Kirche Weitental

†  Gott ist die Liebe - Er liebt dich  †
 Gott ist der beste und liebste Vater, immer bereit zu verzeihen, Er sehnt sich nach dir, wende dich an Ihn
nähere dich deinem Vater, der nichts als Liebe ist. Bei Ihm findest du wahren und echten Frieden, der alles Irdische überstrahlt

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Maria Valtorta - Der Gottmensch

Band 3

 

Dieses Werk ist eine Gnade unseres lieben Herrn, man lernt hier Jesus und seine Worte in der richtigen Art und Weise kennen, seine Liebe, seinen Gehorsam, seine klaren und wahren Worte, nicht verdrehte, nicht unverständliche oder hoch theologische, nein, einfache Worte. Er erklärt für jeden verständlich die Gleichnisse. Glaube ist kein Studium, es ist Demut, Hingabe, Geduld, Vertrauen, nicht mein Wille muss an erster Stelle stehen, sondern den Willen Gottes gilt es zu suchen, die Gebote gilt es zu halten und hier erlangt man ein Verständnis hierfür. Zudem stimmen die Worte Jesu mit seinem Leben überein, voller Hingabe an den Willen seines und unseren Vaters. Nimm dir Zeit es aufmerksam zu lesen, du wirst es nicht bereuen.

Das Werk kann man hier in Buchform erwerben:

Parvis-Verlag, Route de l'Eglise 71, 1648 Hauteville, Schweiz, Tel. +41 26 915 93 93, buchhandlung@parvis.ch, www.parvis.ch

Aus rechtlichen Gründen dürfen nur Auszüge daraus veröffentlicht werden!
 



Nur zu Testzwecken!

Inhalt
 

Band III:
Erstes Jahr des öffentlichen Lebens Jesu (Fortsetzung)

161. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': "Du sollst Vater und Mutter ehren". S. 9
162. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': "Du sollst nicht Unkeuschheit treiben". S. 19
163. Die Verschleierte beim 'Trügerischen Gewässer'. S. 27
164. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst die Feiertage heiligen". S. 32
165. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst nicht töten"- Tod des Doras. S. 37
166. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': Die drei Jünger des Täufers. S. 45
167. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau". S. 51
168. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': Er heilt den besessenen Römer; Er spricht zu den Römern. S. 56
169. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen". S. 63
170. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut". S. 69
171. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': Abschluss der Erklärungen zum 'De profundis' und 'Miserere'. S. 73
172. Jesus verlässt das 'Trügerische Gewässer' und geht nach Bethanien. S. 80
173. Die Heilung der krebskranken Jerusa von Doko. S. 89
174. In Bethanien: Im Haus des Simon des Zeloten. S. 94
175. Das Lichterfest im Hause des Lazarus in Anwesenheit der Hirte. S. 102
176. Rückkehr zum 'Trügerischen Gewässer'. S. 116
177. Ein neuer Jünger; Aufbruch nach Galiläa. S. 122
178. Auf den Bergen bei Emmaus. S. 126
179. Im Hause des Synagogenvorstehers Kleophas. S. 131


Band III: Zweites Jahr des öffentlichen Lebens Jesu

180. Unterweisung der Jünger auf dem Weg nach Arimathäa. S. 141
181. Auf dem Weg nach Samaria; Unterweisung der Apostel. S. 144
182. Die Samariterin Fotinai. S. 146
183. Bei den Bewohners von Sichar. S. 152
184. Verkündigung der Heilsbotschaft in Sichar. S. 155
185. Der Abschied von den Bewohnern Sichars. S. 158
186. Unterweisung der Apostel; Wunder an der Frau von Sichar. S. 161
187. Jesus besucht den Täufer bei Ennon. S. 165
188. Jesus unterweist die Apostel. S. 168
189. Jesus in Nazareth;"Sohn, ich werde mit dir kommen". S. 172
190. In Kana im Haus der Susanna; Der königliche Beamte. S. 174
191. Im Haus des Zebedäus; Salome angenommen als Jüngerin. S. 176
192. Jesus spricht zu den Seinen vom Apostolat der Frau. S. 178
193. Jesus in Caesarea am Meer. Er spricht zu den Galeerensklaven. S. 180
194. Heilung der kleinen Römerin in Caesarea. S. 186
195. Annalia legt das Gelübte der Jungfräulichkeit ab. S. 193
196. Die Unterweisungen der Jüngerinnen in Nazareth. S. 198
197. Jesus spricht auf dem See mit Johanna des Chuza. S. 205
198. Jesus in Gergesa; Die Jünger des Johannes. S. 209
199. Von Nephtalis nach Gischala; Begegnung mit dem Rabbi Gamaliel. S. 213
200. Die Heilung des Enkels des Pharisäer in Kapharnaum. S. 219
201. Jesus im Hause von Kapharnaum nach dem Wunder an Elisäus. S. 223
202. Das Mahl im Hause des Pharisäers Eli in Kapharnaum. S. 228
203. Unterwegs in die Einsamkeit der Berge vor der Erwählung der Apostel. S. 232
204. Die Erwählung der zwölf Jünger zu Aposteln. S. 235
205. Die erste Predigt Simon des Zeloten und des Johannes. S. 241
206. Im Haus der Johanna des Chuza; Jesus und die Römerinnen. S. 250
207. Aglaia im Hause Mariens in Nazareth. S. 260
208. Die Bergpredigt"Ihr seid das Salz der Erde". S. 270
209. Die Bergpredig: Die Seligpreisungen (Erster Teil). S. 278
210. Die Bergpredigt: Die Selipreisungen (Zweiter Teil). S. 289
211. Die Bergpredigt: Die Seligpreisungen (Dritter Teil). S. 295
212. Die Bergpredigt: Die Seligpreisungen (Vierter Teil). S. 305
213. Die Bergpredigt: Die Seligpreisungen (Fünfter Teil). S. 312
214. Heilung eines Aussätzigen am Fusse des Berges. S. 333
215. Am Sabbat nach der Berg Fusse des Berges. S. 337
216. Der Diener des Centurio wird. S. 342
217. "Lass die Toten ihre Toten begraben". S. 344
218. Das Gleichnis vom Sämann. S. 347
219. In der Küche des Petrus; Belehrung Jesu und Ankündigung der Gefangennahme des Täufer. S. 355
220. Das Gleichnis vom guten Weizen und vom Unkraut. S. 365
221. Jesus spricht auf dem Weg nach Magdala zu Hirten. S. 372
222. Jesus in Magdala; Zweite Begegnung mit Magdalena. S. 376
223. Zu Magdala im Hause der Mutter Benjami. S. 380
224. Jesus gebietet dem Sturm auf dem See. S. 388
225. "Heimsuchungen dienen dazu, dass ihr euch eures Nichts bewusst werden". S. 390
226. Die besessenen Gerasener. S. 392
227. Von Tarichäa zum Tabor; Die zweite Osterreise beginnt. S. 398
228. In Endor; In der Grotte der Wahrsagerin; Bekehrung von Felix, der hierauf Johannes genannt wird. S. 403
229. Auferweckung des Sohn es der Witwe von Naim. S. 413

 

 

161. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST VATER UND MUTTER EHREN»

Jesus wandelt langsam am Flußufer auf und ab. Es muß sehr früh am Morgen sein, denn der Nebel eines trüben, winterlichen Tages lastet noch auf dem Schilf der Ufer. Niemand ist an den Ufern des Jordan, so weit man sehen kann. Niedriger Nebel, Rauschen des Wassers durch das Schilf, Murmeln des Wassers, das infolge der Regenfälle der letzten Tage bewegter ist; einzelne Vogelrufe: kurz, traurig, wie es ist, wenn die Jahreszeit der Brunst vorbei ist und die Gefiederten wegen des schlechten Wetters und des knappen Futters lustlos und nicht zum Singen aufgelegt sind.

Jesus lauscht ihnen und scheint sich für den Lockruf eines Vögleins zu interessieren, das mit der Regelmäßigkeit einer Uhr das Köpfchen nordwärts neigt, sein klagendes "Ciwit" ausstößt und dann den Kopf nach der anderen Seite dreht, um sein fragendes "Ciwit" zu wiederholen, ohne eine Antwort zu erhalten. Endlich scheint das Vöglein im "Cip", das vom anderen Ufer kommt, doch noch eine Antwort zu bekommen, und fliegt davon; es fliegt über den Fluß und stößt dabei ein kleines Freudengezwitscher aus. Jesus macht eine Gebärde, als wolle er sagen: «Nun geht es besser!» Dann nimmt er seinen Spaziergang wieder auf.

