Kirche Weitental

†  Gott ist die Liebe - Er liebt dich  †
 Gott ist der beste und liebste Vater, immer bereit zu verzeihen, Er sehnt sich nach dir, wende dich an Ihn
nähere dich deinem Vater, der nichts als Liebe ist. Bei Ihm findest du wahren und echten Frieden, der alles Irdische überstrahlt

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Maria Valtorta - Der Gottmensch

Band 3

 

Dieses Werk ist eine Gnade unseres lieben Herrn, man lernt hier Jesus und seine Worte in der richtigen Art und Weise kennen, seine Liebe, seinen Gehorsam, seine klaren und wahren Worte, nicht verdrehte, nicht unverständliche oder hoch theologische, nein, einfache Worte. Er erklärt für jeden verständlich die Gleichnisse. Glaube ist kein Studium, es ist Demut, Hingabe, Geduld, Vertrauen, nicht mein Wille muss an erster Stelle stehen, sondern den Willen Gottes gilt es zu suchen, die Gebote gilt es zu halten und hier erlangt man ein Verständnis hierfür. Zudem stimmen die Worte Jesu mit seinem Leben überein, voller Hingabe an den Willen seines und unseren Vaters. Nimm dir Zeit es aufmerksam zu lesen, du wirst es nicht bereuen.

Das Werk kann man hier in Buchform erwerben:

Parvis-Verlag, Route de l'Eglise 71, 1648 Hauteville, Schweiz, Tel. +41 26 915 93 93, buchhandlung@parvis.ch, www.parvis.ch

Aus rechtlichen Gründen dürfen nur Auszüge daraus veröffentlicht werden!
 



Nur zu Testzwecken!

Inhalt
 

Band III:
Erstes Jahr des öffentlichen Lebens Jesu (Fortsetzung)

161. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': "Du sollst Vater und Mutter ehren". S. 9
162. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': "Du sollst nicht Unkeuschheit treiben". S. 19
163. Die Verschleierte beim 'Trügerischen Gewässer'. S. 27
164. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst die Feiertage heiligen". S. 32
165. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst nicht töten"- Tod des Doras. S. 37
166. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': Die drei Jünger des Täufers. S. 45
167. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau". S. 51
168. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': Er heilt den besessenen Römer; Er spricht zu den Römern. S. 56
169. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen". S. 63
170. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut". S. 69
171. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': Abschluss der Erklärungen zum 'De profundis' und 'Miserere'. S. 73
172. Jesus verlässt das 'Trügerische Gewässer' und geht nach Bethanien. S. 80
173. Die Heilung der krebskranken Jerusa von Doko. S. 89
174. In Bethanien: Im Haus des Simon des Zeloten. S. 94
175. Das Lichterfest im Hause des Lazarus in Anwesenheit der Hirte. S. 102
176. Rückkehr zum 'Trügerischen Gewässer'. S. 116
177. Ein neuer Jünger; Aufbruch nach Galiläa. S. 122
178. Auf den Bergen bei Emmaus. S. 126
179. Im Hause des Synagogenvorstehers Kleophas. S. 131


Band III: Zweites Jahr des öffentlichen Lebens Jesu

180. Unterweisung der Jünger auf dem Weg nach Arimathäa. S. 141
181. Auf dem Weg nach Samaria; Unterweisung der Apostel. S. 144
182. Die Samariterin Fotinai. S. 146
183. Bei den Bewohners von Sichar. S. 152
184. Verkündigung der Heilsbotschaft in Sichar. S. 155
185. Der Abschied von den Bewohnern Sichars. S. 158
186. Unterweisung der Apostel; Wunder an der Frau von Sichar. S. 161
187. Jesus besucht den Täufer bei Ennon. S. 165
188. Jesus unterweist die Apostel. S. 168
189. Jesus in Nazareth;"Sohn, ich werde mit dir kommen". S. 172
190. In Kana im Haus der Susanna; Der königliche Beamte. S. 174
191. Im Haus des Zebedäus; Salome angenommen als Jüngerin. S. 176
192. Jesus spricht zu den Seinen vom Apostolat der Frau. S. 178
193. Jesus in Caesarea am Meer. Er spricht zu den Galeerensklaven. S. 180
194. Heilung der kleinen Römerin in Caesarea. S. 186
195. Annalia legt das Gelübte der Jungfräulichkeit ab. S. 193
196. Die Unterweisungen der Jüngerinnen in Nazareth. S. 198
197. Jesus spricht auf dem See mit Johanna des Chuza. S. 205
198. Jesus in Gergesa; Die Jünger des Johannes. S. 209
199. Von Nephtalis nach Gischala; Begegnung mit dem Rabbi Gamaliel. S. 213
200. Die Heilung des Enkels des Pharisäer in Kapharnaum. S. 219
201. Jesus im Hause von Kapharnaum nach dem Wunder an Elisäus. S. 223
202. Das Mahl im Hause des Pharisäers Eli in Kapharnaum. S. 228
203. Unterwegs in die Einsamkeit der Berge vor der Erwählung der Apostel. S. 232
204. Die Erwählung der zwölf Jünger zu Aposteln. S. 235
205. Die erste Predigt Simon des Zeloten und des Johannes. S. 241
206. Im Haus der Johanna des Chuza; Jesus und die Römerinnen. S. 250
207. Aglaia im Hause Mariens in Nazareth. S. 260
208. Die Bergpredigt"Ihr seid das Salz der Erde". S. 270
209. Die Bergpredig: Die Seligpreisungen (Erster Teil). S. 278
210. Die Bergpredigt: Die Selipreisungen (Zweiter Teil). S. 289
211. Die Bergpredigt: Die Seligpreisungen (Dritter Teil). S. 295
212. Die Bergpredigt: Die Seligpreisungen (Vierter Teil). S. 305
213. Die Bergpredigt: Die Seligpreisungen (Fünfter Teil). S. 312
214. Heilung eines Aussätzigen am Fusse des Berges. S. 333
215. Am Sabbat nach der Berg Fusse des Berges. S. 337
216. Der Diener des Centurio wird. S. 342
217. "Lass die Toten ihre Toten begraben". S. 344
218. Das Gleichnis vom Sämann. S. 347
219. In der Küche des Petrus; Belehrung Jesu und Ankündigung der Gefangennahme des Täufer. S. 355
220. Das Gleichnis vom guten Weizen und vom Unkraut. S. 365
221. Jesus spricht auf dem Weg nach Magdala zu Hirten. S. 372
222. Jesus in Magdala; Zweite Begegnung mit Magdalena. S. 376
223. Zu Magdala im Hause der Mutter Benjami. S. 380
224. Jesus gebietet dem Sturm auf dem See. S. 388
225. "Heimsuchungen dienen dazu, dass ihr euch eures Nichts bewusst werden". S. 390
226. Die besessenen Gerasener. S. 392
227. Von Tarichäa zum Tabor; Die zweite Osterreise beginnt. S. 398
228. In Endor; In der Grotte der Wahrsagerin; Bekehrung von Felix, der hierauf Johannes genannt wird. S. 403
229. Auferweckung des Sohn es der Witwe von Naim. S. 413

 

 

161. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST VATER UND MUTTER EHREN»

Jesus wandelt langsam am Flußufer auf und ab. Es muß sehr früh am Morgen sein, denn der Nebel eines trüben, winterlichen Tages lastet noch auf dem Schilf der Ufer. Niemand ist an den Ufern des Jordan, so weit man sehen kann. Niedriger Nebel, Rauschen des Wassers durch das Schilf, Murmeln des Wassers, das infolge der Regenfälle der letzten Tage bewegter ist; einzelne Vogelrufe: kurz, traurig, wie es ist, wenn die Jahreszeit der Brunst vorbei ist und die Gefiederten wegen des schlechten Wetters und des knappen Futters lustlos und nicht zum Singen aufgelegt sind.

Jesus lauscht ihnen und scheint sich für den Lockruf eines Vögleins zu interessieren, das mit der Regelmäßigkeit einer Uhr das Köpfchen nordwärts neigt, sein klagendes "Ciwit" ausstößt und dann den Kopf nach der anderen Seite dreht, um sein fragendes "Ciwit" zu wiederholen, ohne eine Antwort zu erhalten. Endlich scheint das Vöglein im "Cip", das vom anderen Ufer kommt, doch noch eine Antwort zu bekommen, und fliegt davon; es fliegt über den Fluß und stößt dabei ein kleines Freudengezwitscher aus. Jesus macht eine Gebärde, als wolle er sagen: «Nun geht es besser!» Dann nimmt er seinen Spaziergang wieder auf.

«Störe ich dich, Meister?» fragt Johannes, der von den Wiesen kommt.

«Nein, was willst du?»

«Ich wollte dir sagen... es scheint mir, daß dir die Nachricht zum Trost gereichen würde; darum bin ich gleich gekommen, um mich mit dir darüber zu beraten.

Ich war gerade dabei, unsere Räume zu kehren, da ist Judas Iskariot hereingekommen und hat zu mir gesagt: "Ich helfe dir." Ich bin darüber sehr erstaunt gewesen, denn er macht diese niedrige Arbeit immer nur unfreiwillig und auf Geheiß. Aber ich habe weiter nichts gesagt als: "Oh, danke. So wird es schneller und besser gehen."

Er hat sich daran gemacht, zu kehren, und so sind wir schnell fertig geworden. Dann hat er gesagt: "Gehen wir in den Wald! Es sind immer die Alten, die Holz holen. Das ist nicht recht. Gehen wir! Ich verstehe nicht viel davon, aber wenn du es mir beibringen willst..." So sind wir gegangen. Während ich mit ihm die Reisigbündel band, hat er mir gesagt: "Johannes, ich möchte dir etwas sagen." "Sprich" ' habe ich entgegnet, und irgend eine Kritik erwartet. Er hat jedoch gesagt: "Ich und du, wir sind die Jüngsten. Es wäre gut, wenn wir vereinter wären. Du hast beinahe

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Angst vor mir und du hast recht, denn ich bin nicht gut. Aber glaube mir, ich tue dies alles nicht absichtlich. Manchmal habe ich das Bedürfnis, böse zu sein. Vielleicht, weil man mich verwöhnt hat, da ich ein Einzelkind war. Ich möchte gut werden. Die Alten, ich weiß es, sehen mich nicht gerne. Die Vettern Jesu sind beleidigt, weil ... ja, ich habe viel gegen sie gefehlt und auch gegen ihren Vetter. Doch du bist gut und geduldig. Sei mir gut gesinnt! Nimm mich wie einen Bruder an, der zwar böse ist, ja... aber man muß auch die Bösen lieben. Auch der Meister sagt, daß man es tun muß. Wenn du siehst, daß ich nicht gut bin, dann sage es mir und laß mich nicht immer allein. Wenn ich ins Dorf gehe, dann komme mit. Du wirst mir helfen, nichts Unrechtes zu tun. Gestern habe ich sehr gelitten. Jesus hat mit mir gesprochen, und ich habe ihn beobachtet. In meinem dummen Groll habe ich weder auf mich noch auf die anderen geachtet. Gestern habe ich ihn angeschaut und gesehen... sie haben recht, wenn sie sagen, daß Jesus leidet, und ich spüre, daß es auch meine Schuld ist. Das soll sich aber jetzt ändern. Komm mit mir! Willst du? Wirst du mir helfen, weniger böse zu sein?"

So hat er gesprochen, und ich gestehe dir, ich hatte ein Herz, das schlug wie jenes eines Sperlings, den ein Junge gefangen hat. Es schlug vor Freude, denn ich freue mich, wenn Judas sich bessert. Deinetwegen freut es mich! Aber es klopfte auch ein wenig aus Angst, denn ich möchte nicht so werden wie Judas. Dann kam mir in den Sinn, was du damals zu mir gesagt hattest, am Tage, an dem du Judas angenommen hattest, und ich habe geantwortet: "Gewiß werde ich dir helfen, doch ich muß gehorchen, und wenn ich andere Anweisungen bekomme..." Ich dachte, ich will es erst dem Meister sagen, und wenn er es will, dann tue ich es, wenn er es nicht will, dann werde ich mir Anweisung geben lassen, mich nicht vom Haus zu entfernen.»

«Höre, Johannes! Ich lasse dich gehen. Du mußt mir jedoch versprechen, daß du, wenn du spürst, daß irgend etwas dich beunruhigt, zu mir kommst und es mir sagst. Du hast mir große Freude bereitet, Johannes. Hier kommt Petrus mit seinem Fisch. Geh, Johannes.»

Jesus wendet sich Petrus zu: «Guter Fang?»

«Hm, nicht so sehr. Nur kleine Fische, doch es ist auch so recht. Jakobus ist verärgert, denn irgendein Tier hat den Strick zernagt, und ein Netz ist verlorengegangen. Ich habe gesagt: "Darf es denn nicht auch fressen? Hab Mitleid mit dem armen Tier!", doch Jakobus meint es nicht so», sagt Petrus lachend.

«Das sage ich von einem, der ein Bruder ist. Und ihr bringt es nicht fertig!»

«Sprichst du von Judas?»

«Ich spreche von Judas. Er leidet. Er hat gute Vorsätze und verderbte Neigungen. Aber sag einmal, du erfahrener Fischer: Wenn ich mit dem

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Boot auf dem Jordan zum See Genesareth fahren wollte, wie könnte ich das anstellen? Würde es mir gelingen?»

«Es wäre eine schwere Arbeit. Doch du könntest es mit einem flachen Boot schaffen. Sehr mühsam, weißt du... und langwierig! Man müßte immer den Grund abmessen und die Augen offen halten an den Ufern und Strudeln, an den schwimmenden Büschen und bei Strömungen. Das Segel nützt da gar nichts, im Gegenteil... Aber willst du auf dem Fluß wieder zum See zurückkehren? Schau, gegen den Strom schwimmen, ist schwer. Man muß für ein solches Unternehmen viele sein, sonst ...»

«Du hast es gesagt. Wenn einer lasterhaft ist, dann muß er, um gut zu werden, gegen den Strom schwimmen und allein wird er dazu nicht imstande sein. Judas ist genau einer von diesen, und ihr helft ihm nicht. Der Arme fährt allein stromaufwärts, stößt auf den Grund, umgeht die Untiefen, verfängt sich in den schwimmenden Pflanzen und wird von Wirbeln erfaßt. Anderseits, wenn er die Tiefe mißt, dann kann er nicht gleichzeitig das Steuer oder das Ruder halten. Warum also rügt man ihn, wenn er nicht vorwärts kommt? Ihr habt Mitleid mit Fremden und mit ihm, eurem Gefährten, nicht! Das ist nicht recht. Schau, dort gehen Johannes und er zum Dorfe, um Brot und Gemüse zu holen. Er hat darum gebeten, nicht allein gehen zu müssen, und er hat Johannes darum gebeten, denn er ist nicht dumm und weiß, wie ihr Alten über ihn denkt.»

«Hast du ihn geschickt? Wenn er nun auch Johannes verdirbt?»

«Wen? Meinen Bruder? Warum verderben?» fragt Jakobus, der mit dem wieder herausgefischten Netz daherkommt.

«Weil Judas mit ihm geht.»

«Seit wann?»

«Seit heute; ich habe es erlaubt.»

«Nun, wenn du es erlaubt hast!»

«Ja, ich will es sogar allen raten. Ihr laßt ihn zuviel allein. Seid nicht immer nur seine Richter. Er ist nicht schlimmer als viele andere. Aber er ist in seiner Kindheit mehr verwöhnt worden.»

«Ja, es muß so sein. Hätte er als Vater und Mutter Zebedäus und Salome gehabt, dann wäre er anders. Meine Eltern sind gut. Aber sie vergessen nicht, daß sie den Kindern gegenüber Rechte und Pflichten haben.»

«Das hast du richtig gesagt. Heute will ich gerade darüber sprechen. Laßt uns gehen! Ich sehe schon Leute, die über die Wiesen herkommen.»

«Ich weiß nicht mehr, wie wir leben sollen. Es gibt keine Essens-, Bet- und Ruhezeit mehr... und es kommen immer mehr Menschen», sagt Petrus halb bewundernd, halb verärgert.

«Bedauerst du es? Es ist doch ein Zeichen dafür, daß es immer noch Menschen gibt auf der Suche nach Gott.»

«Ja, Meister, aber du leidest darunter. Gestern hattest du nichts gegessen,

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und letzte Nacht hast du außer deinem Mantel keine anderen Decken gehabt. Wenn das deine Mutter wüßte!»

«Sie würde Gott preisen, der so viele Getreue zu mir führt.»

«Und sie würde mich tadeln, dem sie dich anempfohlen hat», schließt Petrus. Nun kommen Philippus und Bartholomäus gestikulierend auf sie zu, und wie sie Jesus sehen, beschleunigen sie den Schritt. Sie sagen: «Oh, Meister, was sollen wir tun? Es ist ein wahrer Pilgerzug: Kranke, Weinende, Arme ohne Mittel,... die meisten sind von weither gekommen.»

«Wir werden Brot kaufen. Die Reichen geben Almosen, und das muß dafür verwendet werden.»

«Die Tage sind kurz. Der Schuppen ist bereits dicht angefüllt mit biwakierenden Leuten. Die Nächte sind feucht und kalt.»

«Philippus hat recht. Wir werden uns alle in einen Raum zusammendrängen. Es wird schon gehen. Dann richten wir die anderen beiden Räume für jene her, die heute nicht nach Hause gehen können.»

«Ich habe verstanden. Demnächst müssen wir noch die Gäste um Erlaubnis bitten, wenn wir Kleider wechseln wollen. Sie sind so aufdringlich, daß sie uns in die Flucht treiben», brummt Petrus.

«Du wirst noch andere Fluchten erleben, mein Petrus! Was hat die Frau?» Sie sind am Dreschplatz angekommen, als Jesus eine weinende Frau bemerkt.

«Ach, sie war schon gestern hier, und auch gestern hat sie geweint. Als du mit Manaen sprachst, hat sie sich aufgemacht, um dir entgegenzugehen, dann ist sie jedoch weggegangen. Sie muß im Dorf oder in der Nähe wohnen, denn sie ist zurückgekommen. Krank scheint sie nicht zu sein...»

«Der Friede sei mit dir, Frau», sagt Jesus und geht nahe an ihr vorüber. Sie antwortet leise: «Und mit dir», sonst nichts.

Es sind ungefähr dreihundert Personen anwesend. Unter dem Schutzdach sind Lahme, Blinde, Stumme, einer ist vom Zittern befallen, ein Jugendlicher, der offensichtlich einen Wasserkopf hat, wird von einem Mann geführt. Er heult nur, geifert und bewegt seinen großen Kopf mit stumpfsinnigem Ausdruck unruhig hin und her.

«Ist er vielleicht der Sohn jener Frau?» fragt Petrus.

«Ich weiß es nicht. Simon kümmert sich um die Pilger und weiß es.»

Sie rufen den Zeloten und fragen ihn. Doch der Mann gehört nicht zur Frau. Diese ist allein. «Sie weint nur und betet. Vorher hat sie mich gefragt: "Heilt der Meister auch die Herzen?"», berichtet der Zelote.

«Vielleicht eine betrogene Gattin?» meint Petrus.

Während sich Jesus zu den Kranken begibt, gehen Bartholomäus und Matthäus mit vielen Pilgern zur Reinigung.

Die Frau in ihrer Ecke weint und rührt sich nicht.

Jesus verweigert niemandem das Wunder. Schön ist das Wunder am Schwachsinnigen, dem Jesus mit dem Atem den Verstand einhaucht,

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indem er den großen Kopf zwischen seinen schmalen Händen hält. Alle drängen sich hinzu. Auch die Verschleierte wagt es, vielleicht, weil viele Menschen da sind, näher zu kommen und stellt sich neben die weinende Frau. Jesus sagt zum Schwachsinnigen: «Ich will in dir das Licht des Verstandes um damit den Weg für das Licht Gottes zu bahnen. Höre, sage mit mir: "Jesus" ' sage es, ich will es!»

Der Schwachsinnige, der zuvor wie ein Tier heulte, es war wirklich nichts anderes als ein Heulen, stammelt nun mühsam: «Jesus», nein, «Jeschu».

«Noch einmal!» befiehlt Jesus und hält immer noch den unförmigen Kopf zwischen seinen Händen und beherrscht ihn mit seinem Blick. «Tsesu.» «Noch einmal!» «Jesus», sagt der Schwachsinnige endlich. Seine Augen sind nicht mehr so ausdruckslos, und der Mund hat ein anderes Lächeln.

«Mann», sagt Jesus zum Vater, «du hast Glauben gehabt. Dein Sohn ist geheilt. Befrage ihn. Der Name Jesus wirkt Wunder gegen Krankheiten und Leidenschaften.»

Der Mann fragt seinen Sohn: «Wer bin ich?»

Der Junge antwortet: «Mein Vater.» Der Mann drückt seinen Sohn an sein Herz und erklärt: «Er ist so auf die Welt gekommen. Meine Frau ist bei seiner Geburt gestorben, und er war im Verstand und im Sprechen gestört. Nun seht her! Ich habe geglaubt, ja, ich komme von Joppe. Was kann ich für dich tun, Meister?»

«Gut sollst du sein, und mit dir dein Sohn. Sonst nichts ...»

«Und dich lieben. Oh, laß uns sofort gehen, Sohn, und es der Mutter deiner Mutter erzählen. Sie hat mich zu diesem Schritt überredet, gesegnet sei sie dafür!» Die beiden gehen glücklich fort. Vom früheren Übel bleibt nur noch der große Kopf. Ausdruck und Sprechvermögen sind normal.

«Aber ist er nun durch deinen Willen oder durch die Macht deines Namens geheilt worden?» wollen viele erfahren.

«Durch den Willen des Vaters, der immer dem Sohne wohlgesinnt ist. Doch auch mein Name bedeutet Rettung. Ihr wißt es, Jesus heißt Retter. Die Rettung betrifft die Seele und den Leib. Wer den Namen Jesus mit wahrem Glauben ausspricht, steht von Krankheiten und Sünde auf, weil in jeder geistigen oder körperlichen Krankheit die Krallen Satans sind. Er erzeugt die körperlichen Leiden, um den Menschen durch die Leiden des Fleisches zur Auflehnung und zur Verzweiflung zu bringen und durch die moralischen oder geistigen Krankheiten versucht er, ihn in die Verdammnis zu stürzen.»

«Also ist nach deinem Dafürhalten an jeder Plage des Menschen Beelzebub nicht unbeteiligt?»

«Nein, er ist nicht unbeteiligt. Seinetwegen sind Krankheit und Tod in

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die Welt gekommen. Auch Verbrechen und Verderbtheit sind durch ihn in die Welt gekommen. Wenn ihr einen von irgendeinem Unglück Geplagten seht, dann denkt daran, daß er wegen Satan zu leiden hat. Wenn ihr seht, daß einer Ursache des Unglücks ist, dann wißt, daß er ein Werkzeug Satans ist.»

«Aber die Krankheiten kommen doch von Gott.»

«Die Krankheiten sind eine Unordnung in der Ordnung, denn Gott hat den Menschen gesund und vollkommen erschaffen. Die Unordnung wurde von Satan in die von Gott gegebene Ordnung gebracht und hat die Gebrechen des Fleisches und deren Folgen, also den Tod und die verhängnisvolle Vererbung, mit sich gebracht. Der Mensch hat von Adam und Eva die Erbsünde geerbt. Aber nicht nur sie. Dieser Makel breitet sich immer mehr aus und beherrscht schließlich die drei Bereiche des Menschen: Das Fleisch wird immer lasterhafter und damit schwach und krank; die Moral stets stolzer und daher verderbter, der Geist immer ungläubiger und dadurch immer götzendienerischer. Daher ist es notwendig, wie ich es mit dem Schwachsinnigen getan habe, den Namen Jesus zu lehren, der Satan in die Flucht schlägt, ihn in Herz und Sinn einzuprägen und ihn wie ein Eigentumssiegel auf das eigene Ich zu setzen.»

«Aber gehören wir denn dir? Wer bist du, daß du dir so viel einbildest?»

«Wenn es nur so wäre! Aber dem ist nicht so. Würde ich euch besitzen, so wäret ihr schon gerettet. Es wäre mein Recht, denn ich bin der Retter und müßte meine Geretteten besitzen... Doch jene, die an mich glauben, werde ich retten.»

«Johannes – ich komme von Johannes – hat mir gesagt: "Gehe zu jenem, der bei Ephraim und Jericho predigt und tauft. Er hat die Macht, zu lösen und zu binden, während ich dir nur sagen kann: 'Tue Buße, um deine Seele zu beflügeln, damit sie dem Heil folgen kann"' ' sagt ein durch ein Wunder Geheilter, der zuvor auf Krücken gehen mußte und sich nun gut bewegen kann.»

«Leidet der Täufer nicht darunter, das Volk zu verlieren?» fragt einer. Der Mann, der eben gesprochen hat, antwortet: «Leiden? Er sagt zu allen: Geht! Geht!... Ich bin der untergehende Stern. Er ist der Stern, der aufgeht und auf ewig in seiner Herrlichkeit bestehen bleibt. Damit ihr nicht in der Finsternis bleibt, geht zu ihm, bevor mein Flämmchen erlischt.»

«Die Pharisäer reden nicht so. Sie sind voller Neid, weil du das Volk anziehst. Weißt du es?»

«Ich weiß es», antwortet Jesus kurz.

Es entsteht nun eine Diskussion, ob die Pharisäer mit ihrer Handlungsweise im Recht oder Unrecht sind. Doch Jesus bricht sie ab mit einem kurzen: «Ihr sollt nicht urteilen», was keine Widerrede duldet.

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Bartholomäus und Matthäus kommen mit den Getauften zurück.

Jesus beginnt zu reden.

«Der Friede sei mit euch allen!

Ich habe gedacht, am Morgen zu euch von Gott zu sprechen, da ihr nun schon am Morgen hierher kommt, es wäre auch besser, wenn ihr zur Mittagszeit wieder abreisen könntet. Ich habe auch gedacht, die Pilger zu beherbergen, die nicht mehr am selben Tage nach Hause gelangen. Ich selbst bin auch ein Pilger und besitze nicht mehr als das Unentbehrlichste, das mir durch die Barmherzigkeit eines Freundes gegeben wurde. Johannes hat noch weniger als ich. Doch zu Johannes kommen Gesunde oder Leichtkranke, Betrübte, Blinde, Stumme und nicht Fieberkranke oder gar Sterbende wie zu mir. Sie gehen zu ihm, um die Bußtaufe zu empfangen. Zu mir kommt ihr auch für die Heilung des Körpers. Das Gesetz sagt: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Ich überlege und sage: Wie könnte ich beweisen, daß ich die Brüder liebe, wenn ich ihren Nöten und Bedürfnissen, auch den leiblichen gegenüber, mein Herz verschließen würde? Deshalb werde ich ihnen geben, was mir gegeben worden ist. Ich halte den Reichen die Hand hin und bitte sie um Brot für die Armen; ich verzichte auf mein Ruhelager und nehme den Müden und den Leidenden auf.

Wir sind alle Brüder und die Liebe wird nicht durch Worte, sondern durch Taten bewiesen. Derjenige, welcher seinem Nächsten gegenüber sein Herz verschließt, hat ein Herz wie Kain. Der Lieblose ist ein Rebell gegen Gottes Gebot. Wir sind alle Brüder, und trotzdem sehe ich, und ihr seht es ebenfalls, daß auch in einer Familie Haß und Feindschaft herrschen kann, dort, wo doch das gleiche Fleisch und Blut, das wir von Adam übernommen haben, uns zu einer brüderlichen Gemeinschaft in der Abstammung verbindet. Brüder sind gegen Brüder, Kinder gegen Eltern, Eheleute sind einander feindlich gesinnt.

Doch, um sich als Brüder nicht allezeit feindlich gesinnt zu sein, und um nicht eines Tages ehebrecherische Gatten zu werden, muß man von frühester Kindheit an die Achtung vor der Familie lernen, dem kleinsten und zugleich bedeutendsten Gebilde der Welt. Es ist das kleinste im Vergleich zum Gebilde einer Stadt, eines Gebietes, einer Nation, eines Erdteils; das bedeutsamste hingegen, weil es das älteste ist und von Gott zu einer Zeit geschaffen wurde, da der Begriff der Heimat und des Landes noch nicht bestand. Da war dieser Kern der Familie als Ursprung der Rasse, als kleines Reich, in dem der Mann der König, die Frau die Königin ist und die Kinder die Untertanen sind, bereits lebendig und tätig. Doch kann jemals ein Reich andauern, wenn Gehorsam, Achtung, Sparsamkeit, guter Wille, Fleiß und Liebe fehlen?

"Du sollst Vater und Mutter ehren", heißt es in den Zehn Geboten.

Wie ehrt man sie? Warum muß man sie ehren? Man ehrt sie mit echtem

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Gehorsam, wahrer Liebe, vertrauensvoller Achtung, mit einer Ehrfurcht, die die Vertrautheit nicht ausschließt, und die es gleichzeitig den Eltern nicht gestattet, uns wie Diener und Unterlegene zu behandeln. Man muß sie ehren, denn nach Gott sind die Eltern es, die das Leben vermitteln und für die materiellen Bedürfnisse sorgen. Sie sind die ersten Lehrer und die ersten Freunde des Kindes. Man sagt: "Gott möge dich segnen," und man sagt: "Danke" jenen, die uns einen auf den Boden gefallenen Gegenstand aufheben oder ein Stück Brot schenken. Jenen, die sich in der Arbeit aufreiben, um unseren Hunger zu stillen, um uns die Kleider zu weben und sie sauber zu halten, jenen, die sich erheben, um unseren Schlaf zu überwachen, die sich selbst die Ruhe versagen, um uns zum pflegen, die uns an ihrer Brust wieder Trost und Kraft schöpfen lassen, wenn wir im schmerzlichsten Überdruß verzagen... sollten wir ihnen nicht-- mit Liebe zurufen: "Gott segne euch" und "ich danke euch?"

Sie sind unsere Lehrer. Der Lehrer wird gefürchtet und geachtet. Doch übernimmt er uns erst, wenn wir bereits über die nötigste Kenntnis verfügen, um uns zurechtzufinden, selbständig essen und die wichtigsten Dinge benennen können, und er entläßt uns, wenn uns die wichtigste Lehre des Lebens, nämlich die "Kunst" zu leben, noch beigebracht werden muß. Der Vater und die Mutter sind es, die uns zuerst auf die Schule und dann auf das Leben vorbereiten.

Sie sind unsere Freunde. Gibt es denn einen besseren Freund als einen Vater? Und eine bessere Freundin als es die Mutter ist? Müßt ihr vor ihnen zittern? Könnt ihr sagen: "Ich bin von ihm oder von ihr verraten worden?" Doch, wie töricht ist der Junge und noch törichter das Mädchen, die sich Fremde zu Freunden machen und Vater und Mutter ihr Herz verschließen, sich Geist und Herz durch Verbindungen verderben, die unklug sind, wenn nicht gar schuldhaft und so zur Ursache von Tränen der Eltern werden und wie Tropfen flüssigen Bleis ihre Herzen durchfurchen. Diese Tränen aber, sage ich euch, fallen nicht in den Staub und geraten nicht in Vergessenheit. Gott sammelt sie und zählt sie. Das Martyrium eines zurückgestoßenen Vaters oder einer zurückgestoßenen Mutter wird vom Herrn belohnt werden. Aber die Tat eines Sohnes, der seine Eltern quält, wird nicht vergessen werden, auch dann nicht, wenn Vater und Mutter in ihrer schmerzvollen Liebe von Gott Erbarmen für den schuldigen Sohn erbitten.

"Ehre Vater und Mutter, wenn du lange auf Erden leben willst" ' ist gesagt worden, "und ewig im Himmel", füge ich hinzu Zu gering wäre die Strafe hienieden für eine Verfehlung gegen die Eltern, wenn sie nur darin bestünde, nur kurze Zeit leben zu können. Das Jenseits ist kein Märchen, und im Jenseits gibt es Belohnung oder Bestrafung, je nachdem wie wir gelebt haben. Wer gegen die Eltern fehlt, fehlt gegen Gott, denn Gott hat uns das Gebot gegeben, unsere Eltern zu lieben und wer sie nicht liebt,

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sündigt. Er verliert somit außer dem leiblichen Leben auch das wahre Leben, von dem ich zu euch gesprochen habe, und geht dem Tod der Seele entgegen. Er trägt den Tod bereits in sich, denn die Seele ist in Ungnade bei ihrem Herrn und hat schon das Verbrechen in sich, weil er die heiligste Liebe nach der Liebe zu Gott verletzt hat. Sie hat bereits den Keim für einen späteren Ehebruch in sich, denn aus einem bösen Sohn wird ein schlechter Ehegatte werden. Sie hat schon den Trieb zu einem abartigen sozialen Leben, denn aus einem schlechten Sohn entwickelt sich der zukünftige Dieb, der Betrüger, der in sich gewalttätige Mörder, der kaltblütige Wucherer, der freche Verführer, der zynische Lebemensch, der abstoßende Verräter seines Vaterlandes, der Verräter der Freunde, der Kinder, der Gattin, der Verräter aller Menschen. Könnt ihr dem noch Achtung und Vertrauen entgegenbringen, der die Liebe einer Mutter verraten und die weißen Haare eines alten Vaters verspottet hat?

Aber hört weiter zu, denn der Pflicht der Kinder steht eine gleiche Pflicht der Eltern gegenüber. Fluch dem schuldigen Kinde! Aber auch Fluch den schuldigen Eltern! Macht, daß euch die Kinder nicht tadeln müssen und im Bösen nachahmen können. Bewirkt durch eine gerechte und barmherzige Liebe, daß ihr wiedergeliebt werdet. Gott ist Barmherzigkeit. Die Eltern, die gleich nach Gott den zweiten Platz einnehmen, sollen auch barmherzig sein. Seid euren Kindern Beispiel und Trost. Seid ihr Friede und ihre Führung. Seid die erste Liebe eurer Kinder. Eine Mutter ist immer das erste Vorbild einer Braut, wie wir sie wünschen. Ein Vater hat für die heranwachsende Tochter das Wesen, das sie für ihren Bräutigam erträumt. Macht, daß eure Söhne und Töchter mit weiser Hand ihre Gefährten wählen und dabei an die Mutter und an den Vater denken und wünschen, im Gefährten wiederzufinden, was im Vater und in der Mutter ist: nämlich die wahre Tugend.

Wenn ich das Thema erschöpfend behandeln wollte, dann würden der Tag und die Nacht nicht ausreichen. Daher fasse ich mich euretwegen kürzer. Das Übrige möge euch der Heilige Geist mitteilen. Ich streue den Samen und schreite weiter. Doch der Same wird im guten Menschen gute Wurzeln schlagen und Ähren bringen. Gehet hin, der Friede sei mit euch!»

Wer geht, tut es rasch. Wer bleibt, geht in den dritten Raum und ißt sein Brot oder jenes, das ihm die Jünger im Namen Gottes anbieten. Auf grobe Klötze sind Bretter und Stroh gelegt worden; dort können die Pilger schlafen. Die verschleierte Frau geht mit eiligen Schritten davon. Jene, die von Anfang an und auch während der ganzen Rede Jesu geweint hat, wendet sich zögernd um und beschließt, zu gehen.

Jesus begibt sich in die Küche, um seine Mahlzeit einzunehmen. Doch kaum hat er zu essen begonnen, da klopft es an der Tür. Andreas, der nahe bei der Tür sitzt, erhebt sich und geht in den Hof hinaus. Er spricht

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mit jemandem und kommt zurück. «Meister, eine Frau, jene, die geweint hat, wünscht dich. Sie sagt, sie könne nicht bleiben und müsse dich zuvor sprechen.»

«Aber wie und wann kommt der Meister so zu seinem Essen?» ruft Petrus besorgt aus.

«Du hättest ihr sagen sollen, daß sie später wiederkommen soll.» sagt Philippus.

«Ruhe! Ich werde nachher essen. Eßt ihr nur weiter.» Jesus geht hinaus.

Die Frau erwartet ihn.

«Meister, ein Wort... Du hast gesagt... oh, komm hinter das Haus. Es ist so peinlich für mich, dir meinen Kummer zu sagen.»

Jesus stellt sie wortlos zufrieden. Erst hinter dem Haus fragt er sie dann: «Was willst du von mir?»

«Meister, ich habe dir vorher zugehört, als du mit den Leuten gesprochen hast... und dann habe ich deine Predigt gehört. Es schien, als hättest du für mich gesprochen. Du hast gesagt, daß in jeder körperlichen oder seelischen Krankheit Satan im Spiel ist. Ich habe einen Sohn, dessen Seele krank ist. Er hätte hören sollen, was du über die Eltern gesagt hast. Er ist mein größter Kummer. Er hat sich mit schlimmen Freunden herumgetrieben und ist so, wie du es gesagt hast... ein Dieb, vorläufig nur zu Hause... dazu ist er streitsüchtig... anmaßend... So jung wie er ist, ruiniert er sich durch Ausschweifung und Schlemmerei. Mein Mann will ihn fortjagen. Ich aber bin die Mutter und leide dermaßen, daß ich sterben möchte... Siehst du, wie meine Brust bebt? Das Herz will mir vor Kummer zerspringen. Seit gestern möchte ich mit dir reden, denn ich hoffe auf dich, mein Gott! Doch ich habe nicht gewagt, etwas zu sagen. Es ist so schmerzlich für eine Mutter, gestehen zu müssen: "Ich habe einen grausamen Sohn."» Die Frau ist vor Jesus niedergesunken und weint.

«Weine nicht mehr, er wird von seinem Übel geheilt werden.»

«Wenn er dich hören könnte! Aber er will dich nicht hören. Oh, so wird er nie gesund werden!»

«Aber hast du Glauben für ihn? Hast du Willen für ihn?»

«Das fragst du mich? Ich komme von den Anhöhen Peräas, um dich für ihn zu bitten...»

«Dann gehe nun. Wenn du nach Hause kommst, wird dir dein Sohn reumütig entgegeneilen.»

«Aber wie?»

«Wie? Glaubst du nicht, daß Gott tun kann, um was ich ihn bitte? Dein Sohn ist dort, ich bin hier. Gott aber ist überall. Ich flehe zu Gott: "Vater, habe Erbarmen mit dieser Mutter." Gott wird seinen Ruf im Herzen deines Sohnes ertönen lassen. Geh nun, Frau! Eines Tages werde ich an deinem Ort vorüberkommen, und du wirst mir voller Stolz mit deinem

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Sohn entgegenkommen. Wenn er, auf deinen Knien weinend, dich um Verzeihung bitten und dir von seinem geheimnisvollen Kampf, aus dem er mit neuer Seele hervorgegangen ist, berichten und dich dann fragen wird, warum es so gekommen ist, dann wirst du ihm sagen: "Durch Jesus bist du zum Guten wiedergeboren worden." Erzähle ihm von mir. Wenn du zu mir gekommen bist, dann beweist dies, daß du über mich Bescheid weißt. Mach, daß er von mir erfährt und an mich denkt, damit er die Kraft in sich hat, die rettet. Leb wohl! Der Friede sei mit dir, gläubige Mutter, mit dem Sohn, der zurückkehrt, mit dem zufriedenen Vater und der wiedervereinten Familie. Geh nun!»

Die Frau geht zum Dorf, und alles ist zu Ende.

162. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST NICHT UNKEUSCHHEIT TREIBEN»

Jesus sagt :

«Habe Geduld, meine Seele, wegen der doppelten Mühe. Es ist die Leidenszeit. Weißt du, wie müde ich in den letzten Tagen war? Du kannst es sehen. Ich stütze mich beim Gehen auf Johannes, Petrus und auch auf Judas... Ja, ich, der ich Wunder vollbrachte nur durch die Berührung meines Gewandes, vermochte jenes Herz nicht zu ändern. Laß mich anlehnen an dich, kleiner Johannes, damit ich jene Worte wiederholen kann, die ich in den letzten Tagen jenen Starrköpfigen und Abgestumpften schon gesagt habe, in die die Vorhersage meiner Leiden nicht eingedrungen ist. Und erlaube auch, daß der Meister von den Stunden der Predigten in der düsteren Ebene des "Trügerischen Gewässers" erzähle. Ich werde dich dafür zweimal segnen. Für deine Mühe und für dein Mitleid. Ich zähle deine Anstrengungen und sammle deine Tränen. Den Mühen aus Liebe zu den Brüdern kommt die gleiche Vergeltung zu wie jenen, die sich verzehren, um Gott den Menschen bekanntzumachen. Deine Tränen wegen meines Leidens in der vergangenen Woche werden mit dem Kuß Jesu vergolten. Schreibe und sei gesegnet !»

Jesus steht aufrecht auf einem Stapel von Brettern, die als Podest in einem der Räume aufgerichtet worden sind. Er spricht mit Donnerstimme in der Nähe der Türe, um von allen gehört zu werden: von denen, die im Raume sind, von anderen, unter dem Vordach und sogar von jenen, die auf dem überschwemmten Dreschplatz dem Regen ausgesetzt sind. Unter ihren dunklen Mänteln aus naturbelassener Wolle, die wasserundurchlässig ist, sehen sie aus wie Mönche. Im Raum selbst sind die Schwächeren, unter dem Vordach die Frauen, und im Hofe, unter dem Regen, die Kräftigeren, hauptsächlich Männer.

Petrus kommt und geht, barfuß im kurzen Unterkleid, ein Tuch auf dem Kopf. Er verliert seinen guten Humor nicht, auch wenn er im Wasser waten und eine ungewollte Dusche nehmen muß. Mit ihm sind Johannes, Andreas und Jakobus. Sie bringen vorsichtig die Kranken aus dem anderen Raum, geleiten die Blinden und stützen die Lahmen.

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die vier Jünger naß sind wie ins Wasser getauchte Schwämme.

«Nichts, nichts! Wir sind geteertes Holz. Mach dir nichts draus. Wir bekommen nur noch einmal eine Taufe, und der Täufer ist Gott selbst», antwortet Petrus auf das Bedauern Jesu.

Endlich sind alle an ihrem Platz, und Petrus denkt, daß er nun ein trockenes Gewand anziehen kann. Er veranlaßt auch die anderen drei dazu. Aber als er wieder beim Meister angelangt ist, sieht er an der Ecke des Vordaches den grauen Mantel der Verschleierten, und ohne zu überlegen, geht er zu ihr hin, quer durch den Hof, unter dem prasselnden, immer stärker werdenden Regen, durch die Pfützen, die bis zu den Knien spritzen beim Aufprall der dicken Regentropfen. Er packt die Verschleierte am Ellbogen, ohne den Mantel zu verschieben, und schleppt sie bis zur Wand des Schuppens, wo sie vor dem Regen geschützt ist. Dann stellt er sich in ihre Nähe, steif und unbeweglich, wie eine Schildwache.

Jesus hat es gesehen. Er lächelt und neigt dabei sein Haupt, um das Leuchten seines Antlitzes zu verbergen. Er beginnt zu sprechen:

«Sagt nicht, die ihr regelmäßig zu mir kommt, daß ich nicht der Reihe nach ordnungsgemäß predige und einige der Zehn Gebote überspringe. Ihr hört mich, ich sehe es, ihr hört mir zu. Ich knüpfe an die Schmerzen und an die Wunden an, die ich in euch sehe. Ich bin der Arzt. Der Arzt geht zuerst zu den Schwerkranken, zu jenen, die dem Tod am nächsten sind. Dann geht er zu jenen, die weniger leidend sind. Ich mache es ebenso.

Heute sage ich: "Du sollst nicht Unkeuschheit treiben."

Laßt eure Blicke nicht umherschweifen, indem ihr versucht, auf diesem oder jenem Gesicht das Wort "unkeusch" zu lesen. Liebt euch gegenseitig. Hättet ihr es gern, wenn es jemand auf euch lesen würde? Nein! Sucht also nicht, es im beunruhigten Auge des Nachbarn zu lesen, auf einer Stirn, die sich rötet und sich bis zum Boden neigt.

Dann... oh, sagt mir, besonders ihr Männer, wer von euch hat noch nie von diesem Brot aus Asche und Kot gekostet, das die sexuelle Befriedigung ist ? Ist nur das Unkeuschheit, was euch für eine Stunde in die Arme einer Dirne treibt? Ist nicht auch das entweihte Zusammenleben mit der Gemahlin unkeusch, da es zum legalisierten Laster wird, indem es nur zur gegenseitigen Befriedigung der Sinnlichkeit dient unter Ausschluß der Folgen?

Ehe bedeutet Zeugung, und ihr Vollzug ist und muß Befruchtung sein. Ohne dies ist sie unmoralisch. Man darf aus dem Ehegemach kein Bordell machen. Dazu wird es, wenn es mit Ausschweifung beschmutzt und die Ehe nicht durch die Mutterschaft geheiligt wird. Die Erde weist den Samen nicht zurück. Sie nimmt ihn auf und läßt eine Pflanze gedeihen. Der Same entflieht der Scholle nicht, nachdem er niedergelegt ist, er schlägt

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ein pflanzliches Geschöpf aus der Verbindung der Erde mit dem Samen. Der Mann ist der Same, die Frau das Erdreich und das Kind die Ähre. Sich weigern, eine Ähre zu bilden und die Kraft im Laster zu vergeuden, ist Sünde... ist Buhlerei auf dem Ehelager, die noch verschlimmert wird durch den Ungehorsam dem Gebote gegenüber, das besagt: "Seid ein Fleisch und vermehrt euch in den Kindern" (Gen 1,26-28 usw.).

Daher seht, o ihr Frauen, die ihr absichtlich unfruchtbar bleiben wollt, ihr rechtmäßigen und ehrbaren Frauen, nicht in den Augen Gottes, aber in jenen der Welt, daß ihr trotzdem Dirnen gleichkommt und Unkeuschheit treiben könnt, selbst wenn ihr nur eurem Ehegatten angehört, weil ihr nicht die Mutterschaft sucht, sondern viel zu oft dem Sinnengenuß frönt. Ihr überlegt nicht, daß die Sinnenlust – welchem Schlund auch ihre Begierde entspringen mag – ein Gift ist, das in Leidenschaft entbrennen läßt. Nach Befriedigung lechzend, durchbricht sie Schranken und wird in ihrer Gier immerzu unersättlicher. Was zurückbleibt ist ein herber Geschmack von Asche unter der Zunge, ein Widerwille, ein Ekel und die Verachtung eurer selbst und des Gefährten eurer Lust. Könnte es denn anders möglich sein, als daß in einem nicht diese Selbstverachtung aufkommen würde, wenn das Gewissen wiedererwacht – und das tut es zwischen einem Sinnenrausch und dem nächsten – weil man sich bis unter das Tier erniedrigt hat?

"Du sollst nicht Unkeuschheit treiben", ist gesagt worden.

Unkeusch sind ein Großteil der wollüstigen Handlungen des Menschen. Ich betrachte nicht einmal jene absurden Verbindungen, die der Leviticus mit den Worten verurteilt: "Mann, du darfst nicht einem Mann beiwohnen, als ob es eine Frau wäre", und "Du darfst nicht einem Tier beiwohnen, um dich nicht mit ihm zu beflecken." Dasselbe gilt auch für die Frau, sie darf sich nicht mit dem Tier vereinigen, denn das wäre verbrecherisch! (Lev 18,22-23)

Aber nachdem ich die Pflichten der Eheleute in der Ehe genannt habe, die aufhört, heilig zu sein, wenn sie durch Arglist unfruchtbar bleibt, komme ich auf die Unkeuschheit zwischen Mann und Frau zu sprechen: Unzucht aus gegenseitiger Lasterhaftigkeit oder gegen Bezahlung in Form von Geld oder Geschenken.

Der menschliche Körper ist ein herrlicher Tempel, der einen Altar in sich birgt. Auf dem Altare müßte Gott sein. Doch Gott ist nicht da wo Verderbtheit herrscht. Daher hat der Körper des Unreinen den Altar entweiht und ist ohne Gott.

Ähnlich einem Menschen, der sich betrunken im Schlamm und dem Erbrochenen seines Rausches wälzt, so erniedrigt sich der Mensch selber in der Bestialität der Unzucht und wird schlimmer als der Wurm und das schmutzigste Tier. Sagt mir, wenn jemand unter euch ist, der sich so

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erniedrigt hat, daß er mit seinem Körper Handel treibt, wie man es mit Korn und Tieren macht, was ist ihm daraus Gutes erwachsen? Nehmt euer Herz in die Hand, beobachtet und befragt es, hört es an, seht euch seine Wunden an, sein schmerzhaftes Erschauern, und dann sprecht und antwortet mir: War jene Frucht wirklich so süß, daß dieses Herz, das rein geboren, diesen Schmerz verdient hätte, gezwungenermaßen in einem unreinen Körper zu wohnen und mit seinem Schlagen der Unkeuschheit Leben und Glut zu verleihen, um sich schlußendlich im Laster zu verbrauchen?

Sagt mir, seid ihr so verkommen, daß ihr nicht einmal im geheimen schluchzen müßt, wenn ihr eine Kinderstimme hört, die "Mama" ruft, und ihr dann eurer Mutter gedenkt, o ihr Freudenmädchen, die ihr von zu Hause weggelaufen oder fortgejagt worden seid, damit ihr – die faulende Frucht – mit eurer zersetzenden Absonderung nicht auch noch die Geschwister verderbt? Wenn ihr an eure Mutter denkt, die vielleicht aus Gram gestorben ist, weil sie sich sagen mußte: "Habe ich ein Scheusal geboren?"

Fühlt ihr nicht euer Herz zerspringen, wenn ihr einem einsamen, ehrwürdigen Greis begegnet und dabei an euren Vater denkt, auf den ihr Schmach mit vollen Händen geworfen habt, und mit der Schmach den Spott seines Heimatdorfes ?

Spürt ihr nicht, wie eure Eingeweide sich verkrampfen, wenn ihr das Glück einer Braut oder die Unschuld einer Jungfrau seht und ihr euch sagen müßt: "Auf all das habe ich verzichtet, und ich werde es nie mehr haben!"

Spürt ihr nicht euer Gesicht vor Scham brennen, wenn ihr dem Blick der Männer begegnet, der voller Gier oder voller Verachtung ist?

Spürt ihr nicht eure Erbärmlichkeit, wenn ihr euch nach dem Kuß eines Kindes sehnt und nicht mehr zu sagen wagt: "Gib mir einen Kuß" ' weil ihr es abgetrieben habt, getötet wie eine unangenehme Last oder ein unnützes Hindernis, von dem Baum gebrochen, dessen Frucht es doch ist, und auf den Misthaufen geworfen, und weil nun die kleinen Leben euch zurufen: "Mörderinnen!"?

Erzittert ihr nicht vor jenem Richter, der euch erschaffen hat und euch erwartet, um euch zu fragen: "Was hast du aus dir gemacht? Habe ich dir etwa das Leben dafür gegeben? Stinkendes Nest der Würmer und der Verwesung, wie wagst du es, vor mein Angesicht zu treten? Du hast alles gehabt, was für dich Gott bedeutete: die Sinnenlust! Nun geh in die Verdammnis ohne Ende!"

Wer weint? Niemand? Ihr sagt, niemand? Und doch, meine Seele geht einer anderen Seele entgegen, die weint! Warum geht sie ihr entgegen? Um ihr den Bann entgegenzuschleudern, sie sei eine Dirne? Nein! Weil ihre Seele mir leid tut. Alles in mir empfindet Abscheu vor ihrem widerlichen,

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durch Anstrengungen in der Unzucht mit Schweiß bedeckten Körper.

Oh, Vater! Vater! Auch für diese Seele habe ich Fleisch angenommen und den Himmel verlassen, um ihr und ihrer vielen Schwesterseelen Erlöser zu sein. Warum sollte ich dieses umherirrende Schaf nicht zurückholen und in den Schafstall bringen, es reinigen, mit der Herde vereinigen, auf die Weide führen und ihm eine Liebe schenken, vollkommen wie nur meine Liebe ist, und so ganz anders als jene Liebschaften, die bis anhin für sie den Namen Liebe trugen und doch nur Haß waren; eine mitfühlende, vollkommene und zarte Liebe, damit sie nicht mehr der vergangenen Zeit nachtrauere, oder ihr nur nachtrauere, weil sie sich sagen muß: "Zu viele Tage habe ich verloren fern von dir, Ewige Schönheit. Wer gibt mir die versäumte Zeit zurück? Wie kann ich in dem kurzen Lebensrest von dem kosten, was ich verkostet hätte, wenn ich rein geblieben wäre?"

Aber weine nicht, von aller Gier der Welt getretene Seele. Höre, du bist ein schmutziger Lumpen, doch du kannst wieder zu einer Blume werden. Du bist ein Misthaufen, doch du kannst zum Blumenbeet werden. Du bist ein unreines Tier, doch du kannst wieder zum Engel werden. Einmal warst du es schon. Du hast auf blumigen Wiesen getanzt, als Rose unter Rosen, frisch wie sie und duftend in deiner Jungfräulichkeit. Du hast freudig deine Kinderlieder gesungen, und dann bist du zur Mutter und zum Vater gesprungen und hast zu ihnen gesagt: "Ich liebe euch", und der unsichtbare Schutzengel, den jedes Geschöpf an seiner Seite hat, erfreute sich an deiner reinen, himmelblauen Seele...

Und dann? Warum? Warum hast du dir die Flügel der kindlichen Unschuld ausgerissen? Warum hast du das Herz eines Vaters und einer Mutter mit Füßen getreten, um anderen, zweifelhaften Liebeleien entgegenzueilen? Warum hast du deine lautere Stimme verlogenen Phrasen der Leidenschaft geliehen? Warum hast du den Stengel der Rose geknickt und dich selbst verletzt?

Bereue, Tochter Gottes! Die Reue erneuert, die Reue reinigt, die Reue läutert. Könnte dir der Mensch nicht mehr verzeihen? Könnte es dein Vater nicht mehr? Doch Gott kann es! Denn die Güte Gottes ist unvergleichbar mit menschlicher Güte, und seine Barmherzigkeit ist unendlich größer als die menschliche Erbärmlichkeit. Achte dich selbst und mache deine Seele durch ein anständiges Leben wieder würdig. Rechtfertige dich vor Gott, indem du nicht mehr gegen deine Seele sündigst. Erwirb dir einen guten Ruf bei Gott. Das ist es, was zählt! Du bist das Laster! Werde die Sittsamkeit, werde ein Opfer, werde Märtyrerin deiner Reue. Du hast dein Herz martern können, um deinem Fleisch den Genuß zu gewähren. Nun martere dein Fleisch, um deinem Herzen den ewigen Frieden zu schenken.

Gehe! Geht nun alle! Jeder mit seiner Last und seinen Gedanken und denkt darüber nach. Gott erwartet alle und weist keinen von jenen

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zurück, die reumütig sind. Der Herr möge euch sein Licht schenken, damit ihr eure Seelen zu erkennen vermöget. Gehet hin.»

Viele entfernen sich in Richtung des Dorfes. Andere treten ins Haus. Jesus geht zu den Kranken und heilt sie.

Eine Gruppe von Männern steht plaudernd in einer Ecke. Da sie verschiedene Ansichten vertreten, reden und gestikulieren sie heftig. Einige beschuldigen Jesus, andere verteidigen ihn. Wiederum andere ermahnen diese und jene zu reiferem Urteil. Die Erregtesten wählen einen Mittelweg, vielleicht weil es nur wenige sind im Vergleich zu den anderen Gruppen, und gehen zu Petrus, der zusammen mit Simon die nun entbehrlichen Bahren dreier Geheilter aus dem Schuppen trägt, der zur Pilgerherberge geworden ist. Sie reden ihn vorlaut an: «Mann von Galiläa, höre!»

Petrus wendet sich um und schaut sie an wie seltene Tiere. Er sagt nichts, doch sein Gesicht spricht Bände. Simon wirft nur einen Blick auf die fünf Aufgeregten, geht hinaus und überläßt sie ihrem Gespräch.

Einer der fünf fährt weiter: «Ich bin Samuel, der Schriftgelehrte, dieser ist mein Kollege Sadoch, dieser hier ist der Jude Eleazar, sehr bekannt und einflußreich, dieser der wohlbekannte Älteste Callascebona und dieser Nahum. Verstehst du! Nahum!» Und der Ton seiner Stimme wird beinahe pathetisch.

Petrus macht eine leichte Verneigung bei jedem Namen, doch zum Schluß bleibt er auf halbem Wege und sagt mit höchster Gleichgültigkeit: «Ich weiß nicht... nie gehört... Ich verstehe nicht.»

«Blöder Fischer, du müßtest wissen, wer der Vertrauensmann des Annas ist!»

«Ich kenne Annas nicht, ich kenne nur viele Frauen mit dem Namen Anna... Eine Unmenge in Kapharnaum heißen auch Anna. Aber ich weiß nicht, welchem Annas dieser hier den Vertrauensmann spielt.»

«Dieser? Mir sagt man "dieser" ? !»

«Aber was soll ich dir denn sagen? Esel oder Vogel? Als ich zur Schule ging, hat mir der Lehrer beigebracht, "dieser" zu sagen, wenn ich von einem Mann spreche, und wenn ich nicht irre, bist du ein Mann.»

Der Mann tut, als ob ihn diese Worte quälten. Der andere, der zuerst gesprochen hat, erklärt: «Aber Annas ist der Schwiegervater des Kaiphas!»

«Ach so, nun verstehe ich. Und was weiter?»

«Nun, du sollst wissen, daß wir entrüstet sind.»

«Über was? Das Wetter? Ich auch. Zum drittenmal muß ich schon das Gewand wechseln, und jetzt habe ich nichts Trockenes mehr anzuziehen.»

«Spiel nicht den Dummen!»

«Den Dummen? Das stimmt doch! Aber wenn ihr nicht über das Wetter verärgert seid, über was dann? Die Römer?»

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«Über deinen Meister, den falschen Propheten!»

«Halt, lieber Samuel. Nimm dich in acht, wenn ich wach werde, dann bin ich wie der See. Von der Windstille zum Gewitter brauche ich nur einen Augenblick. Paß auf, was du sagst!»

Auch die Söhne des Zebedäus und des Alphäus sind nun hereingekommen und mit ihnen Iskariot und Simon; sie umringen Petrus, der immer lauter schreit.

«Faß nicht mit deinen plebejischen Händen die Großen Sions an!»

«Oh, welch feine Herren! Und ihr rührt mir den Meister nicht an, sonst landet ihr im Brunnen, und zwar sofort, um euch innen und außen ganz tüchtig zu reinigen.»

«Ich möchte die Gelehrten des Tempels darauf aufmerksam machen, daß dieses Haus Privatbereich ist», sagt Simon ruhig. Iskariot beteuert: «Und daß der Meister, dafür kann ich bürgen, für das Haus eines anderen, besonders für das Haus des Herrn, immer die größte Ehrfurcht hat. Dieselbe Ehrfurcht werde auch Seinem Zuhause entgegengebracht.»

«Schweige, du hinterhältiger Wurm!»

«Hinterhältig eben darum! Ihr habt mich angeekelt, und daher bin ich dorthin gegangen, wo es nicht ekelhaft ist. Gebe Gott, daß das Zusammensein mit euch mich nicht gänzlich verdorben hat.»

«Macht es kurz; was wollt ihr?» fragt Jakobus des Alphäus, trocken.

«Wer bist du denn?»

«Ich bin Jakobus des Alphäus, und Alphäus des Jakob, und Jakob des Matan, und Matan des Eleazar, und wenn du willst, sage ich dir den ganzen Stammbaum, bis zum König David, von dem ich abstamme, und dazu bin ich der Vetter des Messias. Daher bitte ich dich, mit mir als dem Nachkommen des königlichen Geschlechts und der jüdischen Rasse zu sprechen, wenn es deinen Hochmut anekelt, mit einem ehrlichen Israeliten zu reden, der Gott besser kennt als Gamaliel und Kaiphas. Rede also!»

«Dein Meister und Verwandter läßt sich Dirnen nachfolgen. Jene Verschleierte dort ist eine Dirne. Ich habe sie wiedererkannt, als sie Gold verkaufte. Sie ist die dem Schammai entflohene Geliebte; sie entehrt ihn.»

«Wem? Schammai, dem Rabbi? Dann muß sie schon eine alte Motte und daher ungefährlich sein», spottet Iskariot.

«Schweig, Verrückter! Von Schammai des Elchi, des Bevorzugten von Herodes!»

«Ach so, anscheinend liebt sie ihren Schatz nicht mehr. Schließlich war es ja seine Geliebte, nicht deine. Warum regst du dich dann so auf ?» Judas Iskariot antwortet überaus spöttisch.

«Mann, glaubst du nicht, daß du dich entehrst, wenn du den Spion machst?» fragt Judas des Alphäus. «Denkst du nicht, daß derjenige sich entehrt, der sich erniedrigt, zu sündigen, und nicht jener, der versucht, die Sünder wieder aufzurichten? Welche Unehre fällt auf meinen Meister

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und Bruder, wenn er mit seiner Stimme auch jene zu erreichen versucht, deren Ohren vom Geifer der Unzüchtigen Sions entweiht worden sind?»

«Die Stimme! Ha, ha, ha... Er ist dreißig Jahre alt, dein Meister und Vetter, und er ist nur ein größerer Heuchler als die anderen. Du und ihr alle, habt ihr einen guten Schlaf bei Nacht?»

«Unverschämte Schlange! Hinaus oder ich erwürge dich!» schreit Petrus, und Jakobus und Johannes unterstützen ihn, während Simon sich darauf beschränkt zu sagen: «Schande! Deine Heuchelei ist so groß, daß sie aufstößt und überläuft und schleimig ist wie eine Schnecke auf einer reinen Blume. Hinaus, und werde ein Mensch, denn jetzt bist du nur Geifer. Ich erkenne dich, Samuel. Du bist immer noch der Gleiche. Gott möge dir verzeihen. Aber verschwinde aus meinen Augen!»

Doch während Iskariot und Jakobus des Alphäus den so wütenden Petrus festhalten, donnert Judas Thaddäus, der mehr denn je dem Vetter gleicht, von dem er in diesem Augenblick das blaue Aufleuchten in den Augen und die würdevolle Haltung hat: «Wer den Schuldlosen entehrt, entehrt sich selbst. Die Augen und die Zunge hat Gott geschaffen, um sie in Heiligkeit zu gebrauchen. Der Verleumder schändet und erniedrigt sie, indem er sie zu Untaten mißbraucht. Ich will mich nicht selbst beschmutzen, indem ich durch eine gemeine Tat deinen weißen Haaren Schmach antuhe. Aber vergiß nicht: die Bösen hassen gute Menschen, und der Törichte tobt seinen Unmut aus, ohne auch nur zu überlegen, daß er sich dadurch verrät. Wer in der Finsternis lebt, verwechselt den blühenden Zweig mit einer Schlange. Doch wer im Licht lebt, sieht die Dinge, wie sie sind und verteidigt sie aus Liebe zur Gerechtigkeit, wenn sie verachtet werden. Wir leben im Licht. Wir sind das edle und keusche Geschlecht der Kinder des Lichtes, und unser Oberhaupt ist der Heilige, der weder Weib noch Sünde kennt. Wir folgen ihm nach und verteidigen ihn gegen seine Feinde, für die wir, wie er es uns gelehrt hat, keinen Haß, sondern nur Gebete haben. Lerne, o Greis, von einem Jüngling, der reif geworden ist, weil er die Weisheit zur Lehrerin hat, auf daß du nicht voreilig seiest im Reden und unfähig, Gutes zu tun. Geh und berichte dem, der dich gesandt hat, daß nicht im entehrten Haus auf dem Berg Moriah, sondern in dieser bescheidenen Wohnung Gott in seiner Herrlichkeit thront. Leb wohl!»

Die fünf Männer wagen es nicht, etwas einzuwenden und entfernen sich.

Die Jünger beraten. Sollen sie es Jesus sagen oder nicht ? Jesus weilt immer noch bei den geheilten Kranken. Ja, es ihm sagen! Es ist besser so!

Sie gehen zu ihm, rufen ihn und erzählen ihm alles. Jesus lächelt ruhig und antwortet: «Ich danke euch für die Verteidigung; doch was wollt ihr? Ein jeder gibt das, was er hat.»

«Aber ein wenig Recht haben sie. Man hat Augen im Kopf, um zu sehen, und viele sehen. Sie ist immer hier draußen, wie ein Hund. Sie schadet dir», sagen einige.

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«Laßt sie in Ruhe. Nicht sie wird der Stein sein, der mein Haupt treffen soll, und wenn sie gerettet wird, dann ist die Freude darüber einen Tadel wert.»

Alles endet mit dieser gütigen Antwort.

163. DIE VERSCHLEIERTE BEIM "TRÜGERISCHEN" GEWÄSSER"

Das Wetter ist so schauerlich, daß kein Pilger kommen konnte. Es gießt in Strömen, und der Vorplatz hat sich in einen Tümpel verwandelt, auf dem trockene Blätter schwimmen, die wer weiß woher stammen und vom Wind bis hierher geweht worden sind. Der Wind pfeift und rüttelt an Angeln und Türen. In der Küche, in der es dunkler als gewöhnlich ist, weil man, um das Eintreten des Regenwassers zu verhindern, die Türe geschlossen halten muß, und die voll von Rauch ist, da ihn der Wind zurückdrängt, wird man geräuchert, die Augen tränen und der Husten reizt.

«Da hatte Salomon recht», belehrt Petrus. «Drei Dinge sind es, die den Mann vertreiben: ein zänkisches Weib – das habe ich in Kapharnaum gelassen, damit es sich mit den anderen Schwiegersöhnen zanken kann, ein Kamin, der den Rauch nicht abziehen läßt, und ein Dach, das nicht wasserdicht ist... und diese beiden haben wir. Doch morgen werde ich mich um den Kamin kümmern. Ich werde aufs Dach steigen, und du, du und du (Jakobus, Johannes und Andreas), ihr werdet mit mir kommen. Mit Schieferplatten werden wir den Kamin aufstocken und ihn mit einem Dach versehen.»

«Und wo willst du die Schieferplatten hernehmen ?» fragt Thomas.

«Vom Vordach. Wenn es dort regnet, ist es kein Weltuntergang. Aber hier. Tut es dir leid, daß sich deine Speisen nicht mehr mit Rußtropfen schmücken?»

«Stelle dir vor! Wenn es uns gelingen würde... Schau, wie ich aussehe... es regnet mir auf den Kopf, wenn ich hier beim Feuer stehe.»

«Du gleichst einem ägyptischen Ungeheuer», sagt Johannes lachend.

Es stimmt, Thomas hat bizarre Kommas in seinem vollen, gutmütigen Gesicht. Der erste, der darüber lacht, ist er selbst, der immerfrohe, und auch Jesus muß lachen, denn während Thomas spricht, fällt ihm ein dicker, schwarzer Rußtropfen auf die Nase und hinterläßt einen schwarzen Fleck.

«Du bist ein Fachmann in der Wettervorhersage. Was sagst du? Wird es noch lange so weiterregnen ?» wird Petrus von Iskariot gefragt, der seit einigen Tagen ganz verändert ist.

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«Ich kann es dir gleich sagen. Ich werde den Astrologen spielen», sagt Petrus, geht zur Türe, öffnet sie ein klein wenig und steckt den Kopf und eine Hand hinaus. Er stellt fest: «Niedriger Südwind, heiß und schwül... Uff! Wenig zu...»

Petrus schweigt plötzlich, kommt leise herein, indem er die Türe einen Spalt offen läßt und hinausguckt.

«Was ist los ?» fragen sie zu dritt oder viert.

Aber Petrus deutet ihnen mit der Hand an, daß sie schweigen sollen. Er schaut noch einmal hinaus, dann sagt er flüsternd: «Jene Frau ist da. Sie hat Wasser am Brunnen getrunken und ein vergessenes Holzbündel aufgehoben. Es ist ganz naß und wird kaum brennen. Nun geht sie. Ich werde ihr nachgehen. Ich möchte sehen...», und Petrus geht vorsichtig hinaus.

«Wo hat sie wohl Unterschlupf gefunden, da sie immer hier ist?» fragt Thomas.

«Und dazu bei diesem Wetter!» sagt Matthäus.

«Ins Dorf geht sie ganz bestimmt, denn auch vorgestern hat sie dort Brot gekauft», sagt Bartholomäus.

«Sie hat eine schöne Ausdauer, immer verschleiert zu bleiben», bemerkt Jakobus des Alphäus.

«Oder einen triftigen Grund dafür», ergänzt Thomas.

«Aber ist sie wirklich das, was der Jude gestern gesagt hat ?» fragt Johannes. «Die sind doch immer so verlogen.»

Jesus schweigt, als ob er taub wäre. Alle sehen ihn an, in der Gewißheit, daß er es weiß. Aber er schnitzt an einem Stück weichen Holzes herum, das sich langsam in eine große Gabel verwandelt, mit der man das Gemüse aus dem kochenden Wasser heben kann. Als er damit fertig ist, bietet er seine Arbeit Thomas an, der sich wirklich mit Leib und Seele für den Küchendienst eingesetzt hat.

«Du bist wirklich tüchtig, Meister. Aber wirst du uns jetzt sagen, wer sie ist ?»

«Eine Seele. Für mich seid ihr alle Seelen. Nichts anderes. Männer Frauen, Greise, Kinder: Seelen, Seelen, Seelen! Blütenweiße Seelen die kleinen Kinder, himmelblaue Seelen die Kinder, rosafarbene Seelen die Jugendlichen, goldene Seelen die Gerechten, pechschwarze Seelen die Sünder. Nur Seelen, nur Seelen! Ich lächle den reinen Seelen zu, denn mir scheint, dabei den Engeln zuzulächeln, und ich ruhe mich aus unter den himmelblauen und rosafarbenen Blumen der guten Jugendlichen; ich erfreue mich an den wertvollen Seelen der Gerechten, und ich bemühe mich schmerzhaft, die Seelen der Sünder wieder wertvoll und strahlend zu machen. Die Gesichter? Die Körper? Sie sind nichts... Ich kenne euch und erkenne euch wieder an euren Seelen.»

«Was für eine Seele ist denn sie?» möchte Thomas wissen.

«Bestimmt keine so neugierige Seele wie die meiner Freunde hier. Denn

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sie fragt nichts, erbittet nichts und geht und kommt, ohne zu reden oder herumzublicken.»

«Ich hatte in ihr eine Dirne oder eine Aussätzige vermutet, doch dann habe ich meine Meinung geändert, Meister. Wenn ich dir etwas erzähle, wirst du mich dann nicht tadeln?» fragt Iskariot und setzt sich an den Knien Jesu nieder, ganz verändert, demütig, gut, sogar schöner in seinem ergebenen Ausdruck, als wäre er nicht mehr der bombastische, wichtigtuerische Judas.

«Ich werde dich nicht tadeln. Sprich!»

«Ich weiß, wo sie wohnt. Ich bin ihr eines Abends gefolgt und habe dabei so getan, als wollte ich Wasser am Brunnen holen. Sie kommt immer bei anbrechender Dunkelheit zum Brunnen. Eines Morgens habe ich am Boden eine silberne Haarspange gefunden, am Brunnenrande, und habe sofort verstanden, daß die Frau sie verloren haben mußte. Nun, sie hält sich in einer kleinen Holzhütte im Walde auf. Vielleicht dient diese Hütte den Landarbeitern. Sie ist halb vermodert, und die Frau hat selbst darüber Reiser gelegt, um ein Dach zu machen. Vielleicht braucht sie das Reisigbündel auch dazu. Es ist ein elendes Loch... Ich verstehe nicht, wie man darin hausen kann. Es könnte vielleicht einem großen Hund oder einem ganz kleinen Esel genügen. Es war gerade eine Mondnacht, ich konnte gut sehen. Die Hütte ist ganz im Gebüsch versteckt und innen leer, es gibt keine Türe. Deshalb habe ich meine Meinung geändert und verstanden, daß sie keine Verbrecherin ist.»

«Du hättest dies nicht tun dürfen. Aber sei ehrlich: mehr hast du nicht getan ?»

«Nein, Meister. Ich hätte sie nur gerne gesehen; denn seit Jericho fällt sie mir schon auf, und mir scheint, daß ich sie am Schritt erkenne, so leicht und schnell bewegt sie sich. Auch ihre Gestalt muß geschmeidig und schön sein. Ja, man kann dies vermuten, trotz all ihrer vielen Kleider. Aber ich habe nicht gewagt, sie auszuspionieren, während sie am Boden ruhte. Vielleicht nimmt sie dabei den Schleier ab, doch ich habe sie respektiert...»

Jesus betrachtet Judas ganz fest und sagt dann: «Und du hast dabei gelitten. Doch du hast die Wahrheit gesagt. Und ich will dir sagen, daß ich mit dir zufrieden bin. Das nächste Mal wird es dich noch weniger kosten, gut zu sein. Alles liegt am ersten Schritt. Brav, Judas», und er liebkost ihn.

Nun kommt Petrus herein. «Aber Meister! Jene Frau ist verrückt geworden. Weißt du, wo sie sich aufhält? Ganz nahe am Flußufer, in einer Holzhütte im dichten Gebüsch. Vielleicht hat dieser Unterschlupf einmal einem Fischer oder einem Holzfäller gedient... Wer weiß. Doch ich hätte nie gedacht, daß an diesem feuchten, in einen Graben eingesunkenen und unter Gestrüpp begrabenen Ort eine arme Frau sein könnte. Ich habe sie

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gefragt: "Sprich und antworte aufrichtig: Bist du aussätzig?" Sie hat mir mit einem Flüstern geantwortet: "Nein." "Schwöre es!" "Ich schwöre es!" "Paß auf, wenn du aussätzig bist und es nicht eingestehst und in die Nähe des Hauses kommst und ich erfahre, daß du unrein bist, dann lasse ich dich steinigen ... Aber wenn du verfolgt wirst, weil du eine Diebin oder eine Mörderin bist, und hier wohnst, weil du Angst vor uns hast, dann brauchst du dich nicht zu fürchten. Aber jetzt, heraus da! Siehst du nicht, daß du im Wasser stehst ? Hast du Hunger ? Frierst du ? Du zitterst ja. Ich bin alt, siehst du? Ich mache dir nicht den Hof. Ich bin alt und anständig. Daher höre auf mich." So habe ich zu ihr gesprochen. Aber sie wollte nicht kommen. Wir werden sie tot auffinden, denn sie stand wirklich im Wasser.»

Jesus ist nachdenklich. Er betrachtet die zwölf Gesichter, die ihn aufmerksam beobachten. Dann fragt er: «Was meint ihr, daß geschehen soll?»

«Aber Meister, du mußt entscheiden.»

«Nein, ich möchte eure Meinung hören. Es ist eine Angelegenheit, die auch eure Beurteilung erfordert, und ich darf eurem Recht dazu keine Gewalt antun.»

«Im Namen der Barmherzigkeit sage ich, man kann sie nicht dort lassen», sagt Simon, und Bartholomäus: «Ich würde vorschlagen, ihr heute den Raum der Pilger zur Verfügung zu stellen. Er ist für die Pilger da, also kann auch sie ihn benützen.»

«Sie ist ein Mensch wie alle anderen», bemerkt Andreas.

«Außerdem kommt heute niemand», fügt Matthäus hinzu.

«Ich würde vorschlagen, sie heute zu beherbergen und es dann morgen dem Verwalter zu sagen. Er ist ein guter Mensch», sagt Judas Thaddäus.

«Du hast recht. Gut so. Er hat auch viele leere Ställe. Ein Stall ist immer noch ein Königspalast im Vergleich zu diesem eingesunkenen Kahn», ruft Petrus aus.

«Geh also und sag es ihr», ermuntert ihn Thomas.

«Die Jungen haben noch nicht gesprochen», bemerkt Jesus.

«Mir ist recht, was du tust», sagt der Vetter Jakobus, und der andere Jakobus gleichzeitig mit seinem Bruder: «Uns auch.»

«Ich befürchte nur den verhängnisvollen Fall, daß irgendein Pharisäer unvermutet daherkäme», sagt Philippus.

«Oh, auch wenn wir in die Wolken gingen, glaubst du, daß sie uns mit Anklagen verschont lassen würden? Sie klagen Gott nur nicht an, weil er fern ist. Wenn sie ihn aber in der Nähe hätten, wie dies bei Abraham, Jakob und Moses der Fall war, dann würden sie auch ihm Vorwürfe machen... Wer ist denn für sie ohne Schuld?» sagt Judas von Kerioth.

«Also dann geht und sagt ihr, daß sie im Pilgerraum Obdach nehmen soll. Geh du, Petrus, mit Simon und Bartholomäus. Ihr seid älter und

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werdet sie weniger beängstigen. Sagt ihr, sie bekäme ein warmes Essen und ein trockenes Gewand. Wir haben das von Isaak zurückgelassene. Seht ihr, wie alles nützlich ist? Es ist ein Frauengewand, das einem Mann gegeben worden ist.»

Die Jünger lachen, denn über das genannte Kleid muß schon manchmal gescherzt worden sein.

Die drei Älteren gehen... und kehren bald wieder zurück.

«Es war nicht einfach, aber schließlich ist sie gekommen. Wir haben ihr geschworen, daß wir sie nie stören werden. Nun will ich ihr das Stroh und das Gewand bringen. Gib mir Gemüse und Brot. Sie hat heute noch nichts gegessen. Natürlich, wer ist denn auch bei einer solchen Sintflut unterwegs.» Der gute Petrus geht mit seinen Schätzen hinaus.

«Und nun ein Befehl, der für alle gilt: Unter keinen Umständen geht ihr in den Pilgerschlafraum. Morgen wollen wir weiter sehen. Gewöhnt euch daran, das Gute zu tun um des guten Zweckes willen, ohne Neugier und ohne Verlangen, darin eine Ablenkung oder anderes zu finden. Seht ihr? Ihr habt euch beklagt, daß heute nichts zu tun sei. Wir haben dem Nächsten unsere Liebe entgegengebracht; was hätten wir Größeres vollbringen können? Wenn sie, und dies ist sicher, unglücklich ist, kann unsere Hilfe für sie Erholung, Wärme und Schutz sein, die zusammen wertvoller sind als ein wenig Nahrung, ein ärmliches Gewand und das feste Dach, das wir ihr gegeben haben! Wenn sie eine Schuld auf sich geladen hat, eine Sünderin ist, ein Geschöpf auf der Suche nach Gott, wird dann unsere Liebe nicht zur schönsten Lehre, zum klarsten Hinweis, um sie auf den Weg zu Gott zu führen?»

Petrus kommt ganz leise zurück und hört seinem Meister zu.

«Seht, Freunde. Israel hat viele Lehrer, und sie reden und reden... Doch die Seelen bleiben, wie sie sind. Warum? Weil die Seelen die Worte der Meister hören, aber auch ihre Werke sehen. Diese Werke jedoch zerstören ihre Worte, und die Seelen bleiben, was sie sind, wenn sie nicht noch schlimmer werden. Aber wenn ein Lehrer auch tut, was er sagt, und in allen seinen Werken heiligmäßig handelt, auch in den einfachsten materiellen Dingen, z.B. wenn er das Brot reicht, ein Kleid schenkt, einen Unterschlupf für den notleidenden Nächsten beschafft, dann bewirkt er, daß die Seelen Fortschritte machen und zu Gott gelangen; denn seine Taten bekunden den Brüdern: Es gibt einen Gott, und Gott ist hier! Oh, die Liebe! Wahrlich, ich sage euch, wer liebt, rettet sich selbst und die anderen.»

«Du sagst es gut, Meister. Jene Frau hat mir gesagt: "Der Retter sei gepriesen und der, der ihn gesandt hat, und ihr alle mit ihm" ' und mir armem Kerl wollte sie die Füße küssen, während sie unter ihrem dichten Schleier weinte... Hoffentlich kommt nicht irgendein Nachtschwärmer von Jerusalem, sonst... Wer würde uns dann retten?»

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«Unser Gewissen rettet uns vor dem Gericht unseres Vaters und das ist genug», sagt Jesus. Er setzt sich an den Tisch, nachdem er die Speisen gesegnet und dargebracht hat.

Alles ist zu Ende.

164. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST DIE FEIERTAGE HEILIGEN»

Das Wetter ist nicht mehr so ungut, und obgleich es immer noch regnet, erlaubt es den Leuten wieder, zum Meister zu kommen.

Jesus steht abseits und hört zwei oder drei Personen an, die ihm Wichtiges anzuvertrauen haben, dann aber wieder beruhigt an ihren Platz zurückkehren. Er segnet auch ein Knäblein, das seine kleinen Beine so unglücklich gebrochen hat, daß kein Arzt es behandeln will und alle sagen: «Es ist unmöglich, sie sind oben, bei der Wirbelsäule, gebrochen,» erklärt die Mutter ganz in Tränen aufgelöst: «Es ist mit seinem Schwesterchen auf der Dorfstraße herumgesprungen. Da ist ein Herodianer mit seinem Wagen und den Pferden im Galopp dahergefahren, und das Kind kam unter den Wagen. Zuerst habe ich gedacht, es wäre tot. Doch es ist schlimmer. Du siehst es selbst. Ich lasse es auf dem Brett liegen, weil man nichts anderes tun kann. Es leidet, leidet, denn der Knochen ist zerstört. Und wenn der Knochen nicht mehr schmerzen wird, dann wird es dennoch leiden, weil es nur noch auf dem Rücken liegen kann.»

«Tut es sehr weh?» fragt Jesus mitleidig den weinenden Knaben.

«Ja.»

«wo?»

«Hier und hier», und er berührt mit seinen unsicheren Händchen die beiden Hüftknochen. «Und dann hier und hier», und er zeigt nach dem Rücken und den Schultern. «Das Bett ist hart, und ich möchte mich bewegen, ich...», und er weint ganz verzweifelt.

«Möchtest du auf meine Arme kommen? Willst du? Ich will dich mitnehmen dort hinauf, von wo du alle beobachten kannst, während ich rede...»

«Ja...» (Dieses Ja ist voller Verlangen.) Das arme Kind streckt bittend die Ärmchen aus.

«Komm also!»

«Aber das ist doch nicht möglich. Meister, er kann doch nicht. Er hat zu starke Schmerzen... Ich darf ihn nicht einmal beim Waschen bewegen...»

«Ich werde ihm nicht weh tun...»

«Aber der Arzt...»

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«Der Arzt ist der Arzt. Ich bin ich! Warum bist du gekommen?»

«Weil du der Messias bist», antwortet die Frau und wird weiß und rot im Gesicht, hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

«Also? Komm, Kleiner!» Jesus legt einen Arm unter die leblosen Beinchen, den anderen unter die Schultern, hebt das Kind hoch und fragt: «Tut es weh? Nein? Gut, dann sag Mama Lebewohl, und wir wollen gehen.»

Dann geht er mit seiner Last durch die Menge, die Platz macht, und erreicht eine Art von Podest, das sie für ihn errichtet haben, damit ihn alle sehen können, auch jene im Hof. Er läßt sich einen Hocker geben und setzt sich nieder, nimmt das Kind auf die Knie und fragt es: «Gefällt es dir? Nun sei brav und höre auch du gut zu», und Jesus beginnt zu sprechen. Seine Rede begleitet Jesus mit Gebärden der rechten Hand, während er mit der Linken das Kind stützt, das die Menschen beobachtet, glücklich darüber, etwas sehen zu können. Es lächelt der Mutter zu, die hinten im Raum in bangender Hoffnung zittert. Das Kind spielt mit der Kordel am Gewand Jesu und mit dem weichen, blonden Bart des Meisters und einer Locke seiner langen Haare.

«Es steht geschrieben: "Deine Arbeit sei ehrlich und den siebten Tag widme dem Herrn und deiner Seele." Dies ist mit dem Gebot der Sabbatruhe gesagt worden.

Der Mensch ist nicht mehr als Gott. Aber Gott vollendete seine Schöpfung in sechs Tagen und ruhte am siebenten Tag. Weshalb erlaubt sich der Mensch, dem Beispiel des Vaters nicht zu folgen und seinem Gebot nicht zu gehorchen? Ist es ein törichter Befehl? Nein! Wahrlich, es ist ein heilsamer Befehl, sowohl in körperlicher, als auch in moralischer und geistiger Hinsicht.

Der ermüdete Körper des Menschen braucht Ruhe, wie derjenige jedes erschaffenen Wesens. Der Ochse, der auf dem Felde gebraucht wird, der Esel, der als Lasttier nützlich ist, das Schaf, das uns das Lamm gebärt und die Milch gibt, sie alle ruhen sich auch aus, und wir lassen sie ruhen, um sie nicht zu verlieren. Auch die Erde des Feldes ruht, damit sie sich in den Monaten, in denen sie ohne Saat bleibt, mit den Salzen, die mit dem Regenwasser fallen oder aus dem Boden stammen, nähren und sättigen kann. Sie alle ruhen, auch ohne unsere Einwilligung zu erbitten, die Tiere und Pflanzen, die den ewigen Gesetzen einer weisen Erneuerung gehorchen. Warum will denn der Mensch weder den Schöpfer nachahmen, der am siebten Tage ruhte, noch die ihm unterlegene Schöpfung, sei es die Pflanzen- oder die Tierwelt, die sich nach diesen Gesetzen zu richten weiß und ihnen gehorcht, ohne ein anderes Gebot erhalten zu haben, als dasjenige, welches in ihrem Instinkt verankert ist?

Es gibt auch eine sittliche Ordnung außer der physischen. Sechs Tage lang dient der Mensch allem und allen. Wie ein Faden im Triebwerk des

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Webstuhls geht er auf und ab, ohne je sagen zu können: "Jetzt beschäftige ich mich mit mir selbst und mit meinen Lieben. Ich bin Vater, und heute gehöre ich meinen Kindern. Ich bin Bräutigam, und heute widme ich mich meiner Braut. Ich bin Bruder und freue mich an meinen Brüdern. Ich bin Sohn und kümmere mich heute um meine alten Eltern."

Es ist ein Befehl für unsere Seele. Die Arbeit ist heilig, noch heiliger ist die Liebe, am heiligsten ist Gott. Dessen eingedenk soll wenigstens ein Tag der Woche unserem guten und heiligen Vater geschenkt werden, der uns das Leben gegeben hat und es uns erhält. Warum ihn weniger gut behandeln als den irdischen Vater, die Kinder, die Brüder, die Braut, unseren eigenen Körper? Der Tag des Herrn gehöre ihm! Wie angenehm ist es, sich am Abend nach der Tagesarbeit in einem Haus voller Liebe auszuruhen. Wie angenehm, es nach langer Reise wieder zu erreichen. Warum sollte man nach sechs Tagen der Arbeit nicht das Haus des Vaters aufsuchen? Warum nicht wie der Sohn sein, der von einer sechstägigen Reise zurückkehrt und sagt: "Siehe, da bin ich, um meinen Ruhetag mit dir zu verbringen "?

Aber nun hört gut zu. Ich habe gesagt: "Deine Arbeit sei ehrlich!"

Ihr wißt, daß unser Gesetz die Nächstenliebe vorschreibt. Die Redlichkeit der Arbeit gehört zu dieser Nächstenliebe. Der redliche Mensch tätigt keine betrügerischen Geschäfte, unterschlägt dem Arbeiter nicht den gerechten Lohn und nützt ihn nicht auf sündhafte Weise aus. Im Bewußtsein, daß der Diener und der Arbeiter Leib und Seele haben wie er, behandelt er ihn nicht wie einen leblosen Stein, den man mit dem Eisen schlagen oder mit dem Fuß stoßen darf. Wer nicht so handelt, der liebt den Nächsten nicht und sündigt daher in den Augen Gottes. Verflucht ist sein Gewinn, selbst wenn er davon die Abgabe für den Tempel zahlt.

Oh, welch verlogene Gabe! Wie kann er es wagen, sie zu den Füßen des Altares niederzulegen, wenn sie trieft vom Blut und den Tränen des ausgebeuteten Untergebenen oder wenn sie Diebstahl genannt werden muß, oder: Verrat am Nächsten; denn der Dieb ist ein Verräter an seinem Mitmenschen. Wahrlich, der Feiertag ist nicht geheiligt, wenn er nicht dazu dient, daß der Mensch sich erforscht, und wenn er nicht damit verbracht wird, sich zu bessern und die während den sechs Tagen begangenen Sünden wieder gutzumachen.

Ja, das ist die Heiligung des Feiertages! Das, und nicht eine andere, rein äußerliche Handlung, die eure Denkweise nicht um ein Jota ändert. Gott will lebendige Werke, nicht Trugbilder von Werken.

Vorgespielter Gehorsam gegenüber dem Gesetz ist Scheinhandlung. Scheinhandlung ist die vorgetäuschte Heiligung des Sabbats, die Ruhe, die gehalten wird, nur um damit den Gehorsam gegenüber dem Gesetz öffentlich kundzutun, während man die Mußestunden dazu benützt, um

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dem Laster in der Ausschweifung und Schlemmerei zu frönen, sowie im Überlegen, wie man in der kommenden Woche den Nächsten ausbeuten und ihm schaden könnte.

Die Heiligung des Sabbats, also die körperliche Ruhe, ist eine Scheinhandlung, wenn sie nicht gepaart ist mit einer inneren, seelischen, heiligen Arbeit ehrlicher Selbsterforschung, einer demütigen Selbsterkenntnis seiner eigenen Erbärmlichkeit, einem ernsthaften Vorsatz, sich während der kommenden Woche besser zu verhalten.

Ihr werdet sagen: "Doch wenn man dann von neuem in die Sünde fällt?" Was würdet ihr von einem Kinde halten, das, weil es gefallen ist, keinen Schritt mehr machen wollte, um nicht wieder zu fallen? Daß es ein Dummkopf ist, daß es sich nicht zu schämen braucht wegen seiner Unsicherheit beim Gehen, denn alle sind wir unsicher gewesen, als wir noch klein waren, und daß unser Vater uns deswegen doch geliebt hat. Wer erinnert sich nicht, wie uns das Umfallen eine Flut mütterlicher Küsse und väterlicher Liebkosungen eintrug?

Dasselbe tut unser allergütigster Vater, der im Himmel ist. Er neigt sich über seinen Kleinen, der am Boden weint, und sagt: "Weine nicht! Ich werde dich aufheben. Das nächste Mal wirst du vorsichtiger sein. Komm in meine Arme. Da wird alles Weh vergehen, und du wirst gestärkt, geheilt und glücklich daraus hervorgehen." Das sagt unser Vater, der im Himmel ist. Das sage ich euch. Wenn es euch gelingen würde, den Glauben an den Vater zu haben, würde euch alles gelingen. Einen Glauben, gebt acht, wie jener eines Kindes! Das Kind hält alles für möglich. Es fragt nicht, ob und wie etwas geschehen kann. Es ermißt die Tragweite eines Geschehens nicht. Es glaubt dem, der in ihm Vertrauen erweckt, und tut, was er ihm sagt. Seid wie die Kinder vor dem Allerhöchsten. Wie liebt er diese verirrten Engelchen, welche die Schönheit der Erde sind! Genauso liebt er die Seelen, die einfach, gut und rein sind wie ein Kind.

Wollt ihr den Glauben eines Kindes sehen, um zu lernen, wie man Vertrauen haben muß? Seht! Ihr alle habt den Kleinen bemitleidet, den ich hier an meiner Brust halte und der, entgegen den Aussagen der Ärzte und der Mutter, beim Sitzen auf meinem Schoß nicht geweint hat. Seht ihr? Das Kind tat schon längere Zeit nichts anderes, als Tag und Nacht zu weinen, ohne Ruhe zu finden; hier weint es nicht. Es ist friedlich an meinem Herzen eingeschlafen. Ich habe es gefragt: "Willst du in meine Arme kommen?" Es hat geantwortet: "Ja", ohne an seinen elenden Zustand zu denken, an den möglichen Schmerz, den es infolge einer Bewegung hätte empfinden können. Es hat in meinem Antlitz Liebe gesehen und "Ja" gesagt, und ist gekommen. Es hat keinen Schmerz mehr empfunden. Es hat sich darüber gefreut, hier oben zu sein, alles sehen zu können, auf einen weichen Körper gesetzt zu werden und nicht mehr auf dem harten Brett liegen zu müssen. Es hat gelächelt, gespielt und ist mit einer Locke meiner

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Haare in den kleinen Händen eingeschlafen. Nun will ich das Kind mit einem Kuß wecken...» und Jesus küßt das Kind auf die braunen Härchen, und es erwacht mit einem Lächeln.

«Wie heißt du?»

«Johannes.»

«Höre, Johannes, willst du gehen? Willst du zu deiner Mutter gehen und ihr sagen: "Der Messias segnet dich deines Glaubens wegen?"»

«Ja, ja», und der Kleine klatscht in die Händchen und fragt: «Du machst, daß ich gehen kann? Auf die Wiesen? Ohne das harte Brett? Ohne die Ärzte, die mir weh tun?»

«Nicht mehr, nie mehr!»

«Oh, wie ich dich liebe!», und das Kind wirft seine Ärmchen um den Hals Jesu und küßt ihn, und um ihn noch besser küssen zu können, kniet es mit einem Ruck auf die Knie Jesu, und eine Menge unschuldiger Küsse fällt auf Stirn, Augen und Wangen Jesu.

Das Kind, mit seinen bis anhin gebrochenen Knochen, bemerkt in seiner Freude nicht einmal, daß es sich bewegen kann. Aber der Schrei der Mutter und der Menge wecken es auf und es blickt erstaunt um sich. Seine großen, unschuldigen Augen im abgemagerten Gesichtlein schauen fragend. Immer noch auf den Knien, sein rechtes Ärmchen um den Hals Jesu gelegt, fragt es vertrauensvoll, indem es auf die aufgeregten Menschen und auf die Mutter im Hintergrund zeigt, die in einem fort: «Johannes, Jesus, Johannes, Jesus!» ruft, «warum schreien die Leute und die Mutter? Was haben sie denn? Bist du Jesus?»

«Ich bin es. Die Leute schreien, weil sie froh sind, daß du wieder gehen kannst. Leb wohl, kleiner Johannes.» Jesus küßt und segnet das Kind. «Geh zu deiner Mutter und sei lieb!»

Das Kind rutscht selbstsicher von den Knien Jesu, rennt zur Mutter, wirft sich ihr an den Hals und sagt: «Jesus segnet dich. Warum weinst du?»

Als die Leute sich beruhigt haben, ruft Jesus laut: «Macht es wie der kleine Johannes, ihr, die ihr in Sünde fallt und euch verletzt. Glaubt an die Liebe Gottes. Der Friede sei mit euch!»

Während sich die Hosannarufe der Menge mit dem glücklichen Weinen der Mutter vermengen, verläßt Jesus, von den Seinen geschützt, den Raum.

Das ist das Ende.

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165. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST NICHT TÖTEN»; TOD DES DORAS

«"Du sollst nicht töten", steht geschrieben.

Welcher der beiden Gebotsgruppen gehört dieses Gebot an?

"Der zweiten?" sagt ihr. Seid ihr sicher?

Ich frage euch ebenso: Besteht die Schuld darin, daß man sich gegen Gott oder den Getöteten versündigt? Ihr sagt: "Gegen den Getöteten?" Seid ihr dessen sicher?

Weiterhin frage ich euch: Geht es nur um die Sünde des Mordes? Wenn man tötet, begeht man nur diese einzige Sünde?

"Nur diese" ' sagt ihr? Hegt niemand einen Zweifel? Antwortet mit lauter Stimme. Einer soll für euch alle reden. Ich warte.» Jesus beugt sich nieder, um ein kleines Mädchen zu streicheln, das ganz nah zu ihm hingetreten ist und ihn verzückt betrachtet und dabei vergißt, in seinen Apfel, den ihm die Mutter gegeben hat, damit es sich ruhig verhält, zu beißen.

Ein alter, stattlicher Mann erhebt sich und sagt: «Höre, Meister! Ich bin ein alter Synagogenvorsteher, und man hat mich gebeten, für sie zu sprechen. So spreche ich für alle. Es scheint mir und es scheint uns, nach Gerechtigkeit geantwortet zu haben, dementsprechend, was man uns gelehrt hat. Ich gründe meine Sicherheit auf das Kapitel des Gesetzes über Mord und Schläge. Doch du weißt, daß wir gekommen sind, um belehrt zu werden, da wir in dir Weisheit und Wahrheit erkennen. Wenn ich mich irre, dann erleuchte meine Finsternis, damit der alte Diener zu seinem lichtumkleideten König gehen kann. Wie an mir, so handle auch an ihnen, die zu meiner Herde gehören und mit ihrem Hirten hergekommen sind, um an den Quellen des Lebens zu trinken.» Der Mann verneigt sich mit größter Achtung, bevor er sich wieder setzt.

«Wer bist du, Vater?»

«Kleophas von Emmaus, dein Diener.»

«Nicht meiner. Der Diener desjenigen, der mich gesandt hat, denn dem Vater gebührt jeglicher Vorrang und alle Liebe im Himmel, auf Erden und in den Herzen. Der erste, der ihm diese Ehre erweist, ist sein Wort, das auf dem makellosen Tisch, so, wie es der Priester mit den Opferbroten macht, die Herzen der guten Menschen nimmt und sie aufopfert. Aber höre, Kleophas, damit du ganz erleuchtet zu Gott hingehen kannst, wie es dein heiliger Wunsch ist:

Um die Strafwürdigkeit einer Sünde einzuschätzen, muß man die Umstände bedenken, die ihr vorangehen, ihr den Weg bahnen, sie entschuldigen, sie erklären. Wen habe ich erschlagen? Was habe ich erschlagen? Wo habe ich erschlagen? Womit habe ich erschlagen? Warum habe ich erschlagen? Wie und wann habe ich erschlagen? All das muß sich jener

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fragen, der getötet hat, bevor er vor Gott hintritt, um ihn um Vergebung zu bitten.

"Wen habe ich getötet?"

Einen Menschen. Ich sage: Einen Menschen. Ich bedenke und berücksichtige nicht, ob er arm oder reich, frei oder Sklave ist. Für mich gibt es keine Sklaven oder Machthaber. Es gibt nur Menschen, die von einem Einzigen erschaffen worden und darum alle gleich sind. Daher sind vor der Majestät Gottes auch die mächtigsten Herrscher der Erde Staub, und in den Augen Gottes und in meinen Augen gibt es nur ein Sklaventum: jenes der Sünde und daher unter Satan. Das alte Gesetz unterscheidet zwischen Freien und Sklaven und bis ins kleinste gehend unterscheidet es zwischen dem Töten durch einen Schlag und demjenigen, das es dem Opfer erlaubt, noch ein bis zwei Tage zu überleben. In gleicher Weise macht es einen Unterschied, ob der Stoß oder Hieb an einer schwangeren Frau zu deren Tod führt, oder ob nur ihre Leibesfrucht getötet wird. Das aber ist gesagt worden, als das Licht der Vollkommenheit noch fern war. Nun ist dieses Licht unter euch und sagt: "Jeder, der seinesgleichen tötet, sündigt." Er sündigt nicht nur gegen den Menschen, sondern auch gegen Gott.

Was ist der Mensch? Der Mensch ist das überlegene Geschöpf, das Gott als König über alle Schöpfung gesetzt hat. Gott hat es nach seinem Ebenbild und seiner Ähnlichkeit erschaffen; nach seiner Ähnlichkeit, indem er ihm die Ähnlichkeit im Geiste verlieh, nach seinem Ebenbild, indem der Mensch die Verkörperung seiner vollendeten Absicht ist. Schaut in die Luft, auf die Erde und in die Gewässer. Seht ihr vielleicht ein Tier oder eine Pflanze, die, so schön sie auch sein mag, dem Menschen gleichkommt? Das Tier läuft, ißt, trinkt, schläft, zeugt, arbeitet, singt, fliegt, schleicht und klettert, aber es hat keine Sprache. Auch der Mensch kann laufen und springen, und im Sprung ist er so gewandt, daß er mit dem Vogel wetteifert; er kann schwimmen und ist dabei so behend, daß er dem Fisch gleicht; er kann schleichen und man könnte meinen, er wäre eine Schlange; er kann klettern wie ein Affe, er kann singen wie ein Vogel. Er kann auch zeugen und sich vermehren. Doch überdies kann er sprechen.

Sagt nicht: "Ein jedes Tier hat seine Sprache." O ja, das eine muht, das andere blökt, das andere wiehert, das andere zwitschert, eines trillert und ein anderes grunzt. Doch vom ersten bis zum letzten Rind haben sie immer das gleiche und einzige Brüllen. So wird das Schaf bis ans Ende der Welt blöken, und der letzte Esel wird genauso schreien, wie der erste es getan hat, und der Sperling wird stets sein kurzes Zwitschern von sich geben, während die Lerche immer dieselbe Hymne an die Sonne und die Nachtigall die ihre an die Sternennacht singen werden, und dies bis zum letzten Tag der Welt, so wie sie einst den ersten Sonnenaufgang und die erste Nacht begrüßt hat. Der Mensch hingegen hat nicht nur eine Kehle und

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eine Zunge, sondern auch ein ganzes System von Nerven, die im Gehirn, dem Sitz des Verstandes, zusammenkommen. Der Mensch kann neue Eindrücke erfassen, sie gedanklich verwerten und ihnen einen Namen geben.

Adam nannte seinen Freund "Hund" und ihn, der ihm am meisten glich mit seiner dichten, hochstehenden Mähne über dem schwach bärtigen Gesicht, "Löwe". Er nannte "Schaf" das Lamm, das ihn sanft begrüßte, und "Vögel" die gefiederten Blumen, die wie ein Schmetterling fliegen, dazu lieblich singen, was der Schmetterling nicht kann. Dann ersannen die Nachkommen Adams im Verlauf der Jahrhunderte immer neue Namen, so wie sie langsam die Werke Gottes in den Geschöpfen kennenlernten und erkannten, oder weil sie durch den göttlichen Funken, der im Menschen ist, nicht nur Kinder zeugten, sondern auch nützliche oder schädliche Gegenstände für sie anfertigen konnten, je nachdem sie mit oder gegen Gott waren. Mit Gott sind alle, die gute Werke schaffen und vollbringen. Gegen Gott sind jene, die schlechte Dinge zum Schaden des Nächsten tun. Gott rächt die Qualen, die an seinen Kindern durch einen verderbten menschlichen Geist verübt werden.

Der Mensch ist also das von Gott bevorzugte Geschöpf. Auch wenn er jetzt schuldig ist, so ist er dennoch jenes, das ihm am teuersten ist. Dafür legt er Zeugnis ab, indem er sein eigenes Wort in die Welt gesandt hat: nicht einen Engel, nicht einen Erzengel, nicht einen Cherub, nicht einen Seraph, sondern sein Wort, damit es in der Hülle menschlichen Fleisches den Menschen erlösen soll. Er hat diese Hülle nicht für unwürdig gehalten, um den leidensfähig zu machen, der, wie der Vater, ein ganz reiner Geist ist und als solcher nicht hätte leiden und die Schuld des Menschen sühnen können.

Der Vater hat mir gesagt: "Du wirst Mensch sein: der Mensch! Ich hatte einen erschaffen, so vollkommen wie alles, was ich vollbringe. Er war für ein schönes Leben und einen süßen Schlaf ausersehen, für ein seliges Erwachen und einen glückseligen, ewigen Aufenthalt in meinem himmlischen Paradies.' Aber, du weißt es: in dieses Paradies kann nichts Unreines eingehen; denn in ihm haben Ich, Wir, der Dreieinige Gott, unseren Thron, und vor ihm darf nur Heiligkeit sein. Ich bin der, der ich bin. Meine göttliche Natur, unser geheimnisvolles göttliches Wesen, kann nur von Seelen ohne Makel wahrgenommen werden. Nun ist der Mensch durch Adam und in Adam unrein. Geh, reinige ihn! Ich will es! Du sollst von nun an der Mensch, der Erstgeborene sein. Denn als erster wirst du hier mit sterblichem Fleische, doch frei von jeder Sünde und mit einer

Der heiligsten Jungfrau Maria, der hervorragenden Eva, welche die Vollkommenheit der Stammeltern nicht nur erreichte, sondern weitaus übertraf, gewährte Gott von neuem einen sanften Schlaf", ohne wirklichen und wesentlichen Tod, wie wir dies in diesem Werk später noch erfahren werden.

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Seele ohne Erbsünde eingehen. Jene, die dir vorausgegangen sind, und jene, die nach dir kommen, werden das Leben haben durch deinen Tod als Erlöser!" Nur einer, der geboren worden ist, kann sterben. Ich wurde geboren und ich werde sterben.

Der Mensch ist das bevorzugte Geschöpf Gottes. Nun sagt mir: Wenn ein Vater viele Kinder hat, doch eines von diesen sein bevorzugtes, sein Augenstern ist und getötet wird, leidet dann jener Vater nicht mehr, als wenn ein anderes seiner Kinder getötet worden wäre? So dürfte es zwar nicht sein, denn der Vater müßte allen Kindern gegenüber gerecht sein. Doch es kommt vor, weil der Mensch unvollkommen ist. Gott kann dies in Gerechtigkeit tun, denn der Mensch ist das einzige Geschöpf unter den Erschaffenen, das gemeinsam mit dem Schöpfer-Vater eine geistige Seele hat, ein unleugbares Zeichen göttlicher Vaterschaft.

Wenn man einem Vater das Kind tötet, versündigt man sich dann nur gegen das Kind? Nein, auch gegen den Vater! Der Tod trifft im Fleisch das Kind, im Herzen den Vater, und beiden wird eine Wunde zugefügt. Wenn man einen Menschen tötet, sündigt man dann nur gegen den Menschen? Nein, auch gegen Gott! Man sündigt gegen den Menschen im Fleisch, gegen Gott aber in seinem Recht, weil Leben und Tod von ihm allein gegeben und genommen werden. Töten heißt Gewalt antun: Gott und dem Menschen. Töten ist Eindringen in den Bereich Gottes. Töten ist Fehlen gegen das Gebot der Liebe. Wer tötet, liebt Gott nicht, denn er zerstört eines seiner Werke: einen Menschen. Wer tötet, liebt den Nächsten nicht, denn er nimmt dem Nächsten das, was der Mörder für sich selbst beansprucht: das Leben. Damit sind die ersten beiden Fragen beantwortet.

"Wo habe ich getötet?"

Man kann unterwegs töten, im Haus des Angegriffenen oder aber das Opfer ins eigene Haus gelockt haben. Dem einen oder anderen Körperteil kann durch einen Schlag noch größerer Schmerz zugefügt werden, oder man kann auch zwei Morde in einem begehen, wenn man eine schwangere Frau mit ihrer Frucht umbringt.

Man kann unterwegs töten, ohne die Absicht dazu zu haben. Ein Tier, über das man die Herrschaft verliert, kann den Vorübergehenden töten, ohne daß man den Vorsatz hatte zu töten; anders ist der Fall, wenn dagegen einer mit einem Dolch unter seinem heuchlerischen Leinengewand ins Haus des Feindes dringt – und oft betrachtet man zu unrecht einen Besseren als Feind – oder ihn in sein Haus einlädt, ihn mit Ehren empfängt, dann aber erdrosselt und in die Zisterne wirft; dann liegt Vorsätzlichkeit vor, und die Sünde ist vollständig in der Bosheit, Roheit und Gewalttätigkeit.

Wenn ich die Leibesfrucht mit der Mutter töte, wird Gott mich für zwei Leben zur Rechenschaft ziehen. Denn der Leib, der einen neuen Menschen

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zeugt, ist gemäß dem Gebot Gottes heilig, und heilig ist das kleine Leben, das in ihm heranreift und dem Gott eine Seele gegeben hat.

"Womit habe ich getötet?"

Es ist umsonst, wenn einer sagt: "Ich wollte nicht töten", und beim Hingehen eine ganz sichere Waffe mitgenommen hat. Im Zorn werden selbst die Hände, die am Boden aufgelesenen Steine oder der vom Baum heruntergerissene Ast zu Waffen. Wer aber kaltblütig den Dolch oder die Axt betrachtet, sie wetzt, wenn sie ihn zu wenig scharf dünken, sie unsichtbar auf seinem Leibe trägt, wo sie dennoch mit Leichtigkeit gezückt werden können, und so vorbereitet zum Rivalen hingeht, der kann bestimmt nicht sagen: "Ich hatte nicht die Absicht zu töten." Wer mit giftigen Kräutern und Früchten, die er eigens dafür gepflückt hat, Pulver oder Getränke bereitet und dann dem Opfer dieses Gift als Gewürz oder als Arznei anbietet, kann bestimmt nicht sagen: "Ich wollte nicht töten."

Nun hört, ihr Frauen, ihr verschwiegenen, unbestraften Mörderinnen so vieler kleiner Menschenleben! Mord ist auch das Entfernen einer im Schoß sich entwickelnden Leibesfrucht, ob sie nun aus dem Samen einer sündhaften Verbindung hervorgegangen oder sonst unerwünscht ist, weil sie eine unnütze Bürde und eine eurem Reichtum abträgliche Belastung bedeutet. Es gibt nur einen Weg, diese Last nicht tragen zu müssen: keusch zu bleiben. Verbindet mit der Unkeuschheit nicht noch Mord, mit dem Ungehorsam nicht noch Gewalt und glaubt ja nicht, daß Gott nicht sieht, was den Menschen verborgen bleibt. Gott sieht alles und vergißt nichts. Seid auch ihr dessen eingedenk!

"Warum habe ich getötet?"

Oh, so vieler Gründe wegen! Der plötzliche Verlust des inneren Gleichgewichtes, der in euch eine heftige Gemütsbewegung auslöst, wie etwa, das Ehegemach entehrt vorzufinden, der Dieb im Haus, der Wüstling, welcher der eigenen Tochter Gewalt antun will, bis zur kaltblütigen und wohlüberlegten Erwägung, sich eines gefährlichen Zeugens zu entledigen, eines Menschen, der einem den Weg versperrt, dessen Posten oder Geldbeutel man erstrebt: Das sind die vielen und abermals so vielen Gründe. Wenn Gott demjenigen noch verzeihen kann, der in einem Anfall höchsten Schmerzes zum Mörder wird, so verzeiht er dem nicht,' der aus Gier nach Macht oder Ehrsucht tötet.

Handelt deshalb immer gerecht, und ihr werdet niemals den Blick oder das Wort anderer zu fürchten haben. Seid zufrieden mit dem, was euer eigen ist, und so werdet ihr nicht das Gut des anderen begehren, um dadurch noch zum Mörder zu werden.

' d.h. wenn jemand unbußfertig verbleibt. (siehe folgendes Kapitel, wo es bezüglich des grausamen Doras heißt: «Die aufrichtige Reue hätte genügt... doch, er war der Unbußfertige ...» Also verzeiht Gott jedem Sünder, jedoch unter der Bedingung, daß er bereut.)

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"Wie habe ich getötet?"

Bin ich nach dem ersten erregten Gefühlsausbruch weiterhin grausam vorgegangen? Oftmals vermag sich der Mensch nicht mehr zu beherrschen, denn Satan stürzt ihn ins Unglück wie ein Schleuderer den Stein schleudert. Aber was würdet ihr von einem Stein sagen, der, nachdem er das Ziel erreicht hat, von selbst zur Schleuder zurückkehrte und noch einmal geschleudert werden wollte, um noch einmal zu treffen? Ihr würdet sagen: "Er ist von einer höllischen und magischen Kraft besessen." So ist der Mensch, der nach dem ersten Schlag noch einen zweiten, einen dritten, einen zehnten Schlag versetzt, ohne daß sein Ingrimm nachläßt. Nach dem ersten Ausbruch legt sich der Zorn und an seine Stelle tritt die Vernunft, wenn jener aus noch gerechtfertigten Gründen hervorgerufen wurde. Während die Grausamkeit sich steigert, je mehr der Überfallende das Opfer des wirklichen Mörders ist, nämlich von Satan, der mit dem Bruder kein Mitleid hat und auch nicht haben kann, da er Satan ist, eben Haß ist!

"Wann habe ich getötet?"

Im ersten Gefühlsausbruch ? Nachdem dieser sich bereits gelegt hatte ? Als ich Verzeihung vortäuschte, während die Rachegedanken immer erbitterter wurden? Habe ich vielleicht Jahre mit dem Mord zugewartet, um doppeltes Leid zuzufügen, indem ich den Vater durch die Kinder getötet habe?

Ihr seht, daß man beim Töten sowohl gegen die erste als auch gegen die zweite Gruppe der Gebote verstößt, weil ihr das Recht Gottes für euch beansprucht und euren Nächsten mit Füßen tretet. Sünde also gegen Gott und den Nächsten! Ihr begeht nicht nur die Sünde des Mordes. Ihr begeht auch die Sünde des Zornes, der Gewalttätigkeit, der Anmaßung, des Ungehorsams, des Frevels und manchmal auch der Habgier, wenn ihr tötet, um euch eines Postens oder eines Geldbeutels zu bemächtigen.

Ich deute dies nur an und werde ein andermal genauer darauf eingehen. Man begeht einen Mord nicht nur mit der Waffe und mit dem Gift, sondern auch durch die Verleumdung. Denkt darüber nach.

Weiterhin sage ich euch: Der Herr, der einen Sklaven schlägt und dies mit einer solchen Arglist, daß ihm dieser nicht in den Händen stirbt, ist doppelt schuldig. Der Mensch als Sklave ist nicht das Gut seines Meisters: es ist eine Seele, die Gott angehört. In Ewigkeit sei jeder verflucht, der seinen Sklaven schlimmer als einen Ochsen behandelt!»

Jesu Augen funkeln und er spricht nun laut. Alle schauen ihn verwundert an, denn bisher hatte er sehr ruhig gesprochen.

«Verflucht sei er! Das neue Gesetz schafft diese Härte ab, die angemessen war, als es im Volk Israel noch keine Heuchler gab, die Heiligkeit vortäuschen und ihren Scharfsinn nur dazu anstrengen, das Gesetz Gottes auszunützen und zu umgehen. Aber jetzt, da es in Israel wimmelt von

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diesen schlangenhaften Wesen, die sich erlauben, was ihnen beliebt, nur weil sie es sind, diese elenden Machthaber, die Gott mit Abscheu und Ekel ansieht; ich sage euch: Das gibt es nicht mehr!

Die Sklaven sinken auf der Scholle oder in der Mühle um. Sie fallen nieder mit gebrochenen Knochen oder dem durch Geißelhiebe bloßgelegten Fleisch. Man bezichtigt sie unwahrer Vergehen, um sie schlagen zu können und um den eigenen satanischen Sadismus zu rechtfertigen. Sogar das Wunder Gottes wird als Anklage benützt, um sich das Recht zu nehmen, sie zu schlagen. Weder die Macht Gottes noch die Heiligkeit des Sklaven vermag ihre niederträchtige Seele zu bekehren. Sie kann nicht bekehrt werden. Dort, wo eine Sättigung des Bösen vorliegt, kann das Gute nicht eindringen. Doch Gott sieht es und sagt: "Genug!"

Zuviele Kaine gibt es, die Abel töten. Was glaubt ihr, ihr unreinen, nach außen weiß übertünchten und mit Worten des Gesetzes beschriebenen Gräber, in deren Innern König Satan wandelt und aus denen der schauerlichste Satanismus hervorquillt, was glaubt ihr? Daß nur Abel der Sohn Adams gewesen sei, und daß der Herr nur auf jene mit Wohlgefallen blicken würde, die nicht Sklaven anderer Menschen sind, und das einzige Opfer von sich stoße, das ein Sklave ihm darbringen kann: seine mit Tränen gewürzte Rechtschaffenheit? Nein, in Wahrheit sage ich euch: Jeder Gerechte ist ein Abel, auch wenn er mit Fesseln bedeckt ist, selbst wenn er sterbend auf der Ackerscholle liegt oder wegen eurer Geißelhiebe aus allen Wunden blutet; daß jedoch alle Ungerechten Kaine sind, die Gott aus Hochmut opfern und nicht, um ihm Ehre zu erweisen, und das geben, was durch ihre Sünden verunreinigt und vom Blut befleckt ist.

Ihr Wunderschänder! Menschenschänder! Mörder! Frevler! Hinaus! Weg aus meinen Augen! Genug! Ich sage euch: Genug! Es ist mein Recht, es zu sagen, denn ich bin das göttliche Wort, das die göttliche Lehre verwirklicht. Hinaus!

Jesus steht aufrecht auf einem primitiven Podium und wirkt dermaßen Achtung gebietend, daß er Furcht einflößt. Den rechten Arm ausgestreckt, um zur Tür zu weisen, mit Augen, die zwei blauen Feuern gleichen und die anwesenden Sünder zu durchbohren scheinen. Das kleine Mädchen zu Jesu Füßen beginnt zu weinen und flüchtet. Die Jünger betrachten sich erstaunt und blicken umher, um zu entdecken, an wen wohl die Schmährede gerichtet ist. Auch das Volk dreht sich mit fragenden Blicken nach allen Seiten.

Endlich klärt sich das Geheimnis. Im Hintergrund, noch vor der Türe, halbverdeckt von einer Gruppe vornehmer Persönlichkeiten, kommt Doras zum Vorschein.

Noch dünner, noch gelber, noch runzliger geworden, ganz Nase und vorspringendes Kinn! Ein Diener begleitet ihn und hilft ihm beim Gehen, denn Doras scheint halb gelähmt zu sein. Wer hätte ihn schon dort mitten

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auf dem Hof gesehen? Mit seiner heiseren Stimme wagt er zu fragen: «Zu mir sagst du dies, für mich ?»

«Für dich, ja! Verlasse mein Haus!»

«Ich gehe. Aber bald rechnen wir ab, du kannst dessen sicher sein 1»

«Bald? Sofort! Der Gott des Sinai, ich habe es dir gesagt, erwartet dich.»

«Auch dich, du Unglückseliger, der du das Unheil auf mich gelenkt und die Schädlinge in meine Äcker geschickt hast. Wir werden uns wiedersehen. Es wird mir eine Freude sein.»

«Ja. Du aber wirst mich nicht mehr wiedersehen wollen, denn ich werde dich richten.»

«Ha, ha, ha, verfl...» Doras fuchtelt in der Luft herum, keucht und fällt hin.

«Er ist gestorben!» schreit der Diener. «Mein Herr ist tot! Sei gepriesen Messias, unser Rächer!»

«Nicht ich! Gott, der ewige Herr! Niemand beflecke sich. Nur der Diener kümmere sich um seinen Herrn. Sei gut mit seinem Körper. Seid gut, ihr alle seine Diener. Frohlockt nicht haßerfüllt über den Heimgesuchten, um nicht die Verdammnis zu verdienen. Gott und der gerechte Jonas sollen stets eure Freunde sein, und ich mit ihnen. Lebt wohl!»

«Aber ist er durch deinen Willen gestorben?» fragt Petrus.

«Nein. Aber der Vater kam über mich ... 1) Es ist ein Geheimnis, das du nicht begreifen kannst. Merke dir nur: es ist nicht erlaubt, Gott anzugreifen. Er rächt sich selbst dafür.»

«Aber könntest du nicht deinem Vater sagen, daß er alle sterben lassen soll, die dich hassen?»

«Schweige! Du weißt nicht, wessen Geistes du bist! Ich bin Barmherzigkeit und nicht Rache.»

Der alte Synagogenvorsteher tritt vor: «Meister, du hast alle meine Fragen gelöst, nun ist das Licht in mir. Sei gepriesen! Komm in meine Synagoge. Verweigere nicht einem armen Alten dein Wort.»

«Ich werde kommen. Geh in Frieden! Der Herr ist mit dir!»

Während das Volk langsam geht, hat alles ein Ende.

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1) Dieser Ausspruch Jesu kann, in Übereinstimmung mit verschiedenen Evangelien (Matth 21,12-17; Mark 11,15-19; ... ), im folgenden Sinn verstanden werden: Ich wurde vorn Eifer der göttlichen Gerechtigkeit erfaßt, die auf schamloser Weise von jenem grausamen (verstockten) Unbußfertigen beleidigt worden ist: einem Eifer, der die Barmherzigkeit übersteigt, die bei jenem Menschen, der am Haß festhält, unangebracht ist.

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166. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER"; DIE DREI JÜNGER DES TÄUFERS

Ein ganz klarer Wintertag. Sonne und Wind und ein heiterer Himmel ohne das geringste Anzeichen einer Wolke. Noch ist es früh am Morgen. Ein leichter Schleier von Rauhreif, besser, von beinahe gefrorenem Tau, liegt als Diamantenstaub auf Boden und Gräsern.

Es nähern sich dem Haus drei Männer, die sicher und zielbewußt einherschreiten, daß man den Eindruck haben könnte, sie seien des Ortes kundig. Sie sehen Johannes, der mit aufgefüllten Wassereimern beladen vom Brunnen kommt und den Hof überquert. Sie rufen ihn.

Johannes dreht sich um, stellt die Krüge ab und fragt: «Ihr seid hier? Willkommen! Der Meister wird sich freuen, euch zu sehen. Kommt, kommt, bevor die Leute eintreffen. Es kommen jetzt so viele! ...»

Es sind die drei Hirtenjünger des Johannes des Täufers, Simeon, Johannes und Matthias, und sie folgen zufrieden dem Apostel.

«Meister, drei Freunde sind da. Schau», sagt Johannes, in die Küche eintretend, wo ein fröhliches Feuer knistert und sich ein angenehmer Duft von verbranntem Gesträuch und Lorbeer verbreitet.

«Oh! Der Friede sei mit euch, meine Freunde! Weshalb kommt ihr zu mir? Ist dem Täufer ein Unglück zugestoßen?»

«Nein, Meister. Wir sind mit seiner Erlaubnis gekommen. Er läßt dich grüßen und dir sagen, du sollst Gott den Löwen anempfehlen, der von den Häschern verfolgt wird. Er macht sich keine Illusionen über sein Los. Doch zur Zeit ist er frei. Er ist glücklich, denn er weiß, daß du viele Getreue hast. Auch solche, die früher seine waren. Meister, es ist auch unser glühender Wunsch, es zu sein; ... doch wir wollen ihn, jetzt wo er verfolgt wird, nicht verlassen. Verstehe uns...» sagt Simeon.

«Ich segne euch, weil ihr so handelt. Der Täufer verdient jede Achtung und Liebe.»

«Ja, du sagst es gut. Er ist groß und seine Größe wird immer überragender. Er gleicht der Agave, die vor dem Sterben zum großen Kandelaber der siebenfachen Blume wird und mit ihr strahlt und duftet. So auch er. Er sagt immer: "Ich möchte ihn nur noch einmal sehen..." Dich sehen! Wir haben den Sehnsuchtsschrei seiner Seele vernommen, und ohne ihm etwas davon zu sagen, bringen wir diesen Schrei zu dir. Er ist der "Büßer", der "Faster" ' und er verzehrt sich noch im heiligen Verlangen, dich zu sehen und zu hören. Ich bin Tobias, nun Matthias. Doch denke ich, daß der Erzengel, der Tobias als Begleiter gegeben wurde, sich von ihm in nichts unterschieden hat. Alles im Täufer ist Weisheit !»

«Es ist nicht gesagt, daß ich ihn nicht sehen werde... Aber seid ihr nur deswegen gekommen? Bei dieser Jahreszeit ist es beschwerlich, zu

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reisen. Heute ist es heiter... aber bis vor drei Tagen! Wieviel Wasser auf den Straßen!»

«Nicht nur deswegen. Vor einigen Tagen ist Doras, der Pharisäer gekommen um sich zu reinigen. Doch der Täufer hat ihm die Taufe verweigert und gesagt: "Das Wasser kann dort nicht eindringen, wo eine so dicke Kruste der Sünde ist. Ein Einziger allein kann dir verzeihen, der Messias." Da hat Doras gesagt: "So werde ich zu ihm gehen. Ich möchte geheilt werden und denke, daß mein Übel seine Verwünschung ist." Daraufhin hat ihn der Täufer weggejagt, wie wenn er den Teufel vertrieben hätte. Doras ist beim Weggehen Johannes begegnet, den er kannte, seitdem Johannes zu Jonas gegangen war, mit dem er etwas verwandt ist, und hat zu ihm gesagt: "Ich gehe zu Jesus. Alle gehen. Auch Manaen ist dort gewesen, und sogar... ich sage Dirnen, doch er hat ein gemeineres Wort benützt, gehen dorthin. Das "trügerische Gewässer" ist voll von Schwärmern. Wenn er mich nun heilt und den Bann, den er über meine Ländereien verhängt hat, zurücknimmt, dann will ich sein Freund werden. Mein Landgut sieht aus wie von Kriegsmaschinen verwüstet, Maulwürfe, Würmer und Vampirgrillen wimmeln, die das Saatgut fressen und die Wurzeln der Obstbäume und der Weinstöcke zerstören, wogegen es kein Mittel gibt. Anderenfalls, wehe ihm!" Wir haben ihm geantwortet: "Mit einer solchen Gesinnung willst du hingehen?" Er hat geantwortet: "Wer glaubt denn schon an diesen Teufelskerl? Übrigens hat er Dirnen im Haus und kann also auch mit mir ein Bündnis schließen." Wir sind hergekommen, um dir dies zu berichten, damit du dich auf Doras vorbereiten kannst.»

«Oh, es ist alles schon getan.»

«Schon getan? Wirklich? Natürlich, er hat Pferd und Wagen, wir haben nur unsere Beine. Wann ist er gekommen?»

«Gestern.»

«Was ist geschehen?»

«Dies: wenn ihr euch um Doras kümmern wollt, könnt ihr in sein Haus nach Jerusalem gehen, um euer Beileid zu bekunden. Sie bereiten ihn für die Beisetzung vor.»

«Er ist gestorben?»

«Gestorben! Hier. Doch sprechen wir nicht über ihn.»

«Ja, Meister... Nur... sag uns: ist es wahr, was er uns über Manaen gesagt hat?»

«Ja. Mißfällt es euch?»

«Oh, es ist uns eine Freude. Wir haben ihm in der Burg Machaerus so viel von dir erzählt, und was wünscht sich denn ein Apostel anderes, als daß sein Meister geliebt wird? Das ist der Wunsch Johannes und auch der unsrige.»

«Du sprichst gut, Matthias. Die Weisheit ist mit dir.»

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«Doch ... ich glaube es nicht. Doch nun sind wir ihr begegnet (der Verschleierten)... Sie ist auch vor dem Laubhüttenfest bei uns gewesen und hat dich gesucht. Wir haben ihr gesagt: "Der, den du suchst, ist nicht hier; doch bald wird er zum Laubhüttenfest in Jerusalem sein." So sagten wir, denn der Täufer hatte uns gesagt: "Seht jene Sünderin. Sie ist eine Kruste von Schmutz, doch in ihr lodert eine Flamme, die genährt wird. Sie wird so stark werden, daß sie die Kruste sprengen, und alles entzünden wird. Die Kruste wird fallen und die Flamme wird allein zurückbleiben." So hat er gesagt. Aber ist es wahr, daß sie hier schläft, wie uns zwei einflußreiche Schriftgelehrte berichtet haben?»

«Nein, sie wohnt in einem der Ställe des Verwalters, mehr als eine Stadie von hier entfernt.»

«Diese Teufelszungen! Hast du gehört? Und sie...»

«Laßt sie nur reden. Die Guten glauben ihren Worten nicht, sondern meinen Werken.»

«Das sagt auch Johannes. Vor einigen Tagen haben ihm einige seiner Jünger in unserer Gegenwart gesagt: "Rabbi, jener, der mit dir jenseits des Jordan war und für den du Zeugnis abgelegt hast, tauft nun auch und alle gehen zu ihm, und du wirst bald keine Getreuen mehr haben."

Doch Johannes hat geantwortet: "Selig mein Ohr, das diese Nachricht vernimmt! Ihr wißt nicht, welche Freude ihr mir damit bereitet. Ihr müßt wissen, daß sich der Mensch nichts aneignen darf, wenn es nicht vom Himmel gegeben wird. Ihr könnt bezeugen, daß ich gesagt habe: 'Ich bin nicht Christus, sondern jener, der vor ihm hergesandt worden ist, um ihm den Weg zu bereiten.' Der gerechte Mann eignet sich nicht einen Namen an, der nicht ihm gehört, selbst wenn man ihn loben will, indem man sagt: 'Du bist jener" also der Heilige, entgegnet er: 'Nein, wahrhaftig nein! Ich bin nur sein Diener.' Er hat aber dennoch eine große Freude, denn er sagt sich: 'Ich gleiche ihm also ein wenig, wenn man mich für ihn halten kann. Was kann sich denn ein Liebender Schöneres wünschen, als dem Liebsten zu gleichen?' Nur die Braut freut sich des Bräutigams. Dem Brautführer würde dies nicht anstehen, weil es unschicklich und Raub wäre. Doch der dem Bräutigam nahestehende Freund, welcher die Worte hochzeitlichen Glückes vernimmt, verspürt eine so lebhafte Freude, die fast jener gleichkommt, die die dem Bräutigam angetraute Jungfrau erfüllt, denn er kostet darin im voraus die Wonne hochzeitlichen Liebesglücks. Dies ist meine Freude, und sie ist vollkommen. Was macht nun der Freund des Bräutigams, nachdem er monatelang dem Freund gedient und ihn ins Haus der Braut begleitet hat? Er zieht sich zurück und verschwindet. So auch ich, so auch ich! Ein Einziger bleibt zurück: der Bräutigam mit der Braut! Der Mensch mit der Menschheit! Oh, welch tiefgründiges Wort! Er muß wachsen, ich abnehmen. Derjenige, der vom Himmel kommt, steht über allen. Patriarchen und Propheten verschwinden bei

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seinem Kommen, denn er ist wie die Sonne, die alles erleuchtet, und dies mit so hellem Licht, daß Sterne und Planeten, deren Licht erloschen, dadurch erstrahlen. Jene, die nicht erloschen sind, verblassen jedoch vollends in der Fülle von Licht. Er kommt vom Himmel, Patriarchen und Propheten hingegen werden in den Himmel eingehen, aber nicht vom Himmel kommen. Derjenige, der vom Himmel kommt, ist über alle erhaben, und er verkündet, was er gesehen und gehört hat. Aber niemand kann sein Zeugnis annehmen von denen, die nicht nach dem Himmel streben, also Gott verleugnen. Wer das Zeugnis desjenigen, der vom Himmel herabgekommen ist, annimmt, besiegelt mit diesem Bekenntnis seinen Glauben, daß Gott wahrhaftig ist und kein Märchen, das jeder Wahrheit entbehrt, und er spürt die Wahrheit, weil er ein eifriges Verlangen nach ihr hat. Denn derjenige, den Gott gesandt hat, spricht Worte Gottes, da Gott ihm den Geist in Fülle gibt, und der Geist Gottes sagt: 'Siehe, da bin ich. Nimm mich dir zu eigen, denn ich will mit dir sein, du Freude unserer Liebe.' Denn der Vater liebt den Sohn über alle Maßen und hat alles in seine Hände gelegt. Daher wird, wer an den Sohn glaubt, das ewige Leben besitzen. Wer jedoch den Glauben an den Sohn verweigert, der wird das Leben nicht schauen, und der Zorn Gottes wird in ihm und über ihm sein!"

So hat er gesprochen, und ich habe mir seine Worte eingeprägt, um sie dir zu sagen», sagt Matthias.

«Ich lobe dich und danke dir dafür. Der letzte Prophet Israels ist nicht jener, der vom Himmel herabsteigt, sondern jener, der dem Himmel am nächsten ist, weil er – ihr wißt es nicht, doch sage ich es euch – bereits im Schoße der Mutter mit göttlichen Wohltaten beschenkt wurde.»

«Was, was? Oh, erzähle! Er sagt von sich selber: "Ich bin der Sünder."» Die drei Hirten sind begierig, mehr zu erfahren, und auch die Jünger drängen.

«Als meine Mutter mich in sich trug, mit Mir, Gott, schwanger war, begab sie sich zur Mutter des Johannes, die mütterlicherseits ihre Base war und im fortgeschrittenen Alter ein Kind erwartete, um ihr zu dienen, weil sie die Demütige und Liebreiche ist. Der Täufer besaß bereits seine Seele, denn er war im siebten Monat seines Werdens. Als die menschliche Frucht, eingeschlossen im mütterlichen Schoße, die Stimme der Braut Gottes vernahm, hüpfte sie vor Freude. Auch darin ist er der Vorläufer, weil er als erster Mensch erlöst wurde. Von Schoß zu Schoß übertrug sich die Gnade, durchdrang ihn, und die Erbsünde fiel von der Seele des Kindes. Somit sage ich euch, daß auf der Erde drei im Besitz der Weisheit sind, wie es im Himmel drei sind, welche die Weisheit sind: das Wort, die Mutter und der Vorläufer auf Erden; im Himmel der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.»

«Unser Herz ist voller Erstaunen. Beinahe wie damals, als uns gesagt wurde: "Der Messias ist geboren"; denn du warst der Abgrund der Barmherzigkeit, und dieser unser Johannes ist der Abgrund der Demut.»

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«Und meine Mutter ist der Abgrund der Reinheit, der Gnade, der Liebe, des Gehorsams, der Demut und jeder anderen Tugend, die aus Gott ist und die Gott seinen Heiligen einflößt.»

«Meister», sagt Jakobus des Zebedäus, «es sind schon viele Menschen hier.»

«Laßt uns gehen. Kommt auch ihr.»

Eine sehr große Menschenmenge ist versammelt.

«Der Friede sei mit euch», sagt Jesus und er lächelt, wie er dies nur selten tut. Die Menschen flüstern miteinander und deuten auf ihn. Es herrscht viel Neugierde.

«Es steht geschrieben: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen."

Viel zu oft vergißt man dieses Gebot. Man versucht Gott, wenn man ihm den eigenen Willen aufzwingen will. Man versucht Gott, wenn man unklugerweise gegen die Regeln des Gesetzes, das heilig und vollkommen und in seinem geistigen Bereich der wichtigste Teil ist, verstößt, und man sich auch mit dem von ihm erschaffenen Leib übermäßig befaßt und sich seinetwegen Sorgen macht. Man versucht Gott, wenn man, nachdem man von ihm Verzeihung erlangt hat, von neuem zu sündigen anfängt. Man versucht Gott, wenn man die von ihm verliehenen Wohltaten zum eigenen Schaden verwendet, anstatt daß man diese Gaben ihrem Sinn entsprechend zum Guten nutzt und sich auf deren Spender besinnt. Gott läßt seiner nicht spotten. Zu oft geschieht dies! ...

Gestern habt ihr gesehen, welche Strafe die Spötter Gottes erwartet. Der Ewige Gott, voller Mitleid mit den Reuigen, ist andererseits ganz Strenge mit dem Unbußfertigen, der sich durch nichts ändern läßt. Ihr kommt zu mir, um das Wort Gottes zu hören. Ihr kommt, um Wunder zu erlangen. Ihr kommt, um Verzeihung zu erlangen, und der Vater gibt euch das Wort, das Wunder und die Verzeihung. Ich bedaure nicht, den Himmel verlassen zu haben, damit ich euch das Wunder und die Verzeihung gewähren kann, und damit ihr durch mich Gott kennenlernen könnt.

Der Mensch gestern ist vom Feuer des göttlichen Grolles niedergeschmettert worden, wie Nadab und Abiu (Num 3,1-4). Doch ihr sollt darauf verzichten, ihn zu richten. Dieser Vorfall, der ein neues Wunder ist, möge nur bewirken, daß ihr euch darauf besinnt, wie man handeln soll, um Gott zum Freund zu haben. Doras verlangte nach dem Wasser der Buße, doch ihm fehlte der übernatürliche Geist. Sein Wunsch entsprang einer menschlichen Denkweise. Wie ein magischer Zauber sollte es ihn von der Krankheit heilen und von seinem Unglück befreien. Der Körper und die Ernte, dies waren seine Ziele, nicht seine arme Seele. Sie hatte keinen Wert für ihn. Leben und Geld waren seine Werte.

Ich sage euch, das Herz ist dort, wo auch sein Schatz ist, und der Schatz ist dort, wo das Herz ist. Daher ist der Schatz im Herzen. Er hatte in

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seinem Herzen die Begierde zu leben und viel Geld zu besitzen. Wie kann ich es mir nur beschaffen? Mit jedem Mittel! Auch mit Verbrechen. War es also nicht ein Verhöhnen und Versuchen Gottes, die Taufe zu erlangen? Eine aufrichtige Reue über sein langes, sündiges Leben hätte genügt, ihm einen heiligen Tod zu gewähren, und auch das, was im irdischen Leben angemessen war. Er jedoch war der Unbußfertige. Da er außer sich selber nie jemand geliebt hatte, kam er soweit, daß er nicht einmal mehr sich selber lieben konnte, da der Haß auch die animalische, selbstsüchtige Liebe abtötet, die man für sich selber empfindet. Tränen aufrichtiger Reue hätten sein reinigendes Wasser sein müssen. Dies gilt auch für euch alle, die ihr hier zuhört; denn niemand unter euch ist ohne Sünde, und deshalb habt ihr alle dieses Wasser nötig. Aus meinem Herzen ausgepreßt, fließt es auf euch nieder und reinigt, gibt der entweihten Seele die Jungfräulichkeit zurück, richtet auf, wer darniederliegt, und verleiht neue Kraft, wo die Seele vor lauter Schuld verblutet.

Jeder Mensch sorgt sich nur um das Elend dieser Erde. Doch nur ein einziges Elend sollte den Menschen nachdenklich stimmen: nämlich jenes Ewige, Gott zu verlieren. Jener Mann hat nie versäumt, die rituellen Gaben zu spenden; aber er hat es nicht verstanden, Gott ein geistiges Opfer darzubringen, also der Sünde zu entsagen, Buße zu tun und mit seinen Werken um Verzeihung zu bitten. Heuchlerische Gaben aus dem unrechtmäßig erworbenen Reichtum sind wie Aufforderungen an Gott, er möge zum Mittäter böser Werke des Menschen werden. Wäre so etwas je möglich? Ist es nicht eine Verhöhnung Gottes, wenn man solches zu tun wagt? Gott stößt jenen von sich, der sagt: "Hier, mein Opfer", dabei aber darnach brennt, in seiner Sünde zu verharren. Nützt vielleicht die körperliche Enthaltsamkeit etwas, wenn die Seele sich nicht der Sünde enthält?

Der Tod des Mannes, der sich hier ereignet hat, möge euch über die notwendigen Bedingungen nachdenken lassen, um von Gott geliebt zu werden. Nun halten in seinem reichen Palast die Verwandten und die Klagenden die Totenwache bei dem Leichnam, der bald zu Grabe getragen wird.

Oh, wahrlich eine echte Totenklage und ein echter Leichnam! Wahrlich, nichts mehr als eine Leiche, und eine Totenklage ohne Trost, denn die schon tote Seele wird auf immer getrennt sein von jenen, die er wegen der verwandtschaftlichen Beziehungen liebte oder weil eine Gesinnungsgemeinschaft bestand. Auch wenn ein gleicher Aufenthaltsort sie für ewig vereint, so wird der Haß, der dort herrscht, sie trennen. Dieser Tod ist somit "wahrhaftige" Trennung. Es wäre besser, wenn der Mensch, der seine Seele getötet hat, sich selbst beweinen würde, anstelle jener, die ihn beweinen. Die Tränen seines reumütigen, demütigen Herzens würden die Verzeihung Gottes erwirken, was ihm schließlich auch das Leben der Seele zurückgeben würde.

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Geht hin! Ohne Haß und ohne Bemerkungen. Nur voller Demut. Wie ich, der ich ohne Haß und nur in Gerechtigkeit über ihn gesprochen habe. Leben und Tod sind unsere Lehrmeister, die uns lehren, gut zu leben und gut zu sterben und das ewige Leben zu erlangen, wo es keinen Tod mehr gibt. Der Friede sei mit euch!»

Es sind keine Kranken da, es geschehen keine Wunder. Petrus sagt zu den Jüngern des Täufers: «Es tut mir leid für euch.»

«Oh, das soll dir nicht leid tun. Wir glauben, ohne zu sehen. Wir haben das Wunder seiner Geburt geschaut; es hat uns zu glauben gelehrt. Nun haben wir sein Wort, das uns im Glauben bestärkt. Wir wünschen nichts anderes, als ihm dienen zu dürfen bis zum Himmel, wie Jonas, unser Bruder.»

Alles ist zu Ende.

167. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST NICHT BEGEHREN DEINES NÄCHSTEN FRAU»

Jesus geht durch eine große Volksmenge, die ihn von allen Seiten her ruft. Die einen zeigen ihre Wunden, andere zählen ihre Schicksalsschläge auf, andere wiederum beschränken sich auf den Ruf: «Erbarme dich meiner!», noch andere stellen ihren kleinen Sohn vor, damit er gesegnet werde. Der windstille, heitere Tag hat viele Menschen bewogen, Jesus aufzusuchen.

Als Jesus schon fast an seinem Platz angekommen ist, ertönt vom Weg, der zum Fluß führt, ein mitleiderregendes Jammern: «Sohn Davids, erbarme dich deines Unglücklichen!»

Jesus wendet sich in die Richtung wie auch das Volk und die Jünger. Aber ein dichtes Gesträuch verdeckt den um Hilfe Flehenden.

«Wer bist du? Komm nach vorne!»

«Ich kann nicht. Ich bin angesteckt. Ich muß zum Priester, um von der Welt ausgeschlossen zu werden. Ich habe gesündigt, und der Aussatz ist an meinem Körper ausgebrochen. Ich hoffe auf dich!»

«Ein Aussätziger! Ein Aussätziger! Fluch ihm! Steinigen wir ihn!»Die Menge tobt.

Jesus gibt ein Zeichen, das Ruhe und Schweigen gebietet. «Er ist nicht unreiner als ein Sünder. In den Augen Gottes ist der unbußfertige Sünder noch unreiner als der reumütige Aussätzige. Wer glauben kann, soll mit mir kommen.»

Außer den Jüngern gehen noch einige Neugierige Jesus nach. Die anderen strecken nur die Hälse, bleiben aber, wo sie sind.

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Jesus verläßt den Hof des Hauses und geht den kleinen Weg in Richtung des Buchsbaumgebüsches, wo er stehen bleibt und befiehlt: «Zeige dich!»

Es kommt ein junger Mann zum Vorschein mit einem frischen, vollen Gesicht, auf dem noch kaum eine Spur von Bart und Schnurrbart zu sehen ist, während die Augen vom Weinen stark gerötet sind.

Ein lauter Schrei begrüßt ihn. Er kommt von einer Gruppe von Frauen, die alle tief verschleiert sind, schon im Hofe geweint haben und nun durch die Drohungen des Volkes noch mehr weinen.

«Mein Sohn!» ruft eine Frau und sinkt in die Arme einer anderen Frau, von der ich nicht weiß, ob es deren Verwandte oder Freundin ist.

Jesus nähert sich nun allein dem Unglücklichen und sagt: «Du bist noch sehr jung. Wie kommt es, daß du aussätzig bist?»

Der Jüngling senkt die Augen, wird feuerrot und stammelt etwas, wagt aber nicht, mehr zu sagen.

Jesus wiederholt die Frage. Der Kranke spricht nun etwas deutlicher, doch man versteht nur die Worte: «Der Vater... ich ging... und wir sündigten... nicht nur ich allein...»

«Dort ist deine Mutter, die weint und hofft. Im Himmel ist Gott, der alles weiß. Hier bin ich, auch ich weiß es. Aber ich brauche deine Verdemütigung, damit ich Erbarmen mit dir haben kann. Also sprich!»

«Sprich, mein Sohn! Habe Mitleid mit dem Schoß deiner Mutter, der dich getragen hat», wimmert die Mutter, die sich bis zu Jesus hingeschleppt hat und nun, auf den Knien liegend, ganz unbewußt einen Zipfel des Gewandes Jesu in der Hand hält und mit der anderen auf den Jungen weist und dabei ihr tränenüberströmtes Gesicht zeigt.

Jesus legt ihr die Hand aufs Haupt und sagt noch einmal: «Sprich!»

«Ich bin der Erstgeborene und helfe dem Vater in seinen Geschäften. Er hat mich schon oft nach Jericho gesandt, um dort mit seiner Kundschaft zu reden und zu verhandeln... und... und einer hatte eine schöne junge Frau. Sie gefiel mir. Ich ging öfter zu ihr, als nötig war. Auch sie mochte mich. Wir hatten Gefallen aneinander und sündigten in Abwesenheit ihres Ehemannes. Ich weiß nicht, wie es kam, denn sie war gesund. Nicht nur ich war gesund und begehrte sie... auch sie war gesund und verlangte nach mir. Ich weiß nicht, ob sie außer mir noch andere begehrte und sich dabei ansteckte. Ich weiß nur, daß bei ihr bald das Siechtum ausbrach und sie bereits in den Gräbern ist, um dort als Lebende zu sterben... Ich, ich... Mutter, du hast es gesehen, es ist unscheinbar, aber man sagt, es wäre Aussatz... und ich müßte daran sterben. Wann? ... Kein Leben mehr... ohne ein Zuhause... ohne eine Mutter... Oh, Mutter, ich sehe dich und kann dich doch nicht mehr küssen! Heute wollen sie kommen, um meine Kleider zu zerreißen und mich aus dem Hause zu jagen... aus dem Dorfe. Ich bin schlimmer dran als ein Toter. Nicht einmal meine Mutter

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wird über meinem Leichnam weinen können.» Der junge Mann weint bitterlich.

Die Mutter gleicht einem vom Wind geschüttelten Baum, so sehr wird sie vom Schluchzen erschüttert. Die Leute reagieren ganz unterschiedlich.

Jesus ist traurig. «Hast du beim Sündigen nicht an deine Mutter gedacht ? Warst du so töricht zu vergessen, daß du noch eine Mutter auf Erden und einen Gott im Himmel hast? Wenn nun der Aussatz nicht ausgebrochen wäre, wäre dir je zum Bewußtsein gekommen, daß du gegen Gott und den Nächsten gesündigt hast? Was hast du aus deiner Seele gemacht, aus deiner Jugend?»

«Ich bin in Versuchung geführt worden...»

«Bist du denn ein Kind, um nicht zu wissen, daß diese Frucht verflucht war? Du würdest es verdienen, ohne Mitleid sterben zu müssen.»

«Oh... hab Erbarmen; du allein vermagst...»

«Nicht ich, Gott!' und nur, wenn du hier schwörst, nicht mehr zu sündigen !»

«Ich schwöre es! Ich schwöre es! Rette mich, Herr. Mir bleiben nur noch wenige Stunden bis zur Verurteilung. Mutter, Mutter! Hilf mir mit deinem Flehen! ... Oh! Meine Mutter!»

Die Frau hat keine Stimme mehr. Sie umklammert die Füße Jesu und richtet ihre vom Schmerz weit aufgerissenen Augen zu ihm auf: das verzweifelte Antlitz einer Ertrinkenden. Sie weiß, daß es hier um den letzten Halt geht, der ihn retten kann.

Jesus sieht sie an und lächelt ihr mitleidig zu. «Steh auf, Mutter! Dein Sohn ist geheilt. Aber deinetwegen! Nicht seinetwegen!»

Die Frau kann es noch nicht glauben. Es scheint ihr unmöglich, daß er auf diese Entfernung hätte geheilt werden können, und sie macht verneinende Kopfbewegungen unter fortwährendem Schluchzen.

«Mann, öffne die Tunika an der Brust. Hier befand sich der Fleck. Nur damit deine Mutter getröstet ist.»

Der Jüngling legt die Tunika ab, wodurch seine nackte Brust von allen gesehen werden kann. Er hat die glatte Haut eines jungen, kräftigen Menschen.

«Schau, Mutter», sagt Jesus, und er beugt sich, um der Frau aufzuhelfen; eine Gebärde, die auch dazu dient, sie zurückzuhalten, falls sie sich in ihrer Mutterliebe und in der Freude über das Wunder auf ihren Sohn stürzen wollte, ohne dessen Reinigung abzuwarten. Da es ihr unmöglich ist, dorthin zu gehen, wo sie die mütterliche Liebe hinzieht, bleibt sie an Jesu Herzen und küßt ihn in einem wahren Freudentaumel. Sie weint, lacht, küßt und preist den Herrn, und Jesus streichelt sie voller Mitleid.

' Ausdruck, der zu verstehen ist im Sinne von Matth 19,16-17; Mark 10,17-18; Luk 18,18-19.

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Dann sagt er zum Jüngling: «Geh zum Priester und denk daran, daß Gott dich um deiner Mutter willen geheilt hat, und damit du in Zukunft gerecht lebest. Geh!»

Nachdem der junge Mann seinen Retter gepriesen hat, geht er weg, und in einiger Entfernung folgen ihm die Mutter und ihre Begleiterinnen. Das Volk lobt und preist den Herrn.

Jesus kehrt an seinen Platz zurück.

«Auch jener Mann hatte vergessen, daß es einen Gott gibt, der Zucht in den Sitten fordert. Er hatte vergessen, daß es verboten ist, sich Götter neben dem wahren Gott zu halten. Er hatte vergessen, den Sabbat zu heiligen, wie ich es gelehrt habe. Er hatte die liebevolle Ehrfurcht der Mutter gegenüber außer Acht gelassen. Er hatte vergessen, daß er nicht Unkeuschheit treiben, nicht stehlen, nicht trügerisch sein und nicht des Nächsten Frau begehren, sich nicht selbst und seine eigene Seele töten und nicht Ehebruch begehen darf. Er hatte das alles vergessen. Nun habt ihr gesehen, wie er bestraft worden ist.

"Du sollst nicht begehren eines anderen Frau" ' steht in enger Verbindung mit dem Gebot: "Du sollst nicht ehebrechen" ' weil die Begierde stets der Tat vorausgeht. Der Mensch ist zu schwach, als daß es bei der bloßen Begierde bleiben und er seinem Verlangen nicht nachgeben würde. Was letztlich sehr traurig ist: daß der Mensch nicht imstande ist, sich ebenso zu verhalten, wenn es um gute Wünsche geht. Man begehrt das Böse, und die böse Tat wird vollzogen. Gutes wünscht man zwar, hält jedoch inne, wenn man nicht sogar vom guten Vorsatz ganz abkommt.

Was ich ihm gesagt habe, das sage ich zu euch allen, denn die Sünde der Begehrlichkeit ist so verbreitet wie das Unkraut, das sich von selbst vermehrt. Seid ihr so kindisch, daß ihr nicht wißt, daß gerade jene Versuchung giftig ist und gemieden werden muß? "Ich bin versucht worden!" Der alte Spruch. Aber da es auch ein altes Beispiel dafür gibt, der erste Sündenfall, müßte der Mensch sich an die Folgen erinnern und imstande sein, "Nein" zu sagen. In unserer Geschichte fehlt es nicht an Vorbildern keuscher Menschen, die es blieben, trotz aller Versuchungen des Fleisches und trotz aller Drohungen von Gewalttätern. Ist die Versuchung etwas Böses? Nein, sie ist es nicht. Sie ist das Werk des Bösen. Doch sie verwandelt sich in Ruhm für denjenigen, der sie besiegt.

Der Ehemann, der anderen Liebschaften nachgeht, ist der Mörder seiner Ehefrau, der Kinder und seiner selbst. Wer in das Haus eines anderen eindringt, um Ehebruch zu begehen, ist ein Dieb und zwar einer der niederträchtigsten. Er ist wie ein Kuckuck, der ohne eigenen Aufwand das Nest eines anderen genießt. Derjenige, welcher seinem Freund das Vertrauen ablistet, ist ein Fälscher, weil er eine Freundschaft bezeugt, die er in Wirklichkeit nicht hat. Wer so handelt, entehrt sich selbst und seine Eltern. Kann auf diese Weise Gott mit ihm sein?

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Ich habe das Wunder für jene arme Mutter gewirkt. Doch Unkeuschheit erregt in mir einen derartigen Widerwillen, daß ich darob angeekelt bin. Meine Seele hat einen Schrei der Abscheu vor der Unkeuschheit ausgestoßen. Alles Elend umgibt mich und für alle bin ich der Retter. Doch ziehe ich es vor, einen Toten zu berühren, einen Gerechten, der schon zu verwesen anfängt und dessen Geist bereits in den Frieden eingegangen ist, als mich einem zu nähern, der nach Unkeuschheit riecht. Ich bin der Retter, aber ich bin der Unschuldige. Alle jene, die hierher kommen oder über mich sprechen, sollen sich daran erinnern, wenn sie mich mit ihrem Schmutz besudeln.

Ich verstehe, daß ihr anderes von mir erwartet, doch ich kann nicht. Der Ruin einer kaum erblühten Jugend, die durch die Wollust zerstört worden ist, hat mich mehr erschüttert, als wenn ich den Tod berührt hätte. Laßt uns nun zu den Kranken gehen. Da ich wegen des Ekels, der mich würgt, nicht das Wort sein kann, werde ich das Heil jener sein, die auf mich hoffen. Der Friede sei mit euch!»

Jesus sieht wirklich sehr leidend und blaß aus. Sein Lächeln kehrt erst wieder, wie er sich über die kranken Kinder und über die Kranken auf den Bahren beugt. Dann wird er wieder er selbst. Besonders jetzt, da er seinen Finger in den Mund eines kleinen Stummen von etwa zehn Jahren legt und ihn "Jesus" und dann "Mutter" sagen läßt. Die Leute gehen langsam weg. Jesus wandelt in der Sonne, die den Vorplatz überflutet, bis ihn Iskariot einholt. «Meister, ich bin unruhig...»

«Warum, Judas ?»

«Wegen jenen aus Jerusalem. Ich kenne sie. Laß mich für einige Tage dorthin gehen. Ich verlange nicht einmal, daß du mich allein gehen läßt. Im Gegenteil, ich bitte dich, daß dies nicht geschehe. Laß Simon und Johannes mit mir kommen. Sie waren so gut zu mir bei der ersten Reise durch Judäa. Der eine mäßigt mich, der andere macht mich rein und lauter auch im Denken. Du kannst dir nicht vorstellen, was mir Johannes bedeutet. Er ist der Tau, der meine Leidenschaften besänftigt, und Öl für mein sturmbewegtes Inneres... Glaube es mir!»

«Ich weiß es. Du brauchst dich also nicht darüber zu wundern, wenn ich ihn überaus liebe. Er ist mein Friede! Aber auch du, wenn du immer gut bist, wirst mein Trost sein. Wenn du die Gaben Gottes auf die richtige Art benützest – und du hast deren viele – wie du es seit einigen Tagen tust, dann wirst du ein wahrhaftiger Apostel werden.»

«Und wirst du mich wie Johannes lieben?»

«Ich liebe dich ebensosehr, Judas. Doch ich werde dich dann nur ohne Kummer und Schmerzen lieben.»

«Oh, Meister, wie bist du gut!»

«Geh nur nach Jerusalem. Es wird nichts nützen, aber ich möchte deinen Wunsch, mir dienlich zu sein, nicht enttäuschen. Ich werde es sofort

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Simon und Johannes sagen. Laßt uns gehen! Siehst du, wie dein Jesus gewisser Sünden wegen leidet? Mir ist, wie wenn ich eine allzu schwere Last hochgehoben hätte. Verursache mir nie einen solchen Schmerz! Nie mehr!»

«Nein, Meister! Nein! Ich liebe dich, du weißt es. Aber ich bin ein Schwächling.»

«Die Liebe wird dich stärken.»

Sie betreten das Haus, und das ist das Ende.

168. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER"; ER HEILT DEN BESESSENEN RÖMER; ER SPRICHT ZU RÖMERN

Jesus ist heute mit den neun Zurückgebliebenen zusammen, denn die drei anderen sind nach Jerusalem abgereist. Thomas, der immerfrohe, ist mit seinem Gemüse und anderen, geistigeren Obliegenheiten beschäftigt, während Petrus mit Philippus, Bartholomäus und Matthäus sich um die Pilger kümmert, und die anderen zur Taufe zum Fluß gehen, was bei diesem scharfen Winde wirklich eine Buße ist.

Jesus sitzt noch in seiner Ecke in der Küche, während Thomas arbeitet und schweigt, um den Meister nicht zu stören. Andreas kommt und sagt: «Meister, es ist ein Kranker da. Ich würde vorschlagen, ihn sofort zu heilen, denn... sie sagen er sei geisteskrank, aber sie sind nicht Israeliten. Wir würden sagen, er ist besessen. Er schreit, grölt, verkrampft sich und schlägt um sich. Komm und sieh!»

«Sofort. Wo ist er?»

«Noch auf dem Felde. Hörst du dieses Geheul? Das ist er. Es hört sich wie ein Tierlaut an, doch es ist er. Er muß reich sein, denn sein Begleiter ist gut angezogen, und man hat ihn aus einem prächtigen Fuhrwerk gehoben, das vornehm und von vielen Dienern umgeben ist. Er muß ein Heide sein, denn er verflucht alle Götter des Olymps.»

«Laßt uns gehen.»

«Ich komme auch mit, um zu sehen», sagt Thomas, mehr von der Neugier getrieben als um sein Gemüse besorgt.

Sie verlassen das Haus, und anstatt zum Fluß abzubiegen, gehen sie auf die Felder, welche das Bauernhaus vom Hause des Verwalters trennen. Inmitten einer Wiese, auf der zuvor Schafe geweidet haben, die nun verängstigt in alle Himmelsrichtungen geflohen sind und vergeblich von den Hirten und einem Hund zusammengetrieben werden, ist ein gefesselter Mann, der trotz der Fesseln Sprünge wie ein Rasender vollführt und Schreie ausstößt, die immer heftiger werden, je mehr Jesus sich ihm nähert.

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Petrus, Philippus, Matthäus und Nathanael stehen ratlos in seiner Nähe. Auch Männer umstehen ihn, die Frauen hingegen haben Angst.

«Du bist gekommen, Meister? Siehst du, was für eine Furie ?» sagt Petrus.

«Es wird jetzt vorübergehen.»

«Aber weißt du, er ist Heide.»

«Was hat dies zu sagen?»

«Nun, wegen seiner Seele...»

Jesus lächelt und geht weiter. Er kommt zur Gruppe mit dem Geistesgestörten, der sich immer wütender gebärdet.

Aus der Gruppe tritt ein Mann vor, den das Gewand und das glattrasierte Gesicht als Römer erkenntlich machen. Er grüßt: «Salve, Meister! Dein Ruhm ist bis zu mir gedrungen. Du bist in der Heilkunst wunderbar wie Hippokrates und im Wunderwirken mächtiger als das Bildnis des Äskulap. Ich weiß es, und deswegen komme ich. Mein Bruder ist, wie du siehst, verrückt, aufgrund einer geheimnisvollen Krankheit. Kein Arzt kann etwas finden. Ich bin mit ihm zum Tempel des Äskulap gegangen, doch danach wurde es noch schlimmer. In Ptolemais habe ich einen Verwandten und dieser sandte mir durch eine Galeere eine Botschaft. Er teilte mir mit, daß hier einer wäre, der alle heilt. So bin ich gekommen. Welch eine schreckliche Reise!»

«Das verdient Belohnung.»

«Aber sieh, wir sind nicht einmal Neubekehrte. Wir sind Römer und den Göttern treu, also Heiden, wie ihr sagt. Wir kommen aus Sybaris und sind jetzt auf Zypern.»

«Das ist wahr, ihr seid Heiden.»

«Also nichts für uns? Dein Olymp verfolgt unseren Olymp, oder der deine wird von unserem verfolgt.»

«Mein Gott, der Eine und Dreieinige Gott herrscht als Einziger und Alleiniger.»

«So bin ich umsonst gekommen», sagt der Römer enttäuscht.

«Warum?»

«Weil ich einem anderen Gott angehöre.»

«Die Seele ist von einem Einzigen erschaffen worden.»

«Die Seele? ...»

«Die Seele! Das göttliche Etwas, das von Gott für jeden Menschen erschaffen wird als Gefährtin während unseres irdischen Lebens. Nach unserem leiblichen Tod lebt sie weiter.»

«Wo ist sie denn?»

«Im Inneren des Menschen. Doch obschon sie als etwas Göttliches im Inneren des heiligen Tempels wohnt, kann man von ihr, jenem wahrhaftigen Wesen, welches jeder Ehrfurcht würdig ist, sagen, daß sie nicht enthalten ist, sondern, daß sie enthält.»

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«Beim Jupiter! Bist du denn Philosoph?»

«Ich bin die mit Gott vereinigte Vernunft.»

«Nach all dem, was du gesagt hast, glaubte ich, du seiest Philosoph...»

«Und was ist Philosophie, wenn sie ehrlich und wahr ist? Ist sie nicht die Erhebung der menschlichen Vernunft zur unendlichen Weisheit und Macht, also zu Gott?»

«Gott! Gott! ... Ich habe den Irren, der mich stört. Doch ich vergesse beinahe seinen Zustand, um dir, Göttlicher, zuzuhören.»

«Ich bin nicht göttlich in dem Sinne, wie du es meinst. Du nennst göttlich, was über dem Menschen steht. Ich aber sage, daß diese Benennung nur dem zusteht, der aus Gott ist.»

«Wer ist Gott? Wer hat ihn je gesehen?»

«Es steht geschrieben: "Du, der du uns schufst, sei gegrüßt! Wenn ich die menschliche Vollkommenheit schildere, die Harmonie unseres Körpers beschreibe, dann preise ich deine Herrlichkeit." Es wurde gesagt: "Deine Güte erstrahlte darin, daß du deine Gaben an alle, die leben, ausgeteilt hast, damit jeder Mensch habe, was ihm notwendig ist. Deine Gaben legen Zeugnis ab für deine Weisheit, wie die Erfüllung deines Willens Zeugnis ablegt für deine Macht." Erkennst du diese Worte wieder?»

