Kirche Weitental

†  Gott ist die Liebe - Er liebt dich  †
 Gott ist der beste und liebste Vater, immer bereit zu verzeihen, Er sehnt sich nach dir, wende dich an Ihn
nähere dich deinem Vater, der nichts als Liebe ist. Bei Ihm findest du wahren und echten Frieden, der alles Irdische überstrahlt

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Maria Valtorta - Der Gottmensch

Band 3

 

Dieses Werk ist eine Gnade unseres lieben Herrn, man lernt hier Jesus und seine Worte in der richtigen Art und Weise kennen, seine Liebe, seinen Gehorsam, seine klaren und wahren Worte, nicht verdrehte, nicht unverständliche oder hoch theologische, nein, einfache Worte. Er erklärt für jeden verständlich die Gleichnisse. Glaube ist kein Studium, es ist Demut, Hingabe, Geduld, Vertrauen, nicht mein Wille muss an erster Stelle stehen, sondern den Willen Gottes gilt es zu suchen, die Gebote gilt es zu halten und hier erlangt man ein Verständnis hierfür. Zudem stimmen die Worte Jesu mit seinem Leben überein, voller Hingabe an den Willen seines und unseren Vaters. Nimm dir Zeit es aufmerksam zu lesen, du wirst es nicht bereuen.

Das Werk kann man hier in Buchform erwerben:

Parvis-Verlag, Route de l'Eglise 71, 1648 Hauteville, Schweiz, Tel. +41 26 915 93 93, buchhandlung@parvis.ch, www.parvis.ch

Aus rechtlichen Gründen dürfen nur Auszüge daraus veröffentlicht werden!
 



Nur zu Testzwecken!

Inhalt
 

Band III:
Erstes Jahr des öffentlichen Lebens Jesu (Fortsetzung)

161. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': "Du sollst Vater und Mutter ehren". S. 9
162. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': "Du sollst nicht Unkeuschheit treiben". S. 19
163. Die Verschleierte beim 'Trügerischen Gewässer'. S. 27
164. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst die Feiertage heiligen". S. 32
165. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst nicht töten"- Tod des Doras. S. 37
166. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': Die drei Jünger des Täufers. S. 45
167. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau". S. 51
168. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': Er heilt den besessenen Römer; Er spricht zu den Römern. S. 56
169. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen". S. 63
170. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer':"Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut". S. 69
171. Jesus beim 'Trügerischen Gewässer': Abschluss der Erklärungen zum 'De profundis' und 'Miserere'. S. 73
172. Jesus verlässt das 'Trügerische Gewässer' und geht nach Bethanien. S. 80
173. Die Heilung der krebskranken Jerusa von Doko. S. 89
174. In Bethanien: Im Haus des Simon des Zeloten. S. 94
175. Das Lichterfest im Hause des Lazarus in Anwesenheit der Hirte. S. 102
176. Rückkehr zum 'Trügerischen Gewässer'. S. 116
177. Ein neuer Jünger; Aufbruch nach Galiläa. S. 122
178. Auf den Bergen bei Emmaus. S. 126
179. Im Hause des Synagogenvorstehers Kleophas. S. 131


Band III: Zweites Jahr des öffentlichen Lebens Jesu

180. Unterweisung der Jünger auf dem Weg nach Arimathäa. S. 141
181. Auf dem Weg nach Samaria; Unterweisung der Apostel. S. 144
182. Die Samariterin Fotinai. S. 146
183. Bei den Bewohners von Sichar. S. 152
184. Verkündigung der Heilsbotschaft in Sichar. S. 155
185. Der Abschied von den Bewohnern Sichars. S. 158
186. Unterweisung der Apostel; Wunder an der Frau von Sichar. S. 161
187. Jesus besucht den Täufer bei Ennon. S. 165
188. Jesus unterweist die Apostel. S. 168
189. Jesus in Nazareth;"Sohn, ich werde mit dir kommen". S. 172
190. In Kana im Haus der Susanna; Der königliche Beamte. S. 174
191. Im Haus des Zebedäus; Salome angenommen als Jüngerin. S. 176
192. Jesus spricht zu den Seinen vom Apostolat der Frau. S. 178
193. Jesus in Caesarea am Meer. Er spricht zu den Galeerensklaven. S. 180
194. Heilung der kleinen Römerin in Caesarea. S. 186
195. Annalia legt das Gelübte der Jungfräulichkeit ab. S. 193
196. Die Unterweisungen der Jüngerinnen in Nazareth. S. 198
197. Jesus spricht auf dem See mit Johanna des Chuza. S. 205
198. Jesus in Gergesa; Die Jünger des Johannes. S. 209
199. Von Nephtalis nach Gischala; Begegnung mit dem Rabbi Gamaliel. S. 213
200. Die Heilung des Enkels des Pharisäer in Kapharnaum. S. 219
201. Jesus im Hause von Kapharnaum nach dem Wunder an Elisäus. S. 223
202. Das Mahl im Hause des Pharisäers Eli in Kapharnaum. S. 228
203. Unterwegs in die Einsamkeit der Berge vor der Erwählung der Apostel. S. 232
204. Die Erwählung der zwölf Jünger zu Aposteln. S. 235
205. Die erste Predigt Simon des Zeloten und des Johannes. S. 241
206. Im Haus der Johanna des Chuza; Jesus und die Römerinnen. S. 250
207. Aglaia im Hause Mariens in Nazareth. S. 260
208. Die Bergpredigt"Ihr seid das Salz der Erde". S. 270
209. Die Bergpredig: Die Seligpreisungen (Erster Teil). S. 278
210. Die Bergpredigt: Die Selipreisungen (Zweiter Teil). S. 289
211. Die Bergpredigt: Die Seligpreisungen (Dritter Teil). S. 295
212. Die Bergpredigt: Die Seligpreisungen (Vierter Teil). S. 305
213. Die Bergpredigt: Die Seligpreisungen (Fünfter Teil). S. 312
214. Heilung eines Aussätzigen am Fusse des Berges. S. 333
215. Am Sabbat nach der Berg Fusse des Berges. S. 337
216. Der Diener des Centurio wird. S. 342
217. "Lass die Toten ihre Toten begraben". S. 344
218. Das Gleichnis vom Sämann. S. 347
219. In der Küche des Petrus; Belehrung Jesu und Ankündigung der Gefangennahme des Täufer. S. 355
220. Das Gleichnis vom guten Weizen und vom Unkraut. S. 365
221. Jesus spricht auf dem Weg nach Magdala zu Hirten. S. 372
222. Jesus in Magdala; Zweite Begegnung mit Magdalena. S. 376
223. Zu Magdala im Hause der Mutter Benjami. S. 380
224. Jesus gebietet dem Sturm auf dem See. S. 388
225. "Heimsuchungen dienen dazu, dass ihr euch eures Nichts bewusst werden". S. 390
226. Die besessenen Gerasener. S. 392
227. Von Tarichäa zum Tabor; Die zweite Osterreise beginnt. S. 398
228. In Endor; In der Grotte der Wahrsagerin; Bekehrung von Felix, der hierauf Johannes genannt wird. S. 403
229. Auferweckung des Sohn es der Witwe von Naim. S. 413

 

 

161. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST VATER UND MUTTER EHREN»

Jesus wandelt langsam am Flußufer auf und ab. Es muß sehr früh am Morgen sein, denn der Nebel eines trüben, winterlichen Tages lastet noch auf dem Schilf der Ufer. Niemand ist an den Ufern des Jordan, so weit man sehen kann. Niedriger Nebel, Rauschen des Wassers durch das Schilf, Murmeln des Wassers, das infolge der Regenfälle der letzten Tage bewegter ist; einzelne Vogelrufe: kurz, traurig, wie es ist, wenn die Jahreszeit der Brunst vorbei ist und die Gefiederten wegen des schlechten Wetters und des knappen Futters lustlos und nicht zum Singen aufgelegt sind.

Jesus lauscht ihnen und scheint sich für den Lockruf eines Vögleins zu interessieren, das mit der Regelmäßigkeit einer Uhr das Köpfchen nordwärts neigt, sein klagendes "Ciwit" ausstößt und dann den Kopf nach der anderen Seite dreht, um sein fragendes "Ciwit" zu wiederholen, ohne eine Antwort zu erhalten. Endlich scheint das Vöglein im "Cip", das vom anderen Ufer kommt, doch noch eine Antwort zu bekommen, und fliegt davon; es fliegt über den Fluß und stößt dabei ein kleines Freudengezwitscher aus. Jesus macht eine Gebärde, als wolle er sagen: «Nun geht es besser!» Dann nimmt er seinen Spaziergang wieder auf.

«Störe ich dich, Meister?» fragt Johannes, der von den Wiesen kommt.

«Nein, was willst du?»

«Ich wollte dir sagen... es scheint mir, daß dir die Nachricht zum Trost gereichen würde; darum bin ich gleich gekommen, um mich mit dir darüber zu beraten.

Ich war gerade dabei, unsere Räume zu kehren, da ist Judas Iskariot hereingekommen und hat zu mir gesagt: "Ich helfe dir." Ich bin darüber sehr erstaunt gewesen, denn er macht diese niedrige Arbeit immer nur unfreiwillig und auf Geheiß. Aber ich habe weiter nichts gesagt als: "Oh, danke. So wird es schneller und besser gehen."

Er hat sich daran gemacht, zu kehren, und so sind wir schnell fertig geworden. Dann hat er gesagt: "Gehen wir in den Wald! Es sind immer die Alten, die Holz holen. Das ist nicht recht. Gehen wir! Ich verstehe nicht viel davon, aber wenn du es mir beibringen willst..." So sind wir gegangen. Während ich mit ihm die Reisigbündel band, hat er mir gesagt: "Johannes, ich möchte dir etwas sagen." "Sprich" ' habe ich entgegnet, und irgend eine Kritik erwartet. Er hat jedoch gesagt: "Ich und du, wir sind die Jüngsten. Es wäre gut, wenn wir vereinter wären. Du hast beinahe

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Angst vor mir und du hast recht, denn ich bin nicht gut. Aber glaube mir, ich tue dies alles nicht absichtlich. Manchmal habe ich das Bedürfnis, böse zu sein. Vielleicht, weil man mich verwöhnt hat, da ich ein Einzelkind war. Ich möchte gut werden. Die Alten, ich weiß es, sehen mich nicht gerne. Die Vettern Jesu sind beleidigt, weil ... ja, ich habe viel gegen sie gefehlt und auch gegen ihren Vetter. Doch du bist gut und geduldig. Sei mir gut gesinnt! Nimm mich wie einen Bruder an, der zwar böse ist, ja... aber man muß auch die Bösen lieben. Auch der Meister sagt, daß man es tun muß. Wenn du siehst, daß ich nicht gut bin, dann sage es mir und laß mich nicht immer allein. Wenn ich ins Dorf gehe, dann komme mit. Du wirst mir helfen, nichts Unrechtes zu tun. Gestern habe ich sehr gelitten. Jesus hat mit mir gesprochen, und ich habe ihn beobachtet. In meinem dummen Groll habe ich weder auf mich noch auf die anderen geachtet. Gestern habe ich ihn angeschaut und gesehen... sie haben recht, wenn sie sagen, daß Jesus leidet, und ich spüre, daß es auch meine Schuld ist. Das soll sich aber jetzt ändern. Komm mit mir! Willst du? Wirst du mir helfen, weniger böse zu sein?"

So hat er gesprochen, und ich gestehe dir, ich hatte ein Herz, das schlug wie jenes eines Sperlings, den ein Junge gefangen hat. Es schlug vor Freude, denn ich freue mich, wenn Judas sich bessert. Deinetwegen freut es mich! Aber es klopfte auch ein wenig aus Angst, denn ich möchte nicht so werden wie Judas. Dann kam mir in den Sinn, was du damals zu mir gesagt hattest, am Tage, an dem du Judas angenommen hattest, und ich habe geantwortet: "Gewiß werde ich dir helfen, doch ich muß gehorchen, und wenn ich andere Anweisungen bekomme..." Ich dachte, ich will es erst dem Meister sagen, und wenn er es will, dann tue ich es, wenn er es nicht will, dann werde ich mir Anweisung geben lassen, mich nicht vom Haus zu entfernen.»

«Höre, Johannes! Ich lasse dich gehen. Du mußt mir jedoch versprechen, daß du, wenn du spürst, daß irgend etwas dich beunruhigt, zu mir kommst und es mir sagst. Du hast mir große Freude bereitet, Johannes. Hier kommt Petrus mit seinem Fisch. Geh, Johannes.»

Jesus wendet sich Petrus zu: «Guter Fang?»

«Hm, nicht so sehr. Nur kleine Fische, doch es ist auch so recht. Jakobus ist verärgert, denn irgendein Tier hat den Strick zernagt, und ein Netz ist verlorengegangen. Ich habe gesagt: "Darf es denn nicht auch fressen? Hab Mitleid mit dem armen Tier!", doch Jakobus meint es nicht so», sagt Petrus lachend.

«Das sage ich von einem, der ein Bruder ist. Und ihr bringt es nicht fertig!»

«Sprichst du von Judas?»

«Ich spreche von Judas. Er leidet. Er hat gute Vorsätze und verderbte Neigungen. Aber sag einmal, du erfahrener Fischer: Wenn ich mit dem

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Boot auf dem Jordan zum See Genesareth fahren wollte, wie könnte ich das anstellen? Würde es mir gelingen?»

«Es wäre eine schwere Arbeit. Doch du könntest es mit einem flachen Boot schaffen. Sehr mühsam, weißt du... und langwierig! Man müßte immer den Grund abmessen und die Augen offen halten an den Ufern und Strudeln, an den schwimmenden Büschen und bei Strömungen. Das Segel nützt da gar nichts, im Gegenteil... Aber willst du auf dem Fluß wieder zum See zurückkehren? Schau, gegen den Strom schwimmen, ist schwer. Man muß für ein solches Unternehmen viele sein, sonst ...»

«Du hast es gesagt. Wenn einer lasterhaft ist, dann muß er, um gut zu werden, gegen den Strom schwimmen und allein wird er dazu nicht imstande sein. Judas ist genau einer von diesen, und ihr helft ihm nicht. Der Arme fährt allein stromaufwärts, stößt auf den Grund, umgeht die Untiefen, verfängt sich in den schwimmenden Pflanzen und wird von Wirbeln erfaßt. Anderseits, wenn er die Tiefe mißt, dann kann er nicht gleichzeitig das Steuer oder das Ruder halten. Warum also rügt man ihn, wenn er nicht vorwärts kommt? Ihr habt Mitleid mit Fremden und mit ihm, eurem Gefährten, nicht! Das ist nicht recht. Schau, dort gehen Johannes und er zum Dorfe, um Brot und Gemüse zu holen. Er hat darum gebeten, nicht allein gehen zu müssen, und er hat Johannes darum gebeten, denn er ist nicht dumm und weiß, wie ihr Alten über ihn denkt.»

«Hast du ihn geschickt? Wenn er nun auch Johannes verdirbt?»

«Wen? Meinen Bruder? Warum verderben?» fragt Jakobus, der mit dem wieder herausgefischten Netz daherkommt.

«Weil Judas mit ihm geht.»

«Seit wann?»

«Seit heute; ich habe es erlaubt.»

«Nun, wenn du es erlaubt hast!»

«Ja, ich will es sogar allen raten. Ihr laßt ihn zuviel allein. Seid nicht immer nur seine Richter. Er ist nicht schlimmer als viele andere. Aber er ist in seiner Kindheit mehr verwöhnt worden.»

«Ja, es muß so sein. Hätte er als Vater und Mutter Zebedäus und Salome gehabt, dann wäre er anders. Meine Eltern sind gut. Aber sie vergessen nicht, daß sie den Kindern gegenüber Rechte und Pflichten haben.»

«Das hast du richtig gesagt. Heute will ich gerade darüber sprechen. Laßt uns gehen! Ich sehe schon Leute, die über die Wiesen herkommen.»

«Ich weiß nicht mehr, wie wir leben sollen. Es gibt keine Essens-, Bet- und Ruhezeit mehr... und es kommen immer mehr Menschen», sagt Petrus halb bewundernd, halb verärgert.

«Bedauerst du es? Es ist doch ein Zeichen dafür, daß es immer noch Menschen gibt auf der Suche nach Gott.»

«Ja, Meister, aber du leidest darunter. Gestern hattest du nichts gegessen,

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und letzte Nacht hast du außer deinem Mantel keine anderen Decken gehabt. Wenn das deine Mutter wüßte!»

«Sie würde Gott preisen, der so viele Getreue zu mir führt.»

«Und sie würde mich tadeln, dem sie dich anempfohlen hat», schließt Petrus. Nun kommen Philippus und Bartholomäus gestikulierend auf sie zu, und wie sie Jesus sehen, beschleunigen sie den Schritt. Sie sagen: «Oh, Meister, was sollen wir tun? Es ist ein wahrer Pilgerzug: Kranke, Weinende, Arme ohne Mittel,... die meisten sind von weither gekommen.»

«Wir werden Brot kaufen. Die Reichen geben Almosen, und das muß dafür verwendet werden.»

«Die Tage sind kurz. Der Schuppen ist bereits dicht angefüllt mit biwakierenden Leuten. Die Nächte sind feucht und kalt.»

«Philippus hat recht. Wir werden uns alle in einen Raum zusammendrängen. Es wird schon gehen. Dann richten wir die anderen beiden Räume für jene her, die heute nicht nach Hause gehen können.»

«Ich habe verstanden. Demnächst müssen wir noch die Gäste um Erlaubnis bitten, wenn wir Kleider wechseln wollen. Sie sind so aufdringlich, daß sie uns in die Flucht treiben», brummt Petrus.

«Du wirst noch andere Fluchten erleben, mein Petrus! Was hat die Frau?» Sie sind am Dreschplatz angekommen, als Jesus eine weinende Frau bemerkt.

«Ach, sie war schon gestern hier, und auch gestern hat sie geweint. Als du mit Manaen sprachst, hat sie sich aufgemacht, um dir entgegenzugehen, dann ist sie jedoch weggegangen. Sie muß im Dorf oder in der Nähe wohnen, denn sie ist zurückgekommen. Krank scheint sie nicht zu sein...»

«Der Friede sei mit dir, Frau», sagt Jesus und geht nahe an ihr vorüber. Sie antwortet leise: «Und mit dir», sonst nichts.

Es sind ungefähr dreihundert Personen anwesend. Unter dem Schutzdach sind Lahme, Blinde, Stumme, einer ist vom Zittern befallen, ein Jugendlicher, der offensichtlich einen Wasserkopf hat, wird von einem Mann geführt. Er heult nur, geifert und bewegt seinen großen Kopf mit stumpfsinnigem Ausdruck unruhig hin und her.

«Ist er vielleicht der Sohn jener Frau?» fragt Petrus.

«Ich weiß es nicht. Simon kümmert sich um die Pilger und weiß es.»

Sie rufen den Zeloten und fragen ihn. Doch der Mann gehört nicht zur Frau. Diese ist allein. «Sie weint nur und betet. Vorher hat sie mich gefragt: "Heilt der Meister auch die Herzen?"», berichtet der Zelote.

«Vielleicht eine betrogene Gattin?» meint Petrus.

Während sich Jesus zu den Kranken begibt, gehen Bartholomäus und Matthäus mit vielen Pilgern zur Reinigung.

Die Frau in ihrer Ecke weint und rührt sich nicht.

Jesus verweigert niemandem das Wunder. Schön ist das Wunder am Schwachsinnigen, dem Jesus mit dem Atem den Verstand einhaucht,

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indem er den großen Kopf zwischen seinen schmalen Händen hält. Alle drängen sich hinzu. Auch die Verschleierte wagt es, vielleicht, weil viele Menschen da sind, näher zu kommen und stellt sich neben die weinende Frau. Jesus sagt zum Schwachsinnigen: «Ich will in dir das Licht des Verstandes um damit den Weg für das Licht Gottes zu bahnen. Höre, sage mit mir: "Jesus" ' sage es, ich will es!»

Der Schwachsinnige, der zuvor wie ein Tier heulte, es war wirklich nichts anderes als ein Heulen, stammelt nun mühsam: «Jesus», nein, «Jeschu».

«Noch einmal!» befiehlt Jesus und hält immer noch den unförmigen Kopf zwischen seinen Händen und beherrscht ihn mit seinem Blick. «Tsesu.» «Noch einmal!» «Jesus», sagt der Schwachsinnige endlich. Seine Augen sind nicht mehr so ausdruckslos, und der Mund hat ein anderes Lächeln.

«Mann», sagt Jesus zum Vater, «du hast Glauben gehabt. Dein Sohn ist geheilt. Befrage ihn. Der Name Jesus wirkt Wunder gegen Krankheiten und Leidenschaften.»

Der Mann fragt seinen Sohn: «Wer bin ich?»

Der Junge antwortet: «Mein Vater.» Der Mann drückt seinen Sohn an sein Herz und erklärt: «Er ist so auf die Welt gekommen. Meine Frau ist bei seiner Geburt gestorben, und er war im Verstand und im Sprechen gestört. Nun seht her! Ich habe geglaubt, ja, ich komme von Joppe. Was kann ich für dich tun, Meister?»

«Gut sollst du sein, und mit dir dein Sohn. Sonst nichts ...»

«Und dich lieben. Oh, laß uns sofort gehen, Sohn, und es der Mutter deiner Mutter erzählen. Sie hat mich zu diesem Schritt überredet, gesegnet sei sie dafür!» Die beiden gehen glücklich fort. Vom früheren Übel bleibt nur noch der große Kopf. Ausdruck und Sprechvermögen sind normal.

«Aber ist er nun durch deinen Willen oder durch die Macht deines Namens geheilt worden?» wollen viele erfahren.

«Durch den Willen des Vaters, der immer dem Sohne wohlgesinnt ist. Doch auch mein Name bedeutet Rettung. Ihr wißt es, Jesus heißt Retter. Die Rettung betrifft die Seele und den Leib. Wer den Namen Jesus mit wahrem Glauben ausspricht, steht von Krankheiten und Sünde auf, weil in jeder geistigen oder körperlichen Krankheit die Krallen Satans sind. Er erzeugt die körperlichen Leiden, um den Menschen durch die Leiden des Fleisches zur Auflehnung und zur Verzweiflung zu bringen und durch die moralischen oder geistigen Krankheiten versucht er, ihn in die Verdammnis zu stürzen.»

«Also ist nach deinem Dafürhalten an jeder Plage des Menschen Beelzebub nicht unbeteiligt?»

«Nein, er ist nicht unbeteiligt. Seinetwegen sind Krankheit und Tod in

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die Welt gekommen. Auch Verbrechen und Verderbtheit sind durch ihn in die Welt gekommen. Wenn ihr einen von irgendeinem Unglück Geplagten seht, dann denkt daran, daß er wegen Satan zu leiden hat. Wenn ihr seht, daß einer Ursache des Unglücks ist, dann wißt, daß er ein Werkzeug Satans ist.»

«Aber die Krankheiten kommen doch von Gott.»

«Die Krankheiten sind eine Unordnung in der Ordnung, denn Gott hat den Menschen gesund und vollkommen erschaffen. Die Unordnung wurde von Satan in die von Gott gegebene Ordnung gebracht und hat die Gebrechen des Fleisches und deren Folgen, also den Tod und die verhängnisvolle Vererbung, mit sich gebracht. Der Mensch hat von Adam und Eva die Erbsünde geerbt. Aber nicht nur sie. Dieser Makel breitet sich immer mehr aus und beherrscht schließlich die drei Bereiche des Menschen: Das Fleisch wird immer lasterhafter und damit schwach und krank; die Moral stets stolzer und daher verderbter, der Geist immer ungläubiger und dadurch immer götzendienerischer. Daher ist es notwendig, wie ich es mit dem Schwachsinnigen getan habe, den Namen Jesus zu lehren, der Satan in die Flucht schlägt, ihn in Herz und Sinn einzuprägen und ihn wie ein Eigentumssiegel auf das eigene Ich zu setzen.»

«Aber gehören wir denn dir? Wer bist du, daß du dir so viel einbildest?»

«Wenn es nur so wäre! Aber dem ist nicht so. Würde ich euch besitzen, so wäret ihr schon gerettet. Es wäre mein Recht, denn ich bin der Retter und müßte meine Geretteten besitzen... Doch jene, die an mich glauben, werde ich retten.»

«Johannes – ich komme von Johannes – hat mir gesagt: "Gehe zu jenem, der bei Ephraim und Jericho predigt und tauft. Er hat die Macht, zu lösen und zu binden, während ich dir nur sagen kann: 'Tue Buße, um deine Seele zu beflügeln, damit sie dem Heil folgen kann"' ' sagt ein durch ein Wunder Geheilter, der zuvor auf Krücken gehen mußte und sich nun gut bewegen kann.»

«Leidet der Täufer nicht darunter, das Volk zu verlieren?» fragt einer. Der Mann, der eben gesprochen hat, antwortet: «Leiden? Er sagt zu allen: Geht! Geht!... Ich bin der untergehende Stern. Er ist der Stern, der aufgeht und auf ewig in seiner Herrlichkeit bestehen bleibt. Damit ihr nicht in der Finsternis bleibt, geht zu ihm, bevor mein Flämmchen erlischt.»

«Die Pharisäer reden nicht so. Sie sind voller Neid, weil du das Volk anziehst. Weißt du es?»

«Ich weiß es», antwortet Jesus kurz.

Es entsteht nun eine Diskussion, ob die Pharisäer mit ihrer Handlungsweise im Recht oder Unrecht sind. Doch Jesus bricht sie ab mit einem kurzen: «Ihr sollt nicht urteilen», was keine Widerrede duldet.

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Bartholomäus und Matthäus kommen mit den Getauften zurück.

Jesus beginnt zu reden.

«Der Friede sei mit euch allen!

Ich habe gedacht, am Morgen zu euch von Gott zu sprechen, da ihr nun schon am Morgen hierher kommt, es wäre auch besser, wenn ihr zur Mittagszeit wieder abreisen könntet. Ich habe auch gedacht, die Pilger zu beherbergen, die nicht mehr am selben Tage nach Hause gelangen. Ich selbst bin auch ein Pilger und besitze nicht mehr als das Unentbehrlichste, das mir durch die Barmherzigkeit eines Freundes gegeben wurde. Johannes hat noch weniger als ich. Doch zu Johannes kommen Gesunde oder Leichtkranke, Betrübte, Blinde, Stumme und nicht Fieberkranke oder gar Sterbende wie zu mir. Sie gehen zu ihm, um die Bußtaufe zu empfangen. Zu mir kommt ihr auch für die Heilung des Körpers. Das Gesetz sagt: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Ich überlege und sage: Wie könnte ich beweisen, daß ich die Brüder liebe, wenn ich ihren Nöten und Bedürfnissen, auch den leiblichen gegenüber, mein Herz verschließen würde? Deshalb werde ich ihnen geben, was mir gegeben worden ist. Ich halte den Reichen die Hand hin und bitte sie um Brot für die Armen; ich verzichte auf mein Ruhelager und nehme den Müden und den Leidenden auf.

Wir sind alle Brüder und die Liebe wird nicht durch Worte, sondern durch Taten bewiesen. Derjenige, welcher seinem Nächsten gegenüber sein Herz verschließt, hat ein Herz wie Kain. Der Lieblose ist ein Rebell gegen Gottes Gebot. Wir sind alle Brüder, und trotzdem sehe ich, und ihr seht es ebenfalls, daß auch in einer Familie Haß und Feindschaft herrschen kann, dort, wo doch das gleiche Fleisch und Blut, das wir von Adam übernommen haben, uns zu einer brüderlichen Gemeinschaft in der Abstammung verbindet. Brüder sind gegen Brüder, Kinder gegen Eltern, Eheleute sind einander feindlich gesinnt.

Doch, um sich als Brüder nicht allezeit feindlich gesinnt zu sein, und um nicht eines Tages ehebrecherische Gatten zu werden, muß man von frühester Kindheit an die Achtung vor der Familie lernen, dem kleinsten und zugleich bedeutendsten Gebilde der Welt. Es ist das kleinste im Vergleich zum Gebilde einer Stadt, eines Gebietes, einer Nation, eines Erdteils; das bedeutsamste hingegen, weil es das älteste ist und von Gott zu einer Zeit geschaffen wurde, da der Begriff der Heimat und des Landes noch nicht bestand. Da war dieser Kern der Familie als Ursprung der Rasse, als kleines Reich, in dem der Mann der König, die Frau die Königin ist und die Kinder die Untertanen sind, bereits lebendig und tätig. Doch kann jemals ein Reich andauern, wenn Gehorsam, Achtung, Sparsamkeit, guter Wille, Fleiß und Liebe fehlen?

"Du sollst Vater und Mutter ehren", heißt es in den Zehn Geboten.

Wie ehrt man sie? Warum muß man sie ehren? Man ehrt sie mit echtem

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Gehorsam, wahrer Liebe, vertrauensvoller Achtung, mit einer Ehrfurcht, die die Vertrautheit nicht ausschließt, und die es gleichzeitig den Eltern nicht gestattet, uns wie Diener und Unterlegene zu behandeln. Man muß sie ehren, denn nach Gott sind die Eltern es, die das Leben vermitteln und für die materiellen Bedürfnisse sorgen. Sie sind die ersten Lehrer und die ersten Freunde des Kindes. Man sagt: "Gott möge dich segnen," und man sagt: "Danke" jenen, die uns einen auf den Boden gefallenen Gegenstand aufheben oder ein Stück Brot schenken. Jenen, die sich in der Arbeit aufreiben, um unseren Hunger zu stillen, um uns die Kleider zu weben und sie sauber zu halten, jenen, die sich erheben, um unseren Schlaf zu überwachen, die sich selbst die Ruhe versagen, um uns zum pflegen, die uns an ihrer Brust wieder Trost und Kraft schöpfen lassen, wenn wir im schmerzlichsten Überdruß verzagen... sollten wir ihnen nicht-- mit Liebe zurufen: "Gott segne euch" und "ich danke euch?"

Sie sind unsere Lehrer. Der Lehrer wird gefürchtet und geachtet. Doch übernimmt er uns erst, wenn wir bereits über die nötigste Kenntnis verfügen, um uns zurechtzufinden, selbständig essen und die wichtigsten Dinge benennen können, und er entläßt uns, wenn uns die wichtigste Lehre des Lebens, nämlich die "Kunst" zu leben, noch beigebracht werden muß. Der Vater und die Mutter sind es, die uns zuerst auf die Schule und dann auf das Leben vorbereiten.

Sie sind unsere Freunde. Gibt es denn einen besseren Freund als einen Vater? Und eine bessere Freundin als es die Mutter ist? Müßt ihr vor ihnen zittern? Könnt ihr sagen: "Ich bin von ihm oder von ihr verraten worden?" Doch, wie töricht ist der Junge und noch törichter das Mädchen, die sich Fremde zu Freunden machen und Vater und Mutter ihr Herz verschließen, sich Geist und Herz durch Verbindungen verderben, die unklug sind, wenn nicht gar schuldhaft und so zur Ursache von Tränen der Eltern werden und wie Tropfen flüssigen Bleis ihre Herzen durchfurchen. Diese Tränen aber, sage ich euch, fallen nicht in den Staub und geraten nicht in Vergessenheit. Gott sammelt sie und zählt sie. Das Martyrium eines zurückgestoßenen Vaters oder einer zurückgestoßenen Mutter wird vom Herrn belohnt werden. Aber die Tat eines Sohnes, der seine Eltern quält, wird nicht vergessen werden, auch dann nicht, wenn Vater und Mutter in ihrer schmerzvollen Liebe von Gott Erbarmen für den schuldigen Sohn erbitten.

"Ehre Vater und Mutter, wenn du lange auf Erden leben willst" ' ist gesagt worden, "und ewig im Himmel", füge ich hinzu Zu gering wäre die Strafe hienieden für eine Verfehlung gegen die Eltern, wenn sie nur darin bestünde, nur kurze Zeit leben zu können. Das Jenseits ist kein Märchen, und im Jenseits gibt es Belohnung oder Bestrafung, je nachdem wie wir gelebt haben. Wer gegen die Eltern fehlt, fehlt gegen Gott, denn Gott hat uns das Gebot gegeben, unsere Eltern zu lieben und wer sie nicht liebt,

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sündigt. Er verliert somit außer dem leiblichen Leben auch das wahre Leben, von dem ich zu euch gesprochen habe, und geht dem Tod der Seele entgegen. Er trägt den Tod bereits in sich, denn die Seele ist in Ungnade bei ihrem Herrn und hat schon das Verbrechen in sich, weil er die heiligste Liebe nach der Liebe zu Gott verletzt hat. Sie hat bereits den Keim für einen späteren Ehebruch in sich, denn aus einem bösen Sohn wird ein schlechter Ehegatte werden. Sie hat schon den Trieb zu einem abartigen sozialen Leben, denn aus einem schlechten Sohn entwickelt sich der zukünftige Dieb, der Betrüger, der in sich gewalttätige Mörder, der kaltblütige Wucherer, der freche Verführer, der zynische Lebemensch, der abstoßende Verräter seines Vaterlandes, der Verräter der Freunde, der Kinder, der Gattin, der Verräter aller Menschen. Könnt ihr dem noch Achtung und Vertrauen entgegenbringen, der die Liebe einer Mutter verraten und die weißen Haare eines alten Vaters verspottet hat?

Aber hört weiter zu, denn der Pflicht der Kinder steht eine gleiche Pflicht der Eltern gegenüber. Fluch dem schuldigen Kinde! Aber auch Fluch den schuldigen Eltern! Macht, daß euch die Kinder nicht tadeln müssen und im Bösen nachahmen können. Bewirkt durch eine gerechte und barmherzige Liebe, daß ihr wiedergeliebt werdet. Gott ist Barmherzigkeit. Die Eltern, die gleich nach Gott den zweiten Platz einnehmen, sollen auch barmherzig sein. Seid euren Kindern Beispiel und Trost. Seid ihr Friede und ihre Führung. Seid die erste Liebe eurer Kinder. Eine Mutter ist immer das erste Vorbild einer Braut, wie wir sie wünschen. Ein Vater hat für die heranwachsende Tochter das Wesen, das sie für ihren Bräutigam erträumt. Macht, daß eure Söhne und Töchter mit weiser Hand ihre Gefährten wählen und dabei an die Mutter und an den Vater denken und wünschen, im Gefährten wiederzufinden, was im Vater und in der Mutter ist: nämlich die wahre Tugend.

Wenn ich das Thema erschöpfend behandeln wollte, dann würden der Tag und die Nacht nicht ausreichen. Daher fasse ich mich euretwegen kürzer. Das Übrige möge euch der Heilige Geist mitteilen. Ich streue den Samen und schreite weiter. Doch der Same wird im guten Menschen gute Wurzeln schlagen und Ähren bringen. Gehet hin, der Friede sei mit euch!»

Wer geht, tut es rasch. Wer bleibt, geht in den dritten Raum und ißt sein Brot oder jenes, das ihm die Jünger im Namen Gottes anbieten. Auf grobe Klötze sind Bretter und Stroh gelegt worden; dort können die Pilger schlafen. Die verschleierte Frau geht mit eiligen Schritten davon. Jene, die von Anfang an und auch während der ganzen Rede Jesu geweint hat, wendet sich zögernd um und beschließt, zu gehen.

Jesus begibt sich in die Küche, um seine Mahlzeit einzunehmen. Doch kaum hat er zu essen begonnen, da klopft es an der Tür. Andreas, der nahe bei der Tür sitzt, erhebt sich und geht in den Hof hinaus. Er spricht

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mit jemandem und kommt zurück. «Meister, eine Frau, jene, die geweint hat, wünscht dich. Sie sagt, sie könne nicht bleiben und müsse dich zuvor sprechen.»

«Aber wie und wann kommt der Meister so zu seinem Essen?» ruft Petrus besorgt aus.

«Du hättest ihr sagen sollen, daß sie später wiederkommen soll.» sagt Philippus.

«Ruhe! Ich werde nachher essen. Eßt ihr nur weiter.» Jesus geht hinaus.

Die Frau erwartet ihn.

«Meister, ein Wort... Du hast gesagt... oh, komm hinter das Haus. Es ist so peinlich für mich, dir meinen Kummer zu sagen.»

Jesus stellt sie wortlos zufrieden. Erst hinter dem Haus fragt er sie dann: «Was willst du von mir?»

«Meister, ich habe dir vorher zugehört, als du mit den Leuten gesprochen hast... und dann habe ich deine Predigt gehört. Es schien, als hättest du für mich gesprochen. Du hast gesagt, daß in jeder körperlichen oder seelischen Krankheit Satan im Spiel ist. Ich habe einen Sohn, dessen Seele krank ist. Er hätte hören sollen, was du über die Eltern gesagt hast. Er ist mein größter Kummer. Er hat sich mit schlimmen Freunden herumgetrieben und ist so, wie du es gesagt hast... ein Dieb, vorläufig nur zu Hause... dazu ist er streitsüchtig... anmaßend... So jung wie er ist, ruiniert er sich durch Ausschweifung und Schlemmerei. Mein Mann will ihn fortjagen. Ich aber bin die Mutter und leide dermaßen, daß ich sterben möchte... Siehst du, wie meine Brust bebt? Das Herz will mir vor Kummer zerspringen. Seit gestern möchte ich mit dir reden, denn ich hoffe auf dich, mein Gott! Doch ich habe nicht gewagt, etwas zu sagen. Es ist so schmerzlich für eine Mutter, gestehen zu müssen: "Ich habe einen grausamen Sohn."» Die Frau ist vor Jesus niedergesunken und weint.

«Weine nicht mehr, er wird von seinem Übel geheilt werden.»

«Wenn er dich hören könnte! Aber er will dich nicht hören. Oh, so wird er nie gesund werden!»

«Aber hast du Glauben für ihn? Hast du Willen für ihn?»

«Das fragst du mich? Ich komme von den Anhöhen Peräas, um dich für ihn zu bitten...»

«Dann gehe nun. Wenn du nach Hause kommst, wird dir dein Sohn reumütig entgegeneilen.»

«Aber wie?»

«Wie? Glaubst du nicht, daß Gott tun kann, um was ich ihn bitte? Dein Sohn ist dort, ich bin hier. Gott aber ist überall. Ich flehe zu Gott: "Vater, habe Erbarmen mit dieser Mutter." Gott wird seinen Ruf im Herzen deines Sohnes ertönen lassen. Geh nun, Frau! Eines Tages werde ich an deinem Ort vorüberkommen, und du wirst mir voller Stolz mit deinem

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Sohn entgegenkommen. Wenn er, auf deinen Knien weinend, dich um Verzeihung bitten und dir von seinem geheimnisvollen Kampf, aus dem er mit neuer Seele hervorgegangen ist, berichten und dich dann fragen wird, warum es so gekommen ist, dann wirst du ihm sagen: "Durch Jesus bist du zum Guten wiedergeboren worden." Erzähle ihm von mir. Wenn du zu mir gekommen bist, dann beweist dies, daß du über mich Bescheid weißt. Mach, daß er von mir erfährt und an mich denkt, damit er die Kraft in sich hat, die rettet. Leb wohl! Der Friede sei mit dir, gläubige Mutter, mit dem Sohn, der zurückkehrt, mit dem zufriedenen Vater und der wiedervereinten Familie. Geh nun!»

Die Frau geht zum Dorf, und alles ist zu Ende.

162. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST NICHT UNKEUSCHHEIT TREIBEN»

Jesus sagt :

«Habe Geduld, meine Seele, wegen der doppelten Mühe. Es ist die Leidenszeit. Weißt du, wie müde ich in den letzten Tagen war? Du kannst es sehen. Ich stütze mich beim Gehen auf Johannes, Petrus und auch auf Judas... Ja, ich, der ich Wunder vollbrachte nur durch die Berührung meines Gewandes, vermochte jenes Herz nicht zu ändern. Laß mich anlehnen an dich, kleiner Johannes, damit ich jene Worte wiederholen kann, die ich in den letzten Tagen jenen Starrköpfigen und Abgestumpften schon gesagt habe, in die die Vorhersage meiner Leiden nicht eingedrungen ist. Und erlaube auch, daß der Meister von den Stunden der Predigten in der düsteren Ebene des "Trügerischen Gewässers" erzähle. Ich werde dich dafür zweimal segnen. Für deine Mühe und für dein Mitleid. Ich zähle deine Anstrengungen und sammle deine Tränen. Den Mühen aus Liebe zu den Brüdern kommt die gleiche Vergeltung zu wie jenen, die sich verzehren, um Gott den Menschen bekanntzumachen. Deine Tränen wegen meines Leidens in der vergangenen Woche werden mit dem Kuß Jesu vergolten. Schreibe und sei gesegnet !»

Jesus steht aufrecht auf einem Stapel von Brettern, die als Podest in einem der Räume aufgerichtet worden sind. Er spricht mit Donnerstimme in der Nähe der Türe, um von allen gehört zu werden: von denen, die im Raume sind, von anderen, unter dem Vordach und sogar von jenen, die auf dem überschwemmten Dreschplatz dem Regen ausgesetzt sind. Unter ihren dunklen Mänteln aus naturbelassener Wolle, die wasserundurchlässig ist, sehen sie aus wie Mönche. Im Raum selbst sind die Schwächeren, unter dem Vordach die Frauen, und im Hofe, unter dem Regen, die Kräftigeren, hauptsächlich Männer.

Petrus kommt und geht, barfuß im kurzen Unterkleid, ein Tuch auf dem Kopf. Er verliert seinen guten Humor nicht, auch wenn er im Wasser waten und eine ungewollte Dusche nehmen muß. Mit ihm sind Johannes, Andreas und Jakobus. Sie bringen vorsichtig die Kranken aus dem anderen Raum, geleiten die Blinden und stützen die Lahmen.

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die vier Jünger naß sind wie ins Wasser getauchte Schwämme.

«Nichts, nichts! Wir sind geteertes Holz. Mach dir nichts draus. Wir bekommen nur noch einmal eine Taufe, und der Täufer ist Gott selbst», antwortet Petrus auf das Bedauern Jesu.

Endlich sind alle an ihrem Platz, und Petrus denkt, daß er nun ein trockenes Gewand anziehen kann. Er veranlaßt auch die anderen drei dazu. Aber als er wieder beim Meister angelangt ist, sieht er an der Ecke des Vordaches den grauen Mantel der Verschleierten, und ohne zu überlegen, geht er zu ihr hin, quer durch den Hof, unter dem prasselnden, immer stärker werdenden Regen, durch die Pfützen, die bis zu den Knien spritzen beim Aufprall der dicken Regentropfen. Er packt die Verschleierte am Ellbogen, ohne den Mantel zu verschieben, und schleppt sie bis zur Wand des Schuppens, wo sie vor dem Regen geschützt ist. Dann stellt er sich in ihre Nähe, steif und unbeweglich, wie eine Schildwache.

Jesus hat es gesehen. Er lächelt und neigt dabei sein Haupt, um das Leuchten seines Antlitzes zu verbergen. Er beginnt zu sprechen:

«Sagt nicht, die ihr regelmäßig zu mir kommt, daß ich nicht der Reihe nach ordnungsgemäß predige und einige der Zehn Gebote überspringe. Ihr hört mich, ich sehe es, ihr hört mir zu. Ich knüpfe an die Schmerzen und an die Wunden an, die ich in euch sehe. Ich bin der Arzt. Der Arzt geht zuerst zu den Schwerkranken, zu jenen, die dem Tod am nächsten sind. Dann geht er zu jenen, die weniger leidend sind. Ich mache es ebenso.

Heute sage ich: "Du sollst nicht Unkeuschheit treiben."

Laßt eure Blicke nicht umherschweifen, indem ihr versucht, auf diesem oder jenem Gesicht das Wort "unkeusch" zu lesen. Liebt euch gegenseitig. Hättet ihr es gern, wenn es jemand auf euch lesen würde? Nein! Sucht also nicht, es im beunruhigten Auge des Nachbarn zu lesen, auf einer Stirn, die sich rötet und sich bis zum Boden neigt.

Dann... oh, sagt mir, besonders ihr Männer, wer von euch hat noch nie von diesem Brot aus Asche und Kot gekostet, das die sexuelle Befriedigung ist ? Ist nur das Unkeuschheit, was euch für eine Stunde in die Arme einer Dirne treibt? Ist nicht auch das entweihte Zusammenleben mit der Gemahlin unkeusch, da es zum legalisierten Laster wird, indem es nur zur gegenseitigen Befriedigung der Sinnlichkeit dient unter Ausschluß der Folgen?

Ehe bedeutet Zeugung, und ihr Vollzug ist und muß Befruchtung sein. Ohne dies ist sie unmoralisch. Man darf aus dem Ehegemach kein Bordell machen. Dazu wird es, wenn es mit Ausschweifung beschmutzt und die Ehe nicht durch die Mutterschaft geheiligt wird. Die Erde weist den Samen nicht zurück. Sie nimmt ihn auf und läßt eine Pflanze gedeihen. Der Same entflieht der Scholle nicht, nachdem er niedergelegt ist, er schlägt

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ein pflanzliches Geschöpf aus der Verbindung der Erde mit dem Samen. Der Mann ist der Same, die Frau das Erdreich und das Kind die Ähre. Sich weigern, eine Ähre zu bilden und die Kraft im Laster zu vergeuden, ist Sünde... ist Buhlerei auf dem Ehelager, die noch verschlimmert wird durch den Ungehorsam dem Gebote gegenüber, das besagt: "Seid ein Fleisch und vermehrt euch in den Kindern" (Gen 1,26-28 usw.).

Daher seht, o ihr Frauen, die ihr absichtlich unfruchtbar bleiben wollt, ihr rechtmäßigen und ehrbaren Frauen, nicht in den Augen Gottes, aber in jenen der Welt, daß ihr trotzdem Dirnen gleichkommt und Unkeuschheit treiben könnt, selbst wenn ihr nur eurem Ehegatten angehört, weil ihr nicht die Mutterschaft sucht, sondern viel zu oft dem Sinnengenuß frönt. Ihr überlegt nicht, daß die Sinnenlust – welchem Schlund auch ihre Begierde entspringen mag – ein Gift ist, das in Leidenschaft entbrennen läßt. Nach Befriedigung lechzend, durchbricht sie Schranken und wird in ihrer Gier immerzu unersättlicher. Was zurückbleibt ist ein herber Geschmack von Asche unter der Zunge, ein Widerwille, ein Ekel und die Verachtung eurer selbst und des Gefährten eurer Lust. Könnte es denn anders möglich sein, als daß in einem nicht diese Selbstverachtung aufkommen würde, wenn das Gewissen wiedererwacht – und das tut es zwischen einem Sinnenrausch und dem nächsten – weil man sich bis unter das Tier erniedrigt hat?

"Du sollst nicht Unkeuschheit treiben", ist gesagt worden.

Unkeusch sind ein Großteil der wollüstigen Handlungen des Menschen. Ich betrachte nicht einmal jene absurden Verbindungen, die der Leviticus mit den Worten verurteilt: "Mann, du darfst nicht einem Mann beiwohnen, als ob es eine Frau wäre", und "Du darfst nicht einem Tier beiwohnen, um dich nicht mit ihm zu beflecken." Dasselbe gilt auch für die Frau, sie darf sich nicht mit dem Tier vereinigen, denn das wäre verbrecherisch! (Lev 18,22-23)

Aber nachdem ich die Pflichten der Eheleute in der Ehe genannt habe, die aufhört, heilig zu sein, wenn sie durch Arglist unfruchtbar bleibt, komme ich auf die Unkeuschheit zwischen Mann und Frau zu sprechen: Unzucht aus gegenseitiger Lasterhaftigkeit oder gegen Bezahlung in Form von Geld oder Geschenken.

Der menschliche Körper ist ein herrlicher Tempel, der einen Altar in sich birgt. Auf dem Altare müßte Gott sein. Doch Gott ist nicht da wo Verderbtheit herrscht. Daher hat der Körper des Unreinen den Altar entweiht und ist ohne Gott.

Ähnlich einem Menschen, der sich betrunken im Schlamm und dem Erbrochenen seines Rausches wälzt, so erniedrigt sich der Mensch selber in der Bestialität der Unzucht und wird schlimmer als der Wurm und das schmutzigste Tier. Sagt mir, wenn jemand unter euch ist, der sich so

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erniedrigt hat, daß er mit seinem Körper Handel treibt, wie man es mit Korn und Tieren macht, was ist ihm daraus Gutes erwachsen? Nehmt euer Herz in die Hand, beobachtet und befragt es, hört es an, seht euch seine Wunden an, sein schmerzhaftes Erschauern, und dann sprecht und antwortet mir: War jene Frucht wirklich so süß, daß dieses Herz, das rein geboren, diesen Schmerz verdient hätte, gezwungenermaßen in einem unreinen Körper zu wohnen und mit seinem Schlagen der Unkeuschheit Leben und Glut zu verleihen, um sich schlußendlich im Laster zu verbrauchen?

Sagt mir, seid ihr so verkommen, daß ihr nicht einmal im geheimen schluchzen müßt, wenn ihr eine Kinderstimme hört, die "Mama" ruft, und ihr dann eurer Mutter gedenkt, o ihr Freudenmädchen, die ihr von zu Hause weggelaufen oder fortgejagt worden seid, damit ihr – die faulende Frucht – mit eurer zersetzenden Absonderung nicht auch noch die Geschwister verderbt? Wenn ihr an eure Mutter denkt, die vielleicht aus Gram gestorben ist, weil sie sich sagen mußte: "Habe ich ein Scheusal geboren?"

Fühlt ihr nicht euer Herz zerspringen, wenn ihr einem einsamen, ehrwürdigen Greis begegnet und dabei an euren Vater denkt, auf den ihr Schmach mit vollen Händen geworfen habt, und mit der Schmach den Spott seines Heimatdorfes ?

Spürt ihr nicht, wie eure Eingeweide sich verkrampfen, wenn ihr das Glück einer Braut oder die Unschuld einer Jungfrau seht und ihr euch sagen müßt: "Auf all das habe ich verzichtet, und ich werde es nie mehr haben!"

Spürt ihr nicht euer Gesicht vor Scham brennen, wenn ihr dem Blick der Männer begegnet, der voller Gier oder voller Verachtung ist?

Spürt ihr nicht eure Erbärmlichkeit, wenn ihr euch nach dem Kuß eines Kindes sehnt und nicht mehr zu sagen wagt: "Gib mir einen Kuß" ' weil ihr es abgetrieben habt, getötet wie eine unangenehme Last oder ein unnützes Hindernis, von dem Baum gebrochen, dessen Frucht es doch ist, und auf den Misthaufen geworfen, und weil nun die kleinen Leben euch zurufen: "Mörderinnen!"?

Erzittert ihr nicht vor jenem Richter, der euch erschaffen hat und euch erwartet, um euch zu fragen: "Was hast du aus dir gemacht? Habe ich dir etwa das Leben dafür gegeben? Stinkendes Nest der Würmer und der Verwesung, wie wagst du es, vor mein Angesicht zu treten? Du hast alles gehabt, was für dich Gott bedeutete: die Sinnenlust! Nun geh in die Verdammnis ohne Ende!"

Wer weint? Niemand? Ihr sagt, niemand? Und doch, meine Seele geht einer anderen Seele entgegen, die weint! Warum geht sie ihr entgegen? Um ihr den Bann entgegenzuschleudern, sie sei eine Dirne? Nein! Weil ihre Seele mir leid tut. Alles in mir empfindet Abscheu vor ihrem widerlichen,

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durch Anstrengungen in der Unzucht mit Schweiß bedeckten Körper.

Oh, Vater! Vater! Auch für diese Seele habe ich Fleisch angenommen und den Himmel verlassen, um ihr und ihrer vielen Schwesterseelen Erlöser zu sein. Warum sollte ich dieses umherirrende Schaf nicht zurückholen und in den Schafstall bringen, es reinigen, mit der Herde vereinigen, auf die Weide führen und ihm eine Liebe schenken, vollkommen wie nur meine Liebe ist, und so ganz anders als jene Liebschaften, die bis anhin für sie den Namen Liebe trugen und doch nur Haß waren; eine mitfühlende, vollkommene und zarte Liebe, damit sie nicht mehr der vergangenen Zeit nachtrauere, oder ihr nur nachtrauere, weil sie sich sagen muß: "Zu viele Tage habe ich verloren fern von dir, Ewige Schönheit. Wer gibt mir die versäumte Zeit zurück? Wie kann ich in dem kurzen Lebensrest von dem kosten, was ich verkostet hätte, wenn ich rein geblieben wäre?"

Aber weine nicht, von aller Gier der Welt getretene Seele. Höre, du bist ein schmutziger Lumpen, doch du kannst wieder zu einer Blume werden. Du bist ein Misthaufen, doch du kannst zum Blumenbeet werden. Du bist ein unreines Tier, doch du kannst wieder zum Engel werden. Einmal warst du es schon. Du hast auf blumigen Wiesen getanzt, als Rose unter Rosen, frisch wie sie und duftend in deiner Jungfräulichkeit. Du hast freudig deine Kinderlieder gesungen, und dann bist du zur Mutter und zum Vater gesprungen und hast zu ihnen gesagt: "Ich liebe euch", und der unsichtbare Schutzengel, den jedes Geschöpf an seiner Seite hat, erfreute sich an deiner reinen, himmelblauen Seele...

Und dann? Warum? Warum hast du dir die Flügel der kindlichen Unschuld ausgerissen? Warum hast du das Herz eines Vaters und einer Mutter mit Füßen getreten, um anderen, zweifelhaften Liebeleien entgegenzueilen? Warum hast du deine lautere Stimme verlogenen Phrasen der Leidenschaft geliehen? Warum hast du den Stengel der Rose geknickt und dich selbst verletzt?

Bereue, Tochter Gottes! Die Reue erneuert, die Reue reinigt, die Reue läutert. Könnte dir der Mensch nicht mehr verzeihen? Könnte es dein Vater nicht mehr? Doch Gott kann es! Denn die Güte Gottes ist unvergleichbar mit menschlicher Güte, und seine Barmherzigkeit ist unendlich größer als die menschliche Erbärmlichkeit. Achte dich selbst und mache deine Seele durch ein anständiges Leben wieder würdig. Rechtfertige dich vor Gott, indem du nicht mehr gegen deine Seele sündigst. Erwirb dir einen guten Ruf bei Gott. Das ist es, was zählt! Du bist das Laster! Werde die Sittsamkeit, werde ein Opfer, werde Märtyrerin deiner Reue. Du hast dein Herz martern können, um deinem Fleisch den Genuß zu gewähren. Nun martere dein Fleisch, um deinem Herzen den ewigen Frieden zu schenken.

Gehe! Geht nun alle! Jeder mit seiner Last und seinen Gedanken und denkt darüber nach. Gott erwartet alle und weist keinen von jenen

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zurück, die reumütig sind. Der Herr möge euch sein Licht schenken, damit ihr eure Seelen zu erkennen vermöget. Gehet hin.»

Viele entfernen sich in Richtung des Dorfes. Andere treten ins Haus. Jesus geht zu den Kranken und heilt sie.

Eine Gruppe von Männern steht plaudernd in einer Ecke. Da sie verschiedene Ansichten vertreten, reden und gestikulieren sie heftig. Einige beschuldigen Jesus, andere verteidigen ihn. Wiederum andere ermahnen diese und jene zu reiferem Urteil. Die Erregtesten wählen einen Mittelweg, vielleicht weil es nur wenige sind im Vergleich zu den anderen Gruppen, und gehen zu Petrus, der zusammen mit Simon die nun entbehrlichen Bahren dreier Geheilter aus dem Schuppen trägt, der zur Pilgerherberge geworden ist. Sie reden ihn vorlaut an: «Mann von Galiläa, höre!»

Petrus wendet sich um und schaut sie an wie seltene Tiere. Er sagt nichts, doch sein Gesicht spricht Bände. Simon wirft nur einen Blick auf die fünf Aufgeregten, geht hinaus und überläßt sie ihrem Gespräch.

Einer der fünf fährt weiter: «Ich bin Samuel, der Schriftgelehrte, dieser ist mein Kollege Sadoch, dieser hier ist der Jude Eleazar, sehr bekannt und einflußreich, dieser der wohlbekannte Älteste Callascebona und dieser Nahum. Verstehst du! Nahum!» Und der Ton seiner Stimme wird beinahe pathetisch.

Petrus macht eine leichte Verneigung bei jedem Namen, doch zum Schluß bleibt er auf halbem Wege und sagt mit höchster Gleichgültigkeit: «Ich weiß nicht... nie gehört... Ich verstehe nicht.»

«Blöder Fischer, du müßtest wissen, wer der Vertrauensmann des Annas ist!»

«Ich kenne Annas nicht, ich kenne nur viele Frauen mit dem Namen Anna... Eine Unmenge in Kapharnaum heißen auch Anna. Aber ich weiß nicht, welchem Annas dieser hier den Vertrauensmann spielt.»

«Dieser? Mir sagt man "dieser" ? !»

«Aber was soll ich dir denn sagen? Esel oder Vogel? Als ich zur Schule ging, hat mir der Lehrer beigebracht, "dieser" zu sagen, wenn ich von einem Mann spreche, und wenn ich nicht irre, bist du ein Mann.»

Der Mann tut, als ob ihn diese Worte quälten. Der andere, der zuerst gesprochen hat, erklärt: «Aber Annas ist der Schwiegervater des Kaiphas!»

«Ach so, nun verstehe ich. Und was weiter?»

«Nun, du sollst wissen, daß wir entrüstet sind.»

«Über was? Das Wetter? Ich auch. Zum drittenmal muß ich schon das Gewand wechseln, und jetzt habe ich nichts Trockenes mehr anzuziehen.»

«Spiel nicht den Dummen!»

«Den Dummen? Das stimmt doch! Aber wenn ihr nicht über das Wetter verärgert seid, über was dann? Die Römer?»

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«Über deinen Meister, den falschen Propheten!»

«Halt, lieber Samuel. Nimm dich in acht, wenn ich wach werde, dann bin ich wie der See. Von der Windstille zum Gewitter brauche ich nur einen Augenblick. Paß auf, was du sagst!»

Auch die Söhne des Zebedäus und des Alphäus sind nun hereingekommen und mit ihnen Iskariot und Simon; sie umringen Petrus, der immer lauter schreit.

«Faß nicht mit deinen plebejischen Händen die Großen Sions an!»

«Oh, welch feine Herren! Und ihr rührt mir den Meister nicht an, sonst landet ihr im Brunnen, und zwar sofort, um euch innen und außen ganz tüchtig zu reinigen.»

«Ich möchte die Gelehrten des Tempels darauf aufmerksam machen, daß dieses Haus Privatbereich ist», sagt Simon ruhig. Iskariot beteuert: «Und daß der Meister, dafür kann ich bürgen, für das Haus eines anderen, besonders für das Haus des Herrn, immer die größte Ehrfurcht hat. Dieselbe Ehrfurcht werde auch Seinem Zuhause entgegengebracht.»

«Schweige, du hinterhältiger Wurm!»

«Hinterhältig eben darum! Ihr habt mich angeekelt, und daher bin ich dorthin gegangen, wo es nicht ekelhaft ist. Gebe Gott, daß das Zusammensein mit euch mich nicht gänzlich verdorben hat.»

«Macht es kurz; was wollt ihr?» fragt Jakobus des Alphäus, trocken.

«Wer bist du denn?»

«Ich bin Jakobus des Alphäus, und Alphäus des Jakob, und Jakob des Matan, und Matan des Eleazar, und wenn du willst, sage ich dir den ganzen Stammbaum, bis zum König David, von dem ich abstamme, und dazu bin ich der Vetter des Messias. Daher bitte ich dich, mit mir als dem Nachkommen des königlichen Geschlechts und der jüdischen Rasse zu sprechen, wenn es deinen Hochmut anekelt, mit einem ehrlichen Israeliten zu reden, der Gott besser kennt als Gamaliel und Kaiphas. Rede also!»

«Dein Meister und Verwandter läßt sich Dirnen nachfolgen. Jene Verschleierte dort ist eine Dirne. Ich habe sie wiedererkannt, als sie Gold verkaufte. Sie ist die dem Schammai entflohene Geliebte; sie entehrt ihn.»

«Wem? Schammai, dem Rabbi? Dann muß sie schon eine alte Motte und daher ungefährlich sein», spottet Iskariot.

«Schweig, Verrückter! Von Schammai des Elchi, des Bevorzugten von Herodes!»

«Ach so, anscheinend liebt sie ihren Schatz nicht mehr. Schließlich war es ja seine Geliebte, nicht deine. Warum regst du dich dann so auf ?» Judas Iskariot antwortet überaus spöttisch.

«Mann, glaubst du nicht, daß du dich entehrst, wenn du den Spion machst?» fragt Judas des Alphäus. «Denkst du nicht, daß derjenige sich entehrt, der sich erniedrigt, zu sündigen, und nicht jener, der versucht, die Sünder wieder aufzurichten? Welche Unehre fällt auf meinen Meister

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und Bruder, wenn er mit seiner Stimme auch jene zu erreichen versucht, deren Ohren vom Geifer der Unzüchtigen Sions entweiht worden sind?»

«Die Stimme! Ha, ha, ha... Er ist dreißig Jahre alt, dein Meister und Vetter, und er ist nur ein größerer Heuchler als die anderen. Du und ihr alle, habt ihr einen guten Schlaf bei Nacht?»

«Unverschämte Schlange! Hinaus oder ich erwürge dich!» schreit Petrus, und Jakobus und Johannes unterstützen ihn, während Simon sich darauf beschränkt zu sagen: «Schande! Deine Heuchelei ist so groß, daß sie aufstößt und überläuft und schleimig ist wie eine Schnecke auf einer reinen Blume. Hinaus, und werde ein Mensch, denn jetzt bist du nur Geifer. Ich erkenne dich, Samuel. Du bist immer noch der Gleiche. Gott möge dir verzeihen. Aber verschwinde aus meinen Augen!»

Doch während Iskariot und Jakobus des Alphäus den so wütenden Petrus festhalten, donnert Judas Thaddäus, der mehr denn je dem Vetter gleicht, von dem er in diesem Augenblick das blaue Aufleuchten in den Augen und die würdevolle Haltung hat: «Wer den Schuldlosen entehrt, entehrt sich selbst. Die Augen und die Zunge hat Gott geschaffen, um sie in Heiligkeit zu gebrauchen. Der Verleumder schändet und erniedrigt sie, indem er sie zu Untaten mißbraucht. Ich will mich nicht selbst beschmutzen, indem ich durch eine gemeine Tat deinen weißen Haaren Schmach antuhe. Aber vergiß nicht: die Bösen hassen gute Menschen, und der Törichte tobt seinen Unmut aus, ohne auch nur zu überlegen, daß er sich dadurch verrät. Wer in der Finsternis lebt, verwechselt den blühenden Zweig mit einer Schlange. Doch wer im Licht lebt, sieht die Dinge, wie sie sind und verteidigt sie aus Liebe zur Gerechtigkeit, wenn sie verachtet werden. Wir leben im Licht. Wir sind das edle und keusche Geschlecht der Kinder des Lichtes, und unser Oberhaupt ist der Heilige, der weder Weib noch Sünde kennt. Wir folgen ihm nach und verteidigen ihn gegen seine Feinde, für die wir, wie er es uns gelehrt hat, keinen Haß, sondern nur Gebete haben. Lerne, o Greis, von einem Jüngling, der reif geworden ist, weil er die Weisheit zur Lehrerin hat, auf daß du nicht voreilig seiest im Reden und unfähig, Gutes zu tun. Geh und berichte dem, der dich gesandt hat, daß nicht im entehrten Haus auf dem Berg Moriah, sondern in dieser bescheidenen Wohnung Gott in seiner Herrlichkeit thront. Leb wohl!»

Die fünf Männer wagen es nicht, etwas einzuwenden und entfernen sich.

Die Jünger beraten. Sollen sie es Jesus sagen oder nicht ? Jesus weilt immer noch bei den geheilten Kranken. Ja, es ihm sagen! Es ist besser so!

Sie gehen zu ihm, rufen ihn und erzählen ihm alles. Jesus lächelt ruhig und antwortet: «Ich danke euch für die Verteidigung; doch was wollt ihr? Ein jeder gibt das, was er hat.»

«Aber ein wenig Recht haben sie. Man hat Augen im Kopf, um zu sehen, und viele sehen. Sie ist immer hier draußen, wie ein Hund. Sie schadet dir», sagen einige.

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«Laßt sie in Ruhe. Nicht sie wird der Stein sein, der mein Haupt treffen soll, und wenn sie gerettet wird, dann ist die Freude darüber einen Tadel wert.»

Alles endet mit dieser gütigen Antwort.

163. DIE VERSCHLEIERTE BEIM "TRÜGERISCHEN" GEWÄSSER"

Das Wetter ist so schauerlich, daß kein Pilger kommen konnte. Es gießt in Strömen, und der Vorplatz hat sich in einen Tümpel verwandelt, auf dem trockene Blätter schwimmen, die wer weiß woher stammen und vom Wind bis hierher geweht worden sind. Der Wind pfeift und rüttelt an Angeln und Türen. In der Küche, in der es dunkler als gewöhnlich ist, weil man, um das Eintreten des Regenwassers zu verhindern, die Türe geschlossen halten muß, und die voll von Rauch ist, da ihn der Wind zurückdrängt, wird man geräuchert, die Augen tränen und der Husten reizt.

«Da hatte Salomon recht», belehrt Petrus. «Drei Dinge sind es, die den Mann vertreiben: ein zänkisches Weib – das habe ich in Kapharnaum gelassen, damit es sich mit den anderen Schwiegersöhnen zanken kann, ein Kamin, der den Rauch nicht abziehen läßt, und ein Dach, das nicht wasserdicht ist... und diese beiden haben wir. Doch morgen werde ich mich um den Kamin kümmern. Ich werde aufs Dach steigen, und du, du und du (Jakobus, Johannes und Andreas), ihr werdet mit mir kommen. Mit Schieferplatten werden wir den Kamin aufstocken und ihn mit einem Dach versehen.»

«Und wo willst du die Schieferplatten hernehmen ?» fragt Thomas.

«Vom Vordach. Wenn es dort regnet, ist es kein Weltuntergang. Aber hier. Tut es dir leid, daß sich deine Speisen nicht mehr mit Rußtropfen schmücken?»

«Stelle dir vor! Wenn es uns gelingen würde... Schau, wie ich aussehe... es regnet mir auf den Kopf, wenn ich hier beim Feuer stehe.»

«Du gleichst einem ägyptischen Ungeheuer», sagt Johannes lachend.

Es stimmt, Thomas hat bizarre Kommas in seinem vollen, gutmütigen Gesicht. Der erste, der darüber lacht, ist er selbst, der immerfrohe, und auch Jesus muß lachen, denn während Thomas spricht, fällt ihm ein dicker, schwarzer Rußtropfen auf die Nase und hinterläßt einen schwarzen Fleck.

«Du bist ein Fachmann in der Wettervorhersage. Was sagst du? Wird es noch lange so weiterregnen ?» wird Petrus von Iskariot gefragt, der seit einigen Tagen ganz verändert ist.

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«Ich kann es dir gleich sagen. Ich werde den Astrologen spielen», sagt Petrus, geht zur Türe, öffnet sie ein klein wenig und steckt den Kopf und eine Hand hinaus. Er stellt fest: «Niedriger Südwind, heiß und schwül... Uff! Wenig zu...»

Petrus schweigt plötzlich, kommt leise herein, indem er die Türe einen Spalt offen läßt und hinausguckt.

«Was ist los ?» fragen sie zu dritt oder viert.

Aber Petrus deutet ihnen mit der Hand an, daß sie schweigen sollen. Er schaut noch einmal hinaus, dann sagt er flüsternd: «Jene Frau ist da. Sie hat Wasser am Brunnen getrunken und ein vergessenes Holzbündel aufgehoben. Es ist ganz naß und wird kaum brennen. Nun geht sie. Ich werde ihr nachgehen. Ich möchte sehen...», und Petrus geht vorsichtig hinaus.

«Wo hat sie wohl Unterschlupf gefunden, da sie immer hier ist?» fragt Thomas.

«Und dazu bei diesem Wetter!» sagt Matthäus.

«Ins Dorf geht sie ganz bestimmt, denn auch vorgestern hat sie dort Brot gekauft», sagt Bartholomäus.

«Sie hat eine schöne Ausdauer, immer verschleiert zu bleiben», bemerkt Jakobus des Alphäus.

«Oder einen triftigen Grund dafür», ergänzt Thomas.

«Aber ist sie wirklich das, was der Jude gestern gesagt hat ?» fragt Johannes. «Die sind doch immer so verlogen.»

Jesus schweigt, als ob er taub wäre. Alle sehen ihn an, in der Gewißheit, daß er es weiß. Aber er schnitzt an einem Stück weichen Holzes herum, das sich langsam in eine große Gabel verwandelt, mit der man das Gemüse aus dem kochenden Wasser heben kann. Als er damit fertig ist, bietet er seine Arbeit Thomas an, der sich wirklich mit Leib und Seele für den Küchendienst eingesetzt hat.

«Du bist wirklich tüchtig, Meister. Aber wirst du uns jetzt sagen, wer sie ist ?»

«Eine Seele. Für mich seid ihr alle Seelen. Nichts anderes. Männer Frauen, Greise, Kinder: Seelen, Seelen, Seelen! Blütenweiße Seelen die kleinen Kinder, himmelblaue Seelen die Kinder, rosafarbene Seelen die Jugendlichen, goldene Seelen die Gerechten, pechschwarze Seelen die Sünder. Nur Seelen, nur Seelen! Ich lächle den reinen Seelen zu, denn mir scheint, dabei den Engeln zuzulächeln, und ich ruhe mich aus unter den himmelblauen und rosafarbenen Blumen der guten Jugendlichen; ich erfreue mich an den wertvollen Seelen der Gerechten, und ich bemühe mich schmerzhaft, die Seelen der Sünder wieder wertvoll und strahlend zu machen. Die Gesichter? Die Körper? Sie sind nichts... Ich kenne euch und erkenne euch wieder an euren Seelen.»

«Was für eine Seele ist denn sie?» möchte Thomas wissen.

«Bestimmt keine so neugierige Seele wie die meiner Freunde hier. Denn

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sie fragt nichts, erbittet nichts und geht und kommt, ohne zu reden oder herumzublicken.»

«Ich hatte in ihr eine Dirne oder eine Aussätzige vermutet, doch dann habe ich meine Meinung geändert, Meister. Wenn ich dir etwas erzähle, wirst du mich dann nicht tadeln?» fragt Iskariot und setzt sich an den Knien Jesu nieder, ganz verändert, demütig, gut, sogar schöner in seinem ergebenen Ausdruck, als wäre er nicht mehr der bombastische, wichtigtuerische Judas.

«Ich werde dich nicht tadeln. Sprich!»

«Ich weiß, wo sie wohnt. Ich bin ihr eines Abends gefolgt und habe dabei so getan, als wollte ich Wasser am Brunnen holen. Sie kommt immer bei anbrechender Dunkelheit zum Brunnen. Eines Morgens habe ich am Boden eine silberne Haarspange gefunden, am Brunnenrande, und habe sofort verstanden, daß die Frau sie verloren haben mußte. Nun, sie hält sich in einer kleinen Holzhütte im Walde auf. Vielleicht dient diese Hütte den Landarbeitern. Sie ist halb vermodert, und die Frau hat selbst darüber Reiser gelegt, um ein Dach zu machen. Vielleicht braucht sie das Reisigbündel auch dazu. Es ist ein elendes Loch... Ich verstehe nicht, wie man darin hausen kann. Es könnte vielleicht einem großen Hund oder einem ganz kleinen Esel genügen. Es war gerade eine Mondnacht, ich konnte gut sehen. Die Hütte ist ganz im Gebüsch versteckt und innen leer, es gibt keine Türe. Deshalb habe ich meine Meinung geändert und verstanden, daß sie keine Verbrecherin ist.»

«Du hättest dies nicht tun dürfen. Aber sei ehrlich: mehr hast du nicht getan ?»

«Nein, Meister. Ich hätte sie nur gerne gesehen; denn seit Jericho fällt sie mir schon auf, und mir scheint, daß ich sie am Schritt erkenne, so leicht und schnell bewegt sie sich. Auch ihre Gestalt muß geschmeidig und schön sein. Ja, man kann dies vermuten, trotz all ihrer vielen Kleider. Aber ich habe nicht gewagt, sie auszuspionieren, während sie am Boden ruhte. Vielleicht nimmt sie dabei den Schleier ab, doch ich habe sie respektiert...»

Jesus betrachtet Judas ganz fest und sagt dann: «Und du hast dabei gelitten. Doch du hast die Wahrheit gesagt. Und ich will dir sagen, daß ich mit dir zufrieden bin. Das nächste Mal wird es dich noch weniger kosten, gut zu sein. Alles liegt am ersten Schritt. Brav, Judas», und er liebkost ihn.

Nun kommt Petrus herein. «Aber Meister! Jene Frau ist verrückt geworden. Weißt du, wo sie sich aufhält? Ganz nahe am Flußufer, in einer Holzhütte im dichten Gebüsch. Vielleicht hat dieser Unterschlupf einmal einem Fischer oder einem Holzfäller gedient... Wer weiß. Doch ich hätte nie gedacht, daß an diesem feuchten, in einen Graben eingesunkenen und unter Gestrüpp begrabenen Ort eine arme Frau sein könnte. Ich habe sie

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gefragt: "Sprich und antworte aufrichtig: Bist du aussätzig?" Sie hat mir mit einem Flüstern geantwortet: "Nein." "Schwöre es!" "Ich schwöre es!" "Paß auf, wenn du aussätzig bist und es nicht eingestehst und in die Nähe des Hauses kommst und ich erfahre, daß du unrein bist, dann lasse ich dich steinigen ... Aber wenn du verfolgt wirst, weil du eine Diebin oder eine Mörderin bist, und hier wohnst, weil du Angst vor uns hast, dann brauchst du dich nicht zu fürchten. Aber jetzt, heraus da! Siehst du nicht, daß du im Wasser stehst ? Hast du Hunger ? Frierst du ? Du zitterst ja. Ich bin alt, siehst du? Ich mache dir nicht den Hof. Ich bin alt und anständig. Daher höre auf mich." So habe ich zu ihr gesprochen. Aber sie wollte nicht kommen. Wir werden sie tot auffinden, denn sie stand wirklich im Wasser.»

Jesus ist nachdenklich. Er betrachtet die zwölf Gesichter, die ihn aufmerksam beobachten. Dann fragt er: «Was meint ihr, daß geschehen soll?»

«Aber Meister, du mußt entscheiden.»

«Nein, ich möchte eure Meinung hören. Es ist eine Angelegenheit, die auch eure Beurteilung erfordert, und ich darf eurem Recht dazu keine Gewalt antun.»

«Im Namen der Barmherzigkeit sage ich, man kann sie nicht dort lassen», sagt Simon, und Bartholomäus: «Ich würde vorschlagen, ihr heute den Raum der Pilger zur Verfügung zu stellen. Er ist für die Pilger da, also kann auch sie ihn benützen.»

«Sie ist ein Mensch wie alle anderen», bemerkt Andreas.

«Außerdem kommt heute niemand», fügt Matthäus hinzu.

«Ich würde vorschlagen, sie heute zu beherbergen und es dann morgen dem Verwalter zu sagen. Er ist ein guter Mensch», sagt Judas Thaddäus.

«Du hast recht. Gut so. Er hat auch viele leere Ställe. Ein Stall ist immer noch ein Königspalast im Vergleich zu diesem eingesunkenen Kahn», ruft Petrus aus.

«Geh also und sag es ihr», ermuntert ihn Thomas.

«Die Jungen haben noch nicht gesprochen», bemerkt Jesus.

«Mir ist recht, was du tust», sagt der Vetter Jakobus, und der andere Jakobus gleichzeitig mit seinem Bruder: «Uns auch.»

«Ich befürchte nur den verhängnisvollen Fall, daß irgendein Pharisäer unvermutet daherkäme», sagt Philippus.

«Oh, auch wenn wir in die Wolken gingen, glaubst du, daß sie uns mit Anklagen verschont lassen würden? Sie klagen Gott nur nicht an, weil er fern ist. Wenn sie ihn aber in der Nähe hätten, wie dies bei Abraham, Jakob und Moses der Fall war, dann würden sie auch ihm Vorwürfe machen... Wer ist denn für sie ohne Schuld?» sagt Judas von Kerioth.

«Also dann geht und sagt ihr, daß sie im Pilgerraum Obdach nehmen soll. Geh du, Petrus, mit Simon und Bartholomäus. Ihr seid älter und

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werdet sie weniger beängstigen. Sagt ihr, sie bekäme ein warmes Essen und ein trockenes Gewand. Wir haben das von Isaak zurückgelassene. Seht ihr, wie alles nützlich ist? Es ist ein Frauengewand, das einem Mann gegeben worden ist.»

Die Jünger lachen, denn über das genannte Kleid muß schon manchmal gescherzt worden sein.

Die drei Älteren gehen... und kehren bald wieder zurück.

«Es war nicht einfach, aber schließlich ist sie gekommen. Wir haben ihr geschworen, daß wir sie nie stören werden. Nun will ich ihr das Stroh und das Gewand bringen. Gib mir Gemüse und Brot. Sie hat heute noch nichts gegessen. Natürlich, wer ist denn auch bei einer solchen Sintflut unterwegs.» Der gute Petrus geht mit seinen Schätzen hinaus.

«Und nun ein Befehl, der für alle gilt: Unter keinen Umständen geht ihr in den Pilgerschlafraum. Morgen wollen wir weiter sehen. Gewöhnt euch daran, das Gute zu tun um des guten Zweckes willen, ohne Neugier und ohne Verlangen, darin eine Ablenkung oder anderes zu finden. Seht ihr? Ihr habt euch beklagt, daß heute nichts zu tun sei. Wir haben dem Nächsten unsere Liebe entgegengebracht; was hätten wir Größeres vollbringen können? Wenn sie, und dies ist sicher, unglücklich ist, kann unsere Hilfe für sie Erholung, Wärme und Schutz sein, die zusammen wertvoller sind als ein wenig Nahrung, ein ärmliches Gewand und das feste Dach, das wir ihr gegeben haben! Wenn sie eine Schuld auf sich geladen hat, eine Sünderin ist, ein Geschöpf auf der Suche nach Gott, wird dann unsere Liebe nicht zur schönsten Lehre, zum klarsten Hinweis, um sie auf den Weg zu Gott zu führen?»

Petrus kommt ganz leise zurück und hört seinem Meister zu.

«Seht, Freunde. Israel hat viele Lehrer, und sie reden und reden... Doch die Seelen bleiben, wie sie sind. Warum? Weil die Seelen die Worte der Meister hören, aber auch ihre Werke sehen. Diese Werke jedoch zerstören ihre Worte, und die Seelen bleiben, was sie sind, wenn sie nicht noch schlimmer werden. Aber wenn ein Lehrer auch tut, was er sagt, und in allen seinen Werken heiligmäßig handelt, auch in den einfachsten materiellen Dingen, z.B. wenn er das Brot reicht, ein Kleid schenkt, einen Unterschlupf für den notleidenden Nächsten beschafft, dann bewirkt er, daß die Seelen Fortschritte machen und zu Gott gelangen; denn seine Taten bekunden den Brüdern: Es gibt einen Gott, und Gott ist hier! Oh, die Liebe! Wahrlich, ich sage euch, wer liebt, rettet sich selbst und die anderen.»

«Du sagst es gut, Meister. Jene Frau hat mir gesagt: "Der Retter sei gepriesen und der, der ihn gesandt hat, und ihr alle mit ihm" ' und mir armem Kerl wollte sie die Füße küssen, während sie unter ihrem dichten Schleier weinte... Hoffentlich kommt nicht irgendein Nachtschwärmer von Jerusalem, sonst... Wer würde uns dann retten?»

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«Unser Gewissen rettet uns vor dem Gericht unseres Vaters und das ist genug», sagt Jesus. Er setzt sich an den Tisch, nachdem er die Speisen gesegnet und dargebracht hat.

Alles ist zu Ende.

164. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST DIE FEIERTAGE HEILIGEN»

Das Wetter ist nicht mehr so ungut, und obgleich es immer noch regnet, erlaubt es den Leuten wieder, zum Meister zu kommen.

Jesus steht abseits und hört zwei oder drei Personen an, die ihm Wichtiges anzuvertrauen haben, dann aber wieder beruhigt an ihren Platz zurückkehren. Er segnet auch ein Knäblein, das seine kleinen Beine so unglücklich gebrochen hat, daß kein Arzt es behandeln will und alle sagen: «Es ist unmöglich, sie sind oben, bei der Wirbelsäule, gebrochen,» erklärt die Mutter ganz in Tränen aufgelöst: «Es ist mit seinem Schwesterchen auf der Dorfstraße herumgesprungen. Da ist ein Herodianer mit seinem Wagen und den Pferden im Galopp dahergefahren, und das Kind kam unter den Wagen. Zuerst habe ich gedacht, es wäre tot. Doch es ist schlimmer. Du siehst es selbst. Ich lasse es auf dem Brett liegen, weil man nichts anderes tun kann. Es leidet, leidet, denn der Knochen ist zerstört. Und wenn der Knochen nicht mehr schmerzen wird, dann wird es dennoch leiden, weil es nur noch auf dem Rücken liegen kann.»

«Tut es sehr weh?» fragt Jesus mitleidig den weinenden Knaben.

«Ja.»

«wo?»

«Hier und hier», und er berührt mit seinen unsicheren Händchen die beiden Hüftknochen. «Und dann hier und hier», und er zeigt nach dem Rücken und den Schultern. «Das Bett ist hart, und ich möchte mich bewegen, ich...», und er weint ganz verzweifelt.

«Möchtest du auf meine Arme kommen? Willst du? Ich will dich mitnehmen dort hinauf, von wo du alle beobachten kannst, während ich rede...»

«Ja...» (Dieses Ja ist voller Verlangen.) Das arme Kind streckt bittend die Ärmchen aus.

«Komm also!»

«Aber das ist doch nicht möglich. Meister, er kann doch nicht. Er hat zu starke Schmerzen... Ich darf ihn nicht einmal beim Waschen bewegen...»

«Ich werde ihm nicht weh tun...»

«Aber der Arzt...»

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«Der Arzt ist der Arzt. Ich bin ich! Warum bist du gekommen?»

«Weil du der Messias bist», antwortet die Frau und wird weiß und rot im Gesicht, hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

«Also? Komm, Kleiner!» Jesus legt einen Arm unter die leblosen Beinchen, den anderen unter die Schultern, hebt das Kind hoch und fragt: «Tut es weh? Nein? Gut, dann sag Mama Lebewohl, und wir wollen gehen.»

Dann geht er mit seiner Last durch die Menge, die Platz macht, und erreicht eine Art von Podest, das sie für ihn errichtet haben, damit ihn alle sehen können, auch jene im Hof. Er läßt sich einen Hocker geben und setzt sich nieder, nimmt das Kind auf die Knie und fragt es: «Gefällt es dir? Nun sei brav und höre auch du gut zu», und Jesus beginnt zu sprechen. Seine Rede begleitet Jesus mit Gebärden der rechten Hand, während er mit der Linken das Kind stützt, das die Menschen beobachtet, glücklich darüber, etwas sehen zu können. Es lächelt der Mutter zu, die hinten im Raum in bangender Hoffnung zittert. Das Kind spielt mit der Kordel am Gewand Jesu und mit dem weichen, blonden Bart des Meisters und einer Locke seiner langen Haare.

«Es steht geschrieben: "Deine Arbeit sei ehrlich und den siebten Tag widme dem Herrn und deiner Seele." Dies ist mit dem Gebot der Sabbatruhe gesagt worden.

Der Mensch ist nicht mehr als Gott. Aber Gott vollendete seine Schöpfung in sechs Tagen und ruhte am siebenten Tag. Weshalb erlaubt sich der Mensch, dem Beispiel des Vaters nicht zu folgen und seinem Gebot nicht zu gehorchen? Ist es ein törichter Befehl? Nein! Wahrlich, es ist ein heilsamer Befehl, sowohl in körperlicher, als auch in moralischer und geistiger Hinsicht.

Der ermüdete Körper des Menschen braucht Ruhe, wie derjenige jedes erschaffenen Wesens. Der Ochse, der auf dem Felde gebraucht wird, der Esel, der als Lasttier nützlich ist, das Schaf, das uns das Lamm gebärt und die Milch gibt, sie alle ruhen sich auch aus, und wir lassen sie ruhen, um sie nicht zu verlieren. Auch die Erde des Feldes ruht, damit sie sich in den Monaten, in denen sie ohne Saat bleibt, mit den Salzen, die mit dem Regenwasser fallen oder aus dem Boden stammen, nähren und sättigen kann. Sie alle ruhen, auch ohne unsere Einwilligung zu erbitten, die Tiere und Pflanzen, die den ewigen Gesetzen einer weisen Erneuerung gehorchen. Warum will denn der Mensch weder den Schöpfer nachahmen, der am siebten Tage ruhte, noch die ihm unterlegene Schöpfung, sei es die Pflanzen- oder die Tierwelt, die sich nach diesen Gesetzen zu richten weiß und ihnen gehorcht, ohne ein anderes Gebot erhalten zu haben, als dasjenige, welches in ihrem Instinkt verankert ist?

Es gibt auch eine sittliche Ordnung außer der physischen. Sechs Tage lang dient der Mensch allem und allen. Wie ein Faden im Triebwerk des

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Webstuhls geht er auf und ab, ohne je sagen zu können: "Jetzt beschäftige ich mich mit mir selbst und mit meinen Lieben. Ich bin Vater, und heute gehöre ich meinen Kindern. Ich bin Bräutigam, und heute widme ich mich meiner Braut. Ich bin Bruder und freue mich an meinen Brüdern. Ich bin Sohn und kümmere mich heute um meine alten Eltern."

Es ist ein Befehl für unsere Seele. Die Arbeit ist heilig, noch heiliger ist die Liebe, am heiligsten ist Gott. Dessen eingedenk soll wenigstens ein Tag der Woche unserem guten und heiligen Vater geschenkt werden, der uns das Leben gegeben hat und es uns erhält. Warum ihn weniger gut behandeln als den irdischen Vater, die Kinder, die Brüder, die Braut, unseren eigenen Körper? Der Tag des Herrn gehöre ihm! Wie angenehm ist es, sich am Abend nach der Tagesarbeit in einem Haus voller Liebe auszuruhen. Wie angenehm, es nach langer Reise wieder zu erreichen. Warum sollte man nach sechs Tagen der Arbeit nicht das Haus des Vaters aufsuchen? Warum nicht wie der Sohn sein, der von einer sechstägigen Reise zurückkehrt und sagt: "Siehe, da bin ich, um meinen Ruhetag mit dir zu verbringen "?

Aber nun hört gut zu. Ich habe gesagt: "Deine Arbeit sei ehrlich!"

Ihr wißt, daß unser Gesetz die Nächstenliebe vorschreibt. Die Redlichkeit der Arbeit gehört zu dieser Nächstenliebe. Der redliche Mensch tätigt keine betrügerischen Geschäfte, unterschlägt dem Arbeiter nicht den gerechten Lohn und nützt ihn nicht auf sündhafte Weise aus. Im Bewußtsein, daß der Diener und der Arbeiter Leib und Seele haben wie er, behandelt er ihn nicht wie einen leblosen Stein, den man mit dem Eisen schlagen oder mit dem Fuß stoßen darf. Wer nicht so handelt, der liebt den Nächsten nicht und sündigt daher in den Augen Gottes. Verflucht ist sein Gewinn, selbst wenn er davon die Abgabe für den Tempel zahlt.

Oh, welch verlogene Gabe! Wie kann er es wagen, sie zu den Füßen des Altares niederzulegen, wenn sie trieft vom Blut und den Tränen des ausgebeuteten Untergebenen oder wenn sie Diebstahl genannt werden muß, oder: Verrat am Nächsten; denn der Dieb ist ein Verräter an seinem Mitmenschen. Wahrlich, der Feiertag ist nicht geheiligt, wenn er nicht dazu dient, daß der Mensch sich erforscht, und wenn er nicht damit verbracht wird, sich zu bessern und die während den sechs Tagen begangenen Sünden wieder gutzumachen.

Ja, das ist die Heiligung des Feiertages! Das, und nicht eine andere, rein äußerliche Handlung, die eure Denkweise nicht um ein Jota ändert. Gott will lebendige Werke, nicht Trugbilder von Werken.

Vorgespielter Gehorsam gegenüber dem Gesetz ist Scheinhandlung. Scheinhandlung ist die vorgetäuschte Heiligung des Sabbats, die Ruhe, die gehalten wird, nur um damit den Gehorsam gegenüber dem Gesetz öffentlich kundzutun, während man die Mußestunden dazu benützt, um

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dem Laster in der Ausschweifung und Schlemmerei zu frönen, sowie im Überlegen, wie man in der kommenden Woche den Nächsten ausbeuten und ihm schaden könnte.

Die Heiligung des Sabbats, also die körperliche Ruhe, ist eine Scheinhandlung, wenn sie nicht gepaart ist mit einer inneren, seelischen, heiligen Arbeit ehrlicher Selbsterforschung, einer demütigen Selbsterkenntnis seiner eigenen Erbärmlichkeit, einem ernsthaften Vorsatz, sich während der kommenden Woche besser zu verhalten.

Ihr werdet sagen: "Doch wenn man dann von neuem in die Sünde fällt?" Was würdet ihr von einem Kinde halten, das, weil es gefallen ist, keinen Schritt mehr machen wollte, um nicht wieder zu fallen? Daß es ein Dummkopf ist, daß es sich nicht zu schämen braucht wegen seiner Unsicherheit beim Gehen, denn alle sind wir unsicher gewesen, als wir noch klein waren, und daß unser Vater uns deswegen doch geliebt hat. Wer erinnert sich nicht, wie uns das Umfallen eine Flut mütterlicher Küsse und väterlicher Liebkosungen eintrug?

Dasselbe tut unser allergütigster Vater, der im Himmel ist. Er neigt sich über seinen Kleinen, der am Boden weint, und sagt: "Weine nicht! Ich werde dich aufheben. Das nächste Mal wirst du vorsichtiger sein. Komm in meine Arme. Da wird alles Weh vergehen, und du wirst gestärkt, geheilt und glücklich daraus hervorgehen." Das sagt unser Vater, der im Himmel ist. Das sage ich euch. Wenn es euch gelingen würde, den Glauben an den Vater zu haben, würde euch alles gelingen. Einen Glauben, gebt acht, wie jener eines Kindes! Das Kind hält alles für möglich. Es fragt nicht, ob und wie etwas geschehen kann. Es ermißt die Tragweite eines Geschehens nicht. Es glaubt dem, der in ihm Vertrauen erweckt, und tut, was er ihm sagt. Seid wie die Kinder vor dem Allerhöchsten. Wie liebt er diese verirrten Engelchen, welche die Schönheit der Erde sind! Genauso liebt er die Seelen, die einfach, gut und rein sind wie ein Kind.

Wollt ihr den Glauben eines Kindes sehen, um zu lernen, wie man Vertrauen haben muß? Seht! Ihr alle habt den Kleinen bemitleidet, den ich hier an meiner Brust halte und der, entgegen den Aussagen der Ärzte und der Mutter, beim Sitzen auf meinem Schoß nicht geweint hat. Seht ihr? Das Kind tat schon längere Zeit nichts anderes, als Tag und Nacht zu weinen, ohne Ruhe zu finden; hier weint es nicht. Es ist friedlich an meinem Herzen eingeschlafen. Ich habe es gefragt: "Willst du in meine Arme kommen?" Es hat geantwortet: "Ja", ohne an seinen elenden Zustand zu denken, an den möglichen Schmerz, den es infolge einer Bewegung hätte empfinden können. Es hat in meinem Antlitz Liebe gesehen und "Ja" gesagt, und ist gekommen. Es hat keinen Schmerz mehr empfunden. Es hat sich darüber gefreut, hier oben zu sein, alles sehen zu können, auf einen weichen Körper gesetzt zu werden und nicht mehr auf dem harten Brett liegen zu müssen. Es hat gelächelt, gespielt und ist mit einer Locke meiner

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Haare in den kleinen Händen eingeschlafen. Nun will ich das Kind mit einem Kuß wecken...» und Jesus küßt das Kind auf die braunen Härchen, und es erwacht mit einem Lächeln.

«Wie heißt du?»

«Johannes.»

«Höre, Johannes, willst du gehen? Willst du zu deiner Mutter gehen und ihr sagen: "Der Messias segnet dich deines Glaubens wegen?"»

«Ja, ja», und der Kleine klatscht in die Händchen und fragt: «Du machst, daß ich gehen kann? Auf die Wiesen? Ohne das harte Brett? Ohne die Ärzte, die mir weh tun?»

«Nicht mehr, nie mehr!»

«Oh, wie ich dich liebe!», und das Kind wirft seine Ärmchen um den Hals Jesu und küßt ihn, und um ihn noch besser küssen zu können, kniet es mit einem Ruck auf die Knie Jesu, und eine Menge unschuldiger Küsse fällt auf Stirn, Augen und Wangen Jesu.

Das Kind, mit seinen bis anhin gebrochenen Knochen, bemerkt in seiner Freude nicht einmal, daß es sich bewegen kann. Aber der Schrei der Mutter und der Menge wecken es auf und es blickt erstaunt um sich. Seine großen, unschuldigen Augen im abgemagerten Gesichtlein schauen fragend. Immer noch auf den Knien, sein rechtes Ärmchen um den Hals Jesu gelegt, fragt es vertrauensvoll, indem es auf die aufgeregten Menschen und auf die Mutter im Hintergrund zeigt, die in einem fort: «Johannes, Jesus, Johannes, Jesus!» ruft, «warum schreien die Leute und die Mutter? Was haben sie denn? Bist du Jesus?»

«Ich bin es. Die Leute schreien, weil sie froh sind, daß du wieder gehen kannst. Leb wohl, kleiner Johannes.» Jesus küßt und segnet das Kind. «Geh zu deiner Mutter und sei lieb!»

Das Kind rutscht selbstsicher von den Knien Jesu, rennt zur Mutter, wirft sich ihr an den Hals und sagt: «Jesus segnet dich. Warum weinst du?»

Als die Leute sich beruhigt haben, ruft Jesus laut: «Macht es wie der kleine Johannes, ihr, die ihr in Sünde fallt und euch verletzt. Glaubt an die Liebe Gottes. Der Friede sei mit euch!»

Während sich die Hosannarufe der Menge mit dem glücklichen Weinen der Mutter vermengen, verläßt Jesus, von den Seinen geschützt, den Raum.

Das ist das Ende.

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165. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST NICHT TÖTEN»; TOD DES DORAS

«"Du sollst nicht töten", steht geschrieben.

Welcher der beiden Gebotsgruppen gehört dieses Gebot an?

"Der zweiten?" sagt ihr. Seid ihr sicher?

Ich frage euch ebenso: Besteht die Schuld darin, daß man sich gegen Gott oder den Getöteten versündigt? Ihr sagt: "Gegen den Getöteten?" Seid ihr dessen sicher?

Weiterhin frage ich euch: Geht es nur um die Sünde des Mordes? Wenn man tötet, begeht man nur diese einzige Sünde?

"Nur diese" ' sagt ihr? Hegt niemand einen Zweifel? Antwortet mit lauter Stimme. Einer soll für euch alle reden. Ich warte.» Jesus beugt sich nieder, um ein kleines Mädchen zu streicheln, das ganz nah zu ihm hingetreten ist und ihn verzückt betrachtet und dabei vergißt, in seinen Apfel, den ihm die Mutter gegeben hat, damit es sich ruhig verhält, zu beißen.

Ein alter, stattlicher Mann erhebt sich und sagt: «Höre, Meister! Ich bin ein alter Synagogenvorsteher, und man hat mich gebeten, für sie zu sprechen. So spreche ich für alle. Es scheint mir und es scheint uns, nach Gerechtigkeit geantwortet zu haben, dementsprechend, was man uns gelehrt hat. Ich gründe meine Sicherheit auf das Kapitel des Gesetzes über Mord und Schläge. Doch du weißt, daß wir gekommen sind, um belehrt zu werden, da wir in dir Weisheit und Wahrheit erkennen. Wenn ich mich irre, dann erleuchte meine Finsternis, damit der alte Diener zu seinem lichtumkleideten König gehen kann. Wie an mir, so handle auch an ihnen, die zu meiner Herde gehören und mit ihrem Hirten hergekommen sind, um an den Quellen des Lebens zu trinken.» Der Mann verneigt sich mit größter Achtung, bevor er sich wieder setzt.

«Wer bist du, Vater?»

«Kleophas von Emmaus, dein Diener.»

«Nicht meiner. Der Diener desjenigen, der mich gesandt hat, denn dem Vater gebührt jeglicher Vorrang und alle Liebe im Himmel, auf Erden und in den Herzen. Der erste, der ihm diese Ehre erweist, ist sein Wort, das auf dem makellosen Tisch, so, wie es der Priester mit den Opferbroten macht, die Herzen der guten Menschen nimmt und sie aufopfert. Aber höre, Kleophas, damit du ganz erleuchtet zu Gott hingehen kannst, wie es dein heiliger Wunsch ist:

Um die Strafwürdigkeit einer Sünde einzuschätzen, muß man die Umstände bedenken, die ihr vorangehen, ihr den Weg bahnen, sie entschuldigen, sie erklären. Wen habe ich erschlagen? Was habe ich erschlagen? Wo habe ich erschlagen? Womit habe ich erschlagen? Warum habe ich erschlagen? Wie und wann habe ich erschlagen? All das muß sich jener

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fragen, der getötet hat, bevor er vor Gott hintritt, um ihn um Vergebung zu bitten.

"Wen habe ich getötet?"

Einen Menschen. Ich sage: Einen Menschen. Ich bedenke und berücksichtige nicht, ob er arm oder reich, frei oder Sklave ist. Für mich gibt es keine Sklaven oder Machthaber. Es gibt nur Menschen, die von einem Einzigen erschaffen worden und darum alle gleich sind. Daher sind vor der Majestät Gottes auch die mächtigsten Herrscher der Erde Staub, und in den Augen Gottes und in meinen Augen gibt es nur ein Sklaventum: jenes der Sünde und daher unter Satan. Das alte Gesetz unterscheidet zwischen Freien und Sklaven und bis ins kleinste gehend unterscheidet es zwischen dem Töten durch einen Schlag und demjenigen, das es dem Opfer erlaubt, noch ein bis zwei Tage zu überleben. In gleicher Weise macht es einen Unterschied, ob der Stoß oder Hieb an einer schwangeren Frau zu deren Tod führt, oder ob nur ihre Leibesfrucht getötet wird. Das aber ist gesagt worden, als das Licht der Vollkommenheit noch fern war. Nun ist dieses Licht unter euch und sagt: "Jeder, der seinesgleichen tötet, sündigt." Er sündigt nicht nur gegen den Menschen, sondern auch gegen Gott.