«Störe ich dich, Meister?» fragt Johannes, der von den Wiesen kommt.

«Nein, was willst du?»

«Ich wollte dir sagen... es scheint mir, daß dir die Nachricht zum Trost gereichen würde; darum bin ich gleich gekommen, um mich mit dir darüber zu beraten.

Ich war gerade dabei, unsere Räume zu kehren, da ist Judas Iskariot hereingekommen und hat zu mir gesagt: "Ich helfe dir." Ich bin darüber sehr erstaunt gewesen, denn er macht diese niedrige Arbeit immer nur unfreiwillig und auf Geheiß. Aber ich habe weiter nichts gesagt als: "Oh, danke. So wird es schneller und besser gehen."

Er hat sich daran gemacht, zu kehren, und so sind wir schnell fertig geworden. Dann hat er gesagt: "Gehen wir in den Wald! Es sind immer die Alten, die Holz holen. Das ist nicht recht. Gehen wir! Ich verstehe nicht viel davon, aber wenn du es mir beibringen willst..." So sind wir gegangen. Während ich mit ihm die Reisigbündel band, hat er mir gesagt: "Johannes, ich möchte dir etwas sagen." "Sprich" ' habe ich entgegnet, und irgend eine Kritik erwartet. Er hat jedoch gesagt: "Ich und du, wir sind die Jüngsten. Es wäre gut, wenn wir vereinter wären. Du hast beinahe

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Angst vor mir und du hast recht, denn ich bin nicht gut. Aber glaube mir, ich tue dies alles nicht absichtlich. Manchmal habe ich das Bedürfnis, böse zu sein. Vielleicht, weil man mich verwöhnt hat, da ich ein Einzelkind war. Ich möchte gut werden. Die Alten, ich weiß es, sehen mich nicht gerne. Die Vettern Jesu sind beleidigt, weil ... ja, ich habe viel gegen sie gefehlt und auch gegen ihren Vetter. Doch du bist gut und geduldig. Sei mir gut gesinnt! Nimm mich wie einen Bruder an, der zwar böse ist, ja... aber man muß auch die Bösen lieben. Auch der Meister sagt, daß man es tun muß. Wenn du siehst, daß ich nicht gut bin, dann sage es mir und laß mich nicht immer allein. Wenn ich ins Dorf gehe, dann komme mit. Du wirst mir helfen, nichts Unrechtes zu tun. Gestern habe ich sehr gelitten. Jesus hat mit mir gesprochen, und ich habe ihn beobachtet. In meinem dummen Groll habe ich weder auf mich noch auf die anderen geachtet. Gestern habe ich ihn angeschaut und gesehen... sie haben recht, wenn sie sagen, daß Jesus leidet, und ich spüre, daß es auch meine Schuld ist. Das soll sich aber jetzt ändern. Komm mit mir! Willst du? Wirst du mir helfen, weniger böse zu sein?"

So hat er gesprochen, und ich gestehe dir, ich hatte ein Herz, das schlug wie jenes eines Sperlings, den ein Junge gefangen hat. Es schlug vor Freude, denn ich freue mich, wenn Judas sich bessert. Deinetwegen freut es mich! Aber es klopfte auch ein wenig aus Angst, denn ich möchte nicht so werden wie Judas. Dann kam mir in den Sinn, was du damals zu mir gesagt hattest, am Tage, an dem du Judas angenommen hattest, und ich habe geantwortet: "Gewiß werde ich dir helfen, doch ich muß gehorchen, und wenn ich andere Anweisungen bekomme..." Ich dachte, ich will es erst dem Meister sagen, und wenn er es will, dann tue ich es, wenn er es nicht will, dann werde ich mir Anweisung geben lassen, mich nicht vom Haus zu entfernen.»

«Höre, Johannes! Ich lasse dich gehen. Du mußt mir jedoch versprechen, daß du, wenn du spürst, daß irgend etwas dich beunruhigt, zu mir kommst und es mir sagst. Du hast mir große Freude bereitet, Johannes. Hier kommt Petrus mit seinem Fisch. Geh, Johannes.»

Jesus wendet sich Petrus zu: «Guter Fang?»

«Hm, nicht so sehr. Nur kleine Fische, doch es ist auch so recht. Jakobus ist verärgert, denn irgendein Tier hat den Strick zernagt, und ein Netz ist verlorengegangen. Ich habe gesagt: "Darf es denn nicht auch fressen? Hab Mitleid mit dem armen Tier!", doch Jakobus meint es nicht so», sagt Petrus lachend.

«Das sage ich von einem, der ein Bruder ist. Und ihr bringt es nicht fertig!»

«Sprichst du von Judas?»

«Ich spreche von Judas. Er leidet. Er hat gute Vorsätze und verderbte Neigungen. Aber sag einmal, du erfahrener Fischer: Wenn ich mit dem

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Boot auf dem Jordan zum See Genesareth fahren wollte, wie könnte ich das anstellen? Würde es mir gelingen?»

«Es wäre eine schwere Arbeit. Doch du könntest es mit einem flachen Boot schaffen. Sehr mühsam, weißt du... und langwierig! Man müßte immer den Grund abmessen und die Augen offen halten an den Ufern und Strudeln, an den schwimmenden Büschen und bei Strömungen. Das Segel nützt da gar nichts, im Gegenteil... Aber willst du auf dem Fluß wieder zum See zurückkehren? Schau, gegen den Strom schwimmen, ist schwer. Man muß für ein solches Unternehmen viele sein, sonst ...»

«Du hast es gesagt. Wenn einer lasterhaft ist, dann muß er, um gut zu werden, gegen den Strom schwimmen und allein wird er dazu nicht imstande sein. Judas ist genau einer von diesen, und ihr helft ihm nicht. Der Arme fährt allein stromaufwärts, stößt auf den Grund, umgeht die Untiefen, verfängt sich in den schwimmenden Pflanzen und wird von Wirbeln erfaßt. Anderseits, wenn er die Tiefe mißt, dann kann er nicht gleichzeitig das Steuer oder das Ruder halten. Warum also rügt man ihn, wenn er nicht vorwärts kommt? Ihr habt Mitleid mit Fremden und mit ihm, eurem Gefährten, nicht! Das ist nicht recht. Schau, dort gehen Johannes und er zum Dorfe, um Brot und Gemüse zu holen. Er hat darum gebeten, nicht allein gehen zu müssen, und er hat Johannes darum gebeten, denn er ist nicht dumm und weiß, wie ihr Alten über ihn denkt.»

«Hast du ihn geschickt? Wenn er nun auch Johannes verdirbt?»

«Wen? Meinen Bruder? Warum verderben?» fragt Jakobus, der mit dem wieder herausgefischten Netz daherkommt.

«Weil Judas mit ihm geht.»

«Seit wann?»

«Seit heute; ich habe es erlaubt.»

«Nun, wenn du es erlaubt hast!»

«Ja, ich will es sogar allen raten. Ihr laßt ihn zuviel allein. Seid nicht immer nur seine Richter. Er ist nicht schlimmer als viele andere. Aber er ist in seiner Kindheit mehr verwöhnt worden.»

«Ja, es muß so sein. Hätte er als Vater und Mutter Zebedäus und Salome gehabt, dann wäre er anders. Meine Eltern sind gut. Aber sie vergessen nicht, daß sie den Kindern gegenüber Rechte und Pflichten haben.»

«Das hast du richtig gesagt. Heute will ich gerade darüber sprechen. Laßt uns gehen! Ich sehe schon Leute, die über die Wiesen herkommen.»

«Ich weiß nicht mehr, wie wir leben sollen. Es gibt keine Essens-, Bet- und Ruhezeit mehr... und es kommen immer mehr Menschen», sagt Petrus halb bewundernd, halb verärgert.

«Bedauerst du es? Es ist doch ein Zeichen dafür, daß es immer noch Menschen gibt auf der Suche nach Gott.»

«Ja, Meister, aber du leidest darunter. Gestern hattest du nichts gegessen,

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und letzte Nacht hast du außer deinem Mantel keine anderen Decken gehabt. Wenn das deine Mutter wüßte!»