«Wenn Minerva mir hilft... sind sie von Galenos. Woher kennst du sie? Ich wundere mich.»

Jesus lächelt und antwortet: «Komm zum wahren Gott, und sein göttlicher Geist wird dich mit der wahren Weisheit und Frömmigkeit ausstatten, die in der Erkenntnis seiner selbst und in der Anbetung der Wahrheit besteht.»

«Aber das alles stammt ja von Galenos! Nun bin ich ganz sicher, du bist nicht nur Arzt und Magier, du bist auch Philosoph. Warum kommst du nicht nach Rom? ...»

«Weder Arzt, noch Zauberer, noch Philosoph bin ich, wie du sagst, sondern derjenige, der Zeugnis ablegt für Gott auf Erden. Bringt den Kranken zu mir.»

Unter Stößen und wilden Rufen wird der Kranke herbeigebracht.

«Siehst du? Du bezeichnest ihn als wahnsinnig und sagst, daß kein Arzt ihn heilen kann. Das ist wahr. Kein Arzt! Denn er ist nicht wahnsinnig. Doch ein Geist aus der Unterwelt – so nenne ich ihn für dich, der du ein Heide bist – ist in ihn gefahren.»

«Aber er hat nicht den Geist der Wahrsagung, er sagt lauter unrichtige Dinge.»

«Wir nennen ihn "Dämon" und nicht Geist der Wahrsagung. Es gibt den sprechenden und den stummen, jenen, der mit Behauptungen, die nach Wahrheit aussehen, täuscht, und jenen, der sich nur im Zustand geistiger Verwirrung kundtut. Der erstere ist der vollständigere und gefährlichere. Dein Bruder hat den zweiten in sich. Doch nun wird er ausfahren.»

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«Wie?»

«Er selbst wird es dir sagen.» Jesus befiehlt: «Verlasse diesen Menschen! Kehre in deinen Abgrund zurück!»

«Ich gehe, denn gegen dich ist meine Macht zu schwach. Du verjagst mich und machst mich mundtot. Warum mußt du uns immer besiegen? ...» Der böse Geist hat durch den Mund des Mannes gesprochen, der nun völlig erschöpft zu Boden sinkt.

«Er ist geheilt. Befreit ihn nun ohne Furcht von seinen Fesseln.»

«Geheilt? Bist du sicher? Aber... ich bete dich an!» Der Römer will vor Jesus niederknien, doch Jesus hindert ihn daran.

«Erhebe deinen Geist. Im Himmel ist Gott. Ihn bete an und gehe zu ihm! Leb wohl.»

«Nein, so nicht... Nimm wenigstens diese Gabe hier. Erlaube mir, dich zu behandeln wie die Priester des Äskulap. Gestatte mir, dich anzuhören... Erlaube mir, über dich in meiner Heimat zu berichten...»

«Tue es und komme mit deinem Bruder.»

Der Bruder schaut verwundert um sich und fragt: «Aber wo bin ich? Dies hier ist nicht Citium! Wo ist das Meer?»

«Du warst...»

Jesus deutet ihm an zu schweigen und sagt: «Du warst krank wegen eines hohen Fiebers; sie haben dich in ein anderes Klima gebracht. Nun geht es dir besser. Komm.»

Alle gehen ins Haus, doch nicht alle sind in gleicher Weise ergriffen, denn die einen bewundern und die anderen tadeln die Heilung des Heiden. Jesus geht an seinen Platz, wobei die Römer in den vorderen Reihen der Versammlung stehen.

«Es soll euch nicht mißfallen, wenn ich einen Abschnitt aus dem Buch der Könige zitiere (2 Kön 5,1-20).

Es wird darin gesagt: Als der König von Syrien im Begriff war, Krieg gegen Israel zu führen, hatte er in seinem Gefolge einen einflußreichen Mann von hohem Ansehen namens Naaman, der aussätzig war, und daß eine junge Israelitin, die von den Syrern geraubt worden war und dessen Sklavin wurde, ihm sagte: "Wäre mein Herr beim Propheten gewesen, der in Samaria ist, dann hätte dieser ihn bestimmt vom Aussatz geheilt." Als Naaman die Erlaubnis des Königs erbeten hatte, folgte er dem Rat des Mädchens. Aber der König Israels war darob sehr erzürnt und sagte: "Bin ich vielleicht Gott, daß der König von Syrien die Kranken zu mir schickt ? Es handelt sich nur um eine List, um mir den Krieg zu erklären." Doch der Prophet Elisäus, der davon erfahren hatte, sagte: "Der Aussätzige möge zu mir kommen; ich werde ihn heilen, und er wird erfahren, daß ein Prophet in Israel ist!" Naaman ging also zu Elisäus. Doch Elisäus wollte ihn nicht empfangen. Er ließ ihm nur sagen: "Wasche dich siebenmal im Jordan, und du wirst rein sein." Naaman fühlte sich gekränkt, weil ihm

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schien, er hätte den weiten Weg umsonst zurückgelegt, und wollte empört wieder abreisen. Doch die Diener sagten zu ihm: "Er hat dich nichts anderes geheißen, als dich siebenmal zu waschen. Auch wenn er viel mehr von dir verlangt hätte, hättest du es tun müssen, denn er ist der Prophet." Schließlich gab Naaman nach. Er ging, wusch sich und war geheilt. Jubelnd kehrte er zum Diener Gottes zurück und sagte ihm: "Nun kenne ich die Wahrheit: Es gibt keinen anderen Gott auf der ganzen Erde, es gibt nur den Gott Israels." Als Elisäus keine Gaben nahm, bat Naaman, wenigstens so viel Erde mitnehmen zu dürfen, daß er auf Israels Erde dem wahren Gott opfern könne.

Ich weiß, daß es nicht alle von euch gutheißen, was ich getan habe. Ich weiß aber auch, daß ich mich bei euch nicht zu rechtfertigen habe. Aber da ich euch in wahrhaftiger Liebe zugetan bin, möchte ich, daß ihr meine Tat versteht und daraus lernt, und daß von eurer Seele jeglicher Geist des Tadels und des Ärgernisses weiche. Hier haben wir zwei Untergebene eines heidnischen Staates. Einer war krank, und es wurde ihm gesagt, durch einen Verwandten vielleicht, aber bestimmt durch den Mund eines Israeliten: "Wenn du doch zum Messias von Israel gehen würdest! Er könnte den Kranken heilen." So sind sie von sehr weit her zu mir gekommen. Ihr Vertrauen war noch größer als jenes des Naamans; denn sie wußten nichts von Israel und vom Messias, während der Syrer durch die Nachbarschaft des Landes und den ständigen Kontakt mit den Sklaven aus Israel schon wußte, daß in Israel Gott ist, der wahre Gott. Ist es nicht gut, wenn jetzt ein heidnischer Mann in seine Heimat zurückkehrt und berichten kann: "Wahrlich, in Israel ist ein Mann Gottes, und in Israel betet man den wahren Gott an"?

Ich habe nicht gesagt: "Wasche dich siebenmal." Ich habe von Gott gesprochen und von der Seele, von zwei Dingen, die ihnen unbekannt waren und die, gleich dem Sprudeln einer unversiegbaren Quelle, die sieben Gaben mit sich führen; denn dort, wo der Begriff Gott und Geist vorhanden ist und wo der Wunsch besteht, zu ihnen zu gelangen, da wachsen die Pflanzen des Glaubens, der Hoffnung, der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit, der Mäßigkeit, der Kraft und der Klugheit. Unbekannte Tugenden für jene, die von ihren Göttern nur die niederen menschlichen Leidenschaften nachahmen können, und denen sie umso mehr frönen, weil sie sich darauf berufen, daß auch höhere Wesen ihnen huldigen. Nun kehren diese hier in ihre Heimat zurück. Doch größer noch als die Freude, erhört worden zu sein, ist die Freude, sagen zu können: "Wir wissen, daß wir nicht Unmenschen sind, denn nach diesem Leben gibt es noch eine Zukunft. Wir wissen, daß der wahre Gott die Güte ist, daß er auch uns liebt und uns Wohltaten erweist, um uns zu überzeugen, daß wir uns ihm zuwenden sollen!

Was glaubt ihr denn, daß nur sie die Wahrheit nicht kennen? Gerade

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erst meinte einer meiner Jünger, daß ich den Kranken nicht heilen dürfe, weil er eine heidnische Seele hat. Aber was ist die Seele? Von wem stammt sie ?

Die Seele ist die geistige Natur des Menschen. Sie ist das Sein, das, in vollkommener Weise erschaffen, das ganze körperliche Leben adelt, begleitet, belebt und weiterlebt, nachdem das Fleisch zu leben aufgehört hat, weil sie unsterblich ist wie jener, der sie erschaffen hat, nämlich Gott!

Da es nur einen Gott gibt, gibt es auch nicht Seelen von Heiden oder Nichtheiden, da keine von anderen Göttern erschaffen worden sind. Es gibt eine einzige Macht, die Seelen erschafft, und es ist die unseres Schöpfers, unseres Gottes, des Einen, des Mächtigen, Heiligen, Guten, die keine andere Leidenschaft kennt als die der Liebe, der vollkommenen, rein geistigen Barmherzigkeit; und damit von diesen Römern hier verstanden werden kann, was ich gesagt habe von der Liebe, füge ich hinzu: eine absolut moralische Barmherzigkeit; denn der Begriff "Geist" wird von diesen Kindern, die nichts von heiligen Worten wissen, nicht verstanden.

Glaubt ihr denn, ich sei nur für Israel gekommen? Ich bin der, der die Geschlechter unter einem Hirtenstab versammeln wird: unter dem des Himmels. Wahrlich, ich sage euch, die Zeit wird bald kommen, in der viele Heiden sagen werden: "Gewährt uns das Nötige, damit wir in unserer heidnischen Heimat dem wahren Dreieinigen Gott opfern können" ' dessen Wort Ich bin. Nun werden sie in ihre Heimat zurückkehren, überzeugter, als wenn ich sie mit Verachtung weggejagt hätte. Sie spüren Gott im Wunder und in meinen Worten, und sie werden überall, wo sie hinkommen, darüber berichten.

Weiter frage ich euch: War es denn nicht gerecht, soviel Vertrauen zu belohnen? Verwirrt durch die Antworten der Ärzte, enttäuscht von den nutzlosen Reisen zu den Tempeln, haben sie den nötigen Glauben aufgebracht, zum Unbekannten zu gehen, zum großen Unbekannten der Welt, dem Verspotteten, dem großen Verlachten und Verleumdeten in Israel, um ihm zu sagen: "Ich glaube, daß du die Macht hast." Was ihrer neuen Denkweise den Weg geebnet hat, liegt im Annehmenkönnen dieses Glaubens. Mehr als von der Krankheit habe ich sie von ihrem Irrglauben geheilt, indem ich einen Kelch an ihre Lippen geführt habe, der in ihnen einen Durst gelöscht hat, der immer stärker wird, je mehr man daraus trinkt: es ist der Durst nach der Erkenntnis des wahren Gottes.

Euch von Israel will ich zum Schluß sagen: Möget ihr doch den Glauben haben, den diese Männer aufgebracht haben.»

Der Römer steht mit dem Geheilten auf. «Aber jetzt wage ich nicht mehr zu sagen: "Beim Jupiter!" So sage ich fortan: "Bei der Ehre als römischer Bürger schwöre ich dir, daß ich diesen Durst haben werde. Doch nun muß ich gehen. Wer wird mir in Zukunft zu trinken geben?»

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«Dein Geist, die Seele, von der du jetzt weißt, daß du sie hast, bis zu dem Tage, da ein Bote von mir zu dir kommen wird.»

«Nicht du selbst ?»

«Ich... ich nicht. Doch werde ich nicht abwesend sein, auch wenn ich nicht anwesend bin. Es werden kaum mehr als zwei Jahre vergehen, bis ich dir ein Geschenk gebe, das größer ist als die Heilung dessen, der dir lieb und teuer ist. Lebt wohl, ihr beiden! Bleibt beharrlich in diesem Bewußtsein des Glaubens!»

«Salve, Meister. Der wahre Gott möge dich behüten.» Die beiden Römer entfernen sich und man hört, wie sie die Diener mit dem Gefährt herbeirufen.

«Sie wußten also nicht, daß sie eine Seele haben», murmelt ein Greis.

«Ja, Vater! Aber sie haben es verstanden, meine Worte besser aufzunehmen als viele in Israel. Nun, da sie ein großes Almosen gespendet haben, wollen wir die Armen Gottes in doppeltem und dreifachem Maß beschenken. Die Armen mögen für diese Wohltäter beten, die ärmer als sie selbst sind, damit sie zum einzigen wahren Reichtum gelangen, der darin besteht, Gott zu erkennen.»

Die Verschleierte weint unter ihrem Schleier, der wohl verhindert, daß man die Tränen sieht, aber nicht, daß man das Schluchzen hört.

«Jene Frau weint», sagt Petrus. «Vielleicht hat sie kein Geld mehr. Sollen wir ihr welches geben?»

«Sie weint nicht deswegen. Doch gehe und sage ihr: "Die Heimat ist vergänglich, doch der Himmel ist ohne Ende. Er gehört denen, die es verstehen, Glauben zu haben. Gott ist die Güte und liebt somit auch die Sünder. Er hilft dir, um dich zu überzeugen, daß du zu ihm gehen sollst." Geh, Petrus, sprich so zu ihr und laß sie weinen. Es ist das Gift, das aus ihr kommt.»

Petrus geht zu der Frau, die sich schon in Richtung der Felder entfernt. Er spricht zu ihr und kehrt zurück. «Nun weint sie noch stärker», sagt er. «Ich glaubte, sie getröstet zu haben...», und er schaut Jesus an.

«Sie ist tatsächlich getröstet, denn es gibt auch Freudentränen.»

«Hm, hm... ich würde ihr gerne einmal ins Gesicht schauen. Werde ich es wohl einmal sehen?»

«Am Tage des Gerichtes.»

«Göttliche Barmherzigkeit! Aber dann werde ich ja schon tot sein. Was nützt es mir dann noch? Dann werde ich den Ewigen anschauen müssen.»

«Beginne sofort damit. Es ist die einzige nützliche Sache.»

«Ja... aber Meister, wer ist sie?»

Alle lachen.

«Wenn du noch einmal nach ihr fragst, dann gehen wir sofort von hier weg; so wirst du sie vergessen.»

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«Nein, Meister! Ich bin zufrieden, wenn du bleibst...»

Jesus lächelt. «Diese Frau», sagt er, «ist ein Überbleibsel und ein Erstling.»

«Was soll das heißen ? Ich verstehe nicht.»

Doch Jesus läßt ihn im Zweifel und geht zum Dorf.

«Er geht zu Zacharias. Seine Frau liegt im Sterben», erklärt Andreas. «Er hat mich gebeten, den Meister zu rufen.»

«Du machst mich zornig. Du weißt alles, machst alles, und mir sagst du nie etwas. Schlimmer als ein Fisch bist du!» Petrus lädt seine Enttäuschung auf seinen Bruder ab.

«Bruder, nimm es nicht so tragisch. Du sprichst auch für mich. Laßt uns die Netze einziehen. Komm.»

Die einen gehen nach rechts, die anderen nach links, und das ist das Ende.

169. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST KEIN FALSCHES ZEUGNIS ABLEGEN»

«Wieviel Volk!» ruft Matthäus aus und Petrus entgegnet: «Schau! Auch Galiläer sind da... Wir wollen es dem Meister sagen. Es sind drei angesehene Gauner!»

«Sie kommen vielleicht meinetwegen. Auch hier verfolgen sie mich...»

«Nein, Matthäus. Der Hai frißt keine kleinen Fische. Er will den Menschen, eine edle Beute. Nur wenn er keinen findet, schnappt er einen großen Fisch. Aber ich, du und die anderen, wir sind kleine Fische... kleine Ware.»

«Du meinst, sie sind des Meisters wegen gekommen?» fragt Matthäus.

«Für wen denn sonst? Siehst du nicht, wie sie nach allen Seiten spähen ? Sie gleichen wilden Tieren, die die Spur der Gazelle wittern.»

«Ich gehe und melde es.»

«Warte! Wir wollen es den Söhnen des Alphäus sagen. Er ist zu gut. Eine vergeudete Güte, wenn sie in ihren Rachen fällt.»

«Du hast recht.»

Die beiden gehen zum Fluß und rufen Jakobus und Judas. «Kommt, hier sind einige Verdächtige. Sie sind bestimmt gekommen, um den Meister zu belästigen.»

«So laßt uns gehen. Wo ist der Meister ?»

«Noch in der Küche. Wir wollen uns beeilen, denn wenn er es bemerkt, wäre er nicht einverstanden!»

«Ja, und er tut nicht gut daran.»

«Das sage ich auch.»

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Sie kehren zum Dreschplatz zurück. Die Gruppe aus Galiläa spricht steif und herablassend mit anderen Leuten. Judas des Alphäus nähert sich ihnen zufällig und hört: «Worte müssen auf Tatsachen beruhen.»

«Die erbringt er. Erst gestern hat er einen besessenen Römer geheilt», entgegnet ein kräftiger Mann aus dem Volk.

«Schrecklich! Einen Heiden heilen! Skandal! Hast du gehört, Eli ?»

«Alle Sünden sind in ihm. Freundschaften mit Zöllnern und Dirnen, Umgang mit Heiden und...»

«... und das Dulden von Verleumdern! Auch das ist eine Sünde. In meinen Augen die schwerste. Doch da er nichts davon weiß, kann und will er sich auch nicht verteidigen. Sprecht mit mir. Ich bin sein Bruder und älter als er, und dieser ist der andere Bruder und noch älter. Also sprecht.»

«Weshalb ärgerst du dich eigentlich? Glaubst du, wir reden schlecht vom Messias? Nein! Wir sind von sehr, sehr weit her gekommen, angezogen von seinem Ruf. Wir sagten es auch diesen hier.»

«Lügner! Du ekelst mich so an, daß ich dir den Rücken kehre», und Judas des Alphäus fürchtet, gegen die Nächstenliebe Feinden gegenüber zu fehlen, und geht fort.

«Ist es vielleicht nicht wahr? Ihr alle, bezeugt es selber.»

Aber "alle" ' das heißt, die anderen, mit denen die Galiläer sprachen, schweigen. Sie wollen nicht lügen, wagen jedoch nicht zu widersprechen, und darum sagen sie nichts.

«Wir wissen nicht einmal, wie er ist...», sagt der Galiläer Eli.

«Hast du ihn nicht in meinem Hause beschimpft?» fragt Matthäus spöttisch. «Oder hast du das Gedächtnis wegen Krankheit verloren?»

Der "Galiläer" hüllt sich in seinen Mantel ein und geht ohne zu antworten mit den anderen weg.

«Feigling!» ruft ihm Petrus nach.

«Sie wollten uns teuflische Dinge über ihn erzählen...», erklärt ein Mann. «Aber wir haben seine Taten gesehen, und wir wissen, wie sie sind, die Pharisäer. Wem soll man also glauben: dem Guten, der wirklich gut ist, oder diesen Boshaften, die sich selbst als gut bezeichnen, aber eine Landplage sind? Ich weiß nur, daß ich, seit ich hierher komme, so verändert bin, daß ich mich selbst nicht wiedererkenne. Ich war ein gewalttätiger Mensch, hart zu Weib und Kindern, rücksichtslos gegen meine Mitmenschen, und nun? Alle im Dorf sagen: "Azarias ist nicht mehr der gleiche." Habt ihr jemals gehört, daß ein Teufel die Menschen gut werden läßt? Für wen arbeitet er denn? Für unsere Heiligung? Das ist aber ein eigenartiger Teufel, der für den Herrn arbeitet.»

«Das ist richtig, Mann. Gott möge dich beschützen, weil du wohl verstehst, gut siehst und recht handelst. Mach so weiter, und du wirst ein echter Jünger des gebenedeiten Messias sein. Eine Freude für ihn, der nur euer Bestes will und alles erträgt, um euch zum Guten zu führen. Nur das

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wirklich Böse soll bei euch Ärgernis erregen. Aber wenn ihr seht, wie Jesus im Namen Gottes wirkt, dann nehmt keinen Anstoß und glaubt jenen nicht, die euch zum Ärgernisnehmen überreden wollen, auch wenn ihr ihn Neues tun seht. Eine neue Zeit ist angebrochen, wie eine Blume, die erblüht; nachdem die Wurzel sich jahrhundertelang vorbereitet hat, ist dieser Tag gekommen. Wenn diese Vorbereitungszeit nicht vorangegangen wäre, hätten wir sein Wort nicht verstanden. Doch Jahrhunderte des Gehorsams gegenüber dem Gesetz des Sinai haben uns jenes Minimum an Vorbereitung gegeben, das uns erlaubt, von dieser göttlichen Blume, welche uns die Güte zu sehen gewährt hat, alle Düfte und Säfte in uns aufzunehmen, um uns zu reinigen, zu stärken, zu heiligen und uns den Wohlgeruch der Heiligkeit eines Altares zu verleihen. Da nun die neue Zeit gekommen ist, bringt sie uns neue Formen, die aber nicht gegen das Gesetz sind, jedoch von der Barmherzigkeit und Liebe geprägt, die vom Himmel gestiegen ist.» Jakobus des Alphäus macht ein Zeichen des Grußes und geht zum Haus.

«Wie gut du reden kannst», sagt Petrus voller Bewunderung. «Ich weiß nie, was ich sagen soll. So sage ich nur: seid gut, liebt ihn, hört auf ihn, glaubt ihm. Ich weiß wirklich nicht, wie er mit mir zufrieden sein kann!»

«Er ist es aber sehr», antwortet Jakobus des Alphäus.

«Sagst du das ehrlich oder nur aus Güte?»

«Es ist wirklich wahr. Noch gestern hat er es mir gesagt.»

«Ja? Dann bin ich heute glücklicher als am Tag, da man meine Braut zu mir geführt hat. Aber sag, wo hast du denn so gut reden gelernt ?»

«Auf den Knien seiner Mutter und an seiner Seite. Was für Unterrichtsstunden! Was für Worte! Nur Jesus spricht noch besser als sie. Doch was ihr an Macht fehlt, ersetzt sie durch ihre sanfte Güte... und das dringt ein. Ihre Lehren? Hast du noch nie ein Tüchlein gesehen, das man mit einem Zipfel in duftendes Öl getaucht hat? Ganz langsam nimmt es nicht das Öl, sondern den Wohlgeruch in sich auf, und wenn das Öl weggenommen wird, bleibt der Duft des Öls zurück, um zu sagen: "Ich war da." So ist es uns mit ihr ergangen. Auch in uns, rauhe Stoffe und vom Leben verwaschen, ist sie mit ihrer Weisheit und Gnade eingedrungen und ihr Wohlgeruch ist in uns.»

«Warum läßt er sie nicht hierherkommen ? Er sagte, er würde es tun. Wir würden besser werden, weniger starrköpfig sein, ich wenigstens, und auch diese Leute... In ihrer Gegenwart würden sich sogar diese Giftschlangen bessern, die ab und zu kommen...»

«Glaubst du? Ich nicht. Wir würden besser werden und auch die Demütigen. Aber die Mächtigen und die Bösen! ... Oh, Simon des Jonas! Offenbare den anderen nie deine ehrlichen Gefühle. Du könntest enttäuscht werden... Hier ist er! Wir sagen ihm nichts...»

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Jesus kommt aus der Küche und hat einen kleinen Jungen an der Hand, der neben ihm dahertrottet und an einer mit Öl getränkten Brotkruste nagt. Jesus richtet seinen langen Schritt nach den Schrittchen seines kleinen Freundes. «Eine Eroberung», sagt Jesus fröhlich. «Dieser kleine vierjährige Mann, der sich Asrael nennt, hat mir gesagt, er möchte ein Jünger werden und alles lernen: predigen, die Kranken heilen, machen, daß die Weinstöcke auch im Winter Trauben bekommen, und er will auf einen hohen Berg steigen und aller Welt zurufen: "Kommt, der Messias ist da!" Ist es nicht so, Asrael ?»

Das lachende Kind sagt mit vollem Munde: «Ja, ja», und ißt weiter. Thomas neckt es: «Du hast eben erst gelernt, allein zu essen, du weißt doch gar nicht, wer der Messias ist.»

«Jesus von Nazareth.»

«Was bedeutet denn "Messias" ?»

«Das heißt, das heißt: der Mann, der gesandt worden ist, um gut zu sein und uns alle gut zu machen.»

«Was tut er, um uns alle gut zu machen? Du als Lausbub, wie wirst du es machen?»

«Ich werde ihn lieben und alles tun, und er wird alles tun, weil ich ihn lieb habe. Mache es du nun auch so und du wirst gut werden.»

«So, da haben wir die Lektion, Thomas. Die Regel lautet: "Liebe mich, und du wirst alles tun, weil ich dich lieben werde, wenn du mich liebst, und die Liebe wird alles übrige tun." Der Heilige Geist hat gesprochen. Komm, Asrael, gehen wir um zu predigen.»

Jesus ist so glücklich, wenn ein Kind bei ihm ist, daß ich alle zu ihm führen möchte und wünsche, daß alle Kinder ihn kennenlernen. Wie viele sind es doch, die nicht einmal seinen Namen kennen?

Sie gehen an der Verschleierten vorbei, doch bevor sie zu ihr gelangen sagt Jesus zum Kind: «Sag dieser Frau: "Der Friede sei mit dir, Frau!»

«Warum?»

«Weil sie ein "Wehweh" hat wie du, wenn du hinfällst. Sie weint. Aber wenn du so zu ihr redest, dann wird es vergehen.»

«Der Friede sei mit dir, Frau. Weine nicht! Der Messias hat es mir gesagt. Wenn du ihn lieb hast, dann hat er dich auch lieb und du wirst gesund werden», ruft das Kind an Jesu Hand, der weitergeht, ohne stehenzubleiben. Asrael hat wirklich das Zeug zum Missionar. Auch wenn er jetzt noch ein bißchen voreilig in seinen Predigten ist und mehr plappert, als ihm zu sagen aufgetragen wurde.

«Der Friede sei mit euch allen.

"Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen", steht geschrieben.

Was gibt es Abstoßenderes als einen Lügner? Kann man nicht sagen, daß er Grausamkeit mit Unreinheit verbindet? Ja, so ist es. Der Lügner, ich spreche vom Lügner in schwerwiegenden Dingen, ist grausam. Er tötet

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das Ansehen einer Person mit seiner Zunge. Also ist er vom Mörder nicht verschieden. Ich sage, daß er sogar schlimmer als ein Mörder ist. Dieser tötet nur den Leib. Der Lügner tötet auch den guten Ruf, das Andenken an einen Menschen. Daher ist er in zweifacher Weise ein Mörder. Er ist ein unbestrafter Mörder, da er kein Blut vergießt, sondern die Ehre des Verleumdeten und seiner ganzen Familie verletzt. Ich denke dabei nicht einmal an den Fall, daß jemand durch Meineid den anderen dem Tod ausliefert. Über diesem haben sich schon die Kohlen der Hölle angehäuft. Ich spreche nur von jenen, die durch lügenhafte Äußerungen einem Unschuldigen gewisse Dinge zu dessen Nachteil unterstellen und andere davon zu überzeugen versuchen. Warum tut er das? Entweder aus grundlosem Haß oder aus Habsucht, weil er des anderen Gut für sich haben möchte, oder aus Angst.

Aus Haß: Nur wer ein Freund Satans ist, empfindet Haß. Der Gute haßt nicht, nie und aus keinem Grund. Selbst wenn er verachtet wird, auch wenn er geschädigt wird, verzeiht er. Er haßt nie. Der Haß ist das Zeugnis, das eine verirrte Seele sich selbst ausstellt, und das klarste Zeugnis, das einem Unschuldigen gegeben wird, denn der Haß ist die Auflehnung der Bosheit gegen das Gute. Einem, der gut ist, wird nicht verziehen von den Bösen.

Aus Habgier: Einer hat, was ich nicht habe. Ich will das, was er hat. Aber nur, wenn ich geringschätzige Worte über ihn verbreite, kann ich seinen Platz erobern. Ich werde es tun, ich lüge? Was macht das schon? Ich bestehle ihn? Was ist dabei? Eine ganze Familie zugrunde richten? Was bedeutet das ? Unter den vielen Fragen, die sich der arglistige Lügner stellt, vergißt er, weil er sie vergessen will, eine Frage, nämlich diese: "Und wenn ich entlarvt würde?" Diese stellt er sich nicht. Denn, erfüllt von Hochmut und Habgier, gleicht er dem, dessen Augen verbunden sind. Er sieht die Gefahr nicht. Er ist wie betrunken vom Weine Satans und überlegt nicht, daß Gott stärker ist als Satan und es auf sich nimmt, den Verleumdeten zu rächen. Der Lügner hat sich der Lüge ausgeliefert und vertraut törichterweise auf ihren Schutz.

Aus Angst: Oft verleumdet jemand, um sich selbst zu rechtfertigen. Das ist die verbreitetste Art von Lüge. Das Böse ist getan. Man fürchtet, daß es entdeckt und als unser Werk erkannt werde. Also wird, gestützt auf die Wertschätzung, die man noch bei anderen genießt, der Fall verdreht, und das, was wir getan haben, legen wir einem anderen zur Last, bei dem man nur die Ehrlichkeit fürchtet. Man verleumdet, weil vielleicht der andere einmal Zeuge einer unserer bösen Taten war und man sich auf diese Weise gegen seine Zeugenaussage absichern will. Man klagt ihn also an, um ihn unbeliebt zu machen, damit ihm niemand glaubt, wenn er etwas sagt.

Handelt recht, damit ihr niemals zu lügen nötig habt. Überlegt ihr denn beim Lügen nicht, daß ihr euch ein schweres Joch aufbürdet? Dieses

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ergibt sich aus der Unterwerfung unter Satan, aus der ständigen Angst davor, daß eure Aussagen widerlegt werden könnten, und ihr euch gezwungen seht, euch der ausgesprochenen Lüge mit all ihren Umständen und Einzelheiten selbst nach Jahren zu erinnern, ohne euch in Widersprüche zu verwickeln. Die Last eines Galeerensträflings! Wenn sie wenigstens dem Himmel dienen würde! Aber sie dient nur der Vorbereitung eines Platzes in der Hölle!

Seid ehrlich! So schön ist der Mund eines Menschen, der die Lüge nicht kennt. Ist er arm, ungebildet und verkannt? Auch wenn er es ist, ist er doch immer ein König, denn er ist aufrichtig. Die Aufrichtigkeit ist königlicher als das Gold und ein Diadem, denn sie steht über die Maßen höher als ein Thron und hat ein größeres Geleit von Guten, als ein Monarch sein eigen nennt. Ein aufrichtiger Mensch strömt Trost und Geborgenheit aus, während die Freundschaft eines Unaufrichtigen oder auch nur dessen Gegenwart Unbehagen verursacht. Denkt denn der Lügner nicht daran, daß die Lüge über kurz oder lang aufgedeckt wird und daß man ihm alsdann stets mit Argwohn begegnen wird? Wie kann man noch gelten lassen, was er sagt? Auch wenn er die Wahrheit sagt, wird der, der ihn hört und ihm glauben möchte, im Grunde doch immer einen Zweifel hegen: "Ob er wohl auch jetzt wieder lügt?" Ihr werdet fragen: "Aber wo ist denn in all dem das falsche Zeugnis?" Jede Lüge ist ein falsches Zeugnis. Nicht nur die Lüge vor dem Richter.

Seid einfach, wie Gott und das Kind einfach sind! Seid wahrheitsliebend in allen Augenblicken eures Lebens. Wollt ihr den Ruf eines achtbaren Menschen haben? Seid es in Wahrheit! Auch wenn ein Verleumder euch schlecht machen will, werden hundert Rechtschaffene sagen: "Nein, das ist nicht wahr! Er ist ein aufrichtiger Mensch. Seine Werke sprechen für ihn."

Im Buch der Weisheit steht geschrieben: "Der abtrünnige Mensch ergeht sich in der Frevelhaftigkeit seines Mundes... In seinem verderbten Herzen bereitet er das Böse vor und zu jeder Zeit sät er Zwietracht! Sechs Dinge haßt der Herr und das siebte verabscheut er: hochmütige Augen, lügnerische Zungen, Hände, die unschuldiges Blut vergießen, ein Herz, das Frevelhaftes sinnt, Füße, die eiligst zum Bösen rennen, den falschen Zeugen, der Lügen vorträgt, und jenen, der Zwietracht unter die Brüder sät... Wegen der Zungensünden geht der Hinterhältige dem Verderben entgegen. Wer lügt, ist ein betrügerischer Zeuge. Wahrheitsliebende Lippen ändern sich ewig nicht, aber betrügerische Worte bauen auf den Augenblick. Die Worte des Ohrenbläsers scheinen arglos, aber sie dringen ein ins Herz. Der Feind wird an seinem Reden erkannt, wenn er Verrat schmiedet. Wenn er jemandem etwas zuflüstert, traue ihm nicht, denn er trägt sieben böse Absichten in seinem Herzen. Er verbirgt seinen Haß, aber seine Bosheit wird offenbar werden... Wer anderen eine Grube gräbt,

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fällt selbst hinein, und der Stein wird den treffen, der ihn ins Rollen bringt."

Alt wie die Welt ist die Sünde der Lüge, und unwandelbar ist der Spruch des Weisen darüber, ebenso wie das Urteil Gottes über den Lügner unverändert bleibt. Ich sage: habt immer nur eine Sprache! Das Ja sei immer ein Ja, und das Nein immer ein Nein, auch vor Mächtigen und Tyrannen, und ihr werdet dafür einen großen Lohn im Himmel haben. Ich sage euch: Habt die Unbefangenheit des Kindes, das instinktiv zu dem Menschen hingeht, den es für gut hält, das nichts anderes als Güte sucht und sagt, was seine eigene Güte ihm zu sagen eingibt, ohne zu erwägen, ob es zu viel sagt und darob einen Tadel ernten könnte.

Geht hin in Frieden, und die Wahrheit werde euch zum Freunde.»

Der kleine Asrael, der die ganze Zeit zu den Füßen Jesu gesessen und sein Köpfchen erhoben hatte wie ein Vöglein, das auf den Gesang seiner Eltern hört, hat sehr liebliche Gebärden: Er lehnt sein Gesichtchen an die Knie Jesu und sagt: «Ich und du, wir sind Freunde, denn du bist gut, und ich habe dich gern. Jetzt will auch ich etwas sagen.» Und seine Stimme erhebend, damit er im ganzen großen Raum gehört werde, spricht er, die Gebärde Jesu nachahmend: «Hört mich alle. Ich weiß, wohin die Menschen kommen, die keine Lügen sagen und Jesus von Nazareth lieben. Sie steigen die Leiter Jakobs hinauf. Hinauf, hinauf, hinauf... zusammen mit den Engeln, und dann bleiben sie stehen, wenn sie den Herrn gefunden haben», und er lacht fröhlich, wobei er alle seine kleinen Zähnchen zeigt.

Jesus streichelt ihn und geht unter das Volk. Er bringt den Kleinen seiner Mutter: «Danke, Frau, daß du mir diesen Knaben überlassen hast.»

«Ist er dir zur Last gefallen?»

«Nein, er hat mir Liebe geschenkt. Er ist ein Kind des Herrn, und der Herr möge immer mit ihm und mir dir sein. Lebt wohl!»

Alles ist zu Ende.

170. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST NICHT BEGEHREN DEINES NÄCHSTEN GUT»

«Gott gibt jedem das Nötige. Das ist in Wahrheit so. Was braucht der Mensch? Den Prunk? Eine große Zahl von Dienern? Landgüter, daß man deren Felder gar nicht zählen kann ? Gastmähler, die bei Sonnenuntergang beginnen und bei Sonnenaufgang enden? Nein! Was der Mensch braucht, ist ein Obdach, ein Brot und ein Gewand. Das Nötigste zum Leben!

Schaut euch um. Wer sind die fröhlichsten und gesündesten Menschen? Wer erfreut sich eines gesunden, friedlichen Alters? Die Genießer? Nein,

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jene, die ehrbar leben, arbeiten und sich das Angemessene wünschen. Sie kennen das Gift ungeordneter Begierden nicht und bleiben kräftig. Sie kennen nicht das Gift der Unmäßigkeit und bleiben beweglich. Sie kennen das Gift des Neides nicht und bleiben fröhlich. Wer aber immer mehr haben will, verliert den eigenen Frieden, verliert die Freude, wird vorzeitig altern, ausgebrannt von Haß und Unmäßigkeit.

Ich könnte die beiden Gebote "Du sollst nicht stehlen" und "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut" zusammenfassen. Denn das unbändige Verlangen treibt zum Diebstahl. Es ist nur ein kurzer Schritt vom einen zum anderen. Ist jeder Wunsch unerlaubt? Das sage ich nicht. Ein Familienvater, der auf den Feldern oder in der Werkstatt arbeitet, sündigt nicht, wenn er wünscht, daß ihm seine Arbeit genug einträgt um seinen Kindern die Nahrung zu gewährleisten, vielmehr erfüllt er seine Pflicht als Vater. Aber wer nur danach verlangt, immer mehr zu genießen und sich mit dem bereichert, was anderen gehört, der sündigt.

Der Neid! Warum? Ist er nicht das Verlangen nach fremdem Gut, Geiz und Neid? Der Neid trennt von Gott, meine Kinder, und bindet an Satan. Denkt ihr nicht daran, daß Luzifer der erste war, der das Gut des anderen verlangte? Er war der schönste der Erzengel und konnte sich an Gott erfreuen. Er hätte damit zufrieden sein müssen. Doch er wurde neidisch auf Gott und wollte selbst Gott sein... und wurde zum Dämon, zum ersten Dämon. Zweites Beispiel: Adam und Eva hatten alles und erfreuten sich des irdischen Paradieses und der Freundschaft Gottes und waren selig in den Gnadengaben, die Gott ihnen gegeben hatte. Sie hätten damit zufrieden sein müssen. Doch sie beneideten Gott um die Erkenntnis des Guten und des Bösen und wurden aus dem Garten Eden vertrieben und von Gott geächtet, sie, die in Ungnade gefallen waren, sie waren die ersten Sünder. Drittes Beispiel: Kain beneidete Abel ob seiner Freundschaft mit dem Herrn; er wurde zum ersten Mörder. Maria, die Schwester von Aaron und Moses beneidete ihren Bruder und wurde zur ersten Aussätzigen in der Geschichte Israels. Ich könnte euch Schritt für Schritt durch die ganze Geschichte des Volkes Gottes führen, und ihr würdet sehen, was die übertriebene Begehrlichkeit aus jenen macht, die ihr nachgeben: einen Sünder und eine Geißel für die Nation, denn die Sünden der einzelnen häufen sich an und führen Strafen herbei für ganze Völker, wie Sandkorn auf Sandkorn, in Jahrhunderten angehäuft, einen Bergrutsch verursacht und Dörfer und Menschen unter sich begräbt.

Ich habe euch oft die Kinder als Beispiel angeführt, weil sie einfach sind und vertrauensvoll. Heute sage ich euch: ahmt die Vögel nach in ihrer Wunschlosigkeit. Jetzt haben wir Winter. Wenig Nahrung ist in den Obstgärten. Aber sorgen sie sich deswegen schon im Sommer und hamstern? Nein. Sie vertrauen auf den Herrn. Sie wissen, daß sie immer ein Würmchen, ein Körnchen, eine Larve, eine Spinne oder eine Fliege auf dem

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Wasser für ihre Kehle erbeuten können. Sie wissen, daß ein warmer Dachfirst oder eine Flocke Wolle immer für ihren Winterunterschlupf zu finden ist, wie sie auch wissen, wann es Zeit ist, Heu für die Nester und mehr Futter für die Brut zu sammeln, und daß es zur rechten Zeit dieses Heu auf den Wiesen gibt und mehr Futter in den Obstgärten, in den Furchen, und Luft und Erde reich an Insekten sein werden. Dann singen sie leise: "Danke, Schöpfer, für alles, was du uns gibst und geben wirst", bereit, aus voller Kehle ihr Hosanna zu singen, wenn sie sich in der Frühlingszeit ihrer Liebe und ihrer Jungen erfreuen.

Welches Geschöpf ist fröhlicher als der Vogel ? Doch was ist seine Intelligenz im Vergleich zur menschlichen? Sie ist wie ein Sandkorn im Vergleich zu einem Berg. Doch könnt ihr vom Vogel lernen. Wahrlich, ich sage euch: Wer ohne unlauteren Wunsch lebt, besitzt die Fröhlichkeit des Vogels. Er stützt sich auf Gott und spürt in ihm den Vater. Er lächelt dem beginnenden Tag und der hereinbrechenden Nacht zu, denn er weiß, daß die Sonne seine Freundin, und die Nacht seine Ernährerin ist. Er betrachtet die Menschen ohne Neid und hat nicht ihre Rache zu fürchten, denn er schadet ihnen in keiner Weise. Er zittert nicht um seine Gesundheit, nicht um seinen Schlaf, denn er weiß, daß ein ehrbares Leben Krankheiten fernhält und einen sanften Schlaf gewährt. Schließlich fürchtet er den Tod nicht, denn er weiß, daß er, wenn er gut gehandelt hat, Gottes Lächeln zu erwarten hat. Auch der König muß sterben. Auch der Reiche muß sterben. Es ist nicht das Zepter, das den Tod fernhält, noch kann man mit Geld Unsterblichkeit kaufen. Vor dem König der Könige, vor dem Herrn der Herren sind Kronen und Münzen nichtige Dinge, nur ein Leben nach den Zehn Geboten hat einen Wert.

Was sagen diese Männer im Hintergrund? Habt keine Angst zu fragen!»

«Wir sagten: der Antipas, welcher Sünde hat er sich schuldig gemacht, des Diebstahls oder des Ehebruchs?»

«Ich will nicht, daß ihr auf die anderen blickt; blickt in euer eigenes Herz! Ich sage euch aber, daß er sich des Götzendienstes schuldig macht, da er mehr das Fleisch als Gott anbetet, und des Ehebruches, des Diebstahls, des unerlaubten Verlangens und bald des Mordes.»

«Wird er von dir, dem Retter, gerettet werden?»

«Ich werde jene retten, die bereuen und zu Gott zurückkehren. Die Unbußfertigen werden keine Erlösung finden.»

«Du hast gesagt, er sei ein Dieb. Was hat er gestohlen?»

«Die Frau seines Bruders. Diebstahl bezieht sich nicht nur auf das Geld. Diebstahl ist auch, dem Menschen die Ehre nehmen, dem Mädchen die Jungfräulichkeit und einem Mann seine Frau. Das ist genauso Diebstahl, wie wenn man dem Nächsten einen Ochsen stiehlt oder eine Pflanze nimmt. Der Diebstahl, belastet durch Unzucht oder durch das falsche

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Zeugnis, wiegt durch Ehebruch oder Unkeuschheit oder durch die Lüge noch schwerer.»

«Eine Frau, die sich hergibt, welche Sünde begeht sie?»

«Wenn sie verheiratet ist, Ehebruch und Betrug dem Mann gegenüber. Wenn sie unverheiratet ist, diejenige der Unreinheit und des Diebstahls an sich selbst.»

«An sich selbst? Sie gibt doch nur vom Ihrigen etwas weg.»

«Nein. Unser Körper ist von Gott geschaffen worden, um ein Tempel der Seele zu sein, die der Tempel Gottes ist. Daher muß er in Sittsamkeit bewahrt werden, da sonst die Seele der Freundschaft Gottes und des ewigen Lebens beraubt wird.»

«So kann eine Dirne nur noch Satan gehören?»

«Jede Sünde ist Buhlschaft mit Satan. Der Sünder gibt sich, einem gedungenen Weibe gleich, mit seinen unerlaubten Neigungen Satan hin, indem er sich davon einen schmutzigen Nutzen verspricht. Groß, sehr groß ist die Sünde der Prostitution, welche die Menschen zu unreinen Tieren erniedrigt. Glaubt jedoch nicht, die übrigen Todsünden wären weniger schlimm. Was müßte ich über den Götzendienst sagen! Was über den Mord! Doch hat Gott den Israeliten verziehen, nachdem sie das Goldene Kalb angebetet hatten. Er hat David eine Sünde verziehen, die eine zweifache war. Gott verzeiht jedem, der bereut. Wenn nur die Reue im Verhältnis zur Anzahl und Schwere der Sünden steht, sage ich euch: je mehr einer bereut, um so mehr wird ihm vergeben werden, denn die Reue ist Ausdruck der Liebe, der tätigen Liebe. Wer bereut, sagt mit seiner Reue zu Gott: "Ich kann deinen Zorn nicht länger ertragen, denn ich liebe dich und möchte geliebt werden." Gott liebt den, der ihn liebt. Deswegen sage ich: je mehr jemand liebt, um so mehr wird er geliebt. Wer vollkommen liebt, dem wird alles verziehen.

Das ist die Wahrheit. Geht nun! Aber vorher sollt ihr noch wissen, daß am Eingang des Dorfes eine Witwe ist, die mit ihrer Kinderschar in größter Not lebt. Der Schulden wegen hat man sie aus dem Haus vertrieben, und sie kann dem Hausbesitzer noch "Danke" sagen, weil er sie nur verjagt hat. Ich habe euer Almosen für ihr Brot verwendet. Aber sie hat ein Obdach nötig. Die Barmherzigkeit ist das Gott wohlgefälligste Opfer. Seid gütig, und in Gottes Namen verspreche ich euch die Belohnung.»

Die Leute flüstern, beraten sich und diskutieren.

Jesus heilt indessen einen fast Blinden und hört ein altes Mütterchen an, das von Doko gekommen ist und ihn bittet, zu ihrer kranken Schwiegertochter zu kommen. (Eine lange, von Tränen begleitete Geschichte, die ich heute, halbtot wie ich bin, nicht niederschreiben kann.)

Und zum Glück endet alles, denn ich fürchte, nochmals eine Herzkrise durchstehen zu müssen, wie die letzte, die drei Stunden andauerte und auch meine Augen in Mitleidenschaft gezogen hat.

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171. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER"; ABSCHLUSS DER ERKLÄRUNG ZUM "DE PROFUNDIS" UND "MISERERE"

«Meine Kinder im Herrn! – Das Fest der Reinigung steht nahe bevor, und ich, das Licht der Welt, als das wahre Licht des Festes, sende euch mit dem notwendigen Minimum an Vorbereitung hin, um es würdig zu begehen, damit ihr daraus Licht für alle anderen Feste schöpft. Wer sich vor nähme, viele Lichter anzuzünden, aber nicht einmal über das Nötige verfügt, um das erste anzuzünden, wäre wirklich sehr töricht. Noch törichter wäre der, der sich vornähme, seine Heiligung mit dem Schwierigsten zu beginnen, und dabei das, was die Grundlage des unwandelbaren Bauwerkes der Vollkommenheit darstellt, vernachlässigt, nämlich die Zehn Gebote.

Man liest in Makkabäer, daß Judas, nachdem er mit den Seinen unter dem Schutz des Herrn den Tempel und die Stadt wieder zurückerobert hatte, die Altäre der fremden Götter und die Tempelchen zerstören und den Tempel reinigen ließ. Dann errichtete er einen anderen Altar, und mit den Feuersteinen schlug er Feuer, brachte die Opfer dar, huldigte dem Herrn mit Weihrauch, stellte Lampen und Brote auf, und dann flehten alle, am Boden niedergeworfen, zum Herrn, daß er sie nicht mehr sündigen lasse oder, wenn sie aufgrund ihrer Schwäche wieder sündigten, mit göttlicher Barmherzigkeit behandeln möge. Dies geschah am 25. des Monats Kislew.

Betrachten wir die an uns gerichtete Erzählung und wenden wir sie auf uns selbst an; denn jedes Wort der Geschichte Israels, des auserwählten Volkes, hat einen geistigen Sinn. Das Leben ist immer eine Lehre. Die Geschichte ist nicht nur eine Lehre für die irdischen Tage, sondern auch zur Erlangung der ewigen Tage.

"Sie zerstörten die Altäre und die heidnischen Tempelchen."

Das war die erste ihrer Taten, und dasselbe habe ich euch angeraten beim Aufzählen eurer persönlichen Götter, die den wahren Gott ersetzen. Es ist dies die Abgötterei, welche der Sinnenlust huldigt, dem Gold, dem Stolz: den Hauptlastern, die zur Entheiligung und zum Tod an Seele und Leib führen und die Strafe Gottes nach sich ziehen. Ich habe euch nicht erdrückt mit unzähligen Formeln, die die Gläubigen heute einengen und gegen das wahre Gesetz ein Bollwerk sind, das durch sie verdrängt und durch Unmengen rein äußerlicher Verbote überdeckt wird, so daß die Gläubigen die klare, heilige Stimme des Herrn nicht mehr wahrzunehmen vermögen, die sagt: "Nicht fluchen! Nicht Götzendienst treiben! Die Feiertage nicht entheiligen! Die Eltern nicht verunehren! Nicht töten! Nicht Unkeuschheit treiben! Nicht stehlen! Nicht lügen! Nicht fremdes Eigentum begehren! Nicht die Frau des Nächsten begehren!" Zehn Gebote und keines

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mehr. Sie sind die zehn Säulen des Tempels der Seele. Darüber strahlt das Gold des heiligsten der heiligen Gebote: "Liebe deinen Gott, liebe deinen Nächsten!" Das ist die Krönung des Tempels, der Schutz der Fundamente und der Ruhm des Erbauers.

Niemand könnte die zehn Regeln ohne Liebe befolgen, und die Säulen würden einstürzen, alle oder einige, und der Tempel würde ganz oder teilweise zerstört. Jedenfalls wäre er eine Ruine und nicht mehr geeignet, das Allerheiligste aufzunehmen. Tut also, was ich euch gesagt habe, besiegt die drei Begehrlichkeiten! Gebt euren Lastern den rechten Namen, so ehrlich, wie Gott klar und deutlich sagt: "Tut dies oder jenes nicht!" Unnütz, die Formen mit Spitzfindigkeit zu zerreden. Wer eine größere Liebe hat neben der Liebe zu Gott, der ist, wie diese Liebe auch immer heißen mag, ein Götzendiener. Wer Gott anruft und sich somit als seinen Diener bekennt, ihm aber dann den Gehorsam verweigert, ist ein Rebell. Wer aus Habsucht am Sabbat arbeitet, ist ein Schänder, boshaft und anmaßend. Wer den Eltern seinen Beistand versagt, selbst unter dem Vorwand, er vollbringe gottgefällige Werke, der haßt Gott, der Vater und Mutter an seiner Statt auf die Erde bestellt hat. Wer tötet, ist immer ein Mörder. Wer Unkeuschheit treibt, ist immer ein Unzüchtiger. Wer stiehlt, ist immer ein Dieb. Wer lügt, ist immer ein Niederträchtiger. Wer das begehrt, was nicht sein ist, ist immer ein Unersättlicher. Wer das Ehegemach schändet, ist immer ein Unreiner.

So ist es! Und ich erinnere euch, daß nach der Errichtung des Goldenen Kalbes der Zorn Gottes ausbrach; daß nach dem Götzendienst Salomons die Spaltung kam, welche Israel teilte und schwächte; daß nach dem angenommenen, besser gesagt, gut aufgenommenen und von unwürdigen Juden unter Antiochus Epiphanes eingeführten Hellenismus, das gegenwärtige geistige, schicksalhafte und nationale Unheil über uns kam. Ich erinnere euch daran, daß Nadab und Abiu, die falschen Diener Gottes, von Jahwe bestraft wurden. Ich erinnere euch daran, daß das Manna des Sabbats nicht heilig war. Ich erinnere euch an Cham und Absalom. Ich erinnere euch an die Sünde Davids gegen Urias und Absaloms gegen Amnon. Ich erinnere euch an das Ende Absaloms und Amnons. Ich erinnere euch an das Los des Diebes Heliodor, an Simon und Menelaus. Ich erinnere euch an das schmähliche Ende der beiden falschen Ältesten, die falsches Zeugnis gegen Susanna ablegten. Ich könnte so fortfahren, ohne je ein Ende für die Beispiele zu finden. Doch kehren wir zu den Makkabäern zurück.

"Sie reinigten den Tempel."

Es genügt nicht, zu sagen: "Ich zerstöre" ' vielmehr muß man sagen: "Ich reinige." Ich habe euch gesagt, wie sich der Mensch reinigen soll: mit demütiger und aufrichtiger Reue. Es gibt keine Sünde, die Gott nicht verzeihen würde, wenn der Sünder wirklich reumütig ist. Habt Vertrauen in

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die Güte Gottes. Wenn es euch doch möglich wäre, zu begreifen, was diese Güte ist, dann würdet ihr nicht vor Gott fliehen, auch wenn alle Sünden der Welt auf euch lasten würden, sondern ihr würdet zu seinen Füßen eilen, weil nur der Allergütigste verzeihen kann, was der Mensch nicht verzeiht.

"Sie errichteten einen anderen Altar."

Oh, versucht nicht, den Herrn zu betrügen. Seid nicht lügnerisch in eurem Handeln. Vermengt Gott nicht mit Mammon. Ihr hättet einen leeren Altar: den Altar Gottes. Denn es ist unnütz, einen neuen Altar zu errichten, wenn immer noch Reste des alten weiterbestehen. Entweder Gott oder der Götze: wählt!

"Sie schlugen Feuer aus Stein und Zunder."

Stein ist der feste Wille, Gott anzugehören. Zunder ist der Wunsch, während des ganzen, euch noch verbleibenden Lebens auch die Erinnerung an eure Sünden aus dem Herzen Gottes zu tilgen. Auf diese Weise wird das Feuer, also die Liebe, entfacht. Ist es nicht Liebe zum beleidigten Vater, wenn ihn der Sohn durch ein ehrenhaftes Leben zu trösten versucht, jenen Vater, der vom Sohn erwartet, daß er ihn wieder froh werden läßt, und der nun, nach Tagen des Leidens , wieder voll der Freude ist?

Wenn ihr soweit seid, könnt ihr das Opfer darbringen, Weihrauch anzünden, die Lampen und die Brote aufstellen. Die Opfer werden Gott nicht verhaßt und die Gebete werden ihm wohlgefällig sein, der Altar wird erleuchtet sein, reich an Brot von eurer täglichen Opfergabe. Nun werdet ihr beten können und sagen: "Sei unser Beschützer", denn er wird euer Freund sein. Doch seine Barmherzigkeit hat nicht gewartet, bis ihr sein Erbarmen angerufen habt, sondern ist eurem Wunsch zuvorgekommen. Er hat euch sein Erbarmen geschenkt um euch zu sagen: "Habt Hoffnung. Ich sage es euch, Gott verzeiht. Kommt zum Herrn."

Ein Altar ist schon in eurer Mitte: der neue Altar. Von ihm fließen Ströme des Lichtes und der Verzeihung aus. Wie Öl breiten sie sich aus, lindern und kräftigen. Glaubt an das Wort, das von ihm kommt. Weint mit mir über eure Sünden. Wie der Levit den Chor leitet, so lenke ich eure Stimmen zu Gott, und eure Seufzer werden nicht zurückgewiesen werden, wenn sie mit meiner Stimme vereinigt sind.

Mit euch verdemütige ich mich als Bruder der Menschen im Fleische, Sohn des Vaters im Geist, und ich sage euretwegen und mit euch: "Aus diesem tiefen Abgrund, in den Ich-Menschheit gefallen bin, rufe ich zu dir: Herr, erhöre die Stimme dessen, der in sich geht und seufzt, und verschließe deine Ohren meinen Worten nicht. Grauen empfinde ich, mich zu sehen, Herr. Ein Greuel bin ich auch in meinen Augen! Was werde ich in deinen Augen sein? Schau nicht auf meine Sünden, Herr; denn ich könnte vor dir nicht bestehen, sondern erweise mir deine Barmherzigkeit. Du hast gesagt: 'Ich bin die Barmherzigkeit', und ich glaube an dein Wort.

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Meine Seele ist verwundet und niedergeschlagen, aber vertraut nach deiner Verheißung auf dich; vom Morgengrauen bis zur Nacht, von der Jugend bis ins Greisenalter werde ich auf dich hoffen."

Schuldig des Mordes und des Ehebruchs, von Gott verworfen, erhält David Verzeihung, nachdem er zum Herrn gerufen hat: "Habe Erbarmen mit mir, nicht um mir Achtung zu verschaffen, sondern zu Ehren deiner Barmherzigkeit, die unendlich ist. Um ihretwillen tilge meine Schuld. Es gibt kein anderes Wasser, in dem ich mein Herz reinzuwaschen vermöchte, wenn es nicht von den tiefen Wassern deiner heiligen Güte strömt. Mit dieser Güte wasche mich von meiner Ungerechtigkeit und reinige mich von meinem Schlamme. Ich leugne nicht, gesündigt zu haben, sondern bekenne meine Missetaten, und wie ein anklagender Zeuge ist meine Sünde vor dir. Ich habe mich am Menschen versündigt, an meinem Nächsten und an mir selbst, doch besonders schmerzt es mich, dich beleidigt zu haben. Dies soll dir bezeugen, daß ich dich als gerecht in deinen Worten anerkenne und dein Gericht fürchte, das über jede menschliche Macht triumphiert. Doch bedenke, o Ewiger Gott, in Sünde wurde ich geboren, und in Schuld empfing mich meine Mutter. Doch du hast mich sehr geliebt, hast mir deine Weisheit kundgetan und sie mir als Lehrerin gegeben damit ich die Geheimnisse deiner erhabenen Wahrheit begreife. Soll ich mich nun vor dir fürchten, der du so viel für mich getan hast? Nein! Ich fürchte nichts. Besprenge mich mit der Bitterkeit des Schmerzes, und ich werde rein werden. Wasche mich mit Tränen, und ich werde weißer als der Schnee der Firne. Laß mich deine Stimme hören, und dein gedemütigter Diener wird frohlocken, denn deine Stimme ist Freude und Frohsinn, selbst wenn sie rügt. Wende dein Antlitz auf meine Sünden. Dein Blick wird meine Freveltaten tilgen. Das Herz, das du mir gegeben hast, ist von Satan und meiner schwachen Menschlichkeit entweiht worden. Schaffe in mir ein neues Herz, das rein ist, und zerstöre alle Verderbnis in der Brust deines Dieners, damit nur ein reiner Geist in ihm herrsche. Doch verwirf mich nicht vor deinem Angesicht und nimm deine Freundschaft nicht von mir, denn nur das Heil, das von dir kommt, ist Freude für meine Seele, und dein Herrschergeist ist Trost dem Gedemütigten. Mach, daß ich zu den Menschen gehen und sagen kann: 'Schaut, wie gut der Herr ist! Wandelt auf seinen Wegen und ihr werdet seinen Segen erfahren wie ich, als Mißgeburt des Menschen, der nun wieder Kind Gottes wird durch die Gnade, die in mir neu auflebt.' So werden die Gottlosen sich bekehren. Das Blut kocht und das Fleisch schreit in mir. Befreie mich von ihnen, Herr, Heil meiner Seele, und ich werde dir lobsingen. Ich wußte es nicht, doch nun habe ich verstanden. Du willst keine Opfer von Schafböcken, sondern das Opfer eines zerknirschten Herzens. Ein reuevolles und gedemütigtes Herz ist dir wohlgefälliger als Schafböcke und Widder, denn du hast uns für dich erschaffen und willst, daß wir uns an das erinnern und

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dir zurückgeben, was dir gehört. Sei mir gnädig durch deine große Güte und baue mein und dein Jerusalem wieder auf: das Jerusalem einer gereinigten Seele, der vergeben worden ist, und auf der das Opfer der Sühne, des Dankes und des Lobes dargebracht werden kann. Jeder neue Tag sei für mich eine Hostie der Heiligkeit, die sich auf deinem Altare verzehrt, um mit dem Duft meiner Liebe bis zu dir hinaufzusteigen."

Kommt! Laßt uns zum Herrn gehen! Ich voran, ihr hinter mir. Laßt uns zu den Quellen des Heiles gehen, zu den heiligen Weiden, in die Gefilde Gottes. Vergeßt die Vergangenheit. Lächelt der Zukunft zu. Denkt nicht an den Schlamm, sondern schaut auf zu den Sternen. Sagt nicht: "Ich bin Finsternis", sondern sagt: "Gott ist Licht." Ich bin gekommen, um euch den Frieden und den Sanftmütigen die Frohe Botschaft zu verkünden, um jene zu pflegen, deren Herz durch zu viele Dinge gebrochen ist; um allen Sklaven die Freiheit zu predigen, besonders jenen Mammons, und die Gefangenen von der fleischlichen Begierde zu befreien.

Ich sage euch, das Jahr des Heils ist gekommen. Weinet nicht, ihr, die ihr traurig seid über die Traurigkeit der Sünder; trocknet eure Tränen, ihr, die ihr aus dem Reiche Gottes ausgeschlossen seid. Ich ersetze Asche mit Gold und die Tränen mit Öl. Festlich kleide ich euch, um euch dem Herrn vorzustellen und zu sagen: "Hier sind die Lämmer, die zu suchen du mich ausgesandt hast. Ich habe sie aufgesucht und versammelt, habe sie gezählt, habe die verirrten gesucht, sie dir zurückgebracht und sie den Wolken und dem Nebel entrissen. Ich habe sie aus allen Völkern und Regionen genommen und vereinigt, um sie in das Land zu führen, das nicht mehr Erde ist und das du, o heiliger Vater, für sie vorbereitet hast, um sie auf die paradiesischen Gipfel deiner hohen Berge zu führen, wo alles Licht und Schönheit ist, längs der Ufer der himmlischen Seligkeiten, wo die von dir geliebten Seelen sich an dir sättigen.

Ich bin auch auf die Suche der Verwundeten gegangen, habe die gebrochenen Glieder geheilt, die Schwachen gestärkt und keinen übergangen. Das den bissigsten Wölfen der Triebe entrissene Lamm habe ich wie eine Bürde der Liebe auf meine Schultern gelegt und lege es nun dir zu Füßen, gütiger, heiliger Vater, denn es kann nicht mehr gehen, kennt deine Worte nicht, es ist eine arme, von Vorwürfen und Menschen gequälte Seele, eine Seele, die bereut und zittert wie eine von der Flut getriebene und zurückgeschlagene Woge am Strand. Es kommt voll Verlangen, und wird von der Selbsterkenntnis zurückgehalten. Öffne dein Herz, Vater, der du ganz Liebe bist, damit dieses verirrte Geschöpf in dir Frieden finde. Sage ihm: 'Komm.' Sage ihm: 'Sei mein.' Es gehörte einem jeden. Nun aber ekelt und fürchtet es sich davor. Es sagt: 'Jeder Herr ist ein gieriger Scherge.' Hilf, daß es sagen kann: 'Dieser mein König hat mir die Freude gemacht, mich angenommen zu haben.' Es weiß nicht, was Liebe ist, aber wenn du es aufnimmst, wird es erfahren, was die himmlische Liebe ist, die bräutliche

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Liebe zwischen Gott und der Seele, und wie ein aus den Käfigen grausamer Menschen befreiter Vogel wird es aufsteigen, immer höher, bis zu dir, in den Himmel, zur Freude, in die Herrlichkeit, und singen: 'Ich habe ihn gefunden, den ich suchte. Nun wünsche ich nichts anderes mehr in meinem Herzen. In dir ruhe ich und jubiliere, ewiger Herr, selig von Ewigkeit zu Ewigkeit."'

Geht! Feiert das Fest der Reinigung mit einem neuen Geiste. Gottes Licht möge sich in euch entzünden!»

Jesus war am Ende seiner Rede überwältigend. Ein leuchtendes Antlitz, strahlende Augen, ein Lächeln und eine Stimme von außerordentlicher Anmut geprägt. Die Leute sind fast wie verzaubert und bewegen sich erst, als er wiederholt: «Gehet hin! Der Friede sei mit euch!» Da erst beginnt der Aufbruch der Pilger, die eifrig miteinander reden.

Die Verschleierte geht rasch wie immer mit ihrem behenden und leicht wiegenden Gang von dannen. Es scheint, als hätte sie Flügel, denn der Wind bläht ihren Mantel an den Schultern auf.

«Jetzt werde ich erfahren, ob sie aus Israel ist», sagt Petrus.

«Warum?»

«Wenn sie hier bleibt, dann ist das ein Zeichen, daß...»

«Sie ist eine arme Frau ohne ein Zuhause, sonst nichts. Denk daran, Petrus!» Jesus geht zum Dorf.

«Ja, Meister, ich werde daran denken... Was werden wir tun, wenn alle wegen des Festes in ihren Häusern bleiben?»

«Unsere Frauen werden auch für uns die Lampen anzünden.»

«Ich bedauere... Es ist das erste Jahr, daß ich nicht in meinem Hause sehe, wie sie angezündet werden, oder daß ich sie anzünde...»

«Du bist ein Kindskopf! Auch wir werden die Lampen anzünden, dann wirst du nicht mehr so ein verdrießliches Gesicht machen. Du selbst wirst sie anzünden.»

«Ich? Nein, Herr! Du bist das Haupt unserer Familie, dir steht es zu.»

«Ich bin immer eine brennende Lampe und wünsche, daß auch ihr eine seid. Ich bin das ewige Lichterfest, Petrus. Weißt du, daß ich genau am 25. des Kislew geboren wurde?»

«Wer weiß, wieviele Lichter?» fragt Petrus bewundernd.

«Man konnte sie nicht zählen... Es waren alle Sterne des Himmels...»

«Nein! Hat man dich in Nazareth nicht gefeiert?»

«Ich wurde nicht in Nazareth geboren, sondern in einem Stall in Bethlehem. Ich sehe, daß Johannes zu schweigen gewußt hat. Johannes ist sehr gehorsam.»

«Er ist nicht neugierig. Aber ich bin es. Erzähle mir, deinem armen Simon. Wie werde ich sonst über dich sprechen können? Oft werde ich von den Leuten gefragt und weiß nicht, was antworten... Die anderen können es alle, ich meine deine Brüder und Simon, Bartholomäus und Judas des

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Simon. Auch Thomas versteht es zu sprechen, er kommt einem zwar vor wie ein Marktschreier, der eine Ware verkauft, aber er kann es. Matthäus, nun... auch er ist in Ordnung. Er hat Erfahrung am Steuereinnahmetisch zu rupfen und zwingt andere, zu sagen: "Du hast recht." Aber ich! ... Armer Simon des Jonas. Was haben dich die Fische gelehrt? Was der See? Zwei Dinge, aber die taugen nichts: die Fische lehrten mich zu schweigen und Ausdauer zu haben. Sie sind ausdauernd im Versuch, aus dem Netz zu fliehen, ich ausdauernd, sie wieder einzufangen. Der See lehrte mich, Mut und wachsame Augen zu haben. Das Boot? Mich anzustrengen, keinen Muskel zu schonen und aufrecht zu stehen, auch wenn der See bewegt und die Gefahr zu fallen groß ist. Den Blick auf den Polarstern gerichtet, feste Hand am Steuer, Stärke, Mut, Ausdauer, Aufmerksamkeit... das alles hat mich mein armes Leben gelehrt.»

Jesus legt ihm eine Hand auf die Schulter, schüttelt und betrachtet ihn liebevoll in echter Bewunderung über soviel Bescheidenheit. Dann sagt er: «Das scheint dir wenig, Simon Petrus ? Du hast alles, was du brauchst, um mein "Fels" zu sein. Nichts mehr gehört dazu und nichts muß weggenommen werden! Du wirst der ewige Steuermann sein, Simon Petrus. Dem, der nach dir kommt, wirst du sagen: "Den Blick auf den Polarstern, auf Jesus gerichtet. Feste Hand am Steuer, Kraft, Mut, Ausdauer, Aufmerksamkeit, harte Arbeit ohne Schonung, das Auge überall, und Geradestehen auch bei hochgehenden Wellen..." Nun, was das Schweigen anbelangt, das haben dich die Fische nicht gelehrt.»

«Aber für das, was ich sagen müßte, bin ich stummer als die Fische... Andere Worte? ... Auch die Hennen gackern, wie ich es tue... Aber sage mir, mein Meister, gibst du mir auch einen Sohn? Wir sind alt. Aber du hast gesagt, daß der Täufer von einer alten Mutter geboren wurde, und jetzt hast du gesagt: "Dem, der nach dir kommt, wirst du sagen..." Wer kommt nach einem Mann, wenn nicht sein Nachkomme?» Petrus macht ein bittendes und hoffnungsvolles Gesicht.

«Nein, Petrus... Sei darüber nicht traurig. Du gleichst wirklich deinem See, wenn die Sonne durch eine Wolke verdeckt ist und der lächelnde See plötzlich finster wird. Nein, mein Petrus, nicht einen, sondern tausend und zehntausend Söhne wirst du haben, und in allen Ländern. Hast du vergessen, was ich dir gesagt habe: "Du wirst Menschenfischer sein."»

«O ja... aber... Es wäre schön gewesen, ein Kind zu haben, das zu mir "Vater" sagt!»

«Du wirst so viele haben und sie nicht mehr zählen können. Du wirst ihnen das ewige Leben geben, und ihnen im Himmel wieder begegnen und zu mir sagen: "Es sind die Kinder deines Petrus, und ich will, daß sie da sind, wo ich bin." Ich aber werde zu dir sagen: "Ja, Petrus, wie du willst, so soll es geschehen. Denn du hast alles für mich getan, und ich tue alles für dich."» Jesus ist überaus liebevoll bei diesen Verheißungen.

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Petrus schluckt den Speichel mit den Tränen für die sterbende Hoffnung auf eine irdische Vaterschaft, und unter den Tränen einer Verzückung, die sich schon ankündigt, sagt er: «Oh, Herr, doch um ewiges Leben geben zu können, muß man die Seelen vom Guten überzeugen... So sind wir immer am selben Punkt: ich kann nicht reden.»

«Du wirst zu reden wissen, wenn die Stunde gekommen ist, besser als Gamaliel.»

«Ich will es glauben... Aber dann mußt du schon ein Wunder an mir wirken; denn wenn ich es von mir aus erreichen sollte...»

Jesus lächelt in seiner ruhigen Art und sagt: «Heute gehöre ich ganz dir. Gehen wir ins Dorf zu jener Witwe. Ich habe ein geheimes Almosen, einen Ring, zu verkaufen. Weißt du, wie ich ihn bekommen habe? Ein Stein fiel zu meinen Füßen nieder, während ich betend bei dieser Weide stand. Am Stein war ein Beutelchen mit einem kleinen Pergamentstreifen. Im Beutelchen war der Ring. Auf dem Zettelchen das Wort: Barmherzigkeit.»

«Laß sehen. Oh, schön... Von einer Frau. Was für ein kleiner Finger! Doch wieviel Metall!»

«Nun wirst du ihn verkaufen. Ich verstehe das nicht. Der Wirt kauft Gold, ich weiß es. Ich warte beim Backofen auf dich. Geh, Petrus!»

«Aber... wenn ich nicht dazu fähig bin? Ich und Gold... Ich verstehe nichts von Gold!»

«Du mußt denken, es ist Brot für jemand, der hungert, dann wirst du dein Bestes tun. Leb wohl!»

Petrus geht nach rechts, während Jesus langsamen Schrittes nach links zum Dorf geht, das in einiger Entfernung hinter dem Wäldchen beim Haus des Verwalters zu sehen ist.

172. JESUS VERLÄSST DAS "TRÜGERISCHE GEWÄSSER" UND GEHT NACH BETHANIEN

Beim "Trügerischen Gewässer" sind keine Pilger. Es ist seltsam, alles so leer zu sehen: kein Biwak für die Nacht, und niemand sitzt und ißt auf dem Vorplatz oder unter dem Vordach. Es herrscht Sauberkeit und Ordnung ohne irgendwelche Spuren, die eine Ansammlung von Menschen hinterläßt.

Die Jünger nützen ihre Zeit für handwerkliche Arbeiten: die einen flechten Reusen für den Fischfang, andere machen kleine Gräben, damit das Regenwasser von den Dächern nicht in den Pfützen stehenbleibt und den Vorplatz überflutet. Jesus, aufrecht auf dem Rasen, zerbröselt Brot für die Spatzen. Soweit das Auge reicht erblickt man niemanden, obwohl

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das Wetter heiter ist. Nun kommt Andreas von einer Besorgung zurück und geht auf Jesus zu.

«Friede sei mit dir, Meister!»

«Auch mit dir, Andreas. Komm ein wenig zu mir. Du kannst in der Nähe der Vögel bleiben, denn du bist wie sie. Aber siehst du, wenn sie spüren, daß die Person, die sich ihnen nähert, sie liebt, dann fürchten sie sich nicht mehr. Schau, wie zutraulich sie sind, sicher und froh. Gerade waren sie noch zu meinen Füßen. Nun bist du gekommen, und sie beobachten... Doch schau... schau den wagemutigen Sperling an, der näher kommt. Er hat verstanden, daß keine Gefahr besteht. Hinter ihm die anderen. Schau, wie sie sich sättigen. Ist es nicht auch bei uns, den Söhnen des Vaters, so ? Er sättigt uns mit seiner Liebe. Wenn wir sicher sind, daß wir geliebt werden und zu seiner Freundschaft eingeladen sind, warum dann noch Angst vor ihm und vor uns selbst haben?

Seine Freundschaft soll uns mutig machen, auch den Menschen gegenüber. Glaub mir: Nur der Übeltäter muß sich vor Seinesgleichen fürchten. Nicht der Gerechte, wie du es bist.»

Andreas wird rot und sagt nichts. Jesus zieht ihn an sich und sagt lachend: «Man müßte dich und Simon zusammen in einen Trank vereinigen, euch auflösen, mischen und dann neu formen, und ihr wäret vollkommen. Doch... Wenn ich dir sage, daß du am Ende deiner Mission gleich Petrus sein wirst, so verschieden du anfänglich von deinem Bruder auch sein magst, würdest du es glauben?»

«Du sagst es, und bestimmt ist es so. Ich frage mich nicht, wie dies möglich sein wird; denn alles, was du sagst, ist wahr. Ich wäre zufrieden, wie Petrus, mein Bruder, zu sein, denn er ist ein Gerechter und er macht dich glücklich. Simon ist tüchtig, und ich bin froh, daß er so tüchtig ist, so mutig und stark. Aber auch die anderen...»

«Du nicht?»

«Oh, ich! ... Nur du kannst dich mit mir zufriedengeben.»

«Doch ich bemerke, wie ruhig und gründlicher als die anderen du deine Arbeit verrichtest. Denn unter euch Zwölfen sind welche, die viel Aufhebens um ihre Arbeit machen, andere, die mehr Aufhebens machen, als nötig wäre, und wieder andere, die nur arbeiten. Eine demütige Arbeit, mühsam und unbeachtet... Die anderen könnten annehmen, daß sie nichts tun, doch der, der richtig sieht, weiß es. Diese Unterschiede bestehen, weil ihr noch nicht vollkommen seid. Es wird immer so sein, auch bei den künftigen Jüngern, die nach euch folgen, bis zum Zeitpunkt, da der Engel verkünden wird: "Die Zeit ist abgelaufen." Es wird immer Diener Christi geben, deren Wirken im Einklang steht mit der Aufmerksamkeit, die sie auf sich lenken: die Lehrmeister. Es wird leider auch solche geben, die nur viel Aufhebens machen, und bei denen alles reine Äußerlichkeit ist. Schauspieler, falsche Hirten mit verstellten Mienen... Priester? Nein: Schauspieler,

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sonst nichts. Es ist nicht das äußere Gebaren, das den Priester ausmacht, und auch nicht das Gewand. Auch nicht seine weltliche Bildung oder die gesellschaftlichen, einflußreichen Verbindungen sind es, die den Priester ausmachen. Seine Seele ist es. Eine so erhabene Seele, die über den Körper triumphiert. Mein Priester soll ganz vergeistigt sein, so träume ich ihn. So werden meine heiligen Priester sein. Der Geist hat keine schauspielerischen Gebärden und keine Stimme. Er ist körperlos, weil er geistig ist und daher keine Zieraten kennt und Masken anlegen kann. Er ist, was er ist: Geist, Flamme, Licht, Liebe. Er spricht zu den Seelen. Er spricht mit der Keuschheit seiner Augen, seiner Handlungen.

Der Mensch betrachtet ihn und sieht in ihm einen Menschen seinesgleichen. Aber was sieht er über dem Körper, den er sieht ? Etwas, das seinen eilenden Schritt hemmt, ihn betrachten und beschließen läßt: "Dieser Mensch, der mir gleicht, hat vom Menschen nur das Aussehen. Die Seele ist die eines Engels." Wenn es ein ungläubiger Mensch ist, kommt er zum Schluß: "Seinetwegen glaube ich, daß es einen Gott und einen Himmel gibt." Wenn er ein Lebemensch ist, sagt er: "Dieser meinesgleichen hat Augen des Himmels. Ich werde meine Begierde zügeln, um sie nicht zu entweihen." Wenn er geizig ist, sagt er sich: "Um seines Beispiels willen, nach welchem er sich nicht an irdische Güter klammert, höre ich auf, geizig zu sein." Wenn er mächtig ist, wenn es ein Jähzorniger, Grausamer ist, wird jener angesichts des Sanftmütigen zum friedlichsten Wesen werden. Dies alles vermag ein heiliger Priester zu erreichen. Und glaube es: immer wird es unter den heiligen Priestern solche geben, die bereit sind, aus Liebe zu Gott und dem Nächsten auch zu sterben... und sie tun dies auf so schlichte Weise, wie sie auch ein ganzes Leben lang in unauffälliger Weise die Vollkommenheit geübt haben, so daß die Welt ihrer gar nicht gewahr wurde. Wenn die ganze Welt nicht ein Sündenpfuhl und Götzendienerei ist, dann nur dank jener stillen Helden und ihres treuen Eifers. Sie werden dein Lächeln haben: rein und scheu. Denn es wird immer derartige Andreas geben. Durch die Gnade Gottes und zum Glück der Welt wird es sie geben.»

«Ich kann es nicht glauben, solche Worte zu verdienen... Ich habe nichts getan, um sie zu veranlassen...»

«Du hast mir geholfen, ein Herz für Gott zu gewinnen. Es ist schon das zweite, das du zum Lichte führst.»

«Oh, warum hat sie gesprochen? Sie hat doch versprochen...»

«Niemand hat gesprochen. Doch ich weiß es. Wenn die Jünger ruhen, dann sind beim "Trügerischen Gewässer" drei, die nicht schlafen: der Apostel mit seiner in der Stille wirkenden Liebe für seine sündigen Brüder, das Geschöpf, das von seiner Seele zum Heile getrieben wird, und der Retter, der betet und wacht, wartet und hofft. Meine Hoffnung: daß eine Seele ihr Heil finde. Danke, Andreas! Mach so weiter und sei dafür gesegnet.»

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«Oh, Meister... Aber sage den anderen nichts... Wenn ich allein an einem verlassenen Strand zu einer Aussätzigen spreche, deren Gesicht ich nicht sehe, dann kann ich noch ein wenig ausrichten. Doch wenn die anderen es erfahren, vor allem Simon, und er mitkommen will, dann ist es aus mit mir, dann kann ich nichts mehr tun... Auch du darfst nicht kommen... denn wenn ich in deiner Gegenwart reden soll, dann schäme ich mich.»

«Ich werde nicht kommen. Jesus wird nicht kommen, doch der Geist Gottes ist stets mit dir gewesen. Laßt uns nach Hause gehen. Man ruft uns zur Mahlzeit.»

Alles ist zu Ende zwischen Jesus und dem sanftmütigen Jünger.

Sie sind noch beim Essen und haben die Lampen angezündet, denn der Abend bricht plötzlich herein; und die Kühle rät, die Türe geschlossen zu halten, als an der Tür geklopft wird und die fröhliche Stimme des Johannes hörbar wird.

«Willkommen!»

«Ihr habt rasch gemacht!»

«Was gibt es also?»

«Wie seid ihr beladen!»

Alle reden durcheinander und helfen dabei den dreien, sich von den sehr schweren Taschen zu befreien, die sie auf den Schultern haben.

«Langsam!»

«Laßt uns zuerst den Meister grüßen.»

«Aber nur einen Augenblick!»

Es herrscht ein familiäres, fröhliches Durcheinander, aus Freude, wieder beisammen zu sein.

«Ich grüße euch, Freunde. Gott hat euch friedliche Tage geschenkt.»

«Ja, Meister, aber keine guten Nachrichten. Ich sah es voraus», sagt Iskariot.

«Was gibt es? Was ist los?» Die Neugierde ist erwacht.

«Laßt sie doch zuerst eine Stärkung zu sich nehmen», sagt Jesus.

«Nein, Meister. Zuerst geben wir ab, was wir für dich und die anderen mitgebracht haben. Zuerst... Johannes, gib den Brief.»

«Den hat Simon. Ich hatte Angst, ihn im Gepäck zu zerknittern.»

Der Zelote, der bis jetzt Thomas zu untersagen versuchte, ihm Wasser für die müden Füße zu holen, eilt herbei und sagt: «Ich habe ihn hier in der Gürteltasche», er öffnet die innere Tasche seines breiten Gürtels aus rotem Leder und entnimmt ihr eine nun etwas zerdrückte Schriftrolle.

«Sie ist von deiner Mutter. Als wir bei Bethanien waren, sind wir Jonathan begegnet, der mit dem Brief und vielen anderen Dingen auf dem Weg zu Lazarus war. Jonathan geht nach Jerusalem, weil Chuza dort seinen Palast in Ordnung bringt. Vielleicht geht Herodes nach Tiberias, und Chuza will seine Frau nicht in der Nähe des Herodes wissen», erklärt Iskariot, während Jesus die Knoten der Papierrolle löst und zu lesen beginnt.

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Die Apostel flüstern, während Jesus mit einem seligen Lächeln die Zeilen seiner Mutter liest.

«Hört», sagt Jesus. «Hier ist auch für die "Galiläer" einiges. Meine Mutter schreibt: "Meinem Jesus, meinem geliebten Sohn und Herrn, Friede und Segen! Jonathan, Diener seines Herrn, hat mir schöne Geschenke von Johanna gebracht, die den Segen ihres Retters für sich selbst, für den Gemahl und das ganze Haus erbittet. Jonathan sagt mir, daß er auf Anordnung Chuzas nach Jerusalem geht, um dort den Palast in Sion wieder zu öffnen. Ich preise Gott dafür, denn so habe ich die Möglichkeit, dir meine Worte und meinen Segen zu senden. Auch Maria des Alphäus und Salome senden ihren Söhnen Küsse und Segen. Da Jonathan über alle Maßen gut war, kann ich auch die Grüße der Frau des Petrus an ihren Mann in der Ferne und der Angehörigen von Philippus und Nathanael mit einschließen. Alle eure Frauen, ihr lieben Männer in der Ferne, senden euch Kleider für die Wintermonate, die sie mit ihrer Arbeit am Webstuhl und mit der Nadel gefertigt haben, Früchte aus ihrem Garten, süßen Honig, den sie in heißem Wasser an den feuchten Abenden zu trinken euch raten. Tragt Sorge für eure Gesundheit, lassen euch die Ehefrauen und Mütter durch mich mitteilen, und ich sage es auch meinem Sohn. Wir leiden keinen Mangel, glaubt es. Freut euch an den bescheidenen Geschenken, die wir Jüngerinnen der Jünger Christi den Dienern des Herrn senden. Gewährt uns nur die Freude, euch gesund zu wissen.

Mein geliebter Sohn, mir wird bewußt, daß du seit nahezu einem Jahr nicht mehr mir allein gehörst. Mir scheint, daß ich in die Zeit zurückversetzt bin, da ich wußte, daß du schon lebtest, denn ich hörte dein kleines Herz in meinem Schoße schlagen; doch ich konnte gleichwohl sagen, daß du noch nicht da warst, denn du warst durch eine Schranke von mir getrennt, die mich daran hinderte, deinen geliebten Körper zu liebkosen. So konnte ich nur deinen Geist anbeten, o mein teurer Sohn und anbetungswürdiger Gott. Auch jetzt weiß ich, daß du da bist und daß dein Herz, das nie von mir getrennt ist, selbst wenn wir voneinander getrennt sind, mit meinem Herzen schlägt, doch ich kann dich nicht mehr liebkosen, dich nicht hören, dir nicht dienen, dich nicht verehren, dich, den Messias des Herrn und seiner armen Magd, während ich mich im vollendeten Licht befand, als ich dich, mein Licht und Licht der Welt, in jenem dunklen Stall an mein Herz schmiegte. Johanna wollte, daß ich mit ihr gehe, um während des Lichterfestes nicht allein zu sein. Ich habe es jedoch vorgezogen, mit Maria hier zu bleiben und mit ihr die Lichter anzuzünden: Für mich und für dich. Aber wenn ich auch die größte Königin der Welt wäre und Tausende von Lichtern anzünden könnte, ich wäre dennoch in der Finsternis, denn du bist nicht hier. Es wird das erste Mal sein, daß ich mir sagen werde: 'Mein Kind ist heute ein Jahr älter geworden' und mein Kind ist nicht bei mir. Es wird trauriger sein als an deinem ersten Geburtstag in

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Matarea. Doch du erfüllst deine Sendung und ich die meine, und zusammen erfüllen wir den Willen des Vaters und wirken zur Ehre Gottes. Dies trocknet jede Träne.

Lieber Sohn! Nach all dem, was mir berichtet worden ist, mache ich mir ein Bild von deinen Werken. Wie die Wogen eines offenen Meeres mit ihrem Rauschen bis in einen einsamen, geschlossenen Meerbusen gelangen, so erreicht auch das Echo deines heiligen Wirkens zur Ehre des Herrn unser ruhiges, kleines Haus und deine Mutter, die sich freut und zittert; denn wenn alle von dir reden, so reden doch nicht alle mit dem gleichen Herzen von dir. Es kommen Freunde und von dir mit Wohltaten Beschenkte, um mir zu sagen: 'Der Sohn deines Leibes sei gepriesen' ' und es kommen auch feindlich gesinnte Menschen, die mein Herz verwunden und sagen: 'Er soll verflucht sein.' Doch ich bete für diese, denn es sind Unglückliche, sie sind schlimmer daran als die Heiden, die zu mir kommen und fragen: 'Wo ist der Magier, der göttliche Zauberpriester?' In ihrem Irrtum sagen sie eine große Wahrheit, denn du bist wahrlich Priester und erhaben, was der Sinn dieser Benennung in der antiken Sprache ist, und du bist göttlich, o mein Jesus. Ich sende sie zu dir mit den Worten: 'Er ist in Bethanien!' Denn so werde ich wohl sagen müssen, solange du mir keinen anderen Bescheid gibst. Ich bete für jene die kommen, um für ihren sterblichen Leib zu bitten, damit sie das Heil für ihre unsterbliche Seele finden mögen. Ich bitte dich darum! Sei nicht traurig meiner Schmerzen wegen. Sie werden ausgeglichen durch die große Freude die mir durch die Worte der an Leib und Seele Geheilten zukommt. Doch Maria hat einen noch größeren Schmerz als ich, denn man spricht nämlich nicht nur zu mir. Joseph des Alphäus wünscht, daß du erfährst, er sei bei einer unlängst unternommenen Geschäftsreise nach Jerusalem deinetwegen aufgehalten und bedroht worden, durch Männer des Hohen Rates. Ich nehme an, daß eine einflußreiche Person von hier diese auf ihn aufmerksam gemacht hat. Wie hätten sie sonst Joseph als Familienoberhaupt und deinen Bruder erkennen können? Ich teile dir dies im Gehorsam als Frau mit. Doch von mir aus sage ich dir: Ich möchte in deiner Nähe sein, um dich trösten zu können. Doch entscheide du, o Weisheit des Vaters, ohne auf meine Tränen zu achten. Simon, dein Bruder, wollte nach diesem Vorfall beinahe zu dir kommen, und dies mit mir! Doch die Jahreszeit hat ihn zurückgehalten und mehr noch die Befürchtung, er könne dich nicht finden; denn es wurde wie eine Drohung herumgegeben, daß du dort, wo du jetzt bist, nicht bleiben könnest.

Sohn! Mein Sohn! Mein inniggeliebter, heiliger Sohn! Ich stehe wie Moses mit erhobenen Armen auf dem Berg, um für dich zu beten im Kampf gegen die Feinde Gottes und gegen deine Feinde, mein Jesus, den die Welt nicht liebt.

Hier ist Lia des Isaak gestorben. Ich habe darunter gelitten, denn sie ist

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mir immer eine gute Freundin gewesen. Doch der größte Schmerz bist du, fern und nicht geliebt... Ich segne dich, mein Sohn, und so wie ich dir Friede und Segen wünsche, bitte ich dich, ihn auch mir zu gewähren, Deine Mutter."»

«Sie drängen vor bis zu diesem Haus, diese Unverschämten!» schreit Petrus.

Judas Thaddäus ruft aus: «Ach, dieser Joseph! Er hätte doch diese Nachricht für sich behalten können, aber er konnte es nicht erwarten.»

«Das Geschrei der Hyänen erschreckt die Lebenden nicht», sagt Philippus.

«Das Schlimme ist, daß sie nicht Hyänen, sondern Tiger sind. Sie suchen lebende Beute», sagt Iskariot und wendet sich an den Zeloten: «Sag du, was wir alles erfahren haben.»

«Ja, Meister. Judas hatte Grund zu Befürchtungen. Wir sind zu Joseph von Arimathäa und zu Lazarus gegangen, ganz offen als deine Freunde. Dann sind wir, ich und Judas, als ob ich sein Jugendfreund wäre, zu einigen seiner Freunde in Sion gegangen... und... Joseph und Lazarus lassen dir sagen, sofort wegzugehen, um während dieser Feste abwesend zu sein. Weigere dich nicht, Meister! Es ist zu deinem Wohl. Die Freunde von Judas haben uns sogar gesagt: "Hört, sie haben schon beschlossen, ihn festzunehmen, um ihn anzuklagen" gerade in diesen Tagen des Festes, wo keine Menschen da sind. Er sollte sich für einige Zeit zurückziehen, um diesen Vipern zu entgehen. Der Tod des Doras hat ihre Bosheit und ihre Angst vermehrt, denn sie empfinden nicht nur Haß, sondern Angst, und diese Angst läßt sie Dinge sehen, die nicht sind, und der Haß verleitet sie auch zur Lüge.»

«Alles, aber auch alles wissen sie über uns. Es ist eine häßliche Sache. Alles übertreiben sie, alles verdrehen sie. Wenn es ihnen scheint, daß sie noch nicht genug zum Verfluchen haben, dann erfinden sie etwas. Ich bin angeekelt und niedergeschlagen. Ich bin versucht, auszuwandern, weit fort... Ich weiß nicht wohin... doch weg von Israel, das ganz Sünde ist!»Iskariot ist ganz mutlos.

«Judas, Judas! Eine Frau braucht neun Monate, um einem Kind das Leben zu schenken, und du möchtest der Welt die Erkenntnis Gottes in einer noch kürzeren Zeit geben? Keine neun Monde, sondern Tausende von Monden sind dazu erforderlich. Wie der Mond bei jedem Mondwechsel zu- und abnimmt und erst als Neumond, dann als Vollmond und endlich als abnehmender Mond erscheint, so wird es auch in der Welt, solange sie besteht, Zeiten der Zunahme, der Fülle und der Abnahme der Religion geben. Aber auch wenn die Religion tot zu sein scheint, lebt sie, so wie der Mond, wenn er nicht leuchtet, doch da ist. Wer sich für die Religion bemüht und gewirkt hat, dem wird ein volles Maß an Verdiensten zustehen, selbst wenn nur eine unbedeutende Minderheit an treuen Seelen

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auf Erden übrigbleibt. Mut, Mut! Nicht gleich Freudentaumel bei Erfolg, aber auch keine leichtfertige Niedergeschlagenheit in den Niederlagen!»

«Aber... gehen wir fort! Wir sind noch nicht stark genug, und wir spüren, daß wir vor dem Hohen Rat Angst bekommen würden. Ich wenigstens; ob auch die anderen, das weiß ich nicht. Doch meine ich, es wäre unklug, ihn zu reizen. Wir haben nicht den Mut der drei Jünglinge vom Hofe Nabuchodonosors.»

«Ja, Meister, es ist besser.»

«Es ist vorsichtiger.»

«Judas hat recht.»

«Schau, auch deine Mutter und die Verwandten...»

«Auch Lazarus und Joseph.»

«Wir lassen sie umsonst herkommen.»

Jesus breitet die Arme aus und sagt: «Es soll geschehen, wie ihr wollt. Doch dann werden wir hierher zurückkehren, denn ihr seht, wie viele kommen. Ich zwinge und versuche eure Seele nicht. Ich fühle, daß ihr noch nicht bereit seid... Doch sehen wir uns die Arbeit der Frauen an.»

Doch während alle mit leuchtenden Augen und freudevoller Stimme die Bündel mit den Kleidern, den Sandalen und den Eßwaren der Mütter und Ehefrauen aus den Taschen ziehen und versuchen, Jesus für soviel Güte Gottes zu interessieren, bleibt dieser ernst und geistesabwesend. Er liest immer wieder den mütterlichen Brief. Er hat sich mit einem Lämpchen in den vom Tisch, auf dem Kleider, Äpfel, Metallgefäße sowie Käselaibe liegen, entferntesten Winkel zurückgezogen. Die Augen mit seiner Hand abgeschirmt, scheint er nachzudenken, leidet aber sichtlich...

«Schau, Meister, welch schönes Gewand und welchen Mantel mit Kapuze meine Frau, die Ärmste, gemacht hat. Wer weiß, wieviel Mühe sie das gekostet hat, denn sie ist darin nicht so tüchtig wie deine Mutter», sagt Petrus, der die Schätze auf den Armen wiegt.

«Schön. Ja, schön. Sie ist eine tüchtige Frau», sagt Jesus höflich. Doch seine Augen sind weit entfernt von den gezeigten Gegenständen.

«Für uns hat die Mutter zwei doppelt gewobene Gewänder gemacht. Arme Mutter! Gefallen sie dir, Jesus ? Ist es nicht eine schöne Farbe?»sagt Johannes des Zebedäus

«Sehr schön, Jakobus. Es wird dir gut stehen.»

«Schau, ich wette, daß dieser Gürtel von deiner Mutter gemacht worden ist. Nur sie kann so sticken. Auch diese doppelt gewobene Kopfbedeckung, mit der man sich vor der Sonne schützt, hat gewiß deine Mutter gemacht. Sie ist genau wie deine. Das Gewand nicht, das hat bestimmt unsere Mutter gemacht. Arme Mutter! Nach all den vielen Tränen im letzten Sommer sieht sie nur noch wenig, und oft reißt ihr der Faden ab. Die Gute!» und Judas des Alphäus küßt das schwere Gewand von rotbrauner Farbe.

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«Du bist nicht froh, Meister», bemerkt schließlich Bartholomäus. «Du schaust nicht einmal die Sachen an, die man dir gesandt hat.»

«Er kann nicht froh sein», entgegnet Simon der Zelote.

«Ich überlege... Aber... Packt alles wieder zusammen und legt es beiseite. Noch ist die Stunde nicht gekommen, ergriffen zu werden, und wir werden es auch nicht... Mitten in der Nacht, beim Mondschein, wollen wir nach Doko gehen. Von dort nach Bethanien.»

«Warum nach Doko ?»

«Weil dort eine Frau im Sterben liegt, die Heilung von mir erwartet.»

«Gehen wir nicht erst zum Gutsverwalter ?»

«Nein, Andreas, zu niemandem. So braucht niemand zu lügen, wenn er sagt, daß er nicht weiß, wohin wir gegangen sind. Wenn euch daran gelegen ist, nicht verfolgt zu werden, dann liegt mir daran, dem Lazarus keine Unannehmlichkeiten zu bereiten.»

«Aber Lazarus erwartet dich.»

«Wir werden zu ihm gehen. Oder besser... Simon, willst du mich im Haus deines alten Dieners beherbergen ?»

«Mit Freude, Meister. Du weißt alles. Somit kann ich dir für Lazarus, für mich und im Namen dessen, der in diesem Haus lebt, sagen: "Es ist dein Haus."»

«Laßt uns gehen. Macht schnell, damit wir noch vor dem Sabbat in Bethanien sind.»

Während alle sich mit Lämpchen daran machen, das Notwendige für die unvorhergesehene Abreise zusammenzusuchen, bleibt Jesus allein.

Andreas kommt wieder herein, geht zu seinem Jesus und sagt: «Aber jene Frau? Es tut mir leid, sie jetzt allein zu lassen, da sie gewillt ist, zu kommen... Sie ist vorsichtig... hast du es gesehen? ...»

«Geh und sage ihr, daß wir nach einiger Zeit zurückkommen werden. Inzwischen soll sie über deine Worte nachdenken...»

«Deine Worte, Herr! Ich habe nur Deine gesagt.»

«Geh und beeile dich. Paß auf, daß dich niemand sieht. In dieser Welt der Bösen müssen die Unschuldigen das Aussehen der Treulosen annehmen...»

Alles endet mit dieser großen Wahrheit.

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173. DIE HEILUNG DER KREBSKRANKEN JERUSA IN DOKO

ich habe Ihnen vom unerfreulichen Besuch und der Ankündigung, die ich gestern abend bekommen habe, erzählt. Sie haben gesehen, daß ich einen erschrockenen Gesichtsausdruck hatte. Ich weiß nicht, was für ein Gesicht ich gemacht habe. Doch bestimmt war es beeindruckend, und noch Stunden danach ist die Erregung nicht gewichen.

Es ist nicht das erste Mal, wie Sie wissen, daß Satan sich mir zeigt und mich zu diesem oder jenem versuchen will. Jetzt, da er nicht mehr das Fleisch versucht, versucht er den Geist. Seit einem Jahr ungefähr belästigt er mich in unregelmäßigen Abständen. Zum erstenmal geschah es in den schrecklichen Tagen des April 1944, als er mir Hilfe versprach, wenn ich ihn anbeten würde. Das zweite Mal, als er mich mit der direkten und gewalttätigen, langen Versuchung am 4. Juli 1944 überfiel und mich versuchte, die Sprechart des Meisters nachzuäffen, um damit die einzuschüchtern, die mich beleidigt hatte. Das dritte Mal versuchte er mich, als er mich veranlassen wollte, aus den diktierten Worten mein Werk zu machen und sie als solches zu veröffentlichen, um daraus Geld und Nutzen zu schlagen. Die vierte Versuchung erfolgte im Februar dieses Jahres (ich glaube, es war schon Februar), als er mir erschien (zum ersten Mal sah ich ihn; die anderen Male hatte ich ihn nur gehört) und mich mit seinem Aussehen und seinem Haß erschreckte. Das fünfte Mal kam er nun gestern abend. Dies sind die großen Manifestationen Satans. Doch ihm schreibe ich auch die kleinen Dinge zu, die mir von anderen zugefügt werden, um mich zum Stolz, zum Selbstmitleid oder zum Bekenntnis falscher Erscheinungen zu verleiten, oder auch, um mir einzureden, daß ich nur eine Kranke sei und alles das Produkt einer Geistesgestörtheit ist. Auch die Schwierigkeiten mit den Verwandten und den Behörden und selbst mit den Kraftfahrern. (Andeutung auf das unmittelbare Kriegsende.) Alles schreibe ich Satan zu. Er tut, was er nur kann, um mich zu quälen und mich zur Unruhe und zur Auflehnung zu treiben, zur Überzeugung, daß Beten unnütz und alles eine Lüge sei.

Ich muß Ihnen gestehen, daß er mich gestern abend sehr verwirrt hat. Es ist nicht das erste Mal, daß er mir Angst einjagt und sagt, daß ich das Opfer einer Täuschung sei und eines Tages Gott und auch den Menschen dafür Rechenschaft ablegen müsse. Sie wissen, daß dies meine große Angst ist... obwohl ich immer von Jesus und Ihnen, meinem Seelenvater, getröstet und wieder aufgerichtet worden bin. Es waren meine Überlegungen, die durch Satan geschürt worden, aber in mir selbst entstanden sind. Gestern war es eine direkte Bedrohung. Er hat mir gesagt: «Tu es, tu es, ich warte auf den rechten Augenblick, den letzten Augenblick. Dann werde ich dich davon überzeugen, daß du immer Gott, die Menschen und dich selbst belogen hast. Du bist eine Betrügerin, und du wirst noch einer großen Angst verfallen und daran verzweifeln, verdammt zu sein. Du wirst es mit solchen Worten sagen, daß, wer dir beisteht, denken muß, alles sei Widerruf, um weniger sündhaft vor Gott treten zu können. Du und wer um dich ist, ihr werdet bei dieser Überzeugung bleiben, und so wirst du sterben... und die anderen werden erschüttert sein... Ich erwarte dich, und du erwartest mich. Ich verspreche nichts, ohne es zu halten. Nun machst du mir einen grenzenlosen Ärger. Aber dann werde ich es sein, der dir Ärger bereiten wird. Ich werde mich für alles rächen, was du mir antust, so wie nur ich mich zu rächen weiß.» Dann ist er weggegangen und hat mich so elend zurückgelassen...

Dann aber ist die zärtliche, sanfte, liebreiche Mutter gekommen, in ihrem weißen Kleide, um mir zuzulächeln und mich zu liebkosen, und mit seinem schönsten Lächeln hat mich mein Jesus beschenkt. Doch gleich nachdem sie mich verlassen hatten, bin ich in meine Bedrängnis zurückgefallen... Es ist hart. Wenn dieser Gedanke mich so stark überfällt, fühle ich mich versucht, zu sagen: «Ich werde kein Wort mehr schreiben, ungeachtet jeglichen Drängens.» Doch dann überlege ich und sage: «Das ist es, was Satan erreichen will», und ich schenke dieser Einflüsterung kein Gehör.

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Es ist die Zeit der Passion, nicht wahr? Es wird solche geben, die aus einem falschen Personenkult heraus dem Sprachrohr, als ihrem Abgott, eine übertriebene Ehre erweisen, weil die Abgötterei dem Menschen, selbst dem guten, angeboren ist. Dabei vergessen sie, daß es nur ein Werkzeug Gottes ist, und die Ehre Gott einzig und allein gebührt.

Dann wird es jene geben, die mich verspotten. Die einen wie die anderen erwarten in gleicher Weise, wenn auch mit verschiedenen Absichten, wunderbare Ereignisse um mich, besonders während der Zeit der Passion. Vielleicht erwarten sie solche Geschehnisse als etwas Natürliches in meinem Fall, und ihre Erwartung ist gerechtfertigt, wogegen sie für die anderen Gegenstand des Spottes oder der Abgötterei wären. Ich, Maria Valtorta, versichere Ihnen, daß ich den Spott dem Kult meiner Person vorziehe. Dieser läßt mich einen unbeschreiblichen Unmut verspüren. Mir ist, wie wenn man mich auf einem Platz entkleiden und mich meiner kostbarsten Geheimnisse berauben wollte, und ich leide darunter. Der Spott der mich trifft, schmerzt mich weniger, wenn er nicht die Diktate beeinträchtigt und sie nicht als Verrücktheit und Schabernack hinzustellen versucht.

Doch über den mehr oder weniger aufrichtigen Wünschen vieler steht der Wille Gottes, oder, besser gesagt, die Güte Gottes, der auf seine arme Maria hört, die stets gebetet hat und immer zu beten fortfährt, indem sie spricht: «Siehe, hier ist dein Opfer. Alles geschehe nach deinem Willen, doch ich möchte keine äußeren Merkmale.» Ich selbst hätte mir nicht einmal diese Offenbarung Gottes gewünscht. Doch es war sein Wille, daß ich sein Sprachrohr wäre. Nun also, in Gottes Namen. Etwas anderes nicht, niemals. Alle diagnostizierbaren oder nicht diagnostizierbaren Krankheiten, die es gibt, weil die charakteristischen Merkmale fehlen, alle Leiden, die Jesus erlitten hat, will ich erleiden. Die Todesangst, die Jesus niedergebeugt hat ... doch er allein soll es wissen, Sie, mein Seelsorger und ich, und das genügt. Wenn ich aber während dieser Zeit der Passion Verehrer und Spötter enttäusche, weil ich nicht die "körperlich Leidende" bin, so kann ich Ihnen versichern, daß ich dennoch meine Passion erlebe. Schlimmer als die vermehrten körperlichen Leiden – durch Schläge und durch die Mühsal Golgathas, durch Kopfschmerzen, Zerren und Krämpfe in meinen Muskeln, Atemnot und Blutandrang, Durst und Fieber, und die durch diese Qualen verursachte Erschöpfung und Erregungen – ist meine eigentliche Passion, ist für mich stets das, was ich "mein Gethsemani" nenne, nämlich die in mir aufsteigende Verdunkelung, eine Finsternis voll von grauenerregenden Gestalten und Ängsten, Furcht und Schrecken vor der Zukunft und vor Gott... die Nähe des Hasses, während die Liebe mich verlassen hat. All das ist es, was schließlich zu Durst und Fieber, zu Bluttränen, Stöhnen und zur Erschöpfung bei mir führt. Ich kann Ihnen versichern, daß die Wucht dieser Qualen nicht geringer ist als das, was ich im letzten Jahr ertragen mußte, als Gott mich alleinließ. Fast möchte ich sagen, daß sie jetzt schlimmer sind, denn ich leide auch, obwohl Jesus bei mir ist. Ich hoffe, daß ich mich gut ausgedrückt habe. Doch manche Qualen kann man nicht beschreiben. Sie könnten auch falsch verstanden werden von einem Seelsorger, einem abgöttischen Verehrer, von einem Neugierigen, einem Gelehrten oder von einem Menschen, der über das Phänomen spottet. Die Gruppe der drei Letztgenannten sollte nur eine Stunde das durchmachen, was ich durchmachen muß... Auch die Verehrer, die mich vielleicht darum beneiden, sollten das durchstehen. Besser, sie fühlen es nicht... Die abgöttischen Verehrer würden weiß Gott wohin flüchten aus Angst vor einer weiteren Stunde dieser Art, und die Neugierigen, die Begierigen und die Spötter kämen so weit, Gott zu fluchen... Daher will ich mich unter das Joch beugen und trinke den bitteren Kelch... und mache weiter.

Herr, nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Siehe deine Dienerin und dein Opfer. Mir geschehe nach deinem Willen. Doch gib mir in deiner Güte die Kraft, leiden zu können und laß mich nicht allein. Bleibe bei mir, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt.

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Ich sehe:

Jesus betritt im Dämmerlicht eines Wintertages das Städtchen Doko und fragt einen vorübergehenden Frühaufsteher: «Wo wohnt Marianne, die alte Mutter, deren Schwiegertochter im Sterben liegt?»

«Marianne? Die Witwe von Levi? Die Schwiegermutter von Jerusa, der Frau des Josia?»

«Sie.»

«Schau, am Ende dieser Straße ist ein Platz. In einer Ecke dieses Platzes befindet sich ein Brunnen, und von dort gehen drei Wege aus. Nimm jenen, in dessen Mitte eine Palme steht und gehe noch hundert Schritte. Du wirst zu einem Graben gelangen. Folge diesem bis zur steinernen Brücke. Überquere sie. Du kommst zu einer überdeckten Gasse. Nimm diese. Sobald der Weg und die Überdachung aufhören, weil ein Platz sie ablöst, bist du am Ziel. Das Haus der Marianne ist durch die Jahre gelb geworden und bei den Ausgaben, die sie haben, können sie es nicht verputzen lassen. Du kannst nicht fehlgehen. Leb wohl. Kommst du von weit her?»

«Nicht so sehr.»

«Aber du bist Galiläer ?»

«Ja.»

«Doch diese? Kommst du zum Fest?»

«Es sind Freunde. Leb wohl. Der Friede sei mit dir!» Jesus läßt den Schwätzer, der nun keine Eile mehr hat, im Ungewissen. Er geht seines Weges und die Jünger folgen ihm.

Sie gelangen zum kleinen Platz, einer mit Schlamm bedeckten Fläche, in deren Mitte eine junge Eiche steht, die hier von selbst gewachsen und im Sommer vielleicht ganz angenehm ist. Jetzt läßt sie den Platz nur düster erscheinen, so dicht breitet sie sich über die armseligen Häuser aus, denen sie Licht und Sonne nimmt. Das Haus Mariannes ist das armseligste. Breit und niedrig, doch sehr vernachlässigt. Die Tür ist voll von Flicken über den abgesplitterten Brettern aus sehr altem Holz. Ein rahmenloses Fenster stellt ein dunkles Loch zur Schau, wie eine leere Augenhöhle.

Jesus klopft an die Tür. Ein etwa zehnjähriges Mädchen kommt heraus, bleich, ungekämmt und mit verweinten Augen.

«Bist du die Enkelin Mariannes ? Sag der alten Mutter, daß Jesus gekommen ist.»

Das Mädchen stößt einen Schrei aus und rennt laut rufend davon. Die Greisin kommt, gefolgt von sechs Kindern und dem Mädchen von vorhin. Das größte scheint ihr Zwillingsbruder zu sein. Die kleinsten, barfuß und schmächtig, hängen am Kleid der alten Frau, denn sie können noch kaum richtig gehen.

«Oh, du bist gekommen! Kinder, gebt dem Messias die Ehre! Du bist zur rechten Zeit in ein armes Haus gekommen. Meine Tochter liegt im

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Sterben... Weint nicht, Kinder, damit sie es nicht hört. Arme Kinder! Sie sind erschöpft von den Wachen. Ich mache alles, aber wachen kann ich nicht mehr. Ich falle vor Müdigkeit auf den Boden. Seit Monaten gehe ich nicht mehr zu Bett. Nun schlafe ich auf einem Stuhl, um bei ihr und den Kindern zu sein. Doch sie sind noch klein und leiden sehr. Die Buben gehen Holz sammeln, um Feuer zu haben, und verkaufen Holz für Brot. Sie gehen zugrunde... arme Enkelkinder! Doch was uns umbringt ist nicht so sehr die Arbeit, als zusehen zu müssen, wie sie stirbt. Weint nicht mehr! Jesus ist nun bei uns!»

«Ja, weint nicht! Die Mutter wird gesund werden, und der Vater wird zurückkehren. Dann werdet ihr nicht mehr so viele Ausgaben haben und Hunger leiden. Sind das die beiden Jüngsten?»

«Ja, Herr. Das schwache Geschöpf hat dreimal Zwillinge geboren... und nun ist ihre Brust krank.»

«Den einen zu viele, den anderen keine...», brummt Petrus in seinen Bart, nimmt einen Kleinen in die Arme und gibt ihm einen Apfel, um ihn zum Schweigen zu bringen, und da auch der andere einen will, stellt Petrus auch ihn zufrieden.

Jesus geht mit der alten Frau durch das Tor in den Hof und steigt mit ihr die Treppe hinauf, um dann in ein Zimmer zu treten, in dem eine junge, aber sehr abgemagerte Frau jammert. «Der Messias, Jerusa! Du wirst nicht mehr leiden müssen. Siehst du, er ist wirklich gekommen. Isaak lügt nie. Er hat es gesagt. Glaube nun, da er gekommen ist, daß er dich auch heilen kann.»

«Ja, gute Mutter. Ja, mein Herr. Aber wenn du mich nicht gesund machen kannst, so laß mich wenigstens sterben. Ich leide Qualen an meiner Brust. Die Münder, denen ich Milch gegeben, haben mir Schmerzen und Bitterkeit verursacht. Ich leide sehr, Herr, und verursache viele Ausgaben! Der Mann ist fern, um das Brot zu verdienen, die alte Mutter verbraucht sich. Ich sterbe... Was wird aus den Kindern werden, wenn ich an dieser Krankheit sterbe, und meine Mutter an den Sorgen und an der Arbeit ?»

«Für die Vögel sorgt Gott und auch für die kleinen Menschenkinder. Doch du wirst nicht sterben. Tut es dir hier sehr weh ?» fragt Jesus, indem er seine Hand auf die verbundene Brust legen will.

«Rühre mich nicht an. Vermehre meine Schmerzen nicht!» schreit die Kranke auf.

Doch Jesus legt seine schmale Hand behutsam auf die kranke Brust. «Deine Brust brennt und schmerzt dich wie Feuer, arme Jerusa. Die Mutterliebe ist dir zum Feuer in der Brust geworden. Doch du empfindest deshalb keinen Haß gegen deinen Mann und deine Kinder, nicht wahr?»

«Warum sollte ich? Er ist gut und hat mich immer geliebt. Mit weiser Liebe hat er mich geliebt, und die Liebe erblüht in unseren Geschöpfen,

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und sie... es bedrückt mich, sie verlassen zu müssen... aber Herr! Herr! Das Brennen hört auf! Mutter! Mutter! Es ist mir, als ob ein Engel die Luft des Himmels auf meine Qualen hauchte. Oh, welcher Friede! Nimm, o nimm deine Hand nicht weg, mein Herr! Lege sie fest darauf. Oh, welche Kraft! Welche Freude! Meine Kinder! Kommt her, meine Kinder! Ich will sie bei mir haben! Dina, Osias, Anna, Seba, Melchi, David, Judas! Kommt her, kommt her... Die Mutter muß nicht mehr sterben. Oh! ...» Die junge Frau kehrt sich auf dem Kissen um und weint vor Freude, während die Kinder herbeieilen und die Greisin niederkniet, und da sie in ihrer Freude zu nichts sonst fähig ist, stimmt sie den Lobgesang des Azarias im brennenden Feuerofen an; sie singt ihn zu Ende mit ihrer zitternden, von Tränen gerührten Greisenstimme.

«Ah, Herr! Was kann ich für dich tun? Ich habe nichts, um dich zu ehren!» sagt sie endlich.

Jesus hilft ihr beim Aufstehen und sagt: «Laß mich ein wenig von meiner Müdigkeit ausruhen. Erzähle niemandem etwas davon... Die Welt liebt mich nicht. Ich muß für einige Zeit weggehen. Von dir verlange ich Treue zu Gott und Schweigen, von dir, von der jungen Frau und von den Kindern.»

«Oh, habe keine Sorge! Niemand kommt zu den Armen. Du kannst hier bleiben und brauchst keine Angst haben, gesehen zu werden. Die Pharisäer, nicht wahr? Doch ich habe nur ein wenig Brot zu essen...»

Jesus ruft Iskariot herbei: «Nimm Geld und kaufe ein, was nötig ist. Wir wollen hier bei den guten Leuten essen und uns bis zum Abend ausruhen. Geh und schweige!» Dann wendet er sich an die Geheilte: «Nimm den Verband ab, steh auf, hilf der Mutter und freue dich. Gott hat dir aus Barmherzigkeit um deiner ehrlichen Tugenden willen seine Gunst erwiesen. Wir wollen das Brot zusammen brechen, denn heute ist der Herr, der Allerhöchste, in dein Haus eingekehrt, und das muß als wahres Fest gefeiert werden.»

Jesus geht hinaus und erreicht noch Judas, der gerade aufbrechen will. «Kaufe reichlich ein, damit sie auch in den nächsten Tagen genügend haben. Uns wird es bei Lazarus an nichts mangeln.»

«Ja, Meister, und wenn du erlaubst... ich habe auch eigenes Geld mitgenommen. Ich habe gelobt, es zu deiner Rettung vor den Feinden zu opfern. Ich werde es in Brot umwandeln. Besser in die Münder dieser Brüder Christi geben als in den Rachen des Tempels werfen. Erlaubst du? Gold war für mich immer die Schlange. Ich will diese Versuchung nicht mehr -, denn es geht mir recht gut, nun, da ich ein rechtschaffener Mensch bin. Ich fühle mich frei, und ich bin glücklich.»

«Mach, wie du willst, Judas, und der Herr gebe dir Frieden.»

Jesus begibt sich zu den Jüngern, während Judas weggeht, und alles ist zu Ende.

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174. IN BETHANIEN; IM HAUSE SIMONS DES ZELOTEN

Als Jesus den letzten Anstieg überwunden und die Hochebene erreicht hat, sieht er Bethanien in der klaren Dezembersonne vor sich liegen. Die kahle Winterlandschaft scheint weniger trostlos, und weniger düster erscheinen auch die dunklen Flecken der Zypressen, der Eichen und der Johannisbrotbäume, die sich da und dort erheben und Höflingen gleichen, die im Begriff sind, sich vor einer der sehr hohen Palmen zu verneigen, die wahrhaft königlich in den schönsten Gärten stehen.

Denn Bethanien hat nicht nur das schöne Haus des Lazarus, sondern auch andere Wohnsitze von Reichen, wahrscheinlich von Bürgern Jerusalems, die es vorziehen, hier in der Nähe ihrer Güter zu leben, und deren Häuser mit den gut gepflegten Gärten sich deutlich von den Häusern der Ortsbewohner unterscheiden. Es mutet fremd an, in einer solch gebirgigen Gegend die eine oder andere an den Orient erinnernde Palme zu sehen, mit ihrem schlanken Stamm und den starren, wehenden Büscheln von Blättern, hinter deren jadegrüner Farbe man instinktiv die gelbliche, endlose Wüste vermutet. Hier jedoch bilden die silbergrünen Ölbäume, die gepflügten Felder, die gerade noch frei vom geringsten Anzeichen keimenden Getreides sind, und die skelettartigen Obstbäume mit den dunklen Stämmen und den ineinander verschlungenen Ästen, die aussehen, als ob es sich unter höllischer Qualen windende Seelen wären, den Hintergrund.

Jesus sieht plötzlich einen der Diener des Lazarus, der als Wachtposten aufgestellt worden ist. Er grüßt ehrerbietig und bittet um Erlaubnis, der Herrschaft seine Ankunft mitteilen zu dürfen. Danach entfernt er sich rasch.

Derweil kommen Bauern und Bürger herbei, um den Rabbi zu begrüßen. An einer Lorbeerhecke, die mit ihrem duftenden Grün ein schönes Haus umgibt, zeigt sich eine junge Frau, die ganz gewiß keine Israelitin ist. Ihr Gewand oder, wenn ich mich recht an die Benennung erinnere, ihre Stola, die in ihrer Länge eine Schleppe bildet, ist sehr weit, aus weichster, ganz weißer Wolle, belebt durch einen auf griechische Art mit lebhaften Farben und Goldfäden gestickten Saum, und wird in der Taille von einem ebensolchen Gürtel gehalten. Die Kopfbedeckung besteht aus einem goldenen Netz, das eine komplizierte Haartracht zusammenhält, vorne alles kleine Löckchen, dann glatt, und im Nacken ein großer Knoten. Dies alles läßt mich an eine Römerin oder Griechin denken. Sie blickt neugierig herum, denn die Zurufe der Frauen und die Hosannarufe der Männer lassen sie aufmerksam werden. Doch sie hat nur ein verächtliches Lächeln, da sie sieht, daß die Leute einem einfachen Mann entgegengehen, der nicht einmal einen Esel hat und mit einigen Männern, die zu ihm passen, jedoch weniger interessant sind, daherkommt. Sie hebt nur die

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Schultern, macht eine gelangweilte Miene und entfernt sich, gefolgt von einer Schar bunter Stelzvögel, die sie an Stelle von Hunden begleiten. Es sind weiße Ibisse und bunte Flamingos, deren silberne Krönchen auf den Köpfen zittern, was der einzige Schmuck dieser prächtigen, rotgelb gefiederten Vögel ist.

Jesus blickt diese Frau einen Augenblick an, dann wendet er sich um, einen sehr alten Mann anzuhören, der keine so schwachen Beine haben möchte. Jesus streichelt und ermuntert ihn, Geduld zu haben, denn bald komme das Frühjahr und mit der warmen Aprilsonne werde er sich bestimmt kräftiger fühlen.

Da taucht Maximinus auf, der Lazarus um einige Schritte vorausgegangen ist. «Meister, Simon hat mir gesagt... daß du in sein Haus gehen willst... Das schmerzt Lazarus... aber man kann es begreifen...»

«Wir werden noch darüber reden. Oh, mein Freund!» Jesus geht eilends Lazarus entgegen, der ganz verlegen ist, und küßt ihn auf die Wange. Sie sind an einem kleinen Weg angelangt, der zu einem Häuschen führt, das zwischen den Obstgärten des Lazarus und anderen Gärten liegt.

«Willst du wirklich zu Simon gehen?»

«Ja, mein Freund. Ich habe alle meine Jünger bei mir und ziehe es vor...»

Lazarus verwindet diese Entscheidung schweigend. Er wendet sich nun nach der kleinen Menschenschar um, die ihnen nachgefolgt ist, und sagt: «Geht, der Meister braucht Ruhe!»

Hier sehe ich, wie mächtig Lazarus ist. Alle verneigen sich bei seinen Worten und ziehen sich zurück, während Jesus sie mit seinem sanften «Der Friede sei mit euch» grüßt und sagt: «Ich werde euch Bescheid geben, wann ich predigen werde.»

«Meister», sagt Lazarus, da sie allein sind und die Jünger sich mit Maximinus einige Meter hinter ihnen unterhalten, «Meister, Martha weint bittere Tränen, deshalb ist sie nicht gekommen. Sie wird später kommen. Ich weine nur im Herzen. Doch sagen wir: es ist richtig so. Wenn wir gewußt hätten, daß sie kommen würde... Sie kommt doch nie an den Festtagen... Ja, wann kommt sie schon? Ich behaupte, der Dämon hat sie wohl heute hierher geführt...»

«Der Dämon ? Warum nicht ihr Schutzengel auf Gottes Geheiß? Aber glaube mir, auch wenn sie nicht gekommen wäre, ich wäre trotzdem in das Haus Simons gegangen.»

«Warum mein Herr? Hättest du in meinem Haus nicht Frieden gefunden ?»

«So viel Friede, daß es mir nach dem Haus in Nazareth das liebste ist. Doch antworte mir: Warum hast du mir sagen lassen: "Geh weg vom Trügerischen Gewässer'?" Es ist wegen der sich anbahnenden Verfolgung. Ist

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es nicht so? Darum begebe ich mich auf die Ländereien von Lazarus, aber ich setze Lazarus nicht der Gefahr aus, in seinem Haus angegriffen zu werden. Glaubst du, daß sie dich respektieren würden? Um mich zu zertreten, würden sie sogar über die Bundeslade herfallen... Laß mich gewähren. Wenigstens für jetzt. Später werde ich kommen. Übrigens, niemand verbietet mir, bei dir zu speisen, und nichts hindert dich daran, zu mir zu kommen. Doch nun mache bekannt, daß ich im Haus eines meiner Jünger bin.»

«Bin ich denn kein Jünger?»

«Du bist der Freund und wegen deiner Hochherzigkeit mehr als Jünger. Es ist für die Bösen nicht dasselbe. Laß mich nur machen, Lazarus. Dieses Haus gehört dir... doch es ist nicht dein Haus, das schöne und prachtvolle Haus des Sohnes des Theophilus und dies ist für die Besserwisser von großer Bedeutung.»

«Du sagst das so... aber es ist... es ist ihretwegen! Ich war gerade daran mich durchzuringen, ihr zu vergeben... aber wenn sie dich zurückstößt, bei Gott, dann werde ich sie hassen...»

«Dann würdest du mich ganz verlieren! Laß diesen Gedanken sofort fallen, sofort, wenn du mich nicht augenblicklich verlieren willst... Da kommt Martha. Der Friede sei mit dir, meine gute Gastgeberin.»

«Oh, Herr!» Martha ist niedergekniet und weint. Sie hat den Schleier herabgelassen, der auf der mit einem Diadem hochgesteckten Haartracht befestigt war, um den anderen das von Tränen überströmte Gesicht zu verbergen. Doch vor Jesus denkt sie nicht daran, ihr Weinen zu verdecken.

«Warum diese Tränen? Wahrlich, diese Tränen sind vergeudet. Es gibt vieles, worüber man weinen kann, und vieles, um aus Tränen Kostbares zu machen. Aber aus diesem Grund zu weinen? Oh, Martha, es scheint, als ob du nicht mehr wüßtest, wer ich bin. Du mußt wissen, daß ich vom Menschen nur die Hülle habe. Das Herz ist göttlich und göttlich ist sein Schlag. Steh auf und komm ins Haus; und sie... laßt sie gewähren. Selbst wenn sie mich verhöhnen würde... laßt sie machen, sage ich euch. Es ist nicht sie. Es ist er; jener, der sie gefangen hält und aus ihr ein Werkzeug der Verwirrung macht. Aber hier ist einer, der stärker ist als ihr ]Beherrscher. Jetzt entscheidet sich der Kampf zwischen ihm und mir. Ihr aber betet, verzeiht, seid geduldig und hofft. Sonst nichts!»

Sie betreten das kleine Haus, das quadratisch und von einem Säulengang umgeben ist, der es größer erscheinen läßt. Es hat vier Zimmer, die durch einen kreuzförmigen Gang voneinander getrennt sind. Eine äußere Treppe führt nach oben, zum Säulengang, der hier allerdings einer größeren Terrasse gleicht, und zu einem großen Raum, der die gesamte Fläche des Hauses einnimmt. Er muß wohl früher als Vorratsraum gedient haben, ist aber nun ausgeräumt und gereinigt worden. Er ist vollkommen leer.

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Simon, der an der Seite eines alten Dieners steht, den er Joseph nennt, heißt die Gäste willkommen und sagt: «In diesem Raum könntest du zu den Menschen sprechen, oder man könnte hier die Mahlzeiten einnehmen... Wie du willst...»

«Wir werden darüber nachdenken. Geh also und sag den Leuten, daß sie nach der Mahlzeit nur kommen sollen. Ich will diese guten Menschen hier nicht enttäuschen.»

«Wohin soll ich sie weisen?»

«Hierher. Der Tag ist mild. Der Ort ist windgeschützt. Der Obstgarten nimmt jetzt, wo er kahl ist, keinen Schaden, wenn die Menschen hineingehen. Von dieser Terrasse aus will ich sprechen. Gehe nur.»

So bleibt nur Lazarus bei Jesus. Martha, unter dem Zwang, so viele Personen zu versorgen, ist nun wieder "die gute Gastgeberin" und arbeitet mit den Dienern und den Aposteln im Erdgeschoß, um alles für die Mahlzeit und die Ruhelager vorzubereiten.

Jesus legt einen Arm um die Schulter von Lazarus und führt ihn aus dem großen Raum hinaus, um auf der das Haus umgebenden Terrasse in der schönen Sonne zu wandeln, die den Tag angenehm macht. Von oben betrachtet er die arbeitenden Diener und Jünger und lächelt Martha zu, die ab und zu mit ihrem ernsten Gesicht, das nun nicht mehr so traurig ist, nach oben blickt. Jesus betrachtet auch das schöne Panorama, das den Ort umgibt und nennt Lazarus verschiedene Ortschaften und Personen. Plötzlich fragt er: «Also hat der Tod des Doras das Schlangennest aufgescheucht?»

«Oh, Meister! Nikodemus hat mir erzählt, daß es bei der Versammlung des Hohen Rates einen nie gesehenen Aufruhr gegeben hat.»

«Was habe ich dem Hohen Rat nur angetan, daß er sich so aufregen mußte? Doras ist von selbst, vor den Augen des Volkes, durch den Zorn des Herrn gestorben. Ich habe nicht erlaubt, daß dem Toten die Achtung versagt wurde. Also? ...»

«Du hast recht. Doch die anderen... sie sind wahnsinnig vor Angst... Und weißt du, sie haben gesagt, sie möchten dich bei einer Sünde ertappen, um dich zum Tod verurteilen zu können!»

«Oh, da kannst du beruhigt sein. Mit der Verurteilung müssen sie noch bis zur Stunde Gottes warten.»

«Aber Jesus, weißt du, von wem gesprochen wird? Weißt du, wozu die Pharisäer und Schriftgelehrten fähig sind? Kennst du die Gesinnung des Annas ? Weißt du, wer sein Helfer ist? Weißt du... doch was sage ich? Du weißt es! Daher ist es unnötig, dir zu sagen, daß sie ein Vergehen erfinden werden, um dich anzuklagen.»

«Sie haben es schon gefunden. Ich habe schon mehr getan, als nötig war. Ich habe mit Römern gesprochen, ich habe mit Sünderinnen gesprochen. Ja, mit Sünderinnen, Lazarus! Eine, blick mich nicht so erschrocken

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an, eine kommt immer, um mir zuzuhören, und sie haust in einem Stall deines Verwalters, auf meine Bitte hin; denn, um in meiner Nähe sein zu können, hat sie in einem Schweinestall Unterschlupf genommen.»

Lazarus ist vor Erstaunen zur Statue erstarrt. Er rührt sich nicht mehr. Er schaut Jesus an, als würde er einen ihn verwirrenden Fremden sehen. Jesus rüttelt ihn lächelnd. «Hast du den Teufel gesehen?» fragt er.

«Nein, ich habe die Barmherzigkeit gesehen. Aber ich verstehe. Die vom Hohen Rate verstehen aber nicht. Nein! Sie sagten, daß es eine Sünde sei. Es ist also wahr! Ich glaubte... Oh, was hast du getan!»

«Meine Pflicht, mein Recht, und meinem Wunsch gemäß habe ich versucht, eine gefallene Seele zu erlösen. Du siehst, daß deine Schwester nicht der erste gefallene Mensch sein wird, dem ich mich nähere und über den ich mich neige, und sie wird auch nicht der letzte sein. Im Schlamm will ich die Blumen säen und sie wachsen lassen: die Blumen des Guten.»

«O Gott, mein Gott! Aber... Oh, mein Meister! Du hast recht! Es ist dein Recht und deine Pflicht und dein Wunsch. Diese Hyänen aber verstehen das nicht. Sie sind Aas, daß sie den Duft der Lilien nicht wahrnehmen. Dort, wo sie blühen, riechen sie – jenes alles durchdringende Aas – nur Sünde, und merken nicht, daß dieser Geruch aus ihrem eigenen Pfuhl hervorkommt. Ich bitte dich, halte dich nicht mehr zu lange an einem Ort auf. Gehe einmal dahin, einmal dorthin, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, dich einzuholen. Sei wie ein nächtliches tanzendes Feuer, das behende über Blumen und Gräser hinweghuscht und in seiner verwirrenden Bewegung nicht zu erhaschen ist. Tu es! Nicht aus Feigheit, sondern aus Liebe zur Welt, die dich nötig hat, um sich zu heiligen. Die Verderbtheit nimmt zu; stelle ihr deine Heiligkeit entgegen. Hast du die neue Einwohnerin von Bethanien gesehen? Eine mit einem Juden verheiratete Römerin. Er ist gesetzestreu, doch sie ist Götzenanbeterin, und da sie nicht gut in Jerusalem leben konnte, weil die Nachbarn sich wegen ihrer Tiere beklagten, so ist sie hierher gekommen. Voller Tiere, die für uns unrein sind, ist ihr Haus, und die Unreinste ist sie selbst; denn sie verlacht uns, und dies mit einer Dreistigkeit... Doch ich darf nicht kritisieren, denn... Aber während man in mein Haus keinen Fuß mehr setzt, weil Maria mit ihrer Sünde auf ihm und der ganzen Familie lastet, geht man in das Haus der Römerin. Sie genießt die Gunst von Pontius Pilatus und lebt ohne Ehemann. Er ist in Jerusalem, sie hier. So heuchelt man vor, sich durch das Betreten des Hauses nicht zu entweihen und daran nichts Anstößiges zu sehen. Scheinheiligkeit! Bis zum Hals stecken sie in dieser Heuchelei, und bald werden sie daran ersticken. Jeder Sabbat ist Tag der Feste... Auch Männer des Hohen Rates nehmen daran teil. Ein Sohn des Annas ist der eifrigste.»

«Ich habe sie gesehen. Laß sie und die anderen machen! Wenn ein Arzt eine Arznei zubereitet, mischt er die Substanzen mit Wasser, und das

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Wasser wird trüb. Doch dann setzen sich die unlöslichen Teilchen, und das Wasser wird wieder klar, ist aber gesättigt vom Wirkstoff dieser heilsamen Substanzen. So ist es auch hier. Alles wird vermischt, und ich arbeite mit allen. Später werden die toten Teile ausgeschieden und fortgeworfen werden und die anderen, lebenden, bleiben aktiv im großen Meer des Volkes Jesu Christi. Laßt uns hinuntergehen. Man ruft uns.»

... Und die Vision beginnt wieder, als Jesus aufs neue zur Terrasse hinaufsteigt, um zu den Menschen von Bethanien und den umliegenden Ortschaften zu sprechen, die sich bereits versammelt haben.

«Der Friede sei mit euch!

Selbst wenn ich schweigen würde, brächten euch die Winde Gottes die Worte meiner Liebe und die der Gehässigkeit anderer. Ich weiß den Grund, weshalb ihr so erregt seid: es ist euch nicht unbekannt, warum ich hier unter euch weile. Doch freut euch mit mir und preist den Herrn, der das Böse dazu benützt, um seinen Kindern eine Freude zu bereiten, denn er führt unter dem Stachel des Bösen sein Lamm unter die Lämmer zurück, um es in Sicherheit vor den Wölfen zu bringen.

Seht, wie gut der Herr ist! Wie Flüsse ins Meer, so gelangten ein Strom und ein Bach zu mir, wo ich wohnte: ein Strom liebender Zuneigung und ein Bach tödlichen Hasses. Ersterer war eure Liebe, angefangen bei Lazarus und Martha bis zum Letzten des Ortes; der Bach war der ungerechte Groll jener, die der Einladung der Güte Gottes nicht zu folgen vermögen und ihn deswegen des Verbrechens beschuldigen. Und der Strom sagte: "Komm zurück zu uns. Unsere Wellen umgeben dich, schützen dich, verteidigen dich. Sie sollen dir alles geben, was dir die Welt verweigert. Der böse Bach ist gefährlich, er wollte dich mit seinem Gifte töten. Doch was ist ein Bach im Vergleich zu einem Strom, und was ist ein Strom im Vergleich zu einem Meer? Nichts!" Und zu einem Nichts ist das Gift des Baches geworden, weil der Strom eurer Liebe ihm überlegen war, und ins Meer meiner Liebe hat sich nur eure holde Liebe ergossen. Das Gift des Hasses hat sogar bewirkt, daß es mich zu euch geführt hat. Preisen wir den höchsten Herrn dafür.»

Durch die friedliche Stille erschallen kraftvoll seine Worte, die er durch Gebärden unterstreicht. Jesus steht mit seiner schönen Gestalt in der Sonne und lächelt von der Terrasse herab.

Unten hört ihm das Volk selig zu: ein Blütenbeet von erhobenen Gesichtern, die dem Wohlklang seiner Stimme zulächeln. Lazarus ist in Jesu Nähe, wie auch Simon und Johannes. Die anderen haben sich unter die Menschenmenge gemischt. Martha ist auf die Terrasse gestiegen und hat sich zu Füßen Jesu niedergelassen. Sie schaut nach ihrem Haus, das hinter dem Garten zu sehen ist.

«Die Welt gehört den Bösen; das Paradies den Guten. Das ist die Wahrheit und die Verheißung, und darauf gründe sich eure sichere Kraft.

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Die Welt ist vergänglich, das Paradies vergeht nicht. Wenn einer gut ist, wird er es erwerben und in Ewigkeit besitzen. Also? Weshalb sich darüber aufregen, was die Bösen tun? Erinnert ihr euch an die Klagen des Job? Es sind die ewigen Klagen der Guten und Unterdrückten, weil das Fleisch immer klagt; doch es sollte nicht klagen, und je mehr es unterdrückt wird, um so mehr müßte es sich mit den Flügeln der Seele im Jubel zum Herrn erheben.

Glaubt ihr, daß jene glücklich sind, die glücklich scheinen? Sie haben auf erlaubte und mehr noch auf unerlaubte Weise ihre Scheunen gefüllt; die Weinfässer sind voll und die Ölkrüge laufen über. Nein! Ihre Nahrung riecht nach Blut und Tränen ihrer Mitmenschen, und ihr Lager kommt ihnen wie mit Dornen gefüllt vor; so sehr verspüren sie die Heftigkeit ihrer Gewissensbisse. Sie betrügen die Armen und berauben die Waisen. Sie bestehlen den Nächsten, um Schätze anzuhäufen, und unterdrücken jene, die ihnen an Macht und Verderbtheit unterlegen sind. Das tut nichts. Laßt sie machen. Ihr Reich ist von dieser Welt. Bei ihrem Tode, was bleibt ihnen da? Nichts. Wenn man nicht die Anhäufung der Schuld Schatz nennen will, die sie mit sich tragen und Gott vorweisen müssen... Laßt sie gewähren. Sie sind die Kinder der Finsternis, die sich gegen das Licht auflehnen und seinem leuchtenden Pfad nicht zu folgen vermögen. Wenn Gott den Morgenstern erstrahlen läßt, dann nennen sie ihn Schatten des Todes, halten ihn für unrein und ziehen es vor, im schmutzigen Schein ihres Goldes und ihres Hasses zu wandeln, die nur flackern, weil die Dinge der Hölle vom Phosphor der ewigen Seen der Verdammnis leuchten...»

«Meine Schwester, Jesus! ... Oh!» Lazarus hat Maria entdeckt, die hinter einer Hecke des Obstgartens dahinschleicht, um so nah als möglich heranzukommen. Sie geht gebückt. Doch ihre blonden Haare glänzen wie Gold vor dem dunklen Buchsbaum im Hintergrund.

Martha will sich erheben, doch Jesus legt eine Hand auf ihren Scheitel, und sie ist gezwungen zu bleiben, wo sie ist. Jesus erhebt seine Stimme noch mehr:

«Was ist über diese Unglücklichen zu sagen? Gott hat ihnen Zeit zur Buße gegeben, und sie mißbrauchen sie, um zu sündigen. Aber Gott verliert sie nicht aus den Augen, auch wenn es so scheinen mag; die Stunde kommt, da entweder die Liebe Gottes wie ein Blitz, der auch in den Stein einschlägt, ihr hartes Herz sprengt, oder die Summe ihrer Missetaten die Flut ihres Schlammes bis zu ihrer Kehle und Nase trägt... da sie beginnen, die Widerlichkeit jenes Geruches und Gestankes wahrzunehmen, von dem ihr Herz angefüllt ist, und der die anderen anwidert. Es kommt der Augenblick, da sie selbst Ekel empfinden und in ihnen der Wunsch nach dem Guten aufsteigt, und ihre Seele schreit auf: "Ach, könnte ich doch zurückkehren in jene Zeit von damals, als ich in der Freundschaft Gottes war! Als sein Licht in meinem Herzen leuchtete, und ich in seinem Schein

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wandelte. Als vor meiner Gerechtigkeit die Welt bewundernd verstummte, und alle, die mich sahen, mich selig priesen. Die Welt trank mein Lächeln, und meine Worte wurden angenommen wie die Worte eines Engels, und das Herz meiner Angehörigen hüpfte voller Stolz. Jetzt, was ist aus mir geworden? Spott der Jugend, Greuel der Alten. Ich bin der Gegenstand ihrer Spottlieder, und der Auswurf ihrer Verachtung zerfurcht mein Antlitz ... "

Ja, so spricht in gewissen Stunden die Seele des Sünders, des wahren Job; denn es gibt kein größeres Elend als dieses, auf ewig die Freundschaft Gottes und sein Reich verloren zu haben. Sie müssen bemitleidet werden! Nur Erbarmen sollen wir für sie empfinden. Es sind arme Seelen, die durch Müßiggang oder Leichtfertigkeit den ewigen Bräutigam verloren haben. "Bei Nacht auf meinem Lager suchte ich den Liebsten meiner Seele und fand ihn nicht." (HI 3,1). In der Finsternis kann man den Bräutigam nicht erkennen, und die zur Liebe getriebene Seele irrt umher, denn sie ist umgeben von geistiger Finsternis und sucht und will Trost in ihrer Qual finden. Sie glaubt, ihn in irgendeiner Liebe zu finden... Nein! Einer nur ist der Geliebte der Seele: Gott! Sie gehen, jene Seelen, von der Liebe Gottes getrieben, und suchen Liebe. Es genügte, das innere Licht zu wollen, und sie hätten den Liebsten als Gefährten. Sie gehen wie Kranke umher und suchen Liebe und finden Liebeleien und schmutzige Bindungen, die die Menschen als Liebe bezeichnen. Aber sie finden die Liebe nicht; denn Liebe, das ist Gott, und nicht das Gold, nicht die Sinnenlust, nicht die Macht.

Arme, arme Seelen! Wären sie weniger müßig gewesen, dann hätten sie sich schon beim ersten Ruf des ewigen Bräutigams zu Gott erhoben, der sagt: "Folge mir", und weiterhin sagt: "Öffne mir" ' und sie wären nicht soweit gekommen, die Türe erst zu öffnen, als der enttäuschte Bräutigam bereits weg war. Sie hätten den heiligen Drang und das Bedürfnis nach Liebe nicht geschändet und in den Schmutz gezogen, der selbst dem unreinen Tier Abscheu verursacht, weil eine solche Liebe in ihrer Sinnlosigkeit keine Blumen hervorbringt, sondern nur stechende Disteln, und ohne Krönung verbleibt. Sie hätten nicht die Verachtung der Gesetzeswächter und aller anderen erfahren müssen, die, wie Gott, doch aus entgegengesetzten Gründen, den Sünder nicht aus den Augen verlieren, ihn jedoch bloßstellen, verhöhnen und tadeln.

Arme gefolterte Seelen, entblößt, gequält und verwundet von jedermann. Gott allein beteiligt sich nicht an einer solchen Steinigung. Er läßt seinen Tränen freien Lauf, um die Wunden zu heilen und sein Geschöpf, das immer sein Geschöpf bleibt, wieder mit einem diamantenen Gewand zu bekleiden. Nur Gott... und die Kinder Gottes im Vater. Preisen wir den Herrn! Er hat gewollt, daß ich der Sünder wegen hierher komme, um euch zu sagen: "Verzeiht! Verzeiht jederzeit! Macht aus jedem Übel etwas

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Gutes. Macht aus jeder Beleidigung eine Gnade." Ich sage euch nicht allein "macht", ich sage: "Ahmt mich nach." Ich liebe und segne meine Feinde; denn ihretwegen habe ich zu euch, meine Freunde, zurückkehren können. Der Friede sei mit euch allen!»

Die Leute winken Jesus mit Schleiern und Zweigen und entfernen sich langsam.

«Haben sie wohl jene Unverschämte gesehen?»

«Nein, Lazarus. Sie war hinter der Hecke und gut verborgen. Nur wir konnten sie von oben her sehen, die anderen nicht.»

«Sie hatte uns versprochen...»

«Warum hätte sie nicht kommen sollen? Ist nicht auch sie eine Tochter Abrahams? Ich verlange von euch, Geschwister, und von euch, meinen Jüngern, den Schwur, sie nichts merken zu lassen. Laßt sie nur machen. Wird sie mich verspotten? Laßt sie es tun. Wird sie weinen? Laßt sie machen. Wird sie fliehen? Laßt sie es tun. Das ist das Geheimnis des Erlösers und der Erlöser: Geduld, Güte, Beharrlichkeit und Gebet. Nichts weiter. Jede Handlung ist zuviel bei gewissen Krankheiten... Gott befohlen, Freunde! Ich bleibe, um zu beten. Es gehe ein jeder seiner Pflicht nach. Gott möge euch begleiten.»

Alles endet.

175. DAS LICHTERFEST IM HAUSE DES LAZARUS IN ANWESENHEIT DER HIRTEN

Das an sich schon prächtige Haus des Lazarus ist an diesem Abend herrlich geschmückt. Es scheint zu brennen wegen der großen Zahl der angezündeten Lichter, und das Licht ergießt sich an diesem Beginn der Nacht von den Sälen in die Vorhalle und aus dieser zum Säulengang. Es taucht den Kies der Wege, die Pflanzen und die Gewächse der Beete in Gold und steht im Wettstreit mit dem Mondschein, den es für einige Meter besiegt, während in einer weiteren Entfernung alles engelgleich erscheint im Gewand aus reinem Silber, das der Mond auf alles wirft.

Auch die Stille, die den herrlichen Garten einhüllt, in dem man nur das harfenklangähnliche Plätschern im Fischteich hört, scheint die Sammlung und den paradiesischen Frieden dieser Mondnacht zu vermehren, während sich im Hause zahlreiche fröhliche Stimmen mit den Geräuschen hin- und hergeschobener Möbel und des auf den Tisch gestellten Geschirrs mischen, um daran zu erinnern, daß der Mensch immer noch Mensch und noch nicht Geist ist.

Martha bewegt sich flink in ihrem weiten, herrlichen und züchtigen Gewand von rotvioletter Farbe. Sie gleicht einer Blume, einer schönen

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Glockenblume oder einem Schmetterling, der sich vor den purpurnen Wänden der Vorhalle oder vor jenen feingemusterten des Speisesaals bewegt, die mit ihren winzigen Verzierungen einem Teppich ähneln.

Jesus jedoch wandelt allein und in Gedanken neben dem Fischteich und wird abwechselnd vom dunklen Schatten eines Lorbeerbaumes, eines Baumriesen, eingehüllt und vom phosphoreszierenden Mondlicht, das immer heller wird, angestrahlt. So lebhaft ist der Strahl des Brunnens, daß er wie eine silberne Feder aussieht, die sich dann in Brillantsplitter zerteilt, die auf die stille, silberne Wasserfläche des Teiches fallen, um sich darin zu verlieren. Jesus betrachtet dieses Spiel und lauscht dem Plätschern des Wassers in der Nacht. Sein Klang ist so melodisch, daß sich eine Nachtigall im dichten Lorbeer einmischt und dem langsamen Harfenklang der Tropfen mit einem hellen Flötenton antwortet, dann innehält, als ob sie den richtigen Ton finden wolle, um sich dem Akkord des Wassers anzupassen, und endlich als Königin des Gesangs ihren vollkommenen, melodiösen, modulierten Hymnus der Freude anstimmt.

Jesus ist stehengeblieben, um nicht mit dem Geräusch seiner Schritte die friedliche Freude der Nachtigall, und ich glaube auch seine eigene, zu stören, denn er lächelt mit geneigtem Haupte ein Lächeln wahrer, heiterer Freude. Als die Nachtigall aufhört zu singen nach einer derart reinen, angehaltenen und modulierten Note, daß ich sehr staunen muß, wie in einer so winzig kleinen Kehle so melodische Kunst erzeugt werden kann, ruft Jesus aus: «Sei gepriesen, heiliger Vater, für diesen vollendeten Gesang und für die Freude, die du mir geschenkt hast», und er nimmt den langsamen Spaziergang wieder auf, ganz erfüllt von einer Betrachtung, deren Tiefgründigkeit man wohl nicht zu ermessen vermag.

Simon holt ihn ein: «Meister, Lazarus bittet dich, zu kommen. Alles ist bereit!»

«Laßt uns gehen. So möge auch der letzte Zweifel fallen, daß ich ihn Marias wegen weniger liebe.»

«Wie viele Tränen, Meister! Nur dein geheimes Wunder hat diesen Schmerz lindern können. Aber weißt du nicht, daß Lazarus daran war, zu fliehen, nachdem sie bei ihrer Rückkehr das Haus verließ und sagte, daß sie die Gräber mit der Lust eintauschen wolle und andere Unverschämtheiten mehr? Ich habe ihn mit Martha beschworen, es nicht zu tun, auch weil man die Reaktion eines Menschenherzens nie voraussehen kann. Hätte er sie gefunden, ich glaube, er hätte sie ein für allemal bestraft. Er hätte zumindest ihr Stillschweigen über dich verlangt.»

«Und das sofortige Wunder an ihr», beendet Jesus den Satz. «Ich hätte es wirken können. Aber ich will keine erzwungene Auferstehung der Herzen. Ich werde den Tod bezwingen, und er wird mir seine Beute zurückgeben, denn ich bin der Herr über Leben und Tod. Die Seelen jedoch, die nicht eine leblose Masse, die auch ohne Odem, aber unsterbliche Wesen

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sind, fähig, durch ihren eigenen Willen wieder aufzuerstehen.... sie zwinge ich nicht zur Auferstehung. Ich gebe den ersten Mahnruf und die erste Hilfe, wie einer, der ein Grab öffnet, in dem ein bereits halbtoter Mensch eingeschlossen wäre, der sterben müßte, wenn er lange im erstickenden Dunkel bliebe. Ich lasse Luft und Licht eintreten und warte. Wenn die Seele willens ist herauszukommen, dann kommt sie. Wenn nicht, dann sinkt sie immer tiefer. 1) Aber wenn sie kommt! Oh, wenn sie kommt, wahrlich, ich sage euch, niemand wird größer sein als der im Geist Auferstandene. Nur die vollkommene Unschuld ist größer als dieser Tote, der wieder aufersteht durch die Kraft seiner eigenen Liebe und weil Gott ihn beglückt. Das sind meine größten Triumphe.

Betrachte den Himmel, Simon. Du siehst an ihm große und kleine Sterne und Planeten von verschiedener Größe. Alle haben Leben und Glanz durch Gott, der sie erschaffen hat, und durch die Sonne, die sie beleuchtet. Doch nicht alle sind gleich groß und gleich prächtig. Auch in meinem Himmel wird es so sein. Alle Erlösten werden durch mich das Leben haben und durch mein Licht erglänzen. Doch nicht alle werden gleich prächtig und gleich groß sein. Einige werden ein einfacher Sternenstaub sein, wie in der Milchstraße, und diese sind unzählig. Es sind jene, die von Christus nur das unerläßliche Minimum erreicht oder erstrebt haben, um nicht verdammt zu werden. Sie sind nur durch die unendliche Barmherzigkeit Gottes und nach einem langen Fegefeuer in den Himmel gelangt. Andere werden strahlender und vollendeter sein: die Gerechten, die ihren Willen, beachte: Willen, und nicht guten Willen, mit dem Willen Christi vereinigt und meinen Worten gehorcht haben, um sich nicht der Verdammnis auszusetzen. Dann wird es die Planeten geben, die Seelen guten Willens! Oh, prachtvoll! Sie erstrahlen im Licht der reinsten Diamanten oder im Glanz der verschiedensten Farben: im Rot der Rubine, im Violett der Amethyste, im goldenen Gelb des Topas, im leuchtenden Weiß der Perlen; es sind die Liebenden aus Liebe bis zum Tod, die Bußfertigen aus Liebe, die aus Liebe Wirkenden und die ganz Reinen aus Liebe. Einige dieser Planeten, in allen Schattierungen des Rubins, des Amethyst, des Topas und der Perlen, werden mein Ruhm als Erlöser sein, weil sie alles sein werden aus Liebe. Sie werden heldenhaft sein und es wird ihnen gelingen, einander zu verzeihen, daß sie nicht bereits früher zu lieben imstande waren; bußfertig zu sein, um sich an der Sühne zu sättigen, wie Esther, die sich in Wohlgerüche hüllte bevor sie sich Achaschwerosch vorstellte; Büßer, die unermüdlich nachholen wollen in der kurzen Zeit, die ihnen

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1) Dieses Gespräch verlangt ein betrachtendes, sehr aufmerksames Lesen, weil es die Zusammenfassung dessen ist, was in vielen Abschnitten durch das ganze Werk hindurch, über das Wirken Gottes im Menschen und über den guten Willen und die Liebe des Menschen zu Gott ausgesagt wird.

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noch verbleibt, um zu ersetzen, was sie in den Jahren, die sie in der Sünde verloren haben, unterlassen hatten; Reine bis zum Heldentum, die vergessen, daß sie neben Seele und Geist im eigenen Leibe ein Sinnesorgan haben. Sie sind es, die mit ihrem vielfältigen Glanz die Augen der Gläubigen, der Reinen, der Büßer, der Märtyrer, der Helden, der Asketen und der Sünder auf sich ziehen werden; und für diese alle wird ihr Leuchten Aussage, Antwort, Einladung und Gewähr sein. Doch laßt uns gehen. Wir reden, und dort warten sie auf uns.»

«Ja, wenn du sprichst, vergißt man, daß man noch lebt. Kann ich dies alles Lazarus berichten? Mir scheint, es liegt ein Versprechen in diesen Worten...»

«Du mußt es sogar sagen! Das Wort des Freundes kann sich auf ihre Wunde legen, so werden sie sich nicht schämen, vor mir errötet zu sein. Wir haben dich warten lassen, Martha. Aber ich sprach mit Simon von Sternen, und wir haben darob die Lichter hier vergessen. Dein Haus ist heute abend wahrlich ein Sternenhimmel.»

«Nicht nur für uns und für die Diener, auch für dich und die Gäste, deine Freunde, haben wir die Lichter angezündet. Hab Dank, daß du zum letzten Abend gekommen bist. Nun ist es ein wahres Fest der Reinigung...»

Martha möchte noch mehr sagen, doch sie fühlt Tränen in sich aufsteigen und schweigt.

«Friede sei mit euch allen», sagt Jesus beim Eintreten in die Vorhalle, die von den überall aufgestellten silbernen Leuchtern erstrahlt.

Lazarus kommt lächelnd: «Friede und Segen dir, Meister, und viele Jahre heiliger Glückseligkeit.» Sie küssen sich. «Einige unserer Freunde haben mir gesagt, daß du geboren wurdest, während Bethlehem in einem fernen Lichtermeer erstrahlte. Wir freuen uns alle, dich heute abend bei uns zu haben. Fragst du nicht, wer die Freunde sind?»

«Ich habe keine anderen Freunde außer den Jüngern, den treuen Freunden von Bethanien, es wären denn die Hirten. So sind es also die letzteren. Sind sie gekommen? Woher? Warum?»

«Um dich, unseren Messias, anzubeten! Wir haben es von Jonathan erfahren, und wir sind hier mit unseren Herden, die in den Ställen von Lazarus untergebracht sind, und mit unseren Herzen, jetzt und immer zu deinen heiligen Füßen.» Isaak hat für Elias, Levi, Joseph und Jonathan gesprochen, die sich alle zu Jesu Füßen niedergeworfen haben. Jonathan im weichen Gewand des vom Herrn geschätzten Verwalters, Isaak in jenem des unermüdlichen Pilgers aus grober, dunkelbrauner, wasserdichter Wolle, Levi, Joseph und Elias in Gewändern, die ihnen Lazarus gegeben hat, frisch und sauber, um sich an den Tisch setzen zu können, ohne ihre armen, zerrissenen und nach Herde riechenden Gewänder tragen zu müssen.

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«Deshalb habt ihr mich in den Garten geschickt? Gott segne euch alle! Nun fehlt nur die Mutter zu meinem Glück. Steht auf, steht auf! Es ist mein erstes Geburtstagsfest, das ich ohne meine Mutter verbringe. Doch eure Gegenwart ist mir ein Trost in meiner Traurigkeit und Sehnsucht nach ihrem Kusse.»

Alle betreten nun den Speisesaal. Hier sind die Leuchter meist aus Gold, und das Metall funkelt im Schein der Flammen, und die Flammen leuchten noch strahlender durch den Widerschein des vielen Goldes. Die Tafel ist U-förmig aufgestellt worden, um so viele Menschen unterbringen und bedienen zu können, ohne die Bewegungen des Küchenmeisters und der Diener zu behindern. Außer Lazarus sind die Apostel, die Hirten und Maximinus sowie der alte Diener des Simon anwesend.

Martha überwacht die Anordnung der Plätze und möchte stehen bleiben.

Doch Jesus drängt sie: «Heute bist du nicht die Gastgeberin, sondern die Schwester, und du wirst dich setzen, als wärest du mir blutsverwandt. Wir sind eine Familie. Die Regeln sollen fallen, um der Liebe Platz zu machen. Hier an meiner Seite ist dein Platz und neben dir Johannes! Ich mit Lazarus. Doch gebt mir eine Lampe. Zwischen mir und Martha soll ein Licht, eine Flamme wachen: für die Abwesenden und dennoch Anwesenden, für die von uns Geliebten, die Erwarteten, die teuren Frauen nah und fern. Für alle! Die Flamme spricht Worte des Lichtes. Die Liebe hat flammende Worte, und diese Worte gehen in die Ferne auf den körperlosen Wellen der Seelen, die sich jederzeit jenseits von Bergen und Meeren wieder begegnen, um Küsse und Segnungen zu bringen... Alles bringen sie. Ist es vielleicht nicht wahr?»

Martha stellt die Lampe hin, wo Jesus sie wünscht, an einen Platz, der leer bleibt... und Martha versteht, neigt sich, um die Hand Jesu zu küssen, die sich dann segnend und tröstend auf ihr braunes Haupt legt.

Die Mahlzeit beginnt. Drei der Hirten sind anfänglich etwas befangen, während Isaak schon sicherer ist und Jonathan keinerlei Verlegenheit zeigt, doch sie werden immer gelöster, je weiter die Mahlzeit vorangeht, und nachdem sie zuerst geschwiegen haben, beginnen sie nun zu reden. Wovon sollten sie schon reden, wenn nicht von ihren Erinnerungen?

«Wir hatten uns eben zurückgezogen», sagt Levi, «und ich fror so sehr, daß ich mich bei den Schafen verkrochen hatte und vor Sehnsucht nach der Mutter weinte...»

«Ich dachte an die junge Mutter, der ich kurz zuvor begegnet war, und fragte mich: "Wird sie wohl eine Unterkunft gefunden haben?" Wenn ich es gewußt hätte, daß sie in einem Stall war... in unsere Scheune hätte ich sie begleitet! Sie war so lieblich: eine Lilie unserer Täler, und es wäre mir wie eine Beleidigung vorgekommen, zu sagen: "Komm zu uns!" Doch ich dachte an sie... und ich verspürte die Kälte noch mehr, wenn ich

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dachte, daß sie sehr darunter leiden mußte. Erinnerst du dich an das Licht jenes Abends und an deine Angst?»

«Ja, aber dann... der Engel! Oh!» Levi lächelt bei dieser Erinnerung etwas träumerisch.

«Oh, hört zu, Freunde! Wir wissen nur wenig und dieses nur ungenau. Wir haben von Engeln reden hören, von Krippen, Herden und Bethlehem, wir wissen von Jesus, daß er Galiläer und Zimmermann ist... Es ist nicht recht, daß wir nichts darüber wissen. Ich habe den Meister beim "Trügerischen Gewässer" gefragt; doch es wurde von anderem geredet. Dieser da, der es weiß, hat mir nichts gesagt. Ja, ich spreche von dir, Johannes des Zebedäus. Schöne Achtung hast du vor den Älteren. Du willst alles für dich behalten, und mich läßt du als den Jünger "Dummkopf" heranwachsen. Bin ich nicht schon dumm genug?»

Sie lachen alle über den Unwillen des guten Petrus. Doch dieser wendet sich an seinen Meister: «Sie lachen, doch ich habe recht», und dann wendet er sich an Bartholomäus, Philippus, Matthäus, Thomas, Jakobus und Andreas: «Los, verlangt es auch, protestiert mit mir! Warum wissen wir von nichts ?»

«Wahrlich... Wo wart ihr, als Jonas starb? Wo im Libanon?»

«Du hast recht. Aber Jonas... ich wenigstens habe geglaubt, es sei ein Fieberwahn des Sterbenden... und im Libanon, nun da war ich müde und schläfrig. Verzeih, Meister, aber es ist die Wahrheit.»

«Es wird die Wahrheit so vieler sein! Die Welt der Evangelisierten wird dem ewigen Richter oft so antworten, um trotz der Belehrungen durch meine Apostel, ihre Unwissenheit zu entschuldigen... ja, sie wird antworten, was auch du sagst: "Ich glaubte, er würde im Fieberwahn sprechen... Ich war müde und schläfrig..." Oft werden sie die Wahrheit nicht annehmen, weil sie mit Wahnideen verwechselt wird, und sie werden sich der Wahrheit nicht erinnern, weil sie müde und schläfrig sind, vieler unnützer Dinge und vergänglicher Nichtigkeiten wegen, und sogar sündhafter Dinge wegen. Eines allein ist notwendig: Gott zu kennen!»

«Jetzt aber, da du uns gesagt hast, was gut ist, erzähle die Dinge, wie sie gewesen sind: deinem Petrus; dann werde ich es den Leuten sagen. Wenn nicht, so habe ich dich gefragt: was soll ich erzählen? Die Vergangenheit kenne ich nicht, die Prophezeiungen und die Schrift kann ich nicht erklären, die Zukunft? ... Oh, ich Armer! Was verkünde ich also?»

«Ja, Meister, bitte, damit auch wir es wissen... Wir wissen, daß du der Messias bist, und glauben es. Aber wenigstens für meinen Teil hatte ich einige Mühe, anzunehmen, daß aus Nazareth Gutes kommen könnte. Warum hast du mir nicht sofort über deine Vergangenheit Bescheid gesagt?» fragt Bartholomäus.

«Um deinen Glauben und die Ungetrübtheit deines Geistes zu prüfen. Doch nun werde ich davon erzählen, ja, wir werden von meiner

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Vergangenheit reden. Ich werde sogar sagen, was auch die Hirten nicht wissen, und sie werden erzählen, was sie gesehen haben. Ihr werdet den Eintritt d

Christus ins Leben auf dieser Erde kennenlernen.

