aber du, sage mir: was denkst du von ihm?»

Maria, die schweigend und mit einem mitleidigen Gesichtsausdruck die mütterlichen Klagen angehört hat, kann mit ihrer aufrichtigen Seele nicht lügen und sagt leise: «Arme Mutter! ... Was ich denke? Ja, dein Sohn hat nicht die reine Seele von Johannes, noch die Sanftmut von Andreas; er hat auch nicht die Stärke des Matthäus, der sich ändern wollte und dem es auch gelungen ist. Judas ist... launenhaft. Ja, so ist es! Aber wir wollen viel für ihn beten, ich und du. Weine nicht! Vielleicht siehst du ihn in deiner Mutterliebe, die sich seiner gerne rühmen würde, noch schlimmer als er ist ...»

«Nein, nein, ich sehe richtig und habe große Angst.»

Das Zimmer ist voll von den Klagen der Mutter von Judas; und in der Dämmerung leuchtet das Antlitz Marias, das noch bleicher als sonst ist nach diesem mütterlichen Bekenntnis, das den Verdacht der Mutter des Herrn bestätigt. Aber sie beherrscht sich. Sie zieht die unglückliche Mutter an sich und liebkost sie, während diese, da nun alle Deiche der Zurückhaltung gebrochen sind, verwirrt und atemlos von den Lieblosigkeiten, Ansprüchen und Gewalttaten ihres Judas erzählt und schließt: «Ich erröte seinetwegen, wenn dein Sohn mir sein Wohlwollen bekundet. Ich bitte

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ihn nicht darum, aber ich bin sicher, daß er es in seiner Güte tut, um Judas damit zu sagen: "Denk daran, so behandelt man die Mutter." Jetzt ist er, wie es scheint, in sich gegangen... Oh, wenn es nur wahr wäre! Hilf mir, hilf mir mit Gebet, du, die du heilig bist, damit mein Sohn nicht der großen Gnade, die Gott ihm gewährt, unwürdig werde. Wenn er mich nicht lieben will, wenn er mir, die ich ihn geboren und erzogen habe, nicht dankbar ist, so spielt das keine Rolle. Aber daß er Jesus liebt und ihm in Treue und Dankbarkeit dient! Wenn nicht, dann möge ihm Gott sein Leben nehmen. Ich würde ihn lieber im Grab sehen... so würde er endlich mein... denn seit er seinen Verstand zu gebrauchen versteht, habe ich wenig von ihm gehabt. Besser tot, als ein schlechter Apostel! Kann ich so beten? Was sagst du?»

«Bete zu Gott, daß er alles zum Besseren wende. Weine nicht mehr. Ich habe Dirnen und Heiden zu Füßen meines Sohnes gesehen, und mit diesen Zöllner und Sünder. Sie sind alle durch seine Gnade zu Lämmern geworden. Hoffe, Maria, hoffe! Die Leiden der Mutter retten die Söhne, weißt du das nicht?»

Mit dieser tröstlichen Frage ist alles zu Ende.

256. DAS LAUNENHAFTE MÄDCHEN VON BETHGINNA

Ich sehe weder die Rückkehr nach Bethsur, noch die Rosenhügel von Bether, die ich so gern gesehen hätte. Jesus ist allein mit den Aposteln. Auch Margziam, der sicherlich bei der Mutter Gottes und den Jüngerinnen geblieben ist, fehlt. Die Gegend ist sehr gebirgig; die dichten Pinienwälder verbreiten den balsamischen und belebenden Duft ihres Harzes. Durch diese grünen Wälder wandert Jesus, mit dem Rücken nach Osten, zusammen mit den Seinen. Ich höre, wie sie über Elisa reden, die sich sehr verändert hat und nun entschlossen ist, Johanna auf ihr Landgut in Bether zu folgen, weil sie von der Güte Johannas überzeugt ist. Sie reden auch von der neuen Reise zu den fruchtbaren Ebenen, die dem Meer vorgelagert sind. Und Namen vergangener Herrlichkeit klingen auf und erwecken Erzählungen, Fragen, Erklärungen und gutmütige Diskussionen.

«Wenn wir auf dem Gipfel dieses Hügels angelangt sind, will ich euch von der Höhe aus alle Dörfer zeigen, die euch interessieren. Ihr könnt daraus Gedanken schöpfen, die euch beim Reden zum Volk nützlich sein werden.»

«Aber wie denn, mein Herr? Ich bin nicht fähig dazu», seufzt Andreas, und ihm schließen sich Petrus und Jakobus an. «Wir sind die Armseligsten!»

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«Ach! Auch ich bin nicht besser. Wenn es sich um Gold und Silber handelte, könnte ich reden; aber von diesen Dingen ...» sagt Thomas.

«Und ich, wer war ich?» fragt Matthäus.

«Du hast keine Angst vor den Leuten, du kannst diskutieren», entgegnet Andreas.

«Aber leider nur über andere Dinge», sagt Matthäus.

«Ach ja! Aber... auf jeden Fall, du weißt schon, was ich sagen will, und nimm an, ich hätte es gesagt. Tatsache ist, daß du fähiger bist als wir», sagt Petrus.

«Aber meine Lieben! Es ist doch nicht nötig, sich ins Erhabene zu erheben. Sprecht einfach aus eurer vollen Überzeugung, was ihr denkt. Glaubt mir, wenn einer überzeugt ist, dann überzeugt er auch», sagt Jesus.

Aber Judas von Kerioth bittet ihn: «Gib uns viele Anhaltspunkte. Eine gute Idee kann in vielen Situationen nützlich sein. Diese Dörfer wissen noch nichts von dir, wie mir scheint; denn niemand zeigt, daß er dich kennt.»

«Das kommt daher, weil hier noch viel Wind von Moriah her weht, der alles unfruchtbar macht...» antwortet Petrus.

«Das kommt daher, weil hier noch nicht gesät worden ist. Aber wir werden säen», entgegnet Iskariot selbstsicher; er ist noch glücklich über seine ersten Erfolge.

Der Kamm des Hügels ist erreicht. Eine weite Rundsicht öffnet sich vor ihnen; es ist herrlich, diese Gegend im Schatten der dichten Sträucher stehend zu betrachten. Wechselreiche und sonnige Gebirgsketten, die sich in allen Richtungen dahinziehen wie versteinerte Wellen eines Ozeans, der vom Gegenwind aufgewühlt wird und einer ausgedehnten Ebene vorgelagert ist, aus der sich, einsam wie der Leuchtturm im Hafen, ein Berg erhebt.

«Seht das Dorf, das bis zum Gipfel aufsteigt, als wollte es die Sonne bis zu ihrem Untergang genießen; dort wollen wir Aufenthalt nehmen; es ist wie der Mittelpunkt eines Strahlenkranzes geschichtlicher Orte. Kommt her! Dort, im Norden, liegt Jerimot. Erinnert ihr euch an Josua? Und an die Niederlage der Könige, die das Lager der Israeliten, welche von den Gibeoniten unterstützt wurden, angreifen wollten? Daneben Bethsames, die priesterliche Stadt Judas, in der die Bundeslade von den Philistern zurückgegeben wurde, zusammen mit den Goldgeschenken, die von den Orakeln und den Priestern dem Volk auferlegt worden waren zur Befreiung von den Plagen, welche die schuldbeladenen Philister getroffen hatten. Dort, voll in der Sonne, Saraä, die Heimat Samsons, und, etwas weiter östlich, Timnata, wo er sich eine Frau nahm, viele Heldentaten vollbrachte und viel Unfug trieb. Dann Azeco und Soco, einst Feldlager der Philister. Etwas weiter unten liegt Zanoe, eine der Städte Judas. Dreht euch jetzt um, so seht ihr das Tal des Terebinto, wo David gegen Goliath

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gekämpft hat; näher liegt Magedda, wo Josua die Amoriter besiegt hat. Dreht euch noch einmal um. Seht ihr den einsamen Berg in der Mitte der Ebene, die einst den Philistern gehörte? Dort ist Geth, die Heimat Goliaths, und der Ort, an dem David bei Achis Zuflucht suchte, um der fürchterlichen Wut Sauls zu entgehen, und wo auch der kluge König Wahnsinn vortäuschte, da die Welt Verrückte statt die Klugen verteidigt. Am Horizont seht ihr die Ebene mit der fruchtbaren Erde der Philister. Wir werden dorthin ziehen, bis nach Ramle. Jetzt begeben wir uns nach Bethginna. Du, ja du, Philippus, der du mich so bittend anblickst, wirst mit Andreas durch das Dorf gehen. Wir machen Rast, während ihr euch zum Brunnen oder zum Marktplatz begebt.»

«Oh, Herr, schicke uns nicht allein! Komm du mit», bitten die beiden.

«Geht, habe ich gesagt. Der Gehorsam wird euch mehr helfen als meine stumme Gegenwart.»

... So gehen also Philippus und Andreas durch das Dorf, bis sie eine kleine Herberge finden, die mehr Stall als Herberge ist; es sind Käufer darin, die mit Hirten über Schafe verhandeln. Sie treten ein und bleiben stumm im Hof stehen, der mit einem einfachen Säulengang umgeben ist.

Der Wirt eilt herbei. «Was wollt ihr? Unterkunft?»

Die zwei beraten sich mit einem Blick, einem sehr verlegenen Blick. Anscheinend fällt ihnen keines der wohlüberlegten Worte mehr ein. Doch gerade Andreas faßt sich als erster wieder und antwortet: «Ja, Unterkunft für uns und den Rabbi von Israel.»

«Was für ein Rabbi? Deren gibt es viele. Aber sie sind große Herren. Sie kommen nicht in arme Dörfer, um den Armen ihre Weisheit zu bringen. Die Armen müssen zu ihnen gehen und es als eine Gnade ansehen, daß sie uns in ihrer Nähe dulden.»

«Es gibt nur einen Rabbi in Israel! Er kommt gerade, um den Armen die Frohe Botschaft zu bringen; je ärmer und je sündhafter sie sind, um so mehr sucht er sie auf und nähert sich ihnen», antwortet Andreas sanft.

«Er verdient hier aber kein Geld!»

«Er sucht keine Reichtümer. Er ist arm und gut. Sein Tag ist voll, wenn er eine Seele retten kann», antwortet wiederum Andreas.

«Hm, das erste Mal, daß ich höre, ein Rabbi sei arm und gut. Der Täufer ist arm, aber streng. Alle anderen sind streng und reich und gierig wie Blutsauger. Habt ihr gehört? Kommt her, ihr, die ihr durch die Welt zieht. Diese Männer hier sagen, daß es einen armen Meister gibt, der gut ist und der kommt, um die Armen und die Sünder aufzusuchen.»

«Oh, dann muß es der sein, der weiß gekleidet geht wie ein Essener. Ich habe ihn vor einiger Zeit in Jericho gesehen», sagt ein Makler.

«Nein, der wandert allein. Es muß der andere sein, von dem Thomas erzählt hat; er hatte zufällig mit Hirten vom Libanon über ihn gesprochen», antwortet ein großer und kräftiger Hirte.

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«Ja, sicher. Jetzt ist er vom Libanon bis hierher gekommen, um deine Katzenaugen zu sehen!» ruft ein anderer aus.

Während der Wirt spricht und mit seinen Kunden zuhört, sind die Apostel in der Mitte des Hofes stehengeblieben wie zwei Säulen. Schließlich sagt ein Mann: «Ihr da! Kommt her! Wer ist es? Woher kommt er, von dem ihr redet?»

«Es ist Jesus des Joseph, von Nazareth», sagt Philippus ernst und steht da wie einer, der darauf wartet, ausgelacht zu werden. Aber Andreas fügt hinzu: «Er ist der verheißene Messias. Ich beschwöre euch zu eurem eigenen Besten, hört ihn an! Ihr habt den Täufer genannt. Gut, ich war bei ihm, und er hat uns auf Jesus, der vorbeiging, aufmerksam gemacht und sagte: "Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt." Als Jesus zur Taufe in den Jordan stieg, da öffnete sich der Himmel, und eine Stimme rief: "Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe!" Und die Liebe Gottes stieg wie eine Taube herab und erstrahlte über seinem Haupt.»

«Siehst du, so ist es doch der Nazarener! Aber sagt einmal, ihr, die ihr euch seine Freunde nennt...»

«Freunde? Nein! Apostel, Jünger sind wir und von ihm gesandt, um seine Ankunft anzukünden; denn wer Rettung braucht, soll zu ihm gehen», verbessert Andreas.

«Gut, gut! Aber sagt einmal: ist er wirklich so, wie einige sagen, ein Heiliger, der heiliger als der Täufer ist, oder ist er ein Dämon, wie andere sagen? Ihr, die ihr bei ihm seid, weil ihr seine Jünger seid, sagt einmal ehrlich: ist es wahr, daß er ein Lüstling und Gauner ist? Daß er die Dirnen und die Zöllner liebt? Daß er ein Wahrsager ist und bei Nacht Geister anruft, um Geheimnisse der Herzen zu erfahren?»

«Warum stellst du diesen Männern all diese Fragen? Frag doch lieber, ob er gut ist. Diese beiden werden beleidigt fortgehen und dem Meister von unserer schlechten Redensart berichten, und wir werden verflucht. Man kann nie wissen... Gott oder Teufel, wer er auch sein mag, es ist immer besser, gut mit ihm umzugehen.»

Diesmal antwortet Philippus: «Wir können aufrichtig antworten, denn es gibt nichts Böses zu verbergen. Er ist unser Meister; er ist der Heilige unter den Heiligen! Seine Tage sind erfüllt von den Mühen der Unterweisung. Unermüdlich geht er von Ort zu Ort auf der Suche nach den Seelen. Seine Nacht verbringt er im Gebet für uns. Er verachtet Tisch und Freundschaft nicht; aber nicht aus Eigensucht, sondern um sich denen zu nähern, die anders nicht zugänglich sind. Er weist Zöllner und Dirnen nicht zurück; aber nur, um sie zu erlösen. Sein Weg ist gezeichnet mit Wundern der Erlösung und Wundern bei Kranken. Ihm gehorchen die Winde und die Meere. Er braucht niemand, um Wunder zu wirken, und keine Geister, um in den Herzen lesen zu können.»

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«Und wie kann er das? ... Du hast gesagt, daß ihm die Meere und die Winde gehorchen. Aber diese Dinge haben keinen Verstand. Wie kann er ihnen gebieten?» fragt der Wirt.

«Antworte mir, Mann: was meinst du, ist schwieriger, dem Wind oder dem Tod zu gebieten?»

«Bei Jehova! Aber dem Tod befiehlt man doch nicht! Das Meer kann man mit Öl beruhigen; man kann ihm Segel entgegensetzen; man kann klugerweise davon absehen, auf das Meer hinauszufahren. Den Wind kann man durch Schlösser an den Türen abhalten. Aber dem Tod kann man nicht gebieten! Es gibt kein Öl, das ihn besänftigt. Es gibt kein Segel, das, an unserem Lebensschiff befestigt, so schnell dahinsegelt, daß es dem Tod entflieht. Es gibt auch keine Schlösser, um den Tod auszuschließen. Wenn er kommen will, dann kommt er, auch wenn die Riegel vorgeschoben sind. Niemand kann diesem König befehlen.»

«Doch, unser Meister befiehlt ihm. Nicht nur, wenn der Tod in der Nähe ist, auch wenn er seine Beute schon erfaßt hat. Ein Jüngling von Naim sollte gerade in die schrecklichen Tiefen des Grabes gelegt werden; da sagte der Messias: "Ich sage dir, steh auf" ' und der Jüngling kam ins Leben zurück. Naim liegt nicht außerhalb der Welt. Ihr könnt hingehen und nachsehen.»

«Aber wie? In Gegenwart aller?»

«Auf dem Weg, in Anwesenheit von ganz Naim.»

Wirt und Gäste betrachten sich schweigend. Dann sagt der Wirt: «Aber solche Dinge wird er wohl nur für seine Freunde tun.»

«Nein, Mann! Für alle, die an ihn glauben, und nicht nur für sie. Er ist die Barmherzigkeit auf der Erde, glaube mir! Niemand wendet sich umsonst an ihn. Hört alle zu! Ist niemand unter euch, der leidet und klagt wegen einer Krankheit in der Familie, wegen eines Zweifels, wegen einer Reue, wegen Versuchungen oder wegen Unwissenheit? Wendet euch an Jesus, den Messias der Frohen Botschaft. Heute ist er hier! Morgen wird er anderswo sein. Laßt die Gnade des Herrn nicht unnütz vorübergehen», sagt Philippus, der immer sicherer geworden ist.

Der Wirt fährt sich mit der Hand durch die Haare, öffnet und schließt den Mund, spielt mit den Fransen seines Gürtels... Und sagt schließlich: «Ich will es versuchen! ... Ich habe eine Tochter. Bis zum letzten Sommer ging es ihr gut. Dann wurde sie launenhaft; sie steht wie ein stummes Tier in einer Ecke, immer dort, und nur mit Mühe gelingt es der Mutter, sie zu kleiden und zu füttern. Einige Ärzte behaupten, ihr Hirn sei verbrannt von zuviel Sonne; andere sagen, wegen einer unglücklichen Liebe. Andere Leute meinen, sie sei besessen. Aber wie ist das möglich, wenn das Mädchen nie von hier weg gewesen ist? Wo hat sie den Dämon hergenommen? Was sagt dein Meister? Kann der Dämon sich auch einer Unschuldigen bemächtigen?»

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Philippus antwortet sicher: «Ja, um die Eltern zu quälen und zur Verzweiflung zu treiben.»

«Und... kann er die Launenhaften heilen? Darf ich hoffen?»

«Du mußt glauben!» erwidert Andreas rasch. Er erzählt das Wunder von Gerasa und endet: «Wenn dort eine Legion von Dämonen aus den Herzen der Sünder geflohen ist, wie wird dann erst der fliehen, der in das jugendliche Herz eingedrungen ist! Ich sage dir, Mann: wer an ihn glaubt, für den wird das Unmögliche einfach wie das Atmen. Ich habe die Werke meines Meisters gesehen und bezeuge seine Macht.»

«Oh! Wer von euch geht ihn holen?»

«Ich selbst, Mann! Ich bin gleich zurück.» Andreas eilt davon, während Philippus bleibt, um weiterzureden.

Als Andreas Jesus unter einem Torbogen entdeckt, wo er sich vor der unerbittlichen Sonne schützt, die den Dorfplatz erhitzt, eilt er ihm entgegen und sagt: «Komm, Meister, komm! Die Tochter des Herbergevaters ist launisch. Der Vater bittet dich um ihre Heilung.»

«Aber kannte er mich?»

«Nein, Meister! Wir haben versucht, dich bekannt zu machen...»

«Und es ist euch gelungen. Wenn einer so weit kommt, daß er glaubt, daß ich eine unheilbare Krankheit heilen kann, ist er im Glauben schon fortgeschritten. Und ihr hattet Angst, es nicht fertigzubringen. Was habt ihr gesagt?»

«Das könnte ich dir gar nicht sagen. Wir haben gesagt, was wir über dich und deine Werke denken. Vor allem haben wir gesagt, daß du die Liebe und die Barmherzigkeit bist. Die Welt kennt dich so schlecht!»

«Aber ihr kennt mich gut, das genügt.»

Die kleine Herberge ist erreicht. Alle Gäste stehen neugierig an der Tür. In ihrer Mitte steht der Wirt mit Philippus. Der Wirt führt ununterbrochen Selbstgespräche, bis er Jesus sieht und ihm entgegeneilt: «Meister, Herr, Jesus... ich... ich glaube, ich glaube fest, daß du es bist, daß du alles weißt, daß du alles siehst, daß du alles kennst, daß du alles kannst. Ich glaube es so fest, daß ich zu dir sage: Habe Erbarmen mit meiner Tochter, obwohl ich viele Sünden auf dem Herzen habe. Nicht auf mein Geschöpf komme die Strafe dafür, daß ich so unredlich in meinem Geschäft war. Ich werde nicht mehr betrügen, ich schwöre es! Du siehst mein Herz mit seiner Vergangenheit und seiner jetzigen Reue. Verzeihung und Barmherzigkeit, Meister, und ich werde von dir reden zu allen, die hierher kommen, in meine Herberge...» Der Mann ist auf die Knie gefallen.

Jesus sagt: «Steh auf und bleibe beim Vorsatz von heute! Bring deine Tochter zu mir!»

«Sie ist in einem Stall, Herr. Die Hitze macht sie noch kränker. Sie will nicht herauskommen.»

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«Das macht nichts. Ich gehe zu ihr. Es ist nicht die Hitze. Es ist der Dämon, der mich kommen hört.»

Sie gehen durch den Hof in einen dunklen Stall. Alle folgen. Das ungekämmte, schmutzige Mädchen wirft sich im dunkelsten Winkel hin und her; als es Jesus bemerkt, schreit es: «Geh fort, geh fort! Störe mich nicht! Du bist der Christus des Herrn, ich einer von denen, die du verstoßen hast. Laß mich in Ruhe! Warum stellst du dich in meinen Weg?»

«Fahre aus diesem Geschöpf! Fort mit dir! Ich will es! Gib Gott deine Beute zurück und schweige!»

Ein erschütternder Schrei, ein Aufbäumen, dann ein auf das Stroh niedersinkender Körper... und schließlich die ruhigen, traurigen, erstaunten Fragen: «Wo bin ich? Warum denn hier? Wer sind sie?» Und der Ruf: «Mama!» des Mädchens, das sich schämt, weil es ohne Schleier und mit zerrissenem Kleid vor den Augen so vieler Fremder steht.

«Oh, ewiger Herr, sie ist geheilt!» Es ist ergreifend zu sehen, wie der grobe , rotwangige Wirt wie ein Kind weint... Er ist glücklich und weint, indem er fortwährend die Hände Jesu küßt; die Mutter weint ebenfalls, umringt von einer Schar erstaunter Kinder; sie küßt ihre vom Dämon befreite Älteste. Die Anwesenden sind ein einziges Stimmengewirr, und noch andere kommen dazu, um das Wunder zu sehen. Der Hof ist voller Menschen.

«Bleibe, Herr, der Abend sinkt hernieder. Verweile unter meinem Dach!»

«Wir sind dreizehn, Mann!»

«Auch wenn ihr dreihundert wäret, wäre es mir recht! Ich weiß, was du sagen willst. Aber der geizige, unehrliche Samuel ist tot, Herr! Auch mein Dämon ist aus mir gefahren. Nun lebt ein neuer Samuel. Er wird weiterhin Wirt, aber ein heiliger Wirt sein. Komm, komm mit mir! Ich will dich ehren wie einen König, wie einen Gott, der du auch bist. Oh, gesegnet sei die heutige Sonne, die dich zu mir geführt hat.»

257. IN DER EBENE AUF DEM WEG NACH ASKALON

Eine Ebene, der Sonne ausgesetzt, die das reifende Korn röstet und ihm einen Duft entlockt, der schon an Brot erinnert. Der Geruch der Sonne, der frischen Wäsche, der Ernte, der Geruch des Sommers.

Jesus geht durch das reife Korn. Der Tag ist heiß, das Gebiet verlassen. Man sieht keinen Menschen auf den Feldern. Nur reife Ähren und da und dort Bäume. Sonne, Getreide, Vögel, Eidechsen, grünes Gebüsch in der ruhigen Luft: das ist es, was Jesus umgibt. Die Hauptstraße, auf der Jesus dahinschreitet, ist wie ein staubiges und blendend weißes Band zwischen

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wogenden Ähren; auf der einen Seite ein kleines Dorf, auf der anderen ein Bauernhof, sonst nichts.

Alle gehen schweigend und sind erhitzt. Sie haben ihre Mäntel ausgezogen, aber sie leiden trotzdem in ihren Wollgewändern, obgleich sie leicht sind. Nur Jesus, die beiden Vettern und Iskariot sind in Leinwand oder Hanf gekleidet. Sicher sind die Gewänder Jesu und des Judas aus weißem Linnen; die der Söhne des Alphäus kommen mir wegen ihrer Steifheit schwerer als Leinwand vor; sie haben dieselbe satte Elfenbeinfarbe, die das Tuch aus ungebleichtem Hanf hat. Die anderen sind wie üblich gekleidet und trocknen sich den Schweiß mit dem Linnen, das ihnen als Kopfbedeckung dient.

An einer Wegkreuzung kommen sie zu einer kleinen Baumgruppe. Sie machen im wohltuenden Schatten Rast und trinken gierig Wasser aus ihren Flaschen.

«Es ist so heiß, als ob es von Feuer käme», brummt Petrus.

«Wenn es wenigstens einen kleinen Bach gäbe! Aber nichts, nichts!» seufzt Bartholomäus. «Meine Flasche ist bald leer.»

«Beinahe möchte ich sagen, das Gebirge ist besser», seufzt Jakobus des Zebedäus, dem die Hitze das Blut in den Kopf treibt.

«Am besten ist doch das Boot: kühl, beruhigend, sauber, ach!» Das Herz des Petrus hängt an seinem See und an seiner Barke.

«Ihr habt alle recht. Aber die Sünder sind sowohl im Gebirge als auch in der Ebene zu finden. Wenn sie uns nicht vom "Trügerischen Gewässer" vertrieben hätten und auf den Fersen gefolgt wären, wäre ich zwischen Tebet und Schebat hierher gekommen. Doch bald sind wir am Ufer des Meeres. Dort kühlt der Wind der Bucht die Luft», tröstet Jesus.

«Ja, das wäre schön. Hier gleichen wir sterbenden Hechten. Wie kann das Getreide so schön sein, obwohl es kein Wasser gibt?» fragt Petrus.

«Es gibt hier Grundwasser, welches das Erdreich feucht hält», erklärt Jesus.

«Es wäre besser, wenn das Wasser oben und nicht unten wäre. Was nützt es mir, wenn ich oben bin? Ich bin doch keine Wurzel», sagt Petrus impulsiv, und alle lachen.

Dann aber wird Judas Thaddäus ernst und sagt: «Der Boden ist ein Egoist wie es die Menschen sind; er ist auch gefühllos. Hätten sie uns in jener Ortschaft ausruhen und den Sabbat dort verbringen lassen, dann hätten wir Schatten, Wasser und Ruhe. Aber sie haben uns vertrieben ...»

«Auch Nahrung war vorhanden. Und jetzt haben wir nichts mehr zu essen. Ich habe solchen Hunger. Wenn es doch nur Früchte gäbe! Aber die Obstbäume sind in der Nähe der Häuser. Wer wagt sich schon dorthin? Wenn alle so mürrisch sind, wie die dort...» meint Thomas und zeigt nach Osten zum Dorf hin, das sie verlassen haben.

«Nimm meine Portion, ich habe nie großen Hunger», sagt der Zelote.

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«Nehmt auch meine», sagt Jesus, «wer den größten Hunger hat, soll essen.»

Doch zusammengelegt bilden die Portionen von Jesus, dem Zeloten und Nathanael ein recht kleines Häufchen; die bestürzten Augen des Thomas und der Jüngeren bestätigen es. Doch schweigend verzehrt jeder seine mikroskopische Portion.

Der geduldige Zelote geht zu einer Stelle, wo einige grüne Pflanzen auf dem trockenen Erdreich auf Feuchtigkeit schließen lassen. Auf dem Grund des Kiesbettes fließt tatsächlich ein dünner Wasserfaden, der sicher bald versickern wird. Simon ruft die anderen, und alle eilen herbei und begeben sich in den spärlichen Schatten einer Reihe von Bäumen, die am Ufer des halbvertrockneten Baches wachsen. Sie können sich nun die staubigen Füße erfrischen, das schwitzende Antlitz waschen und vor allem die Flaschen füllen, die sie dann im Schatten ins Wasser legen, damit sie kühl bleiben. Sie setzen sich am Fuß eines Baumes nieder und schlummern müde ein.

Jesus betrachtet sie voller Liebe und Mitleid und schüttelt das Haupt. Der Zelote, der noch einmal trinken gegangen ist, sieht ihn und fragt: «Was hast du, Meister?»

Jesus steht auf, geht zu ihm und legt ihm einen Arm auf die Schultern. Er führt ihn zu einem anderen Baume und sagt: «Was ich habe? Ich bin besorgt, weil ihr müde seid. Wenn ich nicht wüßte, was ich mit euch vorhabe, fände ich keine Ruhe wegen des Ungemachs, das ich euch zumute.»

«Ungemach? Nein, Meister! Es ist für uns eine Freude. Nichts ist eine Mühe, wenn wir mit dir gehen dürfen. Wir sind alle glücklich, glaube es mir. Es gibt kein Nachtrauern, es gibt kein...»

«Schweige, Simon. Das Menschliche schreit auch in den Guten. Menschlich gesprochen, habt ihr nicht unrecht, zu schreien. Ich habe euch euren Häusern, den Familien und den Geschäften entzogen; ihr seid gekommen und habt euch das Mir-Nachfolgen ganz anders vorgestellt. Aber euer jetziges Schreien, euer innerliches Aufbegehren, wird sich eines Tages beruhigen; dann versteht ihr, daß es schön war, durch Nebel und Schlamm, durch Staub und unter brennender Sonne verfolgt, dürstend, müde und ohne Nahrung dem verfolgten, unbeliebten, verleumdeten Meister nachzugehen. Alles wird euch schön erscheinen; denn ihr werdet dann anders denken und alles in einem anderen Lichte sehen. Ihr werdet mir dankbar sein, daß ich euch auf meinen schweren Weg geführt habe...»

«Du bist traurig, Meister. Und deine Traurigkeit wegen der Welt ist gerechtfertigt. Aber wir sind nicht traurig, wir sind alle glücklich!»

«Alle? Bist du sicher?»

«Denkst du anders?»

«Ja, Simon, anders. Du bist immer glücklich, denn du hast begriffen.

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Viele andere nicht! Siehst du sie dort, die schlafen? Weißt du, wie viele und was für Gedanken sie im Schlaf wiederkauen? Und manche unter den Jüngern? Glaubst du, daß sie mir treu bleiben, bis alles erfüllt ist?

Schau, laß uns das alte Spiel machen, das du bestimmt schon als Kind gespielt hast. (Jesus pflückt einen runden Löwenzahn, der zwischen den Steinen hervorragt und der zur vollkommenen Reife gelangt ist. Er führt ihn vorsichtig an den Mund und bläst; das zarte Gebilde löst sich in winzig kleine Schirmchen auf, die sich in die Luft erheben.) Siehst du? Schau... wie viele sind in meinen Schoß gefallen, als ob sie mich liebten? Zähle sie... Es sind dreiundzwanzig. Im ganzen waren es bestimmt dreimal soviel. Und die anderen? Schau! Einige fliegen noch, andere sind anscheinend durch ihre Schwere schon auf dem Boden gelandet; einige steigen mit ihrem silbernen Haarbusch stolz empor, andere fallen in den Schlamm, den wir mit unseren Flaschen erzeugt haben. Nun... schau, auch von den dreiundzwanzig, die mir in den Schoß gefallen waren, sind sieben weggeflogen! Diese Hornisse genügte, sie mit ihrem Flugwind fortzuwehen. Was hatten sie zu befürchten? Wer hat sie entführt? Vielleicht der Stachel oder vielleicht die schönen Farben schwarz und gelb, das anmutige Aussehen, die schimmernden Flügel... Sie sind weggeflogen... hinter einer trügerischen Schönheit her...

Simon, so wird es mit meinen Jüngern sein. Der eine aufgrund seiner Unruhe; der andere wegen mangelnder Ausdauer; dieser anhand seiner Schwerfälligkeit; jener aus Stolz oder Leichtsinn; einer aus Lust am Schmutz, ein anderer aus Angst oder Ungeschicklichkeit; sie werden mich verlassen.

Glaubst du, daß alle, die jetzt zu mir sagen: "ich folge dir nach", in der entscheidenden Stunde meiner Sendung an meiner Seite bleiben? Es waren mehr als siebzig Samenhütchen am Löwenzahn, den mein Vater erschaffen hat, und nun sind nur noch sieben in meinem Schoße; die leichteren sind in einem Lufthauch weggeflogen... So wird es sein. Und ich denke an eure inneren Kämpfe, um mir treu zu bleiben... Komm, Simon! Laß uns hingehen und den schönen Libellen zusehen, die über dem Wasserspiegel schweben, wenn du dich nicht lieber ausruhen willst.»

«Nein, Meister, deine Worte machen mich traurig. Aber ich hoffe, daß der geheilte Aussätzige, der verfolgte Mann, den du gerechtfertigt hast, damit er Liebe finden und schenken kann, dich nicht verlassen wird... Meister... Was denkst du von Judas? Im letzten Jahr hast du, mit mir, seinetwegen geweint. Ich weiß nicht... Meister, laß die zwei kleinen Libellen sein, schau mich an, höre mich an! Ich würde dies niemand sagen... Nicht den Gefährten und auch nicht den Freunden. Aber dir sage ich es. Es will mir nicht gelingen, Judas zu lieben. Ich muß es bekennen! Er lehnt meinen Wunsch, ihn zu lieben, ab. Nicht, daß er mich verachtet; nein, er ist sogar höflich zum alten Zeloten, den er aufgrund seiner Menschenkenntnis für

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erfahrener als die anderen hält. Aber seine Art zu handeln! Glaubst du, daß er aufrichtig ist? Sage es mir.»

Jesus schweigt einen Augenblick und betrachtet entzückt die beiden Libellen, die an der Wasseroberfläche mit den irisierenden Flügeln einen kleinen Regenbogen bilden; einen kostbaren Regenbogen, der dazu dient, ein neugieriges Mücklein anzuziehen, das von einem dieser kleinen und flinken Insekten verschlungen wird, das seinerseits von einer Kröte oder einem Frosch geschnappt wird, der nun Insekt und Mücklein zusammen verspeist. Jesus erhebt sich, denn er hatte sich hingekauert, um das kleine Naturdrama besser beobachten zu können, und sagt: «So ist es! Die Libelle hat ihre starken Kiefer, um sich von Gräsern zu ernähren, und ihre starken Flügel, um Fliegen zu fangen, und der Frosch einen breiten Schlund, um die Libelle zu verschlingen. Jeder hat das Seine und benützt das Seine. Laß uns gehen, Simon! Die anderen erwachen.»

«Du hast mir nicht geantwortet, Herr. Du hast mir nicht antworten wollen.»

«Aber ich habe dir doch geantwortet! Mein alter Gelehrter, denke nach, so wirst du finden ...»

Jesus verläßt das Kiesbett und begibt sich zu den Jüngern, die eben erwachen und ihn suchen.

258. IM STREIT MIT DEN PHARISÄERN;

JESUS HERR AUCH ÜBER DEN SABBAT

Immer noch derselbe Ort; die Sonne brennt nicht mehr so unerbittlich, denn es geht auf den Abend zu.

«Wir müssen uns beeilen, das Haus zu erreichen», sagt Jesus.

Sie gehen und erreichen es. Sie bitten um Brot und Obdach, aber der Verwalter weist sie hart zurück.

«Philisterbande! Natterngezücht! Immer dieselben! Sie sind auf dem gleichen Stamm gewachsen und geben giftige Früchte», murren die hungrigen und müden Jünger. «Es wird euch zurückgegeben, was ihr gebt.»

«Aber warum verfehlt ihr euch gegen die Liebe? Es ist nicht mehr die Zeit des "Auge um Auge und Zahn um Zahn". Gehen wir weiter. Noch ist es nicht Nacht, und ihr seid noch nicht am Verhungern. Ein kleines Opfer, weil diese Seelen Hunger nach mir empfinden», mahnt Jesus.

Aber die Jünger – ich glaube mehr aus Trotz als wegen unerträglichen Hungers – gehen ziemlich weit in ein Weizenfeld hinein und pflücken Ähren, zerreiben sie in den Handflächen und essen die Körner.

«Sie sind gut, Meister», ruft Petrus. «Nimmst du keine? Sie schmecken doppelt so gut... Ich würde am liebsten das ganze Feld aufessen.»

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«Du hast recht! Dann würde es ihnen leid tun, uns kein Brot gegeben zu haben», erwidern die anderen zwischen den Ähren und essen mit Genuß. Jesus geht allein auf der staubigen Straße. Fünf oder sechs Meter hinter ihm sind der Zelote und Bartholomäus im Gespräch.

An einer Wegkreuzung steht eine Gruppe finster blickender Pharisäer. Sie sind vermutlich auf dem Heimweg von den Gebeten des Sabbat, denen sie im kleinen Dorf beigewohnt haben, das man am Ende der Seitenstraße sieht, das breit und flach wie ein großes vor seiner Höhle kauerndes Tier daliegt.

Jesus bemerkt die Pharisäer, schaut sie sanft und lächelnd an und grüßt: «Der Friede sei mit euch!»

Statt den Gruß zu erwidern, fragt ein Pharisäer arrogant:

«Wer bist du?»

«Jesus von Nazareth.»

«Seht ihr, er ist es!» sagt einer zu den anderen. Inzwischen gesellen sich Nathanael und Simon zum Meister, während die anderen, in den Furchen gehend, auf die Straße zukommen. Sie kauen noch und haben Getreidekörner in den Händen.

Der Pharisäer, der zuerst gesprochen hat, vielleicht der einflußreichste, fängt wieder an, mit Jesus zu reden, der stehenblieb, um ihn weiter anzuhören.

«So, du bist der berühmte Jesus von Nazareth. Warum bist du bis hierher gekommen?»

«Weil es auch hier Seelen zu retten gibt.»

«Dafür genügen wir. Wir verstehen unsere und die unserer Untergebenen zu retten.»

«Wenn es so ist, ist es gut! Aber ich bin gesandt worden, die Frohe Botschaft zu verkünden und zu retten.»

«Gesandt, gesandt! Und wer beweist es uns? Deine Werke sicherlich nicht!»

«Warum sprichst du so? Fürchtest du nicht für dein Leben?»

«Ach ja, du lieferst alle dem Tod aus, die dich nicht anbeten. Du willst die ganze priesterliche Klasse umbringen, die Pharisäer, die Schriftgelehrten und viele andere, weil sie dich nicht und niemals anbeten. Niemals, verstehst du! Niemals werden wir, die Auserwählten Israels, dir huldigen... oder dich gar lieben.»

«Ich zwinge euch nicht, mich zu lieben; ich sage euch nur: Betet Gott an, denn...»

«Also dich, denn du bist Gott, nicht wahr? Aber wir sind nicht wie der lausige galiläische Pöbel, wir sind nicht die Dummköpfe Judäas, die hinter dir herlaufen und unsere Rabbis vergessen ...»

«Rege dich nicht auf, Mann! Ich verlange nichts. Ich erfülle meine Sendung; ich lehre, Gott zu lieben; ich wiederhole die Gebote, die zu oft

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vergessen werden, und was noch schlimmer ist, die schlecht befolgt werden. Ich will das Leben geben. Das ewige Leben. Ich wünsche niemand den leiblichen Tod und noch weniger den geistigen. Ich fragte dich, ob du nicht befürchtest, dein Leben zu verlieren; ich meinte damit das Leben deiner Seele; denn ich liebe deine Seele, auch wenn sie mich nicht liebt. Ich bin betrübt, wenn ich sehe, daß du sie tötest, wenn du Gott beleidigst und seinen Messias verachtest.»

Der Pharisäer scheint von Krämpfen befallen zu werden, so erregt ist er; er zerrt an seinen Kleidern, reißt die Fransen aus, nimmt die Kopfbedeckung ab, rauft sich die Haare und schreit: «Hört, Hört! Zu mir, Jonathan des Uziel, dem direkten Nachkommen Simons des Gerechten, zu mir sagt er dies! Ich den Herrn beleidigen! Ich weiß nicht, was mich zurückhält, dich zu verfluchen, aber...»

«Die Angst hält dich zurück. Aber tue es nur. Ich werde dich trotzdem nicht zu Asche werden lassen. Zu gegebener Zeit wirst du nach mir rufen. Aber zwischen mir und dir wird dann ein roter Bach sein: mein Blut!»

«Gut! Aber wie kannst du, der sich heilig nennt, gewisse Dinge zulassen? Du, der du dich Meister nennst, warum belehrst du nicht zuerst deine Apostel? Schau sie an, hinter dir! ... Sie haben noch das Mittel zur Sünde in den Händen! Siehst du, sie haben Ähren gesammelt, und es ist doch Sabbat. Sie haben Ähren gesammelt, die ihnen nicht gehören. Sie haben den Sabbat entheiligt und gestohlen.»

«Sie haben Hunger. Wir baten im Dorf, wo wir gestern abend angekommen sind, um Herberge und Brot. Man hat uns fortgejagt. Nur eine Greisin gab uns ihr Brot und eine Handvoll Oliven. Gott möge es ihr hundertfach vergelten, denn sie gab alles, was sie besaß, und wollte dafür nur den Segen. Wir sind eine Meile gegangen, dann ruhten wir, dem Gesetz entsprechend, und tranken Wasser. Darauf begaben wir uns bei Einbruch der Dämmerung zum Haus dort; wir wurden wiederum weggejagt. Du siehst, wir hatten den Willen, das Gesetz zu beachten!» antwortet Petrus.

«Aber ihr habt es nicht getan. Es ist nicht erlaubt, am Sabbat Handarbeit zu verrichten und nie ist es zulässig zu nehmen, was anderen gehört. Ich und meine Freunde sind darüber empört!»

«Ich nicht! Habt ihr nicht gelesen, wie David in Nob die geweihten Brote nahm, um sich und seine Begleiter zu nähren? Die heiligen Brote gehörten Gott und befanden sich in seinem Haus; sie waren durch ein ewiges Gesetz für die Priester bestimmt. Es steht geschrieben: "Sie sollen Aaron und seinen Söhnen gehören, die sie am heiligen Ort essen werden; denn sie sind eine heilige Sache." Und doch nahm David sie für sich und seine Gefährten; denn sie hatten Hunger. Wenn also der heilige König in das Haus Gottes eingetreten ist und die geweihten Brote am Sabbat gegessen hat – er, dem es nicht erlaubt war, sie zu essen -; wenn es ihm nicht als Sünde angerechnet worden ist – denn Gott liebte ihn auch nachher

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noch – wie kannst du sagen, daß wir Sünder sind, wenn wir auf dem Grund und Boden Gottes die durch seinen Willen gewachsenen und reifgewordenen Ähren pflücken? Diese Ähren gehören auch den Vögeln, und du willst verbieten, daß sich damit Menschen, die Kinder des Vaters, nähren ?» fragt Jesus.

«Sie hatten um Brote gebeten. Sie hatten sie nicht ohne Erlaubnis genommen. Das ist ein Unterschied. Und dann ist es nicht wahr, daß Gott dies dem David nicht als Sünde angerechnet hat. Gott hat ihn hart bestraft!»

«Aber nicht deswegen, sondern wegen der Unzucht und der Volkszählung», entgegnete Thaddäus.

«Oh, nun aber genug! Es ist nicht erlaubt, es ist verboten! Ihr habt kein Recht das zu tun, und ihr tut es trotzdem! Geht fort. Wir wollen euch nicht in unserem Gebiet. Wir brauchen euch nicht. Wir wissen nicht, was wir mit euch tun sollen.»

«Wir gehen», sagt Jesus und verhindert somit eine weitere Gegenrede.

«Und für immer, damit Jonathan des Uziel dich nie mehr unter die Augen bekommt. Geh!»

«Ja, wir gehen. Doch werden wir uns wiedersehen. Dann ist es Jonathan, der mich sehen will, um das Urteil zu wiederholen und die Welt für immer von mir zu befreien. Aber dann wird es der Himmel sein, der zu dir sagen wird: "Es ist dir nicht erlaubt!" Und dieses "Es ist dir nicht erlaubt" wird dir wie ein Trompetenschall im Herzen nachklingen, dein ganzes Leben lang und darüber hinaus. Wie an den Tagen des Sabbat die Priester im Tempel das Gebot der Sabbatruhe übertreten und doch nicht sündigen, so können auch wir, die Diener des Herrn, wenn der Mensch uns die Nächstenliebe verweigert, Liebe und Hilfe vom heiligsten Vater empfangen, ohne deswegen zu sündigen.

Hier ist einer, der viel größer als der Tempel ist, und daher nehmen kann, was er will von dem, was Gott erschaffen und zum Schemel für sein Wort gesetzt hat. Ich nehme und gebe. So auch die Ähren des Vaters, die auf der großen Tafel, die die Erde ist, liegen. Ich nehme und gebe. Den Guten wie den Bösen. Denn ich bin die Barmherzigkeit. Wenn ihr wüßtet, was es heißt, daß ich die Barmherzigkeit bin, würdet ihr auch verstehen, daß ich nichts anderes als sie will. Wenn ihr wüßtet, was Barmherzigkeit ist, dann hättet ihr keine Unschuldigen verurteilt. Aber ihr wißt es nicht! Ihr wißt nicht einmal, daß ich euch nicht verurteile; daß ich euch verzeihe und den Vater für euch um Verzeihung bitte, denn ich will Barmherzigkeit und nicht Bestrafung. Aber ihr wißt es nicht. Ihr wollt es nicht wissen! Das ist eine größere Sünde als die, die ihr mir zuschreibt; als die, von der ihr sagt, daß diese Unschuldigen sie begangen haben. ]Übrigens sollt ihr wissen, daß der Sabbat für den Menschen gemacht worden ist und nicht der Mensch für den Sabbat, daß der Menschensohn auch Herr über den Sabbat ist. Lebt wohl ...»

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Er wendet sich an die Jünger: «Kommt, laßt uns ein Lager im Sand suchen; es ist nicht weit. Die Sterne werden uns Gesellschaft leisten und der Tau wird uns erfrischen. Gott, der Israel das Manna schenkte, wird auch uns ernähren, die wir arm und ihm treu sind.» Und Jesus läßt die feindselige Gruppe stehen und geht mit den Seinen weiter, während der Abend mit seinen ersten violetten Schatten anbricht.

Sie finden endlich eine Hecke von Kaktusfeigen, auf deren stacheligen Schaufeln bereits reife Früchte sitzen. Alles ist gut für den, der Hunger hat. So sammeln sie, obwohl sie sich dabei stechen, die reifen Feigen und gehen weiter, bis die Felder zu Ende sind und die sandigen Dünen beginnen. Von ferne hört man das Rauschen des Meeres.

«Wir wollen uns hier ausruhen. Der Sand ist weich und warm. Morgen werden wir Askalon erreichen», sagt Jesus; alle legen sich am Fuße einer hohen Düne nieder.

259. JESUS UND DIE SEINEN AUF DEM WEG NACH ASKALON

Der Morgen weckt mit seinem kühlen Hauch die Schläfer. Sie erheben sich von ihrem Lager im Sand, auf dem sie im Schutz einer mit seltenen, vertrockneten Gräsern bedeckten Düne geschlafen haben, und klettern dieselbe hinauf. Vor ihnen liegt ein sandiger Meeresstrand, während links und rechts davon sich schöne, bestellte Äcker aneinanderreihen. Ein ausgetrocknetes Flußbett zeichnet sich mit seinen weißen Steinen auf dem goldenen Sand ab und verläuft mit diesem Weiß trockener Knochen bis zum Meer, das in der Weite glänzt mit seinen durch die morgendliche Flut geschwollenen Wogen, die durch den Nordwestwind, der den Ozean durchkämmt, noch größer werden.

Sie gehen am Rand der Düne entlang bis zum ausgetrockneten Bachbett, überqueren es, gehen schräg auf den Dünen weiter, die unter den Schritten einfallen und, gewellt wie sie sind, aussehen wie eine Fortsetzung der Meeresfläche mit festem und trockenem Material anstelle des bewegten Wassers. Sie erreichen den feuchten Strand und gehen rascher voran.

Während Johannes entzückt das grenzenlose Meer betrachtet, auf dem die ersten Sonnenstrahlen aufglühen, und sichtlich diese Schönheit genießt, die das Blau seiner Augen noch blauer zu färben scheint, zieht Petrus, der praktisch veranlagte Petrus, seine Sandalen aus, hebt das Gewand hoch, patscht in die kleinen Wellen des Ufers und hält Ausschau nach einer kleinen Krabbe oder einer Muschel zum Ausschlürfen.

In etwa zwei Kilometer Entfernung liegt eine schöne Stadt am Meer, die sich längs dem Ufer hinzieht, auf einem halbmondförmigen Felsenriff, an

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das Wind und Wellen den Sand getrieben haben. Der Fels kommt nun auch hier zum Vorschein, nachdem die Flut zurückgegangen ist, und zwingt die Wanderer, auf den trockenen Sand zurückzukehren, um die nackten Füße nicht zu verletzen.

«Auf welcher Seite können wir in die Stadt gelangen, Herr? Von hier aus sieht man nur ein festes Mauerwerk. Von der Seeseite aus kann man sie nicht betreten. Die Stadt liegt am tiefsten Punkt des Bogens», sagt Philippus.

«Kommt! Ich weiß, wo man hineingeht.»

«Bist du denn schon hier gewesen?»

«Einmal, als kleines Kind; ich erinnere mich nicht mehr; aber ich weiß, wo der Eingang ist.»

«Eigenartig! Schon oft habe ich es beobachtet... Du verfehlst nie den Weg. Manchmal sind wir es, die dich falsch zu wählen veranlassen. Aber du! Es scheint, als ob du immer am Ort gelebt hättest, an dem du dich gerade aufhältst», bemerkt Jakobus des Zebedäus.

Jesus lächelt, antwortet aber nicht. Er geht sicher bis zu einem kleinen ländlichen Vorort, wo Gärtner Gemüse für die Städter anpflanzen. Die kleinen Äcker und die Beete sind gleichmäßig angelegt und gut gepflegt. Frauen und Männer bearbeiten sie und schütten Wasser in die Furchen. Sie ziehen das Wasser mit großer Mühe aus dem Brunnen herauf; andere benützen die alte und quietschende Methode der Eimer, die von einem armen Esel, der mit verbundenen Augen um den Brunnen herumläuft, heraufgezogen werden. Aber die Leute sagen nichts. Jesus grüßt: «Der Friede sei mit euch.» Die Leute aber bleiben stumm, nicht ablehnend, doch teilnahmslos.

«Herr, hier läuft man Gefahr, Hungers zu sterben. Sie verstehen deinen Gruß nicht. Nun will ich es versuchen», sagt Thomas. Er nähert sich dem ersten Gärtner, den er sieht, und sagt: «Ist dein Gemüse sehr teuer?»

«Nicht teurer als anderswo. Teuer oder billig, das hängt davon ab, wie dick die Börse ist.»

«Du hast recht. Aber wie du siehst, sterbe ich noch nicht an Unterernährung. Ich bin auch ohne dein Gemüse dick und rosig. Ein Zeichen, daß meine Börse eine gute Brust ist. Kurz, wir sind dreizehn und wir können kaufen. Was hast du zu verkaufen?»

«Eier, Gemüse, Frühmandeln, Äpfel, die schon ganz runzlig sind, Oliven... alles was du willst.»

«Gib mir Eier, Äpfel und Brot für alle.»

«Brot habe ich nicht; das findest du in der Stadt.»

«Ich habe aber jetzt Hunger, nicht erst in einer Stunde. Ich glaube dir nicht, daß du kein Brot hast.»

«Ich habe noch keines. Die Frau ist erst am Backen. Aber siehst du den Alten dort? Er hat immer Brot, da er viel auf der Straße ist und oft von

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Pilgern danach gefragt wird. Geh zu Ananias und frag ihn. Ich bringe dir gleich die Eier. Aber paß auf, sie kosten einen Denar das Paar.»

«Dieb! Deine Hühner legen wohl goldene Eier?»

«Nein, aber es ist nicht schön, im Gestank des Hühnerstalles zu leben, und für nichts tut man nichts. Und außerdem, seid ihr nicht Juden? Dann zahlt!»

«Behalte deine Eier. So bist du schon bezahlt», und Thomas dreht ihm den Rücken zu.

«Warte, Mann! Komm, ich will sie dir billiger geben. Drei für einen Denar.»

«Und wenn du mir vier gäbest... Trink sie selbst, sie sollen dir im Hals steckenbleiben.»

«Komm her! Höre, was willst du mir geben?» Der Gärtner läuft Thomas nach.

«Nichts! Ich will keine mehr haben. Ich wollte nur einen kleinen Imbiß nehmen, bevor ich in die Stadt gehe. Aber es ist besser so! Ich will weder Worte vergeuden noch mir den Appetit verderben, um die Geschichte des Königs zu singen und in der Herberge eine schöne Mahlzeit zu halten.»

«Ich gebe dir das Paar für eine Zehnteldrachme.»

«Uff, du bist lästiger als eine Wanze. Gib mir deine Eier! Aber frische, sonst komm ich zurück und mach dir dein Maul noch gelber als es schon ist!»

Und Thomas geht mit ihm und kommt mit mindestens zwei Dutzend Eiern im Mantelzipfel zurück. «Habt ihr gesehen? Von nun an werde ich in diesem Land der Diebe einkaufen. Ich weiß, wie man sie behandelt. Sie kommen mit Haufen von Geld zu uns, um für ihre Frauen einzukaufen; und die Armreifen sind nie groß genug, und sie feilschen tagelang um den Preis. Nun kann ich mich rächen. Nun gehen wir zum anderen Skorpion. Komm, Petrus! Du, Johannes, nimm die Eier!»

Sie gehen zum Alten, dessen Garten längs der Hauptstraße liegt, die von der Stadt nach Norden führt, an deren beiden Seiten sich die Häuser des Vororts aneinanderreihen. Eine schöne, gut gepflegte Straße, bestimmt ein Werk der Römer. Das Stadttor an der Ostseite ist nunmehr ganz nahe; man sieht hindurch; die gerade Straße jenseits der Mauern ist kunstvoll von großen, schattigen Portiken umsäumt, die von Marmorsäulen getragen werden und in deren kühlem Schatten die Menschen wandeln, während die Straßenmitte den Eseln, Kamelen, Hunden und Pferden überlassen wird.

«Gruß dir! Verkaufst du Brot?» fragt Thomas.

Der Alte hört nicht oder will nicht hören. Das Kreischen der Räder ist so durchdringend, daß beides möglich ist. Petrus verliert die Geduld und schreit: «Halt deinen Samson an! So kann er wenigstens verschnaufen und bricht nicht vor meinen Augen zusammen. Höre uns an!»

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Der Mann hält den Maulesel an und blickt schief auf den Fragenden; doch Petrus entwaffnet ihn und sagt: «Na, ist es vielleicht nicht recht, einen Maulesel Samson zu nennen? Wenn du Philister bist, muß der Name dir gefallen, denn dann ist es eine Beleidigung für Samson. Wenn du aus Israel bist, muß er dir gefallen, weil er dich an einen Sieg über die Philister erinnert. Du siehst also...»

«Ich bin Philister und bin stolz darauf.»

«Du hast recht. Auch ich werde dich rühmen, wenn du uns Brot gibst.»

«Aber bist du nicht Jude?»

«Ich bin Christ!»

«Wo liegt dieser Ort?»

«Das ist kein Ort. Es ist eine Person. Und ich gehöre dieser Person.»

«Bist du ihr Sklave?»

«Ich bin freier als jeder andere Mensch; denn wer dieser Person gehört, untersteht nur Gott.»

«Sagst du die Wahrheit? Auch nicht Caesar?»

«Pah... was ist denn Caesar im Vergleich zu ihm, dem ich nachfolge, dem ich gehöre und in dessen Namen ich dich um Brot bitte?»

«Wo ist dieser Mächtige?»

«Es ist der Mann dort, der hierherschaut und lächelt. Er ist Christus, der Messias. Hast du noch nie von ihm reden gehört?»

«Ja, er ist der König von Israel. Wird er Rom besiegen?»

«Rom? Die ganze Weit und auch die Hölle!»

«Ihr seid seine Generäle? So gekleidet? Vielleicht um den Verfolgungen der niederträchtigen Juden zu entgehen.»

«Ja und nein. Aber gib mir Brot; während wir essen, will ich es dir erklären.»

«Brot? Aber auch Wasser, Wein und Stühle im Schatten für dich und deinen Begleiter und für deinen Messias. Hole ihn!»

Und Petrus geht rasch zu Jesus und sagt: «Komm, komm! Der alte Philister dort gibt uns, was wir wollen. Ich fürchte jedoch, daß er dich mit Fragen bestürmen wird... Ich habe ihm gesagt, wer du bist... so ungefähr habe ich es ihm gesagt. Aber er ist gutwillig.»

Sie gehen alle zusammen in den Garten, wo der Mann schon unter einer dichten Weinlaube Bänke um einen einfachen Tisch aufgestellt hat.

«Der Friede sei mit dir, Ananias! Die Erde möge dank deiner Nächstenliebe erblühen und dir reiche Ernte bringen ...»

«Danke, auch dir Frieden! Setz dich, setzt euch. Anibe, Nubi! Wein, Brot und Wasser, rasch!» befiehlt der Alte zwei Frauen, die bestimmt Afrikanerinnen sind; denn die eine ist ganz schwarz mit dicken Lippen und krausen Haaren, und die andere sehr dunkel, obgleich sie mehr ein europäischer Typ ist. Der Alte erklärt: «Die Töchter der Sklavinnen meiner Frau, Sie ist tot, und tot sind auch sie, die mit ihr gekommen waren.

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Aber die Töchter sind mir geblieben. Oberer und unterer Nil. Meine Frau stammte von dort. Verboten, nicht wahr? Aber ich schere mich nicht darum. Ich bin nicht aus Israel, und die Frauen der niederen Rasse sind sanft.»

«Du bist nicht aus Israel?»

«Gezwungenermaßen bin ich es; denn Israel hat man am Hals wie ein Joch. Aber bist du ein Israelit und beleidigt über das, was ich sage? ...»

«Nein, ich bin nicht beleidigt. Ich möchte nur, daß du die Stimme Gottes anhörst.»

«Er spricht nicht zu uns!»

«Das sagst du! Ich rede mit dir, und das ist seine Stimme!»

«Aber du bist doch der König von Israel.»

Die Frauen, die gerade mit Brot, Wasser und Wein ankommen und von einem König reden hören, bleiben erstaunt stehen und betrachten den blonden, lächelnden, vornehmen jungen Mann, den man Herr König nennt; sie ziehen sich zurück, fast kriechend vor Ehrfurcht.

«Danke, Frauen! Auch euch Frieden!» Dann wendet sich Jesus dem Greis zu: «Sie sind jung... du kannst ruhig deine Arbeit fortsetzen.»

«Nein, die Erde ist begossen und kann warten. Anibe, binde den Esel los und führe ihn in den Stall. Und du, Nubi, leere die letzten Eimer und dann... Willst du verweilen, Herr?»

«Laß dich nicht stören. Ich werde ein wenig Speise zu mir nehmen und dann nach Askalon gehen.»

«Du störst mich nicht. Geh ruhig in die Stadt. Aber am Abend komm! Wir werden das Brot brechen und das Salz teilen. Bewegt euch, ihr! Du gehst zum Brot und du rufst Geteo, damit er ein Böcklein schlachtet und es für heute abend vorbereitet. Geht!» Die beiden Frauen gehen schweigend fort.

«Du bist also König. Aber die Waffen? Herodes Grausamkeit kennt keine Grenzen. Er hat uns Askalon wieder aufgebaut, aber zum eigenen Ruhm. Und nun! ... Aber du kennst die Schande Israels besser als ich. Wie wirst du vorgehen?»

«Ich habe nur die Waffe, die von Gott kommt.»

«Das Schwert Davids?»

«Das Schwert meines Wortes.»

«Oh, armer Träumer! Es wird am Metall der Herzen abprallen!»

«Glaubst du? Ich strebe kein Königreich auf dieser Welt an. Für euch alle strebe ich nach dem Himmelreich.»

«Für uns alle? Auch für mich Philister? Auch für meine Sklavinnen?»

«Für alle, für dich, für sie und selbst für den Wildesten im Innern des afrikanischen Urwaldes.»

«Willst du denn ein so großes Reich gründen? Warum nennst du es "Himmelreich"? Du könntest es doch Weltreich nennen.»

«Nein, du mußt mich richtig verstehen. Mein Reich ist das Reich des wahren Gottes. Gott ist im Himmel. Darum ist es das Reich des Himmels. Jeder Mensch ist eine mit einem Körper bekleidete Seele, und die Seele kann nur im Himmel leben. Ich will eure Seelen heilen, die Irrtümer und den Groll aus ihr entfernen und sie durch die Güte und die Liebe zu Gott führen.»

«Das gefällt mir sehr. Die anderen... ich gehe nicht nach Jerusalem, aber ich weiß, daß die anderen von Israel seit Jahrhunderten nicht so sprechen. So haßt du uns also nicht?»

«Ich hasse niemand.»

Der Alte denkt nach... dann fragt er: «Und haben die beiden Sklavinnen auch eine Seele, wie ihr von Israel?»

«Gewiß. Sie sind keine gefangenen Tiere. Sie sind unglückliche Geschöpfe. Wir müssen sie lieben. Liebst du sie?»

«Ich behandle sie nicht schlecht. Ich verlange Gehorsam, aber ich verwende keine Peitsche. Ein schlecht genährtes Tier arbeitet nicht, sagt man. Aber auch ein schlecht genährter Mensch ist kein gutes Geschäft. Außerdem sind sie im Haus geboren! Ich habe sie heranwachsen sehen. Jetzt werden nur sie zurückbleiben; denn ich bin sehr alt, weißt du, beinahe achtzig. Sie und Geteo sind das, was von meinem einstigen Haus übrigbleibt. Ich habe sie liebgewonnen wie Möbelstücke. Sie werden mir die Augen schließen...»

«Und dann?»

«Und dann... Ich weiß es nicht. Sie werden einen anderen Herrn finden, und das Haus wird geschlossen werden. Es tut mir leid. Ich habe es mit meiner Arbeit reich gemacht. Die Äcker werden veröden... Der Weingarten... Meine Frau und ich haben ihn gepflanzt. Dieser Rosenstrauch... Er ist ägyptischer Herkunft, Herr, und ich spüre den Duft meiner Frau in ihm... Er ist für mich wie ein Sohn... Der einzige Sohn, jetzt schon Staub, ist zu seinen Füßen begraben... Schmerzen... Es ist besser, jung zu sterben und dies und den Tod, der sich nähert, nicht sehen zu müssen.»

«Dein Sohn und deine Frau sind nicht tot; ihr Geist überlebt. Das Fleisch ist tot. Der Tod darf nicht erschrecken. Der Tod ist Leben für den, der auf Gott vertraut und als Gerechter lebt. Denkt daran... Ich gehe in die Stadt. Ich werde heute abend zurückkommen und möchte dich um die Vorhalle bitten, um mit den Meinen dort zu schlafen.»

«Nein, Herr! Ich habe viele leere Zimmer. Ich stelle sie dir zur Verfügung.»

Judas legt Münzen auf den Tisch.

«Nein! Ich will sie nicht. Ich bin aus dieser Gegend, die euch verhaßt ist. Aber vielleicht bin ich besser als sie, die uns beherrschen. Leb wohl, Herr!»

«Der Friede sei mit dir, Ananias!»

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Die zwei Sklavinnen sind mit Geteo, einem kräftigen, alten Landarbeiter, herbeigekommen, um Jesus weggehen zu sehen.

«Auch euch Frieden! Seid gut! Lebt wohl.» Und Jesus läßt leicht seine Hand über die krausen Haare von Nubi und die glänzenden, glatten Haare von Anibe gleiten, lächelt dem Mann zu und entfernt sich.

Bald danach betreten sie auch die Straße mit den beidseitigen Säulengängen, die direkt in Askalons Zentrum führt. Die Stadt ist mit ihren Becken und Brunnen, mit ihren Plätzen, die als Forum dienen, und ihren Türmen längs der Mauer eine Nachäffung Roms. Überall der Name von Herodes, von ihm selbst angebracht, um sich selbst zu feiern, denn die Askaloniten feiern ihn nicht.

Es herrscht eine große Bewegung in den Straßen, die sich steigert, je mehr die Zeit vergeht und man ins Zentrum der Stadt gelangt. Diese Stadt ist offen und luftig mit dem Meer als Hintergrund, das wie ein Türkis in einer Zange aus rosafarbenen Korallen liegt zwischen den Häusern, die sich an der tiefen Bucht aneinanderreihen, bis zur Küste; sie bildet keinen Golf, sondern einen echten Bogen, einen Halbkreis, den die Sonne in einem bleichen Rosarot leuchten läßt.

«Wir wollen uns in vier Gruppen teilen. Ich gehe, das heißt, ich lasse euch gehen. Dann wähle ich. Geht! Nach der neunten Stunde treffen wir uns am Tor, durch das wir gekommen sind. Seid klug und geduldig!»

Jesus schaut ihnen nach. Er ist mit Judas Iskariot allein geblieben, der erklärt hat, daß er hier nicht reden wird, da die Leute schlimmer als die Heiden sind.

Als er aber hört, daß Jesus da und dorthin gehen will, ohne zu reden, überlegt er es sich anders und sagt: «Mißfällt es dir nicht, allein zu bleiben? Ich möchte mit Matthäus, Jakobus und Andreas gehen; sie sind die Unbeholfensten...»

«Geh nur! Leb wohl!»

Und Jesus wandelt allein durch die Stadt. Er durchschreitet sie der Länge und der Breite nach, ohne daß die geschäftigen Menschen auf ihn aufmerksam werden. Nur zwei oder drei Kinder heben neugierig den Kopf, und eine nachlässig gekleidete Frau kommt ihm entschlossen und mit einem zweideutigen Lächeln entgegen. Doch Jesus blickt sie so streng an, daß sie purpurrot wird und, weitergehend, die Augen niederschlägt. An der Ecke wendet sie sich noch einmal um, und da ein Mann, der die Szene beobachtet hat, ihr beißende Worte des Spottes für ihre Niederlage zuwirft, hüllt sie sich in ihren Mantel und eilt davon.

Die Kinder jedoch umringen Jesus, sehen zu ihm auf und erwidern sein Lächeln. Das mutigste unter ihnen fragt: «Wer bist du?»

«Jesus», antwortet er, indem er es liebkost.

«Was machst du?»

«Ich warte auf Freunde.»

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«Von Askalon?»

«Nein, aus meinem Dorf und aus Judäa.»

«Bist du reich? Ich bin es. Mein Vater hat ein schönes Haus, in dem er Teppiche anfertigt. Komm, ich will es dir zeigen; es ist in der Nähe.»

Jesus folgt dem Kind in einen langen Hausflur, der wie eine überdachte Gasse ist. Im Hintergrund des halbdunklen Hausflurs glänzt ein Stückchen Meer in der Sonne. Sie begegnen einem schmächtigen Mädchen, das weint.

«Das ist Dina. Sie lebt arm, weißt du? Meine Mutter gibt ihr zu essen. Ihre Mutter kann nichts mehr verdienen. Der Vater ist schon gestorben, auf dem Meer. Bei einem Gewitter, als er von Gaza zum Hafen des großen Flusses fuhr, um Waren abzuliefern und andere zu holen. Da die Waren meinem Vater gehörten, und der Vater der Dina einer unserer Seeleute war, sorgt meine Mama nun für sie. Doch viele sind auf diese Weise ohne Vater geblieben... Was sagst du dazu? Es muß schlimm sein, ein Waisenkind und arm zu sein. Hier ist mein Haus. Sage nicht, daß ich auf der Straße war. Ich hätte in der Schule sein müssen; aber man hat mich weggeschickt, weil ich die Kameraden mit dem da zum Lachen brachte...» Er zieht ein wirklich lustiges, geschnitztes Püppchen aus dem Gewand, mit einem wahrhaft karikaturistischen, vorstehenden Kinn und einer langen Nase.

Jesus hat ein Lächeln auf den Lippen, aber er beherrscht sich und sagt: «Das ist doch nicht der Lehrer, nicht wahr? Und auch kein Verwandter! Das wäre nicht recht.»

«Nein, es ist der Synagogenvorsteher der Juden. Er ist alt und häßlich; wir ärgern ihn immer.»

«Auch das ist nicht recht. Er ist bestimmt viel älter als du und...»

«Oh, er ist ein sehr alter Mann, bucklig und blind; aber er ist so häßlich... Ich kann doch nichts dafür, daß er so häßlich ist!»

«Nein. Aber es ist schlecht, über einen Alten zu spotten. Auch du wirst als alter Mann häßlich sein; denn du wirst gebückt gehen, wenig Haare auf dem Kopf haben, halb blind sein; du wirst an Stöcken gehen und genauso ein Gesicht haben... Und dann? Würde es dir gefallen, von einem respektlosen Jungen verspottet zu werden?

Warum ärgerst du den Lehrer und störst die Kameraden? Das ist nicht recht! Wenn dein Vater es wüßte, würde er dich strafen und deine Mutter würde es schmerzen. Ich sage ihnen nichts. Aber du mußt mir sofort zwei Dinge geben: das Versprechen, nicht mehr solche Späße zu machen und diesen Hampelmann. Wer hat ihn gemacht?»

«Ich, Herr ...» sagt der Junge beschämt, nunmehr der Schwere seiner Fehler bewußt. Er fügt hinzu: «Ich mache sehr gerne Holzschnitzereien! Manchmal verfertige ich Blumen, wie sie auf Teppichen dargestellt sind, oder Drachen, Sphinxe und andere Tiere...»

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«Das sollst du tun. Es ist so viel Schönes auf der Erde. Also gib mir dein Versprechen und den Hampelmann. Sonst sind wir keine Freunde mehr. Ich behalte ihn als Andenken an dich und werde für dich beten. Wie heißt du?»

«Alexander. Und du, was gibst du mir?»

Jesus hat immer so wenig! Aber er erinnert sich, daß er am Gewand eine sehr schöne Schnalle hat. Er sucht in seiner Tasche, findet sie, trennt sie vom Gewand ab und gibt sie dem Knaben. «Und nun gehen wir. Aber paß auf, auch wenn ich fortgehe, weiß ich doch alles. Wenn ich merke, daß du böse bist, dann komme ich zurück und erzähle alles deiner Mutter.» Das Bündnis ist geschlossen.

Sie treten in das Haus. Dem Vorhof folgt ein weiter Hof, auf drei Seiten von Hallen umgeben, in denen Webstühle stehen. Die Dienerin, die geöffnet hat, ist erstaunt, den Jungen mit einem Unbekannten zu sehen. Sie benachrichtigt die Herrin, und diese, eine hochgewachsene Frau mit zartem Antlitz, eilt herbei und fragt: «Hat mein Sohn sich nicht wohlgefühlt?»

«Nein, Frau! Er hat mich hierher geführt, um mir deine Webstühle zu zeigen. Ich bin ein Fremder.»

«Willst du einkaufen?»

«Nein, ich habe kein Geld. Aber ich habe Freunde, welche schöne Dinge lieben und auch Geld haben.»

Die Frau blickt diesen Mann erstaunt an, der ohne Umschweife bekennt, daß er arm ist, und sagt: «Ich habe angenommen, daß du ein Herr bist. Du hast das Benehmen und das Aussehen eines großen Herrn.»

«Ich bin jedoch nur ein Rabbi aus Galiläa: Jesus von Nazareth.»

«Wir treiben Handel und kennen keine Vorurteile. Komm und schau!»

Sie führt ihn zu den Webstühlen, an denen Mädchen unter der Anleitung der Herrin arbeiten. Die Teppiche sind wirklich kostbar, was Zeichnung und Farben betrifft. Dick und weich, wie sie sind, gleichen sie Blumenbeeten oder einem Kaleidoskop von Edelsteinen. Andere haben von Blumen umgebene allegorische Figuren wie Einhörner, Sirenen, Drachen oder heraldische Vögel, wie sie bei uns üblich sind.

Jesus drückt seine Bewunderung aus: «Du bist sehr tüchtig. Es freut mich, daß ich dies gesehen habe. Und ich freue mich, daß du gut bist.»

«Woher weißt du das?»

«Man liest es dir im Gesicht, und der Junge hat mir von Dina erzählt. Gott möge es dir vergelten. Auch wenn du es nicht glaubst, du bist sehr nahe an der Wahrheit, denn du hast Nächstenliebe.»

«Welche Wahrheit?»

«Die Wahrheit des allerhöchsten Herrn! Wer den Nächsten liebt und in der Familie und bei den Untergebenen Nächstenliebe übt und sie auf die Armen ausdehnt, hat die Religion schon in sich. Das Mädchen ist Dina, nicht wahr?»

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«Ja. Ihre Mutter liegt im Sterben. Nach ihrem Tod werde ich das Mädchen zu mir nehmen; aber nicht für den Webstuhl. Sie ist zu klein und zu schwach. Begrüße diesen Herrn, Dina!»

Das Mädchen mit dem traurigen Gesicht unglücklicher Kinder kommt zögernd näher. Jesus liebkost es und sagt: «Begleitest du mich zu deiner Mutter? Du möchtest, daß sie gesund wird, nicht wahr? Dann führe mich zu ihr! Leb wohl, Frau! Leb wohl, Alexander! Bleibe brav!»

Jesus geht mit dem Kind an der Hand hinaus. Er fragt: «Bist du allein?»

«Ich habe drei Geschwister. Das Kleinste hat den Vater nicht mehr gekannt.»

«Weine nicht. Kannst du glauben, daß Gott deine Mutter heilen kann? Du weißt, daß es nur einen Gott gibt, der seine Geschöpfe, die Menschen und besonders die guten Kinder liebt, nicht wahr? Und daß er alles kann...»

«Ich weiß es, Herr; denn früher ging mein Bruder Tolme zur Schule, und in der Schule hat er sich unter die Juden gemischt. Er weiß daher viele Dinge. Ich weiß, daß es einen Gott gibt und daß er Jahwe heißt; und daß er uns bestraft hat, weil die Philister böse gegen ihn waren. Das werfen uns die hebräischen Kinder immer vor. Ich war aber damals noch nicht geboren, und die Mama und der Vater ebenfalls nicht. Warum also...»Das Weinen macht ein Weiterreden unmöglich.

«Weine nicht, Gott liebt auch dich, und er hat mich deinetwegen und deiner Mama wegen hierher geführt. Weißt du, daß die Israeliten auf den Messias warten, der kommen wird, um das Himmelreich zu gründen, das Reich Jesu, des Erlösers und Heilands der Welt?»

«Ich weiß es, Herr. Und sie drohen uns damit und sagen: "Dann wird es euch schlecht gehen."»

«Und weißt du, was der Messias tun wird?»

«Er wird Israel groß machen und uns sehr schlecht behandeln!»

«Nein! Er wird die Welt erlösen, sie von der Sünde befreien und die Menschen anleiten, nicht mehr zu sündigen. Er wird die Armen, die Kranken und die Traurigen lieben und sie aufsuchen. Er wird die Reichen, die Gesunden und die Glücklichen lehren, sie zu lieben. Er wird alle ermahnen, gut zu sein, um das ewige Leben zu erlangen und im Himmel selig zu sein. Das wird er tun, und er wird niemand unterdrücken.»

«Und woran wird man erkennen, daß er es ist?»

«Daran, daß er alle liebt und die Kranken heilt, die an ihn glauben; daß er die Sünder losspricht und Liebe lehrt!»

«Oh, wenn er doch kommen würde, bevor die Mama stirbt. Wie würde ich glauben! Wie würde ich ihn bitten! Ich würde gehen und ihn suchen, bis ich ihn gefunden hätte, und würde ihm sagen: "Ich bin ein armes Mädchen ohne Vater, und meine Mutter liegt im Sterben! Ich hoffe auf

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dich!" Ich weiß, daß er mich erhören würde, obgleich ich eine Philisterin bin.»

Ein einfacher und starker Glaube schwingt mit in der Stimme des Mädchens. Jesus lächelt und blickt auf die Arme, die an seiner Seite geht. Das Mädchen kann dieses strahlende Lächeln nicht sehen, da es geradeaus zum nunmehr nahen Haus schaut.

Sie kommen zu einem armen Häuschen am Ende einer Sackgasse. «Hier ist es, Herr! Tritt ein!» Ein einfacher Raum, ein Strohsack, auf dem ein erschöpfter Körper liegt, und drei Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren sitzen neben dem Strohsack. Alles drückt Armut und Hunger aus.

«Der Friede sei mit dir, Frau! Rege dich nicht auf! Bemühe dich nicht! Ich habe dein Mädchen getroffen und weiß, daß du krank bist. Ich bin gekommen. Möchtest du gesund werden?»

Die Frau antwortet mit ihrer schwachen Stimme: «Oh, Herr! ... Ich bin am Ende», und sie weint.

«Deine Tochter glaubt, daß der Messias dich heilen kann. Und du?»

«Oh, auch ich würde glauben. Aber wo ist der Messias?»

«Ich bin es, der zu dir spricht.» Und Jesus, der sich über den Strohsack gebeugt und seine Worte über das Antlitz der Geschwächten geflüstert hatte, richtet sich auf und ruft: «Ich will! Sei geheilt!»

Die Kinder fürchten sich beinahe vor seiner mächtigen Gestalt und stehen mit erstaunten Gesichtern um das mütterliche Lager herum. Dina drückt ihre Hände an die kleine Brust. Ein Licht der Seligkeit, der Hoffnung huscht über ihr Gesicht. Sie atmet fast schwer, so sehr ist sie erregt. Der kleine Mund ist geöffnet für ein Wort, welches das Herz schon flüstert, und als sie sieht, daß die Mutter, die noch eben wachsbleich und kraftlos dalag, sich zum Sitzen aufrichtet, als ob eine Kraft sie anziehen und in sie übergehen würde, und wie sie dann, immer die Augen auf jene des Erlösers gerichtet, aufsteht, einen Freudenschrei ausstößt: «Mama!»Das Wort, welches das Herz gefüllt hatte, ist ausgesprochen! ... Und dann ein zweites: «Jesus!» Dina umarmt die Mutter, zwingt sie niederzuknien und sagt dabei: «Bete an, bete an! Er ist es, den der Lehrer Tolmes den verheißenen Erlöser nannte.»

«Betet den wahren Gott an, seid gut und erinnert euch meiner. Lebt wohl!» Und Jesus geht rasch hinaus, während die beiden Glücklichen noch am Boden knien...

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260. DIE PREDIGTEN UND DIE WUNDER IN ASKALON

Gehorsam der erhaltenen Weisung folgend, kommen die kleinen Gruppen der Apostel eine nach der anderen zum Stadttor. Jesus ist noch nicht da. Doch bald kommt auch er aus einer Gasse längs der Mauer.

«Der Meister scheint guten Erfolg erzielt zu haben», sagt Matthäus. «Seht wie er lächelt.»

Sie gehen ihm entgegen und verlassen dann die Stadt auf der Hauptstraße. Die Gemüsegärten des Vorortes säumen diese auf beiden Seiten. Jesus fragt die Seinen: «Nun, wie ist es euch ergangen? Was habt ihr getan?» «Sehr schlecht», sagen Iskariot und Bartholomäus gleichzeitig. «Warum? Was ist vorgefallen?»

«Man hätte uns beinahe gesteinigt. Wir mußten weglaufen. Verlassen wir dieses Land der Barbaren! Laß uns dorthin gehen, wo man uns liebt. Ich rede nicht mehr! Ich wollte vorerst nicht reden. Doch dann habe ich mich dazu verleiten lassen; du hast mich nicht zurückgehalten, obwohl du wußtest ...» Iskariot ist aufgeregt.

«Aber was ist denn passiert?»

«Oh, ich war mit Matthäus, Jakobus und Andreas. Wir sind bis zum Gerichtsplatz gegangen; denn dort sind bessere Leute, die Zeit zu verlieren haben und zuhören können, wenn jemand reden will. Wir hatten beschlossen, daß Matthäus sprechen sollte, da er am fähigsten ist, mit Zöllnern und ihrer Kundschaft umzugehen. Er hat auch angefangen; er sagte zweien, die sich in einer Erbschaftsangelegenheit um einen Acker stritten: "Haßt euch nicht wegen einer Sache, die vergänglich ist und die ihr nicht mit ins andere Leben nehmen könnt. Liebt euch, um ewige Güter genießen zu können, für die ihr nichts anderes zu tun braucht als den bösen Leidenschaften zu widerstehen, um Gewinner und Besitzer des Guten zu werden." Du hast doch so gesagt, nicht wahr?» Und dann fuhr er fort zu reden, während zwei oder drei sich näherten, um zuzuhören. "Hört auf die Wahrheit, die dieser Aufruf die Welt lehrt, damit die Welt im Frieden lebe. Ihr habt erfahren, daß man wegen übertriebenen Interesses an vergänglichen Dingen leidet. Aber die Welt ist nicht alles! Es gibt auch den Himmel, und im Himmel ist Gott, so wie jetzt auf Erden sein Messias ist, den er gesandt hat, um euch zu verkünden, daß die Zeit der Barmherzigkeit gekommen ist, und kein Sünder mehr sagen kann: 'Niemand hört mich an'; denn wenn er wahrhaft bereut, dann erhält er Verzeihung; er wird erhört, geliebt und ins Reich Gottes eingeladen."

Viele Menschen hatten sich inzwischen angesammelt; es waren Leute darunter, die ehrfürchtig zuhörten, und andere, die Fragen stellten und damit Matthäus verwirrten. Ich antworte nie sofort, sondern erst am Ende der Predigt. Die Leute merkten sich ihre Fragen und stellten sie mir am Schluß. Matthäus jedoch wollte sofort antworten... Auch uns hat man

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Fragen gestellt. Manche aber sagten grinsend: "Noch ein Verrückter! Der kommt bestimmt aus der Höhle von Israel. Die Juden sind wie Kletten, die sich überall anhängen. Immer ihre ewigen Märchen! Sie haben Gott als Gevatter. Hört sie nur! Er ist auf der Schneide ihres Schwertes und in der Bitterkeit ihrer Zunge. Ja, ja, nun kommen sie mit ihrem Messias daher. Ein anderer Irrer, der uns beunruhigen will, wie es schon seit Jahrhunderten geschieht. Die Pest soll ihn und seine Rasse holen!"

Da habe ich die Geduld verloren. Ich habe den Matthäus zurückgezogen, der immer noch lächelnd weitersprach, als ob man ihm Ehren erwiese, und ich habe zu reden begonnen und Jeremias zum Thema meiner Rede genommen. "Sieh, Wasser steigen auf aus dem Norden; sie werden zum

schwellenden Gießbach und überfluten das Land .. Bei ihrem Lärm",

habe ich gesagt, "- die Strafe Gottes über euch, verfluchte Rasse, wird dem Rauschen vieler Wasser gleichen; doch werden es Waffen und Bewaffnete der Erde und himmlische Reiter sein, die dem Befehl der Häupter des Volkes Gottes folgen, um euch für eure Schandtaten zu bestrafen – bei ihrem Lärm werdet ihr die Kraft verlieren; euer Hochmut, eure Herzen, eure Arme, eure Gefühle und alles wird zusammenbrechen. Ausgerottet werdet ihr, ihr Überbleibsel der Insel der Sünde, Tor der Hölle! Seid ihr wieder hochmütig geworden, weil Herodes eure Stadt hat wieder aufbauen lassen? Aber ihr werdet noch mehr geschoren werden und bald hoffnungslose Kahlköpfe sein; in euren Städten und Dörfern, in den Tälern und Ebenen werdet ihr von allen Übeln heimgesucht werden. Die Weissagung ist noch nicht tot"; und ich wollte so fortfahren, aber sie sind auf uns losgestürmt; und nur weil gerade eine Karawane aus einer Seitenstraße kam, konnten wir uns retten, denn schon flogen die ersten Steine. Sie haben die Kamele und die Kameltreiber getroffen, und es hat eine Rauferei gegeben, so daß wir fliehen konnten. Dann haben wir uns in einem kleinen Hof des Vorortes still verhalten. Oh! Ich komme nicht mehr hierher ...»

«Aber entschuldige, du hast sie beleidigt! Die Schuld liegt bei dir! Jetzt verstehe ich, warum sie wütend auf uns losgestürmt sind, um uns fortzujagen!» ruft Nathanael aus. Er fährt fort: «Höre, Meister. Wir, also Simon des Jonas, ich und Philippus sind zum Tor gegangen, das zum Meer führt. Dort waren Seeleute und Schiffsbesitzer, die Waren nach Zypern, nach Griechenland und in fernere Länder verluden. Sie schimpften auf die Sonne, den Staub und die Mühen. Sie verfluchten ihr Los als Philister und Sklaven ihrer Unterdrücker, da sie doch Könige hätten sein können. Sie verfluchten die Propheten, die Tempel und uns allesamt. Ich wollte weggehen, aber Simon war dagegen und sagte: "Nun erst recht nicht! Gerade sie sind die Sünder, denen wir uns nähern müssen. Der Meister würde es tun, darum müssen auch wir es tun." "Dann rede du", sagten Philippus und ich. "Und wenn ich es nicht kann?" entgegnete Simon. "Dann werden wir dir helfen", antworteten wir.

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Simon ist also lächelnd auf zwei Seeleute zugegangen, die sich schwitzend auf einen großen Ballen gesetzt hatten, den sie nicht mehr auf das Schiff zu hissen vermochten, und sagte. "Der ist schwer, nicht wahr?" "Mehr als schwer, und wir sind müde. Wir müssen mit dem Beladen des Schiffes fertig werden, denn der Herr hat es befohlen. Er will zur Zeit der Ebbe den Anker lichten; denn heute abend wird das Meer bewegter sein, und da müssen die Riffe hinter uns sein." "Riffe im Meer?" "Ja, dort, wo das Wasser brandet. Schlimme Stelle!" "Strudel? Natürlich, denn der Mittagswind dreht und stößt dort mit der Strömung zusammen." "Bist du Seemann?" "Fischer, im Süßwasser. Doch Wasser ist immer Wasser, und Wind ist Wind. Auch ich habe schon mehr als einmal Wasser getrunken und nicht selten den ganzen Fang verloren. Unser Handwerk hat seine guten und seine bösen Seiten. So ist es in allen Dingen! Nirgendwo leben nur böse Menschen. Mit ein bißchen gutem Willen kann man sich immer verständigen, und überall gibt es gute Menschen. Los, ich will euch helfen." Und Simon hat Philippus gerufen: "Komm, faß den Ballen hier an, ich nehme ihn dort, und diese guten Leute führen uns zum Lagerraum auf dem Schiff."

Zuerst wollten die Philister nicht; doch dann ließen sie uns gewähren. Nachdem wir den Ballen und noch weitere, die auf der Brücke lagen, im Lagerraum untergebracht hatten, begann Simon, wie nur er es kann, das Schiff und die schöne Stadt am Meer zu loben und sich für die Seefahrt und die Städte anderer Länder zu interessieren. Und alle haben ihn umringt, um ihm zu danken und ihn zu loben, bis einer zu fragen anfing. "Aber du, woher kommst du denn? Vom Nil?" "Nein, vom galiläischen Meer. Aber wie ihr seht, bin ich kein grausamer Mensch. Das ist wahr." "Suchst du Arbeit?" "Ja." "Ich nehme dich sofort, wenn du willst. Ich sehe, daß du ein tüchtiger Seemann bist", sagte der Herr, "Und ich nehme dich." "Mich? Hast du nicht gesagt, daß du Arbeit suchst?" "Das ist wahr. Aber meine Arbeit besteht darin, die Menschen zum Messias Gottes zu führen. Du bist ein Mensch. Also bist du Arbeit für mich." "Aber ich bin ein Philister. Was bedeutet das?" "Das bedeutet, daß ihr uns haßt und seit jeher verfolgt. Eure Oberhäupter haben es uns immer wieder gesagt .. Die Propheten, nicht wahr? Aber jetzt sind die Prophetenstimmen verstummt. Jetzt gibt es nur noch den einen, den großen, den heiligen Jesus. Er schreit nicht, sondern ruft mit der Stimme eines Freundes. Er verflucht nicht, sondern segnet. Er bringt kein Übel, sondern beseitigt es. Er haßt nicht und will nicht, daß man haßt; er liebt alle und will, daß wir auch unsere Feinde lieben. In seinem Reiche gibt es keine Sieger und Besiegte mehr, keine Freien und Sklaven, keine Freunde und Feinde. Es gibt dort Unterschiede nicht mehr, die nur Böses verursachen und zur menschlichen Bosheit führen. Dort gibt es nur mehr seine Nachfolger, also Menschen, die in der Liebe und der Freiheit leben, Sieger über alles,

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was Übel und Schmerz ist. Ich bitte euch, glaubt meinen Worten und verlangt nach ihm. Weissagungen wurden geschrieben. Aber er ist viel größer als die Propheten, und für alle, die ihn lieben, gelten die Prophezeiungen nicht mehr. Seht ihr eure schöne Stadt? Schöner noch werdet ihr sie im Himmel wiederfinden, wenn es euch gelingt, den Herrn, unseren Christus, den Christus Gottes zu lieben."

So hat Simon gesprochen, gutmütig und zur gleichen Zeit erleuchtet; alle haben ihm aufmerksam und voller Achtung zugehört. Ja, voller Achtung! Dann sind plötzlich aus einer Seitenstraße schreiende Bürger hergestürmt, mit Stöcken und Steinen bewaffnet. Sie haben uns gesehen und an unserer Kleidung erkannt, daß wir Fremde sind, und... Nun verstehe ich erst... Fremde deiner Art, Judas! Sie müssen geglaubt haben, daß wir sind wie du. Wenn uns die vom Schiff nicht geholfen hätten, wäre es um uns geschehen! Sie haben eine Schaluppe niedergelassen, haben uns auf dem Meer weggefahren und uns dann bei den Gärten im Süden ausgebootet; von dort sind wir in die Stadt zurückgekehrt, zusammen mit den Blumenzüchtern für die Reichen hier. Aber du, Judas, verdirbst alles! Ist das die Art zu überzeugen?»

«Es ist die Wahrheit.»

«Die man zu benützen verstehen muß. Auch Petrus hat keine Lügen gesagt; aber er hat zu reden verstanden», entgegnet Nathanael.

«Oh, ich... Ich habe nur versucht, mich in den Meister zu versetzen, und gedacht: "Er ist sanft, also muß auch ich es sein"», sagt Petrus schlicht.

«Ich ziehe eben die harte Art vor. Sie ist vornehmer.»

«Deine übliche Einbildung! Du hast unrecht, Judas! Seit einem Jahr sucht der Meister dich von dieser Einbildung zu kurieren; aber du bist nicht bereit, dich zu bessern. Auch beharrst du hartnäckig im Irrtum, wie die Philister, die du beschimpfst», ruft Simon der Zelote.

«Wann hat er mich zurechtgewiesen? Außerdem, jeder hat seine Art und handelt danach.»

Simon der Zelote fährt zusammen, als er diese Worte hört und schaut auf Jesus, der aber schweigt und dann auf diesen vielsagenden Blick mit einem verständnisvollen Lächeln antwortet.

«Das ist kein Grund», sagt Jakobus des Alphäus ruhig und fährt fort: «Wir sind hier, um uns zu bessern, bevor wir andere zu bessern suchen. Der Meister ist unser Lehrer. Er wäre es nicht, hätte er nicht gewollt, daß wir unsere Gewohnheiten und unsere Ansichten ändern.»

«Er war Meister in seiner Weisheit ...»

«War? Er ist es», sagt Thaddäus ernst.

«Wieviel Haarspalterei! Ja, er ist es!»