«Sie würde Gott preisen, der so viele Getreue zu mir führt.»

«Und sie würde mich tadeln, dem sie dich anempfohlen hat», schließt Petrus. Nun kommen Philippus und Bartholomäus gestikulierend auf sie zu, und wie sie Jesus sehen, beschleunigen sie den Schritt. Sie sagen: «Oh, Meister, was sollen wir tun? Es ist ein wahrer Pilgerzug: Kranke, Weinende, Arme ohne Mittel,... die meisten sind von weither gekommen.»

«Wir werden Brot kaufen. Die Reichen geben Almosen, und das muß dafür verwendet werden.»

«Die Tage sind kurz. Der Schuppen ist bereits dicht angefüllt mit biwakierenden Leuten. Die Nächte sind feucht und kalt.»

«Philippus hat recht. Wir werden uns alle in einen Raum zusammendrängen. Es wird schon gehen. Dann richten wir die anderen beiden Räume für jene her, die heute nicht nach Hause gehen können.»

«Ich habe verstanden. Demnächst müssen wir noch die Gäste um Erlaubnis bitten, wenn wir Kleider wechseln wollen. Sie sind so aufdringlich, daß sie uns in die Flucht treiben», brummt Petrus.

«Du wirst noch andere Fluchten erleben, mein Petrus! Was hat die Frau?» Sie sind am Dreschplatz angekommen, als Jesus eine weinende Frau bemerkt.

«Ach, sie war schon gestern hier, und auch gestern hat sie geweint. Als du mit Manaen sprachst, hat sie sich aufgemacht, um dir entgegenzugehen, dann ist sie jedoch weggegangen. Sie muß im Dorf oder in der Nähe wohnen, denn sie ist zurückgekommen. Krank scheint sie nicht zu sein...»

«Der Friede sei mit dir, Frau», sagt Jesus und geht nahe an ihr vorüber. Sie antwortet leise: «Und mit dir», sonst nichts.

Es sind ungefähr dreihundert Personen anwesend. Unter dem Schutzdach sind Lahme, Blinde, Stumme, einer ist vom Zittern befallen, ein Jugendlicher, der offensichtlich einen Wasserkopf hat, wird von einem Mann geführt. Er heult nur, geifert und bewegt seinen großen Kopf mit stumpfsinnigem Ausdruck unruhig hin und her.

«Ist er vielleicht der Sohn jener Frau?» fragt Petrus.

«Ich weiß es nicht. Simon kümmert sich um die Pilger und weiß es.»

Sie rufen den Zeloten und fragen ihn. Doch der Mann gehört nicht zur Frau. Diese ist allein. «Sie weint nur und betet. Vorher hat sie mich gefragt: "Heilt der Meister auch die Herzen?"», berichtet der Zelote.

«Vielleicht eine betrogene Gattin?» meint Petrus.

Während sich Jesus zu den Kranken begibt, gehen Bartholomäus und Matthäus mit vielen Pilgern zur Reinigung.

Die Frau in ihrer Ecke weint und rührt sich nicht.

Jesus verweigert niemandem das Wunder. Schön ist das Wunder am Schwachsinnigen, dem Jesus mit dem Atem den Verstand einhaucht,

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indem er den großen Kopf zwischen seinen schmalen Händen hält. Alle drängen sich hinzu. Auch die Verschleierte wagt es, vielleicht, weil viele Menschen da sind, näher zu kommen und stellt sich neben die weinende Frau. Jesus sagt zum Schwachsinnigen: «Ich will in dir das Licht des Verstandes um damit den Weg für das Licht Gottes zu bahnen. Höre, sage mit mir: "Jesus" ' sage es, ich will es!»

Der Schwachsinnige, der zuvor wie ein Tier heulte, es war wirklich nichts anderes als ein Heulen, stammelt nun mühsam: «Jesus», nein, «Jeschu».

«Noch einmal!» befiehlt Jesus und hält immer noch den unförmigen Kopf zwischen seinen Händen und beherrscht ihn mit seinem Blick. «Tsesu.» «Noch einmal!» «Jesus», sagt der Schwachsinnige endlich. Seine Augen sind nicht mehr so ausdruckslos, und der Mund hat ein anderes Lächeln.

«Mann», sagt Jesus zum Vater, «du hast Glauben gehabt. Dein Sohn ist geheilt. Befrage ihn. Der Name Jesus wirkt Wunder gegen Krankheiten und Leidenschaften.»

Der Mann fragt seinen Sohn: «Wer bin ich?»

Der Junge antwortet: «Mein Vater.» Der Mann drückt seinen Sohn an sein Herz und erklärt: «Er ist so auf die Welt gekommen. Meine Frau ist bei seiner Geburt gestorben, und er war im Verstand und im Sprechen gestört. Nun seht her! Ich habe geglaubt, ja, ich komme von Joppe. Was kann ich für dich tun, Meister?»

«Gut sollst du sein, und mit dir dein Sohn. Sonst nichts ...»

«Und dich lieben. Oh, laß uns sofort gehen, Sohn, und es der Mutter deiner Mutter erzählen. Sie hat mich zu diesem Schritt überredet, gesegnet sei sie dafür!» Die beiden gehen glücklich fort. Vom früheren Übel bleibt nur noch der große Kopf. Ausdruck und Sprechvermögen sind normal.

«Aber ist er nun durch deinen Willen oder durch die Macht deines Namens geheilt worden?» wollen viele erfahren.

«Durch den Willen des Vaters, der immer dem Sohne wohlgesinnt ist. Doch auch mein Name bedeutet Rettung. Ihr wißt es, Jesus heißt Retter. Die Rettung betrifft die Seele und den Leib. Wer den Namen Jesus mit wahrem Glauben ausspricht, steht von Krankheiten und Sünde auf, weil in jeder geistigen oder körperlichen Krankheit die Krallen Satans sind. Er erzeugt die körperlichen Leiden, um den Menschen durch die Leiden des Fleisches zur Auflehnung und zur Verzweiflung zu bringen und durch die moralischen oder geistigen Krankheiten versucht er, ihn in die Verdammnis zu stürzen.»

«Also ist nach deinem Dafürhalten an jeder Plage des Menschen Beelzebub nicht unbeteiligt?»

«Nein, er ist nicht unbeteiligt. Seinetwegen sind Krankheit und Tod in

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die Welt gekommen. Auch Verbrechen und Verderbtheit sind durch ihn in die Welt gekommen. Wenn ihr einen von irgendeinem Unglück Geplagten seht, dann denkt daran, daß er wegen Satan zu leiden hat. Wenn ihr seht, daß einer Ursache des Unglücks ist, dann wißt, daß er ein Werkzeug Satans ist.»

«Aber die Krankheiten kommen doch von Gott.»

«Die Krankheiten sind eine Unordnung in der Ordnung, denn Gott hat den Menschen gesund und vollkommen erschaffen. Die Unordnung wurde von Satan in die von Gott gegebene Ordnung gebracht und hat die Gebrechen des Fleisches und deren Folgen, also den Tod und die verhängnisvolle Vererbung, mit sich gebracht. Der Mensch hat von Adam und Eva die Erbsünde geerbt. Aber nicht nur sie. Dieser Makel breitet sich immer mehr aus und beherrscht schließlich die drei Bereiche des Menschen: Das Fleisch wird immer lasterhafter und damit schwach und krank; die Moral stets stolzer und daher verderbter, der Geist immer ungläubiger und dadurch immer götzendienerischer. Daher ist es notwendig, wie ich es mit dem Schwachsinnigen getan habe, den Namen Jesus zu lehren, der Satan in die Flucht schlägt, ihn in Herz und Sinn einzuprägen und ihn wie ein Eigentumssiegel auf das eigene Ich zu setzen.»

«Aber gehören wir denn dir? Wer bist du, daß du dir so viel einbildest?»

«Wenn es nur so wäre! Aber dem ist nicht so. Würde ich euch besitzen, so wäret ihr schon gerettet. Es wäre mein Recht, denn ich bin der Retter und müßte meine Geretteten besitzen... Doch jene, die an mich glauben, werde ich retten.»

