Kirche Weitental

†  Gott ist die Liebe - Er liebt dich  †
 Gott ist der beste und liebste Vater, immer bereit zu verzeihen, Er sehnt sich nach dir, wende dich an Ihn
nähere dich deinem Vater, der nichts als Liebe ist. Bei Ihm findest du wahren und echten Frieden, der alles Irdische überstrahlt

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Maria Valtorta - Der Gottmensch

Band 11

 

Dieses Werk ist eine Gnade unseres lieben Herrn, man lernt hier Jesus und seine Worte in der richtigen Art und Weise kennen, seine Liebe, seinen Gehorsam, seine klaren und wahren Worte, nicht verdrehte, nicht unverständliche oder hoch theologische, nein, einfache Worte. Er erklärt für jeden verständlich die Gleichnisse. Glaube ist kein Studium, es ist Demut, Hingabe, Geduld, Vertrauen, nicht mein Wille muss an erster Stelle stehen, sondern den Willen Gottes gilt es zu suchen, die Gebote gilt es zu halten und hier erlangt man ein Verständnis hierfür. Zudem stimmen die Worte Jesu mit seinem Leben überein, voller Hingabe an den Willen seines und unseren Vaters. Nimm dir Zeit es aufmerksam zu lesen, du wirst es nicht bereuen.

Das Werk kann man hier in Buchform erwerben:

Parvis-Verlag, Route de l'Eglise 71, 1648 Hauteville, Schweiz, Tel. +41 26 915 93 93, buchhandlung@parvis.ch, www.parvis.ch

Aus rechtlichen Gründen dürfen nur Auszüge daraus veröffentlicht werden!
 



Nur zu Testzwecken!

Inhalt
 

Band XI:
Die Passion

642. Verschiedene Einführungen: I. «Der Sohn Gottes und der Frau ohne Makel war wie ein Wurm geworden». S. 9
643. Verschiedene Einführungen: II. «Man braucht nur die Wahrheiten zu sagen, um gehasst zu werden». S. 12
644. Verschiedene Einführungen: III. «Ich habe darunter gelitten, meine Mutterleiden zu sehen». S. 14
645. Verschiedene Einführungen IV. «Ich war und ich bin der Sohn Gottes. Aber ich war auch der Menschensohn». S. 16
646. Verschiedene Einführungen: V:«Ihr denkt nie daran, wieviel ihr mich gekostet habt». S. 21
647. Der Abschied von Lazarus. S. 23
648. Judas geht zu den Vorstehern des Synedriums. S. 33
649. Von Bethanien nach Jerusalem. S. 41
650. Der Einzug Jesu nach Jerusalem. S. 47
651. Der Abend des Palmsonntags. S. 60
652. Der Montag nach dem Einzug in Jerusalem: I. Tag. S. 64
653. Der Montag vor dem Passahfest: II. Die Nacht in Gethsemane. S. 80
654. Der Dienstag vor dem Passahfest. I. Der Tag. S. 85
655. Der Dienstag vor dem Passahfest: II. Die Nacht. S. 90
656. Der Mittwoch vor dem Passahfest: I. Der Tag. S. 94
657. Der Mittwoch vor dem Passahfest: II. Die Nacht. S. 128
658. Der Donnerstag vor dem Passahfest: I. Der Tag. S. 135
659. Beschreibung des Abendmahlsaales; Abschied von der Mutter vor dem letzten Abendmahl. S. 148
660. Das Passahmahl. S. 152
661. Betrachtungen über das letzte Abendmahl. S. 178
662. Die Todesangst und die Gefangennahme in Gethsemane. S. 181
663. Die verschiedenen Prozesse. S. 198
664. Anmerkungen über das Verhalten des Pilatus Jesus gegenüber. S. 224
665. Judas von Kerioth nach seinem Verrat. S. 229
666. «Wenn Judas sich der Mutter zu Füssen geworfen und um Erbarmen gefleht hätte, dann hätte die Barmherzigkeit ihn wie einen Verwundeten aufgehoben». S. 237
667. «Maria muss Eva annullieren. S. 239
668. Johannes holt die Mutter. S. 248
669. Vom Prätorium Kalvarienberg. S. 252
670. Die Kreuzigung. S. 265
671. Das Grab des Josephs von Arimathäa; Die furchtbare Seelenqual Marias und die Einbalsamierung des Erlösers. S. 289
672. Die Rückkehr zum Abendmahlsaal. S. 299
673. Die Nacht des Karfreitags. S. 310
674. Die Klage der Jungfrau. S. 315
675. Der Tag des Karsamstags. S. 330
676. Die Nacht des Karsamstags. S. 340

 

 

642. VERSCHIEDENE EINFÜHRUNGEN: 1. «DER SOHN GOTTES UND DER FRAU OHNE MAKEL WAR WIE EIN WURM GEWORDEN»

Jesus sagt:

«Und nun komm. Auch wenn du heute abend einer Sterbenden gleichst, komm, daß ich dich in meine Leiden einführe. Es wird ein weiter Weg sein, den wir zusammen gehen müssen, denn kein Schmerz ist mir erspart geblieben. Kein Schmerz des Fleisches, des Geistes, des Herzens, der Seele. Alle habe ich sie verkostet, von allen habe ich mich genährt, an allen meinen Durst gestillt, bis ich an ihnen gestorben bin.

Könntest du den Mund an meine Lippen legen, würdest du noch immer die Bitterkeit dieser vielen Schmerzen bemerken. Könntest du meine Menschheit in meinem nun so strahlenden Gewand sehen, würdest du auch sehen, daß diese Strahlen aus den tausend und abertausend Wunden hervorgehen, die meine aus Liebe zu euch zerrissenen, ausgebluteten, zerschlagenen und durchbohrten Glieder mit einem Mantel lebenden Purpurs bedeckten.

Nun erstrahlt meine Menschheit. Aber es gab einen Tag, da glich sie der eines Aussätzigen, so zerschlagen und gedemütigt war sie. Der Gottmensch, der als Sohn Gottes und der Frau ohne Makel alle Schönheit des Leibes in Vollkommenheit besaß, war damals in den Augen jener, die ihn liebevoll, neugierig oder verächtlich betrachteten, abscheulich: ein "Wurm", wie David sagt, der Leute Spott und der Verachtetste des Volkes.

Die Liebe zum Vater und zu den Geschöpfen des Vaters hat mich dazu getrieben, meinen Körper denen zu überlassen, die mich schlugen, mein Antlitz denen darzubieten, die mir Backenstreiche gaben und mich bespien und die glaubten, verdienstvoll zu handeln, als sie mir die Haare ausrissen, mich am Bart zerrten und mein Haupt mit Dornen durchbohrten. Selbst die Erde, und was von ihr kommt, haben sie zum Komplizen der ihrem Retter zugefügten Qualen gemacht, denn sie haben meine Glieder verrenkt, meine Knochen bloßgelegt, mir meine Kleider vom Leib gerissen und so meiner Reinheit die größte Qual zugefügt. Sie haben mich an das Holz geschlagen, mich wie ein am Haken des Schlächters verblutendes Lamm aufgehängt, sie haben meinen Todeskampf mit geiferndem Hohn verfolgt – ein Rudel gieriger Wölfe, das der Blutgeruch noch rasender macht.

Angeklagt, verurteilt, getötet. Verraten, verleugnet, verkauft. Selbst von Gott verlassen, denn auf mir lagen die Verbrechen, die ich auf mich

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genommen hatte. Ich war ärmer als ein unter die Räuber gefallener Bettler, denn man hat mir nicht einmal das Kleid gelassen, um meine gemarterte, zerschlagene Blöße zu bedecken. Es wurde mir nicht einmal die Schmach erspart, noch über den Tod hinaus verletzt und von den Feinden verleumdet zu werden. Vom Schmutz all eurer Sünden bedeckt, in die tiefste Nacht des Schmerzes gestürzt, ohne daß das Licht des Himmels meinem sterbenden Blick begegnet wäre oder eine göttliche Stimme meinem letzten Flehen geantwortet hätte.

Isaias nennt den Grund so vieler Schmerzen: "Wahrlich, er hat all unsere Leiden auf sich genommen, unsere Schmerzen hat er getragen."

Unsere Schmerzen! Ja, für euch habe ich sie getragen! Um eure Schmerzen zu lindern, zu besänftigen, zu beenden, wenn ihr mir nur treu gewesen wäret. Aber ihr wolltet es nicht sein. Und was habe ich dafür bekommen? Ihr habt mich wie einen Aussätzigen, einen von Gott Geschlagenen betrachtet. Ja, der Aussatz eurer unendlich vielen Sünden war auf mir wie ein Bußgewand, wie ein Bußgürtel; aber warum habt ihr nicht durch das Gewand, in das er seine Heiligkeit für euch kleidete, Gott in seiner unendlichen Barmherzigkeit gesehen?

"Durchbohrt um eurer Sünden willen, zerschlagen für eure Missetaten" ' sagt Isaias, der mit seinem prophetischen Blick den Menschensohn als eine einzige Wunde gesehen hat, zur Heilung der Wunden der Menschen. Und wenn nur mein Körper verwundet gewesen wäre!

Aber was ihr mir noch viel mehr verwundet habt, war mein Gefühl und mein Geist. Das eine wie das andere habt ihr zur Zielscheibe eures Spottes gemacht, und ihr habt meine Freundschaft, die ich euch geschenkt hatte, durch Judas mit Füßen getreten. Die Treue, die ich von euch erhofft hatte, habt ihr durch die Verleugnung des Petrus gebrochen. Ihr habt mich getroffen durch die Undankbarkeit jener, die mir zuriefen: "Stirb!", nachdem ich sie von so vielen Übeln befreit hatte. Ihr habt mich in der Liebe verletzt durch das meiner Mutter zugefügte Leid, und in der Religion, als ihr mich Gotteslästerer nanntet; mich, der ich mich aus Eifer für die Sache Gottes den Händen der Menschen überliefert habe, indem ich Mensch geworden bin, ein Leben lang gelitten und mich der menschlichen Grausamkeit überlassen habe, ohne ein Wort zu sagen oder zu klagen.

Ein Blick meiner Augen hätte genügt, um die Kläger, Richter und Henker zu vernichten. Aber ich war freiwillig gekommen, um das Opfer zu vollbringen, und als Lamm; denn ich war das Lamm Gottes, und ich bin es auf ewig. Ich habe mich fortführen lassen, um meiner Kleider beraubt und getötet zu werden, damit aus meinem Fleisch Leben für euch werde.

Als ich erhöht wurde, war ich schon verzehrt von namenlosen Schmerzen, von Schmerzen aller Namen. Schon in Bethlehem habe ich zu Sterben angefangen, als ich das Licht der Welt erblickte, das so erschreckend andersartig für mich war, der ich der Lebende des Himmels war. Ich bin

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auch gestorben in der Armut, in der Verbannung, bei der Flucht, bei der Arbeit, bei all meinen Mühen, dem Unverständnis, dem Verrat, den verletzten Gefühlen, den Qualen, Lügen und Gotteslästerungen. Dies alles hat der Mensch mir zugefügt, mir, der ich gekommen war, um ihn wieder mit Gott zu versöhnen.

Maria, schau deinen Erlöser an. Er trägt kein weißes Gewand und hat kein blondes Haupt. Er hat nicht den saphirfarbenen Blick, den du kennst. Sein Gewand ist rot von Blut. Es ist zerrissen und mit Schmutz und Speichel bedeckt. Sein Gesicht ist geschwollen und entstellt und sein Blick von Blut und Tränen verschleiert, und er blickt dich an durch diese Kruste aus Blut, Tränen und Staub, die seine Lider bedecken. Meine Hände, siehst du, sind schon voller Wunden und warten auf die letzte Wunde.

Schau mich an, kleiner Johannes, so wie mich dein Bruder Johannes angeschaut hat. Meine Schritte hinterlassen blutige Spuren. Der Schweiß wäscht das Blut ab, das aus den Wunden der Geißelhiebe tropft, und das Blut, das mich noch bedeckt von der Todesangst im Ölgarten. Die ausgetrockneten, zerschlagenen Lippen sprechen dieses Wort in der Bedrängnis, im Kummer eines unter namenlosen Qualen schon sterbenden Herzens.

Von nun an wirst du mich oft so sehen. Ich bin der König der Schmerzen und werde in diesem königlichen Gewand kommen, um dir von meinen Schmerzen zu sprechen. Folge mir, trotz deiner Todesangst. Ich werde, da ich der Barmherzige bin, deine von meinem Schmerz bitteren Lippen auch mit dem duftenden Honig der friedvollsten Betrachtungen erquicken. Aber du mußt die blutigen vorziehen, denn durch sie erhältst du das Leben und wirst auch andere zum Leben führen. Küsse meine blutende Hand und wache in der Betrachtung über mich, den Erlöser.»

Ich sehe Jesus so, wie er sich beschreibt. Heute abend, seit 19 Uhr, ringe ich wirklich mit dem Tod.

Jesus sagt heute morgen, den 11. Februar, um 7.30 Uhr, zu mir:

«Gestern abend wollte ich nur von mir als dem Leidenden sprechen, denn die Beschreibung und die Vision meiner Schmerzen haben begonnen. Gestern abend war die Einführung. Und du warst so erschöpft, meine Freundin! Doch bevor die Agonie zurückkehrt, muß ich dir eine sanfte Rüge erteilen.

Gestern früh bist du egoistisch gewesen. Du hast zum Pater gesagt: "Hoffentlich halte ich durch, denn meine Mühen sind die allergrößten." Nein. Seine Mühen sind die größten, denn sie ermüden und werden nicht ausgeglichen durch die Seligkeit, Jesus zu sehen und bei sich zu haben, wie du ihn auch in seiner heiligen Menschheit hast. Man darf niemals egoistisch sein, auch nicht in den kleinsten Dingen. Eine Jüngerin, ein kleiner Johannes, muß über alle Maßen demütig und liebevoll sein, wie ihr Jesus.

Und nun komm zu mir. "Die Blumen sind erschienen... die Zeit des Beschneidens ist gekommen... der Ruf der Turteltaube erschallt auf dem Land..." Und es sind die Blumen, die den Blutlachen deines Christus entsprungen sind. Und jener, der wie der Zweig beschnitten wird, ist der Erlöser. Und die Stimme der Turteltaube, die die Braut zu ihrem schmerzhaften und heiligen Hochzeitsmahl ruft, ist die meine, die dich liebt.

Steh auf und komm, wie in der heiligen Messe heute gesagt wird. Komm, um zu betrachten und zu leiden. Das ist das Geschenk für meine Auserwählten.»

643. VERSCHIEDENE EINFÜHRUNGEN: 11. «MAN BRAUCHT NUR DIE WAHRHEIT ZU SAGEN, UM GEHASST ZU WERDEN»

Jesus sagt:

«Mein Blick hat im Herzen des Judas Iskariot gelesen. Niemand soll glauben, die Weisheit Gottes sei nicht imstande gewesen, dieses Herz zu verstehen. Aber wie ich zu meiner Mutter sagte, ist es notwendig gewesen. Wehe ihm, daß er zum Verräter wurde! Aber es mußte einen Verräter geben. Doppelzüngig, hinterhältig, geizig, lasterhaft, diebisch, intelligent, und zudem gebildeter als der Durchschnitt, hat er es verstanden, auf alle Eindruck zu machen. Mit großer Kühnheit ebnete er mir den Weg, auch wenn es schwierig war. Es gefiel ihm vor allem, als meine Vertrauensperson zu gelten und dies noch hervorzuheben. Er war nicht von Natur aus und aus Liebe hilfsbereit, sondern einzig und allein, weil er einer von denen war, die ihr "Wichtigtuer" nennt. Das machte es ihm auch möglich, das Geld zu verwalten und sich den Frauen zu nähern. Zwei Dinge, die er neben dem dritten, dem Ansehen bei den Menschen, grenzenlos liebte.

Die Reine, die Demütige, die von allen Reichtümern der Welt Losgelöste konnte nicht anders als Abscheu vor dieser Schlange empfinden. Auch ich empfand Abscheu. Und nur ich allein, der Vater und der Geist wissen, welche Überwindung es mich gekostet hat, ihn in meiner Nähe zu ertragen. Doch dies werde ich dir zu gegebener Zeit erklären.

Ebenso war mir die Feindseligkeit der Priester, Pharisäer, Schriftgelehrten und Sadduzäer nicht unbekannt. Sie waren schlaue Füchse, die versuchten, mich in ihre Höhle zu locken, um mich dort zu zerreißen. Sie dürsteten nach meinem Blut. Und sie versuchten, mir überall Fallen zu stellen, um mich gefangennehmen zu können, um eine Waffe der Anklage zu haben und mich aus der Welt zu schaffen. Drei Jahre hat diese Bosheit gedauert, und sie fand erst ein Ende, als sie wußten, daß ich tot war. An jenem Abend erst konnten sie ruhig schlafen. Die Stimme ihres Anklägers war für immer verstummt. So glaubten sie. Aber nein, sie ist nicht verstummt. Sie wird niemals verstummen. Wie Donner ertönt sie und verflucht alle, die heute gleich ihnen sind. Wieviel Leid mußte meine Mutter durch ihre Schuld ertragen! Und ich werde dieses Leid nie vergessen.

Daß die Menge wankelmütig ist, war nichts Neues für mich. Sie ist das wilde Tier, das dem Bändiger die Hand leckt, wenn dieser mit der Peitsche kommt oder ihm ein Stück Fleisch für seinen Hunger reicht. Doch es genügt, daß er fällt und seine Peitsche nicht mehr gebrauchen kann, oder daß er kein Futter mehr hat, und das Tier fällt ihn an und zerreißt ihn. Es genügt, die Wahrheit zu sagen und zu den Guten zu gehören, um von der Masse gehaßt zu werden, wenn die erste Begeisterung verflogen ist. Die

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Wahrheit ist Mahnung und Rüge. Die Güte beraubt der Peitsche und führt dazu, daß die Bösen keine Furcht mehr haben. Daher das "Kreuzige ihn" nach dem "Hosanna". In meinem ganzen Leben als Meister haben mich diese beiden Rufe begleitet. Und der letzte war "Kreuzige ihn"! Das "Hosanna" ist wie das tiefe Atemholen des Sängers, damit er genügend Luft für den hohen Ton hat. Maria hat am Abend des Karfreitag in ihrem Inneren alle diese verlogenen "Hosanna" noch einmal gehört, die für ihren Sohn zu Todesurteilen geworden sind. Und sie haben ihr Herz durchbohrt. Auch das vergesse ich nicht.

Die Menschlichkeit der Apostel! Wieviel Menschlichkeit! Schwere Steine, die sich von der Erde angezogen fühlten, habe ich auf meinen Armen getragen, um sie zum Himmel emporzuheben. Auch jene, die sich nicht wie Judas Iskariot als Diener eines irdischen Königs sahen, die nicht wie er damit rechneten, bei nächster Gelegenheit an meiner Statt den Thron zu besteigen, waren trotzdem alle zu sehr auf Ruhm bedacht. Es kam der Tag, an dem selbst mein Johannes und sein Bruder dieses Verlangen nach Ruhm verspürten, das euch sogar in himmlischen Dingen wie eine Fata Morgana irreführt. Es ist nicht das heilige Verlangen nach dem Paradies, das ihr meinem Willen gemäß haben sollt, es ist vielmehr der menschliche Wunsch, daß eure Heiligkeit bekannt werde. Und nicht nur das; es ist euer Profitdenken in der Art der Wechsler und Wucherer, mit dem ihr für ein wenig Liebe, die ihr dem gebt, dem ihr nach meinen Worten alles, euch selbst, geben müßt, einen Platz zu seiner Rechten im Himmel verlangt.

Nein, Kinder. Nein! Zuerst muß man den ganzen Kelch austrinken, den ich getrunken habe. Den ganzen Kelch, indem man mit Liebe auf Haß antwortet, mit Reinheit auf die Stimmen der Sinne, mit Heldentum auf die Prüfungen, und sich aus Liebe zu Gott und den Brüdern selbst zum Opfer bringt. Dann, wenn ihr alle eure Pflichten erfüllt habt, sollt ihr noch sagen: "Wir sind unnütze Knechte" und warten, bis mein und euer Vater euch in seiner Güte einen Platz in seinem Reich gewährt. Man muß sich allem Menschlichen entäußern, wie du mich im Prätorium entkleidet gesehen hast, und nur das unumgänglich Notwendige behalten aus Achtung vor dem Leben, dem Geschenk Gottes, und vor den Brüdern, denen wir vom Himmel aus mehr nützen können als auf Erden. Überlaßt es Gott allein, euch mit dem im Blut des Lammes gewaschenen Gewand der Unsterblichkeit zu bekleiden.»

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644. VERSCHIEDENE EINFÜHRUNGEN: 111. «ICH HABE DARUNTER GELITTEN, MEINE MUTTER LEIDEN ZU SEHEN»

Jesus sagt:

«Auch diese Schmerzen meiner Mutter Maria habe ich nicht vergessen: daß ich ihr durch das Warten auf mein Leiden so große Qualen bereiten mußte, daß ich sie weinen sehen mußte. Und deshalb schlage ich ihr nichts ab. Sie hat mir alles gegeben, und ich gebe ihr alles. Sie hat alle Schmerzen erlitten. Ich gebe ihr alle Freuden.

Ich möchte, daß ihr, wenn ihr an Maria denkt, ihre dreiunddreißig Jahre dauernde Todesangst betrachtet, die ihren Höhepunkt am Fuß des Kreuzes erreicht hat. Sie hat sie euretwegen erlitten. Euretwegen wurde sie von der Menge verlacht und Mutter eines Verrückten genannt. Euretwegen der Tadel der Verwandten und der angesehenen Personen. Euretwegen meine anscheinende Verleugnung: "Meine Mutter und meine Brüder sind jene, die den Willen Gottes tun."

Wer hat mehr als sie den Willen Gottes getan, und welch furchtbaren Willen, der ihr die Qual auferlegte, ihren Sohn gemartert zu sehen?

Euretwegen die Mühe, mir da- und dorthin nachzufolgen. Euretwegen die Opfer: angefangen von dem, ihr kleines Haus zu verlassen und sich unter das Volk zu begeben, bis zu dem Opfer, ihr kleines Vaterland zu verlassen wegen des Tumultes in Jerusalem. Euretwegen mußte sie mit dem Menschen in Berührung kommen, der in seinem Herzen auf Verrat sann. Euretwegen der Schmerz, mich der satanischen Besessenheit und der Häresie angeklagt zu sehen. Alles, alles euretwegen.

Ihr wißt nicht, wie sehr ich meine Mutter geliebt habe. Ihr denkt nicht daran, wie empfänglich das Herz des Sohnes Marias für ihre Liebe war. Und ihr glaubt, daß meine Marter nur aus körperlichen Schmerzen bestand und fügt höchstens noch die geistige Qual hinzu, am Ende meiner Leiden vom Vater verlassen worden zu sein.

Nein, meine Kinder! Auch die Gefühle des Menschen habe ich kennengelernt. Ich habe darunter gelitten, meine Mutter leiden zu sehen; sie wie ein geduldiges Lamm zum Opfer führen zu müssen; sie quälen zu müssen mit meinem wiederholten Abschied, in Nazareth vor dem Beginn des öffentlichen Lebens; mit dem Abschied, den ich euch gezeigt habe und der meinem bevorstehenden Leiden vorausgeht; dem Abschied vor dem Abendmahl, als Iskariot schon im Begriff war, mich zu verraten, und mit dem anderen furchtbaren auf dem Kalvarienberg.

Ich habe gelitten, als ich verspottet, gehaßt, verleumdet und von ungesunder Neugier, die nicht zum Guten, sondern nur zum Bösen führte, umgeben war. Ich habe bei allen Lügen, die ich hören mußte oder in meiner Nähe wirksam sah, gelitten; bei denen der scheinheiligen Pharisäer,

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die mich Meister nannten und die mir Fragen stellten, nicht weil sie an meine Weisheit glaubten, sondern um mir Fallen zu stellen; bei den Lügen der Menschen, denen ich Gutes getan hatte und die dann beim Synedrium und im Prätorium als Ankläger gegen mich auftraten; bei der lange bedachten, schlauen und fein gesponnenen Lüge des Judas, der mich verkauft und sich weiterhin als Jünger ausgegeben hat, der mich dann mit dem Zeichen der Liebe dem Henker ausgeliefert hat. Ich habe gelitten wegen der Lüge des Petrus, den die Angst vor den Menschen gepackt hatte.

Wie viele Lügen, und wie abstoßend für mich, der ich die Wahrheit bin! Wie viele Lügen auch jetzt noch mir gegenüber! Ihr sagt, daß ihr mich liebt, doch ihr liebt mich nicht. Ihr habt meinen Namen auf den Lippen und betet im Herzen den Satan an und befolgt ein Gesetz, das meinem widerspricht.

Ich habe gelitten bei dem Gedanken, daß in Anbetracht des unendlichen Wertes meines Opfers, dem Opfer eines Gottes, viel zu wenige gerettet werden würden. Alle, ich will sagen, alle jene, die in den Jahrhunderten der irdischen Zeit den Tod dem ewigen Leben vorziehen und so mein Opfer nutzlos machen würden, sie alle habe ich vor Augen gehabt. Und mit diesem Wissen bin ich dem Tod entgegengegangen.

Siehst du, kleiner Johannes, daß dein Jesus und seine Mutter in ihrer Seele sehr gelitten haben? Und lange. Geduld also, wenn du wirst leiden müssen. "Kein Jünger ist mehr als der Meister", habe ich gesagt.

Morgen werde ich über die geistigen Leiden sprechen. Nun ruhe dich aus. Der Friede sei mit dir.»

Dann sagt Maria und antwortet damit auf ein Gebet, das aus meinem Herzen aufgestiegen ist, nachdem ich das andere gebetet habe, das unter dem Bild des Unbefleckten Herzens geschrieben steht: «Unsere liebevollste Mutter, enthülle uns die Geheimnisse deines Unbefleckten Herzens. Gib, daß ein süßer und reiner Strahl von dir unser Herz durchdringe und es umwandle und vorbereite auf die göttliche Einkehr des Heiligen Geistes.» Ich hatte hinzugefügt: «Ja, Mutter Jesu und meine Mutter, enthülle mir die Geheimnisse deines Herzens und bereite mein Herz mit deinem Licht vor.»

Und sie: «Ich habe dich in mein Herz versenkt, dessen Freuden und Leiden ich dir gezeigt habe. Ich habe dein Herz mit dem Strahl meiner Liebe durchbohrt, damit du die Stimme meines Sohnes und die Erleuchtungen des göttlichen Geistes verstehst; denn ohne die Erleuchtungen des Paraklet bleibt es dunkel und still in den Herzen. Es ist immer der Geist, dessen Braut ich bin, der euch die Wahrheit begreifen läßt und euch für Gott heiligt. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist müssen in euren Herzen wohnen, damit ihr die Geheimnisse Gottes und die dreifache Offenbarung seiner Macht, seiner Erlösung und seiner Liebe verstehen könnt. Der Vater mit seiner Güte ist in seinen wahren Kindern immer gegenwärtig, der Sohn mit seiner Lehre, und der Geist mit seinem Licht, denn niemals fehlt er dort, wo sich ein Mensch heiligt; und das Wort meines Jesus ist die vom euch liebenden Vater gewollte und gewährte Heiligung.»

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645. VERSCHIEDENE EINFÜHRUNGEN: IV. «ICH WAR UND ICH BIN DER SOHN GOTTES. ABER ICH WAR AUCH DER MENSCHENSOHN.»

Jesus sagt:

«Das Leiden meiner geistigen Agonie hast du am Abend des Donnerstags betrachtet. Du hast deinen Jesus zusammensinken sehen wie einen zu Tode Getroffenen, der sein Leben durch seine blutenden Wunden entfliehen fühlt, oder wie ein von einem seelischen und seine Kräfte übersteigenden Trauma überwältigtes Geschöpf. Du hast die immer heftigeren Phasen dieses Traumas gesehen, das im Blutschwitzen gipfelte und hervorgerufen wurde durch Störungen des Blutkreislaufs als Folge der Anstrengung, mich zu beherrschen und die Last zu ertragen, die sich auf mich gesenkt hatte.

Ich war, ich bin der Sohn Gottes, des Allerhöchsten. Aber ich war auch der Menschensohn. Ich will, daß aus diesen Seiten meine doppelte, in beiden Teilen vollkommene Natur klar hervorgehe.

Von meiner Göttlichkeit zeugt mein Wort, das Akzente setzt, wie nur Gott sie setzen kann. Von meiner Menschheit zeugen die Bedürfnisse, die Leidenschaften und die Schmerzen, die ich euch gezeigt und in meinem Fleisch als wahrer Mensch erlitten habe, als Vorbild für euer Menschsein, so wie ich euren Geist in meiner Lehre als wahrer Gott unterweise.

Das Bild sowohl meiner allerheiligsten Gottheit als auch meiner vollkommenen Menschheit hat im Laufe der Jahrhunderte durch die zersetzende Wirkung eurer unvollkommenen Menschlichkeit Minderungen und Verzerrungen erfahren. Ihr habt meine Menschheit unwirklich, ihr habt sie unmenschlich gemacht, ebenso wie ihr mich als Gott verkleinert, herabgemindert und sogar geleugnet habt in vielem, was anzuerkennen euch unbequem war oder was ihr mit eurem durch die Krankheit der Laster, des Atheismus, des Humanismus und des Rationalismus geschwächten Geist nicht mehr erkennen konntet.

Ich komme in dieser tragischen Stunde, der Vorbotin universellen Unglücks; ich komme, um eurem Geist meine doppelte Natur als Gott und Mensch in Erinnerung zu rufen, damit ihr sie erkennt, wie sie ist, damit ihr sie wiedererkennt nach so viel Obskurantismus, mit dem ihr sie vor eurem Geist verborgen habt; damit ihr sie liebt und zu ihr zurückkehrt, damit ihr euch durch sie rettet. Es ist euer Erlöser, und wer ihn kennt und liebt, wird sich retten.

In diesen Tagen hast du meine physischen Leiden kennengelernt. Sie haben meine Menschheit gequält. Du hast meine moralischen Leiden kennengelernt, die mit denen meiner Mutter verbunden, verknüpft, verschmolzen waren, wie die unentwirrbaren Lianen der tropischen Urwälder, die man nicht trennen kann, um eine einzelne abzuschneiden, sondern die

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man mit einem einzigen Axthieb alle zusammen abschlagen muß, um sich einen Weg zu bahnen; wie die Adern des Körpers, von denen man nicht eine allein blutleer machen kann, da sie von einer einzigen Quelle gespeist werden; so, oder besser noch, so wie ein Geschöpf im Mutterleib, das den Tod findet, wenn die Mutter stirbt – denn es sind das Leben, die Wärme, die Nahrung, das Blut der Mutter, die im Rhythmus des mütterlichen Herzschlags durch die inneren Membranen zu dem Ungeborenen gelangen und es für das Leben vollenden.

Sie, oh! Sie, meine reine Mutter, hat mich nicht nur die neun Monate getragen, wie jede menschliche Frau die menschliche Frucht trägt, sondern das ganze Leben. Unsere Herzen waren durch geistige Fasern verbunden und haben immer zusammen geschlagen. Sie weinte keine mütterliche Träne, deren Salz nicht auf mein Herz gefallen wäre, und jede meiner lautlosen inneren Klagen fand bei ihr Widerhall und schmerzte sie.