«Er ist in allem der Meister. Nicht nur in der Weisheit. Seine Belehrung bezieht sich auf alles, was in uns ist. Er ist vollkommen, wir sind unvollkommen. Strengen wir uns also an, vollkommener zu werden», schlägt Jakobus des Alphäus sanft vor.

«Ich sehe nicht ein, daß ich Fehler gemacht habe. Es ist so gekommen, weil es eine verfluchte Rasse ist. Sie sind alle verdorben.»

«Nein, das kannst du nicht sagen», bricht Thomas hervor. «Johannes ist zu den Geringsten gegangen: zu den Fischern, die ihre Fische auf den Markt brachten. Siehst du diesen feuchten Sack? Es ist vortrefflicher Fisch darin. Sie haben auf den Verdienst verzichtet und ihn uns geschenkt. Aus Furcht, daß der, den sie in der Frühe gefangen hatten, nicht mehr frisch sein könnte, sind sie noch einmal aufs Meer hinausgefahren und haben uns mitnehmen wollen. Es war wie auf dem See von Galiläa, und ich versichere dir, wenn die Gegend und auch die Barken voller aufmerksamer Gesichter uns daran erinnerten, ließ uns Johannes noch mehr daran erinnern. Er glich Jesus. Die Worte quollen ihm süß wie Honig aus dem Mund, und sein Gesicht leuchtete wie die Sonne. Wie sehr hat er dir geglichen, Meister! Ich war ganz gerührt. Drei Stunden waren wir auf dem Meer und warteten, bis die ausgespannten Netze voller Fische waren; es waren drei Stunden der Seligkeit. Dann verlangten alle, dich zu sehen. Aber Johannes sagte: "Wir werden uns in Kapharnaum wiedersehen" ' so als ob er sagen würde: "Wir treffen uns auf dem Marktplatz eures Dorfes." Und sie haben versprochen: "Wir kommen." Wir mußten uns wehren, daß sie uns nicht zuviel Fisch aufluden. Sie haben uns vom Feinsten gegeben. Wir wollen ihn gleich kosten. Heute abend halten wir ein großes Gastmahl, um uns vom gestrigen Fasttag zu erholen.»

«Aber was sagst du denn! Auch Johannes hat die Propheten genannt; doch er hat sie auf den Kopf gestellt», erklärt Thomas.

«Auf den Kopf gestellt?» fragt Iskariot erstaunt.

«Ja. Du hast das Bittere an den Propheten gewählt, er das Sanfte; denn ihre Strenge ist letztlich Liebe, eine außerordentliche, heftige Liebe, wenn du willst; aber dennoch Liebe für die Seelen, die nach ihrem Wunsch dem Herrn treu sein wollen. Ich weiß nicht, ob du jemals darüber nachgedacht hast, du, der du von den Schriftgelehrten ausgebildet worden bist. Ich wohl, obgleich ich Goldschmied bin. Auch das Gold hämmert und bearbeitet man, um es schöner zu machen. Nicht aus Haß, sondern aus Liebe! So tun es die Propheten mit den Seelen. Ich kann das verstehen, vielleicht weil ich Goldschmied bin. Johannes hat Zacharias zitiert, und zwar die Weissagung, die sich auf Hadrach und Damaskus bezieht, und an der Stelle angekommen: "Bei diesem Anblick wird Askalon erschaudern, und Gaza wird vor Angst gewaltig erbeben, und auch Ekron, denn seine Hoffnung ist zuschanden worden. Gaza wird keinen König mehr haben", hat er erklärt, wie dies alles eingetroffen ist, weil der Mensch sich von Gott entfernt hat; und darauf hat er von der Ankunft des Messias gesprochen, der Vergebung und Liebe ist und verspricht, daß die auf ein

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armes, weltliches Königtum hoffenden Menschen, die der Lehre des Messias nachfolgen, ein ewiges und unendliches Königtum im Himmel erwerben werden. Das zu sagen, ist nichts; aber es gehört zu haben! Es war, als ob man eine Musik hörte und von Engeln nach oben getragen würde. Und daher haben uns die Propheten, die dir Prügel gegeben haben, eine Menge köstlicher Fische geschenkt!»

Judas schweigt betroffen.

«Und ihr?» fragt der Meister die Vettern und den Zeloten.

«Wir sind zu den Werftarbeitern gegangen, wo die Schiffsausbesserer arbeiten. Auch wir haben es vorgezogen, zu den Armen zu gehen. Aber es waren auch reiche Philister dort, die den Bau ihrer Schiffe überwachten. Wir waren uns nicht schlüssig, wer von uns reden sollte. So haben wir wie die Kinder um Punkte gespielt. Judas hatte sieben Finger, ich vier und Simon zwei geöffnet. So hat es also Judas getroffen. Er hat gesprochen», erklärt Jakobus des Alphäus.

«Was hast du gesagt?» fragen alle.

«Ich habe mich offen als den zu erkennen gegeben, der ich bin, und habe gesagt, daß ich von ihrer Gastfreundschaft die Güte erbitte, das Wort des Pilgers anzuhören, der in ihnen seine Brüder sieht, weil wir einen gemeinsamen Ursprung und dasselbe Ziel haben; weil mich die nicht gemeinsame, aber liebevolle Hoffnung erfüllt, sie ins Haus des Vaters mitnehmen und auf ewig in der unendlichen Glückseligkeit des Himmels Brüder nennen zu können. Ich habe dann weiter gesagt: "Sophonias, unser Prophet sagt: 'Die Region des Meeres wird ein Ort der Hirten werden... dort werden sie ihre Weiden haben, und am Abend werden sie in den Häusern von Askalon ruhen."' Und ich habe meine Gedanken dargelegt und gesagt: "Der höchste Hirte ist unter euch, nicht mit Pfeilen bewaffnet, sondern mit Liebe. Er bietet euch seine Hand an und führt euch auf seine heiligen Weiden. Er erinnert sich der Vergangenheit nur, um die Menschen des großen Leides wegen zu bemitleiden, das sie sich wie unvernünftige Kinder mit Haß zugefügt haben, während sie doch mit gegenseitiger Liebe viele Schmerzen aus der Welt schaffen könnten; denn sie sind Brüder. Dieses Gebiet", habe ich gesagt, "wird zum Weideland der heiligen Hirten, der Diener des höchsten Hirten; denn sie wissen schon, daß sie hier die fruchtbarsten Weiden und die besten Herden besitzen, und ihr Herz wird sich an ihrem Lebensabend ausruhen im Gedanken an eure Herzen, an die eurer Söhne, wie auch der Angehörigen eurer befreundeten Häuser, denn sie werden als Herrn unseren Herrn haben." Sie haben mich verstanden. Sie haben mir, vielmehr uns, Fragen gestellt. Und Simon hat seine Heilung geschildert, mein Bruder deine Güte zu den Armen. Der Beweis: hier, diese gefüllte Börse für die Armen, denen wir unterwegs begegnen. Auch uns haben die Propheten nichts zuleide getan...»

Iskariot ist sprachlos.

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«Nun», tröstet ihn Jesus, «das nächste Mal wird es Judas besser machen. Er hat gemeint, recht zu handeln. Er hat in gutem Glauben gesprochen und daher in keiner Weise gesündigt. Ich bin auch mit ihm zufrieden. Apostel sein, ist nicht leicht; doch man kann es lernen. Etwas tut mir allerdings leid, und zwar, daß ich dieses Geld nicht schon vorher erhalten und euch nicht gefunden habe. Ich hätte es für eine arme Familie gut brauchen können.»

«Wir können ja zurückgehen, es ist noch früh... Aber entschuldige, Meister, wie hast du das Volk hier gefunden? Was hast du getan? Wirklich nichts? Hast du deine Botschaft nicht verkündet?»

«Ich? Ich bin spazierengegangen. Schweigend sagte ich zu einer Dirne: "Befreie dich von deiner Sünde!" Ich traf einen Jungen, einen echten Lausbuben; ich belehrte ihn, indem ich Geschenke mit ihm ausgetauscht habe. Ich habe ihm die Spange gegeben, die mir Maria Salome in Bethanien an das Kleid geheftet hatte; er schenkte mir diese seine Arbeit.» Jesus nimmt die spöttische Holzfigur aus seinem Gewand. Alle betrachten sie und lachen. «Dann sah ich herrliche Teppiche, die eine Frau in Askalon anfertigt, um sie in Ägypten oder sonstwo zu verkaufen. Darauf tröstete ich ein kleines vaterloses Mädchen und heilte seine Mutter. Das ist alles!»

«Das scheint dir wenig zu sein?»

«Ja, denn ich hätte auch Geld benötigt; ich hatte keines.»

«Gehen wir doch zurück, denn... wir haben niemand belästigt», sagt Thomas.

«Und der Fisch?» scherzt Jakobus des Zebedäus.

«Der Fisch? Nun, ihr mit dem Fluch auf dem Buckel, geht zum Alten, der uns beherbergt, um den Fisch vorzubereiten. Wir gehen in die Stadt.»

«Ja», sagt Jesus. «Ich will euch das Haus aus der Ferne zeigen. Es werden Leute dort sein. Ich komme nicht mit, man würde mich aufhalten. Ich will den Gastgeber, der uns erwartet, nicht beleidigen. Jede Unhöflichkeit ist stets Mangel an Liebe.»

Iskariot senkt sein Haupt noch tiefer und wird purpurrot; er wechselt beständig seine Farbe, weil er sich erinnert, wie oft er schon in diesen Fehler gefallen ist.

Jesus wiederholt: «Ihr geht in das Haus und sucht das Mädchen; es ist dort das einzige, ihr könnt nicht irren. Ihr gebt dem Mädchen diese Börse und sagt: "Das schickt dir Gott, weil du Glauben bezeugt hast. Es ist für dich, die Mama und die Geschwister." Darauf kommt ihr sofort zurück. Nun, gehen wir.»

Die Gruppe trennt sich. Jesus begibt sich mit Johannes, Thomas und den Vettern in die Stadt, während die anderen zum Haus des Gärtners, des Philisters, gehen.

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261. JESUS VERBRENNT IN MAGDALGAD EIN HEIDNISCHES GÖTZENBILD

Askalon und seine Gärten sind schon Erinnerung. In den frühen Stunden eines herrlichen Morgens kehrt Jesus dem Meer den Rücken und geht mit den Seinen auf die freundlichen, nicht sehr hohen, grünen Hügel zu, die sich in einer fruchtbaren Ebene erheben. Seine ausgeruhten, zufriedenen Apostel sind alle frohgestimmt und sprechen von Ananias, seinen Sklavinnen, von Askalon und dem Durcheinander, das in der Stadt herrschte, als sie zurückkehrten, um Dina die Geldspende zu bringen.

«Es war bestimmt, daß ich den Druck der Philister erleben sollte. Der Haß und die Liebe haben, wenn man so will, dieselben Kundgebungen. Und ich, der ich den Haß der Philister nicht kennenlernte, erlag beinahe ihrer Liebe. Sie hätten uns beinahe eingesperrt, um aus uns herauszupressen, wo der Messias sich befinde, sie alle vom Wunder Begeisterten. Und welch ein Geschrei! Nicht wahr, Johannes? Die Stadt kochte wie ein Kessel. Aufgeregte wollten keine Vernunft annehmen, sondern die Juden finden, um sie zu verprügeln. Die Beschenkten und die Freunde der Beschenkten wollten die Erstgenannten überzeugen, daß ein Gott vorübergegangen sei. Welch ein Durcheinander! Sie haben Gesprächsstoff für Monate. Das Übel bei dem Ganzen ist, daß sie mehr mit den Prügeln als mit der Zunge diskutierten. Nun, das ist ihre Sache! Sie sollen tun, was sie wollen», sagt Thomas.

«Aber sie sind nicht schlecht», bemerkt Johannes.

«Nein, sie sind nur verblendet, aus vielen Gründen», antwortet der Zelote.

Jesus redet nicht während einer langen Wegstrecke. Dann sagt er: «Ich begebe mich in das kleine Dorf auf dem Hügel dort; ihr geht weiter nach Azot. Seid vorsichtig! Seid höflich, sanft und geduldig! Wenn sie euch verspotten, ertragt es in Frieden, wie Matthäus es gestern tat, und Gott wird euch helfen. Bei der Dämmerung geht hinaus zum Weiher, der in der Nähe von Azot liegt; dort werden wir uns treffen.»

«Aber Herr, ich lasse dich nicht allein gehen!» ruft Iskariot aus. «Sie sind gewalttätig... Es wäre unklug.»

«Sorgt euch nicht um mich. Geh, geh, Judas, aber sei klug. Lebt wohl! Der Friede sei mit euch!»

Die Zwölf gehen wenig begeistert weiter. Jesus sieht ihnen nach und schlägt dann den Pfad, der kühl und schattig ist, zum Hügel ein. Der Hügel selbst ist bedeckt mit Wäldern von Öl-, Nuß- und Feigenbäumen und Reben, die gut gepflegt sind und schon eine reiche Ernte versprechen. In den flachen Gebieten sind Getreidefelder, an den Hängen weiden blonde Ziegen in dem grünen Gras.

Jesus erreicht die ersten Häuser des Ortes. Er ist gerade daran, das Dorf

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zu betreten, als ihm eine eigenartige Prozession entgegenkommt. Es sind schreiende Frauen und stimmkräftige Männer, die einen klagenden Wechselgesang leiern und um einen Widder tanzen, der mit verbundenen Augen daherkommt, geschlagen wird und schon an den Knien blutet, da er auf dem steinigen Pfad gestolpert und gefallen ist. Eine andere ebenfalls schreiende Gruppe tanzt um ein geschnitztes, sehr häßliches Götzenbild und hält Pfannen mit glühenden Kohlen in die Höhe, in die Harz und Salz gestreut werden; so kommt es mir wenigstens vor, denn das eine duftet nach brennendem Harz und das andere knistert, wie es das Salz tut. Eine letzte Gruppe von Menschen umringt einen Zauberer, vor dem sie sich unentwegt verneigen und schreien: «Durch deine Macht!» (Die Männer.) «Du allein kannst es!» (Die Frauen.) «Flehe Gott an!» (Die Männer.) «Entkräfte die Verwünschung!» (Die Frauen.) «Befiehl der Gebärenden!» «Rette die Frau!» Und alle zusammen mit einem höllischen Geschrei: «Tod der Hexe!» Schließlich wieder von vorne mit einer Abwandlung: «Durch deine Macht!» «Du allein kannst es!» «Befiehl Gott!» «Daß er sehen lasse!» «Befiehl dem Widder!» «Daß er die Hexe zeige!»Und mit einem Ruf der Verzweiflung: «Die das Haus des Fara haßt!»

Jesus hält einen aus der letzten Gruppe an und fragt ihn sanft: «Was ist geschehen? Ich bin fremd ...»

Da die Prozession einen Augenblick zum Stillstand kommt, um den Widder zu schlagen, Harz auf die Kohlen zu streuen und Atem zu holen, erklärt ihm der Mann: «Die Frau Faras, des Großen von Magdalgad, stirbt unter den Geburtswehen. Eine haßt sie und hat den bösen Blick auf sie geworfen. Die Eingeweide haben sich verschlungen; das Kind kann nicht geboren werden. Wir suchen die Hexe, um sie zu töten. Nur so kann die Frau Faras gerettet werden. Wenn wir die Hexe nicht finden, werden wir den Widder opfern, um die höchste Barmherzigkeit der Göttin der Gebärenden zu erflehen.» (Man versteht nun, daß die primitive Puppe eine Göttin darstellt.)

«Haltet an. Ich kann die Frau heilen und den Sohn retten. Teilt es dem Priester mit», sagt Jesus zu dem Mann und zu zwei anderen, die hinzugetreten sind.

«Bist du Arzt?»

«Mehr als das.»

Die drei bahnen sich einen Weg durch die Menge und gehen zum Götzenpriester. Sie sprechen mit ihm. Die Leute diskutieren erregt. Die Prozession, die sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, hält an. Der Priester, imponierend in seinen vielfarbigen Gewändern, gibt Jesus ein Zeichen und sagt: «Junger Mann, komm her!» Und als er in seiner Nähe ist: «Ist das, was du sagst, wahr? Nimm dich in acht, wenn das, was du sagst, nicht eintrifft, müssen wir annehmen, daß der Geist der Hexe auf dich übergegangen ist, und dich statt sie töten.»

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"Es ist wahr! Bringt mich sofort zur Frau und gebt mir den Widder! Ich brauche ihn. Nehmt ihm die Binde ab und bringt ihn hierher.»

Sie folgen seinen Anweisungen. Das arme Tier, verstört, wankend und blutend, wird zu Jesus gebracht, der sein dichtes Fell streichelt.

«Gehorcht mir jetzt ohne Widerrede! Tut ihr es?»

«Ja», schreit die Menge.

«Gehen wir. Hört auf mit dem Geschrei und verbrennt kein Harz mehr. Ich befehle es.»

Sie brechen auf, betreten das Dorf und begeben sich auf der besten Straße zu einem Haus, das inmitten eines Obstgartens steht. Schreie und Weinen dringen aus den weit geöffneten Türen, und alles wird von dem jämmerlichen Klagen der Frau, die nicht gebären kann, übertönt.

Fara wird benachrichtigt, der erschüttert aus dem Haus kommt, und von weinenden Frauen und machtlosen Götzendienern umringt ist, die Weihrauch und Kräuter auf Kupferschalen verbrennen. «Rette meine Frau!» «Rette meine Tochter!» «Rette sie, rette sie!» schreien abwechselnd der Mann, eine Alte und das Volk.

«Ich will sie retten und mit ihr deinen Sohn; denn es ist ein Sohn, er ist gesund und hat zwei sanfte Augen von der Farbe reifer Oliven und einen Kopf mit Haaren, die schwarz sind wie dieses Fell.»

«Wie kannst du das wissen? Siehst du auch in die Eingeweide?»

«Ich sehe alles, und mein Blick durchdringt alles. Ich kenne alles und kann alles. Ich bin Gott!»

Hätte er einen Blitz aufleuchten lassen, es hätte weniger Eindruck gemacht. Alle werfen sich wie tot zu Boden.

«Steht auf und hört mich an! Ich bin der mächtige Gott und dulde keine anderen Götter neben mir! Zündet ein Feuer an und werft dieses Gebilde hinein!»

Die Leute weigern sich. Sie beginnen am geheimnisvollen Gott zu zweifeln, der die Verbrennung der Göttin verlangt. Die Priester sind aufgebracht. Aber Fara und die Mutter der Frau, die um das Leben der Tochter bangt, widersprechen der feindlich gesinnten Menge; da Fara aber die einflußreichste Person im Dorf ist, beruhigt sich die Menge. Der Mann fragt: «Wie kann ich glauben, daß du ein Gott bist? Gib mir ein Zeichen, dann will ich den Befehl geben, daß getan wird, was du willst.»

«Schau her! Siehst du die Wunden des Widders? Sie sind offen, nicht wahr? Sie bluten, nicht wahr? Das Tier ist am Verenden, nicht wahr? Ich aber will, daß dies nicht geschieht ... Schau her!»

Der Mann beugt sich und schaut ... und schreit: «Der Widder hat keine Wunden mehr!» Er wirft sich zu Boden und fleht: «Meine Frau, meine Frau!»

Doch der Priester, der die Prozession anführt, sagt: «Fürchte dich, Fara! Wir wissen nicht, wer dieser ist. Fürchte die Rache der Götter!»

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Der Mann wird nun von zwei Ängsten erfaßt: die Götter... die Frau... Er fragt: «Wer bist du?»

«Ich bin, der ich bin im Himmel und auf Erden. Alle Mächte sind mir untertan, jeder Gedanke ist mir bekannt. Die Bewohner des Himmels beten mich an, die Bewohner der Hölle fürchten mich, und wer an mich glaubt, kann Wunder aller Art erleben!»

«Ich glaube, ich glaube! Wie heißt du?»

«Jesus Christus, der menschgewordene Herr. Werft das Götzenbild ins Feuer! Ich dulde keine Götter vor meinem Angesicht. Löscht den Weihrauch in den Schalen aus! Nur mein Feuer will und vermag alles. Gehorcht oder ich zünde selbst das unnütze Götzenbild an und gehe meines Weges, ohne zu heilen.»

Jesus ist erschreckend anzusehen in seinem Leinenkleid, von dessen Schultern der lange, im Wind sich bewegende blaue Mantel herunterhängt; sein Arm ist zum Befehl erhoben, das Antlitz leuchtet. Die Leute haben Angst. Niemand spricht. Im Schweigen hört man den schwächer werdenden, erschütternden Schrei der Gebärenden. Aber man zögert noch, zu gehorchen. Das Antlitz Jesu wird immer unerträglicher anzusehen. Es ist wahrhaft ein Feuer, das Dinge und Seelen verbrennt. Die Kupferpfannen sind die ersten, die diesem Willen gehorchen. Ihre Träger müssen sie wegwerfen; sie können die Hitze nicht mehr ertragen, obwohl die Kohlen erloschen zu sein scheinen... Dann folgen die Träger des Götzenbildes, die das Traggestell auf den Boden stellen müssen, da die Stangen auf den Schultern zu glühen beginnen, als ob eine geheimnisvolle Flamme sie erfaßt hätte; kaum steht die Trage auf dem Boden, geht das Götzenbild in Flammen auf.

Die Leute fliehen erschreckt...

Jesus wendet sich an Fara: «Kannst du nun an meine Macht glauben?»

«Ich glaube, ich glaube! Du bist Gott! Du bist der Gott Jesus.»

«Nein, ich bin das Wort des Vaters, des Jahwe Israels, gekommen in Fleisch, Blut, Seele und Gottheit, um die Welt zu erlösen und ihr den Glauben an den wahren Gott, den einen und dreieinigen Gott in den höchsten Himmeln, zu bringen. Ich bin gekommen, um den Menschen Hilfe und Barmherzigkeit zu erweisen, damit sie sich vom Irrtum abwenden und zur Wahrheit gelangen, welche der eine Gott Moses und der Propheten ist. Kannst du noch glauben?»

«Ich glaube, ich glaube!»

«Ich bin gekommen, um den Menschen Weg, Wahrheit und Leben zu eröffnen, um die Götzen niederzuwerfen, um die Weisheit zu lehren. Durch mich wird die Welt erlöst; denn ich werde sterben aus Liebe für die Welt und für das ewige Heil der Menschen. Kannst du noch glauben?»

«Ich glaube, ich glaube!»

«Ich bin gekommen, um den Menschen zu sagen, daß sie, wenn sie an

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den wahren Gott glauben, das ewige Leben haben werden im Himmel, beim Allerhöchsten, welcher der Schöpfer jedes Menschen, Tieres und Planeten ist. Kannst du noch glauben?»

«Ich glaube, ich glaube!»

Jesus geht nicht einmal in das Haus hinein. Er streckt nur die Arme in Richtung des Zimmers der Leidenden aus, wie bei der Auferweckung von Lazarus, und ruft: «Komm an das Licht, um das göttliche Licht kennenzulernen und auf Befehl des Lichtes, das Gott ist!» Ein tönender Befehl, auf den kurz darauf das Echo eines Triumphgeschreis folgt, in dem Angst und Freude mitklingt. Dann wird das schwache, aber deutliche und immer lauter werdende Weinen eines Neugeborenen hörbar.

«Dein Sohn weint und begrüßt die Erde. Geh zu ihm und sag ihm, jetzt und später, daß nicht die Erde seine Heimat ist, sondern der Himmel. Laß ihn wachsen und wachse du mit ihm für den Himmel. Es ist die Wahrheit, die dir dies sagt. Diese dort (Jesus zeigt auf die Kupferschalen, die, wie trockene Blätter zusammengeschmolzen und nutzlos geworden, am Boden liegen, und auf die Asche, die den Platz bezeichnet, wo das Traggestell mit dem Götzen stand) sind die Lüge, die nicht helfen und nicht retten kann. Leb wohl!»

Und Jesus schickt sich an zu gehen. Doch da kommt eine Frau aus dem Haus mit einem lebhaften Neugeborenen, der in Linnen gewickelt ist, und schreit: «Es ist ein Knabe, Fara! Schön, stark, mit Augen wie reife Oliven, und Löckchen, schwärzer und feiner als die eines heiligen Böckleins. Die Mutter schlummert selig. Sie leidet nicht mehr, als ob nichts geschehen wäre. Eine plötzliche Veränderung ist eingetreten, denn sie lag schon im Sterben, aber nach jenen Worten ...»

Jesus lächelt, und da der Mann ihm den Neugeborenen zeigt, berührt er das Köpfchen mit den Fingerspitzen. Die Leute kommen näher, um den Neugeborenen zu betrachten und Jesus anzusehen. Die Priester sind erzürnt weggegangen, als sie sahen, daß Fara nachgab.

Fara möchte Jesus Geld und Werte für das Wunder geben; doch er sagt sanft und bestimmt: «Ich will nichts! Das Wunder bezahlt man nur mit der Treue zu Gott, der es gewirkt hat. Ich behalte nur diesen Widder als Andenken an deine Stadt.» Und er geht mit dem Widder, der neben ihm trottet als ob Jesus sein Herr wäre. Das Tier ist gesund, glücklich und blökt vor Freude, mit jemand zu sein, der nicht schlägt. Sie steigen einen Abhang hinunter und gelangen auf die Hauptstraße, die nach Azot führt...

Am Abend dann, beim schattigen Weiher, sieht Jesus die ankommenden Jünger, und das Erstaunen ist gegenseitig: sie sehen Jesus mit dem Widder, und Jesus sieht ihre enttäuschten Gesichter, die besagen, daß sie keinen Erfolg hatten.

«Welch eine Niederlage, Meister! Sie haben uns zwar nicht geschlagen,

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aber aus der Stadt gejagt. Wir sind zwischen den Feldern herumgeirrt und haben nur für teures Geld Nahrung erhalten. Aber wir sind sanft geblieben», berichten sie traurig.

«Das ist unwichtig. Auch in Hebron haben sie uns im vergangenen Jahr vertrieben, dieses Jahr aber mit Ehren empfangen. Ihr dürft den Mut nicht verlieren.»

«Und du, Meister? Warum das Tier?» fragen sie.

«Ich bin nach Magdalgad gegangen. Ich verbrannte ein Götzenbild und die Weihrauchgefäße desselben; ich ließ einen Knaben zur Welt kommen, ich verkündete den wahren Gott durch Wunder, und als Belohnung nahm ich den Widder, der für den Götzendienst bestimmt war. Armes Tier, es war eine einzige Wunde!»

«Aber jetzt geht es ihm gut. Ein sehr schönes Tier!»

«Ein heiliges Tier, für den Götzendienst bestimmt. Gesund... ja. Das erste Wunder, um sie zu überzeugen, daß ich der Mächtige bin, und nicht ihr Stück Holz.»

«Was machst du mit dem Tier?»

«Ich bringe es Margziam. Ein Hampelmann gestern, ein Böcklein heute! Er wird sich freuen.»

«Aber willst du den Widder bis nach Bether mitnehmen?»

«Ja! Ich sehe nicht, was Schreckliches daran ist. Wenn ich der Hirte bin, darf ich auch einen Widder haben. Wir werden ihn den Frauen geben. Sie nehmen ihn mit nach Galiläa, und sie werden eine Ziege finden. Simon, du wirst Hirt werden. Besser wären Schafe... Aber in der Welt gibt es mehr Böcke als Schafe... Es ist ein Symbol, mein Petrus. Denk daran... Durch dein Opfer wirst du aus den Böcken viele Lämmer machen. Kommt, wir wollen das von Obstgärten umgebene Dorf erreichen. Dort werden wir uns in den Häusern oder bei den Garben, die schon gebunden auf den Feldern liegen, ausruhen. Und morgen werden wir nach Jabnia gehen.»

Die Apostel sind erstaunt, betrübt und entmutigt. Erstaunt über die Wunder; betrübt, weil sie nicht dabeisein konnten; entmutigt wegen ihrer Unfähigkeit, während Jesus alles kann. Jesus hingegen ist glücklich! Es gelingt ihm, sie davon zu überzeugen, daß nichts unnütz ist. Nicht einmal der Mißerfolg. Denn er macht demütig, während das Reden dazu dient, einen Namen, den seinen, bekannt zu machen, ein Andenken in den Herzen zu hinterlassen. Und Jesus ist so überzeugend und so strahlend vor Freude, daß die Apostel sich beruhigen.

Nun möchte ich Ihnen (Ihrem Seelenführer) etwas sagen, sonst wird es mir zur fixen Idee. Vor zwei Wochen oder auch früher sagte die teure Stimme in meinem Herzen: «Denk an die getrennten Brüder! Denk daran, daß du auch für sie Opferseele bist. Denk daran daß sie unterstützt wurden von deiner Freundin Gabriella im Trappistinnenkloster. Denk daran, daß das Hindernis der Kriegszeit beseitigt ist. Denk daran, daß man den Seelen nicht nur

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durch das Gebet hilft. Denk daran, daß ich der Christus für alle bin, daß alle Christen Christus gehören. Denk daran, daß deine Sendung weit über die verwandtschaftlichen und gefühlsmäßigen Bande hinausgeht. Du bist die Trägerin der Stimme, und die Stimme richtet sich an alle. Das kannst du nicht leugnen. Denk daran, daß ich – du hast es selbst erkannt – mit mehr Ehrfurcht von Angehörigen anderer Bekenntnisse als von euch geliebt werde. Es ist nur ein Schritt, um in den einen Schafstall unter dem einen Hirten einzutreten. Es braucht eine Hand, die sich ihnen über den trennenden Bach entgegenstreckt und ihnen beim Kommen hilft. Der Durst nach mir ist dort sehr groß...»

Aber ich, was kann ich tun? Ich verliere den Schlaf, der mir bleibt, wegen dieser ständigen Mahnung, die mir keinen Frieden läßt. Ich verliere die Ruhe, weil ich nicht weiß, wie ich es machen soll; denn ich sträube mich, es zu tun, und spüre gleichzeitig, daß ich Jesus mißfalle, wenn ich es nicht tue. Von den getrennten Brüdern kenne ich nur dem Namen nach jene der Nashdom Abbey. Und was soll ich tun? Was soll ich sagen? Ich spreche nicht Englisch. Warum verlangt Jesus von mir Dinge, die meine Fähigkeiten übersteigen und meinen Neigungen entgegengesetzt sind? Wollen Sie mir daher helfen? Denn wenn Jesus will, dann will er und gibt sich nicht zufrieden, bis ich ihn zufriedengestellt habe. Jesus sagt: «Als Ersatz für die fehlende Eintracht zwischen den Völkern soll wenigstens Eintracht unter den Christen herrschen, denn die Zeit der Christusgegner naht, und die Vorhersage muß erfüllt werden.» Nun gut... Aber wie? Ich opfere auf jeden Fall alle meine Leiden auf und behalte nur ein Körnchen für andere Zwecke zurück. Doch scheint mir, daß dies nicht genügt, und ich vermag keine weiteren Leiden denen, die ich schon habe, hinzuzufügen. Was soll ich also tun?

262. BELEHRUNGEN DER APOSTEL AUF DEM WEG NACH JABNIA

«Gehen wir von Jabnia nach Acron?» fragen die Apostel auf dem Weg durch eine fruchtbare Landschaft, in der das Getreide seinen letzten Schlaf unter der Sommersonne, die es zur Reife gebracht hat, schläft. Dieses Getreide liegt in Garben auf den abgemähten Feldern, die traurig wie riesige Totenbetten keine Ähren mehr als Gewänder tragen, sondern "Kornleichen", die darauf warten, weggebracht zu werden.

Sind aber die Felder kahl, so erscheinen die Apfelbäume festlich gekleidet. Ihre Früchte haben es eilig, vom kleinen, grünen, harten Apfel zur saftigen, gelblichen, rötlichen, wie mit Wachs polierten Frucht heranzureifen, während die Feigen, deren elastische Haut an gewissen Stellen schon platzt, den süßen Schrein der Frucht-Blüte öffnen und durch den grünweißen oder violettweißen Spalt die durchsichtige Gallerte sehen lassen, die mit den dunkleren Samenkörnchen gefüllt ist. Ein leichter Wind schüttelt die ovalen, jadegrünen Tropfen an den Ölbäumen, die im Silbergrün der Zweige hängen; die feierlichen Nußbäume halten ihre Früchte, die unter dem Flaum der Hülle anschwellen, am starken Stiel fest, während die Mandelbäume die ihren zur Reife bringen unter der Verpackung, deren Samt bereits Runzeln bekommt und die Farbe wechselt; die Reben schwellen ihre Beeren, und einige Trauben, die günstig hängen, lassen

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schon den durchsichtigen Topas und den zukünftigen Rubin der reifen Beere ahnen, während die Kakteen in der Ebene oder auf den ersten Abhängen die täglich lebhaftere Dekoration ihrer Koralleneier hochhalten, die von einem fröhlichen Dekorateur in den bizarrsten Zusammenstellungen auf die fetten Schaufeln gesetzt worden sind; letztere gleichen Händen, welche dem Himmel ihre Früchte, die sie heranwachsen und -reifen lassen haben, anbieten.

Vereinzelte Palmen und große Johannisbrotbäume erinnern schon sehr an das nahe Afrika, und während erstere mit ihren harten Blättern, die runden Kämmen gleichen, wie Kastagnetten klappern, sind die anderen mit dunkelgrünem Email bedeckt und stehen stolz und würdevoll in ihrem schönen Gewand da. Blonde und schwarze Ziegen, groß und flink mit langen, gebogenen Hörnern und sanften forschenden Augen, sättigen sich an Kakteengewächsen und fleischigen Agaven mit den enormen Pinseln aus harten Blättern, aus deren Mitte, wie bei geöffneten Artischocken, kandelaberartige, riesige Stengel mit sieben Armen emporragen, auf denen die zart duftenden gelben und roten Blüten leuchten.

Afrika und Europa reichen sich die Hand, indem sie den Erdboden mit pflanzlicher Schönheit bedecken, und kaum, daß die Apostelgruppe die Ebene verläßt, um einen Pfad einzuschlagen, der sich an einem Hügel hochschlängelt, der an dieser, dem Meer zugewandten Seite, buchstäblich mit Reben bedeckt ist – es handelt sich um eine felsige, kalkreiche Küste, auf der die Weintrauben wunderbar gedeihen und einen süßen Wein geben müssen – zeigt sich das Meer, mein Meer, das Meer des Johannes, das Meer Gottes mit seiner grenzenlosen Fläche aus gekräuselter blauer Seide; es ruft die Erinnerung an die Unendlichkeit und die Macht Gottes wach und singt dabei mit dem Himmel und der Sonne das Terzett der Herrlichkeiten der Schöpfung. Die wellenartige Ebene dehnt sich in ihrer ganzen Schönheit vor ihnen aus mit kaum angedeuteten, nur wenige Meter hohen Erhebungen, darauffolgenden ebenen Landstrichen und goldenen Dünen, die bis zu den Städten und Dörfern am Meer reichen, deren Weiß vor dem Blau des Wassers beinahe blendet.

«Wie schön, wie schön», flüstert Johannes entzückt.

«Aber, mein Herr! Dieser Knabe lebt vom Blau des Wassers. Du mußt ihn dafür bestimmen. Es scheint, als erblicke er die Braut, wenn er das Meer sieht!» sagt Petrus, der nicht viel Unterschied macht zwischen dem Wasser des weiten Meeres und dem Wasser eines Sees. Er lacht gutmütig.

«Er ist schon dafür bestimmt, Simon. Ihr alle habt schon eure Bestimmung.»

«Oh, schön! Wohin schickst du mich?»

«Oh, du! ...»

«Sag es mir, sei lieb!»

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«An einen Ort, der größer ist als deine und meine Stadt, Magdala und Tiberias zusammen.»

«Da verliere ich mich!»

«Keine Angst! Du wirst einer Ameise auf einem riesigen Skelett gleichen. Aber unermüdlich hin- und herwandernd, wirst du das Skelett vom Tod erwecken.»

«Ich verstehe dich nicht... Drücke dich bitte klarer aus.»

«Du wirst es noch verstehen!» Jesus lächelt.

«Und ich?» «Und ich?» Alle sind neugierig.

«Ich werde es so machen.» Jesus bückt sich – sie gehen am kiesigen Ufer eines noch ziemlich wasserreichen Baches entlang – und nimmt eine Handvoll kleiner Kieselsteine. Er wirft sie in die Höhe; jeder von ihnen landet beim Herunterfallen an einer anderen Stelle. «Seht, nur dieses Steinchen ist in meinen Haaren hängengeblieben. Auch ihr werdet verstreut.»

«Du, Bruder, stellst Palästina dar, nicht wahr?» fragt Jakobus des Alphäus ernst.

«Ja.»

«Ich möchte wissen, wer in Palästina bleibt», fragt wiederum Jakobus.

«Nimm dieses Steinchen als Erinnerung»; Jesus gibt ihm das Kieselsteinchen, das in seinen Haaren hängenblieb; er lächelt dabei.

«Könntest du mich in Palästina lassen? Ich bin dafür am besten geeignet, denn ich bin der Unbeholfenste, und zu Haus finde ich mich noch etwas zurecht. In der Fremde hingegen...» sagt Petrus.

«Nein, du eignest dich am wenigsten für Palästina. Ihr seid gegen den Rest der Welt voreingenommen und glaubt, daß es einfacher sei, im Land der Gläubigen die Frohe Botschaft zu verkünden als bei Götzendienern und Heiden. Das Gegenteil ist wahr.

Wenn ihr darüber nachdächtet, was uns das wahre Palästina in seinen hohen und niedrigen Klassen bietet, wobei das Volk weniger schlimm ist, und wenn ihr daran dächtet, daß wir hier an Orten, in welchen der Name Palästinas und der Name Gottes verhaßt und in ihrer wahren Bedeutung unbekannt sind, nicht schlechter aufgenommen werden als in Judäa, in Galiläa und der Dekapolis, dann würdet ihr von euren Vorurteilen abkommen und erkennen, daß ich recht habe, wenn ich sage, daß es einfacher ist, jene zu bekehren, die das wahre Wort nicht kennen, als jene des Volkes Gottes, die scheinheiligen, schuldigen Götzendiener, die sich hochmütig für vollkommen halten und so bleiben möchten wie sie sind. Wie viele Edelsteine, wie viele Perlen sieht mein Auge dort, wo ihr nur Land und Meer seht! Das Land der Völker, die nicht Palästina sind. Das Meer der Menschheit, das nicht Palästina ist und das als Meer nur auf die Perlenfischer wartet, um ihnen diese Perlen zu überlassen, so wie das Erdreich umgegraben werden muß, um die Edelsteine freizugeben. Überall

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gibt es Schätze; aber sie müssen gesucht werden. Jede Scholle kann einen Schatz verbergen und einen Samen nähren; jede Tiefe eine Perle bergen. Wie? Erwartet ihr vielleicht, daß ein gewaltiger Sturm das Meer aufwühlt und die Perlenmuscheln auf die Klippen spült, damit sie dort von selbst aufspringen und dem Faulen, der sich nicht bemühen will und dem Kleinmütigen, der keine Gefahr laufen will, Schätze vor die Füße legen? Wünscht ihr, daß die Erde aus einem Sandkorn eine Pflanze hervorbringe, die Früchte ohne Samen trägt? Nein, meine Lieben. Anstrengung, Arbeit und Begeisterung sind nötig. Und vor allem Unvoreingenommenheit.

Ich weiß, daß ihr, die einen mehr, die anderen weniger, mit dieser Reise zu den Philistern einverstanden seid. Nicht einmal der Ruhm, an den dieses Land erinnert, der Ruhm Israels, der aus diesen Feldern spricht, die gedüngt sind mit dem Blute der Hebräer, das vergossen wurde, um Israel groß zu machen; nicht einmal der Anblick dieser Städte, die eine nach der anderen den Feinden abgerungen wurden, um Judäa zu krönen und zu einer mächtigen Nation zu machen, lassen in euch Liebe für diese Pilgerfahrt aufkommen. Ich sage euch nicht: Nicht einmal der Gedanke, den Boden vorzubereiten, damit er das Evangelium aufnehmen könne, und die Hoffnung, die Seelen zu retten, macht sie euch sinnvoll. Ich sage es nicht, um euch von der Wichtigkeit der Reise zu überzeugen, da dies eure Gedanken weit übersteigt. Doch eines Tages werdet ihr es begreifen. Dann werdet ihr sagen: "Wir glaubten es sei eine Laune; wir glaubten es wäre eine Zumutung; wir dachten es wäre ein Mangel an Liebe des Meisters uns gegenüber, uns so weit gehen zu lassen; uns eine lange und mühselige Wanderung zuzumuten, die mit großen Gefahren verbunden wäre. Dagegen war es Liebe, Vorsorge und ein Wegbereiten für die Zeit, da er nicht mehr bei uns weilt, und wir uns noch mehr als Verirrte fühlen werden. Damals waren wir wie Ranken, die nach allen Richtungen streben, aber wissen, daß der Rebstock sie nährt und der starke Pfahl sie stützt, während wir nunmehr Ranken sind, die allein eine Laube bilden müssen; sie werden noch von ihrem Stamm Nahrung erhalten; aber kein Pfahl ist mehr vorhanden, auf den sie sich stützen können." So werdet ihr sprechen und mir dankbar sein.

Außerdem... Ist es nicht schön, so zu wandern und Funken von Licht, himmlische Klänge, Kränze und Wohlgerüche der Wahrheit im Dienst und zum Lob Gottes auf das Land fallenzulassen, das in Finsternis eingehüllt ist, in stumme Herzen, in unfruchtbare Seelen, die einer Wüste gleichen, um den Gestank der Lüge zu besiegen und so miteinander, ich und ihr, ihr und ich, der Meister und die Apostel, ein Herz und eine Seele, ein einziges Streben, einen einzigen Willen zu bilden? Damit Gott erkannt und geliebt werde! Damit Gott alle Völker in seinem Himmel versammle! Damit da, wo er ist, wir alle seien! Das ist die Hoffnung, der Wunsch, das Verlangen Gottes! Und das ist die Hoffnung, der Wunsch, das Verlangen

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der Seelen, die nicht verschiedenen Rassen angehören, sondern eine einzige Rasse bilden, die Gott erschaffen hat. Da alle Kinder eines Einzigen sind, haben alle die gleichen Wünsche, die gleichen Hoffnungen, das gleiche Verlangen nach dem Himmel, der Wahrheit, der wirklichen Liebe...

Es scheint als hätten die Irrtümer der Jahrhunderte den Instinkt der Seelen geändert. Aber es ist nicht so. Der Irrtum umnebelt den Verstand. Da der Verstand mit dem Fleisch verbunden ist, spürt er das Gift, das von Satan in den tierischen Menschen eingeträufelt wird. So kann der Irrtum auch das Herz einhüllen, denn auch es ist in das Fleisch eingebettet und spürt das Gift. Die dreifache Begierde bedrängt die Sinne, die Gefühle und die Gedanken. Der Geist aber ist nicht mit dem Fleisch verwachsen. Er kann zwar von den Fäusten Satans und von der Lüsternheit bedrängt werden. Er kann geblendet werden durch die Angriffe des Fleisches und von Spritzern kochenden Blutes des Menschen-Tieres, das in ihm lebt. Doch sein Verlangen nach dem Himmel, nach Gott, ist nicht verlorengegangen. Dies Verlangen kann sich nicht ändern. Seht ihr das reine Wasser dieses Baches? Es ist vom Himmel gefallen und wird zum Himmel zurückkehren durch den von Sonne und Wind geförderten Prozeß der Verdunstung. Es kommt herab und steigt wieder auf. Das Element verbraucht sich nicht, es kehrt zu seinem Ursprung zurück.

Die Seele kehrt zu ihrem Ursprung zurück. Wenn dieses Wasser hier zwischen den Steinen reden könnte, würde es euch sagen, daß es sich danach sehnt, in die Höhen des Himmels zurückzukehren, um von den Winden in den schönen Gefilden des Firmaments als weiche, weiße Wolke zu schweben, die sich im Morgenschein rötlich, am Abend wie glühendes Kupfer und beim Aufgehen der Sterne violett färbt; es würde euch sagen, daß es wie Stratuswolken einen Schleier über Sterne und Mond breiten möchte, damit sie nicht die nächtlichen Häßlichkeiten mitansehen müssen; es möchte nicht zwischen den Steinen rinnen, der Gefahr ausgesetzt, sich in Schlamm zu verwandeln, gezwungen, vielleicht die Bosheit der Nattern und Kröten kennenzulernen, daß es die einsame Freiheit der Atmosphäre liebt. Auch die Geister, wenn sie reden könnten, würden alle dasselbe sagen: "Gebt uns Gott! Gebt uns die Wahrheit!" Aber sie sagen es nicht, da sie wissen, daß der Mensch nicht auf sie hört, sie nicht versteht und das Flehen der "großen Bettler", der Seelen, die Gott suchen in ihrem großen Verlangen nach Wahrheit, verlacht. Die Götzendiener, die Römer, die Gottlosen, die Unglücklichen, denen wir unterwegs begegnen, und denen ihr immer begegnen werdet, diese in ihrem Verlangen nach Gott Verachteten, sei es aus politischen Gründen, aus familiärem Egoismus oder aus Häresie, die im eiternden Herzen geboren wurde und sich dann über eine ganze Nation ausbreitet: sie haben Hunger! Sie hungern! Und ich erbarme mich ihrer. Sollte ich nicht Erbarmen haben, da ich bin, der ich bin? Wenn ich den Menschen Nahrung beschaffe und mich des

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Sperlings erbarme, sollte ich mich dann nicht erst recht der Seelen erbarmen, die ohne eigene Schuld die Wahrheit Gottes nicht gefunden haben, die aber die Arme ihres Geistes ausstrecken und rufen: "Wir haben Hunger!" Haltet ihr sie für böse? Für verwildert? Für unfähig, Gott zu lieben? Da seid ihr im Irrtum. Es sind Seelen, die Liebe und Licht erwarten.

Heute morgen wurden wir vom drohenden Blöken des Widders geweckt, der den großen Hund verjagen wollte, welcher gekommen war, mich zu beschnüffeln. Ihr habt gelacht als ihr sahet, wie der Widder seine Hörner hob, nachdem er sich vom Strick losgerissen hatte, mit dem er am Baume, unter dem wir geschlafen hatten, angebunden war; mit einem Sprung stellte er sich zwischen mich und den großen Hund, ohne darauf zu achten, daß dieser ihn angreifen könnte und der ungleiche Kampf zu seinem Schaden ausgegangen wäre. So werden auch die Völker, die in euren Augen wilden Widdern gleichen, mutig den Glauben Christi verteidigen, wenn sie erkannt haben, daß Christus die Liebe ist, die sie einlädt, ihm zu folgen. Sie einlädt, ja! Und ihr müßt ihnen helfen, zu mir zu kommen.

Hört ein Gleichnis.

Ein Mann verheiratete sich, und seine Frau schenkte ihm viele Kinder. Eines davon aber kam verkrüppelt zur Welt und schien einer anderen Rasse anzugehören. Der Mann hielt es für eine Schande und liebte das Geschöpf nicht, obwohl es unschuldig war. Der Junge wuchs vernachlässigt unter den geringsten Knechten heran, war also auch minderwertig in den Augen seiner Brüder. Die Mutter war bei seiner Geburt gestorben; sie konnte darum die Härte des Vaters nicht mildern, den Spott der Brüder nicht verhindern, und die irrigen Gedanken, die sich in dem ungebildeten Kind entwickelt hatten, nicht berichtigen. Ein kleines wildes Tier, das im Haus der Söhne des Herzens kaum geduldet wurde.

Der Knabe wuchs so zum Mann heran. Der spät entwickelte Verstand, der nun endlich zur Reife gekommen war, begriff, daß man nicht Sohn ist, wenn man in einem Stall lebt mit einem Brocken Brot und einem Lumpen als Gewand, und nie einen Kuß erhält, nie ein Wort, nie eine Einladung ins väterliche Haus. Er litt, litt und klagte in seiner Höhle: "Vater, Vater!" Er aß sein Brot, aber der große Hunger im Herzen blieb ungestillt. Er bedeckte sich mit den Lumpen, aber in seinem Herzen blieb eine große Kälte. Im Herzen fühlte er sich einsam.

"Vater! Vater!"... Die Diener, die Brüder, die Nachbarn hörten ihn immer klagen wie einen Irren. Man nannte ihn verrückt. Endlich ging ein Diener zum verstoßenen Sohn und sagte: "Warum wirfst du dich nicht zu Füßen des Vaters nieder?" "Ich würde es tun, aber ich wage es nicht..." "Warum kommst du nicht ins Haus?" "Ich habe Angst!" "Aber möchtest du es tun?" "O ja, denn danach sehne ich mich; deswegen friere ich

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und fühle mich einsam wie in einer Wüste. Aber ich weiß nicht, wie man im Haus des Vaters lebt."

Der gute Diener begann den jungen Mann zu unterrichten, sein Aussehen menschlicher zu gestalten und ihm die Angst zu nehmen, vom Vater gescholten zu werden. Er sagte: "Dein Vater möchte dich wohl haben; aber er weiß nicht, ob du ihn liebst. Du läufst ihm immer weg... Nimm von deinem Vater den Vorwurf, daß er zu streng gehandelt hat, und den Schmerz, dich verkümmert zu wissen. Komm! Auch deine Brüder werden dich nicht mehr verachten, denn ich habe ihnen von deinem Kummer erzählt." So begab sich der arme Sohn eines Abends, vom guten Diener begleitet, ins Haus des Vaters und rief: "Vater, ich liebe dich! Laß mich eintreten!..." Der alte, traurige Vater, der an seine Vergangenheit und an seine ewige Zukunft dachte, zuckte zusammen, als er die Stimme hörte, und sagte: "Mein Schmerz läßt nach, denn ich habe in der Stimme des Krüppels meine eigene wiedererkannt, und seine Liebe beweist, daß er Blut von meinem Blut und Fleisch von meinem Fleisch ist. Er trete ein und nehme seinen Platz an der Seite der Brüder ein; gesegnet sei der gute Knecht, der meine Familie vereinigt und den verstoßenen Sohn mit den Söhnen des Vaters zusammengeführt hat."

Dies ist das Gleichnis. Aber bei der Auslegung desselben müßt ihr daran denken, daß der Vater der geistigen Krüppel Gott ist; denn die geistigen Krüppel sind die Schismatiker, die Häretiker, die Getrennten, und sie haben Gott gezwungen, hart zu sein, und ihre Krüppelhaftigkeit selbst gewollt. Doch Gottes Liebe hat nie nachgelassen. Er erwartet sie immer! Bringt sie zu ihm! Es ist eure Pflicht!

Ich habe euch zu beten gelehrt: "Gib uns heute unser tägliches Brot, o unser Vater." Aber wißt ihr auch, was dieses "unser" bedeutet?

Es bezieht sich nicht nur auf euch zwölf; nicht nur auf die Jünger Christi, sondern auf alle Menschen. Auf alle Menschen, die gegenwärtigen und die zukünftigen. Auf sie, die Gott kennen, und auf die anderen, die Gott nicht kennen. Auf sie, die Gott und seinen Christus lieben, und auf die anderen, die ihn nicht oder schlecht lieben. Ich habe das Gebet für alle auf eure Lippen gelegt. Das ist eure Aufgabe. Ihr, die ihr Gott und seinen Christus kennt und liebt, ihr müßt für alle beten. Ich habe euch gesagt, daß mein Gebet allumfassend ist und dauern wird, solange die Erde dauert. Aber ihr müßt umfassend beten, indem ihr eure Stimmen und eure Herzen als Apostel und Jünger der Kirche Jesu mit jenen der Angehörigen anderer Kirchen, die christlich, doch nicht apostolisch sind, vereinigt. Ihr müßt darauf bestehen – da ihr Brüder seid im Haus des Vaters, sie außerhalb des gemeinsamen Hauses mit ihrem Hunger und ihrem Heimweh – daß auch ihnen, wie euch, das "wahre Brot" gegeben werde, das Christus, der Herr ist, verwaltet auf den apostolischen Altären, nicht auf anderen, auf denen es mit unreinen Speisen vermischt wird. Ihr müßt

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darauf drängen, bis der Vater zu diesen "verkrüppelten Brüdern" sagen kann: "Mein Schmerz läßt nach, denn in euch, in eurer Stimme, habe ich die Stimme und die Worte meines Eingeborenen und Erstgeborenen vernommen. Gesegnet seien die Diener, die euch ins Haus des Vaters zurückgebracht haben, auf daß meine Familie vollständig sei." Als Diener eines unendlichen Gottes müßt ihr die Unendlichkeit in alle eure Absichten legen.

Habt ihr verstanden? Hier ist Jabnia. Einst kam hier die Bundeslade vorbei auf dem Weg nach Acron, das sie nicht beschützen konnte und sie nach Bethsemes zurücksandte. Jetzt kehrt die Bundeslade nach Acron zurück. Johannes, komm mit mir; ihr bleibt in Jabnia und bemüht euch, nachzudenken und zu reden. Der Friede sei mit euch!»

Jesus geht. Es folgen ihm Johannes und der Widder, der ihm bellend wie ein Hund nachläuft.

263. JESUS UND DIE SEINEN AUF DEM WEG NACH MODIN

Nach Jabnia werden die Hügel in Richtung Ost immer höher und höher. In der Ferne heben sich die grünen und violetten Joche des Gebirges von Judäa gegen den fast nächtlichen Himmel ab. Der Tag ist schnell zu Ende gegangen, wie es in südlichen Ländern der Fall ist. Das Lichtbad des Abendrots ist in weniger als einer Stunde vom Aufstrahlen der ersten Sterne abgelöst worden, und es scheint unwahrscheinlich, wie schnell das Feuermeer ausgelöscht und von einem Schleier in der Farbe des blutroten Amethystes bedeckt worden ist. Sehr bald hat der Himmel die Farbe einer blasser werdenden Malve angenommen, ist immer durchsichtiger und unwirklicher geworden, nicht blau, sondern schwach grün, um sich schließlich zu verdunkeln und blaugrün wie der junge Hafer zu werden, ein Vorspiel für das Dunkel, das die Nacht beherrscht, indem es sich mit Diamanten bedeckt wie ein Königsmantel.

Die ersten Sterne zeigen sich im Osten zusammen mit der Mondsichel im ersten Viertel.

Die Erde wird mehr und mehr zum Paradies unter dem Gleißen der Sterne und dem Schweigen der Menschen. Nun singen die Dinge, die nicht sündigen können: die Nachtigallen, die Gewässer, die Blätter, die leise rauschen, die Grillen, die zirpen, und die Frösche, die mit Oboenstößen den Tau begrüßen. Vielleicht singen auch die Sterne in der Höhe... Sie sind den Engeln viel näher als wir.

Die Erde kühlt sich langsam in der Nachtluft ab, die taufrisch ist und den Pflanzen, den Menschen und den Tieren so wohltut.

Jesus hat am Fuße eines Hügels die von Jabnia kommenden Apostel

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erwartet, die von Johannes abgeholt worden sind; er spricht jetzt mit Iskariot, übergibt ihm Geldbörsen und weist ihn an, wie er das Geld zu verteilen hat. Hinter ihm geht Johannes mit dem Widder, schweigend zwischen dem Zeloten und Bartholomäus, die über Jabnia reden, wo Andreas und Philippus sich mutig verhalten haben. Weiter hinten alle anderen in einer Gruppe, eine laute Schar, die über alle Erlebnisse im Lande der Philister spricht und offen ihre Freude über die baldige Rückkehr nach Judäa für das Pfingstfest äußert.

«Gehen wir sofort weiter?» fragt Philippus, der sehr müde vom Gehen im heißen Sande ist.

«So sagte es der Meister. Du hast es doch gehört», antwortet Jakobus des Alphäus.

«Mein Bruder weiß es; aber er sieht so verträumt aus. Was die beiden in den fünf Tagen gemacht haben, ist ein Geheimnis», sagt Jakobus des Zebedäus.

«Ja, ich sterbe vor Verlangen, es zu erfahren. Als Belohnung wenigstens für die Plage, in Jabnia fünf Tage lang auf jedes Wort, auf jeden Blick oder Schritt achten zu müssen, um nicht in Schwierigkeiten zu kommen», sagt Petrus.

«Aber es ist uns gelungen! Nun fangen wir an, unser Handwerk zu verstehen», sagt Matthäus zufrieden.

«Um die Wahrheit zu sagen... zwei- oder dreimal habe ich richtig gezittert. Dieser verdammte Bursche, Judas des Simon! ... Wird er je lernen, sich zu beherrschen?» sagt Philippus.

«Wenn er alt ist, vielleicht. Aber man kann auch sagen, daß er es in guter Absicht versucht. Hast du gehört? Auch der Meister hat es gesagt. Er tut es mit Eifer...» will Andreas Iskariot entschuldigen.

«Ach! Der Meister sagt nur so, weil er die Güte und die Klugheit ist. Aber ich glaube nicht, daß er es gutheißt und mit ihm zufrieden ist», entgegnet Petrus.

«Er lügt nicht», entgegnet Thaddäus.

«Lügen tut er nicht; aber er versteht es, in seine Antworten die ganze Klugheit zu legen, die uns abgeht; er sagt die Wahrheit, ohne jemand das Herz bluten zu lassen, ohne Verachtung und Vorwürfe hervorzurufen. Nun ja, er ist eben Er!» seufzt Petrus.

Schweigend gehen sie im Mondschein weiter. Dann sagt Petrus zu Jakobus des Zebedäus: «Versuche einmal, Johannes zu rufen. Ich weiß nicht, weshalb er uns meidet!»

«Das kann ich dir gleich sagen: weil er weiß, daß wir darauf bestehen, daß er uns alles erzählt», antwortet Thomas.

«So ist es! Deswegen bleibt er bei den beiden, die am klügsten und weisesten sind», bestätigt Philippus.

«Versuche es trotzdem, Jakobus! Sei lieb», bettelt Petrus.

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Und Jakobus gibt nach und ruft dreimal Johannes, der nicht hört oder nicht hören will. Da wendet sich aber Bartholomäus um, dem Jakobus aufträgt: «Sag meinem Bruder, er soll zu mir kommen», und sich dann Petrus zuwendet: «Ich glaube nicht, daß wir etwas von ihm erfahren.»

Johannes kommt sogleich und fragt: «Was wollt ihr?»

«Wissen, ob dieser Weg direkt nach Judäa führt», sagt sein Bruder.

«Der Meister bejahte es. Er wollte erst nicht nach Acron zurückkehren und schickte mich, euch zu holen. Doch dann zog er es vor, zu den letzten Abhängen zu gelangen... Man kann auch von hier aus Judäa erreichen.»

«Über Modin?»

«Über Modin!»

«Es ist ein unsicherer Weg. Straßenräuber lauern hier auf Karawanen und überfallen sie», bemerkt Thomas.

«Oh... mit ihm! ... Ihm kann nichts widerstehen!» Johannes hebt sein Gesicht zum Himmel, das aufgrund weiß Gott welcher Erinnerungen verzückt zu sein scheint und lächelt. Alle beobachten ihn; Petrus fragt: «Sag mal, liest du eine selige Geschichte am Sternenhimmel, weil du so ein Gesicht machst?»

«Ich? ... Nein!»

«Na, geh schon! Die Steine sogar sehen, daß du fern von der Erde bist. Sag, was ist in Acron passiert?»

«Aber nichts, Simon! Ich versichere es dir. Ich wäre nicht so glücklich, wenn etwas Peinliches passiert wäre.»

«Nicht etwas Peinliches. Im Gegenteil! Los... rede!»

«Aber ich habe nichts zu sagen, was er noch nicht gesagt hätte. Sie waren gut, wie Menschen, die über die Wunder erstaunt sind. Das ist alles. Genau, wie er es gesagt hat.»

«Nein.» Petrus schüttelt das Haupt. «Nein, du kannst nicht lügen. Du bist klar wie Quellwasser. Nein, du wechselst die Farbe. Ich kenne dich von klein auf. Du hast nie lügen können. Aus Unfähigkeit des Herzens, des Gewissens, der Zunge und sogar der Haut, welche die Farbe wechselt. Daher habe ich dich so lieb. Los, komm her zu deinem alten Simon des Jonas, deinem Freund. Erinnerst du dich noch, du warst ein Kind und ich schon ein Mann? Wie ich dich verwöhnt habe! Du wolltest Geschichten hören und Spielzeugboote aus Kork haben, die nie Schiffbruch erleiden, sagtest du, und mit denen du in die Ferne fahren könntest... Auch jetzt, auch jetzt gehst du weit fort und läßt den armen Simon am Ufer zurück. Und dein Boot wird nie untergehen. Es gleitet dahin, mit Blumen gefüllt, wie jene, die du als Kind schwimmen ließest zu Bethsaida im Fluß, damit der Fluß sie zum See trage. Erinnerst du dich noch daran? Ich habe dich lieb, Johannes! Wir alle lieben dich! Du bist unser Segel. Du bist unser Boot, das nicht untergeht. Nimm uns in dein Kielwasser. Warum erzählst du uns das Wunder von Acron nicht?»

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Petrus hat gesprochen, indem er Johannes einen Arm um die Taille gelegt hat, und dieser versucht die Fragen zu umgehen und sagt: «Und du, das Haupt, warum sprichst du nicht zum Volk mit dieser überzeugenden Nachdrücklichkeit, die du bei mir anwendest? Das Volk muß überzeugt werden, nicht ich.»

«Weil ich mich in deiner Gegenwart wohl fühle. Ich habe dich lieb. Die anderen kenne ich nicht», entschuldigt sich Petrus.

«Und du liebst sie nicht. Das ist dein Fehler. Du mußt sie lieben, auch wenn du sie nicht kennst. Sage dir selbst: "Ich gehöre unserem Vater"; du wirst sehen, daß du sie kennen- und liebenlernst. Sieh in jedem einen Johannes...»

«Das ist schnell gesagt. Als ob man Nattern und Igel mit dir vergleichen könnte, du ewiges Kind.»

«O nein, ich bin wie alle!»

«Nein, Bruder, nicht wie alle. Wir, Bartholomäus, Andreas und der Zelote vielleicht ausgenommen, hätten schon alles erzählt, auch den Gräsern, was wir erlebten und was uns glücklich macht. Du schweigst; aber mir, deinem großen Bruder, kannst du es doch sagen. Ich bin wie ein Vater», sagt Jakobus des Zebedäus.

«Der Vater ist Gott, der Bruder ist Jesus, die Mutter Maria», sagt Johannes.

«Das Blut bedeutet dir also nichts mehr?» schreit Jakobus aufgeregt.

«Reg dich nicht auf. Ich segne das Blut und den Leib, die mich gebildet haben: Vater und Mutter; und ich segne dich, Bruder, der mir im Blut gleich ist. Sie beide, weil sie mich gezeugt und erzogen und mir dadurch die Möglichkeiten gegeben haben, dem Meister nachzufolgen, und dich, weil du ihm folgst. Die Mutter, seit sie Jüngerin ist, liebe ich auf zwei Arten: im Fleisch und im Blut als Sohn; im Geist als ihr Mitjünger. Oh, welch eine Freude, in der Liebe zu ihm verbunden zu sein! ...»

Jesus ist zurückgekommen, da er die aufgeregte Stimme von Jakobus gehört hat; die letzten Worte klären ihn über den Vorfall auf.

«Laßt Johannes in Ruhe! Ihr quält ihn umsonst. Er hat eine große Ähnlichkeit mit meiner Mutter. Er wird nicht reden.»

«Dann mußt du es uns sagen, Meister», betteln alle.

«Nun denn, es sei. Ich habe Johannes mit mir genommen, denn er war am besten geeignet für das, was ich im Sinn hatte. Er war mir eine Hilfe und hat sich vervollkommnet. Das ist alles!»

Petrus, Jakobus, der Bruder des Johannes, Thomas und Iskariot blicken sich an und verziehen den Mund: sie sind enttäuscht. Judas Iskariot beschränkt sich nicht darauf, enttäuscht zu sein, sondern sagt: «Warum ihn vervollkommnen, der doch schon der Beste ist?»

Jesus antwortet ihm: «Du hast gesagt: "Jeder hat seine Art und handelt danach." Ich habe meine Art. Johannes hat die seine, die der meinen

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sehr gleicht. Meine Art kann nicht vervollkommnet werden. Seine schon. Und das ist es, was ich wünsche; denn es ist gut, daß es geschehe. Darum habe ich ihn mitgenommen. Ich brauchte jemand, der diese Art und diese Seele hat. Daher keinen Unmut und keine Neugier! Wir gehen nach Modin. Die Nacht ist heiter, kühl und hell. Wir werden wandern, solange der Mond scheint; dann schlafen wir bis zum Morgengrauen. Ich werde die beiden Judas zu den Gräbern der Makkabäer führen, deren ruhmvollen Namen sie tragen.»

«Nur wir allein mit dir!» sagt Iskariot glücklich.

«Nein, mit allen. Aber der Besuch am Grab der Makkabäer findet euretwegen statt, damit ihr lernt, sie in übernatürlicher Weise nachzuahmen, in Kämpfen und Siegen auf einem ganz geistigen Feld.»

264. JESUS SPRICHT ZU WEGELAGERERN

«Im Ort, zu dem wir gehen, werde ich reden», sagt Jesus, während die Gruppe immer tiefer in Täler eindringt, die das Gebirge mit schwierigen, steinigen, engen Pfaden durchziehen. Sie steigen an und fallen ab, die Aussicht verdeckend und wieder freigebend, solange, bis sie zu einem tiefen Tale gelangen nach einem steilen Abstieg, auf dem sich nur der Widder wohl fühlt, wie Petrus sagt. Die Gruppe rastet dort und nimmt an einer wasserreichen Quelle ihre Mahlzeit ein.

Andere Leute sind auf den Wiesen und im Wald und halten Mahlzeit wie Jesus und die Seinen. Es muß ein bevorzugter Rastplatz sein, er ist vor Winden geschützt, hat weiche Rasen und Wasser. Es sind Pilger da, auf dem Weg nach Jerusalem. Reisende, die sich vielleicht zum Jordan begeben, Händler mit Lämmern, die für den Tempel bestimmt sind, und Hirten mit ihren Herden. Einige machen die Reise auf Reittieren, die meisten jedoch zu Fuß. Es kommt auch ein festlich geschmückter Hochzeitszug. Gold leuchtet unter dem Schleier, der die Braut verhüllt. Sie ist noch fast ein Mädchen, das von mit glitzernden Armreifen und Halsketten behangenen zwei Matronen und von einem Mann, anscheinend dem Brautführer, sowie zwei Dienern begleitet wird. Sie sind auf Eseln angekommen, die mit Bändern und Glöckchen geschmückt sind; alle lassen sich in einer Ecke zum Essen nieder, als ob sie fürchteten, daß die Blicke der Anwesenden das Bräutchen beunruhigen könnten. Der Brautführer oder Verwandte hält Wache, während die Frauen beim Essen sind.

Die Neugier der Anwesenden ist tatsächlich sehr lebhaft und mit der Entschuldigung, um etwas Salz, ein Messer oder einen Tropfen Essig zu bitten, geht der eine zum anderen, um von ihm zu erfahren, wer die Braut sei, wohin sie wohl gehe und viele andere Dinge...

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Es ist einer da, der das Woher und das Wohin kennt und glücklich ist, alles, was er weiß, erzählen zu können, angespornt von einem anderen, der ihm immer mehr die Zunge löst mit großzügigem Füllen des Weinfasses. So kommen die bestgehüteten Geheimnisse der beiden Familien ans Licht. Man erfährt von der Aussteuer, welche die Braut in den beiden großen Kisten mit sich führt; von Reichtümern, die im Haus des Bräutigams auf sie warten, und so weiter. Man erfährt auch, daß die Braut Tochter eines reichen Händlers von Joppe ist; daß sie zur Hochzeit mit dem Sohn eines reichen Händlers nach Jerusalem geht; daß der Bräutigam vorausreist, um das Hochzeitshaus zu schmücken, bevor die Braut ankommt; daß ihr Begleiter, der Freund des Bräutigams, der Sohn eines Händlers und zwar Abrahams ist, der Perlen und Edelsteine bearbeitet, während der Bräutigam Goldschmied ist und der Vater der Braut mit Wolle, Linnen, Teppichen und Vorhängen handelt.

Da der Schwätzer in der Nähe der apostolischen Gruppe sitzt, hört ihn Thomas und fragt: «Ist vielleicht Nathanael des Levi der Bräutigam?»

«Jawohl, er ist es! Kennst du ihn?»

«Ich kenne den Vater sehr gut durch Geschäftsverbindung. Nathanael etwas weniger. Eine reiche Heirat!»

«Und eine glückliche Braut! Sie ist in Gold gehüllt. Abraham, Verwandter der Brautmutter und Vater des Freundes des Bräutigams, hat es sich etwas kosten lassen, wie auch der Bräutigam und sein Vater. Man sagt, daß in den Kisten Dinge im Wert von vielen Goldtalenten liegen.»

«Alle Achtung!» ruft Petrus aus und pfeift durch die Zähne. Dann fügt er bei: «Ich will hingehen und nachsehen, ob die Hauptware dem Rest entspricht.» Zusammen mit Thomas steht er auf; sie gehen um die Brautgruppe herum, wobei sie die drei Frauen aufmerksam betrachten: ein Haufen von Stoffen und Schleiern; nur Hände und geschmückte Handgelenke sind sichtbar sowie der Schmuck an Ohren und Hals. Sie betrachten auch den prahlerischen Brautführer, der anscheinend einen Ansturm von Korsaren auf das Jüngferchen abzuwehren hat, so wichtig fühlt er sich. Er blickt die beiden Apostel böse an. Doch Thomas bittet ihn, Nathanael des Levi im Namen des Thomas, auch Didimus genannt, Grüße zu bestellen. Und der Friede ist geschlossen, und zwar so sehr, daß das Bräutchen Gelegenheit findet, sich bewundern zu lassen; es steht auf, läßt den Mantel und die Schleier fallen und zeigt sich im vollen Charme seines Körpers und der Gewänder und in seinem Reichtum wie ein Götzenbild. Die Braut ist höchstens fünfzehn Jahre alt und hat listige Augen. Sie bewegt sich anmutig, trotz des Unwillens der Matronen; sie läßt die Zöpfe herunter und steckt sie dann mit kostbaren Nadeln wieder hoch; sie zieht ihren mit Edelsteinen besetzten Gürtel fester an; sie löst die Sandalen aus Ziegenleder, zieht sie aus und wieder an und schmückt die kleinen Füße mit goldenen Spangen; es gelingt ihr auch, die schönen, wohlfrisierten

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Haare, die schönen Hände, die weichen Arme, die enge Taille, die Brust und die wohlgeformten Hüften, die zarten Füßchen und alle die Schmuckstücke, die im letzten Tageslicht und beim Schein der Flammen der ersten Lagerfeuer klingen und glitzern, zu zeigen.

Petrus und Thomas kehren zurück. Thomas sagt: «Ein schönes Mädchen!»

«Eine vollkommene Verführerin! Ich weiß nicht... aber ich glaube, dein Freund Nathanael wird bald dahinterkommen, daß sie das Bett und er das Gold warmhält, um es zu schmieden. Sein Freund ist ein völliger Dummkopf. Er hat das Bräutchen dem Rechten anvertraut!» endet Petrus und setzt sich zu den Gefährten.

«Mir hat der Mann nicht gefallen, der den anderen Dummkopf dort zum Reden gebracht hat. Nachdem er alles erfahren hatte, was er wissen wollte, ist er den Bergpfad hinaufgegangen... Wir sind in einer gefährlichen Gegend. Und die Stunde ist günstig für einen Überfall der Wegelagerer. Die Mondnacht, die ermüdende Hitze des heutigen Tages, die dichtbelaubten Bäume... Hm! Mir gefällt dieser Platz nicht», murrt Bartholomäus. «Wir hätten besser daran getan, weiterzugehen.»

«Dazu das Großmaul, das von soviel Reichtum geschwätzt hat! Der andere, der den Helden und den Wächter über Schatten spielt, aber die wirklichen Gestalten übersieht! Nun, ich will bei den Feuern Wache halten. Wer kommt mit mir?» fragt Petrus.

«Ich, Simon», antwortet der Zelote. «Ich widerstehe dem Schlaf mühelos.»

Viele der Lagernden, besonders die Alleinreisenden, haben sich erhoben und sind aufgebrochen. Es bleiben die Hirten mit den Herden, die Braut mit ihren Begleitern, die apostolische Gruppe und die drei Händler mit Lämmern, die schon schlafen. Auch die Braut schläft mit den Matronen in einem Zelt, das die Diener aufgerichtet haben. Die Apostel suchen sich einen Platz. Jesus zieht sich zum Gebet zurück. Die Hirten zünden inmitten der Wiese, wo sie sich aufhalten, ein großes Feuer an. Petrus und Simon bereiten ein anderes vor beim Pfad, den der Mann eingeschlagen hat, der Bartholomäus mißtrauisch machte.

Die Stunden vergehen, und wer nicht schnarcht, läßt den Kopf sinken. Jesus betet. Es herrscht völlige Stille. Sogar die Quelle, die im Mondlicht glänzt, scheint zu schweigen. Der Mond steht jetzt hoch am Himmel und beleuchtet den ganzen Platz, während die Ränder im Schatten des dichten Gebüsches liegen.

Ein großer Schäferhund knurrt. Ein Hirt hebt den Kopf. Der Hund steht auf, sträubt das Fell, wittert etwas und nimmt eine abwehrende Haltung ein. Er zittert; das Knurren in seinem Innern wird immer stärker. Auch Simon hebt den Kopf und rüttelt Petrus wach, der eingeschlummert ist. Ein leises Rascheln kommt aus dem Wald.

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«Wir wollen zum Meister gehen und ihn zu uns herholen», sagen die beiden.

Inzwischen weckt der Hirte seine Kameraden. Alle lauschen, ohne selbst ein Geräusch zu verursachen. Jesus hat sich erhoben, schon bevor er gerufen wurde; er geht den beiden Aposteln entgegen. Sie versammeln sich mit den Gefährten bei den Hirten, deren Hund immer erregter ist.

«Ruft die Schlafenden. Alle! Sagt ihnen, sie sollen hierher kommen, ohne Lärm zu machen; besonders die Frauen und die Diener mit den Kisten. Sagt ihnen, daß vielleicht Räuber in der Nähe sind. Nicht den Frauen, aber allen Männern!»

Die Apostel entfernen sich, dem Meister gehorchend, der den Hirten sagt: «Schürt das Feuer zu einer großen Flamme!»

Die Hirten gehorchen; da sie aufgeregt sind, sagt Jesus: «Fürchtet euch nicht! Es wird euch kein Wollflöckchen weggenommen!»

Die Händler kommen herbei und flüstern: «Oh, unser ganzer Verdienst», und fügen eine Litanei von Schimpfwörtern bei auf die römische Verwaltung und die Juden, die die Welt von den Räubern nicht säubern.

«Habt keine Angst, ihr verliert auch nicht die kleinste Münze», tröstet sie Jesus.

Die ängstlichen Frauen kommen. Sie weinen, denn der mutige Brautführer zittert vor Angst und jammert ohne Unterlaß: «Das ist der Tod! Der Tod von Räuberhand!»

«Fürchtet euch nicht. Ihr werdet nicht einmal von einem Blick gestreift», tröstet Jesus die Frauen und führt sie in die Mitte der kleinen Versammlung von Männern und verängstigten Tieren.

Die Esel schreien, der Hund heult, die Schafe blöken, die Frauen schluchzen, die Männer fluchen und klagen, mehr sogar als die Frauen, in einem unverständlichen lautstarken Geschwätz. Jesus ist ruhig, als ob nichts bevorstände. Das Geräusch im Wald ist bei diesem Lärm nicht mehr vernehmbar. Aber Äste, die gebrochen werden, oder die Steine, die ins Rollen geraten, verraten, daß im Wald Räuber sich nähern.

«Ruhe!» gebietet Jesus. Er sagt es auf eine Weise, daß sofort Ruhe herrscht. Jesus verläßt seinen Platz und geht zum Waldrand, wo er zu reden beginnt.

«Das bösartige Verlangen nach Gold verleitet die Menschen zu verwerflichen Taten. Das Gold entlarvt den Menschen mehr als alles andere. Seht, wieviel Unheil dieses Metall mit seinem gleißenden, unnützen Glanz anrichtet. Ich glaube, daß die Luft der Hölle die Farbe des Goldes hat, so höllisch scheint es zu sein seit der Mensch zum Sünder geworden ist. Der Schöpfer hatte es in die Eingeweide des enormen Lapislazuli, der die Erde ist, eingebettet, bei der Erschaffung, damit es dem Menschen diene und den Tempel schmücke. Aber Satan, der die Augen Evas küßte und das Ich des Mannes befleckte, gab dem unschuldigen Metall einen bösartigen

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Geschmack. Seitdem mordet und sündigt man des Goldes wegen. Die Frau wird des Goldes wegen zur Verführerin und ist zur Sünde des Fleisches bereit. Der Mann wird seinetwegen zum Dieb, zum Wucherer und Mörder; er wird hartherzig gegen seinen Nächsten und seine eigene Seele, die er ihres wahren Erbes beraubt; er bringt sie um den ewigen Schatz, für einige gleißende, wertlose Splitter, die er am Tag des Todes zurücklassen muß.

O ihr, die ihr des Geldes wegen mehr oder weniger schwer sündigt! Je mehr ihr sündigt, um so mehr verspottet ihr, was eure Mütter oder eure Lehrer euch gelehrt haben: daß es einen Lohn oder eine Strafe gibt für das während des Lebens Getane. Ihr denkt nicht daran, daß ihr wegen der Sünden den Schutz Gottes, das ewige Leben und die ewige Glückseligkeit verliert; daß Gewissensbisse und Fluch das Herz belasten und die Angst eure Begleiterin ist; die Angst vor menschlichen Strafen, die immer doch ein Nichts sind im Vergleich zur Angst, die ihr haben müßt und nicht habt: der heilsamen Angst vor der göttlichen Strafe. Ihr denkt nicht daran, daß euer Ende schrecklich sein wird als Strafe für eure Untaten, wenn sie Verbrechen geworden sind; und das Ende ist um so schrecklicher, weil es ewig dauert, selbst wenn ihr bei euren Untaten aus Liebe zum Gold nicht bis zum Blutvergießen gegangen seid, sondern nur das Gesetz der Liebe und der Achtung des Nächsten mißachtet habt, statt jenen zu helfen, die hungern wegen eures Geizes, eurer Laster und eurer Habgier. Nein, ihr denkt nicht daran! Ihr sagt: "Das sind Märchen. Ich habe diese Märchen unter dem Gewicht meines Goldes begraben. Sie leben nicht mehr." Aber es sind keine Märchen, es ist die Wahrheit!

Sagt nicht: "Wenn ich tot bin, ist alles zu Ende." Nein, dann beginnt alles! Das andere Leben ist kein Abgrund ohne Sinn und ohne Erinnerung an die gelebte Vergangenheit, ohne Verlangen nach Gott, wie ihr euch die Zeitspanne der Erwartung des Erlösers vorstellt. Das andere Leben ist selige Erwartung für die Gerechten, geduldige Erwartung für die Büßenden, qualvolle Erwartung für die Verdammten. Für die ersteren in der Vorhölle, für die zweiten im Fegfeuer, und für die letzten in der Hölle. Und während für die ersten die Erwartung mit dem Einzug des Erlösers in den Himmel endet, wird bei den zweiten die Erwartung nach dieser Stunde durch die Hoffnung viel tröstlicher, während für die dritten die Erwartung mit der schrecklichen Gewißheit der ewigen Verdammnis endet. Denkt daran, ihr Sünder! Es ist nie zu spät, um zu bereuen. Ändert das Urteil, das im Himmel für euch geschrieben wird, durch eine wahre Reue. Das Fegfeuer wird für euch nicht die Hölle, sondern reuevolle Erwartung sein. Nicht Dunkel, sondern Morgendämmerung. Nicht Trennung, sondern Heimweh. Nicht Verzweiflung, sondern Hoffnung.

Geht! Versucht nicht, gegen Gott zu kämpfen. Er ist der Starke und der Gute. Schändet den Namen eurer Eltern nicht. Hört, wie diese Quelle

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seufzt; ein Seufzer, gleich dem, der die Herzen eurer Mütter zerreißt, wenn ihr zu Mördern werdet. Hört, wie der Wind in der Schlucht pfeift. Es scheint, daß er droht und verflucht, wie euch der Vater verflucht wegen des Lebens, das ihr führt. Hört, wie das Gewissen in euren Herzen heult. Warum wollt ihr leiden, wenn ihr mit wenig im Frieden auf Erden leben könntet, um dann im Himmel alles zu haben? Gebt eurer Seele Frieden! Gebt Frieden den angstvollen Menschen, die euch wie Raubtiere fürchten müssen! Gebt euch Frieden, ihr armen Unglücklichen! Erhebt den Blick zum Himmel, entfernt den Mund von der vergifteten Speise und reinigt die Hände, die vom Blut des Bruders triefen. Reinigt euer Herz!

Ich vertraue euch! Daher rede ich zu euch. Denn wenn die ganze Welt euch haßt und fürchtet, ich hasse und fürchte euch nicht. Ich strecke euch die Hand entgegen, um euch zu sagen: "Erhebt euch! Kommt! Kehrt friedlich zu den Menschen zurück, als Menschen zu Menschen." Ich fürchte euch so wenig, daß ich jetzt zu diesen Leuten sagen kann: "Kehrt zur Ruhe zurück, ohne Haß gegen die armen Brüder. Betet für sie. Ich bleibe hier, um sie mit den Augen der Liebe anzublicken, und ich schwöre euch, daß nichts geschieht; denn die Liebe entwaffnet die Gewalttätigen und sättigt die Gierigen. Die Liebe, die wahre Macht in der Welt, sei gepriesen! Diese unbekannte Macht! Eine Macht, die Gott gehört."»

Dann wendet Jesus sich an alle: «Geht, geht! Fürchtet euch nicht. Es sind keine Landstreicher mehr hier, nurmehr erschütterte, weinende Männer! Wer weint, tut nichts Böses. Gebe Gott, daß sie bleiben, wie sie jetzt sind! Es wäre ihre Rettung!»

265. DIE ANKUNFT IN BETHER

Die Apostelgruppe hat in ihrem Tier-Gefolge eine Veränderung erlebt. Anstelle des Widders sehe ich ein Schaf mit zwei Lämmlein. Das Schaf ist fett und hat ein volles Euter, die Lämmlein sind fröhlich wie zwei Büblein. Eine kleine Herde mit einem weniger magischen Aussehen als der tiefschwarze Widder; alle sind zufrieden.

«Ich hatte euch gesagt, daß eine Ziege komme, um aus Margziam einen kleinen, glücklichen Hirten zu machen. Anstelle der Ziege – da ihr Ziegen und Böcke nicht leiden könnt – sind nun die Schafe da. Sie sind weiß. Genauso, wie Petrus es gewünscht hat.»

«Aber gewiß! Mir schien immer, daß ich Beelzebub hinter mir herschleppe», sagt Petrus.

«Tatsache ist, daß eigenartige Dinge sich ereignet haben, während das Tier mit uns war. Er war der Zauber, der uns verfolgte», bestätigt Iskariot erregt.

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«Ein guter Zauber also! Was ist uns Böses zugestoßen?» antwortet Johannes ruhig.

Alle erheben gleichzeitig die Stimme, um ihn zu tadeln wegen seiner Blindheit: «Aber hast du in Modin nicht gesehen, wie alle uns verspotteten?» «Und mir scheint, der Sturz meines Bruders zähle für dich nicht? Er hätte Schaden erleiden können. Wie hätten wir ihn weggetragen, wenn er sich die Beine oder das Rückgrat gebrochen hätte?» «Und die letzte Nacht ist dir wohl wie ein schönes Zwischenspiel vorgekommen?»

«Ich habe alles gesehen. Ich habe alles überlegt und den Herrn gepriesen, weil uns kein Unheil zugestoßen ist. Das Übel ist auf uns zugekommen, dann ist es geflüchtet, wie immer, und die Begegnung hat dazu gedient, Samen des Guten sowohl in Modin als auch bei den Winzern zu hinterlassen, die mit der Gewißheit zu Hilfe gekommen sind, wenigstens einen Verwundeten vorzufinden, und mit dem Bedauern, lieblos gewesen zu sein, so daß sie wiedergutmachen wollten. Und auch bei den Räubern in der vergangenen Nacht ist guter Same hinterlassen worden. Sie haben uns nichts Böses zugefügt, und Petrus hat die Lämmer im Tausch gegen den Widder und als Geschenk dafür, daß sie gerettet worden sind, erhalten. Die Armen haben nun genügend Geld durch die Börsen, die die Händler uns gegeben haben, und durch die Spenden der Frauen. Und was noch mehr Wert hat: alle haben das Wort Jesu aufgenommen.»

«Johannes hat recht», sagen der Zelote und Judas Thaddäus. Dieser fügt hinzu: «Es scheint wirklich, daß alles eintrifft in klarer Vorausschau der kommenden Dinge. Aufgrund der durch meinen Sturz verursachten Verspätung sind wir mit den schmuckbehangenen Frauen, den Hirten mit der großen Herde und den Händlern, die im Geld ersticken, zusammengestoßen. Herrliche Beute für die Diebe! Bruder, sag mir, wußtest du, daß dies alles geschehen sollte?» fragt der Thaddäus den Meister.

«Ich habe euch schon oft gesagt, daß ich in den Herzen lese, und, wenn der Vater nichts anderes bestimmt, dann ist mir nicht unbekannt, was geschehen wird.»

«Aber warum machst du dann manchmal den Fehler, zu feindseligen Pharisäern oder in Städte mit feindseliger Bevölkerung zu gehen?» fragt Judas Iskariot.

Jesus schaut ihn fest an und sagt dann ruhig und langsam: «Das sind keine Fehler! Es sind notwendige Aufgaben meiner Sendung. Den Arzt haben die Kranken nötig und den Lehrer die Unwissenden. Sowohl die einen als auch die anderen weisen manchmal den Arzt oder den Lehrer zurück. Aber wenn es gute Ärzte oder gute Lehrer sind, gehen sie trotzdem zu jenen, die sie abgewiesen haben; es ist ihre Pflicht, sie aufzusuchen. Ich gehe. Ihr wollt, daß überall, wo ich mich zeige, jeder Widerstand falle. Ich könnte es machen. Aber ich zwinge niemanden. Ich überzeuge. Zwang soll nur in ganz besonderen Fällen angewandt werden, und nur,

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wenn der von Gott erleuchtete Geist versteht, daß es dazu dienen kann, zu überzeugen, daß Gott ist und daß er der Stärkere ist... oder in Fällen von vielfacher Rettung.»

«Wie gestern abend, nicht wahr?» fragt Petrus.

«Gestern abend hatten die Diebe Angst, als sie uns bereit sahen, sie zu empfangen», sagt Iskariot mit sichtlicher Verachtung.

«Nein, sie sind durch Worte überzeugt worden», sagt Thomas.

«Ja, ganz gewiß! Das sind wirklich zarte Seelen, die sich mit zwei Worten überzeugen lassen, auch wenn sie von Jesus kommen! Das weiß ich von damals, als ich mit der ganzen Familie und vielen anderen von Bethsaida in der Schlucht von Adummim überfallen wurde!» entgegnet Philippus.

«Meister, sag einmal, seit gestern schon möchte ich dich fragen – "Sind es deine Worte oder dein Wille, die den Überfall verhindert haben?"» fragt Jakobus des Zebedäus.

Jesus lächelt und schweigt.

Matthäus antwortet: «Ich glaube, es ist sein Wille, der die Härte dieser Herzen überwunden und sie förmlich gelähmt hat, damit Jesus zu ihnen reden und sie retten konnte.»

«Auch ich sage, daß es so ist. Aus diesem Grund ist er dort allein geblieben, um in den Wald hineinzusehen. Er hat sie mit seinem Blick unterworfen, mit seinem Vertrauen in sie und seiner unerschütterlichen Ruhe besiegt. Er hatte nicht einmal einen Stock!» sagt Andreas.

«Gut. Aber dies alles sagen wir. Es sind unsere Gedanken. Ich aber möchte es vom Meister hören», sagt Petrus.

Es beginnt eine lebhafte Diskussion; Jesus läßt sie gewähren. Unter anderem wird gesagt, Jesus habe erklärt, er zwinge niemand, er habe auch diesen Räubern gegenüber keine Gewalt angewandt. Dies sagt Bartholomäus, während Iskariot, von Thomas unterstützt, behauptet, daß er nicht glaube, daß der Blick eines Menschen so viel vermöge. Matthäus entgegnet: «Das und noch mehr! Ich bin von seinem Blick bekehrt worden, noch bevor mich seine Worte berührt haben.» Die "Ja" und die "Nein" stehen sich hart gegenüber, da ein jeder an seiner Meinung festhält. Johannes schweigt wie Jesus und lächelt, das Haupt gesenkt, um sein Lächeln zu verbergen. Petrus geht aufs neue zum Angriff über, denn keine Meinung und Ansicht der Gefährten kann ihn überzeugen. Er denkt und sagt, daß der Blick Jesu verschieden ist von dem irgend eines anderen Menschen; er will wissen, ob dies so ist, weil er Jesus, der Messias, oder weil er immer Gott ist.

Jesus sagt: «In Wahrheit sage ich euch, daß nicht ich allein, sondern jeder, der mit Gott in Heiligkeit, Reinheit und tiefem Glauben vereinigt ist, dies und noch mehr tun kann. Der Blick eines Kindes, dessen Seele mit Gott vereinigt ist, kann heidnische Tempel zum Einsturz bringen, ohne

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die Kraft Samsons zu benötigen; kann mit Sanftmut wilden Tieren und wilden Menschen befehlen; kann den Tod abweisen und Krankheiten der Seele besiegen; wie das Wort eines Kindes, das mit Gott verbunden und Werkzeug des Herrn ist, auch Krankheiten heilen, Schlangen das Gift nehmen und jedes Wunder wirken kann. Denn Gott wirkt in ihm!»

«Ah, nun habe ich verstanden!» sagt Petrus. Er schaut, schaut, schaut Johannes an. Und er faßt dann das Ergebnis seiner Gedanken in die Worte zusammen: «Also, du, Meister, hast es gekonnt, weil du Gott bist und weil du als Mensch mit Gott vereinigt bist. Und so kann es geschehen, daß jemand dasselbe erreichen kann oder schon erreicht hat, weil er mit Gott vereint ist. Ich habe verstanden! Ich habe wirklich verstanden!»

«Aber du fragst nicht nach dem Schlüssel dieser Vereinigung und nach dem Geheimnis dieser Macht? Nicht alle Menschen erreichen sie, obwohl alle die gleichen Voraussetzungen haben.»

«Richtig! Wo ist der Schlüssel dieser Kraft, die einen mit Gott vereinigt und den Dingen befiehlt? Handelt es sich um ein Gebet oder geheime Worte?»