Was ist der Mensch? Der Mensch ist das überlegene Geschöpf, das Gott als König über alle Schöpfung gesetzt hat. Gott hat es nach seinem Ebenbild und seiner Ähnlichkeit erschaffen; nach seiner Ähnlichkeit, indem er ihm die Ähnlichkeit im Geiste verlieh, nach seinem Ebenbild, indem der Mensch die Verkörperung seiner vollendeten Absicht ist. Schaut in die Luft, auf die Erde und in die Gewässer. Seht ihr vielleicht ein Tier oder eine Pflanze, die, so schön sie auch sein mag, dem Menschen gleichkommt? Das Tier läuft, ißt, trinkt, schläft, zeugt, arbeitet, singt, fliegt, schleicht und klettert, aber es hat keine Sprache. Auch der Mensch kann laufen und springen, und im Sprung ist er so gewandt, daß er mit dem Vogel wetteifert; er kann schwimmen und ist dabei so behend, daß er dem Fisch gleicht; er kann schleichen und man könnte meinen, er wäre eine Schlange; er kann klettern wie ein Affe, er kann singen wie ein Vogel. Er kann auch zeugen und sich vermehren. Doch überdies kann er sprechen.

Sagt nicht: "Ein jedes Tier hat seine Sprache." O ja, das eine muht, das andere blökt, das andere wiehert, das andere zwitschert, eines trillert und ein anderes grunzt. Doch vom ersten bis zum letzten Rind haben sie immer das gleiche und einzige Brüllen. So wird das Schaf bis ans Ende der Welt blöken, und der letzte Esel wird genauso schreien, wie der erste es getan hat, und der Sperling wird stets sein kurzes Zwitschern von sich geben, während die Lerche immer dieselbe Hymne an die Sonne und die Nachtigall die ihre an die Sternennacht singen werden, und dies bis zum letzten Tag der Welt, so wie sie einst den ersten Sonnenaufgang und die erste Nacht begrüßt hat. Der Mensch hingegen hat nicht nur eine Kehle und

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eine Zunge, sondern auch ein ganzes System von Nerven, die im Gehirn, dem Sitz des Verstandes, zusammenkommen. Der Mensch kann neue Eindrücke erfassen, sie gedanklich verwerten und ihnen einen Namen geben.

Adam nannte seinen Freund "Hund" und ihn, der ihm am meisten glich mit seiner dichten, hochstehenden Mähne über dem schwach bärtigen Gesicht, "Löwe". Er nannte "Schaf" das Lamm, das ihn sanft begrüßte, und "Vögel" die gefiederten Blumen, die wie ein Schmetterling fliegen, dazu lieblich singen, was der Schmetterling nicht kann. Dann ersannen die Nachkommen Adams im Verlauf der Jahrhunderte immer neue Namen, so wie sie langsam die Werke Gottes in den Geschöpfen kennenlernten und erkannten, oder weil sie durch den göttlichen Funken, der im Menschen ist, nicht nur Kinder zeugten, sondern auch nützliche oder schädliche Gegenstände für sie anfertigen konnten, je nachdem sie mit oder gegen Gott waren. Mit Gott sind alle, die gute Werke schaffen und vollbringen. Gegen Gott sind jene, die schlechte Dinge zum Schaden des Nächsten tun. Gott rächt die Qualen, die an seinen Kindern durch einen verderbten menschlichen Geist verübt werden.

Der Mensch ist also das von Gott bevorzugte Geschöpf. Auch wenn er jetzt schuldig ist, so ist er dennoch jenes, das ihm am teuersten ist. Dafür legt er Zeugnis ab, indem er sein eigenes Wort in die Welt gesandt hat: nicht einen Engel, nicht einen Erzengel, nicht einen Cherub, nicht einen Seraph, sondern sein Wort, damit es in der Hülle menschlichen Fleisches den Menschen erlösen soll. Er hat diese Hülle nicht für unwürdig gehalten, um den leidensfähig zu machen, der, wie der Vater, ein ganz reiner Geist ist und als solcher nicht hätte leiden und die Schuld des Menschen sühnen können.

Der Vater hat mir gesagt: "Du wirst Mensch sein: der Mensch! Ich hatte einen erschaffen, so vollkommen wie alles, was ich vollbringe. Er war für ein schönes Leben und einen süßen Schlaf ausersehen, für ein seliges Erwachen und einen glückseligen, ewigen Aufenthalt in meinem himmlischen Paradies.' Aber, du weißt es: in dieses Paradies kann nichts Unreines eingehen; denn in ihm haben Ich, Wir, der Dreieinige Gott, unseren Thron, und vor ihm darf nur Heiligkeit sein. Ich bin der, der ich bin. Meine göttliche Natur, unser geheimnisvolles göttliches Wesen, kann nur von Seelen ohne Makel wahrgenommen werden. Nun ist der Mensch durch Adam und in Adam unrein. Geh, reinige ihn! Ich will es! Du sollst von nun an der Mensch, der Erstgeborene sein. Denn als erster wirst du hier mit sterblichem Fleische, doch frei von jeder Sünde und mit einer

Der heiligsten Jungfrau Maria, der hervorragenden Eva, welche die Vollkommenheit der Stammeltern nicht nur erreichte, sondern weitaus übertraf, gewährte Gott von neuem einen sanften Schlaf", ohne wirklichen und wesentlichen Tod, wie wir dies in diesem Werk später noch erfahren werden.

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Seele ohne Erbsünde eingehen. Jene, die dir vorausgegangen sind, und jene, die nach dir kommen, werden das Leben haben durch deinen Tod als Erlöser!" Nur einer, der geboren worden ist, kann sterben. Ich wurde geboren und ich werde sterben.

Der Mensch ist das bevorzugte Geschöpf Gottes. Nun sagt mir: Wenn ein Vater viele Kinder hat, doch eines von diesen sein bevorzugtes, sein Augenstern ist und getötet wird, leidet dann jener Vater nicht mehr, als wenn ein anderes seiner Kinder getötet worden wäre? So dürfte es zwar nicht sein, denn der Vater müßte allen Kindern gegenüber gerecht sein. Doch es kommt vor, weil der Mensch unvollkommen ist. Gott kann dies in Gerechtigkeit tun, denn der Mensch ist das einzige Geschöpf unter den Erschaffenen, das gemeinsam mit dem Schöpfer-Vater eine geistige Seele hat, ein unleugbares Zeichen göttlicher Vaterschaft.

Wenn man einem Vater das Kind tötet, versündigt man sich dann nur gegen das Kind? Nein, auch gegen den Vater! Der Tod trifft im Fleisch das Kind, im Herzen den Vater, und beiden wird eine Wunde zugefügt. Wenn man einen Menschen tötet, sündigt man dann nur gegen den Menschen? Nein, auch gegen Gott! Man sündigt gegen den Menschen im Fleisch, gegen Gott aber in seinem Recht, weil Leben und Tod von ihm allein gegeben und genommen werden. Töten heißt Gewalt antun: Gott und dem Menschen. Töten ist Eindringen in den Bereich Gottes. Töten ist Fehlen gegen das Gebot der Liebe. Wer tötet, liebt Gott nicht, denn er zerstört eines seiner Werke: einen Menschen. Wer tötet, liebt den Nächsten nicht, denn er nimmt dem Nächsten das, was der Mörder für sich selbst beansprucht: das Leben. Damit sind die ersten beiden Fragen beantwortet.

"Wo habe ich getötet?"

Man kann unterwegs töten, im Haus des Angegriffenen oder aber das Opfer ins eigene Haus gelockt haben. Dem einen oder anderen Körperteil kann durch einen Schlag noch größerer Schmerz zugefügt werden, oder man kann auch zwei Morde in einem begehen, wenn man eine schwangere Frau mit ihrer Frucht umbringt.

Man kann unterwegs töten, ohne die Absicht dazu zu haben. Ein Tier, über das man die Herrschaft verliert, kann den Vorübergehenden töten, ohne daß man den Vorsatz hatte zu töten; anders ist der Fall, wenn dagegen einer mit einem Dolch unter seinem heuchlerischen Leinengewand ins Haus des Feindes dringt – und oft betrachtet man zu unrecht einen Besseren als Feind – oder ihn in sein Haus einlädt, ihn mit Ehren empfängt, dann aber erdrosselt und in die Zisterne wirft; dann liegt Vorsätzlichkeit vor, und die Sünde ist vollständig in der Bosheit, Roheit und Gewalttätigkeit.

Wenn ich die Leibesfrucht mit der Mutter töte, wird Gott mich für zwei Leben zur Rechenschaft ziehen. Denn der Leib, der einen neuen Menschen

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zeugt, ist gemäß dem Gebot Gottes heilig, und heilig ist das kleine Leben, das in ihm heranreift und dem Gott eine Seele gegeben hat.

"Womit habe ich getötet?"

Es ist umsonst, wenn einer sagt: "Ich wollte nicht töten", und beim Hingehen eine ganz sichere Waffe mitgenommen hat. Im Zorn werden selbst die Hände, die am Boden aufgelesenen Steine oder der vom Baum heruntergerissene Ast zu Waffen. Wer aber kaltblütig den Dolch oder die Axt betrachtet, sie wetzt, wenn sie ihn zu wenig scharf dünken, sie unsichtbar auf seinem Leibe trägt, wo sie dennoch mit Leichtigkeit gezückt werden können, und so vorbereitet zum Rivalen hingeht, der kann bestimmt nicht sagen: "Ich hatte nicht die Absicht zu töten." Wer mit giftigen Kräutern und Früchten, die er eigens dafür gepflückt hat, Pulver oder Getränke bereitet und dann dem Opfer dieses Gift als Gewürz oder als Arznei anbietet, kann bestimmt nicht sagen: "Ich wollte nicht töten."

Nun hört, ihr Frauen, ihr verschwiegenen, unbestraften Mörderinnen so vieler kleiner Menschenleben! Mord ist auch das Entfernen einer im Schoß sich entwickelnden Leibesfrucht, ob sie nun aus dem Samen einer sündhaften Verbindung hervorgegangen oder sonst unerwünscht ist, weil sie eine unnütze Bürde und eine eurem Reichtum abträgliche Belastung bedeutet. Es gibt nur einen Weg, diese Last nicht tragen zu müssen: keusch zu bleiben. Verbindet mit der Unkeuschheit nicht noch Mord, mit dem Ungehorsam nicht noch Gewalt und glaubt ja nicht, daß Gott nicht sieht, was den Menschen verborgen bleibt. Gott sieht alles und vergißt nichts. Seid auch ihr dessen eingedenk!

"Warum habe ich getötet?"

Oh, so vieler Gründe wegen! Der plötzliche Verlust des inneren Gleichgewichtes, der in euch eine heftige Gemütsbewegung auslöst, wie etwa, das Ehegemach entehrt vorzufinden, der Dieb im Haus, der Wüstling, welcher der eigenen Tochter Gewalt antun will, bis zur kaltblütigen und wohlüberlegten Erwägung, sich eines gefährlichen Zeugens zu entledigen, eines Menschen, der einem den Weg versperrt, dessen Posten oder Geldbeutel man erstrebt: Das sind die vielen und abermals so vielen Gründe. Wenn Gott demjenigen noch verzeihen kann, der in einem Anfall höchsten Schmerzes zum Mörder wird, so verzeiht er dem nicht,' der aus Gier nach Macht oder Ehrsucht tötet.

Handelt deshalb immer gerecht, und ihr werdet niemals den Blick oder das Wort anderer zu fürchten haben. Seid zufrieden mit dem, was euer eigen ist, und so werdet ihr nicht das Gut des anderen begehren, um dadurch noch zum Mörder zu werden.

' d.h. wenn jemand unbußfertig verbleibt. (siehe folgendes Kapitel, wo es bezüglich des grausamen Doras heißt: «Die aufrichtige Reue hätte genügt... doch, er war der Unbußfertige ...» Also verzeiht Gott jedem Sünder, jedoch unter der Bedingung, daß er bereut.)

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"Wie habe ich getötet?"

Bin ich nach dem ersten erregten Gefühlsausbruch weiterhin grausam vorgegangen? Oftmals vermag sich der Mensch nicht mehr zu beherrschen, denn Satan stürzt ihn ins Unglück wie ein Schleuderer den Stein schleudert. Aber was würdet ihr von einem Stein sagen, der, nachdem er das Ziel erreicht hat, von selbst zur Schleuder zurückkehrte und noch einmal geschleudert werden wollte, um noch einmal zu treffen? Ihr würdet sagen: "Er ist von einer höllischen und magischen Kraft besessen." So ist der Mensch, der nach dem ersten Schlag noch einen zweiten, einen dritten, einen zehnten Schlag versetzt, ohne daß sein Ingrimm nachläßt. Nach dem ersten Ausbruch legt sich der Zorn und an seine Stelle tritt die Vernunft, wenn jener aus noch gerechtfertigten Gründen hervorgerufen wurde. Während die Grausamkeit sich steigert, je mehr der Überfallende das Opfer des wirklichen Mörders ist, nämlich von Satan, der mit dem Bruder kein Mitleid hat und auch nicht haben kann, da er Satan ist, eben Haß ist!

"Wann habe ich getötet?"

Im ersten Gefühlsausbruch ? Nachdem dieser sich bereits gelegt hatte ? Als ich Verzeihung vortäuschte, während die Rachegedanken immer erbitterter wurden? Habe ich vielleicht Jahre mit dem Mord zugewartet, um doppeltes Leid zuzufügen, indem ich den Vater durch die Kinder getötet habe?

Ihr seht, daß man beim Töten sowohl gegen die erste als auch gegen die zweite Gruppe der Gebote verstößt, weil ihr das Recht Gottes für euch beansprucht und euren Nächsten mit Füßen tretet. Sünde also gegen Gott und den Nächsten! Ihr begeht nicht nur die Sünde des Mordes. Ihr begeht auch die Sünde des Zornes, der Gewalttätigkeit, der Anmaßung, des Ungehorsams, des Frevels und manchmal auch der Habgier, wenn ihr tötet, um euch eines Postens oder eines Geldbeutels zu bemächtigen.

Ich deute dies nur an und werde ein andermal genauer darauf eingehen. Man begeht einen Mord nicht nur mit der Waffe und mit dem Gift, sondern auch durch die Verleumdung. Denkt darüber nach.

Weiterhin sage ich euch: Der Herr, der einen Sklaven schlägt und dies mit einer solchen Arglist, daß ihm dieser nicht in den Händen stirbt, ist doppelt schuldig. Der Mensch als Sklave ist nicht das Gut seines Meisters: es ist eine Seele, die Gott angehört. In Ewigkeit sei jeder verflucht, der seinen Sklaven schlimmer als einen Ochsen behandelt!»

Jesu Augen funkeln und er spricht nun laut. Alle schauen ihn verwundert an, denn bisher hatte er sehr ruhig gesprochen.

«Verflucht sei er! Das neue Gesetz schafft diese Härte ab, die angemessen war, als es im Volk Israel noch keine Heuchler gab, die Heiligkeit vortäuschen und ihren Scharfsinn nur dazu anstrengen, das Gesetz Gottes auszunützen und zu umgehen. Aber jetzt, da es in Israel wimmelt von

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diesen schlangenhaften Wesen, die sich erlauben, was ihnen beliebt, nur weil sie es sind, diese elenden Machthaber, die Gott mit Abscheu und Ekel ansieht; ich sage euch: Das gibt es nicht mehr!

Die Sklaven sinken auf der Scholle oder in der Mühle um. Sie fallen nieder mit gebrochenen Knochen oder dem durch Geißelhiebe bloßgelegten Fleisch. Man bezichtigt sie unwahrer Vergehen, um sie schlagen zu können und um den eigenen satanischen Sadismus zu rechtfertigen. Sogar das Wunder Gottes wird als Anklage benützt, um sich das Recht zu nehmen, sie zu schlagen. Weder die Macht Gottes noch die Heiligkeit des Sklaven vermag ihre niederträchtige Seele zu bekehren. Sie kann nicht bekehrt werden. Dort, wo eine Sättigung des Bösen vorliegt, kann das Gute nicht eindringen. Doch Gott sieht es und sagt: "Genug!"

Zuviele Kaine gibt es, die Abel töten. Was glaubt ihr, ihr unreinen, nach außen weiß übertünchten und mit Worten des Gesetzes beschriebenen Gräber, in deren Innern König Satan wandelt und aus denen der schauerlichste Satanismus hervorquillt, was glaubt ihr? Daß nur Abel der Sohn Adams gewesen sei, und daß der Herr nur auf jene mit Wohlgefallen blicken würde, die nicht Sklaven anderer Menschen sind, und das einzige Opfer von sich stoße, das ein Sklave ihm darbringen kann: seine mit Tränen gewürzte Rechtschaffenheit? Nein, in Wahrheit sage ich euch: Jeder Gerechte ist ein Abel, auch wenn er mit Fesseln bedeckt ist, selbst wenn er sterbend auf der Ackerscholle liegt oder wegen eurer Geißelhiebe aus allen Wunden blutet; daß jedoch alle Ungerechten Kaine sind, die Gott aus Hochmut opfern und nicht, um ihm Ehre zu erweisen, und das geben, was durch ihre Sünden verunreinigt und vom Blut befleckt ist.

Ihr Wunderschänder! Menschenschänder! Mörder! Frevler! Hinaus! Weg aus meinen Augen! Genug! Ich sage euch: Genug! Es ist mein Recht, es zu sagen, denn ich bin das göttliche Wort, das die göttliche Lehre verwirklicht. Hinaus!

Jesus steht aufrecht auf einem primitiven Podium und wirkt dermaßen Achtung gebietend, daß er Furcht einflößt. Den rechten Arm ausgestreckt, um zur Tür zu weisen, mit Augen, die zwei blauen Feuern gleichen und die anwesenden Sünder zu durchbohren scheinen. Das kleine Mädchen zu Jesu Füßen beginnt zu weinen und flüchtet. Die Jünger betrachten sich erstaunt und blicken umher, um zu entdecken, an wen wohl die Schmährede gerichtet ist. Auch das Volk dreht sich mit fragenden Blicken nach allen Seiten.

Endlich klärt sich das Geheimnis. Im Hintergrund, noch vor der Türe, halbverdeckt von einer Gruppe vornehmer Persönlichkeiten, kommt Doras zum Vorschein.

Noch dünner, noch gelber, noch runzliger geworden, ganz Nase und vorspringendes Kinn! Ein Diener begleitet ihn und hilft ihm beim Gehen, denn Doras scheint halb gelähmt zu sein. Wer hätte ihn schon dort mitten

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auf dem Hof gesehen? Mit seiner heiseren Stimme wagt er zu fragen: «Zu mir sagst du dies, für mich ?»

«Für dich, ja! Verlasse mein Haus!»

«Ich gehe. Aber bald rechnen wir ab, du kannst dessen sicher sein 1»

«Bald? Sofort! Der Gott des Sinai, ich habe es dir gesagt, erwartet dich.»

«Auch dich, du Unglückseliger, der du das Unheil auf mich gelenkt und die Schädlinge in meine Äcker geschickt hast. Wir werden uns wiedersehen. Es wird mir eine Freude sein.»

«Ja. Du aber wirst mich nicht mehr wiedersehen wollen, denn ich werde dich richten.»

«Ha, ha, ha, verfl...» Doras fuchtelt in der Luft herum, keucht und fällt hin.

«Er ist gestorben!» schreit der Diener. «Mein Herr ist tot! Sei gepriesen Messias, unser Rächer!»

«Nicht ich! Gott, der ewige Herr! Niemand beflecke sich. Nur der Diener kümmere sich um seinen Herrn. Sei gut mit seinem Körper. Seid gut, ihr alle seine Diener. Frohlockt nicht haßerfüllt über den Heimgesuchten, um nicht die Verdammnis zu verdienen. Gott und der gerechte Jonas sollen stets eure Freunde sein, und ich mit ihnen. Lebt wohl!»

«Aber ist er durch deinen Willen gestorben?» fragt Petrus.

«Nein. Aber der Vater kam über mich ... 1) Es ist ein Geheimnis, das du nicht begreifen kannst. Merke dir nur: es ist nicht erlaubt, Gott anzugreifen. Er rächt sich selbst dafür.»

«Aber könntest du nicht deinem Vater sagen, daß er alle sterben lassen soll, die dich hassen?»

«Schweige! Du weißt nicht, wessen Geistes du bist! Ich bin Barmherzigkeit und nicht Rache.»

Der alte Synagogenvorsteher tritt vor: «Meister, du hast alle meine Fragen gelöst, nun ist das Licht in mir. Sei gepriesen! Komm in meine Synagoge. Verweigere nicht einem armen Alten dein Wort.»

«Ich werde kommen. Geh in Frieden! Der Herr ist mit dir!»

Während das Volk langsam geht, hat alles ein Ende.

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1) Dieser Ausspruch Jesu kann, in Übereinstimmung mit verschiedenen Evangelien (Matth 21,12-17; Mark 11,15-19; ... ), im folgenden Sinn verstanden werden: Ich wurde vorn Eifer der göttlichen Gerechtigkeit erfaßt, die auf schamloser Weise von jenem grausamen (verstockten) Unbußfertigen beleidigt worden ist: einem Eifer, der die Barmherzigkeit übersteigt, die bei jenem Menschen, der am Haß festhält, unangebracht ist.

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166. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER"; DIE DREI JÜNGER DES TÄUFERS

Ein ganz klarer Wintertag. Sonne und Wind und ein heiterer Himmel ohne das geringste Anzeichen einer Wolke. Noch ist es früh am Morgen. Ein leichter Schleier von Rauhreif, besser, von beinahe gefrorenem Tau, liegt als Diamantenstaub auf Boden und Gräsern.

Es nähern sich dem Haus drei Männer, die sicher und zielbewußt einherschreiten, daß man den Eindruck haben könnte, sie seien des Ortes kundig. Sie sehen Johannes, der mit aufgefüllten Wassereimern beladen vom Brunnen kommt und den Hof überquert. Sie rufen ihn.

Johannes dreht sich um, stellt die Krüge ab und fragt: «Ihr seid hier? Willkommen! Der Meister wird sich freuen, euch zu sehen. Kommt, kommt, bevor die Leute eintreffen. Es kommen jetzt so viele! ...»

Es sind die drei Hirtenjünger des Johannes des Täufers, Simeon, Johannes und Matthias, und sie folgen zufrieden dem Apostel.

«Meister, drei Freunde sind da. Schau», sagt Johannes, in die Küche eintretend, wo ein fröhliches Feuer knistert und sich ein angenehmer Duft von verbranntem Gesträuch und Lorbeer verbreitet.

«Oh! Der Friede sei mit euch, meine Freunde! Weshalb kommt ihr zu mir? Ist dem Täufer ein Unglück zugestoßen?»

«Nein, Meister. Wir sind mit seiner Erlaubnis gekommen. Er läßt dich grüßen und dir sagen, du sollst Gott den Löwen anempfehlen, der von den Häschern verfolgt wird. Er macht sich keine Illusionen über sein Los. Doch zur Zeit ist er frei. Er ist glücklich, denn er weiß, daß du viele Getreue hast. Auch solche, die früher seine waren. Meister, es ist auch unser glühender Wunsch, es zu sein; ... doch wir wollen ihn, jetzt wo er verfolgt wird, nicht verlassen. Verstehe uns...» sagt Simeon.

«Ich segne euch, weil ihr so handelt. Der Täufer verdient jede Achtung und Liebe.»

«Ja, du sagst es gut. Er ist groß und seine Größe wird immer überragender. Er gleicht der Agave, die vor dem Sterben zum großen Kandelaber der siebenfachen Blume wird und mit ihr strahlt und duftet. So auch er. Er sagt immer: "Ich möchte ihn nur noch einmal sehen..." Dich sehen! Wir haben den Sehnsuchtsschrei seiner Seele vernommen, und ohne ihm etwas davon zu sagen, bringen wir diesen Schrei zu dir. Er ist der "Büßer", der "Faster" ' und er verzehrt sich noch im heiligen Verlangen, dich zu sehen und zu hören. Ich bin Tobias, nun Matthias. Doch denke ich, daß der Erzengel, der Tobias als Begleiter gegeben wurde, sich von ihm in nichts unterschieden hat. Alles im Täufer ist Weisheit !»

«Es ist nicht gesagt, daß ich ihn nicht sehen werde... Aber seid ihr nur deswegen gekommen? Bei dieser Jahreszeit ist es beschwerlich, zu

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reisen. Heute ist es heiter... aber bis vor drei Tagen! Wieviel Wasser auf den Straßen!»

«Nicht nur deswegen. Vor einigen Tagen ist Doras, der Pharisäer gekommen um sich zu reinigen. Doch der Täufer hat ihm die Taufe verweigert und gesagt: "Das Wasser kann dort nicht eindringen, wo eine so dicke Kruste der Sünde ist. Ein Einziger allein kann dir verzeihen, der Messias." Da hat Doras gesagt: "So werde ich zu ihm gehen. Ich möchte geheilt werden und denke, daß mein Übel seine Verwünschung ist." Daraufhin hat ihn der Täufer weggejagt, wie wenn er den Teufel vertrieben hätte. Doras ist beim Weggehen Johannes begegnet, den er kannte, seitdem Johannes zu Jonas gegangen war, mit dem er etwas verwandt ist, und hat zu ihm gesagt: "Ich gehe zu Jesus. Alle gehen. Auch Manaen ist dort gewesen, und sogar... ich sage Dirnen, doch er hat ein gemeineres Wort benützt, gehen dorthin. Das "trügerische Gewässer" ist voll von Schwärmern. Wenn er mich nun heilt und den Bann, den er über meine Ländereien verhängt hat, zurücknimmt, dann will ich sein Freund werden. Mein Landgut sieht aus wie von Kriegsmaschinen verwüstet, Maulwürfe, Würmer und Vampirgrillen wimmeln, die das Saatgut fressen und die Wurzeln der Obstbäume und der Weinstöcke zerstören, wogegen es kein Mittel gibt. Anderenfalls, wehe ihm!" Wir haben ihm geantwortet: "Mit einer solchen Gesinnung willst du hingehen?" Er hat geantwortet: "Wer glaubt denn schon an diesen Teufelskerl? Übrigens hat er Dirnen im Haus und kann also auch mit mir ein Bündnis schließen." Wir sind hergekommen, um dir dies zu berichten, damit du dich auf Doras vorbereiten kannst.»

«Oh, es ist alles schon getan.»

«Schon getan? Wirklich? Natürlich, er hat Pferd und Wagen, wir haben nur unsere Beine. Wann ist er gekommen?»

«Gestern.»

«Was ist geschehen?»

«Dies: wenn ihr euch um Doras kümmern wollt, könnt ihr in sein Haus nach Jerusalem gehen, um euer Beileid zu bekunden. Sie bereiten ihn für die Beisetzung vor.»

«Er ist gestorben?»

«Gestorben! Hier. Doch sprechen wir nicht über ihn.»

«Ja, Meister... Nur... sag uns: ist es wahr, was er uns über Manaen gesagt hat?»

«Ja. Mißfällt es euch?»

«Oh, es ist uns eine Freude. Wir haben ihm in der Burg Machaerus so viel von dir erzählt, und was wünscht sich denn ein Apostel anderes, als daß sein Meister geliebt wird? Das ist der Wunsch Johannes und auch der unsrige.»

«Du sprichst gut, Matthias. Die Weisheit ist mit dir.»

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«Doch ... ich glaube es nicht. Doch nun sind wir ihr begegnet (der Verschleierten)... Sie ist auch vor dem Laubhüttenfest bei uns gewesen und hat dich gesucht. Wir haben ihr gesagt: "Der, den du suchst, ist nicht hier; doch bald wird er zum Laubhüttenfest in Jerusalem sein." So sagten wir, denn der Täufer hatte uns gesagt: "Seht jene Sünderin. Sie ist eine Kruste von Schmutz, doch in ihr lodert eine Flamme, die genährt wird. Sie wird so stark werden, daß sie die Kruste sprengen, und alles entzünden wird. Die Kruste wird fallen und die Flamme wird allein zurückbleiben." So hat er gesagt. Aber ist es wahr, daß sie hier schläft, wie uns zwei einflußreiche Schriftgelehrte berichtet haben?»

«Nein, sie wohnt in einem der Ställe des Verwalters, mehr als eine Stadie von hier entfernt.»

«Diese Teufelszungen! Hast du gehört? Und sie...»

«Laßt sie nur reden. Die Guten glauben ihren Worten nicht, sondern meinen Werken.»

«Das sagt auch Johannes. Vor einigen Tagen haben ihm einige seiner Jünger in unserer Gegenwart gesagt: "Rabbi, jener, der mit dir jenseits des Jordan war und für den du Zeugnis abgelegt hast, tauft nun auch und alle gehen zu ihm, und du wirst bald keine Getreuen mehr haben."

Doch Johannes hat geantwortet: "Selig mein Ohr, das diese Nachricht vernimmt! Ihr wißt nicht, welche Freude ihr mir damit bereitet. Ihr müßt wissen, daß sich der Mensch nichts aneignen darf, wenn es nicht vom Himmel gegeben wird. Ihr könnt bezeugen, daß ich gesagt habe: 'Ich bin nicht Christus, sondern jener, der vor ihm hergesandt worden ist, um ihm den Weg zu bereiten.' Der gerechte Mann eignet sich nicht einen Namen an, der nicht ihm gehört, selbst wenn man ihn loben will, indem man sagt: 'Du bist jener" also der Heilige, entgegnet er: 'Nein, wahrhaftig nein! Ich bin nur sein Diener.' Er hat aber dennoch eine große Freude, denn er sagt sich: 'Ich gleiche ihm also ein wenig, wenn man mich für ihn halten kann. Was kann sich denn ein Liebender Schöneres wünschen, als dem Liebsten zu gleichen?' Nur die Braut freut sich des Bräutigams. Dem Brautführer würde dies nicht anstehen, weil es unschicklich und Raub wäre. Doch der dem Bräutigam nahestehende Freund, welcher die Worte hochzeitlichen Glückes vernimmt, verspürt eine so lebhafte Freude, die fast jener gleichkommt, die die dem Bräutigam angetraute Jungfrau erfüllt, denn er kostet darin im voraus die Wonne hochzeitlichen Liebesglücks. Dies ist meine Freude, und sie ist vollkommen. Was macht nun der Freund des Bräutigams, nachdem er monatelang dem Freund gedient und ihn ins Haus der Braut begleitet hat? Er zieht sich zurück und verschwindet. So auch ich, so auch ich! Ein Einziger bleibt zurück: der Bräutigam mit der Braut! Der Mensch mit der Menschheit! Oh, welch tiefgründiges Wort! Er muß wachsen, ich abnehmen. Derjenige, der vom Himmel kommt, steht über allen. Patriarchen und Propheten verschwinden bei

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seinem Kommen, denn er ist wie die Sonne, die alles erleuchtet, und dies mit so hellem Licht, daß Sterne und Planeten, deren Licht erloschen, dadurch erstrahlen. Jene, die nicht erloschen sind, verblassen jedoch vollends in der Fülle von Licht. Er kommt vom Himmel, Patriarchen und Propheten hingegen werden in den Himmel eingehen, aber nicht vom Himmel kommen. Derjenige, der vom Himmel kommt, ist über alle erhaben, und er verkündet, was er gesehen und gehört hat. Aber niemand kann sein Zeugnis annehmen von denen, die nicht nach dem Himmel streben, also Gott verleugnen. Wer das Zeugnis desjenigen, der vom Himmel herabgekommen ist, annimmt, besiegelt mit diesem Bekenntnis seinen Glauben, daß Gott wahrhaftig ist und kein Märchen, das jeder Wahrheit entbehrt, und er spürt die Wahrheit, weil er ein eifriges Verlangen nach ihr hat. Denn derjenige, den Gott gesandt hat, spricht Worte Gottes, da Gott ihm den Geist in Fülle gibt, und der Geist Gottes sagt: 'Siehe, da bin ich. Nimm mich dir zu eigen, denn ich will mit dir sein, du Freude unserer Liebe.' Denn der Vater liebt den Sohn über alle Maßen und hat alles in seine Hände gelegt. Daher wird, wer an den Sohn glaubt, das ewige Leben besitzen. Wer jedoch den Glauben an den Sohn verweigert, der wird das Leben nicht schauen, und der Zorn Gottes wird in ihm und über ihm sein!"

So hat er gesprochen, und ich habe mir seine Worte eingeprägt, um sie dir zu sagen», sagt Matthias.

«Ich lobe dich und danke dir dafür. Der letzte Prophet Israels ist nicht jener, der vom Himmel herabsteigt, sondern jener, der dem Himmel am nächsten ist, weil er – ihr wißt es nicht, doch sage ich es euch – bereits im Schoße der Mutter mit göttlichen Wohltaten beschenkt wurde.»

«Was, was? Oh, erzähle! Er sagt von sich selber: "Ich bin der Sünder."» Die drei Hirten sind begierig, mehr zu erfahren, und auch die Jünger drängen.

«Als meine Mutter mich in sich trug, mit Mir, Gott, schwanger war, begab sie sich zur Mutter des Johannes, die mütterlicherseits ihre Base war und im fortgeschrittenen Alter ein Kind erwartete, um ihr zu dienen, weil sie die Demütige und Liebreiche ist. Der Täufer besaß bereits seine Seele, denn er war im siebten Monat seines Werdens. Als die menschliche Frucht, eingeschlossen im mütterlichen Schoße, die Stimme der Braut Gottes vernahm, hüpfte sie vor Freude. Auch darin ist er der Vorläufer, weil er als erster Mensch erlöst wurde. Von Schoß zu Schoß übertrug sich die Gnade, durchdrang ihn, und die Erbsünde fiel von der Seele des Kindes. Somit sage ich euch, daß auf der Erde drei im Besitz der Weisheit sind, wie es im Himmel drei sind, welche die Weisheit sind: das Wort, die Mutter und der Vorläufer auf Erden; im Himmel der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.»

«Unser Herz ist voller Erstaunen. Beinahe wie damals, als uns gesagt wurde: "Der Messias ist geboren"; denn du warst der Abgrund der Barmherzigkeit, und dieser unser Johannes ist der Abgrund der Demut.»

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«Und meine Mutter ist der Abgrund der Reinheit, der Gnade, der Liebe, des Gehorsams, der Demut und jeder anderen Tugend, die aus Gott ist und die Gott seinen Heiligen einflößt.»

«Meister», sagt Jakobus des Zebedäus, «es sind schon viele Menschen hier.»

«Laßt uns gehen. Kommt auch ihr.»

Eine sehr große Menschenmenge ist versammelt.

«Der Friede sei mit euch», sagt Jesus und er lächelt, wie er dies nur selten tut. Die Menschen flüstern miteinander und deuten auf ihn. Es herrscht viel Neugierde.

«Es steht geschrieben: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen."

Viel zu oft vergißt man dieses Gebot. Man versucht Gott, wenn man ihm den eigenen Willen aufzwingen will. Man versucht Gott, wenn man unklugerweise gegen die Regeln des Gesetzes, das heilig und vollkommen und in seinem geistigen Bereich der wichtigste Teil ist, verstößt, und man sich auch mit dem von ihm erschaffenen Leib übermäßig befaßt und sich seinetwegen Sorgen macht. Man versucht Gott, wenn man, nachdem man von ihm Verzeihung erlangt hat, von neuem zu sündigen anfängt. Man versucht Gott, wenn man die von ihm verliehenen Wohltaten zum eigenen Schaden verwendet, anstatt daß man diese Gaben ihrem Sinn entsprechend zum Guten nutzt und sich auf deren Spender besinnt. Gott läßt seiner nicht spotten. Zu oft geschieht dies! ...

Gestern habt ihr gesehen, welche Strafe die Spötter Gottes erwartet. Der Ewige Gott, voller Mitleid mit den Reuigen, ist andererseits ganz Strenge mit dem Unbußfertigen, der sich durch nichts ändern läßt. Ihr kommt zu mir, um das Wort Gottes zu hören. Ihr kommt, um Wunder zu erlangen. Ihr kommt, um Verzeihung zu erlangen, und der Vater gibt euch das Wort, das Wunder und die Verzeihung. Ich bedaure nicht, den Himmel verlassen zu haben, damit ich euch das Wunder und die Verzeihung gewähren kann, und damit ihr durch mich Gott kennenlernen könnt.

Der Mensch gestern ist vom Feuer des göttlichen Grolles niedergeschmettert worden, wie Nadab und Abiu (Num 3,1-4). Doch ihr sollt darauf verzichten, ihn zu richten. Dieser Vorfall, der ein neues Wunder ist, möge nur bewirken, daß ihr euch darauf besinnt, wie man handeln soll, um Gott zum Freund zu haben. Doras verlangte nach dem Wasser der Buße, doch ihm fehlte der übernatürliche Geist. Sein Wunsch entsprang einer menschlichen Denkweise. Wie ein magischer Zauber sollte es ihn von der Krankheit heilen und von seinem Unglück befreien. Der Körper und die Ernte, dies waren seine Ziele, nicht seine arme Seele. Sie hatte keinen Wert für ihn. Leben und Geld waren seine Werte.

Ich sage euch, das Herz ist dort, wo auch sein Schatz ist, und der Schatz ist dort, wo das Herz ist. Daher ist der Schatz im Herzen. Er hatte in

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seinem Herzen die Begierde zu leben und viel Geld zu besitzen. Wie kann ich es mir nur beschaffen? Mit jedem Mittel! Auch mit Verbrechen. War es also nicht ein Verhöhnen und Versuchen Gottes, die Taufe zu erlangen? Eine aufrichtige Reue über sein langes, sündiges Leben hätte genügt, ihm einen heiligen Tod zu gewähren, und auch das, was im irdischen Leben angemessen war. Er jedoch war der Unbußfertige. Da er außer sich selber nie jemand geliebt hatte, kam er soweit, daß er nicht einmal mehr sich selber lieben konnte, da der Haß auch die animalische, selbstsüchtige Liebe abtötet, die man für sich selber empfindet. Tränen aufrichtiger Reue hätten sein reinigendes Wasser sein müssen. Dies gilt auch für euch alle, die ihr hier zuhört; denn niemand unter euch ist ohne Sünde, und deshalb habt ihr alle dieses Wasser nötig. Aus meinem Herzen ausgepreßt, fließt es auf euch nieder und reinigt, gibt der entweihten Seele die Jungfräulichkeit zurück, richtet auf, wer darniederliegt, und verleiht neue Kraft, wo die Seele vor lauter Schuld verblutet.

Jeder Mensch sorgt sich nur um das Elend dieser Erde. Doch nur ein einziges Elend sollte den Menschen nachdenklich stimmen: nämlich jenes Ewige, Gott zu verlieren. Jener Mann hat nie versäumt, die rituellen Gaben zu spenden; aber er hat es nicht verstanden, Gott ein geistiges Opfer darzubringen, also der Sünde zu entsagen, Buße zu tun und mit seinen Werken um Verzeihung zu bitten. Heuchlerische Gaben aus dem unrechtmäßig erworbenen Reichtum sind wie Aufforderungen an Gott, er möge zum Mittäter böser Werke des Menschen werden. Wäre so etwas je möglich? Ist es nicht eine Verhöhnung Gottes, wenn man solches zu tun wagt? Gott stößt jenen von sich, der sagt: "Hier, mein Opfer", dabei aber darnach brennt, in seiner Sünde zu verharren. Nützt vielleicht die körperliche Enthaltsamkeit etwas, wenn die Seele sich nicht der Sünde enthält?

Der Tod des Mannes, der sich hier ereignet hat, möge euch über die notwendigen Bedingungen nachdenken lassen, um von Gott geliebt zu werden. Nun halten in seinem reichen Palast die Verwandten und die Klagenden die Totenwache bei dem Leichnam, der bald zu Grabe getragen wird.

Oh, wahrlich eine echte Totenklage und ein echter Leichnam! Wahrlich, nichts mehr als eine Leiche, und eine Totenklage ohne Trost, denn die schon tote Seele wird auf immer getrennt sein von jenen, die er wegen der verwandtschaftlichen Beziehungen liebte oder weil eine Gesinnungsgemeinschaft bestand. Auch wenn ein gleicher Aufenthaltsort sie für ewig vereint, so wird der Haß, der dort herrscht, sie trennen. Dieser Tod ist somit "wahrhaftige" Trennung. Es wäre besser, wenn der Mensch, der seine Seele getötet hat, sich selbst beweinen würde, anstelle jener, die ihn beweinen. Die Tränen seines reumütigen, demütigen Herzens würden die Verzeihung Gottes erwirken, was ihm schließlich auch das Leben der Seele zurückgeben würde.

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Geht hin! Ohne Haß und ohne Bemerkungen. Nur voller Demut. Wie ich, der ich ohne Haß und nur in Gerechtigkeit über ihn gesprochen habe. Leben und Tod sind unsere Lehrmeister, die uns lehren, gut zu leben und gut zu sterben und das ewige Leben zu erlangen, wo es keinen Tod mehr gibt. Der Friede sei mit euch!»

Es sind keine Kranken da, es geschehen keine Wunder. Petrus sagt zu den Jüngern des Täufers: «Es tut mir leid für euch.»

«Oh, das soll dir nicht leid tun. Wir glauben, ohne zu sehen. Wir haben das Wunder seiner Geburt geschaut; es hat uns zu glauben gelehrt. Nun haben wir sein Wort, das uns im Glauben bestärkt. Wir wünschen nichts anderes, als ihm dienen zu dürfen bis zum Himmel, wie Jonas, unser Bruder.»

Alles ist zu Ende.

167. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST NICHT BEGEHREN DEINES NÄCHSTEN FRAU»

Jesus geht durch eine große Volksmenge, die ihn von allen Seiten her ruft. Die einen zeigen ihre Wunden, andere zählen ihre Schicksalsschläge auf, andere wiederum beschränken sich auf den Ruf: «Erbarme dich meiner!», noch andere stellen ihren kleinen Sohn vor, damit er gesegnet werde. Der windstille, heitere Tag hat viele Menschen bewogen, Jesus aufzusuchen.

Als Jesus schon fast an seinem Platz angekommen ist, ertönt vom Weg, der zum Fluß führt, ein mitleiderregendes Jammern: «Sohn Davids, erbarme dich deines Unglücklichen!»

Jesus wendet sich in die Richtung wie auch das Volk und die Jünger. Aber ein dichtes Gesträuch verdeckt den um Hilfe Flehenden.

«Wer bist du? Komm nach vorne!»

«Ich kann nicht. Ich bin angesteckt. Ich muß zum Priester, um von der Welt ausgeschlossen zu werden. Ich habe gesündigt, und der Aussatz ist an meinem Körper ausgebrochen. Ich hoffe auf dich!»

«Ein Aussätziger! Ein Aussätziger! Fluch ihm! Steinigen wir ihn!»Die Menge tobt.

Jesus gibt ein Zeichen, das Ruhe und Schweigen gebietet. «Er ist nicht unreiner als ein Sünder. In den Augen Gottes ist der unbußfertige Sünder noch unreiner als der reumütige Aussätzige. Wer glauben kann, soll mit mir kommen.»

Außer den Jüngern gehen noch einige Neugierige Jesus nach. Die anderen strecken nur die Hälse, bleiben aber, wo sie sind.

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Jesus verläßt den Hof des Hauses und geht den kleinen Weg in Richtung des Buchsbaumgebüsches, wo er stehen bleibt und befiehlt: «Zeige dich!»

Es kommt ein junger Mann zum Vorschein mit einem frischen, vollen Gesicht, auf dem noch kaum eine Spur von Bart und Schnurrbart zu sehen ist, während die Augen vom Weinen stark gerötet sind.

Ein lauter Schrei begrüßt ihn. Er kommt von einer Gruppe von Frauen, die alle tief verschleiert sind, schon im Hofe geweint haben und nun durch die Drohungen des Volkes noch mehr weinen.

«Mein Sohn!» ruft eine Frau und sinkt in die Arme einer anderen Frau, von der ich nicht weiß, ob es deren Verwandte oder Freundin ist.

Jesus nähert sich nun allein dem Unglücklichen und sagt: «Du bist noch sehr jung. Wie kommt es, daß du aussätzig bist?»

Der Jüngling senkt die Augen, wird feuerrot und stammelt etwas, wagt aber nicht, mehr zu sagen.

Jesus wiederholt die Frage. Der Kranke spricht nun etwas deutlicher, doch man versteht nur die Worte: «Der Vater... ich ging... und wir sündigten... nicht nur ich allein...»

«Dort ist deine Mutter, die weint und hofft. Im Himmel ist Gott, der alles weiß. Hier bin ich, auch ich weiß es. Aber ich brauche deine Verdemütigung, damit ich Erbarmen mit dir haben kann. Also sprich!»

«Sprich, mein Sohn! Habe Mitleid mit dem Schoß deiner Mutter, der dich getragen hat», wimmert die Mutter, die sich bis zu Jesus hingeschleppt hat und nun, auf den Knien liegend, ganz unbewußt einen Zipfel des Gewandes Jesu in der Hand hält und mit der anderen auf den Jungen weist und dabei ihr tränenüberströmtes Gesicht zeigt.

Jesus legt ihr die Hand aufs Haupt und sagt noch einmal: «Sprich!»

«Ich bin der Erstgeborene und helfe dem Vater in seinen Geschäften. Er hat mich schon oft nach Jericho gesandt, um dort mit seiner Kundschaft zu reden und zu verhandeln... und... und einer hatte eine schöne junge Frau. Sie gefiel mir. Ich ging öfter zu ihr, als nötig war. Auch sie mochte mich. Wir hatten Gefallen aneinander und sündigten in Abwesenheit ihres Ehemannes. Ich weiß nicht, wie es kam, denn sie war gesund. Nicht nur ich war gesund und begehrte sie... auch sie war gesund und verlangte nach mir. Ich weiß nicht, ob sie außer mir noch andere begehrte und sich dabei ansteckte. Ich weiß nur, daß bei ihr bald das Siechtum ausbrach und sie bereits in den Gräbern ist, um dort als Lebende zu sterben... Ich, ich... Mutter, du hast es gesehen, es ist unscheinbar, aber man sagt, es wäre Aussatz... und ich müßte daran sterben. Wann? ... Kein Leben mehr... ohne ein Zuhause... ohne eine Mutter... Oh, Mutter, ich sehe dich und kann dich doch nicht mehr küssen! Heute wollen sie kommen, um meine Kleider zu zerreißen und mich aus dem Hause zu jagen... aus dem Dorfe. Ich bin schlimmer dran als ein Toter. Nicht einmal meine Mutter

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wird über meinem Leichnam weinen können.» Der junge Mann weint bitterlich.

Die Mutter gleicht einem vom Wind geschüttelten Baum, so sehr wird sie vom Schluchzen erschüttert. Die Leute reagieren ganz unterschiedlich.

Jesus ist traurig. «Hast du beim Sündigen nicht an deine Mutter gedacht ? Warst du so töricht zu vergessen, daß du noch eine Mutter auf Erden und einen Gott im Himmel hast? Wenn nun der Aussatz nicht ausgebrochen wäre, wäre dir je zum Bewußtsein gekommen, daß du gegen Gott und den Nächsten gesündigt hast? Was hast du aus deiner Seele gemacht, aus deiner Jugend?»

«Ich bin in Versuchung geführt worden...»

«Bist du denn ein Kind, um nicht zu wissen, daß diese Frucht verflucht war? Du würdest es verdienen, ohne Mitleid sterben zu müssen.»

«Oh... hab Erbarmen; du allein vermagst...»

«Nicht ich, Gott!' und nur, wenn du hier schwörst, nicht mehr zu sündigen !»

«Ich schwöre es! Ich schwöre es! Rette mich, Herr. Mir bleiben nur noch wenige Stunden bis zur Verurteilung. Mutter, Mutter! Hilf mir mit deinem Flehen! ... Oh! Meine Mutter!»

Die Frau hat keine Stimme mehr. Sie umklammert die Füße Jesu und richtet ihre vom Schmerz weit aufgerissenen Augen zu ihm auf: das verzweifelte Antlitz einer Ertrinkenden. Sie weiß, daß es hier um den letzten Halt geht, der ihn retten kann.

Jesus sieht sie an und lächelt ihr mitleidig zu. «Steh auf, Mutter! Dein Sohn ist geheilt. Aber deinetwegen! Nicht seinetwegen!»

Die Frau kann es noch nicht glauben. Es scheint ihr unmöglich, daß er auf diese Entfernung hätte geheilt werden können, und sie macht verneinende Kopfbewegungen unter fortwährendem Schluchzen.

«Mann, öffne die Tunika an der Brust. Hier befand sich der Fleck. Nur damit deine Mutter getröstet ist.»

Der Jüngling legt die Tunika ab, wodurch seine nackte Brust von allen gesehen werden kann. Er hat die glatte Haut eines jungen, kräftigen Menschen.

«Schau, Mutter», sagt Jesus, und er beugt sich, um der Frau aufzuhelfen; eine Gebärde, die auch dazu dient, sie zurückzuhalten, falls sie sich in ihrer Mutterliebe und in der Freude über das Wunder auf ihren Sohn stürzen wollte, ohne dessen Reinigung abzuwarten. Da es ihr unmöglich ist, dorthin zu gehen, wo sie die mütterliche Liebe hinzieht, bleibt sie an Jesu Herzen und küßt ihn in einem wahren Freudentaumel. Sie weint, lacht, küßt und preist den Herrn, und Jesus streichelt sie voller Mitleid.

' Ausdruck, der zu verstehen ist im Sinne von Matth 19,16-17; Mark 10,17-18; Luk 18,18-19.

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Dann sagt er zum Jüngling: «Geh zum Priester und denk daran, daß Gott dich um deiner Mutter willen geheilt hat, und damit du in Zukunft gerecht lebest. Geh!»

Nachdem der junge Mann seinen Retter gepriesen hat, geht er weg, und in einiger Entfernung folgen ihm die Mutter und ihre Begleiterinnen. Das Volk lobt und preist den Herrn.

Jesus kehrt an seinen Platz zurück.

«Auch jener Mann hatte vergessen, daß es einen Gott gibt, der Zucht in den Sitten fordert. Er hatte vergessen, daß es verboten ist, sich Götter neben dem wahren Gott zu halten. Er hatte vergessen, den Sabbat zu heiligen, wie ich es gelehrt habe. Er hatte die liebevolle Ehrfurcht der Mutter gegenüber außer Acht gelassen. Er hatte vergessen, daß er nicht Unkeuschheit treiben, nicht stehlen, nicht trügerisch sein und nicht des Nächsten Frau begehren, sich nicht selbst und seine eigene Seele töten und nicht Ehebruch begehen darf. Er hatte das alles vergessen. Nun habt ihr gesehen, wie er bestraft worden ist.

"Du sollst nicht begehren eines anderen Frau" ' steht in enger Verbindung mit dem Gebot: "Du sollst nicht ehebrechen" ' weil die Begierde stets der Tat vorausgeht. Der Mensch ist zu schwach, als daß es bei der bloßen Begierde bleiben und er seinem Verlangen nicht nachgeben würde. Was letztlich sehr traurig ist: daß der Mensch nicht imstande ist, sich ebenso zu verhalten, wenn es um gute Wünsche geht. Man begehrt das Böse, und die böse Tat wird vollzogen. Gutes wünscht man zwar, hält jedoch inne, wenn man nicht sogar vom guten Vorsatz ganz abkommt.

Was ich ihm gesagt habe, das sage ich zu euch allen, denn die Sünde der Begehrlichkeit ist so verbreitet wie das Unkraut, das sich von selbst vermehrt. Seid ihr so kindisch, daß ihr nicht wißt, daß gerade jene Versuchung giftig ist und gemieden werden muß? "Ich bin versucht worden!" Der alte Spruch. Aber da es auch ein altes Beispiel dafür gibt, der erste Sündenfall, müßte der Mensch sich an die Folgen erinnern und imstande sein, "Nein" zu sagen. In unserer Geschichte fehlt es nicht an Vorbildern keuscher Menschen, die es blieben, trotz aller Versuchungen des Fleisches und trotz aller Drohungen von Gewalttätern. Ist die Versuchung etwas Böses? Nein, sie ist es nicht. Sie ist das Werk des Bösen. Doch sie verwandelt sich in Ruhm für denjenigen, der sie besiegt.

Der Ehemann, der anderen Liebschaften nachgeht, ist der Mörder seiner Ehefrau, der Kinder und seiner selbst. Wer in das Haus eines anderen eindringt, um Ehebruch zu begehen, ist ein Dieb und zwar einer der niederträchtigsten. Er ist wie ein Kuckuck, der ohne eigenen Aufwand das Nest eines anderen genießt. Derjenige, welcher seinem Freund das Vertrauen ablistet, ist ein Fälscher, weil er eine Freundschaft bezeugt, die er in Wirklichkeit nicht hat. Wer so handelt, entehrt sich selbst und seine Eltern. Kann auf diese Weise Gott mit ihm sein?

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Ich habe das Wunder für jene arme Mutter gewirkt. Doch Unkeuschheit erregt in mir einen derartigen Widerwillen, daß ich darob angeekelt bin. Meine Seele hat einen Schrei der Abscheu vor der Unkeuschheit ausgestoßen. Alles Elend umgibt mich und für alle bin ich der Retter. Doch ziehe ich es vor, einen Toten zu berühren, einen Gerechten, der schon zu verwesen anfängt und dessen Geist bereits in den Frieden eingegangen ist, als mich einem zu nähern, der nach Unkeuschheit riecht. Ich bin der Retter, aber ich bin der Unschuldige. Alle jene, die hierher kommen oder über mich sprechen, sollen sich daran erinnern, wenn sie mich mit ihrem Schmutz besudeln.

Ich verstehe, daß ihr anderes von mir erwartet, doch ich kann nicht. Der Ruin einer kaum erblühten Jugend, die durch die Wollust zerstört worden ist, hat mich mehr erschüttert, als wenn ich den Tod berührt hätte. Laßt uns nun zu den Kranken gehen. Da ich wegen des Ekels, der mich würgt, nicht das Wort sein kann, werde ich das Heil jener sein, die auf mich hoffen. Der Friede sei mit euch!»

Jesus sieht wirklich sehr leidend und blaß aus. Sein Lächeln kehrt erst wieder, wie er sich über die kranken Kinder und über die Kranken auf den Bahren beugt. Dann wird er wieder er selbst. Besonders jetzt, da er seinen Finger in den Mund eines kleinen Stummen von etwa zehn Jahren legt und ihn "Jesus" und dann "Mutter" sagen läßt. Die Leute gehen langsam weg. Jesus wandelt in der Sonne, die den Vorplatz überflutet, bis ihn Iskariot einholt. «Meister, ich bin unruhig...»

«Warum, Judas ?»

«Wegen jenen aus Jerusalem. Ich kenne sie. Laß mich für einige Tage dorthin gehen. Ich verlange nicht einmal, daß du mich allein gehen läßt. Im Gegenteil, ich bitte dich, daß dies nicht geschehe. Laß Simon und Johannes mit mir kommen. Sie waren so gut zu mir bei der ersten Reise durch Judäa. Der eine mäßigt mich, der andere macht mich rein und lauter auch im Denken. Du kannst dir nicht vorstellen, was mir Johannes bedeutet. Er ist der Tau, der meine Leidenschaften besänftigt, und Öl für mein sturmbewegtes Inneres... Glaube es mir!»

«Ich weiß es. Du brauchst dich also nicht darüber zu wundern, wenn ich ihn überaus liebe. Er ist mein Friede! Aber auch du, wenn du immer gut bist, wirst mein Trost sein. Wenn du die Gaben Gottes auf die richtige Art benützest – und du hast deren viele – wie du es seit einigen Tagen tust, dann wirst du ein wahrhaftiger Apostel werden.»

«Und wirst du mich wie Johannes lieben?»

«Ich liebe dich ebensosehr, Judas. Doch ich werde dich dann nur ohne Kummer und Schmerzen lieben.»

«Oh, Meister, wie bist du gut!»

«Geh nur nach Jerusalem. Es wird nichts nützen, aber ich möchte deinen Wunsch, mir dienlich zu sein, nicht enttäuschen. Ich werde es sofort

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Simon und Johannes sagen. Laßt uns gehen! Siehst du, wie dein Jesus gewisser Sünden wegen leidet? Mir ist, wie wenn ich eine allzu schwere Last hochgehoben hätte. Verursache mir nie einen solchen Schmerz! Nie mehr!»

«Nein, Meister! Nein! Ich liebe dich, du weißt es. Aber ich bin ein Schwächling.»

«Die Liebe wird dich stärken.»

Sie betreten das Haus, und das ist das Ende.

168. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER"; ER HEILT DEN BESESSENEN RÖMER; ER SPRICHT ZU RÖMERN

Jesus ist heute mit den neun Zurückgebliebenen zusammen, denn die drei anderen sind nach Jerusalem abgereist. Thomas, der immerfrohe, ist mit seinem Gemüse und anderen, geistigeren Obliegenheiten beschäftigt, während Petrus mit Philippus, Bartholomäus und Matthäus sich um die Pilger kümmert, und die anderen zur Taufe zum Fluß gehen, was bei diesem scharfen Winde wirklich eine Buße ist.

Jesus sitzt noch in seiner Ecke in der Küche, während Thomas arbeitet und schweigt, um den Meister nicht zu stören. Andreas kommt und sagt: «Meister, es ist ein Kranker da. Ich würde vorschlagen, ihn sofort zu heilen, denn... sie sagen er sei geisteskrank, aber sie sind nicht Israeliten. Wir würden sagen, er ist besessen. Er schreit, grölt, verkrampft sich und schlägt um sich. Komm und sieh!»

«Sofort. Wo ist er?»

«Noch auf dem Felde. Hörst du dieses Geheul? Das ist er. Es hört sich wie ein Tierlaut an, doch es ist er. Er muß reich sein, denn sein Begleiter ist gut angezogen, und man hat ihn aus einem prächtigen Fuhrwerk gehoben, das vornehm und von vielen Dienern umgeben ist. Er muß ein Heide sein, denn er verflucht alle Götter des Olymps.»

«Laßt uns gehen.»

«Ich komme auch mit, um zu sehen», sagt Thomas, mehr von der Neugier getrieben als um sein Gemüse besorgt.

Sie verlassen das Haus, und anstatt zum Fluß abzubiegen, gehen sie auf die Felder, welche das Bauernhaus vom Hause des Verwalters trennen. Inmitten einer Wiese, auf der zuvor Schafe geweidet haben, die nun verängstigt in alle Himmelsrichtungen geflohen sind und vergeblich von den Hirten und einem Hund zusammengetrieben werden, ist ein gefesselter Mann, der trotz der Fesseln Sprünge wie ein Rasender vollführt und Schreie ausstößt, die immer heftiger werden, je mehr Jesus sich ihm nähert.

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Petrus, Philippus, Matthäus und Nathanael stehen ratlos in seiner Nähe. Auch Männer umstehen ihn, die Frauen hingegen haben Angst.

«Du bist gekommen, Meister? Siehst du, was für eine Furie ?» sagt Petrus.

«Es wird jetzt vorübergehen.»

«Aber weißt du, er ist Heide.»

«Was hat dies zu sagen?»

«Nun, wegen seiner Seele...»

Jesus lächelt und geht weiter. Er kommt zur Gruppe mit dem Geistesgestörten, der sich immer wütender gebärdet.

Aus der Gruppe tritt ein Mann vor, den das Gewand und das glattrasierte Gesicht als Römer erkenntlich machen. Er grüßt: «Salve, Meister! Dein Ruhm ist bis zu mir gedrungen. Du bist in der Heilkunst wunderbar wie Hippokrates und im Wunderwirken mächtiger als das Bildnis des Äskulap. Ich weiß es, und deswegen komme ich. Mein Bruder ist, wie du siehst, verrückt, aufgrund einer geheimnisvollen Krankheit. Kein Arzt kann etwas finden. Ich bin mit ihm zum Tempel des Äskulap gegangen, doch danach wurde es noch schlimmer. In Ptolemais habe ich einen Verwandten und dieser sandte mir durch eine Galeere eine Botschaft. Er teilte mir mit, daß hier einer wäre, der alle heilt. So bin ich gekommen. Welch eine schreckliche Reise!»

«Das verdient Belohnung.»

«Aber sieh, wir sind nicht einmal Neubekehrte. Wir sind Römer und den Göttern treu, also Heiden, wie ihr sagt. Wir kommen aus Sybaris und sind jetzt auf Zypern.»

«Das ist wahr, ihr seid Heiden.»

«Also nichts für uns? Dein Olymp verfolgt unseren Olymp, oder der deine wird von unserem verfolgt.»

«Mein Gott, der Eine und Dreieinige Gott herrscht als Einziger und Alleiniger.»

«So bin ich umsonst gekommen», sagt der Römer enttäuscht.

«Warum?»

«Weil ich einem anderen Gott angehöre.»

«Die Seele ist von einem Einzigen erschaffen worden.»

«Die Seele? ...»

«Die Seele! Das göttliche Etwas, das von Gott für jeden Menschen erschaffen wird als Gefährtin während unseres irdischen Lebens. Nach unserem leiblichen Tod lebt sie weiter.»

«Wo ist sie denn?»

«Im Inneren des Menschen. Doch obschon sie als etwas Göttliches im Inneren des heiligen Tempels wohnt, kann man von ihr, jenem wahrhaftigen Wesen, welches jeder Ehrfurcht würdig ist, sagen, daß sie nicht enthalten ist, sondern, daß sie enthält.»

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«Beim Jupiter! Bist du denn Philosoph?»

«Ich bin die mit Gott vereinigte Vernunft.»

«Nach all dem, was du gesagt hast, glaubte ich, du seiest Philosoph...»

«Und was ist Philosophie, wenn sie ehrlich und wahr ist? Ist sie nicht die Erhebung der menschlichen Vernunft zur unendlichen Weisheit und Macht, also zu Gott?»

«Gott! Gott! ... Ich habe den Irren, der mich stört. Doch ich vergesse beinahe seinen Zustand, um dir, Göttlicher, zuzuhören.»

«Ich bin nicht göttlich in dem Sinne, wie du es meinst. Du nennst göttlich, was über dem Menschen steht. Ich aber sage, daß diese Benennung nur dem zusteht, der aus Gott ist.»

«Wer ist Gott? Wer hat ihn je gesehen?»

«Es steht geschrieben: "Du, der du uns schufst, sei gegrüßt! Wenn ich die menschliche Vollkommenheit schildere, die Harmonie unseres Körpers beschreibe, dann preise ich deine Herrlichkeit." Es wurde gesagt: "Deine Güte erstrahlte darin, daß du deine Gaben an alle, die leben, ausgeteilt hast, damit jeder Mensch habe, was ihm notwendig ist. Deine Gaben legen Zeugnis ab für deine Weisheit, wie die Erfüllung deines Willens Zeugnis ablegt für deine Macht." Erkennst du diese Worte wieder?»

«Wenn Minerva mir hilft... sind sie von Galenos. Woher kennst du sie? Ich wundere mich.»

Jesus lächelt und antwortet: «Komm zum wahren Gott, und sein göttlicher Geist wird dich mit der wahren Weisheit und Frömmigkeit ausstatten, die in der Erkenntnis seiner selbst und in der Anbetung der Wahrheit besteht.»

«Aber das alles stammt ja von Galenos! Nun bin ich ganz sicher, du bist nicht nur Arzt und Magier, du bist auch Philosoph. Warum kommst du nicht nach Rom? ...»

«Weder Arzt, noch Zauberer, noch Philosoph bin ich, wie du sagst, sondern derjenige, der Zeugnis ablegt für Gott auf Erden. Bringt den Kranken zu mir.»

Unter Stößen und wilden Rufen wird der Kranke herbeigebracht.

«Siehst du? Du bezeichnest ihn als wahnsinnig und sagst, daß kein Arzt ihn heilen kann. Das ist wahr. Kein Arzt! Denn er ist nicht wahnsinnig. Doch ein Geist aus der Unterwelt – so nenne ich ihn für dich, der du ein Heide bist – ist in ihn gefahren.»

«Aber er hat nicht den Geist der Wahrsagung, er sagt lauter unrichtige Dinge.»

«Wir nennen ihn "Dämon" und nicht Geist der Wahrsagung. Es gibt den sprechenden und den stummen, jenen, der mit Behauptungen, die nach Wahrheit aussehen, täuscht, und jenen, der sich nur im Zustand geistiger Verwirrung kundtut. Der erstere ist der vollständigere und gefährlichere. Dein Bruder hat den zweiten in sich. Doch nun wird er ausfahren.»

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«Wie?»

«Er selbst wird es dir sagen.» Jesus befiehlt: «Verlasse diesen Menschen! Kehre in deinen Abgrund zurück!»

«Ich gehe, denn gegen dich ist meine Macht zu schwach. Du verjagst mich und machst mich mundtot. Warum mußt du uns immer besiegen? ...» Der böse Geist hat durch den Mund des Mannes gesprochen, der nun völlig erschöpft zu Boden sinkt.

«Er ist geheilt. Befreit ihn nun ohne Furcht von seinen Fesseln.»

«Geheilt? Bist du sicher? Aber... ich bete dich an!» Der Römer will vor Jesus niederknien, doch Jesus hindert ihn daran.

«Erhebe deinen Geist. Im Himmel ist Gott. Ihn bete an und gehe zu ihm! Leb wohl.»

«Nein, so nicht... Nimm wenigstens diese Gabe hier. Erlaube mir, dich zu behandeln wie die Priester des Äskulap. Gestatte mir, dich anzuhören... Erlaube mir, über dich in meiner Heimat zu berichten...»

«Tue es und komme mit deinem Bruder.»

Der Bruder schaut verwundert um sich und fragt: «Aber wo bin ich? Dies hier ist nicht Citium! Wo ist das Meer?»

«Du warst...»

Jesus deutet ihm an zu schweigen und sagt: «Du warst krank wegen eines hohen Fiebers; sie haben dich in ein anderes Klima gebracht. Nun geht es dir besser. Komm.»

Alle gehen ins Haus, doch nicht alle sind in gleicher Weise ergriffen, denn die einen bewundern und die anderen tadeln die Heilung des Heiden. Jesus geht an seinen Platz, wobei die Römer in den vorderen Reihen der Versammlung stehen.

«Es soll euch nicht mißfallen, wenn ich einen Abschnitt aus dem Buch der Könige zitiere (2 Kön 5,1-20).

Es wird darin gesagt: Als der König von Syrien im Begriff war, Krieg gegen Israel zu führen, hatte er in seinem Gefolge einen einflußreichen Mann von hohem Ansehen namens Naaman, der aussätzig war, und daß eine junge Israelitin, die von den Syrern geraubt worden war und dessen Sklavin wurde, ihm sagte: "Wäre mein Herr beim Propheten gewesen, der in Samaria ist, dann hätte dieser ihn bestimmt vom Aussatz geheilt." Als Naaman die Erlaubnis des Königs erbeten hatte, folgte er dem Rat des Mädchens. Aber der König Israels war darob sehr erzürnt und sagte: "Bin ich vielleicht Gott, daß der König von Syrien die Kranken zu mir schickt ? Es handelt sich nur um eine List, um mir den Krieg zu erklären." Doch der Prophet Elisäus, der davon erfahren hatte, sagte: "Der Aussätzige möge zu mir kommen; ich werde ihn heilen, und er wird erfahren, daß ein Prophet in Israel ist!" Naaman ging also zu Elisäus. Doch Elisäus wollte ihn nicht empfangen. Er ließ ihm nur sagen: "Wasche dich siebenmal im Jordan, und du wirst rein sein." Naaman fühlte sich gekränkt, weil ihm

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schien, er hätte den weiten Weg umsonst zurückgelegt, und wollte empört wieder abreisen. Doch die Diener sagten zu ihm: "Er hat dich nichts anderes geheißen, als dich siebenmal zu waschen. Auch wenn er viel mehr von dir verlangt hätte, hättest du es tun müssen, denn er ist der Prophet." Schließlich gab Naaman nach. Er ging, wusch sich und war geheilt. Jubelnd kehrte er zum Diener Gottes zurück und sagte ihm: "Nun kenne ich die Wahrheit: Es gibt keinen anderen Gott auf der ganzen Erde, es gibt nur den Gott Israels." Als Elisäus keine Gaben nahm, bat Naaman, wenigstens so viel Erde mitnehmen zu dürfen, daß er auf Israels Erde dem wahren Gott opfern könne.

Ich weiß, daß es nicht alle von euch gutheißen, was ich getan habe. Ich weiß aber auch, daß ich mich bei euch nicht zu rechtfertigen habe. Aber da ich euch in wahrhaftiger Liebe zugetan bin, möchte ich, daß ihr meine Tat versteht und daraus lernt, und daß von eurer Seele jeglicher Geist des Tadels und des Ärgernisses weiche. Hier haben wir zwei Untergebene eines heidnischen Staates. Einer war krank, und es wurde ihm gesagt, durch einen Verwandten vielleicht, aber bestimmt durch den Mund eines Israeliten: "Wenn du doch zum Messias von Israel gehen würdest! Er könnte den Kranken heilen." So sind sie von sehr weit her zu mir gekommen. Ihr Vertrauen war noch größer als jenes des Naamans; denn sie wußten nichts von Israel und vom Messias, während der Syrer durch die Nachbarschaft des Landes und den ständigen Kontakt mit den Sklaven aus Israel schon wußte, daß in Israel Gott ist, der wahre Gott. Ist es nicht gut, wenn jetzt ein heidnischer Mann in seine Heimat zurückkehrt und berichten kann: "Wahrlich, in Israel ist ein Mann Gottes, und in Israel betet man den wahren Gott an"?

Ich habe nicht gesagt: "Wasche dich siebenmal." Ich habe von Gott gesprochen und von der Seele, von zwei Dingen, die ihnen unbekannt waren und die, gleich dem Sprudeln einer unversiegbaren Quelle, die sieben Gaben mit sich führen; denn dort, wo der Begriff Gott und Geist vorhanden ist und wo der Wunsch besteht, zu ihnen zu gelangen, da wachsen die Pflanzen des Glaubens, der Hoffnung, der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit, der Mäßigkeit, der Kraft und der Klugheit. Unbekannte Tugenden für jene, die von ihren Göttern nur die niederen menschlichen Leidenschaften nachahmen können, und denen sie umso mehr frönen, weil sie sich darauf berufen, daß auch höhere Wesen ihnen huldigen. Nun kehren diese hier in ihre Heimat zurück. Doch größer noch als die Freude, erhört worden zu sein, ist die Freude, sagen zu können: "Wir wissen, daß wir nicht Unmenschen sind, denn nach diesem Leben gibt es noch eine Zukunft. Wir wissen, daß der wahre Gott die Güte ist, daß er auch uns liebt und uns Wohltaten erweist, um uns zu überzeugen, daß wir uns ihm zuwenden sollen!

Was glaubt ihr denn, daß nur sie die Wahrheit nicht kennen? Gerade

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erst meinte einer meiner Jünger, daß ich den Kranken nicht heilen dürfe, weil er eine heidnische Seele hat. Aber was ist die Seele? Von wem stammt sie ?

Die Seele ist die geistige Natur des Menschen. Sie ist das Sein, das, in vollkommener Weise erschaffen, das ganze körperliche Leben adelt, begleitet, belebt und weiterlebt, nachdem das Fleisch zu leben aufgehört hat, weil sie unsterblich ist wie jener, der sie erschaffen hat, nämlich Gott!

Da es nur einen Gott gibt, gibt es auch nicht Seelen von Heiden oder Nichtheiden, da keine von anderen Göttern erschaffen worden sind. Es gibt eine einzige Macht, die Seelen erschafft, und es ist die unseres Schöpfers, unseres Gottes, des Einen, des Mächtigen, Heiligen, Guten, die keine andere Leidenschaft kennt als die der Liebe, der vollkommenen, rein geistigen Barmherzigkeit; und damit von diesen Römern hier verstanden werden kann, was ich gesagt habe von der Liebe, füge ich hinzu: eine absolut moralische Barmherzigkeit; denn der Begriff "Geist" wird von diesen Kindern, die nichts von heiligen Worten wissen, nicht verstanden.

Glaubt ihr denn, ich sei nur für Israel gekommen? Ich bin der, der die Geschlechter unter einem Hirtenstab versammeln wird: unter dem des Himmels. Wahrlich, ich sage euch, die Zeit wird bald kommen, in der viele Heiden sagen werden: "Gewährt uns das Nötige, damit wir in unserer heidnischen Heimat dem wahren Dreieinigen Gott opfern können" ' dessen Wort Ich bin. Nun werden sie in ihre Heimat zurückkehren, überzeugter, als wenn ich sie mit Verachtung weggejagt hätte. Sie spüren Gott im Wunder und in meinen Worten, und sie werden überall, wo sie hinkommen, darüber berichten.

Weiter frage ich euch: War es denn nicht gerecht, soviel Vertrauen zu belohnen? Verwirrt durch die Antworten der Ärzte, enttäuscht von den nutzlosen Reisen zu den Tempeln, haben sie den nötigen Glauben aufgebracht, zum Unbekannten zu gehen, zum großen Unbekannten der Welt, dem Verspotteten, dem großen Verlachten und Verleumdeten in Israel, um ihm zu sagen: "Ich glaube, daß du die Macht hast." Was ihrer neuen Denkweise den Weg geebnet hat, liegt im Annehmenkönnen dieses Glaubens. Mehr als von der Krankheit habe ich sie von ihrem Irrglauben geheilt, indem ich einen Kelch an ihre Lippen geführt habe, der in ihnen einen Durst gelöscht hat, der immer stärker wird, je mehr man daraus trinkt: es ist der Durst nach der Erkenntnis des wahren Gottes.

Euch von Israel will ich zum Schluß sagen: Möget ihr doch den Glauben haben, den diese Männer aufgebracht haben.»

Der Römer steht mit dem Geheilten auf. «Aber jetzt wage ich nicht mehr zu sagen: "Beim Jupiter!" So sage ich fortan: "Bei der Ehre als römischer Bürger schwöre ich dir, daß ich diesen Durst haben werde. Doch nun muß ich gehen. Wer wird mir in Zukunft zu trinken geben?»

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«Dein Geist, die Seele, von der du jetzt weißt, daß du sie hast, bis zu dem Tage, da ein Bote von mir zu dir kommen wird.»

«Nicht du selbst ?»

«Ich... ich nicht. Doch werde ich nicht abwesend sein, auch wenn ich nicht anwesend bin. Es werden kaum mehr als zwei Jahre vergehen, bis ich dir ein Geschenk gebe, das größer ist als die Heilung dessen, der dir lieb und teuer ist. Lebt wohl, ihr beiden! Bleibt beharrlich in diesem Bewußtsein des Glaubens!»

«Salve, Meister. Der wahre Gott möge dich behüten.» Die beiden Römer entfernen sich und man hört, wie sie die Diener mit dem Gefährt herbeirufen.

«Sie wußten also nicht, daß sie eine Seele haben», murmelt ein Greis.

«Ja, Vater! Aber sie haben es verstanden, meine Worte besser aufzunehmen als viele in Israel. Nun, da sie ein großes Almosen gespendet haben, wollen wir die Armen Gottes in doppeltem und dreifachem Maß beschenken. Die Armen mögen für diese Wohltäter beten, die ärmer als sie selbst sind, damit sie zum einzigen wahren Reichtum gelangen, der darin besteht, Gott zu erkennen.»

Die Verschleierte weint unter ihrem Schleier, der wohl verhindert, daß man die Tränen sieht, aber nicht, daß man das Schluchzen hört.

«Jene Frau weint», sagt Petrus. «Vielleicht hat sie kein Geld mehr. Sollen wir ihr welches geben?»

«Sie weint nicht deswegen. Doch gehe und sage ihr: "Die Heimat ist vergänglich, doch der Himmel ist ohne Ende. Er gehört denen, die es verstehen, Glauben zu haben. Gott ist die Güte und liebt somit auch die Sünder. Er hilft dir, um dich zu überzeugen, daß du zu ihm gehen sollst." Geh, Petrus, sprich so zu ihr und laß sie weinen. Es ist das Gift, das aus ihr kommt.»

Petrus geht zu der Frau, die sich schon in Richtung der Felder entfernt. Er spricht zu ihr und kehrt zurück. «Nun weint sie noch stärker», sagt er. «Ich glaubte, sie getröstet zu haben...», und er schaut Jesus an.

«Sie ist tatsächlich getröstet, denn es gibt auch Freudentränen.»

«Hm, hm... ich würde ihr gerne einmal ins Gesicht schauen. Werde ich es wohl einmal sehen?»

«Am Tage des Gerichtes.»

«Göttliche Barmherzigkeit! Aber dann werde ich ja schon tot sein. Was nützt es mir dann noch? Dann werde ich den Ewigen anschauen müssen.»

«Beginne sofort damit. Es ist die einzige nützliche Sache.»

«Ja... aber Meister, wer ist sie?»

Alle lachen.

«Wenn du noch einmal nach ihr fragst, dann gehen wir sofort von hier weg; so wirst du sie vergessen.»

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«Nein, Meister! Ich bin zufrieden, wenn du bleibst...»

Jesus lächelt. «Diese Frau», sagt er, «ist ein Überbleibsel und ein Erstling.»

«Was soll das heißen ? Ich verstehe nicht.»

Doch Jesus läßt ihn im Zweifel und geht zum Dorf.

«Er geht zu Zacharias. Seine Frau liegt im Sterben», erklärt Andreas. «Er hat mich gebeten, den Meister zu rufen.»

«Du machst mich zornig. Du weißt alles, machst alles, und mir sagst du nie etwas. Schlimmer als ein Fisch bist du!» Petrus lädt seine Enttäuschung auf seinen Bruder ab.

«Bruder, nimm es nicht so tragisch. Du sprichst auch für mich. Laßt uns die Netze einziehen. Komm.»

Die einen gehen nach rechts, die anderen nach links, und das ist das Ende.

169. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST KEIN FALSCHES ZEUGNIS ABLEGEN»

«Wieviel Volk!» ruft Matthäus aus und Petrus entgegnet: «Schau! Auch Galiläer sind da... Wir wollen es dem Meister sagen. Es sind drei angesehene Gauner!»

«Sie kommen vielleicht meinetwegen. Auch hier verfolgen sie mich...»

«Nein, Matthäus. Der Hai frißt keine kleinen Fische. Er will den Menschen, eine edle Beute. Nur wenn er keinen findet, schnappt er einen großen Fisch. Aber ich, du und die anderen, wir sind kleine Fische... kleine Ware.»

«Du meinst, sie sind des Meisters wegen gekommen?» fragt Matthäus.

«Für wen denn sonst? Siehst du nicht, wie sie nach allen Seiten spähen ? Sie gleichen wilden Tieren, die die Spur der Gazelle wittern.»

«Ich gehe und melde es.»

«Warte! Wir wollen es den Söhnen des Alphäus sagen. Er ist zu gut. Eine vergeudete Güte, wenn sie in ihren Rachen fällt.»

«Du hast recht.»

Die beiden gehen zum Fluß und rufen Jakobus und Judas. «Kommt, hier sind einige Verdächtige. Sie sind bestimmt gekommen, um den Meister zu belästigen.»

«So laßt uns gehen. Wo ist der Meister ?»

«Noch in der Küche. Wir wollen uns beeilen, denn wenn er es bemerkt, wäre er nicht einverstanden!»

«Ja, und er tut nicht gut daran.»

«Das sage ich auch.»

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Sie kehren zum Dreschplatz zurück. Die Gruppe aus Galiläa spricht steif und herablassend mit anderen Leuten. Judas des Alphäus nähert sich ihnen zufällig und hört: «Worte müssen auf Tatsachen beruhen.»

«Die erbringt er. Erst gestern hat er einen besessenen Römer geheilt», entgegnet ein kräftiger Mann aus dem Volk.

«Schrecklich! Einen Heiden heilen! Skandal! Hast du gehört, Eli ?»

«Alle Sünden sind in ihm. Freundschaften mit Zöllnern und Dirnen, Umgang mit Heiden und...»

«... und das Dulden von Verleumdern! Auch das ist eine Sünde. In meinen Augen die schwerste. Doch da er nichts davon weiß, kann und will er sich auch nicht verteidigen. Sprecht mit mir. Ich bin sein Bruder und älter als er, und dieser ist der andere Bruder und noch älter. Also sprecht.»

«Weshalb ärgerst du dich eigentlich? Glaubst du, wir reden schlecht vom Messias? Nein! Wir sind von sehr, sehr weit her gekommen, angezogen von seinem Ruf. Wir sagten es auch diesen hier.»

«Lügner! Du ekelst mich so an, daß ich dir den Rücken kehre», und Judas des Alphäus fürchtet, gegen die Nächstenliebe Feinden gegenüber zu fehlen, und geht fort.

«Ist es vielleicht nicht wahr? Ihr alle, bezeugt es selber.»

Aber "alle" ' das heißt, die anderen, mit denen die Galiläer sprachen, schweigen. Sie wollen nicht lügen, wagen jedoch nicht zu widersprechen, und darum sagen sie nichts.

«Wir wissen nicht einmal, wie er ist...», sagt der Galiläer Eli.

«Hast du ihn nicht in meinem Hause beschimpft?» fragt Matthäus spöttisch. «Oder hast du das Gedächtnis wegen Krankheit verloren?»

Der "Galiläer" hüllt sich in seinen Mantel ein und geht ohne zu antworten mit den anderen weg.

«Feigling!» ruft ihm Petrus nach.

«Sie wollten uns teuflische Dinge über ihn erzählen...», erklärt ein Mann. «Aber wir haben seine Taten gesehen, und wir wissen, wie sie sind, die Pharisäer. Wem soll man also glauben: dem Guten, der wirklich gut ist, oder diesen Boshaften, die sich selbst als gut bezeichnen, aber eine Landplage sind? Ich weiß nur, daß ich, seit ich hierher komme, so verändert bin, daß ich mich selbst nicht wiedererkenne. Ich war ein gewalttätiger Mensch, hart zu Weib und Kindern, rücksichtslos gegen meine Mitmenschen, und nun? Alle im Dorf sagen: "Azarias ist nicht mehr der gleiche." Habt ihr jemals gehört, daß ein Teufel die Menschen gut werden läßt? Für wen arbeitet er denn? Für unsere Heiligung? Das ist aber ein eigenartiger Teufel, der für den Herrn arbeitet.»

«Das ist richtig, Mann. Gott möge dich beschützen, weil du wohl verstehst, gut siehst und recht handelst. Mach so weiter, und du wirst ein echter Jünger des gebenedeiten Messias sein. Eine Freude für ihn, der nur euer Bestes will und alles erträgt, um euch zum Guten zu führen. Nur das

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wirklich Böse soll bei euch Ärgernis erregen. Aber wenn ihr seht, wie Jesus im Namen Gottes wirkt, dann nehmt keinen Anstoß und glaubt jenen nicht, die euch zum Ärgernisnehmen überreden wollen, auch wenn ihr ihn Neues tun seht. Eine neue Zeit ist angebrochen, wie eine Blume, die erblüht; nachdem die Wurzel sich jahrhundertelang vorbereitet hat, ist dieser Tag gekommen. Wenn diese Vorbereitungszeit nicht vorangegangen wäre, hätten wir sein Wort nicht verstanden. Doch Jahrhunderte des Gehorsams gegenüber dem Gesetz des Sinai haben uns jenes Minimum an Vorbereitung gegeben, das uns erlaubt, von dieser göttlichen Blume, welche uns die Güte zu sehen gewährt hat, alle Düfte und Säfte in uns aufzunehmen, um uns zu reinigen, zu stärken, zu heiligen und uns den Wohlgeruch der Heiligkeit eines Altares zu verleihen. Da nun die neue Zeit gekommen ist, bringt sie uns neue Formen, die aber nicht gegen das Gesetz sind, jedoch von der Barmherzigkeit und Liebe geprägt, die vom Himmel gestiegen ist.» Jakobus des Alphäus macht ein Zeichen des Grußes und geht zum Haus.

«Wie gut du reden kannst», sagt Petrus voller Bewunderung. «Ich weiß nie, was ich sagen soll. So sage ich nur: seid gut, liebt ihn, hört auf ihn, glaubt ihm. Ich weiß wirklich nicht, wie er mit mir zufrieden sein kann!»

«Er ist es aber sehr», antwortet Jakobus des Alphäus.

«Sagst du das ehrlich oder nur aus Güte?»

«Es ist wirklich wahr. Noch gestern hat er es mir gesagt.»

«Ja? Dann bin ich heute glücklicher als am Tag, da man meine Braut zu mir geführt hat. Aber sag, wo hast du denn so gut reden gelernt ?»

«Auf den Knien seiner Mutter und an seiner Seite. Was für Unterrichtsstunden! Was für Worte! Nur Jesus spricht noch besser als sie. Doch was ihr an Macht fehlt, ersetzt sie durch ihre sanfte Güte... und das dringt ein. Ihre Lehren? Hast du noch nie ein Tüchlein gesehen, das man mit einem Zipfel in duftendes Öl getaucht hat? Ganz langsam nimmt es nicht das Öl, sondern den Wohlgeruch in sich auf, und wenn das Öl weggenommen wird, bleibt der Duft des Öls zurück, um zu sagen: "Ich war da." So ist es uns mit ihr ergangen. Auch in uns, rauhe Stoffe und vom Leben verwaschen, ist sie mit ihrer Weisheit und Gnade eingedrungen und ihr Wohlgeruch ist in uns.»

«Warum läßt er sie nicht hierherkommen ? Er sagte, er würde es tun. Wir würden besser werden, weniger starrköpfig sein, ich wenigstens, und auch diese Leute... In ihrer Gegenwart würden sich sogar diese Giftschlangen bessern, die ab und zu kommen...»

«Glaubst du? Ich nicht. Wir würden besser werden und auch die Demütigen. Aber die Mächtigen und die Bösen! ... Oh, Simon des Jonas! Offenbare den anderen nie deine ehrlichen Gefühle. Du könntest enttäuscht werden... Hier ist er! Wir sagen ihm nichts...»

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Jesus kommt aus der Küche und hat einen kleinen Jungen an der Hand, der neben ihm dahertrottet und an einer mit Öl getränkten Brotkruste nagt. Jesus richtet seinen langen Schritt nach den Schrittchen seines kleinen Freundes. «Eine Eroberung», sagt Jesus fröhlich. «Dieser kleine vierjährige Mann, der sich Asrael nennt, hat mir gesagt, er möchte ein Jünger werden und alles lernen: predigen, die Kranken heilen, machen, daß die Weinstöcke auch im Winter Trauben bekommen, und er will auf einen hohen Berg steigen und aller Welt zurufen: "Kommt, der Messias ist da!" Ist es nicht so, Asrael ?»

Das lachende Kind sagt mit vollem Munde: «Ja, ja», und ißt weiter. Thomas neckt es: «Du hast eben erst gelernt, allein zu essen, du weißt doch gar nicht, wer der Messias ist.»

«Jesus von Nazareth.»

«Was bedeutet denn "Messias" ?»

«Das heißt, das heißt: der Mann, der gesandt worden ist, um gut zu sein und uns alle gut zu machen.»

«Was tut er, um uns alle gut zu machen? Du als Lausbub, wie wirst du es machen?»

«Ich werde ihn lieben und alles tun, und er wird alles tun, weil ich ihn lieb habe. Mache es du nun auch so und du wirst gut werden.»

«So, da haben wir die Lektion, Thomas. Die Regel lautet: "Liebe mich, und du wirst alles tun, weil ich dich lieben werde, wenn du mich liebst, und die Liebe wird alles übrige tun." Der Heilige Geist hat gesprochen. Komm, Asrael, gehen wir um zu predigen.»

Jesus ist so glücklich, wenn ein Kind bei ihm ist, daß ich alle zu ihm führen möchte und wünsche, daß alle Kinder ihn kennenlernen. Wie viele sind es doch, die nicht einmal seinen Namen kennen?

Sie gehen an der Verschleierten vorbei, doch bevor sie zu ihr gelangen sagt Jesus zum Kind: «Sag dieser Frau: "Der Friede sei mit dir, Frau!»

«Warum?»

«Weil sie ein "Wehweh" hat wie du, wenn du hinfällst. Sie weint. Aber wenn du so zu ihr redest, dann wird es vergehen.»

«Der Friede sei mit dir, Frau. Weine nicht! Der Messias hat es mir gesagt. Wenn du ihn lieb hast, dann hat er dich auch lieb und du wirst gesund werden», ruft das Kind an Jesu Hand, der weitergeht, ohne stehenzubleiben. Asrael hat wirklich das Zeug zum Missionar. Auch wenn er jetzt noch ein bißchen voreilig in seinen Predigten ist und mehr plappert, als ihm zu sagen aufgetragen wurde.

«Der Friede sei mit euch allen.

"Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen", steht geschrieben.

Was gibt es Abstoßenderes als einen Lügner? Kann man nicht sagen, daß er Grausamkeit mit Unreinheit verbindet? Ja, so ist es. Der Lügner, ich spreche vom Lügner in schwerwiegenden Dingen, ist grausam. Er tötet

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das Ansehen einer Person mit seiner Zunge. Also ist er vom Mörder nicht verschieden. Ich sage, daß er sogar schlimmer als ein Mörder ist. Dieser tötet nur den Leib. Der Lügner tötet auch den guten Ruf, das Andenken an einen Menschen. Daher ist er in zweifacher Weise ein Mörder. Er ist ein unbestrafter Mörder, da er kein Blut vergießt, sondern die Ehre des Verleumdeten und seiner ganzen Familie verletzt. Ich denke dabei nicht einmal an den Fall, daß jemand durch Meineid den anderen dem Tod ausliefert. Über diesem haben sich schon die Kohlen der Hölle angehäuft. Ich spreche nur von jenen, die durch lügenhafte Äußerungen einem Unschuldigen gewisse Dinge zu dessen Nachteil unterstellen und andere davon zu überzeugen versuchen. Warum tut er das? Entweder aus grundlosem Haß oder aus Habsucht, weil er des anderen Gut für sich haben möchte, oder aus Angst.

Aus Haß: Nur wer ein Freund Satans ist, empfindet Haß. Der Gute haßt nicht, nie und aus keinem Grund. Selbst wenn er verachtet wird, auch wenn er geschädigt wird, verzeiht er. Er haßt nie. Der Haß ist das Zeugnis, das eine verirrte Seele sich selbst ausstellt, und das klarste Zeugnis, das einem Unschuldigen gegeben wird, denn der Haß ist die Auflehnung der Bosheit gegen das Gute. Einem, der gut ist, wird nicht verziehen von den Bösen.

Aus Habgier: Einer hat, was ich nicht habe. Ich will das, was er hat. Aber nur, wenn ich geringschätzige Worte über ihn verbreite, kann ich seinen Platz erobern. Ich werde es tun, ich lüge? Was macht das schon? Ich bestehle ihn? Was ist dabei? Eine ganze Familie zugrunde richten? Was bedeutet das ? Unter den vielen Fragen, die sich der arglistige Lügner stellt, vergißt er, weil er sie vergessen will, eine Frage, nämlich diese: "Und wenn ich entlarvt würde?" Diese stellt er sich nicht. Denn, erfüllt von Hochmut und Habgier, gleicht er dem, dessen Augen verbunden sind. Er sieht die Gefahr nicht. Er ist wie betrunken vom Weine Satans und überlegt nicht, daß Gott stärker ist als Satan und es auf sich nimmt, den Verleumdeten zu rächen. Der Lügner hat sich der Lüge ausgeliefert und vertraut törichterweise auf ihren Schutz.

Aus Angst: Oft verleumdet jemand, um sich selbst zu rechtfertigen. Das ist die verbreitetste Art von Lüge. Das Böse ist getan. Man fürchtet, daß es entdeckt und als unser Werk erkannt werde. Also wird, gestützt auf die Wertschätzung, die man noch bei anderen genießt, der Fall verdreht, und das, was wir getan haben, legen wir einem anderen zur Last, bei dem man nur die Ehrlichkeit fürchtet. Man verleumdet, weil vielleicht der andere einmal Zeuge einer unserer bösen Taten war und man sich auf diese Weise gegen seine Zeugenaussage absichern will. Man klagt ihn also an, um ihn unbeliebt zu machen, damit ihm niemand glaubt, wenn er etwas sagt.

Handelt recht, damit ihr niemals zu lügen nötig habt. Überlegt ihr denn beim Lügen nicht, daß ihr euch ein schweres Joch aufbürdet? Dieses

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ergibt sich aus der Unterwerfung unter Satan, aus der ständigen Angst davor, daß eure Aussagen widerlegt werden könnten, und ihr euch gezwungen seht, euch der ausgesprochenen Lüge mit all ihren Umständen und Einzelheiten selbst nach Jahren zu erinnern, ohne euch in Widersprüche zu verwickeln. Die Last eines Galeerensträflings! Wenn sie wenigstens dem Himmel dienen würde! Aber sie dient nur der Vorbereitung eines Platzes in der Hölle!

Seid ehrlich! So schön ist der Mund eines Menschen, der die Lüge nicht kennt. Ist er arm, ungebildet und verkannt? Auch wenn er es ist, ist er doch immer ein König, denn er ist aufrichtig. Die Aufrichtigkeit ist königlicher als das Gold und ein Diadem, denn sie steht über die Maßen höher als ein Thron und hat ein größeres Geleit von Guten, als ein Monarch sein eigen nennt. Ein aufrichtiger Mensch strömt Trost und Geborgenheit aus, während die Freundschaft eines Unaufrichtigen oder auch nur dessen Gegenwart Unbehagen verursacht. Denkt denn der Lügner nicht daran, daß die Lüge über kurz oder lang aufgedeckt wird und daß man ihm alsdann stets mit Argwohn begegnen wird? Wie kann man noch gelten lassen, was er sagt? Auch wenn er die Wahrheit sagt, wird der, der ihn hört und ihm glauben möchte, im Grunde doch immer einen Zweifel hegen: "Ob er wohl auch jetzt wieder lügt?" Ihr werdet fragen: "Aber wo ist denn in all dem das falsche Zeugnis?" Jede Lüge ist ein falsches Zeugnis. Nicht nur die Lüge vor dem Richter.

Seid einfach, wie Gott und das Kind einfach sind! Seid wahrheitsliebend in allen Augenblicken eures Lebens. Wollt ihr den Ruf eines achtbaren Menschen haben? Seid es in Wahrheit! Auch wenn ein Verleumder euch schlecht machen will, werden hundert Rechtschaffene sagen: "Nein, das ist nicht wahr! Er ist ein aufrichtiger Mensch. Seine Werke sprechen für ihn."

Im Buch der Weisheit steht geschrieben: "Der abtrünnige Mensch ergeht sich in der Frevelhaftigkeit seines Mundes... In seinem verderbten Herzen bereitet er das Böse vor und zu jeder Zeit sät er Zwietracht! Sechs Dinge haßt der Herr und das siebte verabscheut er: hochmütige Augen, lügnerische Zungen, Hände, die unschuldiges Blut vergießen, ein Herz, das Frevelhaftes sinnt, Füße, die eiligst zum Bösen rennen, den falschen Zeugen, der Lügen vorträgt, und jenen, der Zwietracht unter die Brüder sät... Wegen der Zungensünden geht der Hinterhältige dem Verderben entgegen. Wer lügt, ist ein betrügerischer Zeuge. Wahrheitsliebende Lippen ändern sich ewig nicht, aber betrügerische Worte bauen auf den Augenblick. Die Worte des Ohrenbläsers scheinen arglos, aber sie dringen ein ins Herz. Der Feind wird an seinem Reden erkannt, wenn er Verrat schmiedet. Wenn er jemandem etwas zuflüstert, traue ihm nicht, denn er trägt sieben böse Absichten in seinem Herzen. Er verbirgt seinen Haß, aber seine Bosheit wird offenbar werden... Wer anderen eine Grube gräbt,

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fällt selbst hinein, und der Stein wird den treffen, der ihn ins Rollen bringt."

Alt wie die Welt ist die Sünde der Lüge, und unwandelbar ist der Spruch des Weisen darüber, ebenso wie das Urteil Gottes über den Lügner unverändert bleibt. Ich sage: habt immer nur eine Sprache! Das Ja sei immer ein Ja, und das Nein immer ein Nein, auch vor Mächtigen und Tyrannen, und ihr werdet dafür einen großen Lohn im Himmel haben. Ich sage euch: Habt die Unbefangenheit des Kindes, das instinktiv zu dem Menschen hingeht, den es für gut hält, das nichts anderes als Güte sucht und sagt, was seine eigene Güte ihm zu sagen eingibt, ohne zu erwägen, ob es zu viel sagt und darob einen Tadel ernten könnte.

Geht hin in Frieden, und die Wahrheit werde euch zum Freunde.»

Der kleine Asrael, der die ganze Zeit zu den Füßen Jesu gesessen und sein Köpfchen erhoben hatte wie ein Vöglein, das auf den Gesang seiner Eltern hört, hat sehr liebliche Gebärden: Er lehnt sein Gesichtchen an die Knie Jesu und sagt: «Ich und du, wir sind Freunde, denn du bist gut, und ich habe dich gern. Jetzt will auch ich etwas sagen.» Und seine Stimme erhebend, damit er im ganzen großen Raum gehört werde, spricht er, die Gebärde Jesu nachahmend: «Hört mich alle. Ich weiß, wohin die Menschen kommen, die keine Lügen sagen und Jesus von Nazareth lieben. Sie steigen die Leiter Jakobs hinauf. Hinauf, hinauf, hinauf... zusammen mit den Engeln, und dann bleiben sie stehen, wenn sie den Herrn gefunden haben», und er lacht fröhlich, wobei er alle seine kleinen Zähnchen zeigt.

Jesus streichelt ihn und geht unter das Volk. Er bringt den Kleinen seiner Mutter: «Danke, Frau, daß du mir diesen Knaben überlassen hast.»

«Ist er dir zur Last gefallen?»

«Nein, er hat mir Liebe geschenkt. Er ist ein Kind des Herrn, und der Herr möge immer mit ihm und mir dir sein. Lebt wohl!»

Alles ist zu Ende.

170. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER": «DU SOLLST NICHT BEGEHREN DEINES NÄCHSTEN GUT»

«Gott gibt jedem das Nötige. Das ist in Wahrheit so. Was braucht der Mensch? Den Prunk? Eine große Zahl von Dienern? Landgüter, daß man deren Felder gar nicht zählen kann ? Gastmähler, die bei Sonnenuntergang beginnen und bei Sonnenaufgang enden? Nein! Was der Mensch braucht, ist ein Obdach, ein Brot und ein Gewand. Das Nötigste zum Leben!