Ihr habt Mitleid mit einer Mutter, deren Sohn durch eine unheilbare Krankheit zum Tod verurteilt ist; mit der Mutter eines von der Strenge der menschlichen Gerichtsbarkeit zur Hinrichtung Verurteilten. Aber denkt an meine Mutter, die vom Augenblick meiner Empfängnis an gezittert hat im Gedanken daran, daß ich der Verurteilte sein würde. Denkt an diese Mutter, die beim ersten Kuß auf die weichen rosigen Wangen des Neugeborenen schon die künftigen Wunden ihres Geschöpfes gefühlt hat. Denkt an diese Mutter, die zehnmal, hundertmal, tausendmal ihr Leben gegeben hätte, um mich daran zu hindern, Mensch zu werden und den Augenblick der Opferung zu erreichen. Denkt an diese Mutter, die die schreckliche Stunde kannte und herbeiwünschen mußte, um dem Willen des Herrn zu entsprechen, zur Ehre Gottes und aus Liebe zur Menschheit. Nein, es hat keinen Todeskampf gegeben, der länger gedauert und mit einem größeren Schmerz geendet hätte, als der meiner Mutter.

Und kein Schmerz ist je größer und vollständiger gewesen als der meine. Ich war eins mit dem Vater. Er hatte mich von Ewigkeit geliebt, wie nur Gott lieben kann. Er hatte sein Wohlgefallen an mir und in mir seine göttliche Freude gefunden. Und ich hatte ihn geliebt, wie nur ein Gott lieben kann, und in der Vereinigung mit ihm meine göttliche Freude gefunden. Die unaussprechliche Verbindung, die seit Ewigkeiten zwischen dem Vater und dem Sohn besteht, kann euch nicht einmal durch mein Wort erklärt werden, denn sie ist vollkommen, und eure Intelligenz ist es nicht, und ihr könnt nicht verstehen und erkennen, was Gott ist, bis ihr bei ihm im Himmel seid.

Und ich habe, wie steigendes Wasser gegen einen Deich drückt, Stunde um Stunde die Strenge des Vaters mir gegenüber zunehmen gefühlt. Um der Beschränktheit der Menschen, die nicht verstehen wollten, zu bezeugen, wer ich war, hat Gott während der Zeit meines öffentlichen Lebens dreimal den Himmel geöffnet: am Jordan, auf dem Tabor und in Jerusalem

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am Vorabend der Passion. Aber er hat dies für die Menschen getan, nicht um mir Erleichterung zu verschaffen. Ich war bereits der Sühnende.

Viele Male, Maria, läßt Gott für die Menschen einen seiner Diener erkennen, damit sie durch ihn erschüttert werden und zu Gott finden; aber dies geschieht auch durch die Leiden des Dieners. Denn dieser bezahlt für die Tröstungen und die Rettung der Brüder, indem er das bittere Brot der Strenge Gottes ißt. Ist es nicht so? Die Sühnopfer kennen die Strenge Gottes. Danach kommt die Herrlichkeit. Aber erst, wenn die Gerechtigkeit befriedigt ist. Es ist nicht wie bei meiner Liebe, die ihren Opfern Küsse gibt. Ich bin Jesus, ich bin der Erlöser, ich bin der, der gelitten hat und aus eigener Erfahrung weiß, wie sehr es schmerzt, den Blick Gottes in all seiner Strenge auf sich zu fühlen und von ihm verlassen zu werden. Und ich bin niemals streng, und ich verlasse nie. Ich verzehre ebenfalls, aber in einem Feuer der Liebe.

Je näher die Stunde der Sühne rückte, desto mehr fühlte ich, wie der Vater sich von mir entfernte. Und je größer die Entfernung, desto weniger war die Göttlichkeit Gottes meiner Menschheit eine Stütze. Ich litt auf die verschiedenste Art darunter.

Die Trennung von Gott bringt Angst mit sich, bringt Anhänglichkeit an das Leben mit sich, bringt Schwäche, Müdigkeit und Lauheit mit sich. Je größer sie ist, um so stärker sind diese ihre Folgen. Ist sie vollständig, führt sie zur Verzweiflung. Und je mehr einer, durch Zulassung Gottes und ohne sie verdient zu haben, diese Trennung fühlt, desto mehr leidet er, denn der lebendige Geist erfährt die Trennung von Gott so, wie lebendiges Fleisch die Amputation eines Gliedes. Es ist ein schmerzlicher, niederschmetternder Schrecken, den jemand, der ihn nicht erlebt hat, nicht verstehen kann. Ich habe ihn erlitten. Alles mußte ich kennenlernen, um für euch beim Vater in allem fürbitten zu können. Oh, ich habe erfahren, was es heißt, sich sagen zu müssen: "Ich bin allein. Alle haben mich verraten und verlassen. Auch der Vater, auch Gott hilft mir nicht mehr."

Und daher wirke ich geheimnisvolle Wunder der Gnade in den armen Herzen, die die Verzweiflung erdrückt, und verlange von meinen Lieblingen, daß sie meinen so bitteren Kelch der Erfahrung austrinken, damit jene, die im Meer der Verzweiflung Schiffbruch erleiden, das Kreuz nicht ablehnen, das ich ihnen als Anker und zur Rettung anbiete, sondern sich daran klammern und ich sie zum seligen Ufer, an dem nur Friede herrscht, bringen kann.

Nur ich allein weiß, wie nötig ich am Abend des Donnerstags den Vater gehabt hätte. Mein Geist rang schon mit dem Tod durch die Anstrengung, die beiden größten Schmerzen eines Menschen bewältigen zu müssen: den Abschied von der geliebten Mutter und die Nähe des untreuen Freundes. Es waren zwei Wunden, die in meinem Herzen brannten: die eine mit ihren Tränen, die andere mit ihrem Haß.

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Ich mußte mein Brot mit meinem Kain brechen. Ich mußte mit ihm wie mit einem Freund sprechen, um ihn vor den anderen nicht bloßzustellen, denn ich war mir nicht sicher, ob sie nicht gewalttätig reagieren würden; und ich wollte ein Verbrechen verhindern, das andererseits auch nutzlos gewesen wäre, da alles bereits im großen Buch des Lebens aufgezeichnet war: mein heiliger Tod und der Selbstmord des Judas. Keine weiteren, von Gott verworfenen Toten. Kein anderes Blut als das meine sollte vergossen werden, und kein anderes ist vergossen worden. Der Strang beendete dieses Leben und verschloß in der unreinen Hülle des Körpers des Verräters sein unreines, an Satan verkauftes Blut, das Blut, das nicht zur Erde fallen und sich mit dem reinsten Blut des Unschuldigen vermischen durfte.

Diese beiden Wunden hätten genügt, um mich in meinem Inneren mit dem Tod ringen zu lassen. Aber ich war der Sühnende, das Opfer, das Lamm. Das Lamm lernt, bevor es geopfert wird, das Brandmal kennen, es lernt die Schläge, die Entblößung und den Verkauf an den Schlächter kennen. Und erst zuletzt lernt es die Kälte des Messers kennen, das in die Kehle dringt, die Adern durchtrennt und tötet. Zuerst muß es alles verlassen: die Weide, auf der es groß geworden ist; die Mutter, die es genährt und gewärmt hat; die Gefährten, mit denen es gelebt hat. Alles. Ich habe all dies kennengelernt, ich, das Lamm Gottes.

Daher ist Satan gekommen, während sich der Vater in die Himmel zurückzog. Er war schon am Anfang meiner Mission gekommen, um mich zu versuchen und mich von ihr abzubringen. Nun kehrte er zurück. Seine Stunde war gekommen. Die Stunde, in der die Hölle losgelassen war.

Scharen und immer neue Scharen von Dämonen waren in jener Nacht auf der Erde, um die Versuchung in den Herzen zu Ende zu führen und sie darauf vorzubereiten, am nächsten Tag den Tod des Erlösers zu fordern. Jeder Synedrist hatte seinen Dämon, Herodes den seinen, Pilatus den seinen und jeder einzelne Jude, der dann mein Blut auf sich herabrufen würde, den seinen. Auch an der Seite der Apostel waren die Versucher, die sie einschläferten, während ich litt, und sie auf die Feigheit vorbereiteten. Sieh, wie groß die Macht der Reinheit ist! Johannes, der Reine, befreite sich als erster von allen aus den Klauen der Dämonen und kehrte sofort zu seinem Jesus zurück. Er verstand seinen unausgesprochenen Wunsch und führte Maria zu mir.

Aber Judas hatte Luzifer, und ich hatte Luzifer. Er im Herzen, ich an meiner Seite. Wir waren die beiden Hauptpersonen der Tragödie, und Satan bemühte sich persönlich um uns. Nachdem er Judas so weit gebracht hatte, daß es für diesen kein Zurück mehr gab, wandte er sich mir zu.

Mit seiner perfekten Verschlagenheit stellte er mir die Qualen des Fleisches in unübertrefflich realistischer Weise vor Augen. Auch in der Wüste hatte er beim Fleisch angefangen. Betend habe ich ihn besiegt. Der Geist beherrscht die Angst des Fleisches.

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Dann versuchte er, mich von der Nutzlosigkeit meines Sterbens zu überzeugen, und daß es viel sinnvoller sei, für mich selbst zu leben, ohne mich um die undankbaren Menschen zu kümmern: reich, glücklich und geliebt zu leben. Für meine Mutter zu leben, damit sie nicht mehr leiden müsse. Zu leben, um Gott durch ein langes Apostolat viele Menschen zuzuführen, die mich, wenn ich tot wäre, doch nur vergessen würden, während sie, wenn ich nicht nur drei Jahre, sondern jahrzehntelang ihr Meister wäre, sich meine Lehren zu eigen machen würden. Seine Engel würden mir dabei helfen, die Menschen zu verführen. Sah ich denn nicht, daß die Engel Gottes nichts unternahmen, um mir zu helfen? Gott würde mir später verzeihen, wenn er die Ernte der Gläubigen, die ich ihm bringe, sähe. Auch in der Wüste wollte Satan mich dazu bewegen, Gott durch Unklugheit zu versuchen. Ich habe ihn durch Gebet besiegt. Der Geist beherrscht die moralische Versuchung.

Satan stellte mir die Gottverlassenheit vor Augen. Er, der Vater, würde mich nicht mehr lieben. Ich sei beladen mit den Sünden der Welt. Ich würde ihn anekeln. Er hätte sich zurückgezogen, würde mich alleinlassen. Er würde mich der Willkür einer grausamen Menge überlassen und mir ach seinen göttlichen Trost versagen. Allein, allein, allein. In jener Stunde war nur Satan bei Christus. Gott und die Menschen, die ihn nicht liebten, die ihn haßten oder denen sein Schicksal gleichgültig war, waren weit weg. Ich betete, um durch mein Gebet die Worte Satans zu verdrängen. Doch das Gebet stieg nicht mehr auf zu Gott. Es fiel auf mich zurück wie die Steine einer Steinigung und zermalmte mich unter seinem Gewicht. Das Gebet, das für mich immer eine dem Vater geschenkte Liebkosung war, eine emporsteigende Stimme, der die Liebkosung und das Wort des Vaters antworteten, war nun tot und schwer, und vergebens sandte ich es zum verschlossenen Himmel.

Nun erfuhr ich die Bitterkeit auf dem Grund des Kelches. Ich lernte den Geschmack der Verzweiflung kennen. Und das hatte Satan gewollt. Mich zur Verzweiflung treiben, um mich zu seinem Sklaven zu machen. Ich habe die Verzweiflung besiegt, und ich habe sie aus eigener Kraft besiegt, weil ich sie besiegen wollte. Nur mit meinen menschlichen Kräften. Denn ich war nur noch der Mensch. Und ich war nur noch ein Mensch, dem Gott seine Hilfe verweigert.

Wenn Gott hilft, ist es leicht, selbst die Welt hochzuheben und sie wie ein Kinderspielzeug zu halten. Aber wenn Gott nicht mehr hilft, kann auch das Gewicht einer Blume uns ermüden.

Ich habe die Verzweiflung und Satan, ihren Urheber, besiegt um Gott und euch zu dienen und euch das Leben zu schenken. Aber ich habe den Tod kennengelernt. Nicht den physischen Tod am Kreuz – dieser war weniger schrecklich – sondern den absoluten, bewußten Tod des Kämpfers, der fällt, nachdem er mit gebrochenem Herzen gesiegt und Blut vergossen

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hat in dem Trauma einer seine Kräfte übersteigenden Anstrengung. Ich habe Blut geschwitzt. Ich habe Blut geschwitzt, um dem Willen Gottes treu zu sein.

Daher hat mich der Engel meines Schmerzes zur Linderung meiner Todesqualen auf die Hoffnung all derer hingewiesen, die durch mein Opfer gerettet würden. Eure Namen! Jeder war für mich wie ein Tropfen Medizin, der durch meine Adern floß und mich neu belebte und stärkte, jeder war für mich wiederkehrendes Leben, wiederkehrendes Licht, wiederkehrende Kraft. In den unmenschlichen Qualen habe ich mir eure Namen wiederholt, um nicht meinen menschlichen Schmerz hinauszuschreien und an Gott zu verzweifeln, um ihm nicht zu große Strenge und Ungerechtigkeit mit seinem Opfer vorzuwerfen. Ich habe euch gesehen und habe euch schon damals gesegnet. Seit damals trage ich euch im Herzen. Und wenn für euch die Stunde eures Erscheinens auf der Erde naht, neige ich mich vom Himmel, um eure Ankunft zu begleiten, und juble bei dem Gedanken, daß eine neue Blume der Liebe in der Welt geboren wurde, die für mich leben würde.

Oh, meine Gesegneten! Trost des sterbenden Christus! Die Mutter, der Jünger und die frommen Frauen waren bei mir, als ich starb, aber auch ihr wart bei mir. Meine brechenden Augen sahen, zusammen mit dem schmerzerfüllten Antlitz meiner Mutter, eure liebevollen Gesichter und schlossen sich so, schlossen sich glücklich, denn ich hatte euch gerettet, euch, die ihr das Opfer eines Gottes verdient.»

646. VERSCHIEDENE EINFÜHRUNGEN: V. «IHR DENKT NIE DARAN, WIEVIEL IHR MICH GEKOSTET HABT»

Jesus sagt:

«Du hast alle Schmerzen kennengelernt, die der eigentlichen Passion vorausgegangen sind. Nun werde ich dir die Schmerzen zeigen, die ich während der Passion erduldet habe. Jene Schmerzen, die euren Geist immer tiefer ergreifen, je mehr ihr sie betrachtet. Aber ihr betrachtet sie nur wenig. Zu wenig. Ihr denkt nicht daran, wieviel ihr mich gekostet habt und welche Qual mir eure Erlösung bereitet hat.

Ihr, die ihr euch über eine kleine Hautschürfung beklagt, über Kopfschmerzen oder wenn ihr euch an einer scharfen Kante stoßt, ihr denkt nie daran, daß ich eine einzige Wunde war; daß diese Wunden von vielen Dingen vergiftet wurden; daß gerade diese Dinge dazu dienten, ihrem Schöpfer Leiden zu bereiten; denn sie quälten den schon gequälten Gottessohn ohne Ehrfurcht vor dem, der sie als Vater der Schöpfung gemacht hatte.

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Aber die Dinge waren nicht schuldig. Einzig und allein der Mensch war der Schuldige. Der Schuldige von dem Tag an, da er Satan im irdischen Paradies Gehör schenkte. Bis dahin hatten die Dinge der Schöpfung weder Dornen noch Gift, noch Wildheit für den Menschen, das auserwählte Geschöpf. Gott hatte diesen Menschen zum König gemacht, nach seinem Bild und Gleichnis, und er hatte in seiner väterlichen Liebe nicht gewollt, daß die Dinge dem Menschen schaden könnten. Satan brachte das Unheil, zuerst in das Herz des Menschen. Dann entsprangen daraus für den Menschen, mit der Strafe für die Sünde, Plagen und Dornen.

Und so mußte ich, der Mensch, nicht nur durch die Menschen, sondern auch wegen der Dinge und durch die Dinge leiden. Jene beschimpften und quälten mich; diese wurden dabei zur Waffe.

Die Hand, die Gott dem Menschen gegeben hatte, um ihn von den Tieren zu unterscheiden, die Hand, die zu gebrauchen Gott die Menschen gelehrt hatte, die Hand, die Gott in Beziehung zum Geist gebracht hatte, damit sie die Befehle des Geistes ausführe, dieser so vollkommene Teil von euch; die den Sohn Gottes nur hätte liebkosen dürfen, von dem sie nur Liebkosungen erhalten hatte, und Heilung, wenn sie krank war; diese Hand erhob sich gegen den Sohn Gottes, gab ihm Backenstreiche und Faustschläge, ergriff die Geißel, wurde zur Zange, um ihm Haar und Bart auszureißen, und nahm den Hammer, um die Nägel einzuschlagen.

Die Füße des Menschen, die einzig und allein zu mir hätten eilen müssen, um den Sohn Gottes anzubeten, liefen, um mich gefangenzunehmen, mich durch die Straßen zu treiben und zu zerren, meinen Henkern entgegen, und mir Fußtritte zu geben, wie man dies nicht einmal bei einem störrischen Maulesel tut.

Der Mund des Menschen, der das Wort hätte gebrauchen sollen – das Wort, das eine unter allen Lebewesen nur dem Menschen verliehene Gabe ist – um den Sohn Gottes zu loben und zu preisen, füllte sich mit Flüchen und Lügen und bespie mich mit diesen und mit seinem Geifer.

Der Verstand des Menschen, der Beweis seiner himmlischen Herkunft, ermüdete beim Ersinnen von Qualen von ausgesuchter Furchtbarkeit. Der Mensch gebrauchte alles, sein ganzes Selbst und alle seine Teile, um den Sohn Gottes zu quälen.

Und er rief die Erde und alles auf ihr zu Hilfe, um zu quälen. Er machte aus den Steinen der Bäche Wurfgeschosse, um mich zu verwunden. Aus den Zweigen der Bäume Ruten, um mich zu schlagen. Aus dem gedrehten Hanf Seile, die mir ins Fleisch schnitten, um mich hinter sich herzuziehen, aus den Dornen eine Krone stechenden Feuers für mein müdes Haupt, aus den Mineralien eine noch furchtbarere Geißel, aus dem Rohr ein Marterwerkzeug, aus den Steinen der Straße ein Hindernis für den wankenden Fuß dessen, der sterbend hinaufstieg, um gekreuzigt zu werden.

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Und zu den Dingen der Erde gesellten sich auch die des Himmels. Die Kälte des Morgens, die meinen schon durch die Todesangst im Garten erschöpften Körper erzittern ließ; der Wind, der die Schmerzen der Wunden verschlimmerte; die Sonne, die den brennenden Durst und das Fieber verstärkte und Fliegen und Staub brachte, die die müden Augen reizten, ohne daß die gefesselten Hände etwas dagegen tun konnten.

Und zu den Dingen des Himmels kamen die Stoffe, die es dem Menschen erlauben, seine Blöße zu bedecken: das Leder wurde zur Peitsche, die Wolle der Kleider blieb an den offenen Wunden der Geißelhiebe kleben und verursachte mir bei jeder Bewegung durch ihr Reiben und erneutes Aufreißen der Wunden Qualen.

Alles, alles, alles hat dazu beigetragen, den Sohn Gottes zu quälen. Ihm, um dessentwillen alle Dinge geschaffen worden waren, wurden in der Stunde, da er die Gott dargebrachte Opfergabe war, alle Dinge zum Feind. Dein Jesus, Maria, hat nichts gehabt, was ihm Erleichterung verschafft hätte. Alles, was ist, wandte sich gleich zornigen Vipern gegen mich, um mein Fleisch zu zerreißen und meine Leiden zu vermehren.

An all dies solltet ihr denken, wenn ihr leidet. Wenn ihr eure Unvollkommenheit mit meiner Vollkommenheit vergleicht und meinen Schmerz mit dem eurigen, werdet ihr erkennen, daß der Vater euch mehr liebt, als er mich in jener Stunde geliebt hat; und daher sollt ihr ihn mit eurem ganzen Sein lieben, wie ich ihn trotz seiner Strenge geliebt habe.»

647. DER ABSCHIED VON LAZARUS

Jesus ist in Bethanien. Es ist Abend. Ein friedlicher Aprilabend. Durch die großen Fenster des Speisesaals sieht man den Garten des Lazarus in voller Blüte und dahinter den Obstgarten, der einer Wolke leichter Blütenblätter gleicht. Ein Duft von frischem Grün, von herbsüßen Obstbaumblüten, von Rosen und anderen Blumen dringt mit dem sanften Abendwind, der leise die Türvorhänge bewegt und die Flämmchen des Leuchters an der Zimmerdecke erzittern läßt, in den Raum und vermischt sich mit dem starken Duft einer Mischung seltener Essenzen aus Tuberosen, Maiglöckchen und Jasmin, der noch übriggeblieben ist von dem Balsam, mit dem Maria Magdalena ihren Jesus parfümiert hat. Seine Haare sind noch dunkel von der Salbung.

Im Saal sind außerdem Simon, Petrus, Matthäus und Bartholomäus. Die anderen fehlen; wahrscheinlich machen sie Besorgungen.

Jesus hat sich von der Tafel erhoben und betrachtet eine Pergamentrolle, die Lazarus ihm gezeigt hat. Maria von Magdala geht im Saal umher... Sie gleicht einem vom Licht angezogenen Schmetterling. Sie kann

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nur um ihren Jesus herumflattern. Martha überwacht die Diener, die das kostbare, überall auf dem Tisch stehende Geschirr abräumen.

Jesus legt die Schriftrolle auf eine mit Elfenbein eingelegte hohe Anrichte aus schwarzem, glänzendem Holz und sagt: «Lazarus, komm mit mir hinaus. Ich muß mit dir sprechen.»

«Sofort, Herr», und Lazarus erhebt sich von seinem Sitz am Fenster und folgt Jesus in den Garten, wo sich das letzte Licht des Tages mit dem ersten hellen Schein des Mondes vermischt.

Jesus durchquert den Garten und begibt sich zu dem Grab, in dem Lazarus gelegen ist und dessen leere Öffnung nun eine große Menge blühender Rosen umrahmen. Darüber sind die Worte in den leicht schrägen Fels eingemeißelt: «Lazarus, komm heraus!» Jesus bleibt stehen. Das Haus kann man nicht mehr sehen, da es hinter Bäumen und Hecken verborgen ist. Es herrscht vollkommene Stille, und sie sind ganz allein.

«Lazarus, mein Freund», fragt Jesus, stellt sich vor seinen Freund und betrachtet ihn mit dem Anflug eines Lächelns auf seinem sehr schmal gewordenen Gesicht, das bleicher ist als sonst. «Lazarus, mein Freund, weißt du, wer ich bin?»

«Du? Du bist Jesus von Nazareth, mein lieber Jesus, mein heiliger Jesus, mein mächtiger Jesus!»

«Das bin ich für dich. Aber wer bin ich für die Welt?»

«Du bist der Messias Israels.»

«Und sonst?»

«Du bist der Verheißene, der Erwartete... Aber warum fragst du mich das? Zweifelst du an meinem Glauben?»

«Nein, Lazarus. Aber ich möchte dir eine Wahrheit anvertrauen. Niemand außer meiner Mutter und einem von den Meinen kennt sie. Meine Mutter, da ihr nichts unbekannt ist. Einer, da er an dieser Sache beteiligt ist. Den anderen habe ich sie in diesen drei Jahren, seit sie bei mir sind, wieder und wieder gesagt. Aber ihre Liebe läßt sie in einem Glashaus leben und schirmt sie ab vor der angekündigten Wahrheit. Sie können nicht alles begreifen... Und es ist gut, daß sie nicht begriffen haben, denn sonst hätten sie, um ein Verbrechen zu verhindern, ein anderes begangen. Und umsonst. Denn was geschehen muß, würde trotz allem Mord und Totschlag geschehen. Aber dir will ich es sagen.»

«Glaubst du, daß ich dich weniger liebe als sie? Von welchem Verbrechen sprichst du? Welches Verbrechen muß geschehen? Sprich, im Namen Gottes!» Lazarus ist sehr erregt.

«Ich spreche, ja. Ich zweifle nicht an deiner Liebe. So wenig zweifle ich an ihr, daß ich dir nun meinen Willen anvertraue...»

«Oh, mein Jesus! Aber das tut doch nur einer, der dem Tod nahe ist! Ich habe es getan, als ich begriff, daß du nicht kommen würdest und ich sterben würde.»

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«Und ich muß sterben.»

«Nein!» Lazarus stöhnt laut auf.

«Schrei nicht. Niemand darf uns hören. Ich muß mit dir allein sprechen. Lazarus, mein Freund, weißt du, was jetzt gerade geschieht, da du mir nahe bist mit deiner treuen Freundschaft, die du mir vom ersten Augenblick an geschenkt hast und die nie aus irgendeinem Grund getrübt wurde? Ein Mensch handelt soeben mit anderen Menschen den Preis für das Lamm aus. Kennst du den Namen des Lammes? Sein Name ist: Jesus von Nazareth.»

«Nein! Feinde hast du, das ist wahr. Aber es kann dich keiner verkaufen! Wer? Wer ist es?»

«Einer der Meinen. Es konnte nur einer von denen sein, die ich am meisten enttäuscht habe, und der sich nun, des Wartens müde, von dem befreien will, der nur noch eine persönliche Gefahr für ihn darstellt. Er glaubt, sich neues Ansehen zu verschaffen bei den Großen der Welt. So denkt er. Stattdessen wird er jedoch von den Guten wie von den Bösen verachtet werden. Er ist meiner müde geworden, er ist des Wartens auf das müde geworden, was er mit allen Mitteln zu erreichen versuchte: irdische Größe. Zuerst hat er es im Tempel versucht, dann hat er seine Hoffnungen auf den König von Israel gesetzt, und nun versucht er es wieder im Tempel und bei den Römern... Er hofft... Aber wenn auch Rom seine treuen Diener zu belohnen versteht... so straft es doch die feigen Verräter mit tödlicher Verachtung. Er ist meiner müde, müde des Wartens und der Last, gut sein zu müssen. Für einen, der schlecht ist, ist Gutsein oder Gutsein vortäuschen zu müssen eine erdrückende Last. Man kann sie eine Zeitlang ertragen... aber dann... geht es nicht mehr, und man befreit sich von ihr, um wieder frei zu sein. Frei? So meinen die Bösen. So meint auch er. Aber es ist keine Freiheit. Gott zu gehören ist Freiheit. Gegen Gott sein bedeutet eine Gefangenschaft mit Fesseln und Ketten, mit Gewichten und Peitschenhieben, wie kein Galeerensträfling am Ruder und kein Sklave an den Bauwerken unter der Peitsche des Aufsehers sie zu ertragen hat.»

«Wer ist es? Sage es mir. Wer ist es?»

«Es würde nichts nützen.»

«Sicher würde es etwas nützen... Oh! Es kann niemand anderes sein als er: der Mensch, der immer ein Schandfleck in deiner Schar gewesen ist. Der Mensch, der erst vor kurzem meine Schwester beleidigt hat. Es ist Judas von Kerioth!»

«Nein. Es ist Satan. Gott hat in mir, Jesus, Fleisch angenommen. Satan hat in ihm, Judas von Kerioth, Fleisch angenommen. Eines Tages... es ist lange her... habe ich hier in deinem Garten einen Weinenden getröstet und einen in den Schmutz gefallenen Geist entschuldigt. Ich habe gesagt, daß die Besessenheit eine Ansteckung durch Satan ist, der dem Menschen seine Säfte einflößt und ihn damit völlig durchdringt. Ich habe gesagt,

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daß sie das Bündnis einer Seele mit Satan und dem Tierischen ist. Aber die Besessenheit ist noch etwas Geringfügiges im Vergleich zur Inkarnation. Meine Heiligen werden von mir Besitz ergreifen, und ich werde von ihnen Besitz ergreifen. Aber nur in Jesus Christus ist Gott, so wie er im Himmel ist, denn ich bin der fleischgewordene Gott. Es gibt nur eine göttliche Inkarnation. Ebenso wird nun Satan, Luzifer, nur in einem einzigen sein, so wie er in seinem Reich ist; denn nur im Mörder des Sohnes Gottes ist Satan Fleisch geworden. Während ich hier mit dir rede, steht er vor dem Synedrium, verhandelt und verpflichtet sich, mich auszuliefern. Aber es ist nicht er: es ist Satan! Nun höre, Lazarus, mein treuer Freund. Ich bitte dich um einige Gefälligkeiten. Du hast mir nie etwas verweigert. Deine Liebe ist so groß, daß sie, ohne jemals gegen den Respekt zu verstoßen, mir immer zur Seite stand mit vielen vorausschauenden Hilfeleistungen und mit klugen Ratschlägen, die ich immer angenommen habe, da ich sah, daß dir mein Wohl wirklich am Herzen lag.»

«Oh, mein Herr! Aber es war mir doch eine Freude, mich deiner anzunehmen! Was werde ich nun tun, wenn ich mich nicht mehr um meinen Herrn und Meister kümmern kann? Viel zu wenig hast du mich für dich tun lassen. Meine Schuld dir gegenüber, der du Maria meiner Liebe und der Ehre wiedergeschenkt, der du mich dem Leben wiedergegeben hast, ist so groß, daß... Oh, warum hast du mich dem Tod entrissen, um mich diese Stunde erleben zu lassen? Ich hatte nun den ganzen Schrecken vor dem Tod, die ganze Beklemmung der Seele, mit denen Satan mich versuchte und ängstigte im Augenblick meines Erscheinens vor dem ewigen Richter, überwunden und es war dunkel! Was hast du, Jesus? Warum zitterst du und wirst noch bleicher, als du es schon bist? Dein Antlitz ist weißer als der Schnee dieser Rose, die im Mondlicht dahinwelkt. Oh, Meister! Es scheint, als ob Blut und Leben dich verlassen würden ...»

«Ich bin tatsächlich wie einer, der mit aufgeschnittenen Adern stirbt. Ganz Jerusalem, und ich meine damit "alle Feinde unter den Mächtigen Israels" ' verfolgt mich mit gierigem Rachen und saugt aus mir Leben und Blut. Sie wollen die Stimme zum Schweigen bringen, die sie, obwohl sie sie geliebt hat, drei Jahre lang gequält hat; ... denn jedes meiner Worte, auch wenn es ein Wort der Liebe war, war ein Anstoß, der ihre Seele ermahnte aufzuwachen, und sie wollten von ihrer Seele nichts wissen, nachdem sie sie mit ihrer dreifachen Sinnlichkeit gefesselt hatten. Und nicht nur die Großen... Alle, ganz Jerusalem ist dabei, gegen den Unschuldigen in Raserei zu geraten und seinen Tod zu fordern... Und mit Jerusalem Judäa... und mit Judäa Peräa, Idumäa, die Dekapolis, Galiläa und Syro-Phönizien... alle, ganz Israel ist auf dem Sion zusammengekommen, um beim "Übergang" des Christus vom Leben zum Tod dabei zu sein... Lazarus, der du tot gewesen und auferstanden bist, sage mir, was ist das Sterben? Was hast du gefühlt? Woran erinnerst du dich?»

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«Das Sterben? ... Ich erinnere mich nicht genau, wie es war. Nach dem großen Leiden kam eine große Schwäche... Mir kam es vor, als hätte ich keine Schmerzen mehr, als überkäme mich eine große Müdigkeit... Licht und Geräusche wurden immer schwächer und entfernter... Die Schwestern und Maximinus sagen, allen Anzeichen nach hätte ich sehr gelitten... Ich erinnere mich jedoch nicht mehr daran...»