«Vor kurzem hat Judas des Simon den Widder zum Sündenbock für alle die Unannehmlichkeiten, die uns zugestoßen sind, gemacht. Die Tiere können nicht hexen. Befreit euch von diesem Aberglauben; er ist Götzendienst und kann Unglück verursachen. Da es keine Formeln gibt, um Hexereien zu vollbringen, so gibt es auch keine geheimen Worte, um Wunder zu wirken. Es gibt nur die Liebe. Wie ich schon gestern abend gesagt habe, besänftigt die Liebe die Grausamen und sättigt die Geizigen. Die Liebe: Gott! Mit Gott in euch, ganz in Besitz genommen durch das Verdienst einer vollkommenen Liebe, wird das Auge zum Feuer, das jedes Götzenbild in Flammen aufgehen läßt und die Götzen zu Boden wirft, und das Wort wird Macht. Weiter: Das Auge wird zur Waffe, die entwaffnet. Man kann Gott, der Liebe, nicht widerstehen. Nur der Dämon widersteht ihr, denn er ist der vollkommene Haß, und mit ihm widerstehen ihr seine Söhne. Die anderen, die Schwachen, die von einer Leidenschaft besessen sind, aber sich nicht freiwillig an den Dämon verkauft haben, widerstehen ihr nicht. Was auch ihre Religion oder ihre Glaubenslosigkeit sei, welches auch das Niveau ihrer geistigen Niedrigkeit sei, sie werden von der Liebe getroffen, welche die große Siegerin ist. Suche sie zu erreichen, und zwar bald, dann wirst du das tun können, was die Kinder Gottes und die Träger Gottes tun.»

Petrus und der Zelote wenden ihre Augen nicht von Johannes ab; auch die Söhne des Alphäus und Jakobus mit Andreas beginnen zu verstehen.

«Aber Herr», sagt Jakobus des Zebedäus, «was ist mit meinem Bruder geschehen? Du sprichst von ihm. Ist er das Kind, das Wunder wirkt? Das hast du gemeint, nicht wahr?»

«Was er getan hat? Er hat ein Blatt im Buch des Lebens umgewendet

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und neue Geheimnisse kennengelernt. Sonst nichts! Er ist euch vorausgegangen, denn er hält sich nicht damit auf, jedes Hindernis zu bewerten, jede Schwierigkeit abzuwägen, jeden Nutzen zu berechnen. Er sieht die Erde nicht mehr. Er sieht das Licht und geht auf es zu, rastlos. Aber laßt ihn in Ruhe. Die Seelen, die mehr Feuer verbrauchen, kann man nicht stören in ihrem Brand, der erfreut und verzehrt. Man muß sie brennen lassen. Es ist für sie höchste Freude und höchste Belastung zugleich. Gott gibt ihnen auch Augenblicke der Nacht; denn er weiß, daß der Brand die Seelenblüte versengt, wenn sie einer andauernden Sonne ausgesetzt ist. Gott gewährt Schweigen und mystischen Tau den Seelenblüten, wie den Blumen des Feldes. Laßt den Athleten der Liebe im Frieden, wenn ihn Gott ihm gewährt. Macht es den Sportlehrern nach, die ihren Schülern die nötige Ruhe gewähren. Wenn ihr erreicht, was er schon erreicht hat und noch weiter, denn weiter werdet ihr gehen wie er auch, dann versteht ihr das Bedürfnis nach Achtung, Schweigen und Schatten, das die Seelen empfinden, welche die Liebe zu ihrer Beute und zu ihrem Werkzeug gemacht hat. Denkt nicht: "Ich werde mich dann freuen, wenn es bekannt wird; Johannes ist töricht, denn die Seelen der Nächsten wie jene der Kinder wollen vom Wunderbaren ergriffen werden." Nein! Wenn ihr dort angekommen seid, habt ihr das gleiche Bedürfnis nach Schweigen und Verborgenheit, das Johannes jetzt hat. Und wenn ich nicht mehr unter euch bin, denkt daran, daß ihr zur Bemessung einer Bekehrung und der Macht der Heiligkeit immer die Demut als Maßstab nehmen müßt. Wenn in einem der Stolz anhält, dann laßt euch nicht täuschen und glaubt nicht, daß er sich bekehrt hat. Wenn von einem gesagt wird, daß er ein "Heiliger" sei, aber stolz ist, dann könnt ihr sicher sein, daß es sich nicht um einen Heiligen handelt. Er könnte wie ein Scharlatan scheinheilig den Heiligen spielen und Wunder vortäuschen; aber er ist kein Heiliger. Der Anschein ist Scheinheiligkeit, die Wunder sind Satanismus. Habt ihr verstanden?»

«Ja, Meister.» ... Sie schweigen alle nachdenklich. Aber wenn auch der Mund schweigt, so sind die Gedanken leicht in ihren Blicken und Gesichtsausdrücken zu lesen. Ein großes Verlangen nach Erkenntnis zittert wie aus ihnen strömender Äther um sie herum.

Der Zelote bemüht sich, die Gefährten zu zerstreuen, um Zeit zu gewinnen und mit jedem einzeln reden zu können. Bestimmt will er ihnen raten, vorläufig zu schweigen. Ich habe den Eindruck, daß der Zelote diese Aufgabe oft in der apostolischen Gruppe hat. Er ist der Mäßiger, der Versöhner, der Berater der Gefährten, und außerdem versteht er den Meister sehr gut. Nun sagt er: «Wir sind schon auf dem Besitztum Johannas. Das Dorf in der Mulde ist Bether. Der Palast auf dem Gipfel ist ihr Geburtsschloß. Spürt ihr den Duft? Es sind die Rosengärten, die in der Morgensonne zu duften beginnen. Am Abend ist es eine Fülle von Düften. Aber

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jetzt ist die Zeit, sie zu sehen. In der Kühle des Morgens sind sie noch mit Tau bedeckt, wie wenn Millionen von Diamanten in Millionen Blütenkelche, die sich gerade öffnen, geschüttet worden wären. Wenn die Sonne untergeht, werden die voll aufgeblühten Rosen gepflückt. Kommt! Ich will euch von einem Brunnen aus die Rosengärten zeigen, die vom Gipfel aus wie ein Wasserfall bis zum anderen Hügel hinfluten. Ein Wasserfall von Blumen, der dann wieder wie eine Welle nach oben zu den beiden anderen Hügeln steigt. Ein Amphitheater, ein Meer von Blumen! Herrlich! Die Straße ist steiler. Aber es ist der Mühe wert, sie zu gehen, denn von dieser Anhöhe überblickt man das ganze Paradies. So gelangen wir auch schneller zum Schloß. Johanna lebt hier frei inmitten ihrer Landarbeiter, die einzigen Wächter all dieses Reichtums. Doch die Arbeiter lieben ihre Herrin, die aus diesen Tälern ein Eden der Schönheit und des Friedens macht, so sehr, daß sie mehr wert sind als alle Wachen des Herodes. Schau, Meister! Schaut, Freunde!» Er zeigt auf die im Halbkreis liegenden Hügel, die völlig mit Rosenpflanzen bewachsen sind.

Überall sieht das umherschweifende Auge unter sehr hohen Bäumen, die vor Hagelschlag, Winden und der stechenden Sonne schützen, auf den Terrassen Rosensträucher über Rosensträucher. Die Sonne umspielt sie und auch der Wind unter dem leuchtenden Dache, das abschirmt, aber nicht bedrückt, und sie werden von den Gärtnern in der nötigen Ordnung gehalten; unter bester Pflege gedeihen hier die schönsten Rosensträucher der Welt. Es sind Tausende und Abertausende von Rosen jeder Art: Zwergrosen, niedrige, hohe und langstielige. Wie mit Blumen bestickte Kissen liegen sie zu Füßen der Bäume auf dem grünen Rasen oder hängen in den Hecken längs der Wege; an den Ufern der Bäche, rings um die Bewässerungsbecken, die über diesen Park mit seinen Hügeln verstreut sind, ranken sie sich hoch und bilden über die Äste Bögen und Girlanden. Eine wirklich traumhafte Schönheit! Alle Größen und alle Schattierungen sind vorhanden und miteinander verflochten, die elfenbeinfarbene Teerose neben der blutroten Blütenkrone, während zahlenmäßig die eigentlichen Rosen in der Farbe einer Kinderwange, die an den Rändern mit Weiß und Rosa bekränzt sind, vorwiegen.

Alle sind beeindruckt von soviel Schönheit.

«Aber was macht Johanna denn mit diesem Riesengarten?» fragt Philippus.

«Sie erfreut sich daran», antwortet Thomas.

«Nein! Sie gewinnt aus den Blüten duftende Öle und gibt somit Hunderten von Gartenarbeitern Arbeit. Die Römer sind begierig auf diese Öle. Jonathan sagte es mir und zeigte mir die Rechnungen der letzten Ernte. Aber hier ist Maria des Alphäus mit dem Kinde. Sie haben uns gesehen und rufen die anderen herbei...»

Tatsächlich kommt Johanna mit den beiden Marien, die von Margziam

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überholt werden, der mit den zur Umarmung geöffneten Armen auf Jesus und Petrus zueilt. Alle werfen sich vor Jesus nieder.

«Der Friede sei mit euch allen! Wo ist meine Mutter?»

«Zwischen den Rosensträuchern, mit Elisa. Oh, sie ist nun geheilt. Sie kann der Welt entgegentreten und dir nachfolgen. Ich danke dir, daß du mich dazu verwendet hast.»

«Ich danke dir, Johanna. Siehst du, wie nötig es war, nach Judäa zu kommen? Margziam, hier sind Geschenke für dich! Diese hübsche Puppe und die schönen Lämmlein. Gefallen sie dir?»

Das Kind ist sprachlos vor Freude. Es hält sich an Jesus fest, der sich gebückt hat, um ihm die Puppe zu geben, und in dieser Haltung verblieben ist, um ihm ins Gesicht zu schauen; er umarmt und küßt ihn mit aller nur möglichen Herzlichkeit.

«So wirst du sanft wie die Schäflein, und später wirst du ein guter Hirte für die an Christus Glaubenden sein, nicht wahr?»

Margziam sagt: «Ja, ja, ja ...» mit stockendem Atem und vor Freude glänzenden Augen.

«Nun geh zu Petrus, denn ich suche meine Mutter auf. Ich sehe einen Schleierzipfel längs der Rosenhecke daherkommen.»

Und Jesus eilt Maria entgegen und zieht sie an der Biegung des Weges an sein Herz. Nach dem ersten Kuß, noch ganz atemlos, erklärt Maria: «Dahinten kommt Elisa! Ich bin vorausgeeilt, um dich zu küssen; dich nicht zu küssen, Sohn, brächte ich nicht fertig; und dich vor ihren Augen küssen, das wollte ich nicht... Sie ist sehr verändert. Aber das Herz schmerzt immer noch bei den Freuden der anderen, die ihr immer versagt worden sind.»

Elisa macht rasch die letzten Schritte und kniet nieder, um das Gewand Jesu zu küssen. Sie ist nicht mehr die verzweifelte Frau von Bethsur, sondern eine ernste Greisin, vom Schmerz gezeichnet und eindrucksvoll durch die Spuren, die der Schmerz auf dem Antlitz und im Blick hinterlassen hat.

«Sei gebenedeit, mein Meister, jetzt und immer, da du mir das wiedergegeben hast, was ich verloren hatte.»

«Immer mehr Frieden für dich, Elisa! Ich freue mich, dich hier zu finden. Steh auf!»

«Auch ich freue mich. Ich habe dir viele Dinge zu berichten und dich vieles zu fragen, Herr.»

«Wir haben Zeit, denn ich werde hier einige Tage rasten. Komm, damit ich dich mit den Mitjüngern bekanntmachen kann.»

«Oh, so hast du also schon verstanden, was ich dir sagen wollte? Daß ich zu neuem Leben wiedergeboren werden möchte; mir wieder eine Familie schaffen möchte; die deine, die deiner Söhne, wie du gesagt hast, als du von Noemi gesprochen hast in meinem Haus zu Bethsur. Die neue

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Noemi bin ich durch deine Gnade, mein Herr; sei gepriesen! Ich bin nicht mehr verbittert und unglücklich. Ich werde wieder Mutter sein. Und, wenn Maria es erlaubt, auch ein wenig deine Mutter in der Schar der Jünger deiner Lehre.»

«So soll es sein! Maria ist nicht eifersüchtig, und ich werde dich so lieben, daß es dich nicht zu reuen braucht, gekommen zu sein. Wir wollen jetzt zu denen gehen, die dir sagen möchten, daß sie dich wie Brüder lieben.» Und Jesus nimmt Elisa bei der Hand und führt sie ihrer neuen Familie zu.

Die Reise in Erwartung des Pfingstfestes ist zu Ende.

266. DER GELÄHMTE AM TEICH VON BETHSAIDA

Jesus befindet sich in Jerusalem, genauer gesagt in der Umgebung der Burg Antonia. Bei ihm sind alle Apostel mit Ausnahme von Judas Iskariot. Eine große Menschenmenge bewegt sich eilenden Schrittes zum Tempel. Alle sind festlich gekleidet, die Apostel wie die anderen Pilger, und ich nehme an, daß gerade das Pfingstfest gefeiert wird. Viele Bettler mischen sich unter das Volk mit ihrem mitleidheischenden Gejammer! Sie sind auf dem Weg zu den besten Plätzen, d.h. zu den Toren des Tempels und den Wegkreuzungen, an denen die Leute vorbei müssen. Jesus geht, Almosen austeilend, an ihnen vorüber, während sie ihm all ihr Elend aufzählen und beschreiben. Ich habe den Eindruck, daß Jesus bereits im Tempel gewesen ist; denn ich höre die Apostel über Gamaliel reden, der tat, als ob er Jesus nicht sähe, obwohl sein Schüler Stephanus ihn auf seine Ankunft aufmerksam gemacht hat.

Ich vernehme auch, wie Bartholomäus seine Gefährten fragt: «Was hat der Schriftgelehrte wohl mit dem Satz gemeint: "Eine Hammelherde für einen billigen Schlachthof?"»

«Er wird von einem seiner Geschäfte gesprochen haben», antwortet Thomas.

«O nein, er meinte uns damit. Ich habe es wohl gemerkt. Denn der folgende Satz bestätigt den Sinn des ersten: "Bald wird auch er als Lamm zur Schur und zur Schlachtbank geführt werden."»

«Ja, auch ich habe es gehört», bestätigt Andreas.

«Stimmt! Ich hätte große Lust, zurückzukehren und den Begleiter des Schriftgelehrten zu fragen, was er von Judas des Simon weiß», sagt Petrus.

«Was wird er schon wissen! Judas ist diesmal nicht dabei, weil er tatsächlich krank ist. Wir wissen es. Vielleicht hat ihn die Reise wirklich zu sehr angestrengt. Wir sind kräftiger. Er hat immer ein bequemes Leben geführt und wird schnell müde», meint Jakobus des Alphäus.

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«Ja, wir wissen es; aber der Schriftgelehrte hat auch gesagt: "Es fehlt das Chamäleon der Gruppe." Ist das Chamäleon nicht das Tier, das seine Farbe wechseln kann sooft es will?» fragt Petrus.

«Ja, Simon. Aber sie haben sicher damit gemeint, daß er immer neue Kleider trägt. Er hält etwas darauf, er ist noch jung. Man muß Mitleid mit ihm haben...» beruhigt ihn der Zelote.

«Auch das stimmt. Jedoch! ... Welch eigenartige Bemerkungen!»schließt Petrus.

«Er glaubt immer, er sei bedroht», sagt Jakobus des Zebedäus.

«Auch wir glauben immer, bedroht zu sein, und sehen Gefahren, wo keine sind!» bemerkt Judas Thaddäus.

«Und wir sehen Fehler, wo keine sind», schließt Thomas.

«Ach ja, mißtrauisch zu sein, ist schlimm... Wer weiß, wie es Judas heute geht? Er wird sich wie im Paradies vorkommen, bei diesen Engeln... Um diese Wonne genießen zu können, möchte auch ich beinahe krank sein!» sagt Petrus, und Bartholomäus antwortet: «Hoffen wir, daß er bald wieder gesund wird. Wir müssen wirklich bald ans Ziel unserer Reise kommen, denn die Hitze beginnt drückend zu werden.»

«Oh, an Pflege wird es ihm nicht fehlen, und außerdem denkt ja auch der Meister an ihn, wenn etwas geschähe», versichert Andreas.

«Er hatte hohes Fieber, als wir ihn verlassen haben. Ich weiß nicht, wie er es bekommen hat ...» sagt Jakobus des Zebedäus, und Matthäus fügt hinzu: «Wie man eben Fieber bekommt! Es mußte wohl kommen. Aber es wird nichts passieren. Der Meister hat keinerlei Bedenken. Wenn er etwas Schlimmes vermutete, hätte er das Schloß Johannas nicht verlassen.»

Jesus ist tatsächlich unbesorgt. Er unterhält sich mit Margziam und Johannes, während er vorausgeht und Almosen verteilt. Gewiß erklärt er dem Knaben viele Dinge, denn ich sehe, wie er auf dieses und jenes hinweist. Er geht dem Ende der Tempelmauer zu, zur Nord-Ost-Ecke. Dort sind viele Menschen, die sich zu einem von mehreren Säulen umgebenen Platz begeben. Dieser Platz befindet sich vor einem Tor, das ich "Herdentor" nennen höre.

«Hier ist der Teich der Prüfung: der Teich von Bethsaida. Nun schau gut auf das Wasser. Siehst du, es liegt jetzt völlig still. Bald wird es steigen bis oben zum noch feuchten Rand. Siehst du? Dann steigt der Engel des Herrn herab, das Wasser spürt es und verehrt ihn, wie es kann. Er bringt dem Wasser den Befehl, den zu heilen, der bereit ist, darin unterzutauchen. Siehst du die vielen Menschen? Aber viele sind nicht genügend aufmerksam und sehen die erste Bewegung des Wassers nicht; oder aber die Stärkeren stoßen in liebloser Weise die Schwächeren zurück. Man darf sich von den Zeichen Gottes nicht ablenken lassen. Man muß die Seele immer wachsam halten, denn man weiß nie, wenn Gott sich zeigt oder seinen Engel schickt. Und man darf nie selbstsüchtig sein, nicht einmal, um

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der Gesundheit willen. Oft geschieht es, daß diese Unglücklichen darüber streiten, wer das Wasser zuerst berühren darf oder wer es am nötigsten hat; so bringen sie sich um die Wohltat der Ankunft des Engels», erklärt Jesus geduldig dem kleinen Margziam, der ihn mit weitgeöffneten Augen aufmerksam anschaut und zugleich auch das Wasser im Auge behält.

«Kann man den Engel sehen? Das würde mir gefallen.»

«Levi, der Hirte, der in deinem Alter ist, sieht ihn. Paß auch du gut auf und sei bereit, ihn zu preisen!»

Der Knabe läßt sich nun von nichts mehr ablenken. Seine Augen blicken bald auf das Wasser, bald über das Wasser; anderes sieht und hört er nicht mehr.

Indessen betrachtet Jesus das kleine Volk der Kranken, Blinden, Krüppel und Gelähmten, die warten.

Auch die Apostel schauen aufmerksam zu. Die Sonne spielt mit ihrem Licht auf dem Wasser und bemächtigt sich als Königin auch der fünf Säulengänge, welche die Becken umgeben.

«Schau da, schau!» jubelt Margziam. «Das Wasser steigt, es bewegt sich, es funkelt! Was für ein Licht! Der Engel!»... und das Kind wirft sich auf die Knie.

Tatsächlich kommt Bewegung in das Wasser im Becken, das wie ein Spiegel in der Sonne gleißt und nun plötzlich anschwillt und bis zum Beckenrand ansteigt. Für einen Augenblick ein blendender Glanz! Ein Lahmer ist bereit, sich ins Wasser zu tauchen; gleich darauf steigt er wieder heraus, und das Bein, das durch eine große Narbe verunstaltet war, ist völlig geheilt. Die anderen beklagen sich und streiten mit dem Geheilten und werfen ihm vor, daß er nicht arbeitsunfähig war, wie sie es sind. Der Streit dauert an.

Jesus sieht sich um und erblickt einen Gelähmten, der auf seiner Bahre leise vor sich hinweint. Er nähert sich ihm, beugt sich über ihn und fragt: «Du weinst?»

«Ja. Niemand denkt an mich. Ich bin immer hier. Alle werden geheilt, ich nie. Schon achtundreißig Jahre liege ich auf dem Rücken. Ich habe meine ganze Habe aufgezehrt; meine Angehörigen sind gestorben, und nun bin ich bei einem entfernten Verwandten, der mich morgens hierher bringt und am Abend wieder abholt... Ich bin für ihn eine große Belastung! Oh, ich möchte sterben!»

«Verliere nur nicht den Mut. Du hast viel Geduld und Glauben bewiesen, Gott wird dich erhören!»

«Ich hoffe es... Aber es kommen Augenblicke der Trostlosigkeit. Du bist gut, aber die anderen... Wer geheilt ist, sollte sich Gott dankbar erweisen, hierbleiben, um den armen Brüdern zu helfen.»

«Das sollte er wirklich tun. Doch habe deswegen keinen Groll in deinem

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Herzen. Sie denken nicht daran. Es ist keine Bosheit ihrerseits. Die Freude, geheilt zu sein, macht sie zu Egoisten. Verzeih ihnen ...»

«Du bist gut. Du würdest nicht so handeln. Ich gebe mir Mühe, mich auf den Händen hinzuschleppen, wenn das Wasser aufwallt; doch es kommt mir immer ein anderer zuvor; am Rand kann ich mich nicht aufhalten, ich würde niedergetrampelt werden. Aber selbst wenn ich mich dort aufhalten würde, wer würde mich ins Wasser tauchen? Wenn ich dich früher gesehen hätte, hätte ich dich darum gebeten ...»

«Willst du wirklich geheilt werden? Dann erhebe dich! Nimm dein Bett und gehe!» Jesus hat sich erhoben, um diesen Befehl zu erteilen, und es scheint, als habe er auch den Gelähmten erhoben; denn dieser stellt sich auf seine Füße und macht ein, zwei, drei Schritte – er kann es kaum fassen – hinter Jesus her, der sich entfernt; und da er nun gewahr wird, daß er wirklich gehen kann, stößt er einen Schrei aus, so daß sich alle umwenden.

«Aber wer bist du? Im Namen Gottes, sage es mir! Bist du vielleicht der Engel des Herrn?»

«Ich bin mehr als ein Engel. Mein Name ist "Erbarmen". Geh im Frieden!»

Alle drängen sich herbei. Sie wollen sehen. Sie wollen reden. Sie wollen geheilt werden. Aber da kommen schon die Tempelwachen herbei, die anscheinend auch den Teich überwachen, und stoßen die schreiende Menge unter Drohungen zurück.

Der Gelähmte nimmt sein Bett: zwei Stangen auf zwei Paar kleinen Rädern und ein zerrissenes Tuch, das auf die Stangen genagelt ist; er geht glücklich davon und ruft Jesus zu: «Ich werde dich wiederfinden! Ich werde dein Gesicht und deinen Namen nicht vergessen.»

Jesus ist unter die Menge getreten; er geht in entgegengesetzter Richtung der Stadtmauer zu. Aber er hat die letzte Säulenhalle noch nicht verlassen, da hält ihn auch schon eine Gruppe von Juden der übelsten Klasse, wie von einer wilden Furie gepeitscht, an, alle vereint im Verlangen, Jesus Unverschämtheiten zu sagen. Sie suchen, sie schauen umher, sie forschen. Aber es gelingt ihnen nicht, zu erfahren, was vorgefallen ist, und Jesus geht weg, während die Juden, enttäuscht, sich auf einen Hinweis der Wächter auf den armen, glücklichen Geheilten stürzen und ihm vorwerfen: «Warum trägst du das Bett? Es ist Sabbat! Das ist dir nicht erlaubt!»

Der Mann schaut sie an und sagt: «Ich verstehe euch nicht. Ich weiß nur, daß er, der mich geheilt hat, sagte: "Nimm dein Bett und wandle." Das weiß ich!»

«Es war sicher ein Dämon, der dir befohlen hat, den Sabbat zu entheiligen. Wie sah er aus? Wer war es? Ein Jude? Ein Galiläer? Ein Proselyt?»

«Ich weiß es nicht. Er war hier. Er sah mich weinen und kam zu mir. Er

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sprach mit mir. Er heilte mich. Er ging mit einem Kind an der Hand weg. Ich glaube, es war sein Sohn; denn er ist alt genug, um einen Sohn jenes Alters zu haben.»

«Ein Kind? So war er es nicht! ... Wie war sein Name? Hast du ihn nicht gefragt? Lüge nicht!»

«Er hat mir gesagt, daß er "Erbarmen" heißt.»

«Du Dummkopf! Das ist doch kein Name!»

Der Mann hebt die Schultern und geht fort.

Die anderen sagen: «Er war es ganz bestimmt. Die Schriftgelehrten Ananias und Zachäus sahen ihn im Tempel.»

«Aber er hat doch keine Kinder!»

«Und doch ist er es. Er war mit seinen Jüngern da.»

«Aber Judas war nicht dabei, den kennen wir gut! Die anderen... sie können allerlei Volk sein.»

«Nein, sie gehören zu ihm!»

Der Wortstreit geht weiter, während die Säulenhallen sich wieder mit Kranken anfüllen...

Jesus kehrt von einer anderen Seite in den Tempel zurück. Von der Westseite her, die besonders mit der Stadt verbunden ist. Die Apostel folgen ihm. Jesus blickt umher und sieht schließlich das, was er sucht: Jonathan, der ihn ebenfalls sucht.

«Es geht ihm besser, Meister. Das Fieber sinkt. Deine Mutter sagt, daß sie hofft, bis zum kommenden Sabbat kommen zu können.»

«Danke Jonathan. Du bist pünktlich gewesen.»

«Nicht sehr. Maximinus des Lazarus hat mich aufgehalten. Er ist auf der Suche nach dir. Er ist zur Säulenhalle Salomons gegangen.»

«Ich werde ihn einholen. Der Friede sei mit dir, und bringe meinen Frieden der Mutter und den frommen Frauen, und auch Judas.»

Jesus geht eilends zur Säulenhalle Salomons, wo er tatsächlich Maximinus vorfindet.

«Lazarus hat erfahren, daß du hier bist. Er möchte dich sehen, um dir etwas Wichtiges mitzuteilen. Wirst du kommen?»

«Ohne Zweifel. Und zwar sehr bald. Du kannst ihm sagen, daß er mich in dieser Woche erwarten kann.»

Maximinus geht, nachdem sie noch einige Worte gewechselt haben.

«Beten wir noch etwas, da wir bis hierher zurückgekommen sind», sagt Jesus und geht auf den Vorhof der Hebräer zu.

Dort aber begegnet er dem geheilten Gelähmten, der dem Herrn im Tempel gedankt hat. Der Geheilte entdeckt Jesus in der Menge, begrüßt ihn freudig und erzählt, was ihm nach seinem Weggehen zustieß. Er schließt mit den Worten: «Einer, der sehr erstaunt über meine Heilung war, hat mir gesagt, wer du bist. Du bist der Messias. Ist das wahr?»

«Ich bin es! Aber auch, wenn du durch das Wasser oder eine andere

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Macht geheilt worden wärest, hättest du immer dieselbe Verpflichtung Gott gegenüber gehabt: jene, die Gesundheit zu guten Werken benützen. Du bist nun geheilt. Kehre daher mit guten Vorsätzen zu den täglichen Pflichten zurück. Und sündige nicht mehr, damit Gott dich nicht noch einmal strafen muß.

Geh in Frieden!»

«Ich bin alt... ich kann nichts... Aber ich möchte dir folgen, um dir zu dienen und um zu lernen. Willst du mich?»

«Ich weise niemand ab. Überlege es dir jedoch, bevor du kommst. Und wenn du dich entschlossen hast, dann komm!»

«Wohin? Ich weiß nicht, wohin du gehst ...»

«Durch die Welt. Überall wirst du Jünger finden, die dich zu mir führen. Der Herr erleuchte dich zu deinem Wohl!»

Jesus geht an seinen Platz und betet...

Ich weiß nicht, ob der Geheilte spontan zu den Juden tritt oder ob diese, auf der Lauer, ihn anhalten, um zu erfahren, ob der Mann, mit dem er soeben gesprochen hat, ihn auch auf wunderbare Weise heilte. Ich weiß nur, daß er sich mit den Juden unterhält und dann weitergeht, während sie sich zur Treppe begeben, die Jesus hinabsteigen muß, um zu den anderen Höfen und zum Ausgang des Tempels zu gelangen.

Als Jesus kommt, sagen sie zu ihm, ohne ihn zu grüßen: «Du fährst also fort, den Sabbat zu schänden nach all den Rügen, die dir schon erteilt worden sind! Und dann verlangst du noch, daß man dich als einen Gesandten Gottes achtet?»

«Als Gesandten? Noch viel mehr: als Sohn Gottes; denn Gott ist mein Vater. Wenn ihr mich nicht achten wollt, dann laßt es eben bleiben. Aber ich werde deswegen nicht aufhören, meine Mission auszuüben. Gott hört keinen Augenblick auf, tätig zu sein. Auch jetzt ist mein Vater tätig, und ich bin ebenfalls tätig; denn ein guter Sohn tut, was sein Vater tut, und ich bin gekommen, um auf Erden zu wirken.»

Das Volk hat sich angesammelt, um den Disput mitanzuhören. Es sind Leute darunter, die Jesus kennen, andere, die von ihm Wohltaten empfangen haben, und wieder andere, die ihn zum erstenmal sehen; einige lieben ihn, andere hassen ihn, die meisten sind unschlüssig. Die Apostel umringen den Meister. Margziam hat Angst, und sein Gesichtsausdruck verrät, daß er den Tränen nahe ist.

Die Juden, Schriftgelehrten, Pharisäer und Sadduzäer schreien laut und verärgert: «Du wagst es? Oh, du nennst dich Sohn Gottes? Sakrileg! Gott ist, der da ist, und er hat keinen Sohn! Ruft doch Gamaliel und holt Sadok! Versammelt die Rabbis, damit sie hören und widerlegen.»

«Regt euch nicht auf! Ruft sie, und sie werden euch sagen, ob es wahr ist, daß Gott der Eine und Dreieinige ist: Vater, Sohn und Heiliger Geist, und daß das Wort, also der Sohn des Gedankens, gekommen ist, wie es

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prophezeit ist, um Israel und die Welt von den Sünden zu erlösen. Das Wort bin ich! Ich bin der verheißene Messias! Es ist daher keine Gotteslästerung, wenn ich den Vater meinen Vater nenne. Ihr seid beunruhigt, weil ich Wunder wirke; weil ich dadurch die Menge an mich ziehe und sie überzeuge. Ihr klagt mich an, ein Dämon zu sein, weil ich Wunder wirke. Aber Beelzebub ist schon seit Jahrhunderten auf der Welt, und wahrlich, es fehlt ihm nicht an Anbetern... Warum tut er denn nicht, was ich tue?»

Das Volk flüstert: «Das stimmt! Das ist wahr! Niemand tut, was er tut.»

Jesus fährt fort: «Ich sage euch: es kommt daher, daß ich weiß, was er nicht weiß, und kann, was er nicht kann. Wenn ich die Werke Gottes vollbringe, dann deshalb, weil ich sein Sohn bin. Niemand kann etwas tun, was er nicht vorher einen anderen hat tun sehen. Ich, der Sohn, tue nur das, was ich den Vater habe tun sehen, da ich von Ewigkeit zu Ewigkeit eins mit ihm bin, und weder im Wesen noch im Wirken verschieden von ihm bin. Alle Dinge, die der Vater tut, vollbringe auch ich, da ich sein Sohn bin. Weder Beelzebub noch andere können das tun, was ich tue, weil weder Beelzebub noch die anderen das wissen, was ich weiß. Der Vater liebt mich, seinen Sohn, und er liebt mich ohne Maß, wie auch ich ihn liebe. Deshalb zeigt er mir immer alles, was er tut, damit ich das tue, was er tut: Ich auf der Erde in dieser Zeit der Gnade, er im Himmel seit den Zeiten, als es die Erde noch nicht gab. Und er wird mir immer noch größere Werke zeigen, die ich vollbringen soll, damit ihr euch darüber wundert.

Sein Gedanke ist unerschöpflich im Ausdenken. Ich ahme ihn nach, da ich unerschöpflich bin in der Erfüllung dessen, was der Vater denkt und in Gedanken wünscht. Ihr wißt noch nicht, was die unerschöpfliche Liebe alles vermag. Wir sind die Liebe. Und es gibt keine Begrenzung für uns, und es gibt nichts, was nicht angewendet werden könnte auf die drei Grade des Menschen: den niedrigen, den höheren und den geistigen. Und wahrlich, so wie der Vater die Toten erweckt und ihnen das Leben wiedergibt, so kann auch ich, der Sohn, das Leben denen geben, die ich erwecken will. Mehr noch, durch die unendliche Liebe des Vaters für den Sohn ist es mir erlaubt, nicht nur dem niederen, sondern auch dem höheren Grad das Leben wiederzugeben, durch die Befreiung des Gedankens und des Herzens des Menschen von den Irrtümern seines Verstandes und den bösen Leidenschaften; und was den geistigen Teil betrifft, so kann ich die Befreiung von den Sünden bewirken, denn der Vater verurteilt niemanden, sondern hat das Gericht dem Sohne übergeben, da der Sohn es ist, der durch sein eigenes Opfer die Menschheit erkauft, um sie zu erlösen; und das tut der Vater aus Gerechtigkeit, denn es ist nur gerecht, dem zu geben, der mit eigener Münze zahlt, und damit alle den Sohn ehren, wie sie bereits den Vater ehren.

Wißt also, wenn ihr den Vater vom Sohn trennt oder den Sohn vom

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Vater und euch der Liebe nicht erinnert, dann liebt ihr Gott nicht, wie es ihm gebührt: mit Wahrheit und Weisheit; sondern ihr verfällt der Irrlehre, sofern ihr nur einem allein die Ehre gebt, während sie eine wunderbare Dreifaltigkeit bilden. Wer den Sohn nicht ehrt, ist wie einer, der den Vater nicht ehrt: denn der Vater, Gott, nimmt es nicht hin, daß nur ein Teil von ihm angebetet wird. Er will in seiner Ganzheit angebetet werden. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn als seinen vollkommenen Gedanken der Liebe gesandt hat. Er leugnet daher, daß Gott seine Werke recht zu machen weiß.

In Wahrheit sage ich euch: wer mein Wort hört und an den glaubt, der mich gesandt hat, der wird das ewige Leben haben und nicht verdammt werden, sondern vom Tod zum Leben übergehen; denn an Gott glauben und mein Wort annehmen bedeutet, in sich das Leben aufnehmen, das nicht stirbt.

Die Stunde ist im Kommen, für viele ist sie bereits gekommen, in der die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören, und wer sie im Grunde des Herzens als Lebensspenderin vernommen hat, der wird leben.

Was sagst du, Schriftgelehrter?»

«Ich sage, daß die Toten nichts mehr hören und daß du von Sinnen bist.»

«Der Himmel wird dich überzeugen, daß es nicht so ist und daß dein Wissen nichts ist im Vergleich zum Wissen Gottes. Ihr habt die übernatürlichen Dinge so sehr vermenschlicht, daß ihr den Worten keine andere Bedeutung mehr gebt als eine unmittelbare und irdische. Ihr habt die Haggada gelehrt, auf bestimmte Formeln festgelegt, und zwar eure eigenen, ohne euch zu bemühen, die Allegorien in ihrer Wahrheit zu erfassen; und jetzt, da euch der Druck der Menschlichkeit, die über den Geist triumphiert, ermüdet hat, glaubt ihr das nicht mehr, was ihr selbst lehrt. Und das ist der Grund, weshalb ihr nicht mehr gegen die finsteren Mächte ankämpfen könnt.

Der Tod, von dem ich spreche, ist nicht der Tod des Fleisches, sondern der des Geistes. Es werden jene kommen, die mit den Ohren mein Wort hören, und es in ihr Herz aufnehmen und in die Tat umsetzen. Diese werden, auch wenn sie geistig tot sind, zum Leben erweckt; denn mein Wort ist Leben, das vergeistigt. Und ich kann es geben, wem ich will, denn in mir ist die Fülle des Lebens, und wie der Vater in sich das vollkommene Leben hat, so hat auch der Sohn das Leben vom Vater in sich selbst, das vollkommene, vollständige, ewige, unerschöpfliche und übertragbare Leben. Und mit dem Leben hat mir der Vater die Gewalt gegeben zu richten; denn der Sohn des Vaters ist der Menschensohn, und er kann und muß den Menschen richten.

Wundert euch nicht über diese erste, geistige Auferstehung, die ich mit meinem Wort bewirke. Ihr werdet noch viel größere Dinge sehen, größer

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für eure schwerfälligen Sinne, denn in Wahrheit sage ich euch, es gibt nichts Größeres als die unsichtbare, doch wirkliche Auferstehung eines Geistes. Bald kommt die Stunde, daß die Gräber von der Stimme des Gottessohnes durchdrungen werden, und alle, die in den Gräbern sind, werden sie hören. Und die Gutes getan haben, werden hervorgehen zur Auferstehung des ewigen Lebens, und die Böses getan haben, zur Auferstehung der ewigen Verdammung.

Ich will damit nicht sagen, daß ich es aus mir selbst und durch meinen eigenen Willen tue: ich handle durch den Willen meines Vaters, der mit dem meinigen vereinigt ist. Ich spreche und urteile gemäß dem, was ich höre, und mein Urteil ist richtig, weil ich nicht meinen Willen suche, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.

Ich bin nicht vom Vater getrennt. Ich bin in ihm, und er ist in mir, und ich kenne seine Gedanken und setze sie in Wort und Tat um.

Was ich da sage, um für mich Zeugnis abzulegen, kann für euren ungläubigen Geist unannehmbar sein, der in mir nichts anderes sehen will als einen Menschen, der euch allen gleich ist. Noch einen anderen gibt es, der für mich Zeugnis ablegt und von dem ihr sagt, daß ihr ihn als großen Propheten verehrt. Ich weiß, daß sein Zeugnis wahr ist. Aber ihr, die ihr sagt, daß ihr ihn verehrt, nehmt das Zeugnis nicht an, weil es euch nicht gefällt und ihr mir feindlich gesinnt seid. Ihr nehmt das Zeugnis des gerechten Mannes, des letzten Propheten Israels, nicht an, in allem, was euch nicht gefällt, und ihr sagt, auch er sei nur ein gewöhnlicher Mensch und könne irren.

Ihr habt Johannes fragen lassen in der Hoffnung, daß er, was mich betrifft, nach euren Gedanken antworten werde. Aber Johannes hat ein der Wahrheit entsprechendes Zeugnis abgelegt, und ihr habt es nicht angenommen. Denn der Prophet sagt, daß Jesus von Nazareth der Sohn Gottes ist; ihr aber sagt – doch nur im Herzen, denn ihr fürchtet die Menschen – daß der Prophet ein Wahnsinniger ist, wie es auch Christus ist. Ich selbst jedoch erhalte kein Zeugnis vom Menschen, auch wenn es sich um den Heiligsten von Israel handelt; ich sage euch: er war die brennende und leuchtende Lampe, ihr aber habt nur für kurze Zeit ihr Licht genutzt. Als dieses Licht sich über mich verbreitet hat, um euch Christus erkennen zu lassen als das, was er ist, da habt ihr die Leuchte unter den Scheffel gestellt. Vorher habt ihr schon zwischen euch und dem Licht eine Mauer errichtet, um im Schein des Lichtes nicht den Gesalbten des Herrn erkennen zu müssen.

Ich bin Johannes für sein Zeugnis dankbar, und auch der Vater ist ihm dafür dankbar. Und Johannes wird großen Lohn für dieses sein Zeugnis erhalten. Er wird daher im Himmel leuchten. Als die erste Sonne wird er strahlen, strahlen wie alle, die der Wahrheit treu und hungrig nach der Gerechtigkeit gewesen sind. Aber ich habe noch ein größeres Zeugnis als das

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des Johannes, und das ist das Zeugnis meiner Werke. Denn die Werke, die der Vater mir zu erfüllen aufgetragen hat, verrichte ich, und diese bezeugen, daß der Vater mich gesandt und mir jede Macht gegeben hat. Und so ist es der Vater selbst, der mich gesandt hat, der zu meinen Gunsten Zeugnis ablegt.

Ihr habt seine Stimme nie vernommen noch sein Antlitz geschaut. Aber ich habe ihn gesehen und sehe ihn immer. Ich habe ihn gehört und höre ihn. In euch wohnt nicht sein Wort, weil ihr nicht an ihn glaubt, der mich gesandt hat.

Ihr forscht in der Schrift, weil ihr glaubt, durch ihre Kenntnis das ewige Leben erwerben zu können. Und ihr seht nicht, daß gerade die Schriften es sind, die von mir sprechen. Und warum wollt ihr immer noch nicht zu mir kommen, um das Leben zu besitzen? Ich sage es euch: wenn ihr etwas findet, das euren verknöcherten Ideen widerspricht, weist ihr es zurück. Es fehlt euch die Demut! Ihr bringt es nicht über euch, zu sagen: "Ich habe gefehlt; dieser oder dieses Buch sagen die Wahrheit, und ich bin im Irrtum." So habt ihr es mit Johannes getan, so mit den Schriften, so mit dem Wort, das zu euch spricht. Ihr könnt nicht mehr sehen und verstehen, weil ihr in eurem Hochmut eingehüllt und von euren eigenen Stimmen besessen seid.

Glaubt ihr, daß ich so zu euch spreche, weil ich von euch verherrlicht werden möchte? Nein, wißt, ich suche und nehme kein Lob von den Menschen an. Was ich suche und will, ist euer ewiges Heil. Das ist die Ehre, die ich suche. Mein Ruhm als Erlöser kann kein anderer sein als Erlöste zu haben, und ich werde um so größer sein, je mehr Erlöste ich habe. Das ist die Ehre, die mir gegeben werden muß von den geretteten Seelen und vom Vater und vom Heiligen Geist. Aber ihr werdet nicht gerettet werden. Ich habe euch erkannt wie ihr wirklich seid. Ihr habt keine Gottesliebe in euch. Ihr seid ohne Liebe. Und deswegen gelangt ihr nicht zur Liebe, die zu euch spricht, und deswegen geht ihr nicht ins Reich der Liebe ein. Dort seid ihr unbekannt. Der Vater kennt euch nicht, weil ihr mich nicht anerkennt, der ich im Vater bin. Ihr wollt mich nicht erkennen.

Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr habt mich nicht aufgenommen, während ihr bereit seid, einen jeden aufzunehmen, der im eigenen Namen kommt, vorausgesetzt, daß er euch nach dem Mund redet. Ihr sagt, daß in euren Seelen der Glaube zuhause ist. Nein, das ist nicht wahr. Wie könnt ihr glauben, ihr, die ihr um irdische Ehre bettelt, und nicht den Ruhm des Himmels sucht, der von Gott allein ausgeht? Den Ruhm, der die Wahrheit ist, und nicht ein Interessenspiel, das nicht über die weltlichen Dinge hinausgeht und nur der lasterhaften Menschlichkeit der entarteten Söhne Adams schmeichelt.

Ich werde euch beim Vater nicht anklagen. Denkt so etwas nie! Es ist schon einer da, der euch anklagt. Es ist Moses, auf den ihr hofft. Er wird

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euch vorwerfen, daß ihr nicht an ihn glaubt, weil ihr nicht an mich glaubt; denn er hat von mir gesprochen, und ihr erkennt mich nicht an dem, was er schriftlich hinterlassen hat. Ihr glaubt nicht an die Worte von Moses, der doch jener Große ist, bei dem ihr schwört! Wie könnt ihr an die Worte des Menschensohnes glauben, der für euch ein Gotteslästerer ist? Menschlich gesprochen ist das logisch. Aber hier befinden wir uns auf dem Gebiet des Geistes, und eure Seelen sind im Widerspruch zu ihm. Gott beobachtet sie im Licht meiner Werke, und er vergleicht eure Handlungen mit dem, was ich euch zu lehren gekommen bin. Und Gott richtet euch.

Ich gehe jetzt. Lange Zeit werdet ihr mich nicht wiedersehen. Wißt, daß dies kein Sieg ist, sondern eine Strafe. Gehen wir!»

Und Jesus durchschreitet die Menge, die teils verstummt ist, teils aus Furcht vor den Pharisäern beifällig flüstert, und entfernt sich.

267. IN BETHANIEN; «MEISTER, MARIA HAT MARTHA GERUFEN»

Jesus geht an einem wunderschönen Sommermorgen in Begleitung des Zeloten in den Garten des Lazarus. Die Morgenröte ist noch nicht erloschen und daher ist alles noch frisch und strahlend.

Der Gartendiener eilt herbei, um den Meister zu empfangen, weist auf den Zipfel eines weißen Gewandes hin, das hinter einer Hecke verschwindet, und sagt: «Lazarus geht mit Schriftrollen zur Jasminlaube, um zu lesen. Ich rufe ihn sofort.»

«Nein, ich gehe selbst zu ihm! Ganz allein.»

Und Jesus folgt behende einem Pfad, der von blühenden Hecken eingesäumt ist. Das Gras am Wegrand dämpft das Geräusch der Schritte, und Jesus sucht gerade auf diesem zu gehen, um Lazarus zu überraschen.

Das gelingt ihm auch. Lazarus steht aufrecht da, die Schriftrollen auf einem Marmortisch ausgebreitet, und betet mit lauter Stimme: «Enttäusche mich nicht, o Herr. Laß sie wachsen, diese Hoffnung, die in meinem Herzen entsprungen ist. Gewähre mir, um was ich dich unter Tränen zehn- und hundertmal gebeten habe. Das, um das ich dich auch mit meinen Handlungen, meinem Verzeihen und meinem ganzen Ich gebeten habe! Gib es mir und nimm mein Leben dafür! Gib es mir im Namen deines Jesu, der mir den Frieden versprochen hat. Kann er je die Unwahrheit sagen? Soll ich annehmen, daß sein Versprechen nur leeres Wort war? Ist denn seine Macht geringer als der Sündenabgrund meiner Schwester? Sage es mir, Herr, und ich werde mich um deiner Liebe willen damit abfinden ...»

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«Ja, ich sage es dir!» sagt Jesus.

Lazarus wendet sich mit einem Ruck um und ruft: «Oh, mein Herr! Aber wann bist du gekommen?» Dann beugt er sich nieder, um das Gewand Jesu zu küssen.

«Vor einigen Minuten.»

«Allein?»

«Mit Simon dem Zeloten. Aber hierher, wo du bist, wollte ich allein gehen. Ich weiß, daß du mir etwas Wichtiges zu sagen hast. Sage es mir also.»

«Nein! Antworte mir zuerst auf die Fragen, die ich an Gott richte. Entsprechend deiner Antwort werde ich es dir sagen.»

«Sage sie mir, sage sie mir, diese deine große Neuigkeit. Du kannst sie mir sagen ...» Und Jesus lächelt, während er in einladender Weise seine Arme ausbreitet.

«Allerhöchster Gott! Aber ist es wirklich wahr? Du weißt also, daß es wahr ist?!» und Lazarus sinkt Jesus in die Arme, um ihm seine wichtige Neuigkeit anzuvertrauen.

«Maria hat Martha nach Magdala gerufen. Und Martha ist besorgt abgereist, da sie fürchtete, daß etwas Schlimmes vorgefallen sei... Ich bin hier mit der gleichen Angst zurückgeblieben. Aber Martha hat mir durch den sie begleitenden Diener einen Brief zukommen lassen, der mich mit Hoffnung erfüllt. Schau, ich habe ihn hier an meiner Brust. Ich bewahre ihn hier auf, denn er ist mir der kostbarste Schatz. Es sind nur wenige Worte, aber ich lese sie immer wieder, um sicher zu sein, daß sie wirklich geschrieben worden sind. Schau ...» Lazarus nimmt eine kleine Schriftrolle, die mit einem violetten Band gebunden ist, aus seinem Gewand und öffnet sie. «Siehst du? Lies, lies! Mit lauter Stimme. Von dir vorgelesen, überzeugen die Worte mich mehr!»

«"Lazarus, mein Bruder. Friede und Segen sei über dich. Ich bin schnell und gut angekommen. Und mein Herz schlägt nicht mehr aus Furcht vor neuem Unglück, denn ich habe Maria gesehen, unsere Maria, gesund und... darf ich es dir sagen? ... in ihrem Aussehen nicht mehr so zügellos wie vorher. Sie hat an meinem Herzen geweint. Heftig geweint... Und dann in der Nacht, im Zimmer, in das sie mich geführt hatte, hat sie mich viele Dinge über den Meister gefragt. Ich will dir nicht mehr darüber sagen; aber da ich das Antlitz von Maria gesehen und ihre Worte gehört habe, ist in meinem Herzen eine Hoffnung erwacht. Bete, Bruder! Hoffe! Oh! Möchte es doch wahr sein! Ich bleibe noch etwas, denn ich fühle, daß sie mich in ihrer Nähe haben will, als Schutz gegen die Versuchung. Und um zu lernen... Was? Das, was wir schon kennen. Die unendliche Güte Jesu. Ich habe ihr von jener Frau erzählt, die nach Bethanien gekommen ist... Ich sehe, daß Maria nachdenkt und nachdenkt... Jesus müßte hier sein. Bete. Hoffe. Der Herr sei mit dir."» Jesus legt die Rolle zusammen und gibt sie Lazarus zurück.

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«Meister ...»

«Ich werde hingehen. Kannst du Martha benachrichtigen, daß sie mir in ungefähr vierzehn Tagen bis nach Kapharnaum entgegenkommen soll?»

«Das ist möglich, Herr. Und ich?»

«Du bleibst hier, denn auch Martha werde ich hierher schicken.»

«Warum?»

«Weil Bekehrungen mit tiefer Scham verbunden sind. Und nichts ist beschämender als das Auge der Eltern oder der Geschwister. Ich sage dir darum: "Bete, bete, bete!"»

Lazarus weint an der Brust Jesu... Nachdem er sich beruhigt hat, erzählt er von seiner Aufregung und seinen Entmutigungen...

«Es ist fast ein Jahr, daß ich hoffe... und verzweifle... Wie lange dauert die Zeit der Auferstehung! ...» ruft er aus. Jesus läßt ihn reden, reden, reden... bis Lazarus merkt, daß er seine Pflicht der Gastfreundschaft vernachlässigt, und sich erhebt, um Jesus ins Haus zu bitten. Auf dem Weg kommen sie an einer dichten Hecke blühenden Jasmins vorbei, auf dessen sternförmigen Blüten goldfarbene Bienen schwirren.

«Ah! Ich vergaß dir zusagen... Der alte Patriarch, den du mir geschickt hast, ist in den Schoß Abrahams zurückgekehrt. Maximinus hat ihn hier sitzend vorgefunden, das Haupt an diese Hecke gestützt, als ob er bei den Bienenstöcken eingeschlafen wäre, die er immer versorgt hat, als ob es Häuser voll goldener Kinder wären. Er nannte die Bienen Kinder. Es schien, als verständen sie sich gegenseitig.

Und als Maximinus den im Frieden des guten Gewissens entschlafenen Greis fand, schien er mit einem kostbaren Schleier kleiner goldener Körper bedeckt zu sein. Alle Bienen hatten sich auf ihrem Freund niedergelassen. Die Diener hatten große Mühe, sie zu entfernen. Er war so gut, daß er den Bienen Honig zu sein schien... Er war so tugendhaft; für die Bienen wie eine unbefleckte Blüte... Es war für mich sehr schmerzhaft. Ich hätte ihn noch gerne länger in meinem Haus behalten. Er war ein Gerechter ...»

«Beweine ihn nicht. Er ist im Frieden, und in seinem Frieden betet er für dich, der du ihm die letzten Tage erhellt hast. Wo ist er begraben?»

«Im Hintergrund des Gartens. Ganz in der Nähe seiner Bienenstöcke. Komm, ich will dich hinführen ...»

Sie gehen durch einen kleinen Wald von wachshaltigen Lorbeerbäumen zu den Bienenstöcken, von denen ein emsiges Gesumme zu ihnen dringt...

23. Juli, 8 Uhr, vormittags.

Es ist ein gar bleicher Judas, der vom Wagen steigt zusammen mit der Madonna und den Jüngerinnen, also den Marien, Johanna und Elisa...

... Aufgrund des Durcheinanders, der diesen Morgen in meinem Haus geherrscht hat, habe ich nicht schreiben können, während ich die Schauung hatte, und daher kann ich jetzt,

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gegen 18 Uhr, nur sagen, daß ich begriffen und gehört habe, daß der genesende Judas zu Jesus zurückkehrt und daß er sich in Gethsemane befindet mit Maria, die ihn gepflegt hat, und mit Johanna, die darauf besteht, daß die Frauen und der Genesende mit dem Wagen nach Galiläa zurückkehren. Jesus ist damit einverstanden und ordnet an, daß auch der Knabe mit ihnen reise. Johanna und Elisa bleiben noch einige Tage in Jerusalem; dann wird Elisa nach Bethsur und Johanna nach Bether zurückkehren. Ich erinnere mich, daß Elisa sagte: «Jetzt habe ich den Mut, dorthin zurückzukehren, weil mein Leben nicht mehr sinnlos ist. Ich werde dafür sorgen, daß meine Freunde dich lieben.» Und ich erinnere mich, daß Johanna hinzufügte: «Dasselbe will ich auf meinen Ländereien tun, solange Chuza mich hierläßt. Das wird immer ein Dir-Dienen sein, obwohl ich es vorzöge, dir zu folgen.»

Ich erinnere mich auch, daß Judas sagte, er habe sich nicht einmal in den schlimmsten Stunden seiner Krankheit nach seiner Mutter gesehnt, weil, wie er sagte: «Deine Mutter mir eine wahre, gütige und liebevolle Mutter gewesen ist, was ich ihr niemals vergessen werde.»Das Übrige ist wirr (was die Worte betrifft), und daher will ich es nicht sagen; denn es wären meine Worte und nicht die Worte der Personen, die in der Vision sprechen.

268. MARGZIAM WIRD PORPHYRIA, DER FRAU DES PETRUS, ANVERTRAUT

Jesus ist zusammen mit seinen Aposteln auf dem See von Galiläa. Es ist früher Morgen. Alle Apostel sind anwesend. Auch Judas, der nun vollkommen geheilt ist und nach der Krankheit und dank der Pflege einen milderen Gesichtsausdruck hat. Margziam ist ebenfalls dabei, etwas beeindruckt von seinem ersten Aufenthalt auf dem Wasser. Er will es nicht merken lassen, aber bei jedem stärkeren Wellenstoß umklammert er mit einem Arm den Hals des Schafes, das seine Furcht teilt und jämmerlich blökt, während der andere Arm nach dem greift, was er gerade fassen kann: Mastbaum, Bänke, Ruder oder auch ein Bein des Petrus, des Andreas oder der Schiffsjungen, die vorübergehen. Er schließt dabei die Augen, vielleicht in der Überzeugung, daß seine letzte Stunde gekommen sei.

Petrus sagt ihm bisweilen mit einem kleinen Klaps auf die Wangen: «Hast du etwa Angst, he? Ein Jünger darf nie Furcht haben.» Das Kind verneint mit einer Kopfbewegung. Da jedoch der Wind stärker und das Wasser unruhiger werden, je mehr das Boot sich der Jordanmündung nähert, klammert es sich fester an und schließt öfter die Augen, bis ihm bei einem plötzlichen Schiefliegen des Bootes infolge einer Flutwelle ein Angstschrei entschlüpft.

Einige lachen und scherzen über Petrus, der einen Sohn angenommen hat, der nicht in einem Boot aufrecht stehen kann; andere scherzen über Margziam, der immer davon spricht, daß er über Land und Meer reisen will, um von Jesus zu predigen, und sich dann fürchtet, wenn er einige Stadien auf dem See zurücklegen muß. Aber Margziam verteidigt sich mit den Worten: «Ein jeder hat Furcht vor den Dingen, die er nicht kennt. Ich vor dem Wasser, und Judas vor dem Tod...»

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Ich schließe daraus, daß Judas große Furcht vor dem Sterben haben muß, und ich wundere mich, daß er nicht auf die Bemerkung eingeht und nur sagt: «Das hast du gut gesagt. Man fürchtet sich vor dem, was man nicht kennt. Jetzt aber sind wir am Ziel. Bethsaida ist nur wenige Stadien entfernt. Du darfst sicher sein, daß du hier Liebe finden wirst. Auch ich möchte meinem väterlichen Haus nahe sein, um sicher zu gehen, Liebe zu finden!» Er sagt es müde und traurig.

«Hast du kein Gottvertrauen?» fragt Andreas erstaunt.

«Nein, ich mißtraue mir selbst. In diesen Tagen der Krankheit, umgeben von vielen reinen und guten Frauen, habe ich mich so klein gefühlt! Viel habe ich da nachgedacht! Ich sagte mir: "Wenn sie noch arbeiten, um besser zu werden und den Himmel zu erwerben, was muß ich dann wohl tun?" Denn sie, die mir schon alle als Heilige erscheinen, fühlten sich noch Sünderinnen. Und ich? ... Werde ich dies jemals erreichen, Meister ?»

«Mit gutem Willen kann man alles!»

«Aber mein Wille ist sehr unvollkommen.»

«Die Hilfe Gottes kann das Fehlende ergänzen, um heilig zu werden. Deine augenblickliche Demut stammt aus der Krankheit. Du siehst also, daß der gute Gott dafür gesorgt hat, dir mittels eines schmerzlichen Zwischenfalles etwas zu geben, was du vorher nicht kanntest.»

«Es ist wahr, Meister. Aber diese Frauen! Was für vollkommene Schülerinnen! Von deiner Mutter ganz zu schweigen. Man kennt sie! Ich meine die anderen. Oh, die sind uns wahrlich überlegen! Ich bin eines der ersten Beispiele für ihre künftige Mission. Aber glaube mir, Meister, du kannst dich auf sie verlassen. Ich und Elisa waren in ihrer Pflege; sie ist mit geheiltem Gemüt nach Bethsur zurückgekehrt, und ich hoffe, ich hoffe, mich zu bessern, nachdem sie an meiner Seele gearbeitet haben ...» Judas, noch geschwächt, beginnt zu weinen. Jesus, der sich neben ihn gesetzt hat, legt die Hand auf sein Haupt und gibt den anderen ein Zeichen, nicht zu reden.

Petrus und Andreas sind sehr mit den letzten Landungsmanövern beschäftigt und sprechen nicht, und auch der Zelote, Matthäus, Philippus und Margziam sind nicht versucht, zu reden, teils wegen der ängstlichen Erwartung der Landung, teils aus Klugheit.

Die Barke lenkt in die Mündung des Jordan ein und liegt bald fest auf dem Kies. Während die Burschen aussteigen, um sie an einem großen Stein zu befestigen und das Brett, das als Landebrücke dient, anzubringen, legen Petrus und Andreas ihre langen Gewänder an. Die andere Barke macht dasselbe Landungsmanöver, und die anderen Apostel steigen aus. Auch Jesus und Judas steigen aus, während Petrus dem Knaben das Gewand anzieht und ihn in Ordnung bringt, um ihn seiner Frau vorzustellen.

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Jetzt sind alle an Land, die Lämmer eingeschlossen.

«Und nun gehen wir», sagt Petrus, aufgeregt. Er nimmt den ebenfalls aufgeregten Knaben bei der Hand, der sogar die Schäflein vergißt, deren sich nun Johannes annimmt. Der Knabe fragt in einem plötzlichen Anfall von Angst: «Aber wird sie mich auch haben wollen? Und wird sie mich wirklich liebhaben?» Petrus beruhigt ihn; doch vielleicht überträgt sich die Angst auch auf ihn, denn er sagt zu Jesus: «Sprich du, Meister, mit Porphyria. Ich glaube, daß ich es nicht gut sagen würde.» Jesus lächelt, verspricht jedoch, daß er sich der Sache annehmen will. Dem kiesigen Ufer folgend ist das Haus bald erreicht. Durch die offene Tür hört man, daß Porphyria gerade ihre häuslichen Arbeiten verrichtet.

«Der Friede sei mit dir!» sagt Jesus, der sich an der Küchentüre zeigt, wo die Frau gerade ihr Geschirr in Ordnung bringt.

«Meister! Simon!» Die Frau eilt herbei, um sich Jesus und ihrem Ehemann zu Füßen zu werfen. Dann steht sie auf und sagt mit ihrem gutmütigen, wenn auch nicht schönen Gesicht, errötend: «Wie sehr habe ich mich nach euch gesehnt! Seid ihr alle wohlauf? Kommt! Kommt! Ihr werdet müde sein ...»

«Nein! Wir kommen von Nazareth, wo wir einige Tage verbracht haben, und in Kana haben wir nochmals haltgemacht. In Tiberias lagen die Barken. Du siehst, daß wir nicht müde sind. Wir haben ein Kind bei uns. Und Judas des Simon ist immer noch von seiner Krankheit geschwächt.»

«Ein Kind? Einen kleinen Jünger?»

«Ein Waisenkind, das wir auf dem Weg mitgenommen haben.»

«Oh, Liebling! Komm Schatz, laß mich dich küssen!»

Der Knabe, der sich schüchtern halb hinter Jesus versteckt hatte, läßt sich ohne Widerstreben von der Frau umarmen und küssen, die niedergekniet ist, um auf der gleichen Höhe zu sein.

«Und nun nehmt ihr ihn immer mit euch, obwohl er noch so klein ist? Das wird ihn ermüden ...» Die Frau hat Mitleid mit dem Kind. Sie umarmt es und legt ihre Wange an die seine.

«Eigentlich hatte ich eine andere Absicht. Ich wollte ihn einer Jüngerin anvertrauen, wenn wir uns von Galiläa und vom See entfernen ...»

«Warum nicht mir? Ich habe nie Kinder gehabt. Dafür aber Neffen und Nichten, und ich weiß mit Kindern umzugehen. Ich bin die Jüngerin, die nicht zu reden versteht, und die nicht so kräftig und gesund ist, um dir wie die anderen folgen zu können. Oh, du weißt es! Ich bin auch wankelmütig; aber du weißt, in welcher Klemme ich mich befinde. Habe ich Klemme gesagt? Ich bin zwischen zwei Stricken, die mich in entgegengesetzte Richtungen ziehen, und ich habe nicht den Mut, einen von den beiden zu durchschneiden. Laß mich dir wenigstens in etwas dienen und die Mama-Jüngerin dieses Kindes sein. Ich werde ihm alles beibringen, was die vielen anderen lehren... dich zu lieben! ...»

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Jesus legt ihr die Hand aufs Haupt, lächelt und sagt: «Wir haben das Kind hierhergebracht, weil es hier eine Mutter und einen Vater finden soll. Sieh her, jetzt bilden wir die Familie.» Und Jesus legt die beiden Hände des Margziam in die Hand des Petrus, der mit glänzenden Augen dasteht, und in die Hand der Porphyria: «Erzieht mir diesen Unschuldigen heiligmäßig!»

Petrus weiß ja schon Bescheid; deshalb beschränkt er sich darauf, mit dem Handrücken eine Träne abzuwischen. Seine Frau aber, die diese Überraschung nicht erwartet hat, bleibt eine Weile stumm vor Staunen. Dann kniet sie wiederum nieder und sagt: «Oh, mein Herr! Du hast mir meinen Mann genommen und mich fast zur Witwe gemacht. Nun aber gibst du mir einen Sohn... Du gibst meinem Leben alle Rosen zurück; nicht nur jene, die du mir genommen hast, sondern auch andere, die ich nie besessen habe. Sei darum gepriesen! Mehr als ein eigenes soll mir dieses Kind lieb sein, denn es kommt von dir!» Und die Frau küßt das Gewand Jesu, küßt das Kind und setzt es sich auf den Schoß. Sie ist glücklich...

«Überlassen wir sie nun ihren Gefühlsergüssen», sagt Jesus.

«Bleibe auch du hier, Simon. Wir wollen in die Stadt gehen, um zu predigen. Wir werden am späten Abend zurückkommen und dich um Speise und ein Lager bitten.»

Jesus geht mit seinen Aposteln hinaus, und die drei bleiben im Frieden zurück...

Johannes sagt: «Mein Herr, Simon ist heute selig!»

«Möchtest du auch ein Kind?»

«Nein! Ich möchte nur ein Paar Flügel, die mich bis an die Pforte des Himmels tragen, und ich möchte die Sprache des Lichtes erlernen, um sie den Menschen wiederholen zu können», und er lächelt.

Sie bringen die Schafe im Hintergrund des Gartens, beim Schuppen der Netze unter, geben ihnen Blätter und Gras und dazu Wasser aus dem Brunnen. Dann begeben sie sich in die Stadt.

269. JESUS SPRICHT IN BETHSAIDA

Jesus spricht vom Haus des Philippus aus. Viel Volk ist dort vor Jesus versammelt, der aufrecht auf der Schwelle steht, zu welcher zwei hohe Stufen führen.

Die Neuigkeit vom Adoptivsohn des Petrus, der mit seinem kleinen Reichtum von drei Schäflein gekommen ist und den großen Reichtum einer Familie vorgefunden hat, hat sich wie ein Tropfen Öl auf einem Gewebe ausgebreitet. Alle reden davon und flüstern, je nach ihrer

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Denkungsart, die entsprechenden Bemerkungen. Wer Petrus und Porphyria gut gesinnt ist, teilt ihre Freude. Der Mißgünstige sagt: «Damit sie ihn annehmen, mußte er ihn mit einer Mitgift ausstatten.» Der Gutgesinnte sagt: «Wir wollen alle diesen Kleinen lieben, den Jesus liebt.» Der Bösartige meint: «Die Großmut des Petrus! Aber sicher! Er wird gewiß einen Gewinn daraus schlagen, andernfalls! ...»

Andere Habgierige: «Auch ich hätte es getan, wenn ich die drei Schäflein zum Kind dazubekommen hätte. Drei, habt ihr verstanden?! Das gibt eine kleine Herde. Und schön sind sie! Wolle und Milch sind gesichert; man kann die Lämmlein verkaufen oder aufziehen! Jedenfalls ein Reichtum! Der Junge kann dienen, kann arbeiten ...»

Andere erheben laut die Stimme: «Oh, Schande! Sich eine Wohltat bezahlen lassen? Simon hat bestimmt nicht daran gedacht. In seiner bescheidenen Wohlhabenheit als Fischer haben wir ihn immer als großherzig den Armen und besonders den Kindern gegenüber gekannt. Es ist nur recht und billig, daß er jetzt, da er weniger durch den Fischfang verdient und eine Person mehr in der Familie hat, auf andere Weise noch etwas dazuverdient.»

Während so ein jeder seine Bemerkung macht, indem er aus seinem eigenen Herzen hervorzieht, was an Gutem oder Bösem darin verborgen ist und es in Worte kleidet, unterhält sich Jesus mit jemandem aus Kapharnaum, der ihn bittet, sobald als möglich in diese Stadt zu kommen, da die Tochter des Synagogenvorstehers im Sterben liege und außerdem seit einigen Tagen eine von einer Dienerin begleitete Dame nach ihm suche. Jesus verspricht, am nächsten Morgen hinzugehen. Das betrübt die Leute von Bethsaida, die ihn gerne einige Tage in ihrer Mitte sehen würden.

«Ihr braucht mich weniger als die anderen. Laßt mich gehen! Übrigens werde ich während des Sommers in Galiläa bleiben und oft in Kapharnaum sein. Wir werden uns leicht sehen können. Dort befinden sich ein Vater und eine Mutter in Ängsten. Die Liebe verlangt, ihnen zu helfen. Ihr lobt die Güte Simons gegenüber einem Waisenkind, wenigstens die Guten unter euch. Nur das Urteil der Guten hat einen Wert. Den Bösen, mit ihren von Gift und Lüge gefärbten Ansichten, soll man kein Gehör schenken. So müßt ihr Guten auch meine Güte billigen und mich hingehen lassen, um einen Vater und eine Mutter von ihrem Kummer zu befreien. Sorgt dafür, daß eure Zustimmung nicht unfruchtbar bleibt, sondern zur Nachahmung anspornt.

Wieviel Gutes durch eine gute Tat entstehen kann, sagen euch die Seiten der Schrift. Denken wir an Tobias. Er hat es verdient, daß der Erzengel den jungen Tobias in seinen Schutz nahm und ihn anleitete, dem Vater das Augenlicht wiederzugeben. Doch wieviel rechte Nächstenliebe ohne eigene Interessen hat der rechtschaffene Tobias geübt, trotz der tadelnden Worte seiner Frau und der Gefahren für sein Leben! Und erinnert euch

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der Worte des Erzengels: "Eine gute Sache ist, verbunden mit Fasten und Almosengeben, Gebet: es ist mehr wert als Berge von Goldschätzen, denn das Almosen befreit vom Tod, reinigt von den Sünden, läßt Barmherzigkeit und das ewige Leben finden... Als du unter Tränen gebetet und die Toten begraben hast... habe ich deine Gebete zum Herrn getragen."

Wahrlich ich sage euch, mein Simon wird in vielen Dingen die Tugenden des alten Tobias übertreffen. Er wird wie ein Vormund eurer Seelen in meinem Leben sein, wenn ich gegangen bin. Jetzt beginnt er mit seiner Vaterschaft für die Seelen, um morgen der heilige Vater aller mir treu ergebenen Seelen zu sein. Murrt daher nicht! Aber wenn ihr eines Tages ein Waisenkind wie einen aus dem Nest gefallenen Vogel auf eurem Weg findet, nehmt es auf. Der Bissen Brot, den ihr mit einem Waisenkind teilt, wird das Mahl der eigenen Kinder nicht schmälern; vielmehr bringt das Waisenkind dem Haus den Segen Gottes. Tut dies, da Gott der Vater der Waisen ist und sich in ihnen anbietet, und helft ihnen, das Nest wieder herzurichten, das der Tod zerzaust hat. Tut dies, weil es das Gesetz vorschreibt, das Moses, der unser Gesetzgeber ist, von Gott bekommen hat. Er hat im Land der Feinde und der Götzen als Kind ein erbarmungsvolles Herz gefunden, das ihn vor dem Tod bewahrt, das ihn aus dem Wasser gezogen und vor den Verfolgungen beschützt hat, weil Gott ihn dazu bestimmt hatte, dereinst der Befreier Israels zu sein. Ein Akt der Barmherzigkeit hat Israel den Führer geschenkt. Die Folgen einer guten Tat sind wie Tonwellen, die sich vom Sendepunkt ausbreiten, oder, wenn euch das besser gefällt, wie der Wind, der verlorene Samenkörner fern auf fruchtbare Erdschollen trägt. Geht nun. Der Friede sei mit euch!»

270. DIE BLUTFLÜSSIGE FRAU UND DIE TOCHTER DES JAIRUS

Jesus befindet sich auf einer sonnenbeschienenen, staubigen Straße, die am Ufer des Sees entlang führt. Er geht auf eine Ortschaft zu, in der ihn eine große Menschenmenge erwartet, die ihn sofort umringt, obgleich die Apostel mit Armen und Schultern arbeiten, um ihm Raum zu schaffen und mit lauter Stimme das Volk auffordern, Platz zu machen.

Doch Jesus ist keineswegs wegen dieses großen Durcheinanders beunruhigt. Einen Kopf größer als die Menge, die ihn umgibt, schaut er mit sanftem Lächeln auf die ihn Umdrängenden, erwidert ihre Grüße, liebkost das eine oder andere Kind, dem es gelingt, sich durch die Menge der Erwachsenen zu nähern, und legt seine Hand auf die Köpfchen der Säuglinge, welche die Mütter ihm über die Köpfe der Umstehenden entgegenhalten, damit er sie berühre. Inzwischen geht er weiter, langsam und

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geduldig inmitten des Geschreies und des ständigen Gedränges, das jeder andere als lästig empfinden würde.

Eine Männerstimme ruft: «Macht Platz, macht Platz!» Es ist eine kummervolle Stimme, die jedoch von vielen erkannt und als die einer einflußreichen Person geachtet wird; denn die Menge weicht auseinander, nur mit Mühe, weil sie so dicht gedrängt steht, und läßt einen Mann um die Fünfzig durch, der mit einem langen, wallenden Gewand und einem weißen Kopftuch, dessen Zipfel längs des Gesichtes und den Rücken hinunterfallen, daherkommt.

Bei Jesus angelangt, wirft er sich ihm zu Füßen und sagt: «Oh, Meister, weshalb bist du so lange weggewesen? Mein Töchterlein ist sehr krank. Keinem gelingt es zu helfen. Du allein bist meine und seiner Mutter Hoffnung. Komm, Meister! Ich habe dich mit unendlicher Sehnsucht erwartet. Komm, komm schnell! Mein einziges Kind liegt im Sterben ...» und er weint.

Jesus legt seine Hände auf das Haupt des Weinenden, auf das gebeugte und vom Schluchzen geschüttelte Haupt, und antwortet: «Weine nicht! Habe Vertrauen! Dein Töchterlein wird leben. Wir wollen zu ihm gehen. Steh auf! Gehen wir!» Diese beiden letzten Worte klingen wie ein Befehl. Zuvor war er der Tröster. Jetzt ist es der Herrscher, der spricht.

Sie setzen sich in Bewegung. Jesus hat den weinenden Vater an der Seite und hält ihn an der Hand. Als ein lautes Schluchzen den starken Mann schüttelt, sehe ich, wie Jesus ihn anblickt und ihm die Hand drückt. Er tut nichts anderes, aber wieviel Kraft muß in eine Seele einfließen, wenn sie sich von Jesus betreut fühlt! Vorher war Jakobus an der Stelle des Vaters gewesen. Aber Jesus hat ihn aufgefordert, dem armen Vater seinen Platz zu überlassen. Petrus ist auf der anderen Seite. Johannes geht neben Petrus und sucht mit ihm einen Damm gegen den Andrang der Menge zu bilden. Dasselbe tun Jakobus und Iskariot auf der anderen Seite, auf der sich der weinende Vater befindet. Die übrigen Apostel sind teils vor, teils hinter Jesus. Doch mit geringem Erfolg. Besonders den dreien hinter ihnen, unter welchen ich Matthäus erkenne, gelingt es kaum, die lebende Mauer zurückzudrängen. Aber als sie zu murren und die aufgeregte Menge zu beschimpfen anfangen, wendet Jesus das Haupt und sagt sanft: «Laßt diese meine Kleinen nur gewähren! ...»

In einem gewissen Augenblick jedoch dreht er sich plötzlich um, läßt sogar die Hand des Vaters los und bleibt stehen. Er wendet nicht nur das Haupt, sondern macht mit dem ganzen Körper kehrt. Er scheint auch viel größer, denn er hat eine königliche Haltung angenommen. Mit strengem und forschendem Blick prüft er die Menge. Seine Augen haben ein nicht hartes, sondern majestätisches Leuchten. «Wer hat mich berührt?» fragt er.

Niemand gibt Antwort.

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«Wer hat mich berührt, wiederhole ich?» besteht Jesus auf seiner Frage.

«Meister», antworten die Jünger, «siehst du nicht, wie die Menge dich von allen Seiten umdrängt? Alle berühren dich, trotz all unserer Anstrengungen.»

«Wer hat mich berührt, um ein Wunder zu erhalten, will ich wissen. Ich habe gespürt, daß Wunderkraft von mir ausgegangen ist; denn ein gläubiges Herz hat danach verlangt. Wer ist es?»

Die Augen Jesu blicken, während er redet, zwei- oder dreimal auf eine kleine Frau von etwa vierzig Jahren, die ärmlich gekleidet ist und sehr abgehärmt aussieht. Sie versucht in der Menge zu verschwinden und zu entkommen. Aber diese Augen müssen auf ihr brennen. Sie begreift, daß ein Entkommen unmöglich ist, kehrt zurück und wirft sich Jesus zu Füßen, das Gesicht beinah im Staub und die Hände emporstreckend, ohne jedoch Jesus zu berühren.

«Verzeihung! Ich bin es. Ich war krank. Zwölf Jahre war ich krank! Alles ist vor mir geflohen. Mein Mann hat mich verlassen. Ich habe mein ganzes Hab und Gut aufgewandt, um nicht der Abscheu meiner Mitmenschen zu sein; um leben zu können wie alle anderen. Aber niemand hat mich heilen können. Siehst du, Meister? Ich bin vor der Zeit gealtert. Die Kraft ist von mir gewichen mit meinem unheilbaren Blutfluß und auch der Friede. Man hat mir gesagt, daß du gut bist. Ein Aussätziger, der durch dich geheilt worden ist, hat es mir gesagt; die Menschen haben ihn viele Jahre hindurch gemieden; er hatte keinen Abscheu vor mir. Ich habe nicht gewagt, es dir vorher zu sagen. Darum bitte ich dich um Verzeihung. Ich habe mir gedacht, daß ich dich nur zu berühren brauche, um geheilt zu werden. Ich habe dich aber nicht unrein gemacht. Ich habe kaum den Saum deines Gewandes angefaßt, dort, wo er die Erde berührt, den Schmutz am Boden... Ich bin auch nur Schmutz... Aber ich bin geheilt, und du sollst gepriesen sein! In dem Augenblick, da ich dein Kleid berührte, ist das Übel von mir gewichen. Ich bin wieder wie alle! Nun werde ich nicht mehr von allen verabscheut werden. Mein Mann, meine Kinder, meine Verwandten können jetzt bei mir sein, und ich werde sie liebkosen dürfen. Ich werde wieder im Haus nützlich sein. Danke Jesus, guter Meister! Du sollst in Ewigkeit gepriesen sein!»

Jesus betrachtet sie mit unendlicher Güte. Er lächelt ihr zu und sagt zu ihr: «Geh in Frieden, Tochter! Dein Glaube hat dir geholfen! Sei für immer geheilt. Sei gut und glücklich. Geh!»

Während er noch spricht, kommt ein Mann herbei, anscheinend ein Knecht, der sich an den Vater wendet. Dieser ist die ganze Zeit in einer ehrfürchtigen Erwartung neben Jesus gewandelt, obgleich er ein gequältes Gesicht hat als stände er auf heißen Kohlen. «Deine Tochter ist tot! Es ist zwecklos, weiterhin den Meister zu belästigen. Sie hat den Geist

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aufgegeben, und die Frauen halten schon die Totenklage. Die Mutter läßt dir dies sagen und dich bitten, sofort zu kommen.»

Der arme Vater schluchzt laut. Er führt seine Hände zur Stirne, drückt sich die Augen zu und krümmt sich, wie von einem Hieb getroffen.

Jesus, der aufmerksam mit der Frau gesprochen hat und anderes zu sehen und zu hören scheint, dreht sich jetzt um, legt seine Hand auf die gebeugten Schultern des armen Vaters und sagt: «Mann, ich habe es dir doch gesagt, habe Glauben! Ich wiederhole, habe Glauben! Hab keine Angst, dein Kind wird leben. Gehen wir zu ihm.» Und er geht weiter und drückt den vernichteten Mann an sich. Die Menge bleibt vor diesem Schmerz und der bereits erfolgten Heilung erschrocken stehen, teilt sich, läßt Jesus und die Seinen ungehindert durch und folgt wie Kielwasser der Gnade, die vorausgeht.

Sie gehen etwa hundert Meter, vielleicht auch mehr – ich kann es nicht gut schätzen – und kommen immer näher zur Stadtmitte. Eine große Menge hat sich vor einem bürgerlichen Haus versammelt. Mit lauten Stimmen wird der Todesfall im Haus beklagt und auf die lauten Rufe geantwortet, die aus der weitgeöffneten Tür kommen. Es sind schrille, auf einer Höhe bleibende Töne, und sie scheinen von einer beherrschenden Stimme vorgetragen und von einer Gruppe schwacher und einer Gruppe stärkerer Stimmen beantwortet zu werden. Ein Lärm, der auch Gesunde umzubringen imstande ist.

Jesus gibt den Seinen die Weisung, vor dem Ausgang stehenzubleiben, und ruft Petrus, Jakobus und Johannes zu sich. Mit ihnen geht er in das Haus, den weinenden Vater immer noch am Arm festhaltend.

Es scheint, daß er ihm die Gewißheit geben will, daß er da ist, und ihn glücklich machen möchte mit dieser Umklammerung. Die Klagenden (ich würde sie eher die Heulenden nennen) verdoppeln ihr Geschrei beim Anblick des Hausvaters und des Meisters. Sie klatschen in die Hände, hauen auf die Pauken, schlagen an die Triangeln und auf diese... Musik stützen sie ihr Gejammer.

«Schweigt!» sagt Jesus. «Hier ist kein Grund zum Weinen. Das Mädchen ist nicht gestorben, es schläft nur!»

Die Frauen stoßen noch stärkere Schreie aus, und einige wälzen sich auf der Erde, zerkratzen sich, reißen sich die Haare aus (oder besser gesagt, tun so als ob ... ), um zu beweisen, daß die Tochter wirklich tot ist. Die Musikanten und die Freunde schütteln den Kopf über die Illusion Jesu. Aber er wiederholt: «Schweigt», und zwar in einem so energischen Ton, daß der Lärm zwar nicht aufhört, doch sehr abnimmt. Dann schreitet er weiter vorwärts.

Er betritt eine kleine Kammer. Auf dem Lager liegt ein totes Mädchen ausgestreckt. Mager und totenbleich liegt es mit sorgfältig geordneten Haaren, bekleidet da. Die Mutter steht weinend auf der rechten Seite des

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Bettes und hält die wächserne Hand der Toten. Jesus! ... Oh, wie schön ist er jetzt! So habe ich ihn selten gesehen! Jesus nähert sich eilig. Es scheint, als schwebe er über dem Boden, so schnell eilt er auf das Bettlein zu.

Die drei Apostel stehen an der Türe und schließen sie vor den Augen der Neugierigen. Der Vater bleibt am Fußende des Bettes stehen.

Jesus geht auf die linke Seite des Lagers, streckt seine linke Hand aus und erfaßt damit das leblose Händchen des Kindes. Die linke Hand. Ich habe es gut gesehen. Es ist sowohl die linke Hand Jesu als auch die linke Hand des Kindes. Er hebt den rechten Arm und bringt die geöffnete Hand bis zur Schulterhöhe. Schließlich senkt er sie, mit einer Geste, die einem Schwur oder einem Befehl entsprechen könnte. Er sagt: «Mädchen, ich sage dir, steh auf!»

Für einen Augenblick sind alle, mit Ausnahme Jesu und des Mädchens, überrascht. Die Apostel recken die Hälse, um besser sehen zu können. Der Vater und die Mutter schauen mit traurigen Augen auf ihr Kind. Nur einen Augenblick. Dann hebt ein Atemzug die Brust der kleinen Toten. Eine leichte Röte breitet sich über das wachsbleiche Gesicht; die Totenblässe schwindet. Ein schwaches Lächeln spielt auf den noch bleichen Lippen, bevor die Augen sich öffnen, als ob das Kind etwas Schönes träumte. Jesus hält seine Hand immer noch in der seinen. Das Kind öffnet langsam die Augen und schaut umher, als ob es soeben erwacht wäre. Zuerst sieht es das Antlitz Jesu, der es mit seinen strahlenden Augen anblickt und ihm ermutigend zulächelt, worauf das Kind ebenfalls lächelt.

«Steh auf!» wiederholt Jesus, und er schiebt mit seiner Hand die auf dem Bett ausgebreiteten Leichengeschenke zur Seite (Blumen, Schleier usw.) und hilft dem Mädchen beim Herabsteigen und bei den ersten Schritten; er hält es weiterhin an der Hand.

«Gebt ihm jetzt zu essen!» befiehlt er. «Es ist geheilt. Gott hat es euch zurückgegeben. Dankt ihm dafür! Und sagt niemandem, was vorgefallen ist. Ihr wißt, was mit ihr geschehen war. Ihr habt geglaubt und damit das Wunder verdient. Die anderen hatten keinen Glauben; es ist zwecklos, sie überzeugen zu wollen. Dem, der das Wunder leugnet, zeigt sich Gott nicht. Und du, Mädchen, sei brav! Lebt wohl! Der Friede sei mit diesem Haus!» Und er geht hinaus, die Tür hinter sich schließend.

Die Vision ist zu Ende.

Ich will Ihnen sagen, welche beiden Stellen mich besonders erfreut haben: die eine, wo Jesus in der Menge die Frau sucht, die ihn berührt hat, und besonders die andere, wo er die Hand des Mädchens nimmt und diesem befiehlt, aufzustehen. Friede und Sicherheit haben mich erfüllt. Es ist nicht möglich, daß ein Barmherziger und ein Mächtiger wie er nicht Mitleid mit uns hat und das Übel, das uns sterben läßt, nicht besiegt.

Jesus sagt im Augenblick nichts dazu, so wie er über viele Dinge nichts sagt. Er sieht, daß ich fast am Ende bin, und findet es nicht angebracht, daß es mir heute abend besser gehe. Sein Wille geschehe! Ich bin schon froh genug, daß ich seine Vision in mir habe.

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271. JESUS UND MARTHA IN KAPHARNAUM

Erhitzt und staubbedeckt kehrt Jesus mit Petrus und Johannes in das Haus von Kapharnaum zurück.

Jesus hat gerade den Garten betreten und sich zur Küche gewendet, als ihm der Hausherr entgegenkommt und in vertraulichem Ton sagt: «Jesus, die Dame, von der ich dir in Bethsaida gesprochen habe, ist hierhergekommen und hat nach dir gefragt. Ich habe ihr gesagt, sie möge warten, und habe sie in den oberen Saal geführt.»

«Danke, Thomas! Ich gehe sofort zu ihr. Wenn die anderen kommen, halte sie hier zurück.» Und Jesus steigt eilends die Treppe hoch, ohne auch nur den Mantel abzulegen.

Auf der Terrasse, wohin die Treppe führt, steht Marcella, die Dienerin Marthas. «Oh, Meister! Meine Herrin ist dort drinnen. Sie wartet schon so viele Tage auf dich», sagt die Frau, während sie niederkniet, um Jesus zu verehren.

«Das habe ich mir gedacht. Ich gehe sofort zu ihr. Gott segne dich, Marcella!»

Jesus hebt den Vorhang, der einen Schutz gegen das starke Licht bildet, das immer noch sticht, obwohl die Sonne sich dem Untergang nähert und immer noch die Luft erhitzt und die weißen Häuser von Kapharnaum im rötlichen Widerschein, wie von einem gewaltigen Brandherd beleuchtet, erscheinen läßt.

Im Zimmer sitzt an einem Fenster Martha in einen Mantel gehüllt und verschleiert. Vielleicht schaut sie auf den Abschnitt des Sees, wo ein bewaldeter Hügel in ihn hineinragt. Vielleicht geht sie auch nur ihren eigenen Gedanken nach. Jedenfalls ist sie ganz in sich versunken, so daß sie die leichten Schritte Jesu, der sich ihr nähert, nicht wahrnimmt. Sie fährt zusammen, als Jesus sie beim Namen nennt.

«Oh, Meister!» ruft sie aus und läßt sich auf die Knie sinken mit ausgebreiteten Armen, als wollte sie ihn um Hilfe anrufen. Dann verneigt sie sich, bis sie mit der Stirn den Boden berührt, und weint.

«Aber warum? Auf, erhebe dich! Warum dieses heftige Weinen? Hast du mir ein Mißgeschick zu berichten? Ja? Welches denn? Ich bin in Bethanien gewesen. Wußtest du davon? Ja? Dort habe ich erfahren, daß es gute Nachrichten gibt. Und jetzt weinst du... Was ist denn vorgefallen?»Jesus zwingt sie, sich zu erheben und sich auf einen an der Wand stehenden Sitz zu setzen, ihm gegenüber.

«Komm, leg den Schleier ab und den Mantel; wie ich es tue. Du mußt ja darin ersticken. Und dann will ich das Gesicht dieser verstörten Martha sehen, um alle Wolken zu vertreiben, die es überschatten.»

Martha gehorcht, immer noch weinend, und es erscheint ihr gerötetes Gesicht mit den geschwollenen Augen.

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«Also? Ich werde dir helfen. Maria hat dich kommen lassen. Sie hat viel geweint und wollte von dir viel über mich erfahren, und du hast geglaubt, es sei ein gutes Zeichen. So hast du nach mir verlangt, um das Wunder zu vervollständigen. Ich bin gekommen. Und nun?»

«Nun ist es aus, Meister! Ich habe mich getäuscht. Allzu lebhafte Hoffnung vermeint zu sehen, was nicht ist... schlimmer als zuvor... Nein! Was sage ich? Ich verleumde, ich lüge. Sie ist nicht schlechter, denn sie will keine Männer mehr um sich haben. Sie ist anders geworden, aber ist immer noch sehr schlecht. Sie kommt mir wahnsinnig vor... Ich verstehe sie nicht mehr. Früher habe ich sie wenigstens noch verstanden. Aber jetzt! Wer kann sie jetzt noch verstehen?!» und Martha weint trostlos.

«Auf, beruhige dich und sage mir, was sie macht. Warum ist sie schlecht? Sie will also keine Männer mehr um sich haben. So nehme ich an, daß sie zurückgezogen im Haus lebt. Ist es so? Ja? Gut so! Das ist sehr gut. Daß sie dich in der Nähe haben wollte zum Schutz gegen die Versuchung (das sind deine eigenen Worte), daß sie die Versuchung meidet und sich die sündhaften Beziehungen vom Hals hält, oder einfach alles meidet, was sie in sündhafte Beziehungen verwickeln könnte, das ist Zeichen eines guten Willens!»

«Meinst du, daß es so ist, Meister? Glaubst du es wirklich?»

«Aber sicher. Warum sagst du, daß sie schlecht ist? Erzähle mir, was sie macht ...»

«Höre.» Martha, ein wenig durch die Sicherheit Jesu ermuntert, spricht nun mit mehr Ordnung. «Vom Augenblick an, da ich angekommen bin, ist Maria nicht mehr aus dem Haus und dem Garten gegangen; nicht einmal, um mit der Barke auf den See hinauszufahren. Und ihre Amme hat mir gesagt, daß sie schon vorher nicht mehr ausgegangen ist. Seit Ostern scheint diese Veränderung im Gang zu sein. Doch vor meiner Ankunft sind immer noch Leute gekommen, sie aufzusuchen, und sie hat sie nicht immer abgewiesen. Manchmal ordnete sie an, daß niemand vorgelassen werden solle. Und es schien eine ein für allemal gegebene Anordnung zu sein. Manchmal aber, wenn sie in die Vorhalle lief, weil sie Stimmen von Besuchern gehört hatte, und diese abgewiesen worden waren, schlug sie, von einem ungerechten Zorn erfaßt, die Diener. Seit ich bei ihr war, hat sie es nicht mehr getan. In der ersten Nacht sagte sie zu mir, und deswegen hatte ich so große Hoffnung: "Halte mich zurück, binde mich meinetwegen an; aber laß mich nicht mehr ausgehen und laß nicht zu, daß ich andere Menschen sehe als dich und die Amme. Denn ich bin krank und möchte geheilt werden. Aber diejenigen, die zu mir kommen oder wollen, daß ich zu ihnen gehe, sind Fiebertümpel. Sie machen mich immer noch kränker. Sie sind so schön, dem Äußern nach, so blühend und voller Lieder, so köstlich anzusehen! Eine süße Frucht, so daß ich nicht widerstehen kann; denn ich bin eine arme Unglückliche. Deine

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Schwester ist ein Schwächling, Martha. Und es gibt Menschen, die diese Schwäche nützen wollen, um sie zu schamlosen Dingen zu verführen, denen ein Rest in ihr nicht zustimmte. Das ist das Letzte, was ich noch von der Mama besitze, von meiner armen Mama..." und dann weinte sie haltlos.

