Kirche Weitental

†  Gott ist die Liebe - Er liebt dich  †
 Gott ist der beste und liebste Vater, immer bereit zu verzeihen, Er sehnt sich nach dir, wende dich an Ihn
nähere dich deinem Vater, der nichts als Liebe ist. Bei Ihm findest du wahren und echten Frieden, der alles Irdische überstrahlt

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*Anbetung live*

Maria Valtorta - Der Gottmensch

Band 12

 

Dieses Werk ist eine Gnade unseres lieben Herrn, man lernt hier Jesus und seine Worte in der richtigen Art und Weise kennen, seine Liebe, seinen Gehorsam, seine klaren und wahren Worte, nicht verdrehte, nicht unverständliche oder hoch theologische, nein, einfache Worte. Er erklärt für jeden verständlich die Gleichnisse. Glaube ist kein Studium, es ist Demut, Hingabe, Geduld, Vertrauen, nicht mein Wille muss an erster Stelle stehen, sondern den Willen Gottes gilt es zu suchen, die Gebote gilt es zu halten und hier erlangt man ein Verständnis hierfür. Zudem stimmen die Worte Jesu mit seinem Leben überein, voller Hingabe an den Willen seines und unseren Vaters. Nimm dir Zeit es aufmerksam zu lesen, du wirst es nicht bereuen.

Das Werk kann man hier in Buchform erwerben:

Parvis-Verlag, Route de l'Eglise 71, 1648 Hauteville, Schweiz, Tel. +41 26 915 93 93, buchhandlung@parvis.ch, www.parvis.ch

Aus rechtlichen Gründen dürfen nur Auszüge daraus veröffentlicht werden!
 



Nur zu Testzwecken!

Inhalt
 

Band XII:
Die Verherrlichung

677. Der Morgen der Auferstehung. S. 9
678. Der Ostermorgen; Klage; Gebet Marias. S. 15
679. Die Auferstehung. S. 19
680. Jesus erscheint der Mutter. S. 23
681. Die frommen Frauen am Grab. S. 25
682. Zum vorigen Kapitel. S. 34
683. Jesus erscheint Lazarus. S. 39
684. Jesus erscheint Johanna. S. 45
685. Jesus erscheint Joseph, Nikodemus und Manaen. S. 48
686. Jesus erscheint den Hirten. S. 50
687. Jesus erscheint den Jüngern von Emmaus. S. 53
688. Jesus erscheint anderen Freunden. S. 61
689. Jesus erscheint den zehn Aposteln. S. 64
690. Die Rückkehr des Thomas. S. 74
691. Jesus erscheint den Aposteln mit Thomas. S. 80
692. Der auferstandene Jesus in Gethsemane. S. 88
693. Die Apostel gehen nach Golgotha: Und dann.... S. 107
694. Jesus bestätigt den Gläubigen an verschiedenen Orten seine Auferstehung. S. 122
695. Jesus erscheint am Ufer des Sees. S. 157
696. Jesus auf dem Tabor. S. 162
697. Jesus zu den Aposteln und Jüngern. S. 175
698. Das nachgeholte Passahfest. S. 192
699. Die Himmelfahrt des Herrn. S. 198
700. Die Wahl des Matthias. S. 212
701. Die Herabkunft des Heiligen Geist es. S. 216
702. Petrus, nicht mehr der rauhe Fischer in seiner neuen Würde als Oberhirte. S. 220
703. Maria empfängt Lazarus und Joseph von Arimathäa. S. 224
704. Maria und Johannes an den Orten der Passion. S. 230
705. Das Grabtuch wird Maria überbracht. S. 234
706. Das Martyrium des Stephanus. S. 240
707. Die verschiedenen Wirkungen und Folgen der Begegnungen mit Christus. S. 245
708. Die Beisetzung des heiligen Stephanus. S. 248
709. Gamaliel wird Christ. S. 251
710. Unterredung zwischen Petrus und Johannes. S. 257
711. Der selige Heimgang Marias. S. 261
712. Aufnahme Marias in den Himmel. S. 271
713. Erwägungen und Erklärungen zur Himmelfahrt und zum Heimgang der allerseligsten Jungfrau Maria. S. 276
714. Abschliessliche Bemerkungen zum Werk. S. 283

 

 

677. DER MORGEN DER AUFERSTEHUNG

Die Frauen setzen ihre Arbeit mit den Ölen fort, die während der Nacht im kalten Hof zu einer festen Paste geworden sind.

Johannes und Petrus halten es für angebracht, den Abendmahlsaal aufzuräumen und das Geschirr abzuwaschen; doch dann lassen sie alles so stehen, als ob das Abendmahl soeben beendet worden wäre.

«Er hat es uns gesagt», sagt Johannes.

«Er hat auch gesagt: "Schlaft nicht!" Er hat gesagt: "Sei nicht überheblich, Petrus. Weißt Du nicht, daß die Stunde der Prüfung anbricht?" Und... und er hat gesagt: "Du wirst mich verleugnen..."» Petrus weint wieder und sagt von tiefem Schmerz erfüllt: «Und ich habe ihn verleugnet!»

«Genug, Petrus! Nun bist du wieder du. Höre auf, dich zu quälen!»

«Niemals, niemals. Selbst wenn ich so alt wie die ersten Patriarchen werden und siebenhundert oder neunhundert Jahre wie Adam und seine ersten Enkel leben würde, hätte diese Qual doch kein Ende.»

«Hoffst du nicht auf seine Barmherzigkeit?»

«Doch. Wenn ich nicht an sie glauben würde, wäre ich wie Iskariot: ein Verzweifelter. Aber auch wenn er mir vom Schoß des Vaters aus, zu dem er zurückgekehrt ist, verzeiht, ich selbst verzeihe mir nicht. Ich! Ich! Ich, der ich gesagt habe: "Ich kenne ihn nicht, weil es in jenem Augenblick gefährlich war, ihn zu kennen; weil ich mich schämte, sein Jünger zu sein; weil ich Angst vor der Marter hatte... Er ging in den Tod, und ich... war darauf bedacht, mein Leben zu retten. Und um es zu retten, habe ich mich von ihm abgewandt, wie eine sündige Frau sich der von ihr geborenen Leibesfrucht entledigt, da es gefährlich wäre, wenn ihr unwissender Mann sie bei seiner Rückkehr vorfände. Schlimmer als eine Ehebrecherin bin ich... schlimmer als...»

Angezogen von der lauten Stimme, kommt Maria Magdalena herein. «Schrei doch nicht so. Maria hört dich. Sie ist so erschöpft! Sie hat keine Kraft mehr, und alles tut ihr weh. Dein sinnloses Herumschreien erneuert nur die Qualen, die euer Benehmen ihr bereitet hat...»

«Siehst du? Siehst du, Johannes? Eine Frau kann mir Schweigen gebieten. Und sie hat recht, denn wir, die dem Herrn geweihten Männer, konnten nur lügen und davonlaufen. Die Frauen waren tapfer. Du, du bist wenig mehr als eine Frau, denn du bist so jung und rein, du hast den Mut gehabt zu bleiben. Und wir, die Starken, die Männer, wir sind geflohen.

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Oh, wie muß mich die Welt verachten! Sage es mir, sage es mir nur, Frau. Du hast recht! Tritt mir mit deinem Fuß in den Mund, der gelogen hat. An der Sohle der Sandale klebt vielleicht noch etwas von seinem Blut. Und nur dieses mit dem Staub der Straße vermischte Blut kann dem Abtrünnigen etwas Vergebung, etwas Frieden schenken. Ich muß mich an die Verachtung der Welt gewöhnen. Was bin ich denn? So sagt mir doch, was bin ich?»

«Du bist nichts als großer Hochmut», antwortet Magdalena ruhig. «Schmerz? Das auch. Aber glaube mir, trotzdem sind von den zehn Teilen deines Schmerzes fünf – und ich will nicht sagen sechs, um dich nicht zu kränken – Selbstmitleid, weil man dich nun verachten könnte. Und gewiß werde ich dich verachten, wenn du wie ein dummes Weib immer weiterjammerst und klagst! Was geschehen ist, ist geschehen. Das wilde Geschrei macht es nicht wieder gut oder ungeschehen. Es zieht nur die Aufmerksamkeit auf sich und bettelt um ein Mitleid, das du nicht verdienst. Sei ein Mann in deiner Reue. Schrei nicht, tu etwas. Ich... du weißt, wer ich war. Aber als ich verstanden hatte, daß ich ekelerregender als Erbrochenes war, habe ich mich nicht in Krämpfen gewunden. Ich habe gehandelt. Öffentlich. Ohne Nachsicht mit mir selbst und ohne um Nachsicht zu betteln. Die Welt verachtete mich? Sie hatte allen Grund dazu. Ich hatte es verdient. Die Welt sagte: "Eine neue Laune der Dirne"? Und sie nannte meine Hinwendung zu Jesus eine Gotteslästerung? Sie hatte recht. Mein früheres Benehmen war der Welt bekannt und rechtfertigte jeden derartigen Gedanken. Nun, und was dann? Die Welt mußte sich überzeugen, daß Maria nicht mehr die Sünderin ist. Ich habe die Welt überzeugt durch Tatsachen. Mach du es ebenso und schweig!»

«Du bist aber streng, Maria», bemerkt Johannes.

«Mehr zu mir selbst als zu den anderen. Aber ich gebe zu, ich habe nicht die sanfte Hand der Mutter. Sie ist die Liebe. Ich... Oh, ich! Ich habe meine Sinne mit der Peitsche meines Willens bezwungen. Und ich werde es noch mehr tun. Glaubst du, ich hätte mir verziehen, daß ich die Unzucht gewesen bin? Nein! Aber ich sage es nur mir selbst. Immer werde ich es mir vorhalten. Ich werde mich verzehren und sterben mit diesem geheimen Schmerz, daß ich mich selbst weggeworfen habe, mit diesem untröstlichen Schmerz, daß ich mich entweiht habe und ihm nichts als ein zertretenes Herz geben konnte... du siehst... ich habe mehr als die anderen an den Salben gearbeitet... und mit mehr Mut als die anderen werde ich hingehen und ihn auswickeln... Oh, mein Gott! Wie wird er nun aussehen? (Maria Magdalena wird blaß bei dem Gedanken.) Und ich werde ihn erneut mit Salben bedecken und die anderen entfernen, die sich auf den zahllosen Wunden sicher schon zersetzt haben... Ich werde es tun, denn die anderen werden nicht dazu imstande sein und die Flügel hängen lassen... Aber es schmerzt mich, es mit diesen meinen Händen tun zu

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müssen, die so viele unzüchtige Liebkosungen verteilt haben, und mich seiner Heiligkeit mit diesem meinem befleckten Körper nähern zu müssen... Ich wollte... ich wollte, ich hätte die Hand der Jungfrau-Mutter für diese letzte Salbung ...»

Maria weint nun ganz leise, ohne Erregung. Wie anders ist sie doch als die theatralische Magdalena, die man uns immer beschreibt! Es ist dasselbe lautlose Weinen wie am Tag der Verzeihung im Haus des Pharisäers.

«Du sagst, daß... die Frauen Angst haben werden?» fragt Petrus.

«Nicht Angst... aber sie werden verstört sein beim Anblick seines gewiß schon verwesenden... aufgeblähten... schwarzen Leichnams. Und außerdem werden sie sich sicher vor den Wachen fürchten.»

«Willst du, daß ich mitkomme? Ich und Johannes?»

«O nein, auf keinen Fall. Wir Frauen werden alle zusammen gehen. Denn so wie wir alle dort oben bei ihm gewesen sind, ebenso ist es nur recht, daß wir alle an seinem Totenbett sind. Du und Johannes, ihr müßt hierbleiben. Sie darf nicht allein sein.»

«Kommt sie denn nicht mit?»

«Wir lassen sie nicht mitkommen.»

«Sie ist überzeugt, daß er aufersteht... und du?»

«Ich bin nach Maria die, die am meisten daran glaubt. Ich habe immer geglaubt, daß es so sein würde. Er hat es gesagt. Und er lügt nie... Er... ! Oh, früher nannte ich ihn Jesus, Meister, Erlöser, Herr... Nun erscheint er mir so groß, daß ich nicht mehr fähig bin, daß ich es nicht mehr wage, ihm einen Namen zu geben. Was werde ich zu ihm sagen, wenn ich ihn sehe ... ?»

«Glaubst du wirklich, daß er auferstehen wird?»

«Schon wieder einer! Wenn ich noch oft sagen muß, daß ich es glaube, und euch immer wieder sagen höre, daß ihr es nicht glaubt, werde ich am Ende selbst nicht mehr glauben. Ich habe geglaubt, und ich glaube. Ich habe geglaubt und habe schon lange sein Gewand vorbereitet. Und morgen, denn morgen ist der dritte Tag, werde ich es bringen.»

«Aber wenn du doch sagst, daß er schwarz, aufgebläht und häßlich sein wird?»

«Häßlich niemals. Die Sünde ist häßlich. Aber... nun ja. Er wird schwarz sein. Und? War Lazarus denn nicht schon verwest? Und er ist trotzdem auferstanden! Und sein Fleisch war erneuert. Aber wenn ich es doch sage... ! Schweigt, ihr Ungläubigen! Auch mir sagt die menschliche Vernunft: "Er ist tot und wird nicht auferstehen." Doch mein Geist, sein Geist – denn ich habe von ihm einen neuen Geist erhalten – jubelt wie der Klang silberner Posaunen: "Er steht auf! Er steht auf! Er steht auf!" Warum treibt ihr mich wie ein Schifflein gegen das Riff eurer Zweifel? Ich glaube! Ich glaube, mein Herr! Lazarus hat dem Meister mit zerrissenem Herzen gehorcht und ist in Bethanien geblieben. Ich, die ich weiß, wer

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Lazarus des Theophilus ist: ein Starker, kein ängstlicher Hase, kann sein Opfer ermessen, im Schatten geblieben und nicht beim Meister gewesen zu sein. Aber er hat gehorcht. Er war in diesem Gehorsam heldenhafter, als wenn er ihn mit der Waffe den Bewaffneten entrissen hätte. Ich habe geglaubt und glaube. Und hier stehe ich. In Erwartung wie sie. Doch laßt mich gehen. Der Tag bricht an. Sobald man genügend sieht, gehen wir zum Grab...»

Und Magdalena entfernt sich mit ihrem von Tränen brennenden, aber immer Mut ausstrahlenden Gesicht. Sie geht zu Maria hinein.

«Was war mit Petrus ?»

«Eine Nervenkrise. Doch nun ist es vorbei.»

«Sei nicht hart, Maria. Er leidet.»

«Ich auch. Aber siehst du, ich habe nicht einmal eine Liebkosung von dir verlangt. Ihn hast du schon getröstet... und ich meine, daß du allein, meine Mutter, Trost nötig hättest. Meine Mutter, meine heilige, geliebte Mutter! Habe Mut... Morgen ist der dritte Tag. Wir werden uns hier einschließen, wir, seine beiden in ihn Verliebten. Du, die heilige Verliebte, ich, die arme Verliebte... Aber ich bin es, so gut ich es eben kann, mit meinem ganzen Sein... Und wir werden auf ihn warten... Sie, die nicht glauben, werden wir dort einschließen mit ihren Zweifeln. Und hier will ich viele, viele Rosen aufstellen... Heute lasse ich die Truhe bringen ... ... Jetzt gleich gehe ich in den Palast und gebe Levi den Auftrag. Fort mit allen diesen furchtbaren Dingen! Unser Auferstandener darf sie nicht sehen... Viele Rosen... Und du wirst ein neues Kleid anlegen... Er darf dich nicht so sehen. Ich werde dich kämmen und dein armes Antlitz, das die Tränen entstellt haben, waschen. Ewiges Mädchen, ich werde deine Mutter sein... So werde ich endlich die Seligkeit verkosten, mütterliche Sorge zu tragen für ein Geschöpf, das unschuldiger ist als ein neugeborenes Kind! Liebste!» Und in ihrem Gefühlsüberschwang zieht Magdalena das Haupt der sitzenden Maria an ihre Brust, küßt sie, liebkost sie, streicht ihr die in Unordnung geratenen weichen Locken ihres Haares hinter die Ohren und trocknet die erneut und immer, immer fließenden Tränen mit dem Linnen ihres Gewandes...

Nun kommen die Frauen herein mit Lampen, Krügen und weithalsigen Gefäßen. Maria des Alphäus trägt einen schweren Mörser.

«Wir können draußen nicht weitermachen. Es weht ein leichter Wind, der die Lampen auslöscht», erklärt sie.

Sie stellen sich auf einer Seite an einen langen, schmalen Tisch, legen dort ihre Sachen nieder und stellen den Balsam fertig, indem sie die schon dicke, duftende Salbe im Mörser mit einem weißen Pulver vermischen, von dem sie ab und zu eine Handvoll aus einem Säckchen nehmen. Sie mischen und arbeiten mit aller Kraft, füllen dann ein weithalsiges Gefäß und stellen es auf den Boden. Mit einem anderen Gefäß machen sie es ebenso. Düfte und Tränen tränken die Harze.

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Maria Magdalena sagt: «Dies war nicht die Salbung, die ich hoffte, für dich vorbereiten zu dürfen.» Maria Magdalena, die Erfahrenste von allen, hat in der Tat immer die Zusammenstellung der Aromen angeordnet und überwacht, die so stark sind, daß sie die Tür und das Fenster zum Garten etwas öffnen müssen.

Alle weinen noch mehr nach dieser leisen Bemerkung Magdalenas.

Nun sind sie fertig. Alle Gefäße sind gefüllt.

Sie gehen mit den leeren Krügen, dem nun nutzlosen Mörser und vielen Lampen hinaus. Es bleiben nur zwei zuckende Lichter im Zimmer zurück, und auch sie scheinen zu schluchzen mit ihrem flackernden Schein...

Die Frauen kommen wieder herein und schließen das Fenster, denn der Morgen ist kühl. Sie legen die Mäntel an und nehmen große Taschen, in denen sie die Gefäße mit dem Balsam unterbringen.

Maria erhebt sich und sucht ihren Mantel. Doch alle umringen sie und wollen sie überzeugen, nicht mitzugehen.

«Du hältst dich kaum aufrecht, Maria. Seit zwei Tagen hast du nichts zu dir genommen, nur etwas Wasser.»

«Ja, Mutter. Wir werden es rasch und gut machen und bald zurück sein.»

«Hab keine Angst. Wir werden ihn wie einen König einbalsamieren. Du siehst, was für eine kostbare Salbe wir bereitet haben! Und so viel... !»

«Wir werden kein Glied und keine Wunde vergessen und alles richtig machen. Wir sind stark, und wir sind Mütter. Wir werden ihn wie ein Kind in die Wiege legen. Die anderen müssen dann nur noch das Grab verschließen.»

Aber Maria besteht darauf: «Es ist meine Pflicht», sagt sie. «Ich habe immer für ihn gesorgt. Nur in diesen drei Jahren, da er der Welt gehört hat, habe ich anderen die Sorge um ihn überlassen, wenn er fern von mir war. Nun, da die Welt ihn abgewiesen und verleugnet hat, gehört er wieder mir. Und ich bin wieder seine Magd.»

Petrus, der sich mit Johannes der Tür genähert hat, ohne daß die Frauen es bemerkt haben, flieht, als er diese Worte hört. Er flieht in einen verborgenen Winkel, um über seine Sünde zu weinen. Johannes bleibt an der Schwelle, sagt aber nichts. Auch er würde gerne mitgehen, doch er bringt das Opfer, bei der Mutter zu bleiben.

Magdalena führt Maria zu ihrem Sessel zurück. Sie kniet vor ihr nieder, umfängt Marias Knie, erhebt das schmerzerfüllte und liebevolle Gesicht zu ihr und verspricht: «Sein Geist weiß und sieht alles. Aber ich werde seinem Leib durch Küsse deine Liebe und deine Sehnsucht bezeigen. Ich weiß, was Liebe ist. Ich weiß, was für ein Stachel, was für ein Hunger das Lieben ist. Wie man danach verlangt, bei dem zu sein, der unsere Liebe ist. Sogar bei der schändlichen Liebe, die Gold zu sein scheint und Schmutz ist, ist es so. Wenn daher die Sünderin die heilige Liebe zur lebendigen Barmherzigkeit

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kennt, die die Menschen nicht zu lieben verstanden haben, dann versteht sie noch besser, was deine Liebe ist, Mutter. Du weißt, daß ich zu lieben verstehe. Und du weißt, daß er an jenem Abend meiner wahren Geburt dort am Ufer unseres ruhigen Sees gesagt hat, daß Maria zu lieben versteht. Nun ist diese meine überschwengliche Liebe wie das Wasser eines überfließenden Beckens, wie ein über eine Mauer quellender blühender Rosenstrauch, wie Feuer, das Nahrung gefunden hat und immer stärker und größer wird, ganz auf ihn gerichtet und findet in ihm, der Liebe, immer neue Kraft... Oh, daß die Macht meiner Liebe nicht fähig gewesen ist, ihn am Kreuz zu ersetzen... ! Aber was ich für ihn nicht tun konnte – leiden, verbluten, an seiner Stelle sterben unter dem Spott der ganzen Welt, glücklich, glücklich, glücklich, für ihn zu leiden; und ich bin sicher, daß der Docht meines armen Lebens sich mehr in der triumphierenden Liebe als durch die schändliche Hinrichtung verzehrt hätte, und daß aus der Asche die neue, reine Blume des neuen, reinen Lebens, des jungfräulichen Lebens erstanden wäre, das nichts kennt als Gott – all dies, was ich für ihn nicht tun konnte, das kann ich immer noch für dich tun... Mutter, die ich aus ganzem Herzen liebe. Vertraue mir! Mir, die ich im Haus des Pharisäers Simon seine heiligen Füße so zart zu liebkosen wußte; ich werde nun mit meiner Seele, die sich immer mehr der Gnade öffnet, noch liebevoller seine heiligen Glieder liebkosen und seine Wunden pflegen, und mehr mit meiner Liebe als mit den Salben werde ich sie einbalsamieren, mit dem Balsam, der aus meinem Herzen, aus der Liebe und dem Schmerz kommt. Und der Tod wird diesem Fleisch, das so viel Liebe geschenkt hat und so viel Liebe empfängt, nichts anhaben können. Der Tod wird fliehen, denn die Liebe ist stärker als der Tod. Unbesiegbar ist die Liebe. Und ich, Mutter, werde meinen König der Liebe mit deiner vollkommenen und meiner grenzenlosen Liebe einbalsamieren.»

Maria küßt diese leidenschaftliche Frau, die endlich gefunden hat, was solcher Leidenschaft wert ist, und gibt ihren Bitten nach.

Die Frauen gehen hinaus mit einer Lampe. Im Zimmer bleibt nur noch eine. Als letzte geht Magdalena, nachdem sie der Mutter noch einen Kuß gegeben hat.

Im Haus wird es dunkel und still. Die Straße ist noch finster und menschenleer.

Johannes fragt: «Wollt ihr mich wirklich nicht mitnehmen?»

«Nein, du könntest hier nützlich sein. Leb wohl.»

Johannes geht zu Maria zurück. «Sie haben mich nicht gewollt ...» sagt er leise.

«Sei nicht gekränkt. Sie sind bei Jesus. Du bist bei mir. Johannes, beten wir ein wenig zusammen. Wo ist Petrus?»

«Ich weiß nicht. Irgendwo im Haus. Aber ich sehe ihn nicht. Und... Ich hätte ihn für stärker gehalten... Auch ich leide, doch er ...»

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«Er hat zwei Schmerzen. Du nur einen. Komm! Wir wollen auch für ihn beten.»

Und Maria betet langsam das «Vaterunser». Dann liebkost sie Johannes: «Geh zu Petrus. Laß ihn nicht allein. Er war in diesen Stunden in einer so tiefen Finsternis, daß er nun nicht einmal das geringe Licht der Welt erträgt. Sei der Apostel deines verirrten Bruders. Beginne bei ihm mit der Verkündigung. Auf deinem Lebensweg, der sehr lang sein wird, wirst du immer seinesgleichen finden. Beginne deine Arbeit bei deinem Gefährten...»

«Aber was soll ich ihm sagen ... ? Ich weiß nicht... alles bringt ihn zum Weinen.»

«Wiederhole ihm sein Gebot der Liebe. Sage ihm, daß, wer sich fürchtet, Gott noch nicht genügend kennt, denn Gott ist die Liebe. Und wenn er sagt: "Ich habe gesündigt", dann antworte ihm, daß Gott die Sünder so sehr geliebt hat, daß er ihretwegen seinen eingeborenen Sohn gesandt hat. Sage ihm, daß man auf so viel Liebe mit Liebe antworten muß. Und die Liebe schenkt Vertrauen in den gütigsten Herrn. Dieses Vertrauen läßt uns sein Gericht nicht fürchten, denn durch das Vertrauen anerkennen wir die göttliche Weisheit und Güte und sagen: "Ich bin ein armes Geschöpf. Aber er weiß es. Und er gibt mir Christus als Unterpfand der Vergebung und als Stütze und Stab. Meine Armseligkeit wird besiegt durch meine Vereinigung mit Christus." Im Namen Jesu wird alles vergeben... Geh, Johannes. Sage ihm dies. Ich bleibe hier, mit meinem Jesus...» Und sie liebkost das Schweißtuch.

Johannes geht hinaus und schließt die Tür hinter sich.

Maria kniet nieder wie am Abend zuvor, von Angesicht zu Angesicht mit dem Schleier der Veronika. Sie betet und redet mit ihrem Sohn. Sie, die stark ist, um anderen Kraft zu vermitteln, beugt sich nun, da sie allein ist, unter ihrem schweren Kreuz. Doch von Zeit zu Zeit, wie eine Flamme, deren Docht sich wieder aufrichtet, erhebt sich ihre Seele in einer Hoffnung, die nicht sterben kann in ihr, die vielmehr stärker wird im Verlauf der Stunden. Und sie sagt auch dem Vater ihre Hoffnung und ihre Bitte.

678. DER OSTERMORGEN; KLAGE; GEBET MARIAS

Den ganzen Tag habe ich den gekreuzigten Jesus und Maria und Johannes unter dem Kreuz vor Augen.

Heute morgen, als ich die heilige Kommunion empfing, glaubte ich, vor einem lebenden Altar zu sein, denn sie waren da und schauten mich an mit ihren Blicken voll übernatürlicher Liebe. Eine so empfangene Kommunion ist unbeschreiblich.

Gegen Abend habe ich in mir diesen Satz gehört: «Dies war nicht die Salbung, die ich hoffte, für dich vorbereiten zu dürfen.» Es war eine Frauenstimme, eine volle, warme, leidenschaftliche

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Stimme. Nicht die sanfte, jugendliche, reine Stimme Marias, dieser jungfräuliche, helle Sopran.

Ich verstehe, daß es ein neues Wesen ist, das spricht, aber ich kann ihm keinen Namen und kein Gesicht geben, solange ich nicht die Vision habe.

Ich sehe wieder den Raum in dem gastfreundlichen Haus, wo Maria weint. Sie ist noch dort, auf ihrem Stuhl, bedrückt, erschöpft und gezeichnet von den vielen Tränen.

Auch die Frauen sind da. Im Schein der Öllampen bereiten sie die Salben vor, nehmen sie aus verschiedenen Amphoren, mischen sie in einem Mörser und füllen sie dann in weithalsige Gefäße, in die man leicht hineinfassen und den Balsam herausholen kann.

Die Frauen arbeiten weinend, und Maria Magdalena, deren Gesicht von Tränen gezeichnet ist wie von einer Verbrennung, sagt diese Worte, die die anderen Frauen noch stärker weinen machen.

Dann, als sie mit den Vorbereitungen fertig sind, hüllen sie sich in ihre Schals oder Mäntel. Auch Maria steht auf. Doch die Frauen umringen sie und wollen sie überzeugen, nicht mitzugehen. Es wäre zu grausam, wenn sie den Sohn wiedersehen würde, der nun am dritten Tag nach seinem Tod und bei den vielen Quetschungen und Wunden gewiß schon ganz schwarz und verwest ist. Und außerdem hätte sie nicht die Kraft zu gehen. Sie hat ja nur geweint und gebetet; nie gegessen oder geschlafen. Sie soll beruhigt sein und ihnen vertrauen. Sie werden mit ihrer Liebe als Jüngerinnen auch die Mutter vertreten und dem heiligen Körper alle Sorge angedeihen lassen, die erforderlich ist für eine endgültige Beisetzung im Grab.

Maria gibt nach. Magdalena, die zu ihren Füßen kniet und dabei in ihrer üblichen Haltung auf den Fersen sitzt, umarmt ihre Knie und schaut mit dem von Tränen geröteten Antlitz zu ihr empor. Sie verspricht, daß sie Jesus von der ganzen Liebe seiner Mutter berichten wird, während sie ihn nochmals einbalsamiert. Sie wisse ja, was Lieben heißt. Sie habe die niedrige, sinnliche Liebe vertauscht mit der heiligen Liebe zur lebendigen Barmherzigkeit, die die Menschen getötet haben, und sie verstehe zu lieben. Jesus habe ihr gesagt – schon an dem Abend, der zum Morgen ihres neuen Lebens geworden ist – daß sie eine große Liebe hat. Die Mutter solle sich nur auf sie verlassen. Sie, die Erlöste, die damals schon die Füße so sanft liebkost habe, werde nun auch die Wunden liebkosen und sie mehr mit ihrer Liebe als mit der Salbe einbalsamieren, damit der Tod dieses Fleisch nicht verderben könne, das soviel Liebe geschenkt hat und empfängt.

Die Stimme Magdalenas ist voller Leidenschaft. Sie läßt mich an eine in Samt gewickelte Orgel denken, so sehr gleicht sie dem Klang einer Orgel, den Wärme und Leidenschaftlichkeit etwas weicher machen. Sie verrät eine Seele, die in Liebe entbrannt ist. Die gebrannt hat, die brennen und lieben mußte, und die nun, da Jesus sie erlöst hat, in Liebe zur göttlichen

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Liebe entbrannt ist. Ich werde diese Frauenstimme, die ein Bekenntnis des Seelenlebens dieser Frau ist, nicht vergessen. Ich werde sie nie mehr vergessen.

Die Frauen gehen mit ihrer Lampe hinaus. Das Haus ist nun ganz dunkel, und auch der Weg ist dunkel. Kaum die ersten Anzeichen eines Morgengrauens dort im Osten. Das kalte, reine Licht eines Aprilmorgens. Der Weg ist still und verlassen. Die Frauen, alle in ihre Mäntel gehüllt, gehen schweigend zum Grab Jesu.

Ich gehe nicht mit ihnen. Ich kehre zu Maria zurück, Jesus schickt mich zu ihr zurück.

Nun, da sie allein ist, hat sie wieder zu beten begonnen. Sie kniet vor dem Schweißtuch der Veronika, das von einem Regal herabhängt und von dem Leichentuch und den Nägeln gehalten wird. Sie betet und spricht mit ihrem Sohn. Es ist immer noch derselbe Kummer, zusammen mit einer Hoffnung, die sie angstvoll und unruhig sein läßt.

«Jesus, Jesus! Kommst du noch nicht zurück? Deine arme Mutter erträgt es nicht mehr länger, dich dort tot zu wissen. Du hast es gesagt, und niemand hat dich verstanden. Aber ich habe dich verstanden! "Reißt den Tempel Gottes nieder, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufrichten." Nun hat der dritte Tag begonnen. Oh, mein Jesus! Warte nicht, bis er vollendet ist, um zum Leben zurückzukehren, zu deiner Mama, die dich lebendig sehen muß, um nicht zu sterben bei der Erinnerung an deinen Tod, die dich schön, gesund, siegreich sehen muß, um nicht zu sterben bei der Erinnerung an den Zustand, in dem sie dich verlassen hat!

Oh Vater! Vater! Gib mir meinen Sohn zurück, damit ich ihn wieder als Mensch und nicht als Leichnam, als König und nicht als Verurteilten sehe. Danach, ich weiß es, wird er zu dir in den Himmel zurückkehren. Doch ich werde ihn heil gesehen haben nach so vielen Übeln, ich werde ihn stark gesehen haben nach so großer Schwäche, ich werde ihn siegreich gesehen haben nach so viel Kampf. Ich werde ihn als Gott gesehen haben nach so viel für die Menschheit erlittenem Menschsein. Und ich werde glücklich sein, auch wenn ich seine Nähe verliere. Ich werde ihn bei dir wissen, heiliger Vater. Ich werde ihn für immer frei von Schmerz wissen. Jetzt hingegen kann ich nicht, ich kann nicht vergessen, daß er in einem Grab liegt; daß er dort liegt, getötet von den vielen Schmerzen, die man ihm zugefügt hat; daß er, mein Sohn und Gott, das Schicksal der Menschen im Dunkel eines Grabes erleidet, er, dein Lebendiger.

Vater, Vater, erhöre deine Dienerin. Um meines "Ja" willen... Ich habe dich nie um etwas gebeten um meines Gehorsams willen. Dein Wille war mein Wille. Ich habe nichts verlangt für das Opfer meines Willens. Nun aber, nun, heiliger Vater, erhöre mich um des "Ja" willen, das ich dem von dir gesandten Engel geantwortet habe.

Er fühlt nun keinen Schmerz mehr, denn mit seinem drei Stunden

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währenden Todeskampf nach den Martern des Vormittages hat er alles vollbracht. Ich aber ringe seit drei Tagen mit dem Tod. Du siehst mein Herz und fühlst, wie es schlägt. Unser Jesus hat gesagt, daß kein Vogel eine Feder verliert, die du nicht siehst, und daß keine Blume auf dem Feld verwelkt, die du nicht in ihrem Todeskampf mit deiner Sonne und deinem Tau tröstest. Oh, Vater, ich sterbe an diesem Schmerz! Tue an mir wie an dem Sperling, dem du eine neue Feder schenkst, und wie an der Blume, die du erwärmst und tränkst in deiner Barmherzigkeit. Ich sterbe, der Schmerz bringt mich um. Ich habe kein Blut mehr in den Adern. Einst ist es ganz zu Milch geworden, um deinen und meinen Sohn zu nähren; nun ist es ganz zu Tränen geworden, da ich keinen Sohn mehr habe. Sie haben ihn mir getötet, getötet, Vater, und du weißt, auf welche Art und Weise!

Ich habe kein Blut mehr! Ich habe es zusammen mit ihm in der Nacht des Donnerstags und an dem verhängnisvollen Freitag vergossen. Ich friere wie eine Ausgeblutete. Ich habe keine Sonne mehr, denn er ist tot; er, meine heilige Sonne, meine gesegnete Sonne, die aus meinem Schoß zur Freude seiner Mutter und zum Heil der Welt geborene Sonne. Ich finde keine Erquickung mehr, denn ich habe ihn nicht mehr, die süßeste Quelle seiner Mutter, die sein Wort trank und an seiner Gegenwart ihren Durst stillte. Ich bin wie eine Blume im ausgetrockneten Sand. Ich sterbe, ich sterbe, heiliger Vater. Und ich fürchte mich nicht zu sterben, denn auch er ist tot. Aber was wird aus diesen Kleinen werden, aus dieser kleinen Herde meines Sohnes, die so schwach, so ängstlich, so wankelmütig ist, wenn niemand sie stützt? Ich bin nichts, Vater. Aber für die Wünsche meines Sohnes bin ich wie ein bewaffnetes Kriegsheer. Und ich verteidige, ich werde seine Lehre und sein Erbe verteidigen, wie eine Wölfin ihre Jungen verteidigt. Ich, das Lamm, werde zur Wölfin werden, um zu verteidigen, was meines Sohnes und somit auch dein ist.

Du hast es gesehen, Vater. Vor einer Woche hat diese Stadt ihre Ölbäume ihrer Zweige beraubt, ihre Häuser geleert, ihre Gärten geplündert und sich heiser geschrien: "Hosanna dem Sohne Davids. Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn." Und während er über den Teppich der Zweige, der Gewänder, der Stoffe und der Blumen ritt, zeigten ihn die Bürger einander und sagten: "Es ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa. Er ist der König von Israel." Und als die Zweige noch nicht verwelkt und die Stimmen noch rauh waren von den vielen Hosannarufen, wandelten sich ihre Rufe in Beschuldigungen, Flüche und die Forderung nach seinem Tod; und die zu seinem Triumph gebrochenen Zweige wurden zu Ruten, die dein Lamm schlugen, das sie zum Tod führten.

Wenn sie das alles getan haben, als er noch unter ihnen weilte, als er noch zu ihnen sprach und ihnen zulächelte, sie ansah mit seinen Augen, die das Herz weich werden und selbst die Steine erzittern ließen, als er

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ihnen noch Wohltaten erwies und sie belehrte, was werden sie erst tun, wenn er zu dir zurückgekehrt ist?

Du hast ja seine Jünger gesehen. Einer hat ihn verraten, die anderen sind geflohen. Es genügte, daß er geschlagen wurde, und sie flohen wie ängstliche Schafe und brachten es nicht fertig, bei seinem Sterben in seiner Nähe zu sein. Nur einer, der Jüngste, ist geblieben. Nun kommt der Älteste. Schon einmal hat er ihn verleugnet. Und wenn Jesus nicht mehr hier ist und ihn anblickt, wird er dann seinem Glauben treu bleiben?

Ich bin ein Nichts, doch ein klein wenig von meinem Sohn ist auch in mir, und meine Liebe übertrifft meine Fehlerhaftigkeit und tilgt sie. So bin ich von Nutzen für die Sache deines Sohnes, für seine Kirche, die nie Frieden finden wird und tiefe Wurzeln schlagen muß, um nicht von den Stürmen entwurzelt zu werden. Ich werde jene sein, die für sie sorgt. Wie eine aufmerksame Gärtnerin werde ich darüber wachen, daß sie an ihrem Morgen stark und gerade wächst. Danach werde ich gerne sterben. Aber ich kann nicht leben, wenn ich noch lange ohne Jesus sein muß.

Oh, Vater, der du den Sohn zum Wohl der Menschen verlassen, ihn aber dann getröstet hast – denn gewiß hast du ihn nach seinem Tod in deinen Schoß aufgenommen – überlasse mich nicht länger meiner Verlassenheit. Ich ertrage sie und opfere sie auf zum Wohl der Menschen. Aber tröste mich jetzt, Vater. Vater, Erbarmen! Erbarmen, mein Sohn! Erbarmen, göttlicher Geist! Erinnere dich deiner Jungfrau!»

Am Boden liegend, scheint Maria nun mehr durch ihre Haltung als mit ihrem Herzen zu beten. Sie ist wirklich ein armes, zu Boden geschmettertes Geschöpf. Sie gleicht der verdurstenden Blume, von der sie gesprochen hat. Und sie bemerkt nicht einmal die Erschütterung eines kurzen, aber heftigen Erdbebens, das den Hauswirt und seine Frau aufschreien und aus dem Haus laufen läßt, während Petrus und Johannes sich totenbleich an die Schwelle des Zimmers schleppen. Als sie jedoch Maria so in ihr Gebet vertieft, so selbstvergessen, so fern von allem, was nicht Gott ist, sehen, ziehen sie sich zurück, schließen die Tür und kehren verängstigt in den Abendmahlsaal zurück.

679. DIE AUFERSTEHUNG

Im Garten herrscht tiefe Stille, und alles glänzt von Tau. Der saphirblaue Himmel darüber wird immer heller, und das sternenfunkelnde Schwarzblau, das die ganze Nacht über der Erde gewacht hat, verliert sich. Das Morgengrauen schiebt die Dunkelheit vor sich her, von Osten nach Westen, wie die Wellen bei der Flut beständig steigen und den dunklen Strand

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bedecken, wie das blaue Wasser des Meeres das Schwarzgrau des feuchten Sandes und der Klippen überflutet.

Das eine oder andere Sternlein möchte noch nicht erlöschen und blinkt immer schwächer in dieser Woge aus grünlichweißem, grau überhauchtem, milchigem Morgenlicht, ähnlich der Farbe der schläfrigen Zweige der Ölbäume, die den nahen Hügel krönen. Doch dann versinken sie in dieser Welle, wie Land vom Wasser überflutet wird. Nun fehlt schon eines... und noch eines, und noch eines. Der Himmel verliert seine Sternenherden, und nur dort, im äußersten Westen, bleiben noch drei, dann zwei, dann einer in Betrachtung des täglich neuen Wunders eines Sonnenaufganges.

Und nun, da sich ein Rosastreifen auf der türkisfarbenen Seide des orientalischen Himmels zeigt, säuselt ein Windhauch über die Wipfel und Gräser und flüstert: «Erwacht. Der Tag ist auferstanden.» Aber er weckt nur die Wipfel und die Gräser, die unter den Diamanten des Taus schaudern und leise rauschen, begleitet von den Harfentönen fallender Tropfen.

Die Vöglein rühren sich noch nicht, weder in den dichten Zweigen der riesigen Zypresse, die wie ein Gebieter ihr Reich zu beherrschen scheint, noch in der dichten, verschlungenen Lorbeerhecke, die den Ostwind abhält.

Die gelangweilten, fröstelnden und verschlafenen Wachen stehen in den verschiedensten Haltungen vor dem Grab, dessen steinerne Tür an den Rändern mit einer dicken Schicht Kalk, ähnlich Strebepfeilern, verstärkt worden ist. Auf ihrem matten Weiß leuchten große Rosetten aus rotem Wachs und andere, die man direkt in den frischen Kalk gedrückt hat – die Siegel des Tempels.

Die Wachen müssen in der Nacht ein Feuerchen angezündet haben, denn am Boden liegen Asche und verkohlte Holzscheite, und sie müssen auch ein Spiel gemacht und gegessen haben, denn da und dort liegen Speisereste und kleine polierte Knochen, die man sicher zu irgendeinem Spiel benützt – wie unser Domino oder die Glaskugeln der Kinder -und mit denen sie auf einem einfachen, auf den Boden gezeichneten Brett gespielt haben. Irgendwann hatten sie genug, haben alles liegengelassen und sich eine mehr oder weniger bequeme Lage gesucht, um zu schlafen oder zu wachen.

Die Röte im Osten breitet sich immer mehr am heiteren Himmel aus, an dem aber noch kein Sonnenstrahl zu sehen ist. Da taucht plötzlich aus unbekannten Tiefen ein strahlender Meteor auf, ein Feuerball von unerträglicher Helligkeit mit einem funkelnden Schweif, der aber vielleicht nur die Erinnerung an seinen Glanz auf unserer Netzhaut ist. Er saust auf die Erde herab und strahlt ein so mächtiges, zauberhaftes und zugleich in seiner Schönheit beängstigendes Licht aus, daß das rosige Licht des Morgens in dieser weißen Glut verblaßt.

Die Wächter erheben erstaunt ihre Köpfe, auch weil die Helligkeit von

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einem mächtigen, harmonischen, feierlichen Klang begleitet wird, der die ganze Schöpfung erfüllt. Er kommt aus paradiesischen Tiefen und ist das Halleluja, das Gloria der Engel, das dem Geist Christi folgt, der in seinen verherrlichten Leib zurückkehrt.

Der Meteor prallt gegen den nutzlosen Verschluß des Grabes, bricht ihn auf, wirft ihn zu Boden und schleudert mit seinem Dröhnen auch die entsetzten Wächter, die man als Gefangenenwärter des Herrn des Weltalls aufgestellt hat, zu Boden. Und die Erde bebt bei seiner Rückkehr wie damals, als der Geist des Herrn sie verlassen hat. Er dringt in das dunkle Grab, das ganz hell wird von seinem unbeschreiblichen Licht; und während das Licht in der reglosen Luft schwebt, senkt sich der Geist in den unbeweglichen Körper unter den Totenbinden.

All das geschieht nicht in einer Minute, sondern in Sekundenschnelle das Erscheinen, das Herabsteigen, das Eindringen und das Verschwinden des Lichtes Gottes...

Das «Ich will!» des göttlichen Geistes zu seinem erkalteten Fleisch erfolgt lautlos. Es wird von der Wesenheit zur unbeweglichen Materie gesprochen, aber das menschliche Ohr hört kein Wort.

Das Fleisch erhält den Befehl und gehorcht mit einem tiefen Atemzug...

Nichts anderes für einige Minuten.

Unter dem Schweißtuch und dem Leichentuch ersteht das glorreiche Fleisch in ewiger Schönheit, erwacht aus dem Todesschlaf, kehrt aus dem «Nichts» zurück, in dem es war, und lebt, nachdem es tot gewesen ist. Gewiß erwacht das Herz, treibt mit seinem ersten Schlag das noch übrige, eisige Blut durch die Adern und erschafft in einem Augenblick das volle Maß in den leeren Blutgefäßen, der reglosen Lunge, dem verdunkelten Gehirn und läßt Wärme, Gesundheit, Kraft und Gedanken wiederkehren.

Wieder ein Augenblick, und dann eine plötzliche Bewegung unter dem schweren Leichentuch. Eine so plötzliche Bewegung, daß dem Auge keine Zeit bleibt, die verschiedenen Phasen zu verfolgen zwischen dem Moment, in dem er gewiß seine gekreuzten Hände bewegt, und dem Moment, in dem er dasteht – eindrucksvoll, strahlend in seinem Gewand aus unirdischem Gewebe, in übernatürlicher Schönheit und Majestät, mit einer Würde, die ihn verändert und erhöht, obwohl er doch er selbst bleibt.

Und nun betrachtet ihn das Auge voll Bewunderung-. Er ist so ganz anders als in der Erinnerung. Wieder schön, ohne Wunden und Blut, nur noch strahlend im Licht, das in Strömen aus den fünf Wunden bricht und aus allen Poren seiner Haut dringt.

Als er den ersten Schritt tut – und bei dieser Bewegung umgeben ihn die aus Händen und Füßen dringenden Strahlen mit einer Aureole von Glanz: vom Haupt, das gekrönt ist vom Glorienschein der unzähligen kleinen Wunden der Dornenkrone, die nun nicht mehr bluten, sondern leuchten, bis zum Saum seines Gewandes, als er die über der Brust gekreuzten Arme

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öffnet und damit die Stelle auf der Höhe des Herzens sichtbar wird, an der eine helle Sonne durch das Gewand strahlt – da ist er wirklich das verkörperte Licht. Nicht das arme Licht der Erde, nicht das arme Licht der Sterne, nicht das arme Licht der Sonne, sondern das Licht Gottes. Der ganze Glanz des Himmels, der sich in einem einzigen Wesen vereint und ihm sein unvorstellbares Blau als Pupillen, sein feuriges Gold als Haar, seine engelgleiche Weiße als Gewand und Hautfarbe verleiht. Und all das, was mit menschlichen Worten nicht zu beschreiben ist – die überwältigende Glut der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, neben deren feuriger Gewalt jegliches Feuer des Paradieses verblaßt, die jegliches Feuer in sich aufnimmt und es in jedem Augenblick der ewigen Zeit neu hervorbringt; das Herz des Himmels, das sein Blut anzieht und verströmt, die unzähligen Tropfen seines nicht körperlichen Blutes: die Seligen, die Engel, alles das, was das Paradies ist: die Liebe Gottes, die Liebe zu Gott, das alles ist das Licht, das den auferstandenen Christus bildet, das Licht, das er ist.

Als er sich dem Ausgang nähert, sehe ich außer seinem Glanz zwei wunderschöne strahlende Gestalten, die jedoch wie Sterne sind im Vergleich zur Sonne. Sie haben sich links und rechts der Graböffnung niedergeworfen, um ihren Gott anzubeten, der in seinen Glanz gehüllt und mit beseligendem Lächeln herauskommt, die Grabhöhle verläßt und seinen Fuß wieder auf die Erde setzt, die freudig erwacht und glänzt und gleißt in ihrem Tau, in den Farben der Gräser und der Rosensträucher, in den unzähligen Blüten der Apfelbäume, die sich durch ein Wunder unter dem ersten Kuß der Sonne öffnen, und in der ewigen Sonne, die unter ihnen dahinschreitet.

Die Wachen sind immer noch an ihren Plätzen, betäubt... Die verdorbenen Sinne des Menschen sehen Gott nicht, während die reinen Kräfte des Universums, die Blumen, die Kräuter und die Vöglein den Mächtigen, der vorübergeht im Glorienschein seines eigenen Lichtes und im Glanz des Sonnenlichtes, bewundern und verehren.

Sein Lächeln, sein Blick, der sich auf die Blüten und die Zweige richtet und sich zum heiteren Himmel erhebt, verschönt alles. Weicher und von seidigerem Rosa erscheinen die Millionen Blütenblätter, die gleich blühendem Schaum über dem Haupt des Siegers schweben, und lebhafter blitzen die Diamanten der Tautropfen. Und blauer leuchtet der Himmel, der seine glänzenden Augen widerspiegelt, und festlicher strahlt die Sonne und bemalt in ihrer Freude ein Wölkchen, das daherschwebt im leichten Wind, der gekommen ist, um seinen König mit in den Gärten geraubten Düften zu küssen und mit seidenen Blütenblättern zu liebkosen.

Jesus hebt die Hand und segnet. Und während die Vöglein lauter singen und der Wind stärker duftet, entschwindet er meinen Blicken und läßt eine Freude in mir zurück, die auch die leiseste Erinnerung an Traurigkeit und Leiden und alle Sorgen um die Zukunft auslöscht...

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680. JESUS ERSCHEINT DER MUTTER

Maria hat sich auf ihr Antlitz geworfen, ein armes, gebrochenes Geschöpf. Sie gleicht der verdursteten Blume, von der sie gesprochen hat.

Das geschlossene Fenster öffnet sich, die schweren Läden schlagen heftig gegen die Wand, und mit dem ersten Sonnenstrahl kommt Jesus herein.

Maria, die sich bei dem Geräusch aufrafft und den Kopf erhebt, um zu sehen, was für ein Wind die Fensterläden aufgerissen hat, erblickt ihren strahlenden Sohn: schön, unendlich viel schöner noch als vor seinem Leiden, lächelnd, lebendig, leuchtender als die Sonne, der in seinem weißen Gewand, das gewebtem Licht gleicht, auf sie zukommt.

Sie richtet sich auf den Knien auf, kreuzt die Hände über der Brust und sagt mit einem Aufschluchzen, das zugleich lacht und weint: «Mein Herr und mein Gott.» Und so bleibt sie, betrachtet ihn hingerissen und mit tränenüberströmtem Gesicht, dessen Ruhe und Frieden jedoch durch das Lächeln Jesu und die Ekstase wiedergekehrt sind.

Aber er will seine Mutter nicht wie eine Magd vor sich knien sehen. Er ruft sie und streckt ihr die Hände entgegen, aus deren Wunden Strahlen brechen, die das glorreiche Fleisch noch leuchtender machen: «Mama!»

Es ist nicht das traurige Wort der Gespräche und der Abschiede vor der Passion; es ist nicht die herzzerreißende Klage der Begegnung auf dem Kalvarienberg und des Todeskampfes; es ist ein festlicher Ausruf des Triumphs, der Freude, der Befreiung, der Liebe und der Dankbarkeit.

Jesus neigt sich über die Mutter, die nicht wagt, ihn zu berühren, legt seine Hände unter ihre Ellbogen, hilft ihr aufstehen, drückt sie an sein Herz und küßt sie.

Oh, nun begreift Maria, daß es keine Vision ist, sondern der wahrhaft auferstandene Sohn; daß es ihr Jesus ist, ihr Sohn, der sie immer noch als Sohn liebt. Und mit einem Freudenschrei wirft sie sich an seinen Hals, umarmt und küßt ihn und weint und lacht. Sie küßt seine Stirn, die nun nicht mehr verwundet ist, sein Haupt, das nicht mehr ungekämmt und blutig ist, seine leuchtenden Augen, seine geheilten Wangen und seinen nicht mehr geschwollenen Mund. Dann ergreift sie seine Hände und küßt ihren Rücken und ihre Handflächen, die strahlenden Wunden, und gleich darauf beugt sie sich nieder zu seinen Füßen und schiebt das leuchtende Gewand zurück, um auch sie zu küssen. Schließlich steht sie wieder auf, sieht ihn an, hat nicht den Mut...

Doch er lächelt und versteht. Er öffnet das Gewand über der Brust ein wenig und sagt: «Und diese willst du nicht küssen, Mama? Diese, die dir so großen Schmerz bereitet hat und die zu küssen nur du allein würdig bist... Küsse mein Herz, Mama. Dein Kuß wird die letzte Erinnerung an alles, was Schmerz ist, verwischen und mir jene Freude schenken, die mir

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zu meiner Freude als Auferstandener noch fehlt.» Und er nimmt das Antlitz der Mutter in seine Hände und drückt ihre Lippen auf die Ränder der Seitenwunde, aus der Strahlen hellsten Lichtes dringen.

Das Antlitz Marias ist ganz eingetaucht in dieses Licht und von seinen Strahlen umflossen. Und sie küßt und küßt, während Jesus sie liebkost. Sie wird nicht müde zu küssen. Sie gleicht einer Verdurstenden, die den Mund an die Quelle gelegt hat und das Leben aus ihr trinkt, das schon am Entfliehen war.

Nun spricht Jesus.

«Alles ist zu Ende, Mama. Nun brauchst du nicht mehr um deinen Sohn zu weinen. Die Prüfung ist bestanden. Die Erlösung ist vollbracht. Mutter, ich danke dir, daß du mich empfangen, aufgezogen und mir im Leben und im Sterben geholfen hast.

Ich habe deine Gebete gefühlt, die zu mir kamen. Sie waren meine Kraft im Schmerz, meine Begleiter auf den Wanderungen des irdischen Lebens und auf meiner Reise in das andere Leben. Sie haben mich am Kreuz und im Limbus erreicht. Sie waren der Weihrauch, der dem Pontifex auf seinem Weg voranschwebte, als er seine Diener rief, um sie in den unvergänglichen Tempel zu führen: in meinen Himmel. Sie haben mich ins Paradies begleitet, und gleich Engelsstimmen sind sie dem Zug der von ihrem Erlöser angeführten Erlösten vorangeeilt, damit die Engel bereit seien, den in sein Reich zurückkehrenden Sieger zu grüßen. Der Vater und der Heilige Geist haben sie gesehen und gelächelt wie über die schönste Blume und den süßesten Gesang des Paradieses. Die Patriarchen und die neuen Heiligen, die Neuen, die Ersten, die Bewohner meines Jerusalem haben sie gehört, und ich bringe dir ihren Dank, Mama, zusammen mit den Küssen der Verwandten und ihrem Segen und dem des Bräutigams deiner Seele, Joseph.

Der ganze Himmel singt dir, meine Mutter, heilige Mutter, sein Hosanna. Ein Hosanna, das nie verstummt; das nicht lügt wie das erst vor wenigen Tagen mir gesungene.

Nun gehe ich in meinem menschlichen Kleid zum Vater. Das Paradies muß den Sieger in seinem Menschengewand sehen, in dem er die Sünde des Menschen besiegt hat. Doch dann werde ich wiederkommen. Ich muß jene im Glauben festigen, die noch nicht glauben und doch glauben müssen, damit sie andere zum Glauben führen können. Ich muß die Kleinmütigen stärken, die so viel Kraft brauchen werden, um der Welt zu widerstehen.

Dann werde ich zum Himmel auffahren. Aber ich werde dich nicht allein lassen. Mama, siehst du diesen Schleier? In meiner Ohnmacht hatte ich noch die Macht, ein Wunder für dich zu wirken, um dir diesen Trost zu schenken. Doch für dich wirke ich noch ein anderes Wunder. Du wirst mich im Sakrament besitzen, so wirklich wie damals, als du mich getragen hast. Du wirst nie allein sein. In diesen Tagen bist du es gewesen.

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Aber zu der von mir gewirkten Erlösung war auch dein Schmerz notwendig. Vieles muß immerwährend der Erlösung hinzugefügt werden, denn es wird zu allen Zeiten viele neue Sünden geben. Ich werde alle meine Diener zu dieser Teilnahme am Erlösungswerk aufrufen. Du allein wirst mehr dazu beitragen als alle Heiligen zusammen. Daher war auch diese lange Verlassenheit notwendig. Nun nicht mehr.

Ich bin nicht mehr vom Vater getrennt. Du wirst nicht mehr vom Sohn getrennt sein. Und da du den Sohn hast, hast du auch unsere Dreifaltigkeit. Als lebendiger Himmel wirst du auf Erden die Dreifaltigkeit unter die Menschen bringen und die Kirche heiligen, du, die Königin des Priestertums und die Mutter der Christenheit. Dann werde ich kommen und dich holen. Nicht mehr ich werde in dir sein, sondern du in mir, in meinem Reich, um das Paradies noch zu verschönern.

Nun gehe ich, Mama. Ich gehe, um die andere Maria glücklich zu machen. Dann gehe ich zum Vater, und danach komme ich zu denen, die nicht glauben. Mama, deinen Kuß als Segen. Und meinen Frieden als Begleiter für dich. Leb wohl.»

Und Jesus verschwindet in der Sonne, die vom heiteren Morgenhimmel herabstrahlt.

681. DIE FROMMEN FRAUEN AM GRAB

Die Frauen gehen inzwischen, nachdem sie das Haus verlassen haben, an den Mauern entlang, Schatten im Schatten. Einige Zeit schweigen sie, hüllen sich ganz in ihre Mäntel und fürchten sich vor so viel Stille und Einsamkeit. Doch nachdem sie in Anbetracht der absoluten Ruhe in der Stadt sicherer geworden sind, gehen sie in einer Gruppe und wagen, miteinander zu sprechen.

«Sind die Tore wohl schon offen?» fragt Susanna.

«Gewiß. Schau, dort kommt der erste Gärtner mit seinem Gemüse. Er ist auf dem Weg zum Markt», antwortet Salome.

«Werden sie nichts sagen?» fragt wiederum Susanna.

«Wer?» will Maria Magdalena wissen.

«Die Soldaten am Gerichtstor. Dort kommen nur wenige herein, und noch weniger gehen hinaus... Wir werden Verdacht erregen...»

«Ja und? Sie werden uns anschauen. Sie werden fünf Frauen sehen auf dem Weg in die Felder. Wir könnten auch Leute sein, die nach dem Passahfest wieder in ihre Dörfer zurückkehren.»

«Aber... um nicht die Aufmerksamkeit irgendeines Übelgesinnten zu erregen, wäre es vielleicht besser, zu einem anderen Tor hinauszugehen und dann an der Mauer entlang zurückzukommen ...»

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«Wir würden den Weg verlängern.»

«Aber wir würden uns auch sicherer fühlen. Gehen wir durch das Wassertor...»

«Oh, Salome, an deiner Stelle würde ich das Osttor nehmen! So könntest du noch länger laufen. Wir müssen uns beeilen und rasch nach Hause zurückkehren.» Es ist die resolute Magdalena, die das sagt.

«Also dann ein anderes Tor, nur nicht das Gerichtstor. Sei so gut...»betteln alle.

«Nun gut. Da ihr es so wollt, gehen wir bei Johanna vorbei. Sie hat darum gebeten, daß wir sie benachrichtigen. Hätten wir den direkten Weg genommen, wären wir ohne sie ausgekommen. Aber da ihr einen längeren Weg machen wollt, gehen wir bei ihr vorbei ...»

«O ja! Auch wegen der dort aufgestellten Wachen... Sie ist bekannt und gefürchtet...»

«Ich würde vorschlagen, auch bei Joseph von Arimathäa vorbeizuschauen. Er ist der Besitzer des Ortes.»

«Aber ja! Wir können einen Umzug veranstalten, um nicht aufzufallen! Oh, was für eine ängstliche Schwester habe ich doch! Weißt du, was wir machen, Martha? Ich gehe voraus und sehe mich um. Ihr kommt dann mit Johanna nach. Ich werde mich mitten auf die Straße stellen, wenn Gefahr besteht. Dann seht ihr mich, und wir gehen zurück. Aber was die Wachen betrifft, habe ich vorgesorgt, und mit dem hier (sie zeigt eine volle Geldbörse) werden sie uns alles erlauben.»

«Wir werden es auch Johanna sagen. Du hast recht.»

«Dann geht, damit ich gehen kann.»

«Du gehst allein, Maria? Ich komme mit dir», sagt Martha, die Angst um ihre Schwester hat.

«Nein, du gehst mit Maria des Alphäus zu Johanna. Salome und Susanna sollen am Tor außerhalb der Mauer auf euch warten. Dann nehmt ihr alle zusammen die Hauptstraße. Lebt wohl.»

Und Maria Magdalena unterbindet jede weitere mögliche Bemerkung, indem sie sich rasch mit ihrer Tasche voller Salben und dem Geld im Gewand entfernt.

Sie eilt, fliegt auf der Straße dahin, die nun in der ersten Morgenröte etwas freundlicher wird. Sie geht durch das Gerichtstor, um schneller da zu sein. Niemand hält sie auf...

Die anderen sehen ihr nach, drehen dann der Straßenkreuzung, an der sie gestanden sind, den Rücken und nehmen eine enge, dunkle Gasse, die in der Nähe des Xystos in eine breite, offene Straße mit schönen Häusern mündet. Dort teilen sie sich noch einmal: Salome und Susanna gehen auf der Straße weiter, während Martha und Maria des Alphäus an das eisenbeschlagene Tor klopfen und sich an dem Fensterchen zeigen, das der Türhüter öffnet.

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Sie treten ein und begeben sich zu Johanna, die schon aufgestanden und ganz in dunkles Violett gekleidet ist, das sie noch blasser macht. Auch sie ist dabei, zusammen mit der Amme und einer Dienerin Salben zu bereiten.

«Ihr seid gekommen? Gott möge es euch vergelten. Aber wenn ihr nicht gekommen wäret, wäre ich allein gegangen... Um Trost zu finden... Denn vieles hat sich verändert nach diesen schrecklichen Tagen. Und um mich nicht so einsam zu fühlen, muß ich zu dem Stein gehen, daran klopfen und sagen: "Meister, ich bin die arme Johanna... Laß nicht auch du mich allein..."» Johanna weint leise, aber sehr verzweifelt, und Esther, die Amme, macht hinter dem Rücken der Herrin unverständliche Zeichen, während sie ihr den Mantel umlegt.

«Ich gehe, Esther.»

«Gott möge dich trösten!»

Sie verlassen den Palast, um die Gefährtinnen einzuholen. In diesem Augenblick erfolgt das kurze, heftige Erdbeben, das die Einwohner von Jerusalem erneut in Panik versetzt. Die Erinnerung an die Ereignisse des Freitags ist noch frisch.

Die drei Frauen kehren überstürzt zurück und warten in der großen Vorhalle zwischen den schreienden und Gott anrufenden Dienerinnen und Dienern angstvoll auf neue Erdstöße...

... Magdalena hingegen ist gerade am Anfang des Weges, der zum Garten des Joseph von Arimathäa führt, als sie das mächtige und zugleich harmonische Dröhnen dieses himmlischen Zeichens überrascht. Im schwach rosafarbenen Licht des Morgengrauens, das sich über den Himmel ausbreitet, an dem im Westen noch ein hartnäckiger Stern widersteht, und der bisher grünlichen Luft einen goldenen Schimmer verleiht, erscheint ein herrliches großes Licht, ein Feuerball, und saust im Zickzack durch die ruhige Luft auf die Erde hernieder.

Maria Magdalena wird von ihm fast gestreift und zu Boden geworfen.

Sie bleibt einen Augenblick zusammengekauert liegen und flüstert: «Mein Herr!» Dann richtet sie sich wie ein Blumenstengel nach einem Windstoß wieder auf und läuft noch schneller, um den Garten zu erreichen. Sie geht rasch hinein und eilt wie ein verfolgter, sein Nest suchender Vogel dem Felsengrab zu. Aber so schnell sie auch läuft, sie kann nicht dort sein, als der himmlische Meteor mit seiner Kraft und seinem Feuer die zur Sicherung des schweren Steins angebrachten Kalksiegel zerstört, und auch nicht, als mit einem letzten Donner die steinerne Tür fällt und diese Erschütterung noch zu dem Erdbeben hinzukommt, das, obgleich kurz, doch so heftig ist, daß die Wachen wie tot zu Boden stürzen.

Als Maria ankommt, sieht sie diese nutzlosen Kerkermeister des Siegers wie gemähte Halme am Boden liegen. Maria Magdalena bringt das Erdbeben nicht mit der Auferstehung in Zusammenhang. Als sie diese Szene

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sieht, hält sie sie vielmehr für eine Strafe Gottes für die Schänder des Grabes Jesu, fällt auf die Knie und klagt: «O weh, sie haben ihn gestohlen!»

Sie ist ganz verzweifelt und weint wie ein Kind, das in der Gewißheit gekommen ist, den gesuchten Vater anzutreffen, und statt dessen die Wohnung leer vorfindet. Dann steht sie auf und läuft fort, um Petrus und Johannes aufzusuchen. Und da sie nur daran denkt, diese beiden zu benachrichtigen, vergißt sie, den Freundinnen entgegenzugehen und auf dem Weg auf sie zu warten. Flink wie eine Gazelle eilt sie auf demselben Weg zurück, durch das Gerichtstor und die nun etwas belebteren Straßen, stürzt auf das Tor des gastlichen Hauses zu und rüttelt und klopft heftig daran.

Die Hausherrin öffnet. «Wo sind Johannes und Petrus?» fragt Maria Magdalena atemlos.

«Dort», und die Frau zeigt auf den Abendmahlsaal.

Maria Magdalena geht hinein, und kaum ist sie drinnen und steht vor den beiden Überraschten, sagt sie mit aus Mitleid mit der Mutter leiser Stimme, die aber mehr Kummer ausdrückt, als wenn sie schreien würde: «Sie haben den Herrn aus dem Grab geholt! Wer weiß, wo sie ihn hingelegt haben!» Und zum ersten Mal bebt und wankt sie, und um nicht zu fallen, hält sie sich, wo sie gerade kann.

«Wie?! Was sagst du da?» fragen die beiden.

Und sie berichtet betrübt: «Ich war vorausgegangen, um die Wachen zu bestechen... damit sie uns hineinlassen. Sie liegen da wie tot... Das Grab ist offen, der Stein am Boden... Wer? Wer kann es gewesen sein? Oh, kommt! Beeilt euch...»

Petrus und Johannes machen sich sofort auf den Weg. Maria geht ihnen einige Schritte nach. Dann kehrt sie um, packt die Hausherrin, schüttelt sie heftig in ihrer vorsorgenden Liebe und zischt ihr ins Gesicht: «Hüte dich, jemanden zu ihr hineinzulassen! (Sie deutet auf das Zimmer Marias.) Vergiß nicht, daß ich deine Herrin bin. Gehorche und schweige.»

Dann läßt sie die erstaunte Frau stehen und holt die Apostel ein, die mit großen Schritten zum Grab eilen...

... Susanna und Salome, die sich indessen von den Gefährtinnen getrennt und die Mauer erreicht haben, werden dort von dem Erdbeben überrascht. Erschreckt flüchten sie unter einen Baum und bleiben stehen im Widerstreit der Wünsche, zum Grab zu gehen oder zu Johanna zu laufen. Schließlich siegt die Liebe über die Angst, und sie gehen zum Grab.

Immer noch bestürzt betreten sie den Garten und sehen die reglosen Wächter... sehen ein großes Licht aus dem offenen Grab dringen. Und ihr Staunen wächst und wird schließlich vollkommen, als sie sich an den Händen fassen, um einander Mut zu machen, an die Schwelle des Grabes

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treten und im Dunkel der Höhle eine leuchtende, wunderschöne, sanft lächelnde Gestalt sehen, die sie von ihrem Platz aus grüßt. Sie lehnt rechts am Stein der Einbalsamierung, dessen Grau sich vor so viel leuchtendem Glanz in Nichts auflöst.

Stumm vor Staunen fallen sie auf die Knie.

Doch der Engel sagt sanft: «Fürchtet euch nicht vor mir. Ich bin der Engel des göttlichen Schmerzes. Ich bin gekommen, um mich über dessen Ende zu freuen. Der Schmerz Christi ist nicht mehr, noch seine Erniedrigung im Tod. Jesus von Nazareth, der Gekreuzigte, den ihr sucht, ist auferstanden. Er ist nicht mehr hier. Leer ist der Ort, an dem er begraben wurde. Jubelt mit mir. Geht und sagt Petrus und den Jüngern, daß er auferstanden ist und euch nach Galiläa vorausgeht. Dort werdet ihr ihn noch eine kleine Weile sehen, wie er es vorhergesagt hat.»

Die Frauen werfen sich auf ihr Angesicht, und als sie es wieder erheben, fliehen sie, als würden sie von einer Strafe verfolgt. Sie sind zu Tode erschrocken und flüstern: «Nun werden wir sterben! Wir haben den Engel des Herrn gesehen.»

Erst auf dem freien Feld beruhigen sie sich etwas und beraten sich. Was tun? Wenn sie erzählen, was sie gesehen haben, wird man ihnen nicht glauben. Wenn sie die anderen auffordern, selbst hinzugehen, können sie von den Juden beschuldigt werden, die Wächter getötet zu haben ... Nein, sie dürfen nichts sagen, weder den Freunden noch den Feinden ...

Verängstigt und schweigend kehren sie auf einem anderen Weg zum Haus zurück. Sie gehen hinein und flüchten in den Abendmahlsaal, wollen nicht einmal Maria sehen... Und dort fragen sie sich plötzlich, ob das, was sie gesehen haben, nicht eine Täuschung des Teufels gewesen ist. Demütig wie sie sind, halten sie es nicht für möglich, daß ihnen gewährt wurde, den Boten Gottes zu sehen. Es war Satan, der ihnen Angst einjagen wollte, um sie von dort fernzuhalten.

Sie weinen und beten wie zwei von einem Alptraum verängstigte Kinder.

... Die dritte Gruppe, bestehend aus Johanna, Maria des Alphäus und Martha, entschließt sich, da nichts weiter geschieht, dorthin zu gehen, wo gewiß die Gefährtinnen auf sie warten. Sie begeben sich auf die Straße, wo nun erschrockene Leute über das Erdbeben sprechen, es in Zusammenhang mit den Ereignissen des Freitags bringen und auch Dinge sehen, die gar nicht sind.

«Besser, wenn alle verängstigt sind. Vielleicht sind es auch die Wachen und machen keine Schwierigkeiten», sagt Maria des Alphäus.

Sie eilen zur Stadtmauer. Doch während sie auf dem Weg dorthin sind, haben Petrus und Johannes, gefolgt von Maria Magdalena, bereits den Garten erreicht.

Johannes, der schneller ist, kommt als erster am Grab an. Die Wachen

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sind nicht mehr da. Auch der Engel ist nicht mehr da. Johannes kniet furchtsam und schmerzerfüllt am offenen Eingang nieder, um zu beten und aus den Dingen, die er sieht, zu schließen, was vorgefallen ist. Aber er sieht nichts als die Binden, die in einem Häufchen auf dem Leichentuch am Boden liegen.

«Er ist wirklich nicht da, Simon! Maria hat es richtig gesehen. Komm, geh hinein und schau.»

Petrus, der vom Laufen ganz außer Atem ist, geht in das Grab hinein. Unterwegs hat er noch gesagt: «Ich werde es nicht wagen, mich diesem Ort zu nähern.» Jetzt aber will er nur eines, herausfinden, wo der Meister sein kann. Er ruft ihn sogar, als ob er sich in irgendeinem dunklen Winkel versteckt haben könnte.

Zu dieser Morgenstunde ist es noch sehr dunkel in der Tiefe des Grabes, in das nur Licht durch die kleine Türöffnung fällt, die nun Johannes und Magdalena ausfüllen ... Und Petrus sieht nur wenig und muß sich mit den Händen vorantasten ... Er berührt zitternd den Einbalsamierungstisch und fühlt, daß er leer ist...

«Er ist nicht da, Johannes! Er ist nicht da... ! Oh, komm auch du! Ich habe so viel geweint, daß ich in diesem schwachen Licht fast nichts sehe.»

Johannes steht auf und geht hinein. Während er es tut, hat Petrus das in einer Ecke liegende, schön gefaltete Schweißtuch entdeckt. Darin befindet sich das sorgsam aufgerollte Grabtuch.

«Sie haben ihn wirklich weggebracht. Die Wächter hat man nicht unseretwegen aufgestellt, sondern um dies zu tun... Und wir haben es zugelassen. Wir haben es ermöglicht, da wir fortgegangen sind...»

«Oh, wo haben sie ihn wohl hingebracht?»

«Petrus! Petrus, das ... ist das Ende!»

Die beiden Jünger gehen ganz vernichtet hinaus.

«Gehen wir, Frau. Du wirst es der Mutter berichten...»

«Ich gehe nicht von hier fort. Ich bleibe hier... Irgend jemand wird kommen... Oh, ich gehe nicht fort... Hier ist immer noch etwas von ihm. Die Mutter hatte recht... die Luft einatmen zu können, wo er gewesen ist, das ist der einzige Trost, der uns bleibt.»

«Der einzige Trost... Nun siehst also auch du ein, daß es töricht war, zu hoffen ...» sagt Petrus.

Maria erwidert nichts darauf. Sie wirft sich zu Boden, gerade am Eingang, und weint, während die anderen langsam fortgehen.

Dann hebt sie das Haupt und schaut hinein, und mit tränenerfüllten Augen sieht sie zwei Engel, die am Kopfende und am Fußende des Einbalsamierungstisches sitzen. Die arme Maria ist so verwirrt in ihrem heftigen Kampf zwischen der Hoffnung, die stirbt, und dem Glauben, der nicht sterben will, daß sie sie nur verstört ansieht und sich nicht einmal wundert. Die Starke, die allem wie eine Heldin getrotzt hat, kann nur noch weinen.

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«Warum weinst du, Frau?» fragt einer der beiden strahlenden Jünglinge; denn sie sehen aus wie wunderschöne Halbwüchsige.

«Weil sie meinen Herrn weggenommen haben und ich nicht weiß, wohin sie ihn gelegt haben.»

Maria hat keine Angst, mit ihnen zu reden. Sie fragt auch nicht: «Wer seid ihr?» Nichts. Nichts verwundert sie mehr. Alles, worüber sich ein Mensch wundern könnte, hat sie längst erlebt. Sie ist jetzt nur noch ein gebrochenes Geschöpf, das kraftlos und rückhaltslos weint.

Der Engel sieht seinen Gefährten an und lächelt. Auch dieser lächelt. In einem Aufleuchten himmlischer Freude schauen beide in den blühenden Garten hinaus, in dem sich die abertausend Blüten der dichten Apfelbäume unter den ersten Strahlen der Sonne geöffnet haben.

Maria wendet sich um, um zu sehen, was die beiden betrachten. Und sie erblickt einen wunderschönen Mann, und es ist mir unbegreiflich, daß sie ihn nicht sofort erkennt. Einen Mann, der sie mitleidig anschaut und fragt: «Frau, warum weinst du? Wen suchst du?»

Es ist wahr, es ist ein Jesus, der seinen Glanz ein wenig verhüllt hat aus Mitleid mit dem Geschöpf, das zu viele Aufregungen ausgelaugt haben und das an einer so plötzlichen Freude sterben könnte. Aber ich frage mich trotzdem, wie es möglich ist, daß sie ihn nicht erkennt.

Maria sagt schluchzend: «Sie haben mir den Herrn Jesus weggenommen. Ich bin gekommen, um ihn in Erwartung seiner Auferstehung einzubalsamieren... Ich habe meinen ganzen Mut, meine Hoffnung und meinen Glauben um diese meine Liebe gesammelt und aufrechterhalten... und nun finde ich ihn nicht mehr... Vielmehr habe ich mit meiner Liebe die Hoffnung, den Glauben und den Mut umgeben und vor den Menschen verteidigt... Aber alles war vergebens! Die Menschen haben meine Liebe geraubt, und damit haben sie mir alles genommen... O mein Herr, wenn du ihn fortgebracht hast, dann sage mir, wohin du ihn gelegt hast. Und ich werde ihn holen... Ich werde es niemandem sagen... Es soll ein Geheimnis zwischen dir und mir sein. Sieh, ich bin die Tochter des Theophilus, die Schwester des Lazarus, aber ich knie vor dir und flehe dich an wie eine Sklavin. Willst du, daß ich dir den Leichnam abkaufe? Ich werde es tun. Wieviel verlangst du? Ich bin reich. Ich kann dir sein Gewicht in Gold und Edelsteinen aufwiegen. Aber gib ihn mir zurück. Ich werde dich nicht verraten. Willst du mich schlagen? Tu es. Bis aufs Blut, wenn du willst. Wenn du einen Haß gegen ihn hegst, dann rechne mit mir ab. Aber gib ihn mir zurück. Oh, laß mich nicht in diesem Elend versinken, mein Herr! Erbarmen mit einer armen Frau... ! Für mich willst du es nicht tun? Dann für seine Mutter! Sage mir, sage mir, wo mein Herr Jesus ist. Ich bin stark. Ich werde ihn in meine Arme nehmen und ihn wie ein Kind in Sicherheit bringen. Herr... Herr... Du siehst... Seit drei Tagen verfolgt uns der Zorn Gottes für alles, was dem Sohn

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Gottes angetan wurde... Laß dem Verbrechen nicht auch noch die Schändung folgen...»

«Maria!» Jesus leuchtet auf bei diesem Ruf. Er enthüllt sich nun in seinem triumphierenden Glanz.

«Rabbuni!» Der Schrei Maria Magdalenas ist wahrlich der «große Schrei», der den Zyklus des Todes beschließt. Beim ersten umschlang die Finsternis des Hasses das Opfer mit Todesbanden, beim zweiten vermehrt das Licht der Liebe seinen Glanz.

Und Maria steht auf bei diesem Schrei, der den Garten erfüllt, eilt zu Füßen Jesu und will sie küssen.

Jesus hält sie zurück, indem er mit den Fingerspitzen kaum ihre Stirn berührt: «Rühre mich nicht an. Ich bin noch nicht in diesem Gewand zum Vater aufgefahren. Geh zu meinen Brüdern und Freunden und sage ihnen, daß ich zu meinem und eurem Vater, zu meinem und eurem Gott auffahre. Dann werde ich zu ihnen kommen.» Und Jesus verschwindet in einem unerträglichen Licht.

Maria küßt den Boden, auf dem er gestanden ist, und eilt zum Haus. Wie der Blitz ist sie drinnen, denn das Tor ist einen Spalt geöffnet, um den Hausherrn hinauszulassen, der zum Brunnen geht. Sie öffnet die Tür des Zimmers Marias und wirft sich an ihr Herz mit dem Ausruf: «Er ist auferstanden! Er ist auferstanden!» Dann weint sie selig.

Und während Petrus und Johannes herbeieilen und die erschreckte Salome und Susanna aus dem Abendmahlsaal kommen und ihrer Erzählung lauschen, treten auch Maria des Alphäus, Martha und Johanna ein und berichten atemlos, daß sie ebenfalls «dort gewesen sind und zwei Engel gesehen haben, die sich als der Schutzengel des Gottmenschen und der Engel seines Schmerzes zu erkennen gegeben und sie beauftragt haben, den Jüngern zu sagen, daß er auferstanden ist».

Und da Petrus den Kopf schüttelt, fahren sie fort: «Ja, sie haben gesagt: "Warum sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier. Er ist auferstanden, wie er gesagt hat, als er noch in Galiläa war. Erinnert ihr euch nicht? Er sagte damals: 'Der Menschensohn muß den Händen der Sünder überliefert und gekreuzigt werden. Aber am dritten Tage wird er auferstehen.' "»

Petrus schüttelt den Kopf und sagt: «Zu viele Dinge haben sich in diesen Tagen ereignet. Ihr seid dadurch verwirrt.»

Magdalena hebt den Kopf von der Brust Marias und sagt: «Ich habe ihn gesehen! Ich habe mit ihm gesprochen. Er hat mir gesagt, daß er zum Vater auffährt und dann wiederkommt. Wie schön er war!» Und sie weint, wie sie noch nie geweint hat, nun, da sie sich nicht mehr quälen und gegen die von allen Seiten bedrängenden Zweifel ankämpfen muß.

Doch Petrus und selbst Johannes zweifeln immer noch. Sie schauen einander an, und ihre Augen sagen: «Einbildung von Frauen.»

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Auch Susanna und Salome wagen nun zu sprechen. Aber die unvermeidlichen Unterschiede in den Einzelheiten, die Wächter, die einmal wie tot und dann gar nicht mehr da waren; die Engel, von denen einmal einer, dann wieder zwei da waren und die sich den Aposteln nicht gezeigt haben; die beiden Versionen, daß Jesus hierher kommen oder den Seinen nach Galiläa vorausgehen würde; all das bewirkt, daß die Zweifel und sogar die Überzeugung der Apostel nur noch größer werden.

Maria, die heilige Mutter, schweigt und stützt Magdalena... Ich verstehe das Geheimnis dieses mütterlichen Schweigens nicht.

Maria des Alphäus sagt zu Salome: «Kehren wir zwei dorthin zurück. Wir wollen sehen, ob wir alle betrunken sind...» und sie eilen hinaus.

Die anderen bleiben, von den beiden Aposteln leise belächelt, bei Maria, die in Gedanken versunken schweigt, was jeder auf seine Art deutet; keiner begreift, daß es eine Ekstase ist.

Die beiden betagten Frauen kommen zurück «Es ist wahr! Es ist wahr! Wir haben ihn gesehen. Er hat beim Garten des Barnabas zu uns gesagt: "Der Friede sei mit euch. Fürchtet euch nicht. Geht und sagt meinen Brüdern, daß ich auferstanden bin und daß sie in einigen Tagen nach Galiläa gehen sollen. Dort werden wir noch eine Weile beisammen sein." So hat er gesagt. Maria hat recht. Wir müssen es denen in Bethanien, Joseph, Nikodemus, den vertrauenswürdigsten Jüngern und den Hirten sagen. Gehen wir, tun wir etwas, tun wir etwas... Oh, er ist auferstanden... !» Alle weinen beseligt.

«Ihr seid von Sinnen, Frauen. Der Schmerz hat euren Verstand verwirrt. Das Licht schien euch ein Engel, der Wind eine Stimme, die Sonne Christus. Ich mache euch keinen Vorwurf. Ich verstehe euch. Aber ich kann nur glauben, was ich gesehen habe: das offene, leere Grab und die mit dem verschwundenen Leichnam geflohenen Wachen.»

«Aber wenn doch die Wächter selbst sagen, daß er auferstanden ist! Wenn doch die Stadt in Aufruhr ist und die Obersten der Priester zornentbrannt sind, weil die Wachen entsetzt geflohen sind und geredet haben! Nun wollen sie, daß sie etwas anderes sagen, und zahlen sie dafür. Aber die Nachricht hat sich schon verbreitet. Und wenn die Juden auch nicht an die Auferstehung glauben, nicht glauben wollen, so glauben doch viele andere daran ...»

«Hm, die Frauen... !» Petrus zuckt die Achseln und will gehen.

Da erhebt die Mutter ihr verklärtes Antlitz und sagt den kurzen Satz: «Er ist wirklich auferstanden. Ich habe ihn in meinen Armen gehalten und seine Wunden geküßt.» Magdalena, die noch immer an ihrem Herzen liegt, weint in ihrer übergroßen Freude wie eine Weide unter einem Wolkenbruch und küßt ihr blondes Haar. Dann neigt sich Maria über den Kopf dieser leidenschaftlichen Frau und sagt: «Ja, die Freude ist mächtiger als der Schmerz. Aber diese Freude ist nur ein Sandkorn im Vergleich

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zum Ozean der ewigen Freude. Selig bist du, weil du mehr auf den Geist als auf deinen Verstand gehört hast.»

Petrus wagt nun nicht mehr, zu widersprechen... und in einer Anwandlung des alten Petrus, die nun wieder zum Vorschein kommt, sagt er, ja schreit er, als ob die Verspätung nicht auf ihn, sondern auf die anderen zurückzuführen wäre: «Ja, aber wenn es so ist, dann müssen wir es die anderen wissen lassen! Die, die auf den Feldern verstreut sind... Wir müssen sie suchen... etwas tun... Auf, rührt euch! Wenn er wirklich kommen sollte... daß er uns wenigstens vorfindet», und er bemerkt nicht, daß er mit diesen Worten bekennt, daß er immer noch nicht völlig an die Auferstehung glaubt.

682. ZUM VORIGEN KAPITEL

Jesus sagt:

«Die inbrünstigen Gebete Marias haben meine Auferstehung um einige Zeit vorverlegt.

Ich hatte gesagt: "Der Menschensohn wird getötet werden, aber am dritten Tage wird er auferstehen." Ich starb am Freitag nachmittag um drei Uhr. Ob ihr nun die Tage oder die Stunden zählt, ich hätte nicht am Morgen des Sonntags auferstehen dürfen. Es waren nur achtunddreißig Stunden anstatt zweiundsiebzig, die mein Leib ohne Leben blieb; und wenn man die Tage zählt, hätte ich wenigstens bis zum Abend des dritten Tages warten müssen, um sagen zu können, daß ich drei Tage im Grab gelegen war.

Aber Maria hat das Wunder beschleunigt. So wie sie durch ihr Gebet den Himmel einige Jahre vor der vorherbestimmten Zeit geöffnet hat, um der Welt das Heil zu schenken, so hat sie nun erreicht, daß ihrem gebrochenen Herzen einige Stunden früher Trost geschenkt wurde.

Und ich bin im ersten Morgengrauen des dritten Tages wie eine fallende Sonne herabgestiegen, und mein Glanz hat die angesichts der Macht eines Gottes so nutzlosen Siegel der Menschen in Staub verwandelt. Meine Kraft war der Hebel, der den vergeblich bewachten Stein umstürzte. Mein Erscheinen habe ich in den Blitz gehüllt, der die dreimal nutzlosen Wachen niederstreckte, die man aufgestellt hatte, um einen Toten zu bewachen, der das Leben war, das keine menschliche Macht daran hindern konnte, Leben zu sein.

Mein Geist, weit stärker als euer elektrischer Strom, ist wie ein Schwert aus göttlichem Feuer in die kalte Hülle meines Leichnams eingedrungen und hat sie erwärmt, und der Geist Gottes hat dem neuen Adam das Leben eingehaucht und zu sich selbst gesagt: "Lebe. Ich will es."

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Sollte ich – der ich die Toten erweckt hatte, als ich nur der Menschensohn war, das Opfer, das dazu bestimmt war, die Sünden der Welt auf sich zu nehmen – mich nicht selbst erwecken können, nun, da ich war der Sohn Gottes, der Erste und der Letzte, der ewig Lebende, der in seinen Händen die Schlüssel des Lebens und des Todes hat? Und mein Leichnam fühlte das Leben wiederkehren.

Sieh: Wie ein Mensch, der nach einer großen Mühsal schläft und dann erwacht, atme ich tief ein. Die Augen öffne ich noch nicht. Das Blut beginnt langsam in den Adern zu zirkulieren und gibt dem Verstand die Gedanken wieder. Aber ich komme von so weit her! Schau: Wie bei einem Verwundeten, den eine wunderbare Macht heilt, kehrt das Blut in die leeren Adern zurück, füllt das Herz und erwärmt die Glieder. Die Verletzungen schließen sich, die Striemen und die Wunden verschwinden, und die Kraft kehrt zurück. Und ich hatte so viele Wunden! Sieh, die Kraft wirkt. Ich werde geheilt. Ich werde auferweckt. Ich kehre ins Leben zurück. Ich war tot, nun lebe ich! Ich stehe auf!

Ich streife die Grablinnen ab und die Hülle der Salben. Ich brauche sie nicht, um als ewige Schönheit, als ewige Unversehrtheit zu erscheinen. Ich kleide mich in Gewänder, die nicht von dieser Erde sind, sondern die der gewebt hat, der mir Vater ist und der die Seide der jungfräulichen Lilien webt. Ich bin von Glanz umkleidet. Ich schmücke mich mit meinen Wunden, aus denen kein Blut mehr dringt, die vielmehr Licht ausstrahlen. Dieses Licht, das die Freude meiner Mutter und der Seligen und der Schrecken, der unerträgliche Anblick der Verfluchten und der Dämonen auf der Welt und am Jüngsten Tag sein wird.

Der Engel meines Lebens als Mensch und der Engel meines Schmerzes werfen sich vor mir nieder und beten meine Herrlichkeit an. Meine beiden Engel sind da. Der eine, um sich am Anblick seines Schützlings zu beseligen, der nun nicht mehr seiner Verteidigung bedarf. Der andere, der meine Tränen gesehen hat, um nun mein Lächeln zu sehen, der meinen Kampf gesehen hat, um meinen Sieg zu sehen, der meinen Schmerz gesehen hat, um meine Freude zu sehen.

Und ich gehe hinaus in den Garten voller Blütenknospen und Tau. Die Apfelbäume öffnen ihre Blüten, um einen blühenden Baldachin über das Haupt des Königs zu spannen. Die Gräser bilden einen Teppich von Edelsteinen und Blüten für meine Füße, die wieder auf der nun erlösten Erde wandeln, nachdem sie über sie erhöht wurden, um sie zu erlösen. Und es grüßen mich die ersten Strahlen der Sonne, der sanfte Aprilwind, das leichte vorüberziehende Wölkchen, rosig wie eine Kinderwange, und die Vöglein in den Zweigen. Ich bin ihr Gott. Sie beten mich an.

Ich gehe vorüber an den betäubten Wachen, die ein Symbol sind für die von Todsünden befleckten Seelen, die den Vorübergang Gottes nicht bemerken.

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Es ist Ostern, Maria! Dies ist wahrhaft der "Vorübergang des Engels Gottes". Sein Übergang vom Tod zum Leben. Sein Vorübergang, der jenen das Leben schenkt, die an seinen Namen glauben. Es ist Ostern! Es ist der Friede, der vorübergeht in der Welt. Der Friede, der nicht mehr durch seine Menschheit beschränkt, sondern frei und vollkommen in seiner wiedererlangten göttlichen Wirkkraft ist.

Und ich gehe zur Mutter. Es ist nur recht und billig, daß ich zu ihr gehe. Es war gerecht für meine Engel. Wieviel mehr für sie, die nicht nur meine Hüterin und mein Trost war, sondern mir auch das Leben geschenkt hat. Bevor ich zum Vater zurückkehre in meinem Gewand als verherrlichter Mensch, gehe ich zur Mutter. Ich gehe im Glanz meines paradiesischen Kleides und meiner lebendigen Edelsteine. Sie darf mich berühren, sie darf mich küssen, denn sie ist die Reine, die Schöne, die Geliebte, die Gesegnete, die Heilige Gottes.

Der neue Adam geht zur neuen Eva. Das Böse ist durch die Frau in die Welt gekommen, und von der Frau wurde es besiegt. Die Leibesfrucht der Frau hat die Menschen befreit vom vergifteten Auswurf Luzifers. Nun können sie, wenn sie nur wollen, gerettet werden. Die durch die Todeswunde so geschwächte Frau hat gerettet.

Und nach der Reinen, die es durch ihre Heiligkeit und Mutterschaft verdient hat, daß der Sohn Gottes zu ihr geht, zeige ich mich der erlösten Frau, der Ahnherrin, der Vertreterin aller weiblichen Geschöpfe, für die ich gekommen bin, um sie vom Stachel der Lüste zu befreien. Damit sie alle auffordere, mir zu nahen, um geheilt zu werden; an mich zu glauben, an meine Barmherzigkeit zu glauben, die versteht und verzeiht; mein mit den fünf Wunden geschmücktes Fleisch zu betrachten, um Satan, der in ihrem Fleisch wühlt, zu besiegen.

Ich lasse mich von ihr nicht berühren. Sie ist nicht die Reine, die den Sohn, der zum Vater zurückkehrt, berühren kann, ohne ihn zu verunreinigen. Sie muß durch Buße noch vieles reinwaschen. Aber ihre Liebe verdient diese Belohnung. Sie hat es verstanden, aus eigenem Willen aus dem Grab ihres Lasters herauszusteigen, Satan zu vernichten, der sie in seinen Krallen hatte, der Welt aus Liebe zu ihrem Erlöser zu trotzen. Sie hat es verstanden, sich aller Dinge zu entäußern, die nicht Liebe waren, und nichts als Liebe zu sein, die sich für ihren Gott verzehrt.

Und Gott ruft sie: "Maria." Höre ihre Antwort: "Rabbuni!" Ihr ganzes Herz ist in diesem Ausruf. Ihr, die es verdient hat, gebe ich den Auftrag, die Verkünderin der Auferstehung zu sein. Und noch einmal wird sie ein wenig verspottet, als ob sie von Sinnen wäre. Doch das Urteil der Menschen kümmert sie nicht, die Maria von Magdala, die Maria von Jesus. Sie hat mich auferstanden gesehen, und dies ist für sie eine Freude, die jedes andere Gefühl verdrängt.

Siehst du, wie ich auch solche liebe, die in Schuld lebten, sich aber von

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ihrer Schuld befreien wollten? Nicht Johannes habe ich mich zuerst gezeigt, sondern Magdalena. Johannes hatte schon durch mich den Rang des Sohnes erhalten. Er konnte ihn einnehmen, denn er war rein und konnte nicht nur geistig Sohn sein, sondern er konnte auch der Reinen Gottes alles geben und von ihr alles empfangen im Zusammenhang mit den Bedürfnissen und der Fürsorge für den Leib.

Magdalena, die zur Gnade Wiedererstandene, hat die erste Vision der auferstandenen Gnade.

Wenn ihr mich liebt und um meinetwillen alles besiegt, nehme ich euer Haupt und euer krankes Herz in meine durchbohrten Hände und hauche euch meine Macht ins Antlitz. Und ich errette euch, ich errette euch, ihr Kinder, die ich liebe. Ihr werdet wieder schön, gesund, frei und glücklich. Ihr werdet wieder die von Gott geliebten Kinder. Ich lasse euch meine Güte zu den armen Menschen bringen, damit ihr Zeugnis ablegt von ihr und die Menschen von ihr und von mir überzeugt.

Habt Vertrauen, Vertrauen, Vertrauen in mich. Liebt und fürchtet euch nicht. Seid euch des Herzens eures Gottes gewiß angesichts alles dessen, was ich gelitten habe, um euch zu retten.

Und du, kleiner Johannes, lächle nun, nachdem du geweint hast. Dein Jesus leidet nicht mehr. Es gibt kein Blut und keine Wunden mehr, sondern Licht, Licht, Licht, und Freude und Herrlichkeit. Mein Licht und meine Freude seien in dir, bis die Stunde des Himmels kommt.»

Wie Sie verstehen werden, hat Jesus mich, während er mir die Erklärung zur Vision der Begegnung mit der Mutter nach der Auferstehung gab, gleichzeitig seine Auferstehung aus dem Grab und die Begegnung mit Magdalena schauen lassen. Ich bin ganz selig. Eingetaucht in das Licht des auferstandenen Christus, das freudvolle, friedvolle Licht!

Ich könnte Ihnen das Heft geben, denn nach menschlichem Ermessen ist «alles vollbracht». Doch der Meister sagt mir, daß noch etwas hinzuzufügen ist. Und ich warte.

Etwas später sage ich zu Jesus: «Welche Freude, Herr, dich nicht mehr so leiden und die Mutter lächeln zu sehen.»

Und er: «Aber gib dich nicht dieser Wonne hin. Nicht dieses Brot sollst du essen, sondern jenes der Leiden deines Gottes und der Tränen Marias. Ich mußte diese Vision vorwegnehmen, um das versprochene Geschenk zu machen. Doch es ist die Zeit der Schmerzen, und du mußt den Schmerz betrachten. Pater M. hat gewünscht, all dies zu Ostern zu erhalten. Aber ich will, daß es die Vorbereitung auf Ostern für ihn und für viele sei. Sage ihm daher, daß er, wenn ich dieses mein Geschenk mit dem letzten Punkt vervollständigt habe, sofort alles andere, womit er beschäftigt ist, beiseite legen und sich diesem hier widmen soll; damit es rechtzeitig verteilt wird. So will ich es.»

Ich gehorche ihm und beschreibe die Vision der Auferstehung. Menschlich gesehen hätte ich es vorgezogen, mir diese Mühe zu ersparen, zumal Jesus schon davon gesprochen hatte. Doch der Gehorsam ist eine Tugend, und so gehorche ich ohne Widerrede.

Nun, es schien mir, vom Willen Gottes in den kühlen Garten geführt worden zu sein, in dem das Grab sich befindet; sein schwerer Stein war ummauert und auf dem Kalk waren die Siegel angebracht, große, in den Putz gedrückte Rosetten, die nicht entfernt werden konnten, ohne Spuren zu hinterlassen. Davor waren die schlaftrunkenen Tempelwachen, teils sitzend und teils stehend und an den Grabfelsen gelehnt.

Der Himmel beginnt sich gerade etwas aufzuhellen, so daß man in dem grünlichen

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unbestimmten Licht, das im frischen Morgenlüftchen zu erschauern scheint, schon etwas erkennen kann. Alles ist still. Die Vöglein sind noch nicht erwacht.

Vom Himmel, an dem noch vereinzelte Sternlein stehen und der blauer Seide gleicht, heller im Osten, dunkler im Westen, kommt etwas wie eine feurige Rakete oder ein Blitz, der in einer lichtsprühenden Kugel endet. Er saust mit außerordentlicher Geschwindigkeit herab, schießt durch den stillen Raum und die Atmosphäre.

Der strahlende Meteor erzeugt bei seinem Fall das Dröhnen eines Erdbebens; aber es ist kein unharmonischer Klang und ähnlich dem, den die größten Pfeifen einer Riesenorgel unter dem Gewölbe einer Kathedrale bei einem festlichen Gloria hervorbringen. Er ist machtvoll, harmonisch und erfüllt die Morgenluft.

Die Wachen springen erschrocken auf und blicken um sich. Doch der leuchtende Blitz ist schon über ihnen und schlägt in den schweren Stein, dessen Verschluß man mit Strebepfeilern aus Kalk gesichert hat. Er gibt nach, als wäre er ein zerbrechlicher Schutz aus Seidenpapier und stürzt krachend und mit einer erdbebenähnlichen Erschütterung um, die die Wachen vornüber oder rücklings zu Boden schleudert, wo sie wie ohnmächtig liegenbleiben. Betäubt. Sie kommen nicht wieder zu sich. Sie liegen da wie ein Haufen Marionetten, deren Schnüre man abgeschnitten hat. Sie sind lächerlich.

Der Feuerstrahl ist viel schneller herabgekommen, als ich es beschreiben kann, denn von seinem Erscheinen am Himmel bis zu seiner Ankunft am Grab sind nicht Minuten, sondern Bruchteile von Minuten vergangen, ein Augenblick. Er dringt in das Dunkel des Grabes und erhellt es mit einem zauberhaften Licht, das die Felswände, die Decke und den Boden mit allen erdenklichen Edelsteinen zu schmücken scheint. Und während der Schein, das Wesen dieses Lichtes, gleichsam in der Luft hängenbleibt, dringt das Licht selbst in den unter den Grabtüchern liegenden Leichnam ein.

Die reglose Form atmet tief ein. Ich sehe die Tücher über der Brust sich heben und wieder senken. Ein Augenblick Pause, dann erhebt sich Christus mit einer plötzlichen Bewegung. Er muß unter dem Linnen seine über dem Unterleib gekreuzten Hände voneinander lösen, die Arme ausbreiten, sich aufsetzen und dann auf die Füße stellen; denn das Schweißtuch, die sonstigen Tücher und das Leichentuch fallen ruckartig auseinander; erstere fallen zu Boden, das Grabtuch verschiebt sich auf dem Einbalsamierungsstein und hängt von dort zur Hälfte wie eine schlaffe, tote Schale herab.

Jesus ist schon mit seinem herrlichen weißen Gewand bekleidet, ohne Blut und Wunden, das göttliche Haupt strahlend und schön, ohne andere Zeichen seiner schrecklichen Passion als die Strahlen, die aus den Wunden kommen und wie fünf Feuer ihren Schein über die göttliche Person werfen und sie mit einem Kranz sich überkreuzender Strahlen umgeben. Sie dringen aus Händen und Füßen und kreisförmig aus der Mitte der Brust.

Die Seitenwunde sieht man nicht. Sie ist vorn Gewand bedeckt. Aber ein Leuchten, das heller ist als bei allen anderen Wunden, geht von der Brust aus und gleicht einer hinter Seide verborgenen Sonne...

Weniger strahlend, doch sehr schön sind die beiden Engelwesen, die gewiß mit dem Licht in das Grab gelangt sind und die ich, da ganz in die Betrachtung Jesu versenkt, vorher nicht gesehen habe. Sie knien zu beiden Seiten der Öffnung und beten an. Es sind körperlose Wesen, von menschlichem Aussehen, aber ganz aus Licht; aus dem seligen «Licht», das ich bei der Betrachtung des Paradieses als Eigenschaft seiner geistigen Bewohner gesehen habe.