Höret also: Nachdem die Zeit des Heils gekommen war, bereitete Gott seine Jungfrau vor. Ihr werdet begreifen, daß Gott sich nicht dort niederlassen konnte, wo Satan sein unauslöschliches Siegel gesetzt hatte. Deshalb bewirkte die Allmacht, daß sein künftiger Tabernakel ohne Makel sei, und Maria wurde, entgegen den allgemeinen Regeln des Zeugens, von zwei Gerechten in hohem Alter gezeugt und ohne Makel empfangen. Wer legte die Seele in das embryonale Fleisch, das den welken Schoß Annas des Aaron, meiner Großmutter, verjüngte? Du, Levi, hast den Erzengel aller Verkündigungen gesehen. Du kannst sagen: Er ist es, denn die "Kraft Gottes" war immer der Siegreiche, der die Freudenbotschaft den Gerechten und Propheten verkündete. Der Unbezwingbare, an dem selbst die größte Kraft Satans wie ein dürrer Mooshalm zerbrach; der Geistvolle, der mit scharfer, leuchtender Intelligenz die Hinterlist des anderen, doch böswilligen, Intelligenten, zunichte machte und den Befehl Gottes unverzüglich ausführte.

Mit einem Freudenruf empfing der Verkünder, der die Erdenwege kannte, da er bereits mehrmals herabgestiegen war, um mit den Propheten zu sprechen, vom göttlichen Feuer den unversehrten Funken: die Seele des Ewigen Mädchens, und schloß ihn ein in einen Kreis von Engelsflammen, die seiner geistigen Liebe entsprangen, und brachte ihn zur Erde in ein Haus, in einen Schoß. Von diesem Augenblick an hatte die Welt eine Seele, die stets Gott anbetete, und Gott konnte von jener Stunde an ohne Widerwillen auf einen Punkt der Erde schauen. So wurde ein Menschenkind geboren: die Geliebte Gottes und der Engel, die Gottgeweihte, die heiligmäßig von den Eltern Geliebte. "Abel opferte Gott die Erstlinge seiner Herde" (Gen 4,1-4). Oh, wahrlich, die Großeltern des ewigen Abel verstanden es, Gott den Erstling ihrer Habe, ihrer ganzen Habe, zu opfern, und sie starben im Schmerz, dieses Gut dem zurückgegeben zu haben, der es ihnen geschenkt hatte.

Meine Mutter war Tempeljungfrau, vom dritten bis zum fünfzehnten Lebensjahr; sie beschleunigte die Ankunft Christi mit der Macht ihrer Liebe. Jungfrau vor ihrer Empfängnis, Jungfrau im Dunkel eines Schoßes, Jungfrau im Wimmern, Jungfrau bei den ersten Gehversuchen: die Jungfrau gehörte immer Gott, Gott allein, und machte ihren Anspruch geltend, der über der Vorschrift des Gesetzes Israels stand; so bekam sie von ihrem Bräutigam, der ihr von Gott zugeführt wurde, das Recht zugesprochen, auch nach der Vermählung unversehrt zu bleiben.

Joseph von Nazareth war ein Gerechter! Nur ihm konnte die Lilie Gottes anvertraut werden, und er allein besaß sie. Ein Engel im Fleische und im Geiste liebte er sie, wie die Engel Gottes lieben. Diese abgrundtiefe Liebe

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mit allen ehelichen Zärtlichkeiten, ohne aber je die Schranken des himmlischen Feuers zu überschreiten, hinter denen der Tabernakel Gottes war, werden nur wenige auf dieser Welt begreifen. Sie ist das Zeugnis dessen, was ein Gerechter durch seinen Willen zu tun vermag. Also, was er kann! Denn auch die durch die Erbsünde noch geschädigte Seele hat mächtige Kräfte, sich zu erheben, und erinnert sich ihrer Würde als Tochter Gottes und möchte zu ihm zurückkehren, um in heiliger Weise aus Liebe zum Vater zu wirken.

Noch war Maria in ihrem Hause in Erwartung des Bundes mit ihrem Bräutigam, als Gabriel, der Engel der göttlichen Verkündigungen, wieder auf die Erde herabstieg und die Jungfrau fragte, ob sie Mutter werden wolle. Er hatte zuvor dem Zacharias den Vorläufer angekündigt, der ihm jedoch keinen Glauben schenkte. Doch die Jungfrau glaubte, daß dies durch den Willen Gottes möglich sei, und in ihrer Unkenntnis fragte sie nur: "Wie kann dies geschehen?" Der Engel antwortete ihr: "Du bist die Gnadenvolle, o Maria! Fürchte daher nichts, denn du hast auch durch deine Jungfräulichkeit bei Gott Gnade gefunden. Du wirst einen Sohn empfangen und gebären, dem du den Namen Jesus geben wirst; denn er ist der dem Jakob und allen Patriarchen und Propheten Israels verheißene Retter. Er wird groß sein und Sohn des Allerhöchsten genannt werden, weil er durch das Wirken des Heiligen Geistes empfangen wird. Der Vater wird ihm den Thron Davids geben, wie es verheißen worden ist, und er wird über das Haus Jakobs ewig herrschen und sein wahres Reich wird ohne Ende sein. Nun erwarten der Vater, der Sohn und der Heilige Geist deinen Gehorsam, damit die Verheißung in Erfüllung gehe. Schon ist der Vorläufer im Schoße der Elisabeth, deiner Base, empfangen worden, und mit deiner Einwilligung wird der Heilige Geist über dich kommen, und heilig wird der sein, der aus dir geboren wird, und er wird Sohn des Allerhöchsten genannt werden."

Maria antwortete darauf: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Es geschehe mir nach deinem Worte." Und der Geist Gottes ließ sich über seiner Braut nieder, und bei der ersten Berührung teilte er ihr sein Licht mit, das in ihr die Tugenden des Schweigens, der Demut, der Klugheit und der Liebe, welche sie im vollkommenen Maß besaß, aufs höchste vervollkommnete, und sie wurde eins mit der Weisheit und unzertrennlich verbunden mit der Liebe. Die Gehorsame und Reine verlor sich im Ozean des Gehorsams, der ich bin, und durfte das Glück erleben, Mutter zu sein, ohne daß ihre Unberührtheit dadurch beeinträchtigt wurde. Sie war Schnee, der zur Blume wurde, und gab sich Gott als solche hin.»

«Aber der Ehemann?» fragt Petrus erstaunt.

«Das Siegel Gottes verschloß Maria die Lippen, und so wurde Joseph nichts vom Wunder bekannt, bevor Maria vom Haus des Zacharias zurückkehrte und ihr Zustand als Mutter sichtbar wurde.»

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«Was hat er getan?»

«Er hat gelitten... und auch Maria hat gelitten...»

«Wenn mir das geschehen wäre! ...»

«Joseph war ein Gerechter, Simon des Jonas. Gott weiß schon, wem er seine Gnaden schenkt... Er litt bitter und beschloß, sie zu verlassen, den Verdacht, ein Ungerechter zu sein, auf sich nehmend. Doch der Engel stieg hernieder und sagte ihm: "Fürchte dich nicht, Maria als deine Braut zu dir zu nehmen; denn, was in ihr sich bildet, ist der Sohn Gottes, und durch das Wirken Gottes wurde sie Mutter. Wenn der Sohn geboren ist, wirst du ihm den Namen Jesus geben, denn er ist der Rettet!»

«War Joseph gelehrt?» will Bartholomäus wissen.

«Wie ein Nachkomme Davids.»

«Dann wird er eine Erleuchtung gehabt und sich an den Propheten erinnert haben: "Eine Jungfrau wird empfangen..."»

«Ja, er hatte sie. Auf die Prüfung folgte die Freude.»

«Wenn ich es gewesen wäre...» fängt Simon Petrus wieder an, «dann wäre es anders gekommen. Denn ich hätte... Oh, Herr, wie gut, daß dies nicht mir geschehen ist! Ich hätte sie wie einen Stengel geknickt, ohne ihr die Zeit zu lassen, etwas zu sagen, und, wenn ich nicht zum Mörder geworden wäre, hätte ich nachher eine ängstliche Scheu vor ihr gehabt. Die jahrhundertealte Angst ganz Israels vor dem Zelt der Bundeslade!»

«Auch Moses empfand Furcht vor Gott, und doch wurde ihm Hilfe zuteil, und er befand sich bei ihm auf dem Berg (Ex 19,1-20). Joseph ging darauf in das heilige Haus seiner Braut und sorgte für die Bedürfnisse der Jungfrau und des Ungeborenen. Und als für alle die Zeit des Erlasses gekommen war, ging er mit Maria in das Land der Väter, und Bethlehem wies ihn ab, denn das Herz der Menschen ist der Nächstenliebe verschlossen. Jetzt müßt ihr weitererzählen.»

«Ich begegnete eines Abends einer jungen lächelnden Frau, die rittlings auf einem Eselchen saß. Ein Mann war mit ihr. Er bat mich um Milch und Auskunft. Ich sagte ihm, was ich wußte... Dann kam die Nacht... und ein großes Licht... und wir gingen hinaus, und Levi sah einen Engel beim Stall. Der Engel verkündete: "Der Retter ist geboren." Es war gerade Mitternacht, der Himmel war voller Sterne. Aber ihr Licht verlor sich im Licht des Engels, der Tausende von Engeln... (Elias weint immer wieder, wenn er daran denkt.) Der Engel sagte: "Geht hin, um ihn anzubeten. Er ist in einem Stall, in einer Krippe inmitten zweier Tiere. Ihr werdet ein kleines Kind finden, in armselige Tücher eingewickelt..." Oh, wie strahlte der Engel, als er diese Worte sprach! Aber erinnerst du dich, Levi, wie seine Flügel Flammen sprühten, als er, nachdem er niedergekniet war um den Retter zu nennen, sagte: "... der Christus, unser Herr ist!"»

«Oh, und ob ich mich erinnere! Die Stimmen der Tausende von Engeln! Oh!... "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen,

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die guten Willens sind." Diese Musik ist hier und trägt mich zum Himmel, jedesmal, wenn ich sie höre.» Levi erhebt sein verzücktes Gesicht, auf dem Tränen glänzen.

«Dann gingen wir hin», sagt Isaak, «beladen wie Saumtiere, froh wie zu einer Hochzeit, und dann... als wir dein kleines Stimmchen hörten und die Stimme der Mutter, waren wir zu nichts mehr fähig, und wir stießen den Knaben Levi vorwärts, damit er nachschaue. Wir fühlten uns wie Aussätzige neben all dieser Reinheit. Levi lauschte, weinte und lachte zugleich, und seine Stimme hörte sich an wie das Blöken eines Lämmleins, so daß das Mutterschaf des Elias darauf antwortete. Joseph kam zum Eingang und hieß uns eintreten... Oh, wie warst du klein und schön! Eine fleischfarbene Rosenknospe auf dem rauhen Heu... und du weintest... Dann lächeltest du, als du die Wärme des Lammfells spürtest, das wir dir anboten, und in der Freude über die Milch, die wir für dich gemolken hatten... deine erste Mahlzeit... Oh! ... und dann ... und dann küßten wir dich. Du duftetest nach Mandeln und Jasmin ... und wir konnten uns nicht mehr von dir trennen...»

«Ihr habt mich nicht mehr verlassen, wirklich!»

«Das ist wahr», sagt Jonathan. «Dein Antlitz blieb in uns, und deine Stimme und dein Lächeln... Du wuchsest heran und wurdest immer schöner... Die Welt der Guten kam, um sich an dir zu erfreuen... Doch die Bösen konnten dich nicht erkennen... Anna... deine ersten Gehversuche... die drei Weisen... der Stern!»

«Oh, jene Nacht! Welch ein Licht! Die Welt schien mit tausend Lichtern zu brennen, während am Abend deines Kommens das Licht unbeweglich und weiß wie eine Perle war... Jetzt war es der Tanz der Sterne, bei deiner Geburt war es die Anbetung der Sterne. Wir sahen von einer Anhöhe die Karawane vorbeiziehen und gingen hinterher, um zu sehen, ob sie anhielt... Anderentags sah ganz Bethlehem die Anbetung der Weisen. Dann... Oh, wir wollen das Schreckliche nicht nennen! ... Wir können es nicht sagen! ...» Elias wird bleich bei der Erinnerung an dieses Ereignis.

«Ja, sagt es nicht. Schweigen über den Haß.»

«Der größte Schmerz war, daß wir dich nicht mehr hatten und nichts mehr von dir wußten. Nicht einmal Zacharias konnte uns helfen, unsere letzte Hoffnung... Nichts mehr.»

«Warum, Herr, hast du deine Diener nicht getröstet?»

«Du fragst mich nach dem "Warum" ' Philippus? Weil es vorsichtig war, so zu handeln. Du siehst, daß auch Zacharias den Schleier nicht lüften wollte. Zacharias...»

«Aber du hast uns gesagt, daß er es war, der sich der Hirten anzunehmen hatte. Warum sagte er nicht zuerst ihnen und dann dir, daß die einen den anderen, dich, Jesus, suchten?»

«Zacharias war ein sehr menschlicher Gerechter. Er wurde weniger

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Mensch und mehr Gerechter in den neun Monaten, da er stumm war. Er vervollkommnete sich in den Monaten nach der Geburt des Johannes und er wurde ein wahrhaft Gerechter, als sein menschlicher Stolz gebrochen wurde, als Gott seine Behauptung widerlegte. Er hatte gesagt: "Ich, als Priester Gottes, sage, daß der Retter in Bethlehem leben muß." Doch Gott hatte ihm gezeigt, daß das Urteil, auch das priesterliche, ein armseliges Urteil ist, wenn es nicht von Gott erleuchtet ist. Unter dem Schrecken des Gedankens: "Ich könnte durch mein Wort Jesus umbringen", wurde Zacharias der Gerechte, der jetzt in Erwartung des Paradieses ruht. Gerechtigkeit lehrte ihn Klugheit und Nächstenliebe. Liebe zu den Hirten. Klugheit der Welt gegenüber, der Christus unbekannt bleiben mußte. Bei der Rückkehr in die Heimat, nach Nazareth, vermieden wir Hebron und Bethlehem mit derselben Vorsicht, die Zacharias leitete, und kehrten am Meere entlang nach Galiläa zurück. Nicht einmal am Tage meiner Volljährigkeit war es Zacharias möglich, mich zu sehen, der bereits am Vortage mit seinem Knaben dieselbe Zeremonie gefeiert hatte und sofort danach abgereist war.

Gott wachte, Gott prüfte, Gott sorgte vor, Gott machte alles gut. Gott zu besitzen, bedeutet auch Mühe, nicht nur Freude. So wurden große Anforderungen an die Vaterliebe Josephs gestellt, und meine Mutter mußte vielen Anforderungen an Leib und Seele gerecht werden. Auch das Erlaubte wurde verboten, damit das Geheimnis des Knaben Messias gewahrt blieb. Das ist auch die Erklärung für viele, die nicht die doppelte Ursache des Kummers verstanden, als ich für drei Tage verlorengegangen war. Liebe der Mutter, Liebe des Vaters für das verlorengegangene Kind! Furcht der Hüter, daß der Messias vor der Zeit entdeckt werden könnte. Angst, den Erlöser der Welt, das große Geschenk Gottes, zu wenig beschützt und behütet zu haben. Dies ist die Ursache des ungewöhnlichen Ausrufs: "Sohn, warum hast du uns das angetan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht!" Dein Vater, deine Mutter... der Schleier, der auf die Herrlichkeit des menschgewordenen Gottes geworfen worden war. Dann die versichernde Antwort: "Warum habt ihr mich gesucht ? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?" Eine von der Gnadenvollen aufgenommene und in ihrer wahren Bedeutung verstandene Antwort. Also: "Habt keine Angst! Ich bin noch klein, ein Knabe, aber wenn ich als Mensch zunehme an Größe, Weisheit und Gnade, so bin ich in den Augen der Menschen der Vollkommene, weil ich der Sohn des Vaters bin. Und darum weiß ich, was ich zu tun habe: ich diene dem Vater, und seinen Glanz lasse ich erleuchten, indem ich Gott diene und ihm den Retter bewahre." So verhielt ich mich bis vor nunmehr einem Jahr.

Jetzt ist die Zeit gekommen; die Schleier lüften sich, und der Sohn Josephs zeigt sich in seinem wahren Wesen: als Messias der Frohen Botschaft, als Erlöser, Retter und König der künftigen Zeiten.»

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«Hast du Johannes nie wiedergesehen?»

«Nur am Jordan, meinen Johannes, als ich die Taufe erbat.»

«Somit hast du nicht gewußt, daß Zacharias ihnen Gutes erwiesen hatte ?»

«Ich habe dir gesagt: Nach dem Blutbad der Unschuldigen wurden die Gerechten Heilige und die Menschen Gerechte. Nur die Dämonen bleiben, was sie immer waren. Zacharias lernte, heilig zu werden in der Demut, der Nächstenliebe, der Klugheit und im Stillschweigen.»

«Ich will mir dies alles merken. Werde ich es können?» fragt Petrus.

«Sei beruhigt, Simon. Morgen werde ich es mir von den Hirten wiederholen lassen. In Ruhe. Im Obstgarten. Ein-, zwei-, dreimal, wenn es nötig ist. Ich habe ein gutes Gedächtnis, an der Zollbank erprobt, und werde mich für alle erinnern. Wenn du dann willst, kann ich es dir wiederholen. Ich habe in Kapharnaum nie etwas aufgeschrieben, und doch...»

«Oh, du hast dich niemals auch nur um eine Zehnteldrachme geirrt! Ich erinnere mich gut. Ich will dir deine Vergangenheit verzeihen, von ganzem Herzen, wenn du diese Erzählung nicht vergißt... und sie mir oft wiederholst. Ich will, daß sie sich in mein Herz eingräbt, wie in ihres... wie bei Jonas... Oh, im Sterben noch seinen Namen nennen!»

Jesus betrachtet Petrus und lächelt. Dann steht er auf und drückt einen Kuß auf das angegraute Haar.

«Warum diesen Kuß, Meister?»

«Weil du zum Propheten geworden bist. Du wirst mit meinem Namen auf deinen Lippen sterben. Ich habe den Geist geküßt, der aus dir gesprochen hat.»

Dann stimmt Jesus laut einen Psalm an, und alle erheben sich und stimmen mit ein: «Erhebt euch und lobt den Herrn, euren Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Gepriesen sei sein heiliger Name, erhaben über allen Lobpreis. Du allein bist der Herr. Du hast den Himmel und die Himmel der Himmel erschaffen und alle seine Heerscharen, die Erde und alles, was auf ihr ist, usw.» (Es ist der Hymnus, der von den Leviten am Feste der Weihe des Volkes gesungen wird. Kap. IX im 11. Buch Esdra.) Alles endet mit diesem langen Gesang, und ich weiß nicht, ob dies der antike Ritus ist oder ob Jesus ihn von sich aus angestimmt hat.

10.4.1945. Ich öffne die Bibel nach einer Ruhe von drei Tagen. Ich öffne sie auf irgendeiner Seite, nur um etwas zu lesen, das ein von Gott gekommenes Wort ist. Beim Öffnen fällt mein Blick auf den 17. Psalm mit den Versen 25-31. Und der Herr spricht:

«Ist es vielleicht nicht das, was du von mir sagen kannst? Einst liebte ich dich mit meiner vollendeten Liebe, aber du liebtest mich nicht mit deiner vollendeten Liebe; denn, wenn auch der Gedanke an mich in deinem Herzen war, so hattest du doch noch andere menschliche Zuneigungen, die stärker waren als deine Liebe für mich, da warst du meiner Belohnung nicht würdig. Erinnerst du dich noch an jene Zeit? Auch ich erinnere mich noch daran. Du kamst aus deinem Mädchenpensionat, noch duftend von Gott, wie eine Tempeljungfrau nach gottesdienstlichem Weihrauch duftet. Und ich hatte dich schon erwählt. Wann habe

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ich dich erwählt? Willst du es wissen? Wahrlich, als deine Seele erschaffen wurde; denn keine menschliche Bestimmung ist dem Ewigen Gedanken unbekannt. Aber meine kleine Maria, ungeachtet der unglücklichen Umstände, in denen sie geboren wurde und die sie umgaben, war als Säugling durch meinen Willen am Leben erhalten worden; sie gehörte mir, als sie ihre ersten Tränen beim Anblick der Abnahme Christi vom Kreuz vergossen hat. Du hast mich verlangt, und ich habe mich dir mit wohlgefälligem Lächeln geschenkt. Er hat für dich im Himmel zum Vater und zum Heiligen Geist gesagt: "Laßt die Kinder zu mir kommen!"

Nur die Kinderlippen können die Schmerzen seiner Wunden lindern. Kinder dem Alter und Kinder dem Willen nach. Kinder, die aus Liebe und Gehorsam zum Meister Kindern gleich werden, um des Himmelreiches willen. Die Wonne Gottes, Maria, die jungfräuliche Mutter, ist die vollkommene Kleine, die im Himmelreich jubiliert.

Die Seelen Erwachsener, die "Kinder" blieben, sind so selten wie ganz vollkommen runde Perlen von besonderer Größe. Doch die Kinder im Alter sind alle Besitzer von Seelen, die, noch nicht entheiligt, die Freude Gottes und der Trost Christi sind. Von da an verlangte der Sohn nach dir. Jede unschuldige Träne war ein Kuß von ihm wert; jeder Kuß eine Gnade, jede Gnade eine Vereinigung mit der göttlichen Liebe. Es ist kein Fehler, zurückzuschauen um das Magnificat und Miserere anzustimmen. Bis zum Verlassen deines Erziehungsinstitutes konntest du dein Magnificat singen. Du gehörtest ganz Gott. Nur ein Altar war in dir! Nur eine einzige Liebe! Die Lilie mit halbgeöffnetem Kelch war nur von himmlischem Tau und göttlichen Strahlen erfüllt. Dann kam die Welt, und mit ihr viele andere Altäre und viele andere Lieben, die unrechtmäßigen Eroberer meines Platzes. Doch sie blieben nur, solange ich wollte.

Ich hätte auch nicht wollen können, und manch einer wird dazu sagen: "Es war ein gefährliches Experiment." Nein! Es war notwendig. Die Apostel wurden gedemütigt durch ihr Versagen Christus gegenüber, als jede Art verdorbenen Menschentums in ihnen Oberhand gewann; sie wurden von neuem durch alles erschüttert, was Menschen verwirrt. Da verstanden sie, daß ihre ganze Bekehrung nicht nur ihr Verdienst war, sondern nur ihrem Verkehr mit Jesus zu verdanken war. Aber der Hochmut, die Verdorbenheit des Menschen, wurde in ihnen vernichtet. Das ist notwendig bei allen, die zu einer besonderen Aufgabe auserwählt sind, damit sie nicht meine Auserwählung einbüßen, weil sie meiner Liebe unwürdig sind. Ein Rivale nach dem anderen um meinen Platz mußte aus deinem Herzen weichen. Dein Gott wurde wieder dein König, dem du das "Miserere" deiner weisen Reue sangest. Jetzt, Tochter, schau auf die Vergangenheit und in die Gegenwart. Schau auf die Zeit deiner Begeisterung für den Menschen, die Wissenschaft und dich selbst, und dann blicke auf die gegenwärtige, wiederum einzige Liebe zu mir! Und sage... laß aber nur die wahre und kostbare Stimme deiner Seele reden: Besitzest du jetzt nicht alles? Seit du mein bist, hast du da nicht alles? Viele Törichte werden sagen: "Sie hat nichts, weder Gesundheit, noch Freude, noch Wohlbefinden." Aber deine Seele, die mit den Augen der Seele sieht, spricht: "Ich habe alles, selbst einen heiligen Überfluß, wenn man Überfluß nennen kann, was über das zum Heile Notwendige hinausgeht." Du hast deine besondere Sendung als Sprachrohr. Und außerdem, was Gabe und nicht notwendig ist, hast du noch die Zustimmung Gottes zur Erfüllung deiner Wünsche, gemäß dem Worte des Psalmisten: "Der Herr hat mir vergolten nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor deinen Augen" (Ps 17,21-25).

Ich bin unendlich, göttlich freigebig gegenüber den Gerechten und denen, die reinen Herzens sind. Gut mit den Schwachen und überaus gut mit den Starken aus Liebe zu mir. Und da ich die Liebe bin, muß ich mir selbst Gewalt antun, um nicht schwach zu werden mit den Fehlenden. Diesen gewähre ich die Barmherzigkeit meines Sohnes. Meinen Kindern gewähre ich die Fülle meiner Gaben. Ich rette sie, erleuchte sie, befreie sie und stärke sie mehr und mehr. Ich führe sie an meiner Hand auf meinem Weg der Reinheit und belehre sie durch mein im Feuer der göttlichen Liebe gebildetes Wort. So verfahre ich mit dir, meine Seele, die du mir deine Liebe geschenkt und dein ganzes Vertrauen auf mich gesetzt hast. Fürchte darum nichts, du Blüte Gottes. Es gibt keine Blume, angefangen bei den mikroskopisch kleinen

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der eisigen Berge bis zu den riesenhaften der Tropenländer, der ich nicht das für ihr edles Leben Notwendige an Tau, Licht und Wärme zukommen ließe. Doch das sind nur Pflanzen! Die Blumen meiner Seelen, was für eine Pflege erhalten sie von ihrem Schöpfer? Hab keine Angst, du Blume Gottes, besprengt mit dem Blute und den Tränen des Sohnes und der Jungfrau. Mit diesen Perlen und deiner Treue geschmückt, bist du mir sehr teuer. Singe jederzeit das Magnificat! Der Vater, der Sohn und der Tröster sind mit dir!»

Oh, Herr! Herr! Du sagst es, und es muß wahr sein. Es wird alles notwendig gewesen sein. Aber was war nur im vergangenen Jahre meine große Verlassenheit? Du weißt es! Du übersiehst die Gefühle der Herzen nicht. Es gibt Wunden, die auch nach der Vernarbung bei der geringsten Berührung schmerzen. Selbst das Mitgefühl anderer verursacht oftmals Schmerzen, insbesondere dann, wenn man versucht, die Wunden zu berühren. Die abgetrennten Nerven schmerzen noch, nachdem die Wunde vernarbt ist. Deine Abkehr, auch wenn du mich wieder an dein Herz genommen hast, ist eine immer wieder schmerzende Wunde, denn sie hat die Bande der Liebe getroffen, die mich mit dir verbanden. Ich frage dich nicht, warum du es getan hast. Ich sage dir nur: du weißt, was das Verlassensein von dir für mich bedeutete. Heute habe ich gezittert beim Schreiben: 10. April. Denn seit dem 10. April des letzten Jahres ließest du deine arme Blume ohne Tau, ohne Licht und ohne Wärme. Ich wäre daran beinahe gestorben. Denn ich habe dir alles gegeben, und wenn ich noch mehr hätte, würde ich noch mehr geben. Aber schicke mir nie mehr eine solche Prüfung. Du siehst, daß meine Armseligkeit dies nicht ertragen kann. Ich singe, ja. Ich singe mein Magnificat! Ich sage dir auch: ich habe es nicht verdient, daß du in mir große Dinge tust. Doch ist mein Gesang immer mit Tränen vermischt; denn wie ein Kind, das in seinen jungen Jahren traurige Zeiten durchgemacht hat, nicht mehr das frohe Lachen der glücklichen Kindheit besitzt, so habe ich immer die Verlassenheit von dir im vergangenen Jahr vor Augen. Jesus hat recht. Maria hat recht. Was wir in "unseren Leiden" schwer ertragen, ist das Verlassensein von dir, mein Vater...

Während ich dies schreibe, entzündet sich wieder das kleine Licht, das fortwährend vor Jesus brennt: das Sternlein, das zusammen mit meinem Herzen vor meinem gekreuzigten Jesus leuchtet. Seit einem Jahr war es erloschen... Meine Zelle... mein Tabernakel... mein Paradies ohne Licht! Ich litt sehr darunter. Alles habe ich von deiner Liebe bekommen, viel von deiner Strenge. Finsternis, Einsamkeit und was dein Sohn als "Hölle" bezeichnet hat. Ich war wie ein Vöglein, das nur durch reines Glück seinen Peinigern entrinnen konnte. Ich habe Angst... Überall sehe ich Schlingen, Gitter und Qualen... Herr, erbarme dich...

Unter verschiedenen Daten folgen: ein Diktat über die Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes, mit Bezug auf die Schreiberin: «... wenn du die vielen scheinbaren Gegensätze deines Daseins betrachtest und das, was du hast, dann sage stets: "Jene Begebenheit, die im scheinbaren Gegensatz zur nächsten und meiner heutigen Lage steht, hat dieser den Weg vorbereitet, und ist das Ergebnis meiner früheren Zustimmung." Nimm es an, wie wenn es für dich keinen Stillstand mehr gegeben hätte, seitdem du dir aus dem Gebet Jesu "dein Wille geschehe" eine fruchtbare Regel gemacht hast. Du bist vorangeschritten, und eilends hast du dich fliegend in die Höhe erhoben. Je mehr du froh und bereitwillig Gottes Absichten gehorchtest, desto gefestigter wurden dein Wille, deine Erkenntnis und dein Besserwerden.»Ein anderes Diktat zum Zitat: «In der innigen Gemeinschaft mit der Weisheit liegt die Unsterblichkeit» (Weish 8,17) und eine Erklärung zu einem Abschnitt der Bibel (Ez 37,1-14) seitens der Schreiberin: «Ich verstehe weshalb Jesus mich nicht fragt, ob die Toten am Jüngsten Tag auferstehen werden. Der Glaube lehrt uns dies und hierüber besteht kein Zweifel. Er jedoch nennt diese arme Menschheit von heute "Knochen", weil sie so sehr erdgebunden ist und ihr der Geist fehlt. Ich verstehe es, denn sobald Gott mich dazu auffordert, sein Sprachrohr zu sein, vermehrt und erhebt sich mein Intellekt zu einer Leistung, welche die dem Menschengeschlecht zugestandene bei weitem übersteigt. Dann sehe ich und verstehe ich dem Geist gemäß.» Das Diktat endet mit den Worten: «Die Zeit wird kommen, da ich

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wiederum ein Volk von Lebenden und nicht von Leichen haben werde. Vorläufig gebe ich den Besseren, jenen die nicht gestorben, jedoch aus Mangel an geistiger Nahrung zu Skeletten abgezehrt sind, die Nahrung meines Wortes. Ihr sollt nicht vor Entkräftung sterben. Mein Wort ist das süße Manna, welches euch auf wunderbare Weise Kraft verleiht. Nährt euch damit, Kinder meiner Liebe und meines Opfers! Warum muß ich sehen, daß so viele Hunger leiden, da für sie vom Retter soviel Nahrung bereitet worden ist, und daß jene Hungrigen sich nicht davon nähren? Nährt euch, steht auf, kommt aus den Gräbern hervor. Kommt aus der Trägheit heraus, aus den Lastern der Welt, kommt doch zum Bewußtsein, kommt, um den Herrn, eueren Gott, von neuem zu erkennen. Ich habe es euch am Anfang dieses Werkes und während dieses tragischen Krieges gesagt und wiederhole euch: dieser ist einer jener Kriege, welche die Zeit des Antichrist einleiten. Danach wird das Zeitalter des lebendigen Geistes kommen. Selig, die sich vorbereiten werden, um jener Ära entgegenzugehen. Sagt nicht: "Wir werden jene Zeit doch nicht erleben." Ihr nicht, nicht alle von euch. Aber es ist Torheit und Lieblosigkeit, nur an sich selbst zu denken. Aus gottlosen Vätern gehen gottlose Kinder hervor, träge Väter haben träge Kinder. Eure Kinder und Kindeskinder sind es, welche dieser geistigen Kraft für jene Stunden sehr bedürfen. Im Grunde genommen ist es ein Gebot der Menschenliebe, für das Wohl der Kinder und Enkelkinder vorzusorgen. Dieser Vorsorge soll in religiösen Dingen nicht weniger Beachtung geschenkt werden als in weltlichen Angelegenheiten. Wie ihr euren Kindern ein Vermögen hinterlaßt, oder darum bemüht seid es zu tun, damit sie es einmal leichter haben als ihr, so sollt ihr euch auch dafür einsetzen, ihnen eine Erbschaft geistiger Kraft zu hinterlassen, die sie entwickeln und vermehren können, um dann in Überfülle davon zu haben, wenn der Hagel der letzten Schlachten der Welt und Luzifers mit einer solchen Wucht über die Menschheit kommen wird, daß sie sich fragen werden muß, ob nicht die Hölle noch besser wäre. Die Hölle! Die Welt wird sie erleben! Alsdann wird für die Treuen im Geiste der Himmel kommen, die überirdische Erde: das Himmelreich.»

176. RÜCKKEHR ZUM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER"

Jesus überquert mit seinen Jüngern die flachen Felder beim "Trügerischen Gewässer" * Der Tag ist regnerisch, der Ort menschenleer. Es muß gegen Mittag sein, denn der schwache Schein der Sonne, der von Zeit zu Zeit den grauen Wolkenschleier durchbricht, fällt senkrecht zur Erde. Jesus spricht mit Iskariot, dem er den Auftrag gibt, für die nötigsten Besorgungen ins Dorf zu gehen. Wie er allein ist, eilt Andreas auf ihn zu, der wie immer schüchtern und leise fragt: «Willst du mich anhören, Meister?»

«Ja! Komm mit mir, wir wollen vorausgehen», und Jesus beschleunigt den Schritt, vom Apostel gefolgt, um sich einige Meter von den anderen zu entfernen.

«Die Frau ist nicht mehr da, Meister», sagt Andreas traurig und erklärt: «Man hat sie geschlagen, und sie ist geflohen. Sie wurde verwundet und blutete. Der Verwalter hat sie gesehen. Ich bin vorausgegangen und habe gesagt, daß ich nachsehen wolle, ob der Weg in Ordnung sei, doch es war nur, weil ich sofort zu ihr gehen wollte. Ich habe so gehofft, sie zum

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Licht führen zu können! Ich habe in diesen Tagen viel darum gebetet! Nun ist sie geflohen. Sie wird verloren gehen. Wenn ich wüßte, wo sie ist, würde ich sie einholen. Ich würde es aber den anderen nicht sagen, nur dir, weil du mich verstehst. Du weißt, daß ich bei dieser Suche keine hintergründigen Gedanken hege, sondern nur vom großen Wunsch erfüllt bin, der zur Qual wird, einer Schwester zur Rettung verhelfen zu können.»

«Ich weiß es, Andreas, und ich sage dir: auch so, wie die Dinge nun liegen, wird dein Wunsch dennoch erfüllt werden. Ein Gebet in diesem Sinn ist nie verloren. Gott erhört es, und sie wird gerettet werden.»

«Du sagst es? Oh, mein Schmerz ist gelindert!»

«Wolltest du nicht wissen, wie es um sie steht? Macht es dir nichts aus, daß nicht du es bist, der sie mir zuführt ? Fragst du nicht, wie es geschehen wird?» Jesus lächelt sanft, und in seinen blauen Augen leuchtet es auf, während er sich zu seinem Apostel neigt, der an seiner Seite geht. Jener Blick und das Lächeln gehören zu den Geheimnissen Jesu, mit denen er die Herzen gewinnt.

Andreas betrachtet Jesus mit seinen sanften, braunen Augen und sagt: «Es genügt mir zu wissen, daß sie zu dir kommt. Ich oder ein anderer, was macht das schon aus? Wie es geschehen wird? Du weißt es, und ich brauche es nicht zu wissen. Deine Zusicherung genügt mir, und ich bin glücklich!»

Jesus legt Andreas einen Arm um die Schultern und zieht ihn in einer liebevollen Umarmung an sich, was den guten Andreas völlig verzückt. In dieser Verfassung hört er Jesus sagen: «Das ist die Begabung des wahren Apostels. Schau, mein Freund, in deinem Leben und in jenem der zukünftigen Apostel wird es immer so sein. Manchmal werdet ihr erfahren, daß ihr die "Retter" gewesen seid. Doch in den meisten Fällen werdet ihr retten ohne zu wissen, daß die Menschen, welche euch am meisten am Herzen lagen, durch euch gerettet worden sind. Erst im Himmel werdet ihr sie euch entgegenkommen oder zum Ewigen Reich aufsteigen sehen: eure Geretteten, und eure Freude wird sich mit jedem Erlösten steigern. Manchmal werdet ihr es schon auf Erden vernehmen. Das sind die Freuden, die ich euch schenke, um euch einen noch größeren Eifer für neue Eroberungen einzuflößen. Doch selig der Priester, der einen Ansporn nicht nötig hat, um seine Pflicht zu erfüllen! Selig jener, der nicht entmutigt wird, wenn er keinen Erfolg sieht, und nicht sagt: "Ich tue nichts mehr, denn ich habe keine Genugtuung." Die apostolische Genugtuung, als einziger Ansporn zur Arbeit, beweist ungenügende apostolische Bildung und ist eine Herabwürdigung des Apostelamtes auf das Niveau einer gewöhnlichen menschlichen Tätigkeit, das doch in einem geistigen Auftrag besteht. Man darf niemals der Vergötterung des Berufes verfallen, indem das Priestertum als Ziel einer Verehrung euer selbst betrachtet wird. Nicht ihr sollt angebetet werden, sondern der Herr, euer Gott! Ihm allein gebührt die

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Ehre der Geretteten... euch das Werk der Rettung, indem ihr auf den Einzug in den Himmel wartet, um als "Retter" gelobt zu werden. Doch du sagtest mir, daß der Verwalter sie gesehen hat. Erzähle.»

«Drei Tage nach unserer Abreise von hier kamen Pharisäer, um dich zu suchen. Sie fanden uns natürlich nicht. Sie haben das ganze Dorf und die Häuser in den Feldern nach dir durchsucht und haben sich dabei so benommen, als sehnten sie sich danach, dich zu sehen. Doch niemand hat ihnen geglaubt. Sie sind in die Herbergen gegangen und haben hochmütig von allen Anwesenden verlangt, daß sie diese unverzüglich verlassen, denn sie wollten keine Kontakte mit unbekannten Fremden haben, welche sie vielleicht noch entweihen könnten. Jeden Tag gingen sie zum Haus. Nach einigen Tagen haben sie die Ärmste getroffen, die immer zum Haus ging und hoffte, dich dort zu finden und den Frieden zu empfangen. Sie haben sie verjagt und sind ihr bis zu ihrem Unterschlupf im Stalle des Verwalters nachgegangen. Sie haben sie nicht sofort angegriffen, denn der Verwalter ist mit seinen Söhnen herausgekommen, mit Knüppeln bewaffnet. Doch am Abend, als sie zum Brunnen ging, sind sie mit anderen zurückgekehrt und haben Steine nach ihr geworfen und gerufen: "Dirne! Dirne!" und sie als Schande des Dorfes bezeichnet. Als sie flüchten wollte, haben sie sie eingeholt, mißhandelt, ihr den Schleier und die Gewänder vom Leib gerissen, so daß sie von allen gesehen werden konnte. Sie haben sie geschlagen, sich ihrer bemächtigt und sie dem Synagogenvorsteher ausgeliefert, damit er sie verfluche und steinigen ließe, und damit er auch dich verfluche, weil du sie hierher gebracht hast. Doch er hat es nicht tun wollen und muß nun den Bannfluch des Hohen Rates gewärtigen. Der Verwalter ist ihr zu Hilfe geeilt und hat sie den Händen dieser Wüstlinge entrissen. Doch in der Nacht ist sie weggegangen und hat ein Armband dagelassen mit einigen Worten auf einem Pergamentstreifen. Sie hat darauf geschrieben: "Danke! Bete für mich." Der Verwalter sagt, sie sei noch jung und sehr schön, doch sehr blaß und abgemagert. Er hat sie auf den Feldern gesucht, denn sie war schwer verwundet. Doch er hat sie nicht gefunden, und er kann nicht verstehen, wie sie sich in ihrem Zustand weit entfernen konnte. Vielleicht ist sie tot und liegt irgendwo... und konnte sich nicht retten...»

«Nein.»

«Nein? Ist sie nicht gestorben? Hat sie sich nicht verirrt?»

«Das Verlangen nach Erlösung ist schon Sündenvergebung. Auch wenn sie gestorben wäre, so wäre ihr verziehen, denn sie hat die Wahrheit gesucht und ihre Verfehlungen mit Füßen getreten. Doch sie ist nicht tot. Sie steigt die ersten Stufen des Berges der Erlösung empor. Ich sehe sie... Sie ist gebeugt unter den Tränen ihrer Reue. Doch das Weinen macht sie immer stärker, während die Last sich verringert. Ich sehe sie. Sie geht der Sonne entgegen. Wenn sie den Gipfel erreicht hat, dann wird sie in der Herrlichkeit der Sonne Gottes stehen. Hilf ihr mit deinem Gebet!»

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«Oh, mein Herr!» Andreas ist außer sich beim Gedanken, daß er einer Seele zur Heiligung verhelfen kann.

Jesus lächelt noch gütiger. Er sagt: «Wir müssen dem verfolgten Synagogenvorsteher die Arme und das Herz öffnen und zum guten Verwalter hingehen, um ihm zu danken und ihn zu segnen. Wir wollen es den anderen mitteilen.»

Doch während sie auf die Zehn zugehen, die stehengeblieben waren, weil sie begriffen hatten, daß Andreas eine persönliche Aussprache mit Jesus hatte, kommt Iskariot angerannt. Er gleicht einem großen Schmetterling, der über die Wiesen flattert, so rasch eilt er im wehenden Mantel und mit fuchtelnden Armen herbei.

«Aber was hat er denn?» fragt Petrus. «Ist er verrückt geworden?»

Bevor ihm jemand antworten kann, schreit Iskariot, der nun nähergekommen ist: «Bleib stehen, Meister! Höre mich an, bevor du ins Haus hineingehst. Sie haben dir einen Hinterhalt gelegt. Oh, diese gemeine Bande!», und er kommt heran und sagt: «Oh, Meister, wir können nicht mehr hingehen. Die Pharisäer sind im Dorf und gehen täglich zum Haus. Sie warten auf dich, um dich zu belästigen. Sie schicken alle weg, die kommen und dich suchen. Mit fürchterlichen Bannsprüchen schüchtern sie alle ein. Was willst du tun? Hier würdest du verfolgt und dein Werk würde vernichtet werden. Einer von ihnen hat mich gesehen und mich angegriffen. Ein häßlicher, langnasiger Alter, der mich kennt, denn er ist einer der Schriftgelehrten des Tempels. Ja, es sind auch Schriftgelehrte dort. Er hat mich angefallen, mich mit seinen Krallenpfoten gepackt und mit seiner Geierstimme beschimpft. Solange er mich gekratzt und beschimpft hat, schau (und er zeigt am Handgelenk und an der Wange deutliche Nagelspuren), habe ich es ausgehalten, aber als er über dich mit seinem Geschimpfe hergefallen ist, da habe ich ihn am Kragen gepackt...»

«Aber Judas!» ruft Jesus.

«Nein, Meister, ich habe ihn nicht erwürgt. Ich habe nur verhindert, daß er über dich fluchte. Dann habe ich ihn losgelassen. Nun ist er dort und stirbt vor Angst wegen der überstandenen Gefahr... Doch laß uns fortgehen, ich bitte dich! Es kann ohnehin niemand mehr zu dir kommen...»

«Meister!»

«Das ist ja ein Greuel!»

«Judas hat recht!»

«Wie Hyänen auf der Lauer sind sie.»

«Feuer vom Himmel, das über Sodoma kam, warum kommst du nicht wieder?»

«Aber weißt du, du warst tapfer, Junge! Schade, daß ich nicht dabei war, ich hätte dir geholfen.»

«Oh, Petrus, wenn du dabei gewesen wärest, hätte dieser kleine Geier seine Federn und seine Stimme ein für allemal eingebüßt.»

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«Aber wie hast du es fertiggebracht, nicht bis zum Äußersten zu gehen ?»

«Bah... ein Geistesblitz. Ein Gedanke aus weiß Gott welchen Tiefen des Herzens: "Der Meister verurteilt die Gewalt", und ich habe mich beherrscht, obwohl es für mich ein noch härterer Schlag war als der des Schriftgelehrten, der mich gegen die Wand geworfen hat, als er mich angriff. Meine Nerven waren wie zerrissen, so daß ich nachher keine Kraft mehr gehabt hätte, auf ihn einzuschlagen. Welch eine Anstrengung, sich zu beherrschen!»

«Du bist wirklich tapfer gewesen! Nicht wahr, Meister? Doch du sagst nicht, was du denkst.»

Petrus ist über die Tat des Judas so glücklich, daß es ihm entgeht zu bemerken, daß das Antlitz Jesu von einem leuchtenden Ausdruck zu einer Traurigkeit gewechselt hat, die seinen Blick verdunkelt, seinen Mund verschließt und ihn schmäler erscheinen läßt.

Er öffnet ihn und spricht: «Ich sage, daß ich mehr angewidert bin von eurer Art zu denken als vom Benehmen der Judäer. Sie sind die Unglücklichen in der Finsternis. Ihr, die ihr mit dem Lichte seid, seid hart, rachsüchtig, gewalttätig, murrt über andere und billigt die Brutalität wie sie. Ich sage euch, ihr bestätigt mir nur immer wieder, daß ihr dieselben geblieben seid, die ihr immer wart, als ihr mich zum erstenmal saht. Das tut mir weh! Was die Pharisäer betrifft sollt ihr wissen, daß Jesus Christus vor ihnen nicht flieht. Ihr zieht euch zurück, ich trete ihnen entgegen. Ich bin kein Feigling. Wenn ich mit ihnen gesprochen habe und sie nicht habe überzeugen können, dann werde ich mich zurückziehen. Man soll von mir nicht sagen, daß ich nicht mit allen Mitteln versucht hätte, sie an mich zu ziehen. Auch sie sind Kinder Abrahams. Ich tue meine Pflicht bis zum Äußersten. Ihre Verdammnis soll einzig und allein ihrem bösen Willen zugeschrieben werden und soll nicht durch irgendwelche Vernachlässigung meinerseits ihnen gegenüber verursacht worden sein.» Jesus geht zum Hause, das schon mit seinem niedrigen Dach hinter einer Reihe entlaubter Bäume zu sehen ist.

Die Apostel folgen ihm mit gesenktem Haupt und reden leise miteinander. Da ist das Haus. Sie betreten schweigend die Küche und machen sich am Herd zu schaffen. Jesus versinkt in Gedanken.

Sie sind gerade dabei, die Mahlzeit einzunehmen, als eine Gruppe von Menschen an der Tür erscheint. «Sie sind da», flüstert Iskariot.

Jesus erhebt sich sofort und geht ihnen entgegen. Er ist so imponierend, daß die Gruppe einen Augenblick zurückweicht. Doch der Gruß Jesu versichert ihnen: «Der Friede sei mit euch! Was wollt ihr?»

Nun glauben die Feiglinge alles wagen zu können, und sie schmeicheln arrogant: «Im Namen des heiligen Gesetzes befehlen wir dir, diesen Ort zu verlassen. Du, der Aufwiegler der Gewissen, Übertreter des Gesetzes,

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der Aufrührer der ruhigen Städte von Judäa, fürchtest du nicht die Strafe des Himmels, du Nachäffer des Gerechten, der am Jordan tauft! Du, der du die Dirnen unter deinen Schutz nimmst, verlasse das Land Judäas! Damit dein Atem nicht von hier durch die Mauern in die heilige Stadt eindringe!»

«Ich tue nichts Böses. Ich belehre als Rabbi, heile als Wundertäter, treibe Dämonen aus als Exorzist: sie alle gibt es in Judäa. Gott, der ihre Tätigkeit erlaubt, will, daß auch ihr sie achtet und verehrt. Ich verlange keine Verehrung. Ich verlange nur, mich Gutes tun zu lassen jenen, die körperlich, geistig und seelisch krank sind. Warum verbietet ihr es mir?»

«Du bist ein Besessener! Geh fort!»

«Die Beleidigung ist keine Antwort. Ich habe euch gefragt, warum ihr mir verbietet, was ihr anderen erlaubt.»

«Weil du ein Besessener bist und mit Hilfe von Dämonen die Dämonen austreibst und Wunder wirkst.»

«Und eure Exorzisten ? Mit wessen Hilfe tun sie es ?»

«Mit ihrem heiligen Leben. Du aber bist ein Sünder, und um deine Macht zu steigern bedienst du dich der Sünderinnen, denn in der Buhlschaft vermehrt sich der Besitz der dämonischen Kraft. Unsere Heiligkeit hat das Gebiet von deinen Mitschuldigen gesäubert. Aber wir erlauben nicht, daß du hierbleibst, damit nicht noch andere Weiber herbeigelockt werden.»

«Aber ist dies eigentlich euer Haus ?» fragt Petrus, der sich hinter Jesus gestellt und ein nicht sehr vertrauenerweckendes Aussehen hat.

«Es ist nicht unser Haus, aber ganz Judäa und ganz Israel ist in den heiligen Händen der Reinen Israels.»

«Das wäret also ihr?» fragt Iskariot, der auch zur Türe gekommen ist und ein höhnisches Gelächter folgen läßt. Dann fragt er: «Euer anderer Freund, wo ist er? Zittert er noch? Oh, schämt euch, geht, und zwar sofort! Sonst werdet ihr es bereuen müssen...»

«Ruhe, Judas! Du, Petrus, geh an deinen Platz! Hört, ihr Pharisäer und Schriftgelehrten. Zu eurem Heil und aus Mitleid mit euren Seelen bitte ich euch, das Wort Gottes nicht zu bekämpfen. Kommt zu mir. Ich hasse euch nicht. Ich verstehe eure Sinnesart und habe Mitleid mit euch. Ich will euch aber zu einer anderen geistigen Haltung führen, zu einer neuen, einer heiligen, die fähig ist, euch zu heiligen und euch zum Himmel zu führen. Glaubt ihr, ich wäre gekommen, um euch zu bekämpfen? O nein! Ich bin gekommen, um euch zu retten. Deswegen bin ich gekommen. Ich rufe eure Großmut an. Ich bitte euch um Liebe und Verständnis. Gerade weil ihr die Weisesten in Israel seid, müßt ihr die Wahrheit besser als alle anderen verstehen. Seid Seele und nicht Leib! Wollt ihr, daß ich euch auf den Knien bitte? Es geht um eure Seele und darum, sie für den Himmel zu gewinnen. Dafür würde ich mich mit Füßen treten lassen, und ich bin

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sicher, daß der Vater meine Verdemütigung nicht als Irrtum betrachten würde. Sprecht! Sagt mir ein Wort, ich warte darauf.»

«Sei verflucht, sagen wir!»

«Gut. Es ist gesagt! Geht nur! Auch ich werde gehen.» Jesus kehrt ihnen den Rücken zu und geht an seinen Platz zurück. Er neigt sein Haupt über den Tisch und weint. Bartholomäus schließt die Tür, damit keiner der Grausamen, die ihn beleidigt haben und sich nun fluchend und drohend auf den Weg machen, diese Tränen sehe.

Es folgt ein langes Schweigen. Dann streichelt Jakobus des Alphäus das Haupt Jesu und sagt: «Nicht weinen! Wir lieben dich! Auch für sie!»

Jesus erhebt sein Antlitz und sagt: «Ich weine nicht meinetwegen. Ich weine ihretwegen. Sie töten sich selbst, weil sie jeder Einladung gegenüber taub sind.»

«Was machen wir nun, Meister?» fragt der andere Jakobus.

«Wir werden nach Galiläa gehen... Morgen früh brechen wir auf.»

«Nicht heute schon, Herr?»

«Nein! Ich muß mich von den guten Menschen im Ort verabschieden, und ihr werdet mit mir kommen.»

177. EIN NEUER JÜNGER; AUFBRUCH NACH GALILÄA

«Herr, ich habe nur meine Pflicht Gott, meinem Herrn und der Ehrlichkeit des Gewissens gegenüber getan. Ich habe jene Frau während der Zeit, da sie mein Gast war, beobachtet und sie stets ehrbar befunden. Sie mag einmal eine Sünderin gewesen sein. Nun ist sie es bestimmt nicht mehr. Warum soll ich in eine Vergangenheit eindringen, die sie selbst mit einem Gitter verschlossen hat, um sie auszulöschen? Ich habe halbwüchsige Jungen, und sie sind nicht häßlich. Sie aber hat nie ihr wirklich schönes Antlitz gezeigt oder ihre Stimme hören lassen. Ich muß sagen, daß ich den silbernen Klang ihrer Stimme nur vernommen habe, als sie wegen ihrer Verletzung aufschrie. Sonst hat sie das wenige, um das sie bat, nur hinter ihrem Schleier mir oder meiner Frau zugeflüstert und zwar so leise, daß man es kaum verstehen konnte. Siehst du, wie klug sie war? Als sie fürchtete, daß ihre Anwesenheit schaden könnte, ging sie weg. Ich hatte ihr Hilfe und Verteidigung versprochen, aber sie machte keinen Gebrauch davon. Nein, so machen es verkommene Frauen nicht. Ich werde für sie beten, wie sie es gewünscht hat, und auch ohne dieses Andenken. Nimm es, Herr! Mach Almosen daraus, zu ihrem Heil! Von dir getan, wird es ihr gewiß Frieden bringen.»

Der Verwalter spricht ehrerbietig zu Jesus. Er ist ein schöner Mann mit einem aufrichtigen Gesicht und von untersetzter Gestalt. Hinter ihm

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stehen die Kinder, die dem Vater gleichen, sechs treuherzige und intelligente Gesichter, und die Mutter, eine schlanke, sehr sanfte Frau, ganz Güte, die ihrem Manne lauscht, als wenn sie einem Gott zuhören würde, und dabei immer zustimmend mit dem Kopf nickt.

Jesus nimmt das goldene Armband, gibt es Petrus und sagt dabei: «Für die Armen.» Dann wendet er sich wieder an den Verwalter: «Nicht alle in Israel haben deine Rechtschaffenheit. Du bist weise, denn du kannst das Böse vom Guten unterscheiden und folgst dem Guten, ohne zuvor abzuwägen, ob dir dies menschlich gesehen etwas einbringt oder nicht. Im Namen des ewigen Vaters segne ich dich, deine Kinder, deine Gattin und dein Haus. Bewahrt euch stets diese seelische Bereitschaft, und der Herr wird immer mit euch sein, und ihr werdet das ewige Leben haben. Ich gehe jetzt weg, aber es ist nicht gesagt, daß wir uns nie wiedersehen werden. Ich werde zurückkommen, und ihr könnt immer zu mir kommen. Für alles, was ihr für mich und jenes arme Geschöpf getan habt, möge euch Gott seinen Frieden geben.»

Der Verwalter, die Kinder und zuletzt die Frau knien nieder und küssen die Füße Jesu, der sich nach einem letzten Segenszeichen mit den Jüngern in Richtung des Dorfes entfernt.

«Wenn aber die Übeltäter noch dort sind?» fragt Philippus.

«Man kann niemand daran hindern, auf den Landstraßen der Heimat zu reden», antwortet Judas des Alphäus.

«Nein. Aber für sie sind wir Verfemte!»

«Oh, laß sie machen. Sorgst du dich deswegen?»

«Ich sorge mich nur deswegen, weil der Meister gegen Gewaltakte ist. Sie wissen das und nützen es aus», brummt Petrus in den Bart. Er nimmt sicher an, daß Jesus, der mit Simon und Iskariot in Gespräch ist, es nicht hört. Doch Jesus hört es und wendet sich um, halb ernst, halb lächelnd, und sagt: «Du glaubst, daß ich unter Anwendung von Gewalt siegen würde? Das ist eine elende, menschliche Methode. Sie bringt vorübergehende, menschliche Siege. Aber wie lange dauert die Unterdrückung? So lange, bis sie aus sich in den Unterdrückten Widerstand erzeugt, die vereint eine stärkere Gewalt bilden und die vorherige Unterdrückung überwältigen. Ich will kein vorübergehendes Reich! Ich will ein ewiges Reich: das Himmelreich! Wie oft habe ich es euch schon gesagt? Wie oft werde ich es noch sagen müssen? Werdet ihr es je begreifen? Doch, es wird die Zeit kommen, da ihr begreifen werdet.»

«Wann, mein Herr? Ich habe es eilig zu begreifen, um weniger unwissend zu sein», sagt Petrus.

«Wann? Wenn ihr wie das Korn zwischen den Mühlsteinen des Schmerzes und der Reue gemahlen werdet. Ihr könntet, ja, ihr solltet es vorher begreifen. Doch dazu müßtet ihr eure Menschlichkeit abschütteln und euren Geist befreien. Diese Selbstüberwindung vermögt ihr nicht

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aufzubringen. Doch ihr werdet verstehen,... ihr werdet verstehen. Dann werdet ihr auch verstehen, daß ich keine Gewalt anwenden konnte, ein menschliches Mittel, um das Himmelreich zu begründen: das Reich des Geistes. Doch habt jetzt keine Angst! Diese Menschen, die euch bedenklich stimmen, werden uns nichts antun. Ihnen genügt es, daß sie mich vertrieben haben.»

«Wäre es nicht einfacher gewesen, den Synagogenvorsteher zum Verwalter kommen zu lassen oder ihn auf der Hauptstraße zu erwarten?»

«Oh, welch ein vorsichtiger Mann ist doch heute mein Thomas! Aber nein, es wäre nicht einfacher gewesen. Oder besser, es wäre einfacher gewesen, aber nicht korrekt. Er hat meinetwegen Heldenmut gezeigt und wurde in seinem Haus durch meine Schuld belästigt. Es ist daher richtig, wenn ich ihn in seinem Haus besuche und dort tröste.»

Thomas zuckt mit den Schultern und sagt nichts mehr.

Da ist nun die Ortschaft, ausgedehnt, doch sehr ländlich, mit Häusern umgeben von Obstgärten, deren Bäume kahl sind, und es hat viele Schafställe. Es muß ein gutes Weideland für Schafzucht sein, denn überall hört man blöken und sieht Herden, die von den Weiden in der Ebene kommen oder dorthin getrieben werden. Die übliche Straßenkreuzung bildet in ihrer Erweiterung den Marktplatz mit dem Brunnen. Hier ist auch das Haus des Synagogenvorstehers.

Es öffnet eine ältere Frau. Sie hat Tränenspuren im Gesicht. Trotzdem huscht ein Zeichen der Freude darüber, als sie den Herrn erblickt, und sie verneigt sich mit einem Segensgruß.

«Steh auf, Mutter. Ich bin gekommen, um euch Lebewohl zu sagen. Wo ist dein Sohn?»

«Er ist dort», und sie deutet auf ein Zimmer im hinteren Teil des Hauses. «Bist du gekommen, um ihn zu trösten? Mir gelingt es nicht!»

«Ist er so untröstlich ? Bedauert er es, daß er mich verteidigt hat ?»

«Nein, Herr! Aber er ist von Skrupeln geplagt. Doch du wirst ihn hören. Ich will ihn rufen.»

«Nein. Ich werde zu ihm gehen. Ihr wartet hier. Laß uns gehen, Frau!»

Jesus geht die wenigen Schritte durch die Vorhalle, öffnet die Tür und betritt das Zimmer. Er nähert sich leise einem sitzenden, tief gebeugten Mann, der in schmerzliche Betrachtung versunken ist.

«Der Friede sei mit dir, Timoneus!»

«Herr! Du?!»

«Ich. Warum bist du so traurig?»

«Herr... ich... Sie haben mir gesagt, ich hätte gesündigt. Sie haben gesagt, ich sei verfemt. Ich erforsche mich und finde, daß es nicht so ist. Sie aber sind die Heiligen in Israel, und ich bin der arme Synagogenvorsteher. Sicher haben sie recht. Jetzt wage ich nicht mehr den Blick zum zornigen Antlitz Gottes zu erheben. Gerade jetzt wäre es für mich so notwendig!

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Ich diente ihm in wahrer Liebe und war bestrebt, ihn zu verkünden. Nun werde ich dieses Gutes beraubt werden, weil mich der Hohe Rat bestimmt verfluchen wird.»

«Doch, worin besteht dein Schmerz? Darin, nicht mehr Synagogenvorsteher zu sein, oder darin, nicht mehr die Möglichkeit zu haben, von Gott zu sprechen?»

«Das ist es, Meister, was mich schmerzt. Bestimmt würdest du mir etwas sagen, wenn es mir mißfallen würde, nicht mehr Synagogenvorsteher zu sein, weil mir dadurch Vorteil und Ehre zukommen? Das macht mir wirklich nichts aus. Ich habe nur meine Mutter, und sie stammt aus Aera, wo sie ein kleines Haus besitzt; das Dach und der Lebensunterhalt sind ihr gesichert. Was mich betrifft... ich bin jung! Ich werde arbeiten. Aber ich werde es nie mehr wagen, von Gott zu sprechen, weil ich gesündigt habe.»

«Warum hast du gesündigt?»

«Sie sagen, ich sei ein Verbündeter des... Oh, Herr! Laß es mich nicht aussprechen!»

«Nein. Ich verlange es nicht. Ich spreche es nicht aus. Ich und du, wir kennen ihre Anklagen und wissen, daß sie nicht wahr sind. Daher hast du nicht gesündigt, ich sage es dir!»

«So kann ich also noch den Blick zum Allmächtigen erheben? Kann ich dir...»

«Was, mein Sohn?» Jesus ist ganz Zärtlichkeit, während er sich über den Mann beugt, der plötzlich wie eingeschüchtert innegehalten hat.

«Was? Mein Vater sucht deinen Blick, er verlangt nach ihm, und ich möchte dein Herz und deine Gedanken. Ja, der Hohe Rat wird dich beschuldigen. Ich öffne dir die Arme und sage: Komm! Willst du einer meiner Jünger sein? Ich sehe in dir alles, was nötig ist, um ein Arbeiter des Ewigen Herrn zu werden. Komm in meinen Weinberg...»

«Sagst du das im Ernst, Meister? Mutter, hörst du? Mutter hörst du das? Oh, ich preise den Schmerz, der mir diese Freude gebracht hat. Oh, laß uns nun ein großes Fest feiern, Mutter! Nachher gehe ich mit dem Meister, und du wirst in dein Haus zurückkehren. Ich komme sofort, Herr! Du hast alle Trauer in mir ausgelöscht, jeden Schmerz und jede Angst vor Gott.»

«Nein. Du wirst den Entscheid des Hohen Rates abwarten. Mit ruhigem Herzen und ohne Groll. Du bleibst an deinem Platz, bis du entlassen wirst. Dann kommst du zu mir nach Nazareth oder Kapharnaum. Leb wohl! Der Friede sei mit dir und mit deiner Mutter!»

«Dann hältst du dich nicht in meinem Haus auf?»

«Nein, ich werde ins Haus deiner Mutter kommen.»

«Es ist ein Dorf, das nicht sehr gläubig ist.»

«Ich werde es den Glauben lehren. Leb wohl, Mutter! Bist du nun

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glücklich?» Jesus streichelt sie, wie er es immer bei den alten Frauen tut, denen er meistens, wie ich feststellen kann, den Namen "Mutter" gibt.

«Glücklich, Herr! Ich habe einen Sohn für den Herrn großgezogen. Der Herr nimmt ihn mir als Diener für seinen Messias. Der Herr sei dafür gepriesen! Gepriesen seist du, der du sein Messias bist! Gepriesen sei die Stunde, in der du hierher gekommen bist. Gepriesen sei mein Sohn, der zu deinem Dienste berufen ist.»

«Gepriesen sei die Mutter, die heilig wie Anna des Elkana ist. Der Friede sei mit euch!»

Jesus geht, von den beiden gefolgt, hinaus. Er erreicht die Jünger und grüßt nochmals zurück.

Nun beginnt die Rückkehr nach Galiläa.

178. AUF DEN BERGEN BEI EMMAUS

Jesus ist mit den Seinen in einer gebirgigen Gegend. Der Weg ist beschwerlich und steinig, und die Älteren haben ihre Mühe. Die Jungen hingegen sind alle fröhlich um Jesus und steigen lachend und plaudernd hinan. Die beiden Vettern, die beiden Söhne des Zebedäus und Andreas, sind so begeistert, nach Galiläa zurückkehren zu können, daß sie auch Iskariot anstecken, der seit einiger Zeit in bester Gemütsverfassung ist. Er beschränkt sich darauf, zu sagen: «Meister, aber an Ostern, wenn wir zum Tempel gehen, kommst du dann wieder nach Kerioth? Meine Mutter hofft immer noch auf deinen Besuch. Sie hat mir es sagen lassen. Meine Mitbürger ebenfalls!»

«Bestimmt. Jetzt, wenn ich auch wollte, wäre die Jahreszeit zu rauh, um sich auf solch unwegsame Pfade zu begeben. Seht, wie es auch hier mühsam ist. Ohne daß ich es müßte, hätte ich diesen Marsch nicht unternommen... Aber man konnte nicht länger dort bleiben...» Jesus schweigt, in Gedanken verloren.

«Doch danach, ich meine nach Ostern, könnte man dann hingehen? Ich möchte Jakobus und Andreas deine Höhle zeigen», sagt Johannes.

«Vergißt du die Liebe zu Bethlehem etwa unseretwegen? mischt sich Judas Iskariot ein. «Wegen dem Meister, meine ich.»

«Nein. Ich würde mit Jakobus und Andreas hingehen. Jesus könnte in Jutta bleiben oder bei dir zu Hause.»

«Oh, das würde mir gefallen. Bist du einverstanden, Meister? Sie werden nach Bethlehem gehen, und du bleibst mit mir in Kerioth. Mit mir allein bist du noch nie dort gewesen... und ich möchte dich so gern ganz für mich haben...»

«Bist du eifersüchtig? Weißt du nicht, daß ich euch alle auf die gleiche

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Weise liebe? Glaubst du nicht, daß ich mit euch allen bin, auch wenn es scheint, daß ich weit entfernt weile?»

«Ich weiß, daß du uns liebst. Wenn du uns nicht liebtest, wärest du viel strenger, wenigstens mit mir. Ich glaube, daß dein Geist immer über uns wacht. Doch wir sind nicht ganz Geist, wir sind auch Mensch mit menschlichen Gefühlen, seinen Wünschen, seinen Sorgen. Mein Jesus, ich weiß, daß nicht ich es bin, der dich besonders glücklich macht. Aber ich glaube! Du weißt, wie lebhaft in mir der Wunsch ist, dir zu gefallen, und das Bedauern für alle Stunden, in denen ich dich durch meine Armseligkeit verliere...»

«Nein Judas, ich verliere dich nicht. Ich bin dir näher als den anderen, gerade weil ich weiß, wie du bist.»

«Wie bin ich, mein Herr? Sage es mir! Hilf mir zu verstehen, was ich bin. Ich verstehe mich selbst nicht. Es scheint mir, daß ich wie eine Frau bin, die durch Schwangerschaftsgelüste hin- und hergerissen wird. Ich habe heilige und widerliche Neigungen. Warum? Wer bin ich?»

Jesus schaut ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an. Er ist traurig, doch seine Traurigkeit ist von großem Mitleid erfüllt. Viel, viel Mitleid. Er gleicht einem Arzt, der den Zustand eines Kranken feststellt und erkennt, daß es ein unheilbarer Kranker ist. Aber er schweigt.

«Sag es mir, mein Meister. Dein Urteil wird immer das mildeste von allen sein. Übrigens... wir sind unter Brüdern. Es macht mir nichts aus, wenn sie wissen, aus welchem Holz ich bin. Im Gegenteil, wenn sie es von dir erfahren, werden sie ihr Urteil über mich berichtigen und mir helfen. Nicht wahr?»

Die anderen sind verlegen und wissen nicht, was sie sagen sollen. Sie schauen den Gefährten an und betrachten auch Jesus. Jesus begibt sich in die Nähe Iskariots, an den Platz, wo zuvor Vetter Jakobus war, und sagt: «Du bist völlig unausgewogen. Du hast in dir die besten Eigenschaften; doch sie sind nicht gefestigt, und der leiseste Windhauch bringt sie aus dem Gleichgewicht.

Soeben sind wir durch die Schlucht gekommen, und ihre Bewohner haben uns die Schäden an den armseligen Häusern des Dorfes gezeigt, die durch Wasser, Erdreich und von den Bäumen herrühren. Das Wasser, das Erdreich und die Bäume sind nützliche Dinge, nicht wahr? Trotzdem sind sie hier zum Fluch geworden. Warum? Weil das Wasser des Flusses keinen geordneten Lauf hatte; und auch wegen der Nachlässigkeit der Menschen hat sich das Wasser willkürlich und launenhaft mehrere Flußbette gegraben. Es war gut, solange keine Stürme kamen. Es war wie die Arbeit eines Goldschmiedes, dieses klare Wasser, das die Hügel in kleinen Bächen umfloß, mit Diamantsplittern oder Smaragdketten, je nachdem sie das Licht oder den Schatten der Gebüsche widerspiegelten. Der Mensch erfreute sich daran, denn sie waren nützlich, diese plätschernden Wasseradern in

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den Feldern. Wie auch die Sträucher schön waren, die durch die Spielerei des Windes als kapriziöse Büschel bald hier, bald dort gewachsen waren und Lichtungen voller Sonne übrigließen.

Schön war das weiche Erdreich, angeschwemmt von wer weiß wie weit herkommenden Überschwemmungen zwischen den welligen Hügeln, und so fruchtbar für die Pflanzenkulturen, doch die Gewitter vor einem Monat genügten, daß die launigen Wasserläufe sich vereinigten und in ungeordneter Weise überquollen, die hinderlichen Büsche ausrissen und ins Tal schwemmten. Wenn die Gewässer in Ordnung gehalten worden wären, wenn man die Bäume als geordnete Wälder wachsen gelassen hätte, und den Boden auf geordnete Weise mit einem guten Schutz gestützt hätte, dann wären die drei guten Elemente Wasser, Holz und Erdreich nicht zum Tod und Verderben des Ortes geworden. Du hast Intelligenz, Wagemut, Eifer, Bildung, Bereitwilligkeit, ein gutes Aussehen, viele, viele gute Eigenschaften hast du... Doch sie sind in dir verwildert, und du tust nichts dagegen. Schau, du bedarfst geduldiger, ausdauernder Arbeit an dir selbst, um Ordnung zu schaffen, auch Standhaftigkeit in deinen guten Eigenschaften, damit, wenn das Unwetter der Versuchung kommt, das Gute, das in dir steckt, nicht zum Unheil für dich und die anderen werde.»

«Du hast recht, Meister. Ab und zu werde ich durch einen Sturm aufgewühlt und alles geht drunter und drüber, und du sagst, ich könnte...»

«Der Wille ist alles, Judas!»

«Aber es gibt starke Versuchungen... Man versteckt sich aus Angst, die Welt könnte sie aus dem Gesicht lesen.»

«Genau hier liegt der Irrtum. Dies wäre der Augenblick, sich nicht zu verkriechen, sondern unter die Menschen zu gehen, die Guten, um Hilfe zu finden. Der Kontakt mit friedvollen Menschen beruhigt das Fieber der Leidenschaften. Man muß auch die Welt der Kritiker suchen, denn wegen des Hochmuts, der drängt, sich zu verstecken, um sich nicht in unser versuchtes Herz sehen zu lassen, würde dies der moralischen Schwäche entgegenwirken. Man würde nicht fallen.»

«Du bist in die Wüste gegangen.»

«Weil ich es konnte. Doch wehe den Alleingängern, die in ihrer Einsamkeit nicht Vielfalt gegen Vielfalt sind.»

«Wie? Das verstehe ich nicht.»

«Vielfalt der Tugenden gegen die Vielfalt der Versuchungen. Wenn die Tugend nur gering ist, genügt es, es wie diese schlaffe Efeupflanze zu machen: sich an den Zweigen der starken Bäume festzuklammern, um sich hochzuranken.»

«Danke, Meister. Ich werde mich an dir und meinen Gefährten festhalten. Aber ihr müßt mir alle helfen. Ihr seid alle besser als ich.»

«Es war eine rechtschaffenere und genügsamere Umgebung, in der wir aufgewachsen sind, Freund. Doch nun bist du bei uns, und wir lieben

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dich. Du wirst sehen... Es soll dies keine Kritik an Judäa sein; aber glaube mir, in Galiläa, in unseren Dörfern, ist weniger Reichtum und weniger Verderbtheit zu finden. Tiberias, Magdala und andere Orte des Lasters sind in unserer Nähe. Doch wir leben mit unserer einfachen Seele, ungehobelt, wenn du willst, doch arbeitsam und heiligmäßig, zufrieden mit dem, was Gott uns gewährt», sagt Jakobus des Alphäus.

«Aber die Mutter des Judas ist eine heiligmäßige Frau, weißt du, Jakobus? Man liest es ihr aus dem Gesicht...», bemerkt Johannes. Judas von Kerioth lacht glücklich über das Lob, und sein Gesicht strahlt noch mehr, als Jesus bestätigt: «Du hast es gut gesagt, Johannes. Sie ist ein heiliges Geschöpf.»

«O ja! Aber es war der Traum meines Vaters, aus mir einen Großen der Welt zu machen, und er hat mich zu früh und zu gewaltsam von meiner Mutter weggerissen...»

«Aber was habt ihr euch denn heute zu sagen, daß ihr ohne Unterlaß redet?» fragt Petrus von ferne. «Haltet an und wartet auf uns. Es ist nicht nett von euch, so zu rennen, ohne daran zu denken, daß ich kurze Beine habe.»

Sie warten, bis die andere Gruppe sie eingeholt hat.

«Uff, wie liebe ich dich, mein Schifflein! Hier müht man sich ab wie Sklaven. Worüber habt ihr geredet?»

«Wir nannten die Eigenschaften, um gut zu sein», antwortet Jesus.

«Mir sagst du sie nicht, Meister?»

«Aber ja: Ordnung, Geduld, Beharrlichkeit, Demut, Liebe... Ich habe es euch schon so oft gesagt.»

«Aber Ordnung hast du nicht erwähnt. Wozu ist sie gut?»

«Unordnung ist nie eine gute Eigenschaft. Ich habe es deinen Gefährten erklärt. Sie werden es dir sagen, und ich habe sie als erste genannt und am Schluß die Liebe, denn es sind die beiden Extreme einer Geraden in der Vollkommenheit. Nun weißt du, daß eine Gerade auf einer Zeichnung weder Anfang noch Ende hat. So können beide Enden sowohl Anfang als auch Ende sein, während es bei einer Spirale oder einer anderen Zeichnung, die nicht in sich geschlossen ist, immer einen Anfang und ein Ende gibt. Die Heiligkeit ist linear, einfach, vollkommen und hat nur zwei äußere Enden, wie es die Gerade hat.»

«Es ist leicht, eine Gerade zu ziehen...»

«Glaubst du? Du irrst dich. In einer Zeichnung, besonders einer komplizierten, kann unmerklich ein Fehler vorkommen. Doch bei einer Geraden sieht man sofort jeden Fehler; ob sie schief oder unsicher gezogen ist.

Als mich Joseph das Handwerk lehrte, bestand er sehr auf der geraden Linie der Bretter, und er sagte mir mit Recht: "Siehst du, mein Sohn? Eine leichte Unvollkommenheit in einer Verzierung oder in einer Drechslerarbeit kann noch durchgehen, denn ein unerfahrenes Auge kann, wenn

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es einen Punkt betrachtet, eine bestimmte Stelle sehen, aber die andere nicht. Aber wenn ein Brett nicht gerade ist, wie es sein soll, dann gelingt die einfachste Arbeit nicht, wie zum Beispiel ein gewöhnlicher Bauerntisch. Entweder neigt er zur Seite oder er wackelt. Er ist nur zum Feuern gut!" Wir können dies auch auf die Seele anwenden.

Um nicht nur für das Feuer der Hölle zu taugen, sondern für die Eroberung des Himmels, muß man so vollkommen sein wie ein gehobeltes und winkelrechtes Brett. Wer seine geistige Arbeit mit Unordnung beginnt, fängt mit unnützen Dingen an und hüpft wie ein unruhiger Vogel von einer Sache zur anderen. Wenn er dann alles miteinander vereinigen will, bringt er es nicht mehr fertig, weil die Teile nicht zusammenpassen. Daher: Ordnung! Daher: Liebe! Wenn man nun diese Enden festgeschraubt hält, damit sie einem nicht mehr entgleiten können, dann kann die übrige Arbeit in Angriff genommen werden, ob dies nun Verzierungen oder Schnitzereien seien. Hast du verstanden?»

«Ich habe verstanden.» Petrus kaut schweigend an seiner Lektion und kommt plötzlich zu einem Schluß: «So ist mein Bruder tüchtiger als ich. Er ist so ordentlich. Ein Schritt nach dem anderen, still und ruhig. Es scheint, als ob er sich nicht von der Stelle rühre. Ich hingegen... ich möchte schnell und viel machen, und dabei kommt doch nichts heraus. Wer hilft mir?»

«Dein guter Wunsch. Hab keine Angst, Petrus. Auch du wirst es schaffen.»

«Auch ich?»

«Auch du, Philippus.»

«Und ich? Mir scheint, ich tauge zu gar nichts.»

«Nein, Thomas. Auch du arbeitest an dir. Alle, alle arbeiten an sich. Ihr seid wilde Bäume. Doch die aufgepfropften Äste verändern euch langsam, aber sicher, und ich habe an euch meine Freude.»

«So ist es. Wenn wir traurig sind, tröstest du uns, wenn wir schwach sind, stärkst du uns, wenn wir ängstlich sind, ermutigst du uns. Für alles und in allen Fällen hast du Rat und Trost bereit. Wie machst du es nur, Meister, immer so bereit und gut zu sein?»

«Meine Freunde, ich bin deswegen gekommen, denn ich wußte schon, was ich vorfinden würde und was ich zu tun hätte. Ohne Illusionen gibt es keine Enttäuschungen, und man verliert den Mut nicht. Man macht weiter. Denkt daran, wenn es einmal an euch sein wird zu sehen, wieviel ihr noch zu arbeiten habt, um aus einem triebhaften Menschen einen geistigen zu machen.»

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179. IM HAUSE DES SYNAGOGENVORSTEHERS KLEOPHAS

Johannes und sein Bruder klopfen in einem Dorfe an eine Haustür. Ich erkenne jenes Haus wieder, in das die beiden Jünger von Emmaus mit dem auferstandenen Jesus gegangen sind. Als ihnen geöffnet wird, treten sie ein und reden mit jemandem, den ich nicht sehen kann. Dann gehen sie hinaus auf einen Weg und erreichen Jesus, der mit den anderen an einem abseits gelegenen Orte wartet.

«Er ist da, Meister und ist sehr glücklich, daß du wirklich gekommen bist. Er hat gesagt: "Geht und sagt ihm, daß mein Haus ihm gehört. Nun will auch ich kommen."»

«Dann wollen wir gehen.»

Sie gehen eine Zeitlang und begegnen dem alten Synagogenvorsteher Kleophas, der mir schon vom "Trügerischen Gewässer" her bekannt ist. Sie verneigen sich gegenseitig, doch dann kniet der Greis, der einem Patriarchen gleicht, mit ehrerbietigem Gruße nieder. Bewohner des Ortes, die es sehen, kommen neugierig herbei.

Der alte Mann erhebt sich und sagt: «Seht, das ist der verheißene Messias. Erinnert euch an diesen Tag, ihr Einwohner von Emmaus!»

Die einen betrachten ihn mit menschlicher Neugier, die anderen schon mit Blicken frommer Ehrfurcht. Zwei bahnen sich einen Weg, kommen zu ihm hin und sagen: «Der Friede sei mit dir, Rabbi! Auch wir waren an jenem Tage dabei.»

«Der Friede sei mit euch und mit allen! Ich bin zu euch gekommen, da mich euer Synagogenvorsteher darum gebeten hat.»

«Wirst du auch hier Wunder wirken?»

«Wenn hier Kinder Gottes sind, die glauben und des Wunders bedürfen, werde ich bestimmt Wunder wirken.»

Der Synagogenvorsteher sagt: «Wer den Meister hören will, und die, die Kranke daheim haben, mögen in die Synagoge kommen. Darf ich dies bekanntgeben, Meister?»

«Du darfst es. Nach der sechsten Stunde gehöre ich euch. Im Moment gehöre ich dem guten Kleophas.» Gefolgt von einem Schwarm von Leuten, geht Jesus an der Seite des alten Mannes zu dessen Haus.

«Hier ist mein Sohn, Meister, und meine Frau, die Frau meines Sohnes und deren kleine Kinder. Es tut mir sehr leid, daß mein anderer Sohn mit dem Schwiegervater meines Sohnes Kleophas und einem Unglücklichen von hier in Jerusalem ist. Ich werde dir darüber berichten. Tritt ein, Herr, mit deinen Jüngern.»

Sie treten ein und werden mit den üblichen hebräischen Erfrischungen bedient. Dann gehen sie in die Nähe des Feuers, das unter einem großen Kamin brennt; denn der Tag ist feucht und kalt.

«Gleich werden wir uns zu Tisch begeben. Ich habe die Vornehmen des

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Ortes eingeladen. Es wird ein großes Fest heute. Nicht alle glauben an dich. Aber sie sind dir nicht feindlich gesinnt. Sie warten ab... Sie möchten glauben... aber sie sind, was den Messias anbelangt, in diesen letzten Jahren zu oft enttäuscht worden. Es ist Mißtrauen. Es würde ein gutes Wort vom Tempel genügen, um jeden Zweifel zu beheben. Aber der Tempel... Ich habe gedacht, daß man schon, wenn man dich sieht und hört, viel in diesem Sinne tun könnte. Ich möchte dir echte Freunde geben.»

«Du bist einer von ihnen.»

«Ich bin ein alter, armseliger Mann. Wäre ich jünger, so würde ich dir nachfolgen. Doch die Jahre lasten auf mir.»

«Du dienst mir schon mit deinem Glauben. Du predigst über mich mit deinem Glauben. Sei getrost, Kleophas! Ich werde deiner in der Stunde der Erlösung gedenken.»

«Dort kommt Simon mit Hermas», meldet der Sohn des Vorstehers. Alle erheben sich beim Eintreten zweier Männer mittleren Alters von vornehmem Aussehen.

«Da sind Simon und Hermas, Meister. Sie sind wahrhaftige Israeliten und sehr aufrichtig in ihren Herzen.»

«Gott wird sich ihren Herzen enthüllen. Der Friede komme über sie. Ohne Frieden kann man Gott nicht vernehmen!»

«Das steht auch im Buch der Könige, wo von Elias die Rede ist.»

«Sind dies deine Jünger?» fragt Simon.

«Ja.»

«Sie sind verschiedenen Alters und aus allen Gegenden. Bist du Galiläer ?»

«Von Nazareth, doch in Bethlehem geboren zur Zeit der Volkszählung.»

«Bethlehemit also. Das bestätigen deine Gesichtszüge.»

«Es ist eine gütige Bestätigung für die menschliche Schwäche. Doch die wahre Bestätigung liegt im Übermenschlichen.»

«In deinen Werken, willst du sagen?» fragt Hermas.

«In ihnen und in den Worten, die der Geist auf meinen Lippen entzündet.»

«Sie wurden mir von denen wiederholt, die dich sprechen gehört haben. Wahrlich groß ist deine Weisheit, und mit dieser gedenkst du dein Reich zu gründen?»

«Ein König braucht Untertanen mit der Kenntnis der Gesetze seines Reiches.»

«Aber deine Gesetze sind alle geistiger Natur.»

«Du sagst es, Hermas! Alle sind geistiger Natur. Ich werde ein geistiges Reich haben, daher habe ich ein geistiges Gesetzbuch.»

«Doch wie steht es mit der Wiederaufrichtung Israels?»

«Ihr dürft nicht in den üblichen Irrtum fallen und den Namen "Israel"

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im menschlichen Sinne verstehen. "Israel" bedeutet "Volk Gottes". Ich werde die Freiheit und die wahre Macht dieses Volkes Gottes wiederherstellen und es wiederaufbauen und gleichzeitig dem Himmel die erlösten und über die ewigen Wahrheiten unterrichteten Seelen wiederbringen.»

«Laßt uns zu Tisch gehen, ich bitte euch», sagt Kleophas, der mit Jesus in der Mitte der Tafel Platz nimmt. Zur Rechten Jesu sitzt Hermas und neben Kleophas ist Simon, dann kommt der Sohn des Synagogenvorstehers, und auf den übrigen Plätzen sind die Jünger.

Vom Gastgeber dazu aufgefordert, opfert und segnet Jesus die Speisen, und die Mahlzeit beginnt.

«Kommst du in diese Gegend, Meister?» fragt Hermas.

«Nein. Ich gehe nach Galiläa. Ich bin nur auf der Durchreise.»

«Wie, du verläßt das "Trügerische Gewässer" ?»

«Ja, Kleophas.»

«Dort konnten dich die Scharen ungeachtet des Winters besuchen. Warum enttäuschst du sie?»

«Nicht ich. So wollen es die Reinen Israels.»

«Was? Warum? Was hast du Böses getan? In Palästina gibt es viele Rabbis, die dort reden, wo sie wollen. Warum sollte es dir nicht erlaubt sein?»

«Forsche nicht, Kleophas. Du bist alt und weise. Laß nicht das Gift bitterer Erfahrung in dein Herz eindringen.»

«Vielleicht verkündest du neue Lehren, die als gefährlich gelten... Oh, bestimmt durch Irrtum in der Bewertung der Schriftgelehrten und Pharisäer. Soviel wir von dir wissen, scheint uns dies der Fall zu sein... nicht wahr, Simon? Aber vielleicht wissen wir nicht alles. Worin besteht nach dir die Lehre?» fragt Hermas.

«In der genauen Kenntnis der Zehn Gebote Gottes. In der Liebe und der Barmherzigkeit. Die Liebe und die Barmherzigkeit, der Atem und das Blut Gottes, sind die Richtlinien für mein Verhalten und für meine Lehre. Ich wende sie bei allen Vorkommnissen meines täglichen Lebens an.»

«Aber das ist doch nicht Sünde, das ist Güte!»

«Es wird von den Schriftgelehrten und Pharisäern als Sünde beurteilt! Aber ich kann meine Mission nicht verraten, noch Gott gegenüber ungehorsam sein: Gott, der mich als "Barmherzigkeit" auf die Erde gesandt hat. Die Zeit der Fülle der Barmherzigkeit ist angebrochen, nach Jahrhunderten der Gerechtigkeit. Sie ist die Schwester der ersteren. Sie sind beide aus einem Schoß hervorgegangen. Doch während früher die Gerechtigkeit die stärkere war und die andere nur die Strenge milderte -denn Gott kann nicht anders als lieben – ist nun die Barmherzigkeit die Königin, und wie sehr freut sich nun die Gerechtigkeit, die sehr darunter gelitten hatte, daß sie strafen mußte! Wenn ihr alles überdenkt, dann erkennt ihr leicht, daß es sie immer gegeben hat, seit der Mensch Gott dazu

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gezwungen hat, streng zu sein. Die Fortdauer der Menschheit ist nur die Bestätigung dessen, was ich sage. Schon in der Bestrafung Adams lag Barmherzigkeit. Gott hätte die Menschen nach der Sünde einäschern können. Aber er legte ihnen eine Sühne auf, und der Frau, als der Ursache allen Unheils, die dadurch ihrer Würde verlustig gegangen war, stellte er eine leuchtende Frauengestalt als Ursache des Heils entgegen. Beiden gewährte er Nachkommen und die Erkenntnis ihres Daseins. Dem Mörder Kain gewährte er zusammen mit der Gerechtigkeit das Zeichen der Barmherzigkeit, damit er nicht getötet würde. Der verderbten Menschheit schenkte er Noah, um ihren Fortbestand in der Arche zu retten, und versprach, mit ihr alsdann einen ewigen Bund des Friedens zu schließen. Keine gewaltige Sintflut mehr sollte es geben. Nie mehr! Die Gerechtigkeit wurde durch die Barmherzigkeit bezwungen. Wollt ihr mit mir die heilige Geschichte bis zu meiner Stunde zurückverfolgen? Ihr werdet sehen, wie großzügig die Wogen der Liebe sich wiederholen und wie dies immer öfters geschehen wird. Das Meer Gottes ist jetzt voll, es trägt dich, o Menschheit, auf seinen heiteren und sanften Wassern und erhebt dich zum Himmel, gereinigt und schön, und sagt: "Ich gebe dich meinem Vater zurück."»

Die drei sind ganz in Gedanken versunken und staunen über so viel Licht und Liebe. Dann seufzt Kleophas: «So ist es! Doch nur du allein bist so! Was wird mit Joseph geschehen? Er sollte schon vernommen worden sein, nicht? Oder wird er es erst?»

Niemand antwortet. Kleophas wendet sich an Jesus: «Meister, einer von Emmaus, dessen Vater vor langer Zeit seine Frau verstoßen hat, die dann nach Antiochia ging, um dort bei einem Bruder zu leben, einem Ladenbesitzer, ist in schwere Schuld verstrickt. Er hatte diese Frau nie gekannt, und ich forsche nicht nach den Gründen, die zu ihrer Vertreibung nach wenigen Monaten der Ehe geführt hatten. Er wußte nichts von ihr, denn verständlicherweise war ihr Name in seinem Haus verpönt. Als er zum Manne herangewachsen war und vom Vater den Handel und die Güter geerbt hatte, dachte er daran, zu heiraten. Er hatte in Joppe eine Frau kennengelernt, eine reiche Handelshausbesitzerin, und heiratete sie. Nun – ich weiß nicht, wie er es erfahren hat – wurde ihm bekannt, daß jene Frau die Tochter der Frau seines Vaters sei. Also eine schwere Sünde, ob gleich man meiner Ansicht nach nicht sicher weiß, wer der Vater der Frau ist. Vom Gericht verurteilt, hat Joseph seinen Frieden als Gläubiger und als Ehemann verloren. Obwohl er mit großem Schmerz seine Frau, viel leicht seine Schwester, verstoßen hat, die dann vom Fieber befallen wurde und gestorben ist, erhält er keine Vergebung. Ich sage aufrichtig, daß er nicht so hart bestraft worden wäre, wenn nicht Feinde hinter dem Besitz her wären. Was würdest du tun?»

«Der Fall ist sehr ernst, Kleophas. Warum hast du mir nichts davon gesagt, als du bei mir warst ?»

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«Ich wollte dich nicht von hier fernhalten.»

«Oh, ich weiche solchen Angelegenheiten nicht aus. Nun höre! Es liegt grundsätzlich eine Blutschande vor, die strafbar ist. Doch die moralische Schuld setzt, um wirklich Schuld zu sein, den Willen zu sündigen voraus. Hat dieser Mann bewußt eine Blutschande begangen? Du sagst nein. Wo ist also die Schuld? Ich will sagen, die Schuld, aus freiem Willen gesündigt zu haben. Es bleibt nur das Zusammenleben mit der Tochter des eigenen Vaters. Aber du sagst, daß es ungewiß ist, daß es überhaupt ihr Vater war. Selbst wenn dem so wäre, hätte die Schuld mit der Beendigung des Zusammenlebens ein Ende. Hier ist Beendigung gegeben, nicht nur durch die Verstoßung seiner jungen Frau, sondern auch wegen des darauffolgenden Todes. Deshalb sage ich, daß dem Mann, trotz der scheinbaren Schuld, verziehen werden sollte. Ich sage: Da es für königliche Inzucht keine Bestrafung gibt, obgleich sie offenkundig ist, müßte man in diesem schmerzlichen Falle Barmherzigkeit walten lassen; in diesem Fall, dessen Ursprung auf die Erlaubnis der Verstoßung zurückgeht, die von Moses gegeben wurde, um böse Folgen – wenn nicht schwerere, so doch zahlreichere – zu verhüten. Diese Erlaubnis verurteile ich; denn der Mann, der eine gute oder schlechte Ehe eingegangen ist, muß mit dem Ehepartner leben und darf die Frau nicht verstoßen und damit den Ehebruch und ähnliche Situationen begünstigen. Außerdem, wenn man schon streng sein will, dann muß man es mit allen und in gleichem Maße sein, ja, zuerst mit sich selbst und mit den Mächtigen. Bis jetzt hat, soviel ich weiß, außer dem Täufer noch niemand die Stimme gegen die königlichen Sünder erhoben. Sind jene, die andere verurteilen, immun gegen solche und noch schlimmere Sünden, oder dienen ihnen ihr Name und ihre Macht dazu, sie zu verbergen, so wie ihr prunkvolles Gewand ihrem oft durch Laster erkrankten Körper als Deckung dient?»

«Du hast gut gesprochen, Meister! So ist es. Aber du... wer bist du eigentlich ?» fragen gleichzeitig die beiden Freunde des Synagogenvorstehers. Jesus kann nicht antworten, denn die Tür geht auf und Simon, der Schwiegervater des Sohnes des Kleophas, kommt herein.

«Gut zurückgekehrt? Nun?»

Die Neugier ist so lebhaft, daß niemand mehr an den Meister denkt.

«Absolute Verurteilung. Sie nehmen nicht einmal die Opfergabe an. Joseph ist aus Israel verstoßen!»

«Wo ist er?»

«Draußen. Er weint. Ich habe versucht, mit den Mächtigsten zu reden. Sie haben mich wie einen Aussätzigen verjagt. Nun... Aber... Es ist der Ruin dieses Mannes, was seine Seele und seine Güter anbelangt... Was soll er tun?»

Jesus steht auf und geht wortlos zur Türe.

Der alte Kleophas glaubt, daß Jesus beleidigt sei, weil man ihm

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momentan keine Beachtung geschenkt hat, und sagt: «Oh, verzeih, Meister. Es ist der Schmerz über die Angelegenheit, der mich erschüttert. Bleibe, ich bitte dich!»

«Ich bleibe, Kleophas. Ich gehe nur zu jenem Unglücklichen. Ihr könnt mitkommen, wenn ihr wollt.» Jesus geht in die Vorhalle.

Das Haus besitzt einen Vorgarten mit kleinen Beeten, und davor ist die Straße. Am Eingang liegt ein Mann auf dem Boden. Jesus geht mit offenen Armen auf ihn zu. Hinter ihm kommen alle anderen, die versuchen, etwas zu sehen.

«Joseph, hat dir denn niemand vergeben?» Die Stimme Jesu ist voller Güte. Der Mann richtet sich auf, als er nach all den Verfluchungen diese neue, so gütige Stimme vernimmt. Er erhebt das Antlitz und blickt Jesus erstaunt an.

«Joseph, hat dir niemand vergeben?» wiederholt Jesus noch einmal und beugt sich über ihn, um die Hände des Mannes zu ergreifen und ihm aufzuhelfen.

«Wer bist du?» fragt der Unglückliche.

«Ich bin die Barmherzigkeit und der Friede!»

«Für mich gibt es keine Barmherzigkeit und keinen Frieden mehr.»

«Im Herzen Gottes gibt es sie immer. Jenes Herz ist übervoll davon, besonders für seine unglücklichen Kinder.»

«Aber meine Schuld wiegt so schwer, daß ich nun von Gott verstoßen bin. Du, der du so gut bist, laß mich los, damit ich dich mit meiner Unreinheit nicht beflecke.»

«Ich lasse dich nicht. Ich will dich zum Frieden führen.»

«Aber ich bin... Wer bist du?»

«Ich habe es dir gesagt: Barmherzigkeit und Friede! Ich bin der Retter. Jesus bin ich. Steh auf! Ich kann, was ich will. Im Namen Gottes spreche ich dich los von der unverschuldeten Befleckung. Ein anderes Unheil existiert nicht. Ich bin das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt. Mir ist alle Gewalt gegeben in Ewigkeit. Wer an meine Worte glaubt, wird das ewige Leben haben. Komm, armer Sohn Israels. Erquicke deinen müden Körper und stärke deine bedrückte Seele! Ganz andere Sünden werde ich noch vergeben. Nein, nicht durch mich soll Verzweiflung in die Herzen kommen. Ich bin das makellose Lamm; aber ich fliehe nicht vor den verwundeten Schafen aus Angst, mich zu beflecken. Im Gegenteil, ich suche sie und leite sie. Viele, zu viele gehen ins Verderben, weil sie mit zuviel und auch mit unberechtigter Strenge verurteilt werden. Wehe jenen, die mit unnachgiebiger Härte eine Seele zur Verzweiflung treiben. Sie wahren nicht die Interessen Gottes, sondern die Interessen Satans. Ich denke jetzt an eine Sünderin, die Sehnsucht nach der Erlösung hat und vom Erlöser ferngehalten wird; ich denke an einen Synagogenvorsteher, der verfolgt wird, weil er gerecht ist, und an einen Beschuldigten, der

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ahnungslos in Sünde gefallen ist. Zu viele Dinge sehe ich dort geschehen, wo Laster und Lüge herrschen. Wie eine Mauer, die, Stein auf Stein gelegt, immer höher und zur Wand wird, so geschehen Dinge – in diesem Jahr habe ich schon zu viele davon gesehen – die zwischen mir und den anderen eine immer höhere Mauer der Härte bilden. Wehe ihnen, wenn sie am höchsten geworden ist mit Materialien, die sie selbst hierfür geliefert haben! Komm, trink und iß. Du bist erschöpft. Morgen wirst du dann mit mir kommen. Habe keine Angst. Wenn du deinen Seelenfrieden wieder gefunden hast, wirst du frei über deine Zukunft entscheiden können. Jetzt könntest du es nicht, und es wäre gefährlich, es dich tun zu lassen.»

Jesus hat den Mann in den Saal geführt und ihn gezwungen, sich an seinen Platz zu setzen. Er bedient ihn auch und wendet sich dann an Hermas und Simon und sagt: «Das ist meine Lehre! Diese und keine andere! Ich werde mich nicht darauf beschränken, sie zu predigen, vielmehr werde ich sie verwirklichen. Wer nach Wahrheit und Liebe dürstet, der komme zu Mir!»

Jesus sagt: «Hiermit endet mein erstes Jahr der Verkündigung der Heilsbotschaft. Erinnert euch daran! Was soll ich euch sagen? Ich habe euch dieses Werk gegeben, weil es mein Wunsch ist, daß es bekannt werde. Doch wie mir mit den Pharisäern, so wird es auch diesem Werk ergehen. Mein Wunsch, geliebt zu werden – kennen ist lieben – wird aus vielen Gründen zurückgewiesen, und das ist ein großer Schmerz für mich, den ewigen Meister, als

euer Gefangener ...»

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180. UNTERWEISUNG DER JÜNGER AUF DEM WEG NACH ARIMATHÄA

«Herr, was werden wir mit diesem anfangen ?» fragt Petrus Jesus, indem er auf den Mann namens Joseph zeigt, der ihnen folgt, seit sie Einmaus verlassen haben, und nun den beiden Söhnen des Alphäus und des Simon zuhört, die sich seiner ganz besonders angenommen haben.

«Ich habe es schon gesagt. Er wird mit uns bis nach Galiläa kommen.»

«Aber dann? ...»

«Dann... wird er bei uns bleiben. Du wirst sehen, daß es so kommen wird.»

«Wird auch er ein Jünger werden? Mit all dem, was er auf dem Gewissen hat ?»

«Bist auch du ein Pharisäer?»

«Ich... nein! Aber mir scheint, daß die Pharisäer jeden unserer Schritte beobachten...»

«Wenn sie ihn bei uns sehen, werden sie uns Unannehmlichkeiten bereiten. Das willst du sagen, nicht wahr? Also, um uns nicht der Gefahr auszusetzen, belästigt zu werden, sollen wir einen Sohn Abrahams seiner Verzweiflung überlassen? Nein, Simon Petrus. Es geht um eine Seele, die verlorengehen oder gerettet werden kann, je nachdem, wie ihre große Wunde behandelt wird.»

«Aber sind denn nicht schon wir deine Jünger?»

Jesus schaut Petrus an und lächelt fein. Dann sagt er: «Vor vielen Monaten sagte ich dir einmal: "Viele andere werden noch hinzukommen." Das Feld ist sehr groß und weit. Die Arbeiter werden immer zu gering an der Zahl sein für eine solche Ausdehnung... auch weil viele das Los des Jonas teilen werden: sie werden bei der harten Arbeit sterben. Doch ihr werdet immer meine Bevorzugten sein», schließt Jesus und zieht den schmollenden Petrus an sich, der sich bei diesem Versprechen beruhigt.

«Dann kommt er also mit uns?»

«Ja, solange sein Herz nicht geheilt ist. Es ist mit Bitterkeit erfüllt durch all den Haß, den es erleiden mußte.»

Auch Jakobus und Johannes erreichen zusammen mit Andreas den Meister und hören ihm zu.

«Ihr könnt nicht ermessen, welch großes Leid ein Mensch einem anderen Menschen durch feindselige Unnachgiebigkeit zufügen kann. Bedenket stets, daß euer Meister immer sehr gütig gegen die seelisch Kranken

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gewesen ist. Ihr glaubt, daß meine größten Wunder und die stärkste Wirkung meiner Kraft den Heilungen des Körpers gelten. Nein, Freunde... Ja, kommt auch ihr näher, die ihr vorausgeht oder hinten nachkommt. Die Straße ist breit, und wir können jetzt in einer geschlossenen Gruppe gehen.»

Alle drängen sich um Jesus, der fortfährt: «Meine bedeutendsten Werke, die am klarsten von meinem Wesen und meiner Mission zeugen und die mein Vater mit Wohlgefallen betrachtet, sind die Heilungen der Herzen; sei es, daß es sich um die Heilung von einem oder mehreren Hauptlastern handelt, oder daß ich von der Trostlosigkeit befreie, die einen Menschen dermaßen niederdrückt, daß er glaubt, von Gott heimgesucht oder verlassen worden zu sein.

Was bleibt der Seele, die diese Gewißheit der Hilfe Gottes verloren hat? Sie ist eine schwache Ackerwinde, die im Staube dahinkriecht, da sie sich nicht mehr an ihre Überzeugung festklammern kann, die vorher ihre Kraft und Freude war. Es ist schrecklich, ohne Hoffnung leben zu müssen. Das Leben ist schön trotz seiner Härten, nur weil es den Strahl der göttlichen Sonne empfängt. Das Ziel dieses Lebens ist jene Sonne. Ist der menschliche Tag düster, von Tränen erfüllt und vom Blute gezeichnet? Ja, aber dann wird die Sonne scheinen. Kein Schmerz, keine Trennung, keine Bitterkeit, kein Haß, kein Elend und keine Einsamkeit mehr in den bedrückenden Nebeln, sondern Licht und Gesang, Freude und Friede, Gott! Gott, die Ewige Sonne! Schaut, wie traurig die Erde erscheint, wenn eine Sonnenfinsternis eintritt. Wenn sich der Mensch sagen müßte: "Die Sonne ist nicht mehr", wäre es dann nicht so, als ob er für immer in eine dunkle Gruft eingemauert und begraben wäre; als ob er schon vor dem eigentlichen Tode gestorben wäre? Aber der Mensch weiß, daß jenseits des Himmelskörpers, der die Sonne verdeckt und die Erde verdunkelt, immer noch die heitere Sonne Gottes leuchtet. Das ist das Bewußtsein der Gottverbundenheit während seines Lebens auf Erden. Die Menschen verletzen, bestehlen und verleumden. Gott heilt, vergilt und rechtfertigt in vollem Maße. Die Menschen sagen. "Gott hat dich verstoßen." Die vertrauensvolle Seele aber denkt, ja muß denken: "Gott ist gut und gerecht. Er kennt die Gründe und ist barmherzig, und seine Barmherzigkeit ist größer als die des gütigsten Menschen. Sie ist unendlich. Deshalb wird er mich nicht abweisen, wenn ich mein verweintes Antlitz an seiner Brust berge und sage: 'Vater, du allein bleibst mir. Dein Kind ist betrübt und niedergeschlagen. Gib mir deinen Frieden .... ..

Ich, der von Gott Gesandte, sammle alle, die der Mensch verwirrt und Satan mit sich gerissen hat, und rette sie. Dies ist meine Aufgabe. Dies ist sie wahrhaftig. Das Wunder am menschlichen Leib ist göttliche Macht. Die Erlösung der Seelen ist das Werk Jesu Christi, des Retters und Erlösers. Ich denke, und ich irre nicht, daß alle, die ihre Würde in den Augen

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Gottes und in ihren eigenen Augen durch mich wiedergefunden haben, meine getreuen Jünger sein werden. Mit umso größerer Überzeugungskraft werden sie das Volk zu Gott führen, indem sie sagen: "Ihr seid Sünder? Ich auch. Ihr seid gedemütigt worden? Ich auch. Ihr seid verzweifelt ? Ich auch, und doch, seht ihr? Der Messias hat sich meines seelischen Elends erbarmt und mich als seinen Priester aufgenommen, denn er ist die Barmherzigkeit und wünscht, daß sich die Welt davon überzeuge. Niemand ist besser dafür geeignet, zu überzeugen, als der, der es an sich selbst erfahren hat." Nun will ich meine Freunde und jene, die mich seit meiner Geburt lieben, also die Hirten, mit diesen Menschen vereinigen. Besser noch: ich geselle sie den Hirten und den Geheilten bei, allen, die auch ohne besondere Erwählung, wie dies bei euch Zwölfen der Fall ist, sich auf meinen Weg begeben und ihm bis zu ihrem Tode folgen werden. In der Nähe von Arimathäa lebt Isaak. Ich werde ihn mit mir nehmen, damit er mit Timoneus geht, sobald dieser angekommen ist. Joseph, unser Freund, hat mich darum gebeten. Wenn du glaubst, daß in mir der Friede und das Ziel eines ganzen Lebens zu finden sind, kannst du dich zu ihnen gesellen. Sie werden dir gute Brüder sein.»

«Oh, welch ein Trost für mich! Es ist genau so, wie du sagst. Meine tiefen Wunden, als Mensch und als Gläubiger, heilen von Stunde zu Stunde. Seit drei Tagen bin ich bei dir, und ich habe das Gefühl, daß all das, was mich noch vor drei Tagen quälte, sich wie ein Traum von mir entfernt. Ich habe diesen Traum gelebt, doch je mehr Zeit vergeht, um so mehr verbleichen seine scharfen Umrisse vor deiner Wirklichkeit. In diesen Nächten habe ich viel nachgedacht. In Joppe habe ich einen guten Verwandten. Er ist... die unabsichtliche Ursache meines Unheils gewesen, weil ich durch ihn jene Frau kennengelernt habe. Dies soll dir beweisen, ob wir wissen konnten, wessen Tochter sie war... Von ihr, der ersten Frau meines Vaters, ja, von ihr wird sie es wohl gewesen sein, aber nicht von meinem Vater. Sie hatte einen anderen Namen und kam von weither. Sie lernte durch den Handel meinen Verwandten kennen, und so lernte auch ich sie kennen. Der Verwandte ist sehr auf mein Unternehmen aus. Ich werde es ihm anbieten, da es ohne Herrn eingehen würde. Er wird es mir zweifellos abkaufen, um nicht mehr so sehr vom Gewissen geplagt zu werden, die Ursache meines Unglücks zu sein. Ich werde mir genügen und dir nachfolgen können. Ich bitte dich nur, mir Isaak, den du genannt hast, beizugesellen. Ich habe Angst, mit meinen Gedanken allein zu sein. Sie sind noch zu traurig...»

«Ich werde dir Isaak geben. Er ist ein guter Mensch. Der Schmerz hat ihn veredelt. Dreißig Jahre lang hat er sein Kreuz getragen. Er weiß, was leiden heißt... Wir werden indes weitergehen, und ihr werdet uns in Nazareth einholen.»

«Werden wir nicht im Haus Josephs verweilen?»

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«Joseph ist wahrscheinlich in Jerusalem... Das Hohe Rat hat viel zu tun. Aber wir werden es durch Isaak erfahren. Wenn er da ist, werden wir ihm unseren Frieden bringen. Wenn nicht, dann werden wir nur eine Nacht bleiben, um uns auszuruhen. Ich habe es eilig, nach Galiläa zu kommen. Dort ist eine Mutter, die leidet. Denn vergeßt nicht, es ist dort jemand, der alles daransetzt, um sie zu betrüben. Ich will sie beruhigen.»

181. AUF DEM WEG NACH SAMARIA; UNTERWEISUNG DER APOSTEL

Jesus ist mit seinen Zwölfen. Die Gegend ist immer noch gebirgig, doch ist der Weg so breit, daß sie in einer geschlossenen Gruppe gehen und miteinander reden können.

«Nun aber, da wir allein sind, können wir es sagen: warum gibt es soviel Eifersucht zwischen zwei Gruppen?» fragt Philippus.

«Eifersucht ? Aber das ist doch nichts anderes als Überheblichkeit!»entgegnet Judas des Alphäus.

«Nein. Ich meine, es ist nur ein Vorwand, um ihr ungerechtes Verhalten dem Meister gegenüber irgendwie zu rechtfertigen. Unter dem Deckmantel des Eifers für den Täufer erreicht man es, ihn fernzuhalten, ohne die Menge allzusehr zu verstimmen», sagt Simon der Zelote.

«Ich würde sie entlarven.»

«Wir, Petrus, würden viele Dinge tun, die Jesus nicht tut.»

«Warum tut er sie nicht?»

«Weil er weiß, daß es gut ist, sie nicht zu tun. Wir brauchen ihm nur zu folgen. Es steht uns nicht an, ihn zu führen, und wir sollten glücklich darüber sein. Es ist eine große Erleichterung, nur gehorchen zu müssen...»

«Das hast du gut gesagt, Simon», sagt Jesus, der anscheinend in Gedanken versunken vorausgegangen war. «Du hast recht, gehorchen ist leichter als befehlen. Es scheint nicht so, aber es ist so. Sicher ist es für einen guten Menschen leicht, zu gehorchen, so, wie es schwierig ist für einen rechtschaffenen Menschen, zu befehlen. Wenn einer aber nicht rechtschaffen ist, gibt er unsinnige Befehle, ja, noch mehr als nur das. Dann ist es leicht zu befehlen. Aber um wieviel schwerer wird es dann sein, zu gehorchen! Wenn einer die Verantwortung trägt als Erster in einem Ort oder in einer Gruppe von Menschen, dann muß er sich immer Liebe und Gerechtigkeit, Klugheit und Demut, Mäßigkeit und Geduld, und Willensstärke ohne Starrsinn vor Augen halten. Oh, das ist schwer! ... Ihr habt vorerst nur Gott und eurem Meister zu gehorchen. Du, und nicht nur du allein, fragst dich, warum ich gewisse Dinge tue und andere unterlasse, du fragst dich, warum Gott etwas zuläßt oder nicht zuläßt. Schau, Petrus,

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und auch ihr, Freunde, eines der Geheimnisse des vollkommenen Gläubigen besteht darin, daß er Gott nie einem Verhör unterzieht. "Warum tust du dies?" fragt einer, der unreif ist, seinen Gott. Das ist wie wenn ein weiser Erwachsener vor einen Schuljungen hintreten und ihm sagen würde: "Das macht man nicht, das ist eine Dummheit, das ist ein Fehler." Wer ist größer als Gott?

Nun seht ihr, daß ich unter dem Vorwand des Eifers für Johannes verjagt wurde, und ihr seid darüber empört. Ihr möchtet, daß ich diesen Fehler richtigstelle, indem ich eine kämpferische Haltung gegen die Verfechter dieses Argumentes einnehme. Nein, das wird niemals geschehen. Ihr habt den Täufer durch den Mund seiner Jünger sprechen gehört: "Er muß wachsen, und ich abnehmen." Er bedauert es nicht, er hängt nicht an seiner Stellung. Der Heilige klammert sich nicht an diese Dinge. Er arbeitet nicht, um eine möglichst große Anzahl von Jüngern zu haben. Er besitzt keine eigenen Jünger. Er ist vielmehr darum bemüht, die Zahl der Getreuen Gottes zu vermehren. Nur Gott allein hat ein Recht auf Getreue. Deshalb bin ich ebensowenig darüber betrübt, daß einige in gutem oder schlechtem Glauben Jünger des Täufers bleiben, wie er sich nicht darüber grämt, daß einige von seinen Jüngern zu mir kommen, wie ihr es gehört habt! Er geht auf solche zahlenmäßige Kleinlichkeiten gar nicht ein. Er schaut zum Himmel, und auch ich schaue zum Himmel. Streitet also nicht weiter darüber, ob es gerecht oder ungerecht sei, wenn Judäer mich beschuldigen, dem Täufer Jünger zu entführen, und ob es richtig oder unrichtig sei, sie so reden zu lassen. Das sind Streitereien geschwätziger Frauen am Brunnen. Die Heiligen helfen sich gegenseitig, sie überlassen einander ihre Getreuen und tauschen sie lächelnd und frohen Herzens im Gedanken, für den Herrn zu arbeiten, aus.

Ich habe getauft, und sogar euch taufen lassen, da der Geist nun so schwerfällig ist, daß er greifbare Beispiele der Barmherzigkeit, von Wundern und der Belehrung nötig hat. Wegen dieser geistigen Schwerfälligkeit werde ich materielle Heilsmittel nehmen müssen, wenn ich aus euch Wundertäter machen will. Aber glaubt mir, weder im Öl, noch im Wasser, noch in einer anderen Zeremonie liegt der Beweis für die Heiligkeit. Die Stunde steht nahe bevor, da etwas Ungreifbares, Unsichtbares, den Materialisten Unfaßbares, als Königin walten wird. Es ist die "zurückgekehrte" Königin, machtvoll und heilig durch das Heilige und in allem Heiligen. Durch sie wird der Mensch wieder zum "Kind Gottes" werden, und sie wird das wirken, was Gott vollbringt, denn Gott wird mit ihr sein. Es ist die Gnade! Sie ist die wiederkehrende Königin! Dann wird die Taufe ein Sakrament sein. Dann wird der Mensch die Sprache Gottes sprechen und verstehen. Er wird Leben und das LEBEN geben, er wird Macht der Weisheit und der Stärke verleihen, dann... oh, dann! Noch seid ihr unreif um zu begreifen, was euch die Gnade gewähren wird. Ich bitte euch: fördert ihr

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Kommen durch eine andauernde Selbsterziehung, und überlaßt die nutzlosen Dinge den kleinlichen Menschen... Seht dort, die Grenzgebiete von Samaria. Glaubt ihr, daß es gut wäre, wenn ich dort sprechen würde?»

«Oh!» Alle sind mehr oder weniger darüber entrüstet. 1)

«Wahrlich, ich sage euch, die Samariter sind überall, und wenn ich nicht dort sprechen dürfte, wo ein Samariter ist, dann dürfte ich nirgendwo mehr sprechen. Kommt also! Ich werde nicht danach trachten, zu sprechen. Doch wenn man mich darum bittet, werde ich mich nicht weigern, von Gott zu sprechen. Ein Jahr ist zu Ende. Das zweite beginnt. Es bildet die Mitte zwischen einem Anfang und einem Ende. Anfangs war der Meister noch vorherrschend. Nun offenbart sich der Retter. Das Ende wird das Antlitz des Erlösers tragen. Laßt uns gehen. Der Strom wird um so größer, je näher er zur Mündung kommt. Auch ich will das Werk der Barmherzigkeit erweitern, denn die Mündung kommt näher.»

«Werden wir von Galiläa aus zu irgendeinem großen Fluß gehen? Zum Nil vielleicht? Oder zum Euphrat?» flüstern einige.

«Vielleicht gehen wir unter die Heiden...», entgegnen andere.

«Redet nicht untereinander. Wir nähern uns "meiner Mündung". Das heißt, wir nähern uns der Erfüllung meiner Sendung. Seid sehr wachsam, denn ich werde euch einmal verlassen, und ihr werdet in meinem Namen weiterwirken müssen.»

182. DIE SAMARITERIN FOTINAI

«Ich bleibe hier. Geht in die Stadt und kauft, was wir für die Mahlzeit benötigen. Wir werden hier essen.»

«Sollen wir alle gehen?»

«Ja, Johannes. Es ist gut, wenn ihr alle miteinander geht.»

«Du bleibst allein? ... Es sind Samariter...»

«Sie werden nicht die Schlimmsten unter den Feinden Christi sein. Geht, geht nur. Während ich hier auf euch warte, will ich für euch und für sie beten.»

Die Jünger gehen schweren Herzens davon; drei- oder viermal drehen sie sich nach Jesus um und betrachten ihn, wie er auf einem kleinen, sonnenbeschienenen Mäuerchen sitzt, das sich in der Nähe des breiten, niedrigen Randes eines Brunnens befindet; eines großen Brunnens, fast einer Zisterne gleich, so breit ist er. Im Sommer ist er von den großen, jetzt

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1) Wegen der Gründe und der Ursache der Abspaltung der Samariter von den Juden und der daraus hervorgegangenen Opposition zwischen den beiden, und wegen der Haltung Jesu und der entstehenden Kirche gegenüber den Samaritern.

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kahlen, Bäumen beschattet. Das Wasser des Brunnens kann man nicht sehen, doch zeigen kleine Pfützen und Abdrücke der abgestellten Krüge auf dem Erdboden rundherum, daß Wasser geschöpft worden ist. Jesus ist in seine Gedanken vertieft. Er hat die gewohnte Haltung angenommen: die Ellbogen auf die Knie gestützt und die nach vorne gerichteten Hände gefaltet, den Oberkörper leicht gebeugt und das Haupt zur Erde geneigt. Er spürt die wärmende Sonne und läßt den Mantel vom Kopf und den Schultern gleiten, hält ihn aber noch zusammengefaltet auf seinem Schoß.

Jesus hebt das Haupt und lächelt einer Schar rauflustiger Spatzen zu, die sich um eine am Brunnen verlorene Brotkrume streiten. Doch die Spatzen werden durch das Erscheinen einer Frau aufgeschreckt und fliegen davon. Die Frau hält mit der linken Hand einen leeren Krug am Henkel, während sie mit der rechten überrascht den Schleier zur Seite schiebt, um zu sehen, wer der Mann ist, der dort sitzt. Jesus lächelt der Frau zu, die um die 35-4O Jahre alt und hochgewachsen ist und markante, doch schöne Gesichtszüge hat. Ein Menschenschlag, den wir als spanisch bezeichnen möchten, wegen ihrer fahlen, olivfarbenen Haut, den gewölbten und leuchtenden Lippen, ihren geradezu übermäßig großen und schwarzen Augen unter den sehr dichten Augenbrauen und den rabenschwarzen Zöpfen, die durch den leichten Schleier hindurchscheinen. Auch die etwas üppigen Körperformen sind typisch orientalisch, wie bei den Araberinnen. Die Frau trägt ein buntgestreiftes Kleid, welches in der Taille eng zusammengezogen ist und an den molligen Hüften und der vollen Brust enganliegt und dann in einer Art loser Falten bis zum Boden reicht. Viele Ringe und Armbänder schmücken ihre fleischigen, braunen Hände, und unter den leinenen Unterärmeln kommen ihre mit Armbändern geschmückten Handgelenke hervor. Am Halse trägt sie eine schwere Kette, von der Medaillen, ich möchte fast sagen Amulette, da sie so verschiedenförmig sind, herabhängen, während der reiche Ohrschmuck bis zum Halse reicht und unter dem Schleier glitzert.

«Der Friede sei mit dir, Frau. Willst du mir zu trinken geben? Ich habe einen weiten Weg hinter mir und bin durstig.»

«Aber bist du denn nicht ein Jude? Und du bittest mich, eine Samariterin, um Wasser? Was soll denn das bedeuten? Ist unsere Ehre wieder hergestellt, oder seid ihr gar in Verfall geraten? Es muß schon ein großes Ereignis stattgefunden haben, wenn ein Jude höflich zu einer Samariterin spricht. Eigentlich sollte ich dir antworten: "Ich gebe dir nichts, um an dir alle Beleidigungen zu rächen, die uns die Juden seit Jahrhunderten zufügen."»

«Du hast recht. Etwas Großes hat sich ereignet, und dadurch haben sich viele Dinge geändert, und mehr noch werden sich ändern. Gott hat der Welt ein großes Geschenk gemacht und dadurch hat sich vieles geändert. Wenn du dieses Geschenk kennen würdest und wüßtest, wer zu dir

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sagt: "Gib mir zu trinken" ' dann hättest du ihn vielleicht selbst um Wasser gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.»

«Lebendiges Wasser gibt es in unterirdischen Quellen. In diesem Brunnen ist solches, doch er gehört uns», entgegnet die Frau spöttisch und rechthaberisch.

«Das Wasser kommt von Gott, so wie auch die Güte, das Leben und alles von einem einzigen Gott kommt, Frau. Alle Menschen sind von Gott erschaffen worden: Samariter wie Juden. Ist dies nicht der Brunnen Jakobs, und ist Jakob nicht der Stammvater unseres Geschlechtes? 1) Wenn später ein Irrtum das Volk geteilt hat, so bleibt der Ursprung doch derselbe.»

«Ein Irrtum unsererseits, nicht wahr?» fragt die Frau herausfordernd.

«Weder unsererseits noch eurerseits. Es war der Fehler eines Menschen, der Liebe und Gerechtigkeit aus den Augen verloren hatte. Ich beleidige weder dich noch dein Geschlecht, warum verhältst du dich also feindselig mir gegenüber?»

«Du bist der erste Jude, den ich so reden höre. Die anderen... Der Brunnen, ja, es ist der Brunnen Jakobs, und er hat so reichlich klares Wasser, daß wir von Sichar ihn allen anderen Brunnen vorziehen. Doch er ist sehr tief, und du hast weder Krug noch einen Schlauch. Wie könntest du für mich lebendiges Wasser schöpfen? Bist du vielleicht mehr als Jakob, unser heiliger Patriarch, der diese reiche Quelle für sich, seine Kinder und seine Herden gefunden und sie uns als Geschenk und zu seinem Gedächtnis hinterlassen hat?»

«Das stimmt! Doch wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen. Ich hingegen habe ein Wasser, das bei dem, der es trinkt, keinen Durst mehr aufkommen läßt. Doch es gehört mir allein. Und ich werde es denen geben, die mich darum bitten. Wahrlich, ich sage dir, wer dieses Wasser besitzt, das ich ihm geben werde, wird immer von ihm durchströmt werden und nie mehr Durst leiden, weil mein Wasser in ihm zur sicheren ewigen Quelle werden wird.»

«Wie? Ich verstehe dich nicht. Bist du ein Magier? Wie kann ein Mensch zu einem Brunnen werden? Das Kamel trinkt und schafft sich Wasservorräte in seinem geräumigen Bauch. Doch dann verbraucht es das Wasser und es genügt nicht für das ganze Leben. Du aber sagst, daß dein Wasser für das ganze Leben reicht?»

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1) S. Geschichte Jakobs in Gen 25,19-37,36; 45,16-50,14. Jakob, dem Gott den Namen Israel gab, wurde zum Oberhaupt des israelitischen Stammes. S. Gen 32,23-31. Er erwarb sich ein Grundstück bei Sichern, schlug dort sein Zelt auf und baute einen Altar. In der Genesis deutet nichts darauf hin, daß dort ein Brunnen war, es läßt sich jedoch vermuten, daß es einen gab, da Jakob sich dort während einiger Zeit niederließ. Sichern heißt auf Aramäisch Sichar.

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«Mehr noch: es wird bis zum ewigen Leben fließen. Es wird in denen, die es getrunken haben, bis zum ewigen Leben fließen und aus ihm wird ewiges Leben sprießen, weil es eine Quelle des Heils ist.»

«Gib mir von diesem Wasser, wenn du es wirklich besitzest. Es ermüdet mich, bis hierher zu kommen. Ich werde so keinen Durst mehr haben und werde nie krank oder alt werden.»

«Nur das ermüdet dich? Nichts anderes? Hast du nur das Bedürfnis, für deinen armseligen Leib von diesem Wasser zu schöpfen? Überlege, es gibt etwas, das mehr wert ist als der Körper. Es ist die Seele. Jakob gab sich und den Seinen nicht nur das Wasser dieser Erde, sondern er war auch darum besorgt, sich und den anderen die Heiligkeit, nämlich das Wasser Gottes, zu vermitteln.»

«Ihr nennt uns Heiden... Wenn das, was ihr sagt, wahr ist, dann können wir nicht heilig sein...» Die Frau hat den unverschämten, ironischen Ton in der Stimme verloren und zeigt sich nun unterwürfig und leicht verwirrt.

«Auch ein Heide kann tugendhaft sein, und Gott, der gerecht ist, wird ihn für seine guten Werke belohnen. Es wird keine vollkommene Belohnung sein, doch kann ich dir sagen, daß Gott auf einen Heiden ohne Schuld mit weniger Strenge blickt als auf einen Gläubigen in schwerer Schuld. Warum kommt ihr also nicht zum wahren Gott, wenn ihr doch wißt, daß ihr ohne Schuld seid? Wie heißest du?»

«Fotinai.»

«Gut, Fotinai, antworte mir. Schmerzt es dich, daß du nicht zur Heiligkeit streben kannst, weil du, wie du sagst, Heidin bist, weil du, wie ich behaupte, noch immer von den Nebeln eines alten Irrtums umgeben bist?»

«Ja, es schmerzt mich.»

«Warum lebst du dann nicht wenigstens als tugendhafte Heidin?»

«Herr! ...»

«Ja. Kannst du es leugnen? Hole deinen Mann und komme mit ihm hierher zurück.»

«Ich habe keinen Gatten...» Die Frau wird immer verwirrter.

«Das stimmt, du hast keinen Gatten. Fünf Männer hast du gehabt, und nun hast du einen bei dir, der nicht dein Mann ist. War dies nötig? Auch deine Religion rät nicht zur Unzucht. Auch ihr habt die zehn Gebote. Warum also führst du ein solches Leben, Fotinai? Belastet es dich nicht, allen zu gehören, anstatt die ehrsame Gattin eines Einzigen zu sein? Fürchtest du nicht deinen Lebensabend, an dem du allein mit deinen schmerzlichen Erinnerungen sein wirst, mit deinen Ängsten, mit deinem Bedauern? Ja, auch mit diesem. Angst vor Gott und den Schreckensbildern! Wo sind deine Kinder?»

Die Frau senkt ihr Haupt tief und schweigt.

«Du hast sie nicht auf dieser Erde, aber ihre kleinen Seelen, denen du

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es verwehrt hast, das Licht der Welt zu erblicken, werden dich ohne Unterlaß anklagen. Schmuck, schöne Kleider... ein prächtiges Haus... eine reichhaltige Tafel... Ja! Aber daneben Leere, Tränen und innere Trostlosigkeit. Du bist ein unglücklicher Mensch, Fotinai. Nur durch aufrichtige Reue, die Vergebung Gottes und mit ihr auch die Verzeihung deiner Geschöpfe kannst du wieder reich werden.»

«Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist, und ich schäme mich...»

«Doch vor dem Vater im Himmel hast du dich nicht geschämt, als du Böses tatest ? Weine nicht aus Beschämung vor dem Menschen... Komm her, neben mich, Fotinai, ich werde dir von Gott erzählen. Vielleicht wußtest du zu wenig von ihm, und sicherlich hast du deshalb so viele Fehler begangen. Wenn du den wahren Gott gekannt hättest, dann hättest du dich nicht so entwürdigt. Er hätte dir zugesprochen und dir geholfen...»

«Herr, unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet. Ihr sagt, daß man nur in Jerusalem anbeten soll. Doch du sagst, es gibt nur einen Gott. Hilf mir zu verstehen, wo und wie ich es tun soll...»

«Frau, glaube mir. Es naht die Stunde, da man den Vater weder auf dem Berge von Samaria noch in Jerusalem anbeten wird. Ihr betet den an, den ihr nicht kennt. Wir beten den an, den wir kennen, denn das Heil geht aus den Juden hervor. Erinnerst du dich an die Worte der Propheten? Doch es kommt die Stunde, vielmehr, sie hat schon begonnen, da die wahren Verehrer Gottes den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten werden, und zwar nicht im alten, sondern nach einem neuen Ritus, bei dem es keine Opfertiere mehr geben wird, sondern das ewige Opfer, die sich im Feuer der Liebe verzehrende, unversehrte Opfergabe. Die Verehrung Gottes wird sich in diesem geistigen Reich in geistiger Weise vollziehen und von denen verstanden werden, welche fähig sind, Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Gott ist Geist. Wer ihn anbetet, muß ihn in geistiger Weise anbeten.»

«Du sprichst heilige Worte. Ich weiß, denn auch wir wissen einiges, daß die Ankunft des Messias bevorsteht. Er wird auch "Christus" genannt. Er wird uns alles lehren, wenn er da ist. Hier in der Nähe lebt jener, den sie seinen Vorläufer nennen, und viele gehen zu ihm, um ihn anzuhören. Aber er ist so streng! ... Du bist gütig... und die armseligen Menschen fürchten dich nicht. Ich glaube, daß Christus gütig sein wird. Sie nennen ihn den Friedensfürst. Werden wir noch lange auf ihn warten müssen?»

«Ich habe dir gesagt, daß seine Zeit schon da ist.»

«Wie kannst du das wissen? Bist du vielleicht sein Jünger? Der Vorläufer hat viele Jünger. Auch Christus wird sie haben.»

«Ich, der ich zu dir spreche, bin Christus Jesus.»

«Du! ... Oh! ...» Die Frau, die sich neben Jesus niedergelassen hatte, springt auf und will fliehen.

«Warum fliehst du, Frau?»

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«Weil ich davor erschauere, bei dir zu verweilen. Du bist heilig...»

«Ich bin der Retter. Ich bin hierhergekommen – aus freiem Willen -da ich wußte, daß deine Seele des Umherirrens müde ist. Deine "Speise" ekelt dich an... Ich bin gekommen, dir eine neue Speise zu geben, die Ekel und Überdruß von dir nehmen wird... Da kommen meine Jünger, die Brot für mich geholt haben. Doch ich bin schon gesättigt, da ich dir die ersten Brosamen deiner Erlösung geben konnte.»

Die Jünger werfen der Frau mehr oder weniger diskrete, verstohlene Blicke zu, doch keiner sagt ein Wort. Sie geht davon, ohne weiter an das Wasser und den Krug zu denken.

«Hier sind wir, Meister», sagt Petrus. «Sie haben uns gut behandelt. Da sind Käse, frisches Brot, Oliven und Äpfel. Nimm, was du willst. Die Frau hat gut daran getan, den Krug zurückzulassen. Damit wird es schneller gehen als mit unseren kleinen Wasserbeuteln. Zuerst trinken wir, und dann füllen wir sie auf. So brauchen wir die Samariter um nichts anderes zu bitten, nicht einmal darum, zu ihren Brunnen gehen zu dürfen. Ißt du nicht? Ich wollte Fisch für dich kaufen, habe aber keinen gefunden. Vielleicht hättest du ihn vorgezogen. Du bist müde und bleich,»

«Ich habe eine Speise, die ihr nicht kennt. Sie wird mir als Nahrung dienen und mich sehr erquicken.»

Die Jünger schauen sich fragend an.

Jesus antwortet auf ihr stummes Fragen: «Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und das Werk zu Ende zu führen, von dem er wünscht, daß ich es vollende. Wenn ein Sämann den Samen ausgestreut hat, kann er dann behaupten, er hätte schon alles getan, um sagen zu können, er hätte geerntet? Nein. Wieviel bleibt ihm noch zu tun, bis er sagen kann: "Nun ist meine Arbeit vollbracht!" Bis zu jener Stunde kann er nicht ausruhen. Betrachtet diese kleinen Äcker unter der heiteren Sonne der sechsten Stunde. Noch vor einem Monat, vor weniger als einem Monat, war die Erde kahl und dunkel, weil sie vom Regen getränkt war. Nun seht! Halme über Halme des kaum hervorgesprossenen Getreides, die von zartem Grün sind und im grellen Licht noch heller erscheinen, bedecken den Boden wie ein weißlicher leichter Schleier. Dies ist die zukünftige Ernte, und ihr sagt, wenn ihr sie seht: "In vier Monaten ist Erntezeit. Die Sämänner werden die Schnitter rufen, denn wenn auch nur einer für die Aussaat genügt, so braucht es doch viele zum Ernten. Die einen wie die anderen sind zufrieden: der eine, der einen kleinen Sack Körner ausgesät hat und nun die Kornkammern vorbereiten muß, um sie aufzunehmen, und die anderen, die sich in wenigen Tagen den Lebensunterhalt für einige Monate verdienen." Auch im Acker des Geistes werden jene, die das ernten, was ich gesät habe, sich mit mir und wie ich freuen, denn ich werde ihnen den Lohn und den gebührenden Anteil an der Ernte geben. Ich werde ihnen geben, was sie für das Leben in meinem ewigen

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Reich nötig haben. Ihr braucht nur zu ernten. Die härteste Arbeit habe ich getan. Dennoch sage ich euch: "Kommt, erntet von meinem Acker. Es freut mich, wenn ihr euch mit den Garben meines Korns beladet. Wenn ihr all das Korn, das ich unermüdlich überall ausgesät habe, eingebracht habt, dann wird der Wille Gottes erfüllt sein, und ich werde mich zum Festmahl des himmlischen Jerusalem niedersetzen." Seht, da kommen Samariter mit Fotinai. Übt Nächstenliebe an ihnen. Es sind Seelen, die zu Gott kommen.»

183. BEI DEN BEWOHNERN VON SICHAR

Eine Gruppe von angesehenen Samaritern, die von Fotinai angeführt wird, kommt auf Jesus zu. «Gott sei mit dir, Rabbi. Die Frau hat uns gesagt, daß du ein Prophet bist und es nicht unter deiner Würde hältst, mit uns zu sprechen. Wir bitten dich, bleibe bei uns und versage uns dein Wort nicht, denn wenn es auch wahr ist, daß wir von Judäa getrennt sind, so ist damit nicht gesagt, daß nur Judäa heilig und die Sünde nur in Samaria sei. Auch bei uns gibt es Gerechte.»

«Diese Auffassung habe ich im Gespräch mit dieser Frau vertreten... Ich dränge mich nicht auf, aber ich verweigere mich auch nicht dem, der mich sucht.»

«Du bist gerecht. Die Frau hat uns gesagt, daß du der Christus wärest. Ist das wahr? Antworte uns im Namen Gottes.»

«Ich bin es. Die messianische Zeit ist gekommen. Israel ist mit seinem König vereinigt, und nicht nur Israel allein.»

«Aber du bist für jene gekommen, die... die nicht im Irrtum sind wie wir», bemerkt ein stattlicher Greis.

«Mann, ich erkenne in dir das Oberhaupt all dieser Menschen hier und sehe auch ein ehrliches Suchen nach der Wahrheit. Höre nun, du, der du ein Gelehrter der Heiligen Schriften bist! Zu mir wurde dasselbe gesagt, was der Geist zu Ezechiel sprach, als er ihm die prophetische Sendung übertrug. "Menschensohn, ich sende dich zu den Kindern Israels, zu den wiederspenstigen Völkern, die von mir abgefallen sind... Es sind Kinder mit hartem Antlitz und verstocktem Herzen... Es kann sein, daß sie dir zuhören und dann deine Worte, die ja meine sind, mißachten, denn es ist ein rebellisches Volk; doch wenigstens werden sie wissen, daß unter ihnen ein Prophet ist. Habe also keine Furcht vor ihnen und lasse dich nicht durch ihre Reden erschrecken, denn sie sind ungläubig und widerspenstig... Überbringe ihnen meine Worte, ob sie dich nun anhören wollen oder nicht. Tu, was ich dir sage, höre auf das, was ich dir sage, damit nicht auch du widerspenstig wirst wie sie. Iß daher jede Speise, die ich dir reiche." So

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bin ich gekommen. Ich bilde mir nichts ein und verlange nicht, wie ein Triumphator empfangen zu werden. Da aber der Wille Gottes mein Honig ist, so will ich diesen Willen erfüllen und euch, wenn ihr es wünscht, die Worte sagen, die der Geist in mich gelegt hat.»

«Wie kann der Ewige an uns gedacht haben?»

«Weil er die Liebe ist, meine Kinder!»

«So reden die Rabbis von Judäa nicht.»

«Aber so spricht der Messias des Herrn zu euch.»

«Es steht geschrieben, daß der Messias von einer Jungfrau aus Judäa geboren würde. Wer ist deine Mutter und wie wurdest du geboren?»

«Ich wurde in Bethlehem Ephrata von Maria aus dem Stamme Davids, die mich vom Heiligen Geist empfangen hat, geboren. Möget ihr es glauben!» Die schöne Stimme Jesu erschallt in freudigem Triumph, als er die Jungfräulichkeit seiner Mutter verkündet.

«Dein Antlitz strahlt großes Licht aus. Nein, du kannst nicht lügen. Die Kinder der Finsternis haben ein finsteres Gesicht und trübe Augen. Du strahlst, dein Auge ist klar wie ein Frühlingsmorgen, und deine Worte sind Güte. Kehre ein in Sichar, ich bitte dich darum, und belehre die Söhne dieses Volkes. Dann wirst du wieder weitergehen..., und wir werden uns des Sternes erinnern, der an unserem Himmel vorüberzog...»

«Warum solltet ihr diesem nicht folgen?»

«Wie könnten wir das?» Sie sprechen, während sie sich auf die Stadt zu begeben. «Wir sind die Abgespalteten. So sagt man wenigstens. Aber wir sind nun einmal in diesem Glauben geboren und wissen nicht, ob es richtig ist, ihn aufzugeben. Außerdem... gewiß, mit dir können wir reden, das fühle ich... Immerhin, auch wir haben Augen, um zu sehen, und einen Verstand, um zu denken. Wenn wir auf Reisen oder beim Handel euer Gebiet durchziehen, ist nicht alles, was wir sehen, so heilig, daß es uns überzeugen könnte, daß Gott mit euch von Judäa oder mit euch von Galiläa ist.»

«Wahrlich, ich sage dir, nicht wegen der Beleidigungen und der Verwünschungen, sondern wegen des Beispiels und des Mangels an Nächstenliebe wird Israel die Schuld zugeschrieben werden, weil es nicht imstande war, euch zu überzeugen und euch zurückzuführen.»

«Welch eine Weisheit ist in dir! Hört ihr?»

Alle stimmen mit einem Gemurmel der Bewunderung Jesus zu. Inzwischen haben sie die Stadt erreicht, und viele andere Menschen kommen hinzu, während sie sich zu einem Haus begeben.

«Höre, Rabbi. Du, der du weise und gütig bist, befreie uns von einem Zweifel. Viel von unserer Zukunft kann davon abhängen. Du, der du der Messias bist, also der Wiederhersteller des Reiches Davids, müßtest dich gewiß freuen, dieses abgetrennte Glied wieder mit dem Staat zu vereinigen. Ist es nicht so?»

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«Ich bemühe mich nicht so sehr, die beiden getrennten Glieder, die vergänglich sind, wiederzuvereinigen, sondern vielmehr darum, alle Seelen wieder zu Gott zurückzuführen. Wenn ich in einem Herzen die Wahrheit wiederherstellen kann, ist es mir eine große Freude. Nun sage mir, welches sind deine Zweifel?»

«Unsere Väter haben gesündigt. Seitdem sind die Seelen von Samaria Gott nicht mehr wohlgefällig. Welchen Vorteil würde es uns also bringen, wenn wir dem Guten folgen würden? Wir sind ja in den Augen Gottes für immer unrein.»

«Euer Los ist das aller Schismatiker, die ewige, schmerzliche Erinnerung, die ständige Unzufriedenheit. Doch ich will dir wieder mit Ezechiel antworten. "Alle Seelen gehören mir" ' sagt der Herr. "Sowohl jene des Vaters als auch jene des Sohnes. Doch nur die Seele, die gesündigt hat, wird sterben." Wenn ein Mensch gerecht ist, wenn er nicht Götzen anbetet, nicht stiehlt und nicht Unzucht und Wucher treibt, wenn er an Leib und Seele seines Nächsten Barmherzigkeit übt, dann ist er in meinen Augen gerecht und wird das wahre Leben haben, und weiter: wenn ein Gerechter einen widerspenstigen Sohn hat, wird dann auch dieser Sohn das wahre Leben haben, weil sein Vater gerecht war? Nein, er wird es nicht haben. Wenn der Sohn eines Sünders gerecht ist, wird er dann sterben wie sein Vater, weil er dessen Sohn ist? Nein, er wird leben in Ewigkeit, weil er gerecht gewesen ist. Es wäre ungerecht, wenn einer die Schuld des anderen tragen müßte. Die Seele, die gesündigt hat, wird sterben. Jene, die nicht gesündigt hat, wird nicht sterben. Wenn aber der, der gesündigt hat, seine Sünden bereut und künftig in Gerechtigkeit lebt, dann wird auch er das wahre Leben haben. Unser Gott, der Herr, der einzige und alleinige Herr, sagt: "Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und das wahre Leben habe." Deshalb hat er mich gesandt, o ihr irrenden Söhne! Damit ihr das wahre Leben habt. Ich bin das Leben. Wer an mich glaubt und an den, der mich gesandt hat, wird das ewige Leben erlangen, selbst wenn er bis zur Stunde ein Sünder war.»

«Hier ist mein Haus, Meister. Verabscheust du es nicht, einzutreten?»

«Ich verabscheue nur die Sünde.»

«Dann komm und raste bei mir. Wir werden zusammen das Brot brechen, und dann, wenn es dir nicht lästig fällt, wirst du uns das Wort Gottes gewähren. Das von dir gegebene Wort hat einen anderen Geschmack... und unsere Besorgnis liegt hierin: wir fühlen uns nicht sicher, im Recht zu sein...»

«Alles würde sich in euch beruhigen, wenn ihr es wagen würdet, offen zur Wahrheit zu kommen. Gott möge zu euren Herzen sprechen, ihr Bewohner dieser Stadt. Es ist schon bald Abend. Doch morgen zur dritten Stunde werde ich lange zu euch sprechen, wenn ihr wollt. Gehet hin, und die Barmherzigkeit sei mit euch!»

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184. VERKÜNDIGUNG DER HEILSBOTSCHAFT IN SICHAR

Jesus spricht inmitten eines Platzes zu einer großen Menschenmenge. Er ist auf eine kleine steinerne Bank beim Brunnen gestiegen. Die Leute umringen ihn, und auch die Zwölf haben sich um ihn geschart... und mit Gesichtern,... die Bestürzung, Ärger oder offensichtliche Abscheu über Kontakte mit gewissen Leuten ausdrücken.

Besonders Bartholomäus und Judas Iskariot zeigen offen ihren Unmut, und um sich in einer möglichst großen Entfernung von den Samaritern zu halten, hat letzterer sich rittlings auf den Ast eines Baumes gesetzt, als wolle er die Szene beherrschen, während Bartholomäus sich in einer Ecke des Platzes an ein Haustor lehnt. Das Vorurteil beherrscht alle. Jesus hingegen ist nicht anders als sonst. Vielmehr würde ich sagen, daß er darauf bedacht ist, die Leute durch seine Würde nicht einzuschüchtern und gleichzeitig versucht, seine Würde erstrahlen zu lassen, um jeden Zweifel zu beseitigen. Er liebkost zwei oder drei kleine Kinder, die er nach ihrem Namen fragt, kümmert sich um einen blinden Greis, dem er selbst Almosen gibt, und antwortet auf zwei oder drei Fragen, die sich auf private Angelegenheiten beziehen.

Die eine Frage ist von einem Vater gestellt worden, dessen Tochter wegen einer Liebschaft von zu Hause fortgelaufen ist und die nun um Verzeihung bittet.

«Gewähre ihr unverzüglich deine Verzeihung.»

«Aber ich habe sehr darunter gelitten, Meister, und leide immer noch! In weniger als einem Jahr bin ich um zehn Jahre gealtert.»

«Die Verzeihung wird dir Erleichterung bringen.»

«Das ist nicht möglich. Die Wunde bleibt.»

«Das ist wahr. In der Wunde sind zwei Dornen, die dir Schmerz bereiten. Der eine ist die unleugbare Beleidigung, die dir deine Tochter zugefügt hat, der andere deine Bemühung, ihr deine Liebe zu entziehen. Entferne wenigstens letzteren Dorn. Die Verzeihung, die erhabenste Form der Liebe, wird ihn entfernen. Bedenke doch, armer Vater, daß dieses Kind durch dich erzeugt wurde und allezeit Anrecht auf deine Liebe hat. Wenn du sie von einer körperlichen Krankheit heimgesucht sähest und wüßtest, daß nur du sie vor dem Tode bewahren könntest, würdest du sie sterben lassen? Bestimmt nicht. Bedenke also, daß gerade du sie mit deiner Verzeihung heilen und sie zu einem gesunden Empfinden zurückführen kannst. Denn siehe, in ihr herrscht das, was es an Niedrigstem im Menschen gibt.»

«Du rätst mir also, zu verzeihen?»

«Du mußt!»

«Aber wie werde ich es ertragen, sie im Hause unter meinen Augen zu haben, ohne sie zu verfluchen nach all dem, was sie begangen hat?»

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«Dann hättest du ihr nicht verziehen. Das Verzeihen besteht nicht darin, daß du ihr die Haustüre öffnest, sondern daß du ihr dein Herz wieder öffnest. Sei gut zu ihr, Mann! Sollten wir vielleicht die Geduld, die wir für ein störrisches Jungtier aufbringen, nicht unserem eigenen Kind entgegenbringen ?»

Eine Frau hingegen will wissen, ob sie den Schwager heiraten soll, um ihren Waisenkindern einen Vater zu geben.

«Bist du sicher, daß er ein wirklicher Vater wäre ?»

«Ja, Meister. Ich habe drei Knaben, sie brauchen einen Mann, der sie führt.»

«Dann tue es und sei ihm eine treue Gattin, wie du es deinem ersten Mann warst.»

Ein Dritter fragt, ob er eine Einladung, nach Antiochien überzusiedeln, annehmen soll.

«Mann, warum willst du dorthin gehen?»

«Hier fehlen mir die Mittel für mich und die vielen Kinder. Ich habe einen Heiden kennengelernt, der mich anstellen würde, weil er meine Fähigkeiten bei der Arbeit gesehen hat, und der auch meinen Söhnen Arbeit gäbe. Doch ich möchte nicht... Du wirst dich vielleicht über die Skrupel eines Samariters wundern, aber ich habe sie. Ich möchte nicht, daß wir den Glauben verlieren. Denn jener Mann ist ja ein Heide, weißt du.»

«Was hat das zu bedeuten? Nichts verunreinigt, wenn man sich nicht verunreinigen will. Geh nur nach Antiochien und bleibe dem wahren Gott treu. Er wird dich führen, und du wirst zudem zum Wohltäter deines Herrn werden, der durch deine Rechtschaffenheit Gott kennenlernen wird.»

Dann beginnt Jesus zu der Menge zu sprechen.

«Ich habe viele von euch angehört, und in allen habe ich einen geheimen Schmerz erkannt, ein Leid, dessen ihr euch vielleicht selber nicht bewußt seid. Seit Jahrhunderten staut sich dieses Leid in euren Herzen an, und weder die Erklärungen, die ihr euch gebt, noch die Anschuldigungen, die euch treffen, können euch davon befreien. Vielmehr verhärtet es sich und wird schwer und bedrückt euch wie Schnee, der sich in hartes Eis verwandelt.

Ich bin nicht einer von euch und auch nicht einer von denen, die euch anklagen. Ich bin Gerechtigkeit und Weisheit und verweise euch zur Lösung eures Falles noch einmal auf Ezechiel (vergl. Ez 23,1 u. ff.). Ezechiel spricht prophetisch von Samaria und Jerusalem; er nennt sie Kinder ein und desselben Schoßes und gibt ihnen die Namen Ohola und Oholiba. (Im ursprünglichen Sinne bedeutet Ohola "Ihr eigenes Zelt" und Oholiba "Mein Zelt in ihr". Zelt, im religiösen alttestamentarischen Sinne, heißt soviel wie Tabernakel, Tempel.) Die erste, welche dem Götzendienst verfiel, war Ohola, die bereits nicht mehr mit dem Himmlischen Vater vereint

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und daher seiner geistigen Hilfe beraubt war. Die Vereinigung mit Gott bedeutet immer Rettung. Ohola tauschte den wahren Reichtum, die wahre Macht und die wahre Weisheit mit dem armseligen Reichtum, der Macht und Weisheit eines, der Gott gegenüber noch armseliger war als sie, und ließ sich von ihm derart verführen, daß sie von der Lebensart ihres Verführers versklavt wurde. Sie glaubte sich stark, wurde aber schwach. Sie glaubte sich mächtig, verlor aber an Ansehen, und durch ihr leichtsinniges Benehmen wurde sie zur Törin. Wenn einer sich unvorsichtigerweise von einer Seuche anstecken läßt, dann gelingt es ihm nur schwer, sich davon zu befreien.

Ihr werdet sagen: "Wir sollten geringer sein? Nein, wir waren mächtig." Mächtig ja, aber wie? Um welchen Preis? Ihr wißt es. Wie viele, auch Frauen, erwerben den Reichtum um den schrecklichen Preis ihrer Ehrbarkeit! Sie erwerben etwas Vergängliches und verlieren etwas Unvergängliches: den guten Ruf.

Oholiba, die sah, daß die Torheit der Ohola Reichtum eingebracht hatte, wollte sie nachahmen und wurde noch törichter als Ohola; und zwar versündigte sie sich in doppelter Weise, denn der wahre Gott war mit ihr, und sie hätte nie die Kraft, die sie dank dieser Vereinigung besaß, mit Füßen treten dürfen. Harte und furchtbare Strafe ist die Folge gewesen, und eine noch größere wird die zweifach törichte und unkeusche Oholiba treffen. Gott wird sich von ihr abwenden. Er tut es schon, indem er sich jenen zuwendet, die nicht aus Judäa sind. Man kann Gott nicht Ungerechtigkeit vorwerfen, denn er drängt sich nicht auf. Er öffnet allen seine Arme und lädt alle ein, doch wenn einer sagt: "Geh weg!" dann geht er. Er geht auf die Suche nach Liebe und lädt andere ein, bis er einen Menschen findet, der sagt: "Ich komme."

Daher sage ich euch, daß euch dieser Gedanke in eurer Trübsal trösten wird, ja, er muß euch Trost geben: Ohola, gehe in dich, Gott ruft dich!

Die Weisheit des Menschen besteht darin, daß er imstande ist, sein Unrecht einzusehen, die Weisheit der Seele besteht in der Liebe zum wahren Gott und seiner Wahrheit. Schaut nicht nach Oholiba, Phönizien, Ägypten oder Griechenland. Schaut auf zu Gott. Dort ist die Heimat jeder gerechten Seele, dort, im Himmel! Es gibt nicht viele Gebote, sondern nur eines: das Gebot Gottes. Mit diesem Gesetzbuch erlangt man das ewige Leben. Sagt nicht: "Wir haben gesündigt", sondern sagt: "Wir wollen nicht mehr sündigen." Daß Gott euch noch liebt, beweist er euch, indem er sein "Wort" sendet, um euch zu rufen: "Kommt!" Kommt, sage ich euch. Werdet ihr beleidigt und geächtet? Von wem? Von Geschöpfen, wie ihr es seid. Doch Gott ist größer als diese, und er sagt euch: "Kommt." Es wird der Tag kommen, da ihr darüber jubeln werdet, nicht im Tempel gewesen zu sein... In eurem Geiste werdet ihr darüber jubeln. Aber noch mehr werden die Herzen darüber jubeln, denn über die Herzen der Rechtschaffenen,

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es in Samaria gibt, wird schon das Verzeihen Gottes herabgekommen sein. Bereitet euch darauf vor. Kommt zum Retter der Welt, o Kinder Gottes, die ihr vom rechten Weg abgekommen seid.»

«Aber selbst wenn einige kommen, so werden uns die auf der anderen Seite nicht wollen.»

«Nochmals antworte ich euch mit dem Priester und Propheten: "Ich nehme den Stab Josephs, der in der Hand Ephraims ist, und der Stämme Israels, seiner Verbündeten, und lege zu ihnen den Stab Judas und mache sie zu einem Stab, daß sie in meiner Hand eins seien..." Ja, nicht zum Tempel, zu mir sollt ihr kommen. Ich weise euch nicht zurück. Ich bin es, der, der König genannt wird, Herrscher über alle. Der König der Könige bin ich. Ich werde euch alle reinigen, o Völker, die ihr gereinigt werden wollt. Ich werde euch wieder vereinigen, ihr Herden ohne Hirten oder mit götzendienerischen Hirten, denn ich bin der Gute Hirte. Ich werde euch ein einziges Zelt geben und es mitten unter meinen Gläubigen aufstellen. Dieses Zeit wird Quelle des Lebens und Brot des Lebens sein, es wird Licht, Rettung, Schutz und Weisheit sein. Es wird alles sein, denn es wird der "Lebendige" sein, der den Toten als Speise gereicht wird, um sie zum Leben auferstehen zu lassen. Es wird Gott sein, der sich ausgießt mit seiner Heiligkeit, um zu heiligen. Das bin ich, und ich werde es sein. Die Zeit des Hasses, der Verständnislosigkeit und der Furcht ist überstanden. Kommt! Volk Israels! Getrenntes Volk! Betrübtes Volk! Fernes Volk! Geliebtes, unendlich geliebtes Volk, weil du krank und geschwächt bist, zu Tode verletzt durch einen Pfeil, der dir die Adern deiner Seele durchschnitten und die lebendige Vereinigung mit deinem Gott entweichen ließ: Komm! Komm zurück zum Schoße, aus dem du geboren wurdest; komm an die Brust, die dir Leben spendet. Güte und Wärme erwarten dich hier noch immer. Immer! Komm! Komm zum Leben und zum Heil.»

185. DER ABSCHIED VON DEN BEWOHNERN SICHARS

Jesus sagt zu den Samaritern Sichars: «Bevor ich euch verlasse, denn ich habe auch anderen Menschen die Frohe Botschaft zu verkünden, will ich euch lichtvolle Wege der Hoffnung eröffnen und euch auf sie führen mit den Worten: Geht beruhigt, denn das Ziel ist euch sicher. Heute führe ich nicht den großen Ezechiel an, sondern den Lieblingsjünger des Jeremias, den sehr großen Propheten.

Baruch spricht zu euch. Wahrlich, er tritt mit euren Herzen vor den erhabenen Gott im Himmel, und er tritt für eure Herzen ein, nicht nur für jene der Samariter, sondern für alle, o ihr Stämme des auserwählten

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Volkes, die ihr euch in vielfältiger Weise versündigt habt. Auch eure Herzen nimmt er, ihr heidnischen Völker, die ihr fühlt, daß es unter den vielen Göttern, denen ihr dient, einen unbekannten Gott gibt, den eure Seele erahnt als den Einzigen und Wahren, und den nur eure Schwerfälligkeit euch zu suchen hindert, um ihn kennenzulernen, so wie euer Herz es ersehnt. Wenigstens ein moralisches Gesetz wurde euch, o Heiden, o Götzendiener, gegeben, weil ihr Menschen seid, und der Mensch hat in sich etwas innewohnend, das von Gott kommt und den Namen Seele hat, das zum Guten mahnt und zu einem gottgefälligen Leben anspornt. Ihr jedoch habt diese Seele gezwungen, Sklavin eines lasterhaften Fleisches zu sein, indem ihr das moralische Gesetz der Menschen, das in euch wohnte, übertreten habt. Auch menschlich gesehen wurdet ihr zu Sündern, denn ihr habt euch selbst und eure Glaubensauffassung auf eine Stufe der Bestialität herabgewürdigt, das euch unter den Rang der vernunftlosen Geschöpfe erniedrigt. Hört mich trotzdem alle an! Ihr werdet um so mehr begreifen, je mehr ihr nach eurer Kenntnis des übernatürlichen Moralgesetzes handelt, das euch vom wahren Gott gegeben worden ist.

Betet mit den Worten Baruchs, und dieses sein Gebet soll aus euren gedemütigten Herzen in einer würdevollen Demut kommen, die nicht Entwürdigung oder Feigheit ist, sondern klare Erkenntnis der eigenen elenden Verfassung und der heilige Wunsch, das Mittel für eine geistige Besserung zu finden. Baruch betet so: "Sieh, o Herr, von deinem Heiligtum auf uns, neige dein Ohr zu uns und höre uns an! Öffne deine Augen und bedenke, daß nicht die Toten in der Unterwelt, deren Geist vom Leib getrennt ist, des Herrn Ehre und Gerechtigkeit preisen, sondern die von der Wucht des Unglücks bedrückte Seele, die, gebeugt und schwach, mit niedergeschlagenen Augen einhergeht. Die nach dir hungernde Seele, o Gott, preist deine Ehre und Gerechtigkeit." Baruch weint demütig, und jeder Gerechte muß mit ihm weinen, wenn er die Schicksalsschläge sieht und beim rechten Namen nennt, die aus einem starken Volk ein trauriges, geteiltes und unterdrücktes Volk gemacht haben: "Wir haben nicht auf deine Stimme gehört, und du hast deine Worte erfüllt, die du durch deine Diener, die Propheten, verkündet hast... Nun sind die Gebeine unserer Könige und unserer Väter aus den Gräbern geworfen und der Glut der Sonne und der Kälte der Nacht ausgesetzt, und die Bewohner sind unter schrecklichen Qualen durch den Hunger, das Schwert und die Pest umgekommen. Sogar den Tempel, in dem dein Name angerufen wurde, hast du wegen der Bosheit Israels und Judäas zu dem werden lassen, was er heute ist."

O Kinder des Vaters, sagt nicht: "Sowohl unser als auch euer Tempel ist immer wieder aufs neue aufgebaut worden und sie sind schön." Nein, ein Baum, der vom Gipfel bis zum Wurzelstock von einem Blitz gespalten wurde, kann nicht überleben. Er kann wohl ärmlich dahinvegetieren, und

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in einem Aufbäumen der Triebe, die aus den Wurzeln sprießen, weiterleben, doch er verbleibt ein unfruchtbares Gestrüpp, niemals mehr wird es der üppige Baum sein, reich an gesunden, köstlichen Früchten. Die Zersetzung, die mit der Trennung begann, wird immer ausgeprägter, obwohl die materielle Struktur unversehrt, ja sogar schön und neu erscheint. Die Gewissen derer, die in ihr wohnen, werden zerfallen. Dann wird die Stunde kommen, da jede übernatürliche Flamme ausgelöscht ist und dem Tempel, dem Altar aus kostbarem Metall, das unablässig durch die Wärme des Glaubens und der Liebe seiner Diener erwärmt werden muß, das fehlt, was sein Leben ausmacht. Kalt, leblos, verunreinigt und voll von Toten wird er in Verwesung übergehen. Fremde Raben werden sich auf ihn stürzen und die Lawine göttlicher Strafe wird aus ihm eine Ruine machen.

Söhne Israels, betet weinend mit mir, eurem Retter. Meine Stimme soll eure Stimme unterstützen, und sie, die es vermag, möge bis zum Throne Gottes vordringen. Wer mit Christus, dem Sohn des Vaters, betet, wird von Gott, dem Vater des Sohnes, erhört. Laßt uns das alte, gerechte Gebet Baruchs beten: "Herr, Allmächtiger, Gott Israels, jede bedrängte Seele und jeder kummervolle Geist ruft zu dir. Erhöre uns, o Herr und erbarme dich, denn du bist ein Gott der Barmherzigkeit. Erbarme dich unser, denn wir haben gegen dich gesündigt. Du thronst in alle Ewigkeit und wir sollten auf ewig vernichtet sein? Herr, Allmächtiger, Gott Israels, erhöre das Gebet der Toten Israels und ihrer Kinder, die sich gegen dich versündigt haben. Sie haben nicht auf die Stimme des Herrn, ihres Gottes gehört, und so ist das Unheil über uns gekommen. Gedenke nicht der Bosheit unserer Väter, sondern vielmehr deiner Macht und deines Namens, denn diesen Namen rufen wir an und sagen uns los vom Unrecht unserer Väter. Erbarme dich unser!»

So sollt ihr beten und euch wahrhaftig bekehren. Ihr sollt zurückkehren zur wahren Weisheit, die Gottes ist und im Buch der Gebote Gottes und im Gesetz, das ewig währt, zu finden ist. Ich, der Messias Gottes, bin von neuem gekommen, um dieses Gesetz in seiner einfachen, unwandelbaren Form den armen Menschen dieser Erde zu bringen, indem ich ihnen die Frohe Botschaft der Zeit der Erlösung, der Vergebung, der Liebe und des Friedens verkünde. Wer diesen Worten glaubt, wird das ewige Leben erlangen.

Ich verlasse euch nun, ihr Einwohner von Sichar, die ihr gut zum Messias Gottes gewesen seid. Ich lasse euch in meinem Frieden.»

«Bleibe noch!»

«Komm wieder!»

«Niemand wird jemals wieder so zu uns sprechen, wie du gesprochen hast.»

«Sei gepriesen, guter Meister!»

«Segne mein Kind.»

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«Bete für mich, du Heiliger.»

«Laß mich eine deiner Fransen als Segenszeichen aufbewahren.»

«Vergiß Abel nicht.»

«Auch mich nicht, Timotheus.»

«Und mich, Jorai.»

«An euch alle, an euch alle werde ich mich erinnern! Der Friede komme über euch!»

Sie begleiten ihn bis einige hundert Meter vor die Stadt, erst dann kehren sie langsam zurück...

186. UNTERWEISUNG DER APOSTEL;

WUNDER AN DER FRAU VON SICHAR

Jesus geht allein voran, dicht an einer Hecke von Kakteen entlang, die alle anderen entlaubten Pflanzen verspottend, in der Sonne glänzen mit ihren dicken, stachelbewehrten Schaufeln, an denen noch vereinzelte Früchte hängen, die die Witterung ziegelrot werden ließ. Da und dort sind schon einige frühzeitige, rot und gelb bemalte Blüten sichtbar.