«Ja, die Barmherzigkeit des Vaters verdunkelt den Sterbenden das Bewußtsein, so daß sie nur körperlich leiden, um das Fleisch durch dieses Vorfegefeuer, den Todeskampf, zu reinigen. Aber ich... Welche Erinnerung an den Tod ist dir geblieben?»

«Keine, Meister. Da ist eine dunkle Stelle in meinem Geist. Ein leerer Raum. Eine Unterbrechung im Verlauf meines Lebens, die ich nicht ausfüllen kann. Ich habe keine Erinnerung. Wenn ich in dieses schwarze Loch hinunterschauen würde, in dem ich vier Tage lang gelegen bin, würde ich, obwohl es Nacht ist und dunkel darin, aus seiner Tiefe die feuchte Kälte aufsteigen und mir ins Gesicht wehen fühlen, wenn ich auch nichts sehen könnte. Das wäre ein Gefühl! Aber wenn ich an die vier Tage denke, erinnere ich mich an nichts. An gar nichts. Mein Wort darauf.»

«Ja, jene, die zurückkommen, können nichts sagen... Das Geheimnis enthüllt sich dem Sterbenden Schritt für Schritt. Aber ich, Lazarus, weiß, was ich leiden werde. Ich weiß, was ich bei vollem Bewußtsein leiden werde. Es wird keinen lindernden Trank und keine Betäubung geben, um meinen Todeskampf weniger bitter zu machen. Ich werde fühlen, wie ich sterbe. Schon jetzt fühle ich es... Schon jetzt sterbe ich, Lazarus. Wie ein an einer unheilbaren Krankheit Leidender sterbe ich seit dreiunddreißig Jahren. Und immer mehr hat sich das Sterben beschleunigt, je näher diese Stunde gerückt ist. Zuerst war dieses Sterben das Wissen darum, daß ich auf die Welt gekommen war, um der Erlöser zu sein. Dann war es das Sterben dessen, der sieht, daß er bekämpft, angeklagt, verspottet, verfolgt und behindert wird... welche Müdigkeit! Dann... das Sterben, den Verräter an meiner Seite zu haben, immer näher, bis er sich an mich klammerte wie ein Polyp an einen Schiffbrüchigen. Welcher Ekel! Nun sterbe ich an der Qual, meinen liebsten Freunden und meiner Mutter "Lebewohl" sagen zu müssen...»

«Oh, Meister, du weinst!? Ich weiß, daß du auch an meinem Grab geweint hast, da du mich liebst. Aber jetzt... Du weinst wieder. Du bist eiskalt. Deine Hände sind so kalt wie die eines Toten. Du leidest... Zu sehr leidest du... !»

«Ich bin Mensch, Lazarus. Ich bin nicht nur Gott. Vom Menschen habe ich die Empfindsamkeit und die Gefühle. Mein Herz ist zutiefst betrübt, wenn ich an die Mutter denke... Und doch, ich sage dir, am furchtbarsten ist die Qual geworden, die Nähe des Verräters ertragen zu müssen, den satanischen Haß einer ganzen Welt, die Taubheit jener, die mich zwar

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nicht hassen, die aber auch nicht aktiv lieben können; denn aktiv lieben heißt, so werden, wie es der Geliebte will und lehrt. Hier hingegen! Ja, viele lieben mich. Aber sie sind sie selbst geblieben. Sie haben sich nicht aus Liebe zu mir geändert. Weißt du, wer von den mir am nächsten Stehenden es verstanden hat, sich selbst zu verleugnen, um Christus so anzugehören, wie Christus es will? Eine allein: deine Schwester Maria. Ausgehend von größter animalischer Lasterhaftigkeit, ist sie zu engelgleicher Vergeistigung gelangt. Und dies nur durch die Kraft der Liebe.»

«Du hast sie erlöst.»

«Alle habe ich durch das Wort erlöst. Aber nur sie hat sich total geändert durch die aktive Liebe. Aber ich sagte: Ich leide so furchtbar unter diesen Dingen, daß ich nichts sehnlicher erwarte, als daß alles vollbracht sei. Meine Kräfte lassen nach... Das Kreuz wird weniger schwer sein als diese Qualen des Geistes und des Gefühls...»

«Das Kreuz?! Nein! Oh! Nein! Das ist zu schrecklich! Das ist zu schändlich! Nein!» Lazarus, der vor seinem Meister gestanden ist und eine Zeitlang die eiskalten Hände Jesu in den seinen gehalten hat, läßt sie nun los und sinkt auf die steinerne Bank neben ihnen, schlägt die Hände vor sein Gesicht und weint verzweifelt.

Jesus geht zu ihm, legt ihm die Hand auf die von Schluchzen geschüttelte Schulter und sagt: «Wie? Muß ich, der Sterbende, dich, den Lebenden, trösten? Freund, ich brauche Kraft und Hilfe. Und ich bitte dich darum. Ich habe nur dich, der sie mir geben kann. Es ist besser, wenn die anderen nicht davon wissen. Denn wenn sie es wüßten... würde Blut fließen. Und ich will nicht, daß aus Lämmern Wölfe werden, auch nicht aus Liebe zu dem Unschuldigen. Die Mutter... oh, welche Qual, von ihr zu sprechen! ... Die Mutter leidet schon Todesängste! Auch sie ist eine erschöpfte Sterbende... Auch sie stirbt seit dreiunddreißig Jahren und ist nun eine einzige Wunde, wie das Opfer einer grausamen Tortur. Ich schwöre es dir, Geist und Herz, Liebe und Vernunft haben in mir um die Entscheidung gekämpft, ob es nicht besser wäre, sie fernzuhalten und nach Hause zu schicken, wo sie immer noch von der Liebe träumt, die sie Mutter werden ließ, wo sie immer noch den Geschmack ihres Feuerkusses verkostet, bei dieser Erinnerung in Ekstase gerät und mit den Augen der Seele das Wehen der im Leuchten der Engelserscheinung bewegten Luft schaut. In Galiläa wird die Nachricht meines Todes etwa zur gleichen Zeit ankommen, da ich zu ihr werde sagen können: "Mutter, ich bin der Sieger!" Aber ich kann nicht, nein, ich kann es nicht tun. Der arme, mit den Sünden der Welt beladene Jesus braucht einen Trost. Und die Mutter wird ihn mir geben. Die noch ärmere Welt braucht zwei Opfer. Denn der Mann sündigt, und die Frau sündigt; und die Frau muß erlösen, wie der Mann erlöst. Aber solange die Stunde noch nicht geschlagen hat, werde ich der Mutter ein beruhigendes Lächeln schenken... Sie zittert... Ich weiß es. Sie

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spürt die Qual auf sich zukommen. Ich weiß es. Und ihrer Natur und ihrer heiligen Liebe schaudert davor, so wie mir vor dem Tod schaudert, weil ich ein "Lebender" bin, der sterben muß. Wehe, wenn sie wüßte, daß in fünf Tagen... Sie würde diese Stunde nicht erleben, und ich will sie lebend haben, um von ihren Lippen Kraft zu empfangen, wie ich von ihrem Leib das Leben empfing. Gott will sie auf meinem Kalvarienberg, um das Wasser der jungfräulichen Tränen mit dem Wein des göttlichen Blutes zu vermischen und das erste Meßopfer zu feiern. Weißt du, was das Meßopfer sein wird? Du weißt es nicht. Du kannst es nicht wissen. Es wird mein Tod, mein ewig erneuerter Tod für das lebende oder büßende Menschengeschlecht sein. Weine nicht, Lazarus. Sie ist stark und weint nicht. Sie hat ihr ganzes Leben als Mutter geweint. Nun weint sie nicht mehr. Sie hat sich das Kreuz ihres Lächelns auferlegt... Hast du gesehen, wie ihr Gesicht sich in letzter Zeit verändert hat? Sie trägt das Kreuz ihres Lächelns, um mich zu trösten. Ich bitte dich, meine Mutter nachzuahmen. Ich konnte mein Geheimnis nicht mehr für mich behalten. Ich habe mich umgesehen und einen aufrichtigen und verläßlichen Freund gesucht. Ich bin deinem treuen Blick begegnet. Ich habe gesagt: "Ich werde Lazarus einweihen." Als du eine große Last auf dem Herzen hattest, habe ich dein Geheimnis respektiert und es vor aller, selbst der natürlichen, teilnehmenden Neugier geschützt. Nun bitte ich dich, mit meinem das gleiche zu tun. Später, nach meinem Tod wirst du reden. Du wirst von diesem Gespräch berichten, damit man erfährt, daß Jesus bewußt dem Tod entgegengegangen ist und zu den bekannten Qualen auch noch die hinzugefügt hat, daß ihm nichts unbekannt war, weder was die Personen noch was sein Los betraf. Man soll erfahren, daß Jesus, als er sich noch retten konnte, dies nicht tun wollte, da seine unendliche Liebe zu den Menschen nur danach brannte, das Opfer für sie zu vollbringen.»

«Oh, rette dich, Meister! Rette dich! Ich kann dir zur Flucht verhelfen. Noch heute nacht. Du bist schon einmal nach Ägypten geflohen. Flieh auch jetzt. Komm, laß uns gehen. Nehmen wir Maria und die Schwestern mit uns, und gehen wir. Meine Reichtümer bedeuten mir nichts, du weißt es. Für mich, Maria und Martha bist du der einzige Reichtum. Gehen wir.»

«Lazarus, damals bin ich geflohen, weil meine Stunde noch nicht gekommen war. Nun ist die Stunde gekommen, und ich bleibe.»

«Dann komme ich mit dir. Ich lasse dich nicht allein.»

«Nein, du bleibst hier. Da es eine Vorschrift gibt, die es erlaubt, das Lamm im eigenen Haus zu essen, wenn man nicht weiter als die am Sabbat erlaubte Wegstrecke entfernt wohnt, wirst du dein Lamm wie immer hier essen. Aber laß deine Schwestern mitkommen... meiner Mutter wegen... Oh, was verbergen dir, o Märtyrer, die Rosen der göttlichen Liebe! Den Abgrund! Den Abgrund! Und aus diesem steigen jetzt die Flammen des

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Hasses auf und breiten sich aus, um dein Herz zu zerreißen! Die Schwestern, ja. Sie sind stark und rührig... und die Mama wird gleichsam mit dem Tod ringen, während sie sich über meinen Leichnam beugt. Johannes genügt nicht. Johannes ist die Liebe. Aber er ist noch nicht reif. Oh, er wird zum Mann heranreifen in der Qual der nächsten Tage. Aber die Frau braucht Frauen für ihre schrecklichen Wunden. Wirst du es mir gewähren ?»

«Alles, alles habe ich dir immer mit Freuden gegeben, und es hat mich nur geschmerzt, daß du so wenig verlangt hast... !»

«Du siehst es. Von niemandem habe ich so viel angenommen, wie von den Freunden in Bethanien. Dies hat mir der Ungerechte mehr als einmal vorgeworfen. Aber hier, bei euch, habe ich als Mensch so viel Trost gefunden, für alle Bitterkeit des Menschen. In Nazareth war es Gott, der Trost fand in der einzigen Freude Gottes. Hier fand der Mensch Trost. Und bevor ich zum Tod hinaufsteige, möchte ich dir danken, treuer, liebevoller, hochherziger, fürsorglicher, verschwiegener, gelehrter, diskreter und großmütiger Freund. Für alles danke ich dir. Mein Vater wird dich belohnen ...»

«Ich habe schon alles erhalten mit deiner Liebe und der Erlösung Marias.»

«0 nein! Viel sollst du noch erhalten. Und du wirst es erhalten. Höre. Sei nicht so verzweifelt. Hilf mir mit deiner Intelligenz, damit ich dir sagen kann, worum ich dich noch bitte. Du wirst hierbleiben und warten...»

«Nein, das auf keinen Fall! Warum Maria und Martha, und ich nicht?»

«Weil ich nicht will, daß du verdorben wirst, wie alle Männer verdorben werden. Jerusalem wird in den kommenden Tagen verdorben sein wie die Luft in der Umgebung eines stinkenden Kadavers, der durch den unbedachten Fußtritt eines Vorübergehenden auseinanderbirst, stinkend und krankmachend. Durch seine giftigen Dünste werden auch die weniger Grausamen von Sinnen sein. Sogar meine eigenen Jünger. Sie werden fliehen. Und wohin werden sie in ihrer Verwirrung eilen? Zu Lazarus. Wie oft sind sie in diesen drei Jahren hierher gekommen, um Brot, Bett, Schutz und Unterkunft und den Meister zu finden! ... Nun werden sie wieder kommen. Wie versprengte Schafe, denen der Wolf den Hirten geraubt hat, werden sie zu einem Schafstall flüchten. Sammle sie. Ermutige sie. Sage ihnen, daß ich ihnen verzeihe. Ich vertraue dir meine Vergebung für sie an. Sie werden keine Ruhe finden, weil sie geflohen sind. Sage ihnen, sie sollen nicht in noch größere Sünde fallen, indem sie an meiner Vergebung verzweifeln.»

«Werden alle fliehen?»

«Alle, außer Johannes.»

«Meister, du wirst mich doch nicht darum bitten, Judas aufzunehmen? Laß mich qualvoll sterben, aber verlange dies nicht von mir. Oft hat meine Hand auf dem Schwertknauf gezittert und war versucht, die Schande

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der Familie auszulöschen. Ich habe es nie getan, denn ich bin kein gewalttätiger Mensch. Ich war nur versucht, es zu tun. Aber ich schwöre dir, wenn ich Judas wiedersehe, werde ich ihn umbringen, wie man dem Sündenbock die Kehle durchschneidet.»

«Du wirst ihn nie mehr wiedersehen. Ich schwöre es dir.»

«Wird er fliehen? Das macht nichts. Ich habe gesagt: "Wenn ich ihn wiedersehe." Nun sage ich: "Wenn ich ihn erwische, und sei es am Ende der Welt, werde ich ihn töten."»

«Das darfst du nicht wünschen.»

«Ich werde es tun.»

«Du wirst es nicht tun, denn dort, wo er sein wird, kannst du nicht hingehen.»

«Im Synedrium? Im Heiligtum? Auch dort werde ich ihn erreichen und ihn umbringen!»

«Er wird nicht dort sein.»

«Bei Herodes? Man wird mich töten. Doch zuvor werde ich ihn töten.»

«Er wird bei Satan sein. Und du wirst niemals bei Satan sein. Aber vergiß sofort diese Mordabsichten, sonst verlasse ich dich.»

«Oh! Oh! ... Aber ... Ja, deinetwegen... Oh, Meister! Meister! Meister!»

«Ja, dein Meister ... Du wirst die Jünger aufnehmen, sie trösten und ihnen den Frieden wiedergeben. Ich bin der Friede. Und auch danach... danach wirst du ihnen helfen. Bethanien wird immer Bethanien sein, solange der Haß nicht diesen Feuerherd der Liebe auseinanderreißt in dem Glauben, die Flammen würden sich dann verlieren. Stattdessen werden sie sich über die Welt zerstreuen und alles entzünden. Ich segne dich, Lazarus, für alles, was du getan hast und noch tun wirst.»

«Nichts, nichts. Du hast mich dem Tod entrissen und willst mir nicht erlauben, dich zu verteidigen. Was habe ich also getan?»

«Du hast mir deine Häuser gegeben. Siehst du? Es war Bestimmung. Die erste Unterkunft in Sion, auf einem Boden, der dein Eigentum ist. Die letzte wieder in einem deiner Häuser. Es war bestimmt, daß ich dein Gast sein sollte. Aber vor dem Tod könntest du mich nicht bewahren. Ich habe dich zu Beginn dieser Unterredung gefragt: "Weißt du, wer ich bin?" Nun antworte ich: "Ich bin der Erlöser." Der Erlöser muß das Opfer bis zum Ende vollbringen. Glaube mir. Er, der am Kreuz erhöht und den Blicken und dem Spott der Welt ausgesetzt sein wird, wird kein Lebender sein, sondern ein Toter. Ich bin jetzt schon tot. Getötet mehr und zuerst vom Mangel an Liebe als von der Marter. Und noch etwas, Freund. Morgen bei Tagesanbruch gehe ich nach Jerusalem. Und du wirst hören, daß Sion seinem sanften König, der auf einem Eselsfüllen in die Stadt reitet, wie einem Sieger zugejubelt hat. Laß dich von diesem Triumph nicht täuschen und glaube nicht, daß die Weisheit, die zu dir spricht, an

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jenem friedlichen Abend unwissend war. Rascher als ein Stern, der am Himmel dahineilt und in unbekannten Räumen entschwindet, wird die Gunst des Volkes sich wandeln; und fünf Abende später, zu dieser selben Stunde, wird meine Marter mit einem Kuß der Lüge beginnen. Und die Münder, die mir morgen ihr Hosanna zurufen, werden sich zu einem Chor wilder Lästerungen und grausamer Verurteilungen öffnen.

Ja, du wirst nun endlich, o Stadt Sion, o Volk Israel, das Osterlamm haben! Du wirst es an diesem bevorstehenden Fest haben. Hier ist es. Es ist die seit Jahrhunderten vorbereitete Opfergabe. Die Liebe hat sie geschaffen, als sie sich als Wohnstatt einen Leib ohne Makel bereitet hatte. Und die Liebe verzehrt sie nun. Siehe, es ist das bewußte Opferlamm. Nicht wie das Lamm, das, während der Schlächter schon das Messer wetzt, um es zu töten, noch das Gras auf der Weide nascht oder mit seinem rosigen Mäulchen ahnungslos an das runde Euter der Mutter stößt. Ich bin das Lamm, das sich bewußt verabschiedet vom Leben, von der Mutter, von den Freunden, und zum Opferpriester geht und sagt: "Hier bin ich." Ich bin die Speise des Menschen. Satan hat einen Hunger gebracht, der nie gestillt wurde und der nicht gestillt werden kann. Nur eine Speise kann es und stillt diesen Hunger. Und diese Speise: hier ist sie. O Mensch, hier ist dein Brot. Hier ist dein Wein. Verzehre dein Ostermahl, o Menschheit! Geh durch dein Meer, das gerötet ist von den Flammen Satans. Von meinem Blute gefärbt wirst du, o Menschengeschlecht, es durchschreiten und verschont bleiben vom höllischen Feuer. Die Himmel öffnen schon, von meinem sehnlichen Wunsch bedrängt, die ewigen Pforten. Seht, o Geister der Toten! Seht, o lebende Menschen! Seht, o Seelen der zukünftigen Menschen dieser Erde! 1) Seht, ihr Engel des Paradieses! Seht, ihr Dämonen der Hölle! Sieh, o Vater! Sieh, o Paraklet! Das Opfer lächelt. Es weint nicht mehr...

Alles ist gesagt. Leb wohl, Freund. Auch dich werde ich vor dem Tod nicht wiedersehen. Geben wir uns den Abschiedskuß. Laß keine Zweifel in dir aufkommen. Sie werden dir sagen: "Er war ein Verrückter! Er war ein Dämon! Ein Lügner! Er ist gestorben, obwohl er gesagt hat, er sei das Leben." Ihnen, und im besonderen dir selbst, sollst du antworten: "Er war und ist die Wahrheit und das Leben. Er ist der Sieger über den Tod. Ich weiß es. Und er kann nicht der ewig Tote sein. Ich erwarte ihn. Und das Öl der Lampe, die der Freund bereithält, um der zur Hochzeit des Siegers geladenen Welt Licht zu spenden, wird noch nicht verbraucht sein, da wird er, der Bräutigam, schon zurückkehren. Und das Licht wird nun nie mehr erlöschen!" Glaube daran, Lazarus. Gehorche meinem Wunsch. Hörst du die Nachtigall, wie sie singt, nachdem dein Schluchzen sie verstummen ließ? Mache auch du es so. Nach den unvermeidlichen Tränen

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1) Die seit Ewigkeiten im Gedanken Gottes lebenden Menschen.

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über den Getöteten soll deine Seele den siegessicheren Hymnus deines Glaubens singen. Sei gesegnet. Vom Vater, vom Sohn und vom Heiligen Geist.»

Wie habe ich gelitten! Die ganze Nacht des Donnerstags, des 1. März, bis 5 Uhr früh am Freitag. Ich habe Jesus in einer Todesangst geschaut, die der im Ölgarten kaum nachstand, besonders, wenn er von der Mutter und von dem Verräter sprach und seinen Widerwillen gegen den Tod erkennen ließ. Ich habe Jesus gehorcht und dies in ein eigenes Heft geschrieben, um die Passion ausführlicher zu schildern. Sie haben heute morgen mein Gesicht gesehen... ein schwaches Abbild der erlittenen Qualen... Und ich sage nichts weiter, denn es gibt unüberwindliche Schamgefühle.

648. JUDAS GEHT ZU DEN VORSTEHERN DES SYNEDRIUMS

Judas kommt beim Landhaus des Kaiphas an, als es bereits dunkel ist. Der Mond macht sich zum Komplizen des Mörders und erhellt ihm den Weg. Judas muß sicher sein, hier in dem Haus vor der Stadtmauer den anzutreffen, den er sucht, denn ich denke, er hätte sonst wohl versucht, in die Stadt zu kommen und wäre zum Tempel gegangen. Stattdessen geht er mit sicheren Schritten durch den Olivenhain auf dem kleinen Hügel. Er fühlt sich sicherer als das letzte Mal, denn es ist jetzt Nacht, und die Dunkelheit und die späte Stunde bewahren ihn vor einer möglichen Überraschung. Die Landstraßen sind nun verlassen, nachdem sie den ganzen Tag über von Pilgerscharen, die zum Osterfest nach Jerusalem ziehen, belebt waren. Selbst die armen Aussätzigen sind in ihren Höhlen und vergessen im Schlaf für einige Stunden ihr Unglück.

Nun ist Judas bei dem im Mondlicht weiß leuchtenden Haus angelangt. Er klopft an. Drei Schläge, ein Schlag, drei Schläge, zwei Schläge... Sogar das übliche Klopfzeichen kann er bestens.

Und es muß ein unfehlbares Signal sein, denn das Tor öffnet sich einen Spalt, ohne daß der Pförtner erst durch den kleinen Spion in der Tür geschaut hätte.

Judas schlüpft hinein und fragt den Pförtner, der sich verbeugt: «Sind alle versammelt?»

«Ja, Judas von Kerioth. Vollzählig, würde ich sagen.»

«Führe mich zu ihnen. Ich habe Wichtiges zu berichten. Schnell!»

Der Mann verschließt die Tür mit allen Riegeln, geht ihm durch den halbdunklen Gang voraus und bleibt vor einer schweren Tür stehen, an die er klopft. Das Stimmengewirr in dem abgeschlossenen Raum verstummt. Dafür hört man das Geräusch des Schlosses und das Knarren der Tür, die sich öffnet. Ein Lichtkegel fällt in den dunklen Korridor.

«Du bist es? Komm herein!» sagt der Mann, der die Tür geöffnet hat und den ich nicht kenne.

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Judas betritt den Saal, während jener, der geöffnet hat, die Tür wieder mit dem Schlüssel verschließt.

Staunen, oder besser, eine gewisse Erregung macht sich im Saal bemerkbar, als Judas erscheint. Doch sie begrüßen ihn im Chor: «Der Friede sei mit dir, Judas des Simon.»

«Der Friede sei mit euch, Mitglieder des heiligen Synedriums», grüßt Judas.

«Tritt vor. Was willst du?» fragen sie ihn.

«Berichten, euch von Christus berichten. Es kann unmöglich so weitergehen. Ich kann euch nicht mehr helfen, wenn ihr euch nicht entschließt, eine endgültige Entscheidung zu treffen. Der Mann schöpft nun Verdacht.»

«Hast du, Dummkopf, dich verraten?» unterbrechen sie ihn.

«Nein, aber ihr Dummköpfe, ihr habt in eurer törichten Eile falsche Schritte getan. Ihr wußtet doch sehr wohl, daß ich euch dienen würde. Ihr habt mir nicht getraut.»

«Du hast ein schwaches Gedächtnis, Judas des Simon! Erinnerst du dich nicht mehr daran, wie du uns das letzte Mal verlassen hast? Wer hätte noch glauben können, daß du uns treu bleiben würdest, nachdem du auf diese Art erklärt hattest, daß du ihn nicht verraten könntest?» sagt Elchias ironisch, mehr Schlange denn je.

«Glaubt ihr, es falle leicht, einen Freund zu betrügen, den Einzigen, der mich wahrhaft liebt, einen Unschuldigen? Glaubt ihr, es sei leicht, zum Verbrecher zu werden?» Judas ist schon erregt.

Sie versuchen, ihn zu beruhigen und umschmeicheln ihn. Sie verführen ihn, oder versuchen es wenigstens, indem sie bemerken, daß es sich bei ihm nicht um ein Verbrechen handelt, sondern «um ein heiliges Werk für das Vaterland, das er vor Repressalien der Herrschenden bewahrt; denn diese lassen schon Anzeichen der Ungeduld erkennen über die ständigen Unruhen und Spaltungen der Parteien und der Volksmassen. Ein heiliges Werk auch für die Menschheit, wenn er tatsächlich überzeugt ist von der göttlichen Natur des Messias und seiner geistigen Mission.»

«Wenn es wahr ist, was er sagt – was wir aber unmöglich glauben können – wirst du dann nicht an der Erlösung mitgewirkt haben? Dein Name wird in allen Jahrhunderten mit seinem Namen verbunden sein, und das Vaterland wird dich zu seinen Helden zählen und dich mit höchsten Ämtern ehren. Ein Sitz unter uns für dich ist schon bereit. Du wirst aufsteigen, Judas. Du wirst Israel Gesetze geben. Oh, wir werden nicht vergessen, was du zum Wohl des heiligen Tempels, des heiligen Priestertums, zur Verteidigung des allerheiligsten Gesetzes und zum Wohl der ganzen Nation getan hast! Hilf uns nur, dann, das schwöre ich dir im Namen meines mächtigen Vaters und des Kaiphas, der das Ephod trägt, wirst du der größte Mann in Israel sein. Größer als die Tetrarchen, größer

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selbst als mein Vater, der nun sein Amt als Hoherpriester abgegeben hat. Wie ein König, wie ein Prophet wirst du bedient und angehört werden. Wenn aber Jesus von Nazareth nichts als ein falscher Messias ist, wenn er auch nicht des Todes schuldig wäre, da seine Taten nicht die eines Räubers, sondern eines Geisteskranken sind, dann erinnern wir dich an die erleuchteten Worte des Hohenpriesters Kaiphas – du weißt, daß die Rede dessen, der das Ephod und das Rationale trägt, von Gott eingegeben ist, und daß er das Gute und das zum Guten Notwendige prophezeit. Kaiphas, erinnerst du dich? Kaiphas hat gesagt: "Es ist besser, daß ein Mensch für das Volk stirbt, als daß das ganze Volk zugrunde geht." Dies ist ein prophetisches Wort.»

«Wahrlich, das ist es. Der Allerhöchste hat durch den Mund des Hohenpriesters gesprochen. Ihm muß gehorcht werden!» rufen sie theatralisch im Chor und gleichen dabei Automaten, die vorgegebene Gesten machen müssen – diese ekelhaften Marionetten, die Mitglieder des Hohen Rates des Synedriums sind.

Judas ist beeindruckt, verführt... Aber ein klein wenig gesunder Menschenverstand oder Güte ist noch in ihm und läßt ihn die fatalen Worte nicht aussprechen.

Sie umringen ihn mit Ehrerbietung, mit geheuchelter Liebenswürdigkeit und drängen: «Glaubst du uns nicht? Sieh, wir sind die Häupter der einundzwanzig priesterlichen Familien, die Ältesten des Volkes, die Schriftgelehrten, die größten Pharisäer Israels, die weisen Rabbis und die Vertreter des Tempels. Die Elite Israels ist hier, umgibt dich. Sie ist bereit, dich zu beglückwünschen und sagt einstimmig: "Tu es, denn es ist eine heilige Tat."»

«Und wo ist Gamaliel? Und Joseph und Nikodemus, wo sind sie? Und wo ist Eleazar, der Freund des Joseph, und wo Johannes von Gaasch? Ich sehe sie nicht.»

«Gamaliel tut große Buße, Johannes ist bei seiner schwangeren Frau, der es heute abend nicht gut geht. Von Eleazar wissen wir nicht, warum er nicht gekommen ist. Aber ein Unwohlsein kann jeden unversehens befallen, meinst du nicht auch? Was Joseph und Nikodemus betrifft... Nun, wir haben diese beiden nicht von der heutigen geheimen Sitzung benachrichtigt, dir zuliebe, um deine Ehre nicht aufs Spiel zu setzen... Denn sollte die Sache unglücklicherweise mißlingen, so wird der Meister wenigstens nichts erfahren... Wir schützen deinen guten Ruf. Wir lieben dich, Judas, neuer Makkabäer und Retter des Vaterlandes.»

«Der Makkabäer hat einen guten Kampf gekämpft. Ich begehe... einen Verrat!»

«Betrachte nicht die Einzelheiten der Tat, sondern die Gerechtigkeit des Zweckes. Sprich du, o Sadok, goldener Schriftgelehrter. Aus deinem Mund fließen goldene Worte. Wenn Gamaliel gelehrt ist, so bist du weise,

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denn mit deinen Lippen spricht die Weisheit Gottes. Sprich du zu ihm, da er noch zögert.»

Und die gute Haut von Sadok tritt vor und mit ihm auch der altersschwache Chananias. Ein zum Skelett abgemagerter, sterbender Fuchs an der Seite eines heimtückischen, kräftigen, reißenden Schakals.

«Hör zu, Mann Gottes!» beginnt Sadok pompös und nimmt die Haltung eines erleuchteten Redners ein, streckt den rechten Arm wie ein Cicero vor sich aus und rafft mit der Linken den ganzen Wust von Falten seines Schriftgelehrtengewandes. Dann aber hebt er auch den linken Arm, so daß das ganze Kleidungsmonument auseinanderfällt und in Unordnung gerät; und so, Gesicht und Arme zur Decke des Raumes erhoben, donnert er: «Ich sage es dir! Ich sage es dir in Gegenwart des Allerhöchsten!»

«Maran Atha!» antworten alle und verneigen sich, als ob ein göttlicher Windstoß sie dazu zwingen würde; dann richten sie sich wieder mit über der Brust gekreuzten Armen auf.

«Ich sage es dir. Es steht in den Seiten unserer Geschichte und unseres Geschickes geschrieben! Es steht in den Zeichen und Symbolen der zurückliegenden Jahrhunderte! Es steht in dem Ritus, der kein Ende gehabt hat seit der Schicksalsnacht der Ägypter! Es steht in der Gestalt des Isaak! Es steht in der Gestalt des Abel! Und was geschrieben steht, soll geschehen.»

«Maran Atha!» sagen die anderen in einem tiefen, unheimlichen, suggestiven Chor, mit den Gebärden von zuvor und bizarren Lichtspielen auf den Gesichtern. Denn die Lampen an den beiden Enden des Raumes mit ihren blaßvioletten Glimmerschirmen verbreiten ein gespenstisches Licht. Wirklich, diese Versammlung fast ausschließlich weiß gekleideter Männer mit den blassen oder olivfarbenen Gesichtern ihrer Rasse, die durch die diffuse Beleuchtung noch blasser und grüner erscheinen, läßt mich an eine Versammlung von Gespenstern denken.

«Das Wort Gottes ist auf die Lippen des Propheten herabgekommen, um diesen Beschluß zu bekräftigen. Er muß sterben! Es steht geschrieben!»