Jesus verläßt das Grab nach der Anbetung durch die Engel, geht an den betäubten Wachen vorbei und in den Garten hinein. Bei seinem Erscheinen wird alles von seinem göttlichen Glanz erfüllt. Die taubedeckten Gräser erstrahlen unter einer Sonne, die schöner ist als die nun am Himmel erschienene Sonne, und verneigen sich sanft unter dem Kuß eines lauen, duftenden Lüftchens, wie um den Erlöser zu verehren, der lächelnd und segnend vorübergeht. Die Apfelbäume, die zuvor wenige weiße Blüten hatten, öffnen nun ihre Myriaden von Knospen, und über dem Haupt Jesu bildet sich ein zarter, duftender Wolkenschaum aus tausend und abertausend gerade aufgesprungenen weißen, rosa überhauchten Blüten, zu

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dem ein kleines Wölkchen am azurblauen Himmel, das einem rosa Schleier gleicht, das Gegenstück bildet. Die von so viel Licht aufgeweckten Vöglein singen ihre Triller in dem blühenden Garten.

Jesus bleibt, um mit mir zu sprechen, unter einem Apfelbaum stehen – ein ganzer Ball aus Blüten; und einige Blütenblätter, die verliebter als die anderen sind, fallen herab, um die Wangen ihres Herrn zu liebkosen und sich auf seinen Füßen niederzulassen, Blumen unter den Blumen auf dem Boden.

Ich sehe Maria Magdalena erst, als Jesus sie mir zeigt. Ich bin ganz in ihn versenkt und sehe nicht, was mit den Wachen geschieht, und werde auch nicht gewahr, wie sie sich davonschleichen. Nicht einmal die Engel sehe ich mehr, aber ich erkenne, daß sie im Grabgewölbe sind, da dessen Dunkel von ihrem Licht erhellt wird.

Magdalena weint untröstlich. Ich verstehe nicht, wie es möglich ist, daß sie Jesus nicht erkennt. Vielleicht verschleiert er ihren Blick, um sie als erste rufen zu können. Doch als er sie ruft, «sieht» sie ihn als den, der er ist: als Sieger, stößt ihren Schrei grenzenloser, anbetender Liebe aus, der den ganzen blühenden Garten erfüllt, und berührt mit der Stirn das laubbedeckte Gras zu Füßen Jesu.

Die Vision endet hier.

683. JESUS ERSCHEINT LAZARUS

Die Sonne eines heiteren Aprilmorgens übergießt die Rosen- und Jasminbüsche im Garten des Lazarus mit Glanz. Und die Buchsbaum- und Lorbeerhecken, die sich im leichten Wind wiegenden Wedel einer hohen Palme am Ende des Weges und der dichte Lorbeer am Fischteich scheinen von einer geheimnisvollen Hand gewaschen, so viel Tau ist über Nacht gefallen und läßt die Blätter nun sauber und wie mit neuem Email überzogen erscheinen, so glänzend und makellos sind sie. Das Haus aber schweigt wie ein Totenhaus. Die Fenster sind offen, doch kein Laut, kein Geräusch dringt aus den verdunkelten Zimmern, deren Vorhänge zugezogen sind.

Im Inneren, hinter der Vorhalle, die von vielen Zimmern mit weit offenstehenden Türen umgeben ist – und es ist sonderbar, diese gewöhnlich für eine mehr oder weniger große Anzahl von Gästen hergerichteten Räume nun leer und aufgeräumt zu sehen – befindet sich ein weiterer großer, gepflasterter und von einem Säulengang umgebener Hof, in dem da und dort Sitzgelegenheiten stehen. Auf diesen und sogar auf dem Boden, auf Matten oder auch auf dem nackten Marmor sitzen viele Jünger. Unter ihnen sehe ich die Apostel Matthäus, Andreas, Bartholomäus, die Brüder Jakobus und Judas des Alphäus, Jakobus des Zebedäus und die Hirtenjünger mit Manaen, sowie noch andere, die ich nicht kenne. Den Zeloten, Lazarus und Maximinus sehe ich nicht.

Schließlich kommt letzterer mit Dienern herein und verteilt an alle Brot und verschiedene andere Speisen, Oliven, Käse und Honig. Es gibt auch frische Milch für den, der will. Aber niemand hat Lust zu essen, so sehr

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Maximinus auch drängt. Die Niedergeschlagenheit ist groß. Die Gesichter sind in diesen wenigen Tagen eingefallen und fahl geworden, nur von Tränen gerötet. Besonders die Apostel und jene, die bereits in den ersten Stunden geflohen sind, wirken sehr verzagt, während die Hirten und Manaen nicht ganz so niedergeschlagen, so beschämt zu sein scheinen, und Maximinus seine Trauer männlich beherrscht.

Da erscheint der Zelote fast im Laufschritt und fragt: «Ist Lazarus hier?»

«Nein, er ist in seinem Zimmer. Was willst du?»

«Am Ende des Weges, am Sonnenbrunnen 1) ist Philippus. Er kommt aus der Ebene von Jericho und ist völlig erschöpft. Er will aber nicht näher herankommen... da er sich wie alle als ein Sünder fühlt. Doch Lazarus wird ihn überzeugen.»

Bartholomäus steht auf und sagt: «Ich komme mit...»

Sie gehen zu Lazarus, der, nachdem sie ihn gerufen haben, mit von Schmerz gezeichnetem Gesicht aus dem halbdunklen Zimmer kommt, in dem er zweifellos geweint und gebetet hat.

Sie gehen alle hinaus und durchqueren zuerst den Garten und dann die Ortschaft auf der Seite, die schon nahe den Abhängen des Ölberges liegt. Am Rand des Dorfes, auf der Seite, wo das Plateau endet, auf das es gebaut ist, beginnt ein Weg, der in natürlichen Stufen auf und ab führt über die Berge, die im Osten zur Ebene hin auslaufen und im Westen Jerusalem zu ansteigen.

Dort ist ein Brunnen mit einem großen Becken, an dem Menschen und Herden ihren Durst löschen. Zu dieser Stunde ist der Platz menschenleer und kühl, denn viele dichte Bäume spenden Schatten rings um die Zisterne voll klaren Wassers, das sich, von einer Gebirgsquelle gespeist, ständig erneuert und dann überläuft und den Erdboden feucht hält.

Philippus sitzt auf dem Brunnenrand, wo er am höchsten ist, mit gesenktem Kopf, ungekämmt, staubig und mit zerschlissenen Sandalen, die an den zerkratzten Füßen hängen.

Lazarus ruft ihn mitleidig: «Philippus, komm zu mir! Lieben wir uns um seiner Liebe willen. Wir wollen in seinem Namen vereint bleiben. Denn das zu tun bedeutet auch, ihn zu lieben.»

«Oh, Lazarus! Lazarus! Ich bin geflohen... und gestern, bei Jericho, habe ich erfahren, daß er tot ist... ! Ich... ich kann mir nicht verzeihen, daß ich geflohen bin ...»

«Alle sind wir geflohen. Nur Johannes ist ihm treu geblieben, und Simon, der uns auf seinen Befehl alle zusammengerufen hat, die wir feige geflohen waren. Und... von uns Aposteln ist keiner treu geblieben», sagt Bartholomäus.

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1) Sonnenbrunnen = Ensemes

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«Und kannst du dir das verzeihen?»

«Nein. Doch ich will es, so gut ich kann, wiedergutmachen und nicht in fruchtlose Niedergeschlagenheit verfallen. Wir müssen uns zusammenschließen, uns um Johannes versammeln, um von seinen letzten Stunden zu erfahren. Johannes ist ihm immer gefolgt», antwortet der Gefährte Bartholomäus Philippus.

«Wir dürfen seine Lehre nicht sterben lassen, müssen sie der Welt verkünden. Wir müssen wenigstens sie am Leben erhalten, da wir zu schwerfällig und langsam waren, um ihn rechtzeitig vor seinen Feinden zu retten», sagt der Zelote.

«Ihr hättet ihn nicht retten können. Nichts konnte ihn retten. Er hat es mir gesagt. Und ich wiederhole es euch noch einmal», sagt Lazarus mit Nachdruck.

«Du wußtest es, Lazarus ?» fragt Philippus.

«Ich wußte es. Meine Qual war es, seit dem Abend des Sabbats durch ihn selbst von seinem Tod und seinen Leiden zu wissen, und auch zu wissen, wie wir uns benehmen würden ...»

«Nein. Du nicht. Du hast nur gehorcht und gelitten. Wir haben uns feige benommen. Du und Simon, ihr habt das Opfer des Gehorsams gebracht», unterbricht ihn Bartholomäus.

«Ja, wir haben uns dem Gehorsam geopfert. Oh, wie schwer ist es doch, im Gehorsam gegen den Geliebten der Liebe zu widerstehen! Komm, Philippus! Fast alle Jünger sind in meinem Haus. Komm auch du.»

«Ich schäme mich, vor der Welt und den Gefährten zu erscheinen ...»

«Wir sind alle gleich!» seufzt Bartholomäus.

«Ja, aber ich habe ein Herz, das sich nicht verzeiht.»

«Das ist Stolz, Philippus. Er hat am Abend des Sabbats zu mir gesagt: "Sie werden sich nicht verzeihen. Sage ihnen, daß ich ihnen verzeihe, denn ich weiß, daß sie nicht frei handeln. Es ist Satan, der sie vom rechten Weg abbringt." Komm!»

Philippus weint heftiger, doch er gibt nach. Er geht so gebeugt, als sei er in wenigen Tagen alt geworden, an der Seite des Lazarus bis in den Hof, in dem alle auf ihn warten. Der Blick, mit dem er die Gefährten ansieht, ist derselbe, mit dem auch die Gefährten ihn ansehen, und er ist das klarste Bekenntnis ihrer grenzenlosen Niedergeschlagenheit.

Lazarus bemerkt es und sagt: «Noch ein Lamm aus der Herde Christi, das in Angst vor dem Kommen der Wölfe und nach der Gefangennahme des Hirten geflohen ist, wurde von seinem Freund zurückgebracht. Diesem Verirrten, der die Bitterkeit erfahren hat, allein zu sein und ohne den Trost, in Gesellschaft seiner Brüder seinen Fehler beweinen zu können, wiederhole ich das Vermächtnis der Liebe unseres Herrn.

Er – ich schwöre das in Gegenwart der himmlischen Chöre – hat mir

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gesagt, zusammen mit anderen Dingen, die eure derzeitige menschliche Schwäche nicht ertragen kann, denn sie sind so traurig, daß sie mir seit zehn Tagen das Herz zerreißen – und wenn ich nicht wüßte, daß mein Leben dem Herrn dienen kann, so arm und fehlerhaft es auch sein mag, dann würde ich mich diesem Schmerz als Freund und Jünger, der mit ihm alles verloren hat, überlassen – er hat gesagt: "Die Dünste des verdorbenen Jerusalem werden auch meine Jünger verwirren. Sie werden fliehen und zu dir kommen." Und ihr seht, daß ihr alle gekommen seid. Alle, kann ich sagen, denn außer Simon Petrus und Iskariot seid ihr alle in mein Haus und zum Herzen eures Freundes gekommen. Er hat gesagt: "Du wirst sie sammeln. Du wirst meine verirrten Lämmer ermutigen. Du wirst ihnen sagen, daß ich ihnen verzeihe. Ich vertraue dir meine Vergebung für sie an. Sie werden keinen Frieden finden, weil sie geflohen sind. Sage ihnen, daß sie nicht in die noch größere Sünde fallen sollen, an meiner Verzeihung zu verzweifeln."

So hat er gesagt. Und an seiner Statt habe ich euch Verzeihung erteilt. Und Schamröte färbt mein Gesicht, da ich euch in seinem Namen etwas so Heiliges gebe, etwas, das ganz sein ist, die Verzeihung, also die vollkommene Liebe; denn wer dem Schuldigen verzeiht, liebt vollkommen. Diese Aufgabe hat mich in meinem schweren Gehorsam getröstet... Denn dort hätte ich sein wollen, wie Maria und Martha, meine guten Schwestern. Und wenn ihn die Menschen auf Golgotha gekreuzigt haben, so hat mich, ich schwöre es euch, der Gehorsam hier gekreuzigt; ein gar qualvolles Martyrium. Doch wenn es dazu dient, seiner Seele Trost zu schenken und ihm seine Jünger zu erhalten bis zu dem Zeitpunkt, da er sie versammeln wird, um sie im Glauben zu vervollkommnen, dann bin ich bereit, noch einmal meinen Wunsch zu opfern, wenigstens hinzugehen und den Leichnam zu verehren, bevor der dritte Tag sich seinem Ende zuneigt.

Ich weiß, daß ihr Zweifel habt. Das dürft ihr nicht. Ich kenne seine Worte beim Passahmahl nur, weil ihr sie mir berichtet habt. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer werden mir nach und nach diese Diamanten seiner Wahrheit, desto deutlicher fühle ich, daß sie einen sicheren Bezug zum nahen Morgen haben. Er könnte nicht gesagt haben: "Ich gehe zum Vater und komme dann wieder", wenn er nicht wirklich zurückkommen würde. Er hätte nicht gesagt: "Wenn ihr mich wiederseht, werdet ihr von Freude erfüllt sein", wenn er für immer verschwunden wäre. Er hat immer gesagt: "Ich werde auferstehen." Ihr habt mir berichtet, daß er gesagt hat: "Ein Tau wird auf die in euch gesäten Samen fallen und alle zum Keimen bringen; dann wird der Paraklet kommen, der sie zu mächtigen Bäumen macht." Hat er das nicht gesagt? Oh, sorgt dafür, daß dies nicht nur beim letzten seiner Jünger, beim armen Lazarus geschieht, der nur so selten mit ihm zusammen gewesen ist! Sorgt dafür, daß seine Saat unter dem Tau seines Blutes aufgegangen ist, wenn er zurückkehrt.

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In mir wird alles Licht, und immer neue Kräfte erfüllen mich seit der schrecklichen Stunde, da er am Kreuz erhöht wurde. Alles wird hell, alles wächst und gedeiht. Es gibt kein Wort, das nur seinen armen, menschlichen Sinn behalten hätte. Alles, was ich von ihm oder über ihn gehört habe, wird lebendig, und mein ödes Land verwandelt sich in einen blühenden Garten, wo jede Blume ihren Namen hat und alle Säfte aus seinem heiligen Herzen Leben erhalten.

Ich glaube, Christus! Und damit auch diese hier an dich glauben, an deine Verheißungen, an deine Vergebung und an all das, was du bist, biete ich dir mein Leben an. Nimm es, aber gib, daß deine Lehre nicht stirbt! Zerbrich den armen Lazarus, aber führe die zerstreuten Glieder des apostolischen Kerns wieder zusammen. Alles, was du willst, aber dafür gewähre, daß dein Wort lebendig und ewig sei und all jene jetzt und immerdar zu ihm kommen, die nur durch dich das ewige Leben erlangen können.»

Lazarus ist wirklich inspiriert. Die Liebe trägt ihn zu höchsten Höhen empor, und seine Begeisterung ist so groß, daß er auch die Gefährten mitreißt. Sie rufen ihn von allen Seiten, als ob er ein Beichtvater, ein Arzt, ein Vater wäre.

Ich weiß nicht warum, aber der Hof des reichen Lazarus läßt mich an die Häuser der christlichen Patrizier in den Zeiten der Verfolgung und der heroischen Glaubenstreue denken...

Er beugt sich gerade über Judas des Alphäus, dem es nicht gelingt, einen Trost zu finden für seinen Kummer, den Meister und Vetter verlassen zu haben, als etwas ihn veranlaßt, sich mit einem Ruck aufzurichten. Er dreht sich um und sagt klar und deutlich: «Herr, ich komme!» Sein übliches Wort des prompten Gehorsams. Und er eilt hinaus, als würde er jemandem folgen, der ihn gerufen hat und ihm vorausgeht.

Alle sehen sich erstaunt an und fragen einander.

«Was hat er denn gesehen?»

«Es ist doch nichts gewesen!»

«Hast du eine Stimme gehört?»

«Ich nicht.»

«Ich auch nicht.»

«Was dann? Ist Lazarus vielleicht wieder krank?»

«Vielleicht... Er hat mehr gelitten als wir und uns Feiglingen noch dazu so viel Kraft gegeben. Vielleicht fiebert er nun.»

«Tatsächlich ist sein Gesicht sehr eingefallen.»

«Und seine Augen haben geglüht beim Sprechen.»

«Es war wohl Jesus, der ihn in den Himmel gerufen hat.»

«Lazarus hat ihm ja soeben sein Leben angeboten... Und wie eine Blume hat er ihn sofort gepflückt... Oh, wir Elenden! Was tun wir jetzt?»

Die Bemerkungen sind unterschiedlich und bekümmert.

Lazarus läuft eiligst durch die Vorhalle und hinaus in den Garten, und

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dabei lächelt und flüstert er, und seine ganze Seele liegt in seiner Stimme: «Ich komme, Herr.» An der Stelle, wo dichter Buchs eine grüne Nische bildet, wir würden sagen, eine Art Pavillon, wirft er sich mit dem Antlitz zu Boden und ruft aus: «Oh, mein Herr!»

Denn neben dieser grünen Nische steht Jesus in der ganzen Schönheit des Auferstandenen, lächelt ihn an... und sagt: «Alles ist erfüllt, Lazarus. Ich bin gekommen, um dir zu danken, treuer Freund. Ich bin gekommen, damit du den Brüdern sagst, sie sollen sofort ins Haus des Abendmahls gehen. Du – noch ein Opfer, Freund, aus Liebe zu mir – bleibe vorläufig hier... Ich weiß, daß du deswegen leidest. Aber ich weiß auch, daß du großherzig bist. Maria, deine Schwester, ist schon getröstet, denn ich habe sie gesehen, und sie hat mich gesehen.»

«Du leidest nicht mehr, Herr. Dies entschädigt mich für jedes Opfer. Ich habe gelitten... da ich dich in Schmerzen wußte... und nicht bei dir sein konnte ...»

«Oh, du warst bei mir. Deine Seele war am Fuß meines Kreuzes und im Dunkel meines Grabes. Du hast mich wie die anderen, die mich vollkommen lieben, vorzeitig aus der Tiefe, in der ich mich befand, gerufen. Nun habe ich zu dir gesagt: "Komm, Lazarus", wie am Tag deiner Auferstehung. Aber du sagst mir schon seit vielen Stunden: "Komm." Ich bin gekommen. Ich habe dich gerufen, um dich meinerseits aus der Tiefe deines Schmerzes herauszuholen. Geh! Ich gebe dir meinen Frieden und meinen Segen, Lazarus. Wachse in der Liebe zu mir. Ich werde wiederkommen.»

Lazarus liegt immer noch auf den Knien und wagt nicht, sich zu rühren. Die Majestät des Herrn, wenngleich von Liebe gemildert, ist derart, daß Lazarus sich nicht wie sonst benehmen kann.

Doch bevor Jesus verschwindet in einem Wirbel von Licht, in dem er sich auflöst, macht er einen Schritt auf den Getreuen zu und berührt mit der Hand seine Stirn.

Nun erst erwacht Lazarus aus seinem seligen Staunen. Er steht auf stürzt hinein zu den Freunden, mit freudestrahlenden Augen und einem Leuchten auf der von Christus berührten Stirn, und ruft: «Er ist auferstanden, Brüder! Er hat mich gerufen. Ich bin gegangen und habe ihn gesehen. Er hat zu mir gesprochen. Er hat mir gesagt, ich soll euch sofort in das Haus des Abendmahls schicken. Geht! Geht! Ich bleibe hier, denn er will es so. Aber meine Freude ist vollkommen...»

Und Lazarus weint vor Freude, während er die Apostel antreibt, sich als erste auf den Weg zu machen entsprechend seinem Befehl.

«Geht, geht! Er ruft euch! Er liebt euch! Fürchtet ihn nicht... Oh, er ist mehr denn je der Herr, die Güte, die Liebe... !»

Auch die Jünger stehen auf...

Bethanien leert sich. Nur Lazarus bleibt mit seinem großen, getrösteten Herzen...

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684. JESUS ERSCHEINT JOHANNA

In einem vornehmen Raum, in den nur wenig Licht von außen dringt, sitzt Johanna ganz verlassen auf einem Stuhl neben dem von herrlichen Decken bedeckten, niedrigen Lager und weint. Sie hat die Stirn auf den Arm gelegt und den Arm auf den Rand des Bettes und wird so von Schluchzen geschüttelt, daß ihr fast die Brust zerspringen muß. Wenn sie einen Augenblick aufsieht, um Luft zu holen, erkennt man einen großen, feuchten Fleck auf der kostbaren Decke und erblickt ihr buchstäblich von Tränen überschwemmtes Gesicht. Dann legt sie den Kopf wieder auf den Arm, und man sieht wie zuvor nur den schlanken, weißen Hals, die Masse des dunklen Haares, die Schultern und den schmalen Oberkörper. Alles andere verschwindet im Halbdunkel, der dunkelviolett gekleidete Körper löst sich darin auf.

Ohne die Vorhänge zu bewegen oder die Tür zu öffnen, kommt Jesus herein und nähert sich ihr geräuschlos. Er streicht ihr sanft mit der Hand über das Haar und flüstert: «Warum weinst du, Johanna?»

Und Johanna, die wohl glauben muß, daß es ihr Engel ist, der sie fragt, und die nichts sieht, da sie den Kopf nicht vom Rand des Lagers erhebt, erzählt ihm ihren Kummer unter noch verzweifelteren Tränen: «Weil ich nicht einmal mehr das Grab des Herrn habe, um dort meine Tränen zu vergießen und nicht allein zu sein ...»

«Aber er ist auferstanden. Bist du nicht glücklich darüber?»

«O doch! Aber alle haben ihn gesehen außer mir und Martha. Und Martha wird ihn sicher in Bethanien sehen... denn es ist das Haus der Freunde. Meines... mein Haus ... ist kein Freundeshaus mehr. Mit seiner Passion habe ich alles verloren ... Meinen Herrn und die Liebe des Gatten... und auch seine Seele... denn er glaubt nicht... er glaubt nicht... und er verspottet mich... und verlangt von mir, daß ich nicht einmal das Andenken meines Erlösers ehre... um ihm nicht zu schaden... Für ihn sind die menschlichen Interessen wichtiger... Ich... ich... Ich weiß nicht, ob ich ihn weiterhin lieben soll, oder ob ich ihn verabscheuen soll. Ich weiß nicht, ob ich ihm als Gattin gehorchen soll oder ob ich ihm ungehorsam werden soll, wie es die Seele möchte, um der größeren, erhabeneren Vermählung des Geistes mit Christus willen, dem ich treu bleiben will... Ich... ich möchte wissen... Und wer kann mir den richtigen Rat geben, da er nicht mehr erreichbar ist für die arme Johanna 9 Oh... 1 Für meinen Herrn ist die Passion vorbei... ! Aber für mich hat sie am Freitag begonnen und dauert an ... Oh! Ich bin so schwach und habe nicht die Kraft, dieses Kreuz zu tragen ... !»

«Aber wenn er dir helfen würde, würdest du es dann ihm zuliebe tragen?»

«O ja! Wenn er mir nur hilft... ! Er weiß, was es heißt, das Kreuz allein tragen zu müssen... Oh, Erbarmen mit meinem Elend... !»

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«Ja, ich weiß, was es heißt, das Kreuz allein tragen zu müssen. Deshalb bin ich gekommen und stehe dir zur Seite. Johanna, verstehst du nicht, wer zu dir spricht? Du sagst, dein Haus ist für Christus kein Freundeshaus mehr. Warum? Wenn auch er, der irdische Gatte, einem von einer Wolke menschlichen Gifthauchs verdunkelten Stern gleicht, so bist doch du immer noch Johanna von Jesus. Der Meister hat dich nicht verlassen. Jesus verläßt nie die ihm vermählten Seelen. Er ist immer der Meister, der Freund, der Bräutigam, auch jetzt, da er der Auferstandene ist. Erhebe dein Haupt, Johanna. Schau mich an. In dieser Stunde geheimer Unterweisung, die schöner ist, als wenn ich dir wie den anderen erschienen wäre, sage ich dir, wie du dich in Zukunft zu verhalten hast. So wie viele deiner Schwestern sich verhalten werden müssen. Liebe den verwirrten Gemahl mit Geduld und Unterwürfigkeit. Nimm zu an Sanftmut, je stärker die Bitterkeit der menschlichen Ängste in ihm gärt. Nimm zu an geistiger Leuchtkraft, je mehr er die Schatten irdischer Interessen um sich verbreitet. Sei treu für zwei. Sei stark in deinem geistigen Brautstand. Wie viele werden in Zukunft zwischen dem Willen Gottes und dem des Gatten zu wählen haben! Doch sie werden groß sein, wenn sie Gott folgen, mehr als der Liebe und der Mutterschaft. Ja, deine Passion beginnt. Aber du siehst, daß jede Passion mit einer Auferstehung endet...»

Johanna hat ganz, ganz langsam das Haupt erhoben. Ihr Schluchzen hat nachgelassen. Nun schaut sie und sieht, gleitet anbetend auf die Knie und flüstert: «Der Herr!»

«Ja, der Herr! Du siehst, bei niemandem bin ich so gewesen wie bei dir. Aber ich sehe die besonderen Notwendigkeiten und helfe den Seelen die von mir Hilfe erwarten, je nach der Notwendigkeit. Besteige als Gattin deinen Kalvarienberg mit Hilfe meiner Liebkosung und der deines unschuldigen Kindes. Es ist mit mir in den Himmel eingegangen und hat mir seine Liebkosung für dich mitgegeben. Ich segne dich, Johanna. Hab Vertrauen. Ich habe dich gerettet. Du wirst retten, wenn du Glauben hast.»

Johanna lächelt nun und wagt zu fragen: «Gehst du nicht zu den Kindern ?»

«Ich habe sie schon bei Sonnenaufgang geküßt, als sie noch in ihren Bettchen schliefen, und sie haben mich für einen Engel des Herrn gehalten. Die Unschuldigen kann ich jederzeit küssen. Aber ich habe sie nicht aufgeweckt, um sie nicht zu sehr zu verwirren. Ihre Seelen bewahren das Andenken an meinen Kuß und werden es zu gegebener Zeit an den Verstand weitergeben. Nichts, was von mir kommt, geht verloren. Sei ihnen immer eine Mutter. Und sei immer die Tochter meiner Mutter. Trenne dich niemals gänzlich von ihr. Sie wird mit mütterlicher Güte fortsetzen, was unsere Freundschaft war. Bringe die Kinder zu ihr. Sie braucht Kinder, damit sie sich nicht zu sehr von ihrem Kind verlassen fühlt...»

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«Chuza wird dagegen sein ...»

«Chuza wird dich gewähren lassen.»

«Wird er mich verstoßen, Herr?» Es ist ein neuerlicher Schrei der Verzweiflung.

«Er ist ein verdunkelter Stern. Bringe ihn wieder zum Leuchten durch deinen Heroismus als Gattin und Christin. Leb wohl. Erzähle niemandem außer meiner Mutter von diesem meinem Besuch. Auch die Offenbarungen dürfen nur denen mitgeteilt werden, für die sie bestimmt sind, und zur richtigen Zeit.»

Jesus lächelt ihr aufleuchtend zu und verschwindet in diesem Glanz.

Johanna erhebt sich wie im Traum. Sie schwankt zwischen Freude und Schmerz, zwischen der Furcht, geträumt zu haben, und der Gewißheit, gesehen zu haben. Sie geht zu den Kindern, die friedlich auf der oberen Terrasse spielen, und küßt sie.

«Weinst du nicht mehr, Mama?» fragt Maria schüchtern. Sie ist nicht mehr das armselige Kind, sondern ein hübsches und feines Mädchen, gut gekleidet und schön gekämmt. Matthias, dunkel und schlank, sagt mit männlichem Überschwang: «Sage mir, wer dich zum Weinen bringt, und ich werde ihn bestrafen!»

Johanna schließt beide in ihre Arme, drückt sie an ihr Herz und sagt über das kastanienbraune Köpfchen Marias und das dunkelbraune Haar des Matthias hinweg: «Ich weine nicht mehr. Jesus ist auferstanden, und er segnet uns.»

«Oh, dann blutet er nicht mehr? Dann tut ihm nichts mehr weh?» fragt Maria.

«Dummerchen! Du mußt sagen: Dann ist er nicht mehr tot. Nun ist er also glücklich... ! Denn tot zu sein, muß schrecklich sein ...» sagt Matthias.

«Dann brauchen wir also nicht mehr zu weinen, Mama?» will wiederum Maria wissen.

«Nein, ihr Unschuldigen. Nein. Ihr könnt jubeln mit den Engeln.»

«Die Engel... Heute nacht, ich weiß nicht, um welche Nachtwache, habe ich eine Liebkosung gefühlt. Ich bin erwacht und habe "Mama" gesagt, aber ich habe nicht dich gerufen. Ich habe die tote Mama gerufen, denn diese Liebkosung war leichter und zarter als deine, und ich habe einen Augenblick die Augen geöffnet. Aber ich habe nur ein großes Licht gesehen und gesagt: "Mein Engel hat mich geküßt, um mich zu trösten in meinem großen Schmerz über den Tod des Herrn"», sagt Maria.

«Ich auch... Aber ich war sehr schläfrig und habe gesagt: "Bist du es?" Ich dachte an meinen Schutzengel und wollte ihm sagen: "Geh und gib Jesus und Johanna einen Kuß, damit sie keine Angst mehr haben." Doch es wurde nichts daraus, denn ich bin wieder eingeschlafen und habe geträumt, mit dir und Maria im Himmel zu sein. Dann ist das Erdbeben gekommen, und ich bin erschrocken aufgewacht. Aber Esther hat mir

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gesagt: "Hab keine Angst. Es ist schon vorbei", und ich habe weitergeschlafen.»

Johanna küßt die beiden Kinder noch einmal und läßt sie dann bei ihren friedlichen Spielen, während sie sich zum Haus des Abendmahls begibt. Sie fragt nach Maria, geht zu ihr hinein, schließt die Tür und sagt ihr großes Wort: «Ich habe ihn gesehen. Dir sage ich es. Ich bin getröstet und glücklich. Liebe mich, denn er hat gesagt, daß ich mit dir vereint bleiben soll.»

Die Mutter antwortet: «Ich habe dir schon am Sabbat gesagt, daß ich dich liebe. Gestern. Denn es war gestern... und doch scheint dieser Tag der Tränen und der Finsternis dem heutigen Tag des Lichtes und der Freude so ferne!»

«Ja... Du hattest mir schon gesagt, nun erinnere ich mich daran, was er mir jetzt wiederholt hat. Du hast gesagt: "Wir Frauen müssen handeln, denn wir sind geblieben, und die Männer sind geflohen... Die Frau ist immer die Gebärerin..." Oh, Mutter, hilf mir, Chuza zu gebären! Er ist geflohen vor dem Glauben...» Johanna weint wieder.

Maria schließt sie in ihre Arme. «Stärker als der Glaube ist die Liebe. Sie ist die wirksamste Tugend. Durch sie wirst du Chuza eine neue Seele schaffen. Fürchte nicht. Ich werde dir helfen.»

685. JESUS ERSCHEINT JOSEPH, NIKODEMUS UND MANAEN

Manaen und die Hirten schreiten eilends über die Hänge, die Bethanien mit Jerusalem verbinden. Eine schöne Straße führt direkt zum Ölgarten, und Manaen biegt dort ab, nachdem er sich von den Hirten verabschiedet hat, die in kleinen Gruppen in die Stadt und zum Abendmahlsaal gehen wollen.

Wie ihren Reden zu entnehmen ist, müssen sie kurz zuvor Johannes begegnet sein, der nach Bethanien gehen wollte, um die Nachricht von der Auferstehung zu überbringen und die Anweisung, in einigen Tagen alle in Galiläa zu sein. Sie trennen sich, weil die Hirten Petrus persönlich wiederholen wollen, was sie schon Johannes berichtet haben, nämlich, daß der Herr dem Lazarus erschienen ist und allen befohlen hat, sich im Abendmahlsaal einzufinden.

Manaen geht auf einer Nebenstraße zu einem Haus inmitten eines Ölgartens. Ein schönes, von herrlichen Libanon-Zedern umgebenes Haus, deren Wipfel die zahlreichen und großen Ölbäume auf dem Berg hoch überragen. Er geht entschlossen hinein und sagt zu dem herbeieilenden Diener: «Wo ist dein Herr?»

«Dort drüben, mit Joseph. Er ist soeben angekommen.»

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«Sage ihm, daß ich hier bin.»

Der Diener geht und kommt mit Joseph und Nikodemus zurück. Die drei Stimmen vereinigen sich in einem einzigen Ausruf: «Er ist auferstanden!»

Sie schauen einander an und sind überrascht, daß sie es alle wissen. Dann nimmt Nikodemus den Freund und zieht ihn in ein inneres Zimmer. Joseph folgt ihnen.

«Du hast es gewagt, wiederzukommen?»

«Ja. Er hat gesagt: "Im Abendmahlsaal." Und ich möchte ihn jetzt in seiner Glorie sehen, um den Schmerz zu vergessen, ihn gebunden und schmutzbedeckt wie einen von der Welt verachteten Übeltäter gesehen zu haben...»

«Oh, wir möchten ihn auch sehen... Auch um die furchtbare Erinnerung an seine Qualen, an seine zahllosen Wunden zu vergessen... Aber er hat sich nur den Frauen gezeigt», flüstert Joseph.

«Das ist nur gerecht. Sie sind ihm all die Jahre treu geblieben. Wir haben Angst gehabt. Die Mutter hat gesagt: "Eine arme Liebe ist die eure, wenn sie bis jetzt gewartet hat, um sich zu erkennen zu geben"», bemerkt Nikodemus.

«Doch um Israel entgegentreten zu können, das ihm heute mehr denn je feindlich gesinnt ist, haben wir es sehr nötig, ihn zu sehen... ! Wenn du wüßtest! Die Wachen haben geredet... Nun sind die Vorsteher des Synedriums und die trotz des gewaltigen himmlischen Zornes immer noch nicht überzeugten Pharisäer auf der Suche nach allen, die von der Auferstehung wissen, um sie einsperren zu lassen. Ich habe den kleinen Martial geschickt, damit er alle im Haus warnt – ein Kind fällt nicht so auf. Aus dem Tempelschatz haben sie heiliges Geld genommen, um die Wachen zu kaufen, damit sie erzählen, die Jünger hätten den Leichnam gestohlen und alles, was sie zuvor über die Auferstehung gesagt hätten, sei aus Furcht vor einer Bestrafung erlogen gewesen. In der Stadt brodelt es wie in einem Kessel. Und einige der Jünger verlassen sie bereits aus Angst... Ich meine die Jünger, die nicht in Bethanien waren...»

«Ja, wir werden seinen Segen brauchen, um Mut zu haben.»

«Lazarus ist er erschienen... Es war etwa um die dritte Stunde. Lazarus ist wie verklärt.»

«Oh, Lazarus hat es auch verdient! Wir...» sagt Joseph.

«Ja. Uns bedecken noch die Krusten des Zweifels und allzu menschlichen Denkens wie ein schlecht ausgeheilter Aussatz... Und nur er kann sagen: "Ich will, seid rein!" Wird er nun, da er auferstanden ist, nicht mehr mit uns, den Unvollkommensten von allen, sprechen?» fragt Nikodemus.

«Und wird er keine Wunder mehr wirken zur Strafe für die Welt, jetzt, da er vom Tod und dem Elend des Fleisches auferstanden ist?» fragt wiederum Joseph.

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Aber auf ihre Frage gibt es nur eine Antwort: die seine. Und seine Antwort kommt nicht. Die drei sind sehr niedergeschlagen.

Dann sagt Manaen: «Nun, ich gehe in den Abendmahlsaal. Wenn sie mich töten, wird er meine Seele lossprechen, und ich werde ihn im Himmel wiedersehen. Wenn nicht, dann werde ich ihn hier auf Erden sehen. Manaen ist so unnütz in seiner Schar, daß er die gleiche Lücke hinterlassen wird wie eine Blüte, die man auf einer Wiese voller Blumen pflückt. Man wird es nicht einmal bemerken...» und er erhebt sich, um zu gehen.

Doch als er sich der Tür zuwendet, erhellt sie sich im Licht des göttlichen Auferstandenen, der ihn mit wie zur Umarmung ausgebreiteten Armen aufhält und sagt: «Der Friede sei mit dir! Der Friede sei mit euch! Bleibt, wo ihr seid, du und Nikodemus. Joseph kann gehen, wenn er will. Aber hier bin ich und sage das gewünschte Wort: "Ich will, seid rein von allem, was noch unrein an eurem Glauben ist." Morgen werdet ihr hinunter in die Stadt und zu den Brüdern gehen. Heute abend muß ich zu den Aposteln allein sprechen. Lebt wohl. Gott sei allezeit mit euch. Danke, Manaen. Du hast mehr geglaubt als diese. Danke also auch deiner Seele. Euch danke ich für eure Barmherzigkeit. Sorgt durch ein Leben des unerschütterlichen Glaubens dafür, daß sie sich in Höheres wandle.»

Jesus verschwindet in einer blendenden Helle.

Die drei sind beseligt und verwirrt zugleich.

«Aber ist er es wirklich gewesen?» fragt Joseph.

«Hast du denn seine Stimme nicht gehört?» entgegnet Nikodemus.

«Die Stimme... auch ein Geist kann sie haben... Du, Manaen, du warst ganz in seiner Nähe, was meinst du?»

«Ein wahrer Körper. Wunderschön. Er hat geatmet. Ich habe den Atem gespürt. Er strahlte Wärme aus. Und dann... ich habe die Wunden gesehen. Sie schienen offen. Sie haben nicht geblutet, aber es war lebendiges Fleisch. Oh, zweifelt nun nicht mehr! Damit er euch nicht straft. Wir haben den Herrn gesehen. Ich will sagen, wir haben Jesus gesehen, der in Herrlichkeit zurückgekehrt ist, wie es seiner Natur entspricht. Und... er liebt uns immer noch... Wahrlich, wenn Herodes mir jetzt sein Reich anbieten würde, so wäre meine Antwort: "Staub und Unrat sind dein Thron und deine Krone. Was ich jetzt besitze, ist größer als alles. Ich kenne die Seligkeit, das Antlitz Gottes geschaut zu haben."»

686. JESUS ERSCHEINT DEN HIRTEN

Auch diese eilen unter den Ölbäumen dahin und sind von seiner Auferstehung so überzeugt, daß sie wie glückliche Kinder darüber reden. Sie begeben sich direkt zur Stadt.

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«Wir werden Petrus sagen, daß er ihn gut ansehen und uns dann beschreiben soll, wie schön sein Antlitz ist», sagt Elias.

«Oh, so schön es auch sein mag, ich werde nie vergessen können, wie sehr sie ihn gequält haben», flüstert Isaak.

«Erinnerst du dich, wie er war, als sie das Kreuz aufgerichtet haben?»fragt Levi. «Und ihr?»

«Ich ganz genau. Es war noch hell genug. Danach habe ich mit meinen alten Augen nur noch wenig gesehen», sagt Daniel.

«Ich dagegen habe ihn gesehen, bis er tot schien. Ich wollte, ich wäre blind gewesen, um nichts zu sehen!» sagt Joseph.

«Oh! Nun ist er aber auferstanden. Das muß uns glücklich machen», tröstet Johannes.

«Und auch der Gedanke, daß wir ihn nur verlassen haben, um Liebe zu üben», fügt Jonathan hinzu.

«Aber unser Herz ist dort oben geblieben. Immer», flüstert Matthias.

«Ja, immer. Du, der du ihn auf dem Schweißtuch gesehen hast, sag, wie ist er? Gleicht er dem, den wir kennen?» fragt Benjamin.

«So, als ob er reden würde», antwortet Isaak.

«Ob wir den Schleier sehen dürfen?» fragen viele.

«Oh, die Mutter zeigt ihn allen. Ihr werdet ihn gewiß sehen. Aber es ist ein trauriger Anblick. Besser wäre es, ihn... Oh, Herr!»

«Getreue Diener. Hier bin ich. Geht. In einigen Tagen erwarte ich euch in Galiläa. Noch einmal möchte ich euch sagen, daß ich euch liebe. Jonas ist selig mit den anderen im Himmel.»

«Herr! Oh, Herr!»

«Der Friede sei mit euch, die ihr guten Willens seid.»

Der Auferstandene verschmilzt mit den Strahlen der hellen Mittagssonne. Als die Hirten aufschauen, ist er nicht mehr da. Aber es bleibt die große Freude, ihn gesehen zu haben, wie er jetzt ist: glorreich.

Sie stehen auf und sind vor Freude ganz verwandelt. In ihrer Demut erscheint es ihnen unmöglich, die Gnade, ihn zu sehen, verdient zu haben, und sie sagen: «Zu uns! Zu uns ist er gekommen! Wie gut ist doch unser Herr! Von der Geburt bis zu seinem Triumph ist er immer demütig gewesen und gut zu seinen armen Dienern.»

«Und wie schön er war!»

«Oh, so schön wie noch nie! Welche Majestät!»

«Er scheint noch größer und reifer an Jahren zu sein.»

«Ein wirklicher König!»

«Oh, sie nannten ihn den König des Friedens! Aber er ist auch der furchtbare König für jene, die sein Gericht fürchten müssen.»

«Hast du gesehen, welche Strahlen von seinem Antlitz ausgegangen sind?»

«Und welches Leuchten von seinen Augen!»

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«Ich habe nicht gewagt, ihn richtig anzusehen. Und doch hätte ich es so gerne getan, denn ich denke, es wird mir vielleicht erst wieder im Himmel gewährt sein, ihn so zu sehen. Und ich möchte ihn kennen, damit ich dann nicht erzittere.»

«Oh, wir brauchen keine Angst zu haben, wenn wir bleiben, was wir sind: seine treuen Diener. Hast du gehört: "Noch einmal möchte ich euch sagen, daß ich euch liebe. Der Friede sei mit euch, die ihr guten Willens seid." Oh, nicht ein Wort zuviel. Aber diese wenigen enthalten sein ganzes Einverständnis mit dem, was wir bisher getan haben und das wunderbarste Versprechen für unser zukünftiges Leben. Laßt uns den Gesang der Freude, unserer Freude, anstimmen: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind. Wahrlich, der Herr ist auferstanden, wie er durch den Mund der Propheten gesagt hat und durch sein unfehlbares Wort. Mit seinem vergossenen Blut ist von ihm gewichen alles Übel, das ihn durch den Kuß eines Menschen berührt hat. Und da der Altar nun rein ist, hat sein Leib die unaussprechliche Schönheit Gottes angenommen. Bevor er zum Himmel auffährt, hat er sich seinen Knechten gezeigt. Halleluja! Laßt uns singen, halleluja! O ewige Jugend Gottes! Laßt uns den Menschen verkünden, daß er auferstanden ist, halleluja! Der Gerechte, der Heilige ist auferstanden, halleluja, halleluja! Aus dem Grabe ist er unsterblich erstanden. Und der gerechte Mensch ist mit ihm auferstanden. In Sünde, wie in einer Höhle, war das Herz des Menschen eingeschlossen. Er ist gestorben, um zu sagen: "Stehet auf!" Und die Verstreuten sind aufgestanden, halleluja! Die Pforten des Himmels hat er geöffnet und zu den Auserwählten gesagt: "Kommt." Möge es durch das Blut des Heiligen auch uns gewährt sein, aufzuerstehen. Halleluja!"»

Matthias, der alte ehemalige Jünger Johannes des Täufers, geht singend voran, wie vielleicht einst David vor seinem Volk singend auf den Straßen von Judäa einherzog. Die anderen folgen ihm und stimmen bei jedem Halleluja mit heiligem Jubel ein.

Jonathan, der mit der Gruppe geht, sagt, als Jerusalem schon am Fuß des Hügels liegt, den sie mit eiligen Schritten hinabsteigen: «Durch seine Geburt habe ich Vaterland und Haus verloren, und durch seinen Tod habe ich das neue Haus verloren, in dem ich dreißig Jahre lang ehrbar gearbeitet habe. Doch selbst wenn ich seinetwegen das Leben verloren hätte, so wäre ich freudig gestorben, da ich das Leben seinetwegen verloren hätte. Ich hege keinen Haß gegen jene, die mich ungerecht behandeln. Mein Herr hat mich durch sein Sterben die vollkommene Sanftmut gelehrt. Und ich denke nicht an morgen. Meine Wohnstatt ist nicht hier, sondern im Himmel. Ich werde in der Armut leben, die ihm so teuer war, und werde ihm bis zu der Stunde dienen, da er mich ruft... Und... Ja, ich werde ihm auch den Verzicht... auf meine Herrin opfern... Dies ist der

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schmerzlichste Stachel... Doch nun, da ich den Schmerz des Christus und seine Herrlichkeit gesehen habe, darf ich nicht an die Größe meines Schmerzes denken, sondern nur auf die himmlische Herrlichkeit hoffen. Gehen wir und sagen wir den Aposteln, daß Jonathan der Diener der Diener Christi ist.»

687. JESUS ERSCHEINT DEN JÜNGERN VON EMMAUS

Zwei Männer mittleren Alters schreiten rasch auf einer Bergstraße dahin. Sie haben Jerusalem im Rücken, dessen Anhöhen immer mehr hinter anderen verschwinden, die wie Wellen aus Hügeln und Tälern aufeinander folgen.

Sie unterhalten sich, und der Ältere sagt zum anderen, der höchstens fünfunddreißig Jahre alt ist: «Glaube mir, es ist besser gewesen, so zu handeln. Ich habe eine Familie, und auch du hast eine. Der Tempel scherzt nicht. Er will wirklich allem ein Ende machen. Zu Recht? Zu Unrecht? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß sie diese Geschichte ein für allemal beenden wollen.»

«Dieses Verbrechen, Simon. Nenne es nur beim rechten Namen, denn es war ein Verbrechen.»

«Je nachdem, wie man es sieht. Uns bringt die Liebe gegen das Synedrium in Wallung. Aber vielleicht... Wer weiß.»

«Nein. Die Liebe erleuchtet. Sie läßt keinen Irrtum zu.»

«Auch das Synedrium, auch die Priester und die Vorsteher lieben. Sie lieben Jahwe, ihn, den ganz Israel geliebt hat, seit der Bund zwischen Gott und den Patriarchen geschlossen wurde. Also ist auch für sie die Liebe Licht und führt nicht zum Irrtum!»

«Ihre Liebe gilt nicht dem Herrn. Ja, Israel hat seit Jahrhunderten diesen Glauben. Aber sage mir, kannst du behaupten, daß das noch Glaube ist, was uns die Tempelvorsteher, die Pharisäer, die Schriftgelehrten und die Priester übermitteln? Du hast es doch gesehen. Mit dem dem Herrn geweihten Gold – man wußte es schon oder hat zumindest den Verdacht gehabt, daß es geschehen würde – mit dem dem Herrn geheiligten Gold haben sie den Verräter und jetzt die Wachen bezahlt; ersteren, damit er Christus verrät, die anderen, damit sie lügen. Oh, ich kann nicht verstehen, warum die ewige Macht sich damit begnügt hat, die Mauern einstürzen zu lassen und den Vorhang zu zerreißen. Ich sage dir, ich hätte gewünscht, daß die neuen Philister unter den Trümmern begraben würden. Alle!»

«Kleophas, das wäre Rache!»

«Ja, das wäre Rache. Nehmen wir an, er sei nur ein Prophet gewesen,

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hatten sie dann das Recht, einen Unschuldigen zu töten? Denn er war unschuldig! Hast du vielleicht einmal gesehen, daß er eines der Verbrechen begangen hat, deren man ihn beschuldigte, um ihn töten zu können?»

«Nein, kein einziges. Aber einen Fehler hat er begangen.»

«Welchen, Simon?»

«Den Fehler, daß er vom Kreuz herab nicht seine Macht ausgeübt hat, um unseren Glauben zu stärken und die ungläubigen Gottesschänder zu bestrafen. Er hätte die Herausforderung annehmen und vom Kreuz herabsteigen müssen!»

«Er hat mehr getan: Er ist auferstanden!»

«Ist das auch wahr? Auferstanden, aber wie? Nur im Geist oder mit Leib und Seele?»

«Die Seele ist doch ewig! Sie braucht nicht aufzuerstehen!» ruft Kleophas aus.

«Das weiß ich selbst. Ich wollte sagen, ob er nur in seiner göttlichen Natur, die über jede menschliche Nachstellung erhaben ist, auferstanden ist. Denn eben noch haben die Menschen seine Seele in furchtbare Angst versetzt. Hast du nicht gehört? Markus hat gesagt, daß in Gethsemane, wo er an einem Fels gebetet hat, alles voll Blut ist. Und Johannes, der mit Markus gesprochen hat, hat ihm gesagt: "Laß niemanden diesen Ort betreten, denn es ist Blut, das der Gottmensch geschwitzt hat." Wenn er vor der Marter Blut geschwitzt hat, dann muß er furchtbare Angst vor ihr gehabt haben.»

«Unser armer Meister... !» Sie schweigen betrübt.

Jesus gesellt sich zu ihnen und fragt: «Von wem redet ihr? In dieser Stille habe ich einige eurer Worte gehört. Wer ist getötet worden?» Jesus ist verborgen unter dem Äußeren eines armen, eiligen Wanderers.

Die beiden erkennen ihn nicht.

«Bist du hier fremd, Mann? Hast du dich nicht in Jerusalem aufgehalten? Dein verstaubtes Gewand und die abgenützten Sandalen lassen auf einen unermüdlichen Pilger schließen.»

«Das bin ich. Ich komme von sehr weit her ...»

«Dann wirst du müde sein. Hast du noch einen weiten Weg?»

«Einen sehr weiten. Er ist noch länger als der, den ich bereits zurückgelegt habe.»

«Hast du Geschäfte zu erledigen? Begibst du dich auf die Märkte?»

«Ich muß eine riesige Anzahl Herden für den mächtigsten aller Herren erwerben. Die ganze Welt muß ich durchwandern, um Schafe und Lämmer auszuwählen, und ich muß auch zu den wilden Herden gehen, die, wenn sie erst einmal gezähmt sind, besser sein werden als jene, die jetzt nicht wild sind.»

«Schwierige Arbeit. Und du bist weitergegangen und hast dich nicht in Jerusalem aufgehalten?»

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«Weshalb fragt ihr dies?»

«Weil du anscheinend der einzige bist, der nicht weiß, was in diesen Tagen geschehen ist.»

«Was ist denn geschehen?»

«Du kommst von weit her und weißt es vielleicht deshalb nicht. Doch dein Akzent ist galiläisch. Darum müßtest du, wenn du beschnitten bist, eigentlich wissen, selbst wenn du in den Diensten eines fremden Königs stehst oder der Sohn ausgewanderter Galiläer bist, daß vor drei Jahren in unserem Vaterland ein großer Prophet namens Jesus von Nazareth aufgestanden ist, mächtig in Worten und Werken vor Gott und den Menschen, der predigend durch das ganze Land gezogen ist. Er nannte sich den Messias. Seine Worte und Werke waren wirklich die des Sohnes Gottes, wie er sich nannte. Ja, wirklich des Sohnes Gottes. Es kam alles vom Himmel... Nun weißt du, warum... Aber bist du beschnitten?»

«Erstgeborener bin ich und dem Herrn heilig.»

«Dann kennst du unsere Religion?»

«Kein Wort ist mir unbekannt. Ich kenne die Vorschriften und die Bräuche. Die Halacha, der Midrasch und die Haggada sind mir geläufig wie die Elemente Luft, Wasser, Feuer und Licht, die ersten Dinge, nach denen Verstand, Instinkt und Bedürfnis des Menschen verlangen, wenn er den mütterlichen Schoß verlassen hat.»

«Dann weißt du also, daß Israel ein Messias verheißen war, der als mächtiger König Israel vereinigen würde. So ist es jedoch nicht gewesen ...»

«Wie dann?»

«Er strebte nicht nach irdischer Macht, sondern nannte sich König eines ewigen und geistigen Reiches. Er hat Israel nicht geeint, sondern gespalten, denn nun ist es geteilt in jene, die an ihn glauben, und jene, die ihn einen Übeltäter nennen. Er hatte wirklich nicht das Zeug zum König, denn er wollte nur Sanftmut und Verzeihung. Und wie soll man mit solchen Waffen unterwerfen und siegen... ?»

«Und dann?»

«Nun, dann haben die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes Israel ihn gefangengenommen und zum Tod verurteilt... wenngleich sie ihn in Wahrheit nicht begangener Verbrechen beschuldigt haben. Seine einzige Schuld war, zu gut und zu streng gewesen zu sein...»

«Wie konnte er das eine und das andere sein?»

«Er konnte es, denn er war zu streng, wenn er den Vorstehern Israels die Wahrheit sagte, und zu gut, um sie durch ein Wunder zu vernichten und seine ungerechten Feinde zu zerschmettern.»

«War er so streng wie der Täufer ?»

«Nun... das würde ich nicht sagen. Sein harter Tadel galt, besonders in letzter Zeit, den Schriftgelehrten und Pharisäern, und er drohte denen vom Tempel als vom Zorn Gottes Gezeichneten. Aber wenn ein Sünder

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sich bekehrte und er sah, daß dieser wahre Reue im Herzen hatte – denn der Nazarener konnte in den Herzen besser lesen als die Schriftgelehrten in ihren Texten – dann war er gütiger als eine Mutter.»

«Und Rom hat erlaubt, daß ein Unschuldiger getötet wurde?»

«Pilatus hat ihn verurteilt... Aber er wollte nicht und nannte ihn einen Gerechten. Doch man drohte ihm, ihn beim Caesar anzuklagen, und er bekam Angst. Also wurde er zum Tod am Kreuz verurteilt und mußte sterben. Und dieser Tod, zusammen mit der Angst vor den Synedristen, hat uns sehr entmutigt. Denn ich bin Kleophas, der Sohn des Kleophas, und dieser ist Simon. Wir sind beide aus Emmaus und verwandt, denn ich bin der Mann seiner ältesten Tochter, und wir waren Jünger des Propheten.»

«Und nun seid ihr es nicht mehr?»

«Wir hatten gehofft, daß er es sei, der Israel befreien würde, und auch, daß er seine Worte durch ein Wunder bestätigen würde. Dagegen ...»

«Was hat er denn gesagt?»

«Wir haben es dir schon gesagt: "Ich bin in das Reich Davids gekommen. Ich bin der König des Friedens" und so weiter. Er sagte auch: "Kommt zum Reich", doch dann hat er uns das Reich nicht gegeben. Und er sagte: "Am dritten Tage werde ich auferstehen." Nun ist heute der dritte Tag, seit er gestorben ist. Vielmehr, er ist schon vorüber, denn die neunte Stunde ist vergangen, und er ist nicht auferstanden. Einige Frauen und einige Wachen behaupten zwar, er sei auferstanden. Aber wir haben ihn nicht gesehen. Und nun sagen die Wachen, sie hätten dies nur erfunden, um den Diebstahl des Leichnams durch die Jünger des Nazareners zu verheimlichen. Ausgerechnet die Jünger... ! Wir haben ihn alle aus Angst im Stich gelassen, als er noch am Leben war... und wir werden ihn gewiß nicht jetzt gestohlen haben, da er tot ist. Und die Frauen... Wer glaubt schon den Frauen! Wir sprachen gerade darüber. Und wollten gerne wissen, ob er gemeint hat, daß nur sein nun wieder göttlich gewordener Geist aufersteht oder auch das Fleisch. Die Frauen behaupten noch, daß Engel – denn sie wollen auch Engel nach dem Erdbeben gesehen haben, und es ist möglich, denn schon am Freitag sind die Gerechten außerhalb ihrer Gräber erschienen – sie behaupten, Engel hätten ihnen gesagt, er sei gleich einem, der nie gestorben ist. Und so schienen ihn die Frauen auch tatsächlich gesehen zu haben. Doch zwei von uns, zwei Oberhäupter, die zum Grab gegangen sind, haben dieses zwar leer gefunden, wie die Frauen gesagt hatten, aber ihn selbst haben sie weder dort noch anderswo gesehen. Wir sind sehr traurig, denn wir wissen nicht, was wir nun denken sollen.»

«Oh, wie seid ihr doch töricht und von schwerfälligem Geist! Und wie lange braucht ihr, um an die Worte der Propheten zu glauben. Stand nicht alles schon geschrieben? Israel hat den Irrtum begangen, das Königtum Christi falsch auszulegen. Daher hat man ihm nicht geglaubt. Daher hat man ihn gefürchtet. Und daher habt ihr nun Zweifel. Oben und unten, im

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Tempel und in den Dörfern, überall erwartete man einen König im menschlichen Sinn. Aber die Wiedererrichtung des Reiches Israel war im Gedanken Gottes nicht in Zeit, Raum und Mittel begrenzt wie bei euch.

Nicht in der Zeit: Jedes Königtum, auch das mächtigste, ist nicht ewig. Erinnert euch an die mächtigen Pharaonen, die die Hebräer zur Zeit des Moses unterdrückten. Wie viele Dynastien sind aufeinander gefolgt, und von ihnen allen sind nur entseelte Mumien im Innern geheimnisvoller Gräber geblieben! Und eine Erinnerung, wenn überhaupt, ist geblieben an ihre Macht, die eine Stunde oder noch weniger gewährt hat, wenn wir diese Jahrhunderte mit der Ewigkeit vergleichen. Dieses Reich aber ist ewig.

Nicht im Raum: Es wurde genannt: Reich Israel; denn aus Israel ist der Stamm des Menschengeschlechtes hervorgegangen, in Israel liegt sozusagen der Same Gottes, und wenn man Israel sagt, so bedeutet dies: das Reich der von Gott Erschaffenen. Aber das Reich des Königs und Messias beschränkt sich nicht auf den kleinen Raum von Palästina, sondern erstreckt sich von Norden nach Süden, von Osten nach Westen, überall dorthin, wo ein Wesen ist, das eine Seele in seinem Fleisch besitzt, also wo ein Mensch ist. Wie hätte einer allein alle die Völker, die einander feindlich gesinnt sind, vereinigen und ein einziges Reich bilden können, ohne Ströme von Blut zu vergießen und alle mit Hilfe von Bewaffneten zu unterwerfen und grausam zu unterdrücken? Und wie hätte er dann der König des Friedens sein können, von dem die Propheten sprechen?

Nicht in dem Mittel: Des Menschen Mittel, habe ich gesagt, ist die Unterdrückung. Das übernatürliche Mittel ist die Liebe. Ersteres ist immer begrenzt, denn die Völker stehen gegen die Unterdrücker auf; das zweite ist unbegrenzt, denn die Liebe wird geliebt oder, wenn sie nicht geliebt wird, wird sie verspottet. Da sie jedoch etwas Geistiges ist, kann sie niemals direkt angegriffen werden. Und Gott, der Unendliche, will Mittel anwenden, die so sind wie er. Er will, was nicht endlich ist, weil es ewig ist: den Geist; das, was des Geistes ist; das, was zum Geist führt. Dies ist der Irrtum gewesen: daß man sich eine messianische Idee zurechtgelegt hat, die falsch war, was Mittel und Form betrifft.

Welches ist das höchste Königtum? Das Königtum Gottes, nicht wahr? Und dieser Bewunderungswürdige, dieser Emmanuel, dieser Heilige, dieser erhabene Sproß, dieser Starke, dieser Vater künftiger Zeiten, dieser Friedensfürst, dieser Gott gleich jenem, von dem er kommt – denn so steht es geschrieben, und dies alles ist der Messias – wird sein Königtum nicht gleich dem Königtum dessen sein, der ihn gezeugt hat? Ja, so wird es sein. Ein ganz geistiges und ewiges Königtum, unbefleckt von Raub und Blut, das keinen Verrat und keine Gewalt kennt. Sein Königtum! Das Königtum, das die ewige Güte auch den armen Menschen gewährt, um seinem Wort Ehre und Freude zu schenken.

Hat nicht David schon gesagt, daß diesem mächtigen König alles als

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Schemel zu Füßen liegen wird? Steht nicht bei Isaias seine ganze Passion geschrieben und zählt nicht David sozusagen auch seine Martern auf? Und steht nicht geschrieben, daß er der Erlöser und Retter ist, der durch sein Opfer den sündigen Menschen erlösen wird? Und ist nicht genau angegeben – und Jonas ist das Zeichen – daß ihn die unersättlichen Eingeweide der Erde drei Tage lang verschlingen und dann ausspeien werden, wie der Walfisch den Propheten? Und steht nicht von ihm geschrieben: "Mein Tempel, also mein Leib, wird drei Tage, nachdem er zerstört worden ist, von mir (also von Gott) wieder aufgerichtet werden?" Was habt ihr geglaubt? Daß er durch Zauber die Tempelmauern wiedererrichten würde? Nein. Nicht die Mauern, sondern sich selbst. Und nur Gott konnte aus eigener Kraft auferstehen. Er hat den wahren Tempel wiedererrichtet: den Leib des Lammes, das geopfert wurde – so wie es Moses befohlen und prophezeit war – um den "Übergang" der Menschen, die Kinder Gottes und Sklaven Satans waren, vom Tod zum Leben, von der Sklaverei zur Freiheit vorzubereiten.

Ihr fragt euch, wie er auferstanden ist? Ich antworte: Er ist mit seinem wahren Fleisch auferstanden und mit dem göttlichen Geist, der in ihm wohnt, so wie in jedem sterblichen Fleisch die darin wohnende Seele die Königin des Herzens ist. So ist er auferstanden, nachdem er alles erlitten hat, um alles zu sühnen; um die erste Sünde wiedergutzumachen und die unzähligen Sünden, die täglich von der Menschheit begangen werden. Er ist auferstanden, wie es unter dem Schleier der Prophezeiungen vorausgesagt war. Als seine Zeit gekommen war, wurde er geboren – denkt an Daniel – und zur vorherbestimmten Zeit wurde er geopfert. Hört und denkt daran, denn zur vorhergesagten Zeit nach seinem Tod wird die gottesmörderische Stadt zerstört werden.

Ich gebe euch einen Rat: Lest die Propheten mit dem Herzen und nicht mit dem stolzen Verstand, vom Anfang des Buches bis zu den Worten des geopferten Wortes. Denkt an den Vorläufer, der ihn das Lamm nannte, und erinnert euch, welches das Schicksal des symbolischen mosaischen Lammes war. Durch jenes Blut wurden die Erstgeborenen Israels gerettet. Durch dieses Blut werden die Erstgeborenen Gottes erlöst werden, also jene, die sich durch ihren guten Willen dem Herrn geheiligt haben. Erinnert euch an den messianischen Psalm Davids und an den messianischen Propheten Isaias und versteht sie. Denkt an Daniel. Erhebt euer Gedächtnis aus dem Staub in das Blau des Himmels und vergegenwärtigt euch jedes Wort über das Königtum des Heiligen Gottes, und ihr werdet verstehen, daß euch kein stärkeres Zeichen hätte gegeben werden können, als dieser Sieg über den Tod, diese aus sich selbst erfolgte Auferstehung. Denkt daran, wie unvereinbar mit seiner Barmherzigkeit und seiner Sendung eine Bestrafung derer vom Kreuz herab gewesen wäre, die ihn so erhöht haben. Er war immer noch der Erlöser, auch als der verspottete

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und an das Holz genagelte Gekreuzigte! Die Glieder waren gekreuzigt, der Geist und der Wille jedoch frei. Und mit diesen wollte er noch warten, um den Sündern Zeit zu lassen, zu glauben und sein Blut über sich herabzurufen, nicht unter gotteslästerlichem Geschrei, sondern mit dem Seufzer der Zerknirschung.

Nun ist er auferstanden. Alles hat er vollbracht. Glorreich ist er vor seiner Menschwerdung gewesen. Dreimal glorreich ist er nun, nachdem er sich so viele Jahre in einem Körper erniedrigt und sich dann selbst geopfert hat im vollkommenen Gehorsam durch seinen Tod am Kreuz, um den Willen Gottes zu erfüllen. Glorreich über alle Maßen wird er nun zusammen mit dem verherrlichten Fleisch zum Himmel auffahren und in die ewige Herrlichkeit eingehen. Dies wird der Beginn des Reiches sein, dessen Bedeutung Israel nicht verstanden hat. Und zu diesem Reich ruft er eindringlicher denn je mit seiner ganzen Liebe und Autorität die Völker der Welt. Sie alle, wie es die Gerechten Israels und die Propheten geschaut und vorausgesagt haben, alle Völker werden zu ihrem Heiland kommen. Und es wird keine Juden oder Römer, Skythen oder Afrikaner, Iberer oder Kelten, Ägypter oder Phrygier mehr geben. Die von jenseits des Euphrat werden sich mit den Quellen des ewigen Flusses vereinigen. Die Völker des Nordens werden an der Seite der Numidier zu seinem Reich kommen; Rassen und Sprachen, Sitten und Hautfarben werden keine Rolle mehr spielen. Es wird ein einziges zahlloses, leuchtendes, reines Volk geben, eine einzige Sprache, eine einzige Liebe. Es wird das Reich Gottes, das Reich des Himmels sein, und der ewige Herrscher, der auferstandene Geopferte, und sein ewiges Volk, die an ihn Glaubenden. Glaubt also, um zu diesem Volk zu gehören!

Hier ist nun Emmaus, Freunde. Ich gehe weiter. Dem Wanderer, der noch einen so weiten Weg zurücklegen muß, ist kein Aufenthalt erlaubt.»

«Herr, du bist gelehrter als ein Rabbi. Wäre er nicht tot, würden wir glauben, daß er zu uns gesprochen hat. Wir möchten noch andere und ausführlichere Wahrheiten von dir hören; denn nun verstehen wir die Worte des Buches nicht mehr, da wir eine Herde ohne Hirten und durch den Haß Israels beunruhigt sind. Willst du, daß wir mit dir kommen? Du könntest uns weiterhin unterweisen und so das Werk des Meisters, der uns genommen wurde, vollenden.»

«Ihr habt ihn so lange gehabt, und es hat nicht genügt, euch zu vollenden? Ist dies hier nicht die Synagoge?»

«Ja. Ich bin Kleophas, der Sohn des Synagogenvorstehers Kleophas, der in der Freude gestorben ist, den Messias kennengelernt zu haben.»

«Und immer noch trüben Zweifel deinen Glauben? Aber es ist nicht eure Schuld. Nach dem Blut braucht es noch das Feuer. Dann werdet ihr glauben, denn ihr werdet verstehen. Lebt wohl.»

«O Herr, es will schon Abend werden, und die Sonne geht bald unter.

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Du bist müde und durstig. Komm herein. Bleibe bei uns. Du wirst zu uns von Gott sprechen, während wir Brot und Salz teilen.»

Jesus geht hinein und wird mit der üblichen hebräischen Gastfreundlichkeit bedient. Man bringt Getränke und Wasser für die müden Füße.

Dann setzen sie sich zu Tisch, und die beiden bitten ihn, die Mahlzeit zu segnen.

Jesus steht auf, hält das Brot auf den flachen Händen, erhebt die Augen zum roten Abendhimmel, dankt für die Speise und setzt sich. Er bricht das Brot und teilt es mit seinen Gastgebern. Und während er dies tut, gibt er sich zu erkennen als der, der er ist: der Auferstandene.

Er ist nicht der strahlende Auferstandene, als der er den anderen, die ihm nahestehen, erschienen ist. Aber er ist ein Jesus voller Majestät, und die Wunden an den schmalen Händen sind deutlich zu sehen: rote Rosen auf dem Elfenbein der Haut. Ein sehr lebendiger Jesus in seinem wiederhergestellten Fleisch. Aber auch Gott in der Macht seines Blickes und seiner Erscheinung.

Die beiden erkennen ihn und fallen auf die Knie... Und als sie es wagen, wieder aufzublicken, bleibt von ihm nur noch das gebrochene Brot.

Sie nehmen es und küssen es. Jeder nimmt seinen Anteil und legt ihn, wie eine Reliquie in ein Leinentüchlein gewickelt, auf die Brust.

Sie weinen und sagen: «Er ist es gewesen! Und wir haben ihn nicht erkannt. Und dennoch, brannte nicht auch dir das Herz in der Brust, als er zu uns sprach und uns die Schrift auslegte?»

«Ja. Und nun glaube ich ihn neu zu sehen. Im Licht, das vom Himmel kommt. Dem Licht Gottes. Und ich sehe, daß er der Erlöser ist.»

«Gehen wir. Ich spüre weder Müdigkeit noch Hunger mehr. Wir wollen nach Jerusalem gehen und es seinen Jüngern berichten.»

«Gehen wir. Oh, hätte doch mein alter Vater diese Stunde noch erleben dürfen!»

«Sprich nicht so. Ihm war mehr gegeben als uns. Der Geist des gerechten Kleophas sah den Sohn Gottes in den Himmel zurückkehren ohne den Schleier, der ihn aus Erbarmen mit unserer menschlichen Schwäche verhüllte. Gehen wir! Gehen wir! Wir werden mitten in der Nacht ankommen. Aber wenn er es will, finden wir einen Weg, in die Stadt zu gelangen. Er, der die Tore des Todes geöffnet hat, kann ebenso die Tore der Stadtmauern öffnen. Gehen wir!»

Und in der purpurnen Abenddämmerung machen sie sich eilends auf den Weg nach Jerusalem.

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688. JESUS ERSCHEINT ANDEREN FREUNDEN

Das Haus des Abendmahles ist voller Menschen. In der Vorhalle, im Innenhof, in den Zimmern, mit Ausnahme des Abendmahlsaales und des Raumes, in dem sich die Jungfrau Maria aufhält, herrscht die festliche und erregte Stimmung eines Ortes, an dem man sich nach langer Zeit wieder zu einer Feier zusammenfindet. Ich sehe die Apostel, außer Thomas, die Hirten und die treuen Frauen; mit Johanna sind auch Nike, Elisa, Syra, Marcella und Anna gekommen. Alle sprechen mit leiser Stimme, aber offensichtlich in freudiger Erregung. Das ganze Haus ist fest verschlossen, fast als hätten sie Angst; aber die Angst vor dem, was draußen ist, schmälert nicht die Freude im Innern.

Martha kommt und geht mit Marcella und Susanna und bereitet die Abendmahlzeit für die «Diener des Herrn», wie sie die Apostel nennt. Die anderen beratschlagen sich und vertrauen sich gegenseitig ihre Eindrücke, Freuden und Ängste an... Wie ebenso viele Kinder, die auf etwas warten, das sie elektrisiert und gleichzeitig auch ein wenig verängstigt.

Die Apostel möchten als die Ruhigsten erscheinen. Aber sie sind die ersten, die aufschrecken, wenn ein Geräusch einem Klopfen am Tor oder dem Öffnen eines Fensters ähnelt. Und als Susanna mit zwei mehrflammigen Leuchtern hereinkommt, um Martha zu helfen, die nach Wäsche sucht, macht Matthäus einen Sprung zurück und schreit: «Der Herr!»Dies veranlaßt Petrus, der offensichtlich der Aufgeregteste von allen ist, auf die Knie zu fallen.

Ein lautes Klopfen am Tor läßt jedes Wort unvermittelt verstummen. Sicher schlagen jetzt alle Herzen wie rasend.

Sie schauen zum Fensterchen hinaus und öffnen mit einem überraschten «Oh!», als sie die nicht erwartete Gruppe der römischen Damen in Begleitung des Longinus und eines anderen, der wie Longinus dunkel gekleidet ist, sehen. Die Damen sind ebenfalls alle in dunkle Mäntel gehüllt, die auch den Kopf bedecken. Sie haben alle Schmuckstücke abgelegt, um weniger aufzufallen.

«Dürfen wir einen Augenblick hereinkommen, um der Mutter des Erlösers unsere Freude auszudrücken?» fragt Plautina, die alle besonders ehrerbietig grüßen.

«Kommt nur. Sie ist dort drüben.»

Die ganze Gruppe geht zusammen mit Johanna und Maria von Magdala, die sie meines Erachtens gut kennen, hinüber.

Longinus und der andere Römer bleiben allein in einer Ecke der Vorhalle zurück, denn sie werden etwas schief angesehen.

Die Frauen grüßen mit ihrem: «Ave, Domina!» und knien dann nieder mit den Worten: «Zuvor haben wir die Weisheit bewundert, aber nun wollen wir Kinder des Christus sein. Und wir sagen es dir, denn du allein

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kannst das hebräische Mißtrauen gegen uns besiegen. Zu dir kommen wir, um belehrt zu werden, bis diese (dabei zeigt sie auf die an der Tür stehenden Apostel) erlauben, daß wir uns zu Jesus gehörig nennen.» Es ist Plautina, die für alle gesprochen hat.

Maria lächelt selig und sagt: «Ich bitte den Herrn, meine Lippen zu reinigen, wie er es bei dem Propheten getan hat, damit ich würdig von meinem Herrn sprechen kann. Seid gesegnet, ihr Erstlinge Roms!»

«Auch Longinus möchte... und der Soldat, der in seinem Herzen ein Feuer verspürt hat, als... sich Erde und Himmel geöffnet haben beim Aufschrei Gottes. Und wenn wir nur sehr wenig wissen... so wissen sie gar nichts. Sie wissen nur, daß er der Heilige Gottes war und daß sie nicht mehr länger im Irrtum verbleiben wollen.»

«Sage ihnen, sie sollen zu den Aposteln gehen.»

«Sie sind schon da. Aber die Apostel mißtrauen ihnen.»

Maria steht auf und geht auf die Soldaten zu.

Die Apostel sehen ihr nach und versuchen, ihre Absicht zu erraten.

«Gott möge euch zu seinem Licht führen, Söhne! Kommt und lernt die Diener Gottes kennen. Dieser hier ist Johannes. Ihr kennt ihn. Dieser ist Simon Petrus, den mein Sohn und Herr zum Oberhaupt der Brüder ernannt hat. Diese hier sind Jakobus und Judas, die Vettern des Herrn. Dieser hier ist Simon, und dieser Andreas, der Bruder des Petrus. Dieser ist Jakobus, der Bruder des Johannes. Und diese sind Philippus, Bartholomäus und Matthäus. Thomas fehlt. Er ist noch unterwegs. Doch ich nenne ihn, als ob er anwesend wäre. Dies sind die zu einer besonderen Aufgabe Auserwählten. Aber jene, die so demütig im Schatten stehen, sind die ersten im Heroismus der Liebe. Seit mehr als dreißig Jahren predigen sie Christus. Weder die selbst erlittenen Verfolgungen noch die Verurteilung des Unschuldigen konnten ihren Glauben beeinträchtigen. Sie sind Fischer und Hirten, und ihr seid Patrizier. Doch im Namen Jesu gibt es keine Unterschiede mehr. Die Liebe in Christus macht alle gleich und zu Brüdern. Und meine Liebe nennt euch Kinder, auch euch, die ihr einer anderen Nation angehört. Ja, ich sage euch, ich finde euch wieder, nachdem ich euch verloren hatte; denn im Augenblick des Schmerzes, als er starb, wart ihr zugegen. Und ich vergesse dein Mitleid nicht, Longinus. Und auch nicht deine Worte, Soldat! Es sah aus, als sei ich tot. Aber ich habe alles gesehen. Ich habe nichts, um euch zu belohnen. Und in Wahrheit gibt es für heilige Dinge keine Münze, sondern nur Liebe und Gebet. Und dies werde ich euch schenken und unseren Herrn Jesus bitten, euch alles zu vergelten.»

«Wir sind belohnt, Domina. Deshalb haben wir es auch alle zusammen gewagt, hierher zu kommen. Ein gemeinsamer Impuls hat uns zusammengeführt, und der Glaube beginnt schon, seine Bande von Herz zu Herz zu schlingen...» sagt Longinus.

Alle nähern sich neugierig, und einer überwindet die Zurückhaltung

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und vielleicht auch den Abscheu vor einer Berührung mit den Heiden und fragt: «Was ist euch geschehen?»

«Ich habe eine Stimme... die seine, gehört... Sie sagte: "Komm zu mir"», erklärt Longinus.

«Und ich habe gehört: "Wenn du mich heilig glaubst, dann glaube an mich"», sagt der andere Soldat.

«Und wir», sagt Plautina, «haben heute morgen, als wir von ihm redeten, ein Licht gesehen! Ein Licht, das zu einem Antlitz wurde. Oh, beschreibe du seine Schönheit. Es war sein Antlitz. Und es lächelte uns so sanft zu, daß wir nur noch eines wollten: zu euch kommen und euch bitten: "Weist uns nicht ab."»

Stimmengewirr und Bemerkungen erfüllen den Raum. Alle reden und wiederholen, wie sie ihn gesehen haben.

Die zehn Apostel schweigen beschämt. Um sich nicht bloßzustellen und nicht als die einzigen zu erscheinen, die ohne seinen Gruß geblieben sind, fragen sie die hebräischen Frauen, ob sie kein österliches Geschenk von ihm erhalten haben.

Elisa sagt: «Er hat mir den Schmerz über meinen toten Sohn genommen.»

Und Anna: «Ich habe gespürt, daß er mir das ewige Heil für die Meinen versprochen hat.»

Und Syra: «Ich eine Liebkosung.»

Und Marcella: «Ich habe einen Blitz gesehen und seine Stimme gehört, die sagte: "Harre aus."»

«Und du, Nike?» fragen alle, da sie schweigt.

«Oh, sie hat schon genug erhalten», antworten andere.

«Nein. Ich habe sein Antlitz gesehen, und er hat zu mir gesagt: "Damit es sich deinem Herzen einprägen möge." Wie schön war er doch!»

Martha kommt und geht, schweigend und geschäftig.

«Und du, Schwester? Für dich nichts? Du schweigst und lächelst. Und so glücklich ist dein Lächeln, daß auch du deine Freude erlebt haben mußt», sagt Magdalena.

«Es ist wahr. Du hältst die Lider gesenkt und dein Mund schweigt; doch deine Augen leuchten unter dem Schleier der Wimpern, als würdest du ein Liebeslied singen.»

«So sprich doch! Mutter, hat sie dir etwas gesagt?»

Die Mutter lächelt und schweigt.

Martha, die damit beschäftigt ist, den Tisch zu decken, möchte einen Schleier über ihr süßes Geheimnis breiten, aber die Schwester gibt nicht nach. Und schließlich sagt Martha selig und errötend: «Er hat sich mit mir verabredet für die Todesstunde und die vollkommene Vermählung...»und ihr Gesicht entzündet sich in einem noch tieferen Rot und einem Lächeln der Seele.

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689. JESUS ERSCHEINT DEN ZEHN APOSTELN

Sie sind im Abendmahlsaal versammelt. Es muß schon sehr spät sein, denn kein Laut dringt mehr herein von der Straße oder aus dem Haus. Ich denke, auch die zuvor Gekommenen haben sich, müde von so viel Aufregung, in ihre eigenen Häuser oder zum Schlafen zurückgezogen.

Die Zehn hingegen sitzen und reden im Licht eines einzigen Flämmchens der Lampe, das sich dem Tisch am nächsten befindet. Vorher haben sie offensichtlich Fisch gegessen, denn auf einem Tablett auf der Anrichte liegt der eine oder andere übriggebliebene. Die Apostel sitzen noch am Tisch, und die Unterhaltung stockt immer wieder. Eigentlich sind es eher Monologe, die sie führen, denn es scheint, daß jeder mehr mit sich selbst als mit den Gefährten spricht. Und die übrigen lassen ihn reden, selbst wenn sie ihrerseits von etwas ganz anderem sprechen. Trotzdem sind diese unzusammenhängenden Gesprächsfetzen, die mich an die Speichen eines zerbrochenen Rades erinnern, doch alle Teil eines einzigen Themas, drehen sich alle um dasselbe, nämlich Jesus.

«Ich hoffe nicht, daß Lazarus nicht richtig gehört hat und die Frauen besser als er verstanden haben...» sagt Judas des Alphäus.

«Zu welcher Stunde will ihn die Römerin gesehen haben?» fragt Matthäus.

Niemand gibt Antwort.

«Morgen gehe ich nach Kapharnaum», sagt Andreas.

«Es war ein Fehler, Petrus, daß wir heute früh gleich weggegangen sind... Wären wir geblieben, hätten wir ihn gesehen wie Magdalena...»seufzt Johannes.

«Ich verstehe nicht, wie er zur selben Zeit in Emmaus und im Palast sein konnte. Und zugleich hier bei der Mutter und bei Magdalena und bei Johanna ...» sagt Jakobus des Zebedäus zu sich selbst.

«Er wird nicht kommen. Ich habe nicht genügend geweint, um es zu verdienen... Er hat recht. Ich meine, er wird mich drei Tage lang warten lassen, weil ich ihn dreimal verleugnet habe. Wie, wie konnte ich so etwas nur tun?»

«Wie verklärt Lazarus war. Ich sage euch, er glich einer Sonne. Es muß ihm ergangen sein wie Moses, nachdem er Gott geschaut hatte. Und gleich nachdem er sein Leben angeboten hatte, nicht wahr, ihr, die ihr dabeigewesen seid?» sagt der Zelote.

Niemand hört ihm zu.

Jakobus des Alphäus wendet sich an Johannes und sagt: «Wie hat er denen von Emmaus gesagt? Mir scheint, er hat uns entschuldigt, nicht wahr? Hat er nicht gesagt, daß alles so gekommen ist, weil wir als Israeliten eine falsche Vorstellung von seinem Reich haben?»

Johannes achtet nicht auf ihn. Er dreht sich um, schaut Philippus an,

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sagt... aber er redet nicht mit Philippus: «Mir genügt zu wissen, daß er auferstanden ist. Und dann... dann möge meine Liebe beständig wachsen. Es ist doch klar! Wenn man es genau betrachtet, so ist er im Verhältnis zur Liebe, die wir ihm bezeigt haben, erschienen: der Mutter, Maria Magdalena, den Kindern, meiner und deiner Mutter, und dann Lazarus und Martha... Wann wohl Martha? Ich meine, als sie den Psalm Davids angestimmt hat: "Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir mangeln. Er weidet mich auf grüner Au, er führet mich zu reichen Wassern. Er hat meine Seele zu sich gerufen..." Erinnert ihr euch, wie überrascht wir waren über diesen unerwarteten Gesang? Und die Worte: "Er hat meine Seele zu sich gerufen" haben einen Zusammenhang mit dem, was sie uns gesagt hat. Martha scheint ihren Weg tatsächlich wieder gefunden zu haben... Zuerst war sie verwirrt, sie, die Starke! Vielleicht hat er ihr bei dieser Berufung auch den Ort genannt, wo er sie haben will. Ganz gewiß sogar. Denn wenn er mit ihr eine Verabredung getroffen hat, muß er wissen, wo sie sein wird. Was hat er wohl gemeint mit den Worten: "Vollkommene Vermählung"?»

Philippus, der Johannes zuerst kurz angeschaut, dann aber das Selbstgespräch nicht weiter verfolgt hat, seufzt: «Ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll, wenn er kommt... Ich bin geflohen... und ich fürchte, daß ich wieder fliehen werde. Das erste Mal aus Furcht vor den Menschen. Diesmal aus Furcht vor ihm.»

«Alle sagen: "Er ist wunderschön." Kann er denn schöner sein, als er schon war?» fragt sich Bartholomäus.

«Ich werde ihm sagen: "Du hast mir schweigend verziehen, als ich ein Zöllner war. Verzeihe mir auch jetzt mit deinem Schweigen, denn meine Feigheit verdient dein Wort nicht"», sagt Matthäus.

«Longinus sagt, daß er gedacht hat: "Soll ich ihn um Heilung oder um den Glauben bitten?" Dann hat ihm sein Herz gesagt: "Um den Glauben" und danach die Stimme: "Komm zu mir." Und er fühlte gleichzeitig den Willen zu glauben und auch die Heilung. Genau das hat er mir gesagt», erklärt Judas des Alphäus.

«Ich muß immer noch daran denken, daß Lazarus sofort für sein Angebot belohnt worden ist... Auch ich habe gesagt: "Ich will mein Leben geben zu deiner Ehre", aber er ist nicht gekommen», seufzt der Zelote.

«Was meinst du, Simon? Du bist gebildet, sage mir: Was soll ich ihm sagen, damit er versteht, daß ich ihn liebe und ihn um Verzeihung bitte? Und du, Johannes? Du hast viel mit der Mutter gesprochen. Helft mir! Habt doch Mitleid, und laßt den armen Petrus nicht allein!»

Johannes fühlt Mitleid mit dem betrübten Gefährten und sagt: «Ich... ich würde ganz einfach zu ihm sagen: "Ich liebe dich." In der Liebe sind auch die Bitte um Verzeihung und die Reue enthalten. Aber... ich weiß nicht. Simon, was meinst du?»

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Und der Zelote: «Ich würde das sagen, was man bei den Wundern rief: "Jesus, erbarme dich meiner." Oder einfach: "Jesus." Denn er ist viel mehr als der Sohn Davids!»

«Genau das ist es, was ich denke und was mich erzittern läßt. Oh, ich werde mein Haupt verhüllen... Auch heute morgen hatte ich Angst, ihn zu sehen, und...»

«... Und dann bist du als erster hineingegangen. Aber sei doch nicht so furchtsam! Man könnte glauben, du kennst ihn nicht!» ermutigt ihn Johannes.

Das Zimmer erhellt sich ganz plötzlich, wie durch einen blendenden Blitz. Die Apostel verhüllen ihr Gesicht aus Furcht vor einem Einschlag. Aber sie hören keinen Lärm und blicken wieder auf.

Jesus steht mitten im Raum neben dem Tisch. Er breitet die Arme aus und sagt: «Der Friede sei mit euch.»

Niemand antwortet. Die einen sind blaß, die anderen rot im Gesicht, und alle schauen ihn ängstlich und befangen an, hingerissen und doch versucht zu fliehen.

Jesus macht einen Schritt vorwärts und lächelt noch mehr: «Aber fürchtet euch doch nicht! Ich bin es. Warum seid ihr so verwirrt? Habt ihr mich denn nicht herbeigewünscht? Habe ich euch denn nicht ausrichten lassen, daß ich kommen würde? Habe ich es euch nicht schon am Abend des Passahmahls gesagt?»

Keiner getraut sich, den Mund aufzumachen. Petrus weint schon, und Johannes lächelt schon, während die beiden Vettern mit ihren leuchtenden Augen und den sich stumm bewegenden Lippen Statuen gleichen, die die Sehnsucht darstellen.

«Warum habt ihr in euren Herzen so widersprüchliche Gefühle wie Liebe und Angst, Zweifel und Glauben? Warum wollt ihr immer noch Fleisch und nicht Geist sein und nicht nur mit diesem sehen, verstehen, urteilen und handeln? Ist denn im Feuer der Schmerzen nicht das alte Ich verbrannt und das neue Ich eines neuen Lebens erstanden? Ich bin Jesus. Euer auferstandener Jesus, wie ich euch vorausgesagt habe. Schaut! Du, der du meine Wunden gesehen hast, und ihr, die ihr nichts von meinen Qualen wißt; denn das, was ihr gehört habt, unterscheidet sich sehr von der genauen Kenntnis, die Johannes davon hat. Komm also du zuerst. Du bist schon ganz rein. So rein, daß du mich ohne Scheu berühren kannst. Die Liebe, der Gehorsam und die Treue hatten dich schon rein gemacht. Das Blut, das dich benetzte, als du mich vom Kreuz abnahmst, hat dich vollends gereinigt. Sieh her! Es sind wahre Hände und wahre Wunden. Betrachte meine Füße. Siehst du die Male der Nägel? Ja, ich bin es wirklich, und kein Geist. Faßt mich an! Geister haben keinen Körper. Ich habe richtiges Fleisch auf einem echten Skelett.» Jesus legt die Hand auf das Haupt des Johannes, der gewagt hat, sich ihm zu nähern: «Fühlst du? Sie

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ist warm und schwer!» Er haucht ihm ins Gesicht: «Und dies ist mein Atem.»

«O mein Herr!» flüstert Johannes ganz leise...

«Ja, euer Herr. Johannes, weine nicht aus Furcht und Sehnsucht. Komm zu mir. Ich bin immer noch der, der dich liebt. Wir wollen uns wie immer zu Tisch setzen. Habt ihr nichts mehr zu essen? Bringt es mir!»

Andreas und Matthäus gehen wie zwei Nachtwandler zur Anrichte und holen das Brot, den Fisch und ein Tablett mit einer Honigwabe, von der nur eine kleine Ecke fehlt.

Jesus segnet die Speisen, ißt und gibt jedem etwas von dem, was er ißt. Er sieht sie an. So gütig, aber auch mit solcher Majestät, daß alle wie gelähmt sind.

Jakobus, der Bruder des Johannes, wagt als erster zu sprechen: «Warum schaust du uns so an?»

«Weil ich euch kennenlernen will.»

«Kennst du uns denn noch nicht?»

«So wie ihr mich auch nicht kennt. Wenn ihr mich kennen würdet, dann würdet ihr wissen, wer ich bin und wie ich euch liebe, und ihr würdet die Worte finden, um mir eure Not zu klagen. Ihr schweigt aber wie vor einem mächtigen Fremden, den ihr fürchtet. Eben habt ihr noch gesprochen... Seit fast vier Tagen führt ihr schon Selbstgespräche und sagt: "Ich werde ihm dies und jenes sagen..." Ihr habt meinen Geist gerufen: "Komm zurück, Herr, damit ich dir dies sagen kann." Nun bin ich gekommen, und ihr schweigt. Bin ich denn so verändert, daß ich euch fremd erscheine? Oder seid ihr so verändert, daß ihr mich nicht mehr liebt?»

Johannes, der wie üblich neben seinem Jesus sitzt und den Kopf an seine Brust lehnt, flüstert: «Ich liebe dich, mein Gott!» Doch dann richtet er sich auf, erlaubt sich diese Vertraulichkeit nicht länger aus Ehrfurcht vor dem strahlenden Sohn Gottes. Denn von Jesus scheint Licht auszugehen, obgleich er einen Körper hat wie wir. Jesus aber zieht Johannes an seine Brust, und dieser öffnet seinen seligen Tränen alle Schleusen.

Dies ist für alle das Zeichen, es ihm nachzutun.

Petrus, der zwei Plätze von Johannes entfernt sitzt, rutscht zwischen den Tisch und den Sitz auf den Boden und ruft weinend aus: «Verzeihung, Verzeihung! Entreiße mich dieser Hölle, in der ich mich seit so vielen Stunden befinde. Sage mir, daß du meinen Fehler so gesehen hast, wie er war. Es war nicht der Geist, sondern das Fleisch, das mein Herz überwältigt hat. Sage mir, daß du meine Reue gesehen hast... Sie wird bis zu meinem Tod andauern. Aber du... du sage mir, daß ich dich als Jesus nicht zu fürchten brauche... und ich, und ich... ich will mich bemühen, alles so gut zu machen, daß mir auch Gott verzeihen kann... und ich bei meinem Tod nur ein schweres Fegfeuer zu erwarten habe ...»

«Komm her, Simon des Jonas.»

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«Ich habe Angst!»

«Komm her und sei nicht länger feige.»

«Ich bin nicht würdig, in deine Nähe zu kommen!»

«Komm her! Was hat die Mutter dir gesagt? "Wenn du ihn nicht auf diesem Schweißtuch ansiehst, wirst du nie mehr den Mut haben, ihn anzusehen." O törichter Mensch! Hat dir dieses Antlitz mit seinem schmerzerfüllten Blick nicht gesagt, daß ich dich verstanden und dir verziehen habe? Und ich habe euch dieses Linnen doch zum Trost und zur Führung gegeben, um meine Verzeihung und meinen Segen mitzuteilen... Was hat Satan euch angetan, daß ihr so blind geworden seid? Nun sage ich dir: Wenn du mich jetzt nicht anschaust, da ich über meine Herrlichkeit um eurer Schwäche willen noch einen Schleier breite, dann wirst du niemals ohne Furcht vor deinen Herrn treten können. Und was wird dir dann geschehen? Aus Anmaßung hast du gesündigt. Willst du nun aus Starrköpfigkeit noch einmal sündigen? Komm, sage ich dir.»

Petrus rutscht auf den Knien zwischen dem Tisch und den Sitzen und bedeckt sein tränennasses Gesicht mit den Händen. Als er zu Füßen Jesu anhält, legt dieser ihm die Hand aufs Haupt. Und Petrus ergreift diese Hand, küßt sie und schluchzt dabei hemmungslos. Er kann nur immer wieder bitten: «Verzeihung! Verzeihung!»

Jesus befreit sich aus dieser Klammer, legt seine Hand unter das Kinn des Apostels und zwingt ihn, den Kopf zu erheben. Er schaut mit seinen leuchtenden, gütigen Augen in die geröteten, brennenden, von Reue gequälten Augen, und es scheint, als wolle er mit diesem Blick die Seele des Petrus durchbohren. Dann sagt er: «Nimm die Schmach des Judas von mir. Küsse mich, wo er mich geküßt hat. Wasche mit deinem Kuß das Mal des Verrats ab.»

Petrus hebt das Haupt, während Jesus sich noch tiefer beugt, und berührt mit den Lippen die Wange... Dann legt er seinen Kopf auf Jesu Knie und bleibt so... wie ein großes Kind, das böse gewesen ist und dem man verziehen hat.

Erst jetzt, nachdem sie die Güte ihres Jesus gesehen haben, bekommen auch die anderen etwas Mut und nähern sich soweit möglich.

Zuerst kommen die Vettern... Sie möchten so viel sagen und bringen kein Wort heraus. Jesus liebkost sie und ermutigt sie mit seinem Lächeln.

Dann kommt Matthäus mit Andreas. Matthäus sagt: «Wie in Kapharnaum...» und Andreas: «Ich, ich... ich liebe dich ...»

Dann kommt Bartholomäus, der seufzt: «Ich bin nicht weise gewesen, sondern töricht. Dieser ist weise», und er zeigt auf den Zeloten, dem Jesus bereits zulächelt.

Jakobus des Zebedäus kommt und flüstert Johannes zu: «Sage du es ihm ...» und Jesus wendet sich um und sagt: «Seit vier Tagen sagst du es, und ebensolange habe ich Mitleid mit dir.»

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Philippus kommt als letzter und ganz gebeugt, aber Jesus zwingt ihn, das Haupt zu erheben, und sagt zu ihm: «Um Christus zu predigen, braucht es größeren Mut.»

Nun sind alle um Jesus versammelt. Langsam, langsam werden sie selbstsicherer. Sie finden wieder, was sie verloren haben oder für immer verloren zu haben fürchteten. Das Vertrauen, die Ruhe kehren zurück, und obwohl Jesus seinen Aposteln durch seine Majestät einen neuartigen Respekt einflößt, finden sie endlich den Mut zu sprechen.

Der Vetter Jakobus seufzt: «Warum hast du uns dies angetan, Herr? Du hast doch gewußt, daß wir nichts sind und daß alles von Gott kommt. Warum hast du uns nicht die Kraft gegeben, an deiner Seite auszuharren?»

Jesus schaut ihn an und lächelt.

«Nun ist alles vorbei, und du mußt nicht mehr leiden. Verlange aber nie mehr einen solchen Gehorsam von mir. Ich bin jede Stunde um fünf Jahre älter geworden, und deine Leiden, die die Liebe und Satan mir fünfmal so schlimm erscheinen ließen als sie es schon waren, haben meine ganze Kraft verzehrt. Um weiterhin zu gehorchen, ist mir nur geblieben, meine Kraft durch meinen Willen aufrechtzuerhalten, wie ein Ertrinkender mit gebrochenen Händen sich mit den Zähnen an einem Brett festbeißt, um nicht zu sterben... Oh, verlange solches nicht mehr von deinem Aussätzigen!»

Jesus betrachtet Simon den Zeloten und lächelt.

«Herr, du weißt, was mein Herz wollte. Doch dann habe ich keinen Mut, kein Herz mehr gehabt... als ob die Henkersknechte, die dich gefangengenommen haben, es mir geraubt hätten... Es ist nur ein Loch geblieben, durch das alle gefaßten Vorsätze entflohen sind. Warum hast du dies zugelassen, Herr?» fragt Andreas.

«Ich... Du sprichst vom Herzen? Ich sage, daß ich von Sinnen war. Als ob mir jemand einen Keulenschlag in den Nacken versetzt hätte. Als ich mich in der Nacht in Jericho wiederfand... Oh, Gott! Mein Gott... ! Wie kann ein Mensch sich so verlieren? Ich glaube, daß die Besessenheit so sein muß. Nun verstehe ich, wie furchtbar sie ist... !» Philippus schließt die Augen bei dieser Erinnerung an seine Qual.

«Philippus hat recht. Ich habe zurückgeblickt. Ich bin alt und nicht arm an Wissen. Aber ich wußte nichts mehr von dem, was ich bis zu dieser Stunde gewußt hatte. Ich sah Lazarus an, der so betrübt, aber so sicher war, und fragte mich: "Wie ist es möglich, daß er noch eine Erklärung findet und ich nicht?"» sagt Bartholomäus.

«Auch ich habe Lazarus betrachtet. Und da ich kaum weiß, was du uns erklärt hast, dachte ich nicht an das Wissen, sondern sagte mir. "Wenn ich ihm wenigstens im Herzen gleich wäre!" Stattdessen habe ich nur Schmerz, Schmerz und wieder Schmerz empfunden. Lazarus hatte Schmerz und Frieden... Warum hatte er einen solchen Frieden?»

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Jesus schaut der Reihe nach zuerst Philippus, dann Bartholomäus und zuletzt Jakobus des Zebedäus an. Er lächelt und schweigt.

Judas Thaddäus sagt: «Ich habe gehofft, einmal das zu sehen, was Lazarus gewiß sah. Daher bin ich immer in seiner Nähe geblieben... Sein Gesicht... ! Ein Spiegel. Kurz vor dem Erdbeben am Freitag glich er einem, der elend stirbt. Dann wurde er auf einmal majestätisch in seinem Schmerz. Erinnert ihr euch noch an seine Worte: "Erfüllte Pflicht schenkt Frieden"? Wir alle haben geglaubt, dies sei nur ein Tadel für uns oder ein Selbstlob. Nun denke ich, daß es dir gegolten hat. Lazarus war ein Leuchtturm in unserer Finsternis. Wieviel hast du ihm gegeben, Herr!»

Jesus lächelt und schweigt.

«Ja, das Leben. Und vielleicht hast du ihm gleichzeitig auch eine neue Seele geschenkt. Denn schließlich, worin unterscheidet er sich von uns? Und doch ist er kein gewöhnlicher Mensch mehr. Er ist schon etwas mehr als ein Mensch, und nach dem, was er in der Vergangenheit gewesen ist, hätte er im Geist weniger vollkommen sein müssen als wir. Und was ist aus ihm geworden. Aber wir... Herr, meine Liebe ist leer gewesen wie manche Ähren. Nur Spreu habe ich gegeben», sagt Andreas.

Und Matthäus: «Ich darf um nichts bitten, denn ich habe durch meine Bekehrung schon so viel erhalten. Und doch! Auch ich hätte mir eine Seele wie Lazarus gewünscht. Eine von dir geschenkte Seele. Denn auch ich denke wie Andreas...»

«Auch Magdalena und Martha sind Wegweiser gewesen. Es wird wohl die Familie sein. Ihr habt sie nicht gesehen. Die eine war Erbarmen und Schweigen. Und die andere! Oh, wenn wir alle eng um die Gesegnete vereint waren, dann nur, weil Maria von Magdala uns durch die Flammen ihrer mutigen Liebe zusammengehalten hat. Ja. Ich habe gesagt: die Familie. Ich hätte sagen sollen: die Liebe. Sie haben uns in der Liebe übertroffen. Deshalb sind sie gewesen, was sie waren...» sagt Johannes.

Jesus lächelt und schweigt immer noch.

«Sie sind aber auch sehr dafür belohnt worden...»

«Du bist ihnen erschienen.»

«Allen dreien.»

«Maria gleich nach deiner Mutter...»

Bei den Aposteln ist ein Bedauern über diese Bevorzugung unverkennbar.

«Maria weiß schon seit vielen Stunden, daß du auferstanden bist. Und wir dürfen dich erst jetzt sehen ...»

«In ihnen war kein Zweifel mehr. In uns hingegen... Erst jetzt fühlen wir, daß nicht alles zu Ende ist. Warum hast du dich ihnen gezeigt, Herr, wenn du uns noch liebst und uns nicht verstößt?» fragt Judas des Alphäus.

«Ja, warum den Frauen, und besonders Maria? Du hast sie sogar an der

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Stirn berührt, und sie sagt, es scheine ihr, sie trage nun einen ewigen Kranz. Und uns, deinen Aposteln, nichts...»