Hinter ihm flüstern die Apostel miteinander, und es scheint mir nicht gerade, daß sie ihren Meister loben. Jesu wendet sich plötzlich um und sagt – «Wer auf den Wind achtet, kommt nicht zum Säen, und wer nach den Wolken schaut, kommt nicht zum Ernten. Das ist ein altes Sprichwort. Doch ich halte mich daran. Ihr seht, daß ich dort, wo ihr widerwärtige Winde befürchtet habt und euch nicht aufhalten wolltet, Brachland und Gelegenheit zum Säen gefunden habe. Trotz "eurer" Wolken bin ich der Ernte schon sicher und möchte euch auch sagen, daß ihr gut daran tätet, diese Wolken zu verbergen, wo die Barmherzigkeit ihre Sonne zeigen möchte.»

«Doch bis anhin hat dich doch niemand um ein Wunder gebeten. Sie haben einen sehr seltsamen Glauben an dich.»

«Glaubst du denn, Thomas, daß nur die Bitte um ein Wunder beweist, daß der Glaube vorhanden ist? Du irrst dich. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Wer ein Wunder verlangt, um glauben zu können, bekundet damit, daß er ohne Wunder, also ohne einen greifbaren Beweis, nicht glauben würde. Wer aber auf das Wort eines anderen hin sagt: "Ich glaube", der bekundet den größten Glauben.»

«Das heißt also, daß die Samariter besser sind als wir!»

«Das sage ich nicht. Doch in Hinblick auf ihre beeinträchtigte seelische Verfassung ist ihre Fähigkeit, Gott zu verstehen, viel größer als die vieler Gläubiger in Palästina. Diese Erfahrung werdet ihr noch oft in eurem Leben machen und ich bitte euch, erinnert euch auch an diese Begebenheit,

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damit ihr imstande seid, den Seelen, die zum Glauben an Christus kommen, ohne Vorurteile zu begegnen.»

«Jedoch verzeihe, Jesus, wenn ich es dir sage: mir scheint, daß es bei all dem Haß, den man gegen dich hat, gefährlich für dich ist, neue Anschuldigungen zu provozieren. Wenn die Männer des Hohen Rates wüßten, daß du...»

«Sag es nur: "Liebe geschenkt hast." Ja, Liebe habe ich gegeben und gebe ich, Jakobus. Und du, der du mein Vetter bist, kannst verstehen, daß ich nur Liebe empfinden kann. Ich habe dir gezeigt, daß ich auch für jene nur Liebe empfinde, die meine Verwandten und Mitbürger und mir feindlich gesinnt sind. Sollte ich also für jene, die mich verehrt haben ohne mich zu kennen, keine Liebe haben? Die Mitglieder des Hohen Rates mögen soviel Böses tun, wie sie wollen, doch selbst wenn ich an ihre künftigen Bosheiten denke, wird all dies kein Grund sein, meiner allgegenwärtigen, überall wirkenden Liebe Schranken zu setzen. Übrigens, auch wenn ich es tun wollte, würde es den Hohen Rat nicht daran hindern, in seinem Haß neue Beschuldigungen zu finden.»

«Aber du, Meister, verlierst deine Zeit in einem götzendienerischen Land, während man vielerorts in Israel auf dich wartet. Du sagst, jede Stunde soll dem Herrn geweiht sein. Sind denn dies nicht verlorene Stunden?»

«Der Tag, den man dazu verwendet, verlorene Schafe zu sammeln, ist nicht vergeudet. Er ist nicht verloren, Philippus. Es steht geschrieben: "Wer das Gesetz achtet, entrichtet viele Opfer,... wer aber Wohltaten spendet, bringt ein Dankesopfer dar." Es steht geschrieben: "Gib Gott, dem Allmächtigsten in gleicher Weise, wie er dir gegeben, mit frohem Herzen, wie du es vermagst." Ich handle so, Freund. Die Zeit, in der man Opfer bringt, ist nie vergeudete Zeit. Ich übe Barmherzigkeit und benütze die mir gegebenen Fähigkeiten, indem ich meine Arbeit Gott weihe. Seid also getrost. Und übrigens... diejenigen unter euch, die eine Bitte um ein Wunder hören wollten, um sich zu überzeugen, daß man in Sichar an mich glaubt, werden nun zufriedengestellt. Jener Mann dort folgt uns gewiß aus irgendeinem Grund. Warten wir auf ihn.»

Tatsächlich nähert sich ihnen ein Mann. Er scheint unter einer schweren Bürde gebeugt, die er, im Gleichgewicht, auf beiden Schultern trägt. Als er sieht, daß die Gruppe stehenbleibt, hält er ebenfalls inne.

«Er will uns Böses antun. Er bleibt stehen, weil er sieht, daß wir ihn bemerkt haben. Oh, es sind eben Samariter!»

«Bist du sicher, Petrus ?»

«Oh, ganz bestimmt!»

«Dann bleibt hier, ich will ihm entgegengehen.»

«Das nicht, Herr. Wenn du gehst, komme auch ich.»

«Dann komm also.»

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Jesus geht dem Mann entgegen. Petrus trottet, neugierig und ablehnend zugleich, an seiner Seite. Als sie nur mehr wenige Meter voneinander entfernt sind, fragt Jesus: «Was willst du, Mann? Was suchst du?»

«Dich.»

«Warum bist du nicht in der Stadt zu mir gekommen?»

«Ich wagte es nicht... Es wäre zuviel Schmerz und Scham für mich gewesen, wenn du mich in Anwesenheit aller Leute zurückgewiesen hättest.»

«Du hättest mich rufen können, als ich mit den Meinen wieder allein war.»

«Ich hoffte, dich einmal ganz allein anzutreffen, wie Fotinai. Ich habe einen schwerwiegenden Grund, mit dir allein zu sein...»

«Was willst du? Was trägst du mit soviel Mühe auf den Schultern?»

«Meine Frau. Sie ist von einem Geist besessen, der aus ihr einen leblosen Leib und umnachteten Geist gemacht hat. Ich muß ihr das Essen eingeben, sie ankleiden und tragen wie ein Kind. Es ist ganz plötzlich geschehen, ohne Krankheit... Sie nennen sie die "Besessene". Ich leide sehr darunter. Es ist eine große Plage, und ich habe auch viele Kosten. Schau.»

Der Mann stellt das Bündel mit dem reglosen Körper, der in einen Mantel gehüllt ist und wie ein Sack aussieht, auf den Boden. Er entschleiert das Antlitz einer noch jungen Frau, die, wenn sie nicht atmen würde, tot schiene. Die Augen sind geschlossen, der Mund ist halbgeöffnet... das Gesicht einer Toten.

Jesus beugt sich über die Unglückliche, die am Boden liegt, und betrachtet sie. Dann sieht er den Mann an. «Glaubst du, daß ich es kann? Warum glaubst du es?»

«Weil du der Christus bist.»

«Aber du hast nichts gesehen, was dir das beweisen könnte.»

«Ich habe dein Wort gehört. Das genügt.»

«Petrus, hörst du ? Was meinst du, was ich nun angesichts eines solch starken Glaubens tun soll?»

«Aber... Meister... Du... Ich... Tue du, was richtig ist.» Petrus ist sehr verlegen.

«Gewiß werde ich es tun. Mann, schau!» Jesus nimmt die Hand der Frau und befiehlt: «Weiche von dieser Frau! Ich will es!»

Die Frau, die unbeweglich dalag, wird von einem heftigen Krampf befallen, der zuerst stumm verläuft, dann von Wimmern und Klagen begleitet wird, die in einem lauten Aufschrei enden, bei dem sie die bis anhin geschlossenen Augen aufreißt, wie jemand, der aus einem Alptraum erwacht. Schließlich beruhigt sie sich, schaut ein wenig erstaunt um sich und blickt Jesus an, den Unbekannten, der ihr zulächelt... Sie schaut auf den Staub des Weges, auf dem sie liegt, auf ein Grasbüschel, das am Wegrand wächst und auf dem die rotweißen Köpfchen der Gänseblümchen

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wie Perlen leuchten und nahe daran sind, sich in einem Kranz zu öffnen. Sie sieht die Kakteenhecke, den blauen Himmel und erblickt dann ihren Mann... ihren Mann, der sie ängstlich betrachtet und jede ihrer Bewegungen beobachtet. Sie lächelt, springt dann mit der endgültig wiedererlangten Freiheit auf die Beine und flüchtet sich an die Brust ihres Gatten, der sie weinend liebkost und umarmt.

«Was ist los ? Weshalb bin ich hier ? Warum ? Wer ist dieser Mann ?»

«Es ist Jesus, der Messias. Du warst krank. Er hat dich geheilt. Sage ihm, daß du ihn liebst.»

«Oh! Ja! Danke! ... Aber was hatte ich denn? Meine Kinder... Simon... Ich erinnere mich nicht an den gestrigen Tag, doch ich erinnere mich, daß ich Kinder habe...»

Jesus sagt: «Es ist nicht nötig, daß du dich des gestrigen Tages erinnerst. Vergiß nie den heutigen Tag und sei ein guter Mensch. Lebt wohl! Seid gute Menschen, und Gott wird mit euch sein.» Jesus entfernt sich raschen Schrittes unter den Lobpreisungen der beiden.

Als Jesus die anderen wieder erreicht, die bei der Hecke auf ihn warten, sagt er nichts zu ihnen. Dann aber wendet er sich an Petrus: «Nun? Du, der du so sicher warst, daß jener Mann mir etwas Böses antun wollte, was sagst du nun? Simon, Simon! Wieviel fehlt dir noch, um vollkommen zu sein! Wieviel fehlt euch noch! Ihr habt, abgesehen vom offenkundigen Götzenkult, dieselben Fehler wie sie hier und seid zudem noch überheblich im Urteilen. Laßt uns unsere Mahlzeit einnehmen. Wir können den Ort, wo ich noch vor Anbruch der Nacht eintreffen wollte, nicht mehr erreichen. Wir werden in irgendeiner Scheune schlafen, wenn wir nichts Besseres finden.»

Mit dem bitteren Nachgeschmack des Tadels in den Herzen setzen sich die Zwölf wortlos nieder und nehmen ihre Mahlzeit ein.

Die Sonne eines friedlichen Tages bescheint die Landschaft, die in sanften Wellen zu einer Ebene abfällt.

Als die Mahlzeit beendet ist, verweilen sie noch etwas, bis Jesus aufsteht und sagt: «Andreas und du, Simon, kommt! Ich möchte sehen, ob die Bewohner des Hauses dort uns freundlich oder feindlich gesinnt sind», und er macht sich auf den Weg, während die anderen stillschweigend zurückbleiben, bis Jakobus des Alphäus zu Judas Iskariot sagt: «Ist denn die Frau, die des Weges kommt, nicht von Sichar?»

«Ja, sie ist es. Ich erkenne sie am Gewand. Was will sie wohl?»

«Ihres Weges gehen», antwortet Petrus verärgert.

«Nein. Sie blickt zu sehr auf uns, und schirmt sich die Augen mit der Hand ab.»

Die Jünger beobachten sie, bis sie angekommen ist und ganz bescheiden fragt: «Wo ist euer Meister?»

«Nicht hier. Warum fragst du nach ihm?»

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«Ich sollte ihn sprechen...»

«Er verliert seine Zeit nicht mit Frauen», entgegnet Petrus trocken.

«Ich weiß es, mit den Frauen nicht, aber ich bin eine Frauenseele, die ihn nötig hat.»

«Laß sie machen», rät Judas des Alphäus, und antwortet Fotinai: «Warte, er kommt gleich zurück.»

Die Frau stellt sich in die Ecke einer Wegbiegung und schweigt, während die Jünger sich nicht mehr um sie kümmern. Doch Jesus kehrt bald zurück, und Petrus sagt: «Da ist der Meister. Sage ihm, was du ihm zu sagen hast und beeile dich.»

Die Frau antwortet ihm nicht, sondern läßt sich vor Jesu Füßen auf die Knie nieder und verneigt sich schweigend bis zur Erde.

«Fotinai, was willst du von mir?»

«Deine Hilfe, Herr. Ich bin so schwach, und ich will nicht mehr sündigen. Ich habe dies dem Mann bereits gesagt. Doch jetzt, da ich keine Sünderin mehr bin, komme ich nicht mehr weiter. Das Gute ist mir fremd. Was soll ich tun? Sage du es mir. Ich bin nur Schlamm. Aber dein Fuß betritt auch den Staub des Weges, um zu den Seelen zu gelangen. Zertritt auch meinen Schlamm, aber komm und gib mir deinen Rat.» Sie weint.

«Mir könntest du als alleinstehende Frau nicht folgen. Doch wenn du wirklich nicht mehr sündigen willst und die Weisheit, Sünden zu vermeiden, lernen möchtest, dann kehre mit reuiger Gesinnung in dein Haus zurück und warte. Es wird der Tag kommen, da du mit vielen anderen, ebenfalls geretteten Schwestern, bei deinem Erlöser sein kannst, um die Wissenschaft des Guten zu erlernen. Geh und habe keine Furcht. Bleibe deinem jetzigen Vorsatz, nicht mehr zu sündigen, treu. Leb wohl.»

Die Frau küßt den Staub, steht auf, geht einige Schritte rückwärts und entfernt sich dann in Richtung Sichar...

187. JESUS BESUCHT DEN TÄUFER BEI ENNON

Es ist eine mondhelle Nacht, so klar, daß die Landschaft in allen Einzelheiten erkennbar ist und die Felder mit dem jungen Getreide einem Teppich aus grünsilbernem Filz gleichen, der von den dunklen Bändern der Pfade durchzogen ist und von den Bäumen bewacht wird, die auf der vom Mond beschienenen Seite ganz weiß, auf der Rückseite jedoch tief schwarz erscheinen.

Jesus ist allein und geht entschlossen und sehr schnell seines Weges, bis er zu einem Wasserlauf kommt, der gurgelnd in nordöstlicher Richtung zur Ebene hinabfließt. Er folgt ihm bis zu einer einsamen Stelle an einem wilden, steilen Ufer. Schließlich macht er noch einen Bogen, steigt einen

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Pfad empor und gelangt zu einem natürlichen Unterstand am Hang des Hügels.

Er tritt ein und beugt sich über ein liegendes Wesen, das kaum kenntlich ist, da der Mondschein, der den Pfad erleuchtet, nicht in die Höhle eindringt. Jesus ruft: «Johannes!»

Der Mann erwacht und setzt sich, noch vom Schlaf benommen, auf. Doch als ihm bewußt wird, wer ihn gerufen hat, springt er auf, um sich gleich vor Jesus niederzuwerfen und zu sagen: «Wie geschieht mir, daß mein Herr zu mir gekommen ist?»

«Ich bin gekommen, um dein und mein Herz glücklich zu machen. Du sehntest dich nach mir, Johannes. Da bin ich. Steh auf! Laßt uns in den Mondschein hinaustreten und uns zum Gespräch auf den Felsblock bei der Grotte setzen.»

Johannes gehorcht, er steht auf und tritt hinaus. Doch als Jesus sich gesetzt hat, kniet er in seinem Schafsfell, das seinen sehr mageren Körper nur dürftig bedeckt, vor Christus nieder und streicht sein langes, wirres Haar, das ihm vor die Augen gefallen war, zurück, um den Sohn Gottes besser betrachten zu können.

Der Gegensatz ist kraß. Jesus ist blaß und blond, hat weiches, geordnetes Haar und einen kurzen Bart an der unteren Gesichtshälfte. Johannes hingegen hat ein wahres Gewirr von pechschwarzem Haar, aus dem nur zwei tiefliegende, wie von Fieber glänzende Augen hervorstechen.

«Ich bin gekommen, um dir "danke" zu sagen. Du hast mit der Vollkommenheit der Gnade, die in dir ist, deine Mission als mein Vorläufer erfüllt und wirst sie weiterhin erfüllen. Wenn die Stunde gekommen ist, wirst du an meiner Seite in den Himmel eingehen, denn du hast alles von Gott verdient. Doch in der Erwartung dieses Ereignisses wirst du schon den Frieden des Herrn genießen, mein geliebter Freund.»

«Bald schon werde ich in den Frieden eingehen. Mein Meister und mein Gott, segne deinen Knecht, um ihn für die letzte Prüfung zu stärken. Es ist mir nicht unbekannt, daß diese nunmehr sehr nahe ist, und daß ich noch ein Zeugnis abzulegen habe: jenes des Blutes. Dir, mehr noch als mir, ist es bekannt, daß meine Stunde naht. Dein Kommen ist Ausdruck der barmherzigen Güte deines Gottes-Herzens, das den letzten Märtyrer Israels und den ersten Märtyrer der neuen Zeit stärken wollte. Aber sage mir nur eins: werde ich lange auf dein Kommen warten müssen?»

«Nein, Johannes. Nicht viel länger als die Zeit, die zwischen deiner und meiner Geburt verstrichen ist.»

«Der Allerhöchste sei dafür gepriesen. Jesus... Darf ich so zu dir sagen?»

«Du darfst es, aufgrund unserer Verwandtschaft und wegen deiner Heiligkeit. Dieser Name, den auch die Sünder aussprechen, darf vom Heiligen Israels ausgesprochen werden. Jenen dient er zur Rettung, für

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dich soll er zärtliche Liebe sein. Was willst du von Jesus, deinem Meister und Vetter?»

«Bald werde ich sterben. Doch, wie ein Vater sich um seine Kinder sorgt, so sorge ich mich um meine Jünger. Meine Jünger... Du bist Meister und weißt, welch eine Liebe wir für sie empfinden. Die einzige Sorge ist, daß sie, wenn ich sterbe, sich wie Schafe ohne einen Hirten verirren könnten. Nimm du sie auf. Ich gebe dir die drei, die dir angehören und mir in deiner Erwartung vollkommene Jünger gewesen sind, zurück. In ihnen, insbesondere in Matthias, ist die Weisheit wirklich gegenwärtig. Andere habe ich noch, auch sie werden zu dir kommen. Doch gewähre mir, daß ich dir diese persönlich anvertraue. Es sind die drei teuersten Jünger.»

«Auch mir sind sie teuer. Sei beruhigt, Johannes, sie werden nicht verlorengehen, weder diese noch die anderen, die du als wahre Jünger hast! Ich nehme dein Erbe an und werde darüber wachen wie über den kostbarsten Schatz, den ich von meinem vollkommenen Freund und Diener des Herrn empfangen habe.»

Johannes wirft sich auf die Erde und – was bei einer so strengen Persönlichkeit beinahe unmöglich scheint – er weint laut schluchzend in seliger Freude.

Jesus legt ihm die Hand aufs Haupt: «Deine Tränen der Freude und Demut haben in mir den Widerhall eines Gesanges aus fernen Tagen geweckt, bei dessen Klang dein kleines Herz vor Freude hüpfte. Jener Gesang und diese Tränen sind ein und derselbe Lobgesang an den Ewigen Gott, der große Dinge vollbracht hat und machtvoll wirkt in den Demütigen. Auch meine Mutter stimmt aufs neue den Lobgesang an, den sie damals schon gesungen hatte. Doch danach wird auch für sie die unendliche Herrlichkeit kommen, so wie für dich nach dem Martyrium. Ich bringe dir auch ihren Gruß. All ihre Abschieds- und Trostworte. Du verdienst sie. Hier ist nur die Hand des Menschensohnes auf deinem Haupt; doch durch den offenen Himmel steigen die Liebe und das Licht auf dich hernieder, um dich zu segnen, Johannes.»

«Ich bin dessen nicht würdig. Ich bin dein Diener.»

«Du bist mein Johannes. Einst am Jordan war ich der Messias, der sich offenbarte. Hier nun bin ich dein Vetter und dein Gott, der dir die Wegzehrung seiner Liebe als Gott und Verwandter mitgeben will. Erhebe dich, Johannes! Wir wollen uns den Abschiedskuß geben.»

«Ich bin nicht würdig... Ich habe es wohl mein ganzes Leben lang gewünscht, doch ich wage es nicht, dich zu küssen. Du bist mein Gott!»

«Ich bin dein Jesus. Leb wohl. Meine Seele wird der deinen nahe sein, bis du in den Frieden eingehst. Lebe und sterbe in der Gewißheit des Friedens um deine Jünger. Mehr kann ich dir jetzt nicht geben, doch im Himmel werde ich dich hundertfach belohnen, denn du hast vor den Augen Gottes jegliche Gnade gefunden.»

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Jesus hat ihm aufgeholfen, ihn umarmt und auf die Wangen geküßt und ist von Johannes geküßt worden. Dann kniet Johannes nochmals nieder, und Jesus legt ihm die Hände aufs Haupt und betet mit zum Himmel erhobenen Augen. Er scheint ihn zu weihen. Es ist ergreifend. Stille herrscht während einiger Zeit. Dann verabschiedet sich Jesus mit seinem liebevollen Gruß: «Mein Friede sei allezeit mit dir», und er entfernt sich auf demselben Weg, auf dem er gekommen war.

188. JESUS UNTERWEIST DIE APOSTEL

«Herr, warum ruhst du dich nicht aus in der Nacht? Heute nacht bin ich aufgestanden und habe dich nicht gefunden. Dein Lager war leer.»

«Warum hast du mich gesucht, Simon?»

«Um dir meinen Mantel zu geben. Ich fürchtete, du könntest in dieser hellen, doch sehr frischen Nacht frieren.»

«War dir nicht kalt?»

«Ich habe mich in vielen Jahren des Elends daran gewöhnt, kaum bedeckt, schlecht ernährt und schlecht untergebracht zu sein... Das Tal der Toten... Welch ein Schrecken! Diesmal ist es nicht so, doch das nächste Mal, wenn wir nach Jerusalem gehen, Herr, dann komm zu dieser Stätte des Todes. Es sind so viele Unglückliche dort... und die körperliche Not ist noch nicht das Schlimmste... Das, was die Menschen dort verzehrt, ist die Verzweiflung. Findest du nicht, mein Herr, daß die Aussätzigen zu hart behandelt werden?»

Es ist Judas Iskariot, der Jesus mit der Antwort zuvorkommt und zum Zeloten, der für seine früheren Leidensgenossen eintritt, sagt: «Möchtest du sie vielleicht frei unter dem Volk herumlaufen lassen? Es ist ihr Pech, wenn sie aussätzig sind.»

«Es fehlte nur noch das, um aus den Juden Märtyrer zu machen! Auch noch der Aussatz auf den Straßen, zusammen mit den Soldaten und all den anderen Dingen», ruft Petrus aus.

«Es scheint mir eine gerechte Maßnahme der Vorsicht, sie abgesondert zu halten», bemerkt Jakobus des Alphäus.

«Ja, doch dies sollte mit Mitgefühl geschehen. Du kannst dir nicht vorstellen, was es heißt, aussätzig zu sein. Du kannst darüber nicht sprechen. Wenn es gut ist, sich um die Gesundheit des Leibes zu sorgen, wieso sollten wir uns nicht ebenso um die Seelen der Aussätzigen kümmern? Wer spricht zu ihnen von Gott ? Nur Gott allein weiß, wie nötig sie es hätten, in ihrer furchtbaren Trostlosigkeit an einen Gott zu denken und wie sehr sie des inneren Friedens bedürfen!»

«Du hast recht, Simon. Ich werde zu ihnen gehen, weil es gerecht ist

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und um euch Barmherzigkeit zu lehren. Bisher habe ich die Aussätzigen, denen wir zufällig begegnet sind, geheilt. Bisher, das heißt, bis zu dem Augenblick, da ich aus Judäa vertrieben wurde, habe ich mich an die Mächtigen von Judäa als die Entferntesten und der Erlösung am meisten Bedürftigen gewandt, um dem Erlöser eine Hilfe zu sein. Nun, da ich mich von der Nutzlosigkeit dieses Versuches überzeugt habe, werde ich davon ablassen. Nicht zu den Großen, sondern zu den Geringsten, zu den Elenden Israels will ich gehen, und unter diesen werden auch die Aussätzigen im Tale der Toten sein. Ich werde den Glauben dieser Menschen an mich, die vom dankbaren Aussätzigen die Heilsbotschaft vernommen haben, nicht enttäuschen.»

«Wie kannst du wissen, Herr, daß ich dies getan habe?»

«So, wie ich auch weiß, was Freunde oder Feinde, deren Herz ich erforsche, über mich denken.»

«Barmherzigkeit! Aber weißt du wirklich alles von uns, Meister?» ruft Petrus aus.

«Ja, auch daß du, und nicht nur du allein, Fotinai wegschicken wolltest. Aber weißt du denn nicht, daß es dir nicht zusteht, eine Seele vom Guten fernzuhalten? Weißt du nicht, daß man, wenn man in ein anderes Land kommt, auch für jene ein liebevolles Erbarmen haben sollte, welche eine ungerechte Gesellschaft des Mitleids für unwürdig erklärt, weil sie sich mit Gott nicht identifiziert. Doch beunruhige dich nicht, weil ich alles weiß. Bedaure nur, daß dein Herz Regungen empfindet, die Gott nicht billigt, und strenge dich an, sie nicht mehr aufkommen zu lassen. Ich habe euch gesagt: das erste Jahr ist vorüber, und im neuen werde ich auf eine andere Art und Weise auf meinem Weg weitergehen. Auch ihr müßt in diesem zweiten Jahr Fortschritte machen. Sonst wäre es nutzlos, daß ich mich abmühe, die Heilsbotschaft zu verkünden und euch, meine zukünftigen Priester, besonders darin auszubilden.»

«Bist du beten gegangen, Meister? Du hast uns versprochen, uns deine Gebete zu lehren. Wirst du es in diesem Jahre tun?»

«Ich werde es tun. Doch ich will euch auch lehren, gute Menschen zu sein, denn die Güte ist schon Gebet. Aber ich werde es tun, Johannes.»

«Wirst du uns in diesem Jahr auch lehren, Wunder zu wirken?» fragt Judas Iskariot.

«Das Wunderwirken kann man nicht lehren. Es ist nicht das Spiel eines Zauberkünstlers. Das Wunder kommt von Gott. Wer in Gottes Gnade steht, kann sie wirken. Wenn ihr lernt, gut zu sein, wird die Gnade über euch kommen und ihr werdet Wunder erlangen.»

«Aber du antwortest nie auf unsere Frage. Simon hat dich gefragt, Johannes hat dich gefragt, und du hast uns noch nicht gesagt, wo du diese Nacht gewesen bist. Allein weggehen in diesem heidnischen Land kann gefährlich sein.»

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«Ich bin gegangen, um eine gerechte Seele glücklich zu machen, und da es sich um einen Todgeweihten handelt, sein Erbe zu übernehmen.»

«Ja? War es groß?»

«Sehr groß, Petrus, und sehr wertvoll; die Frucht der Arbeit eines wahren Gerechten.»

«Aber ich habe nichts mehr als sonst in deiner Tasche gesehen. Sind es vielleicht Edelsteine, die du an deiner Brust verborgen hältst?»

«Ja, es sind Edelsteine, die meinem Herzen sehr teuer sind.»

«Zeige sie uns, Meister.»

«Ich werde sie dann haben, wenn der Todgeweihte gestorben sein wird. Vorerst dienen sie noch ihm und mir, indem ich sie belasse, wo sie sind»

«Hast du sie gewinnbringend angelegt?»

«Aber glaubst du denn, daß alles Wertvolle gerade Geld sein muß? Das Geld ist die nutzloseste und schmutzigste Sache, die es auf Erden gibt. Es dient nur der Materie, dem Verbrechen und der Hölle. Nur selten benützt es der Mensch zum Guten.»

«Wenn es also nicht Geld ist, was ist es denn?»

«Drei Jünger, die von einem Heiligen herangebildet wurden.»

«Dann bist du beim Täufer gewesen. Oh! Aber warum?»

«Warum? ... Ihr habt mich immer, und ihr alle zusammen seid weniger wert als ein einziger Fingernagel des Propheten. War es da nicht gerecht, daß ich zum Heiligen Israels gegangen bin, um ihm den Segen Gottes zu überbringen und ihn für das Martyrium zu stärken?»

«Aber wenn er heilig ist... so braucht er doch keine Stärkung. Er schafft es aus eigenen Kräften! ...»

«Es wird der Tag kommen, da "meine" Heiligen vor die Richter geführt und zum Tode verurteilt werden. Sie mögen heilig und von der Gnade Gottes erfüllt sein; sie werden im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe Trost finden, und doch höre ich jetzt schon ihren Schrei, den Schrei ihrer Seele: "Herr, hilf uns in dieser Stunde!"

Nur mit meiner Hilfe werden meine Heiligen in den Verfolgungen stark sein.»

«Aber wir werden nicht unter ihnen sein, nicht wahr? Denn ich bin wirklich nicht fähig zu leiden.»

«Das stimmt, du bist nicht fähig zu leiden. Doch du bist noch nicht getauft, Bartholomäus.»

«Doch, ich bin getauft.»

«Mit Wasser. Es fehlt dir aber noch eine andere Taufe. Nach dieser wirst du imstande sein zu leiden.»

«Ich bin schon alt.»

«Als sehr alter Mann wirst du noch stärker sein als ein Jüngling.»

«Aber du wirst uns dennoch beistehen, nicht wahr?»

«Ich werde immer bei euch sein.»

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«Ich werde versuchen, mich an das Leiden zu gewöhnen», sagt Bartholomäus.

«Ich werde von nun an immer darum beten, daß ich diese Gnade von dir erhalte», sagt Jakobus des Alphäus.

«Ich bin alt und bitte nur darum, daß ich dir vorangehen und mit dir in den Frieden eingehen darf», sagt Simon der Zelote.

«Ich weiß nicht, was ich möchte... dir vorangehen oder in deiner Nähe bleiben, um mit dir zu sterben», sagt Judas des Alphäus.

«Ich würde viel leiden, wenn ich dich überleben sollte. Doch ich werde mich damit trösten, daß ich dich den Völkern verkündige», bekennt Judas Iskariot.

«Ich denke darüber wie dein Vetter», sagt Thomas.

«Ich hingegen wie Simon der Zelote», sagt Jakobus des Zebedäus.

«Und du, Philippus ?»

«Ich... ich will nicht daran denken. Der Ewige wird mir das geben, was für mich am besten ist.»

«Oh, schweigt doch! Es scheint gar, als müßte der Meister schon bald sterben. Laßt mich nicht an seinen Tod denken!» ruft Andreas aus.

«Das hast du gut gesagt, mein Bruder. Du bist jung und gesund, Jesus. Du wirst uns alle begraben müssen, die wir älter sind als du.»

«Aber, wenn man mich töten würde?»

«Das soll nie geschehen; ich würde deinen Tod in jedem Fall rächen.»

«Wie? Mit einer Blutrache ?»

«Eh! ... Auch damit, wenn du mir die Erlaubnis dazu gibst. Anderenfalls werde ich durch das Bekenntnis meines Glaubens unter den Völkern die gegen dich erhobenen Anklagen tilgen. Die Welt wird dich lieben, weil ich unermüdlich im Predigen sein will!»

«Das ist wahr. So wird es sein, und du, Johannes? Und du, Matthäus ?»

«Ich muß leiden und warten, bis meine Seele mit großer Mühe reingewaschen sein wird», sagt Matthäus.

«Ich... ich weiß nicht. Ich möchte gleich sterben, um dich nicht leiden sehen zu müssen. Ich möchte an deiner Seite sein, um dich in deinem Todeskampf zu trösten. Ich möchte lange leben, um dir lange dienen zu können. Ich möchte mit dir sterben, um mit dir in den Himmel einzugehen. Alles möchte ich, weil ich dich liebe. Ich glaube auch, daß ich, als der geringste unter meinen Brüdern, dazu fähig sein werde, wenn ich dich vollkommen liebe. Jesus, vermehre deine Liebe!» sagt Johannes.

«Du willst wohl sagen: "Vermehre meine Liebe"», bemerkt Judas Iskariot. «Denn wir sind es, die immer mehr lieben sollen...»

«Nein, ich meine: "Vermehre deine Liebe", denn wir werden um so mehr lieben, je mehr er durch seine Liebe in uns das Feuer der Liebe entzündet.»

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Jesus zieht den reinen, begeisterten Johannes an sich, küßt ihn auf die Stirn und sagt dann: «Du hast ein göttliches Geheimnis über die Heiligung der Herzen enthüllt. Gott ergießt seine Liebe über die Gerechten, und je mehr diese sich seiner Liebe ergeben, um so mehr vermehrt er die Liebe in ihnen und läßt sie an Heiligkeit zunehmen. Dies ist das geheimnisvolle und unergründliche Wirken Gottes und der Seelen, das sich in mystischem Schweigen vollzieht, und seine Macht, die mit menschlichen Worten nicht auszusprechen ist, schafft unbeschreibliche Kunstwerke der Heiligkeit. Es ist kein Irrtum, sondern Weisheit, Gott zu bitten, er möge seine Liebe in einem Herzen vermehren.»

189. JESUS IN NAZARETH; «SOHN, ICH WERDE MIT DIR KOMMEN»

Jesus ist allein. Er schreitet rasch auf der Hauptstraße, die nach Nazareth führt, dahin und wendet seine Schritte beim Betreten der Stadt sogleich seinem Hause zu. Als er in dessen Nähe angelangt ist, sieht er seine Mutter, die ebenfalls nach Hause geht und vom Neffen Simon begleitet wird, der ein trockenes Reisigbündel auf den Schultern trägt. Er ruft sie: «Mutter!»

Maria wendet sich um und ruft aus: «Oh! Mein gesegneter Sohn!»und beide eilen einander entgegen, während Simon, der seine Last zu Boden geworfen hat, Maria nachahmt und seinem Vetter entgegengeht den er herzlich begrüßt.

«Meine Mutter, ich bin gekommen. Bist du nun glücklich?»

«So sehr, mein Sohn. Aber... wenn du nur auf meine Bitte hin gekommen bist, so möchte ich dir sagen, daß es weder mir noch dir erlaubt ist, mehr der Stimme des Blutes als jener der Sendung zu gehorchen.»

«Nein, Mutter, ich bin auch anderer Dinge wegen gekommen.»

«Es ist also wahr, mein Sohn? Ich glaubte – ich wollte glauben – daß es lügnerische Gerüchte wären, und daß man dich nicht so hassen würde...» Tränen sind in der Stimme und in den Augen der Mutter.

«Weine nicht, Mutter. Bereite mir nicht diesen Schmerz. Ich brauche dein Lächeln.»

«Ja, Sohn, ja! Es ist wahr. Du siehst so viele harte und feindliche Gesichter, daß du viel Liebe und Lächeln brauchst. Aber hier, siehst du, ist jemand, der dich für alle liebt...»

Maria hat sich leicht an ihren Sohn gelehnt, der ihr den Arm um die Schultern legt. Sie versucht auf dem Weg nach Hause zu lächeln, um jede Sorge im Herzen Jesu auszulöschen. Simon hat sein Reisigbündel wieder auf seine Schultern genommen und geht neben Jesus einher.

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«Du bist blaß, Mutter. Hat man dir viel Kummer bereitet? Bist du krank gewesen? Hast du dich zu sehr abgemüht?»

«Nein, Sohn, nein! Ich habe sonst keine Sorgen. Mein einziges Leid ist, dich fern und nicht geliebt zu wissen. Doch hier sind sie alle sehr gut zu mir. Ich meine nicht nur Maria und Alphäus, du weißt ja, wie sie sind. Aber auch Simon, siehst du, wie gut er ist ? So gut ist er immer. Er war mir in den letzten Monaten eine große Stütze. Nun versorgt er mich mit Holz. Er ist so lieb, und auch Joseph, weißt du? Sie sind so aufmerksam gegenüber ihrer Maria.»

«Gott segne dich, Simon, und er segne auch Joseph. Daß ihr mich noch nicht als Messias liebt, kann ich euch verzeihen. Oh, zur Liebe Christi werdet ihr noch gelangen. Aber wie könnte ich euch verzeihen, wenn ihr sie nicht lieben würdet?»

«Maria zu lieben ist gerecht und bedeutet Friede, Jesus. Aber auch du wirst geliebt... nur, weißt du, wir machen uns große Sorgen um dich.»

«Ja, ihr liebt mich auf menschliche Weise, doch ihr werdet auch noch zur anderen Liebe gelangen.»

«Aber auch du, mein Sohn, bist blaß und abgemagert.»

«Ja, du scheinst älter geworden zu sein. Auch ich sehe es», bemerkt Simon.

Sie betreten das Haus, und Simon zieht sich rücksichtsvoll zurück, nachdem er die Reisigbündel an ihren Ort gebracht hat.

«Sohn, da wir nun allein sind, sage mir die Wahrheit, die ganze. Warum hat man dich vertrieben?» Maria hat beim Sprechen die Hände auf die Schultern Jesu gelegt und blickt ihm ins abgemagerte Antlitz.

Jesus lächelt sanft und müde: «Weil ich versucht habe, die Menschen zur Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit und zum wahren Glauben zu führen.»

«Wer aber beschuldigt dich? Das Volk?»

«Nein, Mutter, die Pharisäer und die Schriftgelehrten, mit Ausnahme einiger Gerechter unter ihnen.»

«Aber was hast du getan, um von ihnen beschuldigt zu werden?»

«Ich habe die Wahrheit gesagt. Weißt du nicht, daß dies als größtes Vergehen in den Augen der Menschen gilt?»

«Was haben sie denn sagen können, um ihre Anklagen zu rechtfertigen?»

«Lügen! Solche, die du kennst, und andere dazu.»

«Nenne sie deiner Mutter. Lege deinen ganzen Schmerz in mein Herz. Ein Mutterherz ist an den Schmerz gewöhnt und erträgt ihn gerne, wenn es damit das Herz des Sohnes erleichtern kann. Gib mir deinen Schmerz, Jesus. Setze dich hierher, wie du es als Kind tatest, und mach dich frei von aller Bitterkeit.»

Jesus setzt sich auf ein Bänkchen zu Füßen der Mutter und berichtet

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alles, was während der letzten Monaten in Judäa geschehen ist, ohne Groll und ohne etwas zu verhüllen.

Maria streicht ihm sanft übers Haar, während sie mit einem heroischen Lächeln auf ihren Lippen gegen die Tränen ankämpft, die in ihren blauen Augen schimmern. Jesus spricht auch von der Notwendigkeit, sich gewissen Frauen zu nähern, um sie retten zu können, und von seinem Schmerz darüber, daß er daran der menschlichen Bosheit wegen gehindert ist. Maria stimmt zu und beschließt dann: «Sohn, du darfst mir meinen Wunsch nicht versagen: von nun an werde ich mit dir kommen, wenn du von hier weggehst, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit und an jeden Ort, wo es auch sei. Ich will dich vor Verleumdung schützen. Meine Gegenwart wird den Schmutz abwehren. Maria wird mit dir kommen. Sie wünscht es so sehr. Das braucht es neben dem Heiligen und gegen Satan und die Welt: das Herz der Mütter.»

190. IN KANA IM HAUS DER SUSANNA; DER KÖNIGLICHE BEAMTE

Jesus ist anscheinend auf dem Weg zum See. Jedenfalls erreicht er nun Kana und begibt sich zum Haus der Susanna. Es begleiten ihn die Vettern.

Während sie dort eine Mahlzeit einnehmen und sich ausruhen, und während man den Worten Jesu mit Interesse zuhört, wie dies bei Verwandten oder Freunden von Kana stets der Fall sein sollte, belehrt er diese guten Menschen in schlichter Weise. Jesus tröstet auch den Mann im Kummer um seine Susanna, die krank zu sein scheint, da sie nicht anwesend ist und man wiederholt von ihren Leiden spricht, tritt ein gut gekleideter Mann ein und wirft sich Jesus zu Füßen nieder.

«Wer bist du? Was willst du?»

Während dieser noch seufzt und weint, zieht der Herr des Hauses Jesus an einem Zipfel seines Gewandes und flüstert: «Es ist ein Beamter des Tetrarchen. Traue ihm nicht zu sehr.»

«So sprich denn, was willst du von mir?»

«Meister, ich habe erfahren, daß du zurückgekehrt bist. Ich habe dich erwartet, wie man auf Gott wartet. Komm sofort nach Kapharnaum. Mein Junge liegt schwer krank darnieder und seine Stunden sind gezählt. Ich bin Johannes, deinem Jünger, begegnet und habe von ihm erfahren, daß du auf dem Weg nach Kapharnaum seiest. Komm, komm schnell, bevor es zu spät ist.»

«Du, der du ein Diener des Verfolgers des Heiligen Israels bist, wie kannst du an mich glauben? Ihr glaubt nicht an den Vorläufer des Messias, wie könnt ihr also an den Messias glauben?»

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«Es ist wahr, auf uns lasten die Sünden des Unglaubens und der Hartherzigkeit. Doch habe Erbarmen mit einem Vater! Ich kenne Chuza, und habe Johanna gesehen, vor und nach dem Wunder habe ich sie gesehen, und da habe ich den Glauben gefunden.»

«So ist es. Ihr seid ein so ungläubiges und verdorbenes Geschlecht, daß ihr ohne Zeichen und Wunder nicht glaubt. Es fehlt euch die erste notwendige Eigenschaft, um ein Wunder zu erlangen.»

«Das ist wahr! Alles, was du sagst, ist wahr! Doch du siehst, ich glaube nun an dich und bitte dich, komm, komm sofort nach Kapharnaum. Ich werde dir in Tiberias ein Boot besorgen, damit du rascher vorwärtskommst. Aber komm, bevor mein Kind stirbt!», und er weint verzweifelt.

«Ich werde vorerst nicht kommen. Doch, gehe nach Kapharnaum. Dein Sohn lebt und ist von diesem Augenblick an gesund.»

«Gott segne dich, mein Herr. Ich glaube dir. Doch da ich möchte, daß mein ganzes Haus dir ein Fest bereite, komm nach Kapharnaum in mein Haus.»

«Ich werde kommen. Leb wohl! Der Friede sei mit dir!»

Der Mann verläßt eilends den Raum, und kurz darauf hört man den Hufschlag eines Pferdes.

«Ist der Junge nun wirklich geheilt?» fragt Susannas Mann.

«Glaubst du denn, daß ich lügen könnte?»

«Nein, Herr! Doch du bist hier, und der Junge befindet sich dort.»

«Mein Geist kennt weder Schranken noch Entfernungen.»

«Oh, mein Herr, wie du bei meiner Hochzeit Wasser in Wein verwandelt hast, wandle nun auch meine Tränen in ein Lächeln. Heile meine Susanna!»

«Was wirst du mir dafür geben?»

«Die Summe, die du verlangst.»

«Ich beschmutze das, was heilig ist, nicht mit Mammons Blut. Ich frage deine Seele, was sie mir geben will.»

«Mich selbst, wenn du willst.»

«Doch, wenn ich von dir ohne Worte ein großes Opfer verlangen würde?»

«Mein Herr, ich bitte dich um die leibliche Gesundheit meiner Frau und um die Heiligung von uns allen. Ich glaube, daß ich kein Opfer als zu groß erachten darf, um dies zu erlangen...»

«Du fürchtest für deine Frau. Aber wenn ich ihr das Leben wiederschenkte und sie dadurch für immer als meine Jüngerin gewänne, was würdest du dann sagen?»

«Daß... daß du das Recht dazu hast... und daß... und daß ich Abraham in seiner Bereitschaft zum Opfer nachahmen werde.»

«Du hast es gut gesagt. Hört ihr alle: die Zeit meines Opfers naht. Wie ein Strom eilt sie schnell und rastlos ihrer Mündung entgegen. Ich

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muß alles erfüllen, wozu ich beauftragt bin, doch die menschliche Härte verschließt mir viele Gebiete meiner Sendung. Meine Mutter und Maria des Alphäus werden mich nun begleiten, wenn ich von hier aufbreche, um mich unter Menschen zu begeben, die mich noch nicht lieben oder nie lieben werden. Meine Weisheit sagt mir, daß die Frauen dem Meister auf diesem ihm verschlossenen Gebiet helfen können. Ich bin gekommen, auch die Frauen zu erlösen, und in der künftigen Zeit, in meiner Zeit, wird es Frauen geben, die gleich Priesterinnen dem Herrn und den Dienern des Herrn dienen werden. Ich habe meine Jünger erwählt; doch um die Frauen erwählen zu können, die nicht frei sind, muß ich um die Zustimmung der Väter und der Gatten bitten. Willst du es ?»

«Herr... ich liebe Susanna. Bisher habe ich sie mehr dem Fleisch als dem Geist nach geliebt. Doch, durch deine Belehrung hat sich bereits etwas in mir gewandelt, und nun betrachte ich in meiner Frau auch das Seelische, nicht nur das Körperliche. Die Seele gehört Gott, und du bist der Messias, der Sohn Gottes. Ich kann dir nicht versagen, was Gottes ist. Wenn Susanna dir folgen will, werde ich sie nicht daran hindern. Nur bitte ich dich, wirke ein Wunder, heile sie am Leib und mich an der Seele...»

«Susanna ist geheilt. Sie wird in wenigen Stunden hierher kommen, um dir ihre Freude mitzuteilen. Laß ihre Seele ihrem inneren Drang folgen und sprich nicht mit ihr über das, was ich dir jetzt gesagt habe. Du wirst sehen, daß ihre Seele freiwillig zu mir kommen und wie eine Flamme aufsteigen wird. Dadurch wird aber ihre Liebe als Gattin nicht erlöschen. Sie wird vielmehr eine höhere Stufe der Liebe erreichen, um in erhabenster Weise zu lieben: mit dem Geist.»

«Susanna gehört dir, Herr! Sie hätte sterben müssen, langsam und unter schrecklichen Qualen. Wäre sie gestorben, hätte ich sie tatsächlich auf dieser Welt verloren. Nun hingegen werde ich sie weiterhin an meiner Seite haben, und sie wird mich mit sich auf deine Wege führen. Gott hat sie mir gegeben und Gott nimmt sie mir. Der Allerhöchste sei gepriesen, in seinem Geben und Nehmen.»

191. IM HAUS DES ZEBEDÄUS; SALOME ANGENOMMEN ALS JÜNGERIN

Jesus befindet sich im Haus des Jakobus und des Johannes, wie ich den Gesprächen der Anwesenden entnehme. Mit Jesus sind, außer den beiden Aposteln Petrus und Andreas auch Simon der Zelote, Judas Iskariot und Matthäus. Die anderen sehe ich nicht.

Jakobus und Johannes sind selig. Sie kommen und gehen von der Mutter zu Jesus und umgekehrt wie Schmetterlinge, die nicht wissen, welche

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Blume unter zwei gleich geliebten sie vorziehen sollen, und Maria Salome liebkost jedesmal glücklich ihre großen Söhne, während Jesus dazu lächelt. Sie müssen soeben gespeist haben, denn die Tafel ist noch gedeckt. Doch die beiden wollen unbedingt, daß Jesus auch von den weißen Trauben esse, die die Mutter eingemacht hat und die süß wie Honig sein müssen. Was würden sie Jesus nicht alles geben!

Salome aber möchte etwas mehr geben und erhalten als Weintrauben und Liebkosungen. Nachdem sie Jesus und Zebedäus eine Zeitlang nachdenklich betrachtet hat, beschließt sie zu handeln. Sie geht zum Meister, der mit dem Rücken an den Tisch gelehnt sitzt, und kniet vor ihm nieder.

«Was willst du, Frau?»

«Meister, du hast beschlossen, daß deine Mutter und die Mutter des Jakobus und des Judas mit dir kommen werden, auch Susanna und natürlich die große Johanna des Chuza werden dir folgen. Alle Frauen, die dich verehren, werden kommen, wenn vorerst eine gekommen ist. Auch ich möchte dabei sein. Nimm mich, Jesus. Ich werde dir in Liebe dienen.»

«Du mußt dich um Zebedäus kümmern. Liebst du ihn nicht mehr?»

«Oh, und wie ich ihn liebe! Doch noch mehr liebe ich dich! Oh, ich will nicht sagen, daß ich dich als Mann liebe. Ich bin sechzig Jahre alt und seit fast vierzig Jahren Gattin, und ich habe nie einen anderen Mann als den meinen angesehen. Nun, da ich eine alte Frau bin, werde ich nicht töricht, noch wird meines Alters wegen die Liebe für meinen Zebedäus sterben. Aber du... Ich habe nicht reden gelernt. Ich bin eine arme Frau. Ich sage es, wie ich kann. Also: Zebedäus liebe ich mit all dem, was zuvor in mir war. Dich liebe ich mit all dem, was du in mir mit deinen Worten und mit denen, die mir Jakobus und Johannes gesagt haben, gewirkt hast. Es ist etwas ganz anderes... aber etwas so Schönes.»

«Es wird niemals gleich schön sein wie die Liebe eines vortrefflichen Gatten.»

«Oh! Nein! Viel mehr wird es sein! ... Oh, sei mir nicht böse, Zebedäus! Ich liebe dich noch mit all meinem Wesen. Doch ihn liebe ich mit etwas, das zwar auch Maria ist, aber nicht mehr Maria, jene erbärmliche Maria, deine Frau, sondern viel mehr... Oh, ich kann es gar nicht ausdrücken!»

Jesus lächelt der Frau zu, die ihren Gatten nicht beleidigen will und dennoch ihre große, neue Liebe nicht verschweigen kann.

Auch Zebedäus lächelt würdevoll und nähert sich seiner Frau, die immer noch kniet und sich abwechselnd zum Gatten und zu Jesus wendet.

«Aber bist du dir bewußt, Maria, daß du dein Haus verlassen müßtest? Du, die du so sehr an ihm hängst! Deine Tauben... deine Blumen... jener Weinstock, der die süßen Trauben hervorbringt, auf die du so stolz bist... deine Bienenstöcke, die ertragreichsten des Ortes... und der Webstuhl, auf dem du so viel Linnen und Wolle gewoben hast für deine Lieben... und

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erst deine Enkelkinder? Wie wirst du ohne deine kleinen Enkelkinder leben können?»

«Oh, mein Herr! Was sind schon Mauern, Tauben, Blumen, Reben, Bienenstöcke und ein Webstuhl – alles gute und teure Dinge – aber im Vergleich zu dir und zur Liebe zu dir sind sie unendlich klein! Die Enkelkinder... ja, es wird schmerzlich sein, sie nicht mehr auf dem Schoß in den Schlaf wiegen zu können und sie nicht mehr rufen zu hören... Doch du bedeutest mir mehr! Oh, du bist mehr als alle diese Dinge, die du mir aufgezählt hast! Und auch, wenn sie mir in meiner Schwäche alle zusammengenommen so lieb oder lieber wären als dir zu dienen und nachzufolgen, so würde ich sie unter Tränen, den Tränen einer Frau, von mir schieben, um dir mit lächelnder Seele nachzufolgen. Nimm mich, Meister! Sagt es ihm, Johannes, Jakobus... und du, mein Gemahl! Seid gut zu mir und helft mir alle.»

«Also gut, auch du wirst mit den anderen kommen. Ich wollte, daß du gut über die Vergangenheit und die Gegenwart nachdenkst; über das, was du zurückläßt, und das, was du auf dich nimmst. Doch komm, Salome. Du bist reif, in meine Familie aufgenommen zu werden.»

«Oh! Reif! Weniger reif als ein Kind bin ich. Doch wirst du mir meine Fehler verzeihen und mich an der Hand führen. Du... denn, ungebildet wie ich bin, werde ich mich vor deiner Mutter und Johanna sehr schämen müssen. Vor allen werde ich mich schämen, nur nicht vor dir, denn du bist der Gütige, alles verstehst du, alles entschuldigst du, alles verzeihst du.»

192. JESUS SPRICHT ZU DEN SEINEN VOM APOSTOLAT DER FRAU

«Was hast du, Petrus ? Du scheinst mir unzufrieden», sagt Jesus, der auf einem kleinen Feldweg unter blühenden Mandelbäumen daherkommt, die den Menschen künden, daß die schlimmste Jahreszeit vorüber ist.

«Ich denke nach, Meister.»

«Du denkst nach, ich sehe es. Doch dein Ausdruck sagt mir, daß du nicht über erfreuliche Dinge nachdenkst.»

«Aber du, der du alles von uns weißt, weißt auch, worüber ich nachdenke.»

«Ja, ich weiß es bereits. Auch Gott Vater kennt die Bedürfnisse des Menschen, doch er verlangt vom Menschen das Vertrauen, das die eigenen Nöte darlegt und ihn um Hilfe bittet. Ich kann dir nur sagen, daß du unrecht hast, wenn du dir darüber Kummer machst.»

«Dann ist also meine Frau dir nicht weniger lieb?»

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«Aber nein, Petrus! Warum sollte sie mir weniger lieb sein? Im Himmel hat mein Vater viele Wohnungen. Es gibt viele Aufgaben für die Menschen auf Erden, und wenn sie in heiliger Weise erfüllt werden, sind sie alle segensreich. Sollte ich dir vielleicht sagen, daß alle Frauen, die nicht dem Beispiel Marias und Susannas folgen, von Gott nicht geliebt sind?»

«O nein! Auch meine Frau glaubt an den Meister, aber sie folgt doch nicht dem Beispiel der anderen», sagt Bartholomäus.

«Auch die meine mit ihren Töchtern nicht. Sie bleiben zu Hause und sind immer bereit, Gastfreundschaft zu gewähren, wie sie es gestern getan haben», sagt Philippus.

«Ich glaube, auch meine Mutter wird so handeln. Sie kann nicht alles verlassen... sie ist allein», sagt Judas.

«Es ist wahr! Es ist wahr! Ich war so betrübt, weil mir schien, die meine wäre... so wenig... Oh, ich weiß es nicht auszudrücken!»

«Kritisiere sie nicht, Petrus ! Sie ist eine rechtschaffene Frau», sagt Jesus.

«Sie ist sehr schüchtern. Ihre Mutter hat alle, Töchter und Schwiegertöchter, wie dünne Ruten gebogen», sagt Andreas.

«Doch nach einem so langen Zusammenleben mit mir hätte sie sich ändern dürfen!»

«Oh, Bruder! Du bist nicht sehr sanft, weißt du? Auf einen Schüchternen wirkst du wie ein Klotz zwischen den Beinen. Meine Schwägerin ist eine sehr gute Frau, und das ist dadurch bewiesen, daß sie die Mutter mit ihrer Bosheit und dich mit deiner Überheblichkeit stets mit Geduld ertragen hat.»

Alle lachen über die unverschleierte Folgerung des Andreas und über das erstaunte Gesicht des Petrus, der sich einen Überheblichen nennen hört.

Auch Jesus muß herzlich lachen. Dann sagt er: «Die treuen Frauen, die sich nicht dazu berufen fühlen, ihr Heim zu verlassen, um mir nachzufolgen, dienen mir ebenso durch ihr Zuhausebleiben. Hätten alle mit mir kommen wollen, hätte ich einigen gebieten müssen, zu Hause zu bleiben. Jetzt, da die Frauen sich uns anschließen, werde ich auch an sie denken müssen. Es wäre weder anständig noch klug, wenn die Frauen, die uns hierhin und dorthin begleiten werden, auf einmal keine Unterkunft hätten. Wir können uns überall ausruhen. Die Frau hat andere Bedürfnisse und braucht eine Unterkunft. Uns genügt ein Schlafraum für uns alle, sie jedoch könnten nicht unter uns sein, einmal aus Achtung und zum anderen aus Rücksicht auf ihre zartere Beschaffenheit. Man darf die Vorsehung Gottes nie herausfordern und die menschliche Natur nie über die gegebenen Grenzen hinaus versuchen. Nun mache ich aus jedem befreundeten Haus, wo sich eine eurer Frauen befindet, eine Raststätte für ihre Schwestern. Aus deinem, Petrus, aus deinem, Philippus, aus deinem,

Bartholomäus, und aus deinem, Judas. Wir werden den Frauen unser rastloses Wandern nicht zumuten können. Wir werden sie am Ort zurücklassen, von dem wir jeweils am Morgen aufbrechen und zu dem wir am Abend zurückkehren. Wir werden sie in unseren Ruhestunden unterweisen, so werden die Leute nicht mehr murren können, wenn andere unglückliche Geschöpfe zu mir kommen, und mir wird es nicht mehr verwehrt sein, sie anzuhören. Die Mütter und Ehefrauen, die uns folgen, werden bestimmt sein zur Verteidigung ihrer Schwestern und meiner selbst gegen die Verleumdungen der Welt. Ihr seht, daß ich eilige Besuche machen will an Orten, wo ich Freunde habe oder haben werde. Dies geschieht nicht meinetwegen, sondern um der Schwächsten unter den Jüngern willen, die mit ihrer Schwäche unsere Kraft unterstützen und sie für viele, viele Geschöpfe nützlich werden lassen.»

«Doch jetzt wollen wir nach Caesarea gehen, wie du gesagt hast. Wer ist denn dort?»

«Geschöpfe, die sich nach dem wahren Gott sehnen, gibt es überall. Der Frühling kündet sich schon an mit diesem rosa Schleier von blühenden Mandelbäumen. Die Tage des Frostes sind vorüber. In wenigen Tagen werde ich die Orte für den Aufenthalt und die Unterkunft unserer Jüngerinnen festgelegt haben, worauf wir unsere Wanderungen wieder aufnehmen werden, um das Wort Gottes zu verbreiten, ohne uns um die Schwestern sorgen und ohne Verleumdungen befürchten zu müssen. Ihre Geduld und ihre Sanftmut wird euch eine Lehre sein. Auch für die Frau wird bald die Stunde der Wiedererlangung ihrer Würde kommen. Ein großes Blumenbeet von Jungfrauen, Bräuten und Müttern wird in meiner Kirche sein.»

193. JESUS IN CAESAREA AM MEER ER SPRICHT ZU DEN GALEERENSKLAVEN

Jesus befindet sich in der Mitte eines weiten und recht schönen Platzes, der in eine sehr breite Straße ausläuft, die fast eine Verlängerung des Platzes zu sein scheint und bis zum Meeresufer führt. Eine Galeere hat gerade den Hafen verlassen und wird vom Wind und den Ruderschlägen ins offene Meer getrieben. Eine andere dreht bei, um in den Hafen zu gelangen, denn die Segel werden eingezogen und die Ruder nur von einer Gruppe bewegt, um das Schiff zu wenden und in die gewünschte Stellung zu bringen. Der Hafen ist vom Platz aus nicht sichtbar, doch kann er nicht weit entfernt sein. Der Platz ist von großen Gebäuden umgeben mit den charakteristischen Außenmauern, welche kaum eine Öffnung aufweisen. Nirgends ein Laden.

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«Wohin gehen wir nun? Du hast hierher kommen wollen, statt in den östlichen Teil der Stadt zu gehen, und hier wohnen die Heiden. Wer will dir hier schon zuhören?» rügt Petrus.

«Gehen wir zu jenem Winkel am Meer. Dort werde ich sprechen.»

«Zu den Wellen?»

«Auch die Wellen sind von Gott erschaffen worden.»

Sie gehen. Nun sind sie an der Bucht angelangt und können von dort aus den Hafen überblicken, in den die Galeere, die sie vorher gesehen hatten, langsam einläuft und dann anlegt. Einige Seeleute schlendern müßig den Kai entlang. Obstverkäufer wagen es, sich dem römischen Schiff zu nähern, um ihre Ware anzubieten. Das ist alles.

Jesus, der mit dem Rücken zur Mauer steht, scheint tatsächlich zu den Wellen zu sprechen. Die Apostel sind nicht besonders zufrieden mit dieser ganzen Lage; sie umringen ihn, teils stehend, teils auf den Felsbrocken sitzend, die da und dort herumliegen und ihnen als Bank dienen.

«Töricht ist der Mensch, der sich mächtig, gesund und glücklich fühlt und sagt: "Was brauche ich schon mehr? Wen brauche ich? Niemanden! Nichts fehlt mir, ich genüge mir selbst, daher gelten für mich die Gebote und die Vorschriften Gottes oder die Sittengesetze nichts. Mein Gesetz ist, das zu tun, wozu ich fähig bin, ohne darüber nachzudenken, ob es nun gut oder schlecht für die anderen sei."»

Ein Händler, der die klangvolle Stimme hört, wendet sich um und geht auf Jesus zu, der fortfährt: «So spricht der Mann und die Frau ohne Weisheit und Glauben. Aber wenn sie damit auch zeigen, daß sie eine mehr oder weniger hohe Stellung in der Gesellschaft einnehmen, so beweist dies ebenfalls eine Verwandtschaft mit dem Bösen.»

Männer verlassen die Galeere und andere Boote und kommen zu Jesus.

«Der Mensch zeigt nicht durch Worte, sondern durch Taten, daß er mit Gott und der Tugend verwandt ist, wenn er darüber nachdenkt, daß das Leben noch wechselhafter ist als die Meereswelle, die sich heute ruhig zeigt und morgen tobt. Ebenso können sich Wohlstand und Macht von heute auf morgen in Elend und Ohnmacht verwandeln. Was wird dann der Mensch tun, der ohne Bindung an Gott lebt? Wie viele auf dieser Galeere waren einst glücklich und mächtig, und nun sind sie Sklaven und werden als Schuldige angesehen! Schuldig sein heißt, Sklave sein: Sklave des menschlichen Gesetzes, das im Leichtsinn verhöhnt wird, denn es besteht und bestraft seine Übertreter, und Sklaven Satans, der sich auf ewig den Schuldigen aneignet, der nicht dazu kommt, seine Schuld zu verabscheuen.»

«Sei gegrüßt, Meister! Wie kommt es, daß du hier bist? Erkennst du mich wieder?»

«Gott möge zu dir kommen, Publius Quintilianus. Du siehst, ich bin gekommen!»

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«Gerade hierher, in das römische Viertel. Ich hoffte nicht mehr, dich je wiederzusehen. Aber es freut mich, dich zu hören.»

«Auch ich freue mich, dich zu sehen. Sind auf der Galeere dort viele an den Rudern?»

«Viele! Hauptsächlich Kriegsgefangene. Interessieren sie dich?»

«Ich würde gerne zu diesem Schiff hingehen.»

«Komm. Macht Platz, ihr!» befiehlt er den wenigen, die sich ihnen genähert haben. Sie treten zur Seite und stoßen Verwünschungen aus.

«Laß sie nur. Ich bin es gewohnt, von Menschen umringt zu sein.»

«Bis hierher kann ich dich führen, weiter nicht. Es ist eine Militärgaleere.»

«Es genügt mir. Gott vergelte es dir.»

Jesus beginnt wieder zu reden, während der Römer an seiner Seite in der prächtigen Uniform sein Leibwächter zu sein scheint.

«Sklave kann man auch infolge eines schmerzlichen Ereignisses geworden sein. Doch jede Träne, die auf ihre Ketten fällt, jeder Peitschenhieb, der niedersaust und schmerzhafte Spuren auf ihrem Körper zurückläßt, läßt ihre Fesseln leichter werden, veredelt in ihnen das Unsterbliche, und bringt ihnen schließlich den Frieden Gottes, denn Gott liebt seine armen, unglücklichen Kinder und wird ihnen ebensoviel Freude schenken, wie sie hier Schmerzen zu ertragen hatten.»

An den Bordwänden der Galeere zeigen sich Männer der Besatzung und hören zu. Die Galeerensträflinge kann man natürlich nicht sehen. Doch sicher dringt durch alle Öffnungen für die Ruder die mächtige Stimme Jesu zu ihnen, die in dieser ruhigen Stunde der Ebbe weithin hörbar ist. Publius Quintilianus, der von einem Soldaten gerufen worden ist, hat sich entfernt.

«Ich möchte diesen Unglücklichen, die von Gott geliebt werden, sagen, daß sie ihren Schmerz ergeben tragen und aus ihm nichts anderes machen sollen als eine Flamme, die bald die Ketten der Galeere und des Lebens lösen wird. Verbringt diesen armseligen Tag, diese dunkle, stürmische Zeit voller Ängste und Nöte, wie sie das Leben ist, im Verlangen nach Gott, damit ihr in das Licht Gottes eingehen könnt, in das strahlende Licht, wo es keine Angst und keine Qualen mehr geben wird. Ihr werdet in den großen Frieden, in die unendliche Freiheit des Paradieses eingehen, ihr Märtyrer eines bitteren Loses, wenn ihr nur in eurem Leiden gute Menschen zu sein versucht und nach Gott strebt.»

Publius Quintilianus kehrt mit anderen Soldaten zurück. Es folgen Sklaven mit einer Sänfte, der die Soldaten Platz schaffen.

«Wer ist Gott? Ich spreche zu Heiden, die nicht wissen, wer Gott ist. Ich spreche zu Kindern unterdrückter Völker, die nicht wissen, wer Gott ist. In euren Wäldern, ihr Gallier, ihr Iberer, ihr Thrazier, ihr Germanen und ihr Kelten, habt ihr etwas, was euch Gott offenbart. Die Seele fühlt

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sich von selbst zur Anbetung gezogen, weil sie sich an den Himmel erinnert. Doch ihr versteht es nicht, den wahren Gott zu finden, der eine Seele in euren Körper gelegt hat; eine Seele, die der der Israeliten gleich ist, und gleich wie jene der mächtigen Römer, die euch unterjocht haben; eine Seele, welche dieselben Pflichten und dieselben Rechte dem Guten gegenüber hat, und der gegenüber der Gute, das heißt, der wahre Gott, treu sein wird. Seid auch ihr dem Guten treu. Der Gott oder die Götter, dessen oder deren Namen ihr auf den Knien der Mutter gelernt und den ihr angebetet habt, der Gott, an den ihr vielleicht nicht mehr denkt, weil ihr keinen Trost von ihm in eurem Leid empfangt, und den ihr in eurer Verzweiflung vielleicht sogar zu hassen und zu verfluchen beginnt, ist nicht der wahre Gott.

Der wahre Gott ist Liebe und Barmherzigkeit. Waren vielleicht eure Götter so? Nein. Auch sie waren Härte, Grausamkeit, Lüge, Scheinheiligkeit, Laster und Raub. Nun haben sie euch ohne den Trost gelassen, der in der Hoffnung besteht, geliebt zu sein und nach so viel Leiden die Gewißheit der Ruhe zu haben. So ist es, weil eure Götter keine Götter sind. Gott, der wahre Gott, der Liebe und Barmherzigkeit ist und von dem ich euch versichere, daß er existiert, ist auch der, der den Himmel, die Meere, die Berge, die Wälder, die Pflanzen, die Blumen, die Tiere und den Menschen erschaffen hat. Er flößt dem siegreichen Menschen Barmherzigkeit und Liebe ein, wie er sie selbst den Geringen der Erde entgegenbringt. O ihr Mächtigen, ihr Gebieter, bedenkt, daß ihr alle aus demselben Stamme hervorgegangen seid. Geht nicht grausam gegen jene vor, die ein unglückliches Schicksal euch in die Hände gegeben hat, und seid auch gegen die menschlich, die ein Vergehen an die Ruderbank der Galeere gekettet hat.

Der Mensch sündigt oft. Niemand ist ohne mehr oder weniger geheime Sünden. Wenn ihr das bedenken würdet, wäret ihr bestimmt gut zu euren Brüdern, die weniger Glück als ihr gehabt haben und für Fehler bestraft worden sind, die ihr vielleicht auch begangen habt, ohne dafür bestraft worden zu sein. Die menschliche Gerechtigkeit ist in ihrem Urteil äußerst fragwürdig, daß es schlimm wäre, wenn die göttliche Gerechtigkeit auch so wäre. Es gibt Schuldige, die unschuldig zu sein scheinen, und Unschuldige, die für schuldig befunden werden. Ich will hier nicht die Ursachen dieser Ungerechtigkeiten untersuchen. Es ergäbe sich daraus eine zu schwere Anklage gegen den ungerechten Menschen, der voll Haß gegen seinen Nächsten ist! Es gibt Schuldige, die zwar solche sind, die aber unter dem Drang übermächtiger Kräfte zum Verbrechen neigen, was ihre Schuld teilweise vermindert. Seid also menschlich, ihr, die ihr in den Galeeren gebietet. Über der menschlichen Gerechtigkeit steht eine weit erhabenere, göttliche Gerechtigkeit, jene des wahren Gottes, des Schöpfers des Königs und des Sklaven, des Felsens und des Sandkorns. Er sieht euch, euch, die ihr rudert, und euch, die ihr der Rudermannschaft vorsteht, und

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wehe, wenn ihr ohne Grund grausam seid! Ich, Jesus Christus, der Messias des wahren Gottes, versichere euch: Gott wird euch bei eurem Tod an eine ewige Galeere ketten und den Dämonen die blutbeschmierte Peitsche überlassen, und ihr werdet geschlagen und gequält werden, wie ihr selber geschlagen und gequält habt. Denn wenn es auch ein menschliches Gesetz gibt, daß der Schuldige bestraft werde, so darf man in der Strafe doch nicht das Maß überschreiten. Vergeßt dies nicht, denn der Mächtige von heute kann der Elende von morgen sein. Gott allein ist ewig.

Ich möchte euer Herz umwandeln und vor allem eure Ketten lösen, euch die verlorene Freiheit und Heimat wiedergeben. Aber, ihr Galeerensträflinge, die ihr meine Brüder seid, und die ihr mein Antlitz nicht sehen könnt, während ich euer Herz mit all seinen Wunden und seiner Sehnsucht nach der irdischen Freiheit und Heimat, die ich euch nicht geben kann, kenne, ihr armen Sklaven der Mächtigen, ich werde euch eine weit wertvollere Freiheit und Heimat schenken. Euretwegen bin ich zum Gefangenen und Heimatlosen geworden, und um euch loszukaufen werde ich mich selbst hingeben, und für euch, auch für euch, die ihr nicht der Auswurf der Menschheit seid, wie ihr genannt werdet, sondern eine Schande seid für den, der das Maß in der Härte des Krieges und der Gerechtigkeit verliert: für euch werde ich ein neues Gesetz auf Erden geben und eine herrliche Wohnstätte im Himmel bereiten. Erinnert euch meines Namens, Kinder Gottes, die ihr jetzt weint! Es ist der Name eures Freundes. Sprecht ihn aus in euren Qualen. Seid versichert, daß ihr mich durch eure Liebe zu mir besitzen werdet, auch wenn wir uns auf Erden nie sehen werden. Ich bin Jesus Christus, der Retter, euer Freund.

Im Namen des wahren Gottes schenke ich euch Trost. Möge der Friede bald über euch kommen.»

Die Menge, die großenteils aus Römern besteht, hat sich um Jesus geschart, dessen neue Gedanken alle in Erstaunen versetzt haben.

«Beim Jupiter! Du hast mich an Dinge denken lassen, die mir nie in den Sinn gekommen wären, von denen ich aber fühle, daß sie wahr sind...»

Publius Quintilianus betrachtet Jesus nachdenklich und ergriffen zugleich.

«So ist es, Freund. Wenn der Mensch den Verstand gebrauchte, dann würde er nicht soweit kommen und Verbrechen begehen.»

«Beim Jupiter! Beim Jupiter! Welch ein Wort! Ich muß es mir merken. Du hast gesagt: "Wenn der Mensch seinen Verstand gebrauchte..."»

«... dann käme er nicht so weit, Verbrechen zu begehen.»

«Das ist wahr, beim Jupiter! Weißt du, du bist wirklich großartig.»

«Jeder Mensch könnte wie ich sein, wenn er es wollte und mit Gott eins wäre.»

Der Römer wiederholt immer aufs neue und mit wachsender Bewunderung seinen Ausruf: «Beim Jupiter!»; doch Jesus fragt ihn: «Könnte ich

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den Galeerensträflingen etwas Trost spenden? Ich habe Geld... eine Frucht, eine Erleichterung, damit sie wissen, daß ich sie liebe.»

«Gib her! Ich kann es tun, und übrigens ist dort eine sehr einflußreiche Dame, die viel vermag; ich werde sie fragen.» Publius geht zur Sänfte und spricht durch den ein wenig beiseite geschobenen Vorhang. Dann kehrt er zurück. «Ich habe volle Befugnis und werde selbst die Verteilung vornehmen, damit die Galeerenaufseher nicht mit deiner Güte Mißbrauch treiben. Es wird das einzige Mal sein, daß ein kaiserlicher Soldat Kriegsgefangenen Barmherzigkeit erweist.»

«Das erste, nicht das einzige Mal. Es wird der Tag kommen, an dem es keine Sklaven mehr geben wird, und zuvor werden meine Jünger unter die Galeerensträflinge und übrigen Sklaven gegangen sein, um sie Brüder zu nennen.» Publius stößt wieder eine Reihe von «Beim Jupiter!» aus, während er darauf wartet, daß ihm genügend Obst und Wein für die Sträflinge gebracht wird. Bevor er dann die Galeere besteigt, nähert er sich Jesus und flüstert ihm ins Ohr: «Dort drinnen sitzt Claudia Procula. Sie möchte dich noch sprechen hören. Doch vorerst möchte sie dich etwas fragen. Geh zu ihr.»

Jesus geht zur Sänfte.

«Sei gegrüßt, Meister!» Der Vorhang wird ein wenig beiseite geschoben, und eine schöne Frau um die dreißig wird sichtbar.

«Es möge in dir der Wunsch nach Weisheit erwachen!»

«Du hast gesagt, daß sich die Seele des Himmels erinnert. Ist das, von dem ihr sagt, daß es in uns ist, also ewig?»

«Es ist ewig, unsterblich, und deshalb erinnert es sich an Gott, an Gott, der es erschaffen hat.»'

«Was ist die Seele?»

«Die Seele ist der wahre Adel des Menschen. Du bist ruhmreich, weil du aus dem Geschlecht der Claudier bist. Der Mensch ist es in noch höherem Maße, weil sein Ursprung in Gott ist. Es handelt sich um eine mächtige Familie, die jedoch einen Anfang nahm und ein Ende haben wird. Im Menschen fließt, seiner Seele wegen, das Blut Gottes, denn die Seele ist – da Gott reinster Geist ist – das geistige Blut des Schöpfers des Menschen: des ewigen, mächtigen und heiligen Gottes. Der Mensch ist also ewig, mächtig und heilig durch die Seele, die in ihm ist und die lebt, solange sie mit Gott vereint ist.»

«Ich bin Heidin. Somit habe ich keine Seele...»

«Du hast sie, doch sie ist in einen tiefen Schlaf gefallen. Erwecke sie zur Wahrheit und zum Leben...»

' In seiner unendlichen Vatergüte bewirkt Gott, daß in jeder Menschenseele ein Drang zum Urquell hin besteht, aus dem sie hervorgeht, was die Grundlage des Naturgesetzes bildet, welches auch im Wilden vorhanden ist.

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«Leb wohl, Meister!»

«Die Gerechtigkeit möge dich für sich gewinnen. Leb wohl!»

«Wie ihr seht, habe ich auch hier Zuhörer gefunden», sagt Jesus zu den Jüngern.

«Ja, aber wer wird dich außer den Römern verstanden haben? Es sind doch Barbaren!»

«Wer? Alle. Der Friede ist in ihnen eingekehrt, und sie werden sich mehr als viele in Israel meiner erinnern. Laßt uns zu dem Haus gehen, wo man uns zur Mahlzeit einlädt.»

«Meister, die Frau ist dieselbe, die am Tag, als du den Kranken geheilt hast, mit mir gesprochen hat. Ich habe sie gesehen und wiedererkannt», sagt Johannes.

«So seht ihr also, daß auch jemand hier war, der auf uns gewartet hat. Doch scheint ihr mir nicht sehr glücklich darüber zu sein. Viel habe ich an jenem Tag erreicht, an dem ich euch zu überzeugen vermag, daß ich nicht nur für die Juden, sondern für alle Völker gekommen bin, und daß ich euch für sie alle vorbereitet habe. Ich sage euch jedoch, erinnert euch an alles, was euer Meister sagt und tut. Nichts davon ist so unbedeutend, daß es nicht eines Tages zur Regel für euer Apostolat werden müßte.»

Niemand antwortet, und Jesus lächelt traurig und voller Mitleid.

194. HEILUNG DER KLEINEN RÖMERIN IN CAESAREA

Jesus sagt:

«Kleiner Johannes, komm mit mir, denn ich will dich eine Belehrung für die Gottgeweihten von heute schreiben lassen. Bereite dich vor und schreibe.»

Jesus ist noch in Caesarea am Meere. Er befindet sich nicht mehr auf jenem Platz von gestern, sondern mehr im Innern der Stadt, von wo aus man jedoch ebenfalls den Hafen und die Schiffe sehen kann. Hier gibt es viele Warenlager und Geschäfte, und auch auf der Straße liegen Matten, auf denen verschiedene Waren zu Schau gestellt werden. Ich nehme an, daß es in der Nähe des Marktes sein muß, der zur Bequemlichkeit der Schiffsleute und der Käufer der auf dem Wasserwege transportierten Waren nicht weit vom Hafen und von den Lagerhäusern gelegen ist. Hier herrscht viel Lärm, der von einem andauernden Kommen und Gehen von Leuten begleitet wird.

Jesus wartet mit Simon und den Vettern darauf, daß die anderen Jünger die nötigen Lebensmittel gekauft haben. Kinder betrachten neugierig Jesus, der sie zärtlich liebkost, während er mit seinen Aposteln spricht. Jesus sagt: «Es tut mir leid, Unzufriedenheit bemerken zu müssen, wenn

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ich mich Heiden nähere. Aber ich kann nichts anderes als das tun, was ich tun muß, und mit allen gut sein. Bemüht auch ihr euch, gut zu sein, wenigstens ihr drei und Johannes, die anderen werden euch dann nachahmen.»

«Aber wie kann man zu allen gut sein? Schließlich verachten und unterdrücken sie uns, sie verstehen uns nicht und sind so lasterhaft...» entschuldigt sich Jakobus des Alphäus.

«Wie man zu allen gut sein soll? Du bist doch zufrieden, der Sohn des Alphäus und der Maria zu sein?»

«Ja, sicher, aber warum fragst du mich danach?»

«Wenn du von Gott vor der Empfängnis gefragt worden wärest, hättest du als ihr Kind zur Welt kommen wollen?»

«Aber ja. Ich verstehe nicht...»

«Wenn du nun aber der Sohn eines Heiden gewesen wärest und man dich angeklagt hätte, daß du der Sohn eines Heiden hast sein wollen, was hättest du dann gesagt ?»

«Ich hätte gesagt... Ich hätte gesagt: "Es ist nicht meine Schuld. Ich bin sein Sohn, doch ich hätte ebensogut der Sohn eines anderen sein können." Ich hätte auch gesagt: "Ihr klagt mich ungerechterweise an. Wenn ich nichts Böses tue, warum haßt ihr mich dann?"»

«Du hast es gesagt. Auch sie, die ihr als Heiden verachtet, könnten dasselbe sagen. Es ist nicht dein Verdienst, daß du der Sohn des Alphäus, eines wahren Israeliten, bist. Du kannst dem Ewigen für diese große Gnade nur danken und dich aus Dankbarkeit und Demut darum bemühen, andere, die diese Gnade nicht haben, zum wahren Gott zu führen. Man muß gut sein.»

«Es ist schwer zu lieben, wenn man einen Menschen nicht kennt!»

«Nein. Schau... Du, Kleiner, komm einmal her.»

Ein etwa achtjähriger Junge, der mit zwei anderen Knaben in einem Winkel gespielt hat, kommt herbei. Es ist ein kräftiges Kind mit dunkelbraunem Haar und einer sehr hellen Hautfarbe.

«Wer bist du?»

«Ich bin Lucius, Cajus Lucius des Cajus Marius. Ich bin Römer, der Sohn des Hauptmanns der Wachmannschaft, der nach seiner Verletzung hier geblieben ist.»

«Wer sind diese beiden?»

«Es sind Isaak und Tobias. Aber man darf es nicht sagen, denn es ist verboten... Sie würden Schläge bekommen.»

«Warum?»

«Weil sie Juden sind, und ich bin Römer. Das ist nicht erlaubt.»

«Aber du bist doch mit ihnen zusammen. Warum?»

«Weil wir uns gern haben. Wir spielen immer zusammen, mit den Würfeln und dem Springseil. Aber so, daß man uns nicht sieht.»

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«Würdest du mich auch gern haben? Ich bin ebenfalls Jude, bin aber kein Kind mehr. Denk einmal, ich bin ein Lehrmeister, sozusagen ein Priester.»

«Das macht mir nichts aus. Wenn du mich liebhast, so liebe ich dich auch... und ich habe dich gern, weil du mich gern hast.»

«Woher weißt du das?»

«Weil du gut bist. Wer gut ist, der liebt.»

«Seht ihr, Freunde? Dies ist das Geheimnis der Liebe: gut sein! Wer gut ist, liebt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob der andere unsere religiöse Überzeugung hat oder nicht.»

Jesus, der den kleinen Cajus Lucius an der Hand hält, geht hin und liebkost die kleinen erschrockenen Judenknaben, die sich hinter einem Toreingang versteckt haben, und sagt: «Die guten Kinder gleichen Engeln, und Engel haben nur eine Heimat: den Himmel. Sie haben alle denselben Glauben: jenen an den einzigen Gott. Sie haben nur einen Tempel: das Herz Gottes. Liebet euch immer wie Engel.»

«Aber wenn sie uns sehen, schlagen sie uns...»

Jesus schüttelt traurig das Haupt und antwortet nicht...

Eine hochgewachsene, wohlgestaltete Frau ruft Lucius, und dieser löst sich von Jesus und ruft aus: «Die Mutter!» und dann zur Frau: «Ich habe einen großen Freund, weißt du ? Er ist ein Lehrmeister...»

Die Frau entfernt sich nicht mit dem Kind, sondern geht vielmehr auf Jesus zu und fragt ihn: «Sei gegrüßt! Bist du nicht der Mann aus Galiläa, der gestern unten am Hafen gesprochen hat?»

«Ich bin es.»

«Dann warte hier auf mich, ich komme gleich zurück», und sie geht mit ihrem Kleinen davon.

Die anderen Apostel – außer Matthäus und Johannes – sind inzwischen eingetroffen und wollen wissen: «Wer war diese Frau?»

«Eine Römerin, glaube ich», antworten Simon und die anderen.

«Was wollte sie?»

«Sie hat gesagt, wir sollen hier auf sie warten. Wir werden es gleich erfahren...»

Andere Leute haben sich hinzugesellt und warten neugierig.

Die Frau kehrt mit anderen Römern zurück. «Du bist also der Meister ?» fragt einer, der wie ein Diener aus einem herrschaftlichen Hause aussieht. Nachdem ihm dies bestätigt worden ist, fragt er weiter: «Würdest du Abscheu empfinden, die Tochter einer Freundin von Claudia zu heilen? Das Kind hat Erstickungsanfälle und liegt im Sterben, und der Arzt kennt die Ursache seines Leidens nicht. Gestern war es noch gesund. Heute morgen liegt es im Todeskampf.»

«Laßt uns zu ihm gehen.»

Sie gehen nur einige Schritte auf einer Straße, die zum Platz führt, wo

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sie gestern waren, und kommen zum weitgeöffneten Tor eines Hauses, das von Römern bewohnt zu sein scheint.

«Warte einen Augenblick.» Der Mann geht rasch hinein und erscheint gleich wieder: «Komm!» sagt er.

Bevor Jesus jedoch eintreten kann, kommt eine junge Frau von vornehmem Aussehen aus dem Haus, die sichtlich verzweifelt ist. Sie trägt ein nur wenige Monate altes Kind auf den Armen, das blau wie ein Erstickender ist. Ich würde sagen, daß es eine tödliche Diphtherie hat und in den letzten Zügen liegt. Die Frau flüchtet sich an die Brust Jesu wie ein Schiffbrüchiger auf eine Klippe. Sie schluchzt so stark, daß sie nicht zu sprechen vermag.

Jesus nimmt das Kind, dessen wächserne Händchen mit den schon ganz violetten Nägelchen verkrampft sind, und hält es hoch. Das Köpflein fällt kraftlos nach hinten. Die Mutter ist – ohne den Hochmut der Römerin gegenüber dem Juden – zu den Füßen Jesu in den Staub niedergesunken und schluchzt mit erhobenem Antlitz. Ihre Haare sind halb aufgelöst, während sie mit ausgestreckten Armen das Gewand und den Mantel des Meisters zu berühren sucht. Hinter ihr und um sie herum stehen Römer aus dem Hause und Jüdinnen aus der Stadt und schauen zu.

Jesus benetzt seinen rechten Zeigefinger mit Speichel, steckt ihn in den kleinen keuchenden Mund und führt ihn tief hinein. Das Kind schüttelt sich und wird noch dunkler. Die Mutter schreit: «Nein! Nein!» und gleicht einer sich unter einer Klinge Krümmenden, die sie verletzt. Die Menge hält den Atem an. Doch der Finger kommt mit einer Ansammlung von eitrigem Schleim wieder zum Vorschein, und das Kind schlägt nicht mehr um sich und beruhigt sich mit einem unschuldigen Lächeln. Es bewegt die Händchen und die Lippen wie ein Vöglein, das in der Erwartung des Futters piepst und mit den Flügeln schlägt.

«Nimm es, Frau. Gib ihm Milch. Es ist geheilt.»

Die Mutter ist so außer sich, daß sie das Kind nimmt und es, noch im Staube kniend, ganz närrisch küßt, liebkost, ihm die Brust reicht und alles vergißt, was nicht ihr Kind ist.

Ein Römer fragt Jesus: «Wie hast du das fertiggebracht? Ich bin der Arzt des Statthalters und habe studiert. Ich habe versucht, das Hindernis zu entfernen, doch es war zu tief unten... und du... einfach so...»

«Gelehrt bist du, doch der wahre Gott ist nicht mit dir. Er sei gepriesen! Leb wohl!» Jesus will gehen.

Aber da ist eine kleine Gruppe von Israeliten, die das Bedürfnis haben, sich einzumischen: «Wie kannst du dir erlauben, dich Fremden zu nähern? Sie sind verderbt und unrein, und jeder, der in ihre Nähe kommt, wird es selbst.»

Jesus blickt sie an – es sind ihrer drei – eindringlich und streng und sagt – «Bist du nicht Aggäus, der Mann aus Azot, der am letzten Tischri

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hierher kam, um zu versuchen, mit dem Händler, der am alten Brunnen wohnt, Geschäfte zu machen? Du, bist du nicht Joseph aus Rama, der sich in diese Stadt begeben hat, um den römischen Arzt aufzusuchen? Weißt du, warum ich den Grund hierfür kenne? Also, fühlt ihr euch nicht unrein?»

«Der Arzt ist nie ein Fremder. Er sorgt sich um den Körper, und der Körper ist bei allen gleich.»

«Die Seele ist es noch mehr als der Körper. Übrigens, was habe ich denn geheilt? Den unschuldigen Körper eines Säuglings; und dadurch hoffe ich, die nicht unschuldigen Seelen der Fremden zu heilen. Folglich kann ich mich als Arzt und als Messias allen nähern.»

«Nein, das ist dir nicht erlaubt.»

«Nein, Aggäus? Warum treibst du mit einem römischen Kaufmann Handel?»

«Ich nähere mich ihm nur mit der Ware und dem Geld.»

«Da du also sein Fleisch nicht berührst, sondern nur das, was von seiner Hand berührt worden ist, glaubst du, dich nicht zu verunreinigen? O ihr Blinden und Grausamen!

Hört alle zu: im Buche des Propheten (Aggäus = Haggaj), dessen Name dieser Mann hier trägt, steht geschrieben: "Richte an die Priester diese Gesetzesfrage: 'Wenn jemand heiliges Opferfleisch im Zipfel seines Gewandes trägt und mit seinem Gewand Wein oder Speise, Brot, Öl oder andere Nahrungsmittel berührt, sind diese dann heilig?' Die Priester antworteten: 'Nein!' Alsdann fragte Aggäus: 'Wenn einer durch die Berührung eines Toten verunreinigt worden ist und eines dieser Dinge berührt, wird es dann unrein?' Die Priester antworteten: 'Ja."'

Durch diese zweideutige, lügenhafte und widersprüchliche Verhaltensweise schließt ihr das Gute aus und verurteilt es. Ihr anerkennt nur, was euch selbst zum Nutzen ist. Dann schwinden Verachtung, Ekel und Abscheu. Nur solange es euch keinen persönlichen Schaden verursacht unterscheidet ihr, ob etwas unrein ist und unrein macht oder nicht. Wie könnt ihr, lügnerische Zungen, erklären, daß das, was durch die Berührung mit heiligem Fleisch oder anderen heiligen Dinge geheiligt worden ist, nicht auch heiligt, was es berührt ? Wie könnt ihr behaupten, daß das, was durch die Berührung mit etwas Unreinem verunreinigt worden ist, unrein macht, was mit ihm in Berührung kommt?

Seht ihr es denn nicht ein, daß ihr euch selbst widersprecht, ihr lügnerischen Hüter eines Gesetzes der Wahrheit und Nutznießer desselben? Ihr dreht es wie Hanf, wenn euch daran gelegen ist, einen Vorteil daraus zu ziehen, ihr heuchlerischen Pharisäer, die ihr unter dem Vorwand der Religion eurer menschlichen, nur rein menschlichen Gehässigkeit freien Lauf laßt. Ihr Schänder dessen, was Gottes ist, ihr Beleidiger und Feinde des Gesandten Gottes! Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, daß jede eurer

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Handlungen, jeder eurer Beschlüsse, jede eurer Gebärden durch ein ganzes Triebwerk an Verschlagenheit zustandekommt, dem eure Selbstsucht, Leidenschaft, Unaufrichtigkeit, euer Haß, Neid und eure Herrschsucht als Räder und Federn, als Zugschnur und Gewicht dienen.

Schande! Habgierig, ängstlich zitternd und mißgünstig lebt ihr in Hochmut und Furcht, daß einer euch übertreffen könnte, selbst wenn dieser nicht einmal eurer Kaste angehört. Deshalb verdient ihr, daß es euch genau so ergehe wie es jener androht, der euch in Angst und Wut versetzt. Ihr, die ihr, wie Aggäus sagt, aus einem Getreidehaufen von zwanzig Scheffel einen von zehn und aus fünfzig Fässern zwanzig macht, und den Gewinn, der sich aus der Differenz ergibt, in eure Tasche steckt, statt um den Menschen ein Beispiel zu geben und aus Liebe zu Gott zu der Anzahl der Scheffel und der Fässer noch etwas für die Hungernden hinzuzufügen. Ihr verdient, daß alle Werke eurer Hände durch einen glühend heißen Wind, durch Rost und Hagel unfruchtbar bleiben.

Wer von euch kommt zu mir? Leute, die für euch Schmutz und Abfall sind, die vollkommen Unwissenden, die nicht einmal wissen, daß es einen wahren Gott gibt. Sie kommen zu dem, der ihnen Gott in Worten und Werken vor Augen führt. Aber ihr, aber ihr! Ihr habt euch eine Nische bereitet und bleibt dort wo ihr seid, teilnahmslos und kalt wie Götzen in Erwartung der Beweihräucherung und Anbetung. Da ihr euch einbildet, Götter zu sein, haltet ihr es für unnütz, euch in gebührender Weise um den wahren Gott zu kümmern; und es scheint euch gefährlich, daß andere wagen, was ihr selbst nicht wagen würdet. Ihr könnt es in der Tat nicht wagen, denn ihr seid Abbilder von Götzen und Götzendiener zugleich. Wer aber wagt, ist auch fähig, denn nicht er, sondern Gott wirkt in ihm.

Geht und berichtet denen, die euch aufgetragen haben, mir auf den Fersen zu sein, daß ich empört bin über jene Händler, die es nicht als Verunreinigung betrachten, die Güter, die Heimat oder den Tempel denen zu verkaufen, die ihnen Geld geben. Sagt ihnen, daß ich Abscheu vor Unmenschen empfinde, deren Kult nur dem eigenen Fleisch und Geblüt gilt, und die es, um deren Heilung zu erlangen, nicht für eine Verunreinigung erachten, den fremden Arzt aufzusuchen. Sagt ihnen, daß es nur ein und nicht zwei Maße gibt. Sagt ihnen, daß ich, der Messias, der Gerechte, der Ratgeber, der Bewunderungswürdige bin; der über sich den Geist des Herrn mit seinen sieben Gaben hat; der nicht nach dem Anschein richtet, sondern nach dem, was Geheimnis des Herzens ist; der nicht verurteilt, weil ihm etwas zu Ohren gekommen ist, sondern der auf die Stimme des Geistes achtet, die er im Innern eines jeden Menschen vernimmt; der die Geringen in seinen Schutz nimmt und die Armen in Gerechtigkeit richten wird. Ich bin es, der bereits schon jetzt richtet und heimsucht, die auf dieser Erde nichts als Erde sind. Der Hauch meines Atems wird den Gottlosen vernichten und sein Nest zerstören, während er Leben und Licht, Freiheit

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und Friede für jene sein wird, die von Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Glauben erfüllt, zu meinem heiligen Berg kommen, um sich an der Wissenschaft des Herrn zu sättigen. So steht es bei Isaias, nicht wahr?

Mein Volk! Alle Menschen stammen von Adam ab, und Adam ist aus meinem Vater hervorgegangen. Alle sind das Werk meines Vaters, und meine Aufgabe ist es, alle vor dem Vater zu versammeln. Ich führe sie zu dir, o heiliger, ewiger, mächtiger Vater. Ich führe diese irrenden Kinder, nachdem ich sie mit der Stimme der Liebe um mich versammelt habe, vereint unter meinem Hirtenstab, gleich jenem, den Moses einst gegen die tödlichen Schlangen erhob, auf daß du dein Reich und dein Volk besitzest. Ich mache keine Unterschiede, denn im Innersten eines jeden Menschen sehe ich einen Punkt, der heller leuchtet als Feuer: die Seele, einen Funken von dir, du ewiger Glanz. O meine ewige Sehnsucht! O mein unermüdliches Verlangen!

Dies will ich. Danach sehne ich mich glühend. Eine ganze Welt, die deinen Namen lobpreist. Eine Menschheit, die dich Vater nennt. Eine Erlösung, die alle rettet. Einen gestärkten Willen, der alle deinem Willen gehorsam macht. Einen ewigen Triumph, der das Paradies mit einem Hosanna ohne Ende erfüllt...

O Vielzahl der Himmel! ... Ja, ich sehe das Lächeln Gottes... es ist der Lohn für jede menschliche Härte.»

Die drei Israeliten sind unter dem Hagel der Vorwürfe geflohen. Die anderen, Römer wie Juden, sind mit offenem Munde stehengeblieben. Die Römerin mit dem kleinen Mädchen, das gestillt und friedlich im Schoß der Mutter schläft, kniet noch immer zu Jesu Füßen und weint aus mütterlicher Freude und seelischer Ergriffenheit. Viele weinen, gerührt durch die mitreißenden Schlußworte Jesu, der in seiner Entrückung zu lodern scheint.

Jesus, der seine Augen und seinen Geist vom Himmel wieder der Erde zuwendet, sieht das Volk, sieht die Mutter... und nach einem Zeichen des Abschieds an alle, streift seine Hand die junge Römerin so, als wolle er sie für ihren Glauben segnen. Dann entfernt er sich mit den Seinen, während die Menschen immer noch voller Staunen an derselben Stelle verharren...

(Die junge Römerin könnte – wenn es sich nicht um eine zufällige Ähnlichkeit handelt – eine der Römerinnen sein, die mit Johanna des Chuza auf dem Weg zum Kalvarienberg waren. Da sie dort niemand beim Namen gerufen hat, bin ich aber nicht ganz sicher.)

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195. ANNALIA LEGT DAS GELÜBDE DER JUNGFRÄULICHKEIT AB

Jesus, von Petrus, Andreas und Johannes begleitet, klopft an die Tür seines Hauses in Nazareth. Seine Mutter öffnet sofort, und ihr Antlitz leuchtet in einem strahlenden Lächeln, als sie ihren Jesus sieht.

«Gut, daß du kommst, mein Sohn. Seit gestern ist eine reine Taube bei mir, die auf dich wartet, Sie kommt von weither, und ihre Begleitung konnte sich hier nicht länger aufhalten. Da sie um Rat fragte, habe ich ihr so gut ich konnte geantwortet. Doch du allein, mein Sohn, bist die Weisheit. Auch ihr anderen, seid willkommen. Kommt und erquickt euch gleich.»

«Ja, bleibt hier. Ich will sogleich zu diesem Geschöpf gehen, das auf mich wartet.»

Die drei sind neugierig, doch jeder auf seine Art. Petrus schielt mit Interesse in alle Ecken und würde wahrscheinlich auch gerne sehen, was jenseits der Mauern ist. Johannes scheint auf dem lächelnden Antlitz Marias den Namen der Unbekannten lesen zu wollen. Andreas hingegen, der feuerrot geworden ist, sieht Jesus fest an, und ein stummes Flehen zittert in seinem Blicke und auf seinen Lippen.

Jesus aber achtet auf niemanden. Während die drei sich schließlich in die Küche begeben, wo Maria ihnen mit Speisen und Wärme des Feuers aufwartet, hebt Jesus den Vorhang, der die Öffnung zum Garten verhüllt, und geht hinaus. Eine milde Sonne läßt die blühenden Äste des hohen Mandelbaumes noch duftiger und unwirklicher erscheinen. Der höchste Baum des Gartens ist auch der einzige, der schon in Blüte steht, und die Pracht seines rosaweißen Seidenkleides hebt sich von der Kahlheit der Birn-, Apfel-, Feigen-, Granatapfelbäume und der Weinstöcke ab. Alle sind noch unbelaubt, während er reich in seinem duftigen Schleier und lebendig im Vergleich zur grauen und eintönigen Bescheidenheit der Olivenbäume erscheint. Seine langen Äste haben wohl ein leichtes Wölkchen eingefangen, das sich am blauen Himmelszelt verirrt hatte, und sich damit geschmückt, um so allen zu verkünden: «Die Hochzeit des Frühlings naht. Frohlockt, ihr Pflanzen und Tiere. Die Zeit der Küsse mit den Winden, den Bienen und den Blumen ist gekommen. Die Zeit der Küsse unter den Dachziegeln und im dichten Gestrüpp, o ihr Vöglein Gottes, o ihr weißen Schafe! Heute die Küsse, morgen der Nachwuchs, um das Werk unseres Schöpfergottes fortzuführen.»

Jesus steht mit über der Brust gekreuzten Armen in der Sonne und lächelt der reinen, friedvollen Anmut des Gartens der Mutter zu. Die Lilienbeete künden sich bereits mit den ersten Trieben der Blätter an; die Rosenstöcke sind noch kahl, der silberne Olivenbaum ist von anderen Blumen- und Gemüsebeeten umgeben. Rein, geordnet und freundlich,

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wie der Garten ist, scheint auch er die keusche Reinheit vollkommener Jungfräulichkeit auszuströmen.

«Sohn, komm in mein Zimmer. Ich werde sie zu dir führen, denn sie hat sich dort hinten verborgen, als sie die vielen Stimmen hörte.»

Jesus betritt das Zimmer der Mutter, den keuschen Raum, der die Worte des Zwiegesprächs mit dem Engel vernommen hat, und noch mehr als der Garten den jungfräulichen, engelhaften, heiligen Duft jener ausströmt, die ihn seit Jahren bewohnt, und den des Erzengels, der hier seine Königin verehrt hat. Sind wirklich schon mehr als dreißig Jahre seit dieser Begegnung vergangen, oder hat sie erst gestern stattgefunden? Auch heute trägt der Spinnrocken sein weiches, silbrig schimmerndes Wollfaserbündel, der Spindelstock ist voller Fäden, und eine zusammengefaltete Stickerei liegt auf der Konsole bei der Tür, zwischen einer Pergamentrolle und einem kupfernen Krug, in dem ein blühender Mandelzweig steckt. Auch jetzt flattert der gestreifte Vorhang, der das Geheimnis der jungfräulichen Wohnung verhüllt, beim leisesten Windhauch, und das Ruhelager, das wohlgeordnet in seiner Ecke steht, sieht immer noch so hübsch aus, wie das eines Mädchens an der Schwelle zur Jugend. Was für Träume wurden und werden wohl auf dem flachen Kopfkissen noch geträumt? ...

Die Hand Marias hebt langsam den Vorhang empor, und Jesus, der mit dem Rücken zur Tür diese Stätte der Reinheit betrachtete, wendet sich

UM.

«Hier, mein Sohn. Ich führe sie zu dir. Ein Lamm, und du bist ihr Hirte.» Maria, die mit einem dunkelhaarigen, schlanken, jungen Mädchen an der Hand eingetreten ist, das beim Anblick Jesu stark errötet, zieht sich behutsam zurück und läßt den Vorhang wieder zurückfallen.

«Der Friede sei mit dir, Mädchen!»

«Der Friede... Herr!» Das Mädchen, das sehr erregt scheint, ist sprachlos geworden und kniet nieder, das Haupt bis zum Boden geneigt.

«Erhebe dich! Was möchtest du von mir? Hab keine Angst...»

«Ich habe keine Angst... nur... nun, da ich vor dir stehe... nachdem ich mich so sehr danach gesehnt habe.... finde ich alles, von dem ich dachte, daß es so leicht und nötig sei, dir zu sagen, nicht mehr... Es scheint mir nicht mehr dasselbe zu sein... Töricht bin ich... verzeihe, mein Herr...»

«Möchtest du Gnaden für diese Welt? Brauchst du ein Wunder? Hast du Seelen zu bekehren? Nein? Was dann? Nur Mut, sprich! So viel Mut hast du gehabt, und nun fehlt er dir? Weißt du nicht, daß ich derjenige bin, der die Tapferkeit vermehrt? Ja? Du weißt es? Also, dann sprich wie zu einem Vater. Du bist jung. Wie alt bist du?»

«Sechzehn, mein Herr.»

«Woher kommst du?»

«Von Jerusalem.»

«Wie heißt du?»

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«Annalia...»

«Der teure Name meiner Großmutter und vieler heiliger Frauen Israels, und – mit diesen Frauen durch den Namen vereint – der der guten, treuen, liebevollen und sanften Frau des Jakob. Er wird dir Glück bringen. Du wirst eine vorbildliche Braut und Mutter werden. Nein? Du schüttelst den Kopf? Du weinst? Bist du vielleicht zurückgewiesen worden 9 Auch das nicht? Ist dein Verlobter gestorben? Oder hat dich noch keiner erwählt ?»

Das junge Mädchen schüttelt jedesmal den Kopf. Jesus macht einen Schritt auf es zu, streichelt und nötigt es, das Haupt zu erheben und ihn anzusehen... Das Lächeln Jesu besiegt die Aufregung des Mädchens. Es faßt Mut: «Mein Herr, ich könnte dank dir schon Braut und glücklich sein. Erkennst du mich nicht wieder, mein Herr? Ich bin die ehemals Lungenkranke, die Braut, die im Sterben lag, und die du auf die Bitte deines Johannes hin geheilt hast... Nach der mir gewährten Gnade hatte ich einen neuen, gesunden Körper anstelle des sterbenden, den ich vorher hatte, und auch eine andere Seele... Ich weiß nicht, ich hatte das Gefühl, nicht mehr ich selber zu sein... Doch die Freude, gesund zu sein und endlich heiraten zu können – denn es war mein Schmerz im Sterben, daß ich nicht mehr heiraten konnte – hat nur wenige Stunden gedauert. Doch dann...» Das Mädchen wird immer ungezwungener und findet die Worte und Gedanken wieder, die es in der Verwirrung, allein mit dem Meister zu sein, vergessen hatte. «Dann habe ich erkannt, daß ich nicht selbstsüchtig sein, nicht einfach denken darf: "Nun werde ich glücklich sein", sondern daß ich an etwas Höheres denken muß, an etwas, das von dir und von Gott stammt, der dein und mein Vater ist, an einen kleinen Beweis meiner Dankbarkeit. Ich habe viel darüber nachgedacht, und als ich dann am ersten Sabbat nach der Heilung meinen Bräutigam sah, da sagte ich zu ihm: "Höre, Samuel! Ohne das Wunder wäre ich in einigen Monaten gestorben, und du hättest mich für immer verloren. Nun würde ich gerne mit dir zusammen Gott ein Opfer darbringen, um ihm zu sagen, daß ich ihn preise und ihm danke!" Da Samuel mich liebt, hat er sofort gesagt: "Laß uns zusammen zum Tempel gehen und ein Opfer darbringen." Doch ich wollte nicht dies. Ich bin ein armes Kind aus dem Volk, mein Herr. Ich weiß wenig und noch weniger vermag ich zu tun. Doch als du deine Hand auf meine kranke Brust gelegt hast, ist nicht nur in meine angegriffenen Lungen, sondern auch in mein Herz etwas eingedrungen: in die Lungen die Gesundheit, ins Herz Weisheit. So habe ich verstanden, daß das Opfer eines Lammes nicht das von meiner Seele gewollte Opfer sei, denn meine Seele... meine Seele liebt dich.» Das Mädchen errötet und schweigt nach diesem Liebesbekenntnis.

«Hab keine Furcht und sprich weiter. Was war es, das deine Seele wünschte?»

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«Dir, dem Sohn Gottes, etwas zu opfern, das deiner würdig ist. Darum... darum dachte ich, daß es, da es für Gott ist, etwas Geistiges sein sollte, nämlich das Opfer, mit unserer Hochzeit, aus Liebe zu dir, meinem Retter, zu warten. Groß ist die Vorfreude auf die Hochzeit, weißt du? Wenn man sich liebt, dann ist sie etwas Großes. Ein Wunsch, eine Sehnsucht, sie zu vollziehen! ... Doch ich hatte mich in den wenigen Tagen verändert. Die Hochzeit war für mich nicht mehr das Erstrebenswerteste... Ich habe dies Samuel gesagt... und er hat mich verstanden. Auch er hat für ein Jahr lang als Nasiräer leben wollen, beginnend mit dem Tage, an dem die Hochzeit hätte stattfinden sollen, also dem Tag nach den Kalenden des Adar. Derweilen ist er auf die Suche nach dir gegangen, um den zu lieben und kennenzulernen, der ihm seine Braut wiedergegeben hat. Er hat dich nach vielen Monaten am "Trügerischen Gewässer" gefunden. Auch ich war mit ihm... und dein Wort hat mir mein Herz vollends umgewandelt. Nun genügt mir das Gelübde von vorher nicht mehr... So wie der Mandelbaum draußen, der nach einem monatelangen Scheintod unter der immer wärmer werdenden Sonne zu neuem Leben erwacht ist und Blüten und dann Blätter und Früchte trägt, so hat mein Wissen über das, was besser ist, zugenommen. Als ich schließlich nach langem Nachdenken meiner und meines Wollens sicher war – denn ich hatte all diese Monate hindurch nachgedacht – und das letzte Mal zum "Trügerischen Gewässer" kam, warst du nicht mehr dort... Sie hatten dich fortgejagt. Ich habe so viel geweint und gebetet, daß der Allerhöchste mich erhört und meine Mutter dazu bewogen hat, mich einem Verwandten anzuvertrauen, der nach Tiberias ging, um dort mit den Höflingen des Tetrarchen zu sprechen. Der Gutsverwalter hatte mir gesagt, daß ich dich hier finden würde. Ich habe deine Mutter dort gefunden... und ihre Worte und ihre Gegenwart in diesen Tagen haben die Frucht deiner Gnade zur Reife gebracht.» Das Mädchen kniet nieder wie vor einem Altar, mit über der Brust gekreuzten Armen.

«Gut, aber was möchtest du genau? Was kann ich für dich tun?»

«Herr, ich möchte... ich möchte etwas Großes, und du allein, der Spender des Lebens und der Gesundheit kannst es mir geben, denn ich glaube, daß du das, was du geben, auch wieder nehmen kannst... Ich möchte, daß du das Leben, das du mir geschenkt hast, wieder nimmst, bevor das Jahr des Gelübdes verflossen ist...»

«Aber warum? Bist du Gott für die erlangte Gesundheit nicht dankbar?»

«Doch, mein Dank kennt keine Grenzen! Aus einem einzigen Grunde wünsche ich den Tod: da ich durch Gottes Gnade und dein Wunder leben durfte, habe ich das Bessere erkannt.»

«Was ist das?»

«Als Engel zu leben. Wie deine Mutter, mein Herr... wie du lebst... wie

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dein Johannes lebt... Die drei Lilien, die drei weißen Flammen, die drei Seligkeiten der Erde, Herr! Ja, denn ich denke, daß der selig ist, der Gott besitzt, und daß Gott den Reinen gehört. Der Reine ist, wie ich glaube, ein Himmel, mit seinem Gott in der Mitte und Engeln um ihn herum... Oh, mein Herr! Dies möchte ich! ... Wenig habe ich dich gehört, wenig deine Mutter, den Jünger und Isaak. Zu anderen, die mir deine Worte hätten wiederholen können, bin ich nicht gegangen. Doch es ist mir, als ob meine Seele dich immerfort vernehmen würde und du mein Meister wärest... Nun habe ich es gesagt, mein Herr...»

«Annalia, du verlangst viel und du gibst viel... Tochter, du hast Gott und die Vollkommenheit, zu der ein Geschöpf aufsteigen kann, begriffen, um so dem Reinsten ähnlich und wohlgefällig zu sein.» Jesus hat den braunhaarigen Kopf des vor ihm knienden Mädchens zwischen seine Hände genommen und spricht vornübergebeugt zu ihm: «Er, der aus einer Jungfrau geboren wurde – denn er konnte nur dort, wo Lilien ihn umgaben, seine Wohnung nehmen – ist angeekelt von der dreifachen Lüsternheit der Welt, Tochter. Er würde von soviel Ekel erdrückt werden, wenn der Vater, der weiß, wovon sein Sohn lebt, seiner betrübten Seele nicht liebevoll beistehen und sie stärken würde. Die Reinen sind meine Freude. Du gibst mir das wieder, was mir die Welt mit ihrer endlosen Niederträchtigkeit versagt. Der Vater sei gepriesen, und du, Mädchen, sei gesegnet! Geh hin und sei getrost! Es wird etwas geschehen, was dein Gelübde ewig macht. Sei eine der Lilien auf dem blutigen Wege des Christus.»

«Oh, mein Herr... ich möchte noch etwas...»

«Was?»

«Ich möchte bei deinem Tod nicht zugegen sein... Ich könnte es nicht ertragen, den sterben zu sehen, der mein Leben ist.»

Jesus lächelt sanft und trocknet mit seiner Hand zwei Tränen, die über ihr dunkelhäutiges Gesicht rinnen. «Weine nicht. Die Lilien sind nie in Trauer. Du wirst mit allen Perlen deiner Engelskrone lächeln, wenn du den gekrönten König in sein Reich eintreten siehst. Geh nun! Der Geist des Herrn möge dich belehren, zwischen diesem und dem anderen Kommen Christi. Ich segne dich mit den Flammen der ewigen Liebe.»

Jesus wendet sich dem Garten zu und ruft: «Mutter! Hier ist eine kleine Tochter, ganz für dich. Nun ist sie glücklich; doch tauche sie in deine Reinheit, jetzt und jedesmal, wenn wir zur Heiligen Stadt gehen werden, damit sie als Schnee himmlischer Blüten den Thron des Lammes schmücke.» Jesus kehrt zu den Seinen zurück, während Maria das Mädchen liebkost und bei ihm bleibt.

Petrus, Andreas und Johannes blicken Jesus fragend an. Das strahlende Antlitz Jesu verrät ihnen, daß er glücklich ist. Petrus kann sich nicht der Frage enthalten: «Mit wem hast du so lange gesprochen, mein Meister, und was hast du denn gehört, daß du vor Freude strahlst?»

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«Mit einer Frau, am Anfang ihres Lebens, habe ich gesprochen, mit einer, die für viele, die noch kommen werden, den Anfang darstellt.»

«Für wen?»

«Für die Jungfrauen.»

Andreas murmelt leise vor sich hin: «Sie ist es nicht...»

«Nein, sie ist es nicht. Doch werde nicht müde, geduldig und gut zu beten. Jedes Wort deines Gebetes ist wie ein Ruf, wie eine Leuchte in der Nacht, die sie tröstet und führt.»

«Aber auf wen wartet denn mein Bruder?»

«Auf eine Seele, Petrus. Es handelt sich um ein großes Elend, das er in einen großen Reichtum verwandeln will.»

«Wo hat Andreas sie denn gefunden, da er sich doch nie rührt, nie spricht und nie etwas unternimmt?»

«Auf meinem Weg. Komm mit mir, Andreas! Wir wollen zu Alphäus gehen und ihn und seine vielen Enkel segnen. Ihr könnt im Hause des Jakobus und des Judas auf mich warten. Meine Mutter hat es nötig, den ganzen heutigen Tag allein zu bleiben.» So trennen sie sich, während das Geheimnis die Freude der ersten Seele, die aus Liebe zu Christus das Gelübde der Jungfräulichkeit abgelegt hat, umhüllt.

196. DIE UNTERWEISUNG DER JÜNGERINNEN IN NAZARETH

Jesus ist immer noch in seinem Haus in Nazareth. Genauer gesagt, befindet er sich in der ehemaligen Schreinerwerkstätte. Bei ihm sind die zwölf Apostel und seine Mutter sowie Maria, die Mutter des Jakobus und des Judas, Salome, Susanna und zum ersten Mal auch Martha. Eine sehr betrübte Martha mit deutlichen Tränenspuren unter den Augen. Eine scheue und verängstigte Martha, weil sie sich so allein unter fremden Menschen und vor allem bei der Mutter des Herrn befindet. Maria versucht, sie mit den anderen Frauen bekannt zu machen und sie von dem Gefühl des Unbehagens, unter dem sie leidet, zu befreien. Doch ihre zärtlichen Bemühungen lassen das Herz der armen Martha anscheinend nur noch mehr anschwellen. Immer neues Erröten und große Tränen wechseln sich ab unter dem tief herabgezogenen Schleier, der ihren Schmerz verbirgt.

Johannes und Jakobus des Alphäus treten ein. «Sie ist nicht da, Herr. Die Diener haben uns mitgeteilt, daß sie mit ihrem Mann von einer Freundin eingeladen worden ist», sagt Johannes. «Sie wird es sicher sehr bedauern. Aber sie wird dich immer wieder sehen können, um von dir belehrt zu werden», beschließt Jakobus des Alphäus.

«Gut! Die Gruppe der Jüngerinnen ist nicht so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Aber ihr seht: für die abwesende Johanna haben wir Martha,

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die Tochter des Theophilus und Schwester des Lazarus. Die Jünger wissen, wer Martha ist. Auch meine Mutter weiß es. Auch du Maria, und vielleicht auch du, Salome, ihr wißt von euren Söhnen, wer Martha ist, dies nicht so sehr als Frau nach weltlichen Begriffen, sondern als Geschöpf in den Augen Gottes. Du, Martha, weißt deinerseits, wer diese Frauen hier sind, die dich als Schwester betrachten und dich als Schwester und Tochter sehr lieben werden. Du hast dies dringend nötig, gute Martha, denn du brauchst auch den menschlichen Trost aufrichtiger Zuneigung, den Gott nicht verurteilt, sondern dem Menschen gegeben hat, damit er ihm in den Mühen des Lebens als Stütze diene.

Gott hat dich gerade in der von mir gewählten Stunde hierher geführt, um so die Grundlage zu schaffen, ich möchte sagen, das Leinengewebe, das ihr mit eurer Vollkommenheit als Jüngerinnen besticken werdet. Jünger ist, wer der Regel seines Meisters und seiner Lehre Folge leistet. Deshalb werden im weiteren Sinne alle jene Jünger genannt werden, die nun ' und in den kommenden Jahrhunderten, meine Lehre befolgen. Um nicht sagen zu müssen, Jünger Jesu gemäß der Lehre des Petrus oder des Andreas, des Jakobus oder des Johannes, des Simon oder des Philippus, des Judas oder des Bartholomäus, des Thomas oder des Matthäus, wird man sie mit einem einzigen Namen benennen, der sie alle unter einem einzigen Zeichen zusammenfaßt: man wird sie Christen nennen. Doch unter den vielen Menschen, die sich meiner Regel unterordnen, habe ich schon die Ersten und die Zweiten erwählt, und so wird es zu meinem Gedächtnis auch in den kommenden Jahrhunderten weiter gehalten werden. Wie es im Tempel – und zuvor schon bei Moses 1) – Hohepriester, Priester, Leviten,

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1) Von den vielen biblischen Textstellen, die die Figur der Diener Gottes im Alten Gesetz und im Neuen Gesetz vorbereiten, darstellen oder beschreiben, können folgende betrachtet werden: Gen 4,1-6; 8,13-9,17; 14,17-24; 22,1-18; Ex 25-31; 35-40; Lev 8-10; 13-14; 16; 21-22; Num 3-4; 8; 11,16-30; 18; Dt 16,18-18,8; Matth 4,17-23; 9,9; 9,36-10,40; 16,13-20; 18,15-20; 28,16-20; Mark 1,14-22; 2,13-17; 3,13-19; 6,7-13; 16,14-20; Luk 5,1-32; 6,12-16; 9,1-6; 10,1-24; 24,44-53; Job 1,35-51; 10,1-21; 20,19-29; 21,1-23.

Wunderbar ist die Harmonie zwischen dem Alten und dem Neuen Bund, denn es ist ein und derselbe Gott im einen wie im anderen. Jesus kam nicht, um zu zerstören oder aufzuheben, sondern um zu vervollkommnen, wie Matthäus in 5,17 sagt. Im Licht dieser biblischen Zeugnisse und vieler anderer, und ihrer Übereinstimmung, erscheint ganz deutlich, daß das Priestertum und die Hierarchie von Gott selbst eingesetzt wurden: Er hat die körperlichen und geistigen Voraussetzungen dafür festgelegt. In offenkundiger oder in geheimnisvoller Weise beruft er seine Diener, weiht seine Auserwählten durch seine Stellvertreter, jedoch mit Riten, die in ihrer wesentlichen Bedeutung auf Christus zurückgehen und heilige Handlungen sowie Gebete enthalten, die unter seinem Einfluß entstanden sind; und er bestimmt seine Diener zur mannigfaltigen Aufgabe, Mitwirkende Christi zu sein: des Höchsten und Ewigen Priesters, in der Verherrlichung Gottes, zur Belehrung, zur Heiligung und zum Heil des Volkes. Eine maßgebende Zusammenfassung dieser Konzepte findet man in der Hl. Messe zu Ehren unseres Herrn Jesus Christus, des Höchsten und Ewigen Priesters.

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Vorsteher der verschiedenen Dienste, Ämter und Behörden, Sänger usw., gab, so wird es auch in meinem neuen Tempel, der groß wie die Erde sein und ebensolange dauern wird, Höhergestellte und Untergeordnete geben, die alle nützlich und mir teuer sein werden. Außerdem wird es auch einen neuen Stand geben: den der Frauen, die Israel stets mißachtete, deren Wirken auf Gesang und Unterricht im Tempel beschränkt war und denen niemals eine andere Aufgabe übertragen wurde.

Streitet euch nicht darüber, ob dies gerecht war. Im geschlossenen Kult Israels und in der Zeit des göttlichen Zorns war es richtig. Die ganze Schmach lastete auf der Frau, als der Urheberin der Sünde. In der Weltreligion Christi und in der Zeit der Vergebung wird nun alles anders. Alle Gnade hat sich in einer Frau vereinigt, und sie hat diese der Welt geschenkt, auf daß die Welt erlöst werde. Die Frau ist somit nicht mehr in Ungnade bei Gott, sondern sie ist seine Helferin. Dank dieser einen Gott wohlgefälligen Frau, können nun alle Frauen Jüngerinnen des Herrn werden; nicht auf die Art, wie es die Mehrheit ist, sondern als den Priestern unterstellte Mitarbeiterinnen, als ihre Dienerinnen und wertvollen Helferinnen. Auch der Gläubigen und Nichtgläubigen werden sie sich annehmen und ihnen helfen, besonders denen, die nicht durch die Strenge des heiligen Wortes, aber durch das heilige Lächeln einer meiner Jüngerinnen zu Gott geführt werden können.

Ihr Frauen habt mich darum gebeten, mir wie die Männer nachfolgen zu dürfen. Aber nur zu mir kommen, mich anhören, meine Weisungen befolgen, das ist mir zu wenig von eurer Seite. Es würde eure Heiligung bedeuten, das ist gewiß etwas Großes, und doch wäre es mir noch zu wenig. Ich bin der Sohn des Absoluten und verlange von meinen Auserwählten das Absolute. Alles verlange ich, weil ich alles gegeben habe.

Außerdem gibt es nicht nur mich, sondern es gibt auch die Welt, dieses Ungeheuerliche, das die Welt ist. Ungeheuerlich sollte sie sein, was ihre Heiligkeit anbelangt, unermeßlich in Anzahl, Macht und Heiligkeit der vielen Kinder Gottes. Doch diese Welt ist schrecklich in ihrer Bosheit. Ihre völlige Bosheit ist tatsächlich grenzenlos in ihren Ausdrucksformen und in der Macht des Lasters. Alle Sünden sind in dieser Welt, die nicht mehr aus einer Vielzahl von Kindern Gottes, sondern aus einer Vielzahl von Kindern Satans besteht. Besonders die Sünde regiert, die das deutliche Zeichen der Urheberschaft Satans trägt: der Haß. Die Welt haßt. Wer haßt, sieht in allem, auch in den heiligsten Dingen, nur Schlechtes und will dies auch den zu glauben machen, der es nicht sieht. Wenn ihr die Welt fragt, warum ich auf diese Welt gekommen bin, so wird sie nicht sagen: "um Gutes zu tun und zu erlösen" ' sondern: "um sie zu verderben und um sie widerrechtlich an sich zu ziehen." Wenn ihr die Welt fragt, was sie von euch, die ihr mir nachfolgt, denkt, so wird sie nicht sagen: "Ihr folgt ihm, um euch zu heiligen und euren Meister mit eurer Heiligkeit und

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Reinheit zu trösten", sondern sie wird sagen: "Ihr folgt ihm, weil ihr von dem Manne verführt worden seid."

So ist die Welt, und ich sage euch dies, damit ihr alles wohl erwägt, bevor ihr euch der Welt als auserwählte Jüngerinnen, die ersten der zukünftigen Jüngerinnen und der Diener des Herrn, zeigt. Nehmt euer Herz gut in die Hand und sagt ihm, diesem feinfühligen Frauenherzen, daß ihr mit ihm von der Welt mit ihrer Verachtung, Lüge und Grausamkeit verlacht, verleumdet und geschmäht sein werdet. Fragt euer Herz, ob es sich stark genug fühlt, um alle Beleidigungen ohne Entrüstungsschreie zu ertragen, und ohne jene zu verfluchen, die es verletzen. Fragt es, ob es sich imstande fühlt, das moralische Martyrium der Verleumdung zu ertragen, ohne schließlich die Verleumder zu hassen und sogar den, der die Ursache dieser Behandlung ist. Fragt es, ob es, von der Mißgunst der Welt getränkt, immer noch Liebe auszuströmen vermag; ob es, von Bitterkeit vergiftet, immer noch fähig wäre, sanftmütig zu sein; ob es unter der Marter des Unverstandenseins, des Spottes und der üblen Nachrede, immer noch lächeln könnte, indem es zum Himmel weist als seinem Ziel, zu dem ihr die Menschen mit eurer fraulichen Liebe hinführen wollt. Diese frauliche Liebe ist schon im jungen Mädchen mütterlich; und mütterlich ist sie selbst, wenn sie älteren Menschen gilt, die eure Großeltern sein könnten, die aber geistig wie Neugeborene sind, unfähig zu verstehen und den Weg des Lebens, der Wahrheit und der Weisheit zu erkennen, den ich euch durch die Hingabe meiner selbst, der ich der Weg, die Wahrheit, das Leben und die Weisheit Gottes bin, geschenkt habe. Ich werde euch immer lieben, selbst wenn ihr mir sagt: "Herr, ich habe nicht die Kraft, für dich der ganzen Welt entgegenzutreten!"

Gestern hat mich ein junges Mädchen gebeten, sie als Opfer anzunehmen, noch bevor die Stunde der Hochzeit gekommen ist, da sie mich liebt, wie Gott geliebt werden soll; das heißt mit ihrem ganzen Sein und mit der vollkommenen Hingabe ihrer selbst. Ich werde das Opfer annehmen, aber ich verberge ihr die Stunde, damit ihre Seele, und mehr noch das Fleisch als die Seele, nicht vor Angst erzittere. Ihr Tod wird dem einer Blume gleichen, die ihre Blütenkrone eines Abends schließt im Glauben, sie am nächsten Morgen wieder öffnen zu können. Dies wird sie aber nicht tun, da der Kuß der Nacht ihr Leben in sich aufgenommen hat. Ich werde ihrem Wunsch entsprechen und ihren Todesschlaf dem meinen nur um wenige Tage vorausgehen lassen, damit sie nicht in der Vorhölle warten muß, sie, meine erste Jungfrau; ich will sie nach meinem Sterben gleich dort finden...

Weinet nicht! Ich bin der Erlöser... Doch jenes heilige Mädchen hat sich nicht darauf beschränkt, nach dem geschehenen Wunder das Hosanna anzustimmen, sondern es verstand, mit dem Wunder zu wirken -so wie man Geld nutzbringend anlegt – indem es von menschlicher zu

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übernatürlicher Dankbarkeit aufstieg, von einem irdischen zu einem überirdischen Wunsch, und dabei eine Reife zeigte, die der fast aller Menschen überlegen ist; ich sage, "fast", denn unter euch, die ihr mir zuhört, gibt es einige, die diesem Mädchen in der Vollkommenheit ebenbürtig, ja sogar überlegen sind. Es hat mich nicht gebeten, mir folgen zu dürfen, vielmehr wünscht es, in der Verborgenheit seines Heimes die Wandlung vom Mädchen zum Engel zu vollziehen. Dennoch liebe ich es so sehr, daß ich mich in den Stunden der Abscheu vor der Welt dieses liebevollen Geschöpfes erinnern und den Vater preisen werde, weil er mit diesen Blumen der Liebe und der Reinheit meine Tränen und meinen Schweiß als Meister einer Welt, die mich ablehnt, trocknet.

Doch wenn ihr wollt, wenn ihr den Mut habt, die erwählten Jüngerinnen zu bleiben, dann will ich euch die Arbeit anweisen, die ihr tun müßt, um eure Berufung und eure Anwesenheit bei mir und den Heiligen des Herrn zu rechtfertigen. Ihr vermögt viel bei euren Mitmenschen und bei den Dienern des Herrn.

Ich habe dies schon vor vielen Monaten Maria des Alphäus angedeutet. Wie notwendig ist doch die Frau beim Altare Christi! Das unendliche Elend der Welt kann von einer Frau viel besser gemildert werden als von einem Mann; der Mann kann dann bei seiner endgültigen Beseitigung noch mithelfen. Euch, meine Jüngerinnen, werden sich viele Herzen offenbaren und besonders Frauenherzen. Ihr müßt sie aufnehmen wie wenn es eure teuren, auf Abwege geratenen Kinder wären, die zum Vaterhause zurückkehren und es nicht wagen, vor das Angesicht des Vaters zu treten. Ihr werdet jene sein, die den Schuldigen trösten und den Richter besänftigen. Viele werden auf der Suche nach Gott zu euch kommen. Ihr werdet sie wie müde Pilger aufnehmen und ihnen sagen: "Hier ist das Haus des Herrn. Er wird gleich kommen", und bis dahin werdet ihr sie mit eurer Liebe umgeben. Wenn ich nicht selbst komme, so wird es ein Priester sein.

Es ist der Frau gegeben zu lieben. Sie ist für die Liebe geschaffen. Sie hat die Liebe erniedrigt und sie in Sinnlichkeit verkehrt; doch in ihrem Innersten ist immer noch die wahre Liebe verankert, die Zierde ihrer Seele: die Liebe, frei vom herben Schlamm der Sinne, mit Engelsflügeln versehen und von himmlischen Düften umgeben, eine reine Flamme, nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen und aus Schöpferhand hervorgegangen. Die Frau: das Meisterwerk der Güte im Meisterwerk der Erschaffung des Menschen, von der es heißt: "Lasset uns Adam eine Gefährtin schaffen, auf daß er nicht allein sei." (Gen 2,18-24) Sie darf also Adam nicht verlassen. Bedient euch daher dieser Fähigkeit zu lieben und wirkt durch sie in der Liebe zu Christus und für Christus zum Wohl des Nächsten. Seid barmherzig gegen reuige Sünder. Sagt ihnen, daß sie Gott nicht fürchten dürfen. Wie solltet ihr dazu nicht fähig sein, ihr, die ihr Mütter und Schwestern seid? Wie oft waren eure kleinen Kinder, eure Geschwisterchen

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krank und hatten einen Arzt nötig! Und sie fürchteten sich. Ihr aber habt ihnen mit Liebkosungen und liebevollen Worten die Angst genommen, und mit dem Händchen in eurer Hand wich die Angst von ihnen, und sie ließen sich behandeln. Die Sünder sind eure Brüder und kranken Kinder, und sie fürchten die Hand des Arztes und sein Urteil... Nein, nicht so soll es sein; ihr, die ihr wißt wie gut Gott ist, sagt es ihnen, und daß man sich vor ihm nicht zu fürchten braucht. Selbst wenn er bestimmt und entschieden sagt: "Das darfst du nie mehr tun", so wird er doch eine kranke Seele wegen ihrer früheren Sünden nicht abweisen. Er wird sie vielmehr pflegen, und sie heilen.

Seid Mütter und Schwestern für die Gerechten. Auch sie bedürfen der Liebe. Sie werden in der Verkündigung des Wortes Gottes ermüden und sich verzehren. Sie können nicht alles bewältigen, was zu tun sein wird. Helft ihnen diskret und emsig. Die Frau versteht es zu arbeiten: im Haus, an Herd und Tisch, am Krankenlager, am Webstuhl und bei all dem, was das tägliche Leben mit sich bringt. Die Zukunft der Kirche wird ein ununterbrochenes Kommen von Pilgern zu den Stätten Gottes sein. Ihr selbst sollt die ersten frommen Gastgeberinnen sein, und alle Arbeiten, auch die niedrigsten, übernehmen, um den Dienern Gottes die Freiheit zu lassen, das Werk des Meisters fortzusetzen.

Dann werden auch schwere, blutige und grausame Zeiten kommen. Die Christen, auch die Heiligen, werden Stunden des Schreckens und der Schwäche erleben. Der Mann ist nie sehr stark im Leiden. Verglichen mit ihm, ist dagegen die Frau unübertroffen in ihrer Leidensfähigkeit. Lehrt es den Mann, indem ihr ihn in diesen Stunden der Angst, der Trostlosigkeit, der Tränen, des Überdrusses und des Blutes ermutigt. In unserer Geschichte haben wir Beispiele wunderbarer Frauen, die als Befreierinnen mutige Taten vollbracht haben. Wir haben Judith, Jaël... Aber glaubt mir, keine ist bisher größer als die achtfache Märtyrerin, deren sieben Söhne, und sie selbst, zur Zeit der Makkabäer den Heldentod starben. Nach ihr wird eine andere kommen... Doch nach dieser wird es immer mehr Frauen geben, die Heldinnen des Schmerzes und Heldinnen im Schmerz sein werden; Frauen, die der Trost der Märtyrer und der Märtyrerinnen und die Engel der Verfolgten sein werden; Frauen, stumme Priesterinnen, die durch ihre Lebensweise Gott verkündigen und die, ohne eine andere Weihe als die der Liebe Gottes, geweiht sein werden und dieser Weihe würdig sind.

Dies sind in großen Zügen eure wichtigsten Aufgaben. Ich werde nicht viel Zeit haben, mich euch im besonderen zu widmen. Doch ihr werdet euch bilden, indem ihr mir zuhört, und noch mehr werdet ihr euch unter der vollkommenen Führung meiner Mutter bilden.

Gestern hat diese mütterliche Hand (Jesus nimmt die Hand Marias in seine Hand) mir das Mädchen zugeführt, von dem ich euch gesprochen

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habe, und es hat gesagt, das bloße Zusammensein mit meiner Mutter und das Ihrzuhören während weniger Stunden habe genügt, um in ihr die Frucht der erlangten Gnade heranreifen zu lassen und zu vervollkommnen. Es ist nicht das erste Mal, daß meine Mutter für Christus, ihren Sohn, wirkt. Du und du, meine Jünger und meine Vettern zugleich, ihr wißt, was Maria für die Seelen auf dem Weg zu Gott bedeutet, und ihr könnt es denen sagen, die sich, wenn ich einmal nicht mehr unter euch sein werde, sorgen, von mir für ihre Sendung nicht oder nur ungenügend vorbereitet worden zu sein. In den Stunden, da ich nicht bei euch bin und später, wenn ich einmal nicht mehr unter euch weilen werde, wird sie, meine Mutter, bei euch sein. Sie wird bleiben, und mit ihr bleibt die Weisheit mit all ihren Tugenden. Befolgt von nun an all ihre Ratschläge.

Gestern abend, als wir allein waren und ich bei ihr saß, den Kopf an die so zarte und doch so starke Schulter gelehnt wie einst, als ich noch ein Kind war, sagte sie mir – wir hatten gerade von dem jungen Mädchen gesprochen, das in den ersten Nachmittagsstunden weggegangen war mit einem Strahlen in ihrem jungfräulichen Herzen, das schöner als jenes der Sonne am Himmel war – da sagte meine Mutter: "Wie süß ist es doch, die Mutter des Erlösers zu sein!" Ja, wie wunderbar ist es, wenn ein Geschöpf, das zum Erlöser kommt, schon ein Geschöpf Gottes ist, in dem nichts als der Makel der Erbsünde ist, der nur durch mich abgewaschen werden kann. Alle anderen kleinen Flecken der menschlichen Unvollkommenheit sind bereits durch die Liebe getilgt.

Doch, meine süße Mutter, reinste Führerin der Seelen zu deinem Sohne, heiliger Leitstern, sanfte Lehrmeisterin der Gerechten, barmherzige Ernährerin der Geringsten, heilbringende Arznei der Kranken: nicht immer werden zu dir nur solche kommen, die der Heiligkeit nicht widerstehen... Aussätzige, grauenhaft vom Schmutz der Sünde verunreinigte Geschöpfe, ganze Schlangengewirre voller Unrat werden bis zu deinen Füßen kriechen, o Königin des Menschengeschlechts, um dir zuzurufen: "Erbarmen! Hilf uns! Führe uns zu deinem Sohn!" und du wirst deine reinste Hand auf ihre Wunden legen, deine Blicke paradiesischer Taubeneinfalt auf die höllischen Auswüchse senken und den Gestank der Sünde einatmen müssen, ohne davor zu flüchten. Ja, du wirst sogar diese von Satan verstümmelten Seelen, diese Mißgeburten, diese Verwesenden an dein Herz drücken, sie mit deinen Tränen reinwaschen und zu mir hinführen... Dann wirst du sagen: "Wie schwer ist es, die Mutter des Erlösers zu sein!" Doch du wirst es tun, weil du die Mutter bist... Ich küsse und segne diese deine Hände, die mir viele Menschen zuführen werden, von denen jeder zu meinem Ruhme beitragen wird. Doch noch vor meinem Ruhm wird es der deine sein, heilige Mutter.

Ihr, teure Jüngerinnen, folgt dem Beispiel meiner Meisterin, die auch die Lehrerin des Jakobus, des Judas und all derer ist, die sich in der Gnade

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und der Weisheit heranbilden wollen. Befolgt ihr Wort. Es ist mein Wort, nur klingt es süßer. Nichts ist diesem Wort beizufügen, weil es das Wort der Mutter der Weisheit ist.

Ihr, meine Freunde, lernt von den Frauen Demut und Beharrlichkeit und werft den männlichen Stolz ab, verachtet die weiblichen Jünger nicht, sondern mäßigt eure Kraft, ich könnte auch sagen, eure Härte und Unnachgiebigkeit, wenn ihr mit der Feinfühligkeit der Frauen in Berührung kommt. Vor allem lernt von ihnen zu lieben, zu glauben und für den Herrn zu leiden, denn in Wahrheit sage ich euch, daß sie, die Schwachen, die Stärkeren im Glauben, in der Liebe, im Heldenmut und im Sichopfern für ihren Meister sein werden. Sie lieben mit ihrem ganzen Wesen, ohne etwas zu verlangen oder einen Lohn zu erwarten, einzig und allein um mir Trost und Freude zu spenden.

Geht nun in eure Häuser oder in jene, in denen ihr Gastfreundschaft gefunden habt. Ich bleibe bei meiner Mutter. Gott sei mit euch!»

Alle entfernen sich, außer Martha.

«Du kannst bleiben, Martha. Ich habe mit deinem Diener bereits gesprochen. Heute ist es nicht Bethanien, das Gastfreundschaft gewährt, sondern das kleine Haus Jesu. Komm! Du wirst an der Seite Mariens zu Tische sitzen und im Kämmerchen neben dem ihrigen ruhen. Der Geist Josephs, unser Trost, wird dich trösten, während du ruhst, und morgen wirst du gestärkt und entschlossener nach Bethanien zurückkehren, um auch dort Jüngerinnen heranzubilden, in Erwartung jener Frau, die mir und dir am liebsten ist. Zweifle nicht, Martha. Ich verspreche nie etwas, ohne es zu halten. Aber um aus einer Wüste voller Vipern einen Paradiesgarten zu machen, braucht es viel Zeit... Die erste Arbeit sieht man nicht und man hat das Gefühl, nichts wäre geschehen, und doch ist der Same bereits in die Erde gelegt. Die Samen. Alle! Dann werden die Tränen kommen und wie der Regen die Samen zum Keimen bringen... und die guten Bäume werden heranwachsen... Komm! ... Weine nicht mehr!»

197. JESUS SPRICHT AUF DEM SEE MIT JOHANNA DES CHUZA

Jesus befindet sich im Boot des Petrus auf dem See. Hinter ihm folgen zwei weitere Boote; das eine, ein gewöhnliches Fischerboot, sieht dem des Petrus ähnlich; das andere hingegen ist ein schmales, prächtiges Vergnügungsschiff und gehört Johanna des Chuza. Doch sie selbst ist nicht in ihrem Boot. Sie sitzt zu Jesu Füßen im schwerfälligen Boot des Petrus.

Der Zufall, möchte ich sagen, hat sie wohl an einer Stelle des blühenden Seeufers von Genesareth zusammengeführt. Das Ufer ist wundervoll im nun in Palästina erwachenden Frühling, der mit Wolken erblühter

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Mandelbäume die Gegend schmückt und Knospen wie Perlen auf Apfel-, Granatapfel-, Birn- und Quittenbäume setzt. Alles Bäume, die ihre volle Schönheit besonders in der Blüte- und Früchtezeit entfalten. Vom Boot aus, das nun nahe an den sonnigen Gestaden entlanggleitet, erblickt man Millionen von prallen Blütenknospen, die in Erwartung des Aufbrechens zur Blüte an den Ästen schwellen, während die Blütenblätter der frühen Mandelbaumblüten durch die stille Luft gaukeln, um sich dann auf den klaren Wellen des Sees niederzulassen.

Die Ufer mit ihrem frischen Gras, das grüner Seide gleicht, sind mit goldgelbem Hahnenfuß und strahlenden Sternchen kleiner Margeriten übersät. An steifen Stielen, wie gekrönte Königinnen, lächeln sanft und still wie kindliche Augensterne, die himmelblauen Vergißmeinnicht. In ihrer Lieblichkeit scheinen sie der Sonne, dem See und den anderen Blumen bejahend zuzunicken, glücklich darüber, blühen zu dürfen; unter den gütigen Augen des Herrn blühen zu dürfen.

Zu Beginn des Frühlings erscheint der See noch nicht in jener Üppigkeit, die ihn in den folgenden Monaten so festlich kleidet, wenn die Natur in ihrer Pracht triumphiert. Es fehlt ihr noch, ich möchte fast sagen, die sinnliche Pracht der abertausend Rosenstöcke, die als kräftige Büsche die Gärten zieren oder als geschmeidige Ranken die Mauern schmücken. Noch fehlen Tausende von Dolden des Goldregens und der Akazien, Tausende von blühenden Nachthyazinthen, Tausende von wächsernen Blumensterne der Zitrusfrüchte und jenes ganze Verschmelzen von Farben und starken, milden und berauschenden Düften. All das, was die menschliche Gier nach Genuß steigert und so diesen reinen Winkel der Erde entweiht, zu sehr entweiht – den See von Tiberias, der von Ewigkeit her auserwählt war, Schauplatz der vielfältigsten Wunder unseres Herrn Jesus Christus zu sein.

Johanna betrachtet Jesus, der von der Schönheit seines galiläischen Sees entzückt ist, und ihr lächelndes Antlitz ist der getreue Abglanz des Lächelns Jesu. In den anderen Booten wird geredet. Hier herrscht Schweigen. Nur die nackten Füße des Petrus und des Andreas, die das Boot manövrieren, erzeugen ein dumpfes Geräusch, und das durch den Bug geteilte Wasser seufzt seinen Schmerz den Bootswänden entlang, um dann hinter dem Heck, wo sich die Wunde wieder zu einem silbernen Schweif schließt, fröhlich zu lachen. Diesen Schweif entzündet die Sonne, als wäre er aus Diamantenstaub.

Schließlich unterbricht Jesus seine Betrachtung und blickt seine Jüngerin an. Er lächelt ihr zu und fragt sie: «Wir sind bald angekommen, nicht wahr? Du wirst denken, daß dein Meister ein wenig liebenswürdiger Begleiter ist. Ich habe die ganze Zeit kein Wort zu dir gesagt.»

«Doch ich habe die Worte auf deinem Antlitz gelesen, Meister, und habe verstanden, was du zu den Dingen, die uns umgeben, gesagt hast.»

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«Was habe ich ihnen gesagt?»

«Liebet, seid rein und gut. Denn ihr kommt von Gott, und aus seiner

Hand ist nie etwas Böses oder Unreines hervorgegangen.»

«Du hast gut gelesen.»

«Aber, mein Herr, die Gräser tun es wohl, die Tiere werden es tun. Und

der Mensch... warum tut er es nicht, da er doch das vollkommenere Geschöpf ist?»

«Weil der Zahn Satans nur in den Menschen allein eingedrungen ist.

Der Böse hat sich eingebildet, den Schöpfer in seinem größten Wunderwerk, das ihm am ähnlichsten ist, vernichten zu können.»

Johanna neigt das Haupt und denkt nach. Es sieht so aus, als kämpften zwei gegensätzliche Gedanken in ihr. Jesus beobachtet sie. Endlich blickt sie auf und sagt: «Herr, würdest du es ablehnen, mit meinen heidnischen

Freundinnen zusammenzutreffen? Du weißt... Chuza gehört dem Hofstaat an. Der Tetrarch, und mehr noch die wahre Herrin des Hofes, Herodias, deren Willen Herodes sich fügt, schmeichelt, ja huldigt den Römern aus dem Hause des Prokonsuls... weil es so Sitte ist, um zu zeigen, daß man feiner ist als die übrigen Palästinenser, und um den Schutz Roms zu genießen – und drängt sie auch uns fast auf. In der Tat muß ich gestehen, daß die heidnischen Frauen nicht schlechter sind als wir. Auch unter uns, besonders an diesen Gestaden, sind einige tief, ja sehr tief gefallen. Doch

worüber können wir reden, wenn nicht über Herodias? ... Als ich mein Kind verlor und erkrankte, waren sie sehr gut zu mir, obwohl ich sie gar nicht gesucht hatte, und danach hat sich diese Freundschaft erhalten.

Aber wenn du mir sagst, daß sie nicht gut ist, will ich sie aufgeben. Nein? Danke, Herr! Vorgestern war ich bei einer dieser Freundinnen. Es war ein Freundschaftsbesuch für mich, ein Pflichtbesuch für Chuza. Es war ein

Befehl des Tetrarchen, der ... hierher zurückkehren möchte, sich aber nicht sicher fühlt und so ... eigennützige Verbindungen mit Rom anknüpft, um Rückendeckungen zu haben. Außerdem... ich bitte dich... du bist doch ein Verwandter des Täufers, nicht wahr? Sage ihm, er möge sich sehr in Acht nehmen. Er soll die Grenzen von Samaria nie überschreiten. Vielmehr sollte er sich, wenn es ihm nicht unwürdig erscheint, eine Zeitlang verbergen. Die Schlange nähert sich dem Lamm, und das Lamm hat

viel zu befürchten. Von allen Seiten. Er soll auf der Hut sein, Meister! Doch niemand darf erfahren, daß ich es gesagt habe. Dies wäre der Ruin

Chuzas.»

«Sei beruhigt, Johanna. Ich werde den Täufer auf eine Art warnen, die

ihm nützen und niemand schaden wird.»

«Danke, Herr. Ich will dir dienen... doch möchte ich damit nicht meinem Manne schaden. Ich... ich werde auch nicht immer mit dir kommen können. Manchmal werde ich daheim bleiben müssen, weil er es wünscht, und es ist recht so...»

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«Das wirst du auch tun, Johanna. Ich verstehe alles. Es ist nicht nötig, mehr darüber zu sagen.»

«Doch möchtest du sicher, daß ich in den für dich gefahrvollen Zeiten bei dir bin?»

«Ja, Johanna, gewiß!»

«Oh, wie schwer ist es mir gefallen, dir diese Dinge zu sagen und sagen zu müssen! Doch nun fühle ich mich erleichtert...»

«Wenn du an mich glaubst, wirst du dich immer erleichtert fühlen. Aber du sprachst von einer römischen Freundin...»

«Ja, sie ist mit Claudia sehr befreundet und, soviel ich weiß, auch mit ihr verwandt. Sie möchte gerne mit dir sprechen oder dich wenigstens sprechen hören. Nicht nur sie allein wünscht dies. Nachdem du die Tochter der Valeria geheilt hast und die Nachricht sich mit Blitzesschnelle verbreitet hat, ist der Wunsch in ihnen noch lebhafter geworden. Während des Gastmahls am vergangenen Abend wurden viele Stimmen für und gegen dich laut, denn es waren auch Herodianer und Sadduzäer anwesend... doch sie würden es leugnen, wenn man sie danach fragte... Es waren auch Frauen da... reiche, aber... nicht ehrbare Frauen. Es war auch – und ich sage es dir nur ungern, da ich weiß, daß du der Freund ihres Bruders bist -es war auch Maria von Magdala mit ihrem neuen Freund und einer anderen Frau, ich glaube, einer Griechin, die sich ebenso unzüchtig benahm wie sie, zugegen. Weißt du... bei den Heiden sitzen die Frauen mit den Männern am gleichen Tisch, und das ist sehr... sehr... Welch ein Unbehagen! Die Höflichkeit meiner Freundin hatte mich zur Tischgenossin meines eigenen Mannes bestimmt; das war sehr beruhigend für mich. Aber die anderen... oh! ... Nun, man sprach von dir, weil das Wunder an Faustina Aufsehen erregt hat, und während die Römer in dir den großen Arzt und Magier bewundern – verzeih, Herr – spuckten die Herodianer und die Sadduzäer Gift und Galle auf deinen Namen, und Maria... oh, Maria! ... Welche Schande! ... Sie hat mit dem Spott begonnen und dann... Nein, das kann ich dir nicht sagen. Ich habe deswegen die ganze Nacht geweint ...»

«Laß sie nur machen. Sie wird geheilt werden.»

«Aber es geht ihr gut, weißt du?»

«Körperlich. Alles übrige ist vollkommen verseucht. Doch sie wird gesund werden.»

«Du sagst es... Die Römerinnen, du weißt, wie sie sind... haben gesagt: "Wir fürchten uns nicht vor der Zauberei, noch glauben wir an Märchen. Wir wollen uns selbst ein Urteil bilden", und nachher haben sie mich gefragt: "Könnten wir ihn nicht einmal hören?"»

«Sag ihnen, daß ich am Ende des Monats Schebat in deinem Hause sein werde.»

«Ich werde es ihnen sagen, Herr. Glaubst du, daß sie sich zu dir bekehren würden?»

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«Es gibt unendlich viel in ihnen zu erneuern. Zuerst muß zerstört werden, dann kann man wieder aufbauen. Doch es ist nicht unmöglich. Johanna, da ist dein Haus mit seinem Garten. Wirke darin für deinen Meister, so wie ich es dir aufgetragen habe. Leb wohl, Johanna! Der Herr sei mit dir! Ich segne dich in seinem Namen.»

Die Barke legt an. Johanna bittet: «Willst du wirklich nicht kommen ?»

«Vorerst nicht. Es gilt, die Flammen in den Seelen neu anzufachen. In den wenigen Wochen meiner Abwesenheit sind sie fast erloschen, und die Zeit drängt!»

Das Boot hält in einer kleinen Bucht, die in den Garten des Chuza hineinreicht. Diener eilen herbei, um der Herrin beim Aussteigen zu helfen. Das herrschaftliche Boot folgt jenem von Petrus zum Landesteg, und nachdem Johannes, Matthäus, Judas Iskariot und Philippus in das Boot des Petrus umgestiegen sind, stößt es ab und nimmt seinen Kurs zum gegenüberliegenden Ufer.

198. JESUS IN GERGESA; DIE JÜNGER DES JOHANNES

Jesus spricht in einer Stadt, die ich noch nie gesehen habe. So scheint es mir jedenfalls, denn mehr oder weniger gleichen sich die Städte alle, und es ist nicht leicht, sie auf den ersten Blick auseinanderzuhalten. Auch hier führt eine Straße am See entlang, und am Ufer liegen Boote. Häuser und Häuschen reihen sich längs der Straße aneinander, doch die Hügel sind hier viel weiter entfernt, und das Städtchen liegt in einer anmutigen Ebene, die bis zum Ostufer reicht und durch die Hügelkette vor den Winden geschützt ist. So hat die Sonne die Bäume hier mehr noch als in anderen Gegenden zu voller Blüte gebracht.

Mir scheint, die Predigt habe schon begonnen, denn Jesus sagt: «... Es ist wahr. Ihr sagt: "Wir werden dich nie verlassen, denn dich verlassen würde bedeuten, Gott verlassen." Aber, ihr Leute von Gergesa, bedenkt, daß nichts wandelbarer ist als das menschliche Denken. Ich bin überzeugt, daß ihr es in diesem Augenblick wirklich ehrlich meint. Mein Wort und das Wunder haben euch in diesem Sinn begeistert, und daher seid ihr jetzt aufrichtig in dem, was ihr bezeugt. Doch ich möchte euch an eine Begebenheit erinnern, eine der vielen aus Gegenwart und Vergangenheit, die ich hier anführen könnte:

Josua, der Diener des Herrn, versammelte vor seinem Tod alle Stämme mit ihren Ältesten, Oberhäuptern, Richtern und Amtspersonen und sprach zu ihnen von Gott. Er erinnerte sie an alle Wohltaten und Wunder, die ihnen vom Herrn durch seinen Diener gewährt wurden. Nachdem er

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ihnen alles aufgezählt hatte, ermahnte er sie, alle Götter zurückzuweisen und dem Herrn allein zu dienen, oder wenigstens so aufrichtig im Glauben zu sein, sich in ehrlicher Weise für den wahren Gott oder für die Götter Mesopotamiens und der Amoriter zu entscheiden, auf daß eine klare Trennung zwischen den Söhnen Abrahams und jenen, die zum Heidentum übergegangen sind, bestehe.

Besser ein mutiger Fehler, als ein scheinheiliges Bekenntnis und ein Glaubensgewirr, das Gott ein Greuel ist und für die Seelen den Tod bedeutet. Nichts ist einfacher und verbreiteter als dieses Durcheinander aus verschiedenen Religionen. Dem Anschein nach handelt es sich um etwas Gutes, doch sein Kern ist nicht gut. Auch heute noch, Brüder, immer noch gibt es jene Gläubigen, welche die Erfüllung des Gesetzes mit dem vermischen, was von Gesetzes wegen verboten ist. Immer noch gibt es jene Unglücklichen, die wie Betrunkene zwischen Gesetzestreue und den vorteilhaften Geschäften und Kompromissen mit den Übertretern des Gesetzes umhertaumeln und sich bereichern. Es gibt jene Priester, jene Schriftgelehrten und Pharisäer, die aus dem Dienst Gottes nicht mehr Zweck und Ziel ihres Lebens machen, sondern eine geschickte Politik, um über die anderen zu triumphieren und die Ehrbaren ihrer Gewalt zu unterwerfen. Sie sind eben nicht Diener Gottes, sondern Diener einer zur Verwirklichung ihrer Absichten starken und wertvollen Macht. Sie sind nur Heuchler, die unsern Gott mit fremden Göttern vermischen.

Da antwortete das Volk Josua: "Nie werden wir den wahren Gott verlassen, um fremden Göttern zu dienen." Josua entgegnete ihm das, was ich euch über die heilige Eifersucht des Vaters gesagt habe, über seine Forderung, als Einziger geliebt zu werden und mit unserem ganzen Sein und über seine gerechte Strafe, die die Lügner trifft. Die Strafe! Gott kann strafen, wie er Wohltaten spenden kann. Man wird nicht nur nach dem Tode belohnt oder bestraft. Schau, Volk der Hebräer, ob Gott dich nicht einmal, zweimal, ja zehnmal für deine Missetaten bestraft hat, nachdem er dir soviel Gutes erwiesen hatte: er befreite dich von den Pharaonen, er führte dich durch die Wüste und alle Gefahren zur Sicherheit, er rettete dich vor den Nachstellungen der Feinde und gewährte dir, eine große, geachtete und ruhmreiche Nation zu werden! Betrachte, was nun aus dir geworden ist! Ich, der ich dich dem frevelhaftesten Götzendienst ergeben sehe, erkenne auch den Abgrund, in den du infolge deines Verharrens in den alten Sünden stürzen wirst. Ich ermahne dich daher, Volk, das ich zweifach mein Eigen nenne, da ich dein Erlöser bin und aus dir geboren wurde. Ich spreche nicht aus Haß, Groll oder Unnachgiebigkeit. Diese meine Mahnung entspringt, wenn sie auch streng ist, meiner Liebe.

Josua sagte alsdann: "Ihr seid Zeugen: ihr habt den Herrn gewählt", und alle antworteten: "Ja." Josua, der nicht nur tapfer, sondern auch weise war und wußte, wie wankelmütig der Wille des Menschen ist, schrieb

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hierauf in das Buch alle Worte des Gesetzes und des Bundes und legte diese Satzungen in den Tempel und auch ins Heiligtum des Herrn zu Sichern, das zu dieser Feier das Zelt enthielt. Er richtete einen großen Stein zum Zeugnis auf und sprach: "Dieser Stein, der eure Worte an den Herrn vernommen hat, soll Zeuge sein, auf daß ihr den Herrn, euren Gott, nicht verleugnen und belügen könnt."

Ein Stein, so groß und hart er auch sein mag, kann vom Menschen, von einem Blitz, vom Wasser und von der Witterung in Staub verwandelt werden. Ich aber bin der ewige Eckstein und kann nicht vernichtet werden. Belügt nicht diesen lebendigen Stein. Liebt ihn nicht nur deshalb, weil er Wunder wirkt. Liebt ihn, weil ihr durch ihn den Himmel erlangen werdet. Ich wünschte, daß ihr gläubiger und dem Herrn getreuer wäret. Ich sage nicht "mir", denn ich bin nur, weil ich die Stimme des Vaters bin. Doch wenn ihr mich schmäht, beleidigt ihr auch den, der mich gesandt hat. Ich bin das Mittel. Er ist alles. Sammelt von mir und bewahrt in euch, was heilig ist, um zu diesem Gott zu gelangen. Liebt nicht den Menschen in mir, liebt den Messias des Herrn nicht der Wunder wegen, sondern weil er in euch das innere und erhabene Wunder eurer Heiligung wirken will.»

Jesus segnet das Volk und begibt sich zu einem Haus. Er ist schon fast auf der Schwelle, als er von einer Gruppe älterer Männer aufgehalten wird, die ihn ehrfürchtig grüßen und sagen: «Dürfen wir dir einige Fragen stellen, Herr? Wir sind Jünger des Täufers, und da dieser immer von dir spricht und auch, weil der Ruf deiner Wunder zu uns gelangt ist, wollten wir dich kennenlernen. Nun, da wir dich gehört haben, möchten wir dir eine Frage stellen.»

«Sprecht sie nur aus. Wenn ihr Jünger des Johannes seid, befindet ihr euch bereits auf dem Weg der Gerechtigkeit.»

«Als du über die allgemeine Abgötterei der Gläubigen gesprochen hast, hast du gesagt, daß es unter uns einige gibt, die sowohl mit gesetzestreuen Leuten als auch mit solchen, die dem Gesetz nicht unterstellt sind, Handel treiben. Und auch du bist ein Freund von letzteren. Wir wissen, daß du die Römer nicht verachtest. Also? ...»

«Ich leugne es nicht. Doch könnt ihr behaupten, daß ich es tue, um einen Gewinn daraus zu ziehen? Könnt ihr sagen, daß ich ihnen schmeichle, um ihre Gunst zu genießen?»

«Nein, Meister, dessen sind wir mehr als sicher. Doch die Welt besteht nicht nur aus Menschen wie wir, die nur an das Böse glauben wollen, das sie mit eigenen Augen sehen, und nicht an das, was andere erzählen. Sage uns nun die Gründe, die einen Kontakt mit den Heiden rechtfertigen, damit wir von dir lernen und dich verteidigen können, wenn dich jemand in unserer Gegenwart verleumden sollte.»

«Es ist schlecht, um menschlicher Ziele willen solche Kontakte zu pflegen, doch wenn sie dazu dienen, diese Menschen zu unserem Herrn und

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Gott zu führen, ist es nicht schlecht. Das tue ich. Wäret ihr Heiden, würde ich euch erklären, daß jeder Mensch von einem einzigen Gott kommt. Doch ihr seid Hebräer und Jünger des Johannes. Ihr seid die Auslese der Hebräer, und es ist nicht nötig, daß ich es euch erkläre. Ihr könnt also verstehen und glauben, daß es meine Pflicht ist – da ich das Wort Gottes bin – das Wort dieses Vaters allen Menschen, allen Kindern des Vaters, zu verkünden.»

«Aber sie sind doch keine Kinder Gottes, wenn sie Heiden sind ...»

«Was die Gnade anbelangt, sind sie es nicht. Wegen ihres Irrglaubens sind sie es nicht, das ist wahr. Aber solange ich euch nicht erlöst habe, bleibt auch der Hebräer ohne Gnade, denn der Makel der Erbsünde hindert den göttlichen Strahl der Gnade, in die Herzen niederzusteigen. Dank seiner Erschaffung bleibt der Mensch das Kind Gottes. Von Adam, dem Stammvater der ganzen Menschheit, stammen sowohl die Hebräer als auch die Römer ab, und Adam ist Kind des Vaters, der ihm seine geistige Ähnlichkeit gegeben hat.»

«Das ist wahr. Noch eine Frage, Meister. Warum fasten die Jünger des Johannes so oft und die deinen nicht? Wir wollen nicht sagen, daß du nicht essen sollst. Auch der Prophet Daniel war in den Augen Gottes heilig, trotz seines hohen Ansehens am Hofe von Babylon; und du bist größer als er. Aber sie ...»

«Was man mit Strenge oft nicht erreicht, erreicht man mit Freundlichkeit. Es gibt Menschen, die nie von selbst zum Meister kommen würden, daher muß der Meister zu ihnen gehen. Andere würden wohl zum Meister kommen, aber sie schämen sich vor den Mitmenschen, und auch sie muß der Meister aufsuchen. Da sie mir sagen: "Sei mein Gast, damit ich dich kennenlernen kann" ' gehe ich zu ihnen, nicht der reichen Tafel und der für mich oft so mühsamen Reden wegen, sondern wiederum und stets nur im Interesse Gottes. Dies gilt für mich. Da sich oft wenigstens eine der Seelen, denen ich mich nähere, bekehrt, und jede Bekehrung ein Hochzeitsfest für meine Seele bedeutet, ein großes Fest, an dem alle Engel des Himmels teilnehmen und das dem ewigen Gott zum Ruhm und zur Freude gereicht, so frohlocken auch alle meine Jünger als Freunde des Bräutigams vereint mit dem Bräutigam und Freund. Sollen die Freunde trauern, während ich frohlocke und noch unter ihnen weile? Doch die Zeit wird kommen, da ich nicht mehr unter ihnen weile, und dann werden sie streng fasten. Die neuen Zeiten werden neue Methoden mit sich bringen. Bis gestern, bis zur Zeit des Täufers, war es die Asche der Buße. Heute jedoch, in meiner Zeit, gibt es das süße Manna der Erlösung, der Barmherzigkeit und Liebe. Die Methoden früherer Zeiten könnten nicht auf meine Zeit übertragen werden, so wie meine Methode früher nicht gelten konnte, weil damals die Barmherzigkeit noch nicht auf Erden war. Jetzt ist sie unter euch. Nicht mehr der Prophet, sondern der Messias, dem Gott alles

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übergeben hat, ist auf der Erde. Jede Zeit hat die für sie nützlichen Dinge. Niemand näht ein Stück neuen Tuches auf ein altes Gewand, denn beim Waschen geht der neue Stoff ein und wird der Riß im alten noch größer. Ebenso füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche, denn die alten Schläuche würden durch die Gärung des Weines bersten und der Wein würde auslaufen. Der alte Wein, der schon alle seine Umwandlungen durchgemacht hat, gehört in alte Behälter, und der neue Wein in neue. Daher soll eine Kraft einer anderen, ebenso starken gegenübergestellt werden. Dies geschieht jetzt. Die Kraft der neuen Lehre erfordert neue Methoden ihrer Verbreitung, und ich, der ich es weiß, bediene mich ihrer.»