«So steht es geschrieben! Maran Atha!»

«Er muß sterben, sein Schicksal ist besiegelt!»

«Er muß sterben, Maran Atha!»

«Bis in die kleinsten Einzelheiten ist sein unabwendbares Schicksal beschrieben. Und das Schicksal ändert man nicht.»

«Maran Atha!»

«Sogar der symbolische Preis, der dem bezahlt wird, der sich zum Werkzeug Gottes macht, um die Vorhersagen zu erfüllen, ist bestimmt.»

«Er ist bestimmt! Maran Atha!»

«Ob Erlöser oder falscher Prophet, er muß sterben!»

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«Er muß sterben! Maran Atha»

«Die Stunde ist gekommen! Jahwe will es! Ich höre seine Stimme! Sie ruft: "Es muß sich erfüllen!"»

«Der Allerhöchste hat gesprochen! Es muß sich erfüllen. Es muß sich erfüllen! Maran Atha!»

«Der Himmel möge dich stärken, wie er Jael und Judith stärkte, die Frauen waren und es verstanden, Heldinnen zu sein; wie er Jephtha stärkte, den Vater, der dem Vaterland seine Tochter opferte; wie er David stärkte im Kampf gegen Goliath, so daß er die Tat vollbringen konnte, die den Namen Israels auf ewig in das Gedächtnis der Völker einschreiben wird.»

«Der Himmel möge dir Kraft geben, Maran Atha!»

«Werde ein Sieger!»

«Werde Sieger! Maran Atha!»

Die heisere Greisenstimme des Chananias erhebt sich: «Wer zaudert bei der Ausführung des heiligen Befehls, ist zur Entehrung und zum Tod verurteilt.»

«Er ist verurteilt. Maran Atha!»

«Wenn du die Stimme des Herrn, deines Gottes, nicht hören willst und seinen Befehl und was er dir durch unseren Mund gebietet nicht ausführst, sollen alle Verwünschungen über dich kommen!»

«Alle Verwünschungen! Maran Atha!»

«Es schlage dich der Herr mit allen mosaischen Verwünschungen und liefere dich den Heiden aus! Maran Atha!»

«Er schlage dich und liefere dich aus. Maran Atha!»

Ein tödliches Schweigen folgt dieser beeindruckenden Szene... Alles verharrt in furchterregender Unbeweglichkeit.

Endlich spricht Judas, und es fällt mir schwer, ihn wiederzuerkennen, so sehr hat er sich verändert: «Ja, ich werde es tun. Ich muß es tun. Und ich werde es tun. Der letzte Teil der mosaischen Verwünschungen trifft mich schon, und ich muß mich davon befreien, denn zu lange habe ich gewartet. Und ich verliere den Verstand, da ich weder Rast noch Ruhe finde. Mein Herz ist voller Angst, meine Augen sind matt, meine Seele versinkt in Traurigkeit. Ich zittere davor, entdeckt zu werden und von ihm für mein doppeltes Spiel vernichtet zu werden; denn ich weiß nicht, ich weiß nicht, inwieweit er meine Gedanken kennt. Ich sehe mein Leben an einem Faden hängen, und vom Morgen bis zum Abend bin ich nur von dem einen verzweifelten Wunsch erfüllt: daß diese Stunde vorübergehe, wegen des Schreckens, der mein Herz verwirrt. Wegen der schrecklichen Tat, die ich vollbringen muß. Oh, beschleunigt diese Stunde! Befreit mich von diesen Ängsten. Alles soll sich erfüllen. Sofort! Jetzt! Und ich werde frei sein! Gehen wir!»

Die Stimme des Judas ist beim Sprechen immer fester und immer lauter geworden. Die Gesten, zuerst automatisch und unsicher wie die eines

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Schlafwandlers, sind nun frei und spontan. Er reckt sich zu voller Größe, satanisch schön, und schreit: «Die Bande einer unsinnigen Furcht sollen fallen! Ich habe mich endlich von der ängstlichen Untertänigkeit befreit. Christus! Ich fürchte dich nicht mehr und liefere dich deinen Feinden aus! Gehen wir!» Es ist der Schrei eines sieghaften Dämons, und Judas geht tatsächlich entschlossen auf die Tür zu.

Aber man hält ihn zurück: «Langsam! Antworte uns: Wo ist Jesus von Nazareth jetzt?»

«Im Haus des Lazarus. In Bethanien.»

«In dieses Haus, das voll ist von treuen Dienern, können wir nicht eindringen. Außerdem ist es das Haus eines Günstlings der Römer. Wir würden uns mit Sicherheit Unannehmlichkeiten einhandeln.»

«Im Morgengrauen gehen wir in die Stadt. Stellt Wachen an die Straße von Bethphage, organisiert einen Tumult und laßt ihn gefangennehmen!»

«Woher weißt du, daß er diese Straße nimmt? Er könnte auch auf der anderen kommen...»

«Nein, er hat zu den Jüngern gesagt, daß er auf dieser in die Stadt kommt, durch das Tor von Ephraim. Sie sollen ihn bei En Rogel erwarten. Wenn ihr ihn vorher gefangennehmt...»

«Wir können nicht. Wir müßten mit ihm an den Wachen vorbei in die Stadt gehen, und außerdem ist jede Straße, die zu den Toren führt, und jede Straße in der Stadt von früh bis abends voller Menschen. Es würde einen Tumult geben. Das darf nicht geschehen.»

«Er wird zum Tempel hinaufgehen. Ruft ihn in einen Saal, um ihn zu befragen. Ruft ihn im Namen des Hohenpriesters. Er wird kommen, denn er achtet euch mehr als sein eigenes Leben. Wenn er dann mit euch allein ist... wird es euch nicht schwerfallen, ihn an einen sicheren Ort zu bringen und zu gegebener Zeit zu verurteilen.»

«Es würde trotzdem einen Tumult geben. Du solltest bemerkt haben, daß die Leute fanatisch an ihm hängen. Und nicht nur das Volk, auch die Großen und die Hoffnung Israels. Gamaliel verliert seine Schüler, Jonathan ben Uziel und andere von uns ebenfalls. Alle lassen sich von ihm verführen und verlassen uns. Selbst die Heiden verehren ihn oder fürchten ihn, was einer Verehrung gleichkommt. Und sie sind bereit zu revoltieren, wenn wir ihm Gewalt antun. Unter anderem sind einige der Räuber, die wir angeworben haben, damit sie als falsche Jünger auftreten und Streit anzetteln, gefangengenommen worden. Sie haben gesprochen in der Hoffnung auf Milderung der Strafe. Und der Prätor weiß ... Die ganze Welt läuft ihm nach, während wir nichts zustande bringen ... Aber wir müssen klug vorgehen, damit das Volk nichts merkt.»

«Ja, so müssen wir es machen. Auch Annas hat es uns empfohlen. Er sagt: "Daß ja nichts während des Festes passiert und kein Tumult unter dem fanatischen Volk entsteht!" Dies hat er befohlen, und er hat auch

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befohlen, daß man ihm im Tempel und auch sonst respektvoll begegnet und ihn nicht belästigt, um ihn so zu täuschen.»

«Aber was wollt ihr dann tun? Ich war heute Nacht bereit, doch ihr zögert...» sagt Judas.

«Nun, du müßtest uns zu ihm führen, wenn er allein ist. Du kennst seine Gewohnheiten. Du hast uns geschrieben, daß er dich mehr als die anderen in seiner Nähe behält. Daher mußt du wissen, was er vorhat. Wir werden immer bereit sein. Wenn du Ort und Zeit für günstig hältst, dann komm, und wir werden eingreifen.»

«Abgemacht. Und was bekomme ich dafür?» Judas redet nun ganz kalt, als handle es sich um irgendein alltägliches Geschäft.

«Das, was die Propheten gesagt haben, um den erleuchteten Worten treu zu bleiben: dreißig Denare ...»

«Dreißig Denare für das Leben eines Menschen, und dieses Menschen?! Das ist der Preis eines gewöhnlichen Lammes während dieser Feiertage! Seid ihr von Sinnen? Nicht, daß ich Geld brauche. Ich habe genug. Glaubt daher nicht, daß ihr mich überzeugt, weil ich geldgierig bin. Aber es ist zu wenig für meinen Schmerz, den verraten zu müssen, der mich immer geliebt hat.»

«Wir haben dir doch gesagt, was wir für dich tun werden. Ehre und Ruhm sollst du haben. Also das, was du von ihm erwartet und nicht erhalten hast. Wir werden deine Enttäuschung wiedergutmachen. Aber der Preis ist von den Propheten festgesetzt. Oh, es ist nur eine Formalität, ein Symbol, sonst nichts. Das andere kommt danach ...»

«Und das Geld, wann bekomme ich das?»

«In dem Augenblick, da du uns sagst: "Nun kommt". Nicht früher. Niemand bezahlt, bevor er die Ware in Händen hat. Scheint dir das vielleicht nicht richtig?»

«Es ist richtig. Aber verdreifacht wenigstens die Summe...»

«Nein, so haben es die Propheten gesagt und so muß es geschehen! Oh, wir wissen den Propheten zu gehorchen! Wir werden kein Jota übersehen von dem, was sie über ihn geschrieben haben. Ha, ha, ha! Wir halten uns an das eingegebene Wort! Ha, ha, ha!» lacht dieses abstoßende Skelett Chananias. Viele stimmen in das unheimliche, falsche, tiefe Lachen ein. Ein wahrhaft dämonisches Gelächter, denn die Dämonen können nur hohnlachen. Das Lachen aber kommt aus einem frohen, liebenden Herzen, das Hohnlachen dagegen aus einem verstörten Herzen voller Mißgunst.

«Es ist alles besprochen. Du kannst gehen. Wir erwarten den Sonnenaufgang, um auf verschiedenen Wegen in die Stadt zu gehen. Leb wohl. Der Friede sei mit dir, verlorenes Schaf, das du in den Schoß Abrahams zurückkehrst. Der Friede sei mit dir! Der Friede sei mit dir! Der Dank Israels ist dir gewiß! Du kannst auf uns zählen! Dein Wunsch ist uns

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Befehl. Gott sei mit dir, wie er immer mit allen seinen treuen Dienern gewesen ist. Aller Segen komme über dich!»

Sie begleiten ihn unter Umarmungen und Liebesbezeugungen bis zur Tür ... schauen ihm nach, während er im halbdunklen Gang verschwindet ... und hören das Geräusch der Riegel an der Tür, die sich öffnet und schließt...

Dann kehren sie jubelnd an ihre Plätze zurück.

Nur zwei oder drei Stimmen werden laut, die der weniger dämonischen: «Und nun? Was werden wir mit Judas des Simon anfangen? Wir wissen genau, daß wir ihm nicht geben können, was wir ihm versprochen haben, außer diesen armseligen dreißig Silberlingen! ... Was wird er sagen, wenn er sich von uns betrogen sieht? Werden wir nicht einen noch größeren Schaden angerichtet haben? Wird er nicht umhergehen und dem Volk sagen, was wir getan haben? Wir wissen doch, daß er ein wankelmütiger Mensch ist.»

«Ihr seid recht naiv und töricht, so zu denken und euch solche Sorgen zu machen! Es ist schon beschlossen, was wir mit Judas tun werden. Beschlossen seit dem letzten Mal. Habt ihr es vergessen? Wir werden unseren Beschluß nicht ändern. Wenn die ganze Geschichte mit dem Christus zu Ende ist, wird Judas sterben. Auch dies steht geschrieben.»

«Aber wenn er vorher spricht?»

«Zu wem? Zu den Jüngern oder zum Volk, um gesteinigt zu werden? Er wird nichts sagen. Das Entsetzen über seine Tat wird ihm den Mund stopfen.»

«Aber es könnte ihn in der Zukunft reuen, er könnte schwere Gewissensbisse bekommen und den Kopf verlieren...»

«Er wird keine Zeit dazu haben. Wir werden schon vorsorgen. Alles zu seiner Zeit. Zuerst der Nazarener, und dann der, der ihn verraten hat...»sagt langsam und furchtbar Elchias.

«Ja, und gebt acht! Kein Wort zu den Abwesenden. Zu viel wissen sie schon von unserem Plan. Ich traue Joseph und Nikodemus nicht, und auch den anderen nur wenig.»

«Zweifelst du an Gamaliel?»

«Er meidet uns schon seit Monaten. Ohne ausdrücklichen Befehl des Hohenpriesters wird er an unseren Sitzungen nicht teilnehmen. Er sagt, daß er mit Hilfe seines Sohnes an seinem Werk schreibt. Aber ich spreche von Eleazar und Johannes.»

«Oh, sie haben uns noch nie widersprochen», sagt rasch ein Synedrist, den ich schon öfters mit Joseph von Arimathäa gesehen habe, an dessen Namen ich mich jedoch nicht erinnern kann.

«Eben! Sie haben uns sogar zu wenig widersprochen. Ha, ha, ha! Und wir werden auf sie aufpassen müssen! Viele Schlangen haben sich im Synedrium eingenistet, glaube ich... Ha, ha, ha! Aber wir werden sie

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ausheben... Ha, ha, ha!» sagt Chananias und geht gebeugt und zittrig, auf seinen Stock gestützt, zu den niedrigen breiten, mit schweren Teppichen bedeckten Sitzen an den Wänden des Saals, um sich einen bequemen Platz zu suchen. Zufrieden läßt er sich nieder und schläft auch bald, mit offenem Mund – ein häßlicher, böser Alter.

Die anderen betrachten ihn. Und Doras, der Sohn des Doras, sagt: «Er hat die Genugtuung, diesen Tag erleben zu dürfen. Mein Vater hat ihn ersehnt, aber er hat ihn nicht mehr erlebt. Ich werde jedoch seinen Geist im Herzen tragen, damit er dabei ist am Tag der Rache am Nazarener und seine Freude hat...»

«Vergeßt nicht, daß wir abwechslungsweise, und immer zu mehreren, ununterbrochen im Tempel sein müssen.»

«Wir werden es sein.»

«Wir müssen Anweisung geben, daß Judas des Simon jederzeit zum Hohenpriester geführt wird.»

«Wir werden es tun.» «Und nun wollen wir unser Herz vorbereiten auf die letzte Aufgabe.» «Es ist schon bereit! Es ist schon bereit!»«Mit Schlauheit.» «Mit Schlauheit.» «Mit Raffiniertheit.» «Mit Raffiniertheit.»«Um jeden Verdacht zu zerstreuen.»«Um jedes Herz zu verführen.»

«Was er auch sagt oder tut, wir reagieren nicht. Wenn die Stunde gekommen ist, werden wir uns für alles auf einmal rächen.»

«Das werden wir tun. Und es wird eine furchtbare Rache sein.» «Eine vollkommene!»«Eine entsetzliche!»

Sie setzen sich und versuchen sich auszuruhen in Erwartung des Morgens.

649. VON BETHANIEN NACH JERUSALEM

Jesus geht durch die blühenden Obstgärten und Olivenhaine. Selbst die silbernen Blättchen der Ölbäume gleichen Blüten mit ihren Tauperlen, die unter den ersten Strahlen der Morgenröte und sanft gewiegt von einem leichten duftenden Wind überall aufblitzen. Jeder Ast ist eine Goldschmiedearbeit, und das Auge betrachtet bewundernd seine Schönheit. Die Mandelbäume, schon ganz mit Grün bedeckt, erheben sich über die Masse der anderen weißen und rosaroten Obstbäume, und unten zeigen

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die Reben die Ansätze ihrer ersten zarten Blättchen, so glänzend und seidig, daß sie hauchfeinen Smaragdschuppen oder Stückchen kostbarer Seide gleichen. Darüber wölbt sich ein Himmel von tiefem, makellosem, friedvollem und feierlichem Türkis. Überall Vogelgezwitscher und Blumendüfte. Ein frisches Lüftchen erquickt und erfreut. Es ist wahrlich die Fröhlichkeit des April, die aus allem lacht.

Jesus ist von seinen Aposteln umgeben, allen zwölfen, und spricht: «Ich habe die Frauen vorausgeschickt, denn ich möchte mit euch allein reden. In der ersten Zeit mit euch habe ich denen, die damals bei mir waren, gesagt: "Betrübt die Mutter nicht durch Berichte über böse Unternehmungen, die gegen den Sohn gerichtet sind." Es schienen so schlimme Unternehmungen zu sein... Ihr drei – Johannes, Simon und Judas von Kerioth – ihr seid Zeugen dieser Dinge gewesen, die den Anfang einer Kette bildeten, an der der Menschensohn zum Tod geführt werden wird; und ihr könnt nun sehen, daß es herabrieselnde Sandkörner waren im Vergleich zu dem Felsblock, den Felsblöcken, die man heute auf mich wirft. Aber damals wart ihr, war ich, war auch die Mutter nicht vorbereitet auf die menschliche Bosheit. Weder im Guten noch im Bösen erreicht der Mensch ganz plötzlich den Gipfel. Er steigt stufenweise auf oder ab. So ist es auch beim Schmerz. Ihr seid gut, ihr habt im Guten Fortschritte gemacht und könnt nun, ohne Anstoß von früher daran zu nehmen, feststellen, bis zu welchem Grad der Verderbtheit ein Mensch absinken kann, der sich mit Satan verbündet. Ebenso können wir, ich und die Mutter, nun den ganzen Schmerz ertragen, den uns die Menschen zufügen, ohne daran zu sterben. Wir haben unsere Seelen abgehärtet. Alle. Im Guten, im Bösen oder im Leiden. Und doch haben wir den Gipfel noch nicht erreicht... Wir haben den Gipfel noch nicht erreicht. Oh, wenn ihr wüßtet, wie hoch der Gipfel des Guten, des Bösen und des Schmerzes ist! Ich wiederhole euch nun die Worte von damals. Sagt der Mutter nichts von dem, was der Menschensohn euch nun sagen wird. Es würde sie zu sehr schmerzen. Einer, der getötet werden soll, trinkt den barmherzigen betäubenden Trank, um die Stunde des Leidens ohne beständiges Zittern und Beben abwarten zu können. Euer Schweigen wird der barmherzige Trank für sie, die Mutter des Erlösers, sein! Nun möchte ich, damit euch nichts verborgen bleibt, den Sinn der Prophezeiungen erklären. Und ich bitte euch, viel, sehr viel bei mir zu sein. Tagsüber werde ich allen gehören. In der Nacht bitte ich euch, bei mir zu bleiben, denn ich möchte bei euch sein. Ich habe das Bedürfnis, nicht allein zu sein...»

Jesus ist tieftraurig. Die Apostel sehen es und sind betrübt. Sie drängen sich um ihn. Auch Judas versteht es, sich an Jesus heranzumachen, als ob er der liebevollste der Jünger wäre.

Jesus liebkost sie und fährt fort: «Ich möchte in dieser Stunde, die mir noch gegeben ist, eures Wissen über den Christus vervollkommnen. Zu

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Beginn habe ich Johannes, Simon und Judas die Wahrheit der Prophezeiungen über meine Geburt gezeigt. Die Prophezeiungen haben mich von meinem Aufgang bis zu meinem Untergang so gut dargestellt, wie der beste Maler es nicht fertiggebracht hätte. Gerade der Morgen und der Abend meines Lebens sind die zwei von den Propheten am besten beschriebenen Phasen. Nun soll der vom Himmel herabgekommene Christus, der Gerechte, den die Wolken vom Himmel regnen ließen, das edle Reis, getötet werden, wie eine Zeder vom Blitz gespalten wird. Sprechen wir also von seinem Tod. Seufzt nicht und schüttelt nicht den Kopf. Murrt nicht in euren Herzen und verflucht die Menschen nicht. Es hat keinen Wert. Wir gehen nach Jerusalem hinauf. Das Passahfest ist nun nahe.

"Dieser Monat soll euch der erste Monat des Jahres sein." Dieser Monat wird für die Welt der Beginn einer neuen Zeit sein, die niemals aufhören wird. Vergeblich wird der Mensch von Zeit zu Zeit versuchen, eine neue Zeit einzuführen. Jene, die eine neue Zeit einführen und ihr den Namen ihres Idols, ihrer selbst, geben wollen, werden geschlagen und getötet werden. Es ist nur ein Gott im Himmel und ein Messias auf Erden: der Sohn Gottes, Jesus von Nazareth. Da er sich ganz gibt, kann er alles verlangen, und er drückt sein königliches Siegel nicht dem auf, was Fleisch und Schmutz ist, sondern dem, was Zeit und Geist ist.

"Am zehnten Tag dieses Monats soll jeder ein Lamm für jede Familie und für jedes Haus nehmen. Wenn aber eine Familie zu klein ist für ein ganzes Tier, so nehme er eines zusammen mit seinem nächsten Nachbarn, um das ganze Lamm verzehren zu können." Denn das Opfer und die Hostie müssen vollständig verzehrt werden. Es darf kein Rest übrigbleiben. Es wird nichts übrigbleiben. Zu viele sind es, die sich an dem Lamm sättigen werden. Eine unzählbare Schar für ein Gastmahl ohne Ende. Und es braucht kein Feuer, um das Übriggebliebene zu verbrennen, denn es wird nichts übrigbleiben. Die Teile, die dem Haß angeboten und von ihm verschmäht werden, wird das Feuer des Opfers, seine Liebe, verzehren. Ich liebe euch, ihr Männer. Euch zwölf, meine Freunde, die ich selbst erwählt habe; euch, in denen die zwölf Stämme Israels vertreten sind und die dreizehn Adern der Menschheit. Alles habe ich in euch versammelt, und alles sehe ich in euch... Alles.»

«Aber unter den Adern des Leibes Adams ist auch die des Kain. Keiner von uns hat die Hand gegen einen seiner Gefährten erhoben. Wo ist also Abel?» fragt Iskariot.

«Du sagst es. Unter den Adern des Leibes Adams ist auch die des Kain. Und der Abel bin ich, der sanfte Abel, der Hirte der Herden, der dem Herrn wohlgefällig war, da er ihm seine Erstlinge und alles, was fehlerlos war, opferte, als erstes sich selbst. Ich liebe euch, o Menschen. Auch wenn ihr mich nicht liebt, ich liebe euch. Die Liebe beschleunigt und vollendet das Werk der Opfernden.

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"Das Lamm soll fehlerlos, männlich und einjährig sein." Für das Lamm Gottes existiert die Zeit nicht. Es ist. Es ist am letzten Tag wie am ersten Tag dieser Welt. Er, der ist wie der Vater, kennt in seiner göttlichen Natur kein Altern. Nur ein Altern, eine Müdigkeit kennt er: die Enttäuschung, für allzu viele vergebens gekommen zu sein. Wenn ihr wißt, wie man mich getötet hat – und die Augen, die ihren Herrn in einen von Wunden bedeckten Aussätzigen verwandelt sehen werden, glänzen nun naß an meiner Seite und sehen diese lachenden Hügel nicht mehr, da die Tränen ihren Blick trüben – dann sagt: "Nicht daran ist er gestorben, sondern weil er von denen, die ihm die Liebsten waren, verkannt und von zu vielen Menschen zurückgewiesen wurde." Aber wenn auch der Sohn Gottes kein Alter kennt und sich darin vom Opferlamm unterscheidet, so ist er ihm doch gleich, da er makellos und männlich und so dem Herrn heilig ist. Ja, vergeblich werden die Henker, jene, die mich mit Waffen, durch ihren Willen oder durch Verrat töten, sich zu entschuldigen versuchen, indem sie sagen: "Er war schuldig." Keiner, der aufrichtig und ehrlich ist, kann mich der Sünde beschuldigen. Könnt ihr es?

Wir stehen dem Tod gegenüber. Ich stehe ihm gegenüber. Und auch andere. Wer? Du willst wissen, wer, Petrus? Alle. Der Tod rückt näher, Stunde um Stunde, und rafft jene dahin, die es am wenigsten erwarten. Aber auch die anderen, die noch lange zu leben haben, rücken mit jeder Stunde dem Tod näher; denn die Zeit ist nur ein Augenblick im Vergleich zur Ewigkeit. Und in der Todesstunde war auch das längste Leben nur ein Hauch. Alle Handlungen so vieler Jahrzehnte, von frühester Kindheit an, kehren wieder und sagen: "Siehe: gestern hast du dies getan!" Gestern! Beim Sterben ist alles gestern geschehen. Und Ehren und Gold, nach denen der Mensch strebte, sind nur Staub! Und die Frucht, nach der er gierte, hat jeden Geschmack verloren! Die Frau? Die Börse? Die Macht? Die Wissenschaft? Was bleibt? Nichts! Nur das Gewissen und das Gericht Gottes, vor dem das Gewissen ohne menschliche Protektion und irdischen Überfluß erscheinen muß, einzig mit seinen Werken beladen.

"Von dem Blut aber sollen sie nehmen und es an die beiden Türpfosten und an die Oberschwelle streichen, und der Engel wird beim Vorübergehen die Häuser verschonen, an denen das Zeichen des Blutes ist." Nehmt mein Blut. Bestreicht damit nicht die toten Steine, sondern das tote Herz. Dies ist die neue Beschneidung. Ich lasse mich für die ganze Welt beschneiden. Und ich opfere nicht einen überflüssigen Teil, sondern gebe meine herrliche, gesunde, reine Männlichkeit dahin, opfere sie vollständig, und aus den verwundeten Gliedern, den geöffneten Adern nehme ich mein Blut und zeichne um die Menschheit rettende Ringe, Bande ewiger Vermählung mit dem Gott, der im Himmel ist, mit dem Vater, der wartet. Und ich sage: "Siehe, nun kannst du sie nicht mehr abweisen, denn du würdest dein eigenes Blut abweisen."

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"Und Moses sagte: '... Nehmt ein Ysopbüschel, taucht es in das Blut und bestreicht damit die Türpfosten .... .. Genügt das Blut also nicht? Nein, es genügt nicht. Zu meinem Blut müßt ihr eure Reue hinzufügen. Ohne die bittere und heilsame Reue würde ich vergebens für euch gestorben sein.

Dies ist das erste Wort, das in der Heiligen Schrift vom erlösenden Lamm spricht. Aber das Buch ist voll solcher Worte. So wie bei jedem neuen Sonnenaufgang die Blüten an diesen Zweigen sich vermehren, ebenso vermehren sich mit jedem vergangenen und neuen Jahr die Hinweise auf den Erlöser, je näher wir der Zeit der Erlösung kommen.

Und nun sage ich euch mit Zacharias, euch anstelle von Jerusalem: "Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig und reitend auf einer Eselin und auf einem Füllen. Er ist arm." Aber er wird die Mächtigen, die den Menschen unterdrücken, vernichten. Er ist sanftmütig, und doch wird sein zum Segen erhobener Arm den Dämon und den Tod besiegen. "Er wird den Frieden verkünden, denn er ist der Friedensfürst." Er wird, obwohl er an das Kreuz genagelt ist, sein Reich von Meer zu Meer ausdehnen. "Er wird nicht schreien und nicht lärmen. Das geknickte Rohr bricht er nicht ab, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; den, der nicht stark ist, sondern schwach, den, der allen Tadel verdient; er wird das Recht auf Erden begründen in der Wahrheit." Dein Messias, o Stadt Sion, dein Messias, o Volk des Herrn, dein Messias, o Volk der Erde.

"Er wird nicht ermatten oder Gewalt üben". Ihr findet in mir weder die trostlose Niedergeschlagenheit des Besiegten noch die mißgünstige Niedergeschlagenheit des Verderbten, sondern nur den Ernst dessen, der sieht, wie weit das Ergriffensein von Satan den Menschen bringen kann; und ihr seht, wie ich, dessen Wille in einem Augenblick alles zerstören und zerstreuen könnte, drei Jahre lang allen und unaufhörlich meine Hände in einer Einladung der Liebe entgegengestreckt habe. Und auch jetzt noch werde ich diese meine Hände ausstrecken, und sie werden verwundet werden! "Ohne zu ermatten oder Gewalt zu üben, werde ich mein Reich begründen." Dieses Reich des Christus, das die Rettung der Welt ist.

Mein Vater, der ewige Herr, sagt zu mir: "Ich habe dich berufen, ich habe deine Hand erfaßt, ich habe dich zum Bunde zwischen den Völkern und Gott gemacht, zum Licht für die Heiden." Und ich bin Licht gewesen. Licht, um die Augen der Blinden zu öffnen; Wort, um den Stummen die Sprache zu geben; Schlüssel, um die unterirdischen Kerker zu öffnen, jener, die in der Finsternis des Irrtums lebten.

Und nun gehe ich, der ich dies alles bin, zum Sterben. Ich trete ein in das Dunkel des Todes. Des Todes, versteht ihr? ...

Die ersten vorhergesagten Dinge, die sich nun erfüllen, sage ich euch mit den Worten des Propheten. Die anderen werde ich euch sagen, bevor uns der Dämon trennen wird.

Seht Sion, dort am Horizont. Geht und holt die Eselin und das

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Eselsfüllen. Sagt zu dem Mann: "Der Rabbi Jesus bedarf ihrer." Und sagt der Mutter, daß ich komme. Sie ist dort auf der Anhöhe mit den beiden Marien. Sie erwartet mich. Dies wird mein menschlicher Triumph sein... Möge es ihr Triumph sein. Seid immer vereint! Oh, vereint... !

Und wem gehört das Herz, das Herz einer Hyäne, das mit einem Hieb seiner krallenbewehrten Tatze das Herz des mütterlichen Herzens niederstreckt: mich, ihren Sohn? Einem Menschen? Nein. Jeder Mensch wird von einer Frau geboren. Und instinktiv und aus moralischen Gründen kann er eine Mutter nicht so verletzen, da er an die seine denkt. Ein Mensch ist er also nicht. Wer dann? Ein Dämon. Aber kann ein Dämon die Siegerin kränken? Um sie zu kränken, muß er sie antasten. Und Satan erträgt das jungfräuliche Licht der Rose Gottes nicht. Also? Wer, meint ihr, ist es wohl? Ihr sagt nichts? Dann will ich es euch sagen.

Der verschlagenste der Dämonen ist eins geworden mit dem verderbtesten der Menschen; und wie das Gift in den Zähnen der Viper verborgen ist, ebenso hat er sich verborgen in ihm, der sich der Frau nähern und sie heimtückisch beißen kann. Verflucht sei dieses hybride Scheusal aus Satan und Mensch! Verfluche ich es? Nein. Das ist kein Wort des Erlösers. Und daher sage ich zu der Seele dieser Mißgeburt, was ich zu Jerusalem, der abscheulichen Stadt Gottes und Satans, gesagt habe: "Oh, wenn es dir doch gegeben wäre, in dieser Stunde, die dir noch bleibt, zu deinem Erlöser zu kommen!" Es gibt keine größere Liebe als die meine! Und es gibt keine größere Macht. Auch der Vater stimmt zu, wenn ich sage: "Ich will. Und so habe ich nur Worte des Erbarmens für jene, die gefallen sind und aus ihrem Abgrund die Arme nach mir ausstrecken. Seele des größten aller Sünder, an der Schwelle des Todes neigt sich dein Erlöser über deinen Abgrund und lädt dich ein, seine Hand zu ergreifen. Mein Tod wird nicht verhindert werden... Aber du... aber du... wärest gerettet, du, den ich immer noch liebe, und die Seele deines Freundes würde nicht vor Entsetzen erbeben bei dem Gedanken, daß der Tod, dieser furchtbare Tod, den er erleiden muß, das Werk des Freundes ist...»

Jesus schweigt... bedrückt...

Die Apostel flüstern miteinander und fragen sich gegenseitig: «Aber von wem spricht er denn? Wer ist es?»