«Johannes – ich komme von Johannes – hat mir gesagt: "Gehe zu jenem, der bei Ephraim und Jericho predigt und tauft. Er hat die Macht, zu lösen und zu binden, während ich dir nur sagen kann: 'Tue Buße, um deine Seele zu beflügeln, damit sie dem Heil folgen kann"' ' sagt ein durch ein Wunder Geheilter, der zuvor auf Krücken gehen mußte und sich nun gut bewegen kann.»

«Leidet der Täufer nicht darunter, das Volk zu verlieren?» fragt einer. Der Mann, der eben gesprochen hat, antwortet: «Leiden? Er sagt zu allen: Geht! Geht!... Ich bin der untergehende Stern. Er ist der Stern, der aufgeht und auf ewig in seiner Herrlichkeit bestehen bleibt. Damit ihr nicht in der Finsternis bleibt, geht zu ihm, bevor mein Flämmchen erlischt.»

«Die Pharisäer reden nicht so. Sie sind voller Neid, weil du das Volk anziehst. Weißt du es?»

«Ich weiß es», antwortet Jesus kurz.

Es entsteht nun eine Diskussion, ob die Pharisäer mit ihrer Handlungsweise im Recht oder Unrecht sind. Doch Jesus bricht sie ab mit einem kurzen: «Ihr sollt nicht urteilen», was keine Widerrede duldet.

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Bartholomäus und Matthäus kommen mit den Getauften zurück.

Jesus beginnt zu reden.

«Der Friede sei mit euch allen!

Ich habe gedacht, am Morgen zu euch von Gott zu sprechen, da ihr nun schon am Morgen hierher kommt, es wäre auch besser, wenn ihr zur Mittagszeit wieder abreisen könntet. Ich habe auch gedacht, die Pilger zu beherbergen, die nicht mehr am selben Tage nach Hause gelangen. Ich selbst bin auch ein Pilger und besitze nicht mehr als das Unentbehrlichste, das mir durch die Barmherzigkeit eines Freundes gegeben wurde. Johannes hat noch weniger als ich. Doch zu Johannes kommen Gesunde oder Leichtkranke, Betrübte, Blinde, Stumme und nicht Fieberkranke oder gar Sterbende wie zu mir. Sie gehen zu ihm, um die Bußtaufe zu empfangen. Zu mir kommt ihr auch für die Heilung des Körpers. Das Gesetz sagt: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Ich überlege und sage: Wie könnte ich beweisen, daß ich die Brüder liebe, wenn ich ihren Nöten und Bedürfnissen, auch den leiblichen gegenüber, mein Herz verschließen würde? Deshalb werde ich ihnen geben, was mir gegeben worden ist. Ich halte den Reichen die Hand hin und bitte sie um Brot für die Armen; ich verzichte auf mein Ruhelager und nehme den Müden und den Leidenden auf.

Wir sind alle Brüder und die Liebe wird nicht durch Worte, sondern durch Taten bewiesen. Derjenige, welcher seinem Nächsten gegenüber sein Herz verschließt, hat ein Herz wie Kain. Der Lieblose ist ein Rebell gegen Gottes Gebot. Wir sind alle Brüder, und trotzdem sehe ich, und ihr seht es ebenfalls, daß auch in einer Familie Haß und Feindschaft herrschen kann, dort, wo doch das gleiche Fleisch und Blut, das wir von Adam übernommen haben, uns zu einer brüderlichen Gemeinschaft in der Abstammung verbindet. Brüder sind gegen Brüder, Kinder gegen Eltern, Eheleute sind einander feindlich gesinnt.

Doch, um sich als Brüder nicht allezeit feindlich gesinnt zu sein, und um nicht eines Tages ehebrecherische Gatten zu werden, muß man von frühester Kindheit an die Achtung vor der Familie lernen, dem kleinsten und zugleich bedeutendsten Gebilde der Welt. Es ist das kleinste im Vergleich zum Gebilde einer Stadt, eines Gebietes, einer Nation, eines Erdteils; das bedeutsamste hingegen, weil es das älteste ist und von Gott zu einer Zeit geschaffen wurde, da der Begriff der Heimat und des Landes noch nicht bestand. Da war dieser Kern der Familie als Ursprung der Rasse, als kleines Reich, in dem der Mann der König, die Frau die Königin ist und die Kinder die Untertanen sind, bereits lebendig und tätig. Doch kann jemals ein Reich andauern, wenn Gehorsam, Achtung, Sparsamkeit, guter Wille, Fleiß und Liebe fehlen?

"Du sollst Vater und Mutter ehren", heißt es in den Zehn Geboten.

Wie ehrt man sie? Warum muß man sie ehren? Man ehrt sie mit echtem

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Gehorsam, wahrer Liebe, vertrauensvoller Achtung, mit einer Ehrfurcht, die die Vertrautheit nicht ausschließt, und die es gleichzeitig den Eltern nicht gestattet, uns wie Diener und Unterlegene zu behandeln. Man muß sie ehren, denn nach Gott sind die Eltern es, die das Leben vermitteln und für die materiellen Bedürfnisse sorgen. Sie sind die ersten Lehrer und die ersten Freunde des Kindes. Man sagt: "Gott möge dich segnen," und man sagt: "Danke" jenen, die uns einen auf den Boden gefallenen Gegenstand aufheben oder ein Stück Brot schenken. Jenen, die sich in der Arbeit aufreiben, um unseren Hunger zu stillen, um uns die Kleider zu weben und sie sauber zu halten, jenen, die sich erheben, um unseren Schlaf zu überwachen, die sich selbst die Ruhe versagen, um uns zum pflegen, die uns an ihrer Brust wieder Trost und Kraft schöpfen lassen, wenn wir im schmerzlichsten Überdruß verzagen... sollten wir ihnen nicht-- mit Liebe zurufen: "Gott segne euch" und "ich danke euch?"

Sie sind unsere Lehrer. Der Lehrer wird gefürchtet und geachtet. Doch übernimmt er uns erst, wenn wir bereits über die nötigste Kenntnis verfügen, um uns zurechtzufinden, selbständig essen und die wichtigsten Dinge benennen können, und er entläßt uns, wenn uns die wichtigste Lehre des Lebens, nämlich die "Kunst" zu leben, noch beigebracht werden muß. Der Vater und die Mutter sind es, die uns zuerst auf die Schule und dann auf das Leben vorbereiten.

Sie sind unsere Freunde. Gibt es denn einen besseren Freund als einen Vater? Und eine bessere Freundin als es die Mutter ist? Müßt ihr vor ihnen zittern? Könnt ihr sagen: "Ich bin von ihm oder von ihr verraten worden?" Doch, wie töricht ist der Junge und noch törichter das Mädchen, die sich Fremde zu Freunden machen und Vater und Mutter ihr Herz verschließen, sich Geist und Herz durch Verbindungen verderben, die unklug sind, wenn nicht gar schuldhaft und so zur Ursache von Tränen der Eltern werden und wie Tropfen flüssigen Bleis ihre Herzen durchfurchen. Diese Tränen aber, sage ich euch, fallen nicht in den Staub und geraten nicht in Vergessenheit. Gott sammelt sie und zählt sie. Das Martyrium eines zurückgestoßenen Vaters oder einer zurückgestoßenen Mutter wird vom Herrn belohnt werden. Aber die Tat eines Sohnes, der seine Eltern quält, wird nicht vergessen werden, auch dann nicht, wenn Vater und Mutter in ihrer schmerzvollen Liebe von Gott Erbarmen für den schuldigen Sohn erbitten.

"Ehre Vater und Mutter, wenn du lange auf Erden leben willst" ' ist gesagt worden, "und ewig im Himmel", füge ich hinzu Zu gering wäre die Strafe hienieden für eine Verfehlung gegen die Eltern, wenn sie nur darin bestünde, nur kurze Zeit leben zu können. Das Jenseits ist kein Märchen, und im Jenseits gibt es Belohnung oder Bestrafung, je nachdem wie wir gelebt haben. Wer gegen die Eltern fehlt, fehlt gegen Gott, denn Gott hat uns das Gebot gegeben, unsere Eltern zu lieben und wer sie nicht liebt,

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sündigt. Er verliert somit außer dem leiblichen Leben auch das wahre Leben, von dem ich zu euch gesprochen habe, und geht dem Tod der Seele entgegen. Er trägt den Tod bereits in sich, denn die Seele ist in Ungnade bei ihrem Herrn und hat schon das Verbrechen in sich, weil er die heiligste Liebe nach der Liebe zu Gott verletzt hat. Sie hat bereits den Keim für einen späteren Ehebruch in sich, denn aus einem bösen Sohn wird ein schlechter Ehegatte werden. Sie hat schon den Trieb zu einem abartigen sozialen Leben, denn aus einem schlechten Sohn entwickelt sich der zukünftige Dieb, der Betrüger, der in sich gewalttätige Mörder, der kaltblütige Wucherer, der freche Verführer, der zynische Lebemensch, der abstoßende Verräter seines Vaterlandes, der Verräter der Freunde, der Kinder, der Gattin, der Verräter aller Menschen. Könnt ihr dem noch Achtung und Vertrauen entgegenbringen, der die Liebe einer Mutter verraten und die weißen Haare eines alten Vaters verspottet hat?