«Danke, Herr, nun sind wir zufrieden. Bete für uns. Wir sind alte Schläuche. Werden wir deine Kraft in uns aufnehmen können?»

«Ja, denn der Täufer hat euch schon vorbereitet, und seine Gebete, vereint mit den meinen, werden euch zu vielem fähig machen. Geht mit meinem Frieden und sagt Johannes, daß ich ihn segne.»

«Aber ... ist es besser für uns, beim Täufer zu bleiben oder bei dir?»

«Solange es den alten Wein gibt, soll man von diesem trinken, da der Gaumen sich an den Geschmack gewöhnt hat. Später... wenn euch das faule Wasser, das ihr überall vorfindet, anekelt, werdet ihr den neuen Wein schätzen.»

«Glaubst du, daß der Täufer wieder gefangengenommen wird?»

«Ganz sicher. Ich habe ihn schon warnen lassen. Geht nun, geht. Freut euch eures Johannes, solange es möglich ist, und macht im Freude. Später werdet ihr mich lieben, und dies wird euch nicht einmal leicht fallen... denn niemand, der sich an den alten Wein gewöhnt hat, möchte plötzlich zum neuen Wein übergehen. Er sagt: "Der alte war besser" ' und tatsächlich wird es Unterschiede geben, die euch bitter erscheinen. Doch mit der Zeit werdet ihr euch mit dem lebendigen Geschmack vertraut machen. Lebt wohl, Freunde. Gott sei mit euch!»

199. VON NEPHTHALI NACH GISCHALA BEGEGNUNG MIT DEM RABBI GAMALIEL

«Meister! Meister! Weißt du eigentlich nicht, wer vor uns ist? Der Rabbi Gamaliel! Er sitzt mit seinen Dienern im Schatten des Waldes, der sie auch vor dem Winde schützt. Sie braten gerade ein Lamm. Nun, und was werden wir tun?»

«Das, was wir geplant hatten, Freunde. Wir gehen weiter ...»

«Aber Gamaliel gehört dem Tempel an.»

«Gamaliel ist nicht heimtückisch. Habt keine Angst. Ich werde vorausgehen.»

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«Oh, ich komme mit dir», sagen die Vettern, alle Galiläer und Simon. Nur Judas Iskariot und auch Thomas scheinen wenig Lust zu haben, weiterzugehen. Doch sie schließen sich den anderen an.

Sie gehen noch einige Schritte auf dem zwischen den steilen Wänden der Berghänge verlaufenden Pfad weiter. Nach einer Biegung mündet der Weg in eine Art Hochebene, die er, breiter werdend, überquert, um sich dann wieder unter einem Gewölbe von Zweigen zu verengen. In der von den ersten Blättern des Waldes beschatteten Lichtung sind viele Menschen unter einem prächtigen Zelt versammelt, während andere in einer Ecke ein Lamm über dem Feuer braten.

Gamaliel läßt es sich wirklich an nichts fehlen. Für seine Reise hat er ein Regiment von Dienern aufgeboten und eine Unmenge von Gepäck mitgenommen. Nun sitzt er da, unter seinem Zelt, unter einem über vier vergoldete Stangen gespannten Tuch, einer Art Baldachin. Es sind da niedrige, mit Polstern versehene Hocker und eine auf zwei geschnitzten Holzgestellen ruhende und mit einem damastenen Tischtuch bedeckten Tafel, auf die die Diener wertvolles Geschirr stellen. Gamaliel gleicht einem Götzen. Mit den Händen auf den Knien, sitzt er steif und würdevoll da wie eine Statue. Seine Diener schwirren um ihn herum wie große Schmetterlinge. Doch er kümmert sich nicht um sie. Die Lider über seine strengen Augen gesenkt, scheint er nachzudenken. Wenn er aufblickt, zeigen sich die schwarzen, tiefblickenden und geistvollen Augen in ihrer ganzen ernsten Schönheit. Seine Nase ist fein und drei parallelverlaufende Falten durchfurchen die durch eine leichte Glatze noch höher gewordene Stirn des Greises. Eine dicke bläuliche Vene zeichnet ein V mitten auf seine rechte Schläfe.

Das Geräusch der Schritte der Näherkommenden läßt die Diener sich umschauen. Auch Gamaliel wendet sich um. Er sieht zuerst Jesus und macht eine Gebärde der Überraschung. Dann steht er auf und geht bis an den Rand des Zeltes, nicht weiter. Doch dort macht er mit über der Brust gekreuzten Armen eine tiefe Verneigung. Jesus erwidert den Gruß in gleicher Weise.

«Du bist hier, Rabbi?» fragt Gamaliel.

«Hier bin ich, Rabbi», antwortet Jesus.

«Darf ich dich fragen, wohin du gehst?»

«Ich antworte dir gerne. Ich komme von Nephthali und begebe mich nach Gischala.»

«Zu Fuß? Der Weg über dieses Gebirge ist lang und beschwerlich. Du strengst dich zu sehr an.»

«Glaube mir, wenn ich angenommen und angehört werde, verspüre ich keine Müdigkeit mehr.»

«Erlaube mir also, und laß es einmal mich sein, der dich die Müdigkeit vergessen läßt. Das Lamm ist bereit, wir hätten die Überreste den Vögeln

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gelassen, denn wir nehmen nie mit, was übrigbleibt. Du siehst also, daß ich keine Umstände mache, um dir und deinem Gefolge davon anzubieten. Ich bin dein Freund, Jesus. Du bist nicht geringer als ich, sondern du stehst über mir.»

«Ich glaube dir und nehme deine Einladung an.»

Gamaliel spricht zu einem Diener, der der erste in der Rangordnung zu sein scheint, und dieser gibt den Befehl weiter. Das Zelt wird verlängert, und von den zahlreichen Tragtieren werden Hocker und Geschirr für die Jünger Jesu abgeladen. Schalen für die Reinigung der Finger werden gereicht. Jesus vollzieht den Ritus mit vollendeter Vornehmheit, während die Jünger, von Gamaliel aufmerksam gemustert, sich ungeschickt anstellen. Nur Simon, Judas Iskariot, Bartholomäus und Matthäus sind in den jüdischen Bräuchen gut bewandert.

Jesus nimmt neben Gamaliel Platz, der allein an einer Seite der Tafel sitzt. Ihm gegenüber sitzt der Zelote. Nach dem Aufopferungsgebet, das Gamaliel feierlich und langsam spricht, zerlegen die Diener das Lamm, verteilen es unter die Gäste und füllen die Becher, je nach Wunsch mit Wein oder Honigwasser.

«Der Zufall hat uns zusammengeführt, Rabbi. Ich hätte nie gedacht, dich auf dem Weg nach Gischala zu treffen.»

«Ich bin auf dem Weg nach aller Welt.»

«Ja, du bist der unermüdliche Prophet. Johannes ist der seßhafte, du der pilgernde Prophet.»

«So ist es für die Seelen leichter, mich zu finden.»

«Das würde ich nicht sagen. Wenn du von Ort zu Ort gehst, wissen sie nicht mehr, wo du bist.»

«Das trifft nur für meine Feinde zu, doch die, die zu mir kommen wollen, weil sie das Wort Gottes lieben, finden mich. Nicht alle können zum Meister kommen, doch der Meister, der sich nach allen sehnt, geht zu ihnen und erweist damit den Guten Wohltaten und entgeht der Verschwörung derer, die ihn hassen.»

«Sagst du dies meinetwegen? Ich hasse dich nicht.»

«Ich sage es nicht deinetwegen. Aber da du gerecht und aufrichtig bist, kannst du bestätigen, was ich sage.»

«Ja, so ist es. Aber ... du weißt ... es geschieht nur, weil wir Älteren dich schlecht verstehen.»

«Ja, das alte Israel versteht mich schlecht, zu seinem Unglück... und aus eigenem Willen.»

«Nein! ...»

«Doch, Rabbi, es gibt sich keine Mühe, den Meister zu verstehen und wer sich darauf beschränkt, handelt zwar nicht gut, doch wenigstens nur relativ nicht gut. Viele aber wenden ihren ganzen Willen auf, um mein Wort falsch zu verstehen und zu verdrehen und damit Gott zu schaden.»

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«Gott? ... Gott steht über den menschlichen Nachstellungen.»

«Ja. Aber jede Seele, die irregeht oder irregeführt wird, schadet Gott durch den Verlust dieser Seele; denn es ist ein Abweichen vom rechten Weg, wenn man mein Wort und mein Werk vor sich selbst und den anderen entstellt. Jede Seele, die verlorengeht, ist eine Gott zugefügte Wunde.»

Gamaliel senkt das Haupt und denkt mit geschlossenen Augen nach. Dann greift er mit seinen langen, schmalen Fingern in einer unwillkürlichen Gebärde des Unbehagens an seine Stirn. Jesus schaut ihn forschend an.

Gamaliel hebt das Haupt, öffnet die Augen, betrachtet Jesus und sagt: «Aber du weißt, daß ich nicht einer von diesen bin.»

«Ich weiß es. Doch du gehörst zur ersten Gruppe.»

«Oh, das ist wahr! Aber man kann nicht sagen, daß ich mich nicht bemühe, dich zu verstehen. Dein Wort verharrt in meinem Geist, dringt aber nicht tiefer. Mein Geist bewundert dein Wort als das eines Gelehrten, und die Seele ...»

«Doch die Seele kann es nicht aufnehmen, Gamaliel, weil sie von zu vielem erfüllt ist, und von verderbten Dingen. Auf dem Weg von Nephthali nach hier bin ich über einen Gipfel gegangen, der die Bergkette überragt. Und es hat mich gefreut, die beiden Seen von Genesareth und von Meron in all ihrer Schönheit aus der Höhe zu sehen, so wie sie die Adler und die Engel des Herrn sehen, um einmal mehr dem Schöpfer zu sagen: "Danke, Schöpfer, für all das Schöne, das du uns schenkst." Während die Berge mit ihren Wiesen, Obstgärten, Feldern und Wäldern zu sprießen und blühen beginnen, die Lorbeeren neben den Olivenbäumen ihren Duft verströmen und schon den Schnee von tausend Blüten vorbereiten, und die Sommereiche sich mit Kränzen von Waldreben und Geißblatt schmückt, sind hier oben dem Wachsen und Blühen der Natur Grenzen gesetzt; und auch der Mensch vermag nichts. Jegliche Bemühung des Windes und des Menschen ist hier nutzlos, weil die zyklopischen Ruinen des antiken Hazor alles bedecken und zwischen ihren Steinen nur Nesseln, Brombeeren und Schlangennester gedeihen. Gamaliel ...»

«Ich verstehe dich. Auch wir sind Trümmer... Ich verstehe das Gleichnis, Jesus. Aber ... ich kann nicht ... ich kann nicht anders. Die Steine liegen zu tief.»

«Einer, an den du glaubst, hat dir gesagt: "Die Steine werden bei meinen letzten Worten erbeben." Aber warum die letzten Worte des Messias abwarten? Wird dich dann nicht dein Gewissen quälen, weil du mir nicht schon früher nachgefolgt bist? Die letzten... Traurige Worte auch deshalb, weil es die eines sterbenden Freundes sind, auf die man zu spät gehört hat; aber meine Worte sind noch mehr als das eines Freundes.»

«Du hast recht ... aber ich kann nicht. Ich warte auf das Zeichen, um zu glauben.»

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«Ist ein Gelände öde, genügt nicht ein Blitz allein, um es fruchtbar zu machen. Er berührt nur die Steine an der Oberfläche, nicht aber das darunterliegende Erdreich. Gamaliel, beginne wenigstens damit, die Steine wegzuräumen. Denn wenn sie so tief in deinem Herzen liegen, wird das Zeichen sonst nicht ausreichen, um dich zum Glauben zu führen.»

Gamaliel schweigt, in Gedanken versunken. Die Mahlzeit ist beendet. Jesus erhebt sich und sagt: «Ich danke dir, mein Gott, für die Speise und auch dafür, daß ich zum Weisen sprechen konnte. Dank sei auch dir, Gamaliel.»

«Meister, geh nicht so von mir. Ich fürchte, daß du über mich erzürnt bist.»

«O nein! Glaube mir!»

«Dann geh nicht fort. Ich gehe zum Grabe Hillels. Würdest du es ablehnen, mit mir zu kommen? Wir werden schnell dort sein, denn ich habe Maultiere und Esel für alle. Wir müssen die Tiere nur ihrer Last entledigen und sie den Dienern zu tragen geben. Dies wird dir den beschwerlichen Teil deiner Reise abkürzen.»

«Ich lehne es nicht ab; es ist mir vielmehr eine Ehre, mit dir zum Grabe Hillels zu gehen. Laßt uns aufbrechen!»

Gamaliel gibt Anweisungen, und während alle damit beschäftigt sind, den provisorischen Speisesaal abzubrechen, setzen sich Jesus und der Rabbi rittlings auf einen Maulesel und reiten nebeneinander den steilen und stillen Weg voran, auf dem nur der Trab der Hufe zu hören ist.

Gamaliel schweigt. Er fragt Jesus nur zweimal, ob er bequem im Sattel sitze. Jesus antwortet und schweigt dann wieder, in Gedanken versunken. Jesus ist so sehr in sich gekehrt, daß er nicht bemerkt, daß Gamaliel, der sein Maultier etwas zurückhält, ihn nun um eine ganze Halslänge voranreiten läßt, um jede seiner Bewegungen zu beobachten. Die Augen des Rabbi gleichen den Augen des Falken, der seine Beute beobachtet, so starr und unverwandt sind sie auf ihn gerichtet. Doch Jesus nimmt keine Notiz davon. Ruhig reitet er seines Weges und paßt sich der schaukelnden Bewegung des Tieres an. Obwohl er ganz in Gedanken dahinreitet, nimmt er dennoch alles wahr, was ihn umgibt. Er streckt seine Hand aus, um die herabhängende Blütentraube eines Goldregenbaumes zu pflücken. Er lächelt zwei Vögelein zu, die im Dickicht eines Wacholderstrauches ihr Nestchen bauen. Dann hält er das Maultier an, um einer Grasmücke zuzuhören, und stimmt dem aufmunternden Gurren einer Wildtaube zu, die ihren Gefährten zur Arbeit antreibt. Es ist, wie wenn Jesus diese Tierchen segnen würde.

«Du liebst Pflanzen und Tiere, nicht wahr?»

«Sehr. Sie sind mein lebendiges Buch. Der Mensch hat in ihnen stets die Grundlagen des Glaubens vor sich. Die Genesis lebt fort in der Natur. Wenn einer zu sehen versteht, vermag er auch zu glauben. Diese Blume,

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die in der ganzen Lieblichkeit ihres Duftes und ihrer herabhängenden Blüten einen so starken Gegensatz zu dem stacheligen Wacholder und dem Stechginster dort bildet, kann sie von selbst erstanden sein? Schau, das Rotkehlchen mit dem Tropfen getrockneten Blutes an seiner weichen Kehle, konnte es von selbst entstanden sein? Siehe die beiden Turteltauben; wo und wie haben sie den dunklen Onyxkragen auf ihr graues Federkleid gemalt? Die beiden Schmetterlinge dort, ein schwarzer mit großen goldenen und rubinroten Punkten, der andere weiß mit blauen Streifen, wo haben sie wohl die Edelsteine und Bänder für ihre Flügel gefunden? Betrachte den Fluß, ja, es ist Wasser, doch woher kommt es, und welches ist der Urquell des Wassers als Element? Oh! Betrachten heißt glauben, wenn man zu sehen versteht.»

«Betrachten heißt glauben. Wir betrachten die lebendige Genesis rings um uns zu wenig.»

«Zu viel Wissenschaft, Gamaliel, und zu wenig Liebe und Demut.»

Gamaliel seufzt und schüttelt den Kopf.

«Ich bin am Ziel, Jesus. Dort liegt Hillel begraben. Wir können absteigen und die Reittiere hier zurücklassen. Ein Diener wird sich um sie kümmern.»

Sie steigen ab, binden die zwei Maulesel an einen Stamm und begeben sich zu einer Begräbnisstätte, die sich neben einem geräumigen und ganz verschlossenen Haus über das Niveau des Bodens erhebt.

«Ich komme hierher, um zu meditieren als Vorbereitung auf die Feste Israels», sagt Gamaliel und zeigt auf das Haus.

«Möge sich dir die Weisheit mit ihrem Licht mitteilen.»

«Hierher komme ich – Gamaliel zeigt auf das Grab – um mich auf den Tod vorzubereiten. Hillel war ein Gerechter.»

«Ja, er war ein Gerechter. Ich bete gerne bei seiner Asche. Aber Hillel soll dich nicht nur lehren zu sterben, er soll dich auch lehren zu leben, Gamaliel.»

«Wie, Meister?»

«"Der Mensch ist groß, wenn er sich verdemütigt", war sein bevorzugter Wahlspruch.»

«Wie kannst du das wissen, da du ihn nicht gekannt hast?»

«Ich habe ihn gekannt ... und übrigens, auch wenn ich Hillel, den Rabbi, nicht persönlich gekannt hätte, so würde ich doch seine Denkweise kennen, denn mir bleibt kein menschlicher Gedanke verborgen.»

Gamaliel neigt sein Haupt und murmelt: «Gott allein kann dies von sich sagen.»

«Gott und sein Wort. Denn das Wort kennt den Gedanken Gottes, und der Gedanke Gottes kennt das Wort und liebt es und teilt sich ihm mit seinen Schätzen mit, um es an ihm teilhaben zu lassen. Die Liebe Gottes festigt die Bande und macht daraus eine einzige Vollendung. Dies ist die

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Dreiheit, die sich liebt und sich auf göttliche Weise bildet, zeugt, wirkt und ergänzt.» 1)

Sie beten lange vor dem verschlossenen Grab. Inzwischen sind die Jünger und danach die Diener mit den Tieren angekommen, die ersteren auf den Reittieren, die anderen mit der Last der Gepäckstücke. Doch sie sind am Rande der Wiese, auf deren anderer Seite das Grabmal liegt, geblieben. Das Gebet ist beendet.

«Leb wohl, Gamaliel. Schwinge dich empor wie Hillel!»

«Was meinst du damit?»

«Wachse. Er ist dir voraus, denn er verstand mit größerer Demut zu glauben als du. Der Friede sei mit dir!»

200. DIE HEILUNG DES ENKELS DES

PHARISÄERS ELI IN KAPHARNAUM

Jesus kommt mit dem Boot in Kapharnaum an. Der Tag geht zur Neige und der See funkelt in rotem Gold. Während die beiden Boote anlegen, sagt Johannes: «Ich gehe gleich zum Brunnen und hole Wasser für deinen Durst.»

«Das Wasser ist hier sehr gut», ruft Andreas aus.

«Ja, es ist gut, und eure Liebe läßt es noch besser werden.»

«Ich bringe die Fische nach Hause. Die Frauen werden sie für das Nachtmahl zubereiten. Wirst du danach zu uns und zu ihnen sprechen?»

«Ja, Petrus.»

«Es ist nun viel schöner, nach Hause zurückzukehren. Vorher waren wir wie eine Gruppe von Nomaden. Jetzt hingegen, mit den Frauen, ist mehr Ordnung und Liebe da, und dann... deine Mutter zu sehen, läßt gleich meine Müdigkeit verfliegen. Ich weiß nicht ...»

Jesus lächelt und schweigt.

Das Boot gleitet mit dem Kiel über den Kies. Johannes und Andreas, die in kurzen Unterkleidern arbeiten, springen ins Wasser, ziehen mit Hilfe einiger Burschen das Boot ans Ufer und legen ein Brett als Laufsteg an.

______________

1) Triade = Dreiheit... und ergänzt: sind Ausdrücke, die keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, jedoch auf das erhabene innere und äußere Wirken Gottes, der die Liebe ist, hinweisen; ein Wirken, das nach innen und außen in höchstem Maße fruchtbar wird: deshalb sind Vater – Sohn die gegenseitige Liebe, d.h. der Hl. Geist, der erste Ursprung jeder erschaffenen Vollkommenheit und daher jedes menschlichen Gedankens. Der Ausdruck "sich ergänzt" ist, wenn dies auch anfänglich schwer verständlich erscheint, in der theologischen Sprache nicht unbekannt. Die heiligste Jungfrau Maria, deren Bedeutung genau definiert ist, wird (als erste unter allen Geschöpfen) die "Vervollständigung der Heiligsten Dreifaltigkeit" genannt.

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Jesus geht als erster an Land und wartet, bis auch das zweite Boot am Ufer ist, um sich mit all den Seinen zu vereinen. Dann gehen sie langsam zum Brunnen. Es ist eine natürliche Quelle, die etwas außerhalb der Ortschaft entspringt und frisch, reichlich und silbern in das steinerne Becken fließt. Ihr klares Wasser lädt zum Trinken ein. Johannes, der mit dem Krug vorausgelaufen ist, kehrt schon zurück und reicht den tropfenden Krug Jesus, der ausgiebig trinkt.

«Wie durstig du gewesen bist, mein Meister! Ich Dummkopf hatte nicht für Wasser gesorgt.»

«Das macht nichts, Johannes. Nun ist alles vorbei», und er liebkost ihn.

Sie wollen gerade zurückkehren, als sie Petrus in aller Eile (zu der er in seiner Schwerfälligkeit fähig ist) ankommen sehen. Simon Petrus war nach Hause gegangen, um dort die Fische abzugeben.

«Meister, Meister!» schreit er außer Atem. «Das ganze Dorf ist in Aufruhr, weil der einzige Enkel des Pharisäers Eli wegen eines Schlangenbisses im Sterben liegt. Das Kind war mit dem Greis gegen den Willen der Mutter in ihren Olivenhain gegangen. Eli überwachte dort die Arbeiten und das Kind spielte zwischen den Wurzeln eines alten Olivenbaumes. Es hat die Hand in ein Loch gesteckt in der Hoffnung, eine Eidechse zu finden, und ist auf eine Schlange gestoßen. Der Alte ist ganz außer sich. Die Mutter des Kindes, die den Schwiegervater verabscheut, und das mit Recht, klagt ihn nun als Mörder an. Das Kind wird von Augenblick zu Augenblick kälter. Die Verwandten lieben sich nicht. Schöne Verwandtschaft!»

«Es ist schlimm, wenn es Streitereien in einer Familie gibt.»

«Aber Meister, ich würde sagen, die Schlangen mochten die Schlange nicht und deshalb haben sie die kleine Schlange umgebracht. Ich bedauere, daß er mich gesehen und mir nachgerufen hat: "Ist der Meister da?" Der Kleine tut mir leid. Er war ein schönes Kind und kann nichts dafür, daß er der Enkel eines Pharisäers ist.»

«Gewiß kann er nichts dafür ...»

Sie gehen zur Ortschaft und sehen, daß ihnen eine Gruppe schreiender und weinender Menschen entgegenkommt, die von Eli angeführt wird.

«Er hat uns gefunden. Laßt uns umkehren!»

«Warum denn? Der alte Mann leidet.»

«Dieser alte Mann haßt dich, vergiß das nicht. Er ist einer deiner ersten und erbittertsten Ankläger im Tempel.»

«Ich vergesse nicht, daß ich die Barmherzigkeit bin.»

Der alte Eli, ungekämmt und mit von Schmerz verzerrtem Gesicht, seine Kleider in Unordnung, eilt Jesus mit ausgestreckten Armen entgegen, wirft sich zu seinen Füßen nieder und heult: «Barmherzigkeit, Barmherzigkeit! Verzeihung! Räche dich nicht an einem Unschuldigen wegen meiner Härte. Du allein kannst ihn retten! Gott, dein Vater, hat dich

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hierher geführt. Ich glaube an dich! Ich verehre dich! Ich liebe dich! Verzeihung! Ich bin ungerecht und lügnerisch gewesen! Doch nun bin ich bestraft. Allein diese Stunden sind Strafe genug. Hilfe! Es ist der Junge, das einzige Kind meines verstorbenen Sohnes, und sie beschuldigen mich, es getötet zu haben», und er weint und schlägt dabei den Kopf rhytmisch auf den Boden.

«Aber weine doch nicht so! Willst du sterben, ohne dich weiterhin um das Heranwachsen deines Enkels zu kümmern?»

«Er stirbt! Er stirbt! Vielleicht ist er schon gestorben. Laß auch mich sterben. Ich könnte in dem leeren Haus nicht weiterleben. Oh, diese meine traurigen letzten Tage!»

«Eli, steh auf und laß uns gehen ...»

«Du, du ... willst du wirklich kommen? Aber weißt du, wer ich bin?»

«Ein Unglücklicher. Laßt uns gehen.»

Der Greis steht auf und sagt: «Ich will vorausgehen, aber du, komm rasch, komm sofort!» Er rennt davon mit der Verzweiflung im Herzen, die ihn vorantreibt.

«Aber Meister, glaubst du, daß du ihn damit ändern wirst? Das ist ein vergeudetes Wunder! Laß doch die kleine Schlange sterben, dann wird auch der Alte aus Kummer sterben, und du hast einen weniger auf deinem Wege. Gott hat dafür gesorgt, daß ...»

«Aber Simon! Wahrlich, nun bist du die Schlange.» Jesus stößt Petrus streng von sich, der daraufhin den Kopf hängen läßt und weitergeht.

Am größten Platze in Kapharnaum steht ein schönes Haus, vor dem eine Menschenmenge lärmt. Jesus begibt sich dorthin und erreicht das Gebäude gerade in dem Augenblick, als aus der aufgerissenen Türe der Greis heraustritt, gefolgt von einer Frau mit zerzaustem Haar, die in ihren Armen ein kleines sterbendes Geschöpflein trägt. Das Gift lähmt bereits seine Organe und der Tod steht bevor. Das kleine verwundete Händchen hängt mit den Spuren des Bisses an der Daumenwurzel leblos herab. Eli schreit nur immerzu: «Jesus ! Jesus !»

Jesus, umringt von der Menge, die ihn durch Stoßen und Drücken fast an jeglicher Bewegung hindert, ergreift die kleine Hand, führt sie an seinen Mund, saugt an der Wunde und haucht dann in das wachsbleiche Gesichtlein mit den halboffenen, gläsernen Augen. Dann richtet er sich auf. «Jetzt wird das Kind erwachen.» Und zur Menge gewandt sagt er: «Ihr dürft es nicht erschrecken mit euren entsetzten Gesichtern. Es wird Angst haben, weil es sich noch an die Schlange erinnert.»

Der Kleine, dessen Gesichtlein sich nun rosig färbt, öffnet den Mund zu einem langen Gähnen, reibt sich die Äuglein, schlägt sie auf und blickt verwundert auf die vielen Menschen. Dann erinnert er sich der Schlange, möchte fliehen und macht eine so ruckartige Bewegung, daß er auf den Boden gefallen wäre, hätte Jesus ihn nicht in seinen Armen aufgefangen.

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«Schön ruhig, schön ruhig! Vor wem hast du noch Angst? Schau, die schöne Sonne! Dort ist der See, dort ist dein Haus, hier sind deine Mutter und dein Großvater.»

«Und die Schlange?»

«Sie ist nicht mehr da. Ich bin da.»

«Du, ja ...» Das Kind denkt nach ... dann sagt es in der Sprache der kindlichen Unschuld: «Mein Großvater hat gesagt, ich solle zu dir "Verfluchter" sagen. Doch ich sage es nicht. Ich habe dich lieb.»

«Ich? Ich soll das gesagt haben? Der Kleine phantasiert. Glaub ihm kein Wort, Meister. Ich habe dich immer geachtet.» Da die Angst nun geschwunden ist, kommt schon wieder die alte Natur zutage.

«Die Worte haben Wert und haben auch keinen Wert. Ich nehme sie für das, was sie bedeuten. Mit Gott, Kleiner, mit Gott, Frau, mit Gott, Eli. Liebet einander, und wenn ihr könnt, liebt auch mich.» Jesus wendet sich um und geht zu dem Haus, in dem er wohnt.

«Meister, warum hast du nicht ein erschütterndes Wunder gewirkt, das Aufsehen erregt hätte? Du hättest dem Gift gebieten sollen, das Kind zu verlassen. Du hättest dich als Gott offenbaren sollen. Indes hast du das Gift ausgesaugt wie irgendein armseliger Mensch!» Judas Iskariot ist unzufrieden. Er wollte etwas Eindrucksvolleres und auch die anderen sind der gleichen Meinung.

«Zermalmen hättest du deinen Feind sollen mit deiner ganzen Macht. Hast du ihn gehört? Er hat sofort wieder Gift gespieen!»

«Auf dieses Gift kommt es nicht an. Aber überlegt einmal. Wenn ich so gehandelt hätte wie ihr es wollt, dann hätte er gesagt, daß Beelzebub mein Helfer sei. Seine verderbte Seele kann vielleicht meine Macht als Arzt anerkennen ... aber nicht mehr. Das Wunder führt die zum Glauben, die bereits auf dem Weg zu ihm sind. Doch jene ohne Demut – denn der Glaube ist immer ein Zeichen von Demut – treibt es zur Gotteslästerung. Es ist daher besser, diese Gefahr zu vermeiden und Formen anzuwenden, die nach außen menschlich erscheinen. Das ist das Elend der Ungläubigen, das unheilbare Elend! Es gibt kein Mittel, um dieses Elend aus der Welt zu schaffen, denn kein Wunder bringt sie zum Glauben und zum Gutsein. Das ist nun einmal so. Ich erfülle meine Aufgabe. Sie aber gehen einem unglücklichen Schicksal entgegen!»

«Warum hast du es dann überhaupt getan?»

«Weil ich die Güte bin und damit niemand sagen kann, daß ich meinen Feinden gegenüber rachsüchtig bin und die Hetzer herausfordere. Auf ihre Häupter häufe ich glühende Kohlen, und sie reichen sie mir dazu. Beruhige dich, Judas des Simon. Du aber bemühe dich, nicht so zu handeln wie sie! Das soll genügen! Laßt uns zu meiner Mutter gehen. Sie wird sich freuen, wenn sie erfährt, daß ich ein Kind geheilt habe.»

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201. JESUS IM HAUSE VON KAPHARNAUM NACH DEM WUNDER AN ELISÄUS

Aus einem Garten kommend, in dessen Beeten es überall zu sprießen beginnt, betritt Jesus eine große Küche, in der die beiden älteren Marien (Maria ,Kleophä und Maria Salome) das Nachtessen zubereiten.

«Der Friede sei mit euch!»

«Oh, Jesus ! Meister!» Die beiden Frauen drehen sich um und begrüßen ihn. Die eine hat einen großen Fisch in der Hand, den sie gerade ausnimmt, die andere einen Kessel voll dampfenden Gemüses, den sie vom Feuer genommen hat, um nachzusehen, ob das Gemüse schon gar ist. Ihre gütigen, verblühten, von der Flamme und der Arbeit erhitzten Gesichter lächeln vor Freude und scheinen jünger und schöner in ihrem Glück.

«Es ist gleich alles bereit, Jesus. Bist du müde ? Du wirst hungrig sein», sagt Tante Maria in verwandtschaftlichem Zutrauen, und es scheint, daß sie Jesus noch mehr als ihre eigenen Söhne liebt.

«Nicht mehr als sonst. Aber natürlich werde ich sehr gerne die guten Sachen essen, die du mit Maria zubereitet hast, und so auch die anderen. Da kommen sie schon.»

«Deine Mutter ist im oberen Zimmer. Weißt du ... Simon ist gekommen. Oh, ich bin heute abend vollkommen glücklich! Nein, nicht vollkommen, denn ... du weißt schon, wann ich ganz glücklich sein werde.»

«Ja, ich weiß es.» Jesus zieht seine Tante an sich, küßt sie auf die Stirn und sagt dann: «Ich kenne deinen Wunsch und deinen Neid ohne Sünde auf Salome. Doch der Tag wird kommen, da auch du wie sie sagen kannst: "Alle meine Söhne gehören Jesus." Ich will nun zu meiner Mutter gehen.»

Er geht hinaus und steigt auf einer kleinen Außentreppe zur höher gelegenen Terrasse hinauf, die mehr als die Hälfte der Hausoberfläche einnimmt. Auf der anderen Hälfte befindet sich ein großer Raum, aus dem laute Männerstimmen dringen, zeitweilig unterbrochen von der sanften Stimme Marias, von der klaren, jungfräulichen Mädchenstimme, der die Jahre nichts anzuhaben vermochten und die immer noch dieselbe ist, die sagte: «Ich bin die Magd des Herrn», und die ihrem Kinde das Wiegenlied sang.

Jesus nähert sich lautlos. Er lächelt, denn er hört, wie seine Mutter soeben sagt: «Meine Heimat ist mein Sohn. Und ich leide unter dem Fernsein von Nazareth nur, wenn er nicht bei mir ist. Doch wenn er in meiner Nähe ist ... oh, dann fehlt mir nichts. Ich sorge mich nicht um mein Haus, denn ihr seid ja dort ...»

«Oh, schau, Jesus kommt!» ruft Alphäus der Sara aus, der sich zur Tür gewandt und als erster Jesus gesehen hat. «Ja, ich bin hier. Der Friede sei

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mit euch allen. Mutter!» Er küßt seine Mutter auf die Stirn, und sie küßt ihn. Dann wendet er sich den unerwarteten Gästen zu, dem Vetter Simon, Alphäus der Sara, dem Hirten Isaak und jenem Joseph, der von Jesus in Emmaus nach der Verurteilung durch den Hohen Rat angenommen wurde.

«Wir sind nach Nazareth gegangen, aber Alphäus hat uns gesagt, daß wir dich hier finden würden. So sind wir hierher gekommen. Alphäus hat uns begleitet, und Simon ebenfalls», erklärt Isaak.

«Ich konnte es kaum fassen, mitkommen zu dürfen», sagt Alphäus.

«Auch ich wollte dich grüßen und eine Weile mit dir und Maria zusammensein», fügt Simon hinzu.

«Ich bin sehr glücklich, mit euch hier zu sein. Es war gut, daß wir nicht länger fortgeblieben sind, wie es die Bewohner von Kedesch wollten, wohin ich auf dem Wege von Gergesa nach Meron und dann auf der anderen Seite weitergehend gekommen war.»

«Von dort kommst du ?»

«Ja, ich habe mich an den Orten wieder gezeigt, wo ich bereits gewesen bin, und auch an anderen. Bis nach Gischala bin ich gekommen.»

«Was für ein weiter Weg!»

«Doch welche Ernte! Weißt du, Isaak, wir waren Gäste des Rabbi Gamaliel. Er war sehr gut zu uns. Dann habe ich den Synagogenvorsteher vom "Trügerischen Gewässer" angetroffen. Auch er wird kommen. Ich vertraue ihn dir an. Und dann ... und dann ... habe ich drei Jünger gewonnen ...» Jesus lächelt selig und voller Freude.

«Wer sind sie?»

«Der eine ist ein Greis von Chorazim. Ich habe ihn eine Zeitlang versorgt, und der Arme, ein wahrer, unvoreingenommener Israelit, hat mir, um mir seine Liebe zu bezeugen, die ganze Gegend wie ein perfekter Ackersmann bearbeitet. Der andere ist ein ungefähr fünf Jahre altes Kind. Intelligent und sehr eifrig. Auch mit ihm habe ich schon bei meinem ersten Aufenthalt in Bethsaida gesprochen, und der Junge erinnert sich noch besser an alles als die Erwachsenen. Der dritte ist ein ehemaliger Aussätziger. Ich hatte ihn an einem nun schon weit zurückliegenden Abend in der Nähe von Chorazim geheilt und bin dann weggegangen. Nun habe ich ihn als meinen Verkünder im Gebirge von Nephthali wiedergefunden. Als Beweis für seine Worte erhebt er seine geheilten, doch verstümmelten Hände und zeigt seine geheilten, verunstalteten Füße, mit denen er dennoch schon weite Wege zurückgelegt hat. An seinen Verstümmelungen erkennen die Menschen, wie krank er einmal gewesen sein muß, und glauben seinen mit Tränen der Dankbarkeit gewürzten Worten. Es war einfach für mich, dort zu sprechen, denn man hatte mich schon bekannt gemacht und andere zum Glauben an mich geführt. Ich habe viele Wunder wirken können. So viel vermag ein Mensch, der wirklich glaubt ...»

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Alphäus, immer mit dem Kopfe nickend, stimmt Jesus wortlos zu, während Simon unter dem unausgesprochenen Tadel das Haupt neigt und Isaak sichtlich an der Freude des Meisters teilnimmt, der gerade vom Wunder am kleinen Enkel des Eli berichtet, das er kurz zuvor gewirkt hat.

Das Nachtmahl ist bereit, und die Frauen decken zusammen mit Maria den Tisch im Saale und stellen die Gerichte darauf. Dann ziehen sie sich ins Untergeschoß zurück. Die Männer bleiben oben allein, und Jesus opfert, segnet und verteilt die Speisen.

Doch schon nach dem ersten Bissen kommt Susanna herein und sagt: «Eli steht mit seinen Dienern und vielen Geschenken vor der Tür. Er möchte mit dir sprechen.»

«Ich komme sofort, oder besser: er soll heraufkommen.»

Susanna geht und kehrt kurz darauf zurück mit dem alten Eli, den zwei seiner Diener, die einen großen Korb schleppen, begleiten. Hinter ihnen erscheinen die neugierig spähenden Frauen, mit Ausnahme von Maria, der heiligsten Mutter.

«Gott sei mit dir, mein Wohltäter», grüßt der Pharisäer.

«Und mit dir, Eli. Komm herein. Was willst du? Geht es deinem Enkel noch nicht gut?»

«Oh, sehr gut! Er springt wie ein Böcklein im Garten herum. Doch im ersten Augenblick war ich so erstaunt, so verwirrt, daß ich meine Pflicht vernachlässigt habe. Ich möchte dir meine Dankbarkeit bezeugen und bitte dich, diese Kleinigkeiten, die ich dir anbiete, nicht abzulehnen. Es sind nur Lebensmittel für dich und die Deinen, Erzeugnisse meiner Felder. Dann... dann... möchte ich... dich für morgen zu Tische laden, um dir nochmals vor den Freunden Dank und Ehre zu erweisen. Lehne nicht ab, Meister. Ich müßte sonst daraus schließen, daß du mich nicht liebst und Elisäus nur geheilt hast, weil du ihn liebst... nicht meinetwegen.»

«Ich danke dir. Doch Geschenke wären nicht nötig gewesen.»

«Jeder angesehene Mann und jeder Gelehrte nimmt Geschenke an. Es ist so Sitte.»

«Ich auch. Doch ich bevorzuge eine einzige Gabe, ja ich bitte sogar darum.»

«Was wäre das? Sag es mir. Wenn ich kann, werde ich es dir geben.»

«Euer Herz, eure Gedanken; gebt sie mir zu eurem eigenen Wohl!»

«Oh, ich weihe sie dir, gebenedeiter Jesus! Zweifelst du daran? Ich habe... ja... ich habe dir Unrecht getan. Doch nun habe ich verstanden. Ich habe auch vom Tode des Doras gehört, der dich beleidigt hatte... Warum lächelst du, Meister?»

«Ich bin einer Erinnerung nachgegangen.»

«Ich dachte schon, du würdest an meinen Worten zweifeln.»

«O nein. Ich weiß, daß der Tod des Doras dich bewegt hat, mehr noch als das Wunder von heute abend. Doch du brauchst Gott nicht zu fürchten,

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wenn du wirklich begriffen hast und wirklich von nun an mein Freund sein willst.»

«Ich sehe, daß du wahrhaft ein Prophet bist. Ich, das ist wahr, ich fürchtete mehr, ich kam aus Angst... weil ich befürchtete, dieselbe Strafe zu erleiden wie Doras... und heute habe ich gesagt: "So, das ist die Strafe, und sie ist noch schrecklicher, weil sie die alte Eiche nicht in ihrem Lebensmark getroffen hat, sondern in ihrer Liebe, in ihrer Lebensfreude; sie hat den Eichenschößling geknickt, an dem ich mich erfreute." Ich verstand, daß auch mir, wie Doras, recht geschehen wäre.»

«Du hast verstanden, daß es gerecht gewesen wäre, doch du glaubtest immer noch nicht an den, der die Güte ist.»

«Du hast recht. Doch nun ist es anders. Jetzt habe ich verstanden. Wirst du also morgen in mein Haus kommen?»

«Eli, ich hatte vor, bei Sonnenaufgang aufzubrechen. Aber damit du nicht denken kannst, daß ich dich geringschätze, verschiebe ich meine Abreise um einen Tag. Morgen werde ich bei dir sein.»

«Oh, du bist wirklich gütig, ich werde es nie vergessen!»

«Mit Gott, Eli. Danke für alles. Diese Früchte sind herrlich, und wie Butter müssen die kleinen Käse sein, und ganz sicher ist auch dein Wein vorzüglich. Doch du hättest alles in meinem Namen den Armen geben können.»

«Es ist auch für sie etwas dabei, wenn du willst. Unter all den Dingen ist eine Gabe, die speziell für dich gedacht war.»

«Wir werden sie dann morgen verteilen, vor oder nach dem Gastmahl, nach deinem Gutdünken. Eine friedliche Nacht, Eli!»

«Auch dir. Mit Gott.» Eli geht mit seinen Dienern fort.

Petrus, der mit einem sehenswerten Mienenspiel alles aus dem Korb herausgenommen hat, um ihn den Dienern wieder mitzugeben, legt den Beutel vor Jesus auf den Tisch und sagt, als beende er ein innerliches Gespräch: «Es ist wohl das erste Mal, daß dieser alte Kauz Almosen gibt.»

«Das ist wahr», bestätigt Matthäus. «Ich war habgierig, doch er übertraf mich. Er hat seine Habe durch Wuchergeschäfte verdoppelt.»

«Nun ja... wenn er in sich geht, ist das doch etwas Schönes, nicht wahr?» sagt Isaak.

«Sicher ist das schön, und es scheint, daß dem so ist», bestätigen Philippus und Bartholomäus.

«Der alte Eli bekehrt! Ha, Ha!» Petrus lacht herzlich.

Vetter Simon, der die ganze Zeit nachdenklich gewesen ist, sagt: «Jesus, ich möchte... ich möchte dir nachfolgen. Nicht so wie diese hier... aber wenigstens wie die Frauen. Erlaube, daß ich mich deiner und meiner Mutter anschließe. Alle kommen... Ich, ich als Verwandter verlange nicht, einen Platz unter diesen zu haben. Aber wenigstens so, als guter Freund...»

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«Gott segne dich, mein Sohn! Wie lange habe ich schon auf dieses Wort von dir gewartet!» ruft Maria des Alphäus aus.

«Komm, ich weise niemanden zurück und zwinge auch niemanden. Ich verlange auch nicht alles von allen. Ich nehme, was ihr mir geben könnt. Es ist gut, daß die Frauen nicht immer allein sind, wenn wir in Gebiete kommen, die sie nicht kennen. Danke, Bruder!»

«Ich will gehen und es Maria mitteilen», sagt die Mutter Simons und fügt hinzu: «Sie ist unten in ihrem Kämmerchen und betet. Sie wird sehr glücklich darüber sein.»...

* .. Der Abend bricht plötzlich herein. Man zündet eine Laterne an, um die Treppe hinunterzusteigen, auf der es in der Dämmerung schon dunkel ist. Dann gehen die einen nach rechts, die anderen nach links, um sich für die Nacht zurückzuziehen.

Jesus geht hinaus zum Ufer des Sees. Das Dorf liegt in tiefer Stille, die Straßen und das Ufer sind menschenleer, der See ruht einsam in dieser mondlosen Nacht. Nur die Sterne leuchten am Himmel, und man hört das leise Rauschen der Brandung. Jesus steigt in das ans Ufer gezogene Boot, setzt sich, legt einen Arm auf den Bootsrand, stützt das Haupt darauf und verweilt in dieser Haltung. Ob er betet oder nachdenkt, ich weiß es nicht.

Matthäus kommt mit vorsichtigen Schritten näher. «Meister, schläfst du?» fragt er leise.

«Nein, ich denke nach. Komm zu mir, wenn du nicht schlafen kannst.»

«Es kam mir so vor, als ob du bekümmert wärest, deshalb bin ich dir gefolgt. Bist du mit deinem Tagewerk nicht zufrieden? Du hast doch das Herz des Eli gerührt, hast Simon des Alphäus als Jünger gewonnen...»

«Matthäus, du bist kein so einfacher Mann wie Petrus und Johannes. Du bist klug und gebildet. Sei nun auch aufrichtig. Wärest du über diese Eroberungen glücklich?»

«Aber... Meister... Sie sind immer noch besser als ich, und du hast am Tag meiner Bekehrung zu mir gesagt, daß du sehr glücklich bist...»

«Ja, aber du hattest dich wirklich bekehrt und warst ehrlich in deiner Entwicklung zum Guten. Du kamst zu mir ohne vielerlei Überlegungen. Dein Kommen entsprang dem Verlangen deiner Seele. Bei Eli ist es nicht so, und auch bei Simon nicht. Der Erstere ist nur äußerlich gerührt, der Mensch Eli ist ergriffen, nicht aber die Seele Eli. Sie ist dieselbe Seele geblieben. Wenn die Erregung, die der Tod des Doras und das Wunder am Enkelkind bewirkt haben, abgeklungen ist, wird er wieder der Eli von gestern und von jeher sein. Simon! ... Auch Simon ist immer noch nichts mehr als ein Mensch. Hätte er gesehen, daß ich anstatt gefeiert beleidigt worden wäre, dann hätte er nur Mitleid mit mir empfunden und wäre einfach, wie immer, gegangen. Heute abend hat er vernommen, daß ein Greis, ein Kind und ein Aussätziger das tun können, was er als Verwandter

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nicht fertigbringt, und er hat gesehen, daß sich der Stolz eines Pharisäers mir gebeugt hat; da erst hat er sich entschlossen: "Auch ich werde es tun."

Solche menschlichen Erwägungen entsprungenen Bekehrungen machen mir keine Freude, im Gegenteil, sie sind eine Demütigung für mich. Bleibe bei mir, Matthäus! Der Himmel ist ohne Mond, doch es strahlen die Sterne. Mein Herz ist heute abend nur von Tränen erfüllt. Deine Gesellschaft sei der Stern in der Betrübnis deines Meisters...»

«Gern, Meister, wenn ich es darf... Leider bin ich immer noch ein Unglücklicher, ein armer Taugenichts. Ich habe zu viel gesündigt, um dir gefallen zu können. Ich verstehe es nicht, mich richtig auszudrücken und die neuen reinen, heiligen Worte auszusprechen, da ich nun meine ehemalige Redeweise des Betruges und der Unzucht aufgegeben habe. Ich fürchte, daß ich nie imstande sein werde, mit dir und über dich zu sprechen.»

«Nein, Matthäus. Du bist ein Mensch mit all seinen schmerzlichen Erfahrungen als Mensch. Du bist, da du den Schlamm gekostet hast und nun meinen himmlischen Honig genießt, einer, der beides in seinem wahren Wesen kennengelernt hat. Du hast begriffen und wirst, was du erfahren hast, deinen Mitmenschen von heute und morgen weitergeben können. Man wird glauben, gerade weil du Mensch bist, der arme Mensch, der durch seinen Willen zum Menschen, zum gerechten Menschen wird, wie ihn Gott sich erträumt hat. Laß mich, den Gott-Menschen, mich an dich anlehnen, du, Menschheit, die ich so sehr liebe, daß ich deinetwegen den Himmel verlassen habe, um für dich zu sterben.»

«Nicht sterben, nein! Sage nicht, daß du meinetwegen sterben wirst.»

«Nicht nur für dich allein, Matthäus, sondern für jeden Matthäus der Erde und aller Jahrhunderte. Umarme mich, Matthäus, küsse deinen Christus, für dich und für alle Menschen. Nimm den Überdruß des unverstandenen Erlösers von mir. Ich habe dich von deinem Überdruß als Sünder befreit. Trockne meine Tränen... denn meine Bitterkeit ist es, Matthäus, so wenig verstanden zu werden.»

«Oh, Herr, Herr! Ja! ja! ...» Matthäus, der sich neben den Meister gesetzt hat, legt nun einen Arm um seine Schultern und tröstet ihn mit seiner Liebe...

202. DAS MAHL IM HAUSE DES PHARISÄERS ELI IN KAPHARNAUM

Heute gibt es im Hause Eli viel zu tun. Diener und Dienerinnen kommen und gehen, und unter ihnen ist ein fröhlicher kleiner Wildfang, Elisäus. Dann treffen zwei prunkvoll gekleidete Persönlichkeiten ein und nach ihnen gleich noch zwei weitere. Die beiden ersten erkenne ich als die,

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die zusammen mit Eli im Hause von Matthäus waren. Die beiden anderen kenne ich nicht, doch höre ich, daß man sie Samuel und Joachim nennt. Zuletzt kommt Jesus mit Judas Iskariot.

Große gegenseitige Begrüßung, dann die Frage von Eli: «Nur mit diesem einen Jünger? Wo sind die anderen?»

«Die anderen sind auf den Feldern. Sie werden am Abend kommen.»

«Oh, das ist aber schade. Ich befürchtete schon, daß... Gestern abend habe ich nur dich eingeladen, doch habe ich damit auch sie gemeint. Nun fürchtete ich schon, sie hätten sich beleidigt gefühlt oder sie würden es wegen vergangener Unstimmigkeiten verschmähen, zu mir zu kommen... ha ... ha! Und der Alte lacht.

«O nein, meine Jünger kennen weder stolze Empfindlichkeiten, noch unheilbare Gefühle des Grolls.»

«Ja, ja. Sehr gut. Laßt uns also eintreten.»

Es folgt die übliche Zeremonie der Reinigung, dann betreten sie den Speisesaal, der zum geräumigen Hof hin, dem die ersten Rosen ein fröhliches Gepräge geben, geöffnet ist. Jesus liebkost den kleinen Elisäus, der im Hof spielt und von der vergangen Gefahr nur noch vier kleine, rote Spuren auf seinem Händchen hat. Sogar die erlittene Angst hat er vergessen, aber an Jesus erinnert er sich genau, und in kindlicher Unbefangenheit möchte der Kleine ihm einen Kuß geben und von ihm geküßt werden. Sein Ärmchen um den Hals Jesu gelegt, flüstert er ihm ins Ohr, daß er, wenn er einmal groß sein werde, mit ihm kommen möchte und fragt: «Willst du mich?»

«Alle will ich. Sei lieb, und du wirst mit mir kommen.»

Das Kind springt davon.

Sie gehen zu Tisch, und Eli, der unbedingt einen guten Eindruck machen will, läßt Jesus zu seiner Rechten und Judas zu seiner Linken Platz nehmen. Judas sitzt nun zwischen Eli und Simon, während Jesus sich zwischen Eli und Urias befindet.

Die Mahlzeit beginnt. Zunächst geht es bei den Gesprächen nur um allgemeine Themen, aber mit der Zeit werden sie interessanter. Da die Wunden schmerzen und die Ketten drücken, beginnt das stets wiederkehrende Gespräch über die Knechtschaft Palästinas unter den Römern, ob absichtlich oder zufällig, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß sich die fünf Pharisäer über neue römische Unterdrückungsmaßnahmen beklagen, die sie als Skandal empfinden, und daß sie Jesus in dieses Gespräch miteinbeziehen wollen.

«Verstehst du? Unsere Einkünfte wollen sie bis auf den letzten Heller überprüfen, und da sie dahintergekommen sind, daß wir uns in den Synagogen treffen, um über diese Dinge und über sie zu reden, drohen sie uns, daß sie ohne Ehrfurcht in diese eindringen werden. Ich fürchte, daß sie eines Tages auch in die Häuser der Priester kommen», schreit Joachim.

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«Was sagst denn du dazu ? Stößt dich das nicht ab ?» fragt Eli.

Jesus, der direkt gefragt worden ist, antwortet: «Als Israelit schon, als Mensch nicht.»

«Warum diese Unterscheidung? Ich verstehe dich nicht. Bist du zwei in einem?»

«Nein, aber ich bin aus Fleisch und Blut, also ein Lebewesen, und habe auch eine Seele. Die gesetzestreue Seele des Israeliten leidet unter dieser Entweihung. Das Fleisch und das Blut nicht, denn bei mir fehlt der Stachel, der euch verwundet.»

«Welcher?»

«Die Gewinnsucht. Ihr sagt, daß ihr euch in den Synagogen versammelt, um über Geschäfte zu sprechen, ohne euch vor indiskreten Ohren fürchten zu müssen. Nun fürchtet ihr, dies in Zukunft nicht mehr tun zu können. Ihr habt also Angst, daß ihr mit den Steuern nicht mehr betrügen könnt und sie im genauen Verhältnis zu eurem Besitz entrichten müßt. Ich habe nichts. Ich lebe von der Güte des Mitmenschen, dem ich meine Liebe schenke. Ich habe weder Gold noch Äcker, noch Weinberge, noch Häuser, wenn man von dem kleinen Haus meiner Mutter in Nazareth absieht, das so klein und ärmlich ist, daß die Steuer sich nicht einmal dafür interessiert. Deshalb quält mich nicht die Furcht, wegen falscher Angaben entdeckt und noch stärker besteuert oder bestraft zu werden. Alles was ich habe ist das Wort, das Gott mir gegeben hat und das ich weitergebe. Doch dieses ist so erhaben, daß es durch nichts beeinträchtigt werden kann.»

«Aber wenn du an unserer Stelle wärest, wie würdest du dich verhalten ?»

«Nun, nehmt es mir nicht übel, wenn ich meine Meinung deutlich sage, die ganz im Gegensatz zur eurigen steht. Wahrlich, ich sage euch, ich würde anders handeln.»

«Wie denn?»

«Nicht so, daß die heilige Wahrheit verletzt wird. Sie ist immer eine erhabene Tugend, selbst in so menschlichen Dingen wie den Steuern.»

«Ja, aber dann, aber dann! Wie würden wir auf diese Weise geschröpft werden! Du vergißt wohl, daß unser Besitz groß ist und die Abgaben dementsprechend hoch wären.»

«So ist es: Gott hat euch viel gewährt, entsprechend viel müßt ihr daher auch geben. Warum handeln die Menschen so schlecht und besteuern die Armen unverhältnismäßig hoch? Wir wissen, wie viele Steuern es in Israel gibt, Steuern, die wir selbst einziehen, und auch ungerechte. Sie dienen nur den Reichen, die bereits viel besitzen, während sie die Armen zur Verzweiflung treiben, da sie bis zum Letzten ausgepreßt werden. Die Nächstenliebe rät uns nicht, so zu handeln. Die Sorge von uns Israeliten sollte es sein, die Last der Armen auf unsere Schultern zu nehmen.»

«Du sprichst nur so, weil du selber arm bist.»

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«Nein, Urias. Ich rede so, weil es gerecht ist. Warum konnte und kann Rom uns so auspressen? Weil wir gesündigt haben und weil wir durch die Mißgunst entzweit sind. Der Reiche haßt den Armen, der Arme haßt den Reichen, weil es keine Gerechtigkeit gibt; und der Feind nützt diese Lage aus, um uns zu unterdrücken.»

«Du hast mehrere Gründe erwähnt... Welches sind die anderen?»

«Ich verstoße nicht gegen die Wahrheit, wenn ich sage, daß die dem Gottesdienst geweihten Stätten ihrem Zweck entfremdet werden, da sie als sicherer Zufluchtsort für menschliche Angelegenheiten mißbraucht werden.»

«Du machst uns einen Vorwurf ?»

«Nein, ich antworte euch nur. Ihr solltet auf euer Gewissen hören. Ihr seid Lehrmeister und darum...»

«Ich würde sagen, daß es an der Zeit wäre, sich zu erheben, sich aufzulehnen, den eingedrungenen Feind zu bestrafen und unser Reich wieder herzustellen.»

«Das ist wahr! Du hast recht, Simon. Aber hier ist der Messias, an ihm ist es, dies zu tun», antwortet Eli.

«Doch der Messias – verzeih Jesus – ist im Augenblick nur Güte. Er rät zu allem, nur nicht zum Aufstand. Wir werden...»

«Simon, höre zu. Denke an das Buch der Könige. Saul war in Gilgal, die Philister in Machmas, das Volk fürchtete sich und ließ sich gehen, da der Prophet Samuel nicht kam. Saul wollte dem Diener Gottes zuvorkommen und selbst das Opfer darbringen. Erinnerst du dich an das, was Samuel bei seiner Ankunft zum unklugen König Saul sagte? "Du hast töricht gehandelt und die vom Herrn erteilten Befehle nicht befolgt. Hättest du nicht so gehandelt, würde der Herr dein Königtum über Israel nun für ewig begründen. Doch so wird dein Königtum nie wieder bestehen können." Eine unzeitige, stolze Tat hat weder dem König noch dem Volk genützt. Gott kennt die Stunde, nicht der Mensch. Gott kennt die Mittel, nicht der Mensch. Laßt Gott handeln und verdient euch seine Hilfe durch ein gottesfürchtiges Betragen. Mein Reich ist kein Reich der Auflehnung und der Gewalt, und doch wird es errichtet werden. Es wird nicht ein Vorrecht weniger Menschen, sondern ein weltumspannendes Reich sein. Selig jene, die zu ihm kommen werden und sich nicht durch meine äußere Armut, nach dem Geist der Welt, täuschen lassen und in mir den Retter erkennen. Habt keine Angst. Ich werde König sein, der aus Israel hervorgegangene König, dessen Reich die ganze Menschheit umfaßt. Doch ihr, Lehrmeister Israels, mißversteht nicht meine Worte und jene der Propheten, die mich ankündigen. Kein menschliches Reich, und mag es auch noch so mächtig sein, ist weltumspannend und ewig; was aber von meinem Reich durch die Propheten bezeugt wird. Dies möge euch erleuchten über die Wahrheit und die geistige Natur meines Reiches. Ich verlasse

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euch nun, doch möchte ich noch eine Bitte an Eli richten: Hier ist dein Beutel. Im Armenhaus Simons des Jonas sind Arme, die von überall hergekommen sind, untergebracht. Begleite mich und bringe ihnen diese Gabe der Liebe. Der Friede sei mit euch allen.»

«Bleibe noch», bitten die Pharisäer.

«Ich kann nicht. Es gibt Kranke an Leib und Seele, die darauf warten, getröstet zu werden. Morgen werde ich eine weite Reise antreten. Ich möchte, daß mich alle ohne Enttäuschung weggehen sehen.»

«Meister, ich bin alt und müde. Geh du in meinem Namen. Du hast Judas des Simon bei dir, den wir gut kennen... Tue es selbst. Gott sei mit dir.»

Jesus geht mit Judas hinaus. Kaum auf dem Platz angelangt, sagt dieser: «Alte Schlange! Was hat er wohl damit sagen wollen?»

«Aber denk doch nicht daran, oder denke, daß er dich damit loben wollte!»

«Unmöglich, Meister. Diese Mäuler loben niemanden, der Gutes tut, aufrichtig, will ich sagen. Was das Mitkommen betrifft... nur weil er sich vor den Armen ekelt und fürchtet, von ihnen verflucht zu werden... ! Er hat die Armen hier oft genug gequält. Ich kann dies ohne weiteres beschwören. Darum..»

«Laß es gut sein, Judas. Überlasse Gott das Urteil.»

203. UNTERWEGS IN DIE EINSAMKEIT DER BERGE VOR DER ERWÄHLUNG DER APOSTEL

Die Barken des Petrus und des Johannes segeln ruhig auf dem See dahin. Und sämtliche Boote, die in Tiberias aufzutreiben waren, folgen ihnen. Mir scheint, daß alle diese Boote und Kähne, die kommen und gehen, versuchen, sich gegenseitig zu überholen und das Boot Jesu zu erreichen, um sich dann wieder am Ende der Reihe anzuschließen. Bitten, Flehen, Rufe und Fragen kreuzen sich auf den blauen Wellen.

Jesus – in dessen Boot auch Maria, seine Mutter, und die Mutter des Jakobus und des Judas sitzen, während sich im anderen Boot Maria Salonie mit ihrem Sohn Johannes und Susanna befinden – verspricht, antwortet und segnet unermüdlich. «Ich werde wiederkommen. Ja, ich verspreche es euch. Seid gut! Denkt an meine Worte und versteht ihren Zusammenhang mit denen, die ich euch noch sagen werde. Es wird nur eine kurze Trennung sein. Seid nicht selbstsüchtig, ich bin auch für die anderen gekommen. Seid gut! Ihr werdet euch weh tun. Gewiß, ich werde für euch beten. Ihr werdet mich immer in eurer Nähe haben. Der Herr sei mit euch! Sicherlich werde ich mich deiner Tränen erinnern, und du wirst getröstet werden. Hoffe, habe Glauben!»

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So segnet und verspricht er immerzu, bis das Boot das Ufer erreicht. Es ist nicht Tiberias, sondern ein ganz kleiner Weiler, nur eine Handvoll Häuser, arm, beinahe verlassen. Jesus und die Seinen steigen aus, und Zebedäus und die Schiffsjungen kehren in den Booten zurück. Die anderen Boote tun es ihnen nach, doch viele, die in ihnen saßen, sind ebenfalls ausgestiegen und wollen Jesus unbedingt folgen. Unter ihnen sehe ich Isaak mit seinen beiden Schützlingen Joseph und Timoneus. Andere erkenne ich nicht unter den vielen Leuten jeden Alters, vom Kind bis zum Greis.

Jesus verläßt den Weiler, dessen wenige, zerlumpte Einwohner gleichgültig bleiben. Jesus läßt ihnen Almosen geben. Als er die Hauptstraße erreicht hat, bleibt er stehen.

«Nun wollen wir uns trennen», sagt er. «Mutter, geh nun auch du mit Maria und Salome nach Nazareth. Susanna kann nach Kana zurückkehren. Ich werde bald wiederkommen. Ihr wißt, was zu tun ist. Gott sei mit euch!»

Doch für seine Mutter hat er einen Abschiedsgruß mit einem ganz besonders liebevollen Lächeln; und auch als Maria niederkniet, um von Jesus gesegnet zu werden, und die anderen ihrem Beispiel folgen, lächelt ihr Jesus voll Zärtlichkeit zu. Die Frauen machen sich in Bereitung von Alphäus der Sara und Simon auf den Weg nach ihrer Stadt.

Jesus wendet sich an die Zurückgebliebenen: «Ich verlasse euch nun, doch ich schicke euch nicht fort. Ich verlasse euch für einige Zeit, um mich mit meinen Jüngern, die ihr dort seht, in die Schluchten zurückzuziehen. Wer auf mich warten will, soll in dieser Ebene warten, wer nicht warten möchte, kehre nach Hause zurück. Ich werde mich zum Gebet zurückziehen, weil ich am Vorabend großer Dinge stehe. Wer die Sache des Vaters liebt, möge beten und sich geistig mit mir vereinigen. Der Friede sei mit euch, Söhne! Isaak, du weißt, was du zu tun hast. Ich segne dich, kleiner Hirte.» Jesus lächelt dem mageren Isaak zu, der nun zum Hirten der Menschen geworden ist, die sich um ihn scharen.

Jesus wendet dem See den Rücken und begibt sich festen Schrittes zu einer der Schluchten zwischen den Hügeln, die sich westlich vom See sozusagen parallel zueinander erheben. Durch diese fjordartige Schlucht zwischen den beiden felsigen Hügeln fließt mit großem Getöse ein schäumender Bach, und darüber erhebt sich ein öder Berg mit wilden Sträuchern, die willkürlich und wirr durcheinander zwischen Steinen und Felsen gewachsen sind. Ein Ziegenpfad klettert den schrofferen der beiden Hügel empor, und Jesus schlägt gerade diesen Weg ein.

Die Jünger folgen ihm mühsam im Gänsemarsch, in vollkommenem Schweigen. Nur wenn Jesus an einer etwas breiteren Stelle des Pfades, der einer Kratzspur auf dieser unwegsamen Anhöhe gleicht, stehenbleibt, um sie Luft holen zu lassen, schauen sie einander schweigend an. Ihre Blicke

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fragen: «Wohin wird er uns wohl führen?» Doch sie bleiben stumm. Sie sehen sich nur an und werden jedesmal unglücklicher, wenn sie feststellen, daß Jesus wieder den Weg durch die wilde Schlucht, voller Höhlen, Spalten und Felsbrocken aufgenommen hat. Steine, Brombeersträucher und tausend andere lästige Gewächse machen ein Vorwärtskommen sehr mühsam. Die stacheligen Sträucher hängen sich von allen Seiten an die Kleider, kratzen, bringen zum Stolpern und schlagen ins Gesicht. Auch die Jüngeren, die schwere Taschen tragen, haben ihre gute Laune verloren.

Endlich bleibt Jesus stehen und sagt: «Hier werden wir nun eine Woche lang im Gebet verweilen, um euch auf etwas Großes vorzubereiten. Deshalb habe ich einen so verlassenen Ort gewählt, fern von allen Karawanen und Dörfern. Hier gibt es Höhlen, die früher schon den Menschen gedient haben. Sie werden auch uns dienen. Hier gibt es reichlich frisches Wasser, aber das Erdreich ist trocken. Wir haben genügend Brot und Nahrungsmittel für diesen Aufenthalt. Die, die im vorigen Jahre mit mir in der Wüste waren, wissen, wie ich dort gelebt habe. Die hier ist ein Palast im Vergleich zu jenem Ort, und die nun schon angenehme Jahreszeit nimmt der Kälte ihre Härte und der Sonne ihre Hitze. Seid daher guten Mutes. Vielleicht werden wir niemals mehr alle so beisammen sein und so unter uns.

Dieser Aufenthalt möge euch verbinden, damit ihr nicht mehr zwölf Männer seid, sondern eine Einheit.

Habt ihr nichts zu sagen? Habt ihr keine Fragen? Legt eure Lasten, die ihr tragt, auf den Felsen dort und werft auch die andere Last, die ihr auf dem Herzen tragt, zu Tal: eure Menschlichkeit. Ich habe euch hierher geführt, um zu eurer Seele zu sprechen, um euren Geist zu nähren, um euch zu vergeistigen. Ich werde nicht viel zu euch sprechen, denn ich habe schon viel zu euch gesprochen in diesem Jahr, seit ich bei euch bin. Das soll euch genügen. Wollte ich euch mit Worten ändern, müßte ich euch zehn, ja hundert Jahre bei mir behalten, und immer noch wäret ihr unvollkommen. Nun ist die Zeit gekommen, da ich euch heranziehe; denn um euch einsetzen zu können, muß ich euch formen. Ich greife daher zur großen Arznei, zur mächtigen Waffe: zum Gebet. Ich habe immer für euch gebetet. Nun will ich, daß ihr selbst betet. Ich werde euch mein Gebet noch nicht lehren, aber ich lehre euch, wie man betet und was das Gebet ist. Das Gebet ist ein Gespräch der Kinder mit dem Vater, von Geist zu Geist, offen, innig, vertrauensvoll, gesammelt und aufrichtig. Das Gebet ist alles: es ist Bekenntnis, Selbsterkenntnis, Selbstanklage; es ist ein Gott und sich selbst gegebenes Versprechen, eine Bitte an Gott, und dies alles zu Füßen des Vaters. Beten kann man nicht inmitten des Lärms und der Zerstreuung der Welt, es sei denn, man wäre ein Riese im Beten. Und selbst die Riesen leiden in den Stunden ihres Gebetes unter diesem Lärm und der Gegensätzlichkeit der Welt. Ihr aber seid keine Riesen, sondern

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Zwerge. Ihr seid noch Kinder im Glauben, seid noch in den Anfängen. Hier werdet ihr das Alter der geistigen Vernunft erlangen. Das übrige wird später kommen.

Morgens, mittags und abends werden wir uns jeweils versammeln, um miteinander die alten Worte Israels zu beten und das Brot zu brechen. Dann wird jeder in seine Höhle zurückkehren und mit Gott und seiner Seele und mit dem, was ich euch über euere Sendung und euere Fähigkeiten gesagt habe, allein sein. Erwägt, hört auf eure innere Stimme und entscheidet. Ich sage euch dies zum letzten Mal. Danach müßt ihr so vollkommen als möglich sein, ohne Müdigkeit und menschliche Schwächen. ihr werdet dann nicht mehr Simon des Jonas und Judas des Simon sein. Ihr werdet nicht mehr Andreas oder Johannes, Matthäus oder Thomas sein, sondern ihr werdet meine Verwalter sein. Geht nun, ein jeder für sich allein. Ich werde immer dort in der Höhle sein. Doch kommt nicht ohne ernsthaften Grund zu mir. Ihr müßt lernen, selbständig zu handeln und allein zu sein. Denn in Wahrheit sage ich euch: vor einem Jahr haben wir uns kennengelernt, und in zwei Jahren werden wir uns trennen. Wehe euch und wehe mir, wenn ihr dann noch nicht gelernt habt, selbständig zu handeln. Gott sei mit euch! Judas, Johannes, tragt die Lebensmittel in meine Höhle. Sie müssen ausreichen, und ich werde sie selbst verteilen.»

«Viel wird es nicht sein...», entgegnet jemand.

«Genug, um nicht zu sterben. Ein satter Bauch belastet den Geist. Ich will euch erheben und nicht belasten.»

204. DIE ERWÄHLUNG DER ZWÖLF JÜNGER ZU APOSTELN

Die aufgehende Sonne färbt die Berge weiß und mildert das Aussehen der Wildnis. Nur das Rauschen des in der Tiefe schäumenden Bächleins hallt von den höhlenreichen Bergwänden wider. Dort, wo die Jünger sich niedergelassen haben, ist zwischen den Stauden und Gräsern immer wieder ein vorsichtiges Rascheln zu hören. Es sind die ersten erwachenden Vögel und letzten Tiere der Nacht, die sich verkriechen. Ein paar Hasen, die an einer niedrigen Brombeerstaude nagen, flüchten erschreckt, als ein Stein den Abhang herabrollt. Nach einer Weile kehren die Tiere vorsichtig zurück. Sie spitzen die Ohren, um jeden Laut einzufangen, und da tiefer Friede herrscht, sind sie bald wieder an ihrem Strauch. Der Tau wäscht alles Laub, alle Steine, und aus dem Wald steigen die starken Düfte des Mooses, der Minze und des Majorans auf.

Ein Rotkehlchen wagt sich bis an den Eingang einer Höhle heran, der ein Felsvorsprung als Vordach dient. Es steht aufrecht auf seinen seidenen Füßchen, jederzeit zu Fliehen bereit, wendet das Köpfchen nach links und

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nach rechts, äugt in die Höhle, schaut auf den Boden, flüstert sein fragendes «piep, piep» ... und wagt nicht, bis zu den Brotkrümchen vorzudringen. Erst als eine große Amsel, die sich wie ein Lausbub gebärdet und in ihrem Profil einem alten Notar gleicht, dem nur die Brille fehlt, es ihm vormacht, folgt das Rotkehlchen dem kühnen Herrn, der auf der Futtersuche immer wieder seinen gelben Schnabel in die feuchte Erde steckt und dann nach einem «tschiep» oder einem kurzen, schelmischen Pfiff weiterhüpft. Das Rotkehlchen verspeist fleißig Brosamen und ist sichtlich erstaunt, als es sieht, daß die Amsel, die selbstsicher in die stille Höhle hineinspaziert, nun mit einer Käserinde herauskommt, die sie immer wieder gegen einen Stein schlägt, um sie zu zerkleinern und daraus ein Festmahl zu machen. Schließlich kehrt sie noch einmal in die Höhle zurück, späht in alle Richtungen, und da nichts mehr zu finden ist, stößt sie einen spöttischen Pfiff aus und fliegt davon, um ihren Gesang auf einer Steineiche, die ihren Gipfel in das Blau des Morgenhimmels taucht, zu beenden. Auch das Rotkehlchen fliegt davon, als es im Inneren der Höhle ein Geräusch vernimmt, und läßt sich auf einem dünnen, über dem Abgrund schaukelnden Zweig nieder.

Jesus erscheint am Eingang der Höhle, streut Brosamen und ahmt ganz sachte mit einem gedämpften Pfeifen das Zwitschern der Vögelchen nach um sie anzulocken.

Dann geht er einige Schritte auf dem Pfad weiter und lehnt sich unbeweglich an eine Felswand, um seine Freunde, die herunterkommen, nicht zu erschrecken. Zuerst kommt das Rotkehlchen und dann folgen noch viele andere Vögelchen verschiedenster Art. Die Regungslosigkeit Jesu und vielleicht auch sein Blick – ich denke gerne so, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß auch sehr mißtrauische Tiere sich denen nähern, die sie instinktiv nicht als Feinde, sondern als Beschützer erkennen – bewirken, daß die Vöglein kurz darauf wenige Zentimeter von Jesus entfernt herumhüpfen. Das inzwischen satte Rotkehlchen fliegt hinauf zum Felsen, an dem Jesus lehnt, läßt sich auf einem dünnen Waldrebenzweig nieder und schaukelt über dem Haupte Jesu als ob es Lust hätte, sich auf seinen blonden Kopf oder seine Schulter zu setzen. Die Mahlzeit ist zu Ende. Die Sonne vergoldet den Gipfel des Berges und gleich danach die höchsten Zweige des Waldes, während im Tale noch alles im fahlen Morgenlichte liegt. Die Vöglein fliegen satt und zufrieden der Sonne entgegen und singen aus voller Kehle.

«Nun ist es an der Zeit, meine anderen Kinder zu wecken», sagt Jesus und geht den Pfad hinab, denn seine Höhle liegt am höchsten. Von einer Höhle zur anderen gehend, ruft er die zwölf Schläfer beim Namen.

Simon, Bartholomäus, Philippus, Jakobus und Andreas antworten sofort. Matthäus, Petrus und Thomas sind langsamer im Antworten. Während Judas Thaddäus schon bereit und munter ist und Jesus entgegengeht,

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als er ihn am Eingang erblickt, schlafen die anderen Vettern, Judas Iskariot und Johannes noch so tief, so daß Jesus sie auf ihren Lagern aus trockenem Laub wachrütteln muß.

Johannes, der zuletzt Gerufene, schläft so tief, daß ihm nicht bewußt wird, wer ihn ruft, und er im Halbschlaf murmelt: «Ja, Mutter, ich komme gleich...», um sich dann wieder umzudrehen und weiterzuschlafen. Jesus lächelt. Er setzt sich an das Lager aus im Walde gesammelten Laub, beugt sich nieder und küßt seinen Johannes auf die Wange. Dieser öffnet die Augen und starrt seinen Meister erstaunt an. Dann setzt er sich mit einem Ruck auf und sagt: «Brauchst du mich? Da bin ich.»

«Nein. Ich habe dich wie alle anderen geweckt. Doch du hast geglaubt, es wäre deine Mutter. So habe ich dich geküßt, um das zu tun, was die Mütter tun.»

Johannes, halbnackt im Unterkleide, denn er hat das Gewand und den Mantel als Decke benützt, hängt sich an den Hals Jesu, lehnt das Haupt an seine Schulter und sagt: «Oh, du bedeutest mir weit mehr als die Mutter. Ich habe sie deinetwegen verlassen. Dich aber würde ich ihretwegen nie verlassen. Sie hat mir das irdische Leben geschenkt, du aber schenkst mir das ewige Leben. Oh, ich weiß es!»

«Was weißt du denn mehr als die anderen?»

«Das, was der Herr mir in dieser Höhle gesagt hat. Sieh, ich bin nie zu dir gekommen und nehme an, daß die Gefährten von mir gesagt haben, daß ich gleichgültig und hochmütig bin. Doch ich mache mir nichts aus dem, was sie denken. Ich weiß, daß du die Wahrheit kennst. Ich kam nicht zu Jesus Christus, dem menschgewordenen Sohn Gottes, sondern zu dem, was du im Schoße des Feuers, der ewigen Liebe der Heiligen Dreifaltigkeit, bist, zu ihrer Natur, ihrem Wesen, ihrem wahren Wesen: der zweiten Person des unaussprechlichen Geheimnisses, das Gott ist, und in das ich eindringe, weil Gott mich an sich gezogen hat und so immer bei mir war... Oh, ich kann in Worten nicht ausdrücken, was ich in dieser dunklen, düsteren Höhle begriffen habe, die für mich so voller Licht geworden ist; in dieser kalten Höhle, in der ich von einem unsichtbaren Feuer entbrannt bin, das in mein Innerstes eingedrungen ist und dort ein süßes Martyrium entzündet hat; in dieser stillen Höhle, die mir doch himmlische Wahrheiten verkündet hat. Alle meine Wünsche, alle meine Tränen und alle meine Fragen habe ich an deiner göttlichen Brust, dem Wort Gottes, ausgeschüttet, und nie habe ich, trotz allem, was ich von dir vernommen habe, so unermeßlich erhabene Dinge erfahren, wie du sie mir mitgeteilt hast, Sohn Gottes. Du, Gott gleich dem Vater, du, Gott gleich dem Heiligen Geist, du, der Angelpunkt der Dreiheit... Oh, vielleicht lästere ich! Doch ich erkenne es so, denn wenn du nicht wärest, du, der du die Liebe des Vaters und die Liebe zum Vater bist, dann würde auch die Liebe, die göttliche Liebe fehlen, und Gott wäre nicht mehr der Dreieinige, und es würde ihm

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die grundlegende Eigenschaft Gottes, nämlich seine Liebe, fehlen! Oh, so viel habe ich in mir, aber es ist wie ein Wasser, das gegen eine Schleuse sprudelt und wallt und keinen Abfluß findet... Es ist mir, als ob ich darob sterben müßte, so gewaltig und erhaben ist die Erregung, die über mein Herz gekommen ist, seitdem ich dich verstanden habe... Doch um nichts in dieser Welt möchte ich davon befreit werden... Laß mich an dieser Liebe sterben, mein süßer Gott!»

Johannes, von Liebe entflammt, lächelt, weint, und ruht ermattet an der Brust Jesu, als ob ihn die Glut verzehren würde. Jesus, seinerseits ganz von Liebe erfüllt, liebkost ihn.

Johannes erholt sich wieder in einer Aufwallung von Demut und bittet: «Sag den anderen nichts von dem, was ich dir gesagt habe. Gewiß haben auch sie, wie ich, in diesen Tagen in Gott gelebt. Laß den Schleier des Schweigens mein Geheimnis bedecken...»

«Sei versichert, Johannes, niemand wird von deiner Vermählung mit der Liebe erfahren. Kleide dich an und komm. Wir müssen aufbrechen.»

Jesus tritt auf den Pfad hinaus, wo die anderen schon warten. Ihre Gesichter haben einen würdevolleren und gesammelteren Ausdruck. Die Älteren gleichen Patriarchen, die Jüngeren haben eine gewisse Reife und Würde erlangt, die ihnen zuvor wegen ihrer Jugend noch fehlte. Judas Iskariot betrachtet Jesus mit einem scheuen Lächeln auf dem von Tränen gezeichneten Gesicht. Jesus liebkost ihn im Vorbeigehen. Petrus... sagt kein Wort. Das ist so befremdend an ihm, daß es mehr als jede andere Veränderung in Staunen versetzt. Er betrachtet Jesus aufmerksam, jedoch mit einer neuen Würde, die seine Stirn mit den etwas kahl gewordenen Schläfen höher und seine Augen, die bisher voller Geist funkelten, ernster erscheinen läßt. Jesus ruft ihn zu sich und behält ihn in seiner Nähe in Erwartung des Johannes, der endlich erscheint mit einem Gesicht, von dem ich nicht sagen kann, ob es röter oder blasser ist, doch sicher ist es von einer inneren Glut entflammt, die seine Gesichtsfarbe zwar nicht verändert, aber deutlich bemerkbar ist. Alle schauen ihn an.

«Komm her zu mir, Johannes, auch du Andreas, und du, Jakobus des Zebedäus, und du, Simon, und du, Bartholomäus, und du Philippus, und ihr, meine Brüder, und du Matthäus. Judas des Simon, mir gegenüber. Thomas hierher. Setzt euch. Ich muß mit euch reden.»

Sie setzen sich alle hin wie ruhige Kinder, noch halb vertieft in ihre innere Welt, und dennoch hören sie Jesus so aufmerksam zu wie nie zuvor.

«Wißt ihr, was ich in euch bewirkt habe? Alle wißt ihr es. Die Seele hat es dem Verstand gesagt. Die Seele, die in diesen Tagen Königin war, hat den Verstand zwei große Tugenden gelehrt: die Demut und das Schweigen. Das Schweigen, das ein Kind der Demut und der Klugheit ist, die ihrerseits Töchter der Nächstenliebe sind.

Vor acht Tagen noch wäret ihr gekommen, um wie echte Kinder, die in

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Erstaunen versetzen und ihr Gegenüber übertreffen wollen, eure Tüchtigkeit und eure neuen Erkenntnisse zu verkünden. Nun schweigt ihr. Vom Kind habt ihr euch zum Jüngling gewandelt und wißt nun, daß so etwas eure Gefährten, die vielleicht von Gott nicht so sehr mit Wohltaten bedacht wurden, beschämen könnte; deshalb sagt ihr nichts. Auch seid ihr wie Mädchen, die zur Reife gelangt sind. In euch ist die heilige Scham vor der Wandlung erwacht, die euch das Geheimnis der Vermählung der Seelen mit Gott geoffenbart hat. Diese Höhlen schienen euch am ersten Tage kalt, unwirtlich, abstoßend... Nun betrachtet ihr sie wie duftende, lichtvolle Hochzeitsgemächer. In ihnen habt ihr Gott kennengelernt. Vorher wußtet ihr von ihm, doch ihr hattet mit ihm noch nicht die Vertrautheit, die aus zwei Wesen eines macht. Unter euch sind Männer, die seit Jahren verheiratet sind; andere, die nur trügerische Beziehungen mit Frauen hatten, und wieder andere, die aus verschiedenen Gründen keusch geblieben sind. Die Keuschen aber wissen nun, was die vollkommene Liebe ist, so wie es die Verheirateten wissen. Ich kann euch sogar sagen, daß keiner so gut weiß, was die vollkommene Liebe ist, wie der, der die fleischliche Lust nicht kennt. Denn Gott offenbart sich dem Keuschen in seiner ganzen Fülle, aus Freude, sich dem Reinen schenken zu können, da er, der Reinste, in diesem jungfräulichen Geschöpf etwas von sich selbst wiederfindet, und um es für seinen Verzicht aus Liebe zu ihm zu entschädigen.

Wahrlich, ich sage euch, hätte ich nicht die Aufgabe, das Werk des Vaters zu vollbringen, so würde ich euch in meiner Liebe und meiner Weisheit hier behalten und mit euch abgesondert leben. Und gewiß würde ich aus euch bald große Heilige machen, die nicht mehr weggehen, nicht mehr fallen und in ihrem Eifer nicht mehr nachlassen würden. Doch ich kann nicht. Ich muß gehen und auch ihr müßt gehen. Die Welt erwartet uns, die entheiligte und entheiligende Welt, die Lehrer und Retter braucht. Ich wollte euch Gott erkennen lassen, damit ihr ihn mehr liebt als die Welt, die mit all ihren Gefühlen nicht ein einziges Lächeln Gottes wert ist. Ich wollte, daß ihr darüber nachdenkt, was die Welt ist und was Gott ist, damit ihr nach dem Besseren strebt. In diesem Augenblick sehnt ihr euch nur nach Gott. Oh, könnte ich euch auf ewig in dieser Stunde und in dieser Sehnsucht festhalten!

Doch die Welt wartet auf uns, und wir werden in die Welt, die uns erwartet, gehen, um der heiligen Barmherzigkeit willen, die, wie sie mich in die Welt entsandt hat, nun euch durch meinen Befehl in die Welt aussendet. Aber ich beschwöre euch: Bewahrt den Schatz dieser Tage in euch wie Perlen in einem Schrein, dieser Tage, die ihr der Betrachtung und euren Seelen gewidmet habt, in denen ihr euch Gott übergeben, euch erhoben und einen neuen Menschen angezogen habt. Wie die Patriarchen zum Andenken und zum Zeugnis der Bündnisse mit Gott Steine errichtet haben, so sollt ihr dieses kostbare Andenken in eurem Herzen hüten.

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Von heute an seid ihr nicht mehr die bevorzugten Jünger, sondern die Apostel, die Leiter meiner Kirche. Von euch wird für alle Zeiten ihre Hierarchie abstammen, und ihr werdet Lehrer genannt werden und euren Gott in seiner dreifachen Macht, Weisheit und Liebe zum Meister haben. Ich habe euch nicht erwählt, weil ihr es am meisten verdient, sondern aus vielerlei Gründen, die ihr im Augenblick noch nicht zu wissen braucht. Ich habe euch statt der Hirten erwählt, die meine Jünger sind, seit ich auf Erden bin. Warum habe ich das getan? Weil es gut so war. Unter euch sind Galiläer und Juden, Gebildete und Ungebildete, Vermögende und Arme in den Augen der Welt, damit man nicht sagen kann, ich hätte eine einzelne Volksschicht bevorzugt. Doch eure Zahl ist zu gering für all das, was zu tun ist, sowohl jetzt als auch später.

Nicht alle von euch werden sich an eine Stelle der Schrift im zweiten Buch Paralipomenon, 29. Kapitel, erinnern, und so möchte ich sie euch ins Gedächtnis rufen. Dort steht geschrieben wie Ezechias, König von Juda, den Tempel reinigen ließ. Hierauf ließ er Opfer darbringen, als Sündopfer für das Königshaus, das Heiligtum und für Juda; danach begann jeder einzelne, sein Opfer darzubringen. Da aber für die Darbringung so vieler Opfer die Priester nicht ausreichten, rief man Leviten zu Hilfe, die in einem einfacheren Ritus als die Priester geweiht worden waren.

Sowohl das eine als auch das andere werde ich tun. Ihr seid die Priester, die ich, als Ewiger Hohepriester, lange Zeit mit unermüdlicher Sorgfalt vorbereitet habe. Doch ihr seid zu wenige für die immer zunehmende Arbeit, die sich ergibt, weil sich so viele einzelne Menschen ihrem Herrn und Gott opfern. Somit geselle ich euch die Jünger bei, die weiterhin Jünger bleiben werden. Es sind jene, die am Fuße des Berges warten, jene, die schon etwas höher stehen, jene, die über das Land Israel und bald über die ganze Welt verstreut sein werden. Sie werden dieselben Aufgaben haben, denn die Mission ist ein und dieselbe. Verschieden wird ihr Rang nur in den Augen der Welt gewertet, nicht aber in den Augen Gottes. Bei Gott gilt die Gerechtigkeit, und so ist der bescheidene, von Aposteln und Mitbrüdern unbeachtete Jünger, der durch sein heiligmäßiges Leben viele Seelen für Gott gewinnt, in seinen Augen größer als der bekannte Apostel, der nur dem Namen nach Apostel ist, seine Apostelwürde jedoch zu menschlichen Zwecken mißbraucht.

Die Aufgabe der Apostel und der Jünger wird immer die der Priester und Leviten des Ezechias sein: Gottesdienste halten, den Götzendienst ausrotten, die Herzen und die Stätten reinigen, den Herrn und sein Wort verkünden. Eine heiligere Aufgabe gibt es auf dieser Welt nicht! Daher habe ich zu euch gesagt: "Hört auf eure innere Stimme, prüft euch!" Wehe dem Apostel, der fällt! Er zieht viele Jünger mit sich, und diese ziehen eine noch größere Anzahl von Gläubigen mit sich, und das Verderben wird immer größer, wie eine vom Berg herabstürzende Lawine oder ein ins

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Wasser geworfener Stein, der immer weitere Kreise zieht, wenn man noch mehr Steine auf die gleiche Stelle wirft.

Werdet ihr alle vollkommen sein? Nein. Wird der Geist von heute bleiben? Nein. Die Welt wird ihre Netze auswerfen, um euch zu Fall zu bringen. Es wird der Sieg der Welt sein, die als Tochter Satans zu fünf Zehntel, Sklaven Satans zu noch drei Zehntel und gleichgültig Gott gegenüber zu den übrigen zwei Zehntel sein wird; ein Sieg, der das Licht in den Herzen der Heiligen löschen wird. Verteidigt euch vor allem gegen euch selbst, gegen die Welt, das Fleisch, den Teufel. Doch ganz besonders verteidigt euch gegen euch selbst. Wehrt euch, meine Kinder, gegen den Stolz, die Sinnlichkeit, die Doppelzüngigkeit, die Lauheit, die geistige Trägheit, gegen den Geiz! Wenn sich euer niedriges Ich gegen scheinbar unmenschliche Härte auflehnt und sich beklagt, dann bringt es zum Schweigen und sagt: "Für die Entbehrung, die ich dir für kurze Zeit auferlege, verschaffe ich dir auf ewig das Gastmahl der Verzückung, das du in der Berghöhle am Ende des Mondes Schebat erlebt hast."

Laßt uns gehen! Laßt uns den anderen entgegengehen, die in großer Zahl auf mein Kommen warten. Ich werde dann für einige Stunden in Tiberias sein, und ihr erwartet mich predigend am Fuße des Berges auf der Straße von Tiberias zum Meer. Ich werde dorthin kommen und auf den Berg steigen, um zu predigen. Nehmt eure Taschen und Mäntel. Der Aufenthalt ist beendet, und die Erwählung ist erfolgt.»

205. DIE ERSTE PREDIGT SIMONS DES ZELOTEN UND DES JOHANNES

Als Jesus den Berghang herabkommt, sieht er auf halber Höhe viele Jünger und viele andere, die sich nach und nach den Jüngern angeschlossen haben und ihnen an diesen abseits gelegenen Ort gefolgt sind, weil sie Wunder hoffen oder Jesus hören wollen, sei es auf Anraten von anderen, sei es aus eigenem seelischen Antrieb. Ich glaube, daß die Schutzengel diese Menschen in ihrer Sehnsucht nach Gott zum Sohn Gottes geführt haben. Ich glaube nicht, mit dieser Überzeugung eine fromme Legende zu erzählen. Wenn man bedenkt, mit welch stetiger und listiger Hartnäckigkeit Satan die Feinde Gottes zu Jesus führt, sobald es dem dämonischen Geist gelingt, ihnen die Schuld Christi vorzutäuschen, ist es auch erlaubt zu glauben, daß die Engel den Teufel nicht nachstehen und die guten Seelen zu Christus führen.

Jesus kommt allen, die, ohne müde oder ängstlich zu werden, auf ihn gewartet haben, mit Wundern und Worten zu Hilfe. Wie viele Wunder! So viele Wunder wie Blumen an den Berghängen, und so großartige

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Wunder wie das an dem Kind, das schwer verbrannt aus einem brennenden Strohschober gezogen und dann auf einer Bahre zu Jesus gebracht wurde. ein Häuflein verbrannten Fleisches, ein sterbendes, wimmerndes Kind, dessen Anblick so entsetzlich war, daß man es unter einem Linnen verbarg. Jesus heilt es mit einem Hauch auf seinen Leib und die Brandwunden verschwinden. Es steht auf und, nackt wie es ist, eilt es zu seiner Mutter, die seinen geheilten, narbenlosen Körper unter Freudentränen liebkost. Sie küßt seine Augen, die versengt zu sein schienen und nun vor Freude lebhaft funkeln, seine Haare, die zwar kurz, aber nicht ganz verbrannt sind, als wäre kein zerstörendes Feuer, sondern nur ein Rasiermesser an sie gekommen. Als unscheinbares Wunder sei hier noch die Heilung eines hustenden Greises erwähnt, der gesagt hatte: «Nicht meinetwegen, sondern weil ich den Enkelkindern den Vater ersetzen muß und die Erde nicht bearbeiten kann mit diesem festsitzenden Schleim im Hals, der mich zu ersticken droht.»

Schließlich das unsichtbare und doch echte Wunder, das die Worte Jesu bewirken: «Unter euch ist jemand, der in seinem Herzen weint, und nicht zu sagen wagt: "Habe Erbarmen!" Ich antworte ihm: "Es geschehe nach deinem Wunsche. Ich schenke dir meine ganze erbarmende Liebe, damit du erkennst, daß ich die Barmherzigkeit bin." Meinerseits sage ich: Sei großmütig! Sei großmütig gegenüber Gott. Zerreiße alle Bande mit der Vergangenheit. Du hörst Gottes Stimme, und zu ihm, den du hörst, gehe mit freiem Herzen und vollendeter Liebe.»

Ich weiß nicht, ob diese Worte an einen Mann oder an eine Frau in der Menschenmenge gerichtet sind. Jesus sagt dann: «Dies sind meine Apostel; jeder von ihnen ist ein anderer Christus, denn ich habe sie erwählt. Wendet euch mit Vertrauen an sie. Von mir wissen sie alles, was ihr für eure Seelen braucht...» Die Apostel betrachten Jesus ganz erschrocken, doch er lächelt und fährt fort: «... und durch sie werden eure Seelen Sternenlichter und mit so viel Tau erquickt, daß ihr nicht in der Finsternis schmachten müßt. Danach werde ich kommen und euch die Fülle der Sonne und der Strahlen bringen: die ganze Weisheit, um euch in der übernatürlichen Kraft und Freude zu stärken und zu beglücken. Der Friede sei mit euch, Kinder. Andere warten auf mich, die noch unglücklicher und ärmer sind als ihr. Doch ich lasse euch nicht allein. Meine Apostel werden bei euch bleiben, und es ist, wie wenn ich die Kinder meiner Liebe der Obsorge der zärtlichsten und vertrauenswürdigsten Ammen überlassen würde.»

Jesus macht ein Zeichen des Abschieds und des Segens und bahnt sich dann einen Weg durch die Menge, die ihn nicht gehen lassen will. Da geschieht ein letztes Wunder. Eine halbgelähmte alte Frau, die von ihrem Enkel begleitet wird und nun jubelnd den eben noch steifen Arm bewegt, ruft aus: «Jesus hat mich im Vorbeigehen mit seinem Mantel gestreift,

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und ich bin geheilt worden. Ich habe ihn nicht einmal darum gebeten, denn ich bin alt... Doch er hatte Erbarmen mit mir und hat meinen geheimen Wunsch erfüllt, indem er mit dem Zipfel seines Mantels meinen unheilbaren Arm gestreift und geheilt hat! Oh, welch großer Sohn ist unserem heiligen David erstanden! Ehre seinem Messias! Doch seht, seht! Auch das Bein kann ich nun wie den Arm bewegen... Oh, nun fühle ich mich wie eine Zwanzigjährige!»

Da viele Menschen auf die alte Mutter zudrängen, die mit lauter Stimme ihr Glück verkündet, gelingt es Jesus, sich ohne weitere Behinderung zu entfernen. Die Apostel folgen ihm. An einer einsamen Stelle in der Ebene, von dem sich eine satte Weide bis zum See erstreckt, verweilen sie einen Augenblick. Jesus sagt: «Ich segne euch! Kehrt nun zu eurer Arbeit zurück und verrichtet sie, bis ich wiederkomme, wie ich euch gesagt habe.»

Petrus, der bis dahin kein Wort gesagt hat, platzt heraus: «Aber, mein Herr, wie kannst du sagen, wir hätten alles, was die Seelen brauchen? Es ist wahr, du hast uns vieles gesagt. Aber wir sind Dummköpfe, ich wenigstens bin einer... und von all dem, was du mir gegeben hast, habe ich wenig, sehr wenig im Kopf behalten. Es ist wie bei einem Menschen, der von einem Mahle nur noch das Schwerste im Magen hat; alles andere ist nicht mehr da.»

Jesus lächelt ganz offen: «Und wo bleibt denn der Rest der Nahrung ?»

«Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich bei auserlesenen Speisen schon nach einer Stunde einen leeren Magen habe. Wenn ich hingegen schwere Wurzeln oder Linsen mit Öl esse, dauert es lange, bis alles unten ist!»

«Ja, es braucht Zeit. Doch glaube mir, gerade das Wurzelgemüse und die Linsen, von denen du annimmst, sie würden dich am meisten sättigen, bestehen hauptsächlich aus Ballaststoffen und haben nur einen geringen Nährwert für den Körper. Doch die feinen Speisen, die du nach einer Stunde nicht mehr spürst, sind dann nicht mehr im Magen, sondern bereits verdaut und im Blut, wo ihre Nährstoffe uns weit mehr Nutzen bringen. Nun scheint es dir und deinen Gefährten, daß euch von allem, was ich gesagt habe, nichts mehr oder nur noch wenig geblieben ist. Vielleicht erinnert ihr euch gut an das, was eure persönliche Wesensart besonders angesprochen hat: Die Ungestümen erinnern sich an das, was ihr Ungestüm zu fesseln vermochte, die Beschaulichen an das, was sie nachdenken ließ, die Liebevollen an das, was ihre Liebe entzündete. Dies ist nicht nur vielleicht so, sondern es ist tatsächlich so! Doch glaubt mir, alles ist euch geblieben, auch wenn ihr es entschwunden glaubt. Ihr habt es in euch aufgenommen. Der Gedanke wird sich wie ein vielfarbiges Band wieder entrollen und euch je nach Bedarf die milden oder strengen Farben zeigen.

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Habt keine Angst! Denkt daran, daß ich alles weiß und euch nie aussenden würde, wenn ihr euerer Aufgabe nicht gewachsen wäret. Mit Gott, Petrus. Lächle und habe Vertrauen! Es wird dies ein schönes Bekenntnis des Glaubens an die allgegenwärtige Weisheit sein. Gott sei mit euch allen! Der Herr bleibe bei euch.» Er verläßt sie rasch, während sie noch ganz erstaunt und erregt sind über das, was ihnen zu tun aufgetragen wurde.

«Wir müssen gehorchen», sagt Thomas.

«Ach ja... oh, ich Armer! Am liebsten würde ich ihm nachrennen...», murmelt Petrus.

«Nein, tue das nicht. Gehorsam ist Liebe zu ihm», sagt Jakobus des Alphäus.

«Die fundamentale und heilige Klugheit sagt uns aber, daß wir anfangen sollten, solange er noch in der Nähe ist und uns raten kann, wenn wir einen Fehler machen. Wir müssen ihm helfen», rät der Zelote.

«Das ist wahr. Jesus ist ziemlich müde. Wir müssen ihn ein wenig aufrichten, so gut wir können. Es genügt nicht, daß wir die Taschen tragen und die Nachtlager und die Mahlzeiten bereiten, das kann jeder. Wir müssen ihn vielmehr unterstützen, wie er es wünscht, und zwar in seiner Mission», bestätigt Bartholomäus.

«Du hast leicht reden, denn du bist gebildet. Aber ich, ich bin fast ganz ungebildet...», jammert Jakobus des Zebedäus.

«Oh, mein Gott! Da kommen die Leute, die dort oben waren! Was sollen wir nur tun?» ruft Andreas aus.

Matthäus sagt: «Verzeiht, wenn ich, der Elendeste unter euch, einen Rat gebe. Wäre es nicht besser, zum Herrn zu beten, anstatt hier zu stehen und über das zu jammern, was durch unser Gejammer nicht besser wird? Auf, Judas! Du, der du die Schrift gut kennst, sprich im Namen aller das Gebet Salomons um Weisheit. Schnell, bevor die Leute hier sind...»

Thaddäus beginnt mit seiner schönen Baritonstimme zu beten: «Gott meiner Väter, Herr der Barmherzigkeit, der du alles erschaffen hast...», und er fährt fort bis zu der Stelle: «... durch deine Weisheit wurde allen Beistand gewährt, die dir, o Herr, von Anfang an wohlgefällig waren.»Gerade noch rechtzeitig, bevor die Menschen sie erreichen, umringen und mit tausend Fragen bestürmen, hat er das Gebet beendet. Sie wollen wissen, wo der Meister hingegangen ist, wann er zurückkehren wird und, was am schwersten zu beantworten ist, wie man es macht, um dem Meister nachzufolgen und mit dem Herzen den von ihm gewiesenen Weg einzuschlagen, auch wenn man ihm nicht als Jünger folgen kann.

Diese Frage bringt die Apostel in Verlegenheit. Sie sehen sich gegenseitig an und Judas Iskariot antwortet: «Mit dem Streben nach Vollkommenheit,» als wäre dies eine Antwort, die alles erklärt...

Jakobus des Alphäus, demütiger und besonnener als der andere, überlegt und sagt dann: «Die Vollkommenheit, auf die mein Gefährte hingewiesen

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hat, erreicht man, indem man das Gesetz befolgt, denn das Gesetz ist Gerechtigkeit, und Gerechtigkeit ist Vollkommenheit.»

Doch die Menge gibt sich damit noch nicht zufrieden, und einer, anscheinend der Wortführer, fragt: «Aber wir sind im Guten so klein wie Kinder. Die Kinder wissen noch nicht, was gut und böse ist, und sie vermögen nicht zu unterscheiden. Wir wissen so wenig über den Weg, den er uns weist, daß wir nicht imstande sind, klar zu sehen. Wir hatten einen Weg, der uns bekannt war: den alten, schwierigen, langen und furchtbaren Weg, der uns in der Schule gelehrt wurde. Nun entnehmen wir seinen Worten, daß sein Weg jenem Aquädukt gleicht, das wir von hier aus sehen können. Unten ist die Straße für die Tiere und die Menschen. Darüber, über zierlichen Bögen, hoch in der Sonne und im Blau des Himmels, bei den höchsten im Winde rauschenden Ästen, wo die Vögel singen, dort ist der andere Weg, so ebenmäßig, rein, strahlend im Licht wie der untere holprig, schmutzig und dunkel ist; oben ist der Kanal, der das klare Wasser, den Segen Gottes, bringt, und den Sonnenstrahlen, Sternenschein, frisches Laub, Blumen und Schwalbenflügel liebkost. Wir möchten zu diesem hohen Weg aufsteigen, der der seine ist, und wir können nicht, weil wir hier unten unter der Last des alten Gesetzes festgehalten werden. Was sollen wir tun?»

Der so gesprochen hat ist ein junger Mann um die 25 Jahre, dunkel, kräftig, mit einem intelligenten Blick und einem weniger ländlichen Aussehen als das der Mehrzahl der Anwesenden. Er hat im Namen eines reiferen Mannes neben ihm gesprochen.

Judas Iskariot, hochgewachsen wie er ist, kann ihn sehen und flüstert den Gefährten zu: «Schnell. Ihr müßt gut reden. Dort ist Hermas mit Stephanus: Stephanus ist der Liebling Gamaliels!» was die Apostel noch vollends in Verlegenheit bringt.

Schließlich antwortet der Zelote: «Die Bogen gäbe es nicht, bestünde nicht die Basis als düsterer Weg. Auf ihr erhebt sich, was zum Himmel strebt und wonach du dich sehnst. Die im Erdreich liegenden Steine, die das Gewicht tragen, ohne sich an den Sonnenstrahlen und an den vorüberfliegenden Schwalben erfreuen zu können, ahnen zwar, daß es sie gibt; denn manchmal schießt eine Schwalbe jubelnd bis zum Schlamm der Erde hinab und streift sachte die Grundmauer der Bogen. Zuweilen dringt auch ein Sonnen- und Sternenstrahl hinunter und erzählt von der Schönheit des Firmaments. Ebenso ist auch in vergangenen Jahrhunderten von Zeit zu Zeit ein himmlisches Wort der Verheißung, ein himmlischer Strahl der Weisheit bis zur Erde vorgedrungen, um die vom göttlichen Zorn niedergedrückten Steine zärtlich zu berühren.

Denn die Steine waren notwendig und sind nicht, waren nicht und werden nie unnütz sein. Auf ihnen haben sich langsam die Zeiten und die Vollendung menschlicher Erkenntnisse aufgebaut, um alsdann die Freiheit

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der gegenwärtigen Zeit und die Weisheit übermenschlichen Wissens zu erlangen.

Schon lese ich die Einwände, die dir im Gesicht geschrieben stehen. Alle haben wir sie vorgebracht, bevor wir begreifen konnten, daß dies die Neue Lehre, die Frohe Botschaft ist, die jenen verkündet wird, die anstatt mit der Errichtung der Marksteine der Gelehrtheit zu wachsen, immer mehr in die Finsternis zurückgesunken sind, wie eine in den Abgrund stürzende Mauer.

Um uns von der Krankheit übernatürlicher Verfinsterung zu befreien, müssen wir mutig den Grundstein von allen darüberliegenden Steinen befreien. Habt keine Angst, abzubrechen, was zwar eine hohe Mauer darstellt, jedoch nicht den ewigen Quell reiner Lebenskraft in sich birgt. Kehrt zurück zum Fundament. Es muß nicht geändert werden, denn es stammt von Gott und ist fest. Doch bevor ihr die Steine wegwerft, überprüft einen nach dem anderen, ob er im Einklang mit dem Wort Gottes steht; denn nicht alle sind schlecht und unnütz. Hört ihr keinen Mißklang, bewahrt sie und verwendet sie für den Wiederaufbau. Hört ihr aber in ihnen die Mißtöne der menschlichen oder der satanischen Stimme, dann zertrümmert die schlechten Steine. Ihr könnt euch nicht irren, denn wenn es die Stimme Gottes ist, hört ihr den Klang der Liebe, wenn es die menschliche Stimme ist, hört ihr den Klang der Sinne, und wenn es die Stimme Satans ist, hört ihr den Schrei des Hasses. Ich sage euch: Zertrümmert sie, denn es ist Liebe, Keime des Bösen und alles Schlechte auszurotten, damit es den Wanderer nicht verführen und er es nicht zu seinem Schaden benütze. Merzt alles Böse in eueren Werken, Schriften, Belehrungen und Taten gründlich aus. Besser ist es, sich mit wenigen guten Steinen eine Elle hoch zu erheben, als viele Meter hoch mit schlechten Steinen. Die Strahlen des Lichtes und die Schwalben steigen auch zu dem sich kaum über die Erde erhebenden Mäuerchen hinab, und die einfachen Blümchen des Rains haben es leicht, sich zärtlich an diese demütigen Steine zu schmiegen. Die stolzen Steine aber, die nutzlos und rauh in die Höhe streben, verspüren nur die Stiche der Brombeersträucher und die Umschlingung der Giftpflanzen. Reißt nieder, um wieder aufzubauen und emporzusteigen, indem ihr eure alten Steine an der Stimme Gottes erprobt.»

«Du sprichst gut, Mann! Aber aufsteigen... Wie? Wir haben dir schon gesagt, daß wir schwächer sind als kleine Kinder. Wer hilft uns, den steilen Pfeiler zu erklimmen? Wir werden die Steine am Klang Gottes prüfen und die weniger guten zertrümmern. Aber wie aufsteigen? Schon der Gedanke daran macht uns schwindeln», sagt Stephanus.

Johannes, der mit geneigtem Haupte und in sich hineinlächelnd zugehört hat, erhebt sein leuchtendes Antlitz und ergreift das Wort: «Brüder! Es bereitet Schwindel, an den Aufstieg zu denken, das ist wahr! Aber wer

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sagt euch denn, daß es nötig ist, mit einem Mal die Höhe zu erklimmen? Dies ist nicht nur den Kindern, sondern auch den Erwachsenen unmöglich. Nur die Engel können sich ins Himmelsblau emporschwingen, denn sie sind frei von jeglichem irdischen Gewicht, und unter den Menschen sind nur die Helden der Heiligkeit dazu fähig.

Wir haben auch heute in dieser verdorbenen Welt noch einen Helden der Heiligkeit, gleich den Vorvätern, mit denen Israel sich schmückte, als die Patriarchen Freunde Gottes waren und das Wort des ewigen Gesetzes als einziges von jedem aufrichtigen Geschöpf befolgt wurde. Johannes, der Vorläufer, lehrt, wie man auf direktem Wege die Höhe erklimmen kann. Johannes ist ein Mensch; doch die ihm durch das Feuer Gottes eingeflößte Gnade hat ihn schon im Mutterschoß gereinigt – so wie die Lippen des Propheten vom Seraphim gereinigt wurden – auf daß er, Johannes, dem Messias vorangehen könne, ohne den königlichen Weg Christi durch den Gestank der Erbsünde zu entheiligen. Diese Gnade hat Johannes Engelsflügel gegeben, und die Buße hat sie wachsen lassen, so daß auch die Last der Menschlichkeit, die ihn als einen von der Frau Geborenen noch beschwerte, aufgehoben wurde. Daher kann sich Johannes aus seiner Höhle, in die er Buße predigt, und mit seinem Leib, in dem die mit der Gnade vermählte Seele glüht, emporschwingen bis zum höchsten Punkt des Bogens, über dem Gott, unser höchster Herr und Gott, thront. Er kann, da er die vergangenen Jahrhunderte, den heutigen Tag und die Zukunft überblickt, mit prophetischer Stimme und mit dem Auge des Adlers, der die ewige Sonne schaut und erkennt, verkünden: "Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt", und er kann alsdann, nach diesem erhabenen Gesang, aus diesem Leben scheiden. Dieser Gesang wird nie mehr verstummen und wird nicht nur eine Zeitlang erklingen; sondern im immerwährenden Tempel, im ewigen, glückseligen Jerusalem, der zweiten Göttlichen Person zujubeln, sie in menschlichen Nöten anflehen und ihr im Glanz der ewigen Herrlichkeit lobsingen.

Doch das Lamm Gottes, das in seiner unendlichen Liebe die strahlende Wohnung des Himmels verlassen hat, wo es als Feuer Gottes vom Feuer umgeben ist... O ewige Zeugung des Vaters, der mit dem unermeßlichen und heiligsten Gedanken sein Wort erzeugt und es in einer Verschmelzung der Liebe in sich aufnimmt, aus der der Geist der Liebe hervorgeht, in dem sich Stärke und Weisheit vereinigen! Dieses Lamm Gottes, das seine reinste, geistige Gestalt aufgegeben hat, um seine unendliche Reinheit, seine Heiligkeit und seine göttliche Natur in einem sterblichen Leib zu verhüllen, weiß, daß uns die Gnade nicht gereinigt, vielmehr noch nicht gereinigt hat sind und wir nicht fähig sind, uns wie der Adler Johannes, in die Höhe, auf den Gipfel zu schwingen, wo der Dreieinige Gott thront. Wir sind die kleinen Sperlinge auf dem Dache und am Wege. Wir sind die Schwalben, die das Blau des Himmels berühren, sich aber von Insekten

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nähren. Wir sind die Lerchen, die mit ihrem Gesang die Engel nachahmen möchten; aber im Vergleich zu ihrem Gesang ist der unsere nur das ängstliche Zirpen einer sommerlichen Grille. Das süße Lamm Gottes, das gekommen ist, die Sünden der Welt hinwegzunehmen, weiß dies. Denn obwohl es nicht mehr der unendliche Geist des Himmels ist, da es selbst in einem sterblichen Leib wohnen wollte, so ist doch seine Unendlichkeit dadurch nicht vermindert, und in seiner unendlichen Weisheit weiß es alles.

Er weist uns den Weg, den Weg der Liebe. Er ist die Liebe, die aus Barmherzigkeit zu uns Fleisch angenommen hat. Und so bereitet uns diese barmherzige Liebe den Weg nach oben, den selbst die Kleinen gehen können. Auf diesem Weg geht er uns voran als erster, nicht weil er es tun müßte, sondern um uns den Weg zu weisen. Er müßte nicht einmal die Flügel ausbreiten, um sich wieder mit dem Vater zu vereinigen. Sein Geist, ich schwöre es euch, ist auf diese armselige Welt hier verbannt, doch er ist auch stets beim Vater, denn Gott vermag alles, und er ist Gott. Er geht uns voran und läßt den Wohlgeruch seiner Heiligkeit zurück, das Gold und das Feuer seiner Liebe. Betrachtet seinen Weg! Oh, er führt euch leicht zum höchsten Punkt des Bogens! Doch wie friedvoll und sicher ist dieser Weg! Er ist keine Gerade, sondern eine Spirale, und dadurch länger. Sein Liebesopfer der Barmherzigkeit enthüllt sich in dieser Länge, an die er sich selbst hält aus Liebe zu uns Schwachen. Länger ist der Weg, aber mehr unserer Armseligkeit angepaßt. Der Aufstieg zur Liebe, zu Gott, ist einfach wie die Liebe. Doch die Liebe ist tief, denn Gott ist ein Abgrund, und er wäre für uns unerreichbar, hätte er sich nicht erniedrigt, um sich erreichen zu lassen und die Liebe der für ihn entbrannten Seele zu erfahren. (Johannes spricht und weint mit lächelndem Munde in der Verzückung seiner Offenbarung Gottes.) Lang ist der einfache Weg der Liebe, denn der Abgrund, der Gott ist, hat kein Ende, und der Aufstieg zu Gott hat keine Grenzen. Doch der wunderbare Abgrund ruft unseren armseligen Abgrund, und dieser wunderbare Abgrund in seiner Fülle von Licht ruft uns zu: "Kommt zu mir!"

O Einladung Gottes! Einladung des Vaters! Hört, hört! Christus hat die Himmelspforten weit geöffnet und den Engeln der Barmherzigkeit und des Verzeihens geboten, sie offen zu halten, auf daß ihnen in Erwartung der Gnade wenigstens Lichter, Wohlgerüche, Gesänge und Frohsinn entströmen mögen, um in heiliger Weise die Herzen der Menschen anzuziehen und zärtliche Worte an sie zu richten. Es ist die Stimme Gottes, die spricht, und die Stimme sagt: "Eure Kindlichkeit ? Sie ist eure beste Münze! Ich möchte, daß ihr ganz klein werdet, damit ihr Demut, Aufrichtigkeit, Vertrauen und die Liebe der Kinder zum Vater erlangt. Eure Unfähigkeit? Aber gerade sie ist mir Ruhm! Oh, kommt! Ich verlange nicht von euch, daß ihr selbst den Klang der guten und der schlechten Steine prüft. Gebt sie mir. Ich selbst werde sie verlesen und ihr werdet damit

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wieder aufbauen. Der Aufstieg zur Vollkommenheit? Oh, meine kleinen Kinder. Legt eure Hand in die Hand meines Sohnes, eures Bruders, und so werdet ihr nun an seiner Seite aufsteigen "Aufsteigen! Zu dir kommen, ewige Liebe! Dir, der Liebe, ähnlich werden!

Lieben, das ist das Geheimnis! ... Lieben! Sich schenken... Lieben! Sich selbst vernichten... Lieben! Sich verschmelzen... Das Fleisch? Ein Nichts! Der Schmerz? Ein Nichts! Die Zeit? Ein Nichts! Selbst die Sünde wird zum Nichts, wenn ich sie in deinem Feuer, o Gott, verbrenne. Nur die Liebe allein besteht! Die Liebe! Die Liebe, die uns der menschgewordene Gott geschenkt hat, wird uns alles verzeihen. Niemand weiß besser zu lieben als die Kinder, und niemand wird mehr geliebt als ein Kind.

Oh! Du, den ich nicht kenne, der du aber das Gute kennenlernen willst, um es vom Bösen zu unterscheiden, um aufzusteigen bis zu den Himmelshöhen, zur göttlichen Sonne und zu allem, was übernatürliche Freude ist: Liebe, liebe, und du wirst all das besitzen! Liebe Christus. Du wirst im Fleische sterben, aber im Geiste auferstehen. Mit einem neuen Geiste, ohne jemals wieder Bausteine zu benötigen: denn du wirst auf ewig ein unauslöschliches Feuer sein. Die Flamme steigt empor. Sie braucht dazu weder Stufen noch Flügel. Befreie dein Ich von starren Strukturen und erfülle es mit Liebe, und du wirst eine lodernde Flamme sein. Laß dies ohne Einschränkungen geschehen. Fache vielmehr die Flamme an und nähre sie, wirf deine ganze Vergangenheit der Leidenschaften und der Gelehrtheit hinein. Alles weniger Gute wird die Flamme vernichten, das edle Metall aber wird sie läutern. Wirf dich, o Bruder, in die tätige und selige Liebe der Heiligen Dreifaltigkeit. Dann wirst du verstehen, was dir jetzt noch unverständlich erscheint; denn du wirst Gott begreifen, den nur erfassen kann, wer sich seinem Opferfeuer gänzlich hingibt. So wirst du dich in flammender Umarmung in Gott gründen und für mich, das Kind Christi, beten, das gewagt hat, dir von der Liebe zu sprechen.»

Alle sind zutiefst erstaunt: die Apostel, die Jünger, die Gläubigen... Der Angesprochene ist bleich, Johannes purpurrot, nicht so sehr der Anstrengung als der Liebe wegen.

Endlich ruft Stephanus aus: «Du Gesegneter! Aber sage mir, wer bist du?»

Johannes macht eine Gebärde, die mich sehr an die der Jungfrau bei der Verkündigung erinnert, indem er sich wie zur Anbetung dessen, den er nennt, nach vorne neigt, und sagt leise: «Ich bin Johannes. Du siehst in mir den Geringsten unter den Dienern des Herrn.»

«Aber wer war dein früherer Lehrer?»

«Ein Mensch, da ich meine geistige Milch von Johannes, dem schon im voraus Geheiligten Gottes, empfangen habe: ich esse das Brot des Christus, das Wort Gottes, und trinke das Feuer Gottes, das mir vom Himmel kommt. Der Herr sei gepriesen 1»

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«Oh, ich verlasse dich nicht mehr! Weder dich noch diesen hier, keinen. Nehmt mich auf!»

«Wann... Oh, aber hier ist Petrus, unser Oberhaupt», und Johannes

nimmt den erstaunten Petrus bei der Hand und erklärt ihn so zum "Ersten" *

Petrus findet wieder zu sich: «Sohn, eine große Sendung soll man nur nach reichlicher Überlegung übernehmen. Dieser ist unser Engel, der die Flamme entzündet. Aber man muß auch wissen, ob die Flamme in uns anhält. Prüfe dich selbst, und dann komme zum Herrn. Wir wollen dir unsere Herzen öffnen wie dem liebsten Bruder. Vorläufig kannst du bei uns bleiben, wenn du unser Leben besser kennenlernen willst. Die Herden des Christus mögen über alle Maßen anwachsen, damit unter Vollkommenen und Unvollkommenen die wahren Lämmer von den falschen Böcken getrennt werden können.»

Damit ist das erste öffentliche Auftreten der Apostel beendet.

206. IM HAUSE DER JOHANNA DES CHUZA JESUS UND DIE RÖMERINNEN

Jesus steigt mit Hilfe eines Bootsführers, der ihn in sein Boot aufgenommen hat, auf den Landesteg des Gartens Chuzas. Ein Gärtner hat ihn schon gesehen und beeilt sich, das Tor zu öffnen, das Fremden den Zutritt zum Garten von der Seeseite her verwehrt. Es ist ein hohes und schweres Tor, dessen Außenseite hinter einer dichten Hecke von hohem Lorbeer und Buchsbaum verborgen ist, während auf der dem Hause zugewandten Seite eine ebenso mächtige, bunte Rosenhecke wächst. Herrliche Rosenbüschel schmücken das bronzefarbige Laub der Lorbeer- und Buchsbäume mit ihren Blüten und breiten sich zwischen den Ästen aus oder übersteigen gar den grünen Zaun und lassen ihre blumigen Ranken auf der anderen Seite herabhängen. Nur an einer Stelle, auf der Höhe eines Gartenweges, ist das Gitter ganz frei, und hier ist der Durchgang für die, die vom See kommen oder zum See gehen.

«Der Friede sei mit diesem Hause und mit dir, Johanna. Wo ist deine Herrin?»

«Sie ist dort mit ihren Freundinnen. Ich will sie gleich rufen. Sie warten schon seit drei Tagen auf dich, aus Furcht, zu spät zu kommen.»

Jesus lächelt. Der Diener eilt davon, um Johanna zu rufen. Inzwischen geht Jesus langsam auf die vom Diener bezeichnete Stelle zu und bewundert den herrlichen Garten – man müßte eigentlich sagen, den herrlichen Rosengarten – den Chuza für seine Frau hat anlegen lassen: Rosen in allen Farben, Größen und Formen blühen in dieser geschützten Bucht des

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Sees schon vorzeitig. Es gibt zwar auch noch andere Blumenarten, aber sie blühen noch nicht und ihre Anzahl ist gering im Vergleich zu den Rosen.

Johanna eilt herbei. Sie hat nicht einmal das mit Rosen halb angefüllte Körbchen abgestellt noch die Schere weggelegt, die sie zum Schneiden benützte, und eilt so mit ausgestreckten Armen auf Jesus zu, schlank und anmutig in ihrem prächtigen Gewand aus feinster rosaroter Wolle, dessen Falten von Broschen und Spangen aus Silberfiligran, auf denen blaßrote Granaten leuchten, zusammengehalten werden. Auf dem schwarzen, gelockten Haar funkelt ein Diadem in Form einer Mitra, ebenfalls aus Silber und Granaten, das einen hauchdünnen rosafarbenen Schleier hält. Er fällt nach hinten und läßt die kleinen Ohrgehänge frei. Ein lachendes Gesicht, ein schlanker Hals, und an seinem Ansatz eine Kette der gleichen Art wie die übrigen Schmuckstücke.

Johanna läßt ihren Korb vor den Füßen Jesu zu Boden fallen und kniet nieder, um den Saum seines Gewandes inmitten den verstreuten Rosen zu küssen.

«Der Friede sei mit dir, Johanna. Ich bin gekommen.»

«Ich bin glücklich. Auch meine Freundinnen sind da. Doch, nun scheint mir, daß ich unrecht gehandelt habe, als ich sie hierherkommen ließ. Wie werdet ihr euch verstehen können? Sie sind tatsächlich noch Heidinnen!»

Johanna ist etwas erregt.

Jesus lächelt, legt die Hand auf ihren Kopf und sagt: «Hab keine Angst. Wir werden uns bestens verstehen, und du hast richtig gehandelt. Aus der Begegnung wird Gutes erblühen, so wie die Rose in deinem Garten. Sammle die armen Rosen, die du hast fallen lassen, dann wollen wir zu deinen Freundinnen gehen.»

«Oh, Rosen gibt es viele. Ich pflücke sie mir zum Zeitvertreib, und dann... meine Freundinnen sind so... so genießerisch... als wären sie... ich weiß nicht ...»

«Aber auch ich liebe sie! Siehst du, schon haben wir ein Thema, bei dem wir uns verstehen. Nun! Heben wir diese prachtvollen Rosen auf ...»und Jesus bückt sich, um mit gutem Beispiel voranzugehen.

«Du? Nicht du, mein Herr! Wenn du wirklich willst... so... es ist schon getan.»

Sie gehen zusammen zu einer Gartenlaube aus einem Geflecht von verschiedenfarbigen Rosenstöcken, aus der drei Römerinnen, Plautina, Valeria und Lydia, hervorschauen. Die erste und die dritte sind zurückhaltend, doch Valeria eilt heraus und verneigt sich: «Sei gegrüßt, Retter meiner kleinen Fausta!»

«Friede und Licht dir und deinen Freundinnen!»

Die Freundinnen verneigen sich wortlos.

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Plautina kennen wir schon. Hochgewachsen, wohlgestaltet, mit wundervollen schwarzen, etwas gebieterischen Augen unter der glatten, weißen Stirn, einer geraden, tadellosen Nase, einem eher wulstigen, doch wohlgeformten Mund und einem rundlichen, ausgeprägten Kinn, erinnert sie mich an gewisse Statuen römischer Kaiserinnen. Schwere Ringe funkeln an den sehr schönen Händen, und breite Armbänder umschließen die wahrhaft bildschönen Arme am Handgelenk und über dem Ellbogen, die mit ihrer glatten, blaßrosa Haut aus kurzen, gerafften Ärmeln hervorkommen.

Lydia hingegen ist blond, zarter und jünger. Ihre Schönheit ist nicht so stattlich wie die der Plautina, doch hat sie die ganze Anmut einer noch etwas unreifen Frau. Da wir gerade von den Heidinnen sprechen, möchte ich sagen, daß wenn Plautina der Statue einer Herrscherin gleicht, Lydia eine zarte und scheue Diana oder Nymphe darstellen könnte.

Valeria, nun nicht mehr in der verzweifelten Verfassung, in der ich sie in Caesarea gesehen habe, besitzt die Schönheit einer jungen Mutter mit vollen und trotzdem noch sehr jugendlichen Formen. Ihre Augen drücken die Gelassenheit der Mutter aus, die glücklich ist, ihr Kind stillen zu können und es mit ihrer Milch gedeihen zu sehen. Sie hat eine rosafarbene Haut und kastanienbraunes Haar und ihr Lächeln ist ruhig und anmutig.

Ich habe den Eindruck, daß die beiden letzteren Damen niedereren Ranges als Plautina sind, denn sie verehren sie auch mit den Blicken wie eine Königin.

«Ihr wart mit den Blumen beschäftigt? Macht ruhig weiter, macht weiter. Wir können uns auch unterhalten, während ihr die Blumen, diese Wunderwerke des Schöpfers, pflückt und in die prächtigen Schalen steckt, um ihr leider allzu kurzes Leben zu verlängern... und im Blumenstecken seid ihr Römerinnen ja wahre Künstlerinnen. Wenn wir diese Knospe bewundern, die so sachte ihre lachsfarbenen Blütenblätter öffnet, wie könnten wir anders als traurig sein, wenn wir sie sterben sehen! Oh, wie würden doch die Juden staunen, wenn sie hören könnten, daß ich so etwas sage! Doch diese Traurigkeit rührt daher, daß wir selbst im Blumengeschöpf etwas Lebendiges erkennen, dessen Ende zu sehen uns schmerzt. Doch die Pflanze ist weiser als wir. Sie weiß, daß aus jeder Wunde eines abgeschnittenen Stieles ein neuer Trieb hervorsprießt, der die neue Rose in sich birgt. Unser Verstand soll daraus eine Lehre ziehen, und die sinnliche Liebe zur Blume soll uns Ansporn sein zu erhabeneren Gedanken.»

«Welche, Meister?» fragt Plautina, die aufmerksam zuhört und begeistert ist vom edlen Gedankengang des jüdischen Meisters.

«Diese: so wie die Pflanze nicht stirbt, solange das Erdreich ihre Wurzeln nährt – obgleich ihre Stiele verwelken – so stirbt auch das irdische Leben eines Menschen nicht, wenn er sich von der Welt zurückzieht;

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vielmehr bringt es immer neue Blüten hervor. Noch ein anderer erhabener Gedanke läßt uns den Schöpfer preisen: Während die einmal abgestorbene Blume leider nicht wieder aufleben kann, so ist doch der in die ewige Ruhe eingegangene Mensch nicht tot; er lebt weiter in einem strahlenden Licht und sein edlerer Teil empfängt ewiges Leben und Herrlichkeit von seinem Schöpfer. Darum, Valeria, hättest du die zärtliche Liebe deines Kindes nicht verloren, auch wenn es gestorben wäre. Deine Seele wäre immer vom Kusse deines Geschöpfes berührt worden, das zwar von dir getrennt, aber deiner Liebe stets eingedenk gewesen wäre. Siehst du, wie wunderbar es ist, an ein ewiges Leben zu glauben? Wo ist nun deine Kleine?»

«In der zugedeckten Wiege dort. Ich hätte mich schon vorher nie von meiner Tochter getrennt, weil die Liebe zu meinem Gatten und zu ihr mein Lebensinhalt sind. Nun aber, da ich weiß, was es heißt, sie sterben zu sehen, verlasse ich sie auch nicht einen Augenblick.»

Jesus begibt sich zu einer Bank, auf der eine Art Holzwiege steht, die ganz von einer kostbaren Decke bedeckt ist. Jesus schiebt die Decke zur Seite und betrachtet das schlafende Kind, das nun von der frischen Luft sanft geweckt wird. Es schlägt erstaunt die Äuglein auf und ein engelgleiches Lächeln öffnet den kleinen Mund, während die zuvor zu Fäusten geballten Händchen behende die wallenden Haare Jesu zu erhaschen versuchen. Dann gibt es das Zeichen zu einem "Gespräch", das sich wie das Zwitschern eines kleinen Sperlings anhört. Schließlich trillert es das große, universale Wort «Mama!»

«Nimm es, nimm es», sagt Jesus und tritt zur Seite, um Valeria die Möglichkeit zu geben, sich über die Wiege zu beugen.

«Aber es wird dich stören! ... Ich will eine Sklavin rufen, damit sie das Kind im Garten herumträgt.»

«Stören? O nein! Kinder stören mich nie. Sie sind immer meine Freunde.»

«Hast du Kinder oder Neffen, Meister?» fragt Plautina, die beobachtet, mit welch väterlichem Lächeln Jesus die Kleine neckt, um sie zum Lachen zu bringen.

«Ich habe weder Kinder noch Neffen, aber ich liebe die Kinder, wie ich die Blumen liebe, denn sie sind rein und ohne Arglist. Doch gib mir dein Kind, Frau. Einen kleinen Engel an mein Herz zu drücken, ist mir eine innige Freude.» Er setzt sich nieder mit der Kleinen, die ihn anblickt, seinen Bart zerzaust und es dann interessanter findet, mit den Fransen des Mantels und der Kordel des Kleides zu spielen und dabei lange, geheimnisvoll plaudert.

Plautina sagt: «Unsere gute und kluge Freundin, eine der wenigen, die es nicht für unter ihrer Würde hält, mit uns zu verkehren und die durch uns nicht "verdorben" wird, hat dir sicher gesagt, daß wir dich sehen und

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hören wollten, um uns ein Urteil über dich zu bilden. Denn Rom glaubt nicht an Märchen... Warum lächelst du, Meister?»

«Nachher werde ich es dir sagen. Sprich nur weiter.»

«Denn Rom glaubt nicht an Märchen und will mit Wissen und Gewissen entscheiden, bevor es verurteilt oder rühmt. Dein Volk verehrt und verleumdet dich in gleichem Maße. Deine Werke sind Anlaß, dich zu verherrlichen. Die Worte vieler Hebräer hingegen lassen vermuten, daß man dich beinahe für einen Verbrecher hält. Deine Worte sind weise und feierlich wie die Worte eines Philosophen. Rom hat eine große Vorliebe für philosophische Lehren, aber ich muß sagen, daß die Lehren unserer heutigen Philosophen nicht befriedigen, auch deshalb nicht, weil ihre Lebensweise nicht mit ihrer Lehre übereinstimmt.»

«Sie können keine Lebensweise haben, die ihrer Lehre entspricht.»

«Weil sie Heiden sind, nicht wahr?»

«Nein, weil sie ohne Gott sind!»

«Ohne Gott? Aber sie haben doch ihre Götter.»

«Sie haben nicht einmal diese, Frau. Denke an die alten Philosophen, die größten unter ihnen... Auch sie waren Heiden, aber sieh, wie ihr Leben dessen ungeachtet von Adel geprägt war! Vermischt mit Irrtum war ihre Lehre, denn der Mensch neigt zum Irrtum. Doch wenn sie vor den größten Geheimnissen standen: dem Leben und dem Tode, wenn sie vor der Wahl standen: Ehrlichkeit oder Unehrlichkeit, Tugend oder Laster, Heldentum oder Feigheit, und überlegten, daß sie durch eine Entscheidung für das Böse dem Vaterland und seien Bürgern schaden würden, da waren sie imstande, sich mit dem Willen eines Riesen aus den Fangarmen der Polypen der Bosheit zu befreien, und wußten sich frei und heilig um jeden Preis für das Gute zu entscheiden. Das Gute, das niemand anderes ist als Gott.»

«Man sagt, daß du Gott bist. Ist das wahr?»

«Ich bin der Sohn des wahren Gottes, der Fleisch geworden und Gott geblieben ist.»

«Aber was ist Gott? ... Der größte unter den Lehrmeistern, wenn wir dich betrachten.»

«Gott ist weit mehr als ein Lehrmeister. Erniedrigt nicht den erhabenen Begriff der Gottheit zu einer Weisheit, der Grenzen gesetzt sind!»

«Die Weisheit ist eine Gottheit. Wir haben Minerva. Sie ist die Göttin der Gelehrtheit.»

«Ihr habt auch Venus, die Göttin der Lust. Könnt ihr glauben, daß ein Gott, also ein den Sterblichen überlegenes Wesen, alle Schändlichkeit im sterblichen Menschen noch vervollkommnet hat? Könnt ihr glauben, daß einer, der ewig ist, auf ewig all die kleinlichen, armseligen, demütigenden Freuden hegt, wie der Mensch, der nur kurze Zeit lebt, und daß er sie zum Zweck seines Lebens macht? Denkt ihr nie daran, wie schmutzig der Himmel ist, den ihr Olymp nennt und wo die bittersten Säfte der

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Menschheit gären 9 Wenn ihr euren Himmel betrachtet, was seht ihr? Ausschweifung, Verbrechen, Haß, Krieg, Diebstahl, Schwelgerei, Hinterhältigkeit und Rache. Wenn ihr die Feste eurer Götter feiert, was tut ihr? Ihr haltet Orgien! Wie verehrt ihr eure Götter? Wie steht es mit der wahren Jungfräulichkeit der der Vesta Geweihten? Auf welches göttliche Gesetz stützen sich eure Hohenpriester, wenn sie richten? Welche Worte lesen eure Wahrsager aus dem Flug der Vögel oder dem Rollen des Donners? Was für Antworten können die blutigen Eingeweide der Opfertiere euern Haruspizes geben? Du hast gesagt: "Rom glaubt nicht an Märchen." Warum glaubt ihr dann, daß sich zwölf arme Männer, die ein Schwein, ein Schaf und einen Stier um einen Acker herumkreisen und sie dann aufopfern, die Gunst der Ceres erwerben, wenn ihr doch unzählige Götter habt, die sich gegenseitig hassen und denen ihr alle Racheakte zutraut? Nein, Gott ist etwas ganz anderes. Er ist ewig, einzig und geistig.»

«Aber du behauptest, Gott zu sein, und bist doch Fleisch.»

«Es gibt einen Altar ohne Gott im Hain der Götter. Die menschliche Weisheit hat ihn dem "unbekannten Gott" gewidmet; denn die Weisen, die wahren Philosophen ahnten, daß es noch etwas anderes geben müsse als die Lügengeschichten, die für die Menschen, diese ewigen Kinder, deren Geist in den Banden des Irrtums gefangen lag, erfunden worden waren. Wenn nun diese Weisen, die geahnt haben, daß es noch etwas anderes als diese lügenhaften Possen geben muß, etwas wahrhaft Erhabenes und Göttliches, das alles erschaffen hat und von dem alles Gute in der Welt ausgeht, dem unbekannten Gott, den sie als den wahren Gott erkannten, einen Altar errichten wollten, wie könnt ihr dann etwas, das nicht Gott ist, Gott nennen und von etwas, das ihr in Wirklichkeit nicht kennt, behaupten, daß ihr es kennt? Begreift also, was Gott ist, damit ihr ihn erkennen und ehren könnt. Gott ist der, der aus dem Nichts alles durch seinen Gedanken erschaffen hat. Kann euch die Fabel der Steine, die sich in Menschen verwandeln, überzeugen und befriedigen? Wahrlich, es gibt Menschen, die härter und niederträchtiger sind als Steine, und es gibt Steine, die nützlicher sind als der Mensch. Aber ist es für dich nicht tröstlicher, Valeria, wenn du beim Betrachten dieses deines Kindes denken kannst: "Es ist der lebendige Wille Gottes, von ihm erschaffen und gebildet, von ihm mit einem zweiten Leben beschenkt, und ich werde meine kleine Fausta weiter und für alle Ewigkeit bei mir haben, wenn ich an den wahren Gott glaube", anstatt fragen zu müssen: "Dieser rosige Körper, diese Haare, feiner als Spinnenfäden, diese lächelnden Augensterne, sind sie aus einem Stein entstanden?" Oder zu sagen: "Ich bin in allem der Wölfin oder der Stute ähnlich, wie ein Tier paare ich mich, wie ein Tier gebäre ich, wie ein Tier ziehe ich meine Kinder auf, und diese Tochter ist die Frucht meines niederen Triebes und ein Tier wie ich; und morgen, wenn sie tot ist und ich tot bin, werden wir uns wie zwei Aase in Gestank

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auflösen und uns nie wiedersehen?" Sage mir, welcher der beiden Überlegungen möchte dein Mutterherz zustimmen ?»

«Ganz gewiß nicht der zweiten, Herr! Hätte ich gewußt, daß Fausta sich nach ihrem Tode nicht in Nichts auflöst, so hätte ich bei ihrem Todeskampf weniger gelitten. Denn ich hätte mir gesagt: "Ich habe eine Perle verloren; aber es gibt sie noch und ich werde sie wiederfinden."»

«Du hast recht. Als ich hier ankam, hat mir eure Freundin gesagt, daß sie sich über eure Leidenschaft für die Blumen wundert. Sie befürchtete, ich könnte daran Anstoß nehmen. Aber ich habe sie beruhigt und gesagt: "Auch ich liebe Blumen, und deshalb werden wir uns sicher gut verstehen." Aber ich möchte euch dahin führen, die Blumen so zu lieben, wie ich Valeria lehre, ihr Kind zu lieben, das sie nun sicherlich noch mehr umsorgen wird; jetzt, da sie weiß, daß es eine Seele hat, ein Teilchen Gottes, eingeschlossen in das von ihr, der Mutter, gebildete Fleisch; und diese Seele als Teilchen Gottes stirbt nicht, und die Mutter wird ihr im Himmel wiedergegeben, wenn sie an den wahren Gott glaubt. Dasselbe gilt auch für euch. Betrachtet diese wunderbare Rose. Der Purpur der königlichen Gewänder ist nicht so herrlich wie dieses Blütenblatt, das nicht nur das Auge durch seine Farben erfreut, sondern auch den Tastsinn durch seine Zartheit und den Geruchssinn durch seinen Duft. Betrachtet diese, und diese und auch diese. Die erste ist das Blut eines Herzens, die zweite frisch gefallener Schnee, die dritte zart schimmerndes Gold und die letzte scheint aus dem Kindergesicht, das mir von meinem Schoß zulächelt, geschaffen. Und weiter: Die erste sitzt steif auf einem kräftigen Stiel, fast ohne Dornen, und ihre rötlichen Blätter sind wie mit Blut benetzt. Die zweite hat nur wenige kleine Dornen und matte, fahle Blätter längs des Stiels. Der Stiel der dritten gleicht einer geschmeidigen Binse und ihre kleinen glänzenden Blätter grünem Wachs. Die letzte scheint mit ihrer Unzahl von Dornen jede Berührung ihrer rosaroten Blüte verwehren zu wollen. Mit ihren äußerst scharfen Spitzen sieht sie aus wie eine Feile. Nun überlegt einmal: Wer hat dies alles geschaffen ? Wie ? Wann ? Wo ? Was wird dieser Ort im Dunkel der Zeit gewesen sein? Nichts. Ein Wirbel gestaltloser Elemente.

Einer aber, Gott, sagte: "Ich will" und die Elemente trennten sich und das eine ordnete sich im anderen; auf dem neu gebildeten Planeten schied sich das Wasser von der Erde und das Licht von der Luft. Noch ein "Ich will" und es entstanden die Pflanzen. Danach schuf Gott die Sterne, dann die Tiere, und zuletzt den Menschen; und damit sich der Mensch erfreue, schenkte er ihm, seinem bevorzugten Geschöpf, gleichsam als wunderschöne Spiele, die Blumen und Gestirne; zuletzt verlieh er ihm das Glück zu zeugen, nicht etwas Sterbliches, sondern etwas, das als besonderes Geschenk Gottes den Tod überlebt: die Seele. Auch diese Rosen sind der Wille des Vaters. Die Unendlichkeit seiner Macht erweist sich in der Unendlichkeit der Schönheiten.

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Meine Worte werden gehemmt, denn sie stoßen auf den harten Widerstand eures Glaubens. Doch ich hoffe, daß wir uns schon bei dieser ersten Begegnung ein wenig verstanden haben. Was ich euch gesagt habe, möge nun in eurer Seele wirken. Habt ihr Fragen zu stellen, dann tut es. Ich bin hier, um sie zu beantworten. Unkenntnis ist keine Schande. Schande ist, in der Unkenntnis zu verharren, wenn jemand da und bereit ist, die Zweifel zu klären.» Dann verläßt Jesus die Laube und hält dabei wie der erfahrenste Vater das Kind an der Hand, das eben beginnt, die ersten Schrittchen zu machen und zu einem Springbrunnen gehen will, der in der Sonne schimmert. Die Damen bleiben wo sie sind und flüstern miteinander. Johanna, zwischen zwei Wünschen hin- und hergerissen, steht am Eingang der Laube.

Endlich entschließt sich Lydia, zu Jesus zu gehen, und die anderen folgen ihr. Dieser lacht herzlich, weil die Kleine die sich im Wasser widerspiegelnde Sonne ergreifen will und trotz aller Bemühungen nur ins Licht faßt, während sie mit ihren rosa Lippen wie ein Küken piepst und damit ihren Willen zu erkennen gibt.

«Meister, ich habe nicht verstanden, warum unsere Lehrer keine gute Lebensweise haben können, weil sie ohne Gott sind. Sie glauben an den Olymp, aber sie glauben doch ...»

«Ihr Glaube ist nur noch Äußerlichkeit. Solange sie wirklich glaubten, glaubten sie wie die wahren Weisen an den Unbekannten, von dem ich gesprochen habe, an den Gott, der ihre Seele zufriedenstellte, obwohl man es übersehen hatte, ihm einen Namen zu geben. Solange sie ihre Gedanken auf dieses Wesen richteten, das weit über den armseligen Göttern voll niederträchtiger Menschlichkeit, die ihnen das Heidentum gegeben hatte, stand, spiegelten sie notwendigerweise ein wenig Gott wider. Die Seele ist ein Spiegel, der widerspiegelt und ein Echo, das widerhallt!»

«Was, Meister?»

«Gott.»

«Ein großes Wort!»

«Eine große Wahrheit!»

Valeria, bezaubert vom Gedanken der Unsterblichkeit, fragt: «Meister, erkläre mir: wo ist die Seele meines Kindes? Ich werde diese Stelle küssen wie ein Heiligtum und sie anbeten, denn sie ist ein Teil Gottes.»

«Die Seele! Sie ist wie das Licht, das deine kleine Faustina ergreifen möchte und nicht kann, denn es ist körperlos; und doch existiert es. Ich, du und deine Freundinnen sehen es. Ebenso ist die Seele in all dem sichtbar, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Wenn deine Kleine dir einmal ihre ersten Gedanken mitteilt, dann denke, daß diese Intelligenz ihre Seele ist, die sich enthüllt. Wenn sie dich liebt, nicht instinktiv, sondern bewußt, dann wisse, daß diese Liebe ihre Seele ist. Wenn sie an deiner Seite in Schönheit heranwächst, nicht so sehr im körperlichen als im

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tugendhaften Sinn, dann denke daran, daß diese Schönheit ihre Seele ist. Bete nicht die Seele an, sondern Gott, ihren Schöpfer. Gott, der sich aus jeder guten Seele einen Thron bereiten will.»

«Aber wo ist dieses körperlose und erhabene Etwas? Im Herzen? Im Gehirn?»

«In allem, was der Mensch ist. Die Seele enthält euch und ist in euch enthalten. Wenn sie euch verläßt, seid ihr Leichname. Wenn ein Mensch seine Seele tötet durch ein Verbrechen an sich selbst, dann wird sie verdammt und ist für immer von Gott getrennt.»

«Du gibst also zu, daß der Philosoph, der uns "unsterblich" nannte, recht hatte, obgleich er ein Heide war?» fragt Plautina.

«Ich gebe dies nicht nur zu, ich sage sogar, daß es ein Glaubenssatz ist. Die Unsterblichkeit der Seele, also die Unsterblichkeit des höheren Teiles des Menschen, ist das sicherste und tröstlichste Geheimnis des Glaubens. Es ist das Geheimnis, das uns die Gewißheit gibt, woher wir kommen, wohin wir gehen und wem wir gehören, und das die Bitterkeit jeder Trennung von uns nimmt.»

Plautina denkt nach. Jesus beobachtet sie schweigend. Endlich fragt sie: «Und du, hast du eine Seele?»

«Gewiß!», antwortet Jesus.

«Aber bist du Gott, oder bist du es nicht?»

«Ja, ich bin Gott! Ich habe es dir gesagt. Aber nun habe ich die menschliche Natur angenommen, und weißt du, warum? Weil ich nur mit diesem meinem Opfer die Schranken eures Verstandes überwinden und den Geist befreien kann, indem ich den Irrtum besiege; dann erst wird es mir möglich sein, auch die Seele von einem Sklaventum zu befreien, das ich dir jetzt nicht näher erklären kann. Darum habe ich die Weisheit und die Heiligkeit in einen menschlichen Körper eingeschlossen. Die Weisheit streue ich als Samen auf das Erdreich und als Blütenstaub in den Wind. Die Heiligkeit wird sich in der Stunde der Gnade wie aus einem zerbrochenen kostbaren Gefäß über die ganze Welt ergießen und die Menschen heiligen. Dann wird der "unbekannte Gott" bekannt sein.»

«Aber du bist doch schon bekannt. Wer deine Macht und deine Weisheit in Zweifel zieht, ist böse und ein Lügner.»

«Ich bin bekannt. Doch dies ist erst die Morgendämmerung, denn am Mittag wird die ganze Welt von mir Kenntnis haben.»

«Wie wird dein Mittag sein? Wird es ein Triumph sein? Werde ich ihn erleben?»

«Wahrlich, es wird ein Triumph sein, und du wirst zugegen sein. Denn in dir ist Widerwille gegen das, was du kennst, und Sehnsucht nach dem, was du noch nicht kennst. Deine Seele hungert.»

«Das ist wahr. Ich habe Hunger nach Wahrheit.»

«Ich bin die Wahrheit.»

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«Teile dich also der Hungernden mit.»

«Du brauchst nur an meinen Tisch zu kommen. Mein Wort ist das Brot der Wahrheit.»

«Aber was werden unsere Götter sagen, wenn wir sie verlassen? Werden sie sich nicht an uns rächen?» fragt Lydia voller Angst.

«Frau, hast du nie einen nebligen Morgen gesehen? Die Wiesen verlieren sich im Dunst, der sie verbirgt. Dann kommt die Sonne, der Dunst löst sich auf, und die Wiesen erstrahlen umso schöner. So sind eure Götter: Nebel armseliger, menschlicher Gedanken, die Gott nicht kennen, aber einen Glauben brauchen, da der Glaube eine Notwendigkeit und ein immerwährendes Bedürfnis des Menschen ist; und so haben sie sich den Olymp geschaffen – das Märchen vom Olymp, den es nicht gibt. Deshalb werden sich eure Götter beim Aufgang der Sonne des wahren Gottes in euren Herzen auflösen, ohne euch schaden zu können, weil es auch die Götter nicht gibt.»

«Wir werden dir noch oft zuhören müssen, sehr oft... Wir stehen etwas gänzlich Unbekanntem gegenüber. Alles, was du sagst, ist für uns neu.»

«Aber widerstrebt es dir? Kannst du es nicht annehmen?»

Plautina antwortet mit Nachdruck: «Nein. Ich bin stolzer auf das Wenige, das ich nun weiß und das Caesar nicht weiß, als auf meinen Namen.»

«Dann harre aus. Ich lasse euch mit meinem Frieden.»

«Wie, bleibst du nicht, mein Herr?» Johanna ist sehr betrübt.

«Ich bleibe nicht. Ich habe viel zu tun...»

«Oh, ich wollte dir doch mein Leid klagen!»

Jesus, der nach den Höflichkeitsbezeugungen der Römerinnen den Weg zum See eingeschlagen hat, wendet sich um und sagt zu Johanna: «Komm mit bis zum Boot und erzähle mir von deinem Leid.» Johanna begleitet ihn und sagt: «Chuza möchte mich für einige Zeit nach Jerusalern schicken, und ich bin darüber sehr traurig. Er tut dies, weil er nicht will, daß ich weiterhin so zurückgezogen lebe, jetzt, da ich gesund bin...»

«Auch du schaffst dir unnötige Nebel!» Jesus hat bereits einen Fuß ins Boot gesetzt. «Wenn du denken würdest, daß du mich dann beherbergen und mir eher nachfolgen kannst, wärest du glücklich und würdest sagen: "Die Güte Gottes hat es so gefügt."»

«Oh, das ist wahr, mein Herr! Ich hatte nicht daran gedacht.»

«Siehst du. Gehorche als gute Ehefrau. Der Gehorsam wird dir die Belohnung einbringen, daß ich am kommenden Osterfest bei dir sein werde, und du wirst die Ehre haben, mir bei der Belehrung deiner Freundinnen helfen zu können. Der Friede sei mit dir!»

Das Boot stößt vom Ufer ab. Das ist das Ende.

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207. AGLAIA IM HAUSE MARIENS IN NAZARETH

Maria arbeitet geruhsam an einem Tuche. Es ist Abend. Alle Türen sind geschlossen, und eine Lampe mit drei Flämmchen erhellt den kleinen Raum im Häuschen von Nazareth und besonders den Tisch, an dem die Jungfrau sitzt. Das Tuch, vielleicht ein Leinentuch, fällt von ihren Knien auf die Bank und bis zum Boden, und Maria, in ihrem dunkelblauen Kleid, scheint aus einem Schneehaufen herauszuragen. Sie ist allein. Sie näht flink, den Kopf über die Arbeit gebeugt, und das Licht läßt ihre Haare zartgolden aufleuchten. Ein Teil ihres Gesichtes ist im Halbdunkel.

In der wohlgeordneten Kammer herrscht absolute Stille. Von der zur Nachtzeit verlassenen Straße dringt kein Geräusch herein, auch nicht vom Garten. Die schwere Türe, die von dem Raum, in dem Maria arbeitet und wo sie üblicherweise die Mahlzeiten einnimmt und Freunde empfängt, in den Garten führt, ist geschlossen, und so ist nicht einmal das Plätschern des Brunnens zu hören. Es herrscht wirklich tiefste Stille. Ich möchte wissen, wo die Gedanken der Jungfrau weilen, während ihre Hände so behende arbeiten.

Ein zaghaftes Klopfen an der Türe zur Straße läßt Maria aufhorchen, und sie erhebt das Haupt und lauscht... Das Klopfen war so leise, daß Maria annehmen muß, irgendein Nachttier habe es verursacht oder ein leichter Luftzug hätte die Türe bewegt. Sie beugt sich wieder über ihre Arbeit. Doch das Klopfen wiederholt sich. Maria erhebt sich und geht zur 'Türe. Sie fragt, bevor sie öffnet: «Wer klopft?» Eine zarte Stimme antwortet: «Eine Frau. Im Namen Jesu, habe Erbarmen mit mir.»

Maria öffnet sofort und hält die Lampe in die Höhe, um die Wanderin erkennen zu können. Sie sieht eine vom Kopf bis Fuß in ärmliche Kleidung gehüllte Gestalt, die eine tiefe Verneigung macht und grüßt: "Ave Domina!" und nochmals wiederholt: "Im Namen Jesu, habe Erbarmen mit mir."

«Komm herein und sag mir, was du willst. Ich kenne dich nicht.»

«Niemand und viele kennen mich, Domina. Das Laster kennt mich, und die Heiligkeit kennt mich; doch jetzt bedarf ich der Barmherzigkeit, die mir die Arme öffnet, und die Barmherzigkeit bist du...», und sie weint.

«So tritt ein... und erzähle mir... Du hast genug gesagt und ich verstehe, daß du unglücklich bist... Aber wer du bist, weiß ich immer noch nicht. Wie heißt du, Schwester?»

«O nein! Nicht Schwester! Ich kann dir nicht Schwester sein... Du bist die Mutter des Guten... und ich bin das Böse...», und sie weint immer heftiger unter dem Mantel, der sie ganz verhüllt.

Maria stellt die Lampe auf einen Hocker, nimmt die Unbekannte, die an der Schwelle kniet, bei der Hand, und nötigt sie, aufzustehen.

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Maria kennt die Frau nicht... Ich aber kenne sie. Es ist die Verschleierte vom "Trügerischen Gewässer". Sie steht auf, verzagt, zitternd und vom Weinen geschüttelt, und weigert sich immer noch, einzutreten; sie sagt: «Ich bin Heidin, Domina, und für euch Hebräer Schmutz, selbst wenn ich heilig wäre. Ich bin doppelt unrein, denn ich bin auch eine Dirne.»

«Wenn du zu mir kommst und wenn du durch mich meinen Sohn suchst, dann kannst du nichts anderes mehr sein als ein Herz, das bereut. Dieses Haus nimmt auf, was den Namen des Schmerzes trägt.» Maria zieht sie hinein, schließt die Türe und stellt die Lampe wieder auf den Tisch. Dann bietet sie ihr einen Sitz an und sagt: «Nun sprich.»

Doch die Verschleierte will sich nicht setzen, leicht gebeugt steht sie da und weint weiter. Und Maria steht vor ihr, liebreich und würdevoll. Sie wartet und betet, daß das Weinen sich beruhige. Ich sehe sie inbrünstig beten, obwohl sie keine besondere Haltung einnimmt, denn in ihren Händen hält sie immer noch die kleine Hand der Verschleierten und ihre Lippen bleiben verschlossen.

Endlich versiegen die Tränen. Die Verschleierte trocknet die Wangen mit ihrem Schleier und sagt dann: «Und doch bin ich nicht von so weither gekommen, um unerkannt zu bleiben. Die Stunde meiner Erlösung ist da, und ich muß mein Inneres offenbaren, um dir zu zeigen, mit wie vielen Wunden mein Herz bedeckt ist. Du bist eine Mutter... seine Mutter... Du wirst also Erbarmen mit mir haben.»

«Ja, Tochter.»

«O ja! Sag Tochter zu mir! ... Ich hatte eine Mutter... und ich habe sie verlassen... Man sagte mir dann, daß sie aus Gram gestorben sei... Ich hatte einen Vater... er hat mich verflucht... und den Leuten in der Stadt gesagt: "Ich habe keine Tochter mehr."» Das Weinen wird wieder heftiger. Maria wird blaß vor Mitleid. Sie legt ihre Hand auf den Kopf der Verschleierten, um sie zu trösten.

Die Verschleierte fährt fort: «Ich werde niemanden mehr haben, der mich "Tochter" nennt... Ja, so... liebkose mich so, wie meine Mutter es tat... als ich noch rein und gut war. Laß mich deine Hand küssen und trockne mit ihr meine Tränen. Meine Tränen allein können mich nicht reinwaschen. Wieviel habe ich geweint, seitdem ich verstanden habe!... Auch vorher hatte ich schon geweint, denn es ist schrecklich, nur ein ausgenütztes Fleisch zu sein und vom Mann zugrundegerichtet und erniedrigt zu werden. Aber es waren die Tränen eines mißhandelten Tieres, das haßt und sich auflehnt gegen die, die es quälen und immer mehr beschmutzen; denn ich wechselte meinen Herrn, änderte aber immer noch nicht mein tierisches Dasein... Seit acht Monaten weine ich... weil ich verstanden habe... Ich habe mein Elend, meine Verderbtheit eingesehen. Sie umgibt und durchdringt mich, und mich ekelt davor... Aber meine immer bewußter werdenden Tränen waschen mich noch nicht rein. Oh, Mutter,

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trockne du mir meine Tränen, und ich werde gereinigt und würdig sein, mich meinem Retter zu nähern!»

«Ja, Tochter, ja! Setze dich hierher zu mir, beruhige dich und sprich im Frieden. Laß all deine Last hier auf meinem Mutterschoß», und Maria setzt sich nieder.

Aber die Verschleierte sinkt Maria zu Füßen und möchte so sprechen. Sie beginnt leise: «Ich stamme aus Syrakus... Ich bin 26 Jahre alt... Ich war die Tochter eines Verwalters – so würdet ihr sagen, bei uns heißt es Prokurator – eines vornehmen römischen Herrn. Ich war seine einzige Tochter. Ich lebte glücklich. Wir wohnten am Meere in der schönen Villa, die mein Vater verwaltete. Ab und zu kam der Besitzer des Hauses oder seine Frau mit den Kindern... Sie behandelten uns gut und waren auch zu mir gut. Die Mädchen spielten mit mir... Meine Mutter war glücklich... sie war stolz auf mich. Ich war schön und intelligent... und alles gelang mir mit Leichtigkeit... Doch ich liebte mehr eitle Dinge als gute. In Syrakus gibt es ein großes Theater. Ein großes Theater... schön und geräumig. Dort finden Spiele und Theateraufführungen statt. Bei den Aufführungen der Komödien und Tragödien braucht man oft Mimen. Diese unterstreichen mit ihren stummen Tänzen, was der Chor zum Ausdruck bringen will. Du weißt es nicht... aber auch mit den Händen, mit den Bewegungen des Körpers können wir die von irgendeiner Leidenschaft erregten menschlichen Gefühle ausdrücken... Jünglinge und Mädchen werden dazu eigens in einer Schule für Mimen ausgebildet. Sie müssen schön wie Götter und behende wie Schmetterlinge sein... Ich liebte es, auf eine Anhöhe über diesem Ort zu steigen und den Tänzen der Mimen zuzusehen. Dann wiederholte ich sie auf den blumigen Wiesen, auf dem hellen Sande, im Garten der Villa. Ich glich der Skulptur eines Künstlers oder dem wehenden Wind, so gut verstand ich es, in der Pose einer Statue zu verharren oder dahinzuschweben, ohne den Boden zu berühren. Meine reichen Freundinnen bewunderten mich... und meine Mutter war stolz auf mich...»

Die Verschleierte erzählt, erinnert sich, sieht sich wieder, träumt von der Vergangenheit und weint. Ihre Seufzer sind wie Gedankenstriche, die ihr Schluchzen unterbrechen.

«Eines Tages... es war im Mai und ganz Syrakus stand in Blüte... die Feste waren zu Ende, und ich war immer noch begeistert von einem Tanz, der im Theater aufgeführt worden war... Die Herrschaft hatte mich mit ihren Kindern dorthin mitgenommen. Ich war 14 Jahre alt... In diesem Tanze waren die Mimen mit Rosen bekränzt und mit Rosen bekleidet... denn sie stellten die Frühlingsnymphen dar, die herbeigeeilt waren, um Ceres anzubeten. Sie waren wirklich nur mit Rosen bekleidet, denn das Gewand bestand aus einem Schleier, hauchfein wie ein Netz aus Spinnfäden, auf den die Rosen geheftet waren... Sie sahen aus wie geflügelte

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Heben, (Göttin der Jugend in der griechischen Mythologie), so leicht schwebten sie im Tanz dahin, und durch die losen, blumengeschmückten und flügelgleichen Schleierbänder sah man ihre wundervollen Körper... Ich lernte den Tanz ... und eines Tages... eines Tages...» Die Verschleierte weint noch stärker ... Dann beruhigt sie sich wieder.

«Ich war schön. Ich bin es noch. Schau!» Sie steht auf, wirft rasch den Schleier zurück und läßt den Mantel fallen. Ich selbst bin völlig verblüfft, denn ich sehe aus den Kleidern Aglaia (die ehemalige Geliebte des Herodianers von Hebron) hervortreten, wunderschön selbst in dem schlichten Gewand, mit den einfachen Zöpfen, ohne Schmuck und ohne prunkvolle Stoffe... Ein blühendes Geschöpf, schlank und von ebenmäßiger Gestalt, mit einem schönen Antlitz von mattbräunlicher Hautfarbe und samtenen Augen voller Feuer.

Aglaia kniet wieder vor Maria nieder. «Ich war schön, zu meinem Unglück, und ich war närrisch... An jenem Tage hüllte ich mich in Schleier. Die Mädchen unserer Herrschaft halfen mir dabei, denn sie liebten es, mich tanzen zu sehen... Am Strande, auf einem Streifen hellen Sandes am blauen Meere, verkleidete ich mich so. An diesem einsamen Ort wuchsen weiße und gelbe wilde Blumen mit dem ausgeprägten Duft von Mandeln und Vanille, und dieser Geruch erinnerte fast an einen nicht sehr reinlichen Menschen. Auch aus den Orangen- und Zitronengärten und von den Rosen in Syrakus kamen Wellen kräftiger Düfte, und sogar das Meer und der Sand dufteten... Alles brachte die Sonne zum Duften... und es kam etwas wie Schrecken über mich. Ich hatte das Gefühl, selbst eine Elfe zu sein und betete an... Was? Die fruchtbare Erde? Die befruchtende Sonne? ... Ich weiß es nicht. Als Heidin unter Heiden glaubte ich, die Sinnenlust anzubeten, meinen despotischen König, den ich nicht kannte, der aber in mir mächtiger war als ein Gott... Ich bekränzte mich mit Rosen aus dem Garten... und tanzte... Ich war trunken von Licht, von Düften und von der Freude, jung, gewandt und schön zu sein. Ich tanzte... und wurde beobachtet; ich fühlte, daß ich beobachtet wurde, schämte mich aber nicht, nackt vor den begierigen Augen eines Mannes zu erscheinen. Im Gegenteil, ich fand Gefallen daran, immer weitere Sprünge zu tun... Die Genugtuung, bewundert zu werden, verlieh mir Flügel... und es wurde mir zum Verderben. Drei Tage später war ich allein, denn die Herrschaft war abgereist, um in ihr Patrizierhaus in Rom zurückzukehren. Doch ich blieb nicht zu Hause... denn jene beiden bewundernden Augen hatten mir noch etwas enthüllt, das über den Tanz hinausging... Sie hatten in mir die Sinne und die Lust geweckt.»