Und ich habe ihrem Willen entsprochen. Mit Güte, wenn sie vernünftige Stunden hatte; mit Entschiedenheit in den Stunden, in denen sie mir wie ein wildes Tier im Käfig vorkam. Aber sie hat sich nie gegen mich aufgebäumt. Im Gegenteil, wenn die Stunden größter Versuchung vorüber waren, kam sie zu mir und weinte zu meinen Füßen, legte den Kopf auf meinen Schoß und sagte: "Verzeih mir, verzeih mir!" Wenn ich sie dann fragte: "Aber was denn, Schwester? Du hast mir doch keinen Schmerz zugefügt" ' dann antwortete sie mir: "Kurz zuvor oder gestern abend, als du mir gesagt hast: 'Du gehst nicht fort von hier" habe ich dich in meinem Herzen gehaßt, verflucht und dir den Tod gewünscht."

Aber ist das nicht schrecklich, Herr? Ist sie vielleicht wahnsinnig? Hat ihre Lasterhaftigkeit sie wahnsinnig gemacht? Ich denke mir, daß irgendein Liebhaber ihr einen Gifttrank gegeben hat, um sie zur Sklavin seiner Lust zu machen, und daß ihr das Gift in den Kopf gestiegen ist ...»

«Nein, kein Zaubertrank! Kein Wahnsinn! Es handelt sich um etwas ganz anderes. Aber sprich weiter.»

«Also, mir gegenüber ist sie respektvoll und gehorsam. Auch die Diener hat sie nicht mehr mißhandelt. Aber nach dem ersten Abend hat sie nie mehr nach dir gefragt. Im Gegenteil, wenn ich von dir sprach, dann wich sie aus. Abgesehen von den Tagen, an denen sie stundenlang von Belvedere auf den See starrte, bis sie davon geblendet war, und mich fragte, wenn eine Barke vorüberfuhr: "Meinst du nicht, daß sie den galiläischen Fischern gehört?" Sie nannte deinen Namen nie, noch den eines Apostels. Aber ich weiß, daß sie an dich dachte, wenn wir abends im Garten spazierten, oder vor dem Schlafengehen, wenn ich mit der Näharbeit beschäftigt war, und sie, die Hände in den Schoß gelegt, sagte: "So also muß man gemäß der Lehre, die du befolgst, leben?" Und dann weinte sie manchmal oder lachte sarkastisch, wie eine Verrückte oder Besessene.

Andere Male hingegen löste sie das Haar auf, das immer so kunstvoll hergerichtet ist, und flocht zwei Zöpfe; zog sie eines meiner Kleider an und stellte sich vor mich hin, mit den Zöpfen über die Schultern oder vorne herunterhängend, ganz zugedeckt und schamhaft, mädchenhaft mit ihren Haaren, der Kleidung und in ihrem Gesichtsausdruck, und sagte: "So also sollte Maria wieder werden?" Und auch dann weinte sie bisweilen und küßte ihre herrlichen, armdicken und bis an die Knie reichenden Zöpfe, dieses leuchtende Gold, das der Stolz meiner Mutter war. Wieder andere Male brach sie in ein schreckliches Gelächter aus oder sagte mir: "Schau mal, am besten mach ich es so, und mache Schluß mit mir!"

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Dann wand sie sich die Zöpfe um die Kehle und zog sie zu, bis sie blau wurde, als wolle sie sich erdrosseln. Manchmal, wohl wenn sie ihr fleischliches Verlangen stärker fühlte, bemitleidete oder mißhandelte sie sich selbst. Ich habe sie einmal vorgefunden, wie sie sich heftig auf die Brust und den Schoß schlug, sich das Gesicht zerkratzte und den Kopf gegen die Mauer schlug; und als ich sie dann fragte: "Warum tust du das?" da drehte sie sich wütend um und sagte: "Um mich zu vernichten, meine Eingeweide herauszureißen und den Kopf zu zerschmettern. Schädliche, verfluchte Dinge müssen zerstört werden. Ich vernichte mich!"

Und wenn ich zu ihr von der göttlichen Barmherzigkeit sprach, von dir, – denn ich spreche von dir, als ob sie deine treueste Jüngerin wäre, und ich schwöre dir, daß es mir oft schwer fällt – dann antwortete sie mir: "Für mich gibt es keine Barmherzigkeit mehr. Ich habe das Maß überschritten." Darauf erfaßte sie die Verzweiflung, sie fing an zu schreien und sich blutig zu schlagen und rief: "Aber warum? Warum kommt das Ungeheuer, das mich zerfleischt? Das mir keinen Frieden läßt? Das mich mit den süßen Stimmen zum Bösen verführt, worauf ich die Stimmen des Vaters, der Mutter und auch eure höre; denn auch du und Lazarus verfluchen mich, und ganz Israel! Das alles macht mich wahnsinnig..."

Wenn sie so spricht, antworte ich ihr: "Warum denkst du an Israel, das immer nur ein Volk bleibt, und nicht an Gott? Und wenn du auch früher nur daran gedacht hast, alles mit Füßen zu treten, so denke jetzt daran, alles zu überwinden, und denke an nichts anderes als an das, was nicht die Welt ist, also an Gott, deinen Vater, deine Mutter. Sie verfluchen dich nicht, wenn du dein Leben änderst, sondern öffnen dir ihre Arme..." Und sie hörte mich an, staunend, als ob ich ein unmögliches Märchen erzähle, und dann weinte sie... Aber sie antwortete nicht! Manchmal ließ sie sich Wein und Betäubungsmittel von den Dienern bringen, und dann aß und trank sie diese verpantschten Nahrungsmittel und erklärte: "Um nicht daran denken zu müssen!"

Jetzt, seit sie weiß, daß du am See bist, sagt sie jedesmal, wenn sie bemerkt, daß ich zu dir komme: "Einmal werde auch ich mitkommen" und mit ihrem sich selbst verspottenden Lachen fügte sie hinzu: "So fällt das Auge Gottes auch auf diesen Schmutz!" Aber ich will nicht, daß sie kommt. Und jetzt warte ich mit dem Kommen, bis sie müde von ihren Zornausbrüchen, dem Wein, dem Weinen und allem anderen erschöpft einschläft. So bin ich auch heute geflohen in der Absicht, am Abend zurückzukehren, bevor sie meine Abwesenheit bemerkt. Das ist mein Leben... ; und ich gebe die Hoffnung auf ...» Und da beginnt sie heftiger als zuvor zu weinen; sie wird nicht mehr vom Gedanken gehemmt, alles der Reihe nach berichten zu müssen.

«Erinnerst du dich, Martha, was ich dir einmal gesagt habe? "Maria ist eine Kranke." Du hast es nicht glauben wollen. Jetzt siehst du es. Du

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nennst sie wahnsinnig. Sie selbst hält sich für eine Kranke, für eine an sündhaftem Fieber Leidende. Ich sage, sie ist krank, weil sie von einem Dämon besessen ist. Auch das ist eine Krankheit. Diese Unbeherrschtheit, die Wutausbrüche, die Weinkrämpfe, diese Trostlosigkeit und das Verlangen nach mir, sind alles Phasen ihrer Krankheit; sie macht kurz vor ihrer Heilung die schlimmsten Krisen durch. Du tust gut daran, gut zu ihr zu sein. Du tust gut daran, mit ihr geduldig zu sein. Du tust gut daran, zu ihr von mir zu sprechen. Habe keine Scheu, in ihrer Gegenwart meinen Namen zu nennen. Arme Seele meiner Maria! Aber auch sie ist aus der Schöpferhand meines Vaters hervorgegangen, nicht verschieden von den Seelen der anderen, der deinen, der des Lazarus, der Apostel und der Jünger. Auch sie ist in der Zahl der Seelen einbegriffen, für die ich Fleisch geworden bin, um ihr Erlöser zu sein. Ja, ich bin sogar mehr für sie gekommen als für dich, für Lazarus, die Apostel und die Jünger. Arme, teure Seele meiner Maria, die so sehr leidet! Meiner Maria, die ein siebenfaches Gift in sich hat neben dem allgemeinen Gift des ersten Menschen! Meine arme, gefangene Maria! Aber laß sie zu mir kommen! Laß sie meinen Hauch einatmen, meine Stimme hören, meinem Blick begegnen... Sie sagt zu sich selbst: "Schmutz und Kot"... O arme, teure Maria, bei der von den sieben Dämonen der des Hochmuts am schwächsten ist. Nur deswegen wird sie gerettet werden!»

«Aber wenn sie auf dem Weg jemand begegnet, der sie von neuem zum Laster verführt? Sie selbst fürchtet sich davor...»

«Immer wird sie sich davor fürchten, bis sie soweit ist, daß sie vor dem Laster Ekel empfindet. Aber habe keine Angst! Wenn eine Seele schon dieses Verlangen hat, zum Guten zu kommen, und nur noch von dem dämonischen Feind zurückgehalten wird, der weiß, daß er seine Beute verliert, und von dem persönlichen Feind, dem eigenen Ich, das noch menschlich denkt und sich selbst menschlich beurteilt und der Meinung ist, er urteile wie Gott, um den Geist daran zu hindern, das menschliche Ich zu meistern, dann ist diese Seele schon stark geworden gegen die Angriffe des Lasters und der Lasterhaften. Sie hat den Polarstern gefunden und weicht von der Ausrichtung nicht mehr ab.

So sage nicht mehr zu ihr: "Du hast nicht an Gott gedacht, aber du denkst an Israel?" Das ist ein indirekter Vorwurf: das sollst du nicht tun. Sie kommt aus den Flammen. Sie ist ganz mit Wunden bedeckt. Man kann ihr nur mit dem Balsam der Güte, des Verzeihens, der Hoffnung helfen.

Laß sie nur zu mir kommen. Sage vielmehr zu ihr: "Wann gedenkst du zu kommen?" Aber sage nicht zu ihr: "Komm mit mir." Vielmehr, wenn du merkst, daß sie zu mir kommt, dann bleibe du zurück. Kehre nach Hause zurück. Warte zu Hause auf sie. Sie wird zurückkehren, ganz überwältigt von der Barmherzigkeit. Denn ich muß sie befreien von der Macht

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der Bosheit, die sie gefangenhält, und sie wird für einige Stunden wie ohnmächtig sein wie eine, welcher der Arzt die Knochen entfernt hat. Aber dann wird sie sich besser fühlen. Sie wird staunen.

Sie wird ein großes Bedürfnis nach Liebe und Schweigen haben. Steh ihr bei, als wärst du ihr zweiter Schutzengel: ohne Aufdringlichkeit! Und wenn du sie weinen siehst, laß sie weinen. Und wenn du hörst, daß sie sich Fragen stellt, laß sie es tun. Und wenn du siehst, daß sie lächelt und darauf ernst wird und dann wieder auf eine ganz andere Art lächelt, mit einem veränderten Blick, mit einem anderen Gesicht, dann stelle ihr keine Fragen, bringe sie nicht in Verlegenheit. Sie leidet mehr beim Aufstieg als beim Abstieg. Und sie muß sich selbst helfen, wie sie auch von selbst abgestiegen ist. Damals, beim Abstieg hat sie eure Blicke nicht ertragen, denn in euren Augen lag der Vorwurf. Auch jetzt ist sie in ihrer endlich erwachten Scham nicht fähig, euren Blick zu ertragen. Damals war sie stark, denn sie hatte Satan und die bösen Mächte, die sie beherrschten; sie konnte der Welt trotzen; und dennoch konnte sie es nicht ertragen, in ihrer Sünde von euch gesehen zu werden. Jetzt ist Satan nicht mehr ihr Herrscher. Er ist noch Gast bei ihr, aber er wird schon vom Willen Marias an der Gurgel gepackt. Und sie hat mich noch nicht. Deshalb ist sie noch zu schwach. Sie kann die Liebe deiner schwesterlichen Augen bei ihrem Bekenntnis zu ihrem Erlöser noch nicht ertragen. Sie setzt all ihre Kräfte dafür ein, den siebenfachen Dämon zu erdrosseln. Im übrigen ist sie hilflos, entblößt. Aber ich werde sie wieder ausstatten und stark machen.

Geh in Frieden, Martha, und sage ihr mit Feingefühl, daß ich morgen nach der Vesperzeit hier in Kapharnaum beim Bach der Quelle reden werde. Geh in Frieden! Geh in Frieden! Ich segne dich.»

Martha ist noch ganz verwirrt.

«Verfalle nicht der Ungläubigkeit, Martha», sagt Jesus, der sie beobachtet.

«Nein, Herr. Aber ich denke ... Oh! Gib mir etwas, was ich Maria geben kann, um ihr Kraft zu verleihen ... Sie leidet so sehr... und ich habe große Angst, daß es ihr nicht gelingen wird, über den Dämon zu siegen!»

«Du bist ein Kind. Maria hat mich und dich. Und da sollte es ihr nicht gelingen? Doch komm her zu mir. Gib mir diese Hand, die nie gesündigt hat, die immer gut, barmherzig, tätig und fromm gewesen ist. Sie hat immer nur Taten der Liebe und der Andacht vollbracht. Nie hat sie sich dem Müßiggang hingegeben. Sie ist nie verdorben worden. Nun umfasse ich sie mit meinen Händen, um sie noch heiliger zu machen. Erhebe sie gegen den Dämon; er wird sie nicht ertragen können. Nimm diesen meinen Gürtel. Trenne dich nie von ihm! Jedesmal, wenn du sie siehst, sage zu dir selbst: "Viel stärker als dieser Gürtel Jesu ist die Macht Jesu, und mit ihr kann man alles besiegen, die Dämonen und die Ungeheuer. Ich brauche

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mich vor nichts zu fürchten." Bist du jetzt zufrieden? Mein Friede sei mit dir! Geh nun beruhigt dahin!»

Martha verneigt sich und geht hinaus.

Jesus lächelt, während er sie in den Wagen, den Marcella herbeigerufen hat, steigen und nach Magdala abfahren sieht.

272. HEILUNG DER BEIDEN BLINDEN UND DES STUMMEN BESESSENEN

Jesus begibt sich in die Küche, und da er Johannes zum Brunnen gehen sieht, zieht er es vor, ihn zu begleiten, anstatt in der warmen, raucherfüllten Küche zu bleiben; er läßt Petrus zurück, der mit den Fischen beschäftigt ist, die die Schiffsjungen des Zebedäus für das Nachtmahl des Meisters und der Apostel gebracht haben. Sie gehen nicht zur Quelle am anderen Ende des Ortes, sondern zum Brunnen auf dem Marktplatz, dessen Wasser von der schönen und reichen Quelle stammt, die an der Seite des Berges am See entspringt. Auf dem Platz sind abends, wie in Palästina üblich, die Dorfleute versammelt: Frauen mit Wasserkrügen, spielende Kinder und miteinander verhandelnde und über Ortsangelegenheiten plaudernde Männer. Man sieht auch Pharisäer in Begleitung ihrer Diener oder Klienten vorüberziehen, die zu ihren reichen Palästen zurückkehren. Alle gehen zur Seite, um sie vorüberziehen zu lassen, und grüßen ehrerbietig, um sie dann gleich darauf von ganzem Herzen zu verwünschen und ihre letzten Gemeinheiten und ihren Wucher zu verurteilen.

Matthäus unterhält sich in einer Ecke des Platzes mit seinen alten Freunden, was den Pharisäer Urias zu den verächtlichen und gut vernehmlichen Worten veranlaßt: «Das sind die berühmten Bekehrungen! Die Neigung zur Sünde bleibt; man sieht es an den Freundschaften, die noch anhalten. Ha, ha, ha!»

Worauf sich Matthäus beleidigt umwendet und entgegnet: «Sie dauern an, um bekehrt zu werden.»

«Kein Grund vorhanden! Dazu genügt dein Meister. Du halte dich von diesen Dingen fern, damit du nicht in die Krankheit zurückfällst, vorausgesetzt, daß du wirklich geheilt bist.»

Matthäus verfärbt und bemüht sich, nicht grob zu werden; er beschränkt sich darauf, zu erwidern: «Habe keine Sorge, aber auch keine Hoffnung 1»

«Was meinst du damit?»

«Habe keine Sorge, daß ich dich nachahme und so diese Seelen verliere. Die Trennungen und das verächtliche Benehmen überlasse ich dir und

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deinen Freunden. Ich ahme meinen Meister nach und gehe zu den Sündern, um sie zur Gnade zu führen.»

Urias möchte etwas entgegnen, aber ein anderer Pharisäer, der alte Elias, kommt ihm zuvor und sagt: «Aber beschmutze doch nicht deine Reinheit und verunreinige nicht deine Lippen, Freund. Komm mit mir!»Und er nimmt Urias am Arm und begleitet ihn zu seinem Haus.

Indessen drängen sich die Menschen, besonders die Kinder, um Jesus. Unter den Kindern befindet sich auch das Geschwisterpaar Johanna und Tobiolus, die vor einiger Zeit um Feigen gestritten hatten. Sie strecken ihre Arme zur hohen Gestalt Jesu aus, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und sagen: «Hör mal, hör mal! Weißt du, auch heute sind wir brav gewesen. Wir haben nicht geweint und nicht miteinander gestritten, aus Liebe zu dir. Gibst du uns einen Kuß?»

«Ihr seid also aus Liebe zu mir brav gewesen? Damit macht ihr mir eine große Freude. Hier einen Kuß. Seid auch morgen wieder brav!»

Auch Jakob ist da, der Junge, der Jesus jeden Samstag die Geldbörse des Matthäus gebracht hat. Er sagt: «Levi gibt mir nichts mehr für die Armen des Herrn; aber ich habe alles Kleingeld auf die Seite gelegt, das man mir schenkt, wenn ich brav bin, und das bekommst du jetzt. Gibst du es den Armen für meinen Großvater?»

«Ganz gewiß! Was hat denn dein Großvater?»

«Er kann nicht mehr gehen. Er ist so alt, und die Beine tun nicht mehr mit.»

«Tut dir dies leid?»

«Ja, denn er war mein Lehrer, wenn wir durch die Felder zogen. Er hat mir so viele Dinge beigebracht. Er hat mich den Herrn lieben gelehrt. Auch jetzt erzählt er mir von Job und zeigt mir die Sterne am Himmel, aber von seinem Sessel aus ... Früher war es viel schöner.»

«Morgen werde ich deinen Großvater besuchen. Bist du zufrieden?»

Und Jakob wird von Benjamin abgelöst; nicht von dem aus Magdala, sondern von dem aus Kapharnaum aus einer früheren Vision. Auf dem Platz angekommen, läßt er, als er Jesus sieht, die Hand seiner Mutter los und bahnt sich mit einem Ausruf, der dem Schrei einer Schwalbe gleicht, in der Menge einen Weg. Bei Jesus angelangt, umfängt er dessen Knie und bettelt: «Auch mir, auch mir eine Liebkosung!»

In diesem Augenblick kommt der Pharisäer Simon vorüber. Er macht vor Jesus eine feierliche Verneigung, die dieser erwidert.

Der Pharisäer bleibt stehen, während die Menge furchtsam zurückweicht, und sagt mit einem Anflug von Lächeln: «Und mir keine Liebkosung?»

«Allen, die mich darum bitten. Ich beglückwünsche dich, Simon, zu deiner so guten Gesundheit. Man hatte mir in Jerusalem gesagt, du seist schwer krank.»

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«Ja, ich war krank, und ich habe nach dir verlangt, um geheilt zu werden.»

«Glaubst du, daß ich das vermocht hätte?»

«Daran habe ich nie gezweifelt. Aber ich mußte von selbst gesund werden, weil du so weit entfernt warst. Wo bist du denn gewesen?»

«An den Grenzen Israels, wo ich die Tage zwischen Ostern und Pfingsten verbracht habe.»

«Mit viel Erfolg? Ich habe von den Aussätzigen in Hinnom und Siloe gehört. Großartig! Du allein? Gewiß nicht! Aber dies erfährt man durch den Priester Johannes. Wer nicht voreingenommen ist, glaubt an dich und ist selig.»

«Und wer nicht glaubt, weil er voreingenommen ist? Was ist mit dem, du weiser Simon?»

Der Pharisäer ist ein wenig verwirrt ... Er schwankt zwischen dem Wunsch, seine zahlreichen Freunde nicht zu verurteilen, die gegen Jesus sind, und dem anderen, das Lob Jesu zu verdienen. Dieser Wunsch siegt, und er sagt: «Und wer nicht an dich glauben will, trotz der Beweise, die du gibst, der ist verurteilt...»

«Ich wünsche, daß es niemand würde ...»

«Du, ja! Aber wir bringen dir nicht dasselbe Maß an Liebe entgegen, das du uns schenkst. Allzu viele sind deiner nicht wert... Jesus, ich möchte dich morgen bei mir zu Tisch haben...»

«Morgen bin ich verhindert; aber in zwei Tagen könnte ich kommen. Bist du damit einverstanden?»

«Immer! Es werden... Freunde... da sein, die du bemitleiden mußt, wenn...»

«Ja, ja! Ich werde mit Johannes kommen.»

«Nur mit ihm?»

«Die anderen haben ihre Aufgaben. Sie kommen gerade aus den umliegenden Orten zurück. Der Friede sei mit dir, Simon!»

«Gott sei mit dir, Jesus!»

Der Pharisäer geht weg, und Jesus schließt sich der Gruppe der Apostel an. Sie kehren zum Haus zurück, zum Abendessen.

Aber während sie den gerösteten Fisch essen, kommen Blinde, die Jesus schon auf dem Weg angefleht haben. Sie wiederholen nun ihre Bitte: «Jesus, Sohn Davids, habe Erbarmen mit uns!»

«Aber geht doch fort! Er hat gesagt, daß ihr morgen kommen sollt. Laßt ihn jetzt essen», rügt Simon Petrus.

«Nein, Simon, jage sie nicht fort! Soviel Ausdauer verdient Belohnung. Kommt, kommt her, ihr beiden», sagt Jesus zu den Blinden, und sie treten ein, indem sie sich mit dem Stock am Boden und an der Wand vorwärtstasten. «Glaubt ihr, daß ich euch das Augenlicht wiedergeben kann?»

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«O ja, Herr! Wir sind gekommen, weil wir dessen gewiß sind.»

Jesus erhebt sich vom Tisch, nähert sich ihnen, legt seine Fingerbeeren auf die blinden Augen, erhebt den Blick, betet und sagt: «Es geschehe euch nach eurem Glauben!» Er nimmt die Hände weg, und die bisher unbeweglichen Augenlider des einen heben sich; das Licht trifft von neuem die wiedergeborenen Pupillen, während sich die Lider des anderen öffnen; wo zuvor eine eiternde Entzündung war, bildet sich nun ein neuer Lidrand, und die Lider heben und senken sich mit Leichtigkeit.

Die beiden fallen auf die Knie.

«Erhebt euch und geht! Und achtet darauf, daß niemand erfährt, was ich an euch getan habe. Bringt die Nachricht von der erhaltenen Gnade in eure Dörfer zu den Eltern, den Verwandten und den Freunden. Hier braucht es niemand zu wissen, es wäre auch für eure Seelen nicht gut. Bewahrt sie vor Verletzungen eures Glaubens, so wie ihr jetzt, da ihr wißt, was das Auge wert ist, es vor Verletzungen schützen werdet, um nicht wieder blind zu werden.»

Das Abendessen ist zu Ende. Sie steigen auf die Terrasse hinauf, wo es kühl ist. Der See glitzert im Schein des Mondviertels. Jesus setzt sich auf den Rand des Mäuerchens und erfreut sich am Anblick des silbrig bewegten Sees. Die anderen unterhalten sich mit gedämpfter Stimme, um ihn nicht zu stören.

Sie betrachten ihn wie bezaubert. In der Tat, wie schön ist er! Das Mondlicht beleuchtet sein ernstes, doch gütiges Antlitz, was ermöglicht, die Züge in allen ihren Einzelheiten zu erkennen. Er hat den Kopf ein wenig geneigt und an den Weinstock gelehnt, der hier heraufwächst, um sich dann über die ganze Terrasse auszubreiten. Aus seinen länglichen, blauen Augen, die in der Nacht fast die Farbe des Onyx annehmen, scheinen sich Wellen des Friedens über alle Dinge zu ergießen. Bisweilen erheben sie sich zum heiteren, von Sternen besäten Himmel oder schweifen über die Hügel oder, noch tiefer, über den See; andere Male verweilen sie an einem unbestimmten Punkt und scheinen über etwas zu lächeln, was nur sie zu sehen vermögen. Die Haare wehen im leichten Wind. Das eine Bein ein wenig über dem Boden, das andere auf den Boden gestützt, sitzt er, mit den Händen im Schoße, auf der Mauer, und das weiße Gewand scheint seinen Glanz noch zu erhöhen, da es im Mondlicht wie Silber schimmert, während die langen Hände von der Farbe weißen Elfenbeins den Ton alten Elfenbeins annehmen, der ihre schlanke, männliche Schönheit noch unterstreicht.

Auch das Antlitz mit der hohen Stirn, der geraden Nase und dem zarten Oval der Wangen, das der bronzefarbene Bart verlängert, scheint in diesem Mondlicht den Ton alten Elfenbeins anzunehmen, der den rosigen Anhauch, den man bei Tageslicht bemerkt, verdrängt.

«Bist du müde, Meister?» fragt Petrus.

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«Nein!»

«Du scheinst mir so bleich und nachdenklich...»

«Ich habe nachgedacht. Aber ich glaube nicht, daß ich blasser als sonst bin. Kommt hierher... Das Mondlicht macht euch alle bleich. Morgen geht ihr nach Chorazim. Vielleicht werdet ihr dort Jünger finden. Redet mit ihnen. Doch achtet darauf, daß ihr morgen abend wieder hier seid. Ich werde beim Bach predigen.»

«Wie schön! Wir werden es den Leuten in Chorazim sagen. Heute haben wir auf dem Heimweg Martha und Marcella getroffen. Sind sie hier gewesen?» fragt Andreas.

«Ja!»

«In Magdala ist viel Gerede, daß Maria nicht mehr ausgeht und keine Feste mehr feiert. Wir haben uns bei der Frau, wie letztes Mal, ausgeruht. Benjamin hat mir gesagt, daß er an dich denkt, wenn er versucht ist, böse zu sein, und ...»

«... und an mich, sag es nur, Jakobus», fügt Iskariot bei.

«Das hat er nicht gesagt.»

«Aber mit einem Hintergedanken hat er gesagt: "Ich will nicht schön und böse sein", und dabei hat er mich von der Seite angeschaut. Er kann mich nicht leiden ...»

«Das sind Abneigungen, die nichts bedeuten, Judas. Denk nicht daran», sagt Jesus.

«Ja Meister! Aber es ist ärgerlich, daß ...»

«Ist der Meister da?» ruft eine Stimme von der Straße her.

«Er ist da. Aber was wollt ihr denn schon wieder? Genügt euch nicht der Tag, der so lang ist? Ist das die Stunde, in der man arme Pilger stört? Kommt morgen wieder», befiehlt Petrus.

«Wir haben einen Besessenen hier, der stumm ist. Unterwegs ist er uns dreimal davongelaufen. Wenn dies nicht geschehen wäre, hätten wir früher hier sein können. Seid so gut! Später, wenn der Mond hoch steht, fängt er an zu brüllen und erschreckt das ganze Dorf. Seht ihr nicht, wie er schon unruhig wird?!»

Jesus neigt sich über das Mäuerchen, nachdem er die ganze Terrasse überquert hat. Die Jünger ahmen ihn nach. Eine Reihe von Gesichtern über eine Volksmenge gebeugt, die die Köpfe zu den Hinabschauenden erhebt.

Mitten unter ihnen befindet sich ein Mann, der sich benimmt und knurrt wie ein Wolf oder ein Bär an der Kette. Seine Handgelenke sind zusammengebunden, damit er nicht entfliehen kann. Winselnd wie ein Tier, macht er wilde Bewegungen und schnüffelt auf dem Boden, als ob er etwas suche. Aber wenn er aufschaut und dem Blick Jesu begegnet, bricht er in ein bestialisches Gebrüll aus, ein wahres, unbegreifliches Heulen, und sucht zu entweichen.

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Die Menge, fast alle Erwachsenen von Kapharnaum, weicht erschrocken zurück. «Komm doch, bitte! Er hat einen neuen Anfall...»

«Ich komme sofort.»

Jesus geht eilends hinunter und auf den Unglücklichen zu, der jetzt erregter ist als zuvor.

«Weiche von ihm! Ich will es!»

Das Gebrüll löst sich auf und wird zu dem Wort: «Friede!»

«Ja, Friede! Habe nun, da du geheilt bist, Frieden.»

Die Menge schreit vor Verwunderung auf, da sie den plötzlichen Übergang vom Wutanfall zur Ruhe, von der Besessenheit zur Befreiung, von der Stummheit zur Sprache wahrnimmt.

«Woher habt ihr gewußt, daß ich hier bin?»

«In Nazareth hat man uns gesagt: "Er ist in Kapharnaum." In Kapharnaum haben es uns zwei, deren Augen von dir in diesem Haus geheilt worden sind, bestätigt.»

«Das ist wahr! Das ist wahr! Auch zu uns haben sie es gesagt ...» schreien viele gleichzeitig und erklären: «Niemals hat man solche Dinge in Israel gesehen!»

«Hätte er nicht die Hilfe von Beelzebub, dann hätte er es nicht tun können», werfen die Pharisäer von Kapharnaum, unter denen Simon fehlt, höhnisch lachend dazwischen.

«Hilfe oder keine Hilfe, ich bin geheilt und die Blinden auch. Ihr könntet dies nicht, trotz eurer großartigen Gebete», entgegnet der von stummer Besessenheit Geheilte und küßt das Gewand Jesu, der den Pharisäern nicht antwortet, sondern sich darauf beschränkt, die Menge zu verabschieden mit seinem: «Der Friede sei mit euch!» während er sich um den geheilten Besessenen und seine Begleiter kümmert und ihnen im oberen Raum einen Platz zum Ausruhen bis zum anderen Morgen anweist.

273. DAS GLEICHNIS VOM VERLORENEN SCHAF

Jesus spricht zur Menge. Er steht am bewaldeten Ufer eines Baches vor einer Volksmenge, die sich auf einem abgemähten Acker, der mit seinen verbrannten Stoppeln einen traurigen Eindruck macht, versammelt hat.

Es ist Abend. Die Dämmerung beginnt, und der Mond geht auf. Es ist ein schöner, klarer, frühsommerlicher Abend. Herden kehren zu ihren Ställen zurück, und das Gebimmel der Glocken vermischt sich mit dem Zirpen der Grillen oder Zikaden, ein lautes: gri, gri! ...

Jesus nimmt eine vorbeiziehende Schafherde zum Thema seiner Predigt. Er sagt: «Euer Vater ist wie ein guter Hirte. Was tut der gute Hirte? Er sucht die guten Weideplätze für seine Schäflein, wo es keine

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schädlichen und giftigen Pflanzen gibt, wohl aber süßen Klee, duftende Minze und bittere, aber heilsame Kräuter. Er sucht einen Platz, wo es außer genügender Nahrung auch kühles und reines Wasser und schattenspendende Bäume gibt, und wo sich keine Vipern und Schlangen im Grün der Schollen verbergen. Er gibt nicht immer den saftigsten Weiden den Vorzug, weil er weiß, daß es dort zuweilen auch Vipern und giftige Kräuter gibt. Er zieht die gebirgige Weide vor, wo der Tau das Gras rein und frisch erhält, aber die Sonne die Reptilien fernhält; wo die Luft rein und bewegt ist und nicht so schwer und ungesund wie die in der Ebene. Der gute Hirte beobachtet jedes einzelne seiner Schäflein. Er pflegt sie, wenn sie erkranken, und heilt ihre Wunden. Jene, die wegen allzu großer Gefräßigkeit krank werden könnten, ruft er zu sich, und andere, die zu lange in der Nässe oder der prallen Sonne verweilen, treibt er anderswo hin. Wenn ein Schaf wenig Appetit hat, sucht er diesen mit bitteren, aromatischen Kräutern anzuregen. Er streckt ihm die Kräuter mit der Hand entgegen, unter gutem Zureden, wie wenn es sich um einen Menschen handle.

So macht es auch der gute Vater im Himmel mit seinen auf der Erde irrenden Kindern. Seine Liebe ist der Stab, der sie sammelt, seine Stimme ist die Führung, seine Weideplätze sind sein Gesetz, und sein Schafstall ist der Himmel.

Manchmal aber läuft ein Schäflein fort. Er hatte es sehr lieb! Es war jung, rein, schön und weiß wie eine Wolke am Frühlingshimmel. Der Hirte hat ihm immer liebevolle Blicke zugeworfen und ist stets darauf bedacht gewesen, es ihm an nichts fehlen zu lassen, damit es seine Liebe erwidere. Aber das Schäflein läuft davon.

Auf dem Weg am Rand der Weide hat sich ein Versucher herangemacht. Er trägt keinen einfachen Hirtenkittel, sondern ein vielfarbiges Gewand. Er hat nicht den ledernen Gürtel mit der kleinen Axt und dem herunterhängenden Messer, sondern einen goldenen Gürtel, an dem silberne Glöcklein hängen, die wie Lerchenstimmen klingen, und Gefäße mit berauschenden Essenzen... Er trägt nicht den Krummstab, mit dem der gute Hirte die Schäflein sammelt und verteidigt; und wenn der Krummstab nicht genügt, ist er bereit, sie mit Axt und Messer und auch mit dem Leben zu verteidigen. Dieser Verführer, der vorübergeht, hat in der Hand ein mit Perlen besetztes Rauchfaß, aus dem ein betörender Rauch, der gleichzeitig Duft und Gestank ist, aufsteigt, während das Glitzern der Schmuckstücke, unechter Schmuckstücke, die Augen blendet. Er geht singend daher und streut Salz aus, das auf der dunklen Straße glitzert.

Neunundneunzig Schafe schauen ihn an und bleiben wo sie sind.

Das hundertste, das jüngste, das Lieblingsschaf, macht einen Sprung und verschwindet hinter dem Verführer. Der Hirte ruft nach ihm, aber es kehrt nicht zurück. Es läuft rascher als der Wind, um den Vorübergegangenen einzuholen; um sich beim Laufen zu stärken, kostet es von dem

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Salz, schlingt es in sich hinein und verspürt darauf ein Brennen und ein fremdartiges Gefühl, das es verführt, nach dem tiefen Wasser im Dunkel des Waldes zu lechzen. Und in der Wildnis verliert es sich, immer hinter dem Verführer herlaufend; es fällt, steht auf, fällt wieder... Ein-, zwei-, dreimal fühlt es an seinem Hals die Umarmung von Schlangen, und in seinem Durst trinkt es schmutziges Wasser, und da es hungrig ist, frißt es ekelerregende Blätter und Kräuter.

Was tut indessen der gute Hirte? Er bringt die neunundneunzig Schafe in Sicherheit; dann macht er sich auf den Weg und sucht solange, bis er Spuren des verlorenen Schäfleins gefunden hat. Da dieses nicht zu ihm zurückkehrt und seine Einladung in den Wind schlägt, geht er zu ihm. Und er sieht es von weitem, trunken vom Geifer der Schlangen, so trunken, daß es keine Sehnsucht nach dem geliebten Antlitz verspürt, sondern darüber spottet. Und es fühlt sich schuldbewußt, gleichsam als Dieb, der in eine fremde Wohnung eingedrungen ist, so schuldbewußt, daß es keinen Mut mehr hat aufzuschauen... Aber der Hirte wird nicht müde... Er geht weiter, sucht und sucht und folgt ihm. Er findet seine Spur. Weinend sieht er auf den Spuren des verlorenen Schäfleins Wollfetzen: Fetzen der Seele; Blutspuren; verschiedene Vergehen; Schmutz: Beweis seiner Wollust. Er geht weiter und holt es ein.

Ah! Ich habe dich gefunden, geliebtes Schäflein. Ich habe dich eingeholt! Wie weit bin ich deinetwegen gelaufen, um dich in den Schafstall zurückzuholen! Neige nicht beschämt den Kopf. Deine Sünde ist in meinem Herzen begraben. Niemand außer mir, der ich dich liebe, wird es erfahren. Ich werde dich verteidigen vor fremder Kritik. Ich werde dich mit meiner Person decken und dir ein Schild sein gegen die Steinwürfe der Ankläger. Komm! Bist du verwundet? Oh, zeige mir deine Wunden. Ich kenne sie. Aber ich möchte, daß du sie mir zeigst mit dem Vertrauen, das du hattest, als du noch rein warst und mich, deinen Hirten und Gott, mit unschuldigen Augen ansahst. Sieh, da sind sie. Sie haben alle einen Namen. Wie traurig sie doch sind! Wer hat dir so tiefe Wunden im Grunde deines Herzens geschlagen? Der Versucher, ich weiß es! Er, der keinen Hirtenstab und keine Axt hat, aber dessen vergifteter Biß in die Tiefe dringt. Und hinter ihm stachen dir die falschen Edelsteine seines Weihrauchfasses in die Augen: Sie haben dich verführt mit ihrem Glitzern... Aber es war nur Höllenschwefel, der ans Licht gezogen wurde, um dir das Herz zu verbrennen. Schau, wie viele Wunden! Welch zerrissenes Fell, wieviel Blut, wie viele Dornen!

O arme, kleine, enttäuschte Seele! Aber sage mir: wenn ich dir verzeihe, wirst du mich dann wieder lieben? Sage mir: wenn ich die Arme nach dir ausstrecke, wirst du dann herbeieilen? Sage mir: hast du nicht Durst nach echter, guter Liebe? Nun, komm und werde wieder neu geboren. Kehre auf die heiligen Weiden zurück. Weine! Deine Tränen, mit den

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meinen vermischt, waschen die Spuren deiner Sünde ab, und ich will dir meine Brust und meine Venen öffnen, weil du vom Übel, das dich verbrannt hat, aufgezehrt bist, und ich sage zu dir: "Nähre dich und lebe."

Komm, daß ich dich in meine Arme nehme. Wir werden schnell auf heilige und sichere Weiden gehen. Du wirst alles von dieser Stunde der Verzweiflung vergessen. Und die neunundneunzig Schwestern, die guten, sie werden jubeln bei deiner Rückkehr; denn ich sage dir, mein verirrtes Schäflein, daß ich dich, von weither kommend, gesucht, eingeholt und gerettet habe; man feiert mehr ein verlorenes Schaf, das zurückkehrt, als die neunundneunzig Gerechten, die sich nie vom Schafstall entfernt haben.»

Jesus hat sich nie umgedreht, um auf den Weg zu blicken in seinem Rücken, auf dem im abendlichen Dämmerschein Maria von Magdala dahergekommen ist. Sie ist immer noch sehr elegant, aber wenigstens gut gekleidet, von einem dunklen Schleier bedeckt, der ihre Züge und Formen verhüllt. Und als Jesus sagt: «Ich habe dich gefunden, Geliebte», fährt Maria mit den Händen unter den Schleier und beginnt zu weinen, leise und untröstlich. Das Volk sieht sie nicht, denn sie befindet sich auf der anderen Seite der Hecke, die den Weg einsäumt. Nur der Mond, der hoch steht, und der Geist Jesu sehen sie...

Und er sagt zu mir: «Die Deutung findest du in der Vision selbst. Doch ich werde noch mit dir darüber reden. Nun ruhe dich aus! Ich segne dich, treue Maria!»

274. «NACH DER ERINNERUNG AN DAS GESETZ HABE ICH

DIE HOFFNUNG AUF VERGEBUNG SINGEN LASSEN»

Jesu sagt:

«Seit Januar, nachdem ich dich das Abendmahl im Hause Simon des Aussätzigen sehen ließ, hast du und dein geistlicher Führer danach verlangt, mehr über Maria Magdalena und das, was ich zu ihr gesagt habe, zu erfahren. Nach sieben Monaten will ich euch heute die Seiten der Vergangenheit aufschlagen, um euch zufriedenzustellen; um allen, die sich über solche Aussätzige der Seele zu beugen haben, eine Richtschnur zu geben und die Unglücklichen, die in ihrem Grab des Lasters ersticken, herauszurufen.

Gott ist gut. Mit allen ist er gut. Er mißt nicht mit menschlichem Maße. Er macht keinen Unterschied zwischen Sünde und Todsünde. Die Sünde schmerzt ihn, um welche es sich auch immer handelt. Die Reue erfreut ihn; er ist bereit zu verzeihen. Der Widerstand gegen die Gnade macht ihn unerbittlich streng; denn die Gerechtigkeit kann dem Unbußfertigen nicht verzeihen; so stirbt er als solcher trotz aller Hilfe, die er empfangen hat, um sich zu bekehren.

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Aber die verfehlten Bekehrungen sind, wenn nicht zur Hälfte, so doch zu vier Zehntel, auf die versäumten Bekehrungsversuche der dafür Bestellten, auf mangelndes Verständnis und verlogenen Eifer, verbunden mit wirklichem Egoismus und Hochmut, zurückzuführen; man zieht es vor, ruhig in seinen vier Wänden zu bleiben, anstatt durch den Schlamm zu waten, um ein Herz zu retten. "Ich bin rein. Ich bin der Achtung würdig. Ich gehe nicht dorthin, wo Schmutz ist, wo man mir die Achtung verweigert." Aber wer so spricht, hat das Evangelium nicht gelesen, wo geschrieben steht, daß der Sohn Gottes hinging, Zöllner und Dirnen zu bekehren, und nicht nur Rechtschaffene, die nach dem alten Gesetz lebten. Aber denkt ein solcher nicht daran, daß der Hochmut geistige Unreinheit ist, daß die Lieblosigkeit Unreinheit des Herzens ist? Wirst du beleidigt? Ich wurde es vor dir und mehr als du, und ich war der Sohn Gottes. Wird dein Gewand in den Schmutz geraten? Habe ich nicht mit meinen Händen diesen Schmutz berührt, ihm auf die Füße geholfen und gesagt: "Wandle auf diesem neuen Weg?"

Erinnert ihr euch nicht, was ich euren ersten Vorgängern sagte? "In welche Stadt, in welches Dorf ihr auch immer kommt, erkundigt euch, ob dort jemand ist, der es verdient, und dann wohnt bei ihm." Damit die Welt nicht murrt. Die Welt ist stets geneigt, in allen Dingen das Schlechte zu sehen. Doch ich habe hinzugefügt: "Wenn ihr in die Häuser eintretet – Häuser habe ich gesagt, nicht Haus – dann grüßt mit den Worten: 'Der Friede sei mit diesem Haus.' Wenn das Haus dessen würdig ist, dann wird der Friede über dasselbe kommen; wenn es nicht würdig ist, kommt er auf euch zurück." Ich möchte damit sagen: bis ihr nicht ganz sicher über die Unbußfertigkeit seid, müßt ihr für alle die gleiche Liebe haben. Und ich habe diese Unterweisung vervollständigt mit den Worten: "Und wenn euch jemand nicht aufnimmt und eure Worte nicht anhört, dann schüttelt beim Verlassen dieser Häuser oder dieser Stadt den Staub, der an euren Sohlen haftet, ab." Für die Guten, aus denen die ständig geübte Güte gleichsam einen Block reinsten Kristalls macht, ist die Gefahr der Unzucht nur ein Staub, den man abschütteln oder fortblasen kann, ohne daß eine Narbe zurückbleibt.

Seid wahrhaft gut, ein einziger Block mit der ewigen Güte in der Mitte, und keine Verderbnis wird euch erreichen und beschmutzen können, außer die Sohlen, die den Boden berühren. Die Seele ragt hoch darüber hinaus. Die Seele des Guten ist eins mit Gott. Die Seele ist im Himmel. Dorthin gelangt kein Staub und kein Schlamm, auch wenn er mit Hinterlist gegen den Geist des Apostels geschleudert wird.

Er kann das Fleisch verletzen, euch materiell oder moralisch verwunden, euch verfolgen oder beleidigen; denn das Böse haßt das Gute. Bin ich vielleicht nicht beleidigt worden? Bin ich nicht getroffen worden? Aber haben die Schläge, die häßlichen Worte, meinen Geist getroffen?

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Haben sie ihn verwirrt? Nein! Wie Speichel auf einem Spiegel, wie ein gegen eine saftige Frucht geschleuderter Stein gleiten sie ab, ohne einzudringen; oder sie werden nur oberflächlich eindringen, ohne den im Kern verborgenen Keim zu verletzen, vielmehr das Aufkeimen fördern. Und wie das Korn stirbt, wenn es keimt, so geht es auch dem Apostel. Körperlich stirbt er wohl, tagtäglich stirbt er in metaphorischem Sinn; aber es wird nur das menschliche Ich zerbrochen. Das ist jedoch kein Tod: es ist Leben. Der Geist siegt über den Tod des Menschlichen.

Sie, die Sünderin ist zu mir gekommen aus der Launenhaftigkeit der Untätigen, die im Müßiggang nichts mit ihrer Zeit anzufangen weiß. Ihre Ohren waren nur an die Lügen und die Schmeicheleien jener gewöhnt, die ihren Sinn einlullten, um sie zur Sklavin zu haben. Nun aber vernahm sie die klare, strenge Stimme der Wahrheit. Jener Wahrheit, die sich nicht davor fürchtet, verspottet und mißverstanden zu werden. Die nur spricht, indem sie auf Gott blickt. Und wie bei einem Festgeläute alle Töne ineinanderfließen, so vereinen sich alle Stimmen in seinem Wort. Es sind Stimmen, die im Himmel, im freien Blau der Lüfte, erklingen, und sich ausbreiten über Täler und Berge, Ebenen und Seen, um an die Herrlichkeit des Herrn und seine Feste zu erinnern.

Erinnert ihr euch nicht an die doppelte Festfreude, die in Zeiten des Friedens den Tag des Herrn erfüllte? Die große Glocke gab mit ihrem tönenden Klöppel im Namen des göttlichen Gesetzes den ersten Ton an. Sie sagte: "Ich spreche im Namen Gottes, des Richters und Königs." Dann aber setzten die kleinen Glocken mit ihrem Harfenklang ein: "Denn er ist gut, barmherzig und geduldig" ' bis die kleinste Glocke mit ihrer silberhellen Engelsstimme sprach: "Seine Liebe spornt euch an, Verzeihung und Mitleid zu üben, um euch zu lehren, daß die Verzeihung viel nützlicher ist als der Groll und die Barmherzigkeit besser als die Unerbittlichkeit. Kommt zu dem, der verzeiht. Habt Vertrauen auf den, der mit euch fühlt." Auch ich habe zuerst an das Gesetz erinnert, das von der Sünderin mit Füßen getreten worden war; dann aber habe ich die Hoffnung auf Vergebung singen lassen.

Die Vergebung! Sie ist der Tau, der auf den Feuerbrand des Schuldigen fällt. Der Tau ist kein Hagel, der abprallt und verwundet, zerschmettert und zu Boden fällt, nicht eindringt, die Blume aber tötet. Der Tau steigt so sachte herab, daß auch die zarteste Blume nicht spürt, wenn er sich auf den Blütenblättern niederläßt. Dann aber trinkt sie die Erfrischung und erholt sich. Er läßt sich auch bei den Wurzeln auf die trockene Scholle nieder und dringt dann tiefer ein... Er ist die Feuchtigkeit der Sterne, ein liebevolles Weinen der Amme auf die durstigen Kinder, und dringt als Erquickung zusammen mit der süßen und belebenden Milch ein. Oh, die Geheimnisse der Elemente, die tätig sind, auch wenn der Mensch ruht oder sündigt!

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Die Vergebung ist wie dieser Tau. Er bringt nicht nur Reinheit mit sich, sondern auch Lebenssäfte, die nicht den Elementen entnommen sind, sondern aus göttlichen Quellen stammen. Und nach dem Versprechen der Vergebung spricht die Weisheit und sagt, was erlaubt und was nicht erlaubt ist, und ermahnt und rüttelt auf. Nicht mit Härte, sondern in mütterlicher Sorge, um zu retten.

Wie oft werdet ihr in eurer Härte noch undurchdringlicher und abweisender gegen die Liebe, die sich über euch neigt! ... Wie oft verlacht ihr sie! Wie oft flieht ihr sie, während sie zu euch spricht! ... Wir oft haßt ihr sie! ... Wenn die Liebe euch so behandeln würde, wie ihr es mit ihr tut, dann wehe eurer Seele! Indessen, seht! Die Liebe ist die unermüdliche Wanderin, die auf der Suche nach euch ist. Sie sucht euch sogar auf, wenn ihr euch in dunklen und schmutzigen Höhlen versteckt.

Warum wollte ich in jenes Haus gehen? Warum wirkte ich an ihr. nicht ein Wunder? Um den Aposteln zu zeigen, wie sie handeln, wie sie der Voreingenommenheit und der Kritik trotzen müssen, um eine Pflicht zu erfüllen, die so erhaben ist, daß sie über allen weltlichen Kleinigkeiten steht.

Warum habe ich Judas jene Worte gesagt? Die Apostel waren zu sehr Menschen. Alle Christen sind noch zu sehr Menschen; auch die Heiligen der Erde sind es, wenn auch in geringerem Maße. Auch in den Vollkommenen bleibt immer irgendetwas Menschliches zurück. Doch die Apostel waren noch nicht so weit. Ihre Gedanken waren noch von menschlichen Dingen erfüllt. Ich habe sie zu Höherem geführt. Aber das Gewicht ihres Menschseins hat sie immer wieder hinuntergezogen. Um sie stets weniger fallenzulassen, mußte ich auf den Weg des Aufstiegs Dinge stellen, die geeignet waren, den Abstieg aufzuhalten. Sie sollten in der Betrachtung und in der Ruhe einen Halt finden, um dann wieder höher aufsteigen zu können, diesmal über die vorher erreichte Grenze hinaus. Es mußte sich um Dinge handeln, die sie davon überzeugten, daß ich Gott bin. Daher die Seelenschau, daher die Herrschaft über die Elemente, daher die Wunder, die Verklärung, die Auferstehung und die Allgegenwart.

Ich war auf dem Wege nach Emmaus, während ich zugleich im Abendmahlsaal war. Und die von den Aposteln und Jüngern festgestellte Allgegenwart erschütterte sie, löste sie von ihren weltlichen Banden und führte sie auf den Weg Christi.

Mehr als für Judas, der schon in sich den Todeskeim barg, sprach ich für die anderen elf Apostel. Ich mußte notwendigerweise meine Gottheit vor ihnen aufleuchten lassen, nicht aus Hochmut, sondern weil es für ihre Ausbildung notwendig war. Ich bin Gott und Meister. Jene Worte mußten mich als Gott offenbaren. Ich enthüllte mich in übermenschlicher Art und lehrte die Vollkommenheit: keine schlechten Gespräche führen, nicht einmal mit unserem Innersten. Denn Gott sieht, und er muß in ein reines

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Inneres sehen, um dort hinabsteigen und seinen Aufenthalt nehmen zu können.

Warum habe ich das Wunder nicht in jenem Haus gewirkt? Um allen zu verstehen zu geben, daß die Gegenwart Gottes eine reine Umgebung erfordert, aus Rücksicht auf seine erhabene Majestät. Um nicht mit Lippenworten zu sprechen, sondern mit einem tiefergehenden Wort, das bis zur Seele der Sünderin dringt und sagt: "Siehst du, Unglückselige? Du bist so schmutzig, daß deine ganze Umgebung beschmutzt wird. So schmutzig, daß Gott in deiner Anwesenheit nicht wirken kann. Du bist schmutziger als irgend jemand; denn du wiederholst die Sünde Evas und hältst dem Adam die Frucht entgegen, indem du ihn versuchst und seiner Pflicht entziehst. Du Magd des Satans!"

Warum will ich aber nicht, daß sie von der geängstigten Mutter Satan genannt wird? Weil kein Grund Schmähung und Haß rechtfertigt. Die erste Notwendigkeit und die erste Bedingung, Gott in sich zu haben, besteht darin, keinen Groll zu hegen und zu verzeihen, zu verstehen. Die zweite Bedingung besteht darin, daß man anerkennt, nicht sündenfrei zu sein; man darf nicht allein die Fehler anderer sehen. Die dritte Bedingung ist, daß man dankbar und treu zu bleiben weiß, wenn man Gnade erlangt hat, aus Gerechtigkeit dem Ewigen gegenüber. Unglücklich sind jene, die nach erhaltener Gnade schlimmer sind als die Hunde und sich ihres Wohltäters nicht erinnern, während das Tier sich dessen erinnert!

Ich habe kein Wort an Magdalena gerichtet. Als wäre sie eine Statue, habe ich sie einen Augenblick angeschaut; dann habe ich mich abgewandt. Ich habe mich den "Lebenden" zugewandt, die ich retten wollte. Sie, tot wie behauener Marmor und noch mehr als dieser, habe ich sie scheinbar voller Gleichgültigkeit behandelt. Aber ich habe kein Wort gesprochen und nichts getan, was nicht ihre Seele treffen sollte, die ich retten wollte. Und das letzte Wort: "Ich verhöhne nicht. Verhöhne auch du nicht! Bete für die Sünder, sonst nichts!", hat sich wie eine wachsende Blumengirlande mit dem ersten Wort auf dem Berg verbunden: "Vergebung ist nützlicher als Groll, und Mitleid besser als Unnachgiebigkeit." Und sie haben sie eingeschlossen, die arme Unglückliche, in einen weichen, frischen Kranz duftender Liebe, um sie fühlen zu lassen, wie verschieden die liebevolle Knechtschaft Gottes von der wilden Knechtschaft Satans ist; wie lieblich der Himmelsduft ist, gegenüber dem Gestank der Sünde; wie beruhigend es ist, heilig geliebt zu werden, anstatt satanisch besessen zu sein.

Seht, wie maßvoll der Herr in seinem Wollen ist. Er verlangt keine blitzartigen Bekehrungen. Er verlangt nichts Absolutes von einem Herzen. Er kann warten. Er begnügt sich. Und während er darauf wartet, daß das verlorene Schäflein den Weg, die Irrsinnige den Verstand wiederfindet, begnügt er sich mit dem, was ihm die verzweifelte Mutter geben kann.

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Ich frage sie nur: "Kannst du verzeihen?" Wie viele andere Dinge hätte ich von ihr fordern können, um sie eines Wunders würdig zu machen, wenn ich nach menschlicher Art gehandelt hätte! Aber ich messe eure Kräfte mit göttlichem Maß. Für die verzweifelte Mutter war es schon viel, wenn sie so weit kam zu verzeihen. Und das allein forderte ich in jener Stunde. Dann, nachdem ich ihr das Kind zurückgegeben hatte, habe ich zu ihr gesagt: "Sei heilig und heilige dein Haus." Aber solange der Schmerz sie quälte, habe ich nichts als Verzeihung der Schuldigen gegenüber verlangt. Man kann von einem, der eben noch im Nichts der Finsternis war, nicht alles verlangen. Die Mutter wäre so zum vollen Licht gelangt, und mit ihr die Frau und die Kinder. In jenem Augenblick war es aber nur erforderlich, in ihre vom Weinen noch blinden Augen den ersten Schein des Lichtes eindringen zu lassen: das Vergeben, das heißt, das Morgengrauen des Tages Gottes.

Von den Gegenwärtigen wäre nur einer – ich meine nicht Judas; ich spreche von den Leuten, die sich zugesellt hatten, nicht von meinen Jüngern – nur einer wäre nicht ans Licht gelangt. Niederlagen sind mit den Siegen des Apostolates verknüpft. Es gibt immer einen Menschen, für den sich der Apostel umsonst bemüht. Aber diese Niederlagen dürfen nicht den Mut verlieren lassen. Der Apostel soll sich nicht anmaßen, alles erreichen zu wollen. Er hat mit vielerlei Kräften zu rechnen, die wie die Fangarme eines Polypen die Beute zu erfassen suchen, die er ihnen entrissen hat. Das Verdienst des Apostels bleibt dasselbe. Unglücklich ist der Apostel, der da sagt: "Ich weiß, daß ich keinen Erfolg haben werde, deshalb gehe ich nicht dorthin." Das ist ein Apostel von geringem Wert.

Man muß sich auch dann aufmachen, wenn unter tausend nur einer gerettet wird. Das apostolische Tagewerk wird durch diesen einen ebenso ertragreich, wie wenn er tausend gerettet hätte. Da er alles getan hat, was in seinen Kräften steht, wird Gott ihn dafür belohnen.

Man muß auch daran denken, daß dort, wo der Apostel nicht bekehren kann, weil der zu Bekehrende zu sehr von Satan umklammert ist, und die Kraft des Apostels nicht ausreicht, Gott immer noch eingreifen kann. Also? Wer ist mächtiger als Gott?

Eine andere Sache, die der Apostel unbedingt üben muß, ist die Nächstenliebe. Offenkundige Liebe! Nicht nur eine im Herzen verborgene Liebe den Brüdern gegenüber. Sie genügt unter guten Brüdern. Aber der Apostel ist ein Arbeiter Gottes; er darf sich nicht damit begnügen, nur zu beten; er muß auch handeln. Er muß mit Liebe handeln. Mit großer Liebe. Härte lähmt die Arbeit des Apostels und hemmt die Hinkehr der Herzen zum Licht. Keine Härte, sondern Liebe!

Die Liebe ist das Gewand des Liebenden. Die Liebe ist die Rüstung gegen die Angriffe der bösen Leidenschaften. Die Liebe enthält ein Übermaß an konservierenden Essenzen, die euch vor dem Eindringen

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menschlich-satanischer Fäulnis bewahrt. Um eine Seele gewinnen zu können, muß man zu lieben verstehen. Um eine Seele zu gewinnen, muß man sie soweit bringen, daß sie liebt; daß sie das Gute liebt und ihren armen, sündigen Liebhabereien entsagt.

Ich wollte die Seele Maria Magdalenas gewinnen. Und wie bei dir, kleiner Johannes, habe ich mich nicht darauf beschränkt, von meinem Lehrstuhl aus zu sprechen. Ich bin hinabgestiegen, um sie auf den Wegen der Sünde zu suchen. Ich bin ihr nachgegangen und habe sie mit meiner Liebe verfolgt. Süße Verfolgung! Ich, die Reinheit, bin dort eingekehrt, wo sie, die Unreinheit, sich befand.

Ich habe kein Ärgernis gefürchtet, weder für mich, noch für die anderen. Ärger konnte nicht bei mir einkehren, weil ich die Barmherzigkeit bin; und sie weint über die Sünden und nimmt kein Ärgernis daran. Unglücklich ist der Hirte, der Ärgernis nimmt, sich hinter diesem Vorwand verschanzt und eine Seele im Stiche läßt. Wißt ihr nicht, daß die Seelen leichter als die Körper zu erwecken sind; daß das barmherzige und liebevolle Wort: "Schwester, steh auf, zu deinem Heil!" oft Wunder wirkt? Ich habe mich vor dem Ärgernis der anderen nicht gefürchtet. Vor den Augen Gottes war mein Wirken gerechtfertigt. Vor den Augen der Gerechten war es verständlich. Das Auge des Böswilligen, in dem die Bosheit gärt, die aus einer inneren Fäulnis entsteht, hat keinen Wert. Es findet auch Schuld an Gott! Es sieht nur sich selbst vollkommen. Deswegen kümmerte ich mich nicht darum.

Die drei Phasen der Rettung einer Seele sind die folgenden:

Völlig untadelhaft sein, um reden zu können, ohne zum Schweigen gezwungen zu werden. Man kann zu einer ganzen Schar sprechen, derart, daß das apostolische Wort, das man an die die mystische Barke umgebende Menge richtet, sich wie Wasserwellen immer mehr ausbreitet bis zum unruhigen Ufer, wo jene sich aufhalten, die im Schlamm stecken und nicht darauf bedacht sind, die Wahrheit kennenzulernen.

Das ist die erste Arbeit, um die Kruste der harten Scholle zu durchbrechen und sie für den Samen vorzubereiten. Das ist die schwerste Arbeit für den, der sie verrichtet, und für den, an dem sie vorgenommen wird; denn das Wort muß wie der schneidende Pflug verwunden, um zu öffnen. In Wahrheit sage ich euch, daß das Herz des guten Apostels selbst verwundet wird und blutet, wenn es verwunden muß, um zu öffnen. Aber auch dieser Schmerz ist fruchtbringend. Mit dem Blut und den Tränen des Apostels wird die unfruchtbare Scholle fruchtbar gemacht.

Die zweite Eigenschaft: Auch dort arbeiten, wo einer, der seine Mission nicht ernst nimmt, fliehen würde. Sich verbrauchen in der Anstrengung, Unkraut, Dornen und Disteln ausreißen, um das gepflügte Erdreich zu reinigen und darauf die Macht Gottes und seine Güte als Sonne wirken zu lassen, und gleichzeitig, wie ein Richter oder ein Arzt, gerecht und

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barmherzig sein, geduldig warten, um den Seelen Zeit zu lassen, die Krisis zu überstehen, zu überlegen, sich zu entscheiden.

Dritter Punkt: Sobald die Seele, die im Schweigen bereut hat, sich weinend und an ihre Vergangenheit denkend, schüchtern und in der Furcht, zurückgewiesen zu werden, dem Apostel nähert, muß dieser ein Herz haben, das größer als das Meer, zarter als das Herz einer Mutter und verliebter als das eines Bräutigams ist; er muß es vollkommen öffnen, um Wogen der Zärtlichkeit ausfließen zu lassen.

Wenn ihr Gott in euch habt, Gott, der Liebe ist, werdet ihr leicht die Worte der Liebe finden, die ihr zu den Seelen sagen müßt. Gott wird in euch und durch euch reden, und, wie Honig der von der Wabe tropft, wie der Balsam, der aus der Ampulle quillt, wird die Liebe die ausgedörrten und angeekelten Lippen benetzen, auf die verwundeten Seelen fallen und Erquickung und Arznei sein. Macht, daß die Sünder euch lieben; euch, die Lehrer der Seelen. Macht, daß sie die Süßigkeit der himmlischen Liebe kennenlernen und nach keiner anderen Speise mehr verlangen. Macht, daß sie in eurer Güte eine große Erleichterung finden und sie für alle ihre Wunden suchen.

Ihr müßt dafür sorgen, daß eure Liebe ihnen jegliche Furcht nimmt, wie es die Epistel sagt, die du heute gelesen hast: "Die Furcht setzt die Züchtigung voraus; wer fürchtet, ist nicht vollkommen in der Liebe." Aber auch der ist nicht vollkommen, der Furcht einflößt. Sagt nicht: "Was hast du getan?" Sagt nicht: "Geh weg!" Sagt nicht: "Du verlangst nicht nach der wahren Liebe" ' sondern sagt, sagt in meinem Namen: "Liebe, und ich werde dir verzeihen." Sagt: "Komm in die Arme Jesu." Sagt: "Koste dieses Engelsbrot und dieses Wort und vergiß das Pech der Hölle und den Hohn Satans." Nehmt die Schwächen der anderen auf euch. Der Apostel muß seine eigene und die Schwäche anderer, sein eigenes Kreuz und das anderer tragen, und wenn ihr zu mir kommt, beladen mit verwundeten Schäflein, dann beruhigt sie, diese Verirrten, und sagt zu ihnen: "Alles ist von jetzt an vergessen!" Sagt: "Habe keine Angst vor dem Erlöser. Er ist deinetwegen vom Himmel herabgekommen, gerade für dich. Ich bin nur die Brücke, auf der du zu ihm gelangst. Er wartet jenseits des Flusses der Lossprechung auf dich, um dich zu seinen heiligen Weideplätzen zu führen, die hier auf Erden beginnen, aber dann in einer ewigen Schönheit, die nährt und selig macht, im Himmel weiterbestehen."

Dies ist die Erklärung. Euch geht dies wenig an, ihr, dem guten Hirten getreue Schäflein. Aber wenn es dir, kleine Braut, dein Vertrauen mehrt, wird es dem Pater noch mehr Licht in seinem Licht als Richter bringen, und vielen wird es ein Ansporn sein zum Guten. Es wird der Tau sein, von dem ich gesprochen habe, der eindringt und nährt und die welkenden Blumen wieder aufrichtet.

Erhebt das Haupt! Der Himmel ist oben. Sei im Frieden, Maria! Der Herr ist mit dir!»

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275. JESUS SAGT ZU MARTHA: «DU HAST DEN SIEG SCHON IN DEINER HAND»

Es ist ein klarer Sommermorgen, der Rosen über die seidenen Wellen des Sees entblättert. Jesus ist gerade dabei, in eine Barke zu steigen, als Martha mit ihrer Dienerin herbeieilt. «Oh! Meister! Höre mich an, um Gottes willen!»

Jesus geht von neuem an Land und sagt zu den Aposteln: «Erwartet mich beim Bach! Bereitet schon alles für die Mission nach Magedan vor. Auch die Dekapolis wartet auf das Wort. Geht!»

Während die Barke vom Ufer abstößt und ausläuft, geht Jesus an der Seite Marthas, während Marcella achtungsvoll hinter ihnen folgt.

Sie entfernen sich von der Ortschaft und schreiten am Ufer entlang, das sich nach einem sandigen, spärlich bewachsenen Stück in einen herrlichen, wilden Garten verwandelt. Die Küste beginnt auch anzusteigen und spiegelt sich im Wasser.

Als sie an einem einsamen Ort angelangt sind, sagt Jesus lächelnd: «Was willst du mir sagen?»

«Oh, Meister... Heute nacht, kurz nach der zweiten Nachtwache, ist Maria nach Hause gekommen. Ach! Ich habe vergessen, dir zu sagen, daß sie mir während der Mahlzeit zur sechsten Stunde gesagt hatte: "Würdest du mir dein Gewand und deinen Mantel leihen? Sie werden etwas kurz sein. Aber ich muß das Kleid nicht schürzen und den Mantel nicht hochziehen..." Ich habe ihr erwidert: "Nimm, was du willst, meine Schwester" ' und das Herz schlug mir heftig, denn zuvor hatte ich im Garten zu Marcella gesagt: "Am Abend muß ich in Kapharnaum sein, denn der Meister spricht heute zur Menge." Und ich hatte bemerkt, wie Maria zusammengefahren war, die Farbe wechselte und allein hin- und herging, wie jemand, der unruhig und aufgeregt ist, der eine Entscheidung treffen muß... und noch nicht weiß, was er tun und was er nicht tun soll.

Nach der Mahlzeit ist sie in mein Zimmer gegangen und hat das dunkelste Gewand genommen, das einfachste, hat es probiert und dann die Amme gebeten, den ganzen Saum herunterzulassen, denn das Kleid war zu kurz. Sie hat zuerst versucht, es selbst zu machen, mußte aber weinend bekennen: "Ich habe das Nähen verlernt. Ich habe alles vergessen, was nützlich und gut ist...", und sie hat die Arme um meinen Hals gelegt und bat: "Bete für mich." Dann ist sie in die Dämmerung hinausgegangen... Wie sehr habe ich gebetet, daß sie keinem begegne, der sie hätte aufhalten können; daß sie dein Wort verstehe; daß es ihr gelinge, endgültig das Ungeheuer zu erwürgen, das sie zur Sklavin gemacht hatte... Schau, ich habe meinen Gürtel über deinen Gürtel gelegt, und wenn ich den harten Druck des Leders auf meinen Hüften spürte, die nicht an so harte Gürtel gewöhnt sind, dann sagte ich: "Er ist stärker als alles andere."

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Dann, mit dem Wagen ging es rasch, sind wir, ich und Marcella, gefahren. Ich weiß nicht, ob sie uns in der Menge gesehen hat... Aber welcher Schmerz, welcher Dorn in meinem Herz, als ich Maria nicht sah! Ich dachte: "Sie hat es bereut. Sie ist nach Hause zurückgekehrt... oder sie ist geflohen, da sie meine Aufsicht, die sie selbst verlangt hatte, nicht mehr ertragen konnte." Ich habe dir zugehört und dabei unter meinem Schleier geweint. Diese Worte schienen alle für sie bestimmt zu sein... und sie konnte sie nicht hören! So dachte ich, da ich sie nicht sah. Ich bin entmutigt nach Hause gegangen. Es ist wahr, ich habe dir nicht gehorcht, denn du hattest mir gesagt: "Wenn sie kommt, dann erwarte sie zu Hause." Aber schau auf mein Herz, Meister! Es war meine Schwester, die zu dir ging! Durfte ich nicht dabeisein und sie bei dir sehen? Und dann!... Du hattest mir gesagt: "Sie wird zerrissen sein." Ich wollte sofort in ihre Nähe gehen, um sie zu stützen...

Ich kniete weinend und betend in meiner Kammer, als sie lange nach der zweiten Nachtwache eintrat. So leise, daß ich sie erst bemerkte, als sie sich über mich warf, mich umschlang und sagte: "Alles, was du sagst, ist wahr, geliebte Schwester! Er ist noch viel mehr, als du glaubst. Seine Barmherzigkeit ist noch viel größer. Oh, meine Martha! Du brauchst mich jetzt nicht mehr zu halten! Du wirst mich nicht mehr zynisch und verzweifelt sehen! Du wirst mich nie mehr sagen hören: 'Nicht denken müssen.' Jetzt will ich denken. Ich weiß nun, an was ich denken muß. An die menschgewordene Güte! Du hast gebetet, meine Schwester, gewiß hast du für mich gebetet. Und du hast deinen Sieg schon in der Hand. Deine Maria, die nicht wieder sündigen will, die nun wieder neu geboren wird! Siehe sie hier! Schau ihr gut ins Gesicht. Denn es ist eine neue Maria, mit einem von Tränen gewaschenen Gesicht, voller Hoffnung und Reue. Du kannst mich küssen, reine Schwester. Es ist keine Spur schamloser Liebe mehr auf meinem Gesicht. Er hat gesagt, daß er meine Seele liebt. Denn zu ihr und über sie hat er gesprochen. Das verirrte Schäflein war ich. Er hat gesagt, höre gut zu, ob ich es recht wiederhole; du kennst die Redeweise des Erlösers..." und dann hat sie mir ganz genau dein Gleichnis erzählt. Maria ist sehr intelligent! Viel intelligenter als ich! Sie hat ein gutes Gedächtnis. So habe ich dich zweimal gehört; und wenn die Worte auf deinen Lippen heilig und anbetungswürdig waren, dann waren sie für mich auf ihren Lippen heilig, anbetungswürdig und liebenswert; denn es waren die Lippen der Schwester, meiner wiedergefundenen Schwester, die zum häuslichen Herd zurückgekehrt ist. Wir hielten uns umarmt, während wir auf der Matte des Bodens saßen wie einst, da wir noch Kinder waren und uns zusammen im Zimmer Mamas oder im Raum, wo sie webend oder stickend ihre herrlichen Stoffe herstellte, aufhielten; sie war mir nicht mehr durch die Sünde entfremdet, und es schien mir, als ob auch Mama mit ihrem Geist anwesend wäre. Wir weinten ohne

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Schmerz, vielmehr in großem Frieden! Wir küßten uns voller Glückseligkeit... Dann schlief Maria, müde vom langen Gehen, von der Erregung und von vielen anderen Dingen, in meinen Armen ein; ich legte sie mit Hilfe der Amme auf mein Bett... Ich habe sie dort zurückgelassen und bin hierher geeilt ...» Und Martha küßt selig die Hände Jesu.

«Nun sage auch ich dir, was Maria gesagt hat: "Du hast deinen Sieg schon in der Hand." Geh hin und sei glücklich! Geh in Frieden! Sei gütig und klug im Umgang mit der Wiedergeborenen. Leb wohl, Martha! Laß es auch Lazarus wissen, der sich im Garten quält.»

«Ja, Meister! Aber wann wird Maria mit uns Jüngerinnen kommen?»

Jesus lächelt und sagt: «Der Schöpfer machte die Schöpfung in sechs Tagen, und am siebten ruhte er.»

«Ich verstehe. Man muß Geduld haben...»

«Geduld, ja! Seufze nicht! Auch das ist eine Tugend. Der Friede sei mit euch, Frauen! Wir werden uns bald wiedersehen.» Jesus verläßt sie und geht zur Stelle am Ufer, wo bereits das Boot wartet.

276. MAGDALENA IM HAUS DES PHARISÄERS SIMON

Zum Trost für meine vielen Leiden und um mich die Bosheiten der Menschen vergessen zu lassen, gewährt mir mein Jesus diese Betrachtungen:

Ich sehe einen reich ausgestatteten Saal. Ein großartiger Kronleuchter hängt von der Decke herab, und seine vielen Lampen sind angezündet. An den Wänden hängen kostbare Teppiche und stehen geschnitzte Sessel, die mit Elfenbein und Metall eingelegt sind.

in der Mitte des Saales befindet sich eine große Tafel, die aus vier im Quadrat aufgestellten Tischen besteht. Die Tafel ist sicher für die vielen Gäste (alles Männer) so hergerichtet und mit schönen Tischdecken und kostbarem Geschirr gedeckt worden. Wertvolle Krüge und Becher stehen bereit, und viele Diener kommen und gehen und bringen Speisen und Weine. Der Fußboden ist sehr schön, und das Licht der Öllampen spiegelt sich darin. Außen um das Quadrat der vier Tische herum befinden sich die Sitzgelegenheiten, die schon alle von den Eingeladenen eingenommen worden sind.

Es kommt mir vor, als wäre ich in der halbdunklen Ecke im Hintergrund des Saales, neben einer Türe, die nach außen hin geöffnet ist, vor der aber ein schwerer Teppich oder Gobelin vom Türbalken herunterhängt.

Auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite sitzt der Hausherr mit den wichtigsten Gästen. Er ist ein älterer Herr und trägt eine weite, weiße Tunika, die an den Hüften von einem gestickten Gürtel

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zusammengehalten wird. Das Gewand hat auch am Hals, am Ende der Ärmel und am unteren Saum Borten mit gestickten Motiven. Doch das Gesicht des Alten gefällt mir nicht. Es ist bösartig, kalt, hochmütig und gierig.

Ihm gegenüber sitzt mein Jesus. Ich sehe ihn von der Seite, fast von hinten. Er trägt sein übliches weißes Gewand und Sandalen; die Haare sind in der Mitte gescheitelt und haben die gewohnte Länge.

Ich bemerke, daß er und auch seine Tischgenossen nicht sitzen, also nicht aufrecht am Tisch sitzen, sondern liegen. Bei der Vision von der Hochzeit zu Kana habe ich nicht auf diese Besonderheit geachtet; ich habe nur gesehen, daß alle beim Essen den linken Arm aufstützten; doch schienen sie nicht zu liegen, vielleicht weil die Liegebetten weniger prächtig und viel kürzer waren. Hier stehen richtige Betten; sie gleichen modernen Diwanen.

Jesus hat neben sich Johannes, und da er seinen linken Ellbogen aufstützt (wie alle), ist Johannes zwischen dem Tisch und der Person Jesu eingekeilt. Er berührt mit seinem Ellbogen die Seite Jesu, ohne ihn jedoch beim Essen zu hindern; vielmehr erlaubt er ihm, sich vertraulich an seine Brust zu legen, wenn er will.

Von den Frauen ist keine zugegen. Alle reden, und der Hausherr wendet sich ab und in voller affektierter Herablassung und offenbarer Geringschätzung Jesus zu. Er will offensichtlich ihm und den Anwesenden zeigen, daß er Jesus mit der Einladung in sein reiches Haus eine große Ehre erweise; ihm, dem armen Propheten, den viele etwas überspannt finden...

Ich sehe, daß Jesus höflich und ruhig antwortet. Er hat ein sanftes Lächeln für den, der ihm Fragen stellt, und ein leuchtendes Lächeln, wenn der, welcher mit ihm spricht oder ihn auch nur anblickt, Johannes ist.

Dann sehe ich, wie der reiche Vorhang an der Türe sich bewegt und eine junge, schöne, vornehm gekleidete und sorgfältig frisierte Frau hereinkommt. Ihr reiches, blondes, kunstvoll hergerichtetes Haar bildet einen wahren Schmuck. Es scheint, als trage sie einen goldenen, verzierten Helm, so sehr glänzt ihr Haar. Wenn ich ihr Kleid mit dem Gewand vergleiche, das die Jungfrau Maria stets trägt, so ist dieses hier ungewöhnlich reich und pompös. Schnallen auf den Schultern; Schmuckstücke, die den Ausschnitt auf der Brust zusammenhalten; Goldkettchen, die die Linie der Brust unterstreichen, und ein Gürtel, der mit Gold und Edelsteinen verziert ist. Das ganze Kleid hebt die Linien des wunderschönen Körpers hervor. Auf dem Kopf hat die Frau einen Schleier, der so dünn ist ' daß er absolut nichts verhüllt. Er dient nur dazu, ihren Reiz zu erhöhen. An den Füßen trägt sie kostbare Sandalen aus rotem Leder mit goldenen Schnallen, deren Riemen um die Knöchel geschnürt sind.

Alle, außer Jesus, wenden sich um, sie anzuschauen. Johannes sieht nur kurz hin und wendet seinen Blick wieder Jesus zu. Die anderen starren sie mit sichtlicher, teils böswilliger Gier an. Aber die Frau schaut sie

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nicht an und kümmert sich nicht um das Geflüster, das sich bei ihrem Eintreten erhoben hat, und um das Zuzwinkern von seiten Anwesender. Jesus tut, als ob er nichts bemerke. Er fährt fort, mit dem Hausherrn zu reden.

Die Frau nähert sich Jesus und kniet zu Füßen des Meisters nieder. Sie stellt ein Gefäß auf den Boden, das die Form eines bauchigen Kruges hat, und nimmt den Schleier vom Haupt, indem sie eine kostbare Haarnadel entfernt, mit der er an der Haartracht befestigt war; dann streift sie auch die Ringe von den Fingern und legt alles auf das Bett zu den Füßen Jesu nieder. Schließlich nimmt sie die Füße Jesu in ihre Hände, zuerst den rechten, dann den linken, löst die Riemen der Sandalen und legt sie auf den Boden. Unter Tränen küßt sie diese Füße, legt ihre Stirn darauf und liebkost sie, und die Tränen rinnen wie Regen, der im Lampenschein glitzert, von den anbetungswürdigen Füßen Jesu herab.

Jesus wendet langsam das Haupt, nur ganz wenig, und seine tiefblauen Augen ruhen einen Augenblick auf dem geneigten Kopf. Ein Blick der Vergebung! Dann richtet er seinen Blick wiederum zur Mitte und läßt ihrem Herzenserguß freien Lauf.

Aber die anderen nicht. Sie spötteln, blinzeln sich zu und grinsen. Der Pharisäer setzt sich einen Augenblick auf, um besser sehen zu können, und in seinem Blick spiegeln sich Verlangen, Ärger und Ironie. Sein Verlangen nach dieser Frau ist offenkundig. Verärgert ist er, weil die Frau so frei eingetreten ist und die anderen denken könnten, daß sie... öfters in diesem Haus zu Gast ist. Die Ironie gilt Jesus.

Aber die Frau kümmert sich um nichts. Sie weint unaufhörlich und lautlos. Nur große Tränen und seltenes Schluchzen. Dann löst sie sich die Haare, zieht die goldenen Spangen heraus, die ihre Frisur halten, und legt auch sie neben Ringe und Haarnadel. Die goldenen Haarsträhnen fallen über ihre Schultern. Sie ergreift sie mit ihren beiden Händen und fährt damit über die mit Tränen benetzten Füße Jesu, solange, bis diese trocken sind. Dann taucht sie die Finger in das Gefäß und nimmt daraus eine gelbliche, wunderbar duftende Salbe. Der Duft, der an Lilien und Tuberosen erinnert, breitet sich im ganzen Saal aus. Die Frau greift ohne zu geizen in das kleine Gefäß und salbt und küßt und liebkost die Füße.

Jesus schaut ab und zu mit liebevoller Barmherzigkeit auf sie. Johannes, erstaunt über diesen Tränenausbruch, schaut hin und kann seinen Blick nicht mehr von Jesus und der Frau abwenden. Er blickt bald auf ihn, bald auf sie.

Das Gesicht des Pharisäers wird immer düsterer. Ich höre hier die bekannten Worte des Evangeliums, und ich höre sie in einem Ton und von einem Blick begleitet, die den mißgünstigen Greis zwingen, das Haupt zu senken.

Ich höre die Worte der Vergebung, die Jesus an die Frau richtet, die sich

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darauf entfernt, indem sie ihre Schmucksachen zu den Füßen Jesu zurückläßt. Sie hat sich ihren Schleier um den Kopf gewickelt und darin, so gut es ging, die aufgelösten Haare verborgen. Jesus legt ihr mit den Worten: «Geh in Frieden!» die Hände auf das gesenkte Haupt, einen Augenblick nur, doch mit überaus liebevoller Gebärde.

277. «VIEL WIRD DEM VERZIEHEN, DER VIEL LIEBT»

Jesus sagt nun zu mir:

«Was den Pharisäer und seine Freunde veranlaßt hat, das Haupt zu senken, und was nicht im Evangelium berichtet wird, sind die Worte, die mein Geist durch einen Blick wie Blitze in diese ausgetrocknete und hungrige Seele geschleudert hat. Ich habe viel mehr geantwortet als berichtet wird; denn mir war nichts von den Gedanken der Menschen verborgen. Und er hat meine wortlose Sprache verstanden, die vorwurfsvoller war, als meine Worte es hätten sein können.

Ich habe ihm gesagt: "Nein, keine niederträchtige Unterstellung, um dich vor dir selbst zu rechtfertigen. Ich habe keine Sinnenlust wie du. Die Frau kommt nicht zu mir in sinnlicher Absicht. Ich bin nicht wie du und deinesgleichen. Sie kommt zu mir, weil mein Blick und mein gelegentliches Wort ihre Seele erleuchtet haben, in der die Sinnenlust die Finsternis verursacht hatte. Sie kommt, um über ihre Sinnlichkeit Herr zu werden, und weil sie als armes Geschöpf weiß, daß sie allein nicht dazu imstande ist. Sie liebt in mir den Geist, nur den Geist, dessen übernatürliche Güte sie spürt. Nachdem sie soviel Böses von euch allen erfahren hat, die ihr ihre Schwäche für eure Laster ausgenützt und sie schließlich deswegen verachtet habt, kommt sie zu mir, weil sie fühlt, daß sie hier das Gute, die Freude, den Frieden gefunden hat, die sie im Pomp und Glanz der Welt vergeblich gesucht hatte.

Bemühe dich um die Heilung deiner Seele von deinem Aussatz, du scheinheiliger Pharisäer; bemühe dich, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Lege ab deinen Geistesstolz und deine fleischliche Wollust. Sie sind ein viel ekelerregenderer Aussatz als der körperliche. Von letzterem könnt ihr durch meine Berührung geheilt werden, wenn ihr mich darum bittet; vom Aussatz des Geistes nicht, denn ihr wollt nicht von ihm befreit werden, weil er euch gefällt. Sie aber will es! Und deswegen reinige und befreie ich sie von den Ketten ihrer Sklaverei. Die Sünderin ist tot. Sie liegt da im Schmuck, den sie mir, sich schämend, schenkt, damit ich ihn heilige, indem ich ihn für die Bedürfnisse meiner Person und meiner Jünger verwende; für die Armen, denen ich mit dem Überfluß der anderen zu Hilfe komme. Denn ich, der Herr des Weltalls, besitze jetzt nichts, ich, der

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Erlöser der Menschen. Sie ist dort in dem Duft, den sie auf meinen Füßen hinterlassen hat; den Füßen, denen du eine Erfrischung mit dem Wasser deines Brunnens versagt hast, nachdem ich so weit gegangen war, um auch dir das Licht zu bringen. Die Sünderin ist tot. Sie ist wieder Maria geworden, schön wie ein reines, schamhaftes Mädchen in ihrer aufrichtigen Liebe. Sie hat sich in ihren Tränen gewaschen. Wahrlich, ich sage dir, o Pharisäer, daß ich zwischen dem, der mich mit seiner reinen Jugend liebt, und dieser, die mich in der aufrichtigen Zerknirschung eines in der Gnade wiedergeborenen Herzens liebt, keinen Unterschied mache und dem Reinen und der Reuigen den Auftrag erteile, meine Gedanken besser als die anderen zu verstehen, meinem Leib die letzten Ehrungen zu erweisen und den ersten Gruß an mich zu richten (abgesehen von dem meiner Mutter), nachdem ich auferstanden sein werde." Das wollte ich mit meinem Blick dem Pharisäer zu verstehen geben.

Aber dich möchte ich noch auf etwas anderes hinweisen: zu deiner Freude und zur Freude vieler. Auch in Bethanien hat Maria diese Geste wiederholt, welche die Morgenröte ihrer Erlösung darstellt. Es gibt persönliche Gesten, die sich wiederholen und eine Person und ihre Eigenart kennzeichnen. Unverwechselbare Gesten! Doch, wie es sich geziemte, war die Geste in Bethanien weniger erniedrigend und vertraulicher in ihrer ehrfürchtigen Anbetung.

Viele Fortschritte hat Maria seit dieser Morgendämmerung ihrer Erlösung gemacht. Viele! Die Liebe hat sie wie ein Wirbelwind in die Höhe und vorangetrieben. Die Liebe hat in ihr wie auf einem Scheiterhaufen das unreine Fleisch verzehrt und dem gereinigten Geist die Herrschaft übergeben. Und Maria, verschieden in der wiedergewonnenen Würde der Frau wie in der Kleidung, ist nun eine andere, einfach wie meine Mutter in der Frisur, im Blick, in der Haltung und im Reden, neu; so war es auch eine neue Art, mich zu ehren durch dieselbe Geste. Sie nimmt ihren letzten Salbtopf, den sie für mich aufbewahrt hat, und gießt ihn aus über meine Füße und mein Haupt, ohne Tränen und mit einem Blick, den die Liebe und die Sicherheit, Vergebung erlangt zu haben und gerettet zu sein, erstrahlen läßt. Jetzt kann Maria mein Haupt berühren und salben. Reue und Liebe haben sie gereinigt mit dem Feuer der Seraphim, und sie selbst ist nun ein Seraph.

Sage es dir selbst, Maria, meine "kleine Stimme", sage es den Seelen. Geh und sage es den Seelen, die nicht zu mir zu kommen wagen, weil sie sich schuldig fühlen. Viel, ja sehr viel wird dem verziehen, der viel liebt. Der mich sehr liebt. Ihr wißt nicht, ihr armen Seelen, wie euch der Erlöser liebt! Fürchtet euch nicht vor mir! Kommt voller Vertrauen! Voller Mut! Ich öffne euch mein Herz und die Arme.

Denkt immer daran: Ich mache keinen Unterschied zwischen dem, der mich mit unversehrter Reinheit liebt, und dem, der mich mit der

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aufrichtigen Zerknirschung eines in der Gnade wiedergeborenen Herzens liebt. Ich bin der Erlöser. Erinnert euch immer daran!

Geh in Frieden. Ich segne dich.»

278. ERWÄGUNGEN ÜBER DIE BEKEHRUNG MARIA MAGDALENAS

Heute habe ich den ganzen Tag über das nachgedacht, was Jesus mir gestern abend diktiert hat, und auch darüber, was ich gesehen und verstanden habe, obwohl nicht darüber gesprochen worden ist.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch bemerken, daß die Gespräche der Tischgenossen, sofern ich sie verstanden habe, also besonders die jener, die Jesus zugewandt waren, Ereignisse des Tages betrafen: die Römer, das von ihnen mißachtete Gesetz, ferner die Mission Jesu als Lehrmeister einer neuen Schule. Aber unter dem Deckmantel der Höflichkeit, so konnte man verstehen, waren es boshafte und verfängliche Fragen, die Jesus in Verlegenheit bringen sollten. Doch es gelang ihnen nicht, Jesus zu verwirren, denn mit wenigen Worten gab er die richtige Antwort und machte weitere Fragen unnötig.

Auf die Frage, von welcher besonderen Schule oder Sekte er ein neuer Lehrmeister sei, antwortete er schlicht: «Von der Schule Gottes. Er ist es, dessen heiliges Gesetz ich befolge, und seinetwegen bin ich darauf bedacht, daß in den Kleinen (und dabei schaute er mit Liebe auf Johannes und in Johannes auf alle, die aufrichtigen Herzens sind) das Gesetz erneuert werde in seiner ganzen Wesensheit, auf daß es wie am Tag werde, als der Herr, unser Gott, es auf Sinai kundgetan. Ich bringe die Menschen zurück zum Licht Gottes.»

Auf die Frage, was er von den Mißbräuchen und Übergriffen Caesars denke, der sich zum Beherrscher Palästinas gemacht hatte, antwortete Jesus: «Caesar ist, was er ist, weil Gott es so will. Gedenkt des Propheten Isaias. Nennt er nicht durch göttliche Erleuchtung Assur "die Zuchtrute" seines Zorns? Die Zuchtrute, mit der das Volk Gottes bestraft wird, weil es sich von Gott abgewendet hat und sich Täuschungen hingibt? Und sagt er nicht auch, daß er ihn, nachdem er ihn zur Bestrafung benützt hat, zerbrechen wird, weil er seine Macht mißbraucht hat und zu hochmütig und grausam geworden ist?»

Diese beiden Antworten haben den größten Eindruck auf mich gemacht.

Heute abend sagt mein Jesus lächelnd zu mir:

«Immer komme ich, Maria, wenn jemand sich bemüht, zu verstehen. Ich bin kein harter und strenger Gott. Ich bin lebendige Barmherzigkeit. Und schneller als der Gedanke bin ich bei dem, der sich an mich wendet.

Auch der armen Maria von Magdala, die in ihren Sünden versunken war, war ich sofort mit meinem Geist zu Hilfe geeilt, als sich in ihr das

ihren eigenen Zu-

Verlangen regte, zu verstehen und das Licht Gottes und stand in der Finsternis zu erkennen. Und ich bin ihr zum Licht geworden.

Zu vielen habe ich an jenem Tag gesprochen, aber in Wirklichkeit galt es ihr allein. Ich hatte nur sie im Auge, die zu mir gekommen war, einem Drang der Seele folgend, in einer Auflehnung gegen das Fleisch, dessen Sklavin sie war. Ich hatte nur sie im Auge mit ihrem armen, vom Sturm gepeitschten Gesicht, mit ihrem erzwungenen Lächeln, das soviel innere

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Tränen unter dem Gewand der Sicherheit und lügnerischer Freude verbarg, da sie der Welt und sich selbst nicht mehr traute. Ich sah nur sie, die viel mehr in Dornen verstrickt war als das verirrte Schäflein im Gleichnis; sie, die am Ersticken war im Überdruß ihres Lebens, der an die Oberfläche gestiegen war, wie jene tiefen Wellen, die die Wasser der Tiefe in die Höhe wälzen.