Aber hört weiter zu, denn der Pflicht der Kinder steht eine gleiche Pflicht der Eltern gegenüber. Fluch dem schuldigen Kinde! Aber auch Fluch den schuldigen Eltern! Macht, daß euch die Kinder nicht tadeln müssen und im Bösen nachahmen können. Bewirkt durch eine gerechte und barmherzige Liebe, daß ihr wiedergeliebt werdet. Gott ist Barmherzigkeit. Die Eltern, die gleich nach Gott den zweiten Platz einnehmen, sollen auch barmherzig sein. Seid euren Kindern Beispiel und Trost. Seid ihr Friede und ihre Führung. Seid die erste Liebe eurer Kinder. Eine Mutter ist immer das erste Vorbild einer Braut, wie wir sie wünschen. Ein Vater hat für die heranwachsende Tochter das Wesen, das sie für ihren Bräutigam erträumt. Macht, daß eure Söhne und Töchter mit weiser Hand ihre Gefährten wählen und dabei an die Mutter und an den Vater denken und wünschen, im Gefährten wiederzufinden, was im Vater und in der Mutter ist: nämlich die wahre Tugend.

Wenn ich das Thema erschöpfend behandeln wollte, dann würden der Tag und die Nacht nicht ausreichen. Daher fasse ich mich euretwegen kürzer. Das Übrige möge euch der Heilige Geist mitteilen. Ich streue den Samen und schreite weiter. Doch der Same wird im guten Menschen gute Wurzeln schlagen und Ähren bringen. Gehet hin, der Friede sei mit euch!»

Wer geht, tut es rasch. Wer bleibt, geht in den dritten Raum und ißt sein Brot oder jenes, das ihm die Jünger im Namen Gottes anbieten. Auf grobe Klötze sind Bretter und Stroh gelegt worden; dort können die Pilger schlafen. Die verschleierte Frau geht mit eiligen Schritten davon. Jene, die von Anfang an und auch während der ganzen Rede Jesu geweint hat, wendet sich zögernd um und beschließt, zu gehen.

Jesus begibt sich in die Küche, um seine Mahlzeit einzunehmen. Doch kaum hat er zu essen begonnen, da klopft es an der Tür. Andreas, der nahe bei der Tür sitzt, erhebt sich und geht in den Hof hinaus. Er spricht

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mit jemandem und kommt zurück. «Meister, eine Frau, jene, die geweint hat, wünscht dich. Sie sagt, sie könne nicht bleiben und müsse dich zuvor sprechen.»

«Aber wie und wann kommt der Meister so zu seinem Essen?» ruft Petrus besorgt aus.

«Du hättest ihr sagen sollen, daß sie später wiederkommen soll.» sagt Philippus.

«Ruhe! Ich werde nachher essen. Eßt ihr nur weiter.» Jesus geht hinaus.

Die Frau erwartet ihn.

«Meister, ein Wort... Du hast gesagt... oh, komm hinter das Haus. Es ist so peinlich für mich, dir meinen Kummer zu sagen.»

Jesus stellt sie wortlos zufrieden. Erst hinter dem Haus fragt er sie dann: «Was willst du von mir?»

«Meister, ich habe dir vorher zugehört, als du mit den Leuten gesprochen hast... und dann habe ich deine Predigt gehört. Es schien, als hättest du für mich gesprochen. Du hast gesagt, daß in jeder körperlichen oder seelischen Krankheit Satan im Spiel ist. Ich habe einen Sohn, dessen Seele krank ist. Er hätte hören sollen, was du über die Eltern gesagt hast. Er ist mein größter Kummer. Er hat sich mit schlimmen Freunden herumgetrieben und ist so, wie du es gesagt hast... ein Dieb, vorläufig nur zu Hause... dazu ist er streitsüchtig... anmaßend... So jung wie er ist, ruiniert er sich durch Ausschweifung und Schlemmerei. Mein Mann will ihn fortjagen. Ich aber bin die Mutter und leide dermaßen, daß ich sterben möchte... Siehst du, wie meine Brust bebt? Das Herz will mir vor Kummer zerspringen. Seit gestern möchte ich mit dir reden, denn ich hoffe auf dich, mein Gott! Doch ich habe nicht gewagt, etwas zu sagen. Es ist so schmerzlich für eine Mutter, gestehen zu müssen: "Ich habe einen grausamen Sohn."» Die Frau ist vor Jesus niedergesunken und weint.

«Weine nicht mehr, er wird von seinem Übel geheilt werden.»

«Wenn er dich hören könnte! Aber er will dich nicht hören. Oh, so wird er nie gesund werden!»

«Aber hast du Glauben für ihn? Hast du Willen für ihn?»

«Das fragst du mich? Ich komme von den Anhöhen Peräas, um dich für ihn zu bitten...»

«Dann gehe nun. Wenn du nach Hause kommst, wird dir dein Sohn reumütig entgegeneilen.»

«Aber wie?»

«Wie? Glaubst du nicht, daß Gott tun kann, um was ich ihn bitte? Dein Sohn ist dort, ich bin hier. Gott aber ist überall. Ich flehe zu Gott: "Vater, habe Erbarmen mit dieser Mutter." Gott wird seinen Ruf im Herzen deines Sohnes ertönen lassen. Geh nun, Frau! Eines Tages werde ich an deinem Ort vorüberkommen, und du wirst mir voller Stolz mit deinem

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Sohn entgegenkommen. Wenn er, auf deinen Knien weinend, dich um Verzeihung bitten und dir von seinem geheimnisvollen Kampf, aus dem er mit neuer Seele hervorgegangen ist, berichten und dich dann fragen wird, warum es so gekommen ist, dann wirst du ihm sagen: "Durch Jesus bist du zum Guten wiedergeboren worden." Erzähle ihm von mir. Wenn du zu mir gekommen bist, dann beweist dies, daß du über mich Bescheid weißt. Mach, daß er von mir erfährt und an mich denkt, damit er die Kraft in sich hat, die rettet. Leb wohl! Der Friede sei mit dir, gläubige Mutter, mit dem Sohn, der zurückkehrt, mit dem zufriedenen Vater und der wiedervereinten Familie. Geh nun!»

Die Frau geht zum Dorf, und alles ist zu Ende.

162. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST NICHT UNKEUSCHHEIT TREIBEN»

Jesus sagt :

«Habe Geduld, meine Seele, wegen der doppelten Mühe. Es ist die Leidenszeit. Weißt du, wie müde ich in den letzten Tagen war? Du kannst es sehen. Ich stütze mich beim Gehen auf Johannes, Petrus und auch auf Judas... Ja, ich, der ich Wunder vollbrachte nur durch die Berührung meines Gewandes, vermochte jenes Herz nicht zu ändern. Laß mich anlehnen an dich, kleiner Johannes, damit ich jene Worte wiederholen kann, die ich in den letzten Tagen jenen Starrköpfigen und Abgestumpften schon gesagt habe, in die die Vorhersage meiner Leiden nicht eingedrungen ist. Und erlaube auch, daß der Meister von den Stunden der Predigten in der düsteren Ebene des "Trügerischen Gewässers" erzähle. Ich werde dich dafür zweimal segnen. Für deine Mühe und für dein Mitleid. Ich zähle deine Anstrengungen und sammle deine Tränen. Den Mühen aus Liebe zu den Brüdern kommt die gleiche Vergeltung zu wie jenen, die sich verzehren, um Gott den Menschen bekanntzumachen. Deine Tränen wegen meines Leidens in der vergangenen Woche werden mit dem Kuß Jesu vergolten. Schreibe und sei gesegnet !»