Maria macht eine unwillkürliche Gebärde des Abscheus, und Aglaia bemerkt es. «Oh, du bist so rein! Vielleicht stoße ich dich ab...»

«Sprich, sprich, Tochter! Es ist besser, du sagst es zu Maria, als zu Jesus. Maria ist das Meer, das reinwäscht...»

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«Ja, besser zu dir. Ich sagte mir dies ebenfalls, als ich erfuhr, daß er eine Mutter hat... Denn zuvor hatte ich ihn so ganz verschieden von jedem anderen Mann gesehen, ganz Geist – nun weiß ich, daß es den Geist gibt und was er ist – und hätte nicht sagen können, wie dein Sohn beschaffen ist, ohne Sinnlichkeit und dennoch Mensch. In meinem Innern dachte ich, er hätte keine Mutter und wäre so auf die Welt herabgekommen, um die Menschen aus ihrem schrecklichen Elend zu befreien, das ich mehr als alle anderen verkörpere.

Jeden Tag kehrte ich an jenen Ort zurück in der Hoffnung, den schönen, dunklen jungen Mann wiederzusehen... und nach einiger Zeit traf ich ihn... Er sprach mit mir und sagte: "Komm mit mir nach Rom. Ich werde dich an den kaiserlichen Hof führen, und du wirst die Perle Roms sein." Ich antwortete: "Ja, ich werde deine treue Gattin sein. Komm mit zu meinem Vater." Er lachte höhnisch, küßte mich und sagte: "Nicht meine Gattin, meine Göttin wirst du sein, und ich dein Priester, der dir die Geheimnisse des Lebens und der Lust enthüllen wird!" Ich war töricht, ich war noch ein Mädchen. Doch obgleich ich noch Kind war, wußte ich doch schon, was das Leben ist... Ich war nicht dumm. Ich war toll, aber noch unberührt, und sein Vorschlag ekelte mich an. Ich entfloh seinen Armen und rannte nach Hause... Doch ich erzählte es der Mutter nicht... und konnte dem Wunsch, ihn wiederzusehen, nicht widerstehen... Seine Küsse hatten mich betört... So ging ich wieder hin... Ich war noch nicht an dem einsamen Strand angekommen, als er mich schon umarmte und hemmungslos küßte und mich mit Liebesworten und Fragen überschüttete. "Ist in dieser Liebe nicht schon alles enthalten? Ist sie nicht süßer als eine feste Bindung? Was willst du mehr? Kannst du ohne dies leben?"

Oh, Mutter! ... Am gleichen Abend floh ich mit diesem schmutzigen Patrizier... und wurde in meiner Willenlosigkeit und Fleischlichkeit zertreten... Nicht Göttin, sondern Schlamm! Nicht Perle, sondern Unrat! Nicht das Leben enthüllte sich mir, sondern der Schmutz des Lebens, die Schmach, der Ekel, der Schmerz, die Scham, das unendliche Elend, nicht einmal mehr ich selbst zu sein... und schließlich... der totale Niedergang! Nach sechs Monaten der Orgien war er meiner überdrüssig, wechselte zu neuen Liebschaften über, und ich gehörte der Straße. Ich nützte meine Begabung als Tänzerin aus... Ich erfuhr, daß meine Mutter inzwischen vor Gram gestorben war und daß ich kein Heim und keinen Vater mehr hatte. Ein Tanzlehrer nahm mich in seine Tanzschule auf... Er brachte mir vieles bei... nutzte mich aus und warf mich, eine in allen Künsten der Sinnenlust erfahrene Blume, mitten in das verdorbene Patriziat von Rom. Die schon beschmutzte Blume fiel in eine Kloake. Zehn Jahre weiteren Abgleitens in den Abgrund. Immer tiefer hinunter. Dann wurde ich hierhergebracht, um den Müßiggang des Herodes zu erheitern, und hier bekam ich einen neuen Herrn... Oh, kein Kettenhund ist mehr Gefangener

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als wir es sind. Und kein Besitzer eines Zwingers behandelt seinen heulenden Hund grausamer als der Mann, der eine Frau besitzt! Mutter, du zitterst! Ich mache dich schaudern!»

Maria hat ihre Hand zum Herzen geführt, als ob es verwundet worden wäre. Doch dann gibt sie zur Antwort: «Nein, nicht du, es ist die Schlechtigkeit, die so sehr die Welt regiert, die mich schaudern macht. Fahre fort, armes Menschenkind»

«Er brachte mich nach Hebron... War ich frei? War ich reich? Ja, denn ich war nicht in einem Gefängnis, und die Schmuckstücke erdrückten mich fast... Nein, denn ich durfte nur die Menschen sehen, die er mir zu sehen erlaubte, und besaß kein Recht mehr über mich selbst...

Eines Tages kam ein Mann nach Hebron. Dein Sohn! Das Haus dort war ihm teuer. Ich erfuhr es und lud ihn ein, hereinzukommen. Schammai war nicht da... und vom Fenster aus hatte ich schon Worte gehört lind ein Antlitz gesehen, die mein Herz bewegt hatten. Aber ich schwöre dir, Mutter, es war nicht sinnliche Begierde, die mich zu deinem Jesus trieb. Es war jenes Etwas, das er mir offenbarte, was mich trotz der beleidigenden Rufe des Volkes auf die Schwelle trieb, um ihm zu sagen: "Komm herein." Ich erfuhr damals, daß ich eine Seele besitze. Er sagte zu mir: "Mein Name bedeutet Retter. Ich rette den, der guten Willen hat, gerettet zu werden. Ich rette, indem ich lehre, rein zu sein, den Schmerz anzunehmen, aber in Ehren zu leben, und das Gute um jeden Preis zu wollen. Ich bin es, der die Verlorenen sucht, der das Leben gibt. Ich bin die Reinheit und die Wahrheit." Er sagte mir, daß auch ich eine Seele besitzen würde, sie aber durch meinen Lebenswandel getötet hätte. Doch er verfluchte mich nicht, er verhöhnte mich nicht und sah mich nie an! Der erste Mann, der mich nicht mit gierigen Blicken verschlang, denn auf mir lastet der schreckliche Fluch, alle Männer anzuziehen... Er sagte mir nur, daß man ihn findet, wenn man ihn sucht, weil er dort ist, wo man des Arztes und der Arznei bedarf. Dann ging er weg. Doch seine Worte sind mir geblieben, und ich habe sie nicht mehr vergessen. Ich sagte mir: "Sein Name bedeutet Retter", um mit meiner Besserung zu beginnen. Es verblieben mir seine Worte und seine Freunde, die Hirten, und ich tat den ersten Schritt, indem ich ihnen ein Almosen gab und sie bat, für mich zu beten... und dann... dann floh ich.

Oh, welch heilbringende Flucht war dies! Ich entfloh der Sünde auf der Suche nach dem Retter. Ich irrte suchend umher. Ich war sicher, ihn zu finden, denn er hatte es mir versprochen. Man schickte mich zu einem Manne namens Johannes, er sei wie er. Doch er war es nicht...

Ein Hebräer riet mir, zum "Trügerischen Gewässer" zu gehen. Leben konnt ich vom Verkauf meiner zahlreichen Schmuckstücke. Während der Monate, in denen ich umherzog, mußte ich mein Gesicht verhüllen, um nicht zurückgeholt zu werden; und Aglaia war wahrhaft unter dem

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Schleier begraben. Die frühere Aglaia war tot. Unter dem Schleier war nur noch die verwundete, ausgeblutete Seele, die ihren Arzt suchte. Oft mußte ich vor der Sinnlichkeit der Männer fliehen, die mich verfolgte, obgleich das Gewand meine Schönheit verhüllte. Sogar einer der Freunde deines Sohnes...

Beim "Trügerischen Gewässer" lebte ich wie ein Tier, arm, aber glücklich. Doch der Tau und der Fluß reinigten mich weniger als seine Worte. Oh, kein Wort ist mir entgangen. Einmal verzieh er einem Mörder. Ich hörte es und wollte fast sagen: "Verzeih auch mir!" Ein andermal sprach er über die verlorene Unschuld... Oh, wie viele Tränen der Reue! Danach heilte er einen Aussätzigen... ich war dabei, zu rufen: "Reinige mich von meinen Sünden..." Schließlich heilte er einen Geisteskranken, einen Römer... und ich weinte... und er ließ mir sagen, daß die Heimat vergeht, der Himmel aber ewig besteht. An einem Gewitterabend nahm er mich in sein Haus auf... und dann brachte er mich zu einem Verwalter, der mich beherbergen sollte. Durch ein Kind ließ er mir sagen: "Weine nicht"... Oh, seine Güte! Oh, mein Elend! Beide sind so groß... daß ich nicht wagte, mein Elend vor seine Füße zu legen... obgleich einer der Seinen mich in der Nacht über die unendliche Barmherzigkeit deines Sohnes belehrte. Es gab Menschen, die ihm nachstellten, denn sie sahen in seinem Verlangen, Seelen wieder zum Leben zu erwecken, eine Sünde, und so ist mein Retter weggegangen... und ich habe auf ihn gewartet... doch auch seine Verfolger waren da und warteten auf ihn, und sie sind noch weniger würdig ihn anzusehen als ich. Denn ich habe als Heidin gegen mich selbst gesündigt, während sie, obwohl sie Gott kennen, gegen den Sohn Gottes sündigen... Sie haben mich gesteinigt... und mehr noch als die Steine haben mich ihre Anklagen verletzt, und mehr als den Leib haben sie meine arme Seele getroffen, da sie mich zur Verzweiflung trieben.

Welch schrecklicher Kampf mit mir selber. Zerfetzt, blutend, verwundet, fiebernd, ohne noch meinen göttlichen Arzt gefunden zu haben, ohne Dach und ohne Brot, schaute ich rückwärts und vorwärts... Die Vergangenheit sagte zu mir: "Komm zurück!" Die Gegenwart sagte: "Töte dich!" Die Zukunft sagte: "Hoffe!" Und ich habe gehofft... Ich habe mich nicht umgebracht. Ich würde es tun, wenn er mich wegschickt, denn ich will nicht mehr sein, was ich war! ... Ich habe mich zu einem Dorfe geschleppt und dort um Obdach gebeten...

Aber man hat mich erkannt. Wie ein Tier habe ich fliehen müssen, dahin und dorthin, immer verfolgt, immer verachtet, immer verflucht, weil ich anständig sein wollte und jene enttäuscht habe, die in mir das Mittel sahen, deinen Sohn zu treffen. Dem Fluß folgend bin ich bis nach Galiläa und bis hierher gekommen. Du warst nicht da... Also bin ich nach Kapharnaum gegangen. Von dort warst du eben abgereist. Doch ein Greis sah mich, einer seiner Feinde, und er wollte mich als Zeugin für seine

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Anklage gegen deinen Sohn. Da ich weinte, ohne mich zu wehren, sagte er mir: "Alles könnte sich für dich ändern, wenn du meine Geliebte werden wolltest und meine Komplizin in der Anklage gegen den Rabbi von Nazareth. Es genügt, daß du vor meinen Freunden sagst, daß er dein Geliebter war..." Ich bin geflohen wie jemand, der in einen Blumenbusch greift und ein Knäuel Schlangen findet.

Ich habe verstanden, daß ich nicht mehr zu seinen Füßen eilen kann, deshalb komme ich zu dir. Hier bin ich: Zertritt mich, denn ich bin Schmutz. Hier bin ich: Jage mich fort, denn ich bin die Sünderin. Hier bin ich: Nenne mich Dirne. Alles will ich von dir annehmen. Aber habe Erbarmen, du, Mutter! Nimm meine arme besudelte Seele und bringe sie ihm. Ich weiß, es ist ein Vergehen, meine Unzucht in deine reinen Hände zu legen. Doch nur dort wird sie vor der Welt, die sie begehrt, geschützt sein und wird zur Büßerin werden. Sage mir nur, wie ich es machen muß. Sage mir nur, was ich tun soll. Sage mir, welches Mittel ich anwenden muß, um nicht mehr Aglaia zu sein. Was muß ich in mir zerstören? Was muß ich aus mir herausreißen, um nicht mehr die Sünderin, die Verführerin zu sein, um mich nicht mehr vor mir selbst und vor dem Mann fürchten zu müssen? Soll ich mir die Augen ausreißen? Soll ich mir die Lippen verbrennen? Soll ich mir die Zunge herausschneiden? Augen, Lippen, Zunge, sie haben mir zum Bösen gedient. Ich will das Böse nicht mehr und bin bereit, mich und sie zu strafen, indem ich sie opfere. Oder willst du, daß ich mir diese verführerischen Lenden verstümmle, die mich zur frevelhaften Liebe getrieben haben? Diese unersättlichen Leidenschaften, deren Wiedererwachen ich stets befürchte? Sage mir, o sage mir, wie man sich verhalten muß, um sich und die anderen vergessen zu lassen, daß man ein Weib ist?»

Maria ist erschüttert. Sie weint, sie leidet; doch ihr Schmerz zeigt sich nur in den Tränen, die auf die Reuige herabfallen.

«Ich will sterben als Mensch, dem vergeben worden ist. Ich will sterben mit keiner anderen Erinnerung als mit der Erinnerung an den Retter. Ich will in seiner Weisheit im Frieden mit mir selbst sterben... ich darf mich ihm nicht mehr nähern, weil die Welt ihn und mich beobachtet, um uns anzuklagen...» Aglaia hat sich verzweifelt zu Boden geworfen und weint.

Maria erhebt sich und flüstert: «Wie schwer ist es, Erlöser zu sein!»und sie ringt nach Luft.

Aglaia, die das Flüstern hört und ahnt, was in ihr vorgeht, jammert: «Siehst du, daß auch du Abscheu empfindest? Nun will ich gehen. Für mich ist alles zu Ende!»

«Nein Tochter, es ist nicht zu Ende. Es beginnt erst. Höre zu, armes Menschenkind! Ich seufze nicht über dich, sondern über die grausame Welt! Ich lasse dich nicht gehen, ich nehme dich auf, arme Schwalbe, die das Unwetter gegen meine Hauswand geworfen hat. Ich werde dich zu Jesus führen, und er wird dir den Weg deiner Erlösung zeigen...»

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«Ich kann nicht mehr hoffen... Die Welt hat recht, mir kann nicht verziehen werden!»

«Die Welt verzeiht nicht, aber Gott verzeiht! Laß mich im Namen der höchsten Liebe zu dir sprechen, die mir einen Sohn geschenkt hat, damit ich ihn der Welt schenke. Sie hat mich aus der seligen Unerfahrenheit meiner gelobten Jungfräulichkeit herausgeholt, auf daß der Welt Verzeihung gewährt werde. Sie hat mich bei der Geburt kein Blut vergießen lassen, doch meinem Herzen hat sie eine blutende Wunde zugefügt, da sie mir enthüllt hat, daß mein Kind das erhabene Schlachtopfer sei. Schau mich an, Tochter! In diesem Herzen ist eine tiefe Wunde. Es leidet seit mehr als dreißig Jahren und immer größer wird diese Wunde, die mich verzehrt. Kennst du ihren Namen?»

«Schmerz.»

«Nein, Liebe! Es ist die Liebe, die mein Herz bluten läßt und bewirkt, daß der Sohn nicht allein sei bei der Rettung der Seelen. Es ist die Liebe, die mich entzündet, damit ich in ihren Flammen alle reinige, die nicht wagen, zu meinem Sohn zu kommen. Die Liebe ist es, die mich weinen läßt, auf daß ich mit meinen Tränen die Sünder reinwasche. Du verlangtest nach meiner Zärtlichkeit und ich gebe dir meine Tränen, die deine Seele schon so weiß werden lassen, daß du meinen Herrn anblicken darfst. Weine nicht so! Du bist nicht die einzige Sünderin, die zum Herrn kommt und nach dir erlöst von dannen geht. Andere waren vor dir da, und andere werden nach dir kommen.

Zweifelst du, daß er dir verzeihen kann? Aber siehst du denn nicht in allem, was sich zugetragen hat, den geheimnisvollen Willen der Güte Gottes ? Wer hat dich nach Judäa geführt? Wer in das Haus des Johannes? Wer hat dich an jenem Morgen an das Fenster gehen lassen? Wer hat ein Licht entzündet, um dir seine Worte zu erhellen? Wer hat dich befähigt zu verstehen, daß Mildtätigkeit, vereint mit dem Gebet des Beschenkten, göttliche Hilfe erwirkt? Wer gab dir die Kraft, aus dem Haus des Schammai zu fliehen und in den ersten Tagen bis zur Ankunft meines Sohnes auszuharren ? Wer führte dich auf seinen Weg? Wer gab dir die Kraft, als Büßerin zu leben, um deine Seele immer mehr zu reinigen? Wer machte aus deiner Seele die Seele einer Märtyrerin, einer Gläubigen, einer Standhaften, einer Reinen?

Ja, schüttle nicht den Kopf! Glaubst du, daß nur rein ist, wer die sinnliche Begierde nicht gekannt? Glaubst du, daß die Seele nicht wieder jungfräulich und schön werden kann? Oh, Tochter! Vergleicht man meine Reinheit, die ganz Gnade des Herrn ist, mit deinem heldenhaften Aufstieg, der zum Gipfel deiner verlorenen Reinheit zurückführt, so ist, glaube mir, die deine großartiger. Du baust sie wieder auf: gegen die Sinnlichkeit, das Bedürfnis und die Gewohnheit. Für mich ist die Reinheit eine natürliche Gabe wie der Atem. Du mußt deine Gedanken, deine Gefühle und dein

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Fleisch besiegen, um nicht daran zu denken, nicht danach zu verlangen und nicht nachzugeben. Ich... Oh, kann ein kleines, wenig Stunden altes Geschöpf fleischliche Begierden haben? Ist es ein Verdienst, wenn es nicht sündigt? So ist es bei mir. Ich kenne diese tragischen Begierden nicht, denen die Menschheit zum Opfer gefallen ist. Ich kenne nur das heiligste Verlangen nach Gott. Du aber hast es nicht gekannt und hast es aus dir selbst begriffen! Das andere Verlangen, jenes unheilvolle, schreckliche, hast du aus Liebe zu Gott bezwungen, der nun deine einzige Liebe ist. Lächle, Tochter, denn groß ist die göttliche Barmherzigkeit. Mein Sohn wirkt in dir, was er dir in Hebron versprochen hat. Er hat es schon getan. Du bist bereits gerettet, denn du hattest den festen Willen, gerettet zu werden; du hast die Reinheit, den Schmerz und das Gute in dich aufgenommen. Deine Seele ist wiedergeboren worden. Nun brauchst du das Wort Jesu, der dir im Namen Gottes bezeugt: "Deine Sünden sind dir vergeben." Ich kann dies nicht sagen. Aber ich gebe dir meinen Kuß als Verheißung, als Anfang der Vergebung...

O ewiger Geist, etwas von dir ist stets in deiner Maria! Lasse sie dich, heiligmachender Geist, über das Geschöpf, das da weint und hofft, ausgießen. Durch unseren Sohn, o Gott der Liebe, rette sie, die von Gott ihre Rettung erwartet.

Die Gnade, die mir Gott, wie der Engel sagte, in Fülle gewährt hat, möge auf wunderbare Weise über sie kommen, und stärke sie, bis Jesus, der gebenedeite Retter und Hohepriester, sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes von ihren Sünden lossprechen wird...

Es ist Nacht, Tochter. Du bist müde und erschöpft. Komm, ruhe dich aus. Morgen kannst du aufbrechen... Ich werde dich zu einer ehrbaren Familie schicken, denn zu viele kommen nun schon hierher. Ich werde dir ein Kleid wie meines geben und wirst darin aussehen wie eine Hebräerin. Da ich meinen Sohn erst in Judäa wiedersehen werde, da das Osterfest nahe ist und wir beim Neumond des April in Bethanien sein werden, will ich dort mit ihm sprechen. Komme dann in das Haus des Simon des Zeloten. Dort wirst du mich finden, und ich werde dich zu ihm führen.»

Aglaia weint erneut, doch diesmal aus Freude. Sie hat sich auf den Boden gesetzt, und auch Maria hat sich wieder gesetzt. Aglaia legt den Kopf in ihren Schoß und küßt ihre Hände. Dann seufzt sie: «Sie werden mich wiedererkennen...»

«O nein! Hab keine Angst! Dein Gewand war zu bekannt. Doch ich werde dich für diese Reise, die dich zur Verzeihung führt, herrichten, und du wirst wie eine Jungfrau sein, die zur Hochzeit geht: du wirst für die in den Riten unerfahrenen Menschen anders und unbekannt sein. Komm! Ich habe eine kleine Kammer neben der meinen. In ihr haben sich schon Heilige und Pilger, die den Weg zu Gott gehen wollten, ausgeruht. Sie soll auch dich beherbergen.»

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Aglaia schickt sich an, den Mantel und den Schleier vom Boden aufzuheben.

«Laß es liegen. Es ist das Gewand der armen, irregegangenen Aglaia. Sie ist nicht mehr... und es darf von ihr nicht einmal das Gewand übrigbleiben. Sie hat zuviel Haß erfahren... und auch der Haß macht krank, wie die Sünde.»

Sie gehen in den dunklen Garten und betreten die kleine Kammer Josephs. Maria entzündet die Lampe, die auf einer Konsole steht, liebkost noch einmal die Reuige und schließt dann die Türe. Nun nimmt sie ihre Lampe mit den drei Flämmchen und geht auf die Suche nach einem geeigneten Platz für den zerrissenen Mantel der Aglaia, damit er am Morgen nicht von den Besuchern gesehen werde.

208. DIE BERGPREDIGT; «IHR SEID DAS SALZ DER ERDE»

Jesus geht allein und eiligen Schrittes auf einer Hauptstraße dahin. Er ist auf dem Weg zu einem Berg, der sich nahe der Hauptstraße, die vom See nach Westen führt, erhebt. Erst steigt er langsam an bis zu einem Plateau, von dem aus man den ganzen See mit der Stadt Tiberias im Süden und einigen weniger prächtigen Ortschaften im Norden sehen kann. Dann geht er steil nach oben bis zu einem ersten Gipfel und fällt danach wieder ab, so daß sich eine Art Sattel ergibt, hinter dem sich ein zweiter, ähnlicher Gipfel erhebt.

Jesus steigt auf einem gut gehaltenen Eselspfad zur Hochebene hinauf und gelangt zu einem Dörflein, dessen Bewohner Landarbeiter sind und diese Hochebene bestellen, auf der das Korn schon Ähren bildet. Jesus geht durch das Dorf und dann weiter durch die von Blumen und Kräutern übersäten Felder und Wiesen.

Der Tag ist heiter und die umliegende Natur zeigt sich in ihrer ganzen Schönheit. Hinter dem einsamem Berg, zu dem Jesus sich begibt, erhebt sich im Norden der große Hermon, dessen Gipfel einer riesigen Perle gleich auf einem Smaragdsockel ruht, so weiß ist der mit Schnee bedeckte Gipfel und so grün seine bewaldeten Hänge. Jenseits des Sees, zwischen diesem und dem Hermon, erstreckt sich die grüne Ebene des Sees von Meron, den man jedoch von hier aus nicht sehen kann, und mehrere nordwestlich gegen den See von Tiberias verlaufende Hügel. Weit dahinter noch andere Hügel, die durch die Entfernung sanfter erscheinen, und andere Ebenen. Im Süden, auf der anderen Seite der Hauptstraße, verdecken die Hügel Nazareth. Je höher man hinaufsteigt, um so weiter wird der Ausblick. Ich kann nur nicht sehen, was im Westen ist, da mir der Berg die Sicht in diese Richtung nimmt.

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Jesus begegnet zuerst dem Apostel Philippus, der anscheinend als Wachtposten amtiert. «Oh, Meister, hier bist du? Wir haben dich auf der Straße erwartet. Und ich warte hier auf meine Gefährten, die gerade Milch holen gegangen sind bei den Hirten, die ihre Schafe auf dieser Hochebene weiden. Unten, auf der Straße, kommen Simon und Judas des Simon, und mit ihnen sind Isaak und... Oh, da kommen sie! Kommt! Kommt! Der Meister ist hier!»

Die Apostel, die Flaschen und Behälter tragen, beginnen zu laufen, die Jüngeren kommen natürlich zuerst an. Ihre Freude, den Meister zu sehen, ist rührend. Endlich sind sie vereint, und während Jesus ihnen zulächelt, wollen alle gleichzeitig reden und erzählen...

«Aber wir haben dich auf der Straße erwartet!»

«Wir hätten nicht gedacht, daß du schon heute kommst!»

«Es sind viele Menschen da, weißt du?»

«Oh, wir waren in großer Verlegenheit, denn unter ihnen sind auch Schriftgelehrte und sogar Schüler des Gamaliel...»

«Ach ja, Herr! Du hast uns gerade im richtigen Augenblick allein gelassen. Ich habe noch nie solche Angst wie damals ausgestanden. Tu mir so etwas, bitte, nie mehr an!»

Petrus beschwert sich, Jesus lächelt und fragt: «Aber ist es euch denn so schlecht ergangen?»

«O nein, im Gegenteil! Oh, mein Meister! Weißt du nicht, daß Johannes gesprochen hat ? ... Es war, als sprächest du aus ihm. Ich... wir alle waren verblüfft... Dieser Jüngling, der noch vor einem Jahre zu nichts anderem taugte als zum Netze auswerfen... Oh!» Petrus ist immer noch voller Bewunderung und schüttelt den lächelnden Johannes, der schweigt... «Scheint es euch möglich, daß dieser Junge mit diesem lachenden Munde solche Worte sagen konnte? Er glich wahrhaftig Salomon.»

«Auch Simon hat gut gesprochen, mein Herr. Er war wirklich das Oberhaupt», sagt Johannes.

«Allerdings. Man hat mich einfach gepackt und hingestellt! Ach was... sie sagen, daß ich gut gesprochen habe. Kann sein. Ich weiß es nicht, denn in meinem Staunen über die Worte des Johannes und in meiner Angst, vor so vielen reden zu müssen und dich womöglich zu blamieren, war ich ganz verwirrt...»

«Mich?» neckt Jesus. «Schließlich hast ja du gesprochen und hättest dich selber blamiert, Simon.»

«Oh, meinetwegen... Ich machte mir keine Sorge um mich selbst. Ich wollte nur nicht, daß sie dich als töricht verspotten, weil du einen Dummkopf als Apostel genommen hast.»

Jesus strahlt vor Freude über die Demut und Liebe des Petrus. Aber er fragt nur: «Und die anderen?»

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«Auch der Zelote hat gut gesprochen. Aber bei ihm ist es verständlich... Johannes hingegen war eine echte Überraschung! Nun ja, seit wir uns im Gebet zurückgezogen hatten, scheint dieser Junge mit seiner Seele immer wie im Himmel zu sein.»

«Das ist wahr! Das ist wahr!» Alle bestätigen die Worte des Petrus. Dann fahren sie fort zu erzählen.

«Weißt du, unter den Zuhörern sind nun, wie Judas des Simon sagt, zwei sehr bedeutende Personen. Judas bemüht sich sehr um sie. Nun ja, er kennt viele von ihnen... von der Oberschicht, und weiß mit ihnen umzugehen, und er redet gerne. Er redet gut, doch das Volk hört lieber Simon, deine Brüder und besonders Johannes. Gestern hat ein Mann mir gesagt. "Dieser Jüngling spricht gut" – er meinte damit Judas – "doch ich ziehe dich ihm vor." Oh, armer Kerl, mich vorziehen, der ich kaum vier Worte hintereinander sagen kann... Aber warum bist du hierher gekommen? Unser Treffpunkt war doch die Straße, und wir sind dort gewesen.»

«Weil ich wußte, daß ich euch hier finden würde. Nun hört. Geht hinunter und sagt den anderen, sie sollen kommen. Aber das Volk soll heute noch nicht kommen. Ich möchte zu euch allein sprechen.»

«Dann ist es besser, bis zum Abend zu warten. Bei Einbruch der Dämmerung zerstreuen sich die Leute in den umliegenden Weilern und kommen erst am anderen Morgen wieder, um auf dich zu warten. Wenn sie jetzt erfahren, daß du hier bist, wer wird sie dann zurückhalten können?»

«Gut. Macht es so. Ich werde dort auf dem Gipfel auf euch warten. Die Nächte sind nun mild, wir können auch im Freien schlafen.»

«Wie du willst, Meister, wenn du nur bei uns bist!»

Die Jünger entfernen sich, und Jesus geht auf dem Pfad weiter bis zum Gipfel. Es ist der gleiche, den ich schon im vorigen Jahr gegen Ende der Bergpredigt und bei der ersten Begegnung mit Magdalena gesehen habe. Der Rundblick wird noch weiter, und der Horizont leuchtet wie Feuer beim nun beginnenden Sonnenuntergang. Jesus setzt sich auf einen Felsblock und sammelt sich in Betrachtung. Er verweilt in dieser Haltung, bis Schritte auf dem Weg ankündigen, daß die Apostel angekommen sind. Der Abend bricht herein, doch auf der Anhöhe hat sich die Sonne noch nicht zurückgezogen und entlockt jedem Gras und jeder Blume Düfte. Die wilden Maiglöckchen duften besonders stark, und die hohen Stengel der Narzissen schütteln ihre Sterne und ihre Knospen, als wollten sie damit den Tau herbeilocken.

Jesus steht auf und grüßt mit seinem: «Der Friede sei mit euch!» Viele Jünger kommen mit den Aposteln den Berg herauf. Isaak, mit seinem Lächeln und dem feinen Gesicht eines Asketen, führt sie an. Sie scharen sich alle um Jesus, der im besonderen Judas Iskariot und Simon den Zeloten begrüßt.

«Ich habe euch alle zu mir gebeten, um einige Stunden mit euch allein

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sein zu können. Ich muß euch einiges sagen, um euch immer besser auf eure Mission vorzubereiten. Laßt uns zuvor etwas essen, dann wollen wir reden, und noch im Schlaf wird eure Seele fortfahren, sich an dieser Lehre zu erlaben.»

Sie verzehren das karge Nachtmahl. Dann bilden die Apostel und die Jünger einen Kreis um Jesus, der sich auf einen großen Stein gesetzt hat. Es sind ihrer ungefähr hundert Jünger und Apostel, vielleicht mehr: Ein Kranz von aufmerksamen Gesichtern, die von den Flammen zweier Feuer eigenartig erhellt werden. Jesus spricht langsam und unterstreicht seine Worte durch ruhige Gebärden. Sein Gesicht wirkt durch den Gegensatz zu seinem dunkelblauen Gewand noch blasser. Auch der Neumond trägt dazu bei, und gleich einer Sichel aus Licht berührt er sanft den Herrn über Himmel und Erde.

«Ich wollte allein mit euch sein, denn ihr seid meine Freunde. Ich habe euch nach der ersten überstandenen Prüfung der Zwölf gerufen, um den Kreis meiner mitarbeitenden Jünger zu erweitern und auch, um von euch zu erfahren, was ihr empfindet, wenn ihr von denen geführt werdet, die ich euch als meine Nachfolger übergebe. Ich weiß, daß alles gut gegangen ist. Ich habe durch meine Gebete die Seelen der Apostel gestärkt, die mit neuer Kraft im Geiste und im Herzen aus der mehrtägigen Anbetung hervorgegangen sind. Es ist eine Kraft, die nicht durch menschliches Studium erworben wird, sondern nur in der vollkommenen Hingabe an Gott.

Am meisten gegeben haben jene, die sich selbst am meisten vergessen haben. Sich selbst zu vergessen aber ist sehr schwierig.

Der Mensch lebt von den Erinnerungen, und die stärksten sind die Erinnerungen an das eigene Ich. Man muß jedoch zwischen dem einen und dem anderen Ich unterscheiden. Da gibt es das geistige Ich der Seele, das sich an Gott und seinen Ursprung in Gott erinnert. Und es gibt das niedrige Ich des Fleisches, das für sich und seine Leidenschaft tausend Forderungen stellt. Dieses zweite Ich, das sich aus so vielen Stimmen zusammensetzt, daß sie einen ganzen Chor bilden, übertönt das erste, wenn die Stimme des Geistes, der sich auf seinen Adel als Kind Gottes besinnt, nicht stark genug ist. Daher muß man, um ein vollkommener Jünger zu sein, sich selbst vergessen – trotz aller Erinnerung, ängstlichen Überlegungen und Bedürfnisse des menschlichen Ichs. Dagegen muß man seiner Seele stets in heiliger Weise gedenken und dieses Bewußtsein immer mehr festigen und stark und lebendig erhalten.

Bei dieser ersten Prüfung meiner zwölf Apostel haben jene mehr gegeben, die sich selbst mehr vergessen haben, also nicht nur ihre Vergangenheit, sondern auch die Grenzen ihrer Person; jene, die sich nicht mehr erinnert haben, was sie vorher waren und so sehr in Gott aufgegangen sind, daß sie nichts mehr befürchten: Nichts mehr! Warum die Zurückhaltung einiger Apostel? Weil sie von ihren üblichen Bedenken, ihren gewohnten

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Überlegungen und Vorurteilen nicht loskamen. Warum die Wortkargheit der anderen? Weil sie an ihre Unfähigkeit zu lehren dachten und fürchteten, sich selbst oder mich zu blamieren. Warum das offensichtliche Großtun anderer? Weil sie sich ihres gewohnten Stolzes erinnerten, des Wunsches, beachtet zu werden, Beifall zu ernten, hervorzutreten und etwas zu gelten. Warum bei anderen schließlich die überraschende Enthüllung einer lehrhaften, sicheren, überzeugenden, erfolgreichen und rabbinischen Redekunst? Weil sie, und sie allein, fähig waren, im rechten Augenblick die ihnen verliehene hohe Würde zu übernehmen, die sie zuvor aus Furcht, sich zu viel anzumaßen, und in ihrer Bescheidenheit und ihrem Wunsch, unbeachtet zu bleiben, nie angenommen hätten. Sie allein haben es verstanden, sich an Gott zu erinnern. Die ersten drei Gruppen erinnerten sich nur ihres niedrigen Ichs. Die Apostel der vierten Gruppe aber besannen sich auf ihr höheres Ich und fürchteten nichts. Sie fühlten Gott mit ihnen und in ihnen und waren unbesorgt. Oh, heilige Inbrunst, die der Gottverbundenheit entspringt!

Darum hört gut zu, ihr alle, Apostel und Jünger. Ihr Apostel kennt diese Gedanken schon, nun aber werdet ihr alles noch tiefer erfassen. Ihr Jünger kennt sie noch nicht oder nur teilweise, und es ist notwendig, daß sie in eure Herzen eingemeißelt werden. Denn da die Herde Christi immer zahlreicher wird, will ich euch nun auch immer häufiger einsetzen. Die Welt wird mich und euch mehr und mehr bekämpfen und die Zahl der Wölfe, die mich, den Hirten, und meine Herde angreifen, wird beständig wachsen. Darum will ich euch Waffen zur Verteidigung meiner Lehre und meiner Herde in die Hand geben. Was für die Herde genügt, genügt nicht für euch, kleine Hirten. Wenn es noch geduldet wird, daß die Schafe Fehler machen, indem sie Kräuter fressen, die ihr Blut verderben oder wilde Gelüste in ihnen wecken, so ist es doch nicht erlaubt, daß ihr die gleichen Fehler begeht und dadurch viele von der Herde ins Verderben stürzen. Ihr müßt bedenken, daß die Schafe eines Hirten, der einem falschen Ideal anhängt, durch Gift zugrunde gehen oder von den Wölfen getötet werden.

Ihr seid das Salz der Erde und das Licht der Welt. Doch wenn ihr in eurer Mission versagt, werdet ihr zu einem schalen, unnützen Salz. Nichts mehr könnte euch dann den Geschmack zurückgeben, da Gott ihn euch nicht geben konnte. Denn ihr habt das Salz als ein Geschenk von ihm erhalten, es aber schal werden lassen, da ihr es mit den faden und schmutzigen Wassern der Menschlichkeit verwässert und mit der entarteten Süße der Sinnlichkeit gesüßt habt. Ihr habt dem reinen Salz Gottes die Schlacken des Stolzes, des Geizes, der Unmäßigkeit, der Unzucht, des Zornes und der Trägheit beigemischt, und das in solchem Maße, daß auf sieben Körner eines jeden Lasters nur ein Salzkorn kommt. Euer Salz ist also nichts mehr als ein Gemisch von Steinen, in dem sich das armselige Körnchen Salz verliert. Steine, die zwischen den Zähnen knirschen, im

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Mund einen Erdgeschmack hinterlassen und die Speise widerlich und abstoßend machen. Nicht einmal mehr für mindere Zwecke ist es brauchbar, da eine mit sieben Lastern durchwirkte Gelegenheit selbst menschlichen Aufgaben schaden würde. Also taugt das Salz nicht mehr, es wird weggeworfen und von den Menschen achtlos zertreten. Wie viele, o wie viele Menschen werden auf diese Weise die Männer Gottes mit Füßen treten können! Denn diese Berufenen selbst haben dem Volk erlaubt, sie so zu zertreten, da man zu ihnen nicht mehr seine Zuflucht nimmt, um den Wohlgeruch von etwas Erlesenem, Himmlischem zu kosten: sie sind doch nichts anderes als Schlacke.

Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid wie dieser Berggipfel, auf den noch die letzten Strahlen der Sonne fallen und der sich als erster mit dem silbernen Schein des Mondes kleidet. Was in der Höhe ist, leuchtet und wird gesehen, denn selbst das Auge des gedankenlosen Menschen blickt manchmal nach oben. Ich würde sagen, das natürliche Auge, das man den Spiegel der Seele nennt, spiegelt die Sehnsucht der Seele wider: die Sehnsucht, die oft nicht wahrgenommen, doch stets lebendig ist, solange der Mensch kein Dämon geworden ist, die Sehnsucht nach dem Himmel, wo der Verstand instinktiv dem Allmächtigen seinen Platz zuweist und zu dem man, wenn man den Himmel sucht, wenigstens hin und wieder im Leben die Augen erhebt.

Ich bitte euch, erinnert euch, was wir seit unserer Kindheit beim Betreten Jerusalems tun. Wohin eilen unsere Blicke? Zum Berg Moriah, gekrönt im Triumph mit seinem Tempel aus Marmor und Gold. Was tun wir, wenn wir im Vorhof stehen? Die kostbaren Kuppeln betrachten wir, die in der Sonne glänzen. Wie schön ist das Innere der heiligen Einfriedungsmauer mit ihren Säulenhallen, Torbögen und prächtigen Höfen! Doch unser Auge blickt nach oben.

Weiter bitte ich euch, erinnert euch auch an die Zeit unterwegs. Wohin richtet sich unser Auge, um die lange Wegstrecke, die Eintönigkeit, die Müdigkeit, die Hitze oder den Schmutz vergessen zu lassen? Zu den Gipfeln, auch wenn sie nicht so hoch und weit entfernt sind! Mit welcher Erleichterung sehen wir sie auftauchen, wenn wir uns im eintönigen Flachland befinden. Ist hier unten Schmutz? Dort ist Sauberkeit. Ist hier Schwüle und Hitze? Dort ist Frische. Ist die Sicht hier begrenzt? Dort ist die Weite. Schon allein das Betrachten läßt uns den Tag weniger heiß, den Staub weniger lästig, das Gehen weniger beschwerlich erscheinen, und wenn dann noch eine Stadt von der Höhe eines Berges grüßt, dann gibt es kein Auge, das sich nicht daran erfreuen würde. Man könnte sagen, daß auch ein unscheinbarer Ort schöner wirkt, wenn er auf dem Kamm eines Berges liegt. Aus diesem Grunde haben die wahren, wie auch die falschen Religionen, nach Möglichkeit ihre Tempel auf Anhöhen errichtet. Wenn es in der Gegend weder einen Hügel noch einen Berg gibt, dann stellt man

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in mühsamer Handarbeit einen Unterbau aus Stein, eine Erhöhung her, auf der man dann den Tempel errichtet. Warum tut man das? Weil man will, daß der Tempel gesehen wird, um durch seinen Anblick einen Gedanken an Gott zu wecken.

Ebenso habe ich euch gesagt, daß ihr ein Licht seid. Wenn jemand am Abend in einem Haus eine Lampe anzündet, wohin stellt er sie? In das Loch unter dem Herd? In die Höhle, die ihm als Keller dient? In eine geschlossene Truhe? Oder verbirgt man ihr Leuchten, indem man sie unter den Scheffel stellt? Nein, denn dann wäre es sinnlos, das Licht anzuzünden. Vielmehr stellt man das Licht auf eine Konsole oder auf einen Leuchter, so daß es von der Höhe herab den ganzen Raum erhellt und alle Bewohner in sein Licht taucht. Doch gerade weil das, was hoch steht, die Aufgabe hat, zu leuchten und an Gott zu erinnern, muß es seiner Aufgabe gewachsen sein.

Ihr habt die Aufgabe, an den wahren Gott zu erinnern. Handelt also so, daß in euch nicht das siebenfache Heidentum sei, sonst würdet ihr sein wie die Stätten der Götzendiener mit ihren Hainen, die diesem oder jenem Gott geweiht sind, und mit eurem Heidentum würdet ihr jene verführen, die in euch Tempel Gottes sehen. Ihr müßt das Licht Gottes in euch tragen. Ein schmutziger Docht, oder ein Docht ohne Öl, qualmt und gibt kein Licht, er stinkt und leuchtet nicht. Eine Flamme hinter einem schmutzigen Kristall verbreitet nicht die frohe Helligkeit, nicht das leuchtende Spiel des Lichtes, das aus einem klaren Glas erstrahlen kann. Sie flimmert nur schwach durch den schwarzen Rauchschleier, der den funkelnden Schutz trübt.

Das Licht Gottes erstrahlt dort, wo man willig und eifrig darum bemüht ist, es von den Schlacken zu reinigen, die sich aus dem Wirken des Menschen ergeben: aus seinen Kontakten, Reaktionen und Enttäuschungen. Das Licht Gottes erstrahlt dort, wo der Docht in reichlich Öl des Gebetslebens und der Nächstenliebe getaucht ist. Das Licht Gottes leuchtet mit so unendlich vielen Strahlen, wie es Vollkommenheiten Gottes gibt, von denen jede einzelne im heiligmäßigen Menschen eine heldenhaft ausgeübte Tugend erweckt, wenn der Diener Gottes den Kristall seiner Seele rein bewahrt und dem qualmenden Rauch der bösen Leidenschaften zu widerstehen vermag. Unanfechtbar soll der Kristall eurer Seele sein! Unanfechtbar! (Die donnernde Stimme Jesu wiederhallt dröhnend in diesem natürlichen Amphitheater.) Nur Gott allein hat das Recht und die Macht, diesen Kristall zu ritzen und mit dem Diamanten seines Willens seinen heiligsten Namen darin einzugraben. Dann wird dieser Name zur Zierde und läßt ein Feuer übernatürlicher Schönheiten von unendlicher Vielfalt auf diesem reinsten Quarz erstrahlen.

Aber, wenn der törichte Diener des Herrn die Selbstkontrolle und den Überblick über seine Aufgabe, die einzig und allein übernatürlicher Art

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ist, verliert und falsche Figuren einritzen läßt, Kratzer, die keine Gravierungen, sondern geheimnisvolle, dämonische Namenszüge von den feurigen Krallen Satans sind, dann scheint die wundersame Lampe nicht mehr schön und ungetrübt. Der Kristall zerspringt, und die Flamme erlischt unter den Scherben. Oder, wenn die Lampe nicht zerspringt, entsteht ein Gewirr unverständlicher Zeichen eindeutigen Ursprungs, in denen sich der Ruß festsetzt und sie vollends unkenntlich macht.

Wehe, dreimal wehe den Uhrmeistern, welche die Weisheit Gottes verleugnen, um sich mit einer Wissenschaft zu sättigen, die der Weisheit häufig widerspricht, aber immer dem Stolz schmeichelt und oftmals teuflischer Art ist, denn sie läßt sie an ihrer Menschlichkeit festhalten, während doch jeder Mensch dazu bestimmt ist, sich zu heiligen und ein Kind Gottes zu werden. Der Lehrer, der Priester sollte in noch vermehrtem Maße einzig und allein Kind Gottes sein, selbst wenn er vorher alle Züge der Diesseitigkeit an sich trug. Der Priester muß ein Geschöpf sein, ganz Seele und Vollkommenheit, um durch seine Ausstrahlung Jünger für Gott zu gewinnen. Fluch den Lehrern einer übernatürlichen Lehre, die zu Götzen menschlicher Gelehrtheit werden!

Wehe, siebenmal wehe den Toten im Geiste unter meinen Priestern, die in ihrer Lauheit, in ihrer weichlichen, jeder Tatkraft entbehrenden Trägheit des Fleisches, in ihrer Schläfrigkeit trügerischen Traumbildern nachhängen, aber ihre Gedanken nicht auf den dreieinigen Gott richten; die voller Berechnung sind, sich aber nicht bemühen, dem höheren Ziel, nämlich den Reichtum der Herzen und den Schatz Gottes zu vermehren, gerecht zu werden. Erdgebunden, engherzig und abgestumpft leben sie dahin und ziehen auch jene in ihr totes Gewässer, die ihnen nachfolgen in der Meinung, daß sie das Leben besäßen. Der Fluch Gottes komme über die Verführer meiner kleinen, geliebten Herde! Nicht jene, die durch eure Trägheit verlorengehen, ihr pflichtvergessenen Diener des Herrn, werde ich bestrafen, sondern von euch werde ich Rechenschaft fordern über jede Stunde, jeden Augenblick, jede eurer Nachlässigkeiten und ihre Folgen.

Erinnert euch dieser Worte und geht nun! Ich werde nun auf den Gipfel steigen, und ihr, geht schlafen. Morgen wird der Hirte der Herde die Weiden der Wahrheit eröffnen.»

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209. DIE BERGPREDIGT DIE SELIGPREISUNGEN (Erster Teio

Jesus spricht mit den Aposteln und weist jedem seinen Platz zu, damit sie die Leute, die seit den ersten Morgenstunden heraufkommen, anleiten und betreuen. Viele Kranke sind auf Armen oder Bahren herbeigetragen worden oder haben sich auf Krücken hergeschleppt. Unter den Vielen befinden sich auch Stephanus und Hermas.

Die Luft ist klar und etwas frisch, doch die Sonne mildert die morgendliche Brise in den Bergen, ohne ihr die gesunde Reinheit zu nehmen. Die Menschen setzen sich auf Steine und Felsbrocken, die in der Senke zwischen den beiden Gipfeln liegen; andere warten ab, daß die Sonne das taunasse Gras trocknet, um sich dann auf dem Boden niederzulassen. Es ist schon eine große Menschenmenge da; sie stammen aus allen Gegenden Palästinas und aus allen Volksschichten. Die Apostel verlieren sich in dieser Menge, aber, wie Bienen, die zwischen den Wiesen und den Bienenstöcken hin- und herfliegen, kehren sie immer wieder zum Meister zurück, um ihm zu berichten und ihm Fragen zu stellen, aber auch, um von den Leuten als ihm Nahestehende beachtet zu werden.

Jesus geht durch den Talgrund und steigt etwas höher die Wiese empor, lehnt sich an die Felswand und beginnt zu sprechen.

«Viele haben mich während des Jahres, da ich gepredigt habe, gefragt: "Du, der du dich Sohn Gottes nennst, sage uns also, was der Himmel, was das Reich, was Gott ist, denn wir haben unklare Vorstellungen. Wir wissen, daß es einen Himmel mit Gott und den Engeln gibt; doch keiner ist je zu uns gekommen, um uns zu sagen, wie der Himmel ist, da er selbst den Gerechten verschlossen ist." Sie haben mich also gefragt, was das Reich und was Gott ist. Ich habe mich bemüht, es euch zu erklären: bemüht, nicht weil es schwierig für mich wäre, euch dies zu erklären, sondern weil es durch eine Reihe von Umständen schwierig ist, euch die anstößige Wahrheit über das wahre Reich erkennen zu lassen; denn dem steht ein jahrhundertealtes Gefüge menschlicher Vorstellungen über das Wesen Gottes – ungeachtet der Erhabenheit seiner göttlichen Natur – entgegen. 1)

Andere wiederum haben gefragt: "Gut, dies ist das Reich, und das ist Gott. Aber wie gelangt man zu Gott und zum Reich?" Auch hier habe ich unermüdlich versucht, den wahren Kern des Gesetzes vom Sinai zu erklären. Wer sich diese Wahrheit zu eigen macht, macht sich den Himmel zu eigen. Aber um euch das Gesetz des Sinai zu erklären, ist es nötig, euch auch die Donnerstimme des Gesetzgebers und seines Propheten vernehmen zu

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1) Der heilige Augustinus sagt: Gott kann man nicht erklären, er kann nicht mit dem Geist erfaßt werden: Er ist!

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lassen, die den Befolgern des Gesetzes Segen verheißen, den Ungehorsamen aber harte Strafen und den Fluch Gottes androhen. Die Erscheinung des Herrn am Sinai war schreckenerregend, und diese Schrecklichkeit spiegelt sich im ganzen Gesetz wider und gilt für alle Zeiten und alle Menschen.

Doch Gott ist nicht nur Gesetzgeber, Gott ist Vater! Er ist ein unendlich gütiger Vater.

Vielleicht, nein, sicher können sich eure geschwächten Seelen nicht mehr zu Gott erheben; denn sie sind geschwächt durch die Erbsünde, die Leidenschaften, die Sünden, die vielen Arten euerer Selbstsucht und auch durch den Egoismus anderer. Durch all das habt ihr eure Mitmenschen verärgert und verschließt euch ihnen gegenüber. Ihr seid daher nicht fähig, die unendlichen Vollkommenheiten Gottes zu betrachten, und am wenigsten die Güte Gottes, weil sie die Tugend ist, die die Sterblichen, zusammen mit der Liebe, am wenigsten besitzen. Die Güte! Wie süß ist es, gut zu sein, ohne Haß, ohne Neid, ohne Hochmut! Augen zu haben, die nur liebevoll schauen, Hände zu haben, die in einer Gebärde der Liebe gereicht werden, Lippen, die nur Worte der Liebe sprechen, und ein Herz, vor allem ein Herz, in dem einzig und allein die Liebe wohnt und das Augen, Hände und Lippen zu Taten der Liebe drängt!

Die Gelehrten unter euch wissen, welch reiche Gaben Gott Adam und seinen Nachkommen hat zuteil werden lassen. Auch die ungebildetsten unter den Kindern Israels wissen, daß in uns der Geist (die Seele), ist. Nur die armen Heiden kennen ihn nicht, diesen königlichen Gast, diesen Hauch des Lebens, dieses himmlische Licht, das unseren Leib heiligt und belebt. Aber die Gelehrten wissen, welche Gaben dem Menschen, dem Geist des Menschen, verliehen wurden.

Gott hat diesen Geist nicht weniger freigebig bedacht als das Fleisch und Blut des von ihm mit etwas Staub und seinem Hauch erschaffenen Geschöpfes. Wie er Adam die natürlichen Gaben der Schönheit, der Unversehrtheit, der Intelligenz, des Willens und der Fähigkeit zu lieben und Liebe zu schenken gab, so verlieh er auch die moralischen Gaben: die Unterordnung des Fleisches unter die Vernunft, damit sein Geschenk der Freiheit, Selbstbeherrschung und des eigenen Willens nicht durch die Knechtschaft der Triebe und Leidenschaften beeinträchtigt werde. Frei war sein Lieben, frei sein Wollen, und frei seine Freude in Gerechtigkeit; ohne das Gift, das Satan verspritzt, von dem er überfließt und das euch zu Sklaven macht; das Gift, das euch vom reinen Flußbett über schlammige Felder in faulende Tümpel führt, wo die Fieber fleischlicher und geistiger Triebhaftigkeiten gären. Ihr wißt, daß auch die Begehrlichkeit im Denken zur Sinnlichkeit gehört. Die ersten Menschen hatten übernatürliche Gaben: die heiligmachende Gnade, die Bestimmung zu Höherem, die Anschauung Gottes.

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Die heiligmachende Gnade: das Leben der Seele, dieses hochgeistige Etwas, das in unsere religiöse Seele gelegt wurde; die Gnade, die uns zu Kindern Gottes macht, weil sie uns vor dem Tod durch die Sünde bewahrt; denn wer tot ist, lebt nicht im Haus des Vaters, im Paradies, in meinem Reich: dem Himmel. Was ist diese heilige Gnade, die das Leben und den Himmel verleiht? Oh, macht nicht viele Worte. Die Gnade ist Liebe. Die Gnade ist daher Gott. Sie ist Gott! Gott, der sich selbst in seinem vollendet erschaffenen Geschöpf bewundert, liebt, betrachtet, sich selbst verschenkt, um diesen seinen Besitz zu vermehren, um sich an dieser Vermehrung zu beseligen und um sich in allen zu lieben, die sein eigenes Ich sind. 1)

O Kinder, beraubt Gott nicht dieses seines Rechtes! Beraubt Gott nicht seines Besitzes! Enttäuscht Gott nicht in diesem seinem Wunsch! Denkt daran, daß er aus Liebe wirkt. Auch wenn ihr nicht wäret, bliebe er doch immer der Unendliche, und seine Macht wäre dadurch nicht geringer. Doch obschon Gott in seiner unendlichen Größe vollendet und unermeßlich ist, will er seine Liebe nicht für sich und in sich vermehren, denn er könnte es ja gar nicht, da er schon der Unendliche ist, sondern er will es tun für sein Geschöpf, und er will diese Liebe in dem Maße vermehren, wie dieses Geschöpf selbst Liebe hat. Er gibt euch die Gnade, die Liebe, auf daß sie in euch zur Vollkommenheit der Heiligen wachse und ihr dann diesen Schatz, den ihr aus dem Schatz der Gnade Gottes geschöpft und durch alle heiligen Werke eures ganzen heldenhaften und heiligen Lebens vermehrt habt, in den unendlichen Ozean des Himmels, die Wohnung Gottes, zurückfließen laßt.

Göttliche, göttliche, göttliche Zisternen der Liebe! Ihr lebt und seid nicht bestimmt zu sterben, weil ihr unsterblich seid wie Gott, indem ihr in Gott seid. Ihr werdet leben, und euer Leben wird nicht enden, weil ihr unsterblich seid wie die heiligen Geister, die euch im Überfluß ernährt haben und reich an eigenen Verdiensten zu euch zurückkommen. Ihr lebt und nährt euch, ihr lebt und bereichert euch, ihr lebt und bildet diese heiligste Gemeinschaft der Geister, die alle umfaßt, von Gott, dem vollkommensten Geist, bis zum neugeborenen Kinde, das zum erstenmal an der mütterlichen Brust saugt.

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1) Der heilige Thomas von Aquin sagt mit Recht: «Gott hätte keine größeren göttlichen Werke vollbringen können, als jene drei: Die Menschwerdung des Sohnes, die Mutterschaft der heiligsten Jungfrau und die Vergöttlichung der menschlichen Seele.» Auch der heilige Augustinus sagt: «Die Seelen sind durch den Vater am Geheimnis der ewigen Zeugung in göttlicher Weise beteiligt und durch den Vater und den Sohn an der Ausgießung des Heiligen Geistes.» Daher wird die durch die Gnade Gottes Gott ähnlich gewordene Seele in ihrer Teilhabe und ihrem Wirken mit den drei göttlichen Personen vergöttlicht, und das ist das erhabenste Werk der unendlichen Liebe, die uns Geschöpfe zu vergöttlichten Geschöpfen erhebt.

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Kritisiert mich nicht in euren Herzen, ihr Gelehrten! Sagt nicht: "Dieser da ist ein Narr, ein Lügner; denn nur ein Narr kann behaupten, daß die Gnade in uns wäre, da wir sie doch durch die Erbsünde verloren haben. Er lügt, wenn er uns schon eins mit Gott nennt." Ja, die Schuld besteht! Ja, die Trennung ist da! Doch vor der Macht des Erlösers wird die Schuld, die grausame Trennung des Vaters von den Kindern, wie eine Wand zusammenstürzen, erschüttert vom neuen Samson. Schon habe ich sie erfaßt und rüttle an ihr. Sie wankt und Satan zittert vor Zorn und Ohnmacht, da er gegen meine Macht nichts vermag und ahnt, daß ihm eine große Beute entgeht und daß es für ihn schwierig wird, den Menschen zur Sünde zu verleiten. Denn, wenn ich euch durch mich zum Vater gebracht habe und ihr durch mein Blut und mein Leiden rein und stark geworden seid, dann wird auch die Gnade in euch wieder lebendig, rege und mächtig werden und ihr werdet siegen, wenn ihr es wollt.

Gott zwingt euch nicht zu entsprechenden Gedanken und auch nicht zu eurer Heiligung. Ihr seid frei. Aber er gibt euch die Kraft zurück. Er gibt euch wiederum die Freiheit von der Herrschaft Satans. Euch ist es überlassen, das höllische Joch wieder aufzuladen oder eurer Seele Engelsflügel zu verleihen. Alles ist euch überlassen, mich als euren Bruder, der euch führt und mit unvergänglicher Speise nährt, anzunehmen.

"Wie gewinnt man Gott und sein Reich auf einem leichteren Weg als dem mühsamen Pfad des Sinai?" fragt ihr. Es gibt keinen anderen Weg. Nur dieser ist es. Doch laßt ihn uns betrachten, nicht in der Farbe der Drohung, sondern in jener der Liebe. Sagen wir nicht: "Wehe, wenn ich das nicht tue!" während man aus Angst, der Sünde nicht widerstehen zu können, furchtsam erzittert. Sagen wir: "Selig, wenn ich dies tue"; und schwingen wir uns mit übernatürlicher Freude jubelnd empor um diese Seligkeiten zu erreichen, die der Befolgung der Gesetzes entspringen, und wie Rosenblüten aus einem Dornenstrauch hervorwachsen.

"Selig, wenn ich arm im Geiste bin, denn mein ist das Himmelreich!

Selig, wenn ich sanftmütig bin, denn ich werde das Land erben!

Selig, wenn ich mich nicht gegen den Schmerz auflehne, denn ich werde getröstet werden!

Selig, wenn ich mehr hungere und dürste nach Gerechtigkeit als nach Brot und Wein, um mein Fleisch zu sättigen, denn die Gerechtigkeit wird mich sättigen!

Selig, wenn ich Barmherzigkeit übe, denn ich werde göttliche Barmherzigkeit erfahren!

Selig, wenn ich reinen Herzens bin, denn Gott wird sich über mein reines Herz neigen, und ich werde Gott schauen!

Selig, wenn ich den Geist des Friedens in mir habe, denn ich werde Kind Gottes genannt werden; denn im Frieden ist Liebe, und Gott ist Liebe und er liebt jene, die ihm ähnlich sind.

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Selig, wenn ich um der Gerechtigkeit willen verfolgt werde, denn Gott, mein Vater, wird mir als Belohnung für die irdischen Verfolgungen das Himmelreich geben.

Selig, wenn ich geschmäht und verleumdet werde, weil ich dein Kind bin, o Gott! Nicht Trostlosigkeit, sondern Freude wird mir daraus erwachsen, denn so werde ich deinen besten Dienern, den Propheten, gleich, die aus demselben Grund verfolgt wurden. Ich glaube beharrlich, daß ich mit ihnen einst an der erhabenen, ewigen Belohnung teilhaben werde: am Himmel, der mein sein wird."

Betrachten wir den Weg des Heiles mit der Freude der Heiligen.

"Selig, wenn ich arm im Geiste bin."

O Reichtümer, die ihr den brennenden Durst Satans, Wahn und Rausch im Menschen hervorruft, im Reichen wie im Armen! Im Reichen, der für sein Gold, dem Abgott seiner verderbten Seele, lebt. Im Armen, der vom Neid auf den Reichen lebt, weil dieser im Reichtum des Goldes schwelgt, und wenn er auch keinen wirklichen Mord begeht, so schleudert er dennoch seine Flüche gegen die Reichen und wünscht ihnen allerhand Schlechtes. Es genügt nicht, das Böse nicht zu tun, man darf auch nicht wünschen, jemandem etwas Böses anzutun. Wer seinen Mitmenschen verflucht und ihm Tod und Unglück wünscht, ist dem wirklichen Mörder nicht unähnlich, denn in ihm lodert der Wunsch, den Gehaßten zugrunde gehen zu sehen. Wahrlich, ich sage euch, daß der Wunsch nichts anderes ist als eine zurückgehaltene Tat, eine schon gebildete, aber noch nicht geborene Leibesfrucht. Die Verwünschung vergiftet und verdirbt, denn sie dauert länger als die gewaltsame Tat und ihre Wirkung ist eine tiefgreifendere.

Der Arme im Geiste, obwohl reich an materiellen Güter, sündigt nicht seines Goldes wegen, sondern er bedient sich des Goldes zu seiner Heiligung und wandelt es in Liebe. Geliebt und gepriesen, gleicht er den rettenden Quellen in der Wüste, die sich ohne Geiz, glücklich, sich zu verschenken, für alle ergießen, um ihnen in ihrer Verzweiflung Linderung zu verschaffen. Ist der Arme im Geiste arm an materiellen Gütern, ist er doch glücklich in seiner Armut und das Brot, das er in der Heiligkeit seiner vom Fieber nach Gold unbelasteten Seele ißt, mundet köstlich. Sein Schlaf, frei von Alpträumen, läßt ihn ausgeruht und heiter an sein Tagwerk gehen, das ihm stets leicht erscheint, da er es ohne Habsucht und Neid verrichtet.

Dinge, welche den Menschen reich machen, sind sowohl materielle: das Gold, als auch moralische: die Zuneigungen. Mit Gold sind nicht nur die Münzen gemeint, sondern auch die Häuser, die Felder, die Schmuckstücke, die Möbel, die Herden und alles, was das Leben materiell bereichert. Zuneigungen sind die Bande des Blutes oder der Ehe, die Freundschaften, die intellektuellen Bereicherungen, die öffentlichen Ämter.

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Wenn nun der Arme, wie ihr seht, hinsichtlich der ersten Art sagen kann: "Oh! meinetwegen, wenn ich nur nicht die Reichen beneide, weil ich arm bin, dann ist für mich alles in Ordnung", so muß sich doch auch der Arme hinsichtlich der zweiten Art in acht nehmen, da selbst der elendste unter den Menschen in sündhafter Weise reich im Geist werden kann, denn wer einer Sache übermäßig ergeben ist, sündigt.

Ihr werdet sagen: "Wir sollen also das Gute, das Gott uns gewährt, hassen. Warum gebietet er dann, Vater und Mutter, Gattin und Kinder zu lieben, und sagt: 'Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst'?" Ihr müßt unterscheiden. Wir müssen den Vater, die Mutter, die Ehefrau und den Nächsten lieben, aber in dem Maße, wie es uns von Gott befohlen wurde: wie uns selbst. Gott hingegen müssen wir über alles lieben und mit unserem ganzen Sein. Gott soll nicht in der Weise geliebt werden, wie wir die unter unseren Mitmenschen lieben, die uns am nächsten stehen: die eine, weil sie uns gestillt hat, die andere, weil sie an unserer Brust schläft und uns ein Kind gebiert; nein, Gott soll mit unserem ganzen Sein geliebt werden, was heißen will, mit der ganzen Liebesfähigkeit des Menschen: mit der Liebe des Kindes, des Gatten, des Freundes, und – oh! empört euch nicht! – des Vaters. Ja, der Sache Gottes müssen wir die Sorge eines Vaters für seine Kinder angedeihen lassen. Mit Liebe sichert und mehrt er ihren Besitz, sorgt sich um ihr körperliches Gedeihen, läßt sie ausbilden und bemüht sich um ihr Zurechtkommen im Leben.

Die Liebe ist nichts Schlechtes und soll es nicht werden. Die Gnaden, die Gott gewährt, sind nichts Schlechtes und dürfen es nicht werden. Sie sind Liebe. Aus Liebe werden sie uns geschenkt. Darum soll man sich dieser Reichtümer, die uns Gott aus Liebe und Güte gewährt, in Liebe bedienen, und nur, wer sie nicht zu Abgöttern macht, sondern zum Mittel, um Gott in Heiligkeit zu dienen, beweist, daß er keine sündhafte Anhänglichkeit an sie hat. Er übt die heilige Armut im Geist und entäußert sich von allem, um frei zu sein und Gott, den höchsten Reichtum, und mit ihm das Himmelreich zu erwerben.

"Selig, wenn ich sanftmütig bin."

Diese Aussage steht anscheinend im Widerspruch zu den Beispielen des täglichen Lebens, denn nicht die Sanftmütigen scheinen in den Familien, in den Städten und in den Nationen zu triumphieren. Aber ist es ein wahrer Triumph? Nein! Es ist nur die Angst, welche die vom Despoten Unterdrückten scheinbar gefügig macht; in Wirklichkeit ist sie der Deckmantel für eine überbordende Auflehnung gegen den Tyrannen. Die Jähzornigen und Herrschsüchtigen besitzen die Herzen der Familienangehörigen, der Mitbürger und der Untertanen nicht. Sie vermögen nicht, Verstand und Geist ihren Lehren zu unterwerfen, diese Meister des: "Ich habe es gesagt." Sie schaffen nur Autodidakten, Suchende nach einem geeigneten Schlüssel, um die verschlossenen Tore einer Weisheit oder einer

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Wissenschaft aufzuschließen, deren Existenz sie ahnen, die aber im Widerspruch zu der ihnen aufgezwungenen steht.

Jene Priester, die nicht mit geduldiger, demütiger und liebevoller Sanftmut Seelen zu gewinnen suchen, sondern bewaffneten Kriegern gleich, überfallartig, anmaßend und keinen Widerspruch duldend auf ihr Ziel losgehen, führen die Seelen nicht zu Gott... Oh, arme Seelen! Wären sie heilig, hätten sie euch, ihr Priester, nicht nötig, um zum Lichte zu gelangen! Sie hätten das Licht bereits in sich. Wären sie gerecht, hätten sie euch, Richter, nicht nötig, um am Zügel der Gerechtigkeit gehalten zu werden, sie hätten die Gerechtigkeit schon in sich. Wären sie gesund, hätten sie eure Fürsorge nicht nötig. Seid daher sanftmütig! Treibt die Seelen nicht in die Flucht! Zieht sie mit Liebe an, denn die Sanftmut ist Liebe, so wie es die Armut im Geiste ist.

Wenn ihr sanftmütig seid, werdet ihr das Land erben und diesen Boden für Gott gewinnen, noch bevor Satan von ihm Besitz ergreift, denn eure Sanftmut, die außer Liebe auch Demut ist, wird den Haß und den Stolz besiegen und den schändlichen König des Stolzes und des Hasses aus den Herzen verbannen. So wird die Welt euch, also Gott, gehören; denn ihr seid dann gerecht, wenn ihr Gott als den absoluten Herrn der Schöpfung anerkennt, dem Ehre und Lobpreis gebührt und dem sein Eigentum zurückgegeben wird.

"Selig, wenn ich mich im Leid nicht auflehne.

Der Schmerz ist auf Erden, und der Schmerz läßt den Menschen Tränen vergießen. Den Schmerz gab es nicht, doch der Mensch brachte ihn in die Welt und bemüht sich wegen der Entartung seines Geistes mit allen Mitteln ständig darum, ihn zu vermehren. Außer Krankheiten und dem Unheil, das Blitzschlag, Unwetter, Lawinen, Erdbeben nach sich ziehen, sucht der Mensch, um zu leiden und besonders, um andere leiden zu lassen, immer schrecklichere tödliche Waffen und immer grausamere moralische Härten, und mit raffinierten Mitteln versucht er, anderen den Schmerz zu bereiten, von dem er selbst jedoch frei sein möchte. Wieviel Tränen verursacht der Mensch dem Mitmenschen durch die Anstiftung seines geheimen Königs, Satan! Trotzdem sage ich euch in Wahrheit, daß alle deshalb vergossenen Tränen für die Menschen nicht eine Erniedrigung, sondern eine Vervollkommnung bedeuten.

Der Mensch ist ein gedankenloses Kind, ein unbeschwertes, sorgloses, ein geistig zurückgebliebenes Wesen, bis ihn das Leid reif, besinnlich und verständig werden läßt. Nur jene, die ein Leid zu tragen hatten, sind imstande zu lieben, zu verstehen und den wie sie leidenden Brüdern Liebe zu schenken, sie in ihren Schmerzen zu begreifen und ihnen gütig beizustehen, da sie aus eigener Erfahrung wissen, wie weh es tut, im Leid allein zu sein. Auch vermögen sie Gott zu lieben, weil sie erkannt haben, daß außer Gott alles Leid ist; weil sie begriffen haben, daß der Schmerz, wenn wir

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ihn am Herzen Gottes ausweinen, nachläßt; weil sie begriffen haben, daß das ergeben getragene Leid, das den Glauben nicht ins Wanken, das Gebet nicht zum Versiegen bringt und frei von Auflehnung ist, dessen Wesen ändert und den Schmerz zur Tröstung werden läßt. Ja, die weinen und Gott lieben, werden getröstet werden!

"Selig, wenn ich hungere und dürste nach der Gerechtigkeit."

Von der Geburt bis zum Tode verlangt der Mensch gierig nach Nahrung. Er öffnet nach der Geburt den Mund, um die Brust der Mutter zu ergreifen. Er öffnet im Sterben die Lippen, um in der Beklemmung des Todeskampfes Labung zu suchen. Er arbeitet, um sich zu ernähren. Er macht aus der Erde ein riesiges Euter, an dem er unersättlich saugt und saugt von dem, was vergänglich ist. Aber was ist der Mensch? Ein Tier? Nein, er ist ein Kind Gottes, das sich für wenige oder viele Jahre im Exil befindet. Aber sein Leben endet nicht mit dem Wechsel seines Aufenthaltes.

Es gibt ein Leben im Leben, so wie in einer Nußschale der Kern enthalten ist. Nicht die Schale ist die Nuß, sondern der innere Kern. Wenn ihr eine Nußschale pflanzt, dann wächst nichts, wenn ihr aber die Schale mit dem Kern pflanzt, dann wächst ein großer Baum. So ist es auch beim Menschen. Nicht der Körper ist unsterblich, sondern die Seele, und sie muß genährt werden, um ihre Unsterblichkeit zu sichern, zu der sie dann aus Liebe den Körper bei der seligen Auferstehung führen wird. Die Nahrung der Seele sind Weisheit und Gerechtigkeit. Wie Speise und Trank werden sie aufgenommen und stärken, und je mehr man davon kostet, um so mehr wächst das heilige Verlangen nach dem Besitz der Weisheit und dem Erkennen der Gerechtigkeit. Aber es wird auch ein Tag kommen, da dieser unersättliche heilige Hunger der Seele gestillt sein wird. Er wird kommen. Gott wird sich seinem Geschöpfe hingeben und es direkt an seine Brust legen, und der für das Paradies Geborene wird sich sättigen an der bewunderungswürdigen Mutter, die Gott selber ist. Nie mehr wird er Hunger leiden, sondern glücklich an der göttlichen Brust ruhen. Keine menschliche Wissenschaft kommt dieser göttlichen gleich. Die Wißbegier des Geistes kann durch die menschliche Wissenschaft gestillt werden, das Bedürfnis der Seele aber nicht. In der Verschiedenheit des Geschmackes empfindet die Seele eher Ekel, und sie wendet den Mund ab von dieser bitteren Nahrung und zieht es vor, Hunger zu leiden, anstatt sich mit einer Speise zu sättigen, die nicht von Gott kommt.

Habt keine Angst, ihr, die ihr nach Gott dürstet und hungert! Bleibt treu, und ihr werdet von dem gesättigt werden, der euch liebt.

"Selig, wenn ich Barmherzigkeit übe."

Wer unter den Menschen kann sagen: "Ich brauche keine Barmherzigkeit?" Niemand! Wenn auch im Alten Gesetz geschrieben steht: "Auge um Auge und Zahn um Zahn", warum sollte es dann im Neuen Gesetz

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nicht heißen: "Wer Barmherzigkeit übt, dem wird Barmherzigkeit zuteil werden" ? Alle bedürfen der Verzeihung.

Nun, nicht die Worte und die äußere Form eines Ritus, nicht die Symbole, die dem Menschen in der Trübheit seines Geistes zugebilligt wurden, bewirken die Vergebung, sondern der innere Akt der Liebe, oder, wiederum der Barmherzigkeit. Wenn das Opfer einer Ziege oder eines Lammes und die Gabe einiger Münzen auferlegt wurden, dann geschah dies, weil jedes Übel letztlich zwei Wurzeln hat: die Habsucht und den Stolz. Die Habsucht wird mit der Ausgabe für die Beschaffung des Opfers bestraft, der Stolz mit dem offenkundigen rituellen Bekenntnis, indem man gesteht: "Ich bringe diese Opfer dar, weil ich gesündigt habe." Es geschah auch, um damit die Zeit und das Zeichen der Zeit vorwegzunehmen, denn das dabei vergossene Blut symbolisiert das göttliche Blut, das vergossen werden wird, um die Sünden der Menschheit zu tilgen.

Daher selig, wer Barmherzigkeit übt an Hungernden, Nackten und Obdachlosen, aber auch an den noch Elenderen, die durch ihren schlechten Charakter ihrer Umgebung und ihren Mitmenschen Leid zufügen. Habt Erbarmen, verzeiht, seid nachsichtig, hilfsbereit, belehrt und stärkt sie. Schließt euch nicht in einen Kristallturm ein und sagt: "Ich bin rein und mische mich nicht unter die Sünder." Sagt nicht: "Ich bin reich und glücklich und will nichts vom Elend hören." Gebt acht, denn noch schneller als der Rauch, den der Wind verweht, kann euer Reichtum, eure Gesundheit und euer häusliches Glück entschwinden. Denkt daran, daß der Kristall wie ein Vergrößerungsglas wirkt, denn hättet ihr euch unter die Menschen begeben, wäret ihr unbemerkt geblieben; in einem Kristallturm eingeschlossen aber, allein, abgeschieden und allen Blicken ausgesetzt, bleibt ihr nicht mehr verborgen.

Übt Barmherzigkeit, um damit ein geheimes, ununterbrochenes, heiliges Opfer der Sühne zu vollbringen und selbst Barmherzigkeit zu erlangen.

"Selig bin ich, wenn ich reinen Herzens bin."

Gott ist die Reinheit! Das Paradies ist das Reich der Reinheit. Nichts Unreines kann in den Himmel eingehen, wo Gott ist. Wenn ihr also unrein seid, werdet ihr nicht in den Himmel, in das Reich Gottes, eingehen. Aber, o Freude! Vorfreude, die der Vater seinen Kindern schenkt! Wer rein ist, hat schon auf Erden eine Vorahnung des Himmels, denn Gott neigt sich über den Reinen, und der Mensch schaut schon auf dieser Erde seinen Gott. 1) Der Reine kennt nicht die Freude der menschlichen Liebe, aber er

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1) Der Geist Gottes erleuchtet und offenbart sich um so mehr, je mehr er Wohnung findet in einer reinen Seele, die sich aller Nichtigkeiten, die den ungeistigen und areligiösen Menschen erfüllen, entledigt hat. Befreit sich der Mensch von irdischen und hinfälligen Dingen, so erfüllt Gott seine Leere mit sich selbst und der reingewordene oder, noch besser, stets rein gebliebene Mensch schaut und begreift Gott im Geiste. So wie Gott ihn besitzt, besitzt er Gott auf geheimnisvolle Weise, soweit dies beim Menschen, der immer noch in der Verbannung lebt, möglich ist. Er besitzt Gott durch sein sehnliches Verlangen, und Gott, der seine Kinder besitzen will, entspricht diesem Verlangen. Das ist das kleine Paradies auf Erden, als Vorbote der ewigen und vollkommenen Seligkeit im Himmel.

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kennt die Wonne der göttlichen Liebe bis zur Verzückung und kann sagen: "Ich bin bei dir und du in mir, und daher besitze und kenne ich dich als liebenswürdigsten Bräutigam meiner Seele." Glaubt mir, wer Gott besitzt, erfährt unerklärliche, grundlegende Veränderungen, die ihn heilig, weise und stark werden lassen; auf seinen Lippen erblühen Worte und seine Handlungen sind von einer Macht getragen, die ihren Ursprung nicht in ihm selbst hat, sondern in Gott, der in ihm lebt.

Was ist das Leben des Menschen, der Gott schaut? Seligkeit. Möchtet ihr euch wegen niedriger Unreinheit einer solchen Gabe berauben?

"Selig, wenn ich den Geist des Friedens besitze. "

Der Friede ist eine der Eigenschaften Gottes. Gott ist im Frieden, denn der Friede ist Liebe, der Krieg aber Haß. Der Teufel ist Haß. Gott ist Friede. Ein jähzorniger Mensch, jederzeit zu wüten und zu toben bereit, kann sich nicht Kind Gottes nennen, und Gott kann ihn nicht sein Kind nennen.

Doch auch der kann sich nicht Kind Gottes nennen, der sich nicht bemüht, einen Streit, selbst wenn er ihn nicht ausgelöst hat, durch seine Ruhe und seinen inneren Frieden zu besänftigen. Ein friedfertiger Mensch verbreitet, auch ohne zu sprechen, Friede. 1)

Als Herr seiner selbst, und ich wage es zu sagen, als Gebieter über Gott, trägt er ihn in sich, gleich wie eine Lampe das Licht, wie ein Weihrauchfaß den Wohlgeruch des Weihrauchs und wie ein Schlauch die Flüssigkeit. Es wird Licht inmitten von rauchigen Nebeln des Grolls, die Luft wird rein vom Gifthauch der Mißgunst, und die tobenden Wogen der Streitigkeiten beruhigen sich unter dem Einfluß des milden Öls des Geistes des Friedens, den die Kinder Gottes ausströmen.

Handelt so, daß Gott und die Menschen euch friedfertig nennen können.

"Selig, wenn ich um der Gerechtigkeit willen Verfolgung leide."

Der Mensch ist so sehr von Satan beherrscht, daß er das Gute haßt, wo immer er es antrifft. Er haßt den Guten, als ob jeder gute Mensch ihn anklagen und ihm Vorwürfe machen wollte, auch wenn dieser schweigt. Tatsächlich läßt die Güte eines Menschen die Bosheit des Bösen noch

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1) Gott liebt die Friedfertigen, weil sie ganz Liebe sind, denn die Liebe flößt Gefühle des Friedens ein, und der Friede wiederum stellt die Liebe unter den Brüdern her. Es ist, als ob Gott selbst sich in ihren Dienst stellen würde, um sie in ihrer Friedenssendung zu unterstützen, die eine seiner wunderbarsten Eigenschaften unter den Menschen verfielfältigt.

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deutlicher zutage treten. Der Glaube des wahrhaft Glaubenden läßt die Scheinheiligkeit des falschen Gläubigen noch offenkundiger hervortreten. Und so kann es nicht anders sein, als daß der Ungerechte den haßt, der durch seinen Lebenswandel ein stetes Zeugnis für die Gerechtigkeit ablegt. Daher gerät man in Wut über die Menschen, die die Gerechtigkeit lieben.

Auch hier ist es wie bei den Kriegen. Der Mensch macht in der satanischen Kunst der Verfolgung mehr Fortschritte als in der heiligen Kunst der Liebe. Aber er kann nur verfolgen, was ein kurzes Leben hat. Das Ewige im Menschen entgeht seinen Nachstellungen und erwirbt durch die Verfolgung noch mehr Lebenskraft. Das Leben entschwindet durch die Wunden der geöffneten Adern oder durch sonstige Leiden, die den Verfolgten erliegen lassen. Doch das Blut wird zum Purpur des künftigen Königs, und die Leiden wandeln sich in ebensoviele Stufen, die ihn hinauf zum Throne führen, den der Vater seinen Märtyrern, denen die königlichen Sitze des Himmelreiches vorbehalten sind, bereitet hat.

"Selig, wenn ich geschmäht und verleugnet werde."

Seht zu, daß euer Name in den himmlischen Büchern eingetragen sei, in denen nicht die Namen entsprechend den menschlichen Lügen aufgezeichnet sind und jene gelobt werden, die eine Auszeichnung am wenigsten verdienen, sondern wo die Werke der Guten in Gerechtigkeit und Liebe geschrieben stehen, um ihnen die den Gesegneten Gottes verheißene Belohnung zuteil werden zu lassen.

In der Vergangenheit waren es die Propheten, die verleumdet und geschmäht wurden. Aber wenn sich die Pforten des Himmels öffnen, werden sie wie mächtige Könige in die Stadt Gottes einziehen, und die Engel werden sich vor ihnen verneigen und freudig singen. Auch ihr, auch ihr, die ihr verleumdet und geschmäht werdet, weil ihr Gott angehört, werdet den himmlischen Triumph feiern. Und wenn die Zeit erfüllt und das Paradies vollendet ist, dann werdet ihr den den Wert jeder Träne erkennen, denn ihretwegen habt ihr diese ewige Herrlichkeit erworben, die ich euch im Namen des Vaters verheiße.

Gehet hin! Morgen werde ich wieder zu euch sprechen. Nur die Kranken sollen noch hier bleiben, damit ich ihnen in ihren Leiden helfen kann. Der Friede sei mit euch, und die Betrachtung über das Heil durch die Liebe führe euch auf den Weg zum Himmel.»

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210. DIE BERGPREDIGT DIE SELIGPREISUNGEN (Zweiter Teil)

Ort und Stunde sind immer die gleichen. Die Menschenmenge hat noch zugenommen. In einer Ecke, an einer Wegbiegung, so als wolle er zuhören ohne den Widerwillen der Leute zu erregen, steht ein Römer. Ich erkenne ihn an seinem kurzen Gewand und dem andersartigen Mantel als Römer. Auch Stephanus und Hermas sind immer noch da. Jesus geht langsam zu seinem Platz und fährt mit seiner Predigt fort.

«Aus dem, was ich euch gestern gesagt habe, dürft ihr nicht schließen, ich sei gekommen, um das Gesetz aufzuheben. Nein. Doch als Menschensohn verstehe ich die Schwächen des Menschen und ich möchte euch nur ermutigen, es zu befolgen und euer geistiges Auge nicht auf den dunklen Abgrund, sondern auf den Abgrund des Lichtes zu lenken. Denn, wenn die Angst vor der Strafe die Menschen in drei von zehn Malen von der Sünde abhalten kann, so verleiht ihm die Gewißheit einer Belohnung in sieben von zehn Malen Auftrieb. Die Zuversicht vermag also mehr als die Angst, und ich will, daß sie in euch vollkommen und fest verankert sei, damit ihr nicht in sieben von zehn Teilen, sondern in zehn von zehn Teilen gut handelt, um so die heiligste Belohnung des Himmels zu erwerben.

Ich ändere kein Jota des Gesetzes. Denn wer hat es unter den Blitzen des Sinai gegeben? Der Allerhöchste.

Wer ist der Allerhöchste? Der eine und dreieinige Gott.

Woher hat er das Gesetz genommen? Aus seinen Gedanken.

Wie hat er es gegeben? Durch sein Wort.

Warum hat er es gegeben? Aus Liebe.

Ihr seht also, daß die Dreifaltigkeit zugegen war. Das dem Gedanken und der Liebe stets gehorsame Wort sprach im Namen des Gedankens und der Liebe.

Könnte ich mir selbst widersprechen? Ich könnte es nicht. Aber ich kann, da ich alles vermag, das Gesetz vervollständigen, es göttlich vervollständigen. Nicht wie es die Menschen im Laufe der Jahrhunderte getan haben, die es nur immer schwieriger zu verstehen und einzuhalten werden ließen durch Gesetze und Vorschriften und Vorschriften und Gesetze, die sie zu ihrem eigenen Nutzen erdacht haben. Mit diesen Trümmern haben sie das heiligste Gesetz, das uns von Gott gegeben wurde, gesteinigt und erstickt, verschüttet und unfruchtbar gemacht.. Kann eine Pflanze überleben, wenn Lawinen und Geröll sie für immer unter sich begraben und Überschwemmungen sie überfluten? Nein, die Pflanze stirbt. Das Gesetz ist in vielen Herzen tot, weil es durch zu viel Überflüssiges erstickt wurde. Dies wegzuräumen bin ich gekommen, und wenn das Gesetz einmal freigelegt und auferstanden sein wird, dann wird es nicht mehr Gesetz, sondern König sein.

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Die Könige erlassen die Gesetze. Gesetze sind das Werk der Könige, aber sie sind nicht mehr wie Könige. Ich hingegen mache aus dem Gesetz einen König: Ich vervollständige es und setze ihm mit den evangelischen Räten die Krone auf, mit den Ratschlägen zur Übung der Tugenden. Zuerst gab es den Befehl, jetzt gibt es mehr als den Befehl. Zuerst gab es das Notwendige, jetzt gibt es mehr als das Notwendige, jetzt gibt es das Vollkommene. Wer es annimmt, wie ich es euch schenke, ist sogleich ein König, weil er das 'Vollkommene' erreicht hat, weil er nicht nur gehorsam, sondern heldenhaft, also heilig war. Denn die Heiligkeit ist die Summe aller Tugenden, die höchste von einem Geschöpf erreichbare Stufe, wenn es in heldenhafter Weise und in vollkommener Loslösung von allem, was menschliche Begierde und Überlegung ist, gelebt und gedient hat.

könnte sagen, den Heiligen hindern Liebe und Sehnsucht, sein Auge auf irgend etwas anderes zu lenken, als auf Gott. Nicht durch niedrige Dinge abgelenkt, sind die Augen seines Herzens inständig auf die Herrlichkeit der höchsten Heiligkeit Gottes gerichtet. Im Lichte Gottes sieht er die Brüder in Bedrängnis, die flehend ihre Hände ausstrecken. Ohne seinen Blick von Gott abzuwenden, begibt sich der Heilige helfend zu seinen bittenden Brüdern. Wider das Fleisch, wider die Reichtümer und die Bequemlichkeit verwirklicht er sein Ideal: zu dienen. Ist der Heilige deshalb ein Armer, ein Herabgesetzter? Nein. Er hat die wahre Weisheit und den wahren Reichtum erlangt, und darum besitzt er alles. Er verspürt auch keine Müdigkeit, denn da er ständig arbeitet, hat er stets genug, um sich zu ernähren, und da er das Leid der Welt erkennt, weidet er sich an der Seligkeit des Himmels. Er nährt sich von Gott und erfreut sich in Gott. Er ist das Geschöpf, das den Sinn des Lebens erkannt hat.

Wie ihr seht, verändere und verunstalte ich das Gesetz nicht. Ich verfälsche es auch nicht mit dem Beiwerk gärender menschlicher Theorie, sondern ich vervollständige es. Das Gesetz bleibt, was es sein muß, und als solches wird es bis zum letzten Tag fortbestehen, ohne daß ein Wort verändert oder eine Vorschrift aufgehoben würde; aber es wird mit Vollkommenheit gekrönt. Um das Heil zu erlangen genügt es, das Gesetz anzunehmen, wie es gegeben wurde. Um die unmittelbare Einheit mit Gott zu erreichen, muß es so gelebt werden, wie ich es euch sage. Da jedoch die Helden eine Ausnahme bilden, wende ich mich an die gewöhnlichen Menschen, an die Masse der Seelen, damit man nicht sagen kann, ich wäre um der Vollkommenheit willen am Notwendigsten vorbeigegangen. Von dem, was ich euch sage, behaltet vor allem folgendes: wer sich erlaubt, eines der geringsten dieser Gebote zu übertreten, wird im Himmelreich gering geschätzt werden, und wer andere dazu verleitet, sie zu übertreten, wird gering geachtet werden; und nicht nur er selbst, sondern auch der, den er zur Übertretung verleitet hat. Wer aber durch seine Lebensweise und seine Werke andere zum Gehorsam geführt hat, wird groß sein im

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Himmelreich, und seine Größe wird zunehmen mit jedem, den er zum Gehorsam und zur Selbstheiligung angespornt hat. Ich weiß, daß meine Worte für viele einen bitteren Geschmack haben; aber ich kann nicht lügen, auch wenn die Wahrheit, die ich euch verkünde, mir Feinde schaffen wird.

In Wahrheit sage ich euch, wenn eure Gerechtigkeit sich nicht erneuert, wenn sie sich nicht vollkommen lossagt von der erbärmlichen und fälschlich so bezeichneten "Gerechtigkeit", die euch von Schriftgelehrten und Pharisäern gelehrt wurde; wenn ihr nicht viel mehr seid als Gerechte im Sinne der Pharisäer und Schriftgelehrten, die glauben es zu sein, wenn sie die Formeln mehren, ohne jedoch die Seelen grundlegend zu ändern, dann werdet ihr nicht ins Himmelreich eingehen.

Hütet euch vor falschen Propheten und vor in die Irre gegangenen Gelehrten. Sie kommen zu euch in Schafskleidern, sind aber reißende Wölfe; sie kommen im Kleide der Heiligkeit und sind Gottesverächter; sie behaupten, die Wahrheit zu lieben und weiden sich an Lügen. Prüft sie, bevor ihr ihnen folgt.

Der Mensch hat eine Zunge, und mit dieser spricht er. Er hat Augen, und mit diesen sieht er. Er hat Hände, und mit diesen macht er Zeichen. Aber er hat noch etwas anderes, das mehr als alles andere über sein wahres Wesen aussagt: es sind seine Werke. Was sind zwei Hände, die zum Gebet gefaltet sind, wenn der Mensch ein Dieb und Unkeuscher ist? Was sind zwei Augen, die Verzückung vortäuschen, sich in alle Richtungen verdrehen, aber nach Beendigung des Schauspiels imstande sind, den Blick begierlich auf die Frau zu richten oder auf den Feind, oder gar nach Unzucht oder Mord Ausschau zu halten? Und wie soll man eine Zunge nennen, die in lügnerischen Lobgesängen zu schmeicheln versteht und mit honigsüßen Redewendungen verführt, während sie euch dann hinter eurem Rücken verleumdet und es sogar fertigbringt, falsch zu schwören, nur damit man euch für verachtungswürdige Menschen hält? Was ist eine Zunge, die lange heuchlerische Gebete verrichtet und gleich danach den guten Ruf des Nächsten untergräbt oder dessen Gutgläubigkeit täuscht? Widerlich, widerlich sind lügnerische Augen und Hände. Aber die Werke des Menschen, die tatsächlichen Werke, also die Art sich in der Familie, im Umgang mit dem Nächsten und den Dienern zu benehmen, bezeugen: 'Dieser ist ein Diener des Herrn" denn die heiligen Werke sind die Frucht einer wahren Religion.

Ein guter Baum gibt keine schlechten Früchte, und ein schlechter Baum gibt keine guten Früchte. Könnten diese stacheligen Schlehen jemals saftige Weintrauben hervorbringen, und könnten die noch lästigeren Disteln weiche Feigen reifen lassen? Nein, sicher werdet ihr wenige und herbe Beeren von den ersten pflücken, und ungenießbare Früchte werden auch die Disteln tragen, deren Blüten schon aus Stacheln bestehen. Der nicht gerechte Mensch vermag sich nur durch den äußeren Anschein Achtung

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zu verschaffen. Auch diese flaumige Distelblüte scheint ein Knäuel feiner Silberfäden zu sein, die der Tau mit Diamanten geschmückt hat. Berührt man sie aber versehentlich, ist sie nicht wie ein weicher Knäuel, sondern als ein Bündel Stacheln anzufassen. Für den Menschen lästig und für die Schafe schädlich, wird sie von den Hirten ausgerissen und ins nächtliche Feuer geworfen, damit nicht einmal die Samen überleben: eine gute und vorsorgliche Maßnahme. Ich sage euch nicht: "Tötet die falschen Propheten und die scheinheiligen Gläubigen." Ich sage vielmehr: "Überlaßt Gott das Gericht", und: "Habt acht; meidet sie, damit sie euch nicht mit ihren Säften vergiften."

Gestern habe ich euch gesagt, wie Gott geliebt werden muß. Nun sage ich euch, wie der Nächste geliebt werden muß.

Es gab eine Zeit, wo man sagte: "Liebe deinen Freund, deinen Feind aber hasse." Nein, so nicht. Das konnte gelten für die Zeiten, in denen der Mensch den Trost des Lächelns Gottes nicht kannte. Doch jetzt kommen die neuen Zeiten, in denen Gott die Menschen so liebt, daß er ihnen sein Wort sendet, um sie zu erlösen. Jetzt spricht das Wort, und die Gnade strömt schon aus. Dann wird das Wort das Opfer des Friedens und der Erlösung vollbringen und die Gnade wird nicht nur ausströmen, sondern sie wird jeder Seele, die an Christus glaubt, geschenkt werden. Daher muß die Nächstenliebe zu der Vollkommenheit erhoben werden, die den Freund mit dem Feind vereinigt.

Werdet ihr verleumdet? Liebt und verzeiht! Werdet ihr geschlagen? Liebt und reicht dem, der euch schlägt, auch die andere Wange; denkt, daß es besser ist, daß der Zorn sich über euch ergieße, die ihr versteht, ihn zu ertragen, als über einen anderen, der sich für die Beleidigung sofort rächen würde. Hat man euch beraubt? Denkt nicht: "Dieser mein Nächster ist habgierig", seid barmherzig und denkt: "Dieser mein armer Bruder ist bedürftig ", und gebt ihm auch den Rock, wenn er euch den Mantel genommen hat. So macht ihr es ihm unmöglich einen zweifachen Diebstahl zu begehen, weil er es nicht mehr nötig hat, einem anderen den Rock zu stehlen. Ihr sagt: "Es könnte aber auch Laster und nicht Bedürftigkeit sein." Nun, gebt gleichwohl, Gott wird es euch vergelten und der Missetäter wird es büßen. Doch sehr oft – und ich erinnere euch an das, was ich gestern über die Sanftmut gesagt habe – fällt das Laster vom Herzen des Sünders, wenn er sich so behandelt sieht, und er befreit sich davon, macht den Diebstahl wieder gut und erstattet das Gestohlene zurück.

Seid großzügig mit jenen, die rechtschaffener sind und euch um das bitten, was sie nötig haben, anstatt euch zu berauben. Wenn die Reichen wirklich arm im Geiste wären, wie ich es gestern gelehrt habe, dann gäbe es keine leidigen gesellschaftlichen Unterschiede, die Ursache so viel menschlichen und übermenschlichen Unglücks. Denkt immer: "Wenn ich in Not wäre, wie würde ich die Verweigerung einer Hilfe empfinden?"

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und handelt dann im Einklang mit der Antwort eures Ich. Tut den anderen, was ihr wünscht, daß man auch euch tue, und fügt ihnen nicht zu, was ihr nicht möchtet, daß euch zugefügt werde.

Der alte Spruch: "Auge um Auge, Zahn um Zahn", der nicht in den zehn Geboten steht, aber gesagt wurde, weil der Mensch ohne Gnade ein für nichts anderes als für die Rache zugänglicher Unmensch ist, wird nun ungültig und entkräftet durch das neue Wort: "Liebe den, der dich haßt; bete für den, der dich verfolgt; sei nachsichtig mit dem, der dich verleumdet; segne den, der dich verflucht; tue Gutes dem, der dir Schaden zufügt; sei friedfertig mit dem Streitsüchtigen, nachgiebig mit dem Lästigen; hilf gerne dem, der dich um Hilfe bittet, und treibe keinen Wucher; kritisiere und richte nicht." Ihr könnt die äußerste Not, die einen Menschen zu gewissen Handlungen treibt, nicht ermessen. In allen Hilfeleistungen seid großzügig, seid barmherzig. Je mehr ihr gebt, um so mehr wird euch gegeben werden. Ein volles Maß wird Gott in den Schoß dessen ausschütten, der großherzig gewesen ist. Gott wird euch nicht nur in dem Maße geben, in dem ihr gegeben habt, sondern viel mehr. Bemüht euch, zu lieben, um selbst liebenswert zu sein. Streitigkeiten kommen teurer zu stehen als freundschaftliche Übereinkunft, und die Liebenswürdigkeit ist wie Honig, dessen Süße lange auf der Zunge bleibt.

Liebt, liebt! Liebt die Freunde und die Feinde, um euerem Vater ähnlich zu sein, der über Gute und Böse regnen und die Sonne über Gerechte und Ungerechte aufgehen läßt, der es sich aber vorbehält, mit ewiger Sonne und ewigem Tau, mit höllischem Feuer und höllischem Hagel zu vergelten, wenn die Guten wie erlesene Ähren unter den Erntegarben ausgewählt werden. Es genügt nicht, jene zu lieben, die euch lieben und von denen ihr euch eine Gegenleistung erhofft. Das ist kein Verdienst. Es ist vielmehr eine Freude, und auch die von Natur aus ehrbaren Menschen können es tun. Auch die Zöllner und die Heiden handeln so. Aber ihr sollt wie Gott und aus Ehrfurcht vor Gott lieben, denn er ist auch der Schöpfer jener, die sich euch gegenüber feindselig oder nicht gerade liebenswürdig benehmen. Ich verlange von euch die vollkommene Liebe und sage deshalb: "Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist."

So groß ist das Gebot der Nächstenliebe, die Vervollkommnung des Gebotes der Nächstenliebe, daß ich nicht mehr sage, wie euch geboten wurde: "Ihr sollt nicht töten" denn wer tötet, wird durch die Menschen verurteilt werden. Ich sage euch vielmehr: "Laßt keinen Zorn in euch aufkommen", denn ein weit höheres Gericht steht über euch und erwägt auch die verborgenen Taten. Wer den Bruder beleidigt, wird vom Hohen Rat verurteilt. Wer ihn aber einen Narren nennt und dadurch schädigt, wird von Gott verurteilt. Vergebens ist es, am Altar zu opfern, wenn man nicht vorher im Inneren seines Herzens aus Liebe zu Gott seinen Groll zum Opfer gebracht und den heiligsten Akt des Verzeihens vollzogen hat. Wenn

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du also Gott ein Opfer darbringen willst und dich erinnerst, daß du gegen deinen Bruder gefehlt hast oder daß du ihm wegen einer Schuld seinerseits grollst, dann lasse deine Gabe vor dem Altar, opfere zuerst deine Eigenliebe und versöhne dich mit deinem Bruder. Dann komm zum Altar, und dann, erst dann, wird dein Opfer heilig sein. Ein gutes Einvernehmen ist immer die beste Lösung. Fragwürdig ist das Urteil des Menschen und wer hartnäckig einen Rechtsstreit herausfordert, könnte den Prozeß verlieren und dem Gegner alles bis zum letzten Heller bezahlen oder im Gefängnis schmachten müssen.

Erhebt in allen Dingen den Blick zum Himmel. Fragt euch: "Habe ich das Recht zu tun, was Gott nicht mit mir tut?" Denn Gott ist nicht so unerbittlich und unnachgiebig, wie ihr es seid. Wehe euch, wenn er es wäre! Kein einziger würde gerettet werden. Diese Überlegung führe euch zu sanftmütigen, demütigen, barmherzigen Gefühlen. So wird die Vergeltung Gottes hier auf Erden und im Himmel nicht ausbleiben.

Hier vor mir steht ein Mann, der mich haßt und es nicht wagt, zu sagen: "Heile mich"; denn er weiß, daß ich seine Gedanken kenne. Doch ich sage: "Es geschehe dir nach deinem Wunsche. Und wie dir die Schuppen von den Augen fallen, so mögen auch Rachsucht und Finsternis aus deinem Herzen weichen."

Geht alle mit meinem Frieden! Morgen werde ich wieder zu euch sprechen.»

Die Menschenmenge zerstreut sich langsam, vielleicht in Erwartung eines Freudenschreis über ein Wunder, der aber ausbleibt.

Auch die Apostel und die älteren Jünger, die auf dem Berge bleiben, fragen: «Wen hast du gemeint? Ist er vielleicht nicht geheilt worden?»Sie bedrängen den Meister, der mit verschränkten Armen stehengeblieben ist und den Leuten nachsieht, die hinuntersteigen.

Jesus antwortet zuerst nicht. Dann sagt er: «Die Augen sind geheilt, die Seele nicht, es ist nicht möglich, weil sie voller Haß ist.»

«Aber um wen handelt es sich? Vielleicht um den Römer?»

«Nein, um einen Unglücklichen.»

«Aber warum hast du ihn denn geheilt?» fragt Petrus.

«Sollte ich alle seinesgleichen vom Blitz treffen lassen?»

«Herr, ich weiß, daß du nicht willst, daß ich "Ja" sage, und darum sage ich es nicht, aber... ich denke es... und das ist dasselbe.»

«Es ist dasselbe, Simon des Jonas, aber wisse, daß dann... Oh, wie viele Herzen, mit Schuppen des Hasses bedeckt, umgeben mich!

Komm, laß uns auf den Gipfel steigen, um aus der Höhe unser schönes galiläisches Meer zu bewundern. Ich und du allein...»

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211. DIE BERGPREDIGT DIE SELIGPREISUNGEN (Dritter Teil)

Derselbe Platz, dieselbe Stunde. Die Menschenmenge ist dieselbe und vielleicht noch größer, denn viele stehen bis zu den Wegen, die ins kleine Tal führen. Nur der Römer fehlt.

Jesus spricht:

«Einer der Fehler, denen der Mensch leicht verfällt, ist der Mangel an Ehrlichkeit, auch sich selbst gegenüber. Da der Mensch schwerlich aufrichtig und ehrlich ist, hat er sich selbst einen Zügel angelegt, der ihn zwingt, den vorgeschriebenen Weg zu gehen. Einen Zügel, den er allerdings wie ein unbändiges Pferd rasch lockert, um seine Gangart zu ändern, oder dessen er sich ganz entledigt, um ohne weitere Überlegung alles tun zu können, was ihm eine solche Handlungsweise an Vorwürfen von seiten Gottes, der Menschen und seines eigenen Gewissens einbringen könnte.

Dieser Zügel ist der Schwur. Doch ein Eid ist unter Ehrlichen nicht nötig, und es ist nicht Gott, der ihn euch gelehrt hat. Im Gegenteil, er hat euch geboten: "Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen." Diesem Gebot hat er nichts hinzugefügt! Denn der Mensch soll aufrichtig sein, und die Treue zu seinem Wort sollte genügen. Wenn im Deuteronomium von Schwüren und auch von Gelübden die Rede ist als von etwas, das aus einem Herzen kommt, das sich mit Gott vereinigt glaubt, oder aus einem Bedürfnis oder einem Dankbarkeitsgefühl entspringt, dann heißt es darin: "Das Wort, das einmal über deine Lippen gekommen ist, mußt du halten und erfüllen, so wie du es deinem Herrn und Gott freiwillig gelobt hast!" Es wird immer vom gegebenen Wort gesprochen, von nichts anderem als dem Wort. Wer es für nötig hält zu schwören, tut es, weil er weder seiner selbst sicher ist noch der Meinung, die sein Nächster von ihm hat. Wer aber einen anderen zu schwören auffordert, beweist, daß er der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit des Schwörenden mißtraut.

Wie ihr seht, ist die Gewohnheit des Schwörens eine Folge der moralischen Unehrlichkeit des Menschen und somit eine Schande für ihn. Es ist eine doppelte Schande für ihn, weil er nicht einmal dieser beschämenden Handlung, dem Schwur, treu ist. Mit derselben Unbesonnenheit, mit der er seinen Nächsten verspottet, verspottet er auch Gott, da er sich nicht scheut, mit größter Ruhe und Leichtfertigkeit falsch zu schwören. Gibt es ein schändlicheres Geschöpf als den Meineidigen? Wie oft verwendet man beim Schwören eine heilige Formel und ruft dabei Gott als Zeugen und Bürgen an; oder man beruft sich auf sein Liebstes, auf Vater, Mutter, Kinder, Ehefrau, verstorbene Angehörige, das eigene Leben und die kostbarsten Organe; und diese müssen Gewähr für eine falsche Aussage bieten, um den Mitmenschen zu überzeugen, obwohl er doch betrogen wird.

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Ein solcher Mensch ist ein Gotteslästerer, ein Dieb, ein Verräter, ein Mörder. Wessen? Natürlich Gottes, weil er die Wahrheit mit der Gemeinheit seiner Lüge vermischt und ihn durch seine Herausforderung verhöhnt: "Bestrafe mich, überführe mich meiner Lüge, wenn du kannst; du bist dort, und ich bin hier, und ich spotte deiner." Ja, lacht nur, lacht nur, ihr Lügner und Spötter, doch die Stunde wird kommen, da ihr nicht mehr lacht; sie wird kommen, wenn der, dem alle Macht gegeben ist, euch in seiner schrecklichen Majestät erscheinen wird. Allein sein Anblick wird euch erzittern lassen und seine Blicke werden euch niederschmettern, noch ehe seine Stimme euch in euer ewiges Schicksal stürzt und euch mit seinem Fluch zeichnet.

Er ist ein Dieb, da er sich eine Achtung verschafft, die er nicht verdient. Der Nächste, von seinem Schwur beeindruckt, bezeigt ihm diese Achtung, und die Schlange ziert sich damit und täuscht vor, was sie nicht ist. Er ist ein Verräter, denn mit seinem Schwur verspricht er, was er nicht halten will. Er ist ein Mörder, denn er zerstört die Ehre seinesgleichen, der durch seinen falschen Eid die Achtung der anderen verliert; und auch, weil er seine Seele tötet, denn der Meineidige ist ein abscheulicher Sünder in den Augen des Herrn. Wenn auch kein anderer die Wahrheit sieht, so entgeht sich doch Gott nicht, und er läßt sich weder durch lügenhafte Worte noch durch heuchlerische Taten betrügen. Er sieht es, und er verliert jeden einzelnen Menschen keinen Moment aus den Augen. Es gibt keine noch so starke Festung und keinen noch so tiefen Keller, in die sein Blick nicht eindringen könnte. Auch in euer Innerstes, in diese Festung eines jeden Menschenherzens, schaut Gott, und er richtet euch nicht nach dem, was ihr schwört, sondern nach dem, was ihr tut.

Das Gebot, das euch mit der Einsetzung des Schwures gegeben wurde, um der Lüge und Leichtfertigkeit, mit der man das gegebene Wort brach, Einhalt zu gebieten, ersetze ich nun durch ein anderes Gebot. Ich sage nicht wie die Alten: "Schwört nicht falsch und haltet, was ihr schwört" ' sondern ich sage euch: "Schwört nie!" Nicht beim Himmel, dem Thron Gottes, nicht bei der Erde, dem Schemel seiner Füße, nicht bei Jerusalem und seinem Tempel, der Stadt des großen Königs und dem Haus des Herrn, unseres Gottes.

Schwört weder auf die Gräber der Dahingeschiedenen, noch auf ihre Seelen. Die Gräber sind voll von Überresten dessen, was minderwertig am Menschen ist und was er mit dem Tier gemeinsam hat, und die Seelen sollt ihr lassen wo sie sind. Verursacht ihnen nicht Leid und Abscheu, wenn es Seelen Gerechter sind, die schon eine Voraus-Erkenntnis Gottes besitzen. Denn auch wenn es nur eine Vorkenntnis, also eine teilweise Erkenntnis ist und sie Gott bis zum Augenblick der Erlösung nicht in der ganzen Fülle seiner Herrlichkeit besitzen, so können sie euch doch nicht sündigen sehen, ohne zu leiden. Wenn es aber nicht Seelen Gerechter sind, vermehrt

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nicht noch ihre Pein, indem ihr sie durch eure Sünden an ihre eigenen Sünden erinnert. Laßt sie, laßt die heiligen Verstorbenen in Frieden, die Nichtheiligen in ihren Qualen. Nehmt den einen nicht ihre Ruhe, vermehrt nicht die Pein der anderen. Warum sich auf die Toten berufen? Sie können nicht reden. Die Heiligen nicht, weil die Barmherzigkeit es ihnen verbietet; sie müßten zu oft widersprechen. Die Verdammten nicht, weil die Hölle ihre Pforten nicht öffnet, weil sie den Mund nur zum Fluchen aufmachen, und weil jede Stimme durch den Haß Satans und der Teufel erstickt wird; denn die Verdammten sind Teufel.

Schwört weder auf das Haupt des Vaters, noch auf das der Mutter, noch auf das der Gattin oder der unschuldigen Kinder. Ihr habt kein Recht dazu. Sind sie vielleicht eine Münze oder eine Ware? Sind sie eine Unterschrift auf einem Dokument? Sie sind mehr und weniger als das. Sie sind Fleisch und Blut von deinem Blute, o Mensch, aber sie sind auch freie Geschöpfe, und du kannst sie nicht wie Sklaven als Bürgen für deinen falschen Schwur gebrauchen. Sie sind weniger als deine eigene Unterschrift, denn du bist intelligent, frei und erwachsen und weder unmündig noch ein Kind, das nicht weiß, was es zu tun hat und daher durch seine Eltern vertreten werden muß. Du bist du selbst, ein mit Vernunft begabter Mensch, und deshalb verantwortlich für dein Tun und deine Worte. Für dich allein mußt du handeln, und deine eigene Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit und die Achtung deiner Mitmenschen sollen für deine Worte und Werke bürgen, nicht die Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit deiner Angehörigen und die Achtung, die sie sich zu erwerben wußten. Sind die Väter für ihre Söhne verantwortlich? Gewiß, für die minderjährigen. Danach ist jeder für sich selbst verantwortlich. Nicht immer haben gerechte Eltern auch gerechte Kinder, und eine gottesfürchtige Frau ist nicht immer mit einem gottesfürchtigen Mann verheiratet. Warum also die Gerechtigkeit eines Verwandten als Bürgschaft benutzen? Gleicherweise können einem Sünder heilige Kinder geboren werden, und solange sie unschuldig sind, sind sie alle heilig. Warum sich also mit einer unlauteren Handlung, wie ein Schwur, den man nicht halten will, auf einen Unschuldigen berufen?

Schwört auch nicht auf euer Haupt, eure Augen, Zunge und Hände. Ihr habt kein Recht dazu. Alles, was ihr habt, stammt von Gott. Ihr seid nur die zeitlichen Hüter, die Verwalter der geistigen oder materiellen Güter, die euch Gott gewährt hat. Warum also gebrauchen, was euch nicht gehört? Könnt ihr eurem Haupte auch nur ein Haar hinzufügen oder seine Farbe verändern? Wenn ihr das nicht könnt, warum benützt ihr dann das Sehen, das Sprechen, die Freiheit eurer Glieder, um euren Eid zu bekräftigen? Fordert Gott nicht heraus! Er könnte euch beim Wort nehmen und eure Augen austrocknen lassen, wie er eure Obstgärten verdorren lassen, euch eure Kinder entreißen und eure Häuser in Schutt verwandeln kann,

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um euch daran zu erinnern, daß er der Herr ist und ihr die Untertanen seid, und daß verflucht ist, wer sich selbst zum Gott macht, wer sich über Gott stellt und ihn mit seiner Lüge herausfordert.

Eure Rede sei: "Ja, ja" und "nein, nein" «Nicht mehr. Was darüber ist, flüstert euch der Böse ein, um dann über euch zu lachen, wenn ihr, da ihr euch nicht an alles erinnern könnt, zur Lüge gezwungen seid und als Lügner entlarvt und verspottet werdet. Aufrichtigkeit, Kinder, im Reden und im Beten!

Macht es nicht wie die Heuchler, die sich beim Beten in den Synagogen oder an den Ecken der Plätze den Menschen zur Schau stellen, um als fromme und gerechte Menschen gepriesen zu werden, während sie sich an ihrer Familie, an Gott und am Nächsten versündigen. Versteht ihr nicht, daß dies einem Meineid gleichkommt? Warum wollt ihr auf einer Unwahrheit bestehen wenn nicht um euch eine Achtung zu verschaffen, die ihr nicht verdient ? Das heuchlerische Gebet soll sagen: "Wahrlich, ich bin ein Gerechter. Ich schwöre es vor den Augen aller, die mich sehen und nicht leugnen können, daß sie mich beten sehen." Mit dem Schleier, den ihr über eure Bosheit breitet, wird ein in solcher Absicht verrichtetes Gebet zur Gotteslästerung.

Überlaßt es Gott, euch für gerecht zu erklären, und handelt so, daß euer ganzes Leben für euch zeuge: "Seht, da ist ein Diener des Herrn." Doch ihr selbst, ihr sollt schweigen, zu eurem eigenen Nutzen. Macht eure Zunge, die vom Hochmut bewegt wird, nicht zum Gegenstand des Ärgernisses in den Augen der Engel. Besser wäre es, ihr würdet augenblicklich stumm, wenn ihr nicht die Kraft besitzt, dem Hochmut und der Zunge zu gebieten, die euch als gerecht und Gott wohlgefällig verkünden. Überlaßt den Hoffärtigen und den Heuchlern diese armselige Ehre! Laßt den Stolzen und den Falschen diese hinfällige Belohnung! Armselige Vergeltung! Doch diese wollen sie, und eine andere werden sie nicht erhalten; denn mehr als eine steht niemand zu. Entweder die wahre, gerechte und ewige des Himmels, oder die unechte dieser Welt, die nur so lange währt wie ein Menschenleben, vielleicht auch kürzer, und die dann im anderen Leben, weil sie ungerecht war, mit einer beschämenden Strafe gebüßt werden muß.

Hört, wie ihr beten sollt: sowohl mit der Zunge als auch mit der Arbeit und mit euerem ganzen Sein, aus Antrieb des Herzens, das Gott liebt und in ihm den Vater erkennt und das euch stets bedenken läßt, wer der Schöpfer und was das Geschöpf ist. Dann steht der Mensch stets in ehrfurchtsvoller Liebe vor dem Angesicht Gottes, ob er nun betet oder arbeitet oder unterwegs ist, ob er sich ausruht, seinen Lebensunterhalt verdient oder Wohltaten spendet. Aus einem inneren Antrieb des Herzens, habe ich gesagt. Dies ist die erste und wesentliche Eigenschaft, denn alles kommt aus dem Herzen und wie das Herz ist, so ist der Geist, das Wort, der Blick und das Handeln eines Menschen.

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Der Gerechte schöpft aus seinem gerechten Herzen das Gute, und je mehr er daraus schöpft, desto mehr findet er; denn was er Gutes getan hat, erzeugt aufs neue Gutes, so wie das Blut, das sich im Kreislauf durch die Adern erneuert und, angereichert mit neuen Stoffen aus Luft und Nahrung, zum Herzen zurückkehrt. Der entartete Mensch hingegen kann aus seinem finstersten Herzen voller Trug und Gift nur Trug und Gift schöpfen, und wie sich bei ihm Trug und Gift durch die zunehmenden Sünden mehren, so vermehrt sich beim guten Menschen die Gnade Gottes. Glaubt nur, wovon das Herz des Menschen voll ist, davon fließt der Mund über, und in seinen Werken findet es seinen Ausdruck.

Schafft euch ein demütiges und reines Herz, voll Liebe, Vertrauen und Aufrichtigkeit. Liebt Gott mit der scheuen Liebe, die eine Jungfrau für ihren Bräutigam empfindet. Wahrlich, ich sage euch, jede Seele ist eine Jungfrau, vermählt mit dem ewig Liebenden, unserem Herrn und Gott. Dieses irdische Leben ist die Zeit der Verlobung und der Engel, der jedem Menschen als Beschützer gegeben wurde, der geistige Brautführer. Alle Stunden des Lebens und jede Begebenheit sind ebenso viele Mägde, die die hochzeitliche Ausstattung vorbereiten. Die Stunde des Todes ist die Stunde der mit Gott vollzogenen Vermählung, danach kommt die Erkenntnis, die Umarmung und die Vereinigung. Angetan mit dem Hochzeitsgewand, kann nunmehr die mit Gott vermählte Seele ihren Schleier abnehmen und sich in die Arme Gottes werfen, und niemand kann an dieser Liebe zum Bräutigam Anstoß nehmen.

Doch zur Stunde, ihr Seelen, da sich eure Hingabe an Gott noch im Opfer der Verlobungsbande vollzieht, begeht euch, um mit Gott, dem Bräutigam zu sprechen, in die friedliche Stille eurer Wohnung, besonders aber in die friedliche Wohnung des Herzens und sprecht als Engel im Fleisch, die ihr stets euren Schutzengel zur Seite habt, zum König der Engel. Sprecht zu eurem Vater in der Verborgenheit eures Herzens und eurer inneren Kammer und laßt alles weltliche draußen, sowohl den Drang, bemerkt zu werden und erbaulich zu wirken, als auch die Bedenken, ob lange wortreiche Gebete mit vielen lauen und schalen Worten der Liebe. O nein, nichts von alledem! Befreit euch davon, im Gebet Maßstäbe anzusetzen. Tatsächlich gibt es Menschen, die Stunde um Stunde in einem sich wiederholenden Monolog, einem bloßen Lippen- und Selbstgespräch verschwenden, denn nicht einmal der Schutzengel hört zu. Er versucht, das leere Geplapper wieder gutzumachen, indem er sich selbst, anstelle seines törichten Schützlings, in ein glühendes Gebet versenkt.

Es gibt wahrlich solche, die diese Stunden nicht anders verbringen würden, auch wenn ihnen Gott persönlich erschiene und sagte: "Das Heil der Welt hängt davon ab, daß du diese seelenlose Art zu beten aufgibst, um vielleicht einfach an einem Brunnen Wasser zu schöpfen und damit aus Liebe zu mir und deinem Mitmenschen die Erde zu begießen." In

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Wahrheit, es gibt Leute, die ihr Selbstgespräch höher einschätzen als die Höflichkeitspflicht, einen Besucher zu empfangen oder in Nächstenliebe einem Notleidenden zu helfen. Es sind Seelen, die dem Götzendienst des Gebets verfallen sind.

Das Gebet ist ein Akt der Liebe. Und lieben kann man, wenn man betet und wenn man Brot bäckt, wenn man betrachtet, wenn man einem Gebrechlichen beisteht, wenn man zum Tempel pilgert, wenn man sich der Familie widmet, wenn man ein Lämmlein darbringt, oder wenn man, um sich im Herrn zu sammeln, die eigenen selbstgerechten Wünsche opfert. Es genügt, daß man sein ganzes Sein und alles, was man tut, in Liebe kleidet. Habt keine Angst! Der Vater sieht euch. Der Vater versteht euch. Der Vater hört euch an. Der Vater gibt euch. Wieviel Gnaden werden schon für einen einzigen, wahrhaftigen, vollkommenen Liebesseufzer gewährt! Welche Fülle für ein geheimes, mit Liebe dargebrachtes Opfer! Seid nicht wie die Heiden. Gott hat es nicht nötig, daß ihr ihm sagt, was er tun und geben soll, um euch zu helfen. Das können die Heiden ihren Götzen sagen, die nichts verstehen, nicht aber ihr eurem Gott, dem wahren, geistigen Gott, der nicht nur Gott und König, sondern auch euer Vater ist und weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet.

Bittet, und ihr werdet empfangen, sucht, und ihr werdet finden, klopft an, und es wird euch aufgetan. Denn wer bittet, empfängt, wer sucht, der findet und wer anklopft, dem wird aufgetan. Wenn eines eurer Kinder das Händchen hinhält und sagt: "Vater, ich habe Hunger", gebt ihr ihm dann vielleicht einen Stein? Gebt ihr ihm eine Schlange, wenn es euch um einen Fisch bittet? Nein, im Gegenteil, ihr gebt ihm Brot, Fisch und noch mehr: Liebkosung und Segen; denn für einen Vater ist es wunderbar, sein Geschöpf zu ernähren und sein glückliches Lächeln sehen zu können. Wenn ihr also trotz eures unvollkommenen Herzens euren Kindern aus natürlicher Liebe heraus gute Gaben zu geben wißt, wie auch das Tier mit seiner Brut es tut, wieviel mehr wird euer Vater, der im Himmel ist, denen geben, die ihn um gute und ihrem Wohl zuträgliche Dinge bitten. Habt keine Angst zu bitten, und fürchtet nicht, das Erbetene nicht zu erhalten.

Jedoch – hier muß ich euch vor einem Irrtum warnen, dem man leicht verfallen kann – macht es nicht wie die Schwachen im Glauben und in der Liebe, die Heiden der wahren Religion – denn auch unter den Gläubigen gibt es Heiden, deren armseliger Glaube ein Gewirr von Aberglauben und wahrem Glauben, ein heruntergekommenes Gebäude ist, in dessen Mauerrissen sich Unkraut und Schmarotzerpflanzen jeglicher Art eingenistet haben, so daß die Mauer abzubröckeln beginnt und später in Verfall gerät – deren Glauben zu schwinden beginnt, wenn sie sehen, daß sie nicht erhört werden.

Ihr bittet, und ihr findet es richtig zu bitten. In diesem Augenblick wäre es in der Tat nicht ungerecht, euch die erbetene Gnade zu gewähren. Doch

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das Leben ist in diesem Augenblick noch nicht zu Ende, und was heute gut sein mag, kann morgen schlecht sein. Ihr könnt dies nicht wissen, denn ihr kennt nur die Gegenwart, und das ist schon eine Gnade Gottes. Doch Gott kennt auch die Zukunft, und um euch ein noch größeres Leid zu ersparen, läßt er oft ein Gebet unerhört. In diesem Jahre meines öffentlichen Lebens habe ich mehr als einmal in den Herzen ein Seufzen vernommen: "Wie sehr habe ich damals gelitten, als Gott mich nicht erhört hat." Doch nun sage ich: "Es war gut so, denn jene Gnade hätte mich daran gehindert, jetzt zu Gott zu kommen." Andere habe ich sagen und mir sagen gehört: "Warum, Herr, erhörst du mich nicht? Alle erhörst du, nur mich nicht", und obwohl es mich schmerzte, sie leiden zu sehen, mußte ich antworten: "Ich kann nicht", denn die Erhörung wäre ein Hindernis für ihren Höhenflug zur Vollkommenheit gewesen.

Auch der Vater sagt manchmal: "Ich kann nicht." Nicht, weil er nicht augenblicklich eingreifen könnte, sondern er will die Bitte nicht erfüllen, weil er die sich daraus ergebenden Folgen für die Zukunft kennt. Hört: Ein Kind hat kranke Eingeweide. Die Mutter ruft den Arzt, und dieser sagt: "Um es zu heilen ist absolutes Fasten nötig." Das Kind weint, schreit, bettelt und scheint vor Hunger zu sterben. Die wie immer mitleidsvolle Mutter vereinigt ihre Klagen mit denen des Kindes. Das totale Verbot des Arztes scheint ihr zu hart zu sein. Sie meint, dem Kind könnte das Fasten und das Weinen schaden. Doch der Arzt bleibt unerbittlich und sagt schließlich: "Frau, ich weiß, um was es geht, du weißt es nicht. Willst du dein Kind verlieren oder willst du, daß ich es dir rette?" Die Mutter schreit: "Ich will, daß es lebt." "Dann", sagt der Arzt, "kann ich keine Nahrung erlauben. Es wäre sein Tod." Auch der Vater spricht manchmal so. Ihr Mütter, die ihr euer Ich bemitleidet, wollt nicht hören, daß es einer verweigerten Gunst wegen weint. Doch Gott sagt: "Ich kann nicht. Es wäre zu deinem Übel." So kommt der Tag oder die Ewigkeit, wo man sich schließlich sagen muß: "Danke, mein Gott, daß du meine törichte Bitte nicht erhört hast."

Was ich euch über das Gebet gesagt habe, gilt auch für das Fasten. Wenn ihr fastet, dann setzt keine trübsinnige Miene auf, wie es die Heuchler tun, die kunstvoll das Gesicht verziehen, damit die Leute wissen und glauben, daß sie fasten, auch wenn es nicht wahr ist. Auch sie haben mit dem Lob der Welt ihren Lohn schon empfangen und einen anderen werden sie nicht erhalten. Ihr aber, wenn ihr fastet, nehmt eine heitere Miene an, wascht euch öfters das Gesicht, damit es sauber und frisch erscheint, salbt euch den Bart, parfümiert euer Haar und lächelt mit der Zufriedenheit des Wohlgenährten. Oh, wahrlich, es gibt keine Speise, die so sehr erquickt wie die Liebe. Wer im Geist der Liebe fastet, der nährt sich mit Liebe. Wahrlich, ich sage euch, wenn die Welt euch auch "eitel" und "Zöllner" nennt: euer Vater kennt euer heldenmütiges Geheimnis und wird es

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euch doppelt vergelten. Er wird euch belohnen für das Fasten, und auch dafür, daß ihr deshalb nicht gerühmt worden seid.

Nun gehet hin und gebt dem Körper Nahrung, nachdem die Seele gespeist worden ist. Diese beiden armen Leute sollen bei uns bleiben. Sie werden unsere gesegneten Gäste sein, die unserem Brot den Wohlgeschmack verleihen. Der Friede sei mit euch.»

Die beiden armen Leute bleiben. Es handelt sich um eine hagere Frau und einen sehr alten Mann. Doch sie gehören nicht zusammen. Der Zufall hat sie zusammengeführt. Sie waren beschämt in einer Ecke zurückgeblieben und hatten allen vergeblich die Hand entgegengestreckt, die an ihnen vorübergingen.

Jesus schreitet direkt auf sie zu, da sie nicht wagen, ihm entgegenzugehen, nimmt sie bei der Hand und führt sie mitten in die Schar der Jünger unter eine Art Zelt, das Petrus etwas abseits errichtet hat. Dort nächtigen die Jünger anscheinend und halten sich in den wärmsten Stunden des Tages auf. Das Dach besteht nur aus Reisern und... Mänteln. Doch die Behausung dient ihrem Zweck, auch wenn sie so niedrig ist, daß Jesus und Judas Iskariot, als die größten, sich bücken müssen um einzutreten.

«Hier ist ein Vater und hier ist eine Schwester. Bringt herbei, was wir haben. Während wir die Mahlzeit einnehmen, wollen wir uns ihre Geschichte anhören.» Jesus bedient die beiden Beschämten persönlich und hört sich ihren jammervollen Bericht an. Der alte Mann ist allein geblieben, als seine Tochter mit ihrem Manne weit fortgezogen ist und den Vater zurückgelassen und vergessen hat. Auch die Frau ist allein, seitdem das Fieber ihren Mann hinweggerafft hat, und sie ist außerdem noch krank.

«Die Leute verachten uns, weil wir arm sind», sagt der alte Mann. «Ich gehe betteln, um etwas beiseite zu legen, damit ich das Paschafest halten kann. Ich bin achtzig Jahre alt, immer habe ich das Pascha (jüdische Osterfest) gehalten und es könnte das letzte Mal sein. Aber ich will ohne Gewissensbisse in Abrahams Schoß eingehen. So wie ich meiner Tochter verzeihe, hoffe ich, Verzeihung zu erlangen, und ich will mein Pascha halten.»

«Der Weg ist lang, Vater.»

«Noch länger ist der zum Himmel, wenn man den Feierlichkeiten des Festes fernbleibt.»

«Gehst du allein? Wenn du dich aber unterwegs übel fühlen solltest?»

«Der Engel Gottes wird mir meine Lider schließen.»

Jesus streichelt das zitternde, weiße Haupt und fragt dann die Frau: «Was machst du?»

«Ich bin auf der Suche nach Arbeit. Wäre ich besser genährt, so würde ich vom Fieber genesen, und wäre ich geheilt, könnte ich auch auf den Feldern arbeiten.»

«Glaubst du, daß allein die Nahrung dich heilen würde?»

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«Nein, auch du bist da... Doch ich bin ein armes Ding, ein zu armes Ding, als daß ich um Barmherzigkeit bitten dürfte!»

«Wenn ich dich heilen würde, was wünschtest du dann?»

«Nichts mehr. Ich hätte dann schon mehr, als ich zu hoffen wage.»

Jesus lächelt und reicht ihr ein Stück Brot, das er zuvor in etwas Essigwasser getaucht hat, das als Getränk dient. Die Frau ißt es ohne zu sprechen, und Jesus lächelt immer noch.

Die Mahlzeit ist rasch beendet, sie war ja so karg. Die Apostel und die Jünger gehen zu den Abhängen auf die Suche nach einem schattigen Platz zwischen den Büschen. Jesus bleibt im Zelt.

Der Greis hat sich an die überwachsene Felswand gesetzt und ist erschöpft eingeschlafen.

Nach einer Weile kommt die Frau, die sich ebenfalls auf der Suche nach Schatten und Ruhe entfernt hatte, zurück und geht zaghaft auf Jesus zu. Jesus lächelt ihr zu, um sie zu ermutigen. Sie kommt scheu, doch glücklich näher, fast bis zum Zelt. Dann ist die Freude stärker als die Schüchternheit, und sie macht eilig die letzten Schritte und fällt vor Jesus nieder mit dem gedämpften Rufe: «Du hast mich geheilt. Gepriesen seist du! Es ist die Zeit meines starken Schüttelfrostes, und ich habe ihn nicht mehr... Oh!» und sie küßt Jesus die Füße.

«Bist du sicher, geheilt zu sein? Ich habe es dir nicht gesagt. Es könnte ein Zufall sein...»

«O nein! Nun habe ich dein Lächeln verstanden, mit dem du mir das Brot gegeben hast. Deine Kraft ist mit jedem Bissen in mich eingeströmt. Ich habe nichts, mit dem ich dir dies vergelten könnte, außer meinem Herz. Befiehl deiner Dienerin, Herr, und sie wird dir bis zum Tode gehorsam sein!»

«Ja. Siehst du den Greis dort? Er ist allein, und er ist ein Gerechter. Du hattest einen Gatten, und der Tod hat ihn dir genommen. Er hatte eine Tochter, und der Egoismus hat sie ihm entrissen; das ist noch schlimmer, und doch schimpft er nicht. Aber es wäre nicht recht, wenn er seine letzten Stunden allein verbringen müßte. Sei du ihm Tochter!»

«Ja, mein Herr!»

«Aber bedenke, das heißt, für zwei arbeiten zu müssen.»

«Ich bin jetzt stark und werde es schaffen.»

«Geh also zu dem Gebüsch dort und sag zu dem in Grau gekleideten ruhenden Mann, daß er zu mir kommen soll.»

Die Frau geht rasch zu der bezeichneten Stelle und kehrt mit Simon dem Zeloten zurück.

«Komm her, Simon. Ich muß dich etwas fragen. Warte, Frau.»

Jesus entfernt sich einige Meter.

«Glaubst du, daß es für Lazarus schwierig wäre, eine Arbeiterin mehr in seinen Dienst zu nehmen?»

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«Lazarus ? Ich glaube, er weiß nicht einmal, wieviel Bedienstete er hat. Einer mehr oder weniger... Aber um wen handelt es sich?»

«Um die Frau dort; ich habe sie geheilt.»

«Das genügt, Meister. Wenn du sie geheilt hast, beweist dies, daß du sie liebst, und was du liebst, ist Lazarus heilig. Ich bürge für ihn.»

«Das stimmt. Was ich liebe, ist Lazarus heilig. Das hast du gut gesagt. Deswegen wird Lazarus auch heilig werden, denn da er liebt, was ich liebe, liebt er auch die Vollkommenheit. Ich möchte jenen alten Mann dieser Frau anvertrauen, und so kann der alte Patriarch sein letztes Osterfest in Freuden begehen. Ich liebe die alten Gerechten sehr, und wenn ich ihnen einen heiteren Lebensabend bescheren kann, dann bin ich glücklich.»

«Du liebst auch die Kinder ...»

«Ja, und die Kranken...»

«Und die Betrübten...»

«Und die Alleinstehenden ...»

«Oh, mein Meister! Aber bist du dir nicht bewußt, daß du alle liebst, selbst deine Feinde?»

«Ich bin mir dessen nicht bewußt, Simon. Lieben ist meine Natur. Jetzt erwacht der Patriarch. Laß uns zu ihm gehen und ihm sagen, daß er Ostern mit einer Tochter an seiner Seite feiern wird und keinen Mangel an Brot mehr leiden muß.»

Sie kehren zum Zelt zurück, wo die Frau auf sie wartet, und gehen dann alle drei zum alten Mann, der sich gesetzt hat und seine Sandalen wieder schnürt.

«Was machst du, Vater?»

«Ich will ins Tal hinuntergehen. Ich hoffe, ein Obdach für die Nacht zu finden. Morgen werde ich auf der Straße betteln, und dann, weiter, weiter, immer weiter und, vielleicht in einem Monat, wenn ich nicht vorher sterbe, werde ich im Tempel sein.»

«Nein.»

«Soll ich es nicht tun? Warum?»

«Weil der liebe Gott es nicht will. Du wirst nicht allein gehen. Diese Frau hier wird dich begleiten. Sie wird dich an den Ort führen, den ich euch nennen werde, und wo man euch aus Liebe zu mir aufnehmen wird. Du wirst deine Ostern feiern, aber ohne Mühsal. Dein Kreuz hast du schon getragen, Vater. Lege es nun nieder und sammle dich nur in der Danksagung an deinen gütigen Gott.»

«Aber warum... ich... ich verdiene nicht so viel... Du ... eine Tochter... Mehr, als wenn du mir zwanzig Jahre schenken würdest ... und wohin, wohin schickst du mich?» Der Greis weint in seinen langen, struppigen Bart.

«Zu Lazarus des Theophilus. Ich weiß nicht, ob du ihn kennst.»

«Oh, ich bin aus dem Grenzgebiet von Syrien und erinnere mich an Theophilus. O gebenedeiter Sohn Gottes, erlaube, daß ich dich segne!»

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Jesus, der sich dem alten Mann gegenüber im Gras niedergelassen hat, neigt sich wahrhaftig, um sich von ihm in feierlicher Gebärde die Hand auflegen zu lassen. Laut ertönt die tiefe Greisenstimme im alten Segensspruch: «Der Herr segne und behüte dich. Der Herr lasse sein Antlitz leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr wende dir sein Angesicht zu und gebe dir seinen Frieden.»

Jesus, Simon und die Frau antworten miteinander: «Amen.»

212. DIE BERGPREDIGT DIE SELIGPREISUNGEN (Vierter Teil)

Die Menschenmenge wächst von Tag zu Tag an. Es sind Frauen, Männer, Alte, Kinder, Reiche und Arme darunter. Auch das Paar Stephanus Hermas ist wieder anwesend, obgleich es noch nicht zur Gruppe der alten Jünger gehört, die der Leitung Isaaks untersteht. Auch der alte Mann und die Frau, die gestern durch Jesus zusammengefunden haben, sind immer noch da. Sie stehen ganz vorne bei ihrem Tröster; ihre Gesichtszüge sind gelöster als gestern. Der Alte hat seine runzlige Hand auf die Knie der Frau gelegt, als wolle er sich für die vielen Monate und Jahre, in denen er von seiner Tochter vernachlässigt wurde, entschädigen, und sie streichelt die alte Hand mit dem moralisch gesunden, der Frau angeborenen Bedürfnis, mütterlich zu sein.

Jesus geht an ihnen vorbei, um zu seiner einfachen Kanzel zu gelangen, und im Vorübergehen legt er seine Hand auf das Haupt des Greises, der ihn anschaut, als ob er Jesus bereits in der Gestalt Gottes sehen würde. Petrus sagt etwas zu Jesus, und dieser gibt ihm ein Zeichen, als wolle er sagen: «Das macht nichts.»

Doch ich habe nicht verstanden, was der Apostel gesagt hat, der nun bei Jesus bleibt, zu dem sich noch Judas Thaddäus und Matthäus gesellen. Die anderen verlieren sich in der Menge.

«Der Friede sei mit euch allen!

Gestern habe ich vom Gebet, vom Schwören und vom Fasten gesprochen. Heute möchte ich euch über andere Vollkommenheiten belehren. Auch sie sind Gebet, Vertrauen, Aufrichtigkeit, Liebe und Glaube.

Die erste Vollkommenheit, von der ich spreche, ist der richtige Gebrauch von Reichtümern, welche durch den guten Willen des treuen Dieners in ebensoviele Schätze des Himmels umgewandelt werden. Die Schätze der Erde sind vergänglich, die Schätze des Himmels aber ewig. Hängt ihr an eurem Besitz? Bedauert ihr es, sterben zu müssen, weil ihr euch dann nicht mehr um eure Güter kümmern könnt und sie zurücklassen müßt? Dann versetzt sie doch in den Himmel! Ihr sagt: "In den

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Himmel kann nichts eingehen, was der Erde angehört, und du lehrst uns, daß das Geld die schmutzigste Sache dieser Welt ist. Wie können wir es also in den Himmel versetzen?" Nein, ihr könnt die Münzen, die Materie, nicht in das himmlische, rein geistige Reich mitnehmen. Aber ihr könnt den Nutzen mitnehmen, den ihr aus ihnen zu ziehen vermögt. Wenn ihr euer Geld einer Bank übergebt, warum tut ihr das? Damit es euch Gewinn einbringt. Ihr gebt es also nicht, oder nur zeitweilig, damit euch nachher dieselbe Summe zurückerstattet wird, sondern ihr verlangt, daß euch für zehn Talente elf und mehr zurückgezahlt werden. Dann freut ihr euch und lobt den Bankier. Anderenfalls sagt ihr: "Er ist zwar ehrlich, aber er ist ein Dummkopf." Gibt er euch statt elf Talenten nur neun und entschuldigt sich: "Ich habe den Rest verloren", dann klagt ihr ihn an und laßt ihn ins Gefängnis werfen.

Was ist der Zins eures Geldes? Sät der Bankier vielleicht euer Geld und begießt es, um es zu mehren? Nein. Der Zins ergibt sich aus einer klugen Geschäftsführung, so daß sich durch die Gewährung von Hypotheken und Darlehen und die dafür zu recht geforderten Zinsen das Kapital vermehrt. Ist es nicht so? So hört also. Gott gibt euch die irdischen Güter, dem einen viel, dem anderen kaum das Lebensnotwendigste. Er sagt euch: "Nun ist es an dir. Ich habe sie dir gegeben. Benütze diese Mittel zu einem Zweck, der den Wünschen meiner Liebe und deinem Wohle entspricht. Ich vertraue sie dir an; jedoch nicht, damit du Böses damit tust. Zum Dank für das in dich gesetzte Vertrauen und meine Gaben, nutze diese Güter und lege sie gut an für die wahre Heimat, den Himmel.

Nun sage ich euch, was ihr zu tun habt, um dieses Ziel zu erreichen. Häuft nicht Reichtümer auf dieser Erde an, für die ihr allein lebt, die euch hartherzig gegen andere sein lassen und die den Fluch des Nächsten und den Fluch Gottes auf euch herabrufen. Sie sind es nicht wert. Sie sind hier auf Erden nie sicher. Diebe können euch jederzeit berauben. Das Feuer kann eure Häuser zerstören. Krankheiten und Seuchen können eure Obstgärten und Herden vernichten. Wie viele Gefahren bedrohen eure Güter, ob sie nun fest stehen wie Häuser oder unwandelbar sind wie Gold; ob sie verletzlich sind wie alles Lebende der Tier- oder Pflanzenwelt, oder ob sie wie kostbare Stoffe ihren Wert verlieren können. Blitz, Feuer und Wasser bedrohen die Häuser; Diebe, Rost, Dürre, Nagetiere und Insekten die Felder; Tollwut, Verrenkungen und todbringende Seuchen die Tiere; Motten und Mäuse bedrohen kostbare Stoffe und wertvolle Möbel; Abnützung und Korrosion, Geschirr, Leuchter, kunstvolle Gittertore: alles ist dem Verderb ausgesetzt.

Wenn ihr aber aus all diesen irdischen Gütern ein übernatürliches Gut macht, dann bleibt es vor den Schäden der Zeit, der Menschen und der Unwetter bewahrt. Sammelt Schätze im Himmel, dort, wo Diebe nicht eindringen können und wo es kein Unheil gibt. Arbeitet mit barmherziger

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Liebe gegen alles Elend der Erde. Liebkost eure Münzen, küßt sie auch, wenn ihr wollt, freut euch über vielversprechende Ernten, über Weinberge voller Trauben, über Ölbäume, die sich unter der Last unzähliger Oliven beugen, über die trächtigen Schafe mit prallen Eutern. Ihr könnt dies alles tun, aber nicht auf unfruchtbare, nicht auf menschliche Weise. Tut es mit Liebe und Bewunderung, mit übernatürlicher Freude und übernatürlichen Gedanken.

"Danke, mein Gott, für diese Münze, dieses Korn, diese Bäume, diese Schafe und diese Geschäfte. Schafe, Bäume, Wiesen, Geschäfte, habt Dank, daß ihr mir so gut dient. Seid gesegnet, denn durch deine Güte, o Ewiger, und durch eure Güte, ihr Güter alle, kann ich dem Hungrigen, dem Nackten, dem Obdachlosen, Kranken und Einsamen viel Gutes tun... Im vergangenen Jahr habe ich für zehn gegeben. Dieses Jahr – obwohl ich viel für gute Zwecke ausgegeben habe – habe ich noch mehr Geld, denn die Ernten haben noch mehr Ertrag gebracht und meine Herden sind noch zahlreicher. Deshalb werde ich zwei-, ja, dreimal soviel geben wie letztes Jahr, denn alle, auch jene Unglücklichen, die nichts ihr eigen nennen, sollen an meiner Freude teilhaben und dich, den Ewigen Herrn, mit mir preisen." Das ist das Gebet des Gerechten, und verbunden mit der guten Tat versetzt es eure Schätze in den Himmel. Sie bleiben euch dort nicht nur auf ewig erhalten, sondern ihr werdet sie vermehrt um alle heiligen Früchte der Liebe vorfinden.

Euer Schatz sei im Himmel, damit auch euer Herz dort sei, über dem Diesseits und außer Gefahr; denn nicht nur Gold, Häuser, Felder und Herden kann das Unglück ereilen, sondern auch euer Herz, dem der Geist der Welt nachstellt um es zu berauben, zu schwächen, zu verwunden und sogar zu töten. Wenn ihr so handelt, werdet ihr euren Schatz in eurem Herzen haben, denn ihr werdet Gott in euch haben bis zu dem seligen Tage, an dem ihr in ihm seid.

Um jedoch das Verdienst der Liebe nicht zu vermindern, sorgt dafür, daß ihr barmherzig im übernatürlichen Sinne seid. Was ich vom Gebet und Fasten gesagt habe, das sage ich auch über die Wohltätigkeit und über jede gute Tat, die ihr tun könnt.

Bewahrt das Gute, das ihr tut, vor der Entheiligung durch den Geist der Welt, bewahrt es unversehrt von menschlichem Lob. Entweiht nicht die duftende Rose, das wahre Weihrauchfaß das die dem Herrn wohlgefälligen Düfte eurer Nächstenliebe und eurer guten Werke verströmt. Der Hochmut, der Wunsch, gesehen zu werden, wenn man etwas Gutes tut, und das Streben nach Anerkennung entweihen das Gute. Dann wird die Rose der Nächstenliebe durch schleimige Schnecken vom Geifer befriedigten Hochmuts besudelt und angefressen, und ins Weihrauchfaß fallen Halme stinkenden Strohs, auf dem sich der Hochmut wie ein wohlgenährtes Tier wälzt.

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Oh, diese wohltätigen Handlungen, die nur getan werden, damit man davon spricht! Besser wäre es, sie würden unterbleiben. Wer keine Taten der Nächstenliebe vollbringt, sündigt durch Hartherzigkeit! Wer das Gute tut, aber den gespendeten Betrag und den Namen des Empfängers bekannt gibt und dafür Lob fordert, sündigt durch Hochmut, denn er sagt damit: "Seht, was ich alles tue." Er fehlt gegen die Liebe, weil er mit der Bekanntgabe seines Namens den Empfänger beschämt; er sündigt durch geistige Habsucht, weil er menschliches Lob einheimsen will ... ... Stroh, Stroh, nichts als Stroh! Handelt so, daß Gott euch mit seinen Engeln lobe.

Wenn ihr Almosen gebt, dann posaunt es nicht vor euch her, um die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf euch zu lenken und um geehrt zu werden wie die Heuchler, die den Beifall der Menschen suchen und nur dort Almosen geben, wo sie von vielen gesehen werden. Auch diese haben ihren Lohn schon empfangen und werden keinen anderen mehr von Gott erhalten. Ihr sollt nicht in den gleichen Fehler und dieselbe Überheblichkeit verfallen. Ihr sollt so Almosen geben, daß eure Rechte nicht weiß, was die Linke tut; so verborgen und verschämt soll euer Almosengeben sein. Und dann müßt ihr es vergessen. Verweilt nicht selbstgefällig bei eurem vollbrachten Werk, und bläht euch nicht auf wie eine Kröte, die sich mit ihren verschleierten Augen im Teich bewundert und sich, da sie die Bäume, die Wolken und den stehenden Wagen am Ufer widergespiegelt sieht und sich selbst daneben so klein vorkommt, bis zum Platzen mit Luft anfüllt. Eure Nächstenliebe ist ein Nichts im Vergleich zur unendlichen Barmherzigkeit Gottes, und wenn ihr ihm gleich sein wollt und eure winzig kleine Wohltätigkeit riesengroß und bedeutend sehen möchtet, um es seiner unendlichen Barmherzigkeit nachzutun, dann bläht ihr euch mit dem Wind des Stolzes auf und geht schließlich zugrunde.

Vergeßt sie, eure guten Werke! Es wird euch immer ein Licht, eine Stimme, eine Freude bleiben, die euch den Tag erhellen und euch zufrieden und glücklich machen. Das Licht ist das Lächeln Gottes, die Wonne der Seelenfrieden, der wiederum Gott ist, die Stimme die Stimme Gottvaters, die euch sagt: "Danke." Er sieht das geheime Böse wie auch das verborgene Gute und wird es euch vergelten. Ich...»

«Meister, du belügst dich selbst!»

Die gehässige, unvermittelte Beschimpfung kommt mitten aus der Menge. Alle wenden sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen ist. Es entsteht Verwirrung. Petrus sagt: «Ich habe es dir gesagt! Ach, wenn nur einer von denen da ist, dann geht nichts mehr gut!»

In der Menge werden Pfiffe und Gemurmel gegen den Lästerer laut. Jesus allein bleibt ruhig. Er hat die Arme über der Brust gekreuzt und steht in seinem dunkelblauen Gewande, die Sonne im Antlitz, aufrecht auf seinem Felsblock.

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Der Angreifer fährt ungeachtet der Reaktion der Menge fort: «Du bist ein schlechter Lehrer, denn du lehrst, was du selbst nicht tust und...»

«Schweig! Geh fort! Schäme dich!» schreit die Menge und weiter: «Geh zu deinen Schriftgelehrten! Uns genügt der Meister. Heuchler unter Heuchlern! Falsche Lehrer! Würger! ...» Sie würden so weiter machen, doch die Stimme Jesu donnert: «Ruhe! Laßt ihn reden!» Die Leute schreien nicht mehr: sie flüstern noch ihre Beschimpfungen unter wütenden Blicken.

«Ja, du lehrst, was du selbst nicht tust. Du sagst, man soll Almosen geben, ohne sich selbst zur Schau zu stellen, und hast gestern in Anwesenheit des ganzen Volkes zu zwei Armen gesagt: "Bleibt, ich werde euch zu essen geben."»

«Ich habe gesagt: "Die zwei Armen sollen hier bleiben. Sie werden unsere gesegneten Gäste sein und unserem Brot Wohlgeschmack verleihen", nichts weiter. Ich habe nicht angedeutet, daß ich ihnen zu essen geben möchte. Wo ist der Arme, der nicht wenigstens ein Stück Brot hätte? Meine Freude war es, ihnen eine wahre Freundschaft anzubieten.»

«Nun ja, du bist schlau und verstehst es, das Lamm zu spielen...»

Der Greis steht auf, wendet sich um, hebt seinen Stock und ruft: «Höllische Zunge, die du den Heiligen beschuldigst! Glaubst du, alles zu wissen und wegen deiner Gelehrtheit anklagen zu können? So, wie du Gott verkennst und den verkennst, den du beschuldigst, so verkennst du auch seine Werke. Nur die Engel und mein jubelndes Herz wissen es. Hört, Leute, hört alle und wißt, daß Jesus kein Lügner und nicht hochmütig ist, wie dieser Auswurf des Tempels behauptet. Er...»

«Schweig, Ismael! Schweige mir zuliebe. Wenn ich dich glücklich gemacht habe, dann mache mich jetzt durch dein Schweigen glücklich!»bittet ihn Jesus.

«Ich gehorche dir, heiliger Sohn. Doch, laß mich nur dies sagen: Der Segen des alten getreuen Israeliten ist über ihm, der mich göttlich beschenkt hat, und Gott hat Lobesworte in meinen Mund gelegt, damit ich und Sara, meine neue Tochter, ihn preisen. Aber auf deinem Haupte wird kein Segen sein. Ich verfluche dich nicht. Ich verunreinige meinen Mund nicht mit einer Verwünschung, da ich im Begriff bin, zu Gott zu sagen: Nimm mich auf! Ich habe nicht einmal jene verflucht, die mich verleugnet hat, und habe schon die göttliche Belohnung erhalten. Doch wird es einen geben, der für den unschuldig Angeklagten und Ismael, den Freund Gottes, den der Herr mit Wohltaten beschenkt, eintreten wird.»

Ein Chor von Ausrufen beschließt die Rede des alten Mannes, der sich nun wieder niedersetzt, während sich ein anderer Mann, von Schmähungen gefolgt, davonmacht. Dann rufen die Leute Jesus zu: «Sprich weiter, sprich weiter, heiliger Meister! Wir wollen nur dich anhören, nicht diese verfluchten Raben, und du sollst uns anhören. Sie sind nur eifersüchtig,

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weil wir dich mehr lieben als sie. Aber in dir ist Heiligkeit und in ihnen Bosheit. Sprich, sprich! Du siehst, daß wir nach nichts anderem verlangen als nach deinem Wort. Unsere Häuser? Unsere Geschäfte? Ein Nichts, wenn wir dir zuhören dürfen.»

«Ja, ich spreche. Doch ärgert euch nicht. Betet für jene Unglücklichen. Verzeiht ihnen, wie auch ich verzeihe. Denn wenn ihr den Menschen ihre Fehler verzeiht, dann wird euch auch euer Vater im Himmel eure Sünden verzeihen. Wenn ihr aber Haß in euren Herzen nährt und den Menschen nicht verzeiht, dann wird euch auch euer Vater eure Fehler nicht verzeihen. Und alle haben Verzeihung nötig.

Ich sagte euch, daß Gott euch belohnen wird, auch wenn ihr nicht um Lohn bittet für das Gute, das ihr getan habt. Tut nicht Gutes, um dafür belohnt zu werden, um eine Garantie für morgen zu haben. Tut das Gute nicht abwägend und zurückhaltend, indem ihr sagt: "Werde ich dann für mich auch noch etwas haben? Wenn ich nichts mehr besitze, wer wird mir dann helfen? Wird jemand da sein, der mir tut, was ich getan habe? Wenn ich einmal nichts mehr geben kann, wird man mich dann immer noch lieben?"

Schaut, ich habe einflußreiche Freunde unter den Reichen und Freunde unter den Armen der Erde. Wahrlich, ich sage euch, es sind nicht die mächtigen Freunde, die ich am meisten liebe. Ich gehe zu ihnen nicht aus Eigenliebe und Eigennutz, sondern weil ich von ihnen viel für jene bekomme, die selbst nichts haben. Ich bin arm. Ich besitze nichts. Ich möchte alle Schätze der Welt haben und sie in Brot für die Hungernden umwandeln, in Häuser für die Obdachlosen, in Kleider für die Nackten und in Arznei für die Kranken. Ihr werdet sagen: "Du kannst heilen." Ja, das und anderes kann ich. Aber nicht immer haben die Menschen Glauben. Und dann kann ich nicht tun, was ich tun möchte und tun würde, wenn der Glaube an mich in den Herzen der Menschen wäre. Ich möchte auch den Ungläubigen Gutes tun, und da diese den Menschensohn nicht um ein Wunder bitten, möchte ich ihnen von Mensch zu Mensch helfen. Doch ich besitze nichts. Daher halte ich dem die Hand hin, der etwas besitzt, und bitte: "Erweise mir Barmherzigkeit im Namen Gottes"; dazu habe ich Freunde in gehobenen Gesellschaftsschichten. Wenn ich dann einmal nicht mehr auf der Erde sein werde, wird es immer noch Arme geben, und ich werde keine Wunder mehr an jenen vollbringen können, die an mich glauben, und werde keine Almosen mehr geben können, um Menschen zum Glauben zu führen. Dann aber werden meine reichen Freunde von mir gelernt haben, wie man Wohltaten spenden soll, und ebenso werden meine Apostel durch das Zusammensein mit mir gelernt haben, aus Liebe zu den Brüdern um Almosen zu bitten; und so werden die Armen stets Hilfe erhalten.

Gestern habe ich von einem, der nichts hat, mehr bekommen, als von allen Vermögenden zusammen; von einem Freund, der arm ist wie ich.

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Aber er hat mir etwas gegeben, was man mit keiner Münze kaufen kann und was mich glücklich gemacht hat, weil er mich dadurch in meine Kinder- und Jugendzeit mit ihren vielen heiteren Stunden zurückversetzt hat, als mir jeden Abend der Gerechte (mein Pflegevater) die Hände auflegte und ich mich unter dem Schutz seines Segens zur Ruhe legte. Gestern hat mich dieser arme Freund mit seinem Segen zum König gemacht. Ihr seht also, daß keiner meiner reichen Freunde je gegeben hat, was er mir gegeben hat. Darum seid nicht besorgt, denn auch wenn ihr die Macht des Geldes nicht mehr habt, könnt ihr den Armen, den Müden und den Traurigen doch immer noch Gutes tun, wenn euch nur Liebe und Heiligkeit bleiben.

Daher sage ich euch: Macht euch keine großen Sorgen, weil ihr wenig besitzt. Ihr werdet immer das Notwendige haben. Sorgt euch nicht zu sehr um die Zukunft. Niemand weiß, wie lange er noch zu leben hat. Sorgt euch nicht, was ihr essen werdet, um euch am Leben zu erhalten, noch womit ihr euch kleiden werdet, um euren Körper zu wärmen. Das Leben eurer Seele ist viel kostbarer als der Leib und die Glieder; es ist viel wertvoller als Nahrung und Kleidung. Euer Vater weiß es. Darum sollt auch ihr es wissen. Betrachtet die Vögel des Himmels: sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln nicht in Scheunen; und doch sterben sie nicht Hungers, denn der himmlische Vater ernährt sie. Ihr Menschen, ihr bevorzugten Geschöpfe des Vaters, seid viel wertvoller als sie.

Wer von euch kann mit all seiner Begabung seiner Körpergröße auch nur eine Spanne hinzufügen? Wenn euch also nicht einmal das gelingt, wie könnt ihr dann daran denken, eure zukünftigen Verhältnisse zu ändern, indem ihr euren Reichtum vermehrt, um euch ein langes und sorgenfreies Alter zu garantieren? Könnt ihr dem Tode sagen: "Du wirst mich erst holen, wenn ich es will?" Ihr könnt es nicht! Weshalb sich um das Morgen sorgen? Und warum befürchten, einmal keine Kleider mehr zu haben? Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht, sie gehen nicht zu den Stoffhändlern, um einzukaufen! Dennoch sage ich euch: nicht einmal Salomon in all seiner Pracht war jemals gekleidet wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras des Feldes so kleidet, das heute grünt und morgen dazu dient, den Ofen zu wärmen oder die Herde zu weiden und schließlich zu Asche oder Kot wird, wieviel mehr wird er für euch sorgen, die ihr seine Kinder seid.

Seid nicht kleingläubig! Ängstigt euch nicht wegen einer ungewissen Zukunft, sagt nicht: "Wenn ich einmal alt bin, was werde ich dann essen, was werde ich trinken und womit werde ich mich kleiden?" Diese Sorgen überlaßt den Heiden, die nicht die erhabene Gewißheit der göttlichen Vaterschaft haben. Ihr habt sie und wißt, daß der Vater eure Bedürfnisse kennt und euch liebt. Vertraut also auf ihn. Sucht zuerst das wahrhaft Notwendige: den Glauben, die Güte, die Nächstenliebe, die

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Barmherzigkeit, die Reinheit, die Gerechtigkeit, die Sanftmut, die drei göttlichen und die vier Haupttugenden und alle übrigen, um Freunde Gottes zu sein und ein Anrecht auf sein Reich zu besitzen. Ich versichere euch: alles übrige wird euch dazugegeben werden, ohne daß ihr eigens darum zu bitten braucht. Es gibt keinen Reicheren als den Gerechten und keinen, der unbesorgter wäre als er. Gott ist mit dem Gerechten. Der Gerechte ist mit Gott. Er bittet nicht für seinen Leib, den Gott mit dem Notwendigen versorgt, er wirkt für seine Seele und ihr schenkt Gott sich selbst schon hier auf Erden, und im Jenseits das Paradies.

Sorgt euch daher nicht unnötig um Dinge, die der Sorge nicht wert sind. Seid betrübt, weil ihr unvollkommen seid, nicht, weil es euch an irdischen Gütern fehlt. Kümmert euch nicht um den morgigen Tag, er wird für sich selbst sorgen und ihr sollt erst an ihn denken, wenn ihr ihn erlebt. Warum denn schon heute daran denken? Habt ihr im Leben nicht schon genug unangenehme Erinnerungen an das Gestern und quälende Gedanken von heute, als daß ihr euch auch noch die Alpträume des "was wird wohl sein?" aufladen müßtet, die ja das Morgen betreffen? Jedem Tag genügt seine Last! Es wird immer mehr Sorgen in unserem Leben geben, als wir haben möchten, auch ohne daß wir den gegenwärtigen Sorgen noch die zukünftigen Sorgen hinzufügen. Sagt immer das große Wort Gottes: "Heute." Seid seine Kinder, nach seinem Bild erschaffen. Sagt daher mit ihm: "Heute."

Heute gebe ich euch meinen Segen. Er möge euch begleiten bis zum Beginn des neuen Heute: bis zum morgigen Tag, wenn ich euch wiederum den Frieden im Namen Gottes geben werde.»

213. DIE BERGPREDIGT DIE SELIGPREISUNGEN (Fünfter Teil)

Es ist ein herrlicher Morgen. Die Luft ist kristallklar, und man erkennt auch die entferntesten Dinge in allen Einzelheiten, als sähe man sie durch ein Vergrößerungsglas. Von Tag zu Tag wird die Natur nun schöner und kleidet sich in das Prachtgewand des Frühlings, dessen Höhepunkt, wie mir scheint, in Palästina zwischen März und April fällt. Danach zeigen die Felder mit ihrem reifenden Korn und dem dichten Laubwerk der Bäume schon sommerliche Töne. Die große Menge bereitet sich vor, den Meister anzuhören.

Alles steht in Blüte. Von der Höhe des Berges, der sogar an wenig geeigneten Stellen ganz mit Blumen übersät ist, sieht man die Ebene mit den im Winde wogenden Getreidefeldern; die noch elastischen Halme leuchten in einem hellen Blaugrün, während die Ähren bereits zartgolden sind.

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Über den Wogen der Kornfelder erheben sich blühende Obstbäume. Sie sehen wie riesige weiße, rosa und dunkelrote Puderquasten oder Wattebäusche aus. Die Olivenbäume, in den Gewändern büßender Asketen, beten, und ihr Gebet zeigt sich in einem noch zaghaften Schneefall von weißen Blümchen.

Der Gipfel des Hermon, geküßt von den ersten Strahlen der Sonne, ist wie rosafarbener Alabaster. Von seiner Höhe fließen zwei diamantene Rinnsale in die Tiefe – von hier aus sehen sie dünnen Fäden gleich – die die Sonne in fast unwirklichem Glitzern erstrahlen läßt. Sie verschwinden in den grünen Wäldern, um unten im Tal erneut aufzutauchen, wo sie zwei Bäche bilden und in den Meron fließen, den man von hier aus nicht sieht. Dann verlassen sie, vermischt mit dem Wasser des Jordan, den See und fließen zusammen ins helle Saphirblau des galiläischen Meeres, das durch das Sonnenspiel wie von kostbaren Schuppen übersät flimmert. Wundervolle Gärten und Felder umgeben den friedvollen, schimmernden See und es scheint, als würden die dahingleitenden Segel von den über das Himmelsmeer ziehenden Wölklein angeführt.

Wahrlich, die Schöpfung lächelt an diesem Frühlingstag zu dieser frühen Morgenstunde.

Die Menschen strömen unaufhörlich herbei. Aus allen Richtungen kommen sie: Alte, Gesunde, Kranke, Kinder, Eheleute, Jungvermählte, die ihren gemeinsamen Lebensweg mit dem Segen des Wortes Gottes beginnen möchten, Bettler und auch Wohlhabende, welche die Apostel herbeirufen, um ihnen Spenden für die Armen zu geben. Sie tun es an verborgenen Orten und es scheint fast, als ob sie beichten würden. Thomas hat eine der Reisetaschen der Apostel genommen und leert ruhig den ganzen Münzenschatz hinein, als ob es Hühnerfutter wäre. Dann trägt er ihn in die Nähe des Felsblockes, wo Jesus spricht. Fröhlich lachend sagt er: «Freue dich, Meister! Heute hast du genug für alle!»

Jesus lächelt und sagt: «Wir wollen sofort anfangen, um die Betrübten gleich glücklich zu machen. Du und deine Gefährten, sucht die Kranken und die Armen und bringt sie hierher.»