Ich habe keine großen Worte gebraucht; ich habe kein Thema gewählt, das auf sie, die bekannte Sünderin, hingewiesen hätte, um sie nicht zu beschämen und zur Flucht zu zwingen. Ich habe sie in Frieden gelassen. Ich ließ mein Wort und meinen Blick in sie eindringen und in ihr wirken, um aus diesem momentanen Impuls die glorreiche Zukunft einer Heiligen zu gestalten. Ich habe mit einem der lieblichsten Gleichnisse zu ihr gesprochen: mit einem Strahl des Lichtes und der Güte, der gerade für sie ausgesandt wurde. Und während sie an jenem Abend ihren Fuß in das Haus des hochmütigen Reichen setzte, in dem mein Wort nicht zu künftiger Herrlichkeit keimen konnte, weil es im pharisäischen Hochmut erstickt wäre, wußte ich schon, daß sie kommen würde, nachdem sie soviel geweint hatte in ihrer Kammer der Lasterhaftigkeit und daß im Licht dieser Tränen ihre Zukunft schon beschlossen war.

Die Männer haben in ihrer Begehrlichkeit bei ihrem Eintritt in ihrem Fleisch gejubelt und ihr in Gedanken schlechte Absichten unterstellt. Alle haben nach ihr begehrt, mit Ausnahme der beiden Reinen an der Tafel: ich und Johannes! Alle glaubten, sie sei gekommen aus einer ihrer leichtsinnigen Launen, die sie, in ihrer wahren dämonischen Besessenheit, in unvorhergesehene Abenteuer stürzten. Aber Satan war bereits besiegt. Und alle haben voller Neid beobachtet, daß sie nicht ihretwegen, sondern meinetwegen gekommen war.

Der schlechte Mensch besudelt selbst die reinsten Dinge, wenn er nur für sein Fleisch und Blut lebt. Nur die Reinen sehen klar, weil die Sünde ihren Geist nicht verwirrt. Aber, daß der Mensch nicht versteht, soll dich nicht erschüttern, Maria. Gott versteht. Und das genügt für den Himmel.

Die Ehre, die von den Menschen kommt, vermehrt um keinen Grad die Herrlichkeit, die den Auserwählten im Paradies zuteil wird. Bedenke das immer! Die arme Maria Magdalena ist in ihren guten Taten immer falsch beurteilt worden. Dasselbe war nicht der Fall in bezug auf ihre sündhaften Handlungen; denn das waren Bisse der Wollust für den unersättlichen Hunger der Lasterhaften. So wurde sie kritisiert und falsch beurteilt zu Naim im Haus des Pharisäers, kritisiert und getadelt in Bethanien, in ihrem eigenen Haus.

Aber Johannes sagt ein großes Wort, das den Schlüssel zu dieser letzten Kritik gibt: "Judas... weil er ein Dieb war. " Ich sage: "Der Pharisäer und seine Freunde, weil sie wollüstige Menschen waren." Siehst du? Die sinnliche Begierde und die Gier nach Geld erheben die Stimme der Kritik

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gegen die gute Tat. Die Guten kritisieren nicht. Niemals! Sie haben Verständnis.

Aber, ich wiederhole es dir, die Kritik der Welt ist belanglos. Auf das Urteil Gottes kommt es an.

Ich bereite dich jetzt auf die Lektion von morgen vor. Merke dir aus dem 12. Kapitel Daniels die Worte, die ihm von meinem leuchtenden Engel gesagt worden sind: "Fürchte dich nicht! Der Friede sei mit dir! Fasse Mut und sei stark." Und du, sei immer bereit, zu antworten: "Rede, mein Herr, denn du hast mich gestärkt."»

Dann sagt Jesus zu mir:

«Wenn ich dich so aufmerksam bei meinen Unterweisungen sehe, kommst du mir vor wie eine fleißige Schülerin, ihrem Lehrer ergeben, der für sie der "Wissende" ist. Wenn du jedoch selbst etwas Neues entdeckst und Beobachtungen machst (während der Visionen), dann erinnerst du mich an ein gutes Kind, das der Vater an der Hand führt. Er zeigt ihm gewisse Dinge, um es zum Nachdenken anzuregen, überläßt es jedoch auch sich selbst, um ihm nicht die Freude zu nehmen, etwas Neues zu entdecken und selbstbewußter zu werden.

Um dies tun zu können, mußt du immer frei von menschlichen Sorgen sein. Immer freier! Du mußt immer sicherer werden, um sorglos auf den Pfaden der Betrachtung zu wandeln, und immer ruhiger und vertrauensvoller, weil ich dich an der Hand halte. Ein Vater läßt es sich nicht anmerken, aber er bringt mit tausend liebevollen Künsten sein Kind dazu, das zu betrachten, was er ihm zeigen will. Oh, ich bin der liebevollste der Väter und der geduldigste Lehrmeister für meine Kleinen, und wenn ich ein gelehriges und aufmerksames Kind an der Hand führen kann, dann bin ich glücklich. Glücklich, Lehrmeister und Vater zu sein! Es kommt nur so selten vor, daß meine Geschöpfe ihre Hand vertrauensvoll in die meine legen, um von mir geführt und unterrichtet zu werden und mir zu sagen: "Ich liebe dich über alles und mit meinem ganzen Sein." Den wenigen, die so ganz ohne Vorbehalte mein sind, eröffne ich die Schätze der Offenbarungen und Betrachtungen und schenke ich mich rückhaltlos.

Aber, Maria, da ich dich zur Verkünderin meiner Gottheit in ihren verschiedenen Erscheinungsformen erwählt habe, für jene, die das Bedürfnis haben, aufgeweckt und hingeführt zu werden Gott zu schauen, darfst du nicht vergessen, alles was du siehst, gewissenhaft wiederzugeben. Auch Kleinigkeiten haben ihre Bedeutung. Sie beziehen sich nicht auf dich, sondern auf mich; daher ist es dir nicht erlaubt, sie auszulassen. Das wäre unredlich und selbstsüchtig. Bedenke, daß du die Zisterne des göttlichen Wassers bist, in welche dieses Wasser sich ergießt, damit alle daraus schöpfen können. Was die Diktate angeht, hast du eine große Genauigkeit erreicht. Bei den Schauungen siehst du vieles; aber in der Eile, es niederzuschreiben und infolge deines Gesundheitszustandes und deiner Umgebung kommt es vor, daß du manchmal Einzelheiten ausläßt. Das darfst du nicht tun. Setze sie als Fußnote ein, aber notiere alles. Dies soll kein Vorwurf sein, es ist ein guter Rat deines Meisters.

Vor einigen Tagen hast du zu mir gesagt: "Wenn die Menschen dich durch mich ein wenig mehr lieben, rechtfertigt dies alle meine Mühen und mein Leben, und ist mir eine hinreichende Belohnung; wenn auch nur ein einziger Mensch durch dein 'verborgenes Veilchen' zu dir zurückkehrte, wäre ich glücklich." Je aufmerksamer und genauer du bist, um so größer wird die Zahl jener sein, die zu mir kommen, und um so größer wird auch deine gegenwärtige geistige Seligkeit und deine künftige ewige Seligkeit sein.

Geh in Frieden! Dein Herr ist mit dir.»

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279. «ES LOHNT SICH, EINE FREUNDSCHAFT ZU VERLIEREN, UM EINE SEELE ZU GEWINNEN»

Jesus befindet sich auf dem Weg vom See von Meron zu dem von Galiläa. Bei ihm sind der Zelote und Bartholomäus. Es scheint, daß sie an einem Bach, der zu einem kleinen Wasserfaden geworden ist, aber noch immer blätterreiche Pflanzen nährt, auf die anderen warten, die gerade von zwei verschiedenen Seiten auf sie zukommen.

Der Tag ist heiß. Dennoch sind viele Leute den drei Gruppen, die anscheinend in den umliegenden Dörfern predigten, gefolgt. Die Kranken hatten sie der Gruppe Jesu zugeführt, während die anderen zwei Gruppen sich darauf beschränkten, vor den Gesunden über ihn zu sprechen. Viele wunderbar Geheilte bilden eine glückliche Schar; sie sitzen zwischen den Pflanzen, und ihre Freude ist so groß, daß sie die Müdigkeit gar nicht spüren, die ihnen die Hitze, der Staub und das grelle Licht verursachen; alles Dinge, die den anderen lästig sind.

Als die von Judas Thaddäus geführte Gruppe als erste bei Jesus ankommt, ist die Müdigkeit aller, die zu ihr gehören und die ihr folgen, offenbar. Als letzte kommt die von Petrus geführte Gruppe, in der sich viele aus Chorazim und Bethsaida befinden.

«Wir haben es geschafft, Meister. Aber es müßten noch mehr Gruppen sein... Du siehst es. Man kann nicht lange wandern wegen der großen Hitze. Wie sollen wir es nun anfangen? Es scheint, daß die Welt sich erweitert, so daß wir noch mehr zu tun haben und uns in die Dörfer verteilen und größere Entfernungen zurücklegen müssen. Ich wußte nicht, daß Galiläa so groß ist. Wir sind in einem Winkel des Landes, wirklich in einer Ecke, und es ist nicht möglich, dich überall zu verkünden, so weit ist das Gebiet und das Bedürfnis und der Wunsch nach dir», seufzt Petrus.

«Die Welt wird nicht größer, Simon. Vielmehr nehmen die Menschen zu, die den Meister kennenlernen», entgegnet Thaddäus.

«Ja, das ist wahr. Sieh nur, wie viele Leute. Einige folgen uns seit heute morgen. In den heißen Stunden haben wir uns in einen Wald geflüchtet. Aber noch jetzt, da sich der Tag neigt, ist es mühsam zu wandern. Und diese Armen sind viel weiter von ihren Heimatdörfern entfernt als wir. Wenn die Menge weiterhin so zunimmt, weiß ich nicht, was wir anfangen werden...» sagt Jakobus des Zebedäus.

«Im Oktober werden auch die Hirten kommen», tröstet Andreas.

«Ach ja, die Hirten und die Jünger sind gute Leute. Aber sie sind nur imstande zu sagen: "Jesus ist der Erlöser. Dort ist er." Weiter nichts», antwortet Petrus.

«Dann weiß das Volk wenigstens, wo es ihn finden kann. Jetzt hingegen! Wir gehen hierher, und sie gehen dorthin; und während sie dann

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hierher kommen, gehen wir dorthin, und sie müssen uns nachlaufen. Und dazu mit Kindern und Kranken, was gar nicht so einfach ist.»

Jesus sagt: «Du hast recht, Simon Petrus. Auch ich habe Mitleid mit diesen Seelen und Scharen. Für viele kann es einen nicht wiedergutmachbaren Verlust bedeuten, wenn sie mich nicht zu einer bestimmten Zeit ausfindig machen. Seht nur, wie müde und ratlos jene sind, die noch nicht einmal die Gewißheit von meiner Wahrheit besitzen, und wie jene hungern, die einmal von meinem Worte gekostet haben und nun nicht mehr ohne dasselbe auskommen und von keinem anderen Worte mehr befriedigt werden. Sie scheinen Schafe ohne Hirten zu sein, die umherirren und niemand finden, der sie auf eine Weide führt. Ich werde mich um sie kümmern. Aber ihr müßt mir helfen. Mit all euren geistigen, moralischen und körperlichen Kräften. Nicht mehr in großen Gruppen, sondern paarweise müßt ihr umherziehen. Wir wollen die besten Jünger paarweise aussenden. Denn die Ernte ist wahrlich groß! Oh, in diesem Sommer will ich euch auf diese große Mission vorbereiten. Im Monat Tammus wird uns Isaak mit den besten Jüngern zu Hilfe kommen. Ich werde euch dann vorbereiten. Ihr genügt noch nicht. Da die Ernte wirklich groß sein wird, ist die Zahl der Arbeiter im Vergleich dazu sehr gering. Bittet also den Herrn der Ernte, daß er viele Arbeiter für seine Ernte sende.»

«Ja, mein Herr; aber das wird wenig an der Lage derer ändern, die dich suchen», sagt Jakobus des Alphäus.

«Warum, Bruder?»

«Weil sie nicht nur Uhre und Worte des Lebens suchen, sondern auch Heilung von ihren Krankheiten oder anderen Schäden, die das Leben oder Satan dem höheren oder niederen Teile des Menschen zufügen. Und das kannst nur du allein, denn in dir ist die Macht dazu.»

«Wer eins mit mir ist, wird zu gegebener Zeit dasselbe können, was ich tue, und die Armen werden Hilfe finden in all ihren Nöten. Aber ihr habt noch nicht in euch, was erforderlich ist, um dazu fähig zu sein. Gebt euch Mühe, euch selbst zu überwinden, das Menschliche in euch mit Füßen zu treten, um den Geist siegen zu lassen. Ihr braucht nicht nur mein Wort, sondern auch den Geist desselben: heiligt euch durch das Wort, und ihr vermögt alles. Und nun wollen wir gehen, ihnen mein Wort zu verkünden, vorausgesetzt, daß sie nicht schon vorher fortgehen wollen. Dann kehren wir nach Kapharnaum zurück. Auch dort erwartet man uns...»

«Herr, ist es wahr, daß Maria von Magdala im Haus des Pharisäers dich um Verzeihung gebeten hat?»

«Es ist wahr, Thomas!»

«Und du hast ihr verziehen?» fragt Philippus.

«Ich habe ihr verziehen.»

«Das war ein Fehler!» ruft Bartholomäus aus.

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«Warum? Es war eine aufrichtige Reue, und sie hat Verzeihung verdient.»

«Aber du hättest ihr nicht öffentlich in diesem Haus verzeihen dürfen», wirft ihm Iskariot vor.

«Aber ich sehe nicht, worin ich gefehlt habe.»

«Darin: Du weißt, wer die Pharisäer sind; wie viele Spitzfindigkeiten sie im Kopf haben; wie sie dich überwachen; wie sie dich verleumden; wie sie dich hassen. Einen hattest du in Kapharnaum zum Freund. Es war Simon. Und du rufst eine Hure in sein Haus, um das Haus zu entweihen und deinem Freund Simon Ärgernis zu bereiten.»

«Ich habe sie nicht gerufen. Sie ist von selbst gekommen. Sie war keine Hure mehr, sondern eine Büßerin. Das ist etwas anderes. Wenn man vorher keinen Abscheu hatte, sich ihr zu nähern und immer nach ihr zu verlangen, auch in meiner Gegenwart und auch jetzt noch, da sie nicht mehr Fleisch, sondern Seele ist, darf man auch keinen Abscheu haben, wenn man sieht, wie sie eintritt, um zu meinen Füßen niederzuknien, zu weinen, sich anzuklagen und sich in einem öffentlichen Bekenntnis zu demütigen, was alles in ihrem Weinen enthalten ist. Das Haus des Pharisäers Simon ist durch ein großes Wunder geheiligt worden: durch die Auferstehung einer Seele. Auf dem Platz von Kapharnaum hat er mich vor fünf Tagen gefragt: "Hast du nur dieses eine Wunder gewirkt?" Und er hat sich selbst die Antwort gegeben: "Bestimmt nicht!", da er ein großes Verlangen hatte, ein Wunder zu sehen. Ich habe es ihn erleben lassen. Ich habe ihn auserwählt, Zeuge zu sein, als Brautführer dieser Verlobung mit der Gnade zu dienen. Er muß darauf stolz sein.»

«Statt dessen hat er sich darüber geärgert. Vielleicht hast du an ihm einen Freund verloren.»

«Ich habe eine Seele gewonnen. Es lohnt sich, die Freundschaft, diese armselige, menschliche Freundschaft eines Menschen zu verlieren, um dafür einer Seele die Freundschaft Gottes zu schenken.»

«Es ist zwecklos! Mit dir kann man nicht menschlich diskutieren. Wir sind auf der Erde, Meister! Erinnere dich daran! Hier gelten die Gesetze und Ansichten der Erde. Du wendest die Methoden des Himmels an, den du im Herzen hast; du siehst alles im Licht des Himmels, mein armer Meister! Wie bist du, Gott, so unfähig, unter uns, die wir so verdorben sind, zu leben!» Judas Iskariot umarmt ihn, bewundernd und trostlos zugleich, und endet mit den Worten: «Und mich schmerzt es, weil du dir mit deiner zu großen Vollkommenheit Feinde schaffst.»

«Mache dir deswegen keine Sorgen, Judas. Es steht geschrieben, daß es so sei. Aber woher weißt du, daß Simon beleidigt ist?»

«Er hat zwar nicht gesagt, daß er beleidigt sei. Aber mich und Thomas hat er wissen lassen, daß es so nicht weitergehen kann. Du hättest sie nicht in sein Haus einladen dürfen, das nur ehrbare Personen betreten.»

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«Gut! Auf die Ehrbarkeit jener, die zu Simon gehen, pfeifen wir», sagt Petrus. Und Matthäus: «Ich könnte sagen, daß Schweiß der Huren des öfteren auf dem Fußboden, auf den Tischen und anderswo bei Simon, dem Pharisäer, zurückgeblieben ist.»

«Aber nicht öffentlich!» entgegnet Iskariot.

«Nein, heuchlerischerweise verborgen.»

«Siehst du, wie die Sache sich ändert?»

«Es ist auch etwas anderes, ob eine Hure eintritt, um zu sagen: "Ich will meine infame Sünde aufgeben" ' oder ob sie kommt mit den Worten: "Sieh, da bin ich, um mit dir zu sündigen."»

«Der Meister hat recht», sagen alle.

«Ja, er hat recht. Aber sie denken nicht wie wir. Man muß sich ihnen anpassen und sich an sie gewöhnen, um sie zu Freunden zu haben.»

«Das auf keinen Fall, Judas! In der Wahrheit, in der Redlichkeit, in der Sittlichkeit, gibt es keine Anpassung und keine Kompromisse», erklärt Jesus entschieden und fügt hinzu: «Ich weiß, daß ich gut und für das Gute gehandelt habe, und das genügt! Gehen wir, um diese müden Leute zu verabschieden!»

Und er geht hin zu ihnen, die sich unter den Bäumen niedergelassen haben und sehnsüchtig zu ihm hinschauen, um ihn zu hören.

«Der Friede sei mit euch allen, die ihr in dieser großen Hitze so weit hergekommen seid, um die Frohe Botschaft zu vernehmen. In Wahrheit sage ich euch, daß ihr wirklich zu verstehen beginnt, was das Reich Gottes ist, wie wertvoll sein Besitz und wie beseligend es ist, in es aufgenommen zu werden. Und jede Mühe verliert für euch das Gewicht, das andere niederdrückt, weil in euch der gute Wille herrscht, der zum Fleisch sagt: "Frohlocke, wenn ich dich unterdrücke. Ich tue es um deiner Glückseligkeit willen. Wenn du mir treu bleibst, wirst du nach der endzeitlichen Auferstehung mit mir vereint sein und mich lieben wegen meiner harten Behandlung und in mir deinen zweiten Erlöser sehen." Spricht euer Geist nicht auch so? Bestimmt spricht er so! Ihr richtet euch nun bei euren Handlungen nach den Lehren meiner früheren Gleichnisse. Aber jetzt gebe ich euch andere Erleuchtungen, damit ihr euch von nun an in dieses Reich verliebt, das euch erwartet und dessen Wert unermeßlich ist.

Hört: Ein Mann, der zufällig auf einen Acker gegangen war, um dort Blumenerde für seinen Garten zu holen, findet, während er mühsam schaufelt, eine Ader von kostbarem Metall. Was tut der Mann? Er deckt den eben entdeckten Schatz wieder mit Erde zu und schimpft nicht über die vermehrte Arbeit; denn die Entdeckung ist der Mühe wert. Dann geht er nach Hause, kramt seinen ganzen Reichtum an Geld und Wertsachen zusammen und verkauft alles, um viel Geld zu haben. Schließlich sucht er den Besitzer des Feldes auf und sagt zu ihm: "Dein Acker gefällt mir. Wieviel willst du dafür haben? Ich möchte ihn kaufen." "Aber ich verkaufe ihn

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nicht", sagt der andere. Der Mann bietet immer höhere Summen an, die den Wert des Ackers weit übertreffen, und überzeugt endlich den Besitzer, der bei sich denkt: "Dieser Mann ist ein Narr! Und weil er es ist, ziehe ich meinen Vorteil daraus. Ich nehme die Summe, die er mir bietet. Das ist kein Betrug, denn er will sie ja freiwillig geben. Mit dieser Summe kann ich mir drei andere, weit schönere Äcker kaufen", und er schließt den Verkauf ab in der Überzeugung, ein glänzendes Geschäft gemacht zu haben. Doch ist es der andere, der das glänzende Geschäft macht; denn er entledigt sich der Gegenstände, die von Dieben gestohlen werden, verlorengehen oder verderben können, und verschafft sich einen Schatz, dessen wahrer Wert unermeßlich ist. Es lohnt sich daher, für diesen Erwerb alles andere hinzugeben. Er bleibt für einige Zeit der Besitzer des Ackers; aber in Wirklichkeit hat er darin einen immerwährenden Schatz verborgen.

Ihr habt dies verstanden und macht es wie der Mann im Gleichnis. Ihr gebt die vergänglichen Reichtümer weg, um das Himmelreich zu besitzen. Ihr verkauft sie den Törichten der Welt und laßt euch verspotten, wenn die Welt euer Handeln als dumm beurteilt. Handelt weiterhin so, handelt immer so, und euer Vater, der im Himmel ist, wird euch eines Tages frohlockend euren Platz im Himmel geben.

Kehrt jetzt zu euren Häusern zurück, bevor der Sabbat beginnt, und denkt am Tag des Herrn an das Gleichnis vom Schatz im Acker, der das Himmelreich ist. Der Friede sei mit euch.»

Die Leute entfernen sich langsam auf den Wegen und Pfaden, während Jesus in der Abenddämmerung nach Kapharnaum zurückkehrt.

Es ist schon Nacht, als er dort ankommt. Er durchschreitet schweigend die ruhige Stadt, und nur der Mond beleuchtet die dunklen, schlechtgepflasterten Straßen. Schweigend betritt er den Garten beim Haus in der Meinung, daß bereits alle zur Ruhe gegangen sind. Indes brennt in der Küche ein Licht, und drei Schatten zeichnen sich auf der weißen Mauer in der Nähe der Feuerstelle ab.

«Es sind Leute da, die auf dich warten. Aber so geht es nicht! Jetzt werde ich zu ihnen gehen und ihnen sagen, daß du zu müde bist. Geh inzwischen auf die Terrasse.»

«Nein, Simon! Ich gehe in die Küche. Wenn Thomas diese Leute zurückgehalten hat, dann ist das ein Zeichen für einen wichtigen Grund.»

Inzwischen haben die Leute drinnen das Flüstern gehört, und Thomas, der Hausherr, tritt auf die Schwelle.

«Meister, hier ist die Frau wieder. Sie wartet seit gestern abend auf dich. Sie ist mit einem Diener gekommen», und er fügt leise hinzu: «Sie ist sehr aufgeregt. Sie weint unaufhörlich...»

«Gut! Sage ihr, sie soll nach oben kommen. Wo hat sie geschlafen?»

«Sie wollte nicht schlafen. Aber schließlich hat sie sich gegen Morgen

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für einige Stunden in meine Kammer zurückgezogen. Den Diener habe ich in einem eurer Betten schlafen lassen.»

«Gut so. Dort soll er auch diese Nacht schlafen... Und du schläfst in meinem Bett.»

«Nein, Meister! Ich werde auf die Terrasse gehen und mich auf die Matten legen. Ich kann auch dort gut schlafen.»

Jesus steigt zur Terrasse hinauf. Da kommt auch schon Martha.

«Der Friede sei mit dir, Martha!»

Ein Seufzer ist die Antwort.

«Weinst du immer noch? Bist du jetzt nicht glücklich?»

Martha schüttelt den Kopf.

«Aber warum denn? ...»

Eine lange Pause voller Seufzer.

Endlich mit einem Schluchzen: «Maria ist seit vielen Tagen nicht mehr heimgekehrt. Und wir haben sie nirgendwo finden können, weder ich noch Marcella noch die Amme. Sie war weggegangen, nachdem sie einen Wagen verlangt hatte. Sie war ganz pompös gekleidet! Oh, sie hat mein Kleid nicht wieder anziehen wollen... Sie war nicht halbnackt, aber sehr herausfordernd in ihrem Kleid... Und Schmuck und Duftstoffe hat sie mit sich genommen... und sie ist nicht mehr zurückgekehrt. Sie hat den Diener bei den ersten Häusern von Kapharnaum entlassen und ihm gesagt: "Ich werde in einer anderen Gesellschaft zurückkehren." Sie hat uns getäuscht! Oder sie hat sich allein gefühlt und ist vielleicht in Versuchung geführt worden... Oder es ist ihr ein Unglück zugestoßen... Sie ist nicht mehr zurückgekehrt...» Und Martha rutscht auf die Knie und weint mit geneigtem Haupt, während sie die Arme auf einen Haufen leerer Säcke stützt.

Jesus schaut sie an und sagt langsam und bestimmt, ja gebietend:

«Weine nicht! Maria ist vor drei Abenden zu mir gekommen. Sie hat meine Füße einbalsamiert und alle ihre Schmucksachen zu meinen Füßen niedergelegt. Sie hat sich so ganz und für immer mir geweiht und nimmt nunmehr einen Platz unter meinen Jüngerinnen ein. Verachte sie nun nicht in deinem Herzen. Sie hat dich übertroffen.»

«Aber wo, wo ist meine Schwester jetzt?» schreit Martha und erhebt ihr schmerzverzogenes Gesicht. «Warum ist sie nicht nach Hause zurückgekehrt? Ist sie vielleicht überfallen worden? Hat sie etwa ein Boot genommen und ist ertrunken? Oder hat ein abgewiesener Liebhaber sie entführt? Oh, Maria, meine Maria! Ich hatte sie gefunden und sofort wieder verloren!» Martha ist wirklich ganz außer sich. Sie denkt gar nicht daran, daß man sie unten hören kann. Sie denkt gar nicht daran, daß Jesus ihr sagen kann, wo sich die Schwester befindet. Sie jammert, ohne nachzudenken.

Jesus nimmt sie bei den Handgelenken und zwingt sie, sich zu beruhigen

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und ihn anzuhören. Er beherrscht sie durch seine hohe Gestalt und seinen magnetischen Blick. «Genug! Ich verlange von dir, daß du meinen Worten glaubst. Ich verlange von dir Hochherzigkeit! Hast du verstanden?» Er läßt Martha nicht los, bis sie sich endlich beruhigt hat.

«Deine Schwester ist hingegangen, um ihre Freude auszukosten, indem sie sich in eine heilige Einsamkeit zurückgezogen hat; denn sie fühlt in sich die überempfindliche Schamhaftigkeit der Erlösten. Ich hatte es dir schon im voraus gesagt. Sie kann die gütigen, aber fragenden Blicke der Angehörigen auf das neue Gewand der Braut der Gnade noch nicht ertragen. Und das, was ich sage, ist immer wahr! Du mußt mir glauben!»

«Ja, Herr! Aber meine Maria ist zu sehr vom Dämon besessen gewesen. Er hat sie sofort wieder gepackt, er ...»

«Er rächt sich an dir wegen der für immer verlorenen Beute. Muß ich darauf achten, daß du, die Starke, durch ein törichtes, grundloses Jammern nicht seine Beute wirst? Muß ich zusehen, wie du nun an ihrer Stelle den schönen Glauben verlierst, den ich immer bei dir beobachtet habe? Martha, schau mich an! Höre mich an! Höre nicht auf Satan! Weißt du nicht, daß er, wenn er nach einem Sieg Gottes gezwungen wird, eine Beute loszulassen, sofort versucht, als unermüdlicher Feind der Menschen, als unermüdlicher Räuber der Rechte Gottes, eine andere Beute zu finden? Weißt du nicht, daß die Qualen eines anderen, der seinen Angriffen widersteht, weil er gut und treu ist, die Heilung einer Seele sichert? Weißt du nicht, daß nichts auf dieser Welt aus Zufall geschieht, sondern alles einem ewigen Gesetz der Abhängigkeit und Folgerichtigkeit unterliegt, nach welchem die Tat eines Menschen weitestgehende natürliche und übernatürliche Folgen nach sich zieht? Du weinst hier; du lernst hier schreckliche Zweifel kennen und bleibst deinem Christus auch in dieser Stunde der Finsternis treu. In der Nähe, an einem dir unbekannten Ort, lösen sich in Maria die letzten Zweifel über die Unermeßlichkeit der erlangten Vergebung, und ihr Weinen wandelt sich in Lächeln und ihr Dunkel in Licht. Es ist dein großer Kummer, der sie dorthin geführt hat, wo der Friede ist und die Seelen wiedergeboren werden: zur unbefleckten Gebärerin; zu ihr, die so sehr Leben ist, daß sie der Welt Christus schenken durfte, der das Leben ist. Deine Schwester ist bei meiner Mutter. Oh, sie ist nicht die erste, die in diesem Hafen des Friedens die Segel einzieht, nachdem der sanfte Strahl des lebendigen Sternes Maria sie durch die stumme, aber wirksame Liebe des Sohnes in diesen Schoß der Liebe gerufen hat. Deine Schwester ist in Nazareth.»

«Aber wie konnte sie sich dorthin begeben, da sie deine Mutter und dein Haus nicht kennt? ... Allein... Bei Nacht... ohne Mittel... in diesem Gewand... Ein so weiter Weg... Wie?»

«Wie? So wie die müde Schwalbe Meeren und Gebirgen, Gewittern, Nebeln und feindlichen Winden trotzend, zum Nest ihrer Geburt

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zurückkehrt. Wie die Schwalben zu den Orten fliegen, wo sie überwintern. Durch einen Instinkt, der sie führt; durch die Wärrne, die sie einlädt; durch die Sonne, die sie ruft. Auch sie ist dem rufenden Strahl entgegengeeilt... der Mutter aller Menschen. Und bei Sonnenaufgang werden wir sie glücklich heimkehren sehen; sie, die nun für immer die Finsternis verlassen hat, mit einer Mutter an der Seite; mit meiner Mutter, um nie mehr Waise zu sein! Kannst du dies glauben?»

«Ja, mein Herr.»

Martha ist wie bezaubert. Ja, Jesus ist wirklich Herrscher. Hoch aufrecht stehend und doch ein wenig zu Martha geneigt, die vor ihm kniet, hat er langsam, aber mit Nachdruck gesprochen, als wollte er sich selbst mit seiner erstaunten Jüngerin verschmelzen. Nur wenige Male habe ich ihn so mächtig gesehen, wenn er mit dem Wort einen Zuhörer überzeugte. Aber am Ende, welch ein Licht, welch ein Lächeln auf seinem Antlitz!

Marthas Gesicht spiegelt dieses Licht und dieses Lächeln etwas gedämpft wider.

«Und nun geh zur Ruhe. In Frieden!»

Und Martha küßt seine Hände und geht beruhigt hinunter...

280. IN BEGLEITUNG VON MARIA MAGDALENA UNTER DEN JÜNGERINNEN

«Vielleicht wird es heute ein Gewitter geben, Meister. Siehst du dort die bleiernen Wolken, die hinter dem Hermon aufsteigen? Und siehst du, wie der See sich kräuselt? Fühlst du, wie die Winde von den Bergen mit den heißen Stößen des Schirokko wechseln? Ein Wirbelwind: ein sicheres Zeichen für ein Unwetter!»

«Wann, Simon?»

«Vor dem Ende der ersten Stunde. Schau, wie die Fischer eilends zurückkehren. Sie spüren, daß der See kocht. Bald wird auch er wie Blei und Pech werden; darauf wird der Sturm ausbrechen.»

«Aber wo alles so ruhig scheint!» sagt der ungläubige Thomas.

«Du verstehst etwas von Gold, und ich von Wasser. Es wird so geschehen, wie ich sage. Es wird nicht einmal ein plötzlicher, überraschender Sturm sein. Er bereitet sich mit klaren Zeichen vor. Das Wasser ist an der Oberfläche ruhig, kaum gekräuselt. Aber wenn du im Boot wärest, würdest du meinen, daß Tausende von Hölzern gegen den Bug stoßen und das Boot erschüttern. Das Wasser kocht schon in der Tiefe. Es wartet auf ein Zeichen vom Himmel, und dann werdet ihr sehen! Laßt nur den Gebirgswind mit dem Schirokko zusammenkommen. Und dann t

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He, ihr Frauen, sammelt eure Wäsche ein und bringt die Tiere in Sicherheit. Bald wird es Steine regnen und eimerweise Wasser schütten.»

Der Himmel wird tatsächlich immer grünlicher, mit schieferartigen Linien, die sich vom großen Hermon her ineinanderschieben. Sie drängen die Morgenröte dorthin zurück, woher sie gekommen ist, als ob die Morgenstunde in die Nacht zurückgeschleudert würde anstatt auf den Mittag zuzugehen. Nur einem dünnen Sonnenstrahl gelingt es, die Barrikaden von pechschwarzen Wolken seitlich zu durchbrechen und ein unwirkliches, gelbgrünes Farbenspiel auf den Gipfel eines Hügels südwestlich von Kapharnaum zu werfen.

Der See ist schon nicht mehr hellblau, sondern dunkelblau, und die ersten Schaumkronen erscheinen auf einzelnen Wellen und gleichen einem unwirklichen Weiß, das auf das dunkle Wasser geworfen ist. Auf dem See ist keine einzige Barke mehr zu sehen. Die Männer beeilen sich, die Boote auf den Kies zu ziehen, um Netze, Körbe, Segel und Ruder oder, wenn es Bauern sind, Lebensmittel in Sicherheit zu bringen und die Balken und Stangen festzubinden. Sie treiben die Tiere in die Ställe, und die Frauen beeilen sich, noch zum Brunnen zu gehen, bevor der Regen beginnt, oder sie rufen die beim ersten Sonnenstrahl aufgestandenen Kinder ins Haus zurück und schließen besorgt die Türen, wie Glucken, die den bevorstehenden Hagelahnen.

«Simon, komm mit mir. Rufe auch den Diener Marthas sowie meinen Bruder Jakobus. Nimm ein großes Segeltuch. Zwei Frauen sind unterwegs; wir müssen ihnen entgegengehen.»

Petrus schaut erstaunt; doch er gehorcht, ohne Zeit zu verlieren. Während sie dann in südlicher Richtung durch die Ortschaft eilen, fragt er: «Um wen handelt es sich denn?»

«Um meine Mutter und Maria von Magdala.»

Die Überraschung ist derart, daß Petrus einen Augenblick wie angenagelt stehenbleibt und dann sagt: «Deine Mutter und die Maria von Magdala? Zusammen?! ... Aber seit wann denn?»

«Seit sie nichts anderes mehr ist als die Maria von Jesus. Mach schnell, Simon, es fallen schon die ersten Tropfen ...»

Und Petrus beeilt sich, es seinen Kameraden gleichzutun, die größer und schneller sind als er.

Der Wind, der sich von einem Augenblick zum anderen erhoben hat und immer stärker wird, wirbelt große Staubwolken von der trockenen Straße auf. Er bringt das Wasser des Sees in Bewegung und peitscht die Wellen auf, die sich mit einem ersten Brausen am Ufer brechen. Jedesmal, wenn man den See sieht, scheint er in einen großen, brodelnden Kessel verwandelt. Meterhohe Wellen steigen in entgegengesetzter Richtung auf und scheinen wie im Duell miteinander zu ringen. Schaum, Wellenberge, aufgeblähte Höcker, Dröhnen und Aufklatschen an den Häusern in der

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Nähe des Ufers. Wenn die Häuser den Blick auf den See verwehren, macht er sich mit einem Getöse, das das Pfeifen des Windes übertönt, bemerkbar. Der Wind beugt die Bäume, raubt ihnen die Blätter und schüttelt die Früchte ab, und trägt das dröhnende Rollen der langanhaltenden Donnerschläge, die von immer heftigeren und mächtigeren Blitzen eingeleitet werden, weiter.

«Wer weiß, welche Furcht die Frauen haben werden!» keucht Petrus.

«Meine Mutter nicht. Die andere, wer weiß. Aber wenn wir uns nicht beeilen, werden sie sicher durchnäßt sein.»

Kapharnaum liegt schon einige hundert Meter hinter ihnen, als sie, in Staubwolken eingehüllt und unter dem ersten Regenguß, der schräg und mächtig vom Himmel fällt und die dunkle Luft durchschneidet und bald zu einem Wasserfall wird, der stäubt, blendet und den Atem nimmt, zwei Frauen erblicken, die unter einem dichtbelaubten Baum Schutz suchen.

«Dort sind sie! Laufen wir!»

Aber wenn auch die Liebe zu Maria Petrus Flügel verleiht, so kommt er doch mit seinen kurzen Beinen, die ihn nicht zum Schnelläufer machen, erst an, als Jesus und Jakobus die Frauen bereits mit dem schweren Segeltuch bedeckt haben.

«Hier können wir nicht bleiben. Hier besteht Blitzgefahr, und in Kürze wird der Weg ein Gießbach sein. Gehen wir wenigstens bis zum nächsten Haus, Meister», sagt Petrus atemlos.

Sie gehen mit den Frauen in der Mitte und halten ihnen das Segel über die Köpfe und die Rücken.

Das erste Wort, das Jesus an Magdalena richtet, die noch das Gewand trägt, mit dem sie im Haus des Simon erschienen ist, über das sie aber einen Mantel der allerseligsten Jungfrau gelegt hat, ist dieses: «Fürchtest du dich, Maria?»

Magdalena, die geneigten Hauptes und mit den unter dem Schleier aufgelösten Haaren läuft, errötet, neigt das Haupt noch tiefer und flüstert: «Nein, Herr!»

Auch die Mutter Gottes hat ihre Haarnadeln verloren und gleicht einem kleinen Mädchen mit den über die Schultern fallenden Flechten. Doch sie lächelt dem Sohn zu, der an ihrer Seite geht und durch sein Lächeln ihr antwortet.

«Du bist sehr naß, Maria», sagt Jakobus des Alphäus und berührt den Schleier und den Mantel der Mutter Jesu.

«Das macht nichts. Nun werden wir geschützt. Nicht wahr, Maria? Er hat uns auch vor dem Regen gerettet», sagt Maria sanft zu Magdalena, deren schmerzvolle Verlegenheit sie wahrnimmt.

«Deine Schwester wird sich freuen, dich wiederzusehen. Sie ist in Kapharnaum. Sie hat dich gesucht», sagt Jesus.

Maria hebt einen Augenblick das Haupt und richtet die herrlichen

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Augen auf Jesus, der zu ihr in demselben natürlichen Ton spricht, den er für die anderen Jüngerinnen gebraucht. Doch sie sagt nichts. Sie ist in ihrer Gemütsbewegung wie stumm.

Jesus fügt hinzu: «Ich bin zufrieden, daß ich sie zurückgehalten habe. Ich werde euch gehen lassen, nachdem ich euch gesegnet habe.» Das Wort verliert sich im trockenen Knall eines Blitzes, der in der Nähe einschlägt. Maria erschrickt. Sie bedeckt das Gesicht mit den Händen, neigt sich

nach vorne und bricht in ein lautes Weinen aus.

«Keine Angst», tröstet Petrus. «Nun ist es vorbei. Und mit Jesus darf man sich nie fürchten.»

Auch Jakobus, der an der Seite Magdalenas geht, sagt: «Weine nicht! Die Häuser sind schon nahe.»

«Ich weine nicht aus Angst... Ich weine, weil er gesagt hat, daß er mich segnen wird... Ich... ich ...» Die Jungfrau will sie beruhigen und sagt:

«Du, Maria, hast dein Gewitter schon überstanden. Denk nicht mehr daran. Nun ist alles friedlich und ruhig. Nicht wahr, mein Sohn?»

«Ja, Mutter, das ist wahr. Bald wird die Sonne wieder scheinen, und alles wird viel schöner, reiner und frischer als gestern sein. So auch bei dir, Maria.»

Die Mutter nimmt wieder die Hand Magdalenas und drückt sie: «Ich werde Martha deine Worte sagen. Ich bin froh, daß ich sie sofort sehen und ihr mitteilen kann, wie sehr ihre Maria voll guten Willens ist.»

Petrus, der im Schlamm watet und die Überschwemmung mit Geduld erträgt, kommt unter dem Segeltuch hervor, um zu einem Haus zu gehen und dort um Unterschlupf zu bitten.

«Nein, Simon, wir möchten lieber in unsere Häuser zurückkehren. Nicht wahr?» sagt Jesus.

Alle sind damit einverstanden, und Petrus kehrt unter das Segeltuch zurück.

Die Straßen von Kapharnaum sind vollkommen verlassen. In ihnen herrschen die Winde, der Regen, der Donner und die Blitze, und nun prasselt auch noch der Hagel auf die Terrassen und an die Hauswände.

Der See ist in furchtbarer Bewegung. Die in seiner Nähe befindlichen Häuser werden von den Wogen gepeitscht, denn es gibt kein Ufer mehr, und die bei den Häusern angelegten Boote scheinen leck geworden zu sein, so sehr sind sie mit Wasser gefüllt, das jede neue Sturzwelle vermehrt und zum Überfließen bringt.

Sie treten eilends in den Garten ein, der sich in eine riesige Pfütze verwandelt hat, auf deren bewegtem Wasser Abfälle schaukeln, und erreichen die Küche, wo alle versammelt sind.

Martha stößt einen durchdringenden Schrei aus, als sie die Schwester an der Hand Marias sieht. Sie fällt ihr um den Hals, ohne zu spüren, daß sie dabei naß wird, küßt sie und ruft aus: «Miri, Miri, meine Freude!»

Vielleicht ist das der Kosename, den sie der kleinen Magdalena gegeben hatten.

Maria weint, das Haupt an die Schulter der Schwester gelegt, und bedeckt dabei das dunkle Gewand Marthas mit einem schweren, goldenen Schleier. Dieser allein leuchtet in der finsteren Küche, in der nur ein kleines Reisigfeuer brennt, das zusammen mit Lämpchen ein wenig Licht erzeugt.

Die Apostel sind wie erstarrt, ebenso der Hausherr und seine Frau, die auf den Aufschrei Marthas hin erschienen sind, sich aber nach einem Augenblick begreiflicher Neugier zurückziehen.

Nachdem sich der Sturm der Umarmungen gelegt hat, erinnert sich Martha der Anwesenheit Jesu und Marias. Sie wundert sich nun über ihr gemeinsames Kommen und fragt ihre Schwester, die Mutter Gottes und Jesus, und ich weiß nicht wen am nachdrücklichsten:

«Aber wie kommt es, daß ihr alle zusammen seid?»

«Das Unwetter zog rasch heran. So bin ich mit Simon, Jakobus und deinem Diener den beiden Pilgerinnen entgegengegangen.»

Martha ist so erstaunt, daß sie nicht daran denkt, daß Jesus ihnen sicher entgegengegangen ist, und nicht fragt: «Hast du es denn gewußt?» Thomas richtet diese Frage an Jesus; doch er bekommt keine Antwort, da Martha im selben Augenblick zur Schwester sagt: «Wie bist du zu Maria gelangt?»

Magdalena neigt das Haupt. Die Mutter Jesu kommt ihr zu Hilfe, nimmt sie bei der Hand und sagt: «Sie ist wie eine Pilgerin zu mir gekommen, die erfahren möchte, wo der Weg ist, auf dem man zum Ziel gelangt. Sie hat zu mir gesagt: "Lehre mich, was ich tun muß, um Jesus anzugehören." Und da in ihr der echte und totale Wille herrscht, hat sie diese Weisheit sofort verstanden und in sich aufgenommen. Ich habe ihre Bereitwilligkeit gesehen und habe sie an der Hand genommen, um sie meinem Sohn zuzuführen und auch dir, gute Martha, und euch, ihr Brüder und Jünger, um euch zu sagen: "Seht hier die Jüngerin und Schwester, die ihrem Herrn und seinen Brüdern nur mehr übernatürliche Freude machen wird." Glaubt mir und liebt sie alle, wie ich und Jesus sie lieben.»

Da treten die Apostel näher und grüßen die neue Schwester. Etwas Neugierde ist auch dabei... Aber wie sollte es anders sein? Sie sind ja noch Menschen...

Petrus mit seinem praktischen Sinn sagt: «Alles recht. Ihr versichert ihr Hilfe und heilige Freundschaft. Aber es wäre an der Zeit, daran zu denken, daß die Mutter und die Schwester ganz durchnäßt sind... Auch wir sind es, wahrlich... Doch für sie ist es schlimmer. Von ihren Haaren tropft das Wasser wie von den Weidenbäumen nach einem Wolkenbruch. Die Kleider sind schmutzig und naß... Wir wollen Feuer machen, andere Kleider holen und ein warmes Essen bereiten ...»

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Alle machen sich an die Arbeit. Martha führt die beiden durchnäßten Pilgerinnen in ein Zimmer, während das Feuer wieder angefacht wird und die Mäntel, die Schleier und die nassen Kleider zum Trocknen aufgehängt werden. Ich weiß nicht, wie sie sich da drüben zurechtfinden... Ich weiß nur, daß Martha die Energie der guten Hausfrau wiedergefunden hat, eilends kommt und geht und Schüsseln und heißes Wasser, Tassen und warme Milch, sowie von der Hausherrin ausgeliehene Kleider bringt, um den beiden Marien zu helfen...

281. DAS GLEICHNIS VON DEN FISCHERN

Sie sind alle im geräumigen oberen Saal versammelt. Das heftige Unwetter hat sich gelegt und ist in einen Dauerregen übergegangen, der nachläßt und beinahe aufhört, um gleich darauf wieder zu einem Platzregen auszuarten. Der See ist heute nicht blau, sondern gelblich, mit Schaumkronen bei stärkerem Wind und Regenfall und bleiern, mit weißem Schaum in den Regenpausen. Die Hügel, die alle von Wasser triefen, mit den vom Wind geknickten Ästen und den vom Hagel zerrissenen Blättern, weisen überall gelbliche Bäche auf, die Blätter, Steine und Erde mit sich in den See tragen. Das Licht ist immer noch grünlich und trübe.

Am Fenster des Saales, das zu den Hügeln schaut, sitzen Maria, Martha und Magdalena, sowie zwei Frauen, von denen ich nicht sagen kann, wer sie sind. Doch nehme ich an, daß sie schon bei Jesus, Maria und den Aposteln bekannt sind; denn man sieht, daß sie sich hier wie zu Hause fühlen. Jedenfalls mehr als Magdalena, die sich nicht zu rühren wagt und mit geneigtem Haupt zwischen der Jungfrau und Martha sitzt. Die am Feuer getrockneten und vom Schlamm gereinigten Kleider sind wieder angezogen worden. Ich drücke mich nicht ganz richtig aus. Die Jungfrau hat ihr dunkelblaues Wollkleid wieder angezogen; doch Magdalena hat ein geliehenes Gewand an, das etwas kurz und eng für ihre hochgewachsene und ausgeprägte Gestalt ist, und ist in den Mantel ihrer Schwester eingehüllt. Sie hat ihre Haare in zwei dicke Zöpfe geflochten, die sie im Nacken verschlungen hat; denn um diese Last zusammenzuhalten, braucht es mehr als einige da und dort eingesteckte Haarnadeln. Tatsächlich habe ich bei Magdalena immer gesehen, daß sie die Haarnadeln mit einem Band unterstützt, das mit seiner strohgelben Farbe in dem Gold der Haare wie ein dünnes Diadem aussieht.

Auf der anderen Seite des Raumes befindet sich Jesus mit seinen Aposteln und dem Hausherrn. Sie sitzen auf Schemeln oder auf den Fensterbänken. Der Diener Marthas fehlt. Petrus und die anderen Fischer betrachten

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den Himmel und machen Voraussagen für den nächsten Tag. Jesus hört zu oder antwortet auf diese oder jene Frage.

«Wenn ich dies geahnt hätte, dann hätte ich meine Mutter kommen lassen. Es ist gut, wenn sich die Frau bei ihren Gefährtinnen gleich wohl fühlt», sagt Jakobus des Zebedäus und schielt nach den Frauen.

«Ach, wenn wir es gewußt hätten! ... Aber warum ist die Mama nicht mit Maria gekommen?» fragt Thaddäus seinen Bruder Jakobus.

«Ich weiß es nicht. Auch ich frage mich.»

«Ist sie vielleicht krank?»

«Maria hätte es uns gesagt.»

«Ich werde sie fragen», und Thaddäus geht zu den Frauen hin.

Man hört, wie die klare Stimme Marias antwortet: «Es geht ihr gut! Ich habe ihr die Strapazen in dieser Hitze vermeiden wollen. Wir sind wie zwei Kinder weggelaufen, nicht wahr, Maria? Maria ist am späten Abend gekommen, und am nächsten Morgen sind wir zeitig aufgebrochen. Ich habe nur zu Alphäus gesagt: "Hier ist der Schlüssel. Ich werde bald zurückkehren. Sage es Maria", dann bin ich gegangen.»

«Wir werden zusammen zurückkehren, Mutter! Sobald das Wetter gut ist und Maria ein Gewand hat, werden wir alle zusammen nach Galiläa gehen und die Schwestern bis zu dem sichersten Weg begleiten. So werden sie auch mit Porphyria und Susanna Bekanntschaft machen, und mit euren Frauen und Töchtern, Philippus und Bartholomäus.»

Es ist wunderschön, wie er sagt: «Sie werden Bekanntschaft machen», um nicht zu sagen: «Maria wird Bekanntschaft machen.» Er spricht auch mit gebieterischer Stimme und räumt mit allen Vorurteilen der Apostel auf. Er macht, daß sie angenommen wird, indem er das Widerstreben der einen und die Scham der anderen überwindet. Martha strahlt über das ganze Gesicht.

Maria Magdalena errötet mit einem flehenden, dankbaren, verwirrten Blick; oder wie soll ich mich ausdrücken? ... Maria, die Mutter Jesu, lächelt sanft.

«Wo gehen wir zuerst hin, Meister?»

«Nach Bethsaida. Dann über Magdala, Tiberias und Kana nach Nazareth. Von dort werden wir über Japhia und Semeron Bethlehem in Galiläa erreichen und dann Sycaminon und Caesarea ...» Jesus wird von einem Tränenausbruch Magdalenas unterbrochen. Er hebt das Haupt, blickt sie an und fährt dann fort, als ob nichts vorgefallen wäre: «In Caesarea werdet ihr euren Wagen finden; ich habe dem Diener den Befehl gegeben, nach Bethanien zu fahren. Wir werden uns dann am Laubhüttenfest wiedersehen.»

Maria erholt sich rasch und antwortet nicht auf die Fragen der Schwester, sondern verläßt den Raum und zieht sich für einige Zeit vielleicht in die Küche zurück.

«Maria leidet darunter, Jesus, wenn sie hört, daß sie in gewisse Städte

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gelangen wird. Man muß sie verstehen... Ich sage dies mehr zu den Jüngern als zu dir, Meister», sagt Martha bescheiden und betrübt.

«Es ist wahr, Martha. Aber so muß es kommen. Wenn sie nicht sofort der Welt die Stirne bietet und den schrecklichen Peiniger, die Menschenfurcht, erdrosselt, dann bleibt ihre heroische Bekehrung wie gelähmt. Sofort und mit uns!»

«Wenn sie bei uns ist, wird niemand etwas zu ihr sagen. Das kann ich dir versichern, Martha; auch im Namen aller meiner Gefährten», verspricht Petrus.

«Aber sicher! Wir werden sie umgeben wie eine Schwester. So hat Maria sie genannt, und sie wird es für uns sein», bestätigt Thaddäus.

«Und dann! ... Wir sind doch alle Sünder, und die Welt hat auch uns nicht davor bewahrt. Wir verstehen daher ihre inneren Kämpfe», sagt der Zelote.

«Ich kann sie mehr als alle anderen verstehen. An den Orten, wo wir gesündigt haben, ist es sehr verdienstvoll zu leben. Die Leute wissen, wer wir sind! ... Es ist eine Qual. Es ist aber auch Sache der Gerechtigkeit und eine Freude, gerade dort auszuhalten. Gerade weil in uns die Macht Gottes offenbar ist, sind wir die Ursache von Bekehrungen, auch ohne Worte», sagt Matthäus.

«Du siehst, Martha, deine Schwester wird von allen verstanden und geliebt. Und sie wird es immer mehr werden. Sie wird ein Wegweiser für viele Schuldbeladene und scheue Seelen sein. Und auch ein großer Ansporn für die Guten! Denn, sobald Maria die letzten Ketten ihrer Menschlichkeit zerbrochen hat, wird sie ein Feuer der Liebe sein. Sie hat nur die Richtung ihrer überschwenglichen Gefühle geändert. Sie hat ihre starke Liebeskraft auf eine übernatürliche Ebene übertragen. Und dort wird sie Wunder wirken. Das kann ich euch versichern. Jetzt ist sie noch verwirrt; aber ihr werdet sehen, daß sie sich Tag für Tag immer mehr beruhigen und in ihrer neuen Lebensweise stark werden wird. Im Hause Simons habe ich gesagt: "Ihr wird viel verziehen, weil sie viel liebt." Jetzt sage ich euch, daß ihr in Wahrheit alles verziehen wird, weil sie ihren Gott mit all ihren Kräften, ihrer ganzen Seele, ihrem ganzen Denken, ihrem Blut und ihrem Fleisch bis zum letzten Opfer lieben wird.»

«Selig ist sie, da sie solche Worte verdient! Auch ich möchte sie verdienen», seufzt Andreas.

«Du? Aber du verdienst sie ja schon! Komm her, mein Fischer. Ich will dir ein Gleichnis erzählen, das genau für dich erdacht zu sein scheint.»

«Meister, warte. Ich gehe Maria holen. Sie verlangt so sehr danach, deine Lehre kennenzulernen! ...»

Während Martha hinausgeht, rücken die anderen die Sitze so zurecht, daß sie einen Halbkreis um Jesus bilden. Die beiden Schwestern kehren zurück und nehmen in der Nähe der allerheiligsten Jungfrau Platz.

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Jesus beginnt zu reden: «Einige Fischer fuhren auf den offenen See hinaus und warfen ihre Netze aus, die sie nach gegebener Zeit wieder einholten. Mit großer Mühe verrichteten sie so ihre Arbeit im Auftrage eines Herrn, der ihnen befohlen hatte, seine Stadt mit köstlichen Fischen zu versorgen, wobei er hinzugefügt hatte: "Aber schädliche und ungenießbare Fische sollt ihr nicht einmal an Land bringen. Werft sie ins Meer zurück. Andere Fischer werden sie fangen, und da sie Fischer eines anderen Herrn sind, werden sie dieselben in seine Stadt bringen; denn dort verzehrt man, was schädlich ist und die Stadt meines Feindes immer grausamer macht. In meine Stadt, die schön, strahlend und heilig ist, darf nichts Ungesundes einkehren."

Als die Fischer das Netz an Bord gezogen hatten, begannen sie mit der Arbeit der Auswahl. Die Fische waren zahlreich, von verschiedenem Aussehen, verschiedener Größe und Farbe. Es gab schöne, die aber ein stinkendes Fleisch voller Gräten und einen großen Bauch voll Schlamm, Würmern und faulen Kräutern hatten, die den schlechten Geschmack des Fisches vermehrten. Andere waren häßlich anzusehen, hatten eine Schnauze wie das Maul eines Verbrechers oder eines Ungeheuers; aber die Fischer wußten, daß ihr Fleisch köstlich ist. Andere, die nicht auffielen, wurden übersehen. Die Fischer arbeiteten und arbeiteten. Schließlich waren die Körbe mit köstlichen Fischen gefüllt, und im Netz blieben die wertlosen Fische zurück.

"Nun sind es genug. Die Körbe sind voll. Werfen wir den ganzen Rest ins Meer", sagten viele Fischer.

Aber einer, der wenig gesprochen hatte, während die anderen jeden Fisch, der in ihre Hände gekommen war, gepriesen oder verschmäht hatten, blieb zurück, um das Netz zu durchsuchen, und unter den ausgeschiedenen Fischen fand er noch zwei oder drei, die er oben auf die Körbe legte. "Aber was machst du da?" fragten die anderen. "Die Körbe sind schon voll und schön. Du entwertest alles, wenn du diesen armen Fisch quer darüber legst. Es scheint, als wolltest du diesen als den besten anpreisen."

"Laßt mich nur machen. Ich kenne diese Art von Fischen und weiß, wie sie schmecken."

Das ist das Gleichnis, das mit dem Lob des Herrn für jenen geduldigen Fischer endet, der erfahren und schweigsam unter der großen Masse die besten Fische herausgefunden hat.

Und nun hört die Anwendung desselben.

Der Herr der schönen, strahlenden und heiligen Stadt ist Gott. Die Stadt ist das Himmelreich. Die Fischer sind meine Apostel. Die Fische des Meeres sind die Menschheit, in der es verschiedene Arten von Menschen gibt. Die guten Fische sind die Heiligen.

Der Herr der schrecklichen Stadt ist Satan. Die schreckliche Stadt ist die Hölle. Ihre Fischer sind die Welt, das Fleisch und die bösen

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Leidenschaften der Diener Satans, seien es nun Dämonen oder Menschen, die das Verderben ihresgleichen sind. Die schlechten Fische, die des Himmelreiches nicht würdig sind, sind die Verdammten.

Unter den Seelenfischern für die Stadt Gottes werden immer solche sein, die in der geduldigen Ausdauer auch in den Schichten der Menschen suchen, wo ihre weniger geduldigen Kameraden nur die anscheinend guten Fische ausgewählt haben. Es gibt leider auch solche Fischer, die zu zerstreut und schwatzhaft sind, während die Arbeit der Auswahl Aufmerksamkeit und Schweigen verlangt, um die Stimmen der Seelen vernehmen und die übernatürlichen Merkmale erkennen zu können, da sonst die guten Fische nicht gesehen werden und verlorengehen. Es gibt auch solche, die allzu große Ansprüche stellen und selbst jene zurückweisen, die äußerlich nicht vollkommen erscheinen, innerlich jedoch recht gut sind.

Was tut es zur Sache, wenn einer der Fische, den ihr für mich gefangen habt, Zeichen vergangener Kämpfe trägt und Verstümmelungen zeigt, die viele Ursachen haben, die jedoch seinen Geist nicht verletzen konnten? Was stört es euch, wenn einer derselben, als er sich vom Feind befreit hat, verwundet worden ist, sein Inneres aber den klaren Willen aufweist, Gottes zu sein? Das sind erprobte, sichere Seelen. Sie sind zuverlässiger als jene, die wie Kinder sind, die von Windeln, Wiege und Amme geschützt und gut genährt werden, ruhig schlafen und friedlich lächeln, aber in der Folge, wenn sie an Alter und Vernunft zunehmen, und sich die Wechselfälle des Lebens einstellen, durch ihre moralischen Entgleisungen schmerzhafte Überraschungen bereiten.

Ich erinnere euch an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Andere werdet ihr noch hören; denn ich werde immer darum bemüht sein, euch einen rechten Unterscheidungsgeist einzuflößen, damit ihr die einzelnen Seelen zu beurteilen lernt und den richtigen Weg findet, sie zu leiten. Eine jede Seele hat ihre eigene Art zu fühlen und auf Versuchungen und Belehrungen zu reagieren. Nehmt es deshalb nicht zu leicht mit der Unterscheidung der Seelen. Im Gegenteil! Es braucht dazu ein geistiges, vom göttlichen Licht erleuchtetes Auge; es braucht eine von der göttlichen Weisheit eingegossene Erkenntnis; es bedarf des Besitzes der Tugend in heroischem Grad, vor allem der Liebe. Es bedarf der Fähigkeit, sich zu konzentrieren in der Betrachtung; denn jede Seele ist wie ein unklarer Text, der gelesen und betrachtet werden muß. Es bedarf einer ständigen Vereinigung mit Gott, die alle egoistischen Interessen vergessen läßt. Ihr müßt für die Seelen und für Gott leben!

Vorurteile, Voreingenommenheit und Abneigung müssen überwunden werden. Es heißt, gütig wie ein Vater und eisern wie ein Krieger zu sein. Gütig, um Rat zu erteilen und zu ermutigen. Eisern, um sagen zu können: "Das ist nicht erlaubt und das darfst du nicht tun." Oder: "Das ist ein gutes Werk und das mußt du tun." Denn, bedenkt es wohl, viele Seelen

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werden in den Höllensumpf geworfen. Und es werden nicht nur die Seelen der Sünder darunter sein, sondern auch Seelen derer, die ihre Pflicht versäumt und zum Verlust vieler Seelen beigetragen haben.

Es wird der Tag kommen, der letzte Tag der Erde, der erste des vollkommenen und ewigen Jerusalems, an dem die Engel wie die Fischer im Gleichnis die Guten von den Bösen trennen; denn nach dem unwiderruflichen Befehl des Richters werden die Guten in den Himmel eingehen und die Bösen in das ewige Feuer. Und dann wird die Wahrheit kundgetan bezüglich der Fischer und der Gefischten und jede Heuchelei aufgedeckt, und das Volk Gottes wird erscheinen, wie es ist mit seinen Führern und den von den Führern Geretteten; dann werden wir sehen, daß viele von den nach außen hin Unscheinbaren und äußerlich sogar elend Erscheinenden Leuchten des Himmels sein werden und daß die ruhigen, geduldigen Fischer die sind, die am meisten geleistet haben und nun ebenso mit Edelsteinen bedeckt sind wie die von ihnen Geretteten.

Das Gleichnis ist erzählt und erklärt.»

«Und mein Bruder?! ... Oh, aber! ...» Petrus schaut ihn an, schaut... dann blickt er auf Magdalena.

«Nein, Simon. Was sie betrifft, habe ich kein Verdienst. Der Meister allein hat es getan», sagt Andreas offenherzig.

«Aber die anderen Fischer, jene Satans, nehmen sie dann den Rest?» fragt Philippus.

«Sie versuchen, sich die Besten zu holen; die noch empfänglichen für Wunder der Gnade; und sie benützen wiederum außer den eigenen Versuchungen Menschen, um dies zu erreichen. Es gibt so viele Menschen auf der Welt, die für ein Linsengericht auf ihre Erstgeburt verzichten!»

«Meister, vor einigen Tagen hast du gesagt, daß es viele gibt, die sich von den Dingen der Welt verführen lassen. Sind es sie, die für Satan fischen?» fragt Jakobus des Alphäus.

«Ja, mein Bruder! In diesem Gleichnis läßt sich der Mensch verführen vom vielen Geld, das viele Ergötzlichkeiten verschaffen kann, und er verliert so jegliches Recht auf den Schatz des Reiches Gottes. Wahrlich, ich sage euch, von hundert Menschen ist nur ein Drittel darum bemüht, der Versuchung des Geldes öder anderen Verführungen zu widerstehen; und von diesem Drittel versteht es nur die Hälfte, es auf heroische Weise zu tun.

Die Welt stirbt an Erstickung, weil sie sich freiwillig von den Stricken der Sünde erdrosseln läßt. Es ist besser, von allem entblößt zu sein, als törichte und blendende Reichtümer zu besitzen. Wißt zu handeln wie weise Perlenhändler, die erfahren haben, daß irgendwo eine große, seltene Perle gefunden wurde, und sich nicht von kleinen Perlen in ihrer Werkstatt aufhalten lassen, sondern sich von allem entledigen, um diese wunderbare Perle zu erwerben.»

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«Aber warum machst du selbst Unterschiede in der Mission, die du deinen Nachfolgern überträgst, und sagst uns, daß wir diese Mission als ein Geschenk Gottes halten sollen? Also müßten wir auch darauf verzichten, denn auch dies sind Brosamen im Vergleich zum Himmelreich», sagt Bartholomäus.

«Keine Brosamen, Mittel sind es! Krumen wären es, oder besser noch, schmutzige Strohhalme, wenn sie menschlichen Zwecken im Leben dienen würden. Wer bemüht ist, einen menschlichen Gewinn aus einem solchen heiligen Posten zu ziehen, macht aus diesem einen schmutzigen Strohhalm. Aber macht daraus einen Akt des Gehorsams, eine freudige Pflicht, ein wirkliches Opfer, und es wird für euch eine kostbare Perle sein. Die apostolische Mission ist eine vollkommene Aufopferung, wenn sie ohne Vorbehalt geübt wird, ein Martyrium und eine Glorie. Sie trieft von Tränen, Schweiß und Blut, doch sie bildet die Krone der ewigen Herrlichkeit.»

«Du weißt wirklich auf alles eine Antwort!»

«Aber habt ihr mich wirklich verstanden? Begreift ihr, was ich euch mit Vergleichen sage, die sich auf alltägliche Dinge beziehen, die aber, vom übernatürlichen Licht erleuchtet, eine Erklärung für die ewigen Dinge sind?»

«Ja, Meister!»

«Dann erinnert euch dieser Methode bei der Belehrung der Menge. Denn eines der Geheimnisse der Schriftgelehrten und der Rabbis ist das Gedächtnis. In Wahrheit sage ich euch, daß ein jeder von euch, der in der Wissenschaft vom Besitz des Himmelreiches erfahren ist, einem Familienvater gleicht, der aus seinem Schatz herausholt, was der Familie dienlich ist, indem er alte und neue Dinge zum einzigen Zweck benützt, das Wohlbefinden seiner eigenen Kinder zu fördern... Es hat aufgehört zu regnen. Lassen wir jetzt die Frauen im Frieden und gehen wir zum alten Tobias, der dabei ist, seine geistigen Augen der Morgenröte des Jenseits zu öffnen.

Der Friede sei mit euch, Frauen!»

282. MARGZIAM LEHRT MAGDALENA DAS VATERUNSER

Der Himmel über dem See von Galiläa ist wieder heiter. Alles ist viel schöner als vor dem Gewitter, denn alles ist vom Staub befreit. Die Luft ist vollkommen klar, und das den Himmel betrachtende Auge hat den Eindruck, als habe sich die Wölbung erhoben und sei leichter geworden... ein fast durchsichtiger Schleier zwischen der Erde und den Herrlichkeiten des Paradieses. Der See spiegelt dieses reine Blau wider und lächelt mit seinen türkisblauen Wassern.

303

Die Morgendämmerung beginnt. Jesus besteigt mit Maria, Martha und Magdalena das Boot des Petrus. Mit ihnen sind außer Petrus und Andreas auch der Zelote, Philippus und Bartholomäus. Matthäus, Thomas, die Vettern Jesu und Iskariot hingegen befinden sich in der Barke des Jakobus und Johannes. Sie segeln direkt auf Bethsaida zu. Es ist eine kurze, vom Wind begünstigte Überfahrt, die nur wenige Minuten dauert.

Vor der Ankunft sagt Jesus zu Bartholomäus und dem von ihm unzertrennlichen Philippus: «Geht, benachrichtigt eure Frauen. Heute werde ich in euer Haus kommen.» Und er schaut die beiden mit einem vielsagenden Blick an.

«Wird gemacht, Meister. Willst du denn weder mir noch Philippus gestatten, dich aufzunehmen?»

«Wir werden uns nur bis Sonnenuntergang aufhalten, und ich möchte Simon Petrus nicht die Freude vorenthalten, sich mit seinem Margziam zu ergötzen.»

Das Boot gleitet auf das Ufer und liegt fest. Sie steigen aus, und Philippus und Bartholomäus trennen sich von den Gefährten, um in das Dorf zu gehen.

«Wohin gehen die beiden?» fragt Petrus den Meister, der als erster ausgestiegen ist und sich an seiner Seite befindet.

«Ihre Frauen zu benachrichtigen.»

«Dann werde auch ich gehen, Porphyria zu benachrichtigen.»

«Das ist nicht notwendig. Porphyria ist so gut, daß man sie auf nichts vorzubereiten braucht. Ihr Herz kann nur Güte schenken.»

Simon Petrus strahlt, als er hört, wie seine Frau gelobt wird, und sagt nichts mehr. Indessen sind auch die Frauen ausgestiegen, für die man ein Brett angelegt hat. Sie gehen zum Hause Simons.

Dort sehen sie Margziam, der gerade mit seinen Schäflein herauskommt, um sie auf den frischen Wiesen der ersten Abhänge von Bethsaida grasen zu lassen. Mit einem Freudenschrei meldet er die Ankunft und eilt auf Jesus zu. Er wirft sich an die Brust des Meisters, der sich gebeugt hat, um ihn zu küssen. Dann geht er zu Petrus.

Auch Porphyria eilt herbei, die Hände noch voller Mehl, und verneigt sich zum Gruß.

«Der Friede sei mit dir, Porphyria. So bald hast du uns nicht erwartet, nicht wahr? Aber ich wollte dir außer dem Gruß auch meine Mutter und zwei Jüngerinnen bringen. Meine Mutter möchte den Knaben wiedersehen... Sieh, da liegt er schon in ihren Armen. Und die Jüngerinnen verlangten danach, dich kennenzulernen. Das ist die Frau Simons, die gute und schweigsame Jüngerin, die in ihrem Gehorsam mehr als viele andere tätig ist. Das sind Martha und Maria von Bethanien, zwei Schwestern. Liebt euch!»

«Alle, die du zu mir bringst, sind mir lieb, als wären sie Blutsverwandte,

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Meister. Komm! Mein Haus wird jedesmal schöner, wenn du deinen Fuß hineinsetzt.»

Maria nähert sich lächelnd, umarmt Porphyria und sagt: «Ich sehe, daß in dir die Mutter lebendig ist. Danke!»

«Oh, du Gebenedeite unter den Frauen! Ich weiß, daß ich durch dich die Freude habe, Mama genannt zu werden. Und du sollst wissen, daß ich mit allen meinen Kräften versuche, meine Aufgabe zu erfüllen. Komm herein, komm mit den Schwestern...»

Margziam schaut neugierig auf Magdalena. Viele Gedanken erfüllen seinen kleinen Kopf. Schließlich sagt er: «In Bethanien aber bist du nicht dabeigewesen...»

«Ich war nicht dabei. Aber von nun an werde ich immer dabeisein», sagt Magdalena errötend und mit einer Spur von Lächeln. Sie liebkost das Kind und sagt: «Wirst du mich gern haben, auch wenn wir uns erst jetzt kennenlernen?»

«Ja, weil du gut bist. Du hast geweint, nicht wahr? Und deshalb bist du gut. Und du heißt Maria, nicht wahr? Auch meine Mutter hat so geheißen, und sie war gut. Alle Frauen, die Maria heißen, sind gut. Aber ...» schließt er, um Porphyria und Martha nicht zu betrüben, «es gibt auch gute, die einen anderen Namen tragen. Deine Mutter, wie hat sie geheißen?»

«Eucheria... und sie war sehr gut», und zwei dicke Tränen quellen aus den Augen Marias von Magdala.

«Weinst du weil sie tot ist?» fragt das Kind und streichelt die wunderschönen Hände, die sie auf dem dunklen Gewand gefaltet hält; das Kleid ist sicher von Martha, denn man sieht, daß der Saum herabgelassen worden ist. Dann fügt er hinzu: «Weine nicht. Wir sind nicht allein, weißt du? Unsere Mütter sind uns immer nahe. Jesus hat es mir gesagt. Sie sind für uns wie Schutzengel. Auch das sagt Jesus. Und wenn man gut ist, kommen sie einem entgegen, wenn man stirbt, und man steigt in den Armen Mamas zu Gott auf. Und das ist wahr, weißt du? Er hat es gesagt!»

Maria Magdalena umarmt den kleinen Tröster, küßt ihn und sagt: «Dann bete also, daß ich auch so gut werde.»

«Aber bist du es denn nicht? Mit Jesus gehen nur solche, die gut sind... Und wenn man es noch nicht ganz ist, dann wird man es, um ein Jünger Jesu sein zu dürfen; denn man kann nicht lehren, was man nicht kennt. Man kann nicht sagen: "Verzeih", wenn man selbst nicht verziehen hat. Man kann nicht sagen: "Du sollst deinen Nächsten lieben", wenn man ihn vorher nicht selbst liebt. Kennst du das Gebet Jesu?»

«Nein.»

«Ach ja, du bist ja erst seit kurzem bei ihm. Es ist sehr schön, weißt du? Es spricht von all diesen Dingen. Höre nur, wie schön es ist.» Und Margziam sagt langsam mit Gefühl und Glauben das Vaterunser.

«Wie gut du es kannst!» sagt Maria von Magdala bewundernd.

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«Meine Mutter hat es mich in der Nacht gelehrt, und die Mama Jesu bei Tag. Wenn du willst, werde ich es dich lehren. Willst du mit mir kommen? Die Schafe blöken. Sie haben Hunger. Ich bringe sie jetzt auf die Weide. Komm mit mir. Ich werde dich beten lehren, und so wirst du ganz gut werden», und er nimmt sie bei der Hand.

«Aber ich weiß nicht, ob der Meister es will.»

«Geh nur, Maria. Du hast einen Unschuldigen als Freund und die Schäflein... Geh und sei beruhigt!»

Maria von Magdala geht mit dem Knaben hinaus, und sie entfernen sich, während die drei Schäflein vorauslaufen. Jesus blickt ihnen nach... und auch die anderen.

«Meine arme Schwester!» sagt Martha.

«Bemitleide sie nicht. Sie ist eine Blume, die nach dem Unwetter ihren Stengel wieder aufrichtet. Hörst du sie? ... Sie lacht... Die Unschuld ist der beste Trost.»

283. JESUS ZU PHILIPPUS: «ICH BIN DER MACHTVOLLE LIEBHABER»; DAS GLEICHNIS VON DER VERLORENEN DRACHME

Das Boot fährt am Ufer entlang von Kapharnaum nach Magdala. Ich sehe Maria von Magdala zum ersten Mal in der gewohnten Haltung als Bekehrte: sie befindet sich im Hintergrund der Barke, Jesus zu Füßen, der ernst auf einer der Bänke des Bootes sitzt. Das Gesicht Magdalenas ist heute ganz anders als gestern. Es ist noch nicht das strahlende Gesicht Magdalenas, die ihrem Jesus entgegeneilt, wenn er nach Bethanien kommt; aber es ist schon ein Gesicht frei von Ängsten und Unruhe, und das Auge, das vorher beschämt war ob seiner früheren Dreistigkeit, ist jetzt ernst und sicher, und in seinem würdevollen Ernst erstrahlt von Zeit zu Zeit ein Funke der Freude, wenn sie Jesus zuhört, der mit den Aposteln oder mit seiner Mutter und Martha spricht.

Sie reden von der Gutmütigkeit der Porphyria, die so schlicht und liebevoll ist; sie sprechen von der herzlichen Aufnahme bei Salome und den Frauen des Bartholomäus und des Philippus, und letzterer sagt: «Wenn sie nicht noch immer wie junge Mädchen wären, die die Mutter nicht gerne auf der Straße sieht, würden auch sie dir folgen, Meister.»

«Ihre Seelen folgen mir, und es handelt sich ebenfalls um eine heilige Liebe. Philippus, höre! Deine ältere Tochter steht vor der Verlobung, nicht wahr?»

«Ja, Meister. Ein würdiges Verlöbnis, und ein guter Bräutigam. Nicht wahr, Bartholomäus?»

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«Ja, das ist wahr. Ich garantiere für ihn, denn ich kenne die Familie. Ich hätte ihn selbst vorgeschlagen, wenn ich nicht beim Meister zurückgehalten worden wäre, mit der Sicherheit, eine heilige Familie zu bilden.»

«Aber das Mädchen hat mich gebeten, dir zu sagen, nichts zu unternehmen.»

«Gefällt ihr der Bräutigam nicht? Dann täuscht sie sich. Nun, die Jugend ist töricht. Ich hoffe, daß sie sich belehren läßt. Es liegt kein Grund vor, einen so ausgezeichneten Bräutigam abzuweisen. Es sei denn, daß... Aber das ist nicht möglich!» sagt Philippus.

«Es sei denn, daß? Sprich zu Ende, Philippus», ermuntert ihn Jesus.

«Es sei denn, daß sie einen anderen liebt. Aber das ist unmöglich. Sie verläßt nie das Haus, und im Haus lebt sie sehr zurückgezogen. Es ist nicht möglich.»

«Philippus, es gibt aber auch Liebhaber, die in verschlossene Häuser eindringen, die trotz aller Schranken und Beaufsichtigungen mit denen, die sie lieben, zu reden vermögen; solche, die alle Hindernisse der gut behüteten Witwenschaft oder Kindheit niederreißen, oder... sonstiges noch, und sich nehmen, was sie wollen. Und es gibt auch Liebhaber, die nicht zurückgewiesen werden können, denn sie sind mächtig in ihrem Wollen. Sie überwinden mit ihrer Verführungskunst jeglichen Widerstand, sogar den des Teufels. Deine Tochter liebt einen solchen. Und noch dazu den Mächtigsten unter ihnen.»

«Aber wen denn? Einen vom Hof des Herodes?»

«Da ist keine Macht!»

«Einen... einen vom Haus des Prokonsuls, einen römischen Patrizier. Das werde ich auf keinen Fall zulassen. Das reine Blut Israels darf nicht mit dem unreinen Blut in Berührung kommen. Und sollte dies auch den Tod meiner Tochter bedeuten. Lache nicht, Meister! Ich leide darunter!»

«Ich lache, weil du wie ein unzähmbares Pferd bist; weil du Schatten siehst, wo nur Licht ist. Aber beruhige dich. Auch der Prokonsul ist nichts als ein Diener, und Diener sind seine Patrizierfreunde, und auch Caesar ist nur ein Knecht.»

«Aber du scherzest wohl, Meister! Du hast mir Furcht einflößen wollen. Es gibt keinen Größeren als Caesar und keinen Mächtigeren als ihn.»

«Aber ich bin da, Philippus.»

«Du? Du willst meine Tochter heiraten?!»

«Nein, ihre Seele. Ich bin der Liebhaber, der in die wohlverschlossenen Häuser eindringt und in die Herzen, die noch stärker verschlossen sind als mit sieben mal sieben Schlüsseln. Ich bin es, der trotz Schranken und Beaufsichtigungen mit ihnen zu sprechen weiß. Ich bin es, der alle Hindernisse niederreißt und sich das nimmt, was er will: Reine und Sünder, Jungfrauen und Witwen, solche, die von Lastern frei sind, und solche, die deren Sklaven sind. Und allen gebe ich eine neue Seele, die wiedergeboren,

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beseligt und jung, ewig jung ist. Das sind meine Verlöbnisse. Und niemand kann mir meine süße Beute entreißen, weder Vater noch Mutter noch Söhne, nicht einmal Satan. Sei es, daß ich zur Seele eines Mädchens spreche, das wie deine Tochter ist, sei es, daß ich zur Seele eines Sünders spreche, der in die Sünde verstrickt und von Satan mit sieben Ketten gefesselt ist: die Seele kommt zu mir. Und nichts und niemand kann sie mir entreißen. Kein Reichtum, keine Macht, keine Freude der Welt kann die vollkommene Freude verleihen, die jene empfinden, welche sich mit meiner Armut, meiner Selbstverleugnung vermählen. Aller armseligen Güter entblößt, bekleidet mit allen himmlischen Gütern. Freudig und heiter' Gott zu gehören, Gott allein... Sie besitzen die Erde und den Himmel. Die erste, weil sie diese beherrschen; den zweiten, weil sie ihn erwerben.»

«Aber in unserem Gesetz hat es so etwas noch nicht gegeben!» ruft Bartholomäus aus.

«Entblöße dich des alten Menschen, Nathanael. Als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, habe ich dich begrüßt und dich einen vollkommenen Israeliten ohne Falsch genannt. Aber jetzt mußt du Christus gehören, nicht Israel. Sei ohne Fehl und Fesseln. Bekleide dich mit dieser neuen Geisteshaltung, sonst wirst du nicht alle Herrlichkeiten der Erlösung kennenlernen, die ich der ganzen Menschheit zu schenken gekommen bin.»

Philippus unterbricht ihn und sagt: «Du hast gesagt, daß meine Tochter von dir gerufen worden ist? Was will sie jetzt tun? Ich will sie dir gewiß nicht entziehen; aber ich will wissen, schon um ihr zu helfen, worin ihre Berufung besteht...»

«Sie soll Lilien jungfräulicher Liebe in den Garten Christi tragen. Es wird deren viele geben in den kommenden Jahrhunderten! ... Sehr viele! ... Beete von Weihrauch als Gegenstück zu den Pfaden der Laster. Betende Seelen als Gegengewicht zu den Fluchenden und Gottlosen, als Hilfe für alle menschliche Unglückseligkeit, und Freude Gottes.»

Magdalena öffnet die Lippen, um eine Frage zu stellen; sie errötet noch dabei, spricht aber schon unbefangener als in den vergangenen Tagen: «Und aus uns, den Ruinen, die du wieder aufbaust, was wird aus uns?»

«Das, was die jungfräulichen Schwestern sind ...»

«Oh, das kann nicht sein! Wir sind zu sehr im Schlamm gewatet, und... es kann nicht sein.»

«Maria, Maria! Jesus verzeiht nie halb. Er hat dir gesagt, daß er dir verziehen hat. Und so ist es! Du und alle, die wie du gesündigt haben und denen meine Liebe verzeiht, ihr werdet duften, beten, lieben und trösten. Ihr, die ihr des Bösen bewußt geworden seid, seid befähigt, zu heilen. Eure Seelen sind in den Augen Gottes Märtyrerseelen, und deshalb seid ihr ihm teurer als die Jungfrauen.»

«Märtyrer? In was, Meister?»

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«Euch selbst und den Erinnerungen der Vergangenheit gegenüber und durch euren Durst nach Liebe und Sühne.»

«Darf ich das glauben? ...» Magdalena schaut alle an, die im Boot sind; sie will um Bestätigung bitten für ihre keimende Hoffnung.

«Frage Simon! Ich habe an einem sternenklaren Abend in deinem Garten von dir und von den Sündern im allgemeinen gesprochen. Und deine Geschwister können dir sagen, ob mein Wort nicht für alle Erlösten die Wunder der Barmherzigkeit und der Bekehrung verkündet hat.»

«Davon hat mir auch der Knabe mit der Engelsstimme gesprochen. Diese seine Lektion ist eine Erfrischung für meine Seele gewesen. Er hat mich dich noch besser kennenlernen lassen als meine Schwester, so daß ich mich heute stärker fühle, Magdala die Stirne zu bieten. Jetzt, da du mir dies sagst, fühle ich in mir die Kraft wachsen. Ich bin der Welt zum Ärgernis geworden. Aber ich gehöre dir, mein Herr. Wenn die Welt mich jetzt sieht, wird sie begreifen, worin deine Macht besteht.»

Jesus legt ihr für einen Augenblick die Hand aufs Haupt, während Maria, die Hochheilige, ihr zulächelt, wie nur sie es kann: mit ihrem paradiesischen Lächeln.

Sie erreichen Magdala, das am Ufer des Sees liegt, vor sich die aufgehende Sonne, im Rücken den Berg Arbel, der das Städtchen vor den Winden schützt, und das enge, abschüssige, verwilderte Tal, aus dem sich ein Sturzbach in den See ergießt. Der See breitet sich mit seinen steil abfallenden Ufern voll bezaubernder, strenger Schönheit nach Westen aus.

«Meister», ruft Johannes aus dem anderen Boot. «Sieh das Tal unserer Einsamkeit und Einkehr...» Er strahlt über das ganze Gesicht, als ob eine Sonne sich in seinem Inneren entzündet hätte.

«Ja, unser Tal. Du hast es sofort wiedererkannt.»

«Man kann die Orte nicht vergessen, wo man Gott kennengelernt hat», antwortet Johannes.

«Dann werde ich mich auch immer dieses Sees erinnern; denn auf ihm habe ich dich kennengelernt. Weißt du, Martha, daß ich hier eines Morgens den Meister gesehen habe? ...»

«Und beinahe wären wir allesamt untergegangen! Frau, glaube mir, deine Ruderer waren rein nichts wert», sagt Petrus, der das Landungsmanöver beginnt.

«Sie waren nichts wert, weder die Ruderer, noch die anderen im Boot... Aber es war jedenfalls die erste Begegnung, und sie hat eine große Bedeutung. Und danach habe ich dich auf dem Berg gesehen, und darauf in Magdala und schließlich in Kapharnaum. So viele Begegnungen, so viele zerbrochene Ketten... Aber Kapharnaum ist der schönste Ort gewesen. Dort hast du mich befreit...»

Sie gehen an Land, wo sich schon alle aus dem anderen Boot befinden, und begeben sich in die Stadt. Die einfache oder... nicht einfache Neugier

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der Bewohner von Magdala muß für Magdalena eine Qual sein. Aber sie erträgt es heroisch und folgt dem Meister, der inmitten seiner Apostel vorangeht, während die drei Frauen dahinter folgen. Ein lautes Geflüster, in dem der Spott nicht fehlt, begleitet sie. Alle, die Maria, solange sie die mächtige Herrin von Magdala war, wenigstens nach außen hin aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen geachtet haben und die nun wissen, daß sie sich für immer von ihren mächtigen Freunden losgelöst hat und nun demütig und keusch ist, erlauben sich jetzt, ihre Verachtung zu äußern und ihr wenig schmeichelhafte Worte zuzurufen.

Martha, die mit ihr leidet, fragt sie: «Möchtest du dich ins Haus zurückziehen ?»

«Nein, ich verlasse den Meister nicht. Und bevor das Haus nicht von jeder Spur der Vergangenheit gesäubert ist, werde ich ihn nicht dorthin einladen.»

«Aber du leidest, Schwester!»

«Ich habe es verdient.» Und sie muß wirklich leiden, denn der Schweiß, der ihr Antlitz bedeckt, und die Röte, die sich bis zum Hals ausdehnt, rühren nicht allein von der Hitze her.

Sie durchqueren ganz Magdala und gelangen ins Armenviertel zu dem Haus, in dem sie das letztemal Aufenthalt genommen haben. Die Frau erstarrt als sie den Kopf von der Waschbütte erhebt, um zu sehen, wer sie begrüßt hat, und Jesus vor sich sieht und neben ihm die wohlbekannte Herrin von Magdala, nicht mehr pompös und mit Schmuck behangen, sondern das Haupt mit einem leichten Linnen bedeckt, violett gekleidet, mit einem hochgeschlossenen, engen Gewand, gewiß nicht ihr eigenes, sondern ein umgearbeitetes, und in einen schweren Mantel eingehüllt, der bei dieser Hitze eine Qual sein muß.

«Erlaubst du mir, mich in deinem Haus aufzuhalten und von hier aus zu den Menschen, die mir folgen, zu sprechen?» Also zu ganz Magdala, denn die ganze Bevölkerung ist der Gruppe der Apostel gefolgt.

«Und du fragst mich, Herr? Mein Haus ist dein Haus.» Und sie beginnt, Bänke und Stühle für die Frauen und die Apostel zu bringen. Als sie bei Magdalena vorbeikommt, verneigt sie sich wie eine Sklavin.

«Friede sei mit dir, Schwester», antwortet jene. Die Überraschung der Frau ist so groß, daß sie den Schemel, den sie gerade in der Hand hält, zu Boden fallen läßt. Doch sie sagt nichts. Aus diesem Vorfall kann ich schließen, daß Maria ihre Untergebenen früher sehr von oben herab behandelt hat. Als sie sich schließlich sogar danach erkundigt, wie es den Kindern gehe, wo sie sich befinden und ob der Fischfang gut gewesen sei, kennt ihr Staunen keine Grenzen mehr.

«Gut geht es ihnen... Sie sind in der Schule oder bei meiner Mutter. Nur der Kleine schläft in der Wiege. Der Fischfang war gut. Mein Mann wird dir den Zehnten bringen ...»

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«Das ist nicht mehr nötig. Verwende ihn für deine Kinder. Darf ich den Säugling sehen?»

«Komm»...

Viel Volk hat sich auf der Straße angesammelt.

Jesus beginnt zu reden: «Eine Frau hatte zehn Drachmen in ihrem Beutel. Aber bei einer Bewegung fiel ihr der Beutel von der Brust, öffnete sich, und die Münzen rollten auf den Boden. Sie sammelte sie mit Hilfe der Umstehenden und zählte sie. Es waren neun. Die zehnte war nicht zu finden. Da es Abend war, zündete die Frau eine Lampe an, stellte sie auf den Boden, nahm einen Besen und begann sorgfältig zu kehren, um zu sehen, ob die Drachme weit weggerollt war. Doch die Drachme war nicht zu finden. Die Freundinnen gingen, des Suchens müde, davon. Die Frau rückte nun die Truhe, die Bank und den schweren Kasten beiseite, sie verschob die Krüge und Töpfe in der Mauernische; doch die Drachme war nicht zu finden. Da suchte sie auf allen Vieren im Kehrichthaufen vor der Türe, um zu sehen, ob die Drachme aus dem Haus gerollt sei und sich unter die Abfälle gemischt habe. Dort fand sie schließlich die Drachme, ganz schmutzig und unter dem auf sie gefallenen Kehricht begraben.

Die Frau nahm sie jubelnd in die Hand, wusch sie und trocknete sie. Jetzt war sie schöner als zuvor, und sie zeigte sie ihren Nachbarinnen, die sie mit lauter Stimme zurückgerufen hatte. Sie sagte: "Seht her! Seht her! Ihr habt mir geraten, mich nicht weiter zu mühen. Doch ich habe beharrlich weitergesucht und die verlorene Drachme schließlich wiedergefunden. Freut euch daher mit mir, da ich nun nicht mehr befürchten muß, einen Teil meines Schatzes verloren zu haben." Auch euer Meister und mit ihm seine Apostel machen es so wie die Frau im Gleichnis. Gott weiß, daß eine Bewegung den Fall eines Schatzes zur Folge haben kann. Jede Seele ist ein Schatz, und Satan, der neidisch auf Gott ist, verursacht unglückliche Bewegungen, um die armen Seelen zu Boden fallen zu lassen. Manche fallen nicht weit von der Börse, entfernen sich also nicht allzu sehr vom Gesetz Gottes, das die Seelen im Schutz der Gebote zusammenhält. Andere aber entfernen sich weit von Gott und seinen Geboten, und einige gelangen bis zum Kehricht, zum Abfall, zum Schmutz. Und dort würden sie in das ewige Feuer geworfen und zugrunde gehen, ebenso wie Abfälle an besonderen Plätzen verbrannt werden.

Der Meister weiß dies und sucht unermüdlich die verlorenen Münzen. Er sucht liebevoll an allen Orten nach ihnen. Es sind seine Schätze. Und er wird nicht müde und empfindet vor nichts Ekel, sondern durchstöbert, kehrt und verschiebt, bis er sie findet. Und wenn er sie gefunden hat, dann wäscht er die wiedergefundene Seele mit seiner Verzeihung und ruft seine Freunde, das ganze Paradies und alle Guten der Erde, und sagt: "Freut euch mit mir, denn ich habe wiedergefunden, was sich verirrt hatte, und es ist schöner als zuvor, denn meine Verzeihung hat es erneuert!"

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Wahrlich, ich sage euch, im Himmel ist ein großes Fest, und die Engel Gottes und die Guten der Erde jubeln, wenn sich ein Sünder bekehrt. Wahrlich, ich sage euch, es gibt nichts Schöneres als die Tränen der Reue. Wahrlich, ich sage euch, nur die Dämonen können sich nicht über die Bekehrungen freuen, die ein Sieg Gottes sind. Und weiter sage ich euch, daß die Art, die Bekehrung eines Sünders aufzunehmen, ein Maßstab für die Güte eines Menschen und seine Vereinigung mit Gott ist.

Der Friede sei mit euch!»