Schaut euch um. Wer sind die fröhlichsten und gesündesten Menschen? Wer erfreut sich eines gesunden, friedlichen Alters? Die Genießer? Nein,

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jene, die ehrbar leben, arbeiten und sich das Angemessene wünschen. Sie kennen das Gift ungeordneter Begierden nicht und bleiben kräftig. Sie kennen nicht das Gift der Unmäßigkeit und bleiben beweglich. Sie kennen das Gift des Neides nicht und bleiben fröhlich. Wer aber immer mehr haben will, verliert den eigenen Frieden, verliert die Freude, wird vorzeitig altern, ausgebrannt von Haß und Unmäßigkeit.

Ich könnte die beiden Gebote "Du sollst nicht stehlen" und "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut" zusammenfassen. Denn das unbändige Verlangen treibt zum Diebstahl. Es ist nur ein kurzer Schritt vom einen zum anderen. Ist jeder Wunsch unerlaubt? Das sage ich nicht. Ein Familienvater, der auf den Feldern oder in der Werkstatt arbeitet, sündigt nicht, wenn er wünscht, daß ihm seine Arbeit genug einträgt um seinen Kindern die Nahrung zu gewährleisten, vielmehr erfüllt er seine Pflicht als Vater. Aber wer nur danach verlangt, immer mehr zu genießen und sich mit dem bereichert, was anderen gehört, der sündigt.

Der Neid! Warum? Ist er nicht das Verlangen nach fremdem Gut, Geiz und Neid? Der Neid trennt von Gott, meine Kinder, und bindet an Satan. Denkt ihr nicht daran, daß Luzifer der erste war, der das Gut des anderen verlangte? Er war der schönste der Erzengel und konnte sich an Gott erfreuen. Er hätte damit zufrieden sein müssen. Doch er wurde neidisch auf Gott und wollte selbst Gott sein... und wurde zum Dämon, zum ersten Dämon. Zweites Beispiel: Adam und Eva hatten alles und erfreuten sich des irdischen Paradieses und der Freundschaft Gottes und waren selig in den Gnadengaben, die Gott ihnen gegeben hatte. Sie hätten damit zufrieden sein müssen. Doch sie beneideten Gott um die Erkenntnis des Guten und des Bösen und wurden aus dem Garten Eden vertrieben und von Gott geächtet, sie, die in Ungnade gefallen waren, sie waren die ersten Sünder. Drittes Beispiel: Kain beneidete Abel ob seiner Freundschaft mit dem Herrn; er wurde zum ersten Mörder. Maria, die Schwester von Aaron und Moses beneidete ihren Bruder und wurde zur ersten Aussätzigen in der Geschichte Israels. Ich könnte euch Schritt für Schritt durch die ganze Geschichte des Volkes Gottes führen, und ihr würdet sehen, was die übertriebene Begehrlichkeit aus jenen macht, die ihr nachgeben: einen Sünder und eine Geißel für die Nation, denn die Sünden der einzelnen häufen sich an und führen Strafen herbei für ganze Völker, wie Sandkorn auf Sandkorn, in Jahrhunderten angehäuft, einen Bergrutsch verursacht und Dörfer und Menschen unter sich begräbt.

Ich habe euch oft die Kinder als Beispiel angeführt, weil sie einfach sind und vertrauensvoll. Heute sage ich euch: ahmt die Vögel nach in ihrer Wunschlosigkeit. Jetzt haben wir Winter. Wenig Nahrung ist in den Obstgärten. Aber sorgen sie sich deswegen schon im Sommer und hamstern? Nein. Sie vertrauen auf den Herrn. Sie wissen, daß sie immer ein Würmchen, ein Körnchen, eine Larve, eine Spinne oder eine Fliege auf dem

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Wasser für ihre Kehle erbeuten können. Sie wissen, daß ein warmer Dachfirst oder eine Flocke Wolle immer für ihren Winterunterschlupf zu finden ist, wie sie auch wissen, wann es Zeit ist, Heu für die Nester und mehr Futter für die Brut zu sammeln, und daß es zur rechten Zeit dieses Heu auf den Wiesen gibt und mehr Futter in den Obstgärten, in den Furchen, und Luft und Erde reich an Insekten sein werden. Dann singen sie leise: "Danke, Schöpfer, für alles, was du uns gibst und geben wirst", bereit, aus voller Kehle ihr Hosanna zu singen, wenn sie sich in der Frühlingszeit ihrer Liebe und ihrer Jungen erfreuen.

Welches Geschöpf ist fröhlicher als der Vogel ? Doch was ist seine Intelligenz im Vergleich zur menschlichen? Sie ist wie ein Sandkorn im Vergleich zu einem Berg. Doch könnt ihr vom Vogel lernen. Wahrlich, ich sage euch: Wer ohne unlauteren Wunsch lebt, besitzt die Fröhlichkeit des Vogels. Er stützt sich auf Gott und spürt in ihm den Vater. Er lächelt dem beginnenden Tag und der hereinbrechenden Nacht zu, denn er weiß, daß die Sonne seine Freundin, und die Nacht seine Ernährerin ist. Er betrachtet die Menschen ohne Neid und hat nicht ihre Rache zu fürchten, denn er schadet ihnen in keiner Weise. Er zittert nicht um seine Gesundheit, nicht um seinen Schlaf, denn er weiß, daß ein ehrbares Leben Krankheiten fernhält und einen sanften Schlaf gewährt. Schließlich fürchtet er den Tod nicht, denn er weiß, daß er, wenn er gut gehandelt hat, Gottes Lächeln zu erwarten hat. Auch der König muß sterben. Auch der Reiche muß sterben. Es ist nicht das Zepter, das den Tod fernhält, noch kann man mit Geld Unsterblichkeit kaufen. Vor dem König der Könige, vor dem Herrn der Herren sind Kronen und Münzen nichtige Dinge, nur ein Leben nach den Zehn Geboten hat einen Wert.

Was sagen diese Männer im Hintergrund? Habt keine Angst zu fragen!»

«Wir sagten: der Antipas, welcher Sünde hat er sich schuldig gemacht, des Diebstahls oder des Ehebruchs?»

«Ich will nicht, daß ihr auf die anderen blickt; blickt in euer eigenes Herz! Ich sage euch aber, daß er sich des Götzendienstes schuldig macht, da er mehr das Fleisch als Gott anbetet, und des Ehebruches, des Diebstahls, des unerlaubten Verlangens und bald des Mordes.»

«Wird er von dir, dem Retter, gerettet werden?»

«Ich werde jene retten, die bereuen und zu Gott zurückkehren. Die Unbußfertigen werden keine Erlösung finden.»

«Du hast gesagt, er sei ein Dieb. Was hat er gestohlen?»

«Die Frau seines Bruders. Diebstahl bezieht sich nicht nur auf das Geld. Diebstahl ist auch, dem Menschen die Ehre nehmen, dem Mädchen die Jungfräulichkeit und einem Mann seine Frau. Das ist genauso Diebstahl, wie wenn man dem Nächsten einen Ochsen stiehlt oder eine Pflanze nimmt. Der Diebstahl, belastet durch Unzucht oder durch das falsche

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Zeugnis, wiegt durch Ehebruch oder Unkeuschheit oder durch die Lüge noch schwerer.»

«Eine Frau, die sich hergibt, welche Sünde begeht sie?»

«Wenn sie verheiratet ist, Ehebruch und Betrug dem Mann gegenüber. Wenn sie unverheiratet ist, diejenige der Unreinheit und des Diebstahls an sich selbst.»

«An sich selbst? Sie gibt doch nur vom Ihrigen etwas weg.»

«Nein. Unser Körper ist von Gott geschaffen worden, um ein Tempel der Seele zu sein, die der Tempel Gottes ist. Daher muß er in Sittsamkeit bewahrt werden, da sonst die Seele der Freundschaft Gottes und des ewigen Lebens beraubt wird.»

«So kann eine Dirne nur noch Satan gehören?»

«Jede Sünde ist Buhlschaft mit Satan. Der Sünder gibt sich, einem gedungenen Weibe gleich, mit seinen unerlaubten Neigungen Satan hin, indem er sich davon einen schmutzigen Nutzen verspricht. Groß, sehr groß ist die Sünde der Prostitution, welche die Menschen zu unreinen Tieren erniedrigt. Glaubt jedoch nicht, die übrigen Todsünden wären weniger schlimm. Was müßte ich über den Götzendienst sagen! Was über den Mord! Doch hat Gott den Israeliten verziehen, nachdem sie das Goldene Kalb angebetet hatten. Er hat David eine Sünde verziehen, die eine zweifache war. Gott verzeiht jedem, der bereut. Wenn nur die Reue im Verhältnis zur Anzahl und Schwere der Sünden steht, sage ich euch: je mehr einer bereut, um so mehr wird ihm vergeben werden, denn die Reue ist Ausdruck der Liebe, der tätigen Liebe. Wer bereut, sagt mit seiner Reue zu Gott: "Ich kann deinen Zorn nicht länger ertragen, denn ich liebe dich und möchte geliebt werden." Gott liebt den, der ihn liebt. Deswegen sage ich: je mehr jemand liebt, um so mehr wird er geliebt. Wer vollkommen liebt, dem wird alles verziehen.

Das ist die Wahrheit. Geht nun! Aber vorher sollt ihr noch wissen, daß am Eingang des Dorfes eine Witwe ist, die mit ihrer Kinderschar in größter Not lebt. Der Schulden wegen hat man sie aus dem Haus vertrieben, und sie kann dem Hausbesitzer noch "Danke" sagen, weil er sie nur verjagt hat. Ich habe euer Almosen für ihr Brot verwendet. Aber sie hat ein Obdach nötig. Die Barmherzigkeit ist das Gott wohlgefälligste Opfer. Seid gütig, und in Gottes Namen verspreche ich euch die Belohnung.»

Die Leute flüstern, beraten sich und diskutieren.

Jesus heilt indessen einen fast Blinden und hört ein altes Mütterchen an, das von Doko gekommen ist und ihn bittet, zu ihrer kranken Schwiegertochter zu kommen. (Eine lange, von Tränen begleitete Geschichte, die ich heute, halbtot wie ich bin, nicht niederschreiben kann.)

Und zum Glück endet alles, denn ich fürchte, nochmals eine Herzkrise durchstehen zu müssen, wie die letzte, die drei Stunden andauerte und auch meine Augen in Mitleidenschaft gezogen hat.

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171. JESUS BEIM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER"; ABSCHLUSS DER ERKLÄRUNG ZUM "DE PROFUNDIS" UND "MISERERE"

«Meine Kinder im Herrn! – Das Fest der Reinigung steht nahe bevor, und ich, das Licht der Welt, als das wahre Licht des Festes, sende euch mit dem notwendigen Minimum an Vorbereitung hin, um es würdig zu begehen, damit ihr daraus Licht für alle anderen Feste schöpft. Wer sich vor nähme, viele Lichter anzuzünden, aber nicht einmal über das Nötige verfügt, um das erste anzuzünden, wäre wirklich sehr töricht. Noch törichter wäre der, der sich vornähme, seine Heiligung mit dem Schwierigsten zu beginnen, und dabei das, was die Grundlage des unwandelbaren Bauwerkes der Vollkommenheit darstellt, vernachlässigt, nämlich die Zehn Gebote.

Man liest in Makkabäer, daß Judas, nachdem er mit den Seinen unter dem Schutz des Herrn den Tempel und die Stadt wieder zurückerobert hatte, die Altäre der fremden Götter und die Tempelchen zerstören und den Tempel reinigen ließ. Dann errichtete er einen anderen Altar, und mit den Feuersteinen schlug er Feuer, brachte die Opfer dar, huldigte dem Herrn mit Weihrauch, stellte Lampen und Brote auf, und dann flehten alle, am Boden niedergeworfen, zum Herrn, daß er sie nicht mehr sündigen lasse oder, wenn sie aufgrund ihrer Schwäche wieder sündigten, mit göttlicher Barmherzigkeit behandeln möge. Dies geschah am 25. des Monats Kislew.

Betrachten wir die an uns gerichtete Erzählung und wenden wir sie auf uns selbst an; denn jedes Wort der Geschichte Israels, des auserwählten Volkes, hat einen geistigen Sinn. Das Leben ist immer eine Lehre. Die Geschichte ist nicht nur eine Lehre für die irdischen Tage, sondern auch zur Erlangung der ewigen Tage.

"Sie zerstörten die Altäre und die heidnischen Tempelchen."

Das war die erste ihrer Taten, und dasselbe habe ich euch angeraten beim Aufzählen eurer persönlichen Götter, die den wahren Gott ersetzen. Es ist dies die Abgötterei, welche der Sinnenlust huldigt, dem Gold, dem Stolz: den Hauptlastern, die zur Entheiligung und zum Tod an Seele und Leib führen und die Strafe Gottes nach sich ziehen. Ich habe euch nicht erdrückt mit unzähligen Formeln, die die Gläubigen heute einengen und gegen das wahre Gesetz ein Bollwerk sind, das durch sie verdrängt und durch Unmengen rein äußerlicher Verbote überdeckt wird, so daß die Gläubigen die klare, heilige Stimme des Herrn nicht mehr wahrzunehmen vermögen, die sagt: "Nicht fluchen! Nicht Götzendienst treiben! Die Feiertage nicht entheiligen! Die Eltern nicht verunehren! Nicht töten! Nicht Unkeuschheit treiben! Nicht stehlen! Nicht lügen! Nicht fremdes Eigentum begehren! Nicht die Frau des Nächsten begehren!" Zehn Gebote und keines

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mehr. Sie sind die zehn Säulen des Tempels der Seele. Darüber strahlt das Gold des heiligsten der heiligen Gebote: "Liebe deinen Gott, liebe deinen Nächsten!" Das ist die Krönung des Tempels, der Schutz der Fundamente und der Ruhm des Erbauers.

Niemand könnte die zehn Regeln ohne Liebe befolgen, und die Säulen würden einstürzen, alle oder einige, und der Tempel würde ganz oder teilweise zerstört. Jedenfalls wäre er eine Ruine und nicht mehr geeignet, das Allerheiligste aufzunehmen. Tut also, was ich euch gesagt habe, besiegt die drei Begehrlichkeiten! Gebt euren Lastern den rechten Namen, so ehrlich, wie Gott klar und deutlich sagt: "Tut dies oder jenes nicht!" Unnütz, die Formen mit Spitzfindigkeit zu zerreden. Wer eine größere Liebe hat neben der Liebe zu Gott, der ist, wie diese Liebe auch immer heißen mag, ein Götzendiener. Wer Gott anruft und sich somit als seinen Diener bekennt, ihm aber dann den Gehorsam verweigert, ist ein Rebell. Wer aus Habsucht am Sabbat arbeitet, ist ein Schänder, boshaft und anmaßend. Wer den Eltern seinen Beistand versagt, selbst unter dem Vorwand, er vollbringe gottgefällige Werke, der haßt Gott, der Vater und Mutter an seiner Statt auf die Erde bestellt hat. Wer tötet, ist immer ein Mörder. Wer Unkeuschheit treibt, ist immer ein Unzüchtiger. Wer stiehlt, ist immer ein Dieb. Wer lügt, ist immer ein Niederträchtiger. Wer das begehrt, was nicht sein ist, ist immer ein Unersättlicher. Wer das Ehegemach schändet, ist immer ein Unreiner.

So ist es! Und ich erinnere euch, daß nach der Errichtung des Goldenen Kalbes der Zorn Gottes ausbrach; daß nach dem Götzendienst Salomons die Spaltung kam, welche Israel teilte und schwächte; daß nach dem angenommenen, besser gesagt, gut aufgenommenen und von unwürdigen Juden unter Antiochus Epiphanes eingeführten Hellenismus, das gegenwärtige geistige, schicksalhafte und nationale Unheil über uns kam. Ich erinnere euch daran, daß Nadab und Abiu, die falschen Diener Gottes, von Jahwe bestraft wurden. Ich erinnere euch daran, daß das Manna des Sabbats nicht heilig war. Ich erinnere euch an Cham und Absalom. Ich erinnere euch an die Sünde Davids gegen Urias und Absaloms gegen Amnon. Ich erinnere euch an das Ende Absaloms und Amnons. Ich erinnere euch an das Los des Diebes Heliodor, an Simon und Menelaus. Ich erinnere euch an das schmähliche Ende der beiden falschen Ältesten, die falsches Zeugnis gegen Susanna ablegten. Ich könnte so fortfahren, ohne je ein Ende für die Beispiele zu finden. Doch kehren wir zu den Makkabäern zurück.

"Sie reinigten den Tempel."

Es genügt nicht, zu sagen: "Ich zerstöre" ' vielmehr muß man sagen: "Ich reinige." Ich habe euch gesagt, wie sich der Mensch reinigen soll: mit demütiger und aufrichtiger Reue. Es gibt keine Sünde, die Gott nicht verzeihen würde, wenn der Sünder wirklich reumütig ist. Habt Vertrauen in

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die Güte Gottes. Wenn es euch doch möglich wäre, zu begreifen, was diese Güte ist, dann würdet ihr nicht vor Gott fliehen, auch wenn alle Sünden der Welt auf euch lasten würden, sondern ihr würdet zu seinen Füßen eilen, weil nur der Allergütigste verzeihen kann, was der Mensch nicht verzeiht.

"Sie errichteten einen anderen Altar."

Oh, versucht nicht, den Herrn zu betrügen. Seid nicht lügnerisch in eurem Handeln. Vermengt Gott nicht mit Mammon. Ihr hättet einen leeren Altar: den Altar Gottes. Denn es ist unnütz, einen neuen Altar zu errichten, wenn immer noch Reste des alten weiterbestehen. Entweder Gott oder der Götze: wählt!

"Sie schlugen Feuer aus Stein und Zunder."

Stein ist der feste Wille, Gott anzugehören. Zunder ist der Wunsch, während des ganzen, euch noch verbleibenden Lebens auch die Erinnerung an eure Sünden aus dem Herzen Gottes zu tilgen. Auf diese Weise wird das Feuer, also die Liebe, entfacht. Ist es nicht Liebe zum beleidigten Vater, wenn ihn der Sohn durch ein ehrenhaftes Leben zu trösten versucht, jenen Vater, der vom Sohn erwartet, daß er ihn wieder froh werden läßt, und der nun, nach Tagen des Leidens , wieder voll der Freude ist?

Wenn ihr soweit seid, könnt ihr das Opfer darbringen, Weihrauch anzünden, die Lampen und die Brote aufstellen. Die Opfer werden Gott nicht verhaßt und die Gebete werden ihm wohlgefällig sein, der Altar wird erleuchtet sein, reich an Brot von eurer täglichen Opfergabe. Nun werdet ihr beten können und sagen: "Sei unser Beschützer", denn er wird euer Freund sein. Doch seine Barmherzigkeit hat nicht gewartet, bis ihr sein Erbarmen angerufen habt, sondern ist eurem Wunsch zuvorgekommen. Er hat euch sein Erbarmen geschenkt um euch zu sagen: "Habt Hoffnung. Ich sage es euch, Gott verzeiht. Kommt zum Herrn."

Ein Altar ist schon in eurer Mitte: der neue Altar. Von ihm fließen Ströme des Lichtes und der Verzeihung aus. Wie Öl breiten sie sich aus, lindern und kräftigen. Glaubt an das Wort, das von ihm kommt. Weint mit mir über eure Sünden. Wie der Levit den Chor leitet, so lenke ich eure Stimmen zu Gott, und eure Seufzer werden nicht zurückgewiesen werden, wenn sie mit meiner Stimme vereinigt sind.

Mit euch verdemütige ich mich als Bruder der Menschen im Fleische, Sohn des Vaters im Geist, und ich sage euretwegen und mit euch: "Aus diesem tiefen Abgrund, in den Ich-Menschheit gefallen bin, rufe ich zu dir: Herr, erhöre die Stimme dessen, der in sich geht und seufzt, und verschließe deine Ohren meinen Worten nicht. Grauen empfinde ich, mich zu sehen, Herr. Ein Greuel bin ich auch in meinen Augen! Was werde ich in deinen Augen sein? Schau nicht auf meine Sünden, Herr; denn ich könnte vor dir nicht bestehen, sondern erweise mir deine Barmherzigkeit. Du hast gesagt: 'Ich bin die Barmherzigkeit', und ich glaube an dein Wort.

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Meine Seele ist verwundet und niedergeschlagen, aber vertraut nach deiner Verheißung auf dich; vom Morgengrauen bis zur Nacht, von der Jugend bis ins Greisenalter werde ich auf dich hoffen."

Schuldig des Mordes und des Ehebruchs, von Gott verworfen, erhält David Verzeihung, nachdem er zum Herrn gerufen hat: "Habe Erbarmen mit mir, nicht um mir Achtung zu verschaffen, sondern zu Ehren deiner Barmherzigkeit, die unendlich ist. Um ihretwillen tilge meine Schuld. Es gibt kein anderes Wasser, in dem ich mein Herz reinzuwaschen vermöchte, wenn es nicht von den tiefen Wassern deiner heiligen Güte strömt. Mit dieser Güte wasche mich von meiner Ungerechtigkeit und reinige mich von meinem Schlamme. Ich leugne nicht, gesündigt zu haben, sondern bekenne meine Missetaten, und wie ein anklagender Zeuge ist meine Sünde vor dir. Ich habe mich am Menschen versündigt, an meinem Nächsten und an mir selbst, doch besonders schmerzt es mich, dich beleidigt zu haben. Dies soll dir bezeugen, daß ich dich als gerecht in deinen Worten anerkenne und dein Gericht fürchte, das über jede menschliche Macht triumphiert. Doch bedenke, o Ewiger Gott, in Sünde wurde ich geboren, und in Schuld empfing mich meine Mutter. Doch du hast mich sehr geliebt, hast mir deine Weisheit kundgetan und sie mir als Lehrerin gegeben damit ich die Geheimnisse deiner erhabenen Wahrheit begreife. Soll ich mich nun vor dir fürchten, der du so viel für mich getan hast? Nein! Ich fürchte nichts. Besprenge mich mit der Bitterkeit des Schmerzes, und ich werde rein werden. Wasche mich mit Tränen, und ich werde weißer als der Schnee der Firne. Laß mich deine Stimme hören, und dein gedemütigter Diener wird frohlocken, denn deine Stimme ist Freude und Frohsinn, selbst wenn sie rügt. Wende dein Antlitz auf meine Sünden. Dein Blick wird meine Freveltaten tilgen. Das Herz, das du mir gegeben hast, ist von Satan und meiner schwachen Menschlichkeit entweiht worden. Schaffe in mir ein neues Herz, das rein ist, und zerstöre alle Verderbnis in der Brust deines Dieners, damit nur ein reiner Geist in ihm herrsche. Doch verwirf mich nicht vor deinem Angesicht und nimm deine Freundschaft nicht von mir, denn nur das Heil, das von dir kommt, ist Freude für meine Seele, und dein Herrschergeist ist Trost dem Gedemütigten. Mach, daß ich zu den Menschen gehen und sagen kann: 'Schaut, wie gut der Herr ist! Wandelt auf seinen Wegen und ihr werdet seinen Segen erfahren wie ich, als Mißgeburt des Menschen, der nun wieder Kind Gottes wird durch die Gnade, die in mir neu auflebt.' So werden die Gottlosen sich bekehren. Das Blut kocht und das Fleisch schreit in mir. Befreie mich von ihnen, Herr, Heil meiner Seele, und ich werde dir lobsingen. Ich wußte es nicht, doch nun habe ich verstanden. Du willst keine Opfer von Schafböcken, sondern das Opfer eines zerknirschten Herzens. Ein reuevolles und gedemütigtes Herz ist dir wohlgefälliger als Schafböcke und Widder, denn du hast uns für dich erschaffen und willst, daß wir uns an das erinnern und

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dir zurückgeben, was dir gehört. Sei mir gnädig durch deine große Güte und baue mein und dein Jerusalem wieder auf: das Jerusalem einer gereinigten Seele, der vergeben worden ist, und auf der das Opfer der Sühne, des Dankes und des Lobes dargebracht werden kann. Jeder neue Tag sei für mich eine Hostie der Heiligkeit, die sich auf deinem Altare verzehrt, um mit dem Duft meiner Liebe bis zu dir hinaufzusteigen."

Kommt! Laßt uns zum Herrn gehen! Ich voran, ihr hinter mir. Laßt uns zu den Quellen des Heiles gehen, zu den heiligen Weiden, in die Gefilde Gottes. Vergeßt die Vergangenheit. Lächelt der Zukunft zu. Denkt nicht an den Schlamm, sondern schaut auf zu den Sternen. Sagt nicht: "Ich bin Finsternis", sondern sagt: "Gott ist Licht." Ich bin gekommen, um euch den Frieden und den Sanftmütigen die Frohe Botschaft zu verkünden, um jene zu pflegen, deren Herz durch zu viele Dinge gebrochen ist; um allen Sklaven die Freiheit zu predigen, besonders jenen Mammons, und die Gefangenen von der fleischlichen Begierde zu befreien.

Ich sage euch, das Jahr des Heils ist gekommen. Weinet nicht, ihr, die ihr traurig seid über die Traurigkeit der Sünder; trocknet eure Tränen, ihr, die ihr aus dem Reiche Gottes ausgeschlossen seid. Ich ersetze Asche mit Gold und die Tränen mit Öl. Festlich kleide ich euch, um euch dem Herrn vorzustellen und zu sagen: "Hier sind die Lämmer, die zu suchen du mich ausgesandt hast. Ich habe sie aufgesucht und versammelt, habe sie gezählt, habe die verirrten gesucht, sie dir zurückgebracht und sie den Wolken und dem Nebel entrissen. Ich habe sie aus allen Völkern und Regionen genommen und vereinigt, um sie in das Land zu führen, das nicht mehr Erde ist und das du, o heiliger Vater, für sie vorbereitet hast, um sie auf die paradiesischen Gipfel deiner hohen Berge zu führen, wo alles Licht und Schönheit ist, längs der Ufer der himmlischen Seligkeiten, wo die von dir geliebten Seelen sich an dir sättigen.

Ich bin auch auf die Suche der Verwundeten gegangen, habe die gebrochenen Glieder geheilt, die Schwachen gestärkt und keinen übergangen. Das den bissigsten Wölfen der Triebe entrissene Lamm habe ich wie eine Bürde der Liebe auf meine Schultern gelegt und lege es nun dir zu Füßen, gütiger, heiliger Vater, denn es kann nicht mehr gehen, kennt deine Worte nicht, es ist eine arme, von Vorwürfen und Menschen gequälte Seele, eine Seele, die bereut und zittert wie eine von der Flut getriebene und zurückgeschlagene Woge am Strand. Es kommt voll Verlangen, und wird von der Selbsterkenntnis zurückgehalten. Öffne dein Herz, Vater, der du ganz Liebe bist, damit dieses verirrte Geschöpf in dir Frieden finde. Sage ihm: 'Komm.' Sage ihm: 'Sei mein.' Es gehörte einem jeden. Nun aber ekelt und fürchtet es sich davor. Es sagt: 'Jeder Herr ist ein gieriger Scherge.' Hilf, daß es sagen kann: 'Dieser mein König hat mir die Freude gemacht, mich angenommen zu haben.' Es weiß nicht, was Liebe ist, aber wenn du es aufnimmst, wird es erfahren, was die himmlische Liebe ist, die bräutliche

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Liebe zwischen Gott und der Seele, und wie ein aus den Käfigen grausamer Menschen befreiter Vogel wird es aufsteigen, immer höher, bis zu dir, in den Himmel, zur Freude, in die Herrlichkeit, und singen: 'Ich habe ihn gefunden, den ich suchte. Nun wünsche ich nichts anderes mehr in meinem Herzen. In dir ruhe ich und jubiliere, ewiger Herr, selig von Ewigkeit zu Ewigkeit."'

Geht! Feiert das Fest der Reinigung mit einem neuen Geiste. Gottes Licht möge sich in euch entzünden!»

Jesus war am Ende seiner Rede überwältigend. Ein leuchtendes Antlitz, strahlende Augen, ein Lächeln und eine Stimme von außerordentlicher Anmut geprägt. Die Leute sind fast wie verzaubert und bewegen sich erst, als er wiederholt: «Gehet hin! Der Friede sei mit euch!» Da erst beginnt der Aufbruch der Pilger, die eifrig miteinander reden.

Die Verschleierte geht rasch wie immer mit ihrem behenden und leicht wiegenden Gang von dannen. Es scheint, als hätte sie Flügel, denn der Wind bläht ihren Mantel an den Schultern auf.

«Jetzt werde ich erfahren, ob sie aus Israel ist», sagt Petrus.

«Warum?»

«Wenn sie hier bleibt, dann ist das ein Zeichen, daß...»

«Sie ist eine arme Frau ohne ein Zuhause, sonst nichts. Denk daran, Petrus!» Jesus geht zum Dorf.

«Ja, Meister, ich werde daran denken... Was werden wir tun, wenn alle wegen des Festes in ihren Häusern bleiben?»

«Unsere Frauen werden auch für uns die Lampen anzünden.»

«Ich bedauere... Es ist das erste Jahr, daß ich nicht in meinem Hause sehe, wie sie angezündet werden, oder daß ich sie anzünde...»

«Du bist ein Kindskopf! Auch wir werden die Lampen anzünden, dann wirst du nicht mehr so ein verdrießliches Gesicht machen. Du selbst wirst sie anzünden.»

«Ich? Nein, Herr! Du bist das Haupt unserer Familie, dir steht es zu.»

«Ich bin immer eine brennende Lampe und wünsche, daß auch ihr eine seid. Ich bin das ewige Lichterfest, Petrus. Weißt du, daß ich genau am 25. des Kislew geboren wurde?»

«Wer weiß, wieviele Lichter?» fragt Petrus bewundernd.

«Man konnte sie nicht zählen... Es waren alle Sterne des Himmels...»

«Nein! Hat man dich in Nazareth nicht gefeiert?»

«Ich wurde nicht in Nazareth geboren, sondern in einem Stall in Bethlehem. Ich sehe, daß Johannes zu schweigen gewußt hat. Johannes ist sehr gehorsam.»

«Er ist nicht neugierig. Aber ich bin es. Erzähle mir, deinem armen Simon. Wie werde ich sonst über dich sprechen können? Oft werde ich von den Leuten gefragt und weiß nicht, was antworten... Die anderen können es alle, ich meine deine Brüder und Simon, Bartholomäus und Judas des

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Simon. Auch Thomas versteht es zu sprechen, er kommt einem zwar vor wie ein Marktschreier, der eine Ware verkauft, aber er kann es. Matthäus, nun... auch er ist in Ordnung. Er hat Erfahrung am Steuereinnahmetisch zu rupfen und zwingt andere, zu sagen: "Du hast recht." Aber ich! ... Armer Simon des Jonas. Was haben dich die Fische gelehrt? Was der See? Zwei Dinge, aber die taugen nichts: die Fische lehrten mich zu schweigen und Ausdauer zu haben. Sie sind ausdauernd im Versuch, aus dem Netz zu fliehen, ich ausdauernd, sie wieder einzufangen. Der See lehrte mich, Mut und wachsame Augen zu haben. Das Boot? Mich anzustrengen, keinen Muskel zu schonen und aufrecht zu stehen, auch wenn der See bewegt und die Gefahr zu fallen groß ist. Den Blick auf den Polarstern gerichtet, feste Hand am Steuer, Stärke, Mut, Ausdauer, Aufmerksamkeit... das alles hat mich mein armes Leben gelehrt.»

Jesus legt ihm eine Hand auf die Schulter, schüttelt und betrachtet ihn liebevoll in echter Bewunderung über soviel Bescheidenheit. Dann sagt er: «Das scheint dir wenig, Simon Petrus ? Du hast alles, was du brauchst, um mein "Fels" zu sein. Nichts mehr gehört dazu und nichts muß weggenommen werden! Du wirst der ewige Steuermann sein, Simon Petrus. Dem, der nach dir kommt, wirst du sagen: "Den Blick auf den Polarstern, auf Jesus gerichtet. Feste Hand am Steuer, Kraft, Mut, Ausdauer, Aufmerksamkeit, harte Arbeit ohne Schonung, das Auge überall, und Geradestehen auch bei hochgehenden Wellen..." Nun, was das Schweigen anbelangt, das haben dich die Fische nicht gelehrt.»

«Aber für das, was ich sagen müßte, bin ich stummer als die Fische... Andere Worte? ... Auch die Hennen gackern, wie ich es tue... Aber sage mir, mein Meister, gibst du mir auch einen Sohn? Wir sind alt. Aber du hast gesagt, daß der Täufer von einer alten Mutter geboren wurde, und jetzt hast du gesagt: "Dem, der nach dir kommt, wirst du sagen..." Wer kommt nach einem Mann, wenn nicht sein Nachkomme?» Petrus macht ein bittendes und hoffnungsvolles Gesicht.

«Nein, Petrus... Sei darüber nicht traurig. Du gleichst wirklich deinem See, wenn die Sonne durch eine Wolke verdeckt ist und der lächelnde See plötzlich finster wird. Nein, mein Petrus, nicht einen, sondern tausend und zehntausend Söhne wirst du haben, und in allen Ländern. Hast du vergessen, was ich dir gesagt habe: "Du wirst Menschenfischer sein."»

«O ja... aber... Es wäre schön gewesen, ein Kind zu haben, das zu mir "Vater" sagt!»

«Du wirst so viele haben und sie nicht mehr zählen können. Du wirst ihnen das ewige Leben geben, und ihnen im Himmel wieder begegnen und zu mir sagen: "Es sind die Kinder deines Petrus, und ich will, daß sie da sind, wo ich bin." Ich aber werde zu dir sagen: "Ja, Petrus, wie du willst, so soll es geschehen. Denn du hast alles für mich getan, und ich tue alles für dich."» Jesus ist überaus liebevoll bei diesen Verheißungen.

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Petrus schluckt den Speichel mit den Tränen für die sterbende Hoffnung auf eine irdische Vaterschaft, und unter den Tränen einer Verzückung, die sich schon ankündigt, sagt er: «Oh, Herr, doch um ewiges Leben geben zu können, muß man die Seelen vom Guten überzeugen... So sind wir immer am selben Punkt: ich kann nicht reden.»

«Du wirst zu reden wissen, wenn die Stunde gekommen ist, besser als Gamaliel.»

«Ich will es glauben... Aber dann mußt du schon ein Wunder an mir wirken; denn wenn ich es von mir aus erreichen sollte...»

Jesus lächelt in seiner ruhigen Art und sagt: «Heute gehöre ich ganz dir. Gehen wir ins Dorf zu jener Witwe. Ich habe ein geheimes Almosen, einen Ring, zu verkaufen. Weißt du, wie ich ihn bekommen habe? Ein Stein fiel zu meinen Füßen nieder, während ich betend bei dieser Weide stand. Am Stein war ein Beutelchen mit einem kleinen Pergamentstreifen. Im Beutelchen war der Ring. Auf dem Zettelchen das Wort: Barmherzigkeit.»

«Laß sehen. Oh, schön... Von einer Frau. Was für ein kleiner Finger! Doch wieviel Metall!»

«Nun wirst du ihn verkaufen. Ich verstehe das nicht. Der Wirt kauft Gold, ich weiß es. Ich warte beim Backofen auf dich. Geh, Petrus!»

«Aber... wenn ich nicht dazu fähig bin? Ich und Gold... Ich verstehe nichts von Gold!»

«Du mußt denken, es ist Brot für jemand, der hungert, dann wirst du dein Bestes tun. Leb wohl!»

Petrus geht nach rechts, während Jesus langsamen Schrittes nach links zum Dorf geht, das in einiger Entfernung hinter dem Wäldchen beim Haus des Verwalters zu sehen ist.

172. JESUS VERLÄSST DAS "TRÜGERISCHE GEWÄSSER" UND GEHT NACH BETHANIEN

Beim "Trügerischen Gewässer" sind keine Pilger. Es ist seltsam, alles so leer zu sehen: kein Biwak für die Nacht, und niemand sitzt und ißt auf dem Vorplatz oder unter dem Vordach. Es herrscht Sauberkeit und Ordnung ohne irgendwelche Spuren, die eine Ansammlung von Menschen hinterläßt.

Die Jünger nützen ihre Zeit für handwerkliche Arbeiten: die einen flechten Reusen für den Fischfang, andere machen kleine Gräben, damit das Regenwasser von den Dächern nicht in den Pfützen stehenbleibt und den Vorplatz überflutet. Jesus, aufrecht auf dem Rasen, zerbröselt Brot für die Spatzen. Soweit das Auge reicht erblickt man niemanden, obwohl

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das Wetter heiter ist. Nun kommt Andreas von einer Besorgung zurück und geht auf Jesus zu.

«Friede sei mit dir, Meister!»

«Auch mit dir, Andreas. Komm ein wenig zu mir. Du kannst in der Nähe der Vögel bleiben, denn du bist wie sie. Aber siehst du, wenn sie spüren, daß die Person, die sich ihnen nähert, sie liebt, dann fürchten sie sich nicht mehr. Schau, wie zutraulich sie sind, sicher und froh. Gerade waren sie noch zu meinen Füßen. Nun bist du gekommen, und sie beobachten... Doch schau... schau den wagemutigen Sperling an, der näher kommt. Er hat verstanden, daß keine Gefahr besteht. Hinter ihm die anderen. Schau, wie sie sich sättigen. Ist es nicht auch bei uns, den Söhnen des Vaters, so ? Er sättigt uns mit seiner Liebe. Wenn wir sicher sind, daß wir geliebt werden und zu seiner Freundschaft eingeladen sind, warum dann noch Angst vor ihm und vor uns selbst haben?

Seine Freundschaft soll uns mutig machen, auch den Menschen gegenüber. Glaub mir: Nur der Übeltäter muß sich vor Seinesgleichen fürchten. Nicht der Gerechte, wie du es bist.»

Andreas wird rot und sagt nichts. Jesus zieht ihn an sich und sagt lachend: «Man müßte dich und Simon zusammen in einen Trank vereinigen, euch auflösen, mischen und dann neu formen, und ihr wäret vollkommen. Doch... Wenn ich dir sage, daß du am Ende deiner Mission gleich Petrus sein wirst, so verschieden du anfänglich von deinem Bruder auch sein magst, würdest du es glauben?»

«Du sagst es, und bestimmt ist es so. Ich frage mich nicht, wie dies möglich sein wird; denn alles, was du sagst, ist wahr. Ich wäre zufrieden, wie Petrus, mein Bruder, zu sein, denn er ist ein Gerechter und er macht dich glücklich. Simon ist tüchtig, und ich bin froh, daß er so tüchtig ist, so mutig und stark. Aber auch die anderen...»

«Du nicht?»

«Oh, ich! ... Nur du kannst dich mit mir zufriedengeben.»

«Doch ich bemerke, wie ruhig und gründlicher als die anderen du deine Arbeit verrichtest. Denn unter euch Zwölfen sind welche, die viel Aufhebens um ihre Arbeit machen, andere, die mehr Aufhebens machen, als nötig wäre, und wieder andere, die nur arbeiten. Eine demütige Arbeit, mühsam und unbeachtet... Die anderen könnten annehmen, daß sie nichts tun, doch der, der richtig sieht, weiß es. Diese Unterschiede bestehen, weil ihr noch nicht vollkommen seid. Es wird immer so sein, auch bei den künftigen Jüngern, die nach euch folgen, bis zum Zeitpunkt, da der Engel verkünden wird: "Die Zeit ist abgelaufen." Es wird immer Diener Christi geben, deren Wirken im Einklang steht mit der Aufmerksamkeit, die sie auf sich lenken: die Lehrmeister. Es wird leider auch solche geben, die nur viel Aufhebens machen, und bei denen alles reine Äußerlichkeit ist. Schauspieler, falsche Hirten mit verstellten Mienen... Priester? Nein: Schauspieler,

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sonst nichts. Es ist nicht das äußere Gebaren, das den Priester ausmacht, und auch nicht das Gewand. Auch nicht seine weltliche Bildung oder die gesellschaftlichen, einflußreichen Verbindungen sind es, die den Priester ausmachen. Seine Seele ist es. Eine so erhabene Seele, die über den Körper triumphiert. Mein Priester soll ganz vergeistigt sein, so träume ich ihn. So werden meine heiligen Priester sein. Der Geist hat keine schauspielerischen Gebärden und keine Stimme. Er ist körperlos, weil er geistig ist und daher keine Zieraten kennt und Masken anlegen kann. Er ist, was er ist: Geist, Flamme, Licht, Liebe. Er spricht zu den Seelen. Er spricht mit der Keuschheit seiner Augen, seiner Handlungen.

Der Mensch betrachtet ihn und sieht in ihm einen Menschen seinesgleichen. Aber was sieht er über dem Körper, den er sieht ? Etwas, das seinen eilenden Schritt hemmt, ihn betrachten und beschließen läßt: "Dieser Mensch, der mir gleicht, hat vom Menschen nur das Aussehen. Die Seele ist die eines Engels." Wenn es ein ungläubiger Mensch ist, kommt er zum Schluß: "Seinetwegen glaube ich, daß es einen Gott und einen Himmel gibt." Wenn er ein Lebemensch ist, sagt er: "Dieser meinesgleichen hat Augen des Himmels. Ich werde meine Begierde zügeln, um sie nicht zu entweihen." Wenn er geizig ist, sagt er sich: "Um seines Beispiels willen, nach welchem er sich nicht an irdische Güter klammert, höre ich auf, geizig zu sein." Wenn er mächtig ist, wenn es ein Jähzorniger, Grausamer ist, wird jener angesichts des Sanftmütigen zum friedlichsten Wesen werden. Dies alles vermag ein heiliger Priester zu erreichen. Und glaube es: immer wird es unter den heiligen Priestern solche geben, die bereit sind, aus Liebe zu Gott und dem Nächsten auch zu sterben... und sie tun dies auf so schlichte Weise, wie sie auch ein ganzes Leben lang in unauffälliger Weise die Vollkommenheit geübt haben, so daß die Welt ihrer gar nicht gewahr wurde. Wenn die ganze Welt nicht ein Sündenpfuhl und Götzendienerei ist, dann nur dank jener stillen Helden und ihres treuen Eifers. Sie werden dein Lächeln haben: rein und scheu. Denn es wird immer derartige Andreas geben. Durch die Gnade Gottes und zum Glück der Welt wird es sie geben.»

«Ich kann es nicht glauben, solche Worte zu verdienen... Ich habe nichts getan, um sie zu veranlassen...»

«Du hast mir geholfen, ein Herz für Gott zu gewinnen. Es ist schon das zweite, das du zum Lichte führst.»

«Oh, warum hat sie gesprochen? Sie hat doch versprochen...»

«Niemand hat gesprochen. Doch ich weiß es. Wenn die Jünger ruhen, dann sind beim "Trügerischen Gewässer" drei, die nicht schlafen: der Apostel mit seiner in der Stille wirkenden Liebe für seine sündigen Brüder, das Geschöpf, das von seiner Seele zum Heile getrieben wird, und der Retter, der betet und wacht, wartet und hofft. Meine Hoffnung: daß eine Seele ihr Heil finde. Danke, Andreas! Mach so weiter und sei dafür gesegnet.»

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«Oh, Meister... Aber sage den anderen nichts... Wenn ich allein an einem verlassenen Strand zu einer Aussätzigen spreche, deren Gesicht ich nicht sehe, dann kann ich noch ein wenig ausrichten. Doch wenn die anderen es erfahren, vor allem Simon, und er mitkommen will, dann ist es aus mit mir, dann kann ich nichts mehr tun... Auch du darfst nicht kommen... denn wenn ich in deiner Gegenwart reden soll, dann schäme ich mich.»

«Ich werde nicht kommen. Jesus wird nicht kommen, doch der Geist Gottes ist stets mit dir gewesen. Laßt uns nach Hause gehen. Man ruft uns zur Mahlzeit.»

Alles ist zu Ende zwischen Jesus und dem sanftmütigen Jünger.

Sie sind noch beim Essen und haben die Lampen angezündet, denn der Abend bricht plötzlich herein; und die Kühle rät, die Türe geschlossen zu halten, als an der Tür geklopft wird und die fröhliche Stimme des Johannes hörbar wird.

«Willkommen!»

«Ihr habt rasch gemacht!»

«Was gibt es also?»

«Wie seid ihr beladen!»

Alle reden durcheinander und helfen dabei den dreien, sich von den sehr schweren Taschen zu befreien, die sie auf den Schultern haben.

«Langsam!»

«Laßt uns zuerst den Meister grüßen.»

«Aber nur einen Augenblick!»

Es herrscht ein familiäres, fröhliches Durcheinander, aus Freude, wieder beisammen zu sein.

«Ich grüße euch, Freunde. Gott hat euch friedliche Tage geschenkt.»

«Ja, Meister, aber keine guten Nachrichten. Ich sah es voraus», sagt Iskariot.

«Was gibt es? Was ist los?» Die Neugierde ist erwacht.

«Laßt sie doch zuerst eine Stärkung zu sich nehmen», sagt Jesus.

«Nein, Meister. Zuerst geben wir ab, was wir für dich und die anderen mitgebracht haben. Zuerst... Johannes, gib den Brief.»

«Den hat Simon. Ich hatte Angst, ihn im Gepäck zu zerknittern.»

Der Zelote, der bis jetzt Thomas zu untersagen versuchte, ihm Wasser für die müden Füße zu holen, eilt herbei und sagt: «Ich habe ihn hier in der Gürteltasche», er öffnet die innere Tasche seines breiten Gürtels aus rotem Leder und entnimmt ihr eine nun etwas zerdrückte Schriftrolle.

«Sie ist von deiner Mutter. Als wir bei Bethanien waren, sind wir Jonathan begegnet, der mit dem Brief und vielen anderen Dingen auf dem Weg zu Lazarus war. Jonathan geht nach Jerusalem, weil Chuza dort seinen Palast in Ordnung bringt. Vielleicht geht Herodes nach Tiberias, und Chuza will seine Frau nicht in der Nähe des Herodes wissen», erklärt Iskariot, während Jesus die Knoten der Papierrolle löst und zu lesen beginnt.

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Die Apostel flüstern, während Jesus mit einem seligen Lächeln die Zeilen seiner Mutter liest.

«Hört», sagt Jesus. «Hier ist auch für die "Galiläer" einiges. Meine Mutter schreibt: "Meinem Jesus, meinem geliebten Sohn und Herrn, Friede und Segen! Jonathan, Diener seines Herrn, hat mir schöne Geschenke von Johanna gebracht, die den Segen ihres Retters für sich selbst, für den Gemahl und das ganze Haus erbittet. Jonathan sagt mir, daß er auf Anordnung Chuzas nach Jerusalem geht, um dort den Palast in Sion wieder zu öffnen. Ich preise Gott dafür, denn so habe ich die Möglichkeit, dir meine Worte und meinen Segen zu senden. Auch Maria des Alphäus und Salome senden ihren Söhnen Küsse und Segen. Da Jonathan über alle Maßen gut war, kann ich auch die Grüße der Frau des Petrus an ihren Mann in der Ferne und der Angehörigen von Philippus und Nathanael mit einschließen. Alle eure Frauen, ihr lieben Männer in der Ferne, senden euch Kleider für die Wintermonate, die sie mit ihrer Arbeit am Webstuhl und mit der Nadel gefertigt haben, Früchte aus ihrem Garten, süßen Honig, den sie in heißem Wasser an den feuchten Abenden zu trinken euch raten. Tragt Sorge für eure Gesundheit, lassen euch die Ehefrauen und Mütter durch mich mitteilen, und ich sage es auch meinem Sohn. Wir leiden keinen Mangel, glaubt es. Freut euch an den bescheidenen Geschenken, die wir Jüngerinnen der Jünger Christi den Dienern des Herrn senden. Gewährt uns nur die Freude, euch gesund zu wissen.

Mein geliebter Sohn, mir wird bewußt, daß du seit nahezu einem Jahr nicht mehr mir allein gehörst. Mir scheint, daß ich in die Zeit zurückversetzt bin, da ich wußte, daß du schon lebtest, denn ich hörte dein kleines Herz in meinem Schoße schlagen; doch ich konnte gleichwohl sagen, daß du noch nicht da warst, denn du warst durch eine Schranke von mir getrennt, die mich daran hinderte, deinen geliebten Körper zu liebkosen. So konnte ich nur deinen Geist anbeten, o mein teurer Sohn und anbetungswürdiger Gott. Auch jetzt weiß ich, daß du da bist und daß dein Herz, das nie von mir getrennt ist, selbst wenn wir voneinander getrennt sind, mit meinem Herzen schlägt, doch ich kann dich nicht mehr liebkosen, dich nicht hören, dir nicht dienen, dich nicht verehren, dich, den Messias des Herrn und seiner armen Magd, während ich mich im vollendeten Licht befand, als ich dich, mein Licht und Licht der Welt, in jenem dunklen Stall an mein Herz schmiegte. Johanna wollte, daß ich mit ihr gehe, um während des Lichterfestes nicht allein zu sein. Ich habe es jedoch vorgezogen, mit Maria hier zu bleiben und mit ihr die Lichter anzuzünden: Für mich und für dich. Aber wenn ich auch die größte Königin der Welt wäre und Tausende von Lichtern anzünden könnte, ich wäre dennoch in der Finsternis, denn du bist nicht hier. Es wird das erste Mal sein, daß ich mir sagen werde: 'Mein Kind ist heute ein Jahr älter geworden' und mein Kind ist nicht bei mir. Es wird trauriger sein als an deinem ersten Geburtstag in

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Matarea. Doch du erfüllst deine Sendung und ich die meine, und zusammen erfüllen wir den Willen des Vaters und wirken zur Ehre Gottes. Dies trocknet jede Träne.

Lieber Sohn! Nach all dem, was mir berichtet worden ist, mache ich mir ein Bild von deinen Werken. Wie die Wogen eines offenen Meeres mit ihrem Rauschen bis in einen einsamen, geschlossenen Meerbusen gelangen, so erreicht auch das Echo deines heiligen Wirkens zur Ehre des Herrn unser ruhiges, kleines Haus und deine Mutter, die sich freut und zittert; denn wenn alle von dir reden, so reden doch nicht alle mit dem gleichen Herzen von dir. Es kommen Freunde und von dir mit Wohltaten Beschenkte, um mir zu sagen: 'Der Sohn deines Leibes sei gepriesen' ' und es kommen auch feindlich gesinnte Menschen, die mein Herz verwunden und sagen: 'Er soll verflucht sein.' Doch ich bete für diese, denn es sind Unglückliche, sie sind schlimmer daran als die Heiden, die zu mir kommen und fragen: 'Wo ist der Magier, der göttliche Zauberpriester?' In ihrem Irrtum sagen sie eine große Wahrheit, denn du bist wahrlich Priester und erhaben, was der Sinn dieser Benennung in der antiken Sprache ist, und du bist göttlich, o mein Jesus. Ich sende sie zu dir mit den Worten: 'Er ist in Bethanien!' Denn so werde ich wohl sagen müssen, solange du mir keinen anderen Bescheid gibst. Ich bete für jene die kommen, um für ihren sterblichen Leib zu bitten, damit sie das Heil für ihre unsterbliche Seele finden mögen. Ich bitte dich darum! Sei nicht traurig meiner Schmerzen wegen. Sie werden ausgeglichen durch die große Freude die mir durch die Worte der an Leib und Seele Geheilten zukommt. Doch Maria hat einen noch größeren Schmerz als ich, denn man spricht nämlich nicht nur zu mir. Joseph des Alphäus wünscht, daß du erfährst, er sei bei einer unlängst unternommenen Geschäftsreise nach Jerusalem deinetwegen aufgehalten und bedroht worden, durch Männer des Hohen Rates. Ich nehme an, daß eine einflußreiche Person von hier diese auf ihn aufmerksam gemacht hat. Wie hätten sie sonst Joseph als Familienoberhaupt und deinen Bruder erkennen können? Ich teile dir dies im Gehorsam als Frau mit. Doch von mir aus sage ich dir: Ich möchte in deiner Nähe sein, um dich trösten zu können. Doch entscheide du, o Weisheit des Vaters, ohne auf meine Tränen zu achten. Simon, dein Bruder, wollte nach diesem Vorfall beinahe zu dir kommen, und dies mit mir! Doch die Jahreszeit hat ihn zurückgehalten und mehr noch die Befürchtung, er könne dich nicht finden; denn es wurde wie eine Drohung herumgegeben, daß du dort, wo du jetzt bist, nicht bleiben könnest.

Sohn! Mein Sohn! Mein inniggeliebter, heiliger Sohn! Ich stehe wie Moses mit erhobenen Armen auf dem Berg, um für dich zu beten im Kampf gegen die Feinde Gottes und gegen deine Feinde, mein Jesus, den die Welt nicht liebt.

Hier ist Lia des Isaak gestorben. Ich habe darunter gelitten, denn sie ist

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mir immer eine gute Freundin gewesen. Doch der größte Schmerz bist du, fern und nicht geliebt... Ich segne dich, mein Sohn, und so wie ich dir Friede und Segen wünsche, bitte ich dich, ihn auch mir zu gewähren, Deine Mutter."»

«Sie drängen vor bis zu diesem Haus, diese Unverschämten!» schreit Petrus.

Judas Thaddäus ruft aus: «Ach, dieser Joseph! Er hätte doch diese Nachricht für sich behalten können, aber er konnte es nicht erwarten.»

«Das Geschrei der Hyänen erschreckt die Lebenden nicht», sagt Philippus.

«Das Schlimme ist, daß sie nicht Hyänen, sondern Tiger sind. Sie suchen lebende Beute», sagt Iskariot und wendet sich an den Zeloten: «Sag du, was wir alles erfahren haben.»

«Ja, Meister. Judas hatte Grund zu Befürchtungen. Wir sind zu Joseph von Arimathäa und zu Lazarus gegangen, ganz offen als deine Freunde. Dann sind wir, ich und Judas, als ob ich sein Jugendfreund wäre, zu einigen seiner Freunde in Sion gegangen... und... Joseph und Lazarus lassen dir sagen, sofort wegzugehen, um während dieser Feste abwesend zu sein. Weigere dich nicht, Meister! Es ist zu deinem Wohl. Die Freunde von Judas haben uns sogar gesagt: "Hört, sie haben schon beschlossen, ihn festzunehmen, um ihn anzuklagen" gerade in diesen Tagen des Festes, wo keine Menschen da sind. Er sollte sich für einige Zeit zurückziehen, um diesen Vipern zu entgehen. Der Tod des Doras hat ihre Bosheit und ihre Angst vermehrt, denn sie empfinden nicht nur Haß, sondern Angst, und diese Angst läßt sie Dinge sehen, die nicht sind, und der Haß verleitet sie auch zur Lüge.»

«Alles, aber auch alles wissen sie über uns. Es ist eine häßliche Sache. Alles übertreiben sie, alles verdrehen sie. Wenn es ihnen scheint, daß sie noch nicht genug zum Verfluchen haben, dann erfinden sie etwas. Ich bin angeekelt und niedergeschlagen. Ich bin versucht, auszuwandern, weit fort... Ich weiß nicht wohin... doch weg von Israel, das ganz Sünde ist!»Iskariot ist ganz mutlos.

«Judas, Judas! Eine Frau braucht neun Monate, um einem Kind das Leben zu schenken, und du möchtest der Welt die Erkenntnis Gottes in einer noch kürzeren Zeit geben? Keine neun Monde, sondern Tausende von Monden sind dazu erforderlich. Wie der Mond bei jedem Mondwechsel zu- und abnimmt und erst als Neumond, dann als Vollmond und endlich als abnehmender Mond erscheint, so wird es auch in der Welt, solange sie besteht, Zeiten der Zunahme, der Fülle und der Abnahme der Religion geben. Aber auch wenn die Religion tot zu sein scheint, lebt sie, so wie der Mond, wenn er nicht leuchtet, doch da ist. Wer sich für die Religion bemüht und gewirkt hat, dem wird ein volles Maß an Verdiensten zustehen, selbst wenn nur eine unbedeutende Minderheit an treuen Seelen

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auf Erden übrigbleibt. Mut, Mut! Nicht gleich Freudentaumel bei Erfolg, aber auch keine leichtfertige Niedergeschlagenheit in den Niederlagen!»

«Aber... gehen wir fort! Wir sind noch nicht stark genug, und wir spüren, daß wir vor dem Hohen Rat Angst bekommen würden. Ich wenigstens; ob auch die anderen, das weiß ich nicht. Doch meine ich, es wäre unklug, ihn zu reizen. Wir haben nicht den Mut der drei Jünglinge vom Hofe Nabuchodonosors.»

«Ja, Meister, es ist besser.»

«Es ist vorsichtiger.»

«Judas hat recht.»

«Schau, auch deine Mutter und die Verwandten...»

«Auch Lazarus und Joseph.»

«Wir lassen sie umsonst herkommen.»

Jesus breitet die Arme aus und sagt: «Es soll geschehen, wie ihr wollt. Doch dann werden wir hierher zurückkehren, denn ihr seht, wie viele kommen. Ich zwinge und versuche eure Seele nicht. Ich fühle, daß ihr noch nicht bereit seid... Doch sehen wir uns die Arbeit der Frauen an.»

Doch während alle mit leuchtenden Augen und freudevoller Stimme die Bündel mit den Kleidern, den Sandalen und den Eßwaren der Mütter und Ehefrauen aus den Taschen ziehen und versuchen, Jesus für soviel Güte Gottes zu interessieren, bleibt dieser ernst und geistesabwesend. Er liest immer wieder den mütterlichen Brief. Er hat sich mit einem Lämpchen in den vom Tisch, auf dem Kleider, Äpfel, Metallgefäße sowie Käselaibe liegen, entferntesten Winkel zurückgezogen. Die Augen mit seiner Hand abgeschirmt, scheint er nachzudenken, leidet aber sichtlich...

«Schau, Meister, welch schönes Gewand und welchen Mantel mit Kapuze meine Frau, die Ärmste, gemacht hat. Wer weiß, wieviel Mühe sie das gekostet hat, denn sie ist darin nicht so tüchtig wie deine Mutter», sagt Petrus, der die Schätze auf den Armen wiegt.

«Schön. Ja, schön. Sie ist eine tüchtige Frau», sagt Jesus höflich. Doch seine Augen sind weit entfernt von den gezeigten Gegenständen.

«Für uns hat die Mutter zwei doppelt gewobene Gewänder gemacht. Arme Mutter! Gefallen sie dir, Jesus ? Ist es nicht eine schöne Farbe?»sagt Johannes des Zebedäus

«Sehr schön, Jakobus. Es wird dir gut stehen.»

«Schau, ich wette, daß dieser Gürtel von deiner Mutter gemacht worden ist. Nur sie kann so sticken. Auch diese doppelt gewobene Kopfbedeckung, mit der man sich vor der Sonne schützt, hat gewiß deine Mutter gemacht. Sie ist genau wie deine. Das Gewand nicht, das hat bestimmt unsere Mutter gemacht. Arme Mutter! Nach all den vielen Tränen im letzten Sommer sieht sie nur noch wenig, und oft reißt ihr der Faden ab. Die Gute!» und Judas des Alphäus küßt das schwere Gewand von rotbrauner Farbe.

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«Du bist nicht froh, Meister», bemerkt schließlich Bartholomäus. «Du schaust nicht einmal die Sachen an, die man dir gesandt hat.»

«Er kann nicht froh sein», entgegnet Simon der Zelote.

«Ich überlege... Aber... Packt alles wieder zusammen und legt es beiseite. Noch ist die Stunde nicht gekommen, ergriffen zu werden, und wir werden es auch nicht... Mitten in der Nacht, beim Mondschein, wollen wir nach Doko gehen. Von dort nach Bethanien.»

«Warum nach Doko ?»

«Weil dort eine Frau im Sterben liegt, die Heilung von mir erwartet.»

«Gehen wir nicht erst zum Gutsverwalter ?»

«Nein, Andreas, zu niemandem. So braucht niemand zu lügen, wenn er sagt, daß er nicht weiß, wohin wir gegangen sind. Wenn euch daran gelegen ist, nicht verfolgt zu werden, dann liegt mir daran, dem Lazarus keine Unannehmlichkeiten zu bereiten.»

«Aber Lazarus erwartet dich.»

«Wir werden zu ihm gehen. Oder besser... Simon, willst du mich im Haus deines alten Dieners beherbergen ?»

«Mit Freude, Meister. Du weißt alles. Somit kann ich dir für Lazarus, für mich und im Namen dessen, der in diesem Haus lebt, sagen: "Es ist dein Haus."»

«Laßt uns gehen. Macht schnell, damit wir noch vor dem Sabbat in Bethanien sind.»

Während alle sich mit Lämpchen daran machen, das Notwendige für die unvorhergesehene Abreise zusammenzusuchen, bleibt Jesus allein.

Andreas kommt wieder herein, geht zu seinem Jesus und sagt: «Aber jene Frau? Es tut mir leid, sie jetzt allein zu lassen, da sie gewillt ist, zu kommen... Sie ist vorsichtig... hast du es gesehen? ...»

«Geh und sage ihr, daß wir nach einiger Zeit zurückkommen werden. Inzwischen soll sie über deine Worte nachdenken...»

«Deine Worte, Herr! Ich habe nur Deine gesagt.»

«Geh und beeile dich. Paß auf, daß dich niemand sieht. In dieser Welt der Bösen müssen die Unschuldigen das Aussehen der Treulosen annehmen...»

Alles endet mit dieser großen Wahrheit.

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173. DIE HEILUNG DER KREBSKRANKEN JERUSA IN DOKO

ich habe Ihnen vom unerfreulichen Besuch und der Ankündigung, die ich gestern abend bekommen habe, erzählt. Sie haben gesehen, daß ich einen erschrockenen Gesichtsausdruck hatte. Ich weiß nicht, was für ein Gesicht ich gemacht habe. Doch bestimmt war es beeindruckend, und noch Stunden danach ist die Erregung nicht gewichen.

Es ist nicht das erste Mal, wie Sie wissen, daß Satan sich mir zeigt und mich zu diesem oder jenem versuchen will. Jetzt, da er nicht mehr das Fleisch versucht, versucht er den Geist. Seit einem Jahr ungefähr belästigt er mich in unregelmäßigen Abständen. Zum erstenmal geschah es in den schrecklichen Tagen des April 1944, als er mir Hilfe versprach, wenn ich ihn anbeten würde. Das zweite Mal, als er mich mit der direkten und gewalttätigen, langen Versuchung am 4. Juli 1944 überfiel und mich versuchte, die Sprechart des Meisters nachzuäffen, um damit die einzuschüchtern, die mich beleidigt hatte. Das dritte Mal versuchte er mich, als er mich veranlassen wollte, aus den diktierten Worten mein Werk zu machen und sie als solches zu veröffentlichen, um daraus Geld und Nutzen zu schlagen. Die vierte Versuchung erfolgte im Februar dieses Jahres (ich glaube, es war schon Februar), als er mir erschien (zum ersten Mal sah ich ihn; die anderen Male hatte ich ihn nur gehört) und mich mit seinem Aussehen und seinem Haß erschreckte. Das fünfte Mal kam er nun gestern abend. Dies sind die großen Manifestationen Satans. Doch ihm schreibe ich auch die kleinen Dinge zu, die mir von anderen zugefügt werden, um mich zum Stolz, zum Selbstmitleid oder zum Bekenntnis falscher Erscheinungen zu verleiten, oder auch, um mir einzureden, daß ich nur eine Kranke sei und alles das Produkt einer Geistesgestörtheit ist. Auch die Schwierigkeiten mit den Verwandten und den Behörden und selbst mit den Kraftfahrern. (Andeutung auf das unmittelbare Kriegsende.) Alles schreibe ich Satan zu. Er tut, was er nur kann, um mich zu quälen und mich zur Unruhe und zur Auflehnung zu treiben, zur Überzeugung, daß Beten unnütz und alles eine Lüge sei.

Ich muß Ihnen gestehen, daß er mich gestern abend sehr verwirrt hat. Es ist nicht das erste Mal, daß er mir Angst einjagt und sagt, daß ich das Opfer einer Täuschung sei und eines Tages Gott und auch den Menschen dafür Rechenschaft ablegen müsse. Sie wissen, daß dies meine große Angst ist... obwohl ich immer von Jesus und Ihnen, meinem Seelenvater, getröstet und wieder aufgerichtet worden bin. Es waren meine Überlegungen, die durch Satan geschürt worden, aber in mir selbst entstanden sind. Gestern war es eine direkte Bedrohung. Er hat mir gesagt: «Tu es, tu es, ich warte auf den rechten Augenblick, den letzten Augenblick. Dann werde ich dich davon überzeugen, daß du immer Gott, die Menschen und dich selbst belogen hast. Du bist eine Betrügerin, und du wirst noch einer großen Angst verfallen und daran verzweifeln, verdammt zu sein. Du wirst es mit solchen Worten sagen, daß, wer dir beisteht, denken muß, alles sei Widerruf, um weniger sündhaft vor Gott treten zu können. Du und wer um dich ist, ihr werdet bei dieser Überzeugung bleiben, und so wirst du sterben... und die anderen werden erschüttert sein... Ich erwarte dich, und du erwartest mich. Ich verspreche nichts, ohne es zu halten. Nun machst du mir einen grenzenlosen Ärger. Aber dann werde ich es sein, der dir Ärger bereiten wird. Ich werde mich für alles rächen, was du mir antust, so wie nur ich mich zu rächen weiß.» Dann ist er weggegangen und hat mich so elend zurückgelassen...

Dann aber ist die zärtliche, sanfte, liebreiche Mutter gekommen, in ihrem weißen Kleide, um mir zuzulächeln und mich zu liebkosen, und mit seinem schönsten Lächeln hat mich mein Jesus beschenkt. Doch gleich nachdem sie mich verlassen hatten, bin ich in meine Bedrängnis zurückgefallen... Es ist hart. Wenn dieser Gedanke mich so stark überfällt, fühle ich mich versucht, zu sagen: «Ich werde kein Wort mehr schreiben, ungeachtet jeglichen Drängens.» Doch dann überlege ich und sage: «Das ist es, was Satan erreichen will», und ich schenke dieser Einflüsterung kein Gehör.

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Es ist die Zeit der Passion, nicht wahr? Es wird solche geben, die aus einem falschen Personenkult heraus dem Sprachrohr, als ihrem Abgott, eine übertriebene Ehre erweisen, weil die Abgötterei dem Menschen, selbst dem guten, angeboren ist. Dabei vergessen sie, daß es nur ein Werkzeug Gottes ist, und die Ehre Gott einzig und allein gebührt.

Dann wird es jene geben, die mich verspotten. Die einen wie die anderen erwarten in gleicher Weise, wenn auch mit verschiedenen Absichten, wunderbare Ereignisse um mich, besonders während der Zeit der Passion. Vielleicht erwarten sie solche Geschehnisse als etwas Natürliches in meinem Fall, und ihre Erwartung ist gerechtfertigt, wogegen sie für die anderen Gegenstand des Spottes oder der Abgötterei wären. Ich, Maria Valtorta, versichere Ihnen, daß ich den Spott dem Kult meiner Person vorziehe. Dieser läßt mich einen unbeschreiblichen Unmut verspüren. Mir ist, wie wenn man mich auf einem Platz entkleiden und mich meiner kostbarsten Geheimnisse berauben wollte, und ich leide darunter. Der Spott der mich trifft, schmerzt mich weniger, wenn er nicht die Diktate beeinträchtigt und sie nicht als Verrücktheit und Schabernack hinzustellen versucht.

Doch über den mehr oder weniger aufrichtigen Wünschen vieler steht der Wille Gottes, oder, besser gesagt, die Güte Gottes, der auf seine arme Maria hört, die stets gebetet hat und immer zu beten fortfährt, indem sie spricht: «Siehe, hier ist dein Opfer. Alles geschehe nach deinem Willen, doch ich möchte keine äußeren Merkmale.» Ich selbst hätte mir nicht einmal diese Offenbarung Gottes gewünscht. Doch es war sein Wille, daß ich sein Sprachrohr wäre. Nun also, in Gottes Namen. Etwas anderes nicht, niemals. Alle diagnostizierbaren oder nicht diagnostizierbaren Krankheiten, die es gibt, weil die charakteristischen Merkmale fehlen, alle Leiden, die Jesus erlitten hat, will ich erleiden. Die Todesangst, die Jesus niedergebeugt hat ... doch er allein soll es wissen, Sie, mein Seelsorger und ich, und das genügt. Wenn ich aber während dieser Zeit der Passion Verehrer und Spötter enttäusche, weil ich nicht die "körperlich Leidende" bin, so kann ich Ihnen versichern, daß ich dennoch meine Passion erlebe. Schlimmer als die vermehrten körperlichen Leiden – durch Schläge und durch die Mühsal Golgathas, durch Kopfschmerzen, Zerren und Krämpfe in meinen Muskeln, Atemnot und Blutandrang, Durst und Fieber, und die durch diese Qualen verursachte Erschöpfung und Erregungen – ist meine eigentliche Passion, ist für mich stets das, was ich "mein Gethsemani" nenne, nämlich die in mir aufsteigende Verdunkelung, eine Finsternis voll von grauenerregenden Gestalten und Ängsten, Furcht und Schrecken vor der Zukunft und vor Gott... die Nähe des Hasses, während die Liebe mich verlassen hat. All das ist es, was schließlich zu Durst und Fieber, zu Bluttränen, Stöhnen und zur Erschöpfung bei mir führt. Ich kann Ihnen versichern, daß die Wucht dieser Qualen nicht geringer ist als das, was ich im letzten Jahr ertragen mußte, als Gott mich alleinließ. Fast möchte ich sagen, daß sie jetzt schlimmer sind, denn ich leide auch, obwohl Jesus bei mir ist. Ich hoffe, daß ich mich gut ausgedrückt habe. Doch manche Qualen kann man nicht beschreiben. Sie könnten auch falsch verstanden werden von einem Seelsorger, einem abgöttischen Verehrer, von einem Neugierigen, einem Gelehrten oder von einem Menschen, der über das Phänomen spottet. Die Gruppe der drei Letztgenannten sollte nur eine Stunde das durchmachen, was ich durchmachen muß... Auch die Verehrer, die mich vielleicht darum beneiden, sollten das durchstehen. Besser, sie fühlen es nicht... Die abgöttischen Verehrer würden weiß Gott wohin flüchten aus Angst vor einer weiteren Stunde dieser Art, und die Neugierigen, die Begierigen und die Spötter kämen so weit, Gott zu fluchen... Daher will ich mich unter das Joch beugen und trinke den bitteren Kelch... und mache weiter.

Herr, nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Siehe deine Dienerin und dein Opfer. Mir geschehe nach deinem Willen. Doch gib mir in deiner Güte die Kraft, leiden zu können und laß mich nicht allein. Bleibe bei mir, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt.

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Ich sehe:

Jesus betritt im Dämmerlicht eines Wintertages das Städtchen Doko und fragt einen vorübergehenden Frühaufsteher: «Wo wohnt Marianne, die alte Mutter, deren Schwiegertochter im Sterben liegt?»

«Marianne? Die Witwe von Levi? Die Schwiegermutter von Jerusa, der Frau des Josia?»

«Sie.»

«Schau, am Ende dieser Straße ist ein Platz. In einer Ecke dieses Platzes befindet sich ein Brunnen, und von dort gehen drei Wege aus. Nimm jenen, in dessen Mitte eine Palme steht und gehe noch hundert Schritte. Du wirst zu einem Graben gelangen. Folge diesem bis zur steinernen Brücke. Überquere sie. Du kommst zu einer überdeckten Gasse. Nimm diese. Sobald der Weg und die Überdachung aufhören, weil ein Platz sie ablöst, bist du am Ziel. Das Haus der Marianne ist durch die Jahre gelb geworden und bei den Ausgaben, die sie haben, können sie es nicht verputzen lassen. Du kannst nicht fehlgehen. Leb wohl. Kommst du von weit her?»

«Nicht so sehr.»

«Aber du bist Galiläer ?»

«Ja.»

«Doch diese? Kommst du zum Fest?»

«Es sind Freunde. Leb wohl. Der Friede sei mit dir!» Jesus läßt den Schwätzer, der nun keine Eile mehr hat, im Ungewissen. Er geht seines Weges und die Jünger folgen ihm.

Sie gelangen zum kleinen Platz, einer mit Schlamm bedeckten Fläche, in deren Mitte eine junge Eiche steht, die hier von selbst gewachsen und im Sommer vielleicht ganz angenehm ist. Jetzt läßt sie den Platz nur düster erscheinen, so dicht breitet sie sich über die armseligen Häuser aus, denen sie Licht und Sonne nimmt. Das Haus Mariannes ist das armseligste. Breit und niedrig, doch sehr vernachlässigt. Die Tür ist voll von Flicken über den abgesplitterten Brettern aus sehr altem Holz. Ein rahmenloses Fenster stellt ein dunkles Loch zur Schau, wie eine leere Augenhöhle.

Jesus klopft an die Tür. Ein etwa zehnjähriges Mädchen kommt heraus, bleich, ungekämmt und mit verweinten Augen.

«Bist du die Enkelin Mariannes ? Sag der alten Mutter, daß Jesus gekommen ist.»

Das Mädchen stößt einen Schrei aus und rennt laut rufend davon. Die Greisin kommt, gefolgt von sechs Kindern und dem Mädchen von vorhin. Das größte scheint ihr Zwillingsbruder zu sein. Die kleinsten, barfuß und schmächtig, hängen am Kleid der alten Frau, denn sie können noch kaum richtig gehen.

«Oh, du bist gekommen! Kinder, gebt dem Messias die Ehre! Du bist zur rechten Zeit in ein armes Haus gekommen. Meine Tochter liegt im

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Sterben... Weint nicht, Kinder, damit sie es nicht hört. Arme Kinder! Sie sind erschöpft von den Wachen. Ich mache alles, aber wachen kann ich nicht mehr. Ich falle vor Müdigkeit auf den Boden. Seit Monaten gehe ich nicht mehr zu Bett. Nun schlafe ich auf einem Stuhl, um bei ihr und den Kindern zu sein. Doch sie sind noch klein und leiden sehr. Die Buben gehen Holz sammeln, um Feuer zu haben, und verkaufen Holz für Brot. Sie gehen zugrunde... arme Enkelkinder! Doch was uns umbringt ist nicht so sehr die Arbeit, als zusehen zu müssen, wie sie stirbt. Weint nicht mehr! Jesus ist nun bei uns!»

«Ja, weint nicht! Die Mutter wird gesund werden, und der Vater wird zurückkehren. Dann werdet ihr nicht mehr so viele Ausgaben haben und Hunger leiden. Sind das die beiden Jüngsten?»

«Ja, Herr. Das schwache Geschöpf hat dreimal Zwillinge geboren... und nun ist ihre Brust krank.»

«Den einen zu viele, den anderen keine...», brummt Petrus in seinen Bart, nimmt einen Kleinen in die Arme und gibt ihm einen Apfel, um ihn zum Schweigen zu bringen, und da auch der andere einen will, stellt Petrus auch ihn zufrieden.

Jesus geht mit der alten Frau durch das Tor in den Hof und steigt mit ihr die Treppe hinauf, um dann in ein Zimmer zu treten, in dem eine junge, aber sehr abgemagerte Frau jammert. «Der Messias, Jerusa! Du wirst nicht mehr leiden müssen. Siehst du, er ist wirklich gekommen. Isaak lügt nie. Er hat es gesagt. Glaube nun, da er gekommen ist, daß er dich auch heilen kann.»

«Ja, gute Mutter. Ja, mein Herr. Aber wenn du mich nicht gesund machen kannst, so laß mich wenigstens sterben. Ich leide Qualen an meiner Brust. Die Münder, denen ich Milch gegeben, haben mir Schmerzen und Bitterkeit verursacht. Ich leide sehr, Herr, und verursache viele Ausgaben! Der Mann ist fern, um das Brot zu verdienen, die alte Mutter verbraucht sich. Ich sterbe... Was wird aus den Kindern werden, wenn ich an dieser Krankheit sterbe, und meine Mutter an den Sorgen und an der Arbeit ?»

«Für die Vögel sorgt Gott und auch für die kleinen Menschenkinder. Doch du wirst nicht sterben. Tut es dir hier sehr weh ?» fragt Jesus, indem er seine Hand auf die verbundene Brust legen will.

«Rühre mich nicht an. Vermehre meine Schmerzen nicht!» schreit die Kranke auf.

Doch Jesus legt seine schmale Hand behutsam auf die kranke Brust. «Deine Brust brennt und schmerzt dich wie Feuer, arme Jerusa. Die Mutterliebe ist dir zum Feuer in der Brust geworden. Doch du empfindest deshalb keinen Haß gegen deinen Mann und deine Kinder, nicht wahr?»

«Warum sollte ich? Er ist gut und hat mich immer geliebt. Mit weiser Liebe hat er mich geliebt, und die Liebe erblüht in unseren Geschöpfen,

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und sie... es bedrückt mich, sie verlassen zu müssen... aber Herr! Herr! Das Brennen hört auf! Mutter! Mutter! Es ist mir, als ob ein Engel die Luft des Himmels auf meine Qualen hauchte. Oh, welcher Friede! Nimm, o nimm deine Hand nicht weg, mein Herr! Lege sie fest darauf. Oh, welche Kraft! Welche Freude! Meine Kinder! Kommt her, meine Kinder! Ich will sie bei mir haben! Dina, Osias, Anna, Seba, Melchi, David, Judas! Kommt her, kommt her... Die Mutter muß nicht mehr sterben. Oh! ...» Die junge Frau kehrt sich auf dem Kissen um und weint vor Freude, während die Kinder herbeieilen und die Greisin niederkniet, und da sie in ihrer Freude zu nichts sonst fähig ist, stimmt sie den Lobgesang des Azarias im brennenden Feuerofen an; sie singt ihn zu Ende mit ihrer zitternden, von Tränen gerührten Greisenstimme.

«Ah, Herr! Was kann ich für dich tun? Ich habe nichts, um dich zu ehren!» sagt sie endlich.

Jesus hilft ihr beim Aufstehen und sagt: «Laß mich ein wenig von meiner Müdigkeit ausruhen. Erzähle niemandem etwas davon... Die Welt liebt mich nicht. Ich muß für einige Zeit weggehen. Von dir verlange ich Treue zu Gott und Schweigen, von dir, von der jungen Frau und von den Kindern.»

«Oh, habe keine Sorge! Niemand kommt zu den Armen. Du kannst hier bleiben und brauchst keine Angst haben, gesehen zu werden. Die Pharisäer, nicht wahr? Doch ich habe nur ein wenig Brot zu essen...»

Jesus ruft Iskariot herbei: «Nimm Geld und kaufe ein, was nötig ist. Wir wollen hier bei den guten Leuten essen und uns bis zum Abend ausruhen. Geh und schweige!» Dann wendet er sich an die Geheilte: «Nimm den Verband ab, steh auf, hilf der Mutter und freue dich. Gott hat dir aus Barmherzigkeit um deiner ehrlichen Tugenden willen seine Gunst erwiesen. Wir wollen das Brot zusammen brechen, denn heute ist der Herr, der Allerhöchste, in dein Haus eingekehrt, und das muß als wahres Fest gefeiert werden.»

Jesus geht hinaus und erreicht noch Judas, der gerade aufbrechen will. «Kaufe reichlich ein, damit sie auch in den nächsten Tagen genügend haben. Uns wird es bei Lazarus an nichts mangeln.»

«Ja, Meister, und wenn du erlaubst... ich habe auch eigenes Geld mitgenommen. Ich habe gelobt, es zu deiner Rettung vor den Feinden zu opfern. Ich werde es in Brot umwandeln. Besser in die Münder dieser Brüder Christi geben als in den Rachen des Tempels werfen. Erlaubst du? Gold war für mich immer die Schlange. Ich will diese Versuchung nicht mehr -, denn es geht mir recht gut, nun, da ich ein rechtschaffener Mensch bin. Ich fühle mich frei, und ich bin glücklich.»

«Mach, wie du willst, Judas, und der Herr gebe dir Frieden.»

Jesus begibt sich zu den Jüngern, während Judas weggeht, und alles ist zu Ende.

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174. IN BETHANIEN; IM HAUSE SIMONS DES ZELOTEN

Als Jesus den letzten Anstieg überwunden und die Hochebene erreicht hat, sieht er Bethanien in der klaren Dezembersonne vor sich liegen. Die kahle Winterlandschaft scheint weniger trostlos, und weniger düster erscheinen auch die dunklen Flecken der Zypressen, der Eichen und der Johannisbrotbäume, die sich da und dort erheben und Höflingen gleichen, die im Begriff sind, sich vor einer der sehr hohen Palmen zu verneigen, die wahrhaft königlich in den schönsten Gärten stehen.

Denn Bethanien hat nicht nur das schöne Haus des Lazarus, sondern auch andere Wohnsitze von Reichen, wahrscheinlich von Bürgern Jerusalems, die es vorziehen, hier in der Nähe ihrer Güter zu leben, und deren Häuser mit den gut gepflegten Gärten sich deutlich von den Häusern der Ortsbewohner unterscheiden. Es mutet fremd an, in einer solch gebirgigen Gegend die eine oder andere an den Orient erinnernde Palme zu sehen, mit ihrem schlanken Stamm und den starren, wehenden Büscheln von Blättern, hinter deren jadegrüner Farbe man instinktiv die gelbliche, endlose Wüste vermutet. Hier jedoch bilden die silbergrünen Ölbäume, die gepflügten Felder, die gerade noch frei vom geringsten Anzeichen keimenden Getreides sind, und die skelettartigen Obstbäume mit den dunklen Stämmen und den ineinander verschlungenen Ästen, die aussehen, als ob es sich unter höllischer Qualen windende Seelen wären, den Hintergrund.

Jesus sieht plötzlich einen der Diener des Lazarus, der als Wachtposten aufgestellt worden ist. Er grüßt ehrerbietig und bittet um Erlaubnis, der Herrschaft seine Ankunft mitteilen zu dürfen. Danach entfernt er sich rasch.

Derweil kommen Bauern und Bürger herbei, um den Rabbi zu begrüßen. An einer Lorbeerhecke, die mit ihrem duftenden Grün ein schönes Haus umgibt, zeigt sich eine junge Frau, die ganz gewiß keine Israelitin ist. Ihr Gewand oder, wenn ich mich recht an die Benennung erinnere, ihre Stola, die in ihrer Länge eine Schleppe bildet, ist sehr weit, aus weichster, ganz weißer Wolle, belebt durch einen auf griechische Art mit lebhaften Farben und Goldfäden gestickten Saum, und wird in der Taille von einem ebensolchen Gürtel gehalten. Die Kopfbedeckung besteht aus einem goldenen Netz, das eine komplizierte Haartracht zusammenhält, vorne alles kleine Löckchen, dann glatt, und im Nacken ein großer Knoten. Dies alles läßt mich an eine Römerin oder Griechin denken. Sie blickt neugierig herum, denn die Zurufe der Frauen und die Hosannarufe der Männer lassen sie aufmerksam werden. Doch sie hat nur ein verächtliches Lächeln, da sie sieht, daß die Leute einem einfachen Mann entgegengehen, der nicht einmal einen Esel hat und mit einigen Männern, die zu ihm passen, jedoch weniger interessant sind, daherkommt. Sie hebt nur die

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Schultern, macht eine gelangweilte Miene und entfernt sich, gefolgt von einer Schar bunter Stelzvögel, die sie an Stelle von Hunden begleiten. Es sind weiße Ibisse und bunte Flamingos, deren silberne Krönchen auf den Köpfen zittern, was der einzige Schmuck dieser prächtigen, rotgelb gefiederten Vögel ist.

Jesus blickt diese Frau einen Augenblick an, dann wendet er sich um, einen sehr alten Mann anzuhören, der keine so schwachen Beine haben möchte. Jesus streichelt und ermuntert ihn, Geduld zu haben, denn bald komme das Frühjahr und mit der warmen Aprilsonne werde er sich bestimmt kräftiger fühlen.

Da taucht Maximinus auf, der Lazarus um einige Schritte vorausgegangen ist. «Meister, Simon hat mir gesagt... daß du in sein Haus gehen willst... Das schmerzt Lazarus... aber man kann es begreifen...»

«Wir werden noch darüber reden. Oh, mein Freund!» Jesus geht eilends Lazarus entgegen, der ganz verlegen ist, und küßt ihn auf die Wange. Sie sind an einem kleinen Weg angelangt, der zu einem Häuschen führt, das zwischen den Obstgärten des Lazarus und anderen Gärten liegt.

«Willst du wirklich zu Simon gehen?»

«Ja, mein Freund. Ich habe alle meine Jünger bei mir und ziehe es vor...»

Lazarus verwindet diese Entscheidung schweigend. Er wendet sich nun nach der kleinen Menschenschar um, die ihnen nachgefolgt ist, und sagt: «Geht, der Meister braucht Ruhe!»

Hier sehe ich, wie mächtig Lazarus ist. Alle verneigen sich bei seinen Worten und ziehen sich zurück, während Jesus sie mit seinem sanften «Der Friede sei mit euch» grüßt und sagt: «Ich werde euch Bescheid geben, wann ich predigen werde.»

«Meister», sagt Lazarus, da sie allein sind und die Jünger sich mit Maximinus einige Meter hinter ihnen unterhalten, «Meister, Martha weint bittere Tränen, deshalb ist sie nicht gekommen. Sie wird später kommen. Ich weine nur im Herzen. Doch sagen wir: es ist richtig so. Wenn wir gewußt hätten, daß sie kommen würde... Sie kommt doch nie an den Festtagen... Ja, wann kommt sie schon? Ich behaupte, der Dämon hat sie wohl heute hierher geführt...»

«Der Dämon ? Warum nicht ihr Schutzengel auf Gottes Geheiß? Aber glaube mir, auch wenn sie nicht gekommen wäre, ich wäre trotzdem in das Haus Simons gegangen.»

«Warum mein Herr? Hättest du in meinem Haus nicht Frieden gefunden ?»

«So viel Friede, daß es mir nach dem Haus in Nazareth das liebste ist. Doch antworte mir: Warum hast du mir sagen lassen: "Geh weg vom Trügerischen Gewässer'?" Es ist wegen der sich anbahnenden Verfolgung. Ist

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es nicht so? Darum begebe ich mich auf die Ländereien von Lazarus, aber ich setze Lazarus nicht der Gefahr aus, in seinem Haus angegriffen zu werden. Glaubst du, daß sie dich respektieren würden? Um mich zu zertreten, würden sie sogar über die Bundeslade herfallen... Laß mich gewähren. Wenigstens für jetzt. Später werde ich kommen. Übrigens, niemand verbietet mir, bei dir zu speisen, und nichts hindert dich daran, zu mir zu kommen. Doch nun mache bekannt, daß ich im Haus eines meiner Jünger bin.»

«Bin ich denn kein Jünger?»

«Du bist der Freund und wegen deiner Hochherzigkeit mehr als Jünger. Es ist für die Bösen nicht dasselbe. Laß mich nur machen, Lazarus. Dieses Haus gehört dir... doch es ist nicht dein Haus, das schöne und prachtvolle Haus des Sohnes des Theophilus und dies ist für die Besserwisser von großer Bedeutung.»

«Du sagst das so... aber es ist... es ist ihretwegen! Ich war gerade daran mich durchzuringen, ihr zu vergeben... aber wenn sie dich zurückstößt, bei Gott, dann werde ich sie hassen...»

«Dann würdest du mich ganz verlieren! Laß diesen Gedanken sofort fallen, sofort, wenn du mich nicht augenblicklich verlieren willst... Da kommt Martha. Der Friede sei mit dir, meine gute Gastgeberin.»

«Oh, Herr!» Martha ist niedergekniet und weint. Sie hat den Schleier herabgelassen, der auf der mit einem Diadem hochgesteckten Haartracht befestigt war, um den anderen das von Tränen überströmte Gesicht zu verbergen. Doch vor Jesus denkt sie nicht daran, ihr Weinen zu verdecken.

«Warum diese Tränen? Wahrlich, diese Tränen sind vergeudet. Es gibt vieles, worüber man weinen kann, und vieles, um aus Tränen Kostbares zu machen. Aber aus diesem Grund zu weinen? Oh, Martha, es scheint, als ob du nicht mehr wüßtest, wer ich bin. Du mußt wissen, daß ich vom Menschen nur die Hülle habe. Das Herz ist göttlich und göttlich ist sein Schlag. Steh auf und komm ins Haus; und sie... laßt sie gewähren. Selbst wenn sie mich verhöhnen würde... laßt sie machen, sage ich euch. Es ist nicht sie. Es ist er; jener, der sie gefangen hält und aus ihr ein Werkzeug der Verwirrung macht. Aber hier ist einer, der stärker ist als ihr ]Beherrscher. Jetzt entscheidet sich der Kampf zwischen ihm und mir. Ihr aber betet, verzeiht, seid geduldig und hofft. Sonst nichts!»

Sie betreten das kleine Haus, das quadratisch und von einem Säulengang umgeben ist, der es größer erscheinen läßt. Es hat vier Zimmer, die durch einen kreuzförmigen Gang voneinander getrennt sind. Eine äußere Treppe führt nach oben, zum Säulengang, der hier allerdings einer größeren Terrasse gleicht, und zu einem großen Raum, der die gesamte Fläche des Hauses einnimmt. Er muß wohl früher als Vorratsraum gedient haben, ist aber nun ausgeräumt und gereinigt worden. Er ist vollkommen leer.

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Simon, der an der Seite eines alten Dieners steht, den er Joseph nennt, heißt die Gäste willkommen und sagt: «In diesem Raum könntest du zu den Menschen sprechen, oder man könnte hier die Mahlzeiten einnehmen... Wie du willst...»

«Wir werden darüber nachdenken. Geh also und sag den Leuten, daß sie nach der Mahlzeit nur kommen sollen. Ich will diese guten Menschen hier nicht enttäuschen.»

«Wohin soll ich sie weisen?»

«Hierher. Der Tag ist mild. Der Ort ist windgeschützt. Der Obstgarten nimmt jetzt, wo er kahl ist, keinen Schaden, wenn die Menschen hineingehen. Von dieser Terrasse aus will ich sprechen. Gehe nur.»

So bleibt nur Lazarus bei Jesus. Martha, unter dem Zwang, so viele Personen zu versorgen, ist nun wieder "die gute Gastgeberin" und arbeitet mit den Dienern und den Aposteln im Erdgeschoß, um alles für die Mahlzeit und die Ruhelager vorzubereiten.

Jesus legt einen Arm um die Schulter von Lazarus und führt ihn aus dem großen Raum hinaus, um auf der das Haus umgebenden Terrasse in der schönen Sonne zu wandeln, die den Tag angenehm macht. Von oben betrachtet er die arbeitenden Diener und Jünger und lächelt Martha zu, die ab und zu mit ihrem ernsten Gesicht, das nun nicht mehr so traurig ist, nach oben blickt. Jesus betrachtet auch das schöne Panorama, das den Ort umgibt und nennt Lazarus verschiedene Ortschaften und Personen. Plötzlich fragt er: «Also hat der Tod des Doras das Schlangennest aufgescheucht?»

«Oh, Meister! Nikodemus hat mir erzählt, daß es bei der Versammlung des Hohen Rates einen nie gesehenen Aufruhr gegeben hat.»

«Was habe ich dem Hohen Rat nur angetan, daß er sich so aufregen mußte? Doras ist von selbst, vor den Augen des Volkes, durch den Zorn des Herrn gestorben. Ich habe nicht erlaubt, daß dem Toten die Achtung versagt wurde. Also? ...»

«Du hast recht. Doch die anderen... sie sind wahnsinnig vor Angst... Und weißt du, sie haben gesagt, sie möchten dich bei einer Sünde ertappen, um dich zum Tod verurteilen zu können!»

«Oh, da kannst du beruhigt sein. Mit der Verurteilung müssen sie noch bis zur Stunde Gottes warten.»

«Aber Jesus, weißt du, von wem gesprochen wird? Weißt du, wozu die Pharisäer und Schriftgelehrten fähig sind? Kennst du die Gesinnung des Annas ? Weißt du, wer sein Helfer ist? Weißt du... doch was sage ich? Du weißt es! Daher ist es unnötig, dir zu sagen, daß sie ein Vergehen erfinden werden, um dich anzuklagen.»

«Sie haben es schon gefunden. Ich habe schon mehr getan, als nötig war. Ich habe mit Römern gesprochen, ich habe mit Sünderinnen gesprochen. Ja, mit Sünderinnen, Lazarus! Eine, blick mich nicht so erschrocken

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an, eine kommt immer, um mir zuzuhören, und sie haust in einem Stall deines Verwalters, auf meine Bitte hin; denn, um in meiner Nähe sein zu können, hat sie in einem Schweinestall Unterschlupf genommen.»

Lazarus ist vor Erstaunen zur Statue erstarrt. Er rührt sich nicht mehr. Er schaut Jesus an, als würde er einen ihn verwirrenden Fremden sehen. Jesus rüttelt ihn lächelnd. «Hast du den Teufel gesehen?» fragt er.

«Nein, ich habe die Barmherzigkeit gesehen. Aber ich verstehe. Die vom Hohen Rate verstehen aber nicht. Nein! Sie sagten, daß es eine Sünde sei. Es ist also wahr! Ich glaubte... Oh, was hast du getan!»

«Meine Pflicht, mein Recht, und meinem Wunsch gemäß habe ich versucht, eine gefallene Seele zu erlösen. Du siehst, daß deine Schwester nicht der erste gefallene Mensch sein wird, dem ich mich nähere und über den ich mich neige, und sie wird auch nicht der letzte sein. Im Schlamm will ich die Blumen säen und sie wachsen lassen: die Blumen des Guten.»

«O Gott, mein Gott! Aber... Oh, mein Meister! Du hast recht! Es ist dein Recht und deine Pflicht und dein Wunsch. Diese Hyänen aber verstehen das nicht. Sie sind Aas, daß sie den Duft der Lilien nicht wahrnehmen. Dort, wo sie blühen, riechen sie – jenes alles durchdringende Aas – nur Sünde, und merken nicht, daß dieser Geruch aus ihrem eigenen Pfuhl hervorkommt. Ich bitte dich, halte dich nicht mehr zu lange an einem Ort auf. Gehe einmal dahin, einmal dorthin, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, dich einzuholen. Sei wie ein nächtliches tanzendes Feuer, das behende über Blumen und Gräser hinweghuscht und in seiner verwirrenden Bewegung nicht zu erhaschen ist. Tu es! Nicht aus Feigheit, sondern aus Liebe zur Welt, die dich nötig hat, um sich zu heiligen. Die Verderbtheit nimmt zu; stelle ihr deine Heiligkeit entgegen. Hast du die neue Einwohnerin von Bethanien gesehen? Eine mit einem Juden verheiratete Römerin. Er ist gesetzestreu, doch sie ist Götzenanbeterin, und da sie nicht gut in Jerusalem leben konnte, weil die Nachbarn sich wegen ihrer Tiere beklagten, so ist sie hierher gekommen. Voller Tiere, die für uns unrein sind, ist ihr Haus, und die Unreinste ist sie selbst; denn sie verlacht uns, und dies mit einer Dreistigkeit... Doch ich darf nicht kritisieren, denn... Aber während man in mein Haus keinen Fuß mehr setzt, weil Maria mit ihrer Sünde auf ihm und der ganzen Familie lastet, geht man in das Haus der Römerin. Sie genießt die Gunst von Pontius Pilatus und lebt ohne Ehemann. Er ist in Jerusalem, sie hier. So heuchelt man vor, sich durch das Betreten des Hauses nicht zu entweihen und daran nichts Anstößiges zu sehen. Scheinheiligkeit! Bis zum Hals stecken sie in dieser Heuchelei, und bald werden sie daran ersticken. Jeder Sabbat ist Tag der Feste... Auch Männer des Hohen Rates nehmen daran teil. Ein Sohn des Annas ist der eifrigste.»

«Ich habe sie gesehen. Laß sie und die anderen machen! Wenn ein Arzt eine Arznei zubereitet, mischt er die Substanzen mit Wasser, und das

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Wasser wird trüb. Doch dann setzen sich die unlöslichen Teilchen, und das Wasser wird wieder klar, ist aber gesättigt vom Wirkstoff dieser heilsamen Substanzen. So ist es auch hier. Alles wird vermischt, und ich arbeite mit allen. Später werden die toten Teile ausgeschieden und fortgeworfen werden und die anderen, lebenden, bleiben aktiv im großen Meer des Volkes Jesu Christi. Laßt uns hinuntergehen. Man ruft uns.»

... Und die Vision beginnt wieder, als Jesus aufs neue zur Terrasse hinaufsteigt, um zu den Menschen von Bethanien und den umliegenden Ortschaften zu sprechen, die sich bereits versammelt haben.

«Der Friede sei mit euch!

Selbst wenn ich schweigen würde, brächten euch die Winde Gottes die Worte meiner Liebe und die der Gehässigkeit anderer. Ich weiß den Grund, weshalb ihr so erregt seid: es ist euch nicht unbekannt, warum ich hier unter euch weile. Doch freut euch mit mir und preist den Herrn, der das Böse dazu benützt, um seinen Kindern eine Freude zu bereiten, denn er führt unter dem Stachel des Bösen sein Lamm unter die Lämmer zurück, um es in Sicherheit vor den Wölfen zu bringen.

Seht, wie gut der Herr ist! Wie Flüsse ins Meer, so gelangten ein Strom und ein Bach zu mir, wo ich wohnte: ein Strom liebender Zuneigung und ein Bach tödlichen Hasses. Ersterer war eure Liebe, angefangen bei Lazarus und Martha bis zum Letzten des Ortes; der Bach war der ungerechte Groll jener, die der Einladung der Güte Gottes nicht zu folgen vermögen und ihn deswegen des Verbrechens beschuldigen. Und der Strom sagte: "Komm zurück zu uns. Unsere Wellen umgeben dich, schützen dich, verteidigen dich. Sie sollen dir alles geben, was dir die Welt verweigert. Der böse Bach ist gefährlich, er wollte dich mit seinem Gifte töten. Doch was ist ein Bach im Vergleich zu einem Strom, und was ist ein Strom im Vergleich zu einem Meer? Nichts!" Und zu einem Nichts ist das Gift des Baches geworden, weil der Strom eurer Liebe ihm überlegen war, und ins Meer meiner Liebe hat sich nur eure holde Liebe ergossen. Das Gift des Hasses hat sogar bewirkt, daß es mich zu euch geführt hat. Preisen wir den höchsten Herrn dafür.»

Durch die friedliche Stille erschallen kraftvoll seine Worte, die er durch Gebärden unterstreicht. Jesus steht mit seiner schönen Gestalt in der Sonne und lächelt von der Terrasse herab.

Unten hört ihm das Volk selig zu: ein Blütenbeet von erhobenen Gesichtern, die dem Wohlklang seiner Stimme zulächeln. Lazarus ist in Jesu Nähe, wie auch Simon und Johannes. Die anderen haben sich unter die Menschenmenge gemischt. Martha ist auf die Terrasse gestiegen und hat sich zu Füßen Jesu niedergelassen. Sie schaut nach ihrem Haus, das hinter dem Garten zu sehen ist.