Jesus steht aufrecht auf einem Stapel von Brettern, die als Podest in einem der Räume aufgerichtet worden sind. Er spricht mit Donnerstimme in der Nähe der Türe, um von allen gehört zu werden: von denen, die im Raume sind, von anderen, unter dem Vordach und sogar von jenen, die auf dem überschwemmten Dreschplatz dem Regen ausgesetzt sind. Unter ihren dunklen Mänteln aus naturbelassener Wolle, die wasserundurchlässig ist, sehen sie aus wie Mönche. Im Raum selbst sind die Schwächeren, unter dem Vordach die Frauen, und im Hofe, unter dem Regen, die Kräftigeren, hauptsächlich Männer.

Petrus kommt und geht, barfuß im kurzen Unterkleid, ein Tuch auf dem Kopf. Er verliert seinen guten Humor nicht, auch wenn er im Wasser waten und eine ungewollte Dusche nehmen muß. Mit ihm sind Johannes, Andreas und Jakobus. Sie bringen vorsichtig die Kranken aus dem anderen Raum, geleiten die Blinden und stützen die Lahmen.

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die vier Jünger naß sind wie ins Wasser getauchte Schwämme.

«Nichts, nichts! Wir sind geteertes Holz. Mach dir nichts draus. Wir bekommen nur noch einmal eine Taufe, und der Täufer ist Gott selbst», antwortet Petrus auf das Bedauern Jesu.

Endlich sind alle an ihrem Platz, und Petrus denkt, daß er nun ein trockenes Gewand anziehen kann. Er veranlaßt auch die anderen drei dazu. Aber als er wieder beim Meister angelangt ist, sieht er an der Ecke des Vordaches den grauen Mantel der Verschleierten, und ohne zu überlegen, geht er zu ihr hin, quer durch den Hof, unter dem prasselnden, immer stärker werdenden Regen, durch die Pfützen, die bis zu den Knien spritzen beim Aufprall der dicken Regentropfen. Er packt die Verschleierte am Ellbogen, ohne den Mantel zu verschieben, und schleppt sie bis zur Wand des Schuppens, wo sie vor dem Regen geschützt ist. Dann stellt er sich in ihre Nähe, steif und unbeweglich, wie eine Schildwache.

Jesus hat es gesehen. Er lächelt und neigt dabei sein Haupt, um das Leuchten seines Antlitzes zu verbergen. Er beginnt zu sprechen:

«Sagt nicht, die ihr regelmäßig zu mir kommt, daß ich nicht der Reihe nach ordnungsgemäß predige und einige der Zehn Gebote überspringe. Ihr hört mich, ich sehe es, ihr hört mir zu. Ich knüpfe an die Schmerzen und an die Wunden an, die ich in euch sehe. Ich bin der Arzt. Der Arzt geht zuerst zu den Schwerkranken, zu jenen, die dem Tod am nächsten sind. Dann geht er zu jenen, die weniger leidend sind. Ich mache es ebenso.

Heute sage ich: "Du sollst nicht Unkeuschheit treiben."

Laßt eure Blicke nicht umherschweifen, indem ihr versucht, auf diesem oder jenem Gesicht das Wort "unkeusch" zu lesen. Liebt euch gegenseitig. Hättet ihr es gern, wenn es jemand auf euch lesen würde? Nein! Sucht also nicht, es im beunruhigten Auge des Nachbarn zu lesen, auf einer Stirn, die sich rötet und sich bis zum Boden neigt.

Dann... oh, sagt mir, besonders ihr Männer, wer von euch hat noch nie von diesem Brot aus Asche und Kot gekostet, das die sexuelle Befriedigung ist ? Ist nur das Unkeuschheit, was euch für eine Stunde in die Arme einer Dirne treibt? Ist nicht auch das entweihte Zusammenleben mit der Gemahlin unkeusch, da es zum legalisierten Laster wird, indem es nur zur gegenseitigen Befriedigung der Sinnlichkeit dient unter Ausschluß der Folgen?

Ehe bedeutet Zeugung, und ihr Vollzug ist und muß Befruchtung sein. Ohne dies ist sie unmoralisch. Man darf aus dem Ehegemach kein Bordell machen. Dazu wird es, wenn es mit Ausschweifung beschmutzt und die Ehe nicht durch die Mutterschaft geheiligt wird. Die Erde weist den Samen nicht zurück. Sie nimmt ihn auf und läßt eine Pflanze gedeihen. Der Same entflieht der Scholle nicht, nachdem er niedergelegt ist, er schlägt

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ein pflanzliches Geschöpf aus der Verbindung der Erde mit dem Samen. Der Mann ist der Same, die Frau das Erdreich und das Kind die Ähre. Sich weigern, eine Ähre zu bilden und die Kraft im Laster zu vergeuden, ist Sünde... ist Buhlerei auf dem Ehelager, die noch verschlimmert wird durch den Ungehorsam dem Gebote gegenüber, das besagt: "Seid ein Fleisch und vermehrt euch in den Kindern" (Gen 1,26-28 usw.).

Daher seht, o ihr Frauen, die ihr absichtlich unfruchtbar bleiben wollt, ihr rechtmäßigen und ehrbaren Frauen, nicht in den Augen Gottes, aber in jenen der Welt, daß ihr trotzdem Dirnen gleichkommt und Unkeuschheit treiben könnt, selbst wenn ihr nur eurem Ehegatten angehört, weil ihr nicht die Mutterschaft sucht, sondern viel zu oft dem Sinnengenuß frönt. Ihr überlegt nicht, daß die Sinnenlust – welchem Schlund auch ihre Begierde entspringen mag – ein Gift ist, das in Leidenschaft entbrennen läßt. Nach Befriedigung lechzend, durchbricht sie Schranken und wird in ihrer Gier immerzu unersättlicher. Was zurückbleibt ist ein herber Geschmack von Asche unter der Zunge, ein Widerwille, ein Ekel und die Verachtung eurer selbst und des Gefährten eurer Lust. Könnte es denn anders möglich sein, als daß in einem nicht diese Selbstverachtung aufkommen würde, wenn das Gewissen wiedererwacht – und das tut es zwischen einem Sinnenrausch und dem nächsten – weil man sich bis unter das Tier erniedrigt hat?

"Du sollst nicht Unkeuschheit treiben", ist gesagt worden.

Unkeusch sind ein Großteil der wollüstigen Handlungen des Menschen. Ich betrachte nicht einmal jene absurden Verbindungen, die der Leviticus mit den Worten verurteilt: "Mann, du darfst nicht einem Mann beiwohnen, als ob es eine Frau wäre", und "Du darfst nicht einem Tier beiwohnen, um dich nicht mit ihm zu beflecken." Dasselbe gilt auch für die Frau, sie darf sich nicht mit dem Tier vereinigen, denn das wäre verbrecherisch! (Lev 18,22-23)

Aber nachdem ich die Pflichten der Eheleute in der Ehe genannt habe, die aufhört, heilig zu sein, wenn sie durch Arglist unfruchtbar bleibt, komme ich auf die Unkeuschheit zwischen Mann und Frau zu sprechen: Unzucht aus gegenseitiger Lasterhaftigkeit oder gegen Bezahlung in Form von Geld oder Geschenken.

Der menschliche Körper ist ein herrlicher Tempel, der einen Altar in sich birgt. Auf dem Altare müßte Gott sein. Doch Gott ist nicht da wo Verderbtheit herrscht. Daher hat der Körper des Unreinen den Altar entweiht und ist ohne Gott.

Ähnlich einem Menschen, der sich betrunken im Schlamm und dem Erbrochenen seines Rausches wälzt, so erniedrigt sich der Mensch selber in der Bestialität der Unzucht und wird schlimmer als der Wurm und das schmutzigste Tier. Sagt mir, wenn jemand unter euch ist, der sich so

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erniedrigt hat, daß er mit seinem Körper Handel treibt, wie man es mit Korn und Tieren macht, was ist ihm daraus Gutes erwachsen? Nehmt euer Herz in die Hand, beobachtet und befragt es, hört es an, seht euch seine Wunden an, sein schmerzhaftes Erschauern, und dann sprecht und antwortet mir: War jene Frucht wirklich so süß, daß dieses Herz, das rein geboren, diesen Schmerz verdient hätte, gezwungenermaßen in einem unreinen Körper zu wohnen und mit seinem Schlagen der Unkeuschheit Leben und Glut zu verleihen, um sich schlußendlich im Laster zu verbrauchen?