Jesus lächelt nicht mehr. Sein Antlitz ist nicht streng, aber das Lächeln ist verschwunden. Er schaut Petrus, der nach und nach seine Furcht verliert, wieder mutig wird und zuletzt gesprochen hat, ernst an und sagt: «Ich hatte zwölf Apostel, und ich liebte sie aus ganzem Herzen. Ich hatte sie auserwählt und wie eine Mutter ihr Heranwachsen in meinem Leben umsorgt. Ich hatte keine Geheimnisse vor ihnen. Alles habe ich ihnen gesagt, alles erklärt, alles verziehen. Die Menschlichkeit, die Unbesonnenheit, die Halsstarrigkeit... alles. Und ich hatte Jünger. Reiche und arme Jünger. Ich hatte Frauen mit dunkler Vergangenheit und mit schwacher Gesundheit. Aber meine Bevorzugten waren die Apostel.

Dann ist meine Stunde gekommen. Einer hat mich verraten und den Henkern ausgeliefert. Drei haben geschlafen, während ich Blut geschwitzt habe. Alle, bis auf zwei, sind aus Feigheit geflohen. Einer hat mich aus Furcht verleugnet, obwohl er das Beispiel des jüngeren, treueren vor Augen hatte. Und als ob das noch nicht genug wäre, habe ich unter den Zwölfen einen gehabt, der in seiner Verzweiflung Selbstmord begangen hat, und einen, der so sehr an meiner Vergebung gezweifelt hat, daß ihn die Mutter nur mit Mühe von der Barmherzigkeit Gottes überzeugen konnte. Hätte ich also diese meine Schar betrachtet, hätte ich sie mit menschlichen Augen betrachtet, dann hätte ich sagen müssen: "Außer Johannes, der aus Liebe, und Simon, der aus Gehorsam treu ist, habe ich keine Apostel mehr." Dasselbe hätte ich sagen müssen, als ich im Vorhof des Tempels, im Prätorium und auf dem Kreuzweg litt.

Ich hatte Frauen... Und eine, die sündhafteste in der Vergangenheit, war, wie Johannes gesagt hat, die Flamme, die die zerrissenen Fasern der Herzen zusammengeschweißt hat. Diese Frau ist Maria von Magdala. Du hast mich verleugnet und bist geflohen. Sie hat dem Tod getrotzt und ist in meiner Nähe geblieben. Angegriffen und beleidigt, hat sie ihr Gesicht gezeigt und ist bereit gewesen, sich anspeien zu lassen und Backenstreiche zu ertragen, um dadurch ihrem gekreuzigten König ähnlicher zu werden. Im Grunde der Herzen verspottet wegen ihres unerschütterlichen Glaubens an meine Auferstehung, hat sie es verstanden, weiterhin zu glauben. Obgleich zutiefst betrübt, hat sie gehandelt. Trotz ihrer großen Niedergeschlagenheit hat sie heute morgen gesagt: "Auf alles will ich verzichten, aber gebt mir meinen Meister." Kannst du da noch zu fragen wagen: "Warum gerade ihr?"

Ich hatte arme Jünger: Hirten. Ich war nur selten bei ihnen, und doch, wie bekannten sie mich durch ihre Treue!

Ich hatte Jüngerinnen, schüchtern wie alle Hebräerinnen. Und doch haben sie ihre Häuser verlassen und sich in die Sturmflut des Volkes, das mir fluchte, begeben, um mir den Trost zu schenken, den meine Apostel mir versagt haben.

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Ich hatte Heidinnen, die den "Philosophen" bewunderten. Denn in ihren Augen war ich ein Philosoph. Doch sie ließen sich herab zu hebräischen Bräuchen, die mächtigen Römerinnen, um mir in der Stunde, da mich die undankbare Welt verlassen hatte, zu sagen: "Wir sind dir Freundinnen."

Mein Gesicht war von Speichel und Blut bedeckt. Tränen und Schweiß tropften auf die Wunden. Schmutz und Staub bildeten darauf eine Kruste. Welche Hand hat sie mir abgewischt? Deine? Oder deine? Oder deine? Keine eurer Hände. Dieser hier war bei der Mutter. Jener suchte die verirrten Schafe. Euch. Und da meine Schafe sich verirrt hatten, wie hätten sie mir helfen können? Du hast dein Gesicht verborgen aus Furcht vor der Verachtung der Welt, während deinen Meister die Verachtung der ganzen Welt traf. Ihn, der unschuldig war.

Ich hatte Durst. Ja, auch dies sollst du wissen. Ich starb vor Durst und wurde von Schmerzen und Fieber gepeinigt. Schon im Gethsemane war mein Blut geflossen, vor Schmerz, verraten, verlassen, verleugnet, geschlagen zu sein, überflutet von der unendlichen Schuld und ausgeliefert dem Zorn Gottes. Und auch im Prätorium ist es geflossen... Und wer wollte meine ausgetrockneten Lippen mit einem Tropfen Feuchtigkeit netzen? Eine israelitische Hand? Nein, das Mitleid eines Heiden. Dieselbe Hand, die gemäß dem ewigen Ratschluß Gottes mir die Brust öffnete, um zu zeigen, daß das Herz schon eine tödliche Wunde hatte, die Wunde, die der Mangel an Liebe, die Feigheit und der Verrat geschlagen hatten. Ein Heide. Ich erinnere euch an die Worte: "Ich war durstig, und du hast mich getränkt." Kein einziger in ganz Israel hat meinen Durst gelöscht. Die Mutter und die treuen Frauen nicht, weil es ihnen nicht möglich war, die anderen aus bösem Willen nicht. Ein Heide hat für den Unbekannten das Mitleid empfunden, das mein Volk mir verweigert hatte. Er wird im Himmel den mir angebotenen Schluck wiederfinden.

Wahrlich, ich sage euch, wenn ich auf jeglichen Trost verzichtet habe, da man als Sühnopfer sein Los nicht zu mildern suchen soll, so wollte ich doch den Heiden nicht abweisen; denn in seiner Hilfe fühlte ich die Süße der ganzen Liebe, die mir von den Heiden entgegengebracht werden wird als Ausgleich für die Bitterkeit, die mir Israel gegeben hat. Er hat meinen Durst nicht gestillt. Aber er hat die Trostlosigkeit von mir genommen. Deshalb habe ich diesen unbeachteten Schluck angenommen. Um den an mich zu ziehen, der sich schon dem Guten zugewandt hatte. Der Vater möge ihn segnen für sein Erbarmen!

Ihr sagt nichts mehr? Warum fragt ihr nicht noch einmal nach dem Grund, weshalb ich so gehandelt habe? Wagt ihr nicht mehr zu fragen? Ich werde ihn euch sagen. Alles will ich euch sagen über die Gründe dieser Stunde.

Wer seid ihr? Meine Nachfolger. Ja. Ihr seid es trotz eurer Verwirrung.

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Was habt ihr zu tun? Ihr habt die Welt zu Christus zu bekehren. Bekehren! Dies ist eine sehr heikle und schwierige Arbeit, meine Freunde. Verachtung, Abscheu, Hochmut und übertriebener Eifer sind dem Erfolg nicht dienlich. Und da nichts und niemand euch zur Güte, zur Nachgiebigkeit und zur Barmherzigkeit gegenüber denen, die noch im dunkeln sind, bewegen könnte, war es notwendig – versteht ihr? – notwendig, daß euer Stolz als Hebräer, als Männer, als Apostel zerbrochen wird, um Platz zu schaffen für die wahre Weisheit eurer Aufgabe, für die Sanftmut, die Geduld, die Barmherzigkeit und die Liebe ohne Hochmut und Abscheu.

Ihr seht, daß alle, die ihr verächtlich oder mit stolzem Mitleid betrachtet habt, euch im Glauben und Handeln übertroffen haben. Alle! Die einstige Sünderin und Lazarus, der trotz seiner umfangreichen profanen Bildung der erste war, der in meinem Namen verziehen und den Weg gewiesen hat. Die heidnischen Frauen und die schwache Gattin des Chuza. Schwach? Wahrlich, sie übertrifft euch alle! Sie ist die erste Märtyrerin meines Glaubens. Und die Soldaten Roms, die Hirten und der Herodianer Manaen. Sogar Gamaliel, der Rabbi. Erschrick nicht, Johannes. Glaubst du, mein Geist sei in der Finsternis gewesen? Alle. Und dies, damit ihr morgen an euer Versagen denkt und euer Herz denen nicht verschließt, die zum Kreuz kommen.

Ich sage es euch und weiß schon jetzt, daß ihr es, obwohl ich es sage, dennoch erst tun werdet, wenn die Kraft des Herrn euch wie Halme meinem Willen beugen wird, der darin besteht, auf der ganzen Welt Christen zu haben. Ich habe den Tod besiegt. Doch er ist weniger hartnäckig als das alte Hebräertum. Aber ich werde euch beugen.

Anstatt zu weinen und zu jammern, Petrus, der du der Fels meiner Kirche sein sollst, präge dir diese bittere Wahrheit in dein Herz ein. Die Myrrhe wird verwendet, um vor Verwesung zu bewahren. Tränke dich also mit Myrrhe. Und solltest du einmal dein Herz und die Kirche einem Andersgläubigen verschließen wollen, dann denke daran, daß nicht Israel, nicht Israel, nicht Israel, sondern Rom mich verteidigt hat und Mitleid walten lassen wollte. Vergiß nie, daß nicht du, sondern eine Sünderin am Fuß des Kreuzes ausgeharrt hat und daß sie deshalb verdient hat, mich als erste zu sehen. Und damit du nicht Tadel verdienst, ahme deinen Gott nach. Öffne dein Herz und die Kirche und sage: "Ich, der arme Petrus, kann nicht verachten, denn wenn ich verachte, wird Gott mich verachten, und mein Fehler wird vor seinen Augen wiedererstehen." Wehe, wenn ich dich nicht so zerbrochen hätte! Nicht Hirte, ein Wolf wärest du geworden!»

Jesus steht auf. In strahlender Majestät.

«Meine Söhne. Ich werde noch zu euch reden in der Zeit, da ich unter euch weile. Doch einstweilen spreche ich euch los und verzeihe euch. Nach dieser Prüfung, die zwar demütigend und grausam, aber auch heilsam und

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notwendig war, erfülle euch der Friede der Vergebung. Und mit diesem Frieden im Herzen werdet ihr wieder meine treuen und starken Freunde sein. Der Vater hat mich in die Welt gesandt. Ich sende euch in die Welt, damit ihr fortfahrt, meine Lehre zu verkünden. Elend aller Art wird zu euch kommen und euch um Hilfe bitten. Seid gütig und denkt an euer eigenes Elend, als ihr ohne euren Jesus wart. Seid erleuchtet, denn in der Finsternis kann man nicht sehen. Seid rein, um Reinheit zu vermitteln. Seid Liebe, um lieben zu können. Dann wird der kommen, der Licht, Reinheit und Liebe ist. Inzwischen aber will ich euch auf euer Amt vorbereiten: Empfanget den Heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden nachlaßt, denen sind sie nachgelassen. Und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. Eure Erfahrung mache euch gerecht, damit ihr gerecht urteilt. Der Heilige Geist heilige euch, damit ihr heiligt. Der aufrichtige Wille, eure Mängel zu überwinden, lasse euch heroisch werden für das Leben, das euch erwartet. Was noch zu sagen ist, werde ich euch sagen, wenn auch der Abwesende hier ist. Betet für ihn. Bleibt in meinem Frieden und zweifelt nie an meiner Liebe.»

Und Jesus verschwindet so wie er gekommen ist und hinterläßt einen leeren Platz zwischen Johannes und Petrus. Er verschwindet in einem Aufleuchten, das alle zwingt, die Augen zu schließen, so hell ist es.

Und als sie die geblendeten Augen wieder öffnen, ist nur der Friede Jesu geblieben; eine Flamme, die brennt, heilt und die Bitterkeit der Vergangenheit in einem einzigen Wunsch verzehrt: dem Wunsch zu dienen.

690. DIE RÜCKKEHR DES THOMAS

Die zehn Apostel sind im Innenhof des Abendmahlhauses. Sie reden miteinander, beten gemeinsam und reden dann wieder.

Simon der Zelote sagt: «Ich bin wirklich bekümmert über das Verschwinden des Thomas. Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn suchen soll.»

«Ich auch nicht», sagt Johannes.

«Bei den Verwandten ist er nicht. Und auch sonst hat ihn niemand gesehen. Ob sie ihn gefangengenommen haben?»

«Wenn dem so wäre, hätte der Meister nicht gesagt: "Das übrige werde ich euch sagen, wenn der Fehlende da ist."»

«Das ist wahr. Ich will aber noch nach Bethanien gehen. Vielleicht irrt er in den Bergen umher und wagt nicht, sich sehen zu lassen.»

«Geh, geh, Simon. Du hast uns alle zusammengeführt und... dadurch gerettet, denn du hast uns zu Lazarus gebracht. Habt ihr gehört, was der Herr über Lazarus gesagt hat? Er hat gesagt: "Der erste, der in meinem Namen verziehen und den Weg gewiesen hat." Warum setzt er ihn nicht an die Stelle des Iskariot?» fragt Matthäus.

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«Weil er dem vollkommenen Freund sicher nicht den Platz des Verräters geben will», antwortet Philippus.

«Ich habe vor kurzem, als ich über den Markt gegangen bin und mit den Fischhändlern gesprochen habe, erfahren, daß... – ja, ich kann mich auf sie verlassen – daß die im Tempel nicht wissen, was sie mit dem Leichnam des Judas anfangen sollen. Ich weiß nicht, wer es gewesen ist, aber heute morgen, bei Sonnenaufgang, haben die Tempelwachen im heiligen, abgegrenzten Bereich den stinkenden Körper gefunden, noch mit dem Strick um den Hals. Ich denke, es waren Heiden, die ihn abgenommen und dann, wer weiß wie, dort hineingeworfen haben», sagt Petrus.

«Mir dagegen hat man gestern abend am Brunnen gesagt, das heißt, ich habe gehört, daß sie die Eingeweide des Verräters am Abend an die Haustür des Annas geworfen haben. Gewiß waren es Heiden, denn kein Hebräer hätte nach mehr als fünf Tagen diesen Leichnam angerührt. Wer weiß, wie verfault er schon war!» sagt Jakobus des Alphäus.

«Oh, er war schon am Sabbat schrecklich!» Johannes wird blaß, als er daran denkt.

«Aber wie ist er denn an diesen Ort gekommen? Gehörte er zu seinem Besitz?»

«Wer hat je etwas Genaues von Judas Iskariot erfahren? Erinnert ihr euch nicht, wie kompliziert und verschlossen er war ... ?»

«Du kannst ruhig sagen: verlogen, Bartholomäus. Er war nie aufrichtig. Drei Jahre lang war er bei uns, und wir, die wir alles gemeinsam hatten, hatten ihm gegenüber immer das Gefühl, vor der hohen Mauer einer Festung zu stehen.»

«Einer Festung? Oh, Simon! Eines Irrgartens!» ruft Judas des Alphäus aus.

«Oh! Hört! Wir wollen nicht von ihm sprechen. Ich habe das Gefühl, wir beschwören dadurch vielleicht seinen Geist und er könnte kommen und unseren Frieden stören. Ich möchte die Erinnerung an ihn in mir und in allen Herzen auslöschen, seien sie hebräisch oder heidnisch. In den hebräischen, um nicht erröten zu müssen bei dem Gedanken, daß unsere Rasse ein solches Ungeheuer hervorgebracht hat. In den heidnischen, damit nicht einer von ihnen uns eines Tages sagen kann: "Einer aus Israel war sein Verräter." Ich bin noch ein Jüngling und dürfte nicht vor euch als erster reden. Ich bin der Letzte, und du, Petrus, bist der Erste. Und hier sind der Zelote und Bartholomäus, beide gelehrt, und die Brüder des Herrn. Aber, nun ja, ich würde gerne den zwölften Platz möglichst bald neu besetzen, mit einem, der heilig ist. Denn solange dieser Platz in unserer Gruppe leer ist, werde ich den Rachen der Hölle mit seinem Gestank unter uns sehen. Und ich habe Angst, daß er uns verdirbt...»

«Aber nein, Johannes! Du bist beeindruckt von der Abscheulichkeit seines Verbrechens und seines hängenden Körpers ...»

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«Nein, nein. Auch die Mutter hat gesagt: "Ich habe Satan gesehen, als ich Judas Iskariot sah." Oh, laßt uns bald einen Heiligen suchen, der diesen Platz einnehmen kann!»

«Höre, ich wähle keinen. Wenn er, der Gott war, einen Iskariot gewählt hat, was würde dann wohl der arme Petrus aussuchen?»

«Und doch wirst du es tun müssen ...»

«Nein, mein Lieber. Ich wähle keinen. Ich werde den Herrn bitten. Petrus hat genug Fehler gemacht!»

«Um so vieles müssen wir ihn bitten. Neulich am Abend ist uns nichts eingefallen. Aber wir müssen uns unterweisen lassen. Denn... Wie sollen wir wissen, ob etwas Sünde ist oder nicht? Seht ihr, wie der Herr über die Heiden so ganz anders spricht als wir es tun? Seht ihr, wie er eher eine Feigheit und eine Verleugnung entschuldigt als den Zweifel an der Möglichkeit seiner Vergebung? Oh, ich fürchte, große Fehler zu begehen», sagt Jakobus des Alphäus untröstlich.

«Er hat uns wirklich vieles gesagt. Und doch habe ich das Gefühl, nichts zu wissen. Seit einer Woche komme ich mir vor wie ein Dummkopf», bekennt der andere Jakobus verzweifelt.

«Ich auch.»

«Ich auch.»

«Und ich auch.»

Alle empfinden dasselbe und schauen einander erstaunt an. Sie treffen die nun schon zur Gewohnheit gewordene Entscheidung: «Wir gehen zu Lazarus. Vielleicht finden wir dort den Herrn... und Lazarus wird uns helfen.»

Man klopft ans Tor. Alle schweigen und horchen. Dann folgt ein überraschtes «Oh!», als sie Elias zusammen mit Thomas die Vorhalle betreten sehen. Es ist ein so veränderter Thomas, daß er nicht mehr er selbst zu sein scheint.

Die Gefährten umringen ihn und rufen ihm freudig zu: «Weißt du, daß er auferstanden und zu uns gekommen ist? Er wartet nur auf dich, um wiederzukommen.»

«Ja, auch Elias hat es mir gesagt. Aber ich glaube es nicht. Ich glaube nur, was ich sehe. Und ich sehe, daß für uns alles zu Ende ist. Ich sehe, daß wir alle zerstreut sind. Ich sehe, daß es nicht einmal mehr ein Grab gibt, an dem man ihn beweinen kann. Ich sehe, daß das Synedrium sich sowohl der Anhänger des Nazareners entledigen will als auch seines Komplizen, den es wie ein unreines Tier am Fuß des Ölbaums, an dem er sich erhängt hat, begraben läßt. Ich bin am Freitag am Tor angehalten worden, und man hat mir gesagt: "Warst nicht auch du einer von den Seinen? Er ist nun tot. Geh und werde wieder Goldschmied." Da bin ich weggelaufen...»

«Aber wohin denn? Wir haben dich überall gesucht!»

«Wohin? Ich bin zum Haus meiner Schwester nach Rama gegangen.

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Dann habe ich nicht den Mut gehabt, es zu betreten... weil ich nicht von einer Frau getadelt werden wollte. So bin ich in den Bergen von Judäa herumgeirrt und gestern zur Geburtsgrotte in Bethlehem gekommen. Oh, wie habe ich geweint... Ich bin dort zwischen dem Schutt eingeschlafen, und dann hat mich Elias gefunden, der gekommen war... ich weiß nicht, warum.»

«Warum? Nun, in den Stunden übergroßer Freude und Schmerzen geht man dorthin, wo man Gott am stärksten fühlt. Sehr oft in diesen Jahren bin ich nachts wie ein Dieb dorthin gegangen, damit meine Seele die Liebkosung der Erinnerung an sein erstes Wimmern spürt. Und dann bin ich im ersten Morgengrauen geflohen, um nicht gesteinigt zu werden. Aber ich war getröstet. Nun bin ich hingegangen, um an diesem Ort zu sagen: "Ich bin glücklich" und um von dort mitzunehmen, was ich konnte. So haben wir es beschlossen. Wir wollen seinen Glauben verkünden, und ein Stein aus dieser Mauer, eine Handvoll dieser Erde oder ein Splitter von dem Gebälk wird uns die Kraft dazu geben. Wir sind keine Heiligen, daß wir uns erlauben könnten, Erde vom Kalvarienberg zu nehmen ...»

«Du hast recht, Elias. Wir sollten dasselbe tun. Und wir werden es tun. Aber Thomas ... ?»

«Thomas weinte im Schlaf. Ich habe zu ihm gesagt: "Wach auf und weine nicht mehr. Er ist auferstanden." Er wollte mir nicht glauben. Aber ich habe so lange auf ihn eingeredet, bis ich ihn überzeugt habe. Hier ist er also. Nun ist er bei euch, und ich ziehe mich zurück. Ich will die Gefährten einholen, die schon auf dem Weg nach Galiläa sind. Der Friede sei mit euch.» Elias entfernt sich.

«Thomas, er ist auferstanden! Ich sage es dir. Er war hier bei uns. Er hat gegessen. Er hat gesprochen. Er hat uns gesegnet. Er hat uns verziehen. Er hat uns die Vollmacht gegeben zu verzeihen. Oh, warum bist du nicht früher gekommen?»

Thomas kann seine Niedergeschlagenheit nicht überwinden. Er schüttelt eigensinnig den Kopf. «Ich glaube nicht. Ihr habt ein Gespenst gesehen. Ihr seid alle von Sinnen. Die Frauen als erste. Ein toter Mensch kann nicht aus eigener Kraft auferstehen.»

«Ein Mensch nicht. Aber er ist Gott. Glaubst du das nicht?»

«Ja, ich glaube, daß er Gott ist. Aber gerade weil ich das glaube, denke und sage ich, daß selbst seine große Güte nicht so weit gehen kann, daß er zu jemandem kommt, der ihn so wenig geliebt hat. Und ich sage, daß er trotz seiner großen Demut genug davon haben muß, sich in unserem elenden Fleisch zu verdemütigen. Nein. Er ist ganz gewiß triumphierend im Himmel und wird vielleicht als Geist erscheinen. Ich sage: vielleicht. Denn wir verdienen nicht einmal das! Aber mit Fleisch und Blut auferstanden, nein, das glaube ich nicht.»

«Aber wir haben ihn doch geküßt und gesehen, wie er gegessen hat; wir

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haben doch seine Stimme gehört, seine Hand gefühlt und die Wunden gesehen!»

«Nein. Ich glaube es nicht. Ich kann es nicht glauben. Ich müßte sehen, um glauben zu können. Wenn ich nicht an seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meine Finger hineinlege, wenn ich nicht die Wunden der Füße berühre und meine Hand nicht dorthin lege, wo die Lanze die Seite geöffnet hat, glaube ich nicht. Ich bin kein Kind und kein Weib. Ich will Gewißheit. Was mein Verstand nicht begreifen kann, das lehne ich ab. Und ich kann euren Worten nicht glauben!»

«Aber Thomas! Glaubst du, wir wollen dich belügen?»

«Nein, ihr Armen. Im Gegenteil! Selig seid ihr, die ihr euch bemüht, mich den Frieden finden zu lassen, den ihr durch eure Einbildungskraft erlangt habt. Aber... Ich glaube nicht an seine Auferstehung!»

«Fürchtest du nicht, von ihm bestraft zu werden? Er sieht und hört alles, weißt du?»

«Ich bitte ihn, mich zu überzeugen. Ich habe einen Verstand und gebrauche ihn. Er, der Herr des menschlichen Verstandes, soll meinen zurechtrücken, wenn er entgleist ist.»

«Aber er hat gesagt, der Verstand ist frei.»

«Ein Grund mehr, ihn nicht zum Sklaven einer gemeinsamen Einbildung zu machen. Ich liebe euch, und ich liebe auch den Herrn. Ich werde ihm dienen, so gut ich kann, und ich werde bei euch bleiben, um euch zu helfen, ihm zu dienen. Ich werde seine Lehre predigen. Aber ich kann nicht glauben, was ich nicht sehe.» Und der eigensinnige Thomas läßt nichts anderes als sich selbst gelten.

Sie berichten ihm von allen, die den Auferstandenen gesehen haben und wie sie ihn gesehen haben. Doch er schüttelt den Kopf, setzt sich auf eine steinerne Bank, und sein Kopf ist härter als der Stein. Eigensinnig wie ein Kind wiederholt er: «Ich werde glauben, wenn ich sehe...»

Das große Wort der Unglücklichen, die leugnen, was so gut und heilig zu glauben ist: daß Gott alles vermag.

Jesus sagt:

«Kleiner Johannes, der Zyklus ist beendet. Danach werdet ihr die Erscheinung vor dem ungläubigen Thomas vom 9. April 1944 einfügen. Aber wenn das ganze Evangelium geschrieben ist, wird noch viel einzufügen sein über den Palmsonntag, den Montag, den Dienstag, den Mittwoch und den Vormittag des Donnerstags der Karwoche, wie ich euch von Anfang an gesagt habe. Die einzufügenden Teile aus dem, was du voriges Jahr gesehen hast, habe ich dir schon genannt. Wenn Pater M. meint, kann er die Diktate des vergangenen Jahres einfügen, die ich dir jetzt nenne.

Da ich die Einwände der vielen Thomasse und der vielen Schriftgelehrten von heute voraussehe, einen Satz des Diktates betreffend, der im Widerspruch steht zu dem von Longinus gereichten Schluck Wasser – oh, wie würden sich die Leugner des Übernatürlichen, die Rationalisten der verkehrten Vollkommenheit freuen, wenn sie eine Lücke entdecken könnten im herrlichen Komplex dieses Werkes der Güte Gottes und deines Opfers, kleiner Johannes;

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wie sie den Pickel ihres mörderischen Rationalismus dort ansetzen würden, um alles zum Einsturz zu bringen! – um diesen zuvorzukommen, sage und erkläre ich dir:

Dieser arme Schluck Wasser: ein Tropfen nur in das Feuer des Fiebers und auf die Trockenheit der blutleeren Adern, aus Liebe zu einer Seele angenommen, die von der Liebe überzeugt werden mußte, um zur Wahrheit zu gelangen; dieses Wasser, das ich nur mit größter Mühe schlucken konnte – denn so sehr hatten mich die furchtbaren Geißelhiebe zerrissen, daß ich weder richtig atmen noch schlucken konnte – gewährte mir nur eine übernatürliche Erquickung. Für den Körper war es nichts, um nicht zu sagen eine Qual... Ströme waren nötig gewesen für meinen damaligen Durst... Und ich konnte nicht trinken wegen der großen Herzschmerzen. Du kennst diese Art von Schmerz... Ströme wären nötig gewesen... und man hat sie mir nicht gegeben. Ich hätte sie auch gar nicht annehmen können wegen der wachsenden Erstickung. Doch welcher Trost wäre es für mein Herz gewesen, wenn man sie mir angeboten hätte. Ich bin an Liebe gestorben. An verweigerter Liebe. Mitleid ist Liebe. Und in Israel hatte niemand Mitleid.

Wenn ihr Guten also diesen "Schluck" betrachtet, wenn ihr Skeptiker ihn analysiert, dann gebt ihm den richtigen Namen: "Mitleid", nicht Getränk. Man kann also sagen ohne zu lügen, daß "ich vom Abendmahl an keinerlei Trost mehr gehabt habe" ' Von dem ganzen Volk, das mich umgab, hat kein einziger mir Trost gespendet, da ich den betäubenden Wein nicht angenommen habe. Nur Essig und Spott, Verrat und Schläge erhielt ich, sonst nichts.

Du hast gesagt: "Warum ist mir letztes Jahr diese Tat des Longinus nicht aufgefallen?" Weil die plötzliche Schau meiner Marter dich so sehr erschreckt hatte. Du warst noch nicht imstande, zu schreiben und zu beobachten. Ich habe die Zeiten abgekürzt, um dir einen Trost in deiner kurz bevorstehenden Passion zu geben. Doch du siehst, ich habe dich noch einmal auf meinen Weg mitnehmen müssen, damit du mein ganzes Leiden mit größerer Ruhe und Genauigkeit erleben kannst. Ist es nun vollkommen dargestellt? O nein! Das Geschöpf, auch wenn ich es in meine Arme nehme und es ganz mit mir verschmelze, bleibt immer ein Geschöpf, und seine Reaktionen und Fähigkeiten sind immer menschlich begrenzt. Da es ein Geschöpf ist, kann es niemals absolut wahrheitsgetreu und absolut vollkommen die Gefühle und Leiden des Gottmenschen verstehen und beschreiben.

Und im übrigen würden sie ja auch von den wenigsten verstanden werden. Schon diese Visionen werden nicht verstanden. Und anstatt niederzuknien und Gott zu danken, der ihnen diese Erkenntnisse geschenkt hat – das einzige, was zu tun wäre – nehmen die meisten dicke Bücher, schlagen nach, wägen ab, analysieren und hoffen, hoffen, hoffen... Worauf? Widersprüche mit anderen ähnlichen Werken zu finden! Und zu vernichten, vernichten, vernichten, im Namen der (menschlichen) Wissenschaft, der (menschlichen) Vernunft und der (menschlichen) Kritik, des dreimal menschlichen Hochmuts. Wie viele heilige Werke werden vom Menschen zerstört, um aus den Trümmern unheilige Bauten zu errichten! Ihr habt das reine Gold entfernt, ihr armen Menschen. Das einfache und kostbare Gold der Weisheit. Und ihr habt es durch Stuck und Gips ersetzt und mit Flitter nur schlecht vergoldet. Aber die Schläge des Lebens und der Menschen, die Unbilden des Daseins haben die dünne Goldschicht sofort angegriffen und ein Bild des Aussatzes zurückgelassen. Bald wird dieser Rest zu Staub zerfallen und von eurem armseligen Wissen wird nichts übrigbleiben.

Oh, ihr armen Thomasse, die ihr nur an das glaubt, was ihr versteht, was ihr prüft und wovon ihr innig überzeugt seid! Dankt Gott und bemüht euch aufzusteigen, denn ich reiche euch die Hand! Aufzusteigen im Glauben und in der Liebe. Ich habe die Demütigung der Apostel gewollt, um sie zu befähigen, "Väter der Seelen" zu sein. Ich bitte euch, und ich spreche besonders zu euch, meine Priester: Nehmt die Demütigung an, einem Laien hintangestellt zu werden, damit ihr "Väter der Seelen" werdet. Dieses Werk ist für alle. Doch es ist ganz besonders euch gewidmet, dieses Evangelium, in dem der Meister seine Priester an die Hand nimmt und sie mit sich in die Reihen der Schüler führt, damit sie, die Priester und Lehrer, fähig werden, die Schüler zu führen; in dem er sie als Arzt unter die Kranken führt, da jeder Mensch seine geistige Krankheit hat, und ihnen die Symptome und die Heilmittel zeigt.

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Auf also! Kommt und betrachtet. Kommt und eßt. Kommt und trinkt. Und lehnt nicht ab. Haßt den kleinen Johannes nicht. Die Guten unter euch werden an diesem Werk eine heilige Freude haben. Die ehrlich Studierenden eine Erleuchtung. Die Gedankenlosen, aber nicht Bösen, ein Vergnügen. Die Bösen etwas, woran sie sich mit ihrer falschen Wissenschaft austoben können. Aber der kleine Johannes hat nur Schmerz und Mühe damit gehabt, deretwegen er nun bei Beendigung des Werkes ein krankes, schwaches Geschöpf ist.

Was soll ich also zu meinen und seinen Freunden sagen, zu Maria von Magdala, Johannes, Martha, Lazarus, Simon und den Engeln, die über seine Mühen gewacht haben? Ich werde sagen: "Der kleine Johannes, unser Freund, ist krank und schwach. Wir wollen hingehen und ihm das Wasser der ewigen Ströme bringen und ihm sagen: Komm, kleiner Johannes, betrachte deine Sonne und stehe auf. Denn viele möchten sehen, was du siehst. Aber nur den Auserwählten ist es gewährt, vor der Zeit den ewigen Herrn und seine Tage auf Erden zu schauen. Komm. Der Erlöser kommt mit seinen Freunden in deine Wohnung in Erwartung des Augenblickes, da du mit ihm und ihnen in seine Wohnung eingehen wirst."

Geh in Frieden. Ich bin mit dir.»

(7. April 1945, 17 Uhr)

691. JESUS ERSCHEINT DEN APOSTELN MIT THOMAS

Jesus sagt:

«Komm, kleiner Johannes. Wie der kleine Benjamin, dessen Vision dir so sehr gefallen hat, lege deine Hand in meine Hand, daß ich dich in meine Gärten der Gnaden führe.

Gnaden für dich und die anderen. Gaben über Gaben, denn alles, was ich dir enthülle oder dir sage, ist ein großes Geschenk. Du kannst seinen Wert nicht ermessen. Ich meine nicht den geistigen Wert, dieser ist für dich unendlich. Ich meine den kulturellen oder geschichtlichen, wenn dir dies besser gefällt. Es sind wertvolle Edelsteine, die dir in die Hände gelegt werden, und du liebst sie wie ein Kind ihrer vielfältigen Farben wegen. Aber du kannst ihnen keinen anderen Wert beimessen als den eines Geschenkes, den ihrer Schönheit, den eines Beweises meiner Liebe. Andere jedoch, die gebildeter sind als du, aber nicht so bevorzugt, betrachten sie mit großem Interesse und verlangen sie ungeduldig von dir, diese geistigen Edelsteine, die dein Jesus dir schenkt; sie verfolgen, studieren und bewerten sie auf wissenschaftlichere Weise als du, und möge ihr Wille sie dazu führen, es mit derselben Liebe zu tun wie du. Doch das ist viel schwieriger für sie, denn sie sind komplizierter. Nur Kinder verstehen, einfach, ehrlich und rein zu lieben.

Du verstehst nur zu lieben. Aber bleibe immer so. Erfreue dich an den verschiedenen Edelsteinen, die ich dir schenke, und gib sie weiter mit freudigem Großmut an alle, die darauf warten. Ich werde deine kleine Hand immer wieder mit neuen Schätzen füllen. Hab keine Angst. Gib, gib! Dein König hat unerschöpfliche Schatzkammern, um seine Kleinen zu erfreuen.»

Nun sehe ich folgendes:

Die Apostel sind im Abendmahlsaal versammelt. Sie sitzen um den Tisch, an dem das Abendmahl eingenommen wurde. Doch aus Ehrfurcht haben sie den Platz Jesu in der Mitte freigelassen.

Auch ist die Sitzordnung nicht mehr dieselbe, nun, da niemand mehr den Mittelpunkt bildet und die Plätze nach eigenem Ermessen oder aus Liebe verteilt. Petrus ist noch an seinem Platz. Aber auf dem Platz des

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Johannes sitzt jetzt Judas Thaddäus. Dann kommt der älteste der Apostel, Bartholomäus, dann Jakobus, der Bruder des Johannes, fast an der rechten Ecke der Tafel, von mir aus gesehen. Neben Jakobus, aber an der Schmalseite des Tisches, sitzt Johannes. Nach Petrus kommt Matthäus, und nach diesem Thomas. Dann Philippus, Andreas, Jakobus, der Bruder des Judas Thaddäus, und Simon der Zelote. Die Längsseite Petrus gegenüber ist leer, da die Apostel enger beisammensitzen als beim Ostermahl.

Die Fenster und Türen sind fest verriegelt. Die Lampe, an der nur zwei Flammen brennen, wirft ein mattes Licht auf den Tisch. Der Rest des großen Saales liegt im Halbschatten.

Johannes, hinter dem eine Anrichte steht, hat den Auftrag, den Gefährten herüberzureichen, was sie von der kargen Mahlzeit essen wollen: Fisch, der schon auf dem Tisch steht, Brot, Honig und kleine, frische Käse. Als er sich wieder zum Tisch wendet, um dem Bruder den gewünschten Käse zu geben, sieht Johannes den Herrn.

Jesus ist auf ganz eigenartige Weise erschienen. Die Wand hinter den Tischgenossen, in der es außer der kleinen Tür in der Ecke keine Öffnung gibt, hat in der Mitte, etwa einen Meter über dem Boden, sanft und phosphoreszierend zu leuchten begonnen, wie es manche Bilder im Dunkeln tun. Der fast zwei Meter hohe, ovale Lichtschein erinnert an eine Nische. Aus diesem Leuchten, wie aus schimmernden Nebelschleiern, tritt Jesus immer deutlicher hervor.

Ich weiß nicht, ob ich es richtig erkläre. Es sieht aus, als würde sein Körper durch die Wand fließen. Denn sie öffnet sich nicht, sie bleibt kompakt. Doch der Körper kommt trotzdem durch die Wand. Das Licht scheint dem Körper vorauszugehen, um seine Nähe anzukündigen. Der Körper besteht zuerst nur aus leuchtenden Umrissen, so wie ich den Vater im Himmel und die heiligen Engel sehe: unkörperlich. Dann materialisiert er sich immer stärker und hat schließlich das Aussehen eines wirklichen Körpers. Seines verherrlichten Körpers.

Ich habe lange gebraucht, um es zu beschreiben, aber das Ganze hat sich in wenigen Augenblicken abgespielt.

Jesus ist weiß gekleidet, so wie er bei der Auferstehung war und seiner Mutter erschienen ist. Er ist wunderschön, liebevoll und lächelt. Die Arme hält er gerade an den Seiten, in geringem Abstand vom Körper, die Fingerspitzen zeigen auf den Boden und die Handflächen sind den Aposteln zugekehrt. Die beiden Wunden der Hände gleichen diamantenen Sternen, von denen zwei außerordentlich helle Strahlen ausgehen. Die Wunden der Füße und der Seite sehe ich nicht, da sie unter dem Gewand verborgen sind. Aber durch den Stoff seines unirdischen Kleides schimmert Licht an den Stellen, wo es die göttlichen Wunden verbirgt. Zuerst scheint es, als sei Jesus ein Körper aus leuchtendem Mondlicht, dann, als

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er sich verdichtet und aus dem Schein heraustritt, nehmen Haar, Augen und Haut ihre natürliche Farbe an. Und er ist Jesus, der Gottmensch, aber um vieles feierlicher, nun, nach seiner Auferstehung.

Johannes bemerkt ihn, als er schon so aussieht. Kein anderer hat die Erscheinung wahrgenommen. Johannes springt auf, läßt den Teller mit dem runden Käse auf den Tisch fallen, stützt die Hände auf den Rand des Tisches, neigt sich leicht schräg, wie von einem Magnet angezogen, etwas über den Tisch und stößt ein leises, aber inbrünstiges «Oh!» aus.

Die anderen, die beim Klirren des Käsetellers und Aufspringen des Johannes die Köpfe von ihren Tellern erhoben haben, sehen ihn überrascht an, als sie seine ekstatische Haltung bemerken und folgen seiner Blickrichtung. Sie drehen die Köpfe oder wenden sich ganz um, je nachdem, wo sie sitzen, und erblicken Jesus. Sie stehen gerührt und selig auf und eilen zu ihm, der noch mehr lächelt und auf sie zukommt. Dabei geht er nun wie ein gewöhnlicher Mensch auf dem Boden.

Jesus, der zuerst nur Johannes angesehen hat – und ich glaube, daß die Liebkosung dieses Blickes Johannes veranlaßt hat, sich umzudrehen – schaut nun alle an und sagt: «Der Friede sei mit euch.»

Nun umringen ihn alle, die einen auf den Knien zu seinen Füßen, und unter diesen sind Petrus und Johannes – Johannes küßt den Saum seines Gewandes und drückt ihn an seine Wange, wie um von ihm liebkost zu werden – die anderen stehen etwas weiter hinten, doch ehrfurchtsvoll und tief verneigt.

Petrus ist, um schneller beim Meister zu sein, mit einem Satz über den Sitz gesprungen, ohne abzuwarten, daß Matthäus ihn als erster verläßt und Platz macht. Ich muß zur Erklärung hinzufügen, daß es Sitze für zwei Personen sind.

Der einzige, der verlegen etwas abseits bleibt, ist Thomas. Er ist am Tisch niedergekniet, wagt nicht näherzukommen, und es sieht vielmehr so aus, als wolle er sich hinter dem Tisch verbergen.

Jesus, der den Aposteln seine Hände zum Kuß reicht – denn sie verlangen in heiligem, liebendem Eifer danach – läßt seinen Blick über die gebeugten Häupter schweifen, als suche er den elften. Aber er hat ihn vom ersten Augenblick an gesehen und will Thomas nur ein wenig Zeit lassen, Mut zu fassen und heranzukommen. Da er sieht, daß der Ungläubige sich seines Zweifels schämt und nicht wagt näherzutreten, ruft er ihn: «Thomas, komm her.»

Thomas hebt den Kopf, verwirrt und beinahe weinend, aber er hat nicht den Mut zu kommen. Er senkt den Kopf wieder. Jesus geht ein Stück auf ihn zu und sagt wiederum: «Komm her, Thomas.»

Die Stimme Jesu ist gebieterischer als beim ersten Mal. Thomas steht widerstrebend und verwirrt auf und nähert sich Jesus.

«Hier ist also der, der nicht glaubt, wenn er nicht sieht!» ruft Jesus aus.

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Doch in seiner Stimme liegt ein Lächeln der Vergebung. Thomas fühlt es, wagt es, Jesus anzuschauen, und sieht, daß dieser wirklich lächelt. Da faßt er Mut und eilt zu ihm.

«Komm her, ganz nahe. Sieh! Lege einen Finger in die Wunden deines Meisters, wenn das Sehen dir nicht genügt.» Jesus streckt ihm die Hände entgegen und öffnet das Gewand über der Brust, um die Seitenwunde zu entblößen.

Nun strahlen die Wunden kein Licht mehr aus. Sie strahlen nicht mehr, seit Jesus aus dem Halo aus Mondlicht herausgetreten ist und wie ein sterblicher Mensch zu gehen begonnen hat. Die Wunden erscheinen nun in ihrer grausamen Wirklichkeit: zwei unregelmäßige Löcher, von denen das linke bis zum Daumen reicht, das eine am Handgelenk und das andere auf der Handfläche, und ein langer, am oberen Ende nicht ganz gerader Schnitt in der Brust.

Thomas zittert, schaut und berührt die Wunden nicht. Er bewegt die Lippen, bringt jedoch kein Wort hervor.

«Gib mir deine Hand, Thomas», sagt Jesus sehr sanft. Er ergreift die rechte Hand des Apostels mit seiner Rechten, nimmt den Zeigefinger und legt diesen tief in den Schnitt seiner linken Hand, um ihm zu zeigen, daß die Handfläche durchbohrt ist. Dann führt er die Hand zur Seitenwunde. Er nimmt nun die vier Finger an ihrem Anfang, an der Mittelhand, und legt diese vier großen Finger in die Seitenwunde, nicht nur an den Rand, sondern tief in die Wunde hinein. Dabei schaut er Thomas fest an.

Ein strenger und doch gütiger Blick, während er weiterspricht: «Lege deine Finger, die Finger und, wenn du willst, auch die Hand hier in meine Seitenwunde und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!» So spricht Jesus, als er tut, was ich gerade beschrieben habe.

Thomas – es scheint, daß die Nähe des göttlichen Herzens, das er beinahe berührt, ihm Mut eingeflößt hat – gelingt es nun endlich zu reden und einige Worte hervorzubringen; er fällt mit erhobenen Armen auf die Knie und sagt mit von Reuetränen erstickter Stimme: «Mein Herr und mein Gott!» Er weiß nichts anderes zu sagen.

Jesus verzeiht ihm. Er legt ihm die Rechte aufs Haupt und antwortet: «Thomas! Thomas! Nun glaubst du, da du gesehen hast... Selig, die an mich glauben und nicht sehen. Welcher Lohn wird diese erst erwarten, wenn ich euch belohnen muß, euch, deren Glaube das Sehen bestätigt ? ...»

Dann legt Jesus Johannes einen Arm um die Schultern und nimmt Petrus bei der Hand, um sich mit ihnen zum Tisch zu begeben. Er setzt sich an seinen Platz. Nun sitzen sie wie am Abend des Ostermahles. Aber Jesus will, daß Thomas sich neben Johannes setzt.

«Eßt, Freunde», sagt Jesus.

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Aber keiner hat mehr Hunger. Die Freude sättigt sie. Die Freude der Betrachtung.

Da nimmt Jesus die herumliegenden kleinen Käse, legt sie auf den Teller zurück, zerschneidet sie und teilt sie aus. Das erste Stückchen gibt er auf einem Stück Brot hinten an Johannes vorbei Thomas. Dann gießt er Wein aus dem Krug in den Kelch und reicht ihn seinen Freunden. Diesmal ist Petrus der erste. Schließlich läßt Jesus sich die Honigwaben reichen, zerbricht sie in Stücke und gibt das erste Johannes mit einem Lächeln, das süßer ist als der blonde, flüssige Honig. Und um sie zu ermutigen, ißt auch er davon. Jesus nimmt nur Honig zu sich.

Johannes legt wie üblich seinen Kopf an die Schulter Jesu, und Jesus zieht ihn an sein Herz, hält ihn so und sagt:

«Ihr dürft nicht erschrecken, meine Freunde, wenn ich euch erscheine. Ich bin immer noch euer Meister, der mit euch die Speisen und die Ruhe geteilt hat und der euch erwählt hat, weil er euch geliebt hat. Ich liebe euch immer noch!» Jesus betont diesen letzten Satz ganz besonders.

Dann fährt er fort: «Ihr wart bei mir in den Prüfungen... Ihr werdet auch in der Herrlichkeit bei mir sein. Senkt nicht das Haupt. Am Sonntag abend, als ich das erste Mal nach meiner Auferstehung zu euch kam, habt ihr den Heiligen Geist empfangen... Auch über dich, der du abwesend warst, möge der Geist kommen... Wißt ihr nicht, daß die Ausgießung des Heiligen Geistes einer Feuertaufe gleicht, da der Geist Liebe ist und die Liebe die Sünden tilgt? Somit ist eure Sünde, mich bei meinem Tod alleingelassen zu haben, vergeben.»

Während Jesus dies sagt, küßt er Johannes aufs Haupt, der ja nicht davongelaufen ist, und Johannes weint vor Freude.

«Ich habe euch die Vollmacht gegeben, Sünden zu vergeben. Aber man kann nicht geben, was man nicht hat. Ihr müßt daher überzeugt sein, daß ich diese Macht absolut besitze und sie für euch ausübe, die ihr vollkommen rein sein müßt, um die von Sünden Befleckten zu reinigen, die zu euch kommen. Wie könnte einer richten und rein machen, der selbst eine Verurteilung verdient und unrein ist? Wie könnte einer einen anderen richten, der Balken in seinen Augen und die Last der Hölle in seinem Herzen hat? Wie könnte er sagen: "Ich spreche dich los im Namen Gottes", wenn seiner Sünden wegen Gott nicht mit ihm ist?

Freunde, denkt an eure Würde als Priester. Bisher war ich unter den Menschen, um zu richten und zu verzeihen. Nun gehe ich zum Vater. Ich kehre in mein Reich zurück. Doch ist mir die Macht zu richten nicht genommen. Im Gegenteil, sie ist ganz in meinen Händen, denn der Vater hat sie mir übertragen. Ein furchtbares Gericht. Denn es wird kommen, wenn die Menschen nicht mehr die Möglichkeit haben werden, Vergebung zu erlangen durch Jahre der Buße auf Erden. Die Seele jedes Geschöpfes wird vor mir erscheinen, wenn es im irdischen Tod das Fleisch als wertlose

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Hülle zurückläßt. Und ich werde sie ein erstes Mal richten. Dann wird die Menschheit auf Befehl des Himmels und erneut mit ihrem Fleisch bekleidet, ein zweites Mal vor mir erscheinen und in zwei Teile geteilt werden. Die Schafe kommen zu ihrem Hirten, die wilden Böcke zu ihrem Henker. Aber wie viele Menschen könnten zu ihrem Hirten kommen, wenn sie nach dem Bad der Taufe niemanden mehr hätten, der ihnen in meinem Namen verzeiht?

Und deshalb setze ich die Priester ein. Um die durch mein Blut Erlösten zu retten. Mein Blut rettet. Doch die Menschen fallen fortwährend in den Tod, fallen in den Tod zurück. Es braucht jemanden, der die Macht hat, sie immer wieder mit meinem Blut zu waschen, siebzigmal und siebzigmal siebenmal, damit sie nicht dem Tod anheimfallen. Ihr werdet dies tun, und eure Nachfolger. Daher spreche ich euch los von allen euren Sünden; denn ihr müßt imstande sein zu sehen, und die Sünde macht blind, da sie dem Geist das Licht raubt, das Gott ist; denn ihr müßt imstande sein zu verstehen, und die Schuld macht töricht, da sie dem Geist die Intelligenz nimmt, die Gott ist; denn ihr habt die Aufgabe, zu reinigen, und die Sünde befleckt, da sie der Seele die Reinheit nimmt, die Gott ist.

Ein hohes Amt ist das eure, in meinem Namen zu richten und loszusprechen. Wenn ihr für euch das Brot und den Wein opfert und in mein Fleisch und mein Blut verwandelt, werdet ihr ein großes, übernatürlich großes und erhabenes Werk vollbringen. Um es würdig zu vollbringen, müßt ihr rein sein, denn ihr berührt den, der rein ist, und ihr nährt euch mit dem Fleisch eines Gottes. Reinen Herzens, reinen Geistes und reinen Leibes müßt ihr sein und reine Lippen haben, denn mit dem Herzen müßt ihr die Eucharistie lieben, und neben dieser himmlischen Liebe darf es keine profane Liebe, die ein Sakrileg wäre, geben. Reinen Geistes müßt ihr sein, denn ihr müßt an dieses Mysterium der Liebe glauben und es verstehen. Unreine Gedanken töten den Glauben und den Intellekt; die Wissenschaft der Welt bleibt, aber die Weisheit Gottes in euch stirbt. Reinen Leibes müßt ihr sein, denn das Wort wird in euch herabsteigen, wie es einst durch die Liebe in den Schoß Marias herabgestiegen ist.

Ihr habt ein lebendiges Beispiel dafür, wie ein Leib sein muß, der das fleischgewordene Wort aufnimmt. Das Beispiel ist die Frau ohne Erbsünde und ohne eigene Sünde, die mich getragen hat. Schaut, wie rein der Gipfel des Hermon ist, den noch der Schleier des winterlichen Schnees verhüllt. Vom Ölberg aus gleicht er den Blütenblättern der Lilien oder dem Schaum des Meeres, und wie ein Opfer erhebt er sich zu den weißen Wolken, die der Aprilwind über die azurblauen Gefilde des Himmels trägt. Betrachtet eine Lilie, die ihre Blüte zu einem duftenden Lächeln öffnet. Und doch gleicht weder die eine noch die andere Reinheit der Reinheit des Schoßes, der mir Mutterschoß war. Die Winde haben Staub auf den Schnee des Gipfels und auf die Seide der Blüte geweht. Er ist so fein, daß

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das menschliche Auge ihn nicht sieht, aber er ist da und trübt die Reinheit. Mehr noch: Betrachtet die reinste Perle, geboren in einer Muschel und dem Meer geraubt, um das Szepter eines Königs zu zieren. Sie ist vollkommen in ihrem Schimmer, den keine Berührung durch ein Fleisch entweiht hat, der entstanden ist in der perlmutternen Höhlung der Auster, allein im flüssigen Saphir der Tiefe. Und doch ist diese Perle weniger rein als der Schoß, der mich getragen hat. In ihrem Innern ist ein Sandkörnchen, ein winziges, aber dennoch irdisches Körnchen. In ihr, der Perle des Meeres, ist nicht das geringste Körnchen der Sünde, nicht einmal der Widerschein einer Sünde. Sie ist die Perle, die im Ozean der Dreifaltigkeit geboren wurde, um die Zweite Person in die Welt zu bringen, und vollkommen und fest umschließt sie ihren inneren Kern, der nicht der Same irdischer Lust, sondern der Funke der göttlichen Liebe ist. Der Funke, der in ihr seine Entsprechung fand und die Wirbel des göttlichen Meteors zeugte, der nun die Kinder Gottes ruft und anzieht: mich, Christus, den Morgenstern. Diese unversehrte Reinheit gebe ich euch als Beispiel.

Aber wenn ihr dann, wie Winzer an einem Fasse, eure Hände in das Meer meines Blutes taucht und daraus schöpft, um die verdorbenen Gewänder der armen Sünder zu waschen, müßt ihr nicht nur rein, sondern vollkommen sein, um euch nicht mit einer noch größeren Sünde, oder sogar mehreren Sünden zu beflecken, indem ihr sakrilegisch das Blut eines Gottes berührt und ausgießt oder gegen Liebe und Gerechtigkeit sündigt, indem ihr beides verweigert oder nur mit einer Strenge gewährt, die der Art des Christus nicht entspricht. Denn er war gut zu den Übeltätern, um sie an sein Herz zu ziehen, und dreimal gut zu den Schwachen, um sie im Vertrauen zu stärken. Ihr sollt solche Strenge nicht gegen meinen Willen, meine Lehre und meine Gerechtigkeit dreimal unwürdig üben. Wie kann man streng mit den Lämmern verfahren, wenn man selbst ein götzendienerischer Hirte ist?

O meine Auserwählten, meine Freunde, die ich auf die Wege der Welt sende, um das Werk fortzuführen, das ich begonnen habe und das fortdauern wird, solange die Zeit dauert, denkt an meine Worte. Ich sage sie euch, damit ihr sie jenen sagt, die ihr zu dem Dienst weiht, zu dem ich euch geweiht habe.

Ich sehe... ich schaue in die Jahrhunderte. Die Zeit und die zahllosen Scharen der zukünftigen Menschen ziehen vor meinem Blick vorüber... Ich sehe... Katastrophen und Kriege, falschen Frieden und schrecklichen Völkermord, Haß und Diebstahl, Leidenschaft und Hochmut. Ab und zu eine grüne Oase: eine Zeit der Rückkehr zum Kreuz. Wie ein Obelisk, der eine reine Quelle im trockenen Wüstensand anzeigt, so wird mein Kreuz mit Liebe aufgerichtet werden, nachdem das Gift des Bösen die Menschen tollwütig gemacht hat; und rings um das Kreuz, an den Ufern der heilenden Wasser, werden die Palmen einer Zeit der Güte und des Friedens

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in der Welt erblühen. Wie Hirsche und Gazellen, wie Schwalben und Tauben werden die Seelen zu dieser friedvollen, frischen, erquickenden Zufluchtsstätte kommen, um von ihren Schmerzen geheilt zu werden und erneut zu hoffen. Und die Palmen werden ihre Zweige wie eine Kuppel ineinanderschlingen, um vor Gewittern und Sonnenglut zu schützen, und Schlangen und Raubtiere werden ferngehalten werden durch das Zeichen, das den Bösen in die Flucht schlägt. So wird es sein, solange die Menschen es wollen.

Ich sehe... Menschen und wieder Menschen... Frauen, Greise, Kinder, Krieger, Gelehrte, Doktoren, Bauern... Alle kommen und ziehen mit ihrer Last der Hoffnung und der Leiden vorüber. Und ich sehe viele, die wanken, denn der Schmerz ist zu groß, und als erstes von ihrer schweren Bürde, ihrer zu schweren Bürde, haben sie die Hoffnung verloren, und sie ist am Boden zerschellt... Und ich sehe viele, die am Wegrand zusammenbrechen, weil andere, die stärker sind, stärker oder glücklicher, weil ihre Last nur leicht ist, sie zur Seite stoßen. Und viele sehe ich, die sich von den Vorübergehenden verlassen oder gar getreten sehen, die sich sterben fühlen und schließlich hassen und verfluchen.

Arme Kinder! Unter diese vom Leben geplagten Menschen, die vorübergehen oder fallen, hat meine Liebe bewußt die barmherzigen Samariter, die guten Ärzte, die Leuchten in der Nacht und die Stimmen in der Stille geschickt, damit die Schwachen, die zusammenbrechen, Hilfe finden, wieder ein Licht sehen und die Stimme vernehmen, die sagt: "Hoffe, denn du bist nicht allein. Über dir ist Gott. Jesus ist mit dir." Ich habe diese barmherzigen Helfer bewußt eingesetzt, damit meine armen Kinder nicht im Geist sterben und die väterliche Heimat verlieren, sondern fortfahren, an mich, die Liebe, zu glauben, wenn sie in meinen Dienern meinen Widerschein sehen.

Aber, o Schmerz, der du die Wunde meines Herzens wieder bluten läßt wie auf Golgotha, als sie geöffnet wurde! Was sehen meine göttlichen Augen? Sind denn in den vorüberziehenden Volksmassen keine Priester? Blutet mein Herz deswegen? Sind die Seminare leer? Hören die Herzen also meine göttliche Einladung nicht mehr? Ist das menschliche Herz nicht mehr fähig, sie zu hören? Nein. Es wird in allen Jahrhunderten Seminare geben und in ihnen Leviten. Aus diesen werden Priester hervorgehen, da meine Einladung mit himmlischer Stimme an viele jugendliche Herzen ergangen sein wird und sie ihr gefolgt sein werden. Aber andere, andere, andere Stimmen werden in der Jugend und in der Reifezeit dazugekommen sein und meine Stimme in den Herzen übertönt haben. Meine Stimme, die in allen Jahrhunderten zu ihren Dienern spricht, auf daß sie immer seien, was ihr jetzt seid: Apostel in der Schule Christi. Das Gewand ist geblieben, doch der Priester ist tot. Bei allzu vielen wird dies im Laufe der Jahrhunderte geschehen. Als nutzlose, dunkle Schatten werden

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sie nicht der Hebel sein, der emporhebt, nicht das Seil, das zieht, nicht der Brunnen, der den Durst stillt, nicht der Weizen, der sättigt, nicht das Herz, an dem man ausruht, nicht das Licht in der Finsternis, nicht die Stimme, die wiederholt, was der Meister ihnen sagt. Sie werden für die arme Menschheit eine anstößige Last, eine todbringende Last sein, sie werden Schmarotzer und Verderben sein. Schrecklich! Die schlimmsten Judasse der Zukunft werde ich immer wieder unter meinen Priestern haben!

Freunde: Ich bin in der Herrlichkeit, und dennoch weine ich. Ich habe Mitleid mit diesen großen Menschenscharen, mit diesen Herden ohne Hirten oder mit zu wenigen Hirten. Ein unendliches Mitleid! Nun wohl! Ich schwöre bei meiner Gottheit, ich werde ihnen Brot geben, Wasser, Licht und die Worte, die die zu diesem Dienst Erwählten nicht geben wollen. Ich werde in allen Jahrhunderten das Wunder der Brote und der Fische wiederholen. Mit wenigen, unbeachteten Fischlein und spärlichen Brotkrumen: demütigen Laienseelen, werde ich vielen zu essen geben, und sie werden satt werden, und es wird auch für die Zukünftigen etwas übrigbleiben, denn "mich erbarmt des Volkes" und ich will nicht, daß es zugrunde geht.

Gesegnet jene, die es verdienen, solche zu sein. Nicht gesegnet, weil sie so sind, sondern weil sie es durch ihre Liebe und ihr Opfer verdient haben. Und am gesegnetsten die Priester, die es verstehen, Apostel zu bleiben: Brot, Wasser, Licht, Stimme, Ruhe und Arznei für meine armen Kinder. In einem besonderen Licht werden sie im Himmel erstrahlen. Ich schwöre es, ich, der ich die Wahrheit bin.

Erheben wir uns, Freunde, und kommt mit mir, daß ich euch noch einmal beten lehre. Das Gebet nährt die Kräfte des Apostels, denn es läßt eins werden mit Gott.»

Jesus steht auf und geht zu der kleinen Treppe.

Doch als er am Fuß der Treppe steht, wendet er sich um und schaut mich an. O Pater, er schaut mich an! Er denkt an mich! Er sucht seine kleine «Stimme», und die Freude, bei seinen Freunden zu sein, läßt ihn mich nicht vergessen! Er schaut mich an, über die Köpfe der Jünger hinweg, und lächelt mir zu. Er hebt seine Hand, segnet mich und sagt: «Der Friede sei mit dir.»

Und die Vision endet so.

692. DER AUFERSTANDENE JESUS IN GETHSEMANE

Die Apostel legen ihre Mäntel um und fragen: «Wohin gehen wir, Herr?»

Ihre Sprechweise ist nicht mehr so vertraulich wie vor der Passion. Wenn man diesen Ausdruck benützen könnte, würde ich sagen, daß sie

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mit kniender Seele sprechen. Mehr als ihre ehrfürchtige, immer etwas gebeugte Körperhaltung vor dem Auferstandenen, mehr als ihre Scheu, ihn zu berühren, mehr als ihre bebende Freude, wenn er sie berührt, liebkost, küßt oder das Wort persönlich an einen von ihnen richtet, ist es ihr ganzes Aussehen, etwas, was man nicht beschreiben kann und was doch so offensichtlich ist. Etwas, das zeigt, daß es mehr der Geist als der Mensch ist, der nicht zu seiner früheren Beziehung zum Meister zurückkehren kann und dessen neues Fühlen in jeder Handlung des Menschen zum Ausdruck kommt.

Früher war er «der Meister». Der Meister, der für ihren Glauben zwar Gott war, für ihre Sinne aber trotzdem ein Mensch. Nun ist er «der Herr». Er ist Gott. Und es bedarf keines besonderen Glaubens mehr, um davon überzeugt zu sein. Die Tatsachen haben diese Notwendigkeit aufgehoben. Er ist Gott. Er ist der Herr, dem der Herr gesagt hat: «Setze dich zu meiner Rechten» und den er bestätigt hat durch sein Wort und das Wunder der Auferstehung. Gott wie der Vater. Und er ist der Gott, den sie aus Angst verlassen haben, nachdem sie so viel von ihm empfangen hatten...

Sie betrachten ihn nun mit der ehrfürchtigen Verehrung, mit der ein wahrer Gläubiger die strahlende Hostie in einer Monstranz oder den Leib Christi, den der Priester beim täglichen Meßopfer erhebt, betrachtet. In ihrem Blick, der das geliebte Bild, das nun schöner ist als in der Vergangenheit, betrachten will, liegt auch der Ausdruck dessen, der es nicht wagt, lange in der Betrachtung zu verweilen... Die Liebe drängt sie, ihren Geliebten anzusehen, die Furcht läßt sie sofort die Lider und das Haupt wieder senken, als hätte sein Glanz sie geblendet.

Und wirklich, obgleich Jesus, der auferstandene Jesus, wahrhaft er selbst ist, ist er es gleichzeitig doch auch nicht mehr. Sieht man ihn richtig an, ist er anders. Die Gesichtszüge, die Farbe der Augen und der Haare, die Gestalt, die Hände und die Füße sind gleich geblieben, und doch ist er anders. Er hat dieselbe Stimme und bewegt sich wie früher, und doch ist er anders. Er hat einen wahren Körper, der auch jetzt noch im Licht der untergehenden Sonne, deren letzte Strahlen durch das offene Fenster hereinfallen, einen seiner Größe entsprechenden langen Schatten wirft, und doch ist er anders. Er ist nicht stolz oder unnahbar geworden, und doch ist er anders.

Eine neue, ewige Majestät erstrahlt nun da, wo zuvor Bescheidenheit und Demut des unermüdlichen Meisters vorherrschten, eine so große Demut, daß man sie manchmal für Resignation hätte halten können. Nun ist die Abgezehrtheit der letzten Zeit verschwunden; die Spuren der körperlichen und geistigen Müdigkeit, die ihn älter erscheinen ließen, sind gelöscht, und er hat nicht mehr den traurigen, bittenden Blick, der wortlos fragte: «Warum weist ihr mich ab? Nehmt mich auf ...» Und der auferstandene Christus erscheint sogar größer und kräftiger, befreit von jeder

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Last, sicher, siegreich, majestätisch, göttlich. Nicht einmal, wenn er bei seinen größten Wundern seine Macht zeigte oder in den herausragendsten Momenten seines Lehramtes am eindrucksvollsten war, war er so wie jetzt, da er auferstanden und verherrlicht ist. Er strahlt kein Licht aus. Nein, er strahlt kein Licht aus wie bei der Verklärung und den ersten Erscheinungen nach der Auferstehung. Und doch scheint er zu leuchten. Es ist wahrlich der Leib Gottes in der Schönheit der verherrlichten Leiber. Man fühlt sich angezogen und empfindet zugleich eine gewisse Scheu.

Vielleicht sind es auch die so auffälligen Wunden an den Händen und Füßen, die diese tiefe Ehrfurcht einflößen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß die Apostel, obwohl Jesus so sanft und gütig ist und wieder die frühere Atmosphäre zu schaffen versucht, nun anders sind. So aufdringlich und geschwätzig sie vordem waren, so schweigsam sind sie nun, und wenn Jesus nicht gleich antwortet, drängen sie nicht weiter. Wenn er ihnen oder einem von ihnen zulächelt, wechseln sie die Farbe und wagen nicht, sein Lächeln zu erwidern. Wenn er, wie er es jetzt tut, die Hand nach seinem weißen Mantel ausstreckt – er trägt seit der Auferstehung immer ein weißes Gewand, glänzender als blütenweißer Atlas – dann eilt keiner der Apostel herbei, wie sie es früher immer getan und sich die Freude und Ehre, ihm zu helfen, streitig gemacht haben. Es scheint, als hätten sie Angst, seine Kleider und seine Glieder zu berühren. Und er selbst muß sagen, wie er es jetzt tut: «Komm, Johannes, hilf deinem Meister. Diese Wunden sind wahre Wunden... und meine verwundeten Hände sind nicht so beweglich wie früher...»

Johannes gehorcht und hilft Jesus beim Anziehen des weiten Mantels, und es sieht aus, als kleide er einen Papst, so vorsichtig und konzentriert sind seine Bewegungen. Dabei achtet er darauf, die Hände nicht zu berühren, auf denen die Wundmale rötlich leuchten. Aber so sehr er auch achtgibt, er stößt an die linke Hand Jesu, schreit auf, als sei er selbst gestoßen worden, und starrt auf den Rücken dieser Hand, als fürchte er, wieder Blut aus ihr tropfen zu sehen. Diese furchtbare Wunde ist so lebendig!

Jesus legt ihm die Rechte aufs Haupt und sagt: «Du hattest mehr Mut, als du mich vom Kreuz abnahmst. Und da floß das Blut noch so stark, daß sogar dein Haar ganz rot davon wurde. Neuer Tau der Nacht auf den neuen Geliebten. Du hast mich abgenommen, wie eine Traube vom Weinstock... Warum weinst du? Ich habe dir den Tau meines Martyriums gegeben. Du hast mein Haupt mit dem Tau deines Mitleids besprengt. Damals hattest du Grund zum Weinen... Jetzt nicht. Und du, Simon Petrus? Warum weinst du? Du hast meine Hand nicht gestoßen. Du hast mich nicht tot gesehen...»

«Oh, mein Gott! Gerade deswegen weine ich ja! Über meine Sünde.»

«Ich habe dir verziehen, Simon des Jonas.»

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«Aber ich verzeihe mir nicht. Nein, nichts wird meine Tränen zum Versiegen bringen. Nicht einmal deine Vergebung.»

«Aber meine Herrlichkeit schon.»

«Du bist in der Herrlichkeit, ich bin ein Sünder.»

«Du wirst in der Herrlichkeit sein, nachdem du mein Fischer gewesen bist. Einen großen, reichen, wunderbaren Fischfang wirst du machen, Petrus. Dann werde ich zu dir sagen: "Komm zum ewigen Gastmahl", und du wirst nicht mehr weinen. Doch ihr habt alle Tränen in den Augen. Und du, Jakobus, mein Bruder, du lehnst dort im Winkel, als ob du alles verloren hättest. Warum?»

«Weil ich gehofft habe, daß... Du spürst also die Wunden noch? Du fühlst sie noch? Ich habe gehofft, daß es für dich nun keinen Schmerz mehr geben würde und daß jede Spur gelöscht sein würde. Auch für uns. Für uns Sünder. Diese Wunden... ! Welch ein Schmerz, sie zu sehen!»

«Ja, warum hast du sie nicht ausgelöscht? Bei Lazarus sind keine Male zurückgeblieben... Diese Wunden... sind eine Anklage! Sie schreien mit furchtbarer Stimme! Sie sind leuchtender und furchteinflößender als die Blitze des Sinai», sagt Bartholomäus.

«Sie klagen uns unserer Feigheit an, denn wir sind geflohen, als sie dir geschlagen wurden...» sagt Philippus.

«Und je mehr wir sie betrachten, desto mehr klagt uns unser Gewissen an und wirft uns Feigheit, Dummheit und Unglauben vor», sagt Thomas.

«Um unseres Friedens willen, um des Friedens dieses sündigen Volkes willen, tilge diese Anklagen, o Herr, da du gestorben und auferstanden bist für die Vergebung der Sünden der Welt», bettelt Andreas.

«Diese Wunden sind das Heil der Welt. In ihnen ist das Heil. Die Welt, die haßt, hat sie aufgerissen, doch die Liebe hat aus ihnen Arznei und Licht gemacht. Durch sie wurde die Schuld angenagelt. Durch sie wurden alle Sünden der Menschen emporgehoben und angeheftet, damit das Feuer der Liebe sie auf dem wahren Altar verzehre. Als der Allerhöchste Moses gebot, die Bundeslade und den Rauchopferaltar anzufertigen, wollte er sie da nicht mit Löchern und Ringen versehen, damit sie emporgehoben und getragen werden könnten, wohin der Herr wollte? Auch ich bin durchbohrt. Und ich bin mehr als die Bundeslade und der Altar. Ich bin sehr viel mehr als die Bundeslade und der Altar. Ich habe den Duft meiner Liebe für Gott und den Nächsten verbrannt und habe die Last aller Ungerechtigkeiten der Welt auf mich genommen. Und daran muß die Welt sich erinnern. Damit sie nicht vergißt, wieviel es einen Gott gekostet hat. Damit sie nicht vergißt, wie sehr Gott sie geliebt hat. Damit sie die Folgen der Sünde nicht vergißt, und daß nur in einem das Heil ist: in dem, den sie durchbohrt haben. Wenn die Welt meine roten Wunden nicht mehr sähe, wahrlich, sie würde sehr rasch vergessen, daß ein Gott sich geopfert hat um ihrer Sünden willen; sie würde vergessen, daß ich wirklich unter

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den furchtbarsten Qualen gestorben bin; sie würde vergessen, welches der Balsam für ihre Wunden ist. Hier ist der Balsam. Kommt und küßt sie. Jeder Kuß ist vermehrte Reinigung und Gnade für euch. Wahrlich, ich sage euch, Reinigung und Gnade kann es nie genug geben, denn die Welt verbraucht, was der Himmel schenkt, und das Verderben der Welt muß mit dem Himmel und seinen Schätzen aufgewogen werden. Ich bin der Himmel. Der ganze Himmel ist in mir, und die himmlischen Schätze fließen aus diesen offenen Wunden.»

Jesus reicht den Aposteln die Hände zum Kuß. Und er muß diese durchbohrten Hände selbst auf die sehnsüchtigen und zugleich ängstlichen Lippen drücken, denn die Angst, seine Schmerzen zu vergrößern, hält sie zurück, ihre Lippen auf diese Wunden zu pressen.

«Nicht dies schmerzt, auch wenn ich es spüre. Schmerz bereitet mir etwas anderes... !»

«Was, Herr?» fragt Jakobus des Alphäus.

«Daß ich für viele vergebens gestorben bin... Aber gehen wir. Vielmehr, geht ihr voraus. Nach Gethsemane gehen wir... Was ist? Habt ihr Angst?»

«Nicht unseretwegen, Herr... Aber die Großen von Jerusalem hassen dich mehr denn je.»

«Fürchtet nichts. Nicht für euch, denn Gott beschützt euch; und nicht für mich, denn für mich ist die Beschränktheit des menschlichen Daseins zu Ende. Ich gehe nun zu meiner Mutter, und dann komme ich euch nach. Wir müssen viele schreckliche Dinge auslöschen, die jüngst durch Sünde und Haß geschehen sind. Und wir werden es durch Liebe tun, durch das Gegenteil dessen, was Sünde war... Seht ihr? Euer Kuß löscht und lindert den Schmerz und die Folgen der Nägel im lebendigen Fleisch. So wird auch, was wir nun tun, die furchtbaren Zeichen auslöschen und die Orte heiligen, die die Sünden geschändet haben. Damit sie euch nicht allzu großen Schmerz bereiten, wenn ihr sie seht ...»

«Gehen wir auch zum Tempel?» Schrecken und Angst zeichnet sich auf den Gesichtern aller ab.

«Nein. Ich würde ihn durch meine Gegenwart heiligen, und das geht nicht. Es hätte sein können, aber man hat es nicht gewollt. Nun gibt es keine Rettung mehr für ihn. Der Tempel ist ein Leichnam, der rasch verwest. Lassen wir ihn seinen Toten. Sie sollen ihn begraben. Wahrlich, die Löwen und die Aasgeier werden das Grab und den Kadaver zerreißen, und es wird nicht einmal das Skelett des Großen Toten bleiben, der das Leben nicht gewollt hat.»

Jesus geht die Treppe hinauf und verläßt den Saal. Die anderen folgen ihm schweigend. Doch als sie den Gang betreten, der als Vorhalle dient, ist Jesus verschwunden. Das Haus ist still und scheint verlassen zu sein. Alle Türen sind geschlossen.

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Johannes zeigt auf die Tür gegenüber dem Abendmahlsaal und sagt: «Dort ist Maria. Sie ist immer dort. Wie in ständiger Ekstase. Ihr Antlitz strahlt in unbeschreiblichem Licht. Es ist die Freude, die aus ihrem Herzen strahlt. Gestern hat sie zu mir gesagt: "Denke nur, Johannes, wieviel Glückseligkeit sich in alle Reiche Gottes ergossen hat." Ich habe sie gefragt: "In welche Reiche?" Ich dachte, sie habe wunderbare Offenbarungen über das Reich ihres Sohnes, des Siegers auch über den Tod, gehabt. Doch sie hat nur geantwortet: "Ins Paradies, ins Fegefeuer und in den Limbus. Verzeihung für die Büßenden. Einlaß in den Himmel für alle Gerechten und alle, denen verziehen worden ist. Das Paradies von Seligen bevölkert. Gott in ihnen verherrlicht. Unsere Vorfahren und Verwandten dort oben, in der Freude. Und auch Freude im Reich auf Erden, wo nun sein Zeichen erstrahlt und die Quelle erschlossen ist, die Satan besiegt und die Erbschuld und die Sünde tilgt. Nicht mehr nur Friede den Menschen, die guten Willens sind, sondern auch Erlösung und Wiederzulassung in den Stand der Kinder Gottes. Ich sehe die Menschenscharen, oh, wie viele!, die zu diesem Brunnen hinabsteigen, in das Wasser tauchen und erneuert und schön herauskommen, im hochzeitlichen Gewand, im königlichen Gewand. Die Hochzeit der Seelen mit der Gnade, das Königtum, Kinder des Vaters und Brüder Jesu zu sein."»

Indessen sind sie hinaus auf die Straße gegangen und entfernen sich, während der Abend herniedersinkt.

Die Straße ist nicht sehr belebt, besonders zu dieser Stunde, da sich die Leute zur Abendmahlzeit um den Tisch zusammenfinden. Jerusalem, das an Ostern von Menschenscharen überflutet war, die es nach dem dieses Jahr so tragisch verlaufenen Fest wieder verlassen haben, erscheint noch leerer als gewöhnlich. Thomas bemerkt es und macht die anderen darauf aufmerksam.

«Es stimmt. Die Fremden haben die Stadt nach dem Freitag entsetzt und überstürzt verlassen, und wer der großen Angst jenes Tages widerstanden hat, ist beim zweiten Erdbeben geflohen, das sich gewiß ereignet hat, als der Herr das Grab verlassen hat. Und auch die, die nicht Heiden waren, sind geflüchtet. Viele, das weiß ich sicher, haben nicht einmal das Lamm verzehrt und werden wiederkommen müssen, um das zusätzliche Osterfest zu feiern. Und auch Bürger dieser Stadt sind geflohen oder haben sich entfernt; die einen, um ihre Toten wegzubringen, die beim Erdbeben des Rüsttags umgekommen sind, die anderen aus Furcht vor dem Zorn Gottes. Es war ein furchtbares Beispiel der Macht Gottes», sagt der Zelote.

«Und es war gut so. Blitze und Steinhagel über alle Sünder!» schimpft Bartholomäus.

«Sag das nicht! Sag das nicht! Wir haben mehr als alle anderen die Strafen des Himmels verdient. Auch wir sind Sünder... Erinnert ihr euch

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an diesen Ort ... ? Wie lange ist es her? Zehn? Zehn Tage oder zehn Jahre oder zehn Stunden? So fern und doch so nah erscheinen mir meine Sünden, diese Stunden und dieser Abend... daß ich es nicht sagen könnte... Ich bin ganz verwirrt! Wir fühlten uns so sicher, so mutig, so heroisch. Und dann? Dann! Ach ... !» Petrus schlägt sich mit der Hand auf die Stirn und zeigt auf eine Stelle, denn sie sind schon an dem kleinen Platz: «Hier, hier hatte ich schon Angst!»

«Schluß! Genug, Simon! Er hat dir verziehen. Und vor ihm schon Maria. Genug! Du quälst dich unnötig!» sagt Johannes.

«Oh, wenn es doch so wäre! Du, Johannes, mußt mir immer helfen, weißt du? Immer! Weil du zu führen verstehst, hat er dir seine Mutter anvertraut. Und das ist gut so. Aber ich, ein feiger, lügenhafter Wurm, habe es nötiger als Maria, geführt zu werden. Denn ich habe Schuppen vor den Augen und sehe nicht...»

«Wenn du so weitermachst, wirst du sie bald wirklich haben. Du wirst dir noch die Augen ausweinen, und der Herr wird nicht mehr da sein, um dich zu heilen...» sagt wiederum Johannes und umarmt ihn, um ihn zu trösten.

«Mir würde genügen, daß meine Seele gut sieht. Die Augen... zählen ja doch nicht.»

«Sie zählen sogar sehr viel! Was werden die Kranken jetzt tun? Hast du gestern gesehen, wie verzweifelt die Frau war?» sagt Andreas.

«Ja...» Sie sehen sich gegenseitig an und bekennen dann alle: «Und keiner von uns hat sich für würdig erachtet, ihr die Hände aufzulegen...»Die Erinnerung an ihr schmähliches Benehmen erdrückt sie.

Doch Thomas sagt zu Johannes: «Du hättest es aber tun können. Du bist nicht davongelaufen. Du hast ihn nicht verleugnet und bist nicht ungläubig gewesen...»

«Auch ich habe meine Sünde auf dem Gewissen. Auch ich habe gegen die Liebe gefehlt. Beim Torbogen des Hauses von Josua habe ich Elchias am Kragen gepackt und beinahe erwürgt, denn er hatte die Mutter beleidigt. Und außerdem habe ich Judas von Kerioth gehaßt und verflucht!» sagt Johannes.

«Schweig! Nenne diesen Namen nicht! Es ist der Name eines Dämons, und ich habe den Eindruck, daß er noch nicht in der Hölle ist und hier um uns herumgeistert, damit wir noch mehr sündigen», sagt Petrus wirklich erschrocken.

«Oh, der ist schon in der Hölle! Aber selbst wenn er hier wäre, mit seiner Macht ist es nun zu Ende. Er hatte alles, um ein Engel zu werden, und er ist der Teufel geworden, und Jesus hat den Teufel besiegt», sagt Andreas.

«Gut... Aber es ist besser, seinen Namen nicht zu nennen. Ich habe Angst, denn ich weiß jetzt, wie schwach ich bin. Was dich betrifft,

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Johannes, so brauchst du keine Schuldgefühle zu haben. Alle werden den Menschen verfluchen, der den Meister verraten hat!»

«Nein. Maria hat mir gesagt, daß das Gericht Gottes über ihn genügt und daß es bei uns nur ein Gefühl geben darf: das der Dankbarkeit, nicht selbst zu Verrätern geworden zu sein. Und wenn sie, die Mutter, die die Qualen des Sohnes miterlebt hat, ihn nicht verflucht, dürfen wir es dann tun? Vergessen wir ...»

«Das können nur Dummköpfe tun!» ruft sein Bruder Jakobus aus.

«Und doch waren dies die Worte des Meisters, als er von den Sünden des Judas sprach...» Johannes seufzt und schweigt.

«Was, gibt es noch andere? Was weißt du? ... Sprich!»

«Ich habe versprochen, zu vergessen, und ich bemühe mich, es zu tun. Was Elchias betrifft... bin ich zu weit gegangen... Aber an jenem Tag hatte jeder von uns seinen Engel und seinen Teufel zur Seite, und nicht immer haben wir auf den Engel des Lichtes gehört...»

Der Zelote sagt: «Weißt du, daß Nahum zum Krüppel geworden ist und sein Sohn von einer Mauer oder einem Felsbrocken zerschmettert wurde? Ja, am Tag des Todes. Man hat ihn erst später gefunden. Oh, sehr viel später, als er schon stank. Einer, der auf den Markt ging, hat ihn entdeckt. Und Nahum war bei seinesgleichen, und ich weiß nicht, ob er von einem Stein oder einem Keulenschlag getroffen wurde. Ich weiß nur, daß er erledigt ist und nichts mehr begreift. Er gleicht einem Tier, geifert und winselt, und gestern hat er mit der einen heilen Hand seinen... Herrn, der zu ihm gekommen war, am Hals gepackt und geschrien, geschrien: "Deinetwegen! Deinetwegen!" Wenn die Diener nicht zu Hilfe geeilt wären ...»

«Woher weißt du das, Simon?» fragen sie den Zeloten.

«Ich habe Joseph gestern gesehen», antwortet dieser lakonisch.

«Mir scheint, der Meister verspätet sich. Ich mache mir Gedanken», sagt Jakobus des Alphäus.

«Kehren wir zurück...» schlägt Matthäus vor.

«Laßt uns hier an der kleinen Brücke warten», meint Bartholomäus.

Sie bleiben stehen. Doch Jakobus des Zebedäus und der andere Jakobus, Andreas und Thomas kehren um, blicken nachdenklich auf den Boden, sehen dann die Häuser an. Plötzlich wird Andreas bleich und zeigt mit dem Finger auf eine Hauswand, wo auf dem weißen Kalk ein rotbrauner Fleck zu sehen ist, und sagt: «Das ist Blut! Blut des Meisters vielleicht? Hat er denn schon hier Blut verloren? Oh, sagt es mir!»

«Was sollen denn wir dir sagen, da doch keiner von uns ihm gefolgt ist?» sagt Jakobus des Alphäus traurig.

«Aber mein Bruder und vor allem Johannes sind ihm gefolgt ...»

«Nicht sofort, nicht sofort. Johannes hat uns gesagt, daß sie ihm erst vom Haus des Malachias an nachgegangen sind. Hier war keiner. Keiner von uns...» sagt Jakobus des Zebedäus.

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Hypnotisiert starren sie auf den großen, dunklen, nicht sehr weit vom Erdboden entfernten Fleck auf der weißen Wand, und Thomas bemerkt: «Nicht einmal der Regen hat ihn abgewaschen. Nicht einmal der starke Hagel dieser Tage hat ihn entfernt... Wenn ich wüßte, daß es sein Blut ist, würde ich die Mauer abkratzen...»

«Fragen wir die Hausbewohner. Vielleicht wissen sie es ...» schlägt Matthäus vor, der sie eingeholt hat.

«Nein, du weißt, sie könnten uns als seine Apostel erkennen; sie könnten Feinde des Christus sein und...» entgegnet Thomas.

«Und wir sind immer noch Feiglinge...» beendet Jakobus des Alphäus mit einem tiefen Seufzer den Satz.

Langsam, langsam haben sie sich alle der Mauer genähert und betrachten sie... Eine Frau, die mit ihren Krügen, von denen das frische Wasser tropft, verspätet vom Brunnen kommt, beobachtet sie. Schließlich stellt sie die Krüge auf den Boden und fängt zu fragen an: «Schaut ihr den Fleck an der Mauer an? Ihr seid Jünger des Meisters? Ihr scheint es zu sein, obwohl eure Gesichter hager und abgezehrt sind und.. obwohl ich euch nicht hinter dem Herrn gesehen habe, als er hier gefangen vorüberging, um zum Tod geführt zu werden. Dies macht mich unsicher, denn ein Jünger, der dem Meister in den guten Stunden folgt, der stolz ist, sein Jünger zu sein, und mit strengen Blicken andere anschaut, die nicht wie er sofort alles liegen und stehen lassen, um dem Meister zu folgen, ein solcher Jünger muß auch in bösen Stunden bei seinem Meister sein. Wenigstens müßte er es sein. Aber ich habe euch nicht gesehen. Nein, ich habe euch nicht gesehen. Und da ich euch nicht gesehen habe, ich, die Frau aus Sidon, so heißt das, daß ich dem gefolgt bin, dem seine israelitischen Jünger nicht gefolgt sind. Aber mir hat er Gutes getan. Ihr... Hat er euch denn nie Gutes getan? Das erscheint mir sonderbar, denn er hat Heiden und Samaritern, Sündern und sogar Verbrechern Gutes getan und ihnen das ewige Leben geschenkt, wenn er ihnen das irdische nicht mehr geben konnte. Hat er euch denn nicht geliebt? Dann ist das ein Beweis dafür, daß ihr schlimmer als Giftschlangen und unreine Hyänen seid; obwohl, in Wahrheit glaube ich, daß er auch Vipern und Schakale geliebt hat, nicht weil sie sind, was sie sind, sondern weil sie Geschöpfe seines Vaters sind.

Dies hier ist Blut. Ja. Es ist Blut. Das Blut einer Frau vom Ufer des großen Meeres. Einst waren es Gebiete der Philister, und die Bewohner jener Gegend werden noch immer ein wenig von den Hebräern verachtet. Und dennoch hat diese Frau den Meister verteidigt, bis ihr Ehemann sie umgebracht hat. Nachdem er sie geschlagen hatte, schleuderte er sie mit solcher Wucht gegen die Mauer, daß ihr Schädel brach und das Gehirn und das Blut an die Mauer ihres Hauses spritzten, in dem jetzt die Waisen um die Mutter weinen. Sie hatte eine Wohltat empfangen. Der Meister hatte ihren Mann von einer furchtbaren unreinen Krankheit geheilt. Und sie

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hat den Meister deshalb geliebt. Sie hat ihn so geliebt, daß sie für ihn gestorben ist. Sie ist ihm vorausgegangen in den Schoß Abrahams, wie ihr sagt. Auch Annalia ist ihm vorausgegangen und wäre ebenso für ihn gestorben, wenn der Tod sie nicht zuvor ereilt hätte. Und auch eine Mutter dort weiter oben hat den Weg mit Blut gewaschen, mit dem Blut ihres Leibes, den ihr brutaler Sohn ihr aufriß, als sie den Meister verteidigen wollte. Und eine Greisin ist vor Schmerz gestorben, als sie den verwundet und geschlagen vorübergehen sah, der ihrem Sohn das Augenlicht wiedergegeben hatte. Und ein alter Bettler mußte sterben, weil er sich schützend vor ihn gestellt hatte und einen Stein an den Kopf bekam, der für den Kopf eures Herrn bestimmt war. Ihr habt doch an ihn als an den Herrn geglaubt, nicht wahr? Die tapferen Soldaten eines Königs umringen ihn und sterben. Aber keiner von euch ist gestorben. Ihr wart weit weg von denen, die ihn quälten. Ah, nein! Einer ist gestorben! Er hat sich selbst getötet. Aber nicht aus Gram. Nicht um den Meister zu verteidigen. Zuerst hat er ihn verkauft, dann hat er ihn mit einem Kuß verraten, und schließlich hat er sich umgebracht. Er konnte nichts anderes mehr tun. Seine Bosheit konnte nicht noch größer werden. Er war vollkommen -wie Beelzebub. Die Welt hätte ihn gesteinigt, um die Erde von ihm zu befreien. Oh, ich glaube, daß jene mitleidige Frau, die gestorben ist, weil sie den Märtyrer vor den Schlägen schützen wollte, ich glaube, daß die alte Anna, die vor Schmerz, ihn so sehen zu müssen, gestorben ist, daß der alte Bettler, die Mutter des Samuel und die Jungfrau, die gestorben ist, daß ich, die ich nicht imstande bin, zum Tempel hinaufzugehen, weil mir die geopferten Lämmer und Tauben leidtun – ich glaube, daß wir den Mut gehabt hätten, ihn zu steinigen und daß wir nicht gezittert hätten beim Anblick seiner Verletzungen von den Steinen. Er hat dies gewußt und der Welt die Mühe erspart, ihn zu töten, und uns hat er davor bewahrt, seine Henker zu werden, um den Unschuldigen zu rächen...»

Die Frau schaut sie voller Verachtung an. Ihre Verachtung ist immer deutlicher geworden, während sie gesprochen hat. Ihre großen, schwarzen Augen sind hart wie die Augen eines Raubvogels, als sie die Gruppe betrachtet, die nichts zu entgegnen weiß, nichts entgegnen kann... Das letzte Wort: «Mißgeburten!» zischt sie zwischen den Zähnen, nimmt ihre Krüge und geht zufrieden weiter, weil sie ihren Unmut über die Jünger, die den Meister verlassen haben, zum Ausdruck gebracht hat.

Die Apostel sind völlig niedergeschmettert, vernichtet. Sie stehen mit gesenkten Köpfen da und lassen traurig die Arme hängen ... Die Wahrheit erdrückt sie. Sie denken über die Folgen ihrer Feigheit nach ... schweigen... wagen nicht einander anzusehen. Selbst Johannes und der Zelote, die beiden, auf die diese Anklage nicht zutrifft, stehen wie die anderen da, vielleicht aus Kummer, die Gefährten so gedemütigt zu sehen und nicht in der

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Lage zu sein, die Wunden, die die aufrichtigen Worte der Frau geschlagen haben, zu heilen...

Die Straße liegt nun im Halbschatten. Der Mond, im letzten Viertel geht spät auf, und die Dämmerung bricht rasch herein. Es herrscht absolute Stille. Kein Laut, keine menschliche Stimme. Nur der Kedron rauscht in diesem Schweigen. Und als plötzlich die Stimme Jesu zu hören ist, schrecken sie auf, als wäre es ein furchteinflößender Klang, während Jesus doch so sanft sagt: «Was tut ihr hier? Ich habe bei den Ölbäumen auf euch gewartet... Was betrachtet ihr tote Dinge, da euch das Leben erwartet? Kommt mit mir.» Jesus scheint vom Gethsemane zu ihnen gekommen zu sein und bleibt neben ihnen stehen.

Er sieht den Blutfleck an, auf den die entsetzten Blicke der Apostel gerichtet sind, und sagt: «Diese Frau ist schon im Frieden. Sie hat den Schmerz vergessen. Sie sorgt sich nicht mehr um die Kinder? Nein. Doppelt sorgt sie sich um sie und wird sie heiligen, denn um nichts anderes bittet sie Gott.»

Er macht sich auf den Weg. Die Apostel folgen ihm schweigend.

Doch Jesus dreht sich um und sagt: «Warum fragt ihr in euren Herzen: "Warum bittet sie nicht um die Bekehrung ihres Mannes? Sie ist nicht heilig, wenn sie ihn haßt..."? Sie haßt ihn nicht. Sie hat ihm sofort verziehen, als er sie umbrachte. Aber eine Seele, die ins Reich des Lichtes eingegangen ist, sieht alles mit Weisheit und Gerechtigkeit. Und sie sieht, daß es keine Bekehrung und Vergebung für den Ehemann geben wird. Also betet sie für die, denen es nützen kann. Es ist nicht mein Blut, nein. Und doch habe ich auch auf diesem Weg viel Blut verloren... ! Aber die Schritte der Feinde haben es mit Staub und Schmutz vermischt, und der Regen hat es aufgelöst und unter den Staub geschwemmt. Trotzdem ist immer noch viel Blut zu sehen, denn es ist so viel geflossen, daß Schritte und Wasser es nicht leicht verwischen können. Wir wollen zusammen hingehen, und ihr werdet das für euch vergossene Blut sehen...»

«Wohin? Wohin will er gehen? An den Ort, an dem er geweint hat? Zum Prätorium?» fragen sie sich.

Und Johannes sagt: «Claudia ist zwei Tage nach dem Sabbat wieder abgereist, wie man sagt, aus Empörung und sogar aus Furcht, an der Seite ihres Gemahls zu bleiben... Der Lanzenträger hat es mir gesagt. Claudia trennt ihre Verantwortung von der des Gatten. Denn sie hatte ihn davor gewarnt, den Gerechten zu verfolgen, und ihm gesagt, es sei besser, von den Menschen als vom Allerhöchsten verfolgt zu werden, dessen Messias der Meister sei. Auch Plautina und Lydia sind nicht mehr da. Sie sind Claudia nach Caesarea gefolgt. Und Valeria ist mit Johanna nach Bether gegangen. Wenn sie dagewesen wären, hätten wir hineingehen können. Aber nun... ich weiß nicht. Auch Longinus ist nicht da, denn Claudia wollte ihn in ihrer Eskorte haben», sagt Johannes.

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«Dann wird es der Ort sein, an dem du das Blut im Gras gesehen hast...»

Jesus, der vorausgeht, dreht sich um und sagt: «Wir gehen zum Golgotha. Dort ist so viel von meinem Blut, daß die Erde hartem Eisenerz gleicht. Und es ist schon jemand vor euch dort gewesen ...»

«Aber der Ort ist unrein!» schreit Bartholomäus.

Jesus lächelt mitleidig und antwortet: «Jeder Ort in Jerusalem ist unrein nach dieser furchtbaren Sünde; aber ihr fühlt nur deshalb Unbehagen, weil ihr die Leute fürchtet ...»

«Dort sind immer die Verbrecher gestorben...»

«Ich bin dort gestorben. Und ich habe diesen Ort für immer geheiligt. Wahrlich, ich sage euch, bis an das Ende der Zeiten wird es keinen heiligeren Ort als diesen geben, und Menschen aus allen Teilen der Welt werden zu allen Zeiten kommen, um seinen Boden zu küssen. Und es ist schon jemand vor euch dort gewesen. Jemand, der den Spott und die Rache nicht fürchtet, und auch nicht fürchtet, sich zu verunreinigen. Und doch hatte dieser Mensch doppelt Grund, dies zu fürchten.»

«Wer ist es, Herr?» fragt Johannes, den Petrus mit dem Ellbogen in die Seite stößt, damit er fragt.

«Maria des Lazarus. So wie sie die Blumen aufgelesen hat, die meine Füße berührt hatten, als ich vor Ostern ihr Haus betrat, und sie als Andenken der Freude an die Jüngerinnen verteilt hat, so ist sie jetzt den Kalvarienberg hinaufgestiegen und hat mit ihren Händen die von meinem Blut hart gewordene Erde aufgegraben. Dann ist sie mit ihrer Last hinabgestiegen, um sie in den Schoß meiner Mutter zu legen. Sie hat sich nicht gefürchtet. Und sie war als die "Sünderin" und auch als die "Jüngerin" bekannt. Und auch sie, die die Erde der Schädelstätte in ihrem Schoß hielt, glaubte sich nicht zu verunreinigen. Mein Blut hat alles ausgelöscht, und die Erde, auf die es gefallen ist, ist heilig. Morgen, vor der sechsten Stunde, werdet ihr zum Golgotha hinaufsteigen. Dort werde ich zu euch kommen... Aber, wer mein Blut sehen will: hier ist es.» Jesus zeigt auf das Geländer der kleinen Brücke. «Hier ist mein Mund angestoßen und Blut aus meinen Lippen geflossen. Mein Mund hatte nur heilige Worte und Worte der Liebe gesprochen. Warum also wurde er geschlagen, und warum hat ihn niemand mit einem Kuß geheilt ... ?»

Sie betreten Gethsemane. Jesus muß zuerst ein Schloß öffnen, das nun den Zugang zum Ölgarten versperrt. Ein neues Schloß. Ein fester, hoher Zaun mit scharfen Spitzen und einem starken, ganz neuen Schloß. Jesus nimmt den Schlüssel, der so neu ist, daß er wie Stahl glänzt, und öffnet das Schloß im Licht eines brennenden Spans, den Philippus angezündet hat, da es inzwischen Nacht geworden ist.

«Dieser Zaun war vorher nicht da... Warum ... ?» flüstern sie und betrachten die Umzäunung des Gethsemane. «Gewiß will Lazarus, daß

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niemand mehr hier hereinkommt. Schau dort: Steine, Ziegel und Kalk. Jetzt ist es noch ein Holzzaun, aber bald wird es eine Mauer sein...»

Jesus sagt: «Kommt. Kümmert euch nicht um tote Dinge, sage ich euch... Seht, hier seid ihr gewesen... Und hier hat man mich umstellt und gefangengenommen, und in diese Richtung seid ihr geflohen... Wenn dieser Zaun schon dagewesen wäre... hätte er eure eilige Flucht verhindert. Aber wie hätte Lazarus, dessen brennender Wunsch es war, mir zu folgen, so wie es euer brennender Wunsch war, zu fliehen, wie hätte er auf den Gedanken kommen sollen, daß ihr fliehen würdet? Ich bereite euch Schmerz? Zuerst habe ich gelitten. Und ich möchte diesen Schmerz vergessen. Küsse mich, Petrus...»

«Nein, Herr! Nein! Die Tat des Judas, hier, zur gleichen Stunde, nein, nein, nein!»

«Küsse mich. Ich brauche es, daß ihr mit aufrichtiger Liebe die unaufrichtige Geste des Judas wiederholt. Danach werdet ihr glücklich sein. Wir werden glücklich sein. Ihr und ich. Komm, Petrus, küsse mich.»

Petrus küßt ihn nicht nur. Er wäscht die Wange des Herrn mit seinen Tränen und zieht sich dann zurück, verhüllt sein Antlitz, setzt sich auf den Boden und weint. Auch die übrigen küssen Jesus, einer nach dem anderen, auf die gleiche Stelle. Und alle haben mehr oder weniger tränennasse Gesichter...

«Und nun wollen wir gehen. Alle zusammen. Ich habe mich an jenem Abend nur wenige Stunden von euch getrennt, nachdem ich euch mit meinem Leib gestärkt hatte. Und doch seid ihr sofort gefallen. Denkt immer daran, wie schwach ihr gewesen seid und daß ihr ohne die Hilfe Gottes nicht eine Stunde in der Gerechtigkeit verharren könntet. Hier habe ich die zu wachen gebeten, die sich für die Stärksten hielten, für so stark, daß sie von meinem Kelch zu trinken verlangten und erklärten, lieber sterben zu wollen als mich zu verleugnen. Und ich habe sie zurückgelassen und ihnen aufgetragen, zu beten... Ich bin gegangen, und sie haben geschlafen. Denkt daran und lehrt es: Wenn Jesus euch alleinläßt und ihr nicht durch Gebet mit ihm verbunden bleibt, fallt ihr leicht in Schlaf und könnt gefangengenommen werden. Hätte ich euch nicht aufgeweckt, hättet ihr im Schlaf sogar getötet werden können und so, in eurer ganzen menschlichen Schwäche, vor dem Gericht Gottes erscheinen müssen. Kommt weiter... Da! Zieh den Zweig herunter, Philippus. Hier. Wer mein Blut sehen will, soll schauen. Hier habe ich in der größten Todesangst Blut geschwitzt. Schaut... So viel, daß der Boden hart und das Gras noch blutbefleckt ist; denn der Regen konnte die Blutkrusten nicht von den Blüten und Stengeln abwaschen. Seht! Dort habe ich mich angelehnt, und hier erschien der Engel, um meinen Willen, den Willen Gottes zu erfüllen, zu stärken. Denn, vergeßt das nicht: Wenn man immer den Willen Gottes tun will und als Geschöpf versagen würde, kommt Gott mit seinem Engel dem erschöpften

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Helden zu Hilfe. Wenn ihr von Ängsten heimgesucht werdet, dann fürchtet nicht, feige zu werden oder abzufallen, wenn ihr nur tun wollt, was Gottes Wille ist. Gott wird euch zu Riesen des Heroismus machen, wenn ihr seinem Willen treu bleibt. Denkt daran! Denkt daran! Ich habe euch schon einmal gesagt, daß ich nach der Versuchung in der Wüste von Engeln gestärkt wurde. Nun sollt ihr wissen, daß ich auch hier nach der letzten Versuchung von einem Engel gestärkt wurde. So wird es auch euch ergehen und all denen, die meine Getreuen sein werden. Denn, wahrlich, ich sage euch, die Hilfe, die ich erhalten habe, werdet auch ihr erhalten. Ich selbst werde euch diese Hilfe erlangen, wenn sie euch nicht schon der Vater in seiner liebevollen Gerechtigkeit gewährt hat. Nur der Schmerz wird immer geringer sein als der meine... Setzt euch. Im Osten geht der Mond auf, und es wird hell. Ich glaube nicht, daß ihr heute nacht schlafen werdet, obgleich ihr immer noch die Alten seid und immer noch nur Menschen. Nein, ihr werdet nicht schlafen, denn in euch wirkt nun etwas, was zuvor nicht vorhanden war. Es sind die Gewissensbisse. Eine Qual, gewiß. Aber sie dienen dazu, höhere Stufen zu erklimmen, sowohl im Guten wie auch im Bösen. In Judas von Kerioth, der sich von Gott entfernt hatte, führten sie zu Verzweiflung und Verdammung. In euch, die ihr euch nie von Gott entfernt habt – ich versichere euch dies, denn ihr habt nicht aus freiem Willen und bewußt gehandelt – werden sie eine vertrauensvolle Reue hervorbringen, die euch zur Weisheit und Gerechtigkeit führen wird. Bleibt, wo ihr seid. Ich werde mich einen Steinwurf weit entfernen, in Erwartung des Morgens.»