«Die Welt gehört den Bösen; das Paradies den Guten. Das ist die Wahrheit und die Verheißung, und darauf gründe sich eure sichere Kraft.

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Die Welt ist vergänglich, das Paradies vergeht nicht. Wenn einer gut ist, wird er es erwerben und in Ewigkeit besitzen. Also? Weshalb sich darüber aufregen, was die Bösen tun? Erinnert ihr euch an die Klagen des Job? Es sind die ewigen Klagen der Guten und Unterdrückten, weil das Fleisch immer klagt; doch es sollte nicht klagen, und je mehr es unterdrückt wird, um so mehr müßte es sich mit den Flügeln der Seele im Jubel zum Herrn erheben.

Glaubt ihr, daß jene glücklich sind, die glücklich scheinen? Sie haben auf erlaubte und mehr noch auf unerlaubte Weise ihre Scheunen gefüllt; die Weinfässer sind voll und die Ölkrüge laufen über. Nein! Ihre Nahrung riecht nach Blut und Tränen ihrer Mitmenschen, und ihr Lager kommt ihnen wie mit Dornen gefüllt vor; so sehr verspüren sie die Heftigkeit ihrer Gewissensbisse. Sie betrügen die Armen und berauben die Waisen. Sie bestehlen den Nächsten, um Schätze anzuhäufen, und unterdrücken jene, die ihnen an Macht und Verderbtheit unterlegen sind. Das tut nichts. Laßt sie machen. Ihr Reich ist von dieser Welt. Bei ihrem Tode, was bleibt ihnen da? Nichts. Wenn man nicht die Anhäufung der Schuld Schatz nennen will, die sie mit sich tragen und Gott vorweisen müssen... Laßt sie gewähren. Sie sind die Kinder der Finsternis, die sich gegen das Licht auflehnen und seinem leuchtenden Pfad nicht zu folgen vermögen. Wenn Gott den Morgenstern erstrahlen läßt, dann nennen sie ihn Schatten des Todes, halten ihn für unrein und ziehen es vor, im schmutzigen Schein ihres Goldes und ihres Hasses zu wandeln, die nur flackern, weil die Dinge der Hölle vom Phosphor der ewigen Seen der Verdammnis leuchten...»

«Meine Schwester, Jesus! ... Oh!» Lazarus hat Maria entdeckt, die hinter einer Hecke des Obstgartens dahinschleicht, um so nah als möglich heranzukommen. Sie geht gebückt. Doch ihre blonden Haare glänzen wie Gold vor dem dunklen Buchsbaum im Hintergrund.

Martha will sich erheben, doch Jesus legt eine Hand auf ihren Scheitel, und sie ist gezwungen zu bleiben, wo sie ist. Jesus erhebt seine Stimme noch mehr:

«Was ist über diese Unglücklichen zu sagen? Gott hat ihnen Zeit zur Buße gegeben, und sie mißbrauchen sie, um zu sündigen. Aber Gott verliert sie nicht aus den Augen, auch wenn es so scheinen mag; die Stunde kommt, da entweder die Liebe Gottes wie ein Blitz, der auch in den Stein einschlägt, ihr hartes Herz sprengt, oder die Summe ihrer Missetaten die Flut ihres Schlammes bis zu ihrer Kehle und Nase trägt... da sie beginnen, die Widerlichkeit jenes Geruches und Gestankes wahrzunehmen, von dem ihr Herz angefüllt ist, und der die anderen anwidert. Es kommt der Augenblick, da sie selbst Ekel empfinden und in ihnen der Wunsch nach dem Guten aufsteigt, und ihre Seele schreit auf: "Ach, könnte ich doch zurückkehren in jene Zeit von damals, als ich in der Freundschaft Gottes war! Als sein Licht in meinem Herzen leuchtete, und ich in seinem Schein

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wandelte. Als vor meiner Gerechtigkeit die Welt bewundernd verstummte, und alle, die mich sahen, mich selig priesen. Die Welt trank mein Lächeln, und meine Worte wurden angenommen wie die Worte eines Engels, und das Herz meiner Angehörigen hüpfte voller Stolz. Jetzt, was ist aus mir geworden? Spott der Jugend, Greuel der Alten. Ich bin der Gegenstand ihrer Spottlieder, und der Auswurf ihrer Verachtung zerfurcht mein Antlitz ... "

Ja, so spricht in gewissen Stunden die Seele des Sünders, des wahren Job; denn es gibt kein größeres Elend als dieses, auf ewig die Freundschaft Gottes und sein Reich verloren zu haben. Sie müssen bemitleidet werden! Nur Erbarmen sollen wir für sie empfinden. Es sind arme Seelen, die durch Müßiggang oder Leichtfertigkeit den ewigen Bräutigam verloren haben. "Bei Nacht auf meinem Lager suchte ich den Liebsten meiner Seele und fand ihn nicht." (HI 3,1). In der Finsternis kann man den Bräutigam nicht erkennen, und die zur Liebe getriebene Seele irrt umher, denn sie ist umgeben von geistiger Finsternis und sucht und will Trost in ihrer Qual finden. Sie glaubt, ihn in irgendeiner Liebe zu finden... Nein! Einer nur ist der Geliebte der Seele: Gott! Sie gehen, jene Seelen, von der Liebe Gottes getrieben, und suchen Liebe. Es genügte, das innere Licht zu wollen, und sie hätten den Liebsten als Gefährten. Sie gehen wie Kranke umher und suchen Liebe und finden Liebeleien und schmutzige Bindungen, die die Menschen als Liebe bezeichnen. Aber sie finden die Liebe nicht; denn Liebe, das ist Gott, und nicht das Gold, nicht die Sinnenlust, nicht die Macht.

Arme, arme Seelen! Wären sie weniger müßig gewesen, dann hätten sie sich schon beim ersten Ruf des ewigen Bräutigams zu Gott erhoben, der sagt: "Folge mir", und weiterhin sagt: "Öffne mir" ' und sie wären nicht soweit gekommen, die Türe erst zu öffnen, als der enttäuschte Bräutigam bereits weg war. Sie hätten den heiligen Drang und das Bedürfnis nach Liebe nicht geschändet und in den Schmutz gezogen, der selbst dem unreinen Tier Abscheu verursacht, weil eine solche Liebe in ihrer Sinnlosigkeit keine Blumen hervorbringt, sondern nur stechende Disteln, und ohne Krönung verbleibt. Sie hätten nicht die Verachtung der Gesetzeswächter und aller anderen erfahren müssen, die, wie Gott, doch aus entgegengesetzten Gründen, den Sünder nicht aus den Augen verlieren, ihn jedoch bloßstellen, verhöhnen und tadeln.

Arme gefolterte Seelen, entblößt, gequält und verwundet von jedermann. Gott allein beteiligt sich nicht an einer solchen Steinigung. Er läßt seinen Tränen freien Lauf, um die Wunden zu heilen und sein Geschöpf, das immer sein Geschöpf bleibt, wieder mit einem diamantenen Gewand zu bekleiden. Nur Gott... und die Kinder Gottes im Vater. Preisen wir den Herrn! Er hat gewollt, daß ich der Sünder wegen hierher komme, um euch zu sagen: "Verzeiht! Verzeiht jederzeit! Macht aus jedem Übel etwas

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Gutes. Macht aus jeder Beleidigung eine Gnade." Ich sage euch nicht allein "macht", ich sage: "Ahmt mich nach." Ich liebe und segne meine Feinde; denn ihretwegen habe ich zu euch, meine Freunde, zurückkehren können. Der Friede sei mit euch allen!»

Die Leute winken Jesus mit Schleiern und Zweigen und entfernen sich langsam.

«Haben sie wohl jene Unverschämte gesehen?»

«Nein, Lazarus. Sie war hinter der Hecke und gut verborgen. Nur wir konnten sie von oben her sehen, die anderen nicht.»

«Sie hatte uns versprochen...»

«Warum hätte sie nicht kommen sollen? Ist nicht auch sie eine Tochter Abrahams? Ich verlange von euch, Geschwister, und von euch, meinen Jüngern, den Schwur, sie nichts merken zu lassen. Laßt sie nur machen. Wird sie mich verspotten? Laßt sie es tun. Wird sie weinen? Laßt sie machen. Wird sie fliehen? Laßt sie es tun. Das ist das Geheimnis des Erlösers und der Erlöser: Geduld, Güte, Beharrlichkeit und Gebet. Nichts weiter. Jede Handlung ist zuviel bei gewissen Krankheiten... Gott befohlen, Freunde! Ich bleibe, um zu beten. Es gehe ein jeder seiner Pflicht nach. Gott möge euch begleiten.»

Alles endet.

175. DAS LICHTERFEST IM HAUSE DES LAZARUS IN ANWESENHEIT DER HIRTEN

Das an sich schon prächtige Haus des Lazarus ist an diesem Abend herrlich geschmückt. Es scheint zu brennen wegen der großen Zahl der angezündeten Lichter, und das Licht ergießt sich an diesem Beginn der Nacht von den Sälen in die Vorhalle und aus dieser zum Säulengang. Es taucht den Kies der Wege, die Pflanzen und die Gewächse der Beete in Gold und steht im Wettstreit mit dem Mondschein, den es für einige Meter besiegt, während in einer weiteren Entfernung alles engelgleich erscheint im Gewand aus reinem Silber, das der Mond auf alles wirft.

Auch die Stille, die den herrlichen Garten einhüllt, in dem man nur das harfenklangähnliche Plätschern im Fischteich hört, scheint die Sammlung und den paradiesischen Frieden dieser Mondnacht zu vermehren, während sich im Hause zahlreiche fröhliche Stimmen mit den Geräuschen hin- und hergeschobener Möbel und des auf den Tisch gestellten Geschirrs mischen, um daran zu erinnern, daß der Mensch immer noch Mensch und noch nicht Geist ist.

Martha bewegt sich flink in ihrem weiten, herrlichen und züchtigen Gewand von rotvioletter Farbe. Sie gleicht einer Blume, einer schönen

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Glockenblume oder einem Schmetterling, der sich vor den purpurnen Wänden der Vorhalle oder vor jenen feingemusterten des Speisesaals bewegt, die mit ihren winzigen Verzierungen einem Teppich ähneln.

Jesus jedoch wandelt allein und in Gedanken neben dem Fischteich und wird abwechselnd vom dunklen Schatten eines Lorbeerbaumes, eines Baumriesen, eingehüllt und vom phosphoreszierenden Mondlicht, das immer heller wird, angestrahlt. So lebhaft ist der Strahl des Brunnens, daß er wie eine silberne Feder aussieht, die sich dann in Brillantsplitter zerteilt, die auf die stille, silberne Wasserfläche des Teiches fallen, um sich darin zu verlieren. Jesus betrachtet dieses Spiel und lauscht dem Plätschern des Wassers in der Nacht. Sein Klang ist so melodisch, daß sich eine Nachtigall im dichten Lorbeer einmischt und dem langsamen Harfenklang der Tropfen mit einem hellen Flötenton antwortet, dann innehält, als ob sie den richtigen Ton finden wolle, um sich dem Akkord des Wassers anzupassen, und endlich als Königin des Gesangs ihren vollkommenen, melodiösen, modulierten Hymnus der Freude anstimmt.

Jesus ist stehengeblieben, um nicht mit dem Geräusch seiner Schritte die friedliche Freude der Nachtigall, und ich glaube auch seine eigene, zu stören, denn er lächelt mit geneigtem Haupte ein Lächeln wahrer, heiterer Freude. Als die Nachtigall aufhört zu singen nach einer derart reinen, angehaltenen und modulierten Note, daß ich sehr staunen muß, wie in einer so winzig kleinen Kehle so melodische Kunst erzeugt werden kann, ruft Jesus aus: «Sei gepriesen, heiliger Vater, für diesen vollendeten Gesang und für die Freude, die du mir geschenkt hast», und er nimmt den langsamen Spaziergang wieder auf, ganz erfüllt von einer Betrachtung, deren Tiefgründigkeit man wohl nicht zu ermessen vermag.

Simon holt ihn ein: «Meister, Lazarus bittet dich, zu kommen. Alles ist bereit!»

«Laßt uns gehen. So möge auch der letzte Zweifel fallen, daß ich ihn Marias wegen weniger liebe.»

«Wie viele Tränen, Meister! Nur dein geheimes Wunder hat diesen Schmerz lindern können. Aber weißt du nicht, daß Lazarus daran war, zu fliehen, nachdem sie bei ihrer Rückkehr das Haus verließ und sagte, daß sie die Gräber mit der Lust eintauschen wolle und andere Unverschämtheiten mehr? Ich habe ihn mit Martha beschworen, es nicht zu tun, auch weil man die Reaktion eines Menschenherzens nie voraussehen kann. Hätte er sie gefunden, ich glaube, er hätte sie ein für allemal bestraft. Er hätte zumindest ihr Stillschweigen über dich verlangt.»

«Und das sofortige Wunder an ihr», beendet Jesus den Satz. «Ich hätte es wirken können. Aber ich will keine erzwungene Auferstehung der Herzen. Ich werde den Tod bezwingen, und er wird mir seine Beute zurückgeben, denn ich bin der Herr über Leben und Tod. Die Seelen jedoch, die nicht eine leblose Masse, die auch ohne Odem, aber unsterbliche Wesen

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sind, fähig, durch ihren eigenen Willen wieder aufzuerstehen.... sie zwinge ich nicht zur Auferstehung. Ich gebe den ersten Mahnruf und die erste Hilfe, wie einer, der ein Grab öffnet, in dem ein bereits halbtoter Mensch eingeschlossen wäre, der sterben müßte, wenn er lange im erstickenden Dunkel bliebe. Ich lasse Luft und Licht eintreten und warte. Wenn die Seele willens ist herauszukommen, dann kommt sie. Wenn nicht, dann sinkt sie immer tiefer. 1) Aber wenn sie kommt! Oh, wenn sie kommt, wahrlich, ich sage euch, niemand wird größer sein als der im Geist Auferstandene. Nur die vollkommene Unschuld ist größer als dieser Tote, der wieder aufersteht durch die Kraft seiner eigenen Liebe und weil Gott ihn beglückt. Das sind meine größten Triumphe.

Betrachte den Himmel, Simon. Du siehst an ihm große und kleine Sterne und Planeten von verschiedener Größe. Alle haben Leben und Glanz durch Gott, der sie erschaffen hat, und durch die Sonne, die sie beleuchtet. Doch nicht alle sind gleich groß und gleich prächtig. Auch in meinem Himmel wird es so sein. Alle Erlösten werden durch mich das Leben haben und durch mein Licht erglänzen. Doch nicht alle werden gleich prächtig und gleich groß sein. Einige werden ein einfacher Sternenstaub sein, wie in der Milchstraße, und diese sind unzählig. Es sind jene, die von Christus nur das unerläßliche Minimum erreicht oder erstrebt haben, um nicht verdammt zu werden. Sie sind nur durch die unendliche Barmherzigkeit Gottes und nach einem langen Fegefeuer in den Himmel gelangt. Andere werden strahlender und vollendeter sein: die Gerechten, die ihren Willen, beachte: Willen, und nicht guten Willen, mit dem Willen Christi vereinigt und meinen Worten gehorcht haben, um sich nicht der Verdammnis auszusetzen. Dann wird es die Planeten geben, die Seelen guten Willens! Oh, prachtvoll! Sie erstrahlen im Licht der reinsten Diamanten oder im Glanz der verschiedensten Farben: im Rot der Rubine, im Violett der Amethyste, im goldenen Gelb des Topas, im leuchtenden Weiß der Perlen; es sind die Liebenden aus Liebe bis zum Tod, die Bußfertigen aus Liebe, die aus Liebe Wirkenden und die ganz Reinen aus Liebe. Einige dieser Planeten, in allen Schattierungen des Rubins, des Amethyst, des Topas und der Perlen, werden mein Ruhm als Erlöser sein, weil sie alles sein werden aus Liebe. Sie werden heldenhaft sein und es wird ihnen gelingen, einander zu verzeihen, daß sie nicht bereits früher zu lieben imstande waren; bußfertig zu sein, um sich an der Sühne zu sättigen, wie Esther, die sich in Wohlgerüche hüllte bevor sie sich Achaschwerosch vorstellte; Büßer, die unermüdlich nachholen wollen in der kurzen Zeit, die ihnen

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1) Dieses Gespräch verlangt ein betrachtendes, sehr aufmerksames Lesen, weil es die Zusammenfassung dessen ist, was in vielen Abschnitten durch das ganze Werk hindurch, über das Wirken Gottes im Menschen und über den guten Willen und die Liebe des Menschen zu Gott ausgesagt wird.

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noch verbleibt, um zu ersetzen, was sie in den Jahren, die sie in der Sünde verloren haben, unterlassen hatten; Reine bis zum Heldentum, die vergessen, daß sie neben Seele und Geist im eigenen Leibe ein Sinnesorgan haben. Sie sind es, die mit ihrem vielfältigen Glanz die Augen der Gläubigen, der Reinen, der Büßer, der Märtyrer, der Helden, der Asketen und der Sünder auf sich ziehen werden; und für diese alle wird ihr Leuchten Aussage, Antwort, Einladung und Gewähr sein. Doch laßt uns gehen. Wir reden, und dort warten sie auf uns.»

«Ja, wenn du sprichst, vergißt man, daß man noch lebt. Kann ich dies alles Lazarus berichten? Mir scheint, es liegt ein Versprechen in diesen Worten...»

«Du mußt es sogar sagen! Das Wort des Freundes kann sich auf ihre Wunde legen, so werden sie sich nicht schämen, vor mir errötet zu sein. Wir haben dich warten lassen, Martha. Aber ich sprach mit Simon von Sternen, und wir haben darob die Lichter hier vergessen. Dein Haus ist heute abend wahrlich ein Sternenhimmel.»

«Nicht nur für uns und für die Diener, auch für dich und die Gäste, deine Freunde, haben wir die Lichter angezündet. Hab Dank, daß du zum letzten Abend gekommen bist. Nun ist es ein wahres Fest der Reinigung...»

Martha möchte noch mehr sagen, doch sie fühlt Tränen in sich aufsteigen und schweigt.

«Friede sei mit euch allen», sagt Jesus beim Eintreten in die Vorhalle, die von den überall aufgestellten silbernen Leuchtern erstrahlt.

Lazarus kommt lächelnd: «Friede und Segen dir, Meister, und viele Jahre heiliger Glückseligkeit.» Sie küssen sich. «Einige unserer Freunde haben mir gesagt, daß du geboren wurdest, während Bethlehem in einem fernen Lichtermeer erstrahlte. Wir freuen uns alle, dich heute abend bei uns zu haben. Fragst du nicht, wer die Freunde sind?»

«Ich habe keine anderen Freunde außer den Jüngern, den treuen Freunden von Bethanien, es wären denn die Hirten. So sind es also die letzteren. Sind sie gekommen? Woher? Warum?»

«Um dich, unseren Messias, anzubeten! Wir haben es von Jonathan erfahren, und wir sind hier mit unseren Herden, die in den Ställen von Lazarus untergebracht sind, und mit unseren Herzen, jetzt und immer zu deinen heiligen Füßen.» Isaak hat für Elias, Levi, Joseph und Jonathan gesprochen, die sich alle zu Jesu Füßen niedergeworfen haben. Jonathan im weichen Gewand des vom Herrn geschätzten Verwalters, Isaak in jenem des unermüdlichen Pilgers aus grober, dunkelbrauner, wasserdichter Wolle, Levi, Joseph und Elias in Gewändern, die ihnen Lazarus gegeben hat, frisch und sauber, um sich an den Tisch setzen zu können, ohne ihre armen, zerrissenen und nach Herde riechenden Gewänder tragen zu müssen.

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«Deshalb habt ihr mich in den Garten geschickt? Gott segne euch alle! Nun fehlt nur die Mutter zu meinem Glück. Steht auf, steht auf! Es ist mein erstes Geburtstagsfest, das ich ohne meine Mutter verbringe. Doch eure Gegenwart ist mir ein Trost in meiner Traurigkeit und Sehnsucht nach ihrem Kusse.»

Alle betreten nun den Speisesaal. Hier sind die Leuchter meist aus Gold, und das Metall funkelt im Schein der Flammen, und die Flammen leuchten noch strahlender durch den Widerschein des vielen Goldes. Die Tafel ist U-förmig aufgestellt worden, um so viele Menschen unterbringen und bedienen zu können, ohne die Bewegungen des Küchenmeisters und der Diener zu behindern. Außer Lazarus sind die Apostel, die Hirten und Maximinus sowie der alte Diener des Simon anwesend.

Martha überwacht die Anordnung der Plätze und möchte stehen bleiben.

Doch Jesus drängt sie: «Heute bist du nicht die Gastgeberin, sondern die Schwester, und du wirst dich setzen, als wärest du mir blutsverwandt. Wir sind eine Familie. Die Regeln sollen fallen, um der Liebe Platz zu machen. Hier an meiner Seite ist dein Platz und neben dir Johannes! Ich mit Lazarus. Doch gebt mir eine Lampe. Zwischen mir und Martha soll ein Licht, eine Flamme wachen: für die Abwesenden und dennoch Anwesenden, für die von uns Geliebten, die Erwarteten, die teuren Frauen nah und fern. Für alle! Die Flamme spricht Worte des Lichtes. Die Liebe hat flammende Worte, und diese Worte gehen in die Ferne auf den körperlosen Wellen der Seelen, die sich jederzeit jenseits von Bergen und Meeren wieder begegnen, um Küsse und Segnungen zu bringen... Alles bringen sie. Ist es vielleicht nicht wahr?»

Martha stellt die Lampe hin, wo Jesus sie wünscht, an einen Platz, der leer bleibt... und Martha versteht, neigt sich, um die Hand Jesu zu küssen, die sich dann segnend und tröstend auf ihr braunes Haupt legt.

Die Mahlzeit beginnt. Drei der Hirten sind anfänglich etwas befangen, während Isaak schon sicherer ist und Jonathan keinerlei Verlegenheit zeigt, doch sie werden immer gelöster, je weiter die Mahlzeit vorangeht, und nachdem sie zuerst geschwiegen haben, beginnen sie nun zu reden. Wovon sollten sie schon reden, wenn nicht von ihren Erinnerungen?

«Wir hatten uns eben zurückgezogen», sagt Levi, «und ich fror so sehr, daß ich mich bei den Schafen verkrochen hatte und vor Sehnsucht nach der Mutter weinte...»

«Ich dachte an die junge Mutter, der ich kurz zuvor begegnet war, und fragte mich: "Wird sie wohl eine Unterkunft gefunden haben?" Wenn ich es gewußt hätte, daß sie in einem Stall war... in unsere Scheune hätte ich sie begleitet! Sie war so lieblich: eine Lilie unserer Täler, und es wäre mir wie eine Beleidigung vorgekommen, zu sagen: "Komm zu uns!" Doch ich dachte an sie... und ich verspürte die Kälte noch mehr, wenn ich

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dachte, daß sie sehr darunter leiden mußte. Erinnerst du dich an das Licht jenes Abends und an deine Angst?»

«Ja, aber dann... der Engel! Oh!» Levi lächelt bei dieser Erinnerung etwas träumerisch.

«Oh, hört zu, Freunde! Wir wissen nur wenig und dieses nur ungenau. Wir haben von Engeln reden hören, von Krippen, Herden und Bethlehem, wir wissen von Jesus, daß er Galiläer und Zimmermann ist... Es ist nicht recht, daß wir nichts darüber wissen. Ich habe den Meister beim "Trügerischen Gewässer" gefragt; doch es wurde von anderem geredet. Dieser da, der es weiß, hat mir nichts gesagt. Ja, ich spreche von dir, Johannes des Zebedäus. Schöne Achtung hast du vor den Älteren. Du willst alles für dich behalten, und mich läßt du als den Jünger "Dummkopf" heranwachsen. Bin ich nicht schon dumm genug?»

Sie lachen alle über den Unwillen des guten Petrus. Doch dieser wendet sich an seinen Meister: «Sie lachen, doch ich habe recht», und dann wendet er sich an Bartholomäus, Philippus, Matthäus, Thomas, Jakobus und Andreas: «Los, verlangt es auch, protestiert mit mir! Warum wissen wir von nichts ?»

«Wahrlich... Wo wart ihr, als Jonas starb? Wo im Libanon?»

«Du hast recht. Aber Jonas... ich wenigstens habe geglaubt, es sei ein Fieberwahn des Sterbenden... und im Libanon, nun da war ich müde und schläfrig. Verzeih, Meister, aber es ist die Wahrheit.»

«Es wird die Wahrheit so vieler sein! Die Welt der Evangelisierten wird dem ewigen Richter oft so antworten, um trotz der Belehrungen durch meine Apostel, ihre Unwissenheit zu entschuldigen... ja, sie wird antworten, was auch du sagst: "Ich glaubte, er würde im Fieberwahn sprechen... Ich war müde und schläfrig..." Oft werden sie die Wahrheit nicht annehmen, weil sie mit Wahnideen verwechselt wird, und sie werden sich der Wahrheit nicht erinnern, weil sie müde und schläfrig sind, vieler unnützer Dinge und vergänglicher Nichtigkeiten wegen, und sogar sündhafter Dinge wegen. Eines allein ist notwendig: Gott zu kennen!»

«Jetzt aber, da du uns gesagt hast, was gut ist, erzähle die Dinge, wie sie gewesen sind: deinem Petrus; dann werde ich es den Leuten sagen. Wenn nicht, so habe ich dich gefragt: was soll ich erzählen? Die Vergangenheit kenne ich nicht, die Prophezeiungen und die Schrift kann ich nicht erklären, die Zukunft? ... Oh, ich Armer! Was verkünde ich also?»

«Ja, Meister, bitte, damit auch wir es wissen... Wir wissen, daß du der Messias bist, und glauben es. Aber wenigstens für meinen Teil hatte ich einige Mühe, anzunehmen, daß aus Nazareth Gutes kommen könnte. Warum hast du mir nicht sofort über deine Vergangenheit Bescheid gesagt?» fragt Bartholomäus.

«Um deinen Glauben und die Ungetrübtheit deines Geistes zu prüfen. Doch nun werde ich davon erzählen, ja, wir werden von meiner

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Vergangenheit reden. Ich werde sogar sagen, was auch die Hirten nicht wissen, und sie werden erzählen, was sie gesehen haben. Ihr werdet den Eintritt d

Christus ins Leben auf dieser Erde kennenlernen.

Höret also: Nachdem die Zeit des Heils gekommen war, bereitete Gott seine Jungfrau vor. Ihr werdet begreifen, daß Gott sich nicht dort niederlassen konnte, wo Satan sein unauslöschliches Siegel gesetzt hatte. Deshalb bewirkte die Allmacht, daß sein künftiger Tabernakel ohne Makel sei, und Maria wurde, entgegen den allgemeinen Regeln des Zeugens, von zwei Gerechten in hohem Alter gezeugt und ohne Makel empfangen. Wer legte die Seele in das embryonale Fleisch, das den welken Schoß Annas des Aaron, meiner Großmutter, verjüngte? Du, Levi, hast den Erzengel aller Verkündigungen gesehen. Du kannst sagen: Er ist es, denn die "Kraft Gottes" war immer der Siegreiche, der die Freudenbotschaft den Gerechten und Propheten verkündete. Der Unbezwingbare, an dem selbst die größte Kraft Satans wie ein dürrer Mooshalm zerbrach; der Geistvolle, der mit scharfer, leuchtender Intelligenz die Hinterlist des anderen, doch böswilligen, Intelligenten, zunichte machte und den Befehl Gottes unverzüglich ausführte.

Mit einem Freudenruf empfing der Verkünder, der die Erdenwege kannte, da er bereits mehrmals herabgestiegen war, um mit den Propheten zu sprechen, vom göttlichen Feuer den unversehrten Funken: die Seele des Ewigen Mädchens, und schloß ihn ein in einen Kreis von Engelsflammen, die seiner geistigen Liebe entsprangen, und brachte ihn zur Erde in ein Haus, in einen Schoß. Von diesem Augenblick an hatte die Welt eine Seele, die stets Gott anbetete, und Gott konnte von jener Stunde an ohne Widerwillen auf einen Punkt der Erde schauen. So wurde ein Menschenkind geboren: die Geliebte Gottes und der Engel, die Gottgeweihte, die heiligmäßig von den Eltern Geliebte. "Abel opferte Gott die Erstlinge seiner Herde" (Gen 4,1-4). Oh, wahrlich, die Großeltern des ewigen Abel verstanden es, Gott den Erstling ihrer Habe, ihrer ganzen Habe, zu opfern, und sie starben im Schmerz, dieses Gut dem zurückgegeben zu haben, der es ihnen geschenkt hatte.

Meine Mutter war Tempeljungfrau, vom dritten bis zum fünfzehnten Lebensjahr; sie beschleunigte die Ankunft Christi mit der Macht ihrer Liebe. Jungfrau vor ihrer Empfängnis, Jungfrau im Dunkel eines Schoßes, Jungfrau im Wimmern, Jungfrau bei den ersten Gehversuchen: die Jungfrau gehörte immer Gott, Gott allein, und machte ihren Anspruch geltend, der über der Vorschrift des Gesetzes Israels stand; so bekam sie von ihrem Bräutigam, der ihr von Gott zugeführt wurde, das Recht zugesprochen, auch nach der Vermählung unversehrt zu bleiben.

Joseph von Nazareth war ein Gerechter! Nur ihm konnte die Lilie Gottes anvertraut werden, und er allein besaß sie. Ein Engel im Fleische und im Geiste liebte er sie, wie die Engel Gottes lieben. Diese abgrundtiefe Liebe

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mit allen ehelichen Zärtlichkeiten, ohne aber je die Schranken des himmlischen Feuers zu überschreiten, hinter denen der Tabernakel Gottes war, werden nur wenige auf dieser Welt begreifen. Sie ist das Zeugnis dessen, was ein Gerechter durch seinen Willen zu tun vermag. Also, was er kann! Denn auch die durch die Erbsünde noch geschädigte Seele hat mächtige Kräfte, sich zu erheben, und erinnert sich ihrer Würde als Tochter Gottes und möchte zu ihm zurückkehren, um in heiliger Weise aus Liebe zum Vater zu wirken.

Noch war Maria in ihrem Hause in Erwartung des Bundes mit ihrem Bräutigam, als Gabriel, der Engel der göttlichen Verkündigungen, wieder auf die Erde herabstieg und die Jungfrau fragte, ob sie Mutter werden wolle. Er hatte zuvor dem Zacharias den Vorläufer angekündigt, der ihm jedoch keinen Glauben schenkte. Doch die Jungfrau glaubte, daß dies durch den Willen Gottes möglich sei, und in ihrer Unkenntnis fragte sie nur: "Wie kann dies geschehen?" Der Engel antwortete ihr: "Du bist die Gnadenvolle, o Maria! Fürchte daher nichts, denn du hast auch durch deine Jungfräulichkeit bei Gott Gnade gefunden. Du wirst einen Sohn empfangen und gebären, dem du den Namen Jesus geben wirst; denn er ist der dem Jakob und allen Patriarchen und Propheten Israels verheißene Retter. Er wird groß sein und Sohn des Allerhöchsten genannt werden, weil er durch das Wirken des Heiligen Geistes empfangen wird. Der Vater wird ihm den Thron Davids geben, wie es verheißen worden ist, und er wird über das Haus Jakobs ewig herrschen und sein wahres Reich wird ohne Ende sein. Nun erwarten der Vater, der Sohn und der Heilige Geist deinen Gehorsam, damit die Verheißung in Erfüllung gehe. Schon ist der Vorläufer im Schoße der Elisabeth, deiner Base, empfangen worden, und mit deiner Einwilligung wird der Heilige Geist über dich kommen, und heilig wird der sein, der aus dir geboren wird, und er wird Sohn des Allerhöchsten genannt werden."

Maria antwortete darauf: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Es geschehe mir nach deinem Worte." Und der Geist Gottes ließ sich über seiner Braut nieder, und bei der ersten Berührung teilte er ihr sein Licht mit, das in ihr die Tugenden des Schweigens, der Demut, der Klugheit und der Liebe, welche sie im vollkommenen Maß besaß, aufs höchste vervollkommnete, und sie wurde eins mit der Weisheit und unzertrennlich verbunden mit der Liebe. Die Gehorsame und Reine verlor sich im Ozean des Gehorsams, der ich bin, und durfte das Glück erleben, Mutter zu sein, ohne daß ihre Unberührtheit dadurch beeinträchtigt wurde. Sie war Schnee, der zur Blume wurde, und gab sich Gott als solche hin.»

«Aber der Ehemann?» fragt Petrus erstaunt.

«Das Siegel Gottes verschloß Maria die Lippen, und so wurde Joseph nichts vom Wunder bekannt, bevor Maria vom Haus des Zacharias zurückkehrte und ihr Zustand als Mutter sichtbar wurde.»

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«Was hat er getan?»

«Er hat gelitten... und auch Maria hat gelitten...»

«Wenn mir das geschehen wäre! ...»

«Joseph war ein Gerechter, Simon des Jonas. Gott weiß schon, wem er seine Gnaden schenkt... Er litt bitter und beschloß, sie zu verlassen, den Verdacht, ein Ungerechter zu sein, auf sich nehmend. Doch der Engel stieg hernieder und sagte ihm: "Fürchte dich nicht, Maria als deine Braut zu dir zu nehmen; denn, was in ihr sich bildet, ist der Sohn Gottes, und durch das Wirken Gottes wurde sie Mutter. Wenn der Sohn geboren ist, wirst du ihm den Namen Jesus geben, denn er ist der Rettet!»

«War Joseph gelehrt?» will Bartholomäus wissen.

«Wie ein Nachkomme Davids.»

«Dann wird er eine Erleuchtung gehabt und sich an den Propheten erinnert haben: "Eine Jungfrau wird empfangen..."»

«Ja, er hatte sie. Auf die Prüfung folgte die Freude.»

«Wenn ich es gewesen wäre...» fängt Simon Petrus wieder an, «dann wäre es anders gekommen. Denn ich hätte... Oh, Herr, wie gut, daß dies nicht mir geschehen ist! Ich hätte sie wie einen Stengel geknickt, ohne ihr die Zeit zu lassen, etwas zu sagen, und, wenn ich nicht zum Mörder geworden wäre, hätte ich nachher eine ängstliche Scheu vor ihr gehabt. Die jahrhundertealte Angst ganz Israels vor dem Zelt der Bundeslade!»

«Auch Moses empfand Furcht vor Gott, und doch wurde ihm Hilfe zuteil, und er befand sich bei ihm auf dem Berg (Ex 19,1-20). Joseph ging darauf in das heilige Haus seiner Braut und sorgte für die Bedürfnisse der Jungfrau und des Ungeborenen. Und als für alle die Zeit des Erlasses gekommen war, ging er mit Maria in das Land der Väter, und Bethlehem wies ihn ab, denn das Herz der Menschen ist der Nächstenliebe verschlossen. Jetzt müßt ihr weitererzählen.»

«Ich begegnete eines Abends einer jungen lächelnden Frau, die rittlings auf einem Eselchen saß. Ein Mann war mit ihr. Er bat mich um Milch und Auskunft. Ich sagte ihm, was ich wußte... Dann kam die Nacht... und ein großes Licht... und wir gingen hinaus, und Levi sah einen Engel beim Stall. Der Engel verkündete: "Der Retter ist geboren." Es war gerade Mitternacht, der Himmel war voller Sterne. Aber ihr Licht verlor sich im Licht des Engels, der Tausende von Engeln... (Elias weint immer wieder, wenn er daran denkt.) Der Engel sagte: "Geht hin, um ihn anzubeten. Er ist in einem Stall, in einer Krippe inmitten zweier Tiere. Ihr werdet ein kleines Kind finden, in armselige Tücher eingewickelt..." Oh, wie strahlte der Engel, als er diese Worte sprach! Aber erinnerst du dich, Levi, wie seine Flügel Flammen sprühten, als er, nachdem er niedergekniet war um den Retter zu nennen, sagte: "... der Christus, unser Herr ist!"»

«Oh, und ob ich mich erinnere! Die Stimmen der Tausende von Engeln! Oh!... "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen,

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die guten Willens sind." Diese Musik ist hier und trägt mich zum Himmel, jedesmal, wenn ich sie höre.» Levi erhebt sein verzücktes Gesicht, auf dem Tränen glänzen.

«Dann gingen wir hin», sagt Isaak, «beladen wie Saumtiere, froh wie zu einer Hochzeit, und dann... als wir dein kleines Stimmchen hörten und die Stimme der Mutter, waren wir zu nichts mehr fähig, und wir stießen den Knaben Levi vorwärts, damit er nachschaue. Wir fühlten uns wie Aussätzige neben all dieser Reinheit. Levi lauschte, weinte und lachte zugleich, und seine Stimme hörte sich an wie das Blöken eines Lämmleins, so daß das Mutterschaf des Elias darauf antwortete. Joseph kam zum Eingang und hieß uns eintreten... Oh, wie warst du klein und schön! Eine fleischfarbene Rosenknospe auf dem rauhen Heu... und du weintest... Dann lächeltest du, als du die Wärme des Lammfells spürtest, das wir dir anboten, und in der Freude über die Milch, die wir für dich gemolken hatten... deine erste Mahlzeit... Oh! ... und dann ... und dann küßten wir dich. Du duftetest nach Mandeln und Jasmin ... und wir konnten uns nicht mehr von dir trennen...»

«Ihr habt mich nicht mehr verlassen, wirklich!»

«Das ist wahr», sagt Jonathan. «Dein Antlitz blieb in uns, und deine Stimme und dein Lächeln... Du wuchsest heran und wurdest immer schöner... Die Welt der Guten kam, um sich an dir zu erfreuen... Doch die Bösen konnten dich nicht erkennen... Anna... deine ersten Gehversuche... die drei Weisen... der Stern!»

«Oh, jene Nacht! Welch ein Licht! Die Welt schien mit tausend Lichtern zu brennen, während am Abend deines Kommens das Licht unbeweglich und weiß wie eine Perle war... Jetzt war es der Tanz der Sterne, bei deiner Geburt war es die Anbetung der Sterne. Wir sahen von einer Anhöhe die Karawane vorbeiziehen und gingen hinterher, um zu sehen, ob sie anhielt... Anderentags sah ganz Bethlehem die Anbetung der Weisen. Dann... Oh, wir wollen das Schreckliche nicht nennen! ... Wir können es nicht sagen! ...» Elias wird bleich bei der Erinnerung an dieses Ereignis.

«Ja, sagt es nicht. Schweigen über den Haß.»

«Der größte Schmerz war, daß wir dich nicht mehr hatten und nichts mehr von dir wußten. Nicht einmal Zacharias konnte uns helfen, unsere letzte Hoffnung... Nichts mehr.»

«Warum, Herr, hast du deine Diener nicht getröstet?»

«Du fragst mich nach dem "Warum" ' Philippus? Weil es vorsichtig war, so zu handeln. Du siehst, daß auch Zacharias den Schleier nicht lüften wollte. Zacharias...»

«Aber du hast uns gesagt, daß er es war, der sich der Hirten anzunehmen hatte. Warum sagte er nicht zuerst ihnen und dann dir, daß die einen den anderen, dich, Jesus, suchten?»

«Zacharias war ein sehr menschlicher Gerechter. Er wurde weniger

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Mensch und mehr Gerechter in den neun Monaten, da er stumm war. Er vervollkommnete sich in den Monaten nach der Geburt des Johannes und er wurde ein wahrhaft Gerechter, als sein menschlicher Stolz gebrochen wurde, als Gott seine Behauptung widerlegte. Er hatte gesagt: "Ich, als Priester Gottes, sage, daß der Retter in Bethlehem leben muß." Doch Gott hatte ihm gezeigt, daß das Urteil, auch das priesterliche, ein armseliges Urteil ist, wenn es nicht von Gott erleuchtet ist. Unter dem Schrecken des Gedankens: "Ich könnte durch mein Wort Jesus umbringen", wurde Zacharias der Gerechte, der jetzt in Erwartung des Paradieses ruht. Gerechtigkeit lehrte ihn Klugheit und Nächstenliebe. Liebe zu den Hirten. Klugheit der Welt gegenüber, der Christus unbekannt bleiben mußte. Bei der Rückkehr in die Heimat, nach Nazareth, vermieden wir Hebron und Bethlehem mit derselben Vorsicht, die Zacharias leitete, und kehrten am Meere entlang nach Galiläa zurück. Nicht einmal am Tage meiner Volljährigkeit war es Zacharias möglich, mich zu sehen, der bereits am Vortage mit seinem Knaben dieselbe Zeremonie gefeiert hatte und sofort danach abgereist war.

Gott wachte, Gott prüfte, Gott sorgte vor, Gott machte alles gut. Gott zu besitzen, bedeutet auch Mühe, nicht nur Freude. So wurden große Anforderungen an die Vaterliebe Josephs gestellt, und meine Mutter mußte vielen Anforderungen an Leib und Seele gerecht werden. Auch das Erlaubte wurde verboten, damit das Geheimnis des Knaben Messias gewahrt blieb. Das ist auch die Erklärung für viele, die nicht die doppelte Ursache des Kummers verstanden, als ich für drei Tage verlorengegangen war. Liebe der Mutter, Liebe des Vaters für das verlorengegangene Kind! Furcht der Hüter, daß der Messias vor der Zeit entdeckt werden könnte. Angst, den Erlöser der Welt, das große Geschenk Gottes, zu wenig beschützt und behütet zu haben. Dies ist die Ursache des ungewöhnlichen Ausrufs: "Sohn, warum hast du uns das angetan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht!" Dein Vater, deine Mutter... der Schleier, der auf die Herrlichkeit des menschgewordenen Gottes geworfen worden war. Dann die versichernde Antwort: "Warum habt ihr mich gesucht ? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?" Eine von der Gnadenvollen aufgenommene und in ihrer wahren Bedeutung verstandene Antwort. Also: "Habt keine Angst! Ich bin noch klein, ein Knabe, aber wenn ich als Mensch zunehme an Größe, Weisheit und Gnade, so bin ich in den Augen der Menschen der Vollkommene, weil ich der Sohn des Vaters bin. Und darum weiß ich, was ich zu tun habe: ich diene dem Vater, und seinen Glanz lasse ich erleuchten, indem ich Gott diene und ihm den Retter bewahre." So verhielt ich mich bis vor nunmehr einem Jahr.

Jetzt ist die Zeit gekommen; die Schleier lüften sich, und der Sohn Josephs zeigt sich in seinem wahren Wesen: als Messias der Frohen Botschaft, als Erlöser, Retter und König der künftigen Zeiten.»

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«Hast du Johannes nie wiedergesehen?»

«Nur am Jordan, meinen Johannes, als ich die Taufe erbat.»

«Somit hast du nicht gewußt, daß Zacharias ihnen Gutes erwiesen hatte ?»

«Ich habe dir gesagt: Nach dem Blutbad der Unschuldigen wurden die Gerechten Heilige und die Menschen Gerechte. Nur die Dämonen bleiben, was sie immer waren. Zacharias lernte, heilig zu werden in der Demut, der Nächstenliebe, der Klugheit und im Stillschweigen.»

«Ich will mir dies alles merken. Werde ich es können?» fragt Petrus.

«Sei beruhigt, Simon. Morgen werde ich es mir von den Hirten wiederholen lassen. In Ruhe. Im Obstgarten. Ein-, zwei-, dreimal, wenn es nötig ist. Ich habe ein gutes Gedächtnis, an der Zollbank erprobt, und werde mich für alle erinnern. Wenn du dann willst, kann ich es dir wiederholen. Ich habe in Kapharnaum nie etwas aufgeschrieben, und doch...»

«Oh, du hast dich niemals auch nur um eine Zehnteldrachme geirrt! Ich erinnere mich gut. Ich will dir deine Vergangenheit verzeihen, von ganzem Herzen, wenn du diese Erzählung nicht vergißt... und sie mir oft wiederholst. Ich will, daß sie sich in mein Herz eingräbt, wie in ihres... wie bei Jonas... Oh, im Sterben noch seinen Namen nennen!»

Jesus betrachtet Petrus und lächelt. Dann steht er auf und drückt einen Kuß auf das angegraute Haar.

«Warum diesen Kuß, Meister?»

«Weil du zum Propheten geworden bist. Du wirst mit meinem Namen auf deinen Lippen sterben. Ich habe den Geist geküßt, der aus dir gesprochen hat.»

Dann stimmt Jesus laut einen Psalm an, und alle erheben sich und stimmen mit ein: «Erhebt euch und lobt den Herrn, euren Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Gepriesen sei sein heiliger Name, erhaben über allen Lobpreis. Du allein bist der Herr. Du hast den Himmel und die Himmel der Himmel erschaffen und alle seine Heerscharen, die Erde und alles, was auf ihr ist, usw.» (Es ist der Hymnus, der von den Leviten am Feste der Weihe des Volkes gesungen wird. Kap. IX im 11. Buch Esdra.) Alles endet mit diesem langen Gesang, und ich weiß nicht, ob dies der antike Ritus ist oder ob Jesus ihn von sich aus angestimmt hat.

10.4.1945. Ich öffne die Bibel nach einer Ruhe von drei Tagen. Ich öffne sie auf irgendeiner Seite, nur um etwas zu lesen, das ein von Gott gekommenes Wort ist. Beim Öffnen fällt mein Blick auf den 17. Psalm mit den Versen 25-31. Und der Herr spricht:

«Ist es vielleicht nicht das, was du von mir sagen kannst? Einst liebte ich dich mit meiner vollendeten Liebe, aber du liebtest mich nicht mit deiner vollendeten Liebe; denn, wenn auch der Gedanke an mich in deinem Herzen war, so hattest du doch noch andere menschliche Zuneigungen, die stärker waren als deine Liebe für mich, da warst du meiner Belohnung nicht würdig. Erinnerst du dich noch an jene Zeit? Auch ich erinnere mich noch daran. Du kamst aus deinem Mädchenpensionat, noch duftend von Gott, wie eine Tempeljungfrau nach gottesdienstlichem Weihrauch duftet. Und ich hatte dich schon erwählt. Wann habe

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ich dich erwählt? Willst du es wissen? Wahrlich, als deine Seele erschaffen wurde; denn keine menschliche Bestimmung ist dem Ewigen Gedanken unbekannt. Aber meine kleine Maria, ungeachtet der unglücklichen Umstände, in denen sie geboren wurde und die sie umgaben, war als Säugling durch meinen Willen am Leben erhalten worden; sie gehörte mir, als sie ihre ersten Tränen beim Anblick der Abnahme Christi vom Kreuz vergossen hat. Du hast mich verlangt, und ich habe mich dir mit wohlgefälligem Lächeln geschenkt. Er hat für dich im Himmel zum Vater und zum Heiligen Geist gesagt: "Laßt die Kinder zu mir kommen!"

Nur die Kinderlippen können die Schmerzen seiner Wunden lindern. Kinder dem Alter und Kinder dem Willen nach. Kinder, die aus Liebe und Gehorsam zum Meister Kindern gleich werden, um des Himmelreiches willen. Die Wonne Gottes, Maria, die jungfräuliche Mutter, ist die vollkommene Kleine, die im Himmelreich jubiliert.

Die Seelen Erwachsener, die "Kinder" blieben, sind so selten wie ganz vollkommen runde Perlen von besonderer Größe. Doch die Kinder im Alter sind alle Besitzer von Seelen, die, noch nicht entheiligt, die Freude Gottes und der Trost Christi sind. Von da an verlangte der Sohn nach dir. Jede unschuldige Träne war ein Kuß von ihm wert; jeder Kuß eine Gnade, jede Gnade eine Vereinigung mit der göttlichen Liebe. Es ist kein Fehler, zurückzuschauen um das Magnificat und Miserere anzustimmen. Bis zum Verlassen deines Erziehungsinstitutes konntest du dein Magnificat singen. Du gehörtest ganz Gott. Nur ein Altar war in dir! Nur eine einzige Liebe! Die Lilie mit halbgeöffnetem Kelch war nur von himmlischem Tau und göttlichen Strahlen erfüllt. Dann kam die Welt, und mit ihr viele andere Altäre und viele andere Lieben, die unrechtmäßigen Eroberer meines Platzes. Doch sie blieben nur, solange ich wollte.

Ich hätte auch nicht wollen können, und manch einer wird dazu sagen: "Es war ein gefährliches Experiment." Nein! Es war notwendig. Die Apostel wurden gedemütigt durch ihr Versagen Christus gegenüber, als jede Art verdorbenen Menschentums in ihnen Oberhand gewann; sie wurden von neuem durch alles erschüttert, was Menschen verwirrt. Da verstanden sie, daß ihre ganze Bekehrung nicht nur ihr Verdienst war, sondern nur ihrem Verkehr mit Jesus zu verdanken war. Aber der Hochmut, die Verdorbenheit des Menschen, wurde in ihnen vernichtet. Das ist notwendig bei allen, die zu einer besonderen Aufgabe auserwählt sind, damit sie nicht meine Auserwählung einbüßen, weil sie meiner Liebe unwürdig sind. Ein Rivale nach dem anderen um meinen Platz mußte aus deinem Herzen weichen. Dein Gott wurde wieder dein König, dem du das "Miserere" deiner weisen Reue sangest. Jetzt, Tochter, schau auf die Vergangenheit und in die Gegenwart. Schau auf die Zeit deiner Begeisterung für den Menschen, die Wissenschaft und dich selbst, und dann blicke auf die gegenwärtige, wiederum einzige Liebe zu mir! Und sage... laß aber nur die wahre und kostbare Stimme deiner Seele reden: Besitzest du jetzt nicht alles? Seit du mein bist, hast du da nicht alles? Viele Törichte werden sagen: "Sie hat nichts, weder Gesundheit, noch Freude, noch Wohlbefinden." Aber deine Seele, die mit den Augen der Seele sieht, spricht: "Ich habe alles, selbst einen heiligen Überfluß, wenn man Überfluß nennen kann, was über das zum Heile Notwendige hinausgeht." Du hast deine besondere Sendung als Sprachrohr. Und außerdem, was Gabe und nicht notwendig ist, hast du noch die Zustimmung Gottes zur Erfüllung deiner Wünsche, gemäß dem Worte des Psalmisten: "Der Herr hat mir vergolten nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor deinen Augen" (Ps 17,21-25).

Ich bin unendlich, göttlich freigebig gegenüber den Gerechten und denen, die reinen Herzens sind. Gut mit den Schwachen und überaus gut mit den Starken aus Liebe zu mir. Und da ich die Liebe bin, muß ich mir selbst Gewalt antun, um nicht schwach zu werden mit den Fehlenden. Diesen gewähre ich die Barmherzigkeit meines Sohnes. Meinen Kindern gewähre ich die Fülle meiner Gaben. Ich rette sie, erleuchte sie, befreie sie und stärke sie mehr und mehr. Ich führe sie an meiner Hand auf meinem Weg der Reinheit und belehre sie durch mein im Feuer der göttlichen Liebe gebildetes Wort. So verfahre ich mit dir, meine Seele, die du mir deine Liebe geschenkt und dein ganzes Vertrauen auf mich gesetzt hast. Fürchte darum nichts, du Blüte Gottes. Es gibt keine Blume, angefangen bei den mikroskopisch kleinen

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der eisigen Berge bis zu den riesenhaften der Tropenländer, der ich nicht das für ihr edles Leben Notwendige an Tau, Licht und Wärme zukommen ließe. Doch das sind nur Pflanzen! Die Blumen meiner Seelen, was für eine Pflege erhalten sie von ihrem Schöpfer? Hab keine Angst, du Blume Gottes, besprengt mit dem Blute und den Tränen des Sohnes und der Jungfrau. Mit diesen Perlen und deiner Treue geschmückt, bist du mir sehr teuer. Singe jederzeit das Magnificat! Der Vater, der Sohn und der Tröster sind mit dir!»

Oh, Herr! Herr! Du sagst es, und es muß wahr sein. Es wird alles notwendig gewesen sein. Aber was war nur im vergangenen Jahre meine große Verlassenheit? Du weißt es! Du übersiehst die Gefühle der Herzen nicht. Es gibt Wunden, die auch nach der Vernarbung bei der geringsten Berührung schmerzen. Selbst das Mitgefühl anderer verursacht oftmals Schmerzen, insbesondere dann, wenn man versucht, die Wunden zu berühren. Die abgetrennten Nerven schmerzen noch, nachdem die Wunde vernarbt ist. Deine Abkehr, auch wenn du mich wieder an dein Herz genommen hast, ist eine immer wieder schmerzende Wunde, denn sie hat die Bande der Liebe getroffen, die mich mit dir verbanden. Ich frage dich nicht, warum du es getan hast. Ich sage dir nur: du weißt, was das Verlassensein von dir für mich bedeutete. Heute habe ich gezittert beim Schreiben: 10. April. Denn seit dem 10. April des letzten Jahres ließest du deine arme Blume ohne Tau, ohne Licht und ohne Wärme. Ich wäre daran beinahe gestorben. Denn ich habe dir alles gegeben, und wenn ich noch mehr hätte, würde ich noch mehr geben. Aber schicke mir nie mehr eine solche Prüfung. Du siehst, daß meine Armseligkeit dies nicht ertragen kann. Ich singe, ja. Ich singe mein Magnificat! Ich sage dir auch: ich habe es nicht verdient, daß du in mir große Dinge tust. Doch ist mein Gesang immer mit Tränen vermischt; denn wie ein Kind, das in seinen jungen Jahren traurige Zeiten durchgemacht hat, nicht mehr das frohe Lachen der glücklichen Kindheit besitzt, so habe ich immer die Verlassenheit von dir im vergangenen Jahr vor Augen. Jesus hat recht. Maria hat recht. Was wir in "unseren Leiden" schwer ertragen, ist das Verlassensein von dir, mein Vater...

Während ich dies schreibe, entzündet sich wieder das kleine Licht, das fortwährend vor Jesus brennt: das Sternlein, das zusammen mit meinem Herzen vor meinem gekreuzigten Jesus leuchtet. Seit einem Jahr war es erloschen... Meine Zelle... mein Tabernakel... mein Paradies ohne Licht! Ich litt sehr darunter. Alles habe ich von deiner Liebe bekommen, viel von deiner Strenge. Finsternis, Einsamkeit und was dein Sohn als "Hölle" bezeichnet hat. Ich war wie ein Vöglein, das nur durch reines Glück seinen Peinigern entrinnen konnte. Ich habe Angst... Überall sehe ich Schlingen, Gitter und Qualen... Herr, erbarme dich...

Unter verschiedenen Daten folgen: ein Diktat über die Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes, mit Bezug auf die Schreiberin: «... wenn du die vielen scheinbaren Gegensätze deines Daseins betrachtest und das, was du hast, dann sage stets: "Jene Begebenheit, die im scheinbaren Gegensatz zur nächsten und meiner heutigen Lage steht, hat dieser den Weg vorbereitet, und ist das Ergebnis meiner früheren Zustimmung." Nimm es an, wie wenn es für dich keinen Stillstand mehr gegeben hätte, seitdem du dir aus dem Gebet Jesu "dein Wille geschehe" eine fruchtbare Regel gemacht hast. Du bist vorangeschritten, und eilends hast du dich fliegend in die Höhe erhoben. Je mehr du froh und bereitwillig Gottes Absichten gehorchtest, desto gefestigter wurden dein Wille, deine Erkenntnis und dein Besserwerden.»Ein anderes Diktat zum Zitat: «In der innigen Gemeinschaft mit der Weisheit liegt die Unsterblichkeit» (Weish 8,17) und eine Erklärung zu einem Abschnitt der Bibel (Ez 37,1-14) seitens der Schreiberin: «Ich verstehe weshalb Jesus mich nicht fragt, ob die Toten am Jüngsten Tag auferstehen werden. Der Glaube lehrt uns dies und hierüber besteht kein Zweifel. Er jedoch nennt diese arme Menschheit von heute "Knochen", weil sie so sehr erdgebunden ist und ihr der Geist fehlt. Ich verstehe es, denn sobald Gott mich dazu auffordert, sein Sprachrohr zu sein, vermehrt und erhebt sich mein Intellekt zu einer Leistung, welche die dem Menschengeschlecht zugestandene bei weitem übersteigt. Dann sehe ich und verstehe ich dem Geist gemäß.» Das Diktat endet mit den Worten: «Die Zeit wird kommen, da ich

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wiederum ein Volk von Lebenden und nicht von Leichen haben werde. Vorläufig gebe ich den Besseren, jenen die nicht gestorben, jedoch aus Mangel an geistiger Nahrung zu Skeletten abgezehrt sind, die Nahrung meines Wortes. Ihr sollt nicht vor Entkräftung sterben. Mein Wort ist das süße Manna, welches euch auf wunderbare Weise Kraft verleiht. Nährt euch damit, Kinder meiner Liebe und meines Opfers! Warum muß ich sehen, daß so viele Hunger leiden, da für sie vom Retter soviel Nahrung bereitet worden ist, und daß jene Hungrigen sich nicht davon nähren? Nährt euch, steht auf, kommt aus den Gräbern hervor. Kommt aus der Trägheit heraus, aus den Lastern der Welt, kommt doch zum Bewußtsein, kommt, um den Herrn, eueren Gott, von neuem zu erkennen. Ich habe es euch am Anfang dieses Werkes und während dieses tragischen Krieges gesagt und wiederhole euch: dieser ist einer jener Kriege, welche die Zeit des Antichrist einleiten. Danach wird das Zeitalter des lebendigen Geistes kommen. Selig, die sich vorbereiten werden, um jener Ära entgegenzugehen. Sagt nicht: "Wir werden jene Zeit doch nicht erleben." Ihr nicht, nicht alle von euch. Aber es ist Torheit und Lieblosigkeit, nur an sich selbst zu denken. Aus gottlosen Vätern gehen gottlose Kinder hervor, träge Väter haben träge Kinder. Eure Kinder und Kindeskinder sind es, welche dieser geistigen Kraft für jene Stunden sehr bedürfen. Im Grunde genommen ist es ein Gebot der Menschenliebe, für das Wohl der Kinder und Enkelkinder vorzusorgen. Dieser Vorsorge soll in religiösen Dingen nicht weniger Beachtung geschenkt werden als in weltlichen Angelegenheiten. Wie ihr euren Kindern ein Vermögen hinterlaßt, oder darum bemüht seid es zu tun, damit sie es einmal leichter haben als ihr, so sollt ihr euch auch dafür einsetzen, ihnen eine Erbschaft geistiger Kraft zu hinterlassen, die sie entwickeln und vermehren können, um dann in Überfülle davon zu haben, wenn der Hagel der letzten Schlachten der Welt und Luzifers mit einer solchen Wucht über die Menschheit kommen wird, daß sie sich fragen werden muß, ob nicht die Hölle noch besser wäre. Die Hölle! Die Welt wird sie erleben! Alsdann wird für die Treuen im Geiste der Himmel kommen, die überirdische Erde: das Himmelreich.»

176. RÜCKKEHR ZUM "TRÜGERISCHEN GEWÄSSER"

Jesus überquert mit seinen Jüngern die flachen Felder beim "Trügerischen Gewässer" * Der Tag ist regnerisch, der Ort menschenleer. Es muß gegen Mittag sein, denn der schwache Schein der Sonne, der von Zeit zu Zeit den grauen Wolkenschleier durchbricht, fällt senkrecht zur Erde. Jesus spricht mit Iskariot, dem er den Auftrag gibt, für die nötigsten Besorgungen ins Dorf zu gehen. Wie er allein ist, eilt Andreas auf ihn zu, der wie immer schüchtern und leise fragt: «Willst du mich anhören, Meister?»

«Ja! Komm mit mir, wir wollen vorausgehen», und Jesus beschleunigt den Schritt, vom Apostel gefolgt, um sich einige Meter von den anderen zu entfernen.

«Die Frau ist nicht mehr da, Meister», sagt Andreas traurig und erklärt: «Man hat sie geschlagen, und sie ist geflohen. Sie wurde verwundet und blutete. Der Verwalter hat sie gesehen. Ich bin vorausgegangen und habe gesagt, daß ich nachsehen wolle, ob der Weg in Ordnung sei, doch es war nur, weil ich sofort zu ihr gehen wollte. Ich habe so gehofft, sie zum

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Licht führen zu können! Ich habe in diesen Tagen viel darum gebetet! Nun ist sie geflohen. Sie wird verloren gehen. Wenn ich wüßte, wo sie ist, würde ich sie einholen. Ich würde es aber den anderen nicht sagen, nur dir, weil du mich verstehst. Du weißt, daß ich bei dieser Suche keine hintergründigen Gedanken hege, sondern nur vom großen Wunsch erfüllt bin, der zur Qual wird, einer Schwester zur Rettung verhelfen zu können.»

«Ich weiß es, Andreas, und ich sage dir: auch so, wie die Dinge nun liegen, wird dein Wunsch dennoch erfüllt werden. Ein Gebet in diesem Sinn ist nie verloren. Gott erhört es, und sie wird gerettet werden.»

«Du sagst es? Oh, mein Schmerz ist gelindert!»

«Wolltest du nicht wissen, wie es um sie steht? Macht es dir nichts aus, daß nicht du es bist, der sie mir zuführt ? Fragst du nicht, wie es geschehen wird?» Jesus lächelt sanft, und in seinen blauen Augen leuchtet es auf, während er sich zu seinem Apostel neigt, der an seiner Seite geht. Jener Blick und das Lächeln gehören zu den Geheimnissen Jesu, mit denen er die Herzen gewinnt.

Andreas betrachtet Jesus mit seinen sanften, braunen Augen und sagt: «Es genügt mir zu wissen, daß sie zu dir kommt. Ich oder ein anderer, was macht das schon aus? Wie es geschehen wird? Du weißt es, und ich brauche es nicht zu wissen. Deine Zusicherung genügt mir, und ich bin glücklich!»

Jesus legt Andreas einen Arm um die Schultern und zieht ihn in einer liebevollen Umarmung an sich, was den guten Andreas völlig verzückt. In dieser Verfassung hört er Jesus sagen: «Das ist die Begabung des wahren Apostels. Schau, mein Freund, in deinem Leben und in jenem der zukünftigen Apostel wird es immer so sein. Manchmal werdet ihr erfahren, daß ihr die "Retter" gewesen seid. Doch in den meisten Fällen werdet ihr retten ohne zu wissen, daß die Menschen, welche euch am meisten am Herzen lagen, durch euch gerettet worden sind. Erst im Himmel werdet ihr sie euch entgegenkommen oder zum Ewigen Reich aufsteigen sehen: eure Geretteten, und eure Freude wird sich mit jedem Erlösten steigern. Manchmal werdet ihr es schon auf Erden vernehmen. Das sind die Freuden, die ich euch schenke, um euch einen noch größeren Eifer für neue Eroberungen einzuflößen. Doch selig der Priester, der einen Ansporn nicht nötig hat, um seine Pflicht zu erfüllen! Selig jener, der nicht entmutigt wird, wenn er keinen Erfolg sieht, und nicht sagt: "Ich tue nichts mehr, denn ich habe keine Genugtuung." Die apostolische Genugtuung, als einziger Ansporn zur Arbeit, beweist ungenügende apostolische Bildung und ist eine Herabwürdigung des Apostelamtes auf das Niveau einer gewöhnlichen menschlichen Tätigkeit, das doch in einem geistigen Auftrag besteht. Man darf niemals der Vergötterung des Berufes verfallen, indem das Priestertum als Ziel einer Verehrung euer selbst betrachtet wird. Nicht ihr sollt angebetet werden, sondern der Herr, euer Gott! Ihm allein gebührt die

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Ehre der Geretteten... euch das Werk der Rettung, indem ihr auf den Einzug in den Himmel wartet, um als "Retter" gelobt zu werden. Doch du sagtest mir, daß der Verwalter sie gesehen hat. Erzähle.»

«Drei Tage nach unserer Abreise von hier kamen Pharisäer, um dich zu suchen. Sie fanden uns natürlich nicht. Sie haben das ganze Dorf und die Häuser in den Feldern nach dir durchsucht und haben sich dabei so benommen, als sehnten sie sich danach, dich zu sehen. Doch niemand hat ihnen geglaubt. Sie sind in die Herbergen gegangen und haben hochmütig von allen Anwesenden verlangt, daß sie diese unverzüglich verlassen, denn sie wollten keine Kontakte mit unbekannten Fremden haben, welche sie vielleicht noch entweihen könnten. Jeden Tag gingen sie zum Haus. Nach einigen Tagen haben sie die Ärmste getroffen, die immer zum Haus ging und hoffte, dich dort zu finden und den Frieden zu empfangen. Sie haben sie verjagt und sind ihr bis zu ihrem Unterschlupf im Stalle des Verwalters nachgegangen. Sie haben sie nicht sofort angegriffen, denn der Verwalter ist mit seinen Söhnen herausgekommen, mit Knüppeln bewaffnet. Doch am Abend, als sie zum Brunnen ging, sind sie mit anderen zurückgekehrt und haben Steine nach ihr geworfen und gerufen: "Dirne! Dirne!" und sie als Schande des Dorfes bezeichnet. Als sie flüchten wollte, haben sie sie eingeholt, mißhandelt, ihr den Schleier und die Gewänder vom Leib gerissen, so daß sie von allen gesehen werden konnte. Sie haben sie geschlagen, sich ihrer bemächtigt und sie dem Synagogenvorsteher ausgeliefert, damit er sie verfluche und steinigen ließe, und damit er auch dich verfluche, weil du sie hierher gebracht hast. Doch er hat es nicht tun wollen und muß nun den Bannfluch des Hohen Rates gewärtigen. Der Verwalter ist ihr zu Hilfe geeilt und hat sie den Händen dieser Wüstlinge entrissen. Doch in der Nacht ist sie weggegangen und hat ein Armband dagelassen mit einigen Worten auf einem Pergamentstreifen. Sie hat darauf geschrieben: "Danke! Bete für mich." Der Verwalter sagt, sie sei noch jung und sehr schön, doch sehr blaß und abgemagert. Er hat sie auf den Feldern gesucht, denn sie war schwer verwundet. Doch er hat sie nicht gefunden, und er kann nicht verstehen, wie sie sich in ihrem Zustand weit entfernen konnte. Vielleicht ist sie tot und liegt irgendwo... und konnte sich nicht retten...»

«Nein.»

«Nein? Ist sie nicht gestorben? Hat sie sich nicht verirrt?»

«Das Verlangen nach Erlösung ist schon Sündenvergebung. Auch wenn sie gestorben wäre, so wäre ihr verziehen, denn sie hat die Wahrheit gesucht und ihre Verfehlungen mit Füßen getreten. Doch sie ist nicht tot. Sie steigt die ersten Stufen des Berges der Erlösung empor. Ich sehe sie... Sie ist gebeugt unter den Tränen ihrer Reue. Doch das Weinen macht sie immer stärker, während die Last sich verringert. Ich sehe sie. Sie geht der Sonne entgegen. Wenn sie den Gipfel erreicht hat, dann wird sie in der Herrlichkeit der Sonne Gottes stehen. Hilf ihr mit deinem Gebet!»

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«Oh, mein Herr!» Andreas ist außer sich beim Gedanken, daß er einer Seele zur Heiligung verhelfen kann.

Jesus lächelt noch gütiger. Er sagt: «Wir müssen dem verfolgten Synagogenvorsteher die Arme und das Herz öffnen und zum guten Verwalter hingehen, um ihm zu danken und ihn zu segnen. Wir wollen es den anderen mitteilen.»

Doch während sie auf die Zehn zugehen, die stehengeblieben waren, weil sie begriffen hatten, daß Andreas eine persönliche Aussprache mit Jesus hatte, kommt Iskariot angerannt. Er gleicht einem großen Schmetterling, der über die Wiesen flattert, so rasch eilt er im wehenden Mantel und mit fuchtelnden Armen herbei.

«Aber was hat er denn?» fragt Petrus. «Ist er verrückt geworden?»

Bevor ihm jemand antworten kann, schreit Iskariot, der nun nähergekommen ist: «Bleib stehen, Meister! Höre mich an, bevor du ins Haus hineingehst. Sie haben dir einen Hinterhalt gelegt. Oh, diese gemeine Bande!», und er kommt heran und sagt: «Oh, Meister, wir können nicht mehr hingehen. Die Pharisäer sind im Dorf und gehen täglich zum Haus. Sie warten auf dich, um dich zu belästigen. Sie schicken alle weg, die kommen und dich suchen. Mit fürchterlichen Bannsprüchen schüchtern sie alle ein. Was willst du tun? Hier würdest du verfolgt und dein Werk würde vernichtet werden. Einer von ihnen hat mich gesehen und mich angegriffen. Ein häßlicher, langnasiger Alter, der mich kennt, denn er ist einer der Schriftgelehrten des Tempels. Ja, es sind auch Schriftgelehrte dort. Er hat mich angefallen, mich mit seinen Krallenpfoten gepackt und mit seiner Geierstimme beschimpft. Solange er mich gekratzt und beschimpft hat, schau (und er zeigt am Handgelenk und an der Wange deutliche Nagelspuren), habe ich es ausgehalten, aber als er über dich mit seinem Geschimpfe hergefallen ist, da habe ich ihn am Kragen gepackt...»

«Aber Judas!» ruft Jesus.

«Nein, Meister, ich habe ihn nicht erwürgt. Ich habe nur verhindert, daß er über dich fluchte. Dann habe ich ihn losgelassen. Nun ist er dort und stirbt vor Angst wegen der überstandenen Gefahr... Doch laß uns fortgehen, ich bitte dich! Es kann ohnehin niemand mehr zu dir kommen...»

«Meister!»

«Das ist ja ein Greuel!»

«Judas hat recht!»

«Wie Hyänen auf der Lauer sind sie.»

«Feuer vom Himmel, das über Sodoma kam, warum kommst du nicht wieder?»

«Aber weißt du, du warst tapfer, Junge! Schade, daß ich nicht dabei war, ich hätte dir geholfen.»

«Oh, Petrus, wenn du dabei gewesen wärest, hätte dieser kleine Geier seine Federn und seine Stimme ein für allemal eingebüßt.»

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«Aber wie hast du es fertiggebracht, nicht bis zum Äußersten zu gehen ?»

«Bah... ein Geistesblitz. Ein Gedanke aus weiß Gott welchen Tiefen des Herzens: "Der Meister verurteilt die Gewalt", und ich habe mich beherrscht, obwohl es für mich ein noch härterer Schlag war als der des Schriftgelehrten, der mich gegen die Wand geworfen hat, als er mich angriff. Meine Nerven waren wie zerrissen, so daß ich nachher keine Kraft mehr gehabt hätte, auf ihn einzuschlagen. Welch eine Anstrengung, sich zu beherrschen!»

«Du bist wirklich tapfer gewesen! Nicht wahr, Meister? Doch du sagst nicht, was du denkst.»

Petrus ist über die Tat des Judas so glücklich, daß es ihm entgeht zu bemerken, daß das Antlitz Jesu von einem leuchtenden Ausdruck zu einer Traurigkeit gewechselt hat, die seinen Blick verdunkelt, seinen Mund verschließt und ihn schmäler erscheinen läßt.

Er öffnet ihn und spricht: «Ich sage, daß ich mehr angewidert bin von eurer Art zu denken als vom Benehmen der Judäer. Sie sind die Unglücklichen in der Finsternis. Ihr, die ihr mit dem Lichte seid, seid hart, rachsüchtig, gewalttätig, murrt über andere und billigt die Brutalität wie sie. Ich sage euch, ihr bestätigt mir nur immer wieder, daß ihr dieselben geblieben seid, die ihr immer wart, als ihr mich zum erstenmal saht. Das tut mir weh! Was die Pharisäer betrifft sollt ihr wissen, daß Jesus Christus vor ihnen nicht flieht. Ihr zieht euch zurück, ich trete ihnen entgegen. Ich bin kein Feigling. Wenn ich mit ihnen gesprochen habe und sie nicht habe überzeugen können, dann werde ich mich zurückziehen. Man soll von mir nicht sagen, daß ich nicht mit allen Mitteln versucht hätte, sie an mich zu ziehen. Auch sie sind Kinder Abrahams. Ich tue meine Pflicht bis zum Äußersten. Ihre Verdammnis soll einzig und allein ihrem bösen Willen zugeschrieben werden und soll nicht durch irgendwelche Vernachlässigung meinerseits ihnen gegenüber verursacht worden sein.» Jesus geht zum Hause, das schon mit seinem niedrigen Dach hinter einer Reihe entlaubter Bäume zu sehen ist.

Die Apostel folgen ihm mit gesenktem Haupt und reden leise miteinander. Da ist das Haus. Sie betreten schweigend die Küche und machen sich am Herd zu schaffen. Jesus versinkt in Gedanken.

Sie sind gerade dabei, die Mahlzeit einzunehmen, als eine Gruppe von Menschen an der Tür erscheint. «Sie sind da», flüstert Iskariot.

Jesus erhebt sich sofort und geht ihnen entgegen. Er ist so imponierend, daß die Gruppe einen Augenblick zurückweicht. Doch der Gruß Jesu versichert ihnen: «Der Friede sei mit euch! Was wollt ihr?»

Nun glauben die Feiglinge alles wagen zu können, und sie schmeicheln arrogant: «Im Namen des heiligen Gesetzes befehlen wir dir, diesen Ort zu verlassen. Du, der Aufwiegler der Gewissen, Übertreter des Gesetzes,

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der Aufrührer der ruhigen Städte von Judäa, fürchtest du nicht die Strafe des Himmels, du Nachäffer des Gerechten, der am Jordan tauft! Du, der du die Dirnen unter deinen Schutz nimmst, verlasse das Land Judäas! Damit dein Atem nicht von hier durch die Mauern in die heilige Stadt eindringe!»

«Ich tue nichts Böses. Ich belehre als Rabbi, heile als Wundertäter, treibe Dämonen aus als Exorzist: sie alle gibt es in Judäa. Gott, der ihre Tätigkeit erlaubt, will, daß auch ihr sie achtet und verehrt. Ich verlange keine Verehrung. Ich verlange nur, mich Gutes tun zu lassen jenen, die körperlich, geistig und seelisch krank sind. Warum verbietet ihr es mir?»

«Du bist ein Besessener! Geh fort!»

«Die Beleidigung ist keine Antwort. Ich habe euch gefragt, warum ihr mir verbietet, was ihr anderen erlaubt.»

«Weil du ein Besessener bist und mit Hilfe von Dämonen die Dämonen austreibst und Wunder wirkst.»

«Und eure Exorzisten ? Mit wessen Hilfe tun sie es ?»

«Mit ihrem heiligen Leben. Du aber bist ein Sünder, und um deine Macht zu steigern bedienst du dich der Sünderinnen, denn in der Buhlschaft vermehrt sich der Besitz der dämonischen Kraft. Unsere Heiligkeit hat das Gebiet von deinen Mitschuldigen gesäubert. Aber wir erlauben nicht, daß du hierbleibst, damit nicht noch andere Weiber herbeigelockt werden.»

«Aber ist dies eigentlich euer Haus ?» fragt Petrus, der sich hinter Jesus gestellt und ein nicht sehr vertrauenerweckendes Aussehen hat.

«Es ist nicht unser Haus, aber ganz Judäa und ganz Israel ist in den heiligen Händen der Reinen Israels.»

«Das wäret also ihr?» fragt Iskariot, der auch zur Türe gekommen ist und ein höhnisches Gelächter folgen läßt. Dann fragt er: «Euer anderer Freund, wo ist er? Zittert er noch? Oh, schämt euch, geht, und zwar sofort! Sonst werdet ihr es bereuen müssen...»

«Ruhe, Judas! Du, Petrus, geh an deinen Platz! Hört, ihr Pharisäer und Schriftgelehrten. Zu eurem Heil und aus Mitleid mit euren Seelen bitte ich euch, das Wort Gottes nicht zu bekämpfen. Kommt zu mir. Ich hasse euch nicht. Ich verstehe eure Sinnesart und habe Mitleid mit euch. Ich will euch aber zu einer anderen geistigen Haltung führen, zu einer neuen, einer heiligen, die fähig ist, euch zu heiligen und euch zum Himmel zu führen. Glaubt ihr, ich wäre gekommen, um euch zu bekämpfen? O nein! Ich bin gekommen, um euch zu retten. Deswegen bin ich gekommen. Ich rufe eure Großmut an. Ich bitte euch um Liebe und Verständnis. Gerade weil ihr die Weisesten in Israel seid, müßt ihr die Wahrheit besser als alle anderen verstehen. Seid Seele und nicht Leib! Wollt ihr, daß ich euch auf den Knien bitte? Es geht um eure Seele und darum, sie für den Himmel zu gewinnen. Dafür würde ich mich mit Füßen treten lassen, und ich bin

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sicher, daß der Vater meine Verdemütigung nicht als Irrtum betrachten würde. Sprecht! Sagt mir ein Wort, ich warte darauf.»

«Sei verflucht, sagen wir!»

«Gut. Es ist gesagt! Geht nur! Auch ich werde gehen.» Jesus kehrt ihnen den Rücken zu und geht an seinen Platz zurück. Er neigt sein Haupt über den Tisch und weint. Bartholomäus schließt die Tür, damit keiner der Grausamen, die ihn beleidigt haben und sich nun fluchend und drohend auf den Weg machen, diese Tränen sehe.

Es folgt ein langes Schweigen. Dann streichelt Jakobus des Alphäus das Haupt Jesu und sagt: «Nicht weinen! Wir lieben dich! Auch für sie!»

Jesus erhebt sein Antlitz und sagt: «Ich weine nicht meinetwegen. Ich weine ihretwegen. Sie töten sich selbst, weil sie jeder Einladung gegenüber taub sind.»

«Was machen wir nun, Meister?» fragt der andere Jakobus.

«Wir werden nach Galiläa gehen... Morgen früh brechen wir auf.»

«Nicht heute schon, Herr?»

«Nein! Ich muß mich von den guten Menschen im Ort verabschieden, und ihr werdet mit mir kommen.»

177. EIN NEUER JÜNGER; AUFBRUCH NACH GALILÄA

«Herr, ich habe nur meine Pflicht Gott, meinem Herrn und der Ehrlichkeit des Gewissens gegenüber getan. Ich habe jene Frau während der Zeit, da sie mein Gast war, beobachtet und sie stets ehrbar befunden. Sie mag einmal eine Sünderin gewesen sein. Nun ist sie es bestimmt nicht mehr. Warum soll ich in eine Vergangenheit eindringen, die sie selbst mit einem Gitter verschlossen hat, um sie auszulöschen? Ich habe halbwüchsige Jungen, und sie sind nicht häßlich. Sie aber hat nie ihr wirklich schönes Antlitz gezeigt oder ihre Stimme hören lassen. Ich muß sagen, daß ich den silbernen Klang ihrer Stimme nur vernommen habe, als sie wegen ihrer Verletzung aufschrie. Sonst hat sie das wenige, um das sie bat, nur hinter ihrem Schleier mir oder meiner Frau zugeflüstert und zwar so leise, daß man es kaum verstehen konnte. Siehst du, wie klug sie war? Als sie fürchtete, daß ihre Anwesenheit schaden könnte, ging sie weg. Ich hatte ihr Hilfe und Verteidigung versprochen, aber sie machte keinen Gebrauch davon. Nein, so machen es verkommene Frauen nicht. Ich werde für sie beten, wie sie es gewünscht hat, und auch ohne dieses Andenken. Nimm es, Herr! Mach Almosen daraus, zu ihrem Heil! Von dir getan, wird es ihr gewiß Frieden bringen.»

Der Verwalter spricht ehrerbietig zu Jesus. Er ist ein schöner Mann mit einem aufrichtigen Gesicht und von untersetzter Gestalt. Hinter ihm

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stehen die Kinder, die dem Vater gleichen, sechs treuherzige und intelligente Gesichter, und die Mutter, eine schlanke, sehr sanfte Frau, ganz Güte, die ihrem Manne lauscht, als wenn sie einem Gott zuhören würde, und dabei immer zustimmend mit dem Kopf nickt.

Jesus nimmt das goldene Armband, gibt es Petrus und sagt dabei: «Für die Armen.» Dann wendet er sich wieder an den Verwalter: «Nicht alle in Israel haben deine Rechtschaffenheit. Du bist weise, denn du kannst das Böse vom Guten unterscheiden und folgst dem Guten, ohne zuvor abzuwägen, ob dir dies menschlich gesehen etwas einbringt oder nicht. Im Namen des ewigen Vaters segne ich dich, deine Kinder, deine Gattin und dein Haus. Bewahrt euch stets diese seelische Bereitschaft, und der Herr wird immer mit euch sein, und ihr werdet das ewige Leben haben. Ich gehe jetzt weg, aber es ist nicht gesagt, daß wir uns nie wiedersehen werden. Ich werde zurückkommen, und ihr könnt immer zu mir kommen. Für alles, was ihr für mich und jenes arme Geschöpf getan habt, möge euch Gott seinen Frieden geben.»

Der Verwalter, die Kinder und zuletzt die Frau knien nieder und küssen die Füße Jesu, der sich nach einem letzten Segenszeichen mit den Jüngern in Richtung des Dorfes entfernt.

«Wenn aber die Übeltäter noch dort sind?» fragt Philippus.

«Man kann niemand daran hindern, auf den Landstraßen der Heimat zu reden», antwortet Judas des Alphäus.

«Nein. Aber für sie sind wir Verfemte!»

«Oh, laß sie machen. Sorgst du dich deswegen?»

«Ich sorge mich nur deswegen, weil der Meister gegen Gewaltakte ist. Sie wissen das und nützen es aus», brummt Petrus in den Bart. Er nimmt sicher an, daß Jesus, der mit Simon und Iskariot in Gespräch ist, es nicht hört. Doch Jesus hört es und wendet sich um, halb ernst, halb lächelnd, und sagt: «Du glaubst, daß ich unter Anwendung von Gewalt siegen würde? Das ist eine elende, menschliche Methode. Sie bringt vorübergehende, menschliche Siege. Aber wie lange dauert die Unterdrückung? So lange, bis sie aus sich in den Unterdrückten Widerstand erzeugt, die vereint eine stärkere Gewalt bilden und die vorherige Unterdrückung überwältigen. Ich will kein vorübergehendes Reich! Ich will ein ewiges Reich: das Himmelreich! Wie oft habe ich es euch schon gesagt? Wie oft werde ich es noch sagen müssen? Werdet ihr es je begreifen? Doch, es wird die Zeit kommen, da ihr begreifen werdet.»

«Wann, mein Herr? Ich habe es eilig zu begreifen, um weniger unwissend zu sein», sagt Petrus.

«Wann? Wenn ihr wie das Korn zwischen den Mühlsteinen des Schmerzes und der Reue gemahlen werdet. Ihr könntet, ja, ihr solltet es vorher begreifen. Doch dazu müßtet ihr eure Menschlichkeit abschütteln und euren Geist befreien. Diese Selbstüberwindung vermögt ihr nicht

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aufzubringen. Doch ihr werdet verstehen,... ihr werdet verstehen. Dann werdet ihr auch verstehen, daß ich keine Gewalt anwenden konnte, ein menschliches Mittel, um das Himmelreich zu begründen: das Reich des Geistes. Doch habt jetzt keine Angst! Diese Menschen, die euch bedenklich stimmen, werden uns nichts antun. Ihnen genügt es, daß sie mich vertrieben haben.»

«Wäre es nicht einfacher gewesen, den Synagogenvorsteher zum Verwalter kommen zu lassen oder ihn auf der Hauptstraße zu erwarten?»

«Oh, welch ein vorsichtiger Mann ist doch heute mein Thomas! Aber nein, es wäre nicht einfacher gewesen. Oder besser, es wäre einfacher gewesen, aber nicht korrekt. Er hat meinetwegen Heldenmut gezeigt und wurde in seinem Haus durch meine Schuld belästigt. Es ist daher richtig, wenn ich ihn in seinem Haus besuche und dort tröste.»

Thomas zuckt mit den Schultern und sagt nichts mehr.

Da ist nun die Ortschaft, ausgedehnt, doch sehr ländlich, mit Häusern umgeben von Obstgärten, deren Bäume kahl sind, und es hat viele Schafställe. Es muß ein gutes Weideland für Schafzucht sein, denn überall hört man blöken und sieht Herden, die von den Weiden in der Ebene kommen oder dorthin getrieben werden. Die übliche Straßenkreuzung bildet in ihrer Erweiterung den Marktplatz mit dem Brunnen. Hier ist auch das Haus des Synagogenvorstehers.

Es öffnet eine ältere Frau. Sie hat Tränenspuren im Gesicht. Trotzdem huscht ein Zeichen der Freude darüber, als sie den Herrn erblickt, und sie verneigt sich mit einem Segensgruß.

«Steh auf, Mutter. Ich bin gekommen, um euch Lebewohl zu sagen. Wo ist dein Sohn?»

«Er ist dort», und sie deutet auf ein Zimmer im hinteren Teil des Hauses. «Bist du gekommen, um ihn zu trösten? Mir gelingt es nicht!»

«Ist er so untröstlich ? Bedauert er es, daß er mich verteidigt hat ?»

«Nein, Herr! Aber er ist von Skrupeln geplagt. Doch du wirst ihn hören. Ich will ihn rufen.»

«Nein. Ich werde zu ihm gehen. Ihr wartet hier. Laß uns gehen, Frau!»

Jesus geht die wenigen Schritte durch die Vorhalle, öffnet die Tür und betritt das Zimmer. Er nähert sich leise einem sitzenden, tief gebeugten Mann, der in schmerzliche Betrachtung versunken ist.

«Der Friede sei mit dir, Timoneus!»

«Herr! Du?!»

«Ich. Warum bist du so traurig?»

«Herr... ich... Sie haben mir gesagt, ich hätte gesündigt. Sie haben gesagt, ich sei verfemt. Ich erforsche mich und finde, daß es nicht so ist. Sie aber sind die Heiligen in Israel, und ich bin der arme Synagogenvorsteher. Sicher haben sie recht. Jetzt wage ich nicht mehr den Blick zum zornigen Antlitz Gottes zu erheben. Gerade jetzt wäre es für mich so notwendig!

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Ich diente ihm in wahrer Liebe und war bestrebt, ihn zu verkünden. Nun werde ich dieses Gutes beraubt werden, weil mich der Hohe Rat bestimmt verfluchen wird.»

«Doch, worin besteht dein Schmerz? Darin, nicht mehr Synagogenvorsteher zu sein, oder darin, nicht mehr die Möglichkeit zu haben, von Gott zu sprechen?»

«Das ist es, Meister, was mich schmerzt. Bestimmt würdest du mir etwas sagen, wenn es mir mißfallen würde, nicht mehr Synagogenvorsteher zu sein, weil mir dadurch Vorteil und Ehre zukommen? Das macht mir wirklich nichts aus. Ich habe nur meine Mutter, und sie stammt aus Aera, wo sie ein kleines Haus besitzt; das Dach und der Lebensunterhalt sind ihr gesichert. Was mich betrifft... ich bin jung! Ich werde arbeiten. Aber ich werde es nie mehr wagen, von Gott zu sprechen, weil ich gesündigt habe.»

«Warum hast du gesündigt?»

«Sie sagen, ich sei ein Verbündeter des... Oh, Herr! Laß es mich nicht aussprechen!»

«Nein. Ich verlange es nicht. Ich spreche es nicht aus. Ich und du, wir kennen ihre Anklagen und wissen, daß sie nicht wahr sind. Daher hast du nicht gesündigt, ich sage es dir!»

«So kann ich also noch den Blick zum Allmächtigen erheben? Kann ich dir...»

«Was, mein Sohn?» Jesus ist ganz Zärtlichkeit, während er sich über den Mann beugt, der plötzlich wie eingeschüchtert innegehalten hat.

«Was? Mein Vater sucht deinen Blick, er verlangt nach ihm, und ich möchte dein Herz und deine Gedanken. Ja, der Hohe Rat wird dich beschuldigen. Ich öffne dir die Arme und sage: Komm! Willst du einer meiner Jünger sein? Ich sehe in dir alles, was nötig ist, um ein Arbeiter des Ewigen Herrn zu werden. Komm in meinen Weinberg...»

«Sagst du das im Ernst, Meister? Mutter, hörst du? Mutter hörst du das? Oh, ich preise den Schmerz, der mir diese Freude gebracht hat. Oh, laß uns nun ein großes Fest feiern, Mutter! Nachher gehe ich mit dem Meister, und du wirst in dein Haus zurückkehren. Ich komme sofort, Herr! Du hast alle Trauer in mir ausgelöscht, jeden Schmerz und jede Angst vor Gott.»

«Nein. Du wirst den Entscheid des Hohen Rates abwarten. Mit ruhigem Herzen und ohne Groll. Du bleibst an deinem Platz, bis du entlassen wirst. Dann kommst du zu mir nach Nazareth oder Kapharnaum. Leb wohl! Der Friede sei mit dir und mit deiner Mutter!»

«Dann hältst du dich nicht in meinem Haus auf?»

«Nein, ich werde ins Haus deiner Mutter kommen.»

«Es ist ein Dorf, das nicht sehr gläubig ist.»

«Ich werde es den Glauben lehren. Leb wohl, Mutter! Bist du nun

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glücklich?» Jesus streichelt sie, wie er es immer bei den alten Frauen tut, denen er meistens, wie ich feststellen kann, den Namen "Mutter" gibt.

«Glücklich, Herr! Ich habe einen Sohn für den Herrn großgezogen. Der Herr nimmt ihn mir als Diener für seinen Messias. Der Herr sei dafür gepriesen! Gepriesen seist du, der du sein Messias bist! Gepriesen sei die Stunde, in der du hierher gekommen bist. Gepriesen sei mein Sohn, der zu deinem Dienste berufen ist.»

«Gepriesen sei die Mutter, die heilig wie Anna des Elkana ist. Der Friede sei mit euch!»

Jesus geht, von den beiden gefolgt, hinaus. Er erreicht die Jünger und grüßt nochmals zurück.

Nun beginnt die Rückkehr nach Galiläa.

178. AUF DEN BERGEN BEI EMMAUS

Jesus ist mit den Seinen in einer gebirgigen Gegend. Der Weg ist beschwerlich und steinig, und die Älteren haben ihre Mühe. Die Jungen hingegen sind alle fröhlich um Jesus und steigen lachend und plaudernd hinan. Die beiden Vettern, die beiden Söhne des Zebedäus und Andreas, sind so begeistert, nach Galiläa zurückkehren zu können, daß sie auch Iskariot anstecken, der seit einiger Zeit in bester Gemütsverfassung ist. Er beschränkt sich darauf, zu sagen: «Meister, aber an Ostern, wenn wir zum Tempel gehen, kommst du dann wieder nach Kerioth? Meine Mutter hofft immer noch auf deinen Besuch. Sie hat mir es sagen lassen. Meine Mitbürger ebenfalls!»

«Bestimmt. Jetzt, wenn ich auch wollte, wäre die Jahreszeit zu rauh, um sich auf solch unwegsame Pfade zu begeben. Seht, wie es auch hier mühsam ist. Ohne daß ich es müßte, hätte ich diesen Marsch nicht unternommen... Aber man konnte nicht länger dort bleiben...» Jesus schweigt, in Gedanken verloren.

«Doch danach, ich meine nach Ostern, könnte man dann hingehen? Ich möchte Jakobus und Andreas deine Höhle zeigen», sagt Johannes.

«Vergißt du die Liebe zu Bethlehem etwa unseretwegen? mischt sich Judas Iskariot ein. «Wegen dem Meister, meine ich.»

«Nein. Ich würde mit Jakobus und Andreas hingehen. Jesus könnte in Jutta bleiben oder bei dir zu Hause.»

«Oh, das würde mir gefallen. Bist du einverstanden, Meister? Sie werden nach Bethlehem gehen, und du bleibst mit mir in Kerioth. Mit mir allein bist du noch nie dort gewesen... und ich möchte dich so gern ganz für mich haben...»

«Bist du eifersüchtig? Weißt du nicht, daß ich euch alle auf die gleiche

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Weise liebe? Glaubst du nicht, daß ich mit euch allen bin, auch wenn es scheint, daß ich weit entfernt weile?»

«Ich weiß, daß du uns liebst. Wenn du uns nicht liebtest, wärest du viel strenger, wenigstens mit mir. Ich glaube, daß dein Geist immer über uns wacht. Doch wir sind nicht ganz Geist, wir sind auch Mensch mit menschlichen Gefühlen, seinen Wünschen, seinen Sorgen. Mein Jesus, ich weiß, daß nicht ich es bin, der dich besonders glücklich macht. Aber ich glaube! Du weißt, wie lebhaft in mir der Wunsch ist, dir zu gefallen, und das Bedauern für alle Stunden, in denen ich dich durch meine Armseligkeit verliere...»

«Nein Judas, ich verliere dich nicht. Ich bin dir näher als den anderen, gerade weil ich weiß, wie du bist.»

«Wie bin ich, mein Herr? Sage es mir! Hilf mir zu verstehen, was ich bin. Ich verstehe mich selbst nicht. Es scheint mir, daß ich wie eine Frau bin, die durch Schwangerschaftsgelüste hin- und hergerissen wird. Ich habe heilige und widerliche Neigungen. Warum? Wer bin ich?»

Jesus schaut ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an. Er ist traurig, doch seine Traurigkeit ist von großem Mitleid erfüllt. Viel, viel Mitleid. Er gleicht einem Arzt, der den Zustand eines Kranken feststellt und erkennt, daß es ein unheilbarer Kranker ist. Aber er schweigt.

«Sag es mir, mein Meister. Dein Urteil wird immer das mildeste von allen sein. Übrigens... wir sind unter Brüdern. Es macht mir nichts aus, wenn sie wissen, aus welchem Holz ich bin. Im Gegenteil, wenn sie es von dir erfahren, werden sie ihr Urteil über mich berichtigen und mir helfen. Nicht wahr?»

Die anderen sind verlegen und wissen nicht, was sie sagen sollen. Sie schauen den Gefährten an und betrachten auch Jesus. Jesus begibt sich in die Nähe Iskariots, an den Platz, wo zuvor Vetter Jakobus war, und sagt: «Du bist völlig unausgewogen. Du hast in dir die besten Eigenschaften; doch sie sind nicht gefestigt, und der leiseste Windhauch bringt sie aus dem Gleichgewicht.

Soeben sind wir durch die Schlucht gekommen, und ihre Bewohner haben uns die Schäden an den armseligen Häusern des Dorfes gezeigt, die durch Wasser, Erdreich und von den Bäumen herrühren. Das Wasser, das Erdreich und die Bäume sind nützliche Dinge, nicht wahr? Trotzdem sind sie hier zum Fluch geworden. Warum? Weil das Wasser des Flusses keinen geordneten Lauf hatte; und auch wegen der Nachlässigkeit der Menschen hat sich das Wasser willkürlich und launenhaft mehrere Flußbette gegraben. Es war gut, solange keine Stürme kamen. Es war wie die Arbeit eines Goldschmiedes, dieses klare Wasser, das die Hügel in kleinen Bächen umfloß, mit Diamantsplittern oder Smaragdketten, je nachdem sie das Licht oder den Schatten der Gebüsche widerspiegelten. Der Mensch erfreute sich daran, denn sie waren nützlich, diese plätschernden Wasseradern in

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den Feldern. Wie auch die Sträucher schön waren, die durch die Spielerei des Windes als kapriziöse Büschel bald hier, bald dort gewachsen waren und Lichtungen voller Sonne übrigließen.

Schön war das weiche Erdreich, angeschwemmt von wer weiß wie weit herkommenden Überschwemmungen zwischen den welligen Hügeln, und so fruchtbar für die Pflanzenkulturen, doch die Gewitter vor einem Monat genügten, daß die launigen Wasserläufe sich vereinigten und in ungeordneter Weise überquollen, die hinderlichen Büsche ausrissen und ins Tal schwemmten. Wenn die Gewässer in Ordnung gehalten worden wären, wenn man die Bäume als geordnete Wälder wachsen gelassen hätte, und den Boden auf geordnete Weise mit einem guten Schutz gestützt hätte, dann wären die drei guten Elemente Wasser, Holz und Erdreich nicht zum Tod und Verderben des Ortes geworden. Du hast Intelligenz, Wagemut, Eifer, Bildung, Bereitwilligkeit, ein gutes Aussehen, viele, viele gute Eigenschaften hast du... Doch sie sind in dir verwildert, und du tust nichts dagegen. Schau, du bedarfst geduldiger, ausdauernder Arbeit an dir selbst, um Ordnung zu schaffen, auch Standhaftigkeit in deinen guten Eigenschaften, damit, wenn das Unwetter der Versuchung kommt, das Gute, das in dir steckt, nicht zum Unheil für dich und die anderen werde.»

«Du hast recht, Meister. Ab und zu werde ich durch einen Sturm aufgewühlt und alles geht drunter und drüber, und du sagst, ich könnte...»

«Der Wille ist alles, Judas!»

«Aber es gibt starke Versuchungen... Man versteckt sich aus Angst, die Welt könnte sie aus dem Gesicht lesen.»

«Genau hier liegt der Irrtum. Dies wäre der Augenblick, sich nicht zu verkriechen, sondern unter die Menschen zu gehen, die Guten, um Hilfe zu finden. Der Kontakt mit friedvollen Menschen beruhigt das Fieber der Leidenschaften. Man muß auch die Welt der Kritiker suchen, denn wegen des Hochmuts, der drängt, sich zu verstecken, um sich nicht in unser versuchtes Herz sehen zu lassen, würde dies der moralischen Schwäche entgegenwirken. Man würde nicht fallen.»

«Du bist in die Wüste gegangen.»

«Weil ich es konnte. Doch wehe den Alleingängern, die in ihrer Einsamkeit nicht Vielfalt gegen Vielfalt sind.»

«Wie? Das verstehe ich nicht.»

«Vielfalt der Tugenden gegen die Vielfalt der Versuchungen. Wenn die Tugend nur gering ist, genügt es, es wie diese schlaffe Efeupflanze zu machen: sich an den Zweigen der starken Bäume festzuklammern, um sich hochzuranken.»

«Danke, Meister. Ich werde mich an dir und meinen Gefährten festhalten. Aber ihr müßt mir alle helfen. Ihr seid alle besser als ich.»

«Es war eine rechtschaffenere und genügsamere Umgebung, in der wir aufgewachsen sind, Freund. Doch nun bist du bei uns, und wir lieben

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dich. Du wirst sehen... Es soll dies keine Kritik an Judäa sein; aber glaube mir, in Galiläa, in unseren Dörfern, ist weniger Reichtum und weniger Verderbtheit zu finden. Tiberias, Magdala und andere Orte des Lasters sind in unserer Nähe. Doch wir leben mit unserer einfachen Seele, ungehobelt, wenn du willst, doch arbeitsam und heiligmäßig, zufrieden mit dem, was Gott uns gewährt», sagt Jakobus des Alphäus.