Die Menschen verstehen die Lektion und schauen auf Magdalena, die sich, den Säugling auf dem Arm, an der Türe niedergesetzt hat, vielleicht um sich Haltung zu geben. Dann verläuft sich die Menge langsam, und es bleiben nur die Herrin des kleinen Hauses und deren Mutter, die mit den Kindern herbeigekommen ist, zurück. Es fehlt Benjamin, der noch in der Schule ist.

284. «WISSEN IST NICHT VERDERBEN, WENN ES RELIGION IST»

Als die Barke in den kleinen Hafen von Tiberias einfährt, laufen gleich einige neugierige Müßiggänger, die in der Nähe der Mole spazieren, herbei. Es handelt sich um Menschen jeglichen Standes und verschiedener Nationen. Die langen hebräischen Gewänder in allen Farben, die Mähnen und die mächtigen Bärte der Israeliten, vermischen sich mit den weißen Wollgewändern, die kürzer und ärmellos sind, und den glatten Gesichtern mit den kurzen Haaren der robusten Römer und den noch kürzeren Gewändern der schlanken und eitlen Griechen, die in jeder Bewegung die Kunst ihrer fernen Nation ausdrücken, als ob sie Göttergestalten wären, die in menschlichen Körpern zur Erde herabgekommen sind: in weichen Tuniken, mit klassischen Gesichtszügen unter dem gekräuselten und parfümierten Haar, die Arme beladen mit Armbändern, die bei ihren überlegten Gesten aufleuchten.

Viele Freudenmädchen befinden sich unter den beiden letzten Personengruppen; denn die Römer und die Griechen schämen sich nicht, ihre Liebschaften auf Plätzen und Straßen zur Schau zu stellen, während die Palästinenser dies vermeiden, dafür aber die freie Liebe mit den Freudenmädchen in ihren Häusern praktizieren. Dies erscheint offensichtlich, weil die Dirnen, obwohl ihnen die Angesprochenen warnende Blicke zuwerfen, verschiedene Juden, unter denen auch ein reicher, mit Fransen behangener Pharisäer nicht fehlt, ganz familiär mit Namen rufen.

Jesus begibt sich zur Stadt, gerade dahin, wo die elegante Gesellschaft sich verdichtet. Sie besteht zum großen Teil aus Griechen und Römern;

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aber es sind auch Höflinge des Herodes und andere darunter, die ich für reiche Händler von der Küste Phöniziens, aus Sidon und Tyrus, halte; denn sie sprechen von diesen Städten, von Warenlagern und Schiffen.

Die äußeren Säulenhallen der Thermen sind voll von diesen eleganten und müßigen Menschen, die ihre Zeit mit belanglosem Klatsch totschlagen. So diskutiert man zum Beispiel darüber, wer der beste Diskuswerfer oder wer bei den griechisch-römischen Spielen der hervorragendste Kämpfer gewesen sei. Andere schwätzen über Mode und Gastmähler und verabreden sich für fröhliche Ausflüge, zu denen sie die schönsten Hofdamen oder auch die Frauen einladen, die wohlriechend und gelockt aus den Thermen oder den Palästen kommen und sich in den Mittelpunkt von Tiberias begeben, der mit seinen Kunstwerken aus Marmor etwas von einem Salon hat.

Natürlich erregt der Durchzug der Gruppe Neugierde, die fast krankhaft wird, wenn der eine oder andere Jesus erkennt, weil er ihn schon in Caesarea gesehen hat, oder Magdalena bemerkt, obgleich sie sich in einen Mantel gehüllt und den Schleier über die Stirn und die Wangen gezogen hat und überdies den Kopf sehr gesenkt hält, so daß von ihrem Gesicht kaum etwas zu sehen ist.

«Das ist der Nazarener, der das kleine Mädchen Valerias geheilt hat», sagt ein Römer.

«Ich würde gern ein Wunder sehen», erklärt ein anderer Römer.

«Ich möchte ihn reden hören. Man sagt, er sei ein großer Philosoph. Sollen wir ihm sagen, daß er reden soll?» fragt ein Grieche.

«Bemühe dich nicht darum, Theodatus. Er redet zu den Wolken. Das würde dem Tragödianten für eine Satire gefallen», antwortet ein anderer Grieche.

«Nur keine Sorge, Aristobulus! Es scheint, daß er jetzt aus den Wolken herabsteigt und auf die Erde kommt. Siehst du nicht, daß er in seinem Gefolge schöne, junge Frauen hat?» scherzt ein Römer.

«Aber das ist doch Maria von Magdala!» schreit ein Grieche und ruft dann: «Lucius, Cornelius, Titus! Schaut dort, Maria!»

«Aber das kann sie doch nicht sein! Maria, so? Bist du betrunken?»

«Sie ist es, ich sage es dir! Sie kann mich nicht täuschen, auch wenn sie so bekleidet ist.»

Römer und Griechen umringen die Gruppe der Apostel, die quer über den an Säulenhallen und Springbrunnen reichen Platz schreiten. Auch Frauen gesellen sich zu diesen Neugierigen, und eine Frau geht gerade ganz nah zu Maria hin, um sie besser sehen zu können; bleibt wie versteinert stehen, als sie sieht, daß es wirklich Magdalena ist.

Sie fragt: «Was machst du in dieser Verkleidung?» und lacht spöttisch.

Maria bleibt stehen. Sie richtet sich auf, hebt eine Hand und enthüllt ihr Gesicht, indem sie den Schleier zurückwirft. Es ist Maria von Magdala, die

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mächtige Frau über alles, was niederträchtig war und schon Herrin, ja Herrin, über ihre Wandlung. «Ja, ich bin es», sagt sie mit ihrer herrlichen Stimme, während ihre wunderschönen Augen aufblitzen. «Ich bin es! Und ich schlage den Schleier zurück, damit ihr nicht denkt, daß ich mich schäme mit diesen Heiligen zusammenzusein.»

«Oh! Oh! Maria mit den Heiligen! Aber laß sie doch sein. Erniedrige dich nicht!» sagt die Frau.

«Erniedrigt habe ich mich bis jetzt. Damit ist nun Schluß!»

«Bist du denn wahnsinnig geworden? Oder ist es nur eine deiner Launen?» fragt sie.

Ein Römer zwinkert mit den Augen und sagt scherzend: «Komm mit mir! Ich bin schöner und lustiger als dieses Klageweib mit dem Schnurrbart, das das Leben tötet und einen Leichenzug aus ihm macht. Schön ist das Leben! Ein Triumph! Eine Orgie der Freude! Komm, ich werde alles aus dem Weg räumen, um dich glücklich zu machen.» Der braunhaarige Jüngling, der mit seinem Fuchsgesicht dennoch schön ist, will sie berühren.

«Zurück! Berühre mich nicht! Du hast richtig gesagt: euer Leben ist eine Orgie. Und zwar eine der schamlosesten! Mich ekelt es an.»

«Oh! Oh! Bis vor kurzem war es aber dein Leben», antwortet der Grieche.

«Nun spielt sie die Jungfrau!» grinst ein Herodianer.

«Du verdirbst die Heiligen! Dein Nazarener verliert den Heiligenschein mit dir. Komm mit uns», drängt ein Römer.

«Kommt ihr mit mir zu ihm! Hört auf, Tiere zu sein, und werdet wenigstens Menschen!»

Ein Chor von höhnischem Gelächter ist die Antwort.

Nur ein alter Römer sagt: «Achtet eine Frau. Sie ist frei zu tun, was sie will. Ich verteidige sie.»

«Der Demagoge! Hört ihn! Ist dir der Wein von gestern abend nicht gut bekommen?» fragt ein Jüngling.

«Nein, er ist nur schwermütig, weil ihm das Rückgrat wehtut», entgegnet ein anderer.

«Geh zum Nazarener, laß dich von ihm kratzen!»

«Ich gehe, um mir den Schlamm abkratzen zu lassen, der durch die Berührung mit euch an mir hängt», antwortet der alte Mann.

«Oh, Crispus, der sich mit sechzig Jahren noch verderben läßt!» sagen viele lachend und umringen ihn.

Doch der mit Crispus angesprochene Mann kümmert sich nicht um den Spott, sondern macht sich daran, Magdalena zu folgen, die dem Meister gehorcht; dieser hat sich in den Schatten eines sehr schönen Gebäudes begeben, das halbkreisförmig einen Platz umgibt.

Jesus ist schon mit einem Schriftgelehrten im Gespräch, der ihm vorwirft, sich in Tiberias aufzuhalten in dieser Gesellschaft.

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«Und du, warum bist du hier? Aber ich sage dir auch: selbst in Tiberias, und hier mehr als anderswo, gibt es Seelen zu retten», antwortet Jesus.

«Sie sind nicht zu retten! Es sind Heiden, Ungläubige, Sünder!»

«Für die Sünder bin ich gekommen. Um sie den wahren Gott erkennen zu lassen. Alle! Auch für dich bin ich gekommen.»

«Ich brauche keine Lehrer und keinen Erlöser. Ich bin rein und gelehrt!»

«Wenn du wenigstens so gelehrt wärest, deinen Zustand zu erkennen!»

«Und du solltest wissen, wie du in Gesellschaft einer Dirne zu beurteilen bist.»

«Ich verzeihe dir auch in ihrem Namen. Sie vernichtet durch ihre Demut ihre Sünde. Du verdoppelst durch deinen Hochmut deine Sünden.»

«Ich bin fehlerlos!»

«Du hast die Hauptsünde. Dir fehlt die Liebe!»

Der Schriftgelehrte sagt: «Raca! (Dummkopf)», und wendet sich um.

«Durch meine Schuld, Meister!» sagt Magdalena. Und als sie die Blässe der Jungfrau Maria sieht, jammert sie: «Verzeih mir! Meinetwegen wird dein Sohn beleidigt! Ich werde mich zurückziehen ...»

«Nein, du bleibst, wo du bist. Ich will es», sagt Jesus mit Nachdruck und einem solchen Leuchten in den Augen, einem derart majestätischen Ausdruck in seiner ganzen Person, daß man kaum hinsehen kann.

Dann wiederholt er sanft: «Du bleibst, wo du bist. Und wenn jemand deine Nähe nicht ertragen kann, dann soll er gehen.»

Und Jesus begibt sich nun in den westlichen Teil der Stadt.

«Meister!» ruft der beleibte alte Römer, der Magdalena verteidigt hatte.

Jesus wendet sich um.

«Sie nennen dich Meister. Auch ich nenne dich so. Ich habe danach verlangt, dich reden zu hören. Ich bin ein halber Philosoph und ein halber Lebemann. Doch du könntest aus mir vielleicht einen anständigen Menschen machen.»

Jesus blickt ihn fest an und sagt: «Ich verlasse die Stadt, wo die Niedrigkeit des Tierischen im Menschen herrscht und der Spott Herrscher ist.»

Und er geht weiter.

Der Mann folgt ihm schwitzend und keuchend, denn Jesus schreitet rasch vorwärts; der Mann aber ist dick und alt und vom Laster gekennzeichnet. Petrus, der zurückschaut, macht Jesus darauf aufmerksam.

«Laß ihn nur kommen. Kümmere dich nicht um ihn.»

Bald darauf meint Iskariot: «Der Mann läuft uns nach. Das ist nicht gut!»

«Warum? Aus Mitleid oder einem anderen Grund?»

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«Mitleid mit ihm? Nein! Aber weiter hinten folgt uns der Schriftgelehrte von vorhin mit anderen Juden.»

«Laß sie nur! Es wäre jedoch besser, wenn du mit ihm Mitleid hättest anstatt mit dir selbst.»

«Mit dir, Meister!»

«Nein, mit dir, Judas! Sei aufrichtig in der Erkenntnis deiner Gefühle und dem Bekenntnis derselben.»

«Ich habe, in Wahrheit, auch Mitleid mit dem Alten. Es ist nicht leicht, mit dir Schritt zu halten, weißt du», sagt Petrus schwitzend.

«Der Vollkommenheit zu folgen, ist immer mühevoll, Simon!»

Der Mann folgt ihnen unermüdlich. Er versucht in der Nähe der Frauen zu bleiben, an die er jedoch nie ein Wort richtet.

Magdalena weint lautlos unter ihrem Schleier.

«Weine nicht, Maria», tröstet sie die Mutter Gottes und nimmt sie bei der Hand. «Später wird die Welt dich achten. Diese ersten Tage sind die mühsamsten.»

«Oh! Nicht meinetwegen! Seinetwegen leide ich! Wenn ich ihm Schaden zufügen sollte, würde ich es mir nie verzeihen. Hast du gehört, was der Schriftgelehrte gesagt hat? Ich schade dem Meister!»

«Armes Kind! Aber weißt du denn nicht, daß diese Worte schon wie Schlangen herumzischten, als du noch nicht daran gedacht hattest, zu ihm zu kommen? Simon hat mir gesagt, daß sie ihn bereits im vergangenen Jahr angeklagt haben, weil er eine Aussätzige geheilt hat, die früher eine Sünderin war, und sie im Augenblick des Wunders gesehen hat, dann aber nie mehr. Und sie war älter als ich, die ich seine Mutter bin. Weißt du nicht, daß er vom "Trügerischen Gewässer" fliehen mußte, weil eine deiner unglücklichen Schwestern sich dorthin begeben hatte, um von ihm erlöst zu werden? Wie können sie ihn anklagen, da er ohne Sünde ist? Nur mit Lügen! Und worin finden diese Lügen ihre Nahrung? In seiner Mission unter den Menschen. Die gute Tat wird als Beweis seiner Schuld dargestellt. Was mein Sohn auch tun wird, sie werden es immer als Sünde bezeichnen. Wenn er als Eremit in die Einsamkeit ginge, würden sie ihn anklagen, das Volk Gottes zu vernachlässigen. Geht er unter das Volk Gottes, ist es sündhaft, das zu tun. Für sie ist er immer schuldig!»

«Sie sind häßlich und böse zu ihm!»

«Nein, sie haben sich hartnäckig dem Licht verschlossen. Er, mein Jesus, ist der ewig Unverstandene. Und er wird es immer und immer mehr sein.»

«Und leidest du nicht darunter? Du scheinst mir immer so heiter.»

«Schweigen wir darüber. Mir ist es, als sei mein Herz mit spitzen Dornen umgeben. Bei jedem Atemzug spüre ich die Stiche. Aber er soll es nicht wissen. Ich gebe mich so, um ihn durch meinen Frohsinn zu unterstützen. Wenn seine Mutter ihn nicht tröstet, wo könnte mein Jesus Trost

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finden? An welche Brust könnte er sein Haupt legen, ohne verwundet oder verleumdet zu werden? Es ist daher nicht mehr als recht, daß ich über die Dornen, die mein Herz verwunden, und die Tränen, die ich in den Stunden der Einsamkeit vergieße, einen weichen Mantel der Liebe, ein Lächeln breite, und zwar um jeden Preis, um ihn zu beruhigen, zu beruhigen bis... bis die Wellen des Hasses so hoch sein werden, daß alles nichts mehr nützen wird, auch die Liebe der Mama nicht...» Zwei Tränen laufen über das Antlitz Marias.

Die beiden Schwestern blicken gerührt auf sie. «Aber er hat doch uns, die wir ihn lieben. Und auch die Apostel ...» sagt Martha, um sie zu trösten.

«Er hat euch, ja... Er hat die Apostel ... die ihrer Aufgabe noch nicht gewachsen sind... Mein Schmerz ist um so größer, weil ich weiß, daß ihm nichts verborgen bleibt ...»

«Dann wird er auch wissen, daß ich ihm gehorchen will bis zur vollkommenen Aufopferung, wenn es nötig ist?» fragt Magdalena.

«Er weiß es. Du bist eine große Freude auf seinem Weg.»

«Oh! Mutter!» Und Magdalena ergreift die Hände Marias und küßt sie inbrünstig.

Tiberias endet mit den Obstgärten der Vorstadt. Dann folgt die staubige Straße nach Kana, die auf der einen Seite von Obstgärten, auf der anderen von Wiesen und abgeernteten Feldern begrenzt wird.

Jesus betritt einen Obstgarten und verweilt im Schatten der dichtbelaubten Bäume. Die Frauen holen ihn ein, und dann kommt auch der schwitzende Römer, der jetzt wirklich am Ende seiner Kräfte ist. Er setzt sich ein wenig abseits, ohne zu reden; er schaut nur.

«Während wir uns ausruhen, wollen wir etwas essen», sagt Jesus. «Dort ist ein Brunnen, und auch ein Bauersmann ist in der Nähe. Geht und bittet ihn um Wasser.»

Johannes und Thaddäus gehen zu ihm. Sie kehren mit einem von Wasser triefenden Krug zurück, gefolgt vom Bauersmann, der herrliche Feigen anbietet.

«Gott vergelte es dir mit Gesundheit und einer reichen Ernte.»

«Gott beschütze dich. Du bist der Meister, nicht wahr?»

«Ich bin es!»

«Wirst du hier sprechen?»

«Niemand verlangt hier danach.»

«Ich, Meister! Mehr als nach Wasser, das so gut für den Durstigen ist», schreit der Römer.

«Hast du Durst?»

«Sehr. Ich bin die ganze Zeit hinter dir hergelaufen.»

«In Tiberias fehlt es nicht an Quellen kühlen Wassers.»

«Du sollst mich nicht mißverstehen, Meister, oder so tun, als ob du

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«Mitleid mit ihm? Nein! Aber weiter hinten folgt uns der Schriftgelehrte von vorhin mit anderen Juden.»

«Laß sie nur! Es wäre jedoch besser, wenn du mit ihm Mitleid hättest anstatt mit dir selbst.»

«Mit dir, Meister!»

«Nein, mit dir, Judas! Sei aufrichtig in der Erkenntnis deiner Gefühle und dem Bekenntnis derselben.»

«Ich habe, in Wahrheit, auch Mitleid mit dem Alten. Es ist nicht leicht, mit dir Schritt zu halten, weißt du», sagt Petrus schwitzend.

«Der Vollkommenheit zu folgen, ist immer mühevoll, Simon!»

Der Mann folgt ihnen unermüdlich. Er versucht in der Nähe der Frauen zu bleiben, an die er jedoch nie ein Wort richtet.

Magdalena weint lautlos unter ihrem Schleier.

«Weine nicht, Maria», tröstet sie die Mutter Gottes und nimmt sie bei der Hand. «Später wird die Welt dich achten. Diese ersten Tage sind die mühsamsten.»

«Oh! Nicht meinetwegen! Seinetwegen leide ich! Wenn ich ihm Schaden zufügen sollte, würde ich es mir nie verzeihen. Hast du gehört, was der Schriftgelehrte gesagt hat? Ich schade dem Meister!»

«Armes Kind! Aber weißt du denn nicht, daß diese Worte schon wie Schlangen herumzischten, als du noch nicht daran gedacht hattest, zu ihm zu kommen? Simon hat mir gesagt, daß sie ihn bereits im vergangenen Jahr angeklagt haben, weil er eine Aussätzige geheilt hat, die früher eine Sünderin war, und sie im Augenblick des Wunders gesehen hat, dann aber nie mehr. Und sie war älter als ich, die ich seine Mutter bin. Weißt du nicht, daß er vom "Trügerischen Gewässer" fliehen mußte, weil eine deiner unglücklichen Schwestern sich dorthin begeben hatte, um von ihm erlöst zu werden? Wie können sie ihn anklagen, da er ohne Sünde ist? Nur mit Lügen! Und worin finden diese Lügen ihre Nahrung? In seiner Mission unter den Menschen. Die gute Tat wird als Beweis seiner Schuld dargestellt. Was mein Sohn auch tun wird, sie werden es immer als Sünde bezeichnen. Wenn er als Eremit in die Einsamkeit ginge, würden sie ihn anklagen, das Volk Gottes zu vernachlässigen. Geht er unter das Volk Gottes, ist es sündhaft, das zu tun. Für sie ist er immer schuldig!»

«Sie sind häßlich und böse zu ihm!»

«Nein, sie haben sich hartnäckig dem Licht verschlossen. Er, mein Jesus, ist der ewig Unverstandene. Und er wird es immer und immer mehr sein.»

«Und leidest du nicht darunter? Du scheinst mir immer so heiter.»

«Schweigen wir darüber. Mir ist es, als sei mein Herz mit spitzen Dornen umgeben. Bei jedem Atemzug spüre ich die Stiche. Aber er soll es nicht wissen. Ich gebe mich so, um ihn durch meinen Frohsinn zu unterstützen. Wenn seine Mutter ihn nicht tröstet, wo könnte mein Jesus Trost

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finden? An welche Brust könnte er sein Haupt legen, ohne verwundet oder verleumdet zu werden? Es ist daher nicht mehr als recht, daß ich über die Dornen, die mein Herz verwunden, und die Tränen, die ich in den Stunden der Einsamkeit vergieße, einen weichen Mantel der Liebe, ein Lächeln breite, und zwar um jeden Preis, um ihn zu beruhigen, zu beruhigen bis... bis die Wellen des Hasses so hoch sein werden, daß alles nichts mehr nützen wird, auch die Liebe der Mama nicht...» Zwei Tränen laufen über das Antlitz Marias.

Die beiden Schwestern blicken gerührt auf sie. «Aber er hat doch uns, die wir ihn lieben. Und auch die Apostel ...» sagt Martha, um sie zu trösten.

«Er hat euch, ja... Er hat die Apostel ... die ihrer Aufgabe noch nicht gewachsen sind... Mein Schmerz ist um so größer, weil ich weiß, daß ihm nichts verborgen bleibt ...»

«Dann wird er auch wissen, daß ich ihm gehorchen will bis zur vollkommenen Aufopferung, wenn es nötig ist?» fragt Magdalena.

«Er weiß es. Du bist eine große Freude auf seinem Weg.»

«Oh! Mutter!» Und Magdalena ergreift die Hände Marias und küßt sie inbrünstig.

Tiberias endet mit den Obstgärten der Vorstadt. Dann folgt die staubige Straße nach Kana, die auf der einen Seite von Obstgärten, auf der anderen von Wiesen und abgeernteten Feldern begrenzt wird.

Jesus betritt einen Obstgarten und verweilt im Schatten der dichtbelaubten Bäume. Die Frauen holen ihn ein, und dann kommt auch der schwitzende Römer, der jetzt wirklich am Ende seiner Kräfte ist. Er setzt sich ein wenig abseits, ohne zu reden; er schaut nur.

«Während wir uns ausruhen, wollen wir etwas essen», sagt Jesus. «Dort ist ein Brunnen, und auch ein Bauersmann ist in der Nähe. Geht und bittet ihn um Wasser.»

Johannes und Thaddäus gehen zu ihm. Sie kehren mit einem von Wasser triefenden Krug zurück, gefolgt vom Bauersmann, der herrliche Feigen anbietet.

«Gott vergelte es dir mit Gesundheit und einer reichen Ernte.»

«Gott beschütze dich. Du bist der Meister, nicht wahr?»

«Ich bin es!»

«Wirst du hier sprechen?»

«Niemand verlangt hier danach.»

«Ich, Meister! Mehr als nach Wasser, das so gut für den Durstigen ist», schreit der Römer.

«Hast du Durst?»

«Sehr. Ich bin die ganze Zeit hinter dir hergelaufen.»

«In Tiberias fehlt es nicht an Quellen kühlen Wassers.»

«Du sollst mich nicht mißverstehen, Meister, oder so tun, als ob du

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mich mißverstehen würdest. Ich bin dir nachgefolgt, um dein Wort zu vernehmen.»

«Aber warum?»

«Ich weiß nicht was und warum. Es war, weil ich jene gesehen habe (und er zeigt dabei auf Magdalena). Ich weiß nicht, irgendetwas hat in mir gesagt: "Er wird dir sagen, was du nicht weißt", und so bin ich gekommen.»

«Gebt dem Mann Wasser und Feigen, daß er zuerst seinen Körper stärke.»

«Und den Geist?»

«Der Geist erquickt sich an der Wahrheit.»

«Gerade deswegen bin ich dir nachgelaufen. Ich habe die Wahrheit im Wissen gesucht; ich habe die Verdorbenheit gefunden. Auch in den besten Wissenschaften ist immer etwas weniger Gutes enthalten. Ich habe den Mut verloren und bin angeekelt. Ich bin ein ekliger Mensch geworden, der nur noch in den Tag hineinlebt.»

Jesus blickt ihn scharf an, während er das Brot und die Feigen ißt, die die Apostel ihm gebracht haben.

Das Mahl ist bald beendet.

Jesus bleibt sitzen und beginnt zu sprechen, als wolle er nur seine Apostel unterrichten. Auch der Bauersmann bleibt in der Nähe.

«Zahlreich sind sie, die ihr ganzes Leben lang nach der Wahrheit suchen, ohne sie zu finden. Sie gleichen Wahnsinnigen, die sehen wollen, obwohl sie sich selbst ein Bronzestück vor die Augen halten; die so verkrampft und verworren in ihrem Suchen sind, daß sie sich immer mehr von der Wahrheit entfernen oder sie unter Dingen begraben, die sie selbst bei ihrem wahnsinnigen Suchen auf sich fallen lassen, weil sie dort suchen, wo die Wahrheit nicht sein kann.

Um die Wahrheit zu finden, muß man Verstand und Liebe miteinander verbinden; muß man die Dinge nicht nur mit klugen, sondern auch mit gütigen Augen anschauen. Denn die Güte ist mehr wert als die Gelehrtheit. Wer liebt, wird immer eine Spur Wahrheit finden. Lieben heißt nicht, sich des Fleisches erfreuen und für das Fleisch zu leben. Das ist keine Liebe. Das ist Sinnlichkeit. Liebe ist Zuneigung des höheren Menschen zum höheren Menschen. Durch die Liebe sieht man in der Gefährtin nicht die Sklavin, sondern die Mutter der Kinder, also die andere Hälfte, die mit dem Mann ein Ganzes bildet, das fähig ist, ein Leben oder mehrere Leben zu erschaffen; also die Gefährtin, die dem Mann Mutter, Schwester und Tochter ist, der schwächer ist als ein neugeborenes Kind, aber auch stärker sein kann als ein Löwe, je nach den Umständen; und der die Mutter, Schwester und Tochter mit vertrauensvoller und beschützender Achtung lieben soll. Alles andere ist nicht Liebe, sondern Laster. Und es führt nicht in die Höhe, sondern in die Tiefe; nicht in das Licht, sondern in die

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Finsternis; nicht zu den Sternen, sondern in den Schmutz. Man liebt die Frau, um zu lernen, den Nächsten zu lieben! Man liebt den Nächsten, um zu lernen, Gott zu lieben. Und damit haben wir den Weg zur Wahrheit gefunden. Die Wahrheit ist hier, o Menschen, die ihr sie sucht! Die Wahrheit ist Gott. Der Schlüssel, das Wißbare zu begreifen, ist hier.

Die Lehre, die ohne Fehler ist, kann nur die Lehre Gottes sein. Wie kann der Mensch auf sein Warum eine Antwort geben, wenn er nicht Gott hat, der ihm antwortet? Wer kann die Geheimnisse der Schöpfung enthüllen, auch nur die einfachsten, wenn nicht der höchste Schöpfer, der alles erschaffen hat? Wie können wir das lebendige Wunderwerk begreifen, das der Mensch ist, das Wesen, in dem sich die tierische Vollkommenheit mit der unsterblichen Vollkommenheit, welche die Seele ist, verbindet, wodurch wir gleichsam Götter werden, wenn wir eine lebendige Seele in uns haben, die frei von jenen Sünden ist, die einen Unmenschen besudeln würden, und die der Mensch aber begeht, und derer er sich sogar rühmt?

Ich wiederhole euch die Worte Jobs, o ihr Sucher der Wahrheit: "Frage die Ochsen, und sie werden dich unterrichten; die Vögel, und sie werden es dir zeigen. Sprich zur Erde, und sie wird dir antworten; zu den Fischen, und sie werden es dich wissen lassen."

Ja, die Erde, die grünende und blühende Erde, die Früchte, die auf den Bäumen immer mehr anschwellen, die Vögel, die sich vermehren, die Winde, die die Wolken zerteilen, die Sonne, die seit Jahrhunderten und Jahrtausenden immer zur rechten Zeit aufgeht: alles spricht von Gott, alles erklärt Gott, alles enthüllt und offenbart Gott. Wenn die Wissenschaft sich nicht auf Gott stützt, wird sie zum Irrtum, der nicht erhöht, sondern erniedrigt. Das Wissen ist keine Verdorbenheit, wenn es Religion ist. Wer in Gott sein Wissen hat, der fällt nicht; denn er fühlt seine Würde, weil er an seine ewige Zukunft glaubt. Aber man muß den wirklichen Gott suchen; nicht Geister, die keine Götter sind, sondern Traumbilder der Menschen, die noch in die Windeln der geistigen Unwissenheit eingehüllt sind, weshalb ihre Religionen keine Spur von Weisheit und ihr Glaube keine Spur von Wahrheit aufweist.

Man kann in jedem Alter weise werden. Auch Job sagt es: "Beim Einbrechen des Abends wird in dir ein Mittagslicht aufgehen, und wenn du glaubst, am Ende zu sein, wirst du aufsteigen wie der Morgenstern. Du wirst voll sein von Vertrauen durch die Hoffnung, die dich erwartet."

Es genügt der gute Wille, die Wahrheit zu finden. Früher oder später läßt sie sich gewiß finden. Hat einer sie aber gefunden, dann wehe ihm, wenn er ihr nicht folgt und die Starrköpfigen Israels nachahmt, die schon den Leitfaden in der Hand halten, der Gott finden läßt: alles, was über mich im Buch geschrieben steht! Sie wollen sich dennoch nicht der Wahrheit ergeben, die sie hassen, indem sie auf ihren Verstand und ihr Herz das Gewicht des Hasses und der äußeren Formen häufen. Sie wissen nicht,

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daß sich die Erde wegen der allzu großen Last unter ihren Schritten öffnen wird, die sie für siegreich halten, die aber nichts anderes sind als die Schritte eines Sklaven der Formeln, der Hinterlist und der Selbstsucht, und daß sie verschlungen und dort hinabstürzen werden, wo sich die ihrer Schuld an einem Heidentum Bewußten hingehören; sie sind schuldiger als die Völker, die sich ihr Heidentum selbst gegeben haben, um eine Religion zu haben, nach der sie sich richten können.

Nein, so wie ich den unter den Kindern Israels nicht zurückweise, der reumütig ist, so weise ich auch jene Götzendiener nicht zurück, die das glauben, was man sie gelehrt hat, und innerlich seufzen: "Gebt uns die Wahrheit!"

Ich habe gesprochen. Nun wollen wir uns hier im Grünen ausruhen, wenn der Bauer damit einverstanden ist. Am Abend wollen wir uns nach Kana begeben.»

«Herr, ich gehe. Da ich aber das Wissen, das du mir gegeben hast, nicht entweihen möchte, will ich noch heute abend von Tiberias aufbrechen. Ich werde dieses Land verlassen und mich mit meinem Diener an die Küste von Lucanien zurückziehen. Dort habe ich ein Haus. Du hast mir viel gegeben. Mehr konntest du einem alten Epikureer nicht geben. Aber mit dem mir Gegebenen habe ich genug, um den rechten Weg zu finden. Und... du bete zu deinem Gott für den alten Crispus, deinen einzigen Zuhörer in Tiberias. Bete, daß ich dich vor der Enge von Libitina noch einmal hören kann, dich und deine Wahrheit durch deine Worte, die mich dazu befähigen werden, besser zu begreifen. Sei gegrüßt, Meister!»

Er grüßt auf römische Art. Dann aber, als er bei den abseits sitzenden Frauen vorbeikommt, verneigt er sich vor Maria von Magdala und sagt ihr: «Danke, Maria! Es war gut, daß ich dich gekannt habe. Du hast deinem alten Gefährten der Feste den gesuchten Schatz geschenkt. Wenn ich dahin gelange, wo du schon bist, dann verdanke ich es dir. Leb wohl!»

Dann geht er.

Magdalena, erstaunt und mit strahlendem Gesichtsausdruck, drückt die Hände an die Brust. Darauf bewegt sie sich auf den Knien zu Jesus hin.

«Oh, Herr! Herr! Es ist also wahr, daß ich zum Guten führen kann? Oh, mein Herr! Das ist zuviel Güte!» Und sie verneigt sich, küßt mit dem Gesicht im Gras die Füße Jesu und benetzt sie von neuem mit ihren Tränen: Tränen der Dankbarkeit der großen Liebenden von Magdala...

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285. IM HAUS VON KANA

Im Haus von Kana ist das Fest, das bei der Ankunft Jesu veranstaltet wird, kaum geringer als das Hochzeitsfest des Wunders. Es fehlen die Musiker, es fehlen die geladenen Gäste, das Haus ist nicht mit Girlanden von Blumen und grünen Zweigen geschmückt, es fehlen die Tische für die zahlreichen Gäste, es fehlt der Speisemeister an den Anrichten und es fehlen die mit Wein gefüllten Krüge. Aber dies wird übertroffen von der Liebe, die jetzt in würdiger Form und gerechtem Maße nicht dem Gast und vielleicht einem entfernten Verwandten, der aber nur Mensch ist, gilt, sondern dem Meister, dem hohen Gast, dessen wahre Natur erkannt und anerkannt und als göttlich verehrt wird. Daher lieben die Menschen von Kana aus ganzer Seele den großen Freund, der in seinem Leinengewand zwischen dem Grün der Erde und dem Abendrot am Garteneingang erscheint, mit seiner Gegenwart alle Dinge verklärt und seinen Frieden nicht nur den Seelen, an die er seinen Gruß richtet, sondern allen Dingen mitteilt.

Es scheint wirklich als ob sich überall, wo er seinen Blick hinwendet, ein Schleier feierlichen und doch freudigen Friedens ausbreite. Reinheit und Friede strahlen aus seinen Augen, wie die Weisheit von seinen Lippen und die Liebe aus seinem Herzen strömt.

Wer diese Zeilen liest, dem kann das Gesagte vielleicht unwahrscheinlich vorkommen. Und doch, derselbe Ort, der vor der Ankunft Jesu ein ganz gewöhnlicher Ort mit einer Geschäftigkeit, die den Frieden ausschließt, auch wenn die Arbeit ohne Hektik verrichtet wird, veredelt sich, sobald er erscheint; die Arbeit selbst nimmt etwas Geordnetes an, das die Gegenwart eines übernatürlichen Gedankens, der sich auf die Arbeit bezieht, nicht ausschließt. Ich weiß nicht, ob ich mich gut ausdrücke. Jesus ist nie verbittert, auch nicht in den Stunden größten Mißfallens infolge irgendeines Ereignisses; er ist vielmehr immer majestätisch, würdevoll, und diese übernatürliche Würde teilt sich dem Ort mit, an dem er sich befindet. Jesus wird nie übermütig oder weinerlich, auch nicht in Augenblicken größter Freude oder größter Betrübnis; nie hat er ein vom Lachen entstelltes Antlitz.

Sein Lächeln ist unnachahmlich. Kein Maler könnte es je wiedergeben. Es scheint, als strahle sein Herz ein Licht aus in den Stunden hoher Freude über eine erlöste Seele oder eine, die sich der Vollkommenheit nähert; ein rosiges Lächeln, möchte ich sagen, wenn er die spontane Handlungsweise seiner Freunde oder Jünger billigt und sich ihrer Anwesenheit erfreut. Es ist ein Lächeln, das ich, um bei den Farben zu bleiben, himmelblau und engelhaft nennen würde, wenn er sich über Kinder beugt, um ihnen zuzuhören, sie zu belehren und zu segnen; ein von Barmherzigkeit durchdrungenes Lächeln, wenn er körperliches und seelisches Elend wahrnimmt; ein göttliches Lächeln schließlich, wenn er vom Vater oder seiner Mutter spricht oder auf diese reinste Mutter schaut und ihr zuhört.

Ich könnte nicht sagen, ihn jemals niedergeschlagen gesehen zu haben, nicht einmal in den Stunden größter Spannung. Während der Pein, verraten worden zu sein, während des Blutschwitzens, während der Qualen der Passion, kann die Traurigkeit den sanften Schein seines Lächelns ersticken; doch gelingt es nicht, jenen Frieden auszulöschen, der wie ein Diadem mit paradiesisch strahlenden Perlen seine glatte Stirne ziert und die göttliche Person ganz in ihr leuchtendes Licht einhüllt.

Ich kann auch nicht sagen, daß er sich je übermütiger Fröhlichkeit hingegeben hat. Er

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verschmäht ein herzliches Lachen nicht, wenn ein Grund dazu besteht; doch gleich kehrt wieder seine würdevolle Ruhe zurück. Aber wenn er lacht, dann verjüngt er sich in wunderbarer Weise und gleicht einem zwanzigjährigen Jüngling, und es scheint, als ob sich die Welt verjünge durch sein schönes, helles, wohltönendes Lachen.

Ebenso kann ich nicht sagen, daß er je die Dinge überstürzte. Ob er nun spricht oder sich bewegt: es geschieht immer friedlich, nie aber langsam oder unwillig. Vielleicht kommt es daher, daß er bei seiner Größe weite Schritte macht und ohne zu laufen große Strecken zurücklegen kann; ebenso ergreift er mit Leichtigkeit entfernte Gegenstände, ohne aufstehen zu müssen. Sicher ist, daß er in allen seinen Bewegungen vornehm und majestätisch bleibt.

Und die Stimme? Es sind nun zwei Jahre her, daß ich ihn sprechen höre; doch manchmal verliere ich den Faden seiner Rede, weil ich mich zu sehr in das Erfassen seiner Stimme vertiefe. Und der gute, geduldige Jesus wiederholt, was er gesagt hat, und blickt mich mit dem Lächeln des guten Meisters an, damit in den Diktaten keine Lücken entstehen durch meine Glückseligkeit, seine Stimme hören und den faszinierenden Ton derselben genießen zu können. Aber nach zwei Jahren weiß ich immer noch nicht, welche Färbung sie hat. Es ist sicher kein tiefer Baß und auch kein leichter Tenor. Aber ich bin stets ungewiß, ob es sich um eine mächtige Tenorstimme oder einen vollkommenen Bariton von weitem Ausmaß handelt. Ich möchte sagen, daß seine Stimme manchmal wie Bronze klingt, tief und gedämpft, besonders wenn er zu einem Sünder spricht und versucht, ihn zur Gnade zurückzuführen, oder wenn er dem Volk Verfehlungen vorhält. Wenn es sich jedoch darum handelt, mit dem Finger auf verbotene Dinge zu zeigen oder Heucheleien aufzudecken, dann tritt der Bronzeton hervor; er wird schneidend wie ein Blitzstrahl, wenn er die Wahrheit erläutert und seinen Willen kundgibt. Wenn er aber von der Barmherzigkeit Gottes oder seinen Wunderwerken spricht, dann kann seine Stimme tönen wie ein Goldband, das mit einem Kristallhammer angeschlagen wird. Dazu kommt noch der Ton der Liebe, wenn er mit der Mutter oder von ihr spricht. Dann ist seine Stimme wirklich von Liebe durchdrungen, ehrfurchtsvoller Kindesliebe oder von der Liebe Gottes, die sein Meisterwerk preist. Und diesen Ton, wenn auch weniger ausgeprägt, benützt er, wenn er mit seinen Bevorzugten, mit Bekehrten oder Kindern spricht. Nie wird er müde, auch nicht bei der längsten Rede; denn diese Stimme bekleidet und vervollständigt den Gedanken und das Wort und erfüllt sie mit Macht oder Güte, je nach Bedarf.

Ich höre manchmal auf zu schreiben, um ihm zuzuhören; dann muß ich feststellen, daß er in seinem Gedankengang schon vorangeschritten ist und es mir unmöglich ist, nachzukommen... Dann warte ich, bis Jesus wiederholt, was er auch tut; er unterbricht seine Rede, um mich zu lehren, geduldig lästige Dinge oder Personen zu ertragen. Es muß ihm wohl auffallen, wie lästig es für mich ist, wenn ich in der Seligkeit, Jesus anzuhören, unterbrochen werde...

Hier in Kana dankt er Susanna für die Gastfreundschaft, die sie Aglaia erwiesen hat. Sie stehen abseits unter einer dichten Laube, die mit reifenden Weintrauben beladen ist, während die anderen sich in der großen Küche stärken.

«Die Frau war voller Güte, Meister. Sie war wirklich für uns keine Belastung. Sie half mir bei all meinen Arbeiten, bei der Wäsche und der Reinigung des Hauses vor Ostern, als ob sie eine Magd wäre, und sie arbeitete, ich versichere es dir, wie eine Sklavin, um die Kleider für Ostern bereitzumachen. Klug zog sie sich zurück, sobald jemand kam, und selbst wenn es mein Mann war, wollte sie nicht bleiben. Sie sprach wenig in der Familie und aß wenig. Sie erhob sich vor Tagesanbruch, um sich herzurichten, bevor die Männer aufstanden, und ich fand immer schon das Feuer

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angefacht und das Haus gekehrt. Wenn wir aber allein waren, fragte sie mich über dich aus und bat mich, sie die Psalmen unserer Religion zu lehren. Sie sagte: "Damit ich beten kann, wie der Meister betet." Hat sie jetzt aufgehört, sich zu quälen? Sie hat viel gelitten! Vor allem hatte sie Angst, und sie weinte und seufzte viel. Ist sie nun glücklich?»

«Ja, auf übernatürliche Weise glücklich. Frei von Ängsten und im Frieden. Ich danke dir noch für alles Gute, das du ihr erwiesen hast.»

«Oh, mein Herr! Was für Gutes? Ich habe ihr nichts anderes gegeben als Liebe in deinem Namen. Denn sonst kann ich nichts tun. Sie war eine arme Schwester, das habe ich verstanden. Und aus Dankbarkeit zum Allerhöchsten, der mich in seiner Gnade erhalten hat, habe ich sie geliebt.»

«Damit hast du mehr getan, als wenn du sie im "Beth Hamidrasch" unterrichtet hättest. Nun hast du hier eine andere. Hast du sie erkannt?»

«Wer sollte sie in dieser Gegend nicht kennen?»

«Alle kennen sie, das ist wahr. Aber noch kennt ihr und die ganze Gegend die zweite Maria nicht, die immer ihrer Berufung treu bleiben wird. Immer! Ich bitte dich, es mir zu glauben!»

«Du sagst es, du weißt es, und ich glaube es.»

«Sage auch: "Ich liebe sie." Ich weiß, daß es schwerer ist, jemand zu verzeihen, der zu uns gehört und gesündigt hat, als einem, der die Entschuldigung hat, Heide zu sein. Aber wenn der Schmerz groß war wegen des Abfalls einer Verwandten, so müssen das Mitleid und die Verzeihung um so größer sein. Ich habe ihr für ganz Israel verziehen», schließt Jesus mit Nachdruck.

«Und ich werde ihr meinerseits verzeihen; denn ich denke, daß ein Schüler tun muß, was sein Meister tut.»

«Du bist in der Wahrheit, und Gott freut sich darüber. Gehen wir zu den anderen. Der Abend bricht herein. Die Ruhe im Schweigen des Abends wird angenehm sein.»

«Wirst du nicht zu uns sprechen, Meister?»

«Ich weiß es noch nicht.»

Sie betreten die Küche, wo Gerichte und Getränke für die Abendmahlzeit vorbereitet werden.

Susanna tritt vor und sagt mit leichtem Erröten: «Möchten meine Schwestern mit mir in den oberen Saal kommen? Wir müssen rasch die Tische decken, denn nachher sind die Lagerstätten für die Männer herzurichten. Ich könnte es allein machen; aber das würde zu lange dauern.»

«Ich komme mit, Susanna», sagt die Jungfrau.

«Nein, wir schaffen es schon; es wird uns auch dazu dienen, sich kennenzulernen; denn die Arbeit verbrüdert.»

Sie gehen zusammen hinaus, und nachdem Jesus einen Schluck Wasser mit etwas Fruchtsaft getrunken hat, setzen er, die Mutter, die Apostel und

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die Männer des Hauses sich in die Kühle der Laube und überlassen es den Dienern und der alten Hausherrin, die Gerichte fertig zu machen.

Aus dem anderen Saal dringen die Stimmen der drei Jüngerinnen, welche die Tische decken. Susanna erzählt von dem Wunder, das bei ihrer Hochzeit stattgefunden hat, und Maria von Magdala antwortet darauf: «Wasser in Wein verwandeln ist etwas Großes. Aber eine Sünderin in eine Jüngerin zu verwandeln, ist etwas noch viel Größeres. Gebe Gott, daß ich es mache wie der Wein und eine der Besten werde.»

«Zweifle nicht daran! Er verwandelt alles aufs Vollkommenste. Es war eine Frau hier, eine Heidin, die er im Denken und im Glauben verwandelt hat. Kannst du daran zweifeln, daß es dir, die du ja bereits Israelitin bist, ebenso ergehen wird?»

«War sie jung?»

«Jung und überaus schön!»

«Und wo ist sie jetzt?» fragt Martha.

«Nur der Meister weiß es.»

«Ach, dann ist es sie, von der ich dir erzählt habe. Lazarus war bei Jesus an jenem Abend und hat die Worte gehört, die er für sie gesprochen hat. Welch ein Wohlgeruch war in jenem Zimmer! Lazarus hat ihn mehrere Tage lang in seinen Gewändern gespürt. Jesus aber sagte, daß der Wohlgeruch des Herzens der Bekehrten durch ihre Buße und Reue noch größer sei. Wer weiß, wohin sie gegangen ist. Ich glaube, in die Einsamkeit...»

«Sie, die eine Fremde war, ist in der Einsamkeit. Und ich, die ich bekannt bin, bleibe hier. Sie sühnt in der Einsamkeit, und ich durch das Leben in der Welt, die mich kennt. Ich beneide ihr Los nicht, denn ich bin beim Meister. Aber ich hoffe, sie einmal nachahmen zu können, wenn nichts um mich ist, was mich von ihm ablenkt.»

«Würdest du ihn verlassen?»

«Nein! Aber er sagt, daß er uns verlassen wird. Dann wird mein Geist ihm folgen. Mit ihm kann ich der Welt widerstehen. Ohne ihn müßte ich die Welt fürchten. So werde ich zwischen mich und die Welt die Wüste legen.»

«Und ich und Lazarus? Was werden wir tun?»

«Das, was ihr im Schmerz getan habt. Ihr werdet euch lieben, und ihr werdet mich lieben, ohne erröten zu müssen. Ihr werdet zwar allein sein, aber ihr werdet wissen, daß ich beim Herrn bin und daß ich euch im Herrn liebe.»

«Sie ist tapfer und klar in ihren Entscheidungen», bemerkt Petrus, der zugehört hat.

Und der Zelote fügt bei: «Eine gerade Klinge wie ihr Vater. Von der Mutter hat sie die Geschicklichkeit, aber vom Vater den unbezwingbaren Geist.»

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Und sie, die den unbezwingbaren Geist hat, steigt nun rasch herab zu den Wartenden, um ihnen zu sagen, daß die Tische gedeckt sind.

... Die Landschaft verschwindet im Dunkel einer heiteren Nacht, die noch mondlos ist. Der schwache Schein der Sterne läßt die dunklen Baumgruppen und weißen Häuser erkennen. Sonst nichts. Nachtvögel flattern in stummem Flug um das Haus Susannas auf der Suche nach Mücken. Sie streifen die Personen, die auf der Terrasse um eine Lampe herum sitzen, die ein schwaches Licht auf die Gesichter der um Jesus Versammelten wirft.

Martha hat große Angst vor den Fledermäusen und schreit jedesmal auf, wenn ein solcher Nachtvogel in ihre Nähe kommt.

Jesus hingegen sorgt sich um die Nachtfalter, die vom Licht angezogen werden, und versucht mit seiner langen Hand, sie von den Flammen wegzuhalten.

«Sowohl die einen als auch die anderen sind wirklich dumme Tiere», sagt Thomas. «Die ersten verwechseln uns mit Fliegen, und die anderen halten die Flamme für eine Sonne und verbrennen in ihr. Sie haben keine Spur von Verstand.»

«Es sind Tiere. Wie kannst du verlangen, daß sie sich vernünftig verhalten?» fragt Iskariot.

«Das verlange ich nicht. Aber sie könnten wenigstens ihrem Instinkt folgen.»

«Dazu haben sie keine Zeit – ich spreche von den Faltern – denn schon nach dem ersten Versuch sind sie tot. Der Instinkt erwacht und wird stark nach ersten schmerzlichen Überraschungen», meint Jakobus des Alphäus.

«Und die Fledermäuse? Sie wenigstens sollten einen haben, denn sie leben jahrelang. Sie sind dumm, das ist alles», erwidert Thomas.

«Nein, Thomas. Sie sind nicht dümmer als die Menschen. Auch die Menschen gleichen oft dummen Fledermäusen. Sie fliegen, oder besser, sie flattern wie Betrunkene um Dinge, die nur dazu dienen, Schmerzen zu verursachen. Schau, mein Bruder hat mit einem guten Mantelschlag eine Fledermaus getroffen und sie auf den Boden geschlagen. Gebt sie mir», sagt Jesus.

Jakobus des Zebedäus, zu dessen Füßen die Fledermaus gefallen ist, die nun ganz verwirrt ungeschickte Bewegungen macht, nimmt sie mit zwei Fingern an einem der membranenartigen Flügel, hält sie wie einen schmutzigen Lappen hoch und legt sie Jesus in den Schoß.

«Hier ist die unkluge Fledermaus. Lassen wir sie am Leben; ihr werdet sehen, daß sie sich erholt, aber nicht bessert.»

«Eine seltsame Rettung, Meister. Ich hätte sie sofort getötet», sagt Iskariot.

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«Nein! Wozu? Auch sie hat ein Leben und hängt daran», antwortet Jesus.

«Mir scheint dies nicht so. Entweder kennt sie die Gefahr nicht, oder sie gibt nichts auf ihr Leben. Sie setzt es der Gefahr aus.»

«Oh, Judas! Judas! Wie wärest du streng mit den Sündern, mit den Menschen! Auch die Menschen wissen, daß sie ein Leben und noch ein anderes Leben haben, und sie hüten sich nicht davor, das eine wie das andere der Gefahr auszusetzen.»

«Haben wir zwei Leben?»

«Das des Leibes und das der Seele, das weißt du doch.»

«Ach so! Ich dachte, du hättest die Seelenwanderung gemeint. Es gibt ja Leute, die an sie glauben.»

«Es gibt keine Seelenwanderung. Aber es gibt zwei Leben. Und doch setzt der Mensch beide der Gefahr aus. Wenn du Gott wärest, wie würdest du die Menschen beurteilen, die außer dem Instinkt auch Vernunft besitzen ?»

«Sehr streng. Es sei denn, daß es sich um Schwachsinnige handelt.»

«Würdest du nicht die Umstände in Betracht ziehen, die sie in moralischer Hinsicht wie Schwachsinnige handeln lassen?»

«Ich würde sie nicht in Betracht ziehen.»

«Du würdest also mit einem Menschen, der Gott und seine Gesetze kennt und dennoch sündigt, kein Mitleid haben?»

«Ich würde kein Mitleid haben; denn der Mensch muß wissen, wie er sich zu verhalten hat.»

«Er müßte es wissen.»

«Er muß, Meister! Es ist eine unverzeihliche Schande, wenn ein Erwachsener in gewisse Sünden fällt; besonders, wenn er nicht dazu gezwungen wird.»

«Welche Sünden meinst du damit?»

«Vor allen die der Sinnlichkeit. Es handelt sich um eine hoffnungslose Erniedrigung...»

Maria Magdalena neigt das Haupt. Judas fährt fort: «Und es ist auch für die anderen eine Verführung; denn vom Körper der Unreinen geht ein Gärungsgeruch aus, der auch die Reinsten verwirrt und zur Nachahmung treibt ...»

Während Maria Magdalena den Kopf immer tiefer sinken läßt, sagt Petrus: «Oh! Sei nicht so streng! Die erste, welche diese unverzeihliche Schande begangen hat, war Eva. Und du willst mir wohl nicht sagen, sie sei vom Gärungsgeruch verdorben worden, der von einem Lüstling ausgegangen ist. Außerdem sollst du wissen, daß sich in mir nichts regt, auch wenn ich neben einem Wollüstigen sitze. Das sind seine Angelegenheiten...»

«Die Nähe beschmutzt immer. Wenn nicht das Fleisch, so die Seele, und das ist schlimmer.»

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«Du scheinst mir ein Pharisäer zu sein! Aber entschuldige: man müßte sich also in einen Kristallturm einschließen und dort versiegelt leben.»

«Glaube nicht, Simon, daß solches dir etwas nützen würde. In der Einsamkeit sind die Versuchungen viel schlimmer», sagt der Zelote.

«Gut! Doch sie würden Träume bleiben und könnten nicht schaden», antwortet Petrus.

«Nicht schaden? Weißt du denn nicht, daß die Versuchung zum Denken anregt, der Gedanke zur Suche nach einem Mittel, um den heulenden Instinkt irgendwie zu befriedigen; und daß das Mittel den Weg ebnet zur raffinierten Sünde, bei der die Sinnlichkeit sich zum Gedanken gesellt?»fragt der Iskariot.

«Davon verstehe ich nichts, teurer Judas. Vielleicht weil ich nie über gewisse Dinge nachgedacht habe, wie du sagst. Ich meine, daß wir uns weit von den Fledermäusen entfernt haben und daß es gut ist, daß du nicht Gott bist. Sonst würdest du ganz allein im Paradies bleiben mit deiner ganzen Strenge. Was sagst du dazu, Meister?»

«Ich sage, man soll nicht so streng sein; denn die Engel des Herrn hören die Worte der Menschen und schreiben sie in die ewigen Bücher ein, und es könnte peinlich sein, eines Tages hören zu müssen: "Es soll dir geschehen nach deinem eigenen Urteil!" Ich sage: Wenn Gott mich gesandt hat, dann geschah dies, damit all denen, die bereuen, verziehen werde; denn Gott weiß, wie sehr ein Mensch Satans wegen schwach sein kann. Judas, antworte mir: Gibst du zu, daß Satan sich einer Seele so bemächtigen und einen solchen Zwang auf sie ausüben kann, daß sich die Sünde in den Augen Gottes verringert?»

«Das gebe ich nicht zu! Satan kann nur den niedrigen Teil des Menschen angreifen.»

«Aber du lästerst ja, Judas des Simon!» sagen fast gleichzeitig der Zelote und Bartholomäus.

«Wieso? Inwiefern?»

«Weil du Gott und die Schrift Lügen strafst. Darin liest man, daß Luzifer auch den höheren Teil des Menschen angreift, und Gott hat es durch den Mund seines Wortes schon unzählige Male gesagt», antwortet Bartholomäus.

«Es steht auch geschrieben, daß der Mensch seinen freien Willen hat. Das bedeutet, daß Satan auf die Freiheit des Menschen, seine Gedanken und Gefühle keine Macht ausüben kann. Nicht einmal Gott tut das!»

«Gott nicht, denn er ist Ordnung und Treue; doch Satan, denn er ist Unordnung und Haß», entgegnet der Zelote.

«Der Haß ist nicht das Gefühl, das der Treue entgegengesetzt ist. Du sagst es schlecht.»

«Ich sage es richtig; denn wenn Gott Gerechtigkeit ist und sein gegebenes Wort, dem Menschen in seinen Handlungen die Freiheit zu lassen,

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nicht bricht, dann kann Satan dieses Wort nicht leugnen, da er dem Menschen nicht die freie Entscheidung versprochen hat. Aber es ist wohl wahr, daß Satan Haß ist und daß er deswegen Gott und den Menschen angreift, indem er den Menschen nicht nur im Fleisch, sondern auch in seiner intellektuellen Freiheit angreift. Er führt diese Freiheit des Gedankens in die Knechtschaft, weshalb der Mensch schließlich Dinge vollführt, die er nicht tun würde, wenn er frei von Satan wäre», meint Simon der Zelote.

«Das gebe ich nicht zu!»

«Aber die Besessenen, was ist mit ihnen? Du leugnest offensichtliche Tatsachen», schreit Judas Thaddäus.

«Die Besessenen sind taub oder stumm oder wahnsinnig, nicht wollüstig.»

«Hast du nur dieses Laster im Kopf?» fragt Thomas ironisch.

«Es ist das meistverbreitete und niedrigste.»

«Aha! Ich dachte schon, es wäre das, welches du am besten kennst», sagt Thomas lachend.

Judas springt auf, als wolle er sich wehren. Aber er beherrscht sich, geht die Stufen hinunter und entfernt sich auf die Felder.

Es folgt ein tiefes Schweigen... Dann sagt Andreas: «Er hat nicht ganz unrecht. Man könnte meinen, daß Satan tatsächlich nur über die Sinne Macht hat: die Augen, die Ohren, die Zunge und das Gehirn. Aber, Meister, wie erklären sich dann gewisse Arten von Bosheit? Handelt es sich da nicht um Besessenheit? Ein Doras zum Beispiel? ...»

«Ein Doras, wie du sagst, um in der Liebe gegen niemand zu fehlen, und Gott möge dich dafür belohnen, oder eine Maria, wie wir alle denken, sie als erste, nach den klaren und lieblosen Anspielungen des Judas, sind die am vollkommensten von Satan Besessenen; denn in ihnen dehnt Satan seine Macht über die drei Grade des Menschen aus. Es handelt sich um die am meisten tyrannisierenden und subtilsten Besessenheiten, von denen sich nur jene befreien, die immer nur wenig im Geist erniedrigt worden sind, so daß sie noch die Einladung des Lichtes verstehen.

Doras war nicht wollüstig; aber dennoch hat er es nicht verstanden, zum Erlöser zu kommen. Darin liegt der Unterschied: während bei den durch satanische Einwirkung Mondsüchtigen, Stummen, Tauben oder Blinden die Angehörigen daran denken, sie zu mir zu bringen, kann in diesen im Geist Besessenen nur der Geist danach trachten, die Freiheit zu suchen. Deswegen wird ihnen verziehen, und sie werden befreit. Denn ihr Wille hat damit begonnen, sich aus der Besessenheit durch Satan zu befreien.

Aber jetzt gehen wir zur Ruhe. Maria, die du weißt, was es heißt, besessen zu sein, bete für alle, die sich selbst der Gewalt des Feindes aussetzen, indem sie sündigen und Schmerz verursachen.»

«Ja, mein Meister, und das ohne Groll!»

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«Der Friede sei mit allen! Lassen wir die Ursache aller Diskussion hier zurück. Finsternis in der Finsternis der Nacht. Wir wollen uns zurückziehen, um unter dem Blick der Engel zu schlafen.»

Er legt die Fledermaus, die ihre Flugversuche macht, auf eine Bank; dann zieht er sich mit den Aposteln in den oberen Saal zurück, und die Frauen und die Hausleute begeben sich ins Erdgeschoß.

286. JOHANNES WIEDERHOLT DIE REDE JESU AUF DEM TABOR

Alle steigen auf kühlen Abkürzungswegen eine Höhe hinauf, die nach Nazareth führt. Die Ränder der galiläischen Hügel scheinen an diesem Morgen erschaffen worden zu sein, so sehr hat das letzte Unwetter sie gewaschen, während der Tau sie leuchtend und frisch erhält. Alles glitzert beim ersten Sonnenstrahl. Die Luft ist so klar, daß alle Einzelheiten der näheren oder entfernten Berge erkennbar sind und alles von einer freudigen Lebhaftigkeit angehaucht ist.

Sobald die Höhe eines Hügels erreicht ist, weidet sich der Blick an einem Stück des Sees, der herrlich im Morgenlicht daliegt. Alle bewundern ihn, indem sie Jesus nachahmen. Aber Maria Magdalena wendet bald den Blick von diesem Punkt ab und sucht nach irgend etwas in einer anderen Richtung. Ihre Augen ruhen auf den Bergketten nordwestlich der Stelle, an der sie sich befindet; sie scheint das Gesuchte nicht zu finden.

Susanna ist auch dabei und fragt: «Was suchst du?»

«Ich -möchte den Berg erkennen, auf dem ich dem Meister begegnet bin.»

«Frage ihn danach.»

«Oh, es lohnt sich nicht, ihn zu stören. Er spricht gerade mit Judas von Kerioth.»

«Welch ein Mensch, dieser Judas!» flüstert Susanna. Sie sagt sonst nichts, aber man versteht den Rest von selbst.

«Jener Berg ist bestimmt nicht auf diesem Weg. Aber ich werde dich schon einmal dorthin führen, Martha! Es war ein Tagesanfang wie dieser, und es waren da viele, viele Blumen... Und viele Menschen... Oh, Martha! Und ich habe es gewagt, mich allen zu zeigen im Kleide der Sünde und den Freunden... Nein, du darfst nicht beleidigt sein wegen der Worte von Judas. Ich habe sie verdient. Alles habe ich verdient. Und in diesem Ertragen liegt meine Sühne. Alle erinnern mich daran, alle haben das Recht, mir die Wahrheit zu sagen; ich muß schweigen. Oh, wenn man doch überlegen wollte, bevor man sündigt! Wer mich jetzt beleidigt, der ist mein größter Freund, denn er hilft mir zu sühnen.»

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«Aber das tilgt seinen Fehler nicht. Mutter, ist dein Sohn wirklich zufrieden mit diesem Menschen?»

«Man muß viel für ihn beten, sagt er.»

Johannes verläßt die Apostel, um den Frauen zu Hilfe zu eilen und sie über eine schwierige Stelle zu führen, auf der die Sandalen ausgleiten, um so mehr, als auf dem Weg auch glatte Steine liegen, wie Splitter von rötlichem Schiefer, und harte, glänzende Gräser wachsen, die sehr trügerisch für den Fuß sind, da er auf ihnen keinen Halt findet.

Der Zelote folgt seinem Beispiel, und auf sie gestützt, überwinden die Frauen die gefährliche Stelle.

«Dieser Weg ist etwas beschwerlich. Aber er ist ohne Staub und menschenleer. Und er ist auch kürzer», sagt der Zelote.

«Ich kenne ihn, Simon», sagt Maria. «Ich kam mit den Neffen zu diesem Dörflein auf halber Höhe, als Jesus aus Nazareth vertrieben wurde», sagt Maria, die heiligste Mutter, und seufzt.

«Aber die Welt ist schön von hier aus. Sieh dort den Tabor und den Hermon und im Norden die Berge von Arbela, und dort im Hintergrund ist der Große Hermon. Schade, daß man das Meer nicht sieht wie vom Tabor aus», sagt Johannes.

«Bist du schon oben gewesen?»

«Ja, mit dem Meister.»

«Johannes hat uns durch seine Liebe für das Unendliche eine große Freude verschafft; denn Jesus hat dort auf der Höhe mit einer nie erlebten Begeisterung von Gott gesprochen. Und nachdem wir so viel erhalten hatten, erlangten wir noch eine große Bekehrung. Auch du kennst sie, Maria. Und dies wird deinen Geist noch mehr bestärken. Wir trafen einen Menschen, der im Haß verhärtet war und von Gewissensnöten gequält wurde; Jesus machte aus ihm, ich kann es ohne Zögern sagen, einen großen Jünger. Wie aus dir, Maria. Denn glaube nur, was ich dir sage: Wir Sünder ergeben uns gern dem Guten, denn wir spüren das Bedürfnis nach Vergebung in uns selbst», sagt der Zelote.

«Das ist wahr. Aber du bist sehr gütig, wenn du sagst: "Wir Sünder." Du bist unglücklich gewesen, nicht ein Sünder.»

«Das sind wir alle, mehr oder weniger, und wer glaubt, es weniger zu sein, ist in großer Gefahr, es zu werden, wenn er es nicht schon ist. Wir alle sind Sünder. Aber die größten Sünder, die sich bekehren, sind jene, die im Guten so unbedingt sein können, wie sie es im Bösen waren.»

«Dein Trost stärkt mich. Du bist immer wie ein Vater für die Kinder des Theophilus gewesen, du ...»

«Und wie ein Vater freue ich mich, euch alle und drei Freunde Jesu zu sehen.»

«Wo habt ihr den Jünger, den früheren großen Sünder getroffen?»

«In Endor, Maria. Simon will meinem Wunsch, das Meer zu sehen, das

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Verdienst so vieler schöner und guter Dinge zuschreiben. Aber wenn der alte Johannes zu Jesus gekommen ist, so geschah dies nicht durch das Verdienst des törichten Johannes. Es ist das Verdienst von Judas des Simon», sagt der Sohn des Zebedäus lächelnd.

«Hat er ihn bekehrt?» fragt Martha zweifelnd.

«Nein! Aber er wollte nach Endor gehen, und ...»

«Ja, um die Höhle der Wahrsagerin zu sehen... Er ist ein ganz eigenartiger Mensch, dieser Judas des Simon... Man muß ihn nehmen, wie er ist. Nun ja! ... Und Johannes von Endor führte uns zur Höhle und blieb dann bei uns. Aber, mein Sohn, es bleibt immer dein Verdienst; ohne dein Verlangen nach dem Unendlichen hätten wir diesen Weg nicht genommen, und in Judas des Simon wäre nicht das Verlangen erwacht, auf diese eigenartige Suche zu gehen.»

«Ich möchte gerne wissen, was Jesus auf dem Tabor sagte... Wie gern würde ich den Berg wiedersehen, auf dem ich ihn kennenlernte», seufzt Magdalena.

«Es ist der Berg, auf dem sich jetzt eine Sonne zu entzünden scheint wegen des kleinen Teiches, der das Wasser der Quellen sammelt und den Herden dient. Wir waren weiter oben, dort wo der Gipfel breit wird wie ein Sattel, der die Wolken auffangen möchte, um sie anderswo hinzuleiten. Was die Worte Jesu anlangt, glaube ich, daß Johannes sie dir wiederholen kann.»

«Oh, Simon! Kann ein Knabe die Worte Gottes wiederholen?»

«Ein Knabe nicht. Du aber schon. Versuche es. Um deinen Schwestern einen Gefallen zu erweisen und auch mir, der ich dich liebe.»

Johannes ist ganz rot geworden, als er beginnt, die Worte Jesu zu wiederholen.

«Er sagte: "Seht die unbegrenzte Buchseite, auf welcher die Winde das Wort 'Ich glaube' schreiben. Denkt an das Chaos des Weltalls, bevor der Schöpfer die Elemente geordnet und die wunderbare Harmonie geschaffen hat, um den Menschen die Erde mit allem, was auf ihr ist, zu schenken, und dem Firmament gab er die Sterne und die Planeten. Das alles ist einst nicht gewesen, weder als gestaltloses Chaos noch als geordnete Schöpfung.

Gott hat sie erschaffen. Er schuf zuerst die Elemente; denn sie sind notwendig, wenn sie auch manchmal schädlich zu sein scheinen. Vergeßt nicht: Selbst der kleinste Tautropfen hat seine echte Daseinsberechtigung, ebenso wie das kleinste, lästige Insekt nicht ohne Grund auf Erden ist. Und so gibt es auch kein noch so riesiges Gebirge, das aus seinem Innern Feuer und Lavaströme speit, ohne daß ein guter Grund dafür vorhanden wäre. Es gibt keinen Wirbelwind ohne Grund, und es gibt, um von den Dingen zu den Menschen überzugehen, kein Ereignis, keine Träne, keine Freude, keine Geburt, keinen Tod, keine Kinderlosigkeit oder

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Mutterschaft, keine langjährige Ehe oder frühe Witwenschaft, kein Mißgeschick durch Not oder Krankheit, wie auch keinen Überschuß an Reichtum und Gesundheit, für die keine guten Gründe vorhanden wären, auch wenn es der Kurzsichtigkeit und dem Hochmut des Menschen, der nur sieht und urteilt im Nebel als Halbblinder infolge aller seiner Unvollkommenheiten, nicht so scheint. Aber das Auge Gottes, der unbegrenzte Gedanke Gottes, sieht und weiß! Das Geheimnis, frei von unnützen Zweifeln zu leben, die nur aufregen und erschöpfen und die irdischen Tage vergiften, besteht darin, zu glauben, daß Gott alles in guter und weiser Absicht tut; daß er alles, was er tut, aus Liebe tut und nicht in der törichten Absicht zu quälen, um zu quälen.

Gott hatte schon die Engel erschaffen. Und ein Teil von ihnen, der nicht glauben wollte, daß das Maß an Herrlichkeit, das Gott ihnen zugedacht hatte, gut sei, empörte sich. Mit einem durch Mangel an Vertrauen auf ihren Herrn verdorbenen Sinn versuchten sie, den unerreichbaren Thron Gottes zu besteigen. Den harmonischen Gründen der gläubigen Engel setzten sie ihre zwiespältigen, ungerechten und kleinlichen Gedanken gegenüber, und der Pessimismus, der Mangel an Glauben ist, machte aus ihnen Geistern des Lichtes, Geister der Finsternis.

Selig leben werden auf ewig jene, die im Himmel wie auf Erden alle ihre Gedanken auf einen Optimismus voller Licht gründen. Nie werden sie völlig fehlgehen, auch wenn ihre Taten sie Lügen strafen. Sie werden wenigstens nicht fehlen in allem, was ihren Geist betrifft, der fortfahren wird zu glauben, zu hoffen und Gott und auch den Nächsten über alles zu lieben; sie werden darum in alle Ewigkeit in Gott bleiben!

Das Paradies war schon von diesen hochmütigen Pessimisten befreit, die auch in den leuchtenden Werken Gottes schwarzsehen, so wie auf Erden die Pessimisten auch in den aufrichtigen und klaren Handlungen des Menschen schwarzsehen und sich in einen elfenbeinernen Turm verziehen in der Meinung, die einzigen Vollkommenen zu sein. Sie verbannen sich selbst auf eine dunkle Galeere, deren Weg in der Finsternis des Höllenreiches, des Reiches der Verneinung, endet. Denn der Pessimismus ist ebenfalls Verneinung!

Gott bildete also das Geschaffene. Und wie man zum Verständnis des glorreichen Geheimnisses unseres Einen und Dreifaltigen Seins zu glauben und zu sehen verstehen muß, daß seit dem Anfang das Wort war, und daß das Wort bei Gott war, und daß beide in vollkommener Liebe vereinigt sind, die nur sie ausgießen können, die beide Gott und zudem Eins sind; so muß man auch, um das Geschaffene zu sehen als das, was es ist, es sehen mit den Augen des Glaubens; denn in seinem Sein trägt das Geschaffene die unauslöschliche Prägung des Schöpfers, wie ein Sohn die unauslöschliche Prägung seines Vaters aufweist. So werden wir erkennen, daß im Anfang Himmel und Erde waren und dann das Licht, das vergleichbar ist mit

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der Liebe. Denn das Licht ist Freude, wie die Liebe Freude ist. Und das Licht ist die Atmosphäre des Paradieses. Und das körperlose Sein, das Gott ist, ist Licht und Vater allen Lichtes, des geistigen, affektiven, materiellen und spirituellen, wie im Himmel so auf Erden.

Im Anfang waren der Himmel und die Erde, und für sie wurde das Licht gegeben, und durch das Licht sind alle Dinge gemacht worden. Und wie im höchsten Himmel die Geister des Lichtes von denen der Finsternis getrennt wurden, so wurde im Geschaffenen die Finsternis vom Licht getrennt und so der Tag und die Nacht geschaffen; und der erste Tag der Schöpfung war da mit seinem Morgen und seinem Abend, seinem Mittag und seiner Mitternacht. Und als das Lächeln Gottes, das Licht, zurückkehrte nach der Nacht, streckte sich die Hand Gottes, sein mächtiges Wollen über die unförmige und leere Erde und dann über den Himmel aus, an dem die Wasser wogten, eines der freien Elemente im Chaos, und er wollte, daß das Firmament für das ungeordnete Irren der Wasser zwischen Himmel und Erde eine Trennlinie darstelle, einen Schleier vor den paradiesischen Strahlen bilde und ein Damm gegenüber den höheren Gewässern sei, damit die kochenden Metalle und Atome nicht überschwemmt würden und das, was Gott vereinigt hatte, nicht getrennt würde.

Die Ordnung am Himmel war hergestellt. Und auf der Erde wurde Ordnung durch den Befehl, den Gott den Wassern gab, welche die Erde bedeckten. So wurde das Meer. Sieh, dort ist es. Und darüber steht auf dem Firmament geschrieben: 'Gott ist da.' Wie auch immer der Verstand eines Menschen und sein Glaube oder sein Unglaube sein mögen: vor dieser Buchseite, auf der ein Funke der unendlichen Allmacht Gottes erstrahlt und durch die seine Macht kundgetan wird – denn keine menschliche Macht und keine natürliche Wirkung von Elementen, wenn auch in geringem Ausmaß, könnte ein ähnliches Wunder bewirken – muß er glauben.

Und nicht nur an Gottes Macht muß er glauben, sondern auch an die Liebe des Herrn, der durch das Meer dem Menschen Speise und Wege gibt, heilsame Salze, Abkühlung der Sonnenstrahlen, Raum für die Winde, Samen für Länder, die weit auseinander liegen, Stimme den Gewittern, damit die kleine Ameise, die der Mensch im Vergleich zum Unendlichen ist, sich zum Vater gerufen fühlt; und die Möglichkeit spürt, sich zu erheben zu den höchsten Visionen, bis zu den erhabensten Sphären.

Drei Dinge in der Schöpfung zeugen am stärksten von Gott: das Licht, das Firmament und das Meer. Die Ordnung der Sterne und die meteorologische Ordnung sind ein Reflex der göttlichen Ordnung; das Licht hat nur Gott erschaffen können; das mächtige Meer konnte nur Gott, nachdem er es erschaffen hatte, in feste Grenzen fassen; nur er konnte ihm Bewegung und Stimme geben, ohne daß es sich deshalb wie ein turbulentes Element der Unordnung auf die Erde wälzte, die es auf sich trägt.

Durchdringt das Geheimnis des Lichtes, das sich nie erschöpft. Erhebt

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den Blick zum Firmament, an dem die Sterne und die Planeten lächeln. Blickt nieder zum Meer. Betrachtet es als das, was es ist: nicht Trennung, sondern Brücke zwischen den Völkern, die an den anderen Ufern wohnen; die zwar unsichtbar und uns unbekannt sind, an deren Existenz wir aber glauben müssen, allein schon, weil es dieses Meer gibt. Gott macht nichts Unnützes. Er hätte diese Unermeßlichkeit nicht erschaffen, wenn sie keine Grenzen hätte, dort, jenseits des Horizontes, der uns daran hindert, andere Länder zu sehen, die von anderen Menschen bevölkert sind, die aber alle von dem einen Gott stammen und dorthin gekommen sind durch Strömungen und Stürme, weil Gott es wollte, um auch andere Gegenden und Kontinente zu bevölkern. Und dieses Meer trägt in seinen Gezeiten, in den Stimmen seiner Ebben und Fluten, ferne Anrufe. Verbindung ist es, keine Trennung. Die Beklemmung, die dem Johannes eine süße Sehnsucht vermittelt, ist der Anruf der fernen Brüder. Je mehr der Geist Beherrscher des Fleisches wird, um so mehr wird er fähig, die Stimme der Seelen zu hören, die vereint sind mit uns selbst in der Trennung, so wie die Zweige des Baumes, die ein und derselben Wurzel entsprungen sind, ein Ganzes bilden, selbst wenn der eine den anderen wegen der dazwischen liegenden Äste nicht mehr sehen kann. Betrachtet das Meer mit den Augen des Lichts. Ihr werdet Länder über Länder sehen an seinen Ufern, an seinen Grenzen und im Innern Länder über Länder, und von überall ertönt ein Schrei: 'Kommt, bringt uns das Licht, das ihr besitzt! Bringt uns das Leben, das euch gegeben wird! Sagt unserem Herzen das Wort, das wir nicht kennen, von dem wir aber wissen, daß es die Grundlage des Weltalls ist: die Liebe! Lehrt uns, das Wort zu lesen, das wir auf den unendlichen Blättern des Firmamentes und der Meere lesen: Gott! Erleuchtet uns, denn wir fühlen, daß es ein Licht gibt, das wahrer ist als das, das die Himmel rötet und das Meer mit Perlen bedeckt. Gebt unserer Finsternis das Licht, das euch Gott gegeben hat, nachdem er es in seiner Liebe erschaffen hat; das er euch zwar gegeben, aber für alle, wie er es den Sternen gegeben hat, damit sie es über die Erde ausstrahlen. Ihr seid die Sterne! Wir sind der Staub! Aber formt uns so, wie der Schöpfer aus Staub die Erde schuf, damit der Mensch sie bevölkere, anbetend jetzt und immer, bis die Stunde kommt, da es keine Erde mehr gibt, sondern das kommende Reich: das Reich des Lichtes, der Liebe, des Friedens, so wie es euch der lebendige Gott gesagt hat, daß es sein wird; denn auch wir sind Kinder dieses Gottes und verlangen danach, unseren Vater zu erkennen.'

Und ihr sollt auf den begrenzten Wegen zu gehen verstehen. Ohne Furcht und ohne Bedenken! Ihnen entgegen, die rufen und weinen. Ihnen entgegen, die euch auch Leid verursachen werden, da sie Gott spüren, aber ihn nicht anzubeten verstehen; die euch aber auch Ruhm bereiten werden, da ihr um so größer werdet, je mehr Liebe ihr zu schenken versteht, indem ihr die Wahrheit den Völkern bringt, die darauf warten."

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Dies hat Jesus gesagt, doch viel besser, als ich es gesagt habe. Aber es ist wenigstens sein Gedanke.»

«Johannes, du hast die Worte des Meisters genau wiedergegeben. Nur hast du weggelassen, was er von deiner Fähigkeit, Gott zu begreifen, und von deiner Großmut, dich hinzugeben, gesagt hat. Du bist gut, Johannes, der beste von uns! Wir haben den Weg zurückgelegt, ohne uns Rechenschaft zu geben.

Da ist Nazareth auf seinen Hügeln. Der Meister blickt auf uns und lächelt. Suchen wir ihn einzuholen, um zusammen die Stadt zu betreten.»

«Ich danke dir, Johannes», sagt die seligste Jungfrau. «Du hast der Mutter ein großes Geschenk gemacht.»

«Ich schließe mich an. Auch der armen Maria hast du unbegrenzte Horizonte eröffnet...»

«Worüber habt ihr denn so lange gesprochen?» fragt Jesus die Ankommenden.

«Johannes hat deine Taborrede wiederholt. Ganz genau. Wir waren selig darüber.»

«Es freut mich, daß die Mutter ihn gehört hat; sie, die einen Namen trägt, dem das Meer nicht fremd ist, und die eine Liebe besitzt, die so weit wie das Meer ist.»

«Mein Sohn, du besitzest sie als Mensch, und das ist noch nichts im Vergleich zu deiner unendlichen Liebe als göttliches Wort. Mein guter Jesus!»

«Komm an meine Seite, Mutter! Wie damals, als wir von Kana oder aus Jerusalem heimkehrten, als ich noch ein Kind war und du mich an der Hand hieltst.»

Sie schauen einander mit liebevollen Blicken an.

287. JESUS IN NAZARETH

Den ersten Halt in Nazareth macht Jesus im Haus des Alphäus. Während er gerade den Garten betreten will, begegnet er Maria des Alphäus, die mit zwei Kupferkrügen herauskommt, um zur Quelle zu gehen.

«Der Friede sei mit dir, Maria!» sagt Jesus und umarmt die Verwandte, die ihn herzlich wie immer mit einem Freudenausruf küßt.

«Es wird sicher ein Tag des Friedens und der Freude sein, mein Jesus, da du gekommen bist! Oh, meine allerliebsten Söhne! Welch eine Freude für eure Mama, euch zu sehen!» und sie küßt herzlich ihre beiden großen Söhne, die unmittelbar hinter Jesus standen. «Ihr bleibt heute bei mir, nicht wahr? Ich habe soeben den Ofen für das Brot angezündet und war dabei, Wasser zu holen, um gleich mit dem Backen beginnen zu können.»

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«Mama, wir holen dir das Wasser», sagen die Söhne und bemächtigen sich der Krüge.

«Wie gut sie sind! Ist es nicht so, Jesus?»

«Sehr gut», bestätigt Jesus.

«Aber auch mit dir sind sie gut, nicht wahr? Denn wenn sie dich weniger lieben würden als mich, hätte ich sie weniger lieb.»

«Habe keine Sorge, Maria, sie sind für mich reine Freude.»

«Bist du allein? Maria ist so plötzlich weggegangen... Ich wäre auch mitgegangen; aber mit ihr war eine Frau... Eine Jüngerin?»

«Ja, sie ist die Schwester Marthas.»

«Oh! Gott sei gepriesen! Ich habe so sehr für sie gebetet! Wo ist sie nun?»

«Dort kommt sie mit meiner Mutter, Martha und Susanna.»

Tatsächlich biegen die Frauen soeben in den Weg ein, gefolgt von den Aposteln. Maria des Alphäus eilt ihnen entgegen und ruft aus: «Wie glücklich bin ich, dich als Schwester zu sehen! Ich müßte dich "Tochter" nennen, denn du bist jung und ich bin alt. Doch du trägst den Namen, der mir so teuer ist, seit ich ihn meiner Maria gegeben habe. Teure, komm! Du wirst müde sein... Aber bestimmt auch glücklich», und sie küßt Magdalena und hält ihre Hand, um sie noch mehr fühlen zu lassen, daß sie sie gern hat.

Die frische Schönheit Magdalenas erstrahlt noch mehr neben der verblühten, aber herzensguten Maria des Alphäus.

«Heute bleiben alle bei mir. Ich lasse euch nicht gehen», und mit einem tiefen, ganz unfreiwilligen Seufzer entflieht ihr das Geständnis: «Ich bin immer so allein. Wenn meine Schwägerin nicht hier ist, verbringe ich traurige, einsame Tage.»

«Sind deine Söhne abwesend?» fragt Martha.

Maria errötet und seufzt: «Mit der Seele, ja. Immer noch. Jünger zu sein, vereint und trennt... Aber wie du, Maria, gekommen bist, so werden auch sie kommen», und sie trocknet sich eine Träne ab. Sie blickt auf Jesus, der sie mitleidig ansieht, bemüht sich zu lächeln und fragt: «Das sind lange Geschichten, nicht wahr?»

«Ja, Maria; aber du wirst es noch erleben.»

«Ich hoffe es... Nachdem Simon... Aber dann hat er andere Dinge erfahren... und wurde wieder wankend. Liebe ihn trotzdem, Jesus!»

«Kannst du daran zweifeln?»

Während Maria redet, bereitet sie die Erfrischung für die Pilger vor, taub gegen die Versicherungen aller, daß sie nichts benötigen.

«Lassen wir die Jüngerinnen in Frieden», sagt Jesus, «und gehen wir ins Dorf.»

«Gehst du schon fort? Vielleicht kommen auch die anderen Söhne.»

«Ich bleibe noch den ganzen morgigen Tag. Wir werden daher

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zusammensein. Ich gehe nun, die Freunde zu besuchen. Der Friede sei mit euch, Frauen! Mutter, leb wohl!»

Nazareth ist bereits in Aufregung wegen der Ankunft Jesu und auch wegen der Anwesenheit Maria Magdalenas. Der eine stürzt zum Haus der Maria des Alphäus, der andere zum Haus Jesu, um nachzusehen, und da man das letztere geschlossen vorfindet, strömen alle zu Jesus, der gerade auf das Zentrum von Nazareth zugeht.

Die Stadt ist dem Meister gegenüber immer noch verschlossen. Teils ironisch, teils ungläubig bis zur offenkundigen Feindseligkeit, die sich in bissigen Redensarten Luft macht, folgt sie ihm aus Neugierde, aber ohne Liebe für ihren großen Sohn, den sie nicht versteht. Auch aus den Fragen, die man an ihn richtet, spricht nicht Liebe, sondern nur Unglaube und Spott. Aber er sieht darüber hinweg und antwortet sanft und liebevoll denen, die ihn ansprechen.

«Du gibst allen; aber du scheinst keine Bindung zur Heimat zu verspüren, denn ihr schenkst du dich nicht.»

«Ich bin hier, um euch das zu geben, um was ihr mich bittet.»

«Aber du ziehst es vor, nicht hier zu sein. Sind wir vielleicht größere Sünder als die anderen?»

«Es gibt keinen noch so großen Sünder, den ich nicht bekehren möchte. Und ihr seid nicht schlimmer als die anderen.»

«Du sagst aber auch nicht, daß wir besser sind als die anderen. Ein guter Sohn sagt immer, daß seine Mutter besser ist als alle anderen Mütter, auch wenn es in Wirklichkeit nicht so ist. Ist Nazareth vielleicht für dich eine Stiefmutter?»

«Ich sage nichts. Schweigen ist eine Regel der Liebe sich selbst und den anderen gegenüber, wenn man einerseits nicht sagen kann, daß sie gut seien, und andererseits auch nicht lügen möchte. Aber mein Lob würde sogleich erklingen, wenn ihr euch zu meiner Lehre bekenntet.»

«Du willst also bewundert werden?»

«Nein! Ich will nur, daß ihr mich anhört und mir glaubt, zum Wohl eurer Seelen.»

«Dann sprich doch! Wir werden dir zuhören.»

«Sagt mir, worüber ich zu euch sprechen soll.»

Ein Mann von etwa vierzig bis fünfundvierzig Jahren sagt: «Ich möchte dich zu mir einladen und dich um eine Aufklärung bitten.»

«Ich komme sofort, Levi.»

Sie gehen in die Synagoge, während sich das Volk hinter dem Meister und dem Synagogenvorsteher in die Synagoge drängt.

Der Vorsteher nimmt eine Schriftrolle und liest: «Er ließ die Tochter Pharaos aus der Stadt Davids kommen und in das Haus führen, das er für sie hatte erbauen lassen; denn er sagte: "Meine Gemahlin darf nicht im Haus Davids, des Königs von Israel, wohnen, denn es wurde geheiligt, als

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die Bundeslade des Herrn dort einkehrte." Sieh, ich möchte von dir wissen, ob dies eine gerechte Maßnahme war oder nicht, und du sollst dein Urteil auch begründen.»

«Ohne Zweifel war es eine gerechte Maßnahme; die Ehrfurcht vor dem Haus Davids erforderte es, weil in ihm die Bundeslade des Herrn eingekehrt war.»

«Aber gab nicht die Tatsache, daß sie die Gemahlin Salomons war, der Tochter des Pharao das Recht, im Haus Davids zu leben? Wird die Gemahlin nicht nach dem Wort Adams "Bein von Bein" des Gemahls "Fleisch von seinem Fleisch?" Wenn dem so ist, wie kann sie dann entweihen, wenn der Gatte selbst nicht entweiht?»

«Im ersten Buch Esdra heißt es: "Ihr habt gesündigt durch die Heirat mit fremden Frauen und habt diese Sünde zu den vielen anderen Israels hinzugefügt." Und eine der Ursachen der Abgötterei Salomons ist in dieser Vermählung mit fremden Frauen zu suchen. Gott hatte gesagt: "Sie, die fremden Frauen, können eure Herzen so sehr verderben, daß ihr fremden Göttern anhanget." Die Folgen sind uns bekannt.»

«Aber obwohl er die Tochter des Pharao geheiratet hatte, war er doch nicht verdorben; denn seine Weisheit sagte ihm, daß sie nicht in dem geheiligten Haus bleiben durfte.»

«Die Güte Gottes läßt sich nicht messen mit der unsrigen. Der Mensch verzeiht eine einmal begangene Sünde nicht, obwohl er selbst nie von Sünden frei ist. Gott ist nicht unerbittlich, wenn die Sünde zum ersten Mal begangen wird; aber er läßt den Sünder nicht unbestraft, wenn dieser in seiner Sünde verharrt. Er bestraft nicht nach dem ersten Fall; er spricht zuerst zum Herzen. Doch wenn seine Güte nicht die Bekehrung bewirkt, sondern vielmehr als Schwachheit angesehen wird, dann trifft die Strafe den Menschen; denn Gott läßt seiner nicht spotten. Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch, hatte die Tochter des Pharao die ersten Keime der Verderbnis in das Herz des Weisen gesenkt; und ihr wißt, daß eine Krankheit nicht gleich ausbricht, wenn ein einziger Keim im Blut ist, sondern erst, wenn das Blut durch viele Keime verdorben ist, die sich aus dem ersten vervielfacht haben. Der Fall des Menschen in die Tiefe beginnt immer mit einer harmlos scheinenden Kleinigkeit. Dann nimmt der Hang zum Bösen zu. Man achtet nicht mehr auf die Stimme des Gewissens und vernachlässigt seine Pflichten und den Gehorsam Gott gegenüber, und allmählich kommt es dann zur großen Sünde, bei Salomon sogar zur Götzendienerei, und damit zum Schisma, dessen Folgen heute noch andauern.»

«Somit sagst du, daß es äußerster Aufmerksamkeit und höchster Ehrfurcht für die heiligen Dinge bedarf?»

«Ohne Zweifel.»

«Dann erkläre mir noch folgendes. Du nennst dich das Wort Gottes, nicht wahr?»

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«Das bin ich! Er hat mich auf die Erde gesandt, damit ich allen Menschen die Frohe Botschaft bringe und sie von allen Sünden erlöse.»

«Wenn du das nun bist, was du sagst, dann bist du mehr als die Bundeslade. Denn nicht in der Herrlichkeit, die über der Bundeslade thront, sondern in dir selbst wäre dann Gott.»

«Du sagst es, und es ist die Wahrheit.»

«Warum entheiligst du dich aber?»

«Und um mich das zu fragen, hast du mich hierher gebracht? Ich bedaure dich und jene, die dich zu ihrem Sprecher gemacht haben. Ich bräuchte mich nicht zu rechtfertigen, denn jede Rechtfertigung wird von eurer Mißgunst zersetzt. Aber ich werde mich rechtfertigen vor euch, die ihr mir Lieblosigkeit gegen euch und Entheiligung meiner eigenen Person vorwerft. Hört! Ich weiß, worauf ihr anspielt. Aber ich antworte euch: "Ihr seid im Irrtum!" Seht, so wie ich den Sterbenden die Arme öffne, um sie zum Leben zurückzuführen, so öffne ich auch den wahrhaft Sterbenden die Arme: den Sündern, um sie dem ewigen Leben zuzuführen und sie aufzuwecken, wenn sie schon verwest sind, damit sie nie mehr sterben. Aber ich will euch ein Gleichnis erzählen.

Ein Mensch wird wegen vieler Laster aussätzig. Die menschliche Gesellschaft entfernt ihn aus ihrer Lebensgemeinschaft, und der Mensch betrachtet in seiner schrecklichen Einsamkeit seinen Zustand und seine Sünde, die ihn in diesen Zustand versetzt hat. Lange Jahre vergehen, und obwohl er es nicht mehr erwartet, wird er gesund. Der Herr hat ihm Barmherzigkeit erwiesen wegen seiner vielen Gebete und Tränen. Was tut dieser Mensch nun? Kann er nach Hause zurückkehren, weil Gott ihm Barmherzigkeit erwiesen hat? Nein! Er muß sich dem Priester vorstellen, der ihn eine Zeitlang genau beobachtet und ihn dann nach einem ersten Opfer von zwei Sperlingen sich reinigen läßt. Und nach einer oder vielmehr zwei Waschungen der Kleider kehrt der Geheilte zum Priester zurück mit den makellosen Lämmern, dem Mutterschaf, Mehl und Öl. Der Priester führt ihn zur Türe des Tempels. Somit wird der Mensch wieder offiziell in die Gemeinschaft des Volkes Israels aufgenommen. Aber sagt mir: Wenn er das erste Mal zum Priester geht, warum geht er zu ihm?»