«Oh, verlasse uns nicht, Herr! Du selbst hast doch gesagt, was wir fern von dir sind!» bettelt Andreas auf den Knien und mit ausgestreckten Händen, als ob er um ein Almosen bitten würde.

«Ihr habt die Reue. Sie ist eine gute Freundin der Guten.»

«Entferne dich nicht, Herr! Du hast uns versprochen, daß wir zusammen beten werden...» fleht Thaddäus, der dem Auferstandenen gegenüber nicht mehr die Gesten des Verwandten wagt, sondern – hochgewachsen wie er ist – ehrerbietig und leicht verneigt dasteht.

«Ist nicht die Betrachtung das wirksamste Gebet? Habe ich euch nicht zur Sammlung und Betrachtung aufgerufen und euch Gegenstände der Betrachtung genannt, seit ich euch auf dem Weg begegnet bin und eure Herzen mit heiligen Gefühlen erfüllt habe? Dies ist das Gebet, o Menschenkinder: Mit dem Ewigen in Verbindung zu treten und mit den Dingen, die dazu dienen, den Geist weit über die Erde hinauszuführen; die Vollkommenheit Gottes zu betrachten und das Elend der Menschen, der eigenen Person; das Erwecken von Willensakten der Liebe oder Wiedergutmachung, immer aber der Anbetung, auch wenn dieser Wille der Betrachtung einer Schuld oder einer Strafe entspringt. Das Gute und das Böse dienen dem letzten Ziel, wenn man das Richtige daraus macht. Ich

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habe es schon so oft gesagt. Die Sünde ist nur dann eine unheilbare Krankheit, wenn man ihr nicht die Reue und die Wiedergutmachung folgen läßt. Im anderen Fall, mit der Reue im Herzen, schafft man den Zement, der die Fundamente der Heiligkeit festigt, deren Bausteine die guten Vorsätze sind. Könnt ihr die Steine ohne Zement zusammenhalten? Ohne diese scheinbar grobe und gewöhnliche Substanz, ohne die die glatten Steine und der glänzende Marmor nicht zusammenhalten und ein Bauwerk bilden würden?»

Jesus schickt sich an zu gehen.

Johannes, mit dem sein Bruder, der andere Jakobus, Petrus und Bartholomäus leise gesprochen haben, steht auf, folgt ihm und sagt: «Jesus, mein Gott, wir hatten gehofft, mit dir zu deinem Vater beten zu dürfen. Dein Gebet. Wir haben nicht das Gefühl, daß uns verziehen worden ist, wenn du uns nicht gewährst, zusammen mit dir dieses Gebet zu sprechen. Wir fühlen, daß wir es sehr nötig haben ...»

«Wo zwei zum Gebet versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Sprecht also das Gebet miteinander, und ich werde bei euch sein.»

«Ah! Du hältst uns nicht mehr für würdig, mit dir zu beten», schreit Petrus, verbirgt sein Gesicht in dem noch immer vom göttlichen Blut befleckten Gras und weint bitterlich.

Jakobus des Alphäus ruft: «Wir sind unglücklich, Bru... Herr!» Er verbessert sich und sagt Herr statt Bruder.

Jesus sieht ihn an und sagt: «Warum nennst du mich nicht Bruder, du, der du meines Blutes bist? Bruder aller Menschen bin ich, und für dich bin ich es doppelt und dreifach: als Sohn Adams, als Sohn Davids und als Sohn Gottes. Sprich zu Ende.»

«Bruder, mein Herr, wir sind unglücklich und töricht, du weißt es. Und die Traurigkeit, in der wir versinken, macht uns noch törichter. Wie können wir das Gebet mit der richtigen inneren Teilnahme sprechen, wenn wir es nicht einmal richtig begreifen?»

«Wie oft habe ich es euch schon wie kleinen Kindern erklärt! Aber euer Geist ist schwerfälliger als der des zerstreutesten Schülers irgendeines Lehrers, und ihr habt meine Worte nicht behalten!»

«Das ist wahr! Aber nun ist unser Geist von dem Schmerz erfüllt, dich nicht verstanden zu haben... Oh! Nichts haben wir begriffen. Ich bekenne es für alle! Immer noch verstehen wir dich nicht recht, o Herr. Doch ich bitte dich, sei nachsichtig mit unserer Unfähigkeit, eben wegen des Übels, das uns so schwerfällig macht. Du warst gestorben, und der große Rabbi hat am Fuß deines Kreuzes die Wahrheit über die Verstocktheit Israels hinausgeschrien. Und du, allgegenwärtiger Gott, vom Kerker des Fleisches befreiter Geist Gottes, hast diese Worte vernommen: "Jahrhunderte über Jahrhunderte geistiger Blindheit liegen auf meinen inneren Augen." Und er hat dich gebeten: "Durchdringe du, Befreier, diese meine armen

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Gedanken, die Gefangene der Formeln sind!" O mein angebeteter und anbetungswürdiger Jesus, der du uns von der Erbsünde befreit hast, indem du unsere Sünden auf dich genommen und sie im Feuer deiner vollkommenen Liebe verbrannt hast, nimm und verbrenne auch unseren Verstand, den Verstand dieser verstockten Israeliten, und gib uns einen neuen Geist, jungfräulich wie der eines neugeborenen Kindes; nimm uns unser Gedächtnis und erfülle uns nur mit deiner Weisheit. So vieles aus der Vergangenheit ist an jenem schrecklichen Tag gestorben. Mit dir gestorben. Aber nun, da du der Auferstandene bist, laß in uns ein neues Denken entstehen. Schaffe uns ein neues Herz und einen neuen Geist, mein Herr, und wir werden dich verstehen», bittet Johannes.

«Das ist nicht meine Aufgabe, sondern Aufgabe dessen, von dem ich beim letzten Abendmahl gesprochen habe. Jedes meiner Worte verliert sich ganz oder teilweise im Abgrund eures Denkens oder bleibt verborgen und verschlossen in seinem Geist. Erst der Heilige Geist wird meine Worte aus eurem Abgrund heraufholen und sie euch erschließen, um euch ihren Sinn verständlich zu machen.»

«Aber du hast ihn uns doch eingegossen», entgegnet der Zelote.

«Aber du hast doch gesagt, daß er, der Geist der Wahrheit, kommen wird, sobald du zum Vater heimgekehrt bist», entgegnet Matthäus gleichzeitig mit dem Zeloten.

«Sagt mir: Hat das Kind bei der Geburt schon eine Seele?»

«Gewiß hat es eine», antworten alle.

«Hat diese Seele aber die Gnade Gottes?»

«Nein. Die Erbsünde lastet auf ihr und raubt ihr die Gnade.»

«Und die Seele und die Gnade, woher kommen sie?»

«Von Gott!»

«Warum schenkt Gott dem Geschöpf also nicht gleich eine Seele in der Gnade?»

«Weil Adam bestraft wurde, und wir in ihm. Aber nun, da du der Erlöser geworden bist, wird es so sein.»

«Nein, es wird nicht so sein. Die Menschen werden immer unrein geboren werden in ihrer Seele, die Gott erschaffen und das Erbe Adams befleckt hat. Doch durch einen Ritus, den ich euch ein anderes Mal erklären werde, wird die dem Menschen eingegossene Seele durch die Gnade belebt werden und der Geist des Herrn wird von ihr Besitz ergreifen. Ihr jedoch, die ihr von Johannes mit Wasser getauft seid, werdet mit dem Feuer der Macht Gottes getauft werden. Und dann wird der Geist Gottes wirklich in euch sein. Er wird der Meister sein, den die Menschen nicht verfolgen und vertreiben können und der euch im Innersten den Sinn meiner Worte erklären und viele andere Unterweisungen geben wird. Ich habe ihn euch eingegossen, denn nur durch meine Verdienste kann man alles erlangen und kann alles gültig sein. Nur durch sie könnt ihr Gott besitzen, und nur

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durch sie kann das Wort eines Gesandten Gottes Gültigkeit haben. Aber noch ist er nicht als Meister in euch, der Geist der Wahrheit.»

«Nun, so sei es. Er wird zu gegebener Zeit kommen. Doch laß uns inzwischen wenigstens deine Vergebung fühlen. Sei uns Meister, o mein Herr. Noch, immer noch, denn du hast gesagt, daß man siebenmal siebzigmal verzeihen soll», drängt Johannes. Und er endet – er, der immer der Vertrauensvollste und Liebevollste ist und es wagt, die herunterhängende linke Hand Jesu, deren Nagelwunde der Mond noch zu vergrößern scheint, in seine Hände zu nehmen: «Du, der du das ewige Licht bist, laß nicht zu, daß deine Diener in der Finsternis bleiben.» Und Johannes küßt sanft die Spitzen der Finger, die etwas gekrümmt geblieben sind, gerade wie bei einem Verletzten, der zwar geheilt ist, dessen Sehnen aber leicht zusammengezogen sind.

Jesus gibt nach: «Kommt. Wir wollen weiter hinaufgehen und das Gebet zusammen sprechen.» Er läßt seine Hand in der Hand des Johannes und nähert sich nun schon der oberen Umzäunung des Gethsemane, dem oberen Weg, der durch das Lager der Galiläer nach Bethanien führt.

Auch hier kann man sehen, daß die von Lazarus angeordnete Einfassung errichtet wird. An dieser Seite, die weiter vom Haus des Hüters des Ölgartens entfernt ist, erhebt sich schon eine hohe, glatte Mauer entlang dem gewundenen Feldweg und der Hecke, die bisher die Grenze von Gethsemane gebildet haben.

Unten taucht Jerusalem nach und nach aus der Finsternis auf, denn der Mond steht im Zenit und übergießt alles mit dem weißen Licht seiner schmalen Sichel, die wie eine diamantene Flamme am dunklen Firmament hängt, an dem die leuchtenden Punkte unzähliger Sterne flimmern, diese unglaublich schönen Sterne des orientalischen Himmels.

Jesus breitet die Arme aus, seine übliche Haltung beim Beten, und stimmt an: «Vater unser, der du bist im Himmel.» Er unterbricht sich und erklärt: «Daß er Vater ist, hat er euch dadurch bewiesen, daß er euch verziehen hat. Euch, die ihr mehr als alle anderen zur Vollkommenheit

- ihr,

verpflichtet seid, euch, die er mit Wohltaten überhäuft hat und die wie ihr selbst sagt, so unfähig seid, eure Aufgabe zu erfüllen, hätte euch nicht jeder andere Herr, der nicht euer Vater gewesen wäre, bestraft? Ich habe euch nicht bestraft. Der Vater hat euch nicht bestraft. Denn was der Vater tut, das tut auch der Sohn, und was der Sohn tut, das tut auch der Vater, da wir, vereint in der Liebe, ein einziger Gott sind. Ich bin im Vater, und der Vater ist bei mir. Das Wort ist immer bei Gott, der ohne Anfang ist. Und das Wort ist vor allen Dingen, seit einer Ewigkeit, die den Namen "immer" trägt, seit einer ewigen Gegenwart bei Gott, und es ist Gott wie Gott, da es das Wort des göttlichen Gedankens ist.

Wenn ich also fortgegangen bin und ihr so zum Vater betet, meinem und eurem Vater – daher sind wir Brüder, ich der Erstgeborene, ihr die

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jüngeren Brüder – dann sollt ihr immer auch mich in meinem und eurem Vater sehen. Ihr sollt das Wort sehen, das für euch "der Meister" gewesen ist und euch geliebt hat bis zum Tod und über den Tod hinaus. Denn ich habe euch mich selbst als Speise und Trank hinterlassen, damit ihr in mir bleibt und ich in euch, solange das Exil dauert, und wir uns dann alle in dem Reich wiedersehen, um das zu beten ich euch gelehrt habe: "Zu uns komme dein Reich" nachdem ihr zuerst darum gebetet habt, daß eure Werke den Namen des Herrn heiligen und ihn im Himmel und auf Erden verherrlichen mögen. Ja. Es gäbe für euch kein Reich im Himmel, kein Reich für die, die wie ihr glauben werden, wenn ihr nicht zuvor das Reich Gottes in euch gehabt hättet durch die tatsächliche Befolgung des Gesetzes Gottes und meines Wortes. Denn dieses ist die Vervollkommnung des Gesetzes, da es euch in der Zeit der Gnade die Gesetze der Auserwählten gegeben hat, also die Gesetze derer, die über den bürgerlichen, moralischen und religiösen Verfassungen der mosaischen Zeit stehen und schon im geistigen Gesetz der Zeit Christi leben.

Ihr seht, was es heißt, Gott zwar nahe zu sein, Gott aber nicht in sich zu haben; was es heißt, das Wort Gottes zwar zu besitzen, dieses Wort aber nicht wirklich zu befolgen. Jegliche Missetat begeht man, wenn Gott zwar nahe, aber nicht im Herzen ist; wenn man das Wort zwar kennt, ihm aber nicht gehorsam ist. Alles, alles nur deswegen. Die Verstocktheit und die Verderbtheit, der Gottesmord, der Verrat, die Marter, der Tod des Unschuldigen und seines Kain, alles rührt daher. Und doch, wer ist so wie Judas von mir geliebt worden? Aber er hatte mich, Gott, nicht in seinem Herzen. Und er ist der verdammte Gottesmörder, der unendlich Schuldige als Israelit und Jünger, als Selbstmörder und Gottesmörder, ganz abgesehen von seinen sieben Hauptsünden und allen seinen anderen Sünden.

Ihr könnt das Reich Gottes nun mit größerer Leichtigkeit in euch haben, denn ich habe es euch erworben durch meinen Tod. Ich habe euch durch meine Leiden erkauft. Vergeßt das nicht. Und niemand soll die Gnade mit Füßen treten, denn sie hat das Leben und das Blut eines Gottes gekostet. Möge also das Reich Gottes durch die Gnade in euch sein, ihr Menschen; möge es auf Erden sein durch die Kirche; möge es im Himmel sein durch die Scharen der Seligen, die es, nachdem sie mit Gott im Herzen gelebt haben – vereint mit dem Leib, dessen Haupt Christus ist, vereint mit dem Weinstock, dessen Reben alle Christen sind – verdienen, sich im Reich dessen auszuruhen, für den alles geschaffen wurde: Ich, der zu euch spricht und der sich selbst dem Willen des Vaters übergeben hat, auf daß alles erfüllt werde. Daher kann ich euch ohne Heuchelei lehren: "Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden." Denn daß ich den Willen meines Vaters erfüllt habe, das können die Erdschollen, die Kräuter, die Blumen, die Steine Palästinas, mein verwundetes Fleisch und ein ganzes Volk bestätigen.

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Tut, was ich getan habe. Bis zum äußersten. Bis zum Tod am Kreuz, wenn Gott es will. Denn, denkt daran, ich selbst habe es getan, und es gibt keinen Jünger, der mehr Mitleid verdient als ich. Und doch habe ich die größten Schmerzen ertragen. Und doch habe ich mit stetiger Selbstverleugnung gehorcht. Ihr wißt es, und ihr werdet es in der Zukunft noch besser verstehen, wenn ihr mir ähnlicher werdet, indem ihr einen Schluck aus meinem Kelch trinkt... Haltet euch immer diesen Gedanken vor Augen: "Durch seinen Gehorsam gegenüber dem Vater hat er uns gerettet." Und wenn ihr Retter sein wollt, dann tut, was ich getan habe. Der eine oder andere von euch wird auch das Kreuz kennenlernen, oder die Marter durch Tyrannen, oder die Qual der Liebe, das Exil vom Himmel, nach dem er sich bis ins höchste Alter sehnen wird, bevor er zu ihm aufsteigt. Nun, in allen Dingen geschehe der Wille Gottes. Denkt daran, die Qual des Todes oder die Qual des Lebens, wenn ihr euch nach dem Tod sehnt, um dorthin zu kommen, wo ich bin, sind gleich in den Augen Gottes, wenn sie in frohem Gehorsam ertragen werden. Sie sind sein Wille; daher sind sie heilig.

"Unser tägliches Brot gib uns heute." Tag um Tag, Stunde um Stunde. Es ist Glaube, es ist Liebe, es ist Gehorsam, es ist Demut und es ist Hoffnung, dieses Bitten um das Brot für einen Tag und es so anzunehmen, wie es kommt. Heute süß, morgen bitter, viel oder wenig, gut gewürzt oder mit Asche vermischt. Wie immer es ist, es ist recht. Gott gibt es, Gott, der Vater ist. Daher ist es gut.

Einmal werde ich von dem anderen Brot sprechen. Es wäre heilsam, dieses täglich zu genießen und den Vater zu bitten, es euch immer zu erhalten. Denn, wehe den Tagen und den Orten, an denen es durch den Willen der Menschen fehlen wird! Ihr seht, wie stark die Menschen in den Werken der Finsternis sind. Bittet den Vater, daß er sein Brot verteidige und es euch schenke. Und er möge es euch um so mehr schenken, je mehr die Finsternis das Licht und das Leben ersticken will, wie es am Rüsttag geschehen ist. Am zweiten Rüsttag gäbe es keine Auferstehung. Denkt alle daran. Wenn auch das Wort nicht mehr getötet werden kann, so könnte seine Lehre doch noch getötet und die Freiheit und der Wille, sie zu lieben, in allzu vielen vernichtet werden. Aber dann wären auch Leben und Licht für die Menschen zu Ende. Und wehe jenem Tag! Der Tempel diene euch als Beispiel. Denkt daran, ich habe gesagt: "Er ist der große Leichnam."

"Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."

Da ihr alle Sünder seid, seid gut zu den Sündern. Denkt an meine Worte: "Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, wenn du vorher nicht den Balken aus deinem Auge entfernt hast?" Der Geist, den ich euch eingeflößt, und der Befehl, den ich euch gegeben habe, befähigen euch, im Namen Gottes die Sünden des Nächsten zu vergeben. Aber wie könnt ihr es tun, wenn Gott euch nicht die euren vergibt? Später einmal werde ich davon reden. Jetzt sage ich euch: Verzeiht denen, die euch beleidigen, damit

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euch vergeben wird und ihr das Recht habt, zu vergeben oder zu verurteilen. Wer ohne Sünde ist, kann dies mit vollem Recht tun. Wer aber in Sünde ist und nicht verzeiht, sondern Entrüstung vortäuscht, ist ein Heuchler, und die Hölle erwartet ihn. Denn wenn den Unmündigen auch Barmherzigkeit widerfährt, so wird doch der Urteilsspruch streng sein für deren Vormünder, die derselben oder noch größerer Sünde schuldig sind, obwohl die Fülle des Geistes ihnen beisteht.

"Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen." Seht, die Demut ist der Grundstein der Vollkommenheit. Wahrlich, ich sage euch, segnet auch jene, die euch demütigen, denn sie geben euch das Nötige für euren himmlischen Thron.

Nein, die Versuchung ist nicht Verderb, wenn der Mensch demütig beim Vater bleibt und ihn bittet, nicht zuzulassen, daß Satan, die Welt und das Fleisch über ihn triumphieren. Die Kronen der Seligen sind geschmückt mit den Edelsteinen der besiegten Versuchungen. Sucht sie nicht, aber seid nicht feige, wenn sie kommen. Demütig, und gerade deshalb stark, schreit zu meinem und eurem Vater: "Erlöse uns von dem Bösen", und ihr werdet das Böse besiegen. Und ihr werdet wahrhaft den Namen Gottes durch eure Werke ehren, wie ich zu Beginn gesagt habe, denn alle, die euch sehen werden, werden sagen: "Es gibt einen Gott, denn diese leben wie Götter, so vollkommen ist ihre Lebensweise"; und sie werden zu Gott kommen und so die Bewohner des Reiches Gottes vermehren.

Kniet nieder, damit ich euch segne und mein Segen euch den Geist zur Betrachtung öffne.»

Sie werfen sich vor ihm nieder, und er segnet sie und verschwindet dann, als ob ein Mondstrahl ihn aufgesogen hätte.

Nach einer Weile heben die Apostel erstaunt die Köpfe, da sie nichts mehr hören, und sehen, daß Jesus verschwunden ist... Sie werfen sich erneut auf ihr Antlitz mit der jahrhundertealten Furcht eines jeden Israeliten, der fühlt, mit dem Gott des Himmels in Berührung gekommen zu sein.

693. DIE APOSTEL GEHEN NACH GOLGOTHA; UND DANN...

Jerusalem brütet schon in der Mittagssonne. Im Schatten der Bögen können sich die von dem grellen Weiß der Mauern und den glühenden Straßen geblendeten Augen etwas erholen. Dieses grelle Weiß der Mauern und das Halbdunkel unter den Bögen verwandeln Jerusalem in eine sonderbare Schwarz-Weiß-Malerei, in ein Wechselspiel von heftigem Licht und Halbschatten, der durch den Kontrast zum Licht einer Finsternis gleicht – ein quälendes, bedrückendes Wechselspiel, denn man kann

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weder im Übermaß an Licht noch im Übermaß an Dunkelheit etwas sehen. Man geht mit halb geschlossenen Augen, möglichst schnell an den heißen und sonnigen Stellen, und langsamer unter den Bögen, wo dies sogar notwendig ist, da man bei dem Helligkeitsunterschied selbst mit offenen Augen nur sehr wenig sieht.

So gehen auch die Apostel durch eine Stadt, die in den Mittagsstunden leer und verlassen ist. Sie schwitzen und schnaufen und trocknen sich Gesicht und Hals mit ihren Kopfbedeckungen ab.

Doch als sie die Stadt verlassen, enden auch die erholsamen Bögen. Die staubige Straße längs der Stadtmauer, die sich wie ein blendendes Band glühenden Staubes im Norden und Süden verliert, gleicht einem Backofen. Die von ihr aufsteigende Gluthitze trocknet die Lungen aus. Das Bächlein außerhalb der Mauer ist nur ein kleines Rinnsal in der Mitte seines Bettes, dessen Kiesel in der Sonne gebleichten Schädeln gleichen. Die Apostel stürzen sich auf dieses Rinnsal und trinken. Sie tauchen ihre Kopfbedeckungen hinein und legen sie tropfnaß auf den Kopf, nachdem sie sich das Gesicht gewaschen haben. Sie patschen mit bloßen Füßen im Bächlein herum. Aber es ist nur eine armselige Erfrischung. Das Wasser ist so warm, als käme es aus einem über dem Feuer hängenden Kessel. Und sie sagen es auch: «Es ist warm und spärlich und riecht nach Schlamm und Natron. Wenn es so spärlich fließt, bewahrt es den Geruch der morgendlichen Wäsche.»

Sie beginnen den Golgotha hinaufzusteigen. Den öden Golgotha, auf dem die brennende Sonne das spärliche Gras versengt hat, das noch vor etwa zwei Wochen den gelblichen Berg wie dünner Flaum bedeckte. Nun gibt es nur noch wenige starre Büschel dorniger Gewächse, ganz Stacheln und keine Blätter, die sich hier und da wie der Erde entronnene Knochenhände emporrecken, und ihre durch den Staub des Berges mehr gelbe als grüne Farbe gleicht tatsächlich soeben ausgegrabenem Gebein. Ja, sie sehen wie kalzinierte, in den Boden gesteckte Knochen aus. Eines der Büschel ist etwa zwei Handbreit lang gerade gewachsen, krümmt sich dann plötzlich wie ein Ellbogen und endet nach einer Art Schaufel in fünf Stäbchen. Es ähnelt wirklich einer ausgestreckten Hand, die die Vorübergehenden packen und sie an diesem unheimlichen Ort festhalten will.

«Wollt ihr den kurzen oder den langen Weg nehmen?» fragt Johannes, der einzige, der diesen Berg schon bestiegen hat.

«Den kürzeren! Den kürzeren! Wir wollen rasch oben sein! Hier kommt man ja vor Hitze um!» sagen alle mit Ausnahme des Zeloten und Jakobus des Alphäus.

«Gehen wir!»

Die Steine der gepflasterten Straße sind so heiß, als kämen sie aus einem Brennofen.

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«Hier können wir nicht weitergehen! Unmöglich!» sagen sie nach einigen Metern.

«Und doch ist der Herr bis zu dem Dornbusch dort gegangen, obwohl er schon voller Wunden war und das Kreuz tragen mußte», gibt Johannes zu bedenken, der weint, seit sie am Kalvarienberg angelangt sind.

Sie gehen weiter. Doch bald werfen sie sich erschöpft und keuchend zu Boden. Die im Bach naßgemachten Tücher sind schon in der Sonne getrocknet, dafür triefen aber die Kleider von Schweiß.

«Zu steil und zu heiß!» stöhnt Bartholomäus.

«Ja, zu heiß!» bestätigt Matthäus, der ganz rot im Gesicht ist.

«Die Sonne ist überall gleich. Aber nehmen wir den anderen Weg hinauf. Er ist weniger mühsam, wenngleich länger. Auch Longinus hat ihn gewählt, um dem Herrn den Aufstieg überhaupt möglich zu machen. Seht ihr dort den etwas dunkleren Stein? Dort ist der Herr zusammengebrochen, und wir glaubten ihn schon tot, wir, die wir von dort nach Norden blickten, von der Vertiefung dort vor dem steilen Anstieg des Abhangs. Seht ihr sie? Er rührte sich nicht mehr. Oh, der Schrei der Mutter! Ich höre ihn noch! Ich werde diesen Schrei nie vergessen. Ich werde keinen ihrer Seufzer vergessen... Ach, es gibt Dinge, durch die man in einer Stunde zum Greis wird und die uns alle Schmerzen der Welt ermessen lassen... Auf, kommt! Unser Märtyrer, der Herr, hat weniger Pausen gemacht als ihr», drängt Johannes.

Sie stehen verstört auf und folgen ihm bis zu der Stelle, wo der gepflasterte Weg den anderen kreuzt, der in einer Spirale nach oben führt, und nehmen nun diesen. Er ist in der Tat nicht so steil. Aber was für eine Hitze! Sie ist noch größer als zuvor, denn der Hang, an dem dieser Weg verläuft, strahlt ebenfalls Hitze aus auf die Wanderer, die sowieso schon unter den direkten Sonnenstrahlen zu leiden haben.

«Warum zwingst du uns, zu dieser Stunde hier heraufzusteigen?! Hätten wir es nicht im ersten Morgengrauen tun können, sobald es hell genug gewesen wäre, um zu sehen, wohin man den Fuß setzt? Wir waren ja außerhalb der Stadtmauern und hätten nicht warten müssen, bis man die Tore öffnet», jammern sie und brummen.

Sie sind Menschen, noch und immer Menschen, auch jetzt, nach der Tragödie des Karfreitags, die mehr noch die Tragödie ihrer stolzen und feigen Menschlichkeit als die Tragödie des Christus gewesen ist, der immer heldenhaft und siegreich war, auch im Sterben. Menschen wie damals, als sie trunken waren vor Freude bei den Hosanna-Rufen der Menschenmenge und bei dem Gedanken an die Feste und prunkvollen Gastmähler im Haus des Lazarus jubelten... Blind, taub und unachtsam gegenüber allen Warnungen und Vorzeichen des kommenden Sturms.

Jakobus des Alphäus und der Zelote schweigen weinend. Auch Andreas beklagt sich nicht mehr nach den letzten Worten des Johannes. Und

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wiederum spricht Johannes und erinnert sie, und seine Worte sind eine brüderliche Mahnung, eine Aufforderung, sich nicht zu beklagen... Er sagt: «Es ist dieselbe Stunde, zu der er hier heraufgestiegen ist. Und dabei hatte er schon einen weiten Weg hinter sich. Oh, ich kann euch versichern, daß er nach dem Verlassen des Abendmahlsaales keinen Augenblick der Ruhe mehr hatte! Und es war sehr heiß an jenem Tal, herrschte die Schwüle vor dem Gewitter... Und er brannte im Fieber! Nike sagt, sie glaubte Feuer zu berühren, als sie das Linnen auf sein Antlitz legte. Hier etwa mußte es gewesen sein, wo er den Frauen begegnet ist ... Wir auf der gegenüberliegenden Seite haben die Begegnung nicht gesehen. Aber demnach, was Nike und die anderen sagen... Auf, gehen wir! Denkt daran, daß die an die Sänfte gewohnten Römerinnen diesen Weg zu Fuß gegangen sind und vom Morgen, von der dritten Stunde an, als er verurteilt wurde, immer der Sonne ausgesetzt waren. Oh, diese Heidinnen sind allen vorausgegangen und haben ihre Sklaven ausgesandt, um die anderen zu benachrichtigen, die aus irgendeinem Grund nicht da waren ...»

Sie gehen weiter. Dieser Weg ist ein Martyrium im Feuer! Sie wanken sogar. Petrus sagt: «Wenn er kein Wunder wirkt, werden wir einen Hitzschlag bekommen.»

«Ja, mein Herz schlägt mir bis zum Hals», bestätigt Matthäus.

Bartholomäus spricht nicht mehr. Er sieht wie betrunken aus. Johannes faßt ihn an einem Arm und stützt ihn, wie er es an dem schrecklichen Freitag bei der Mutter getan hat. Er tröstet ihn: «Bald kommt etwas Schatten, dort, wo ich auch die Mutter hingeführt habe. Dort werden wir uns ausruhen.»

Sie gehen immer langsamer... bis zu dem Felsen, wo Maria gestanden ist, wie Johannes sagt. Hier ist wirklich etwas Schatten, doch die Luft ist glühend heiß und regt sich nicht.

«Wenn es hier wenigstens einen Stengel Anis, ein Minzeblatt oder einen Grashalm gäbe! Mein Mund fühlt sich an wie an der Flamme getrocknetes Pergament. Aber es gibt nichts! Nichts!» stöhnt Thomas, dem bereits die Hals- und Stirnadern anschwellen.

«Ich würde den Rest meines Lebens für einen Tropfen Wasser geben», sagt Jakobus des Zebedäus.

Judas Thaddäus bricht erneut in Tränen aus und ruft: «Mein armer Bruder, wieviel hast du doch gelitten! Er hat gesagt... hat gesagt, erinnert ihr euch? Er hat gesagt, daß er fast verdurstet ist. Oh, nun verstehe ich ihn! Vorher konnte ich das Ausmaß dieser Worte nicht begreifen. Er starb vor Durst, und es war niemand da, als er noch trinken konnte, der ihm einen Schluck Wasser gegeben hätte! Und dann war da außer der Sonne noch das Fieber!»

«Johanna hatte ihm eine Erfrischung gebracht...» sagt Andreas.

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«Da konnte er nicht mehr trinken! Er konnte auch nicht mehr sprechen... Als er die Mutter traf, dort, zehn Schritte von uns entfernt, konnte er nur noch sagen: "Mama!" Er konnte ihr keinen Kuß mehr geben, nicht einmal von ferne, obgleich Simon von Cyrene ihm das Kreuz abgenommen hatte. Seine Lippen waren hart von den Wunden und brannten... Oh, ich habe es gut gesehen über die Reihe der Legionäre hinweg! Denn ich bin nicht auf diesem Weg gekommen. Hätten sie mich durchgelassen, hätte ich sein Kreuz genommen! Aber sie hatten Angst vor mir... und vor dem Volk, das uns steinigen wollte... Er konnte nicht reden, nicht trinken, nicht küssen... Er konnte fast nicht mehr aus seinen schmerzenden Augen schauen, die verkrustet waren von dem Blut, das ihm von der Stirne rann... ! Sein Gewand war am Knie zerrissen, und durch den Riß sah man das aufgeschlagene, blutende Knie... Seine Hände waren geschwollen und verletzt... Sein Kinn und seine Wangen waren verwundet... Das Kreuz hatte auf seiner Schulter, die schon die Geißelhiebe getroffen hatten, eine Wunde aufgerissen... Seine Mitte war von den Stricken wundgescheuert... Von seinem Haar tropfte das Blut aus den Wunden der Dornenkrone... Er hatte...»

«Schweig! Schweig! Man kann es nicht mehr mitanhören! Schweig! Ich bitte dich und befehle es dir!» schreit Petrus, der auf der Folterbank zu liegen scheint.

«Man kann es nicht mehr mitanhören! Ihr könnt es nicht hören! Aber ich mußte ihn sehen und seinen Schmerz mitfühlen! Und die Mutter? Und die Mutter erst?»

Sie neigen schluchzend die Köpfe und gehen weiter, immer weiter... Sie beklagen sich nun nicht mehr, sondern weinen nur über die Schmerzen Jesu.

Endlich sind sie oben auf dem kleinen unteren Platz angelangt: eine glühendheiße Platte. Die Hitzestrahlung ist so stark, daß die Erde zu vibrieren scheint; dasselbe Phänomen wie beim heißen Sand unter der Wüstensonne.

«Kommt, wir wollen hier hinaufgehen. Hier hat uns der Hauptmann durchgelassen. Auch mich. Er hielt mich für den Sohn Marias. Die Frauen standen dort. Die Hirten dort. Und hier waren die Juden...» Johannes deutet auf die Stellen und fügt hinzu: «Aber die Leute bedeckten den ganzen Abhang bis hinunter ins Tal, bis zur Straße. Sie waren auf der Mauer, auf den Terrassen nahe der Mauer, so weit man sehen konnte. Das alles habe ich gesehen, als die Sonne begann, sich zu verdunkeln. Zuerst war es wie jetzt, und ich konnte nichts sehen...»

Und wirklich gleicht Jerusalem dort unten einer flimmernden Luftspiegelung. Das gleißende Licht wird zum Schleier für den Beschauer. Und Johannes fährt fort: «Maria des Lazarus hat gesagt – aber ich wußte nicht, wann und warum sie hierhergekommen war – daß man zu einer

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anderen Stunde die schwarzen Reste der von den Blitzen eingeäscherten Häuser sieht. Die Häuser der Hauptschuldigen ... vieler von ihnen zumindest... Hier! (Johannes mißt mit Schritten ab und rekonstruiert die Szene.) Hier stand Longinus und hier Maria und ich. Und hier war das Kreuz des reuigen Schächers und dort das andere. Und hier wurde um die Kleider gewürfelt. Und dort brach die Mutter zusammen, als er gestorben war... Und von hier aus sah ich, wie die Lanze sein Herz durchbohrte (Johannes wird totenblaß), denn hier stand sein Kreuz», und er kniet nieder und legt sein Gesicht in eine längliche Mulde am Boden, dort wo das Blut vom Querbalken und rings um den Stamm des Kreuzes heruntergetropft ist.

Magdalena muß schwer gearbeitet haben, um die Erde dieses harten Bodens voller Steine und Schutt, die eine feste Kruste bilden, wenigstens eine Handbreit tief aufzugraben! Alle haben sich zu Boden geworfen, um die Erde zu küssen, die nun ihre Tränen trinkt...

Johannes erhebt sich als erster und erzählt in liebevoller Unerbittlichkeit alle Einzelheiten... Er spürt die Sonne nicht mehr... Keiner spürt sie mehr... Er spricht davon, wie Jesus den mit Myrrhe vermischten Wein zurückwies, wie er sich entkleidete und sich mit dem Schleier der Mutter bedeckte; wie man dann die Wunden der furchtbaren Geißelung sah, wie er sich auf das Kreuz legte und beim ersten Nagel aufschrie und danach nicht mehr, weil die Mutter nicht so leiden sollte; wie sie ihm das Handgelenk aufrissen und den Arm ausrenkten, um ihn bis zur richtigen Stelle zu strecken; wie sie dann, als er ganz angenagelt war, das Kreuz umdrehten, um die Nägel hinten krummzuschlagen, und das ganze Gewicht des Kreuzes auf dem armen Märtyrer lastete, dessen keuchenden Atem man hören konnte; wie sie danach das Kreuz wieder drehten, es aufhoben, es zur vorgesehenen Stelle schleppten, es in das Loch fallen ließen und befestigten; wie der Körper am Kreuz heruntersackte und dabei die Wunden noch tiefer aufgerissen wurden; wie die verschobene Dornenkrone das Haupt erneut verletzte; und dann die Worte an den Vater im Himmel, die Worte, die um Verzeihung für die Kreuziger baten, und die Vergebung für den reuigen Schächer; die an die Mutter und Johannes gerichteten Worte, und die Ankunft von Joseph und Nikodemus, die so offen und heldenmütig eine ganze Welt herausforderten; der Mut der Maria von Magdala, der Angstschrei zum Vater, der ihn verlassen hatte, der Durst, der Essig und die Galle, der Todeskampf, das schwache Rufen nach der Mutter und die Worte der Mutter, die durch die Qualen, die furchtbaren Qualen, mehr tot als lebendig war... und die Ergebung und die Hingabe an Gott; der furchtbare letzte Krampf, der Schrei, der die Welt erbeben ließ, und der Schrei Marias, als sie sah, daß er tot war...

«Schweig! Schweig! So schweig doch!» schreit Petrus, und es scheint, als hätte ihn die Lanze durchbohrt. Auch die anderen bitten: «Hör auf! Schweig! ...»

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«Ich habe nichts mehr zu sagen. Das Opfer war vollbracht. Das Begräbnis ... war eine Qual für uns, nicht für ihn. Nur der Schmerz der Mutter war da von Bedeutung. Unser Schmerz! Verdient unser Schmerz etwa Mitleid? Schenken wir ihm unser Mitleid, anstatt Mitleid für uns zu erhoffen. Zu oft haben wir den Schmerz, die Mühe und die Verlassenheit gemieden und alles ihm überlassen, ihm allein. Wahrlich, wir waren unwürdige Jünger, die ihn liebten aus Freude, von ihm geliebt zu werden, aus Stolz, groß in seinem Reich zu sein! Aber in seinem Schmerz wußten wir ihn nicht zu lieben... Nun soll es nicht mehr so sein. Hier, hier müssen wir schwören, daß es nicht mehr so sein wird; hier, denn dies ist ein Altar, und er ist erhaben im Angesicht des Himmels und der Erde. Nun gebührt ihm die Freude und uns das Kreuz. Wir wollen es schwören. Nur so können wir unseren Seelen den Frieden wiedergeben. Hier ist Jesus von Nazareth, der Messias, der Herr, gestorben, um Retter und Erlöser zu sein. Hier soll der Mensch sterben, unser alter Mensch, und der neue, wahre Jünger auferstehen. Erhebt euch! Wir wollen im heiligen Namen Jesu Christi schwören, daß wir seine Lehre annehmen und bereit sind, für die Erlösung der Welt zu sterben.» Johannes gleicht einem Seraph. Während er gestikuliert hat, ist seine Kopfbedeckung heruntergeglitten, und das blonde Haar glänzt nun in der Sonne. Er ist auf einen Geröllhaufen gestiegen, vielleicht die Steine, mit denen man die Kreuze der Schächer befestigt hat, und hat unwillkürlich die Haltung mit den ausgebreiteten Armen eingenommen, die Jesus oft bei seinen Unterweisungen einnimmt, vor allem aber die Haltung, in der er am Kreuz hing.

Die anderen bewundern Johannes, der so schön, so begeistert, so jung und, obwohl der jüngste von allen, geistig so reif ist. Der Kalvarienberg hat ihm das rechte Alter gegeben... Sie schauen ihn an und rufen: «Wir schwören es!»

«Dann wollen wir beten, damit der Vater unseren Schwur bestätigt: "Vater unser, der du bist im Himmel ...»

Der Chor der elf Stimmen wird immer sicherer, je weiter sie beten. Petrus schlägt sich an die Brust, als er sagt: «Vergib uns unsere Schuld», und alle knien nieder bei der letzten Bitte: «Erlöse uns von dem Bösen.»Dann bleiben sie so, zu Boden geneigt, in stiller Betrachtung...

Jesus ist unter ihnen. Ich habe nicht gesehen, wann und von wo er gekommen ist. Wie mir scheint, von der unzugänglichen Seite des Berges. Er strahlt vor Liebe in der hellen Mittagssonne und sagt: «Wer in mir bleibt, dem wird der Böse nicht schaden. Wahrlich, ich sage euch, wer im Dienst des allerhöchsten Schöpfers mit mir vereint bleibt und nach dem Heil aller Menschen verlangt, der wird Teufel austreiben und Schlangen und Gifte unschädlich machen, durch Flammen und Scharen wilder Tiere gehen, ohne Schaden zu erleiden, solange Gott will, daß er auf Erden weilt und ihm dient.»

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«Wann bist du gekommen, Herr?» sagen sie und neigen das Haupt, bleiben aber auf den Knien.

«Euer Schwur hat mich herbeigerufen. Und nun, da die Füße meiner Apostel diesen Boden betreten haben, kehrt rasch in die Stadt, in den Abendmahlsaal zurück. Am Abend werden die Frauen aus Galiläa mit meiner Mutter aufbrechen. Du und Johannes, ihr werdet sie begleiten. Wir werden uns dann alle in Galiläa auf dem Tabor treffen», sagt er zum Zeloten und zu Johannes.

«Wann, Herr?»

«Johannes wird es erfahren und euch mitteilen.»

«Du verläßt uns, Herr? Segnest du uns nicht? Wir haben deinen Segen so nötig.»

«Hier und im Abendmahlsaal werde ich euch segnen. Werft euch zu Boden!»

Er segnet sie, und der Sonnenschein umgibt ihn wie bei der Verklärung, nur daß er ihn hier verbirgt. Jesus ist nicht mehr da.

Sie schauen auf. Nichts mehr: nur Sonne und verbranntes Land...

«Stehen wir auf und machen wir uns auf den Weg. Er ist gegangen!» sagen sie traurig.

«Sein Verweilen unter uns wird immer kürzer.»

«Aber heute schien er zufriedener als gestern abend. Ist es dir nicht auch so vorgekommen, Bruder?» fragt Thaddäus Jakobus des Alphäus.

«Er war glücklich über unseren Schwur. Gesegnet seist du, Johannes, daß du uns dazu veranlaßt hast», sagt Petrus und umarmt Johannes.

«Ich hatte gehofft, er würde von seiner Passion reden! Warum hat er uns hierher kommen lassen, wenn er dann doch nichts gesagt hat?» sagt Thomas.

«Wir werden ihn heute abend fragen», sagt Andreas.

«Ja, aber nun gehen wir. Der Weg ist lang, und wir wollen doch noch ein wenig mit Maria beisammensein, bevor sie geht», sagt Jakobus des Alphäus.

«Noch ein Trost, der zu Ende geht!» seufzt Thaddäus.

«Wir bleiben als Waisen zurück! Was werden wir tun?»

Sie wenden sich Johannes und dem Zeloten zu und sagen mit einer Spur Neid in der Stimme: «Ihr könnt wenigstens mit der Mutter gehen und immer bei ihr bleiben.»

Johannes macht eine Bewegung, als wolle er sagen: «So ist es.» Aber da ihr Neid nicht bösartig ist, bekennen sie sofort: «Das ist auch richtig so, denn du bist bei ihr geblieben, und du bist gehorsam gewesen und hast darauf verzichtet. Wir hingegen ...»

Sie beginnen den Abstieg. Doch als sie den unteren Platz erreichen, sehen sie eine Frau, die gerade im glühenden Sonnenschein auf dem steilen Weg heraufgekommen ist. Sie blickt die Apostel schweigend an und begibt sich dann sofort zu dem höher gelegenen Platz.

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«Schon kommt jemand hierher! Nicht nur Maria. Kommt! Aber was tut sie? Sie weint und sucht etwas auf dem Boden. Ob sie an jenem Tag hier etwas verloren hat?» fragen sie sich. Das wäre schon möglich, denn man erkennt sie nicht. Das Gesicht der Frau ist tief verschleiert.

Thomas fragt mit seiner kräftigen Stimme: «Frau, hast du etwas verloren?»

«Nein. Ich suche den Platz, an dem das Kreuz des Herrn gestanden ist. Ich habe einen sterbenden Bruder, und der gute Meister ist nicht mehr auf Erden ...» Sie weint hinter ihrem Schleier. «Die Menschen haben ihn verstoßen.»

«Er ist auferstanden, Frau. Er wird für immer da sein.»

«Ich weiß, daß er immer da sein wird, denn er ist Gott, und Gott stirbt nicht. Aber er ist nicht mehr unter uns. Die Welt hat ihn nicht gewollt, und er hat sie verlassen. Die Welt hat ihn verleugnet. Selbst seine Jünger haben ihn verlassen, als wäre er ein Räuber, und er hat die Welt verlassen. Ich bin gekommen, um ein wenig von seinem Blut zu suchen. Ich habe den festen Glauben, daß es meinen Bruder heilen wird. Mehr als die Auflegung der Hände seiner Jünger, denn ich denke nicht, daß sie noch Wunder wirken können, nachdem sie so treulos gewesen sind.»

«Der Herr ist soeben hier gewesen, Frau. Er ist mit Leib und Seele auferstanden und immer noch unter uns. Der Duft seines Segens umgibt uns noch. Sieh, hier ist er vor kurzem gestanden», sagt Johannes.

«Nein. Ich suche einen Tropfen seines Blutes. Ich bin nicht hier gewesen und kenne den Ort nicht...» Gebückt sucht sie den Boden ab.

Johannes sagt zu ihr: «Hier ist sein Kreuz gestanden. Ich war dabei...»

«Du warst dabei? Als Freund oder als Kreuziger? Man sagt, daß nur einer seiner Auserwählten hier unter dem Kreuz gestanden ist und einige treue Jünger in der Nähe. Aber ich möchte nicht mit einem seiner Kreuziger reden.»

«Ich bin keiner von diesen, Frau. Schau: hier, wo das Kreuz gestanden ist, ist noch blutgetränkte Erde, obgleich schon jemand gegraben hat. Es ist so viel Blut geflossen, daß es tief in das Erdreich eingedrungen ist. Nimm! Möge dein Glaube belohnt werden!» Johannes hat mit der Hand in das Loch des Kreuzes hineingegriffen und ein rotes Stückchen Erde herausgeholt, das die Frau in ein kleines Stück Linnen legt. Sie dankt ihm und eilt mit ihrem Schatz davon.

«Du hast gut daran getan, ihr nicht zu sagen, wer wir sind.»

«Warum hast du ihr aber nicht gesagt, wer du bist?» fragen andere Apostel. Wie immer gibt es unterschiedliche Meinungen bei den Menschen.

Johannes sieht sie nur an und sagt nichts. Er geht als erster den steilen, gepflasterten Weg hinunter. Wenn das Hinuntergehen auch weniger anstrengend als das Hinaufsteigen ist, so brennt die Sonne doch immer noch

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heiß, und als sie unten am Fuß des Golgotha ankommen, haben sie furchtbaren Durst. Aber nun sind an dem Bächlein Schafe und einige Hirten, die wohl zum abendlichen Weidegang aus einem nahen Stall gekommen sind. Das Wasser ist trübe und nicht trinkbar.

Der Durst ist so groß, daß Bartholomäus sich an einen der Hirten wendet und ihn fragt: «Hast du in deiner Flasche einen Schluck Wasser?»

Der Mann schaut ihn streng an und schweigt.

«Ein wenig Milch vielleicht? Die Euter deiner Schafe sind prall gefüllt. Wir bezahlen dafür. Wir hätten gerne etwas Kaltes gehabt, aber wir sind froh, wenn wir nur irgend etwas zu trinken bekommen.»

«Ich habe weder Wasser noch Milch für jene, die ihren Meister verlassen haben. Ich erkenne euch wieder, wißt ihr? Ich habe euch gesehen und gehört an einem Tag in Bethsur. Dich, gerade dich, der du fragst... Aber ich habe euch nicht gesehen, als ich denen begegnet bin, die den Getöteten heruntergetragen haben. Nur dieser hier ist dabeigewesen. Es gab kein Wasser für den Gekreuzigten, haben mir die Leute gesagt, die oben gewesen sind. Also gibt es auch für euch kein Wasser.» Er pfeift seinem Hund, sammelt die Schafe und geht nach Norden, wo die mit Ölbäumen und spärlichem Gras bewachsenen Hügel beginnen.

Die erschöpften Apostel überqueren die Brücke und gehen in die Stadt hinein. Sie schleichen an der Mauer entlang, die Kopfbedeckungen tief über die Augen gezogen und ein wenig gebückt. Denn nun, da die große Hitze der ersten Nachmittagsstunden vorüber ist, wird es auf den Straßen wieder lebendig.

Doch sie müssen die ganze Stadt durchqueren, um zum Haus des Abendmahlsaales zu gelangen; und es sind zu viele, die die Apostel kennen, als daß sie den langen Weg ohne Zwischenfälle zurücklegen könnten. Und bald schon hören sie höhnisches Lachen, als ein Schriftgelehrter (ich war schon glücklich, da ich glaubte, nun keinen mehr sehen zu müssen) den vielen, an dieser engen Kreuzung um einen Brunnen stehenden Leuten zuruft: «Da, seht sie euch an: die traurigen Überreste des Heeres des großen Königs! Die unkriegerischen Helden. Die Jünger des Verführers. Verachtung und Hohn über sie. Und das Mitleid, das man mit den Verrückten hat!»

Und sogleich werden sie mit Spott und Hohn überschüttet.

Die einen schreien: «Wo habt ihr gesteckt, als er leiden mußte?»; andere: «Seid ihr nun überzeugt, daß er ein falscher Prophet war?»; wieder andere: «Vergebens habt ihr den Leichnam fortgetragen und verborgen! Die Idee hat nun ausgespielt. Der Nazarener ist tot. Jahwe hat den Galiläer vernichtet. Und euch mit ihm.» Einige sagen mit geheucheltem Mitleid: «Laßt sie doch in Ruhe. Sie sind zur Einsicht gekommen und haben bereut, zwar spät, aber immer noch beizeiten, um im richtigen Augenblick zu entfliehen!» Einer spricht zu dem einfachen Volk, meist Frauen,

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die eher geneigt scheinen, zu den Aposteln zu halten: «Für euch, die ihr immer noch an unserer Gerechtigkeit zweifelt, sollte das Verhalten der vertrautesten Jünger des Nazareners eine Erleuchtung sein. Wäre er Gott gewesen, hätte er sie gestärkt. Hätten sie ihn als den wahren Messias erkannt, wären sie nicht geflohen und hätten geglaubt, daß menschliche Macht nicht über den Christus triumphieren kann. Stattdessen ist er vor den Augen des Volkes gestorben. Und den Leichnam hat man umsonst gestohlen, nachdem man die schlafenden Wachen überfallen hat. Fragt nur die Wachen, ob es nicht so war. Er ist tot und seine Leute versprengt. Und groß in den Augen des Allerhöchsten ist der, der die letzten seiner Spuren vom heiligen Boden Jerusalems tilgt. Anathema über die Anhänger des Nazareners! Nimm Steine, o heiliges Volk, und steinige sie außerhalb der Stadtmauern.»

Das ist zu viel für den noch schwachen Mut der Apostel! Sie haben sich schon etwas in Richtung der Mauer zurückgezogen, um dem Aufruhr nicht Nahrung zu geben durch eine unkluge Herausforderung der Ankläger. Doch nun siegt die Angst über die Klugheit. Sie drehen sich um und retten sich durch die Flucht in Richtung des Tores. Jakobus des Alphäus und Jakobus des Zebedäus, Johannes, Petrus und der Zelote bewahren mehr Ruhe und beherrschen sich besser und folgen den anderen, ohne zu laufen. Und sie werden von einigen Steinen und viel Unrat getroffen, bevor sie durch das Tor hinausgehen.

Die Wachen, die nun aus ihrer Stellung heraustreten, sorgen dafür, daß sie außerhalb der Mauer nicht verfolgt werden. Aber sie laufen und laufen und flüchten in den Apfelgarten des Joseph, wo das Grab war.

Es ist ein ruhiger, stiller Ort, und das sanfte Licht unter den kräftigen Ästen der Bäume, die in diesen Tagen noch nicht sehr zahlreiche, smaragdene Blättchen getrieben haben, ist wie durch einen zarten Schleier gedämpft. Sie werfen sich zu Boden, um erst einmal ihr starkes Herzklopfen vorübergehen zu lassen. Am Ende des Gartens hackt ein Mann mit Hilfe eines Jünglings die Erde und häufelt sie um das Gemüse. Er bemerkt die Apostel, die sich hinter einer Hecke verborgen haben, erst, nachdem er den Himmel geprüft und laut gesagt hat: «Komm, Joseph, bring den Esel und spanne ihn an das Wasserrad», und sich zu der Stelle begibt, wo sich im Schatten eines Dorngestrüpps verborgen ein Brunnen befindet.

«Was tut ihr hier? Wer seid ihr? Was wollt ihr im Garten des Joseph von Arimathäa? Und du, Dummkopf, warum hast du das Tor offengelassen? Joseph hat doch befohlen, es immer zu schließen, nun, da er es hat anbringen lassen! Weißt du nicht, daß er niemanden dort haben will, wo man den Christus beigesetzt hat?»

Ich muß ehrlich sagen, daß ich in meiner Betrübnis beim Begräbnis Jesu und in meinem Staunen bei der Auferstehung nicht bemerkt habe, ob der Garten außer der Einfassung durch eine grüne Mauer aus Buchsstauden

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und Brombeeren ein Tor hatte oder nicht; aber ich glaube, daß man es erst vor kurzem angebracht hat, denn der Putz seiner beiden viereckigen Pfosten weist keine Spuren von Verwitterung auf. Auch Joseph hat, wie Lazarus, an allen Orten, die durch Jesus geheiligt sind, Gitter anbringen lassen.

Johannes erhebt sich zusammen mit dem Zeloten und Jakobus des Alphäus vom Boden und sagt ohne Angst: «Wir sind die Apostel des Herrn. Ich bin Johannes, dieser hier ist Simon, der Freund des Lazarus, und dieser Jakobus, der Bruder des Herrn. Der Herr hatte uns auf den Golgotha gerufen, und nun kommen wir von dort. Er hat uns befohlen, in das Haus zu gehen, in dem sich seine Mutter befindet, und die Menge hat uns verfolgt. Deshalb sind wir hier hereingekommen, um auf den Abend zu warten ...»

«Aber du bist ja verletzt! Und du auch! Und du! Kommt, ich will euch helfen. Habt ihr Durst? Ihr seid ganz erschöpft. Du hier, schöpfe! Schnell! Das erste Wasser ist immer klar, während es später dann durch den Eimer getrübt wird. Gib ihnen zu trinken und dann wasche einige frische Salatköpfe und gieße etwas von dem Öl darauf, mit dem wir die Veredelungsstellen einfetten. Ich kann euch leider nichts anderes geben. Mein Haus ist nicht hier. Aber wenn ihr wartet, nehme ich euch mit zu mir ...»

«Nein, nein. Wir müssen zum Herrn gehen. Gott möge es dir vergelten.» Sie trinken und lassen sich verbinden. Sie sind alle am Kopf verletzt. Die Juden zielen gut!

«Geh auf die Straße und schau unauffällig nach, ob Spione in der Nähe sind», befiehlt der Gärtner dem Jungen.

«Es sind keine da, Vater. Die Straße ist leer», sagt er, als er zurückkehrt.

«Geh zum Tor und schau dort nach, und dann komm sofort zurück.»

Der Mann nimmt Anisstengel und bietet sie den Aposteln an, wobei er sich entschuldigt, daß er nichts als Gemüse, Salat und diesen Anis hat, da die Apfelbäume ja erst geblüht haben.

Der Junge kommt zurück. «Niemand, Vater. Die Straße vor dem Tor ist leer.»

«Dann wollen wir gehen. Spanne den Esel an den Wagen und wirf das ausgejätete Grünzeug darauf. So werden wir Leuten gleichen, die von den Feldern heimkehren. Kommt mit mir! Der Weg wird etwas länger sein, aber das ist besser als ein Steinhagel.»

«Wir werden trotzdem in die Stadt hineingehen müssen...»

«Das schon, aber wir kommen von einer anderen Seite und nehmen ungefährliche Gassen. Ihr könnt beruhigt sein.»

Er schließt das Gittertor mit dem großen Schlüssel, läßt die älteren auf den Wagen steigen, gibt den anderen Hacken und Rechen, belädt Thomas mit einem Bündel abgeschnittener Zweige und Johannes mit einem Ballen Gras und macht sich dann furchtlos auf den Weg entlang der Mauer in südlicher Richtung.

«Aber dein Haus? Hier so verlassen...»

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«Das Haus liegt dort, auf der anderen Seite. Es läuft mir nicht davon. Die Frau wird warten. Zuerst muß ich den Dienern des Herrn dienen.» Er schaut sie an... «Nun, wir machen alle Fehler! Auch ich habe Angst gehabt. Und wir alle werden um seines Namens willen gehaßt. Auch Joseph. Was macht das. Gott ist mit uns. Die Leute ... ? Sie hassen und lieben. Sie lieben und hassen. Und dann... Was sie heute tun, ist morgen schon vergessen. Ja, wenn nur nicht diese Hyänen wären! Sie sind es, die das Volk aufwiegeln. Sie sind voller Zorn, weil er auferstanden ist. Oh, würde er sich doch auf einer Zinne des Tempels zeigen, um das Volk davon zu überzeugen, daß er auferstanden ist. Warum tut er es nicht? Ich glaube. Aber nicht alle verstehen zu glauben. Und sie bezahlen die Leute gut, die überall herumerzählen, daß er von euch gestohlen und in einer Höhle von Josaphat vergraben oder verbrannt worden ist, da er schon ganz verwest war.»

Sie sind nun auf der Südseite der Stadt, im Hinnomtal.

«So, dort ist das Tor von Sion. Findet ihr von da euren Weg zu dem Haus? Es ist nicht mehr weit.»

«Wir finden ihn. Gott sei mit dir um deiner Güte willen.»

«Für mich seid ihr immer die Heiligen des Meisters. Ihr seid Menschen, wie ich ein Mensch bin. Er allein ist mehr als ein Mensch und brachte es fertig, nicht zu zittern. Ich verstehe und habe Verständnis. Und ich sage euch, heute seid ihr schwach, aber morgen werdet ihr stark sein. Der Friede sei mit euch.»

Er nimmt ihnen die Bündel und die landwirtschaftlichen Geräte ab und kehrt zurück, während sie flink wie Hasen in die Stadt hineineilen und wie Katzen durch die Gassen am Stadtrand zum Haus des Abendmahlsaals schleichen.

Doch die Widerwärtigkeiten dieses Tages sind noch nicht zu Ende. Eine Gruppe Legionäre auf dem Weg zum nahen Gasthaus kommt ihnen entgegen, und einer bemerkt sie und macht die anderen auf sie aufmerksam. Alle lachen. Und da die armen, geschmähten Apostel gezwungen sind, an ihnen vorbeizugehen, ruft ihnen einer der am Tor stehenden Soldaten zu: «He! Hat euch der Kalvarienberg nicht gesteinigt, und haben euch die Menschen nicht geschlagen? Beim Jupiter! Ich hätte euch für mutiger gehalten! Ihr fürchtet doch wohl nichts, da ihr es gewagt habt, dort hinaufzugehen. Haben euch die Steine des Berges nicht der Feigheit angeklagt? Und ihr habt den Mut gehabt hinaufzugehen? Ich habe immer nur beobachtet, daß die Schuldigen die Orte meiden, die sie an ihre Schuld erinnern, da die Nemesis 1) sie verfolgt. Aber vielleicht hat sie euch heute dort

1) Unter Nemesis verstanden die Griechen eine Gottheit oder göttliche Macht, die die Ordnung, die Gerechtigkeit und das Gleichgewicht im Universum bewahrten. Daher wird hier gesagt, daß sie die Schuldigen verfolgt, die die Ordnung gestört und gegen die Gerechtigkeit gefehlt haben.

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hinaufgeschleppt, um euch vor Schrecken erzittern zu lassen, da ihr damals nicht vor Mitleid zittern wolltet.»

Eine Frau, anscheinend die Wirtin der Taverne, stellt sich an die Tür und lacht. Sie hat ein furchteinflößendes Spitzbubengesicht und keift laut: «Hebräische Weiber, kommt und schaut, was aus eurem Schoß hervorgegangen ist! Feige Eidbrüchige, die ihre Höhlen verlassen, wenn die Gefahr vorüber ist. Ein römischer Schoß gebiert nur Helden. Kommt, ihr Soldaten, und trinkt auf die Größe und Macht Roms! Edler Wein und schöne Mädchen ...» Sie entfernt sich, gefolgt von den Soldaten, in ihre finstere Spelunke.

Eine Jüdin schaut zu – denn auf der Straße sind einige Frauen mit ihren Krügen unterwegs zu dem Brunnen am Haus des Abendmahls, dessen Plätschern man schon hört – und hat Mitleid. Es ist eine ältere Frau. Sie sagt zu den Gefährtinnen: «Sie haben gefehlt... doch ein ganzes Volk hat gefehlt.» Dann geht sie zu den Aposteln und grüßt sie: «Der Friede sei mit euch. Wir werden nicht vergessen. Sagt uns nur das eine: Ist der Meister wirklich auferstanden?»

«Er ist auferstanden. Wir schwören es.»

«Dann fürchtet nicht. Er ist Gott, und Gott wird siegen. Der Friede sei mit euch, Brüder! Und sagt dem Herrn, er möge diesem Volk verzeihen.»

«Und ihr, betet, daß das Volk uns verzeihen und das Ärgernis vergessen möge, das wir gegeben haben. Ihr Frauen, ich, Petrus, bitte euch um Verzeihung!» Petrus weint.

«Wir sind Mütter, Schwestern und Ehefrauen, Mann. Deine Sünde ist die Sünde unserer Söhne, Brüder und Gatten. Allen möge der Herr barmherzig sein.»

Die mitleidigen Frauen haben die Apostel bis zum Haus begleitet und klopfen nun an die verschlossene Tür. Jesus selbst öffnet die Tür, und seine verherrlichte Gestalt erfüllt den dunklen Raum, als er sagt: «Der Friede sei mit euch um eures Mitleids willen.»

Die Frauen sind wie versteinert vor Staunen. Sie bleiben so stehen, bis die Tür sich hinter den Aposteln und dem Herrn schließt. Dann erst kommen sie wieder zu sich.

«Hast du ihn gesehen? Er war es! Schön! Schöner als zuvor. Und lebendig! Kein Gespenst! Ein wahrer Mensch. Die Stimme! Das Lächeln! Er hat die Hände bewegt. Hast du gesehen, wie rot die Wunden waren? Nein, ich habe gesehen, wie der Brustkorb sich beim Atmen hob und senkte, wie bei einem lebendigen Menschen. Oh, sie sollen uns ja nicht kommen und behaupten, daß es nicht wahr ist! Gehen wir! Gehen wir in die Häuser und berichten wir. Nein, wir wollen anklopfen, um ihn noch einmal zu sehen. Was sagst du? Er ist der auferstandene Sohn Gottes. Es ist schon viel, daß er sich uns armen Frauen gezeigt hat! Er ist nun bei

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seiner Mutter, den Jüngerinnen und den Aposteln. Nein. Ja ...» Die Klugen siegen. Die Gruppe entfernt sich.

Jesus hat inzwischen mit seinen Aposteln den Abendmahlsaal betreten. Er schaut sie an und lächelt. Sie haben die Kopfbedeckungen, die sie wie Binden um den Kopf gewickelt hatten, gemäß dem Brauch vor dem Betreten des Hauses abgenommen und nun wieder angelegt. So kann man die Verletzungen nicht sehen. Sie setzen sich schweigend und müde, eher betrübt als müde.

«Ihr habt euch verspätet», sagt Jesus sanft.

Schweigen.

«Habt ihr mir nichts zu sagen? Sprecht. Ich bin immer noch euer Jesus. Ist euer Eifer von heute schon verflogen?»

«Oh, Meister! Herr!» schreit Petrus und fällt zu Füßen Jesu auf die Knie. «Der Eifer ist nicht verflogen. Aber wir sind völlig vernichtet von der Feststellung, welchen Schaden wir deinem Glauben zugefügt haben. Wir sind zutiefst betrübt.»

«Wenn der Stolz stirbt, wird die Demut geboren. Mit der Erkenntnis wächst die Liebe. Habt keine Angst. Nun seid ihr im Begriff, echte Apostel zu werden. Dies habe ich gewollt.»

«Aber wir werden nichts mehr für dich tun können! Das Volk verhöhnt uns, und mit Recht! Wir haben dein Werk zerstört, deine Kirche zerstört.» Alle sind sehr in Sorge, schreien und gestikulieren.

Jesus bewahrt feierliche Ruhe. Er sagt und unterstreicht die Worte durch eine Geste: «Frieden! Frieden! Nicht einmal die Hölle wird meine Kirche zerstören. Ein wackelnder Stein, der noch nicht richtig eingemauert ist, bringt nicht gleich das Bauwerk zum Einsturz. Ruhe! Ruhe! Ihr werdet es schaffen. Und ihr werdet es gut machen, nun, da ihr demütig erkennt, was ihr seid; denn nun seid ihr auch zu der sehr wichtigen Erkenntnis gelangt, daß jede Tat große, manchmal nicht wiedergutzumachende Auswirkungen hat, und daß, wer oben ist – erinnert euch an das, was ich euch gesagt habe über das Licht, das man auf den Leuchter stellen muß, damit es gesehen wird, das aber, gerade weil es von allen gesehen wird, mit reiner Flamme brennen muß – daß also wer oben ist, mehr als die anderen, die es nicht sind, die Pflicht hat, vollkommen zu sein. Seht ihr, meine Kinder? Was unbemerkt bleibt und verzeihlich ist, wenn es ein Gläubiger tut, bleibt aber nicht unbemerkt und wird vom Volk mit Strenge verurteilt, wenn es ein Priester tut. Doch eure Zukunft wird eure Vergangenheit auslöschen. Ich habe auf Golgotha kein Wort zu euch gesagt und habe das Reden der Welt überlassen. Ich tröste euch. Auf, weint nicht! Eßt nun und laßt euch von mir heilen. So.» Jesus streichelt die verletzten Köpfe. Dann sagt er: «Aber es wird gut sein, wenn ihr euch von hier entfernt. Deshalb habe ich gesagt: "Geht zum Tabor und betet." Ihr könnt in den nahegelegenen Dörfern bleiben und jeden Morgen auf den Berg steigen und mich erwarten!»

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«Herr, die Welt glaubt nicht, daß du auferstanden bist», sagt Thaddäus leise.

«Ich werde die Welt überzeugen. Ich werde euch helfen, die Welt zu besiegen. Ihr, bleibt mir treu! Mehr verlange ich nicht. Und segnet jene, die euch demütigen, damit ihr heilig werdet.»

Er bricht das Brot, opfert es auf und verteilt es. «Hier ist meine Wegzehrung für euch. Dort habe ich schon die Verpflegung für meine Pilger vorbereitet. Macht ihr es in Zukunft ebenso, wenn einer von euch abreisen muß. Seid väterlich zu allen Gläubigen. Alles, was ich tue oder euch tun lasse, sollt auch ihr tun. Auch den Weg auf den Kalvarienberg, die via dolorosa, sollt ihr in Zukunft oft betrachtend gehen und diese Betrachtung lehren. Betrachtet! Betrachtet meine Schmerzen. Denn durch die Schmerzen und nicht durch die jetzige Herrlichkeit habe ich euch erlöst. Drüben ist Lazarus mit den Schwestern. Sie sind gekommen, um von der Mutter Abschied zu nehmen. Geht auch ihr, denn meine Mutter wird in Kürze im Wagen des Lazarus abreisen. Der Friede sei mit euch.» Er steht auf und geht eilends hinaus.

«Herr! Herr!» ruft Andreas ihm nach.

«Was willst du, Bruder?» fragt Petrus.

«Ich wollte ihn so vieles fragen. Ihm sagen, wer ihn um Genesung bittet... Ich weiß nicht, aber wenn er bei uns ist, fällt uns nichts mehr ein 1

Und er läuft hinaus, um den Herrn zu suchen.

«Das ist wahr! Wir sind so vergeßlich», stimmen alle bei.

«Und er ist doch so gut zu uns. Er hat uns so liebevoll "Kinder" genannt, daß mir ganz warm ums Herz geworden ist!» ruft Jakobus des Alphäus aus.

«Aber er ist nun so sehr Gott! Ich zittere, wenn er mir nahe ist, als stünde ich vor dem Allerheiligsten», sagt Thaddäus.

Andreas kommt zurück. «Er ist nicht mehr da. Der Raum, die Zeit, die Mauern, alles ist ihm untertan.»

«Er ist Gott! Er ist Gott!» sagen alle ehrfurchtsvoll...

694. JESUS BESTÄTIGT DEN GLÄUBIGEN AN VERSCHIEDENEN ORTEN SEINE AUFERSTEHUNG

L Die Mutter der Annalia

Elisa, die Mutter Annalias, weint untröstlich in ihrem Haus. Sie hat sich in ein Zimmer eingeschlossen, in dem ein Lager ohne Decken steht»Vielleicht ist es das Bett Annalias. Ihr Kopf liegt auf den über das Bett ausgestreckten Armen, mit denen sie es zu umarmen scheint. Ihre kniende

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Haltung ist ein Bild von Niedergeschlagenheit und Schwäche, und was an Kraft in ihr ist, kommt nur in ihren Tränen zum Ausdruck.

Nur wenig Licht dringt durch das offene Fenster. Der Tag ist eben erst angebrochen. Doch als Jesus hereinkommt, erfüllt große Helligkeit den Raum. Ich sage hereinkommt, und will damit sagen, daß er sich im Zimmer befindet, wo er zuvor nicht war. Und ich werde immer so sagen, um damit auszudrücken, daß er sich auf einmal in einem geschlossenen Raum befindet, und nicht immer wiederholen zu müssen, wie er aus einem großen Licht hervortritt, das an das Licht der Verklärung erinnert; wie er sozusagen aus einem weißen Feuer kommt, wenn der Vergleich erlaubt ist, das Wände und Türen zu schmelzen scheint, damit Jesus mit seinem wirklichen, atmenden, festen verherrlichten Leib hereinkommen kann; ein Feuer, ein Leuchten, das sich wieder hinter ihm schließt und ihn verbirgt, wenn er fortgeht. Er hat das wunderschöne Aussehen des Auferstandenen, aber er ist Mensch, wirklich Mensch, nur hundertmal schöner als er vor der Passion war. Er ist Er, aber er ist der glorreiche König.

«Warum weinst du, Elisa?»

Mir ist es unverständlich, daß die Frau diese unverwechselbare Stimme nicht erkennt. Vielleicht hat der Schmerz sie verstört. Sie antwortet, als würde sie mit einem Verwandten sprechen, der nach dem Tod Annalias vielleicht zu ihr gekommen ist.

«Hast du gestern abend die Männer gehört? Er war nicht das, was wir glaubten. Seine Macht war nicht göttlichen Ursprungs, sondern beruhte auf Zauberei. Und ich hatte mich mit dem Tod meiner Tochter abgefunden im Gedanken daran, daß ein Gott sie liebt und sie nun im ewigen Frieden ist... Er hatte es mir doch gesagt!» Und Elisa weint noch heftiger.

«Viele haben den Auferstandenen gesehen. Nur Gott kann aus sich selbst auferstehen.»

«Auch ich habe das gestern den Leuten gesagt. Du hast es doch gehört. Ich habe ihnen widersprochen; denn ihre Worte machten meine Hoffnung und meinen Frieden zunichte. Aber sie – hast du sie gehört? – sie haben gesagt: "Alles nur Theater seiner Jünger, um nicht als verrückt zu gelten. Er ist tot, richtig tot und verfault, und sie haben ihn gestohlen und vernichtet und dann behauptet, daß er auferstanden ist..." Das haben sie gesagt... Und daß der Allerhöchste deshalb das zweite Erdbeben geschickt hat, um sie seinen Zorn über die sakrilegische Lüge fühlen zu lassen. Oh! Es gibt keinen Trost mehr für mich.»

«Aber wenn du den auferstandenen Christus mit eigenen Augen sehen und mit deinen Händen berühren könntest, würdest du dann glauben?»

«Dessen bin ich nicht würdig... Aber ganz gewiß würde ich glauben! Ich bräuchte ihn nur zu sehen. Ich würde nicht wagen, seinen Leib zu berühren, denn wenn es so wäre, wäre es ein göttlicher Leib, und eine Frau darf sich dem Allerheiligsten nicht nähern.»

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«Blicke auf, Elisa, und sieh, wer vor dir steht!»

Die Frau hebt das graue Haupt, das tränenüberströmte Antlitz, und sieht... Sie sinkt auf die Fersen zurück, reibt sich die Augen, öffnet den Mund zu einem Ausruf, den aber das Erstaunen im Halse erstickt.

«Ich bin es, der Herr. Berühre meine Hand. Küsse sie. Du hast mir deine Tochter geopfert. Du verdienst es. Und finde auf dieser Hand den geistigen Kuß deines Kindes wieder. Es ist im Himmel und selig. Sage das den Jüngern, und zwar heute noch.»

Die Frau ist so verzückt, daß sie der Aufforderung nicht nachzukommen wagt und Jesus selbst seine Fingerspitzen auf ihre Lippen drückt.

«Oh, du bist wahrhaft auferstanden! Glücklich, überglücklich bin ich! Sei gepriesen, daß du mich getröstet hast!»

Sie neigt sich zu Boden, um seine Füße zu küssen, tut es und bleibt dann so. Das übernatürliche Licht umkleidet Christus mit seinem Leuchten, und er ist nicht mehr im Zimmer... Aber in das Herz der Mutter ist nun unerschütterliche Gewißheit eingezogen.

II. Bei Maria des Simon zu Kerioth

Das Haus der Anna, der Mutter Johannas. Das Landhaus, in das die Mutter des Judas Jesus geführt hat, und wo er Anna durch ein Wunder geheilt hat. Auch hier ein Raum, und eine Frau auf einem Lager. Eine Frau, die eine tödliche Angst bis zur Unkenntlichkeit verändert hat. Das Gesicht ist ausgemergelt. Ihre Wangen sind stark eingefallen, und das Fieber verzehrt sie und rötet die Haut über den nun scharf hervortretenden Backenknochen. Die von Fieber und Tränen geröteten Augen mit den schwarzen Ringen und geschwollenen Lidern sind halb geschlossen. Wo nicht die Fieberröte vorherrscht, ist sie grünlichgelb, so als sei ihr Blut mit Galle vermischt. Die abgemagerten Arme und die knochigen Hände liegen willenlos auf der Decke, die der keuchende, rasche Atem hebt.

Bei der Kranken, die niemand anders ist als die Mutter des Judas Iskariot, sitzt Anna, die Mutter Johannas. Sie trocknet Tränen und Schweiß, fächelt mit einem Palmblatt, wechselt die mit gewürztem Essig getränkten Tücher auf Stirn und Hals der Kranken, streichelt ihre Hände, streichelt das aufgelöste, in kurzer Zeit beinahe weiß gewordene Haar, das auf dem Kissen liegt und schweißnaß an den durchscheinenden Ohren klebt. Und Anna weint ebenfalls, als sie Worte des Trostes spricht: «Nicht so, Maria! Nicht so! Genug! Er... er hat gesündigt. Aber du, du weißt, wie der Herr Jesus ...»

«Schweig! Dieser Name... zu mir ... zu mir gesagt... ist eine Lästerung... Ich bin die Mutter... des Kain ... Gottes! Ach!» Das ruhige Weinen wird zu einem völlig gebrochenen, herzzerreißenden Schluchzen. Die Kranke fühlt sich am Ersticken und hängt sich an den Hals der Freundin, die ihr das gallige Erbrochene vom Mund wischt.

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«Ruhe! Friede, Maria! Nicht so! Oh! Was soll ich dir nur sagen, um dich davon zu überzeugen, daß er, der Herr, dich liebt? Ich wiederhole es dir! Ich schwöre es dir bei den mir heiligsten Dingen, meinem Erlöser und meinem Kind. Er hat es mir gesagt, als du ihn zu mir gebracht hast. Er hat für dich die Worte und die Fürsorge einer unendlichen Liebe gehabt. Du bist unschuldig. Er liebt dich. Ich bin sicher, absolut sicher, daß er sich noch einmal opfern würde, um dir, arme Mutter und Märtyrerin, Frieden zu schenken.»

«Mutter des Kain Gottes! Hörst du? Dieser Wind da draußen... er sagt es... Die Stimme geht durch die Welt... Die Stimme des Windes, die sagt: "Maria des Simon, Mutter des Judas, der den Meister verraten und seinen Peinigern übergeben hat." Hörst du? Alle sagen es... Der Bach, dort draußen... Die Turteltauben... Die Schafe... Die ganze Erde schreit hinaus, was ich bin... Nein, ich will nicht gesund werden. Sterben will ich... ! Gott ist gerecht, und im anderen Leben wird er mich nicht bestrafen. Aber hier... Die Welt verzeiht nicht... unterscheidet nicht... Ich werde verrückt, weil die ganze Welt schreit: "Du bist die Mutter des Judas!"» Sie fällt erschöpft auf die Kissen zurück. Anna deckt sie wieder zu und trägt die schmutzigen Tücher hinaus...

Maria klagt weiter, mit geschlossenen Augen und kraftlos nach der Anstrengung: «Die Mutter des Judas! Des Judas! Des Judas!» Sie keucht, fängt erneut an: «Aber was ist Judas? Was habe ich geboren? Was ist Judas? Was habe ...»

Jesus ist im Zimmer, das von einer flackernden Lampe erhellt wird; denn das Tageslicht ist noch zu schwach und der Raum groß, während das Bett ganz hinten und weit entfernt von dem einzigen Fenster steht. Er ruft sie sanft: «Maria! Maria des Simon!»

Die Frau liegt fast im Delirium und schenkt der Stimme kein Gehör. Sie ist abwesend, versunken im Strudel ihres Leids und wiederholt fortwährend die Gedanken, die von ihrem Hirn Besitz ergriffen haben, wie das monotone Ticktack einer Pendeluhr: «Die Mutter des Judas! Was habe ich geboren? Die Welt schreit: "Die Mutter des Judas"...»

Jesus hat zwei Tränen in den Winkeln seiner so sanften Augen. Sie verwundern mich sehr. Ich hätte nicht gedacht, daß Jesus nach seiner Auferstehung noch weinen kann... Er neigt sich vor. Das Lager ist so niedrig für ihn, der hochgewachsen ist! Er legt seine Hand auf die fieberheiße Stirn, nachdem er die essiggetränkten Tücher entfernt hat, und sagt: «Einen Unglücklichen. Dies und nichts anderes. Wenn die Welt auch schreit, Gott deckt den Schrei der Welt zu und sagt dir: "Sei im Frieden, denn ich liebe dich." Sieh mich an, arme Mutter! Sammle deinen verwirrten Geist und lege ihn in meine Hände. Ich bin Jesus... !»

Maria des Simon öffnet die Augen, als sei sie aus einem Alptraum erwacht, und sieht den Herrn. Sie fühlt seine Hand auf ihrer Stirn, schlägt

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die zitternden Hände vor das Gesicht und stöhnt: «Verfluche mich nicht! Hätte ich geahnt, was ich zur Welt bringen würde, dann hätte ich mir die Eingeweide herausgerissen, um zu verhindern, daß er geboren wird!»

«Und du hättest gesündigt. Maria! Oh, Maria! Verlasse nicht den Weg der Gerechtigkeit wegen der Schuld eines anderen. Die Mütter, die ihre Pflicht getan haben, dürfen sich nicht für die Sünden ihrer Kinder verantwortlich fühlen. Du hast deine Pflicht getan, Maria. Gib mir deine armen Hände. Beruhige dich, arme Mutter.»

«Ich bin die Mutter des Judas. Unrein bin ich, wie alles, was dieser Dämon berührt hat. Die Mutter eines Dämons! Rühre mich nicht an.» Sie windet sich im Bett, um den göttlichen Händen zu entgehen, die sie halten wollen. Die beiden Tränen Jesu fallen auf ihr Gesicht, das wieder im Fieber glüht.

«Ich habe dich gereinigt, Maria. Die Tränen meines Mitleids sind auf dich gefallen. Über niemanden habe ich geweint, seit ich mein Leiden vollendet habe. Aber über dich weine ich mit meinem ganzen liebevollen Mitleid.» Jesus ist es gelungen, ihre Hände zu fassen, und nun setzt er sich, ja, er setzt sich wahrhaftig auf den Bettrand und hält diese zitternden Hände in den seinen.

Das liebevolle Erbarmen seiner leuchtenden Augen liebkost, lindert, verbindet die Wunde der Unglücklichen, die sich unter stillen Tränen beruhigt und flüstert: «Du hegst wirklich keinen Groll gegen mich?»

«Ich liebe dich. Deshalb bin ich gekommen. Der Friede sei mit dir.»

«Du verzeihst! Aber die Welt! Deine Mutter! Sie wird mich hassen.»

«Sie denkt an dich wie an eine Schwester. Die Welt ist grausam, das ist wahr; doch meine Mutter ist die Mutter der Liebe, und sie ist gut. Du kannst nicht hinausgehen, aber sie wird zu dir kommen, wenn sich alles wieder beruhigt hat. Die Zeit bringt Frieden...»

«Laß mich sterben, wenn du mich lieb hast...»

«Noch ein Weilchen. Dein Sohn hat mir nichts zu geben gewußt. Gib du mir die Zeit deines Leidens. Sie wird kurz sein.»

«Mein Sohn hat dir zu viel gegeben... Unendlichen Schrecken hat er dir gegeben!»

«Und du, dein unsägliches Leiden. Der Schrecken ist vorbei. Er nützt nicht mehr. Dein Schmerz nützt. Er vereinigt sich mit diesen meinen Wunden, und deine Tränen und mein Blut waschen die Welt. Alle Schmerzen vereint werden die Welt rein machen. Deine Tränen mischen sich mit meinem Blut und den Tränen meiner Mutter, und sie sind umgeben von allen Schmerzen der Heiligen, die um Christi und der Menschen willen leiden werden, aus Liebe zu mir und zu den Menschen. Arme Maria.» Jesus bettet sie sanft zurück, faltet ihre Hände und sieht, wie sie ruhiger wird...

Anna kommt wieder herein und bleibt überrascht auf der Schwelle stehen.

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Jesus, der aufgestanden ist, schaut sie an und sagt: «Du warst meinem Wunsch gehorsam. Die Gehorsamen haben Frieden. Deine Seele hat mich verstanden. Lebe in meinem Frieden!»

Er senkt seinen Blick auf Maria des Simon, die ihn unter stillen Tränen und sogar mit einem Lächeln ansieht. Er sagt noch einmal: «Setze deine ganze Hoffnung auf den Herrn. Er wird dir alle seine Tröstungen schenken.» Jesus segnet sie und will gehen.

Maria des Simon schreit leidenschaftlich: «Man sagt, daß mein Sohn dich mit einem Kuß verraten hat! Ist das wahr, Herr? Wenn ja, dann laß mich ihn abwaschen mit einem Kuß auf deine Hände. Ich kann nichts anderes tun. Nichts anderes kann ich tun, um ihn auszulöschen... ihn zu löschen.» Der Schmerz überfällt sie wieder stärker.

Jesus, oh! Jesus reicht ihr nicht die Hände zum Kuß, diese Hände, über die die weiten Ärmel des weißen Gewandes bis zum Mittelglied der Finger fallen und die Wunden verbergen, sondern er nimmt ihr Haupt in seine Hände und neigt sich über sie, um mit den göttlichen Lippen die fieberglühende Stirn der unglücklichsten aller Frauen zu berühren. Als er sich wieder aufrichtet, sagt er noch: «Meine Tränen und mein Kuß! Niemand hat so viel von mir bekommen. Sei daher beruhigt, denn zwischen dir und mir ist nichts als Liebe.» Er segnet sie, durchquert rasch den Raum und geht hinter Anna hinaus, die nicht den Mut gehabt hat, näherzutreten und etwas zu sagen, die aber vor Rührung weint.

Als sie jedoch im Flur sind, der zur Haustür führt, wagt Anna zu sprechen und die Frage zu stellen, die ihr auf dem Herzen liegt: «Meine Johanna?»

«Seit vierzehn Tagen ist sie selig im Himmel. Ich habe es drinnen nicht gesagt, denn der Unterschied zwischen deiner Tochter und ihrem Sohn ist zu groß.»

«Das ist wahr! Eine große Qual! Ich glaube, daß sie aus Gram sterben wird.»

«Nein. Nicht sofort.»

«Nun wird sie mehr Frieden haben. Du hast sie getröstet. Du! Du, der du mehr als alle anderen...»

«Ich bemitleide sie mehr als alle anderen. Ich bin das göttliche Erbarmen. Ich bin die Liebe. Ich sage dir, Frau: Hätte Judas mir nur einen Blick der Reue zugeworfen, dann hätte ich ihm die Verzeihung Gottes erlangt ...»

Welche Trauer liegt auf dem Antlitz Jesu! Die Frau ist erschüttert. Sie will sprechen, sie will schweigen, aber sie ist eine Frau, und daher siegt die Neugier. Sie fragt: «Aber ist es... Nun, ich meine: Hat dieser Unglückliche spontan gesündigt oder...»

«Seit Monaten hat er gesündigt, und keines meiner Worte, nichts, was ich getan habe, konnte ihn davon abhalten, so stark war sein Wille zu sündigen. Aber sage es ihr nicht...»

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«Ich werde es nicht sagen, Herr! Als Ananias, ohne das Osterfest zu beenden, in der Nacht des Rüsttags aus Jerusalem floh, kam er hierher und schrie: "Dein Sohn hat den Meister verraten und ihn seinen Feinden ausgeliefert. Mit einem Kuß hat er ihn verraten. Ich habe gesehen, wie der Meister angespien und geschlagen, gegeißelt, mit Dornen gekrönt, mit dem Kreuz beladen und gekreuzigt worden ist, und wie er gestorben ist. Und dein Sohn ist an allem schuld. Unser Name wird mit obszönem Jubel von den Feinden des Meisters herumgeschrien, und die Taten deines Sohnes sind in aller Munde. Für weniger als den Preis eines Lammes hat er den Meister verkauft und ihn mit einem verräterischen Kuß den Wachen angezeigt." Maria fiel zu Boden und wurde auf einmal ganz schwarz, und der Arzt sagte, ihre Galle sei ausgeflossen und die Leber zerrissen und das ganze Blut sei verdorben. Und... die Welt ist schlecht. Sie hat recht... Ich mußte sie hierher bringen, denn sie sind zum Haus nach Kerioth gelaufen und haben geschrien: "Dein Sohn ist ein Gottesmörder und ein Selbstmörder! Er hat sich erhängt! Und Beelzebub ist gekommen und hat seine Seele und auch seinen Leib geholt." Ist diese schreckliche Nachricht wahr?»

«Nein, Frau. Man hat ihn tot an einem Ölbaum hängend gefunden...»

«Ach! Und sie haben gerufen: "Christus ist auferstanden und ist Gott. Dein Sohn hat Gott verraten. Du bist die Mutter des Verräters Gottes. Du bist die Mutter des Judas." Bei Nacht habe ich sie dann hierher gebracht, mit Ananias und einem treuen Diener, dem einzigen, der mir geblieben ist; denn niemand wollte bei ihr bleiben... Aber diese Schreie hört Maria im Wind, in den Geräuschen der Erde, in allem...»

«Arme Mutter! Ja, es ist furchtbar.»

«Hat denn dieser Dämon nicht daran gedacht, Herr?»

«Dies war eines der Argumente, mit denen ich ihn zurückzuhalten versuchte. Aber es hat nichts genützt. Judas hat schließlich sogar Gott gehaßt, und er hat ja auch nie mit wahrer Liebe Vater und Mutter oder sonst irgendeinen Mitmenschen geliebt.»

«Das ist wahr!»

«Leb wohl, Frau. Mein Segen möge dir die Kraft geben, die Verachtung der Welt wegen deines Mitleids für Maria zu ertragen. Küsse meine Hand. Dir kann ich sie zeigen. Sie hätte furchtbar gelitten, dies sehen zu müssen!» Jesus streift den Ärmel zurück und zeigt ihr die durchbohrte Hand.

Anna stöhnt, als sie mit den Lippen kaum die Fingerspitzen berührt.

Das Geräusch einer sich öffnenden Tür und ein unterdrückter Schrei:

«Der Herr!» Ein alter Mann wirft sich zu Boden und bleibt in dieser Stellung.

«Ananias, der Herr ist gut. Er ist gekommen, um deine Verwandte zu trösten und auch uns Trost zu schenken», sagt Anna, die den Greis in seiner übergroßen Erregung beruhigen möchte.

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Doch der Mann wagt es nicht, sich zu rühren. Er weint und sagt: «Unser Blut ist verdammt. Ich kann den Herrn nicht ansehen.»

Jesus geht zu ihm. Er berührt sein Haupt und sagt dieselben Worte, die er schon Maria des Simon gesagt hat: «Die Angehörigen, die ihre Pflicht erfüllt haben, dürfen sich nicht verantwortlich fühlen für die Sünde des Verwandten. Mut, Mann! Gott ist gerecht. Der Friede sei mit dir und diesem Haus. Ich bin gekommen, und du wirst gehen, wohin ich dich schicke. Am zusätzlichen Osterfest werden die Jünger in Bethanien sein. Du wirst zu ihnen gehen und sagen, daß du den Herrn am zwölften Tag nach seinem Tod in Kerioth gesehen hast, lebend und wahrhaftig, mit Seele und Leib und in seiner Göttlichkeit. Sie werden dir glauben, denn ich bin schon lange bei ihnen gewesen. Aber es wird sie im Glauben an meine göttliche Natur stärken, wenn sie erfahren, daß ich am gleichen Tag an verschiedenen Orten gewesen bin. Und zuvor schon, heute noch, wirst du nach Kerioth gehen und den Synagogenvorsteher bitten, das Volk zu versammeln und in Anwesenheit aller zu sagen, daß ich hier gewesen bin und daß sie sich meiner Worte beim Abschied erinnern sollen. Gewiß werden sie dir sagen: "Warum ist er nicht zu uns gekommen?" Dann sollst du antworten: "Der Herr läßt euch sagen, daß er sich euch gezeigt hätte, wenn ihr an der unschuldigen Mutter getan hättet, worum er euch gebeten hatte. Ihr habt gegen die Liebe gefehlt, und der Herr hat sich deshalb nicht gezeigt." Wirst du das tun?»

«Es wird sehr schwierig sein, Herr! Sehr schwer! Sie halten uns alle für Aussätzige des Herzens... Der Synagogenvorsteher wird mich nicht anhören und mich nicht zum Volk reden lassen. Vielleicht wird er mich schlagen... Doch ich werde es tun, weil du es willst.» Der Greis schaut nicht auf. Er spricht tief gebeugt.

«Sieh mich an, Ananias!»

Der Mann erhebt sein in Ehrfurcht erschauerndes Gesicht.

Jesus ist strahlend und schön wie auf dem Tabor... Das Licht umhüllt ihn und verbirgt sein Antlitz und sein Lächeln... Und der Hausflur ist auf einmal leer, ohne daß eine Tür sich bewegt hätte, um ihn hinauszulassen. Die beiden beten an, beten immer noch an. Sie sind ganz Anbetung der göttlichen Erscheinung.

III. In Jutta

Der Obstgarten beim Haus der Sara. Die Kinder spielen unter den grünen Bäumen. Der Kleinste wälzt sich im Gras unter einer Reihe dichtbelaubter Reben. Die anderen, etwas größeren zwitschern glücklich wie Schwalben und spielen Verstecken zwischen den Hecken und Reben.

Jesus erscheint bei dem Kleinsten, dem er den Namen gegeben hat. O heilige Einfalt der Unschuldigen! Jesai ist gar nicht erstaunt, ihn plötzlich

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dort zu sehen. Er streckt seine Händchen aus, um auf den Arm genommen zu werden. Und Jesus tut es. Die größte Natürlichkeit liegt in dem Tun der beiden. Nun kommen die anderen Kinder herbeigeeilt und – noch einmal selige Einfalt der Kinder! – sie nähern sich ihm glückselig und keinesfalls überrascht. Für sie scheint sich nichts geändert zu haben. Vielleicht wissen sie nichts. Doch nachdem Jesus eines nach dem anderen liebkost hat, sagt Maria, die Älteste und Vernünftigste: «Leidest du jetzt nicht mehr, Herr, nun da du auferstanden bist? Ich habe so großen Schmerz empfunden!»

«Ich leide nicht mehr. Ich bin gekommen, um euch zu segnen, bevor ich zu meinem und eurem Vater in den Himmel auffahre. Aber auch von dort werde ich euch segnen, wenn ihr immer brav seid. Sagt denen ' die mich lieben, daß ich euch heute meinen Segen für sie gelassen habe. Und denkt immer an diesen Tag.»

«Kommst du nicht ins Haus? Die Mama ist da. Uns werden sie nicht glauben», sagt wiederum Maria.

Ihr Bruder hingegen fragt nicht lange, er schreit: «Mama, Mama, der Herr ist hier!» und läuft zum Haus und ruft sie noch einmal.

Sara kommt heraus... Gerade noch rechtzeitig, um Jesus am Rand des Obstgartens in seiner ganzen Schönheit zu sehen, und wie er sich dann in Licht auflöst und verschwindet...

«Der Herr! Warum habt ihr mich denn nicht früher gerufen ... ?» fragt Sara, sobald sie wieder imstande ist zu sprechen. «Aber wann und woher ist er gekommen? Ist er allein gewesen? Wie seid ihr doch dumm!»

«Wir haben ihn hier getroffen. Auf einmal war er da... Von der Straße ist er nicht gekommen und auch nicht aus dem Garten. Er hatte Jesai auf dem Arm. Und er hat gesagt, daß er gekommen ist, um uns zu segnen und uns seinen Segen für all jene in Jutta zu lassen, die ihn lieben. Er hat auch gesagt, daß wir diesen Tag nicht vergessen sollen. Und nun geht er in den Himmel. Aber er wird uns lieben, wenn wir brav sind. Wie schön er gewesen ist! Er hatte Wunden an den Händen. Aber sie tun ihm nicht mehr weh. Auch die Füße waren verwundet. Ich habe sie im Gras gesehen. Diese Blume dort hat die Wunde eines Fußes berührt. Ich will sie pflücken...»Alle reden gleichzeitig und voll Begeisterung. Sie schwitzen sogar vor lauter Aufregung.

Sara liebkost sie und flüstert: «Gott ist groß! Gehen wir. Kommt. Wir wollen es allen sagen. Sprecht ihr, ihr Unschuldigen. Ihr könnt von Gott sprechen.»

IV Beim Jüngling Jaia zu Pella

Der Jüngling steht vor einem Wagen und belädt ihn eifrig mit Gemüse, das er in einem nahen Garten geerntet hat. Das Eselchen schlägt mit den Hufen auf den harten Boden des Feldweges.

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Als er sich umwendet, um einen Korb voll Salat zu nehmen, sieht er Jesus, der ihm zulächelt. Er läßt den Korb auf den Boden fallen und kniet nieder. Während er sich die Augen reibt und nicht an das glauben kann, was er sieht, murmelt er: «Allerhöchster, laß mich nicht einem Trugbild erliegen. Erlaube nicht, Herr, daß Satan mich mit falschen, verführerischen Visionen täuscht. Mein Herr ist doch tot! Man hat ihn begraben, und nun sagt man, daß sein Leichnam gestohlen worden ist. Erbarmen, allerhöchster Herr! Zeige mir die Wahrheit!»

«Ich bin die Wahrheit, Jaia. Ich bin das Licht der Welt. Schau mich an. Ich habe dir das Augenlicht wiedergegeben, damit du meine Macht und meine Auferstehung bezeugen kannst.»

«Oh, es ist wirklich der Herr! Du bist es! Ja, du bist Jesus!» Er rutscht auf den Knien zu Jesus, um ihm die Füße zu küssen.

«Du wirst berichten, daß du mich gesehen und mit mir geredet hast, und daß ich lebe. Du wirst sagen, daß du mich heute gesehen hast. Der Friede und mein Segen seien mit dir.»

Jaia ist wieder allein. Und glücklich. Er vergißt seinen Karren und das Gemüse. Vergebens scharrt das Eselchen unruhig mit dem Huf und protestiert mit «iah» gegen das lange Warten... Jaia ist außer sich vor Freude.

Eine Frau kommt aus dem Haus neben dem Garten und sieht ihn bleich vor Erregung und mit abwesendem Blick dastehen. Sie ruft: «Jaia! Was hast du? Was ist geschehen?» Sie eilt zu ihm, schüttelt ihn, bringt ihn wieder zu sich...

«Der Herr! Ich habe den auferstandenen Herrn gesehen! Ich habe seine Füße geküßt und die Wunden gesehen! Sie haben alle gelogen! Er war wirklich Gott und ist auferstanden. Ich hatte Angst, es könnte eine Täuschung sein. Doch er ist es! Er ist es!»

Die Frau zittert nun ihrerseits vor Erregung und sagt leise: «Bist du wirklich sicher?»

«Du bist gut, Frau. Aus Liebe zu ihm hast du meine Mutter und mich in deinen Dienst genommen. Sei nicht ungläubig.»

«Wenn du sicher bist, glaube ich. Aber ist es wirklich Fleisch gewesen? War er warm? Hat er geatmet? Hat er gesprochen? Hatte er wirklich eine Stimme, oder hast du es dir nur eingebildet?»

«Ich bin ganz sicher. Es war das warme Fleisch eines Lebenden. Es war eine richtige Stimme. Und er hat geatmet. Schön wie Gott, war er doch Mensch wie du und ich. Gehen wir, gehen wir, und berichten wir denen, die leiden oder Zweifel haben.»

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V Bei Johannes von Nob

Der Alte ist allein in seinem Haus, scheint jedoch frohen Mutes zu sein. Er flickt eine Art Stuhl, der an einer Seite aus dem Leim gegangen ist, und lächelt irgend einem Traum nach.

Da klopft es an der Tür. Der Alte sagt, ohne seine Arbeit zu unterbrechen: «Herein. Was wollt ihr, ihr da draußen? Immer noch dieselben? Ich bin zu alt, um mich zu ändern! Auch wenn die ganze Welt mir zurufen würde: "Er ist tot", würde ich sagen: "Er lebt." Auch wenn ich dafür sterben müßte. Herein also!»

Er steht auf und geht zur Tür, um nachzusehen, wer da anklopft und nicht hereinkommt. Aber als er schon fast an der Tür ist, geht sie auf und Jesus steht vor ihm.

«Oh! Oh! Oh! Mein Herr! Lebendig! Ich habe geglaubt! Und nun kommt er, um meinen Glauben zu belohnen! Gepriesen seist du! Ich habe nicht gezweifelt. In meinem Schmerz habe ich mir gesagt: "Wenn er mir für das Mahl der Freude das Lamm geschickt hat, so ist das ein Zeichen, daß er an diesem Tag auferstehen wird." Da habe ich alles verstanden. Als du gestorben bist und die Erde gebebt hat, habe ich begriffen, was ich zuvor nicht verstanden hatte. Und man hat mich in Nob für verrückt gehalten, denn nach Sonnenuntergang am Tag nach dem Sabbat habe ich das Mahl vorbereitet, bin hinausgegangen und habe Bettler eingeladen mit den Worten: "Unser Freund ist auferstanden." Man sagte schon, daß es nicht wahr sei. Man behauptete, daß sie dich in der Nacht gestohlen hätten. Aber ich habe das nicht geglaubt, denn seit du gestorben bist, habe ich gewußt, daß du nur gestorben bist, um wieder aufzuerstehen, und daß dies das Zeichen des Jonas sein würde.»

Jesus läßt ihn reden und lächelt. Dann fragt er: «Und nun willst du immer noch sterben? Oder willst du leben und meine Herrlichkeit bezeugen?»