«Aber die Mutter des Judas ist eine heiligmäßige Frau, weißt du, Jakobus? Man liest es ihr aus dem Gesicht...», bemerkt Johannes. Judas von Kerioth lacht glücklich über das Lob, und sein Gesicht strahlt noch mehr, als Jesus bestätigt: «Du hast es gut gesagt, Johannes. Sie ist ein heiliges Geschöpf.»

«O ja! Aber es war der Traum meines Vaters, aus mir einen Großen der Welt zu machen, und er hat mich zu früh und zu gewaltsam von meiner Mutter weggerissen...»

«Aber was habt ihr euch denn heute zu sagen, daß ihr ohne Unterlaß redet?» fragt Petrus von ferne. «Haltet an und wartet auf uns. Es ist nicht nett von euch, so zu rennen, ohne daran zu denken, daß ich kurze Beine habe.»

Sie warten, bis die andere Gruppe sie eingeholt hat.

«Uff, wie liebe ich dich, mein Schifflein! Hier müht man sich ab wie Sklaven. Worüber habt ihr geredet?»

«Wir nannten die Eigenschaften, um gut zu sein», antwortet Jesus.

«Mir sagst du sie nicht, Meister?»

«Aber ja: Ordnung, Geduld, Beharrlichkeit, Demut, Liebe... Ich habe es euch schon so oft gesagt.»

«Aber Ordnung hast du nicht erwähnt. Wozu ist sie gut?»

«Unordnung ist nie eine gute Eigenschaft. Ich habe es deinen Gefährten erklärt. Sie werden es dir sagen, und ich habe sie als erste genannt und am Schluß die Liebe, denn es sind die beiden Extreme einer Geraden in der Vollkommenheit. Nun weißt du, daß eine Gerade auf einer Zeichnung weder Anfang noch Ende hat. So können beide Enden sowohl Anfang als auch Ende sein, während es bei einer Spirale oder einer anderen Zeichnung, die nicht in sich geschlossen ist, immer einen Anfang und ein Ende gibt. Die Heiligkeit ist linear, einfach, vollkommen und hat nur zwei äußere Enden, wie es die Gerade hat.»

«Es ist leicht, eine Gerade zu ziehen...»

«Glaubst du? Du irrst dich. In einer Zeichnung, besonders einer komplizierten, kann unmerklich ein Fehler vorkommen. Doch bei einer Geraden sieht man sofort jeden Fehler; ob sie schief oder unsicher gezogen ist.

Als mich Joseph das Handwerk lehrte, bestand er sehr auf der geraden Linie der Bretter, und er sagte mir mit Recht: "Siehst du, mein Sohn? Eine leichte Unvollkommenheit in einer Verzierung oder in einer Drechslerarbeit kann noch durchgehen, denn ein unerfahrenes Auge kann, wenn

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es einen Punkt betrachtet, eine bestimmte Stelle sehen, aber die andere nicht. Aber wenn ein Brett nicht gerade ist, wie es sein soll, dann gelingt die einfachste Arbeit nicht, wie zum Beispiel ein gewöhnlicher Bauerntisch. Entweder neigt er zur Seite oder er wackelt. Er ist nur zum Feuern gut!" Wir können dies auch auf die Seele anwenden.

Um nicht nur für das Feuer der Hölle zu taugen, sondern für die Eroberung des Himmels, muß man so vollkommen sein wie ein gehobeltes und winkelrechtes Brett. Wer seine geistige Arbeit mit Unordnung beginnt, fängt mit unnützen Dingen an und hüpft wie ein unruhiger Vogel von einer Sache zur anderen. Wenn er dann alles miteinander vereinigen will, bringt er es nicht mehr fertig, weil die Teile nicht zusammenpassen. Daher: Ordnung! Daher: Liebe! Wenn man nun diese Enden festgeschraubt hält, damit sie einem nicht mehr entgleiten können, dann kann die übrige Arbeit in Angriff genommen werden, ob dies nun Verzierungen oder Schnitzereien seien. Hast du verstanden?»

«Ich habe verstanden.» Petrus kaut schweigend an seiner Lektion und kommt plötzlich zu einem Schluß: «So ist mein Bruder tüchtiger als ich. Er ist so ordentlich. Ein Schritt nach dem anderen, still und ruhig. Es scheint, als ob er sich nicht von der Stelle rühre. Ich hingegen... ich möchte schnell und viel machen, und dabei kommt doch nichts heraus. Wer hilft mir?»

«Dein guter Wunsch. Hab keine Angst, Petrus. Auch du wirst es schaffen.»

«Auch ich?»

«Auch du, Philippus.»

«Und ich? Mir scheint, ich tauge zu gar nichts.»

«Nein, Thomas. Auch du arbeitest an dir. Alle, alle arbeiten an sich. Ihr seid wilde Bäume. Doch die aufgepfropften Äste verändern euch langsam, aber sicher, und ich habe an euch meine Freude.»

«So ist es. Wenn wir traurig sind, tröstest du uns, wenn wir schwach sind, stärkst du uns, wenn wir ängstlich sind, ermutigst du uns. Für alles und in allen Fällen hast du Rat und Trost bereit. Wie machst du es nur, Meister, immer so bereit und gut zu sein?»

«Meine Freunde, ich bin deswegen gekommen, denn ich wußte schon, was ich vorfinden würde und was ich zu tun hätte. Ohne Illusionen gibt es keine Enttäuschungen, und man verliert den Mut nicht. Man macht weiter. Denkt daran, wenn es einmal an euch sein wird zu sehen, wieviel ihr noch zu arbeiten habt, um aus einem triebhaften Menschen einen geistigen zu machen.»

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179. IM HAUSE DES SYNAGOGENVORSTEHERS KLEOPHAS

Johannes und sein Bruder klopfen in einem Dorfe an eine Haustür. Ich erkenne jenes Haus wieder, in das die beiden Jünger von Emmaus mit dem auferstandenen Jesus gegangen sind. Als ihnen geöffnet wird, treten sie ein und reden mit jemandem, den ich nicht sehen kann. Dann gehen sie hinaus auf einen Weg und erreichen Jesus, der mit den anderen an einem abseits gelegenen Orte wartet.

«Er ist da, Meister und ist sehr glücklich, daß du wirklich gekommen bist. Er hat gesagt: "Geht und sagt ihm, daß mein Haus ihm gehört. Nun will auch ich kommen."»

«Dann wollen wir gehen.»

Sie gehen eine Zeitlang und begegnen dem alten Synagogenvorsteher Kleophas, der mir schon vom "Trügerischen Gewässer" her bekannt ist. Sie verneigen sich gegenseitig, doch dann kniet der Greis, der einem Patriarchen gleicht, mit ehrerbietigem Gruße nieder. Bewohner des Ortes, die es sehen, kommen neugierig herbei.

Der alte Mann erhebt sich und sagt: «Seht, das ist der verheißene Messias. Erinnert euch an diesen Tag, ihr Einwohner von Emmaus!»

Die einen betrachten ihn mit menschlicher Neugier, die anderen schon mit Blicken frommer Ehrfurcht. Zwei bahnen sich einen Weg, kommen zu ihm hin und sagen: «Der Friede sei mit dir, Rabbi! Auch wir waren an jenem Tage dabei.»

«Der Friede sei mit euch und mit allen! Ich bin zu euch gekommen, da mich euer Synagogenvorsteher darum gebeten hat.»

«Wirst du auch hier Wunder wirken?»

«Wenn hier Kinder Gottes sind, die glauben und des Wunders bedürfen, werde ich bestimmt Wunder wirken.»

Der Synagogenvorsteher sagt: «Wer den Meister hören will, und die, die Kranke daheim haben, mögen in die Synagoge kommen. Darf ich dies bekanntgeben, Meister?»

«Du darfst es. Nach der sechsten Stunde gehöre ich euch. Im Moment gehöre ich dem guten Kleophas.» Gefolgt von einem Schwarm von Leuten, geht Jesus an der Seite des alten Mannes zu dessen Haus.

«Hier ist mein Sohn, Meister, und meine Frau, die Frau meines Sohnes und deren kleine Kinder. Es tut mir sehr leid, daß mein anderer Sohn mit dem Schwiegervater meines Sohnes Kleophas und einem Unglücklichen von hier in Jerusalem ist. Ich werde dir darüber berichten. Tritt ein, Herr, mit deinen Jüngern.»

Sie treten ein und werden mit den üblichen hebräischen Erfrischungen bedient. Dann gehen sie in die Nähe des Feuers, das unter einem großen Kamin brennt; denn der Tag ist feucht und kalt.

«Gleich werden wir uns zu Tisch begeben. Ich habe die Vornehmen des

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Ortes eingeladen. Es wird ein großes Fest heute. Nicht alle glauben an dich. Aber sie sind dir nicht feindlich gesinnt. Sie warten ab... Sie möchten glauben... aber sie sind, was den Messias anbelangt, in diesen letzten Jahren zu oft enttäuscht worden. Es ist Mißtrauen. Es würde ein gutes Wort vom Tempel genügen, um jeden Zweifel zu beheben. Aber der Tempel... Ich habe gedacht, daß man schon, wenn man dich sieht und hört, viel in diesem Sinne tun könnte. Ich möchte dir echte Freunde geben.»

«Du bist einer von ihnen.»

«Ich bin ein alter, armseliger Mann. Wäre ich jünger, so würde ich dir nachfolgen. Doch die Jahre lasten auf mir.»

«Du dienst mir schon mit deinem Glauben. Du predigst über mich mit deinem Glauben. Sei getrost, Kleophas! Ich werde deiner in der Stunde der Erlösung gedenken.»

«Dort kommt Simon mit Hermas», meldet der Sohn des Vorstehers. Alle erheben sich beim Eintreten zweier Männer mittleren Alters von vornehmem Aussehen.

«Da sind Simon und Hermas, Meister. Sie sind wahrhaftige Israeliten und sehr aufrichtig in ihren Herzen.»

«Gott wird sich ihren Herzen enthüllen. Der Friede komme über sie. Ohne Frieden kann man Gott nicht vernehmen!»

«Das steht auch im Buch der Könige, wo von Elias die Rede ist.»

«Sind dies deine Jünger?» fragt Simon.

«Ja.»

«Sie sind verschiedenen Alters und aus allen Gegenden. Bist du Galiläer ?»

«Von Nazareth, doch in Bethlehem geboren zur Zeit der Volkszählung.»

«Bethlehemit also. Das bestätigen deine Gesichtszüge.»

«Es ist eine gütige Bestätigung für die menschliche Schwäche. Doch die wahre Bestätigung liegt im Übermenschlichen.»

«In deinen Werken, willst du sagen?» fragt Hermas.

«In ihnen und in den Worten, die der Geist auf meinen Lippen entzündet.»

«Sie wurden mir von denen wiederholt, die dich sprechen gehört haben. Wahrlich groß ist deine Weisheit, und mit dieser gedenkst du dein Reich zu gründen?»

«Ein König braucht Untertanen mit der Kenntnis der Gesetze seines Reiches.»

«Aber deine Gesetze sind alle geistiger Natur.»

«Du sagst es, Hermas! Alle sind geistiger Natur. Ich werde ein geistiges Reich haben, daher habe ich ein geistiges Gesetzbuch.»

«Doch wie steht es mit der Wiederaufrichtung Israels?»

«Ihr dürft nicht in den üblichen Irrtum fallen und den Namen "Israel"

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im menschlichen Sinne verstehen. "Israel" bedeutet "Volk Gottes". Ich werde die Freiheit und die wahre Macht dieses Volkes Gottes wiederherstellen und es wiederaufbauen und gleichzeitig dem Himmel die erlösten und über die ewigen Wahrheiten unterrichteten Seelen wiederbringen.»

«Laßt uns zu Tisch gehen, ich bitte euch», sagt Kleophas, der mit Jesus in der Mitte der Tafel Platz nimmt. Zur Rechten Jesu sitzt Hermas und neben Kleophas ist Simon, dann kommt der Sohn des Synagogenvorstehers, und auf den übrigen Plätzen sind die Jünger.

Vom Gastgeber dazu aufgefordert, opfert und segnet Jesus die Speisen, und die Mahlzeit beginnt.

«Kommst du in diese Gegend, Meister?» fragt Hermas.

«Nein. Ich gehe nach Galiläa. Ich bin nur auf der Durchreise.»

«Wie, du verläßt das "Trügerische Gewässer" ?»

«Ja, Kleophas.»

«Dort konnten dich die Scharen ungeachtet des Winters besuchen. Warum enttäuschst du sie?»

«Nicht ich. So wollen es die Reinen Israels.»

«Was? Warum? Was hast du Böses getan? In Palästina gibt es viele Rabbis, die dort reden, wo sie wollen. Warum sollte es dir nicht erlaubt sein?»

«Forsche nicht, Kleophas. Du bist alt und weise. Laß nicht das Gift bitterer Erfahrung in dein Herz eindringen.»

«Vielleicht verkündest du neue Lehren, die als gefährlich gelten... Oh, bestimmt durch Irrtum in der Bewertung der Schriftgelehrten und Pharisäer. Soviel wir von dir wissen, scheint uns dies der Fall zu sein... nicht wahr, Simon? Aber vielleicht wissen wir nicht alles. Worin besteht nach dir die Lehre?» fragt Hermas.

«In der genauen Kenntnis der Zehn Gebote Gottes. In der Liebe und der Barmherzigkeit. Die Liebe und die Barmherzigkeit, der Atem und das Blut Gottes, sind die Richtlinien für mein Verhalten und für meine Lehre. Ich wende sie bei allen Vorkommnissen meines täglichen Lebens an.»

«Aber das ist doch nicht Sünde, das ist Güte!»

«Es wird von den Schriftgelehrten und Pharisäern als Sünde beurteilt! Aber ich kann meine Mission nicht verraten, noch Gott gegenüber ungehorsam sein: Gott, der mich als "Barmherzigkeit" auf die Erde gesandt hat. Die Zeit der Fülle der Barmherzigkeit ist angebrochen, nach Jahrhunderten der Gerechtigkeit. Sie ist die Schwester der ersteren. Sie sind beide aus einem Schoß hervorgegangen. Doch während früher die Gerechtigkeit die stärkere war und die andere nur die Strenge milderte -denn Gott kann nicht anders als lieben – ist nun die Barmherzigkeit die Königin, und wie sehr freut sich nun die Gerechtigkeit, die sehr darunter gelitten hatte, daß sie strafen mußte! Wenn ihr alles überdenkt, dann erkennt ihr leicht, daß es sie immer gegeben hat, seit der Mensch Gott dazu

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gezwungen hat, streng zu sein. Die Fortdauer der Menschheit ist nur die Bestätigung dessen, was ich sage. Schon in der Bestrafung Adams lag Barmherzigkeit. Gott hätte die Menschen nach der Sünde einäschern können. Aber er legte ihnen eine Sühne auf, und der Frau, als der Ursache allen Unheils, die dadurch ihrer Würde verlustig gegangen war, stellte er eine leuchtende Frauengestalt als Ursache des Heils entgegen. Beiden gewährte er Nachkommen und die Erkenntnis ihres Daseins. Dem Mörder Kain gewährte er zusammen mit der Gerechtigkeit das Zeichen der Barmherzigkeit, damit er nicht getötet würde. Der verderbten Menschheit schenkte er Noah, um ihren Fortbestand in der Arche zu retten, und versprach, mit ihr alsdann einen ewigen Bund des Friedens zu schließen. Keine gewaltige Sintflut mehr sollte es geben. Nie mehr! Die Gerechtigkeit wurde durch die Barmherzigkeit bezwungen. Wollt ihr mit mir die heilige Geschichte bis zu meiner Stunde zurückverfolgen? Ihr werdet sehen, wie großzügig die Wogen der Liebe sich wiederholen und wie dies immer öfters geschehen wird. Das Meer Gottes ist jetzt voll, es trägt dich, o Menschheit, auf seinen heiteren und sanften Wassern und erhebt dich zum Himmel, gereinigt und schön, und sagt: "Ich gebe dich meinem Vater zurück."»

Die drei sind ganz in Gedanken versunken und staunen über so viel Licht und Liebe. Dann seufzt Kleophas: «So ist es! Doch nur du allein bist so! Was wird mit Joseph geschehen? Er sollte schon vernommen worden sein, nicht? Oder wird er es erst?»

Niemand antwortet. Kleophas wendet sich an Jesus: «Meister, einer von Emmaus, dessen Vater vor langer Zeit seine Frau verstoßen hat, die dann nach Antiochia ging, um dort bei einem Bruder zu leben, einem Ladenbesitzer, ist in schwere Schuld verstrickt. Er hatte diese Frau nie gekannt, und ich forsche nicht nach den Gründen, die zu ihrer Vertreibung nach wenigen Monaten der Ehe geführt hatten. Er wußte nichts von ihr, denn verständlicherweise war ihr Name in seinem Haus verpönt. Als er zum Manne herangewachsen war und vom Vater den Handel und die Güter geerbt hatte, dachte er daran, zu heiraten. Er hatte in Joppe eine Frau kennengelernt, eine reiche Handelshausbesitzerin, und heiratete sie. Nun – ich weiß nicht, wie er es erfahren hat – wurde ihm bekannt, daß jene Frau die Tochter der Frau seines Vaters sei. Also eine schwere Sünde, ob gleich man meiner Ansicht nach nicht sicher weiß, wer der Vater der Frau ist. Vom Gericht verurteilt, hat Joseph seinen Frieden als Gläubiger und als Ehemann verloren. Obwohl er mit großem Schmerz seine Frau, viel leicht seine Schwester, verstoßen hat, die dann vom Fieber befallen wurde und gestorben ist, erhält er keine Vergebung. Ich sage aufrichtig, daß er nicht so hart bestraft worden wäre, wenn nicht Feinde hinter dem Besitz her wären. Was würdest du tun?»

«Der Fall ist sehr ernst, Kleophas. Warum hast du mir nichts davon gesagt, als du bei mir warst ?»

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«Ich wollte dich nicht von hier fernhalten.»

«Oh, ich weiche solchen Angelegenheiten nicht aus. Nun höre! Es liegt grundsätzlich eine Blutschande vor, die strafbar ist. Doch die moralische Schuld setzt, um wirklich Schuld zu sein, den Willen zu sündigen voraus. Hat dieser Mann bewußt eine Blutschande begangen? Du sagst nein. Wo ist also die Schuld? Ich will sagen, die Schuld, aus freiem Willen gesündigt zu haben. Es bleibt nur das Zusammenleben mit der Tochter des eigenen Vaters. Aber du sagst, daß es ungewiß ist, daß es überhaupt ihr Vater war. Selbst wenn dem so wäre, hätte die Schuld mit der Beendigung des Zusammenlebens ein Ende. Hier ist Beendigung gegeben, nicht nur durch die Verstoßung seiner jungen Frau, sondern auch wegen des darauffolgenden Todes. Deshalb sage ich, daß dem Mann, trotz der scheinbaren Schuld, verziehen werden sollte. Ich sage: Da es für königliche Inzucht keine Bestrafung gibt, obgleich sie offenkundig ist, müßte man in diesem schmerzlichen Falle Barmherzigkeit walten lassen; in diesem Fall, dessen Ursprung auf die Erlaubnis der Verstoßung zurückgeht, die von Moses gegeben wurde, um böse Folgen – wenn nicht schwerere, so doch zahlreichere – zu verhüten. Diese Erlaubnis verurteile ich; denn der Mann, der eine gute oder schlechte Ehe eingegangen ist, muß mit dem Ehepartner leben und darf die Frau nicht verstoßen und damit den Ehebruch und ähnliche Situationen begünstigen. Außerdem, wenn man schon streng sein will, dann muß man es mit allen und in gleichem Maße sein, ja, zuerst mit sich selbst und mit den Mächtigen. Bis jetzt hat, soviel ich weiß, außer dem Täufer noch niemand die Stimme gegen die königlichen Sünder erhoben. Sind jene, die andere verurteilen, immun gegen solche und noch schlimmere Sünden, oder dienen ihnen ihr Name und ihre Macht dazu, sie zu verbergen, so wie ihr prunkvolles Gewand ihrem oft durch Laster erkrankten Körper als Deckung dient?»

«Du hast gut gesprochen, Meister! So ist es. Aber du... wer bist du eigentlich ?» fragen gleichzeitig die beiden Freunde des Synagogenvorstehers. Jesus kann nicht antworten, denn die Tür geht auf und Simon, der Schwiegervater des Sohnes des Kleophas, kommt herein.

«Gut zurückgekehrt? Nun?»

Die Neugier ist so lebhaft, daß niemand mehr an den Meister denkt.

«Absolute Verurteilung. Sie nehmen nicht einmal die Opfergabe an. Joseph ist aus Israel verstoßen!»

«Wo ist er?»

«Draußen. Er weint. Ich habe versucht, mit den Mächtigsten zu reden. Sie haben mich wie einen Aussätzigen verjagt. Nun... Aber... Es ist der Ruin dieses Mannes, was seine Seele und seine Güter anbelangt... Was soll er tun?»

Jesus steht auf und geht wortlos zur Türe.

Der alte Kleophas glaubt, daß Jesus beleidigt sei, weil man ihm

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momentan keine Beachtung geschenkt hat, und sagt: «Oh, verzeih, Meister. Es ist der Schmerz über die Angelegenheit, der mich erschüttert. Bleibe, ich bitte dich!»

«Ich bleibe, Kleophas. Ich gehe nur zu jenem Unglücklichen. Ihr könnt mitkommen, wenn ihr wollt.» Jesus geht in die Vorhalle.

Das Haus besitzt einen Vorgarten mit kleinen Beeten, und davor ist die Straße. Am Eingang liegt ein Mann auf dem Boden. Jesus geht mit offenen Armen auf ihn zu. Hinter ihm kommen alle anderen, die versuchen, etwas zu sehen.

«Joseph, hat dir denn niemand vergeben?» Die Stimme Jesu ist voller Güte. Der Mann richtet sich auf, als er nach all den Verfluchungen diese neue, so gütige Stimme vernimmt. Er erhebt das Antlitz und blickt Jesus erstaunt an.

«Joseph, hat dir niemand vergeben?» wiederholt Jesus noch einmal und beugt sich über ihn, um die Hände des Mannes zu ergreifen und ihm aufzuhelfen.

«Wer bist du?» fragt der Unglückliche.

«Ich bin die Barmherzigkeit und der Friede!»

«Für mich gibt es keine Barmherzigkeit und keinen Frieden mehr.»

«Im Herzen Gottes gibt es sie immer. Jenes Herz ist übervoll davon, besonders für seine unglücklichen Kinder.»

«Aber meine Schuld wiegt so schwer, daß ich nun von Gott verstoßen bin. Du, der du so gut bist, laß mich los, damit ich dich mit meiner Unreinheit nicht beflecke.»

«Ich lasse dich nicht. Ich will dich zum Frieden führen.»

«Aber ich bin... Wer bist du?»

«Ich habe es dir gesagt: Barmherzigkeit und Friede! Ich bin der Retter. Jesus bin ich. Steh auf! Ich kann, was ich will. Im Namen Gottes spreche ich dich los von der unverschuldeten Befleckung. Ein anderes Unheil existiert nicht. Ich bin das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt. Mir ist alle Gewalt gegeben in Ewigkeit. Wer an meine Worte glaubt, wird das ewige Leben haben. Komm, armer Sohn Israels. Erquicke deinen müden Körper und stärke deine bedrückte Seele! Ganz andere Sünden werde ich noch vergeben. Nein, nicht durch mich soll Verzweiflung in die Herzen kommen. Ich bin das makellose Lamm; aber ich fliehe nicht vor den verwundeten Schafen aus Angst, mich zu beflecken. Im Gegenteil, ich suche sie und leite sie. Viele, zu viele gehen ins Verderben, weil sie mit zuviel und auch mit unberechtigter Strenge verurteilt werden. Wehe jenen, die mit unnachgiebiger Härte eine Seele zur Verzweiflung treiben. Sie wahren nicht die Interessen Gottes, sondern die Interessen Satans. Ich denke jetzt an eine Sünderin, die Sehnsucht nach der Erlösung hat und vom Erlöser ferngehalten wird; ich denke an einen Synagogenvorsteher, der verfolgt wird, weil er gerecht ist, und an einen Beschuldigten, der

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ahnungslos in Sünde gefallen ist. Zu viele Dinge sehe ich dort geschehen, wo Laster und Lüge herrschen. Wie eine Mauer, die, Stein auf Stein gelegt, immer höher und zur Wand wird, so geschehen Dinge – in diesem Jahr habe ich schon zu viele davon gesehen – die zwischen mir und den anderen eine immer höhere Mauer der Härte bilden. Wehe ihnen, wenn sie am höchsten geworden ist mit Materialien, die sie selbst hierfür geliefert haben! Komm, trink und iß. Du bist erschöpft. Morgen wirst du dann mit mir kommen. Habe keine Angst. Wenn du deinen Seelenfrieden wieder gefunden hast, wirst du frei über deine Zukunft entscheiden können. Jetzt könntest du es nicht, und es wäre gefährlich, es dich tun zu lassen.»

Jesus hat den Mann in den Saal geführt und ihn gezwungen, sich an seinen Platz zu setzen. Er bedient ihn auch und wendet sich dann an Hermas und Simon und sagt: «Das ist meine Lehre! Diese und keine andere! Ich werde mich nicht darauf beschränken, sie zu predigen, vielmehr werde ich sie verwirklichen. Wer nach Wahrheit und Liebe dürstet, der komme zu Mir!»

Jesus sagt: «Hiermit endet mein erstes Jahr der Verkündigung der Heilsbotschaft. Erinnert euch daran! Was soll ich euch sagen? Ich habe euch dieses Werk gegeben, weil es mein Wunsch ist, daß es bekannt werde. Doch wie mir mit den Pharisäern, so wird es auch diesem Werk ergehen. Mein Wunsch, geliebt zu werden – kennen ist lieben – wird aus vielen Gründen zurückgewiesen, und das ist ein großer Schmerz für mich, den ewigen Meister, als

euer Gefangener ...»

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180. UNTERWEISUNG DER JÜNGER AUF DEM WEG NACH ARIMATHÄA

«Herr, was werden wir mit diesem anfangen ?» fragt Petrus Jesus, indem er auf den Mann namens Joseph zeigt, der ihnen folgt, seit sie Einmaus verlassen haben, und nun den beiden Söhnen des Alphäus und des Simon zuhört, die sich seiner ganz besonders angenommen haben.

«Ich habe es schon gesagt. Er wird mit uns bis nach Galiläa kommen.»

«Aber dann? ...»

«Dann... wird er bei uns bleiben. Du wirst sehen, daß es so kommen wird.»

«Wird auch er ein Jünger werden? Mit all dem, was er auf dem Gewissen hat ?»

«Bist auch du ein Pharisäer?»

«Ich... nein! Aber mir scheint, daß die Pharisäer jeden unserer Schritte beobachten...»

«Wenn sie ihn bei uns sehen, werden sie uns Unannehmlichkeiten bereiten. Das willst du sagen, nicht wahr? Also, um uns nicht der Gefahr auszusetzen, belästigt zu werden, sollen wir einen Sohn Abrahams seiner Verzweiflung überlassen? Nein, Simon Petrus. Es geht um eine Seele, die verlorengehen oder gerettet werden kann, je nachdem, wie ihre große Wunde behandelt wird.»

«Aber sind denn nicht schon wir deine Jünger?»

Jesus schaut Petrus an und lächelt fein. Dann sagt er: «Vor vielen Monaten sagte ich dir einmal: "Viele andere werden noch hinzukommen." Das Feld ist sehr groß und weit. Die Arbeiter werden immer zu gering an der Zahl sein für eine solche Ausdehnung... auch weil viele das Los des Jonas teilen werden: sie werden bei der harten Arbeit sterben. Doch ihr werdet immer meine Bevorzugten sein», schließt Jesus und zieht den schmollenden Petrus an sich, der sich bei diesem Versprechen beruhigt.

«Dann kommt er also mit uns?»

«Ja, solange sein Herz nicht geheilt ist. Es ist mit Bitterkeit erfüllt durch all den Haß, den es erleiden mußte.»

Auch Jakobus und Johannes erreichen zusammen mit Andreas den Meister und hören ihm zu.

«Ihr könnt nicht ermessen, welch großes Leid ein Mensch einem anderen Menschen durch feindselige Unnachgiebigkeit zufügen kann. Bedenket stets, daß euer Meister immer sehr gütig gegen die seelisch Kranken

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gewesen ist. Ihr glaubt, daß meine größten Wunder und die stärkste Wirkung meiner Kraft den Heilungen des Körpers gelten. Nein, Freunde... Ja, kommt auch ihr näher, die ihr vorausgeht oder hinten nachkommt. Die Straße ist breit, und wir können jetzt in einer geschlossenen Gruppe gehen.»

Alle drängen sich um Jesus, der fortfährt: «Meine bedeutendsten Werke, die am klarsten von meinem Wesen und meiner Mission zeugen und die mein Vater mit Wohlgefallen betrachtet, sind die Heilungen der Herzen; sei es, daß es sich um die Heilung von einem oder mehreren Hauptlastern handelt, oder daß ich von der Trostlosigkeit befreie, die einen Menschen dermaßen niederdrückt, daß er glaubt, von Gott heimgesucht oder verlassen worden zu sein.

Was bleibt der Seele, die diese Gewißheit der Hilfe Gottes verloren hat? Sie ist eine schwache Ackerwinde, die im Staube dahinkriecht, da sie sich nicht mehr an ihre Überzeugung festklammern kann, die vorher ihre Kraft und Freude war. Es ist schrecklich, ohne Hoffnung leben zu müssen. Das Leben ist schön trotz seiner Härten, nur weil es den Strahl der göttlichen Sonne empfängt. Das Ziel dieses Lebens ist jene Sonne. Ist der menschliche Tag düster, von Tränen erfüllt und vom Blute gezeichnet? Ja, aber dann wird die Sonne scheinen. Kein Schmerz, keine Trennung, keine Bitterkeit, kein Haß, kein Elend und keine Einsamkeit mehr in den bedrückenden Nebeln, sondern Licht und Gesang, Freude und Friede, Gott! Gott, die Ewige Sonne! Schaut, wie traurig die Erde erscheint, wenn eine Sonnenfinsternis eintritt. Wenn sich der Mensch sagen müßte: "Die Sonne ist nicht mehr", wäre es dann nicht so, als ob er für immer in eine dunkle Gruft eingemauert und begraben wäre; als ob er schon vor dem eigentlichen Tode gestorben wäre? Aber der Mensch weiß, daß jenseits des Himmelskörpers, der die Sonne verdeckt und die Erde verdunkelt, immer noch die heitere Sonne Gottes leuchtet. Das ist das Bewußtsein der Gottverbundenheit während seines Lebens auf Erden. Die Menschen verletzen, bestehlen und verleumden. Gott heilt, vergilt und rechtfertigt in vollem Maße. Die Menschen sagen. "Gott hat dich verstoßen." Die vertrauensvolle Seele aber denkt, ja muß denken: "Gott ist gut und gerecht. Er kennt die Gründe und ist barmherzig, und seine Barmherzigkeit ist größer als die des gütigsten Menschen. Sie ist unendlich. Deshalb wird er mich nicht abweisen, wenn ich mein verweintes Antlitz an seiner Brust berge und sage: 'Vater, du allein bleibst mir. Dein Kind ist betrübt und niedergeschlagen. Gib mir deinen Frieden .... ..

Ich, der von Gott Gesandte, sammle alle, die der Mensch verwirrt und Satan mit sich gerissen hat, und rette sie. Dies ist meine Aufgabe. Dies ist sie wahrhaftig. Das Wunder am menschlichen Leib ist göttliche Macht. Die Erlösung der Seelen ist das Werk Jesu Christi, des Retters und Erlösers. Ich denke, und ich irre nicht, daß alle, die ihre Würde in den Augen

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Gottes und in ihren eigenen Augen durch mich wiedergefunden haben, meine getreuen Jünger sein werden. Mit umso größerer Überzeugungskraft werden sie das Volk zu Gott führen, indem sie sagen: "Ihr seid Sünder? Ich auch. Ihr seid gedemütigt worden? Ich auch. Ihr seid verzweifelt ? Ich auch, und doch, seht ihr? Der Messias hat sich meines seelischen Elends erbarmt und mich als seinen Priester aufgenommen, denn er ist die Barmherzigkeit und wünscht, daß sich die Welt davon überzeuge. Niemand ist besser dafür geeignet, zu überzeugen, als der, der es an sich selbst erfahren hat." Nun will ich meine Freunde und jene, die mich seit meiner Geburt lieben, also die Hirten, mit diesen Menschen vereinigen. Besser noch: ich geselle sie den Hirten und den Geheilten bei, allen, die auch ohne besondere Erwählung, wie dies bei euch Zwölfen der Fall ist, sich auf meinen Weg begeben und ihm bis zu ihrem Tode folgen werden. In der Nähe von Arimathäa lebt Isaak. Ich werde ihn mit mir nehmen, damit er mit Timoneus geht, sobald dieser angekommen ist. Joseph, unser Freund, hat mich darum gebeten. Wenn du glaubst, daß in mir der Friede und das Ziel eines ganzen Lebens zu finden sind, kannst du dich zu ihnen gesellen. Sie werden dir gute Brüder sein.»

«Oh, welch ein Trost für mich! Es ist genau so, wie du sagst. Meine tiefen Wunden, als Mensch und als Gläubiger, heilen von Stunde zu Stunde. Seit drei Tagen bin ich bei dir, und ich habe das Gefühl, daß all das, was mich noch vor drei Tagen quälte, sich wie ein Traum von mir entfernt. Ich habe diesen Traum gelebt, doch je mehr Zeit vergeht, um so mehr verbleichen seine scharfen Umrisse vor deiner Wirklichkeit. In diesen Nächten habe ich viel nachgedacht. In Joppe habe ich einen guten Verwandten. Er ist... die unabsichtliche Ursache meines Unheils gewesen, weil ich durch ihn jene Frau kennengelernt habe. Dies soll dir beweisen, ob wir wissen konnten, wessen Tochter sie war... Von ihr, der ersten Frau meines Vaters, ja, von ihr wird sie es wohl gewesen sein, aber nicht von meinem Vater. Sie hatte einen anderen Namen und kam von weither. Sie lernte durch den Handel meinen Verwandten kennen, und so lernte auch ich sie kennen. Der Verwandte ist sehr auf mein Unternehmen aus. Ich werde es ihm anbieten, da es ohne Herrn eingehen würde. Er wird es mir zweifellos abkaufen, um nicht mehr so sehr vom Gewissen geplagt zu werden, die Ursache meines Unglücks zu sein. Ich werde mir genügen und dir nachfolgen können. Ich bitte dich nur, mir Isaak, den du genannt hast, beizugesellen. Ich habe Angst, mit meinen Gedanken allein zu sein. Sie sind noch zu traurig...»

«Ich werde dir Isaak geben. Er ist ein guter Mensch. Der Schmerz hat ihn veredelt. Dreißig Jahre lang hat er sein Kreuz getragen. Er weiß, was leiden heißt... Wir werden indes weitergehen, und ihr werdet uns in Nazareth einholen.»

«Werden wir nicht im Haus Josephs verweilen?»

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«Joseph ist wahrscheinlich in Jerusalem... Das Hohe Rat hat viel zu tun. Aber wir werden es durch Isaak erfahren. Wenn er da ist, werden wir ihm unseren Frieden bringen. Wenn nicht, dann werden wir nur eine Nacht bleiben, um uns auszuruhen. Ich habe es eilig, nach Galiläa zu kommen. Dort ist eine Mutter, die leidet. Denn vergeßt nicht, es ist dort jemand, der alles daransetzt, um sie zu betrüben. Ich will sie beruhigen.»

181. AUF DEM WEG NACH SAMARIA; UNTERWEISUNG DER APOSTEL

Jesus ist mit seinen Zwölfen. Die Gegend ist immer noch gebirgig, doch ist der Weg so breit, daß sie in einer geschlossenen Gruppe gehen und miteinander reden können.

«Nun aber, da wir allein sind, können wir es sagen: warum gibt es soviel Eifersucht zwischen zwei Gruppen?» fragt Philippus.

«Eifersucht ? Aber das ist doch nichts anderes als Überheblichkeit!»entgegnet Judas des Alphäus.

«Nein. Ich meine, es ist nur ein Vorwand, um ihr ungerechtes Verhalten dem Meister gegenüber irgendwie zu rechtfertigen. Unter dem Deckmantel des Eifers für den Täufer erreicht man es, ihn fernzuhalten, ohne die Menge allzusehr zu verstimmen», sagt Simon der Zelote.

«Ich würde sie entlarven.»

«Wir, Petrus, würden viele Dinge tun, die Jesus nicht tut.»

«Warum tut er sie nicht?»

«Weil er weiß, daß es gut ist, sie nicht zu tun. Wir brauchen ihm nur zu folgen. Es steht uns nicht an, ihn zu führen, und wir sollten glücklich darüber sein. Es ist eine große Erleichterung, nur gehorchen zu müssen...»

«Das hast du gut gesagt, Simon», sagt Jesus, der anscheinend in Gedanken versunken vorausgegangen war. «Du hast recht, gehorchen ist leichter als befehlen. Es scheint nicht so, aber es ist so. Sicher ist es für einen guten Menschen leicht, zu gehorchen, so, wie es schwierig ist für einen rechtschaffenen Menschen, zu befehlen. Wenn einer aber nicht rechtschaffen ist, gibt er unsinnige Befehle, ja, noch mehr als nur das. Dann ist es leicht zu befehlen. Aber um wieviel schwerer wird es dann sein, zu gehorchen! Wenn einer die Verantwortung trägt als Erster in einem Ort oder in einer Gruppe von Menschen, dann muß er sich immer Liebe und Gerechtigkeit, Klugheit und Demut, Mäßigkeit und Geduld, und Willensstärke ohne Starrsinn vor Augen halten. Oh, das ist schwer! ... Ihr habt vorerst nur Gott und eurem Meister zu gehorchen. Du, und nicht nur du allein, fragst dich, warum ich gewisse Dinge tue und andere unterlasse, du fragst dich, warum Gott etwas zuläßt oder nicht zuläßt. Schau, Petrus,

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und auch ihr, Freunde, eines der Geheimnisse des vollkommenen Gläubigen besteht darin, daß er Gott nie einem Verhör unterzieht. "Warum tust du dies?" fragt einer, der unreif ist, seinen Gott. Das ist wie wenn ein weiser Erwachsener vor einen Schuljungen hintreten und ihm sagen würde: "Das macht man nicht, das ist eine Dummheit, das ist ein Fehler." Wer ist größer als Gott?

Nun seht ihr, daß ich unter dem Vorwand des Eifers für Johannes verjagt wurde, und ihr seid darüber empört. Ihr möchtet, daß ich diesen Fehler richtigstelle, indem ich eine kämpferische Haltung gegen die Verfechter dieses Argumentes einnehme. Nein, das wird niemals geschehen. Ihr habt den Täufer durch den Mund seiner Jünger sprechen gehört: "Er muß wachsen, und ich abnehmen." Er bedauert es nicht, er hängt nicht an seiner Stellung. Der Heilige klammert sich nicht an diese Dinge. Er arbeitet nicht, um eine möglichst große Anzahl von Jüngern zu haben. Er besitzt keine eigenen Jünger. Er ist vielmehr darum bemüht, die Zahl der Getreuen Gottes zu vermehren. Nur Gott allein hat ein Recht auf Getreue. Deshalb bin ich ebensowenig darüber betrübt, daß einige in gutem oder schlechtem Glauben Jünger des Täufers bleiben, wie er sich nicht darüber grämt, daß einige von seinen Jüngern zu mir kommen, wie ihr es gehört habt! Er geht auf solche zahlenmäßige Kleinlichkeiten gar nicht ein. Er schaut zum Himmel, und auch ich schaue zum Himmel. Streitet also nicht weiter darüber, ob es gerecht oder ungerecht sei, wenn Judäer mich beschuldigen, dem Täufer Jünger zu entführen, und ob es richtig oder unrichtig sei, sie so reden zu lassen. Das sind Streitereien geschwätziger Frauen am Brunnen. Die Heiligen helfen sich gegenseitig, sie überlassen einander ihre Getreuen und tauschen sie lächelnd und frohen Herzens im Gedanken, für den Herrn zu arbeiten, aus.

Ich habe getauft, und sogar euch taufen lassen, da der Geist nun so schwerfällig ist, daß er greifbare Beispiele der Barmherzigkeit, von Wundern und der Belehrung nötig hat. Wegen dieser geistigen Schwerfälligkeit werde ich materielle Heilsmittel nehmen müssen, wenn ich aus euch Wundertäter machen will. Aber glaubt mir, weder im Öl, noch im Wasser, noch in einer anderen Zeremonie liegt der Beweis für die Heiligkeit. Die Stunde steht nahe bevor, da etwas Ungreifbares, Unsichtbares, den Materialisten Unfaßbares, als Königin walten wird. Es ist die "zurückgekehrte" Königin, machtvoll und heilig durch das Heilige und in allem Heiligen. Durch sie wird der Mensch wieder zum "Kind Gottes" werden, und sie wird das wirken, was Gott vollbringt, denn Gott wird mit ihr sein. Es ist die Gnade! Sie ist die wiederkehrende Königin! Dann wird die Taufe ein Sakrament sein. Dann wird der Mensch die Sprache Gottes sprechen und verstehen. Er wird Leben und das LEBEN geben, er wird Macht der Weisheit und der Stärke verleihen, dann... oh, dann! Noch seid ihr unreif um zu begreifen, was euch die Gnade gewähren wird. Ich bitte euch: fördert ihr

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Kommen durch eine andauernde Selbsterziehung, und überlaßt die nutzlosen Dinge den kleinlichen Menschen... Seht dort, die Grenzgebiete von Samaria. Glaubt ihr, daß es gut wäre, wenn ich dort sprechen würde?»

«Oh!» Alle sind mehr oder weniger darüber entrüstet. 1)

«Wahrlich, ich sage euch, die Samariter sind überall, und wenn ich nicht dort sprechen dürfte, wo ein Samariter ist, dann dürfte ich nirgendwo mehr sprechen. Kommt also! Ich werde nicht danach trachten, zu sprechen. Doch wenn man mich darum bittet, werde ich mich nicht weigern, von Gott zu sprechen. Ein Jahr ist zu Ende. Das zweite beginnt. Es bildet die Mitte zwischen einem Anfang und einem Ende. Anfangs war der Meister noch vorherrschend. Nun offenbart sich der Retter. Das Ende wird das Antlitz des Erlösers tragen. Laßt uns gehen. Der Strom wird um so größer, je näher er zur Mündung kommt. Auch ich will das Werk der Barmherzigkeit erweitern, denn die Mündung kommt näher.»

«Werden wir von Galiläa aus zu irgendeinem großen Fluß gehen? Zum Nil vielleicht? Oder zum Euphrat?» flüstern einige.

«Vielleicht gehen wir unter die Heiden...», entgegnen andere.

«Redet nicht untereinander. Wir nähern uns "meiner Mündung". Das heißt, wir nähern uns der Erfüllung meiner Sendung. Seid sehr wachsam, denn ich werde euch einmal verlassen, und ihr werdet in meinem Namen weiterwirken müssen.»

182. DIE SAMARITERIN FOTINAI

«Ich bleibe hier. Geht in die Stadt und kauft, was wir für die Mahlzeit benötigen. Wir werden hier essen.»

«Sollen wir alle gehen?»

«Ja, Johannes. Es ist gut, wenn ihr alle miteinander geht.»

«Du bleibst allein? ... Es sind Samariter...»

«Sie werden nicht die Schlimmsten unter den Feinden Christi sein. Geht, geht nur. Während ich hier auf euch warte, will ich für euch und für sie beten.»

Die Jünger gehen schweren Herzens davon; drei- oder viermal drehen sie sich nach Jesus um und betrachten ihn, wie er auf einem kleinen, sonnenbeschienenen Mäuerchen sitzt, das sich in der Nähe des breiten, niedrigen Randes eines Brunnens befindet; eines großen Brunnens, fast einer Zisterne gleich, so breit ist er. Im Sommer ist er von den großen, jetzt

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1) Wegen der Gründe und der Ursache der Abspaltung der Samariter von den Juden und der daraus hervorgegangenen Opposition zwischen den beiden, und wegen der Haltung Jesu und der entstehenden Kirche gegenüber den Samaritern.

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kahlen, Bäumen beschattet. Das Wasser des Brunnens kann man nicht sehen, doch zeigen kleine Pfützen und Abdrücke der abgestellten Krüge auf dem Erdboden rundherum, daß Wasser geschöpft worden ist. Jesus ist in seine Gedanken vertieft. Er hat die gewohnte Haltung angenommen: die Ellbogen auf die Knie gestützt und die nach vorne gerichteten Hände gefaltet, den Oberkörper leicht gebeugt und das Haupt zur Erde geneigt. Er spürt die wärmende Sonne und läßt den Mantel vom Kopf und den Schultern gleiten, hält ihn aber noch zusammengefaltet auf seinem Schoß.

Jesus hebt das Haupt und lächelt einer Schar rauflustiger Spatzen zu, die sich um eine am Brunnen verlorene Brotkrume streiten. Doch die Spatzen werden durch das Erscheinen einer Frau aufgeschreckt und fliegen davon. Die Frau hält mit der linken Hand einen leeren Krug am Henkel, während sie mit der rechten überrascht den Schleier zur Seite schiebt, um zu sehen, wer der Mann ist, der dort sitzt. Jesus lächelt der Frau zu, die um die 35-4O Jahre alt und hochgewachsen ist und markante, doch schöne Gesichtszüge hat. Ein Menschenschlag, den wir als spanisch bezeichnen möchten, wegen ihrer fahlen, olivfarbenen Haut, den gewölbten und leuchtenden Lippen, ihren geradezu übermäßig großen und schwarzen Augen unter den sehr dichten Augenbrauen und den rabenschwarzen Zöpfen, die durch den leichten Schleier hindurchscheinen. Auch die etwas üppigen Körperformen sind typisch orientalisch, wie bei den Araberinnen. Die Frau trägt ein buntgestreiftes Kleid, welches in der Taille eng zusammengezogen ist und an den molligen Hüften und der vollen Brust enganliegt und dann in einer Art loser Falten bis zum Boden reicht. Viele Ringe und Armbänder schmücken ihre fleischigen, braunen Hände, und unter den leinenen Unterärmeln kommen ihre mit Armbändern geschmückten Handgelenke hervor. Am Halse trägt sie eine schwere Kette, von der Medaillen, ich möchte fast sagen Amulette, da sie so verschiedenförmig sind, herabhängen, während der reiche Ohrschmuck bis zum Halse reicht und unter dem Schleier glitzert.

«Der Friede sei mit dir, Frau. Willst du mir zu trinken geben? Ich habe einen weiten Weg hinter mir und bin durstig.»

«Aber bist du denn nicht ein Jude? Und du bittest mich, eine Samariterin, um Wasser? Was soll denn das bedeuten? Ist unsere Ehre wieder hergestellt, oder seid ihr gar in Verfall geraten? Es muß schon ein großes Ereignis stattgefunden haben, wenn ein Jude höflich zu einer Samariterin spricht. Eigentlich sollte ich dir antworten: "Ich gebe dir nichts, um an dir alle Beleidigungen zu rächen, die uns die Juden seit Jahrhunderten zufügen."»

«Du hast recht. Etwas Großes hat sich ereignet, und dadurch haben sich viele Dinge geändert, und mehr noch werden sich ändern. Gott hat der Welt ein großes Geschenk gemacht und dadurch hat sich vieles geändert. Wenn du dieses Geschenk kennen würdest und wüßtest, wer zu dir

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sagt: "Gib mir zu trinken" ' dann hättest du ihn vielleicht selbst um Wasser gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.»

«Lebendiges Wasser gibt es in unterirdischen Quellen. In diesem Brunnen ist solches, doch er gehört uns», entgegnet die Frau spöttisch und rechthaberisch.

«Das Wasser kommt von Gott, so wie auch die Güte, das Leben und alles von einem einzigen Gott kommt, Frau. Alle Menschen sind von Gott erschaffen worden: Samariter wie Juden. Ist dies nicht der Brunnen Jakobs, und ist Jakob nicht der Stammvater unseres Geschlechtes? 1) Wenn später ein Irrtum das Volk geteilt hat, so bleibt der Ursprung doch derselbe.»

«Ein Irrtum unsererseits, nicht wahr?» fragt die Frau herausfordernd.

«Weder unsererseits noch eurerseits. Es war der Fehler eines Menschen, der Liebe und Gerechtigkeit aus den Augen verloren hatte. Ich beleidige weder dich noch dein Geschlecht, warum verhältst du dich also feindselig mir gegenüber?»

«Du bist der erste Jude, den ich so reden höre. Die anderen... Der Brunnen, ja, es ist der Brunnen Jakobs, und er hat so reichlich klares Wasser, daß wir von Sichar ihn allen anderen Brunnen vorziehen. Doch er ist sehr tief, und du hast weder Krug noch einen Schlauch. Wie könntest du für mich lebendiges Wasser schöpfen? Bist du vielleicht mehr als Jakob, unser heiliger Patriarch, der diese reiche Quelle für sich, seine Kinder und seine Herden gefunden und sie uns als Geschenk und zu seinem Gedächtnis hinterlassen hat?»

«Das stimmt! Doch wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen. Ich hingegen habe ein Wasser, das bei dem, der es trinkt, keinen Durst mehr aufkommen läßt. Doch es gehört mir allein. Und ich werde es denen geben, die mich darum bitten. Wahrlich, ich sage dir, wer dieses Wasser besitzt, das ich ihm geben werde, wird immer von ihm durchströmt werden und nie mehr Durst leiden, weil mein Wasser in ihm zur sicheren ewigen Quelle werden wird.»

«Wie? Ich verstehe dich nicht. Bist du ein Magier? Wie kann ein Mensch zu einem Brunnen werden? Das Kamel trinkt und schafft sich Wasservorräte in seinem geräumigen Bauch. Doch dann verbraucht es das Wasser und es genügt nicht für das ganze Leben. Du aber sagst, daß dein Wasser für das ganze Leben reicht?»

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1) S. Geschichte Jakobs in Gen 25,19-37,36; 45,16-50,14. Jakob, dem Gott den Namen Israel gab, wurde zum Oberhaupt des israelitischen Stammes. S. Gen 32,23-31. Er erwarb sich ein Grundstück bei Sichern, schlug dort sein Zelt auf und baute einen Altar. In der Genesis deutet nichts darauf hin, daß dort ein Brunnen war, es läßt sich jedoch vermuten, daß es einen gab, da Jakob sich dort während einiger Zeit niederließ. Sichern heißt auf Aramäisch Sichar.

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«Mehr noch: es wird bis zum ewigen Leben fließen. Es wird in denen, die es getrunken haben, bis zum ewigen Leben fließen und aus ihm wird ewiges Leben sprießen, weil es eine Quelle des Heils ist.»

«Gib mir von diesem Wasser, wenn du es wirklich besitzest. Es ermüdet mich, bis hierher zu kommen. Ich werde so keinen Durst mehr haben und werde nie krank oder alt werden.»

«Nur das ermüdet dich? Nichts anderes? Hast du nur das Bedürfnis, für deinen armseligen Leib von diesem Wasser zu schöpfen? Überlege, es gibt etwas, das mehr wert ist als der Körper. Es ist die Seele. Jakob gab sich und den Seinen nicht nur das Wasser dieser Erde, sondern er war auch darum besorgt, sich und den anderen die Heiligkeit, nämlich das Wasser Gottes, zu vermitteln.»

«Ihr nennt uns Heiden... Wenn das, was ihr sagt, wahr ist, dann können wir nicht heilig sein...» Die Frau hat den unverschämten, ironischen Ton in der Stimme verloren und zeigt sich nun unterwürfig und leicht verwirrt.

«Auch ein Heide kann tugendhaft sein, und Gott, der gerecht ist, wird ihn für seine guten Werke belohnen. Es wird keine vollkommene Belohnung sein, doch kann ich dir sagen, daß Gott auf einen Heiden ohne Schuld mit weniger Strenge blickt als auf einen Gläubigen in schwerer Schuld. Warum kommt ihr also nicht zum wahren Gott, wenn ihr doch wißt, daß ihr ohne Schuld seid? Wie heißest du?»

«Fotinai.»

«Gut, Fotinai, antworte mir. Schmerzt es dich, daß du nicht zur Heiligkeit streben kannst, weil du, wie du sagst, Heidin bist, weil du, wie ich behaupte, noch immer von den Nebeln eines alten Irrtums umgeben bist?»

«Ja, es schmerzt mich.»

«Warum lebst du dann nicht wenigstens als tugendhafte Heidin?»

«Herr! ...»

«Ja. Kannst du es leugnen? Hole deinen Mann und komme mit ihm hierher zurück.»

«Ich habe keinen Gatten...» Die Frau wird immer verwirrter.

«Das stimmt, du hast keinen Gatten. Fünf Männer hast du gehabt, und nun hast du einen bei dir, der nicht dein Mann ist. War dies nötig? Auch deine Religion rät nicht zur Unzucht. Auch ihr habt die zehn Gebote. Warum also führst du ein solches Leben, Fotinai? Belastet es dich nicht, allen zu gehören, anstatt die ehrsame Gattin eines Einzigen zu sein? Fürchtest du nicht deinen Lebensabend, an dem du allein mit deinen schmerzlichen Erinnerungen sein wirst, mit deinen Ängsten, mit deinem Bedauern? Ja, auch mit diesem. Angst vor Gott und den Schreckensbildern! Wo sind deine Kinder?»

Die Frau senkt ihr Haupt tief und schweigt.

«Du hast sie nicht auf dieser Erde, aber ihre kleinen Seelen, denen du

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es verwehrt hast, das Licht der Welt zu erblicken, werden dich ohne Unterlaß anklagen. Schmuck, schöne Kleider... ein prächtiges Haus... eine reichhaltige Tafel... Ja! Aber daneben Leere, Tränen und innere Trostlosigkeit. Du bist ein unglücklicher Mensch, Fotinai. Nur durch aufrichtige Reue, die Vergebung Gottes und mit ihr auch die Verzeihung deiner Geschöpfe kannst du wieder reich werden.»

«Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist, und ich schäme mich...»

«Doch vor dem Vater im Himmel hast du dich nicht geschämt, als du Böses tatest ? Weine nicht aus Beschämung vor dem Menschen... Komm her, neben mich, Fotinai, ich werde dir von Gott erzählen. Vielleicht wußtest du zu wenig von ihm, und sicherlich hast du deshalb so viele Fehler begangen. Wenn du den wahren Gott gekannt hättest, dann hättest du dich nicht so entwürdigt. Er hätte dir zugesprochen und dir geholfen...»

«Herr, unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet. Ihr sagt, daß man nur in Jerusalem anbeten soll. Doch du sagst, es gibt nur einen Gott. Hilf mir zu verstehen, wo und wie ich es tun soll...»

«Frau, glaube mir. Es naht die Stunde, da man den Vater weder auf dem Berge von Samaria noch in Jerusalem anbeten wird. Ihr betet den an, den ihr nicht kennt. Wir beten den an, den wir kennen, denn das Heil geht aus den Juden hervor. Erinnerst du dich an die Worte der Propheten? Doch es kommt die Stunde, vielmehr, sie hat schon begonnen, da die wahren Verehrer Gottes den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten werden, und zwar nicht im alten, sondern nach einem neuen Ritus, bei dem es keine Opfertiere mehr geben wird, sondern das ewige Opfer, die sich im Feuer der Liebe verzehrende, unversehrte Opfergabe. Die Verehrung Gottes wird sich in diesem geistigen Reich in geistiger Weise vollziehen und von denen verstanden werden, welche fähig sind, Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Gott ist Geist. Wer ihn anbetet, muß ihn in geistiger Weise anbeten.»

«Du sprichst heilige Worte. Ich weiß, denn auch wir wissen einiges, daß die Ankunft des Messias bevorsteht. Er wird auch "Christus" genannt. Er wird uns alles lehren, wenn er da ist. Hier in der Nähe lebt jener, den sie seinen Vorläufer nennen, und viele gehen zu ihm, um ihn anzuhören. Aber er ist so streng! ... Du bist gütig... und die armseligen Menschen fürchten dich nicht. Ich glaube, daß Christus gütig sein wird. Sie nennen ihn den Friedensfürst. Werden wir noch lange auf ihn warten müssen?»

«Ich habe dir gesagt, daß seine Zeit schon da ist.»

«Wie kannst du das wissen? Bist du vielleicht sein Jünger? Der Vorläufer hat viele Jünger. Auch Christus wird sie haben.»

«Ich, der ich zu dir spreche, bin Christus Jesus.»

«Du! ... Oh! ...» Die Frau, die sich neben Jesus niedergelassen hatte, springt auf und will fliehen.

«Warum fliehst du, Frau?»

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«Weil ich davor erschauere, bei dir zu verweilen. Du bist heilig...»

«Ich bin der Retter. Ich bin hierhergekommen – aus freiem Willen -da ich wußte, daß deine Seele des Umherirrens müde ist. Deine "Speise" ekelt dich an... Ich bin gekommen, dir eine neue Speise zu geben, die Ekel und Überdruß von dir nehmen wird... Da kommen meine Jünger, die Brot für mich geholt haben. Doch ich bin schon gesättigt, da ich dir die ersten Brosamen deiner Erlösung geben konnte.»

Die Jünger werfen der Frau mehr oder weniger diskrete, verstohlene Blicke zu, doch keiner sagt ein Wort. Sie geht davon, ohne weiter an das Wasser und den Krug zu denken.

«Hier sind wir, Meister», sagt Petrus. «Sie haben uns gut behandelt. Da sind Käse, frisches Brot, Oliven und Äpfel. Nimm, was du willst. Die Frau hat gut daran getan, den Krug zurückzulassen. Damit wird es schneller gehen als mit unseren kleinen Wasserbeuteln. Zuerst trinken wir, und dann füllen wir sie auf. So brauchen wir die Samariter um nichts anderes zu bitten, nicht einmal darum, zu ihren Brunnen gehen zu dürfen. Ißt du nicht? Ich wollte Fisch für dich kaufen, habe aber keinen gefunden. Vielleicht hättest du ihn vorgezogen. Du bist müde und bleich,»

«Ich habe eine Speise, die ihr nicht kennt. Sie wird mir als Nahrung dienen und mich sehr erquicken.»

Die Jünger schauen sich fragend an.

Jesus antwortet auf ihr stummes Fragen: «Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und das Werk zu Ende zu führen, von dem er wünscht, daß ich es vollende. Wenn ein Sämann den Samen ausgestreut hat, kann er dann behaupten, er hätte schon alles getan, um sagen zu können, er hätte geerntet? Nein. Wieviel bleibt ihm noch zu tun, bis er sagen kann: "Nun ist meine Arbeit vollbracht!" Bis zu jener Stunde kann er nicht ausruhen. Betrachtet diese kleinen Äcker unter der heiteren Sonne der sechsten Stunde. Noch vor einem Monat, vor weniger als einem Monat, war die Erde kahl und dunkel, weil sie vom Regen getränkt war. Nun seht! Halme über Halme des kaum hervorgesprossenen Getreides, die von zartem Grün sind und im grellen Licht noch heller erscheinen, bedecken den Boden wie ein weißlicher leichter Schleier. Dies ist die zukünftige Ernte, und ihr sagt, wenn ihr sie seht: "In vier Monaten ist Erntezeit. Die Sämänner werden die Schnitter rufen, denn wenn auch nur einer für die Aussaat genügt, so braucht es doch viele zum Ernten. Die einen wie die anderen sind zufrieden: der eine, der einen kleinen Sack Körner ausgesät hat und nun die Kornkammern vorbereiten muß, um sie aufzunehmen, und die anderen, die sich in wenigen Tagen den Lebensunterhalt für einige Monate verdienen." Auch im Acker des Geistes werden jene, die das ernten, was ich gesät habe, sich mit mir und wie ich freuen, denn ich werde ihnen den Lohn und den gebührenden Anteil an der Ernte geben. Ich werde ihnen geben, was sie für das Leben in meinem ewigen

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Reich nötig haben. Ihr braucht nur zu ernten. Die härteste Arbeit habe ich getan. Dennoch sage ich euch: "Kommt, erntet von meinem Acker. Es freut mich, wenn ihr euch mit den Garben meines Korns beladet. Wenn ihr all das Korn, das ich unermüdlich überall ausgesät habe, eingebracht habt, dann wird der Wille Gottes erfüllt sein, und ich werde mich zum Festmahl des himmlischen Jerusalem niedersetzen." Seht, da kommen Samariter mit Fotinai. Übt Nächstenliebe an ihnen. Es sind Seelen, die zu Gott kommen.»

183. BEI DEN BEWOHNERN VON SICHAR

Eine Gruppe von angesehenen Samaritern, die von Fotinai angeführt wird, kommt auf Jesus zu. «Gott sei mit dir, Rabbi. Die Frau hat uns gesagt, daß du ein Prophet bist und es nicht unter deiner Würde hältst, mit uns zu sprechen. Wir bitten dich, bleibe bei uns und versage uns dein Wort nicht, denn wenn es auch wahr ist, daß wir von Judäa getrennt sind, so ist damit nicht gesagt, daß nur Judäa heilig und die Sünde nur in Samaria sei. Auch bei uns gibt es Gerechte.»

«Diese Auffassung habe ich im Gespräch mit dieser Frau vertreten... Ich dränge mich nicht auf, aber ich verweigere mich auch nicht dem, der mich sucht.»

«Du bist gerecht. Die Frau hat uns gesagt, daß du der Christus wärest. Ist das wahr? Antworte uns im Namen Gottes.»

«Ich bin es. Die messianische Zeit ist gekommen. Israel ist mit seinem König vereinigt, und nicht nur Israel allein.»

«Aber du bist für jene gekommen, die... die nicht im Irrtum sind wie wir», bemerkt ein stattlicher Greis.

«Mann, ich erkenne in dir das Oberhaupt all dieser Menschen hier und sehe auch ein ehrliches Suchen nach der Wahrheit. Höre nun, du, der du ein Gelehrter der Heiligen Schriften bist! Zu mir wurde dasselbe gesagt, was der Geist zu Ezechiel sprach, als er ihm die prophetische Sendung übertrug. "Menschensohn, ich sende dich zu den Kindern Israels, zu den wiederspenstigen Völkern, die von mir abgefallen sind... Es sind Kinder mit hartem Antlitz und verstocktem Herzen... Es kann sein, daß sie dir zuhören und dann deine Worte, die ja meine sind, mißachten, denn es ist ein rebellisches Volk; doch wenigstens werden sie wissen, daß unter ihnen ein Prophet ist. Habe also keine Furcht vor ihnen und lasse dich nicht durch ihre Reden erschrecken, denn sie sind ungläubig und widerspenstig... Überbringe ihnen meine Worte, ob sie dich nun anhören wollen oder nicht. Tu, was ich dir sage, höre auf das, was ich dir sage, damit nicht auch du widerspenstig wirst wie sie. Iß daher jede Speise, die ich dir reiche." So

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bin ich gekommen. Ich bilde mir nichts ein und verlange nicht, wie ein Triumphator empfangen zu werden. Da aber der Wille Gottes mein Honig ist, so will ich diesen Willen erfüllen und euch, wenn ihr es wünscht, die Worte sagen, die der Geist in mich gelegt hat.»

«Wie kann der Ewige an uns gedacht haben?»

«Weil er die Liebe ist, meine Kinder!»

«So reden die Rabbis von Judäa nicht.»

«Aber so spricht der Messias des Herrn zu euch.»

«Es steht geschrieben, daß der Messias von einer Jungfrau aus Judäa geboren würde. Wer ist deine Mutter und wie wurdest du geboren?»

«Ich wurde in Bethlehem Ephrata von Maria aus dem Stamme Davids, die mich vom Heiligen Geist empfangen hat, geboren. Möget ihr es glauben!» Die schöne Stimme Jesu erschallt in freudigem Triumph, als er die Jungfräulichkeit seiner Mutter verkündet.

«Dein Antlitz strahlt großes Licht aus. Nein, du kannst nicht lügen. Die Kinder der Finsternis haben ein finsteres Gesicht und trübe Augen. Du strahlst, dein Auge ist klar wie ein Frühlingsmorgen, und deine Worte sind Güte. Kehre ein in Sichar, ich bitte dich darum, und belehre die Söhne dieses Volkes. Dann wirst du wieder weitergehen..., und wir werden uns des Sternes erinnern, der an unserem Himmel vorüberzog...»

«Warum solltet ihr diesem nicht folgen?»

«Wie könnten wir das?» Sie sprechen, während sie sich auf die Stadt zu begeben. «Wir sind die Abgespalteten. So sagt man wenigstens. Aber wir sind nun einmal in diesem Glauben geboren und wissen nicht, ob es richtig ist, ihn aufzugeben. Außerdem... gewiß, mit dir können wir reden, das fühle ich... Immerhin, auch wir haben Augen, um zu sehen, und einen Verstand, um zu denken. Wenn wir auf Reisen oder beim Handel euer Gebiet durchziehen, ist nicht alles, was wir sehen, so heilig, daß es uns überzeugen könnte, daß Gott mit euch von Judäa oder mit euch von Galiläa ist.»

«Wahrlich, ich sage dir, nicht wegen der Beleidigungen und der Verwünschungen, sondern wegen des Beispiels und des Mangels an Nächstenliebe wird Israel die Schuld zugeschrieben werden, weil es nicht imstande war, euch zu überzeugen und euch zurückzuführen.»

«Welch eine Weisheit ist in dir! Hört ihr?»

Alle stimmen mit einem Gemurmel der Bewunderung Jesus zu. Inzwischen haben sie die Stadt erreicht, und viele andere Menschen kommen hinzu, während sie sich zu einem Haus begeben.

«Höre, Rabbi. Du, der du weise und gütig bist, befreie uns von einem Zweifel. Viel von unserer Zukunft kann davon abhängen. Du, der du der Messias bist, also der Wiederhersteller des Reiches Davids, müßtest dich gewiß freuen, dieses abgetrennte Glied wieder mit dem Staat zu vereinigen. Ist es nicht so?»

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«Ich bemühe mich nicht so sehr, die beiden getrennten Glieder, die vergänglich sind, wiederzuvereinigen, sondern vielmehr darum, alle Seelen wieder zu Gott zurückzuführen. Wenn ich in einem Herzen die Wahrheit wiederherstellen kann, ist es mir eine große Freude. Nun sage mir, welches sind deine Zweifel?»

«Unsere Väter haben gesündigt. Seitdem sind die Seelen von Samaria Gott nicht mehr wohlgefällig. Welchen Vorteil würde es uns also bringen, wenn wir dem Guten folgen würden? Wir sind ja in den Augen Gottes für immer unrein.»

«Euer Los ist das aller Schismatiker, die ewige, schmerzliche Erinnerung, die ständige Unzufriedenheit. Doch ich will dir wieder mit Ezechiel antworten. "Alle Seelen gehören mir" ' sagt der Herr. "Sowohl jene des Vaters als auch jene des Sohnes. Doch nur die Seele, die gesündigt hat, wird sterben." Wenn ein Mensch gerecht ist, wenn er nicht Götzen anbetet, nicht stiehlt und nicht Unzucht und Wucher treibt, wenn er an Leib und Seele seines Nächsten Barmherzigkeit übt, dann ist er in meinen Augen gerecht und wird das wahre Leben haben, und weiter: wenn ein Gerechter einen widerspenstigen Sohn hat, wird dann auch dieser Sohn das wahre Leben haben, weil sein Vater gerecht war? Nein, er wird es nicht haben. Wenn der Sohn eines Sünders gerecht ist, wird er dann sterben wie sein Vater, weil er dessen Sohn ist? Nein, er wird leben in Ewigkeit, weil er gerecht gewesen ist. Es wäre ungerecht, wenn einer die Schuld des anderen tragen müßte. Die Seele, die gesündigt hat, wird sterben. Jene, die nicht gesündigt hat, wird nicht sterben. Wenn aber der, der gesündigt hat, seine Sünden bereut und künftig in Gerechtigkeit lebt, dann wird auch er das wahre Leben haben. Unser Gott, der Herr, der einzige und alleinige Herr, sagt: "Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und das wahre Leben habe." Deshalb hat er mich gesandt, o ihr irrenden Söhne! Damit ihr das wahre Leben habt. Ich bin das Leben. Wer an mich glaubt und an den, der mich gesandt hat, wird das ewige Leben erlangen, selbst wenn er bis zur Stunde ein Sünder war.»

«Hier ist mein Haus, Meister. Verabscheust du es nicht, einzutreten?»

«Ich verabscheue nur die Sünde.»

«Dann komm und raste bei mir. Wir werden zusammen das Brot brechen, und dann, wenn es dir nicht lästig fällt, wirst du uns das Wort Gottes gewähren. Das von dir gegebene Wort hat einen anderen Geschmack... und unsere Besorgnis liegt hierin: wir fühlen uns nicht sicher, im Recht zu sein...»

«Alles würde sich in euch beruhigen, wenn ihr es wagen würdet, offen zur Wahrheit zu kommen. Gott möge zu euren Herzen sprechen, ihr Bewohner dieser Stadt. Es ist schon bald Abend. Doch morgen zur dritten Stunde werde ich lange zu euch sprechen, wenn ihr wollt. Gehet hin, und die Barmherzigkeit sei mit euch!»

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184. VERKÜNDIGUNG DER HEILSBOTSCHAFT IN SICHAR

Jesus spricht inmitten eines Platzes zu einer großen Menschenmenge. Er ist auf eine kleine steinerne Bank beim Brunnen gestiegen. Die Leute umringen ihn, und auch die Zwölf haben sich um ihn geschart... und mit Gesichtern,... die Bestürzung, Ärger oder offensichtliche Abscheu über Kontakte mit gewissen Leuten ausdrücken.

Besonders Bartholomäus und Judas Iskariot zeigen offen ihren Unmut, und um sich in einer möglichst großen Entfernung von den Samaritern zu halten, hat letzterer sich rittlings auf den Ast eines Baumes gesetzt, als wolle er die Szene beherrschen, während Bartholomäus sich in einer Ecke des Platzes an ein Haustor lehnt. Das Vorurteil beherrscht alle. Jesus hingegen ist nicht anders als sonst. Vielmehr würde ich sagen, daß er darauf bedacht ist, die Leute durch seine Würde nicht einzuschüchtern und gleichzeitig versucht, seine Würde erstrahlen zu lassen, um jeden Zweifel zu beseitigen. Er liebkost zwei oder drei kleine Kinder, die er nach ihrem Namen fragt, kümmert sich um einen blinden Greis, dem er selbst Almosen gibt, und antwortet auf zwei oder drei Fragen, die sich auf private Angelegenheiten beziehen.

Die eine Frage ist von einem Vater gestellt worden, dessen Tochter wegen einer Liebschaft von zu Hause fortgelaufen ist und die nun um Verzeihung bittet.

«Gewähre ihr unverzüglich deine Verzeihung.»

«Aber ich habe sehr darunter gelitten, Meister, und leide immer noch! In weniger als einem Jahr bin ich um zehn Jahre gealtert.»

«Die Verzeihung wird dir Erleichterung bringen.»

«Das ist nicht möglich. Die Wunde bleibt.»

«Das ist wahr. In der Wunde sind zwei Dornen, die dir Schmerz bereiten. Der eine ist die unleugbare Beleidigung, die dir deine Tochter zugefügt hat, der andere deine Bemühung, ihr deine Liebe zu entziehen. Entferne wenigstens letzteren Dorn. Die Verzeihung, die erhabenste Form der Liebe, wird ihn entfernen. Bedenke doch, armer Vater, daß dieses Kind durch dich erzeugt wurde und allezeit Anrecht auf deine Liebe hat. Wenn du sie von einer körperlichen Krankheit heimgesucht sähest und wüßtest, daß nur du sie vor dem Tode bewahren könntest, würdest du sie sterben lassen? Bestimmt nicht. Bedenke also, daß gerade du sie mit deiner Verzeihung heilen und sie zu einem gesunden Empfinden zurückführen kannst. Denn siehe, in ihr herrscht das, was es an Niedrigstem im Menschen gibt.»

«Du rätst mir also, zu verzeihen?»

«Du mußt!»

«Aber wie werde ich es ertragen, sie im Hause unter meinen Augen zu haben, ohne sie zu verfluchen nach all dem, was sie begangen hat?»

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«Dann hättest du ihr nicht verziehen. Das Verzeihen besteht nicht darin, daß du ihr die Haustüre öffnest, sondern daß du ihr dein Herz wieder öffnest. Sei gut zu ihr, Mann! Sollten wir vielleicht die Geduld, die wir für ein störrisches Jungtier aufbringen, nicht unserem eigenen Kind entgegenbringen ?»

Eine Frau hingegen will wissen, ob sie den Schwager heiraten soll, um ihren Waisenkindern einen Vater zu geben.

«Bist du sicher, daß er ein wirklicher Vater wäre ?»

«Ja, Meister. Ich habe drei Knaben, sie brauchen einen Mann, der sie führt.»

«Dann tue es und sei ihm eine treue Gattin, wie du es deinem ersten Mann warst.»

Ein Dritter fragt, ob er eine Einladung, nach Antiochien überzusiedeln, annehmen soll.

«Mann, warum willst du dorthin gehen?»

«Hier fehlen mir die Mittel für mich und die vielen Kinder. Ich habe einen Heiden kennengelernt, der mich anstellen würde, weil er meine Fähigkeiten bei der Arbeit gesehen hat, und der auch meinen Söhnen Arbeit gäbe. Doch ich möchte nicht... Du wirst dich vielleicht über die Skrupel eines Samariters wundern, aber ich habe sie. Ich möchte nicht, daß wir den Glauben verlieren. Denn jener Mann ist ja ein Heide, weißt du.»

«Was hat das zu bedeuten? Nichts verunreinigt, wenn man sich nicht verunreinigen will. Geh nur nach Antiochien und bleibe dem wahren Gott treu. Er wird dich führen, und du wirst zudem zum Wohltäter deines Herrn werden, der durch deine Rechtschaffenheit Gott kennenlernen wird.»

Dann beginnt Jesus zu der Menge zu sprechen.

«Ich habe viele von euch angehört, und in allen habe ich einen geheimen Schmerz erkannt, ein Leid, dessen ihr euch vielleicht selber nicht bewußt seid. Seit Jahrhunderten staut sich dieses Leid in euren Herzen an, und weder die Erklärungen, die ihr euch gebt, noch die Anschuldigungen, die euch treffen, können euch davon befreien. Vielmehr verhärtet es sich und wird schwer und bedrückt euch wie Schnee, der sich in hartes Eis verwandelt.

Ich bin nicht einer von euch und auch nicht einer von denen, die euch anklagen. Ich bin Gerechtigkeit und Weisheit und verweise euch zur Lösung eures Falles noch einmal auf Ezechiel (vergl. Ez 23,1 u. ff.). Ezechiel spricht prophetisch von Samaria und Jerusalem; er nennt sie Kinder ein und desselben Schoßes und gibt ihnen die Namen Ohola und Oholiba. (Im ursprünglichen Sinne bedeutet Ohola "Ihr eigenes Zelt" und Oholiba "Mein Zelt in ihr". Zelt, im religiösen alttestamentarischen Sinne, heißt soviel wie Tabernakel, Tempel.) Die erste, welche dem Götzendienst verfiel, war Ohola, die bereits nicht mehr mit dem Himmlischen Vater vereint

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und daher seiner geistigen Hilfe beraubt war. Die Vereinigung mit Gott bedeutet immer Rettung. Ohola tauschte den wahren Reichtum, die wahre Macht und die wahre Weisheit mit dem armseligen Reichtum, der Macht und Weisheit eines, der Gott gegenüber noch armseliger war als sie, und ließ sich von ihm derart verführen, daß sie von der Lebensart ihres Verführers versklavt wurde. Sie glaubte sich stark, wurde aber schwach. Sie glaubte sich mächtig, verlor aber an Ansehen, und durch ihr leichtsinniges Benehmen wurde sie zur Törin. Wenn einer sich unvorsichtigerweise von einer Seuche anstecken läßt, dann gelingt es ihm nur schwer, sich davon zu befreien.

Ihr werdet sagen: "Wir sollten geringer sein? Nein, wir waren mächtig." Mächtig ja, aber wie? Um welchen Preis? Ihr wißt es. Wie viele, auch Frauen, erwerben den Reichtum um den schrecklichen Preis ihrer Ehrbarkeit! Sie erwerben etwas Vergängliches und verlieren etwas Unvergängliches: den guten Ruf.

Oholiba, die sah, daß die Torheit der Ohola Reichtum eingebracht hatte, wollte sie nachahmen und wurde noch törichter als Ohola; und zwar versündigte sie sich in doppelter Weise, denn der wahre Gott war mit ihr, und sie hätte nie die Kraft, die sie dank dieser Vereinigung besaß, mit Füßen treten dürfen. Harte und furchtbare Strafe ist die Folge gewesen, und eine noch größere wird die zweifach törichte und unkeusche Oholiba treffen. Gott wird sich von ihr abwenden. Er tut es schon, indem er sich jenen zuwendet, die nicht aus Judäa sind. Man kann Gott nicht Ungerechtigkeit vorwerfen, denn er drängt sich nicht auf. Er öffnet allen seine Arme und lädt alle ein, doch wenn einer sagt: "Geh weg!" dann geht er. Er geht auf die Suche nach Liebe und lädt andere ein, bis er einen Menschen findet, der sagt: "Ich komme."

Daher sage ich euch, daß euch dieser Gedanke in eurer Trübsal trösten wird, ja, er muß euch Trost geben: Ohola, gehe in dich, Gott ruft dich!

Die Weisheit des Menschen besteht darin, daß er imstande ist, sein Unrecht einzusehen, die Weisheit der Seele besteht in der Liebe zum wahren Gott und seiner Wahrheit. Schaut nicht nach Oholiba, Phönizien, Ägypten oder Griechenland. Schaut auf zu Gott. Dort ist die Heimat jeder gerechten Seele, dort, im Himmel! Es gibt nicht viele Gebote, sondern nur eines: das Gebot Gottes. Mit diesem Gesetzbuch erlangt man das ewige Leben. Sagt nicht: "Wir haben gesündigt", sondern sagt: "Wir wollen nicht mehr sündigen." Daß Gott euch noch liebt, beweist er euch, indem er sein "Wort" sendet, um euch zu rufen: "Kommt!" Kommt, sage ich euch. Werdet ihr beleidigt und geächtet? Von wem? Von Geschöpfen, wie ihr es seid. Doch Gott ist größer als diese, und er sagt euch: "Kommt." Es wird der Tag kommen, da ihr darüber jubeln werdet, nicht im Tempel gewesen zu sein... In eurem Geiste werdet ihr darüber jubeln. Aber noch mehr werden die Herzen darüber jubeln, denn über die Herzen der Rechtschaffenen,

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es in Samaria gibt, wird schon das Verzeihen Gottes herabgekommen sein. Bereitet euch darauf vor. Kommt zum Retter der Welt, o Kinder Gottes, die ihr vom rechten Weg abgekommen seid.»

«Aber selbst wenn einige kommen, so werden uns die auf der anderen Seite nicht wollen.»

«Nochmals antworte ich euch mit dem Priester und Propheten: "Ich nehme den Stab Josephs, der in der Hand Ephraims ist, und der Stämme Israels, seiner Verbündeten, und lege zu ihnen den Stab Judas und mache sie zu einem Stab, daß sie in meiner Hand eins seien..." Ja, nicht zum Tempel, zu mir sollt ihr kommen. Ich weise euch nicht zurück. Ich bin es, der, der König genannt wird, Herrscher über alle. Der König der Könige bin ich. Ich werde euch alle reinigen, o Völker, die ihr gereinigt werden wollt. Ich werde euch wieder vereinigen, ihr Herden ohne Hirten oder mit götzendienerischen Hirten, denn ich bin der Gute Hirte. Ich werde euch ein einziges Zelt geben und es mitten unter meinen Gläubigen aufstellen. Dieses Zeit wird Quelle des Lebens und Brot des Lebens sein, es wird Licht, Rettung, Schutz und Weisheit sein. Es wird alles sein, denn es wird der "Lebendige" sein, der den Toten als Speise gereicht wird, um sie zum Leben auferstehen zu lassen. Es wird Gott sein, der sich ausgießt mit seiner Heiligkeit, um zu heiligen. Das bin ich, und ich werde es sein. Die Zeit des Hasses, der Verständnislosigkeit und der Furcht ist überstanden. Kommt! Volk Israels! Getrenntes Volk! Betrübtes Volk! Fernes Volk! Geliebtes, unendlich geliebtes Volk, weil du krank und geschwächt bist, zu Tode verletzt durch einen Pfeil, der dir die Adern deiner Seele durchschnitten und die lebendige Vereinigung mit deinem Gott entweichen ließ: Komm! Komm zurück zum Schoße, aus dem du geboren wurdest; komm an die Brust, die dir Leben spendet. Güte und Wärme erwarten dich hier noch immer. Immer! Komm! Komm zum Leben und zum Heil.»

185. DER ABSCHIED VON DEN BEWOHNERN SICHARS

Jesus sagt zu den Samaritern Sichars: «Bevor ich euch verlasse, denn ich habe auch anderen Menschen die Frohe Botschaft zu verkünden, will ich euch lichtvolle Wege der Hoffnung eröffnen und euch auf sie führen mit den Worten: Geht beruhigt, denn das Ziel ist euch sicher. Heute führe ich nicht den großen Ezechiel an, sondern den Lieblingsjünger des Jeremias, den sehr großen Propheten.

Baruch spricht zu euch. Wahrlich, er tritt mit euren Herzen vor den erhabenen Gott im Himmel, und er tritt für eure Herzen ein, nicht nur für jene der Samariter, sondern für alle, o ihr Stämme des auserwählten

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Volkes, die ihr euch in vielfältiger Weise versündigt habt. Auch eure Herzen nimmt er, ihr heidnischen Völker, die ihr fühlt, daß es unter den vielen Göttern, denen ihr dient, einen unbekannten Gott gibt, den eure Seele erahnt als den Einzigen und Wahren, und den nur eure Schwerfälligkeit euch zu suchen hindert, um ihn kennenzulernen, so wie euer Herz es ersehnt. Wenigstens ein moralisches Gesetz wurde euch, o Heiden, o Götzendiener, gegeben, weil ihr Menschen seid, und der Mensch hat in sich etwas innewohnend, das von Gott kommt und den Namen Seele hat, das zum Guten mahnt und zu einem gottgefälligen Leben anspornt. Ihr jedoch habt diese Seele gezwungen, Sklavin eines lasterhaften Fleisches zu sein, indem ihr das moralische Gesetz der Menschen, das in euch wohnte, übertreten habt. Auch menschlich gesehen wurdet ihr zu Sündern, denn ihr habt euch selbst und eure Glaubensauffassung auf eine Stufe der Bestialität herabgewürdigt, das euch unter den Rang der vernunftlosen Geschöpfe erniedrigt. Hört mich trotzdem alle an! Ihr werdet um so mehr begreifen, je mehr ihr nach eurer Kenntnis des übernatürlichen Moralgesetzes handelt, das euch vom wahren Gott gegeben worden ist.

Betet mit den Worten Baruchs, und dieses sein Gebet soll aus euren gedemütigten Herzen in einer würdevollen Demut kommen, die nicht Entwürdigung oder Feigheit ist, sondern klare Erkenntnis der eigenen elenden Verfassung und der heilige Wunsch, das Mittel für eine geistige Besserung zu finden. Baruch betet so: "Sieh, o Herr, von deinem Heiligtum auf uns, neige dein Ohr zu uns und höre uns an! Öffne deine Augen und bedenke, daß nicht die Toten in der Unterwelt, deren Geist vom Leib getrennt ist, des Herrn Ehre und Gerechtigkeit preisen, sondern die von der Wucht des Unglücks bedrückte Seele, die, gebeugt und schwach, mit niedergeschlagenen Augen einhergeht. Die nach dir hungernde Seele, o Gott, preist deine Ehre und Gerechtigkeit." Baruch weint demütig, und jeder Gerechte muß mit ihm weinen, wenn er die Schicksalsschläge sieht und beim rechten Namen nennt, die aus einem starken Volk ein trauriges, geteiltes und unterdrücktes Volk gemacht haben: "Wir haben nicht auf deine Stimme gehört, und du hast deine Worte erfüllt, die du durch deine Diener, die Propheten, verkündet hast... Nun sind die Gebeine unserer Könige und unserer Väter aus den Gräbern geworfen und der Glut der Sonne und der Kälte der Nacht ausgesetzt, und die Bewohner sind unter schrecklichen Qualen durch den Hunger, das Schwert und die Pest umgekommen. Sogar den Tempel, in dem dein Name angerufen wurde, hast du wegen der Bosheit Israels und Judäas zu dem werden lassen, was er heute ist."

O Kinder des Vaters, sagt nicht: "Sowohl unser als auch euer Tempel ist immer wieder aufs neue aufgebaut worden und sie sind schön." Nein, ein Baum, der vom Gipfel bis zum Wurzelstock von einem Blitz gespalten wurde, kann nicht überleben. Er kann wohl ärmlich dahinvegetieren, und

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in einem Aufbäumen der Triebe, die aus den Wurzeln sprießen, weiterleben, doch er verbleibt ein unfruchtbares Gestrüpp, niemals mehr wird es der üppige Baum sein, reich an gesunden, köstlichen Früchten. Die Zersetzung, die mit der Trennung begann, wird immer ausgeprägter, obwohl die materielle Struktur unversehrt, ja sogar schön und neu erscheint. Die Gewissen derer, die in ihr wohnen, werden zerfallen. Dann wird die Stunde kommen, da jede übernatürliche Flamme ausgelöscht ist und dem Tempel, dem Altar aus kostbarem Metall, das unablässig durch die Wärme des Glaubens und der Liebe seiner Diener erwärmt werden muß, das fehlt, was sein Leben ausmacht. Kalt, leblos, verunreinigt und voll von Toten wird er in Verwesung übergehen. Fremde Raben werden sich auf ihn stürzen und die Lawine göttlicher Strafe wird aus ihm eine Ruine machen.

Söhne Israels, betet weinend mit mir, eurem Retter. Meine Stimme soll eure Stimme unterstützen, und sie, die es vermag, möge bis zum Throne Gottes vordringen. Wer mit Christus, dem Sohn des Vaters, betet, wird von Gott, dem Vater des Sohnes, erhört. Laßt uns das alte, gerechte Gebet Baruchs beten: "Herr, Allmächtiger, Gott Israels, jede bedrängte Seele und jeder kummervolle Geist ruft zu dir. Erhöre uns, o Herr und erbarme dich, denn du bist ein Gott der Barmherzigkeit. Erbarme dich unser, denn wir haben gegen dich gesündigt. Du thronst in alle Ewigkeit und wir sollten auf ewig vernichtet sein? Herr, Allmächtiger, Gott Israels, erhöre das Gebet der Toten Israels und ihrer Kinder, die sich gegen dich versündigt haben. Sie haben nicht auf die Stimme des Herrn, ihres Gottes gehört, und so ist das Unheil über uns gekommen. Gedenke nicht der Bosheit unserer Väter, sondern vielmehr deiner Macht und deines Namens, denn diesen Namen rufen wir an und sagen uns los vom Unrecht unserer Väter. Erbarme dich unser!»

So sollt ihr beten und euch wahrhaftig bekehren. Ihr sollt zurückkehren zur wahren Weisheit, die Gottes ist und im Buch der Gebote Gottes und im Gesetz, das ewig währt, zu finden ist. Ich, der Messias Gottes, bin von neuem gekommen, um dieses Gesetz in seiner einfachen, unwandelbaren Form den armen Menschen dieser Erde zu bringen, indem ich ihnen die Frohe Botschaft der Zeit der Erlösung, der Vergebung, der Liebe und des Friedens verkünde. Wer diesen Worten glaubt, wird das ewige Leben erlangen.

Ich verlasse euch nun, ihr Einwohner von Sichar, die ihr gut zum Messias Gottes gewesen seid. Ich lasse euch in meinem Frieden.»

«Bleibe noch!»

«Komm wieder!»

«Niemand wird jemals wieder so zu uns sprechen, wie du gesprochen hast.»

«Sei gepriesen, guter Meister!»

«Segne mein Kind.»

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«Bete für mich, du Heiliger.»

«Laß mich eine deiner Fransen als Segenszeichen aufbewahren.»

«Vergiß Abel nicht.»

«Auch mich nicht, Timotheus.»

«Und mich, Jorai.»

«An euch alle, an euch alle werde ich mich erinnern! Der Friede komme über euch!»

Sie begleiten ihn bis einige hundert Meter vor die Stadt, erst dann kehren sie langsam zurück...

186. UNTERWEISUNG DER APOSTEL;

WUNDER AN DER FRAU VON SICHAR

Jesus geht allein voran, dicht an einer Hecke von Kakteen entlang, die alle anderen entlaubten Pflanzen verspottend, in der Sonne glänzen mit ihren dicken, stachelbewehrten Schaufeln, an denen noch vereinzelte Früchte hängen, die die Witterung ziegelrot werden ließ. Da und dort sind schon einige frühzeitige, rot und gelb bemalte Blüten sichtbar.

Hinter ihm flüstern die Apostel miteinander, und es scheint mir nicht gerade, daß sie ihren Meister loben. Jesu wendet sich plötzlich um und sagt – «Wer auf den Wind achtet, kommt nicht zum Säen, und wer nach den Wolken schaut, kommt nicht zum Ernten. Das ist ein altes Sprichwort. Doch ich halte mich daran. Ihr seht, daß ich dort, wo ihr widerwärtige Winde befürchtet habt und euch nicht aufhalten wolltet, Brachland und Gelegenheit zum Säen gefunden habe. Trotz "eurer" Wolken bin ich der Ernte schon sicher und möchte euch auch sagen, daß ihr gut daran tätet, diese Wolken zu verbergen, wo die Barmherzigkeit ihre Sonne zeigen möchte.»

«Doch bis anhin hat dich doch niemand um ein Wunder gebeten. Sie haben einen sehr seltsamen Glauben an dich.»

«Glaubst du denn, Thomas, daß nur die Bitte um ein Wunder beweist, daß der Glaube vorhanden ist? Du irrst dich. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Wer ein Wunder verlangt, um glauben zu können, bekundet damit, daß er ohne Wunder, also ohne einen greifbaren Beweis, nicht glauben würde. Wer aber auf das Wort eines anderen hin sagt: "Ich glaube", der bekundet den größten Glauben.»

«Das heißt also, daß die Samariter besser sind als wir!»

«Das sage ich nicht. Doch in Hinblick auf ihre beeinträchtigte seelische Verfassung ist ihre Fähigkeit, Gott zu verstehen, viel größer als die vieler Gläubiger in Palästina. Diese Erfahrung werdet ihr noch oft in eurem Leben machen und ich bitte euch, erinnert euch auch an diese Begebenheit,

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damit ihr imstande seid, den Seelen, die zum Glauben an Christus kommen, ohne Vorurteile zu begegnen.»

«Jedoch verzeihe, Jesus, wenn ich es dir sage: mir scheint, daß es bei all dem Haß, den man gegen dich hat, gefährlich für dich ist, neue Anschuldigungen zu provozieren. Wenn die Männer des Hohen Rates wüßten, daß du...»

«Sag es nur: "Liebe geschenkt hast." Ja, Liebe habe ich gegeben und gebe ich, Jakobus. Und du, der du mein Vetter bist, kannst verstehen, daß ich nur Liebe empfinden kann. Ich habe dir gezeigt, daß ich auch für jene nur Liebe empfinde, die meine Verwandten und Mitbürger und mir feindlich gesinnt sind. Sollte ich also für jene, die mich verehrt haben ohne mich zu kennen, keine Liebe haben? Die Mitglieder des Hohen Rates mögen soviel Böses tun, wie sie wollen, doch selbst wenn ich an ihre künftigen Bosheiten denke, wird all dies kein Grund sein, meiner allgegenwärtigen, überall wirkenden Liebe Schranken zu setzen. Übrigens, auch wenn ich es tun wollte, würde es den Hohen Rat nicht daran hindern, in seinem Haß neue Beschuldigungen zu finden.»

«Aber du, Meister, verlierst deine Zeit in einem götzendienerischen Land, während man vielerorts in Israel auf dich wartet. Du sagst, jede Stunde soll dem Herrn geweiht sein. Sind denn dies nicht verlorene Stunden?»

«Der Tag, den man dazu verwendet, verlorene Schafe zu sammeln, ist nicht vergeudet. Er ist nicht verloren, Philippus. Es steht geschrieben: "Wer das Gesetz achtet, entrichtet viele Opfer,... wer aber Wohltaten spendet, bringt ein Dankesopfer dar." Es steht geschrieben: "Gib Gott, dem Allmächtigsten in gleicher Weise, wie er dir gegeben, mit frohem Herzen, wie du es vermagst." Ich handle so, Freund. Die Zeit, in der man Opfer bringt, ist nie vergeudete Zeit. Ich übe Barmherzigkeit und benütze die mir gegebenen Fähigkeiten, indem ich meine Arbeit Gott weihe. Seid also getrost. Und übrigens... diejenigen unter euch, die eine Bitte um ein Wunder hören wollten, um sich zu überzeugen, daß man in Sichar an mich glaubt, werden nun zufriedengestellt. Jener Mann dort folgt uns gewiß aus irgendeinem Grund. Warten wir auf ihn.»

Tatsächlich nähert sich ihnen ein Mann. Er scheint unter einer schweren Bürde gebeugt, die er, im Gleichgewicht, auf beiden Schultern trägt. Als er sieht, daß die Gruppe stehenbleibt, hält er ebenfalls inne.

«Er will uns Böses antun. Er bleibt stehen, weil er sieht, daß wir ihn bemerkt haben. Oh, es sind eben Samariter!»

«Bist du sicher, Petrus ?»

«Oh, ganz bestimmt!»

«Dann bleibt hier, ich will ihm entgegengehen.»

«Das nicht, Herr. Wenn du gehst, komme auch ich.»

«Dann komm also.»

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Jesus geht dem Mann entgegen. Petrus trottet, neugierig und ablehnend zugleich, an seiner Seite. Als sie nur mehr wenige Meter voneinander entfernt sind, fragt Jesus: «Was willst du, Mann? Was suchst du?»

«Dich.»

«Warum bist du nicht in der Stadt zu mir gekommen?»

«Ich wagte es nicht... Es wäre zuviel Schmerz und Scham für mich gewesen, wenn du mich in Anwesenheit aller Leute zurückgewiesen hättest.»

«Du hättest mich rufen können, als ich mit den Meinen wieder allein war.»

«Ich hoffte, dich einmal ganz allein anzutreffen, wie Fotinai. Ich habe einen schwerwiegenden Grund, mit dir allein zu sein...»

«Was willst du? Was trägst du mit soviel Mühe auf den Schultern?»

«Meine Frau. Sie ist von einem Geist besessen, der aus ihr einen leblosen Leib und umnachteten Geist gemacht hat. Ich muß ihr das Essen eingeben, sie ankleiden und tragen wie ein Kind. Es ist ganz plötzlich geschehen, ohne Krankheit... Sie nennen sie die "Besessene". Ich leide sehr darunter. Es ist eine große Plage, und ich habe auch viele Kosten. Schau.»

Der Mann stellt das Bündel mit dem reglosen Körper, der in einen Mantel gehüllt ist und wie ein Sack aussieht, auf den Boden. Er entschleiert das Antlitz einer noch jungen Frau, die, wenn sie nicht atmen würde, tot schiene. Die Augen sind geschlossen, der Mund ist halbgeöffnet... das Gesicht einer Toten.

Jesus beugt sich über die Unglückliche, die am Boden liegt, und betrachtet sie. Dann sieht er den Mann an. «Glaubst du, daß ich es kann? Warum glaubst du es?»

«Weil du der Christus bist.»

«Aber du hast nichts gesehen, was dir das beweisen könnte.»

«Ich habe dein Wort gehört. Das genügt.»

«Petrus, hörst du ? Was meinst du, was ich nun angesichts eines solch starken Glaubens tun soll?»

«Aber... Meister... Du... Ich... Tue du, was richtig ist.» Petrus ist sehr verlegen.

«Gewiß werde ich es tun. Mann, schau!» Jesus nimmt die Hand der Frau und befiehlt: «Weiche von dieser Frau! Ich will es!»

Die Frau, die unbeweglich dalag, wird von einem heftigen Krampf befallen, der zuerst stumm verläuft, dann von Wimmern und Klagen begleitet wird, die in einem lauten Aufschrei enden, bei dem sie die bis anhin geschlossenen Augen aufreißt, wie jemand, der aus einem Alptraum erwacht. Schließlich beruhigt sie sich, schaut ein wenig erstaunt um sich und blickt Jesus an, den Unbekannten, der ihr zulächelt... Sie schaut auf den Staub des Weges, auf dem sie liegt, auf ein Grasbüschel, das am Wegrand wächst und auf dem die rotweißen Köpfchen der Gänseblümchen

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wie Perlen leuchten und nahe daran sind, sich in einem Kranz zu öffnen. Sie sieht die Kakteenhecke, den blauen Himmel und erblickt dann ihren Mann... ihren Mann, der sie ängstlich betrachtet und jede ihrer Bewegungen beobachtet. Sie lächelt, springt dann mit der endgültig wiedererlangten Freiheit auf die Beine und flüchtet sich an die Brust ihres Gatten, der sie weinend liebkost und umarmt.

«Was ist los ? Weshalb bin ich hier ? Warum ? Wer ist dieser Mann ?»

«Es ist Jesus, der Messias. Du warst krank. Er hat dich geheilt. Sage ihm, daß du ihn liebst.»

«Oh! Ja! Danke! ... Aber was hatte ich denn? Meine Kinder... Simon... Ich erinnere mich nicht an den gestrigen Tag, doch ich erinnere mich, daß ich Kinder habe...»

Jesus sagt: «Es ist nicht nötig, daß du dich des gestrigen Tages erinnerst. Vergiß nie den heutigen Tag und sei ein guter Mensch. Lebt wohl! Seid gute Menschen, und Gott wird mit euch sein.» Jesus entfernt sich raschen Schrittes unter den Lobpreisungen der beiden.

Als Jesus die anderen wieder erreicht, die bei der Hecke auf ihn warten, sagt er nichts zu ihnen. Dann aber wendet er sich an Petrus: «Nun? Du, der du so sicher warst, daß jener Mann mir etwas Böses antun wollte, was sagst du nun? Simon, Simon! Wieviel fehlt dir noch, um vollkommen zu sein! Wieviel fehlt euch noch! Ihr habt, abgesehen vom offenkundigen Götzenkult, dieselben Fehler wie sie hier und seid zudem noch überheblich im Urteilen. Laßt uns unsere Mahlzeit einnehmen. Wir können den Ort, wo ich noch vor Anbruch der Nacht eintreffen wollte, nicht mehr erreichen. Wir werden in irgendeiner Scheune schlafen, wenn wir nichts Besseres finden.»