Es dauert nicht sehr lange, bis alle angehört worden sind. Doch hätte es mehr Zeit in Anspruch nehmen können ohne den praktischen Sinn von Thomas, der mit seiner lauten Stimme von einer Anhöhe aus ruft: «Alle, die körperliche Leiden haben, sollen sich rechts von mir, dort im Schatten, sammeln.» Judas Iskariot macht es ihm nach. Auch er hat eine mächtige, schöne Stimme und ruft: «Und alle, die meinen, einen Anspruch auf eine Gabe zu haben, mögen sich um mich versammeln. Doch nehmt euch in Acht und lügt nicht, denn das Auge des Meisters liest in den Herzen!»

Es kommt nun Bewegung in die Menschenmenge, die sich beeilt, drei Gruppen zu bilden: die Kranken, die Armen und jene, die einfach nach

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der Lehre Jesu verlangen. Es sind aber auch zwei, dann drei Personen da, die anscheinend etwas anderes als Gesundheit oder Almosen suchen, etwas noch notwendigeres. Es sind eine Frau und zwei Männer. Sie sehen die Apostel an, wagen jedoch nicht, sie anzusprechen. Simon der Zelote geht mit ernster Miene vorbei. Petrus kommt eilfertig mit einem ganzen Schwarm von Buben daher, denen er Oliven verspricht, wenn sie bis zum Ende der Predigt Jesu ruhig bleiben, oder aber Schläge, wenn sie unruhig werden. Bartholomäus kommt alt und ernst daher. Dann sehe ich Matthäus mit Philippus mit einem Krüppel auf den Armen, für den es zu mühsam war, durch die dichte Menschenmenge nach vorne zu gelangen. Nun erscheinen die Vettern Jesu, die einen fast blinden Bettler und eine arme alte Frau, die dem Jakobus bereits mehrmals unter Tränen ihre Nöte vorgejammert hat, an den Händen halten. Jakobus des Zebedäus trägt in seinen Armen ein armes, kleines Mädchen, das sicher krank ist, denn er hat es seiner Mutter abgenommen, die ihm atemlos folgt, da sie befürchtet, die Menschenmenge könnte der Kleinen wehtun. Die letzten, die vorbeikommen, sind die – ich möchte sagen – Unzertrennlichen, Andreas und Johannes; denn wenn Johannes in seiner frohen Natürlichkeit eines heiligen Jünglings mit allen Gefährten gleichermaßen zurechtkommt, so bevorzugt Andreas in seiner großen Zurückhaltung, mit dem alten Gefährten des Fischfangs und der Zeit der Nachfolge Johannes des Täufers zusammen zu sein. Die beiden waren an der Stelle geblieben, wo die zwei Hauptwege sich treffen, um noch ankommende Menschen an ihre Plätze zu weisen. Doch nun zeigen sich keine Pilger mehr auf den steinigen Pfaden des Berges, und die beiden gehen zum Meister, um ihm die zuletzt empfangenen Almosen zu überbringen.

Jesus hat sich bereits über die Kranken gebeugt, und die Hosannarufe der Menge künden die einzelnen Wunder an.

Die Frau, ganz in Leid aufgelöst, wagt es, Johannes, der mit Andreas spricht und lächelt, am Gewand zu ziehen. Er beugt sich zu ihr nieder und fragt :

«Was willst du, Frau?»

«Ich möchte mit dem Meister sprechen.»

«Bist du krank? Du bist doch nicht arm...»

«Ich bin weder krank noch arm. Aber ich brauche ihn, denn es gibt Krankheiten ohne Fieber und Elend ohne Armut, und meine... meine...»und sie weint weiter.

«Höre, Andreas. Die Frau hat einen seelischen Kummer und möchte ihn dem Meister anvertrauen. Wie machen wir es?»

Andreas betrachtet die Frau und sagt: «Sicher ist es etwas, das schmerzt, wenn andere davon erfahren...» Die Frau nickt zustimmend mit dem Kopf. Andreas sagt: «Weine nicht... Johannes, führe sie hinter unser Zelt. Ich werde inzwischen den Meister holen.»

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Johannes bahnt sich lächelnd einen Weg, und Andreas geht in entgegengesetzter Richtung zu Jesus. Doch die beiden traurigen Männer haben die Szene beobachtet, und einer von ihnen hält Johannes auf, während der andere sich an Andreas wendet, und bald darauf sind die beiden zusammen mit der Frau hinter den schützenden Zweigen, die die Zeltwand bilden.

Andreas kommt zu Jesus, als dieser gerade den Krüppel heilt und der Geheilte die beiden Krücken wie Trophäen schwingt, wie ein Tänzer hüpft und den Herrn preist. Andreas flüstert: «Meister, hinter unserem Zelte sind drei Personen, die weinen. Sie haben ein Herzeleid, das anderen verborgen bleiben soll...»

«Es ist gut. Ich habe noch dieses kleine Mädchen und diese Frau, dann werde ich kommen. Sag ihnen, sie sollen Vertrauen haben.»

Andreas geht, während Jesus sich über das Mädchen beugt, das die Mutter wieder auf ihren Schoß genommen hat.

«Wie heißt du», fragt Jesus.

«Maria.»

«Und wie heiße ich?»

«Jesus», antwortet das Mädchen.

«Wer bin ich?»

«Der Messias des Herrn, der gekommen ist, um den Menschen das Heil des Leibes und der Seele zu bringen.»

«Wer hat es dir gesagt?»

«Mutter und Vater, die ihre Hoffnung für mein Leben auf dich setzten.»

«Lebe und sei brav!»

Das Mädchen hat anscheinend eine Rückgraterkrankung, da es, obwohl es schon sieben oder etwas älter ist, nur die Hände bewegen kann und von den Achseln abwärts bis zu den Waden mit straffen Binden eingewickelt ist. Man sieht es gut, da die Mutter das Kleidchen geöffnet hat. Es bleibt für einige Minuten unbeweglich, dann zuckt es zusammen, gleitet vom Schoße der Mutter zur Erde und eilt zu Jesus, der soeben eine Frau heilt, deren Krankheit ich nicht erkennen kann.

Die Kranken sind alle erhört worden und schreien lauter als alle anderen in der Menge, die dem "Sohn Davids, Gottes Ruhm und unser Ruhm", zujubeln.

Jesus geht zum Zelt. Judas Iskariot ruft: «Meister! Und diese?» Jesus wendet sich um und sagt: «Sie sollen warten, wo sie sind. Auch sie werden getröstet werden.» Dann geht er langsam hinter das Laubwerk, wo Andreas und Johannes mit den Trauernden warten.

«Zuerst die Frau. Komm mit mir zu den Büschen. Sprich ohne Furcht.»

«Herr, mein Mann verläßt mich wegen einer Dirne. Ich habe fünf Kinder, das jüngste ist zwei Jahre alt... Mein Schmerz ist groß... und ich

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denke an die Kinder... Ich weiß nicht, ob er sie haben will, oder ob er sie mir überläßt. Die Knaben, den ältesten wenigstens, wird er haben wollen... und ich, die ich ihn geboren habe, sollte mich nicht mehr an seinem Anblick erfreuen können? Was werden sie vom Vater oder von mir denken? Von einem von uns beiden müssen sie schlecht denken. Ich möchte nicht, daß sie ihren Vater verurteilen...»

«Weine nicht. Ich bin der Herr über Leben und Tod. Dein Mann wird jene Frau nicht heiraten. Geh in Frieden und sei weiterhin gut.»

«Aber du wirst ihn doch nicht töten? Oh, Herr, ich liebe ihn!»

Jesus lächelt: «Ich werde niemanden töten. Ein anderer wird sein Werk vollbringen. Wisse, daß Satan nicht über Gott steht. Wenn du in deine Stadt zurückgekehrt bist, wirst du erfahren, daß jemand das unglückselige Geschöpf umgebracht hat, und zwar auf eine Art und Weise, die deinem Mann klarmachen wird, was er im Begriff war zu tun. Er wird dich mit einer neu erwachten Liebe lieben.»

Die Frau ergreift die Hand, die Jesus auf ihren Kopf gelegt hat, küßt sie und geht dann weg.

Einer der Männer kommt heran: «Ich habe eine Tochter, Herr. Zu ihrem Unglück ging sie mit ihren Freundinnen nach Tiberias und es scheint, als habe sie dort Gift geatmet. Sie ist wie liebestrunken zu mir zurückgekehrt. Nun will sie mit einem Griechen fortgehen... und dann... Warum ist sie mir geboren worden? Ihre Mutter ist krank vor Kummer und wird vielleicht sterben... Ich... nur deine Worte, die ich letzten Winter gehört habe, halten mich davor zurück, sie umzubringen. Aber ich muß es dir bekennen, mein Herz hat sie schon verflucht.»

«Nein. Gott, der Vater, verflucht erst bei begangener Sünde und Verstocktheit. Was willst du von mir?»

«Daß du sie umstimmst.»

«Ich kenne sie nicht, sie wird sicher nicht zu mir kommen.»

«Aber du kannst ihr Herz auch aus der Ferne umwandeln. Weißt du, wer mich zu dir schickt? Johanna des Chuza. Sie war gerade dabei, nach Jerusalem abzureisen, als ich zu ihrem Palast kam, um sie zu fragen, ob sie diesen infamen Griechen kenne. Ich nahm an, daß sie ihn nicht kennen würde, denn sie ist gut, obwohl sie in Tiberias wohnt... Aber da Chuza mit Heiden verkehrt... Sie kennt ihn nicht. Aber sie sagte mir: "Geh zu Jesus. Obwohl wir durch eine weite Entfernung voneinander getrennt waren, hat er zu meiner Seele gesprochen und mich zu sich gerufen, und sein Ruf bedeutete meine Heilung von der Schwindsucht. Er wird auch das Herz deiner Tochter heilen. Ich werde beten, und du, habe Vertrauen." Vertrauen habe ich, du siehst es. Erbarme dich, Meister.»

«Deine Tochter wird noch heute abend auf dem Schoß ihrer Mutter weinend um Verzeihung bitten. Sei auch du gut wie die Mutter und verzeih! Die Vergangenheit ist tot.»

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«Ja, Meister, dein Wille geschehe, und sei dafür gepriesen!»

Er ist schon im Begriff zu gehen, doch dann wendet er sich noch einmal um: «Verzeih, Meister... Ich habe solche Angst... Die Unzucht ist ein so schlimmer Dämon! Gib mir nur einen Faden deines Gewandes. Ich werde ihn ins Kopfkissen meiner Tochter legen, so wird sie der Teufel nicht versuchen, während sie schläft.»

Jesus lächelt und schüttelt das Haupt... aber er stellt den Mann zufrieden und sagt: «Damit du beruhigt bist. Doch glaube, wenn Gott sagt: "Ich will" ' dann flieht der Teufel, ohne daß noch mehr nötig wäre. Du wirst es einfach als Andenken an mich behalten», und er schenkt ihm einen kleinen Bausch seiner Fransen.

Nun kommt der dritte Mann: «Meister, mein Vater ist gestorben. Wir glaubten, er besitze eine größere Menge Geld, doch wir haben nichts gefunden. Das wäre alles nicht so schlimm, denn uns Brüdern fehlt es nicht an Brot. Aber ich wohnte bei meinem Vater, da ich der Erstgeborene bin, und die beiden anderen Brüder behaupten nun, ich hätte das Geld verschwinden lassen und wollen Klage wegen Diebstahls gegen mich einreichen. Du kennst meine Gesinnung. Ich habe nicht die kleinste Münze gestohlen. Mein Vater verwahrte sein Geld in einem eisernen Kästchen in einem Schrein. Nach seinem Tode öffneten wir den Schrein, und das Kästchen war nicht mehr da. Nun sagen sie: "In der Nacht, während wir schliefen, hast du es an dich genommen." Das ist nicht wahr. Hilf mir, daß wieder Friede und gegenseitige Achtung bei uns einkehren.»

Jesus sieht ihn fest an und lächelt.

«Warum lächelst du, Meister?»

«Weil der Schuldige dein Vater ist... schuldig wie ein Kind, das sein Spielzeug versteckt, damit es ihm niemand wegnimmt.»

«Aber er war nicht geizig. Glaube mir, er hat viel Gutes getan.»

«Ich weiß es, aber er war sehr alt... Das sind Krankheiten des Alters... Er wollte es aufbewahren für euch und hat euch durch seine übergroße Liebe gegeneinander aufgebracht. Die Kassette ist unter der Kellertreppe eingegraben. Ich sage es dir, damit du siehst, daß ich davon weiß. Während ich mit dir redete, stampfte dein jüngerer Bruder aus Zorn auf den Boden und entdeckte so zufällig das Versteck. Jetzt sind die Brüder verwirrt und bereuen, dich beschuldigt zu haben. Gehe unbeschwert nach Hause und sei gut zu ihnen. Verliere keine Worte über den Verdacht, den sie gegen dich hegten.»

«Nein, Herr, ich gehe noch nicht. Ich bleibe hier, um dir zuzuhören. Erst morgen werde ich heimkehren.»

«Und wenn sie dir Geld wegnehmen?»

«Du sagst, man soll nicht habgierig sein. Ich will es nicht sein. Mir genügt es, wenn unter uns wieder Frieden herrscht. Übrigens, ich habe keine Ahnung, wieviel Geld in der Kassette war, und ich werde daher auch nicht

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mißmutig sein über eine Mitteilung, die der Wahrheit vielleicht nicht entspricht. Ich denke auch, daß das Geld ebenso gut hätte verloren sein können. Wie ich bisher gelebt habe, so werde ich auch weiterhin leben können, sollte man mir das Geld vorenthalten. Es genügt mir, daß sie mich nicht mehr "Dieb" nennen.»

«Du bist auf dem Wege Gottes sehr weit fortgeschritten. Mach so weiter, und der Friede sei mit dir!»

Auch dieser geht zufrieden weg. Jesus kehrt zur Menge zurück, zu den Armen, und verteilt nach eigenem Gutdünken die Almosen. Nun sind alle zufrieden, und Jesus kann sprechen.

«Der Friede sei mit euch.

Wenn ich euch die Wege des Herrn erkläre, dann tue ich es, damit ihr auf ihnen wandelt. Könnt ihr gleichzeitig die Wege, die rechts und links bergab führen, gehen? Nein, das könntet ihr nicht, denn wenn ihr den einen Weg einschlagt, dann müßt ihr den anderen verlassen. Selbst wenn beide Wege nebeneinander verlaufen würden, könntet ihr nicht lange mit dem einen Fuß auf diesem und mit dem anderen Fuß auf jenem gehen. Ihr würdet ermüden und den Tritt verfehlen, selbst wenn es um eine Wette ginge. Doch zwischen dem Weg Gottes und dem Weg Satans liegt eine große Entfernung, und sie wird immer größer; so wie die beiden Wege, die hier nebeneinander beginnen, sich talabwärts immer weiter voneinander entfernen, da der eine nach Kapharnaum, der andere nach Ptolemais führt.

So ist es mit dem Leben. Es verläuft zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, zwischen dem Bösen und dem Guten. In der Mitte ist der Mensch mit seinem Willen, einem freien Willen; an den beiden Enden: auf der einen Seite Gott und sein Himmel, auf der anderen Satan und seine Hölle. Der Mensch kann wählen. Niemand zwingt ihn. Sagt mir nicht: "Aber Satan versucht mich..." als Ausrede für den Abstieg auf dem Weg nach unten. Auch Gott lockt mit seiner Liebe, und zwar sehr mächtig: Er ruft uns mit Worten voll der Heiligkeit, und er sucht uns mit seinen verlockenden Verheißungen. Warum läßt man sich gerade von dem betören, der am wenigsten verdient, angehört zu werden? Die Worte, die Verheißungen, die Liebe Gottes, sind sie nicht ausreichend, um das Gift Satans unwirksam zu machen?

Gebt acht, denn der Teufel vermag euch in schlimmer Weise zu schwächen. Ein kräftiger und gesunder Mensch ist zwar auch nicht immer gefeit gegen Ansteckungen, doch er überwindet sie mit Leichtigkeit. Während jemand, der schon krank und dadurch geschwächt ist, durch eine neue Ansteckung ziemlich sicher zugrunde geht; und wenn er überlebt, ist er kränker als zuvor, da sein Blut nicht mehr die Kraft besitzt, die Ansteckungskeime vollständig zu vernichten. Dasselbe gilt für den höheren Teil des Menschen. Wenn jemand moralisch und seelisch stark und gesund

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ist, ist er zwar nicht frei von Versuchungen, aber das Böse kann sich in ihm nicht festsetzen. Wenn ich jemand sagen höre: "Ich bin diesem oder jenem nahegekommen, ich habe dieses oder jenes gelesen, ich habe versucht, diesen oder jenen vom Guten zu überzeugen, stattdessen ist die Bosheit seines Geistes und Herzens und der schädliche Einfluß des Buches auf mich übergegangen" ' dann muß ich ihm entgegnen: "Ich schließe daraus, daß das Böse, um sich bei dir einnisten zu können, schon einen günstigen Nährboden vorgefunden hat. Das beweist, daß du ein Schwächling ohne moralischen und geistigen Widerstand bist. Denn selbst unsere Feinde können uns Gutes lehren. Wenn wir nämlich ihre Fehler beobachten, soll uns dies lehren, nicht in die gleichen Irrtümer zu verfallen. Der intelligente Mensch wird nicht zum Spielball der erstbesten Lehre, die er vernimmt. Der Mensch, dessen Geist bereits von einer Lehre durchdrungen ist, hat keinen Platz für andere Lehren. Dies erklärt auch die Schwierigkeiten, auf die man bei dem Versuch stößt, überzeugte Anhänger einer anderen Lehre für die wahre Lehre zu gewinnen. Aber wenn du mir sagst, daß du deine Ansicht bei jedem geringsten Windhauch änderst, dann sehe ich, daß in dir eine große Leere ist. Deine geistige Festung ist voller Risse, die Deiche deiner Gedanken sind an tausend Stellen undicht und das gute dringt Wasser nach außen, während das verseuchte Wasser hineingelangt; und du bist so töricht und apathisch, daß du es nicht einmal merkst und keine Vorsorge triffst. Du bist ein Unglückseliger." 1)

Daher wißt von den beiden Wegen den guten zu wählen, beschreitet ihn und widersteht jederzeit den Verlockungen der Sinne, der Welt, der Wissenschaft und des Teufels. Die Halbheiten im Glauben, die Kompromisse und die Pakte zwischen zwei gegensätzlichen Partnern, überlaßt sie den Menschen der Welt. Auch sie dürften eine solche Geisteshaltung nicht annehmen, wenn sie ehrlich wären. Aber ihr, ihr wenigstens, ihr Männer Gottes, dürft sie nicht haben. Weder Gott noch Satan würde sich damit zufrieden geben. Darum duldet sie auch bei euch selber nicht; wenn in euren Werken Gutes mit Bösem vermischt ist, sind sie wertlos. Gute Taten verlieren durch die schlechten ihren Wert, denn die schlechten treiben euch geradewegs in die Arme des Feindes. Tut sie daher nicht und seid aufrichtig in eurem Dienen.

Niemand kann zwei Herren dienen, die verschiedenen Sinnes sind. Entweder wird er den einen lieben und den anderen hassen, oder umgekehrt.

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1) Die durch seine Natur bedingten Lücken füllt der Mensch mit natürlichen Dingen aus, die oft nicht gut sind. Immer jedoch stehen sie dem Eindringen Gottes im Weg. Gelingt es aber, sich von diesem Hindernis, dem Menschlich-Natürlichen, zu befreien, dann füllt Gott die entstandene Leere mit sich selber aus und macht sie zu seiner Wohnstätte. Dann wird in uns das Reich Gottes errichtet, das so lange andauert, bis wir in sein Reich, den Himmel, eingehen, den wir durch unseren treuen, liebevollen guten Willen verdient und geerbt haben.

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So könnt ihr auch nicht gleichzeitig Gott und dem Mammon dienen. Der Geist Gottes läßt sich mit dem Geist der Welt nicht vereinbaren. Der eine führt nach oben, der andere nach unten. Der eine heiligt, der andere verdirbt. Wenn ihr aber verdorben seid, wie könnt ihr dann noch in Reinheit wirken? Die sinnliche Begierde erwacht im Verdorbenen und zieht noch andere Gelüste nach sich. Ihr wißt schon, wie Eva verführt wurde, und Adam durch sie.

Satan küßte das Auge der Frau und bezauberte es so, daß alle Dinge, die ihr bis dahin rein erschienen waren, nun ein unreines Aussehen annahmen und in ihr eine ungewohnte Neugier weckten. Dann küßte Satan ihre Ohren und machte sie hellhörig für Worte einer unbekannten Wissenschaft: der seinen. Auch der Verstand Evas wollte erfahren, was nicht notwendig war. Dann zeigte Satan den dem Bösen nun zugänglich gewordenen Augen und Verstand, was sie vorher nicht gesehen hatten. Da erwachte Eva und wurde verdorben, und das Weib ging zum Mann und enthüllte ihm das Geheimnis. Eva überzeugte Adam, von der neuen Frucht zu kosten, die schön anzusehen und bis dahin verboten war. Sie küßte ihn mit dem Mund und schaute ihn an mit den Augen, in denen schon die Verwirrung Satans war. Und die Verderbnis drang in Adam ein, der sah, und durch das Auge begehrte er nach dem Verbotenen. Mit seiner Gefährtin zusammen aß er, und sie fielen von erhabener Höhe in den Schlamm.'

' Um Einwendungen vorzubeugen, erkläre ich, worin die Verführung des Auges und des Ohres Evas bestand. Man überlege und beachte, daß es sich um einen geistigen Kuß handelte, um eine intellektuelle Lehre über die Bosheit, um eine Neugierde zu erwecken, die anfänglich geistiger Natur war, so wie auch die von Gott gestellte Prüfung geistig war, um Adam und Eva in der Gnade zu festigen: Im Gehorsam gegenüber dem einzigen Gebot Gottes. Die anfänglich geistige Neugierde entartete zu einer Neugierde für das Stoffliche, die sich immer mehr dem Fleischlichen zuwandte. Eva war ganz Gnade und Unschuld, mit einer Fülle übernatürlicher Gaben ausgestattet und sah und erkannte Gott und sich selbst in Gerechtigkeit, als ein zur übernatürlichen Höhe des Kindes Gottes erhobenes Geschöpf. Sie sah und erkannte ihr Verhältnis als Geschöpf zu ihrem Schöpfer, den Unterschied zwischen ihm und ihr, der weder dadurch aufgehoben wurde, daß Gott der Vater den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen hat, noch durch seine göttliche Liebe zu seinem Geschöpf. Nichts hatte sie dazu verleitet, sich für Gott ebenbürtig zu halten, zu sein wie Gott, was ihre Natur und Macht betraf. Nichts hatte sie begierlich gemacht, alles sein zu wollen und zu können, so wie Gott alles ist und alles kann. Unschuldig und glücklich wie ein Kind war sie zufrieden mit dem, was ihr geschenkt worden war. Sie war seelisch und körperlich gesund, weil sie frei von abnormalen Begierden und Trieben war. Sie erkannte sich als Kind Gottes, und als solche erkannte sie auch ihren Gefährten. Als Königin über Tier- und Pflanzenreich, lag die Schöpfung zu ihren Füßen, doch ihr Anblick verführte ihre Seele nicht zur Sünde, sondern spornte sie an, über das Natürliche hinauszuwachsen; denn die Herrlichkeiten des Paradieses, in denen sie Gott erkannte, führten sie zu einer immer vollkommeneren Liebe zu ihrem Herrn. Sie erkannte sich in ihrem erhabenen Teil als Kind Gottes und nicht als animalisches Geschöpf. – Satan näherte sich ihr in Gestalt einer Schlange und zog die Unbedachte an sich.

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Wenn einer verdorben ist, zieht er auch den anderen ins Verderben, sofern der andere nicht ein Heiliger im wahrsten Sinne des Wortes ist.

Hütet eure Blicke, Männer! Sowohl die Blicke der Augen als auch die Blicke des Geistes. Sind sie verdorben, können sie nur alles übrige auch noch verderben. Das Licht des Körpers ist das Auge. Das Licht des Herzens ist dein Denken. Ist dein Auge unrein, dann wird alles in dir trübe sein, und verführerische Nebel werden in dir unreine Trugbilder erzeugen. Alles ist rein in dem, der reine Gedanken hat, die einen reinen Blick erzeugen, und das Licht Gottes steigt da, wo es die Sinne nicht behindern, machtvoll hernieder. Hast du aber dein Auge durch deinen schlechten Willen zu unreinen Betrachtungen erzogen, wird alles in dir Finsternis.

Die Schlange verstand es, mit ihrer Eigenart Eva zu begeistern und strömte ihr tödliches Gift mit ihrem magischen Zauber aus, wodurch geistige Erkenntnis und Einsichtsvermögen der Frau getrübt wurden, so daß sich das geschmeichelte Weib in Eva enthüllte. Eva würde sich nun mächtig wie Gott glauben, sobald sie das Kennzeichen eines Geschöpfes, d.h., die Pflicht, dem Gebot Gottes zu gehorchen und nur das zu tun, was Gott erlaubt, weit von sich werfen würde.

Als sie sich dieses Kennzeichens entledigt hatte, um wie Gott zu sein, überkam sie die seelische Ausschweifung des "Alles-Können", und diese zeugte die geistige Ausschweifung des "Alles-Kennen-Wollen", das Gute und vor allem das Böse, das Gott ihr zu kennen verbot, während die Schlange sie dazu anspornte, es kennenzulernen; denn nur durch die vollständige Kenntnis des Guten und Bösen würden sie und Adam "wie Götter", und damit ihr Geschlecht und Same aus eigener Kraft unsterblich. Die Schlange bot sich ihr als Lehrmeisterin der unbeschränkten Erkenntnis an, und Eva nahm diese als Lehrmeisterin an. Die geistige Ausschweifung als Tochter der seelischen, zeugte nun die fleischliche Ausschweifung. Eva, die ihr Seh- und Hörvermögen schon zum Bösen benutzt hatte, wollte nun auch ihren Tastsinn dazu benützen, die Geheimnisse der verbotenen Frucht zu erkennen; mit dem Geruchssinn nahm sie deren betörenden Duft in sich auf, mit dem Geschmack öffnete sie die Schale einer neuen Erkenntnis, um den unbekannten Geschmack zu kosten. – In ihr erwachte die böse Begierde, das, was sie kaum versucht hatte, nunmehr vollständig auszukosten.

Der Gnade, der Unschuld und Unversehrtheit beraubt, erschien ihr das Böse gut. Sie war nicht mehr fähig, ihre Sinnlichkeit der Vernunft zu unterstellen. – Sie erkannte sich und ihren Gefährten und wollte auch ihn zu dieser Erkenntnis führen. Arglistig näherte sie sich Adam und konnte ihn dazu verleiten, das Gebot Gottes mit Füßen zu treten.

Sie verführte ihn zu dem, was sie schon getan hatte: in den Apfel zu beißen. Nachdem sie ihn in Unkeuschheit und Bosheit ihr gleichgemacht hatte, überredete sie ihn, die verbotene Frucht zu essen, um sich einen neuen, sofortigen Genuß zu verschaffen, und dazu die Macht, künftig Gott im Erschaffen neuer Menschen ähnlich zu sein, nach den Naturgesetzen, denen auch die Tiere unterworfen sind und anders als von Gott bestimmt. – Satan wollte erstens aus dem Menschen als Kind Gottes einen tierischen Menschen machen und zweitens versuchen, aus dem göttlichen Eingeborenen, der Mensch geworden war, einen Sünder zu machen. – Sein erstes Ziel, den Geist durch das Fleisch zu besiegen, erreichte er im unglückseligen Sündenfall. Sein zweites Vorhaben, den Messias zur Sünde zu verführen, schlug fehl. So satanisch auch sein Plan war, den Messias in die Sünde zu stürzen und dadurch jede Möglichkeit einer Wiedergeburt des Menschen zum Kinde Gottes zu verhindern, so diente doch dieser Plan der "Vollendung" des Gott-Menschen, indem Christus in seiner Gnade als Mensch bestätigt wurde und somit in seiner Macht als Messias, als Ursache des ewigen Heils für die erlösten Kinder (Nachkommenschaft) Adams.

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Und vergeblich betrachtest du dann auch heiligste Dinge. Im Dunkel wird es nichts als Finsternis geben und du wirst Werke der Finsternis tun.

Daher, Kinder Gottes, hütet euch vor euch selbst! Seid wachsam und hütet euch vor allen Versuchungen. Daß ihr versucht werdet, ist nichts Schlechtes. Der Wettkämpfer bereitet sich durch den Kampf auf den Sieg vor. Schlimm ist es, besiegt zu werden wegen ungenügender Vorbereitung und Unachtsamkeit. Ich weiß, daß alles der Versuchung dient. Ich weiß, daß andauernde Verteidigung zermürbt. Ich weiß, daß der Kampf ermüdet. Doch Mut! Überlegt euch, was ihr durch all dies gewinnt! Möchtet ihr für eine Stunde des Vergnügens, welcher Art es auch sei, eine Ewigkeit des Friedens verlieren? Was bleibt euch von der Sinnenlust, von der Freude am Gold und den Gedanken daran? Nichts! Was gewinnt ihr, wenn ihr auf sie verzichtet? Alles! Ich spreche zu Sündern, denn der Mensch ist ein Sünder. Sagt mir also ganz ehrlich: Wenn ihr eure Sinnenlust, euren Hochmut und euren Geiz befriedigt habt, fühlt ihr euch dann frischer, zufriedener und sicherer? Empfindet ihr nach deren Befriedigung, der immer ein Moment des Nachdenkens folgt, wirklich das Gefühl echten Glückes? Ich habe dieses Brot der Sinne nicht verkostet, doch ich antworte euch: Nein! Niedergeschlagenheit, Unzufriedenheit, Unsicherheit, Ekel, Angst und Unruhe sind die traurigen Folgen des Nachgebens.

Aber ich bitte und sage euch: Gebt nie nach; ich sage euch ebenfalls: Seid nicht unerbittlich gegen jene, die fehlen. Denkt daran, daß ihr alle Brüder seid, aus Fleisch und Seele. Bedenkt, daß es viele Ursachen gibt, die einen Menschen zur Sünde verleiten können. Seid barmherzig mit den Sündern, helft ihnen mit Güte, sich zu erheben und führt sie zu Gott; zeigt ihnen, daß der von ihnen eingeschlagene Weg voller Gefahren für das Fleisch, den Geist und die Seele ist. Tut dies, und euer Lohn wird groß sein, denn der Vater im Himmel ist barmherzig mit den Guten und vergilt jede gute Tat hundertfach. Daher sage ich euch...»

Hier teilt Jesus mir mit: «Siehe und schreibe. Das ist das Evangelium der Barmherzigkeit für alle und besonders für jene, die sich in der Sünderin wiedererkennen. Ich lade sie ein, ihr in ihrer Erlösung nachzufolgen.»

Jesus steht auf einem Felsblock und spricht zu einer großen Menge in einer gebirgigen Gegend, wo sich ein einsamer Hügel zwischen zwei Tälern erhebt. Der Gipfel des Hügels hat die Form eines Joches oder besser, die Form eines Kamelhöckers, so daß sich einige Meter unter der Kammlinie ein natürliches Amphitheater befindet, in welchem die Stimme klar erschallt wie in einem sehr gut gebauten Konzertsaal.

Der Hügel ist von Blumen übersät und ich nehme an, daß die warme Jahreszeit angebrochen ist. Die Getreidefelder in den Ebenen beginnen sich gelblich zu färben und sind bald reif zur Ernte. Im Norden strahlt die schneebedeckte Kuppe eines hohen Berges in der Sonne. Darunter, im

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Osten, liegt das galiläische Meer wie ein in zahllose Stückchen zersplitterter Spiegel, und jeder einzelne Splitter leuchtet wie ein von der Sonne entflammter Saphir. Der See blendet mit seinem bläulichen Schimmern, nur einige Wolkenflöcklein spiegeln sich wider, die im tiefen Blau des reinen Himmels schweben wie fliehende Schatten eines Segelschiffes. Jenseits des Sees Genesareth liegen auf den fernen Ebenen leichte Bodennebel oder vielleicht der Dunst des Taus – es müssen die ersten Morgenstunden sein, denn das Gras in der Höhe trägt noch diamantene Tautropfen -; der Dunst scheint den See zu verlängern, aber in der Farbe eines grün geäderten Opals; dahinter zeigt sich eine Bergkette mit einem steinigen Abhang, der einem Wolkengebilde am klaren Himmel gleicht.

Das Volk sitzt im Gras oder auf dem Steinen, und viele Leute hören auch stehend zu. Das Schar der Apostel ist nicht vollzählig. Ich sehe Petrus und Johannes, Andreas und Jakobus und höre, wie man zwei andere, nämlich Nathanael und Philippus, ruft. Ich sehe noch einen anderen, der vielleicht auch zur Gruppe gehört; er ist wahrscheinlich erst angekommen: man nennt ihn Simon. Weitere sind nicht da, wenigstens sehe ich sie inmitten der vielen Leute nicht.

Jesus hat erst vor kurzem zu sprechen begonnen. Es ist mir klar, daß es die Bergpredigt ist. Doch die Seligpreisungen sind bereits erwähnt worden. Mir scheint, daß die Rede ihrem Ende zugeht, denn Jesus sagt: «Tut dies, und euer Lohn wird groß sein, denn der Vater im Himmel ist barmherzig mit den Guten und wird hundertfach vergelten. Darum sage ich euch...»

Eine starke Bewegung kommt in das Volk, das sich am Weg, der zur Hochebene hinaufführt, befindet. Die Köpfe derer in der Nähe Jesu wenden sich um. Die Aufmerksamkeit wird abgelenkt. Jesus hört auf zu reden und wendet seinen Blick in dieselbe Richtung wie die anderen. Er ist ernst und schön in seinem dunkelblauen Gewand mit den auf der Brust gekreuzten Armen. Die Sonne streift sein Haupt mit dem ersten Strahl, der über den östlichen Gipfel des Hügels dringt.

«Macht Platz, Gesindel, das ihr seid», schreit eine zornige Männerstimme. «Macht Platz der Schönheit, die vorübergeht!» Es kommen vier aufgeputzte Gecken, von denen einer Römer sein muß, da er mit einer römischen Toga bekleidet ist. Sie tragen auf ihren Armen, die zu einem Sitz verschränkt sind, Maria von Magdala, die immer noch große Sünderin, im Triumph daher.

Maria lacht mit ihrem entzückenden Mund und wirft ihren Kopf mit der goldenen Haarpracht zurück, deren Zöpfe und Locken von wertvollen Spangen, Nadeln und einem goldenen Band gehalten werden. Das mit Perlen bedeckte Band schmückt ihre Stirn wie ein Diadem, leichte Löckchen fallen darüber und verschleiern die an sich schon herrlichen Augen, die durch einen geschickten Kunstgriff noch größer und verführerischer

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erscheinen. Das Diadem verliert sich hinter den Ohren unter der Fülle ihrer geflochtenen Haare, die über den weißen, bloßen Nacken hängen. Die Blöße reicht sogar weit unter den Nacken. Ihre Achseln sind bis zu den Schulterblättern frei und die Brust noch weit mehr. Das Gewand wird auf den Schultern von zwei goldenen Kettchen gehalten und ist ärmellos. Alles ist sozusagen von einem Schleier bedeckt, der nur die Aufgabe hat, die Haut vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Das Kleid ist sehr leicht, und wenn sie sich in ihrem gezierten Getue einmal an diesen, dann an jenen Verehrer lehnt, ist es fast, als würde sie es mit dem nackten Körper tun. Ich habe den Eindruck, daß der Römer der Bevorzugte ist, denn ihm gelten hauptsächlich ihr Lachen und ihre Blicke, und an seine Schulter legt sie besonders gern ihren Kopf.

«Die Göttin ist befriedigt», sagt der Römer. «Rom hat sich zum Reittier der neuen Venus gemacht, und dort ist Apollo, den du zu sehen gewünscht hast. Verführe ihn nun, aber laß auch uns einige Brosamen deiner Gunst!»

Maria lacht und springt mit einer behenden, herausfordernden Bewegung zu Boden und entblößt die kleinen Füße in den weißen Sandalen mit goldenen Spangen, und auch ziemlich viel Bein. Dann deckt das weite Kleid aus leichter Wolle, das wie ein schneeweißer Schleier auf den Hüften von einem Gürtel aus goldenen Schuppen gehalten wird, alles wieder zu. Die Frau steht da wie eine Blume aus Fleisch und Blut, eine unreine Blume, durch einen Zauber auf der grünen Ebene erblüht, in der es Maiglöckchen und wilde Narzissen in großer Zahl gibt.

Maria von Magdala ist schön wie nie zuvor. Ihr kleiner, purpurroter Mund gleicht einer aufbrechenden Nelke, die auf dem Weiß der vollendet schönen Zähne blüht. Das Antlitz und der Körper könnten den anspruchsvollsten Maler oder Bildhauer sowohl durch die Farben als auch durch die Formen zufriedenstellen. Die volle Brust und die Hüften im rechten Verhältnis zur schmalen, geschmeidigen Taille, gleicht sie einer Göttin, wie der Römer gesagt hat... einer Göttin, aus zartem rosa Marmor gemeißelt, auf deren Hüften der leichte Stoff sanft aufliegt, um dann in einem reichen Faltenwurf nach vorn zu fallen. Alles ist für den Genuß der Augen ausgeklügelt.

Jesus blickt sie fest an. Frech hält sie seinem Blick stand und lacht und windet sich unter der Berührung ihrer Schultern und Brust mit einem von dem Römer unterwegs gepflückten Maiglöckchen. Dann hebt sie unter gekünsteltem Jammern den Schleier und sagt: «Respektiert meine Unberührtheit!», wobei die vier Männer in ein schallendes Gelächter ausbrechen.

Jesus blickt sie weiterhin fest an. Als das Gelächter verstummt, nimmt er seine Rede wieder auf und würdigt sie keines Blickes mehr. Es ist, wie wenn das Auftauchen dieser Frau Jesus zur Wiederaufnahme der Rede

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entflammt hätte, die schon auf ihr Ende zuging und am Erlöschen war. Er schaut nun wieder auf seine Zuhörer, die durch den Vorfall verwirrt und entsetzt zu sein scheinen.

Jesus fährt fort: «Ich habe gesagt, daß man dem Gesetz treu sein, demütig und barmherzig sein soll, daß man nicht nur die Menschen seines eigenen Geblütes lieben soll, sondern auch jene, die wie wir Menschen und somit unsere Brüder sind. Ich habe euch gesagt, daß Vergebung besser ist als Groll, daß Nachsicht besser ist als Unerbittlichkeit. Nun aber sage ich euch, daß man nicht verurteilen darf, wenn man nicht selbst frei

von der Sünde ist, die man verurteilen will. Macht es nicht wie die Schriftgelehrten und Pharisäer, die streng mit allen, aber nicht mit sich selbst

sind, die unrein nennen, was äußerlich ist und nur das Äußere verunreinigen kann, und dann in tiefster Brust, im Herzen, der Unreinheit Raum gewähren.

Gott ist nicht mit den Unreinen, denn die Unreinheit zerstört, was Gottes Eigentum ist: die Seele, und besonders die Seelen der Kinder, der auf der Erde verstreuten Engel. Wehe allen, die ihnen mit der Roheit dämonischer Bestien die Flügel ausreißen, diese Himmelsblumen in den Schmutz

ziehen und in ihnen den Lebensgenuß wecken! Wehe! Es wäre besser, sie würden vom Blitz getroffen verbrennen, als einer solchen Sünde zu verfallen!

Wehe euch Reichen und Genießern! Gerade unter euch gärt die größte Unreinheit, der Müßiggang und Geld als Bett und Polster dienen. Ihr seid jetzt überfüttert. Bis an die Kehle reicht euch die Speise der Begehrlichkeit und würgt euch. Aber einst werdet ihr einen Hunger kennenlernen, einen schrecklichen, unersättlichen Hunger, der nicht gelindert werden kann

und ewig dauert! Jetzt seid ihr reich. Wieviel Gutes könntet ihr mit eurem Reichtum tun! Aber ihr benützt ihn zum Bösen, sowohl für euch als auch für die anderen. Eines Tages werdet ihr eine entsetzliche Armut kennenlernen, und sie wird kein Ende nehmen. Nun lacht ihr. Ihr wähnt zu triumphieren, doch eure Tränen werden die Pfuhle der Hölle (Gehenna) füllen, und sie werden endlos fließen.

Wo nistet sich der Ehebruch ein? Wo ist das Verderben der Mädchen? Wer hat außer seinem Ehebett noch zwei oder drei Betten der Zügellosigkeit, auf denen er sein Geld verschwendet und die Kraft seines Körpers vergeudet, den er von Gott gesund erhalten hat, damit er für seine Familie arbeite und nicht, damit er sich in sündhaften Verbindungen aufreibe, die ihn unter ein unreines Tier erniedrigen ? Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: "Du sollst nicht ehebrechen" ? Ich aber sage euch, daß jeder, der eine

Frau lüstern ansieht, und jede, die sich mit Begierde dem Manne nähert – und selbst, wenn es bei bloßer Begierde bleibt – im Herzen bereits

Ehebruch begangen hat. Kein Grund rechtfertigt den Ehebruch. Keiner! Nicht das Verlassen- und Verstoßensein durch einen Ehemann. Nicht das

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Mitleid mit einer Verstoßenen. Ihr habt nur ein Herz. Ist es durch ein Treuegelöbnis mit einem anderen verbunden, so dürft ihr nicht verleugnen, sonst wird euer schöner Körper, mit dem ihr sündigt, zusammen mit eurer unreinen Seele in das nie erlöschende Feuer geworfen. Verstümmelt ihn eher, aber tötet ihn nicht, indem ihr ihn auf ewig verdammt. Werdet wieder zu Menschen, ihr Reichen, ihr lasterhaften, wurmstichigen Gestalten, werdet wieder zu Menschen, um nicht den Himmel mit Abscheu vor euch zu erfüllen.

Maria, die anfänglich mit einem Gesicht zugehört hat, das ein Gedicht von Verführung und Ironie war, und ab und zu ein spöttisches Kichern hören ließ, wird gegen Ende der Rede schwarz vor Wut. Sie versteht, daß Jesu Worte ihr gelten, obwohl er sie nicht anblickt. Ihre wachsende Empörung wird immer aufsässiger und schließlich kann sie nicht mehr widerstehen; sie hüllt sich verächtlich in ihren Schleier, und verfolgt von den Blicken der spottenden Menschenmenge und der Stimme Jesu, beginnt sie wütend und mit höhnischem Gelächter den Abhang hinunterzurennen und läßt ganze Fetzen ihres Kleides an den Disteln und wilden Rosensträuchern am Wegrand zurück.

Jesus fährt fort: «Das Vorkommnis hat euch entrüstet. Seit zwei Tagen wird unser Zufluchtsort, hoch über dem Schlamm, vom Zischen der Schlange heimgesucht. Daher ist er kein Zufluchtsort mehr und wir werden ihn verlassen. Doch ich will die Darlegung des Gesetzes des "höchst Vollkommenen" in dieser Fülle von Licht und der Weite des Horizontes zu Ende führen. Hier zeigt Gott sich wahrlich in seiner Majestät als Schöpfer, und durch die Betrachtung seiner Wunderwerke kommen wir zum festen Glauben, daß er der Herr ist, und nicht Satan. Der Böse könnte nicht einmal einen Grashalm erschaffen. Gott aber kann alles. Dies gereiche uns zum Trost. Ihr aber seid nunmehr alle der Sonne ausgesetzt, das ist nicht gut. Verteilt euch auf die schattigen und kühlen Hänge. Nehmt eure Mahlzeit ein, wenn ihr wollt. Ich werde noch über das gleiche Thema weitersprechen. Unser Aufenthalt hat sich aus verschiedenen Gründen hinausgezogen, doch ihr sollt nicht bereuen. Hier seid ihr bei Gott.»

Die Leute rufen: «Ja, ja, bei dir!» und begeben sich zu den Hainen, die auf der östlichen Seite wachsen und einen Schutz bilden gegen die Sonne, die nun schon zu heiß herniederbrennt.

Jesus beauftragt indessen Petrus, das Schutzdach abzubrechen.

«Aber gehen wir wirklich weg?»

«Ja!»

«Weil sie gekommen ist... ?»

«Ja. Aber sage es niemandem, besonders nicht dem Zeloten. Er würde traurig werden, des Lazarus wegen. Ich kann nicht zulassen, daß das Wort Gottes zum Spott der Heiden wird...»

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«Ich verstehe, ich verstehe...»

«Dann wirst du auch etwas anderes verstehen.»

«Was, Meister?»

«Die Notwendigkeit, in gewissen Fällen zu schweigen. Ich lege es dir ans Herz. Du bist sehr gut, aber du bist auch so impulsiv, daß du dich zu beißenden Bemerkungen hinreißen läßt.»

«Ich verstehe... du willst es nicht wegen Lazarus und Simon...»

«Auch anderer wegen.»

«Denkst du, daß heute solche hier sein werden?»

«Heute, morgen, übermorgen und immer. Immer wird es notwendig sein, das Aufbrausen meines Simon des Jonas zu überwachen. Geh und tue, was ich dir gesagt habe.»

Petrus geht und ruft seine Gefährten, damit sie ihm helfen.

Judas Iskariot steht in Gedanken versunken in einer Ecke. Jesus ruft dreimal, aber er hört ihn nicht. Endlich dreht er sich um: «Brauchst du mich, Meister?» fragt er.

«Ja. Nimm auch du deine Mahlzeit ein und hilf deinen Gefährten.»

«Ich habe keinen Hunger. Du auch nicht?»

«Ich auch nicht; aber aus ganz anderen Gründen. Bist du verwirrt, Judas?»

«Nein, Meister, müde...»

«Wir gehen zum See, Judas, und dann nach Judäa und zu deiner Mutter. Ich habe es dir versprochen.»

Judas wird wieder lebendig: «Kommst du wirklich mit mir allein?»

«Aber gewiß. Hab mich lieb, Judas. Ich wollte, deine Liebe zu mir wäre so groß, daß sie dich vor allem Bösen bewahrt.»

«Meister... ich bin ein Mensch. Ich bin kein Engel. Ich habe Augenblicke der Müdigkeit. Ist es Sünde, das Bedürfnis nach Schlaf zu haben ?»

«Nein, wenn du an meiner Brust schläfst. Sieh dort die Leute, wie glücklich sie sind, und sieh, wie die Landschaft hier so heiter ist. Aber es muß im Frühjahr auch in Judäa sehr schön sein.»

«Wunderschön, Meister! Nur kommt das Frühjahr im dortigen Gebirge, das höher ist als das hier, etwas später. Aber es gibt wundervolle Blumen. Die Obstgärten sind eine Pracht. Mein Obstgarten, den meine Mutter besonders pflegt, ist einer der schönsten; und wenn sie durch den Garten geht und hinter ihr her die Tauben, die darauf warten, Körner zu bekommen, dann, glaube mir, ist dies ein Anblick, der dem Herzen Frieden gibt.»

«Ich glaube es. Wenn meine Mutter nicht zu müde ist, würde ich sie gerne zu deiner Mutter mitnehmen. Sie würden einander liebhaben, weil sie zwei gute Seelen sind.»

Judas ist begeistert von dieser Idee, sein Gesicht erheitert sich, und er vergißt, daß er keinen Hunger hat und müde ist, und eilt lachend und

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fröhlich zu den Gefährten. Hochgewachsen wie er ist, löst er die obersten Knoten des Zeltes ohne Mühe und ißt dann sein Brot mit den Oliven übermütig wie ein Kind. Jesus betrachtet ihn eine Weile voller Mitleid und begibt sich dann ebenfalls zu den Aposteln.

«Hier ist Brot, Meister, und ein Ei. Ich habe es mir von dem Reichen dort im roten Gewande geben lassen. Ich habe ihm gesagt: "Du hörst ihm zu und bist selig. Er predigt und ist erschöpft. Gib mir eines von deinen Eiern. Es wird ihm besser bekommen als dir!"»

«Aber Petrus!»

«Nein, Herr! Du bist bleich wie ein Säugling an einer Brust ohne Milch, und du wirst dünn wie ein Fisch nach der Brunst. Laß mich machen! Ich will mir später nichts vorwerfen müssen. Nun werde ich das Ei in die warme Asche legen; es ist Reisig, das ich verbrannt habe, und dann wirst du es trinken. Weißt du, daß es schon... wie viele? ... Wochen sind, daß wir nur Brot, Oliven und einige Kräuter essen und ein wenig Buttermilch trinken... Hm... Wir machen wohl eine Reinigungskur, und du ißt am wenigsten von allen und sprichst für alle. Hier ist das Ei. Trink es lauwarm. Es wird dir guttun.»

Jesus gehorcht, und da er sieht, daß Petrus nur Brot ißt, fragt er: «Und du? Wo sind die Oliven?»

«Psst... Ich brauche sie nachher. Ich habe sie versprochen.»

«Wem denn?»

«Einigen Kindern. Wenn sie aber nicht bis zum Ende schön ruhig sind, dann esse ich die Oliven selber und sie bekommen die Kerne, nämlich Ohrfeigen.»

«Ah, sehr schön!»

«Nun, ich werde es nicht tun, aber wenn man es nicht so macht, dann geht es nicht. Ich habe viele Ohrfeigen bekommen. Wenn sie mir aber für alle meine Bubenstreiche welche gegeben hätten, dann wären es zehnmal mehr gewesen. Sie haben mir nicht geschadet. Ich bin so, weil ich sie gekriegt habe.»

Alle lachen über die Aufrichtigkeit des Apostels.

«Meister, ich möchte dir sagen, daß heute Freitag ist und diese Leute... ich weiß nicht, ob sie rechtzeitig Nahrungsmittel für morgen kaufen können und ob sie noch heute nach Hause gelangen», sagt Bartholomäus.

«Ja, es ist Freitag!» sagen mehrere zusammen.

«Das macht nichts. Gott wird für sie sorgen. Aber wir werden es ihnen sagen.»

Jesus erhebt sich und geht zu seinem neuen Platz, inmitten der Leute, die sich in den Hainen niedergelassen haben.

«Zuerst möchte ich euch daran erinnern, daß Freitag ist. Ich sage es, damit alle, die befürchten, nicht mehr rechtzeitig ihre Häuser zu erreichen oder die nicht glauben können, daß Gott seinen Kindern morgen zu essen

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gibt, sofort nach Hause aufbrechen und nicht unterwegs vom Sonnenuntergang überrascht werden.»

Aus der großen Menge erheben sich nur etwa fünfzig Personen. Alle anderen bleiben, wo sie sind.

Jesus lächelt und beginnt zu reden.

«Ihr habt gehört, daß euren Vätern gesagt wurde: "Ihr sollt nicht ehebrechen." Wer unter euch mich schon anderswo reden gehört hat, weiß, daß ich öfters über diese Sünde gesprochen habe. Denn seht: für mich ist dies nicht eine Sünde, die von einer Person begangen wird, sondern von zwei oder drei Personen. Ich erkläre es euch. Der Ehebrecher sündigt selbst und er sündigt in der Mitschuldigen seiner Tat. Ferner sündigt er, da er die betrogene Gattin oder den betrogenen Gatten zur Sünde treibt, sogar vielleicht bis zur Verzweiflung oder zum Verbrechen. Das gilt für den begangenen Ehebruch. Ich sage aber noch mehr. Ich sage: "Nicht nur die begangene Sünde ist Sünde, sondern schon das Verlangen, sie zu begehen. Was ist der Ehebruch? Er besteht in der fieberhaften Begierde nach einem Mann oder einer Frau, die uns nicht gehören. Die Sünde beginnt mit der Begierde; Verführung und Überredung setzen sie fort und vervollständigen sie, bis sie zuletzt durch die Tat ihren Abschluß findet.

Wie beginnt die Sünde? Meistens mit einem unreinen Blick, und hier komme ich auf das zurück, was ich schon gesagt habe. Das unreine Auge sieht, was dem reinen Auge verborgen bleibt, und durch das unreine Auge dringt das heftige Verlangen in den Kopf, die Begierde in den Körper und die Leidenschaft ins Blut. Verlangen, Begierde und Leidenschaft des Fleisches – und so beginnt der Sinnenrausch. Ist die ins Auge gefaßte Person ehrbar, so bleibt der Berauschte allein und verzehrt sich in der Glut seiner Leidenschaft; und vielleicht geht er gar so weit, den anderen aus Rache zu verleumden. Ist die betroffene Person aber ebenfalls unehrbar und erwidert den Blick, dann beginnt der Abstieg zur Sünde. Daher sage ich euch: "Wer eine Frau lüstern anblickt, hat mit ihr schon die Ehe gebrochen, denn in Gedanken hat er seine Begierde bereits in Tat umgesetzt." Wenn dir also dein rechtes Auge zum Ärgernis wird, so reiß es aus und wirf es von dir, denn es ist besser für dich, daß dir ein Auge fehlt, als daß du auf ewig in die höllische Finsternis stürzest. Gibt dir deine rechte Hand Anlaß zur Sünde, so haue sie ab und wirf sie von dir, denn es ist besser für dich, ein Glied weniger zu haben, als daß dein ganzer Leib in der Hölle schmachtet. Es heißt zwar, daß ein Krüppel nicht mehr Diener im Tempel Gottes sein kann. Doch im Jenseits werden die von Geburt an Mißgestalteten, die ein rechtschaffenes Leben geführt haben, oder jene, die durch Tugend zum Krüppel geworden sind, schöner als die Engel sein, und sie werden Gott dienen und ihn in der Glückseligkeit des Himmels lieben.

Es ist euch auch gesagt worden: "Wer seine Frau entläßt, gebe ihr einen Scheidebrief", doch ist eine solche Tat zu verwerfen, da sie nicht dem

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Willen Gottes entspricht. Gott sagte zu Adam: "Das ist die Gefährtin, die ich für dich erschaffen habe. Seid fruchtbar und mehret euch, erfüllet die Erde und machet sie euch untertan." Adam, der in Vollkommenheit erschaffen wurde und dessen Intelligenz noch nicht durch die Sünde getrübt war, rief aus: "Das ist nun endlich Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Sie wird Mannweib heißen, denn vom Manne entnommen, ist sie mein anderes Ich. So wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen, und die beiden werden ein Fleisch sein." Mit zunehmendem Strahlen stimmte das Ewige Licht lächelnd dem Ausspruch Adams zu, der zum ersten unauslöschlichen Gesetz wurde. Wenn nun der irdische Gesetzgeber wegen der immer größeren Härte des Menschen ein neues Gesetz schaffen mußte; wenn er der stets wachsenden Unbeständigkeit Einhalt gebieten und sagen mußte: "Wenn du sie schon verstoßen hast, dann kannst du sie nicht mehr zurücknehmen", so setzt dies das erste, authentische im irdischen Paradies entstandene und von Gott gebilligte Gesetz, nicht außer Kraft.

Ich sage euch: Jeder, der seine Frau entläßt – ausgenommen im Fall nachgewiesener Unzucht – setzt sie dem Ehebruch aus. Denn in der Tat, was macht in neunzig Prozent der Fälle die verstoßene Frau? Sie wird eine neue Ehe eingehen. Mit welchen Folgen? Oh, wieviel gäbe es hierüber zu sagen! Wißt ihr nicht, daß es dadurch ungewollt zu einer Blutschande kommen kann? Wie viele Tränen werden vergossen, die ihren Ursprung in der Unkeuschheit haben! Ja, Unkeuschheit. Einen anderen Namen gibt es dafür nicht. Seid ehrlich! Alles kann überwunden werden, wenn der Mensch rechtschaffen ist. Ist er jedoch unzüchtig, dient ihm alles zum Anlaß, um seiner Fleischeslust zu frönen. Weibliche Gefühlskälte und Schwerfälligkeit, Unfähigkeit bei der Verrichtung von Hausarbeiten, ein Hang zum Nörgeln, Liebe zum Luxus – all dies kann überwunden werden, ja selbst Krankheit und Reizbarkeit, wenn man sich in heiliger Weise liebt. Da man sich jedoch nach einer gewissen Zeit nicht mehr so sehr liebt wie am ersten Tag, betrachtet man gleich das durchaus Mögliche als unmöglich und wirft eine Frau einfach hinaus auf die Straße und ins Verderben.

Wer sie verstößt, begeht Ehebruch, und wer sie nach der Verstoßung heiratet, begeht Ehebruch. Nur der Tod scheidet die Ehegatten. Merkt euch dies. Habt ihr eine unglückliche Wahl getroffen, so tragt die Folgen wie ein Kreuz, lebt als zwei Unglückliche, aber Gerechte, und laßt es nicht eure Kinder büßen, denn sie sind an allem unschuldig und leiden am meisten unter diesen unseligen Verhältnissen. Die Liebe zu den Kindern sollte euch hundert und aberhundert Mal über alles nachdenken lassen, auch im Fall, daß einer der Ehegatten sterben sollte. Oh, wenn ihr euch doch mit dem zufriedengäbt, was ihr bekommen habt und wovon Gott gesagt hat: "Das genügt!" Wenn ihr, Witwen und Witwer, doch im Tode nicht eine Beeinträchtigung sähet, sondern den Aufstieg zu einer

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Vervollkommnung in eurer Eigenschaft als Eltern! Mutter zu sein anstelle der verstorbenen Mutter, Vater zu sein anstelle des verstorbenen Vaters! Zwei Seelen in einer sein. Die Liebe des sterbenden Gatten von seinen kalten Lippen hinüberzunehmen für seine Kinder, um ihm sagen zu können: "Geh in Frieden und fürchte nicht für die, die aus dir geboren sind. Ich werde sie weiterlieben, sowohl für dich, als auch für mich, mit zweifacher Liebe, denn ich werde ihnen Vater und Mutter sein. Das Leid der Waisen wird nicht auf ihnen lasten, und die angeborene kindliche Eifersucht auf einen, der den ehrenvollen Platz des zu Gott Heimgerufenen einnimmt, sollen sie nicht kennen."

Kinder, meine Predigt geht zu Ende, so wie der Tag mit der im Westen untergehenden Sonne zur Neige geht. Ich möchte, daß ihr euch meiner Worte auf diesem Berge erinnert. Prägt sie in eure Seelen ein! Denkt oft über sie nach. Sie sollen euch ein ständiger Führer sein. Vor allem, seid gut zu den Schwachen. Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denkt daran, daß der Augenblick kommen könnte, da Gott euch daran erinnert: "So hast du geurteilt, obwohl du wußtest, daß es schlecht war. Du hast also bewußt gesündigt. Büße nun deine Schuld."

Die Nächstenliebe ist schon eine Lossprechung. Seid barmherzig zu allen und in allem. Wenn euch Gott immerfort beisteht, damit ihr rechtschaffene Menschen bleibt, so werdet nicht stolz. Sucht vielmehr die Leiter der Vollkommenheit emporzusteigen, auch wenn sie noch so steil ist. Reicht den Müden, den Unwissenden und den Enttäuschten die Hand. Warum betrachtest du so aufmerksam den Splitter im Auge deines Bruders und bemühst dich nicht vorher, den Balken aus deinem eigenen zu entfernen? Wie kannst du zu deinem Nächsten sagen: "Laß mich den Splitter aus deinem Auge nehmen", wenn der Balken in deinem Auge dich blind macht? Sei nicht scheinheilig, Sohn! Entferne erst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du den Splitter bei deinem Bruder entfernen, ohne ihn zu sehr zu verletzen.

Aber wenn ihr nicht lieblos sein dürft, so dürft ihr doch auch nicht unvorsichtig sein. Ich habe euch gesagt: Reicht den Müden, den Unwissenden und allen, die Opfer unvorhergesehener Enttäuschungen wurden, die Hand. Wenn es Nächstenliebe ist, die Unwissenden zu belehren, die Müden aufzumuntern und den Menschen neue Flügel zu geben, denen das Leben die Flügel gebrochen hat, so ist es andererseits unklug, den von Satan Angesteckten die ewigen Wahrheiten zu enthüllen. Denn ihre Absicht ist es, sich mit diesen Wahrheiten heuchlerisch als Prophet auszugeben, sich bei den Einfältigen einzuschleichen und in frevelhafter Weise die Sache Gottes irrezuführen und zu beschmutzen und schließlich zugrunde zu richten. Absolute Ehrfurcht, das Wissen, wo gesprochen und wo geschwiegen werden soll, die Fähigkeit zu überlegen und zu handeln: das sind die Tugenden des wahren Jüngers, um Anhänger zu gewinnen und

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Gott zu dienen. Ihr habt eine Vernunft, und wenn ihr in Gerechtigkeit lebt, so wird euch Gott die nötige Erleuchtung geben und euren Verstand leiten. Denkt daran, daß die ewigen Wahrheiten Perlen gleichen, und nie hat man gesehen, daß Perlen Schweinen vorgeworfen wurden, die Eicheln und übelriechenden Abfall den kostbaren Perlen vorziehen. Erbarmungslos würden sie sie zertreten und danach mit der Wut eines Betrogenen auf euch losgehen und euch zerreißen. Heiliges darf nicht den Hunden vorgeworfen werden, weder jetzt, noch jemals.

Vieles habe ich euch gesagt, meine Kinder! Hört auf meine Worte! Wer sie hört und sie befolgt, gleicht dem bedächtigen Menschen, der für den Bau seines Hauses einen felsigen Grund wählte. Gewiß kostete es viel Mühe, das Fundament zu errichten. Er brauchte Spitzhacke und Stemmeisen, seine Hände bekamen Schwielen und sein Rücken schmerzte. Doch schließlich konnte er den Mörtel in die Felsspalten gießen und die Bausteine dicht aneinanderfügen, wie bei einer Festungsmauer. Das Haus wurde immer größer und stark wie ein Berg. Es kamen Unwetter, Wolkenbrüche, durch die Regenfälle traten die Flüsse über die Ufer, die Winde heulten und die Wellen schlugen an das Haus, doch das Haus hielt stand. So ist es auch bei dem Menschen mit fest gegründetem Glauben. Wer jedoch oberflächlich zuhört und sich nicht bemüht, meine Worte in sein Herz einzugraben, weil er weiß, daß er sich zu sehr anstrengen müßte, daß es ihm Schmerzen bereiten würde und er zu viele tiefsitzende Dinge ausmerzen müßte, der gleicht dem Menschen, der aus Trägheit und Torheit sein Haus auf Sand baut. Kaum kommen die Unwetter, zerfällt das rasch erstellte Haus ebenso rasch, und der Törichte betrachtet untröstlich seine Trümmer und den Ruin seines Vermögens. Hier handelt es sich nicht nur um eine Ruine, die mit Aufwand und Mühe wieder hergestellt werden kann. Vielmehr ist hier das nicht tief gegründete Bauwerk des Glaubens eingestürzt und nichts mehr bleibt, um es wieder aufzubauen. Im jenseitigen Leben wird nicht mehr aufgebaut. Wehe dem, der dort mit Trümmern erscheint!

Ich habe geendet. Nun will ich zum See hinuntergehen. Ich segne euch im Namen des dreieinigen Gottes. Mein Friede sei mit euch!»

Doch die Menschen rufen: «Wir kommen mit dir! Laß uns mitgehen! Keiner hat Worte wie du!»

Sie machen sich daran, Jesus zu folgen, der nun auf der dem Anstieg entgegengesetzten Seite hinabsteigt und die Richtung nach Kapharnaum einschlägt. Der Abstieg ist hier steiler, doch kürzer, und bald haben sie den Fuß des Berges erreicht, der in eine grüne und blühende Ebene ausläuft.

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214. HEILUNG EINES AUSSÄTZIGEN AM FUSSE DES BERGES

Inmitten der vielen Blumen, die rundherum ihren Duft verbreiten und das Auge erfreuen, steht das Schreckbild eines von übelriechenden Geschwüren verunstalteten Aussätzigen.

Die Leute schreien vor Entsetzen und flüchten bis zu den ersten Hängen des Berges. Jemand greift nach Steinen, um sie nach dem Unvorsichtigen zu werfen. Doch Jesus wendet sich mit ausgebreiteten Armen um und ruft: «Friede! Bleibt, wo ihr seid, und habt keine Angst. Legt die Steine nieder. Habt Mitleid mit dem armen Bruder. Auch er ist ein Kind Gottes.»

Durch die Macht des Meisters bezwungen, gehorchen die Menschen und Jesus nähert sich dem Aussätzigen durch das hohe, blühende Gras bis auf wenige Schritte. Dieser ist seinerseits nähergekommen, als ihm klar geworden ist, daß Jesus ihn unter seinen Schutz genommen hat. Vor Jesus angekommen, wirft er sich nieder, und die blühenden Gräser nehmen ihn auf und benetzen ihn wie frisches, duftendes Wasser. Die wogenden Blumen schließen sich wieder über ihm, als wollten sie einen Schleier über das Elend breiten, das sich in ihrer Mitte verborgen hält. Einzig die Stimme, die wehklagend daraus ertönt, erinnert daran, daß sich hier ein armseliges Wesen befindet. Er ruft: «Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen. Habe auch mit mir Erbarmen!»

Jesus antwortet: «Erhebe dein Angesicht und sieh mich an. Der Mensch muß zum Himmel aufschauen können, wenn er an ihn glaubt, und du glaubst, da du um Heilung bittest.»

Wieder bewegen sich die Gräser und ein Kopf taucht auf, wie der eines Schiffbrüchigen im Meer; ein kahler Kopf, ein Gesicht ohne Bart, ein Totenschädel, an dem noch Reste von Fleisch hängen. Dennoch wagt Jesus, seine Fingerspitzen auf diese Stirn zu legen, auf die Stelle, die noch rein und ohne Wunden ist, auf die aschgraue, schuppige Haut zwischen zwei eiternden Geschwüren, von denen eines die Kopfhaut zerfressen hat und das andere ein Loch bildet. Dieses große Loch, das von der Schläfe zur Nase reicht und den Backenknochen und das Nasenbein freilegt, ist voller Eiter, so daß ich nicht sehen kann, ob der Augapfel noch vorhanden ist oder nicht.

Während Jesus nun mit der Spitze seiner schönen Hand die noch unverwundete Stelle berührt, sagt er: «Ich will es. Sei rein!»

Wie wenn der Mann nicht vom Aussatz zerfressen und von Wunden bedeckt, sondern nur voller Schmutz wäre und sich reinigendes Wasser über ihn ergießen würde, so verschwindet der Aussatz zusehends. Zuerst schließen sich die Wunden, dann wird die Haut rein, das rechte Auge erscheint unter dem neu gebildeten Augenlid und über den gelblichen Zähnen schließen sich die nun wieder vorhandenen Lippen. Nur Kopf- und Barthaar

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fehlen noch, mit Ausnahme weniger Haarbüschel an den Stellen, wo es vorher noch gesunde Haut gab.

Die Menge schreit vor Staunen, und der Mann begreift durch diese Jubelrufe, daß er geheilt sein muß. Er erhebt die Hände, die bisher noch vom Gras verborgen waren, und greift an sein Auge, dorthin, wo das große Loch war; er greift an den Kopf, dorthin, wo die große Wunde den Schädelknochen freigelegt hatte, und er spürt die neue Haut; schließlich steht er auf und betrachtet auch seine Brust, seine Lenden... Alles ist gesund und rein... Von Freude überwältigt, sinkt der Mann zu Boden und weint in der blumigen Wiese.

«Weine nicht! Steh auf und höre mich an. Kehre gemäß dem gebotenen Ritus ins Leben zurück und sprich mit niemandem, bevor du der Vorschrift nicht nachgekommen bist. Stelle dich so bald als möglich dem Priester vor und bringe das von Moses vorgeschriebene Opfer dar als Zeugnis deiner wunderbaren Heilung.»

«Für dich sollte ich Zeugnis ablegen, Herr!»

«Du wirst es tun, indem du meine Lehre liebst. Geh nun!»

Die Menge ist etwas näher gekommen und beglückwünscht aus gebührender Entfernung den Geheilten. Einige haben das Bedürfnis, ihm eine Wegzehrung für die Reise zu geben und werfen ihm Münzen zu. Andere werfen ihm Brote und sonstige Eßwaren zu, und einer, der gesehen hat, daß sein Gewand nur ein löchriger Fetzen ist, nimmt seinen Mantel ab, knüpft ihn zusammen wie ein Taschentuch und wirft ihn dem Geheilten zu, damit er sich in geziemender Weise bedecken kann. Da die Nächstenliebe in der Gemeinschaft ansteckend wirkt, kann ein anderer Mann es nicht lassen, ihm seine Sandalen zu schenken. Er zieht sie aus und wirft ihm auch diese zu.

«Aber... und du?» fragt Jesus, der seine gute Tat sieht.

«Oh, ich bin in der Nähe zu Hause. Ich kann barfuß gehen. Er hingegen hat einen weiten Weg vor sich.»

«Gott segne dich und alle, die den Bruder beschenkt haben. Mann, du aber wirst für diese beten!»

«Ja, ja, für sie und für dich, damit die Welt an dich glaube!»

«Leb wohl! Geh im Frieden.»

Der Mann entfernt sich einige Meter, dann wendet er sich um und ruft: «Aber dem Priester darf ich sagen, daß du mich geheilt hast?»

«Das ist nicht notwendig. Sage nur: "Der Herr hat mir Barmherzigkeit erwiesen." Das ist die ganze Wahrheit, und mehr braucht es nicht.»

Die Menschen umringen den Meister und bilden einen Kreis, der sich um keinen Preis öffnen will. Inzwischen ist die Sonne untergegangen, und die Sabbatruhe hat begonnen. Die Dörfer sind weit entfernt. Aber die Menschen trauern weder ihrem Zuhause noch dem Essen nach, nichts. Die Apostel hingegen machen sich deshalb Sorgen und sagen es Jesus.

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Auch die älteren jünger machen sich Gedanken. Es sind Frauen und Kinder da, und wenn die Nacht auch warm und das Gras der Wiesen weich ist, so sind doch die Sterne nicht Brot, und die Steine des Rains werden nicht zur Nahrung.

Jesus ist der einzige, der sich nicht beunruhigt. Die Leute essen inzwischen die Reste ihres Vorrats, als ob nichts wäre. Jesus macht die Seinen darauf aufmerksam: «Wahrlich, ich sage euch, daß euch diese übertreffen! Seht, mit welcher Unbekümmertheit sie alles aufbrauchen. Ich habe ihnen gesagt: "Wer nicht glauben kann, daß Gott seinen Kindern morgen Nahrung gibt, soll nach Hause gehen"; sie sind hiergeblieben. Gott wird seinen Messias nicht verleugnen und wird die nicht enttäuschen, die auf ihn hoffen.»

Die Apostel zucken die Schultern und kümmern sich um nichts mehr.

Der Abend sinkt nach einem herrlichen Abendrot friedlich und schön hernieder, und die ländliche Stille breitet sich nach einem letzten Gesang der Vögel über alles aus. Einige leichte Windstöße, und dann der erste lautlose Flug eines Nachtvogels, zusammen mit dem ersten Stern und dem ersten Quaken eines Frosches.

Die Kinder schlafen schon. Die Erwachsenen reden noch miteinander, und ab und zu geht jemand zum Meister, um irgendeine Erklärung zu erbitten. So ist man nicht erstaunt, als auf einem Feldweg zwischen zwei Getreidefeldern ein Mann von stattlichem Aussehen daherkommt, sowohl was sein Gewand als auch sein Alter anbelangt. Es folgen ihm einige Männer. Alle wenden sich um und machen einander flüsternd auf die Neuankömmlinge aufmerksam. Das Geflüster geht von einer Gruppe zur anderen, sich bald neu erhebend und bald verstummend, und die entfernteren Gruppen kommen, von Neugier getrieben, näher.

Der Mann mit dem vornehmen Aussehen hat nun Jesus erreicht, der unter einem Baume sitzt und einigen Männern zuhört: er grüßt ihn mit einer tiefen Verneigung. Jesus erhebt sich sogleich und antwortet mit gleichem Respekt. Die Anwesenden betrachten alles sehr aufmerksam.

«Ich war auf dem Berge, und du hast vielleicht gedacht, ich hätte keinen Glauben und wäre aus Angst vor dem Fasten weggegangen. Doch es gab einen anderen Grund. Ich wollte Bruder unter Brüdern sein, der ältere Bruder. Ich möchte unter vier Augen mit dir über meinen Gedanken sprechen. Willst du mich anhören? Obwohl ich Schriftgelehrter bin, bin ich nicht dein Feind.»

«Laß uns etwas abseits gehen...» Sie begeben sich zwischen die Getreidefelder.

«Ich wollte nur für die Nahrung der Pilger sorgen und bin hinuntergegangen, um anzuordnen, daß Brot für eine große Menge Leute gebacken wird. Du siehst, daß ich mich im gesetzlich erlaubten Bereich befinde, da diese Felder mir gehören, und so darf ich den Weg von hier bis zum Gipfel

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am Sabbat gehen. Da ich weiß, daß du dich mit den Leuten hier befindest, würde ich morgen mit den Dienern hierher kommen. Ich bitte dich deshalb, mir zu gestatten, die Menge am Sabbat mit Brot zu versorgen. Anderenfalls wäre ich sehr darüber betrübt, vergeblich auf deine Worte verzichtet zu haben.»

«Vergeblich niemals, denn der Vater hätte dich dafür mit seinem Licht belohnt. Doch ich danke dir und enttäusche dich nicht. Ich mache dich nur darauf aufmerksam, daß es eine große Menschenmenge ist.»

«Ich habe alle Backöfen heizen lassen, auch jene, die zum Dörren von Lebensmitteln verwendet werden, und so werde ich Brot für alle haben.»

«Ich meine nicht deswegen, sondern wegen der großen Menge Brot ...»

«Oh, das macht mir nichts aus. Im vorigen Jahr hatte ich sehr viel Korn. Dieses Jahr kannst du dich selbst überzeugen, wie prächtig die Ähren stehen. Laß mich nur machen. Es bietet die beste Sicherheit für meine Felder. Übrigens, Meister... Du hast mir heute ein solch köstliches Brot gegeben... Wahrlich, du bist das Brot der Seele! ...»

«Es geschehe also nach deinem Wunsche. Komm, wir wollen es den Pilgern sagen.»

«Nein. Du hast gesagt, daß Gott sorgen wird.»

«Und du bist Schriftgelehrter ?»

«Ja, das bin ich.»

«Der Herr möge dich führen, wie dein Herz es verdient.»

«Ich verstehe, was du nicht aussprichst. Du meinst zur Wahrheit. Denn bei uns gibt es viele Irrtümer und... und viel Übelwollen.»

«Wer bist du?»

«Ein Sohn Gottes. Bitte beim Vater für mich. Leb wohl.»

«Der Friede sei mit dir!»

Jesus kehrt langsam zu den Seinen zurück, während der Mann sich mit seinen Dienern entfernt.

«Wer war das? Was wollte er? Hat er etwas Unangenehmes zu dir gesagt? Hat er Kranke?»

Jesus wird mit Fragen bestürmt.

«Wer er ist, weiß ich nicht. Aber wer immer er auch sein mag, ich weiß, daß es eine gute Seele ist, und dies ist mir...»

«Es ist Johannes, der Schriftgelehrte», sagt jemand aus dem Volk.

«Nun gut. Jetzt weiß ich es, da du es sagst. Er wollte ganz einfach Diener Gottes sein und Gutes tun für seine Kinder. Betet für ihn, denn morgen werden wir alle durch seine Güte zu essen haben.»

«Er ist wahrlich ein Gerechter», sagt ein Mann.

«Ja; aber ich weiß wirklich nicht, wie er ein Freund der anderen sein kann...», bemerkt ein anderer.

«Er ist wie ein Neugeborener, in Skrupel und Vorschriften eingepackt... doch er ist nicht schlecht», fügt ein dritter hinzu.

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«Sind das hier seine Felder?» fragen mehrere, die nicht aus der Gegend sind.

«Ja. Ich nehme an, daß der Aussätzige vielleicht einer seiner Diener oder Pächter war, aber er duldete seine Nähe und ich vermute, daß er ihm auch zu essen gab.»

Jesus entzieht sich all diesen Bemerkungen, ruft seine zwölf Apostel zu sich und fragt: «Was soll ich nun zu eurer Ungläubigkeit sagen? Hat der Vater nicht Brot für uns alle in die Hände eines Menschen gelegt, der mir durch seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht sogar feindlich gesinnt sein müßte. Oh, ihr kleingläubigen Menschen! ... Geht ins weiche Heu und schlaft. Ich will den Vater bitten, er möge euch die Herzen öffnen, und ihm für seine Güte danken. Der Friede sei mit euch!»

Dann begibt sich Jesus zu den langsam ansteigenden Hängen des Berges. Dort setzt er sich nieder und sammelt sich im Gebet. Er erhebt die Augen zum Himmel und erblickt das Meer der Sterne, die den Himmel bedecken und, den Blick senkend, die vielen Menschen, die auf den Wiesen schlafen. Nichts anderes. Doch die Freude, die er im Herzen verspürt, ist so groß, daß er wie zu Licht geworden und ganz verklärt scheint...

215. AM SABBAT NACH DER BERGPREDIGT AM FUSSE DES BERGES

Jesus ist während der Nacht wieder ein Stück weit den Berg hinaufgestiegen und man sieht ihn im Morgenrot auf einem Felsvorsprung stehen. Petrus, der ihn zuerst entdeckt, macht die anderen Apostel auf ihn aufmerksam und so steigen sie zu ihm hinauf.

«Meister, warum bist du nicht mit uns gekommen?» fragen einige.

«Ich mußte beten.»

«Aber du hast es auch sehr nötig, dich auszuruhen.»

«Freunde, in der Nacht hat eine Stimme vom Himmel mich aufgefordert, für die Guten und die Bösen, und auch für mich selber zu beten.»

«Warum? Hast du das denn nötig?»

«Wie die anderen. Ich schöpfe meine Kraft aus dem Gebet und meine Freude aus der Erfüllung des Willens des Vaters. Der Vater hat mir zwei Namen genannt und von einem Schmerz, der mich treffen wird, gesprochen. Es geht um drei Dinge, die des Gebetes sehr bedürfen.» Jesus ist sehr traurig und schaut seine Apostel mit flehenden und fragenden Augen an. Sein Blick wandert von einem Jünger zum anderen und verweilt dann bei Judas Iskariot.

Der Apostel bemerkt es und fragt: «Warum schaust du mich so an?»

«Ich sah nicht dich. Mein Auge betrachtete etwas anderes...»

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«Und das wäre?»

«Das Wesen des Jüngers. Alles Gute und alles Schlechte, das ein Jünger geben kann, das er für seinen Meister tun kann. Ich dachte an die Jünger der Propheten und an jene des Johannes, und ich dachte an meine eigenen. Ich betete für Johannes, für die Jünger und für mich...»

«Du bist heute morgen traurig und müde, Meister. Sage denen, die dich lieben, deinen Kummer», ermuntert ihn Jakobus des Zebedäus.

«Ja, sag es, und wenn wir dir irgendwie eine Erleichterung verschaffen können, dann werden wir es tun...», sagt der Vetter Judas.

Petrus spricht mit Bartholomäus und Philippus, doch ich verstehe nicht, was sie sagen.

Jesus antwortet: «Gut sein, bemüht euch, gut und treu zu sein. Das ist Erleichterung. Etwas anderes gibt es nicht, Petrus, hast du verstanden. Laßt alle Mutmaßungen beiseite. Liebt mich und liebt euch gegenseitig. Laßt euch nicht von jenen, die mich hassen, verleiten, und liebt es vor allem, den Willen Gottes zu erfüllen.»

«Aber, wenn alles davon abhängt, dann sind auch unsere Fehler Gottes Wille!» ruft Thomas mit philosophischer Miene aus.

«Das meinst du, aber es ist nicht so. Nun sind viele Leute aufgewacht und schauen zu uns herauf. Laßt uns hinabsteigen und den heiligen Tag mit dem Wort Gottes heiligen.»

Sie steigen den Berg hinab, während immer mehr Menschen erwachen Die Kinder, fröhlich wie Spatzen, rennen und springen zwitschernd und schwatzend in den taunassen Wiesen umher, was hier und dort einen Klaps und Tränen zur Folge hat. Doch dann eilen die Kinder zu Jesus, der sie liebkost und dabei sein Lächeln wiederfindet als ob sich in ihm diese unschuldige Fröhlichkeit widerspiegelte. Ein kleines Mädchen will ihm einen Blumenstrauß, den es auf den Wiesen gepflückt hat, in den Gürtel stecken, "denn das Kleid ist so schöner", sagt es. Jesus läßt es geschehen, obgleich die Apostel dagegen murren, und sagt: «Aber, freut euch doch, daß sie mich lieben! Der Tau reinigt die Blumen vom Staub, die Liebe der Kinder nimmt von meinem Herzen die Traurigkeit.»

Gleichzeitig mit Jesus, der vom Berg herunterkommt, trifft auch Johannes, der Schriftgelehrte, von zu Hause mit vielen Dienern bei der Menge ein. Beladen mit Körben voller Brote, Oliven, kleinen Käsen und einem Lämmlein oder Ziegenböcklein, das für den Meister gebraten wurde, kommen sie an und legen ihm alles zu Füßen. Jesus übernimmt die Verteilung selbst, indem er jedem ein Brot und ein Stück Käse mit einer Handvoll Oliven überreicht. Einer Mutter aber, die noch einen rundlichen Säugling an der Brust hat, der schon seine ersten Zähnchen zeigt und lacht, gibt er mit dem Brot noch ein Stück des gebratenen Lammes, und so macht er es auch mit zwei oder drei anderen, die in ihm den Eindruck erwecken, daß sie einer besonderen Stärkung bedürfen.

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«Aber es ist für dich bestimmt», sagt der Schriftgelehrte.

«Ich werde davon kosten, keine Sorge. Aber wenn ich weiß, daß deine Güte vielen gilt, dann wird es mir um so mehr munden.»

Die Verteilung ist beendet und die Leute knabbern an ihrem Brot, behalten aber etwas davon für später zurück. Jesus trinkt ein wenig Milch, die ihm der Schriftgelehrte aus einer Feldflasche, ähnlich einem Krüglein, in eine kostbare Schale gegossen hat.

«Du mußt mir jedoch die Freude machen, dir zuhören zu dürfen», sagt Johannes, der Schriftgelehrte, der von Hermas sehr ehrerbietig und von Stefanus noch respektvoller begrüßt worden ist.

«Ich verweigere es dir nicht. Komm und bleib hier, mir gegenüber!»Jesus, den Rücken dem Berg zugewandt, beginnt zu reden.

«Der Wille Gottes hat uns an diesem Ort zurückgehalten, denn, den eingeschlagenen Weg noch weiter zu gehen hätte bedeutet, die Gebote zu übertreten und Ärgernis zu geben; und dies darf nie geschehen, bis einmal der Neue Bund Gültigkeit haben wird. Es ist richtig, die Feiertage zu heiligen und den Herrn an den Stätten des Gebetes zu loben. Doch die ganze Schöpfung kann zur Stätte des Gebetes werden, wenn das Geschöpf seinen Geist zum Vater erhebt.

So war auch die Arche Noahs während der Sintflut eine Stätte des Gebetes, so der Bauch des Walfisches für Jonas, das Haus des Pharao, als Joseph dort lebte, und das Zelt des Holophernes durch die keusche Judith. War denn der lasterhafte Ort, an dem der Prophet Daniel als Sklave lebte, dem Herrn nicht gerade deshalb heilig, weil ihn sein Diener durch seine Heiligkeit dem Herrn wohlgefällig machte: eine Heiligkeit, die ihn würdig werden ließ, als Prophet die Weissagung über Christus und den Antichrist zu verkünden, die als Schlüssel für die heutige Zeit und für die Letztzeit dienen soll? Mit wieviel größerem Recht ist also dieser Ort heilig, der mit seinen Farben, seinen Düften, der reinen Luft, den reichen Getreidefeldern und den Tauperlen von Gott, dem Vater und Schöpfer, kündet und uns sagt: "Ich glaube. Möget daher auch ihr glauben, denn wir legen Zeugnis ab für Gott." So soll uns Gottes Natur an diesem Sabbat die Synagoge sein, wo uns Blumenkelche und Getreideähren diese immerwährenden Worte verstehen lassen und wo uns die Sonne als heiliger Leuchter dient.

Ich habe euch Daniel zitiert. Ich habe euch gesagt: "Dieser Ort soll unsere Synagoge sein." Daher erinnere ich an das freudige "Loblied der Schöpfung" der drei heiligen Jünglinge in den Flammen des Feuerofens: Himmel und Wasser, Tau und Rauhreif, Eis und Schnee, Feuer und Hitze, Licht und Finsternis, Blitze und Wolken, Berge und Hügel, alles, was da keimt und sprießt, alle Vögel, Fische und alles Getier, lobet und preiset den Herrn mit den Menschen, die ein demütiges und reines Herz haben. Das ist die Zusammenfassung dieses heiligen, für die Demütigen und

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Gerechten so lehrreichen Hymnus. Beten und uns den Himmel verdienen können wir an jedem Ort. Wir werden seiner würdig, wenn wir den Willen des Vaters tun. Am frühen Morgen hat jemand bemerkt, daß, wenn alles vom Willen Gottes abhängt, auch die menschlichen Fehler sein Wille sind. Das ist jedoch ein Irrtum, und zwar ein weitverbreiteter. Kann ein Vater wollen, daß das Verhalten seines Kindes zum Tadel Anlaß gibt? Nein, das ist nicht möglich. Trotzdem können wir auch in den Familien beobachten, wie einige Kinder das Mißfallen ihrer Eltern erregen, obwohl sie einen gerechten Vater haben, der sie lehrt, das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Kein rechtdenkender Mensch wird deshalb den Vater beschuldigen, er hätte sein Kind zum Bösen angehalten.

Gott ist der Vater. Die Menschen sind die Kinder. Gott weist auf das Gute hin und sagt: "Ich versetze dich zu deinem Wohle in diese Lebenslage." Oder auch, wenn der Böse und seine menschlichen Helfer dem Menschen Schaden zufügen und ihn ins Unglück stürzen, sagt Gott: "In dieser schmerzlichen Stunde mußt du nun so handeln, dann wird dir das Leid zum ewigen Heil dienen." Gott gibt Ratschläge, aber er zwingt euch nie. Wenn nun jemand, obwohl er den Willen Gottes kennt, es vorzieht, das Gegenteil zu tun, kann man dann noch sagen, daß dieser Ungehorsam der Wille Gottes sei? Man kann es nicht!

Liebet den Willen Gottes. Liebet ihn mehr als euren eigenen und befolgt ihn trotz der verführerischen und machtvollen Kräfte der Welt, des Fleisches und des Dämons, die ebenso ihre Forderungen stellen. Doch in Wahrheit sage ich euch, daß jeder, der sich ihnen beugt, ein wahrhaft Unglücklicher ist. Ihr nennt mich "Messias" und "Herr". Ihr sagt, daß ihr mich liebt und jubelt mir zu. Ihr folgt mir, und allem Anschein nach liebt ihr mich. Aber in Wahrheit sage ich euch: nicht alle von euch werden mit mir ins Himmelreich eingehen. Auch unter meinen ersten und mir am nächsten stehenden Jüngern werden solche sein, die dort nicht eingehen werden, denn viele werden ihren Willen oder den Willen des Fleisches, der Welt und des Dämons tun, doch nicht den meines Vaters.

Nicht, wer zu mir sagt: "Herr, Herr" ' wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut. Nur diese werden in das Reich Gottes eingehen. Der Tag wird kommen, an dem ich, der ich zu euch spreche, nicht mehr Hirte, sondern Richter sein werde. Laßt euch nicht von meinem jetzigen Verhalten verleiten. Zur Zeit sammelt mein Hirtenstab alle zerstreuten Seelen, und er ist sanft und lädt euch ein, zu den Weiden der Wahrheit zu kommen. Dann aber wird der Hirtenstab durch das Zepter des Richter-Königs ersetzt werden, und meine Macht wird eine ganz andere sein. Nicht mit Sanftheit, sondern mit unerbittlicher Gerechtigkeit werde ich dann die Schafe, die sich von der Wahrheit genährt haben, von jenen trennen, die Wahrheit mit Irrtum vermischt oder sich nur vom Irrtum genährt haben.

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Ein erstes und ein zweites Mal werde ich dies tun. Wehe denen, die sich zwischen ihrem ersten und zweiten Erscheinen (dem einzelnen Gericht und dem Endgericht) vor dem Richter nicht gereinigt haben; sie werden sich nicht mehr von ihren Giften des Bösen reinigen können. Die dritte Kategorie wird sich nie reinigen können; keine Strafe kann sie reinwaschen. Sie haben nur den Irrtum gewollt, und im Irrtum sollen sie verbleiben. Unter ihnen werden viele sein, die dann jammernd zu mir sagen: "Aber Herr, warum? Haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, Dämonen ausgetrieben und viele Wunder gewirkt?"

Dann werde ich ihnen klar und deutlich sagen: "Ja, ihr habt es gewagt, euch meines Namens zu bedienen, um als etwas aufzutreten, was ihr nicht seid. Ihr wolltet mit eurem Satanismus ein Leben in Jesus vortäuschen.' Doch die Früchte eurer Werke klagen euch an. Wo sind eure Geretteten? Wo haben sich eure Prophezeiungen erfüllt? Was war das Ergebnis eurer Exorzismen? Wer stand bei euren Wundern Pate? Oh, wohl ist mein Feind mächtig, aber er übertrifft mich nicht. Er hat euch geholfen, jedoch um seine Beute zu vergrößern, und durch euer Wirken hat sich der Kreis der den Irrlehren Verfallenen erweitert. Ja, ihr habt Wunder vollbracht und scheinbar größere als die wahren Diener Gottes, die nicht mit Gauklerkünsten das Volk verwirren, sondern die Engel durch ihre Demut und ihren Gehorsam in Erstaunen versetzen. Jene, meine wahren Diener, schaffen mit ihren Opfern keine Trugbilder, sondern verbannen sie vielmehr aus den Herzen. Meine wahren Diener drängen sich den Menschen nicht auf, sondern zeigen den Seelen der Menschen Gott den Herrn. Sie tun nichts anderes als den Willen Gottes und sie bringen auch andere dazu, den Willen Gottes zu erfülllen – so wie die Woge die vorangehende vorwärts treibt und die nachkommende mitzieht – ohne sich dabei in den Vordergrund zu stellen und auszurufen: "Seht doch!" Meine wahren Diener tun, was ich sage, und hegen nur den einen Gedanken: meinen Willen zu erfüllen; und ihre Werke tragen mein untrügliches Merkmal des Friedens, der Sanftmut, der Ordnung. Daher kann ich euch sagen: diese sind meine Diener, euch hingegen kenne ich nicht. Weichet von mir alle, die ihr Werke der Bosheit vollbracht habt."

Dies werde ich alsdann über jene aussprechen, und es wird ein furchtbares Urteil sein. Sorgt dafür, daß ihr diesen Richterspruch nicht verdient und geht den sicheren, wenn auch mühevollen Weg des Gehorsams der Herrlichkeit des Himmelreiches entgegen. Genießt nun eure Sabbatruhe und lobt Gott von ganzem Herzen. Der Friede sei mit euch allen!»

Jesus segnet die Menschen, bevor sie sich auf der Suche nach Schatten

Das richtet sich besonders an die Förderer von Geheimwissenschaften und die Mitglieder antichristlicher Sekten usw., also gegen jene, die gegen das erste Gebot gesündigt haben.

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zerstreuen. In den vielen Gruppen, die sich bilden, unterhält man sich über die eben gehörten Worte.

Bei Jesus verbleiben die Apostel und der Schriftgelehrte Johannes, der nicht spricht, sondern in tiefe Betrachtung versunken Jesus in allen seinen Bewegungen beobachtet.

Die Bergpredigt ist zu Ende.

216. DER DIENER DES CENTURIO WIRD GEHEILT

Von den Feldern kommend, betritt Jesus Kapharnaum. Es begleiten ihn nur die zwölf, besser die elf Apostel, denn Johannes ist nicht unter ihnen. Wie immer grüßen die Leute, und dies mit einem je nach der Person verschiedenen Ausdruck, von der Einfachheit der Kinder bis zur Schüchternheit der Frauen, von der Begeisterung der Geheilten bis zu den Neugierigen oder Ironischen. Von allen etwas.

Jesus erwidert jeden Gruß, je nachdem, wie er begrüßt wurde. Die Kinder begrüßt er mit Liebkosungen, die Frauen mit seinem Segen, die Geheilten mit einem Lächeln und die anderen in tiefer Ehrerbietung. Doch diesmal schließt sich auch der Centurio des Ortes, wie ich vermute, der Reihe der Grüßenden an mit seinem: «Salve, Meister!» worauf Jesus antwortet: «Gott komme zu dir!»

Der Römer geht auf Jesus zu, während die Leute sich neugierig nähern, um zu sehen, wie die Begegnung verläuft. «Seit mehreren Tagen warte ich auf dich. Du erkennst in mir nicht den Zuhörer auf dem Berg, denn ich war bürgerlich. Fragst du mich nicht, warum ich dort war?»

«Ich frage dich nicht. Was willst du von mir?»

«Der Befehl lautet, alle zu beobachten, die Ansammlungen verursachen, denn zu oft mußte Rom sich später eingestehen, einen Fehler gemacht zu haben, indem es Versammlungen duldete, die nach außen harmlos erschienen. Doch während ich mich umgesehen und umgehört hatte, besann ich mich auf dich, wie auch auf... wie auch auf... Ich habe einen kranken Diener, Herr. Er liegt in meinem Haus auf seinem Lager, gelähmt infolge einer Knochenkrankheit, und leidet schreckliche Qualen. Unsere Ärzte können ihn nicht heilen, und eure Heilkundigen, die ich darum gebeten habe, weigern sich zu kommen. Es ist ein Leiden, das man sich in der ungesunden Luft dieser Gegend zuzieht, und ihr könnt es heilen mit Kräutern von den seichten Flußufern, wo sich das Wasser staut, bevor es vom Meer aufgenommen wird. Es schmerzt mich sehr, denn es ist ein treuer Diener!»

«Ich werde kommen und ihn heilen.»

«Nein Herr, so viel verlange ich nicht. Ich bin ein Heide und somit

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unrein für euch. Wenn die hebräischen Ärzte fürchten, sich zu verunreinigen, wenn sie ihren Fuß in mein Haus setzen, so gilt das um so mehr für dich, der du göttlich bist. Ich bin nicht würdig, daß du unter mein Dach eingehst, doch wenn du von hier aus ein einziges Wort sprichst, dann wird mein Diener gesund, denn du gebietest allem was existiert. Wenn ich nun als Mensch, der vielen unterstellt ist, allen voran Caesar, und nach deren Wille sich mein Denken, Tun und Handeln zu richten hat, meinerseits den unter meinem Kommando stehenden Soldaten befehlen kann, indem ich einem sage "Geh" dem anderen "Komm" und dem Diener "Tu dies" dann geht der eine: wohin ich ihn geschickt habe, der andere kommt, weil ich ihn rufe und der dritte führt meinen Befehl aus; dann wird die Krankheit dir, der du der Herrscher über alles bist, unverzüglich gehorchen und vom Menschen weichen.»

«Die Krankheit ist kein Mensch...», entgegnet Jesus.

«Auch du bist kein Mensch, sondern der Gott-Mensch. Du kannst daher auch den Elementen und dem Fieber gebieten, denn alles untersteht deiner Macht.»

Einige angesehene Bürger von Kapharnaum nehmen Jesus beiseite und sagen ihm: «Er ist zwar ein Römer, doch erhöre seine Bitte, denn er ist ein redlicher Mensch, der uns achtet und uns hilft. Bedenke, daß gerade er es war, der uns die Synagoge erbauen ließ, und er verlangt, daß seine Soldaten uns achten, daß sie uns an den Sabbattagen nicht verspotten. Erweise ihm daher deiner Stadt zuliebe die Gnade, damit Enttäuschung und Ärger seine Geneigtheit nicht in Haß verwandeln.»

Jesus, der nun diese und jenen angehört hat, wendet sich lächelnd an den Centurio und sagt: «Geh voraus, ich werde nachkommen.»

Doch der Centurio wiederholt noch einmal: «Nein, Herr! Ich habe es dir schon gesagt, es wäre eine große Ehre für mich, dich unter meinem Dach zu haben, doch ich bin dessen nicht würdig. Sprich nur ein Wort, und mein Knecht wird gesund!»

«So sei es denn. Geh und habe Vertrauen. In diesem Augenblick wird ihn das Fieber verlassen und das Leben in seine Glieder zurückkehren. Lebe so, daß auch in deine Seele das Leben einkehre. Geh nun.»

Der Centurio grüßt militärisch, verneigt sich und geht.

Jesus sieht ihm nach. Schließlich wendet er sich an die Anwesenden und sagt: «Wahrlich, ich sage euch, einen solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden. Oh, wie wahr ist es doch: "Das Volk, das in der Finsternis wandelte, schaute ein großes Licht. Über den Bewohnern des Landes, das in Todesschatten lag, ist das Licht aufgegangen", und weiter: "Unter seinem aufgerichteten Banner wird der Messias die Völker vereinigen. Oh, mein Reich! Wahrlich, in ungeheurer Zahl werden sie zu dir strömen! Zahlreicher als alle Kamele und Dromedare von Madian und Epha und die Gold- und Weihrauchträger von Saba; zahlreicher als die Herden

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von Kedar und die Widder von Nebajot werden jene sein, die zu dir kommen werden, und mein Herz wird sich vor Freude weiten, wenn ich die Völker des Meeres und die Mächte der Nationen zu mir kommen sehe. Die Inseln warten darauf, mir zu huldigen, und die Söhne der Fremden werden die Mauern meiner Kirche errichten, deren Tore stets offen stehen werden, um die Könige und das Heer der Völker aufzunehmen und sie in mir zu heiligen. Was Jesaja gesehen hat, wird sich erfüllen. Ich sage euch, viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich wohnen, während die Kinder des Reiches in die äußerste Finsternis geworfen werden, wo Heulen und Zähneknirschen sein wird.»

«Du prophezeist also, daß die Heiden den Söhnen Abrahams ebenbürtig sein werden?»

«Nicht ebenbürtig: sie werden sie übertreffen. Das soll euch nicht mißfallen, denn es ist eure eigene Schuld. Nicht ich, sondern die Propheten sagen es, und die Zeichen deuten schon darauf hin. Nun soll einer von euch zum Hause des Zenturio gehen, um festzustellen, ob sein Diener geheilt ist, wie es der Glaube des Römers verdient hat. Kommt, vielleicht sind im Hause Kranke, die auf mich warten.»

Jesus geht zum Hause, in dem er üblicherweise während seines Aufenthaltes in Kapharnaum wohnt. Die Apostel und einige andere folgen ihm; die meisten jedoch begeben sich neugierig und lärmend zum Hause des Zenturio.

217. «LASS DIE TOTEN IHRE TOTEN BEGRABEN!»

Ich sehe Jesus, der sich mit seinen elf Aposteln zum Ufer des Sees begibt. Johannes fehlt immer noch. Die Leute drängen sich um ihn. Unter ihnen erkenne ich viele, die auf dem Berge waren, hauptsächlich Männer, die ihm nach Kapharnaum gefolgt sind, um noch mehr von seinen Predigten zu hören. Sie möchten ihn zurückhalten, doch er sagt: «Ich gehöre allen, und es sind viele, die meiner bedürfen. Ich werde wiederkommen und ihr werdet mich hier wieder treffen, doch jetzt laßt mich gehen.» Nur mühsam vermag er sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, die sich durch das schmale Gäßlein drängt. Die Apostel, hierüber verärgert, arbeiten mit den Ellbogen, um ihm Platz zu schaffen. Doch es ist, als ob sie in eine weiche Masse schlagen würden, so schnell schließt sich jede Lücke wieder. Sie werden auch ärgerlich, doch es nützt nichts.

Schon sind sie in Sichtweite des Ufers, als ein Mann mittleren Alters und vornehmen Aussehens, der sich mühsam bis zum Meister durchgekämpft hat, diesen an der Schulter berührt, um seine Aufmerksamkeit

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auf sich zu lenken. Jesus dreht sich um, bleibt stehen und fragt: «Was willst du?»

«Ich bin Schriftgelehrter. Doch deine Worte sind nicht zu vergleichen mit dem, was in unseren Geboten enthalten ist, und sie haben mich erobert, Meister! Ich verlasse dich nicht mehr. Ich werde dir folgen, wohin du auch gehen magst. Welches ist dein Weg?»

«Jener zum Himmel.»

«Ich meine nicht diesen. Ich frage dich, wohin du gehst. In welchen Häusern wirst du dich nach diesem hier aufhalten, damit ich dich jederzeit erreichen kann?»

«Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester, doch der Menschensohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen könnte. Mein Haus ist die Welt, überall dort, wo es Menschen zu belehren, wo es Unglückliche aufzurichten und Sünder zu erlösen gibt.»

«Überall also!»

«So ist es. Könntest du, Gelehrter Israels, tun, was diese Geringsten aus Liebe zu mir tun? Das erfordert Opfer und Gehorsam, Liebe zu allen und die Fähigkeit, sich allem und allen anzupassen, denn durch Herablassung gewinnt man die Herzen. Im Himmel wird es einst Reinheit geben, doch hier befinden wir uns noch im Schlamm; und diesem Schlamm, auf den wir unsern Fuß setzen, müssen wir die schon eingesunkenen Opfer entreißen. Wir dürfen nicht einfach unsere Gewänder raffen und zurückweichen, dort wo der Schlamm besonders hoch ist. Die Reinheit muß in uns sein. Wir müssen so sehr von ihr erfüllt sein, daß nichts Unreines mehr in uns eindringen kann. Kannst du dies alles?»

«Laß es mich wenigstens versuchen.»

«Versuche es. Ich werde beten, daß du dazu fähig wirst.»

Jesus geht weiter, und seine Aufmerksamkeit richtet sich auf zwei Augen, die ihn betrachten. Es ist ein hochgewachsener, kräftiger Jüngling, der stehengeblieben war, um den Zug vorbei zu lassen. Es scheint, daß sein Weg in eine andere Richtung führt, aber Jesus wendet sich an ihn und sagt: «Folge mir!»

Der Jüngling fährt zusammen, erblaßt und seine Lider zucken wie durch ein Licht geblendet. Nach Antwort ringend öffnet er den Mund und sagt endlich: «Ich werde dir nachfolgen, aber laß mich vorerst meinen Vater zu Grabe tragen, der in Chorazim gestorben ist. Laß mich dies noch tun und dann werde ich kommen.»

«Folge mir! Laß die Toten ihre Toten begraben. Du bist schon vom "Leben" in den Bann gezogen und hast es auch gewünscht. Weine nicht wegen der Leere, mit der das "Leben" dich umgeben hat, um dich als Jünger zu gewinnen. Aus den verlorenen Zuneigungen wachsen dem nun umgewandelten Menschen die Flügel, um in den Dienst der Wahrheit Gottes zu treten. Laß der Verwesung ihren Lauf. Erhebe dich zum Reich, wo es

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keine Auflösung gibt. Dort wirst du auch die unverwesliche Perle deines Vaters finden. Gott ruft und geht vorüber. Morgen schon würdest du den Mut dazu nicht mehr finden und die Einladung Gottes käme nicht mehr. Geh und verkünde das Reich Gottes.»

Der Mann lehnt an einer Mauer; an seinen Armen hängen Taschen, die gewiß mit wohlriechenden Kräutern und Binden gefüllt sind; mit gesenktem Haupte denkt er nach, unentschlossen, im Zwiespalt zwischen Gottesliebe und Liebe zum Vater.

Jesus wartet und betrachtet ihn. Schließlich nimmt er ein Knäblein und sagt zu ihm: «Bete mit mir: "Ich preise dich, o Vater, und flehe um dein Licht für jene, die im Dunkel des Lebens weinen. Ich preise dich, o Vater, und flehe um deine Kraft für alle, die in ihrer kindlichen Hilflosigkeit deines Beistandes bedürfen. Ich preise dich, o Vater, und flehe um deine Liebe, damit du all jene, die nicht glauben können, daß in dir jegliches Glück im Himmel und auf Erden zu finden ist, alles vergessen läßt, was nicht du bist."» Das unschuldige, etwa vierjährige Knäblein, wiederholt mit seinem kleinen Stimmchen die heiligen Worte. Es hat die Händchen zum Gebet gefaltet, lehnt das Köpfchen an die rechte Schulter Jesu, der es an den rundlichen Handgelenken hält, als wären es zwei Blütenstengel.

Der Mann entscheidet sich. Er gibt seine Bündel einem Gefährten und geht auf Jesus zu, der das Kind wieder auf den Boden stellt und es segnet. Jesus legt seinen Arm auf die Schulter des Jünglings und setzt so und ihn ermutigend seinen Weg fort.

Ein anderer Mann gesteht ihm: «Auch ich möchte wie er mit dir kommen, doch vorher möchte ich mich von meinen Angehörigen verabschieden. Erlaubst du es mir?»

Jesus blickt ihn fest an und antwortet: «Zu tief bist du in deiner Menschlichkeit verwurzelt. Reiße diese Wurzeln aus, und wenn es dir nicht gelingt, dann haue sie aus. Zum Dienste Gottes kommt man in geistiger Freiheit und keine behindernden Bande dürfen dieser Hingabe im Wege stehen.»

«Aber Herr, Fleisch und Blut bleiben immer Fleisch und Blut! Ich werde langsam zur Freiheit gelangen, von der du sprichst...»

«Nein, du würdest es nicht tun. Gott ist ebenso anspruchsvoll, wie er unendlich großmütig im Belohnen ist. Wenn du Jünger sein willst, mußt du das Kreuz umfangen und mir folgen; sonst gehört man zu der Schar der einfachen Gläubigen. Der Weg des Dieners Gottes ist nicht ein Weg auf Rosenblättern und seine Forderungen sind absolut. Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat, um die Felder der Herzen zu pflügen und den Samen der Lehre Gottes auszuwerfen, darf sich umwenden und betrachten, was er zurückgelassen und was er verloren hat, was er auf dem gewöhnlichen Weg gewonnen hätte. Wer so handelt, taugt nicht für das Reich Gottes. Arbeite an dir, bereite dich vor; und dann komm, aber nicht jetzt.»

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Das Ufer ist erreicht. Jesus besteigt das Boot des Petrus, dem er einige Worte zuflüstert. Ich sehe, daß Jesus lächelt, und Petrus macht eine Gebärde des Erstaunens. Aber er sagt nichts. Es steigt auch der Mann mit ein, der darauf verzichtet hat, seinen Vater zu begraben, um Jesus nachzufolgen.

218. DAS GLEICHNIS VOM SÄMANN

Jesus zeigt mir den Lauf des Jordan oder vielmehr dessen Mündung in den See von Tiberias, wo die Stadt Bethsaida am rechten Flußufer liegt, und erklärt: «Jetzt liegt die Stadt nicht mehr am Seeufer, sondern eher landeinwärts. Das verwirrt die Wissenschaftler. Die Erklärung liegt in der schon zwanzig Jahrhunderte andauernden Versandung des Sees auf dieser Seite durch Erdablagerungen, Anschwemmungen und Erdrutsche von den Hügeln Bethsaidas. Früher lag die Stadt unmittelbar an der Mündung des Flusses in den See, und die Boote fuhren während der wasserreichen Jahreszeiten fast bis auf die Höhe von Chorazim hinauf. Die Flußufer dienten den Booten von Bethsaida an stürrnischen Tagen als Hafen und Zufluchtsort. Diese Erklärungen sind nicht für dich bestimmt, da dir wenig daran liegt, sondern für die Wissenschaftler, die alles in Zweifel ziehen. Fahre nun fort.»

Jesus und seine Apostel haben die kurze Strecke, die Kapharnaum von Bethsaida trennt, mit den Booten zurückgelegt und gehen in dieser Stadt an Land. Andere sind ihnen mit ihren Booten nachgefolgt, und viele steigen aus und schließen sich den Leuten von Bethsaida an, die gekommen sind, um den Meister zu begrüßen. Jesus begibt sich ins Haus des Petrus, wo... jetzt auch wieder seine Frau ist, die, wie ich annehme, die Einsamkeit den ständigen Klagen ihrer Mutter vorzieht.

Die Leute draußen rufen laut nach dem Meister, was Petrus nicht wenig ärgert. Er steigt auf die Tcrrasse und ermahnt alle Bewohner von Bethsaida und alle Fremden, sich anständig und respektvoll zu benehmen. Da nun sein Meister bei ihm zu Hause ist, möchte er ihn ein wenig in Frieden genießen, aber er findet nicht einmal Zeit, ihm von den vielen Dingen, die er seine Frau vorzusetzen geheißen hat, wenigstens etwas Honigwasser anzubieten.

Jesus betrachtet ihn lächelnd, schüttelt das Haupt und sagt: «Es scheint beinahe, als würden wir uns nie sehen und es wäre ein Zufall, daß wir einmal beisammen sind!»

«Aber es ist doch so! Wenn wir in der Welt umherziehen, sind wir dann allein? Nicht im Traum! Zwischen dir und mir liegt eine ganze Welt mit ihren Kranken, ihren Betrübten, Zuhörern, Neugierigen, Verleumdern, Feinden... aber du und ich, das gibt es nie. Hier bist du bei mir, in meinem Hause, und das sollten sie verstehen!» Petrus ist wirklich erregt.

«Aber ich sehe keinen Unterschied, Simon. Meine Liebe ist dieselbe, mein Wort dasselbe, ob ich es dir persönlich oder ob ich es allen sage. Ist es nicht so?»

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Petrus bekennt nun seine große Sorge: «Ich bin doch so ein Dummkopf und lasse mich leicht ablenken. Wenn du auf einem Platz, auf einem Berg, zu vielen Menschen sprichst – ich weiß nicht warum – dann verstehe ich alles, und doch erinnere ich mich nachher an nichts mehr. Ich sagte es auch meinen Gefährten und sie haben mir recht gegeben. Die anderen, ich will sagen, die Leute, die dich anhören, verstehen dich und erinnern sich an das, was du gesagt hast. Wie oft haben wir doch gehört, wie jemand erklärte: "Ich habe dies nicht mehr getan, weil du es gesagt hast", oder "Ich bin gekommen, weil ich einmal von jemand einen Ausspruch von dir gehört habe, der mich betroffen gemacht hat." Bei uns hingegen... o ja! ... ist es wie ein Fluß, der immerfort fließt. Das Ufer vermag ihn nicht aufzuhalten und das Wasser entschwindet. Gewiß, ununterbrochen fließt Neues nach in Fülle, doch es fließt weiter und entflieht. Mit Schrecken denke ich an jenen Augenblick, von dem du sagst, daß er kommt, wo du nicht mehr da sein wirst, wie das Wasser des Flusses... und ich... wo werde ich für den Dürstenden schöpfen können, wenn ich nicht einmal einen Tropfen von dem, was du uns gibst, bewahren kann?»

Auch die anderen stimmen Petrus bei und beklagen sich, daß sie sich nie an alles Gehörte erinnern können, wenn sie darauf zurückgreifen möchten, um die vielen Fragen der Leute zu beantworten.

Jesus lächelt und antwortet: «Das scheint mir aber nicht so. Die Leute sind sehr zufrieden, auch mit euch...»

«O ja, mit dem, was wir tun! Dir einen Weg bahnen mit unsern Ellbogen, Kranke tragen, Almosen sammeln und den Leuten antworten: "Ja, das dort ist der Meister." Wahrlich, großartig!»

«Setze dich nicht zu sehr herab, Simon.»

«Ich setze mich nicht herab, ich kenne mich.»

«Die Selbsterkenntnis ist die schwierigste der Tugenden. Doch, ich will diese große Angst von dir nehmen. Wenn ihr von meinen Predigten nicht alles verstehen oder im Gedächtnis behalten könnt, dann fragt, ohne Furcht mir lästig zu fallen oder mich dadurch zu entmutigen. Es gibt immer Stunden, da wir unter uns sind. Dann öffnet mir euer Herz. Ich gebe vielen vieles, und was gäbe ich nicht euch, die ich euch liebe, wie Gott euch nicht mehr zu lieben vermöchte. Du hast von der Welle gesprochen, die fließt, ohne daß von ihr am Ufer etwas zurückbleibt. Der Tag wird kommen, da du erkennst, daß jede Welle einen Samen zurückgelassen hat, und daß aus jedem Samenkorn eine Pflanze geworden ist. Du wirst Blumen und Pflanzen für jeden einzelnen Fall zu deiner Verfügung haben, und du wirst dich über dich selbst wundern und fragen: "Was hat der Herr in mir nur bewirkt?" Denn du wirst dann von der Knechtschaft der Sünde erlöst sein und deine jetzigen Tugenden werden zu erhabener Vollkommenheit gelangt sein.»

«Du sagst es, Herr, und dein Wort gibt mir Ruhe.»

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«Nun wollen wir zu all den Menschen gehen, die auf uns warten. Kommt! Der Friede sei mit dir, Frau. Ich werde heute abend dein Gast sein.»

Sie gehen hinaus und Jesus begibt sich zum See, um nicht von der Menge erdrückt zu werden. Petrus entfernt sich mit dem Boot einige Meter vom Ufer, so daß alle die Stimme Jesu hören können und dennoch ein gewisser Abstand zwischen ihm und den Zuhörern bleibt.

«Auf dem Wege von Kapharnaum nach hier habe ich mir überlegt, über welches Thema ich zu euch sprechen könnte. Die Begebenheiten von heute morgen haben es mich finden lassen...

Ihr habt gesehen, daß drei Männer zu mir gekommen sind. Der eine von sich aus, der andere, weil ich ihn dazu ermuntert habe, und der dritte aus plötzlicher Begeisterung. Ihr habt gesehen, daß ich nur zwei von ihnen erwählt habe. Warum? Habe ich vielleicht im Dritten einen Verräter gesehen? Nein, gewiß nicht, aber er war nicht vorbereitet. Dem Anschein nach war der Mann, der zum Begräbnis seines Vaters gehen wollte und nun hier an meiner Seite steht, noch weniger vorbereitet. Der Dritte aber war es am wenigsten. Dagegen war dieser hier, ohne es selbst zu wissen, so gut vorbereitet , daß er sogar ein heldenhaftes Opfer zu bringen vermochte. Der Heldenmut, Gott nachzufolgen, ist immer Beweis einer gründlichen seelischen Vorbereitung. Dies erklärt gewisse überraschende Vorfälle, die sich in meiner Umgebung ereignen. Jene, die am besten vorbereitet sind, Christus zu empfangen – welches auch ihr Stand oder ihre Bildung sein mag – kommen mit absoluter Bereitschaft und einem unerschütterlichen Glauben zu mir. Die weniger Vorbereiteten sehen in mir einen ungewöhnlichen Menschen, oder sie erforschen mich mit Argwohn und Neugierde, oder sie greifen mich sogar an und verleumden mich durch vielfältige Beschuldigungen. Die Verschiedenartigkeit ihres Handelns steht im Verhältnis zur mangelhaften Vorbereitung ihrer Seele.

Im auserwählten Volke müßte man überall Seelen finden, die bereit sind, den Messias aufzunehmen, in dessen Erwartung sich Patriarchen und Propheten in Sehnsucht verzehrt haben; den Messias, der endlich gekommen ist, und dessen Ankunft von allen prophetischen Zeichen eingeleitet und begleitet wurde; diesen Messias, dessen geistige Persönlichkeit sich immer deutlicher abzuzeichnen beginnt, durch alle sichtbaren Wunder am menschlichen Leib und an den Elementen und durch die unsichtbaren Wunder, die den Menschen zur Einsicht und Bekehrung bringen, und an den Heiden, die sich dem wahren Gott zuwenden. Es ist aber nicht so. Die Bereitschaft, dem Messias nachzufolgen, stößt gerade bei den Angehörigen dieses Volkes auf starke Hindernisse, und es schmerzt sagen zu müssen, daß sie umso größer sind, je höher ihre gesellschaftliche Stellung ist. Ich sage dies nicht, um euch zu verletzen, sondern um euch zum Gebet und zum Nachdenken anzuregen. Warum geschieht dies? Warum sind es

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die Heiden und Sünder, die viel eher auf meinem Weg vorwärtskommen? Warum nehmen sie an, was ich sage, und die anderen nicht? Weil die Kinder Israels wie Perlmuscheln verankert, ja verkrustet sind mit den Bänken, auf denen sie geboren wurden. Sie sind satt, übersatt von ihrer Weisheit und können der meinen keinen Platz schaffen, indem sie das Überflüssige wegwerfen, um das Notwendige aufzunehmen. Die anderen kennen diese Knechtschaft nicht. Es sind arme Heiden oder arme Sünder, die wie vom Anker gerissene Schiffe umhertreiben; es sind arme Menschen, die keine eigenen Schätze besitzen und die sich freudig trennen von der Bürde ihrer Irrtümer und Sünden, sobald es ihnen gelingt, die Frohe Botschaft zu begreifen. Sie spüren die Kraft dieses süßen Honigs, der so verschieden ist vom ekelhaften Gemisch ihrer Sünden.

Hört also zu, vielleicht werdet ihr dann besser verstehen, wie ein und dasselbe Werk verschiedene Früchte hervorbringen kann.

Ein Sämann ging aus, um zu säen. Er hatte viele Äcker von verschiedener Beschaffenheit. Einige hatte er vom Vater geerbt, auf denen infolge seiner Nachlässigkeit dorniges Gestrüpp zu wuchern begann. Andere hatte er selbst von einem gleichgültigen Bauern hinzugekauft und sie in demselben Zustand gelassen, in dem er sie vorgefunden hatte. Durch weitere Felder verliefen Wege, denn der Mann war sehr bequem und zog es vor, querfeldein zu gehen, anstatt lange Umwege von einem Ort zum anderen zu machen. Schließlich gab es noch die, die seinem Haus am nächsten lagen, und ihnen schenkte er seine ganze Aufmerksamkeit, um von seiner Wohnung aus einen angenehmen Ausblick zu haben. Da gab es kein Geröll, keine Dornenbüsche, kein Unkraut.

Der Mann nahm also seinen Sack mit Körnern des besten Getreides und begann mit der Aussaat. Der Same fiel auf das weiche, gepflügte, gesäuberte, gedüngte Erdreich der Felder bei seinem Hause. Er fiel auf die von Wegen und Weglein durchzogenen Felder, die diese Äcker nicht nur zerstückelten, sondern zusätzlich für Schmutz und trockenen Staub sorgten. Andere Saat fiel auf die Felder, auf denen wegen der Nachlässigkeit des Besitzers das dornige Gestrüpp wucherte. Der Pflug hatte es wohl untergepflügt und es schien, daß nichts mehr davon übriggeblieben war; doch in Wirklichkeit hätte nur die radikale Ausrottung durch Feuer ein neues Treiben der Wurzeln verhindern können. Der Same, den er zum Schluß ausstreute, fiel auf die zuletzt erworbenen Felder, die er in ihrem ursprünglichen Zustand gelassen hatte. Er hatte das Erdreich nicht bis in die Tiefe aufgelockert. Er hatte auch nicht die Steine unter der Erde entfernt, die den Boden hart machten und die jedes Wurzelfassen der zarten Pflänzchen verhinderten. Nachdem er allen Samen ausgesät hatte, ging er nach Hause und sagte: "Wohlan, nun brauche ich nur die Zeit der Ernte abzuwarten." Er freute sich, denn im Laufe der Monate sah er die Saat nahe bei seinem Hause dicht hervorsprießen und wachsen. "Oh, welch ein

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weicher Teppich!... und dann eine Woge von Ähren... wie ein Meer! Das Getreide wurde gelb: welch eine Freude erwartete ihn, Ähre um Ähre zu dreschen und dabei der Sonne ein Loblied zu singen. Der Mann sagte: "So wie diese Felder werden alle anderen sein! Halten wir Sicheln und Scheunen bereit. Wieviel Brot! Wieviel Gold!" Und er war glückselig.

Er mähte das Korn der nächstgelegenen Felder und ging dann zu den vom Vater ererbten, die er hatte verwildern lassen. Dort blieb er wie erstarrt stehen. Halm um Halm war gewachsen, denn das Erdreich war gut und fruchtbar und vom Vater immer bearbeitet worden. Doch gerade diese Fruchtbarkeit war auch den Dornensträucher zugutegekommen, die wohl umgegraben, aber nicht völlig ausgemerzt waren. So hatten sie von neuem Wurzeln getrieben und nur wenige Ähren vermochten das Dickicht der Sträucher zu durchdringen, während alle anderen erstickten und zugrunde gingen.

Der Mann sagte: "Hier habe ich nachlässig gehandelt. Doch in den übrigen Äckern gibt es keine Dornensträucher, und dort wird es besser sein." Er ging zu den zuletzt erworbenen. Sein Erstaunen wandelte sich in Schrecken. Dünn und ausgetrocknet lagen die Halme wie Heu am Boden. Stroh! "Aber warum, warum?" jammerte der Mann. "Hier sind doch keine Dornensträucher! Der Same war derselbe! Er ist aufgegangen, man sieht es an den zahlreichen und gut entwickelten Halmen. Warum ist nun alles zugrunde gegangen, ohne Ähren anzusetzen?" In seinem Kummer begann er die Erde aufzugraben, um nach Maulwurfsnestern oder anderen Schädlingen zu suchen. Es gab jedoch weder Ungeziefer noch Nagetiere, hingegen Steine, so viele Steine! Nichts als Steine! Der Boden bestand buchstäblich aus Steinen und das spärliche Erdreich darüber täuschte. Oh, hätte er doch die Erde rechtzeitig gründlich gepflügt. Oh, hätte er doch tief in die Erde gegraben, bevor er die Felder übernommen und sie als gute Äcker gekauft hatte. Aber nachdem er den Fehler begangen und die Felder gekauft hatte, ohne zuvor ihre Güte zu prüfen, hätte er sie dann doch wenigstens mit seiner Hände Arbeit fruchtbar gemacht! Jetzt war es zu spät, und das Jammern nützte nichts.

Entmutigt erhob sich der Mann und ging zu den aus Bequemlichkeit von vielen Wegen durchzogenen Feldern. Dort angelangt zerriß er sich vor Gram die Kleider. Hier gab es nichts, gar nichts... Die dunkle Ackererde war mit einer dünnen Schicht weißen Staubes bedeckt... Der Mann sank zu Boden und stöhnte: "Aber hier, warum? Hier gibt es weder Dornensträucher noch Steine, denn es sind ja unsere Felder. Seit Jahrzehnten sind sie in unserem Besitz: von den Ahnen gingen sie auf den Vater über und schließlich auf mich, und wir haben sie fruchtbar gemacht. Gewiß habe ich Wege anlegen lassen, dem Land Ackerboden weggenommen, aber das konnte es doch nicht so unfruchtbar werden lassen..." Er weinte immer noch, als die Antwort auf seinen Kummer von einem dichten

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Schwarm Vögel kam, die von den Fußwegen gierig über die Äcker herfielen und von diesen auf die Fußwege zurückkehrten, um Samenkörner und Samenkörner und immer wieder Samenkörner zu suchen. Das Feld mit seinem ganzen Netz von Sträßchen und Wegen, auf deren Ränder auch Samenkörner gefallen waren, hatte viele Vögel angelockt, und nachdem sie die Körner auf den Wegen aufgepickt hatten, flogen sie zum Acker und fraßen alles bis zum letzten Körnchen.

So hatte das Saatgut, das für alle Felder gleich war, hier hundertfachen, dort sechzigfachen, da dreißigfachen und auf dem letzten Feld gar keinen Ertrag gebracht. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Der Same ist das Wort, und es ist für alle das gleiche. Der Ort, auf den der Same fällt, ist euer Herz. Ein jeder begreife und lasse es in sich Früchte tragen! Der Friede sei mit euch!»

Dann wendet Jesus sich an Petrus und sagt: «Fahre flußaufwärts soweit du kannst, und lege auf der anderen Seite an.»

Während die beiden Boote nach kurzer Fahrt auf dem Fluß am Ufer anlegen, setzt sich Jesus nieder und fragt den neuen Jünger: «Wer ist jetzt bei dir noch zu Hause?»

«Meine Mutter mit meinem älteren Bruder, der seit fünf Jahren verheiratet ist. Die Schwestern sind in der Umgebung verstreut. Mein Vater war ein herzensguter Mensch, und meine Mutter trauert und kann sich nicht trösten.» Der Jüngling wird plötzlich still, denn er fühlt aus seinem Herzen ein Schluchzen aufsteigen.

Jesus ergreift seine Hand und sagt: «Auch ich habe diesen Schmerz erfahren und meine Mutter weinen sehen müssen, daher verstehe ich dich.»

Das Knirschen des auf den Kies auffahrenden Bootes unterbricht das Gespräch, und man steigt an Land. Hier sind nicht mehr die sanften Hügel von Bethsaida, die beinahe im See untertauchen, sondern eine Ebene mit vielen Getreidefeldern dehnt sich von diesem, Bethsaida gegenüberliegenden Ufer nach Norden hin aus.

«Gehen wir nach Meron?» fragt Petrus

«Nein, wir gehen diesen Weg durch die Felder.»

Die schönen, wohlgepflegten Felder zeigen zarte, doch schon gebildete Ähren, die alle gleich hoch sind und im frischen Nordwind wogen. Sie bilden etwas wie einen weiteren kleinen See, und die hier und dort herausragenden Bäume, aus denen frohes Vogelgezwitscher ertönt, sind die Segelschiffe darauf.

«Diese Felder sind nicht wie die deines Gleichnisses», bemerkt Vetter Jakobus.

«Nein, wirklich nicht. Die Vögel haben sie nicht verwüstet und es gibt weder Dornengebüsch noch Steine. Ein schönes Getreide! In einem Monat wird es golden sein... und in zwei Monaten erntereif und bereit für die Scheune», sagt Judas Iskariot.

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«Meister... ich erinnere dich an das, was du in meinem Hause gesagt hast. Du hast sehr gut gesprochen. Aber mein Kopf ist schon wieder durcheinander, fast wie die zerzausten Wolken dort oben...», sagt Petrus.

«Heute abend werde ich es dir erklären. Wir kommen nun nach Chorazim.» Jesus blickt den neuen Jünger fest an und sagt: «Wer gibt, dem wird gegeben, und daß ihm gegeben wird, schmälert den Wert seines Opfers nicht. Führe mich zu eurer Grabstätte und zum Hause deiner Mutter.»

Der Jüngling kniet nieder und ergreift unter Tränen Jesu Hand, um sie zu küssen.

«Erhebe dich, wir wollen gehen! Meine Seele hat deinen Schmerz gefühlt. Ich will dich mit meiner Liebe in deiner Heldenhaftigkeit stärken.»

«Isaak, der Erwachsene, hatte mir erzählt, wie gut du bist. Isaak, weißt du? Du hast seine Tochter geheilt. Er war mein Apostel. Doch ich sehe, daß deine Güte noch größer ist, als sie mir geschildert worden war.»

«So wollen wir auch Isaak besuchen und ihn begrüßen und ihm dafür danken, daß er mir einen Jünger geschenkt hat.»

Chorazim ist erreicht, und Isaaks Haus ist gleich das erste am Anfang des Dorfes. Der alte Mann, der eben nach Hause zurückkehrt, bleibt mit offenem Mund sprachlos stehen, als er Jesus mit den Seinen und unter ihnen den jungen Mann von Chorazim kommen sieht. Sein Stöckchen in der Hand, erhebt er grüßend seine Arme. Jesus lächelt ihm zu und dieses Lächeln gibt dem alten Mann schließlich die Sprache zurück. «Gott segne dich, Meister! Aber wie geschieht mir eine solche Ehre?»

«Um dir Dank zu sagen.»

«Aber wofür denn, mein Gott? An mir liegt es, dir Dank zu sagen. Komm herein, komm herein! Oh, wie schade, daß meine Tochter auswärts ist, um ihrer Schwiegermutter zu helfen. Weißt du, daß sie geheiratet hat ? Nichts als Wohltaten, seitdem ich dir begegnet bin! Kaum war sie geheilt, kam ein reicher Verwandter von weit her zurück, als Witwer mit Kindern, die eine Mutter brauchten... Aber ich hatte dir doch dies alles schon erzählt. Mein Kopf ist alt, verzeih mir!»

«Dein Kopf ist weise und vergißt sogar, sich der Dinge zu rühmen, die er für seinen Meister tut. Die vollbrachten guten Taten vergessen, bedeutet Weisheit; es ist ein Beweis der Demut und des Vertrauens in Gott!»

«Oh, aber ich... wüßte nicht...»

«Habe ich diesen Jüngling nicht dir zu verdanken?»

«Oh! ... aber ich habe nichts dazu getan, weißt du? Ich habe nur die Wahrheit gesagt und freue mich, daß Elias bei dir ist.» Er wendet sich Elias zu und sagt: «Die Tränen deiner Mutter sind sofort versiegt, als sie erfuhr, daß du beim Meister bist. Dein Vater hatte eine würdige Bestattung. Er ist vor kurzem begraben worden.»

«Und mein Bruder?»

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«Er schweigt... Weißt du, es ist hart für ihn gewesen, daß du nicht hier warst... Im Dorf spricht man darüber, und dein Bruder hat noch...»

Der Jüngling wendet sich an Jesus: «Du hast es gesagt. Aber ich möchte nicht, daß er dem Tod anheimfällt... Mache, daß er das Leben finde wie ich es gefunden habe, und rufe ihn in deinen Dienst.»

Die anderen verstehen nicht und blicken sich fragend an, doch Jesus antwortet: «Verzage nicht und bleibe standhaft.» Dann segnet er Isaak und geht, ungeachtet allen Drängens.

Zuerst verweilen sie bei dem verschlossenen Grab und beten. Dann gehen sie durch einen halbkahlen Weinberg zum Hause des Elias.

Die Begegnung zwischen den Brüdern ist eher zurückhaltend. Der ältere fühlt sich beleidigt und will dies zu verstehen geben. Der jüngere fühlt sich, menschlich gesprochen, schuldig und schweigt. Doch die Ankunft der Mutter, die wortlos niederkniet und den Saum des Kleides Jesu küßt, bringt Frieden in die Atmosphäre und die Gemüter heitern sich auf. Man will dem Meister doch Ehre erweisen. Er nimmt jedoch nichts an, sondern sagt nur: «Seid gerecht in euren Herzen, einer dem anderen gegenüber, wie jener gerecht war, um den ihr trauert. Übermenschliches – d.h. die Berufung zu einer Mission – darf nicht auf eine Stufe mit dem Menschlichen gestellt, also dem Tod gleichgestellt werden. Die Seele des Gerechten war nicht erzürnt, als sie sah, daß der Sohn bei der Beisetzung seines Leichnams nicht zugegen war. Sie hat sich vielmehr beruhigt in der Gewißheit über die Zukunft ihres Elias. Was die Welt denkt, soll für die Gnade der Erwählung kein Hindernis sein. Während die Welt sich gewundert hat, den Sohn nicht an der Bahre des Vaters zu sehen, haben die Engel gejubelt, ihn an der Seite des Messias zu erblicken. Seid gerecht. Dir, Mutter, möge dies zum Trost gereichen. In Weisheit hast du deinen Sohn erzogen, und nun ist der Ruf der Weisheit Gottes an ihn ergangen. Ich segne euch alle. Der Friede sei jetzt und allezeit mit euch!»

Sie gehen auf den Weg zurück zum Fluß und von dort fahren sie wieder nach Bethsaida. Elias hat nicht einen Augenblick auf der Schwelle des Vaterhauses gezögert. Nach dem Abschiedskuß der Mutter ist er mit dem Meister gegangen mit der Einfalt eines Kindes, das seinem wahren Vater nachfolgt.

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219. IN DER KÜCHE DES PETRUS; BELEHRUNG JESU UND ANKÜNDIGUNG DER GEFANGENNAHME DES TÄUFERS

Man befindet sich wieder in der Küche des Petrus. Das Abendessen muß reichlich gewesen sein, denn die Platten mit Resten von Fleisch, Fisch, Käse, getrockneten oder zum mindesten trocken gewordenen Früchten und Honigkuchen häufen sich auf einer Art Anrichte, die mich ein wenig an unsere toskanischen Backtröge erinnert. Krüge und Becher stehen noch auf dem Tisch herum.

Die Frau des Petrus muß Wunder vollbracht haben, um ihren Mann zufriedenzustellen; sie hat gewiß den ganzen Tag gearbeitet. Nun steht sie müde, aber zufrieden in einem Winkel und hört den Gesprächen ihres Mannes und der anderen zu. Sie blickt ihren Simon an, der für sie ein großer Mann sein muß, obgleich er etwas anspruchsvoll ist. Wenn sie ihn, der früher nur von Booten, Netzen, Fischen und Geld redete, so sprechen hört, mit Worten, die aus diesem Mund neu und ungewohnt sind, dann blinzelt sie ein wenig mit den Augenlidern, als ob sie von einem hellen Licht geblendet würde. Petrus, ob aus Freude, Jesus an seinem Tische zu haben, oder aus Freude über die reichlich genossene Mahlzeit, ist diesen Abend in Hochstimmung und er zeigt sich als jener Petrus, der einmal dem Volk predigen wird.

Ich weiß nicht, welche Bemerkung eines Gefährten ihm die bildkräftige Antwort entlockt hat: «Es wird ihnen ergehen wie den Erbauern des Turmes von Babel. Ihr eigener Stolz wird schließlich zum Zusammenbruch ihrer Theorien führen, und damit zu ihrem Untergang.»

Andreas entgegnet seinem Bruder: «Aber Gott ist Barmherzigkeit. Er wird den Zusammenbruch verhindern, um ihnen Zeit zu lassen, in sich zu gehen.»

«Denke nicht so. Als Krönung ihres Stolzes werden Verleumdung und Verfolgung hinzukommen. Oh, ich ahne es schon. Verfolgen werden sie uns, um uns als verhaßte Zeugen auseinanderzutreiben. Da sie heimtückisch die Wahrheit angreifen werden, wird Gott Rache nehmen, und sie werden zugrunde gehen.»

«Werden wir die Kraft haben durchzuhalten?» fragt Thomas.

«Nun... was mich betrifft, ich hätte sie nicht. Aber ich vertraue auf ihn», und Petrus deutet auf den Meister, der schweigend zuhört und mit geneigtem Haupte neben ihnen steht, als wolle er sein ausdrucksvolles Gesicht verbergen.

«Ich denke nicht, daß Gott Prüfungen über uns kommen läßt, die unsere Kraft übersteigen», sagt Matthäus.

«Oder er wird unsere Kräfte im Verhältnis zu den Prüfungen vermehren», fügt Jakobus des Alphäus hinzu.

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«Er tut es gewiß. Ich war reich und mächtig. Hätte Gott mein Leben nicht erhalten wollen, weil er bestimmte Absichten verfolgte, wäre ich an der Verzweiflung zugrunde gegangen, als ich verfolgt wurde und aussätzig war. Ich hätte selbst Hand an mich gelegt... Aber bei meinem vollständigen Zusammenbruch wurde mir ein neuer Reichtum geschenkt, den ich nie zuvor besessen hatte, nämlich die Gewißheit: "Es gibt einen Gott." Vorher... Gott... Ja, ich war gläubig, ich war ein treuer Israelit, aber es war ein Glaube der sich auf Formalitäten beschränkt und mir schien, daß der Gewinn daraus immer geringer war, als der, der mir die Übung der Tugenden hätte erbringen können. Ich erlaubte mir, mit Gott zu hadern, weil ich mir damals noch etwas auf meine Person einbildete. Simon Petrus hat recht. Auch ich baute mir mit Eigenlob, Selbstbeweihräucherung und der Befriedigung meines Ichs einen Turm zu Babel. Als dann alles über mir zusammenbrach und ich wie ein Wurm unter der Last dieser nutzlosen Menschlichkeit erdrückt wurde, klagte ich nicht mehr Gott, sondern mich selbst, meine eigene Torheit an und begann, alles niederzureißen. Je mehr ich dies tat und auf dem Weg war zu dem, was ich unter dem uns Menschen dieser Erde innewohnenden Gott verstehe, um so mehr gewann ich eine neue Kraft und einen neuen Reichtum: die Gewißheit, daß ich nicht allein war und daß Gott über dem von seiner menschlichen Natur und vom Bösen bezwungenen Menschen wacht.»'

«Was ist deiner Meinung nach Gott, wenn du als Mensch dieser Erde von dem in uns "innewohnenden Gott" sprichst? Was willst du damit sagen? Ich verstehe dich nicht, und dies kommt mir fast wie eine Gotteslästerung vor. Gott ist der, den wir durch das Gesetz und die Propheten kennen. Einen anderen gibt es nicht», sagt Judas Iskariot etwas streng.

«Wenn Johannes hier wäre, könnte er es dir besser erklären als ich. Aber ich sage es dir so, wie ich es weiß. Gott ist der, den wir durch das Gesetz und die Propheten kennen. Das ist wahr. Aber woran erkennen wir ihn und wie?

Judas des Alphäus ruft aus: «Wenig und schlecht! Die Propheten, die ihn uns beschrieben haben, kannten ihn noch. Wir hingegen haben eine verworrene Vorstellung von ihm, die durch den ganzen Berg von Hindernissen, die die Sekten angehäuft haben, noch schwach durchschimmert ...»

' Anmerkung: Auf diese Weise schuf er in sich die Leere, die Gott mit seinen Erleuchtungen erfüllen konnte. Von ihm fiel der "Glaube des Formalismus", und es erwachte der wahre Glaube in ihm, jener so mächtige Glaube, der die wahren Gläubigen über das Sein des höchsten Wesens erleuchtet, durch alles was in uns und um uns ist: Alle Werke der Schöpfung werden dann zum wahrhaftigen Zeugnis für ihren Schöpfer. Die menschliche Intelligenz erlangt eine übermenschliche Kraft, die sie befähigt, Gottes heiligste Worte zu vermehren und seine heiligsten Taten, die er in uns und um uns vollbringt, zu sehen. Das ist der wahre Glaube, die Teilnahme am allgegenwärtigen und allmächtigen Gott.

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«Sekten? Aber wie redest du denn? Wir haben keine Sekten. Wir sind die Kinder des Gesetzes. Alle!» sagt Judas Iskariot entrüstet und aggressiv.

«Die Kinder der Gesetze, nicht des Gesetzes. Es besteht ein kleiner Unterschied zwischen Einzahl und Mehrzahl. Aber in Wirklichkeit stehen die Dinge so: wir sind Kinder dessen, was wir an Gesetzen geschaffen haben, und nicht mehr dessen, was Gott uns gegeben hat», entgegnet Judas Thaddäus.

«Die Gesetze sind aus dem Gesetz hervorgegangen», behauptet Judas Iskariot.

«Auch die Krankheiten werden in unserem Körper erzeugt, und du wirst mir doch nicht sagen wollen, daß sie etwas Gutes sind», entgegnet Judas Thaddäus.

«Doch laßt mich wissen, was der "innewohnende Gott" ist, von dem Simon der Zelote spricht.» Judas Iskariot, der nichts gegen die Bemerkung von Judas des Alphäus einzuwenden weiß, versucht, die Frage zum Ausgangspunkt zurückzuführen.

Simon der Zelote sagt: «Unsere Sinne brauchen immer ein Bild, um eine Idee erfassen zu können. Jeder von uns, ich spreche von uns Gläubigen, glaubt aufgrund seiner religiösen Überzeugung an den Allmächtigen, den Herrn und Schöpfer, den ewigen Gott im Himmel. Aber jedes Wesen braucht auch mehr als diesen nackten Glauben in seiner Lauterkeit und Abstraktheit, der für die Engel taugt und ihnen angemessen ist, da sie Gott in geistiger Weise sehen und lieben, mit ihm die geistige Natur teilen und die Fähigkeit besitzen, Gott zu schauen. Wir müssen uns ein "Bild" von Gott machen, und dieses besteht aus den wesentlichen Eigenschaften, die wir Gott zuschreiben, um seiner absoluten, unendlichen Vollkommenheit einen Namen zu geben. Je mehr sich die Seele in sich selbst zurückzieht, desto mehr gelingt es ihr, zu einer richtigen Erkenntnis Gottes zu gelangen. Das ist es, was ich den "innewohnenden Gott" nenne. Ich bin kein Philosoph. Vielleicht habe ich das Wort nicht richtig angewendet. Aber für mich bedeutet der "innewohnende Gott" einfach Gott, den unsere Seele fühlt und wahrnimmt, und ich verstehe dies nicht mehr als eine unwirkliche Idee, sondern als wirkliche Gegenwart Gottes, die eine neue Kraft und einen neuen Frieden vermittelt.»

«Gut, aber wie fühltest du ihn denn? Welcher Unterschied besteht zwischen dem Fühlen aufgrund des Glaubens und dem Fühlen aufgrund des "Innewohnens" Gottes?» fragt Judas Iskariot etwas spöttisch.

«Gott gibt Sicherheit, Bursche. Wenn du ihn fühlst, so wie Simon es sagt mit einem Wort, das ich nicht buchstäblich verstehe, dessen Sinn ich aber begreife – und glaube mir, unser Übel besteht darin, nur den Buchstaben zu verstehen, statt den Sinn des Wortes Gottes – dann bedeutet das, daß du fähig wirst, nicht nur den Begriff der schrecklichen Majestät

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Gottes zu erfassen, sondern auch jenen der zärtlichsten Vaterschaft Gottes. Das heißt, daß, wenn alle Welt dich ungerecht verurteilen und verdammen würde, ein Einziger, Gott, der Ewige, der dir Vater ist, dich nicht verurteilt, sondern dich freispricht und tröstet. Das heißt, wenn die ganze Welt dich hassen würde, du über dir eine größere Liebe fühlst, als dir die ganze Welt zu geben vermöchte. Das heißt, daß du in der Abgeschiedenheit eines Kerkers oder einer Wüste stets den vernimmst, der zu dir spricht und sagt: "Sei heilig, um so zu sein wie dein Vater." Das heißt, daß man aus wahrer Liebe zu diesem Vatergott, als den man ihn schließlich erkennt, annimmt, was er uns schickt, ohne menschliche Überlegungen anzustellen; daß man wirkt, empfängt oder beläßt, und nur daran denkt, Liebe mit Liebe zu vergelten und Gott mit unseren eigenen Werken so weit als möglich nachzuahmen», sagt Petrus.

«Du bist überheblich! Gott nachahmen! Das ist dir nicht erlaubt», findet Iskariot.

«Das ist nicht Überheblichkeit. Die Liebe führt zum Gehorsam. Gott nachahmen scheint mir auch eine Art des Gehorsams zu sein, denn Gott selbst sagt, daß er uns nach seinem Bild und seiner Ähnlichkeit erschaffen hat», entgegnet Petrus.

«Das hat er getan, doch wir dürfen nicht darüber hinausgehen.»

«Du bist zu bedauern, wenn du so denkst, mein lieber Bursche! Du vergißt, daß wir gefallen sind, und daß Gott uns wieder in unseren Anfangszustand zurückbringen will.»

Jesus ergreift das Wort: «Mehr noch, Petrus, Judas und ihr alle, noch weiter will er euch bringen. Die Vollkommenheit Adams konnte durch die Liebe noch gesteigert werden und durch sie wäre er, als Abbild Gottes, seinem Schöpfer noch ähnlicher geworden. Adam wäre ohne den Makel der Sünde ein klarer Spiegel Gottes gewesen und daher sage ich: "Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist." Wie der Vater, also wie Gott. Petrus hat es sehr gut gesagt und sehr gut auch Simon. Ich bitte euch, erinnert euch an ihre Worte und wendet sie für eure Seelen an.»

Die Frau des Petrus fällt vor lauter Freude, ihren Mann so gelobt zu sehen, beinahe in Ohnmacht. Sie weint unter ihrem Schleier, leise und glücklich. Petrus sieht aus als bekomme er einen Schlaganfall, so rot ist er geworden. Nach einem Augenblick des Schweigens sagt er: «Also, dann gib mir die Belohnung. Das Gleichnis von heute morgen...»

Auch die anderen schließen sich Petrus an und sagen: «Ja, du hast es uns versprochen. Die Gleichnisse helfen uns zu verstehen, doch wir sehen ein, daß sie einen höheren Sinn haben. Warum sprichst du zum Volk in Gleichnissen?»

«Weil es ihm nicht gegeben ist, mehr zu verstehen, als was ich erkläre. Euch aber ist viel mehr gegeben, weil ihr, als meine Apostel, das Geheimnis kennen müßt; und darum ist es euch gegeben, die Geheimnisse des

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erstehen. Daher sage ich euch: "Fragt, wenn ihr den

Himmelreiches zu v

Sinn eines Gleichnisses nicht versteht." Ihr gebt alles, und alles wird euch gegeben, damit ihr eurerseits alles geben könnt. Ihr gebt Gott alles: Liebe, Zeit, Interesse, Freiheit und das Leben, und Gott gibt euch alles, um euch zu belohnen und euch zu befähigen, im Namen Gottes jenen alles zu geben, die nach euch kommen werden. So wird dem, der gegeben hat, gegeben werden, und dies in Fülle. Dem aber, der nur wenig oder nichts gegeben hat, wird auch noch genommen, was er hat.

Ich spreche in Gleichnissen zu ihnen, damit sie nur sehen, was ihr Wille, Gott anzuhangen, sie erkennen läßt; damit sie durch eben diese Bereitschaft ihres Willens aus meinen Worten zu hören und zu verstehen vermögen. Ihr seht: viele hören meine Worte, aber wenige wenden sich zu Gott. Ihrer Seele fehlt der gute Wille. An ihnen erfüllt sich die Prophezeiung des Isaias: "Mit den Ohren werdet ihr hören und doch nicht verstehen, mit den Augen werdet ihr schauen und doch nicht sehen." Denn dieses Volk hat ein verstocktes Herz, seine Ohren sind verhärtet und seine Augen geschlossen, um nicht zu hören und nichts zu sehen, um mit dem Herzen nicht zu verstehen und nicht umzukehren, damit ich sie heile. Doch selig seid ihr, die ihr durch den guten Willen mit euren Augen seht und mit euren Ohren hört. Wahrlich, ich sage euch, daß viele Propheten und viele Gerechte zu sehen wünschten, was ihr seht, und es nicht sahen, und zu hören, was ihr hört, und es nicht hörten. Sie verzehrten sich in Sehnsucht, das Geheimnis der Worte zu verstehen, aber mit dem Erlöschen des Lichtes der Prophezeiung blieben die Worte auch für den Gerechten, der sie vernommen hatte, dunkel.

Gott allein enthüllt sich selbst. Wenn sein Licht entschwindet, nachdem es das Gleichnis beleuchtet hat, dann wickelt die Unfähigkeit des Geistes die königliche Wahrheit des empfangenen Wortes wie eine Mumie ein. Daher habe ich heute morgen zu dir gesagt: "Der Tag wird kommen, an dem du alles wiederfindest, was ich dir gegeben habe." Jetzt kannst du es nicht behalten. Dann aber wird das Licht über dich kommen, nicht nur für einen Augenblick, sondern in einer unzertrennlichen Vereinigung des Ewigen Geistes mit dem deinen. Darum wird deine Lehre unfehlbar sein in allem, was das Reich Gottes betrifft; und wie bei dir, wird es auch bei deinen Nachfolgern sein, wenn sie von Gott als ihrem einzigen Brot leben. 1)

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1) Auf einem losen Blatt im Heft eingefügt. M.V. hat Jesus die Bemerkung von P.M. vorgelegt, der gegen die päpstliche Unfehlbarkeit Einwände erhoben hatte, die im Widerspruch zum Satz auf Seite ... stehen. (Angaben fehlen)

Maria Valtorta: Jesus antwortet mir: «Auf deine Frage antworte ich wie folgt: Es ist richtig, daß die päpstliche Unfehlbarkeit in Glaubensdingen eine festgelegte Wahrheit ist. Jeder meiner Stellvertreter besitzt diese Unfehlbarkeit, wenn man von seinem Leben und seiner

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Jetzt hört den Sinn des Gleichnisses:

Wir haben vier verschiedene Arten von Äckern: die fruchtbaren, die dornigen, die steinigen und die von vielen Wegen durchzogenen. So haben wir auch vier Arten von Seelen.

Wir haben die ehrlichen Seelen, die Menschen guten Willens, die durch ihren guten Willen und das Wirken eines wahren Apostels vorbereitet sind; denn es gibt Apostel, die zwar den Namen, aber nicht den Geist eines Apostels besitzen. Dies wirkt sich auf die Bereitschaft des Willens der ihnen anvertrauten Seelen schädlich aus, noch schädlicher, als es die Vögel, die Dornensträucher und die Steine für die Getreidefelder sind. Mit ihrer Unnachgiebigkeit, ihrer Hast, ihren Vorwürfen, ihren Drohungen verwirren sie so sehr, daß sich die betroffenen Menschen für immer von Gott abwenden. Andere hingegen tun das Gegenteil mit ihrem ständigen wohlwollenden Begießen – einer Methode, die fehl am Platze ist -und bringen dadurch den Samen im weichen Erdreich zum Faulen. Sie schwächen mit ihrer Weichlichkeit die Seelen, um die sie sich bemühen. Doch bleiben wir bei den wahren Aposteln, bei den getreuen Abbildern Gottes. Sie sind väterlich, barmherzig, geduldig und zugleich stark wie der Herr. Nun, die durch sie und den eigenen guten Willen vorbereiteten Seelen sind mit den fruchtbaren Feldern zu vergleichen, frei von Steinen, Dornenbüschen, Unkraut und Ungeziefer, in denen das Wort Gottes

Tugendhaftigkeit absieht. Wahr ist aber auch, daß ihr kein klar umrissenes Dogma finden könnt, das von Päpsten proklamiert worden wäre, die bekannterweise oder unbekannterweise meiner Gnade beraubt gewesen wären. Eine Seele im Zustand der Ungnade, kann den Heiligen Geist nicht als ihren Freund haben. Solches für möglich zu halten, wäre Häresie ! Da Gott gerecht ist, behandelt er den Armen ebenso wie den Reichen, den Laien wie den höchsten Priester. Leider weist die Geschichte meiner Kirche Abschnitte der Finsternis auf. Die Augen verschließen zu wollen, um diese dunklen Stellen nicht wahrzunehmen, würde heißen, in Unkenntnis all dessen zu leben, was die Kirche anbetrifft, selbst der sehr zahlreichen lichtvollen, engelgleichen, himmlisch leuchtenden, ruhmreichen Zeitspannen meiner Kirche. Man muß auch hierin ehrlich sein, wie ich ehrlich war in Bezug auf meine Apostel, meine Jünger und jene, die mir nachfolgten. Nicht alle von den vielen waren Heilige, nicht alle lau, nicht alle schlecht. Ich anerkannte das Verdienst oder die Schuld eines jeden, ich gab einem jeden, was er verdiente, ohne mich von besonderen Gefühlen beeinflussen zu lassen. Wahrheit ist Wahrheit in allen Dingen, und dies gilt sowohl für das Studium der Geschichte wie auch für das Studium der Kirchengeschichte. Auf daß die Geschichte Geschichte sei und nicht ein Märchen, muß sie unparteiisch sein. Die dunklen Zeiten sind übrigens jene, auf die in den Prophezeiungen hingewiesen wird, wo von den falschen Hirten die Rede ist (Ez 34; Jer 23,1-4, Zach 11,4-17) und von jenem namens Sebna (Is 22; 36,1-37,7). Daß all dies kränkt und schmerzt gebe ich zu, doch es ist nicht gestattet, die Wahrheit als Gotteslästerung abzutun. Habt deshalb die Gewißheit, daß die Dogmen der Wahrheit entsprechen und daß die Unfehlbarkeit eine Tatsache ist, denn ich gewähre dem, der sie nicht verdient, keine Dogmen. Dies war auch in jenem Satz enthalten, der den Einwand hervorgerufen hat. Ich habe dir diese Erläuterung sofort gegeben, damit daraus hervorgehe, daß ich der Urheber dieser Worte bin, die ich deshalb kenne und an die ich mich erinnere, auch wenn das Diktat nicht hier ist.»

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gedeiht und jedes Wort zu einem Samen wird, der in der Ähre hundert-, sechzig- oder dreißigfach Frucht bringt. Sind solche Menschen unter denen, die mir nachfolgen? Gewiß, und sie werden Heilige sein. Unter ihnen wird es Leute aus allen Ständen und allen Ländern geben, auch Heiden, die durch ihren eigenen guten Willen oder durch den guten Willen eines Apostels oder Jüngers, der sie vorbereitet hat, hundertfache Frucht bringen werden.

Die dornigen Felder sind jene, in denen die menschliche Nachlässigkeit ein ganzes Dickicht von persönlichen Interessen hat wuchern lassen, die den guten Samen ersticken. Man muß sich ständig selbst überwachen, immerfort, immer, immer! Nie darf man sagen: "Oh, nun bin ich geschult, der Samen hat bei mir Wurzeln geschlagen, und ich kann beruhigt sein, daß ich Samen des ewigen Lebens hervorbringen werde." Man muß sich beobachten: der Kampf zwischen Gut und Böse geht ununterbrochen weiter. Habt ihr jemals Ameisen betrachtet, die sich in einem Haus einnisten? Sie machen sich an den Herd. Die Hausfrau läßt daraufhin keine Lebensmittel mehr dort stehen, sondern stellt sie auf den Tisch. Doch die Ameisen wittern den Geruch und stürmen auf den Tisch. Die Frau stellt die Speisen in den Schrank, und die Ameisen schlüpfen durch das Schlüsselloch in den Schrank. Die Frau hängt ihre Vorräte an der Decke auf, und die Ameisen machen den langen Weg der Wand und dem Gebälk entlang und den Strick hinunter, um schließlich dort über sie herzufallen. Die Frau verbrüht und vergiftet sie. Dann ist sie beruhigt im Glauben, alle vernichtet zu haben. Doch welch eine Überraschung, wenn man nicht wachsam ist! Aus den Eiern sind wieder Ameisen ausgeschlüpft, und es fängt von vorne an. Solange man lebt, muß man sich selbst überwachen, um das Unkraut beim ersten Erscheinen auszujäten. Anderenfalls bildet sich ein Dickicht aus dornigem Gestrüpp, unter dem die Saat erstickt. Die weltlichen Sorgen, der trügerische Reichtum sind es, die dieses wirre Gestrüpp schaffen, die Pflanze des Samens Gottes ersticken und die Bildung von Ähren verhindern.

Nun die Äcker voller Steine! Wie viele solche Äcker gibt es in Israel! Es sind die der "Kinder des Gesetzes", wie mein Vetter Judas sehr genau gesagt hat. In ihnen ist nicht der einzige Stein des Zeugnisses, der Stein des Gesetzes, sondern vielmehr ein Haufen erbärmlicher, kleiner Gesetze, die der Mensch ersonnen hat. Unzählige Gesetzchen, die mit ihrem Gewicht auch den Stein des Gesetzes zum Splittern gebracht haben. Ein Trümmerhaufen, der jedes Wurzelfassen des Samens verhindert. Der Wurzel fehlt die Nahrung. Sie hat keine Erde und keinen Saft mehr. Das Wasser, das sich auf dem steinigen Grund ansammelt, läßt die Pflanzen verfaulen; und die Sonne macht die Steine glühend heiß und die Pflänzchen verbrennen. Es sind dies jene Menschen, die die einfache Lehre Gottes durch komplizierte menschliche Lehren ersetzen. Sie nehmen mein Wort zwar

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freudig auf, sind wohl auch zuerst beeindruckt und begeistert. Doch dann... wäre Heldentum nötig, um das Feld, nämlich Seele und Geist, von allen Steinhaufen der Phrasendrescherei zu säubern. Nur dann könnte der Same Wurzel fassen und sich zu einer kräftigen Pflanze entwickeln. So aber verkümmert sie! Es genügt die Angst vor menschlichen Vergeltungsmaßnahmen oder die Überlegung: "Ja, und dann? Was habe ich dann von den Mächtigen zu gewärtigen? Und der arme, nahrungslose Same kann nicht gedeihen. Es genügt, daß der ganze Steinhaufen mit dem eitlen Gedröhn der hundert und aberhundert Vorschriften, die das Gesetz ersetzt haben, in Bewegung gerät, und der Mensch geht mit dem Samen darin zugrunde... Israel ist voll von solchen Menschen. Dies erklärt, wie das Sich-Hinwenden zu Gott von der menschlichen Macht wegführt und in entgegengesetzten Richtungen verläuft.

Als letztes, die staubigen, kahlen Felder voller Wege: Es sind die der Lebemenschen, der Egoisten; ihre Bequemlichkeit ist ihnen Gesetz, das Vergnügen ihr Lebensziel. Sich nicht anstrengen, schlummern, lachen, essen... Ihr König ist der Geist der Welt. Der Staub der großen Welt bedeckt das Erdreich, das zum unfruchtbaren Acker wird. Die Vögel, d.h. der Mensch in seiner vielfältigen Gier nach Genuß, stürzt sich auf alle offenen Wege, um das Leben zu erleichtern. Der Weltgeist, d.h. der Böse, pickt alle Samen auf, die auf das der Fleischeslust und Leichtfertigkeit zugängliche Feld fallen, und vernichtet sie.

Habt ihr verstanden? Habt ihr noch andere Fragen? Nein? Dann können wir uns zur Ruhe begeben, um morgen nach Kapharnaum zu gehen. Ich muß noch einen Ort besuchen, bevor ich die österliche Reise nach Jerusalem antrete.»

«Werden wir an Arimathäa vorbeikommen ?» fragt Iskariot.

«Das ist nicht sicher. Je nach...»

Da klopft jemand stürmisch an die Tür.

«Wer kann das sein zu dieser Stunde?» fragt Petrus und steht auf, um zu öffnen.

Es ist Johannes, ganz erschöpft, mit Staub bedeckt und deutlichen Tränenspuren im Gesicht.

«Du bist hier?» rufen alle. «Aber was ist geschehen?»

Jesus, der sich erhoben hat, fragt nur: «Wo ist die Mutter?»

Johannes kniet vor dem Meister nieder, streckt ihm hilfesuchend die Arme entgegen und sagt: «Der Mutter geht es gut, aber sie vergießt Tränen wie ich und viele andere, und sie bittet dich, nicht dem Jordan auf unserer Seite zu folgen. Sie hat mich deshalb zurückgeschickt, weil... weil Johannes, dein Vetter, gefangengenommen wurde.» Johannes weint, während die Anwesenden durch die Nachricht in Aufregung geraten sind.

Jesus erbleicht, doch er bleibt ruhig. Er sagt nur: «Steh auf und erzähle.»

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«Ich bin mit deiner Mutter und den Frauen gegangen, und auch Isaak und Timoneus waren dabei. Wir waren drei Frauen und drei Männer. Ich habe deine Anweisung befolgt und Maria zu Johannes führen wollen... Oh, du wußtest wohl, daß es der letzte Abschied war... daß es der letzte Abschied sein sollte... Das Gewitter vor einigen Tagen hat uns ein paar Stunden aufgehalten, doch sie genügten, daß Johannes Maria nicht mehr sehen konnte. Wir sind zur sechsten Stunde dort eingetroffen, und Johannes war zur Zeit des Hahnenschreies festgenommen worden.»

«Aber wo, wie? Von wem? In seiner Höhle?» Alle fragen, alle wollen wissen, wie es dazu gekommen ist.

«Er ist verraten worden! ... Man hat sich deines Namens bedient, um ihn zu verraten!»

«Wie schrecklich! Aber wer ist es gewesen?» schreien alle.

Johannes erschauert und spricht das Schreckliche so leise aus, als sollte es nicht einmal die Luft hören: «Einer seiner Jünger...»

Die Bestürzung hat den Höhepunkt erreicht. Einige verwünschen, andere weinen, wieder andere stehen entsetzt und zu Statuen erstarrt da.

Johannes hängt sich an den Hals Jesu und klagt: «Ich habe Angst um dich! um dich! um dich! Die Heiligen haben ihre Verräter, die sich um des Goldes willen verkaufen, aus Angst vor den Mächtigen, aus der Sucht nach Anerkennung, aus... aus Gehorsam Satan gegenüber. Aus tausend und abertausend Gründen. Oh, Jesus, Jesus, Jesus! Welch ein Schmerz! Mein erster Lehrer! Mein Johannes, durch den du mir geschenkt wurdest !»

«Beruhige dich! Sei getrost! Noch wird mir nichts zustoßen.»

«Aber später? Später? Ich schaue mich an... ich schaue die anderen an... und habe Angst vor allen, sogar vor mir selbst. Unter uns wird dein Verräter sein ? ...»

«Du bist wohl verrückt geworden? Meinst du nicht, wir würden ihn in Stücke hauen?» schreit Petrus.

Judas Iskariot sagt: «Oh, du bist wirklich wahnsinnig. Ich werde es niemals sein. Aber wenn ich mich je so schwach fühlen sollte, daß ich zu einem Verrat bereit wäre, dann würde ich mich umbringen, denn das wäre noch besser als der Mörder Gottes zu sein.»

Jesus befreit sich aus der Umarmung des Johannes, schüttelt Judas Iskariot energisch und sagt: «Fluche nicht! Nichts kann dich schwach machen, wenn du nicht willst, und sollte es dennoch geschehen, dann weine vielmehr darüber und füg nicht dem Gottesmord noch ein zweites Verbrechen hinzu.' Schwach wird nur, wer sich von der Kraft Gottes lossagt.»