«Wie du willst, Herr!»

«Nein, wie du willst.»

Der Greis überlegt. Schließlich entscheidet er sich: «Es wäre schön, die Welt zu verlassen, in der du nicht mehr bist. Aber ich verzichte auf den Frieden des Himmels, um den Ungläubigen zu sagen: "Ich habe ihn gesehen."»

Jesus legt ihm die Hand aufs Haupt, segnet ihn und sagt. «Aber bald wird auch der Friede kommen, und du wirst zu mir kommen mit dem Rang eines Bekenners Christi.»

Jesus geht. Vielleicht mit Rücksicht auf den betagten Alten ist er hier nicht auf wunderbare Weise erschienen und entschwunden, sondern hat es ganz so getan, als wäre er noch der Jesus von zuvor, der wie ein gewöhnlicher Mensch ein Haus betrat oder verließ.

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VI. Bei Matthias, dem einsamen Alten bei Jabes Galaad

Der alte Mann ist mit seinem Gemüse beschäftigt und führt Selbstgespräche: «Meine ganzen Reichtümer sind für ihn. Und er wird sie nicht mehr kosten. Umsonst habe ich gearbeitet. Ich glaube, daß er der Sohn Gottes war, der gestorben und auferstanden ist. Aber er ist nicht mehr der Meister, der sich an den Tisch des Reichen oder des Armen setzt und mit gleicher Liebe, vielleicht, gewiß sogar, mit größerer Liebe das Mahl mit dem Armen als mit dem Reichen teilt. Nun ist er der auferstandene Herr. Er ist auferstanden, um uns, seine Gläubigen, im Glauben zu bestärken. Und sie sagen, es ist nicht wahr. Sie sagen, daß niemand jemals aus sich selbst auferstanden ist. Niemand. Nein. Kein Mensch. Aber er schon! Denn er ist Gott.»

Er klatscht in die Hände, um seine Tauben zu verjagen, die geflogen kommen, um Samen aus der gerade umgegrabenen und eingesäten Erde zu stibitzen, und sagt: «Umsonst vermehrt ihr euch nun. Er wird sich nicht mehr an eurer Brut erfreuen! Und ihr, nutzlose Bienen? Für wen bereitet ihr noch Honig? Ich habe so sehr gehofft, ihn wenigstens noch einmal bei mir zu haben, nun, da ich nicht mehr so bettelarm bin. Alles ist gut gediehen, nachdem er hier war... Ah! Aber mit dem Geld, das ich nie angerührt habe, will ich nach Nazareth zu seiner Mutter gehen und ihr sagen: "Mache mich zu deinem Diener, doch laß mich bei dir sein, denn du bist immer er..."» Und der Alte wischt sich mit dem Handrücken eine Träne ab.

«Matthias, hast du ein Brot für einen Pilger?»

Matthias hebt den Kopf, aber da er am Boden kniet, sieht er nicht, wer hinter der hohen Hecke spricht, die seinen kleinen Besitz umgibt, der so verloren in dieser grünen Einsamkeit jenseits des Jordan liegt. Er antwortet: «Wer du auch bist, komm im Namen des Herrn Jesus!» Und er steht auf, um das Türchen zu öffnen.

Als er sich Jesus gegenübersieht, bleibt er, die Hand auf dem Riegel, wie angewurzelt stehen.

«Willst du mich nicht als Gast haben, Matthias? Du hast mich schon einmal gehabt und gerade bedauert, daß sich das nicht wiederholen würde. Ich bin hier, und du willst mir nicht öffnen?» sagt Jesus lächelnd.

«Oh, Herr, ich... ich bin nicht würdig, daß mein Herr hier hereinkommt... Ich...»

Jesus legt die Hand auf den Verschluß, schiebt den Riegel zurück und sagt: «Der Herr kann eintreten, wo er will, Matthias!» Er geht durch den bescheidenen Garten zum Haus und sagt auf der Schwelle: «Opfere also die Brut deiner Tauben. Nimm dein Gemüse aus der Erde und hole den Honig deiner Bienen. Wir werden zusammen das Brot brechen, und deine Arbeit wird nicht mehr umsonst und dein Wunsch nicht vergebens gewesen

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sein. Und dieser Ort wird dir lieb sein, so daß du nicht mehr dorthin zu gehen brauchst, wo bald Schweigen und Verlassenheit sein wird. Ich bin überall, Matthias. Wer mich liebt, ist immer bei mir. Meine Jünger werden in Jerusalem sein. Dort wird meine Kirche erstehen. Sieh zu, daß du am zusätzlichen Osterfest dort bist.»

«Verzeih mir, Herr. Aber ich habe es dort nicht ausgehalten und bin geflohen. Ich war am Tag vor dem Rüsttag um die neunte Stunde angekommen und tags darauf... Oh, da bin ich geflohen, um dich nicht sterben sehen zu müssen! Nur deshalb, Herr!»

«Ich weiß es. Und ich weiß, daß du als einer der ersten zurückgekehrt bist, um an meinem Grab zu weinen. Aber es war schon leer. Ich weiß alles. Sieh, nun setze ich mich hierher und ruhe mich aus. Ich habe mich immer ausgeruht hier... Und die Engel wissen es.»

Der Mann hantiert, aber mit so ehrfürchtigen Bewegungen, als befände er sich in einer Kirche. Ab und zu trocknet er eine Träne, die sich in sein Lächeln mischen möchte, während er kommt und geht, die Täubchen holt, sie tötet, vorbereitet, und das Feuer schürt. Dann holt er das Gemüse, wäscht es, legt auf einen Teller die ersten Feigen und deckt den armseligen Tisch mit seinem besten Geschirr. Aber wie kann er sich setzen und essen, als alles bereit ist? Er will nur dienen, und das scheint ihm schon viel zu sein. Mehr will er nicht. Aber Jesus, der gesegnet und aufgeopfert hat, reicht ihm die Hälfte des Täubchens, dessen Fleisch er zerschnitten und auf ein zuvor in die Sauce getauchtes Stück Brot gelegt hat.

«Oh, wie einem Lieblingssohn!» sagt der Mann und ißt unter Tränen der Freude und Rührung, ohne den Blick von Jesus zu wenden, der ißt... und trinkt, das Gemüse, das Obst und den Honig genießt und ihm seinen Becher reicht, nachdem er einen Schluck Wein daraus getrunken hat. Früher hat er nur Wasser getrunken.

Das Mahl ist beendet.

«Wie du siehst, lebe ich. Und du bist glücklich. Vergiß nicht, daß ich vor zwölf Tagen durch den Willen der Menschen gestorben bin. Doch der Menschen Wille ist nichts, wenn der Wille Gottes ihm nicht zustimmt. Ja, das gegensätzliche Wollen der Menschen wird sogar zum dienstbaren Werkzeug des ewigen Willens. Leb wohl, Matthias. Ich habe gesagt, daß bei mir sein wird, wer mir zu trinken gegeben hat, als ich ein Pilger war und man noch an mir zweifeln durfte. Und ich sage dir: Du wirst teilhaben an meinem himmlischen Reich.»

«Aber nun verliere ich dich, o Herr!»

«In jedem Pilger wirst du mich sehen, in jedem Bettler, in jedem Kranken, in jedem, der Brot, Wasser und Kleider braucht. Ich bin in jedem, der leidet, und daher wird man alles, was man einem Leidenden tut, mir tun.»

Jesus breitet segnend die Arme aus und verschwindet.

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VII. Bei Abraham in Engedi

Der Marktplatz von Engedi: ein von rauschenden Palmen gebildeter Säulentempel. Der Brunnen: ein Spiegel des Aprilhimmels. Die Tauben: leise, tiefe Orgeltöne. Der alte Abraham überquert den Platz und trägt seine Arbeitsgeräte auf der Schulter. Er ist noch älter geworden, aber er ist still und heiter wie einer, der Ruhe gefunden hat nach vielen Stürmen. Nachdem er die Stadt durchquert hat, geht er in die Weinberge nahe den Quellen, in diese so fruchtbaren Weinberge, die schon eine reiche Ernte versprechen. Dort beginnt er, den Boden zu lockern, zu beschneiden und aufzubinden. Ab und zu schaut er auf, stützt sich auf die Hacke und denkt nach. Er glättet seinen patriarchalischen Bart, seufzt und schüttelt das Haupt in einem inneren Gespräch mit sich selbst.

Ein ganz in seinen Mantel gehüllter Mann geht die Straße zu den Quellen und dem Weinberg hinauf. Ich sage: ein Mann, doch es ist Jesus. Sein Mantel und sein Gang. Für den Alten aber ist er ein Mann. Und dieser Mann fragt Abraham: «Darf ich mich hier ausruhen?»

«Die Gastfreundschaft ist heilig. Ich habe sie niemals jemandem verweigert. Komm, tritt ein. Die Ruhe möge dir süß sein im Schatten meiner Reben. Möchtest du Milch? Brot? Ich will dir geben, was ich hier habe.»

«Und ich, was kann ich dir geben? Ich habe nichts.»

«Er, der der Messias ist, hat mir alles gegeben, für alle Menschen. Und was immer ich auch gebe, es ist nichts im Vergleich zu dem, was er mir gegeben hat.»

«Weißt du, daß sie ihn gekreuzigt haben?»

«Ich weiß, daß er auferstanden ist. Bist du einer von denen, die ihn gekreuzigt haben? Ich darf nicht hassen, denn er will keinen Haß. Aber wenn ich dürfte, würde ich dich hassen, wenn du einer von ihnen bist.»

«Ich bin keiner der Kreuziger. Sei beruhigt. Du weißt also alles über ihn?»

«Alles. Und Elisäus... Das ist mein Sohn, weißt du? Elisäus ist nicht mehr aus Jerusalem zurückgekommen und hat mir sagen lassen: "Entlasse mich, Vater. Ich will meinen Besitz verlassen und den Herrn predigen. Ich werde nach Kapharnaum gehen, Johannes suchen und mich den treuen Jüngern anschließen."»

«Dein Sohn hat dich also verlassen? In deinem Alter und allein?»

«Was du "verlassen" nennst, ist für mich eine lange erträumte Freude. Hatte ich ihn nicht durch den Aussatz verloren? Und wer hat ihn mir wiedergegeben? Der Messias. Und verliere ich ihn denn, wenn er den Herrn predigt? Aber nein! Ich werde ihn auch im ewigen Leben wiederfinden. Doch du redest in einer Weise, die mich mißtrauisch macht. Hat dich der Tempel geschickt? Kommst du, um jene zu verfolgen, die an den Auferstandenen glauben? Schlage mich! Ich fliehe nicht. Ich mache es nicht

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wie die drei Magier in längst vergangener Zeit. Ich bleibe. Denn wenn ich seinetwegen falle, werde ich ihm im Himmel begegnen, und mein Gebet vom vorigen Jahr wird erhört werden.»

«Das ist wahr. Du hast damals gesagt: "Ich habe gehofft auf den Herrn, und er neigte sich mir und hörte mein Rufen."»

«Woher weißt du das? Bist du einer seiner Jünger? Warst du hier bei ihm, als ich ihn gebeten habe? Oh, wenn du einer von ihnen bist, so hilf mir, daß mein Rufen zu ihm gelangt und er sich meiner erinnert.» Er wirft sich zu Boden in der Meinung, einen Apostel vor sich zu haben.

«Ich bin es, Abraham von Engedi, und ich sage dir: "Komm!"» Jesus gibt sich zu erkennen, breitet die Arme aus und lädt ihn ein, an sein Herz zu kommen.

Im gleichen Augenblick kommt ein Knabe in den Weingarten, gefolgt von einem Jüngling, und ruft: «Vater! Vater, hier sind wir, um dir zu helfen.»

Aber ein gewaltiger Aufschrei des kraftvollen Alten übertönt den zwitschernden Ruf des Kindes, ein Schrei wahrer Befreiung: «Hier bin ich. Ich komme!» Und Abraham wirft sich in die Arme Jesu und ruft noch einmal: «Jesus! Heiliger Messias! In deine Hände empfehle ich meinen Geist!»

Seliger Tod! Beneidenswerter Tod! Am Herzen Jesu, im heiteren Frieden der blühenden Frühlingslandschaft...

Jesus legt den Alten sanft auf das blühende, in der Brise wogende Gras am Fuß eines Weinstockes und sagt zu den erstaunten und erschrockenen Kindern, die den Tränen nahe sind: «Weint nicht. Er ist im Herrn gestorben. Selig, die in ihm sterben. Geht, Knaben, und sagt den Leuten von Engedi Bescheid, daß ihr Synagogenvorsteher den Auferstandenen gesehen hat und daß dieser sein Gebet erhört hat. Weint nicht! Weint nicht!» Er liebkost sie und geleitet sie zum Ausgang. Dann kehrt Jesus zu dem Toten zurück, ordnet sein Haar und seinen Bart, schließt die halbgeöffneten Augen, faltet die Hände und breitet den Mantel, den Abraham zur Arbeit abgelegt hatte, über den Leichnam.

Er bleibt, bis er Stimmen auf dem Weg hört. Dann richtet er sich auf. Strahlend... Die herbeieilenden Leute sehen ihn noch. Sie schreien und beschleunigen ihre Schritte. Aber Jesus entzieht sich ihren Blicken im Glanz eines Strahles, der heller leuchtet als die Sonne.

VIII. Elias, der Essener vom Kerith

Die rauhe Einsamkeit des wilden Gebirges, in dem sich der Kerith erhebt. Elias betet. Er ist noch hagerer und bärtiger geworden, und in dem groben Wollgewand, das weder grau noch braun ist, unterscheidet er sich kaum von dem Gestein, das ihn umgibt.

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Er vernimmt ein Geräusch, ähnlich dem Sturm oder dem Donner, und blickt auf. Jesus ist auf einem Fels erschienen, der über dem Abgrund hängt. In der Tiefe fließt ein Bach.

«Der Meister!» Elias wirft sich nieder und berührt mit der Stirn den Boden.

«Ich bin es, Elias! Hast du das Erdbeben am Rüsttag nicht bemerkt?»

«Ich habe es bemerkt und bin nach Jericho und zu Nike gegangen. Aber ich habe keinen von denen gefunden, die dich lieben. Ich habe nach dir gefragt, und man hat mich geschlagen. Dann habe ich die Erde ein zweites Mal beben gefühlt, diesmal nicht mehr so stark, und bin hierher zurückgekehrt, um Buße zu tun; denn ich dachte, die Schleusen des göttlichen Zornes hätten sich geöffnet.»

«Der göttlichen Barmherzigkeit. Ich bin gestorben und auferstanden. Sieh meine Wunden. Geh zum Tabor und schließe dich den Dienern des Herrn an und sage ihnen, daß ich dich geschickt habe.»

Jesus segnet ihn und verschwindet.

IX. In Caesarea Philippi

Der kleine Junge der Dorkas macht mit Hilfe seiner Mutter die ersten Schrittchen auf der Bastion der Festung. Und Dorkas bemerkt in ihrer gebückten Haltung nicht, daß der Herr erscheint. Doch nun, da sie das Kind losgelassen hat und dieses ganz sicher und flink zur Ecke der Bastei läuft, richtet sie sich auf, um ihm zu folgen, damit es nicht etwa fällt oder gar zwischen die Zinnen oder in eine Schießscharte schlüpft und hinunterstürzt. Und während sie dies tut, sieht sie, daß Jesus das Kind in seine Arme schließt und es küßt. Die Frau wagt sich nicht zu rühren. Sie stößt nur einen lauten Schrei aus. Einen Schrei, der die Leute in den Höfen nach oben schauen und Gesichter in den Fenstern erscheinen läßt. «Der Herr! Der Herr! Der Messias ist da! Er ist wahrhaft auferstanden!» Aber noch bevor die Leute herbeieilen können, ist Jesus schon verschwunden.

«Du bist von Sinnen! Du hast geträumt! Ein Spiel des Lichts hat dich ein Gespenst sehen lassen.»

«Oh, er war sehr lebendig. Seht mein Kind, wie es dorthin schaut und was für einen schönen Apfel, so schön wie sein kleines Gesicht, es in seinen Händchen hat! Es beißt mit seinen ersten Zähnchen hinein und lacht. Ich habe keine Äpfel...»

«Niemand hat um diese Zeit reife Äpfel, und so frische ...» sagen alle verwundert.

«Wir wollen Tobias fragen», sagen einige Frauen.

«Wie, was wollt ihr tun? Er kann doch kaum "Mama" sagen», spotten die Männer.

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Aber die Frauen neigen sich über das Kind und sagen: «Wer hat dir den Apfel geschenkt?»

Und der Mund, der kaum die ersten Worte eines Kindes aussprechen kann, zeigt lächelnd seine winzigen Zähnchen und die Lücken dazwischen und sagt deutlich: «Jesus.»

«Oh!»

«Ihr nennt ihn Jesai! Er sagt nur seinen Namen.»

«Jesus, du, oder Jesus, der Herr? Welcher Herr? Wo hast du ihn gesehen?» fragen die Frauen weiter.

«Dort, den Herrn. Jesus, den Herrn.»

«Wo ist er jetzt? Wo ist er hingegangen?»

«Dorthin.» Das Kind zeigt zum sonnenüberfluteten Himmel, lacht glücklich und nagt an seinem Apfel.

Während die Männer sich kopfschüttelnd entfernen, sagt Dorkas zu den Frauen: «Er war schön. Er schien in Licht gekleidet zu sein. Und er hatte an den Händen die Male der Nägel, die in seinem hellen Licht wie rote Edelsteine leuchteten. Ich habe es gut gesehen, denn er hielt das Kind so», und sie macht die Haltung Jesu nach.

Der Verwalter kommt herbei, läßt sich das Vorgefallene noch einmal erzählen, überlegt und sagt schließlich: «Im Psalm heißt es: "Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du dir Lob bereitet." Warum soll es nicht wahr sein? Sie sind unschuldig. Und wir... Vergessen wir diesen Tag nicht... Aber nein! Ich werde in das Dorf der Jünger gehen. Ich will sehen, ob der Rabbi dort ist... Und doch... Er war tot ...»

Und mit diesem Entschluß entfernt sich der Verwalter, während die Frauen dem Kind ganz aufgeregt immer wieder Fragen stellen, worauf dieses lächelnd wiederholt: «Jesus, dort. Und dann da. Jesus, der Herr.»Und es zeigt dabei auf die Stelle, wo Jesus gestanden ist, und dann zur Sonne, in der er verschwunden ist. Es ist überglücklich.

X In Kedes

Die Leute von Kedes haben sich in der Synagoge versammelt und besprechen mit dem alten Matthias, dem Synagogenvorsteher, die letzten Ereignisse. In der Synagoge ist es ziemlich dunkel, da die Türen geschlossen und die Vorhänge an den Fenstern zugezogen sind; schwere Vorhänge, die der Frühlingswind kaum bewegt.

Da erhellt ein Blitz den Raum. Es scheint ein Blitz zu sein, aber es ist das Licht, das den Erscheinungen Jesu vorangeht. Und Jesus offenbart sich den überraschten Menschen. Er breitet die Arme aus und die Wunden an Händen und Füßen sind deutlich zu sehen, denn er steht auf der obersten der drei Stufen, die zu einer verschlossenen Türe führen. Er sagt: «Ich bin auferstanden. Erinnert euch an das Gespräch zwischen mir und

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den Schriftgelehrten. Ich habe nun diesem bösen Geschlecht das Zeichen gegeben, das ich versprochen hatte. Das Zeichen des Jonas. Denen, die mich lieben und mir treu sind, gebe ich meinen Segen.» Mehr sagt er nicht und ist schon verschwunden.

«Aber das war doch er! Woher ist er gekommen? Er war lebendig! Er hatte es vorausgesagt! Jetzt, jetzt verstehe ich das Zeichen des Jonas: drei Tage im Schoß der Erde und dann die Auferstehung...»

Ein großes Stimmengewirr.

XI. In Gischala

Eine Gruppe giftiger Rabbis, die einige zögernde Männer überzeugen wollen, ihrer Bitte zu entsprechen. Sie möchten nämlich, daß diese zu Gamaliel gehen, der sich in seinem Haus eingeschlossen hat und niemanden sehen will.

Die Männer sagen: «Wir sagen euch doch, daß er nicht hier ist. Wir wissen nicht, wo er ist. Er ist gekommen, hat ein paar Schriftrollen durchgesehen und ist wieder abgereist. Er hat kein Wort gesagt. Und er schien so verstört und gealtert, daß man Angst bekam.»

Unfreundlich kehren die Rabbis den Männern den Rücken und sagen im Weggehen: «Auch Gamaliel ist von Sinnen, wie Simon. Es ist nicht wahr, daß der Galiläer auferstanden ist! Es ist nicht wahr! Nichts ist wahr! Es ist nicht wahr, daß er Gott ist. Es ist nicht wahr. Nichts ist wahr. Nur wir sind in der Wahrheit.» Schon die Erregung, mit der sie sagen, daß es nicht wahr ist, zeigt ihre Angst, daß es doch wahr sein könnte, und ihr Bedürfnis, sich selbst zu überzeugen.

Sie sind an der Hausmauer entlang zum Grab des Hillel gegangen. Immer noch wiederholen sie mit Gezeter ihre Leugnung, als sie aufschauen... und mit einem Angstschrei entfliehen. Jesus, der so gut zu den Guten ist, steht vor ihnen: furchtbar in seiner Macht, mit ausgebreiteten Armen wie am Kreuz... Die Wundmale an den Händen sind so rot, als würden sie immer noch bluten. Er sagt kein Wort. Aber seine Blicke schleudern Blitze.

Die Rabbis flüchten, fallen, stehen wieder auf, verletzen sich an Bäumen und Steinen, sind vor Angst ganz von Sinnen. Sie gleichen Mördern, denen man ihr Opfer zeigt.

XII. Bei Joachim und Maria in Bozrah

«Maria! Maria! Joachim und Maria! Kommt heraus!»

Die beiden sitzen in einem stillen, von einer Lampe erhellten Raum. Die eine mit einer Näharbeit beschäftigt, der andere über Abrechnungen gebeugt. Sie heben die Köpfe und sehen sich an... Joachim wird blaß vor

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Angst und flüstert: «Die Stimme des Rabbi! Sie kommt aus dem Jenseits...» Die Frau schmiegt sich furchtsam an den Mann. Doch der Ruf ertönt von neuem, und die beiden umarmen sich fest, um sich gegenseitig Mut zu machen, und gehen hinaus, der Stimme entgegen.

Im Garten, über dem die Sichel des Neumonds glänzt, erstrahlt in einem viel stärkeren Licht als dem vieler Monde Jesus. Im Licht, das ihn umgibt, ist er Gott. Menschlich ist das sanfte Lächeln und der liebevolle Blick. «Geht und sagt den Leuten von Bozrah, daß ihr mich wirklich und wahrhaftig lebendig gesehen habt. Und du, Joachim, sage es all denen, die sich auf dem Tabor versammelt haben.» Er segnet sie und verschwindet.

«Er war es! Es war kein Traum! Ich... Morgen werde ich nach Galiläa gehen. Er hat doch gesagt, auf dem Tabor, nicht wahr?»

XIII. In Ephraim bei Maria des Jakob

Die Frau rührt Mehl ein, um Brot zu backen. Sie wendet sich um, da sie sich rufen hört, und sieht Jesus. Sogleich wirft sie sich auf ihr Antlitz in stummer, etwas furchtsamer Anbetung.

Jesus sagt: «Du sollst allen sagen, daß du mich gesehen hast und daß ich mit dir gesprochen habe. Der Herr ist nicht der Macht des Grabes unterworfen. Ich bin am dritten Tag auferstanden, wie ich gesagt habe. Harrt aus, die ihr auf meinem Weg wandelt, und laßt euch nicht von den Worten jener verführen, die mich gekreuzigt haben. Mein Friede sei mit dir.»

XIV Bei Syntyche in Antiochia

Syntyche ist eben dabei, einen Reisesack zu packen. Es ist Abend, denn eine kleine, flackernde Lampe, die nur wenig Licht gibt, steht auf dem Tisch bei der Frau, die Kleider zusammenfaltet.

Plötzlich erfüllt helles Licht den Raum und Syntyche hebt erstaunt den Kopf, um zu sehen, was vor sich geht und woher dieses helle Licht in dem ganz verschlossenen Zimmer kommt. Aber noch bevor sie ihn sieht, sagt Jesus schon: «Ich bin es. Fürchte dich nicht. Ich habe mich vielen gezeigt, um ihren Glauben zu stärken. Auch dir, der gehorsamen und treuen Jüngerin, zeige ich mich. Ich bin auferstanden. Siehst du? Ich habe keine Schmerzen mehr. Warum weinst du?»

Die Frau findet angesichts der Schönheit des Verherrlichten keine Worte... Jesus lächelt ihr ermutigend zu und sagt: «Ich bin derselbe Jesus, der dich auf dem Weg bei Caesarea aufgenommen hat. Damals, als du so große Angst hattest und ich dir unbekannt war, konntest du sprechen. Und nun sagst du kein Wort zu mir?»

«O Herr! Ich wollte abreisen... Um mein Herz von so viel Unruhe und Leid zu befreien.»

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«Warum Leid? Haben sie dir nicht gesagt, daß ich auferstanden bin?»

«Sie haben es gesagt, und andere haben es geleugnet. Aber die Widersprüche haben mich nicht beunruhigt. Ich wußte, daß du nicht in einem Grab verwesen konntest. Ich habe über dein Martyrium geweint. Ich habe an deine Auferstehung geglaubt, noch bevor mir davon berichtet wurde. Und ich habe auch weiterhin daran geglaubt, als andere kamen und sagten, es sei nicht wahr. Doch ich wollte nach Galiläa gehen. Ich dachte: Ihm kann man nichts Böses mehr antun. Er ist nun mehr Gott als Mensch. Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke...»

«Ich verstehe deine Gedanken.»

«Und ich sagte mir: Ich werde ihn anbeten und Maria sehen. Da ich glaubte, daß du nicht lange unter uns weilen würdest, habe ich die Abreise beschleunigt. Ich dachte: Wenn er zum Vater zurückgekehrt ist, wie er gesagt hat, wird seine Mutter ein wenig traurig sein in ihrer Freude. Denn sie ist eine Seele, aber auch eine Mutter... Und ich werde versuchen, sie zu trösten, nun, da sie allein ist... Ich war stolz!»

«Nein, du warst barmherzig. Ich werde meiner Mutter deine Absicht mitteilen. Aber gehe nicht dorthin. Bleibe, wo du bist, und arbeite weiter für mich. Nun mehr denn je, denn deine Brüder, die Jünger, brauchen die Mitarbeit aller, um meine Lehre zu verbreiten. Du hast mich gesehen. Die Mutter ist Johannes anvertraut. Quäle dich also nicht länger. Du wirst deinen Geist stärken in der Gewißheit, mich gesehen zu haben, und in der Kraft meines Segens.»

Syntyche fühlt ein großes Verlangen, ihn zu küssen, hat aber nicht den Mut. Jesus sagt zu ihr: «Komm.» Und sie rutscht auf den Knien zu Jesus, um seine Füße zu küssen. Doch als sie die beiden Wunden sieht, wagt sie es nicht, ergreift den Saum des Gewandes und küßt ihn weinend. Sie flüstert: «Was haben sie dir angetan?» Und dann folgt die Frage: «Und Johannes-Felix?»

«Er ist glücklich. Er erinnert sich an nichts anderes mehr als an die Liebe, und er lebt in der Liebe. Der Friede sei mit dir, Syntyche.» Jesus verschwindet.

Die Frau verharrt in ihrer anbetenden Haltung, kniend, mit erhobenem Gesicht, die Hände ein wenig ausgestreckt, Tränen in den Augen und mit einem Lächeln auf den Lippen.

XV Beim Leviten Zacharias

In einem kleinen Zimmer sitzt, in Gedanken verloren und das Haupt in die Hand gestützt, der Levit Zacharias.

«Zweifle nicht. Höre nicht auf die Stimmen, die dich verwirren. Ich bin die Wahrheit und das Leben. Sieh mich an. Berühre mich.»

Der Jüngling, der bei den ersten Worten den Blick erhoben, Jesus

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gesehen hat und sogleich auf die Knie geglitten ist, ruft: «Verzeih mir, Herr. Ich habe gesündigt. Ich habe den Zweifeln an deiner Wahrheit in mir Raum gegeben.»

«Mehr als du sind jene schuldig, die deine Seele verführen wollen. Erliege nicht ihren Versuchungen. Ich habe einen lebendigen und wirklichen Leib. Fühle das Gewicht und die Wärme, die Festigkeit und die Kraft meiner Hand.» Er ergreift ihn am Unterarm, stellt ihn auf die Füße und sagt: «Steh auf und wandle auf den Wegen des Herrn. Fort mit den Zweifeln und der Angst. Und selig sollst du sein, wenn du bis ans Ende ausharren wirst.»

Er segnet ihn und verschwindet.

Der Jüngling stürzt nach einigen Augenblicken betäubten Staunens aus dem Raum und ruft: «Mutter! Vater! Ich habe den Meister gesehen. Es ist nicht wahr, was die anderen sagen! Ich war nicht von Sinnen. Glaubt der Lüge nicht länger, sondern lobt mit mir den Allerhöchsten, der Erbarmen mit seinem Diener gehabt hat. Ich breche auf. Ich gehe nach Galiläa. Dort finde ich sicher einige seiner Jünger. Ich gehe und sage ihnen, daß sie glauben sollen, daß er wahrhaft auferstanden ist.»

Er nimmt weder eine Tasche mit Kleidern noch Lebensmittel, sondern wirft sich den Mantel um und eilt davon, ohne den Eltern Zeit zu lassen, sich von ihrer Überraschung zu erholen und ihn zurückzuhalten.

XVI. Bei einer Frau in der Ebene von Saron

Eine Küstenstraße. Vielleicht die Straße, die Caesarea mit Joppe verbindet oder eine andere. Ich weiß es nicht. Ich weiß, daß ich Felder auf der einen Seite und Meer auf der anderen sehe, ein lebhaftes Blau jenseits des gelben Uferstreifens. Es muß eine römische Straße sein. Die Pflasterung deutet darauf hin.

Eine weinende Frau geht in den ersten Stunden eines heiteren Morgens auf dieser Straße. Die Morgenröte ist soeben erst erschienen, und die Frau muß todmüde sein; denn ab und zu bleibt sie stehen und setzt sich auf einen Meilenstein oder direkt auf die Straße. Dann steht sie wieder auf und setzt ihren Weg fort, als ob irgend etwas sie antreiben würde, ungeachtet ihrer Müdigkeit.

Jesus, ein in seinen Mantel gehüllter Wanderer, begibt sich an ihre Seite. Die Frau sieht ihn nicht an. In ihren Schmerz versunken geht sie weiter. Jesus fragt sie: «Warum weinst du, Frau? Woher kommst du? Wohin gehst du so allein?»

«Ich komme aus Jerusalem und gehe nach Hause.»

«Ist es weit?»

«Auf halbem Weg zwischen Joppe und Caesarea.»

«Zu Fuß?»

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«Im Tal vor Modin haben Räuber mir den Esel gestohlen, mit allem, was darauf war.»

«Es war nicht klug von dir, dich allein auf den Weg zu machen. Es ist nicht üblich, allein zum Passahfest zu gehen.»

«Ich bin nicht zum Passahfest gegangen. Ich mußte zu Hause bleiben, weil ich ein krankes Kind habe. Hoffentlich habe ich es noch. Mein Mann war mit den anderen gegangen. Ich habe ihn vorausgeschickt, und vier Tage später bin dann ich gegangen. Denn ich habe mir gesagt: "Gewiß ist er in Jerusalem am Passahfest. Ich werde ihn suchen." Ich hatte ein wenig Angst. Aber ich habe gesagt: "Ich tue nichts Böses. Gott sieht mich. Ich glaube. Ich weiß, daß er gut ist. Er wird mich nicht abweisen, denn..."» Sie hält erschrocken inne und wirft einen flüchtigen Blick auf den Mann, der an ihrer Seite geht und so fest in seinen Mantel gehüllt ist, daß man kaum die Augen sieht, die unverwechselbaren Augen Jesu.

«Warum schweigst du? Hast du Angst vor mir? Hältst du mich für einen Feind dessen, den du gesucht hast? Denn du hast den Meister von Nazareth gesucht, um ihn zu bitten, in dein Haus zu kommen und das Kind zu heilen, solange dein Mann abwesend ist ...»

«Ich sehe, daß du ein Prophet bist. So ist es. Aber als ich in die Stadt kam, war der Meister tot.» Die Tränen ersticken ihre Stimme....

«Er ist auferstanden. Glaubst du das nicht?»

«Ich weiß es. Ich glaube es. Aber ich... Aber ich... Einige Tage habe ich gehofft, ihn zu sehen... Man sagt, daß er einigen erschienen ist. Ich habe die Abreise verschoben... Jeder Tag ein Kampf, denn mein Kind ist so schwer krank ... Mein Herz war geteilt... Sollte ich gehen, um es im Sterben zu trösten ... oder bleiben, um den Meister zu suchen... Ich erwartete nicht, daß er in mein Haus kommen würde. Ich hoffte nur, daß er mir die Heilung versprechen würde.»

«Und hättest du geglaubt? Meinst du, daß er aus der Ferne...»

«Ich glaube! Oh! Wenn er zu mir gesagt hätte: "Geh in Frieden. Dein Sohn wird gesund werden" ' ich hätte nicht gezweifelt. Aber ich verdiene es nicht, denn...» Sie weint und preßt den Schleier auf den Mund, wie um sich selbst zu hindern, weiterzusprechen.

«Weil dein Mann einer der Ankläger und Henker Jesu Christi gewesen ist. Aber Jesus Christus ist der Messias. Er ist Gott. Und Gott ist gerecht, Frau. Er bestraft nie den Unschuldigen für den Schuldigen. Er läßt eine Mutter nicht leiden, weil der Vater ein Sünder ist. Jesus Christus ist die lebendige Barmherzigkeit ...»

«Oh, bist du vielleicht einer seiner Apostel? Und weißt du vielleicht, wo er ist? Du... Vielleicht hat er dich zu mir gesandt, um mir dies zu sagen. Er hat mich gehört, hat meinen Schmerz, meinen Glauben gesehen und schickt dich, wie der Allerhöchste den Erzengel Raphael zu Tobias

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gesandt hat. Sage mir, ob es so ist, und ich werde, obgleich ich müde bin und beinahe fiebere, zurückkehren und den Herrn suchen ...»

«Ich bin kein Apostel. Aber die Apostel sind noch viele Tage nach der Auferstehung in Jerusalem geblieben...»

«Das ist wahr. Ich hätte sie fragen können.»

«So ist es. Sie setzen das Werk des Meisters fort.»

«Ich glaube nicht, daß sie Wunder wirken können.»

«Sie haben es schon getan.»

«Aber jetzt... Man hat mir gesagt, daß nur einer ihm treu geblieben ist, und ich dachte nicht ...»

«Ja. Dein Mann hat dir das gesagt und dich verspottet in seinem Wahn als falscher Sieger. Aber ich sage dir, jeder Mensch kann sündigen, denn Gott allein ist vollkommen. Der Mensch kann aber auch bereuen. Und wenn er bereut, dann wächst seine Seelenstärke, und Gott vermehrt seine Gnaden um der Reue willen. Hat der allmächtige Herr nicht auch David vergeben?»

«Aber wer bist du denn? Wer bist du, daß du so gütig und weise redest, wenn du kein Apostel bist? Vielleicht ein Engel? Der Engel meines Kindes? Vielleicht ist es gestorben, und du bist gekommen, um mich darauf vorzubereiten ...»

Jesus läßt den Mantel fallen und enthüllt Haupt und Antlitz. Und während der einfache Pilger das herrliche Aussehen des Gottmenschen annimmt, der von den Toten auferstanden ist, sagt er mit sanfter Feierlichkeit: «Ich bin es. Der Messias, der vergebens gekreuzigt wurde. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Geh, Frau. Dein Sohn lebt, denn ich habe deinen Glauben belohnt. Dein Sohn ist geheilt. Und wenn auch der Rabbi von Nazareth seine Mission beendet hat, setzt der Emmanuel die seine doch fort bis ans Ende der Zeiten für alle, die Gott Glauben, Hoffnung und Liebe entgegenbringen; Gott, dem Einen und Dreieinen, dessen eine Person das menschgewordene Wort ist, das aus göttlicher Liebe den Himmel verlassen hat und gekommen ist, um zu lehren, zu leiden, zu sterben und den Menschen das Leben zu schenken. Geh in Frieden, Frau. Sei stark im Glauben, denn die Zeit ist gekommen, da in einer Familie der Mann gegen die Frau, der Vater gegen die Kinder und diese gegen jenen sein werden aus Haß oder aus Liebe zu mir. Selig aber, die trotz der Verfolgungen nicht von meinem Weg abweichen.»

Jesus segnet sie und verschwindet.

XVII. Bei den Hirten auf dem Großen Hermon

Eine Gruppe von Hirten und Herden. Sie verweilen auf Hängen mit herrlichen Weiden und sprechen von den Geschehnissen in Jerusalem. Traurig sagen sie zueinander: «Der Freund der Hirten ist nicht mehr

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auf der Welt», und erinnern sich der vielen Begegnungen mit ihm hier und dort... «Begegnungen», sagt ein Greis, «die wir nie mehr haben werden.»

Jesus erscheint an diesem Ort, als trete er aus einem dichten Wald heraus, in dem das Unterholz zwischen den hohen Stämmen die Sicht auf die Straße versperrt. Sie erkennen ihn nicht in diesem einsamen Mann und flüstern, erstaunt über seine weiße Kleidung: «Wer mag das wohl sein? Ein Essener? Hier? Ein reicher Pharisäer?» Sie sind verblüfft.

Jesus fragt: «Warum sagt ihr, daß ihr dem Herrn nicht mehr begegnen werdet? Der, von dem ihr redet, ist doch der Herr.»

«Wir wissen es. Aber hast du nicht gehört, was sie ihm angetan haben? Nun sagen die einen, daß er auferstanden ist, und andere leugnen es. Aber selbst wenn er auferstanden ist, was wir viel lieber glauben, wird er doch jetzt fortgegangen sein. Wie könnte er noch ein Volk lieben und bei ihm verweilen, das ihn gekreuzigt hat! Und wir, die wir ihn liebten, auch wenn wir ihn nicht alle gekannt haben, sind traurig, ihn verloren zu haben.»

«Es ist aber möglich, ihn wieder bei sich zu haben. Er hat es gelehrt.»

«O ja. Wenn man tut, was er gelehrt hat, dann besitzt man das Reich des Himmels und ist bei ihm. Doch zuerst muß man leben und dann sterben. Und er ist nicht mehr unter uns, um uns zu trösten», sagen sie kopfschüttelnd.

«Meine Söhne, wer lebt, was er gelehrt hat, und seine Lehre im Herzen bewahrt, hat gleichsam Jesus im Herzen. Denn Wort und Lehre sind ein und dasselbe. Er war kein Meister, der Dinge gelehrt hat, die anders sind als er. Wer daher tut, was Jesus gesagt hat, der hat den lebendigen Jesus in sich und ist nicht von ihm getrennt.»

«Du hast recht. Aber wir sind arme Menschen und... möchten auch mit eigenen Augen sehen, um die Freude recht zu empfinden... Ich habe ihn niemals gesehen, mein Sohn ebenfalls nicht, und auch dieser hier, Jakob, nicht. Und Melchias, Jakob dort und Saul nicht. Siehst du, wie viele nur von uns ihn nie gesehen haben? Wir haben ihn immer gesucht, aber wenn wir ankamen, war er gerade fortgegangen.»

«Wart ihr denn an jenem Tag nicht in Jerusalem?»

«Oh ja, wir waren dort. Aber als wir hörten, was sie mit ihm tun wollten, sind wir wie Irre in die Berge geflohen und erst nach dem Sabbat in die Stadt zurückgekehrt. Wir sind nicht schuldig an seinem Blut, denn wir sind nicht in der Stadt gewesen. Aber es war schlecht von uns, so feige zu sein. Wir hätten ihn wenigstens sehen und grüßen können. Gewiß hätte er uns für diesen Gruß gesegnet... Doch wir hatten wirklich nicht den Mut, ihn während der Marter zu sehen...»

«Er segnet euch jetzt. Seht den, dessen Antlitz ihr zu kennen gewünscht habt.»

Jesus offenbart sich in seiner herrlichen Gottheit auf dem Grün der

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Wiese. Ihre Überraschung hat sie zu Boden geworfen, hält aber auch ihre Augen auf das göttliche Antlitz geheftet, und er entschwindet in einem aufleuchtenden Lichtschein.

XVIII. In Sidon,- im Haus des blindgeborenen Kindes

Der Knabe spielt ganz allein in einer dichten Laube. Er hört seinen Namen rufen und sieht sich Jesus gegenüber. Gar nicht ängstlich fragt er: «Bist du nicht der Rabbi, der mir die Augen geschenkt hat?» Und er blickt mit seinen klaren Kinderaugen, vom gleichen Blau wie die Augen Jesu, in die strahlenden, göttlichen Augen.

«Ich bin es, Kind. Hast du keine Angst vor mir?» Jesus streichelt sein Köpfchen.

«Angst nicht. Aber ich und die Mama, wir haben viel geweint, als der Vater vorzeitig zurückgekehrt ist und gesagt hat, daß er geflohen ist, weil sie den Rabbi gefangengenommen haben, um ihn zu töten. Er hat das Passahfest nicht gefeiert und muß nun noch einmal fortgehen, um es nachzuholen. Dann bist du also nicht gestorben?»

«Ich bin gestorben. Schau, die Wunden! Ich bin am Kreuz gestorben. Aber ich bin auferstanden. Sage deinem Vater, daß er nach dem zweiten Passahfest etwas länger in Jerusalem bleiben soll, in der Gegend des Ölgartens, in Bethphage. Dort wird er jemandem begegnen, der ihm sagen wird, was er tun soll...»

«Mein Vater wollte dich suchen. Beim Laubhüttenfest konnte er nicht mit dir reden. Er wollte dir sagen, daß er dich gern hat, weil du mir Augen geschenkt hast. Aber er konnte es nicht tun, damals nicht und jetzt nicht ...»

«Er wird es tun durch seinen Glauben an mich. Leb wohl, Kind. Der Friede sei mit dir und deiner Familie.»

XIX. Bei den Landarbeitern des Jochanan

Die Felder des Jochanan liegen im Mondschein. Absolute Stille. Die armen Unterkünfte der Landarbeiter zwingen in einer schwülen Nacht wie dieser dazu, wenigstens eine Tür offenzulassen, um nicht zu ersticken in den niedrigen Räumen, in denen zu viele Menschen zusammengepfercht sind.

Jesus betritt einen großen Raum. Es sieht aus, als würde der Mond seine Strahlen verlängern, um den gestampften Lehmboden für ihn mit einem königlichen Teppich zu bedecken. Jesus neigt sich über einen der Schläfer, der bäuchlings den schweren Schlaf des Müden schläft. Er ruft ihn. Dann geht er zu einem anderen, und so weiter. Er ruft sie alle, seine treuen und armen Freunde. Und er geht leicht und rasch wie ein Engel im Flug

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vorbei. Danach betritt er die anderen Hütten... Schließlich wartet er draußen bei einer Baumgruppe, bis die noch verschlafenen Landarbeiter ihre elenden Löcher verlassen. Zwei, drei, einer allein, fünf zusammen, einige Frauen. Sie sind erstaunt, daß eine so bekannte Stimme sie alle gerufen und zu allen dieselben Worte gesagt hat: «Kommt zu den Apfelbäumen.»

Während sie hingehen, ziehen die Männer ihre armseligen Kleider vollends an, die Frauen stecken ihre Zöpfe auf, und sie reden ganz leise.

«Mir schien es die Stimme Jesu von Nazareth zu sein.»

«Vielleicht war es sein Geist. Sie haben ihn getötet. Habt ihr es nicht gehört?»

«Ich kann es nicht glauben. Er war Gott.»

«Und doch hat Joel ihn mit dem Kreuz gehen sehen...»

«Mir haben sie gestern gesagt, als ich warten mußte, bis der Verwalter mit seinem Handel fertig war, daß die Jünger in Jezrael gewesen sind und verkündet haben, daß er wirklich auferstanden ist.»

«Sei still! Du weißt, was der Gutsherr sagt. Wer so etwas behauptet, wird gegeißelt.»

«Vielleicht auch getötet. Aber wäre es denn nicht besser, als weiterhin so gequält zu werden?»

«Und nun ist er nicht mehr!»

«Sie behandeln uns jetzt noch schlechter, seit es ihnen gelungen ist, ihn zu töten.»

«Sie sind wütend, weil er auferstanden ist.»

Sie reden leise, während sie an die Stelle gehen, die ihnen bezeichnet worden ist.

«Der Herr!» schreit eine Frau und fällt als erste auf die Knie.

«Sein Geist!» schreien andere, und manche haben Angst.

«Ich bin es. Fürchtet euch nicht. Schreit nicht. Kommt her. Ich bin es wirklich. Ich bin gekommen, um euch in dem Glauben zu festigen, den man zu erschüttern versucht. Seht ihr? Mein Körper wirft einen Schatten, denn es ist ein wahrer Körper. Ihr träumt nicht, nein. Meine Stimme ist eine wahre Stimme. Ich bin Jesus, der mit euch das Brot gebrochen und euch Liebe geschenkt hat. Auch jetzt gebe ich euch Liebe. Ich werde meine Jünger zu euch senden. Und so werde ich wieder bei euch sein, denn sie werden euch geben, was ich euch gegeben habe und was ich ihnen gegeben habe, damit sie es jenen mitteilen, die an mich glauben. Tragt euer Kreuz, so wie ich das meine getragen habe. Seid geduldig! Verzeiht! Sie werden euch sagen, wie ich gestorben bin. Ahmt mich nach! Der Weg der Leiden ist der Weg zum Himmel. Folgt ihm in Frieden, und ihr werdet mein Reich besitzen. Es gibt keinen anderen Weg als die Ergebung in den Willen Gottes, die Großmut und die Liebe zu allen. Gäbe es einen anderen Weg, hätte ich ihn euch gewiesen. Ich bin ihn vorausgegangen, denn er ist der rechte Weg. Seid dem Gesetz des Sinai treu, dessen Zehn Gebote unveränderlich

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sind, und bleibt meiner Lehre treu. Es werden Leute kommen, die euch unterweisen, damit ihr nicht den Machenschaften der Bösen ausgeliefert seid. Ich segne euch. Denkt immer daran, daß ich euch geliebt habe und vor und nach meiner Verherrlichung zu euch gekommen bin. Wahrlich, ich sage euch, viele wünschen, mich jetzt zu sehen, und sie werden mich nicht sehen. Viele der Großen. Aber ich zeige mich denen, die ich liebe und die mich lieben.»

Ein Mann wagt zu sagen: «Also... gibt es wirklich ein Reich des Himmels? Bist du wahrhaft der Messias gewesen? Sie haben uns eingeredet...»

«Hört nicht auf ihre Worte. Denkt an die meinen und nehmt die Worte meiner euch bekannten Jünger an. Es sind Worte der Wahrheit. Und wer sie aufnimmt und befolgt, sei er nun Diener oder Sklave, wird Bürger und Miterbe meines Reiches.» Er segnet sie mit ausgebreiteten Armen und verschwindet.

«Oh! Ich... Ich fürchte nun nichts mehr!»«Ich auch nicht. Hast du gehört? Auch für uns gibt es dort einen Platz.»«Man muß gut sein!» «Verzeihen!»«Geduld üben!»«Widerstehen.»«Die Jünger aufsuchen.» «Zu uns armen Knechten ist er gekommen!» «Wir werden es seinen Aposteln berichten.» «Wenn Jochanan es wüßte!» «Und Doras!»«Sie würden uns töten, damit wir nicht reden.»

«Doch wir werden schweigen. Nur den Dienern des Herrn werden wir es sagen.»

«Michäas, mußt du nicht mit deiner Ladung nach Sephoris fahren? Warum gehst du nicht nach Nazareth und sagst es ihnen ...»

«Wem denn?» «Der Mutter. Den Aposteln. Vielleicht sind sie bei ihr ...»

Sie entfernen sich und schmieden leise miteinander Pläne.

XX. Auf den Gütern Daniels, des Verwandten des Elchias; In Beth Horon

Elchias, der Pharisäer, bespricht mit anderen seinesgleichen, was mit dem Synedristen Simon anzufangen ist, der am Karfreitag den Verstand verloren hat und zu viele Dinge redet und ausplaudert. Es gibt verschiedene Vorschläge. Die einen meinen, man solle ihn an einen einsamen Ort bringen, wo niemand sein Geschrei hören kann außer einem treuen Diener, der ihre Ansichten teilt. Andere, Wohlwollendere, sind dafür, daß man ihn läßt, wo er ist, da sie seine Krankheit für eine vorübergehende halten.

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Elchias antwortet: «Ich habe ihn hierhergebracht, da ich nicht wußte, wohin ich ihn sonst bringen sollte. Doch ihr wißt, daß ich meinem Verwandten Daniel sehr mißtraue ...»

Andere, die noch boshafter sind als Elchias, sagen: «Er will immer fliehen, sich einschiffen. Warum stellen wir ihn nicht zufrieden?»

«Weil er nicht fähig ist, vernünftig zu handeln. Allein auf dem Meer würde er zugrundegehen, und keiner von uns kann ein Boot steuern.»

«Und wenn schon... Was würde am Ort der Landung geschehen, bei dem, was er sagt? Laßt ihn selbst einen Weg wählen... Er soll in Gegenwart aller, auch deines Verwandten, seinen Willen bekanntgeben, und so wie er will, wird es gemacht.»

Dieser Vorschlag wird angenommen, und Elchias ruft einen Diener und befiehlt ihm, Simon herzuführen und Daniel zu rufen. Die beiden erscheinen. Daniel sieht man an, daß er sich in Gegenwart gewisser Leute nicht wohlfühlt. Der andere sieht wirklich aus wie ein Irrer.

«Hör zu, Simon. Du sagst, daß wir dich gefangenhalten, weil wir dich töten wollen...»

«Ihr müßt es tun, denn der Befehl lautet so.»

«Du redest im Wahn. Schweig und hör zu. Wo, denkst du, könntest du gesund werden?»

«Auf dem Meer. Auf dem Meer. Inmitten des Meeres. Wo ich keine Stimme mehr höre. Wo es kein Grab gibt. Denn die Gräber öffnen sich, und die Toten kommen heraus und meine Mutter sagt ...»

«Schweig und hör zu. Wir lieben dich, wie wenn du von unserem Blut wärest. Willst du wirklich dorthin gehen?»

«Natürlich will ich. Denn hier öffnen sich die Gräber, und meine Mutter...»

«Also wirst du gehen. Wir werden dich ans Meer bringen und dir ein Boot geben, und du ...»

«Aber das ist Mord! Er ist von Sinnen! Er kann nicht allein aufs Meer!» schreit der ehrbare Daniel.

«Gott zwingt den Willen des Menschen nicht. Können wir also tun, was Gott nicht tut?»

«Aber er ist doch von Sinnen! Er hat keinen Willen mehr. Er ist hilfloser als ein Neugeborenes! Ihr könnt nicht ...»

«Schweig, du. Du bist ein Bauer, sonst nichts. Wir aber wissen... Morgen fahren wir ans Meer. Freue dich, Simon. Ans Meer, verstehst du?»

«Ah! Dann werde ich die Stimmen der Erde nicht mehr hören! Nicht mehr die Stimmen... Ah!» Ein langgezogener Schrei und heftigste Erregung, und er schließt die Augen und hält sich die Ohren zu. Und noch ein Schrei, und Daniel läuft zu Tode erschrocken davon.

«Was ist denn los? Haltet den Verrückten und diesen Dummkopf auf. Verlieren wir denn nun alle den Verstand?» schreit Elchias.

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Aber der, den Elchias Dummkopf nennt, also sein Verwandter Daniel, wirft sich zu Boden, nachdem er einige Meter weit gelaufen ist, während der andere an seinem Platz in einem furchterregenden Anfall tobt und schäumt und schreit und heult: «Bringt ihn zum Schweigen! Er ist nicht tot und schreit, schreit, schreit! Lauter als meine Mutter, lauter als mein Vater, lauter als auf Golgotha! Dort, dort, seht ihr ihn nicht?» Und er zeigt auf die Stelle, wo Daniel ruhig und lächelnd sein Gesicht erhebt, mit dem er zuvor den Boden berührt hat.

Elchias geht zu ihm und schüttelt ihn grob. Er ist außer sich vor Zorn und kümmert sich nicht um Simon, der sich auf dem Boden wälzt, schäumt und bestialisch schreit, und den die anderen voll Entsetzen umringen.

Elchias schreit Daniel an: «Du lächerlicher Schwärmer! Willst du mir sagen, was du da tust?»

«Laß mich. Nun kenne ich dich. Und ich werde dich verlassen. Ich habe ihn gesehen, gütig zu mir und furchtbar für euch, ihn, von dem ihr mich glauben machen wollt, daß er tot ist. Ich gehe. Mehr als Geld und Reichtum ist mir meine Seele wert. Leb wohl, Verfluchter! Und wenn du kannst, sieh zu, daß du die Vergebung Gottes erlangst.»

«Aber wohin gehst du denn? Wohin? Ich will es nicht!»

«Hast du ein Recht, mich gefangen zu halten? Wer hat es dir gegeben? Ich lasse dir das, was du liebst, und folge dem, den ich liebe. Leb wohl!»Er kehrt ihm den Rücken und eilt davon, so schnell als würde ihn eine übermenschliche Macht den grünen Hang mit seinen Ölbäumen und Obstgärten hinuntertragen.

Elchias, und nicht nur er allein, ist totenblaß. Sie alle platzen vor Zorn. Elchias schwört dem Verwandten Rache und auch all denen, die «in ihrem Wahn», wie er sagt, behaupten, daß der Galiläer lebt. Er schreit und droht...

Einer, ich weiß nicht, wer er ist, sagt: «Wir werden handeln, aber wir können nicht allen den Mund und die Augen verschließen, die reden, weil sie sehen. Wir sind besiegt! Das Verbrechen lastet auf uns. Nun kommt die Sühne...» Und er schlägt sich in furchtbarer Angst an die Brust wie einer, der die Stufen zum Galgen emporsteigt. «Die Rache Jahwes», sagt er noch, und der ganze tausendjährige Schrecken Israels liegt in seiner Stimme.

Verletzt , schäumend und furchterregend schreit Simon inzwischen wie ein Verdammter: «Vatermörder hat er mich genannt! Bringt ihn zum Schweigen! Schweigen! Vatermörder! Dasselbe Wort wie meine Mutter! Gebrauchen denn die Toten alle dieselben Worte... !?»

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XXI. Jesus erscheint einer Frau in Galiläa

Der untergehende Mond ist im Begriff, seine noch schmale Sichel hinter der Kuppe eines Hügels zu verbergen. Sein Licht ist daher ziemlich schwach und wird bald gar nicht mehr über der weiten Landschaft leuchten.

Und doch ist ein Wanderer auf der einsamen Straße, ein Weg, ein Pfad, nur durch die Felder, mehr nicht. An einem Ring hält er eine einfache Laterne, von der Art, die so alt ist wie die Welt und wie sie die Fuhrleute im allgemeinen benützen, um bei Nacht die Straße zu erhellen. Diese hat zum Schutz der Flamme, da Glas hier selten ist, etwas wie Glimmer oder Pergament, möglicherweise aber auch ein mir ganz unbekanntes Material, denn ich habe es in keinem Haus jemals gesehen, weder bei Bechern oder Schüsseln, noch als Fenster. Es dringt nur wenig Licht durch dieses Material, so daß die Lampe nur ihre allernächste Umgebung erhellt. Als aber nun der Mond ganz verschwindet, scheint die Leuchtkraft der kümmerlichen Laterne zuzunehmen, und sie bildet einen strahlenden, tanzenden Punkt im Dunkel der Landschaft.

Der Wanderer geht und geht...

Der Himmel beginnt sich im äußersten Osten aufzuhellen. Doch nur so wenig, daß man deshalb nicht besser sieht und die einfache Lampe immer noch nützlich ist.

An einer kleinen Brücke wartet oder ruht sich ein anderer, ganz in seinen Mantel gehüllter Wanderer aus. Der Wanderer mit der Lampe, der auf diese Brücke zugeht, zögert und bleibt stehen. Er weiß nicht, soll er weitergehen oder dorthin zurückkehren, wo man über große Steine im Kies des Bächleins leicht durch das seichte Wasser auf die andere Seite gelangen kann.

Der Mann, der auf dem rustikalen Geländer sitzt, einem Baumstamm mit grünlichweißer Rinde, hebt den Kopf und beobachtet den, der stehengeblieben ist. Dann steht er auf und sagt: «Fürchte dich nicht vor mir. Komm näher! Ich bin ein guter Gefährte und kein Dieb.»

Es ist Jesus. Ich erkenne ihn mehr an der Stimme als an seinem Aussehen, das die tiefe Dämmerung noch verbirgt, denn der Schein der Laterne reicht nicht weit genug. Aber die Person, die stehengeblieben ist, zögert noch.

«Komm, Frau. Hab keine Angst. Wir wollen ein Stück zusammen gehen, und es wird gut für dich sein.»

Die Frau – nun weiß ich, daß es eine Frau ist – kommt näher, überwältigt von der Güte in der Stimme oder angezogen von einer geheimnisvollen Kraft, und murmelt dabei kopfschüttelnd: «Es gibt nichts Gutes mehr für mich.»

Sie gehen nun Seite an Seite auf dem Weg weiter, der gerade breit genug ist für zwei Wanderer. Im zunehmenden Morgenlicht erkennt man auf

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einer Seite den starren Miniaturwald eines reifen Kornfeldes, das auf den Schnitter wartet; auf der anderen Seite ist das Getreide schon gemäht, und die Garben liegen auf den Stoppeln des seiner Pracht beraubten Ackers.

«Verflucht!» sagt die Frau leise, als sie einen Blick auf die daliegenden Garben wirft.

Jesus schweigt.

Der Tag ist angebrochen. Die Frau löscht die einfache Lampe und enthüllt dabei das vom Weinen verwüstete Gesicht. Sie schaut nach Osten, wo ein rötlichgelber Streifen den Sonnenaufgang ankündigt. Dann schüttelt sie die Faust in diese Richtung und sagt wieder: «Verflucht sollst auch du sein!»

«Der Tag? Gott hat ihn erschaffen. Wie er auch das Getreide erschaffen hat. Es sind Geschenke Gottes. Man darf sie nicht verfluchen...» sagt Jesus sanft.

«Und ich verfluche sie. Ich verfluche die Sonne und die Ernte. Und ich habe Grund dazu.»

«Waren sie nicht viele Jahre lang gut zu dir? Hat die Sonne dir nicht das tägliche Brot reifen lassen, und die Trauben, die zu Wein werden, das Gemüse und das Obst? Hat sie nicht das Gras auf den Weiden wachsen lassen für deine Schafe und Lämmer, deren Fleisch und Milch du genossen und aus deren Wolle du deine Kleider gewebt hast? Hat der Weizen nicht dir, deinen Kindern, deinem Vater, deiner Mutter und deinem Gatten das Brot geschenkt?»

Ein Tränenausbruch und ein Aufschrei: «Ich habe keinen Gatten mehr! Sie haben ihn getötet! Er war auswärts arbeiten gegangen, denn wir haben sieben Kinder und unser geringer Besitz reicht nicht aus, um zehn Personen zu ernähren. Und gestern abend ist er gekommen und hat gesagt: "Ich fühle mich müde und benommen" ' und hat sich mit hohem Fieber auf das Bett geworfen. Ich und seine Mutter haben versucht, ihm zu helfen, so gut es ging. Wir wollten heute den Arzt aus der Stadt holen... Aber nach dem Hahnenschrei ist er gestorben. Die Sonne hat ihn getötet. Ich gehe in die Stadt, ja, um das Nötige zu besorgen. Die Brüder werde ich auf dem Rückweg benachrichtigen. Die Mutter wacht bei ihrem Sohn und gibt auf die Kinder acht ... und ich bin fortgegangen, um zu tun, was getan werden muß... Und soll ich da nicht die brennende Sonne und das Getreide verwünschen?»

Bisher war sie so gefaßt, daß ich sie nicht für eine Frau gehalten habe, und eine betrübte obendrein. Aber nun sind alle Dämme ihres Schmerzes gebrochen, und er überwältigt sie. Sie sagt alles, was sie zu Hause nicht gesagt hat, «um die Kinder, die im Nebenraum schlafen, nicht zu wecken»; alles, was ihr Herz beschwert und zu zersprengen droht. Erinnerungen der Liebe, Furcht vor der Zukunft und die Verzweiflung einer Witwe, alles zieht wie die vom Hochwasser eines Flusses fortgeschwemmten Trümmer vorüber...

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Jesus läßt sie reden, denn Jesus fühlt mit dem Schmerz. Er läßt sie sich abreagieren, da dies immer Erleichterung bringt und die auf den Ausbruch des Schmerzes folgende Erschöpfung sie in die Lage versetzt, den zu verstehen, der ihr Trost schenken will. Dann sagt er sanft: «In Naim und Nazareth und in den Ortschaften dazwischen sind die Jünger des Rabbi von Nazareth. Geh doch zu ihnen...»

«Und was sollen sie für mich tun? Wenn er noch da wäre... ! Aber sie? Sie sind nicht heilig. Mein Mann war an jenem Tag in Jerusalem. Und er weiß... Oh! Nein! Er wußte! Nun weiß er nichts mehr! Er ist tot!»

«Was hat dein Mann an jenem Tag getan?»

«Nun, als der Lärm auf der Straße anschwoll, lief er auf die Terrasse des Hauses, in dem er sich mit seinen Brüdern befand, und sah den Rabbi vorübergehen, der zum Prätorium geführt wurde. Dann folgte er ihm mit anderen Galiläern, bis er tot war. Man hat ihn und die anderen mit Steinen beworfen, als man sie als Galiläer erkannte, dort auf dem Berg, und jagte sie weiter hinunter. Aber sie blieben, bis alles vollbracht war. Dann erst haben sie sich entfernt. Und nun ist er tot. Oh! Wenn ich wenigstens wüßte, ob er wegen seines Mitleids für den Rabbi nun im Frieden ist!»

Jesus antwortet nicht auf diese Frage, sondern sagt: «Dann wird er gesehen haben, daß auch Jünger auf Golgotha waren. Haben denn alle Galiläer wie dein Mann gehandelt?»

«O nein! Viele, auch aus Nazareth, haben ihn beschimpft. Das ist bekannt. Eine Schande!»

«Nun, wenn selbst viele aus Nazareth keine Liebe für ihren Jesus hatten und er ihnen trotzdem verzeiht, und wenn viele von diesen sich in der Zukunft heiligen werden, warum willst du dann alle Jünger des Christus gleicherweise verurteilen? Willst du strenger sein als Gott? Gott gewährt denen, die verzeihen, sehr viel ...»

«Der gute Rabbi ist nicht mehr! Er ist nicht mehr! Und mein Mann ist tot.»

«Der Rabbi hat seinen Jüngern die Macht gegeben, zu tun, was er getan hat.»

«Ich will es glauben. Aber nur er hat den Tod besiegt. Nur er!»

«Steht nicht geschrieben, daß Elias dem Sohn der Witwe von Sarepta das Leben wiedergegeben hat? Wahrlich, ich sage dir, Elias war ein großer Prophet, doch die Diener des Erlösers, der gestorben und wiederauferstanden ist, weil er der Sohn des wahren Gottes war, der Fleisch angenommen hat, um die Menschen zu erlösen, haben eine größere Macht; denn er hat ihnen als erster am Kreuz ihre Sünden verziehen, da er in seiner göttlichen Weisheit den wahren Schmerz ihrer zerknirschten Seelen kannte, und er hat sie nach seiner Auferstehung durch eine neue Vergebung geheiligt und ihnen den heiligen Geist eingegossen, damit sie mich würdig

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vertreten können in Worten und Werken; damit die Welt nach meinem Weggang nicht trostlos und verlassen sei.»

Die Frau tritt ruckartig und verwirrt einen Schritt zurück. Sie schlägt ihren Schleier zurück, um ihren Begleiter besser zu sehen, erkennt ihn jedoch nicht. Sie glaubt, falsch verstanden zu haben. Aber sie wagt nicht mehr zu sprechen...

«Hast du Angst vor mir? Zuerst hast du mich für einen Räuber gehalten, der dir das Geld rauben will, das du auf der Brust trägst und mit dem du das Nötige für das Begräbnis kaufen willst. Und du hattest Angst. Nun hast du Angst, weil du mich als Jesus erkennst? Ist nicht Jesus einer, der gibt und nicht nimmt? Der rettet und nicht zerstört? Kehre zurück, Frau. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Leichentuch und Salben sind nicht nötig für einen, der nicht tot ist; der nicht mehr tot ist, weil ich der Sieger über den Tod bin und den belohne, der glaubt. Geh! Geh nach Hause. Dein Mann lebt. Der Glaube an mich bleibt nie unbelohnt.» Jesus hebt die Hände zum Segen und will sich entfernen.

Aber die Frau kommt nach dem lähmenden Staunen wieder zu sich. Sie fragt nicht, sie zweifelt nicht... Sie fällt nur anbetend auf die Knie. Und dann, endlich, öffnet sie den Mund und zieht einen kleinen Beutel aus ihrem Kleid hervor, eine abgegriffene Börse armer Leute, denen die Not feierliche Ehrungen ihrer Toten versagt, reicht ihm den Beutel und sagt: «Ich habe nicht mehr... um dir meine Dankbarkeit zu bezeigen und dich zu ehren für...»

«Ich brauche kein Geld mehr, Frau. Bringe es meinen Aposteln.»

«O ja. Ich werde mit meinem Mann zu ihnen gehen... Aber was kann ich dir sonst geben, mein Herr? Was? Du, du bist mir erschienen... dieses Wunder... und ich habe dich nicht erkannt... Ich war so verwirrt... ja, sogar ungerecht zu den Dingen...»

«Ja, und du hast nicht daran gedacht, daß sie sind, weil ich bin, und daß alles gut ist, was Gott gemacht hat. Wäre die Sonne nicht gewesen, wäre das Getreide nicht gewesen, dann hättest du auch die jetzige Gnade nicht erhalten.»

«Aber wieviel Leid!» Die Frau weint bei der Erinnerung.

Jesus lächelt, zeigt ihr seine Hände und sagt: «Dies ist nur der kleinste Teil meiner Schmerzen. Und ich habe alles ohne zu klagen zu eurem Wohl erduldet.»

Die Frau verneigt sich bis zur Erde, um zu bekennen: «Das ist wahr. Verzeih meine Klagen.»

Jesus entschwindet in seinem Licht, und als sie aufschaut, ist sie wieder allein. Sie springt auf und blickt um sich. Nichts behindert die Sicht, denn es ist nun heller Tag und ringsum sind nur Getreidefelder. Die Frau sagt zu sich selbst: «Und doch habe ich nicht geträumt!» Vielleicht versucht der Dämon, ihr Zweifel einzureden, denn einen Augenblick scheint sie im

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Ungewissen zu sein, während ihre Hände mit der Börse spielen. Aber dann siegt der Glaube und sie kehrt der Ortschaft, in die sie gehen wollte, den Rücken und läuft eilends zurück, so schnell und mühelos, als würde der Wind sie tragen, und mit in übermenschlicher Freude strahlendem und von Frieden erfülltem Gesicht. Immer wieder sagt sie: «Wie gut ist der Herr. Er ist wahrlich Gott! Er ist Gott! Der Allerhöchste und der, den er gesandt hat, sei gepriesen!» Sie weiß nichts anderes zu sagen. Und diese ihre Litanei wird nun begleitet vom Gesang der Vögel. Die Frau ist so vertieft in ihre Gedanken, daß sie den Gruß einiger Schnitter nicht wahrnimmt, die sie vorübergehen sehen und sie fragen, woher sie zu dieser frühen Stunde kommt...

Ein Mann folgt ihr und fragt sie: «Geht es Markus besser? Bist du beim Arzt gewesen?»

«Markus ist beim Hahnenschrei gestorben und wiederauferstanden. Der Messias des Herrn hat dies getan», antwortet sie, ohne ihren Schritt zu verlangsamen.

«Der Schmerz hat sie um den Verstand gebracht!» murmelt der Mann und schüttelt den Kopf, als er zu den anderen Arbeitern zurückkommt, die schon begonnen haben, das Getreide zu mähen.

Die Felder beleben sich. Und die Neugier siegt bei vielen, die sich entschließen, der immer rascher laufenden Frau zu folgen.

Sie läuft und läuft. Da taucht ein armes, niedriges, einsam in den Feldern gelegenes Häuschen auf. Sie geht darauf zu und preßt die Hände aufs Herz.

Nun geht sie hinein. Und kaum hat sie es betreten, wirft sich ihr eine Alte in die Arme und schreit: «Meine Tochter! Welche Gnade des Herrn! Sei jetzt stark, Tochter, denn was ich dir zu sagen habe, ist so groß, so beglückend, daß ...»

«Ich weiß es, Mutter! Markus ist nicht mehr tot. Wo ist er?»

«Du weißt es? Woher?»

«Ich bin dem Herrn begegnet. Ich habe ihn nicht erkannt, aber er hat mit mir gesprochen, und als es ihm gefallen hat, hat er zu mir gesagt: "Dein Mann lebt." Doch hier... wann?»

«Ich hatte gerade das Fenster geöffnet und sah den ersten Sonnenstrahl auf dem Feigenbaum. Ja, genau so war es. Der erste Sonnenstrahl traf gerade den Feigenbaum vor dem Zimmer... da hörte ich einen tiefen Seufzer, als ob jemand soeben erwachen würde. Ich wandte mich erschrocken um und sah, wie Markus sich aufsetzte und das Leinentuch zurückwarf, das ich über sein Gesicht gebreitet hatte. Er hat nach oben geschaut... mit einem Gesicht... einem Gesicht... Dann hat er mich angesehen und gesagt: "Mutter, ich bin geheilt!" Ich... Es hat wenig gefehlt, und ich wäre gestorben, und er ist mir zu Hilfe geeilt und hat verstanden, daß er tot gewesen ist. Er erinnert sich an nichts. Er sagt, er wisse nur, daß wir ihn zu

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Bett gebracht haben, und dann nichts mehr, bis ihm ein Engel erschien, eine Art Engel, der das Aussehen des Rabbi von Nazareth hatte und zu ihm sagte: "Steh auf." Und er ist aufgestanden. Genau in dem Moment, da die Sonne vollends aufgegangen war.»

«Genau in dem Moment, als er zu mir gesagt hat: "Dein Mann lebt." Oh, Mutter, welche Gnade! Wie sehr hat Gott uns geliebt!»

Die Leute, die nun hereinkommen, treffen die sich umarmenden Frauen weinend an. Sie glauben, daß Markus gestorben ist und die Frau das Unglück plötzlich erkannt und begriffen hat. Aber Markus, der die Stimmen hört, erscheint heiter mit einem Kind auf dem Arm, während die anderen an seiner Tunika hängen, und sagt laut: «Hier bin ich. Wir wollen dem Herrn danken!»

Die eben Angekommenen überschütten ihn mit Fragen, und wie immer bei menschlichen Dingen gibt es gegensätzliche Meinungen. Die einen glauben an eine wahre Auferstehung, die anderen, die Mehrzahl, sagen, daß es nur eine Ohnmacht, aber nicht der Tod war. Die einen sind überzeugt, daß Christus Rachel erschienen ist, andere bemerken dazu, daß dies alles Märchen sind, denn «er ist tot», und wieder andere sagen: «Er ist auferstanden, aber er ist so erzürnt, er muß es sein, daß er für sein Volk von Mördern keine Wunder mehr wirkt.»

«Sagt, was ihr wollt», entgegnet der Mann und verliert die Geduld, «und sagt es, wo ihr wollt. Sagt es nur nicht hier, wo der Herr Jesus mich auferweckt hat. Und geht, ihr Unglücklichen! Der Himmel möge euren Verstand erleuchten, damit ihr glauben könnt! Aber nun geht und laßt uns in Frieden.»

Er schiebt sie hinaus und schließt die Tür. Dann drückt er seine Frau und seine Mutter ans Herz und sagt: «Nazareth ist nicht weit. Ich gehe hin und verkünde das Wunder.»

«Der Herr will es so, Markus. Wir bringen dieses Geld seinen Jüngern. Laß uns gehen und dem Herrn danken. So wie wir sind. Wir sind arm, aber auch er ist arm gewesen, und seine Apostel werden uns nicht verachten.»

Sie macht sich daran, den Kindern die Sandalen zu binden, während die Mutter etwas Mundvorrat in eine Tasche packt und Türen und Läden verschließt und Markus noch irgend etwas zu erledigen hat. Als alle fertig sind, brechen sie, die Kleinsten auf dem Arm und die anderen Kinder fröhlich und etwas verwirrt um sich herum, in Richtung Osten auf, nach Nazareth, versteht sich. Das Haus muß noch in der Ebene von Esdrelon liegen, aber anderswo als der Besitz des Jochanan.

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695. JESUS ERSCHEINT AM UFER DES SEES

Eine ruhige, schwüle Nacht. Kein Lüftchen regt sich. Die großen, flimmernden Sterne bedecken den klaren Himmel. Der ruhige, unbewegte See, der einem riesigen, windgeschützten Becken gleicht, spiegelt auf seiner Oberfläche die Schönheit dieses sternenfunkelnden Himmels wider. Die Bäume an den Ufern gleichen einem massiven, reglosen Block. Der See ist so ruhig, daß der Wellenschlag am Ufer einem Flüstern gleicht. Einige Boote weit draußen erkennt man nur als vage Umrisse, und die Laternen an den Masten hier und da, die mit ihrem Schein die kleinen Schiffe erleuchten, sind Sternchen über der Oberfläche des Wassers. Ich weiß nicht, in welchem Teil des Sees es ist. Aber ich würde sagen, es ist der südliche, dort, wo der See wieder zum Fluß wird. In der Umgebung von Tarichäa vielleicht; nicht weil ich die Stadt sehe, denn Bäume auf einer kleinen, hügeligen, in den See vorspringenden Landzunge verbergen sie. Ich schließe es aus den Sternchen der Bootslaternen, die sich nach dem Ablegen vom Ufer des Sees in nördlicher Richtung entfernen. Ich sage Umgebung, denn eine Handvoll ärmlicher Hütten, so wenige, daß man sie nicht einmal ein Dorf nennen kann, liegt dort am Fuß der kleinen Landzunge. Häuschen armer Leute, fast unten am Ufer, die gewiß Fischern gehören. Und auf den schmalen Strand gezogene Boote, und andere, schon zur Ausfahrt bereit, im Wasser nahe dem Ufer; aber diese liegen so still, als wären sie auf Grund gelaufen und würden nicht schwimmen.

Petrus streckt den Kopf aus einem der kleinen Häuser. Das flackernde Licht eines in der raucherfüllten Küche brennenden Feuers beleuchtet die kräftige Gestalt des Apostels von hinten und zeichnet eine deutliche Silhouette. Er schaut auf den See und betrachtet den Himmel... geht an den Rand des Ufers, geht dann in seiner kurzen Tunika und barfuß in den See, bis ihm das Wasser bis an die Waden reicht, streckt den muskulösen Arm aus und streichelt den Rand eines Bootes. Die Söhne des Zebedäus gesellen sich zu ihm.

«Eine schöne Nacht.» «Der Mond wird bald aufgehen.» «Ein idealer Abend für den Fischfang.»«Aber mit Rudern.» «Es weht ja kein Lüftchen.»«Was tun wir?»

Sie sprechen langsam und nur kurze Sätze, wie Männer, die an den Fischfang und das Hantieren mit Segeln und Netzen gewohnt sind, was Aufmerksamkeit erfordert und daher wenig Worte.

«Es wäre gut, wenn wir hinausfahren würden. Wir könnten einen Teil des Fangs verkaufen.»

Andreas, Thomas und Bartholomäus kommen nun auch ans Ufer.

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«Was für eine warme Nacht!» ruft Bartholomäus aus.

«Wird es ein Unwetter geben?» Erinnert ihr euch noch an die Nacht damals?» fragt Thomas.

«Oh! Nein! Flaute, Nebel vielleicht, aber kein Unwetter. Ich... gehe fischen. Wer will mit mir kommen?»

«Wir kommen alle. Vielleicht ist es dort draußen besser», sagt Thomas, der schwitzt, und er fügt hinzu: «Die Frau mußte ein solches Feuer machen, aber für uns ist es wie im Caldarium der Thermen...»

«Ich gehe und sage es Simon. Er ist ganz allein dort», sagt Johannes.

Petrus bereitet schon mit Hilfe von Andreas und Jakobus das Boot vor.

«Fahren wir bis nach Hause? Das wäre eine Überraschung für meine Mutter...» sagt Jakobus.

«Nein. Ich weiß nicht, ob ich Margziam mitnehmen darf. Vor... dem... Nun ja, bevor wir nach Jerusalem gegangen sind -es war noch in Ephraim – hat der Herr mir gesagt, wir sollten das zweite Passah mit Margziam feiern. Aber dann hat er nicht mehr darüber gesprochen...»

«Ich meine, er sollte bei uns sein», sagt Andreas.

«Ja, beim zweiten Passahfest schon. Aber ich weiß nicht, ob er will, daß er schon vorher mitkommt. Ich habe so viele Fehler gemacht, daß... Oh, kommst du auch mit?»

«Ja, Simon des Jonas. Dieser Fischfang wird mich an viele Dinge erinnern ...»

«Nun, uns alle wird er an viele Dinge erinnern... An Dinge, die nicht wiederkehren werden... In diesem Boot sind wir mit dem Meister auf dem See gefahren... Und ich habe es geliebt wie einen Königspalast und geglaubt, daß ich ohne es nicht leben könnte. Aber nun, da er nicht mehr im Boot ist... Nun sitze ich darin, und es freut mich nicht mehr», sagt Petrus.

«Niemand hat mehr Freude an den vergangenen Dingen. Es ist nicht mehr das gleiche Leben. Und auch das Zurückblicken... Zwischen den damaligen Stunden und den gegenwärtigen liegt diese furchtbare Zeit...»seufzt Bartholomäus.

«Fertig. Kommt! Du ans Steuer, und wir an die Ruder. Wir fahren in die Bucht von Hippos. Es ist ein guter Platz. Auf! Los! Hau ruck!»

Petrus gibt den Takt der Ruder an, und das Boot gleitet über das ruhige Wasser. Bartholomäus sitzt am Steuer. Thomas und der Zelote sind die Schiffsjungen und bereit, die schon ausgebreiteten Netze auszuwerfen. Der Mond geht auf, das heißt, er erscheint über den Bergen von Gadara (wenn ich nicht irre) oder Gamala, jedenfalls denen, die sich im Süden am Ostufer des Sees erheben, und seine Strahlen gleichen einer Straße aus Diamanten auf dem stillen Wasser.

«Er wird uns bis zum Morgen begleiten.»

«Wenn kein Dunst aufzieht.»

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«Die Fische werden vom Mond angezogen und kommen aus der Tiefe nach oben.»

«Es wäre gut, wenn wir einen reichen Fang machen würden, denn wir haben kein Geld mehr. Wir könnten dann Brot kaufen und denen auf dem Berg Geld und Fische bringen.» Langsam gesprochene Worte und lange Pausen zwischen dem einen und dem anderen Satz.

«Du ruderst gut, Simon. Du hast dein Handwerk noch nicht verlernt... !» sagt der Zelote bewundernd.

«Ja... Verflucht!»

«Was hast du denn?»

«Ich habe... Es ist, daß die Erinnerung an diesen Mann mich überall verfolgt. Ich erinnere mich an den Tag, an dem wir mit zwei Booten um die Wette ruderten, und er...»

«Ich hingegen dachte gerade daran, daß mir zum ersten Mal der ganze Abgrund seiner Bosheit bewußt wurde, als wir damals den Booten der Römer begegnet, oder vielmehr mit ihnen zusammengestoßen sind. Erinnert ihr euch?» sagt der Zelote.

«Und ob wir uns erinnern... ! Er hat ihn verteidigt... Und wir... zwischen der Verteidigung des Meisters und der Falschheit unseres... wir haben nie so recht begriffen...» sagt Thomas.

«Hm! Ich habe mehr als einmal... Doch er sagte immer: "Verurteile nicht, Simon!"»

«Thaddäus war er immer verdächtig.»

«Was ich einfach nicht glauben kann, ist, daß dieser hier nie etwas gewußt haben soll», sagt Jakobus und stößt seinen Bruder mit dem Ellbogen an.

Aber Johannes schweigt und neigt das Haupt.

«Jetzt kannst du es doch sagen...» drängt Thomas.

«Ich bemühe mich, zu vergessen. So ist es mir aufgetragen worden. Warum wollt ihr mich zum Ungehorsam verleiten?»

«Er hat recht. Lassen wir ihn in Ruhe!» verteidigt ihn der Zelote.

«Werft die Netze aus. Langsam... Rudert ihr. Langsam. Dreh nach links, Bartholomäus. Halt. Dreh ab. Halt. Dreh ab. Ist das Netz gespannt? Ja? Dann zieht die Ruder ein, und warten wir», befiehlt Petrus.

Wie schön und still ist der See im Frieden der Nacht unter dem Kuß des Mondes. Rein wie ein See des Paradieses. Der runde Mond am Himmel spiegelt sich darin und verwandelt ihn in Diamanten, und sein sanfter Schimmer zittert auf den Hügeln, entschleiert sie, und läßt die Städte am Ufer gleich Schnee aufleuchten... Von Zeit zu Zeit ziehen sie das Netz ein – eine Kaskade von Diamanten und Harfentönen auf dem Silber des Sees. Leer. Sie werfen es wieder aus, fahren ein Stück weiter. Aber sie haben kein Glück... Der Mond geht unter und das diffuse, grünblaue Licht des Morgens bricht sich Bahn... Warmer Dunst zieht über die Ufer,

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hüllt vor allem das südliche Ende des Sees von Tiberias ein, hüllt auch Tarichäa ein. Niedriger Nebel, nicht allzu dicht, den die ersten Sonnenstrahlen auflösen werden. Um ihm auszuweichen, fahren sie am östlichen Ufer entlang. Hier ist er nicht so dicht wie im Westen, denn er steigt auf aus dem Sumpf hinter Tarichäa am rechten Ufer des Jordan und verdichtet sich dort, als ob der Sumpf dampfen würde. Sie fahren vorsichtig, um Gefahren auf dem Grund zu vermeiden; sie kennen sich ja aus auf dem See.

«Ihr dort im Boot, habt ihr nichts zu essen?» Die Männerstimme kommt vom Ufer. Eine Stimme, die sie auffahren läßt.

Sie zucken die Achseln und antworten laut: «Nein!» Dann sagen sie zueinander: «Man könnte glauben, ihn zu hören... !»

«Werft die Netze auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen.»

Rechts, das bedeutet zur Seemitte hin. Sie werfen etwas verwundert das Netz aus, und bald darauf neigt sich das Boot durch den Zug und das Gewicht des Netzes.

«Aber das ist doch der Herr!» ruft Johannes.

«Der Herr, sagst du?» fragt Petrus.

«Hast du noch Zweifel? Es schien uns seine Stimme zu sein, aber das hier ist der Beweis. Schau dir das Netz an! Wie damals! Er ist es, sage ich dir! Oh, mein Jesus! Wo bist du?»

Alle bemühen sich, mit ihren Blicken die Nebelschleier zu durchdringen, nachdem sie das Netz gut befestigt haben, um es in Schlepp zu nehmen; denn es ist zu gefährlich, es ins Boot zu ziehen. Und so rudern sie zum Ufer. Doch dann muß Thomas das Ruder des Petrus übernehmen, der rasch und ungestüm seine Tunika über die kurze Hose zieht, die seine einzige Bekleidung war, ebenso wie die aller anderen außer Bartholomäus. Petrus springt in den See, teilt mit kräftigen Armen das stille Wasser, schwimmt dem Boot voraus und setzt als erster den Fuß auf das verlassene Ufer, wo auf zwei Steinen im Schutz eines Dorngestrüpps ein Reisigfeuer flackert. Und dort, neben dem Feuer, steht Jesus und lächelt sanft.

«Herr! Herr!» Petrus keucht schwer vor Erregung und bringt kein weiteres Wort heraus. Da er von Wasser trieft, wagt er nicht einmal, das Gewand seines Jesus zu berühren. In der nassen Tunika, die ihm am Rücken klebt, wirft er sich anbetend in den Sand.

Das Boot knirscht auf dem Kies und steht still. Alle sind aufgesprungen und ganz aufgeregt vor Freude...

«Bringt die Fische her. Das Feuer ist bereit. Kommt und eßt», gebietet Jesus.

Petrus eilt zur Barke und hilft, das Netz herauszuziehen. Er nimmt aus dem zappelnden Haufen drei große Fische, schlägt sie an den Bootsrand,

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um sie zu töten, und weidet sie dann mit seinem Messer aus. Aber seine Hände zittern. Oh, nicht vor Kälte! Er wäscht die Fische, bringt sie zum Feuer, legt sie darauf und gibt auf sie acht, während sie braten. Die anderen beten den Herrn an, in gewisser Entfernung und, wie immer, etwas furchtsam, seit er so göttlich und mächtig auferstanden ist.

«Hier ist Brot. Ihr habt die ganze Nacht gearbeitet und seid müde. Nun werdet ihr euch stärken. Sind die Fische bereit, Petrus?»

«Ja, mein Herr», sagt Petrus mit einer Stimme, die noch rauher als sonst klingt. Er beugt sich über das Feuer und trocknet sich die Augen, aus denen es tropft, so als müßte er wegen des Rauchs weinen, der auch die Kehle reizt. Aber der Rauch ist nicht die Ursache der Tränen und der rauhen Stimme... Er bringt den Fisch, den er auf ein haariges Blatt gelegt hat, anscheinend ein Kürbisblatt, das ihm Andreas gegeben hat, nachdem er es zuvor im See gewaschen hat.

Jesus dankt und segnet, bricht das Brot, zerlegt die Fische und teilt sie in acht Stücke. Er kostet ebenfalls etwas davon. Sie essen mit einer Ehrfurcht, mit der sie ein Ritual vollziehen würden. Jesus sieht ihnen zu und lächelt. Aber auch er schweigt, bis er schließlich fragt: «Wo sind die anderen?»

«Auf dem Berg, wie du gesagt hast. Wir sind fischen gegangen, weil wir kein Geld mehr haben und den Jüngern nicht zur Last fallen wollen ...»

«Gut. Aber von jetzt an sollt ihr Apostel auf dem Berg bleiben und beten und durch euer Beispiel die Jünger erbauen. Schickt sie zum Fischfang. Für euch ist es besser, daß ihr dort im Gebet verharrt und jene anhört, die euren Rat brauchen oder kommen, um euch Nachrichten zu bringen. Haltet die Jünger eng beisammen. Ich werde bald kommen.»

«Wir werden es tun, Herr.»

«Ist Margziam nicht bei dir?»

«Du hast nicht gesagt, daß ich ihn sofort kommen lassen darf.»

«Laß ihn kommen. Sein Gehorsam ist beendet.»

«Ich werde ihn kommen lassen, Herr.»

Schweigen. Dann hebt Jesus, der mit leicht geneigtem Haupt nachdenklich dagestanden ist, den Kopf und richtet seinen Blick auf Petrus. Er schaut ihn an mit dem Blick der Stunden seiner größten Wunder und Macht. Petrus schreckt fast ängstlich zusammen und weicht ein wenig zurück... Aber Jesus legt ihm eine Hand auf die Schulter, hält ihn fest mit energischem Griff und fragt ihn: «Simon des Jonas, liebst du mich?»

«Gewiß, Herr! Du weißt, daß ich dich liebe», antwortet Petrus mit Nachdruck.

«Weide meine Lämmer... Simon des Jonas, liebst du mich?»

«Ja, mein Herr. Und du weißt, daß ich dich liebe.» Die Stimme ist nicht mehr so selbstsicher, eher etwas erstaunt über die Wiederholung dieser Frage.

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«Weide meine Lämmer ... Simon des Jonas, liebst du mich?»

«Herr... Du weißt alles ... Du weißt, daß ich dich liebe ...» Die Stimme des Petrus zittert, obwohl er seiner Liebe sicher ist; aber er hat das Gefühl, daß Jesus nicht überzeugt ist.

«Weide meine Schafe. Das dreimalige Bekenntnis deiner Liebe hat deine dreimalige Verleugnung getilgt. Du bist ganz rein, Simon des Jonas, und ich sage dir: Bekleide dich mit dem Gewand des Oberhirten und trage die Heiligkeit des Herrn in meine Herde. Gürte dein Gewand um die Mitte und trage es gegürtet, bis auch du vom Hirten zum Lamm wirst. Wahrlich, ich sage dir, als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und bist gegangen, wohin du wolltest; wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. Jetzt aber bin ich es, der dir sagt: "Gürte dich und folge mir auf meinem Weg." Steh auf und komm.»

Jesus steht auf, und auch Petrus erhebt sich, und sie gehen ans Ufer, während die anderen das Feuer löschen, indem sie es mit Sand ersticken. Aber Johannes folgt Jesus, nachdem er die Brotreste gesammelt hat. Petrus, der die Schritte hört, dreht den Kopf. Er sieht Johannes, zeigt auf ihn und fragt Jesus: «Und was wird mit diesem geschehen?»

«Wenn ich will, daß er bleibt, bis ich wiederkomme, was kümmert dich das? Du, folge mir nach.»

Sie sind am Ufer. Petrus möchte noch sprechen; die Majestät Jesu und die gehörten Worte halten ihn davon ab. Er kniet nieder, ebenso die anderen, und betet an. Jesus segnet und entläßt sie. Sie besteigen das Boot und entfernen sich rudernd. Jesus schaut ihnen nach.

696. JESUS AUF DEM TABOR

Alle Apostel und alle Hirtenjünger, auch Jonathan, den Chuza aus dem Dienst entlassen hat, sind da. Margziam, Manaen, viele Jünger von den Zweiundsiebzig und noch viele andere sind da. Sie befinden sich im Schatten der Bäume, die mit ihrem dichten Laub Licht und Hitze mildern. Sie sind nicht oben auf dem Gipfel, wo die Verklärung stattgefunden hat, sondern auf halber Höhe, dort, wo ein Eichenwäldchen den Gipfel zu verbergen und die Hänge des Berges mit seinen mächtigen Wurzeln zu halten scheint.

Fast alle sind angesichts der Tageszeit, der Untätigkeit und des langen Wartens schläfrig. Doch es genügt der Ruf eines Knaben – ich weiß nicht, wer es ist, denn ich kann ihn von meinem Standort aus nicht sehen – und alle stehen, einem Impuls folgend, plötzlich auf, um sich dann wieder mit dem Gesicht ins Gras zu werfen.

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«Der Friede sei mit euch allen. Hier bin ich unter euch. Der Friede sei mit euch. Der Friede sei mit euch.» Jesus geht segnend durch die Reihen. Viele weinen, andere lächeln selig. Aber alle fühlen einen wunderbaren Frieden.

Jesus bleibt stehen, wo die Apostel und die Hirten mit Margziam, Manaen, Stephanus, Nikolaus, Johannes von Ephesus, Hermas und einigen anderen der getreuesten Jünger, an deren Namen ich mich nicht erinnere, eine kompakte Gruppe bilden. Ich sehe den Mann aus Chorazim, der darauf verzichtet hat, seinen Vater zu begraben, um Jesus zu folgen, und einen anderen, den ich schon mehrmals gesehen habe. Jesus nimmt den Kopf des Margziam, der ihn weinend ansieht, in seine Hände, küßt ihn auf die Stirn und drückt ihn dann an sein Herz.

Dann wendet er sich den anderen zu und sagt: «Viele und wenige. Wo sind die übrigen? Ich weiß, daß meine treuen Jünger sehr zahlreich sind. Warum also sind hier von den vielen kaum fünfhundert Personen zusammengekommen, abgesehen von den Kindern des einen oder anderen unter euch?»

Petrus, der bisher im Gras gekniet ist, steht auf und spricht für alle: «Herr, zwischen dem dreizehnten und dem zwanzigsten Tag nach deinem Tod sind viele aus vielen Städten Palästinas hierher gekommen und haben gesagt, daß du bei ihnen warst. So sind viele von uns mit diesem oder jenem gegangen, um dich früher zu sehen. Einige sind gerade erst aufgebrochen. Die gekommen sind, haben gesagt, daß sie dich an verschiedenen Orten gesehen und mit dir gesprochen haben, und was am meisten verwundert, alle haben gesagt, daß sie dich am zwölften Tag nach deinem Tod gesehen haben. Wir hielten dies für einen Betrug eines jener falschen Propheten, von denen du gesagt hast, daß sie kommen würden, um die Auserwählten zu täuschen. Du hast im Ölgarten davon gesprochen, am Abend vor... vor...» Petrus neigt das Haupt und schweigt, überwältigt von Schmerz bei dieser Erinnerung. Zwei Tränen, gefolgt von weiteren, fließen in seinen Bart und fallen zu Boden...

Jesus legt ihm die Rechte auf die Schulter, und Petrus erschauert bei dieser Berührung, und da er nicht wagt, diese Hand mit der seinen zu berühren, wendet er das Haupt, um die anbetungswürdige Hand mit der Wange zu liebkosen und sie zu küssen.

Jakobus des Alphäus setzt seinen Bericht fort: «Und wir haben den Leuten abgeraten, an diese Erscheinungen zu glauben, denen, die aufbrechen wollten zum großen Meer oder nach Bozrah, Caesarea Philippi, Pella und Kedes, zum Berg bei Jericho und in die Ebene, die Ebene von Esdrelon beispielsweise, zum Großen Hermon, nach Beth Horon und Bethsemes und zu anderen Orten, die keinen Namen haben, weil es einsam gelegene Häuser in der Ebene bei Japhia oder Galaad sind. Die Nachrichten waren zu ungewiß. Einige sagten: "Wir haben ihn gesehen

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und gehört." Andere ließen uns sagen, daß sie dich gesehen und sogar mit dir gegessen hatten. Ja, wir wollten sie zurückhalten, weil wir glaubten, es könne sich um Fallen unserer Gegner handeln oder auch um Phantasien von Gerechten, die so viel an dich denken, daß sie dich schließlich sehen, wo du nicht bist. Aber die Leute sind trotzdem aufgebrochen. Die einen dahin, die anderen dorthin. Und so sind wir auf weniger als ein Drittel zusammengeschmolzen.»

«Ihr habt recht gehabt, darauf zu bestehen, daß sie bleiben. Nicht, weil ich nicht wirklich an den Orten gewesen wäre, die die hierher Gekommenen euch genannt haben, sondern weil ich befohlen hatte, hier zu bleiben und mich, vereint im Gebet, zu erwarten. Und weil ich will, daß meine Worte Gehorsam finden, vor allem bei denen, die meine Diener sind. Wenn schon die Diener anfangen, ungehorsam zu sein, was sollen dann die Gläubigen tun?

Hört gut zu, alle die ihr hier seid. Denkt daran, daß ein Organismus, um gesund und funktionstüchtig zu bleiben, eine Hierarchie braucht, also einen, der befiehlt, andere, die Befehle weitergeben, und wieder andere, die gehorchen. So ist es am Hof der Könige, und so ist es bei den Religionen; bei unserer hebräischen und bei allen anderen, so unrein sie auch sein mögen. Es gibt immer ein Oberhaupt, es gibt seine Amtsträger, die Diener dieser Amtsträger und endlich die Gläubigen. Ein Oberhirte kann nicht allein wirken. Und auch ein König kann allein nichts tun. Und dabei sind deren Anordnungen nur Dinge, die ausschließlich irdische Angelegenheiten oder Formalitäten des Kults betreffen... Ja. Auch in der mosaischen Religion sind leider nur noch die Formalitäten des Kults geblieben, die weiterhin ablaufende Bewegung eines Triebwerks, das immer noch dieselben Handlungen ausführt, auch nun, da der Geist dieser Handlungen tot ist. Für immer tot. Der göttliche Geist und Antrieb, der diesen Riten Wert verlieh, hat sich aus ihrer Mitte entfernt. Und so sind diese Riten nur leere Gesten, sonst nichts. Gesten, die jeder Komödiant auf der Bühne eines Theaters nachmachen könnte. Wehe, wenn eine Religion stirbt und die wahre, lebendige Kraft zur lärmenden, äußerlichen Pantomime wird, zu einer sinnentleerten Pantomime vor einem gemalten Hintergrund und in prunkvollen Gewändern, zur mechanischen Bewegung von Maschinen, die gewisse vorgeschriebene Handlungen ausführen, so wie ein Schlüssel eine Feder bewegt, wobei weder Schlüssel noch Feder sich dessen bewußt sind, was sie tun. Wehe! Denkt darüber nach!

Vergeßt dies nie und sagt es euren Nachfolgern, damit diese Wahrheit durch alle Jahrhunderte bekannt bleibt. Das Herabfallen eines Planeten müßt ihr weniger fürchten als den Niedergang der Religion. Blieben keine Sterne und Planeten mehr am Himmel, so wäre dies für die Völker ein geringeres Übel, als wenn sie ohne wahre Religion leben müßten. Gottes mächtige Vorsehung würde für die menschlichen Bedürfnisse sorgen,

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denn alles kann Gott für jene, die auf dem Weg der Weisheit oder auf dem Weg, den ihre Unwissenheit kennt, aufrichtigen Herzens die Gottheit suchen und lieben. Aber wenn der Tag käme, an dem die Menschen Gott nicht mehr lieben, weil die Priester aller Religionen diese zu einer leeren Pantomime gemacht haben und als erste nicht mehr an die Religion glauben, dann wehe der Erde!

Nun, wenn ich das sogar für jene Religionen sage, die unrein sind -einige von ihnen leiten sich her aus teilweisen Offenbarungen an einen Weisen, andere aus dem natürlichen Bedürfnis des Menschen, sich einen Glauben zu schaffen, um der Seele durch die Liebe zu einem Gott Nahrung zu geben; denn dieses Bedürfnis ist der stärkste Trieb des Menschen, der immerwährende Zustand der Suche nach dem, der ist; und der Geist will ihn, auch wenn der stolze Verstand jeglichem Gott die Ehre verweigert, auch wenn der Mensch in Verkennung seiner Seele diesem seinem innersten Bedürfnis keinen Namen zu geben vermag – was soll ich dann sagen von der Religion, die ich euch gegeben habe und die meinen Namen trägt, zu deren Oberhirten und Priestern ich euch eingesetzt habe und deren Verbreitung auf der ganzen Welt ich euch gebiete? Von dieser einen, wahren und vollkommenen Religion, die sich auf meine, des Meisters, unveränderliche Lehre gründet und vervollständigt werden wird durch die immerwährende Unterweisung dessen, der kommen wird: des Heiligen Geistes, des heiligsten Führers meiner Oberhirten und jener, die ihnen helfen werden, der Häupter zweiten Ranges in den Kirchen der verschiedenen Gegenden, in denen mein Wort sich durchsetzen wird. Diese Kirchen werden, obwohl verschieden an Zahl, doch nicht verschiedener Denkungsart sein; sie werden vielmehr eins sein mit der Kirche, und aus ihren einzelnen Teilen wird der große, immer größere Bau gefügt sein, der große, neue Tempel, dessen Hallen bis an die Grenzen der Erde reichen werden. Nicht verschieden im Denken, nicht gegensätzlich, sondern einig und brüderlich zueinander, alle dem Oberhaupt der Kirche, Petrus und seinen Nachfolgern untertan, bis ans Ende der Zeiten. Und jene, die sich aus welchem Grund auch immer von der Mutterkirche trennen, werden abgetrennte Glieder sein und das mystische Blut, die Gnade, die von mir, dem göttlichen Oberhaupt der Kirche, kommt, wird sie nicht mehr nähren. Gleich verlorenen Söhnen, die aus eigenem Willen das Vaterhaus verlassen haben, werden sie in ihrem vergänglichen Reichtum und in ständigem und immer größerem Elend durch zu schwere Speisen und Weine den Intellekt ihres Geistes abstumpfen und dann dahinsiechen und die bitteren Eicheln der unreinen Tiere essen, bis sie mit zerknirschtem Herzen ins Vaterhaus zurückkehren und sagen: "Wir haben gesündigt. Vater, verzeih uns und öffne uns die Tür deines Hauses." Und wenn dann ein Glied einer getrennten Kirche oder eine ganze getrennte Kirche zurückkehren sollte – oh, wäre es doch so, aber wann, wo werde ich genügend Nachahmer

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finden, die imstande sind, unter Einsatz des eigenen Lebens diese ganzen Kirchen zu erlösen, damit ein Schafstall und ein Hirte sei, wieder sei, so wie ich es brennend wünsche – wenn also ein einzelner oder die ganze Gruppe zurückkehrt, dann öffnet ihnen die Türen. Seid väterlich. Denkt daran, daß ihr alle, jeder einzelne, eine oder mehrere Stunden lang, vielleicht sogar jahrelang verlorene und der Begehrlichkeit verfallene Söhne gewesen seid. Seid also nicht hart zu denen, die reuig zurückkehren. Denkt daran! Denkt daran!