Mit dem bitteren Nachgeschmack des Tadels in den Herzen setzen sich die Zwölf wortlos nieder und nehmen ihre Mahlzeit ein.

Die Sonne eines friedlichen Tages bescheint die Landschaft, die in sanften Wellen zu einer Ebene abfällt.

Als die Mahlzeit beendet ist, verweilen sie noch etwas, bis Jesus aufsteht und sagt: «Andreas und du, Simon, kommt! Ich möchte sehen, ob die Bewohner des Hauses dort uns freundlich oder feindlich gesinnt sind», und er macht sich auf den Weg, während die anderen stillschweigend zurückbleiben, bis Jakobus des Alphäus zu Judas Iskariot sagt: «Ist denn die Frau, die des Weges kommt, nicht von Sichar?»

«Ja, sie ist es. Ich erkenne sie am Gewand. Was will sie wohl?»

«Ihres Weges gehen», antwortet Petrus verärgert.

«Nein. Sie blickt zu sehr auf uns, und schirmt sich die Augen mit der Hand ab.»

Die Jünger beobachten sie, bis sie angekommen ist und ganz bescheiden fragt: «Wo ist euer Meister?»

«Nicht hier. Warum fragst du nach ihm?»

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«Ich sollte ihn sprechen...»

«Er verliert seine Zeit nicht mit Frauen», entgegnet Petrus trocken.

«Ich weiß es, mit den Frauen nicht, aber ich bin eine Frauenseele, die ihn nötig hat.»

«Laß sie machen», rät Judas des Alphäus, und antwortet Fotinai: «Warte, er kommt gleich zurück.»

Die Frau stellt sich in die Ecke einer Wegbiegung und schweigt, während die Jünger sich nicht mehr um sie kümmern. Doch Jesus kehrt bald zurück, und Petrus sagt: «Da ist der Meister. Sage ihm, was du ihm zu sagen hast und beeile dich.»

Die Frau antwortet ihm nicht, sondern läßt sich vor Jesu Füßen auf die Knie nieder und verneigt sich schweigend bis zur Erde.

«Fotinai, was willst du von mir?»

«Deine Hilfe, Herr. Ich bin so schwach, und ich will nicht mehr sündigen. Ich habe dies dem Mann bereits gesagt. Doch jetzt, da ich keine Sünderin mehr bin, komme ich nicht mehr weiter. Das Gute ist mir fremd. Was soll ich tun? Sage du es mir. Ich bin nur Schlamm. Aber dein Fuß betritt auch den Staub des Weges, um zu den Seelen zu gelangen. Zertritt auch meinen Schlamm, aber komm und gib mir deinen Rat.» Sie weint.

«Mir könntest du als alleinstehende Frau nicht folgen. Doch wenn du wirklich nicht mehr sündigen willst und die Weisheit, Sünden zu vermeiden, lernen möchtest, dann kehre mit reuiger Gesinnung in dein Haus zurück und warte. Es wird der Tag kommen, da du mit vielen anderen, ebenfalls geretteten Schwestern, bei deinem Erlöser sein kannst, um die Wissenschaft des Guten zu erlernen. Geh und habe keine Furcht. Bleibe deinem jetzigen Vorsatz, nicht mehr zu sündigen, treu. Leb wohl.»

Die Frau küßt den Staub, steht auf, geht einige Schritte rückwärts und entfernt sich dann in Richtung Sichar...

187. JESUS BESUCHT DEN TÄUFER BEI ENNON

Es ist eine mondhelle Nacht, so klar, daß die Landschaft in allen Einzelheiten erkennbar ist und die Felder mit dem jungen Getreide einem Teppich aus grünsilbernem Filz gleichen, der von den dunklen Bändern der Pfade durchzogen ist und von den Bäumen bewacht wird, die auf der vom Mond beschienenen Seite ganz weiß, auf der Rückseite jedoch tief schwarz erscheinen.

Jesus ist allein und geht entschlossen und sehr schnell seines Weges, bis er zu einem Wasserlauf kommt, der gurgelnd in nordöstlicher Richtung zur Ebene hinabfließt. Er folgt ihm bis zu einer einsamen Stelle an einem wilden, steilen Ufer. Schließlich macht er noch einen Bogen, steigt einen

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Pfad empor und gelangt zu einem natürlichen Unterstand am Hang des Hügels.

Er tritt ein und beugt sich über ein liegendes Wesen, das kaum kenntlich ist, da der Mondschein, der den Pfad erleuchtet, nicht in die Höhle eindringt. Jesus ruft: «Johannes!»

Der Mann erwacht und setzt sich, noch vom Schlaf benommen, auf. Doch als ihm bewußt wird, wer ihn gerufen hat, springt er auf, um sich gleich vor Jesus niederzuwerfen und zu sagen: «Wie geschieht mir, daß mein Herr zu mir gekommen ist?»

«Ich bin gekommen, um dein und mein Herz glücklich zu machen. Du sehntest dich nach mir, Johannes. Da bin ich. Steh auf! Laßt uns in den Mondschein hinaustreten und uns zum Gespräch auf den Felsblock bei der Grotte setzen.»

Johannes gehorcht, er steht auf und tritt hinaus. Doch als Jesus sich gesetzt hat, kniet er in seinem Schafsfell, das seinen sehr mageren Körper nur dürftig bedeckt, vor Christus nieder und streicht sein langes, wirres Haar, das ihm vor die Augen gefallen war, zurück, um den Sohn Gottes besser betrachten zu können.

Der Gegensatz ist kraß. Jesus ist blaß und blond, hat weiches, geordnetes Haar und einen kurzen Bart an der unteren Gesichtshälfte. Johannes hingegen hat ein wahres Gewirr von pechschwarzem Haar, aus dem nur zwei tiefliegende, wie von Fieber glänzende Augen hervorstechen.

«Ich bin gekommen, um dir "danke" zu sagen. Du hast mit der Vollkommenheit der Gnade, die in dir ist, deine Mission als mein Vorläufer erfüllt und wirst sie weiterhin erfüllen. Wenn die Stunde gekommen ist, wirst du an meiner Seite in den Himmel eingehen, denn du hast alles von Gott verdient. Doch in der Erwartung dieses Ereignisses wirst du schon den Frieden des Herrn genießen, mein geliebter Freund.»

«Bald schon werde ich in den Frieden eingehen. Mein Meister und mein Gott, segne deinen Knecht, um ihn für die letzte Prüfung zu stärken. Es ist mir nicht unbekannt, daß diese nunmehr sehr nahe ist, und daß ich noch ein Zeugnis abzulegen habe: jenes des Blutes. Dir, mehr noch als mir, ist es bekannt, daß meine Stunde naht. Dein Kommen ist Ausdruck der barmherzigen Güte deines Gottes-Herzens, das den letzten Märtyrer Israels und den ersten Märtyrer der neuen Zeit stärken wollte. Aber sage mir nur eins: werde ich lange auf dein Kommen warten müssen?»

«Nein, Johannes. Nicht viel länger als die Zeit, die zwischen deiner und meiner Geburt verstrichen ist.»

«Der Allerhöchste sei dafür gepriesen. Jesus... Darf ich so zu dir sagen?»

«Du darfst es, aufgrund unserer Verwandtschaft und wegen deiner Heiligkeit. Dieser Name, den auch die Sünder aussprechen, darf vom Heiligen Israels ausgesprochen werden. Jenen dient er zur Rettung, für

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dich soll er zärtliche Liebe sein. Was willst du von Jesus, deinem Meister und Vetter?»

«Bald werde ich sterben. Doch, wie ein Vater sich um seine Kinder sorgt, so sorge ich mich um meine Jünger. Meine Jünger... Du bist Meister und weißt, welch eine Liebe wir für sie empfinden. Die einzige Sorge ist, daß sie, wenn ich sterbe, sich wie Schafe ohne einen Hirten verirren könnten. Nimm du sie auf. Ich gebe dir die drei, die dir angehören und mir in deiner Erwartung vollkommene Jünger gewesen sind, zurück. In ihnen, insbesondere in Matthias, ist die Weisheit wirklich gegenwärtig. Andere habe ich noch, auch sie werden zu dir kommen. Doch gewähre mir, daß ich dir diese persönlich anvertraue. Es sind die drei teuersten Jünger.»

«Auch mir sind sie teuer. Sei beruhigt, Johannes, sie werden nicht verlorengehen, weder diese noch die anderen, die du als wahre Jünger hast! Ich nehme dein Erbe an und werde darüber wachen wie über den kostbarsten Schatz, den ich von meinem vollkommenen Freund und Diener des Herrn empfangen habe.»

Johannes wirft sich auf die Erde und – was bei einer so strengen Persönlichkeit beinahe unmöglich scheint – er weint laut schluchzend in seliger Freude.

Jesus legt ihm die Hand aufs Haupt: «Deine Tränen der Freude und Demut haben in mir den Widerhall eines Gesanges aus fernen Tagen geweckt, bei dessen Klang dein kleines Herz vor Freude hüpfte. Jener Gesang und diese Tränen sind ein und derselbe Lobgesang an den Ewigen Gott, der große Dinge vollbracht hat und machtvoll wirkt in den Demütigen. Auch meine Mutter stimmt aufs neue den Lobgesang an, den sie damals schon gesungen hatte. Doch danach wird auch für sie die unendliche Herrlichkeit kommen, so wie für dich nach dem Martyrium. Ich bringe dir auch ihren Gruß. All ihre Abschieds- und Trostworte. Du verdienst sie. Hier ist nur die Hand des Menschensohnes auf deinem Haupt; doch durch den offenen Himmel steigen die Liebe und das Licht auf dich hernieder, um dich zu segnen, Johannes.»

«Ich bin dessen nicht würdig. Ich bin dein Diener.»

«Du bist mein Johannes. Einst am Jordan war ich der Messias, der sich offenbarte. Hier nun bin ich dein Vetter und dein Gott, der dir die Wegzehrung seiner Liebe als Gott und Verwandter mitgeben will. Erhebe dich, Johannes! Wir wollen uns den Abschiedskuß geben.»

«Ich bin nicht würdig... Ich habe es wohl mein ganzes Leben lang gewünscht, doch ich wage es nicht, dich zu küssen. Du bist mein Gott!»

«Ich bin dein Jesus. Leb wohl. Meine Seele wird der deinen nahe sein, bis du in den Frieden eingehst. Lebe und sterbe in der Gewißheit des Friedens um deine Jünger. Mehr kann ich dir jetzt nicht geben, doch im Himmel werde ich dich hundertfach belohnen, denn du hast vor den Augen Gottes jegliche Gnade gefunden.»

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Jesus hat ihm aufgeholfen, ihn umarmt und auf die Wangen geküßt und ist von Johannes geküßt worden. Dann kniet Johannes nochmals nieder, und Jesus legt ihm die Hände aufs Haupt und betet mit zum Himmel erhobenen Augen. Er scheint ihn zu weihen. Es ist ergreifend. Stille herrscht während einiger Zeit. Dann verabschiedet sich Jesus mit seinem liebevollen Gruß: «Mein Friede sei allezeit mit dir», und er entfernt sich auf demselben Weg, auf dem er gekommen war.

188. JESUS UNTERWEIST DIE APOSTEL

«Herr, warum ruhst du dich nicht aus in der Nacht? Heute nacht bin ich aufgestanden und habe dich nicht gefunden. Dein Lager war leer.»

«Warum hast du mich gesucht, Simon?»

«Um dir meinen Mantel zu geben. Ich fürchtete, du könntest in dieser hellen, doch sehr frischen Nacht frieren.»

«War dir nicht kalt?»

«Ich habe mich in vielen Jahren des Elends daran gewöhnt, kaum bedeckt, schlecht ernährt und schlecht untergebracht zu sein... Das Tal der Toten... Welch ein Schrecken! Diesmal ist es nicht so, doch das nächste Mal, wenn wir nach Jerusalem gehen, Herr, dann komm zu dieser Stätte des Todes. Es sind so viele Unglückliche dort... und die körperliche Not ist noch nicht das Schlimmste... Das, was die Menschen dort verzehrt, ist die Verzweiflung. Findest du nicht, mein Herr, daß die Aussätzigen zu hart behandelt werden?»

Es ist Judas Iskariot, der Jesus mit der Antwort zuvorkommt und zum Zeloten, der für seine früheren Leidensgenossen eintritt, sagt: «Möchtest du sie vielleicht frei unter dem Volk herumlaufen lassen? Es ist ihr Pech, wenn sie aussätzig sind.»

«Es fehlte nur noch das, um aus den Juden Märtyrer zu machen! Auch noch der Aussatz auf den Straßen, zusammen mit den Soldaten und all den anderen Dingen», ruft Petrus aus.

«Es scheint mir eine gerechte Maßnahme der Vorsicht, sie abgesondert zu halten», bemerkt Jakobus des Alphäus.

«Ja, doch dies sollte mit Mitgefühl geschehen. Du kannst dir nicht vorstellen, was es heißt, aussätzig zu sein. Du kannst darüber nicht sprechen. Wenn es gut ist, sich um die Gesundheit des Leibes zu sorgen, wieso sollten wir uns nicht ebenso um die Seelen der Aussätzigen kümmern? Wer spricht zu ihnen von Gott ? Nur Gott allein weiß, wie nötig sie es hätten, in ihrer furchtbaren Trostlosigkeit an einen Gott zu denken und wie sehr sie des inneren Friedens bedürfen!»

«Du hast recht, Simon. Ich werde zu ihnen gehen, weil es gerecht ist

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und um euch Barmherzigkeit zu lehren. Bisher habe ich die Aussätzigen, denen wir zufällig begegnet sind, geheilt. Bisher, das heißt, bis zu dem Augenblick, da ich aus Judäa vertrieben wurde, habe ich mich an die Mächtigen von Judäa als die Entferntesten und der Erlösung am meisten Bedürftigen gewandt, um dem Erlöser eine Hilfe zu sein. Nun, da ich mich von der Nutzlosigkeit dieses Versuches überzeugt habe, werde ich davon ablassen. Nicht zu den Großen, sondern zu den Geringsten, zu den Elenden Israels will ich gehen, und unter diesen werden auch die Aussätzigen im Tale der Toten sein. Ich werde den Glauben dieser Menschen an mich, die vom dankbaren Aussätzigen die Heilsbotschaft vernommen haben, nicht enttäuschen.»

«Wie kannst du wissen, Herr, daß ich dies getan habe?»

«So, wie ich auch weiß, was Freunde oder Feinde, deren Herz ich erforsche, über mich denken.»

«Barmherzigkeit! Aber weißt du wirklich alles von uns, Meister?» ruft Petrus aus.

«Ja, auch daß du, und nicht nur du allein, Fotinai wegschicken wolltest. Aber weißt du denn nicht, daß es dir nicht zusteht, eine Seele vom Guten fernzuhalten? Weißt du nicht, daß man, wenn man in ein anderes Land kommt, auch für jene ein liebevolles Erbarmen haben sollte, welche eine ungerechte Gesellschaft des Mitleids für unwürdig erklärt, weil sie sich mit Gott nicht identifiziert. Doch beunruhige dich nicht, weil ich alles weiß. Bedaure nur, daß dein Herz Regungen empfindet, die Gott nicht billigt, und strenge dich an, sie nicht mehr aufkommen zu lassen. Ich habe euch gesagt: das erste Jahr ist vorüber, und im neuen werde ich auf eine andere Art und Weise auf meinem Weg weitergehen. Auch ihr müßt in diesem zweiten Jahr Fortschritte machen. Sonst wäre es nutzlos, daß ich mich abmühe, die Heilsbotschaft zu verkünden und euch, meine zukünftigen Priester, besonders darin auszubilden.»

«Bist du beten gegangen, Meister? Du hast uns versprochen, uns deine Gebete zu lehren. Wirst du es in diesem Jahre tun?»

«Ich werde es tun. Doch ich will euch auch lehren, gute Menschen zu sein, denn die Güte ist schon Gebet. Aber ich werde es tun, Johannes.»

«Wirst du uns in diesem Jahr auch lehren, Wunder zu wirken?» fragt Judas Iskariot.

«Das Wunderwirken kann man nicht lehren. Es ist nicht das Spiel eines Zauberkünstlers. Das Wunder kommt von Gott. Wer in Gottes Gnade steht, kann sie wirken. Wenn ihr lernt, gut zu sein, wird die Gnade über euch kommen und ihr werdet Wunder erlangen.»

«Aber du antwortest nie auf unsere Frage. Simon hat dich gefragt, Johannes hat dich gefragt, und du hast uns noch nicht gesagt, wo du diese Nacht gewesen bist. Allein weggehen in diesem heidnischen Land kann gefährlich sein.»

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«Ich bin gegangen, um eine gerechte Seele glücklich zu machen, und da es sich um einen Todgeweihten handelt, sein Erbe zu übernehmen.»

«Ja? War es groß?»

«Sehr groß, Petrus, und sehr wertvoll; die Frucht der Arbeit eines wahren Gerechten.»

«Aber ich habe nichts mehr als sonst in deiner Tasche gesehen. Sind es vielleicht Edelsteine, die du an deiner Brust verborgen hältst?»

«Ja, es sind Edelsteine, die meinem Herzen sehr teuer sind.»

«Zeige sie uns, Meister.»

«Ich werde sie dann haben, wenn der Todgeweihte gestorben sein wird. Vorerst dienen sie noch ihm und mir, indem ich sie belasse, wo sie sind»

«Hast du sie gewinnbringend angelegt?»

«Aber glaubst du denn, daß alles Wertvolle gerade Geld sein muß? Das Geld ist die nutzloseste und schmutzigste Sache, die es auf Erden gibt. Es dient nur der Materie, dem Verbrechen und der Hölle. Nur selten benützt es der Mensch zum Guten.»

«Wenn es also nicht Geld ist, was ist es denn?»

«Drei Jünger, die von einem Heiligen herangebildet wurden.»

«Dann bist du beim Täufer gewesen. Oh! Aber warum?»

«Warum? ... Ihr habt mich immer, und ihr alle zusammen seid weniger wert als ein einziger Fingernagel des Propheten. War es da nicht gerecht, daß ich zum Heiligen Israels gegangen bin, um ihm den Segen Gottes zu überbringen und ihn für das Martyrium zu stärken?»

«Aber wenn er heilig ist... so braucht er doch keine Stärkung. Er schafft es aus eigenen Kräften! ...»

«Es wird der Tag kommen, da "meine" Heiligen vor die Richter geführt und zum Tode verurteilt werden. Sie mögen heilig und von der Gnade Gottes erfüllt sein; sie werden im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe Trost finden, und doch höre ich jetzt schon ihren Schrei, den Schrei ihrer Seele: "Herr, hilf uns in dieser Stunde!"

Nur mit meiner Hilfe werden meine Heiligen in den Verfolgungen stark sein.»

«Aber wir werden nicht unter ihnen sein, nicht wahr? Denn ich bin wirklich nicht fähig zu leiden.»

«Das stimmt, du bist nicht fähig zu leiden. Doch du bist noch nicht getauft, Bartholomäus.»

«Doch, ich bin getauft.»

«Mit Wasser. Es fehlt dir aber noch eine andere Taufe. Nach dieser wirst du imstande sein zu leiden.»

«Ich bin schon alt.»

«Als sehr alter Mann wirst du noch stärker sein als ein Jüngling.»

«Aber du wirst uns dennoch beistehen, nicht wahr?»

«Ich werde immer bei euch sein.»

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«Ich werde versuchen, mich an das Leiden zu gewöhnen», sagt Bartholomäus.

«Ich werde von nun an immer darum beten, daß ich diese Gnade von dir erhalte», sagt Jakobus des Alphäus.

«Ich bin alt und bitte nur darum, daß ich dir vorangehen und mit dir in den Frieden eingehen darf», sagt Simon der Zelote.

«Ich weiß nicht, was ich möchte... dir vorangehen oder in deiner Nähe bleiben, um mit dir zu sterben», sagt Judas des Alphäus.

«Ich würde viel leiden, wenn ich dich überleben sollte. Doch ich werde mich damit trösten, daß ich dich den Völkern verkündige», bekennt Judas Iskariot.

«Ich denke darüber wie dein Vetter», sagt Thomas.

«Ich hingegen wie Simon der Zelote», sagt Jakobus des Zebedäus.

«Und du, Philippus ?»

«Ich... ich will nicht daran denken. Der Ewige wird mir das geben, was für mich am besten ist.»

«Oh, schweigt doch! Es scheint gar, als müßte der Meister schon bald sterben. Laßt mich nicht an seinen Tod denken!» ruft Andreas aus.

«Das hast du gut gesagt, mein Bruder. Du bist jung und gesund, Jesus. Du wirst uns alle begraben müssen, die wir älter sind als du.»

«Aber, wenn man mich töten würde?»

«Das soll nie geschehen; ich würde deinen Tod in jedem Fall rächen.»

«Wie? Mit einer Blutrache ?»

«Eh! ... Auch damit, wenn du mir die Erlaubnis dazu gibst. Anderenfalls werde ich durch das Bekenntnis meines Glaubens unter den Völkern die gegen dich erhobenen Anklagen tilgen. Die Welt wird dich lieben, weil ich unermüdlich im Predigen sein will!»

«Das ist wahr. So wird es sein, und du, Johannes? Und du, Matthäus ?»

«Ich muß leiden und warten, bis meine Seele mit großer Mühe reingewaschen sein wird», sagt Matthäus.

«Ich... ich weiß nicht. Ich möchte gleich sterben, um dich nicht leiden sehen zu müssen. Ich möchte an deiner Seite sein, um dich in deinem Todeskampf zu trösten. Ich möchte lange leben, um dir lange dienen zu können. Ich möchte mit dir sterben, um mit dir in den Himmel einzugehen. Alles möchte ich, weil ich dich liebe. Ich glaube auch, daß ich, als der geringste unter meinen Brüdern, dazu fähig sein werde, wenn ich dich vollkommen liebe. Jesus, vermehre deine Liebe!» sagt Johannes.

«Du willst wohl sagen: "Vermehre meine Liebe"», bemerkt Judas Iskariot. «Denn wir sind es, die immer mehr lieben sollen...»

«Nein, ich meine: "Vermehre deine Liebe", denn wir werden um so mehr lieben, je mehr er durch seine Liebe in uns das Feuer der Liebe entzündet.»

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Jesus zieht den reinen, begeisterten Johannes an sich, küßt ihn auf die Stirn und sagt dann: «Du hast ein göttliches Geheimnis über die Heiligung der Herzen enthüllt. Gott ergießt seine Liebe über die Gerechten, und je mehr diese sich seiner Liebe ergeben, um so mehr vermehrt er die Liebe in ihnen und läßt sie an Heiligkeit zunehmen. Dies ist das geheimnisvolle und unergründliche Wirken Gottes und der Seelen, das sich in mystischem Schweigen vollzieht, und seine Macht, die mit menschlichen Worten nicht auszusprechen ist, schafft unbeschreibliche Kunstwerke der Heiligkeit. Es ist kein Irrtum, sondern Weisheit, Gott zu bitten, er möge seine Liebe in einem Herzen vermehren.»

189. JESUS IN NAZARETH; «SOHN, ICH WERDE MIT DIR KOMMEN»

Jesus ist allein. Er schreitet rasch auf der Hauptstraße, die nach Nazareth führt, dahin und wendet seine Schritte beim Betreten der Stadt sogleich seinem Hause zu. Als er in dessen Nähe angelangt ist, sieht er seine Mutter, die ebenfalls nach Hause geht und vom Neffen Simon begleitet wird, der ein trockenes Reisigbündel auf den Schultern trägt. Er ruft sie: «Mutter!»

Maria wendet sich um und ruft aus: «Oh! Mein gesegneter Sohn!»und beide eilen einander entgegen, während Simon, der seine Last zu Boden geworfen hat, Maria nachahmt und seinem Vetter entgegengeht den er herzlich begrüßt.

«Meine Mutter, ich bin gekommen. Bist du nun glücklich?»

«So sehr, mein Sohn. Aber... wenn du nur auf meine Bitte hin gekommen bist, so möchte ich dir sagen, daß es weder mir noch dir erlaubt ist, mehr der Stimme des Blutes als jener der Sendung zu gehorchen.»

«Nein, Mutter, ich bin auch anderer Dinge wegen gekommen.»

«Es ist also wahr, mein Sohn? Ich glaubte – ich wollte glauben – daß es lügnerische Gerüchte wären, und daß man dich nicht so hassen würde...» Tränen sind in der Stimme und in den Augen der Mutter.

«Weine nicht, Mutter. Bereite mir nicht diesen Schmerz. Ich brauche dein Lächeln.»

«Ja, Sohn, ja! Es ist wahr. Du siehst so viele harte und feindliche Gesichter, daß du viel Liebe und Lächeln brauchst. Aber hier, siehst du, ist jemand, der dich für alle liebt...»

Maria hat sich leicht an ihren Sohn gelehnt, der ihr den Arm um die Schultern legt. Sie versucht auf dem Weg nach Hause zu lächeln, um jede Sorge im Herzen Jesu auszulöschen. Simon hat sein Reisigbündel wieder auf seine Schultern genommen und geht neben Jesus einher.

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«Du bist blaß, Mutter. Hat man dir viel Kummer bereitet? Bist du krank gewesen? Hast du dich zu sehr abgemüht?»

«Nein, Sohn, nein! Ich habe sonst keine Sorgen. Mein einziges Leid ist, dich fern und nicht geliebt zu wissen. Doch hier sind sie alle sehr gut zu mir. Ich meine nicht nur Maria und Alphäus, du weißt ja, wie sie sind. Aber auch Simon, siehst du, wie gut er ist ? So gut ist er immer. Er war mir in den letzten Monaten eine große Stütze. Nun versorgt er mich mit Holz. Er ist so lieb, und auch Joseph, weißt du? Sie sind so aufmerksam gegenüber ihrer Maria.»

«Gott segne dich, Simon, und er segne auch Joseph. Daß ihr mich noch nicht als Messias liebt, kann ich euch verzeihen. Oh, zur Liebe Christi werdet ihr noch gelangen. Aber wie könnte ich euch verzeihen, wenn ihr sie nicht lieben würdet?»

«Maria zu lieben ist gerecht und bedeutet Friede, Jesus. Aber auch du wirst geliebt... nur, weißt du, wir machen uns große Sorgen um dich.»

«Ja, ihr liebt mich auf menschliche Weise, doch ihr werdet auch noch zur anderen Liebe gelangen.»

«Aber auch du, mein Sohn, bist blaß und abgemagert.»

«Ja, du scheinst älter geworden zu sein. Auch ich sehe es», bemerkt Simon.

Sie betreten das Haus, und Simon zieht sich rücksichtsvoll zurück, nachdem er die Reisigbündel an ihren Ort gebracht hat.

«Sohn, da wir nun allein sind, sage mir die Wahrheit, die ganze. Warum hat man dich vertrieben?» Maria hat beim Sprechen die Hände auf die Schultern Jesu gelegt und blickt ihm ins abgemagerte Antlitz.

Jesus lächelt sanft und müde: «Weil ich versucht habe, die Menschen zur Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit und zum wahren Glauben zu führen.»

«Wer aber beschuldigt dich? Das Volk?»

«Nein, Mutter, die Pharisäer und die Schriftgelehrten, mit Ausnahme einiger Gerechter unter ihnen.»

«Aber was hast du getan, um von ihnen beschuldigt zu werden?»

«Ich habe die Wahrheit gesagt. Weißt du nicht, daß dies als größtes Vergehen in den Augen der Menschen gilt?»

«Was haben sie denn sagen können, um ihre Anklagen zu rechtfertigen?»

«Lügen! Solche, die du kennst, und andere dazu.»

«Nenne sie deiner Mutter. Lege deinen ganzen Schmerz in mein Herz. Ein Mutterherz ist an den Schmerz gewöhnt und erträgt ihn gerne, wenn es damit das Herz des Sohnes erleichtern kann. Gib mir deinen Schmerz, Jesus. Setze dich hierher, wie du es als Kind tatest, und mach dich frei von aller Bitterkeit.»

Jesus setzt sich auf ein Bänkchen zu Füßen der Mutter und berichtet

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alles, was während der letzten Monaten in Judäa geschehen ist, ohne Groll und ohne etwas zu verhüllen.

Maria streicht ihm sanft übers Haar, während sie mit einem heroischen Lächeln auf ihren Lippen gegen die Tränen ankämpft, die in ihren blauen Augen schimmern. Jesus spricht auch von der Notwendigkeit, sich gewissen Frauen zu nähern, um sie retten zu können, und von seinem Schmerz darüber, daß er daran der menschlichen Bosheit wegen gehindert ist. Maria stimmt zu und beschließt dann: «Sohn, du darfst mir meinen Wunsch nicht versagen: von nun an werde ich mit dir kommen, wenn du von hier weggehst, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit und an jeden Ort, wo es auch sei. Ich will dich vor Verleumdung schützen. Meine Gegenwart wird den Schmutz abwehren. Maria wird mit dir kommen. Sie wünscht es so sehr. Das braucht es neben dem Heiligen und gegen Satan und die Welt: das Herz der Mütter.»

190. IN KANA IM HAUS DER SUSANNA; DER KÖNIGLICHE BEAMTE

Jesus ist anscheinend auf dem Weg zum See. Jedenfalls erreicht er nun Kana und begibt sich zum Haus der Susanna. Es begleiten ihn die Vettern.

Während sie dort eine Mahlzeit einnehmen und sich ausruhen, und während man den Worten Jesu mit Interesse zuhört, wie dies bei Verwandten oder Freunden von Kana stets der Fall sein sollte, belehrt er diese guten Menschen in schlichter Weise. Jesus tröstet auch den Mann im Kummer um seine Susanna, die krank zu sein scheint, da sie nicht anwesend ist und man wiederholt von ihren Leiden spricht, tritt ein gut gekleideter Mann ein und wirft sich Jesus zu Füßen nieder.

«Wer bist du? Was willst du?»

Während dieser noch seufzt und weint, zieht der Herr des Hauses Jesus an einem Zipfel seines Gewandes und flüstert: «Es ist ein Beamter des Tetrarchen. Traue ihm nicht zu sehr.»

«So sprich denn, was willst du von mir?»

«Meister, ich habe erfahren, daß du zurückgekehrt bist. Ich habe dich erwartet, wie man auf Gott wartet. Komm sofort nach Kapharnaum. Mein Junge liegt schwer krank darnieder und seine Stunden sind gezählt. Ich bin Johannes, deinem Jünger, begegnet und habe von ihm erfahren, daß du auf dem Weg nach Kapharnaum seiest. Komm, komm schnell, bevor es zu spät ist.»

«Du, der du ein Diener des Verfolgers des Heiligen Israels bist, wie kannst du an mich glauben? Ihr glaubt nicht an den Vorläufer des Messias, wie könnt ihr also an den Messias glauben?»

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«Es ist wahr, auf uns lasten die Sünden des Unglaubens und der Hartherzigkeit. Doch habe Erbarmen mit einem Vater! Ich kenne Chuza, und habe Johanna gesehen, vor und nach dem Wunder habe ich sie gesehen, und da habe ich den Glauben gefunden.»

«So ist es. Ihr seid ein so ungläubiges und verdorbenes Geschlecht, daß ihr ohne Zeichen und Wunder nicht glaubt. Es fehlt euch die erste notwendige Eigenschaft, um ein Wunder zu erlangen.»

«Das ist wahr! Alles, was du sagst, ist wahr! Doch du siehst, ich glaube nun an dich und bitte dich, komm, komm sofort nach Kapharnaum. Ich werde dir in Tiberias ein Boot besorgen, damit du rascher vorwärtskommst. Aber komm, bevor mein Kind stirbt!», und er weint verzweifelt.

«Ich werde vorerst nicht kommen. Doch, gehe nach Kapharnaum. Dein Sohn lebt und ist von diesem Augenblick an gesund.»

«Gott segne dich, mein Herr. Ich glaube dir. Doch da ich möchte, daß mein ganzes Haus dir ein Fest bereite, komm nach Kapharnaum in mein Haus.»

«Ich werde kommen. Leb wohl! Der Friede sei mit dir!»

Der Mann verläßt eilends den Raum, und kurz darauf hört man den Hufschlag eines Pferdes.

«Ist der Junge nun wirklich geheilt?» fragt Susannas Mann.

«Glaubst du denn, daß ich lügen könnte?»

«Nein, Herr! Doch du bist hier, und der Junge befindet sich dort.»

«Mein Geist kennt weder Schranken noch Entfernungen.»

«Oh, mein Herr, wie du bei meiner Hochzeit Wasser in Wein verwandelt hast, wandle nun auch meine Tränen in ein Lächeln. Heile meine Susanna!»

«Was wirst du mir dafür geben?»

«Die Summe, die du verlangst.»

«Ich beschmutze das, was heilig ist, nicht mit Mammons Blut. Ich frage deine Seele, was sie mir geben will.»

«Mich selbst, wenn du willst.»

«Doch, wenn ich von dir ohne Worte ein großes Opfer verlangen würde?»

«Mein Herr, ich bitte dich um die leibliche Gesundheit meiner Frau und um die Heiligung von uns allen. Ich glaube, daß ich kein Opfer als zu groß erachten darf, um dies zu erlangen...»

«Du fürchtest für deine Frau. Aber wenn ich ihr das Leben wiederschenkte und sie dadurch für immer als meine Jüngerin gewänne, was würdest du dann sagen?»

«Daß... daß du das Recht dazu hast... und daß... und daß ich Abraham in seiner Bereitschaft zum Opfer nachahmen werde.»

«Du hast es gut gesagt. Hört ihr alle: die Zeit meines Opfers naht. Wie ein Strom eilt sie schnell und rastlos ihrer Mündung entgegen. Ich

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muß alles erfüllen, wozu ich beauftragt bin, doch die menschliche Härte verschließt mir viele Gebiete meiner Sendung. Meine Mutter und Maria des Alphäus werden mich nun begleiten, wenn ich von hier aufbreche, um mich unter Menschen zu begeben, die mich noch nicht lieben oder nie lieben werden. Meine Weisheit sagt mir, daß die Frauen dem Meister auf diesem ihm verschlossenen Gebiet helfen können. Ich bin gekommen, auch die Frauen zu erlösen, und in der künftigen Zeit, in meiner Zeit, wird es Frauen geben, die gleich Priesterinnen dem Herrn und den Dienern des Herrn dienen werden. Ich habe meine Jünger erwählt; doch um die Frauen erwählen zu können, die nicht frei sind, muß ich um die Zustimmung der Väter und der Gatten bitten. Willst du es ?»

«Herr... ich liebe Susanna. Bisher habe ich sie mehr dem Fleisch als dem Geist nach geliebt. Doch, durch deine Belehrung hat sich bereits etwas in mir gewandelt, und nun betrachte ich in meiner Frau auch das Seelische, nicht nur das Körperliche. Die Seele gehört Gott, und du bist der Messias, der Sohn Gottes. Ich kann dir nicht versagen, was Gottes ist. Wenn Susanna dir folgen will, werde ich sie nicht daran hindern. Nur bitte ich dich, wirke ein Wunder, heile sie am Leib und mich an der Seele...»

«Susanna ist geheilt. Sie wird in wenigen Stunden hierher kommen, um dir ihre Freude mitzuteilen. Laß ihre Seele ihrem inneren Drang folgen und sprich nicht mit ihr über das, was ich dir jetzt gesagt habe. Du wirst sehen, daß ihre Seele freiwillig zu mir kommen und wie eine Flamme aufsteigen wird. Dadurch wird aber ihre Liebe als Gattin nicht erlöschen. Sie wird vielmehr eine höhere Stufe der Liebe erreichen, um in erhabenster Weise zu lieben: mit dem Geist.»

«Susanna gehört dir, Herr! Sie hätte sterben müssen, langsam und unter schrecklichen Qualen. Wäre sie gestorben, hätte ich sie tatsächlich auf dieser Welt verloren. Nun hingegen werde ich sie weiterhin an meiner Seite haben, und sie wird mich mit sich auf deine Wege führen. Gott hat sie mir gegeben und Gott nimmt sie mir. Der Allerhöchste sei gepriesen, in seinem Geben und Nehmen.»

191. IM HAUS DES ZEBEDÄUS; SALOME ANGENOMMEN ALS JÜNGERIN

Jesus befindet sich im Haus des Jakobus und des Johannes, wie ich den Gesprächen der Anwesenden entnehme. Mit Jesus sind, außer den beiden Aposteln Petrus und Andreas auch Simon der Zelote, Judas Iskariot und Matthäus. Die anderen sehe ich nicht.

Jakobus und Johannes sind selig. Sie kommen und gehen von der Mutter zu Jesus und umgekehrt wie Schmetterlinge, die nicht wissen, welche

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Blume unter zwei gleich geliebten sie vorziehen sollen, und Maria Salome liebkost jedesmal glücklich ihre großen Söhne, während Jesus dazu lächelt. Sie müssen soeben gespeist haben, denn die Tafel ist noch gedeckt. Doch die beiden wollen unbedingt, daß Jesus auch von den weißen Trauben esse, die die Mutter eingemacht hat und die süß wie Honig sein müssen. Was würden sie Jesus nicht alles geben!

Salome aber möchte etwas mehr geben und erhalten als Weintrauben und Liebkosungen. Nachdem sie Jesus und Zebedäus eine Zeitlang nachdenklich betrachtet hat, beschließt sie zu handeln. Sie geht zum Meister, der mit dem Rücken an den Tisch gelehnt sitzt, und kniet vor ihm nieder.

«Was willst du, Frau?»

«Meister, du hast beschlossen, daß deine Mutter und die Mutter des Jakobus und des Judas mit dir kommen werden, auch Susanna und natürlich die große Johanna des Chuza werden dir folgen. Alle Frauen, die dich verehren, werden kommen, wenn vorerst eine gekommen ist. Auch ich möchte dabei sein. Nimm mich, Jesus. Ich werde dir in Liebe dienen.»

«Du mußt dich um Zebedäus kümmern. Liebst du ihn nicht mehr?»

«Oh, und wie ich ihn liebe! Doch noch mehr liebe ich dich! Oh, ich will nicht sagen, daß ich dich als Mann liebe. Ich bin sechzig Jahre alt und seit fast vierzig Jahren Gattin, und ich habe nie einen anderen Mann als den meinen angesehen. Nun, da ich eine alte Frau bin, werde ich nicht töricht, noch wird meines Alters wegen die Liebe für meinen Zebedäus sterben. Aber du... Ich habe nicht reden gelernt. Ich bin eine arme Frau. Ich sage es, wie ich kann. Also: Zebedäus liebe ich mit all dem, was zuvor in mir war. Dich liebe ich mit all dem, was du in mir mit deinen Worten und mit denen, die mir Jakobus und Johannes gesagt haben, gewirkt hast. Es ist etwas ganz anderes... aber etwas so Schönes.»

«Es wird niemals gleich schön sein wie die Liebe eines vortrefflichen Gatten.»

«Oh! Nein! Viel mehr wird es sein! ... Oh, sei mir nicht böse, Zebedäus! Ich liebe dich noch mit all meinem Wesen. Doch ihn liebe ich mit etwas, das zwar auch Maria ist, aber nicht mehr Maria, jene erbärmliche Maria, deine Frau, sondern viel mehr... Oh, ich kann es gar nicht ausdrücken!»

Jesus lächelt der Frau zu, die ihren Gatten nicht beleidigen will und dennoch ihre große, neue Liebe nicht verschweigen kann.

Auch Zebedäus lächelt würdevoll und nähert sich seiner Frau, die immer noch kniet und sich abwechselnd zum Gatten und zu Jesus wendet.

«Aber bist du dir bewußt, Maria, daß du dein Haus verlassen müßtest? Du, die du so sehr an ihm hängst! Deine Tauben... deine Blumen... jener Weinstock, der die süßen Trauben hervorbringt, auf die du so stolz bist... deine Bienenstöcke, die ertragreichsten des Ortes... und der Webstuhl, auf dem du so viel Linnen und Wolle gewoben hast für deine Lieben... und

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erst deine Enkelkinder? Wie wirst du ohne deine kleinen Enkelkinder leben können?»

«Oh, mein Herr! Was sind schon Mauern, Tauben, Blumen, Reben, Bienenstöcke und ein Webstuhl – alles gute und teure Dinge – aber im Vergleich zu dir und zur Liebe zu dir sind sie unendlich klein! Die Enkelkinder... ja, es wird schmerzlich sein, sie nicht mehr auf dem Schoß in den Schlaf wiegen zu können und sie nicht mehr rufen zu hören... Doch du bedeutest mir mehr! Oh, du bist mehr als alle diese Dinge, die du mir aufgezählt hast! Und auch, wenn sie mir in meiner Schwäche alle zusammengenommen so lieb oder lieber wären als dir zu dienen und nachzufolgen, so würde ich sie unter Tränen, den Tränen einer Frau, von mir schieben, um dir mit lächelnder Seele nachzufolgen. Nimm mich, Meister! Sagt es ihm, Johannes, Jakobus... und du, mein Gemahl! Seid gut zu mir und helft mir alle.»

«Also gut, auch du wirst mit den anderen kommen. Ich wollte, daß du gut über die Vergangenheit und die Gegenwart nachdenkst; über das, was du zurückläßt, und das, was du auf dich nimmst. Doch komm, Salome. Du bist reif, in meine Familie aufgenommen zu werden.»

«Oh! Reif! Weniger reif als ein Kind bin ich. Doch wirst du mir meine Fehler verzeihen und mich an der Hand führen. Du... denn, ungebildet wie ich bin, werde ich mich vor deiner Mutter und Johanna sehr schämen müssen. Vor allen werde ich mich schämen, nur nicht vor dir, denn du bist der Gütige, alles verstehst du, alles entschuldigst du, alles verzeihst du.»

192. JESUS SPRICHT ZU DEN SEINEN VOM APOSTOLAT DER FRAU

«Was hast du, Petrus ? Du scheinst mir unzufrieden», sagt Jesus, der auf einem kleinen Feldweg unter blühenden Mandelbäumen daherkommt, die den Menschen künden, daß die schlimmste Jahreszeit vorüber ist.

«Ich denke nach, Meister.»

«Du denkst nach, ich sehe es. Doch dein Ausdruck sagt mir, daß du nicht über erfreuliche Dinge nachdenkst.»

«Aber du, der du alles von uns weißt, weißt auch, worüber ich nachdenke.»

«Ja, ich weiß es bereits. Auch Gott Vater kennt die Bedürfnisse des Menschen, doch er verlangt vom Menschen das Vertrauen, das die eigenen Nöte darlegt und ihn um Hilfe bittet. Ich kann dir nur sagen, daß du unrecht hast, wenn du dir darüber Kummer machst.»

«Dann ist also meine Frau dir nicht weniger lieb?»

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«Aber nein, Petrus! Warum sollte sie mir weniger lieb sein? Im Himmel hat mein Vater viele Wohnungen. Es gibt viele Aufgaben für die Menschen auf Erden, und wenn sie in heiliger Weise erfüllt werden, sind sie alle segensreich. Sollte ich dir vielleicht sagen, daß alle Frauen, die nicht dem Beispiel Marias und Susannas folgen, von Gott nicht geliebt sind?»

«O nein! Auch meine Frau glaubt an den Meister, aber sie folgt doch nicht dem Beispiel der anderen», sagt Bartholomäus.

«Auch die meine mit ihren Töchtern nicht. Sie bleiben zu Hause und sind immer bereit, Gastfreundschaft zu gewähren, wie sie es gestern getan haben», sagt Philippus.

«Ich glaube, auch meine Mutter wird so handeln. Sie kann nicht alles verlassen... sie ist allein», sagt Judas.

«Es ist wahr! Es ist wahr! Ich war so betrübt, weil mir schien, die meine wäre... so wenig... Oh, ich weiß es nicht auszudrücken!»

«Kritisiere sie nicht, Petrus ! Sie ist eine rechtschaffene Frau», sagt Jesus.

«Sie ist sehr schüchtern. Ihre Mutter hat alle, Töchter und Schwiegertöchter, wie dünne Ruten gebogen», sagt Andreas.

«Doch nach einem so langen Zusammenleben mit mir hätte sie sich ändern dürfen!»

«Oh, Bruder! Du bist nicht sehr sanft, weißt du? Auf einen Schüchternen wirkst du wie ein Klotz zwischen den Beinen. Meine Schwägerin ist eine sehr gute Frau, und das ist dadurch bewiesen, daß sie die Mutter mit ihrer Bosheit und dich mit deiner Überheblichkeit stets mit Geduld ertragen hat.»

Alle lachen über die unverschleierte Folgerung des Andreas und über das erstaunte Gesicht des Petrus, der sich einen Überheblichen nennen hört.

Auch Jesus muß herzlich lachen. Dann sagt er: «Die treuen Frauen, die sich nicht dazu berufen fühlen, ihr Heim zu verlassen, um mir nachzufolgen, dienen mir ebenso durch ihr Zuhausebleiben. Hätten alle mit mir kommen wollen, hätte ich einigen gebieten müssen, zu Hause zu bleiben. Jetzt, da die Frauen sich uns anschließen, werde ich auch an sie denken müssen. Es wäre weder anständig noch klug, wenn die Frauen, die uns hierhin und dorthin begleiten werden, auf einmal keine Unterkunft hätten. Wir können uns überall ausruhen. Die Frau hat andere Bedürfnisse und braucht eine Unterkunft. Uns genügt ein Schlafraum für uns alle, sie jedoch könnten nicht unter uns sein, einmal aus Achtung und zum anderen aus Rücksicht auf ihre zartere Beschaffenheit. Man darf die Vorsehung Gottes nie herausfordern und die menschliche Natur nie über die gegebenen Grenzen hinaus versuchen. Nun mache ich aus jedem befreundeten Haus, wo sich eine eurer Frauen befindet, eine Raststätte für ihre Schwestern. Aus deinem, Petrus, aus deinem, Philippus, aus deinem,

Bartholomäus, und aus deinem, Judas. Wir werden den Frauen unser rastloses Wandern nicht zumuten können. Wir werden sie am Ort zurücklassen, von dem wir jeweils am Morgen aufbrechen und zu dem wir am Abend zurückkehren. Wir werden sie in unseren Ruhestunden unterweisen, so werden die Leute nicht mehr murren können, wenn andere unglückliche Geschöpfe zu mir kommen, und mir wird es nicht mehr verwehrt sein, sie anzuhören. Die Mütter und Ehefrauen, die uns folgen, werden bestimmt sein zur Verteidigung ihrer Schwestern und meiner selbst gegen die Verleumdungen der Welt. Ihr seht, daß ich eilige Besuche machen will an Orten, wo ich Freunde habe oder haben werde. Dies geschieht nicht meinetwegen, sondern um der Schwächsten unter den Jüngern willen, die mit ihrer Schwäche unsere Kraft unterstützen und sie für viele, viele Geschöpfe nützlich werden lassen.»

«Doch jetzt wollen wir nach Caesarea gehen, wie du gesagt hast. Wer ist denn dort?»

«Geschöpfe, die sich nach dem wahren Gott sehnen, gibt es überall. Der Frühling kündet sich schon an mit diesem rosa Schleier von blühenden Mandelbäumen. Die Tage des Frostes sind vorüber. In wenigen Tagen werde ich die Orte für den Aufenthalt und die Unterkunft unserer Jüngerinnen festgelegt haben, worauf wir unsere Wanderungen wieder aufnehmen werden, um das Wort Gottes zu verbreiten, ohne uns um die Schwestern sorgen und ohne Verleumdungen befürchten zu müssen. Ihre Geduld und ihre Sanftmut wird euch eine Lehre sein. Auch für die Frau wird bald die Stunde der Wiedererlangung ihrer Würde kommen. Ein großes Blumenbeet von Jungfrauen, Bräuten und Müttern wird in meiner Kirche sein.»

193. JESUS IN CAESAREA AM MEER ER SPRICHT ZU DEN GALEERENSKLAVEN

Jesus befindet sich in der Mitte eines weiten und recht schönen Platzes, der in eine sehr breite Straße ausläuft, die fast eine Verlängerung des Platzes zu sein scheint und bis zum Meeresufer führt. Eine Galeere hat gerade den Hafen verlassen und wird vom Wind und den Ruderschlägen ins offene Meer getrieben. Eine andere dreht bei, um in den Hafen zu gelangen, denn die Segel werden eingezogen und die Ruder nur von einer Gruppe bewegt, um das Schiff zu wenden und in die gewünschte Stellung zu bringen. Der Hafen ist vom Platz aus nicht sichtbar, doch kann er nicht weit entfernt sein. Der Platz ist von großen Gebäuden umgeben mit den charakteristischen Außenmauern, welche kaum eine Öffnung aufweisen. Nirgends ein Laden.

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«Wohin gehen wir nun? Du hast hierher kommen wollen, statt in den östlichen Teil der Stadt zu gehen, und hier wohnen die Heiden. Wer will dir hier schon zuhören?» rügt Petrus.

«Gehen wir zu jenem Winkel am Meer. Dort werde ich sprechen.»

«Zu den Wellen?»

«Auch die Wellen sind von Gott erschaffen worden.»

Sie gehen. Nun sind sie an der Bucht angelangt und können von dort aus den Hafen überblicken, in den die Galeere, die sie vorher gesehen hatten, langsam einläuft und dann anlegt. Einige Seeleute schlendern müßig den Kai entlang. Obstverkäufer wagen es, sich dem römischen Schiff zu nähern, um ihre Ware anzubieten. Das ist alles.

Jesus, der mit dem Rücken zur Mauer steht, scheint tatsächlich zu den Wellen zu sprechen. Die Apostel sind nicht besonders zufrieden mit dieser ganzen Lage; sie umringen ihn, teils stehend, teils auf den Felsbrocken sitzend, die da und dort herumliegen und ihnen als Bank dienen.

«Töricht ist der Mensch, der sich mächtig, gesund und glücklich fühlt und sagt: "Was brauche ich schon mehr? Wen brauche ich? Niemanden! Nichts fehlt mir, ich genüge mir selbst, daher gelten für mich die Gebote und die Vorschriften Gottes oder die Sittengesetze nichts. Mein Gesetz ist, das zu tun, wozu ich fähig bin, ohne darüber nachzudenken, ob es nun gut oder schlecht für die anderen sei."»

Ein Händler, der die klangvolle Stimme hört, wendet sich um und geht auf Jesus zu, der fortfährt: «So spricht der Mann und die Frau ohne Weisheit und Glauben. Aber wenn sie damit auch zeigen, daß sie eine mehr oder weniger hohe Stellung in der Gesellschaft einnehmen, so beweist dies ebenfalls eine Verwandtschaft mit dem Bösen.»

Männer verlassen die Galeere und andere Boote und kommen zu Jesus.

«Der Mensch zeigt nicht durch Worte, sondern durch Taten, daß er mit Gott und der Tugend verwandt ist, wenn er darüber nachdenkt, daß das Leben noch wechselhafter ist als die Meereswelle, die sich heute ruhig zeigt und morgen tobt. Ebenso können sich Wohlstand und Macht von heute auf morgen in Elend und Ohnmacht verwandeln. Was wird dann der Mensch tun, der ohne Bindung an Gott lebt? Wie viele auf dieser Galeere waren einst glücklich und mächtig, und nun sind sie Sklaven und werden als Schuldige angesehen! Schuldig sein heißt, Sklave sein: Sklave des menschlichen Gesetzes, das im Leichtsinn verhöhnt wird, denn es besteht und bestraft seine Übertreter, und Sklaven Satans, der sich auf ewig den Schuldigen aneignet, der nicht dazu kommt, seine Schuld zu verabscheuen.»

«Sei gegrüßt, Meister! Wie kommt es, daß du hier bist? Erkennst du mich wieder?»

«Gott möge zu dir kommen, Publius Quintilianus. Du siehst, ich bin gekommen!»

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«Gerade hierher, in das römische Viertel. Ich hoffte nicht mehr, dich je wiederzusehen. Aber es freut mich, dich zu hören.»

«Auch ich freue mich, dich zu sehen. Sind auf der Galeere dort viele an den Rudern?»

«Viele! Hauptsächlich Kriegsgefangene. Interessieren sie dich?»

«Ich würde gerne zu diesem Schiff hingehen.»

«Komm. Macht Platz, ihr!» befiehlt er den wenigen, die sich ihnen genähert haben. Sie treten zur Seite und stoßen Verwünschungen aus.

«Laß sie nur. Ich bin es gewohnt, von Menschen umringt zu sein.»

«Bis hierher kann ich dich führen, weiter nicht. Es ist eine Militärgaleere.»

«Es genügt mir. Gott vergelte es dir.»

Jesus beginnt wieder zu reden, während der Römer an seiner Seite in der prächtigen Uniform sein Leibwächter zu sein scheint.

«Sklave kann man auch infolge eines schmerzlichen Ereignisses geworden sein. Doch jede Träne, die auf ihre Ketten fällt, jeder Peitschenhieb, der niedersaust und schmerzhafte Spuren auf ihrem Körper zurückläßt, läßt ihre Fesseln leichter werden, veredelt in ihnen das Unsterbliche, und bringt ihnen schließlich den Frieden Gottes, denn Gott liebt seine armen, unglücklichen Kinder und wird ihnen ebensoviel Freude schenken, wie sie hier Schmerzen zu ertragen hatten.»

An den Bordwänden der Galeere zeigen sich Männer der Besatzung und hören zu. Die Galeerensträflinge kann man natürlich nicht sehen. Doch sicher dringt durch alle Öffnungen für die Ruder die mächtige Stimme Jesu zu ihnen, die in dieser ruhigen Stunde der Ebbe weithin hörbar ist. Publius Quintilianus, der von einem Soldaten gerufen worden ist, hat sich entfernt.

«Ich möchte diesen Unglücklichen, die von Gott geliebt werden, sagen, daß sie ihren Schmerz ergeben tragen und aus ihm nichts anderes machen sollen als eine Flamme, die bald die Ketten der Galeere und des Lebens lösen wird. Verbringt diesen armseligen Tag, diese dunkle, stürmische Zeit voller Ängste und Nöte, wie sie das Leben ist, im Verlangen nach Gott, damit ihr in das Licht Gottes eingehen könnt, in das strahlende Licht, wo es keine Angst und keine Qualen mehr geben wird. Ihr werdet in den großen Frieden, in die unendliche Freiheit des Paradieses eingehen, ihr Märtyrer eines bitteren Loses, wenn ihr nur in eurem Leiden gute Menschen zu sein versucht und nach Gott strebt.»

Publius Quintilianus kehrt mit anderen Soldaten zurück. Es folgen Sklaven mit einer Sänfte, der die Soldaten Platz schaffen.

«Wer ist Gott? Ich spreche zu Heiden, die nicht wissen, wer Gott ist. Ich spreche zu Kindern unterdrückter Völker, die nicht wissen, wer Gott ist. In euren Wäldern, ihr Gallier, ihr Iberer, ihr Thrazier, ihr Germanen und ihr Kelten, habt ihr etwas, was euch Gott offenbart. Die Seele fühlt

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sich von selbst zur Anbetung gezogen, weil sie sich an den Himmel erinnert. Doch ihr versteht es nicht, den wahren Gott zu finden, der eine Seele in euren Körper gelegt hat; eine Seele, die der der Israeliten gleich ist, und gleich wie jene der mächtigen Römer, die euch unterjocht haben; eine Seele, welche dieselben Pflichten und dieselben Rechte dem Guten gegenüber hat, und der gegenüber der Gute, das heißt, der wahre Gott, treu sein wird. Seid auch ihr dem Guten treu. Der Gott oder die Götter, dessen oder deren Namen ihr auf den Knien der Mutter gelernt und den ihr angebetet habt, der Gott, an den ihr vielleicht nicht mehr denkt, weil ihr keinen Trost von ihm in eurem Leid empfangt, und den ihr in eurer Verzweiflung vielleicht sogar zu hassen und zu verfluchen beginnt, ist nicht der wahre Gott.

Der wahre Gott ist Liebe und Barmherzigkeit. Waren vielleicht eure Götter so? Nein. Auch sie waren Härte, Grausamkeit, Lüge, Scheinheiligkeit, Laster und Raub. Nun haben sie euch ohne den Trost gelassen, der in der Hoffnung besteht, geliebt zu sein und nach so viel Leiden die Gewißheit der Ruhe zu haben. So ist es, weil eure Götter keine Götter sind. Gott, der wahre Gott, der Liebe und Barmherzigkeit ist und von dem ich euch versichere, daß er existiert, ist auch der, der den Himmel, die Meere, die Berge, die Wälder, die Pflanzen, die Blumen, die Tiere und den Menschen erschaffen hat. Er flößt dem siegreichen Menschen Barmherzigkeit und Liebe ein, wie er sie selbst den Geringen der Erde entgegenbringt. O ihr Mächtigen, ihr Gebieter, bedenkt, daß ihr alle aus demselben Stamme hervorgegangen seid. Geht nicht grausam gegen jene vor, die ein unglückliches Schicksal euch in die Hände gegeben hat, und seid auch gegen die menschlich, die ein Vergehen an die Ruderbank der Galeere gekettet hat.

Der Mensch sündigt oft. Niemand ist ohne mehr oder weniger geheime Sünden. Wenn ihr das bedenken würdet, wäret ihr bestimmt gut zu euren Brüdern, die weniger Glück als ihr gehabt haben und für Fehler bestraft worden sind, die ihr vielleicht auch begangen habt, ohne dafür bestraft worden zu sein. Die menschliche Gerechtigkeit ist in ihrem Urteil äußerst fragwürdig, daß es schlimm wäre, wenn die göttliche Gerechtigkeit auch so wäre. Es gibt Schuldige, die unschuldig zu sein scheinen, und Unschuldige, die für schuldig befunden werden. Ich will hier nicht die Ursachen dieser Ungerechtigkeiten untersuchen. Es ergäbe sich daraus eine zu schwere Anklage gegen den ungerechten Menschen, der voll Haß gegen seinen Nächsten ist! Es gibt Schuldige, die zwar solche sind, die aber unter dem Drang übermächtiger Kräfte zum Verbrechen neigen, was ihre Schuld teilweise vermindert. Seid also menschlich, ihr, die ihr in den Galeeren gebietet. Über der menschlichen Gerechtigkeit steht eine weit erhabenere, göttliche Gerechtigkeit, jene des wahren Gottes, des Schöpfers des Königs und des Sklaven, des Felsens und des Sandkorns. Er sieht euch, euch, die ihr rudert, und euch, die ihr der Rudermannschaft vorsteht, und

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wehe, wenn ihr ohne Grund grausam seid! Ich, Jesus Christus, der Messias des wahren Gottes, versichere euch: Gott wird euch bei eurem Tod an eine ewige Galeere ketten und den Dämonen die blutbeschmierte Peitsche überlassen, und ihr werdet geschlagen und gequält werden, wie ihr selber geschlagen und gequält habt. Denn wenn es auch ein menschliches Gesetz gibt, daß der Schuldige bestraft werde, so darf man in der Strafe doch nicht das Maß überschreiten. Vergeßt dies nicht, denn der Mächtige von heute kann der Elende von morgen sein. Gott allein ist ewig.

Ich möchte euer Herz umwandeln und vor allem eure Ketten lösen, euch die verlorene Freiheit und Heimat wiedergeben. Aber, ihr Galeerensträflinge, die ihr meine Brüder seid, und die ihr mein Antlitz nicht sehen könnt, während ich euer Herz mit all seinen Wunden und seiner Sehnsucht nach der irdischen Freiheit und Heimat, die ich euch nicht geben kann, kenne, ihr armen Sklaven der Mächtigen, ich werde euch eine weit wertvollere Freiheit und Heimat schenken. Euretwegen bin ich zum Gefangenen und Heimatlosen geworden, und um euch loszukaufen werde ich mich selbst hingeben, und für euch, auch für euch, die ihr nicht der Auswurf der Menschheit seid, wie ihr genannt werdet, sondern eine Schande seid für den, der das Maß in der Härte des Krieges und der Gerechtigkeit verliert: für euch werde ich ein neues Gesetz auf Erden geben und eine herrliche Wohnstätte im Himmel bereiten. Erinnert euch meines Namens, Kinder Gottes, die ihr jetzt weint! Es ist der Name eures Freundes. Sprecht ihn aus in euren Qualen. Seid versichert, daß ihr mich durch eure Liebe zu mir besitzen werdet, auch wenn wir uns auf Erden nie sehen werden. Ich bin Jesus Christus, der Retter, euer Freund.

Im Namen des wahren Gottes schenke ich euch Trost. Möge der Friede bald über euch kommen.»

Die Menge, die großenteils aus Römern besteht, hat sich um Jesus geschart, dessen neue Gedanken alle in Erstaunen versetzt haben.

«Beim Jupiter! Du hast mich an Dinge denken lassen, die mir nie in den Sinn gekommen wären, von denen ich aber fühle, daß sie wahr sind...»

Publius Quintilianus betrachtet Jesus nachdenklich und ergriffen zugleich.

«So ist es, Freund. Wenn der Mensch den Verstand gebrauchte, dann würde er nicht soweit kommen und Verbrechen begehen.»

«Beim Jupiter! Beim Jupiter! Welch ein Wort! Ich muß es mir merken. Du hast gesagt: "Wenn der Mensch seinen Verstand gebrauchte..."»

«... dann käme er nicht so weit, Verbrechen zu begehen.»

«Das ist wahr, beim Jupiter! Weißt du, du bist wirklich großartig.»

«Jeder Mensch könnte wie ich sein, wenn er es wollte und mit Gott eins wäre.»

Der Römer wiederholt immer aufs neue und mit wachsender Bewunderung seinen Ausruf: «Beim Jupiter!»; doch Jesus fragt ihn: «Könnte ich

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den Galeerensträflingen etwas Trost spenden? Ich habe Geld... eine Frucht, eine Erleichterung, damit sie wissen, daß ich sie liebe.»

«Gib her! Ich kann es tun, und übrigens ist dort eine sehr einflußreiche Dame, die viel vermag; ich werde sie fragen.» Publius geht zur Sänfte und spricht durch den ein wenig beiseite geschobenen Vorhang. Dann kehrt er zurück. «Ich habe volle Befugnis und werde selbst die Verteilung vornehmen, damit die Galeerenaufseher nicht mit deiner Güte Mißbrauch treiben. Es wird das einzige Mal sein, daß ein kaiserlicher Soldat Kriegsgefangenen Barmherzigkeit erweist.»

«Das erste, nicht das einzige Mal. Es wird der Tag kommen, an dem es keine Sklaven mehr geben wird, und zuvor werden meine Jünger unter die Galeerensträflinge und übrigen Sklaven gegangen sein, um sie Brüder zu nennen.» Publius stößt wieder eine Reihe von «Beim Jupiter!» aus, während er darauf wartet, daß ihm genügend Obst und Wein für die Sträflinge gebracht wird. Bevor er dann die Galeere besteigt, nähert er sich Jesus und flüstert ihm ins Ohr: «Dort drinnen sitzt Claudia Procula. Sie möchte dich noch sprechen hören. Doch vorerst möchte sie dich etwas fragen. Geh zu ihr.»

Jesus geht zur Sänfte.

«Sei gegrüßt, Meister!» Der Vorhang wird ein wenig beiseite geschoben, und eine schöne Frau um die dreißig wird sichtbar.

«Es möge in dir der Wunsch nach Weisheit erwachen!»

«Du hast gesagt, daß sich die Seele des Himmels erinnert. Ist das, von dem ihr sagt, daß es in uns ist, also ewig?»

«Es ist ewig, unsterblich, und deshalb erinnert es sich an Gott, an Gott, der es erschaffen hat.»'

«Was ist die Seele?»

«Die Seele ist der wahre Adel des Menschen. Du bist ruhmreich, weil du aus dem Geschlecht der Claudier bist. Der Mensch ist es in noch höherem Maße, weil sein Ursprung in Gott ist. Es handelt sich um eine mächtige Familie, die jedoch einen Anfang nahm und ein Ende haben wird. Im Menschen fließt, seiner Seele wegen, das Blut Gottes, denn die Seele ist – da Gott reinster Geist ist – das geistige Blut des Schöpfers des Menschen: des ewigen, mächtigen und heiligen Gottes. Der Mensch ist also ewig, mächtig und heilig durch die Seele, die in ihm ist und die lebt, solange sie mit Gott vereint ist.»

«Ich bin Heidin. Somit habe ich keine Seele...»

«Du hast sie, doch sie ist in einen tiefen Schlaf gefallen. Erwecke sie zur Wahrheit und zum Leben...»

' In seiner unendlichen Vatergüte bewirkt Gott, daß in jeder Menschenseele ein Drang zum Urquell hin besteht, aus dem sie hervorgeht, was die Grundlage des Naturgesetzes bildet, welches auch im Wilden vorhanden ist.

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«Leb wohl, Meister!»

«Die Gerechtigkeit möge dich für sich gewinnen. Leb wohl!»

«Wie ihr seht, habe ich auch hier Zuhörer gefunden», sagt Jesus zu den Jüngern.

«Ja, aber wer wird dich außer den Römern verstanden haben? Es sind doch Barbaren!»

«Wer? Alle. Der Friede ist in ihnen eingekehrt, und sie werden sich mehr als viele in Israel meiner erinnern. Laßt uns zu dem Haus gehen, wo man uns zur Mahlzeit einlädt.»

«Meister, die Frau ist dieselbe, die am Tag, als du den Kranken geheilt hast, mit mir gesprochen hat. Ich habe sie gesehen und wiedererkannt», sagt Johannes.

«So seht ihr also, daß auch jemand hier war, der auf uns gewartet hat. Doch scheint ihr mir nicht sehr glücklich darüber zu sein. Viel habe ich an jenem Tag erreicht, an dem ich euch zu überzeugen vermag, daß ich nicht nur für die Juden, sondern für alle Völker gekommen bin, und daß ich euch für sie alle vorbereitet habe. Ich sage euch jedoch, erinnert euch an alles, was euer Meister sagt und tut. Nichts davon ist so unbedeutend, daß es nicht eines Tages zur Regel für euer Apostolat werden müßte.»

Niemand antwortet, und Jesus lächelt traurig und voller Mitleid.

194. HEILUNG DER KLEINEN RÖMERIN IN CAESAREA

Jesus sagt:

«Kleiner Johannes, komm mit mir, denn ich will dich eine Belehrung für die Gottgeweihten von heute schreiben lassen. Bereite dich vor und schreibe.»

Jesus ist noch in Caesarea am Meere. Er befindet sich nicht mehr auf jenem Platz von gestern, sondern mehr im Innern der Stadt, von wo aus man jedoch ebenfalls den Hafen und die Schiffe sehen kann. Hier gibt es viele Warenlager und Geschäfte, und auch auf der Straße liegen Matten, auf denen verschiedene Waren zu Schau gestellt werden. Ich nehme an, daß es in der Nähe des Marktes sein muß, der zur Bequemlichkeit der Schiffsleute und der Käufer der auf dem Wasserwege transportierten Waren nicht weit vom Hafen und von den Lagerhäusern gelegen ist. Hier herrscht viel Lärm, der von einem andauernden Kommen und Gehen von Leuten begleitet wird.

Jesus wartet mit Simon und den Vettern darauf, daß die anderen Jünger die nötigen Lebensmittel gekauft haben. Kinder betrachten neugierig Jesus, der sie zärtlich liebkost, während er mit seinen Aposteln spricht. Jesus sagt: «Es tut mir leid, Unzufriedenheit bemerken zu müssen, wenn

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ich mich Heiden nähere. Aber ich kann nichts anderes als das tun, was ich tun muß, und mit allen gut sein. Bemüht auch ihr euch, gut zu sein, wenigstens ihr drei und Johannes, die anderen werden euch dann nachahmen.»

«Aber wie kann man zu allen gut sein? Schließlich verachten und unterdrücken sie uns, sie verstehen uns nicht und sind so lasterhaft...» entschuldigt sich Jakobus des Alphäus.

«Wie man zu allen gut sein soll? Du bist doch zufrieden, der Sohn des Alphäus und der Maria zu sein?»

«Ja, sicher, aber warum fragst du mich danach?»

«Wenn du von Gott vor der Empfängnis gefragt worden wärest, hättest du als ihr Kind zur Welt kommen wollen?»

«Aber ja. Ich verstehe nicht...»

«Wenn du nun aber der Sohn eines Heiden gewesen wärest und man dich angeklagt hätte, daß du der Sohn eines Heiden hast sein wollen, was hättest du dann gesagt ?»

«Ich hätte gesagt... Ich hätte gesagt: "Es ist nicht meine Schuld. Ich bin sein Sohn, doch ich hätte ebensogut der Sohn eines anderen sein können." Ich hätte auch gesagt: "Ihr klagt mich ungerechterweise an. Wenn ich nichts Böses tue, warum haßt ihr mich dann?"»

«Du hast es gesagt. Auch sie, die ihr als Heiden verachtet, könnten dasselbe sagen. Es ist nicht dein Verdienst, daß du der Sohn des Alphäus, eines wahren Israeliten, bist. Du kannst dem Ewigen für diese große Gnade nur danken und dich aus Dankbarkeit und Demut darum bemühen, andere, die diese Gnade nicht haben, zum wahren Gott zu führen. Man muß gut sein.»

«Es ist schwer zu lieben, wenn man einen Menschen nicht kennt!»

«Nein. Schau... Du, Kleiner, komm einmal her.»

Ein etwa achtjähriger Junge, der mit zwei anderen Knaben in einem Winkel gespielt hat, kommt herbei. Es ist ein kräftiges Kind mit dunkelbraunem Haar und einer sehr hellen Hautfarbe.

«Wer bist du?»

«Ich bin Lucius, Cajus Lucius des Cajus Marius. Ich bin Römer, der Sohn des Hauptmanns der Wachmannschaft, der nach seiner Verletzung hier geblieben ist.»

«Wer sind diese beiden?»

«Es sind Isaak und Tobias. Aber man darf es nicht sagen, denn es ist verboten... Sie würden Schläge bekommen.»

«Warum?»

«Weil sie Juden sind, und ich bin Römer. Das ist nicht erlaubt.»

«Aber du bist doch mit ihnen zusammen. Warum?»

«Weil wir uns gern haben. Wir spielen immer zusammen, mit den Würfeln und dem Springseil. Aber so, daß man uns nicht sieht.»

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«Würdest du mich auch gern haben? Ich bin ebenfalls Jude, bin aber kein Kind mehr. Denk einmal, ich bin ein Lehrmeister, sozusagen ein Priester.»

«Das macht mir nichts aus. Wenn du mich liebhast, so liebe ich dich auch... und ich habe dich gern, weil du mich gern hast.»

«Woher weißt du das?»

«Weil du gut bist. Wer gut ist, der liebt.»

«Seht ihr, Freunde? Dies ist das Geheimnis der Liebe: gut sein! Wer gut ist, liebt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob der andere unsere religiöse Überzeugung hat oder nicht.»

Jesus, der den kleinen Cajus Lucius an der Hand hält, geht hin und liebkost die kleinen erschrockenen Judenknaben, die sich hinter einem Toreingang versteckt haben, und sagt: «Die guten Kinder gleichen Engeln, und Engel haben nur eine Heimat: den Himmel. Sie haben alle denselben Glauben: jenen an den einzigen Gott. Sie haben nur einen Tempel: das Herz Gottes. Liebet euch immer wie Engel.»

«Aber wenn sie uns sehen, schlagen sie uns...»

Jesus schüttelt traurig das Haupt und antwortet nicht...

Eine hochgewachsene, wohlgestaltete Frau ruft Lucius, und dieser löst sich von Jesus und ruft aus: «Die Mutter!» und dann zur Frau: «Ich habe einen großen Freund, weißt du ? Er ist ein Lehrmeister...»

Die Frau entfernt sich nicht mit dem Kind, sondern geht vielmehr auf Jesus zu und fragt ihn: «Sei gegrüßt! Bist du nicht der Mann aus Galiläa, der gestern unten am Hafen gesprochen hat?»

«Ich bin es.»

«Dann warte hier auf mich, ich komme gleich zurück», und sie geht mit ihrem Kleinen davon.

Die anderen Apostel – außer Matthäus und Johannes – sind inzwischen eingetroffen und wollen wissen: «Wer war diese Frau?»

«Eine Römerin, glaube ich», antworten Simon und die anderen.

«Was wollte sie?»

«Sie hat gesagt, wir sollen hier auf sie warten. Wir werden es gleich erfahren...»

Andere Leute haben sich hinzugesellt und warten neugierig.

Die Frau kehrt mit anderen Römern zurück. «Du bist also der Meister ?» fragt einer, der wie ein Diener aus einem herrschaftlichen Hause aussieht. Nachdem ihm dies bestätigt worden ist, fragt er weiter: «Würdest du Abscheu empfinden, die Tochter einer Freundin von Claudia zu heilen? Das Kind hat Erstickungsanfälle und liegt im Sterben, und der Arzt kennt die Ursache seines Leidens nicht. Gestern war es noch gesund. Heute morgen liegt es im Todeskampf.»

«Laßt uns zu ihm gehen.»

Sie gehen nur einige Schritte auf einer Straße, die zum Platz führt, wo

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sie gestern waren, und kommen zum weitgeöffneten Tor eines Hauses, das von Römern bewohnt zu sein scheint.

«Warte einen Augenblick.» Der Mann geht rasch hinein und erscheint gleich wieder: «Komm!» sagt er.

Bevor Jesus jedoch eintreten kann, kommt eine junge Frau von vornehmem Aussehen aus dem Haus, die sichtlich verzweifelt ist. Sie trägt ein nur wenige Monate altes Kind auf den Armen, das blau wie ein Erstickender ist. Ich würde sagen, daß es eine tödliche Diphtherie hat und in den letzten Zügen liegt. Die Frau flüchtet sich an die Brust Jesu wie ein Schiffbrüchiger auf eine Klippe. Sie schluchzt so stark, daß sie nicht zu sprechen vermag.

Jesus nimmt das Kind, dessen wächserne Händchen mit den schon ganz violetten Nägelchen verkrampft sind, und hält es hoch. Das Köpflein fällt kraftlos nach hinten. Die Mutter ist – ohne den Hochmut der Römerin gegenüber dem Juden – zu den Füßen Jesu in den Staub niedergesunken und schluchzt mit erhobenem Antlitz. Ihre Haare sind halb aufgelöst, während sie mit ausgestreckten Armen das Gewand und den Mantel des Meisters zu berühren sucht. Hinter ihr und um sie herum stehen Römer aus dem Hause und Jüdinnen aus der Stadt und schauen zu.

Jesus benetzt seinen rechten Zeigefinger mit Speichel, steckt ihn in den kleinen keuchenden Mund und führt ihn tief hinein. Das Kind schüttelt sich und wird noch dunkler. Die Mutter schreit: «Nein! Nein!» und gleicht einer sich unter einer Klinge Krümmenden, die sie verletzt. Die Menge hält den Atem an. Doch der Finger kommt mit einer Ansammlung von eitrigem Schleim wieder zum Vorschein, und das Kind schlägt nicht mehr um sich und beruhigt sich mit einem unschuldigen Lächeln. Es bewegt die Händchen und die Lippen wie ein Vöglein, das in der Erwartung des Futters piepst und mit den Flügeln schlägt.

«Nimm es, Frau. Gib ihm Milch. Es ist geheilt.»

Die Mutter ist so außer sich, daß sie das Kind nimmt und es, noch im Staube kniend, ganz närrisch küßt, liebkost, ihm die Brust reicht und alles vergißt, was nicht ihr Kind ist.

Ein Römer fragt Jesus: «Wie hast du das fertiggebracht? Ich bin der Arzt des Statthalters und habe studiert. Ich habe versucht, das Hindernis zu entfernen, doch es war zu tief unten... und du... einfach so...»

«Gelehrt bist du, doch der wahre Gott ist nicht mit dir. Er sei gepriesen! Leb wohl!» Jesus will gehen.

Aber da ist eine kleine Gruppe von Israeliten, die das Bedürfnis haben, sich einzumischen: «Wie kannst du dir erlauben, dich Fremden zu nähern? Sie sind verderbt und unrein, und jeder, der in ihre Nähe kommt, wird es selbst.»

Jesus blickt sie an – es sind ihrer drei – eindringlich und streng und sagt – «Bist du nicht Aggäus, der Mann aus Azot, der am letzten Tischri

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hierher kam, um zu versuchen, mit dem Händler, der am alten Brunnen wohnt, Geschäfte zu machen? Du, bist du nicht Joseph aus Rama, der sich in diese Stadt begeben hat, um den römischen Arzt aufzusuchen? Weißt du, warum ich den Grund hierfür kenne? Also, fühlt ihr euch nicht unrein?»

«Der Arzt ist nie ein Fremder. Er sorgt sich um den Körper, und der Körper ist bei allen gleich.»

«Die Seele ist es noch mehr als der Körper. Übrigens, was habe ich denn geheilt? Den unschuldigen Körper eines Säuglings; und dadurch hoffe ich, die nicht unschuldigen Seelen der Fremden zu heilen. Folglich kann ich mich als Arzt und als Messias allen nähern.»

«Nein, das ist dir nicht erlaubt.»

«Nein, Aggäus? Warum treibst du mit einem römischen Kaufmann Handel?»

«Ich nähere mich ihm nur mit der Ware und dem Geld.»

«Da du also sein Fleisch nicht berührst, sondern nur das, was von seiner Hand berührt worden ist, glaubst du, dich nicht zu verunreinigen? O ihr Blinden und Grausamen!

Hört alle zu: im Buche des Propheten (Aggäus = Haggaj), dessen Name dieser Mann hier trägt, steht geschrieben: "Richte an die Priester diese Gesetzesfrage: 'Wenn jemand heiliges Opferfleisch im Zipfel seines Gewandes trägt und mit seinem Gewand Wein oder Speise, Brot, Öl oder andere Nahrungsmittel berührt, sind diese dann heilig?' Die Priester antworteten: 'Nein!' Alsdann fragte Aggäus: 'Wenn einer durch die Berührung eines Toten verunreinigt worden ist und eines dieser Dinge berührt, wird es dann unrein?' Die Priester antworteten: 'Ja."'

Durch diese zweideutige, lügenhafte und widersprüchliche Verhaltensweise schließt ihr das Gute aus und verurteilt es. Ihr anerkennt nur, was euch selbst zum Nutzen ist. Dann schwinden Verachtung, Ekel und Abscheu. Nur solange es euch keinen persönlichen Schaden verursacht unterscheidet ihr, ob etwas unrein ist und unrein macht oder nicht. Wie könnt ihr, lügnerische Zungen, erklären, daß das, was durch die Berührung mit heiligem Fleisch oder anderen heiligen Dinge geheiligt worden ist, nicht auch heiligt, was es berührt ? Wie könnt ihr behaupten, daß das, was durch die Berührung mit etwas Unreinem verunreinigt worden ist, unrein macht, was mit ihm in Berührung kommt?

Seht ihr es denn nicht ein, daß ihr euch selbst widersprecht, ihr lügnerischen Hüter eines Gesetzes der Wahrheit und Nutznießer desselben? Ihr dreht es wie Hanf, wenn euch daran gelegen ist, einen Vorteil daraus zu ziehen, ihr heuchlerischen Pharisäer, die ihr unter dem Vorwand der Religion eurer menschlichen, nur rein menschlichen Gehässigkeit freien Lauf laßt. Ihr Schänder dessen, was Gottes ist, ihr Beleidiger und Feinde des Gesandten Gottes! Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, daß jede eurer

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Handlungen, jeder eurer Beschlüsse, jede eurer Gebärden durch ein ganzes Triebwerk an Verschlagenheit zustandekommt, dem eure Selbstsucht, Leidenschaft, Unaufrichtigkeit, euer Haß, Neid und eure Herrschsucht als Räder und Federn, als Zugschnur und Gewicht dienen.

Schande! Habgierig, ängstlich zitternd und mißgünstig lebt ihr in Hochmut und Furcht, daß einer euch übertreffen könnte, selbst wenn dieser nicht einmal eurer Kaste angehört. Deshalb verdient ihr, daß es euch genau so ergehe wie es jener androht, der euch in Angst und Wut versetzt. Ihr, die ihr, wie Aggäus sagt, aus einem Getreidehaufen von zwanzig Scheffel einen von zehn und aus fünfzig Fässern zwanzig macht, und den Gewinn, der sich aus der Differenz ergibt, in eure Tasche steckt, statt um den Menschen ein Beispiel zu geben und aus Liebe zu Gott zu der Anzahl der Scheffel und der Fässer noch etwas für die Hungernden hinzuzufügen. Ihr verdient, daß alle Werke eurer Hände durch einen glühend heißen Wind, durch Rost und Hagel unfruchtbar bleiben.

Wer von euch kommt zu mir? Leute, die für euch Schmutz und Abfall sind, die vollkommen Unwissenden, die nicht einmal wissen, daß es einen wahren Gott gibt. Sie kommen zu dem, der ihnen Gott in Worten und Werken vor Augen führt. Aber ihr, aber ihr! Ihr habt euch eine Nische bereitet und bleibt dort wo ihr seid, teilnahmslos und kalt wie Götzen in Erwartung der Beweihräucherung und Anbetung. Da ihr euch einbildet, Götter zu sein, haltet ihr es für unnütz, euch in gebührender Weise um den wahren Gott zu kümmern; und es scheint euch gefährlich, daß andere wagen, was ihr selbst nicht wagen würdet. Ihr könnt es in der Tat nicht wagen, denn ihr seid Abbilder von Götzen und Götzendiener zugleich. Wer aber wagt, ist auch fähig, denn nicht er, sondern Gott wirkt in ihm.

Geht und berichtet denen, die euch aufgetragen haben, mir auf den Fersen zu sein, daß ich empört bin über jene Händler, die es nicht als Verunreinigung betrachten, die Güter, die Heimat oder den Tempel denen zu verkaufen, die ihnen Geld geben. Sagt ihnen, daß ich Abscheu vor Unmenschen empfinde, deren Kult nur dem eigenen Fleisch und Geblüt gilt, und die es, um deren Heilung zu erlangen, nicht für eine Verunreinigung erachten, den fremden Arzt aufzusuchen. Sagt ihnen, daß es nur ein und nicht zwei Maße gibt. Sagt ihnen, daß ich, der Messias, der Gerechte, der Ratgeber, der Bewunderungswürdige bin; der über sich den Geist des Herrn mit seinen sieben Gaben hat; der nicht nach dem Anschein richtet, sondern nach dem, was Geheimnis des Herzens ist; der nicht verurteilt, weil ihm etwas zu Ohren gekommen ist, sondern der auf die Stimme des Geistes achtet, die er im Innern eines jeden Menschen vernimmt; der die Geringen in seinen Schutz nimmt und die Armen in Gerechtigkeit richten wird. Ich bin es, der bereits schon jetzt richtet und heimsucht, die auf dieser Erde nichts als Erde sind. Der Hauch meines Atems wird den Gottlosen vernichten und sein Nest zerstören, während er Leben und Licht, Freiheit

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und Friede für jene sein wird, die von Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Glauben erfüllt, zu meinem heiligen Berg kommen, um sich an der Wissenschaft des Herrn zu sättigen. So steht es bei Isaias, nicht wahr?

Mein Volk! Alle Menschen stammen von Adam ab, und Adam ist aus meinem Vater hervorgegangen. Alle sind das Werk meines Vaters, und meine Aufgabe ist es, alle vor dem Vater zu versammeln. Ich führe sie zu dir, o heiliger, ewiger, mächtiger Vater. Ich führe diese irrenden Kinder, nachdem ich sie mit der Stimme der Liebe um mich versammelt habe, vereint unter meinem Hirtenstab, gleich jenem, den Moses einst gegen die tödlichen Schlangen erhob, auf daß du dein Reich und dein Volk besitzest. Ich mache keine Unterschiede, denn im Innersten eines jeden Menschen sehe ich einen Punkt, der heller leuchtet als Feuer: die Seele, einen Funken von dir, du ewiger Glanz. O meine ewige Sehnsucht! O mein unermüdliches Verlangen!

Dies will ich. Danach sehne ich mich glühend. Eine ganze Welt, die deinen Namen lobpreist. Eine Menschheit, die dich Vater nennt. Eine Erlösung, die alle rettet. Einen gestärkten Willen, der alle deinem Willen gehorsam macht. Einen ewigen Triumph, der das Paradies mit einem Hosanna ohne Ende erfüllt...

O Vielzahl der Himmel! ... Ja, ich sehe das Lächeln Gottes... es ist der Lohn für jede menschliche Härte.»

Die drei Israeliten sind unter dem Hagel der Vorwürfe geflohen. Die anderen, Römer wie Juden, sind mit offenem Munde stehengeblieben. Die Römerin mit dem kleinen Mädchen, das gestillt und friedlich im Schoß der Mutter schläft, kniet noch immer zu Jesu Füßen und weint aus mütterlicher Freude und seelischer Ergriffenheit. Viele weinen, gerührt durch die mitreißenden Schlußworte Jesu, der in seiner Entrückung zu lodern scheint.

Jesus, der seine Augen und seinen Geist vom Himmel wieder der Erde zuwendet, sieht das Volk, sieht die Mutter... und nach einem Zeichen des Abschieds an alle, streift seine Hand die junge Römerin so, als wolle er sie für ihren Glauben segnen. Dann entfernt er sich mit den Seinen, während die Menschen immer noch voller Staunen an derselben Stelle verharren...

(Die junge Römerin könnte – wenn es sich nicht um eine zufällige Ähnlichkeit handelt – eine der Römerinnen sein, die mit Johanna des Chuza auf dem Weg zum Kalvarienberg waren. Da sie dort niemand beim Namen gerufen hat, bin ich aber nicht ganz sicher.)

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195. ANNALIA LEGT DAS GELÜBDE DER JUNGFRÄULICHKEIT AB

Jesus, von Petrus, Andreas und Johannes begleitet, klopft an die Tür seines Hauses in Nazareth. Seine Mutter öffnet sofort, und ihr Antlitz leuchtet in einem strahlenden Lächeln, als sie ihren Jesus sieht.

«Gut, daß du kommst, mein Sohn. Seit gestern ist eine reine Taube bei mir, die auf dich wartet, Sie kommt von weither, und ihre Begleitung konnte sich hier nicht länger aufhalten. Da sie um Rat fragte, habe ich ihr so gut ich konnte geantwortet. Doch du allein, mein Sohn, bist die Weisheit. Auch ihr anderen, seid willkommen. Kommt und erquickt euch gleich.»

«Ja, bleibt hier. Ich will sogleich zu diesem Geschöpf gehen, das auf mich wartet.»

Die drei sind neugierig, doch jeder auf seine Art. Petrus schielt mit Interesse in alle Ecken und würde wahrscheinlich auch gerne sehen, was jenseits der Mauern ist. Johannes scheint auf dem lächelnden Antlitz Marias den Namen der Unbekannten lesen zu wollen. Andreas hingegen, der feuerrot geworden ist, sieht Jesus fest an, und ein stummes Flehen zittert in seinem Blicke und auf seinen Lippen.

Jesus aber achtet auf niemanden. Während die drei sich schließlich in die Küche begeben, wo Maria ihnen mit Speisen und Wärme des Feuers aufwartet, hebt Jesus den Vorhang, der die Öffnung zum Garten verhüllt, und geht hinaus. Eine milde Sonne läßt die blühenden Äste des hohen Mandelbaumes noch duftiger und unwirklicher erscheinen. Der höchste Baum des Gartens ist auch der einzige, der schon in Blüte steht, und die Pracht seines rosaweißen Seidenkleides hebt sich von der Kahlheit der Birn-, Apfel-, Feigen-, Granatapfelbäume und der Weinstöcke ab. Alle sind noch unbelaubt, während er reich in seinem duftigen Schleier und lebendig im Vergleich zur grauen und eintönigen Bescheidenheit der Olivenbäume erscheint. Seine langen Äste haben wohl ein leichtes Wölkchen eingefangen, das sich am blauen Himmelszelt verirrt hatte, und sich damit geschmückt, um so allen zu verkünden: «Die Hochzeit des Frühlings naht. Frohlockt, ihr Pflanzen und Tiere. Die Zeit der Küsse mit den Winden, den Bienen und den Blumen ist gekommen. Die Zeit der Küsse unter den Dachziegeln und im dichten Gestrüpp, o ihr Vöglein Gottes, o ihr weißen Schafe! Heute die Küsse, morgen der Nachwuchs, um das Werk unseres Schöpfergottes fortzuführen.»

Jesus steht mit über der Brust gekreuzten Armen in der Sonne und lächelt der reinen, friedvollen Anmut des Gartens der Mutter zu. Die Lilienbeete künden sich bereits mit den ersten Trieben der Blätter an; die Rosenstöcke sind noch kahl, der silberne Olivenbaum ist von anderen Blumen- und Gemüsebeeten umgeben. Rein, geordnet und freundlich,

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wie der Garten ist, scheint auch er die keusche Reinheit vollkommener Jungfräulichkeit auszuströmen.

«Sohn, komm in mein Zimmer. Ich werde sie zu dir führen, denn sie hat sich dort hinten verborgen, als sie die vielen Stimmen hörte.»

Jesus betritt das Zimmer der Mutter, den keuschen Raum, der die Worte des Zwiegesprächs mit dem Engel vernommen hat, und noch mehr als der Garten den jungfräulichen, engelhaften, heiligen Duft jener ausströmt, die ihn seit Jahren bewohnt, und den des Erzengels, der hier seine Königin verehrt hat. Sind wirklich schon mehr als dreißig Jahre seit dieser Begegnung vergangen, oder hat sie erst gestern stattgefunden? Auch heute trägt der Spinnrocken sein weiches, silbrig schimmerndes Wollfaserbündel, der Spindelstock ist voller Fäden, und eine zusammengefaltete Stickerei liegt auf der Konsole bei der Tür, zwischen einer Pergamentrolle und einem kupfernen Krug, in dem ein blühender Mandelzweig steckt. Auch jetzt flattert der gestreifte Vorhang, der das Geheimnis der jungfräulichen Wohnung verhüllt, beim leisesten Windhauch, und das Ruhelager, das wohlgeordnet in seiner Ecke steht, sieht immer noch so hübsch aus, wie das eines Mädchens an der Schwelle zur Jugend. Was für Träume wurden und werden wohl auf dem flachen Kopfkissen noch geträumt? ...

Die Hand Marias hebt langsam den Vorhang empor, und Jesus, der mit dem Rücken zur Tür diese Stätte der Reinheit betrachtete, wendet sich

UM.

«Hier, mein Sohn. Ich führe sie zu dir. Ein Lamm, und du bist ihr Hirte.» Maria, die mit einem dunkelhaarigen, schlanken, jungen Mädchen an der Hand eingetreten ist, das beim Anblick Jesu stark errötet, zieht sich behutsam zurück und läßt den Vorhang wieder zurückfallen.

«Der Friede sei mit dir, Mädchen!»

«Der Friede... Herr!» Das Mädchen, das sehr erregt scheint, ist sprachlos geworden und kniet nieder, das Haupt bis zum Boden geneigt.

«Erhebe dich! Was möchtest du von mir? Hab keine Angst...»

«Ich habe keine Angst... nur... nun, da ich vor dir stehe... nachdem ich mich so sehr danach gesehnt habe.... finde ich alles, von dem ich dachte, daß es so leicht und nötig sei, dir zu sagen, nicht mehr... Es scheint mir nicht mehr dasselbe zu sein... Töricht bin ich... verzeihe, mein Herr...»

«Möchtest du Gnaden für diese Welt? Brauchst du ein Wunder? Hast du Seelen zu bekehren? Nein? Was dann? Nur Mut, sprich! So viel Mut hast du gehabt, und nun fehlt er dir? Weißt du nicht, daß ich derjenige bin, der die Tapferkeit vermehrt? Ja? Du weißt es? Also, dann sprich wie zu einem Vater. Du bist jung. Wie alt bist du?»

«Sechzehn, mein Herr.»

«Woher kommst du?»

«Von Jerusalem.»

«Wie heißt du?»

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«Annalia...»

«Der teure Name meiner Großmutter und vieler heiliger Frauen Israels, und – mit diesen Frauen durch den Namen vereint – der der guten, treuen, liebevollen und sanften Frau des Jakob. Er wird dir Glück bringen. Du wirst eine vorbildliche Braut und Mutter werden. Nein? Du schüttelst den Kopf? Du weinst? Bist du vielleicht zurückgewiesen worden 9 Auch das nicht? Ist dein Verlobter gestorben? Oder hat dich noch keiner erwählt ?»

Das junge Mädchen schüttelt jedesmal den Kopf. Jesus macht einen Schritt auf es zu, streichelt und nötigt es, das Haupt zu erheben und ihn anzusehen... Das Lächeln Jesu besiegt die Aufregung des Mädchens. Es faßt Mut: «Mein Herr, ich könnte dank dir schon Braut und glücklich sein. Erkennst du mich nicht wieder, mein Herr? Ich bin die ehemals Lungenkranke, die Braut, die im Sterben lag, und die du auf die Bitte deines Johannes hin geheilt hast... Nach der mir gewährten Gnade hatte ich einen neuen, gesunden Körper anstelle des sterbenden, den ich vorher hatte, und auch eine andere Seele... Ich weiß nicht, ich hatte das Gefühl, nicht mehr ich selber zu sein... Doch die Freude, gesund zu sein und endlich heiraten zu können – denn es war mein Schmerz im Sterben, daß ich nicht mehr heiraten konnte – hat nur wenige Stunden gedauert. Doch dann...» Das Mädchen wird immer ungezwungener und findet die Worte und Gedanken wieder, die es in der Verwirrung, allein mit dem Meister zu sein, vergessen hatte. «Dann habe ich erkannt, daß ich nicht selbstsüchtig sein, nicht einfach denken darf: "Nun werde ich glücklich sein", sondern daß ich an etwas Höheres denken muß, an etwas, das von dir und von Gott stammt, der dein und mein Vater ist, an einen kleinen Beweis meiner Dankbarkeit. Ich habe viel darüber nachgedacht, und als ich dann am ersten Sabbat nach der Heilung meinen Bräutigam sah, da sagte ich zu ihm: "Höre, Samuel! Ohne das Wunder wäre ich in einigen Monaten gestorben, und du hättest mich für immer verloren. Nun würde ich gerne mit dir zusammen Gott ein Opfer darbringen, um ihm zu sagen, daß ich ihn preise und ihm danke!" Da Samuel mich liebt, hat er sofort gesagt: "Laß uns zusammen zum Tempel gehen und ein Opfer darbringen." Doch ich wollte nicht dies. Ich bin ein armes Kind aus dem Volk, mein Herr. Ich weiß wenig und noch weniger vermag ich zu tun. Doch als du deine Hand auf meine kranke Brust gelegt hast, ist nicht nur in meine angegriffenen Lungen, sondern auch in mein Herz etwas eingedrungen: in die Lungen die Gesundheit, ins Herz Weisheit. So habe ich verstanden, daß das Opfer eines Lammes nicht das von meiner Seele gewollte Opfer sei, denn meine Seele... meine Seele liebt dich.» Das Mädchen errötet und schweigt nach diesem Liebesbekenntnis.

«Hab keine Furcht und sprich weiter. Was war es, das deine Seele wünschte?»

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«Dir, dem Sohn Gottes, etwas zu opfern, das deiner würdig ist. Darum... darum dachte ich, daß es, da es für Gott ist, etwas Geistiges sein sollte, nämlich das Opfer, mit unserer Hochzeit, aus Liebe zu dir, meinem Retter, zu warten. Groß ist die Vorfreude auf die Hochzeit, weißt du? Wenn man sich liebt, dann ist sie etwas Großes. Ein Wunsch, eine Sehnsucht, sie zu vollziehen! ... Doch ich hatte mich in den wenigen Tagen verändert. Die Hochzeit war für mich nicht mehr das Erstrebenswerteste... Ich habe dies Samuel gesagt... und er hat mich verstanden. Auch er hat für ein Jahr lang als Nasiräer leben wollen, beginnend mit dem Tage, an dem die Hochzeit hätte stattfinden sollen, also dem Tag nach den Kalenden des Adar. Derweilen ist er auf die Suche nach dir gegangen, um den zu lieben und kennenzulernen, der ihm seine Braut wiedergegeben hat. Er hat dich nach vielen Monaten am "Trügerischen Gewässer" gefunden. Auch ich war mit ihm... und dein Wort hat mir mein Herz vollends umgewandelt. Nun genügt mir das Gelübde von vorher nicht mehr... So wie der Mandelbaum draußen, der nach einem monatelangen Scheintod unter der immer wärmer werdenden Sonne zu neuem Leben erwacht ist und Blüten und dann Blätter und Früchte trägt, so hat mein Wissen über das, was besser ist, zugenommen. Als ich schließlich nach langem Nachdenken meiner und meines Wollens sicher war – denn ich hatte all diese Monate hindurch nachgedacht – und das letzte Mal zum "Trügerischen Gewässer" kam, warst du nicht mehr dort... Sie hatten dich fortgejagt. Ich habe so viel geweint und gebetet, daß der Allerhöchste mich erhört und meine Mutter dazu bewogen hat, mich einem Verwandten anzuvertrauen, der nach Tiberias ging, um dort mit den Höflingen des Tetrarchen zu sprechen. Der Gutsverwalter hatte mir gesagt, daß ich dich hier finden würde. Ich habe deine Mutter dort gefunden... und ihre Worte und ihre Gegenwart in diesen Tagen haben die Frucht deiner Gnade zur Reife gebracht.» Das Mädchen kniet nieder wie vor einem Altar, mit über der Brust gekreuzten Armen.

«Gut, aber was möchtest du genau? Was kann ich für dich tun?»

«Herr, ich möchte... ich möchte etwas Großes, und du allein, der Spender des Lebens und der Gesundheit kannst es mir geben, denn ich glaube, daß du das, was du geben, auch wieder nehmen kannst... Ich möchte, daß du das Leben, das du mir geschenkt hast, wieder nimmst, bevor das Jahr des Gelübdes verflossen ist...»

«Aber warum? Bist du Gott für die erlangte Gesundheit nicht dankbar?»

«Doch, mein Dank kennt keine Grenzen! Aus einem einzigen Grunde wünsche ich den Tod: da ich durch Gottes Gnade und dein Wunder leben durfte, habe ich das Bessere erkannt.»

«Was ist das?»

«Als Engel zu leben. Wie deine Mutter, mein Herr... wie du lebst... wie

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dein Johannes lebt... Die drei Lilien, die drei weißen Flammen, die drei Seligkeiten der Erde, Herr! Ja, denn ich denke, daß der selig ist, der Gott besitzt, und daß Gott den Reinen gehört. Der Reine ist, wie ich glaube, ein Himmel, mit seinem Gott in der Mitte und Engeln um ihn herum... Oh, mein Herr! Dies möchte ich! ... Wenig habe ich dich gehört, wenig deine Mutter, den Jünger und Isaak. Zu anderen, die mir deine Worte hätten wiederholen können, bin ich nicht gegangen. Doch es ist mir, als ob meine Seele dich immerfort vernehmen würde und du mein Meister wärest... Nun habe ich es gesagt, mein Herr...»