' Jesus wußte genau, daß Judas der Gottesmörder und Selbstmörder sein würde, aber als Meister konnte er nicht anders, als ihn auf diese Weise zu belehren.

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Dann wendet er sich wieder Johannes zu, der, den Kopf auf dem Tisch, weint. Jesus sagt: «Jetzt erzähle der Reihe nach, wie sich alles abgespielt hat. Auch mich schmerzt es. Er war mein Verwandter und Vorläufer.»

«Ich habe nur die Jünger, d.h. einige von ihnen, gesehen und sie waren bestürzt und wütend auf den Verräter. Die anderen haben Johannes zu seinem Gefängnis begleitet, um ihm beim Sterben nahe zu sein.»

«Aber er ist noch nicht gestorben... letztes Mal konnte er fliehen», versucht ihn der Zelote, der Johannes sehr gern hat, zu trösten.

«Er ist noch nicht gestorben, aber er wird sterben» antwortet Johannes.

«Ja, er wird sterben» sagt Jesus, «und er weiß es, so wie ich es weiß. Nichts und niemand wird ihn dieses Mal retten können. Wann? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, daß er nicht lebend aus den Händen des Herodes entkommen wird.»

«Ja, Herodes. Höre, was geschehen ist! Er hatte sich zu der Schlacht zwischen Ebal und Garizim begeben, durch die uns der Weg anläßlich unserer Rückkehr nach Galiläa geführt hatte; durch den Verräter war ihm nämlich gesagt worden: "Der Messias ist von Feinden überfallen worden und liegt im Sterben. Er möchte dich sehen, um dir ein Geheimnis anzuvertrauen." So brach er mit seinem Verräter und einigen anderen auf. Im Dunkel der Talmulde warteten die Bewaffneten des Herodes, die ihn dann ergriffen. Die anderen flohen und brachten den bei Ennon zurückgebliebenen Jüngern die Nachricht. Sie waren eben angelangt, als ich mit der Mutter dort eintraf. Das Schreckliche ist, daß der Verräter einer aus unseren Städten ist, und daß die Pharisäer von Kapharnaum an der Spitze des Komplotts standen. Sie waren zu Johannes gegangen und hatten ihm gesagt, du wärest ihr Gast gewesen und dann von dort nach Judäa aufgebrochen. Er hätte niemals seinen Zufluchtsort verlassen, wenn nicht deinetwegen...»

Grabesstille folgt der Erzählung des Johannes. Jesus scheint kraftlos und seine dunkelblauen Augen sind wie verschleiert. Er steht geneigten Hauptes da, die Hand immer noch auf der Schulter des Johannes. Plötzlich wird seine Hand von einem leisen Zittern erfaßt. Niemand wagt, etwas zu sagen. Endlich unterbricht Jesus das Stillschweigen: «Wir werden einen anderen Weg nach Judäa einschlagen. Aber morgen muß ich sobald als möglich nach Kapharnaum gehen. Ruht euch aus, ich gehe nun zu den Olivenbäumen hinauf. Ich habe das Bedürfnis allein zu sein.» Ohne etwas hinzuzufügen geht Jesus hinaus.

«Er geht sicher weg, um zu weinen», murmelt Jakobus des Alphäus.

«Gehen wir ihm nach, Bruder», sagt Judas Thaddäus.

«Nein, laßt ihn weinen. Gehen wir aber leise hinaus, um zu lauschen, denn ich fürchte überall Gefahren», entgegnet der Zelote.

«Ja, gehen wir. Wir Fischer begeben uns zum Ufer. Wenn jemand vom See kommt, kann man ihn sehen. Ihr geht zu den Olivenbäumen. Er ist

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sicher an seinem gewohnten Platz, beim Nußbaum. Bei Sonnenaufgang wollen wir die Barken vorbereiten, um bald aufbrechen zu können. Diese Schlangen! Ich habe es ja gesagt. Sag mal, Junge, ist die Mutter aber auch wirklich in Sicherheit?»

«O ja. Auch die Hirtenjünger des Johannes sind mit ihr gegangen. Andreas nun werden wir unseren Johannes nicht mehr sehen!»

«Schweig, schweig! Es scheint mir der Ruf des Kuckucks zu sein... Einer geht dem anderen voran und... und...»

«Bei der heiligen Bundeslade! Schweigt! Wenn ihr weiter vom Unheil redet, das dem Meister zustoßen könnte, dann bekommt ihr noch mein Ruder auf eurem Rücken zu spüren!» ruft Petrus wütend. «Ihr», sagt er dann zu denen, die zu den Olivenbäumen gehen, «nehmt Stöcke, dicke Äste mit, aus dem Holzschuppen dort, und so bewaffnet, zerstreut euch. Der erste, der sich Jesus nähert, um ihm etwas anzutun, soll sterben.»

«Jünger! Jünger! Seid vorsichtig mit dem Neuen», ruft Philippus aus. Der neue Jünger ist gekränkt und fragt: «Zweifelst du an mir? Er hat mich erwählt und gewollt!»

«Nicht an dir, sondern an den Schriftgelehrten, Pharisäern und ihren Verehrern. Von dort kommt das Verderben, glaubt mir.»

Sie gehen hinaus und zerstreuen sich; die einen begeben sich zu den Booten, die anderen zu den Olivenbäumen auf den Hügeln, und das ist das Ende.

220. DAS GLEICHNIS VOM GUTEN WEIZEN UND VOM UNKRAUT

Ein klarer Morgen hüllt den See in Perlenglanz und die Hügel in einen leichten Dunst, einem Musselinschleier gleich, durch den Oliven- und Nußbäume, Häuser und Umrisse der Ortschaften am See verzaubert hindurchschimmern.

Die Boote gleiten ruhig und geräuschlos auf Kapharnaum zu. Doch an einer gewissen Stelle dreht Petrus das Steuer so brüsk um, daß das Boot sich seitlich neigt.

«Was machst du denn?» fragt Andreas.

«Dort kommt das Boot eines Uhus. Es verläßt gerade Kapharnaum. Ich habe gute Augen und seit gestern Abend auch noch eine Spürnase. Ich will nicht, daß sie uns sehen. Ich fahre zum Fluß zurück und dann werden wir zu Fuß weitergehen.»

Auch das andere Boot hat dasselbe Manöver gemacht, doch Jakobus, der das Steuer führt, fragt Petrus: «Warum tust du das?»

«Ich werde es dir nachher sagen. Folge mir.»

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Jesus, der hinten im Heck sitzt, fährt auf, als er bemerkt, daß sie sich schon auf der Höhe des Jordan befinden und fragt: «Aber was machst du, Simon?»

«Wir steigen hier aus, Ein Schakal treibt sich hier herum. Wir können heute nicht nach Kapharnaum gehen. Ich werde mit Simon und Nathanael zuerst hingehen, um ein wenig herumzuhorchen. Drei würdige Personen gegen drei unwürdige Personen, wenn es nicht noch mehr Unwürdige sind.»

«Du darfst jetzt nicht überall Gefahr sehen. Ist das nicht das Boot Simons, des Pharisäers ?»

«Genau das ist es.»

«Er war bei der Gefangennahme des Johannes nicht dabei.»

«Ich weiß nichts.»

«Er ist mir gegenüber immer ehrerbietig.»

«Ich weiß nichts.»

«Du läßt mich feig erscheinen.»

«Ich weiß nichts.»

Obgleich Jesus keine Lust zum Lachen hat, stimmt ihn doch die heilige Dickköpfigkeit des Petrus heiter. «Aber nach Kapharnaum müssen wir trotzdem gehen, wenn nicht heute, dann später...» sagt Jesus.

«Ich habe gesagt, daß ich vorausgehen will, um Ausschau zu halten... und wenn nötig, werde ich auch dies tun... Es wird ein harter Brocken zum Schlucken sein... aber ich werde es tun, aus Liebe zu dir... Ich werde zum Zenturio gehen und um Schutz bitten.»

«Aber nein, das ist nicht nötig!»

Das Boot landet am verlassenen Strand, der Bethsaida gegenüberliegt, und alle steigen aus.

«Kommt, ihr beiden. Komm auch du, Philippus. Ihr Jungen bleibt hier. Wir werden bald zurück sein.»

Der neue Jünger Elias bittet: «Komm in mein Haus, Meister. Ich wäre sehr glücklich, dich zu beherbergen.»

«Ich komme. Simon, du wirst mir später ins Haus des Elias nachfolgen. Leb wohl, Simon. Geh, sei gut, vorsichtig und barmherzig. Komm, damit ich dich küsse und segne.»

Petrus versichert nicht, daß er gut, geduldig und barmherzig sein werde. Er sagt nichts und tauscht mit dem Meister den Kuß aus. Auch der Zelote, Bartholomäus und Philippus geben ihren Abschiedskuß, und die beiden Gruppen trennen sich und schlagen entgegengesetzte Richtungen ein.

Sie betreten Chorazim, als es bereits Tag geworden ist. Jeder Halm glitzert von Tauperlen. Überall singen die Vöglein. Die reine, frische Luft hier duftet beinahe nach Milch, nach einer eher pflanzlichen als tierischen Milch. Der Duft des Korns, das schon Ähren bildet, und der Mandelbäumchen

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voller Früchte erfüllt die Luft... und erinnert mich an die frischen Morgenstunden in den fruchtbaren Feldern der Poebene.

Das Haus von Elias ist bald erreicht. Doch viele in Chorazim wissen schon, daß der Meister angekommen ist, und während Jesus eben die Schwelle betritt, eilt eine Mutter herbei und ruft: «Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit meinem Kind!» Sie hat ein etwa zehnjähriges Mädchen auf den Armen, das sehr mager und wachsbleich, ja fast gelblich aussieht.

«Was hat deine Tochter?»

«Sumpffieber. Sie hat es sich auf den Weiden längs des Jordan geholt. Wir sind die Hirten eines Reichen. Ihr Vater hat mich zu dem kranken Kind gerufen und ist nun in die Berge zurückgekehrt. Du weißt ja, daß man mit dieser Krankheit nicht in größere Höhen gehen darf. Wie kann ich aber hier bleiben ? Mein Herr hat es mir bis jetzt erlaubt, doch ich arbeite mit der Schafwolle und überwache das Werfen der Jungen. Die Zeit der Arbeit für uns Hirten bricht bald an, und wir werden entlassen oder voneinander getrennt sein, wenn ich hier bleibe. Wenn ich aber auf den Hermon gehe, weiß ich, daß mein Kind sterben wird.»

«Glaubst du, daß ich helfen kann?»

«Ich habe mit Daniel, dem Hirten des Elisäus, gesprochen. Er hat mir gesagt: "Unser Gottessohn heilt jedes Übel. Geh zum Messias." Von jenseits des Meronsees bin ich mit dem Mädchen auf den Armen gekommen und habe dich gesucht. Ich wäre auch noch weiter gegangen, bis ich dich gefunden hätte...»

«Du brauchst jetzt nur zu deinem Haus und zur frohen Arbeit zurückzukehren. Deine Tochter ist geheilt, weil es mein Wille ist. Geh im Frieden 1»

Die Frau betrachtet die Tochter und betrachtet Jesus. Vielleicht hofft sie, das Mädchen sofort wieder wohlgenährt und rosig zu sehen. Das Kind öffnet die müden Augen weit, die zuvor geschlossen waren, blickt Jesus an und lächelt.

«Fürchte dich nicht, Frau. Ich täusche dich nicht. Das Fieber ist für immer verschwunden. Von Tag zu Tag wird das Mädchen mehr aufblühen. Laß es nur gehen. Es wird nicht mehr taumeln und keine Müdigkeit mehr verspüren.»

Die Mutter stellt das Mädchen auf den Boden. Es bleibt aufrecht stehen und lächelt immer freudiger. Endlich jubelt es mit seiner silbernen Stimme: «Preise den Herrn, Mutter. Ich bin wirklich geheilt, ich fühle es», und wirft sich mit der Natürlichkeit eines Hirtenmädchens an den Hals Jesu und küßt ihn. Die Mutter, ihrem Alter entsprechend, zurückhaltender, fällt vor Jesus nieder, küßt sein Gewand und preist den Herrn.

«Geht nun! Erinnert euch stets der empfangenen Wohltat Gottes und seid gute Menschen. Der Friede sei mit euch!»

Im zum Haus des Elias gehörigen Gärtchen haben sich inzwischen Leute versammelt und verlangen nach dem Wort des Meisters. Obgleich Jesus

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keine große Lust hat, da er wegen der Gefangennahme des Täufers und der Art, wie sie erfolgte, betrübt ist, gibt er dem allgemeinen Bitten nach und beginnt im Schatten der Bäume zu sprechen.

«Ich möchte zu euch in dieser schönen Zeit, da das Getreide beginnt, Ähren anzusetzen, in einem Gleichnis hierüber sprechen. Hört.

Das Himmelreich gleicht einem Manne, der guten Samen auf seinen Acker säte. Doch während der Mann und seine Knechte schliefen, kam sein Feind, streute Unkrautsamen in die Furchen und ging davon. Niemand wurde dessen am Anfang gewahr. Es kam der Winter mit seinem Regen und seinem Reif, dann folgte das Ende des Tebet, und das Korn begann zu sprießen. Das erste zarte Grün der jungen Triebe zeigte sich, und in ihrer unschuldigen Kindheit erschienen sie alle gleich. Es kam der Schebat und dann der Adar, die Pflanzen entwickelten sich und das Korn bildete Ähren. Jetzt sah man, daß das Grün nicht nur Getreide war, sondern daß es auch Unkraut darunter gab, das als dünne, zähe Ackerwinde an den Halmen emporrankte.

Da gingen die Knechte zu ihrem Herrn und sagten zu ihm: "Herr, was hast du für Samen gesät? War es kein ausgesuchter Same, frei von anderen Samen, die nicht Korn sind?"

"Natürlich war er es. Ich habe nur Körner der gleichen Art genommen und hätte es sehen müssen, wenn andere Samenkörner darunter gewesen wären."

"Woher kommt dann das viele Unkraut?"

Der Herr dachte darüber nach und sagte dann: "Irgendeiner meiner Feinde hat das getan, um mir Schaden zuzufügen."

Die Knechte fragten hierauf: "Sollen wir in die Äcker gehen und das Getreide sorgsam vom Unkraut befreien und es ausreißen? Befiehl, und wir werden es tun."

Doch der Herr antwortete: "Nein. Ihr könntet dabei auch den Weizen ausreißen, und auf jeden Fall würden die noch zarten Pflanzen beschädigt. Laßt beides zusammen bis zur Ernte heranwachsen. Dann werde ich zu meinen Schnittern sagen: 'Mäht alles zusammen nieder. Bevor ihr aber Garben bindet, sondert die Spreu vom Weizen und macht daraus Bündel und legt sie beiseite, denn inzwischen sind die Ackerwinden vertrocknet, die dichtgewachsenen Ähren aber erstarkt. Verbrennt alsdann das Unkraut, es wird dem Boden als Dünger dienen. Den Weizen aber bringt in meine Scheune. Köstliche Brote sollen daraus gebacken werden, und dies zur Schmach des Feindes, den Gott für seinen Neid verwerfen wird."

Nun überlegt, wie oft und in wie vielfältiger Weise der böse Feind in eure Seelen sät, und ihr werdet die Notwendigkeit verstehen, mit Geduld und Ausdauer zu wachen, damit so wenig Unkraut wie möglich unter das erlesene Korn gelangt. Das Los des Unkrautes ist es, verbrannt zu werden. Wollt ihr einmal ins ewige Feuer stürzen, oder Bewohner des

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Himmelreiches werden? Ihr sagt, daß ihr Bewohner des Himmelreiches sein wollt. So wißt es zu werden. Der gute Gott gibt euch das Wort. Der Feind achtet darauf, daß es Schaden schafft; denn Weizenmehl, vermischt mit dem Mehl aus Unkraut, ergibt bitteres Brot und schadet dem Magen. Seid also eifrig bemüht, mit eurem guten Willen das Unkraut auszusondern und auszumerzen, auf daß ihr nicht Gottes unwürdig werdet.

Geht, Brüder. Der Friede sei mit euch!»

Die Leute zerstreuen sich allmählich. Im Garten bleiben nur die acht Apostel, ferner Elias, dessen Bruder und die Mutter und der alte Isaak, der sich in der Seele freut.

«Kommt her und hört zu. Ich will euch den vollständigen Sinn des Gleichnisses erklären, das noch zwei weitere Aspekte aufweist außer dem, den ich den Leuten erklärt habe.

Allgemein hat das Gleichnis folgende Anwendung: Der Acker ist die Welt. Der gute Same sind die Kinder des Reiches Gottes, die von Gott in die Welt gesät werden und darauf warten, ihre Bestimmung zu erreichen, vom Schnitter gemäht und in die Scheunen des Herrn der Welt gebracht zu werden. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen, die ihrerseits im Acker Gottes ausgestreut werden, um dem Herrn Leid zuzufügen und seinen Ähren zu schaden. Der Feind Gottes hat sie in besonderer Absicht gesät: denn er läßt den Menschen so tief sinken, daß er dem Teufel ähnlich wird; und diese Saat soll nun alle verderben, die er selbst nicht versklaven kann. Die Erntezeit, in der die Ähren zu Garben gebunden und in die Speicher gebracht werden, bedeutet das Ende der Welt, die Schnitter aber sind die Engel. Ihnen ist befohlen, das Getreide zu sammeln und das Unkraut vom Weizen zu trennen; und wie das Unkraut im Gleichnis verbrannt wird, werden die Verfluchten beim Letzten Gericht in das ewige Feuer geworfen.

Der Menschensohn wird seine Diener aussenden und alle aus seinem Reiche vertreiben lassen, die Anstoß erregen und zum Bösen verleiten. Denn dann wird das Reich im Himmel und auf Erden sein, und unter den Bewohnern des Reiches auf der Erde wird es viele Kinder des Feindes geben. Diese werden, wie es schon die Propheten vorausgesagt haben, das Ärgernis und die Greuel in jedem irdischen Lebensbereich auf die Spitze treiben und die Kinder des Geistes grausam bedrängen. Vom Reiche Gottes, dem Himmel, sind die Übeltäter schon ausgeschlossen, denn nichts Verderbtes kann in den Himmel eingehen. Zu jener Zeit werden die Engel Gottes mit ihren Sicheln die Schar der letzten Ernte mähen, den Weizen von der Spreu sondern und diese in den Feuerofen werfen, wo Heulen und Zähneknirschen sein wird. Die Gerechten hingegen, den auserwählten Weizen, werden sie in das Ewige Jerusalem führen, wo sie wie Sonnen im Reiche meines und eures Vaters erstrahlen werden.

Das ist der allgemeine Sinn. Doch für euch hat dieses Gleichnis noch

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eine andere Bedeutung. Es ist eine Antwort auf oft gestellte Fragen, besonders auf die von gestern abend. Ihr fragt euch: "Kann es also in der Schar der Jünger Verräter geben?" und euer Herz zittert in Angst und Schrecken darüber. Es kann Verräter geben, dessen bin ich sicher.

Der Sämann streut den guten Samen aus. In diesem Falle müßte man anstelle von "ausstreuen" eher das Wort "erwählen" gebrauchen, denn der Meister, sei es nun der Täufer oder ich selbst, hat seine Jünger erwählt. Wie kommt es also, daß sie auf Abwege geraten sind? Da ich die Jünger als "Same" bezeichnet habe, könntet ihr dies falsch verstehen. Ich werde sie also "Äcker" nennen. Jeder Jünger ist ein Acker, ein vom Meister auserwählter Bereich des Reiches Gottes, der Güte Gottes. Der Meister bestellt sie in mühevoller Arbeit, auf daß sie hundertfache Frucht bringen. Jegliche Pflege läßt er ihnen angedeihen: er wendet Geduld, Liebe, Weisheit, Mühe, Arbeit und Ausdauer an. Er sieht auch ihre schlechten Neigungen: ihre Teilnahmslosigkeit, ihre Habsucht. Er sieht ihre Starrköpfigkeit und ihre Schwächen. Aber er hofft, er hofft immer und bekräftigt seine Hoffnung mit Gebet und Buße, weil er sie zur Vollkommenheit führen will.

Doch die Äcker sind offen. Sie sind nicht ein von festen Mauern umgebener Garten, den nur sein einziger Herr, der Meister, betreten darf. Es sind offene Äcker inmitten der Welt, und alle können sich ihnen nähern und hineingehen. Alle und alles. Oh, nicht nur der schlechte Same des Unkrautes, Symbol der herben Leichtfertigkeit des Weltgeistes, kann hier keimen, sondern ebenso alle anderen Samen, die der Feind aussät: Brennesseln, Quecken, Hexenzwirn, Ackerwinde, Schierling und andere Giftpflanzen. Warum? Warum? Was sind sie?

Die Brennesseln: die verletzenden, unbezwingbaren Menschen, die in ihrem Übermaß an Bosheit den Mitmenschen das Leben erschweren. Die Quecken: die Schmarotzer, die den Meister entkräften und nichts können als kriechen, aussaugen, aus seiner Arbeit Profit schlagen und die Gutwilligen schädigen, deren Gewinn wahrhaft größer wäre, würde der Meister nicht gestört und abgelenkt durch die Mühen, die ihm diese Quecken verursachen. Die trägen Ackerwinden erheben sich von der Erde nur, um andere auszunützen. Der Hexenzwirn: eine Plage auf dem schon beschwerlichen Wege des Meisters und eine Plage für seine getreuen Jünger, die ihm nachfolgen. Er hakt sich überall fest, dringt überall ein, zerreißt, zerkratzt, erweckt Mißtrauen und fügt Leiden zu. Die Giftpflanzen sind die Verbrecher unter den Jüngern, jene, die sich nicht scheuen, Verrat zu üben und ein Leben auszulöschen, wie es der Schierling und andere Giftpflanzen tun. Habt ihr sie schon gesehen, wie schön sie mit ihren kleinen Blüten sind, die zu weißen, roten oder blauvioletten Beeren werden? Wer würde glauben, daß diese sternförmige, weiße oder blaßrosa Blumenkrone mit ihrem goldenen Herzchen als Mittelpunkt, daß diese buntfarbigen,

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korallenartigen Früchte, die anderen Beeren so ähnlich sehen und die Wonne der Vögel und Kinder sind, in reifem Zustand den Tod bringen können? Niemand! Und die Unschuldigen fallen ihnen zum Opfer. Sie glauben, daß alle so gut sind wie sie selbst... pflücken davon und sterben.

Sie glauben, alle wären so gut wie sie! Oh, welch erhabene Wahrheit, die den Meister preist und seinen Verräter verurteilt! Wie? Entwaffnet denn die Liebe nicht? Triumphiert sie nicht über ein bloßes Übelwollen? Nein! Liebe macht aus dem Bösen keinen Liebenden, da der dem Feind Gottes anheimgefallene Mensch allem Erhabenen gegenüber unempfindlich geworden ist, und alles Erhabene erscheint ihm nicht so. So wird die Liebe für ihn zur Schwäche, die zu schmähen erlaubt ist, ja, sie fördert noch sein Übelwollen, so wie Blutgeruch die Lust zu töten steigert. Auch der Meister ist immer vertrauensvoll... und verhindert daher nicht, daß sein Verräter seine Bosheit an ihm ausläßt; denn er kann nicht glauben, daß ein Mensch imstande ist, einen Unschuldigen zu morden.

Zu den Jüngern, den Äckern des Meisters, kommen die Feinde. Es sind ihrer viele. Der erste ist Satan, die anderen seine Diener: also die Menschen, die Leidenschaften, die Welt und das Fleisch. Somit ist der Jünger am meisten gefährdet, der nicht ganz auf der Seite des Meisters, sondern zwischen dem Meister und der Welt steht. Er kann und will sich nicht von all dem trennen, was Welt, Fleisch, Leidenschaften und Satan ist, um ganz dem anzugehören, der ihn zu Gott führt. So streuen die Welt, das Fleisch, die Leidenschaft und der Teufel ihre Samen auf einen solchen Jünger aus; es ist das Gold, die Macht, das Weib, der Stolz, die Angst vor einem abfälligen Urteil und das Nützlichkeitsdenken. "Die Großen sind die Stärkeren. Also werde ich ihnen dienen, damit sie meine Freunde seien." So wird man um elender Dinge willen zum Verbrecher und zum Verworfenen! ...

Warum aber entläßt der Meister, der die Unvollkommenheit des Jüngers sieht, auch wenn er nicht dem Gedanken nachgeben will: "Er wird mein Mörder sein", ihn nicht sofort aus den Reihen der Seinen? So werdet ihr euch fragen. Weil es nichts nützen würde. Selbst wenn er es tun würde, könnte er nicht verhindern, ihn sich zum Feind zu machen, nur umso früher; und außerdem zum zweifachen Feind; dies aus Zorn oder Schmerz, erkannt und fortgejagt worden zu sein. Aus Schmerz, da der schlechte Jünger oft nicht einsieht, es zu sein; denn das Wirken des Teufels ist so subtil, daß der Mensch es nicht merkt. Satan ergreift von ihm zunehmend Besitz und der Mensch ahnt nichts von seinem Einfluß. Aus Zorn! Ja, aus Zorn darüber, daß er erkannt wurde als das, was er wirklich ist, wenn er um das Wirken Satans und seines Gefolges weiß; eines Gefolges aus den Menschen, die ihn, den Schwachen, in seinen Schwächen versuchen, um den Heiligen aus der Welt zu schaffen, dessen Güte sie kränkt, da sie im deutlichen Gegensatz zu ihrem eigenen Leben steht. Dann kann der Heilige nur noch beten und sich Gott übergeben. "Was du geschehen lassen

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willst, soll geschehen", sagt er, und fügt einzig diesen Vorbehalt bei: "Vorausgesetzt, es dient deinem Ziel." Der Heilige weiß, daß die Stunde kommen wird, da aus seiner Ernte das Unkraut ausgeschieden wird. Von wem? Von Gott selbst, der nur noch zuläßt, was dem Triumph seines liebenden Wirkens dient.»

«Aber wenn du zugibst, daß es immer Satan und seine Anhänger sind... dann scheint mir, daß du der Verantwortung des Jüngers eine geringe Bedeutung zuschreibst», sagt Matthäus.

«Das darfst du nicht denken. Wie das Böse existiert, existiert auch das Gute, und ebenso besitzt der Mensch Unterscheidungsvermögen und die Freiheit.»

«Du sagst, daß Gott nur zuläßt, was dem Triumph seiner liebenden Absichten nützt. Also ist auch dieser Irrtum nützlich, wenn er ihn zuläßt, und er dient dem Triumph seines göttlichen Willens», sagt Iskariot.

«So urteilst du wie Matthäus, daß dies das Verbrechen des Jüngers rechtfertigt. Gott hatte den Löwen ohne Raubgier und die Schlange ohne Gift erschaffen. Nun ist der eine wild und die andere giftig. Gott aber hat sie deswegen vom Menschen abgesondert. Denk darüber nach und wende es an. Gehen wir ins Haus. Die Sonne brennt schon zu stark, wie vor dem Ausbruch eines Gewitters, und ihr seid müde nach der schlaflosen Nacht.»

«Das Haus hat ein geräumiges, kühles Obergemach. Dort könnt ihr euch ausruhen», sagt Elias.

Sie steigen die äußere Treppe hinauf. Aber nur die Apostel legen sich auf die Matten zur Ruhe. Jesus geht auf die von einer hohen Eiche beschattete Terrasse hinaus, setzt sich in einen Winkel und vertieft sich in seine Gedanken.

221. JESUS SPRICHT AUF DEM WEG NACH MAGDALA ZU HIRTEN

Petrus kommt erst am anderen Morgen zurück. Er ist ruhiger als vor der Abreise, da er in Kapharnaum, das Eli und Joachim inzwischen verlassen haben, überall nur gute Aufnahme gefunden hat.

«Sie müssen die Hauptpersonen des Komplotts sein, denn ich habe Freunde gefragt, wann sie fortgegangen sind. Offensichtlich sind sie nicht mehr zurückgekommen, nachdem sie als Büßer den Täufer aufgesucht hatten. Ich nehme an, daß sie nicht so rasch wiederkommen werden, da sie, wie ich gesagt habe, bei der Gefangennahme zugegen waren... Es herrscht große Bestürzung wegen der Gefangennahme des Täufers, und ich werde dafür sorgen, daß es jeder Schwätzer erfährt... Das ist unsere

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beste Waffe. Ich habe auch den Pharisäer Simon angetroffen und... wenn der Schein nicht trügt, will er uns wohl. Er hat mir gesagt: "Rate dem Meister, dem Jordan nicht durch das westliche Tal zu folgen. Die andere Seite ist sicherer." Mit Nachdruck hat er es gesagt und noch hinzugefügt: "Ich habe dich nicht gesehen. Ich habe nicht mit dir gesprochen, denk daran, und verhalte dich so, daß es meinem, deinem und dem Wohle aller dient. Sag dem Meister, daß ich ihm wohlgesinnt bin" ' und er blickte dabei nach oben, als ob er in den Wind reden würde. Immer, auch wenn sie Gutes tun, sind sie falsch... nun, sagen wir eigenartig, damit du mich nicht tadelst. Trotzdem... bin ich also zum Zenturio gegangen, um ihm ganz vorsichtig einen Wink zu geben. Ich habe gefragt: "Geht es deinem Diener gut?" und nachdem er mir dies bestätigt hat, habe ich gesagt: "Um so besser! Paß gut auf ihn auf, damit er gesund bleibt, denn man stellt dem Meister nach. Den Täufer hat man bereits gefangen genommen...", und der Römer hat sofort verstanden. Schlau, dieser Mann! Er hat geantwortet: "Sollten wir das geringste Anzeichen bemerken, stellen wir eine Wache für ihn auf und man würde die Israeliten daran erinnern, daß unter der Herrschaft Roms kein Komplott erlaubt ist und daß Todes oder Galeerenstrafe darauf steht." Es sind Heiden... aber ich hätte ihn umarmen können. Mir gefallen Leute, die verstehen, um was es geht und danach handeln. Jetzt können wir aufbrechen.»

«Laßt uns gehen. Doch dies alles wäre nicht nötig gewesen», sagt Jesus.

«Nötig war es, und wie!»

Jesus verabschiedet sich von der gastfreundlichen Familie und auch vom neuen Jünger, dem er anscheinend Weisungen erteilt hat. Sie sind wieder allein, der Meister und die Apostel, und sie gehen über die frischen Felder auf einem Weg, den Jesus eingeschlagen hat zum Erstaunen des Petrus, der einen anderen nehmen wollte.

«So entfernen wir uns vom See...»

«Wir werden immer noch rechtzeitig ankommen für das, was ich zu tun habe.»

Die Apostel sagen nichts mehr und gehen zu einem kleinen Dorf, einer über die Äcker verstreute Handvoll Häuser. Man hört das laute Gebimmel der Herden, die zu den Weiden auf den Hügeln ziehen. Als Jesus stehenbleibt, um eine zahlreiche Herde vorbeizulassen, machen sich die Hirten gegenseitig auf ihn aufmerksam und bilden eine Gruppe. Sie beraten miteinander, aber mehr getrauen sie sich nicht. Jesus macht schließlich dem Zögern und Zaudern ein Ende und geht durch die Herde, die schon im dichten Gras weidet. Er geht geradewegs zu einem Hirtenknaben mitten in der wolligen und blökenden Schafherde und fragt: «Gehören sie dir?» Jesus weiß natürlich, daß sie nicht dem Knaben gehören, doch er will ihn dadurch zum Reden bringen.

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«Nein, Herr. Ich gehöre zu diesen Hirten, aber die Herden sind das Eigentum vieler Herren. Wir haben uns wegen der Räuber zusammengetan.»

«Wie heißest du?»

«Zacharias, Sohn des Isaak. Doch mein Vater ist tot. Ich bin in Diensten, weil wir arm sind, und unsere Mutter hat außer mir noch drei jüngere Kinder.»

«Ist es schon lange her, daß dein Vater gestorben ist ?»

«Drei Jahre, Herr... Ich habe seither nicht mehr gelacht, weil unsere Mutter immer weint, und niemand liebkost mich mehr. Ich bin der Erstgeborene und der Tod des Vaters hat mich schon als Kind zum Erwachsenen gemacht... Ich darf nicht weinen, ich muß verdienen. Doch es ist sehr schwer!» Die Tränen kollern über das Gesichtlein, das für sein Alter zu ernst ist. Die Hirten haben sich genähert, und die Apostel ebenfalls. Eine Gruppe Menschen in einer friedlich bewegten Schafherde.

«Du bist nicht ohne Vater, Zacharias. Du hast einen heiligen Vater im Himmel, und er liebt dich immer, wenn du gut bist; auch dein Vater hat nicht aufgehört dich zu lieben, denn er ist im Schoße Abrahams. Daran sollst du glauben, und dieser Glaube soll dich immer besser werden lassen.» Jesus spricht liebevoll und liebkost den Knaben.

Ein Hirte wagt zu fragen: «Du bist der Messias, nicht wahr?»

«Ja, ich bin es. Woher kennst du mich?»

«Ich weiß, daß du in Palästina umherziehst und daß du heilige Worte sprichst. Daran erkenne ich dich.»

«Geht ihr noch weit?»

«Auf die hohen Berge. Die Hitze kommt... Wirst du uns etwas sagen? Dort oben, wo wir hingehen, sprechen nur die Winde zu uns, und manchmal der Wolf und richtet ein Blutbad an, wie beim Vater von Zacharias. Den ganzen Winter haben wir uns gesehnt, dich zu sehen, sind dir jedoch nie begegnet.»

«Kommt in den Schatten des Wäldchens. Dort werde ich zu euch sprechen.»

Jesus geht ihnen voraus. Er hält den Hirtenjungen an der einen Hand und mit der anderen streichelt er die Lämmlein, die blökend ihren Kopf zu ihm erheben. Die Hirten sammeln ihre Herde unter den Bäumen des Wäldchens, und während sich die Schafe wiederkäuend auf den Boden niederlassen, grasen oder sich an den Stämmen reiben, beginnt Jesus zu sprechen.

«Ihr habt gesagt: "Dort oben, wo wir leben, sprechen nur die Winde und manchmal der Wolf und richtet ein Blutbad an." Was dort oben geschieht, geschieht auch in den Herzen durch das Wirken Gottes, des Menschen und Satans. Darum könnt ihr dort oben erleben, was euch überall widerfahren kann.

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Wißt ihr genügend Bescheid über das Gesetz, um die Zehn Gebote zu kennen? Auch du, mein Kind? Dann genügt euer Wissen. Wenn ihr treu

befolgt, was Gott euch als Gebot gegeben hat, dann werdet ihr Heilige werden. Beklagt euch nicht darüber, daß ihr weit weg von der Welt seid. Dies bewahrt euch vor ihrer Verderbtheit, und Gott ist euch in der Einsamkeit nicht fern, sondern näher. Seine Stimme vernehmt ihr dort, in seiner Schöpfung, im Brausen der Winde, in Gräsern und Wassern, aber nicht in der Menschenmenge. Diese Herde lehrt euch eine, ja viele große Tugenden. Sie ist sanftmütig und folgsam. Sie ist mit wenig zufrieden und dankbar für das, was sie hat. Sie versteht es, die zu lieben und zu würdigen, die ihr Liebe schenken und für sie sorgen. Macht es ebenso und sagt: "Gott ist unser Hirte, und wir sind seine Schafe. Sein Auge ist über uns. Er behütet uns und gewährt uns nicht das, was uns zum Verderben gereicht, sondern was wir zum Leben brauchen." Haltet den Wolf von euren Herzen fern. Der Wolf, das sind die schlechten Menschen, die euch auf Befehl Satans vielleicht zu bösen Taten überreden und verleiten, und Satan selbst versucht euch zur Sünde, um euch zu zerreißen.

Seid wachsam! Ihr Hirten kennt die Art des Wolfes. Wie die Schafe einfältig und arglos sind, so ist der Wolf hinterlistig. Er schleicht sich langsam heran, nachdem er von der Höhe die Gewohnheiten der Herde beobachtet hat. Durch das Gebüsch streichend, kommt er immer näher, und um keine Aufmerksamkeit zu erregen, bleibt er ab und zu plötzlich wie versteinert stehen. Gleicht er nicht einem großen Felsbrocken, der ins hohe Gras gerollt ist? Doch wenn er dann sicher ist, daß niemand auf ihn achtet, springt er auf und packt zu. Ebenso macht es Satan. Er beobachtet euch, um eure schwachen Stellen ausfindig zu machen, er schleicht um euch herum, scheint ungefährlich und zerstreut, die Gedanken anderswo, aber er behält euch im Auge und stürzt sich unversehens auf euch, um euch zur Sünde zu verleiten. Und manchmal gelingt es ihm. Doch bei euch ist der rettende Gott und ein erbarmungsvoller Engel. Habt ihr euch verletzt, seid ihr krank, dann entfernt euch nicht von ihnen, wie es der tollwütig gewordene Hund macht. Bittet sie vielmehr weinend um Hilfe. Gott verzeiht dem, der bereut, und euer Engel ist bereit, für und mit euch Gott anzuflehen.

Liebet einander und liebt dieses Kind. Jeder muß sich ein wenig als Vater der Waisen fühlen. Die Anwesenheit eines Kindes unter euch soll jede eurer Handlungen mit dem heiligen Zügel des Respektes vor dem Knaben

mäßigen, und eure Anwesenheit möge ihm ersetzen, was der Tod ihm genommen hat. Man muß seinen Nächsten lieben. Dieser Junge ist euer

Nächster, den Gott euch in besondere Weise anvertraut. Erzieht ihn zum guten, gläubigen, rechtschaffenen Mann ohne Laster. Er ist viel mehr wert als eines dieser Schäflein. Wenn ihr auf die Tiere achtet, weil sie eurem Herrn gehören und dieser euch bestrafen würde, wenn ihr sie zugrunde

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gehen laßt, um wieviel mehr müßt ihr euch um diese Seele kümmern, die Gott euch in seinem Namen und in dem des verstorbenen Vaters anvertraut. Sein Los als Waise ist traurig. Macht es nicht noch schwerer, indem ihr seine Schwäche und Hilflosigkeit ausnützt und ihn quält. Denkt daran, daß Gott die Werke und Tränen eines jeden sieht und sie ihm zur Belohnung oder Strafe gereichen.

Du, Kind, denk daran, daß du nie allein bist. Gott sieht dich, und der Geist deines Vaters auch. Wenn dich etwas verwirrt und dich zum Bösen verleitet, dann sage: "Nein, ich will nicht auf ewig Waise sein." Du würdest es sein, wenn du deine Seele durch die Sünde verdammst.

Seid gute Menschen! Ich segne euch, damit alles Gute mit euch sei. Wenn wir denselben Weg hätten, würde ich noch lange zu euch sprechen. Doch nun steigt die Sonne höher und ihr müßt gehen, und ich auch. Ihr, um eure Schafe vor der Hitze in Sicherheit zu bringen, und ich, um die Herzen von einer anderen Glut, die weit schrecklicher ist, zu befreien. Betet, damit sie in mir den Göttlichen Hirten erkennen. Leb wohl, Zacharias, sei gut! Der Friede sei mit euch!»

Jesus küßt den Hirtenknaben und segnet; und während die Herde sich langsam entfernt, verfolgt er sie mit dem Blick. Dann nimmt er seinen Weg wieder auf.

«Du hast gesagt, daß wir gehen, um die Herzen von einer anderen Glut zu befreien... Wohin gehen wir?» fragt Iskariot.

«Vorerst zu dem etwas schattigeren Platz dort am Bach. Dort wollen wir essen, und dann werdet ihr erfahren, wohin wir gehen.»

222. JESUS IN MAGDALA; ZWEITE BEGEGNUNG MIT MAGDALENA

Die Apostel sind nun vollzählig um Jesus geschart. Im Grase sitzend, im kühlen Schatten einiger Bäume am Ufer eines Baches, essen sie Brot und Käse und trinken dazu frisches, klares Wasser aus dem Bach. Ihre staubigen Sandalen deuten darauf hin, daß sie schon einen langen Weg hinter sich haben, und die Jünger hegen vielleicht nur den einen Wunsch, sich im frischen hohen Grase auszuruhen.

Doch der unermüdliche Wanderer ist nicht dieser Ansicht. Sobald er glaubt, daß nun die größte Hitze des Tages vorüber ist, steht er auf, geht auf die Straße und hält Ausschau... Dann wendet er sich um und sagt einfach: «Laßt uns gehen!»

Als sie zu einer Wegkreuzung kommen, an der sich vier staubige Feldwege vereinigen, schlägt Jesus ganz entschieden den ein, der in nordöstliche Richtung führt.

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«Kehren wir nach Kapharnaum zurück?» will Petrus wissen.

Jesus antwortet nur: «Nein!»

«Dann nach Tiberias ?» drängt Petrus, der es unbedingt wissen will.

«Auch nicht.»

«Aber dieser Weg führt zum Galiläischen Meer... und dort liegen Tiberias und Kapharnaum.»

«Aber auch Magdala», sagt Jesus mit einem halbernsten Gesicht, um die Neugier des Petrus etwas zu befriedigen.

«Magdala? Oh! ...» Petrus ist ziemlich entsetzt, und daraus schließe ich, daß diese Stadt keinen guten Ruf genießt.

«Nach Magdala, ja, nach Magdala. Hältst du dich für zu anständig, um diesen Ort zu betreten? Petrus, Petrus ! ... Mir zuliebe wirst du nicht nur Städte des Vergnügens, sondern wahre Wolfshöhlen betreten... Christus ist nicht gekommen, um die Geretteten zu erretten, sondern um die Verlorenen zu erretten... und du... du wirst deshalb Petrus, der "Fels" oder Kephas sein, und nicht Simon. Hast du Angst, dich zu verunreinigen? Nein! Nicht einmal diesem hier wird es schaden, siehst du? (Und er deutet dabei auf den noch sehr jungen Johannes.) Nicht einmal diesem hier wird es schaden, denn er will es nicht... so, wie auch du es nicht willst, und deine Brüder und der Bruder des Johannes es nicht wollen... wie niemand von euch es jetzt will! Solange man es nicht will, nimmt man keinen Schaden. Aber es ist notwendig, mit Kraft und Beharrlichkeit nicht zu wollen. Kraft und Beharrlichkeit erlangt man vom Vater im aufrichtigen Gebet mit dem Vorsatz, die Sünde zu meiden. Nicht alle werdet ihr später so zu beten imstande sein. Was sagst du, Judas? Traue dir nicht zu viel zu. Ich, der ich Christus bin, bete immerfort, um Kraft gegen Satan. Bist du denn mehr als ich? Der Stolz ist die Ritze, durch die Satan eindringt. Sei wachsam und demütig, Judas! Matthäus, du kennst diesen Ort gut; sage mir, ist es besser auf diesem Weg hineinzugehen, oder gibt es einen anderen?»

«Es kommt ganz darauf an, Meister. Wenn du in das Magdala der Fischer und der Armen gehen willst, dann ist dies hier der richtige Weg, denn hier kommt man in die Vorstadt, wo das einfache Volk lebt. Wenn du aber dorthin gehen willst, wo die Reichen sind – was ich zwar nicht annehme, aber ich sage es dir, um eine umfassende Antwort zu geben – dann müssen wir nach einigen hundert Metern diese Straße verlassen und eine andere einschlagen, denn die Häuser der Reichen liegen auf halber Höhe und wir müßten zurückgehen...»

«Dann werden wir zurückgehen, denn ich will in Magdala das Wohnviertel der Reichen aufsuchen... Was hast du gesagt, Judas ?»

«Nichts, Meister. Schon zum zweiten Male innerhalb kurzer Zeit fragst du mich, doch ich habe nicht gesprochen.»

«Mit den Lippen nicht, aber in deinem Herzen hast du gesprochen. Du hast in deinem Geist, in deiner Seele gemurrt. Man braucht nicht einen

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.anderen Menschen als Gesprächspartner, um seine Meinung zu sagen. Vieles sagen wir zu uns selber... aber nicht einmal in seinem Inneren soll man murren oder verleumden.»

Die Gruppe geht schweigend weiter. Die Hauptstraße mit ihrem Pflaster aus viereckigen, handbreiten Steinen, beginnt nun städtischen Charakter anzunehmen, und auch die Häuser inmitten üppiger, blühender Gemüse- und Blumengärten werden immer reicher und schöner. Ich habe den Eindruck, daß das elegante Magdala für die Palästinenser eine Art Vergnügungsstätte ist, wie gewisse Städtchen an unseren lombardischen Seen, z.B. Stresa, Gardona, Pallanza oder Bellagio. Unter den reichen Palästinensern sind auch Römer, die sicher von anderen Orten wie Tiberias oder Caesarea kommen, wo sie beim Statthalter als Beamte in Stellung waren; außerdem sind dort Händler, um die besten Erzeugnisse aus der Provinz Palästina nach Rom auszuführen.

Zielbewußt geht Jesus in den Ort, als ob er genau wüßte, wohin sein Weg führt. Er geht dem See entlang, an dessen Ufer die Villen mit ihren Gärten liegen.

Ein Chor weinender Stimmen dringt aus einem vornehmen Hause. Es sind Frauen- und Kinderstimmen, und eine durchdringende Frauenstimme übertönt alle anderen mit ihren Rufen: «Sohn! Sohn!»

Jesus wendet sich um und sieht seine Apostel an. Judas tritt näher. «Nicht du, Judas», gebietet Jesus. «Du, Matthäus, geh und erkundige dich.»

Matthäus geht und kommt zurück:

«Eine Rauferei, Meister. Ein Mann liegt im Sterben. Ein Jude. Der Angreifer ist geflohen, es war ein Römer. Seine Frau, die Mutter und die kleinen Kinder sind herbeigeeilt... aber er stirbt.»

«Laßt uns gehen.»

«Meister... Meister... der Vorfall hat sich im Hause einer Frau ereignet... die nicht seine Ehefrau ist.»

«Laßt uns gehen.»

Sie betreten durch die offenstehende Türe eine lange, geräumige Vorhalle, die zu einem schönen Garten führt. Es scheint, daß das Haus durch eine Art gedeckten Säulenhof aufgeteilt ist, in welchem viele Pflanzen in Gefäßen, Statuen und fein gearbeitete Möbel stehen. Eine Art Wintergarten. In einem Zimmer, dessen Tür zur Vorhalle offen steht, befinden sich weinende Frauen. Jesus geht ohne Zögern hinein, jedoch ohne seinen gewohnten Gruß zu entbieten.

Unter den anwesenden Männern ist ein Händler, der Jesus kennen muß, denn kaum hat er ihn erblickt, sagt er: «Der Rabbi von Nazareth!», und grüßt ihn respektvoll.

«Joseph, was ist vorgefallen?»

«Ein Dolchstoß ins Herz, Meister... Er stirbt.»

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«Weshalb?»

Eine graue und ungekämmte Frau, die neben dem Sterbenden kniet und seine schon leblose Hand hält, steht auf und kreischt mit den Augen einer Wahnsinnigen: «Ihretwegen, ihretwegen! Sie hat ihn verhext... Für ihn gab es keine Mutter, keine Frau und keine Kinder mehr! Die Hölle soll dich haben, du Teufelsweib!»

Jesus erhebt seine Augen, und sein Blick folgt der Hand, die zitternd anklagt. In der Ecke, gegen die tiefrote Wand gelehnt, erblickt er, schamlos gekleidet und anstößiger denn je, Maria von Magdala. Die Hälfte ihres Körpers ist sozusagen unbekleidet, denn ihr Oberkörper ist in eine Art feines Netz aus sechseckigen Maschen gehüllt, das mit etwas rundem, wahrscheinlich kleinen Perlen, besetzt ist. Da sie im Halbdunkel steht, sehe ich sie nicht gut.

Jesus senkt die Augen. Maria, gereizt durch seine Gleichgültigkeit, richtet sich auf und nimmt Haltung an, während sie zuvor niedergeschlagen schien. «Frau», sagt Jesus zur Mutter, «verwünsche niemanden! Antworte mir! Warum war dein Sohn in diesem Hause?»

«Ich habe es dir schon gesagt. Weil sie ihn verrückt gemacht hat. Sie!»

«Schweig. Auch er war ein Sünder, denn er war ein Ehebrecher und diesen unschuldigen Kindern ein unwürdiger Vater. Er verdient also seine Strafe. In diesem und in jenem Leben gibt es keine Barmherzigkeit für den, der nicht bereut. Doch ich habe Erbarmen mit deinem Schmerz, Frau, und mit diesen unschuldigen Kindern. Ist dein Haus weit entfernt?»

«Etwa hundert Meter.»

«Hebt den Mann auf und bringt ihn dorthin.»

«Das ist nicht möglich, Meister», sagt der Händler Joseph. «Er liegt im Sterben.»

«Tue, was ich dir sage!»

Sie schieben ein Brett unter den Sterbenden, und der Zug geht langsam hinaus. Sie überqueren die Straße und betreten einen schattigen Garten. Die Frauen weinen immer noch laut. Kaum sind sie im Garten angelangt, wendet sich Jesus an die Mutter.

«Kannst du verzeihen? Wenn du verzeihst, verzeiht Gott. Um einer Gnade würdig zu sein, muß man sich ein gutes Herz schaffen. Dieser Mann hat gesündigt und wird weiter sündigen. Für ihn wäre es besser zu sterben, denn wenn er zum Leben zurückkehrt, wird er erneut der Sünde verfallen, und er wird Gott, der ihn geheilt hat, auch Rechenschaft über seine Undankbarkeit ablegen müssen. Aber du und diese Unschuldigen (er zeigt auf die Frau und die Kinder), ihr würdet verzweifeln. Doch ich bin gekommen, um zu retten und nicht, um zu verderben. Mann, ich sage dir: steh auf und sei geheilt.»

Der Mann kehrt zum Leben zurück, öffnet die Augen, sieht die Mutter, die Kinder, seine Frau und senkt beschämt den Kopf.

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«Sohn, Sohn», sagt die Mutter. «Du wärest gestorben, wenn er dich nicht gerettet hätte. Gehe in dich! Verliere dich nicht im Sinnen wegen einer...»

Jesus unterbricht die Alte: «Frau, schweige! Sei barmherzig, wie auch dir Barmherzigkeit widerfahren ist. Dein Haus ist durch das Wunder geheiligt, denn das Wunder ist immer ein Beweis der Gegenwart Gottes. Daher konnte ich es nicht dort wirken, wo die Sünde war. Bewahre wenigstens du dein Haus rein, wenn schon dieser hier dazu nicht fähig sein wird. Pflegt ihn nun. Es ist gerecht, daß er noch eine Zeitlang leiden muß. Sei gut, Frau! Auch du! Und ihr, Kinder, lebt wohl.» Jesus hat den beiden Frauen die Hand auf den Kopf gelegt und auch den Kindern.

Dann geht Jesus hinaus und an Magdalena vorbei, die dem Zug bis vor das Haus gefolgt und auf der angrenzenden Straße, an einen Baum gelehnt, stehengeblieben ist. Jesus geht langsamer, als warte er auf die Jünger, doch ich glaube, daß er Maria die Möglichkeit geben will, eine Geste zu machen. Aber sie tut es nicht.

Die Jünger erreichen Jesus, und Petrus kann es sich nicht verkneifen, ein auf Maria gemünztes Schimpfwort in seinen Bart zu murmeln. Diese, um ihre Haltung nicht zu verlieren, bricht in ein Gelächter aus, das sich aber alles andere als triumphierend anhört.

Doch Jesus hat die Bemerkung des Petrus gehört, wendet sich streng an ihn und sagt: «Petrus, ich beschimpfe nicht. Beschimpfe auch du nicht! Bete für die Sünder. Nichts anderes.»

Maria bricht ihr schallendes Gelächter ab, senkt den Kopf und entschwindet wie eine Gazelle in Richtung ihres Hauses.

223. ZU MAGDALA IM HAUSE DER MUTTER BENJAMINS

Das Wunder muß erst vor kurzem geschehen sein, denn die Apostel reden darüber und die Bewohner des Ortes ebenfalls, sie deuten auf Jesus, der mit ernstem Gesicht geradeaus zum Stadtrand, ins Armenviertel, geht.

Er bleibt vor einem Häuschen stehen, aus dem ein kleiner Junge gelaufen kommt, dem die Mutter folgt. «Frau, darf ich in deinen Garten kommen und dort ein wenig verweilen, bis die schlimmste Hitze vorüber ist ?»

«Komm herein, Herr, auch in die Küche, wenn du willst. Ich werde dir Wasser und eine Erquickung bringen.»

«Bemühe dich nicht. Es genügt mir, ein wenig in diesem ruhigen Garten zu sein.»

Doch die Frau möchte Wasser anbieten, dem etwas, ich weiß nicht was, beigemischt wurde. Dann läuft sie ständig im Garten herum, als wolle

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etwas sagen, hätte aber nicht den Mut dazu. Sie scheint sich mit dem Gemüse zu beschäftigen, doch in Wirklichkeit achtet sie auf den Meister; aber wegen des Kleinen, der nach einem Schmetterling oder sonst einem Insekt hascht und dabei ein lautes Geschrei vollführt, kann sie nicht verstehen, was Jesus sagt. Sie wird ungeduldig und gibt dem Kind einen leichten Klaps, worauf dieses nur noch lauter schreit.

Jesus, der soeben dem Zeloten auf die Frage: «Glaubst du, daß der Vorfall Maria aufgerüttelt hat ?» antwortet: «Mehr als es euch scheint», wendet sich um und ruft das Kind zu sich, das sich auf seinen Knien beruhigt und aufhört zu weinen.

Die Frau ruft den Kleinen zurück: «Benjamin, komm her! Du darfst nicht stören !»

Doch Jesus sagt: «Laß ihn nur, laß ihn. Er wird artig sein und dich in Ruhe lassen», und zum Kinde gewandt: «Weine nicht! Deine Mutter hat dir nicht weh getan, sie hat dir nur das Gehorchen beigebracht, oder besser: sie hat versucht, dir Gehorsam beizubringen. Warum hast du so geschrieen, wo sie doch Ruhe haben möchte? Vielleicht fühlt sie sich nicht wohl und dein Geschrei stört sie.»

Das Kind antwortet prompt und mit jener unübertrefflichen Aufrichtigkeit der Kinder, die Erwachsene zur Verzweiflung bringt: «Nein, sie fühlt sich nicht krank, sie wollte nur hören, was du sagst... Sie hat es mir nämlich gesagt. Aber ich, da ich zu dir kommen wollte, habe absichtlich Lärm gemacht, damit du mich beachtest.»

Alle lachen, und die Frau wird feuerrot.

«Erröte nicht, Frau, komm zu mir. Du wolltest mich sprechen hören? Warum?»

«Weil du der Messias bist. Nur du kannst der Messias sein, da du solche Wunder wirkst ... Ich hätte dir gerne zugehört... Ich gehe nie aus Magdala hinaus, weil ich ... einen schwierigen Mann und fünf Kinder habe. Das kleinste ist vier Monate alt... und hierher kommst du nie.»

«Ich bin gekommen, und in dein Haus. Siehst du?»

«Darum wollte ich dir gerne zuhören.»

«Wo ist dein Mann?»

«Auf dem See, Herr. Wenn man nicht fischt, hat man nichts zu essen. Ich habe nur diesen kleinen Garten. Kann der genügen für sieben Personen? Trotzdem verlangt Zachäus, daß...»

«Sei geduldig, Frau. Alle haben ihre Last zu tragen.»

«O nein, die Schamlosen haben nur das Vergnügen. Hast du das Tun der Schamlosen gesehen? Sie genießen und verursachen anderen Leid. Sie quälen sich nicht ab mit Kindergebären und Arbeit, bis sie der Rücken schmerzt. Sie bekommen keine Blasen von der Hacke und keine zerschundenen Hände vom vielen Waschen. Sie sind schön und frisch. Für sie gilt die über Eva verhängte Strafe nicht. Vielmehr werden wir durch sie

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bestraft, weil... die Männer... du verstehst mich schon.»

«Ich verstehe dich. Doch wisse, auch sie haben ihr schreckliches Kreuz, das schrecklichste, und ein Kreuz, das man nicht sieht. Es ist ihr Gewissen, das sie anklagt; es ist die Welt, die sie verspottet; die Familie, die sie verstößt; und es ist Gott, der sie verflucht. Sie sind nicht glücklich, glaube es mir. Sie quälen sich nicht ab mit Kindergebären und Arbeiten, keine Mühsal macht ihre Hände wund, und trotzdem sind sie zermürbt durch die Scham. Ihr Herz ist eine einzige Wunde. Beneide sie nicht um ihr Aussehen, ihre Frische, ihre vermeintliche Heiterkeit. Sie sind nur der Schleier über dem Ruin, der ihr Gewissen plagt und sie keinen Frieden finden läßt. Beneide nicht ihren Schlaf, du ehrbare Mutter, die du von deinen unschuldigen Kindern träumst... Auf ihren Kissen lastet der Alptraum, und in ihrer Sterbestunde oder in ihrem Alter werden sie einst von Gewissensbissen und Angst heimgesucht werden.»

«Das ist wahr... Verzeih... Darf ich hier bleiben?»

«Bleibe! Wir werden Benjamin ein schönes Gleichnis erzählen, und die, die keine Kinder mehr sind, werden es auf sich selbst und auf Maria von Magdala anwenden. Hört also!

Ihr zweifelt an der Bekehrung Marias zum Guten und es gibt kein Anzeichen für eine Umkehr. Frech und schamlos, ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrer Macht bewußt, hat sie es gewagt, die Leute herauszufordern und bis vor das Haus zu kommen, wo man durch ihr Verschulden weint. Auf die Rüge des Petrus hat sie mit Gelächter geantwortet, auf meinen einladenden Blick mit stolzer Unnahbarkeit. Ihr hättet vielleicht gewünscht – die einen aus Liebe zu Lazarus, die anderen aus Liebe zu mir – daß ich direkt zu ihr hingehe, ein langes Gespräch mit ihr führe und sie durch meine Macht bezwinge, um ihr dadurch meine Gewalt als Messias und Erlöser zu beweisen. Nein! Das alles ist nicht nötig. Ich habe dies bereits wegen einer anderen Sünderin vor vielen Monaten gesagt. Die Seelen müssen selbst soweit kommen. Ich gehe vorüber und streue den Samen aus, und ganz im Verborgenen wirkt der Same. Die Seele soll in ihrem Wirken respektiert werden. Wenn der erste Same nicht Wurzel faßt, sät man noch einen... und noch einen, und erst dann gibt man auf, wenn man sichere Beweise für die Nutzlosigkeit des Säens hat. Dazu betet man, denn das Gebet ist wie der Tau aufs Erdreich: er erhält es feucht und dadurch nährstoffreich, und so kann der Same sprießen. Machst du es mit deinem Gemüse nicht ebenso, Frau?

Nun hört das Gleichnis vom Wirken Gottes in den Herzen, um darin das Reich Gottes zu gründen. Jedes Herz ist ein kleines Reich Gottes auf Erden. Später, nach dem Tode, werden sich all diese kleinen Reiche zu einem einzigen vereinigen, zum unermeßlichen, heiligen, ewigen Himmel.

Das Reich Gottes in den Herzen wird vom göttlichen Sämann gegründet. Er kommt auf sein Gut – der Mensch gehört Gott, darum ist am

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Anfang jeder Mensch sein Eigentum – und streut seinen Samen. Danach geht er auf andere Güter, zu anderen Herzen. Den Tagen folgen die Nächte und den Nächten die Tage. Die Tage bringen Sonne und Regen: hier die Strahlen der göttlichen Liebe und den Strom göttlicher Weisheit, die zur Seele spricht. Die Nächte lassen ihre Sterne leuchten und schenken erholsame Stille: in unserem Fall, göttliche Mahnungen und Stille für die Seelen, um sich zu sammeln und sich zu besinnen.

In dieser ständigen Aufeinanderfolge unmerklicher und kraftvoller Vorsehungen schwillt der Same an, bricht auf, treibt Wurzeln, nistet sich ein, und das junge Pflänzchen beginnt zu sprießen, bringt die ersten Blättchen hervor und wächst heran. All dies geschieht ohne menschliche Hilfe. Spontan bringt die Erde die Pflanze aus dem Samen hervor, und die Pflanze wird kräftig und trägt die aus ihr entstehende Ähre, die immer mehr nach oben strebt, anschwillt, erstarkt, gelb und hart wird, und deren Körner dann die vollkommene Reife erlangen. Da die Zeit der Vollendung für diesen Samen gekommen ist, der sich nicht noch weiter entwickeln könnte, kehrt der Sämann zurück und setzt seine Sichel zur Ernte an.

In den Herzen hat mein Wort dieselbe Wirkung. Ich spreche von den Herzen, die den Samen aufnehmen. Doch nur langsam geht die Entwicklung vor sich, und man muß darauf achten, nichts zur Unzeit zu tun, denn dann würde man alles zerstören. Wie mühsam ist es doch für das kleine Samenkorn, aufzubrechen und sich in der Erde zu verwurzeln. Auch für das harte, widerspenstige Herz bedeutet dies mühevolle Arbeit. Es muß sich erschließen, sich aufwühlen lassen, Neues aufnehmen und dies mühevoll hegen, und schließlich muß sich ein solcher Mensch von allem Prunk und der reizvollen, nutzlosen und übermäßig eleganten Bekleidung von früher lösen und sein Äußeres verändern: Er muß sich nunmehr begnügen, demütig zu arbeiten, ohne bewundert zu werden, um so ganz der Absicht Gottes zu entsprechen. Alle seine Fähigkeiten muß er nützen, um zu wachsen und Ähren hervorzubringen. In Liebe muß man erglühen, um zum Weizen zu werden. Hat man dann einmal die so sehr, sehr leidige Menschenfurcht überwunden, sich abgemüht, gelitten, und seine neue Wesensart sogar liebgewonnen, dann muß man sich in einem Entschluß von erbarmungsloser Härte auch davon lösen. Alles muß man geben, um alles zu besitzen. Von allem muß sich der Mensch entblößen, um einst im Himmel mit der Stola der Heiligen bekleidet zu werden. Das Leben des Sünders, der heilig wird, ist die längste, heldenhafteste und ruhmreichste Schlacht. Ich sage es euch!

Ihr werdet nach dem, was ich euch gesagt habe, einsehen und verstehen, daß mein Verhalten Maria gegenüber richtig ist. Habe ich an dir etwa anders gehandelt, Matthäus?»

«Nein, mein Herr.»

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«Sage mir die Wahrheit: was hat dich mehr überzeugt, meine Geduld oder die bitteren Vorwürfe der Pharisäer?»

«Deine Geduld, so wahr ich hier stehe! Die Pharisäer mit ihrer Verachtung und ihren Verwünschungen lösten in mir wiederum nur Verachtung aus, und weil ich sie verachtete, wurde ich noch schlechter als zuvor. Es geschieht folgendes: lebt man in Sünde und wird man als Sünder behandelt, dann verhärtert man sich erst recht. Doch, erhält man statt einer Beleidigung ein Wort der Liebe, ist man darüber so sehr erstaunt, daß man nur noch weinen kann... und wenn man weinen kann, zerspringt der Panzer der Sünde, der das Herz umgab und fällt ab. Entblößt steht man dann vor der Güte Gottes und fleht ihn an um ein neues Kleid – ihn selbst.»

«Das hast du gut gesagt. Benjamin, gefällt dir die Geschichte ? Ja ? Gut so! Und wo ist denn deine Mutter?»

Jakobus des Alphäus antwortet: «Sie ist am Ende des Gleichnisses weggegangen und auf der Straße dort davongeeilt.»

«Sie wird zum See gehen um zu sehen, ob ihr Mann zurückgekommen ist», sagt Thomas.

«Nein, sie ist zur alten Mutter gegangen, um die Geschwisterchen zu holen. Meine Mutter bringt sie immer dorthin, damit sie arbeiten kann», sagt das Kind, das sich vertrauensvoll an die Knie Jesu schmiegt.

«Und du bist hier, kleiner Mann? Du mußt ein schöner Schlingel sein, wenn sie dich allein bei sich behält!» bemerkt Bartholomäus.

«Ich bin der älteste und helfe ihr...»

«Sich den Himmel zu verdienen, arme Frau! Wie alt bist du?» fragt Petrus.

«In drei Jahren werde ich ein Sohn des Gesetzes sein», sagt der Lausbub stolz.

«Kannst du lesen?» fragt Judas Thaddäus.

«Ja, aber ich komme nur langsam vorwärts... denn der Lehrer stellt mich fast jeden Tag vor die Türe...»

«Ich habe es doch gesagt!» sagt Bartholomäus.

«Das kommt daher, daß der Lehrer alt und häßlich ist und immer dieselben Dinge sagt, die zum Einschlafen langweilig sind. Wenn er so wäre, wie er (er deutet auf Jesus), dann wäre ich aufmerksam. Schlägst du die, die schlafen oder spielen?»

«Ich schlage niemanden, aber ich sage meinen Schülern: "Seid zu euerem eigenen Besten und aus Liebe zu mir aufmerksam."», antwortet Jesus.

«Ja, so ist es richtig. Aus Liebe schon, aber nicht aus Angst.»

«Aber wenn du brav bist, dann hat dich der Lehrer gern.»

«Liebst du denn nur die Artigen? Gerade eben hast du doch gesagt, daß du geduldig mit diesem hier gewesen bist, der nicht gut war...» Die kindliche Logik ist bezwingend.

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«Ich bin mit allen gut. Aber wer zum braven Menschen wird, den liebe ich ganz besonders, und mit diesem bin ich sehr, sehr lieb.»

Das Kind denkt nach... dann hebt es den Kopf und fragt Matthäus: «Wie hast du es gemacht, gut zu werden?»

«Ich habe ihn gern gehabt.»

Das Kind denkt wieder nach, dann blickt es auf die Zwölf und sagt zu Jesus: «Sind die hier alle brav?»

«Gewiß, das sind sie.»

«Bist du sicher? Manchmal bin ich artig, aber nur, weil ich einen noch größeren Unfug anstellen will.»

Alle lachen laut. Auch der Knabe muß mitlachen. Selbst Jesus lacht, drückt den Jungen an sein Herz und küßt ihn.

Das Kind, das nun bereits mit allen gut Freund ist, möchte spielen und sagt: «Nun will ich dir sagen, wer gut ist», und es beginnt mit seiner Auswahl. Es blickt alle nacheinander an und geht dann geradewegs auf Johannes und Andreas zu, die nebeneinander stehen, und sagt: «Du und du, kommt her.» Dann wählt es die beiden Jakobus und stellt sie zu den ersten beiden, dann auch Judas Thaddäus. Vor dem Zeloten und Bartholomäus bleibt es lange nachdenklich stehen und sagt: «Ihr seid zwar alt, doch ihr seid gut», und gesellt sie zu den anderen. Dann betrachtet es Petrus, der die Prüfung über sich ergehen läßt, indem er ihm zum Spaß böse Blicke zuwirft. Auch er wird für gut befunden. Matthäus und Philippus bestehen die Prüfung ebenfalls. Zu Thomas sagt das Kind: «Du lachst zuviel. Mir ist es ernst. Weißt du nicht, daß mein Lehrer sagt, daß, wer immer lacht, bei der Prüfung dann Fehler macht.» Trotzdem besteht Thomas die Prüfung, wenn auch nicht gerade mit einer guten Note. Dann geht das Kind zu Jesus zurück.

«He, du Spitzbub! Ich bin auch noch da. Ich bin kein Baum. Ich bin jung und schön. Warum prüfst du mich nicht?» fragt Judas Iskariot.

«Weil du mir nicht gefällst. Meine Mutter sagt, was man nicht mag, das soll man nicht anfassen. Man läßt es auf dem Tisch, damit es die anderen nehmen können, die es vielleicht gut finden. Sie sagt auch, daß, wenn man etwas angeboten bekommt, das man nicht mag, dann soll man nicht sagen: "Das schmeckt mir nicht" sondern man sagt: "Danke, ich habe keinen Hunger." Ich habe kein Verlangen nach dir.»

«Aber weshalb? Schau, wenn du sagst, daß ich gut bin, dann gebe ich dir diese Münze.»

«Was soll ich damit? Was kaufe ich mir mit einer Lüge? Die Mutter sagt, daß das Geld, das man durch Betrug gewinnt, zu Stroh wird. Einmal habe ich mir von der alten Mutter mit einer Lüge eine Didrachme erschwindelt, um mir Honigküchlein zu kaufen, und in der Nacht ist sie zu Stroh geworden. Ich hatte sie in das Loch unter der Türe gesteckt, um sie anderentags zu holen, und habe in der Frühe ein Häuflein Stroh vorgefunden.»

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«Aber warum hältst du mich nicht für gut? Was habe ich denn an mir? Einen Klumpfuß? Oder bin ich häßlich?»

«Nein... aber du machst mir Angst.»

«Aber warum denn?» fragt Judas Iskariot näherkommend.

«Ich weiß nicht, laß mich in Ruhe. Rühre mich nicht an, sonst kratze ich dich.»

«Was für ein Igel. Er ist verrückt», Judas hat ein böses Lachen.

«Ich bin nicht verrückt, aber du bist böse», und das Kind flüchtet zu Jesus, der es stumm streichelt.

Die Apostel scherzen über den Vorfall, der wenig schmeichelhaft für Judas Iskariot ist. Nun kommt die Frau mit einem Dutzend Leuten zurück, und nach und nach kommen noch mehr. Es sind im ganzen ungefähr fünfzig Personen, alles arme Leute.

«Würdest du zu ihnen sprechen? Wenigstens kurz. Dies ist die Mutter meines Mannes, dies sind meine Kinder, und der Mann dort ist mein Gatte. Nur ein Wort, Herr», bettelt die Frau.

«Um dir für deine Gastfreundschaft zu danken, werde ich es tun.»

Die Frau geht ins Haus, wo der Säugling nach ihr schreit. Dann setzt sie sich auf die Schwelle und reicht ihm die Brust.

«Hört, hier auf meinen Knien habe ich ein Kind, das sehr weise gesprochen hat. Es hat gesagt, daß alles, was man durch Betrug erworben hat, zu Stroh wird. Seine Mutter hat es diese Wahrheit gelehrt. Es ist kein Märchen, sondern ewige Wahrheit. Niemals kann etwas gut gelingen, das ohne Ehrlichkeit getan wird, denn die Lüge im Sprechen, Handeln, in der Religion, ist stets ein Zeichen des Bündnisses mit Satan, dem Meister der Lüge. Glaubt nicht, daß die Werke, durch die man das Himmelreich erwirbt, Werke von überwältigender Auffälligkeit seien. Es sind alltägliche Werke, die beständig und im Geist übernatürlicher Liebe vollbracht werden. Die Liebe ist der Same der Pflanze, die in euch keimt und zum Himmel wächst, und in deren Schatten alle übrigen Tugenden gedeihen. Ich vergleiche die Liebe mit einem winzigkleinen Senfkorn. Wie gering ist es! Eines der kleinsten Samenkörner, die der Mensch aussät. Und doch, seht, wie stark die Pflanze ist, wenn sie ihre volle Größe erreicht hat, wie dicht belaubt und fruchtbar. Nicht hundert für hundert, sondern hundert für eine Frucht gibt sie. Es ist das kleinste unter den Samenkörnern, aber das fleißigste bei seiner Arbeit. Und wieviel Nutzen bringt es!

So ist die Liebe. Wenn ihr in eurer Brust einen kleinen Samen der Liebe für euren heiligsten Gott und euren Nächsten bergt und unter der Führung der Liebe eure Werke vollbringt, dann werdet ihr gegen keine Vorschrift der Zehn Gebote verstoßen. Ihr werdet Gott nicht mit einer falschen Religion, die sich in leeren Andachtsübungen erschöpft, belügen. Ihr werdet nicht als Kinder eure Eltern durch Undank kränken und nicht als ehebrecherische oder auch nur zu anspruchsvolle Gatten euren Partner um die

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Liebe betrügen. Ihr werdet in Geschäften euren Nächsten nicht hintergehen, ihn im täglichen Leben nicht belügen und gegen euren Feind nicht gewaltsam vorgehen. Schaut, wie viele Vögelchen sich zu dieser warmen Mittagszeit ins Gebüsch dieses Gartens flüchten. Bald wird das kleine Senfpflänzchen dort eine wahre Zuflucht für die Spatzen sein. All diese Vögel werden Schutz und Schatten in den dichtbelaubten schönen Bäumen finden, und die Jungen werden darin fliegen lernen und dabei die Äste und Zweige als Leiter und Auffangnetz gebrauchen, um beim Fliegen nicht zu fallen. So verhält es sich mit der Liebe als Grundlage des Reiches Gottes.

Liebt, und ihr werdet geliebt werden. Liebt, und ihr werdet nachsichtig miteinander sein. Liebt, und ihr werdet nicht grausam gegen eure Untergebenen sein und nicht mehr als erlaubt von ihnen verlangen. Liebt und seid ehrlich, um den Frieden und die Seligkeit des Himmels zu verdienen. Sonst wird sich, wie es Benjamin gesagt hat, jedes eurer Werke, das gegen die Liebe und die Wahrheit verstößt, in Stroh für euer höllisches Lager verwandelt werden. Ich füge nichts anderes hinzu. Ich sage nur: Haltet euch das große Gebot der Liebe vor Augen und seid treu dem Gott der Wahrheit und der Wahrheit in jedem Wort, in jedem Werk und in eurer ganzen Gesinnung, denn die Wahrheit ist die Tochter Gottes. Sie ist ein fortwährendes Werk der Vervollkommnung für euch, so wie das Samenkorn zu seiner Vollendung heranwächst; es ist ein Wirken in der Stille, in Demut und Geduld. Seid versichert, daß Gott euer Ringen sieht und daß eine besiegte Selbstsucht, ein unterdrücktes und nicht ausgesprochenes grobes Wort, ein nicht geltend gemachter Anspruch von ihm eine größere Belohnung einbringt als die Vernichtung eines Feindes durch Waffen in der Schlacht. Das Himmelreich, das ihr einst besitzen werdet, wenn ihr als Gerechte lebt, baut man mit den kleinen täglichen Dingen: Mit Güte, Sittsamkeit, Geduld, mit Sichbegnügen mit dem, was man hat, mit gegenseitigem Verständnis und mit Liebe, Liebe, Liebe.

Seid gut und lebt in Frieden miteinander. Murrt nicht und richtet nicht. Dann wird Gott mit euch sein. Ich gebe euch meinen Frieden als Segen und zum Dank für den Glauben, den ihr mir bezeugt.»

Dann wendet sich Jesus an die Frau und sagt: «Gott segne dich ganz besonders, denn du bist eine gerechte Frau und eine gerechte Mutter. Harre aus in der Tugend. Leb wohl, Benjamin! Liebe die Wahrheit immer mehr und gehorche deiner Mutter. Ich segne dich, deine Geschwisterchen und deine Mutter.»

Ein Mann kommt nach vorne. Ganz verlegen stottert er:

«Ich bin ganz gerührt über das, was du von meiner Frau sagst... Ich wußte nicht...»

«Hast du denn keine Augen und keinen Verstand?»

«Doch, die habe ich.»

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«Warum gebrauchst du sie nicht? Soll ich sie dir von den Nebeln befreien?»

«Du hast es bereits getan, Herr. Aber ich liebe sie, weißt du? Es ist nur, weil... weil man sich daran gewöhnt... und... und...»

«So glaubt man sich im Recht und mutet dem anderen zu viel zu, weil dieser gütiger ist als wir... Tue es nicht mehr! Du bist bei deiner Arbeit ständig in Gefahr. Fürchte die Gewitter nicht, wenn Gott mit dir ist; aber wenn Ungerechtigkeit in dir ist, dann hast du Grund zur Angst. Hast du verstanden?»

«Mehr als du denkst. Aber ich will versuchen, dir zu gehorchen... Ich wußte nicht...», und er blickt seine Frau an, als sähe er sie zum erstenmal.

Jesus segnet und geht auf das Sträßlein; dann nimmt er den Weg wieder auf, der in Richtung der Felder führt.

224. JESUS GEBIETET DEM STURM AUF DEM SEE

Welch innige Freude für mich war das heute!

Ich häkelte eben an der Spitze, die sie kennen und hörte Musik in Gesellschaft der Farnilienangehörigen. Ich war durch gewöhnliche Dinge abgelenkt, als mich plötzlich eine Schauung überkam. Dadurch veränderte sich mein Ausdruck, was zum Glück nur Paula bemerkte. Diese Freude blieb den ganzen Nachmittag bis zum Augenblick des gewohnten Kräftezusammenbruchs, der früher als sonst eintraf; denn wenn ich so "sehe", dann habe ich einen größeren körperlichen Kräfteverbrauch, und besonders mein Herz wird dadurch stark beansprucht, was mich aber nicht bedrückt, denn es wird durch sehr viel seelische Freude ausgeglichen.

Nun, da alle schlafen, will ich über meine Freude berichten.

Ich habe das Evangelium des heutigen Tages gesehen. Gerade heute morgen beim Lesen desselben habe ich mir gesagt: «Das ist nun eine biblische Begebenheit, die ich nie zu sehen bekommen werde, da sie sich für eine Vision wenig eignet.» Doch als ich am wenigsten daran dachte, ist sie über mich gekommen, um mich mit Freude zu erfüllen. Hier folgt, was ich geschaut habe.

Ein Segelboot, nicht besonders groß, aber auch nicht gerade klein, ein Fischerboot, auf dem sich gut fünf bis sechs Personen bewegen können, durchfurcht die tiefblauen Wasser des Sees von Genesareth.

Jesus schläft im Heck. Er ist wie üblich weiß gekleidet und hat das Haupt auf den linken Arm gelegt, der auf seinem blaugrauen, mehrfach zusammengefalteten Mantel ruht. Er liegt nicht, vielmehr sitzt er im hinteren Teil des Schiffes und lehnt sich an das Brett am äußersten Bootsende. Ich weiß nicht, wie die Schiffsleute es nennen. Er schläft still und friedlich, denn er ist müde.

Petrus ist am Steuer. Andreas kümmert sich um die Segel. Johannes und zwei andere – ich weiß nicht, wer sie sind – bringen die Netze und Taue im hinteren Teil des Schiffes in Ordnung, als wollten sie sich auf den

Fischfang vorbereiten, der vielleicht bei Einbruch der Nacht beginnt. Ich würde sagen, daß der Tag sich neigt, denn die Sonne steht schon im Westen. Die Jünger haben ihre Mäntel abgelegt und alle ihre Kleider geschürzt und mit den Gürteln festgebunden, damit sie freier in ihren Bewegungen sind beim Hin- und Hergehen im Boot und beim Hantieren nicht durch Ruder, Bänke, Körbe und Netze behindert werden.

Ich sehe, daß der Himmel sich verdunkelt und die Sonne sich hinter plötzlich aufgezogenen Gewitterwolken verbirgt, die vom Gebirge her kommen. Der Wind, der im Augenblick noch nur in der Höhe weht, treibt die Wolken rasch dem See zu. Der See ist noch ruhig, wird jedoch dunkler und beginnt, sich an der Oberfläche zu kräuseln. Es sind noch keine Wellen, aber schon kleine Wellenbewegungen.

Petrus und Andreas beobachten Himmel und See und treffen alle Vorkehrungen, um an Land zu gehen. Doch der Wind bricht nun mit Macht über den See, und in wenigen Minuten wallt und schäumt alles; die Brecher überschlagen sich gegenseitig, krachen gegen das Boot, heben es hoch und senken es, so daß es sich nach allen Seiten neigt und weder Ruder noch Segel mehr gebraucht werden können. Wegen des Sturmes wird das Segel eingezogen.

Jesus schläft. Weder die schweren Schritte noch die aufgeregten Stimmen der Jünger, noch das Heulen des Windes, noch die Schläge der Wellen gegen die Bootsplanken wecken ihn. Seine Haare flattern im Winde, und manchmal trifft ihn auch ein Wasserspritzer, doch er schläft. Johannes eilt vom Bug zum Heck und deckt ihn mit seinem Mantel zu, den er aus einem Holzverschlag hervorgezogen hat.

Der Sturm wird immer heftiger. Der See ist nun schwarz, als sei Tinte hineingeschüttet worden, und der Schaum der Wellen zieht Streifen darüber. Wasser ergießt sich ins Boot, das der Wind immer weiter vom Ufer abtreibt. Die Jünger schwitzen vor Anstrengung, das Boot in die richtige Fahrtrichtung zu lenken und das eingedrungene Wasser auszuschöpfen. Doch alles ist vergebens. Sie waten fast bis zu den Knien im Wasser, und das Boot wird immer schwerer.

Petrus verliert die Ruhe und die Geduld. Er übergibt seinem Bruder das Ruder, geht schwankend zu Jesus hin und schüttelt ihn heftig. Jesus erwacht und hebt das Haupt.

«Rette uns, Meister, wir gehen zugrunde!» schreit Petrus. (Er muß schreien, damit man ihn hört.)

Jesus schaut seinen Jünger fest an, dann blickt er auf die anderen und auf das Wasser. «Glaubst du, daß ich euch retten kann?»

«Schnell, Meister», schreit Petrus, während sich eine riesengroße Woge von der Mitte des Sees her rasch auf die armselige Barke zu bewegt. Es scheint eine Wasserhose zu sein, so hoch und schreckenerregend ist sie.

Als die Jünger diesen Wasserberg herankommen sehen, knien sie nieder

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und klammern sich fest, wo und wie sie nur können; sie sind überzeugt, daß dies das Ende ist.

Jesus erhebt sich und steigt auf den Holzverschlag: eine weiße Gestalt vor dem Hintergrund des Unwetters. Er breitet die Arme gegen die Sturzwelle aus und gebietet dem Wind: «Halt ein und schweige», und dem Wasser: «Beruhige dich. Ich will es!»

Die Sturzwelle fällt in sich zusammen, löst sich in Schaum auf und zerfließt ohne zu schaden, während der Wind mit einem letzten Pfeifen in einem Seufzer verstummt. Über dem beruhigten See wird der Himmel wieder heiter und in die Herzen der Jünger kehrt die Zuversicht zurück.

Die Majestät, die Jesus ausstrahlt, kann ich nicht beschreiben. Man muß sie gesehen haben, um sie begreifen zu können. Ich koste sie innerlich aus, denn sie ist mir immer noch gegenwärtig, und ich denke darüber nach, wie friedvoll doch der Schlaf Jesu und wie gewaltig seine Macht über Wind und Wellen war.

225. «HEIMSUCHUNGEN DIENEN DAZU, DASS IHR EUCH EURES EIGENEN NICHTS BEWUSST WERDET»

Jesus sagt dann:

«Ich erkläre dir das Evangelium nicht in dem Sinne, wie alle es auslegen. Ich erläutere dir die Vorgeschichte eines jeweiligen Abschnittes im Evangelium.

Warum schlief ich? Wußte ich vielleicht nicht, daß das Unwetter hereinbrechen würde? Doch, ich wußte es, Ich allein wußte es. Warum also schlief ich?

Die Apostel waren Menschen, Maria. Von gutem Willen beseelt, aber doch noch zu sehr Menschen. Der Mensch glaubt immer, alles zu können, und ist er einmal in etwas wirklich tüchtig, dann wird er selbstgefällig und brüstet sich mit seiner "Tüchtigkeit." Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes waren gute Fischer und glaubten sich unübertroffen im Umgang mit Booten. Ich war für sie ein großer Rabbi, aber als Seemann eine Null. Deshalb hielten sie mich für unfähig, ihnen zu helfen; und als wir ins Boot stiegen, um das Galiläische Meer zu überqueren, baten sie mich, sitzen zu bleiben, weil ich zu nichts anderem zu gebrauchen war. Ein weiterer Grund war aber auch ihre Zuneigung, denn sie wollten mir keine körperlichen Anstrengungen zumuten. Doch die Überzeugung von ihrer Tüchtigkeit übertraf sogar die Zuneigung.

Maria, ich dränge mich nur in außergewöhnlichen Fällen auf. Im allgemeinen lasse ich euch die Freiheit und warte. An jenem Tage setzte ich mich zum Schlafen hin, da ich müde war und sie mich aufgefordert hatten,

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mich auszuruhen und sie allein machen zu lassen, da sie ja so erfahren waren. In meinem Schlaf mischte sich auch die Feststellung, wie sehr der Mensch doch Mensch ist und eigenständig handeln will, ohne darauf zu achten, daß Gott nichts anderes möchte als helfen. Ich sah in diesen "geistig Tauben" ' in diesen "geistig Blinden", alle Tauben und Blinden im Geiste, die sich im Laufe der Jahrhunderte zugrunde richten werden, weil sie "selber tun wollen", während ich mich über ihre Erbärmlichkeit neige und nur darauf warte, zu Hilfe gerufen zu werden.

Als Petrus rief: "Rette uns!" fiel meine Bitterkeit von mir wie ein Stein, den man fallen läßt. Ich bin nicht "Mensch" ' ich bin der Gottmensch. Ich handle nicht, wie ihr handelt. Wenn jemand euren Rat und eure Hilfe ausgeschlagen hat und ihr diesen Menschen in Schwierigkeiten seht, selbst wenn ihr nicht so schlecht seid, Schadenfreude zu empfinden, so steht ihr doch mit stolzer Ablehnung und Gleichgültigkeit seinem Hilferuf gegenüber. Mit eurem Verhalten gebt ihr ihm zu verstehen: "Als ich dir helfen wollte, hast du mich abgelehnt. Nun hilf dir selbst." Aber ich bin Jesus. Ich bin der Retter, und ich rette, Maria, immer rette ich, sobald man mich ruft.

Die armen Menschen könnten einwenden: "Warum erlaubst du dann so vielen einzelnen und vereinten Stürmen, sich zu bilden?" Wenn ich mit meiner Macht das Böse – was es auch sein mag – zerstören würde, dann würdet ihr euch schließlich für die Urheber des Guten halten, das in Wirklichkeit mein Geschenk ist, und ihr würdet euch nicht mehr meiner erinnern. Überhaupt nicht mehr! Ihr armen Kinder habt das Leid nötig, um euch zu erinnern, daß ihr einen Vater habt, so wie der verlorene Sohn sich seines Vaters erinnerte, als er Hunger litt.

Heimsuchungen dienen dazu, euch von eurer Nichtigkeit, eurer Torheit als Ursache so vieler Irrtümer zu überzeugen, von eurer Bosheit als Ursache von so viel Leid und Schmerz, von euren Sünden als Ursache von Strafen, die ihr selber heraufbeschwört, und schließlich von meiner Existenz, meiner Macht und meiner Güte. Das ist es, was das heutige Evangelium euch sagen will, "euer" Evangelium für die gegenwärtige Stunde, ihr armen Kinder.

Ruft mich an. Jesus schläft nur, wenn er betrübt sehen muß, daß er von euch nicht geliebt wird. Ruft mich, und ich werde kommen.»

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226. DIE BESESSENEN GERASENER

Jesus bittet Petrus, bei Hippo anzulegen, nachdem sie den See, von Nordwesten kommend, überquert haben. Petrus gehorcht ohne Widerrede und lenkt das Boot bis zur Mündung eines kleinen Baches, den der Frühjahrsregen und das kürzliche Gewitter haben anschwellen lassen und der in einer felsigen Bucht in den See mündet. Übrigens ist die ganze Küste auf dieser Seite felsig. Die Schiffsjungen befestigen die Boote – in jedem Boot ist ein Junge – und erhalten Anweisung, für die Rückkehr nach Kapharnaum bis zum Abend zu warten.

«Wenn euch jemand fragt, so seid ihr hier zum Fischen», rät Petrus. «Wenn sich jemand erkundigt, wo der Meister ist, dann antwortet bestimmt: "Ich weiß es nicht," und wenn jemand wissen will, in welche Richtung er gegangen ist, dann gebt dieselbe Antwort. Es entspricht ja auch der Wahrheit, denn ihr wißt es nicht.»

Sie trennen sich, und Jesus schlägt einen steilen Bergpfad ein, der am Felsenriff emporsteigt. Die Jünger folgen ihm auf diesem beschwerlichen Wege bis zum höchsten Punkt der Klippe, wo diese in eine Hochebene mit vielen Eichen ausläuft, unter denen zahlreiche Schweine weiden.

«Stinktiere!» ruft Bartholomäus aus. «Sie hindern uns am Weitergehen...»

«Nein, sie hindern uns nicht. Es hat Platz für alle», antwortet Jesus ruhig.

Im übrigen bemühen sich die Schweinehirten, als sie die Israeliten sehen, die Tiere unter die Eichen zusammenzutreiben, so daß der Pfad frei wird. Die Apostel gehen, Grimassen schneidend und dem Kot der Tiere ausweichend, an den wühlenden Schweinen vorbei, die schon fett sind und noch fetter werden wollen.

Jesus ist, ohne große Anstalten zu machen, weitergegangen und sagt den Schweinehirten: «Gott vergelte euch eure Freundlichkeit.»

Die Hüter, arme Leute, nicht viel weniger schmutzig als die Schweine, dafür aber unendlich magerer, sehen ihn erstaunt an und tuscheln dann miteinander. Einer sagt: «Aber ist er nicht ein Israelit ?» Worauf die anderen antworten: «Siehst du nicht, daß er Fransen am Gewand hat?»

Die Apostel vereinigen sich wieder zu einer Gruppe, da sie nun zusammen auf einem breiteren Weg gehen können.

Der Ausblick ist wunderschön. Da sie sich hoch über dem See befinden, können sie den ganzen Wasserspiegel mit den an den Ufern liegenden Ortschaften überblicken. Tiberias mit seinen schönen Bauten liegt genau gegenüber der Stelle, an der sich die Apostel befinden. Gleich unter ihnen, am Fuße des Basaltriffs, gleicht der schmale Strand einem grünen Kissen, während sich am anderen Ufer, zwischen Tiberias und der Mündung des Jordan, eine ziemlich weite, moorige Ebene erstreckt. Sie ist

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sehr dicht bewachsen mit Kräutern und Büschen, wie man sie an Sümpfen finden kann, und belebt von Scharen von in allen Farben glitzernden, wie mit Edelsteinen geschmückten Wasservögeln, was dem Ort das Aussehen eines Gartens verleiht. Die Vögel erheben sich aus dem dichten Gras und Schilf, fliegen über den See, stürzen in die Tiefe, um im Wasser einen Fisch zu schnappen, dann schwingen sie sich wieder empor, mit von der Nässe noch farbenprächtigerem Gefieder, und kehren zur blühenden Ebene zurück, auf der der Wind die Farben scherzhaft durcheinanderweht... Hier hingegen sind Wälder mit sehr hohen Eichen, und weichem, smaragdgrünem Gras darunter. Jenseits dieses Waldes steigt der Berg wieder an und bildet einen felsigen, steil abfallenden Gipfel, auf dessen Vorsprüngen man Häuser erbaut hat. Mir scheint, daß der Berg mit dem Mauerwerk ein Ganzes bildet, und seine Höhlen als Wohnstätten dienen, so daß der Ort ein Mittelding zwischen einer Siedlung von Höhlenbewohnern und einem gewöhnlichen Dorf darstellt.

Charakteristisch ist der terrassenförmige Anstieg, bei dem die Hausdächer der unteren Terrassen das Niveau des ebenerdigen Eingangs zu den darüberliegenden Häusern bilden. Seitlich, wo der Berg zu steil ist für irgendwelche Bauten, befinden sich tiefe Höhlen und Spalten und in den Felsen gehauene Treppen. Bei starken Regenfällen müssen diese Spalten und Treppen zu reißenden Bächen werden. Gestein jeglicher Art, das die niederstürzenden Fluten zu Tal gerissen haben, bildet den ungeordneten Unterbau dieses zerklüfteten, wilden, kleinen Berges, der bucklig und aufdringlich wie ein Krautjunker um jeden Preis beachtet werden will.

«Ist das dort nicht Gamala ?» fragt der Zelote.

«Ja, es ist Gamala. Kennst du es?» fragt Jesus.

«Ich flüchtete einmal hierher in einer Nacht, die nun schon lange zurückliegt. Hier brach der Aussatz aus, und ich verließ den Ort der Absonderung nicht mehr.»

«Bis hierher wurdest du verfolgt ?» fragt Petrus.

«Ich kam von Syrien, wohin ich schutzsuchend geflohen war. Doch man entdeckte mich dort, und nur die Flucht in diese Gegend bewahrte mich vor der Festnahme. Danach drang ich immer weiter in den Süden vor, bis zur Wüste von Tekua, und von dort – aussätzig – bis zum Tal der Toten. Der Aussatz rettete mich vor den Feinden...»

«In diesem Tal waren wohl alle Heiden?» fragt Judas Iskariot.

«Fast alle. Es gibt wenige Juden, die Handel treiben, und sonst ein Gemisch von religiösen Bekenntnissen und Ungläubigen. Sie waren jedoch mit mir, dem Flüchtling, nicht ungut.»

«Ein Platz für Banditen! Mit all diesen Schluchten!» rufen mehrere gleichzeitig aus.

«Ja, aber glaubt mir, Banditen gibt es mehr auf der anderen Seite»,

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sagt Johannes, der immer noch beeindruckt ist von der Gefangennahme des Täufers.

«Andererseits gibt es auch Räuber unter denen, die als Gerechte gelten», fügt sein Bruder hinzu.

Jesus ergreift das Wort: «Trotzdem werden wir ohne Abscheu an sie herantreten, auch wenn ihr eure Gesichter verzogen habt, als ihr an den Tieren vorbeigehen mußtet.»

«Sie sind unrein...»

«Der Sünder ist es weit mehr. Diese Tiere sind so erschaffen worden; und es ist nicht ihre Schuld, daß sie sind, wie sie sind. Der Mensch hingegen ist dafür verantwortlich, wenn er durch die Sünde unrein ist.»

«Aber warum hat man sie uns dann als unrein bezeichnet?» fragt Philippus.

«Ich habe es schon einmal angedeutet. Diese Anordnung hat einen übernatürlichen und einen natürlichen Grund. Der erste ist dieser: das auserwählte Volk zu lehren, sich seine Auserwählung und seine menschliche Würde vor Augen zu halten, sogar bei einer so gewöhnlichen Beschäftigung wie dem Essen. Der Wilde ernährt sich von allem, wenn er nur seinen Bauch füllen kann. Auch der heidnische Mensch, selbst wenn er kein Wilder ist, ißt alles und überlegt nicht, daß allzuvieles Essen im Menschen erniedrigende Laster und Neigungen entfacht. Die Heiden ergeben sich sogar der Völlerei und machen daraus beinahe eine Religion. Die Gebildeteren unter euch haben von jenen obszönen Festen zu Ehren ihrer Götter gehört, die zu Orgien der Sinnenlust ausarten. Ein Kind des Volkes Gottes muß sich zu enthalten wissen, und sich im Gehorsam und in der Weisheit vervollkommnen, indem es seinen Ursprung und sein Ziel vor Augen behält, nämlich Gott und den Himmel.

Der natürliche Grund läßt uns die Speisen meiden, die im Menschen entwürdigende Leidenschaften entfachen. Die Liebe, auch die fleischliche, ist ihm nicht verwehrt, doch muß sie stets mit der Frische der zum Himmel strebenden Seele gemäßigt werden. Liebe soll also nicht Sinnenlust, sondern ein Gefühl von Zuneigung sein, die den Mann an seine Gefährtin bindet, in der er den Menschen seinesgleichen sieht und nicht das Weib. Die armen Tiere aber haben keine Schuld, weder daran, daß sie Schweine sind, noch daran, daß ihr Fleisch auf die Dauer gewisse Auswirkungen im Blut hervorrufen kann. Und noch weniger schuldig sind die Hüter dieser Tiere. Wenn sie ehrlich sind, was ist dann im anderen Leben für ein Unterschied zwischen ihnen und einem Schriftgelehrten, der sich über Bücher neigt und aus ihnen leider das Gutsein nicht lernt? In Wahrheit sage ich euch, wir werden einst Schweinehirten unter den Gerechten und Schriftgelehrte unter den Ungerechten finden. Aber was ist das für ein Getöse?»

Sie drücken sich alle an die Felswand, denn Steine und Erdschollen kommen von oben angerollt. Erstaunt schauen sie sich an.

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«Schaut! Schaut! Schaut dort! Zwei... ganz Nackte... kommen gestikulierend auf uns zu. Verrückte...»

«Oder Besessene», entgegnet Jesus Judas Iskariot, der als erster die beiden Besessenen auf Jesus zukommen sah.

Sie leben wohl in einer Höhle des Berges. Sie schreien, und der eine, der rascher läuft, eilt auf Jesus zu. Er gleicht einem eigenartigen Vogel, dem die Federn ausgerupft worden sind, wie er so schnell daherkommt und seine Arme bewegt, als wären es Flügel. Er wirft sich schreiend vor Jesus nieder: «Bist du da, Herr der Welt? Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, Sohn des Allerhöchsten? Ist denn die Stunde unserer Strafe schon gekommen? Warum bist du gekommen, uns vor der Zeit zu quälen?» Der andere Besessene, sei es, daß ihm die Zunge gebunden ist, sei es, daß der Dämon in ihm eine gewisse Stumpfsinnigkeit bewirkt, wirft sich nieder und weint leise, den Kopf zur Erde geneigt. Dann setzt er sich, spielt träge mit Steinen und seinen nackten Füßen. Der Dämon fährt fort, durch den Mund des ersten zu sprechen, der sich in einem Anfall von Angst mit schrecklichen Verrenkungen am Boden wälzt. Man hat den Eindruck, daß er seiner Wut freien Lauf lassen möchte, sich aber von der Macht Jesu gleichzeitig angezogen und abgestoßen fühlt, jedoch nichts anderes tun kann als anbeten. Er brüllt: «Ich beschwöre dich im Namen Gottes, höre auf, mich zu quälen. Laß mich gehen!»

«Ja, aber erst, wenn du diese Menschen verlassen hast. Unreiner Geist, fahre aus ihnen aus und bekenne deinen Namen!»

«Legion ist mein Name, weil wir viele sind. Diese beiden sind seit Jahren in unserer Gewalt, und durch sie sprengen wir Ketten und Fesseln, und keine menschliche Kraft kann sie bändigen. Schrecken aller sind sie durch uns, und wir bedienen uns ihrer, um dich zu lästern. An ihnen rächen wir uns für den Fluch, den du über uns gesprochen hast. Wir erniedrigen den Menschen unter das wilde Tier, um dich zu verhöhnen, und es gibt keinen Wolf, Schakal oder Geier, keinen Vampir und keine Hyäne, die denen gleichkämen, die wir beherrschen. Verjage uns nicht, die Hölle ist zu schrecklich! ...»

«Fahret aus! Im Namen Jesu, fahret aus!» Die Stimme Jesu gleicht dem Grollen des Donners, und seine Augen funkeln.

«Laß uns wenigstens in die Schweineherde fahren, der du begegnet bist!»

«Geht!»

Mit einem bestialischen Geschrei verlassen die Dämonen die beiden Unglücklichen, und, inmitten eines plötzlich aufkommenden Wirbelsturmes, der die Eichen schüttelt als wären sie Grashalme, stürzen sie sich auf die zahlreichen Schweine, die in ein wahrlich dämonisches Gegrunze ausbrechen und wie besessen zwischen den Eichen herumzurasen beginnen. Sie stoßen sich gegenseitig, verwunden und beißen sich, gelangen

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schließlich an den Rand des Abgrunds und stürzen sich ins Wasser des unten liegenden Sees, der ihnen als einziger Zufluchtsort übrigbleibt. Während die Schweinehirten bestürzt und verzweifelt schreien in ihrem Schrecken, plumpsen Hunderte von Schweinen in das stille Gewässer und bringen es zum Aufwallen und Schäumen. Die Tiere gehen erst unter, dann kommen ihre dicken Wänze oder spitzen Köpfe mit den entsetzten Augen wieder an die Oberfläche, und schließlich ertrinken sie.

Die Hirten eilen schreiend in die Stadt. Die Apostel, die zum Schauplatz des Unglücks gegangen waren, kehren zurück und sagen: «Kein einziges Tier hat sich retten können. Du hast den Hirten einen schlechten Dienst erwiesen.»

Jesus antwortet ruhig: «Es ist besser, daß zweitausend Schweine zugrundegehen, als ein einziger Mensch. Gebt diesen hier Kleider. So können sie nicht bleiben.»

Der Zelote öffnet eine Tasche und gibt eines seiner Gewänder. Thomas gibt das andere. Beide sind noch ganz benommen, als wären sie aus einem schweren Schlaf voller Alpträume erwacht.

«Gebt ihnen zu essen, damit sie wieder wie Menschen zu leben beginnen.»

Während die beiden Brot und Oliven essen, die man ihnen gegeben hat, und aus der Flasche des Petrus trinken, beobachtet sie Jesus.

Schließlich fangen sie an zu sprechen: «Wer bist du denn?» fragt der eine.

«Jesus von Nazareth.»

«Wir kennen dich nicht», sagt der andere.

«Eure Seele hat mich erkannt. Steht nun auf und geht nach Hause.»

«Ich glaube, wir haben viel gelitten, aber ich kann mich nicht gut erinnern. Wer ist dieser?» fragt der, durch den die Dämonen gesprochen haben, und zeigt dabei auf seinen Kameraden.

«Ich weiß es nicht. Er war mit dir.»

«Wer bist du, warum bist du hier?» fragt er den Gefährten.

Dieser, der wie stumm war und auch jetzt noch der trägere ist, sagt: «Ich bin Demetrius. Ist hier Sidon ?»

«Sidon liegt am Meer, Mann. Du bist hier am See von Galiläa.»

«Warum bin ich denn hier?»

Keiner kann darauf eine Antwort geben. Menschen kommen herbei, gefolgt von den Hirten. Sie scheinen verängstigt und neugierig. Als sie nun die beiden angekleidet und ruhig dastehen sehen, wächst ihr Erstaunen.

«Dieser ist Markus des Josias ! ... Der andere ist der Sohn des heidnischen Händlers! ...»

«Und das hier ist der, der sie geheilt hat und durch den die Tiere, von den Dämonen besessen, in den Tod gerast sind», sagen die Schweinehirten.

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«Herr, du bist mächtig, wir erkennen es an. Doch zu viel Schaden hast du uns zugefügt. Einen Schaden von vielen Talenten. Geh fort, wir bitten dich, damit deine Macht nicht noch den Berg in den See stürze. Geh fort! ...»

«Ich gehe, ich dränge mich niemandem auf.» Jesus geht, ohne weitere Worte zu verlieren, auf dem Weg zurück, auf dem er gekommen ist. Die Apostel und der zuvor Besessene, der gesprochen hatte, folgen ihm. In einiger Entfernung folgen auch viele der Bewohner des Ortes, um zu sehen, ob Jesus wirklich fortgeht.

Sie steigen den steilen Pfad hinab und gelangen zur Mündung des kleinen Flusses, wo ihre Boote liegen. Die Leute bleiben am Abhang stehen und beobachten ihn. Der Befreite geht Jesus nach.

Die Bootsjungen, die bei den Barken zurückgeblieben waren, sind entsetzt. Sie haben gesehen, wie die Schweine in den See stürzten, und betrachten immer noch die Kadaver, die mit den aufgeblähten Bäuchen immer zahlreicher an die Wasseroberfläche kommen und deren Füße wie vier in eine fette Blase eingerammte Stecken in die Höhe ragen.

«Was ist geschehen?», wollen sie wissen.

«Wir werden es euch sagen. Nun macht schnell die Boote los, wir wollen gehen... Wohin, Herr?» fragt Petrus.

«Zur Bucht von Tarichäa.»

Der Mann, der ihnen gefolgt ist, bettelt, als er sie die Boote besteigen sieht: «Nimm mich mit, Herr!»

«Nein, geh nach Hause. Die Deinen haben ein Recht auf dich. Erzähle ihnen, was der Herr Großes an dir getan hat und wie er sich deiner erbarmt hat. Die Menschen dieser Gegend müssen zu Gott finden. Entzünde in ihnen die Flamme des Glaubens aus Dankbarkeit gegen den Herrn. Geh, leb wohl!»

«Stärke mich wenigstens mit deinem Segen, damit der Dämon mich nicht wieder befällt.»

«Fürchte dich nicht! Wenn du nicht willst, kehrt er nicht mehr zurück. Aber ich segne dich. Geh in Frieden!»

Die Boote stoßen vom Ufer ab und nehmen die Fahrt in Richtung Westen auf. Erst jetzt, während die Boote das Wasser zwischen den Schweinekadavern durchfurchen, ziehen sich auch die Bewohner der Stadt, die den Herrn nicht bei sich haben wollten, vom Abhang zurück und gehen ihres Weges.

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227. VON TARICHÄA ZUM TABOR; DIE ZWEITE OSTERREISE BEGINNT

Jesus verabschiedet sich von den Schiffsjungen und sagt: «Ich werde nicht zurückkommen.» Dann schlägt er, von den Seinen gefolgt, einen Weg durch die Gegend ein, die vom gegenüberliegenden Ufer aus so üppig bewachsen zu sein schien und zu einem Berge führt, der sich gegen Südwesten erhebt.

Die Apostel sind wenig begeistert von dem Weg durch diese schöne, aber wilde Gegend voller Sumpfbinsen, die sich an die Füße heften; dem Schilfrohr, das einen leichten Tauregen auf die Häupter rieseln läßt, der von den spitzen Blättern zurückgehalten worden war; den Schilfkolben, die hart und ausgetrocknet ins Gesicht schlagen; den feinen Weidenruten, die von allen Seiten herabhängen und ein Kitzeln verursachen; den trügerischen Stellen, die mit ihrem schönen, grünen Gras festen Boden vortäuschen, jedoch Wasserpfützen verbergen, in denen der Fuß einsinkt; die Pflanzen sind hoch und verdecken den Grund, auf dem sie gedeihen. So gehen sie schweigend dahin und wechseln statt der Worte nur vielsagende Blicke.

Jesus aber scheint Freude zu haben an der grünen Landschaft mit ihren tausend Farben, an den kriechenden, aufrechtstehenden und emporrankenden Pflanzen und Blumen, die zarte Girlanden mit malvenfarbigen Tupfen bilden; an dem blauen Teppich der Vergißmeinnichtblüten; an den weißen, rosa oder blauen Blüten, die zwischen den breiten Blättern der Seerosen ihre vollendeten Kelche öffnen. Jesus bewundert die Fächer des Schilfes, die so seidig und wie mit Perlen bedeckt schillern, und er beugt sich selig, um die Wiesenfuchsschwänze zu bewundern, die einen smaragdgrünen Schleier über das Wasser breiten. Jesus verweilt verzückt vor den Nestern, an denen die Vögel bauen, fröhlich zwitschernd und behende hin- und herfliegend, um Gräser, Werg vom Schilfrohr und Wollflocken, die die Hecken den an ihnen dicht vorbeiziehenden Schafen ausgezupft haben, herbeizuschaffen. Jesus scheint der glücklichste Mensch auf Erden zu sein. Wo ist die Welt mit ihrer Bosheit, ihrer Falschheit, ihrem Kummer und ihren Gemeinheiten? Die Welt ist jenseits der grünen blühenden Oase, wo alles duftet, schimmert, lacht und singt. Hier ist die vom Vater erschaffene, vom Menschen noch nicht entweihte Erde, und hier kann man den Menschen vergessen.

Jesus möchte seine selige Freude den anderen mitteilen, doch er findet keinen geeigneten Boden dafür. Die Herzen sind müde und verbittert über all das viele Übelwollen, und sie lassen ihren Unmut an allem aus, auch am Meister, durch eine stumme Verschlossenheit, die der Schwüle vor einem Gewitter gleicht. Nur der Vetter Jakobus, der Zelote und Johannes zeigen Interesse für das, was Jesus beglückt. Die anderen jedoch

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sind abwesend, wenn nicht gar ablehnend. Sie schweigen, vielleicht um nicht zu murren. Aber innerlich reden sie, wahrscheinlich zu viel.

Ein lebhafter Ausruf der Bewunderung vor dem lebendigen Schmuckstück eines daherfliegenden Vogels, der dem brütenden Weibchen ein kleines, silbernes Fischlein in den Schnabel steckt, wobei sich viele kleine Schnäbel öffnen.

Jesus sagt: «Kann es etwas Anmutigeres geben?»

Petrus antwortet: «Etwas Anmutigeres vielleicht nicht... aber ich kann dir nur sagen, daß das Fischerboot angenehmer ist. Hier ist man zwar auch im Nassen, doch umso ungemütlicher...»

«Ich würde die Karawanenstraße diesem... Garten, wenn du das hier so nennen willst, vorziehen und stimme Simon voll zu», sagt Judas Iskariot.

«Ihr habt die Karawanenstraße ja nicht nehmen wollen», antwortet Jesus.

«Ach ja, das ist wahr... Aber ich hätte den Gerasenern nicht einfach so nachgegeben. Ich wäre drüben weitergegangen und hätte drüben den Weg nach Gadara, Pella und weiter aufwärts eingeschlagen», brummt Bartholomäus.

Sein guter Freund Philippus beschließt: «Die Straßen sind für alle da, daher hätten auch wir sie begehen können.»

«Freunde, Freunde! Ich bin sehr betrübt, ich bin es leid... Vermehrt nicht noch meinen Schmerz durch eure Engherzigkeit. Laßt mich doch ein wenig Erholung in den Dingen suchen, die keinen Haß kennen...»

Die so liebevolle Rüge Jesu in seiner Traurigkeit berührt die Apostel.

«Du hast recht, Meister! Wir sind deiner nicht würdig! Verzeih unsere Torheit. Du siehst das Schöne, weil du heilig bist und mit den Augen des Herzens schaust. Wir Allzumenschlichen spüren nur das Menschliche... Doch achte nicht darauf. Glaube mir, selbst wenn wir in einem Paradiese wären, ohne dich wären wir traurig. Aber mit dir... ist alles schön für das Herz. Nur die Glieder wollen nicht», murmeln einige.

«Bald werden wir hier herauskommen und ein angenehmeres Gelände finden, wenn es auch nicht so frisch sein wird», verspricht Jesus.

«Wohin gehen wir denn eigentlich genau?» fragt Petrus.

«Wir wollen jenen, die leiden, Ostern bringen. Ich wollte dies schon lange tun, aber es war mir nicht möglich. Ich hätte es bei unserer Rückkehr nach Galiläa getan. Nun, da wir gezwungen sind, andere als die von uns geplanten Wege zu gehen, werde ich die armen Freunde des Jonas aufsuchen und sie segnen.»

«Aber so werden wir Zeit verlieren. Ostern ist nahe. Immer wieder gibt es Verzögerungen aus verschiedenen Gründen.» Ein weiterer Chor von Klagen steigt zum Himmel. Ich verstehe nicht, wie Jesus so viel Geduld aufbringen kann...

Er sagt, ohne jemanden zu rügen: «Ich bitte euch, hindert mich nicht

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daran. Habt Verständnis für mein Bedürfnis zu lieben und geliebt zu werden. Ich habe auf dieser Erde nur einen Trost: die Liebe und die Erfüllung des Willens Gottes.»

«Bleiben wir auf diesen Wegen? Wäre es nicht schöner, über Nazareth zu gehen?»

«Hätte ich euch diesen Vorschlag gemacht, ihr hättet euch dagegen gewehrt. Niemand vermutet mich in dieser Gegend... und ich tue es ja nur euretwegen... da ihr Angst habt.»

«Angst? Aber nein! Wir sind bereit, für dich zu kämpfen.»

«Bittet den Herrn, daß er euch nicht auf die Probe stellt. Ich kenne euch als selbstsüchtig, nachtragend, gewillt, jeden zu beleidigen, der mich beleidigt, und den Nächsten zu kränken. All das weiß ich; daß ihr aber mutig seid, weiß ich nicht. Ich, für mich, wäre auch allein auf dem gewohnten Weg gegangen und es wäre mir nichts zugestoßen, denn die Stunde ist noch nicht gekommen. Aber ich habe Mitleid mit euch und will der Bitte meiner Mutter nachkommen und, ja, auch das: Ich will den Pharisäer Simon nicht verärgern. Ich werde sie nicht ärgern, aber sie werden mir zum Ärgernis werden.»

«Wohin kommen wir auf diesem Weg? Ich kenne mich in dieser Gegend nicht aus», sagt Thomas.

«Wir werden zum Tabor kommen, eine Weile seinem Fuße entlanggehen und dann an Endor vorüber nach Naim gelangen; und von dort begeben wir uns in die Ebene von Esdrelon. Fürchtet euch nicht... Doras, der Sohn des Doras, und Jochanan sind bereits in Jerusalem.»

«Oh, das wird schön sein! Man sagt, daß man auf dem Gipfel, an einer bestimmten Stelle, das Große Meer, das Meer von Rom, sehen kann. Ich würde mich sehr darüber freuen! Führst du uns dahin, wo man es sieht ?»Johannes bittet und blickt mit seinem guten Jungengesicht Jesus an.

«Warum möchtest du es so gerne sehen?» fragt Jesus und liebkost ihn.

«Ich weiß es nicht... Vielleicht weil es so groß ist und man kein Ende sieht. Es läßt mich an Gott denken. Als wir im Libanon waren, habe ich das Meer zum ersten Mal gesehen; denn vorher war ich nur am Jordan und auf unserem kleinen Galiläischen Meer... und ich habe voll Ergriffenheit geweint! So weit man sieht alles blau, alles Meer! Und es fließt nie über! Das ist doch etwas wundervolles! Und die Gestirne, die Lichtbahnen auf das Meer malen... Oh, lacht mich doch nicht aus! Ich betrachtete den goldenen Streifen der Sonne im Meer, bis ich geblendet wurde, den silbernen des Mondes, bis mir nur noch ein reines Licht in den Augen blieb, und ich sah, wie sich diese Bahnen in unendlichen Fernen verloren. Sie sprachen zu mir und sagten: "Gott ist in jener unendlichen Ferne und das sind die Wege zu ihm, die Wege glühender Liebe und Reinheit, denen die Seele folgen muß, um zu Gott zu gelangen. Komm! Tauche ein ins Unendliche, und diesen beiden Wegen folgend wirst du die Unendlichkeit finden."»

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«Du bist ein Dichter, Johannes», sagt Judas Thaddäus bewundernd. «Ich weiß nicht, ob das Dichtung ist. Ich weiß nur, daß es mir das Herz entflammt!»

«Aber das Meer hast du auch in Caesarea und in Ptolemais gesehen, und ganz aus der Nähe. Wir waren am Ufer. Ich sehe nicht ein, weshalb wir einen solch weiten Weg zurücklegen sollen, um wieder Meerwasser zu sehen. Im Grunde genommen... sind wir ja am Wasser geboren», bemerkt Jakobus des Zebedäus.

«Leider sind wir auch jetzt im Wasser!» ruft Petrus aus, der einen Augenblick nicht auf den Weg geachtet hat, da er Johannes zuhörte, und in einem Tümpel gelandet und ganz naß geworden ist... Alle lachen, Petrus selbst am meisten.

Doch Johannes antwortet: «Das ist wahr. Aber von der Höhe ist es viel schöner. Man kann mehr und viel weiter sehen. Man hat erhabenere und umfassendere Gedanken... Man wünscht... Man träumt...», und wirklich, Johannes träumt schon. Er schaut vor sich hin und lächelt in seinem Traum... Er gleicht einer vom Tau benetzten Rose, denn die glatte, helle Haut des blonden Jünglings überzieht sich mit samtiger Rosigkeit, und der leichte Schweiß läßt sie einer Rose noch ähnlicher werden.

«Was wünschest du dir ? Von was träumst du ?» fragt Jesus seinen Lieblingsjünger und gleicht dabei einem Vater, der sein liebes Söhnchen, das in einem süßen Traum spricht, zärtlich befragt. Er redet ganz behutsam zur Seele des Johannes, um ihn nicht aus dem Traum zu reißen...

«Ich möchte auf jenem unendlichen Meer... in andere Länder ziehen, jenseits davon... Ich möchte hingehen, um von dir zu sprechen... Ich träume... träume von einer Reise nach Rom, nach Griechenland, an Orte, die in der Dunkelheit sind, um ihnen das Licht zu bringen,... damit die in der Finsternis Lebenden zu dir finden und in Vereinigung mit dir, dem Licht der Welt, leben. Ich träume von einer besseren Welt... besser durch die Kenntnis von dir, die ich ihr bringe, und durch die Liebe, die sie Güte, Reinheit und Heldentum erlangen läßt; einer Welt, in der man sich in deinem Namen liebt, die über dem Haß, der Sünde, dem Fleische, dem Laster des Geizes und dem Gold steht; die deinen Namen und den Glauben an dich und deine Lehre über alles erhebt... Ich träume davon, daß ich mit diesen meinen Brüdern auf dem Meer Gottes dahinziehe, in den Bahnen des Lichtes, um dich den Menschen zu bringen... wie einst deine Mutter dich uns vom Himmel gebracht hat... Ich träume... ich träume, das Kind zu sein, das auch in allen Mühsalen freudvoll bleibt, weil es nichts anderes kennt als die Liebe.... das singt, um die Erwachsenen zu trösten, die zu viel grübeln; und das mit einem Lächeln vorwärtsschreitet, dem Tod, der Herrlichkeit entgegen, mit der Demut, die nicht weiß, was sie tut, die nur weiß, daß sie zu dir, der Liebe, geht ...»

Die Apostel haben nicht zu atmen gewagt während dieses Bekenntnisses

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voll innerer Glut... Sie sind stehengeblieben und haben den Jüngsten betrachtet, dessen gesenkte Augenlider, einem verhüllenden Schleier gleich, seine aufflammenden Gefühle verbergen sollten. Sie betrachten Jesus, der in seiner Freude, sich in seinem Jünger so völlig wiederzufinden, wie verklärt scheint...

Als Johannes schweigt, etwas gebeugt stehenbleibt und an die Anmut der demütigen Jungfrau Maria bei der Verkündigung in Nazareth erinnert, küßt ihn Jesus auf die Stirn und sagt: «Wir werden gehen, das Meer zu sehen, um dich noch einmal von der Ankunft meines Reiches in der Welt träumen zu lassen.»

«Herr... du hast gesagt, daß wir nachher nach Endor gehen. Stelle nun auch mich zufrieden ... ... damit ich das Bittere vergesse, das mir der Knabe mit seinem Urteil angetan hat...» sagt Judas Iskariot.

«Oh, denkst du immer noch daran?» fragt Jesus.

«Immer. Ich fühle mich in deinen Augen und in den Augen der Gefährten herabgesetzt. Ich stelle mir eure Gedanken vor...»

«Was zermarterst du dir für ein Nichts das Gehirn! Ich dachte nicht mehr an diese Kleinigkeit, und die anderen sicher auch nicht. Du erinnerst uns daran... Du bist wie ein Knabe, der nur an Zärtlichkeiten gewöhnt ist, und das Gerede eines Kindes kam dir wie das Urteil eines Richters vor. Aber nicht dieses Urteil mußt du fürchten, sondern deine Taten und das Urteil Gottes. Doch damit du dich davon überzeugst, daß du mir noch genauso lieb bist wie zuvor und wie immer, sage ich dir, daß ich dich zufriedenstellen werde. Was willst du in Endor sehen? Es ist ein armseliger Ort inmitten von Felsen ...»

«Führe mich hin ... und ich werde es dir sagen.»

«Also gut. Aber sieh zu, daß es dir nachher nicht leid tut...»

«Wenn es diesem hier nicht schadet, das Meer zu sehen, so kann es mir nicht schaden, Endor zu sehen.»

«Zu sehen... Nein! Aber der Wunsch nach dem, was man bei dieser Besichtigung zu sehen verlangt, kann schädlich sein. Doch wir werden hingehen...»

Sie gehen wieder weiter auf dem Weg zum Tabor, der in seiner ganzen Größe immer näher rückt, während der Boden die typischen Merkmale des Moors verliert. Das Erdreich wird fester und die Vegetation karger. Höhere Pflanzen und Waldrebenbüsche grüßen schon mit neuen Trieben und frühen Blüten.

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228. IN ENDOR; IN DER GROTTE DER WAHRSAGERIN; BEKEHRUNG VON FELIX, DER HIERAUF JOHANNES GENANNT WIRD

Sie haben den Tabor bestiegen und ihn schon hinter sich gelassen. Die Gruppe geht nun durch ein Tal zwischen diesem Berg und einem anderen. Das Gespräch dreht sich um die Besteigung des Berges, an der alle teilgenommen haben, obwohl sich die älteren dies anfänglich gerne erspart hätten, wie es scheint. Doch nun sind alle glücklich, den Gipfel erstiegen zu haben. Der Weg ist jetzt leicht begehbar, denn man befindet sich auf einer angenehmen Hauptstraße. Die Tageszeit ist kühl, und ich habe den Eindruck, daß sie an den Hängen des Tabor übernachtet haben.

«Das dort ist Endor», sagt Jesus und deutet auf ein armseliges Dorf, das an den ersten Hängen der nächsten Berggruppe klebt.

«Willst du wirklich hingehen?»

«Wenn du mich zufriedenstellen willst...» antwortet Judas Iskariot.

«Dann wollen wir gehen.»

«Aber wird es weit zu gehen sein?» fragt Bartholomäus, der in Anbetracht seines Alters nicht sehr willens ist, panoramische Wanderungen zu unternehmen.

«O nein. Aber wenn ihr bleiben wollt...», sagt Jesus.

«Ja, ja, bleibt nur hier. Es genügt mir, wenn der Meister mitkommt», beeilt sich Judas Iskariot zu sagen.

«Ich möchte nur wissen, was es Schönes zu sehen gibt, bevor ich mich entscheide... Von der Höhe des Tabor haben wir das Meer gesehen, und ich muß gestehen, daß ich es nach dem, was der Knabe gesagt hat, zum ersten Mal richtig gesehen habe; so wie du die Dinge betrachtest: mit dem Herzen. Hier... möchte ich wissen, ob es etwas zu lernen gibt; wenn ja, dann werde ich mitkommen, auch wenn es für mich beschwerlich ist...»sagt Petrus.

«Hörst du sie? Du hast dich über deine Absichten noch nicht geäußert. Aus Freundlichkeit deinen Kameraden gegenüber, sag um was es geht», bittet Jesus.

«Wollte denn Saul nicht nach Endor gehen, um eine Wahrsagerin zu befragen?»

«Doch, und nun?»

«Meister, ich möchte gerne zu diesem Ort gehen und dich über Saul sprechen hören.»

«Oh, dann komme ich auch mit», ruft Petrus begeistert aus.

«Dann laßt uns gehen.»

Sie legen rasch noch das letzte Stück auf der Hauptstraße zurück und begeben sich dann auf eine Nebenstraße, die geradeaus nach Endor führt.

Es ist ein armseliger Ort, wie Jesus gesagt hatte. Die Häuser kleben an

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den Hängen, die außerhalb des Ortes noch steiler werden. Arme Leute wohnen hier. Die Bewohner sind wohl größtenteils Hirten, die die Tiere an den Hängen des Berges in den jahrhundertealten Eichenwäldern weiden. Einige Erdflecken, auf denen Gerste oder ähnliches Getreide wächst, Apfel- und Feigenbäume, hier und da ein Weinstock zum Schmuck des dunklen Gemäuers, das auf eine feuchte Gegend schließen läßt. Das ist alles.

«Nun fragen wir, wo die Wahrsagerin gehaust hat», sagt Jesus. Er hält eine Frau an, die mit ihren Wasserkrügen von Brunnen zurückkehrt.

Sie blickt ihn neugierig an und antwortet unhöflich: «Ich weiß es nicht. Ich habe wichtigere Dinge zu tun, als solchem Geschwätz nachzugehen!» und läßt ihn stehen.

Jesus wendet sich alsdann an einen Greis, der an einem Holzstück schnitzt. «Die Wahrsagerin? Saul ? ... Wer kümmert sich noch darum? Doch warte... es ist einer hier, der studiert hat; er könnte es wissen... Komm.»

Der Greis klettert einen steinigen Weg hinauf, der vor einem ärmlichen, verwahrlosten Hause endet. «Bleibt hier, ich gehe hinein und rufe ihn.»

Petrus, der auf die Hühner deutet, die in einem schmutzigen Hof herumscharren, sagt: «Dieser Mann ist kein Israelit.»

Er fügt nichts weiter hinzu, denn der Greis kommt mit einem einäugigen Mann zurück, der so schmutzig und unordentlich aussieht wie alles, was zu seinem Haus gehört. Der Greis sagt: «Siehst du? Dieser Mann sagt, es ist dort, hinter dem zerfallenen Hause. Ein kleiner Pfad, dann ein Bächlein, dann ein Wäldchen und einige Höhlen, und die am höchsten gelegene, die noch eine verfallene Mauer hat, ist die, die du suchst. Hast du nicht so gesagt ?»

«Nein, du hast alles durcheinandergebracht. Ich werde mit diesen Fremden hingehen.»

Der Mann hat eine rauhe und kehlige Stimme, was ein gewisses Unbehagen der Anwesenden noch vermehrt. Sie setzen sich in Bewegung. Petrus, Philippus und Thomas geben Jesus durch Zeichen zu verstehen, daß er nicht hingehen solle. Doch Jesus achtet nicht darauf. Er geht mit Judas hinter dem Manne her, und die anderen folgen ihm... widerwillig.

«Bist du Israelit ?» fragt der Mann.

«Ja.»

«Ich auch, oder fast, obwohl es nicht den Anschein hat. Doch ich war lange Zeit in anderen Ländern und habe Sitten angenommen, die diese Dummköpfe mißbilligen. Ich bin besser als die anderen. Aber man nennt mich einen Teufel, weil ich viel lese, Geflügel züchte, das ich den Römern verkaufe, und mich auf die Kräuterheilkunst verstehe. Als junger Mann bin ich einer Frau wegen mit einem Römer in Streit geraten – ich lebte damals in Citium – und ich erstach ihn. Er starb, und ich verlor dabei das

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Auge und mein Vermögen und wurde zu einer Kerkerstrafe von vielen Jahren verurteilt. Aber ich verstand mich auf die Behandlung von Krankheiten und heilte die Tochter des Wärters. Dies brachte mir seine Freundschaft ein und ein wenig Freiheit... Ich nützte sie zur Flucht. Ich hatte schlecht gehandelt, denn der Wärter bezahlte meine Freiheit sicher mit seinem Leben. Aber die Freiheit erscheint schön, wenn man Gefangener ist...»

«Erwies sie sich nicht als schön?»

«Nein. Besser der Kerker, wo man allein ist... als die Berührung mit Menschen, die einem nicht erlauben, allein zu sein, und die um uns herum sind, um uns zu hassen...»

«Hast du die Philosophen studiert ?»

«Ich war Lehrer in Citium... Ich war ein Proselit...»

«Und jetzt?»

«Nun bin ich nichts. Ich lebe in der Wirklichkeit und hasse, so wie ich gehaßt wurde und werde.»

«Wer haßt dich denn?»

«Alle. Gott als erster. Da war meine Frau... und Gott hat gestattet, daß sie mich verriet und mich ruinierte. Ich war frei und angesehen, und Gott hat zugelassen, daß ich ins Zuchthaus kam. Die Abkehr Gottes und die Ungerechtigkeit der Menschen haben mich so weit gebracht, daß ich ihn und sie ablehne. Hier ist nichts mehr von alledem...» Er deutet auf die Stirne und auf die Brust. «Hier im Kopf ist das Wissen, die Einsicht, daß es nichts gibt...» und er spuckt verächtlich zu Boden.

«Du irrst dich, zwei Dinge gibt es noch.»

«Welche?»

«Die Erinnerung und den Haß. Werde wahrhaftig leer... und ich werde dir etwas Neues dafür geben.»

«Was denn?»

«Die Liebe.»

«Ha, ha, ha! Daß ich nicht lache! Seit fünfunddreißig Jahren habe ich nicht mehr gelacht, Mann! Seit ich den Beweis hatte, daß mich das Weib mit dem römischen Weinhändler betrog. Die Liebe! Liebe für mich! Das wäre, wie wenn ich meinen Hühnern Edelsteine hinwerfen würde. Sie würden an Verdauungsstörungen eingehen, wenn es ihnen nicht gelänge, sie durch den Darm zu bringen. Das gleiche würde mir geschehen. Deine Liebe würde mich belasten, wenn ich sie nicht verdauen könnte...»

«Nein, Mann. Sprich nicht so!» Jesus legt ihm die Hand auf die Schulter und ist sichtlich betrübt.

Der Mann blickt ihn mit seinem einen Auge an, und was er in diesem liebevollen und wunderschönen Antlitz sieht, läßt ihn verstummen und verändert seinen Gesichtsausdruck. Vom Sarkasmus wechselt er zu tiefem Ernst und von diesem zu einer echten Traurigkeit. Er senkt den Kopf und fragt mit veränderter Stimme: «Wer bist du?»

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«Jesus von Nazareth. Der Messias!»

«Du?! !»

«Ich. Wußtest du, der du belesen bist, nichts von mir?»

«Ich wußte... jedoch nicht, daß du lebst und nicht... Oh, vor allem wußte ich nicht, daß du gut zu allen bist... selbst zu Mördern... Verzeih mir, was ich gesagt habe... über Gott und die Liebe... Nun verstehe ich, warum du mir Liebe geben willst... Weil die Welt ohne Liebe eine Hölle ist, und du, der Messias, willst sie zu einem Paradies machen.»

«Ein Paradies in jedem Herzen. Gib mir die Erinnerung und den Haß, die dich nicht gesund werden lassen, und gewähre, daß ich dir die Liebe ins Herz senke.»

«Oh, wenn ich dich früher kennengelernt hätte! ... Dann ... Aber als ich den Mord beging, da warst du sicher noch nicht geboren ... Aber nachher... nachher... als ich frei war... frei, wie eine Schlange in den Wäldern es ist, da lebte ich nur noch, um mit meinem Haß zu vergiften.»

«Du hast aber auch Gutes getan. Hast du nicht gesagt, daß du mit Kräutern geheilt hast?»

«Ja, um geduldet zu werden. Aber wie oft habe ich mit der Versuchung gekämpft, mit einem Trank zu vergiften... Siehst du? Ich bin hierher geflüchtet... weil es ein Dorf ist, das von der Welt nichts weiß und von dem die Welt nichts weiß. Ein verfluchtes Dorf! An anderen Orten wurde ich gehaßt und haßte und lebte in der Angst, erkannt zu werden... Ich bin eben doch ein böser Mensch.»

«Du bedauerst es, dem Gefängniswärter Böses angetan zu haben. Siehst du, daß in dir immer noch Liebe ist? Du bist nicht schlecht. In dir ist nur eine große, offene Wunde, und niemand behandelt sie... Deine Güte entweicht aus ihr, wie das Blut aus den Wunden. Aber wenn jemand sich deiner annehmen würde, damit deine Wunde heilt, armer Bruder, dann würde auch deine Güte, die dann nicht mehr entweichen könnte, Gestalt annehmen und in dir wachsen...»

Der Mann weint mit gesenktem Kopf, ohne daß ihm auch nur das Geringste anzumerken wäre. Nur Jesus, der an seiner Seite geht, sieht es. Ja, er sieht es, doch er sagt nun nichts mehr.

Sie kommen zu einer Höhle aus eingestürztem Mauerwerk und Gängen im Berg. Der Mann bemüht sich, mit fester Stimme zu sprechen und sagt: «Hier ist es. Geh nur hinein.»

«Danke, Freund. Sei gut.»

Der Mann sagt nichts und bleibt, wo er ist, während Jesus mit den Seinen in eine geräumige, muffige, dunkle Grotte hineingeht und dabei über große Steinbrocken steigen muß, die wahrscheinlich von den sehr starken Mauern herrühren; dabei scheuen sie Smaragdeidechsen und anderes garstiges Getier auf. An den Wänden kann man immer noch Tierkreiszeichen und ähnliches sehen. In einem verräucherten Winkel ist eine Nische

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und darunter ein Loch wie ein Schacht für den Abfluß der Nässe. Ganze Knäuel von Fledermäusen zieren die Decke, und eine Eule, vom hellen Schein eines Zweiges aufgeschreckt, den Jakobus angezündet hat, um erkennen zu können, ob sie Skorpione oder anderes Getier zertreten, beklagt sich, schlägt dabei mit ihren Watteflügeln und kneift die vom Licht geblendeten Augen zu. Die Eule kauert in der Nische, und ein Haufen toter Mäuse, Wiesel, und halbverwester Vögel liegt zu ihren Füßen, deren Gestank sich mit dem Geruch des Unrats und des feuchten Moders vermischt.

«Wahrlich, ein schöner Ort», sagt Petrus. «Dein Tabor und dein Meer waren schöner, Junge!» und dann, sich Jesus zuwendend: «Meister, stelle Judas schnell zufrieden, denn dies ist wirklich nicht der Königssaal des Antipas!»

«Schnell, was möchtest du genau wissen?» fragt Jesus Judas Iskariot'

«Also, ich möchte wissen, ob und warum Saul gesündigt hat, als er hierhergekommen ist. Ich möchte wissen, ob es möglich ist, daß eine Frau Tote beschwören kann. Ich möchte wissen, ob... Oh, sprich du, und ich werde dir einfach Fragen stellen.»

«Eine lange Geschichte. Laßt uns wenigstens hinausgehen an die Sonne, auf die Steine... Dann können wir der Nässe und dem Gestank entgehen», bittet Petrus.

Jesus stimmt zu. Sie setzen sich, so gut es geht, auf das eingefallene Gemäuer.

«Die Sünde, die Saul hier begangen hat, war nur eine seiner vielen Sünden. Viele andere sind ihr vorausgegangen, und viele weitere hat sie nach sich gezogen. Alles schwere Sünden. Zweifacher Undank gegenüber Samuel, der ihn zum König salbte und sich dann verborgen hielt, um die Verehrung des Volkes für den König nicht zu schmälern. Undankbar war Saul auch gegen David, der ihn von Goliath befreit hatte, der ihn in der Höhle von Engedi und in Hachila geschont und nicht getötet hatte. Oft hatte er sich des Ungehorsams und des Ärgernisses vor dem Volk schuldig gemacht. Er hatte gegen die Liebe gefehlt, als er Samuel, seinen Wohltäter, betrübte. Er verfehlte sich durch Eifersucht und Gewalttaten an David, seinem anderen Wohltäter, und schließlich beging er hier eine Freveltat.»

«Inwiefern hat er denn eine Freveltat verübt ? Er hat doch hier niemanden getötet!»

«Seine Seele hat er getötet. Er hat sie hier drinnen noch vollends getötet. Warum senkst du dein Haupt?»

«Ich denke nach, Meister.»

«Du denkst nach. Ich sehe es. Über was denkst du nach? Warum wolltest du hierher kommen? Nicht aus dem reinem Wissensdrang eines Menschen, der lernen möchte, gestehe es!»

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«Immer wird von Magiern, von Zauberei und Geisterbeschwörungen gesprochen. Ich wollte sehen, ob ich etwas entdecken könnte... Ich möchte gerne wissen, wie dies geschieht... Ich meine, wir sollten, da wir die Menschen staunen machen müssen, um sie für uns zu gewinnen, ein wenig von Zauberei verstehen. Du bist, was du bist, und durch deine Macht. Aber wir brauchen eine Kraft, eine Hilfe, um besondere Dinge tun zu können, die Eindruck machen...»

«Oh, bist du eigentlich verrückt ? Was sagst du ?» schreien mehrere.

«Schweigt, laßt ihn reden. Er ist nicht von Sinnen.»

«Ja, ich hoffte, daß mit meinem Besuch an diesem Orte ein wenig von der Zauberkunst jener Zeit auf mich übergehe, um mich hervortun zu können. Nur deinetwegen, glaube es mir!»

«Ich weiß, daß du in deinem jetzigen Wunsch aufrichtig bist. Doch ich antworte dir mit Worten, die ewig währen, da es Worte der heiligen Schrift sind, und die heilige Schrift wird bestehen, solange es Menschen gibt. Ob man an sie glaubt oder sie verspottet, ob man sie anficht im Namen der Wahrheit oder sie verachtet, stets wird sie sein und bleiben, was sie ist.

Es steht geschrieben: "Und Eva, die sah, daß die Frucht des Baumes gut zu essen und schön anzusehen war, pflückte eine, aß und gab davon auch ihrem Gatten... Da öffneten sich ihre Augen, und sie wurden sich bewußt, daß sie nackt waren und machten sich Schürzen... Und Gott fragte sie: 'Wie seid ihr gewahr geworden, daß ihr nackt seid? Nur weil ihr von der verbotenen Frucht gegessen habt!' Und er vertrieb sie aus dem Paradies der Wonne."

Im Buche Saul steht geschrieben: "Samuel sagte, als er erschien: 'Warum hast du mich mit deinen Rufen in meiner Ruhe gestört? Warum fragst du mich, da doch der Herr von dir gewichen ist? Der Herr wird an dir tun, wie er durch mich verheißen hat... weil du auf die Stimme des Herrn nicht gehört hast.' "

Sohn, strecke nicht die Hand nach der verbotenen Frucht aus. Sich ihr nur zu nähern, ist schon Unvorsichtigkeit. Deine Befürchtungen sollen in dir nicht die Neugier wecken, zu Übernatur vorzudringen, um so ein Opfer satanischen Giftes zu werden. Meide das Okkulte und alles, was sich nicht erklären läßt. Nur eines muß in heiligem Glauben angenommen werden: Gott! Doch alles, was nicht Gott ist, was der Verstand nicht erklären und menschliche Kräfte nicht vollbringen können, meide es, meide es, auf daß sich dir nicht die Quellen der Bosheit erschließen, und du erkennst, daß du "nackt" bist, nackt, d.h. abstoßend in deiner mit dem Satanismus vermischten Menschlichkeit.

Warum willst du mit finsteren Wundern in Erstaunen versetzen? Versetze in Erstaunen mit deiner Heiligkeit, die erstrahlen soll als etwas, das seinen Ursprung in Gott hat. Begehre nicht, den Schleier zu zerreißen, der die Lebenden von den Verstorbenen trennt. Störe die Dahingeschiedenen

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nicht. Sind sie weise, dann höre auf sie, solange sie auf Erden leben, und ehre sie mit deinem Gehorsam noch über den Tod hinaus, aber störe sie nicht in ihrem zweiten Leben. Wer nicht auf die Stimme des Herrn hört, verliert den Herrn, denn der Herr hat den Okkultismus, die Zauberei und den Satanismus in all seinen Formen verboten. Was willst du mehr erfahren, als das Wort Gottes bereits sagt? Was willst du mehr wirken, als deine Güte und meine Macht dir zu wirken gewähren? Strebe nicht nach der Sünde, sondern trachte nach der Heiligkeit, Sohn! Dies soll dich nicht beschämen, es gefällt mir, daß du dich in deiner menschlichen Denkart zeigst. Was dir gefällt, gefällt vielen, allzu vielen. Nur das Ziel, das du mit deinem Wunsch verfolgst: "mächtig zu sein, um die Menschen für mich zu gewinnen", läßt diese Menschlichkeit weniger schwer wiegen und verleiht ihr Flügel. Aber es sind die Flügel eines Nachtvogels. Nein, mein Judas! Gib deiner Seele Engelsflügel, deren Flügelschlag allein schon die Herzen zu gewinnen vermag und sie in lichtvolle Höhen zu Gott führen wird. Können wir gehen?»

«Ja, Meister. Ich habe gefehlt...»

«Nein, du hast erforschen wollen... Die Welt wird stets voll solcher Forscher sein. Komm, komm! Laßt uns diesen Ort des Gestanks verlassen. Laßt uns an die Sonne gehen. In einigen Tagen ist Ostern, und danach werden wir zu deiner Mutter gehen. Ich erinnere dich an dein ehrbares Vaterhaus und deine gerechte Mutter. Oh, welcher Friede!»

Wie immer wird Judas aufgeheitert durch die Erinnerung an seine Mutter und das Lob des Meisters für seine Mutter.

Sie verlassen die Ruine und gehen auf dem gleichen Pfad, auf dem sie gekommen sind, zurück. Der einäugige Mann ist immer noch da.

«Du bist noch da ?» fragt Jesus und zeigt nicht, daß er das von den vergossenen Tränen noch gerötete Gesicht bemerkt hat.

«Ja, ich bin noch hier. Wenn du mir erlaubst, dann werde ich dir nachfolgen. Ich muß dir etwas sagen...»

«Komm also mit mir. Was willst du mir sagen?»

«Jesus... ich muß deinen Namen aussprechen, um Kraft zum Sprechen zu erhalten, um den heiligen Zauber zu wirken, nämlich, mein eigenes Wesen zu wandeln, meine tote Seele heraufzubeschwören, so wie die Wahrsagerin die Seele Samuels für Saul heraufbeschwor; diesen deinen Namen, der hold wie dein Blick und heilig wie deine Stimme ist. Du hast mir ein neues Leben gegeben. Noch ist es ohne Gestalt, schwach und unfähig wie ein unterentwickeltes Neugeborenes, und versucht, sich aus den Zwängen einer schlechten Schale zu befreien. Hilf mir, aus meinem Tod herauszukommen!»

«Ja, Freund.»

«Ich habe erkannt, daß es in meinem Herzen noch ein wenig Menschlichkeit gibt; noch bin ich nicht ganz verroht, noch bin ich fähig zu lieben

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und Liebe zu empfangen; ich kann verzeihen, und mir kann verziehen werden. Deine Liebe, diese Liebe, die Vergebung bedeutet, sagt es mir. Ist es nicht so? ?»

«Ja, Freund.»

«Dann nimm mich mit. Ich hieß Felix, der Glückliche! Welch eine Ironie! Aber du, gib mir einen neuen Namen, damit die Vergangenheit wirklich ausgelöscht sei. Ich werde dir wie ein herrenloser Hund folgen, der endlich seinen Herrn gefunden hat. Ich werde dein Sklave sein, wenn du willst. Aber laß mich nicht allein...»

«Ja, Freund.»

«Welchen Namen gibst du mir?»

«Einen Namen, der mir teuer ist: Johannes, denn dir hat Gott Gnade erwiesen.»

«Nimmst du mich mit?»

«Vorerst wirst du mit mir kommen. Dann wirst du mir mit den Jüngern nachfolgen. Aber dein Haus?»

«Ich habe kein Haus mehr. Was ich besitze, überlasse ich den Armen. Gib mir nur Liebe und Brot!»

«Komm!» Jesus wendet sich um und ruft die Apostel herbei: «Freunde, und besonders du, Judas, habt meinen Dank. Deinetwegen, euretwegen findet eine Seele zu Gott. Das ist der neue Jünger. Er kommt mit uns, bis wir ihn später den anderen Jüngern anvertrauen können. Seid glücklich, eine Seele gewonnen zu haben, und preist Gott mit mir.»

Wahrlich, sehr glücklich scheinen die Apostel nicht zu sein. Doch sie machen aus Gehorsam und Höflichkeit gute Miene.

«Wenn du erlaubst, dann will ich vorausgehen. Du wirst mich an der Schwelle des Hauses finden.»

«Geh nur.»

Der Mann rennt davon. Er scheint ein anderer geworden zu sein.

«Nun, da wir allein sind, befehle ich euch, gut mit ihm zu sein und mit niemandem über seine Vergangenheit zu sprechen. Wer darüber spricht oder sich dem erlösten Bruder gegenüber lieblos verhält, den entlasse ich sofort. Habt ihr verstanden? Seht doch, wie gut der Herr ist! Wir sind in menschlichen Absichten hierhergekommen und Gott hat uns gewährt, daß wir dadurch einem übernatürlichen Zweck gedient haben. Oh, ich juble über die Freude, die nun im Himmel herrscht über den Neubekehrten.»

Sie erreichen das Haus. An der Schwelle, mit einem sauberen, dunklen Gewand, dem dazu passenden Mantel, einem Paar neuer Sandalen und einer geräumigen Tasche auf dem Rücken, wartet der Mann. Er schließt die Tür und dann – erstaunlich bei einem Manne, den man für gefühllos halten könnte – dann nimmt er ein weißes Hühnchen, vielleicht sein Lieblingstierchen, das sich zutraulich in seine Hände kuschelt, küßt es, weint, und setzt es wieder auf den Boden.

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«Wir können gehen, ... verzeih! Aber sie, meine Hühner, haben mich geliebt... Ich sprach mit ihnen.... und sie verstanden mich...»

«Auch ich verstehe dich... und ich liebe dich. Sehr! Ich werde dir alle Liebe geben, die die Welt dir fünfunddreißig Jahre lang versagt hat.»

«Oh, ich weiß. Ich fühle es. Daher komme ich. Aber habe Mitleid mit einem Menschen, der... der ein Tier liebt, das... das ihm treuer als der Mensch war.»

«Ja.... ja. Denke nicht mehr an die Vergangenheit. Du wirst viel zu tun haben, und mit deiner Erfahrung wirst du viel Gutes tun. Simon, komm her, und auch du, Matthäus! Siehst du? Dieser war mehr als nur gefangen, er war auch aussätzig. Dieser hier war ein Sünder. Sie sind mir teuer, weil sie arme Herzen zu verstehen vermögen... Ist es nicht so?»

«Durch deine Güte, Herr. Glaube es, Freund, alles wird nichtig, wenn man ihm dient, und zurück bleibt nur der Friede», sagt der Zelote.

«Ja, der Friede und eine neue Jugend folgen dem vergangenen Altsein in Laster und Haß. Ich war Zöllner, doch jetzt bin ich sein Apostel. Wir haben die Welt vor uns, und wir wissen Bescheid über sie. Wir sind nicht die ausgelassenen Kinder, die an der schädlichen Frucht am verführerischen Baum vorübergehen und die Wirklichkeit nicht beachten. Wir kennen sie. Wir können das Böse verhüten und andere lehren, es zu meiden. Wir verstehen es, Menschen aufzurichten, die Gefahr laufen, einer Versuchung zu erliegen, denn wir wissen, wie trostreich es ist, einen Halt zu finden, und wir wissen, wer aufrichtet: der Meister», sagt Matthäus.

«Das ist wahr! Das ist wahr! Ihr werdet mir helfen. Danke. Es ist mir, als käme ich aus einem dunklen, stinkenden Ort auf eine blühende Wiese. Etwas Ähnliches habe ich verspürt als ich hinaustrat, als freier Mensch, endlich frei, nach zwanzig Jahren Gefängnis und brutaler Arbeit in den Bergwerken Anatoliens. Ich war an einem stürmischen Abend geflohen und gelangte bei Sonnenaufgang auf den Gipfel eines steilen Berges, von duftenden Wäldern umgeben... Die Freiheit! Doch das hier ist mehr! Alles weitet sich in mir. Seit fünfzehn Jahren trage ich keine Ketten mehr. Doch der Haß, die Angst, die Einsamkeit waren mir immer Ketten... Nun sind sie gefallen! Da sind wir am Haus des alten Mannes, der euch zu mir geführt hat. Mann! Mann!»

Das alte Männlein eilt herbei und bleibt wie angewurzelt stehen, als es den Einäugigen sauber, in Reisekleidung und mit lächelndem Gesicht erblickt.

«Nimm, dies ist der Schlüssel zu meinem Haus. Ich gehe fort, für immer. Ich bin dir dankbar, denn du bist mein Wohltäter. Du hast mir eine Familie wiedergeschenkt. Mach mit meinem Eigentum, was du willst... und nimm dich meiner Hühner an. Mißhandle sie nicht. Jeden Sabbat kommt ein Römer und kauft die Eier... sie werden dir etwas einbringen... Sei gut zu meinen Hühnchen... und Gott vergelte es dir!»

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Das alte Männlein fällt aus allen Wolken... Er nimmt den Schlüssel und bleibt mit offenem Mund stehen.

Jesus sagt: «Tue, was er sagt, und auch ich werde dir dankbar sein. Im Namen Gottes segne ich dich.»

«Der Nazarener! Du bist es! Barmherzigkeit! Ich habe mit dem Herrn gesprochen! Frauen! Frauen! Männer! Der Messias ist unter uns!»

Er schreit wie ein Adler, und von allen Seiten kommen Menschen herbeigelaufen.

«Segne uns! Segne uns!» rufen sie. Andere: «Bleibe bei uns!» Wieder andere: «Wohin gehst du? Sag uns wenigstens, wohin du gehst!»

«Nach Naim, bleiben kann ich nicht!»

«Wir folgen dir. Willst du?»

«Kommt, und den Zurückbleibenden Friede und Segen!»

Sie gehen Richtung Hauptstraße und folgen ihr dann.

Der Mann, der an der Seite Jesu geht und schwer an seiner Tasche trägt, erweckt die Neugier des Petrus : «Was trägst du denn so Schweres?» fragt er.

«Kleider... und Bücher. Meine Freunde nach und mit den Hühnern. Ich habe mich nicht von ihnen trennen können, obwohl sie schwer sind.»

«Ja, ja, die Wissenschaft wiegt schwer. Aber wenn sie einem gefällt...»

«Ihr verdanke ich, daß ich nicht wahnsinnig geworden bin.»

«Dann mußt du sie lieben! Aber was für Bücher sind es denn?»

«Philosophie, Geschichte, griechische und römische Dichtung...»

«Schön, schön, ganz bestimmt schön... Aber glaubst du, daß du sie überallhin mitschleppen kannst?»

«Vielleicht wird es mir sogar einmal gelingen, mich von ihnen zu trennen. Aber man kann nicht alles auf einmal tun, nicht wahr, Messias?»

«Nenne mich Meister. Nein, das geht nicht. Aber ich werde dir einen Platz besorgen, wo du deine Freunde, die Bücher, unterbringen kannst. Sie werden dir eine Hilfe sein, wenn du mit den Heiden von Gott sprichst.»

«Oh, wie ist doch dein Geist frei von jeglicher Engstirnigkeit!»

Jesus lächelt, und Petrus ruft aus: «Das glaube ich gerne! Er ist die Weisheit!»

«Und die Güte, glaub es mir! Bist du gebildet?»

«Ich? Oh, und wie! Ich kann einen Aal von einem Karpfen unterscheiden, das ist meine ganze Bildung. Ich bin Fischer, Freund», und Petrus lacht dabei bescheiden und offenherzig.

«Du bist ein ehrlicher Mann. Das ist eine Wissenschaft, die man sich auch aneignen muß, und sie ist gar nicht so leicht. Du gefällst mir!»

«Auch du gefällst mir, denn du bist ehrlich, auch wenn du dich selbst anklagst. Ich verzeihe alles und helfe allen, aber ich bin ein erklärter Feind der falschen Leute. Ich verabscheue sie!»

«Du hast recht, der Heuchler ist ein Schurke!»

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«Ein Schurke, das ist richtig! Sag, hast du genug Vertrauen, mir ein wenig deine Tasche zu überlassen? Du kannst beruhigt sein, mit den Büchern renne ich nicht davon... Mir scheint, du mühst dich zu sehr ab...»

«Zwanzig Jahre in den Bergwerken zermürben... Aber warum willst du dich abmühen?»

«Weil der Meister uns gelehrt hat, daß wir uns wie Brüder lieben sollen. Gib her! Nimm meine Lumpen. Mein Sack ist leicht... es sind keine Geschichten, keine Gedichte drin. Meine Geschichte, meine Dichtung und das andere, was du erwähnt hast, ist er, mein Jesus, unser Jesus!»

229. AUFERWECKUNG DES SOHNES DER WITWE VON NAIM

Naim muß zu Lebzeiten Jesu eine gewisse Bedeutung gehabt haben. Die Ortschaft ist nicht sehr groß, aber gut angelegt und von einer Mauer umgeben. Sie liegt auf einem Hügel, im Vorgebirge des kleinen Hermon, und beherrscht von ihrer Höhe die fruchtbare Ebene, die sich in nordwestlicher Richtung ausdehnt.

Man gelangt über Endor hierher, nachdem man einen Bach überquert hat, der wohl in den Jordan mündet. Der Jordan ist aber von hier aus nicht mehr zu sehen, und auch sein Tal wird von einer Hügelkette in Form gegen Osten verdeckt.

Jesus geht auf eine Hauptstraße, die das Gebiet des Sees mit dem kleinen Hermon und seinen Ortschaften verbindet. Ihm folgen viele Bewohner von Endor, die lebhaft miteinander reden.

Die Gruppe der Apostel ist nun ganz in der Nähe der Stadtmauer angelangt: Zweihundert Meter sind es höchstens noch. Da die Hauptstraße durch ein Tor direkt in die Stadt führt und das Tor offen steht, weil es mitten im Tag ist, kann man auch sehen, was sich gleich jenseits der Mauer abspielt. Jesus, der gerade mit den Aposteln und dem Neubekehrten spricht, sieht einen Leichenzug, der sich mit einem laut wehklagenden Gefolge, wie es in orientalischen Ländern Brauch ist, nähert.

«Wollen wir gehen und sehen, Meister?» fragen mehrere. Auch von den Bewohnern von Endor sind viele hingeeilt, um zu sehen.

«Ja, gehen wir», sagt Jesus zustimmend.

«Oh, es muß ein Jüngling sein; denn siehst du, wie viele Blumen und Bänder auf der Bahre liegen?», sagt Judas Iskariot zu Johannes.

«Es könnte auch eine Jungfrau sein», antwortet Johannes.

«Nein, den Farben nach ist es gewiß ein Jüngling, und zudem fehlen die Myrten...», sagt Bartholomäus.

Der Trauerzug kommt zur Stadtmauer heraus. Es ist nicht möglich zu erkennen, wer auf der Bahre liegt, die von großen Männern auf den

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Schultern getragen wird. Man kann einen in Bandagen gewickelten, ausgestreckten Körper unter dem Leinentuch gewahren, und man sieht auch, daß es ein Erwachsener sein muß, da der Körper ebenso lang wie die Bahre ist.

Neben der Bahre geht eine verschleierte Frau, die von Verwandten oder Freunden gestützt wird und weint. Es ist das einzige echte Weinen in diesem gespielten Wehklagen. Wenn einer der Träger über einen Stein, ein Loch oder eine Unebenheit des Bodens stolpert und die Bahre einen Stoß abbekommt, dann jammert die Mutter: «O nein! Seid vorsichtig! Mein Junge hat so viel gelitten!» Sie erhebt ihre zitternde Hand, um den Rand der Bahre zu streicheln. Da sie nicht mehr tun kann, küßt sie die Schleier und Bänder, die im Winde flattern und den leblosen Körper streifen.

«Es ist die Mutter», sagt Petrus ernst, und dabei schimmern Tränen in seinen treuen, guten Augen.

Aber er ist nicht der einzige, der wegen dieses Leides Tränen in den Augen hat. Dem Zeloten, Andreas, Johannes und auch den immerfrohen Thomas ergeht es ebenso, und alle sind ergriffen. Judas von Kerioth flüstert: «Wenn ich es wäre! Oh, meine arme Mutter...»

Jesus, in dessen Augen eine unbeschreibliche Zärtlichkeit leuchtet, geht auf die Bahre zu.

Die Mutter beginnt heftiger zu schluchzen, weil sich der Leichenzug nun dem offenen Grab nähert, und als sie sieht, daß Jesus die Bahre berühren will, schiebt sie ihn heftig zur Seite, weil sie in ihrem Schmerz Angst vor ich weiß nicht was hat. «Es ist mein Kind!» ruft sie und blickt Jesus mit ganz verstörten Augen an.

«Ich weiß es, Mutter. Es gehört dir!»

«Er ist mein einziger Sohn! Warum mußte er sterben, er, der so gut und lieb war, die einzige Freude der Witwe? Warum?» Die Klageweiber verstärken ihr bezahltes Jammern, um in das Wehklagen der Mutter einzustimmen, die fortfährt: «Warum er und nicht ich? Es ist nicht gerecht, daß jemand, der geboren hat, sehen muß, wie sein Same stirbt. Der Same muß leben, denn was nützt es sonst, daß die Eingeweide sich in Qualen winden, um einem Menschen das Leben zu schenken?» und sie schlägt sich wild und verzweifelt auf ihren Leib.

«Tue das nicht! Weine nicht, Mutter!» Jesus nimmt ihre Hände fest in seine Linke, während seine Rechte die Bahre berührt und er zu den Trägern sagt: «Bleibt stehen und stellt die Bahre auf den Boden!»

Die Träger gehorchen und stellen die Bahre mit den vier hölzernen Füßen zur Erde.

Jesus ergreift das Leinentuch, mit dem der Tote bedeckt ist, schlägt es zurück, und der Leichnam wird sichtbar.

Die Mutter schreit mit dem Namen des Sohnes ihren ganzen Schmerz hinaus: «Daniel!»

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Jesus, der die mütterlichen Hände immer noch in den seinen hält, richtet sich auf und nimmt eine feierliche Haltung voller Würde ein, und mit funkelnden Augen und einem Ausdruck, der an seine machtvollsten Wunder erinnert, sagt er, indem er seine rechte Hand sinken läßt: «Jüngling, ich sage dir, steh auf!»

Der mit Binden umwickelte Tote richtet sich auf seiner Bahre auf und ruft: «Mutter!» Er ruft nach ihr mit der stammelnden, ängstlichen Stimme eines erschrockenen Kindes.

«Er gehört dir, Frau! Ich gebe ihn dir im Namen Gottes zurück. Hilf ihm, sich vom Schweißtuch zu befreien. Seid glücklich!»

Jesus will sich zurückziehen. Doch es gibt kein Entrinnen. Das Volk umringt ihn an der Bahre.

Die Mutter hat sich in die Binden verwickelt, weil sie ihren Sohn rasch daraus befreien will, während das kindliche Jammern flehend «Mutter, Mutter», wiederholt.

Das Schweißtuch ist gelöst und auch die Binden, und Mutter und Sohn können sich umarmen. Sie tun es, ohne auf den Balsam zu achten, der an ihnen kleben bleibt und die Mutter mit den gleichen Binden von dem lieben Gesicht und den Händen abwischt. Da sie nichts anderes hat, um ihren Sohn zu kleiden, nimmt sie ihren Mantel und hüllt ihn darin ein. Alles dient zum Vorwand für ihre Liebkosungen.

Jesus betrachtet sie... Er betrachtet diese beiden Menschen, die sich an der Bahre, von der nunmehr alle Trauer gewichen ist, innig umarmen, und weint. Judas Iskariot bemerkt diese Tränen und fragt: «Warum weinst du, Herr?»

Jesus wendet ihm sein Antlitz zu und sagt: «Ich denke an meine Mutter...»

Dieser kurze Wortwechsel erinnert die Frau an ihren Wohltäter. Sie nimmt ihren Sohn bei der Hand und stützt ihn, da er noch eine gewisse Unsicherheit in den Gliedern spürt, kniet nieder, um das Gewand Jesu zu küssen, und sagt: «Auch du, mein Sohn, preise diesen Heiligen, der dich dem Leben und deiner Mutter zurückgegeben hat.» Die Menge jubelt Gott und seinem Messias in lauten Hosannarufen zu, die ihn nun, aufgeklärt durch die Apostel und die Bewohner von Endor, als den Messias erkannt hat.

Die ganze Volksmenge ruft nun aus: «Gepriesen sei der Gott Israels. Gepriesen sei der Messias, der Gesandte Gottes! Gepriesen sei Jesus, der Sohn Davids! Ein großer Prophet ist unter uns erstanden! Gott hat wahrhaftig sein Volk aufgesucht! Halleluja, Halleluja!» Endlich kann Jesus sich aus dem Gedränge befreien und in die Stadt hineingehen. Das Volk, anspruchsvoll in seiner Liebe, folgt ihm und bedrängt ihn. Ein Mann eilt herbei und grüßt ihn mit einer tiefen Verneigung: «Ich bitte dich, unter meinem Dache zu rasten.»

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«Ich kann nicht. Das Osterfest läßt keinen Aufenthalt mehr zu, außer dem festgelegten.»

In wenigen Stunden ist Sonnenuntergang, und es ist Freitag...»

«Eben deshalb muß ich meine Tagereise vor dem Sonnenuntergang beendet haben. Ich danke dir trotzdem. Doch halte mich nicht auf!»

«Aber ich bin der Synagogenvorsteher.»

«Damit willst du sagen, daß du ein Recht darauf hast. Mann, wenn ich auch nur eine Stunde später gekommen wäre, hätte dies genügt, daß diese Mutter ihren Sohn nicht zurückerhalten hätte. Ich gehe hin, wo noch andere Unglückliche auf mich warten. Verzögere ihre Freude nicht aus Selbstsucht. Ich werde gewiß ein andermal wieder nach Naim kommen und dann für mehrere Tage bei dir verweilen. Aber nun laß mich gehen.»

Der Mann besteht nicht länger auf der Einladung. Er sagt nur: «Einverstanden, ich erwarte dich.»

«Ja, der Friede sei mit dir und den Einwohnern von Naim. Auch euch, ihr Leute von Endor, Friede und Segen! Geht nun nach Hause! Gott hat durch das Wunder zu euch gesprochen. Sorgt dafür, daß durch eure Liebe ebensoviele Herzen zum Guten auferstehen als es Herzen gibt!»

Nochmals ertönt ein Chor von Hosannarufen. Dann lassen die Menschen Jesus gehen, der nun die Stadt schräg durchquert und sie in Richtung Esdrelon verläßt.

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Gepriesen sei Gott unser Vater, unser Schöpfer,
Gepriesen sei Jesus Christus, der sich aus Liebe für uns geopfert hat,

Gepriesen sei der Hl. Geist, der unser Lehrmeister sein möchte.

 

 

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