Viele von euch sind heute vor zweiundzwanzig Tagen geflohen. Habt ihr durch diese Flucht nicht eurer Liebe zu mir abgeschworen? So wie ich euch wieder aufgenommen habe, sobald ihr reuig zu mir zurückgekehrt seid, so sollt auch ihr handeln. Alles, was ich getan habe, sollt ihr tun. Dies ist mein Befehl. Ihr habt drei Jahre lang mit mir gelebt. Ihr kennt meine Werke und meine Gedanken. Wenn ihr euch in Zukunft vor eine Entscheidung gestellt seht, dann denkt an die Zeit, die ihr mit mir verbracht habt, und verhaltet euch so, wie ich mich verhalten habe. Dann werdet ihr niemals fehlgehen. Ich bin das lebendige und vollkommene Beispiel für euer Handeln.

Und vergeßt nicht, daß ich mich nicht einmal Judas von Kerioth versagt habe... Der Priester muß mit allen Mitteln zu retten suchen. Und unter den Mitteln zur Rettung soll immer die Liebe vorherrschen. Denkt daran, daß mir die Untat des Judas nicht unbekannt war... Aber ich habe jede Abneigung überwunden und den Elenden ebenso behandelt, wie ich Johannes behandelt habe. Euch... euch wird oft die Bitterkeit erspart bleiben, erkennen zu müssen, daß ihr euch umsonst bemüht, einen geliebten Jünger zu retten. Und so werdet ihr unermüdlich arbeiten können, ohne die Entmutigung, der man anheimfällt, wenn man weiß, daß alles vergeblich ist... Man muß auch dann noch arbeiten... immer... bis alles erfüllt ist...»

«Aber du leidest ja, Herr! ?» Oh, ich habe nicht geglaubt, daß du jetzt noch leiden kannst! Du leidest immer noch wegen Judas! Vergiß ihn, Herr!» ruft Johannes aus, der keinen Augenblick den Blick von seinem Herrn abwendet.

Jesus öffnet seine Arme, die übliche Geste ergebener Bestätigung einer schmerzlichen Tatsache, und sagt: «So ist es... Judas war und ist der größte Schmerz im Meer meiner Schmerzen. Er ist der bleibende Schmerz... Die anderen Schmerzen waren beendet am Ende des Opfers. Aber dieser Schmerz bleibt. Ich habe ihn geliebt. Ich habe mich selbst verzehrt in dem Bemühen, ihn zu retten... Ich konnte die Tore der Vorhölle öffnen, um die Gerechten herauszuführen, und die Tore des Fegfeuers, um die armen Seelen zu befreien. Doch der Ort des Schreckens blieb verschlossen über ihm. Für ihn war mein Sterben vergebens.»

«Leide nicht! Leide nicht! Mein glorreicher Herr! Dir gebührt Ehre

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und Freude. Du hast deinen Schmerz vollendet», bettelt wiederum Johannes.

«Wahrlich, niemand hätte geglaubt, daß er immer noch leiden kann», sagen alle erstaunt und betroffen und flüstern miteinander.

«Und ihr wißt nicht, welchen Schmerz mein Herz im Laufe der Jahrhunderte leiden wird wegen eines jeden unbußfertigen Sünders und einer jeden Häresie, die mich leugnet, wegen eines jeden Gläubigen, der mir abschwört, und eines jeden – o Qual der Qualen – jeden schuldigen Priester, der zur Ursache von Ärgernis und Verderben wird. Ihr wißt nicht! Ihr wißt noch nicht! Ihr werdet es nie vollständig wissen, solange ihr nicht mit mir im Licht des Himmels seid. Dann werdet ihr verstehen... Wenn ich an Judas denke, denke ich an die Auserwählten, deren Berufung ihnen zum Verderben wird wegen ihres verderbten Willens... Oh! Ihr, die ihr treu seid, ihr, die ihr die zukünftigen Priester formt, denkt an meinen Schmerz und bemüht euch, immer heiliger zu werden, um meinen Schmerz zu trösten, bemüht euch, heilige Priester aus ihnen zu machen, damit sich, soweit möglich, dieser Schmerz nicht wiederholt. Ermahnt, überwacht, belehrt, bekämpft und seid sorgsam wie Mütter, unermüdlich wie Lehrer, wachsam wie Hirten, stark wie Krieger, um die Priester zu stützen, die von euch ausgebildet werden. Die Sünde des zwölften Apostels, oh, sorgt dafür, daß sie sich in Zukunft nicht allzu oft wiederholt...

Seid so, wie ich zu euch gewesen bin, wie ich zu euch bin. Ich habe zu euch gesagt: "Seid vollkommen wie der Vater im Himmel." Und eure Menschlichkeit zittert vor diesem Befehl. Heute noch mehr als damals, als ich es euch sagte, denn nun kennt ihr eure Schwäche.

Nun gut, um euch zu ermutigen, werde ich euch sagen: "Seid wie euer Meister. Ich bin der Mensch." Also könnt ihr tun, was ich getan habe. Auch Wunder wirken. Ja, auch das. Damit die Welt erkennt, daß ich es bin, der euch sendet, und wer leidet, nicht untröstlich weint bei dem Gedanken: "Er ist nicht mehr unter uns, um unsere Kranken zu heilen und uns in unseren Schmerzen zu trösten." In diesen Tagen habe ich Wunder gewirkt, um die Herzen zu trösten und sie davon zu überzeugen, daß Christus nicht vernichtet ist, da er getötet wurde, sondern mächtiger als zuvor, ewig mächtig und stark. Aber wenn ich nicht mehr unter euch sein werde, werdet ihr tun, was ich bis jetzt getan habe und auch weiterhin tun werde. Doch nicht so sehr um eurer Wundermacht willen, sondern eurer Heiligkeit wegen wird die Liebe zur neuen Religion wachsen. Und über eure Heiligkeit, nicht über die Gabe, die ich euch übertrage, müßt ihr sorgsam wachen. Je eifriger ihr seid , desto teurer werdet ihr meinem Herzen sein, und der Geist Gottes wird euch erleuchten, und die Güte Gottes und seine Macht werden eure Hände mit himmlischen Gaben füllen. Das Wunder ist kein gewöhnliches Werk, und für ein Leben im Glauben ist es nicht nötig. Vielmehr! Selig, die im Glauben verharren ohne

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außergewöhnliche Mittel als Stütze dieses Glaubens! Doch ist das Wunder auch nicht so ausschließlich besonderen Zeiten vorbehalten, daß es mit dem Ende dieser Zeiten aufhört. Wunder wird es immer auf der Welt geben. Immer. Und um so zahlreicher werden sie sein, je zahlreicher die Gerechten in der Welt sind. Wenn die wahren Wunder selten werden, wird man wissen, daß es an Glauben und Gerechtigkeit fehlt. Daher habe ich gesagt: "Wenn ihr glaubt, könnt ihr Berge versetzen." Deshalb habe ich gesagt: "Die Zeichen, die jene begleiten, die wahren Glauben an mich haben, werden der Sieg über die Dämonen und die Krankheiten, über die Elemente und die Nachstellungen sein."

Gott ist mit dem, der ihn liebt. Das Zeichen dafür, wie sehr meine Gläubigen in mir sind, wird die Anzahl und die Macht der Wunder sein, die sie in meinem Namen und um Gott zu verherrlichen wirken. Von einer Welt ohne wahre Wunder kann man ohne zu lügen sagen: "Sie hat den Glauben und die Gerechtigkeit verloren. Sie ist eine Welt ohne Heilige."

Also, um zum Anfang zurückzukehren: Ihr habt gut daran getan, jene zurückzuhalten, die wie von weither klingender Musik oder einem trügerischen Schein verführte Kinder dem, was sicher ist, den Rücken gekehrt haben und davongelaufen sind. Seht ihr? Sie haben ihre Strafe, denn sie müssen auf meine Worte verzichten. Aber auch ihr habt einen Fehler begangen. Ihr habt euch zwar daran erinnert, daß ich gesagt habe, nicht hierhin und dorthin jeder Stimme zu folgen, die euch meinen angeblichen Aufenthaltsort nennt; aber ihr habt euch nicht erinnert, daß ich auch gesagt habe, daß Christus bei seiner zweiten Ankunft einem Blitz gleichen würde, der von Osten aufzuckt und bis zum Westen leuchtet in kürzerer Zeit als ein Augenaufschlag.

Nun, diese zweite Ankunft hat im Augenblick meiner Auferstehung begonnen. Sie wird ihren Höhepunkt erreichen in der Erscheinung des Christus als Richter aller Auferstandenen. Vorher aber werde ich noch sehr oft erscheinen, um zu bekehren, zu heilen, zu trösten, zu unterweisen und Befehle zu erteilen! Wahrlich, ich sage euch: Ich kehre zu meinem Vater zurück. Doch die Welt wird meiner Gegenwart nicht beraubt sein. Ich werde Hüter und Freund, Lehrer und Arzt sein, dort, wo Körper oder Seelen, Sünder oder Heilige mich brauchen oder von mir auserwählt werden, um meine Worte anderen mitzuteilen. Denn die Menschheit, auch dies ist eine Wahrheit, wird einen ununterbrochenen Akt der Liebe meinerseits nötig haben, da es ihr so schwerfällt, sich zu beugen, da sie so leicht erkaltet, so rasch vergißt und den Abstieg dem Aufstieg vorzieht. Wenn ich sie also nicht mit meinen übernatürlichen Mitteln zurückhalten würde, dann würden das Gesetz, das Evangelium und die göttlichen Hilfen, die meine Kirche verwalten wird, nicht ausreichen, um die Menschheit in der Erkenntnis der Wahrheit zu erhalten und in dem Willen, den Himmel zu erwerben. Und ich spreche von der an mich glaubenden Menschheit,

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die immer nur einen kleinen Teil der großen Masse der Erdenbewohner ausmachen wird.

Ich werde kommen. Wer mich hat, soll demütig bleiben. Wer mich nicht hat, soll nicht begierig darauf sein, mich zu haben, um gelobt zu werden. Niemand soll das Außergewöhnliche wünschen. Gott weiß, wann und wo er es gewährt. Es ist nicht notwendig, das Außergewöhnliche zu haben, um in den Himmel zu kommen. Das Außergewöhnliche ist sogar eine Waffe, die, falsch angewandt, die Hölle anstelle des Himmels öffnen kann. Und ich will euch sagen, wie. Der Hochmut kann erwachen. Ein Gott nicht wohlgefälliger geistiger Zustand kann eintreten, der der Trägheit gleicht, bei der man es sich mit dem geschenkten Schatz bequem macht und sich schmeichelt, schon im Himmel zu sein, weil man dieses Geschenk erhalten hat. Nein. In diesem Fall wird die Gabe statt zu Flamme und Flügeln zu Kälte und Felsen, und die Seele stürzt in die Tiefe und stirbt. Und außerdem kann der falsche Gebrauch einer Gabe die Gier nach mehr hervorrufen, um noch größeres Lob zu erhalten. In diesem Fall könnte anstelle des Herrn der Geist des Bösen die Unklugen mit falschen Wundern betören. Bleibt den Verführungen aller Art immer fern. Flieht sie. Gebt euch zufrieden mit dem, was Gott euch gewährt. Er weiß, was euch nützt und auf welche Art. Und denkt immer daran, daß jede Gabe nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine Prüfung ist, eine Prüfung eurer Gerechtigkeit und eures Willens. Ich habe euch allen dasselbe gegeben. Doch was euch besser gemacht hat, ist Judas zum Verderben geworden. War also die Gabe schlecht? Nein, der Wille dieser Seele war böse...

Dies für jetzt. Ich bin vielen erschienen. Nicht nur, um sie zu trösten und ihnen Gutes zu erweisen, sondern um euch zufriedenzustellen. Ihr hattet mich gebeten, das Volk zu überzeugen, daß ich auferstanden bin, da das Synedrium versucht, es vom Gegenteil zu überzeugen. Ich bin Kindern und Erwachsenen erschienen, am selben Tag und an verschiedenen, oft so weit voneinander entfernten Orten, daß mehrere Tagesmärsche nötig wären, um sie alle zu erreichen. Aber für mich gibt es keine irdischen Entfernungen mehr. Und dieses gleichzeitige Erscheinen hat sogar euch verwirrt. Ihr habt euch gesagt: "Sie haben Gespenster gesehen." Ihr habt also einen Teil meiner Worte vergessen, nämlich, daß ich von nun an gleichzeitig im Osten und Westen, im Norden und Süden sein kann, wo es mir gefällt, schnell wie der Blitz, der über den Himmel fährt, und daß nichts mich daran hindern kann. Ich bin wahrer Mensch. Hier sind meine Glieder und mein Körper, fest, warm, beweglich, und er atmet und spricht wie ihr. Aber ich bin wahrer Gott. Und wenn auch zu höheren Zwecken die Gottheit dreiunddreißig Jahre lang in der Menschheit verborgen war, so hat nun die Gottheit, obwohl verbunden mit der Menschheit, die Vorherrschaft, und die Menschheit genießt die vollkommene Freiheit der

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verherrlichten Leiber. Die Menschheit ist nun Königin mit der Gottheit und keinen menschlichen Beschränkungen mehr unterworfen. Hier bin ich. Ich bin hier bei euch und könnte, wenn ich wollte, in einem Augenblick an den Enden der Erde sein, um eine Seele zu gewinnen, die mich sucht.

Und welche Früchte wird dieses mein Erscheinen bei Caesarea Maritima und im oberen Caesarea, auf dem Kerith und in Engedi, bei Pella, in Jutta und anderen Orten Judäas, in Bozrah, auf dem Großen Hermon, in Sidon und an den Grenzen von Galiläa wohl bringen? Nun, ich habe ein Kind geheilt, einen kurz zuvor Gestorbenen wieder ins Leben gerufen, eine Not gelindert, eine Seele in meinen Dienst berufen, die sich in harter Buße verzehrte, und einen Gerechten zu Gott geführt, der mich darum gebeten hatte. Ich habe unschuldigen Kindern meine Botschaft mitgeteilt und einem treuen Herzen meine Anweisungen gegeben. Wird dies die Welt überzeugen? Nein. Jene, die glauben, werden auch weiterhin glauben, mit größerem Frieden in der Seele, aber nicht mit größerer Überzeugung, denn sie hatten schon den wahren Glauben. Jene, die nicht mit wahrem Glauben zu glauben vermochten, werden weiterhin im Zweifel bleiben. Und die Böswilligen werden sagen, daß die Erscheinungen Einbildung und Lüge sind, und daß der Tote nicht tot war, sondern nur geschlafen hat... Erinnert ihr euch an das Gleichnis vom reichen Prasser? Ich habe gesagt, daß Abraham dem Verdammten antwortete: "Wenn sie Moses und den Propheten nicht glauben, dann werden sie auch nicht glauben, wenn einer von den Toten aufersteht und ihnen sagt, was sie tun müssen." Haben sie etwa mir, dem Meister, geglaubt, und meinen Wundern? Was hat das Wunder an Lazarus bewirkt? Meine um so raschere Verurteilung. Was hat meine Auferstehung bewirkt? Eine Vermehrung ihres Hasses. Auch meine Wunder in dieser meiner letzten Zeit unter euch werden die Welt nicht überzeugen, sondern nur jene, die nicht mehr von der Welt sind, da sie das Reich Gottes mit seinen jetzigen Mühen und Leiden und seiner künftigen Herrlichkeit gewählt haben.

Aber ich freue mich, daß ihr im Glauben bestärkt und meinen Befehlen gehorsam gewesen seid, daß ihr hier auf diesem Berg auf mich gewartet habt und nicht menschliche Eile hattet, euch an zwar guten, aber doch nicht meinen Weisungen entsprechenden Dingen zu erfreuen. Der Ungehorsam gibt ein Zehntel und nimmt neun Zehntel. Jene sind gegangen und werden die Worte von Menschen hören, nur diese. Ihr seid geblieben und habt mein Wort gehört, das immer gut und nützlich ist, auch wenn es schon Gehörtes wiederholt. Dies möge euch allen, und auch den anderen, als Lehre für die Zukunft dienen.»

Jesus läßt seine Blicke über die Anwesenden schweifen und ruft: «Komm, Elisäus von Engedi. Ich muß dir etwas sagen.»

Ich hatte den ehemaligen Aussätzigen, den Sohn des alten Abraham,

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nicht wiedererkannt. Damals war er ein gespenstisches Skelett, nun ist er ein blühender Mensch im besten Mannesalter. Er nähert sich und kniet zu Füßen Jesu nieder, der zu ihm sagt: «Eine Frage möchtest du mir stellen, seit du erfahren hast, daß ich in Engedi gewesen bin. Und die Frage lautet: "Hast du meinen Vater getröstet?" Ich sage dir: "Mehr als getröstet! Ich habe ihn zu mir genommen."»

«Zu dir, mein Herr? Und wo ist er, da ich ihn nicht sehe?»

«Elisäus, ich bin noch eine kleine Weile hier. Dann gehe ich zu meinem Vater...»

«Herr... ! Du willst sagen... Mein Vater ist tot!»

«Er ist an meinem Herzen entschlafen. Auch für ihn ist der Schmerz zu Ende. Der Schmerz hat ihn ganz verzehrt, und er ist dem Herrn trotzdem immer treu geblieben... Weine nicht! Hast du ihn etwa nicht verlassen, um mir zu folgen?»

«Ja, mein Herr...»

«Nun, dein Vater ist bei mir. Daher wirst du, wenn du mir nachfolgst, auch zu deinem Vater kommen.»

«Aber wann? Und wie?»

«In seinem Weinberg, dort, wo er zum erstenmal von mir reden hörte. Er hat mich an seine Bitte vom Vorjahr erinnert. Und ich habe zu ihm gesagt: "Komm." Er ist selig gestorben, weil du alles verlassen hast, um mir zu folgen.»

«Verzeih mir meine Tränen... Er war mein Vater.»

«Ich verstehe den Schmerz.» Jesus legt ihm die Hand aufs Haupt, um ihn zu trösten, und sagt zu den Jüngern: «Hier ist ein neuer Gefährte. Habt ihn lieb, denn ich habe ihn seinem Grab entrissen, damit er mir diene.»

Dann ruft er: «Elias, komm zu mir. Schäme dich nicht wie einer, der ein Fremder unter Brüdern ist. Die ganze Vergangenheit ist nicht mehr. Und auch du, Zacharias, der du Vater und Mutter um meinetwillen verlassen hast, komm und geselle dich zu den Zweiundsiebzig, zusammen mit Joseph von Citium. Ihr verdient es, denn ihr habt die Wege der Mächtigen um meinetwillen verlassen. Und du, Philippus, und auch du, sein Begleiter, der du nicht mehr bei deinem Namen genannt sein willst, da er dir furchtbar erscheint; nimm nun den Namen deines Vaters an, der ein Gerechter ist, auch wenn er noch nicht zu denen zählt, die mir offen folgen. Seht ihr alle? Ich schließe niemanden aus, der guten Willens ist. Nicht jene, die mir schon als Jünger gefolgt sind, nicht jene, die bereits gute Werke in meinem Namen vollbracht haben, obwohl sie noch nicht zur Schar meiner Jünger gehörten, nicht jene, die verschiedenen Sekten angehörten, die nicht von allen geliebt werden, die aber immer noch auf den rechten Weg kommen können und nicht abgewiesen werden dürfen. Tut so, wie ich tue. Ich geselle diese den alten Jüngern bei. Denn das

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Himmelreich steht allen offen, die guten Willens sind. Und obwohl keine hier sind, sage ich euch, daß ihr auch die Heiden nicht abweisen dürft. Ich habe sie nicht abgewiesen, wenn ich in ihnen das Verlangen nach Wahrheit erkannte. Tut, was ich getan habe. Und du, Daniel, der du wahrlich der Höhle, nicht der Löwen, sondern der Schakale entronnen bist, komm und bleibe bei diesen. Und komm auch du, Benjamin. Ich reihe euch ein unter sie (Jesus zeigt auf die fast vollzählig anwesenden Zweiundsiebzig), denn die Ernte des Herrn wird reich sein, und es braucht viele Arbeiter.

Nun bleiben wir eine Weile hier beisammen, den Rest des Tages. Am Abend werdet ihr den Berg verlassen, und im Morgenrot werdet ihr mit mir kommen, ihr, die Apostel, und ihr beiden, die ich besonders genannt habe, und alle, die von den Zweiundsiebzig hier sind (er zeigt auf Zacharias und Joseph von Citium, der mir nicht neu ist). Die anderen sollen hier auf jene warten, die wie müßige Wespen da- und dorthin geschwirrt sind, und ihnen in meinem Namen sagen, daß man den Herrn nicht findet, wenn man sich wie mutwillige und ungehorsame Kinder herumtreibt. Und alle sollen zwanzig Tage vor Pfingsten in Bethanien sein, denn danach würden sie mich vergebens suchen. Setzt euch alle und ruht euch aus. Ihr, kommt etwas beiseite mit mir.»

Jesus entfernt sich mit Margziam an der Hand, gefolgt von den zwölf Aposteln. Wo der Eichenwald am dichtesten ist, setzt er sich und zieht Margziam zu sich heran, der sehr traurig ist. So traurig, daß Petrus sagt: «Tröste ihn, Herr. Er war schon traurig, aber jetzt ist er es noch mehr.»

«Warum, Kind? Bist du denn nicht bei mir? Solltest du nicht glücklich sein zu wissen, daß ich den Schmerz überwunden habe?»

Als einzige Antwort fängt Margziam richtig zu weinen an.

«Ich weiß nicht, was er hat. Ich habe ihn umsonst gefragt. Heute hatte ich aber nicht mit diesen Tränen gerechnet», brummt Petrus etwas unruhig.

«Ich weiß den Grund», sagt Johannes.

«Um so besser für dich! Also, warum weint er?»

«Er weint nicht erst heute, sondern schon seit Tagen ...»

«Das habe ich auch gemerkt. Aber warum?»

«Der Herr weiß es, ich bin dessen sicher. Und ich weiß, daß nur er die richtigen Worte findet, um ihn zu trösten», sagt Johannes lächelnd.

«Es ist wahr, ich weiß es. Und ich weiß, daß Margziam, der gute Jünger, in diesem Augenblick ein richtiges Kind ist, das die Dinge nicht sieht, wie sie wirklich sind. Aber, mein liebster unter allen Jüngern, denkst du nicht daran, daß ich gegangen bin, um die im Glauben Wankenden zu stärken, um loszusprechen und gescheiterte Existenzen aufzunehmen, um das den Schwächeren eingeflößte Gift des Zweifels unschädlich zu machen, um denen mit Barmherzigkeit oder Strenge zu antworten, die mich noch bekämpfen wollen, und um dort, wo man mich mit besonderer

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Hartnäckigkeit für tot erklärt hat, durch meine Gegenwart zu beweisen, daß ich auferstanden bin? War es denn nötig, zu dir zu kommen, Kind, dessen Glaube, Hoffnung, Liebe, guter Wille und Gehorsam mir bekannt sind? Zu dir für einen Augenblick, wenn ich dich doch, so wie jetzt, noch mehrmals bei mir haben werde? Wer wird das Ostermahl mit mir halten, wenn nicht du allein unter allen Jüngern? Siehst du diese hier? Sie haben ihr Passahmahl gegessen, und der Geschmack des Lammes und der Kräuter, des ungesäuerten Brotes und des Weines ist für ihre Gaumen in den nachfolgenden Stunden zu Asche, Galle und Essig geworden. Aber ich und du, mein Kind, wir werden unsere Ostern in Freude halten, und es wird Honig sein und bleiben. Wer damals geweint hat, wird sich freuen. Wer sich damals gefreut hat, kann nicht verlangen, sich noch einmal freuen zu dürfen.»

«Wahrlich, wir waren nicht sehr glücklich an jenem Tag...» murmelt Thomas.

«Ja, unser Herz hat gezittert ...» sagt Matthäus.

«Und Verdacht und Zorn kochten in uns, in mir wenigstens ...» sagt Thaddäus.

«Und deshalb, sagt ihr, wollt ihr alle das zusätzliche Osterfest feiern ...»

«So ist es, Herr», sagt Petrus.

«Einmal hast du dich darüber beklagt, daß die Jüngerinnen und dein Sohn nicht am Ostermahl teilnehmen durften. Und nun beklagst du dich, weil die, die sich damals nicht freuen durften, jetzt ihre Freude haben werden.»

«Es ist wahr. Ich bin ein Sünder.»

«Und ich bin der Mitleidige. Ich will, daß ihr alle um mich seid, nicht nur ihr allein, sondern auch die Jüngerinnen. Lazarus wird uns noch einmal Gastfreundschaft gewähren. Ich habe deine Töchter nicht bei uns gewollt, Philippus, und auch nicht eure Frauen, und Myrtha, Noemi und das Mädchen, das bei ihnen ist. Auch diesen hier nicht. Jerusalem war in jenen Tagen nicht für alle der geeignete Ort.»

«Das ist wahr! Gut, daß sie nicht dort waren», seufzt Philippus.

«Ja, sie hätten unsere Feigheit gesehen.»

«Schweig, Petrus. Sie ist verziehen.»

«Ja. Aber ich habe sie meinem Sohn bekannt und glaubte, daß er deswegen so traurig sei. Ich habe sie bekannt, denn jedesmal wenn ich sie bekenne, ist es für mich eine Erleichterung. Es ist, als ob eine Last von meinem Herzen genommen würde. Ich fühle mich jedesmal mehr losgesprochen, nachdem ich mich verdemütigt habe. Aber wenn Margziam traurig ist, weil du dich den anderen gezeigt hast...»

«Nur deshalb, aus keinem anderen Grund, mein Vater.»

«Dann sei beruhigt! Er hat dich geliebt und liebt dich immer noch. Du siehst es. Ich hatte es dir aber schon gesagt wegen des zweiten Osterfestes ...»

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«Ich fürchtete, zu ungern den Gehorsam geleistet zu haben, den Porphyria mir in deinem Namen auferlegt hatte, Herr, und glaubte, du hättest mich dafür bestraft. Und ich fürchtete auch, daß ich dich nicht sehen dürfte, weil ich Judas und die, die dich kreuzigen ließen, gehaßt habe», bekennt Margziam.

«Du sollst niemanden hassen. Ich habe verziehen.»

«Ja, mein Herr, ich werde nicht mehr hassen.»

«Und auch nicht mehr traurig sein.»

«Ich werde nicht mehr traurig sein, Herr!» Margziam, wie alle sehr jungen Menschen, ist Jesus gegenüber weniger ängstlich als die anderen und begibt sich vertrauensvoll in seine Arme, nun, da er sicher ist, daß Jesus ihm nicht zürnt. Er flüchtet sich beinahe, wie ein Küchlein unter den mütterlichen Flügeln, in den Arm, der ihn umfängt und an sich drückt, und da nun die Sorge schwindet, die ihn seit vielen Tagen traurig und unruhig gemacht hat, schläft er selig ein.

«Er ist noch ein Kind», bemerkt der Zelote.

«Ja, aber wie sehr hat er gelitten! Porphyria hat es mir gesagt, als sie ihn zu uns brachte, nachdem Joseph von Tiberias sie verständigt hatte», entgegnet Petrus. Dann sagt er zum Meister: «Darf auch Porphyria nach Jerusalem?» Wie bittend klingt die Stimme des Petrus!

«Alle. Ich will sie segnen, bevor ich zu meinem Vater auffahre. Auch sie haben gedient, und oft besser als die Männer.»

«Und zu deiner Mutter gehst du nicht?» fragt Thaddäus.

«Wir sind beisammen.»

«Beisammen? Wann denn?»

«Judas, Judas! Glaubst du wirklich, daß ich nun nicht bei ihr bin, da ich doch immer bei ihr Freude gefunden habe?»

«Aber Maria ist allein in ihrem Haus. Meine Mutter hat es mir gestern gesagt.»

Jesus lächelt und antwortet: «Hinter den Vorhang des Allerheiligsten darf nur der Hohepriester treten.»

«Und? Was heißt das?»

«Daß es Seligkeiten gibt, die man nicht beschreiben und bekanntmachen kann. Das will ich sagen.»

Jesus entfernt Margziam sanft von sich und vertraut ihn den Armen des Johannes an, der ihm am nächsten sitzt. Er steht auf und segnet sie. Und während sie kniend – mit Ausnahme des Johannes, der den Kopf Margziams im Schoß hält – und mit gesenktem Haupt den Segen empfangen, verschwindet er.

«Er ist wirklich wie der Blitz, von dem er gesprochen hat», sagt Bartholomäus...

Die Apostel verbleiben betrachtend in Erwartung des Sonnenuntergangs.

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697. JESUS ZU DEN APOSTELN UND JÜNGERN

Ich bin auf einem anderen, noch dichter bewaldeten Berg, nicht weit von Nazareth, wohin eine Straße führt, die am Fuß des Berges entlang verläuft.

Jesus heißt sie sich rings um ihn setzen, zuvorderst die Apostel, hinter ihnen die Jünger, bzw. die von den Zweiundsiebzig, die nicht da- und dorthin gegangen sind, sowie Zacharias und Joseph. Margziam ist an seinem bevorzugten Platz zu Füßen Jesu.

Als alle sich gesetzt haben und in Erwartung seiner Worte schweigen, beginnt Jesus zu sprechen.

Er sagt: «Schenkt mir eure ganze Aufmerksamkeit, denn ich muß euch außerordentlich wichtige Dinge sagen. Ihr werdet sie noch nicht alle verstehen oder nicht alle ganz richtig verstehen. Aber er, der nach mir kommt, wird euch erleuchten. Hört mir also zu.

Niemand ist mehr als ihr davon überzeugt, daß der Mensch ohne Gottes Hilfe sehr leicht sündigt, da seine durch die Sünde geschwächte Verfassung sehr anfällig ist. Ich wäre daher ein unkluger Erlöser, wenn ich, nachdem ich euch so viel gegeben habe, um euch zu erlösen, euch nicht auch die Mittel geben würde, um die Früchte meines Opfers zu bewahren. Ihr wißt, daß die Leichtigkeit zu sündigen von der Erbsünde herrührt, die die Menschen der Gnade und daher auch ihrer Seelenstärke beraubt: der Vereinigung mit der Gnade.

Ihr habt gesagt: "Aber du hast doch den Menschen die Gnade wiedergegeben." Nein. Sie ist den Gerechten bis zu meinem Tod wiedergegeben worden. Um sie den künftigen Menschen wiederzugeben, bedarf es eines Mittels. Eines Mittels, das nicht nur ein Ritual sein wird, sondern das alle, die es empfangen, wahrhaft zu Kindern Gottes machen wird. So wie Adam und Eva es waren, deren von der Gnade belebte Seelen erhabene Gaben besaßen, die Gott seinen geliebten Geschöpfen geschenkt hatte.

Ihr wißt, was der Mensch besessen und was er verloren hat. Nun sind durch mein Opfer die Tore der Gnade wieder geöffnet, und der Strom der Gnade kann sich über alle ergießen, die aus Liebe zu mir darum bitten. Daher werden die Menschen die Eigenschaft haben, Kinder Gottes zu sein durch die Verdienste des Erstgeborenen unter den Menschen, desjenigen, der zu euch spricht, eures Erlösers und ewigen Hohenpriesters, eures Lehrers und Bruders im gemeinsamen Vater. In Jesus Christus und durch Jesus Christus werden die gegenwärtigen und die zukünftigen Menschen den Himmel besitzen und sich in Gott, dem letzten Ziel des Menschen, erfreuen können. Bis jetzt konnten auch die Gerechtesten der Gerechten dieses Ziel nicht erreichen, obwohl sie beschnitten waren als Kinder des auserwählten Volkes. Trotz ihrer von Gott anerkannten Tugenden und obwohl ihre Plätze im Himmel bereit waren, war dieser doch verschlossen

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und ihnen der Besitz Gottes verwehrt, da auf ihren Seelen, den gesegneten Blumenbeeten aller Tugenden, auch der verfluchte Baum der Erbsünde stand, und kein Werk, so heilig es auch war, ihn zerstören konnte; und weil man nicht in den Himmel eingehen kann mit den Wurzeln und dem Laub einer so schädlichen Pflanze.

Am Rüsttag verstummte das Seufzen der Patriarchen und Propheten und aller Gerechten Israels in der Freude der vollendeten Erlösung, und die Seelen, weißer als der Bergschnee durch ihre Tugenden, waren nun rein von dem einzigen Makel, der sie vom Himmel trennte. Aber das Leben auf der Welt geht weiter. Generationen kommen und gehen. Immer neue Völker werden zu Christus kommen. Und kann Christus für jede neue Generation sterben, um sie zu erlösen, oder für jedes Volk, das zu ihm kommt? Nein. Christus ist einmal gestorben und wird in Ewigkeit nicht mehr sterben. Sollen also diese Generationen, diese Völker durch mein Wort wissend werden, aber nicht den Himmel besitzen und Gott schauen dürfen, weil sie von der Erbsünde befleckt sind? Nein. Das wäre nicht gerecht, weder ihnen gegenüber, deren Liebe zu mir vergeblich wäre, noch mir gegenüber, der ich dann für viel zu wenige gestorben wäre.

Was dann? Wie kann man diese verschiedenen Dinge in Einklang bringen? Welches neue Wunder wird Christus wirken, der schon so viele Wunder gewirkt hat, bevor er die Welt verläßt, um in den Himmel zurückzukehren, nachdem er die Menschen so sehr geliebt hat, daß er sogar für sie sterben wollte? Ein Wunder hat er schon gewirkt, da er euch sein Fleisch und Blut als stärkende und heiligende Speise und zum Gedenken an seine Liebe gelassen und euch aufgetragen hat, zu tun, was er getan hat, zu seinem Andenken und als heiligmachendes Mittel für die Jünger und die Jünger der Jünger bis ans Ende der Zeiten.

Aber erinnert ihr euch, was ich an jenem Abend getan habe, obwohl ihr äußerlich schon rein wart? Ich habe mir ein Linnentuch umgebunden und euch die Füße gewaschen, und zu einem von euch, der sich über diese erniedrigende Geste erregte, habe ich gesagt: "Wenn ich dich nicht wasche, wirst du keinen Anteil an mir haben." Ihr habt nicht verstanden, was ich damit sagen wollte, welchen Anteil ich meinte, welches Symbol dies war. Nun, so will ich es euch sagen.

Ich habe euch nicht nur gelehrt, daß Demut und Reinheit notwendig sind, um in das Himmelreich einzugehen und Anteil an meinem Reich zu haben. Ich habe euch nicht nur mit Güte darauf aufmerksam gemacht, daß Gott von einem Gerechten, der also reinen Geistes und Verstandes ist, einzig und allein eine letzte Waschung des Teiles verlangt, der naturgemäß selbst bei den Gerechten am leichtesten verunreinigt wird, und sei es auch nur durch den Staub, den das notwendige Zusammenleben mit den Menschen auf den reinen Gliedern, dem Fleisch hinterläßt, sondern ich habe euch noch auf etwas anderes hingewiesen. Ich habe euch die

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Füße gewaschen, den untersten Teil des Körpers, der durch Schlamm und Staub, vielleicht auch durch Schmutz geht, und habe damit das Fleisch gemeint, den materiellen Teil des Menschen, der immer – außer bei denen, die durch das Wirken Gottes oder die göttliche Natur frei sind vom Makel der Erbsünde – Unvollkommenheiten aufweist. Sie sind manchmal so klein, daß nur Gott sie sieht; trotzdem muß man über sie wachen, damit sie nicht wachsen und zur Gewohnheit werden, und man muß sie bekämpfen, um sie auszurotten.

Ich habe euch also die Füße gewaschen. Wann? Bevor ich das Brot gebrochen und es mit dem Wein in mein Fleisch und mein Blut verwandelt habe. Denn ich bin das Lamm Gottes und kann nicht dorthin kommen, wo Satan seine Spuren hinterlassen hat. Deshalb habe ich euch zuvor gewaschen. Dann habe ich mich euch geschenkt. Auch ihr werdet durch die Taufe jene waschen, die zu mir kommen, damit sie nicht unwürdig meinen Leib empfangen und dies für sie nicht zum furchtbaren Todesurteil werde.

Ihr seid bestürzt. Ihr seht einander an. Eure Blicke fragen: "Und Judas?" Ich sage euch: "Judas hat seinen Tod gegessen." Dieser höchste Akt der Liebe hat sein Herz nicht berührt. Der letzte Versuch seines Meisters ist am Stein seines Herzens abgeprallt, und dieser Stein trug anstelle des Taus das furchtbare Siegel Satans eingemeißelt, das Zeichen des Tieres.

Ich habe euch also gewaschen, bevor ich euch zum eucharistischen Mahl zugelassen und das Bekenntnis eurer Sünden entgegengenommen habe, bevor ich euch den Heiligen Geist eingegossen und euch damit als wahre Christen in der Gnade und als meine Priester bestätigt habe.

Und so soll es auch mit allen anderen geschehen, die ihr auf das christliche Leben vorbereiten werdet.

Tauft mit Wasser im Namen des Einen und Dreieinen und in meinem Namen, damit durch meine unendlichen Verdienste die Erbschuld in den Herzen getilgt, die Sünden vergeben, die Gnade und die heiligen Tugenden eingegossen werden und der Heilige Geist herabkommen und Wohnung nehmen kann in den geweihten Tempeln, die die Leiber der in der Gnade des Herrn lebenden Menschen sein werden. War das Wasser notwendig, um die Sünde zu tilgen? Das Wasser berührt die Seele nicht, nein. Aber ein nicht stoffliches Zeichen sieht der Mensch nicht, der in allen seinen Werken so auf die Materie bezogen ist. Auch ohne sichtbares Zeichen hätte ich das Leben eingießen können.

Aber wer hätte es dann geglaubt? Wie viele Menschen können unerschütterlich glauben, auch wenn sie nicht sehen? Nehmt daher vom alten mosaischen Gesetz das reinigende Wasser, mit dem man die Unreinen wäscht, um sie, nachdem sie sich an einem Leichnam verunreinigt haben, wieder zu den Versammlungen zulassen zu können. In Wahrheit ist jeder Mensch, der geboren wird, verunreinigt, da er mit einer der Gnade gestorbenen Seele in Berührung kommt. Er muß also mit dem reinigenden

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Wasser von der unreinen Berührung gereinigt werden, um würdig zu werden, in den ewigen Tempel einzutreten. Haltet das Wasser in Ehren... Nachdem ich gesühnt und durch dreiunddreißig Jahre mühsamen Lebens, das in der Passion seinen Höhepunkt erreichte, erlöst hatte, nachdem ich mein ganzes Blut für die Sünden der Menschen gegeben hatte, flossen aus dem ausgebluteten und verbrauchten Leib des Märtyrers die heilsamen Wasser, die die Erbsünde abwaschen. Mit dem vollbrachten Opfer habe ich euch von diesem Makel erlöst. Wäre ich an der Schwelle des Lebens durch eines meiner göttlichen Wunder vom Kreuz gestiegen, wahrlich, ich sage euch, durch das vergossene Blut hätte ich euch von euren Sünden gereinigt, aber nicht von der Erbschuld. Für sie war das bis zum Ende vollbrachte Opfer notwendig. Wahrlich, die heilsamen Wasser, von denen Ezechiel spricht, sind aus dieser meiner Seitenwunde geflossen. Versenkt eure Seelen in dieses Wasser, damit sie makellos daraus hervorgehen, um den Heiligen Geist zu empfangen. Er wird im Gedenken an den Hauch, durch den der Schöpfer Adam eine Seele gab und ihn damit zu seinem Bild und Gleichnis machte, wieder in den Seelen der erlösten Menschen atmen und wohnen.

Tauft mit meiner Taufe, aber im Namen des dreieinigen Gottes; denn in Wahrheit sage ich euch, hätte der Vater nicht gewollt und der Geist nicht mitgewirkt, wäre das Wort nicht Fleisch geworden und es hätte keine Erlösung gegeben. Daher ist es gerecht und geziemend, daß der Mensch in der Taufe das Leben durch jene empfängt, die ihren Willen vereint haben, um es ihm zu geben: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, und daß der Getaufte von mir den Namen Christ empfängt, um diesen Ritus von den anderen in der Vergangenheit und in der Zukunft zu unterscheiden, die zwar Riten sind, aber dem unsterblichen Teil kein unauslöschliches Zeichen aufprägen.

Und nehmt das Brot und den Wein, so wie ich es getan habe, und segnet, teilt und verteilt sie in meinem Namen; und die Christen sollen sich an mir sättigen. Brot und Wein opfert dem Vater im Himmel und verzehrt sie dann zum Gedächtnis des Opfers, das ich zu eurem Heil dargebracht und am Kreuz vollbracht habe. Ich, Priester und Opfer, habe mich selbst geopfert und verzehrt, da kein anderer, wenn ich nicht gewollt hätte, mich hätte opfern können. Ihr, meine Priester, sollt dies zu meinem Gedächtnis tun, damit die unerschöpflichen Schätze meines Opfers flehend zu Gott aufsteigen und wohltuend auf jene herabkommen, die mit festem Glauben darum bitten.

Mit festem Glauben, sage ich. Es ist keine Wissenschaft nötig, um an der eucharistischen Speise und dem eucharistischen Opfer teilzuhaben. Nur Glaube! Der Glaube daran, daß das Brot und der Wein, die einer, der von mir oder von denen, die nach mir kommen, bevollmächtigt ist – ihr, du, Petrus, neuer Pontifex der neuen Kirche, du, Jakobus des Alphäus,

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du, Johannes, du, Andreas, du, Simon, du, Philippus, du, Bartholomäus, du, Thomas, du, Judas Thaddäus, du, Matthäus, du, Jakobus des Zebedäus – in meinem Namen segnet, mein wahrer Leib und mein wahres Blut sind; daß, wer sie zur Speise und zum Trank erhält, mich mit Fleisch und Blut, Seele und Gottheit empfängt; daß wer mich aufopfert, wirklich Jesus Christus opfert, so wie er sich für die Sünden der Welt geopfert hat. Ein Kind oder ein Unwissender kann mich ebenso empfangen wie ein Gelehrter oder ein Erwachsener. Und ein Kind und ein Unwissender werden den gleichen Nutzen von dem dargebrachten Opfer haben, wie jeder von euch ihn hat. Es genügt, daß sie glauben und die Gnade des Herrn besitzen.

Aber ihr werdet noch eine neue Taufe empfangen: die Taufe des Heiligen Geistes. Ich habe ihn euch versprochen, und er wird euch gegeben werden. Der Heilige Geist selbst wird auf euch herabkommen. Ich werde euch sagen, wann. Und ihr werdet von ihm erfüllt sein, in der Fülle der priesterlichen Gaben. Ihr werdet daher den Heiligen Geist, von dem ihr erfüllt sein werdet, weitergeben können, wie ich es bei euch getan habe, um die Christen in der Gnade zu festigen und ihnen die Gaben des Paraklet zu übermitteln. Das königliche Sakrament, das dem der Priesterweihe nur wenig nachsteht, soll feierlich wie die mosaischen Weihen durch Auflegung der Hände und Salbung mit duftendem Öl, wie man es früher zur Weihe der Priester gebraucht hat, gespendet werden. Nein, schaut mich nicht so erschrocken an! Ich sage keine sakrilegischen Worte. Ich lehre euch kein sakrilegisches Werk! Die Würde des Christen ist, ich wiederhole es, nur wenig geringer als die des Priesters.

Wo leben die Priester? Im Tempel. Und ein Christ wird ein lebendiger Tempel sein. Was tun die Priester? Sie dienen Gott durch Gebet, Opfer und Sorge um die Gläubigen. So wenigstens hätte es sein sollen... Und der Christ dient Gott durch Gebet, Opfer und brüderliche Liebe. Und ihr werdet das Bekenntnis der Sünden anhören, wie ich eure und die Sünden vieler angehört und verziehen habe, wenn ich wahre Reue gesehen habe.

Ihr seid beunruhigt? Warum? Fürchtet ihr, nicht unterscheiden zu können? Ich habe schon mehrmals über die Sünde und über die Beurteilung der Sünde gesprochen. Aber denkt daran, daß ihr bei eurer Beurteilung auf die sieben Bedingungen achten müßt, die etwas Sünde sein lassen oder nicht, und Sünde von unterschiedlicher Schwere. Ich fasse zusammen: Wann und wie oft wurde gesündigt; wer hat gesündigt; mit wem; womit; welches war der Gegenstand der Sünde; welches die Ursache; warum wurde gesündigt.

Habt keine Angst. Der Heilige Geist wird euch beistehen. Worum ich euch aus ganzem Herzen bitte, ist, daß ihr ein heiliges Leben führt. Dieses wird das übernatürliche Licht in euch so sehr vermehren, daß ihr, ohne zu irren, in den Herzen der Menschen lesen und mit Liebe oder Autorität zu den Sündern sprechen könnt, die sich scheuen, ihre Schuld aufzudecken

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oder sich weigern, sie zu bekennen und den Zustand ihrer Seele zu offenbaren; daß ihr den Schüchternen helfen und die Unbußfertigen demütigen könnt. Denkt daran, daß die Erde den, der vergibt, verliert und ihr sein sollt, was ich gewesen bin: gerecht, geduldig und barmherzig, aber nicht schwach. Ich habe euch gesagt: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, wird auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, wird auch im Himmel gelöst sein. Deshalb sollt ihr mit angemessener Überlegung jeden Menschen beurteilen, ohne euch von Zuneigung oder Abneigung, von Geschenken oder Drohungen beeinflussen zu lassen, unparteiisch in allem und gegenüber allen, wie Gott es ist, indem ihr auch die Schwächen des Menschen und die Nachstellungen seiner Feinde berücksichtigt.

Ich erinnere euch daran, daß Gott es manchmal zuläßt, daß auch seine Auserwählten zu Fall kommen, nicht weil es ihm gefällt, sie fallen zu sehen, sondern weil aus einem Fall ein künftiges, größeres Gut hervorgehen kann. Reicht daher dem Gefallenen die Hand, denn ihr wißt nicht, ob dieser Fall nicht die entscheidende Krise eines Übels ist, das für immer stirbt, und eine Reinigung des Blutes bewirkt, die zur Heilung führt, hier also zur Heiligkeit. Seid jedoch streng mit denen, die keine Achtung vor meinem Blut haben und sich mit der kaum im göttlichen Bad gereinigten Seele wieder und wieder in den Schlamm werfen. Verflucht sie nicht, aber seid streng mit ihnen. Redet ihnen zu, ermahnt sie siebzigmal siebenmal und greift nur dann zum letzten Mittel, der Ausschließung aus dem erwählten Volk, wenn sie hartnäckig in einer Sünde verharren, die den Brüdern Ärgernis gibt und euch zwingt zu handeln, um nicht mitschuldig an ihren Taten zu werden. Denkt an meine Worte: "Wenn dein Bruder gesündigt hat, dann stelle ihn unter vier Augen zur Rede. Schenkt er dir kein Gehör, dann stelle ihn in Gegenwart von zwei oder drei Zeugen zur Rede. Genügt dies nicht, so sage es der Kirche. Hört er aber selbst auf diese nicht, so gelte er dir wie ein Heide und Zöllner."

In der mosaischen Religion ist die Ehe ein Vertrag. In der neuen christlichen Religion soll die Ehe ein heiliger und unauflöslicher Akt sein, auf den die Gnade des Herrn herabsteigt, um aus den Eheleuten zwei Diener Gottes bei der Vermehrung des Menschengeschlechtes zu machen. Versucht von Anfang an, dem der neuen Religion angehörigen Gatten zu raten, den anderen zu bekehren, der noch nicht zu den Gläubigen gehört, damit er sich ihnen anschließt und so die schmerzlichen Meinungsverschiedenheiten vermieden werden, die den Frieden stören, wie wir es auch unter uns beobachtet haben. Doch wenn es sich um Gläubige im Herrn handelt, dann darf unter keinen Umständen getrennt werden, was Gott verbunden hat. Bei einer Mischehe zwischen Christen und Heiden rate ich, daß der christliche Teil sein Kreuz mit Geduld und Sanftmut und auch mit Stärke trage und sogar bereit sei zu sterben, um seinen Glauben

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zu bewahren; aber er darf den Gatten nicht verlassen, mit dem er sich in vollem Einverständnis verbunden hat. Dies ist mein Rat für ein vollkommenes Leben im Ehestand, solange es wegen der geringen Verbreitung des Christentums noch nicht möglich ist, Ehen unter Gläubigen zu schließen. Danach wird die Bindung heilig und unauflöslich sein und heilig die Liebe.

Es wäre schlimm, wenn wegen der Härte der Herzen auch im neuen Glauben geschehen würde, was im alten geschehen ist: wenn man sich erlauben würde, zu verstoßen und aufzulösen, um Skandale zu vermeiden, die durch die Sittenlosigkeit der Menschen hervorgerufen werden. Wahrlich, ich sage euch, jeder soll das Kreuz seines Standes tragen, auch das des Ehestandes. Und wahrlich, ebenso sage ich euch, keinerlei Druck darf eure Autorität hindern zu sagen: "Es ist nicht erlaubt", wenn jemand eine neue Ehe eingehen will, bevor der andere Gatte gestorben ist. Es ist besser, sage ich euch, wenn sich ein verfaulter Teil abtrennt, allein oder gefolgt von anderen, als wenn man, um ihn in der Kirche zurückzuhalten, etwas erlaubt, was der Heiligkeit der Ehe entgegensteht, den Demütigen zum Ärgernis gereicht und Anlaß zu negativen Betrachtungen über die Integrität der Priester und über den Wert von Reichtum und Macht gibt. Die Eheschließung ist ein schwerwiegender und heiliger Akt. Und um dies zu bestätigen, habe ich an einer Hochzeit teilgenommen und dort das erste Wunder gewirkt. Doch wehe, wenn die Ehe zu Lüsternheit und Laune entartet. Die Ehe, der natürliche Vertrag zwischen Mann und Frau, soll von nun an zu einem geistigen Vertrag werden, bei dem die Seelen von zweien, die sich lieben, schwören, dem Herrn in gegenseitiger Liebe zu dienen, ihm diese Liebe aufzuopfern und ihm Kinder zu schenken im Gehorsam gegen sein Gebot, sich zu mehren.

Und weiter... Jakobus, erinnerst du dich an die Rede auf dem Karmel? Schon damals habe ich davon gesprochen. Aber die anderen wissen es nicht... Ihr habt gesehen, wie Maria des Lazarus meine Glieder gesalbt hat beim Sabbatmahl in Bethanien. Ich habe euch damals gesagt: "Sie hat mich für mein Begräbnis vorbereitet." Wahrlich, sie hat es getan. Nicht für das eigentliche Begräbnis, weil sie diesen Schmerz noch in weiter Ferne glaubte. Vielmehr wollte sie meine Glieder salben und reinigen von aller Unreinheit der Wege, damit ich im Duft des balsamischen Öls meinen Thron besteigen könnte. Das Leben des Menschen ist ein Weg. Der Eintritt des Menschen ins andere Leben müßte der Eintritt ins Reich sein. Jeder König wird gesalbt und parfümiert, bevor er seinen Thron besteigt und sich seinem Volk zeigt. Auch der Christ ist der Sohn eines Königs, der seinen Weg geht zu dem Reich, in das ihn der Vater ruft. Der Tod des Christen ist nur der Übergang ins Reich, um den Thron zu besteigen, den der Vater ihm bereitet hat. Der Tod hat keine Schrecken für den, der Gott nicht zu fürchten braucht, da er sich in seiner Gnade weiß. Doch das

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Gewand dessen, der zum Thron aufsteigt, soll rein sein von allem Schmutz, damit er es rein bewahre für die Auferstehung, und der Geist soll geläutert sein, damit er erstrahle auf dem Thron, den der Vater ihm bereitet hat, und die Würde widerspiegle, die dem Sohn eines so großen Königs geziemt.

Vermehrung der Gnade, Tilgung der Sünden, die der Mensch bereut, Erweckerin brennenden Verlangens nach dem Guten, Kraftspenderin für den letzten Kampf, das möge die Salbung für die sterbenden Christen sein; vielmehr für die Christen, die geboren werden, denn in Wahrheit sage ich euch, wer im Herrn stirbt, wird zum ewigen Leben geboren.

Wiederholt die Geste Marias an den Gliedern der Erwählten. Niemand soll sich darüber erhaben erachten. Ich habe diesen Balsam angenommen von einer Frau. Jeder Christ soll sich geehrt fühlen durch diese hohe Gnade seitens der Kirche, deren Kind er ist, und sie vom Priester annehmen, um sich von seinen letzten Makeln zu reinigen. Jeder Priester soll sich freuen, diesen Liebesakt Marias gegenüber dem leidenden Christus am Leib des sterbenden Bruders vorzunehmen. Wahrlich, ich sage euch, was ihr damals an mir nicht getan habt, als ihr euch von einer Frau habt übertreffen lassen, und woran ihr nun schmerzerfüllt denkt, das könnt ihr in Zukunft tun, sooft ihr euch mit Liebe über einen sterbenden Menschen neigt, um ihn auf die Begegnung mit Gott vorzubereiten. Ich bin in den Bettlern und in den Sterbenden, in den Pilgern, in den Waisen, den Witwen und den Gefangenen, in den Hungernden und Frierenden, in allen, die traurig oder müde sind. Ich bin in allen Gliedern meines mystischen Leibes, der die Vereinigung meiner Gläubigen ist. Liebt mich in ihnen, und ihr werdet euren häufigen Mangel an Liebe wiedergutmachen, mir große Freude bereiten und euch selbst große Ehre machen.

Endlich müßt ihr bedenken, daß die Welt, das Alter, die Krankheiten, die Zeit, die Verfolgungen sich gegen euch verschwören. Geht daher nicht geizig und unklug um mit dem, was ihr empfangen habt. Übertragt also in meinem Namen das Priesteramt auf die besten der Jünger, damit die Welt nicht ohne Priester sei. Zu diesem heiligen Stand sollt ihr jemanden erst zulassen, nachdem ihr genau die Werke und nicht nur die Worte dessen geprüft habt, der Priester werden will oder den ihr für geeignet haltet für diese Aufgabe. Denkt daran, was ein Priester ist. An das Gute, das er tun kann, aber auch an das Böse, das er tun kann. Ihr habt ein Beispiel dafür, was aus einem Priester werden kann, der seine Heiligkeit verliert. Wahrlich, ich sage euch, wegen der Sünden des Tempels wird diese Nation zerstreut werden. Aber ebenso sage ich euch, wahrlich, auch die Erde wird zerstört werden, wenn der Greuel der Verwüstung in das neue Priestertum eindringen und die Menschen zum Abfall verleiten wird, die sich dann Lehren der Hölle zuwenden werden. Dann wird der Sohn Satans aufstehen, und die Völker werden in furchtbarem Schrecken erzittern. Wenige

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nur werden dem Herrn treu bleiben. Und dann wird unter Konvulsionen und Entsetzen, nach dem Sieg Gottes und seiner wenigen Auserwählten, das Ende kommen und der Zorn Gottes über alle Verdammten. Wehe, dreimal wehe, wenn für diese wenigen nicht noch Heilige, letzte Säulen des Tempels Christi, auf Erden sein werden. Wehe, dreimal wehe, wenn es keine wahren Priester mehr geben wird, um die letzten Christen zu trösten, so wie es sie für die ersten Christen geben wird. Wahrlich, die letzte Verfolgung wird furchtbar sein, da es keine Verfolgung durch Menschen, sondern durch die Söhne Satans und ihre Anhänger sein wird. Priester? Mehr als Priester werden jene der letzten Stunde sein müssen, so furchtbar wird die Verfolgung durch die Horden des Antichrist sein. Gleich dem in Linnen gekleideten Mann, der so heilig ist, daß er an der Seite des Herrn steht in der Vision des Ezechiel, müssen sie unermüdlich in ihrer Vollkommenheit ein Tau auf die Seelen der wenigen Gläubigen zeichnen, damit die Flammen der Hölle diese Zeichen nicht auslöschen. Priester? Engel! Engel, die das mit dem Weihrauch ihrer Tugenden gefüllte Weihrauchfaß schwingen, um die Luft von den Miasmen Satans zu reinigen. Engel? Mehr als Engel: andere Christusse, andere Ich, damit die Gläubigen der letzten Zeit ausharren können bis ans Ende.

Das werden sie sein müssen. Doch das künftige Gute und Böse hat seine Wurzel in der Gegenwart. Die Lawinen beginnen mit einer Schneeflocke. Ein unreiner, unwürdiger, häretischer, untreuer, ungläubiger, lauer oder kalter, erloschener, kraftloser, unzüchtiger Priester verursacht hundertmal mehr Schaden als ein einfacher Gläubiger, der dieselben Sünden begeht, und zieht viele andere nach sich in die Sünde. Die Nachlässigkeit im Priesteramt, die Annahme unreiner Uhren, der Egoismus, die Gier und die Unzucht im Priesterstand, ihr wißt, wo sie enden: im Gottesmord. Der Sohn Gottes kann zwar nicht mehr getötet werden in späteren Jahrhunderten, aber der Glaube an Gott, die Vorstellung von Gott. Und so wird ein Gottesmord begangen, der noch viel weniger gutzumachen ist, da keine Auferstehung folgt. Oh, man kann ihn begehen, ja. Ich sehe... Man wird ihn begehen können wegen der vielen Judasse von Kerioth der künftigen Jahrhunderte. Schrecklich... !

Meine durch die eigenen Priester aus den Angeln gehobene Kirche! Ich stütze sie mit Hilfe der Sühnopfer. Und sie, die Priester, die nur das Gewand, aber nicht die Seele des Priesters haben, tragen dazu bei, die von der höllischen Schlange aufgerührten Wellen noch höher gegen dein Schiff schlagen zu lassen, o Petrus. Steh auf! Erhebe dich! Übermittle diesen Befehl deinen Nachfolgern: "Hand ans Steuer! Stoße die Schiffbrüchigen zurück, die Schiffbruch erleiden wollten und auch das Schiff Gottes versenken wollen." Bestrafe, aber rette, und fahre weiter. Sei streng, denn die Strafe für die Piraten ist gerecht. Verteidige den Schatz des Glaubens. Halte hoch die Lampe über die aufgebrachten Wellen wie

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einen Leuchtturm, damit alle, die deinem Schiff folgen, sehen und nicht untergehen. Hirte und Seemann dieser furchtbaren Zeiten, sammle, leite und halte mein Evangelium hoch, denn in ihm und in keiner anderen Wissenschaft liegt das Heil. Es werden Zeiten kommen, in denen die Priester – wie es in Israel geschehen ist, und noch schlimmer – glauben werden, die bevorzugte Klasse zu sein, weil sie das Überflüssige kennen und nicht mehr das Unentbehrliche; oder weil sie es nur in der toten Form kennen, in der heute die Priester das Gesetz kennen: in ihrem übertrieben mit Fransen behängten Gewand, aber nicht in seinem Geist. Es werden Zeiten kommen, in denen alle Bücher das Buch ersetzen werden, und dieses wird so gebraucht werden, wie wenn man einen Gegenstand zwangsweise benützen muß und ihn mechanisch handhabt; ebenso wie ein Bauer pflügt, sät und erntet, ohne sich Gedanken zu machen über die wunderbare Vorsehung hinter der jährlich sich erneuernden Vervielfältigung des Samens: Ein Same wird in die vorbereitete Erde gestreut und dann durch die väterliche Liebe Gottes zum Halm, zur Ähre und zu Mehl und Brot. Wer von denen, die ein Stück Brot essen, erhebt denn seinen Geist zu dem, der den ersten Samen geschaffen hat und ihn seit Jahrhunderten aufgehen und wachsen läßt, der den Regen und die Wärme richtig bemißt, damit der Same keimt, wächst und reift und nicht verfault oder vertrocknet?

So wird die Zeit kommen, in der das Evangelium wissenschaftlich gut, geistig aber schlecht gelehrt werden wird. Was aber ist die Wissenschaft, wenn die Weisheit fehlt? Stroh ist sie! Stroh, das aufbläht und nicht nährt. Wahrlich, ich sage euch, eine Zeit wird kommen, in der viele Priester aufgeblasenen Strohköpfen, hochmütigen Strohhaufen gleichen, die sich in ihrem Stolz noch damit brüsten, so aufgeblasen zu sein, als hätten sie selbst alle die Ähren gemacht, die einst das Stroh schmückten, als seien diese Ähren noch an den Strohhalmen. Sie werden glauben, alles zu sein, weil sie statt einer Handvoll Körner, der wahren Nahrung, dem Geist des Evangeliums, all dieses Stroh haben. Einen Haufen! Einen ganzen Haufen! Aber kann das Stroh genügen? Nicht einmal für den Bauch des Lasttieres genügt es, und wenn der Besitzer es nicht mit Hafer und frischem Gras stärkt, dann erkrankt das nur mit Stroh gefütterte Tier.

Und doch sage ich euch, eine Zeit wird kommen, in der die Priester, die vergessen haben, daß ich die Seelen mit wenigen Ähren die Wahrheit gelehrt habe, und die auch vergessen haben, was ihrem Herrn dieses wahre Brot des Geistes gekostet hat, das ganz und ausschließlich von der göttlichen Weisheit stammt und verkündet wurde durch das Wort Gottes -eine Lehre von würdigem Inhalt, unermüdlich wiederholt, damit die gesagten Wahrheiten nicht verlorengehen, demütig in der Form, ohne Flitter menschlicher Wissenschaft, ohne historische und geographische Ergänzungen – die Priester also werden sich nicht mehr um den Geist des Evangeliums kümmern, sondern um das Gewand, in das man es kleidet,

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um der Menge zu zeigen, wieviel sie wissen; und der Geist des Evangeliums wird ihnen verlorengehen und unter einer Lawine menschlicher Wissenschaften begraben werden. Wenn sie ihn aber selbst nicht haben, wie können sie ihn dann vermitteln? Was werden die aufgeblasenen Strohköpfe den Menschen geben? Stroh! Wird dieses die Seelen der Gläubigen nähren? Gerade genug, um ein kümmerliches Leben zu fristen. Welche Früchte wird diese Belehrung und diese unvollkommene Kenntnis des Evangeliums reifen lassen? Das Erkalten der Herzen und das Ersetzen der einzigen, wahren Lehre durch häretische Lehren, durch Lehren und Ideen, die noch mehr als häretisch sind, die Vorbereitung der Erde auf das Tier, auf sein flüchtiges Reich der Kälte, der Finsternis und des Schreckens. Wahrlich, ich sage euch, so wie der Vater und Schöpfer die Sterne vermehrt, damit der Himmel sich nicht entvölkert durch jene, die erlöschen, weil ihre Zeit abgelaufen ist, ebenso werde ich hundert- und tausendmal Jünger evangelisieren müssen, die ich im Laufe der Jahrhunderte unter die Menschen senden werde. Und in Wahrheit sage ich euch, ihr Schicksal wird dem meinen gleichen: Die Synagoge und die Stolzen werden sie verfolgen, wie sie mich verfolgt haben. Doch wie ich werden auch sie ihren Lohn haben: den Willen Gottes zu tun und ihm zu dienen bis zum Tod am Kreuz, auf daß seine Herrlichkeit erstrahle und seine Gegenwart in den Seelen nicht ende.

Aber du, Oberhirte, und ihr, Hirten, ihr und eure Nachfolger wacht, damit der Geist des Evangeliums nicht verloren gehe, und bittet unermüdlich den Heiligen Geist, daß sich das Pfingstfest fortwährend in euch erneuere – noch wißt ihr nicht, was ich damit meine, aber bald werdet ihr es wissen – damit ihr alle Sprachen verstehen und meine Worte unterscheiden könnt von den Stimmen des Affen Gottes, von den Stimmen Satans. Laßt meine künftigen Worte nicht ins Leere fallen. Jedes meiner Worte ist Barmherzigkeit für euch, zu eurer Hilfe, und noch zahlreicher werden meine Worte sein, wenn ich aus göttlichen Gründen sehe, daß das Christentum sie braucht, um die Stürme der Zeiten zu überdauern.

Hirte und Seemann, Petrus! Hirte und Seemann. Es wird eines Tages nicht mehr genügen, Hirte zu sein, wenn du nicht Seemann bist, und Seemann zu sein, wenn du nicht Hirte bist. Du wirst beides gleichzeitig sein müssen, um die Lämmer beisammenzuhalten, die höllische Fangarme und grausame Krallen dir zu entreißen suchen oder mit der trügerischen Musik falscher Versprechungen zu verführen trachten, und um das Schiff vorwärtszubringen, das von allen Winden aus Norden und Süden, aus Osten und Westen erfaßt, von den Mächten der Tiefe geschüttelt und hin und hergerissen, von den Pfeilen der Bogenschützen des Tieres getroffen, vom Hauch des Drachen versengt wird und dessen Bordwände sein Schwanz zertrümmert, so daß die Unvorsichtigen verbrennen, in die tobenden Wellen stürzen und umkommen werden.

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Hirte und Seemann in furchtbaren Zeiten... Dein Kompaß sei das Evangelium. In ihm ist das Leben und das Heil. Und alles steht in ihm geschrieben. Jeder Artikel des heiligen Gesetzbuches, jede Antwort auf die vielfältigen Fragen bezüglich der Seele ist in ihm enthalten. Und sorge dafür, daß Priester und Gläubige nicht davon abweichen. Sorge dafür, daß keine Zweifel daran aufkommen, daß nichts verändert, nichts ersetzt wird durch Sophistereien. Das Evangelium bin ich selbst. Von der Geburt bis zum Tod. Im Evangelium ist Gott. Denn in ihm offenbaren sich die Werke des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Das Evangelium ist Liebe. Ich habe gesagt: "Mein Wort ist Leben." Ich habe gesagt: "Gott ist die Liebe." Daher sollen die Völker mein Wort kennen und Liebe, also Gott, in sich haben, um das Reich Gottes zu besitzen. Denn wer nicht in Gott ist, der hat das Leben nicht in sich. Und wer das Wort des Vaters nicht aufnimmt, kann nicht eins sein mit dem Vater, mit mir und mit dem Heiligen Geist im Himmel, und er kann auch nicht zu dem einen Schafstall gehören, der so heilig ist, wie ich es will. Er wird keine Rebe am Weinstock sein, denn wer mein Wort ganz oder teilweise ablehnt, ist ein Glied, durch das der Saft des Lebens nicht mehr fließt. Mein Wort ist der Saft, der nährt, wachsen und Früchte bringen läßt.

All dies sollt ihr zum Gedächtnis an mich, der ich euch unterwiesen habe, tun. Vieles hätte ich euch noch darüber zu sagen. Doch ich habe nur den Samen ausgeworfen. Der Heilige Geist wird ihn in euch zum Keimen bringen. Ich wollte euch den Samen geben, weil ich eure Herzen kenne und weiß, wie euch geistige, übernatürliche Befehle schwanken lassen würden. Die Angst vor einer Täuschung würde euren ganzen Willen lähmen. Daher habe ich als erster mit euch über alle diese Dinge gesprochen. Später wird der Paraklet euch an meine Worte erinnern und sie im einzelnen erläutern. Und ihr werdet euch nicht mehr fürchten, denn ihr werdet euch daran erinnern, daß der erste Same von mir ausgeworfen wurde. Laßt euch vom Heiligen Geist leiten. Wenn meine Hand sanft gewesen ist, als ich euch geleitet habe, so wird sein Licht noch sanfter sein. Er ist die Liebe Gottes. So kann ich nun beruhigt gehen, denn ich weiß, daß er meinen Platz einnehmen und euch zur Erkenntnis Gottes führen wird. Noch kennt ihr ihn nicht, obgleich ich euch so viel über ihn gesagt habe. Aber es ist nicht eure Schuld. Ihr habt alles getan, um mich zu verstehen, und ihr seid daher gerechtfertigt, auch wenn ihr in diesen drei Jahren wenig verstanden habt. Das Fehlen der Gnade hat euren Geist verdunkelt. Auch jetzt versteht ihr wenig, obwohl die Gnade Gottes von meinem Kreuz auf euch herabgekommen ist. Ihr braucht das Feuer. Einmal habe ich zu einem von euch darüber gesprochen, als wir am Ufer des Jordan entlanggingen. Nun ist die Stunde gekommen. Ich kehre zu meinem Vater zurück, lasse euch aber nicht allein; denn ich lasse euch die Eucharistie, also euren Jesus, der zur Speise für die Menschen geworden ist. Und ich lasse

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euch den Freund, den Paraklet. Er wird euch leiten. Ich führe eure Seelen aus meinem Licht in sein Licht, und er wird eure Bildung vollenden.»

«Willst du uns jetzt verlassen? Hier? Auf diesem Berg?» Sie sind alle untröstlich.

«Nein, noch nicht. Aber die Zeit fliegt, und bald wird der Augenblick gekommen sein.»

«Oh, laß mich nicht ohne dich auf der Erde zurück, Herr! Ich habe dich geliebt von deiner Geburt bis zu deinem Tod, von deinem Tod bis zu deiner Auferstehung, und immer. Aber es wäre zu traurig, wenn ich dich nicht mehr unter uns wüßte! Du hast das Gebet des Vaters des Elisäus erhört. Du hast so viele erhört. Erhöre auch mein Gebet, Herr!» fleht Isaak auf den Knien mit ausgestreckten Armen.

«Das Leben, das noch vor dir liegen könnte, wäre, mich zu verkündigen, vielleicht auch die Ehre des Martyriums. Du hast es verstanden, aus Liebe zu mir Märtyrer zu sein, als ich noch ein Kind war, und fürchtest nun, es für mich zu sein, da ich verherrlicht bin?»

«Meine Ehre wäre es, dir zu folgen, Herr. Ich bin arm und töricht. Alles, was ich zu geben hatte, habe ich mit gutem Willen gegeben. Nun möchte ich nur noch eines: dir folgen. Doch es soll geschehen, wie du willst, nun und immer.»

Jesus legt seine Hand auf das Haupt des Isaak und läßt sie dort lange und liebevoll liegen, während er sich an alle wendet und sagt: «Habt ihr keine Fragen? Dies sind meine letzten Belehrungen. Sprecht zu eurem Meister... Seht ihr, wie die Kleinen Zutrauen zu mir haben?»

Tatsächlich hat Margziam auch heute seinen Kopf an Jesus gelehnt und schmiegt sich ganz an ihn, und Isaak hat sich nicht gescheut, seinen Wunsch auszusprechen.

«Wahrlich... Ja... Wir haben viele Fragen ...» sagt Petrus.

«Dann fragt.»

«Nun... Gestern abend, nachdem du uns verlassen hattest, haben wir miteinander gesprochen über alles, was du uns gesagt hast. Und nun drängen sich uns neue Fragen auf hinsichtlich deiner Worte. Gestern, und auch heute, wenn man es recht bedenkt, hast du so gesprochen, als ob schon bald Häresien und Spaltungen entstehen würden. Das läßt uns denken, daß wir sehr vorsichtig denen gegenüber sein müssen, die zu uns kommen wollen. Denn gewiß wird unter ihnen der Same der Häresie und der Spaltung sein.»

«Glaubst du das? Ist denn Israel nicht schon gespalten, da ein Teil zu mir gekommen ist? Was du sagen willst, ist, daß das Israel, das mich geliebt hat, niemals häretisch und gespalten sein wird. Nicht wahr? Aber war es denn jemals einig in allen Jahrhunderten, selbst in seiner alten Form? Und war es etwa einig in meiner Nachfolge? Wahrlich, ich sage euch, die Wurzel der Häresie steckt in ihm.»

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«Aber...»

«Aber Götzendienst und Häresie gibt es seit Jahrhunderten unter dem äußeren Anschein der Treue. Ihr kennt ihre Götzen. Auch ihre Häresien. Die Heiden werden besser sein als sie. Daher habe ich sie nicht ausgeschlossen und gebiete euch zu tun, was ich getan habe. Dies wird für euch eine der schwierigsten Aufgaben sein. Ich weiß es. Aber denkt an die Propheten. Sie haben die Berufung der Heiden und die Halsstarrigkeit der Juden vorausgesagt. Warum wollt ihr die Pforten des Reiches jenen verschließen, die mich lieben und zu dem Licht kommen, das ihre Seele gesucht hat? Ihr haltet sie für größere Sünder als ihr es seid, weil sie Gott bisher nicht gekannt haben, weil sie ihre Religion ausgeübt haben und sie auch weiter ausüben werden, solange sie nicht von unserer Religion angezogen werden. Das dürft ihr nicht. Ich sage euch, sehr oft sind sie besser als ihr, denn obwohl sie eine unheilige Religion haben, sind sie gerecht. In keiner Nation und Religion fehlt es an Gerechten. Gott sieht auf die Werke und nicht auf die Worte der Menschen. Und wenn er sieht, daß ein Heide mit gerechtem Herzen von Natur aus tut, was das Gesetz des Sinai vorschreibt, warum soll er ihn dann verwerfen? Wenn ein Mensch, dem das Gebot Gottes, dieses oder jenes Böse nicht zu tun, unbekannt ist, sich selbst das Gebot auferlegt, nicht zu tun, was ihn sein Verstand als schlecht erkennen läßt, und es treu befolgt – ist dies nicht viel verdienstvoller im Vergleich zu dem sehr relativen Verdienst dessen, der Gott, das Ziel des Menschen, und das Gesetz, das ihm ermöglicht, dieses Ziel zu erreichen, kennt und der fortwährend Kompromisse schließt und Berechnungen anstellt, um das vollkommene Gebot dem eigenen verderbten Willen anzupassen? Was glaubt ihr? Daß Gott die Ausflüchte schätzt, mit denen Israel den Gehorsam zu umgehen sucht, um nicht zu viel von seiner Begierde opfern zu müssen? Was meint ihr? Wenn ein Heide diese Welt verläßt, der in den Augen Gottes gerecht war, weil er dem richtigen, ihm von seinem Gewissen auferlegten Gesetz gefolgt ist, wird Gott ihn dann als Teufel richten? Ich sage euch: Gott wird die Werke der Menschen prüfen, und Christus, der Richter aller Menschen, wird jene belohnen, in denen die Seele das innere Gesetz befolgt hat, um das letzte Ziel des Menschen zu erreichen: die Vereinigung mit seinem Schöpfer, mit dem den Heiden unbekannten Gott, den sie aber als den wahren und heiligen Gott jenseits der gemalten Szenerie der falschen Olympe erkennen. Achtet daher sehr darauf, daß ihr bei den Heiden nicht Anstoß erregt. Schon zu oft ist der Name Gottes unter den Heiden verspottet worden wegen der Werke des Volkes Gottes. Bildet euch nicht ein, die ausschließlichen Schatzmeister meiner Gnaden und Verdienste zu sein. Ich bin für die Juden und für die Heiden gestorben. Mein Reich wird für alle Völker sein. Mißbraucht nicht die Geduld, die Gott bisher mit euch gehabt hat, indem ihr sagt: "Uns wird alles gewährt." Nein. Ich sage es euch. Es wird nicht mehr dieses

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oder jenes Volk geben. Es wird mein Volk geben. Und bei diesem haben die Gefäße, die im Dienst des Tempels gebraucht wurden, und die, die nun auf die Altäre Gottes gestellt werden, den gleichen Wert. Ja, viele Gefäße, die im Dienst des Tempels, aber nicht für den Dienst Gottes gebraucht wurden, wird man in eine Ecke werfen, und an ihrer Stelle werden andere auf den Altar gestellt werden, die Weihrauch, Öl, Wein oder Balsam noch nicht kennen, aber danach verlangen, sich mit ihnen zu füllen und zur Ehre des Herrn benutzt zu werden. Verlangt nicht zu viel von den Heiden. Es genügt, daß sie Glauben haben und meinem Wort gehorchen. Eine neue Beschneidung wird die frühere ersetzen. Der Mensch wird von nun an am Herzen beschnitten, mehr noch am Geist als am Herzen; denn das Blut der Beschnittenen, das die Reinigung von der Begierde, die Adam der Gotteskindschaft beraubte, symbolisiert, ist nun durch mein reinstes Blut ersetzt. Dies gilt für den am Fleisch Beschnittenen wie für den Unbeschnittenen, wenn er nur meine Taufe hat und aus Liebe zu mir dem Satan, der Welt und dem Fleisch entsagt. Verachtet nicht die Unbeschnittenen. Gott hat Abraham nicht verachtet. Um seiner Gerechtigkeit willen hat er ihn zum Haupt seines Volkes erwählt, noch bevor die Beschneidung sein Fleisch verletzte. Wenn aber Gott sich dem unbeschnittenen Abraham genähert hat, um ihm seine Befehle zu erteilen, dann könnt ihr euch den Unbeschnittenen nähern, um sie im Gesetz des Herrn zu unterweisen. Überlegt, zu wie vielen Sünden und zu welcher Sünde die Beschnittenen fähig gewesen sind. Seid daher nicht zu streng mit den Heiden.»

«Aber sollen wir ihnen sagen, was du uns gelehrt hast? Sie werden nichts davon verstehen, denn sie kennen das Gesetz nicht.»

«Sagt es ihnen. Hat etwa Israel es verstanden, das doch das Gesetz und die Propheten kannte?»

«Das ist wahr.»

«Doch gebt acht. Ihr werdet sagen, was der Geist euch eingibt, wörtlich, ohne Furcht und ohne es von euch aus tun zu wollen. Wenn dann bei den Gläubigen falsche Propheten erscheinen, die ihre Ideen als eingegebene Ideen darstellen, obgleich sie Häretiker sind, dann werdet ihr mit wirksameren Mitteln als dem Wort ihre häretischen Lehren bekämpfen. Aber macht euch deshalb keine Sorgen. Der Heilige Geist wird euch leiten. Ich sage nie etwas, was sich nicht erfüllt.»

«Und was tun wir mit den Häretikern?»

«Ihr werdet die Häresie als solche mit aller Kraft bekämpfen, aber mit allen Mitteln versuchen, die Häretiker zum Herrn zu bekehren. Werdet nicht müde, die verirrten Schafe zu suchen und sie in den Schafstall zurückzuführen. Betet und leidet, laßt beten und leiden, bettelt um Opfer und Leiden bei den Reinen, den Guten, den Großmütigen; denn durch diese Mittel bekehrt man die Brüder. Die Passion Christi setzt sich in den Christen fort. Ich habe euch nicht ausgeschlossen von diesem großen

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Werk, das die Erlösung der Welt ist. Ihr seid alle Glieder eines einzigen Leibes. Helft euch gegenseitig, und wer stark und gesund ist, arbeite für die Schwächeren, und wer geeint ist, strecke die Hand aus und rufe die fernen Brüder.»

«Aber wird es solche geben, nachdem sie Brüder in einem Haus waren?»

«Es wird sie geben.»

«Und warum?»

«Aus so vielen Gründen. Sie werden meinen Namen noch tragen, und sie werden sich dieses Namens sogar rühmen. Sie werden arbeiten, um ihn bekannt zu machen. Sie werden dazu beitragen, daß ich bis an die äußersten Grenzen der Erde bekannt werde. Laßt sie gewähren, denn ich erinnere euch daran: Wer nicht gegen mich ist, ist für mich. Aber, arme Kinder! Ihre Arbeit wird immer nur Stückwerk, und ihre Verdienste werden stets unvollkommen sein. Sie können nicht in mir sein, wenn sie vom Weinstock getrennt sind. Ihre Werke werden immer unvollständig sein. Ihr, ich sage ihr, spreche aber auch zu den Zukünftigen, euren Nachfolgern, sollt auch dort sein, wo sie sind. Sagt nicht wie die Pharisäer: "Ich gehe nicht dorthin, damit ich mich nicht verunreinige"; sagt nicht aus Trägheit: "Ich gehe nicht dorthin, weil sie ja schon den Herrn verkündigen"; sagt nicht aus Furcht: "Ich gehe nicht dorthin, damit sie mich nicht verjagen." Geht! Ich sage euch: Geht! Zu allen Völkern, bis an die Grenzen der Erde, damit meine ganze Lehre und meine einzige Kirche bekannt werden und die Seelen die Möglichkeit erhalten, ihr anzugehören.»

«Und werden wir alle deine Werke berichten oder aufschreiben?»

«Ich habe euch schon gesagt, der Heilige Geist wird euch wissen lassen, was gut zu sagen oder zu verschweigen ist, je nach den Zeiten. Ihr seht es! Alles, was ich getan habe, es wird geglaubt oder geleugnet, und manchmal wird es sogar als Waffe gegen mich verwendet von solchen, die mich hassen. Man hat mich Beelzebub genannt, da ich als Meister und in Gegenwart aller Wunder gewirkt habe. Und was werden sie wohl jetzt sagen, wenn sie erfahren, welch übernatürlichen Dinge ich gewirkt habe? Ich werde noch mehr gelästert werden. Und ihr würdet vor der Zeit verfolgt werden. Daher schweigt, bis es Zeit ist zu reden.»

«Aber wenn diese Zeit erst kommen sollte, wenn wir, die Zeugen, schon gestorben sind?»

«In meiner Kirche wird es immer Priester, Gelehrte, Propheten, Exorzisten, Bekenner und Wundertäter geben, und auch Erleuchtete, alles, was nötig ist, damit die Völker von ihnen erhalten, was sie brauchen. Der Himmel – die triumphierende Kirche – wird die lehrende Kirche nicht alleinlassen, und diese wird der streitenden Kirche beistehen. Sie sind nicht drei Leiber, sie sind ein einziger Leib. Zwischen ihnen besteht nicht Trennung, sondern eine Gemeinschaft in der Liebe und in ihrem Ziel: die Liebe zu lieben und sie im Himmel, ihrem Reich, zu besitzen. Daher muß

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auch die streitende Kirche denen durch ihre Fürbitte liebevoll zu Hilfe eilen, die zwar schon für die triumphierende Kirche bestimmt, aber noch von ihr ausgeschlossen sind, um Sühne und Genugtuung zu leisten für ihre wohl vergebene, aber vor der vollkommenen göttlichen Gerechtigkeit noch nicht gänzlich bezahlte Schuld. Alles im mystischen Leib muß in Liebe und aus Liebe erfolgen, denn die Liebe ist das Blut, das in diesem Leib kreist. Helft den büßenden Brüdern. Wie ich gesagt habe, daß die leiblichen Werke der Barmherzigkeit ihren Lohn im Himmel finden werden, ebenso habe ich gesagt, daß es mit den geistlichen geschieht. In Wahrheit sage ich euch, die Fürbitte für die Verstorbenen, um ihnen zum Frieden zu verhelfen, ist ein großes Werk der Barmherzigkeit, für das Gott euch segnen wird und die Bedachten dankbar sein werden. Wenn ihr bei der Auferstehung des Fleisches alle vor dem Richter Christus versammelt seid, werden unter den von mir Gesegneten auch jene sein, die Liebe gegenüber den büßenden Brüdern geübt und für ihren ewigen Frieden gebetet und geopfert haben. Ich sage es euch: Kein einziges eurer guten Werke wird unbelohnt bleiben; und viele werden hell erstrahlen im Himmel, ohne daß sie gepredigt, verwaltet, apostolische Reisen unternommen oder einen besonderen Stand gewählt haben, sondern nur weil sie gebetet und gelitten haben, um den Büßenden Frieden und den Sterblichen Bekehrung zu erlangen. Auch diese der Welt unbekannten Priester, verkannten Apostel, Sühnopfer, die nur Gott sieht, werden ihren Lohn als Arbeiter des Herrn erhalten, da sie aus ihrem Leben ein beständiges Opfer der Liebe für die Brüder und zur Ehre Gottes gemacht haben. Wahrlich, ich sage euch, zum ewigen Leben führen viele Wege, und einer davon, der meinem Herzen sehr teuer ist, ist dieser. Habt ihr noch andere Fragen? Sprecht.»

«Herr, gestern, und nicht nur gestern, haben wir nachgedacht über deine Worte: "Ihr werdet auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten." Aber jetzt sind wir nur noch elf...»

«Dann müßt ihr einen zwölften wählen. Das ist deine Sache, Petrus.»

«Meine? Meine nicht, Herr! Ernenne du ihn.»

«Ich habe meine Zwölf einmal erwählt und sie herangebildet. Dann habe ich ihr Oberhaupt ernannt. Schließlich habe ich ihnen die Gnade geschenkt und den Heiligen Geist eingegossen. Nun müssen sie alleine gehen, denn sie sind keine unfähigen Säuglinge mehr.»

«Aber sage uns wenigstens, wohin wir unseren Blick richten sollen...»

«Nun, dies hier ist der auserwählte Teil der Herde», sagt Jesus und weist ringsum auf die Anwesenden aus den Zweiundsiebzig.

«Nicht wir, Herr! Nicht wir. Wir haben Angst, den Platz des Verräters einzunehmen», bitten diese.

«Wir wollen Lazarus nehmen. Ist es dir recht, Herr?»

Jesus schweigt.

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«Joseph von Arimathäa? Nikodemus? ...»

Jesus schweigt.

«Aber ja, nehmen wir Lazarus.»

«Und dem vollkommenen Freund wollt ihr den Platz geben, den ihr selbst nicht wollt?» sagt Jesus.

«Herr, ich möchte etwas sagen», sagt der Zelote.

«So sprich.»

«Aus Liebe zu dir würde Lazarus auch diesen Platz annehmen, dessen bin ich sicher. Und er würde ihn auf so vollkommene Weise ausfüllen, daß man vergessen könnte, wessen Platz es gewesen ist. Aber mir erscheint es aus anderen Gründen nicht richtig. Die geistigen Tugenden des Lazarus finden sich auch bei vielen der Geringen deiner Herde. Ich denke, es wäre besser, diesen den Vorzug zu geben, damit die Gläubigen nicht sagen, daß man nur die Macht und die Reichtümer sucht, wie die Pharisäer es machen, statt der Tugend.»

«Das hast du gut gesagt, Simon, um so mehr, als du gerecht und trotz deiner Freundschaft mit Lazarus unparteiisch gesprochen hast.»

«Dann wollen wir Margziam zum zwölften Apostel machen. Er ist ein Knabe.»

«Ich würde annehmen, um diese schreckliche Leere auszufüllen, aber ich bin nicht würdig. Wie könnte ich, ein Knabe, zu Erwachsenen sprechen? Herr, du mußt sagen, ob ich recht habe.»

«Du hast recht. Aber es hat keine Eile. Die Stunde wird kommen, und ihr werdet überrascht sein, daß ihr dann alle derselben Meinung seid. Betet inzwischen! Ich gehe. Zieht euch zum Gebet zurück. Ich entlasse euch für heute. Und sorgt dafür, daß ihr alle zum vierzehnten Ziw in Bethanien seid.»

Jesus steht auf, während alle niederknien und mit der Stirn den Boden berühren. Er segnet sie, und das Licht, sein Diener, der sein Kommen ankündigt und ihn bei seinem Weggang in sich aufnimmt, umgibt und verbirgt ihn auch diesmal wieder.

698. DAS NACHGEHOLTE PASSAHFEST

Diesmal ist der Auftrag Jesu buchstäblich ausgeführt worden. Bethanien quillt über von Jüngern. Sie sind auf den Wiesen, den Wegen, in den Obst- und Ölgärten des Lazarus; und da diese nicht genügen für so viele Leute, die den Besitz des Freundes Jesu nicht beschädigen wollen, hat sich eine große Anzahl auch in die Ölgärten zwischen Bethanien und Jerusalern entlang den Wegen über den Ölberg zerstreut.

Die ersten und ältesten Jünger sind dem Haus am nächsten, weiter

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entfernt unzählige andere. Weniger bekannte Gesichter oder gänzlich unbekannte. Doch wer könnte die nun so zahlreichen Gesichter wiedererkennen und sie beim Namen nennen? Ich glaube, es sind Hunderte. Ab und zu erinnert mich ein Gesicht oder ein Name in dem Durcheinander an jemanden, dem Jesus Gutes getan oder den er bekehrt hat, vielleicht in der letzten Stunde. Aber es übersteigt meine Fähigkeiten, mich an alle diese Gesichter und Namen zu erinnern, sie alle wiederzuerkennen. Es wäre so, als hätte ich erkennen sollen, wer in der Volksmenge war, die sich am Palmsonntag oder an dem schmerzlichen Karfreitag auf den Straßen Jerusalems bewegte oder den Kalvarienberg mit einem Teppich von Gesichtern, meist von haßverzerrten Gesichtern, bedeckte.

Die Apostel gehen im Haus des Simon ein und aus und auch unter die Leute, um sie ruhig zu halten oder ihre Fragen zu beantworten. Lazarus und Maximinus sind dabei behilflich. An den hohen Fenstern im oberen Stockwerk von Simons Haus erscheinen die Gesichter aller Jüngerinnen und verschwinden wieder: graue Mähnen, braune Mähnen, und dazwischen die leuchtend blonden Köpfe von Maria des Lazarus und Aurea. Ab und zu kommt eine heraus, schaut, und zieht sich wieder zurück. Es sind alle da, wirklich alle, Junge und Alte, auch die, die bisher noch nie gekommen sind, wie Sara von Apheca. Auf der Terrasse spielen die Kinder, die Sara dort gesammelt hat, die Enkel der Anna von Meron, Maria, Matthias, der Knabe Schalem, der Enkel des Nahum, der ein Krüppel war und nun gesund und munter ist, und noch andere. Ein Schwarm glücklicher Vöglein, beaufsichtigt von Margziam und anderen jungen Jüngern, wie dem Hirtenjungen von Ennon und Jaia von Pella. Ich sehe unter den Kindern nun auch den früher blinden Knaben aus Sidon. Offensichtlich hat sein Vater ihn mitgebracht.

Ein herrlicher, friedvoller Sonnenuntergang beginnt.

Petrus beratschlagt mit Lazarus und den Gefährten: «Ich meine, es wäre besser, die Leute jetzt zu entlassen. Was sagt ihr dazu? Auch heute wird er nicht kommen. Und viele von diesen hier müssen heute abend noch das kleine Passahfest feiern», sagt Petrus.

«Ja, es wäre besser, sie zu entlassen. Vielleicht hat der Herr es für gut befunden, heute nicht zu kommen. In Jerusalem sind alle vom Tempel versammelt. Ich weiß nicht, wie sie erfahren haben, daß er kommen wird und ...» sagt Lazarus.

«Und wenn sie es auch wissen, was können sie ihm jetzt noch antun?» sagt Thaddäus mit Nachdruck.

«Du vergißt, daß sie immer die gleichen sind. Damit ist alles gesagt. Wenn sie auch ihm nichts mehr antun können, so können sie doch denen sehr viel antun, die gekommen sind, um ihm zu huldigen. Und der Herr will seinen Getreuen nicht schaden. Und außerdem! Glaubst du, daß sie, die von ihrer Sünde und von ihren immer gleichen, unwandelbaren

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Gedankengängen verblendet sind, nicht in dem großen Widerstreit in ihren Köpfen auf die Idee gekommen sind, daß der Herr auferstanden ist, vielmehr, daß er nie gestorben und aus dem Grab herausgekommen ist, daß er selbst aufgewacht ist oder mit Hilfe vieler Komplizen? Ihr könnt euch nicht vorstellen, was für ein Wirrwarr von Gedanken, was für ein Durcheinander, was für ein Sturm von Vermutungen bei ihnen herrscht. Und dies nur, weil sie nicht die Wahrheit bekennen wollen. Man kann wirklich sagen, daß die Komplizen von gestern heute geteilt sind, aus eben dem Grund, der sie zuvor geeint hat. Und der eine oder andere läßt sich von ihren Ideen verführen. Habt ihr gemerkt, daß einige der Jünger schon nicht mehr unter uns sind?» sagt Lazarus.

«Laß sie laufen! Dafür sind andere und bessere gekommen. Gewiß sind unter denen, die gegangen sind, auch einige, die dem Synedrium berichtet haben, daß der Herr am vierzehnten Tag des zweiten Monats hier erscheinen würde. Und nach diesem Verrat haben sie nicht mehr den Mut, zu kommen. Fort mit ihnen! Genug der Verräter!» sagt Bartholomäus.

«Freund, solche werden wir immer haben. Der Mensch! ... Er läßt sich zu sehr durch Eindrücke und äußeren Druck beeinflussen. Aber wir brauchen nichts zu fürchten. Der Herr hat gesagt, daß wir nichts fürchten sollen», sagt der Zelote.

«Und wir fürchten uns nicht. Vor einigen Tagen haben wir noch Angst gehabt. Erinnert ihr euch? Ich jedenfalls dachte mit Schrecken an die Rückkehr hierher. Nun scheint es mir, als hätte ich keine Angst mehr. Aber ich traue mir selbst nicht recht, und auch ihr sollt euch nicht zu sehr auf euren Kephas verlassen. Ich habe schon einmal bewiesen, daß ich bröckelnder Ton und nicht harter Granit bin. Nun, entlassen wir also diese hier. Tue du es, Lazarus ...»

«Nein, Simon Petrus. Das ist deine Sache. Du bist das Oberhaupt...»sagt Lazarus gütig und legt einen Arm um die Schulter des Petrus. Er schiebt ihn zur Treppe und hinauf auf die Terrasse, die das Haus des Simon umgibt.

Petrus macht ein Zeichen, daß er sprechen will, und die Leute in seiner Nähe schweigen, und die weiter entfernten kommen näher. Petrus wartet, bis fast alle da sind, und sagt dann: «Ihr Männer aus allen Gegenden Israels, hört zu. Ich fordere euch auf, in die Stadt zurückzukehren. Die Sonne geht bereits unter. Geht also! Wenn er noch kommen sollte, lassen wir es euch auf jeden Fall wissen. Gott sei mit euch.»

Er zieht sich in einen luftigen Raum zurück, in dem alle die getreuesten Jüngerinnen um die Jungfrau versammelt sind und auch die anderen Frauen, die den Herrn als Meister geliebt haben, ihm jedoch nicht auf seinen Pilgerfahrten gefolgt sind. Petrus setzt sich in eine Ecke und betrachtet Maria, die ihm zulächelt.

Die Leute draußen teilen sich langsam in zwei Teile. Die einen bleiben,

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die anderen kehren in die Stadt zurück. Stimmen von Erwachsenen rufen nach Kindern, Kinderstimmen antworten. Dann läßt der Lärm nach.

«Und nun», sagt Petrus, «wollen auch wir gehen...»

«Vater, der Herr hat aber gesagt, daß er kommen wird!»

«Ich weiß schon! Aber wie du siehst, ist er nicht gekommen. Und es ist der vorgeschriebene Feiertag...»

«Ja. Und mein Bruder hat alles für euch vorbereitet. Und hier ist auch Markus des Jonas, der gekommen ist, um euch zum Tor zu begleiten und es zu öffnen. Aber ich komme mit. Alle kommen wir. Lazarus hat für alle gesorgt», sagt Maria von Magdala.

«Und wo werden so viele Menschen das Abendmahl einnehmen?»

«Gethsemane wird der Abendmahlsaal sein. Der Raum im Haus für die, die Jesus genannt hat. Draußen vor dem Haus die Tische für die anderen. So hat er es gewollt.»

«Wer? Lazarus?»

«Der Herr.»

«Der Herr? Aber wann ist er denn gekommen?»

«Er ist gekommen... Was kümmert es dich, an welchem Tag? Er ist gekommen und hat mit Lazarus gesprochen.»

«Ich glaube, er kommt oder ist zu jedem von uns gekommen, auch wenn keiner es sagt und diese Freude wie eine kostbare Perle für sich bewahrt und sie nicht einmal zeigen will aus Furcht, sie könnte ihren wunderbaren Glanz verlieren. Die Geheimnisse des Königs!» sagt Bartholomäus und schaut die jungfräulichen Jüngerinnen an, deren Gesichter purpurrot werden, als ob die untergehende Sonne sie träfe. Aber es ist die geistige Flamme höchster Freude, die sie erröten läßt. Maria, die Jungfrau der Jungfrauen im weißen Leinenkleid, eine strahlende Lilie, neigt lächelnd das Haupt und schweigt. Wie sehr gleicht sie in diesem Augenblick dem jungen Mädchen der Verkündigung!

«Gewiß... Er läßt uns nicht allein, auch wenn er nicht sichtbar erscheint. Ich weiß, daß er es ist, der gewisse Gedanken in mein armes Herz und in meinen noch ärmeren Verstand legt ...» bekennt Matthäus.

Die anderen sagen nichts... Sie sehen sich gegenseitig forschend an, während sie die Mäntel anlegen. Doch die Sorgfalt, mit der einige sich so weit wie möglich das Gesicht verhüllen, um die Welle der geistigen Freude zu verbergen, die bei dem Gedanken an die geheimen göttlichen Begegnungen aufleuchtet, verrät sie als die am meisten Bevorzugten.

«So redet doch!» sagen die anderen. «Wir sind nicht eifersüchtig! Wir sind nicht indiskret, weil wir es wissen wollen. Aber es wird uns trösten, hoffen zu dürfen, daß wir nicht für immer auf seinen Anblick verzichten müssen. Denkt an die Worte Raphaels zu Tobias: "Es gehört sich, des Königs Geheimnis zu wahren, Gottes Werke aber zu offenbaren und zu verkünden, ist wohlgetan." Der Engel Gottes hat recht! Behaltet die Worte,

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die er zu euch gesagt hat, für euch, aber offenbart seine immerwährende Liebe zu uns.»

Jakobus des Alphäus schaut Maria an, wie um von ihr eine Erleuchtung zu erhalten, und da er an ihrem Lächeln erkennt, daß sie zustimmt, sagt er: «Es stimmt, ich habe den Herrn gesehen!» Sonst nichts. Er ist der einzige, der es zugibt. Die anderen beiden, die ihr Gesicht verborgen haben, also Johannes und Petrus, sagen kein Wort.

Sie gehen alle in kleinen Gruppen hinaus, die Elf voran, dann Lazarus mit den Schwestern, den Jüngerinnen und Maria, und zuletzt die Hirten und viele der zweiundsiebzig Jünger. Sie gehen auf der oberen Straße, die zum Ölgarten führt, in Richtung Jerusalem. Die übriggebliebenen Kinder hüpfen glücklich voraus und hintendrein. Markus zeigt einen Weg, auf dem man das Lager der Galiläer und die am stärksten begangenen Gegenden vermeidet und direkt zur neuen Mauer des Ölgartens gelangt. Er öffnet das Tor, läßt alle eintreten und schließt es wieder. Viele Jünger flüstern miteinander und einige gehen und fragen die Apostel, besonders Johannes. Doch diese machen ihnen Zeichen zu warten, da es noch nicht an der Zeit ist, zu tun, worum sie bitten, und alle geben sich zufrieden.

Wieviel Frieden im weiten Ölgarten, dessen oberen Teil die letzten Sonnenstrahlen noch küssen, während sich unten schon Schatten ausbreiten. Ein leises Säuseln des Windes in den grünsilbernen Wipfeln und zartes Vogelgezwitscher, das den scheidenden Tag verabschiedet.

Hier ist nun das Haus des Verwalters. Auf der Terrasse, die auch das Dach des Hauses ist, hat Lazarus einen Pavillon aus Zeltplanen errichten lassen, und die Terrasse ist zu einem luftigen Abendmahlsaal geworden für die Jünger, die vor einem Monat das Passahmahl nicht einnehmen konnten. Unten, auf der gesäuberten kleinen Tenne, stehen weitere Tische. Und im Haus, im besten Raum, der Tisch für die Jüngerinnen.

Man bringt nun zu den verschiedenen Tischen derer, die das Passahfest nicht gefeiert haben, gebratene Lämmer, Salate, ungesäuerte Brote und die rötliche Sauce und stellt auch den rituellen Kelch auf die Tische. Auf dem der Frauen steht kein Kelch, sondern ebenso viele Becher als Gäste. Man sieht, daß die Frauen von diesem Teil der Zeremonie ausgenommen waren. Auf den Tischen derer, die das Passahfest zur rechten Zeit gefeiert haben, steht das Lamm, aber die ungesäuerten Brote und die Kräuter mit der roten Sauce fehlen. Lazarus und Maximinus überwachen alles. Und Lazarus neigt sich über Petrus und sagt ihm etwas, was den Apostel veranlaßt, heftig und hartnäckig den Kopf zu schütteln.