«Annalia, du verlangst viel und du gibst viel... Tochter, du hast Gott und die Vollkommenheit, zu der ein Geschöpf aufsteigen kann, begriffen, um so dem Reinsten ähnlich und wohlgefällig zu sein.» Jesus hat den braunhaarigen Kopf des vor ihm knienden Mädchens zwischen seine Hände genommen und spricht vornübergebeugt zu ihm: «Er, der aus einer Jungfrau geboren wurde – denn er konnte nur dort, wo Lilien ihn umgaben, seine Wohnung nehmen – ist angeekelt von der dreifachen Lüsternheit der Welt, Tochter. Er würde von soviel Ekel erdrückt werden, wenn der Vater, der weiß, wovon sein Sohn lebt, seiner betrübten Seele nicht liebevoll beistehen und sie stärken würde. Die Reinen sind meine Freude. Du gibst mir das wieder, was mir die Welt mit ihrer endlosen Niederträchtigkeit versagt. Der Vater sei gepriesen, und du, Mädchen, sei gesegnet! Geh hin und sei getrost! Es wird etwas geschehen, was dein Gelübde ewig macht. Sei eine der Lilien auf dem blutigen Wege des Christus.»

«Oh, mein Herr... ich möchte noch etwas...»

«Was?»

«Ich möchte bei deinem Tod nicht zugegen sein... Ich könnte es nicht ertragen, den sterben zu sehen, der mein Leben ist.»

Jesus lächelt sanft und trocknet mit seiner Hand zwei Tränen, die über ihr dunkelhäutiges Gesicht rinnen. «Weine nicht. Die Lilien sind nie in Trauer. Du wirst mit allen Perlen deiner Engelskrone lächeln, wenn du den gekrönten König in sein Reich eintreten siehst. Geh nun! Der Geist des Herrn möge dich belehren, zwischen diesem und dem anderen Kommen Christi. Ich segne dich mit den Flammen der ewigen Liebe.»

Jesus wendet sich dem Garten zu und ruft: «Mutter! Hier ist eine kleine Tochter, ganz für dich. Nun ist sie glücklich; doch tauche sie in deine Reinheit, jetzt und jedesmal, wenn wir zur Heiligen Stadt gehen werden, damit sie als Schnee himmlischer Blüten den Thron des Lammes schmücke.» Jesus kehrt zu den Seinen zurück, während Maria das Mädchen liebkost und bei ihm bleibt.

Petrus, Andreas und Johannes blicken Jesus fragend an. Das strahlende Antlitz Jesu verrät ihnen, daß er glücklich ist. Petrus kann sich nicht der Frage enthalten: «Mit wem hast du so lange gesprochen, mein Meister, und was hast du denn gehört, daß du vor Freude strahlst?»

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«Mit einer Frau, am Anfang ihres Lebens, habe ich gesprochen, mit einer, die für viele, die noch kommen werden, den Anfang darstellt.»

«Für wen?»

«Für die Jungfrauen.»

Andreas murmelt leise vor sich hin: «Sie ist es nicht...»

«Nein, sie ist es nicht. Doch werde nicht müde, geduldig und gut zu beten. Jedes Wort deines Gebetes ist wie ein Ruf, wie eine Leuchte in der Nacht, die sie tröstet und führt.»

«Aber auf wen wartet denn mein Bruder?»

«Auf eine Seele, Petrus. Es handelt sich um ein großes Elend, das er in einen großen Reichtum verwandeln will.»

«Wo hat Andreas sie denn gefunden, da er sich doch nie rührt, nie spricht und nie etwas unternimmt?»

«Auf meinem Weg. Komm mit mir, Andreas! Wir wollen zu Alphäus gehen und ihn und seine vielen Enkel segnen. Ihr könnt im Hause des Jakobus und des Judas auf mich warten. Meine Mutter hat es nötig, den ganzen heutigen Tag allein zu bleiben.» So trennen sie sich, während das Geheimnis die Freude der ersten Seele, die aus Liebe zu Christus das Gelübde der Jungfräulichkeit abgelegt hat, umhüllt.

196. DIE UNTERWEISUNG DER JÜNGERINNEN IN NAZARETH

Jesus ist immer noch in seinem Haus in Nazareth. Genauer gesagt, befindet er sich in der ehemaligen Schreinerwerkstätte. Bei ihm sind die zwölf Apostel und seine Mutter sowie Maria, die Mutter des Jakobus und des Judas, Salome, Susanna und zum ersten Mal auch Martha. Eine sehr betrübte Martha mit deutlichen Tränenspuren unter den Augen. Eine scheue und verängstigte Martha, weil sie sich so allein unter fremden Menschen und vor allem bei der Mutter des Herrn befindet. Maria versucht, sie mit den anderen Frauen bekannt zu machen und sie von dem Gefühl des Unbehagens, unter dem sie leidet, zu befreien. Doch ihre zärtlichen Bemühungen lassen das Herz der armen Martha anscheinend nur noch mehr anschwellen. Immer neues Erröten und große Tränen wechseln sich ab unter dem tief herabgezogenen Schleier, der ihren Schmerz verbirgt.

Johannes und Jakobus des Alphäus treten ein. «Sie ist nicht da, Herr. Die Diener haben uns mitgeteilt, daß sie mit ihrem Mann von einer Freundin eingeladen worden ist», sagt Johannes. «Sie wird es sicher sehr bedauern. Aber sie wird dich immer wieder sehen können, um von dir belehrt zu werden», beschließt Jakobus des Alphäus.

«Gut! Die Gruppe der Jüngerinnen ist nicht so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Aber ihr seht: für die abwesende Johanna haben wir Martha,

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die Tochter des Theophilus und Schwester des Lazarus. Die Jünger wissen, wer Martha ist. Auch meine Mutter weiß es. Auch du Maria, und vielleicht auch du, Salome, ihr wißt von euren Söhnen, wer Martha ist, dies nicht so sehr als Frau nach weltlichen Begriffen, sondern als Geschöpf in den Augen Gottes. Du, Martha, weißt deinerseits, wer diese Frauen hier sind, die dich als Schwester betrachten und dich als Schwester und Tochter sehr lieben werden. Du hast dies dringend nötig, gute Martha, denn du brauchst auch den menschlichen Trost aufrichtiger Zuneigung, den Gott nicht verurteilt, sondern dem Menschen gegeben hat, damit er ihm in den Mühen des Lebens als Stütze diene.

Gott hat dich gerade in der von mir gewählten Stunde hierher geführt, um so die Grundlage zu schaffen, ich möchte sagen, das Leinengewebe, das ihr mit eurer Vollkommenheit als Jüngerinnen besticken werdet. Jünger ist, wer der Regel seines Meisters und seiner Lehre Folge leistet. Deshalb werden im weiteren Sinne alle jene Jünger genannt werden, die nun ' und in den kommenden Jahrhunderten, meine Lehre befolgen. Um nicht sagen zu müssen, Jünger Jesu gemäß der Lehre des Petrus oder des Andreas, des Jakobus oder des Johannes, des Simon oder des Philippus, des Judas oder des Bartholomäus, des Thomas oder des Matthäus, wird man sie mit einem einzigen Namen benennen, der sie alle unter einem einzigen Zeichen zusammenfaßt: man wird sie Christen nennen. Doch unter den vielen Menschen, die sich meiner Regel unterordnen, habe ich schon die Ersten und die Zweiten erwählt, und so wird es zu meinem Gedächtnis auch in den kommenden Jahrhunderten weiter gehalten werden. Wie es im Tempel – und zuvor schon bei Moses 1) – Hohepriester, Priester, Leviten,

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1) Von den vielen biblischen Textstellen, die die Figur der Diener Gottes im Alten Gesetz und im Neuen Gesetz vorbereiten, darstellen oder beschreiben, können folgende betrachtet werden: Gen 4,1-6; 8,13-9,17; 14,17-24; 22,1-18; Ex 25-31; 35-40; Lev 8-10; 13-14; 16; 21-22; Num 3-4; 8; 11,16-30; 18; Dt 16,18-18,8; Matth 4,17-23; 9,9; 9,36-10,40; 16,13-20; 18,15-20; 28,16-20; Mark 1,14-22; 2,13-17; 3,13-19; 6,7-13; 16,14-20; Luk 5,1-32; 6,12-16; 9,1-6; 10,1-24; 24,44-53; Job 1,35-51; 10,1-21; 20,19-29; 21,1-23.

Wunderbar ist die Harmonie zwischen dem Alten und dem Neuen Bund, denn es ist ein und derselbe Gott im einen wie im anderen. Jesus kam nicht, um zu zerstören oder aufzuheben, sondern um zu vervollkommnen, wie Matthäus in 5,17 sagt. Im Licht dieser biblischen Zeugnisse und vieler anderer, und ihrer Übereinstimmung, erscheint ganz deutlich, daß das Priestertum und die Hierarchie von Gott selbst eingesetzt wurden: Er hat die körperlichen und geistigen Voraussetzungen dafür festgelegt. In offenkundiger oder in geheimnisvoller Weise beruft er seine Diener, weiht seine Auserwählten durch seine Stellvertreter, jedoch mit Riten, die in ihrer wesentlichen Bedeutung auf Christus zurückgehen und heilige Handlungen sowie Gebete enthalten, die unter seinem Einfluß entstanden sind; und er bestimmt seine Diener zur mannigfaltigen Aufgabe, Mitwirkende Christi zu sein: des Höchsten und Ewigen Priesters, in der Verherrlichung Gottes, zur Belehrung, zur Heiligung und zum Heil des Volkes. Eine maßgebende Zusammenfassung dieser Konzepte findet man in der Hl. Messe zu Ehren unseres Herrn Jesus Christus, des Höchsten und Ewigen Priesters.

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Vorsteher der verschiedenen Dienste, Ämter und Behörden, Sänger usw., gab, so wird es auch in meinem neuen Tempel, der groß wie die Erde sein und ebensolange dauern wird, Höhergestellte und Untergeordnete geben, die alle nützlich und mir teuer sein werden. Außerdem wird es auch einen neuen Stand geben: den der Frauen, die Israel stets mißachtete, deren Wirken auf Gesang und Unterricht im Tempel beschränkt war und denen niemals eine andere Aufgabe übertragen wurde.

Streitet euch nicht darüber, ob dies gerecht war. Im geschlossenen Kult Israels und in der Zeit des göttlichen Zorns war es richtig. Die ganze Schmach lastete auf der Frau, als der Urheberin der Sünde. In der Weltreligion Christi und in der Zeit der Vergebung wird nun alles anders. Alle Gnade hat sich in einer Frau vereinigt, und sie hat diese der Welt geschenkt, auf daß die Welt erlöst werde. Die Frau ist somit nicht mehr in Ungnade bei Gott, sondern sie ist seine Helferin. Dank dieser einen Gott wohlgefälligen Frau, können nun alle Frauen Jüngerinnen des Herrn werden; nicht auf die Art, wie es die Mehrheit ist, sondern als den Priestern unterstellte Mitarbeiterinnen, als ihre Dienerinnen und wertvollen Helferinnen. Auch der Gläubigen und Nichtgläubigen werden sie sich annehmen und ihnen helfen, besonders denen, die nicht durch die Strenge des heiligen Wortes, aber durch das heilige Lächeln einer meiner Jüngerinnen zu Gott geführt werden können.

Ihr Frauen habt mich darum gebeten, mir wie die Männer nachfolgen zu dürfen. Aber nur zu mir kommen, mich anhören, meine Weisungen befolgen, das ist mir zu wenig von eurer Seite. Es würde eure Heiligung bedeuten, das ist gewiß etwas Großes, und doch wäre es mir noch zu wenig. Ich bin der Sohn des Absoluten und verlange von meinen Auserwählten das Absolute. Alles verlange ich, weil ich alles gegeben habe.

Außerdem gibt es nicht nur mich, sondern es gibt auch die Welt, dieses Ungeheuerliche, das die Welt ist. Ungeheuerlich sollte sie sein, was ihre Heiligkeit anbelangt, unermeßlich in Anzahl, Macht und Heiligkeit der vielen Kinder Gottes. Doch diese Welt ist schrecklich in ihrer Bosheit. Ihre völlige Bosheit ist tatsächlich grenzenlos in ihren Ausdrucksformen und in der Macht des Lasters. Alle Sünden sind in dieser Welt, die nicht mehr aus einer Vielzahl von Kindern Gottes, sondern aus einer Vielzahl von Kindern Satans besteht. Besonders die Sünde regiert, die das deutliche Zeichen der Urheberschaft Satans trägt: der Haß. Die Welt haßt. Wer haßt, sieht in allem, auch in den heiligsten Dingen, nur Schlechtes und will dies auch den zu glauben machen, der es nicht sieht. Wenn ihr die Welt fragt, warum ich auf diese Welt gekommen bin, so wird sie nicht sagen: "um Gutes zu tun und zu erlösen" ' sondern: "um sie zu verderben und um sie widerrechtlich an sich zu ziehen." Wenn ihr die Welt fragt, was sie von euch, die ihr mir nachfolgt, denkt, so wird sie nicht sagen: "Ihr folgt ihm, um euch zu heiligen und euren Meister mit eurer Heiligkeit und

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Reinheit zu trösten", sondern sie wird sagen: "Ihr folgt ihm, weil ihr von dem Manne verführt worden seid."

So ist die Welt, und ich sage euch dies, damit ihr alles wohl erwägt, bevor ihr euch der Welt als auserwählte Jüngerinnen, die ersten der zukünftigen Jüngerinnen und der Diener des Herrn, zeigt. Nehmt euer Herz gut in die Hand und sagt ihm, diesem feinfühligen Frauenherzen, daß ihr mit ihm von der Welt mit ihrer Verachtung, Lüge und Grausamkeit verlacht, verleumdet und geschmäht sein werdet. Fragt euer Herz, ob es sich stark genug fühlt, um alle Beleidigungen ohne Entrüstungsschreie zu ertragen, und ohne jene zu verfluchen, die es verletzen. Fragt es, ob es sich imstande fühlt, das moralische Martyrium der Verleumdung zu ertragen, ohne schließlich die Verleumder zu hassen und sogar den, der die Ursache dieser Behandlung ist. Fragt es, ob es, von der Mißgunst der Welt getränkt, immer noch Liebe auszuströmen vermag; ob es, von Bitterkeit vergiftet, immer noch fähig wäre, sanftmütig zu sein; ob es unter der Marter des Unverstandenseins, des Spottes und der üblen Nachrede, immer noch lächeln könnte, indem es zum Himmel weist als seinem Ziel, zu dem ihr die Menschen mit eurer fraulichen Liebe hinführen wollt. Diese frauliche Liebe ist schon im jungen Mädchen mütterlich; und mütterlich ist sie selbst, wenn sie älteren Menschen gilt, die eure Großeltern sein könnten, die aber geistig wie Neugeborene sind, unfähig zu verstehen und den Weg des Lebens, der Wahrheit und der Weisheit zu erkennen, den ich euch durch die Hingabe meiner selbst, der ich der Weg, die Wahrheit, das Leben und die Weisheit Gottes bin, geschenkt habe. Ich werde euch immer lieben, selbst wenn ihr mir sagt: "Herr, ich habe nicht die Kraft, für dich der ganzen Welt entgegenzutreten!"

Gestern hat mich ein junges Mädchen gebeten, sie als Opfer anzunehmen, noch bevor die Stunde der Hochzeit gekommen ist, da sie mich liebt, wie Gott geliebt werden soll; das heißt mit ihrem ganzen Sein und mit der vollkommenen Hingabe ihrer selbst. Ich werde das Opfer annehmen, aber ich verberge ihr die Stunde, damit ihre Seele, und mehr noch das Fleisch als die Seele, nicht vor Angst erzittere. Ihr Tod wird dem einer Blume gleichen, die ihre Blütenkrone eines Abends schließt im Glauben, sie am nächsten Morgen wieder öffnen zu können. Dies wird sie aber nicht tun, da der Kuß der Nacht ihr Leben in sich aufgenommen hat. Ich werde ihrem Wunsch entsprechen und ihren Todesschlaf dem meinen nur um wenige Tage vorausgehen lassen, damit sie nicht in der Vorhölle warten muß, sie, meine erste Jungfrau; ich will sie nach meinem Sterben gleich dort finden...

Weinet nicht! Ich bin der Erlöser... Doch jenes heilige Mädchen hat sich nicht darauf beschränkt, nach dem geschehenen Wunder das Hosanna anzustimmen, sondern es verstand, mit dem Wunder zu wirken -so wie man Geld nutzbringend anlegt – indem es von menschlicher zu

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übernatürlicher Dankbarkeit aufstieg, von einem irdischen zu einem überirdischen Wunsch, und dabei eine Reife zeigte, die der fast aller Menschen überlegen ist; ich sage, "fast", denn unter euch, die ihr mir zuhört, gibt es einige, die diesem Mädchen in der Vollkommenheit ebenbürtig, ja sogar überlegen sind. Es hat mich nicht gebeten, mir folgen zu dürfen, vielmehr wünscht es, in der Verborgenheit seines Heimes die Wandlung vom Mädchen zum Engel zu vollziehen. Dennoch liebe ich es so sehr, daß ich mich in den Stunden der Abscheu vor der Welt dieses liebevollen Geschöpfes erinnern und den Vater preisen werde, weil er mit diesen Blumen der Liebe und der Reinheit meine Tränen und meinen Schweiß als Meister einer Welt, die mich ablehnt, trocknet.

Doch wenn ihr wollt, wenn ihr den Mut habt, die erwählten Jüngerinnen zu bleiben, dann will ich euch die Arbeit anweisen, die ihr tun müßt, um eure Berufung und eure Anwesenheit bei mir und den Heiligen des Herrn zu rechtfertigen. Ihr vermögt viel bei euren Mitmenschen und bei den Dienern des Herrn.

Ich habe dies schon vor vielen Monaten Maria des Alphäus angedeutet. Wie notwendig ist doch die Frau beim Altare Christi! Das unendliche Elend der Welt kann von einer Frau viel besser gemildert werden als von einem Mann; der Mann kann dann bei seiner endgültigen Beseitigung noch mithelfen. Euch, meine Jüngerinnen, werden sich viele Herzen offenbaren und besonders Frauenherzen. Ihr müßt sie aufnehmen wie wenn es eure teuren, auf Abwege geratenen Kinder wären, die zum Vaterhause zurückkehren und es nicht wagen, vor das Angesicht des Vaters zu treten. Ihr werdet jene sein, die den Schuldigen trösten und den Richter besänftigen. Viele werden auf der Suche nach Gott zu euch kommen. Ihr werdet sie wie müde Pilger aufnehmen und ihnen sagen: "Hier ist das Haus des Herrn. Er wird gleich kommen", und bis dahin werdet ihr sie mit eurer Liebe umgeben. Wenn ich nicht selbst komme, so wird es ein Priester sein.

Es ist der Frau gegeben zu lieben. Sie ist für die Liebe geschaffen. Sie hat die Liebe erniedrigt und sie in Sinnlichkeit verkehrt; doch in ihrem Innersten ist immer noch die wahre Liebe verankert, die Zierde ihrer Seele: die Liebe, frei vom herben Schlamm der Sinne, mit Engelsflügeln versehen und von himmlischen Düften umgeben, eine reine Flamme, nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen und aus Schöpferhand hervorgegangen. Die Frau: das Meisterwerk der Güte im Meisterwerk der Erschaffung des Menschen, von der es heißt: "Lasset uns Adam eine Gefährtin schaffen, auf daß er nicht allein sei." (Gen 2,18-24) Sie darf also Adam nicht verlassen. Bedient euch daher dieser Fähigkeit zu lieben und wirkt durch sie in der Liebe zu Christus und für Christus zum Wohl des Nächsten. Seid barmherzig gegen reuige Sünder. Sagt ihnen, daß sie Gott nicht fürchten dürfen. Wie solltet ihr dazu nicht fähig sein, ihr, die ihr Mütter und Schwestern seid? Wie oft waren eure kleinen Kinder, eure Geschwisterchen

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krank und hatten einen Arzt nötig! Und sie fürchteten sich. Ihr aber habt ihnen mit Liebkosungen und liebevollen Worten die Angst genommen, und mit dem Händchen in eurer Hand wich die Angst von ihnen, und sie ließen sich behandeln. Die Sünder sind eure Brüder und kranken Kinder, und sie fürchten die Hand des Arztes und sein Urteil... Nein, nicht so soll es sein; ihr, die ihr wißt wie gut Gott ist, sagt es ihnen, und daß man sich vor ihm nicht zu fürchten braucht. Selbst wenn er bestimmt und entschieden sagt: "Das darfst du nie mehr tun", so wird er doch eine kranke Seele wegen ihrer früheren Sünden nicht abweisen. Er wird sie vielmehr pflegen, und sie heilen.

Seid Mütter und Schwestern für die Gerechten. Auch sie bedürfen der Liebe. Sie werden in der Verkündigung des Wortes Gottes ermüden und sich verzehren. Sie können nicht alles bewältigen, was zu tun sein wird. Helft ihnen diskret und emsig. Die Frau versteht es zu arbeiten: im Haus, an Herd und Tisch, am Krankenlager, am Webstuhl und bei all dem, was das tägliche Leben mit sich bringt. Die Zukunft der Kirche wird ein ununterbrochenes Kommen von Pilgern zu den Stätten Gottes sein. Ihr selbst sollt die ersten frommen Gastgeberinnen sein, und alle Arbeiten, auch die niedrigsten, übernehmen, um den Dienern Gottes die Freiheit zu lassen, das Werk des Meisters fortzusetzen.

Dann werden auch schwere, blutige und grausame Zeiten kommen. Die Christen, auch die Heiligen, werden Stunden des Schreckens und der Schwäche erleben. Der Mann ist nie sehr stark im Leiden. Verglichen mit ihm, ist dagegen die Frau unübertroffen in ihrer Leidensfähigkeit. Lehrt es den Mann, indem ihr ihn in diesen Stunden der Angst, der Trostlosigkeit, der Tränen, des Überdrusses und des Blutes ermutigt. In unserer Geschichte haben wir Beispiele wunderbarer Frauen, die als Befreierinnen mutige Taten vollbracht haben. Wir haben Judith, Jaël... Aber glaubt mir, keine ist bisher größer als die achtfache Märtyrerin, deren sieben Söhne, und sie selbst, zur Zeit der Makkabäer den Heldentod starben. Nach ihr wird eine andere kommen... Doch nach dieser wird es immer mehr Frauen geben, die Heldinnen des Schmerzes und Heldinnen im Schmerz sein werden; Frauen, die der Trost der Märtyrer und der Märtyrerinnen und die Engel der Verfolgten sein werden; Frauen, stumme Priesterinnen, die durch ihre Lebensweise Gott verkündigen und die, ohne eine andere Weihe als die der Liebe Gottes, geweiht sein werden und dieser Weihe würdig sind.

Dies sind in großen Zügen eure wichtigsten Aufgaben. Ich werde nicht viel Zeit haben, mich euch im besonderen zu widmen. Doch ihr werdet euch bilden, indem ihr mir zuhört, und noch mehr werdet ihr euch unter der vollkommenen Führung meiner Mutter bilden.

Gestern hat diese mütterliche Hand (Jesus nimmt die Hand Marias in seine Hand) mir das Mädchen zugeführt, von dem ich euch gesprochen

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habe, und es hat gesagt, das bloße Zusammensein mit meiner Mutter und das Ihrzuhören während weniger Stunden habe genügt, um in ihr die Frucht der erlangten Gnade heranreifen zu lassen und zu vervollkommnen. Es ist nicht das erste Mal, daß meine Mutter für Christus, ihren Sohn, wirkt. Du und du, meine Jünger und meine Vettern zugleich, ihr wißt, was Maria für die Seelen auf dem Weg zu Gott bedeutet, und ihr könnt es denen sagen, die sich, wenn ich einmal nicht mehr unter euch sein werde, sorgen, von mir für ihre Sendung nicht oder nur ungenügend vorbereitet worden zu sein. In den Stunden, da ich nicht bei euch bin und später, wenn ich einmal nicht mehr unter euch weilen werde, wird sie, meine Mutter, bei euch sein. Sie wird bleiben, und mit ihr bleibt die Weisheit mit all ihren Tugenden. Befolgt von nun an all ihre Ratschläge.

Gestern abend, als wir allein waren und ich bei ihr saß, den Kopf an die so zarte und doch so starke Schulter gelehnt wie einst, als ich noch ein Kind war, sagte sie mir – wir hatten gerade von dem jungen Mädchen gesprochen, das in den ersten Nachmittagsstunden weggegangen war mit einem Strahlen in ihrem jungfräulichen Herzen, das schöner als jenes der Sonne am Himmel war – da sagte meine Mutter: "Wie süß ist es doch, die Mutter des Erlösers zu sein!" Ja, wie wunderbar ist es, wenn ein Geschöpf, das zum Erlöser kommt, schon ein Geschöpf Gottes ist, in dem nichts als der Makel der Erbsünde ist, der nur durch mich abgewaschen werden kann. Alle anderen kleinen Flecken der menschlichen Unvollkommenheit sind bereits durch die Liebe getilgt.

Doch, meine süße Mutter, reinste Führerin der Seelen zu deinem Sohne, heiliger Leitstern, sanfte Lehrmeisterin der Gerechten, barmherzige Ernährerin der Geringsten, heilbringende Arznei der Kranken: nicht immer werden zu dir nur solche kommen, die der Heiligkeit nicht widerstehen... Aussätzige, grauenhaft vom Schmutz der Sünde verunreinigte Geschöpfe, ganze Schlangengewirre voller Unrat werden bis zu deinen Füßen kriechen, o Königin des Menschengeschlechts, um dir zuzurufen: "Erbarmen! Hilf uns! Führe uns zu deinem Sohn!" und du wirst deine reinste Hand auf ihre Wunden legen, deine Blicke paradiesischer Taubeneinfalt auf die höllischen Auswüchse senken und den Gestank der Sünde einatmen müssen, ohne davor zu flüchten. Ja, du wirst sogar diese von Satan verstümmelten Seelen, diese Mißgeburten, diese Verwesenden an dein Herz drücken, sie mit deinen Tränen reinwaschen und zu mir hinführen... Dann wirst du sagen: "Wie schwer ist es, die Mutter des Erlösers zu sein!" Doch du wirst es tun, weil du die Mutter bist... Ich küsse und segne diese deine Hände, die mir viele Menschen zuführen werden, von denen jeder zu meinem Ruhme beitragen wird. Doch noch vor meinem Ruhm wird es der deine sein, heilige Mutter.

Ihr, teure Jüngerinnen, folgt dem Beispiel meiner Meisterin, die auch die Lehrerin des Jakobus, des Judas und all derer ist, die sich in der Gnade

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und der Weisheit heranbilden wollen. Befolgt ihr Wort. Es ist mein Wort, nur klingt es süßer. Nichts ist diesem Wort beizufügen, weil es das Wort der Mutter der Weisheit ist.

Ihr, meine Freunde, lernt von den Frauen Demut und Beharrlichkeit und werft den männlichen Stolz ab, verachtet die weiblichen Jünger nicht, sondern mäßigt eure Kraft, ich könnte auch sagen, eure Härte und Unnachgiebigkeit, wenn ihr mit der Feinfühligkeit der Frauen in Berührung kommt. Vor allem lernt von ihnen zu lieben, zu glauben und für den Herrn zu leiden, denn in Wahrheit sage ich euch, daß sie, die Schwachen, die Stärkeren im Glauben, in der Liebe, im Heldenmut und im Sichopfern für ihren Meister sein werden. Sie lieben mit ihrem ganzen Wesen, ohne etwas zu verlangen oder einen Lohn zu erwarten, einzig und allein um mir Trost und Freude zu spenden.

Geht nun in eure Häuser oder in jene, in denen ihr Gastfreundschaft gefunden habt. Ich bleibe bei meiner Mutter. Gott sei mit euch!»

Alle entfernen sich, außer Martha.

«Du kannst bleiben, Martha. Ich habe mit deinem Diener bereits gesprochen. Heute ist es nicht Bethanien, das Gastfreundschaft gewährt, sondern das kleine Haus Jesu. Komm! Du wirst an der Seite Mariens zu Tische sitzen und im Kämmerchen neben dem ihrigen ruhen. Der Geist Josephs, unser Trost, wird dich trösten, während du ruhst, und morgen wirst du gestärkt und entschlossener nach Bethanien zurückkehren, um auch dort Jüngerinnen heranzubilden, in Erwartung jener Frau, die mir und dir am liebsten ist. Zweifle nicht, Martha. Ich verspreche nie etwas, ohne es zu halten. Aber um aus einer Wüste voller Vipern einen Paradiesgarten zu machen, braucht es viel Zeit... Die erste Arbeit sieht man nicht und man hat das Gefühl, nichts wäre geschehen, und doch ist der Same bereits in die Erde gelegt. Die Samen. Alle! Dann werden die Tränen kommen und wie der Regen die Samen zum Keimen bringen... und die guten Bäume werden heranwachsen... Komm! ... Weine nicht mehr!»

197. JESUS SPRICHT AUF DEM SEE MIT JOHANNA DES CHUZA

Jesus befindet sich im Boot des Petrus auf dem See. Hinter ihm folgen zwei weitere Boote; das eine, ein gewöhnliches Fischerboot, sieht dem des Petrus ähnlich; das andere hingegen ist ein schmales, prächtiges Vergnügungsschiff und gehört Johanna des Chuza. Doch sie selbst ist nicht in ihrem Boot. Sie sitzt zu Jesu Füßen im schwerfälligen Boot des Petrus.

Der Zufall, möchte ich sagen, hat sie wohl an einer Stelle des blühenden Seeufers von Genesareth zusammengeführt. Das Ufer ist wundervoll im nun in Palästina erwachenden Frühling, der mit Wolken erblühter

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Mandelbäume die Gegend schmückt und Knospen wie Perlen auf Apfel-, Granatapfel-, Birn- und Quittenbäume setzt. Alles Bäume, die ihre volle Schönheit besonders in der Blüte- und Früchtezeit entfalten. Vom Boot aus, das nun nahe an den sonnigen Gestaden entlanggleitet, erblickt man Millionen von prallen Blütenknospen, die in Erwartung des Aufbrechens zur Blüte an den Ästen schwellen, während die Blütenblätter der frühen Mandelbaumblüten durch die stille Luft gaukeln, um sich dann auf den klaren Wellen des Sees niederzulassen.

Die Ufer mit ihrem frischen Gras, das grüner Seide gleicht, sind mit goldgelbem Hahnenfuß und strahlenden Sternchen kleiner Margeriten übersät. An steifen Stielen, wie gekrönte Königinnen, lächeln sanft und still wie kindliche Augensterne, die himmelblauen Vergißmeinnicht. In ihrer Lieblichkeit scheinen sie der Sonne, dem See und den anderen Blumen bejahend zuzunicken, glücklich darüber, blühen zu dürfen; unter den gütigen Augen des Herrn blühen zu dürfen.

Zu Beginn des Frühlings erscheint der See noch nicht in jener Üppigkeit, die ihn in den folgenden Monaten so festlich kleidet, wenn die Natur in ihrer Pracht triumphiert. Es fehlt ihr noch, ich möchte fast sagen, die sinnliche Pracht der abertausend Rosenstöcke, die als kräftige Büsche die Gärten zieren oder als geschmeidige Ranken die Mauern schmücken. Noch fehlen Tausende von Dolden des Goldregens und der Akazien, Tausende von blühenden Nachthyazinthen, Tausende von wächsernen Blumensterne der Zitrusfrüchte und jenes ganze Verschmelzen von Farben und starken, milden und berauschenden Düften. All das, was die menschliche Gier nach Genuß steigert und so diesen reinen Winkel der Erde entweiht, zu sehr entweiht – den See von Tiberias, der von Ewigkeit her auserwählt war, Schauplatz der vielfältigsten Wunder unseres Herrn Jesus Christus zu sein.

Johanna betrachtet Jesus, der von der Schönheit seines galiläischen Sees entzückt ist, und ihr lächelndes Antlitz ist der getreue Abglanz des Lächelns Jesu. In den anderen Booten wird geredet. Hier herrscht Schweigen. Nur die nackten Füße des Petrus und des Andreas, die das Boot manövrieren, erzeugen ein dumpfes Geräusch, und das durch den Bug geteilte Wasser seufzt seinen Schmerz den Bootswänden entlang, um dann hinter dem Heck, wo sich die Wunde wieder zu einem silbernen Schweif schließt, fröhlich zu lachen. Diesen Schweif entzündet die Sonne, als wäre er aus Diamantenstaub.

Schließlich unterbricht Jesus seine Betrachtung und blickt seine Jüngerin an. Er lächelt ihr zu und fragt sie: «Wir sind bald angekommen, nicht wahr? Du wirst denken, daß dein Meister ein wenig liebenswürdiger Begleiter ist. Ich habe die ganze Zeit kein Wort zu dir gesagt.»

«Doch ich habe die Worte auf deinem Antlitz gelesen, Meister, und habe verstanden, was du zu den Dingen, die uns umgeben, gesagt hast.»

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«Was habe ich ihnen gesagt?»

«Liebet, seid rein und gut. Denn ihr kommt von Gott, und aus seiner

Hand ist nie etwas Böses oder Unreines hervorgegangen.»

«Du hast gut gelesen.»

«Aber, mein Herr, die Gräser tun es wohl, die Tiere werden es tun. Und

der Mensch... warum tut er es nicht, da er doch das vollkommenere Geschöpf ist?»

«Weil der Zahn Satans nur in den Menschen allein eingedrungen ist.

Der Böse hat sich eingebildet, den Schöpfer in seinem größten Wunderwerk, das ihm am ähnlichsten ist, vernichten zu können.»

Johanna neigt das Haupt und denkt nach. Es sieht so aus, als kämpften zwei gegensätzliche Gedanken in ihr. Jesus beobachtet sie. Endlich blickt sie auf und sagt: «Herr, würdest du es ablehnen, mit meinen heidnischen

Freundinnen zusammenzutreffen? Du weißt... Chuza gehört dem Hofstaat an. Der Tetrarch, und mehr noch die wahre Herrin des Hofes, Herodias, deren Willen Herodes sich fügt, schmeichelt, ja huldigt den Römern aus dem Hause des Prokonsuls... weil es so Sitte ist, um zu zeigen, daß man feiner ist als die übrigen Palästinenser, und um den Schutz Roms zu genießen – und drängt sie auch uns fast auf. In der Tat muß ich gestehen, daß die heidnischen Frauen nicht schlechter sind als wir. Auch unter uns, besonders an diesen Gestaden, sind einige tief, ja sehr tief gefallen. Doch

worüber können wir reden, wenn nicht über Herodias? ... Als ich mein Kind verlor und erkrankte, waren sie sehr gut zu mir, obwohl ich sie gar nicht gesucht hatte, und danach hat sich diese Freundschaft erhalten.

Aber wenn du mir sagst, daß sie nicht gut ist, will ich sie aufgeben. Nein? Danke, Herr! Vorgestern war ich bei einer dieser Freundinnen. Es war ein Freundschaftsbesuch für mich, ein Pflichtbesuch für Chuza. Es war ein

Befehl des Tetrarchen, der ... hierher zurückkehren möchte, sich aber nicht sicher fühlt und so ... eigennützige Verbindungen mit Rom anknüpft, um Rückendeckungen zu haben. Außerdem... ich bitte dich... du bist doch ein Verwandter des Täufers, nicht wahr? Sage ihm, er möge sich sehr in Acht nehmen. Er soll die Grenzen von Samaria nie überschreiten. Vielmehr sollte er sich, wenn es ihm nicht unwürdig erscheint, eine Zeitlang verbergen. Die Schlange nähert sich dem Lamm, und das Lamm hat

viel zu befürchten. Von allen Seiten. Er soll auf der Hut sein, Meister! Doch niemand darf erfahren, daß ich es gesagt habe. Dies wäre der Ruin

Chuzas.»

«Sei beruhigt, Johanna. Ich werde den Täufer auf eine Art warnen, die

ihm nützen und niemand schaden wird.»

«Danke, Herr. Ich will dir dienen... doch möchte ich damit nicht meinem Manne schaden. Ich... ich werde auch nicht immer mit dir kommen können. Manchmal werde ich daheim bleiben müssen, weil er es wünscht, und es ist recht so...»

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«Das wirst du auch tun, Johanna. Ich verstehe alles. Es ist nicht nötig, mehr darüber zu sagen.»

«Doch möchtest du sicher, daß ich in den für dich gefahrvollen Zeiten bei dir bin?»

«Ja, Johanna, gewiß!»

«Oh, wie schwer ist es mir gefallen, dir diese Dinge zu sagen und sagen zu müssen! Doch nun fühle ich mich erleichtert...»

«Wenn du an mich glaubst, wirst du dich immer erleichtert fühlen. Aber du sprachst von einer römischen Freundin...»

«Ja, sie ist mit Claudia sehr befreundet und, soviel ich weiß, auch mit ihr verwandt. Sie möchte gerne mit dir sprechen oder dich wenigstens sprechen hören. Nicht nur sie allein wünscht dies. Nachdem du die Tochter der Valeria geheilt hast und die Nachricht sich mit Blitzesschnelle verbreitet hat, ist der Wunsch in ihnen noch lebhafter geworden. Während des Gastmahls am vergangenen Abend wurden viele Stimmen für und gegen dich laut, denn es waren auch Herodianer und Sadduzäer anwesend... doch sie würden es leugnen, wenn man sie danach fragte... Es waren auch Frauen da... reiche, aber... nicht ehrbare Frauen. Es war auch – und ich sage es dir nur ungern, da ich weiß, daß du der Freund ihres Bruders bist -es war auch Maria von Magdala mit ihrem neuen Freund und einer anderen Frau, ich glaube, einer Griechin, die sich ebenso unzüchtig benahm wie sie, zugegen. Weißt du... bei den Heiden sitzen die Frauen mit den Männern am gleichen Tisch, und das ist sehr... sehr... Welch ein Unbehagen! Die Höflichkeit meiner Freundin hatte mich zur Tischgenossin meines eigenen Mannes bestimmt; das war sehr beruhigend für mich. Aber die anderen... oh! ... Nun, man sprach von dir, weil das Wunder an Faustina Aufsehen erregt hat, und während die Römer in dir den großen Arzt und Magier bewundern – verzeih, Herr – spuckten die Herodianer und die Sadduzäer Gift und Galle auf deinen Namen, und Maria... oh, Maria! ... Welche Schande! ... Sie hat mit dem Spott begonnen und dann... Nein, das kann ich dir nicht sagen. Ich habe deswegen die ganze Nacht geweint ...»

«Laß sie nur machen. Sie wird geheilt werden.»

«Aber es geht ihr gut, weißt du?»

«Körperlich. Alles übrige ist vollkommen verseucht. Doch sie wird gesund werden.»

«Du sagst es... Die Römerinnen, du weißt, wie sie sind... haben gesagt: "Wir fürchten uns nicht vor der Zauberei, noch glauben wir an Märchen. Wir wollen uns selbst ein Urteil bilden", und nachher haben sie mich gefragt: "Könnten wir ihn nicht einmal hören?"»

«Sag ihnen, daß ich am Ende des Monats Schebat in deinem Hause sein werde.»

«Ich werde es ihnen sagen, Herr. Glaubst du, daß sie sich zu dir bekehren würden?»

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«Es gibt unendlich viel in ihnen zu erneuern. Zuerst muß zerstört werden, dann kann man wieder aufbauen. Doch es ist nicht unmöglich. Johanna, da ist dein Haus mit seinem Garten. Wirke darin für deinen Meister, so wie ich es dir aufgetragen habe. Leb wohl, Johanna! Der Herr sei mit dir! Ich segne dich in seinem Namen.»

Die Barke legt an. Johanna bittet: «Willst du wirklich nicht kommen ?»

«Vorerst nicht. Es gilt, die Flammen in den Seelen neu anzufachen. In den wenigen Wochen meiner Abwesenheit sind sie fast erloschen, und die Zeit drängt!»

Das Boot hält in einer kleinen Bucht, die in den Garten des Chuza hineinreicht. Diener eilen herbei, um der Herrin beim Aussteigen zu helfen. Das herrschaftliche Boot folgt jenem von Petrus zum Landesteg, und nachdem Johannes, Matthäus, Judas Iskariot und Philippus in das Boot des Petrus umgestiegen sind, stößt es ab und nimmt seinen Kurs zum gegenüberliegenden Ufer.

198. JESUS IN GERGESA; DIE JÜNGER DES JOHANNES

Jesus spricht in einer Stadt, die ich noch nie gesehen habe. So scheint es mir jedenfalls, denn mehr oder weniger gleichen sich die Städte alle, und es ist nicht leicht, sie auf den ersten Blick auseinanderzuhalten. Auch hier führt eine Straße am See entlang, und am Ufer liegen Boote. Häuser und Häuschen reihen sich längs der Straße aneinander, doch die Hügel sind hier viel weiter entfernt, und das Städtchen liegt in einer anmutigen Ebene, die bis zum Ostufer reicht und durch die Hügelkette vor den Winden geschützt ist. So hat die Sonne die Bäume hier mehr noch als in anderen Gegenden zu voller Blüte gebracht.

Mir scheint, die Predigt habe schon begonnen, denn Jesus sagt: «... Es ist wahr. Ihr sagt: "Wir werden dich nie verlassen, denn dich verlassen würde bedeuten, Gott verlassen." Aber, ihr Leute von Gergesa, bedenkt, daß nichts wandelbarer ist als das menschliche Denken. Ich bin überzeugt, daß ihr es in diesem Augenblick wirklich ehrlich meint. Mein Wort und das Wunder haben euch in diesem Sinn begeistert, und daher seid ihr jetzt aufrichtig in dem, was ihr bezeugt. Doch ich möchte euch an eine Begebenheit erinnern, eine der vielen aus Gegenwart und Vergangenheit, die ich hier anführen könnte:

Josua, der Diener des Herrn, versammelte vor seinem Tod alle Stämme mit ihren Ältesten, Oberhäuptern, Richtern und Amtspersonen und sprach zu ihnen von Gott. Er erinnerte sie an alle Wohltaten und Wunder, die ihnen vom Herrn durch seinen Diener gewährt wurden. Nachdem er

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ihnen alles aufgezählt hatte, ermahnte er sie, alle Götter zurückzuweisen und dem Herrn allein zu dienen, oder wenigstens so aufrichtig im Glauben zu sein, sich in ehrlicher Weise für den wahren Gott oder für die Götter Mesopotamiens und der Amoriter zu entscheiden, auf daß eine klare Trennung zwischen den Söhnen Abrahams und jenen, die zum Heidentum übergegangen sind, bestehe.

Besser ein mutiger Fehler, als ein scheinheiliges Bekenntnis und ein Glaubensgewirr, das Gott ein Greuel ist und für die Seelen den Tod bedeutet. Nichts ist einfacher und verbreiteter als dieses Durcheinander aus verschiedenen Religionen. Dem Anschein nach handelt es sich um etwas Gutes, doch sein Kern ist nicht gut. Auch heute noch, Brüder, immer noch gibt es jene Gläubigen, welche die Erfüllung des Gesetzes mit dem vermischen, was von Gesetzes wegen verboten ist. Immer noch gibt es jene Unglücklichen, die wie Betrunkene zwischen Gesetzestreue und den vorteilhaften Geschäften und Kompromissen mit den Übertretern des Gesetzes umhertaumeln und sich bereichern. Es gibt jene Priester, jene Schriftgelehrten und Pharisäer, die aus dem Dienst Gottes nicht mehr Zweck und Ziel ihres Lebens machen, sondern eine geschickte Politik, um über die anderen zu triumphieren und die Ehrbaren ihrer Gewalt zu unterwerfen. Sie sind eben nicht Diener Gottes, sondern Diener einer zur Verwirklichung ihrer Absichten starken und wertvollen Macht. Sie sind nur Heuchler, die unsern Gott mit fremden Göttern vermischen.

Da antwortete das Volk Josua: "Nie werden wir den wahren Gott verlassen, um fremden Göttern zu dienen." Josua entgegnete ihm das, was ich euch über die heilige Eifersucht des Vaters gesagt habe, über seine Forderung, als Einziger geliebt zu werden und mit unserem ganzen Sein und über seine gerechte Strafe, die die Lügner trifft. Die Strafe! Gott kann strafen, wie er Wohltaten spenden kann. Man wird nicht nur nach dem Tode belohnt oder bestraft. Schau, Volk der Hebräer, ob Gott dich nicht einmal, zweimal, ja zehnmal für deine Missetaten bestraft hat, nachdem er dir soviel Gutes erwiesen hatte: er befreite dich von den Pharaonen, er führte dich durch die Wüste und alle Gefahren zur Sicherheit, er rettete dich vor den Nachstellungen der Feinde und gewährte dir, eine große, geachtete und ruhmreiche Nation zu werden! Betrachte, was nun aus dir geworden ist! Ich, der ich dich dem frevelhaftesten Götzendienst ergeben sehe, erkenne auch den Abgrund, in den du infolge deines Verharrens in den alten Sünden stürzen wirst. Ich ermahne dich daher, Volk, das ich zweifach mein Eigen nenne, da ich dein Erlöser bin und aus dir geboren wurde. Ich spreche nicht aus Haß, Groll oder Unnachgiebigkeit. Diese meine Mahnung entspringt, wenn sie auch streng ist, meiner Liebe.

Josua sagte alsdann: "Ihr seid Zeugen: ihr habt den Herrn gewählt", und alle antworteten: "Ja." Josua, der nicht nur tapfer, sondern auch weise war und wußte, wie wankelmütig der Wille des Menschen ist, schrieb

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hierauf in das Buch alle Worte des Gesetzes und des Bundes und legte diese Satzungen in den Tempel und auch ins Heiligtum des Herrn zu Sichern, das zu dieser Feier das Zelt enthielt. Er richtete einen großen Stein zum Zeugnis auf und sprach: "Dieser Stein, der eure Worte an den Herrn vernommen hat, soll Zeuge sein, auf daß ihr den Herrn, euren Gott, nicht verleugnen und belügen könnt."

Ein Stein, so groß und hart er auch sein mag, kann vom Menschen, von einem Blitz, vom Wasser und von der Witterung in Staub verwandelt werden. Ich aber bin der ewige Eckstein und kann nicht vernichtet werden. Belügt nicht diesen lebendigen Stein. Liebt ihn nicht nur deshalb, weil er Wunder wirkt. Liebt ihn, weil ihr durch ihn den Himmel erlangen werdet. Ich wünschte, daß ihr gläubiger und dem Herrn getreuer wäret. Ich sage nicht "mir", denn ich bin nur, weil ich die Stimme des Vaters bin. Doch wenn ihr mich schmäht, beleidigt ihr auch den, der mich gesandt hat. Ich bin das Mittel. Er ist alles. Sammelt von mir und bewahrt in euch, was heilig ist, um zu diesem Gott zu gelangen. Liebt nicht den Menschen in mir, liebt den Messias des Herrn nicht der Wunder wegen, sondern weil er in euch das innere und erhabene Wunder eurer Heiligung wirken will.»

Jesus segnet das Volk und begibt sich zu einem Haus. Er ist schon fast auf der Schwelle, als er von einer Gruppe älterer Männer aufgehalten wird, die ihn ehrfürchtig grüßen und sagen: «Dürfen wir dir einige Fragen stellen, Herr? Wir sind Jünger des Täufers, und da dieser immer von dir spricht und auch, weil der Ruf deiner Wunder zu uns gelangt ist, wollten wir dich kennenlernen. Nun, da wir dich gehört haben, möchten wir dir eine Frage stellen.»

«Sprecht sie nur aus. Wenn ihr Jünger des Johannes seid, befindet ihr euch bereits auf dem Weg der Gerechtigkeit.»

«Als du über die allgemeine Abgötterei der Gläubigen gesprochen hast, hast du gesagt, daß es unter uns einige gibt, die sowohl mit gesetzestreuen Leuten als auch mit solchen, die dem Gesetz nicht unterstellt sind, Handel treiben. Und auch du bist ein Freund von letzteren. Wir wissen, daß du die Römer nicht verachtest. Also? ...»

«Ich leugne es nicht. Doch könnt ihr behaupten, daß ich es tue, um einen Gewinn daraus zu ziehen? Könnt ihr sagen, daß ich ihnen schmeichle, um ihre Gunst zu genießen?»

«Nein, Meister, dessen sind wir mehr als sicher. Doch die Welt besteht nicht nur aus Menschen wie wir, die nur an das Böse glauben wollen, das sie mit eigenen Augen sehen, und nicht an das, was andere erzählen. Sage uns nun die Gründe, die einen Kontakt mit den Heiden rechtfertigen, damit wir von dir lernen und dich verteidigen können, wenn dich jemand in unserer Gegenwart verleumden sollte.»

«Es ist schlecht, um menschlicher Ziele willen solche Kontakte zu pflegen, doch wenn sie dazu dienen, diese Menschen zu unserem Herrn und

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Gott zu führen, ist es nicht schlecht. Das tue ich. Wäret ihr Heiden, würde ich euch erklären, daß jeder Mensch von einem einzigen Gott kommt. Doch ihr seid Hebräer und Jünger des Johannes. Ihr seid die Auslese der Hebräer, und es ist nicht nötig, daß ich es euch erkläre. Ihr könnt also verstehen und glauben, daß es meine Pflicht ist – da ich das Wort Gottes bin – das Wort dieses Vaters allen Menschen, allen Kindern des Vaters, zu verkünden.»

«Aber sie sind doch keine Kinder Gottes, wenn sie Heiden sind ...»

«Was die Gnade anbelangt, sind sie es nicht. Wegen ihres Irrglaubens sind sie es nicht, das ist wahr. Aber solange ich euch nicht erlöst habe, bleibt auch der Hebräer ohne Gnade, denn der Makel der Erbsünde hindert den göttlichen Strahl der Gnade, in die Herzen niederzusteigen. Dank seiner Erschaffung bleibt der Mensch das Kind Gottes. Von Adam, dem Stammvater der ganzen Menschheit, stammen sowohl die Hebräer als auch die Römer ab, und Adam ist Kind des Vaters, der ihm seine geistige Ähnlichkeit gegeben hat.»

«Das ist wahr. Noch eine Frage, Meister. Warum fasten die Jünger des Johannes so oft und die deinen nicht? Wir wollen nicht sagen, daß du nicht essen sollst. Auch der Prophet Daniel war in den Augen Gottes heilig, trotz seines hohen Ansehens am Hofe von Babylon; und du bist größer als er. Aber sie ...»

«Was man mit Strenge oft nicht erreicht, erreicht man mit Freundlichkeit. Es gibt Menschen, die nie von selbst zum Meister kommen würden, daher muß der Meister zu ihnen gehen. Andere würden wohl zum Meister kommen, aber sie schämen sich vor den Mitmenschen, und auch sie muß der Meister aufsuchen. Da sie mir sagen: "Sei mein Gast, damit ich dich kennenlernen kann" ' gehe ich zu ihnen, nicht der reichen Tafel und der für mich oft so mühsamen Reden wegen, sondern wiederum und stets nur im Interesse Gottes. Dies gilt für mich. Da sich oft wenigstens eine der Seelen, denen ich mich nähere, bekehrt, und jede Bekehrung ein Hochzeitsfest für meine Seele bedeutet, ein großes Fest, an dem alle Engel des Himmels teilnehmen und das dem ewigen Gott zum Ruhm und zur Freude gereicht, so frohlocken auch alle meine Jünger als Freunde des Bräutigams vereint mit dem Bräutigam und Freund. Sollen die Freunde trauern, während ich frohlocke und noch unter ihnen weile? Doch die Zeit wird kommen, da ich nicht mehr unter ihnen weile, und dann werden sie streng fasten. Die neuen Zeiten werden neue Methoden mit sich bringen. Bis gestern, bis zur Zeit des Täufers, war es die Asche der Buße. Heute jedoch, in meiner Zeit, gibt es das süße Manna der Erlösung, der Barmherzigkeit und Liebe. Die Methoden früherer Zeiten könnten nicht auf meine Zeit übertragen werden, so wie meine Methode früher nicht gelten konnte, weil damals die Barmherzigkeit noch nicht auf Erden war. Jetzt ist sie unter euch. Nicht mehr der Prophet, sondern der Messias, dem Gott alles

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übergeben hat, ist auf der Erde. Jede Zeit hat die für sie nützlichen Dinge. Niemand näht ein Stück neuen Tuches auf ein altes Gewand, denn beim Waschen geht der neue Stoff ein und wird der Riß im alten noch größer. Ebenso füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche, denn die alten Schläuche würden durch die Gärung des Weines bersten und der Wein würde auslaufen. Der alte Wein, der schon alle seine Umwandlungen durchgemacht hat, gehört in alte Behälter, und der neue Wein in neue. Daher soll eine Kraft einer anderen, ebenso starken gegenübergestellt werden. Dies geschieht jetzt. Die Kraft der neuen Lehre erfordert neue Methoden ihrer Verbreitung, und ich, der ich es weiß, bediene mich ihrer.»

«Danke, Herr, nun sind wir zufrieden. Bete für uns. Wir sind alte Schläuche. Werden wir deine Kraft in uns aufnehmen können?»

«Ja, denn der Täufer hat euch schon vorbereitet, und seine Gebete, vereint mit den meinen, werden euch zu vielem fähig machen. Geht mit meinem Frieden und sagt Johannes, daß ich ihn segne.»

«Aber ... ist es besser für uns, beim Täufer zu bleiben oder bei dir?»

«Solange es den alten Wein gibt, soll man von diesem trinken, da der Gaumen sich an den Geschmack gewöhnt hat. Später... wenn euch das faule Wasser, das ihr überall vorfindet, anekelt, werdet ihr den neuen Wein schätzen.»

«Glaubst du, daß der Täufer wieder gefangengenommen wird?»

«Ganz sicher. Ich habe ihn schon warnen lassen. Geht nun, geht. Freut euch eures Johannes, solange es möglich ist, und macht im Freude. Später werdet ihr mich lieben, und dies wird euch nicht einmal leicht fallen... denn niemand, der sich an den alten Wein gewöhnt hat, möchte plötzlich zum neuen Wein übergehen. Er sagt: "Der alte war besser" ' und tatsächlich wird es Unterschiede geben, die euch bitter erscheinen. Doch mit der Zeit werdet ihr euch mit dem lebendigen Geschmack vertraut machen. Lebt wohl, Freunde. Gott sei mit euch!»

199. VON NEPHTHALI NACH GISCHALA BEGEGNUNG MIT DEM RABBI GAMALIEL

«Meister! Meister! Weißt du eigentlich nicht, wer vor uns ist? Der Rabbi Gamaliel! Er sitzt mit seinen Dienern im Schatten des Waldes, der sie auch vor dem Winde schützt. Sie braten gerade ein Lamm. Nun, und was werden wir tun?»

«Das, was wir geplant hatten, Freunde. Wir gehen weiter ...»

«Aber Gamaliel gehört dem Tempel an.»

«Gamaliel ist nicht heimtückisch. Habt keine Angst. Ich werde vorausgehen.»

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«Oh, ich komme mit dir», sagen die Vettern, alle Galiläer und Simon. Nur Judas Iskariot und auch Thomas scheinen wenig Lust zu haben, weiterzugehen. Doch sie schließen sich den anderen an.

Sie gehen noch einige Schritte auf dem zwischen den steilen Wänden der Berghänge verlaufenden Pfad weiter. Nach einer Biegung mündet der Weg in eine Art Hochebene, die er, breiter werdend, überquert, um sich dann wieder unter einem Gewölbe von Zweigen zu verengen. In der von den ersten Blättern des Waldes beschatteten Lichtung sind viele Menschen unter einem prächtigen Zelt versammelt, während andere in einer Ecke ein Lamm über dem Feuer braten.

Gamaliel läßt es sich wirklich an nichts fehlen. Für seine Reise hat er ein Regiment von Dienern aufgeboten und eine Unmenge von Gepäck mitgenommen. Nun sitzt er da, unter seinem Zelt, unter einem über vier vergoldete Stangen gespannten Tuch, einer Art Baldachin. Es sind da niedrige, mit Polstern versehene Hocker und eine auf zwei geschnitzten Holzgestellen ruhende und mit einem damastenen Tischtuch bedeckten Tafel, auf die die Diener wertvolles Geschirr stellen. Gamaliel gleicht einem Götzen. Mit den Händen auf den Knien, sitzt er steif und würdevoll da wie eine Statue. Seine Diener schwirren um ihn herum wie große Schmetterlinge. Doch er kümmert sich nicht um sie. Die Lider über seine strengen Augen gesenkt, scheint er nachzudenken. Wenn er aufblickt, zeigen sich die schwarzen, tiefblickenden und geistvollen Augen in ihrer ganzen ernsten Schönheit. Seine Nase ist fein und drei parallelverlaufende Falten durchfurchen die durch eine leichte Glatze noch höher gewordene Stirn des Greises. Eine dicke bläuliche Vene zeichnet ein V mitten auf seine rechte Schläfe.

Das Geräusch der Schritte der Näherkommenden läßt die Diener sich umschauen. Auch Gamaliel wendet sich um. Er sieht zuerst Jesus und macht eine Gebärde der Überraschung. Dann steht er auf und geht bis an den Rand des Zeltes, nicht weiter. Doch dort macht er mit über der Brust gekreuzten Armen eine tiefe Verneigung. Jesus erwidert den Gruß in gleicher Weise.

«Du bist hier, Rabbi?» fragt Gamaliel.

«Hier bin ich, Rabbi», antwortet Jesus.

«Darf ich dich fragen, wohin du gehst?»

«Ich antworte dir gerne. Ich komme von Nephthali und begebe mich nach Gischala.»

«Zu Fuß? Der Weg über dieses Gebirge ist lang und beschwerlich. Du strengst dich zu sehr an.»

«Glaube mir, wenn ich angenommen und angehört werde, verspüre ich keine Müdigkeit mehr.»

«Erlaube mir also, und laß es einmal mich sein, der dich die Müdigkeit vergessen läßt. Das Lamm ist bereit, wir hätten die Überreste den Vögeln

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gelassen, denn wir nehmen nie mit, was übrigbleibt. Du siehst also, daß ich keine Umstände mache, um dir und deinem Gefolge davon anzubieten. Ich bin dein Freund, Jesus. Du bist nicht geringer als ich, sondern du stehst über mir.»

«Ich glaube dir und nehme deine Einladung an.»

Gamaliel spricht zu einem Diener, der der erste in der Rangordnung zu sein scheint, und dieser gibt den Befehl weiter. Das Zelt wird verlängert, und von den zahlreichen Tragtieren werden Hocker und Geschirr für die Jünger Jesu abgeladen. Schalen für die Reinigung der Finger werden gereicht. Jesus vollzieht den Ritus mit vollendeter Vornehmheit, während die Jünger, von Gamaliel aufmerksam gemustert, sich ungeschickt anstellen. Nur Simon, Judas Iskariot, Bartholomäus und Matthäus sind in den jüdischen Bräuchen gut bewandert.

Jesus nimmt neben Gamaliel Platz, der allein an einer Seite der Tafel sitzt. Ihm gegenüber sitzt der Zelote. Nach dem Aufopferungsgebet, das Gamaliel feierlich und langsam spricht, zerlegen die Diener das Lamm, verteilen es unter die Gäste und füllen die Becher, je nach Wunsch mit Wein oder Honigwasser.

«Der Zufall hat uns zusammengeführt, Rabbi. Ich hätte nie gedacht, dich auf dem Weg nach Gischala zu treffen.»

«Ich bin auf dem Weg nach aller Welt.»

«Ja, du bist der unermüdliche Prophet. Johannes ist der seßhafte, du der pilgernde Prophet.»

«So ist es für die Seelen leichter, mich zu finden.»

«Das würde ich nicht sagen. Wenn du von Ort zu Ort gehst, wissen sie nicht mehr, wo du bist.»

«Das trifft nur für meine Feinde zu, doch die, die zu mir kommen wollen, weil sie das Wort Gottes lieben, finden mich. Nicht alle können zum Meister kommen, doch der Meister, der sich nach allen sehnt, geht zu ihnen und erweist damit den Guten Wohltaten und entgeht der Verschwörung derer, die ihn hassen.»

«Sagst du dies meinetwegen? Ich hasse dich nicht.»

«Ich sage es nicht deinetwegen. Aber da du gerecht und aufrichtig bist, kannst du bestätigen, was ich sage.»

«Ja, so ist es. Aber ... du weißt ... es geschieht nur, weil wir Älteren dich schlecht verstehen.»

«Ja, das alte Israel versteht mich schlecht, zu seinem Unglück... und aus eigenem Willen.»

«Nein! ...»

«Doch, Rabbi, es gibt sich keine Mühe, den Meister zu verstehen und wer sich darauf beschränkt, handelt zwar nicht gut, doch wenigstens nur relativ nicht gut. Viele aber wenden ihren ganzen Willen auf, um mein Wort falsch zu verstehen und zu verdrehen und damit Gott zu schaden.»

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«Gott? ... Gott steht über den menschlichen Nachstellungen.»

«Ja. Aber jede Seele, die irregeht oder irregeführt wird, schadet Gott durch den Verlust dieser Seele; denn es ist ein Abweichen vom rechten Weg, wenn man mein Wort und mein Werk vor sich selbst und den anderen entstellt. Jede Seele, die verlorengeht, ist eine Gott zugefügte Wunde.»

Gamaliel senkt das Haupt und denkt mit geschlossenen Augen nach. Dann greift er mit seinen langen, schmalen Fingern in einer unwillkürlichen Gebärde des Unbehagens an seine Stirn. Jesus schaut ihn forschend an.

Gamaliel hebt das Haupt, öffnet die Augen, betrachtet Jesus und sagt: «Aber du weißt, daß ich nicht einer von diesen bin.»

«Ich weiß es. Doch du gehörst zur ersten Gruppe.»

«Oh, das ist wahr! Aber man kann nicht sagen, daß ich mich nicht bemühe, dich zu verstehen. Dein Wort verharrt in meinem Geist, dringt aber nicht tiefer. Mein Geist bewundert dein Wort als das eines Gelehrten, und die Seele ...»

«Doch die Seele kann es nicht aufnehmen, Gamaliel, weil sie von zu vielem erfüllt ist, und von verderbten Dingen. Auf dem Weg von Nephthali nach hier bin ich über einen Gipfel gegangen, der die Bergkette überragt. Und es hat mich gefreut, die beiden Seen von Genesareth und von Meron in all ihrer Schönheit aus der Höhe zu sehen, so wie sie die Adler und die Engel des Herrn sehen, um einmal mehr dem Schöpfer zu sagen: "Danke, Schöpfer, für all das Schöne, das du uns schenkst." Während die Berge mit ihren Wiesen, Obstgärten, Feldern und Wäldern zu sprießen und blühen beginnen, die Lorbeeren neben den Olivenbäumen ihren Duft verströmen und schon den Schnee von tausend Blüten vorbereiten, und die Sommereiche sich mit Kränzen von Waldreben und Geißblatt schmückt, sind hier oben dem Wachsen und Blühen der Natur Grenzen gesetzt; und auch der Mensch vermag nichts. Jegliche Bemühung des Windes und des Menschen ist hier nutzlos, weil die zyklopischen Ruinen des antiken Hazor alles bedecken und zwischen ihren Steinen nur Nesseln, Brombeeren und Schlangennester gedeihen. Gamaliel ...»

«Ich verstehe dich. Auch wir sind Trümmer... Ich verstehe das Gleichnis, Jesus. Aber ... ich kann nicht ... ich kann nicht anders. Die Steine liegen zu tief.»

«Einer, an den du glaubst, hat dir gesagt: "Die Steine werden bei meinen letzten Worten erbeben." Aber warum die letzten Worte des Messias abwarten? Wird dich dann nicht dein Gewissen quälen, weil du mir nicht schon früher nachgefolgt bist? Die letzten... Traurige Worte auch deshalb, weil es die eines sterbenden Freundes sind, auf die man zu spät gehört hat; aber meine Worte sind noch mehr als das eines Freundes.»

«Du hast recht ... aber ich kann nicht. Ich warte auf das Zeichen, um zu glauben.»

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«Ist ein Gelände öde, genügt nicht ein Blitz allein, um es fruchtbar zu machen. Er berührt nur die Steine an der Oberfläche, nicht aber das darunterliegende Erdreich. Gamaliel, beginne wenigstens damit, die Steine wegzuräumen. Denn wenn sie so tief in deinem Herzen liegen, wird das Zeichen sonst nicht ausreichen, um dich zum Glauben zu führen.»

Gamaliel schweigt, in Gedanken versunken. Die Mahlzeit ist beendet. Jesus erhebt sich und sagt: «Ich danke dir, mein Gott, für die Speise und auch dafür, daß ich zum Weisen sprechen konnte. Dank sei auch dir, Gamaliel.»

«Meister, geh nicht so von mir. Ich fürchte, daß du über mich erzürnt bist.»

«O nein! Glaube mir!»

«Dann geh nicht fort. Ich gehe zum Grabe Hillels. Würdest du es ablehnen, mit mir zu kommen? Wir werden schnell dort sein, denn ich habe Maultiere und Esel für alle. Wir müssen die Tiere nur ihrer Last entledigen und sie den Dienern zu tragen geben. Dies wird dir den beschwerlichen Teil deiner Reise abkürzen.»

«Ich lehne es nicht ab; es ist mir vielmehr eine Ehre, mit dir zum Grabe Hillels zu gehen. Laßt uns aufbrechen!»

Gamaliel gibt Anweisungen, und während alle damit beschäftigt sind, den provisorischen Speisesaal abzubrechen, setzen sich Jesus und der Rabbi rittlings auf einen Maulesel und reiten nebeneinander den steilen und stillen Weg voran, auf dem nur der Trab der Hufe zu hören ist.

Gamaliel schweigt. Er fragt Jesus nur zweimal, ob er bequem im Sattel sitze. Jesus antwortet und schweigt dann wieder, in Gedanken versunken. Jesus ist so sehr in sich gekehrt, daß er nicht bemerkt, daß Gamaliel, der sein Maultier etwas zurückhält, ihn nun um eine ganze Halslänge voranreiten läßt, um jede seiner Bewegungen zu beobachten. Die Augen des Rabbi gleichen den Augen des Falken, der seine Beute beobachtet, so starr und unverwandt sind sie auf ihn gerichtet. Doch Jesus nimmt keine Notiz davon. Ruhig reitet er seines Weges und paßt sich der schaukelnden Bewegung des Tieres an. Obwohl er ganz in Gedanken dahinreitet, nimmt er dennoch alles wahr, was ihn umgibt. Er streckt seine Hand aus, um die herabhängende Blütentraube eines Goldregenbaumes zu pflücken. Er lächelt zwei Vögelein zu, die im Dickicht eines Wacholderstrauches ihr Nestchen bauen. Dann hält er das Maultier an, um einer Grasmücke zuzuhören, und stimmt dem aufmunternden Gurren einer Wildtaube zu, die ihren Gefährten zur Arbeit antreibt. Es ist, wie wenn Jesus diese Tierchen segnen würde.

«Du liebst Pflanzen und Tiere, nicht wahr?»

«Sehr. Sie sind mein lebendiges Buch. Der Mensch hat in ihnen stets die Grundlagen des Glaubens vor sich. Die Genesis lebt fort in der Natur. Wenn einer zu sehen versteht, vermag er auch zu glauben. Diese Blume,

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die in der ganzen Lieblichkeit ihres Duftes und ihrer herabhängenden Blüten einen so starken Gegensatz zu dem stacheligen Wacholder und dem Stechginster dort bildet, kann sie von selbst erstanden sein? Schau, das Rotkehlchen mit dem Tropfen getrockneten Blutes an seiner weichen Kehle, konnte es von selbst entstanden sein? Siehe die beiden Turteltauben; wo und wie haben sie den dunklen Onyxkragen auf ihr graues Federkleid gemalt? Die beiden Schmetterlinge dort, ein schwarzer mit großen goldenen und rubinroten Punkten, der andere weiß mit blauen Streifen, wo haben sie wohl die Edelsteine und Bänder für ihre Flügel gefunden? Betrachte den Fluß, ja, es ist Wasser, doch woher kommt es, und welches ist der Urquell des Wassers als Element? Oh! Betrachten heißt glauben, wenn man zu sehen versteht.»

«Betrachten heißt glauben. Wir betrachten die lebendige Genesis rings um uns zu wenig.»

«Zu viel Wissenschaft, Gamaliel, und zu wenig Liebe und Demut.»

Gamaliel seufzt und schüttelt den Kopf.

«Ich bin am Ziel, Jesus. Dort liegt Hillel begraben. Wir können absteigen und die Reittiere hier zurücklassen. Ein Diener wird sich um sie kümmern.»

Sie steigen ab, binden die zwei Maulesel an einen Stamm und begeben sich zu einer Begräbnisstätte, die sich neben einem geräumigen und ganz verschlossenen Haus über das Niveau des Bodens erhebt.

«Ich komme hierher, um zu meditieren als Vorbereitung auf die Feste Israels», sagt Gamaliel und zeigt auf das Haus.

«Möge sich dir die Weisheit mit ihrem Licht mitteilen.»

«Hierher komme ich – Gamaliel zeigt auf das Grab – um mich auf den Tod vorzubereiten. Hillel war ein Gerechter.»

«Ja, er war ein Gerechter. Ich bete gerne bei seiner Asche. Aber Hillel soll dich nicht nur lehren zu sterben, er soll dich auch lehren zu leben, Gamaliel.»

«Wie, Meister?»

«"Der Mensch ist groß, wenn er sich verdemütigt", war sein bevorzugter Wahlspruch.»

«Wie kannst du das wissen, da du ihn nicht gekannt hast?»

«Ich habe ihn gekannt ... und übrigens, auch wenn ich Hillel, den Rabbi, nicht persönlich gekannt hätte, so würde ich doch seine Denkweise kennen, denn mir bleibt kein menschlicher Gedanke verborgen.»

Gamaliel neigt sein Haupt und murmelt: «Gott allein kann dies von sich sagen.»

«Gott und sein Wort. Denn das Wort kennt den Gedanken Gottes, und der Gedanke Gottes kennt das Wort und liebt es und teilt sich ihm mit seinen Schätzen mit, um es an ihm teilhaben zu lassen. Die Liebe Gottes festigt die Bande und macht daraus eine einzige Vollendung. Dies ist die

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Dreiheit, die sich liebt und sich auf göttliche Weise bildet, zeugt, wirkt und ergänzt.» 1)

Sie beten lange vor dem verschlossenen Grab. Inzwischen sind die Jünger und danach die Diener mit den Tieren angekommen, die ersteren auf den Reittieren, die anderen mit der Last der Gepäckstücke. Doch sie sind am Rande der Wiese, auf deren anderer Seite das Grabmal liegt, geblieben. Das Gebet ist beendet.

«Leb wohl, Gamaliel. Schwinge dich empor wie Hillel!»

«Was meinst du damit?»

«Wachse. Er ist dir voraus, denn er verstand mit größerer Demut zu glauben als du. Der Friede sei mit dir!»

200. DIE HEILUNG DES ENKELS DES

PHARISÄERS ELI IN KAPHARNAUM

Jesus kommt mit dem Boot in Kapharnaum an. Der Tag geht zur Neige und der See funkelt in rotem Gold. Während die beiden Boote anlegen, sagt Johannes: «Ich gehe gleich zum Brunnen und hole Wasser für deinen Durst.»

«Das Wasser ist hier sehr gut», ruft Andreas aus.

«Ja, es ist gut, und eure Liebe läßt es noch besser werden.»

«Ich bringe die Fische nach Hause. Die Frauen werden sie für das Nachtmahl zubereiten. Wirst du danach zu uns und zu ihnen sprechen?»

«Ja, Petrus.»

«Es ist nun viel schöner, nach Hause zurückzukehren. Vorher waren wir wie eine Gruppe von Nomaden. Jetzt hingegen, mit den Frauen, ist mehr Ordnung und Liebe da, und dann... deine Mutter zu sehen, läßt gleich meine Müdigkeit verfliegen. Ich weiß nicht ...»

Jesus lächelt und schweigt.

Das Boot gleitet mit dem Kiel über den Kies. Johannes und Andreas, die in kurzen Unterkleidern arbeiten, springen ins Wasser, ziehen mit Hilfe einiger Burschen das Boot ans Ufer und legen ein Brett als Laufsteg an.

______________

1) Triade = Dreiheit... und ergänzt: sind Ausdrücke, die keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, jedoch auf das erhabene innere und äußere Wirken Gottes, der die Liebe ist, hinweisen; ein Wirken, das nach innen und außen in höchstem Maße fruchtbar wird: deshalb sind Vater – Sohn die gegenseitige Liebe, d.h. der Hl. Geist, der erste Ursprung jeder erschaffenen Vollkommenheit und daher jedes menschlichen Gedankens. Der Ausdruck "sich ergänzt" ist, wenn dies auch anfänglich schwer verständlich erscheint, in der theologischen Sprache nicht unbekannt. Die heiligste Jungfrau Maria, deren Bedeutung genau definiert ist, wird (als erste unter allen Geschöpfen) die "Vervollständigung der Heiligsten Dreifaltigkeit" genannt.

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Jesus geht als erster an Land und wartet, bis auch das zweite Boot am Ufer ist, um sich mit all den Seinen zu vereinen. Dann gehen sie langsam zum Brunnen. Es ist eine natürliche Quelle, die etwas außerhalb der Ortschaft entspringt und frisch, reichlich und silbern in das steinerne Becken fließt. Ihr klares Wasser lädt zum Trinken ein. Johannes, der mit dem Krug vorausgelaufen ist, kehrt schon zurück und reicht den tropfenden Krug Jesus, der ausgiebig trinkt.

«Wie durstig du gewesen bist, mein Meister! Ich Dummkopf hatte nicht für Wasser gesorgt.»

«Das macht nichts, Johannes. Nun ist alles vorbei», und er liebkost ihn.

Sie wollen gerade zurückkehren, als sie Petrus in aller Eile (zu der er in seiner Schwerfälligkeit fähig ist) ankommen sehen. Simon Petrus war nach Hause gegangen, um dort die Fische abzugeben.

«Meister, Meister!» schreit er außer Atem. «Das ganze Dorf ist in Aufruhr, weil der einzige Enkel des Pharisäers Eli wegen eines Schlangenbisses im Sterben liegt. Das Kind war mit dem Greis gegen den Willen der Mutter in ihren Olivenhain gegangen. Eli überwachte dort die Arbeiten und das Kind spielte zwischen den Wurzeln eines alten Olivenbaumes. Es hat die Hand in ein Loch gesteckt in der Hoffnung, eine Eidechse zu finden, und ist auf eine Schlange gestoßen. Der Alte ist ganz außer sich. Die Mutter des Kindes, die den Schwiegervater verabscheut, und das mit Recht, klagt ihn nun als Mörder an. Das Kind wird von Augenblick zu Augenblick kälter. Die Verwandten lieben sich nicht. Schöne Verwandtschaft!»

«Es ist schlimm, wenn es Streitereien in einer Familie gibt.»

«Aber Meister, ich würde sagen, die Schlangen mochten die Schlange nicht und deshalb haben sie die kleine Schlange umgebracht. Ich bedauere, daß er mich gesehen und mir nachgerufen hat: "Ist der Meister da?" Der Kleine tut mir leid. Er war ein schönes Kind und kann nichts dafür, daß er der Enkel eines Pharisäers ist.»

«Gewiß kann er nichts dafür ...»

Sie gehen zur Ortschaft und sehen, daß ihnen eine Gruppe schreiender und weinender Menschen entgegenkommt, die von Eli angeführt wird.

«Er hat uns gefunden. Laßt uns umkehren!»

«Warum denn? Der alte Mann leidet.»

«Dieser alte Mann haßt dich, vergiß das nicht. Er ist einer deiner ersten und erbittertsten Ankläger im Tempel.»

«Ich vergesse nicht, daß ich die Barmherzigkeit bin.»

Der alte Eli, ungekämmt und mit von Schmerz verzerrtem Gesicht, seine Kleider in Unordnung, eilt Jesus mit ausgestreckten Armen entgegen, wirft sich zu seinen Füßen nieder und heult: «Barmherzigkeit, Barmherzigkeit! Verzeihung! Räche dich nicht an einem Unschuldigen wegen meiner Härte. Du allein kannst ihn retten! Gott, dein Vater, hat dich

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hierher geführt. Ich glaube an dich! Ich verehre dich! Ich liebe dich! Verzeihung! Ich bin ungerecht und lügnerisch gewesen! Doch nun bin ich bestraft. Allein diese Stunden sind Strafe genug. Hilfe! Es ist der Junge, das einzige Kind meines verstorbenen Sohnes, und sie beschuldigen mich, es getötet zu haben», und er weint und schlägt dabei den Kopf rhytmisch auf den Boden.

«Aber weine doch nicht so! Willst du sterben, ohne dich weiterhin um das Heranwachsen deines Enkels zu kümmern?»

«Er stirbt! Er stirbt! Vielleicht ist er schon gestorben. Laß auch mich sterben. Ich könnte in dem leeren Haus nicht weiterleben. Oh, diese meine traurigen letzten Tage!»

«Eli, steh auf und laß uns gehen ...»

«Du, du ... willst du wirklich kommen? Aber weißt du, wer ich bin?»

«Ein Unglücklicher. Laßt uns gehen.»

Der Greis steht auf und sagt: «Ich will vorausgehen, aber du, komm rasch, komm sofort!» Er rennt davon mit der Verzweiflung im Herzen, die ihn vorantreibt.

«Aber Meister, glaubst du, daß du ihn damit ändern wirst? Das ist ein vergeudetes Wunder! Laß doch die kleine Schlange sterben, dann wird auch der Alte aus Kummer sterben, und du hast einen weniger auf deinem Wege. Gott hat dafür gesorgt, daß ...»

«Aber Simon! Wahrlich, nun bist du die Schlange.» Jesus stößt Petrus streng von sich, der daraufhin den Kopf hängen läßt und weitergeht.

Am größten Platze in Kapharnaum steht ein schönes Haus, vor dem eine Menschenmenge lärmt. Jesus begibt sich dorthin und erreicht das Gebäude gerade in dem Augenblick, als aus der aufgerissenen Türe der Greis heraustritt, gefolgt von einer Frau mit zerzaustem Haar, die in ihren Armen ein kleines sterbendes Geschöpflein trägt. Das Gift lähmt bereits seine Organe und der Tod steht bevor. Das kleine verwundete Händchen hängt mit den Spuren des Bisses an der Daumenwurzel leblos herab. Eli schreit nur immerzu: «Jesus ! Jesus !»

Jesus, umringt von der Menge, die ihn durch Stoßen und Drücken fast an jeglicher Bewegung hindert, ergreift die kleine Hand, führt sie an seinen Mund, saugt an der Wunde und haucht dann in das wachsbleiche Gesichtlein mit den halboffenen, gläsernen Augen. Dann richtet er sich auf. «Jetzt wird das Kind erwachen.» Und zur Menge gewandt sagt er: «Ihr dürft es nicht erschrecken mit euren entsetzten Gesichtern. Es wird Angst haben, weil es sich noch an die Schlange erinnert.»

Der Kleine, dessen Gesichtlein sich nun rosig färbt, öffnet den Mund zu einem langen Gähnen, reibt sich die Äuglein, schlägt sie auf und blickt verwundert auf die vielen Menschen. Dann erinnert er sich der Schlange, möchte fliehen und macht eine so ruckartige Bewegung, daß er auf den Boden gefallen wäre, hätte Jesus ihn nicht in seinen Armen aufgefangen.

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«Schön ruhig, schön ruhig! Vor wem hast du noch Angst? Schau, die schöne Sonne! Dort ist der See, dort ist dein Haus, hier sind deine Mutter und dein Großvater.»

«Und die Schlange?»

«Sie ist nicht mehr da. Ich bin da.»

«Du, ja ...» Das Kind denkt nach ... dann sagt es in der Sprache der kindlichen Unschuld: «Mein Großvater hat gesagt, ich solle zu dir "Verfluchter" sagen. Doch ich sage es nicht. Ich habe dich lieb.»

«Ich? Ich soll das gesagt haben? Der Kleine phantasiert. Glaub ihm kein Wort, Meister. Ich habe dich immer geachtet.» Da die Angst nun geschwunden ist, kommt schon wieder die alte Natur zutage.

«Die Worte haben Wert und haben auch keinen Wert. Ich nehme sie für das, was sie bedeuten. Mit Gott, Kleiner, mit Gott, Frau, mit Gott, Eli. Liebet einander, und wenn ihr könnt, liebt auch mich.» Jesus wendet sich um und geht zu dem Haus, in dem er wohnt.

«Meister, warum hast du nicht ein erschütterndes Wunder gewirkt, das Aufsehen erregt hätte? Du hättest dem Gift gebieten sollen, das Kind zu verlassen. Du hättest dich als Gott offenbaren sollen. Indes hast du das Gift ausgesaugt wie irgendein armseliger Mensch!» Judas Iskariot ist unzufrieden. Er wollte etwas Eindrucksvolleres und auch die anderen sind der gleichen Meinung.

«Zermalmen hättest du deinen Feind sollen mit deiner ganzen Macht. Hast du ihn gehört? Er hat sofort wieder Gift gespieen!»

«Auf dieses Gift kommt es nicht an. Aber überlegt einmal. Wenn ich so gehandelt hätte wie ihr es wollt, dann hätte er gesagt, daß Beelzebub mein Helfer sei. Seine verderbte Seele kann vielleicht meine Macht als Arzt anerkennen ... aber nicht mehr. Das Wunder führt die zum Glauben, die bereits auf dem Weg zu ihm sind. Doch jene ohne Demut – denn der Glaube ist immer ein Zeichen von Demut – treibt es zur Gotteslästerung. Es ist daher besser, diese Gefahr zu vermeiden und Formen anzuwenden, die nach außen menschlich erscheinen. Das ist das Elend der Ungläubigen, das unheilbare Elend! Es gibt kein Mittel, um dieses Elend aus der Welt zu schaffen, denn kein Wunder bringt sie zum Glauben und zum Gutsein. Das ist nun einmal so. Ich erfülle meine Aufgabe. Sie aber gehen einem unglücklichen Schicksal entgegen!»

«Warum hast du es dann überhaupt getan?»

«Weil ich die Güte bin und damit niemand sagen kann, daß ich meinen Feinden gegenüber rachsüchtig bin und die Hetzer herausfordere. Auf ihre Häupter häufe ich glühende Kohlen, und sie reichen sie mir dazu. Beruhige dich, Judas des Simon. Du aber bemühe dich, nicht so zu handeln wie sie! Das soll genügen! Laßt uns zu meiner Mutter gehen. Sie wird sich freuen, wenn sie erfährt, daß ich ein Kind geheilt habe.»

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201. JESUS IM HAUSE VON KAPHARNAUM NACH DEM WUNDER AN ELISÄUS

Aus einem Garten kommend, in dessen Beeten es überall zu sprießen beginnt, betritt Jesus eine große Küche, in der die beiden älteren Marien (Maria ,Kleophä und Maria Salome) das Nachtessen zubereiten.

«Der Friede sei mit euch!»

«Oh, Jesus ! Meister!» Die beiden Frauen drehen sich um und begrüßen ihn. Die eine hat einen großen Fisch in der Hand, den sie gerade ausnimmt, die andere einen Kessel voll dampfenden Gemüses, den sie vom Feuer genommen hat, um nachzusehen, ob das Gemüse schon gar ist. Ihre gütigen, verblühten, von der Flamme und der Arbeit erhitzten Gesichter lächeln vor Freude und scheinen jünger und schöner in ihrem Glück.

«Es ist gleich alles bereit, Jesus. Bist du müde ? Du wirst hungrig sein», sagt Tante Maria in verwandtschaftlichem Zutrauen, und es scheint, daß sie Jesus noch mehr als ihre eigenen Söhne liebt.

«Nicht mehr als sonst. Aber natürlich werde ich sehr gerne die guten Sachen essen, die du mit Maria zubereitet hast, und so auch die anderen. Da kommen sie schon.»

«Deine Mutter ist im oberen Zimmer. Weißt du ... Simon ist gekommen. Oh, ich bin heute abend vollkommen glücklich! Nein, nicht vollkommen, denn ... du weißt schon, wann ich ganz glücklich sein werde.»

«Ja, ich weiß es.» Jesus zieht seine Tante an sich, küßt sie auf die Stirn und sagt dann: «Ich kenne deinen Wunsch und deinen Neid ohne Sünde auf Salome. Doch der Tag wird kommen, da auch du wie sie sagen kannst: "Alle meine Söhne gehören Jesus." Ich will nun zu meiner Mutter gehen.»

Er geht hinaus und steigt auf einer kleinen Außentreppe zur höher gelegenen Terrasse hinauf, die mehr als die Hälfte der Hausoberfläche einnimmt. Auf der anderen Hälfte befindet sich ein großer Raum, aus dem laute Männerstimmen dringen, zeitweilig unterbrochen von der sanften Stimme Marias, von der klaren, jungfräulichen Mädchenstimme, der die Jahre nichts anzuhaben vermochten und die immer noch dieselbe ist, die sagte: «Ich bin die Magd des Herrn», und die ihrem Kinde das Wiegenlied sang.

Jesus nähert sich lautlos. Er lächelt, denn er hört, wie seine Mutter soeben sagt: «Meine Heimat ist mein Sohn. Und ich leide unter dem Fernsein von Nazareth nur, wenn er nicht bei mir ist. Doch wenn er in meiner Nähe ist ... oh, dann fehlt mir nichts. Ich sorge mich nicht um mein Haus, denn ihr seid ja dort ...»

«Oh, schau, Jesus kommt!» ruft Alphäus der Sara aus, der sich zur Tür gewandt und als erster Jesus gesehen hat. «Ja, ich bin hier. Der Friede sei

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mit euch allen. Mutter!» Er küßt seine Mutter auf die Stirn, und sie küßt ihn. Dann wendet er sich den unerwarteten Gästen zu, dem Vetter Simon, Alphäus der Sara, dem Hirten Isaak und jenem Joseph, der von Jesus in Emmaus nach der Verurteilung durch den Hohen Rat angenommen wurde.

«Wir sind nach Nazareth gegangen, aber Alphäus hat uns gesagt, daß wir dich hier finden würden. So sind wir hierher gekommen. Alphäus hat uns begleitet, und Simon ebenfalls», erklärt Isaak.

«Ich konnte es kaum fassen, mitkommen zu dürfen», sagt Alphäus.

«Auch ich wollte dich grüßen und eine Weile mit dir und Maria zusammensein», fügt Simon hinzu.

«Ich bin sehr glücklich, mit euch hier zu sein. Es war gut, daß wir nicht länger fortgeblieben sind, wie es die Bewohner von Kedesch wollten, wohin ich auf dem Wege von Gergesa nach Meron und dann auf der anderen Seite weitergehend gekommen war.»

«Von dort kommst du ?»

«Ja, ich habe mich an den Orten wieder gezeigt, wo ich bereits gewesen bin, und auch an anderen. Bis nach Gischala bin ich gekommen.»

«Was für ein weiter Weg!»

«Doch welche Ernte! Weißt du, Isaak, wir waren Gäste des Rabbi Gamaliel. Er war sehr gut zu uns. Dann habe ich den Synagogenvorsteher vom "Trügerischen Gewässer" angetroffen. Auch er wird kommen. Ich vertraue ihn dir an. Und dann ... und dann ... habe ich drei Jünger gewonnen ...» Jesus lächelt selig und voller Freude.

«Wer sind sie?»

«Der eine ist ein Greis von Chorazim. Ich habe ihn eine Zeitlang versorgt, und der Arme, ein wahrer, unvoreingenommener Israelit, hat mir, um mir seine Liebe zu bezeugen, die ganze Gegend wie ein perfekter Ackersmann bearbeitet. Der andere ist ein ungefähr fünf Jahre altes Kind. Intelligent und sehr eifrig. Auch mit ihm habe ich schon bei meinem ersten Aufenthalt in Bethsaida gesprochen, und der Junge erinnert sich noch besser an alles als die Erwachsenen. Der dritte ist ein ehemaliger Aussätziger. Ich hatte ihn an einem nun schon weit zurückliegenden Abend in der Nähe von Chorazim geheilt und bin dann weggegangen. Nun habe ich ihn als meinen Verkünder im Gebirge von Nephthali wiedergefunden. Als Beweis für seine Worte erhebt er seine geheilten, doch verstümmelten Hände und zeigt seine geheilten, verunstalteten Füße, mit denen er dennoch schon weite Wege zurückgelegt hat. An seinen Verstümmelungen erkennen die Menschen, wie krank er einmal gewesen sein muß, und glauben seinen mit Tränen der Dankbarkeit gewürzten Worten. Es war einfach für mich, dort zu sprechen, denn man hatte mich schon bekannt gemacht und andere zum Glauben an mich geführt. Ich habe viele Wunder wirken können. So viel vermag ein Mensch, der wirklich glaubt ...»

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Alphäus, immer mit dem Kopfe nickend, stimmt Jesus wortlos zu, während Simon unter dem unausgesprochenen Tadel das Haupt neigt und Isaak sichtlich an der Freude des Meisters teilnimmt, der gerade vom Wunder am kleinen Enkel des Eli berichtet, das er kurz zuvor gewirkt hat.

Das Nachtmahl ist bereit, und die Frauen decken zusammen mit Maria den Tisch im Saale und stellen die Gerichte darauf. Dann ziehen sie sich ins Untergeschoß zurück. Die Männer bleiben oben allein, und Jesus opfert, segnet und verteilt die Speisen.

Doch schon nach dem ersten Bissen kommt Susanna herein und sagt: «Eli steht mit seinen Dienern und vielen Geschenken vor der Tür. Er möchte mit dir sprechen.»

«Ich komme sofort, oder besser: er soll heraufkommen.»

Susanna geht und kehrt kurz darauf zurück mit dem alten Eli, den zwei seiner Diener, die einen großen Korb schleppen, begleiten. Hinter ihnen erscheinen die neugierig spähenden Frauen, mit Ausnahme von Maria, der heiligsten Mutter.

«Gott sei mit dir, mein Wohltäter», grüßt der Pharisäer.

«Und mit dir, Eli. Komm herein. Was willst du? Geht es deinem Enkel noch nicht gut?»

«Oh, sehr gut! Er springt wie ein Böcklein im Garten herum. Doch im ersten Augenblick war ich so erstaunt, so verwirrt, daß ich meine Pflicht vernachlässigt habe. Ich möchte dir meine Dankbarkeit bezeugen und bitte dich, diese Kleinigkeiten, die ich dir anbiete, nicht abzulehnen. Es sind nur Lebensmittel für dich und die Deinen, Erzeugnisse meiner Felder. Dann... dann... möchte ich... dich für morgen zu Tische laden, um dir nochmals vor den Freunden Dank und Ehre zu erweisen. Lehne nicht ab, Meister. Ich müßte sonst daraus schließen, daß du mich nicht liebst und Elisäus nur geheilt hast, weil du ihn liebst... nicht meinetwegen.»

«Ich danke dir. Doch Geschenke wären nicht nötig gewesen.»

«Jeder angesehene Mann und jeder Gelehrte nimmt Geschenke an. Es ist so Sitte.»

«Ich auch. Doch ich bevorzuge eine einzige Gabe, ja ich bitte sogar darum.»

«Was wäre das? Sag es mir. Wenn ich kann, werde ich es dir geben.»

«Euer Herz, eure Gedanken; gebt sie mir zu eurem eigenen Wohl!»

«Oh, ich weihe sie dir, gebenedeiter Jesus! Zweifelst du daran? Ich habe... ja... ich habe dir Unrecht getan. Doch nun habe ich verstanden. Ich habe auch vom Tode des Doras gehört, der dich beleidigt hatte... Warum lächelst du, Meister?»

«Ich bin einer Erinnerung nachgegangen.»

«Ich dachte schon, du würdest an meinen Worten zweifeln.»

«O nein. Ich weiß, daß der Tod des Doras dich bewegt hat, mehr noch als das Wunder von heute abend. Doch du brauchst Gott nicht zu fürchten,

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wenn du wirklich begriffen hast und wirklich von nun an mein Freund sein willst.»

«Ich sehe, daß du wahrhaft ein Prophet bist. Ich, das ist wahr, ich fürchtete mehr, ich kam aus Angst... weil ich befürchtete, dieselbe Strafe zu erleiden wie Doras... und heute habe ich gesagt: "So, das ist die Strafe, und sie ist noch schrecklicher, weil sie die alte Eiche nicht in ihrem Lebensmark getroffen hat, sondern in ihrer Liebe, in ihrer Lebensfreude; sie hat den Eichenschößling geknickt, an dem ich mich erfreute." Ich verstand, daß auch mir, wie Doras, recht geschehen wäre.»

«Du hast verstanden, daß es gerecht gewesen wäre, doch du glaubtest immer noch nicht an den, der die Güte ist.»

«Du hast recht. Doch nun ist es anders. Jetzt habe ich verstanden. Wirst du also morgen in mein Haus kommen?»

«Eli, ich hatte vor, bei Sonnenaufgang aufzubrechen. Aber damit du nicht denken kannst, daß ich dich geringschätze, verschiebe ich meine Abreise um einen Tag. Morgen werde ich bei dir sein.»

«Oh, du bist wirklich gütig, ich werde es nie vergessen!»

«Mit Gott, Eli. Danke für alles. Diese Früchte sind herrlich, und wie Butter müssen die kleinen Käse sein, und ganz sicher ist auch dein Wein vorzüglich. Doch du hättest alles in meinem Namen den Armen geben können.»

«Es ist auch für sie etwas dabei, wenn du willst. Unter all den Dingen ist eine Gabe, die speziell für dich gedacht war.»

«Wir werden sie dann morgen verteilen, vor oder nach dem Gastmahl, nach deinem Gutdünken. Eine friedliche Nacht, Eli!»

«Auch dir. Mit Gott.» Eli geht mit seinen Dienern fort.

Petrus, der mit einem sehenswerten Mienenspiel alles aus dem Korb herausgenommen hat, um ihn den Dienern wieder mitzugeben, legt den Beutel vor Jesus auf den Tisch und sagt, als beende er ein innerliches Gespräch: «Es ist wohl das erste Mal, daß dieser alte Kauz Almosen gibt.»

«Das ist wahr», bestätigt Matthäus. «Ich war habgierig, doch er übertraf mich. Er hat seine Habe durch Wuchergeschäfte verdoppelt.»

«Nun ja... wenn er in sich geht, ist das doch etwas Schönes, nicht wahr?» sagt Isaak.

«Sicher ist das schön, und es scheint, daß dem so ist», bestätigen Philippus und Bartholomäus.

«Der alte Eli bekehrt! Ha, Ha!» Petrus lacht herzlich.

Vetter Simon, der die ganze Zeit nachdenklich gewesen ist, sagt: «Jesus, ich möchte... ich möchte dir nachfolgen. Nicht so wie diese hier... aber wenigstens wie die Frauen. Erlaube, daß ich mich deiner und meiner Mutter anschließe. Alle kommen... Ich, ich als Verwandter verlange nicht, einen Platz unter diesen zu haben. Aber wenigstens so, als guter Freund...»

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«Gott segne dich, mein Sohn! Wie lange habe ich schon auf dieses Wort von dir gewartet!» ruft Maria des Alphäus aus.

«Komm, ich weise niemanden zurück und zwinge auch niemanden. Ich verlange auch nicht alles von allen. Ich nehme, was ihr mir geben könnt. Es ist gut, daß die Frauen nicht immer allein sind, wenn wir in Gebiete kommen, die sie nicht kennen. Danke, Bruder!»

«Ich will gehen und es Maria mitteilen», sagt die Mutter Simons und fügt hinzu: «Sie ist unten in ihrem Kämmerchen und betet. Sie wird sehr glücklich darüber sein.»...

* .. Der Abend bricht plötzlich herein. Man zündet eine Laterne an, um die Treppe hinunterzusteigen, auf der es in der Dämmerung schon dunkel ist. Dann gehen die einen nach rechts, die anderen nach links, um sich für die Nacht zurückzuziehen.

Jesus geht hinaus zum Ufer des Sees. Das Dorf liegt in tiefer Stille, die Straßen und das Ufer sind menschenleer, der See ruht einsam in dieser mondlosen Nacht. Nur die Sterne leuchten am Himmel, und man hört das leise Rauschen der Brandung. Jesus steigt in das ans Ufer gezogene Boot, setzt sich, legt einen Arm auf den Bootsrand, stützt das Haupt darauf und verweilt in dieser Haltung. Ob er betet oder nachdenkt, ich weiß es nicht.

Matthäus kommt mit vorsichtigen Schritten näher. «Meister, schläfst du?» fragt er leise.

«Nein, ich denke nach. Komm zu mir, wenn du nicht schlafen kannst.»

«Es kam mir so vor, als ob du bekümmert wärest, deshalb bin ich dir gefolgt. Bist du mit deinem Tagewerk nicht zufrieden? Du hast doch das Herz des Eli gerührt, hast Simon des Alphäus als Jünger gewonnen...»

«Matthäus, du bist kein so einfacher Mann wie Petrus und Johannes. Du bist klug und gebildet. Sei nun auch aufrichtig. Wärest du über diese Eroberungen glücklich?»

«Aber... Meister... Sie sind immer noch besser als ich, und du hast am Tag meiner Bekehrung zu mir gesagt, daß du sehr glücklich bist...»

«Ja, aber du hattest dich wirklich bekehrt und warst ehrlich in deiner Entwicklung zum Guten. Du kamst zu mir ohne vielerlei Überlegungen. Dein Kommen entsprang dem Verlangen deiner Seele. Bei Eli ist es nicht so, und auch bei Simon nicht. Der Erstere ist nur äußerlich gerührt, der Mensch Eli ist ergriffen, nicht aber die Seele Eli. Sie ist dieselbe Seele geblieben. Wenn die Erregung, die der Tod des Doras und das Wunder am Enkelkind bewirkt haben, abgeklungen ist, wird er wieder der Eli von gestern und von jeher sein. Simon! ... Auch Simon ist immer noch nichts mehr als ein Mensch. Hätte er gesehen, daß ich anstatt gefeiert beleidigt worden wäre, dann hätte er nur Mitleid mit mir empfunden und wäre einfach, wie immer, gegangen. Heute abend hat er vernommen, daß ein Greis, ein Kind und ein Aussätziger das tun können, was er als Verwandter

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nicht fertigbringt, und er hat gesehen, daß sich der Stolz eines Pharisäers mir gebeugt hat; da erst hat er sich entschlossen: "Auch ich werde es tun."