Sagt mir, seid ihr so verkommen, daß ihr nicht einmal im geheimen schluchzen müßt, wenn ihr eine Kinderstimme hört, die "Mama" ruft, und ihr dann eurer Mutter gedenkt, o ihr Freudenmädchen, die ihr von zu Hause weggelaufen oder fortgejagt worden seid, damit ihr – die faulende Frucht – mit eurer zersetzenden Absonderung nicht auch noch die Geschwister verderbt? Wenn ihr an eure Mutter denkt, die vielleicht aus Gram gestorben ist, weil sie sich sagen mußte: "Habe ich ein Scheusal geboren?"

Fühlt ihr nicht euer Herz zerspringen, wenn ihr einem einsamen, ehrwürdigen Greis begegnet und dabei an euren Vater denkt, auf den ihr Schmach mit vollen Händen geworfen habt, und mit der Schmach den Spott seines Heimatdorfes ?

Spürt ihr nicht, wie eure Eingeweide sich verkrampfen, wenn ihr das Glück einer Braut oder die Unschuld einer Jungfrau seht und ihr euch sagen müßt: "Auf all das habe ich verzichtet, und ich werde es nie mehr haben!"

Spürt ihr nicht euer Gesicht vor Scham brennen, wenn ihr dem Blick der Männer begegnet, der voller Gier oder voller Verachtung ist?

Spürt ihr nicht eure Erbärmlichkeit, wenn ihr euch nach dem Kuß eines Kindes sehnt und nicht mehr zu sagen wagt: "Gib mir einen Kuß" ' weil ihr es abgetrieben habt, getötet wie eine unangenehme Last oder ein unnützes Hindernis, von dem Baum gebrochen, dessen Frucht es doch ist, und auf den Misthaufen geworfen, und weil nun die kleinen Leben euch zurufen: "Mörderinnen!"?

Erzittert ihr nicht vor jenem Richter, der euch erschaffen hat und euch erwartet, um euch zu fragen: "Was hast du aus dir gemacht? Habe ich dir etwa das Leben dafür gegeben? Stinkendes Nest der Würmer und der Verwesung, wie wagst du es, vor mein Angesicht zu treten? Du hast alles gehabt, was für dich Gott bedeutete: die Sinnenlust! Nun geh in die Verdammnis ohne Ende!"

Wer weint? Niemand? Ihr sagt, niemand? Und doch, meine Seele geht einer anderen Seele entgegen, die weint! Warum geht sie ihr entgegen? Um ihr den Bann entgegenzuschleudern, sie sei eine Dirne? Nein! Weil ihre Seele mir leid tut. Alles in mir empfindet Abscheu vor ihrem widerlichen,

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durch Anstrengungen in der Unzucht mit Schweiß bedeckten Körper.

Oh, Vater! Vater! Auch für diese Seele habe ich Fleisch angenommen und den Himmel verlassen, um ihr und ihrer vielen Schwesterseelen Erlöser zu sein. Warum sollte ich dieses umherirrende Schaf nicht zurückholen und in den Schafstall bringen, es reinigen, mit der Herde vereinigen, auf die Weide führen und ihm eine Liebe schenken, vollkommen wie nur meine Liebe ist, und so ganz anders als jene Liebschaften, die bis anhin für sie den Namen Liebe trugen und doch nur Haß waren; eine mitfühlende, vollkommene und zarte Liebe, damit sie nicht mehr der vergangenen Zeit nachtrauere, oder ihr nur nachtrauere, weil sie sich sagen muß: "Zu viele Tage habe ich verloren fern von dir, Ewige Schönheit. Wer gibt mir die versäumte Zeit zurück? Wie kann ich in dem kurzen Lebensrest von dem kosten, was ich verkostet hätte, wenn ich rein geblieben wäre?"

Aber weine nicht, von aller Gier der Welt getretene Seele. Höre, du bist ein schmutziger Lumpen, doch du kannst wieder zu einer Blume werden. Du bist ein Misthaufen, doch du kannst zum Blumenbeet werden. Du bist ein unreines Tier, doch du kannst wieder zum Engel werden. Einmal warst du es schon. Du hast auf blumigen Wiesen getanzt, als Rose unter Rosen, frisch wie sie und duftend in deiner Jungfräulichkeit. Du hast freudig deine Kinderlieder gesungen, und dann bist du zur Mutter und zum Vater gesprungen und hast zu ihnen gesagt: "Ich liebe euch", und der unsichtbare Schutzengel, den jedes Geschöpf an seiner Seite hat, erfreute sich an deiner reinen, himmelblauen Seele...

Und dann? Warum? Warum hast du dir die Flügel der kindlichen Unschuld ausgerissen? Warum hast du das Herz eines Vaters und einer Mutter mit Füßen getreten, um anderen, zweifelhaften Liebeleien entgegenzueilen? Warum hast du deine lautere Stimme verlogenen Phrasen der Leidenschaft geliehen? Warum hast du den Stengel der Rose geknickt und dich selbst verletzt?

Bereue, Tochter Gottes! Die Reue erneuert, die Reue reinigt, die Reue läutert. Könnte dir der Mensch nicht mehr verzeihen? Könnte es dein Vater nicht mehr? Doch Gott kann es! Denn die Güte Gottes ist unvergleichbar mit menschlicher Güte, und seine Barmherzigkeit ist unendlich größer als die menschliche Erbärmlichkeit. Achte dich selbst und mache deine Seele durch ein anständiges Leben wieder würdig. Rechtfertige dich vor Gott, indem du nicht mehr gegen deine Seele sündigst. Erwirb dir einen guten Ruf bei Gott. Das ist es, was zählt! Du bist das Laster! Werde die Sittsamkeit, werde ein Opfer, werde Märtyrerin deiner Reue. Du hast dein Herz martern können, um deinem Fleisch den Genuß zu gewähren. Nun martere dein Fleisch, um deinem Herzen den ewigen Frieden zu schenken.

Gehe! Geht nun alle! Jeder mit seiner Last und seinen Gedanken und denkt darüber nach. Gott erwartet alle und weist keinen von jenen

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zurück, die reumütig sind. Der Herr möge euch sein Licht schenken, damit ihr eure Seelen zu erkennen vermöget. Gehet hin.»

Viele entfernen sich in Richtung des Dorfes. Andere treten ins Haus. Jesus geht zu den Kranken und heilt sie.

Eine Gruppe von Männern steht plaudernd in einer Ecke. Da sie verschiedene Ansichten vertreten, reden und gestikulieren sie heftig. Einige beschuldigen Jesus, andere verteidigen ihn. Wiederum andere ermahnen diese und jene zu reiferem Urteil. Die Erregtesten wählen einen Mittelweg, vielleicht weil es nur wenige sind im Vergleich zu den anderen Gruppen, und gehen zu Petrus, der zusammen mit Simon die nun entbehrlichen Bahren dreier Geheilter aus dem Schuppen trägt, der zur Pilgerherberge geworden ist. Sie reden ihn vorlaut an: «Mann von Galiläa, höre!»

Petrus wendet sich um und schaut sie an wie seltene Tiere. Er sagt nichts, doch sein Gesicht spricht Bände. Simon wirft nur einen Blick auf die fünf Aufgeregten, geht hinaus und überläßt sie ihrem Gespräch.

Einer der fünf fährt weiter: «Ich bin Samuel, der Schriftgelehrte, dieser ist mein Kollege Sadoch, dieser hier ist der Jude Eleazar, sehr bekannt und einflußreich, dieser der wohlbekannte Älteste Callascebona und dieser Nahum. Verstehst du! Nahum!» Und der Ton seiner Stimme wird beinahe pathetisch.

Petrus macht eine leichte Verneigung bei jedem Namen, doch zum Schluß bleibt er auf halbem Wege und sagt mit höchster Gleichgültigkeit: «Ich weiß nicht... nie gehört... Ich verstehe nicht.»

«Blöder Fischer, du müßtest wissen, wer der Vertrauensmann des Annas ist!»

«Ich kenne Annas nicht, ich kenne nur viele Frauen mit dem Namen Anna... Eine Unmenge in Kapharnaum heißen auch Anna. Aber ich weiß nicht, welchem Annas dieser hier den Vertrauensmann spielt.»