«Um ein erstes Mal gereinigt zu werden, damit er dann die größere Reinigung vollziehen kann, nach der er wieder in das heilige Volk aufgenommen wird.»

«Das habt ihr gut gesagt. So ist er also noch nicht vollkommen gereinigt?»

«Aber nein! Es fehlt ihm noch viel, um es zu sein; sowohl was den Leib als auch was die Seele betrifft.»

«Wie kann er es dann wagen, sich das erste Mal dem Priester zu nähern, wenn er noch vollständig unrein ist, und dann sogar den Tempel betreten?»

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«Weil der Priester das notwendige Mittel ist, um wieder unter die Lebenden aufgenommen zu werden.»

«Und warum kann er sich dem Tabernakel nähern?»

«Weil Gott allein die Schuld nachlassen kann und wir glauben, daß hinter dem heiligen Vorhang Gott in seiner Herrlichkeit thront und daß er von dort aus Verzeihung gewährt.»

«Dann ist also der geheilte Aussätzige noch nicht ohne Schuld, wenn er sich dem Priester und dem Tabernakel nähert?»

«Nein, gewiß nicht!»

«Ihr Menschen mit verdrehten Gedanken und unklarem Herzen, warum klagt ihr mich dann an, wenn ich als Priester und Tabernakel die Aussätzigen im Geist zu mir kommen lasse? Warum gebraucht ihr zwei Maße, wenn ihr richtet? Ja, die Frau, die verloren war wie Levi, der hier anwesend ist mit seiner neuen Seele und seiner neuen Aufgabe, und andere, die schon vor ihnen gekommen sind, sind jetzt an meiner Seite. Es ist ihnen erlaubt, denn sie sind wieder ins Volk des Herrn aufgenommen worden. Sie wurden durch Gottes Willen zu mir geführt; jenes Gottes, der mir die Gewalt gegeben hat, zu richten und freizusprechen, zu heiligen und aufzuerwecken. Entheiligung wäre es also nur, wenn in ihnen die Abgötterei andauern würde, wie es bei der Tochter des Pharao der Fall war. Hier aber liegt keine Profanation vor, weil sie die Lehre angenommen haben, die ich der Welt bringe, und durch sie zur Gnade des Herrn gelangt sind.

Ihr Männer von Nazareth, die ihr mir Schlingen legt, weil es euch unmöglich scheint, daß in mir die wahre Weisheit und die Gerechtigkeit des Wortes des Vaters wohnt, ich sage euch: "Ahmt die Sünder nach!" Wahrlich, sie sind euch überlegen, denn sie verstehen, zur Wahrheit zu gelangen. Und ich sage euch auch: "Nehmt nicht eure Zuflucht zur Hinterlist, um mir zu widersprechen." Tut es nicht! Bittet, und ich werde euch geben, was ich jedem gebe, der zu mir, zum lebendigen Wort, kommt. Nehmt mich auf als einen Sohn dieses eures Landes. Ich trage euch keinen Groll nach. Meine Hände sind voller Liebkosungen, und mein Herz verlangt danach, euch zu unterweisen und zufriedenzustellen. Deswegen bin ich auch bereit, wenn ihr es gestattet, einen Sabbat bei euch zuzubringen, um euch im neuen Gesetz zu unterweisen.»

Die Menge ist sich nicht einig in ihren Ansichten, aber die Neugierde oder die Liebe gewinnen die Oberhand, und viele rufen: «Ja, ja! Bleibe morgen hier! Wir werden dich anhören!»

«Ich werde beten, auf daß in der Nacht die Kruste, die euer Herz umgibt, abfalle. Möge alle Voreingenommenheit euch verlassen, damit ihr frei seid, die Stimme Gottes zu vernehmen. Ich bin gekommen, der ganzen Welt die Frohe Botschaft zu verkünden, und ich bin vom Wunsch beseelt, daß die erste Gegend, die diese Botschaft annimmt, die Stadt sei, in der ich aufgewachsen bin. Der Friede sei mit euch allen!»

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288. DER SABBAT IN DER SYNAGOGE VON NAZARETH

Wiederum in der Synagoge von Nazareth, diesmal am Sabbat.

Jesus hat die Anklage gegen Abimelech gelesen und schließt mit den Worten: «Es soll ein Feuer von ihm ausgehen und die Zedern des Libanon verzehren.» Dann gibt er dem Synagogenvorsteher die Schriftrolle zurück.

«Willst du nicht auch den Rest lesen? Es wäre gut zum besseren Verständnis des Apologs», sagt der Synagogenvorsteher.

«Es ist nicht notwendig. Die Zeit des Abimelech ist fern. Ich wende den alten Apolog auf die heutige Zeit an.

Hört, hört, ihr Leute von Nazareth.

Ihr kennt bereits die Anwendung des Apologs gegen Abimelech durch die Unterweisung eures Vorstehers, der seinerzeit durch einen Rabbi unterrichtet worden ist. Und dieser Rabbi hatte den Text auf die gleiche Weise und mit den gleichen Schlußfolgerungen ausgelegt wie seine Vorgänger seit Jahrhunderten.

Von mir werdet ihr eine andere Anwendung vernehmen. Und ich bitte euch, euren Verstand zu benützen und nicht wie Stricke zu sein, die um die Brunnenrolle laufen und, solange sie nicht abgenützt sind, von der Rolle zum Wasser und vom Wasser zur Rolle gehen, ohne etwas anderes tun zu können.

Der Mensch ist weder ein Stück Hanf noch ein mechanisches Werkzeug. Der Mensch ist mit einem Verstand versehen, den er den Bedürfnissen und den Verhältnissen entsprechend gebrauchen muß.

Denn wenn auch der Buchstabe des Wortes ewig ist, so ändern sich doch die Umstände. Armselig sind die Meister, die sich nicht die Mühe nehmen noch die Genugtuung suchen, zu gegebener Zeit Neues zu lehren, also den zeitgemäßen Sinn, den die alten Worte immer enthalten, ausfindig zu machen.

Sie gleichen einem Echo, das immer nur dasselbe Wort wiederholen kann, zehn- und nochmals zehnmal; aber ohne auch nur ein einziges Mal ein eigenes Wort zu sagen.

Die Bäume, oder vielmehr die Menschheit, die mit den vielen Bäumen und Pflanzen des Waldes gemeint ist, fühlen das Bedürfnis, von jemandem geführt zu werden, der nicht nur alle Ehren und Vorrechte annimmt, sondern auch, und das ist viel schwerwiegender, die Last der Autorität; das heißt die Verantwortung für das Glück oder Unglück seiner Untergebenen; die Verantwortung gegenüber den benachbarten Völkern und, was viel schrecklicher ist, gegenüber Gott. Denn die Kronen und die sozialen Ränge, welche es auch immer sein mögen, sind von den Menschen gewollt, das ist wahr, aber sie sind auch von Gott zugelassen; von dem Gott, ohne dessen Zustimmung keine menschliche Macht sich durchsetzen kann. Ein

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Umstand, der undenkbare und unvorhergesehene Ablösungen von Dynastien und den Verlust von Machtstellungen erklärt, die ewig und unantastbar schienen, die aber, als sie in der Bestrafung oder Prüfung der Völker das Maß überschritten hatten, von denselben Völkern durch Zulassung Gottes gestürzt wurden und so in ein Nichts, in Staub und manchmal sogar in den Schlamm elender Kloaken gestürzt wurden.

Ich habe gesagt: Die Völker fühlen das Bedürfnis, sich jemanden auszuwählen, der alle Verantwortung den Untergebenen, den benachbarten Völkern und Gott gegenüber auf sich nimmt.

Wenn schon das Gericht der Geschichte furchtbar ist und die Interessen der Völker es vergebens zu ändern versuchen, weil Ereignisse und neue Völker es vor die ursprüngliche Wahrheit stellen, so ist das Gericht Gottes noch furchtbarer; denn Gott ist keinem Druck von außen ausgesetzt und kennt keine Launen und Änderungen in seinen Urteilen, wie dies bei den Menschen zu oft der Fall ist; und noch weniger kann er in seinem Urteil irren. Es wäre daher vonnöten, daß die Erwählten der Völker und Urheber der Geschichte mit einer heroischen, den Heiligen eigenen Gerechtigkeit handelten, um nicht in den künftigen Jahrhunderten mit Schmach bedeckt und von Gott in alle Ewigkeit gestraft zu werden.

Doch kehren wir zurück zur Lehre des Abimelech.

Die Bäume wollten sich also einen König erwählen und begaben sich zum Ölbaum. Aber dieser heilige und für übernatürliche Zwecke geheiligte Baum – wegen des Öles, das vor dem Herrn brennt und eine wichtige Rolle beim Zehnten und den Opfergaben spielt; der seine Flüssigkeit für die Herstellung von heiligem Balsam für die Salbung des Altars, der Priester und der Könige liefert; da derselbe eine, ich möchte sagen, wunderbare Wirkung auf die Menschen oder die Körper der Kranken ausübt -dieser Baum antwortete: "Wie kann ich gegen meine heilige und übernatürliche Berufung fehlen und mich zu irdischen Dingen erniedrigen?"

Oh! Welch eine süße Antwort des Ölbaumes!

Warum ist sie nie gelernt und praktiziert worden von jenen, die Gott zu seiner heiligen Mission erwählt hat; wenigstens von ihnen, sage ich? Denn diese Antwort sollte in Wahrheit jeder Mensch auf die Einflüsterungen Satans geben, da jeder Mensch König und Kind Gottes ist, mit einer Seele beschenkt, die ihn zu einem königlichen und göttlichen Sohn macht, der zu übernatürlichen Dingen berufen ist. Er hat eine Seele, die ein Altar und eine Wohnung ist. Der Altar Gottes und das Haus, in das der Vater des Himmels herabsteigt, um von seinem Sohn und Untergebenen Liebe und Ehrfurcht zu empfangen. Jeder Mensch hat eine Seele, und da jede Seele Altar ist, macht sie aus dem Menschen, der er ist, einen Priester, einen Hüter des Altares; im Buch Leviticus steht geschrieben: "Der Priester soll sich nicht beflecken."

Der Mensch hätte daher die Pflicht, auf die Versuchungen Satans, des

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Fleisches und der Welt zu antworten: "Kann ich aufhören, geistlich zu sein und mich um materielle und sündige Dinge zu kümmern?"

Die Bäume gingen darauf zum Feigenbaum und luden ihn ein, über sie zu herrschen. Aber der Feigenbaum antwortete: "Wie soll ich auf meine Süßigkeit und meine köstlichen Früchte verzichten, um euer König zu werden?"

Viele wenden sich an den, der süß und angenehm ist, damit er ihr König werde. Nicht so sehr, weil sie seine Süßigkeit schätzen als vielmehr in der Hoffnung, daß er wegen seiner Süßigkeit ein Spottkönig sein werde, bei dem sie alles durchsetzen und mit dem sie sich jede Freiheit erlauben könnten. Aber die Süßigkeit ist keine Schwäche. Sie ist Liebe. Gerecht, intelligent und beständig! Verwechselt die Süßigkeit nicht mit Schwäche. Erstere ist eine Tugend, die zweite ein Fehler. Und da sie Tugend ist, vermittelt sie dem Besitzer eine Geradheit des Gewissens, die ihm erlaubt, den Beeinflussungen und Verführungen der Menschen zu widerstehen, die versuchen, ihn ihren Interessen gefügig zu machen, die nicht die Interessen Gottes sind; er wird um jeden Preis seiner Aufgabe treu bleiben.

Wer sanften Herzens ist, wird niemals mit Bitterkeit auf die Schmähungen anderer reagieren. Verzeihend und lächelnd wird er immer sagen: "Bruder, laß mir meine süße Bestimmung. Ich bin hier, um dich zu trösten und dir zu helfen; aber ich kann nicht der König werden, wie du ihn dir vorstellst, denn ich verlange nur nach dem einen Königtum für deine und meine Seele: nach dem geistigen."

Die Bäume gingen zum Weinstock und baten ihn, ihr König zu sein. Aber der Weinstock antwortete: "Wie kann ich darauf verzichten, Freude und Kraft zu geben, um über euch herrschen zu können?"

Das Königtum bringt infolge der Verantwortung und der Gewissensbelastung immer Sorgen mit sich; denn viel seltener als ein schwarzer Diamant ist ein König, der nicht sündigt und sich keine Vorwürfe zu machen braucht. Die Macht ist verführerisch, solange sie wie ein Leuchtturm aus der Ferne strahlt; aber wenn man in der Nähe ist, sieht man, daß es nur ein Glühwürmchen ist und kein Stern.

Und ferner: Die Macht ist nur eine Kraft, die mit tausend Stricken gefesselt ist: durch die Interessen der Höflinge, der Verbündeten, die persönlichen Interessen und die der Verwandten. Wie viele Könige schwören sich selbst, während das Öl sie weiht: "Ich will unparteiisch sein", und sie sind es doch nicht. Wie ein mächtiger Baum, der sich nicht gegen die erste Umklammerung des weichen, zarten Efeus wehrt, weil er sich sagt: "Er ist so schwach, daß es mir nicht schaden kann", ja, dem es sogar gefällt, von einer Girlande geschmückt, ihr Beschützer zu sein; so läßt sich ein König fast immer die erste Umklammerung des Interesses eines Höflings, eines Verbündeten oder Verwandten gefallen; und er gefällt sich darin, der großzügige Beschützer zu sein. "Es ist ja nur eine Kleinigkeit", sagt er

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sich, wenn ihm auch das Gewissen laut zuruft: "Paß auf!" Und er denkt, daß er keinen Schaden leidet, weder an seiner Macht noch an seinem guten Namen. Auch der Baum macht es so. Doch es kommt der Tag, da der Efeu, der Zweig um Zweig herangewachsen ist, an Kraft und Länge zugenommen hat und voller Gier die Säfte aus dem Stamm saugt und zur Sonne aufsteigt, den mächtigen Stamm vollkommen umklammert, ihn überragt, erstickt und tötet. Und der Efeu war doch so zart! Und der Baum war doch so stark!

Auch dem König geht es so. Ein erster Kompromiß mit der eigenen Sendung, ein erstes Achselzucken gegenüber der Stimme des Gewissens, denn Lobsprüche sind angenehm, und das Ansehen als gesuchter Beschützer gefällt; dann aber kommt der Augenblick, da nicht mehr der König regiert, sondern die Interessen der anderen, die ihn gefangen halten, ihn knebeln bis zum Ersticken und ihn erdrücken, wenn er, der nun der Schwächere ist, sich nicht beeilt zu sterben.

Auch der gewöhnliche Mensch, der immer König in seinem Geist ist, verliert sich, wenn er aus Stolz oder Habsucht eine kleine Führungsstelle annimmt. Er verliert seinen geistigen Frieden, der von seiner Vereinigung mit Gott herrührt. Denn der Teufel, die Welt und das Fleisch können eine trügerische Machtstellung geben, aber auf Kosten der geistigen Freude, die von der Vereinigung mit Gott kommt. Freude und Kraft der Armen im Geist sind wohlverdient, wenn der Mensch sagen kann: "Wie kann ich es annehmen, in niedrigen Dingen ein König zu werden, wenn ich durch die Verbindung mit euch die innere Kraft und Freude und den Himmel und seine wahre Herrlichkeit verliere?"

Sie können auch sagen, diese Armen im Geist, die nur die eine Sehnsucht haben, das Himmelreich zu besitzen, und die jeden anderen Reichtum verachten, der nicht zu diesem Reich gehört: "Sollen wir unsere Mission vernachlässigen, die darin besteht, Säfte der Kraft und der Freude heranreifen zu lassen für die Menschheit, unsere Schwester, die in der trockenen Wüste des Tierischen lebt und es nötig hat, getränkt zu werden, um nicht zu verdursten; mit Lebenssäften genährt zu werden, wie ein Kind, das seiner Amme beraubt ist? Wir sind die Ammen der Menschheit, die den Busen Gottes verloren hat, die unfruchtbar und krank umherirrt und zu einem Verzweiflungstod, zum schwarzen Skeptizismus getrieben würde, wenn sie uns nicht fände, die sie mit der freudigen Geschäftigkeit der von allen irdischen Banden Befreiten davon überzeugte, daß es ein Leben, eine Freude, eine Freiheit, einen Frieden gibt. Wir können nicht um eines elenden Interesses willen auf diesen Liebesdienst verzichten."

Die Bäume gingen daraufhin zum Dornenstrauch. Dieser wies sie nicht zurück, aber er stellte strenge Bedingungen: "Wenn ihr mich zum König haben wollt, dann stellt euch unter mich. Wenn ihr dies nicht tun wollt,

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nachdem ihr mich erwählt habt, werde ich jeden Dorn dazu benützen, euch zu quälen, und ich werde euch alle, auch die Zedern des Libanon, mit dem Feuer züchtigen."

Seht, das ist die Königsmacht, welche die Welt als echt annimmt! Gewalt und Grausamkeit werden von der verdorbenen Menschheit mit wahrem Königtum verwechselt, während die Sanftmut und die Güte als Dummheit und schwächliche Sentimentalität angesehen wird.

Der Mensch unterstellt sich nicht dem Guten, wohl aber dem Bösen. Er läßt sich von letzterem verführen und wird infolgedessen von ihm verbrannt.

Das ist die Lehre des Abimelech.

Doch ich möchte euch eine andere vorschlagen. Nicht etwas Fernliegendes, sondern etwas Naheliegendes, Gegenwärtiges.

Die Tiere dachten daran, sich einen König zu wählen. Und da sie hinterlistig waren, gedachten sie, einen zu wählen, der ihnen nicht durch seine Kraft oder Härte Furcht einflößen könnte.

Sie schlossen daher den Löwen und alle Katzenarten aus. Sie wollten auch keinen bekrallten Adler und keinen anderen Raubvogel haben. Sie mißtrauten dem Pferd wegen seiner Schnelligkeit, denn es hätte sie einholen und ihre Handlungen beobachten können; und noch mehr mißtrauten sie dem Esel, dessen Geduld sie zwar kannten, aber von dessen plötzlichen Wutausbrüchen und kräftigen Hufen sie ebenfalls wußten. Sie fürchteten sich davor, den Affen zum König zu machen, da er zu intelligent und rachsüchtig sei. Unter dem Vorwand, die Schlange hätte sich dem Satan ergeben, um den Menschen zu verführen, sagten sie, daß man sie trotz ihres Farbenreichtums und ihrer eleganten Bewegungen nicht zum König haben wolle. In Wirklichkeit wollten sie das Reptil nicht, weil sie dessen stillschweigendes Lauern, die Stärke seiner Muskeln und die schreckliche Wirkung seines Giftes kannten. Sollten sie einen Stier oder sonst ein Tier mit spitzen Hörnern zum König wählen? "O weh, auch der Teufel hat sie", sagten sie; aber sie dachten: "Wenn wir uns eines Tages seinen Befehlen widersetzen wollen, dann rottet er uns mit seinen Hörnern aus."

Sie überlegten und überlegten. Schließlich sahen sie ein fettes, weißes Lämmlein, das sich lustig auf dem grünen Rasen tummelte und mit seinem Mäulchen an das mütterliche Euter pochte. Es hatte keine Hörner, sondern Augen, die mild waren wie der Himmel des April. Es war sanft und einfältig. Über alles war es glücklich. Über das Wasser eines Bächleins, in das es sein rosiges Mäulchen eintauchte; über die Blümlein, die alle einen anderen Geschmack hatten und sowohl dem Auge als auch dem Gaumen angenehm waren; über das dichte Gras, in das es sich legen konnte, wenn es satt war; über die Wolken, die andere Lämmlein zu sein schienen, die auf den blauen Wiesen weideten und es einluden, auf der Wiese zu spielen, wie sie es am Himmel taten; und vor allem über die

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Liebkosungen des Mutterschafes, das ihm immer noch ein kurzes Saugen erlaubte und sein weißes Fell mit der rosigen Zunge beleckte; über den Schafstall, in dem es sicher und vor Winden geschützt war, und über die weiche und duftende Streu, in der man so schön neben dem Mutterschafe schlafen konnte.

"Es läßt sich leicht zufriedenstellen. Es kennt keine Waffen und kein Gift. Es ist unschuldig. Machen wir es zu unserem König!"

Und so geschah es. Die Tiere rühmten sich ihres Königs, denn er war schön und gut, wurde von den benachbarten Völkern bewundert, und von den Untergebenen seiner geduldigen Sanftmut wegen geliebt.

So verging einige Zeit, und aus dem Schäfchen wurde ein Widder, der sprach: "Jetzt wird es Zeit, daß ich wirklich regiere. Jetzt habe ich die volle Erkenntnis meiner Aufgabe. Es war der Wille Gottes, der erlaubt hat, daß ich zum König gewählt wurde. Er hat mich auf diese Aufgabe vorbereitet und mir die Fähigkeit zum Regieren gegeben. Es ist daher recht, daß ich meine Macht in vollkommener Weise ausübe, schon deswegen, um die Gaben Gottes nicht zu vernachlässigen."

Und da der Widder sah, daß sich die Untergebenen in ihren Handlungen gegen die Gesetze der Gerechtigkeit, der Liebe, der Güte, der Ehrlichkeit, der Sittsamkeit, des Gehorsams, der Ehrfurcht, der Klugheit und so weiter verfehlten, erhob er seine Stimme, um sie zu ermahnen.

Die Untergebenen machten sich lustig über sein sanftes Geblöke, das nicht erschütterte wie das Brüllen des Löwen oder das Gepfeife der Adler, wenn sie sich auf die Beute stürzen, und keine Angst einflößte wie das Zischen der Schlange oder das Gebell der Hunde.

Das zum Widder gewordene Lamm beschränkte sich nicht mehr auf das Blöken. Es begab sich zu den Schuldigen, um sie zur Pflicht zurückzuführen. Doch die Schlange schlich sich zwischen seine Hufe. Der Adler erhob sich zum Flug in die Luft und ließ den Widder im Stich. Die Katzen verspotteten ihn und schlugen ihn mit ihren Pfoten beiseite und drohten: "Siehst du, was in der Pfote verborgen ist, die dich vorläufig nur stößt? Krallen!" Die Pferde und alle Reittiere sausten im Galopp um ihn herum und verspotteten ihn. Die starken Elefanten oder andere Dickhäuter warfen ihn mit dem Rüssel und den Mäulern hin und her, während die Affen ihn von den Bäumen mit Früchten bewarfen.

Das Lämmlein, das zum Widder geworden war, wurde unruhig und sagte: "Ich wollte weder von meinen Hörnern noch von meiner Kraft Gebrauch machen; denn auch ich habe Kraft in meinem Nacken, der mir zum Mittel dient, um kriegerische Hindernisse zu entfernen. Ich wollte sie nicht benützen, denn ich ziehe Liebe und Ermahnung vor. Aber wenn ihr euch nicht vor diesen Waffen beugt, dann werde ich Gewalt anwenden; denn ihr erfüllt Gott und mir gegenüber eure Pflicht nicht, und ich will meine Pflicht gegen Gott und gegen euch nicht vernachlässigen. Ich bin

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von euch und von Gott dazu erwählt, euch zur Gerechtigkeit und zum Guten zu führen. Und ich will, daß hier Recht und Gerechtigkeit, d.h. Ordnung, herrsche!"

So bestrafte er mit den Hörnern nur leicht, denn er war gut, einen störrischen Köter, der nicht davon ablassen wollte, die Nachbarn zu belästigen, und rannte dann mit seinem starken Nacken die Türe des Stalles ein, in dem ein egoistisches und gefräßiges Schwein auf Kosten anderer Futter aufgehäuft hatte; schließlich riß er auch einen Strauch auserlesener Lianen nieder, den sich zwei wollüstige Affen für ihre unerlaubten Liebeleien ausgesucht hatten.

"Dieser König ist zu mächtig geworden. Er will wirklich regieren. Er will, daß wir vernünftig leben. Das paßt uns aber nicht. Wir müssen ihn absetzen!" So entschieden sie.

Aber ein schlauer Affe riet folgendes: "Wir wollen ihn unter dem Vorwand eines gerechten Motivs absetzen. Sonst machen wir einen schlechten Eindruck auf die Nachbarvölker und werden von Gott bestraft. Laßt uns daher jede Handlung des zum Widder gewordenen Lammes ausspionieren, um es wenigstens unter dem Schein von Gerechtigkeit anklagen zu können."

"Dafür sorge ich", sagte die Schlange.

"Auch ich", sagte der Affe.

Die eine schlich durch das Gras, und der andere erkletterte die Bäume, um das zum Widder gewordene Lamm nie aus den Augen zu lassen, und jeden Abend, wenn es sich zurückzog, um sich von den Mühen seiner Aufgabe auszuruhen und über die Maßnahmen und Reden nachzudenken, mit denen es der Auflehnung Herr werden und die Sünden der Untergebenen bekämpfen wollte, da versammelten sich alle, um den Bericht der beiden Spione und Verräter anzuhören.

Denn das waren sie tatsächlich.

Die Schlange sagte zu ihrem König: "Ich folge dir, weil ich dich liebe, und wenn du angegriffen wirst, werde ich dich verteidigen."

Der Affe sagte zu seinem König: "Wie sehr bewundere ich dich! Ich will dir helfen. Schau: von hier aus sehe ich, daß jenseits der Wiese gesündigt wird. Lauf!" Dann sagte er zu seinen Genossen: "Heute hat er an einem Gastmahl der Sünder teilgenommen. Er hat so getan, als sei er dorthin gegangen, um sie zu bekehren; aber in Wirklichkeit hat er an ihrer Völlerei teilgenommen."

Und die Schlange berichtete: "Er hat die Grenzen seines Volkes überschritten und sich Schmetterlingen, großen Mücken und schlüpfrigen Schnecken genähert. Er ist ein Verräter und treibt mit unreinen Fremden Handel."

So sprachen sie hinter dem Rücken des Unschuldigen in der Annahme, daß er nichts davon wisse.

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Aber der Geist des Herrn, der ihn auf seine Mission vorbereitet hatte, erleuchtete ihn auch über die Verschwörung seiner Untergebenen. Er hätte enttäuscht fliehen und sie verfluchen können. Aber das Lamm, das ein sanftes und demütiges Herz hatte, liebte. Es hatte den Fehler, zu lieben. Es hatte den noch größeren Fehler, zu jedem Opfer bereit zu sein und liebend und verzeihend in seiner Mission ausharren zu wollen, um den Willen Gottes zu erfüllen.

Oh, welche Fehler in den Augen der Menschen! Unverzeihliche Fehler! So unverzeihlich, daß sie ihm die Verurteilung brachten.

"Er muß getötet werden, damit wir von seiner Unterdrückung erlöst werden."

Und die Schlange übernahm es, ihn zu töten; denn die Schlange ist immer der Verräter...

Das ist die andere Lehre. An dir, Volk von Nazareth, ist es nun, sie zu verstehen. Aus der Liebe heraus, die mich an dich bindet, wünsche ich dir, daß du wenigstens auf der jetzigen Stufe deiner feindlichen Gesinnung stehenbleibst und nicht weiter gehst. Die Liebe zum Boden, auf dem ich Kind gewesen bin, auf dem ich in der Liebe zu euch und von euch geliebt aufgewachsen bin, läßt mich zu euch sagen: Seid mir nicht mehr feindlich gesinnt. Geht nicht so weit, daß die Geschichte schreiben muß: "Aus Nazareth kamen sein Verräter und seine ungerechten Richter."

Lebt wohl. Seid gerecht im Urteil und standhaft im guten Willen. Das erste gilt euch allen, meine lieben Mitbürger. Das zweite gilt jenen von euch, die nicht von unredlichen Gedanken verwirrt sind. Ich gehe... Der Friede sei mit euch!»

Von einem peinlichen Schweigen begleitet, das nur von zwei oder drei beifälligen Stimmen unterbrochen wird, verläßt Jesus traurig und geneigten Hauptes die Synagoge von Nazareth. Die Apostel folgen ihm.

Die letzten der Gruppe sind die Söhne des Alphäus. Ihre Augen sind nicht die Augen eines geduldigen Schafes... Sie blicken streng auf die feindliche Menge, und Judas Thaddäus zögert nicht, sich vor seinen Bruder Simon hinzustellen und zu sagen: «Ich glaubte einen ehrlicheren und charakterfesteren Bruder zu haben.»

Simon neigt das Haupt und schweigt. Doch der andere Bruder sagt, von anderen Nazarenern unterstützt: «Schäme dich, deinen älteren Bruder so zu beleidigen!»

«Nein, ich schäme mich über euch. Über euch alle. Nicht nur eine Stiefmutter, sondern eine verkommene Stiefmutter ist dieses Nazareth für den Messias. Daher hört meine Prophezeiung: ihr werdet so viele Tränen weinen, daß ihr damit einen Brunnen unterhalten könnt; doch das Wasser wird nicht ausreichen, um in den Büchern der Geschichte den wahren Namen dieser Stadt auszulöschen. Wißt ihr, wie er lautet? "Torheit"! Lebt wohl.»

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Jakobus fügt einen weitherzigeren Gruß hinzu und wünscht ihnen das Licht der Weisheit. Dann gehen sie mit Alphäus der Sara und zwei Jünglingen hinaus; sie sind, wenn ich mich nicht irre, die beiden Eseltreiber, die bei der Begegnung mit der todkranken Johanna des Chuza dabei waren.

Die Menge bleibt wie gebannt zurück und murmelt: «Aber woher stammt seine Weisheit?»

«Und wie kann er seine Wunder wirken? Denn er wirkt Wunder. Ganz Palästina spricht davon.»

«Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns Joseph? Wir alle haben ihn in Nazareth an der Hobelbank gesehen, als er Tische und Betten machte und Räder und Schlösser herstellte. Er ist nicht einmal zur Schule gegangen, nur die Mutter ist seine Lehrerin gewesen!»

«Auch das war ein Ärgernis für unseren Vater», sagt Joseph des Alphäus.

«Aber auch deine Brüder beendeten ihre Schule bei Maria des Joseph.»

«Nun ja, mein Vater war ein Schwächling seiner Frau gegenüber...»fügt Joseph bei.

«Auch der Bruder deines Vaters, nicht?»

«Auch er.»

«Aber ist er wirklich der Sohn des Zimmermanns?»

«Siehst du es denn nicht?»

«Oh, wie viele Menschen gleichen sich! Ich glaube, daß er einer ist, der sich so nennt, es aber nicht ist.»

«Und wo ist dann Jesus, der Sohn des Joseph?»

«Glaubst du vielleicht, daß seine Mutter ihn nicht kennt?»

«Hier sind seine Brüder und Schwestern, und alle nennen ihn Vetter. Ist das vielleicht nicht wahr, ihr beiden?»

Die beiden älteren Söhne des Alphäus nicken zustimmend.

«Dann ist er entweder wahnsinnig oder besessen; denn das, was er sagt, kann nicht von einem Handwerker kommen.»

«Man sollte ihn nicht anhören. Seine angebliche Lehre ist Irrsinn oder Besessenheit.»

Jesus ist auf dem Platz stehen geblieben und wartet auf Alphäus der Sara, der mit einem Mann spricht. Während er wartet, berichtet ihm einer der Eseltreiber, der bei der Synagogentüre zurückgeblieben war, von den Verleumdungen, die er dort gehört hat.

«Das soll dich nicht betrüben. Ein Prophet wird im allgemeinen in seiner Heimat und seiner Vaterstadt nicht geschätzt. Der Mensch ist so töricht, daß er glaubt, ein Prophet müsse ein außerirdisches Wesen sein. Die Mitbürger und Verwandten kennen und erinnern sich mehr als alle an die

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menschliche Herkunft ihres Mitbürgers und Verwandten. Doch die Wahrheit siegt immer! Und nun grüße ich dich. Der Friede sei mit dir!»

«Ich danke dir, Meister, daß du meine Mutter geheilt hast.»

«Du hast es verdient, weil du verstanden hast zu glauben. Meine Macht ist hier unnütz, weil niemand glaubt. Laßt uns gehen, Freunde! Morgen, bei Sonnenaufgang, wollen wir abreisen.»

289. DIE MUTTER UNTERRICHTET MAGDALENA

«Wo werden wir haltmachen, mein Herr?» fragt Jakobus des Zebedäus, während sie ein Tal durchschreiten, das von zwei Hügeln gesäumt ist, die vom Fuß bis zum Kamm bepflanzt und grün sind.

«Nach Bethanien in Galiläa. Aber in den heißen Stunden werden wir auf dem Berg, der Merala überragt, Rast machen. So wird dein Bruder die Freude haben, wiederum das Meer zu sehen», sagt Jesus und lächelt. Dann fügt er hinzu: «Wir Männer hätten weiter gehen können; aber die Jüngerinnen folgen uns. Sie beklagen sich zwar nie, doch wir dürfen sie nicht über Gebühr ermüden.»

«Sie beklagen sich nie, das ist wahr. Wir sind viel mehr zum Jammern geneigt», stimmt Bartholomäus zu.

«Sie sind doch viel weniger an ein solches Leben gewöhnt als wir...»sagt Petrus.

«Vielleicht tun sie es deswegen besonders gern», sagt Thomas.

«Nein, Thomas! Sie tun es aus Liebe gern. Glaube mir, Maria, meine Mutter, und ebenso die anderen Frauen, wie Maria des Alphäus, Salome und Susanna, verlassen nur ungern das Haus, um auf die Straßen der Welt und unter die Menschen zu gehen. Und Martha und Johanna, sobald auch sie dabei ist, tun es nicht gern, da sie nicht an die Mühen gewohnt sind; aber sie werden durch die Liebe angetrieben. Was Maria von Magdala betrifft, kann nur eine große Liebe ihr die Kraft geben, diese Strapazen zu ertragen», sagt Jesus.

«Warum hast du sie ihr auferlegt, wenn du weißt, daß sie eine Qual für sie sind?» fragt Iskariot. «Es ist weder für sie noch für uns gut.»

«Nichts anderes als ein offenkundiger Beweis kann die Welt von ihrer inneren Wandlung überzeugen. Ihre Lossagung von der Vergangenheit war und ist vollkommen.»

«Das wird sich zeigen. Es ist noch zu früh, um dies zu sagen. Wenn man an eine Lebensweise gewohnt ist, sagt man sich nur schwer von allem los. Freundschaften und Sehnsucht führen uns wieder zu ihr zurück», sagt Iskariot.

«Hast du also Sehnsucht nach deinem früheren Leben?» fragt Matthäus.

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«Ich... nein! Ich sage nur so. Ich bin ich: ein Mensch, der den Meister liebt und... Nun ja, ich habe Kräfte in mir, die mich befähigen, meinem Vorsatz treu zu bleiben. Aber sie ist eine Frau, und was für eine Frau! Und wenn sie auch fest entschlossen ist, so ist es dennoch unangenehm, sie bei uns zu haben. Wenn uns einer der Rabbis, der Priester oder großen Pharisäer begegnen würde, glaube mir, es wäre unangenehm, ihre Bemerkungen anhören zu müssen. Ich erröte schon, wenn ich nur daran denke!»

«Widersprich dir nicht, Judas! Wenn du wirklich alle Brücken zur Vergangenheit abgebrochen hast, wie du behauptest, warum kränkt es dich dann, daß diese arme Seele uns folgt, um ihre Bekehrung zum Guten zu vervollständigen?»

«Aber aus Liebe, Meister! Auch ich tue alles aus Liebe, aus Liebe zu dir!»

«Dann vervollkommne dich in dieser Liebe! Eine Liebe, die wirklich eine solche sein will, darf niemals andere ausschließen. Wenn jemand nur einen Menschen zu lieben vermag, und keinen anderen, so beweist dies, daß er nicht die wahre Liebe besitzt, selbst wenn er vom Menschen geliebt wird, den er liebt. Die vollkommene Liebe erstreckt sich mit den nötigen Stufungen auf das ganze Menschengeschlecht, auf Tiere und Pflanzen, Sterne und Gewässer; denn, wer sie besitzt, sieht alles in Gott. Er liebt Gott, wie es sich gehört, und liebt alles in Gott. Bedenke, daß die ausschließliche Liebe oft Egoismus ist. Lerne daher einen Grad der Liebe zu erreichen, der auch andere in deine Liebe einschließt.»

«Ja, Meister!»

Die Person, über die gesprochen wird, geht in der Gruppe der Frauen ahnungslos neben Maria einher; sie denkt nicht daran, Grund solcher Auseinandersetzungen zu bilden.

Das Dorf Japhia wird erreicht, durchschritten und bleibt zurück, ohne daß auch nur ein Bewohner das Verlangen gezeigt hätte, dem Meister zu folgen oder ihn aufzuhalten. Sie gehen weiter. Die Apostel sind beunruhigt über die Gleichgültigkeit der Bewohner; Jesus sucht sie zu beruhigen.

Die Ebene dehnt sich gegen Westen aus, und an ihrem Ende liegt eine andere Ortschaft, am Fuß eines anderen Berges.

Auch dieses Dorf, das ich Meraba nennen höre, zeigt kein Interesse. Nur die Kinder nähern sich den Aposteln, während diese bei einem Haus an einem Brunnen Wasser schöpfen. Jesus liebkost die Kinder und fragt sie nach ihrem Namen. Die Kinder fragen nach dem seinen; sie wollen wissen, wer er ist, wohin er geht, was er macht. Auch ein halbblinder Bettler nähert sich gebeugt und streckt die Hand nach einem Almosen aus, das er auch empfängt.

Der Marsch wird wieder aufgenommen. Sie besteigen einen Hügel, der das Tal abschließt, in das sich die Wasser der Bäche ergießen, die nun zu Wasserfäden geworden sind oder nur noch aus an der Sonne getrockneten

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Steinen bestehen. Aber die Straße ist gut. Sie führt zuerst durch einen Olivenhain, dann durch Obstgärten, deren Bäume ihre Äste ineinanderflechten und so einen grünen Tunnel über der Straße bilden. Sie erreichen eine Höhe, die von einem rauschenden Eschenwäldchen, wenn ich nicht irre, gekrönt ist. Dort lassen sie sich nieder, um auszuruhen und etwas zu essen. Mit Speise und Rast genießen sie auch die schöne Aussicht. Das Panorama ist herrlich, mit der Bergkette des Karmel zur Linken, und dort, wo die Kette des Karmel in einer grünen Kette, in der alle Schattierungen von Grün vertreten sind, endet, glitzert das offene, endlose Meer, das sich mit seinem durch leichte Wellen bewegten Seidentuch nach Norden ausdehnt, um die Küsten zu bespülen, die sich von dem ins Meer vorstoßenden Karmel bis nach Ptolemais erstrecken und andere Orte, bis sie sich in einem leichten Nebel gegen Syro-Phönizien verlieren. Im Süden des Vorgebirges des Karmel kann man das Meer nicht sehen, da die Kette, die höher ist als der Hügel, auf dem sie sich befinden, die Aussicht versperrt.

So verbringen sie die Stunden im Schatten des rauschenden, luftigen Wäldchens. Die einen schlafen, die anderen sprechen mit leiser Stimme, ein anderer schaut umher. Johannes entfernt sich etwas von den Kameraden und steigt so hoch wie möglich hinauf, um noch mehr zu sehen. Jesus zieht sich in ein Dickicht zurück, um zu beten und zu betrachten. Die Frauen haben sich ihrerseits hinter einen Vorhang zurückgezogen, der aus blühenden Geißblattzweigen besteht, und haben sich dort an einer kleinen Quelle erfrischt. Diese ist zu einem dünnen Faden geworden, der am Boden eine Pfütze bildet und dem es nicht gelingt, sich zu einem Bächlein zu entwickeln. Dann sind die älteren eingeschlafen, während die allerseligste Jungfrau Maria, Martha und Susanna von ihren fernen Häusern reden. Maria sagt, daß sie gerne den schönen, blühenden Strauch hätte, um damit ihre kleine Grotte zu schmücken.

Magdalena, die ihre Haare aufgelöst hatte, da sie deren Last nicht mehr ertragen konnte, sammelt sie von neuem und sagt: «Ich gehe zu Johannes, da er jetzt mit Simon zusammen ist, um mit ihnen das Meer zu betrachten.»

«Ich komme mit», sagt Maria, die heiligste Mutter.

Martha und Susanna bleiben bei den schlafenden Gefährtinnen.

Um die beiden Apostel zu erreichen, müssen sie an dem Dickicht vorbeigehen, in das sich Jesus zurückgezogen hat, um zu beten.

«Mein Sohn findet seine Ruhe im Gebet», sagt Maria leise.

Magdalena antwortet: «Ich glaube, daß es ihn zwingt, sich zu isolieren, um die wunderbare Selbstbeherrschung aufrechtzuerhalten, die er besitzt und die die Welt auf eine so harte Probe stellt. Weißt du, Mutter, ich habe getan, was du mir gesagt hast. Jede Nacht ziehe ich mich eine kürzere oder längere Weile zurück, um in mir selbst wieder die Ruhe zu finden, die durch so viele Dinge gestört wird. Danach fühle ich mich viel stärker.»

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«Vorerst fühlst du dich stärker. Später wirst du dich selig fühlen. Glaube mir, Maria, sowohl in der Freude wie im Schmerz, sowohl im Frieden wie im Kampf, hat unser Geist das Bedürfnis, sich vollkommen in den Ozean der Betrachtung zu versenken, um das wieder aufzurichten, was die Welt und ihre Wechselfälle niedergeworfen haben; um neue Kräfte zu sammeln und immer höher emporzusteigen. In Israel gebrauchen und mißbrauchen wir das mündliche Gebet. Ich will damit nicht sagen, daß es wertlos ist und von Gott ungern gesehen wird; aber ich muß sagen, daß dem Geist die Betrachtung dienlicher ist, bei der man zum wirklichen Gebet, das heißt zur Liebe, gelangt, indem man die Vollkommenheit Gottes bewundert und seine eigene Niedrigkeit erwägt, und auch die so vieler anderer Seelen, nicht um sie zu kritisieren, sondern um sie zu bemitleiden und zu verstehen und um sich Gott dankbar zu erweisen, der uns aufgerichtet hat, damit wir nicht sündigen, oder uns verziehen hat, um uns nicht am Boden liegen zu lassen. Denn wenn das Gebet wirklich Gebet sein soll, muß es Liebe sein. Sonst ist es nur ein Geplapper der Lippen, an dem die Seele nicht teilnimmt.»

«Aber ist es erlaubt, mit Gott zu sprechen, wenn die Lippen noch unrein sind von so vielen bösen Worten? Ich mache es in den Stunden der Sammlung so, wie du mich gelehrt hast, du mein süßester Apostel. Aber ich tue meinem Herzen Gewalt an, das Gott sagen möchte: "Ich liebe dich."»

«Nein! Aber warum denn?»

«Weil ich fürchte, ein Sakrileg zu begehen, wenn ich ihm mein Herz anbiete ...»

«Nein, meine Tochter, das sollst du nicht denken. Tue das nicht! Dein Herz ist vor allem durch die Verzeihung des Sohnes wiedergeweiht, und der Vater sieht nichts anderes als diese Verzeihung. Auch wenn Jesus dir noch nicht verziehen hätte, und du in einer unbekannten Einsamkeit, die materiell wie auch moralisch sein könnte, zu Gott schreien würdest: "Ich liebe dich! Vater, verzeihe mir meine Armseligkeit, denn sie mißfällt mir wegen der Schmerzen, die sie dir bereitet!", würde der Vater dir von sich aus verzeihen, glaube es mir, Maria! Dein Schrei der Liebe wäre ihm wohlgefällig. Überlasse dich der Liebe. Tue ihr keine Gewalt an! Laß sie nur mächtig werden wie einen lodernden Feuerbrand. Der Brand verzehrt alles, was materiell ist; aber er zerstört kein einziges Molekül der Luft. Denn die Luft ist körperlos. Das Feuer reinigt sie von den kleinsten Stäubchen, die Winde in ihr säen, und macht sie leichter. So macht es die Liebe mit dem Geist. Sie verzehrt das Materielle im Menschen noch rascher, wenn Gott es erlaubt, aber sie zerstört nicht den Geist. Im Gegenteil, sie vermehrt seine Lebendigkeit und läßt ihn rein und beweglich werden für seine Erhebungen zu Gott. Siehst du dort Johannes? Er ist noch jung; aber er ist schon ein Adler. Er ist der stärkste von allen Aposteln, denn er

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hat das Geheimnis der geistigen Stärke, der geistigen Bildung erfaßt: die liebende Betrachtung. Ich...»

«Aber er ist rein. Ich... Er ist ein Knabe. Ich ...»

«Dann schau den Zeloten an! Er ist nicht mehr jung. Er hat gelebt, gekämpft, gehaßt. Er bekennt es offen. Aber er hat gelernt zu betrachten. Und auch er, glaube es mir, ist schon weit voran. Siehst du, die beiden suchen sich gegenseitig; denn sie fühlen sich ähnlich. Sie haben dasselbe Alter im Geist erreicht und mit demselben Mittel: dem betrachtenden Gebet! Dadurch ist der Jüngling männlich im Geist geworden, und der schon betagte und müde Mann ist zu einer starken Männlichkeit zurückgekehrt. Und du kennst einen anderen, der, ohne Apostel zu sein, bereits weit vorangeschritten ist durch seine natürliche Neigung zur Betrachtung, die für ihn, seit er der Freund Jesu geworden, eine geistige Notwendigkeit ist. Dein Bruder!»

«Mein Lazarus? ... Oh, Mutter! Du weißt ja so viele Dinge, weil Gott sie dir zeigt. Sage mir, wie wird mich Lazarus bei der ersten Begegnung behandeln? Früher hat er entrüstet geschwiegen. Aber er hat dies getan, weil ich keine Rügen ertragen konnte. Ich bin sehr grausam gegen meine Geschwister gewesen... Jetzt verstehe ich ihn. Was wird er jetzt, da er weiß, daß er reden darf, zu mir sagen? Ich fürchte seinen offenen Vorwurf. Sicherlich wird er mir all das Leid vorwerfen, dessen Ursache ich gewesen bin. Ich möchte zu Lazarus fliegen; aber ich habe auch Furcht vor ihm. Früher bin ich zu ihm gegangen, und nicht einmal das Andenken an meine verstorbene Mutter und ihre Tränen, die sie meinetwegen vergossen hatte, und die sich noch auf den von ihr benützten Gegenständen befanden, störten mich. Mein Herz war zynisch, unverschämt und jeder Stimme verschlossen, die nicht "schlecht" war. Nun aber bin ich nicht mehr in der Macht der Bösen und zittere... Was wird mir Lazarus antun?»

«Er wird dir seine Arme öffnen und dir mehr mit dem Herzen als mit den Lippen zurufen: "Meine vielgeliebte Schwester!" Er ist nun schon so in Gott geformt, daß er nurmehr auf diese Art handeln kann. Fürchte dich nicht! Er wird dir kein Wort über die Vergangenheit sagen. Er ist in Bethanien, ich meine ihn vor mir zu sehen, und die Tage des Wartens sind ihm lang geworden. Er wartet auf dich, um dich an sein Herz zu drücken; um seine Liebe als Bruder zu sättigen. Du brauchst ihn nur zu lieben, so wie er dich liebt, und die Wonne zu genießen, aus dem gleichen Schoße geboren zu sein.»

«Ich würde ihn auch lieben, wenn er mir Vorwürfe machen würde, denn ich habe sie verdient.»

«Aber er wird dich nur lieben! Dies allein!»

Sie haben Johannes und Simon erreicht, die von künftigen Reisen sprechen und sich ehrfurchtsvoll erheben, als die Mutter des Herrn ankommt.

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«Auch wir kommen, um den Herrn ob der schönen Werke seiner Schöpfung zu loben.»

«Hast du das Meer noch nie gesehen, Mutter?»

«Oh, ich habe es gesehen. Es war damals ruhiger im Sturm als mein Herz und weniger salzig als meine Tränen, während ich dem Gestade entlang von Gaza zum Roten Meer fliehen mußte, mit meinem Kind auf den Armen und der Furcht vor Herodes. Ich habe es auch bei der Rückkehr gesehen. Aber da war es Frühling auf Erden und in meinem Herzen. Der Frühling der Rückkehr in die Heimat. Und Jesus klatschte in die Händchen, glücklich darüber, neue Dinge zu sehen... Ich und Joseph waren ebenfalls glücklich, denn die Güte des Herrn hatte uns das Exil in Matarea auf tausenderlei Art erleichtert.»

Ihre Unterhaltung dauert weiter an, während bei mir die Fähigkeit zu sehen und zu hören nachläßt.

290. ZU BETHLEHEM IN GALILÄA

Es ist Abend, als sie in Bethlehem ankommen. Man versteht, daß die Orte mit diesem Namen dazu bestimmt sind, auf Hügeln zu liegen und von Wäldern und Wiesen umgeben zu sein, auf denen Herden weiden, die für die Nacht zu den Ställen niedersteigen.

Die rosige Luft, eine Spur des kaum erfolgten Sonnenunterganges, ist voller Glockengeläute und Geblöke der Schafe, unter das sich die freudigen Rufe der spielenden Kinder und die Stimmen der Mütter, die sie heimrufen, mischen.

«Judas des Simon, suche mit Simon für uns und die Frauen eine Unterkunft. In der Mitte des Dorfes ist ein Gasthof. Dort werden wir euch wieder treffen.» Während Judas und der Zelote dem Auftrag des Meisters Folge leisten, wendet sich Jesus an die Mutter und sagt: «Diesmal wird es uns nicht so ergehen wie im anderen Bethlehem. Du wirst Ruhe finden, meine Mutter. Wenig Menschen sind bei dieser Jahreszeit unterwegs, und es ist kein kaiserlicher Erlaß ergangen.»

«In dieser Jahreszeit wäre es sogar angenehm, draußen auf den Wiesen oder bei den Hirten zwischen den Schäflein zu schlafen», und Maria lächelt ihrem Jesus und ebenso den neugierigen Hirten, die sie fest anschauen, zu. Sie lächelt auf eine Art, daß einer der Hirten den anderen mit dem Ellbogen stößt und leise sagt: «Das kann nur sie sein!» Dann tritt er mutig hervor und sagt: «Ich grüße dich, Maria, voll der Gnade! Ist der Herr bei dir?»

Maria antwortet mit einem noch lieblicheren Lächeln: «Dort ist der Herr», und sie deutet auf Jesus, der sich umgewendet hat, um mit seinen

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Vettern zu reden und ihnen den Auftrag zu geben, an die Armen, die sich bettelnd genähert haben, Almosen zu verteilen. Die Mutter berührt ihren Sohn und sagt: «Mein Sohn, diese Hirten suchen dich und haben mich erkannt! Ich weiß nicht wie...»

«Bestimmt ist Isaak hier vorbeigekommen und hat den Duft der Offenbarung hinterlassen. Jüngling, komm her!»

Der Hirtenknabe, ein brauner Junge von etwa zwölf bis vierzehn Jahren, stark gebaut, obgleich mager, mit lebhaften, dunklen Augen und wallendem, tiefschwarzem Haar, der sich in sein Schaffell gehüllt hat, nähert sich mit einem seligen Lächeln, wie verzückt, Jesus. Er ist das genaue Ebenbild des Vorläufers.

«Der Friede sei mit dir, mein Junge! Wie hast du Maria wiedererkannt?»

«Weil nur die Mutter des Erlösers ein solches Lächeln und ein solches Antlitz haben kann. Mir wurde gesagt: "Das Antlitz eines Engels, die Augen wie zwei Sterne, ein Lächeln, lieblicher als der Kuß einer Mutter, süß wie ihr Name, Maria, und so heilig, daß es sich über den neugeborenen Gott beugen durfte!" Ich habe das in ihr gesehen und habe sie gegrüßt; denn ich habe dich gesucht. Wir haben dich gesucht, Herr, aber... ich habe es nicht gewagt, dich zu grüßen.»

«Wer hat dir von uns erzählt?»

«Isaak aus dem anderen Bethlehem; er hatte mir versprochen, mich im Herbst zu dir zu führen.»

«Ist Isaak hier gewesen?»

«Er ist immer noch in dieser Gegend, mit vielen Jüngern. Aber zu uns Hirten hat er gesprochen. Und wir haben seinem Wort geglaubt. Herr, laß auch uns dich anbeten, wie die Hirten es in jener Nacht getan haben.» Während er in den Staub der Straße niederkniet, ruft er die anderen Hirten, die ihre Herden am Tor der Stadt aufgehalten haben (ein sogenanntes Tor, denn es ist keine ummauerte Stadt), dort, wo Jesus die Frauen erwartet hat, um mit ihnen in das Dorf hineinzugehen.

Der Hirtenknabe ruft: «Vater, Brüder, Freunde! Wir haben den Herrn gefunden. Kommt, um ihn anzubeten!»

Die Hirten eilen herbei, um sich mit der Herde um Jesus zu drängen und ihn zu bitten, nicht zu anderen zu gehen, sondern mit seinen Freunden in ihr armes Haus, das nicht weit entfernt ist, zu kommen.

«Es ist ein geräumiger Schafstall», erklären sie, «denn Gott beschützt uns; es gibt dort Räume und Hallen mit duftendem Heu. Die Kammern sind für die Mutter und ihre Schwestern, weil es Frauen sind. Auch für dich gibt es noch einen Raum. Die anderen können mit uns in den Hallen auf dem Heu schlafen.»

«Ich werde bei euch sein. Es wird mir eine angenehmere Ruhestätte sein, als wenn ich in einem Königssaal schliefe. Wir wollen jedoch zuerst Judas und Simon benachrichtigen.»

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«Das werde ich besorgen, Meister», sagt Petrus und geht mit Jakobus des Zebedäus weg.

Sie setzen sich am Wegrand, um die Rückkehr der vier Apostel zu erwarten.

Die Hirten blicken auf Jesus, als wäre er schon Gott in seiner Herrlichkeit. Die jüngeren sind wahrhaft selig, und es scheint, als wollten sie sich Jesus und Maria ganz genau in ihre Seele einprägen. Maria hat sich über einige Lämmlein geneigt, um sie zu streicheln, da sie sich ihren Knien genähert und sie blökend mit ihren Mäulern gestreift hatten.

«Es gab ein Schäflein im Haus der Elisabeth, meiner Verwandten, das mir immer die Flechten leckte, sooft es mich sah. Ich nannte es "Freund", denn es war mir wirklich wie ein Freund, wie ein Kind, und sobald es konnte, lief es zu mir. Dieses hier erinnert mich stark daran, mit seinen Augen, die zwei verschiedene Farben haben. Tötet es nicht! Auch das andere durfte am Leben bleiben, weil es mich liebte.»

«Es ist ein weibliches Schaf, Herrin, und wir wollten es verkaufen wegen der zwei Augenfarben und weil ich glaube, daß es mit dem einen wenig sieht. Aber wir werden es behalten, wenn du willst.»

«O ja! Ich wünschte, daß überhaupt kein Lamm getötet würde... Sie sind so unschuldig und haben eine Kinderstimme, die nach der Mama ruft. Es käme mir vor, ein Kind würde getötet, wenn eines von ihnen geschlachtet würde.»

«Aber Herrin, wenn alle Lämmlein am Leben blieben, dann wäre auf Erden bald kein Platz mehr für uns», sagt ein älterer Hirte.

«Ich weiß es. Aber ich denke an ihren Schmerz und an den der Mutterschafe. Sie weinen, wenn man ihnen die Kinder nimmt. Sie scheinen Mütter zu sein wie wir. Und ich kann niemand leiden sehen, aber ich leide ganz besonders, wenn ich eine Mutter leiden sehe. Es ist ein Schmerz, der verschieden von allen anderen ist; denn uns zerreißt es nicht nur das Herz und den Kopf wegen des Schlages, den uns der Tod eines Kindes versetzt, sondern auch die Eingeweide. Wir Mütter bleiben mit dem Kind vereint, immer. Und es zerreißt uns, wenn man sie uns wegnimmt.» Maria lächelt nicht mehr, sondern Tränen glänzen in ihren blauen Augen, und sie blickt auf ihren Jesus, der ihr zuhört und sie betrachtet. Sie legt eine Hand auf seinen Arm, als ob sie befürchte, daß er von ihrer Seite gerissen würde.

Auf der staubigen Straße kommt eine kleine Schar von Bewaffneten daher: sechs Männer, von schreienden Menschen begleitet. Die Hirten schauen auf und sprechen leise miteinander. Dann blicken sie zu Maria und Jesus, und der älteste Hirte sagt: «Es ist gut, daß du heute abend nicht Bethlehem betrittst.»

«Warum?»

«Diese Leute, die soeben in die Stadt gegangen sind, wollen einer Mutter den Sohn entreißen.»

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«Oh! Aber warum?»

«Um ihn zu töten.»

«Oh! Nein! Was hat er getan?»

Auch Jesus fragt, und die Apostel kommen näher, um zuzuhören.

«Man hat auf dem Bergpfad den reichen Joel tot aufgefunden. Er war auf dem Rückweg von Sycaminon und hatte viel Geld bei sich. Aber es können keine Diebe gewesen sein, denn man hat es auf ihm gefunden. Der Diener, der ihn begleitet hat, sagt, der Herr habe ihn beauftragt, vorauszulaufen, um seine Rückkehr anzumelden. Auf dem Weg vom Ort, wo der Mord begangen wurde, sei er nur dem Jüngling begegnet, der getötet werden soll. Zwei aus dem Dorf schwören, gesehen zu haben, wie er Joel angegriffen hat. Jetzt verlangen die Verwandten des Ermordeten den Tod des Mörders. Wenn er der Mörder ist ...»

«Du glaubst es nicht?»

«Es scheint mir nicht gut möglich zu sein. Der Jüngling ist kaum älter als ein Knabe. Er ist gut und lebt mit der Mutter, deren einziges Kind er ist; sie ist Witwe, eine heilige Witwe. Er ist nicht mittellos. Er denkt nicht an Frauen. Er ist nicht streitsüchtig. Er ist auch nicht irr im Kopf. Warum sollte er getötet haben?»

«Hat er vielleicht Feinde?»

«Wer? Der getötete Joel oder Abel, der Angeklagte?»

«Der Angeklagte.»

«Ach! Das weiß ich nicht... das weiß ich nicht...»

«Sei aufrichtig, Mann!»

«Herr, ich denke an etwas, und Isaak hat uns gesagt, daß man nicht schlecht vom Nächsten denken soll.»

«Aber man muß den Mut haben zu reden, um einen Unschuldigen zu retten!»

«Wenn ich rede, ob ich nun recht oder unrecht habe, dann werde ich von hier fliehen müssen; denn Aser und Jakobus sind sehr mächtig.»

«Rede ohne Furcht, du wirst nicht fliehen müssen.»

«Herr, die Mutter Abels ist jung, schön und klug. Aser ist dumm, ebenso Jakobus. Dem ersten gefällt die Witwe, und dem zweiten... das ganze Dorf weiß, daß der zweite ein Kuckuck im Ehebett des Joel ist. Ich denke, daß ...»

«Ich verstehe. Gehen wir, Freunde! Ihr Frauen, bleibt hier bei den Hirten. Wir werden bald zurückkommen.»

«Nein, Sohn, ich komme mit dir!»

Jesus geht eilends in die Stadt. Die Hirten bleiben unentschieden; dann aber überlassen sie die Herden den Jüngsten, die mit den Frauen, ausgenommen Maria und Maria des Alphäus, zurückbleiben, und folgen Jesus und der Gruppe der Apostel.

In der dritten Gasse, welche die Hauptstraße von Bethlehem kreuzt,

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begegnen sie Iskariot, Simon, Petrus und Jakobus, die ihnen gestikulierend und schreiend entgegenkommen.

«Welch eine Untat, Meister! Welch eine Untat! Welch ein Elend!» sagt Petrus händeringend.

«Ein Sohn wird mit Gewalt seiner Mutter entrissen, um getötet zu werden; sie verteidigt ihn wie eine Hyäne. Aber, was ist eine Frau gegen Bewaffnete», fügt Simon der Zelote bei.

«Sie blutet schon aus vielen Wunden.»

«Man hat die Türe eingeschlagen, denn sie hatte sich im Haus verbarrikadiert», schließt Jakobus des Zebedäus.

«Ich werde zu ihr gehen!»

«O ja! Du allein kannst sie trösten.»

Sie biegen nach rechts, dann nach links und gehen auf das Zentrum der Stadt zu. Schon sieht man den lärmenden Auflauf um das Haus des Abel und hört die herzzerreißenden Klagen der Frau, die unmenschlich, wild und zugleich mitleiderregend tönen.

Jesus beschleunigt seine Schritte und gelangt zu einem kleinen Platz, einer erweiterten Straßenkurve, an der der Tumult seinen Höhepunkt erreicht hat.

Die Frau macht den bewaffneten Männern immer noch den Sohn streitig, klammert sich mit einer Hand, die wie eine Eisenzange greift, am Rest der eingeschlagenen Türe fest, und mit der anderen Hand den Gürtel des Sohnes. Wenn jemand versucht, sie von ihm loszureißen, dann beißt sie wild zu, ungeachtet der Schläge, die sie erhält, oder des Zerrens an den Haaren, wenn ihr Kopf nach hinten gerissen wird; und wenn sie nicht beißt, dann schreit sie: «Laßt ihn los! Ihr Mörder! In der Nacht, in der Joel getötet wurde, war Abel im Bett an meiner Seite! Ihr Mörder, ihr Mörder! Ihr Verleumder! Ihr Unreinen! Ihr Meineidigen!»

Und der Jüngling, der von den Häschern an den Schultern gepackt und an den Armen gezogen wird, wendet sich mit einem verzerrten Gesicht um und schreit: «Mama! Mama! Warum muß ich sterben, wenn ich nichts getan habe?»

Es ist ein schöner Jüngling, hochgewachsen, schlank, mit dunklen, sanften Augen und schwarzen, leicht gelockten Haaren. Das zerrissene Gewand enthüllt den schlanken, jugendlichen Körper, fast der eines Kindes...

Jesus bahnt sich mit Hilfe seiner Begleiter einen Weg durch die dichte Menge und gelangt gerade im Augenblick zur jammervollen Gruppe, als die erschöpfte Frau, die von der Türe weggerissen und wie ein an den Körper des Sohnes gebundener Sack auf der steinigen Straße fortgeschleift wird. Doch nur einige Meter. Ein wilder Geselle reißt die Hand der Mutter vom Gürtel des Sohnes weg, und die Frau fällt, schlägt mit dem Gesicht auf dem Boden auf und blutet noch mehr als zuvor. Aber sofort

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richtet sie sich auf die Knie und streckt die Arme aus, während der Sohn so rasch weggetragen wird, wie es die Menge erlaubt, die nur widerwillig Platz macht. Er befreit seinen linken Arm und fuchtelt mit ihm herum, während er sich umwendet und schreit: «Mama! Leb wohl! Erinnere dich wenigstens du daran, daß ich unschuldig bin!»

Die Frau sieht ihn wie eine Irrsinnige an und fällt dann ohnmächtig zu Boden. Jesus stellt sich vor die Gruppe der Bewaffneten hin: «Bleibt einen Augenblick stehen. Ich befehle es euch!» Und sein Antlitz erlaubt keinen Widerspruch.

«Wer bist du?» fragt ein angriffslustiger Bürger, der sich in der Gruppe befindet. «Wir kennen dich nicht. Tritt beiseite und laß uns gehen, damit er noch vor dem Einbruch der Nacht getötet werden kann.»

«Ein Rabbi bin ich. Der größte. Im Namen Jahwes, bleibt stehen, oder er wird euch niederschmettern.» Aber es scheint, als ob er selbst Blitze schleuderte. «Wer ist Zeuge gegen ihn?»

«Ich, dieser und jener, wir sind die Zeugen», antwortet jener, der zuerst gesprochen hat.

«Euer Zeugnis ist nicht gültig, da es falsch ist.»

«Wie kannst du das sagen? Wir sind bereit, es zu beschwören.»

«Euer Schwur ist Sünde!»

«Wir sündigen? Wir?»

«Ihr! Da ihr voll Wollust seid, da ihr Haß nährt, da ihr gierig seid nach Reichtum, da ihr Mörder seid; so seid ihr auch meineidig! ... Ihr habt euch an die Unreinheit verkauft. Ihr seid jeder Untat fähig.»

«Nimm dich in acht, wie du redest! Ich bin Aser ...»

«Und ich bin Jesus!»

«Du bist nicht von hier. Du bist weder Priester noch Richter. Nichts bist du, nur ein Fremder.»

«Ja, ich bin ein Fremder, denn die Welt ist nicht mein Reich; aber ich bin Richter und Priester. Nicht nur von diesem kleinen Gebiet von Israel, sondern von ganz Israel und von der ganzen Welt!»

«Gehen wir, gehen wir! Wir haben es hier mit einem Verrückten zu tun», sagt der andere Zeuge und gibt Jesus einen Stoß, um ihn zur Seite zu schieben.

«Du tust keinen Schritt mehr», donnert Jesus, indem er ihn mit seinem Wunderblick anschaut, der niederwirft und lähmt, so wie er Leben und Freude zu schenken vermag, wenn er will. «Du machst keinen Schritt mehr. Glaubst du nicht an das, was ich sage? Nun, dann schau her. Hier sind weder der Staub noch das Wasser des Tempels, es sind keine Worte mit Tinte geschrieben, um das Wasser bitter zu machen zum Gericht für die Eifersucht und den Ehebruch. Aber hier bin ich. Und ich halte Gericht.»

Die Stimme Jesu ist ein Trompetenschall, so durchdringend ist sie.

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Die Menge drängt sich, um zu sehen. Nur Maria, die heiligste Mutter, und Maria des Alphäus sind zurückgeblieben, um der ohnmächtigen Mutter beizustehen.

«Ich werde folgendermaßen Gericht halten: gebt mir etwas Staub von der Straße und einen Tropfen Wasser in einem Krüglein. Und während mir dies gegeben wird, sollt ihr Ankläger und du Angeklagter mir antworten. Bist du unschuldig, mein Sohn? Sage es aufrichtig dem, der dein Erlöser ist!»

«Ich bin es, Herr!»

«Aser, kannst du schwören, daß du nur die Wahrheit gesagt hast?»

«Ich schwöre es. Ich habe keinen Grund zu lügen. Ich schwöre es beim Altar. Es soll vom Himmel eine Flamme fallen und mich verbrennen, wenn ich nicht die Wahrheit sage!»

«Jakob, kannst du schwören, daß du aufrichtig bist in der Anklage und keinen geheimen Beweggrund hast, der dich zur Lüge zwingt?»

«Ich schwöre es bei Gott! Nur die Liebe für den getöteten Freund drängt mich zum Reden. Mit diesem habe ich durchaus nichts Persönliches.»

«Und du, Knecht, kannst du schwören, die Wahrheit gesagt zu haben ?»

«Tausendmal kann ich es schwören, wenn es nötig ist. Mein Herr, mein armer Herr!» Und er verbirgt seine Tränen, indem er den Mantel vor das Gesicht hält.

«Nun gut! Hier ist das Wasser, und hier ist der Staub. Und das Wort ist folgendes: Du, heiliger Vater, allmächtiger Gott, halte Gericht der Wahrheit durch mich, damit dem Unschuldigen und der verzweifelten Mutter Leben und Ehre zuteil werden, und entsprechende Strafe den treffe, der nicht unschuldig ist. Und um der Gnade willen, die ich vor deinen Augen habe, bestrafe jene, die gesündigt haben, nicht mit dem Feuer oder dem Tod, sondern mit einer langen Sühnezeit.»

Er spricht diese Worte und legt die Hände auf das Krüglein, wie es der Priester bei der heiligen Messe zur Opferung tut. Dann taucht er die rechte Hand in das Krüglein, besprengt mit der von Wasser triefenden Hand die vier am Urteil Beteiligten und läßt sie einen Schluck des Wassers trinken. Zuerst den Jüngling und dann die anderen drei.

Darauf kreuzt er die Arme über der Brust und blickt sie an. Auch die Leute schauen zu. Nach einigen Augenblicken erhebt sich ein Geschrei; die Menge wirft sich mit dem Gesicht zur Erde. Nun schauen sich auch die vier, die in einer Reihe standen, an und schreien ihrerseits. Der Jüngling vor Staunen, die anderen vor Entsetzen; denn sie sehen ihre Gesichter mit Aussatz bedeckt, während der Jüngling rein geblieben ist.

Der Knecht wirft sich Jesus zu Füßen, der zurückweicht wie alle, die Soldaten eingeschlossen. Er weicht zurück, während er den Jüngling Abel

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bei der Hand nimmt, damit er sich nicht an den drei Aussätzigen verunreinige, und der Knecht schreit: «Nein, nein! Verzeihung! Ich bin aussätzig! Sie haben mich bezahlt, damit ich meinen Herrn bis zum Abend zurückhielt, um ihn auf dem einsamen Weg erschlagen zu können. Sie haben mich aufgefordert, dem Maultier die Hufe abzunehmen. Sie haben mich zur Lüge verleitet und mich sagen lassen, daß ich vorausgegangen sei. Statt dessen habe ich ihnen geholfen, ihn zu töten. Und ich sage auch, warum sie es getan haben. Weil Joel bemerkt hatte, daß Jakobus seine junge Frau liebte, und Aser die Mutter von diesem hier haben wollte, die ihn aber abwies. Sie sind übereingekommen, sich gleichzeitig Joels und Abels zu entledigen und sich der Frau zu erfreuen. Nun habe ich es gesagt. Nimm den Aussatz von mir, nimm ihn mir. Abel, du bist gut, bitte für mich!»

«Du gehst zu deiner Mutter, damit sie beim Erwachen dein Angesicht sehe und zu einem ruhigen Leben zurückkehre. Und ihr! Zu euch müßte ich sagen: euch soll geschehen, was ihr getan habt. Das wäre menschliche Gerechtigkeit. Aber ich übergebe euch einer übermenschlichen Sühne. Der Aussatz, von dem ihr jetzt befallen seid, möge euch davor bewahren, ergriffen und getötet zu werden, wie ihr es verdient. Volk von. Bethlehem, weiche zurück, wie die Wasser des Meeres, um diese hier zu ihrer langen Galeerenstrafe gehen zu lassen. Einer fürchterlichen Galeere! Schrecklicher als ein rascher Tod! Und es ist göttliche Barmherzigkeit, die ihnen Gelegenheit gibt, sich zu bessern, wenn sie wollen. Geht!»

Die Menge drückt sich an die Mauern, um die Mitte des Weges frei zu lassen, und die drei, mit Aussatz bedeckt, als wären sie seit Jahren krank, gehen einer hinter dem anderen den Bergen zu... In der Stille des Abends, der hereingebrochen ist und alle Vögel und Vierfüßler zum Schweigen gebracht hat, hört man nur ihre Klagen.

«Säubert den Weg mit viel Wasser, nachdem ihr dort Feuer gemacht habt! Und ihr Soldaten, geht und berichtet, daß Gericht gehalten wurde, nach dem vollkommensten mosaischen Gesetz.»

Und Jesus begibt sich dorthin, wo seine Mutter und Maria Kleophä sich um die Frau bemühen, die nur langsam wieder zum Bewußtsein kommt, während der Sohn die eiskalten Hände streichelt und küßt. Aber die vor Angst entsetzten Leute von Bethlehem bitten: «Sprich zu uns, o Herr! Du bist wahrlich mächtig! Du bist gewiß derjenige, von dem der Mann sprach, der hier vorübergegangen ist und den Messias verkündet hat.»

«Ich werde heute abend beim Schafstall der Hirten sprechen. Nun will ich die Mutter stärken!»

Er geht zur Frau, die auf dem Schoß Marias des Alphäus allmählich zu sich kommt und auf das liebevolle Antlitz von Maria schaut, das ihr zulächelt; sie findet sich nicht zurecht, bis sie den Blick auf den dunklen Kopf

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ihres Sohnes richtet, der sich über ihre zitternden Hände neigt, und fragt: «Bin auch ich gestorben? Ist dies die Vorhölle?»

«Nein, Frau, dies ist die Erde. Hier ist dein Sohn, vom Tod errettet. Und dies ist Jesus, mein Sohn, der Erlöser!»

Die Frau gehorcht sofort einem ganz menschlichen Impuls. Sie nimmt all ihre Kräfte zusammen und ergreift das geneigte Haupt ihres Sohnes, den sie lebend und gesund erblickt. Dann küßt sie ihn heftig und weint und lacht, und erinnert sich aller Kosenamen aus der Kinderzeit, um ihre Freude auszudrücken.

«Ja, Mama, ja. Aber jetzt schau nicht auf mich, schau auf ihn. Er hat mich gerettet. Preise den Herrn!»

Die Frau, noch zu sehr geschwächt, um sich erheben oder niederknien zu können, streckt ihre Hände aus, die immer noch zittern und bluten, und ergreift die Hand Jesu, um sie mit Tränen und Küssen zu bedecken.

Jesus legt seine linke Hand auf ihr Haupt und sagt: «Sei glücklich! Im Frieden! Und bleibe immer gut, und du ebenfalls, Abel.»

«Nein, mein Herr. Mein Leben und das Leben meines Sohnes gehören dir, denn du hast uns gerettet. Laß ihn nun mit den Jüngern gehen, wie er es immer gewünscht hat, seit sie hier gewesen sind. Ich gebe ihn dir mit großer Freude und bitte dich nur, laß mich ihm folgen, um die Diener Gottes zu bedienen.»

«Und dein Haus?»

«O Herr! Kann jemand, der vom Tod ersteht, noch die Anhänglichkeiten haben, die er vor dem Tod hatte? Mirtha ist dem Tod und auch der Hölle entgangen, durch dich! In dieser Ortschaft könnte ich dazu gelangen, jene zu hassen, die mich in meinem Sohn gequält haben. Und du predigst die Liebe! Ich weiß es! Laß also die arme Myrtha den einzigen lieben, der Liebe verdient, seine Mission, seine Diener. Jetzt bin ich noch erschöpft und könnte dir nicht folgen. Aber sobald ich dazu fähig bin, erlaube es mir, Herr! Ich werde in deinem Gefolge sein bei meinem Abel...»

«Du wirst deinem Sohn und mir folgen. Sei glücklich! Sei nun im Frieden! In meinem Frieden! Leb wohl.»

Während die Frau, vom Sohn und einigen barmherzigen Menschen gestützt, in ihr Haus zurückkehrt, verläßt Jesus mit den Hirten, den Aposteln, der Mutter und Maria des Alphäus das Dorf und begibt sich zum Schafstall am Ende eines Weges, der in die Felder führt...

... Ein großes Feuer ist angezündet worden, um der Versammlung etwas Licht zu geben. Im Halbkreis auf den Wiesen sitzend, warten viele darauf, daß Jesus zu reden beginnt. Sie sprechen über die Vorkommnisse des Tages. Auch Abel ist anwesend, den viele beglückwünschen, weil sie, wie sie sagen, an seine Unschuld geglaubt haben.

«Aber ihr wart bereit mich zu töten! Auch du, der du mich zur selben Stunde, in der Joel getötet wurde, an der Tür des Hauses begrüßt hast»,

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sagt der Jüngling und fügt hinzu: «Ich verzeihe dir jedoch im Namen Jesu.»

Nun kommt Jesus vom Schafstall her auf sie zu. Hochgewachsen, weißgekleidet, von den Aposteln umringt und von den Hirten und den Frauen gefolgt.

«Der Friede sei mit euch allen!

Wenn unser Kommen dazu gedient hat, das Reich Gottes unter euch aufzurichten, so sei der Herr gepriesen! Wenn unser Kommen dazu gedient hat, eine Unschuld aufleuchten zu lassen, so sei der Herr gepriesen! Wenn wir gerade im rechten Augenblick angekommen sind, um ein Verbrechen zu verhindern und zugleich drei Schuldigen Gelegenheit zu geben, sich zu bessern, so sei der Herr gepriesen!

Unter all den Ereignissen des Tages, über die wir nachdenken wollen, während die Nacht herabsteigt, um die Freude zweier Herzen und die Reue dreier anderer in Finsternis zu hüllen und die Freudentränen der ersten und die bitteren Tränen der anderen mit einem Schleier zu bedecken: unter all den Ereignissen ist eines, das uns zeigt, daß nichts im Gesetze Gottes unnütz ist.

Das von Gott gegebene Gesetz ist dem Buchstaben nach in Israel wohl bekannt. Aber in Wirklichkeit wird es nicht befolgt. Das Gesetz ist da, es wird analysiert, geprüft und zerstückelt, bis es durch qualvolle Spitzfindigkeiten getötet ist. Es ist da! Aber wie ein mumifizierter Leichnam hat es kein Leben, keinen Atem und keine Blutzirkulation, obgleich es nach außen hin einem schlafenden, unbeweglichen Körper gleicht. In viel zu vielen Herzen hat das Gesetz kein Leben, keinen Atem, kein Blut. Auf eine Mumie kann man sich setzen wie auf einen Schemel. Auf eine Mumie kann man Gegenstände, Kleider und auch Abfälle legen, wenn man will; sie wehrt sich nicht, denn sie hat kein Leben. So machen zu viele aus dem Gesetz einen Schemel, ein Brett zum Abstellen, eine Ablage für ihre Abfälle. Sie sind sicher, daß es sich in ihrem Gewissen nicht bemerkbar macht, denn es ist ja tot.

Ich könnte einen großen Teil Israels mit den versteinerten Wäldern vergleichen, wie man sie im Niltal und in der ägyptischen Wüste verstreut sehen kann. Es waren einst Wälder, Wälder lebender Pflanzen. Sie wurden von Säften genährt, rauschten in der Sonne, hatten ein schönes Laub und Blüten und waren von Früchten beladen. Sie machten aus der Gegend, in der sie wuchsen, ein kleines irdisches Paradies, das von Menschen und Tieren geschätzt wurde und in der trostlosen Trockenheit der Wüste den brennenden Durst vergessen ließ, der durch den heißen Sand, dessen Staub in die Kehle dringt, verursacht wurde. Sie ließen die brennende Sonne vergessen, welche die Kadaver in kurzer Zeit entfleischt, versteinert, in Staub auflöst und die Gebeine poliert, als wären sie von einem ganz geschickten Arbeiter hergerichtet worden. Sie ließen alles vergessen in ihrem

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grünen, rauschenden Schatten, der reich an Wassern und Früchten war, die erquickten, trösteten und zu neuem Eifer anspornten.

Dann geschah etwas durch eine unbekannte, unheilvolle Ursache. Sie wurden wie verzaubert. Sie sind nicht nur vertrocknet und abgestorben, sondern können nicht wie anderes Holz zu Feuer verwendet werden, um die Nacht zu erleuchten, wilde Tiere fernzuhalten und die Feuchtigkeit der Nacht von den Pilgern, die fern von der Heimat sind, abzuhalten. Sie sind zu Stein geworden, zu Stein; die Kieselerde des Bodens scheint wie durch eine Zauberkunst von den Wurzeln in den Stamm, in die Äste und Zweige emporgestiegen zu sein. Die Winde haben dann die zartesten Zweige dem Alabaster ähnlich gemacht, der hart und weich zugleich ist. Aber die stärksten Äste sind dort auf ihren schweren Stämmen geblieben, um die müden Karawanen zu täuschen, die im blendenden Sonnenlicht oder im gespensterhaften Schein des Mondes sehen, wie die Schatten der Stämme sich in den Hochebenen oder in der Tiefe der meist wasserlosen Täler abzeichnen. In ihrer Sehnsucht nach Unterkunft, Erquickung, Wasser und süßen Früchten stürzen sie sich mit von der heißen Sonne und dem weißen Sand geblendeten Augen auf diese phantastischen Haine. Wirklich, eine phantastische, trügerische Vorspiegelung lebendiger Körper.

Ich habe sie gesehen. Sie haben sich mir eingeprägt, obwohl ich noch ein kleines Kind war, als eines der trostlosesten Dinge der Erde. So schienen sie mir, solange ich sie nicht berührt, gemessen und gewogen hatte, die völlig traurigen Dinge der Erde; traurig weil sie tot sind. Die unkörperlichen Dinge, also tote Tugenden und tote Seelen. Vorerst in der Seele gestorben, während die Seele sich selbst getötet hat.

Es gibt das Gesetz in Israel. Aber es ist wie die versteinerten Bäume in der Wüste: es ist Kieselstein geworden und tot. Gegenstand von Täuschungen! Gegenstand, der sich selbst zerstört anstatt zu dienen. Gegenstand, der schadet, da er Wahnbilder schafft, die von den echten Oasen ablenken und an Durst, Hunger und Verzweiflung sterben lassen. Tod, der andere zum Tod zieht! Der andere zum Sterben verleitet, wie man es in gewissen Fabeln heidnischer Mythen lesen kann.

Ihr hattet heute ein Beispiel dafür, was ein versteinertes Gesetz in einer Seele ist, die zu Stein geworden ist. Sünde aller Art ist es und Ursache von Unglück.

Es diene euch dazu, das Leben zu verstehen und das Gesetz in euch lebendig werden zu lassen in seiner Unversehrtheit, die ich mit dem Licht der Barmherzigkeit erleuchte.

Es ist tiefe Nacht geworden. Die Sterne sehen uns, und mit ihnen Gott. Erhebt den Blick zum bestirnten Himmel und erhebt den Geist zu Gott. Und ohne Kritik der Unglücklichen, die schon von Gott bestraft worden sind, und ohne Überheblichkeit, weil ihr nicht in deren Sünde gefallen

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seid, versprecht Gott und euch selbst, nicht in die Trostlosigkeit der verfluchten Bäume der Wüste und der Täler von Ägypten zu verfallen.

Der Friede sei mit euch!»

Er segnet alle und zieht sich in die weite Umzäunung des Schafstalls zurück, der von schlichten Hallen umgeben ist, unter denen die Hirten viel Heu und Stroh als Lager für die Diener des Herrn ausgebreitet haben.

291. «DIE BERUFUNG IST MEHR ALS DAS BLUT»; AUF DEM WEG NACH SYCAMINON

Der ruhige und sonnige Morgen begünstigt den Marsch über die Hügelkette in westlicher Richtung, also dem Meer zu.

«Es ist gut, daß wir die Berge in den ersten Morgenstunden erreichen. Wir hätten nicht in der Ebene bleiben können bei dieser Sonnenhitze. Aber hier ist Schatten und Kühle. Mir tun jene leid, die der römischen Straße folgen. Sie ist gut für den Winter», sagt Matthäus.

«Nach diesen Hügeln weht der Wind vom Meer her. Er kühlt die Luft immer ab», sagt Jesus.

«Wir werden auf der Höhe dort essen. Gestern war es auf dem Hügel so schön, und von dort aus muß es noch schöner sein, denn der Karmel und auch das Meer sind näher», fügt Jakobus des Alphäus hinzu.

«Unser Vaterland ist wunderschön!» ruft Andreas aus.

«Ja! Wir haben wirklich alles. Schneebedeckte Berge und sanfte, weitgestreckte Hügel, Seen, Flüsse, Gewächse jeder Art, und auch das Meer fehlt nicht. Es ist wirklich das Land der Köstlichkeiten, das unsere Psalmisten, unsere Propheten, unsere großen Krieger und Dichter besungen haben», sagt Thaddäus.

«Sag einige Verse auf, du kennst so viele», bittet Jakobus des Zebedäus.

«"Mit der Schönheit des Paradieses hat er die Erde von Juda geschmückt.

Mit dem Lächeln seiner Engel hat er das Land Nephthalis geziert, und mit Flüssen von himmlischem Honig hat er den Früchten der Erde Süße gegeben.

Die ganze Schöpfung spiegelt sich in dir, Perle Gottes, von Gott seinem heiligen Volke verliehen.

Süßer als die großen Trauben, die auf den Hängen deiner Berge reifen, schmackhafter als die Milch, die das Euter deiner Schafe füllt, berauschender als der Honig, der nach den Blüten duftet, die dich bekleiden, seliges Land, so ist deine Schönheit für das Herz deiner Söhne.

Der Himmel ist herabgestiegen und zum Strom geworden, der zwei

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Edelsteine miteinander verbindet, um dir ein Gehänge und einen Gürtel für dein grünes Gewand zu machen.

Dein Jordan singt, und eines deiner Meere lacht, während das andere dich daran erinnert, daß Gott schrecklich ist. Die Hügel scheinen abends wie heitere Mädchen auf einem Rasen zu tanzen, und deine Berge beten in den engelgleichen Morgenstunden, singen in der Sonnenhitze das Alleluja oder beten, vereint mit den Sternen, deine Macht an, o allerhöchster Herr.

Du hast uns nicht in Grenzen eingeschlossen, sondern hast uns das offene Meer gegeben, um uns zu sagen, daß die Welt uns gehört."»

«Schön, nicht wahr! Wirklich schön! Ich bin nur auf dem See und in Jerusalem gewesen. Jahrelang habe ich nichts anderes gesehen. Und auch jetzt kenne ich nur Palästina. Aber ich bin überzeugt, daß es nichts Schöneres gibt auf der Welt», sagt Petrus voll nationalem Stolz.

«Maria sagte mir, daß auch das Tal des Nil sehr schön sei», sagt Johannes.

«Und der Mann von Endor sprach von Zypern wie von einem Paradies», fügt Simon hinzu.

«Schon gut. Aber unsere Heimat! ...»

Die Apostel, mit Ausnahme von Iskariot und Thomas, die ein wenig weiter vorne mit Jesus gehen, fahren fort, die Schönheiten Palästinas zu preisen.

Zuletzt kommen die Frauen, die sich nicht enthalten können, Blumensamen für ihre Gärten zu sammeln, weil die Blumen schön sind und weil sie eine Erinnerung an diese Reise bilden.

Adler, ich glaube es sind Seeadler oder vielleicht Geier, ziehen weite Kreise über die Hügel und stürzen sich bisweilen auf der Suche nach Beute in die Tiefe. Ein Streit entwickelt sich zwischen zwei Geiern, die sich mit ihren Schnäbeln bekämpfen, so daß die Federn fliegen. Es ist ein elegantes und heftiges Duell, das mit der Flucht des Besiegten endet, der sich vielleicht auf einem entfernten Berge verkriecht, um dort sein Leben zu beenden. So meinen wenigstens alle, da sein mühsamer Flug dem eines Sterbenden gleicht.

«Die Gefräßigkeit ist ihm schlecht bekommen», bemerkt Thomas.

«Gefräßigkeit und Halsstarrigkeit enden immer schlecht wie bei den dreien von gestern! ... Ewige Barmherzigkeit! Welch ein schreckliches Los!» sagt Matthäus.

«Werden sie nie mehr gesund werden?» fragt Andreas.

«Frag den Meister.»

Jesus antwortet auf die Frage: «Es wäre besser zu fragen, ob sie sich bekehren. Denn wahrlich, ich sage euch, es wäre besser, aussätzig und heilig zu sterben als gesund und als Sünder. Der Aussatz bleibt auf der Erde im Grab zurück; die Sünde hingegen bleibt in Ewigkeit.»

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«Deine Predigt von gestern hat mir sehr gefallen», sagt der Zelote.

«Mir nicht! Sie war für viele in Israel zu streng», sagt Iskariot.

«Gehörst du zu diesen?»

«Nein, Meister!»

«Nun, warum tadelst du sie?»

«Weil sie dir schaden könnte.»

«Soll ich, um keinen Schaden zu erleiden, mit den Sündern gemeinsame Sache machen?»

«Das nicht! Du wärest nicht dazu fähig. Aber schweigen solltest du. Dich nicht mit den Großen verfeinden ...»

«Schweigen ist Zustimmung. Ich billige die Sünden nicht, weder die kleinen noch die großen.»

«Aber siehst du nicht, wie es dem Täufer ergangen ist?»

«Das ist sein Ruhm!»

«Sein Ruhm? Mir scheint, es ist sein Verderben.»

«Verfolgung und Tod aus Treue zur Pflicht sind der Ruhm des Menschen. Der Märtyrer ist immer ruhmreich.»

«Aber mit dem Tod hindert man sich selbst daran, Lehrer zu sein; man verursacht den Jüngern und Familienangehörigen Leid. Er entzieht sich der Pein, aber er läßt die anderen in noch größeren Qualen zurück. Der Täufer hat keine Verwandten, das ist wahr. Aber er hat immerhin seinen Jüngern gegenüber Pflichten.»

«Auch wenn er Verwandte hätte, änderte das nichts. Die Berufung steht vor dem Blut!»

«Und das vierte Gebot?»

«Es kommt nach denen, die von Gott handeln.»

«Wie sehr eine Mutter wegen ihres Sohnes leiden kann, hast du gestern gesehen ...»

«Mutter, komm her!»

Maria eilt zu Jesus und fragt: «Was willst du, mein Sohn?»

«Mutter, Judas von Kerioth tritt für dich ein, weil er dich und mich liebt!»

«Für mich? Inwiefern?»

«Er will mich zu einer größeren Vorsicht ermahnen, damit es mir nicht ergehe wie unserem Verwandten, dem Täufer. Und er sagt, man müsse Mitleid mit den Müttern haben; ich müsse mich ihretwegen schonen, weil es das vierte Gebot so vorschreibt. Was meinst du dazu? Ich überlasse dir das Wort, Mutter, damit du unseren Judas mit Güte belehrst.»

«Ich sage, daß ich meinen Sohn nicht mehr als Gott lieben würde, ja daß ich beginnen würde, an seiner göttlichen Natur zu zweifeln, wenn ich sähe, daß er von seiner Vollkommenheit abkommt und seine Gedanken auf menschliche Berechnung erniedrigt und die übermenschlichen Gesichtspunkte, das heißt, die Erlösung der Menschen aus Liebe zu ihnen

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und zur Ehre Gottes außeracht ließe. Ich würde ihn noch lieben, meinen von einer bösen Macht verführten Sohn, aus Mitleid; weil er mein Sohn ist; weil er ein Unglücklicher wäre; aber nicht mehr mit jener Fülle an Liebe, die ich ihm jetzt entgegenbringe, da ich ihn dem Herrn ergeben sehe.»

«Sich selbst, meinst du?»

«Dem Herrn! Jetzt ist er der Messias des Herrn und muß dem Herrn treu bleiben wie jeder andere; ja mehr als jeder andere, denn er hat eine Mission, die größer ist als alle, die es bisher gegeben hat und die es je auf Erden geben wird; selbstverständlich erhält er von Gott die Hilfe, die einer so großen Mission angemessen ist.»

«Aber wenn ihm ein Übel zustieße, würdest du es nicht beklagen?»

«Mit all meinen Tränen. Doch Tränen und Blut würde ich weinen, wenn ich ihn Schiffbruch erleiden sähe in seiner Treue zu Gott.»

«Das wird die Schuld derer sehr verringern, die ihn verfolgen.»

«Warum?»

«Weil sowohl du als auch er sie sozusagen rechtfertigt.»

«Glaube das nicht. Die Schuld ist immer dieselbe in den Augen Gottes, ob wir sie nun für unvermeidlich halten oder glauben, daß kein Israelit sich gegen den Messias verschulden dürfe.»