Und Judas lügt unverschämt: «Es ist gewiß einer dieser falschen Pharisäer... Ich denke an Joseph oder Nikodemus oder auch an Chuza und Manaen... Alle hängen an ihrem Leben und an ihrem Besitz... Ich weiß, daß Herodes... Ich weiß, daß das Synedrium... Er hat ihnen zu viel Vertrauen geschenkt! Ihr habt doch gesehen, daß sie auch gestern nicht da waren! Sie haben nicht den Mut, ihm gegenüberzutreten ...»

Jesus hört diese Worte nicht. Er hat seine Mutter eingeholt, die mit den Marien und mit Martha und Susanna auf ihn wartet. Nur Johanna des Chuza fehlt in der Gruppe der frommen Frauen.

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650. DER EINZUG JESU IN JERUSALEM

Jesus legt seinen Arm um die Schultern seiner Mutter, die aufgestanden ist, als Johannes und Jakobus des Alphäus sie erreicht und ihr gesagt haben: «Dein Sohn kommt.» Sie sind dann zu ihren Gefährten zurückgekehrt, die nur langsam weitergehen und miteinander reden, während Thomas und Andreas nach Bethphage gelaufen sind, um die Eselin und das Füllen zu holen und sie Jesus zu bringen.

Jesus spricht inzwischen zu den Frauen: «Wir sind nun in der Nähe der Stadt. Ich würde euch raten weiterzugehen. Geht beruhigt weiter. Geht vor mir in die Stadt hinein. Bei En Rogel sind alle Hirten und die zuverlässigsten Jünger. Sie haben den Auftrag, euch zu begleiten und zu beschützen.»

«Weißt du... Wir haben mit Aser von Nazareth und Abel von Bethlehem in Galiläa und auch mit Salomon gesprochen. Sie sind hierher gekommen, um deine Ankunft rechtzeitig zu wissen. Das Volk bereitet ein großes Fest vor. Und wir würden es gerne sehen... Siehst du, wie die Wipfel der Olivenbäume sich bewegen? Es ist nicht der Wind, der sie so schüttelt. Es sind die Menschen, die Zweige abbrechen, um sie auf die Straße zu legen und dich damit vor der Sonne zu schützen. Und dort! ? Schau, dort holen sie die Fächerblätter von den Palmen. Sie sehen wie Trauben aus, aber es sind Männer, die an den Stämmen hinaufgeklettert sind... Und an den Abhängen sieht man die Kinder sich bücken, um Blumen zu pflücken. Und gewiß holen auch die Frauen Blüten und duftende Kräuter aus den Gärten, um deinen Weg mit Blumen zu bestreuen. Wir möchten dabeisein... und es machen wie Maria des Lazarus, die alle Blumen, die dein Fuß im Garten des Lazarus berührte, eingesammelt hat...» bittet Maria des Kleophas, auch im Namen der anderen.

Jesus streichelt die Wange seiner alten Verwandten, die einem kleinen Mädchen gleicht, das gern einem Schauspiel beiwohnen möchte, und sagt zu ihr: «Bei all den Leuten würdest du nichts sehen. Geht voraus. Zu dem Haus des Lazarus, dessen Hüter Matthias ist. Ich werde dort vorüberkommen, und ihr könnt mich von der Terrasse aus sehen.»

«Mein Sohn... du gehst allein? Darf ich nicht in deiner Nähe sein?» sagt Maria, hebt dabei ihr so trauriges Gesicht und richtet ihre himmlischen Augen auf das Antlitz ihres lieben Sohnes.

«Ich möchte dich bitten, dich verborgen zu halten. Wie die Taube in der Felsspalte. Mehr als deine Anwesenheit brauche ich dein Gebet, geliebte Mutter!»

«Wenn es so ist, mein Sohn, werden wir nur beten. Alle. Für dich.»

«Ja, wenn ihr den Einzug gesehen habt, dann kommt ihr mit uns in meinen Palast in Sion. Ich werde Diener zum Tempel und hinter dem Meister herschicken, damit sie uns seine Weisungen und Nachrichten von ihm

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bringen», entscheidet Maria des Lazarus, die immer am schnellsten versteht, was am besten zu tun ist, und es auch unverzüglich ausführt.

«Du hast recht, Schwester. Obwohl es mir leid tut, nicht mit ihm gehen zu können, verstehe ich die Richtigkeit der Anordnung. Im übrigen hat Lazarus uns befohlen, dem Meister in nichts zu widersprechen, sondern ihm auch in den kleinsten Dingen zu gehorchen. Und das werden wir tun.»

«Dann geht also. Seht ihr? Die Straßen beleben sich. Die Apostel werden auch gleich hier sein. Geht. Der Friede sei mit euch. Ich werde euch kommen lassen, wenn ich es für richtig halte. Mutter, leb wohl. Sei beruhigt, Gott ist mit uns.» Er küßt sie und verabschiedet sich von ihr. Und die gehorsamen Jüngerinnen entfernen sich rasch.

Die zehn Apostel sind nun bei Jesus angelangt. «Hast du sie vorausgeschickt?»

«Ja, sie werden meinen Einzug von einem Haus aus sehen.»

«Von welchem Haus?» fragt Judas von Kerioth.

«Ja, es gibt nun so viele befreundete Häuser!» sagt Philippus.

«Gehen sie nicht zu Annalia?» drängt Iskariot.

Jesus antwortet verneinend und geht Bethphage zu, das nicht mehr weit entfernt ist.

Sie sind fast dort angelangt, als die beiden, die er weggeschickt hat, um die Eselin und das Füllen zu holen, zurückkommen. Sie rufen: «Wir haben alles gefunden, wie du gesagt hast, und wir hätten dir die Tiere gleich gebracht. Aber ihr Besitzer will sie erst striegeln und mit dem schönsten Zaumzeug schmücken, um dich zu ehren. Und die Jünger und alle, die zu deiner Ehre die Nacht auf den Straßen um Bethanien verbracht haben, wollten die Ehre haben, dir die Tiere zuzuführen. Wir haben uns einverstanden erklärt, denn wir glauben, daß ihre Liebe eine Belohnung verdient.»

«Das war richtig. Gehen wir unterdessen weiter.»

«Sind es viele Jünger?» fragt Bartholomäus.

«Oh, eine Unmenge! Es ist unmöglich, durch die Straßen von Bethphage zu kommen. Deshalb habe ich Isaak aufgetragen, die Esel zu Kleon, dem Käsemacher, zu bringen», antwortet Thomas.

«Das hast du gut gemacht. Wir wollen bis zu dem Hügelvorsprung dort gehen und im Schatten der Bäume warten.»

Sie begeben sich an die von Jesus genannte Stelle.

«Aber so entfernen wir uns ja! Du gehst ja hinten um Bethphage herum!» ruft Iskariot aus.

«Und wenn ich das tun will, wer kann es mir verbieten? Bin ich denn schon ein Gefangener, daß es mir nicht mehr erlaubt ist, zu gehen, wohin ich will? Oder hat man es vielleicht eilig damit und fürchtet, daß ich meiner Gefangennahme entgehen könnte? Wenn ich es für richtig hielte,

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mich an weiter entfernte, sichere Orte zu begeben, wer könnte mich daran hindern?» Jesus richtet seine blitzenden Augen auf den Verräter, der den Mund nicht mehr aufmacht und die Achseln zuckt, als ob er sagen wollte: «Tu, was du willst.»

Sie gehen hinten um den Ort herum. Ich würde sagen, daß es fast ein Vorort der Stadt ist, denn auf der Westseite grenzt er an die Hänge des Ölberges. Unten, zwischen den Abhängen und der Stadt, glänzt der Kedron in der Aprilsonne.

Jesus setzt sich in das stille Grün und vertieft sich in seine Gedanken. Dann steht er auf und geht bis zum äußersten Rand des Vorsprungs.

«Hier füge die Vision vom 31. Juli 1944 ein: Jesus weint über Jerusalem, beginnend mit dem Satz, den ich am Anfang der Vision gesagt habe.»

Dann fährt er fort, mir die Phasen seines triumphalen Einzuges zu zeigen.

30. Juli.

Ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde, weiterzuschreiben, denn ich habe starke Herzschmerzen und kann nur mit Mühe sitzen. Aber ich muß schreiben, was ich sehe.

Von einem Hügel bei Jerusalem schaut Jesus auf die zu seinen Füßen liegende Stadt.

Es ist kein sehr hoher Hügel. Höchstens so hoch wie der Platz des heiligen Miniatus auf dem Berg bei Florenz, aber hoch genug, daß das Auge ganz Jerusalem überblickt mit seinen kleinen Bodenerhebungen, seinen Häusern und seinen hinauf- und hinunterführenden Straßen. Dieser Hügel ist auf alle Fälle sehr viel höher als der Kalvarienberg, wenn man vom niedrigsten Punkt der Stadt ausgeht, aber er liegt näher an der Stadtmauer. Er beginnt gleich an der Mauer und steigt auf dieser Seite steil an, auf der anderen dagegen fällt er sanft ab und geht in eine grüne Ebene über, die sich nach Osten erstreckt. Wenigstens glaube ich, daß es Osten ist, wenn ich den Stand der Sonne richtig beurteile.

Jesus und die Seinen sitzen im Schatten einer Baumgruppe. Sie ruhen sich vom Weg aus. Dann steht Jesus auf, verläßt den baumbestandenen Platz und geht bis an den Rand des Hügelvorsprungs.

Seine hohe Gestalt zeichnet sich scharf ab von der Leere, die ihn umgibt. Er sieht noch größer aus als sonst, so aufrecht und allein. Er kreuzt die Arme über der Brust, über dem blauen Mantel, und schaut ernst, sehr ernst hinunter.

Die Apostel beobachten ihn. Aber sie lassen ihn in Ruhe und regen sich nicht, sprechen auch nicht. Sie glauben wohl, daß er sich abgesondert hat, um zu beten.

Aber Jesus betet nicht. Nachdem er lange die Stadt betrachtet hat, alle ihre Viertel, alle ihre Hügel, alle ihre Besonderheiten, vielleicht auch mit den Blicken länger auf diesem oder jenem Punkt verweilt ist, und auf einem anderen nur kurz, beginnt Jesus zu weinen. Reglos und lautlos. Die

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Tränen füllen seine Augen, fließen über auf die Wangen und fallen... Große, stille und so traurige Tränen. Tränen eines Menschen, der weiß, daß er allein und ohne Hoffnung auf den Trost und das Verständnis anderer weinen muß, daß niemand seinen Schmerz von ihm nehmen kann, daß er ihn bis zum Ende durchleiden muß.

Der Bruder des Johannes bemerkt von seinem Platz aus als erster dieses Weinen und sagt es den anderen, die sich erschrocken ansehen.

«Keiner von uns hat etwas Schlechtes getan», sagt einer; und ein anderer: «Auch die Leute haben ihn nicht beleidigt. Es war unter ihnen kein einziger Feind.»

«Warum weint er dann?» fragt der älteste von ihnen.

Petrus und Johannes stehen gleichzeitig auf und nähern sich dem Meister. Sie sind der Meinung, das einzige, was man tun könne, sei, ihn fühlen zu lassen, daß man ihn liebt, und ihn zu fragen, warum er weint.

«Meister, du weinst?» sagt Johannes und legt sein blondes Haupt auf die Schulter Jesu, der einen ganzen Kopf größer ist als er.

Petrus legt ihm die Hand um die Taille, umarmt ihn fast, zieht ihn an sich und fragt: «Was betrübt dich, Jesus? Sage es uns, die wir dich lieben.»

Jesus legt seine Wange an den blonden Kopf des Johannes, öffnet die verschränkten Arme und legt seinerseits einen Arm um die Schultern des Petrus. So umarmt bleiben sie alle drei in einer von Liebe zeugenden Haltung stehen. Doch die Tränen rinnen immer noch.

Johannes, der seine Haare naß werden fühlt, fragt noch einmal: «Warum weinst du, mein Meister? Haben wir dich vielleicht gekränkt?»

Die anderen Apostel haben sich der liebenden Gruppe genähert und erwarten besorgt eine Antwort.

«Nein», sagt Jesus. «Ihr nicht. Ihr seid meine Freunde, und wenn eine Freundschaft aufrichtig ist, dann ist sie Balsam und Lächeln, niemals Tränen. Ich möchte, daß ihr immer meine Freunde bleibt, auch jetzt, da wir in die Verderbnis gehen, die alle in Gärung bringt und zerstört, die nicht den festen Willen haben, redlich zu bleiben.»

«Wohin gehen wir, Meister? Nicht nach Jerusalem? Die Volksmenge hat dich schon freudig begrüßt. Willst du sie enttäuschen? Gehen wir etwa nach Samaria aus irgendeinem besonderen Grund? Ausgerechnet jetzt, vor dem Passahfest?»

Die Fragen kommen gleichzeitig von mehreren.

Jesus hebt die Hände und gebietet Schweigen. Dann zeigt er mit der Rechten auf die Stadt. Eine ausladende Geste, wie die eines Sämanns, der vor sich aussät. Er sagt: «Dies ist die Verderbnis. Wir gehen nach Jerusalern. Dorthin. Und nur der Allerhöchste weiß, wie sehr ich mich sehne, es zu heiligen, ihm die Heiligkeit zu bringen, die vom Himmel kommt. Wieder heiligen möchte ich Jerusalem, das die heilige Stadt sein sollte. Doch ich kann nichts tun. Sie ist verderbt und wird verderbt bleiben.

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Die Ströme der Heiligkeit, die aus dem lebendigen Tempel fließen und in den nächsten Tagen immer mächtiger fließen werden, bis er selbst leer und ohne Leben sein wird, werden nicht ausreichen, sie zu erlösen. Samaria und die heidnische Welt werden zum Heiligen kommen. Über den Lügentempeln werden die Tempel des wahren Gottes erstehen. Die Herzen der Heiden werden Christus anbeten. Aber dieses Volk, diese Stadt, werden ihm immer feind sein, und ihr Haß wird sie zur größten Sünde führen. So muß es kommen. Aber wehe jenen, die die Werkzeuge dieses Verbrechens sind. Wehe... !»

Jesus schaut Judas, der ihm beinahe gegenübersteht, fest in die Augen.

«Das wird uns niemals passieren. Wir sind deine Apostel und glauben an dich. Wir sind bereit, für dich zu sterben.» Judas lügt unverschämt und hält dem Blick Jesu unbefangen stand.

Auch die anderen stimmen diesen Beteuerungen zu.

Jesus antwortet allen, ohne direkt auf die Worte des Judas einzugehen: «Gebe der Himmel, daß ihr so seid. Doch viel Schwäche ist noch in euch. Die Versuchung könnte euch denen ähnlich werden lassen, die mich hassen. Betet viel und seid wachsam. Satan weiß, daß seine Niederlage bevorsteht, und er versucht sich zu rächen, indem er euch mir entreißt. Satan ist uns allen nahe. Mir, um mich daran zu hindern, den Willen des Vaters zu tun und meine Mission zu erfüllen. Euch, um euch zu seinen Dienern zu machen. Seid wachsam. In diesen Mauern wird Satan den ergreifen, der nicht stark sein kann. Den, dessen Fluch es sein wird, daß er erwählt wurde, da er seine Berufung zu menschlichen Zwecken mißbrauchte. Ich habe euch für das Himmelreich und nicht für ein Reich in dieser Welt erwählt. Denkt daran.

Und du, Stadt, die du deinen Untergang willst und über die ich weine, wisse, daß dein Christus für deine Erlösung betet. Oh, wenn doch auch du an diesem deinem Tag, der dir noch bleibt, erkennen würdest, was dir zum Frieden dient! Wenn du doch wenigstens in dieser Stunde die Liebe, die vorübergeht, erkennen und deinen Haß ablegen würdest, der dich blind und von Sinnen macht, grausam gegen dich selbst und gegen dein eigenes Wohl! Aber der Tag wird kommen, an dem du dich dieser Stunde erinnerst. Dann wird es zu spät sein, zu weinen und zu bereuen! Die Liebe wird vorübergegangen und von deinen Straßen verschwunden sein, und bleiben wird der Haß, den du vorgezogen hast. Der Haß wird sich gegen dich richten, gegen deine Kinder; denn man erhält das, was man gewollt hat, und Haß wird mit Haß vergolten. Es wird dann nicht der Haß der Starken gegen den Schwachen sein, sondern Haß gegen Haß und daher Krieg und Tod. Eingeschlossen von Wällen und Bewaffneten wirst du schmachten, bevor du zerstört wirst. Du wirst deine Kinder durch Waffen und Hunger sterben und die Übriggebliebenen in Gefangenschaft und verachtet und verspottet sehen. Du wirst um Erbarmen flehen und kein

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Erbarmen mehr finden, denn du wolltest nicht erkennen, was dir zum Heil dient.

Ich weine, Freunde, denn ich habe ein menschliches Herz, und die Zerstörung der Heimat läßt meine Tränen fließen. Aber es ist gerecht, daß dies geschehe, denn die Verderbtheit in diesen Mauern ist grenzenlos und zieht die Strafe Gottes herab. Wehe den Bürgern, die am Elend des Vaterlandes Schuld haben! Wehe den Vorstehern, denn sie tragen die Hauptschuld! Wehe denen, die heilig sein und die anderen zur Ehrbarkeit führen sollten, und statt dessen das Haus ihres Dienstes und sich selbst entweihen! Kommt, was ich tue, wird nichts nützen. Aber lassen wir das Licht noch einmal in der Finsternis leuchten.»

Jesus geht hinab, gefolgt von den Seinen. Er schreitet rasch mit ernstem, fast finsterem Gesicht auf dem Weg voran und sagt nichts mehr. Er betritt ein kleines Haus am Fuß des Hügels, und ich sehe nichts mehr.

Jesus sagt:

«Die von Lukas berichtete Szene erscheint zusammenhanglos, beinahe unlogisch. Beweine ich das Unglück einer schuldigen Stadt und kann nicht Nachsicht üben hinsichtlich der Gewohnheiten dieser Stadt?

Nein, ich kann es nicht, ich kann nicht nachsichtig sein, denn gerade diese Gewohnheiten sind die Ursache des Unheils, und dies sehen zu müssen, schmerzt mich noch mehr. Mein Zorn über die Tempelschänder ist die logische Folge meiner Betrachtung über den kommenden Untergang Jerusalems.

Es sind immer die Profanierungen des Gottesdienstes, der Gebote Gottes, die die Strafen Gottes herausfordern. Diese unwürdigen Priester und diese unwürdigen Gläubigen, die es nur dem Namen nach sind, haben aus dem Haus Gottes eine Räuberhöhle gemacht und auf das ganze Volk Fluch und Tod herabgerufen. Es nützt nichts, dem Übel, unter dem ein ganzes Volk leidet, diesen oder jenen Namen zu geben. Nennt es: Bestrafung für eine tierische Lebensweise. Gott zieht sich zurück und das Übel schreitet voran. Dies ist die Frucht des Lebens einer Nation, die nicht würdig ist, den Namen "christlich" zu tragen.

Wie damals, so habe ich auch jetzt, in diesem ausgehenden Jahrhundert, nicht versäumt, durch Wunder zu erschüttern und zu mahnen. Aber wie damals habe ich für mich und meine Werkzeuge nur Verachtung, Gleichgültigkeit und Haß geerntet. Die einzelnen Menschen und die Nationen sollten jedoch daran denken, daß ihre Tränen nutzlos sind, da sie ihr Heil vorher nicht erkennen wollten. Vergebens werden sie mich anrufen, wenn sie mich in der Stunde, da ich bei ihnen weilte, in einem sakrilegischen Krieg verjagt haben; einem Krieg, der von den einzelnen, dem Bösen ergebenen Seelen, auf die ganze Nation übergegriffen hat. Die Länder können sich nicht so sehr durch Waffen retten als durch eine Lebensweise, die die Hilfe des Himmels herabruft.

Ruhe dich aus, kleiner Johannes. Sei deiner Berufung immer treu. Geh in Frieden.»

Welche Mühe! Ich kann nicht mehr...

Jesus hat gerade das Haus betreten, dessen Bewohner er segnet, als draußen heiteres Schellengeläut und fröhliche Stimmen hörbar werden. Bald darauf erscheint das hagere, blasse Gesicht Isaaks im Türspalt. Der getreue Hirte kommt herein und kniet vor seinem Herrn Jesus nieder.

Durch die nun offene Tür kann man eine Unzahl von Köpfen sehen, und hinter ihnen noch mehr... Man stößt sich, drängelt, will sich

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durchzwängen... Frauen rufen, Kinder, die mitten ins Gedränge geraten sind, weinen. Begrüßungen, festlicher Lärm: «Glücklich dieser Tag, der dich wieder zu uns bringt! Der Friede sei mit dir, Herr! Willkommen, Meister, der du unsere Treue belohnst!»

Jesus steht auf und gibt ein Zeichen, daß er reden will. Alle schweigen, und klar erklingt die Stimme Jesu.

«Der Friede sei mit euch! Drängelt nicht so. Wir gehen jetzt miteinander zum Tempel hinauf. Ich bin gekommen, um mit euch zusammen zu sein. Friede! Friede! Tut euch nicht weh. Macht Platz, meine Lieben! Laßt mich hinaus und folgt mir, denn wir wollen zusammen in die heilige Stadt einziehen.»

Die Leute gehorchen wohl oder übel und gehen etwas zur Seite, so daß Jesus herauskommen und das Eselsfüllen besteigen kann. Denn er wählt das Füllen, auf dem noch nie jemand geritten ist, als sein Reittier. Einige reiche Pilger in der Menge haben ihre prächtigen Mäntel über den Rücken des Tierchens gebreitet, und einer der Männer setzt ein Knie auf den Boden und bietet dem Herrn das andere als Steigbügel an. Er steigt auf das Füllen, und der Zug setzt sich in Bewegung. Auf der einen Seite des Meisters geht Petrus, Isaak auf der anderen. Dieser hält die Zügel des nicht zugerittenen Tieres, das jedoch friedlich dahintrottet, als hätte es nie etwas anderes getan, und auch nicht erschrickt über die Blumen, die man Jesus zuwirft und die oft das weiche Maul und die Augen des Eselchens treffen. Es scheut auch nicht vor den Oliven- und Palmzweigen, die man ringsum und vor ihm schwenkt oder auf den Boden wirft, um einen Blumenteppich zu bilden; noch vor den immer lauter werdenden Rufen «Hosanna dem Sohne Davids!», die zum heiteren Himmel aufsteigen, während die Menge immer dichter und zahlreicher wird durch die neu Hinzukommenden.

Es ist nicht leicht, durch die engen, gewundenen Gäßlein von Bethphage zu kommen. Die Mütter müssen ihre Kinder auf den Arm nehmen und die Männer ihre Frauen vor zu heftigen Stößen schützen. Manche Väter lassen den kleinen Sohn auf den Schultern reiten oder halten ihn über die Köpfe der Menschen, während die Kinderstimmen sich wie das Blöken der Lämmer oder das Gezwitscher der Schwalben anhören und ihre Händchen Blumen und Olivenblätter streuen, die die Mütter ihnen reichen. Viele werfen dem gütigen Jesus Kußhändchen zu...

Als er die Enge der kleinen Ortschaft verlassen hat, ordnet sich der Zug und lockert sich auf, und viele Freiwillige begeben sich an die Spitze, um die Straße freizumachen, und andere folgen ihnen und streuen Zweige auf den Boden. Einer breitet als erster seinen Mantel als Teppich aus, dann ein anderer, dann tun es ihnen vier, zehn, hundert, tausend nach. In der Mitte der Straße liegt nun das bunte Band der ausgebreiteten Mäntel, und nachdem Jesus vorübergeritten ist, hebt man sie wieder auf und trägt sie,

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zusammen mit immer neu Hinzukommenden, voraus. Und Blumen, Zweige, Palmblätter werden geschwenkt und geworfen, und immer lautere Rufe ertönen zu Ehren des Königs von Israel, des Sohnes Davids und seines Reiches.

Die Wachsoldaten am Tor kommen heraus, um nachzusehen, was geschieht. Aber es ist kein Aufruhr, und so bleiben sie, auf ihre Lanzen gestützt, an den Seiten des Tores stehen und betrachten erstaunt oder spöttisch lächelnd das eigenartige Gefolge dieses Königs, der auf einem Eselsfüllen daherreitet, schön wie ein Gott und demütig wie der ärmste der Menschen, sanftmütig und Segen spendend... umgeben von Frauen, Kindern und unbewaffneten Männern, die «Friede, Friede!» rufen; dieses Königs, der vor seinem Einzug in die Stadt einen Augenblick auf der Höhe der Gräber der Aussätzigen von Hinnom und Siloe verweilt (ich hoffe, daß ich die Namen dieser Orte, an denen ich Jesus schon mehrmals Wunder an Aussätzigen habe wirken sehen, richtig schreibe) und sich etwas aufrichtet in dem einen Steigbügel, in dem er einen Fuß hat, da er nicht rittlings, sondern seitlich auf dem Eselchen sitzt. Er richtet sich auf, öffnet die Arme weit und ruft in die Richtung dieser schrecklichen Hänge, an denen sich furchterregende Gesichter und Körper zeigen. Sie sehen Jesus an und lassen den klagenden Ruf der Aussätzigen erschallen: «Unrein, unrein», um Unvorsichtige abzuschrecken, die sogar auf die verseuchten, verpesteten Felsen steigen würden, um Jesus besser zu sehen. «Wer an mich glaubt, rufe meinen Namen an, und er wird durch ihn geheilt werden!» Dann segnet Jesus sie, setzt seinen Weg fort und gebietet Judas von Kerioth: «Du wirst Lebensmittel für die Aussätzigen kaufen und sie ihnen vor dem Abend zusammen mit Simon bringen.»

Als der Zug durch das Tor von Siloe zieht und sich wie ein Strom durch den Vorort Ophel in die Stadt ergießt, gleicht jede Terrasse einem kleinen, in der Luft schwebenden Platz voller Menschen, die Blumen werfen und duftende Essenzen auf die Straße hinunterschütten und versuchen, den Meister damit zu treffen. Die Luft ist erfüllt vom Duft der unter den Füßen des Volkes sterbenden Blüten und der Essenzen, die ihren Wohlgeruch verbreiten, bevor sie in den Staub der Straße fallen. Das Geschrei der Volksmenge scheint lauter zu werden und es hört sich an, als ob jeder in ein Horn blase, denn die zahlreichen Gewölbe von Jerusalem verstärken die Rufe durch ihren Widerhall.

Ich höre Rufe und mir scheint, es ist das: «Schalom, Schalom, Melech!» das sich auch bei den Evangelisten findet. Das Geschrei nimmt kein Ende und gleicht dem Brausen einer stürmischen See. Das Tosen einer Sturzwelle, die den Strand und die Klippen peitscht, ist noch nicht vorüber, da folgt schon die nächste Welle, setzt es fort und verstärkt das Getöse, pausenlos. Ich bin halb taub davon.

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Düfte, Gerüche, Rufe, Schwenken von Zweigen und Kleidungsstücken, Schreie... Es ist eine betäubende Vision.

Ich sehe die Menschenmenge ständig in Bewegung. Bekannte Gesichter tauchen auf und verschwinden wieder. Alle Jünger aus allen Orten Palästinas, alle Anhänger... Einen Augenblick sehe ich Jairus; ich sehe Jaia, den Jüngling aus Pella, wie mir scheint, der blind war wie seine Mutter und den Jesus geheilt hat. Ich sehe Joachim von Bozrah und den Landmann aus der Ebene von Saron mit seinen Brüdern; ich sehe den alten und einsamen Matthias vom Ostufer des Jordan, bei dem Jesus Unterkunft gefunden hat, als alles überschwemmt war; ich sehe Zachäus mit seinen bekehrten Freunden; ich sehe den alten Johannes von Nob und fast alle dortigen Bürger; ich sehe den Gatten der Sara aus Jutta... Aber wie soll ich alle Gesichter und Namen aufzählen bei diesem Kaleidoskop unbekannter und bekannter Gesichter, die ich schon mehrmals oder auch nur einmal gesehen habe? ... Da ist nun das Gesicht des Hirtenknaben, den sie von Ennon mitgenommen haben. In seiner Nähe ist der Jünger aus Chorazim, der das Begräbnis seines Vaters anderen überlassen hat, um Jesus nachzufolgen; neben ihm sehe ich einen Augenblick den Vater und die Mutter des Benjamin von Kapharnaum mit ihrem Söhnchen, das beinahe unter die Hufe des Esels gerät, als es sich vordrängt, um eine Liebkosung Jesu zu erhaschen. Und leider auch Gesichter, die grün und blau vor Zorn sind über diesen Triumph, von Pharisäern und Schriftgelehrten, die mit Gewalt den Ring der Liebe durchbrechen, der sich um Jesus gebildet hat, und dem Meister zuschreien: «Bring diese Verrückten zum Schweigen! Rufe sie zur Vernunft! Nur Gott darf man Hosanna zurufen. Gebiete ihnen zu schweigen!»

Worauf Jesus sanftmütig antwortet: «Auch wenn ich ihnen Schweigen gebiete und sie gehorchen, werden die Steine die Wunder des Wortes Gottes verkünden.»

Denn die Leute rufen nicht nur: «Hosanna, Hosanna, dem Sohne Davids! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosanna ihm und seinem Reich! Gott ist mit uns! Der Emanuel ist gekommen! Gekommen ist das Reich Christi des Herrn! Hosanna! Hosanna von der Erde bis hinauf in die Himmelshöhen! Friede! Friede, mein König! Friede und Segen dir, heiliger König! Friede und Ehre im Himmel und auf Erden! Lob sei Gott für seinen Christus! Friede den Menschen, die ihn aufnehmen. Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind, und Ehre Gott in der Höhe, denn die Stunde des Herrn ist gekommen.» Dieser letzte Ruf kommt von dem kompakten Grüppchen der Hirten, die den Ruf der Nacht der Geburt wiederholen. Außer diesen ständigen Zurufen erzählen die Leute aus Palästina den Pilgern aus der Diaspora von den Wundern, die sie gesehen haben; und allen, die nicht wissen, was hier geschieht, da sie Fremde und nur zufällig in der Stadt sind und fragen: «Wer ist denn

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dieser? Was geht hier vor?» erklären sie: «Es ist Jesus! Jesus, der Meister von Nazareth in Galiläa! Der Prophet! Der Messias des Herrn! Der Verheißene! Der Heilige!»

In einem Haustor, an dem sie soeben vorbeigekommen sind – das Vorwärtskommen ist bei diesem Durcheinander nur sehr langsam möglich – erscheint eine Gruppe kräftiger Jünglinge, die Gefäße mit glühenden Kohlen und Weihrauch in die Höhe halten und Wolken duftenden Rauchs verbreiten. Diese Geste wird sofort aufgegriffen und nachgeahmt, und viele eilen voraus oder zurück, um in den Häusern Feuer und duftendes Harz zu holen und es zu Ehren des Christus zu verbrennen.

Das Haus Annalias ist nun zu sehen. Reben umranken seine Terrasse, und die jungen Blättchen zittern im sanften Aprilwind. Auf der Straßenseite wartet eine ganze Reihe junger Frauen in weißen Kleidern und mit weißen Schleiern, in ihrer Mitte Annalia, mit Körben voller Rosenblätter und Maiglöckchen, die schon durch die Luft flattern.