Solche menschlichen Erwägungen entsprungenen Bekehrungen machen mir keine Freude, im Gegenteil, sie sind eine Demütigung für mich. Bleibe bei mir, Matthäus! Der Himmel ist ohne Mond, doch es strahlen die Sterne. Mein Herz ist heute abend nur von Tränen erfüllt. Deine Gesellschaft sei der Stern in der Betrübnis deines Meisters...»

«Gern, Meister, wenn ich es darf... Leider bin ich immer noch ein Unglücklicher, ein armer Taugenichts. Ich habe zu viel gesündigt, um dir gefallen zu können. Ich verstehe es nicht, mich richtig auszudrücken und die neuen reinen, heiligen Worte auszusprechen, da ich nun meine ehemalige Redeweise des Betruges und der Unzucht aufgegeben habe. Ich fürchte, daß ich nie imstande sein werde, mit dir und über dich zu sprechen.»

«Nein, Matthäus. Du bist ein Mensch mit all seinen schmerzlichen Erfahrungen als Mensch. Du bist, da du den Schlamm gekostet hast und nun meinen himmlischen Honig genießt, einer, der beides in seinem wahren Wesen kennengelernt hat. Du hast begriffen und wirst, was du erfahren hast, deinen Mitmenschen von heute und morgen weitergeben können. Man wird glauben, gerade weil du Mensch bist, der arme Mensch, der durch seinen Willen zum Menschen, zum gerechten Menschen wird, wie ihn Gott sich erträumt hat. Laß mich, den Gott-Menschen, mich an dich anlehnen, du, Menschheit, die ich so sehr liebe, daß ich deinetwegen den Himmel verlassen habe, um für dich zu sterben.»

«Nicht sterben, nein! Sage nicht, daß du meinetwegen sterben wirst.»

«Nicht nur für dich allein, Matthäus, sondern für jeden Matthäus der Erde und aller Jahrhunderte. Umarme mich, Matthäus, küsse deinen Christus, für dich und für alle Menschen. Nimm den Überdruß des unverstandenen Erlösers von mir. Ich habe dich von deinem Überdruß als Sünder befreit. Trockne meine Tränen... denn meine Bitterkeit ist es, Matthäus, so wenig verstanden zu werden.»

«Oh, Herr, Herr! Ja! ja! ...» Matthäus, der sich neben den Meister gesetzt hat, legt nun einen Arm um seine Schultern und tröstet ihn mit seiner Liebe...

202. DAS MAHL IM HAUSE DES PHARISÄERS ELI IN KAPHARNAUM

Heute gibt es im Hause Eli viel zu tun. Diener und Dienerinnen kommen und gehen, und unter ihnen ist ein fröhlicher kleiner Wildfang, Elisäus. Dann treffen zwei prunkvoll gekleidete Persönlichkeiten ein und nach ihnen gleich noch zwei weitere. Die beiden ersten erkenne ich als die,

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die zusammen mit Eli im Hause von Matthäus waren. Die beiden anderen kenne ich nicht, doch höre ich, daß man sie Samuel und Joachim nennt. Zuletzt kommt Jesus mit Judas Iskariot.

Große gegenseitige Begrüßung, dann die Frage von Eli: «Nur mit diesem einen Jünger? Wo sind die anderen?»

«Die anderen sind auf den Feldern. Sie werden am Abend kommen.»

«Oh, das ist aber schade. Ich befürchtete schon, daß... Gestern abend habe ich nur dich eingeladen, doch habe ich damit auch sie gemeint. Nun fürchtete ich schon, sie hätten sich beleidigt gefühlt oder sie würden es wegen vergangener Unstimmigkeiten verschmähen, zu mir zu kommen... ha ... ha! Und der Alte lacht.

«O nein, meine Jünger kennen weder stolze Empfindlichkeiten, noch unheilbare Gefühle des Grolls.»

«Ja, ja. Sehr gut. Laßt uns also eintreten.»

Es folgt die übliche Zeremonie der Reinigung, dann betreten sie den Speisesaal, der zum geräumigen Hof hin, dem die ersten Rosen ein fröhliches Gepräge geben, geöffnet ist. Jesus liebkost den kleinen Elisäus, der im Hof spielt und von der vergangen Gefahr nur noch vier kleine, rote Spuren auf seinem Händchen hat. Sogar die erlittene Angst hat er vergessen, aber an Jesus erinnert er sich genau, und in kindlicher Unbefangenheit möchte der Kleine ihm einen Kuß geben und von ihm geküßt werden. Sein Ärmchen um den Hals Jesu gelegt, flüstert er ihm ins Ohr, daß er, wenn er einmal groß sein werde, mit ihm kommen möchte und fragt: «Willst du mich?»

«Alle will ich. Sei lieb, und du wirst mit mir kommen.»

Das Kind springt davon.

Sie gehen zu Tisch, und Eli, der unbedingt einen guten Eindruck machen will, läßt Jesus zu seiner Rechten und Judas zu seiner Linken Platz nehmen. Judas sitzt nun zwischen Eli und Simon, während Jesus sich zwischen Eli und Urias befindet.

Die Mahlzeit beginnt. Zunächst geht es bei den Gesprächen nur um allgemeine Themen, aber mit der Zeit werden sie interessanter. Da die Wunden schmerzen und die Ketten drücken, beginnt das stets wiederkehrende Gespräch über die Knechtschaft Palästinas unter den Römern, ob absichtlich oder zufällig, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß sich die fünf Pharisäer über neue römische Unterdrückungsmaßnahmen beklagen, die sie als Skandal empfinden, und daß sie Jesus in dieses Gespräch miteinbeziehen wollen.

«Verstehst du? Unsere Einkünfte wollen sie bis auf den letzten Heller überprüfen, und da sie dahintergekommen sind, daß wir uns in den Synagogen treffen, um über diese Dinge und über sie zu reden, drohen sie uns, daß sie ohne Ehrfurcht in diese eindringen werden. Ich fürchte, daß sie eines Tages auch in die Häuser der Priester kommen», schreit Joachim.

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«Was sagst denn du dazu ? Stößt dich das nicht ab ?» fragt Eli.

Jesus, der direkt gefragt worden ist, antwortet: «Als Israelit schon, als Mensch nicht.»

«Warum diese Unterscheidung? Ich verstehe dich nicht. Bist du zwei in einem?»

«Nein, aber ich bin aus Fleisch und Blut, also ein Lebewesen, und habe auch eine Seele. Die gesetzestreue Seele des Israeliten leidet unter dieser Entweihung. Das Fleisch und das Blut nicht, denn bei mir fehlt der Stachel, der euch verwundet.»

«Welcher?»

«Die Gewinnsucht. Ihr sagt, daß ihr euch in den Synagogen versammelt, um über Geschäfte zu sprechen, ohne euch vor indiskreten Ohren fürchten zu müssen. Nun fürchtet ihr, dies in Zukunft nicht mehr tun zu können. Ihr habt also Angst, daß ihr mit den Steuern nicht mehr betrügen könnt und sie im genauen Verhältnis zu eurem Besitz entrichten müßt. Ich habe nichts. Ich lebe von der Güte des Mitmenschen, dem ich meine Liebe schenke. Ich habe weder Gold noch Äcker, noch Weinberge, noch Häuser, wenn man von dem kleinen Haus meiner Mutter in Nazareth absieht, das so klein und ärmlich ist, daß die Steuer sich nicht einmal dafür interessiert. Deshalb quält mich nicht die Furcht, wegen falscher Angaben entdeckt und noch stärker besteuert oder bestraft zu werden. Alles was ich habe ist das Wort, das Gott mir gegeben hat und das ich weitergebe. Doch dieses ist so erhaben, daß es durch nichts beeinträchtigt werden kann.»

«Aber wenn du an unserer Stelle wärest, wie würdest du dich verhalten ?»

«Nun, nehmt es mir nicht übel, wenn ich meine Meinung deutlich sage, die ganz im Gegensatz zur eurigen steht. Wahrlich, ich sage euch, ich würde anders handeln.»

«Wie denn?»

«Nicht so, daß die heilige Wahrheit verletzt wird. Sie ist immer eine erhabene Tugend, selbst in so menschlichen Dingen wie den Steuern.»

«Ja, aber dann, aber dann! Wie würden wir auf diese Weise geschröpft werden! Du vergißt wohl, daß unser Besitz groß ist und die Abgaben dementsprechend hoch wären.»

«So ist es: Gott hat euch viel gewährt, entsprechend viel müßt ihr daher auch geben. Warum handeln die Menschen so schlecht und besteuern die Armen unverhältnismäßig hoch? Wir wissen, wie viele Steuern es in Israel gibt, Steuern, die wir selbst einziehen, und auch ungerechte. Sie dienen nur den Reichen, die bereits viel besitzen, während sie die Armen zur Verzweiflung treiben, da sie bis zum Letzten ausgepreßt werden. Die Nächstenliebe rät uns nicht, so zu handeln. Die Sorge von uns Israeliten sollte es sein, die Last der Armen auf unsere Schultern zu nehmen.»

«Du sprichst nur so, weil du selber arm bist.»

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«Nein, Urias. Ich rede so, weil es gerecht ist. Warum konnte und kann Rom uns so auspressen? Weil wir gesündigt haben und weil wir durch die Mißgunst entzweit sind. Der Reiche haßt den Armen, der Arme haßt den Reichen, weil es keine Gerechtigkeit gibt; und der Feind nützt diese Lage aus, um uns zu unterdrücken.»

«Du hast mehrere Gründe erwähnt... Welches sind die anderen?»

«Ich verstoße nicht gegen die Wahrheit, wenn ich sage, daß die dem Gottesdienst geweihten Stätten ihrem Zweck entfremdet werden, da sie als sicherer Zufluchtsort für menschliche Angelegenheiten mißbraucht werden.»

«Du machst uns einen Vorwurf ?»

«Nein, ich antworte euch nur. Ihr solltet auf euer Gewissen hören. Ihr seid Lehrmeister und darum...»

«Ich würde sagen, daß es an der Zeit wäre, sich zu erheben, sich aufzulehnen, den eingedrungenen Feind zu bestrafen und unser Reich wieder herzustellen.»

«Das ist wahr! Du hast recht, Simon. Aber hier ist der Messias, an ihm ist es, dies zu tun», antwortet Eli.

«Doch der Messias – verzeih Jesus – ist im Augenblick nur Güte. Er rät zu allem, nur nicht zum Aufstand. Wir werden...»

«Simon, höre zu. Denke an das Buch der Könige. Saul war in Gilgal, die Philister in Machmas, das Volk fürchtete sich und ließ sich gehen, da der Prophet Samuel nicht kam. Saul wollte dem Diener Gottes zuvorkommen und selbst das Opfer darbringen. Erinnerst du dich an das, was Samuel bei seiner Ankunft zum unklugen König Saul sagte? "Du hast töricht gehandelt und die vom Herrn erteilten Befehle nicht befolgt. Hättest du nicht so gehandelt, würde der Herr dein Königtum über Israel nun für ewig begründen. Doch so wird dein Königtum nie wieder bestehen können." Eine unzeitige, stolze Tat hat weder dem König noch dem Volk genützt. Gott kennt die Stunde, nicht der Mensch. Gott kennt die Mittel, nicht der Mensch. Laßt Gott handeln und verdient euch seine Hilfe durch ein gottesfürchtiges Betragen. Mein Reich ist kein Reich der Auflehnung und der Gewalt, und doch wird es errichtet werden. Es wird nicht ein Vorrecht weniger Menschen, sondern ein weltumspannendes Reich sein. Selig jene, die zu ihm kommen werden und sich nicht durch meine äußere Armut, nach dem Geist der Welt, täuschen lassen und in mir den Retter erkennen. Habt keine Angst. Ich werde König sein, der aus Israel hervorgegangene König, dessen Reich die ganze Menschheit umfaßt. Doch ihr, Lehrmeister Israels, mißversteht nicht meine Worte und jene der Propheten, die mich ankündigen. Kein menschliches Reich, und mag es auch noch so mächtig sein, ist weltumspannend und ewig; was aber von meinem Reich durch die Propheten bezeugt wird. Dies möge euch erleuchten über die Wahrheit und die geistige Natur meines Reiches. Ich verlasse

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euch nun, doch möchte ich noch eine Bitte an Eli richten: Hier ist dein Beutel. Im Armenhaus Simons des Jonas sind Arme, die von überall hergekommen sind, untergebracht. Begleite mich und bringe ihnen diese Gabe der Liebe. Der Friede sei mit euch allen.»

«Bleibe noch», bitten die Pharisäer.

«Ich kann nicht. Es gibt Kranke an Leib und Seele, die darauf warten, getröstet zu werden. Morgen werde ich eine weite Reise antreten. Ich möchte, daß mich alle ohne Enttäuschung weggehen sehen.»

«Meister, ich bin alt und müde. Geh du in meinem Namen. Du hast Judas des Simon bei dir, den wir gut kennen... Tue es selbst. Gott sei mit dir.»

Jesus geht mit Judas hinaus. Kaum auf dem Platz angelangt, sagt dieser: «Alte Schlange! Was hat er wohl damit sagen wollen?»

«Aber denk doch nicht daran, oder denke, daß er dich damit loben wollte!»

«Unmöglich, Meister. Diese Mäuler loben niemanden, der Gutes tut, aufrichtig, will ich sagen. Was das Mitkommen betrifft... nur weil er sich vor den Armen ekelt und fürchtet, von ihnen verflucht zu werden... ! Er hat die Armen hier oft genug gequält. Ich kann dies ohne weiteres beschwören. Darum..»

«Laß es gut sein, Judas. Überlasse Gott das Urteil.»

203. UNTERWEGS IN DIE EINSAMKEIT DER BERGE VOR DER ERWÄHLUNG DER APOSTEL

Die Barken des Petrus und des Johannes segeln ruhig auf dem See dahin. Und sämtliche Boote, die in Tiberias aufzutreiben waren, folgen ihnen. Mir scheint, daß alle diese Boote und Kähne, die kommen und gehen, versuchen, sich gegenseitig zu überholen und das Boot Jesu zu erreichen, um sich dann wieder am Ende der Reihe anzuschließen. Bitten, Flehen, Rufe und Fragen kreuzen sich auf den blauen Wellen.

Jesus – in dessen Boot auch Maria, seine Mutter, und die Mutter des Jakobus und des Judas sitzen, während sich im anderen Boot Maria Salonie mit ihrem Sohn Johannes und Susanna befinden – verspricht, antwortet und segnet unermüdlich. «Ich werde wiederkommen. Ja, ich verspreche es euch. Seid gut! Denkt an meine Worte und versteht ihren Zusammenhang mit denen, die ich euch noch sagen werde. Es wird nur eine kurze Trennung sein. Seid nicht selbstsüchtig, ich bin auch für die anderen gekommen. Seid gut! Ihr werdet euch weh tun. Gewiß, ich werde für euch beten. Ihr werdet mich immer in eurer Nähe haben. Der Herr sei mit euch! Sicherlich werde ich mich deiner Tränen erinnern, und du wirst getröstet werden. Hoffe, habe Glauben!»

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So segnet und verspricht er immerzu, bis das Boot das Ufer erreicht. Es ist nicht Tiberias, sondern ein ganz kleiner Weiler, nur eine Handvoll Häuser, arm, beinahe verlassen. Jesus und die Seinen steigen aus, und Zebedäus und die Schiffsjungen kehren in den Booten zurück. Die anderen Boote tun es ihnen nach, doch viele, die in ihnen saßen, sind ebenfalls ausgestiegen und wollen Jesus unbedingt folgen. Unter ihnen sehe ich Isaak mit seinen beiden Schützlingen Joseph und Timoneus. Andere erkenne ich nicht unter den vielen Leuten jeden Alters, vom Kind bis zum Greis.

Jesus verläßt den Weiler, dessen wenige, zerlumpte Einwohner gleichgültig bleiben. Jesus läßt ihnen Almosen geben. Als er die Hauptstraße erreicht hat, bleibt er stehen.

«Nun wollen wir uns trennen», sagt er. «Mutter, geh nun auch du mit Maria und Salome nach Nazareth. Susanna kann nach Kana zurückkehren. Ich werde bald wiederkommen. Ihr wißt, was zu tun ist. Gott sei mit euch!»

Doch für seine Mutter hat er einen Abschiedsgruß mit einem ganz besonders liebevollen Lächeln; und auch als Maria niederkniet, um von Jesus gesegnet zu werden, und die anderen ihrem Beispiel folgen, lächelt ihr Jesus voll Zärtlichkeit zu. Die Frauen machen sich in Bereitung von Alphäus der Sara und Simon auf den Weg nach ihrer Stadt.

Jesus wendet sich an die Zurückgebliebenen: «Ich verlasse euch nun, doch ich schicke euch nicht fort. Ich verlasse euch für einige Zeit, um mich mit meinen Jüngern, die ihr dort seht, in die Schluchten zurückzuziehen. Wer auf mich warten will, soll in dieser Ebene warten, wer nicht warten möchte, kehre nach Hause zurück. Ich werde mich zum Gebet zurückziehen, weil ich am Vorabend großer Dinge stehe. Wer die Sache des Vaters liebt, möge beten und sich geistig mit mir vereinigen. Der Friede sei mit euch, Söhne! Isaak, du weißt, was du zu tun hast. Ich segne dich, kleiner Hirte.» Jesus lächelt dem mageren Isaak zu, der nun zum Hirten der Menschen geworden ist, die sich um ihn scharen.

Jesus wendet dem See den Rücken und begibt sich festen Schrittes zu einer der Schluchten zwischen den Hügeln, die sich westlich vom See sozusagen parallel zueinander erheben. Durch diese fjordartige Schlucht zwischen den beiden felsigen Hügeln fließt mit großem Getöse ein schäumender Bach, und darüber erhebt sich ein öder Berg mit wilden Sträuchern, die willkürlich und wirr durcheinander zwischen Steinen und Felsen gewachsen sind. Ein Ziegenpfad klettert den schrofferen der beiden Hügel empor, und Jesus schlägt gerade diesen Weg ein.

Die Jünger folgen ihm mühsam im Gänsemarsch, in vollkommenem Schweigen. Nur wenn Jesus an einer etwas breiteren Stelle des Pfades, der einer Kratzspur auf dieser unwegsamen Anhöhe gleicht, stehenbleibt, um sie Luft holen zu lassen, schauen sie einander schweigend an. Ihre Blicke

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fragen: «Wohin wird er uns wohl führen?» Doch sie bleiben stumm. Sie sehen sich nur an und werden jedesmal unglücklicher, wenn sie feststellen, daß Jesus wieder den Weg durch die wilde Schlucht, voller Höhlen, Spalten und Felsbrocken aufgenommen hat. Steine, Brombeersträucher und tausend andere lästige Gewächse machen ein Vorwärtskommen sehr mühsam. Die stacheligen Sträucher hängen sich von allen Seiten an die Kleider, kratzen, bringen zum Stolpern und schlagen ins Gesicht. Auch die Jüngeren, die schwere Taschen tragen, haben ihre gute Laune verloren.

Endlich bleibt Jesus stehen und sagt: «Hier werden wir nun eine Woche lang im Gebet verweilen, um euch auf etwas Großes vorzubereiten. Deshalb habe ich einen so verlassenen Ort gewählt, fern von allen Karawanen und Dörfern. Hier gibt es Höhlen, die früher schon den Menschen gedient haben. Sie werden auch uns dienen. Hier gibt es reichlich frisches Wasser, aber das Erdreich ist trocken. Wir haben genügend Brot und Nahrungsmittel für diesen Aufenthalt. Die, die im vorigen Jahre mit mir in der Wüste waren, wissen, wie ich dort gelebt habe. Die hier ist ein Palast im Vergleich zu jenem Ort, und die nun schon angenehme Jahreszeit nimmt der Kälte ihre Härte und der Sonne ihre Hitze. Seid daher guten Mutes. Vielleicht werden wir niemals mehr alle so beisammen sein und so unter uns.

Dieser Aufenthalt möge euch verbinden, damit ihr nicht mehr zwölf Männer seid, sondern eine Einheit.

Habt ihr nichts zu sagen? Habt ihr keine Fragen? Legt eure Lasten, die ihr tragt, auf den Felsen dort und werft auch die andere Last, die ihr auf dem Herzen tragt, zu Tal: eure Menschlichkeit. Ich habe euch hierher geführt, um zu eurer Seele zu sprechen, um euren Geist zu nähren, um euch zu vergeistigen. Ich werde nicht viel zu euch sprechen, denn ich habe schon viel zu euch gesprochen in diesem Jahr, seit ich bei euch bin. Das soll euch genügen. Wollte ich euch mit Worten ändern, müßte ich euch zehn, ja hundert Jahre bei mir behalten, und immer noch wäret ihr unvollkommen. Nun ist die Zeit gekommen, da ich euch heranziehe; denn um euch einsetzen zu können, muß ich euch formen. Ich greife daher zur großen Arznei, zur mächtigen Waffe: zum Gebet. Ich habe immer für euch gebetet. Nun will ich, daß ihr selbst betet. Ich werde euch mein Gebet noch nicht lehren, aber ich lehre euch, wie man betet und was das Gebet ist. Das Gebet ist ein Gespräch der Kinder mit dem Vater, von Geist zu Geist, offen, innig, vertrauensvoll, gesammelt und aufrichtig. Das Gebet ist alles: es ist Bekenntnis, Selbsterkenntnis, Selbstanklage; es ist ein Gott und sich selbst gegebenes Versprechen, eine Bitte an Gott, und dies alles zu Füßen des Vaters. Beten kann man nicht inmitten des Lärms und der Zerstreuung der Welt, es sei denn, man wäre ein Riese im Beten. Und selbst die Riesen leiden in den Stunden ihres Gebetes unter diesem Lärm und der Gegensätzlichkeit der Welt. Ihr aber seid keine Riesen, sondern

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Zwerge. Ihr seid noch Kinder im Glauben, seid noch in den Anfängen. Hier werdet ihr das Alter der geistigen Vernunft erlangen. Das übrige wird später kommen.

Morgens, mittags und abends werden wir uns jeweils versammeln, um miteinander die alten Worte Israels zu beten und das Brot zu brechen. Dann wird jeder in seine Höhle zurückkehren und mit Gott und seiner Seele und mit dem, was ich euch über euere Sendung und euere Fähigkeiten gesagt habe, allein sein. Erwägt, hört auf eure innere Stimme und entscheidet. Ich sage euch dies zum letzten Mal. Danach müßt ihr so vollkommen als möglich sein, ohne Müdigkeit und menschliche Schwächen. ihr werdet dann nicht mehr Simon des Jonas und Judas des Simon sein. Ihr werdet nicht mehr Andreas oder Johannes, Matthäus oder Thomas sein, sondern ihr werdet meine Verwalter sein. Geht nun, ein jeder für sich allein. Ich werde immer dort in der Höhle sein. Doch kommt nicht ohne ernsthaften Grund zu mir. Ihr müßt lernen, selbständig zu handeln und allein zu sein. Denn in Wahrheit sage ich euch: vor einem Jahr haben wir uns kennengelernt, und in zwei Jahren werden wir uns trennen. Wehe euch und wehe mir, wenn ihr dann noch nicht gelernt habt, selbständig zu handeln. Gott sei mit euch! Judas, Johannes, tragt die Lebensmittel in meine Höhle. Sie müssen ausreichen, und ich werde sie selbst verteilen.»

«Viel wird es nicht sein...», entgegnet jemand.

«Genug, um nicht zu sterben. Ein satter Bauch belastet den Geist. Ich will euch erheben und nicht belasten.»

204. DIE ERWÄHLUNG DER ZWÖLF JÜNGER ZU APOSTELN

Die aufgehende Sonne färbt die Berge weiß und mildert das Aussehen der Wildnis. Nur das Rauschen des in der Tiefe schäumenden Bächleins hallt von den höhlenreichen Bergwänden wider. Dort, wo die Jünger sich niedergelassen haben, ist zwischen den Stauden und Gräsern immer wieder ein vorsichtiges Rascheln zu hören. Es sind die ersten erwachenden Vögel und letzten Tiere der Nacht, die sich verkriechen. Ein paar Hasen, die an einer niedrigen Brombeerstaude nagen, flüchten erschreckt, als ein Stein den Abhang herabrollt. Nach einer Weile kehren die Tiere vorsichtig zurück. Sie spitzen die Ohren, um jeden Laut einzufangen, und da tiefer Friede herrscht, sind sie bald wieder an ihrem Strauch. Der Tau wäscht alles Laub, alle Steine, und aus dem Wald steigen die starken Düfte des Mooses, der Minze und des Majorans auf.

Ein Rotkehlchen wagt sich bis an den Eingang einer Höhle heran, der ein Felsvorsprung als Vordach dient. Es steht aufrecht auf seinen seidenen Füßchen, jederzeit zu Fliehen bereit, wendet das Köpfchen nach links und

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nach rechts, äugt in die Höhle, schaut auf den Boden, flüstert sein fragendes «piep, piep» ... und wagt nicht, bis zu den Brotkrümchen vorzudringen. Erst als eine große Amsel, die sich wie ein Lausbub gebärdet und in ihrem Profil einem alten Notar gleicht, dem nur die Brille fehlt, es ihm vormacht, folgt das Rotkehlchen dem kühnen Herrn, der auf der Futtersuche immer wieder seinen gelben Schnabel in die feuchte Erde steckt und dann nach einem «tschiep» oder einem kurzen, schelmischen Pfiff weiterhüpft. Das Rotkehlchen verspeist fleißig Brosamen und ist sichtlich erstaunt, als es sieht, daß die Amsel, die selbstsicher in die stille Höhle hineinspaziert, nun mit einer Käserinde herauskommt, die sie immer wieder gegen einen Stein schlägt, um sie zu zerkleinern und daraus ein Festmahl zu machen. Schließlich kehrt sie noch einmal in die Höhle zurück, späht in alle Richtungen, und da nichts mehr zu finden ist, stößt sie einen spöttischen Pfiff aus und fliegt davon, um ihren Gesang auf einer Steineiche, die ihren Gipfel in das Blau des Morgenhimmels taucht, zu beenden. Auch das Rotkehlchen fliegt davon, als es im Inneren der Höhle ein Geräusch vernimmt, und läßt sich auf einem dünnen, über dem Abgrund schaukelnden Zweig nieder.

Jesus erscheint am Eingang der Höhle, streut Brosamen und ahmt ganz sachte mit einem gedämpften Pfeifen das Zwitschern der Vögelchen nach um sie anzulocken.

Dann geht er einige Schritte auf dem Pfad weiter und lehnt sich unbeweglich an eine Felswand, um seine Freunde, die herunterkommen, nicht zu erschrecken. Zuerst kommt das Rotkehlchen und dann folgen noch viele andere Vögelchen verschiedenster Art. Die Regungslosigkeit Jesu und vielleicht auch sein Blick – ich denke gerne so, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß auch sehr mißtrauische Tiere sich denen nähern, die sie instinktiv nicht als Feinde, sondern als Beschützer erkennen – bewirken, daß die Vöglein kurz darauf wenige Zentimeter von Jesus entfernt herumhüpfen. Das inzwischen satte Rotkehlchen fliegt hinauf zum Felsen, an dem Jesus lehnt, läßt sich auf einem dünnen Waldrebenzweig nieder und schaukelt über dem Haupte Jesu als ob es Lust hätte, sich auf seinen blonden Kopf oder seine Schulter zu setzen. Die Mahlzeit ist zu Ende. Die Sonne vergoldet den Gipfel des Berges und gleich danach die höchsten Zweige des Waldes, während im Tale noch alles im fahlen Morgenlichte liegt. Die Vöglein fliegen satt und zufrieden der Sonne entgegen und singen aus voller Kehle.

«Nun ist es an der Zeit, meine anderen Kinder zu wecken», sagt Jesus und geht den Pfad hinab, denn seine Höhle liegt am höchsten. Von einer Höhle zur anderen gehend, ruft er die zwölf Schläfer beim Namen.

Simon, Bartholomäus, Philippus, Jakobus und Andreas antworten sofort. Matthäus, Petrus und Thomas sind langsamer im Antworten. Während Judas Thaddäus schon bereit und munter ist und Jesus entgegengeht,

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als er ihn am Eingang erblickt, schlafen die anderen Vettern, Judas Iskariot und Johannes noch so tief, so daß Jesus sie auf ihren Lagern aus trockenem Laub wachrütteln muß.

Johannes, der zuletzt Gerufene, schläft so tief, daß ihm nicht bewußt wird, wer ihn ruft, und er im Halbschlaf murmelt: «Ja, Mutter, ich komme gleich...», um sich dann wieder umzudrehen und weiterzuschlafen. Jesus lächelt. Er setzt sich an das Lager aus im Walde gesammelten Laub, beugt sich nieder und küßt seinen Johannes auf die Wange. Dieser öffnet die Augen und starrt seinen Meister erstaunt an. Dann setzt er sich mit einem Ruck auf und sagt: «Brauchst du mich? Da bin ich.»

«Nein. Ich habe dich wie alle anderen geweckt. Doch du hast geglaubt, es wäre deine Mutter. So habe ich dich geküßt, um das zu tun, was die Mütter tun.»

Johannes, halbnackt im Unterkleide, denn er hat das Gewand und den Mantel als Decke benützt, hängt sich an den Hals Jesu, lehnt das Haupt an seine Schulter und sagt: «Oh, du bedeutest mir weit mehr als die Mutter. Ich habe sie deinetwegen verlassen. Dich aber würde ich ihretwegen nie verlassen. Sie hat mir das irdische Leben geschenkt, du aber schenkst mir das ewige Leben. Oh, ich weiß es!»

«Was weißt du denn mehr als die anderen?»

«Das, was der Herr mir in dieser Höhle gesagt hat. Sieh, ich bin nie zu dir gekommen und nehme an, daß die Gefährten von mir gesagt haben, daß ich gleichgültig und hochmütig bin. Doch ich mache mir nichts aus dem, was sie denken. Ich weiß, daß du die Wahrheit kennst. Ich kam nicht zu Jesus Christus, dem menschgewordenen Sohn Gottes, sondern zu dem, was du im Schoße des Feuers, der ewigen Liebe der Heiligen Dreifaltigkeit, bist, zu ihrer Natur, ihrem Wesen, ihrem wahren Wesen: der zweiten Person des unaussprechlichen Geheimnisses, das Gott ist, und in das ich eindringe, weil Gott mich an sich gezogen hat und so immer bei mir war... Oh, ich kann in Worten nicht ausdrücken, was ich in dieser dunklen, düsteren Höhle begriffen habe, die für mich so voller Licht geworden ist; in dieser kalten Höhle, in der ich von einem unsichtbaren Feuer entbrannt bin, das in mein Innerstes eingedrungen ist und dort ein süßes Martyrium entzündet hat; in dieser stillen Höhle, die mir doch himmlische Wahrheiten verkündet hat. Alle meine Wünsche, alle meine Tränen und alle meine Fragen habe ich an deiner göttlichen Brust, dem Wort Gottes, ausgeschüttet, und nie habe ich, trotz allem, was ich von dir vernommen habe, so unermeßlich erhabene Dinge erfahren, wie du sie mir mitgeteilt hast, Sohn Gottes. Du, Gott gleich dem Vater, du, Gott gleich dem Heiligen Geist, du, der Angelpunkt der Dreiheit... Oh, vielleicht lästere ich! Doch ich erkenne es so, denn wenn du nicht wärest, du, der du die Liebe des Vaters und die Liebe zum Vater bist, dann würde auch die Liebe, die göttliche Liebe fehlen, und Gott wäre nicht mehr der Dreieinige, und es würde ihm

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die grundlegende Eigenschaft Gottes, nämlich seine Liebe, fehlen! Oh, so viel habe ich in mir, aber es ist wie ein Wasser, das gegen eine Schleuse sprudelt und wallt und keinen Abfluß findet... Es ist mir, als ob ich darob sterben müßte, so gewaltig und erhaben ist die Erregung, die über mein Herz gekommen ist, seitdem ich dich verstanden habe... Doch um nichts in dieser Welt möchte ich davon befreit werden... Laß mich an dieser Liebe sterben, mein süßer Gott!»

Johannes, von Liebe entflammt, lächelt, weint, und ruht ermattet an der Brust Jesu, als ob ihn die Glut verzehren würde. Jesus, seinerseits ganz von Liebe erfüllt, liebkost ihn.

Johannes erholt sich wieder in einer Aufwallung von Demut und bittet: «Sag den anderen nichts von dem, was ich dir gesagt habe. Gewiß haben auch sie, wie ich, in diesen Tagen in Gott gelebt. Laß den Schleier des Schweigens mein Geheimnis bedecken...»

«Sei versichert, Johannes, niemand wird von deiner Vermählung mit der Liebe erfahren. Kleide dich an und komm. Wir müssen aufbrechen.»

Jesus tritt auf den Pfad hinaus, wo die anderen schon warten. Ihre Gesichter haben einen würdevolleren und gesammelteren Ausdruck. Die Älteren gleichen Patriarchen, die Jüngeren haben eine gewisse Reife und Würde erlangt, die ihnen zuvor wegen ihrer Jugend noch fehlte. Judas Iskariot betrachtet Jesus mit einem scheuen Lächeln auf dem von Tränen gezeichneten Gesicht. Jesus liebkost ihn im Vorbeigehen. Petrus... sagt kein Wort. Das ist so befremdend an ihm, daß es mehr als jede andere Veränderung in Staunen versetzt. Er betrachtet Jesus aufmerksam, jedoch mit einer neuen Würde, die seine Stirn mit den etwas kahl gewordenen Schläfen höher und seine Augen, die bisher voller Geist funkelten, ernster erscheinen läßt. Jesus ruft ihn zu sich und behält ihn in seiner Nähe in Erwartung des Johannes, der endlich erscheint mit einem Gesicht, von dem ich nicht sagen kann, ob es röter oder blasser ist, doch sicher ist es von einer inneren Glut entflammt, die seine Gesichtsfarbe zwar nicht verändert, aber deutlich bemerkbar ist. Alle schauen ihn an.

«Komm her zu mir, Johannes, auch du Andreas, und du, Jakobus des Zebedäus, und du, Simon, und du, Bartholomäus, und du Philippus, und ihr, meine Brüder, und du Matthäus. Judas des Simon, mir gegenüber. Thomas hierher. Setzt euch. Ich muß mit euch reden.»

Sie setzen sich alle hin wie ruhige Kinder, noch halb vertieft in ihre innere Welt, und dennoch hören sie Jesus so aufmerksam zu wie nie zuvor.

«Wißt ihr, was ich in euch bewirkt habe? Alle wißt ihr es. Die Seele hat es dem Verstand gesagt. Die Seele, die in diesen Tagen Königin war, hat den Verstand zwei große Tugenden gelehrt: die Demut und das Schweigen. Das Schweigen, das ein Kind der Demut und der Klugheit ist, die ihrerseits Töchter der Nächstenliebe sind.

Vor acht Tagen noch wäret ihr gekommen, um wie echte Kinder, die in

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Erstaunen versetzen und ihr Gegenüber übertreffen wollen, eure Tüchtigkeit und eure neuen Erkenntnisse zu verkünden. Nun schweigt ihr. Vom Kind habt ihr euch zum Jüngling gewandelt und wißt nun, daß so etwas eure Gefährten, die vielleicht von Gott nicht so sehr mit Wohltaten bedacht wurden, beschämen könnte; deshalb sagt ihr nichts. Auch seid ihr wie Mädchen, die zur Reife gelangt sind. In euch ist die heilige Scham vor der Wandlung erwacht, die euch das Geheimnis der Vermählung der Seelen mit Gott geoffenbart hat. Diese Höhlen schienen euch am ersten Tage kalt, unwirtlich, abstoßend... Nun betrachtet ihr sie wie duftende, lichtvolle Hochzeitsgemächer. In ihnen habt ihr Gott kennengelernt. Vorher wußtet ihr von ihm, doch ihr hattet mit ihm noch nicht die Vertrautheit, die aus zwei Wesen eines macht. Unter euch sind Männer, die seit Jahren verheiratet sind; andere, die nur trügerische Beziehungen mit Frauen hatten, und wieder andere, die aus verschiedenen Gründen keusch geblieben sind. Die Keuschen aber wissen nun, was die vollkommene Liebe ist, so wie es die Verheirateten wissen. Ich kann euch sogar sagen, daß keiner so gut weiß, was die vollkommene Liebe ist, wie der, der die fleischliche Lust nicht kennt. Denn Gott offenbart sich dem Keuschen in seiner ganzen Fülle, aus Freude, sich dem Reinen schenken zu können, da er, der Reinste, in diesem jungfräulichen Geschöpf etwas von sich selbst wiederfindet, und um es für seinen Verzicht aus Liebe zu ihm zu entschädigen.

Wahrlich, ich sage euch, hätte ich nicht die Aufgabe, das Werk des Vaters zu vollbringen, so würde ich euch in meiner Liebe und meiner Weisheit hier behalten und mit euch abgesondert leben. Und gewiß würde ich aus euch bald große Heilige machen, die nicht mehr weggehen, nicht mehr fallen und in ihrem Eifer nicht mehr nachlassen würden. Doch ich kann nicht. Ich muß gehen und auch ihr müßt gehen. Die Welt erwartet uns, die entheiligte und entheiligende Welt, die Lehrer und Retter braucht. Ich wollte euch Gott erkennen lassen, damit ihr ihn mehr liebt als die Welt, die mit all ihren Gefühlen nicht ein einziges Lächeln Gottes wert ist. Ich wollte, daß ihr darüber nachdenkt, was die Welt ist und was Gott ist, damit ihr nach dem Besseren strebt. In diesem Augenblick sehnt ihr euch nur nach Gott. Oh, könnte ich euch auf ewig in dieser Stunde und in dieser Sehnsucht festhalten!

Doch die Welt wartet auf uns, und wir werden in die Welt, die uns erwartet, gehen, um der heiligen Barmherzigkeit willen, die, wie sie mich in die Welt entsandt hat, nun euch durch meinen Befehl in die Welt aussendet. Aber ich beschwöre euch: Bewahrt den Schatz dieser Tage in euch wie Perlen in einem Schrein, dieser Tage, die ihr der Betrachtung und euren Seelen gewidmet habt, in denen ihr euch Gott übergeben, euch erhoben und einen neuen Menschen angezogen habt. Wie die Patriarchen zum Andenken und zum Zeugnis der Bündnisse mit Gott Steine errichtet haben, so sollt ihr dieses kostbare Andenken in eurem Herzen hüten.

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Von heute an seid ihr nicht mehr die bevorzugten Jünger, sondern die Apostel, die Leiter meiner Kirche. Von euch wird für alle Zeiten ihre Hierarchie abstammen, und ihr werdet Lehrer genannt werden und euren Gott in seiner dreifachen Macht, Weisheit und Liebe zum Meister haben. Ich habe euch nicht erwählt, weil ihr es am meisten verdient, sondern aus vielerlei Gründen, die ihr im Augenblick noch nicht zu wissen braucht. Ich habe euch statt der Hirten erwählt, die meine Jünger sind, seit ich auf Erden bin. Warum habe ich das getan? Weil es gut so war. Unter euch sind Galiläer und Juden, Gebildete und Ungebildete, Vermögende und Arme in den Augen der Welt, damit man nicht sagen kann, ich hätte eine einzelne Volksschicht bevorzugt. Doch eure Zahl ist zu gering für all das, was zu tun ist, sowohl jetzt als auch später.

Nicht alle von euch werden sich an eine Stelle der Schrift im zweiten Buch Paralipomenon, 29. Kapitel, erinnern, und so möchte ich sie euch ins Gedächtnis rufen. Dort steht geschrieben wie Ezechias, König von Juda, den Tempel reinigen ließ. Hierauf ließ er Opfer darbringen, als Sündopfer für das Königshaus, das Heiligtum und für Juda; danach begann jeder einzelne, sein Opfer darzubringen. Da aber für die Darbringung so vieler Opfer die Priester nicht ausreichten, rief man Leviten zu Hilfe, die in einem einfacheren Ritus als die Priester geweiht worden waren.

Sowohl das eine als auch das andere werde ich tun. Ihr seid die Priester, die ich, als Ewiger Hohepriester, lange Zeit mit unermüdlicher Sorgfalt vorbereitet habe. Doch ihr seid zu wenige für die immer zunehmende Arbeit, die sich ergibt, weil sich so viele einzelne Menschen ihrem Herrn und Gott opfern. Somit geselle ich euch die Jünger bei, die weiterhin Jünger bleiben werden. Es sind jene, die am Fuße des Berges warten, jene, die schon etwas höher stehen, jene, die über das Land Israel und bald über die ganze Welt verstreut sein werden. Sie werden dieselben Aufgaben haben, denn die Mission ist ein und dieselbe. Verschieden wird ihr Rang nur in den Augen der Welt gewertet, nicht aber in den Augen Gottes. Bei Gott gilt die Gerechtigkeit, und so ist der bescheidene, von Aposteln und Mitbrüdern unbeachtete Jünger, der durch sein heiligmäßiges Leben viele Seelen für Gott gewinnt, in seinen Augen größer als der bekannte Apostel, der nur dem Namen nach Apostel ist, seine Apostelwürde jedoch zu menschlichen Zwecken mißbraucht.

Die Aufgabe der Apostel und der Jünger wird immer die der Priester und Leviten des Ezechias sein: Gottesdienste halten, den Götzendienst ausrotten, die Herzen und die Stätten reinigen, den Herrn und sein Wort verkünden. Eine heiligere Aufgabe gibt es auf dieser Welt nicht! Daher habe ich zu euch gesagt: "Hört auf eure innere Stimme, prüft euch!" Wehe dem Apostel, der fällt! Er zieht viele Jünger mit sich, und diese ziehen eine noch größere Anzahl von Gläubigen mit sich, und das Verderben wird immer größer, wie eine vom Berg herabstürzende Lawine oder ein ins

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Wasser geworfener Stein, der immer weitere Kreise zieht, wenn man noch mehr Steine auf die gleiche Stelle wirft.

Werdet ihr alle vollkommen sein? Nein. Wird der Geist von heute bleiben? Nein. Die Welt wird ihre Netze auswerfen, um euch zu Fall zu bringen. Es wird der Sieg der Welt sein, die als Tochter Satans zu fünf Zehntel, Sklaven Satans zu noch drei Zehntel und gleichgültig Gott gegenüber zu den übrigen zwei Zehntel sein wird; ein Sieg, der das Licht in den Herzen der Heiligen löschen wird. Verteidigt euch vor allem gegen euch selbst, gegen die Welt, das Fleisch, den Teufel. Doch ganz besonders verteidigt euch gegen euch selbst. Wehrt euch, meine Kinder, gegen den Stolz, die Sinnlichkeit, die Doppelzüngigkeit, die Lauheit, die geistige Trägheit, gegen den Geiz! Wenn sich euer niedriges Ich gegen scheinbar unmenschliche Härte auflehnt und sich beklagt, dann bringt es zum Schweigen und sagt: "Für die Entbehrung, die ich dir für kurze Zeit auferlege, verschaffe ich dir auf ewig das Gastmahl der Verzückung, das du in der Berghöhle am Ende des Mondes Schebat erlebt hast."

Laßt uns gehen! Laßt uns den anderen entgegengehen, die in großer Zahl auf mein Kommen warten. Ich werde dann für einige Stunden in Tiberias sein, und ihr erwartet mich predigend am Fuße des Berges auf der Straße von Tiberias zum Meer. Ich werde dorthin kommen und auf den Berg steigen, um zu predigen. Nehmt eure Taschen und Mäntel. Der Aufenthalt ist beendet, und die Erwählung ist erfolgt.»

205. DIE ERSTE PREDIGT SIMONS DES ZELOTEN UND DES JOHANNES

Als Jesus den Berghang herabkommt, sieht er auf halber Höhe viele Jünger und viele andere, die sich nach und nach den Jüngern angeschlossen haben und ihnen an diesen abseits gelegenen Ort gefolgt sind, weil sie Wunder hoffen oder Jesus hören wollen, sei es auf Anraten von anderen, sei es aus eigenem seelischen Antrieb. Ich glaube, daß die Schutzengel diese Menschen in ihrer Sehnsucht nach Gott zum Sohn Gottes geführt haben. Ich glaube nicht, mit dieser Überzeugung eine fromme Legende zu erzählen. Wenn man bedenkt, mit welch stetiger und listiger Hartnäckigkeit Satan die Feinde Gottes zu Jesus führt, sobald es dem dämonischen Geist gelingt, ihnen die Schuld Christi vorzutäuschen, ist es auch erlaubt zu glauben, daß die Engel den Teufel nicht nachstehen und die guten Seelen zu Christus führen.

Jesus kommt allen, die, ohne müde oder ängstlich zu werden, auf ihn gewartet haben, mit Wundern und Worten zu Hilfe. Wie viele Wunder! So viele Wunder wie Blumen an den Berghängen, und so großartige

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Wunder wie das an dem Kind, das schwer verbrannt aus einem brennenden Strohschober gezogen und dann auf einer Bahre zu Jesus gebracht wurde. ein Häuflein verbrannten Fleisches, ein sterbendes, wimmerndes Kind, dessen Anblick so entsetzlich war, daß man es unter einem Linnen verbarg. Jesus heilt es mit einem Hauch auf seinen Leib und die Brandwunden verschwinden. Es steht auf und, nackt wie es ist, eilt es zu seiner Mutter, die seinen geheilten, narbenlosen Körper unter Freudentränen liebkost. Sie küßt seine Augen, die versengt zu sein schienen und nun vor Freude lebhaft funkeln, seine Haare, die zwar kurz, aber nicht ganz verbrannt sind, als wäre kein zerstörendes Feuer, sondern nur ein Rasiermesser an sie gekommen. Als unscheinbares Wunder sei hier noch die Heilung eines hustenden Greises erwähnt, der gesagt hatte: «Nicht meinetwegen, sondern weil ich den Enkelkindern den Vater ersetzen muß und die Erde nicht bearbeiten kann mit diesem festsitzenden Schleim im Hals, der mich zu ersticken droht.»

Schließlich das unsichtbare und doch echte Wunder, das die Worte Jesu bewirken: «Unter euch ist jemand, der in seinem Herzen weint, und nicht zu sagen wagt: "Habe Erbarmen!" Ich antworte ihm: "Es geschehe nach deinem Wunsche. Ich schenke dir meine ganze erbarmende Liebe, damit du erkennst, daß ich die Barmherzigkeit bin." Meinerseits sage ich: Sei großmütig! Sei großmütig gegenüber Gott. Zerreiße alle Bande mit der Vergangenheit. Du hörst Gottes Stimme, und zu ihm, den du hörst, gehe mit freiem Herzen und vollendeter Liebe.»

Ich weiß nicht, ob diese Worte an einen Mann oder an eine Frau in der Menschenmenge gerichtet sind. Jesus sagt dann: «Dies sind meine Apostel; jeder von ihnen ist ein anderer Christus, denn ich habe sie erwählt. Wendet euch mit Vertrauen an sie. Von mir wissen sie alles, was ihr für eure Seelen braucht...» Die Apostel betrachten Jesus ganz erschrocken, doch er lächelt und fährt fort: «... und durch sie werden eure Seelen Sternenlichter und mit so viel Tau erquickt, daß ihr nicht in der Finsternis schmachten müßt. Danach werde ich kommen und euch die Fülle der Sonne und der Strahlen bringen: die ganze Weisheit, um euch in der übernatürlichen Kraft und Freude zu stärken und zu beglücken. Der Friede sei mit euch, Kinder. Andere warten auf mich, die noch unglücklicher und ärmer sind als ihr. Doch ich lasse euch nicht allein. Meine Apostel werden bei euch bleiben, und es ist, wie wenn ich die Kinder meiner Liebe der Obsorge der zärtlichsten und vertrauenswürdigsten Ammen überlassen würde.»

Jesus macht ein Zeichen des Abschieds und des Segens und bahnt sich dann einen Weg durch die Menge, die ihn nicht gehen lassen will. Da geschieht ein letztes Wunder. Eine halbgelähmte alte Frau, die von ihrem Enkel begleitet wird und nun jubelnd den eben noch steifen Arm bewegt, ruft aus: «Jesus hat mich im Vorbeigehen mit seinem Mantel gestreift,

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und ich bin geheilt worden. Ich habe ihn nicht einmal darum gebeten, denn ich bin alt... Doch er hatte Erbarmen mit mir und hat meinen geheimen Wunsch erfüllt, indem er mit dem Zipfel seines Mantels meinen unheilbaren Arm gestreift und geheilt hat! Oh, welch großer Sohn ist unserem heiligen David erstanden! Ehre seinem Messias! Doch seht, seht! Auch das Bein kann ich nun wie den Arm bewegen... Oh, nun fühle ich mich wie eine Zwanzigjährige!»

Da viele Menschen auf die alte Mutter zudrängen, die mit lauter Stimme ihr Glück verkündet, gelingt es Jesus, sich ohne weitere Behinderung zu entfernen. Die Apostel folgen ihm. An einer einsamen Stelle in der Ebene, von dem sich eine satte Weide bis zum See erstreckt, verweilen sie einen Augenblick. Jesus sagt: «Ich segne euch! Kehrt nun zu eurer Arbeit zurück und verrichtet sie, bis ich wiederkomme, wie ich euch gesagt habe.»

Petrus, der bis dahin kein Wort gesagt hat, platzt heraus: «Aber, mein Herr, wie kannst du sagen, wir hätten alles, was die Seelen brauchen? Es ist wahr, du hast uns vieles gesagt. Aber wir sind Dummköpfe, ich wenigstens bin einer... und von all dem, was du mir gegeben hast, habe ich wenig, sehr wenig im Kopf behalten. Es ist wie bei einem Menschen, der von einem Mahle nur noch das Schwerste im Magen hat; alles andere ist nicht mehr da.»

Jesus lächelt ganz offen: «Und wo bleibt denn der Rest der Nahrung ?»

«Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich bei auserlesenen Speisen schon nach einer Stunde einen leeren Magen habe. Wenn ich hingegen schwere Wurzeln oder Linsen mit Öl esse, dauert es lange, bis alles unten ist!»

«Ja, es braucht Zeit. Doch glaube mir, gerade das Wurzelgemüse und die Linsen, von denen du annimmst, sie würden dich am meisten sättigen, bestehen hauptsächlich aus Ballaststoffen und haben nur einen geringen Nährwert für den Körper. Doch die feinen Speisen, die du nach einer Stunde nicht mehr spürst, sind dann nicht mehr im Magen, sondern bereits verdaut und im Blut, wo ihre Nährstoffe uns weit mehr Nutzen bringen. Nun scheint es dir und deinen Gefährten, daß euch von allem, was ich gesagt habe, nichts mehr oder nur noch wenig geblieben ist. Vielleicht erinnert ihr euch gut an das, was eure persönliche Wesensart besonders angesprochen hat: Die Ungestümen erinnern sich an das, was ihr Ungestüm zu fesseln vermochte, die Beschaulichen an das, was sie nachdenken ließ, die Liebevollen an das, was ihre Liebe entzündete. Dies ist nicht nur vielleicht so, sondern es ist tatsächlich so! Doch glaubt mir, alles ist euch geblieben, auch wenn ihr es entschwunden glaubt. Ihr habt es in euch aufgenommen. Der Gedanke wird sich wie ein vielfarbiges Band wieder entrollen und euch je nach Bedarf die milden oder strengen Farben zeigen.

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Habt keine Angst! Denkt daran, daß ich alles weiß und euch nie aussenden würde, wenn ihr euerer Aufgabe nicht gewachsen wäret. Mit Gott, Petrus. Lächle und habe Vertrauen! Es wird dies ein schönes Bekenntnis des Glaubens an die allgegenwärtige Weisheit sein. Gott sei mit euch allen! Der Herr bleibe bei euch.» Er verläßt sie rasch, während sie noch ganz erstaunt und erregt sind über das, was ihnen zu tun aufgetragen wurde.

«Wir müssen gehorchen», sagt Thomas.

«Ach ja... oh, ich Armer! Am liebsten würde ich ihm nachrennen...», murmelt Petrus.

«Nein, tue das nicht. Gehorsam ist Liebe zu ihm», sagt Jakobus des Alphäus.

«Die fundamentale und heilige Klugheit sagt uns aber, daß wir anfangen sollten, solange er noch in der Nähe ist und uns raten kann, wenn wir einen Fehler machen. Wir müssen ihm helfen», rät der Zelote.

«Das ist wahr. Jesus ist ziemlich müde. Wir müssen ihn ein wenig aufrichten, so gut wir können. Es genügt nicht, daß wir die Taschen tragen und die Nachtlager und die Mahlzeiten bereiten, das kann jeder. Wir müssen ihn vielmehr unterstützen, wie er es wünscht, und zwar in seiner Mission», bestätigt Bartholomäus.

«Du hast leicht reden, denn du bist gebildet. Aber ich, ich bin fast ganz ungebildet...», jammert Jakobus des Zebedäus.

«Oh, mein Gott! Da kommen die Leute, die dort oben waren! Was sollen wir nur tun?» ruft Andreas aus.

Matthäus sagt: «Verzeiht, wenn ich, der Elendeste unter euch, einen Rat gebe. Wäre es nicht besser, zum Herrn zu beten, anstatt hier zu stehen und über das zu jammern, was durch unser Gejammer nicht besser wird? Auf, Judas! Du, der du die Schrift gut kennst, sprich im Namen aller das Gebet Salomons um Weisheit. Schnell, bevor die Leute hier sind...»

Thaddäus beginnt mit seiner schönen Baritonstimme zu beten: «Gott meiner Väter, Herr der Barmherzigkeit, der du alles erschaffen hast...», und er fährt fort bis zu der Stelle: «... durch deine Weisheit wurde allen Beistand gewährt, die dir, o Herr, von Anfang an wohlgefällig waren.»Gerade noch rechtzeitig, bevor die Menschen sie erreichen, umringen und mit tausend Fragen bestürmen, hat er das Gebet beendet. Sie wollen wissen, wo der Meister hingegangen ist, wann er zurückkehren wird und, was am schwersten zu beantworten ist, wie man es macht, um dem Meister nachzufolgen und mit dem Herzen den von ihm gewiesenen Weg einzuschlagen, auch wenn man ihm nicht als Jünger folgen kann.

Diese Frage bringt die Apostel in Verlegenheit. Sie sehen sich gegenseitig an und Judas Iskariot antwortet: «Mit dem Streben nach Vollkommenheit,» als wäre dies eine Antwort, die alles erklärt...

Jakobus des Alphäus, demütiger und besonnener als der andere, überlegt und sagt dann: «Die Vollkommenheit, auf die mein Gefährte hingewiesen

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hat, erreicht man, indem man das Gesetz befolgt, denn das Gesetz ist Gerechtigkeit, und Gerechtigkeit ist Vollkommenheit.»

Doch die Menge gibt sich damit noch nicht zufrieden, und einer, anscheinend der Wortführer, fragt: «Aber wir sind im Guten so klein wie Kinder. Die Kinder wissen noch nicht, was gut und böse ist, und sie vermögen nicht zu unterscheiden. Wir wissen so wenig über den Weg, den er uns weist, daß wir nicht imstande sind, klar zu sehen. Wir hatten einen Weg, der uns bekannt war: den alten, schwierigen, langen und furchtbaren Weg, der uns in der Schule gelehrt wurde. Nun entnehmen wir seinen Worten, daß sein Weg jenem Aquädukt gleicht, das wir von hier aus sehen können. Unten ist die Straße für die Tiere und die Menschen. Darüber, über zierlichen Bögen, hoch in der Sonne und im Blau des Himmels, bei den höchsten im Winde rauschenden Ästen, wo die Vögel singen, dort ist der andere Weg, so ebenmäßig, rein, strahlend im Licht wie der untere holprig, schmutzig und dunkel ist; oben ist der Kanal, der das klare Wasser, den Segen Gottes, bringt, und den Sonnenstrahlen, Sternenschein, frisches Laub, Blumen und Schwalbenflügel liebkost. Wir möchten zu diesem hohen Weg aufsteigen, der der seine ist, und wir können nicht, weil wir hier unten unter der Last des alten Gesetzes festgehalten werden. Was sollen wir tun?»

Der so gesprochen hat ist ein junger Mann um die 25 Jahre, dunkel, kräftig, mit einem intelligenten Blick und einem weniger ländlichen Aussehen als das der Mehrzahl der Anwesenden. Er hat im Namen eines reiferen Mannes neben ihm gesprochen.

Judas Iskariot, hochgewachsen wie er ist, kann ihn sehen und flüstert den Gefährten zu: «Schnell. Ihr müßt gut reden. Dort ist Hermas mit Stephanus: Stephanus ist der Liebling Gamaliels!» was die Apostel noch vollends in Verlegenheit bringt.

Schließlich antwortet der Zelote: «Die Bogen gäbe es nicht, bestünde nicht die Basis als düsterer Weg. Auf ihr erhebt sich, was zum Himmel strebt und wonach du dich sehnst. Die im Erdreich liegenden Steine, die das Gewicht tragen, ohne sich an den Sonnenstrahlen und an den vorüberfliegenden Schwalben erfreuen zu können, ahnen zwar, daß es sie gibt; denn manchmal schießt eine Schwalbe jubelnd bis zum Schlamm der Erde hinab und streift sachte die Grundmauer der Bogen. Zuweilen dringt auch ein Sonnen- und Sternenstrahl hinunter und erzählt von der Schönheit des Firmaments. Ebenso ist auch in vergangenen Jahrhunderten von Zeit zu Zeit ein himmlisches Wort der Verheißung, ein himmlischer Strahl der Weisheit bis zur Erde vorgedrungen, um die vom göttlichen Zorn niedergedrückten Steine zärtlich zu berühren.

Denn die Steine waren notwendig und sind nicht, waren nicht und werden nie unnütz sein. Auf ihnen haben sich langsam die Zeiten und die Vollendung menschlicher Erkenntnisse aufgebaut, um alsdann die Freiheit

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der gegenwärtigen Zeit und die Weisheit übermenschlichen Wissens zu erlangen.

Schon lese ich die Einwände, die dir im Gesicht geschrieben stehen. Alle haben wir sie vorgebracht, bevor wir begreifen konnten, daß dies die Neue Lehre, die Frohe Botschaft ist, die jenen verkündet wird, die anstatt mit der Errichtung der Marksteine der Gelehrtheit zu wachsen, immer mehr in die Finsternis zurückgesunken sind, wie eine in den Abgrund stürzende Mauer.

Um uns von der Krankheit übernatürlicher Verfinsterung zu befreien, müssen wir mutig den Grundstein von allen darüberliegenden Steinen befreien. Habt keine Angst, abzubrechen, was zwar eine hohe Mauer darstellt, jedoch nicht den ewigen Quell reiner Lebenskraft in sich birgt. Kehrt zurück zum Fundament. Es muß nicht geändert werden, denn es stammt von Gott und ist fest. Doch bevor ihr die Steine wegwerft, überprüft einen nach dem anderen, ob er im Einklang mit dem Wort Gottes steht; denn nicht alle sind schlecht und unnütz. Hört ihr keinen Mißklang, bewahrt sie und verwendet sie für den Wiederaufbau. Hört ihr aber in ihnen die Mißtöne der menschlichen oder der satanischen Stimme, dann zertrümmert die schlechten Steine. Ihr könnt euch nicht irren, denn wenn es die Stimme Gottes ist, hört ihr den Klang der Liebe, wenn es die menschliche Stimme ist, hört ihr den Klang der Sinne, und wenn es die Stimme Satans ist, hört ihr den Schrei des Hasses. Ich sage euch: Zertrümmert sie, denn es ist Liebe, Keime des Bösen und alles Schlechte auszurotten, damit es den Wanderer nicht verführen und er es nicht zu seinem Schaden benütze. Merzt alles Böse in eueren Werken, Schriften, Belehrungen und Taten gründlich aus. Besser ist es, sich mit wenigen guten Steinen eine Elle hoch zu erheben, als viele Meter hoch mit schlechten Steinen. Die Strahlen des Lichtes und die Schwalben steigen auch zu dem sich kaum über die Erde erhebenden Mäuerchen hinab, und die einfachen Blümchen des Rains haben es leicht, sich zärtlich an diese demütigen Steine zu schmiegen. Die stolzen Steine aber, die nutzlos und rauh in die Höhe streben, verspüren nur die Stiche der Brombeersträucher und die Umschlingung der Giftpflanzen. Reißt nieder, um wieder aufzubauen und emporzusteigen, indem ihr eure alten Steine an der Stimme Gottes erprobt.»

«Du sprichst gut, Mann! Aber aufsteigen... Wie? Wir haben dir schon gesagt, daß wir schwächer sind als kleine Kinder. Wer hilft uns, den steilen Pfeiler zu erklimmen? Wir werden die Steine am Klang Gottes prüfen und die weniger guten zertrümmern. Aber wie aufsteigen? Schon der Gedanke daran macht uns schwindeln», sagt Stephanus.

Johannes, der mit geneigtem Haupte und in sich hineinlächelnd zugehört hat, erhebt sein leuchtendes Antlitz und ergreift das Wort: «Brüder! Es bereitet Schwindel, an den Aufstieg zu denken, das ist wahr! Aber wer

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sagt euch denn, daß es nötig ist, mit einem Mal die Höhe zu erklimmen? Dies ist nicht nur den Kindern, sondern auch den Erwachsenen unmöglich. Nur die Engel können sich ins Himmelsblau emporschwingen, denn sie sind frei von jeglichem irdischen Gewicht, und unter den Menschen sind nur die Helden der Heiligkeit dazu fähig.

Wir haben auch heute in dieser verdorbenen Welt noch einen Helden der Heiligkeit, gleich den Vorvätern, mit denen Israel sich schmückte, als die Patriarchen Freunde Gottes waren und das Wort des ewigen Gesetzes als einziges von jedem aufrichtigen Geschöpf befolgt wurde. Johannes, der Vorläufer, lehrt, wie man auf direktem Wege die Höhe erklimmen kann. Johannes ist ein Mensch; doch die ihm durch das Feuer Gottes eingeflößte Gnade hat ihn schon im Mutterschoß gereinigt – so wie die Lippen des Propheten vom Seraphim gereinigt wurden – auf daß er, Johannes, dem Messias vorangehen könne, ohne den königlichen Weg Christi durch den Gestank der Erbsünde zu entheiligen. Diese Gnade hat Johannes Engelsflügel gegeben, und die Buße hat sie wachsen lassen, so daß auch die Last der Menschlichkeit, die ihn als einen von der Frau Geborenen noch beschwerte, aufgehoben wurde. Daher kann sich Johannes aus seiner Höhle, in die er Buße predigt, und mit seinem Leib, in dem die mit der Gnade vermählte Seele glüht, emporschwingen bis zum höchsten Punkt des Bogens, über dem Gott, unser höchster Herr und Gott, thront. Er kann, da er die vergangenen Jahrhunderte, den heutigen Tag und die Zukunft überblickt, mit prophetischer Stimme und mit dem Auge des Adlers, der die ewige Sonne schaut und erkennt, verkünden: "Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt", und er kann alsdann, nach diesem erhabenen Gesang, aus diesem Leben scheiden. Dieser Gesang wird nie mehr verstummen und wird nicht nur eine Zeitlang erklingen; sondern im immerwährenden Tempel, im ewigen, glückseligen Jerusalem, der zweiten Göttlichen Person zujubeln, sie in menschlichen Nöten anflehen und ihr im Glanz der ewigen Herrlichkeit lobsingen.

Doch das Lamm Gottes, das in seiner unendlichen Liebe die strahlende Wohnung des Himmels verlassen hat, wo es als Feuer Gottes vom Feuer umgeben ist... O ewige Zeugung des Vaters, der mit dem unermeßlichen und heiligsten Gedanken sein Wort erzeugt und es in einer Verschmelzung der Liebe in sich aufnimmt, aus der der Geist der Liebe hervorgeht, in dem sich Stärke und Weisheit vereinigen! Dieses Lamm Gottes, das seine reinste, geistige Gestalt aufgegeben hat, um seine unendliche Reinheit, seine Heiligkeit und seine göttliche Natur in einem sterblichen Leib zu verhüllen, weiß, daß uns die Gnade nicht gereinigt, vielmehr noch nicht gereinigt hat sind und wir nicht fähig sind, uns wie der Adler Johannes, in die Höhe, auf den Gipfel zu schwingen, wo der Dreieinige Gott thront. Wir sind die kleinen Sperlinge auf dem Dache und am Wege. Wir sind die Schwalben, die das Blau des Himmels berühren, sich aber von Insekten

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nähren. Wir sind die Lerchen, die mit ihrem Gesang die Engel nachahmen möchten; aber im Vergleich zu ihrem Gesang ist der unsere nur das ängstliche Zirpen einer sommerlichen Grille. Das süße Lamm Gottes, das gekommen ist, die Sünden der Welt hinwegzunehmen, weiß dies. Denn obwohl es nicht mehr der unendliche Geist des Himmels ist, da es selbst in einem sterblichen Leib wohnen wollte, so ist doch seine Unendlichkeit dadurch nicht vermindert, und in seiner unendlichen Weisheit weiß es alles.

Er weist uns den Weg, den Weg der Liebe. Er ist die Liebe, die aus Barmherzigkeit zu uns Fleisch angenommen hat. Und so bereitet uns diese barmherzige Liebe den Weg nach oben, den selbst die Kleinen gehen können. Auf diesem Weg geht er uns voran als erster, nicht weil er es tun müßte, sondern um uns den Weg zu weisen. Er müßte nicht einmal die Flügel ausbreiten, um sich wieder mit dem Vater zu vereinigen. Sein Geist, ich schwöre es euch, ist auf diese armselige Welt hier verbannt, doch er ist auch stets beim Vater, denn Gott vermag alles, und er ist Gott. Er geht uns voran und läßt den Wohlgeruch seiner Heiligkeit zurück, das Gold und das Feuer seiner Liebe. Betrachtet seinen Weg! Oh, er führt euch leicht zum höchsten Punkt des Bogens! Doch wie friedvoll und sicher ist dieser Weg! Er ist keine Gerade, sondern eine Spirale, und dadurch länger. Sein Liebesopfer der Barmherzigkeit enthüllt sich in dieser Länge, an die er sich selbst hält aus Liebe zu uns Schwachen. Länger ist der Weg, aber mehr unserer Armseligkeit angepaßt. Der Aufstieg zur Liebe, zu Gott, ist einfach wie die Liebe. Doch die Liebe ist tief, denn Gott ist ein Abgrund, und er wäre für uns unerreichbar, hätte er sich nicht erniedrigt, um sich erreichen zu lassen und die Liebe der für ihn entbrannten Seele zu erfahren. (Johannes spricht und weint mit lächelndem Munde in der Verzückung seiner Offenbarung Gottes.) Lang ist der einfache Weg der Liebe, denn der Abgrund, der Gott ist, hat kein Ende, und der Aufstieg zu Gott hat keine Grenzen. Doch der wunderbare Abgrund ruft unseren armseligen Abgrund, und dieser wunderbare Abgrund in seiner Fülle von Licht ruft uns zu: "Kommt zu mir!"

O Einladung Gottes! Einladung des Vaters! Hört, hört! Christus hat die Himmelspforten weit geöffnet und den Engeln der Barmherzigkeit und des Verzeihens geboten, sie offen zu halten, auf daß ihnen in Erwartung der Gnade wenigstens Lichter, Wohlgerüche, Gesänge und Frohsinn entströmen mögen, um in heiliger Weise die Herzen der Menschen anzuziehen und zärtliche Worte an sie zu richten. Es ist die Stimme Gottes, die spricht, und die Stimme sagt: "Eure Kindlichkeit ? Sie ist eure beste Münze! Ich möchte, daß ihr ganz klein werdet, damit ihr Demut, Aufrichtigkeit, Vertrauen und die Liebe der Kinder zum Vater erlangt. Eure Unfähigkeit? Aber gerade sie ist mir Ruhm! Oh, kommt! Ich verlange nicht von euch, daß ihr selbst den Klang der guten und der schlechten Steine prüft. Gebt sie mir. Ich selbst werde sie verlesen und ihr werdet damit

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wieder aufbauen. Der Aufstieg zur Vollkommenheit? Oh, meine kleinen Kinder. Legt eure Hand in die Hand meines Sohnes, eures Bruders, und so werdet ihr nun an seiner Seite aufsteigen "Aufsteigen! Zu dir kommen, ewige Liebe! Dir, der Liebe, ähnlich werden!

Lieben, das ist das Geheimnis! ... Lieben! Sich schenken... Lieben! Sich selbst vernichten... Lieben! Sich verschmelzen... Das Fleisch? Ein Nichts! Der Schmerz? Ein Nichts! Die Zeit? Ein Nichts! Selbst die Sünde wird zum Nichts, wenn ich sie in deinem Feuer, o Gott, verbrenne. Nur die Liebe allein besteht! Die Liebe! Die Liebe, die uns der menschgewordene Gott geschenkt hat, wird uns alles verzeihen. Niemand weiß besser zu lieben als die Kinder, und niemand wird mehr geliebt als ein Kind.

Oh! Du, den ich nicht kenne, der du aber das Gute kennenlernen willst, um es vom Bösen zu unterscheiden, um aufzusteigen bis zu den Himmelshöhen, zur göttlichen Sonne und zu allem, was übernatürliche Freude ist: Liebe, liebe, und du wirst all das besitzen! Liebe Christus. Du wirst im Fleische sterben, aber im Geiste auferstehen. Mit einem neuen Geiste, ohne jemals wieder Bausteine zu benötigen: denn du wirst auf ewig ein unauslöschliches Feuer sein. Die Flamme steigt empor. Sie braucht dazu weder Stufen noch Flügel. Befreie dein Ich von starren Strukturen und erfülle es mit Liebe, und du wirst eine lodernde Flamme sein. Laß dies ohne Einschränkungen geschehen. Fache vielmehr die Flamme an und nähre sie, wirf deine ganze Vergangenheit der Leidenschaften und der Gelehrtheit hinein. Alles weniger Gute wird die Flamme vernichten, das edle Metall aber wird sie läutern. Wirf dich, o Bruder, in die tätige und selige Liebe der Heiligen Dreifaltigkeit. Dann wirst du verstehen, was dir jetzt noch unverständlich erscheint; denn du wirst Gott begreifen, den nur erfassen kann, wer sich seinem Opferfeuer gänzlich hingibt. So wirst du dich in flammender Umarmung in Gott gründen und für mich, das Kind Christi, beten, das gewagt hat, dir von der Liebe zu sprechen.»

Alle sind zutiefst erstaunt: die Apostel, die Jünger, die Gläubigen... Der Angesprochene ist bleich, Johannes purpurrot, nicht so sehr der Anstrengung als der Liebe wegen.

Endlich ruft Stephanus aus: «Du Gesegneter! Aber sage mir, wer bist du?»

Johannes macht eine Gebärde, die mich sehr an die der Jungfrau bei der Verkündigung erinnert, indem er sich wie zur Anbetung dessen, den er nennt, nach vorne neigt, und sagt leise: «Ich bin Johannes. Du siehst in mir den Geringsten unter den Dienern des Herrn.»

«Aber wer war dein früherer Lehrer?»

«Ein Mensch, da ich meine geistige Milch von Johannes, dem schon im voraus Geheiligten Gottes, empfangen habe: ich esse das Brot des Christus, das Wort Gottes, und trinke das Feuer Gottes, das mir vom Himmel kommt. Der Herr sei gepriesen 1»

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«Oh, ich verlasse dich nicht mehr! Weder dich noch diesen hier, keinen. Nehmt mich auf!»

«Wann... Oh, aber hier ist Petrus, unser Oberhaupt», und Johannes

nimmt den erstaunten Petrus bei der Hand und erklärt ihn so zum "Ersten" *

Petrus findet wieder zu sich: «Sohn, eine große Sendung soll man nur nach reichlicher Überlegung übernehmen. Dieser ist unser Engel, der die Flamme entzündet. Aber man muß auch wissen, ob die Flamme in uns anhält. Prüfe dich selbst, und dann komme zum Herrn. Wir wollen dir unsere Herzen öffnen wie dem liebsten Bruder. Vorläufig kannst du bei uns bleiben, wenn du unser Leben besser kennenlernen willst. Die Herden des Christus mögen über alle Maßen anwachsen, damit unter Vollkommenen und Unvollkommenen die wahren Lämmer von den falschen Böcken getrennt werden können.»

Damit ist das erste öffentliche Auftreten der Apostel beendet.

206. IM HAUSE DER JOHANNA DES CHUZA JESUS UND DIE RÖMERINNEN

Jesus steigt mit Hilfe eines Bootsführers, der ihn in sein Boot aufgenommen hat, auf den Landesteg des Gartens Chuzas. Ein Gärtner hat ihn schon gesehen und beeilt sich, das Tor zu öffnen, das Fremden den Zutritt zum Garten von der Seeseite her verwehrt. Es ist ein hohes und schweres Tor, dessen Außenseite hinter einer dichten Hecke von hohem Lorbeer und Buchsbaum verborgen ist, während auf der dem Hause zugewandten Seite eine ebenso mächtige, bunte Rosenhecke wächst. Herrliche Rosenbüschel schmücken das bronzefarbige Laub der Lorbeer- und Buchsbäume mit ihren Blüten und breiten sich zwischen den Ästen aus oder übersteigen gar den grünen Zaun und lassen ihre blumigen Ranken auf der anderen Seite herabhängen. Nur an einer Stelle, auf der Höhe eines Gartenweges, ist das Gitter ganz frei, und hier ist der Durchgang für die, die vom See kommen oder zum See gehen.

«Der Friede sei mit diesem Hause und mit dir, Johanna. Wo ist deine Herrin?»

«Sie ist dort mit ihren Freundinnen. Ich will sie gleich rufen. Sie warten schon seit drei Tagen auf dich, aus Furcht, zu spät zu kommen.»

Jesus lächelt. Der Diener eilt davon, um Johanna zu rufen. Inzwischen geht Jesus langsam auf die vom Diener bezeichnete Stelle zu und bewundert den herrlichen Garten – man müßte eigentlich sagen, den herrlichen Rosengarten – den Chuza für seine Frau hat anlegen lassen: Rosen in allen Farben, Größen und Formen blühen in dieser geschützten Bucht des

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Sees schon vorzeitig. Es gibt zwar auch noch andere Blumenarten, aber sie blühen noch nicht und ihre Anzahl ist gering im Vergleich zu den Rosen.

Johanna eilt herbei. Sie hat nicht einmal das mit Rosen halb angefüllte Körbchen abgestellt noch die Schere weggelegt, die sie zum Schneiden benützte, und eilt so mit ausgestreckten Armen auf Jesus zu, schlank und anmutig in ihrem prächtigen Gewand aus feinster rosaroter Wolle, dessen Falten von Broschen und Spangen aus Silberfiligran, auf denen blaßrote Granaten leuchten, zusammengehalten werden. Auf dem schwarzen, gelockten Haar funkelt ein Diadem in Form einer Mitra, ebenfalls aus Silber und Granaten, das einen hauchdünnen rosafarbenen Schleier hält. Er fällt nach hinten und läßt die kleinen Ohrgehänge frei. Ein lachendes Gesicht, ein schlanker Hals, und an seinem Ansatz eine Kette der gleichen Art wie die übrigen Schmuckstücke.

Johanna läßt ihren Korb vor den Füßen Jesu zu Boden fallen und kniet nieder, um den Saum seines Gewandes inmitten den verstreuten Rosen zu küssen.

«Der Friede sei mit dir, Johanna. Ich bin gekommen.»

«Ich bin glücklich. Auch meine Freundinnen sind da. Doch, nun scheint mir, daß ich unrecht gehandelt habe, als ich sie hierherkommen ließ. Wie werdet ihr euch verstehen können? Sie sind tatsächlich noch Heidinnen!»

Johanna ist etwas erregt.

Jesus lächelt, legt die Hand auf ihren Kopf und sagt: «Hab keine Angst. Wir werden uns bestens verstehen, und du hast richtig gehandelt. Aus der Begegnung wird Gutes erblühen, so wie die Rose in deinem Garten. Sammle die armen Rosen, die du hast fallen lassen, dann wollen wir zu deinen Freundinnen gehen.»

«Oh, Rosen gibt es viele. Ich pflücke sie mir zum Zeitvertreib, und dann... meine Freundinnen sind so... so genießerisch... als wären sie... ich weiß nicht ...»

«Aber auch ich liebe sie! Siehst du, schon haben wir ein Thema, bei dem wir uns verstehen. Nun! Heben wir diese prachtvollen Rosen auf ...»und Jesus bückt sich, um mit gutem Beispiel voranzugehen.

«Du? Nicht du, mein Herr! Wenn du wirklich willst... so... es ist schon getan.»

Sie gehen zusammen zu einer Gartenlaube aus einem Geflecht von verschiedenfarbigen Rosenstöcken, aus der drei Römerinnen, Plautina, Valeria und Lydia, hervorschauen. Die erste und die dritte sind zurückhaltend, doch Valeria eilt heraus und verneigt sich: «Sei gegrüßt, Retter meiner kleinen Fausta!»

«Friede und Licht dir und deinen Freundinnen!»

Die Freundinnen verneigen sich wortlos.

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Plautina kennen wir schon. Hochgewachsen, wohlgestaltet, mit wundervollen schwarzen, etwas gebieterischen Augen unter der glatten, weißen Stirn, einer geraden, tadellosen Nase, einem eher wulstigen, doch wohlgeformten Mund und einem rundlichen, ausgeprägten Kinn, erinnert sie mich an gewisse Statuen römischer Kaiserinnen. Schwere Ringe funkeln an den sehr schönen Händen, und breite Armbänder umschließen die wahrhaft bildschönen Arme am Handgelenk und über dem Ellbogen, die mit ihrer glatten, blaßrosa Haut aus kurzen, gerafften Ärmeln hervorkommen.

Lydia hingegen ist blond, zarter und jünger. Ihre Schönheit ist nicht so stattlich wie die der Plautina, doch hat sie die ganze Anmut einer noch etwas unreifen Frau. Da wir gerade von den Heidinnen sprechen, möchte ich sagen, daß wenn Plautina der Statue einer Herrscherin gleicht, Lydia eine zarte und scheue Diana oder Nymphe darstellen könnte.

Valeria, nun nicht mehr in der verzweifelten Verfassung, in der ich sie in Caesarea gesehen habe, besitzt die Schönheit einer jungen Mutter mit vollen und trotzdem noch sehr jugendlichen Formen. Ihre Augen drücken die Gelassenheit der Mutter aus, die glücklich ist, ihr Kind stillen zu können und es mit ihrer Milch gedeihen zu sehen. Sie hat eine rosafarbene Haut und kastanienbraunes Haar und ihr Lächeln ist ruhig und anmutig.

Ich habe den Eindruck, daß die beiden letzteren Damen niedereren Ranges als Plautina sind, denn sie verehren sie auch mit den Blicken wie eine Königin.

«Ihr wart mit den Blumen beschäftigt? Macht ruhig weiter, macht weiter. Wir können uns auch unterhalten, während ihr die Blumen, diese Wunderwerke des Schöpfers, pflückt und in die prächtigen Schalen steckt, um ihr leider allzu kurzes Leben zu verlängern... und im Blumenstecken seid ihr Römerinnen ja wahre Künstlerinnen. Wenn wir diese Knospe bewundern, die so sachte ihre lachsfarbenen Blütenblätter öffnet, wie könnten wir anders als traurig sein, wenn wir sie sterben sehen! Oh, wie würden doch die Juden staunen, wenn sie hören könnten, daß ich so etwas sage! Doch diese Traurigkeit rührt daher, daß wir selbst im Blumengeschöpf etwas Lebendiges erkennen, dessen Ende zu sehen uns schmerzt. Doch die Pflanze ist weiser als wir. Sie weiß, daß aus jeder Wunde eines abgeschnittenen Stieles ein neuer Trieb hervorsprießt, der die neue Rose in sich birgt. Unser Verstand soll daraus eine Lehre ziehen, und die sinnliche Liebe zur Blume soll uns Ansporn sein zu erhabeneren Gedanken.»

«Welche, Meister?» fragt Plautina, die aufmerksam zuhört und begeistert ist vom edlen Gedankengang des jüdischen Meisters.

«Diese: so wie die Pflanze nicht stirbt, solange das Erdreich ihre Wurzeln nährt – obgleich ihre Stiele verwelken – so stirbt auch das irdische Leben eines Menschen nicht, wenn er sich von der Welt zurückzieht;

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vielmehr bringt es immer neue Blüten hervor. Noch ein anderer erhabener Gedanke läßt uns den Schöpfer preisen: Während die einmal abgestorbene Blume leider nicht wieder aufleben kann, so ist doch der in die ewige Ruhe eingegangene Mensch nicht tot; er lebt weiter in einem strahlenden Licht und sein edlerer Teil empfängt ewiges Leben und Herrlichkeit von seinem Schöpfer. Darum, Valeria, hättest du die zärtliche Liebe deines Kindes nicht verloren, auch wenn es gestorben wäre. Deine Seele wäre immer vom Kusse deines Geschöpfes berührt worden, das zwar von dir getrennt, aber deiner Liebe stets eingedenk gewesen wäre. Siehst du, wie wunderbar es ist, an ein ewiges Leben zu glauben? Wo ist nun deine Kleine?»

«In der zugedeckten Wiege dort. Ich hätte mich schon vorher nie von meiner Tochter getrennt, weil die Liebe zu meinem Gatten und zu ihr mein Lebensinhalt sind. Nun aber, da ich weiß, was es heißt, sie sterben zu sehen, verlasse ich sie auch nicht einen Augenblick.»

Jesus begibt sich zu einer Bank, auf der eine Art Holzwiege steht, die ganz von einer kostbaren Decke bedeckt ist. Jesus schiebt die Decke zur Seite und betrachtet das schlafende Kind, das nun von der frischen Luft sanft geweckt wird. Es schlägt erstaunt die Äuglein auf und ein engelgleiches Lächeln öffnet den kleinen Mund, während die zuvor zu Fäusten geballten Händchen behende die wallenden Haare Jesu zu erhaschen versuchen. Dann gibt es das Zeichen zu einem "Gespräch", das sich wie das Zwitschern eines kleinen Sperlings anhört. Schließlich trillert es das große, universale Wort «Mama!»

«Nimm es, nimm es», sagt Jesus und tritt zur Seite, um Valeria die Möglichkeit zu geben, sich über die Wiege zu beugen.

«Aber es wird dich stören! ... Ich will eine Sklavin rufen, damit sie das Kind im Garten herumträgt.»

«Stören? O nein! Kinder stören mich nie. Sie sind immer meine Freunde.»

«Hast du Kinder oder Neffen, Meister?» fragt Plautina, die beobachtet, mit welch väterlichem Lächeln Jesus die Kleine neckt, um sie zum Lachen zu bringen.

«Ich habe weder Kinder noch Neffen, aber ich liebe die Kinder, wie ich die Blumen liebe, denn sie sind rein und ohne Arglist. Doch gib mir dein Kind, Frau. Einen kleinen Engel an mein Herz zu drücken, ist mir eine innige Freude.» Er setzt sich nieder mit der Kleinen, die ihn anblickt, seinen Bart zerzaust und es dann interessanter findet, mit den Fransen des Mantels und der Kordel des Kleides zu spielen und dabei lange, geheimnisvoll plaudert.

Plautina sagt: «Unsere gute und kluge Freundin, eine der wenigen, die es nicht für unter ihrer Würde hält, mit uns zu verkehren und die durch uns nicht "verdorben" wird, hat dir sicher gesagt, daß wir dich sehen und

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hören wollten, um uns ein Urteil über dich zu bilden. Denn Rom glaubt nicht an Märchen... Warum lächelst du, Meister?»

«Nachher werde ich es dir sagen. Sprich nur weiter.»

«Denn Rom glaubt nicht an Märchen und will mit Wissen und Gewissen entscheiden, bevor es verurteilt oder rühmt. Dein Volk verehrt und verleumdet dich in gleichem Maße. Deine Werke sind Anlaß, dich zu verherrlichen. Die Worte vieler Hebräer hingegen lassen vermuten, daß man dich beinahe für einen Verbrecher hält. Deine Worte sind weise und feierlich wie die Worte eines Philosophen. Rom hat eine große Vorliebe für philosophische Lehren, aber ich muß sagen, daß die Lehren unserer heutigen Philosophen nicht befriedigen, auch deshalb nicht, weil ihre Lebensweise nicht mit ihrer Lehre übereinstimmt.»

«Sie können keine Lebensweise haben, die ihrer Lehre entspricht.»

«Weil sie Heiden sind, nicht wahr?»

«Nein, weil sie ohne Gott sind!»

«Ohne Gott? Aber sie haben doch ihre Götter.»

«Sie haben nicht einmal diese, Frau. Denke an die alten Philosophen, die größten unter ihnen... Auch sie waren Heiden, aber sieh, wie ihr Leben dessen ungeachtet von Adel geprägt war! Vermischt mit Irrtum war ihre Lehre, denn der Mensch neigt zum Irrtum. Doch wenn sie vor den größten Geheimnissen standen: dem Leben und dem Tode, wenn sie vor der Wahl standen: Ehrlichkeit oder Unehrlichkeit, Tugend oder Laster, Heldentum oder Feigheit, und überlegten, daß sie durch eine Entscheidung für das Böse dem Vaterland und seien Bürgern schaden würden, da waren sie imstande, sich mit dem Willen eines Riesen aus den Fangarmen der Polypen der Bosheit zu befreien, und wußten sich frei und heilig um jeden Preis für das Gute zu entscheiden. Das Gute, das niemand anderes ist als Gott.»

«Man sagt, daß du Gott bist. Ist das wahr?»

«Ich bin der Sohn des wahren Gottes, der Fleisch geworden und Gott geblieben ist.»

«Aber was ist Gott? ... Der größte unter den Lehrmeistern, wenn wir dich betrachten.»

«Gott ist weit mehr als ein Lehrmeister. Erniedrigt nicht den erhabenen Begriff der Gottheit zu einer Weisheit, der Grenzen gesetzt sind!»

«Die Weisheit ist eine Gottheit. Wir haben Minerva. Sie ist die Göttin der Gelehrtheit.»

«Ihr habt auch Venus, die Göttin der Lust. Könnt ihr glauben, daß ein Gott, also ein den Sterblichen überlegenes Wesen, alle Schändlichkeit im sterblichen Menschen noch vervollkommnet hat? Könnt ihr glauben, daß einer, der ewig ist, auf ewig all die kleinlichen, armseligen, demütigenden Freuden hegt, wie der Mensch, der nur kurze Zeit lebt, und daß er sie zum Zweck seines Lebens macht? Denkt ihr nie daran, wie schmutzig der Himmel ist, den ihr Olymp nennt und wo die bittersten Säfte der

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Menschheit gären 9 Wenn ihr euren Himmel betrachtet, was seht ihr? Ausschweifung, Verbrechen, Haß, Krieg, Diebstahl, Schwelgerei, Hinterhältigkeit und Rache. Wenn ihr die Feste eurer Götter feiert, was tut ihr? Ihr haltet Orgien! Wie verehrt ihr eure Götter? Wie steht es mit der wahren Jungfräulichkeit der der Vesta Geweihten? Auf welches göttliche Gesetz stützen sich eure Hohenpriester, wenn sie richten? Welche Worte lesen eure Wahrsager aus dem Flug der Vögel oder dem Rollen des Donners? Was für Antworten können die blutigen Eingeweide der Opfertiere euern Haruspizes geben? Du hast gesagt: "Rom glaubt nicht an Märchen." Warum glaubt ihr dann, daß sich zwölf arme Männer, die ein Schwein, ein Schaf und einen Stier um einen Acker herumkreisen und sie dann aufopfern, die Gunst der Ceres erwerben, wenn ihr doch unzählige Götter habt, die sich gegenseitig hassen und denen ihr alle Racheakte zutraut? Nein, Gott ist etwas ganz anderes. Er ist ewig, einzig und geistig.»

«Aber du behauptest, Gott zu sein, und bist doch Fleisch.»

«Es gibt einen Altar ohne Gott im Hain der Götter. Die menschliche Weisheit hat ihn dem "unbekannten Gott" gewidmet; denn die Weisen, die wahren Philosophen ahnten, daß es noch etwas anderes geben müsse als die Lügengeschichten, die für die Menschen, diese ewigen Kinder, deren Geist in den Banden des Irrtums gefangen lag, erfunden worden waren. Wenn nun diese Weisen, die geahnt haben, daß es noch etwas anderes als diese lügenhaften Possen geben muß, etwas wahrhaft Erhabenes und Göttliches, das alles erschaffen hat und von dem alles Gute in der Welt ausgeht, dem unbekannten Gott, den sie als den wahren Gott erkannten, einen Altar errichten wollten, wie könnt ihr dann etwas, das nicht Gott ist, Gott nennen und von etwas, das ihr in Wirklichkeit nicht kennt, behaupten, daß ihr es kennt? Begreift also, was Gott ist, damit ihr ihn erkennen und ehren könnt. Gott ist der, der aus dem Nichts alles durch seinen Gedanken erschaffen hat. Kann euch die Fabel der Steine, die sich in Menschen verwandeln, überzeugen und befriedigen? Wahrlich, es gibt Menschen, die härter und niederträchtiger sind als Steine, und es gibt Steine, die nützlicher sind als der Mensch. Aber ist es für dich nicht tröstlicher, Valeria, wenn du beim Betrachten dieses deines Kindes denken kannst: "Es ist der lebendige Wille Gottes, von ihm erschaffen und gebildet, von ihm mit einem zweiten Leben beschenkt, und ich werde meine kleine Fausta weiter und für alle Ewigkeit bei mir haben, wenn ich an den wahren Gott glaube", anstatt fragen zu müssen: "Dieser rosige Körper, diese Haare, feiner als Spinnenfäden, diese lächelnden Augensterne, sind sie aus einem Stein entstanden?" Oder zu sagen: "Ich bin in allem der Wölfin oder der Stute ähnlich, wie ein Tier paare ich mich, wie ein Tier gebäre ich, wie ein Tier ziehe ich meine Kinder auf, und diese Tochter ist die Frucht meines niederen Triebes und ein Tier wie ich; und morgen, wenn sie tot ist und ich tot bin, werden wir uns wie zwei Aase in Gestank

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auflösen und uns nie wiedersehen?" Sage mir, welcher der beiden Überlegungen möchte dein Mutterherz zustimmen ?»

«Ganz gewiß nicht der zweiten, Herr! Hätte ich gewußt, daß Fausta sich nach ihrem Tode nicht in Nichts auflöst, so hätte ich bei ihrem Todeskampf weniger gelitten. Denn ich hätte mir gesagt: "Ich habe eine Perle verloren; aber es gibt sie noch und ich werde sie wiederfinden."»

«Du hast recht. Als ich hier ankam, hat mir eure Freundin gesagt, daß sie sich über eure Leidenschaft für die Blumen wundert. Sie befürchtete, ich könnte daran Anstoß nehmen. Aber ich habe sie beruhigt und gesagt: "Auch ich liebe Blumen, und deshalb werden wir uns sicher gut verstehen." Aber ich möchte euch dahin führen, die Blumen so zu lieben, wie ich Valeria lehre, ihr Kind zu lieben, das sie nun sicherlich noch mehr umsorgen wird; jetzt, da sie weiß, daß es eine Seele hat, ein Teilchen Gottes, eingeschlossen in das von ihr, der Mutter, gebildete Fleisch; und diese Seele als Teilchen Gottes stirbt nicht, und die Mutter wird ihr im Himmel wiedergegeben, wenn sie an den wahren Gott glaubt. Dasselbe gilt auch für euch. Betrachtet diese wunderbare Rose. Der Purpur der königlichen Gewänder ist nicht so herrlich wie dieses Blütenblatt, das nicht nur das Auge durch seine Farben erfreut, sondern auch den Tastsinn durch seine Zartheit und den Geruchssinn durch seinen Duft. Betrachtet diese, und diese und auch diese. Die erste ist das Blut eines Herzens, die zweite frisch gefallener Schnee, die dritte zart schimmerndes Gold und die letzte scheint aus dem Kindergesicht, das mir von meinem Schoß zulächelt, geschaffen. Und weiter: Die erste sitzt steif auf einem kräftigen Stiel, fast ohne Dornen, und ihre rötlichen Blätter sind wie mit Blut benetzt. Die zweite hat nur wenige kleine Dornen und matte, fahle Blätter längs des Stiels. Der Stiel der dritten gleicht einer geschmeidigen Binse und ihre kleinen glänzenden Blätter grünem Wachs. Die letzte scheint mit ihrer Unzahl von Dornen jede Berührung ihrer rosaroten Blüte verwehren zu wollen. Mit ihren äußerst scharfen Spitzen sieht sie aus wie eine Feile. Nun überlegt einmal: Wer hat dies alles geschaffen ? Wie ? Wann ? Wo ? Was wird dieser Ort im Dunkel der Zeit gewesen sein? Nichts. Ein Wirbel gestaltloser Elemente.

Einer aber, Gott, sagte: "Ich will" und die Elemente trennten sich und das eine ordnete sich im anderen; auf dem neu gebildeten Planeten schied sich das Wasser von der Erde und das Licht von der Luft. Noch ein "Ich will" und es entstanden die Pflanzen. Danach schuf Gott die Sterne, dann die Tiere, und zuletzt den Menschen; und damit sich der Mensch erfreue, schenkte er ihm, seinem bevorzugten Geschöpf, gleichsam als wunderschöne Spiele, die Blumen und Gestirne; zuletzt verlieh er ihm das Glück zu zeugen, nicht etwas Sterbliches, sondern etwas, das als besonderes Geschenk Gottes den Tod überlebt: die Seele. Auch diese Rosen sind der Wille des Vaters. Die Unendlichkeit seiner Macht erweist sich in der Unendlichkeit der Schönheiten.

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Meine Worte werden gehemmt, denn sie stoßen auf den harten Widerstand eures Glaubens. Doch ich hoffe, daß wir uns schon bei dieser ersten Begegnung ein wenig verstanden haben. Was ich euch gesagt habe, möge nun in eurer Seele wirken. Habt ihr Fragen zu stellen, dann tut es. Ich bin hier, um sie zu beantworten. Unkenntnis ist keine Schande. Schande ist, in der Unkenntnis zu verharren, wenn jemand da und bereit ist, die Zweifel zu klären.» Dann verläßt Jesus die Laube und hält dabei wie der erfahrenste Vater das Kind an der Hand, das eben beginnt, die ersten Schrittchen zu machen und zu einem Springbrunnen gehen will, der in der Sonne schimmert. Die Damen bleiben wo sie sind und flüstern miteinander. Johanna, zwischen zwei Wünschen hin- und hergerissen, steht am Eingang der Laube.

Endlich entschließt sich Lydia, zu Jesus zu gehen, und die anderen folgen ihr. Dieser lacht herzlich, weil die Kleine die sich im Wasser widerspiegelnde Sonne ergreifen will und trotz aller Bemühungen nur ins Licht faßt, während sie mit ihren rosa Lippen wie ein Küken piepst und damit ihren Willen zu erkennen gibt.

«Meister, ich habe nicht verstanden, warum unsere Lehrer keine gute Lebensweise haben können, weil sie ohne Gott sind. Sie glauben an den Olymp, aber sie glauben doch ...»

«Ihr Glaube ist nur noch Äußerlichkeit. Solange sie wirklich glaubten, glaubten sie wie die wahren Weisen an den Unbekannten, von dem ich gesprochen habe, an den Gott, der ihre Seele zufriedenstellte, obwohl man es übersehen hatte, ihm einen Namen zu geben. Solange sie ihre Gedanken auf dieses Wesen richteten, das weit über den armseligen Göttern voll niederträchtiger Menschlichkeit, die ihnen das Heidentum gegeben hatte, stand, spiegelten sie notwendigerweise ein wenig Gott wider. Die Seele ist ein Spiegel, der widerspiegelt und ein Echo, das widerhallt!»

«Was, Meister?»

«Gott.»

«Ein großes Wort!»

«Eine große Wahrheit!»

Valeria, bezaubert vom Gedanken der Unsterblichkeit, fragt: «Meister, erkläre mir: wo ist die Seele meines Kindes? Ich werde diese Stelle küssen wie ein Heiligtum und sie anbeten, denn sie ist ein Teil Gottes.»

«Die Seele! Sie ist wie das Licht, das deine kleine Faustina ergreifen möchte und nicht kann, denn es ist körperlos; und doch existiert es. Ich, du und deine Freundinnen sehen es. Ebenso ist die Seele in all dem sichtbar, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Wenn deine Kleine dir einmal ihre ersten Gedanken mitteilt, dann denke, daß diese Intelligenz ihre Seele ist, die sich enthüllt. Wenn sie dich liebt, nicht instinktiv, sondern bewußt, dann wisse, daß diese Liebe ihre Seele ist. Wenn sie an deiner Seite in Schönheit heranwächst, nicht so sehr im körperlichen als im

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tugendhaften Sinn, dann denke daran, daß diese Schönheit ihre Seele ist. Bete nicht die Seele an, sondern Gott, ihren Schöpfer. Gott, der sich aus jeder guten Seele einen Thron bereiten will.»

«Aber wo ist dieses körperlose und erhabene Etwas? Im Herzen? Im Gehirn?»

«In allem, was der Mensch ist. Die Seele enthält euch und ist in euch enthalten. Wenn sie euch verläßt, seid ihr Leichname. Wenn ein Mensch seine Seele tötet durch ein Verbrechen an sich selbst, dann wird sie verdammt und ist für immer von Gott getrennt.»

«Du gibst also zu, daß der Philosoph, der uns "unsterblich" nannte, recht hatte, obgleich er ein Heide war?» fragt Plautina.

«Ich gebe dies nicht nur zu, ich sage sogar, daß es ein Glaubenssatz ist. Die Unsterblichkeit der Seele, also die Unsterblichkeit des höheren Teiles des Menschen, ist das sicherste und tröstlichste Geheimnis des Glaubens. Es ist das Geheimnis, das uns die Gewißheit gibt, woher wir kommen, wohin wir gehen und wem wir gehören, und das die Bitterkeit jeder Trennung von uns nimmt.»

Plautina denkt nach. Jesus beobachtet sie schweigend. Endlich fragt sie: «Und du, hast du eine Seele?»

«Gewiß!», antwortet Jesus.

«Aber bist du Gott, oder bist du es nicht?»

«Ja, ich bin Gott! Ich habe es dir gesagt. Aber nun habe ich die menschliche Natur angenommen, und weißt du, warum? Weil ich nur mit diesem meinem Opfer die Schranken eures Verstandes überwinden und den Geist befreien kann, indem ich den Irrtum besiege; dann erst wird es mir möglich sein, auch die Seele von einem Sklaventum zu befreien, das ich dir jetzt nicht näher erklären kann. Darum habe ich die Weisheit und die Heiligkeit in einen menschlichen Körper eingeschlossen. Die Weisheit streue ich als Samen auf das Erdreich und als Blütenstaub in den Wind. Die Heiligkeit wird sich in der Stunde der Gnade wie aus