«Und doch... Es ist deine Sache», sagt Philippus, der an seiner Seite sitzt.

Aber Petrus zeigt auf Jakobus des Alphäus: «Es ist seine Sache.»

Während sie noch diskutieren, erscheint Jesus am Rand der kleinen Tenne und grüßt: «Der Friede sei mit euch.»

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Alle stehen auf, und das Geräusch macht auch die Frauen aufmerksam. Sie wollen hinausgehen; doch Jesus betritt das Haus und grüßt auch sie.

Maria sagt: «Mein Sohn!» und verehrt ihn mit einer tieferen Verneigung als alle anderen. Durch diese Geste zeigt sie, daß Jesus, so sehr er auch Freund, Freund und Verwandter, ja sogar Sohn sein mag, immer Gott ist und als Gott verehrt werden muß, immer verehrt mit anbetender Seele, auch wenn seine Liebe zu uns so groß ist, daß sie ihn dazu führt, uns mit größter Vertraulichkeit als Bruder und Bräutigam zu begegnen.

«Der Friede sei mit dir, Mutter. Setzt euch und eßt. Ich gehe nach oben, wo Margziam auf seine Belohnung wartet.»

Jesus geht wieder hinaus, steigt das Treppchen hinauf und ruft laut: «Simon Petrus und Jakobus des Alphäus, kommt.»

Die beiden Genannten gehen hinter Jesus nach oben, und Jesus setzt sich an den mittleren Tisch zu Margziam und sagt dann zu den beiden Aposteln: «Ihr werdet tun, was ich euch sage»; und zu Matthias, der am oberen Ende des Tisches sitzt, sagt er: «Beginne mit dem Passahmahl.»

Jesus hat heute abend Margziam an seiner Seite, an dem Platz, wo letztes Mal Johannes gesessen ist. Petrus und Jakobus stehen hinter dem Herrn in Erwartung seiner Befehle.

Und mit demselben Ritual des Passahmahles läuft auch dieses nun ab: die Hymnen, die Fragen, die Trankopfer. Ich weiß nicht, ob an den anderen Tischen dasselbe geschieht. Ich richte meinen Blick auf Jesus, solange mir sein Wille nicht befiehlt, anderswohin zu schauen; und ich vergesse alles andere in Betrachtung meines Herrn, der nun die besten Bissen seines Lammes dem überglücklichen Margziam reicht. Jesus hat zwar etwas Fleisch auf seinen Teller gelegt, ißt jedoch nichts davon, wie er auch keine Kräuter und keine Sauce nimmt und nicht aus dem Kelch trinkt.

Zu Beginn hat er Petrus ein Zeichen gegeben, sich zu ihm zu neigen und zuzuhören, und hat ihm leise etwas gesagt. Und Petrus hat daraufhin ganz laut gesagt: «An diesem Punkt hat der Herr als Vater und Familienoberhaupt für uns alle den Kelch aufgeopfert.»

Nun gibt Jesus Petrus wieder ein Zeichen und dieser richtet sich auf, nachdem er ihm zugehört hat, und sagt: «Und an diesem Punkt hat der Herr sich gegürtet, um uns reinzuwaschen und uns zu lehren, wie wir selbst es halten sollen, um würdig das eucharistische Opfer zu feiern.»

Das Abendmahl wird fortgesetzt, bis Petrus nach einem weiteren Zeichen sagt: «Hier nahm der Herr das Brot und den Wein, opferte sie, betete und segnete sie, brach das Brot, verteilte beides an uns und sagte: "Das ist mein Leib, und das ist mein Blut des neuen und ewigen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden."»

Jesus steht auf, in seiner ganzen Majestät. Er befiehlt Petrus und Johannes, je ein Brot zu nehmen und es in kleine Stückchen zu brechen, und

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einen Kelch, den größten Kelch auf den Tischen, mit Wein zu füllen. Sie gehorchen und halten das Brot und den Wein vor ihn hin, und Jesus breitet seine Hände darüber aus und betet wortlos und mit verklärtem Blick...

«Teilt die Brotstückchen aus und reicht den brüderlichen Kelch. So oft ihr dies tut, tut es zu meinem Gedächtnis.»

Die beiden Apostel gehorchen, sehr ehrerbietig...

Während die Gestalten ausgeteilt werden, begibt sich Jesus hinunter zu den Frauen. Ich nehme an – kann es aber nicht sehen, da ich ihm nicht folge – daß Jesus seiner Mutter eigenhändig die Kommunion reicht. Ich weiß nicht, ob es zutrifft, doch wüßte ich nicht, warum er zu ihr gehen sollte, wenn nicht aus diesem Grund.

Dann kehrt er auf die Terrasse zurück. Er setzt sich nicht mehr. Das Abendmahl geht seinem Ende zu.

Jesus sagt: «Ist alles vollbracht?»

«Alles ist vollbracht, Herr.»

«So habe ich es am Kreuz gemacht. Erhebt euch, wir wollen beten.»

Er breitet die Arme in Kreuzform aus und stimmt das Vaterunser an.

Ich weiß nicht, warum ich weine. Ich denke, vielleicht ist es das letzte Mal, daß ich ihn das Gebet sprechen höre... Und so wie kein Maler oder Bildhauer uns jemals das wahre Bild Jesu wiedergeben kann, ebensowenig kann jemand, so heilig er auch sein mag, zugleich so männlich und sanft das Vaterunser beten. Ich werde immer eine große Sehnsucht nach diesem Vaterunser haben, das ich von Jesus gehört habe, eine wahre Zwiesprache der Seele mit dem geliebten und angebeteten Vater des Himmels, ein Ausruf der Verehrung, des Gehorsams, des Glaubens, der Unterwerfung, der Demut, der Barmherzigkeit, der Sehnsucht, des Vertrauens... Alles!

«Geht! Und die Gnade des Herrn sei in euch allen und sein Friede begleite euch.» Jesus entläßt sie und nimmt Abschied in einem Aufleuchten von Licht, das das Licht des hoch über dem stillen Garten stehenden Vollmondes bei weitem überstrahlt, und auch das der Lampen auf den Tischen.

Kein Laut. Tränen auf den Gesichtern. Anbetung in den Herzen. Sonst nichts ...

Die Nacht wacht und sieht zusammen mit den Engeln die Rührung dieser Gesegneten.

699. DIE HIMMELFAHRT DES HERRN

Jesus geht mit seiner Mutter – im Osten bricht kaum die Morgenröte an – über die Hänge des Gethsemane. Keine Worte, nur Blicke unaussprechlicher Liebe wechseln sie. Vielleicht haben sie sich schon alles gesagt. Vielleicht haben sie aber auch gar nichts gesagt, und nur die beiden

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Seelen haben Zwiesprache gehalten: die Seele Christi und die Seele der Mutter Christi. Nun sind sie in liebender Betrachtung, gegenseitiger Betrachtung versunken. Die taufrische Natur sieht sie, das reine Licht des Morgens sieht sie, die lieblichen Geschöpfe Gottes sehen sie: die Gräser, die Blumen, die Vögel und die Schmetterlinge. Menschen sind keine da.

Ich fühle mich nicht ganz wohl, bei diesem Abschied dabei zu sein. «Herr, ich bin nicht würdig», rufe ich aus unter Tränen, die ich vergieße bei der Betrachtung der letzten Stunde des irdischen Beisammenseins von Mutter und Sohn und bei dem Gedanken, daß wir nun am Ende der liebevollen Mühe sind, sowohl Jesus und Maria, als auch das arme, kleine, unwürdige Kind, das Jesus als Zeugen seines ganzen messianischen Wirkens gewollt hat und das Maria heißt, das Jesus aber lieber «Kleiner Johannes» oder auch «Veilchen des Kreuzes» nennt. Ja, kleiner Johannes! Klein, weil ich ein Nichts bin. Johannes, weil ich wirklich ein Mensch bin, dem Gott große Gnaden erwiesen hat, und weil ich, in allerkleinstem Maß – aber es ist alles, was ich besitze, und da ich alles gebe, was ich habe, weiß ich, daß ich in vollkommenem Maß gebe und Jesus damit zufrieden ist, weil es das «Alles» meines Nichts ist – und weil ich in allerkleinstem Maß, wie der große Johannes, der Liebling, Jesus und Maria meine ganze Liebe gegeben habe, ihre Tränen und ihr Lächeln mit ihnen geteilt habe, ihnen gefolgt bin und betrübt war, sie so traurig zu sehen und sie nicht unter Einsatz meines Lebens gegen die Mißgunst der Welt verteidigen zu können; und nun klopft mein Herz zusammen mit dem ihren, da dies alles für immer zu Ende geht.

Veilchen. Ja, ein Veilchen, das sich bemüht hat, sich im Gras zu verbergen, damit Jesus ihm nicht ausweicht – er, der alles Geschaffene liebt, weil alles das Werk seines Vaters ist – sondern mich mit seinem göttlichen Fuß zertritt und ich sterben und meinen schwachen Duft verströmen kann in dem Bemühen, ihm die Berührung mit dem rauhen, harten Erdboden sanfter erscheinen zu lassen. Veilchen des Kreuzes, ja. Und sein Blut hat meinen Kelch gefüllt, bis er sich zur Erde neigte...

Oh, mein Geliebter, der du mich schon zuvor mit diesem Blut übergossen hast, als ich deine verwundeten Füße, die an das Holz genagelt waren, betrachten mußte: «... ein blühendes Märzveilchen war ich am Fuß des Kreuzes, und die Tropfen des göttlichen Blutes fielen auf das blühende Veilchen ...»

Eine ferne Erinnerung, und doch so nahe und gegenwärtig! Vorbereitung auf das, was ich dann geworden bin: dein Sprachrohr, das nun ganz von deinem Blut besprengt ist, von deinem Schweiß und deinen Tränen und von den Tränen Marias, deiner Mutter; das aber auch deine Worte, dein Lächeln, alles, alles von dir kennt und nicht mehr nach Veilchen, sondern nur nach dir, meine einzige Liebe, duftet, nach dem göttlichem Duft, der gestern abend meinen Schmerz gemildert hat und der zu mir kommt, sanft wie ein Kuß, tröstend wie der Himmel selbst, und mich alles vergessen läßt, damit ich nur aus dir allein lebe...

Ich habe dein Versprechen. Ich weiß, daß ich dich nicht verlieren werde. Du hast es mir versprochen, und dein Versprechen ist aufrichtig: es ist das Versprechen Gottes. Ich werde dich immer besitzen. Nur wenn ich durch Hochmut, Lüge oder Ungehorsam sündigen würde, würde ich dich verlieren, hast du gesagt. Aber du weißt auch, daß ich nicht sündigen will, wenn deine Gnade meinem Willen hilft, und ich hoffe, nicht zu sündigen, weil du mir helfen wirst. Ich bin keine Eiche und weiß es. Ich bin ein Veilchen. Ein zarter Stengel, der sich unter dem Fuß eines Vögleins und sogar unter dem Gewicht eines Käfers neigen kann. Doch du bist meine Stärke, Herr. Und meine Liebe zu dir ist mein Flügel.

Ich werde dich nicht verlieren. Du hast es mir versprochen. Du wirst ganz zu mir kommen, um deinem sterbenden Veilchen Freude zu schenken. Aber ich bin keine Egoistin. Du weißt es. Du weißt, daß ich dich lieber nicht mehr sehen würde, wenn dafür viele andere dich sehen und an dich glauben könnten. Du hast mir schon so viel gegeben, und ich bin dessen nicht würdig. Du hast mich wahrlich geliebt, wie nur du allein deine auserwählten Kinder lieben kannst.

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Ich denke daran, wie süßes gewesen ist, dich «leben» zusehen. Mensch unter Menschen. Und ich denke daran, daß ich dich so nicht wieder sehen werde. Alles habe ich gesehen und gesagt.

Ich weiß auch, daß du nie meinem Gedächtnis entschwinden wirst mit deinen Werken als Mensch unter Menschen, und daß ich keine Bücher brauchen werde, um mich zu erinnern, wer du wirklich warst. Es wird genügen, daß ich in mich hineinschaue, wo dein ganzes Leben in unauslöschlichen Lettern eingegraben ist.

Aber es war schön, schön... Nun fährst du auf... Die Erde verliert dich. Maria vom Kreuz verliert dich. Meister, Heiland. Du wirst für sie ein gütiger Gott bleiben. Nicht mehr Blut, sondern himmlischen Honig wirst du in den violetten Blütenkelch deines Veilchens träufeln... Ich weine... Ich bin deine Jüngerin gewesen, zusammen mit den anderen, auf den waldigen Wegen des Gebirges und den trockenen, staubigen Straßen der Ebene, am See und an dem schönen Fluß deiner Heimat. Nun gehst du fort, und ich werde Bethlehem und Nazareth auf ihren grünen Hügeln mit den Ölbäumen nur noch in der Erinnerung sehen, und Jericho in der glühenden Sonne unter den rauschenden Palmen, und das freundliche Bethanien, und Engedi, die in der Wüste verlorene Perle, und das schöne Samaria, und die fruchtbaren Ebenen von Saron und Esdrelon, und die bizarre Hochebene jenseits des Jordan, und den Alptraum des Toten Meeres, und die sonnigen Städte am Ufer des Mittelmeeres, und Jerusalem, die Stadt deiner Schmerzen, seine ansteigenden und abfallenden Straßen, die Bögen, die Plätze und die Vororte, die Brunnen und die Zisternen, die Hügel und sogar das traurige Tal der Aussätzigen, wo deine Barmherzigkeit so viel Gutes getan hat ... und das Haus des Abendmahles ... den Brunnen, der dort in der Nähe weint... die kleine Brücke über den Kedron, den Ort deines Blutschweißes... den Hof des Prätoriums... Ach nein! Was dir Schmerz bereitet hat, ist hier. Und es wird immer bleiben... Ich werde alle Erinnerungen suchen müssen, um sie zu finden, aber dein Gebet im Gethsemane, deine Geißelung, dein Aufstieg zum Golgotha, dein Todeskampf und dein Tod und der Schmerz deiner Mutter, nein, nein, diese werde ich nicht suchen müssen: diese Schmerzen sind immer gegenwärtig. Vielleicht werde ich sie im Paradies vergessen... Und doch scheint es mir selbst dort unmöglich, sie zu vergessen ... An alles erinnere ich mich von diesen furchtbaren Stunden. Sogar an die Form des Steins, auf den du gefallen bist. Sogar an die rote Rosenknospe, die einem Blutstropfen glich und an den Granit, an den Verschluß deines Grabes pochte...

Meine göttliche Liebe, deine Passion lebt in meiner Erinnerung fort ... und zerbricht mir das Herz...

Der Tag ist nun angebrochen. Die Sonne steht schon hoch, und man hört die Stimmen der Apostel. Das ist ein Zeichen für Jesus und Maria. Sie bleiben stehen, einander gegenüber, und blicken sich an. Dann öffnet Jesus die Arme und zieht seine Mutter an seine Brust ... Oh, er war ein Mensch, der Sohn einer Mutter! Um dies zu glauben, braucht man sich nur diesen Abschied anzusehen. Die Liebe ergießt sich in einer Flut von Küssen auf die geliebte Mutter. Die Liebe bedeckt den geliebten Sohn mit Küssen. Sie scheinen sich nicht mehr trennen zu können. Wenn man glaubt, sie würden es nun gleich tun, dann umarmen sie sich immer noch einmal, und zwischen einem Kuß und dem anderen sprechen sie Worte gegenseitigen Segens ... Oh, es ist wahrlich der Menschensohn, der die verläßt, die ihn geboren hat! Es ist wahrlich die Mutter, die den Sohn entläßt, um ihn dem Vater wiederzugeben, ihr Geschöpf, das Pfand der Liebe für die Reinste ... !

Gott küßt die Mutter Gottes!

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Endlich kniet die Frau als Geschöpf zu Füßen ihres Gottes nieder, der aber auch ihr Sohn ist, und der Sohn, der Gott ist, legt seine Hände auf das Haupt der Jungfrau-Mutter, der Ewig-Geliebten, und segnet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Dann neigt er sich zu ihr, hilft ihr beim Aufstehen und drückt einen letzten Kuß auf die Stirn, die so weiß ist wie die Blüte einer Lilie unter dem Gold des noch so jugendlichen Haares...

Sie begeben sich wieder zum Haus, und niemand, der die beiden so ruhig nebeneinander gehen sieht, kann sich die Woge der Liebe vorstellen, die noch kurz zuvor beide überflutet hat. Doch welch ein Unterschied bei diesem Lebewohl zu der Traurigkeit bei anderen, nun überstandenen Trennungen und dem Schmerz des Abschieds der Mutter von ihrem getöteten Sohn, den sie allein im Grab zurücklassen mußte... !

Obgleich die Augen feucht sind von den begreiflichen Tränen eines Menschen, der sich von seinem Liebsten trennen muß, lächeln doch die Lippen in der Freude, zu wissen, daß dieser Geliebte an einen Ort geht, der seiner Herrlichkeit würdig ist...

«Herr! Da draußen, zwischen dem Hügel und Bethanien sind alle, die du, wie du deiner Mutter gesagt hast, heute segnen willst», sagt Petrus.

«Gut. Gleich gehen wir zu ihnen. Aber zuvor, kommt. Ich möchte mit euch noch einmal das Brot brechen.»

Sie gehen in den Raum, in dem zehn Tage zuvor die Frauen sich zum Abendmahl am vierzehnten Tag des zweiten Monats versammelt haben. Maria begleitet Jesus dorthin und zieht sich dann zurück. Jesus bleibt mit den Elf allein.

Auf dem Tisch stehen gebratenes Fleisch, kleine Käse und schwarze Oliven, ein kleiner Krug mit Wein und ein größerer mit Wasser und flache Brote. Ein einfaches Mahl, nicht für eine aufwendige Zeremonie, nur um den Hunger zu stillen.

Jesus segnet und teilt aus. Er sitzt in der Mitte, zwischen Petrus und Jakobus des Alphäus, die er an diese Plätze gerufen hat. Johannes, Judas des Alphäus und Jakobus sitzen ihm gegenüber und Thomas, Philippus, Matthäus auf der einen und Andreas, Bartholomäus und der Zelote auf der anderen Seite. So können alle ihren Jesus sehen... Eine kurze, schweigsame Mahlzeit. Die Apostel, für die nun der letzte Tag ihres Zusammenseins mit Jesus gekommen ist, haben trotz seiner wiederholten Erscheinungen bei einem von ihnen oder bei allen zusammen die ehrfürchtige Zurückhaltung in ihren Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus nicht verloren.

Das Mahl ist zu Ende. Jesus streckt die Hände vor sich über den Tisch aus, die übliche Geste, mit der er eine unumgängliche Tatsache andeutet, und sagt:

«Nun ist es soweit. Die Stunde ist gekommen, da ich euch verlassen

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muß und zu meinem Vater zurückkehre. Hört die letzten Worte eures Meisters.

Verlaßt Jerusalem nicht in diesen Tagen. Lazarus, mit dem ich gesprochen habe, hat noch einmal den Wünschen seines Meisters entsprochen und überläßt euch das Haus des letzten Abendmahles, damit ihr einen Ort habt, wo ihr zusammenkommen und euch im Gebet sammeln könnt. Bleibt in diesen Tagen dort und betet inständig, um euch auf die Ankunft des Heiligen Geistes vorzubereiten, der euch für eure Aufgabe vervollkommnen wird. Denkt daran, daß ich, obgleich Gott, mich durch eine schwere Buße auf meine Aufgabe, das Evangelium zu verkünden, vorbereitet habe. Eure Vorbereitung wird in jedem Fall leichter und kürzer sein. Aber ich verlange nicht mehr von euch. Es genügt mir, wenn ihr inbrünstig betet, in Vereinigung mit den zweiundsiebzig Jüngern und unter der Leitung meiner Mutter, die ich euch mit der Sorge eines Sohnes anvertraue. Sie wird euch Mutter und Lehrerin der Liebe und der vollkommenen Weisheit sein. Ich hätte euch anderswohin senden können, um euch auf die Herabkunft des Heiligen Geistes vorzubereiten; doch ich will, daß ihr hierbleibt, denn das so abweisende Jerusalem soll staunen über die Fortsetzung der göttlichen Wunder, die eine Antwort auf seine Leugnung sind.

Später wird euch dann der Heilige Geist die Notwendigkeit erkennen lassen, daß die Kirche gerade in dieser Stadt entsteht, die nach menschlichem Urteil die unwürdigste für sie ist. Aber Jerusalem ist immer Jerusalem, auch wenn diese Stadt voller Sünde ist und in ihr der Gottesmord stattgefunden hat. Für Jerusalem gibt es keine Rettung mehr. Es ist verurteilt. Aber wenn auch die Stadt verurteilt ist, so sind doch nicht alle ihre Bürger verurteilt. Bleibt, der wenigen Gerechten wegen, die in ihr wohnen, und bleibt, weil Jerusalem die königliche Stadt, die Stadt des Tempels ist und weil, wie es bei den Propheten geschrieben steht, hier, wo der Messias-König gesalbt, ausgerufen und erhöht worden ist, auch sein Weltreich seinen Anfang nehmen muß, weil hier, wo die Synagoge von Gott wegen ihrer zahlreichen abscheulichen Verbrechen den Scheidebrief der Verstoßung erhalten hat, der neue Tempel erstehen muß, zu dem die Menschen aller Nationen kommen werden. Lest die Propheten. Sie haben alles vorhergesagt. Zuerst wird euch meine Mutter und dann der Heilige Geist die Worte der Propheten für diese Zeit erhellen. Bleibt hier, bis Jerusalem euch verstößt, wie es mich verstoßen hat, und meine Kirche haßt, wie es mich gehaßt hat, und Pläne schmiedet, um sie zu zerstören. Dann verlegt den Sitz meiner geliebten Kirche an einen anderen Ort, denn sie darf nicht untergehen.

Ich sage euch: Nicht einmal die Hölle wird sie überwältigen. Doch wenn Gott euch auch seinen Schutz zusichert, versucht nicht den Himmel, indem ihr alles vom Himmel erwartet.

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Geht nach Ephraim, wie euer Meister dorthin gegangen ist, weil die Stunde noch nicht gekommen war, da er von seinen Feinden gefangengenommen werden sollte. Ich sage Ephraim und meine damit die Länder der Götzen und der Heiden. Aber nicht Ephraim in Palästina sollt ihr als Sitz meiner Kirche wählen. Denkt daran, wie oft ich zu euch, einzeln oder allen zusammen, gesprochen und euch vorhergesagt habe, daß ihr die Straßen der Welt durchwandern werdet, um zu ihrem Herzen zu gelangen und dort meine Kirche zu begründen. Aus dem Herzen des Menschen gelangt das Blut in alle Glieder. Und aus dem Herzen der Welt soll sich das Christentum über die ganze Erde verbreiten.

Jetzt gleicht die Kirche noch einem Mutterleib, und in ihm verteilt das noch kleine Herz, um das sich die wenigen Glieder der entstehenden Kirche sammeln, das Blut in diese Glieder. Aber sobald die von Gott festgesetzte Stunde gekommen ist, wird der stiefmütterliche Leib das in seinem Schoß gebildete Geschöpf ausstoßen, und es wird in ein neues Land gehen und zu einem großen Leib heranwachsen, der sich über die ganze Erde ausbreiten wird. Und die Schläge des starken Herzens der Kirche werden sich dem ganzen Körper mitteilen. Das Herz der Kirche wird schlagen, befreit von allen Bindungen an den Tempel, ewig und siegreich, über den Trümmern des zerstörten Tempels, lebendig im Herzen der Welt, um Hebräern und Heiden zu sagen, daß Gott allein siegt und tut, was er will, und daß weder der Haß der Menschen, noch die Scharen der Götzen seinem Willen ein Hindernis sein können.

Doch dies wird erst später geschehen, und ihr werdet dann wissen, was zu tun ist. Der Geist Gottes wird euch leiten. Fürchtet nicht.

Versammelt jetzt die erste Gemeinde der Gläubigen in Jerusalem. Später werden sich weitere Gruppen bilden, je mehr die Zahl der Gläubigen wächst. Wahrlich, ich sage euch, die Bürger meines Reiches werden sich rasch vermehren, wie in fruchtbares Erdreich gestreuter Samen. Mein Volk wird sich über die ganze Erde ausbreiten.

Der Herr spricht zum Herrn: "Da du dies alles getan und dich nicht geschont hast, will ich dich segnen und deine Nachkommenschaft zahlreich machen wie die Sterne des Himmels und den Sand am Gestade des Meeres. Deine Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde besetzen, und in deinen Nachkommen sollen alle Völker der Erde gesegnet sein!' Mein Name, mein Zeichen und mein Gesetz sind ein Segen, dort wo sie anerkannt werden.

Der Heilige Geist, der Heiligmacher, ist im Kommen, und ihr werdet von ihm erfüllt werden. Sorgt dafür, daß ihr rein seid, wie alles, was sich dem Herrn nähert, rein sein muß. Ich war Herr wie er, und doch habe ich meine Gottheit unter einem Gewand verborgen, um unter euch weilen zu können, nicht nur, um euch zu unterweisen und zu erlösen mit den Gliedern und dem Blut dieses Gewandes, sondern auch um den Heiligen der

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Heiligen unter die Menschen zu bringen, ohne daß jeder Mensch, auch der unreine, in ungebührlicher Weise den Blick auf jenen richtet, den selbst die Seraphim nur mit Furcht und Zittern schauen.

Aber der Heilige Geist wird ohne die Hülle des Fleisches kommen, auf euch ruhen und sich mit seinen sieben Gaben in euch ergießen und euch raten.

Nun ist der Rat Gottes etwas so Erhabenes, daß es erforderlich ist, sich darauf vorzubereiten mit heroischem Willen und einer Vollkommenheit, die euch eurem Vater und eurem Jesus ähnlich macht, und eurem Jesus in seiner Beziehung zum Vater und zum Heiligen Geist. Also vollkommene Liebe und vollkommene Reinheit, um die Liebe verstehen zu können und sie auf dem Thron des Herzens zu empfangen.

Verliert euch im Abgrund der Betrachtung. Bemüht euch zu vergessen, daß ihr Menschen seid, und versucht, euch in Seraphim zu verwandeln. Werft euch in den Feuerofen, in die Flammen der Betrachtung. Die Betrachtung Gottes gleicht dem Funken, der mit seinem Feuer und Licht entsteht, wenn man den Feuerstein auf den Stahl schlägt. Das Feuer reinigt, indem es die unreine und trübe Materie verzehrt und sie in eine leuchtende, reine Flamme verwandelt.

Ihr werdet das Reich Gottes nicht in euch haben, wenn ihr die Liebe nicht habt. Denn das Reich Gottes ist die Liebe, erscheint mit der Liebe und nimmt durch die Liebe eure Herzen in Besitz im Glanz eines überwältigenden Lichtes, das eindringt und befruchtet, die Unwissenheit aufhebt, Weisheit verleiht, den Menschen vernichtet und Göttliches erschafft, das Kind Gottes, meinen Bruder, den König für den Thron, den Gott jenen bereitet hat, die sich Gott hingeben, um Gott zu besitzen, Gott, Gott, Gott allein. Seid daher rein und heilig durch die glühende Anbetung, die den Menschen heiligt, da sie ihn versenkt in das Feuer Gottes, der die Liebe ist.

Ihr sollt heilig sein. Nicht in dem relativen Sinn, den dieses Wort bis jetzt gehabt hat, sondern in dem absoluten Sinn, den ich ihm gegeben habe, da ich euch die Heiligkeit des Herrn als Beispiel und Maßstab gezeigt habe, also die vollkommene Heiligkeit. Wir nennen den Tempel heilig, und auch den Ort, an dem der Altar steht, und das Allerheiligste nennen wir den verhüllten Ort, wo sich die Bundeslade mit der Versöhnungsplatte befindet. Aber wahrlich, ich sage euch, alle, die die Gnade besitzen und in Heiligkeit leben aus Liebe zum Herrn, sind heiliger als das Allerheiligste; denn Gott steigt nicht nur auf sie hernieder wie auf die Versöhnungsplatte im Tempel, um seine Befehle zu erteilen, sondern er wohnt in ihnen, um ihnen seine Liebe zu schenken.

Erinnert ihr euch an meine Worte beim Letzten Abendmahl? Ich habe euch damals den Heiligen Geist versprochen. Nun, er kommt bald und wird euch taufen; nicht mehr mit Wasser, wie Johannes es getan hat, um

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euch auf mich vorzubereiten, sondern mit Feuer, um euch darauf vorzubereiten, dem Herrn zu dienen, wie er es von euch verlangt. Er wird hier sein in wenigen Tagen. Und nach seinem Kommen werden sich eure Fähigkeiten ins Grenzenlose vermehren, und ihr werdet imstande sein, die Worte eures Königs zu verstehen und die Werke zu tun, die er euch geboten hat, um sein Reich über die Erde auszubreiten.»

«Wirst du also nach der Ankunft des Heiligen Geistes das Reich Israel wiederherstellen?» fragen sie und unterbrechen ihn.

«Es wird kein Reich Israel mehr geben, sondern mein Reich. Und es wird vollendet sein, wann der Vater gesagt hat. Es ist nicht eure Sache, Zeit und Stunde zu wissen, die der Vater sich in seiner Macht vorbehalten hat. Doch ihr werdet indessen die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der über euch kommen wird, und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalern, in Judäa und in Samaria und bis an die Grenzen der Erde. Ihr werdet Gemeinden gründen, wo Menschen in meinem Namen versammelt sind; ihr werdet die Völker taufen im heiligsten Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes, so wie ich euch gesagt habe, damit sie die Gnade haben und im Herrn leben; ihr werdet allen Menschen das Evangelium

,verkünden und lehren, was ich euch gelehrt habe, und tun, was ich euch zu tun geboten habe.

Und ich werde bei euch sein alle Tage bis ans Ende der Welt!

Und eines noch will ich. Jakobus, mein Bruder, soll Vorsteher der Gemeinde von Jerusalem sein.

Petrus, als Haupt der ganzen Kirche, wird häufig apostolische Reisen unternehmen müssen, denn alle Neubekehrten werden verlangen, den Oberhirten der Kirche kennenzulernen. Aber groß wird der Einfluß meines Bruders auf die Gläubigen dieser ersten Kirche sein. Die Menschen sind immer Menschen und sehen die Dinge wie Menschen. Für sie wird Jakobus meine Fortsetzung sein, nur weil er mein Bruder ist. Wahrlich, ich sage euch, größer und Christus ähnlicher ist er durch seine Weisheit, als durch die Verwandtschaft. Aber so ist es eben. Die Menschen, die mich nicht gesucht haben, solange ich unter ihnen weilte, werden mich nun in ihm suchen, der mit mir verwandt ist. Du, Simon Petrus, wirst zu anderen Ehren bestimmt sein...»

«Das verdiene ich nicht, Herr. Ich habe es dir schon gesagt, als du mir erschienen bist, und ich wiederhole es noch einmal in Gegenwart aller. Du bist nicht nur weise, sondern auch gut, göttlich gut, und du hast mich, der ich dich in dieser Stadt verleugnet habe, zu Recht für nicht geeignet gehalten, hier das geistige Haupt zu sein. Du willst mir viel gerechten Hohn ersparen...»

«Alle waren wir gleich, Simon, mit Ausnahme von zweien. Auch ich bin geflohen. Nicht deshalb, sondern aus den Gründen, die der Herr genannt hat, hat er mich für dieses Amt bestimmt. Aber du bist mein Oberhaupt,

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Simon des Jonas, und ich erkenne dich als solches in Gegenwart des Herrn und aller Gefährten an und gelobe dir Gehorsam. Ich werde dir geben, was ich kann, um dir bei deiner Aufgabe zu helfen, aber ich bitte dich, gib mir deine Weisungen, denn du bist das Haupt und ich der Untergebene. Als der Herr mir eine vor langer Zeit gegebene Unterweisung in die Erinnerung zurückrief, habe ich das Haupt geneigt und gesagt: "Es geschehe, wie du willst." Ebenso werde ich zu dir sagen, sobald der Herr uns verlassen hat und du sein Stellvertreter auf Erden bist. Und wir werden einander in Liebe im priesterlichen Amt behilflich sein», sagt Jakobus und verneigt sich an seinem Platz, um Petrus Ehre zu bezeugen.

«Ja, liebt einander, seid euch gegenseitig behilflich, denn dies ist das neue Gebot und der Beweis, daß ihr wahrhaft Christus angehört.

Laßt euch durch nichts beunruhigen. Gott ist mit euch. Ihr könnt tun, was ich von euch will. Ich verlange nichts von euch, was ihr nicht tun könnt, denn ich will nicht euer Verderben, sondern eure Verherrlichung.

Nun, ich gehe, um euren Platz an der Seite meines Thrones vorzubereiten. Seid mit mir und mit dem Vater in der Liebe vereint. Verzeiht der Welt, die euch haßt. Nennt jene, die zu euch kommen oder schon aus Liebe zu mir mit euch verbunden sind, Söhne und Brüder.

Seid beruhigt in der Gewißheit, daß ich immer bereit bin, euch das Kreuz tragen zu helfen. Ich werde bei euch sein in den Mühen eures Amtes und in der Stunde der Verfolgungen, und ihr werdet nicht umkommen und nicht unterliegen, auch wenn es denen, die euch mit den Augen der Welt sehen, so scheinen mag. Ihr werdet eine große Last tragen, traurig und müde sein und euch quälen, aber meine Freude wird in euch sein, denn ich werde euch in allem helfen. Wahrlich, ich sage euch, wenn die Liebe euer Freund ist, dann werdet ihr verstehen, daß alles leichtfällt, was man aus Liebe zu mir durchlebt und erduldet, auch wenn es eine große Marter der Welt ist. Denn wer alle seine freiwilligen oder unfreiwilligen Werke mit Liebe umkleidet, verwandelt das vom Leben und der Welt auferlegte Joch in ein von Gott, von mir, auferlegtes Joch. Und ich wiederhole euch, meine Bürde ist immer eurer Kraft angemessen und mein Joch ist leicht, denn ich helfe euch, es zu tragen.

Ihr wißt, daß die Welt nicht zu lieben weiß. Doch ihr müßt von nun an die Welt mit übernatürlicher Liebe lieben, um sie lieben zu lehren. Und wenn sie zu euch sagen, da sie euch verfolgt sehen: "So liebt euch Gott? Indem er euch quält und Schmerz bereitet? Dann lohnt es sich nicht, Gott anzugehören", dann müßt ihr antworten: "Der Schmerz kommt nicht von Gott. Gott läßt ihn nur zu, und wir kennen die Gründe nicht, aber wir rühmen uns, Anteil zu haben an dem Los Jesu, des Retters, des Sohnes Gottes." Antwortet: "Wir rühmen uns, ans Kreuz geschlagen zu werden und die Passion unseres Jesus fortzusetzen." Antwortet mit den Worten der Weisheit: "Durch den Neid des Teufels sind der Tod und der Schmerz in die

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Welt gekommen. Denn Gott hat den Tod und den Schmerz nicht gemacht und freut sich nicht über den Schmerz der Lebenden. Hat er doch alles zum Sein erschaffen und alles ist heilbringend." Antwortet: "Jetzt scheinen wir verfolgt und besiegt zu sein, aber am Tag Gottes wird sich alles ändern. Dann werden wir Gerechten, auf dieser Erde Verfolgten, verherrlicht denen gegenübertreten, die uns bedrängt und verspottet haben."

Ihr sollt aber auch zu ihnen sagen: "Kommt zu uns! Kommt zum Leben und zum Frieden. Unser Herr will nicht euren Untergang, sondern euer Heil. Daher hat er seinen geliebten Sohn dahingegeben, auf daß ihr alle gerettet werdet."

Und freut euch, an meinen Leiden teilhaben zu dürfen, um dann mit mir in der Herrlichkeit sein zu können.

"Ich werde euer übergroßer Lohn sein", verspricht der Herr in Abraham allen seinen treuen Dienern. Ihr wißt, wie man das Himmelreich erobert: mit Gewalt; und man geht dorthin durch viele Mühsale und Bedrängnisse. Aber wer ausharrt, wie ich ausgeharrt habe, wird am Ende sein, wo ich bin. Ich habe euch den Weg und die Pforte gewiesen, die ins Reich des Himmels führen; den Weg, den ich als erster gegangen bin, und die Pforte, durch die ich zum Vater zurückgekehrt bin. Gäbe es andere, hätte ich sie euch gelehrt, denn ich habe Mitleid mit eurer menschlichen Schwäche. Aber es gibt keine anderen... Indem ich sie euch als einzigen Weg und einzige Pforte weise, sage ich euch auch, wiederhole ich euch, welches die Medizin ist, die euch die Kraft verleiht, diesen Weg zu gehen und einzutreten. Es ist die Liebe. Immer die Liebe. Alles wird möglich, wenn die Liebe in uns ist. Und diese große Liebe wird euch die Liebe schenken, die euch liebt, wenn ihr sie in meinem Namen um so viel Liebe bittet, daß ihr Meister der Heiligkeit werdet.

Nun wollen wir uns den Abschiedskuß geben, o meine geliebten Freunde!»

Er steht auf, um sie zu umarmen. Alle tun es ebenfalls. Aber während Jesus friedvoll und wahrhaft göttlich schön lächelt, weinen sie zutiefst betrübt. Und Johannes schmiegt sich an die Brust Jesu und wird von oben bis unten von so qualvollem Schluchzen geschüttelt, daß es ihm die Brust zu sprengen scheint. Da er ihren Wunsch errät, bittet er im Namen aller: «Gib uns doch wenigstens dein Brot, daß es uns in dieser Stunde stärke.»

«So sei es!» antwortet Jesus. Und er nimmt ein Brot, segnet und opfert es, bricht es und wiederholt dabei die rituellen Worte. Und dasselbe tut er mit dem Wein und wiederholt dann: «Tut dies zu meinem Gedächtnis», und fügt hinzu: «Denn ich hinterlasse euch auch dieses Unterpfand meiner Liebe, um noch und immer bei euch zu sein, bis ihr mit mir im Himmel sein werdet.» Er segnet sie und sagt: «Und nun gehen wir.»

Sie verlassen den Raum und das Haus...

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Jonas, Maria und Markus, die draußen stehen, knien nieder und beten Jesus an.

«Der Friede bleibe bei euch. Und Gott möge euch vergelten, was ihr mir gegeben habt», sagt Jesus und segnet sie im Vorübergehen.

Markus steht auf und sagt: «Herr, die Ölgärten am Weg nach Bethanien sind voller Jünger, die auf dich warten.»

«Geh und sage ihnen, daß sie zum Lager der Galiläer gehen sollen.»

Markus läuft mit seinen jungen Beinen wie der Blitz davon.

«Dann sind also alle gekommen», sagen die Apostel zueinander.

Etwas weiter drüben, zwischen Margziam und Maria des Kleophas, sitzt die Mutter des Herrn. Sie steht auf, als sie Jesus kommen sieht, und betet ihn mit dem klopfenden Herzen der Mutter und Getreuen an.

«Komm, Mutter, und auch du, Maria...» lädt Jesus sie ein, als er sieht, daß sie stehenbleiben, gebannt von seiner Majestät, die erstrahlt wie am Morgen der Auferstehung.

Aber Jesus will mit dieser Majestät nicht einschüchtern und fragt Maria des Alphäus liebenswürdig: «Bist du allein?»

«Die anderen... die anderen sind vorausgegangen... mit den Hirten und... Lazarus und seiner ganzen Familie ... Sie haben uns hier zurückgelassen, weil... Oh! Jesus! Jesus! Jesus ... ! Was werde ich anfangen, wenn ich dich nicht mehr sehe, gebenedeiter Jesus, mein Gott. Ich habe dich schon geliebt, bevor du geboren wurdest, ich, die ich deinetwegen so sehr geweint habe, als ich nicht wußte, wo du warst nach dem Kindermord... ich, deren Sonne dein Lächeln war, nachdem du zurückgekehrt warst, und mein ganzes, mein ewiges Gut... ! Nun erst werde ich wirklich arm, Witwe und allein sein... ! Solange du da warst, hatte ich alles... ! Ich glaubte, an jenem Abend den größtmöglichen Schmerz kennengelernt zu haben... Aber der Schmerz selbst, der ganze Schmerz dieses Tages, hatte mich betäubt... ja, er war nicht so groß wie der jetzige... Und dann... Du würdest auferstehen. Mir schien es, als würde ich nicht daran glauben, aber nun wird mir bewußt, daß ich geglaubt habe; denn ich habe nicht das empfunden, was ich jetzt empfinde...» Sie weint und keucht, denn die Tränen ersticken sie fast.

«Meine gute Maria, du bist betrübt wie ein Kind, das glaubt, die Mutter liebe es nicht und habe es verlassen, nur weil sie in die Stadt gegangen ist, um Geschenke einzukaufen, die es glücklich machen werden, und bald zu ihm zurückkehren und es mit Liebkosungen und Geschenken überschütten wird. Mache ich es denn nicht ebenso mit dir? Gehe ich nicht, um dir die Freude vorzubereiten? Gehe ich nicht, um wiederzukommen und dir zu sagen: "Komm, geliebte Verwandte und Jüngerin, Mutter meiner geliebten Jünger"? Lasse ich dir nicht meine Liebe? Gebe ich dir nicht meine Liebe, Maria? Du weißt doch, daß ich dich liebe! Weine nicht so, sondern freue dich, denn du wirst mich nicht mehr geschmäht und erschöpft, nicht

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mehr verfolgt und nur von wenigen geliebt sehen. Und mit meiner Liebe lasse ich dir meine Mutter. Johannes wird ihr Sohn sein, doch du sollst ihr, wie immer, eine gute Schwester sein. Siehst du? Sie, meine Mutter, weint nicht! Sie weiß, daß die Sehnsucht nach mir ihr Herz verzehren wird, aber auch, daß die Wartezeit immer kurz sein wird im Vergleich zur großen Freude der ewigen Vereinigung, und sie weiß, daß diese unsere Trennung nicht so vollständig sein wird, daß sie sagen müßte: "Ich habe keinen Sohn mehr." Das war der Aufschrei des Schmerzes am Tag der Schmerzen. Nun singt die Hoffnung in ihrem Herzen: "Ich weiß, daß mein Sohn zum Vater auffährt, aber er läßt mich nicht ohne seine geistige Liebe." So mußt auch du glauben, und ihr alle... Hier sind nun die anderen Jünger und Jüngerinnen und meine Hirten.»

Ich sehe die Gesichter des Lazarus und seiner Schwestern unter denen der Diener von Bethanien; das Gesicht der Johanna, das einer Rose unter einem Regenschleier gleicht, und die Gesichter von Elisa und Nike, die schon vom Alter gezeichnet sind, und deren Falten nun tiefer geworden sind durch den Schmerz, den Schmerz des Geschöpfes, wenngleich die Seele jubelt über den Sieg des Herrn; und das Gesicht Anastasicas, und die liliengleichen Gesichter der ersten Jungfrauen, und das asketische Gesicht des Isaak, das vergeistigte des Matthias, das männliche des Manaen und die ernsten Gesichter von Joseph und Nikodemus... Gesichter, Gesichter, Gesichter...

Jesus ruft die Hirten, Lazarus, Joseph, Nikodemus, Manaen, Maximinus und die übrigen der zweiundsiebzig Jünger zu sich. Die Hirten jedoch behält er in seiner nächsten Nähe und sagt zu ihnen: «Hierher. Kommt nahe zum Herrn, der vom Himmel gekommen ist und über dessen Erniedrigung ihr euch geneigt habt. Kommt mit erfüllten Seelen zum Herrn, der jetzt in den Himmel zurückkehrt, voll Freude über seine Verherrlichung. Ihr habt diesen Platz verdient, denn ihr habt zu glauben verstanden, allen widrigen Verhältnissen zum Trotz, und habt für euren Glauben gelitten. Ich danke euch für eure treue Liebe. Euch allen danke ich. Dir, Lazarus, mein Freund. Dir, Josef, und dir, Nikodemus, die ihr Christus eure Liebe erzeigt habt, als dies für euch gefährlich sein konnte. Dir, Manaen, der du die elende Gunst eines Unreinen verachtet hast, um auf meinem Weg zu wandeln. Dir, Stephanus, blühende Krone der Gerechtigkeit, der du den Unvollkommenen für den Vollkommenen verlassen hast und mit einem Kranz gekrönt werden wirst, den du noch nicht kennst, den dir jedoch die Engel ankündigen werden. Dir, Johannes, für kurze Zeit Bruder an der reinsten Brust und mehr zum Licht gekommen als in Erscheinung getreten. Dir, Nikolaus, der du mich als Proselyt über den Schmerz getröstet hast, den die Kinder dieser Nation mir bereitet haben. Und euch, ihr guten, starken Jüngerinnen, die ihr trotz eurer Sanftmut stärker als Judith gewesen seid. Und dir, Margziam, mein Junge, der du von nun an Martial

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heißen sollst zur Erinnerung an den römischen Knaben, der auf der Straße getötet und vor das Tor des Lazarus geworfen wurde mit der herausfordernden Tafel: "Nun sage dem Galiläer, daß er dich auferweckt, wenn er Christus und auferstanden ist"; der letzte der Unschuldigen, die in Palästina das Leben lassen mußten, um mir zu dienen, wenn auch unbewußt, und der erste der Unschuldigen aller Nationen, die zu Christus kommen und dafür gehaßt und vor der Zeit getötet werden, wie Blütenknospen, die man von ihrem Stiel reißt, noch bevor sie erblüht sind. Und dieser Name, o Martial, soll dir dein zukünftiges Schicksal weisen. Werde Apostel in barbarischen Ländern und erobere sie für deinen Herrn, so wie meine Liebe den römischen Knaben für den Himmel erobert hat. Alle, alle will ich bei diesem Abschied segnen. Und ich erbitte vom Vater die Belohnung für sie, die dem Menschensohn auf seinem schmerzhaften Weg Trost geschenkt haben. Gesegnet sei die Menschheit in ihrem auserwählten Teil, den es bei den Juden wie bei den Heiden gibt und der sich in der Liebe zu mir geoffenbart hat. Gesegnet sei das Land mit seinen Kräutern und Blumen und seinen Früchten, die mir so oft Labung und Erquickung geschenkt haben. Gesegnet sei das Land mit seinen Wassern und seiner Wärme, seinen Vögeln und seinen Tieren, die oft den Menschen übertroffen und dem Menschensohn Trost gespendet haben. Gesegnet seist du, Sonne, und du, Meer, und ihr, Berge, Hügel und Ebenen. Gesegnet seid ihr, Sterne, die ihr mir beim nächtlichen Gebet und im Leiden Gesellschaft geleistet habt. Und du, Mond, der du mir auf meinen Pilgerwegen bei der Verkündigung des Evangeliums Licht gespendet hast. Alle, alle, sollt ihr gesegnet sein, ihr Geschöpfe und Werke meines Vaters, meine Gefährten in der Todesstunde, Freunde dessen, der den Himmel verlassen hat, um die bedrängte Menschheit von der Not der Sünde, die sie von Gott trennt, zu befreien. Auch ihr, unschuldige Werkzeuge meiner Passion, Dornen, Nägel, Holz und Stricke, sollt gesegnet sein, denn ihr habt mir geholfen, den Willen meines Vaters zu vollbringen.»

Was für eine mächtige Stimme Jesus hat! Sie breitet sich aus in der lauen, ruhigen Luft wie der Klang angeschlagener Bronze. Sie breitet sich aus in Wellen über das Meer der Gesichter, die ihn aus allen Richtungen anschauen. Mir scheint, es sind Hunderte von Personen, die Jesus umgeben, der nun mit seinen Bevorzugten zum Gipfel des Ölberges hinaufsteigt. Aber als er beim Lager der Galiläer angekommen ist, wo nun zwischen dem einen und dem anderen Fest keine Zelte stehen, befiehlt Jesus den Jüngern: «Sagt den Leuten, daß sie bleiben sollen, wo sie sind, und folgt mir dann.»

Er geht noch weiter hinauf, bis zum höchsten Punkt des Berges, der schon näher bei Bethanien als bei Jerusalem liegt. Um ihn herum sind seine Mutter, die Apostel, Lazarus, die Hirten und Margziam. Etwas weiter

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hinten die anderen Jünger, die einen Halbkreis bilden, um die Schar der Getreuen zurückzuhalten.

Jesus steht auf einem flachen, weißen Stein, der etwas über das Grün einer Lichtung emporragt. Die Sonne scheint auf ihn herab und läßt sein Gewand wie Schnee und sein Haar wie Gold leuchten. Die Augen strahlen in einem göttlichen Licht.

Er öffnet die Arme, wie zu einer Umarmung. Es scheint, als wolle er die ganze Menschheit an seine Brust ziehen, die sein Geist in dieser Volksmenge vertreten sieht.

Seine unvergeßliche, unnachahmliche Stimme gibt die letzte Anweisung: «Geht! Geht in meinem Namen und verkündet den Völkern das Evangelium bis an die äußersten Grenzen der Erde. Gott sei mit euch. Seine Liebe stärke euch, sein Licht leite euch, sein Friede wohne in euch bis zum ewigen Leben.»

Er verklärt sich in Schönheit. Schön! Schöner noch als auf dem Tabor. Alle fallen anbetend auf die Knie. Er sucht noch einmal das Gesicht seiner Mutter, während er sich schon von dem Stein, auf dem er steht, erhebt; und sein Lächeln strahlt eine Macht aus, die niemand je wiedergeben können wird... Es ist sein letzter Gruß an die Mutter. Er steigt und steigt... Die Sonne, die ihn nun noch ungehinderter küssen kann, da keinerlei Laubwerk ihren Strahlen mehr im Weg ist, trifft mit ihrem ganzen Glanz den Gottmenschen, der mit seinem allerheiligsten Körper zum Himmel auffährt, und läßt die glorreichen Wunden wie lebendige Rubine aufleuchten. Alles andere ist ein perlenschimmerndes Lächeln des Lichts. Es ist wahrhaft das Licht, das sich in diesen letzten Augenblicken offenbart als das, was es ist, wie in der Nacht der Geburt. Die Schöpfung erstrahlt im Licht des auffahrenden Christus. Einem Licht, das die Sonne übertrifft. Ein übernatürliches, beseligendes Licht. Ein Licht, das vom Himmel dem aufsteigenden Licht entgegenkommt.

Und Jesus Christus, das Wort Gottes, entschwindet dem Blick der Menschen in diesem Ozean von Licht...

Auf der Erde nur zwei Laute im tiefen Schweigen der ekstatischen Menschenmenge: der Schrei Marias, als Jesus entschwindet: «Jesus!» und das Weinen des Isaak.

Die anderen sind in andächtigem Staunen verstummt und stehen da wie in Erwartung; bis zwei lichtstrahlende Engel in menschlicher Gestalt erscheinen und die Worte sagen, die im ersten Kapitel der Apostelgeschichte berichtet werden.

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700. DIE WAHL DES MATTHIAS

Es ist ein friedlicher Abend. Das Licht entschwindet sachte und breitet über den kurz zuvor noch purpurroten Himmel einen zarten Schleier von Amethyst. Bald wird es dunkel sein, aber noch herrscht das sanfte, matte abendliche Licht nach der heißen Sonne des Tages vor.

Der weite Hof des Hauses des Abendmahls zwischen den weißen Mauern ist voller Leute wie an den Abenden nach der Auferstehung. Und von dieser Menschenmenge steigt der Klang von Gebeten empor, nur unterbrochen von zeitweiser Betrachtung.

Da es immer dunkler in diesem von hohen Mauern umschlossenen Hof wird, werden Lampen herbeigebracht und auf den Tisch gestellt, an dem sich die Apostel versammelt haben: Petrus in der Mitte, an seiner Seite Jakobus des Alphäus und Johannes und dann die anderen. Das flackernde Licht der Flammen beleuchtet die Gesichter der Apostel von unten und zeichnet ihre Züge und ihren Ausdruck in scharfen Linien: Das Gesicht des Petrus konzentriert, fast angespannt in dem Bemühen, diese ersten Handlungen seines Amtes würdig zu vollziehen; von asketischer Sanftmut das des Jakobus des Alphäus; heiter und verträumt das des Johannes; und neben ihm das Gesicht des Denkers Bartholomäus und das sehr lebhafte des Thomas; und dann das Gesicht des Andreas, das sich quasi in Demut verhüllt und der mit fast geschlossenen Augen und etwas gebeugt dasteht und zu sagen scheint: «Ich bin nicht würdig»; neben ihm Matthäus, der einen Ellbogen auf die Hand des anderen Armes stützt und die Wange in die Hand des aufgestützten Armes; und nach Jakobus des Alphäus Thaddäus mit seinem würdevollen Gesicht und den Augen, die in Farbe und Ausdruck so sehr an die Augen Jesu erinnern: ein wahrer Herrscher über die Menge. Auch jetzt noch hält das Feuer seiner Augen die Versammlung in Schach, mehr als alle anderen zusammen, und trotzdem erkennt man hinter seiner ungewollt so würdevollen, königlichen Erscheinung die Zerknirschung seines Herzens, wenn die Reihe an ihm ist, ein Gebet anzustimmen. Während er den Psalm anstimmt: «Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib die Ehre; um deiner Gnade willen und deiner Treue. Warum sollen sagen die Völker: "Wo ist nun ihr Gott?"», betet Jakobus wirklich mit kniender Seele vor dem, der ihn erwählt hat, und sein starkes innerliches Empfinden vibriert in seiner Stimme. Auch er sagt mit seinem ganzen Beten: «Ich bin nicht würdig, dir zu dienen, der du so vollkommen bist.» Das Gesicht des Philippus an seiner Seite ist schon von den Jahren gezeichnet, obwohl er noch im besten Mannesalter ist; er scheint etwas zu betrachten, was nur er allein sieht und drückt sein Gesicht in die Hände, ein wenig gebeugt, ein wenig traurig... während der Zelote in die Ferne schaut und innig lächelt, was sein nicht sehr schönes, aber in seinem vornehmen Ernst anziehendes

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Gesicht verschönt. Jakobus des Zebedäus, impulsiv und lebhaft, spricht seine Gebete so, als würde er noch mit dem geliebten Meister reden, und der zwölfte Psalm kommt voller Begeisterung aus seinem glühenden Herzen.

Sie enden mit dem langen, sehr schönen Psalm 118, von dem jeder zweimal reihum eine Strophe betet. Dann verharren alle in Schweigen, bis Petrus, der sich inzwischen gesetzt hat, wie von einer inneren Erleuchtung angetrieben aufspringt und laut und mit ausgebreiteten Armen, wie der Herr es immer getan hat, zu beten beginnt: «Sende uns, o Herr, deinen Geist, damit wir in deinem Licht erkennen können.»

«Maran Atha», sagen alle.

Petrus versinkt in inbrünstiges, stummes Gebet, vielleicht ist es mehr ein Horchen als ein Beten, oder zumindest ein Warten auf Worte des Lichtes... Dann hebt er wieder den Kopf und breitet erneut die Arme aus, die er zuvor über der Brust gekreuzt hat, und da er kleiner ist als die anderen, steigt er auf seinen Hocker, um die kleine im Hof versammelte Schar zu überblicken und von allen gesehen zu werden. Und alle schweigen, da sie verstehen, daß Petrus etwas zu sagen hat, und betrachten ihn aufmerksam.

«Meine Brüder! Es war notwendig, daß die Schrift erfüllt würde und Judas, wie vom Heiligen Geist durch den Mund Davids vorhergesagt, denen den Weg wies, die unseren gebenedeiten Herrn und Meister Jesus gefangennahmen. Er, Judas, war einer von uns, und er war zu demselben Amt berufen. Aber seine Berufung wurde ihm zum Verderben, denn Satan ergriff auf vielerlei Arten von seinem Inneren Besitz und machte aus dem Apostel Jesu den Verräter seines Herrn. Er glaubte, siegen und genießen zu können und sich so an dem Heiligen zu rächen, der die unreinen Hoffnungen seines begierlichen, ungezügelten Herzens enttäuscht hatte. Aber als er zu triumphieren und zu genießen glaubte, mußte er erkennen, daß der Mensch, der sich zum Sklaven Satans, des Fleisches und der Welt macht, nicht siegt, sondern im Staub kriecht wie der Besiegte. Und er mußte erkennen, daß der Geschmack der Speisen, die vom Menschen und von Satan kommen, bitter und vollkommen anders ist als das gute, einfache Brot, das Gott seinen Kindern gibt. So verfiel er der Verzweiflung und haßte die ganze Welt, nachdem er Gott gehaßt hatte, und verfluchte alles, was die Welt ihm gegeben hatte, und tötete sich, indem er sich an einem Baum des Ölgartens erhängte, den er sich gekauft hatte mit seinen Abscheulichkeiten. Und an dem Tag, an dem Christus glorreich von den Toten auferstand, brach sein schon verfaulter, von Würmern zerfressener Leib auf, und seine Eingeweide fielen zu Boden am Fuß des Ölbaumes und machten den Ort zu einem unreinen Ort.

Auf Golgotha fiel das erlösende Blut und reinigte die Erde, denn es war das Blut des Sohnes Gottes, der für uns Mensch geworden war. Auf dem Hügel, der sich nahe dem Berg des Bösen Rates befindet, fielen nicht Blut

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und Tränen wahrer Reue in den Staub, sondern ekelerregende, verweste Eingeweide. Denn kein anderes Blut konnte sich mit dem des Heiligsten vermischen in jenen Tagen der Reinigung, an denen das Lamm uns in seinem Blut wusch, und noch weniger konnte die Erde, die das Blut des Sohnes Gottes getrunken hatte, auch das Blut des Sohnes Satans trinken.

Die Sache ist allbekannt. Und so weiß man auch, daß der verdammte Judas in seiner Raserei das unreine Geld des niederträchtigen Handels in den Tempel zurückbrachte und es dem Hohenpriester ins Gesicht warf. Und man weiß, daß die Hohenpriester und Ältesten sich berieten und dann mit diesem Geld, das aus dem Tempelschatz stammte und nicht mehr dorthin zurückgebracht werden konnte, weil es Blutgeld war, den Töpferacker kauften, genau wie es bei den Propheten geschrieben steht, die sogar den Preis dafür genannt haben. Und der Ort wird in die Geschichte der Jahrhunderte eingehen unter dem Namen Hakeldama. Und alles, was zu Judas gehörte, so steht es geschrieben, soll aus unserer Mitte getilgt werden, selbst die Erinnerung an sein Gesicht. Was wir jedoch in Erinnerung behalten müssen sind die Wege, auf denen der vom Herrn zum himmlischen Reich Berufene hinabstieg, um Fürst im Reich der ewigen Finsternis zu werden, damit nicht auch wir aus Mangel an Vorsicht in seine Fußstapfen treten und Judasse des Wortes werden, das Gott uns anvertraut hat und das immer noch in Christus, unserem Meister, unter uns ist.

Denn im Buch der Psalmen steht geschrieben: "Seine Wohnstätte soll öde werden, niemand soll darin wohnen. Und sein Amt soll ein anderer erhalten." Es ist daher nötig, daß aus diesen Männern, die mit uns zusammen waren all die Zeit, da der Herr Jesus unter uns ein- und ausging -angefangen von seiner Taufe durch Johannes, bis zu dem Tag, an dem er aus unserer Mitte in den Himmel auffuhr – einer mit uns zum Zeugen seiner Auferstehung werde. Und dies muß rasch geschehen, damit er mit uns die Taufe durch das Feuer erhalte, von der der Herr gesprochen hat; damit auch er, der den Heiligen Geist nicht schon durch den allerheiligsten Meister empfangen hat, ihn direkt von Gott empfange und geheiligt und erleuchtet werde; damit er die Macht erhalte, die wir erhalten werden, und richten und lossprechen kann, damit er tun kann, was wir tun werden, und seine Werke gültig und heilig seien.

Ich würde vorschlagen, ihn unter den treuesten der treuen Jünger auszuwählen, unter denen, die schon seinetwegen gelitten haben und ihm treu geblieben sind, als er der Welt noch unbekannt war. Viele von diesen kommen von Johannes, dem Vorläufer des Messias zu uns; Seelen, die seit Jahren im Dienst des Herrn erprobt sind. Der Herr hat sie sehr geliebt, am meisten Isaak, der so viel für ihn gelitten hat, als Jesus noch ein Kind war. Doch ihr wißt, daß sein Herz in der Nacht nach der Himmelfahrt des Herrn gebrochen ist. Wir wollen nicht um ihn trauern. Er ist

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wieder vereint mit seinem Herrn. Das war sein einziger Herzenswunsch... Und es ist auch der unsere... Aber wir müssen unseren Leidensweg gehen. Isaak hatte ihn schon hinter sich. Schlagt daher ihr einige Namen vor, damit wir den zwölften Apostel wählen können gemäß dem Brauch unseres Volkes, wonach wir es bei schweren Entscheidungen dem allerhöchsten Herrn, der alles weiß, überlassen, uns ein Zeichen zu geben.»

Sie beraten sich untereinander. Schon bald schlagen einige der wichtigeren Jünger (die nicht zu den Hirten gehören) in Übereinstimmung mit den zehn Aposteln Joseph, den Sohn des Joseph des Saba', vor, um den Vater, der für Christus gestorben ist, und den Sohn, den treuen Jünger, zu ehren, und Matthias aus den gleichen Gründen und überdies noch, um auch dessen ersten Meister, Johannes, zu ehren.

Und da Petrus ihren Rat annimmt, lassen sie die beiden Jünger an den Tisch treten und beten mit vor sich ausgestreckten Armen in der üblichen Gebetshaltung der Hebräer. «Du, allerhöchster Herr, Vater, Sohn und Heiliger Geist, Heiligste Dreifaltigkeit, ein einiger Gott, der du die Herzen aller kennst, zeige uns nun an, welchen von diesen beiden du erwählt hast für dieses von Judas veruntreute Amt des Apostels, um ihn zu ersetzen.»

«Maran Atha», antworten alle im Chor.

Da sie keine Würfel und auch nichts anderes haben, um das Los zu werfen, und Geld dazu nicht verwenden wollen, sammeln sie im Hof herumliegende Steinchen, ebenso viele weiße wie dunkle. Nachdem sie bestimmt haben, daß die weißen für Matthias und die anderen für Joseph sind, werfen sie die Steinchen in einen Beutel, dessen Inhalt sie zuvor ausgeleert haben, schütteln ihn und reichen ihn Petrus. Petrus macht ein Segenszeichen darüber und greift dann, während er seine Augen zum nun sternenübersäten Himmel erhebt und betet, mit der Hand hinein und holt einen Stein heraus. Er ist weiß wie Schnee.

Der Herr hat Matthias zum Nachfolger des Judas bestimmt.

Petrus geht um den Tisch herum und umarmt ihn, «um ihn ihm ähnlich zu machen», wie er sagt.

Auch die übrigen Zehn wiederholen diese Geste unter dem Beifall der kleinen Schar.

Zuletzt sagt Petrus, nachdem er an seinen Platz zurückgekehrt ist, den Erwählten an der Hand an seiner Seite, so daß Petrus nun zwischen Matthias und Jakobus des Alphäus steht: «Komm an den Platz, den Gott dir bestimmt hat, und lösche durch deine Gerechtigkeit die Erinnerung an Judas, indem du uns, deinen Brüdern, hilfst, die Werke zu vollbringen, die der allerheiligste Jesus uns aufgetragen hat. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, sei immer mit dir.»

Barsabbas – Sohn des Saba

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Petrus wendet sich an alle und entläßt sie...

Während die Jünger sich langsam durch eine Seitentür entfernen, kehren die Apostel in das Haus zurück und führen Matthias zu Maria, die sich in andächtigem Gebet in ihrem Zimmer befindet, auf daß der neue Apostel auch von der Mutter Gottes das Wort des Grußes und der Erwählung empfange.

701. DIE HERABKUNFT DES HEILIGEN GEISTES

Man hört keine Stimmen oder Geräusche im Haus des Abendmahls. Es scheinen keine Jünger da zu sein; wenigstens höre ich nichts, woraus ich schließen könnte, daß in anderen Räumen des Hauses Personen versammelt sind. Man hört nur die Stimmen der zwölf Apostel und der hochheiligen Maria, die sich im Abendmahlsaal aufhalten.

Der Saal scheint nun größer zu sein, da die Einrichtung anders aufgestellt ist und den ganzen mittleren Teil des Raumes und zwei Wände freiläßt. Der große Tisch des Abendmahls ist an die dritte Wand gerückt, und zwischen ihm und den anderen Wänden, und auch an den beiden Schmalseiten des Tisches, stehen nun die Liegen und der Schemel, den Jesus bei der Fußwaschung benützt hat. Aber diese Liegen stehen jetzt nicht im Winkel zum Tisch, sondern parallel dazu, so daß die Apostel sie zum Sitzen nicht alle brauchen und eine, die einzige, die im Winkel zum Tisch steht, ganz der heiligen Jungfrau überlassen können. So sitzt sie in der Mitte des Tisches, an dem Platz, den Jesus beim Abendmahl eingenommen hat.

Auf dem Tisch liegt keine Tischdecke, und auch kein Geschirr steht darauf, die Anrichten sind leer, die Wände schmucklos. Nur die Lampe brennt. Aber nur die mittlere Flamme ist angezündet, die anderen Lämpchen, die den merkwürdigen Leuchter wie eine Krone umgeben, brennen nicht.

Die Fensterläden sind geschlossen und mit schweren, schrägen Eisenstangen gesichert. Doch ein Sonnenstrahl dringt keck durch ein winziges Loch und fällt wie eine lange, dünne Nadel auf den Fußboden, wo er einen kleinen Lichtfleck bildet.

Die Jungfrau, die allein auf ihrer Liege sitzt, hat Petrus und Johannes neben sich, rechts Petrus und links Johannes. Matthias, der neue Apostel, befindet sich zwischen Jakobus des Alphäus und Thaddäus. Vor der Muttergottes steht eine große, niedrige, verschlossene Truhe aus dunklem Holz.

Maria ist dunkelblau gekleidet. Auf dem Haar trägt sie den weißen Schleier und darüber den Saum des Mantels. Von den anderen hat keiner das Haupt bedeckt.

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Maria liest langsam und mit lauter Stimme vor. Aber wegen des schwachen Lichtes glaube ich, daß sie weniger liest als aus dem Gedächtnis die Worte der Schriftrolle wiederholt, die sie entfaltet vor sich hält. Die anderen hören schweigend und nachdenklich zu. Ab und zu antworten sie, wenn es angebracht ist.

Das Antlitz Marias ist von einem verzückten Lächeln verklärt. Wer weiß, was sie sieht, daß ihre Augen strahlen wie zwei helle Sterne und ihre elfenbeinfarbenen Wangen gerötet sind, als würde eine rötliche Flamme ihren Schein auf sie werfen! Sie ist wahrlich die mystische Rose...

Die Apostel neigen sich vor, um ihr Gesicht zu sehen, da sie ein wenig schräg zu ihr sitzen, während sie so sanft lächelt und liest und ihre Stimme dem Gesang eines Engels gleicht. Und Petrus ist so gerührt, daß zwei dicke Tränen in seinen Augen erscheinen, durch die Falten längs der Nase herunterrinnen und sich im Dickicht seines graumelierten Bartes verlieren. Johannes hingegen spiegelt das jungfräuliche Lächeln wider und ist in Liebe entflammt wie sie, während sein Blick auf dem Pergament den Text verfolgt, den die Jungfrau liest; und wenn er ihr eine neue Schriftrolle reicht, sieht er sie an und lächelt.

Die Lesung ist zu Ende. Die Stimme Marias verstummt. Auch das Knistern der Pergamente beim Entrollen und Aufrollen. Maria sammelt sich in stillem Gebet, faltet die Hände über der Brust und lehnt das Haupt an die Truhe. Die Apostel beten ebenfalls...

Ein starkes, harmonisches Brausen, das wie Wind und Harfenklang, wie Gesang von Menschen und der Akkord einer herrlichen Orgel klingt, unterbricht plötzlich die morgendliche Stille. Es nähert sich, wird immer wohltönender und lauter, erfüllt die Erde mit seinen Schwingungen, erfaßt das Haus und überträgt sich auch auf Wände und Möbel. Die bisher in der Ruhe des geschlossenen Raumes reglose Flamme des Leuchters flackert wild, so als wehte ein Wind durch den Raum, und die Kettchen der Lampe klirren und vibrieren bei diesem überwältigenden Klang.

Die Apostel heben bestürzt die Köpfe, und da dieses großartige Brausen, in dem alle die schönsten Töne, die Gott dem Himmel und der Erde geschenkt hat, enthalten sind, immer näher kommt, stehen einige von ihnen auf, bereit zu entfliehen; andere kauern sich auf den Boden, bedecken den Kopf mit den Händen und den Mänteln oder schlagen sich an die Brust und bitten den Herrn um Vergebung; wieder andere klammern sich an Maria, da sie zu erschrocken sind, um ihre sonst übliche Zurückhaltung gegenüber der Reinsten zu wahren. Nur Johannes ist nicht erschrocken, denn er sieht den strahlenden Frieden der Freude, der auf dem Antlitz Marias immer ausgeprägter wird, als sie lächelnd das Haupt erhebt, einem nur von ihr gesehenen Etwas entgegen, und dann auf die Knie sinkt und die Arme ausbreitet. Die beiden blauen Flügel ihres so geöffneten Mantels bedecken Petrus und Johannes, die wie sie ebenfalls niedergekniet sind.

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Doch alles, was ich hier mit einem gewissen Zeitaufwand niederschreibe, geschieht in einem Augenblick...

Und nun das Licht, das Feuer, der Heilige Geist, der mit einem letzten melodischen Brausen in Form einer hell leuchtenden, glühenden Kugel in den verschlossenen Raum eindringt, ohne daß Türen oder Fenster sich bewegt hätten. Die Kugel schwebt einen Augenblick etwa drei Handbreit über dem Haupt Marias, das nun unbedeckt ist, da Maria beim Anblick des Feuers des Paraklets die Arme erhoben hat, als wolle sie es auf sich herabrufen, und dabei den Kopf mit einem Freudenschrei, mit einem Lächeln unendlicher Liebe, zurückgeworfen hat. Und nach diesem Augenblick, in dem sich das ganze Feuer, die ganze Liebe des Heiligen Geistes auf seine Braut konzentriert, teilt sich die heiligste Kugel in dreizehn wohlklingende und hell strahlende Flammen, deren Licht keinen irdischen Vergleich zuläßt. Und diese Flammen steigen herab und küssen die Stirn eines jeden Apostels.

Aber die Flamme, die sich auf Maria niederläßt, ist keine senkrechte Feuerzunge, die die Stirn berührt, sondern eine Krone, ein Stirnreif, der das jungfräuliche Haupt umgibt und die Königin krönt, die Tochter, die Mutter, die Braut Gottes, die unversehrte Jungfrau, die ganz Schöne, die ewig Geliebte und ewige Jungfrau, die nichts Unreines berühren kann, sie, die durch den Schmerz gealtert war, aber in der Freude der Auferstehung wiedererstanden ist und gemeinsam mit dem Sohn vermehrte Schönheit und Frische des Fleisches und der Blicke und vermehrte Lebenskraft erlangte... und so schon die Schönheit ihres glorreich in den Himmel aufgenommenen Leibes, ihres zur Paradiesesblume erkorenen Leibes ahnen läßt.

Der Heilige Geist läßt seine Flammen um das Haupt der Geliebten erstrahlen. Was wird er ihr sagen? Geheimnis. Das glückliche Antlitz ist verklärt in übernatürlicher Freude und lächelt das Lächeln der Seraphim, während die Tränen auf den Wangen der Gebenedeiten im Licht des Heiligen Geistes wie Diamanten strahlen.

Das Feuer verweilt einige Zeit... Dann entschwindet es. An seine Herabkunft erinnert nur ein Duft, den keine irdische Blume auszuströmen vermag... Der Duft des Paradieses...

Die Apostel kommen wieder zu sich...

Maria bleibt in ihrer Ekstase. Sie legt nur die Arme über die Brust, schließt die Augen, senkt das Haupt... und setzt ihr Zwiegespräch mit Gott fort... unempfindlich gegen alles, was sie umgibt...

Niemand wagt es, sie zu stören.

Johannes zeigt auf sie und sagt: «Sie ist der Altar. Auf ihrer Herrlichkeit hat sich die Herrlichkeit Gottes niedergelassen...»

«Ja. Stören wir ihre Freude nicht. Gehen wir und verkünden wir den Herrn, damit seine Werke offenbar und seine Worte den Völkern bekannt werden», sagt Petrus mit übernatürlicher Begeisterung.

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«Gehen wir! Gehen wir! Der Geist Gottes brennt in mir», sagt Jakobus des Alphäus.

«Und er treibt uns an zu handeln. Uns alle. Wir wollen gehen und den Heiden das Evangelium verkünden.»

Sie gehen hinaus, wie gezogen oder geschoben von einer unwiderstehlichen Kraft.

Jesus sagt:

«Und damit ist das Werk beendet, das meine Liebe für euch diktiert hat und das ihr durch die Liebe eines Geschöpfes zu mir und zu euch erhalten habt.

Es ist heute beendet: am Gedächtnistag der heiligen Zita von Lucca, der demütigen Magd, die ihrem Herrn in Liebe in dieser Kirche von Lucca gedient hat, wohin ich meinen kleinen Johannes aus der Ferne geführt habe, auf daß er mir in Demut und mit der gleichen Liebe der heiligen Zita zu allen Unglücklichen diene.

Zita gab den Armen Brot im Gedenken daran, daß ich in jedem Armen bin und alle an meiner Seite selig sein werden, die die Hungrigen gespeist und die Durstigen getränkt haben.

Maria-Johannes hat meine Worte denen weitergegeben, die schmachten in Unkenntnis oder in der Lauheit oder in Glaubenszweifeln; eingedenk dessen, daß nach den Worten der ewigen Weisheit alle, die sich bemühen, Gott unter den Menschen bekanntzumachen, wie Sterne in der Ewigkeit leuchten werden, indem ihre Liebe verherrlicht und sie vielen zu lieben vorgestellt wird.

Es ist beendet an dem Tag, an dem die Kirche die reine Lilie des Feldes, Maria Teresa Goretti, zur Ehre der Altäre erhebt, die Lilie, deren Stengel gebrochen wurde, als ihre Blüte noch eine Knospe war. Und von wem gebrochen, wenn nicht von Satan, der neidisch auf diese Reinheit war, die leuchtender war als seine frühere Engelsgestalt. Gebrochen, weil sie dem göttlichen Liebenden heilig war. Jungfrau und Märtyrerin Maria dieses schändlichen Jahrhunderts, in dem man die Ehre der Frau verhöhnt und den Geifer von Reptilien ausspeit um zu leugnen, daß Gott die Macht besitzt, seinem Wort, das durch den Heiligen Geist Fleisch angenommen hat, um alle zu retten, die an ihn glauben, eine unversehrte Wohnstatt zu bereiten.

Auch Maria-Johannes ist eine Märtyrerin des Hasses, der nicht will, daß ihr meine Wunder durch dieses Werk feiert, das als mächtige Waffe dient, um der Schlange viele Beute zu entreißen. Aber auch Maria-Johannes weiß, wie Maria Teresa es gewußt hat, daß das Martyrium, welchen Namen und welche Form es auch immer haben mag, ein Schlüssel ist, der denen, die es erleiden, um meine Passion fortzusetzen, unverzüglich das Reich des Himmels erschließt.

Das Werk ist zu Ende.

Und mit seinem Ende, mit der Herabkunft des Heiligen Geistes, schließt der messianische Zyklus, den meine Weisheit von seinem Beginn, der Unbefleckten Empfängnis Marias, bis zu seinem Abschluß, der Herabkunft des Heiligen Geistes, erhellt hat. Der ganze messianische Zyklus ist ein Werk des Geistes der Liebe für den, der zu sehen versteht. Es ist daher richtig, ihn mit dem Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis der Braut der Liebe zu beginnen und mit dem feurigen Siegel des Paraklets auf der Kirche Christi abzuschließen.

Die von Gott – von der Liebe Gottes – kundgegebenen Werke enden mit Pfingsten. Von da an wirkt Gott auf geheimnisvolle Weise in seinen Gläubigen, die vereint sind im Namen Jesu in der einen, heiligen, katholischen, apostolischen, römischen Kirche. Und die Kirche, also die Versammlung der Gläubigen: Hirten, Schafe und Lämmer, kann voranschreiten, ohne zu irren, aufgrund des ununterbrochenen geistigen Wirkens der Liebe, des Theologen der Theologen; dessen, der die wahren Theologen unterrichtet, jene, die sich in Gott verlieren und in denen Gott wohnt, in denen das Leben Gottes ist durch die Führung des Geistes Gottes, der sie lenkt; jene, die wahrlich "Kinder Gottes" sind, nach der Vorstellung des heiligen Paulus.

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Am Ende des Werkes muß ich noch einmal die Klage anfügen, die ihr am Ende des Kirchenjahres im Evangelium findet, und in meinem Schmerz, meine Gabe mißachtet zu sehen, sage ich euch: "Ihr werdet nichts anderes erhalten, weil ihr das, was ich euch gegeben habe, nicht geschätzt habt!' Und ich wiederhole, was ich euch im vorigen Sommer habe sagen lassen, um euch auf den rechten Weg zurückzuführen: "Ihr werdet mich nicht mehr sehen bis zu dem Tag, an dem ihr sagt: 'Gebenedeit sei, der da kommt im Namen des Herrn.-»

Das Werk ist heute, am 27. April 1947, beendet.

Viareggio – Via Fratti 113 – Maria Valtorta

702. PETRUS, NICHT MEHR DER RAUHE FISCHER,

IN SEINER NEUEN WÜRDE ALS OBERHIRTE

(Von Pfingsten bis Mariä Himmelfahrt)

Es ist eine der allerersten Zusammenkünfte der Christen in den unmittelbar auf Pfingsten folgenden Tagen.

Die Apostel sind nun wieder zu zwölft, denn Matthias, der bereits anstelle des Verräters gewählt wurde, ist dabei. Und die Tatsache, daß sie alle zwölf beisammen sind, beweist, daß sie sich noch nicht getrennt haben, um entsprechend der Weisung des Meisters seine Botschaft zu verkünden. Daraus schließe ich, daß es kurz nach Pfingsten sein muß und die Verfolgungen der Diener Christi durch das Synedrium noch nicht begonnen haben. Wenn es nicht so wäre, dann würden sie nicht mit solcher Ruhe die Feier abhalten, ohne sich viel um den Tempel zu kümmern, ohne Vorsichtsmaßnahmen zu treffen und das in einem Haus, nämlich im Haus des Abendmahles, genauer gesagt im Saal des Letzten Abendmahles, in dem die Eucharistie eingesetzt wurde und der Verrat und die Passion begonnen haben.

In dem großen Saal hat sich einiges verändert, wie es wegen seiner neuen Verwendung als Kirche und in Anbetracht der Zahl der Gläubigen notwendig war. Der große Tisch steht nicht mehr an der Wand neben der Treppe, sondern an der gegenüberliegenden Wand, damit jene, die im schon überfüllten Saal keinen Platz mehr finden – dem Abendmahlsaal, der ersten Kirche der christlichen Welt – sehen können, was drinnen geschieht. Sie stehen dicht gedrängt im Gang bis zur Tür, durch die man den Raum betritt.

Im Saal sind Männer und Frauen jeden Alters. Inmitten einer Gruppe von Frauen, nahe beim Tisch, aber in einer Ecke, befindet sich Maria, die Mutter, umgeben von Martha und Maria des Lazarus, Nike, Elisa, Maria des Alphäus, Salome, Johanna des Chuza, schließlich viele der hebräischen oder auch nicht hebräischen Jüngerinnen, die Jesus geheilt, getröstet, in seiner Lehre unterwiesen und zu Schäfchen seiner Herde gemacht hat.

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Bei den Männern sind Nikodemus, Lazarus, Joseph von Arimathäa, sehr viele Jünger, unter ihnen Stephanus, Hermas, die Hirten, sowie Elisäus, der Sohn des Synagogenvorstehers von Engedi, und sehr viele andere. Auch Longinus ist da, nicht als Soldat gekleidet, sondern wie ein gewöhnlicher Bürger in einem schlichten, langen, gräulichen Gewand. Dann noch andere, die anscheinend erst nach Pfingsten und den ersten Predigten der zwölf Apostel zur christlichen Gemeinde gekommen sind.

Auch jetzt ergreift Petrus das Wort, verkündet das Evangelium und unterweist die Anwesenden. Er spricht noch einmal über das letzte Abendmahl. Noch einmal, denn seinen Worten ist zu entnehmen, daß er schon öfters gesprochen hat. Er sagt: «Ich möchte noch einmal von diesem Abendmahl sprechen» und betont diese Worte besonders, «bei dem Jesus von Nazareth, genannt Jesus Christus, der Sohn Gottes und unser Erlöser – wie es geschrieben steht und wie wir es von ganzem Herzen und ganzer Seele glauben müssen, denn in diesem Glauben liegt unser Heil – bevor er von den Menschen geopfert wurde, sich aus freiem Willen und im Übermaß seiner Liebe selbst geopfert und sich den Menschen zur Speise und zum Trank geschenkt hat. Dabei sagte er uns, seinen Dienern und Nachfolgern: "Tut dies zu meinem Gedächtnis." Und dies wollen wir hiermit tun. Aber, o ihr Menschen, so wie wir, seine Zeugen, glauben, daß in dem Brot und dem Wein, die wir, seinem göttlichen Beispiel folgend, zu seinem Gedächtnis und im Gehorsam gegenüber seinem Gebot aufopfern und segnen, sein heiligster Leib und sein heiligstes Blut enthalten sind -dieser Leib und dieses Blut eines Gottes, des Sohnes des Allerhöchsten Gottes, der gekreuzigt wurde und sein Blut aus Liebe und für das Leben der Menschen vergossen hat – so sollt auch ihr, ihr alle, glauben, die ihr gekommen seid, um zur wahren, neuen, unsterblichen Kirche zu gehören, die die Propheten vorhergesagt haben und die Christus gegründet hat. Glaubt also und preist den Herrn, der uns dieses ewige Zeichen seiner Vergebung hinterläßt. Uns, die wir ihn, wenn auch nicht tatsächlich, so doch moralisch und seelisch gekreuzigt haben durch unsere Schwäche in seinem Dienst, durch unsere Schwerfälligkeit, ihn zu verstehen, durch unsere Feigheit, ihn in seiner letzten Stunde verlassen zu haben und geflohen zu sein, durch unseren, nein, durch meinen persönlichen Verrat, als ich so voll Angst und so feige war, daß ich ihn sogar verleugnet und geleugnet habe, sein Jünger zu sein, kurz vor der ersten Stunde, dort im Hof des Tempels, obwohl ich doch der erste unter seinen Dienern bin (und dicke Tränen rollen über das Gesicht des Petrus). Glaubt also und preist den Herrn, wie ich gesagt habe. Glaubt und preist den Herrn, der jenen, die ihn nicht kannten, als er noch der Nazarener war, die Gnade schenkt, ihn nun kennenlernen zu dürfen, da das menschgewordene Wort sich wieder mit dem Vater vereint hat. Kommt und nehmt. Er hat es gesagt: "Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, wird das ewige Leben haben." Leider

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haben wir es damals nicht verstanden. (Petrus weint noch einmal.) Wir haben es nicht verstanden, denn unser Geist war schwerfällig. Doch nun hat der Heilige Geist unseren Verstand erleuchtet, unseren Glauben gefestigt und uns die Liebe eingegossen, und wir begreifen. Und im Namen des allmächtigen Gottes, des Gottes Abrahams, Jakobs und Moses, im höchsten Namen des Gottes, der zu Isaias, Jeremias, Ezechiel, Daniel und den anderen Propheten gesprochen hat, schwören wir euch, daß dies die Wahrheit ist, und wir beschwören euch zu glauben, damit ihr das ewige Leben erlangt.»

Petrus ist voller Majestät bei dieser Rede. Er hat nichts mehr von dem etwas rauhen Fischer an sich, der er noch vor kurzem war. Er ist auf einen Hocker gestiegen, um zu sprechen und besser gesehen und gehört zu werden, da er klein von Gestalt ist. Wäre er auf dem Boden geblieben, hätten ihn die Leute weiter hinten nicht sehen können; und er will die Versammlung überblicken. Er spricht in gemessenem Tonfall und unterstreicht seine Worte mit den Gesten eines wahren Redners. Seine schon immer ausdrucksvollen Augen sprechen nun mehr denn je. Liebe, Glaube, Überzeugung, Reue, alles spricht aus seinem Blick, eilt seinen Worten voraus und unterstreicht sie.

Nun hat er seine Rede beendet. Er steigt von seinem Hocker und geht hinter den Tisch, zwischen den Tisch und die Wand, und wartet.

Jakobus und Judas, die beiden Söhne des Alphäus und Vettern Jesu, breiten jetzt ein blendend weißes Tuch über den Tisch. Um dies tun zu können, heben sie den langen niedrigen Schrein in der Mitte des Tisches hoch und legen dann auch über den Deckel des Schreins ein feines Linnen.

Der Apostel Johannes geht nun zu Maria und bittet sie um etwas. Maria löst von ihrem Hals eine Art Schlüsselchen und gibt es Johannes. Johannes nimmt es, geht zu dem Schrein, öffnet ihn, klappt die Vorderseite herab auf das Tischtuch und bedeckt sie mit einem dritten Linnen.

Der Schrein ist innen waagrecht in zwei Fächer geteilt. Im unteren Fach befinden sich ein Kelch und ein Metallteller. Im oberen Fach steht in der Mitte der Kelch, den Jesus beim Letzten Abendmahl für die erste Eucharistie verwendet hat, und darauf liegen auf einem ebenso kostbaren Tellerchen wie der Kelch die Reste des Brotes, das er gebrochen hat. Neben dem Kelch mit dem Tellerchen liegen auf einer Seite die Dornenkrone, die Nägel und der Schwamm, und auf der anderen eines der zusammengerollten Grabtücher, der Schleier, mit dem Nike das Antlitz Jesu abgetrocknet hat, und der andere, den Maria ihrem Sohn als Lendentuch gegeben hat. Weiter hinten sind noch andere Dinge, aber da man sie nicht richtig sieht und auch niemand von ihnen spricht oder sie zeigt, weiß ich nicht, was es ist. Die, die man sieht, werden nun den Anwesenden von Johannes und Judas des Alphäus gezeigt, und die Leute knien davor nieder. Aber den Kelch und das Tellerchen mit dem Brot berühren und zeigen sie nicht.

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Auch rollen sie das Grabtuch nicht auf, sondern zeigen nur die Rolle und erklären, was es ist. Vielleicht wollen Johannes und Judas es nicht ausbreiten, um in Maria nicht die schmerzliche Erinnerung an die grausamen Qualen ihres Sohnes zu wecken.

Nach Beendigung dieses Teils der Zeremonie stimmen die Apostel im Chor Gebete an, ich würde sagen, Psalmen, denn sie singen, wie es die Hebräer in ihren Synagogen oder auf den Pilgerfahrten nach Jerusalem zu den vom Gesetz vorgeschriebenen Festen taten. Die Volksmenge stimmt in den Chor der Apostel ein, der dadurch immer mächtiger wird.

Schließlich werden Brote gebracht und auf den Metallteller gelegt, der im unteren Teil des Schreins war. Auch einige kleine Metallkannen bringt man.

Petrus, der immer zwischen dem Tisch und der Wand und dem Volk zugewandt steht, empfängt von Johannes, der vor dem Tisch kniet, den Teller mit den Broten, erhebt sie und opfert sie auf. Dann segnet er sie und stellt den Teller auf den Schrein.

Judas des Alphäus, der neben Johannes kniet, reicht nun Petrus den Kelch aus dem unteren Fach und die beiden Kännchen, die zuvor neben dem Teller mit dem Brot gestanden sind, und Petrus gießt den Inhalt der Kännchen in den Kelch, erhebt diesen und opfert ihn auf wie zuvor das Brot. Er segnet auch den Kelch und stellt ihn auf den Schrein neben die Brote.

Sie beten noch einmal. Petrus bricht das Brot in viele Stückchen, während die Anwesenden sich noch tiefer verneigen, und sagt: «Das ist mein Leib. Tut dies zu meinem Gedächtnis.»

Er kommt nun mit dem Teller mit den Brotstückchen hinter dem Tisch hervor und geht zuerst zu Maria und gibt ihr ein Stückchen. Dann stellt er sich vor den Tisch und teilt allen, die kommen, um es zu empfangen, das konsekrierte Brot aus. Einige übriggebliebene Stückchen legt er auf ihren Teller auf dem Schrein.

Nun nimmt er den Kelch und reicht ihn, immer bei Maria beginnend, den Anwesenden. Johannes und Judas folgen ihm mit den Kännchen und füllen nach, wenn der Kelch leer ist, während Petrus die Erhebung, die Aufopferung und die Segnung wiederholt, um die Flüssigkeit zu konsekrieren. Nachdem alle, die die Eucharistie empfangen wollen, zufriedengestellt sind, nehmen die Apostel das übriggebliebene Brot und den restlichen Wein zu sich. Dann singen sie noch einen Psalm oder Hymnus, und anschließend segnet Petrus die Versammlung, die sich nach diesem Segen langsam auflöst.

Maria, die Mutter, die während der ganzen Zeremonie der Konsekration und der Austeilung der Gestalten von Brot und Wein gekniet hat, steht nun auf und geht zu dem Schrein. Sie neigt sich über den Tisch, berührt mit der Stirn das Fach des Schreins, in dem der Kelch und das

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Tellerchen aufbewahrt sind, die Jesus beim Letzten Abendmahl benützt hat und küßt den Rand von beiden. Ein Kuß, der allen hier aufbewahrten Reliquien gilt. Dann schließt Johannes den Schrein und gibt Maria den Schlüssel zurück, die ihn wieder an ihren Hals hängt.

703. MARIA EMPFÄNGT LAZARUS UND JOSEPH VON ARIMATHÄA

Maria befindet sich noch im Haus des Abendmahls. Sie ist allein in ihrem Zimmer und näht sehr feines Leinen, ähnlich langen, schmalen Tischtüchern. Ab und zu hebt sie den Kopf und schaut in den Garten hinaus, um am Stand der Sonne, die auf die Mauer scheint, zu erkennen, wie spät es ist. Und wenn sie im Haus oder auf der Straße ein Geräusch hört, lauscht sie aufmerksam. Es scheint, als würde sie jemanden erwarten.

So vergeht die Zeit. Dann vernimmt man ein Klopfen an der Haustür, dem das Knirschen von Sandalen folgt, die herbeieilen, um zu öffnen. Immer lauter werdende Männerstimmen nähern sich durch den Gang. Maria horcht... Dann ruft sie aus: «Sie hier?! Was kann geschehen sein?!» Noch während sie diese Worte ausspricht, klopft jemand an die Zimmertür. «Kommt herein, Brüder in Jesus, meinem Herrn», antwortet Maria.

Lazarus und Joseph von Arimathäa treten ein, grüßen mit großer Ehrerbietung und sagen: «Gepriesen seist du unter allen Müttern! Die Diener deines Sohnes und unseres Herrn grüßen dich», und sie werfen sich nieder, um den Saum ihres Kleides zu küssen.

«Der Herr sei immer mit euch. Was habt ihr für einen Grund, mich zu besuchen, da die gärende Unruhe der Verfolger Christi und seiner Jünger sich noch nicht gelegt hat?»

«Wir sind vor allem gekommen, um dich zu sehen; denn dich sehen bedeutet ihn sehen, bedeutet, weniger Traurigkeit über seinen Abschied von der Erde fühlen. Und dann, um dir darzulegen, was wir nach einer Versammlung der getreuesten Diener Jesu, deines Sohnes und unseres Herrn, in meinem Haus beschlossen haben», antwortet Lazarus.

«So redet. Eure Liebe wird zu mir sprechen, und ich höre euch mit meiner Liebe zu.»

Nun ergreift Joseph von Arimathäa das Wort und sagt: «Frau, es ist dir nicht unbekannt, und du sagst selbst, daß die gärende Unruhe und, noch Schlimmeres, weiterhin allen gegenüber andauert, die deinem und Gottes Sohn nahestanden, durch Verwandtschaft, Glauben oder Freundschaft. Und uns ist auch bekannt, daß du nicht die Absicht hast, diese Orte zu verlassen, an denen du die vollkommene Offenbarung der göttlichen und menschlichen Natur deines Sohnes erlebt hast und auch seine

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vollkommene Demütigung, seine vollkommene Verherrlichung durch die Passion und den Tod des wahren Menschen und durch die glorreiche Auferstehung und Himmelfahrt des wahren Gottes. Und wir verstehen auch, daß du die Apostel nicht allein lassen willst, da du ihnen Mutter und Führerin sein möchtest in ihren ersten Prüfungen, du, Sitz der göttlichen Weisheit, du, Braut des Geistes der Offenbarung ewiger Wahrheit, du, von Anbeginn geliebte Tochter des Vaters, der dich von Ewigkeit zur Mutter seines Eingeborenen erwählt hat, du, Mutter dieses Wortes des Vaters, das dich gewiß seine unendliche und vollkommene Weisheit und Lehre gelehrt hat, noch bevor es in dir zum Geschöpf wurde, noch bevor du es an deiner Seite hattest als Sohn, der zunahm an Alter und Weisheit und zum Meister der Meister wurde. Johannes hat es uns gesagt am Tag nach der ersten erstaunlichen apostolischen Predigt und Offenbarung zehn Tage nach der Himmelfahrt Jesu. Du weißt – da du es ja selbst gesehen hast in Gethsemane am Tag der Himmelfahrt deines Sohnes zum Vater und es außerdem erfahren hast von Petrus, Johannes und anderen Aposteln – daß ich und Lazarus gleich nach dem Tod und der Auferstehung mit dem Bau einer Mauer um meinen Garten beim Golgotha und in Gethsemane auf dem Ölberg begonnen haben, damit diese Orte, die geheiligt sind durch das Blut des göttlichen Märtyrers, das fieberglühend in Gethsemane und eiskalt und geronnen in meinem Garten zu Boden getropft ist, nicht von den Feinden Jesu entweiht werden. Nun sind die Arbeiten beendet, und sowohl ich als auch Lazarus, und mit ihm die Schwestern und die Apostel, die es zu sehr schmerzen würde, dich nicht mehr in ihrer Nähe zu haben, sagen dir: "Nimm Wohnung im Haus des Jonas und der Maria, den Hütern des Gethsemane!"»

«Und Jonas und Maria? Das Haus ist klein, und ich liebe die Einsamkeit. Ich habe sie immer geliebt. Und nun liebe ich sie noch mehr, denn ich brauche sie, um mich in Gott, in meinen Jesus zu verlieren, um nicht aus Kummer darüber zu sterben, ihn nicht mehr bei mir zu haben. Und es ist nicht gut, daß menschliche Blicke auf die Geheimnisse Gottes fallen; denn er ist jetzt mehr denn je Gott. Ich bin Frau und Jesus ist Mann. Aber unsere Menschlichkeit war und ist anders als die der übrigen Menschen, da wir frei sind von jeder Sünde, auch der Erbsünde, und eine andere Beziehung zum einen und dreieinen Gott haben. Wir sind einzigartig in diesen Dingen unter allen Geschöpfen, die waren, die sind und die sein werden. Nun aber läßt es sich nicht vermeiden, daß der Mensch, auch der beste und klügste, von Natur aus neugierig ist, besonders wenn in seiner Nähe etwas Außergewöhnliches vorgeht. Und nur ich und Jesus, solange er auf Erden weilte, kennen das Leiden, das... ja, auch die Scham und das Unbehagen, die Qual, die man empfindet, wenn die menschliche Neugier ausspäht, beobachtet und unsere Geheimnisse mit Gott zu erforschen versucht. Es ist etwa so, als würde man uns nackt mitten auf einen Platz

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stellen. Denkt an meine Vergangenheit, wie ich immer bemüht war, mich zu verbergen und zu schweigen, und wie ich immer unter dem Anschein, das Leben einer einfachen, armen Frau zu führen, die Geheimnisse Gottes zu verhüllen gesucht habe. Erinnert euch, daß ich sie nicht einmal meinem Bräutigam Joseph enthüllt habe und er, der so gerecht war, deshalb beinahe zum Ungerechten geworden wäre. Nur das Dazwischentreten des Engels hat diese Gefahr verhindert. Denkt an das bescheidene, verborgene Leben, das Jesus dreißig Jahre lang geführt hat, an seine häufige Zurückgezogenheit und Absonderung, als er der Meister geworden war. Er mußte Wunder wirken und lehren, denn dies war seine Mission. Aber ich weiß es von ihm selbst, er litt – einer der vielen Gründe für den Ernst und die Traurigkeit, die aus seinen großen, mächtigen Augen strahlten -er litt, sage ich, unter der Erregung der Volksmenge, der mehr oder weniger ehrlichen Neugier, mit der er bei all seinem Tun beobachtet wurde. Wie oft hat er zu seinen Jüngern und den Geheilten gesagt: "Sagt nicht, was ihr gesehen habt. Sagt nicht, was ich euch getan habe!"... Nun möchte ich nicht, daß menschliche Augen die Geheimnisse Gottes in mir erforschen, Geheimnisse, die mit der Rückkehr Jesu, meines Sohnes und meines Gottes, in den Himmel nicht aufgehört haben, die vielmehr durch seine Güte fortdauern und zunehmen, damit ich am Leben bleibe bis zu der von mir so ersehnten Stunde, da ich mich für alle Ewigkeit mit ihm vereinigen werde. Ich möchte nur Johannes bei mir haben. Denn er ist klug, ehrfürchtig und liebevoll wie ein zweiter Jesus. Jonas und Maria werden dies verstehen...»

Lazarus unterbricht sie: «Es ist schon geschehen, o Gesegnete! Wir haben vorgesorgt. Markus, der Sohn des Jonas, ist nun bei den Jüngern; Maria, seine Mutter, und Jonas, sein Vater, sind bereits in Bethanien.»

«Aber der Ölgarten muß doch gepflegt werden!» antwortet Maria.

«Nur zur Zeit des Beschneidens, des Umbrechens und der Ernte. Das sind wenige Tage im Jahr, und es werden noch weniger sein, denn ich werde dann Markus mit meinen Dienern von Bethanien schicken. Du, Mutter, wenn du uns eine Freude machen willst, mir und den Schwestern, komm in diesen Tagen nach Bethanien, in die Einsamkeit des Hauses des Zeloten. Wir werden dir nahe sein, aber deine Begegnungen mit Gott werden wir nicht durch indiskrete Blicke ausforschen.»

«Aber die Ölpresse ... ?»

«Man hat sie schon nach Bethanien transportiert. Der Gethsemane ist nun ganz von Mauern umgeben und daher noch ausschließlicherer Privatbesitz des Lazarus des Theophilus, und er erwartet dich, o Maria. Und ich versichere dir, die Feinde Jesu werden aus Furcht vor Rom nicht wagen, den Frieden des Ortes und deinen Frieden zu stören.»

«Oh, wenn es so ist!» ruft Maria aus. Und sie preßt die Hände auf die Brust und sieht ihn an mit seligem, fast verzücktem Gesicht, ein

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engelgleiches Lächeln auf den Lippen und Freudentränen an den blonden Wimpern. Sie fährt fort: «Ich und Johannes! Allein! Wir beide allein! Es wird mir scheinen, wieder mit meinem Sohn in Nazareth zu sein! Allein! In Frieden! In diesem Frieden! Dort, wo er, mein Jesus, so viele Worte gesprochen und so sehr den Geist des Friedens um sich verbreitet hat. Dort, wo er allerdings auch so sehr leiden mußte, daß er Blut geschwitzt hat, und wo er durch den niederträchtigen Kuß die größte seelische Qual erduldet hat und die ersten ...» Ein Aufschluchzen und eine zutiefst schmerzende Erinnerung lassen ihre Worte stocken und ihr aufgewühltes Gesicht nimmt einige Augenblicke den leidenden Ausdruck der Tage der Passion und des Todes ihres Sohnes an. Dann faßt sie sich wieder und sagt: «Dort, von wo er in den unendlichen Frieden des Paradieses zurückgekehrt ist! Ich werde Maria des Alphäus bald die Anweisung senden, auf mein kleines Haus in Nazareth achtzugeben, das kleine Haus, das mir so teuer ist, weil sich dort das Geheimnis erfüllt hat, weil mein so reiner und heiliger Bräutigam dort gestorben ist und Jesus dort aufgewachsen ist. Das mir so liebe kleine Haus! Doch nie so teuer wie diese Orte, an denen er den Ritus aller Riten eingesetzt hat und Brot, Blut und Leben für die Menschen geworden ist, an denen er gelitten, erlöst und seine Kirche gegründet und durch seinen letzten Segen alle Dinge der Schöpfung gut und heilig gemacht hat. Ich werde hierbleiben. Ja, ich werde bleiben. Ich werde nach Gethsemane gehen. Und von dort kann ich außen an der Mauer entlang zum Golgotha gehen und in deinen Garten, Joseph, wo ich so sehr geweint habe, und in dein Haus, Lazarus, wo ich immer, zuerst in meinem Jesus und dann selbst, so viel Liebe erfahren habe. Aber ich möchte...»