«Die Jungfrauen Israels grüßen dich, Herr!» sagt Johannes, der sich einen Weg gebahnt hat, nun an der Seite Jesu geht und dessen Aufmerksamkeit auf die Girlande der Reinheit lenkt, die sich lächelnd über die Brüstung beugt und die Straße mit blutroten Rosenblättern und perlweißen Maiglöckchen bestreut.

Jesus zügelt einen Augenblick den Esel und hält ihn an. Er erhebt das Antlitz und die Hand, um diese Jungfräulichkeit zu segnen, die ihn so sehr liebt, daß sie auf jede andere irdische Liebe zu verzichten bereit ist.

Annalia beugt sich vor und ruft: «Deinen Triumph habe ich gesehen, o mein Herr! Nimm nun mein Leben zu deiner Verherrlichung vor der ganzen Welt!» Und mit einem lauten Aufschrei grüßt sie ihn: «Jesus!», während er unten an ihrem Haus vorbei- und weiterreitet.

Und ein anderer, verschiedenartiger Aufschrei übertönt den Lärm der Menge. Doch die Leute halten nicht an, obwohl sie ihn hören. Es ist ein Strom der Begeisterung, ein Strom ekstatischer Leute, der nicht anhalten kann. Und während die letzten Wellen dieses Stromes noch außerhalb des Stadttors sind, haben die ersten schon die Straßen erreicht, die zum Tempel hinaufführen.

«Deine Mutter!» schreit Petrus und deutet auf ein Haus, das fast an der Ecke einer Straße steht, die zum Moriah hinaufführt und in die der Zug nun einbiegt. Jesus hebt das Antlitz, um seiner Mutter zuzulächeln, die dort oben mit den treuen Frauen steht.

Eine zahlreiche Karawane kommt ihnen entgegen und hält den Zug wenige Meter nach dem Haus auf, an dem er schon vorbei ist. Während Jesus mit den anderen wartet und dabei die Kinder liebkost, die ihm die Mütter entgegenhalten, drängt sich ein Mann schreiend durch die Menge: «Laßt mich durch! Eine Frau ist gestorben. Ein Mädchen. Ganz plötzlich. Ihre

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Mutter ruft nach dem Meister. Laßt mich durch! Er hat sie schon einmal gerettet!»

Die Leute machen Platz, und der Mann eilt zu Jesus: «Meister, die Tochter Elisas ist gestorben. Sie hat dich mit diesem Ruf gegrüßt, dann hat sie sich umgedreht und gesagt: "Ich bin glücklich", und ist gestorben. Ihr Herz ist zersprungen in dem großen Jubel, dich triumphieren zu sehen. Ihre Mutter hat mich auf der Terrasse neben ihrem Haus gesehen und mich zu dir geschickt. Komm, Meister!»

«Tot! Annalia ist tot! Aber sie war doch gestern noch gesund und blühend und glücklich!» Die Apostel kommen aufgeregt herbei, ebenso die Hirten. Alle haben sie gestern noch bei bester Gesundheit gesehen. Soeben noch haben sie Annalia rosig und lächelnd gesehen... Sie können das Unglück nicht fassen... Sie fragen, wollen Einzelheiten erfahren...

«Ich weiß nicht. Ihr habt alle ihre Worte gehört. Sie hat klar und laut gesprochen. Dann habe ich sie nach rückwärts fallen sehen, mit weißerem Gesicht als ihr Kleid, und habe den Schrei der Mutter gehört... Mehr weiß ich nicht.»

«Regt euch nicht auf. Sie ist nicht tot. Eine Blüte ist abgefallen, und die Engel Gottes haben sie aufgehoben, um sie in den Schoß Abrahams zu tragen. Bald wird diese Lilie der Erde sich glücklich öffnen im Paradies und für immer die Schrecken der Welt vergessen. Mann, sage Elisa, sie soll das Los ihrer Tochter nicht beweinen. Sage ihr, daß Gott ihr eine große Gnade erwiesen hat. In sechs Tagen wird sie begreifen, welche Gnade Gott ihrer Tochter geschenkt hat. Weint nicht. Niemand soll weinen. Ihr Triumph ist noch größer als der meine, denn die Jungfrauen werden von den Engeln in den Frieden der Gerechten geleitet. Es ist ein ewiger Triumph, der noch zunimmt, niemals abnimmt. Wahrlich, ich sage euch, über euch, nicht über Annalia habt ihr Grund zu weinen. Gehen wir.»Jesus wiederholt den Aposteln und jenen, die sie umgeben: «Eine Blüte ist abgefallen. Sie hat sich zur Ruhe gelegt, und die Engel haben sie aufgehoben. Selig, die reinen Leibes und Herzens ist, denn bald wird sie Gott schauen.»

«Aber wie, woran ist sie denn gestorben, Herr?» fragt Petrus, der noch immer nicht begreift.

«Aus Liebe. In Ekstase. Aus unendlicher Freude! Ein seliger Tod!»

Wer weit vorn oder weit hinten ist, hat nichts bemerkt. Daher fahren sie fort, «Hosanna» zu rufen, während hier, um Jesus herum, schmerzliches Schweigen eingekehrt ist.

Es ist Johannes, der das Schweigen bricht: «Oh, ich wollte, dieses Los wäre auch das meine vor den kommenden Stunden!»

«Ich auch», sagt Isaak. «Ich würde gern das Antlitz des Mädchens sehen, das aus Liebe zu dir gestorben ist...»

«Ich bitte euch, mir euren Wunsch zu opfern. Ich brauche eure Nähe...»

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«Wir werden dich nicht verlassen, Herr. Aber gibt es für diese Mutter keinen Trost?» fragt Nathanael.

«Ich werde für sie sorgen...»

Sie sind nun am Tor der Tempelmauer angelangt. Jesus steigt vom Esel, den jemand aus Bethphage übernimmt.

Ich muß noch hinzufügen, daß Jesus nicht beim ersten Tor des Tempels abgestiegen, sondern an der Umfassungsmauer entlanggeritten ist und erst auf der Nordsseite, nahe der Antonia angehalten hat. Dort steigt er ab und geht in den Tempel, als wolle er zu erkennen geben, daß er sich nicht vor der herrschenden Macht versteckt, da er sich in allen seinen Handlungen unschuldig fühlt.

Im ersten Vorhof des Tempels herrscht der übliche Spektakel von Geldwechslern und Händlern mit ihren Tauben, Sperlingen und Lämmern. Nur haben die Händler jetzt nichts zu tun, da alle herbeigeeilt sind, um Jesus zu sehen.

Jesus geht hinein. Er wirkt sehr feierlich in seinem Purpurgewand und läßt den Blick über diesen Markt schweifen und über eine Gruppe von Pharisäern und Schriftgelehrten, die in einem Säulengang stehen und ihn beobachten. Sein Blick flammt vor Unwillen. Mit einem Sprung ist er in der Mitte des Hofes. Ein unvorhergesehener Sprung, der einem Flug gleicht; dem Flug einer Flamme, denn sein Gewand ist eine Flamme im Sonnenlicht, das den Hof überflutet. Er donnert mit mächtiger Stimme: «Hinaus aus dem Haus meines Vaters! Hier ist kein Ort des Wuchers und des Handels! Es steht geschrieben: "Mein Haus soll ein Bethaus sein." Warum habt ihr also dieses Haus, in dem der Name des Herrn angerufen wird, zu einer Räuberhöhle gemacht? Hinaus! Reinigt mein Haus. Damit ich euch nicht anstatt mit der Peitsche mit dem Blitz des himmlischen Zornes treffe. Hinaus! Weg von hier, ihr Diebe, Krämer, Schamlosen und Mörder, ihr Gotteslästerer und Götzendiener des schlimmsten Götzendienstes: des eigenen stolzen Ich, ihr Verderber und Lügner! Hinaus! Hinaus! Oh, ich sage euch, Gott der Allerhöchste wird diesen Ort für immer ausfegen und seine Rache an einem ganzen Volk nehmen!» Er gebraucht nicht die Peitsche wie beim ersten Mal, doch als er sieht, daß die Händler und Geldwechsler sich Zeit lassen zu gehorchen, geht er zum nächsten Tisch und stürzt ihn um, so daß Waagen und Münzen zu Boden fallen.

Die Händler und Wechsler beeilen sich nun, nach diesem ersten Beispiel, den Befehl Jesu zu befolgen. Und Jesus ruft ihnen nach: «Wie oft muß ich euch noch sagen, daß dies kein Ort der Unreinheit, sondern ein Ort des Gebetes ist?» und er schaut die vom Tempel an, die, entsprechend dem Befehl des Hohenpriesters, keinerlei Einwände erheben.

Nachdem der Hof nun gereinigt ist, geht Jesus zu den Säulengängen, wo Blinde, Lahme, Stumme, Krüppel und andere Kranke mit lauter Stimme nach ihm rufen.

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«Was wollt ihr, daß ich euch tun soll?»

«Ich möchte sehen, Herr! Die Glieder! Daß mein Kind spricht. Daß meine Frau gesund wird. Wir glauben an dich, Sohn Gottes!»

«Gott möge euch erhören. Steht auf und preist den Herrn!»

Jesus heilt nicht einen nach dem anderen, sondern macht eine weite Bewegung mit der Hand, und Gnade und Heilung kommen auf die Unglücklichen herab.

Sie erheben sich mit Freudenschreien, die sich mit denen der vielen Kinder vermischen, die sich um Jesus scharen und immer wiederholen: «Ehre, Ehre dem Sohn Davids! Hosanna Jesus von Nazareth, dem König der Könige, dem Herrn der Herren!»

Einige Pharisäer rufen ihm mit scheinheiliger Ehrerbietung zu: «Meister, hörst du sie? Diese Kinder sagen Dinge, die man nicht sagen darf. Tadle sie. Sie sollen schweigen!»

«Warum? Hat der königliche Prophet, der König meines Geschlechtes, nicht gesagt: "Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du dir vollkommenes Lob bereitet, zu beschämen die Feinde." Habt ihr diese Worte des Psalmisten nicht gelesen? Laßt die Kinder mein Lob singen. Ihre Engel haben es ihnen eingegeben, denn sie schauen allezeit meinen Vater, kennen seine Geheimnisse und teilen sie diesen Unschuldigen mit. Laßt mich nun alle gehen und den Herrn anbeten!» und Jesus begibt sich, vorbei an den Leuten, in den Vorhof der Israeliten, um zu beten...

Dann geht er zu einem anderen Tor hinaus, vorbei am Probatica-Teich, und verläßt die Stadt, um zu den Hügeln des Ölberges zurückzukehren.

Die Apostel sind begeistert... Der Triumph hat ihnen Sicherheit gegeben und sie alle Schrecken vergessen lassen, vollständig vergessen lassen, die die Worte des Meisters in ihnen hervorgerufen hatten... Sie reden über die Ereignisse... Sie brennen darauf, von Annalia zu hören. Nur mit Mühe hindert Jesus sie daran, zu ihrem Haus zu gehen, indem er ihnen versichert, daß er schon weiß, was er tut... Sie sind alle taub, taub, taub für jeden göttlichen Hinweis... Menschen, Menschen, Menschen, die ein Hosanna-Ruf alles vergessen läßt.

Jesus spricht mit den Dienern der Maria von Magdala, die im Tempel zu ihm gekommen sind, und entläßt sie dann...

«Wo gehen wir jetzt hin?» möchte Philippus wissen.

«Zum Haus des Markus des Jonas?» fragt Johannes.

«Nein, zum Lager der Galiläer. Vielleicht sind meine Brüder dort, und ich würde sie gern begrüßen», sagt Jesus.

«Das könntest du morgen tun», bemerkt Thaddäus.

«Es ist gut, etwas zu tun, solange man es tun kann. Gehen wir zu den Galiläern. Sie werden sich freuen, uns zu sehen. Ihr werdet erfahren, wie es euren Angehörigen geht, und ich werde die Kinder sehen...»

«Und heute abend? Wo werden wir schlafen? In der Stadt? In welchem

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Haus? Vielleicht dort, wo deine Mutter ist? Oder bei Johanna?» fragt Judas Iskariot.

«Ich weiß es nicht. Gewiß nicht in der Stadt. Vielleicht in einem galiläischen Zelt...»

«Aber warum denn?»

«Weil ich Galiläer bin und meine Heimat liebe. Gehen wir.»

Sie machen sich wieder auf den Weg und gehen zum Lager der Galiläer hinauf, das sich auf dem Ölberg in Richtung Bethanien befindet und dessen Zelte weiß glänzen in der heiteren Aprilsonne.

651. DER ABEND DES PALMSONNTAGS

Jesus ist mit den Seinen im Frieden des Ölgartens. Es ist Abend. Ein lauer Vollmondabend. Sie haben sich auf den natürlichen Sitzgelegenheiten niedergelassen, den ersten steilen Hängen des Ölgartens, der an diesem kleinen, von der Natur gebildeten Platz, einer Lichtung, beginnt. Der Kedron rauscht über die Steine und scheint mit sich selbst zu reden. Einige Nachtigallen schlagen. Ein leichtes Lüftchen weht. Sonst nichts.

Jesus spricht:

«Nach dem Triumph von heute morgen ist euer Geisteszustand sehr verändert. Was soll ich sagen? Daß er gehoben ist? O ja! Nach menschlichen Maßstäben ist er gehoben. Ihr seid in die Stadt hineingegangen und habt wegen meiner Worte gezittert. Es schien, daß jeder von euch fürchtete, die Wachen von jenseits der Mauer würden über ihn herfallen und ihn gefangennehmen.

In jedem Menschen steckt ein anderer Mensch, der sich in den schwierigsten Stunden offenbart. Da ist der Held, der in den Stunden größter Gefahr in Erscheinung tritt bei einem sonst Sanftmütigen, den die Welt immer als unbedeutend angesehen hat, der Held, der im Kampf sagt: "Hier bin ich", und dem Feind, dem Anmaßenden sagt: "Mit mir mußt du dich messen." Und dann gibt es den Heiligen, der sagt: "Nehmt mich als Geisel und Opfer. Ich zahle für alle", während die anderen entsetzt flüchten vor den Gewalttätigen, die nach Opfern dürsten. Dann gibt es den Zyniker, der bei dem allgemeinen Elend noch auf seinen Profit bedacht ist und über die Leichen der Opfer lacht. Es gibt den Verräter, der einen ihm eigenen Mut hat: Den Mut zum Bösen. Der Verräter, eine Verbindung des Zynikers mit dem Feigen, ist doch auch ein Menschentyp, der in schwerwiegenden Stunden zum Vorschein kommt. Denn zynisch schlägt er Profit aus einer Katastrophe, und feige geht er zur stärkeren Partei über. Und er wagt es um seines Nutzens willen, der Verachtung der Feinde und den Flüchen der Verlassenen zu trotzen. Dann gibt es endlich, und

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das ist der vorherrschende Typ, den Feigling, der in der Stunde der Gefahr nur bedauern kann, sich zu einer Partei oder zu einem Menschen bekannt zu haben, auf denen nun das Anathema liegt, und die fliehen müssen... Dieser Feigling ist kein Verbrecher wie der Zyniker und auch nicht abstoßend wie der Verräter. Doch auch er läßt die Unvollkommenheit seiner geistigen Verfassung erkennen.

Ihr seid von dieser Art. Sagt nicht nein. Ich lese in den Herzen. Heute früh habt ihr gedacht: "Was wird geschehen? Gehen auch wir dem Tod entgegen?" Und das Niedrigste in euch stöhnte: "Wir erst recht... !"

Ja, aber habe ich euch jemals getäuscht? Von meinen ersten Worten an habe ich zu euch von Verfolgung und Tod gesprochen. Und wenn einer von euch, aus einem Übermaß an Bewunderung, mich als König sehen und vorstellen wollte, als einen der armen Könige der Erde, die immer arm sind, selbst wenn sie als König das Königreich Israel wiederhergestellt hätten, habe ich seinen Irrtum sofort berichtigt und gesagt: "König des Geistes bin ich. Ich biete euch Entbehrungen und Opfer und Leiden. Ich habe nichts anderes. Hier auf Erden habe ich nichts anderes. Aber nach meinem, nach eurem Tod in meinem Glauben werde ich euch ein ewiges Reich geben: das Himmelreich." Habe ich vielleicht etwas anderes gesagt? Nein. Ihr sagt nein.

Und ihr habt damals gesagt: "Wir wollen nur dies. Mit dir, wie du und für dich wollen wir sein und leiden, wie dir soll es uns ergehen." Ja, das habt ihr gesagt. Und ihr wart auch aufrichtig. Aber das kam daher, daß ihr wie Kinder gedacht, wie unbesonnene Kinder gesprochen habt. Ihr dachtet, es sei leicht, mir nachzufolgen, und ihr wart so durchdrungen von eurer dreifachen Sinnlichkeit, daß ihr nicht zugeben konntet, das, was ich angedeutet hatte, könnte wahr sein. Ihr dachtet: "Er ist der Sohn Gottes. Er sagt dies, um unsere Liebe auf die Probe zu stellen. Aber er kann nicht von den Menschen geschlagen werden. Er, der Wunder wirkt, wird auch zu seinen eigenen Gunsten ein großes Wunder zu wirken wissen." Und jeder fügte noch hinzu: "Ich kann nicht glauben, daß er verraten, gefangengenommen und getötet werden wird." Euer menschlicher Glaube an meine Macht war so stark, daß ihr schließlich keinen Glauben mehr an meine Worte gehabt habt, keinen wahren, geistigen, heiligen und heiligmachenden Glauben.

"Er, der Wunder wirken kann, wird wohl eines zu seinen Gunsten wirken", habt ihr gesagt. Nicht nur eines, sondern viele werde ich noch wirken. Und zwei werden so sein, daß kein menschlicher Verstand sie sich ausdenken kann.' Es werden Wunder sein, die nur jene, die an den Herrn

' Anspielung auf die beiden größten Wunder: die Eucharistie und die glorreiche Auferstehung.

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glauben, erkennen können. Alle anderen werden zu allen Zeiten sagen: "Unmöglich." Auch nach meinem Tod werde ich Gegenstand des Widerspruchs für viele sein.

An einem schönen Frühlingsmorgen habe ich auf einem Berg die verschiedenen Seligkeiten genannt. Es gibt noch eine: "Selig jene, die glauben und nicht sehen." Ich habe auf den Wegen Palästinas schon gesagt: "Selig, die das Wort Gottes hören und es befolgen." Und weiter: "Selig, die den Willen Gottes tun." Und anderes, vieles mehr habe ich euch gesagt, denn im Haus meines Vaters gibt es zahlreiche Freuden, die die Heiligen erwarten. Aber auch diese gibt es: Oh, selig jene, die glauben werden, ohne mit den leiblichen Augen gesehen zu haben! Viele Heilige wird es geben, die schon auf Erden Gott sehen, den verborgenen Gott im Mysterium der Liebe.

Aber ihr, ihr habt nach drei Jahren, in denen ihr bei mir seid, diesen Glauben noch nicht erlangt. Ihr glaubt nur an das, was ihr seht. Deshalb sagt ihr seit heute früh, nach dem Triumph: "Es ist so, wie wir gesagt haben. Er wird siegen und wir mit ihm." Wie die Vöglein, denen neue Flügel gewachsen sind, nachdem ein grausamer Mensch sie ihnen ausgerissen hatte, erhebt ihr euch zum Flug, trunken vor Freude, sicher und befreit von der Bedrückung, die meine Worte in euren Herzen zurückgelassen hatten.

Ist somit euer Geist nun auch freier? Nein, er ist sogar weniger frei. Denn ihr seid jetzt noch weniger vorbereitet auf die Stunde, die anbricht. Ihr habt die Hosanna wie starken, wohltuenden Wein getrunken, und ihr seid trunken davon. Ist ein Betrunkener jemals stark? Ein Kinderhändchen genügt, um ihn ins Wanken und zu Fall zu bringen. So seid ihr. Und das Erscheinen der Häscher wird ausreichen, um euch in die Flucht zu schlagen wie scheue Gazellen, die die spitze Schnauze des Schakals hinter einem Felsen des Berges auftauchen sehen und wie der Wind in der Einsamkeit der Wüste verschwinden.

Oh, hütet euch, an schrecklichem Durst zu sterben in der trockenen Wüste der Welt ohne Gott! Sagt nicht, sagt nicht, o meine Freunde, was Isaias sagt, wenn er auf diesen euren falschen und gefährlichen Geisteszustand hinweist. Sagt nicht: "Dieser redet nur von Verschwörungen. Aber es gibt nichts zu fürchten, nichts zu erschrecken. Wir brauchen nicht zu fürchten, was er uns prophezeit. Israel liebt ihn. Wir haben es gesehen." Wie oft tritt der nackte, zarte Fuß eines Kindes auf die blühenden Gräser einer Wiese, um Blumen zu pflücken und sie der Mama zu bringen, in der Meinung, es gäbe nur Gräser und Blumen; indessen setzt es seine Ferse auf eine Schlange, wird gebissen und stirbt! Die Blumen hatten die Schlange verborgen.

Auch heute morgen... auch heute morgen ist es so gewesen. Ich bin der mit Rosen bekränzte Verurteilte. Die Rosen! ... Wie lange halten Rosen? Was bleibt von ihnen, wenn ihre Blüte sich entblättert hat und ihre Blütenblätter duftender Schnee geworden sind? Nur Dornen.

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Ja, Isaias hat es gesagt, ich werde für euch Heiligung sein, und ich sage, nicht nur für euch, sondern für die ganze Welt. Aber auch der Stein des Anstoßes werde ich sein, der Stein des Ärgernisses, Schlinge und Ruin für Israel und die Welt. Ich werde alle heiligen, die guten Willens sind, und ich werde alle fallen und zerschellen lassen, die bösen Willens sind.

Die Engel lügen nicht, und ihre Worte haben nicht nur kurze Gültigkeit. Sie kommen von Gott, der die Wahrheit und ewig ist, und was sie sagen, ist Wahrheit und unveränderliches Wort. Sie haben gesagt: "Friede den Menschen, die guten Willens sind." Damals wurde, o Erde, dein Erlöser geboren. Nun geht dein Erlöser in den Tod. Aber um Frieden bei Gott zu haben, also Heiligung und Ehre, ist es erforderlich, "guten Willens" zu sein. Vergebens meine Geburt, vergebens mein Tod für jene, denen dieser gute Wille fehlt. Mein erstes Wimmern und mein letztes Röcheln, der erste Schritt und der letzte, die Wunde der Beschneidung und die der Erfüllung, alles wird vergebens gewesen sein, wenn ihr, wenn die Menschen nicht den guten Willen haben, sich zu erlösen und zu heiligen.

Und ich sage euch: Sehr viele werden an mir anstoßen, der ich als Säule und Stütze, und nicht als Falle für den Menschen gesandt bin. Sie werden fallen, weil sie trunken von Hochmut, Unzucht und Geiz sind, und sie werden im Netz ihrer Sünden gefangen und Satan gegeben werden. Senkt diese Worte in eure Herzen und versiegelt sie für die künftigen Jünger.

Gehen wir. Der Stein erhebt sich'. Ein weiterer Schritt voran. Auf den Berg. Er muß auf dem Gipfel leuchten, denn er ist Sonne, er ist Licht, er ist Aufgang. Und die Sonne strahlt auf den Gipfeln. Er muß auf dem Berg sein, denn der wahre Tempel muß von der ganzen Welt gesehen werden. Ich selbst errichte ihn mit dem lebendigen Stein meines geopferten Fleisches. Ich werde die Teile verbinden mit dem Kalk aus Schweiß und Blut. Auf meinem Thron werde ich in einen Mantel aus lebendigem Purpur gehüllt sein, mit einer neuen Krone gekrönt, und jene, die fern sind, werden zu mir kommen und in meinem Tempel arbeiten und in seinem Umkreis. Ich bin der Grundstein und der Gipfel. Aber ringsherum wird sich das Haus Gottes immer weiter ausdehnen. Ich selbst werde meine Steine und meine Bauleute bearbeiten. So wie ich vom Vater, von der Liebe, vom Menschen und vom Haß mit dem Meißel bearbeitet wurde, ebenso werde ich sie bearbeiten. Und nachdem an einem einzigen Tag die Ungerechtigkeit von der Erde genommen sein wird, werden auf dem Stein des ewigen Priesters die sieben Augen ruhen, um Gott zu sehen, und die sieben Quellen entspringen, um das Feuer Satans zu besiegen.

Satan... Judas, wir wollen gehen. Vergiß nicht, daß die Zeit drängt und das Lamm für den Donnerstagabend ausgeliefert sein muß.»

Zacharias 3,9

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652. DER MONTAG NACH DEM EINZUG IN JERUSALEM 1. DER TAG

Jesus verläßt rasch das Zelt eines Galiläers, dort auf dem Plateau des Ölberges, wo viele Galiläer sich anläßlich der Feste versammeln. Das Lager schläft unter dem Schein des Mondes, der langsam untergeht und die Zelte, die Bäume, die Hügel und die in der Tiefe ruhende Stadt in sein reines, silbernes Licht taucht.

Jesus geht sicher und geräuschlos zwischen den Zelten hindurch. Nachdem er das Lager verlassen hat, eilt er den steilen Weg nach Gethsemane hinunter, läßt diesen hinter sich, überquert die kleine Brücke des Kedron – ein silbernes Band, das im Mondschein glitzert – und kommt zu dem von Legionären bewachten Tor. Es ist dies wohl eine Vorsichtsmaßnahme des Prokonsuls, bei Nacht Wachen an die geschlossenen Tore zu stellen. Die Soldaten, es sind vier, sitzen auf großen Steinen, die als Bänke dienen, an der mächtigen Mauer. Sie unterhalten sich und wärmen sich an einem Reisigfeuerchen, das einen rötlichen Lichtschein auf die glänzenden Harnische und die gestrengen Helme wirft, unter denen Gesichter zu sehen sind, deren italienische Physiognomie so verschieden von der hebräischen ist.

«Wer geht da?» fragt der erste, der die hohe Gestalt Jesu an der Ecke eines kleinen Hauses nahe beim Tor erscheinen sieht. Er ergreift den Speer mit der scharfen Spitze, den er an die Mauer gelehnt hatte, nimmt die vorgeschriebene Haltung an, und die anderen tun desgleichen. Ohne Jesus Zeit zu einer Antwort zu lassen, sagt er gleich darauf: «Wir können dich nicht hineinlassen. Weißt du nicht, daß die zweite Nachtwache sich schon ihrem Ende nähert?»

«Ich bin Jesus von Nazareth. Meine Mutter ist in der Stadt. Ich gehe zu ihr.»

«Oh, der Mann, der den Toten von Bethanien auferweckt hat! Beim Jupiter! Nun sehe ich ihn endlich!» Und er geht zu ihm hin und betrachtet ihn neugierig von allen Seiten, wie um sich zu vergewissern, daß es sich nicht um etwas Unwirkliches, um etwas Sonderbares handelt, sondern um einen Menschen wie alle anderen. Schließlich sagt er: «0 ihr Götter! Er ist schön wie Apollo, aber sonst genau wie wir. Und er hat weder einen Stab noch eine Mütze noch sonst ein Zeichen seiner Macht!» Der Soldat ist ganz perplex. Jesus schaut ihn geduldig an und lächelt ihm freundlich ZU.

Die anderen, die weniger neugierig zu sein scheinen, weil sie Jesus vielleicht schon öfter gesehen haben, sagen: «Es wäre gut gewesen, wenn er um die Mitte der ersten Nachtwache hier gewesen wäre, als das schöne Mädchen zu Grab getragen wurde, das heute früh gestorben ist. Wir hätten sie dann auferstehen sehen...»

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Jesus wiederholt sanft: «Kann ich zu meiner Mutter gehen?»

Die vier Soldaten halten Rat. Dann sagt der älteste: «Die Vorschrift verbietet uns eigentlich, um diese Stunde jemanden passieren zu lassen. Doch du würdest sowieso hineinkommen. Für einen, der die Pforten des Hades bezwingt, sind auch die verschlossenen Tore einer Stadt kein Hindernis. Zudem bist du nicht einer, der Aufruhr anzettelt. Also gilt das Verbot nicht für dich. Laß dich aber nicht von den Wachen in der Stadt erwischen. Mach auf, Marcus Gratus. Und du, versuche kein Geräusch zu machen. Wir sind Soldaten und müssen gehorchen...»

«Keine Angst, eure Güte wird euch keine Strafe einbringen.»

Einer der Legionäre öffnet vorsichtig die kleine Tür in dem riesigen Tor und sagt: «Beeile dich. Gleich ist die zweite Nachtwache zu Ende und wir werden von den anderen abgelöst.»

«Der Friede sei mit euch.»

«Wir sind Krieger...»

«Auch im Krieg bleibt der Friede, den ich euch gebe; denn es ist der Friede der Seele.»

Jesus taucht im Dunkel des Mauerbogens unter und geht leise an der Wachstube vorbei, aus deren Tür das flackernde Licht einer Öllampe dringt; einer einfachen Lampe, die an einem Haken von der niedrigen Decke hängt und die Körper schlafender Soldaten auf am Boden ausgebreiteten Matten erkennen läßt, alle in ihre Mäntel eingehüllt und die Waffen an der Seite.

Jesus ist nun in der Stadt... und ich verliere ihn aus den Augen, während ich zwei Soldaten von zuvor beobachte, die wieder hereinkommen und nachsehen, ob er verschwunden ist, bevor sie in die Wachstube gehen, um die Schlafenden zu wecken und sich ablösen zu lassen.

«Man sieht ihn schon nicht mehr... Was wollte er wohl mit diesen Worten sagen? Das würde ich gerne wissen», sagt der jüngere.

«Du hättest ihn fragen sollen. Er verachtet uns nicht. Er ist der einzige Hebräer, der uns nicht verachtet und uns in keiner Weise beleidigt», antwortet der andere, der schon im besten Mannesalter ist.

«Ich habe es nicht gewagt. Ich bin nur ein Bauer aus Beneventum und soll mit einem reden, von dem man sagt, er sei ein Gott?»

«Ein Gott auf einem Esel? Ha, ha! Wenn er betrunken wie Bacchus wäre, könnte er ein Gott sein. Aber er ist nicht betrunken. Ich glaube, er trinkt nicht einmal Mulsum 1). Siehst du nicht, wie blaß und mager er ist?»

«Aber die Hebräer...»

«Die trinken schon, obwohl sie so tun, als täten sie es nicht. Und betrunken vom starken Wein und dem Most dieser Gegend, haben sie Gott

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1) Mulsum: mit Honig gemischter Wein.

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in einem Menschen gesehen. Glaube mir. Die Götter sind Hirngespinste. Der Olymp ist leer, und auch auf der Erde gibt es keine.»

«Wenn sie dich hören würden... !»

«Du bist noch so ein Kind, daß du nicht mitreden kannst und nicht weißt, daß selbst der Caesar, die Auguren, die Haruspizes, die Arvales und die Vestalinnen nicht an die Götter glauben, noch sonst irgend jemand.»

«Aber warum dann...»

«Warum die Riten? Nun, weil sie dem Volk gefallen, den Priestern nützen und dem Caesar dazu dienen, sich Gehorsam zu verschaffen, als wäre er ein irdischer Gott, den die olympischen Götter an der Hand führen. Doch die ersten, die nicht daran glauben, sind die, die wir als Diener der Götter ehren. Ich bin Pyrrhonianer und habe die Welt bereist. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt. Meine Haare sind schon ergraut an den Schläfen, und mein Denken ist gereift. Mein persönlicher Kodex besteht aus drei Grundregeln: Rom, die einzige Göttin und einzige Gewißheit, lieben bis zum Opfer des Lebens. Nichts glauben, denn alles, was uns umgibt, ist nur Erscheinungsform, mit Ausnahme des heiligen, unsterblichen Vaterlandes. Sogar an uns selbst müssen wir zweifeln, denn es ist auch ungewiß, ob wir wirklich leben. Verstand und Sinne genügen nicht, um uns die Sicherheit zu geben, daß wir zur Wahrheit gelangen können. Leben und Sterben haben den gleichen Wert, denn wir wissen nicht, was Leben ist, und wir wissen nicht, was Sterben ist», sagt er und trägt dabei die Überlegenheit des philosophischen Skeptizismus zur Schau.