«Kein Israelit? Und wenn es Heiden wären, wäre es nicht dasselbe?»

«Nein! Für die Heiden wäre es nur eine Schuld gegenüber ihresgleichen. Israel weiß, wer Jesus ist.»

«Viele in Israel wissen es nicht.»

«Sie wollen es nicht wissen. Sie sind vorsätzlich ungläubig. Zur Lieblosigkeit gesellt sich daher der Unglaube; er leugnet die Hoffnung. Die drei Haupttugenden werden niedergetreten, und das ist keine geringe Schuld, Judas. Es ist schwere Schuld! Eine Schuld, die geistig schwerer als der greifbare Haß gegen meinen Sohn ist.»

Judas, der nichts zu erwidern weiß, bückt sich, um sich eine Sandale zu schnüren; er bleibt etwas zurück.

Der Gipfel, oder besser eine Erhöhung in der Nähe des Berggipfels, ein Vorsprung, der sich ganz nach vorne neigt, als wolle er auf das Blau des unendlichen Meeres zueilen, ist erreicht. Ein dichter Eichenwald gibt diesem lieblichen und duftenden Bergkamm, der sich auf die naheliegende Meeresküste zuneigt, die Farbe eines klaren Smaragdes. Gleich gegenüber liegt die majestätische Kette des Karmelgebirges. In der Tiefe, am Fuß des Berges mit dem Vorsprung, der aussieht, als wolle er sich zum Fluge erheben nach den Feldern auf halbem Weg zur Küste, ist ein enges Tal mit einem tiefgelegenen Sturzbach. Dieser muß in der Regenzeit reißende Wasser führen, während er jetzt zu einem Silberfaden in der Mitte des Bettes zusammengeschrumpft ist. Der Bach eilt dem Meer zu und streift dabei den Fuß des Karmel.

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Ein Weg läuft den Bach entlang, erhöht auf der rechten Seite des Flußbettes, der eine Stadt in der Mitte des Küstenbogens mit dem Innern des Landes, vielleicht mit Samaria, verbindet, wenn ich richtig orientiert bin.

«Die Stadt ist Sycaminon», sagt Jesus. «Wir werden sie am Abend erreichen. Jetzt ruhen wir aus, denn der Abstieg ist mühsam, obgleich kühl und kurz.»

Sie sitzen im Kreise und reden miteinander und mit den Frauen, während an einem einfachen Spieß ein Lamm gebraten wird; sicher ein Geschenk der Hirten...

292. AN DIE JÜNGER VON SYCAMINON: «SICH SELBST VERZEHREN»

Gerade an den Ufern des tiefliegenden Baches trifft Jesus Isaak mit vielen bekannten und unbekannten Jüngern.

Unter den bekannten befinden sich der Synagogenvorsteher vom "Trügerischen Gewässer", Timoneus, ferner Joseph, der der Blutschande Angeklagte von Emmaus; der Jüngling, der seinen Vater von anderen begraben ließ, um Jesus zu folgen; Stephanus; der Aussätzige Abel, der vor einem Jahr bei Chorazim geheilt wurde, und sein Freund Samuel. Da sind auch der Fährmann von Jericho, Salomon und viele, viele andere, die ich kenne, von denen ich aber absolut nicht mehr weiß, an welchem Ort ich sie gesehen habe, noch ihre Namen. Und dann andere, Eroberungen Isaaks und anderer Jünger, die ich genannt habe, die der Hauptgruppe folgen in der Hoffnung, Jesus zu finden.

Die Begegnung ist herzlich, freudig und ehrfurchtsvoll. Isaak strahlt vor Freude, als er den Meister sieht und ihm seine neue Herde zeigen kann; und zum Lohn erbittet er ein Wort von Jesus für die Menge, die ihm folgt.

«Kennst du einen ruhigen Platz, wo man sich versammeln kann?»

«Am äußersten Ende des Golfes ist ein verlassener Strand. Dort gibt es Fischerhütten, die zurzeit leer stehen, weil sie ungesund sind und die Fangzeit für bestimmte Fische beendet ist. Die Fischer haben sich für die Purpurfische nach Syro-Phönizien begeben. Viele von ihnen glauben schon an dich, weil sie dich in den Städten am Meer reden gehört oder weil die Jünger von dir berichtet haben; sie haben mir die Häuser überlassen, damit wir uns dort ausruhen können. Dorthin kehren wir nach jeder Mission zurück. Denn es gibt viel zu tun an dieser Küste; sie ist durch viele Dinge völlig verdorben. Ich möchte bis nach Syro-Phönizien vordringen; aber das ist nur auf dem Seeweg möglich, denn die Sonne brennt zu sehr auf die Küste herab, als daß man es zu Fuß schaffen könnte. Aber ich

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bin ein Hirte und kein Seemann, und hier ist niemand unter uns, der segeln kann.»

Jesus, der aufmerksam zuhört, leicht lächelnd und etwas geneigt dastehend, da er sehr groß im Vergleich zum kleinen Hirten ist, antwortet: «Gott möge dir um deiner Demut willen helfen. Wenn ich hier bekannt bin, dann ist es dein Verdienst, mein Jünger! Nun werden wir die Leute vom See fragen, ob sie sich in der Lage fühlen, auf dem Meer zu segeln; wenn ja, dann werden wir zusammen nach Syro-Phönizien fahren.» Und er wendet sich um, um Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes zu suchen, die sich in lebhaftem Gespräch mit einigen Jüngern befinden, während Judas Iskariot im Hintergrund dem Stephanus Komplimente macht und der Zelote mit Bartholomäus und Philippus bei den Frauen weilen. Die anderen vier sind bei Jesus.

Die vier Fischer kommen sofort herbei. «Wäret ihr in der Lage, mit dem Boot aufs Meer hinaus zu fahren?» fragt Jesus.

Die vier blicken sich erstaunt an. Petrus rauft sich die Haare, während er überlegt. Dann fragt er: «Aber wohin? Weit hinaus? Wir sind Fischer vom Süßwasser ...»

«Nein, längs der Küste bis nach Sidon.»

«Hm, ich glaube, das wäre zu machen. Was meint ihr?»

«Das glaube ich auch. Meer und See sind im Grunde genommen dasselbe: Wasser», sagt Jakobus.

«Es wird sogar schöner und leichter sein», sagt Johannes.

«Das weiß ich nun gerade nicht. Woraus schließt du das?» fragt sein Bruder.

«Aus seiner Liebe zum Meer. Wer etwas liebt, sieht nur die guten Seiten. Wenn du so eine Frau liebst, dann wärest du ein vollkommener Bräutigam», scherzt Petrus und schüttelt liebevoll Johannes.

«Nein, ich sage es, weil ich in Askalon gesehen habe, daß die Manöver dieselben sind und das Fahren angenehm ist», antwortet Johannes.

«Dann wollen wir gehen!» ruft Petrus aus.

«Es wäre jedoch immer besser, jemanden vom Ort bei uns zu haben. Wir kennen dieses Meer und seine Eigenart nicht», bemerkt Jakobus.

«Oh! Daran denke ich nicht einmal! Wir haben Jesus bei uns! Früher war ich nicht so sicher, aber seitdem er den See beruhigt hat! Fahren wir, fahren wir mit dem Meister nach Sidon. Vielleicht kann dort etwas Gutes getan werden», sagt Andreas.

«Dann laßt uns gehen. Ich werde für morgen die Boote besorgen. Laß dir von Judas des Simon die Börse geben.»

Apostel und Jünger sind in festlicher Stimmung, besonders jene, die Jesus bereits gut kennen. Sie kehren um, umgehen die Stadt und erreichen das äußerste Ende der Bucht, das wie ein gebogener Arm ins Meer hineinragt.

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Dort stehen nur wenige armselige Häuser, die über die schmale, kiesige Küste verstreut sind und das ärmste Viertel der Stadt bilden, das nur zeitweise bewohnt wird. Nun die Häuser: es sind Würfel mit rissigem Gemäuer, vom Salzwasser und Alter beschädigt. Sie sind alle geschlossen. Als die Jünger sie öffnen, zeigen sie ihr rauchgeschwärztes Elend und ihren Geschirrvorrat, der sich auf das Allernötigste beschränkt.

«Seht, sie sind sehr bequem und sauber, wenn auch nicht gerade schön», sagt Isaak, der sich zum Gastgeber macht.

«Schön sind sie nicht, diese armen, kleinen Dinger. Das "Trügerische Gewässer" war ein Königspalast dagegen. Und dennoch beklagte sich der eine oder andere...» brummt Petrus.

«Aber für uns sind sie ein Segen.»

«Gewiß! Das Wichtigste ist, ein Dach über dem Kopf zu haben und sich gegenseitig zu lieben. Schau da, unseren Johannes! Wie geht es dir? Wo bist du gewesen?»

Doch Johannes von Endor, der Petrus zulächelt, eilt ehrfurchtsvoll Jesus entgegen, um ihn mit herzlichen Worten zu begrüßen.

«Ich habe ihn nicht kommen lassen, denn es ging ihm nicht gut... Er bleibt besser hier. Er versteht es so gut mit den Bürgern und mit denen, die gerne etwas über den Messias erfahren möchten, umzugehen...» sagt Isaak.

In der Tat ist der Mann von Endor noch magerer als früher. Aber sein Antlitz ist heiter. Die Magerkeit veredelt seine Züge. Er gleicht einem, der schon vom zweifachen Martyrium des Fleisches und des Geistes berührt worden ist.

Jesus beobachtet ihn und fragt: «Bist du krank, Johannes?»

«Nicht mehr als bevor ich dich kennenlernte. Aber die Krankheit betrifft nur meinen Körper. In der Seele heilen, wenn ich es richtig beurteile, meine besonderen Wunden immer mehr.»

Jesus blickt noch in sein ruhiges Auge und auf die Stirn mit den etwas eingesunkenen Schläfen und sagt nichts weiter. Er legt ihm seine Hand auf die Schulter, während er mit ihm ein kleines Haus betritt, in das Schüsseln mit Meerwasser für die müden Füße und Krüge mit frischem Wasser für den Durst gebracht worden sind. Draußen, auf einfachen Tischen, die von einer schütteren Laube von Schlingpflanzen beschattet werden, wird das Essen vorbereitet.

Und es ist schön, während die Abenddämmerung hereinbricht und das Meer sein Abendgebet murmelt, zu sehen, wie Jesus mit den Frauen und Aposteln das Abendmahl einnimmt. Sie sitzen an rauhen Tischen, während die anderen, teils am Boden, teils auf Hockern oder umgestürzten Körben sitzend, einen Kreis um den Haupttisch bilden. Das Abendmahl ist bald beendet und die Tische sind rasch abgedeckt, denn es gab kaum Geschirr, nur für die wichtigsten Gäste. Das Meer ist indigoschwarz in der

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noch mondlosen Nacht, und seine ganze Macht enthüllt sich in dieser traurigen und eigenartig feierlichen Stunde an der Meeresküste.

Jesus, dessen hohe und helle Gestalt unter den immer dunkler werdenden Schatten gut erkennbar ist, erhebt sich vom Tisch und begibt sich in die Mitte der kleinen Gruppe der Jünger, während die Frauen sich zurückziehen. Isaak und ein anderer zünden auf dem Sand kleine Feuer an, die zur Beleuchtung dienen, und auch um die Mückenschwärme fernzuhalten, die wahrscheinlich von den nahen Tümpeln kommen.

«Der Friede sei mit euch allen!

Die Barmherzigkeit Gottes versammelt uns schon vor der festgelegten Zeit und verleiht unseren Herzen gegenseitige Freude. Ich habe sie alle geprüft, diese eure Herzen, die im Grunde gut sind, wie dies eure Anwesenheit hier beweist. Ihr, die ihr noch geistig unvollkommen seid, wie dies gewisse Reaktionen zeigen, habt mich erwartet, um euch nach mir zu formen. In euch besteht noch der alte Mensch Israels mit allen seinen Vorstellungen und Vorurteilen fort. Aus ihm ist noch nicht – wie aus der Puppe des Falters -- der neue Mensch, der Mensch des Christus, hervorgegangen, der von Christus die weite, lichtvolle, barmherzige Verfassung und noch mehr die großzügige Liebe hat. Aber seid nicht betrübt, daß ich euch durchforscht und in euren Herzen gelesen habe. Ein Meister muß seine Schüler kennen, um sie von ihren Fehlern befreien zu können. Und glaubt mir, wenn er ein guter Meister ist, läßt er sich nicht von den am meisten mit Fehlern Behafteten abstoßen, sondern bemüht sich vielmehr, sie zu bessern. Ihr wißt, daß ich ein guter Meister bin.

Und nun wollen wir miteinander diese Reaktionen und Vorurteile betrachten und die Gründe erwägen, die uns hierher geführt haben. Und in der Freude, die uns vereinigt, wollen wir den Herrn preisen, der immer aus einem individuellen Guten ein gemeinschafliches Gute zu gestalten weiß.

Ich habe von euren Lippen vernommen, wie sehr ihr Johannes von Endor bewundert und darum gerade bewundert, weil er sich als bekehrten Sünder bekennt. Mit der Wandlung, die in ihm stattgefunden hat, baut er seine Predigten auf und überzeugt er viele, die er zu mir führen will. Es ist wahr, er war ein Sünder. Jetzt ist er ein Jünger. Viele von euch sind durch sein Verdienst zum Meister gekommen. Ihr seht also, wie gerade durch diese Mittel, die der alte Mensch von Israel verachten würde, Gott ein neues Volk Gottes schafft.

Nun bitte ich euch, euch eines jeden unlauteren Urteils über die Anwesenheit einer Schwester zu enthalten, die das alte Israel niemals als Jüngerin anerkennen könnte. Ich habe den Frauen gesagt, sie sollen zur Ruhe gehen. Aber nicht so sehr um ihnen Ruhe zu gönnen, als vielmehr, um die Gelegenheit zu haben, eine Bekehrung in heiliger Weise zu erklären und euch vor einer Sünde gegen die Nächstenliebe und die Gerechtigkeit zu

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schützen, habe ich diesen Befehl gegeben, der die Jüngerinnen gewiß betrübt hat.

Maria von Magdala, die große Sünderin in Israel, die keine Entschuldigung für ihre Sünde hat, ist zum Herrn zurückgekehrt. Und von wem soll sie Vertrauen und Barmherzigkeit erwarten, wenn nicht von Gott und den Dienern Gottes? Ganz Israel, und mit Israel die Fremden, die unter uns sind, die sie sehr gut kennen und sie jetzt verdammen, da sie nicht mehr an ihren Ausschweifungen teilnimmt, tadeln und verspotten diese Auferstehung.

Auferstehung, das ist das rechte Wort. Das Fleisch aufzuerwecken ist nicht das größte Wunder. Es ist immer ein relatives Wunder, denn es wird eines Tages vom Tod annulliert. Ich gebe nicht dem im Fleische Auferweckten, wohl aber dem im Geist Auferstandenen Unsterblichkeit. Und während ein leiblich Toter nicht seinen Willen, aufzuerstehen mit dem meinigen vereinigt, also nicht an seiner Auferweckung mitwirkt, ist bei dem, der dem Geiste nach aufersteht, der Wille tätig; ja der gute Wille ist unerläßlich für seine Bekehrung.

Das sage ich nicht, um mich zu rechtfertigen. Gott allein habe ich Rechenschaft abzulegen. Aber ihr seid meine Jünger. Meine Jünger müssen andere Jesus sein. Bei euch darf es keine Unwissenheit und keine von jenen alten Vergehen geben, deretwegen viele nur dem Namen nach mit Gott vereint sind.

Alles ist für gute Handlungen empfänglich. Auch, was am wenigsten dafür geeignet scheint. Wenn sich etwas dem Willen Gottes überläßt, und selbst wenn es noch so leblos, kalt und schmutzig ist, kann es Bewegung, Flamme und reine Schönheit werden. Ich bringe euch ein Gleichnis aus dem Buch der Makkabäer!

Als Nehemias vom König von Persien nach Jerusalem zurückgeschickt wurde, wollte man im wiederaufgebauten Tempel und auf dem gereinigten Altare Opfer darbringen. Nehemias erinnerte sich, daß im Augenblick der Festnahme durch die Perser die Priester, die zum Gottesdienst bestimmt waren, das Feuer vom Altare genommen und es an einem geheimen Ort, in einem tiefen, trockenen Brunnen eines Tales verborgen hatten. Und sie waren so sorgfältig vorgegangen, daß nur sie wußten, wo das heilige Feuer sich befand.

In der Erinnerung daran ließ Nehemias die Enkelkinder dieser Priester kommen, um sie zum Ort zu schicken, dessen geheimer Name über Generationen vom Vater an den Sohn weitergegeben worden war, und das heilige Feuer holen zu lassen, mit dem das Opferfeuer entzündet werden sollte.

Doch als die Enkel in den verborgenen Brunnen hinabstiegen, fanden sie kein Feuer, sondern trübes Wasser, einen übelriechenden, schmutzigen, schweren Schlamm, der, aus den Kloaken des zerstörten Jerusalem kommend, dort eingedrungen war. Sie teilten es Nehemias mit. Dieser

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jedoch befahl, von diesem Wasser zu nehmen und es ihm zu bringen. Daraufhin ließ er Holz auf den Altar legen und auf das Holz die Opfer und besprengte alles mit dem schlammigen Wasser. Das Volk schaute erstaunt zu, und die bestürzten Priester führten ehrfurchtsvoll die Befehle aus, nur weil sie von Nehemias gegeben worden waren.

Aber welche Traurigkeit in ihren Herzen! Welch ein Mißtrauen! Wie die Wolken am Himmel den Tag traurig erscheinen ließen, so stimmte der Zweifel in den Herzen die Menschen melancholisch.

Aber die Sonne zerriß die Wolken und stieg mit ihren Strahlen auf den Altar herab, und das mit schlammigem Wasser besprengte Holz fing Feuer, während die Priester die von Nehemias verfaßten Gebete und die schönsten Hymnen Israels sangen, bis das ganze Opfer verbrannt war. Um dem Volk zu zeigen, daß Gott auch mit wenig geeigneter Materie, die zu einem guten Zweck gebraucht wird, Wunder wirken kann, ordnete Nehemias an, daß der Rest des Wassers auf große Steine geschüttet wurde. Und die so besprengten Felsstücke gingen ebenfalls in Flammen auf und verzehrten sich im großen Licht, das vom Altar kam.

Jede Seele ist ein heiliges Feuer, das von Gott auf den Altar des Herzens gelegt wird und dazu dient, das Opfer des Lebens mit der Liebe zum Schöpfer zu verbrennen. Jedes Leben ist ein Brandopfer, wenn es gut angelegt wird; jeder Tag ist ein Opfer, wenn er in Heiligkeit zugebracht wird.

Aber es kommen die Räuber, die Bedrücker der Menschen und der Seelen der Menschen. Das Feuer verbirgt sich im tiefen Brunnen, nicht aus heiliger Notwendigkeit, sondern aus elender Torheit. Und dort, überschwemmt vom Abwasser der Lasterhöhlen, wird es zum schmutzigen und schweren Schlamm, bis ein Priester in diese Tiefe hinabsteigt und den Schlamm zum Sonnenlicht bringt und ihn mit seinem eigenen Opfer vereinigt.

Denn, das sollt ihr wissen: es genügt nicht der Heldenmut des Reumütigen. Es braucht auch den Heroismus dessen, der bekehrt. Er muß sogar dem anderen vorausgehen, denn die Seelen werden durch unsere Opfer gerettet. Nur so bewirkt man, daß der Schlamm sich in Flamme verwandelt, und Gott das dargebrachte Opfer als vollkommen und seiner Heiligkeit genehm ansieht.

Und da dies noch nicht genügt, um die Welt davon zu überzeugen, daß ein reumütiger Schlamm besser brennt als ein gewöhnliches Feuer, auch wenn es heiliges Feuer ist, das dazu dient, Holz und Opfer zu verbrennen, wird dieser Reueschlamm so mächtig, daß er auch Steine, also unbrennbare Materie verbrennen kann.

Und fragt ihr euch nicht, wer diesem Schlamm eine solche Eigenschaft verleiht? Wißt ihr es nicht?

So werde ich es euch sagen: in der Glut der Reue verschmilzt die Flamme mit der Flamme von Gott; die Flamme, die aufsteigt, mit der Flamme,

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die herabsteigt; die Flamme, die sich in Liebe opfert, mit der Flamme, die sich liebend schenkt. Es handelt sich um eine Umarmung zweier, die sich lieben, die sich wiederfinden, die sich verbinden und ein Wesen bilden. Und da die größere die Flamme von Gott ist, so überbordet sie und überschwemmt und verzehrt die Flamme des Reueschlammes, die nun nicht mehr die beschränkte Flamme eines Geschöpfes, sondern die unendliche Flamme des ungeschaffenen Wesens ist: des allerhöchsten, allmächtigen, ewigen Gottes.

Das sind die großen Sünder, die sich wahrhaftig bekehrt haben; die sich hochherzig der Bekehrung hingegeben haben, ohne etwas von der Vergangenheit zurückzubehalten; die als erstes sich selbst in ihrem belasteten Teil verbrennen mit der Flamme, die aus ihrem Schlamm entspringt, die der Gnade entgegengeeilt ist und sie berührt hat.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, viele Steine in Israel werden vom Feuer Gottes ergriffen werden, durch diese brennenden Feueröfen, die immer stärker brennen werden bis zur Auflösung der menschlichen Natur und die fortfahren, die Steine, die Lauheiten, die Ungewißheiten und die Furchtsamkeiten der Erde von ihrem Thron im Himmel aus zu verbrennen. Sie werden wahre übernatürliche Brennspiegel sein, die das Licht der Dreifaltigkeit sammeln und es auf die Menschheit widerspiegeln, um sie durch Gott zu entflammen.

Ich wiederhole euch, ich habe es nicht nötig, meine Handlungen zu rechtfertigen, aber ich will, daß ihr in meine Gedankenwelt eintretet und sie zu der euren macht. Für jetzt und für andere ähnliche Fälle in der Zukunft, wenn ich nicht mehr bei euch sein werde.

Der pharisäische Verdacht, Gott zu beflecken, wenn ihr ihm einen reuigen Sünder zuführt, darf euch niemals von einem solchen Werk zurückhalten, das die vollkommene Krönung der Mission ist, für die ich euch bestimme.

Haltet euch immer vor Augen, daß ich nicht gekommen bin, Heilige zu retten, sondern die Sünder! Ihr müßt das gleiche tun; denn der Jünger steht nicht über dem Meister, und wenn es mich nicht anwidert, den Auswurf der Menschheit, der seine Sehnsucht nach dem Himmel bekennt, bei der Hand zu nehmen, und ihn frohlockend zu Gott zu führen, weil dies meine Aufgabe ist und weil eine jede solche Eroberung eine Rechtfertigung meiner Menschwerdung ist, meiner Entäußerung des Unendlichen: dann dürft auch ihr euch nicht scheuen, dasselbe zu tun; denn ihr begrenzten Menschen habt die Unvollkommenheit alle mehr oder weniger kennengelernt, da ihr von derselben Beschaffenheit seid wie die sündigen Brüder; und euch habe ich zu Erlösern auserwählt, damit mein Werk von Jahrhundert zu Jahrhundert auf der Erde fortgesetzt werde, wie wenn ich selbst noch auf ihr lebte in einer jahrhundertelangen Existenz. Und so wird es sein, da die Einheit meiner Priester den lebenspendenden Teil des

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großen Leibes der Kirche bilden wird, deren belebender Geist ich sein werde; und um diesen lebenspendenden Teil werden sich all die zahllosen Teilchen der Gläubigen versammeln, um einen Körper zu bilden, der nach meinem Namen benannt sein wird. Wenn aber die lebenspendende Kraft im priesterlichen Teil fehlt, woher könnten dann die zahllosen Teilchen Leben haben?

In Wahrheit könnte ich mein Leben bis zu den entferntesten Teilchen dringen lassen und die Zisternen und die Kanäle übergehen, die verstopft und nutzlos sind und ihre Aufgabe nicht erfüllen. Denn der Regen fällt nieder, wo er will, und die guten Teilchen, die von sich aus das Leben wollen, würden gleichwohl mein Leben leben. Aber was wäre dann das Christentum? Ein Nebeneinander-Bestehen von Seelen und Seelen. Sie wären nahe beieinander und doch durch Kanäle und Zisternen getrennt, die nicht mehr verbinden und nicht mehr das lebenspendende Blut verteilen, das aus einem einzigen Mittelpunkt kommt, sondern Mauern und Abgründe der Trennung bilden, über welche sich die Teilchen, menschlich gesprochen, feindlich betrachten würden, während ihre übernatürlich betrübten Seelen sagen würden: "Wir waren doch Brüder und fühlen uns noch als solche, obgleich wir uns getrennt haben." Ein NebeneinanderBestehen, keine Verschmelzung. Kein Organismus. Und auf diese Ruine würde meine Liebe trauernd strahlen...

Und weiter. Glaubt nicht, daß dies nur für religiöse Spaltungen gelte. Nein, es gilt auch für alle jene Seelen, die allein bleiben, weil die Priester sich weigern, sie zu unterstützen, sich ihrer anzunehmen und sie zu lieben, indem sie ihrer Mission entgegenhandeln, die darin besteht, zu sagen und zu tun, was ich sage und tue, also: "Kommt alle zu mir, und ich werde euch zu Gott führen."

Geht nun in Frieden! Gott sei mit euch!»

Die Menschen zerstreuen sich langsam, und jeder geht zu seinem Häuschen. Auch Johannes von Endor, der Notizen gemacht hat, während Jesus sprach, und sich der Hitze des Feuers ausgesetzt hat, um sehen zu können, was er schrieb, erhebt sich nun. Doch Jesus hält ihn zurück und sagt: «Bleibe noch ein wenig bei deinem Meister.» Und er behält ihn in seiner Nähe, bis alle sich entfernt haben.

«Wir wollen bis zu den Felsen am Rand des Wassers gehen. Der Mond steigt immer höher, man kann den Weg sehen.»

Johannes stimmt zu, ohne etwas zu erwidern. Sie entfernen sich etwa zweihundert Meter von den Häusern und setzen sich auf einen großen Felsblock, von dem ich nicht weiß, ob es ein Stück des Hafendammes oder der letzte, aus dem Wasser ragende Fels eines im Meer liegenden Felsenriffs oder die Ruine eines Hauses ist, das vom Meer verschlungen wurde, welches im Laufe der Jahrhunderte immer weiter ins Land vorgedrungen ist.

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Ich weiß nur, daß man vom Ufer aus dorthin gelangen kann, indem man den Fuß auf Felsvorsprünge setzt, die als Stufen dienen, und daß der Fels auf der anderen Seite direkt ins Meer abfällt und sich ins blaugrüne Wasser taucht. Da jetzt Flut ist, ist der Felsblock im Halbkreis von Wasser umgeben, das rauscht, leicht gegen diesen Widerstand klatscht und dann mit dem Geräusch eines enormen Ausatmens zurückweicht, um schließlich zu schweigen. Einen Augenblick später beginnt diese synkopierte Musik mit ihrem regelmäßigen Rauschen, Klatschen und Schweigen aufs neue.

Sie setzen sich auf den Gipfel dieser vom Meer umspülten Steinmasse. Der Mond zieht eine silberne Straße über das Gewässer und färbt das Meer tiefblau, das vor dem Mondaufgang nichts anderes war als eine schwärzliche Ebene im Dunkel der Nacht.

«Johannes, sagst du deinem Meister nicht, weshalb dein Körper leidet?»

«Du weißt es, Herr. Aber sage nicht "leidet", sage "sich verzehrt"! Das ist genauer, und du weißt es; und du weißt auch, daß er sich jauchzend verzehrt. Danke, Herr! Auch ich habe mich in dem Schlamm wiedererkannt, der zur Flamme wird. Aber ich werde keine Zeit haben, Felsen anzuzünden, Herr, denn ich werde bald sterben. Ich habe zu sehr unter dem Haß der Welt gelitten und juble zu sehr aus Liebe zu Gott. Aber ich trauere dem Leben nicht nach. Hier könnte ich noch sündigen und in der Mission fehlen, zu der du uns bestimmt hast. Zweimal schon habe ich in meinem Leben gefehlt. In meiner Mission als Lehrer, denn da hätte ich Gelegenheit gehabt, mich selbst zu bilden, und ich habe es nicht getan; und als Gatte, denn ich habe nicht verstanden, meine Frau zu erziehen. Logischerweise! Ich habe nicht verstanden, mich selbst zu erziehen und konnte also auch sie nicht belehren. Nun könnte ich auch in meiner Mission als Jünger fehlen, und ich möchte nicht gegen dich fehlen. Es sei daher du, Tod gesegnet, wenn er kommt, um mich dorthin zu tragen, wo man nicht mehr sündigen kann! Wenn ich nicht mehr die Aufgabe des lehrenden Jüngers habe, nehme ich das Los des Opfers an, das dem deinen am nächsten kommt. Du hast es heute abend gesagt: "Zuerst sich selbst verzehren."»

«Johannes, ist das ein Los, das du erträgst, oder ein Opfer, das du darbringst?»

«Ein Opfer, das ich darbringe, wenn Gott nicht den Schlamm verschmäht, der Feuer geworden ist.»

«Johannes, du tust große Buße.»

«Alle Heiligen tun es, und du als erster. Es ist gerecht, daß es auch der tut, der soviel wiedergutzumachen hat. Aber vielleicht findest du, daß meine Opfer Gott nicht wohlgefällig sind? Verbietest du sie mir?»

«Ich verhindere nie die guten Regungen einer Seele, die liebt. Ich bin gekommen, durch die Tat zu predigen, daß im Leiden gesühnt wird und im Schmerz Erlösung ist. Ich kann mir selbst nicht widersprechen.»

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«Danke, Herr. Es wird meine Aufgabe sein!»

«Was hast du geschrieben, Johannes?»

«Oh, Meister! Bisweilen tauchen im alten Felix die Gewohnheiten des Lehrers wieder auf. Ich denke an Margziam. Er hat ein ganzes Leben vor sich, während dem er von dir predigen wird, und er ist seines Alters wegen bei deinen Predigten nicht zugegen. Ich will darum einige Lehren, die du uns gibst und die das Kind nicht gehört hat, weil es in sein Spiel vertieft war oder nicht bei uns weilte, aufzeichnen. In deinen Worten, auch den geringsten, ist soviel Weisheit! Deine familiären Gespräche sind schon eine Unterweisung, besonders wenn sie sich auf Dinge des Alltags eines jeden Menschen beziehen; auf die Kleinigkeiten, die im Grunde doch die Grundsteine des Lebens sind, da sie zusammen eine große Last bilden, die Geduld, Ausdauer und Ergebenheit erfordert, um in Heiligkeit ertragen zu werden. Es ist viel leichter, eine einzige heldenhafte Tat zu vollbringen als Tausende von kleinen Taten, die eine beständige Bereitschaft der Tugend erfordern. Und doch erreicht man keine große Tat, sei es im Guten oder im Bösen – ich weiß es, was das Böse betrifft – wenn man nicht zuvor eine große Menge kleiner und anscheinend unbedeutender Taten angehäuft hat. Ich habe begonnen, zu töten, als ich, der Eitelkeit meiner Frau müde, ihr den ersten verächtlichen Blick zugeworfen habe. Für Margziam habe ich deine kleinen Lehren aufgezeichnet. Und diesen Abend hatte ich das Verlangen, deine große Lehre aufzuzeichnen. Ich werde meine Arbeit dem Knaben zurücklassen, damit er sich lange des alten Lehrers erinnere, damit er auch das habe, was er sonst nicht hätte. Es wird sein herrlicher Schatz sein. Deine Worte! Erlaubst du es mir?»

«Ja, Johannes! Aber sei beruhigt wie dieses Meer. Es wäre zu beschwerlich für dich, in der Sonnenhitze zu wandern; das apostolische Leben ist eine wahre Sonnenglut. Du hast in deinem Leben schon so viel gekämpft. Jetzt ruft Gott dich zu sich in diesem sanften Schein des Mondes, der alles besänftigt und reinigt. Wandle in der Liebe Gottes. Ich sage dir: Gott ist zufrieden mit dir!»

Johannes von Endor ergreift die Hand Jesu, küßt sie und flüstert: «Und doch wäre es auch schön gewesen, der Welt zu sagen: "Komm zu Jesus!"»

«Du wirst es vom Paradies aus sagen, denn auch du wirst ein Brennspiegel sein. Gehen wir nun, Johannes! Ich würde gerne lesen, was du geschrieben hast.»

«Hier ist es, Herr! Morgen werde ich dir auch die andere Rolle geben, auf der ich die anderen Worte aufgeschrieben habe.»

Sie steigen von ihrem Felsen hinab und kehren im klaren Mondschein, der den Kies am Ufer in Silber verwandelt, zu ihren Häuschen zurück. Sie grüßen sich, Johannes sich verbeugend, Jesus ihn segnend, die Hand auf sein Haupt legend und ihm seinen Frieden wünschend.

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293. IN TYRUS; «BEHARRLICHKEIT IST DAS GROSSE WORT»

In den ersten Morgenstunden kommt Jesus vor einer Stadt am Meere an. Vier Barken folgen der seinen. Die Stadt ragt in eigenartiger Weise ins Meer hinaus, als ob sie auf einer Landzunge erbaut wäre; vielmehr als ob eine schmale Landzunge den ins Meer ragenden Stadtteil mit jenem auf dem Festland verbinden würde. Vom Meer aus gesehen gleicht sie einem großen Pilz, wobei der Pilzhut auf den Wellen liegt, während die Wurzeln an der Küste verankert sind. Die Landenge bildet den Stengel. Auf beiden Seiten befindet sich je ein Hafen. Der eine, nach Norden geöffnete, ist weniger geschützt und voller Boote. Der südliche ist besser geschützt und voller großer Schiffe, die ankommen oder abfahren.

«Wir müssen dorthin fahren», sagt Isaak und zeigt auf den Hafen mit den kleinen Booten. «Dort sind die Fischer.»

Sie fahren um die Insel herum, und ich sehe, daß die Landenge ein künstlicher Damm ist, der das Inselchen mit dem Festland verbindet. Aus diesem Werk und der Anzahl der Schiffe schließe ich, wie reich und aktiv der Handel dieser Stadt sein muß. Hinter der Stadt erheben sich nach einer Ebene schöne Flügel, und in der Ferne sieht man den großen Hermon und die libanesische Bergkette. Ich glaube, daß dies eine der Städte ist, die ich vom Libanon aus gesehen habe.

Das Boot Jesu gleitet in die Reede des nördlichen Hafens, legt jedoch nicht an, sondern fährt mit Hilfe der Ruder langsam vorwärts und rückwärts, bis Isaak jene entdeckt, die er sucht; er ruft sie mit lauter Stimme.

Es nähern sich zwei schöne Fischerboote, und die Besatzung beugt sich über die kleineren Boote der Jünger.

«Der Meister ist bei uns, Freunde! Kommt, wenn ihr sein Wort hören wollt! Gegen Abend wird er nach Sycaminon zurückkehren», sagt Isaak.

«Wir kommen sofort. Wo sollen wir hingehen?»

«An einen ruhigen Platz. Der Meister steigt nicht aus in Tyrus, geht auch nicht in die Stadt auf dem Festland. Er wird von der Barke aus reden. Wählt einen schattigen und geschützten Ort.»

«Folgt uns zu den Felsen; dort gibt es ruhige und schattige Buchten. Ihr könnt dort aussteigen.»

Sie fahren in eine weiter nördlich liegende Einbuchtung. Die steil abfallende Küste schützt vor der Sonne. Der Ort ist verlassen, und nur Möwen und wilde Tauben fliegen aufs Meer hinaus und kehren mit großem Geschrei zu ihren Nestern in den Felsen zurück.

Andere Barken haben sich dem Leitboot angeschlossen und bilden so eine kleine Flotte. Im Hintergrund dieses kleinen Golfes ist eine Spur von Strand. Wirklich nur eine Spur: ein kleiner, mit Steinen übersäter Platz. Doch um die hundert Personen kann er aufnehmen.

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Sie steigen aus, indem sie eine breite Felsplatte, die aus dem tiefen Wasser herausragt, als natürliche Landungsbrücke benützen, und lassen sich dann auf dem steinigen Strand nieder, der von Salzablagerungen glitzert. Es sind hagere, von der Sonne und vom Meer braungebrannte Männer. Kurze Unterkleider lassen die mageren, kräftigen Arme und Beine unbedeckt. Der Unterschied dieser Rasse zu der der anwesenden Juden ist deutlich erkennbar; weniger auffallend ist der Unterschied zu den Galiläern. Ich möchte sagen, daß diese syro-phönizischen Männer eine weit größere Ähnlichkeit mit den fernen Philistern als mit den Nachbarvölkern haben.

Jesus wendet der Küste den Rücken zu und beginnt zu sprechen.

«Im Buch der Könige steht geschrieben, daß der Herr Elias während einer Trockenheit und Hungersnot, die das Land mehr als drei Jahre lang bedrängte, befahl, nach Sarepta in das Land der Sidonier zu gehen.

Der Herr ließ es nicht an Mitteln fehlen, um seinen Propheten an jedem Ort zu sättigen; auch sandte er ihn nicht nach Sarepta, weil diese Stadt reich an Nahrungsmitteln war. Im Gegenteil, dort waren die Leute bereits am Verhungern. Warum also sandte der Herr Elias, den Thesbiten, dorthin?

Es lebte in Sarepta eine Frau geraden Sinnes. Eine heilige Witwe, die Mutter eines Knaben. Sie war arm und allein, aber nicht rebellisch wegen der furchtbaren Strafe; sie war nicht selbstsüchtig in ihrem Hunger und nicht ungehorsam. Gott wollte sie belohnen und ihr drei Wunder schenken. Eines wegen des Wassers, das sie dem Durstigen gebracht hatte; eines wegen des kleinen Brotes, das sie ihm unter der Asche gebacken hatte, als sie nur noch eine Handvoll Mehl hatte; eines wegen, der Gastfreundschaft, die sie dem Propheten gewährt hatte. Er schenkte ihr Brot und Öl, das Leben des Sohnes und die Kenntnis des Wortes Gottes.

Ihr seht, daß ein Akt der Liebe nicht nur den Körper sättigt, den Schmerz des Todes nimmt, sondern auch die Seele in der Weisheit des Herrn unterrichtet.

Ihr habt den Dienern des Herrn Obdach gewährt, und er gibt euch dafür das Wort der Weisheit. In dieses Land, in welches das Wort Gottes nicht kommt, bringt es ein gutes Werk. Ich kann euch vergleichen mit der einzigen Frau von Sarepta, die einen Propheten aufnahm. Auch ihr seid hier die einzigen, die den Propheten aufnehmen. Denn wäre ich in der Stadt der Reichen und Mächtigen ausgestiegen, hätten sie mich nicht aufgenommen; die vielbeschäftigten Kaufleute und Schiffsleute hätten mich nicht beachtet, und mein Kommen wäre nutzlos gewesen.

Jetzt verlasse ich euch, und ihr fragt: "Aber wer sind wir denn? Eine Handvoll Menschen. Was besitzen wir? Einen Tropfen Weisheit." Und dennoch sage ich euch: Ich verlasse euch und trage euch auf, die Stunde des Erlösers zu verkündigen. Ich verlasse euch und wiederhole die Worte

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des Propheten Elias: der Mehlkrug wird sich nicht erschöpfen. Das Öl wird nicht abnehmen, bis derjenige kommt, der es noch reichlicher austeilen wird.

Ihr habt es schon getan. Denn hier sind Phönizier, vermischt mit Menschen von jenseits des Karmel. Das ist ein Zeichen dafür, daß ihr das gesprochen habt, was euch gesagt worden ist. Seht, wie diese Handvoll Mehl und dieses Tröpflein Öl sich nicht erschöpfen, sondern stets zunehmen. Fahrt fort, sie zunehmen zu lassen. Und wenn es euch eigenartig scheint, daß Gott euch für dieses Werk auserwählt hat, da ihr glaubt, dafür ungeeignet zu sein, so sprecht das Wort des großen Vertrauens: "Ich werde tun, was du mir gesagt hast, denn ich vertraue deinem Wort."»

«Meister, aber wie sollen wir uns diesen Heiden gegenüber verhalten? Diese hier kennen wir durch die Fischerei. Die gemeinsame Arbeit vereinigt uns. Aber die anderen?» fragt ein Fischer aus Israel.

«Die gemeinsame Arbeit vereinigt uns, sagst du. Sollte nicht auch eine gemeinsame Abstammung euch vereinigen? Gott hat die Israeliten geschaffen, aber auch die Phönizier. Die von der Ebene Saron und jene von Galiläa unterscheiden sich nicht von denen dieser Küste. Das Paradies ist für alle Menschenkinder geschaffen worden. Und der Menschensohn kommt, um alle Menschen ins Paradies zu führen. Das Ziel ist, den Himmel erwerben und dem Vater Freude bereiten. Geht also auf demselben Weg und liebt euch geistigerweise, so wie ihr euch jetzt der Arbeit wegen liebt.»

«Isaak hat uns viel gesagt; aber wir möchten noch mehr wissen. Wäre es möglich, einen Jünger für uns zu haben, da wir so abgelegen sind?»

«Schicke uns Johannes von Endor, Meister! Er ist dafür geeignet, denn er ist gewohnt, unter Heiden zu leben», schlägt Judas Iskariot vor.

«Nein, Johannes bleibt bei uns», antwortet Jesus entschieden.

Dann wendet er sich an die Fischer: «Wann ist der Purpurfischfang zu Ende?»

«Zur Zeit der Herbststürme. Nachher ist das Meer hier zu bewegt.»

«Kehrt ihr dann nach Sycaminon zurück?»

«Ja, und auch nach Caesarea. Wir versorgen die Römer mit viel Fisch.»

«Dann könnt ihr dort wieder mit den Jüngern zusammentreffen. In der Zwischenzeit harrt aus.»

«Hier in meiner Barke ist ein Mann, den ich nicht haben wollte; er ist sozusagen in deinem Namen gekommen.»

«Wer ist es?»

«Ein junger Fischer aus Askalon.»

«Laß ihn aussteigen und zu mir kommen.»

Der Mann geht an Bord und kehrt mit einem Jüngling zurück, der ziemlich verwirrt ist, Gegenstand so vieler Aufmerksamkeit zu sein.

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Der Apostel Johannes erkennt ihn wieder. «Das ist einer von denen, die uns Fische gegeben haben, Meister», und er erhebt sich, um ihn zu begrüßen. «Du bist also gekommen, Ermastheus? Hierher? Bist du allein?»

«Allein. Nach Kapharnaum zu gehen, habe ich nicht gewagt... Ich bin an der Küste geblieben, in der Hoffnung...»

«In der Hoffnung?»

«Deinen Meister zu sehen.»

«Ist er noch nicht dein Meister? Warum bist du noch unsicher, Freund? Komm ans Licht, das dich erwartet. Schau, wie er dich beobachtet und dir zulächelt.»

«Wie wird man mich ertragen?»

«Meister, komm einen Augenblick zu uns.»

Jesus erhebt sich und geht zu Johannes.

«Er wagt nicht, weil er ein Fremder ist.»

«Für mich gibt es keine Fremden. Wo sind deine Kameraden? Wart ihr nicht viele? ... Sei nicht betrübt! Du allein hast ausgeharrt. Aber auch über dich allein bin ich glücklich. Kommt mit mir!»

Jesus kehrt mit der neuen Eroberung an seinen Platz zurück.

«Wir wollen ihn Johannes von Endor übergeben», sagt er zu Iskariot. Dann wendet er sich an alle:

«Eine Gruppe von Bergleuten stieg in eine Grube, in der sie Schätze verborgen wußten, die jedoch tief im Innern der Erde waren. Sie begannen zu graben. Aber das Erdreich war hart, und die Arbeit anstrengend.

Viele ermüdeten, warfen ihre Pickel fort und gingen von dannen. Andere verlachten den Anführer der Gruppe und behandelten ihn wie einen Toren. Wieder andere schimpften über ihr Schicksal, ihre Arbeit, ihr Land, das Metall, schlugen zornig auf die Eingeweide der Erde und zerstückelten die Ader in wertlose Brocken. Als sie dann sahen, daß sie nur Zerstörung angestiftet und keinen Gewinn gemacht hatten, gingen auch sie davon. Nur der Ausdauerndste blieb zurück. Er arbeitete vorsichtig, um die Erdschichten zu durchbrechen, ohne etwas zu zerstören. Er machte Versuche, grub tiefer und höhlte den Boden aus. Endlich kam eine glänzende, kostbare Ader zum Vorschein. Die Ausdauer des Bergarbeiters wurde belohnt mit dem reinsten Metall, das er entdeckte, und er konnte viele Arbeiten unternehmen, viele Ehren erwerben und viele Kunden finden; denn alle wollten von diesem Metall haben, das nur mit Ausdauer gefunden worden war, dort, wo Faulenzer oder Jähzornige nichts erreicht hatten!

Aber das gefundene Gold muß sich selbst, um schön und für den Goldschmied brauchbar zu sein, ausdauernd bearbeiten lassen. Wenn das Gold nach der Ausgrabungsarbeit keine Bearbeitung mehr erdulden wollte, würde es ein grobes, unnützes Metall bleiben. Ihr seht also, es genügt nicht die erste Begeisterung, um ans Ziel zu gelangen, sei es als Apostel, sei es als Jünger oder als Gläubiger. Es braucht Beharrlichkeit!

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Ermastheus hatte viele Kameraden. In der ersten Begeisterung hatten alle versprochen zu kommen. Er allein ist gekommen. Zahlreich sind meine Jünger, und es werden ihrer immer mehr. Aber nur der dritte Teil der Hälfte wird bis zum Ende bleiben. Ausharren! Das ist das große Wort. Für alle guten Dinge.

Werft ihr das Netz für den Purpurfischfang nur einmal aus? Nein, ihr seid bereit, es stundenlang, tagelang und monatelang auszuwerfen und im nächsten Jahre an denselben Platz zurückzukehren; denn diese Arbeit verschafft euch Brot und Wohlstand für euch und eure Familien. Wollt ihr anders handeln in bezug auf Dinge, die weit wichtiger sind, weil sie die Interessen Gottes und eurer Seelen betreffen, wenn ihr Gläubige seid: eure und eurer Brüder Interessen, wenn ihr Jünger seid? Wahrlich, ich sage euch, um den Purpur für die ewigen Gewänder zu gewinnen, muß man bis ans Ende ausharren.

Und jetzt bleiben wir gute Freunde, bis die Stunde der Rückkehr gekommen ist. So werden wir uns besser kennenlernen...»

Und sie zerstreuen sich auf dem felsigen Gestade und kochen Krebse, die sie in den Felsritzen finden, und Fische, die sie mit kleinen Netzen fangen. Dann schlafen sie auf Lagern aus getrockneten Algen in den Höhlen, die von Erdbeben und Wellenschlägen an der felsigen Küste geschaffen worden sind, während Himmel und Meer sich in einem blendenden Blau am Horizont küssen. Die Möwen fliegen einen fortwährenden Reigen mit ihren Flügen vom Meer zu den Nestern, und ihr Gekreisch und ihre Flügelschläge sind zusammen mit den Wellenschlägen die einzigen Stimmen die in diesen Stunden der sommerlichen Schwüle zu vernehmen sind.

294. ZU DEN JÜNGERN VON SYCAMINON: «DER GLAUBE»

Das Volk von Sycaminon hat, von der Neugierde getrieben, den Ort, wo die Jünger die Rückkehr des Meisters erwarten, den ganzen Tag belagert Die frommen Frauen haben inzwischen keine Zeit verloren und die verstaubten und verschwitzten Kleider gewaschen, so daß auf dem Strand eine lustige Ausstellung dieser Kleider, die im Wind und an der Sonn trocknen, sichtbar ist. Nun, da der Abend sich niedersenkt und die Feuchtigkeit des Salzwassers hochsteigt, beeilen sie sich, die noch feuchten Wäschestücke zu schütteln und nach allen Richtungen zu ziehen, bevor sie sie zusammenlegen, damit sie ordentlich dem entsprechenden Eigentümer ausgehändigt werden können.

«Bringen wir Maria sofort ihre Kleidungsstücke», sagt Maria des Alphäus. Und sie fügt hinzu: «Sie hat sich gestern und heute im Kämmerchen ohne Luft aufhalten müssen! ...»

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Ich erfahre so, daß die Abwesenheit Jesu länger als einen Tag gedauert hat und Maria von Magdala, die nur ein einziges Gewand besaß, verborgen bleiben mußte, bis ihr geliehenes Kleid wieder trocken war.

Susanna antwortet: «Glücklicherweise beklagt sie sich nie. Ich glaubte nicht, daß sie so gut ist.»

«Sie ist so demütig, mußt du sagen, und so zurückhaltend. Armes Kind! Es war wirklich Satan, der sie gequält hat! Durch meinen Jesus von diesem befreit, ist sie wieder das geworden, was sie wohl als Kind gewesen ist.»

Während sie so miteinander reden, kehren sie mit den gewaschenen Kleidern ins Haus zurück.

Inzwischen ist Martha in der Küche damit beschäftigt, die Speisen zu bereiten, während die Jungfrau in einer Kupferschüssel das Gemüse reinigt, um es dann für das Abendessen zu kochen.

«Schau, alles ist trocken. Alles ist rein und gefaltet. Das war wirklich notwendig. Geh zu Maria und bringe ihr ihre Kleider», sagt Susanna, indem sie Martha das Gewand übergibt.

Bald darauf kehren die Schwestern zurück. «Danke euch beiden! Ein Gewand mehrere Tage tragen zu müssen, ohne es wechseln zu können, ist für mich das allergrößte Opfer», sagt Maria von Magdala lächelnd. «Nun komme ich mir ganz frisch vor.»

«Geh und setz dich draußen hin. Dort weht ein schönes Lüftchen; das wird dir gut tun, nachdem du so lange eingeschlossen warst», bemerkt Martha, die, kleiner und weniger üppig als ihre Schwester, ein Kleid der Susanna oder der Maria des Alphäus hat tragen können, während ihr eigenes in der Wäsche war.

«Dieses Mal ist es so gegangen. Aber in Zukunft wollen wir uns eine kleine Tasche machen wie die Jüngerinnen und so diese Unannehmlichkeiten vermeiden», sagt Magdalena.

«Weshalb? Hast du denn die Absicht, ihm zu folgen, wie wir?»

«Gewiß! Wenn er mir nicht das Gegenteil befiehlt. Ich gehe nun zum Ufer um zu sehen, ob sie zurückkehren. Werden sie heute abend wiederkommen?»

«Ich hoffe es», antwortet Maria, die Jungfrau. «Ich mache mir Sorgen, weil er nach Phönizien gegangen ist. Aber ich weiß, daß er die Apostel bei sich hat und daß die Phönizier besser sind als viele andere Menschen, die auf ihn warten. Als ich zum Brunnen ging, hat mich eine Mutter angehalten und gefragt: "Bist du beim Meister von Galiläa, den sie den Messias nennen? Dann komm und schau nach meinem Kindlein. Schon seit einem Jahr wird es vom Fieber geplagt." Ich bin ihr in ein kleines Haus gefolgt. Armes Geschöpf! Es gleicht einem sterbenden Blümlein! Ich werde es Jesus sagen.»

«Es sind noch andere da, die nach Heilung verlangen. Mehr nach Heilung als nach Belehrung», sagt Martha.

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«Der Mensch ist schwerlich ganz geistig. Er fühlt die Stimme und die Bedürfnisse des Fleisches stärker als jene des Geistes», antwortet die Jungfrau.

«Aber viele werden nach einem Wunder für das Leben des Geistes wiedergeboren.»

«Ja, Martha! Und das ist auch der Grund, weshalb mein Sohn so viele Wunder wirkt. Aus Güte zum Menschen, aber auch um ihn durch dieses Mittel auf den Weg zu führen, der sonst von vielen nicht beschritten würde.»

Johannes von Endor, der nicht mit Jesus gegangen ist, kommt nach Hause zurück, und mit ihm viele Jünger, die sich zu ihren Unterkünften begeben.

Fast gleichzeitig kehrt Maria Magdalena zurück und sagt: «Sie kommen! Es sind die fünf Boote, die gestern beim Morgengrauen abgefahren sind. Ich habe sie gut erkannt.»

«Sie werden müde und durstig sein. Ich will noch mehr Wasser holen. Die Quelle ist sehr frisch!» Und Maria des Alphäus verläßt mit ihren Krügen das Haus.

«Gehen wir Jesus entgegen. Kommt», sagt die Jungfrau. Und sie geht mit Magdalena und Johannes von Endor, während Martha und Susanna mit ihren geröteten Gesichtern beim Herd bleiben und sich bemühen, die Abendmahlzeit fertig zu bereiten.

Am Ufer entlang gelangen sie an eine kleine Mole, wo andere Fischerboote angebunden sind. Von hier aus kann man gut den ganzen Golf und die Stadt, die ihm den Namen gibt, überblicken. Man sieht auch die fünf Barken, die sich rasch nähern, ein wenig schief liegend mit dem von einem schwachen Nordwind geschwellten Segel. Der Wind ist ihnen günstig und eine Erleichterung für die von der Hitze ermüdeten Männer.

«Schau wie Simon und die anderen gut mit den Segeln umzugehen wissen. Sie folgen dem Boot des Lotsen mit großer Leichtigkeit. Nun haben sie das Felsenriff hinter sich und machen einen Bogen, um die Strömung zu umgehen, die an dieser Stelle stark ist. Seht... Jetzt geht alles gut! Bald werden sie hier sein», sagt Johannes von Endor. Tatsächlich nähern sich die Barken immer mehr, und schon sind ihre Insassen erkennbar.

Jesus ist zusammen mit Isaak im ersten Boot. Er hat sich aufgerichtet, und seine hohe Gestalt erscheint in ihrer ganzen eindrucksvollen Majestät, bis das eingezogene Segel ihn für einige Minuten verdeckt. Die in die Kurve gehende Barke kommt mit dem Bug an den Frauen vorüber, um in die schützende Mole einzufahren. Jesus grüßt lächelnd, während sie sich eilends zum Punkt begeben, wo die Barke anlegt.

«Gott segne dich, mein Sohn!» grüßt Maria ihren Jesus, der auf das Landebrett steigt.

«Gott segne dich, Mutter. Bist du in Sorge gewesen? In Sidon konnten

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wir den Jünger nicht finden, den wir gesucht haben. So sind wir bis nach Tyrus gefahren. Dort haben wir ihn gefunden. Komm, Ermastheus! Höre Johannes, dieser Jüngling möchte unterrichtet werden. Ich will ihn dir anvertrauen.»

«Ich will dich nicht enttäuschen, wenn ich ihn in deinem Wort unterweisen darf. Danke, Meister! Hier sind viele, die auf dich warten», antwortet Johannes von Endor.

«Hier befindet sich auch ein kleines, krankes Kind, mein Sohn, und die Mutter verlangt nach dir.»

«Ich gehe sofort zu ihr!»

«Ich weiß, wo es ist, Meister. Ich begleite dich. Komm auch du, Ermastheus! Lerne die unendliche Güte unseres Herrn kennen», sagt der Mann von Endor.

Aus der zweiten Barke steigt Petrus aus, aus der dritten Jakob, aus der vierten Andreas und aus der fünften Johannes, die vier Lotsen, gefolgt von den anderen Aposteln und Jüngern, die bei ihnen waren und sich nun um Jesus und Maria versammeln.

«Geht nach Hause! Ich komme sofort. Bereitet inzwischen das Abendessen vor und sagt den Wartenden, daß ich am Ende der Vesperzeit sprechen werde.»

«Und wenn es Kranke gibt?»

«Ich will sie zuerst heilen, auch schon vor dem Abendbrot, damit sie glücklich nach Hause gehen können.»

Sie trennen sich. Jesus geht mit dem Mann von Endor und Ermastheus zur Stadt, und die anderen kehren auf dem mit Kies bedeckten Strand zu ihren Unterkünften zurück, indem sie sich alles erzählen, was sie gesehen und gehört haben: glücklich wie Kinder, die zur Mutter heimkehren. Auch Judas Iskariot ist glücklich. Er zeigt allen die Almosen, die ihm die Purpurmuschelfischer gegeben haben, und vor allem ein schönes Bündel von kostbaren Purpurmuscheln.

«Das ist für den Meister. Wenn er es nicht trägt, wer könnte es dann tragen? Sie haben mich auf die Seite gerufen und gesagt: "Wir haben Perlmuscheln im Boot und wir haben auch eine Perle. Stell dir vor! Welch ein Schatz! Ich weiß nicht, wie wir ein solches Glück haben konnten. Aber wir geben sie dir gerne für den Meister. Komm, sie anzusehen." Ich bin hingegangen, um sie zufriedenzustellen, während der Meister sich in eine Grotte zum Gebet zurückgezogen hatte. Es waren wunderschöne Korallen und eine Perle, nicht groß, aber schön. Ich habe zu ihnen gesagt: "Beraubt euch nicht dieser Dinge. Der Meister trägt kein einziges Schmuckstück. Gebt mir vielmehr etwas von diesem Purpur. Ich will damit sein Gewand verschönern." Sie gaben mir dieses Bündel. Sie wollten mir unbedingt alles geben. Nimm es, Mutter, und mach damit ein schönes Kleid für unseren Herrn. Aber tue es wirklich. Denn wenn er das Bündel

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sieht, dann läßt er es uns sicher verkaufen für die Armen. Und uns gefällt es, ihn gekleidet zu sehen, wie er es verdient. Nicht wahr?»

«O ja, so ist es! Ich leide darunter, wenn ich ihn unter den anderen so einfach gekleidet daherkommen sehe. Er ist der König, sie weniger als elende Sklaven; aber sie sind alle geschmückt und aufgeputzt und blicken ihn deshalb wie einen Armen an, der ihrer unwürdig ist!» sagt Petrus.

«Hast du gesehen, wie die Herren von Tyrus gelacht haben, als sie sich von den Fischern verabschiedeten?» fragt sein Bruder.

«Ich habe ihnen gesagt: "Schämt euch! Hunde seid ihr! Ein Faden seines weißen Gewandes ist mehr wert als alle eure Fransen"», sagt Jakobus des Zebedäus.

«Da Judas dies erhalten hat, wäre es schön, wenn das Gewand für das Laubhüttenfest fertig wäre», sagt Judas Thaddäus.

«Ich habe noch nie Purpur gewoben. Aber ich werde es versuchen», sagt Maria, die allerheiligste Mutter, und berührt dabei das leichte, weiche Knäuel, das eine herrliche Farbe hat.

«Meine Amme hat Erfahrung darin. Wir werden sie in Caesarea treffen. Sie wird es dir beibringen, und du wirst es schnell erlernen, denn du machst alles sehr gut. Ich würde eine Borte für den Halsausschnitt, die Ärmel und den Kleidersaum machen; Purpur auf weißem Linnen oder schneeweißer Wolle, mit Palmenmuster oder Rosetten wie auf dem Marmor des Heiligtums, und dem Zeichen Davids in der Mitte. Das wäre sehr schön», sagt Magdalena, die in diesen Dingen erfahren ist.

Martha fügt hinzu: «Unsere Mutter machte diese Zeichnung auf das Gewand des Lazarus, das sie ihm für die Reise zu seinen Ländereien in Syrien anfertigte, als er sie in Besitz nahm. Ich habe es aufbewahrt, denn es war die letzte Arbeit unserer Mutter. Ich werde es dir zuschicken.»

«Ich werde es nacharbeiten und dabei für eure Mutter beten.»

Die Häuser sind erreicht. Die Apostel zerstreuen sich, um alle zu versammeln, die nach dem Meister verlangen, besonders die Kranken...

Jesus kommt mit Johannes von Endor und Ermastheus zurück. Er geht grüßend an denen vorbei, die sich vor dem Häuschen drängen. Sein Lächeln ist ein Segen.

Man stellt ihm einen Augenkranken vor, der infolge einer eiternden Augenentzündung fast erblindet ist; er heilt ihn. Dann ist einer an der Reihe, der offenbar an Malaria leidet und gelb wie ein Chinese ist; er heilt ihn.

Dann kommt eine Frau, die ein besonderes Wunder erbittet. Ihre Brust ist ohne Milch, und sie zeigt ihm ein Kind, das nur wenige Tage alt, unterernährt und ganz rot ist, als hätte es Fieber. Sie weint: «Du siehst, wir Frauen haben den Befehl, dem Mann untertan zu sein und zu gebären. Aber was nützt es, wenn wir dann sehen müssen, wie die Kinder hungern? Es ist das dritte Kind; zwei habe ich schon zu Grabe getragen wegen der

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trockenen Brust. Dieses stirbt schon jetzt, weil es in der heißen Jahreszeit zur Welt gekommen ist. Die anderen lebten, das eine zehn Monate und das andere sechs Monate, und ich weinte mehr, als wenn sie an einer anderen Krankheit gestorben wären. Hätte ich meine Milch, dann wäre es nicht geschehen ...»

Jesus schaut sie an und sagt: «Dein Kind wird leben. Habe Vertrauen. Geh nach Hause und, sobald du dort angekommen bist, gib deinem Kind die Brust. Habe Vertrauen!»

Die Frau geht gehorsam mit dem armen Kind weg, das unaufhörlich wie ein Kätzchen jammert, während sie es an ihr Herz drückt.

«Aber wird sie denn Milch bekommen?»

«Gewiß.»

«Ich sage, daß ihr Kind am Leben bleiben wird, sie jedoch keine Milch bekommen wird. Es wird schon ein Wunder sein, wenn es weiterlebt. Es ist schon halb verhungert.»

«Ich aber sage, daß sie Milch bekommen wird.»

«Ja!»

«Nein!»

Die Ansichten sind verschieden wie die Menschen. Jesus zieht sich zum Abendmahl zurück. Als er wiederkommt, um zu predigen, hat die Menge noch zugenommen, denn die Kunde vom Wunder am kranken Kind, das Jesus gleich nach seiner Ankunft vom Fieber geheilt hat, hat sich in der ganzen Stadt verbreitet.

«Ich gebe euch meinen Frieden, damit er euren Geist auf meine Worte vorbereite. Im Sturm kann die Stimme des Herrn nicht zu euch gelangen. Jede Erregung schadet der Weisheit; denn sie ist friedvoll, da sie von Gott kommt. Die Erregung hingegen kommt nicht von Gott; denn die Sorgen, die Ängste und die Zweifel sind Werke des Bösen, der die Menschenkinder quälen und sie von Gott trennen will.

Ich will euch folgendes Gleichnis erzählen, damit ihr diese Lehre besser versteht.

Ein Landmann hatte viele Bäume und Weinstöcke auf seinen Feldern, die viele Früchte trugen. Unter den Weinstöcken war ein besonders edler, auf den er sehr stolz war.

Eines Jahres trug dieser Weinstock viel Laub, aber nur wenig Trauben. Ein Freund sagte dem Bauersmann: "Das kommt daher, weil du ihn zu wenig beschnitten hast." Im folgenden Jahre beschnitt der Winzer den Weinstock reichlich, und er brachte viele Zweige und noch weniger Trauben. Ein anderer Freund sagte: "Das kommt daher, weil du ihn zuviel beschnitten hast." Im dritten Jahre ließ der Mann den Weinstock in Ruhe, und dieser brachte keine einzige Traube und nur ganz wenige dünne und mit Rostflecken bedeckte Blätter. Ein dritter Freund machte folgende Bemerkung: "Der Weinstock geht ein, weil der Boden nicht gut ist. Verbrenne

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ihn." "Aber warum denn? Es ist doch derselbe Boden wie bei den anderen und ich pflege ihn, wie ich die anderen pflege! Er trug doch früher reichlich Trauben."

Der Freund zuckte mit den Schultern und ging davon.

Da kam ein unbekannter Wanderer und blieb stehen, um den Landmann zu beobachten, der traurig am Stamm des armen Weinstockes lehnte. "Was hast du?" fragte er. "Ist jemand im Haus gestorben?"

"Nein. Dieser Weinstock, den ich so sehr geliebt habe, stirbt mir. Er hat keinen Saft mehr, um Früchte hervorzubringen. Ein Jahr gab er wenig, im darauffolgenden noch weniger und dieses Jahr gar nichts. Ich habe getan, was man mir geraten hat, aber es hat nichts genützt."

Der unbekannte Wanderer ging auf den Acker zum Weinstock. Er berührte die Blätter, nahm eine Erdscholle in die Hand, roch daran, zerbröckelte sie zwischen den Fingern und erhob den Blick zum Stamm eines Baumes, der den Weinstock stützte.

"Du mußt diesen Baum entfernen. Dieser Weinstock bringt seinetwegen keine Früchte mehr."

"Aber er ist doch seit Jahren seine Stütze!"

"Antworte mir, Mann: als du diesen Weinstock gepflanzt hast, wie war er damals, und wie war der Baum?"

"Oh, der Weinstock war ein dreijähriger, schöner Setzling. Ich hatte ihn von einem anderen Weinstock gewonnen und habe beim Umsetzen ein tiefes Loch gegraben, damit er sich sofort wohl fühle, und zuvor hatte ich die Erde ringsum umgehackt, damit sie weich für die Wurzeln sei, und sie sich ohne Mühe ausbreiten könnten. Mit großer Sorgfalt habe ich alles vorbereitet und auf den Boden des Loches Dünger gestreut. Die Wurzeln, du weißt es, werden stark, wenn sie sofort Nahrung finden. Weniger habe ich mich um die Ulme gekümmert. Sie sollte nur dazu dienen, den Weinstock zu stützen. Daher pflanzte ich sie nur oberflächlich neben den Setzling. Ich habe um die beiden jungen Pflanzen die Erde etwas angehäuft und bin weggegangen. Alle beide haben Wurzeln gefaßt, denn die Erde ist gut. Der Weinstock wurde von Jahr zu Jahr größer, geliebt, gehegt und beschnitten. Die Ulme jedoch darbte. Aber ich machte mir keine Sorgen um sie! ... Dann wurde auch sie stark. Du siehst ja, wie schön sie jetzt ist. Wenn ich hierher komme, sehe ich schon von weitem ihren Wipfel in die Luft ragen wie einen Turm. Sie scheint mir das Sinnbild meines kleinen Reiches zu sein. Zuerst bedeckte sie der Weinstock, und man konnte ihre schönen Blätter nicht sehen. Aber jetzt, schau, wie schön sie da oben in der Sonne ist! Welch ein Stamm! Gerade und stark! Er hätte diesen Weinstock jahrelang stützen können, selbst wenn er so groß geworden wäre wie jene, welche die Kundschafter Israels am 'Bach der Trauben' mitnahmen. Indessen..."

"Indessen hat sie ihn getötet. Alles war gut für sein Leben: die Erde, die

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Lage, das Licht, die Sonne und die Pflege, die du ihm gegeben hast. Aber dieser Baum hier hat ihn getötet. Er ist zu stark geworden. Er hat die Wurzeln erdrosselt; hat ihm jeden Bodensaft entzogen; hat ihm das ganze Licht geraubt. Haue diesen nutzlosen, schädlichen Baum sofort um, und dein Weinstock wird sich erholen. Und noch mehr wird er sich erholen, wenn du ihm mit Geduld den Boden auflockerst und die Wurzeln der Ulme freilegst, um sie abzuhauen; so gehst du sicher, daß sich keine neuen Schoße bilden. Die Wurzeln werden mit ihren letzten Verzweigungen im Boden verwesen und durch ihr Absterben Leben hervorbringen; sie werden als Strafe für ihren Egoismus Dünger sein. Den Stamm wirst du verbrennen, und er wird dir somit nützlich sein. Ein nutzloser Baum, der nur schadet, muß entfernt werden, damit alle Säfte und Kräfte zur guten und nützlichen Pflanze gelangen können. Hab Vertrauen in das, was ich dir gesagt habe, und du wirst zufrieden sein."

"Aber wer bist du denn? Sage es mir, damit ich Vertrauen haben kann."

"Ich bin der Weise. Wer an mich glaubt, wird sichergehen", und damit entfernte er sich.

Der Bauer blieb etwas unentschlossen zurück. Schließlich griff er zur Säge und rief seine Freunde zur Hilfe.

"Aber du bist töricht!" "Du wirst die Ulme und den Weinstock einbüßen."

"Ich würde mich damit begnügen, den Gipfel abzusägen, um dem Weinstock Luft zu geben. Sonst nichts." "Aber er muß doch eine Stütze haben. Du machst eine unnütze Arbeit." "Wer weiß, wer jener gewesen ist! Vielleicht war es jemand, der dich haßt, ohne daß du es weißt." "Oder ein Verrückter" ' und so weiter.

"Ich tue, was er mir gesagt hat. Ich habe Vertrauen zu ihm." Und er sägte die Ulme bei den Wurzeln ab und legte in einem weiten Umkreis die Wurzeln der beiden Bäume frei, sägte mit Geduld jene der Ulme ab und achtete darauf, die Wurzeln des Weinstockes nicht zu beschädigen. Dann schaufelte er das große Loch wieder zu und gab dem Weinstock als Stütze einen starken Eisenpfahl. Auf eine Tafel, die er dann am Pfahl befestigte, schrieb er das Wort 'Vertrauen' «"

Die anderen gingen kopfschüttelnd weg. Der Herbst und der Winter gingen vorüber. Es kam der Frühling. Die beschnittenen Reben schmückten sich mit Knospen über Knospen, die zuerst in einer Hülle von silbernem Samt eingeschlossen waren und sich darauf in den Smaragd der treibenden Blätter hüllten. Neue Triebe breiteten sich aus, und es kamen die Blüten und dann die kleinen Beeren. Mehr Trauben als Blätter, und letztere groß, grün und stark, entsprechend dem Fruchtgehänge von zwei, drei oder mehr Trauben. Und jede Traube ein dichter Knäuel von fleischigen, saftigen, herrlichen Beeren.

"Und was sagt ihr nun? War der Baum daran schuld, daß mein

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Weinstock dahinsiechte, oder nicht? Habe ich recht gehandelt oder nicht, als ich auf diese Tafel das Wort 'Vertrauen' schrieb?" sagte der Mann zu den ungläubigen Freunden.

"Du hast recht gehabt! Du Glücklicher, der du es verstanden hast, zu glauben und die Vergangenheit und was dir als schädlich bezeichnet wurde, zu vernichten."

Das ist das Gleichnis. Was die Frau mit der ausgetrockneten Brust betrifft: hier ist die Antwort. Schaut zur Stadt!»

Alle blicken zur Stadt und sehen die Frau, die auf sie zuläuft und dennoch den Säugling nicht von der Brust genommen hat, die mit Milch gefüllt ist. Das Kind trinkt mit einer Gier, daß es fast daran erstickt. Die Frau läßt sich nicht aufhalten, bis sie bei Jesus angelangt ist. Dann nimmt sie einen Augenblick den Kleinen von der Brust und schreit: «Segne ihn, segne ihn, damit er für dich lebe!»

Nachdem die Frau sich beruhigt hat, sagt Jesus: «Für eure Vermutungen über das Wunder habt ihr nun die Antwort. Das Gleichnis hat einen viel weiteren Sinn als die kleine Episode eines belohnten Vertrauens. Das ist es!

Gott hatte seinen Weinstock, sein Volk, an einem geeigneten Ort gepflanzt. Er hatte es mit allem ausgestattet, was notwendig war, um wachsen und gedeihen und immer reichere Früchte bringen zu können. Es sollte sich auf seinen Lehrmeister stützen, um das Gesetz besser verstehen zu können und es zu seiner Kraft zu machen. Aber die Lehrer wollten den Gesetzgeber übertreffen und wuchsen, wuchsen, wuchsen bis sie sich selbst stärker durchsetzten als das ewige Wort. Und Israel wurde unfruchtbar. Der Herr hat deshalb seinen Weisen gesandt, damit alle, die in Israel aufrichtigen Herzens über diese Unfruchtbarkeit betrübt sind und dieses oder jenes versucht haben nach den Vorschriften und Ratschlägen der Meister, die menschlich gelehrt, aber in übernatürlicher Hinsicht ungelehrt sind und daher nicht wissen, was erforderlich ist, um dem Geist Israels wieder Leben zu verleihen, um den Suchenden wahrhaft heilsame Ratschläge erteilen zu können.

Aber was geschieht nun? Warum nimmt Israel nicht an Kraft zu, um wieder stark zu werden wie in den goldenen Zeiten seiner Treue zum Herrn? Weil der Rat lautet: alle Dinge müssen entfernt werden, die als Parasiten der heiligen Sache schaden; so vom Dekalog, der ohne Kompromisse und ohne Heuchelei gegeben wurde. Sie müssen entfernt werden, um dem Weinstock wieder Luft, Raum und Nahrung zu geben; um ihm einen starken, geraden, unbeugsamen und einzigen Halt zu geben, der den strahlenden Namen "Glauben" trägt. Aber dieser Rat wird nicht angenommen.

Deshalb sage ich euch, Israel wird zugrunde gehen, während es sich wieder erheben und das Reich Gottes besitzen könnte, wenn es glauben und sich hochherzig bessern und gänzlich ändern würde.

Geht in Frieden. Der Herr sei mit euch!»

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295. JESUS SAGT MAGDALENA: «ICH WERDE DICH SCHMIEDEN MIT FEUER UND AMBOSS»

Es ist noch Nacht, eine sehr schöne Nacht mit abnehmendem Mond, als Jesus sich mit den Aposteln und den Frauen, sowie Johannes von Endor und Ermastheus, leise von Isaak verabschiedet, dem einzigen, der wach ist. Sie nehmen den Weg längs der Küste. Das Geräusch der Schritte hört sich an wie ein leichtes Gleiten der Sandalen über die Kiesdecke; niemand spricht, bis das letzte Häuslein einige Meter hinter ihnen liegt. Wer in diesen Häuschen oder in den vorhergehenden schläft, hat die stille Abreise des Herrn und seiner Freunde gewiß nicht bemerkt. Das Schweigen ist vollkommen. Nur das Meer spricht mit dem Mond, der jetzt untergeht und dem Morgen Platz macht, und erzählt dem Sand die Geschichte der Tiefe mit seinen großen Wellen der Hochflut, die sich erhebt und einen immer schmäleren trockenen Rand am Ufer zurückläßt.

Dieses Mal gehen die Frauen mit Johannes, dem Zeloten, Judas Thaddäus und Jakobus des Alphäus voraus, die den Jüngerinnen helfen, kleine Klippen zu überwinden, die da und dort auftauchen und mit salziger und glitschiger Nässe bedeckt sind. Der Zelote ist mit Magdalena, Johannes mit Martha, während Jakobus des Alphäus sich um die Mutter und Susanna kümmert, und Thaddäus niemand die Ehre überläßt, in seine starke, schmale Hand, die der Hand Jesu ähnelt, die kleine Hand Marias zu nehmen, um ihr bei den schwierigen Schritten zu helfen. Jeder spricht leise mit seiner Gefährtin. Es scheint, als ob alle den Schlaf der Erde achten wollten.

Der Zelote spricht sehr eifrig mit Maria Magdalena, und ich sehe mehrmals, daß Simon die Arme ausbreitet, als ob er sagen wollte: «So ist es, und daran ist nichts zu ändern.» Aber ich kann nicht hören, was sie reden, da sie am weitesten vorne sind.

Johannes spricht nur ab und zu mit seiner Begleiterin und deutet auf das Meer und auf den Karmel, dessen nach Westen gerichteter Abhang noch weiß vom Mondschein ist. Vielleicht spricht er vom Weg, den sie das letztemal gegangen sind, als sie den Karmel von der anderen Seite aus gestreift haben.

Auch Jakobus, der zwischen Maria des Alphäus und Susanna geht, spricht vom Karmel. Er sagt zu seiner Mutter: «Jesus hat mir versprochen, einmal allein mit mir dort hinaufzusteigen; dann will er mir allein etwas sagen, nur mir allein.»

«Was will er dir wohl sagen, Sohn? Wirst du es mir mitteilen?»

«Mama, wenn es ein Geheimnis ist, dann kann ich es dir nicht sagen», antwortet Jakobus mit dem ihm eigenen liebenswürdigen Lächeln. Seine Ähnlichkeit mit Joseph, dem Bräutigam Marias, ist in seinen Gesichtszügen und noch mehr in seiner ruhigen Sanftmut sehr auffallend.

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«Für die Mama gibt es keine Geheimnisse.»

«Ich habe keine. Aber wenn Jesus mich hinaufführen will, um ganz allein mit mir zu sprechen, so ist das ein Zeichen dafür, daß niemand erfahren soll, was er mir sagen wird. Und du, Mama, bist meine liebe Mutter, die ich sehr liebe; doch Jesus steht über dir und sein Wille ebenfalls. Aber ich will ihn fragen, wenn der Moment gekommen ist, ob ich dir seine Worte mitteilen darf. Bist du damit zufrieden?»

«Du wirst es vergessen, ihn zu fragen...»

«Nein, Mama, ich vergesse dich nie, auch wenn du ferne bist. Wenn ich etwas Schönes sehe oder höre, denke ich immer: "Wenn doch meine Mama hier wäre."»

«Oh, mein Lieber! Gib mir einen Kuß, mein Sohn!» Maria des Alphäus ist gerührt. Aber die Rührung erstickt doch nicht ihre Neugierde. Sie nimmt einen neuen Anlauf, nachdem sie eine Zeitlang geschwiegen hat: «Du hast gesagt: "Sein Wille." So hast du also verstanden, daß er dir seinen Willen mitteilen will. Los, wenigstens das kannst du mir sagen. Das hat er doch vor allen anderen zu dir gesagt.»

«In Wirklichkeit war ich mit ihm allein vorausgegangen», sagt Jakobus lächelnd.

«Doch die anderen konnten es hören.»

«Er hat nicht viel zu mir gesagt, Mama. Er hat mich an die Worte und das Gebet des Elias auf dem Karmel erinnert: "Von den Propheten des Herrn bin ich allein geblieben." "Erhöre mich, damit dieses Volk erkenne, daß du der Herr, sein Gott, bist."»

«Und was wollte er damit sagen?»

«Wie viele Dinge du wissen willst, Mama! Geh doch zu Jesus, er wird es dir sagen», weicht Jakobus aus.

«Er wollte wohl sagen, daß er der einzige Prophet in Israel bleibt, nachdem der Täufer gefangen worden ist, und daß Gott ihn noch lange bewahren muß, bis das Volk belehrt ist», sagt Susanna.

«Hm! Ich glaube nicht, daß Jesus darum bittet, lange auf Erden zu bleiben. Er bittet nie um etwas für sich selbst... Los, mein Jakobus! Sag es deiner Mutter.»

«Die Neugierde ist ein Fehler, Mama; sie ist etwas Unnützes und Gefährliches, manchmal sogar etwas Schmerzliches. Übe einen schönen Akt der Abtötung ...»

«O weh! Er wird doch nicht gesagt haben, daß dein Bruder ins Gefängnis geworfen und vielleicht getötet wird?» fragt Maria des Alphäus ganz verzweifelt.

«Judas ist nicht "alle Propheten" ' Mama, wenngleich für deine Liebe jener deiner Söhne die Welt bedeutet ...»

«Ich denke auch an die anderen, weil... weil unter den künftigen Propheten ganz bestimmt auch ihr sein werdet. Wenn... wenn nur du allein

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bleibst... so ist das ein Zeichen dafür, daß die anderen, daß mein Judas... oh! ...» Maria des Alphäus läßt Jakobus und Susanna stehen und läuft flink wie ein Mädchen zurück, ohne auf die Frage zu hören, die ihr Thaddäus stellt. Sie erreicht wie eine Verfolgte die Gruppe Jesu.

«Mein Jesus... ich habe mit meinem Sohn gesprochen... über das, was du vom Karmel, von Elias... von den Propheten gesagt hast... Du hast gesagt, daß Jakobus allein bleiben wird... Und was wird mit Judas geschehen? Er ist mein Sohn, weißt du?» Sie ist ganz außer Atem infolge der Angst und des schnellen Laufens.

«Ich weiß es, Maria. Und ich weiß auch, daß du glücklich bist, weil er mein Apostel ist. Du siehst, du hast alle Rechte einer Mutter, und ich habe die des Meisters und Herrn.»

«Das ist wahr... es ist wahr... Aber Judas ist mein Sohn! ...» Maria weint hemmungslos.

«Oh, welch unnötig vergossene Tränen! Doch alles kann man dem Herzen einer Mutter verzeihen. Komm her, Maria, und weine nicht! Ich habe dich schon einmal getröstet; auch damals habe ich dir versprochen, daß dein Schmerz dir große Gnaden bei Gott verdient hat, für dich, für deinen Alphäus, für alle deine Söhne ...» Jesus hat seinen Arm auf die Schultern der Tante gelegt und zieht sie an sich... Er sagt zu den ihn Umgebenden: «Geht voraus!»

Dann, allein mit Maria des Kleophas, beginnt er wieder zu reden: «Ich habe nicht die Unwahrheit gesagt. Alphäus ist gestorben, während er meinen Namen angerufen hat. Dadurch ist seine Schuld Gott gegenüber gelöscht. Die Bekehrung zum mißverstandenen Verwandten, dem Messias, den er zuvor nicht hat anerkennen wollen, hat ihm dein Schmerz verdient, Maria! Dein neues Leid wird erreichen, daß der unsichere Simon und der hartnäckige Joseph deinen Alphäus nachahmen.»

«Ja... aber... Was wirst du mit Judas machen, mit meinem Judas?»

«Ich werde ihn noch mehr lieben, als ich ihn schon jetzt liebe.»

«Nein, nein! Es liegt eine Drohung in deinen Worten! Oh, Jesus! Oh, Jesus! ...»

Maria, die Jungfrau, kehrt ebenfalls zurück, um ihre Schwägerin im Schmerz zu trösten, dessen Ursache sie noch nicht kennt. Aber als die Schwägerin, die an ihrer Seite noch stärker weint, ihr die Angst mitteilt, wird sie noch bleicher als der Mond.

Maria des Alphäus jammert: «Sag du ihm, daß... daß... Mein Judas soll nicht sterben...»

Die Jungfrau Maria, die fahl geworden ist, sagt: «Kann ich das für dich erbitten, wenn ich nicht einmal für meinen Sohn Bewahrung vor dem Tod erbete? Maria, sage mit mir: "Dein Wille geschehe, Vater, im Himmel, auf Erden und in den Herzen der Mütter." Den Willen Gottes im Schicksal der Söhne zu erfüllen, ist ein erlösendes Martyrium für uns Mütter...

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Und übrigens... Es ist nicht gesagt worden, daß Judas getötet oder getötet werden wird, bevor du stirbst. Deine heutige Bitte, daß er bis ins hohe Alter am Leben bleiben möge, wie würde sie dich bedrücken, wenn du einst im Reich der Wahrheit und Liebe alle Dinge durch das Licht Gottes und deine geistige Mutterschaft sehen wirst. Ich bin sicher, daß du dann als Selige und als Mutter wünschest, daß Judas meinem Jesus in seinem Los als Erlöser ähnlich ist, und du wirst danach brennen, ihn schnell bei dir zu haben, von neuem und für immer! Denn die Qual der Mütter ist es, von ihren Söhnen getrennt zu sein. Eine so große Qual, daß sie, glaube ich, als Liebesverlangen auch im Himmel, der uns aufnimmt ' andauern wird.»

Das Weinen Marias, so deutlich vernehmbar in der Stille der ersten Ankündigung des Morgens, hat alle veranlaßt, zurückzukommen, um zu erfahren, was vorgefallen ist. Sie hören die Worte der Jungfrau Maria, und Rührung überkommt auch die anderen.

Maria von Magdala weint und flüstert: «Und ich habe meiner Mutter diese Qual schon auf Erden verursacht!»

Martha weint und sagt: «Der Schmerz der Trennung von Mutter und Kind ist gegenseitig.»

Auch die Augen von Petrus glänzen, und der Zelote sagt zu Bartholomäus: «Welche Worte tiefer Weisheit, um das zu erklären, was die Mutterschaft einer Seligen bedeutet.»

«Und wie eine selige Mutter die Dinge sieht: durch das Licht Gottes und die vergeistigte Mutterschaft... Das nimmt einem den Atem wie ein lichtvolles Geheimnis», erwidert Nathanael.

Iskariot sagt zu Andreas: «Die Mutterschaft entäußert sich jeglicher Schwere des Gefühls und wird sozusagen ganz Flügel. Es scheint, als

könnten wir unsere Mütter bereits in unbegreifliche Schönheit umgewandelt sehen.»

«Das ist wahr. Unsere, Jakobus, wird uns so lieben. Stell dir vor, wie vollkommen ihre Liebe dann sein wird?» sagt Johannes zu seinem Bruder, und er ist der einzige, der dabei strahlend lächelt, so freudig berührt ihn der Gedanke, daß seine Mutter zu einer vollkommenen Liebe gelangen wird.

«Es tut mir leid, euch einen solchen Schmerz verursacht zu haben», entschuldigt sich Jakobus des Alphäus. «Aber sie hat mehr geahnt als ich ihr gesagt habe... Glaub es mir, Jesus.»

«Ich weiß es, ich weiß es. Aber Maria arbeitet an sich selbst, und das ist ein Schlag, schlimmer als mit dem Skalpell. Doch er befreit sie von sehr viel totem Gewicht», sagt Jesus.

«Auf, Mutter! Höre auf zu weinen! Es schmerzt mich, daß du leidest wie ein armes Frauchen, das die Gewißheit des Reiches Gottes nicht kennt. Du gleichst in keiner Weise der Mutter der makkabäischen Brüder», tadelt Thaddäus streng, obgleich er seine Mutter in die Arme nimmt

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und ihr schließlich einen Kuß auf den Kopf, auf die graumelierten Haare,

drückt. «Du bist wie ein Mädchen, das Furcht hat vor Schatten und Fabeln, die man ihm erzählt, um es zu erschrecken. Und du weißt doch, wo du mich finden kannst: in Jesus! Welch eine Mama! Welch eine Mama! Weinen solltest du, wenn dir gesagt würde, daß ich in Zukunft ein Verräter

Jesu sei; einer, der ihm untreu wird, ein Verdammter! Dann solltest du weinen, sogar Blut! Aber, wenn Gott mir hilft, werde ich dir diesen Schmerz nie zufügen, meine Mutter. ich will die ganze Ewigkeit bei dir sein!»

Der Vorwurf und die darauffolgenden Liebkosungen haben zur Folge,

daß Maria des Alphäus, die jetzt ganz beschämt über ihre Schwäche ist, aufhört zu weinen.

Das Licht ist im Übergang von der Nacht zum Tag schwächer geworden, da der Mond verschwunden ist und der Tag noch nicht begonnen hat. Doch bald erscheint das Licht, zuerst bleiern, dann grau, dann grünlich, dann milchig mit einer blauen Tönung und schließlich ganz klar, wie ein

körperloses Silber. Das Wandern auf dem feuchten Kies, von dem sich die Wellen zurückgezogen haben, ist weniger mühsam, und das Auge erfreut sich beim Anblick des Meeres, das ein immer heller werdendes Blau annimmt, bereit, sich in einem diamantenen Schimmern zu entzünden. Dann vermengt die Luft ihr Silber mit einem immer intensiver werdenden Rosa, bis dieses goldene Rosa der Morgenröte wie blutigrot wird auf dem Meere, den Gesichtern und den Feldern. Die Kontraste werden immer schöner, und die Farben immer lebhafter, und alles erreicht den Höhepunkt, als die Sonne die Grenze des Horizonts überschreitet und ihren ersten Strahl auf die Berge und Abhänge, auf die Wälder und Wiesen, auf die Weite des Meeres und des Himmels fallenläßt und dabei alle Farben belebt: den reinen Glanz des Schnees, das Indigo der fernen Berge, das

sich in grünen Jaspis wandelt, den Kobalt des Himmels, der erbleicht, um das Rosa anzunehmen und den mit Jade geäderten und mit Perlen umrahmten Saphir des Meeres.

Heute ist das Meer ein wahres Wunder an Schönheit: nicht tot in seiner drückenden Trägheit, nicht aufgewühlt im Kampf mit den Winden, sondern majestätisch belebt durch das Lächeln gekräuselter Wellen, die nur durch kleine Schaumkronen angedeutet werden.

«Wir werden Dora erreichen, bevor die Sonne brennt, und dann bei

Sonnenuntergang weitergehen. Morgen in Caesarea wird eure Mühe ein Ende haben, Schwestern. Und auch wir werden uns ausruhen. Euer Wagen wird euch sicher dort erwarten, Wir werden uns trennen... Warum

weinst du, Maria? Muß ich denn heute alle Marien weinen sehen?» sagt Jesus zu Magdalena.

«Sie ist traurig, weil sie dich verlassen muß», entschuldigt sie Martha.

«Es ist nicht gesagt, daß wir uns nicht bald wiedersehen.»

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Maria macht ein Zeichen der Verneinung mit dem Kopf. Sie weint nicht

deswegen. -in

Der Zelote erklärt: «Sie fürchtet, ohne deine Gegenwart nicht gut sein zu können... Sie fürchtet zu sehr versucht zu werden, wenn du nicht in der Nähe bist, um den Dämon fernzuhalten. Sie hat soeben mit mir darüber gesprochen.»

«Fort mit dieser Furcht! Ich nehme nie eine Gnade zurück, die ich gewährt habe. Willst du sündigen? Nein? Dann sei beruhigt! Sei wachsam, das ja, aber habe keine Furcht!»

«Herr... ich weine auch, weil in Caesarea... Caesarea ist voll von meinen Sünden. Jetzt erkenne ich sie alle... Ich werde viel zu leiden haben in meiner Menschlichkeit.»

«Das gefällt mir. Je mehr du leidest, um so besser. Denn später wirst du nicht mehr leiden unter diesen unnützen Qualen. Maria des Theophilus, ich erinnere dich daran, daß du die Tochter eines Starken bist. Du bist eine starke Seele, und ich will dich noch stärker machen. Ich bemitleide die Schwächen der anderen; denn sie waren immer sanfte und schüchterne Frauen, deine Schwester inbegriffen. Bei dir ertrage ich sie nicht. Ich werde dich schmieden mit Feuer und Amboß, denn du hast eine Natur, die so bearbeitet werden muß, damit das Wunder deines und meines Willens nicht zerstört wird. Das sollst du wissen, und alle Anwesenden oder Abwesenden, die denken könnten, daß ich durch meine große Liebe zu dir, dir gegenüber schwach geworden bin. Ich gestatte dir, aus Reue und aus Liebe zu weinen; aber aus keinem anderen Grund. Hast du verstanden?»Jesu Stimme ist eindringlich und streng.

Maria von Magdala bemüht sich, die Tränen und Seufzer zu unterdrücken. Sie gleitet auf die Knie, küßt die Füße Jesu und versucht, mit fester Stimme zu sagen: «Ja, mein Herr, ich werde tun, was du willst.»

«Dann steh auf und sei ohne Sorge!»

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Gepriesen sei Gott unser Vater, unser Schöpfer,
Gepriesen sei Jesus Christus, der sich aus Liebe für uns geopfert hat,

Gepriesen sei der Hl. Geist, der unser Lehrmeister sein möchte.

 

 

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