«Was, Gesegnete?» fragen die beiden.

«Ich möchte auch hierher zurückkommen können. Denn ich habe zusammen mit den Aposteln beschlossen, vorausgesetzt, daß es dir, Lazarus, recht ist...»

«Alles, was du willst, Mutter. Alles, was mein ist, ist dein. Früher habe ich es Jesus gesagt. Nun sage ich es dir. Und ich werde der Beschenkte sein, wenn du mein Geschenk annimmst.»

«Sohn – laß mich dich so nennen – ich möchte, daß du uns erlaubst, dieses Haus, den Abendmahlsaal, zum Ort der Versammlung und der brüderlichen Agape zu machen.»

«Das ist nur recht. An diesem Ort hat dein Sohn den neuen und ewigen Ritus eingesetzt, die neue Kirche gegründet und seine Apostel und Jünger zum neuen Oberhirtenamt und Priestertum berufen. Es ist recht, daß dieser Raum der erste Tempel der neuen Religion sei, der Same, der morgen zum Baum und dann zum mächtigen Wald werden wird; der Keim, der morgen lebendiger Organismus sein und immer mächtiger in die Höhe, in die Tiefe und in die Breite wachsen und sich über die ganze Erde ausbreiten wird. Welcher Tisch und Altar ist heiliger als der, auf dem er das Brot

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gebrochen und auf den er den Kelch des neuen Ritus gestellt hat, des Ritus, der bestehen wird, solange die Welt besteht?»

«Das ist wahr, Lazarus. Und siehst du? Dafür nähe ich die neuen Tischdecken. Denn ich glaube – und mein Glaube ist stärker als der aller anderen – daß er in diesem Brot und diesem Wein ist, mit seinem Fleisch und seinem Blut; heiligstes und unschuldigstes Fleisch und erlösendes Blut, zur Speise und zum Trank des Lebens den Menschen gegeben. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist segnen euch, die ihr immer gut, weise und voll Erbarmen mit dem Sohn und der Mutter seid.»

«Dann ist es also abgemacht. Nimm! Dies ist der Schlüssel, der die verschiedenen Tore der Mauer von Gethsemane öffnet. Und dies ist der Schlüssel des Hauses. Und sei so glücklich, wie Gott es dir gewährt und unsere arme Liebe es dir wünschen würde.»

Joseph von Arimathäa sagt nun, als Lazarus schweigt: «Und dies ist der Schlüssel meines Gartens.»

«Aber du... Du hast das Recht hineinzugehen.»

«Ich habe einen anderen Schlüssel, Maria. Der Gärtner ist ein guter Mensch und sein Sohn auch. Nur sie und ich werden dir also begegnen. Und wir werden zurückhaltend und ehrerbietig sein.»

«Gott segne euch noch einmal», wiederholt Maria.

«Wir danken dir, Mutter. Unsere Liebe und der Friede Gottes mögen immer mit dir sein.» Sie werfen sich nach diesem letzten Gruß vor ihr nieder, küssen erneut den Saum ihres Gewandes und gehen dann fort.

Kaum haben sie das Haus verlassen, klopft es wieder leise an die Tür des Raumes, in dem Maria sich aufhält.

«Komm nur herein», sagt Maria.

Johannes läßt sich das nicht zweimal sagen. Er tritt etwas erregt ein und schließt die Tür. «Was wollten Joseph und Lazarus? Besteht irgendeine Gefahr?»

«Nein, Sohn. Einer meiner Wünsche ist erhört worden. Ein Wunsch, den ich und andere hatten. Du weißt, wie betrübt Petrus und Jakobus des Alphäus sind, der erste als Oberhirte und der andere als Oberhaupt von Jerusalem, bei dem Gedanken, mich zu verlieren, und wie sehr sie fürchten, es ohne mich nicht richtig zu machen. Vor allem Jakobus! Nicht einmal die besondere Erscheinung meines Sohnes und seine Erwählung durch Jesus trösten und stärken ihn. Aber auch die anderen... ! Nun kommt Lazarus diesem allgemeinen Wunsch entgegen und macht uns zu Besitzern des Gartens Gethsemane. Ich und du, wir werden allein dort wohnen. Hier sind die Schlüssel. Und dies ist der Schlüssel vom Garten des Joseph... Wir werden nun zum Grab und nach Bethanien gehen können, ohne durch die Stadt zu müssen... Und wir werden zum Golgotha gehen... und jedesmal hierher kommen, wenn die brüderliche Agape stattfindet. Das alles gewähren uns Joseph und Lazarus.»

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«Sie sind wirklich zwei Gerechte. Lazarus hat zwar viel von Jesus erhalten, aber noch bevor er es erhalten hat, hat er Jesus immer alles gegeben. Freust du dich, Mutter?»

«Ja, Johannes, sehr. Ich werde leben, solange Gott es will, und Petrus und Jakobus und euch allen helfen, und ich werde auch den ersten Christen in jeder Weise beistehen. Wenn die Juden, die Pharisäer und die Priester mir gegenüber nicht ebensolche Bestien sind wie gegenüber meinem Sohn, dann werde ich meinen Geist dort aufgeben können, wo er zum Vater aufgefahren ist.»

«Auch du, Mutter, wirst auffahren.»

«Nein. Ich bin nicht Jesus. Ich bin als Mensch geboren.»

«Aber ohne Erbsünde. Ich bin zwar nur ein armer, unwissender Fischer und kenne von den Lehren und Schriften nur das, was der Meister mich gelehrt hat. Aber ich bin wie ein Kind, denn ich bin rein. Und daher weiß ich vielleicht mehr als alle Rabbis von Israel; denn Gott verbirgt die Dinge den Weisen und offenbart sie den Kleinen, den Reinen, wie Jesus gesagt hat. Und deshalb meine ich, vielmehr fühle ich, daß dir beschieden sein wird, was Eva erwartet hätte, wenn sie nicht gesündigt hätte. Um so mehr, als du nicht die Braut eines Adam, eines Menschen gewesen bist, sondern die Braut Gottes, um der Welt den neuen, der Gnade treuen Adam zu schenken. Als der Schöpfer die Stammeltern erschuf, hatte er ihnen nicht den Tod bestimmt, den Zerfall des vollkommensten von ihm erschaffenen Leibes; denn als einzigen von allen geschaffenen Körpern adelten ihn eine Geist-Seele und andere großzügige Gaben Gottes, weshalb sich die Menschen "Adoptivkinder Gottes" nennen konnten, der für sie nur den Übergang vom irdischen Paradies ins himmlische wollte. Nun aber hat niemals eine Sünde deine Seele befleckt. Nicht einmal die große, allgemeine Sünde, das Erbe der Menschen seit Adam, hat dich berührt; denn Gott hat dich durch ein einmaliges, einzigartiges Privileg davor bewahrt, da du von Ewigkeit her dazu bestimmt warst, die Bundeslade des Wortes zu werden. Und die Bundeslade, auch die, die leider nur kalte, öde, tote Dinge enthält, da sie das Volk Gottes wahrlich nicht in die Tat umsetzt wie es sollte, ist und muß immer von makelloser Reinheit sein. Die Lade ist es. Aber wer von denen, die sich ihr nähern, ob Hoherpriester oder Priester, ist so rein wie du? Keiner. Und deshalb fühle ich, daß dich, zweite Eva, der Gnade treue Eva, der Tod nicht treffen wird.»

«Mein Sohn, der zweite Adam, die Gnade selbst, dem Vater und mir auf vollkommenste Weise gehorsam, ist gestorben. Und welches Todes!»

«Mutter, er war gekommen, um der Erlöser zu sein. Er hat den Vater, den Himmel verlassen, um Fleisch anzunehmen und durch sein Opfer die Menschen zu erlösen, um ihnen die Gnade wiederzuschenken und sie so wieder in den Rang von Adoptivkindern Gottes und Erben des Himmels zu erheben. Er mußte sterben und starb in seiner allerheiligsten

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Menschheit. Und du bist im Herzen gestorben, als du sein furchtbares Leiden und seinen Tod gesehen hast. Du hast schon alles erlitten, um Miterlöserin zu sein. Ich bin ein armes, törichtes Geschöpf, aber ich fühle, daß du, wahre Lade des wahren, lebendigen Gottes, nicht der Verwesung anheimfallen kannst und wirst. So wie die feurige Wolke die Lade des Moses schützte und sie in das Land der Verheißung führte, ebenso wird das Feuer Gottes dich in seinen Mittelpunkt ziehen. So wie der Stab Aarons nicht verdorrte und nicht abstarb, obwohl vom Baum abgetrennt, sondern Knospen, Blätter und Früchte trug und im Offenbarungszelt grünte, ebenso wirst du, von Gott Auserwählte unter allen Frauen, die jemals auf Erden gelebt haben und leben werden, nicht sterben wie eine Pflanze, die vertrocknet; vielmehr wirst du ewig und mit Leib und Seele im ewigen Zelt des Himmels leben. So wie zur Zeit des Josua die Wasser des Jordan sich teilten, um die Bundeslade und ihre Träger und das ganze Volk hindurchziehen zu lassen, ebenso werden sich für dich die Schranken öffnen, die die Sünde Adams zwischen Himmel und Erde errichtet hat, und du wirst aus dieser Welt in den ewigen Himmel eingehen. Ich bin sicher, denn Gott ist gerecht. Und für dich gilt noch der Ratschluß Gottes hinsichtlich der Menschen, deren Seele weder von der Erbsünde, noch von einer freiwilligen Sünde befleckt ist.»

«Hat Jesus dir dies geoffenbart ?»

«Nein, Mutter. Der Heilige Geist, der Paraklet, sagt es mir. Er, von dem der Meister uns gesprochen hat und der uns die zukünftigen Dinge und jegliche Wahrheit offenbaren wird. Der Tröster sagt es mir schon im Geist, um mir den Gedanken weniger bitter erscheinen zu lassen, dich zu verlieren, o gebenedeite Mutter, die ich so sehr liebe und verehre wie meine eigene Mutter, und noch mehr als sie, für alles, was du gelitten hast, und weil du so gut und heilig bist und nur deinem allerheiligsten Sohn nachstehst unter allen Heiligen der Gegenwart und der Zukunft. Die größte Heilige aller Zeiten.» Und Johannes kniet gerührt und ehrfürchtig vor ihr nieder.

704. MARIA UND JOHANNES AN DEN ORTEN DER PASSION

Am frühen Morgen, einem klaren Sommermorgen, verläßt Maria mit dem treuen Johannes das kleine Haus von Gethsemane und geht mit raschen Schritten durch den stillen und verlassenen Ölgarten. Nur vereinzeltes Vogelgezwitscher und das Piepsen der Brut unterbrechen die tiefe Stille des Ortes. Maria begibt sich direkt zum Felsen der Todesangst. Dort kniet sie nieder, küßt die Stellen, wo in einigen feinen Rissen immer noch

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die rostroten Spuren des Blutes Jesu zu sehen sind, das in diese Spalten eingedrungen und dort geronnen ist. Sie liebkost sie, als liebkose sie noch den Sohn oder eines seiner Glieder.

Johannes steht hinter ihr, beobachtet sie und weint lautlos. Doch er trocknet sich rasch die Augen, als Maria sich anschickt aufzustehen, und hilft ihr dabei. Und er tut dies mit so viel Liebe, Verehrung und Mitleid.

Maria geht nun zu dem kleinen Platz hinunter, an dem Jesus gefangengenommen wurde. Auch dort kniet sie nieder, neigt sich und küßt den Boden, nachdem sie Johannes gefragt hat: «Ist dies genau die Stelle des furchtbaren, abscheulichen Kusses, der diesen Ort noch mehr befleckt hat als das unreine und verderbliche Gespräch der Schlange mit Eva das irdische Paradies?»

Dann steht sie auf und sagt: «Aber ich bin nicht Eva. Ich bin die Frau des Ave. Ich habe die Dinge umgekehrt. Eva hat in den Schmutz geworfen, was des Himmels war. Ich habe alles angenommen: Unverständnis, Kritik, Verdächtigungen, Schmerzen – wie viele Schmerzen aller Art, noch vor dem höchsten Schmerz – um aus dem Schlamm zu holen, was Adam und Eva hineingeworfen hatten, und es zum Himmel zu erheben. Zu mir konnte der Dämon nicht sprechen, obgleich er es versucht hat, wie er meinen Sohn versucht hat, um endgültig den Plan der Erlösung zu zerstören. Mit mir konnte er nicht sprechen, denn ich hatte meine Ohren vor seiner Stimme und meine Augen vor seinem Anblick verschlossen, und vor allem mein Herz und meinen Geist vor jeglichem Angriff dessen, was nicht heilig und rein ist. Mein klares und unangreifbares Inneres war ein reiner Diamant und öffnete sich nur dem Engel der Verkündigung. Meine Ohren hörten nur auf die Stimme des Geistes, und so habe ich wiedergutgemacht, wiedererrichtet, was Eva verdorben und zerstört hatte. Ich bin die Frau des Ave und des Fiat. Ich habe die von Eva gestörte Ordnung wiederhergestellt. Und nun kann ich mit meinem Kuß und mit meinen Tränen die Spur dieses verfluchten Kusses und die Verunreinigung abwaschen und entfernen. Die größte aller Verunreinigungen, da dies vom Geschöpf nicht einem Geschöpf, sondern vom Geschöpf seinem Meister und Freund, seinem Schöpfer und Gott angetan wurde.»

Dann geht Maria zum Gittertor, das Johannes aufschließt. Sie verlassen zusammen Gethsemane, gehen zum Kedron hinunter und überqueren das Brücklein. Und auch dort kniet Maria wieder nieder, um das einfache Brückengeländer zu küssen, an der Stelle, auf die ihr Sohn gefallen ist. Sie sagt: «Mir ist jeder Ort heilig, an dem er die größten Schmerzen und die größte Schmach erlitten hat. Ich hätte am liebsten alles in meinem Häuschen. Aber man kann nicht alles haben!» Sie seufzt und fügt hinzu: «Gehen wir schnell, bevor die Leute anfangen, sich zu rühren.»

Zusammen mit Johannes setzt sie ihren Weg fort. Aber sie gehen nicht in die Stadt hinein. Sie gehen am Rand des Hinnom-Tales und an den

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Höhlen der Aussätzigen vorbei. Sie erhebt ihre Augen zu diesen Stätten der Schmerzen und gibt Johannes ein Zeichen, der sofort Lebensmittel auf einen Stein legt, die er in einer Tasche bei sich trägt, und gleichzeitig durch einen Schrei die Aussätzigen ruft. Einige von ihnen zeigen sich, kommen zu dem Stein und bedanken sich. Aber keiner bittet um Heilung. Maria fällt dies auf und sie sagt: «Sie wissen, daß er nicht mehr da ist und sind so erschüttert von seinem furchtbaren Tod, daß sie keinen Glauben mehr an ihn und seine Jünger haben. Doppelt Unglückliche! Doppelt Aussätzige! Doppelt? Nein, vollkommen Unglückliche, Aussätzige, Tote! Auf Erden und in der anderen Welt.»

«Willst du, daß ich mit ihnen zu reden versuche, Mutter?»

«Es ist nutzlos. Petrus, Judas des Alphäus und Simon der Zelote haben es versucht... und sind verlacht worden. Maria des Lazarus, die ihnen im Gedenken an Jesus immer hilft, haben sie ebenfalls verhöhnt. Auch Lazarus ist gekommen, und mit ihm Joseph und Nikodemus, um sie zu überzeugen, daß er der Christus gewesen ist; sie haben von seiner Auferweckung durch Jesus nach vier Tagen Grabesruhe berichtet, von der Auferstehung des Gottmenschen aus eigener Kraft und von seiner Himmelfahrt. Alles war umsonst. Sie haben nur geantwortet: "Alles Lügen. Jene, die die Wahrheit kennen, haben es uns gesagt."»

«Und das sind gewiß die Pharisäer und die Priester. Sie sind es, die sich bemühen, den Glauben an ihn auszutilgen. Ich bin sicher, daß sie es sind.»

«Kann sein, Johannes. Gewiß ist, daß die Aussätzigen, die sich nicht früher schon, nicht einmal bei den Wundern Jesu, bekehrt haben, sich nie bekehren werden. Niemals mehr. Sie sind das Sinnbild all jener, die sich im Laufe der Jahrhunderte nicht zu Christus bekehren werden; die aus freiem Willen Aussätzige der Sünde sein werden, die der Gnade und dem Leben gestorben sind; das Sinnbild all jener, für die Jesus vergebens gestorben ist... Und in dieser Welt... !» Sie weint lautlos, ohne zu schluchzen, aber ihre Tränen strömen.

Johannes nimmt sie am Arm, und Maria bedeckt ihr Angesicht mit dem Schleier, um ihre Tränen vor den Vorübergehenden, die sie beobachten, zu verbergen. Johannes sagt, während er sie liebevoll geleitet: «Es ist nicht möglich, daß deine Tränen, deine Gebete, deine, oder besser, eure Liebe zu allen Menschen – eure, denn ebenso wie die deine wirkt die Liebe des verherrlichten Jesus im Himmel – und euer Schmerz, dein Schmerz über die Taubheit der Menschen und sein Schmerz über die unbußfertige Sündhaftigkeit so vieler, keine Frucht bringen. Hoffe, o Mutter! Die Menschen haben dir viele Schmerzen bereitet, und sie werden dir noch mehr bereiten, aber sie haben dir auch Liebe und Freude geschenkt und werden es ebenfalls in Zukunft tun. Wer wird dich nicht lieben, wenn er von dir erfährt? Jetzt bist du hier, der Welt unbekannt. Aber wenn die

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Welt einmal von dir weiß, da sie christlich geworden ist, wie sehr wird sie dich dann lieben! Dessen bin ich gewiß, o heilige Mutter.»

Der Golgotha ist nunmehr nahe, und noch näher ist der Garten des Joseph. Doch als sie dort ankommen, geht Maria nicht hinein. Sie geht zuerst zum Golgotha. Und an den Orten, an denen sich besondere Episoden der Passion ereignet haben, also an den Stellen, wo Jesus gefallen ist, wo die Begegnung mit Nike stattgefunden hat, wo er der Mutter selbst begegnet ist, kniet sie nieder und küßt den Boden.

Auf dem Gipfel bedeckt sie die Stelle, an der sein Kreuz gestanden ist, mit Küssen. Beinahe krampfhaften Küssen und stillen Tränen, die wie Regen auf die gelbliche Erde fallen, sie tränken und das blasse Gelb dunkel färben. Ein Pflänzchen ist genau dort gewachsen, wo man die Erde entfernt hat, um das Kreuz aufzustellen, ein demütiges Wiesenkräutchen mit herzförmigen Blättern und kleinen Blümchen, rotleuchtend wie Rubine. Maria betrachtet sie, denkt nach und löst die kleine Pflanze dann vorsichtig mit etwas Erde aus dem Boden, legt sie in einen Zipfel ihres Mantels und sagt zu Johannes: «Ich werde sie in einen Topf pflanzen. Es scheint Blut von ihm zu sein, und sie ist auf der von seinem Blut geröteten Erde gewachsen. Gewiß ist es ein Same, den der Sturm dieses Tages wer weiß woher gebracht und hier fallengelassen hat, damit er in diesem durch das Blut fruchtbar gewordenen Staub Wurzeln schlägt. Wäre es doch auch so bei allen Menschenseelen! Warum ist die Mehrzahl widerwilliger als die unfruchtbare, verfluchte Erde des Golgotha, des Ortes der Strafe für Räuber und Mörder und des Gottesmordes eines ganzen Volkes? Verflucht? Nein. Er hat diesen Staub geheiligt. Verflucht von Gott sind nur jene, die diesen Hügel zum Ort des furchtbarsten, ungerechtesten und gotteslästerlichsten Verbrechens gemacht haben, das es je auf Erden geben wird.» Nun schluchzt und weint sie.

Johannes legt einen Arm um ihre Schultern, um sie seine ganze Liebe fühlen zu lassen, und bewegt sie dazu, diesen für sie mit allzu schmerzlichen Erinnerungen verbundenen Ort zu verlassen.

Sie gehen den Hügel wieder hinunter und betreten den Garten des Joseph. Durch die weite Öffnung kann man in das Grab hineinsehen, denn der Stein verschließt es nicht mehr und liegt noch so, wie er zu Boden gefallen ist, im Gras. Das Innere ist leer. Jegliche Spur der Grablegung und der Auferstehung ist verschwunden. Es scheint ein noch nie benütztes Grab zu sein. Maria küßt den Stein der Einbalsamierung und liebkost mit ihren Blicken die Wände. Dann fragt sie Johannes: «Wiederhole mir noch einmal, wie du die Dinge hier vorgefunden hast, als du am Morgen der Auferstehung mit Petrus hergekommen bist.»

Und Johannes beschreibt wiederum, wie alles war und was Petrus und er getan haben, und dabei geht er hin und her im Grab und auch außerhalb und sagt zum Schluß: «Wir hätten die Linnen mitnehmen sollen.

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Aber wir waren so erschüttert von all den Ereignissen dieser Tage, daß wir nicht daran dachten. Als wir wiederkamen, waren die Linnen nicht mehr da.»

«Die vom Tempel werden sie genommen haben, um sie zu entweihen», unterbricht ihn Maria weinend. Und sie fügt hinzu: «Nicht einmal Maria von Magdala hat daran gedacht, daß es besser wäre, sie mitzunehmen und mir zu bringen. Auch sie war zu verwirrt.»

«Der Tempel? Nein. Ich denke, Joseph hat sie genommen.»

«Er hätte es mir gesagt... Oh, die Feinde Jesu werden sie genommen haben, um eine letzte Schandtat zu begehen!» stöhnt Maria.

«Weine nicht, leide nicht mehr. Er ist nun in der Herrlichkeit. In der unendlichen, vollkommenen Liebe. Haß und Verachtung können ihn nicht mehr treffen.»

«Das ist wahr. Aber die Linnen...»

«Sie würden dir nur Schmerz bereiten, ebenso wie das erste Grabtuch, das auseinanderzufalten du immer noch nicht die Kraft hast, weil außer den Spuren seines Blutes der Unrat daran klebt, mit dem man seinen heiligsten Leib beworfen hat.»

«An jenem schon. Aber an diesen hier nicht. Sie haben aufgesogen, was er noch absonderte, als er nicht mehr litt... Oh, du kannst das nicht verstehen!»

«Ich verstehe, Mutter. Aber ich habe geglaubt, daß du, da du gewiß nicht so von ihm, von Gott, getrennt bist wie wir oder gar die einfachen Gläubigen, kaum den großen Wunsch oder das Bedürfnis hättest, etwas von ihm, dem gemarterten Menschen, zu besitzen. Entschuldige meine Unverständigkeit. Komm... Wir werden ein anderes Mal wiederkommen. Nun müssen wir gehen, denn die Sonne steigt immer höher und brennt schon stark, und der Weg ist weit für uns, da wir die Stadt meiden müssen.»

Sie verlassen die Grabstätte und dann den Garten auf demselben Weg, auf dem sie gekommen sind und kehren nach Gethsemane zurück. Maria geht rasch und schweigsam, ganz in ihren Mantel gehüllt. Sie erschauert nur vor Abscheu und Schrecken, als sie an dem Ölgarten vorüberkommt, in dem Judas sich erhängt hat, und dann am Landhaus des Kaiphas, und sie flüstert: «Hier hat er seine Verdammung als unbußfertiger Verzweifelter vollendet, und dort hat er den schmählichen Handel abgeschlossen.»

705. DAS GRABTUCH WIRD MARIA ÜBERBRACHT

Es ist Nacht. Der Mond, der seinen höchsten Stand erreicht hat, hüllt den ganzen Gethsemane und das kleine Haus von Maria und Johannes in seinen silbernen Schein. Alles schweigt. Auch der Kedron, der nur noch

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ein dünnes Rinnsal ist, rauscht nicht. Auf einmal hört man in der tiefen Stille das Knirschen von Sandalen, das immer deutlicher wird und näher kommt, und gleichzeitig das Flüstern einiger tiefer Männerstimmen. Dann treten drei Personen aus dem Gewirr der Bäume und begeben sich zum Haus. Sie klopfen an die geschlossene Tür. Eine Lampe wird angezündet und ihr schwacher, zitternder Schein dringt durch einen Spalt in der Tür. Eine Hand öffnet, ein Kopf schaut heraus und die Stimme des Johannes fragt: «Wer seid ihr?»

«Joseph von Arimathäa, und bei mir sind Nikodemus und Lazarus. Die Stunde ist unpassend. Aber die Klugheit gebietet uns, diese zu wählen. Wir möchten Maria etwas bringen, und Lazarus hat uns begleitet.»

«Kommt herein. Ich gehe und rufe sie. Sie schläft nicht. Sie betet in ihrem Zimmerchen auf der Terrasse. Es gefällt ihr dort so gut!» sagt Johannes und geht rasch die Stufen hinauf, die zur Terrasse und dem oberen Raum führen.

Die Drei sind in der Küche geblieben und reden im schwachen Schein der Lampe leise miteinander. Sie stehen beisammen am Tisch, noch ganz in ihre Mäntel gehüllt, und nur ihre Köpfe sind nicht mehr bedeckt.

Johannes kehrt zurück mit Maria, die die Drei begrüßt mit den Worten: «Der Friede sei mit euch allen.»

«Und mit dir, Maria», antworten sie und verneigen sich.

«Besteht irgendeine Gefahr? Ist den Dienern Jesu etwas zugestoßen?»

«Nein, Frau. Wir haben beschlossen, zu kommen und dir etwas zu bringen, was du – nun wissen wir es sicher, während wir es bisher nur ahnten – haben wolltest! Wir sind nicht eher gekommen, da wir nicht miteinander einig waren, nicht miteinander und auch nicht mit Maria des Lazarus. Martha hat sich nicht geäußert. Sie hat nur gesagt: "Der Herr wird euch selbst oder durch andere sagen, was ihr tun sollt." Und es ist uns wirklich gesagt worden, was wir tun sollen. Deshalb sind wir gekommen», erklärt Joseph.

«Hat der Herr zu euch gesprochen? Ist er zu euch gekommen?»

«Nein, Mutter. Nach seiner Himmelfahrt nicht mehr. Vorher ja. Er ist uns – wir haben es dir erzählt – nach der Auferstehung in meinem Haus auf übernatürliche Weise erschienen. Am gleichen Tag ist er zur gleichen Zeit vielen erschienen, um seine Gottheit und seine Auferstehung zu beweisen. Dann haben wir ihn noch gesehen, solange er unter den Menschen war, aber nicht mehr auf übernatürliche Weise, sondern so, wie ihn auch die Apostel und die Jünger gesehen haben», antwortet Nikodemus.

«Und wie hat er euch dann den Weg gezeigt, den ihr einschlagen sollt?»

«Durch den Mund eines seiner Bevorzugten und Nachfolger.»

«Petrus? Das glaube ich nicht. Er ist noch zu verschreckt von all dem Vergangenen und von seiner neuen Aufgabe.»

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«Nein, Maria, nicht Petrus. Aber er wird immer sicherer, und nun, da er weiß, zu welchem Zweck Lazarus das Haus des Abendmahls bestimmt hat, hat er beschlossen, mit regelmäßigen Agapen zu beginnen und immer am Tag nach dem Sabbat das Geheimnis zu feiern. Denn dieser Tag, sagt er, ist nun der Tag des Herrn, da er an diesem Tag auferstanden und vielen erschienen ist, um sie im Glauben an seine ewige göttliche Natur zu bestärken. Es gibt nun den Sabbat der Hebräer nicht mehr, aber vielleicht den der Sabaoth. Der Sabbat ist nicht mehr, denn für die Christen gibt es keine Synagoge mehr, sondern die Kirche, so wie es die Propheten vorhergesagt haben. Aber es gibt noch den Tag des Herrn, und es wird ihn immer geben, zum Gedächtnis des Gottmenschen, der Meister, Gründer und ewiger Hoherpriester der christlichen Kirche geworden ist, nachdem er Erlöser war. Vom Tag nach dem nächsten Sabbat an werden daher die Agapen der Christen stattfinden, und es werden viele sein, die sich im Haus des Abendmahls versammeln. Bisher war das nicht möglich, sowohl wegen des Zornes der Pharisäer, der Priester, der Sadduzäer und der Schriftgelehrten, als auch wegen der vorübergehenden Zerstreuung vieler Jünger Jesu, deren Glauben erschüttert war und die den Haß der Juden fürchteten. Aber nun sind diese Haßerfüllten weniger aufmerksam, ich würde sagen, sie zeigen kein Interesse mehr, gleichsam als sei die ganze Sache gestorben und erledigt. Vielleicht fürchten sie Rom, das das Verhalten des Prokonsuls und des Volkes getadelt hat, oder sie halten "die Überspanntheit der Fanatiker" – so definieren sie den Glauben der Christen an Christus – für beendet wegen der zeitweiligen Zerstreuung der Gläubigen, die in Wirklichkeit nur sehr kurz gedauert und nun ein Ende hat, da alle Schafe in den Schafstall des wahren Hirten zurückgekehrt sind. Und dies gestattet uns, zu den Agapen zusammenzukommen. Wir möchten, daß du dieses Andenken an ihn hast und es schon beim erstenmal den Gläubigen zeigen kannst, um sie im Glauben zu stärken, ohne allzu großen Schmerz für dich.» Und Joseph reicht ihr eine umfangreiche, in ein dunkelrotes Tuch gewickelte Rolle, die er bisher unter seinem Mantel verborgen gehalten hat.

«Was ist das?» fragt Maria erbleichend. «Vielleicht seine Kleider? Das, das ich für ihn angefertigt hatte... Oh!» Sie weint.

«Nein, die können wir um keinen Preis mehr finden. Wer weiß, wie und wo sie geendet haben», antwortet Lazarus und fügt hinzu: «Aber auch dies ist eines seiner Gewänder. Sein letztes Gewand. Es ist das saubere Grabtuch, in das der Reinste nach seiner Marter, der wenn auch eiligen und oberflächlichen Reinigung seiner durch die Feinde verunreinigten Glieder und der flüchtigen Einbalsamierung gehüllt worden ist. Joseph hat nach der Auferstehung beide aus dem Grab genommen und zu uns nach Bethanien gebracht, um ihre schimpfliche Entweihung zu verhindern. Ins Haus des Lazarus wagen sich die Feinde Jesu kaum. Noch viel

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weniger, seit sie wissen, wie Rom das Verhalten des Pontius Pilatus getadelt hat. Nachdem die gefährlichste Zeit vorüber war, haben wir dir das erste Grabtuch gegeben, und Nikodemus hat das andere genommen und in sein Landhaus gebracht.»

«Eigentlich gehören sie Joseph, o Lazarus», bemerkt Maria.

«Das stimmt, Frau. Aber das Haus des Nikodemus liegt außerhalb der Stadt. Es wird daher weniger beachtet und ist aus vielen anderen Gründen sicherer», erwidert Joseph.

«Ja, besonders seit Gamaliel mit seinem Sohn eifrig darin verkehrt», bemerkt Nikodemus.

«Gamaliel?!» sagt Maria höchst verwundert.

Lazarus kann ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken, während er antwortet: «Ja, das Zeichen, das famose Zeichen, auf das er gewartet hatte, um zu glauben, daß Jesus der Messias war, hat ihn erschüttert. Es ist nicht zu leugnen, daß das Zeichen solcherart war, daß es auch die härtesten Schädel und Herzen zerschmettert hat und sie klein beigegeben haben. Und Gamaliel wurde von diesem mächtigen Zeichen stärker erschüttert, gerüttelt und umgeworfen als die Häuser, die am Rüsttag einstürzten, als es aussah, als würde die Welt zusammen mit dem Großen Opfer untergehen. Er war mehr von seinen Gewissensbissen zerrissen als der Vorhang des Tempels, den Gewissensbissen, Jesus nicht als den erkannt zu haben, der er wirklich war. Das verschlossene Grab seines Geistes als alter, hartnäckiger Hebräer öffnete sich wie die Gräber, die die Leiber der Gerechten herausgaben, und nun sucht er unermüdlich Wahrheit, Licht, Vergebung und Leben. Das neue Leben. Das Leben, das man nur durch Jesus und in Jesus finden kann. Oh, er wird noch schwer arbeiten müssen, um sein altes Ich ganz von dem Schutt seiner früheren Denkweise zu befreien! Aber er wird es schaffen. Er sucht Frieden, Vergebung und Erkenntnis. Frieden für seine Gewissensbisse, Vergebung für seine Hartnäckigkeit und Verstocktheit und die vollkommene Erkenntnis dessen, den er nicht vollkommen kennenlernen wollte, solange er es gekonnt hätte. Deshalb geht er zu Nikodemus, um das Ziel zu erreichen, das zu erreichen er sich nun fest vorgenommen hat.»

«Bist du sicher, daß er dich nicht verraten wird, Nikodemus?» fragt Maria.

«O nein, er wird mich nicht verraten. Im Grund ist er ein Gerechter. Vergiß nicht, daß er es gewagt hat, dem Synedrium zu widersprechen bei dem schändlichen Prozeß, und daß er den ungerechten Richtern seinen Abscheu und seine Verachtung offen gezeigt hat, indem er hinausgegangen ist und auch seinem Sohn befohlen hat, zu gehen, um nicht durch passive Anwesenheit an diesem größten aller Verbrechen mitschuldig zu werden. Dies zu Gamaliel. Was die Grabtücher betrifft, so habe ich mir gedacht – so wenig bin ich mehr Hebräer und daher auch nicht mehr dem

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Verbot des Deuteronomiums hinsichtlich geschnitzter und gegossener Bilder unterworfen – daß ich, so gut ich es eben kann, eine Statue des gekreuzigten Jesus anfertige. Ich werde eine meiner riesigen Libanonzedern dazu verwenden und eines der Grabtücher darin verbergen; das erste, wenn du, Mutter, es dafür hergibst. Es würde dir zu großen Schmerz bereiten, es immer wieder zu sehen, da man an ihm allen Unflat und Schmutz erkennen kann, mit dem Israel den Sohn seines Gottes so schmählich beworfen hat. Außerdem, gewiß durch die Erschütterungen beim Abstieg von Golgotha, die die Stellung des gemarterten Hauptes immer wieder verändert haben, ist sein Bild verwischt und kaum zu erkennen. Aber mir ist diese Leinwand, obwohl das Bild verwischt und beschmutzt ist, lieb und heilig, denn sein Blut und sein Schweiß sind darauf. Und in dieser Skulptur verborgen wäre sie sicher, denn kein Israelit der oberen Kasten würde es wagen, ein Bildwerk anzurühren. Das andere, das zweite Grabtuch, das ihn vom Abend des Rüsttags bis zur Auferstehung eingehüllt hat, mußt du erhalten. Und – ich sage es dir, damit du bei seinem Anblick nicht allzu erschüttert bist – du mußt wissen, daß im Verlauf der Tage seine Gestalt immer klarer auf dem Leinen in Erscheinung getreten ist, so wie sie nach der Waschung war. Als wir es aus dem Grab nahmen, schien es nur der Abdruck seiner von Salben und dem Blut und Sekret der vielen Wunden bedeckten Glieder zu sein. Aber durch irgendeinen natürlichen Vorgang oder, was viel wahrscheinlicher ist, durch einen übernatürlichen Eingriff, durch eines seiner Wunder, mit der er dir Freude bereiten will, erscheint der Abdruck immer klarer und deutlicher. Er ist hier auf dieser Leinwand, schön und mächtig, obgleich verwundet, ruhig und friedvoll, auch nach so viel Marter. Fühlst du dich stark genug, es anzusehen?»

«Oh, Nikodemus! Aber dies war doch mein größter Wunsch! Du sagst, daß sein Antlitz voll Frieden ist... Oh, ihn so sehen zu können, und nicht mit dem gequälten Ausdruck, den er auf dem Schleier der Nike hat!» antwortet Maria mit vor der Brust gefalteten Händen.

Die Vier rücken nun den Tisch in die Mitte, um mehr Platz zu haben, und, Johannes und Lazarus auf der einen und Nikodemus und Joseph auf der anderen Seite, entfalten langsam die lange Leinwand. Zuerst erscheint die Rückseite, bei den Füßen beginnend, dann, wo die Abdrücke des Kopfes fast aufeinander treffen, die Vorderseite. Die Linien sind deutlich, und deutlich sind auch die Male – alle Male, die der Geißelung, der Dornenkrönung – die Schürfwunden vom Kreuz, die Quetschungen der Schläge und Stürze, und die Wunden der Nägel und der Lanze.

Maria fällt auf die Knie, küßt das Tuch, streichelt die Abdrücke, küßt die Wundmale. Sie ist bekümmert, aber ebenso sichtlich zufrieden, dieses übernatürliche, wunderbare Bild von ihm zu haben.

Nachdem sie ihre Verehrung beendet hat, wendet sie sich an Johannes,

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der nicht neben ihr stehen kann, weil er die Leinwand an einer Ecke halten muß: «Du warst es, der es ihnen gesagt hat, Johannes. Nur du konntest es sagen, denn nur du allein hast um diesen meinen Wunsch gewußt.»

«Ja, Mutter. Ich bin es gewesen. Und ich habe diesen Wunsch kaum ausgesprochen, als sie ihn auch schon erfüllen wollten. Sie mußten aber auf den geeigneten Moment warten, um es zu tun ...»

«Also auf eine klare Nacht, um ohne Fackeln und Laternen kommen zu können; und auf eine Zeit ohne Feierlichkeiten, bei denen hier in Jerusalern und in der Umgebung viel Volk und die Vornehmen zusammenkommen. Und dies aus Vorsicht ...» erklärt Nikodemus.

«Und ich habe sie zur größeren Sicherheit begleitet. Als Herr des Gethsemane kann ich diesen Ort aufsuchen, ohne aufzufallen oder Verdacht zu erregen bei dem einen oder anderen von denen... die beauftragt sind, alle und alles zu beobachten», schließt Lazarus.

«Gott segne euch alle. Doch ihr habt die Tücher gekauft... Es ist nicht recht...»

«Es ist recht, Mutter. Ich habe von Christus, deinem Sohn, ein Geschenk erhalten, das nicht mit Geld zu bezahlen ist: das Geschenk des Lebens nach vier Tagen im Grab und zuvor die Bekehrung meiner Schwester Maria. Joseph und Nikodemus haben von Jesus das Licht, die Wahrheit, das unsterbliche Leben erhalten. Und du... du hast durch deinen Schmerz als Mutter und deine Liebe zu allen Menschen als heiligste Mutter nicht nur ein Tuch, sondern die ganze christliche Welt, die immer größer werden wird, für Gott erkauft. Was du gegeben hast, kann nicht mit Geld bezahlt werden. Nimm wenigstens dies. Es gehört dir. Und es ist nur recht und billig so. Auch Maria, meine Schwester, denkt dies. Sie hat es immer gedacht, vom Augenblick seiner Auferstehung an, und mehr noch, seit er dich verlassen hat, um zum Vater aufzufahren», antwortet Lazarus.

«So sei es also. Ich gehe und hole das andere. Es schmerzt mich wirklich, es zu sehen... Dieses hier ist anders. Es strahlt Frieden aus! Denn er ist hier ruhig und im Frieden. Es scheint, als fühle er in seinem Todesschlaf schon das wiederkehrende Leben und die Herrlichkeit, der niemand mehr etwas anhaben kann. Nun habe ich keinen anderen Wunsch mehr, als mich mit ihm zu vereinigen. Auch dies wird geschehen, wann und wie Gott will. Ich gehe. Und Gott möge euch die Freude, die ihr mir bereitet habt, hundertfach vergelten.»

Maria nimmt ehrfürchtig das Grabtuch, das die vier Männer wieder zusammengelegt haben, verläßt die Küche und eilt die Treppe hinauf... Kurz darauf kommt sie wieder herunter mit dem ersten Leichentuch und übergibt es Nikodemus, der sagt: «Gott schenke dir seine Gnade, Frau. Nun wollen wir gehen, denn der Morgen graut, und es ist ratsam, zu Hause zu sein, bevor es ganz hell ist und die Leute ihre Häuser verlassen.»

Die Drei huldigen ihr, bevor sie hinausgehen und mit raschen Schritten

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und auf dem gleichen Weg, auf dem sie gekommen sind, einem der Eingänge des Gethsemane, der der Straße nach Bethanien am nächsten liegt, zueilen.

Maria und Johannes bleiben an der Tür des Häuschens, bis sie verschwunden sind. Dann kehren sie in die Küche zurück, schließen die Tür und sprechen leise miteinander...

706. DAS MARTYRIUM DES STEPHANUS

Der Versammlungssaal des Synedriums ist noch genauso wie beim Prozeß Jesu in der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag, sowohl was die Einrichtung als auch was die Anwesenden betrifft. Der Hohepriester und die anderen sitzen an ihren Plätzen. Vor dem Hohenpriester, auf dem freien Platz in der Mitte, wo Jesus bei seinem Prozeß gestanden ist, steht nun Stephanus. Er muß schon gesprochen und Zeugnis von seinem Glauben und der wahren Natur Jesu und von seiner Kirche abgelegt haben, denn die Heftigkeit des Tumults hat ihren Höhepunkt erreicht und gleicht in allem dem Tumult, der gegen Christus losbrach in der verhängnisvollen Nacht des Verrates und Gottesmordes.

Sie schütteln die Fäuste und schleudern Flüche und furchtbare Lästerungen gegen den Diakon Stephanus, der unter den brutalen Schlägen wankt und taumelt, während sie ihn gewaltsam hin und her zerren.

Doch er bewahrt seine Ruhe und Würde. Ja noch mehr. Er ist nicht nur ruhig und würdevoll, sondern selig, beinahe verzückt. Ohne sich um den Speichel zu kümmern, der ihm über das Gesicht rinnt, und um das Blut, das ihm nach einem heftigen Schlag aus der Nase fließt, erhebt er auf einmal sein verklärtes Gesicht und seinen leuchtenden, lächelnden Blick zu einer Vision, die nur er allein sieht. Dann öffnet er die Arme in Kreuzform, erhebt sie und streckt sie empor, als wolle er umarmen, was er sieht. Schließlich fällt er auf die Knie und ruft aus: «Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn, Jesus, den Christus Gottes, den ihr getötet habt, zur Rechten Gottes stehen.»

Nun verliert der Tumult noch den letzten Rest an Menschlichkeit und Gesetzmäßigkeit, und mit der Raserei einer Meute von Wölfen, Schakalen oder tollwütigen Raubtieren stürzen sich alle auf den Diakon, beißen ihn, geben ihm Fußtritte, packen ihn, reißen ihn an den Haaren auf die Füße, werfen ihn wieder zu Boden und behindern sich dabei gegenseitig in ihrem Wüten und Drängen, denn die einen wollen den Märtyrer hinausschleppen und können es nicht, weil andere ihn in eine andere Richtung zerren, um ihn noch länger zu schlagen und zu treten.

Zu den Allerschlimmsten unter den Rasenden gehört ein kleinwüchsiger,

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häßlicher Jüngling, den sie Saulus nennen. Die Wildheit seines Gesichtes ist unbeschreiblich.

In einer Ecke des Saales steht Gamaliel. Er hat sich nicht an dem Handgemenge beteiligt und auch nie das Wort an Stephanus oder an einen der Mächtigen gerichtet. Sein Abscheu vor der ungerechten und wilden Szene ist augenscheinlich. In einer anderen Ecke, ebenfalls angewidert und unbeteiligt am Prozeß und an dem Durcheinander, steht Nikodemus und beobachtet Gamaliel, dessen Gesicht mehr sagt, als Worte es können. An einem gewissen Punkt, gerade als er sieht, daß Stephanus zum dritten Mal an den Haaren emporgerissen wird, hüllt sich Gamaliel in seinen weiten Mantel und geht zu einer Tür, die dem Ausgang gegenüberliegt, zu dem nun der Diakon gezerrt wird.

Dies entgeht Saulus nicht, der sofort schreit: «Rabbi, du gehst fort?»

Gamaliel antwortet nicht. Saulus, der wohl glaubt, Gamaliel habe nicht begriffen, daß die Frage an ihn gerichtet war, wiederholt noch genauer: «Rabbi Gamaliel, du verläßt dieses Gericht?»

Gamaliel wendet sich mit einem Ruck um und antwortet mit furchtbarem, stolzem, eisigem und von Abscheu erfülltem Blick nur: «Ja.» Aber dieses «Ja» spricht Bände.

Saulus versteht die ganze Bedeutung dieses «Ja», verläßt die wütende Meute und läuft Gamaliel nach. Er holt ihn ein, hält ihn auf und sagt: «Du willst mir doch damit nicht sagen, daß du das Urteil nicht billigst, Rabbi?»

Gamaliel sieht ihn nicht an und gibt ihm auch keine Antwort. Saulus fängt wieder an: «Dieser Mensch ist doppelt schuldig, weil er das Gesetz geleugnet hat, da er einem Samariter gefolgt ist, der von Beelzebub besessen war, und weil er dies noch dazu getan hat, nachdem er dein Jünger war!»

Gamaliel sieht ihn immer noch nicht an und schweigt. Aber Saulus fragt: «Oder bist du etwa, auch du, ein Jünger dieses Übeltäters Jesus ?»

Nun spricht Gamaliel: «Ich bin es noch nicht. Aber wenn er der war, der er sagte, und wahrlich, vieles spricht dafür, daß es so ist, dann bitte ich Gott, daß ich sein Jünger werde.»

«Entsetzlich!» schreit Saulus.

«Keineswegs entsetzlich! Jeder besitzt einen Verstand, um ihn zu gebrauchen, und eine Freiheit, um sie zu nützen. Jeder soll ihn daher anwenden in der Freiheit, die Gott jedem Menschen gegeben hat, und in dem Licht, mit dem er jedes Herz erleuchtet. Die Gerechten werden diese beiden Gaben Gottes früher oder später zum Guten und die Bösen zum Bösen gebrauchen.» Und Gamaliel geht hinaus in den Hof des Tempelschatzes und lehnt sich an dieselbe Säule, an der auch Jesus gestanden ist, als er von der armen Witwe sprach, die dem Tempel alles gegeben hatte, was sie besaß: zwei Heller. Er steht noch nicht lange dort, als Saulus wieder erscheint und sich vor ihm aufpflanzt.

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Der Unterschied zwischen beiden ist sehr groß. Gamaliel ist hochgewachsen, von vornehmer Art, mit ausgeprägten semitischen, aber schönen Gesichtszügen, hoher Stirn und rabenschwarzen, intelligenten, durchdringenden großen Augen, die tief unter den dichten, geraden Brauen liegen, und gerader, langer, schmaler Nase, die etwas an die Nase Jesu erinnert. Auch die Hautfarbe und der Mund mit den schmalen Lippen erinnern an Jesus. Nur der Bart und der Oberlippenbart Gamaliels sind nicht mehr tiefschwarz wie früher, sondern stark graumeliert und etwas länger.

Saulus dagegen ist klein, untersetzt, fast rachitisch, mit kurzen, dicken, an den Knien etwas voneinander abstehenden Beinen, was man gut sehen kann, denn er hat seinen Mantel abgelegt und trägt nur ein kurzes, gräuliches, tunikaartiges Gewand. Seine Arme sind kurz und kräftig wie die Beine, der Hals kurz und gedrungen, darauf ein großer Kopf mit braunem, kurzem, drahtigem Haar, eher abstehenden Ohren, stumpfer Nase, aufgeworfenen Lippen, hohen, breiten Backenknochen, gewölbter Stirn und dunklen Augen – Kuhaugen ähnlich, die aber ganz und gar nicht sanft und demütig sind – unter den stark gewölbten, dichten, wirren Brauen. Ein wie das Haar borstiger und sehr dichter, aber kurz gehaltener Bart bedeckt die Wangen. Vielleicht läßt der kurze Hals ihn leicht bucklig oder zumindest seinen Rücken ziemlich rund erscheinen.

Saulus schweigt zunächst und schaut Gamaliel fest in die Augen. Dann sagt er leise etwas. Gamaliel antwortet ihm mit klarer, lauter Stimme: «Ich lehne jede Gewalt ab. In jedem Fall. Ich werde niemals meine Zustimmung zu einem gewaltsamen Vorgehen geben. Ich habe dies bereits öffentlich, vor dem ganzen Synedrium, gesagt, als man Petrus und die anderen Apostel zum zweiten Mal gefangengenommen und vor das Synedrium gebracht hatte, um sie zu richten. Und ich wiederhole: "Stammt dieses Vorhaben oder Unternehmen nur von Menschen, so geht es zugrunde; stammt es aber von Gott, so können Menschen es nicht zerstören, vielmehr könnten sie von Gott bestraft werden." Denke daran.»

«Bist du denn der Beschützer dieser gotteslästerlichen Jünger des Nazareners, du, der größte Rabbi Israels?»

«Ich bin der Hüter der Gerechtigkeit. Und diese lehrt, vorsichtig und gerecht im Urteil zu sein. Ich wiederhole es dir. Wenn es von Gott kommt, wird es fortdauern, wenn nicht, wird es von selbst ein Ende nehmen. Und ich will meine Hände nicht mit einem Blut beflecken, von dem ich nicht weiß, ob es den Tod verdient.»

«Du, du, der Pharisäer und Gelehrte, sprichst so? Fürchtest du den Allerhöchsten nicht?»

«Mehr als du. Aber ich denke nach. Und ich erinnere mich... Du warst noch klein, noch kein Sohn des Gesetzes, da lehrte ich schon in diesem Tempel, zusammen mit dem weisesten Rabbi dieser Zeit... und mit anderen

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Klugen, aber nicht Gerechten. Unsere Weisheit hat in diesen Mauern eine Lehre erhalten, die uns für den Rest unseres Lebens nachdenklich gemacht hat. Die Augen des weisesten und gerechtesten Rabbi unserer Zeit schlossen sich in der Erinnerung an jene Stunde, während sein Verstand sich noch mit den Wahrheiten befaßte, die wir von den Lippen eines Knaben vernommen hatten, der sich den Menschen offenbarte, wenigstens den Gerechten. Meine Augen haben unentwegt beobachtet, und mein Verstand hat nachgedacht und Vorfälle und Dinge abgewogen... Ich habe das Privileg gehabt, den Allerhöchsten durch den Mund eines Kindes reden zu hören, das ein gerechter, mächtiger, weiser, heiliger Mann wurde, der dann gerade wegen dieser seiner Eigenschaften zum Tod verurteilt wurde. Seine Worte von einst fanden ihre Bestätigung viele Jahre später in Ereignissen, die Daniel zu seiner Zeit vorausgesagt hatte. Ich, Elender, habe es zu spät verstanden! Ich habe auf das letzte furchtbare Zeichen gewartet, um zu glauben und zu verstehen! Armes Volk Israel, das damals nicht begriffen hat und nicht einmal jetzt begreift! Die Prophezeiungen Daniels und die der anderen Propheten und des Wortes Gottes sind noch nicht völlig eingetroffen und werden sich erfüllen an dem halsstarrigen Israel, dem blinden, tauben, ungerechten Israel, das den Messias in seinen Dienern immer noch verfolgt.»

«Fluch über dich! Du lästerst Gott! Wahrlich, es wird keine Rettung mehr geben für das Volk Gottes, wenn die Rabbis von Israel lästern und Jahwe, den wahren Gott, verleugnen und einen falschen Messias preisen und an ihn glauben!»

«Nicht ich lästere, sondern all jene, die den Nazarener beschimpft haben und ihm immer noch Schimpf antun, indem sie seinen Nachfolgern Schimpf antun. Du, ja, du lästerst ihn, denn du haßt ihn, in ihm und in den Seinen. Aber du hast wahr gesprochen, wenn du sagst, daß es für Israel keine Rettung mehr gibt. Aber nicht, weil es Israeliten gibt, die zu seiner Herde gehören, sondern weil Israel ihn zum Tod verurteilt hat.»

«Ich verabscheue dich! Du verrätst das Gesetz, den Tempel!»

«Verklage mich nur beim Synedrium, damit auch ich dasselbe Schicksal erleide wie jener, der nun gesteinigt werden soll. Es wird der Beginn und die glückliche Vollendung deiner Mission sein. Und ich werde durch mein Opfer Vergebung erlangen, daß ich Gott, der vorüberging, nicht erkannt und verstanden habe, den Erlöser, den Meister, der unter uns, seinen Kindern und seinem Volk, weilte.»

Saulus dreht sich mit einer zornigen Gebärde und grob um und kehrt zurück in den Hof vor dem Saal des Synedriums, wo immer noch das Geschrei der gegen Stephanus aufgebrachten Volksmenge erschallt. Saulus gesellt sich zu den Henkersknechten, die in diesem Hof auf ihn warten, verläßt zusammen mit den anderen den Tempel und begibt sich zur Stadtmauer. Der Diakon wird immer noch verhöhnt, beschimpft und

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geschlagen, während er sich erschöpft, verwundet und wankend zur Richtstatt schleppt.

Außerhalb der Stadtmauer ist ein öder, steiniger, völlig verlassener Platz. Dort angekommen, bilden die Henkersknechte einen Kreis und lassen den Verurteilten mit seinen zerrissenen Kleidern allein in der Mitte stehen. Er blutet an vielen Stellen des Körpers aus den Wunden, die sie ihm schon geschlagen haben. Bevor sie sich etwas entfernen, reißen sie ihm auch noch die Kleider vom Leib. Stephanus behält nur eine ganz kurze Tunika an. Dann legen sie alle die langen Gewänder ab und stehen nun in kurzen Tuniken da, ähnlich der des Saulus, dem sie die Kleider. übergeben, da er sich nicht an der Steinigung beteiligt, sei es, weil er betroffen von den Worten des Gamaliel ist, sei es, weil er nicht gut zielen kann.

Die Henkersknechte sammeln große Kiesel und spitze Steine, von denen es hier mehr als genug gibt, und beginnen mit der Steinigung.

Die ersten Steine treffen Stephanus noch im Stehen, mit einem Lächeln der Vergebung auf den verwundeten Lippen, die kurz vor Beginn der Steinigung Saulus zugerufen haben, als dieser gerade die Kleider der Steiniger aufhob: «Mein Freund, ich erwarte dich auf dem Weg Christi.»

Worauf Saulus geantwortet hat: «Schwein! Besessener!» und ihm einen kräftigen Fußtritt gegen das Schienbein gegeben hat, der den Diakon fast zu Fall gebracht hätte, sowohl durch den Stoß als auch durch den Schmerz.

Nach mehreren Steinwürfen, die Stephanus von allen Seiten treffen, fällt er auf die Knie und stützt sich auf die blutenden Hände. Und gewiß erinnert er sich dabei an eine weiter zurückliegende Episode, denn er betastet seine Schläfen und die verletzte Stirn und flüstert: «Wie er es mir vorausgesagt hat! Die Krone... die Rubine... O mein Gott, Meister, Jesus, nimm meinen Geist auf!»

Ein weiterer Steinhagel auf das schon verwundete Haupt wirft ihn ganz auf den Boden, der sein Blut trinkt. Während er unter den Steinen zusammensinkt, dem immer noch andauernden Steinhagel, flüstert er sterbend: «Herr... Vater... verzeihe ihnen... Rechne ihnen diese Sünde nicht an... Sie wissen nicht, was...» Der Tod läßt ihn diesen Satz nicht zu Ende sprechen, in einer letzten Zuckung scheint er sich zusammenzukauern, und so bleibt er liegen. Tot.

Die Henkersknechte kommen näher, werfen weitere Steine auf ihn und begraben ihn beinahe darunter. Dann ziehen sie sich wieder an und gehen in den Tempel zurück, um dort zu berichten, was sie getan haben, trunken von satanischem Eifer.

Während sie mit dem Hohenpriester und anderen Mächtigen reden, sucht Saulus Gamaliel. Er findet ihn nicht sofort und kehrt, von glühendem Haß gegen die Christen erfüllt, zu den Priestern zurück, spricht mit

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ihnen und läßt sich ein Pergament mit dem Siegel des Tempels geben, das ihn berechtigt, die Christen zu verfolgen. Das Blut des Stephanus muß ihn rasend gemacht haben, wie ein rotes Tuch einen Stier oder starker Wein einen Alkoholiker.

Er will gerade den Tempel verlassen, als er unter dem Tor der Heiden Gamaliel erblickt. Er geht zu ihm. Vielleicht will er sich rechtfertigen oder einen Streit anfangen. Aber Gamaliel durchquert den Hof, betritt einen Saal und schließt die Tür vor der Nase des Saulus, der beleidigt und zornig aus dem Tempel läuft, um die Christen zu verfolgen.

707. DIE VERSCHIEDENEN WIRKUNGEN UND FOLGEN DER BEGEGNUNGEN MIT CHRISTUS

«Ich habe mich oft und vielen geoffenbart, auch in außergewöhnlichen Offenbarungen. Doch nicht bei allen hat dies dieselbe Wirkung hervorgebracht. Wir können sehen, wie jede meiner Offenbarungen der Heiligung derer entspricht, die den guten Willen hatten, der von den Menschen verlangt wird, um Frieden, Leben und Gerechtigkeit zu erlangen.

So hat in den Hirten die Gnade während meines dreißigjährigen verborgenen Lebens gewirkt und ist dann zu einer heiligen Ähre erblüht, als die Zeit gekommen war, da die Guten sich von den Bösen trennten, um dem Sohn Gottes zu folgen, der auf den Wegen der Welt vorüberging und den Ruf seiner Liebe erschallen ließ, um die verirrten und von Satan zerstreuten Schafe der ewigen Herde zu sammeln. Sie waren unter den Volksscharen, die mir folgten, und waren meine Boten; denn durch ihre einfachen und überzeugten Berichte verkündeten sie Christus, da sie sagten: "Er ist es. Wir erkennen ihn wieder. Auf sein erstes Wimmern haben Engel mit Wiegenliedern geantwortet. Und uns haben die Engel gesagt, daß die Menschen guten Willens den Frieden haben würden. Guter Wille ist der Wunsch nach dem Guten und der Wahrheit. Folgen wir ihm! Folgt auch ihr ihm! Dann werden wir alle den vom Herrn versprochenen Frieden haben."

Demütig, unwissend und arm mischten sich meine ersten Boten unter die Menschen, wie Wachposten an den Wegen des Königs von Israel, des Königs der Welt. Treue Augen, ehrliche Zungen, liebende Herzen, Weihrauchgefäße, die den Duft ihrer Tugenden verströmen, um die verdorbene Luft der Welt in der Umgebung meiner göttlichen Person, die Mensch geworden war für sie und für alle Menschen, zu verbessern. Und selbst am Fuß des Kreuzes habe ich sie gefunden, nachdem ich sie mit meinem Blick auf dem blutigen Weg nach Golgotha gesegnet hatte, die einzigen, außer ganz wenigen anderen, die mitten in dem entfesselten Pöbel nicht fluchten,

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sondern liebten, glaubten, immer noch hofften und mich mit mitleidigen Blicken betrachteten, während sie an die ferne Nacht meiner Geburt dachten und den Unschuldigen beweinten, der seinen ersten Schlaf auf einem harten Holz schlief und seinen letzten auf einem noch schmerzhafteren Holz. Dies war so, weil mein Erscheinen ihre aufrichtigen Seelen geheiligt hatte.

Genauso war es bei den drei Weisen aus dem Morgenland, bei Simeon und Anna im Tempel, bei Andreas und Johannes am Jordan und bei Petrus, Jakobus und Johannes auf dem Tabor, bei Maria von Magdala am Ostermorgen, bei den Elf, als ihnen im Ölgarten und schon vorher in Bethanien ihre Verwirrung verziehen worden war. Nein... Johannes, der Reine, brauchte keine Verzeihung. Er war immer der Getreue, der Heldenmütige, der Liebende. Die reine Liebe, die in ihm war, und die Reinheit seiner Gesinnung, seines Herzens und seines Fleisches bewahrten ihn vor jeder Schwäche.

Gamaliel, und ebenso Hillel, war nicht einfältig wie die Hirten, nicht heilig wie Simeon und nicht weise wie die drei Weisen. In ihm und in seinem Lehrer und Verwandten war das Gewirr der pharisäischen Lianen, die das Eindringen des Lichtes und die freie Entfaltung des Baumes des Glaubens behinderten. Aber in ihrem pharisäischen Wesen besaßen sie die Reinheit der Absicht. Sie glaubten, in der Wahrheit zu sein, und verlangten danach, es zu sein. Sie verlangten instinktiv danach, denn sie waren Gerechte, und auch ihr Verstand drängte sie dazu, denn ihre Seele schrie voll Unzufriedenheit: "In dieses Brot ist zu viel Asche gemischt. Gebt uns das Brot der echten Wahrheit."

Gamaliel war jedoch nicht so stark, daß er den Mut gefunden hätte, diese pharisäischen Lianen zu zerreißen. Er war noch zu sehr der Sklave seiner Menschlichkeit und der Sorge um sein Ansehen, seine persönliche Sicherheit und das Wohlergehen seiner Familie. Aus diesen Gründen konnte Gamaliel "den Gott, der unter seinem Volk wandelte" weder verstehen noch "diesen Verstand und diese Freiheit" benutzen, die Gott jedem Menschen gegeben hat, damit er sie zu seinem Besten gebrauche. Nur das so viele Jahre erwartete Zeichen, das Zeichen, das ihn zu Boden schmetterte und mit nicht mehr endenden Selbstvorwürfen quälte, konnte bei ihm die Erkenntnis des Christus bewirken und die Wandlung seiner alten Ansichten, worauf er, der Rabbi des Irrtums, nach langen Kämpfen zwischen seinem alten und seinem neuen Ich, ein Jünger der göttlichen Wahrheit wurde; im Gegensatz zu den Schriftgelehrten, Pharisäern und Lehrern, die das Wesen und den Geist des Gesetzes verfälscht hatten, da sie die einfache, leuchtende, von Gott stammende Wahrheit unter Bergen von menschlichen Vorschriften, die oft irrig, aber immer für sie von Vorteil waren, erstickt hatten.

Er war übrigens nicht der einzige, dem die Entscheidung schwerfiel und

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der sich dann stark im Handeln zeigte. Auch Joseph von Arimathäa und mehr noch Nikodemus konnten sich nicht sofort der jüdischen Gepflogenheiten und Lianen entledigen und die neue Lehre offen annehmen; und so kamen sie "heimlich" zu Christus, aus Furcht vor den Juden; oder sie taten so, als seien sie ihm zufällig begegnet, oder trafen ihn meistens in ihren Landhäusern oder im Haus des Lazarus in Bethanien; denn dieses war sicherer und von den Feinden des Christus gefürchtet, da ihnen bekannt war, daß der Sohn des Theophilus den vollen Schutz Roms genoß. Natürlich waren sie Gamaliel im Guten weit voraus und auch so viel mutiger, daß sie es wagten, am Karfreitag Barmherzigkeit zu üben.

Der Rabbi Gamaliel war nicht so weit. Doch ihr, die ihr dieses Werk lest, bedenkt, wie stark sein guter Wille war. Durch ihn wendet sich seine so menschliche Gerechtigkeit zum Übernatürlichen. Die des Saulus hingegen sinkt ab ins Dämonische in der Stunde, als die Entfesselung des Bösen ihn und seinen Meister Gamaliel an den Scheideweg der Wahl zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht stellte.

Der Baum des Guten und des Bösen erhebt sich vor jedem Menschen und zeigt ihm die Früchte des Bösen mit ihrem einladenden, appetitlichen Aussehen, während in seinem Laub mit den verführerischen Tönen der Nachtigall die Schlange zischt. Es ist am Menschen, dem von Gott mit Verstand und Seele ausgestatteten Geschöpf, zu unterscheiden und die gute Frucht zu wählen unter den vielen, die nicht gut sind und die Seele tödlich verwunden; und sie zu pflücken, auch wenn sie sticht und nur mühsam zu erlangen und von bitterem Geschmack und dürftigem Aussehen ist. Ihre Metamorphose, durch die sie sich viel glatter und weicher anfühlt, süßer schmeckt und schöner aussieht, erfolgt erst, wenn man mit gerechtem Geist und Verstand die gute Frucht zu wählen versteht und sich von ihrem bitteren, aber heiligen Saft genährt hat.

Saulus streckt seine gierige Hand nach der Frucht des Bösen aus, nach dem Haß, der Ungerechtigkeit, dem Verbrechen, und er wird sie ausstrecken, bis ihn der Blitz trifft, zu Boden schmettert und ihn des irdischen Augenlichtes beraubt, damit er die übernatürliche Sehkraft erlangt und nicht nur ein Gerechter, sondern sogar Apostel und Bekenner dessen wird, den er zuerst gehaßt und in seinen Dienern verfolgt hat.

Gamaliel zerriß die zähen Lianen seiner Menschlichkeit und des Hebräismus, da der ferne Same des Lichtes und der Gerechtigkeit, nicht nur der menschlichen, sondern auch der übernatürlichen Gerechtigkeit, keimte und blühte. Meine vierte Epiphanie oder Offenbarung – dieses Wort ist für euch vielleicht klarer und verständlicher – hatte ihn ihm ins Herz gelegt, in sein Herz guten Willens; den Samen, den er gehütet und verteidigt hatte mit aufrichtiger Zuneigung und dem sehnsüchtigen Wunsch, ihn keimen und blühen zu sehen. Und so streckte er die Hand nach der Frucht des Guten aus. Sein Wille und mein Blut zerbrachen die

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harte Schale dieses Samens, den er jahrzehntelang in seinem Herzen bewahrt hatte, in diesem Herzen von Stein, das auseinanderbrach, als der Vorhang des Tempels zerriß und die Erde Jerusalems sich auftat, und er dort, niedergeworfen am Fuß des Kreuzes, seinen größten Wunsch zu mir hinaufschrie; zu mir, dessen menschliche Ohren ihn nicht mehr hören konnten, dessen göttlicher Geist ihn aber sehr wohl hörte. Und unter der Sonne der feurigen Worte der Apostel und der besten Jünger und dem Regen des Blutes des ersten Märtyrers Stephanus schlug dieser Same Wurzeln, wuchs, blühte und trug Früchte. Der neue Baum seines Christentums entsproß dort, wo die Tragödie des Karfreitags alle alten Bäume und Kräuter umgestürzt, entwurzelt und vernichtet hatte.

Der Baum seines neuen Christentums und seiner neuen Heiligkeit wächst und erhebt sich vor meinen Augen. Obwohl er schuldig war, mich nicht schon früher erkannt zu haben, hat er von mir Verzeihung erlangt wegen seiner Gerechtigkeit, die nicht teilhaben wollte an meiner Verurteilung und an der des Stephanus. Sein Wunsch, mein Jünger und ein Sohn der Wahrheit und des Lichtes zu werden, wird auch vom Vater und vom heiligmachenden Geist gesegnet. Und der Wunsch wird zur Wirklichkeit, ohne daß dazu ein gewaltiger, heftiger Blitz nötig wäre wie bei Saulus, dem Anmaßenden, auf dem Weg nach Damaskus. Ihn hätte kein anderes Mittel erobern und zur Gerechtigkeit, zur Liebe, zum Licht, zur Wahrheit und zum ewigen und glorreichen Leben im Himmel führen können.»

708. DIE BEISETZUNG DES HEILIGEN STEPHANUS

Es ist mitten in der Nacht und auch dunkel, denn der Mond ist schon untergegangen, als Maria mit Petrus, Jakobus des Alphäus, Johannes, Nikodemus und dem Zeloten das Häuschen im Gethsemane verläßt. Lazarus wartet vor dem Haus auf sie, am Anfang des Weges, der zum unteren Tor führt, und da die Nacht so dunkel ist, zündet er ein Öllicht an, eine Laterne mit einem Schutzschirm aus feinen Alabasterplättchen oder sonst einem durchscheinenden Material. Das Licht ist spärlich, aber wenn man es so nahe am Boden hält, wie er es tut, dient die Laterne doch dazu, die Steine und sonstigen möglichen Hindernisse auf dem Weg zu erkennen. Lazarus geht an der Seite Marias, damit vor allem sie gut sehen kann. Johannes ist auf der anderen Seite und führt die Mutter am Arm. Die übrigen gehen in einer Gruppe hinterdrein.

Sie gehen bis zum Kedron und dann an ihm entlang, so daß sie hinter dem Gebüsch am Ufer kaum zu sehen sind. Und das Rauschen des Wassers übertönt und verbirgt das Geräusch ihrer Schritte.

Sie setzen ihren Weg an der Außenseite der Mauer entlang fort bis zu

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dem Tor, das dem Tempel am nächsten liegt, und gehen dann über den öden, unbewohnten Platz bis zu der Stelle, an der Stephanus gesteinigt wurde. Sie begeben sich zu dem Steinhaufen, unter dem er halb begraben liegt, und entfernen die Steine, bis der arme Körper zum Vorschein kommt. Durch den Tod, die Stöße und die Steinigung ist er nun bläulich und starr und so zusammengekrümmt, wie ihn der Tod ereilt hat.

Maria, die Johannes aus Barmherzigkeit in einigen Schritten Entfernung zurückgehalten hat, befreit sich nun und eilt zu diesem armen, verletzten, blutigen Körper. Ohne sich um die Flecken zu kümmern, die das geronnene Blut auf ihren Kleidern hinterläßt, legt sie mit Hilfe von Jakobus des Alphäus und Johannes den Leichnam auf ein Tuch, das sie im Staub an einer weniger steinigen Stelle ausgebreitet haben. Mit einem Linnen, das sie in eine kleine Amphore taucht, die der Zelote ihr hält, wäscht sie, so gut sie kann, das Antlitz des Stephanus, ordnet sein Haar und versucht es über die Schläfen und die verwundeten Wangen zu legen, um die furchtbaren Spuren der Steine zu verbergen. Sie wäscht auch die anderen Glieder und bemüht sich, sie in eine weniger tragische Lage zu bringen. Aber die Todesstarre, die schon vor vielen Stunden eingetreten ist, läßt dies nur teilweise zu. Nun versuchen es auch die Männer, die kräftiger und weniger empfindsam sind als Maria, die wieder der Mater dolorosa des Golgotha und des Grabes gleicht. Aber auch sie müssen sich trotz aller Bemühungen schließlich mit einem geringen Erfolg zufriedengeben. Sie legen ihm ein langes, reines Gewand an, denn seine Kleider sind verlorengegangen oder von den Peinigern gestohlen worden, um ihm einen Schimpf anzutun, und die kleine Tunika, die sie ihm gelassen haben, ist nur noch ein zerrissener, blutverschmierter Fetzen.

Nachdem sie dies im schwachen Schein der Laterne, die Lazarus nahe an den armen Leichnam hält, getan haben, heben sie diesen auf und legen ihn auf ein anderes sauberes Tuch. Nikodemus nimmt das erste Tuch, das völlig durchnäßt ist von dem Wasser, mit dem sie den Märtyrer gewaschen haben, und von seinem geronnenen Blut, und verbirgt es unter seinem Mantel. Johannes und Jakobus heben das Tuch mit dem Leichnam am Kopfende und Petrus und der Zelote am Fußende, und so treten sie den Rückweg an. Lazarus und Maria gehen voraus.

Sie kehren jedoch nicht auf dem gleichen Weg zurück, sondern gehen durch die Felder und am Fuß des Ölberges entlang und kommen so auf die Straße nach Jericho und Bethanien. Hier verweilen sie, um sich auszuruhen und miteinander zu reden.

Und Nikodemus, der ja bei der Verurteilung des Stephanus, wenngleich unbeteiligt, dabeigewesen ist und der als Vorsteher der Juden besser als die anderen die Pläne des Synedriums kennt, teilt den Anwesenden mit, daß eine Verfolgung der Christen angeordnet wurde und begonnen hat, und

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daß Stephanus nur der erste auf einer langen Liste von Namen von Anhängern Christi ist.

Der erste Ausruf der Apostel ist: «Sie sollen tun, was sie wollen! Wir werden nicht aufgeben, weder aus Furcht noch aus Vorsicht.»

Aber die Besonneneren unter den Anwesenden, also Lazarus und Nikodemus, machen Petrus und Jakobus des Alphäus darauf aufmerksam, daß die Kirche noch sehr wenige Priester Christi hat; und wenn die wichtigsten von ihnen, also Petrus, der Oberhirte, und Jakobus, der Bischof von Jerusalem, getötet würden, könnte die Kirche nur schwerlich überleben. Sie erinnern Petrus auch daran, daß ihr Gründer und Meister damals Judäa verlassen hatte und nach Samaria gegangen war, um nicht getötet zu werden, bevor er die Belehrung seiner Diener abgeschlossen hatte, und wie er ihnen geraten hatte, seinem Beispiel zu folgen, bis die Zahl der Hirten so zugenommen habe, daß bei ihrem Tod eine Zerstreuung der Gläubigen nicht mehr zu befürchten sei. Und sie schließen mit den Worten: «Verteilt auch ihr euch über Judäa und Samaria. Gewinnt unter diesen Leuten Proselyten und zahlreiche Hirten und zerstreut euch von dort über die ganze Erde, damit gemäß seinem Auftrag alle Völker das Evangelium kennenlernen.»

Die Apostel sind unschlüssig. Sie sehen Maria an, als wollten sie von ihr hören, wie sie darüber denkt. Und Maria, die diese Blicke versteht, sagt: «Der Rat ist gut. Befolgt ihn. Es ist nicht Feigheit, sondern Vorsicht. Er selbst hat euch gelehrt: "Seid einfältig wie die Tauben und klug wie die Schlangen. Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe. Hütet euch vor den Menschen..."»

Jakobus unterbricht sie: «Ja, Mutter. Aber er hat auch gesagt: "Wenn sie euch überliefern und vor Statthalter und Könige führen, so seid nicht besorgt darüber, was ihr antworten sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird für euch und in euch reden!" Und ich bleibe hier. Der Jünger muß sein wie der Meister. Er ist gestorben, um seiner Kirche das Leben zu geben. Jeder von uns, der stirbt, wird ein Stein für den neuen, großen Tempel sein und das Leben des großen, unsterblichen Leibes der universalen Kirche vermehren. Sollen sie mich also töten, wenn sie wollen. Im Himmel, an der Seite meines Bruders, werde ich glücklicher und mächtiger sein. Den Tod fürchte ich nicht. Nur die Sünde. Wenn ich meinen Platz verlassen würde, käme ich mir fast vor wie Judas, der vollkommene Verräter. Diese Sünde wird Jakobus des Alphäus niemals begehen. Wenn ich fallen muß, werde ich als Held an der Stätte meines Kampfes fallen, an dem Platz, an den er mich gestellt hat.»

Maria antwortet ihm: «In deine Geheimnisse mit dem Gottmenschen will ich nicht eindringen. Wenn er es dir so eingibt, dann handle so. Er allein, der Gott ist, hat das Recht, zu gebieten. An uns ist es, ihm immer und in allem zu gehorchen und seinen Willen zu tun.»

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Petrus, der weniger heroisch ist, spricht mit dem Zeloten, um seine Meinung dazu zu hören. Lazarus, der bei den beiden steht und alles mitanhört, schlägt vor: «Kommt nach Bethanien. Es ist nahe bei Jerusalem und nahe der Straße nach Samaria. Christus ist oft von dort aufgebrochen, um seinen Feinden zu entgehen ...»

Nikodemus macht nun seinerseits einen Vorschlag: «Kommt in mein Landhaus. Es ist sicher und liegt nicht weit von Bethanien und von Jerusalem und an der Straße, die über Jericho nach Ephraim führt.»

«Nein, mein Haus ist besser, denn es steht unter dem Schutz Roms», sagt Lazarus wieder.

«Du bist schon zu sehr verhaßt, seit Jesus dich zum Leben erweckt und damit so machtvoll seine göttliche Natur bewiesen hat», erwidert Nikodemus.

«Und was ist mit meinem Haus? Eigentlich gehört es Lazarus. Aber es trägt noch immer meinen Namen», sagt Simon der Zelote.

Maria ergreift nun das Wort und sagt: «Laßt mich nachdenken und entscheiden, was am besten zu tun ist. Gott wird mir sein Licht nicht verweigern. Sobald ich es weiß, werde ich es euch sagen. Nun kommt ihr zunächst zu mir nach Gethsemane.»

«Sitz aller Weisheit und Mutter des Wortes und des Lichtes, du bist immer der Stern, der uns sicher führt. Wir gehorchen dir», sagen alle miteinander, fast als hätte wirklich der Heilige Geist in ihren Herzen und mit ihren Lippen gesprochen.

Sie stehen auf aus dem Gras, in das sie sich am Rand der Straße gesetzt haben, und während Petrus, Jakobus, Simon und Johannes mit Maria nach Gethsemane gehen, nehmen Lazarus und Nikodemus das Tuch, in das der Leichnam des Stephanus gehüllt ist, und begeben sich im ersten Morgengrauen zur Straße nach Bethanien und Jericho. Wohin bringen sie den Märtyrer? Geheimnis.

709. GAMALIEL WIRD CHRIST

Jahre müssen vergangen sein, denn Johannes ist nun im besten Mannesalter; seine Gestalt ist kräftiger, sein Gesicht reifer, und Haar und Bart sind von viel dunklerem Blond.

Maria spinnt, während Johannes die Küche im kleinen Haus von Gethsemane in Ordnung bringt. Die Wände sind erst vor kurzem gekalkt worden, und alles, was aus Holz ist, ist frisch gestrichen: Hocker, Türen und ein Regal, auf dem die Lampe steht. Maria hat sich nicht verändert. Ihr Aussehen ist frisch und friedvoll. Jegliche Spur des Schmerzes über den Tod des Sohnes, seine Rückkehr in den Himmel und die ersten Verfolgungen

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der Christen ist aus ihrem Antlitz verschwunden. Die Zeit hat diesem sanften Gesicht ihre Zeichen nicht aufgeprägt, und das Alter hat nicht die Macht, ihm seine frische, reine Schönheit zu rauben.

Die auf dem Regal brennende Lampe wirft ihr flackerndes Licht auf die kleinen, flinken Hände der Mutter, den weißen, um den Rocken gewickelten Flachs, den dünnen Faden, die glänzende Spindel und das blonde Haar, das im Nacken zu einem schweren Knoten aufgesteckt ist.

Durch die offene Tür dringt ein heller Mondstrahl in die Küche und wirft einen silbernen Streifen von der Schwelle bis zu dem Hocker, auf dem Maria sitzt, auf den Boden. So beleuchtet der Mondstrahl ihre Füße und das rötliche Licht der Lampe ihre Hände und ihren Kopf. Draußen, in den das Haus im Gethsemane umgebenden Ölbäumen, singen die Nachtigallen ihre Liebeslieder.

Plötzlich verstummen sie, als hätte man sie erschreckt, und gleich darauf hört man das Geräusch von Schritten, die immer näher kommen, bis sie an der Schwelle der Tür stehenbleiben und sich gleichzeitig der weiße Streifen des Mondlichts verdunkelt, der bisher die rauhen Ziegel des Bodens versilbert hat.

Maria hebt den Kopf und wendet sich zum Eingang. Auch Johannes blickt zur Tür, und ein sehr verwundertes «Oh!» kommt über ihre Lippen, während beide gleichzeitig zur Tür eilen, an der Gamaliel erschienen und stehengeblieben ist. Ein nun sehr alter, in seiner Magerkeit und den weißen Gewändern, die der Mond von hinten beleuchtet und beinahe phosphoreszieren läßt, fast gespenstischer Gamaliel. Ein von den Ereignissen, von seinen Gewissensbissen, von so vielen Dingen, mehr noch als vom Alter vernichteter und gebeugter Gamaliel.

«Du hier, Rabbi? Komm herein! Komm! Und der Friede sei mit dir», sagt Johannes, der nun sehr nahe vor ihm steht, während Maria einige Schritte weiter hinten geblieben ist.

«Wenn du mich führst ... Ich bin blind...» antwortet der alte Rabbi mit einer Stimme, die mehr wegen des geheimen Schmerzes als wegen des hohen Alters zittert.

Johannes fragt überrascht, und Rührung und Mitleid schwingen in seiner Stimme: «Blind?! Seit wann?»

«Oh, schon lange! Das Augenlicht hat sofort nachgelassen, nachdem... nachdem... Ja, nachdem ich das wahre Licht nicht zu erkennen wußte, das gekommen war, um die Menschen zu erleuchten, und das Erdbeben den Vorhang des Tempels zerriß und die mächtigen Mauern erschütterte, wie er gesagt hatte. Wahrlich, es zerriß den doppelten Vorhang, der das Allerheiligste des Tempels verhüllte und das wahre Allerheiligste, das Wort des Vaters, seinen ewig Eingeborenen in der Hülle des menschlichen, allerreinsten Fleisches, den nur seine Passion und seine glorreiche Auferstehung auch den Verstocktesten, mir als erstem, enthüllte

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als den, der er wirklich war: der Christus, der Messias, der Emmanuel. Von diesem Augenblick an begann sich die Finsternis über meine Pupillen zu senken und wurde immer dichter. Gerechte Strafe für mich. Seit einiger Zeit bin ich nun ganz blind. Und ich bin gekommen ...»

Johannes unterbricht ihn und fragt: «Vielleicht, um ein Wunder zu erbitten ?»

«Ja. Ein großes Wunder. Ich bitte die Mutter des wahren Gottes darum.»

«Gamaliel, ich habe nicht die Macht, die mein Sohn besaß. Er konnte den Toten das Leben und den erloschenen Augen das Licht, den Stummen das Wort und den Lahmen die Beweglichkeit wiedergeben. Ich kann das nicht», antwortet ihm Maria. Und sie fährt fort: «Doch komm hierher zum Tisch und setze dich. Du bist müde und alt, Rabbi. Mühe dich nicht noch mehr.» Und sie führt ihn zusammen mit Johannes zum Tisch und läßt ihn auf einem Hocker Platz nehmen.

Bevor Gamaliel ihre Hand losläßt, küßt er sie ehrerbietig und sagt dann: «Maria, ich bitte dich nicht um etwas Materielles wie dies. Was ich von dir erbitte, o Gebenedeite unter allen Frauen, sind Adleraugen für meinen Geist, damit ich die ganze Wahrheit erkenne. Ich erbitte von dir nicht das Licht für meine erloschenen Augen, sondern das übernatürliche, göttliche, wahre Licht, die Weisheit, die Wahrheit, das Leben für meine Seele und mein Herz, die verwundet und erschöpft sind von den Gewissensbissen, die mich nicht ruhen lassen. Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, mit meinen Augen diese hebräische Welt zu sehen, die so... ja, die sich so hartnäckig gegen Gott auflehnt, der ihr eine Barmherzigkeit erwiesen hat und erweist, die wir keineswegs verdienen. Ich bin sogar froh, daß ich sie nicht mehr sehen muß und daß meine Blindheit mich von jeder Pflicht im Tempel und im Synedrium entbunden hat, die so ungerecht mit deinem Sohn waren und es jetzt auch mit seinen Anhängern sind. Was ich mit meinem Verstand, meinem Herzen, meiner Seele zu sehen verlange, ist er, Jesus. Ihn möchte ich sehen, in mir, in meiner Seele, in meinem Geist, so wie du, o heilige Mutter Gottes, ihn gewiß siehst, wie Jakobus ihn sah, solange er lebte, und wie der so reine Johannes und die anderen ihn sehen als Ermutigung bei ihrer wichtigen und schwierigen Arbeit. Ihn möchte ich sehen, um ihn mit meinem ganzen Sein zu lieben und durch diese Liebe meine Schuld wiedergutzumachen und von ihm Verzeihung und das ewige Leben zu erlangen, dessen ich unwürdig geworden bin ...» Er neigt den Kopf über die auf den Tisch gestützten Arme und weint.

Maria legt eine Hand auf den von Schluchzen geschüttelten Kopf und antwortet: «Nein, du bist des ewigen Lebens nicht unwürdig geworden. Alles verzeiht der Erlöser dem, der seine begangenen Irrtümer bereut. Selbst seinem Verräter hätte er verziehen, wenn er seine furchtbare Sünde

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bereut hätte. Und die Schuld des Judas von Kerioth ist übergroß im Vergleich zu deiner. Überlege: Judas wurde von Christus als Apostel angenommen und unterwiesen. Und Christus liebte ihn mehr als alle anderen, wenn man bedenkt, daß er ihn, obwohl er alles von ihm wußte, nicht aus der Gruppe seiner Apostel ausstieß, sondern im Gegenteil bis zum letzten Augenblick alles unternahm, um diese nicht merken zu lassen, wer Judas war und was er zu tun beabsichtigte. Mein Sohn war die Reinheit selbst, und er konnte nicht lügen, aus keinem Grund. Aber als er den Verdacht der anderen Elf sah und sie ihm Fragen stellten über Iskariot, gelang es ihm, ohne zu lügen ihren Verdacht zu zerstreuen, ihre Fragen nicht zu beantworten und sie zu veranlassen, nicht weiter zu fragen, sowohl aus Klugheit als auch aus Liebe zu dem Bruder. Deine Schuld ist so viel geringer. Man kann sie nicht einmal Schuld nennen. Du bist nicht ungläubig, sondern hast ein Übermaß an Glauben. Du hast so fest an den zwölfjährigen Knaben geglaubt, der im Tempel zu dir gesprochen hatte, daß du hartnäckig – aber in der guten Absicht, die deinem absoluten Glauben an dieses Kind entsprang, aus dessen Mund du Worte unendlicher Weisheit gehört hattest – auf das Zeichen gewartet hast, um an ihn glauben und in ihm den Messias sehen zu können. Gott verzeiht dem, der einen so starken und treuen Glauben hat. Mehr noch verzeiht er dem, der, obwohl er noch im Zweifel ist über die wahre Natur eines zu unrecht angeklagten Menschen, an dieser Verurteilung keinen Anteil haben will, da er die Ungerechtigkeit fühlt. Deine geistige Erkenntnis der Wahrheit hat beständig Fortschritte gemacht, seit du das Synedrium verlassen hast, um dieser gotteslästerlichen Tat nicht zustimmen zu müssen. Und noch mehr ist diese Erkenntnis gewachsen, als du im Tempel das so lange erwartete Zeichen gesehen hast, das den Beginn des christlichen Zeitalters anzeigte. Noch einmal ist deine Erkenntnis gewachsen, als du mit machtvollen, angsterfüllten Worten am Fuß des Kreuzes meines Sohnes, der schon kalt und tot war, gebetet hast. Fast vollkommen wurde sie, als du viele Male entweder mit Worten oder indem du dich zurückzogst, die Diener meines Sohnes verteidigt hast und nicht an der Verurteilung der ersten Märtyrer mitschuldig werden wolltest. Glaube mir, Gamaliel, jeder Akt der Reue, der Gerechtigkeit und der Liebe hat deine geistige Erkenntnis vermehrt.»

«Aber dies alles genügt noch nicht! Sieh, ich hatte die seltene Gnade, deinen Sohn von seinem ersten öffentlichen Auftreten an, am Tag seiner Volljährigkeit gekannt zu haben. Ich hätte damals schon erkennen müssen. Begreifen! Und ich war blind und töricht... Ich habe nichts gesehen und nichts verstanden, damals und auch später, wenn mir die Gnade zuteil wurde, ihm zu begegnen, da er zum Mann und Meister geworden war, und ich seine gerechten und immer mächtigeren Worte hören konnte. Verstockt wartete ich nur auf das Zeichen für die Menschen, die

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erschütterten Steine... und sah nicht, daß alles an ihm ein sicheres Zeichen war! Ich sah nicht, daß er der von den Propheten vorhergesagte Eckstein war, der Stein, der schon die Welt erschütterte, die ganze Welt der Hebräer und der Heiden, der Stein, der durch sein Wort und seine Wunder die Steine der Herzen erschütterte! Ich sah nicht das deutliche Zeichen des Vaters über ihm bei allem, was er sagte oder tat. Wie kann er so viel Halsstarrigkeit verzeihen?»

«Gamaliel, kannst du glauben, daß ich dir richtig raten kann, ich, die ich der Sitz der Weisheit und die Gnadenvolle bin, sowohl durch die Weisheit, die in mir Fleisch angenommen hat, als auch durch die Gnade, die mir geschenkt wurde und durch die ich die Fülle der Erkenntnis der übernatürlichen Dinge besitze?»

«O ja, das glaube ich! Gerade weil ich glaube, daß du es bist, komme ich zu dir, um das Licht zu erhalten. Nur du, Tochter, Mutter und Braut Gottes, der dich gewiß schon bei deiner Empfängnis mit dem Licht seiner Weisheit erfüllt hat, kannst mir den Weg zeigen, den ich einschlagen muß, um Frieden zu erlangen, um die Wahrheit zu finden, um das wahre Leben zu erobern. Ich bin mir meiner Irrtümer voll bewußt und von meiner geistigen Erbärmlichkeit so vernichtet, daß ich Hilfe nötig habe, um den Mut zu finden, zu Gott zu gehen.»

«Was du als Hindernis betrachtest, ist vielmehr der Flügel, der dich zu Gott trägt. Du hast dich selbst vernichtet, hast dich verdemütigt. Du warst ein mächtiger Berg und hast dich zum tiefen Tal gemacht. Du mußt wissen, daß die Demut dem Nährstoff gleicht, der selbst die kargste Erde fruchtbar macht und sie vorbereitet, so daß sie Pflanzen wachsen läßt und reiche Ernten hervorbringt. Die Demut ist die Stufe, über die man aufsteigt. Ja, sie ist eine Leiter, um zu Gott aufzusteigen, der den Demütigen sieht und ihn zu sich ruft, um ihn zu erheben, ihn mit seiner Liebe zu entzünden und mit seinem Licht zu erleuchten, auf daß er sehe. Deshalb sage ich dir, du bist schon im Licht und auf dem rechten Weg zum wahren Leben der Kinder Gottes.»

«Aber um die Gnade zu erlangen, muß ich der Kirche beitreten und die Taufe empfangen, die von der Schuld befreit und uns wieder zu Kindern Gottes macht. Ich bin nicht dagegen. Im Gegenteil! Ich habe den Sohn des Gesetzes in mir vernichtet; ich kann den Tempel nicht mehr schätzen und lieben. Aber ich will nicht nichts sein. Deshalb muß ich auf den Trümmern meiner Vergangenheit den neuen Menschen und den neuen Glauben errichten. Ich fürchte jedoch, daß die Apostel und Jünger mißtrauisch und voreingenommen gegen mich sind, gegen den großen Rabbi mit dem harten Schädel ...»

Johannes unterbricht ihn und sagt: «Du irrst, o Gamaliel. Ich als erster liebe dich und würde den Tag, an dem ich dich ein Lamm der Herde Christi nennen kann, als einen Tag höchster Gnade betrachten. Ich wäre nicht

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sein Jünger, wenn ich die Lehren des Christus nicht in die Tat umsetzen würde. Und er gebietet uns Liebe und Verständnis für alle, besonders für die Schwachen, die Kranken und die Verirrten. Er hat uns geboten, seinem Beispiel zu folgen. Und wir haben ihn immer voll Liebe gesehen mit den reuigen Sündern, den verlorenen Söhnen, die zum Vater zurückgekehrt sind, und den verirrten Schafen. Von Magdalena bis zur Samariterin, von Aglaia bis zum Schächer, wie viele hat er durch seine Barmherzigkeit erlöst! Er hätte auch Judas sein schwerstes Verbrechen verziehen, wenn dieser bereut hätte. Er hatte ihm so oft verziehen! Ich allein weiß, wie sehr er ihn geliebt hat, obwohl er alles wußte, was Judas tat. Komm mit mir. Ich werde dich zu einem Kind Gottes und Bruder des Erlösers Christus machen.»

«Du bist nicht der Oberhirte. Der Oberhirte ist Petrus. Und wird Petrus so gut sein wie du? Ich weiß, daß er ganz anders ist als du.»

«Er war anders. Aber seit er seine eigene Schwäche, ja sogar seine Feigheit gesehen hat, seit er seinen Meister verleugnet hat, ist er nicht mehr, was er war, und ist barmherzig mit allen.»

«Dann führe mich sofort zu ihm. Ich bin alt und habe schon zu lange gewartet. Ich fühlte mich zu unwürdig und fürchtete, alle Diener Jesu würden mich ebenso beurteilen. Nun, nachdem die Worte Marias und deine Worte mich ermutigt haben, will ich sofort in den Schafstall des Meisters eintreten, bevor mein altes Herz, das so viele Dinge gebrochen haben, stillsteht. Führe du mich, denn ich habe meinen Diener, der mich hierher gebracht hat, entlassen, damit er nichts hört. Er wird um die erste Stunde zurückkommen. Aber dann werde ich schon weit weg sein. In zweifacher Hinsicht. Von diesem Haus und vom Tempel. Für immer. Zuerst will ich, der rebellische Sohn, zum Haus des Vaters gehen, ich, das verirrte Schaf, zum wahren Schafstall des ewigen Hirten. Dann werde ich in meine ferne Heimat zurückkehren, um dort in Frieden und in der Gnade Gottes zu sterben.»

Maria umarmt ihn spontan und sagt: «Gott schenke dir Frieden. Frieden und ewige Herrlichkeit, denn du hast es verdient, da du den mächtigen Oberhäuptern Israels deine wahren Gedanken geoffenbart und ihre Reaktion nicht gefürchtet hast. Gott sei immer mit dir. Gott schenke dir seinen Segen.»

Gamaliel sucht wiederum nach ihren Händen. Er nimmt sie in die seinen und küßt sie. Dann kniet er nieder und bittet sie, ihre gesegneten Hände auf sein altes, müdes Haupt zu legen.

Maria stellt ihn zufrieden. Sie tut noch mehr. Sie zeichnet ein Kreuz auf das geneigte Haupt. Schließlich hilft sie Gamaliel zusammen mit Johannes beim Aufstehen, begleitet ihn zur Tür und sieht ihm nach, wie er, von Johannes geführt, dem wahren Leben entgegengeht, er, der als Mensch am Ende, geistig aber neu geboren ist.

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710. UNTERREDUNG ZWISCHEN PETRUS UND JOHANNES

Der Mond steht hoch am Himmel, und auf der von seinem Licht überfluteten Terrasse des Hauses des Simon befinden sich Petrus und Johannes. Sie sprechen leise miteinander und zeigen auf das verschlossene, stille Haus des Lazarus. Sie reden lange und gehen dabei auf der Terrasse auf und ab. Auf einmal wird die Unterhaltung aus wer weiß welchem Grund lebhafter, und die zuvor leisen Stimmen werden lauter und klar verständlich.

Petrus schlägt mit der Faust auf die Brüstung und ruft aus: «Verstehst du denn nicht, daß man es so machen muß? Ich rede im Namen Gottes zu dir, und du mußt auf mich hören und darfst nicht so widerspenstig sein. Es ist besser, zu tun, was ich sage. Nicht aus Feigheit und Angst, sondern um die vollständige Ausrottung zu verhindern, die der Kirche Christi droht. Jeder unserer Schritte wird nun überwacht. Ich habe es bemerkt, und Nikodemus hat mir bestätigt, daß ich richtig gesehen habe. Warum konnten wir nicht in Bethanien bleiben? Aus eben diesem Grund. Warum ist es nicht mehr klug, in diesem Haus zu bleiben oder in dem von Nikodemus, Nike oder Anastasica? Immer aus demselben Grund. Um zu verhindern, daß die Kirche durch den Tod ihrer Vorsteher zugrunde geht.»

«Der Meister hat uns oft genug versichert, daß nicht einmal die Hölle sie überwältigen und vernichten kann», erwidert Johannes.

«Das ist wahr. Die Hölle wird nicht siegen, wie sie auch Christus nicht besiegt hat. Aber die Menschen, ja. So wie sie den Gottmenschen überwältigt haben, der Satan besiegt hatte, aber nicht über die Menschen siegen konnte.»

«Weil er nicht siegen wollte. Er mußte erlösen und daher sterben. Und eines solchen Todes. Aber wenn er sie hätte besiegen wollen! Wie oft ist er ihren Angriffen jeglicher Art entronnen!»

«Auch die Kirche wird bekämpft werden und doch nicht ganz untergehen, wenn wir klug genug sind, die Vernichtung ihrer jetzigen Oberhäupter zu verhindern, bevor nicht viele andere Priester aller Rangstufen von uns, den ersten, auf ihre Aufgabe vorbereitet und ausgebildet worden sind. Täusche dich nicht, Johannes. Pharisäer, Schriftgelehrte, Priester und Synedristen werden alles tun, um die Hirten zu töten, damit die Herde zerstreut wird. Die Herde, die noch schwach und ängstlich ist. Besonders diese Herde Palästinas. Wir dürfen sie nicht ohne Hirten lassen, solange nicht viele Lämmer ihrerseits zu Hirten geworden sind. Du hast gesehen, wie viele man schon getötet hat. Bedenke, daß die ganze Welt auf uns wartet! Der Befehl war klar: "Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie alles halten, was ich euch geboten habe." Und mir hat er am Ufer des Sees dreimal befohlen, seine Lämmer und seine Schafe zu weiden, und

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er hat vorhergesagt, daß ich erst als alter Mann gebunden und fortgeführt und mit meinem Blut und meinem Leben für Christus Zeugnis ablegen würde. Es ist noch lange nicht soweit! Wenn ich eine seiner Reden vor dem Tod des Lazarus richtig verstanden habe, muß ich nach Rom gehen und dort die unsterbliche Kirche gründen. Hat er selbst es nicht für gut befunden, sich nach Ephraim zurückzuziehen, da die Verkündigung des Evangeliums noch nicht vollendet war? Und erst zum entsprechenden Zeitpunkt kehrte er nach Judäa zurück, um gefangengenommen und gekreuzigt zu werden. Machen wir es ebenso! Man kann gewiß nicht sagen, daß Lazarus, Maria und Martha ängstliche Geschöpfe sind. Und doch siehst du, daß sie, wenn auch mit großem Bedauern, von hier fortgegangen sind, um das Wort Gottes, das hier von den Juden erstickt worden wäre, anderswohin zu tragen... Ich, der von ihm erwählte Oberhirte, habe entschieden. Und mit mir haben die anderen Apostel und Jünger ebenso entschieden. Wir werden uns zerstreuen. Die einen werden nach Samaria gehen, andere ans große Meer oder nach Phönizien und immer weiter vordringen bis nach Syrien, auf die Inseln, nach Griechenland und ins römische Imperium.

Wenn das jüdische Unkraut und Gift die Äcker und Weinberge des Herrn in dieser Gegend hier unfruchtbar macht, werden wir anderswohin gehen, neuen Samen ausstreuen und andere Äcker und Weinberge pflanzen, um nicht nur eine Ernte zu erlangen, sondern eine reiche Ernte. Wenn hier der jüdische Haß die Wasser vergiftet und verdirbt, damit ich, der Seelenfischer, und meine Brüder keine Seelen für den Herrn mehr fangen können, dann werden wir zu anderen Wassern gehen. Man muß vorsichtig und zugleich schlau sein. Glaube mir, Johannes!»

«Du hast recht. Aber ich denke an Maria. Ich kann und darf sie nicht alleinlassen. Wir würden beide zu sehr darunter leiden. Und es wäre eine schlechte Tat, meinerseits» antwortet ihm Johannes.

«Du bleibst. Und auch sie bleibt, denn sie von hier wegzubringen, wäre ein Widersinn...»

«Dem Maria nie zustimmen würde. Ich werde euch später nachkommen, wenn sie die Erde verlassen hat.»

«Du wirst kommen. Du bist jung... Du hast noch ein langes Leben vor dir.»

«Und Maria nur noch eine kurze Zeit.»

«Warum? Ist sie krank, leidend, schwach?»

«O nein! Die Zeit und die Schmerzen haben keine Macht über sie. Sie ist immer noch jung, von Aussehen und Geist. Sie ist heiter, ich würde sagen, selig.»

«Warum sagst du dann ...»

«Weil ich verstehe, daß dieses Aufblühen in Schönheit und Freude das Zeichen ist, daß sie ihre Vereinigung mit dem Sohn nahen fühlt. Die

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vollkommene Vereinigung meine ich. Denn die geistige Vereinigung hat niemals aufgehört. Ich hebe nicht den Schleier, der die Geheimnisse Gottes verhüllt, aber ich bin überzeugt, daß sie ihren Sohn in seiner Herrlichkeit alle Tage sieht. Und das ist ihre