Der andere schaut ihn unsicher an. Dann sagt er: «Ich hingegen glaube. Ich würde gerne wissen... Ich würde gerne den Mann fragen, der soeben vorbeigekommen ist. Er kennt gewiß die Wahrheit. Etwas Eigenartiges geht von ihm aus. Es ist wie ein Licht, das ins Innere dringt!»

«Äskulap möge dich retten! Du bist krank! Du bist erst vor kurzem aus dem Tal zur Stadt heraufgekommen, und wer eine solche Reise unternimmt, wird leicht von Fieber befallen. Du bist noch nicht an diese Gegend gewöhnt. Du fieberst. Komm, das einzig sichere Mittel, um durch Schwitzen das Gift des jordanischen Fiebers aus den Poren zu treiben, ist der heiße Würzwein», und er drängt ihn zur Wachstube.

Doch der andere befreit sich und sagt: «Ich bin nicht krank. Ich will keinen heißen Würzwein. Ich will hier außen an der Mauer wachen (dabei zeigt er auf die Innenseite der Bastion) und auf den Mann warten, der sich Jesus nennt.»

«Wenn es dir Spaß macht, zu warten... Ich gehe die Ablösung wecken. Leb wohl...»

Er betritt geräuschvoll die Wachstube, weckt die Kameraden und ruft: «Es ist Zeit. Auf, ihr lahmen Faulpelze! Ich bin müde ...» dann gähnt er vernehmlich und flucht, denn sie haben das Feuer ausgehen lassen und

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den ganzen heißen Wein getrunken, «der so nötig ist, um diesen palästinensischen Tau zu trocknen...»

Der andere, der junge Legionär, lehnt sich an die vom sinkenden Mond beschienene Mauer und wartet darauf, daß Jesus zurückkommt. Die Sterne wachen über seiner Hoffnung...

Jesus ist inzwischen am Haus des Lazarus auf dem Berg Sion angelangt und klopft. Levi öffnet ihm.

«Du, Meister?! Die Herrinnen schlafen noch. Warum hast du nicht einen Diener geschickt, wenn du etwas brauchst?»

«Sie hätten ihn nicht durchgelassen.»

«Ah, ja, das stimmt. Aber wie bist du hereingekommen?»

«Ich bin Jesus von Nazareth. Und die Legionäre haben mich passieren lassen. Aber darüber soll man nicht reden, Levi.»

«Ich werde nichts sagen... Sie sind besser als viele von uns.»

«Führe mich dorthin, wo meine Mutter schläft, und wecke sonst niemanden im Haus.»

«Wie du willst, Herr. Der Befehl des Lazarus an alle seine Hausverwalter lautet, dir in allem zu gehorchen, ohne Widerrede und Verzug. Die Sonne war kaum aufgegangen, als ein Bote, viele Boten, ihn in alle Häuser brachten. Gehorchen und schweigen. Wir werden es tun. Du hast uns unseren Herrn wiedergegeben...»

Der Mann trottet voraus durch die weiten Korridore, die wie Galerien den herrlichen Palast des Lazarus auf dem Berg Sion durchziehen. Die Lampe, die er in der Hand hält, erzeugt fantastische Lichtspiele auf den Möbeln und Wandteppichen, die diese weiten Gänge schmücken. Schließlich bleibt er vor einer verschlossenen Tür stehen. «Hier ist deine Mutter.»

«Geh nur.»

«Und die Lampe? Willst du sie nicht haben? Ich kann im Dunkeln zurückgehen. Ich kenne mich im Haus aus. Ich bin hier geboren.»

«Laß sie hier und zieh den Schlüssel nicht von der Tür ab. Ich gehe gleich wieder.»

«Du weißt, wo du mich findest. Ich werde die Tür vorsichtshalber abschließen, aber ich werde bereit sein, sie bei deinem Kommen sofort zu öffnen.»

Jesus bleibt allein. Er klopft leise an. Es ist ein so leises Klopfen, daß nur einer, der ganz wach ist, es hören kann.

Ein Geräusch im Zimmer, wie das Verrücken eines Stuhls. Dann leise Schritte und eine gedämpfte Stimme: «Wer klopft?»

«Ich, Mama, öffne mir.»

Die Tür öffnet sich sofort. Nur der Mondschein erhellt den stillen Raum und wirft seine Strahlen auf das unbenutzte Bett. Ein Stuhl steht am Fenster, das weit offen ist für das Geheimnis der Nacht.

«Du hast noch nicht geschlafen? Es ist schon spät!»

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«Ich habe gebetet... Komm, mein Sohn. Setz dich hierher, wo ich gesessen bin.» Maria zeigt auf den Stuhl am Fenster.

«Ich kann nicht bleiben. Ich bin gekommen, um dich zu holen, damit du mit mir nach Ophel zu Elisa gehst. Annalia ist gestorben. Habt ihr es noch nicht erfahren?»

«Nein, niemand... Wann, Jesus?»

«Nachdem ich vorübergeritten war.»

«Nachdem du vorübergeritten warst! So warst du also für sie der Engel der Befreiung?! Diese Erde war für sie nur ein Gefängnis. Die Glückliche! Ich möchte an ihrer Stelle sein! Ist sie... eines natürlichen Todes gestorben? Ich meine, nicht durch ein Unglück?»

«Sie ist aus Liebesfreude gestorben. Sie wußte, daß ich im Begriff war, zum Tempel hinaufzusteigen. Komm mit mir, Mama. Wir fürchten nicht, uns zu verunreinigen, wenn wir eine Mutter trösten, die in ihren Armen die Tochter gehalten hat, die aus übernatürlicher Freude gestorben ist... Unsere erste Jungfrau! Jene, die zu dir nach Nazareth gekommen ist, um mich zu suchen und diese Freude von mir zu erbitten... Ferne, frohe Tage.»

«Vorgestern hat sie noch wie eine verliebte Mönchsgrasmücke gezwitschert, mich geküßt und gesagt: "Ich bin glücklich!" Sie war begierig, alles über dich zu erfahren. Wie Gott dich gebildet hat. Wie er mich erwählt hat, und welches meine ersten Gefühle als geweihte Jungfrau waren... Nun verstehe ich... Ich bin bereit, Sohn.»

Maria hat sich beim Sprechen die Zöpfe aufgesteckt, die ihr über die Schultern gehangen sind und ihr das Aussehen eines so jungen Mädchens geben, und den Schleier und den Mantel umgelegt.

Sie gehen hinaus, so leise als möglich. Levi ist schon an der Tür. Er erklärt: «Ich habe es vorgezogen... wegen meiner Frau... Die Frauen sind neugierig. Sie hätte mir hundert Fragen gestellt. So weiß sie nichts...

Er öffnet und will schon wieder schließen, als Jesus sagt: «Noch innerhalb dieser Nachtwache werde ich meine Mutter zurückbringen.»

«Ich werde hier in der Nähe warten. Hab keine Sorge.»

«Der Friede sei mit dir.»

Sie gehen durch stille, verlassene Straßen, aus denen sich der Mondschein langsam zurückzieht, um auf den hohen Häusern des Sion-Berges zu verweilen. Heller ist es im Vorort Ophel wegen der bescheidenen, niedrigen Häuser.

Da ist nun das Haus Annalias. Verschlossen, dunkel und schweigend. Verwelkte Blumen liegen noch auf den Stufen des Hauses. Vielleicht sind es jene, die die Jungfrau vor ihrem Tod gestreut hat, oder sie sind von der Totenbahre heruntergefallen...

Jesus klopft an die Tür. Er klopft noch einmal...

Das Geräusch eines Fensterladens, den man oben öffnet, und eine traurige Stimme: «Wer klopft?»

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«Maria und Jesus von Nazareth», antwortet Maria.

«Oh! Ich komme... !»

Nach Kurzem wird der Riegel zurückgeschoben. Die Tür öffnet sich und es erscheint das verstörte Gesicht Elisas, die sich mit Mühe auf den Beinen hält und sich an den Türpfosten stützt. Und als Maria beim Eintreten die Arme öffnet, wirft sie sich an ihre Brust, mit dem schwachen Schluchzen eines Menschen, der schon viele Tränen vergossen und keine Kraft mehr hat, laut zu weinen.

Jesus schließt die Tür und wartet geduldig, bis seine Mutter diesen Schmerz beruhigt hat. Ein Raum ist neben der Tür. Dort hinein gehen sie. Jesus trägt die Lampe, die Elisa am Eingang auf den Boden gestellt hat, um die Tür zu öffnen.

Das Weinen der Frau scheint kein Ende nehmen zu wollen. Unter heiserem Schluchzen spricht sie mit Maria. Die Mutter spricht zur Mutter. Jesus steht an der Wand und schweigt... Elisa kann diesen Tod, der so plötzlich eingetreten ist, nicht begreifen... In ihrem Gram gibt sie dem ungetreuen Bräutigam Samuel die Schuld: «Er hat ihr das Herz gebrochen, dieser Verfluchte! Sie hat es nicht gesagt, aber wer weiß, wie sehr sie darunter gelitten hat! In ihrer Freude, in dem Aufschrei, hat ihr Herz versagt. Er sei auf ewig verflucht.»

«Nein, meine Liebe. Nein. Verfluche ihn nicht. Es ist nicht so. Gott hat sie so sehr geliebt, daß er sie im Frieden wollte. Aber selbst wenn sie wegen Samuel gestorben wäre – sie ist es nicht, wir wollen dies nur für einen Augenblick annehmen – so denke daran, welch freudiger Tod der ihre war, und sage dir, daß diese böse Tat ihr einen so glücklichen Tod brachte.»

«Ich habe sie nicht mehr! Sie ist gestorben! Sie ist gestorben! Du weißt nicht, was es heißt, eine Tochter zu verlieren! Ich habe zweimal diesen Schmerz verkostet, denn ich hatte sie schon als Tote beweint, als dein Sohn sie mir geheilt hat. Aber nun, aber nun... Er ist nicht wiedergekommen. Er hat kein Mitleid gehabt... Ich habe sie verloren! Verloren! Mein Kind ist schon im Grab! Weißt du, was es heißt, ein Kind sterben zu sehen? Zu wissen, daß es sterben muß? Es tot zu sehen, wenn man es gesund und kräftig glaubte? Du weißt es nicht! Du kannst nicht reden... Sie war schön wie eine Rose, die sich unter den ersten Strahlen der Sonne öffnet, als sie sich heute morgen schmückte. Sie wollte sich mit dem Kleid schmücken, das ich ihr für die Hochzeit gemacht hatte. Sie wollte sich wie eine Braut bekränzen. Dann hat sie den schon fertigen Kranz wieder aufgelöst, um die Blütenblätter deinem Sohn zuzuwerfen, und dabei hat sie gesungen! Sie hat gesungen! Ihre Stimme hat das ganze Haus erfüllt. Sie war lieblich wie der Frühling. Die Freude ließ ihre Augen wie Sterne leuchten, die geöffneten Lippen über den schneeweißen Zähnen waren purpurrot wie das Fruchtfleisch eines Granatapfels, und die Wangen waren frisch und rot wie junge taugeschmückte Rosen. Dann wurde sie weiß

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wie eine eben erblühte Lilie und fiel an meine Brust wie ein geknickter Blütenstiel... Kein Wort mehr! Kein Seufzer mehr! Keine Farbe mehr! Kein Blick mehr! Friedlich, schön wie ein Engel Gottes, aber ohne Leben. Du weißt nicht, was mein Schmerz ist, denn du freust dich über den Triumph deines Sohnes, der gesund und kräftig ist. Warum ist er nicht zurückgekommen? Worin hat sie ihm mißfallen, und ich mit ihr, daß er kein Mitleid mit meiner Bitte gehabt hat?»

«Elisa, Elisa, sage so etwas nicht... Der Schmerz macht dich blind und taub... Elisa, du kennst meine Leiden nicht, und du kennst nicht das tiefe Meer, das mein Leiden sein wird. Du hast sie ruhig, schön und in Frieden erkalten sehen, in deinen Armen. Ich... ich betrachte seit mehr als drei Jahrzehnten mein Geschöpf, und über das glatte, reine Fleisch hinaus, das ich betrachte und liebkose, sehe ich die Wunden des Mannes der Schmerzen, der mein Sohn sein wird. Du, du sagst, daß ich nicht verstehen kann, was es heißt, ein Kind zweimal sterben und dann im Frieden zu sehen, weißt du, was es für eine Mutter bedeutet, dreißig Jahre lang diese Vision zu haben? Mein Sohn! Er ist schon rot gekleidet, als ob er aus einem blutigen Bad steigen würde. Und bald, sehr bald, bevor noch das Antlitz deiner Tochter im Grab dunkel wird, werde ich ihn mit dem Purpur seines unschuldigen Blutes bekleidet sehen. Mit dem Blut, das ich ihm gegeben habe. Du konntest deine Tochter in deine Arme nehmen... Begreifst du, was für ein Schmerz es für mich sein wird, meinen Sohn wie einen Missetäter am Holz sterben zu sehen? Sieh ihn an, den Erlöser aller! Im Geist und im Fleisch. Denn das Fleisch der von ihm Erlösten wird unverwest und selig in seinem Reich leben. Sieh mich an. Sieh diese Mutter an, die Stunde um Stunde den Sohn zum Opfer begleitet und führt -oh! denn ich würde ihn nie zurückhalten. Ich kann dich verstehen, arme Mutter. Aber du sollst auch mein Herz verstehen! Hasse meinen Sohn nicht. Annalia hätte den Todeskampf ihres Herrn nicht ertragen. Und ihr Herr hat ihr die Seligkeit geschenkt in einer Stunde der Freude.»

Elisa hat bei dieser Offenbarung zu weinen aufgehört. Sie betrachtet Maria, ihr bleiches, von lautlosen Tränen überströmtes Märtyrergesicht, und dann Jesus, der sie mitleidsvoll anschaut... Und sie gleitet zu Boden zu Füßen Christi und stöhnt: «Aber sie ist gestorben! Sie ist gestorben, Herr! Wie eine Lilie, eine geknickte Lilie! Von dir sagen die Dichter, daß es dir gefällt, unter Lilien zu weilen! Oh, wahrlich, du, der aus der Lilie Maria Geborene, gehst oft hinunter zu den blühenden Beeten, machst aus purpurnen Rosen weiße Lilien und pflückst sie, indem du sie aus der Welt nimmst. Warum? Warum Herr?! Ist es nicht recht, daß eine Mutter sich der von ihr geborenen Rose erfreut? Warum den Purpur im kalten Tod der weißen Lilie auslöschen?»

«Die Lilien, sie werden das Symbol jener sein, die mich lieben, wie meine Mutter Gott geliebt hat. Das weiße Blumenbeet des göttlichen Königs.»

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«Aber wir Mütter werden weinen. Wir Mütter haben ein Recht auf unsere Kinder. Warum sie aus dem Leben nehmen?»

«Ich meine es nicht so, Frau. Sie werden eure Töchter bleiben, aber dem König geweiht sein, wie die Jungfrauen in den Palästen Salomons. Denke an das Hohelied... Sie werden geliebte Bräute sein, auf Erden wie im Himmel.»

«Aber mein Kind ist tot! Tot!» Das herzzerbrechende Weinen beginnt erneut.

«Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und wahrlich, ich sage dir, er wird in Ewigkeit nicht sterben. Deine Tochter lebt. Sie wird ewig leben, denn sie hat an das Leben geglaubt. Mein Tod wird ihr Leben vollenden. Sie hat die Freude gekannt, in mir zu leben, bevor sie den Schmerz kannte, mich dem Leben entrissen zu sehen. Dein Schmerz macht dich blind und taub. Meine Mutter hat die Wahrheit gesagt. Aber bald wirst du die Worte wiederholen, die ich dir heute morgen habe sagen lassen: "Wahrlich, ihr Tod war eine Gnade Gottes." Glaube es, Frau. Das Furchtbare wartet schon in dieser Stadt. Der Tag wird kommen, da die wie du getroffenen Mütter sagen werden: "Gott sei gepriesen, weil er unseren Kindern diese Tage erspart hat." Die nicht getroffenen Mütter werden zum Himmel schreien: "Warum, o Gott, hast du unsere Kinder nicht vor dieser Stunde sterben lassen?" Glaube es, Frau. Glaube meinen Worten. Errichte zwischen dir und Annalia nicht die tatsächlich trennende Schranke: die des Unterschiedes im Glauben. Siehst du, ich hätte auch wegbleiben können. Du weißt, wie sehr man mich haßt. Laß dich nicht durch den Triumph einer Stunde täuschen! ... Jeder Winkel kann eine Gefahr für mich bergen. Aber ich bin allein und in der Nacht gekommen, um dich zu trösten und dir diese Worte zu sagen. Ich habe Mitleid mit dem Schmerz einer Mutter. Und ich bin gekommen, um dir diese Worte um deines Seelenfriedens willen zu sagen. Der Friede sei mit dir, der Friede.»

«Schenke du ihn mir, Herr! Ich kann nicht! Ich kann in meinem Schmerz keinen Frieden finden. Aber du, der du den Toten das Leben wiedergibst und den Sterbenden die Gesundheit, gib dem Herzen einer gequälten Mutter den Frieden.»

«So sei es, Frau! Der Friede sei mit dir.» Er legt ihr die Hände auf, segnet sie und betet schweigend über ihr. Maria ist neben Elisa niedergekniet und hat einen Arm um sie gelegt.

«Leb wohl, Elisa. Ich gehe ...»

«Werden wir uns nicht wiedersehen, Herr? Ich werde nun viele Tage das Haus nicht verlassen, und du wirst nach dem Osterfest fortgehen. Du... bist noch ein wenig ein Teil meiner Tochter... denn Annalia... denn Annalia lebte in dir und für dich.» Sie weint, ruhiger, aber wie sehr weint sie.

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Jesus schaut sie an... Er streichelt das graue Haupt und sagt: «Du wirst mich wiedersehen.»

«Wann?»

«In acht Tagen.»

«Und du wirst mich noch einmal trösten? Mich segnen, um mir Kraft zu geben?»

«Mein Herz wird dich segnen mit der ganzen Fülle meiner Liebe für jene, die mich lieben. Komm, Mutter.»

«Mein Sohn, wenn du erlaubst, möchte ich noch bei dieser Mutter bleiben. Der Schmerz ist eine Sturmflut, die wiederkehrt, wenn der gegangen ist, der sie beruhigen kann... Ich werde um die erste Stunde nach Hause zurückkehren. Ich fürchte mich nicht, allein zu gehen. Du weißt es. Und du weißt auch, daß ich durch ein ganzes feindliches Heer gehen würde, um einen Bruder in Gott zu trösten.»

«Es sei, wie du willst. Ich gehe. Gott sei mit euch.»

Geräuschlos geht er hinaus, schließt hinter sich die Tür des Zimmers und dann die des Hauses. Er begibt sich zur Stadtmauer, zum Tor von Ephraim oder zum Stercoraria- oder Misttor. Ich habe diese nahe beieinanderliegenden Tore oft mit diesen drei Namen nennen gehört, vielleicht, weil eines auf die Straße nach Jericho, also auch nach Ephraim hinausführt, und das andere in der Nähe des Hinnom-Tals liegt, wo man die Abfälle der Stadt verbrennt. Die beiden Tore sind sich zum Verwechseln ähnlich.

Der Himmel hellt sich am östlichen Horizont schon auf, obgleich er noch voller Sterne ist. Die Straßen sind in ein Halbdunkel gehüllt, in dem man noch weniger sieht als im vom Mondlicht durchfluteten Dunkel der Nacht.

Doch der römische Soldat hat gute Augen, und als er Jesus auf das Tor zukommen sieht, geht er ihm entgegen.

«Salve. Ich habe auf dich gewartet...» Er hält zögernd inne.

«Sprich ohne Furcht. Was willst du von mir?»

«Ich möchte etwas wissen. Du hast gesagt: "Der Friede, den ich gebe, bleibt auch im Krieg, denn es ist der Friede der Seele." Ich möchte wissen, was das für ein Friede ist und was die Seele ist. Wie kann ein Mensch, der sich im Krieg befindet, im Frieden sein? Wenn der Tempel des Janus geöffnet wird, schließt man den Tempel des Friedens. Beides kann es nicht gleichzeitig geben auf der Welt.» Er spricht, an das grünliche Mäuerchen eines Gartens gelehnt, in einem Gäßchen zwischen ärmlichen Häusern, so schmal wie ein Fußpfad durch die Felder. Es ist hier feucht, düster und dunkel. Abgesehen von einem schwachen Schimmer auf dem glänzenden Helm ist von den beiden, die miteinander sprechen, nichts zu sehen. Gesichter und Gestalten lösen sich auf in der Schwärze der Nacht.

Die Stimme Jesu klingt klar und hell in der Freude, einen Samen des

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Lichtes in den Heiden säen zu können. «Wahrlich, in der Welt können Friede und Krieg nicht nebeneinander bestehen. Das eine schließt das andere aus. Aber im Krieger kann Friede sein, auch wenn er dem Befehl folgt und Schlachten schlägt. Mein Friede kann in ihm sein. Denn mein Friede kommt vom Himmel, und Kriegsgetöse und heftige Kämpfe können ihm nichts anhaben. Er ist von Gott und erfüllt das Göttliche im Menschen, das Seele genannt wird.»

«Das Göttliche? In mir? Der Caesar ist göttlich. Ich bin nur ein Bauernsohn. Nun bin ich ein Legionär ohne Rang. Und wenn ich tapfer bin, kann ich vielleicht Centurio werden. Aber göttlich nie.»

«Es ist etwas Göttliches in dir. Es ist die Seele, die von Gott kommt. Vom wahren Gott. Daher ist sie göttlich, dieser lebendige Edelstein im Menschen, und von Göttlichem nährt sie sich und lebt sie: dem Glauben, dem Frieden und der Wahrheit. Der Krieg kann sie nicht beunruhigen, die Verfolgung sie nicht verletzen, der Tod sie nicht töten. Nur das Böse, die böse Tat verletzt und tötet sie und raubt ihr auch den Frieden, den ich gebe. Denn das Böse trennt den Menschen von Gott.»

«Und was ist das Böse?»

«Im Heidentum zu verharren und die falschen Götter anzubeten, nachdem die Güte des wahren Gottes die Seele erkennen läßt, daß es einen wahren Gott gibt; Vater und Mutter, die Brüder und den Nächsten nicht lieben; stehlen, töten, Unzucht treiben und lügen, das ist das Böse.»

«Ach, dann kann ich deinen Frieden nicht haben! Ich bin Soldat und habe den Befehl zu töten. Für uns gibt es also keine Rettung?!»

«Sei gerecht im Krieg wie im Frieden. Erfülle deine Pflicht ohne Übertreibung und Grausamkeit. Während du kämpfst und eroberst, denke daran, daß der Feind ein Mensch ist wie du, und daß in jeder Stadt Mütter und Mädchen sind wie deine Mutter und deine Schwestern. Sei daher tapfer, ohne ein Unmensch zu sein. So wirst du die Wege der Gerechtigkeit und des Friedens nicht verlassen, und mein Friede wird in dir bleiben.»

«Und dann?»

«Und dann? Was meinst du damit?»

«Nach dem Tod? Was wird aus dem Guten, das ich getan habe, und was geschieht mit der Seele, die, wie du sagst, nicht stirbt, wenn man nichts Böses tut?»

«Sie lebt. Sie lebt, geschmückt mit ihren guten Werken, in einem jubelnden Frieden, der größer ist als jener, den man auf der Erde genießt.»

«Dann hat also in Palästina nur einer Gutes getan! Ich verstehe.»

«Wer?»

«Lazarus von Bethanien. Seine Seele ist nicht gestorben!»

«Wahrlich, er ist ein Gerechter. Doch viele sind wie er und sterben und stehen nicht wieder auf; aber ihre Seele lebt weiter im wahren Gott. Denn

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die Seele hat eine andere Wohnung im Reich Gottes. Und wer an mich glaubt, wird in dieses Reich eingehen.»

«Auch ich, ein Römer?»

«Auch du, wenn du an die Wahrheit glaubst.»

«Was ist die Wahrheit?»

«Ich bin die Wahrheit und der Weg, auf dem man zur Wahrheit gelangt, und ich bin das Leben und gebe das Leben, denn wer die Wahrheit aufnimmt, nimmt das Leben auf.»

Der junge Soldat denkt nach... schweigt... Dann schaut er auf. Ein noch reines Jünglingsantlitz mit einem offenen, heiteren Lächeln. Er sagt. «Ich werde versuchen, mich an diese Worte zu erinnern und noch mehr zu erfahren. Sie gefallen mir...»

«Wie heißt du?»

«Vitalis. Ich stamme aus der Gegend um Beneventum, vom Land.»

«Ich werde mich deines Namens erinnern. Auch deine Seele wird vital sein, wenn du sie mit der Wahrheit nährst. Leb wohl. Das Tor wird geöffnet. Ich verlasse die Stadt.»

«Ave.»

Jesus geht rasch zum Tor und eilt den Weg entlang, der zum Kedron, nach Gethsemane und von dort zum Lager der Galiläer führt. Unter den Ölbäumen auf dem Berg holt er Judas von Kerioth ein, der ebenfalls zum Lager hinaufeilt, das nun in Sicht kommt.

Judas erschrickt, als er sich Jesus gegenübersieht. Jesus schaut ihn fest an, ohne ein Wort zu sagen.

«Ich habe den Aussätzigen Lebensmittel gebracht. Aber... ich habe nur zwei in Hinnom und fünf bei Siloe gefunden. Die anderen sind alle geheilt. Sie sind noch dort, aber sie sind schon so sehr geheilt, daß sie mich gebeten haben, den Priester zu benachrichtigen. Ich bin im ersten Tageslicht hinuntergegangen, um danach frei zu sein. Die Sache wird viel Aufsehen erregen. Eine so große Anzahl von Aussätzigen, die alle gleichzeitig gesund geworden sind, nachdem du sie vor den Augen so vieler gesegnet hast!»

Jesus sagt nichts. Er läßt ihn reden... Er sagt weder: «Das hast du gut gemacht», noch sonst etwas über die Handlungsweise des Judas oder das Wunder, sondern bleibt plötzlich stehen, schaut den Apostel fest an und fragt ihn: «Nun? Hat sich etwas geändert, seit ich dir Freiheit und das Geld gelassen habe?»

«Was willst du damit sagen?»

«Dies: Ich frage dich, ob du dich geheiligt hast, seit ich dir Freiheit und Geld gelassen habe. Du verstehst mich schon... Ach! Judas! Denke daran! Denke immer daran: du bist der gewesen, den ich mehr als alle anderen geliebt habe und der mir weniger Liebe als alle anderen geschenkt hat. Sogar der Haß, den du gegen mich hegst, ist größer als der Haß des

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gehässigsten Pharisäers, da er gegen einen gerichtet ist, der dich als seinen Freund betrachtet. Und denke auch daran: Nicht einmal jetzt hasse ich dich, sondern ich verzeihe dir, soweit es in der Macht des Menschensohnes steht. Geh nun. Es gibt nichts mehr zu sagen zwischen dir und mir. Alles ist schon getan...»

Judas möchte etwas sagen, doch Jesus gibt ihm mit einer gebieterischen Geste zu verstehen, daß er weitergehen soll... Judas neigt das Haupt wie ein Besiegter und geht weiter...

Am Rand des Lagers der Galiläer warten schon die Apostel und die beiden Diener des Lazarus.

«Wo bist du gewesen, Meister? Und du, Judas? Seid ihr beisammen gewesen?»

Jesus kommt der Antwort des Judas zuvor: «Ich hatte einigen Herzen etwas zu sagen. Judas ist zu den Aussätzigen gegangen... Aber alle bis auf sieben sind geheilt.»

«Oh, warum bist du gegangen? Ich wollte doch mitkommen!» sagt der Zelote.

«Um frei zu sein, jetzt mit uns zu gehen. Gehen wir. Wir werden die Stadt durch das Herdentor betreten. Beeilen wir uns», sagt wiederum Jesus.

Er geht allen voran durch die Ölgärten. Sie reichen vom Lager, das beinahe auf halbem Weg zwischen Bethanien und Jerusalem liegt, bis zum anderen Brückchen über den Kedron beim Herdentor.

Bauernhäuser liegen an den Hängen verstreut, und fast ganz unten am Fluß neigt sich ein zerzauster Feigenbaum über das Wasser. Jesus begibt sich zu diesem und schaut, ob unter den breiten, üppigen Blättern reife Feigen hängen. Doch der Baum hat nur viele unnütze Blätter an den Ästen, und keine einzige Frucht. «Du bist wie viele Herzen in Israel. Du hast keine Süßigkeit für den Menschensohn und kein Erbarmen. In Ewigkeit wirst du keine Frucht mehr tragen, und niemand wird mehr von dir essen», sagt Jesus.

Die Apostel sehen einander an. Der Zorn Jesu über den unfruchtbaren, vielleicht wilden Baum, verwundert alle. Aber sie sagen nichts. Erst etwas später, als sie den Kedron überschritten haben, fragt Petrus: «Wo hast du gegessen?»

«Nirgendwo.»

«Oh, dann hast du Hunger! Sieh, dort ist ein Hirte mit einigen weidenden Ziegen. Ich werde gehen und ihn um Milch für dich bitten. Ich bin gleich wieder da.» Petrus eilt mit großen Schritten davon und kehrt bald darauf vorsichtig mit einer Schüssel voll Milch zurück.

Jesus trinkt und gibt dann dem Hirtenjungen, der Petrus begleitet hat, die Schüssel mit einer Liebkosung zurück...

Sie betreten die Stadt und gehen zum Tempel hinauf. Nachdem Jesus

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den Herrn angebetet hat, geht er in den Hof, in dem die Rabbis ihren Unterricht erteilen.

Die Leute umdrängen ihn, und eine Mutter, die aus Citium gekommen ist, zeigt ihm ein Kind, das, wie ich glaube, durch eine Krankheit erblindet sein muß. Seine Augen sind weiß wie bei einem grauen Star oder etwas Ähnlichem.

Jesus heilt das Kind, indem er ihm mit den Fingern über die Augen streicht. Dann beginnt er sofort zu reden:

«Ein Mann kaufte Land und legte einen Weinberg an. Er baute ein Haus für die Weingärtner, einen Turm für die Wächter, Keller und eine Kelter zum Pressen der Trauben und übergab alles den Pächtern, denen er vertraute. Dann reiste er weit fort.

Als die Zeit kam, da die Weingärten Frucht tragen sollten, da die Reben genügend gewachsen waren, sandte der Herr des Weinberges seine Diener zu den Weingärtnern, um den Ertrag der Ernte abzuholen. Aber die Winzer überfielen diese Diener, verprügelten die einen und steinigten die anderen mit großen Steinen. Viele wurden verletzt und einige sogar getötet. Jene, die lebend zu ihrem Herrn zurückkehren konnten, erzählten ihm, was geschehen war. Der Herr ließ ihre Wunden behandeln und tröstete sie. Dann schickte er noch einmal eine größere Anzahl. Und die Winzer machten es mit diesen genauso wie mit den ersten.