«Dieser? Mir sagt man "dieser" ? !»

«Aber was soll ich dir denn sagen? Esel oder Vogel? Als ich zur Schule ging, hat mir der Lehrer beigebracht, "dieser" zu sagen, wenn ich von einem Mann spreche, und wenn ich nicht irre, bist du ein Mann.»

Der Mann tut, als ob ihn diese Worte quälten. Der andere, der zuerst gesprochen hat, erklärt: «Aber Annas ist der Schwiegervater des Kaiphas!»

«Ach so, nun verstehe ich. Und was weiter?»

«Nun, du sollst wissen, daß wir entrüstet sind.»

«Über was? Das Wetter? Ich auch. Zum drittenmal muß ich schon das Gewand wechseln, und jetzt habe ich nichts Trockenes mehr anzuziehen.»

«Spiel nicht den Dummen!»

«Den Dummen? Das stimmt doch! Aber wenn ihr nicht über das Wetter verärgert seid, über was dann? Die Römer?»

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«Über deinen Meister, den falschen Propheten!»

«Halt, lieber Samuel. Nimm dich in acht, wenn ich wach werde, dann bin ich wie der See. Von der Windstille zum Gewitter brauche ich nur einen Augenblick. Paß auf, was du sagst!»

Auch die Söhne des Zebedäus und des Alphäus sind nun hereingekommen und mit ihnen Iskariot und Simon; sie umringen Petrus, der immer lauter schreit.

«Faß nicht mit deinen plebejischen Händen die Großen Sions an!»

«Oh, welch feine Herren! Und ihr rührt mir den Meister nicht an, sonst landet ihr im Brunnen, und zwar sofort, um euch innen und außen ganz tüchtig zu reinigen.»

«Ich möchte die Gelehrten des Tempels darauf aufmerksam machen, daß dieses Haus Privatbereich ist», sagt Simon ruhig. Iskariot beteuert: «Und daß der Meister, dafür kann ich bürgen, für das Haus eines anderen, besonders für das Haus des Herrn, immer die größte Ehrfurcht hat. Dieselbe Ehrfurcht werde auch Seinem Zuhause entgegengebracht.»

«Schweige, du hinterhältiger Wurm!»

«Hinterhältig eben darum! Ihr habt mich angeekelt, und daher bin ich dorthin gegangen, wo es nicht ekelhaft ist. Gebe Gott, daß das Zusammensein mit euch mich nicht gänzlich verdorben hat.»

«Macht es kurz; was wollt ihr?» fragt Jakobus des Alphäus, trocken.

«Wer bist du denn?»

«Ich bin Jakobus des Alphäus, und Alphäus des Jakob, und Jakob des Matan, und Matan des Eleazar, und wenn du willst, sage ich dir den ganzen Stammbaum, bis zum König David, von dem ich abstamme, und dazu bin ich der Vetter des Messias. Daher bitte ich dich, mit mir als dem Nachkommen des königlichen Geschlechts und der jüdischen Rasse zu sprechen, wenn es deinen Hochmut anekelt, mit einem ehrlichen Israeliten zu reden, der Gott besser kennt als Gamaliel und Kaiphas. Rede also!»

«Dein Meister und Verwandter läßt sich Dirnen nachfolgen. Jene Verschleierte dort ist eine Dirne. Ich habe sie wiedererkannt, als sie Gold verkaufte. Sie ist die dem Schammai entflohene Geliebte; sie entehrt ihn.»

«Wem? Schammai, dem Rabbi? Dann muß sie schon eine alte Motte und daher ungefährlich sein», spottet Iskariot.

«Schweig, Verrückter! Von Schammai des Elchi, des Bevorzugten von Herodes!»

«Ach so, anscheinend liebt sie ihren Schatz nicht mehr. Schließlich war es ja seine Geliebte, nicht deine. Warum regst du dich dann so auf ?» Judas Iskariot antwortet überaus spöttisch.

«Mann, glaubst du nicht, daß du dich entehrst, wenn du den Spion machst?» fragt Judas des Alphäus. «Denkst du nicht, daß derjenige sich entehrt, der sich erniedrigt, zu sündigen, und nicht jener, der versucht, die Sünder wieder aufzurichten? Welche Unehre fällt auf meinen Meister

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und Bruder, wenn er mit seiner Stimme auch jene zu erreichen versucht, deren Ohren vom Geifer der Unzüchtigen Sions entweiht worden sind?»

«Die Stimme! Ha, ha, ha... Er ist dreißig Jahre alt, dein Meister und Vetter, und er ist nur ein größerer Heuchler als die anderen. Du und ihr alle, habt ihr einen guten Schlaf bei Nacht?»

«Unverschämte Schlange! Hinaus oder ich erwürge dich!» schreit Petrus, und Jakobus und Johannes unterstützen ihn, während Simon sich darauf beschränkt zu sagen: «Schande! Deine Heuchelei ist so groß, daß sie aufstößt und überläuft und schleimig ist wie eine Schnecke auf einer reinen Blume. Hinaus, und werde ein Mensch, denn jetzt bist du nur Geifer. Ich erkenne dich, Samuel. Du bist immer noch der Gleiche. Gott möge dir verzeihen. Aber verschwinde aus meinen Augen!»

Doch während Iskariot und Jakobus des Alphäus den so wütenden Petrus festhalten, donnert Judas Thaddäus, der mehr denn je dem Vetter gleicht, von dem er in diesem Augenblick das blaue Aufleuchten in den Augen und die würdevolle Haltung hat: «Wer den Schuldlosen entehrt, entehrt sich selbst. Die Augen und die Zunge hat Gott geschaffen, um sie in Heiligkeit zu gebrauchen. Der Verleumder schändet und erniedrigt sie, indem er sie zu Untaten mißbraucht. Ich will mich nicht selbst beschmutzen, indem ich durch eine gemeine Tat deinen weißen Haaren Schmach antuhe. Aber vergiß nicht: die Bösen hassen gute Menschen, und der Törichte tobt seinen Unmut aus, ohne auch nur zu überlegen, daß er sich dadurch verrät. Wer in der Finsternis lebt, verwechselt den blühenden Zweig mit einer Schlange. Doch wer im Licht lebt, sieht die Dinge, wie sie sind und verteidigt sie aus Liebe zur Gerechtigkeit, wenn sie verachtet werden. Wir leben im Licht. Wir sind das edle und keusche Geschlecht der Kinder des Lichtes, und unser Oberhaupt ist der Heilige, der weder Weib noch Sünde kennt. Wir folgen ihm nach und verteidigen ihn gegen seine Feinde, für die wir, wie er es uns gelehrt hat, keinen Haß, sondern nur Gebete haben. Lerne, o Greis, von einem Jüngling, der reif geworden ist, weil er die Weisheit zur Lehrerin hat, auf daß du nicht voreilig seiest im Reden und unfähig, Gutes zu tun. Geh und berichte dem, der dich gesandt hat, daß nicht im entehrten Haus auf dem Berg Moriah, sondern in dieser bescheidenen Wohnung Gott in seiner Herrlichkeit thront. Leb wohl!»

Die fünf Männer wagen es nicht, etwas einzuwenden und entfernen sich.

Die Jünger beraten. Sollen sie es Jesus sagen oder nicht ? Jesus weilt immer noch bei den geheilten Kranken. Ja, es ihm sagen! Es ist besser so!

Sie gehen zu ihm, rufen ihn und erzählen ihm alles. Jesus lächelt ruhig und antwortet: «Ich danke euch für die Verteidigung; doch was wollt ihr? Ein jeder gibt das, was er hat.»

«Aber ein wenig Recht haben sie. Man hat Augen im Kopf, um zu sehen, und viele sehen. Sie ist immer hier draußen, wie ein Hund. Sie schadet dir», sagen einige.

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«Laßt sie in Ruhe. Nicht sie wird der Stein sein, der mein Haupt treffen soll, und wenn sie gerettet wird, dann ist die Freude darüber einen Tadel wert.»

Alles endet mit dieser gütigen Antwort.

 

Gepriesen sei Gott unser Vater, unser Schöpfer,
Gepriesen sei Jesus Christus, der sich aus Liebe für uns geopfert hat,

Gepriesen sei der Hl. Geist, der unser Lehrmeister sein möchte.

 

 

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