Darauf sagte der Herr des Weinberges: "Nun werde ich meinen Sohn zu ihnen senden. Vor meinem Erben werden sie doch Achtung haben."

Aber als die Weingärtner ihn kommen sahen und erfuhren, daß er der Erbe war, riefen sie einander zu und sagten: "Kommt, wir wollen uns zusammentun, um viele zu sein. Schleppen wir ihn hinaus an einen weit entfernten Ort und töten wir ihn. Dann gehört sein Erbe uns." Sie empfingen ihn mit vorgetäuschten Ehren, umringten ihn, als ob sie ihn feiern wollten, fesselten ihn, nachdem sie ihn geküßt hatten, schlugen ihn und schleppten ihn spottend zur Richtstätte, wo sie ihn töteten.

Nun sagt mir: Was wird der Vater und Herr tun, wenn er eines Tages bemerkt, daß sein Sohn, der Erbe seines Besitzes, nicht zurückkehrt? Wenn er entdeckt, daß seine Winzer zu Mördern seines Sohnes geworden sind? Die Winzer, denen er sein fruchtbares Land überlassen hat, damit sie es in seinem Namen bestellen, in den Genuß seines Ertrages gelangen und ihrem Herrn den gerechten Anteil davon abgeben.» Jesus blitzt mit seinen wie Sonnen flammenden Saphiraugen die um ihn Versammelten an, und besonders die Gruppen der einflußreicheren Juden, der Pharisäer und der Schriftgelehrten in der Menge. Niemand spricht.

«Antwortet! Wenigstens ihr, Lehrer Israels, sagt ein Wort der Gerechtigkeit, damit sich das Volk von der Gerechtigkeit überzeugt. Ich würde eurer Meinung nach nicht das richtige Wort sagen. So redet also ihr, damit das Volk nicht im Irrtum bleibt.»

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Die Schriftgelehrten antworten nun gezwungenermaßen so: «Er wird die Frevler schwer bestrafen, sie auf grausame Art töten und den Weinberg anderen Winzern geben, die ihn gewissenhaft verwalten und dem Eigentümer seinen Anteil abliefern.»

«Ihr habt gut gesprochen. So steht es in der Schrift: "Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Durch den Herrn ist dies geschehen: ein Wunder vor unseren Augen." Weil dies geschrieben steht und ihr es wißt und für gerecht haltet, daß die Mörder des Sohnes und Erben streng bestraft werden und der Weinberg anderen Winzern übergeben wird, die ihn gewissenhaft bebauen, sage ich euch: "Das Reich Gottes wird euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt. Und jeder, der gegen diesen Stein fällt, wird zerschmettert werden; auf wen er aber fällt, den wird er zermalmen."»

Die Oberen der Priester, die Pharisäer und die Schriftgelehrten reagieren mit heroischer Selbstbeherrschung. Soviel bringt der Wille, einen Zweck zu erreichen, fertig! Um geringer Dinge willen haben sie ihn oft angefeindet, und heute, da ihnen der Herr Jesus offen sagt, daß ihnen die Macht genommen werden wird, schmähen sie ihn nicht, greifen ihn nicht an, bedrohen ihn nicht, sondern spielen die geduldigen Lämmer und verbergen ihr unverbesserliches Wolfsherz scheinheilig unter dem Pelz der Sanftmut.

Sie beschränken sich darauf, immer in seiner Nähe zu bleiben, denn er geht nun wieder auf und ab und hört diesen und jenen unter den vielen Pilgern an, die sich in dem großen Hof versammelt haben. Viele bitten ihn um Rat in Dingen der Seele, in familiären oder zwischenmenschlichen Angelegenheiten, und andere warten darauf, mit ihm sprechen zu können. Sie hören ihm zu, wie er in einer schwierigen Erbschaftsfrage urteilt, die Haß und Zwietracht unter den verschiedenen Erben stiftet. Denn der Vater hatte mit einer Magd des Hauses einen später adoptierten Sohn, aber die ehelichen Söhne wollen ihn weder bei sich haben noch als Miterben bei der Teilung der Häuser und Grundstücke. Vielmehr wollen sie mit dem Bastard nichts mehr zu tun haben und wissen nun nicht, wie das Problem zu lösen ist. Der Vater hat sie nämlich vor seinem Tod schwören lassen, daß sie, so wie er immer das Brot zwischen den ehelichen Söhnen und dem unehelichen geteilt hat, das Erbe gleichmäßig mit ihm teilen werden.

Jesus sagt zu dem Mann, der ihn im Namen der anderen Brüder fragt: «Verzichtet alle auf ein Stück Land und verkauft es, so daß es den Geldwert eines Fünftels der ganzen Erbschaft ergibt. Gebt es dem Unehelichen mit den Worten: "Hier ist dein Teil. Du bist nicht um das deine gekommen, und wir haben den Willen unseres Vaters erfüllt. Geh, und Gott sei mit dir." Seid großzügig im Geben, gebt eher mehr als den genauen Wert seines Anteils. Und tut es vor gerechten Zeugen, dann wird niemand auf

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Erden und im Jenseits euch tadeln und Ärgernis nehmen können; dann werdet ihr Frieden in euch und untereinander haben, denn ihr werdet euch nicht vorwerfen müssen, dem Vater ungehorsam gewesen zu sein, und ihr werdet den nicht mehr unter euch haben, der, obwohl unschuldig, euch stärker beunruhigt als ein Dieb.»

Der Mann sagt: «Der Bastard hat wahrlich unserer Familie den Frieden und unserer Mutter die Gesundheit geraubt, so daß sie vor Leid gestorben ist. Er hat einen Platz eingenommen, der ihm nicht zusteht.»

«Nicht er ist der Schuldige, sondern der, der ihn gezeugt hat. Er hat nicht danach verlangt, geboren zu werden und das Mal eines Bastards zu tragen. Die Gier eures Vaters hat ihn gezeugt und ihm und euch Schmerz bereitet. Seid deshalb gerecht mit dem Unschuldigen, der schon schwer genug für eine Schuld bezahlt, die nicht die seine ist. Verflucht nicht die Seele eures Vaters. Gott hat ihn gerichtet. Die Blitze eurer Verwünschungen sind nicht nötig. Ehrt den Vater immer, auch wenn er schuldig ist. Nicht seinetwegen, sondern weil er auf Erden euren Gott vertritt. Er hat euch gezeugt nach der Weisung Gottes, und er ist der Herr eures Hauses. Die Eltern kommen gleich nach Gott. Denke an die Zehn Gebote. Und sündige nicht. Geh in Frieden.»

Die Priester und die Schriftgelehrten treten nun zu Jesus hin, um ihn zu befragen: «Wir haben dich gehört. Du hast recht gesprochen. Einen weiseren Rat hätte nicht einmal Salomon geben können. Aber nun sage uns, du, der du Wunder wirkst und Urteile fällst, wie nur der weise König es hätte tun können, mit welcher Vollmacht tust du dies? Woher kommt dir diese Macht?»

Jesus schaut sie fest an. Er ist weder aggressiv noch verächtlich, doch sehr hoheitsvoll. Er sagt: «Auch ich will euch eine Frage vorlegen, und wenn ihr sie mir beantwortet, werde ich euch sagen, wer mir – dem Menschen ohne die Vollmacht eines Amtes und ohne Reichtum, denn das wollt ihr doch andeuten – die Vollmacht gibt, solche Dinge zu tun. Sagt mir: Woher kam die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder vom Menschen, der sie spendete? Antwortet mir. Mit welcher Vollmacht hat Johannes sie gespendet als reinigenden Ritus, um euch auf das Kommen des Messias vorzubereiten, da er doch noch ärmer und ungebildeter war als ich und kein entsprechendes Amt innehatte, denn er hatte seit seiner Kindheit in der Wüste gelebt?»

Die Schriftgelehrten und Priester beraten sich. Das Volk drängt sich heran mit weit offenen Augen und Ohren, um zu protestieren, sollten die Schriftgelehrten den Täufer herabsetzen und den Meister beleidigen, oder um Beifall zu spenden, falls sie durch die göttliche Weisheit in der Frage des Rabbi von Nazareth aus der Fassung gebracht würden. Das absolute Schweigen dieser Menge in Erwartung der Antwort ist beeindruckend. Es ist so tief, daß man den Atem und das Flüstern der Priester und

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Schriftgelehrten hört, die fast stimmlos miteinander sprechen und dabei auf das Volk schielen, dessen explosive Stimmung sie fühlen. Endlich entschließen sie sich zu einer Antwort. Sie wenden sich Christus zu, der mit über der Brust gekreuzten Armen an einer Säule lehnt und sie nicht aus den Augen läßt, und sagen: «Meister, wir wissen nicht, mit welcher Vollmacht Johannes dies getan hat und woher seine Taufe kam. Niemand hat daran gedacht, den Täufer zu fragen, solange er lebte, und er selbst hat es auch nie gesagt.»

«Dann sage auch ich euch nicht, mit welcher Vollmacht ich dies tue.»Er kehrt ihnen den Rücken, ruft die Zwölf zu sich, teilt die Beifall spendende Menge und verläßt den Tempel.

Als sie schon draußen, jenseits des Probatica-Teichs sind – denn auf dieser Seite sind sie hinausgegangen – sagt Bartholomäus: «Deine Gegner sind sehr vorsichtig geworden. Vielleicht sind sie im Begriff, sich zum Herrn zu bekehren, der dich gesandt hat, und werden dich bald als den heiligen Messias anerkennen.»

«Es ist wahr. Sie haben weder deine Frage noch deine Antwort angegriffen ...» sagt Matthäus.

«So ist es. Es ist schön, daß Jerusalem sich zum Herrn, seinem Gott, bekehrt», sagt Bartholomäus noch.

«Macht euch keine Illusionen. Dieser Teil Jerusalems wird sich niemals bekehren. Sie haben nur nicht anders geantwortet, weil sie das Volk fürchten. Ich habe zwar ihre geflüsterten Worte nicht verstanden, aber ich habe ihre Gedanken gelesen.»

«Und was haben sie gesagt?» fragt Petrus.

«Dies haben sie gesagt. Ich wünsche, daß ihr es wißt, damit ihr sie gründlich kennenlernt und den künftigen Menschen eine genaue Beschreibung der Herzen der Menschen meiner Zeit geben könnt. Sie haben nicht geantwortet, nicht weil sie sich zum Herrn bekehren, sondern weil sie entschieden hatten: Wenn wir sagen: "Die Taufe des Johannes kam vom Himmel", wird der Rabbi uns antworten: "Warum habt ihr dann nicht an das geglaubt, was vom Himmel kam und die Vorbereitung auf die messianische Zeit bedeutete?" Sagen wir aber: "Vom Menschen", wird das Volk sich auflehnen und sagen: "Und warum glaubt ihr dann nicht, was Johannes, unser Prophet, über Jesus von Nazareth gesagt hat?" Es ist deshalb besser zu antworten: "Wir wissen es nicht." Das ist es, was sie sagten. Nicht, weil sie sich zu Gott bekehrt haben, sondern aus niedriger Berechnung und um nicht bekennen zu müssen, daß ich der Christus bin und tue, was ich tue, weil ich das Lamm Gottes bin, von dem der Vorläufer gesprochen hat. Also wollte auch ich nicht sagen, mit welcher Vollmacht ich tue, was ich tue. Schon oft habe ich es in diesen Mauern und in ganz Palästina gesagt, und meine Wunder sprechen noch mehr als meine Worte. Nun werde ich es nicht mehr mit Worten sagen. Ich werde die

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Propheten und meinen Vater sprechen lassen und die Zeichen des Himmels. Denn die Zeit ist gekommen, in der alle Zeichen gegeben werden. Jene, von denen die Propheten gesprochen haben und die in den Symbolen unserer Geschichte ausgedrückt sind, und das Zeichen, das ich genannt habe: das Zeichen des Jonas. Erinnert ihr euch des Tages in Kedes? Es ist das Zeichen, auf das Gamaliel wartet. Du, Stephanus, du, Hermas, und du, Barnabas, der du heute deine Gefährten verlassen hast, um mir zu folgen, ihr habt den Rabbi gewiß oft über dieses Zeichen reden gehört. Nun, dieses Zeichen wird bald gegeben werden.»

Jesus entfernt sich durch die Ölgärten auf dem Berg, gefolgt von den Seinen, vielen Jüngern (aus den zweiundsiebzig) und anderen, wie Joseph Barnabas, die ihn noch sprechen hören wollen.

653. DER MONTAG VOR DEM PASSAHFEST 11. DIE NACHT IN GETHSEMANE

Jesus ist am Abend noch im Ölgarten. Er ist mit seinen Aposteln dort und spricht wieder.

«Wieder ist ein Tag vergangen. Nun kommt die Nacht, dann der Morgen, und dann noch ein Morgen, und dann das Passahmahl.»

«Wo werden wir es halten, mein Herr? Dieses Jahr sind auch die Frauen bei uns», fragt Philippus.

«Und noch haben wir nichts vorbereitet, und die Stadt ist überfüllt. Es scheint, als wäre dieses Jahr ganz Israel, bis zum entferntesten Proselyten, zum Fest herbeigeeilt», sagt Bartholomäus.

Jesus betrachtet ihn und sagt, als ob er einen Psalm aufsagen würde: «Sammelt euch, beeilt euch, eilt herbei, schart euch von allen Seiten um das Opfer, das ich euch bereiten will; um das große, auf den Bergen Israels dargebrachte Opfer, um sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken.»

«Aber welches Opfer? Welches? Du gleichst einem, den eine fixe Idee beherrscht. Du sprichst nur vom Tod... Und du betrübst uns», sagt Bartholomäus heftig.

Jesus wendet seinen Blick von Simon ab, der sich über Jakobus des Alphäus und über Petrus beugt und mit ihnen redet, schaut ihn lange an und sagt dann: «Wie? Du fragst mich das? Du gehörst doch nicht zu den Kleinen, die, um verstehen zu können, erst das siebenfache Licht empfangen müssen. Du warst in der Schrift schon bewandert, bevor ich dich durch Philippus an jenem linden Frühlingsmorgen rief. Am Morgen meines Frühlings. Und du fragst noch, welches das Opfer ist, das auf dem Berg dargebracht wird und zu dem alle kommen werden, um sich daran zu

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laben? Und du sagst, ich leide an einer fixen Idee, weil ich vom Tod rede? Oh, Bartholomäus! Wie den Ruf der Wächter habe ich in eure Finsternis, die sich nie dem Licht geöffnet hat, einmal, zweimal, dreimal, die Ankündigung gerufen. Aber ihr wolltet nie verstehen. Ihr habt einen Augenblick darunter gelitten, und dann... Wie Kinder habt ihr schnell die Worte des Todes vergessen und seid fröhlich zu eurer Arbeit zurückgekehrt, eurer selbst sicher und in der Hoffnung, daß meine und eure Worte die Welt immer mehr überzeugen würden, ihrem Erlöser zu folgen und ihn zu lieben.

Nein. Erst nachdem dieses Land gegen mich gesündigt hat – und denkt daran, es sind die Worte des Herrn zu seinen Propheten – erst dann, danach, wird das Volk, und nicht nur dieses Volk allein, sondern das große Volk Adams, zu seufzen beginnen: "Laßt uns zum Herrn gehen. Er, der uns geschlagen hat, wird uns auch heilen." Und die Welt der Erlösten wird sagen: "Nach zwei Tagen, also nach zwei Zeiten der Ewigkeit, in denen er uns der Gewalt des Feindes überläßt, der uns mit allen Waffen schlagen und töten wird, mit denen wir den Heiligen geschlagen und getötet haben – und wir schlagen und töten ihn noch, denn es wird immer Nachkommen Kains geben, die den Sohn Gottes, den Erlöser, töten durch Gotteslästerung und böse Werke; die tödliche Pfeile nicht auf ihn, den in Ewigkeit Verherrlichten, sondern auf ihre eigenen, von ihm losgekauften Seelen schleudern und sie töten, und mit ihrer Seele auch ihn – erst nach diesen zwei Zeiten wird der dritte Tag kommen, und wir werden vor seinem Angesicht im Reich des Christus auf Erden auferstehen und vor ihm leben im Triumph des Geistes. Wir werden ihn kennen. Wir werden lernen, den Herrn zu erkennen, um durch die wahre Erkenntnis Gottes bereit zu sein, die letzte Schlacht Luzifers zu bestehen, die er den Menschen liefern wird vor dem Posaunenstoß des siebten Engels. Und dieser wird den seligen Chor der Heiligen Gottes in ewig vollständiger Zahl eröffnen – weder der kleinste Säugling noch der älteste Greis kann dieser Zahl jemals noch hinzugefügt werden. Der Chor wird singen: "Zu Ende ist das arme Reich der Erde. Die Welt mit all ihren Bewohnern ist vorübergezogen vor dem prüfenden Auge des siegreichen Richters. Und die Erwählten sind nun in der Hand unseres Herrn und seines Christus, und er ist unser König auf ewig. Lob sei dem Herrn, dem allmächtigen Gott, der ist, der war und der sein wird, denn er hat seine große Macht ergriffen und die Herrschaft angetreten."

Oh, wer von euch wird sich der Worte dieser Prophezeiung erinnern, die schon verschleiert in den Worten Daniels anklingt und nun ertönt durch die Stimme des Weisen vor einer betroffenen Welt und vor euch, die ihr noch betroffener seid als die Welt?

"Die Ankunft des Königs – wird die Welt seufzend fortfahren, über ihre Wunden klagend, eingeschlossen in ihrem Grab, weder tot noch lebendig, gefangen in ihrem siebenfachen Laster und ihren unendlichen

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Häresien, mit dem sterbenden Geist der verfinsterten Welt und unter den letzten Anstrengungen ihres aussätzigen, an allen seinen Irrtümern abgestorbenen Leibes – die Ankunft des Königs ist sicher wie die Morgenröte, und er kommt zu uns wie der Frühlings- und Herbstregen."

Die Nacht geht dem Sonnenaufgang voraus und bereitet ihn vor. Dies ist die Nacht. Die jetzige Nacht. Was soll ich dir tun, Ephraim, was soll ich dir tun, Juda? ... Simon, Bartholomäus, Judas und ihr Vettern, die ihr die Schrift studiert habt, kennt ihr diese Worte? Nicht von einem verwirrten Geist, sondern von einem, der die Weisheit und die Wissenschaft kennt, stammen sie. Wie ein König, der seine Schatzkammer öffnet und sicher weiß, wo das gesuchte Juwel ist, da er es eigenhändig dort hineingelegt hat, zitiere ich die Propheten. Ich bin das Wort. Jahrhundertelang habe ich durch menschliche Lippen gesprochen. Und jahrhundertelang werde ich durch menschliche Lippen sprechen. Aber alles, was an Übernatürlichem gesagt wird, ist mein Wort. Der Mensch, selbst der heiligste und gelehrteste, könnte nicht von sich aus als ein Adler der Seele über die Grenzen der blinden Welt aufsteigen, um die ewigen Geheimnisse zu erfassen und sie auszusprechen.

Die Zukunft ist Gegenwart nur im Geist Gottes. Töricht sind alle, die glauben, prophezeien und offenbaren zu können, ohne durch unseren Willen erhoben zu sein. Und bald straft Gott sie Lügen und bestraft sie, denn nur einer kann sagen: "Ich bin" und "Ich sehe" und "Ich weiß". Aber wenn ein Wille, den man nicht ermessen und nicht beurteilen kann, sondern mit gesenktem Haupt und den Worten: "Hier bin ich" ohne Widerrede annehmen muß, sagt: "Komm, steige herauf, höre, sieh und wiederhole", dann sieht und zittert die Seele, versenkt in die ewige Gegenwart ihres Gottes. Sie sieht und weint, sieht und jubiliert, vom Herrn dazu berufen, "Stimme" zu sein. Dann hört die vom Herrn berufene Seele, "Wort" zu sein, und spricht in Ekstase oder von Todesschweiß bedeckt die furchtbaren Worte des ewigen Gottes. Denn jedes Wort Gottes ist furchtbar, da es von dem kommt, dessen Urteil unveränderlich und dessen Gerechtigkeit unwiderruflich ist, und da es an die Menschen gerichtet ist, von denen allzu viele nicht Liebe und Segen, sondern Blitz und Verurteilung verdienen. Und wird dieses Wort, das gegeben und mißachtet wird, nicht zur Ursache einer schrecklichen Schuld und Strafe für jene, die es gehört und abgelehnt haben? So wird es sein.

Was hätte ich noch tun sollen, was ich nicht schon getan habe, o Ephraim, o Juda, o Welt? Ich bin gekommen, o mein Land, dich zu lieben, und mein Wort ist zum Schwert geworden, das dich tötet, weil du es verachtet hast. O Welt, die du deinen Erlöser tötest in dem Glauben, ein gerechtes Werk zu tun, du bist so satanisch besessen, daß du nicht einmal mehr begreifst, welches Opfer Gott verlangt; das Opfer der eigenen Sünde, und nicht das eines Tieres, das geopfert und verzehrt wird mit unreiner

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Seele. Was habe ich dir denn in diesen drei Jahren gesagt? Was habe ich gepredigt? Ich habe gesagt; "Erkennt Gott in seinen Geboten und in seiner Natur." Ich habe euch die lebenswichtige Kenntnis des Gesetzes Gottes eingegossen und bin nun trocken wie ein poröses tönernes Gefäß in der Sonne. Und du hast weiterhin Brandopfer dargebracht, ohne jemals das einzig Notwendige darzubringen: Das Opfer deines bösen Willens an den wahren Gott!

Nun sagt der ewige Gott zu dir, sündige Stadt, treuloses Volk – und in der Stunde des Gerichtes wirst du geschlagen werden, wie weder Rom noch Athen geschlagen werden, weil sie jetzt töricht sind und das Wort und die Wissenschaft nicht kennen. Aber wenn sie, die ewigen, von ihrer Amme schlecht gepflegten und in ihren Fähigkeiten zurückgebliebenen Kinder, einmal in die Arme meiner heiligen Kirche gelangen, meiner einzigen wunderbaren Braut, die Christus unzählige und seiner würdige Kinder gebären wird, dann werden auch sie erwachsen und fähig werden und mir Reiche und Heere schenken, Tempel und Heilige, die den Himmel gleich Sternen bevölkern werden – nun sagt der ewige Gott zu dir: "Ich habe kein Wohlgefallen mehr an euch und nehme keine Gaben mehr an aus eurer Hand. Sie sind für mich wie Mist, und ich schleudere ihn euch ins Angesicht, und er wird an euch hängenbleiben. Eure Feste, die nur Äußerlichkeit sind, widern mich an. Ich löse den Bund mit dem Geschlecht Aarons und schließe ihn mit den Kindern Levis; denn dieser ist mein Levi, und mit ihm habe ich einen ewigen Bund des Lebens und des Friedens geschlossen, und er war mir treu von Ewigkeit zu Ewigkeit, bis zum Opfer. Er kannte die heilige Furcht vor dem Vater und zitterte vor seinem beleidigten Zorn, zitterte schon beim Klang meines beleidigten Namens. Das Gesetz der Wahrheit war in seinem Mund, und auf seinen Lippen war keine Ungerechtigkeit. Er wandelte mit mir in Frieden und Gleichmut und entriß viele der Sünde. Die Zeit ist gekommen, da an jedem Ort, und nicht mehr auf dem einzigen Altar in Sion, da ihr unwürdig seid sie zu opfern, meinem Namen die reine, makellose und dem Herrn wohlgefällige Hostie dargebracht werden wird."

Erkennt ihr die ewigen Worte?»

«Wir erkennen sie, o unser Herr. Und glaube uns, wir sind zutiefst betrübt und völlig niedergeschmettert. Ist es denn nicht möglich, dem Schicksal zu entgehen?»

«Du nennst es Schicksal, Bartholomäus?»

«Ich wüßte keinen anderen Namen...»

«Wiedergutmachung ist sein Name. Man beleidigt den Herrn nicht, ohne daß die Beleidigung wiedergutgemacht werden müßte. Und der Schöpfergott wurde vom ersten Geschöpf beleidigt. Seither hat die Zahl der Beleidigungen beständig zugenommen. Weder die Wasser der großen Flut noch das Feuer auf Sodom und Gomorrha halfen, den Menschen

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heilig zu machen. Weder das Wasser noch das Feuer. Die Erde ist ein grenzenloses Sodom, das Luzifer frei und ungehindert durchstreift. Daher muß eine Dreiheit kommen, um sie zu reinigen: Das Feuer der Liebe, das Wasser des Schmerzes und das Blut des Opfers. Hier, o Erde, ist mein Geschenk. Ich bin gekommen, es dir zu geben. Und nun sollte ich vor der Vollendung fliehen? Es ist Passah. Man kann nicht fliehen.»

«Warum gehst du nicht zu Lazarus? Das wäre keine Flucht. Aber bei ihm würde dir niemand etwas antun.»

«Simon hat recht. Ich bitte dich, Herr, tue es!» ruft Judas Iskariot und wirft sich Jesus zu Füßen.

Johannes beginnt daraufhin heftig zu weinen, und auch die Vettern und Jakobus und Andreas weinen, wenngleich etwas verhaltener in ihrem Schmerz.

«Du glaubst an mich als den "Herrn"? Schau mich an!» und Jesus prüft mit scharfen Augen das verängstigte Gesicht des Iskariot. Er ist wirklich verängstigt und tut nicht nur so. Vielleicht ist es der letzte Kampf seiner Seele mit Satan, und er weiß nicht, wie er siegen soll. Jesus studiert ihn und verfolgt den Kampf, wie ein Wissenschaftler die Krise eines Kranken studieren könnte. Dann steht er plötzlich mit einem Ruck auf, so plötzlich, daß Judas, der sich an seine Knie lehnt, zurückgestoßen wird und auf dem Boden sitzt. Jesus weicht sogar mit betrübtem Gesicht einige Schritte zurück und sagt: «Damit auch Lazarus gefangengenommen wird? Damit es doppelte Beute und damit eine doppelte Freude gibt? Nein. Lazarus bewahrt sich für den zukünftigen Christus, den triumphierenden Christus. Nur einer wird aus dem Leben scheiden und nicht zurückkehren. Ich werde wiederkommen. Aber er wird nicht wiederkommen. Lazarus bleibt. Du weißt so vieles, du weißt auch dies. Doch jene, die auf doppelten Gewinn hoffen und den Adler zusammen mit dem Jungen mühelos im Nest fangen wollen, können sicher sein, daß der Adler Augen für alles hat und sich aus Liebe zu seinem Jungen vom Nest entfernen wird, um allein gefangen zu werden und das Junge zu retten. Ich werde vom Haß getötet, und doch liebe ich weiterhin. Geht. Ich bleibe, um zu beten. Niemals habe ich es so nötig gehabt wie in dieser Stunde, meine Seele zum Himmel zu erheben.»

«Laß mich bei dir bleiben, Herr», bittet Johannes.

«Nein, ihr alle habt Ruhe nötig. Geh.»

«Bleibst du allein? Und wenn sie dir etwas Böses tun? Du scheinst auch krank zu sein... Ich bleibe», sagt Petrus.

«Du gehst mit den anderen. Laßt mich für eine Stunde die Menschen vergessen. Laßt mich mit den Engeln meines Vaters zusammensein! Sie werden mir die Mutter ersetzen, die sich im Gebet und unter Tränen quält und die ich nicht noch mehr belasten kann mit meinem untröstlichen Leid. Geht.»

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«Gibst du uns nicht den Frieden?» fragt der Vetter Judas.

«Du hast recht. Der Friede des Herrn komme über alle, die in seinen Augen kein Abscheu sind. Lebt wohl.» Jesus geht einen Hang hinauf und zieht sich ins Dickicht der Ölbäume zurück.

«Und doch... was er sagt, steht wirklich in der Schrift! Und wenn man es von ihm hört, dann versteht man auch, warum und für wen es gesagt wurde», murmelt Bartholomäus.

«Ich habe es Petrus im Herbst des ersten Jahres gesagt ...» sagt Simon.

«Das ist wahr... Aber... Nein! Solange ich lebe, lasse ich es nicht zu, daß er gefangengenommen wird. Morgen ...» sagt Petrus.

«Was wirst du morgen tun?» fragt Iskariot.

«Was ich tun werde? Ich rede nur mit mir selbst. Es ist die Zeit des Verrats. Nicht einmal der Luft würde ich meine Gedanken anvertrauen. Und du, du hast so oft gesagt, wie einflußreich du bist, warum versuchst du nicht, Schutz für Jesus zu erlangen?»

«Ich werde es tun, Petrus. Ich werde es tun. Wundert euch nicht, wenn ich manchmal abwesend sein werde. Ich arbeite für ihn. Sagt es ihm aber nicht.»

«Sei beruhigt. Und sei gesegnet. Manchmal habe ich dir nicht getraut, aber ich bitte dich dafür um Entschuldigung. Ich sehe, daß du zur rechten Zeit besser bist als wir. Du tust etwas... Ich hingegen kann nur reden», sagt Petrus demütig und aufrichtig.

Und Judas lacht, als ob er erfreut wäre über das Lob. Sie verlassen Gethsemane und gehen auf die Straße, die nach Jerusalem führt.

654. DER DIENSTAG VOR DEM PASSAHFEST 1. DER TAG

Sie sind auf dem Weg in die Stadt. Es ist wieder die kleine Nebenstraße, die sie auch am Morgen zuvor genommen haben. Es scheint, als wolle Jesus nicht von wartenden Menschen umgeben sein, bevor er im Tempel angekommen ist, den man bald erreicht, wenn man die Stadt durch das Herdentor nahe dem Probatica-Teich betritt. Aber heute warten schon viele der zweiundsiebzig Jünger auf der anderen Seite des Kedron, vor der Brücke. Und kaum sehen sie ihn in seinem purpurroten Gewand zwischen den grüngrauen Ölbäumen kommen, gehen sie ihm entgegen.

Sie vereinigen sich mit der Gruppe der Apostel und gehen dann zusammen zur Stadt weiter. Petrus, der den Hang vor ihnen hinunterschaut und achtgibt, da er ständig den Verdacht hat, es könnte jemand in böser Absicht erscheinen, sieht zwischen dem frischen Grün ganz unten einen Busch welker, schlaffer Blätter, der über dem Wasser des Kedron hängt.

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Die eingerollten, sterbenden, stellenweise wie rostfleckigen Blätter sehen aus, als wären sie von Feuer versengt. Ab und zu löst der Wind ein Blatt und weht es ins Wasser des Baches.

«Aber das ist ja der Feigenbaum von gestern! Der Feigenbaum, den du verflucht hast!» ruft Petrus, zeigt mit der Hand auf den dürren Baum und wendet den Kopf, um mit dem Meister zu reden.

Alle eilen herbei, außer Jesus, der in seinem üblichen Tempo weitergeht.

Die Apostel erzählen den Jüngern die Vorgeschichte dessen, was sie sehen, und alle zusammen machen sie ihre Bemerkungen und schauen Jesus verblüfft an. Sie haben Tausende von Wundern an Menschen und Elementen gesehen. Aber dieses berührt sie mehr als alle anderen.

Jesus, der sie eingeholt hat, lächelt, als er die erstaunten und furchtsamen Gesichter bemerkt und sagt: «Nun? Wundert ihr euch so sehr darüber, daß auf mein Wort hin ein Feigenbaum vertrocknet ist? Habt ihr mich nicht die Toten auferwecken, die Aussätzigen heilen, die Blinden sehend machen, das Brot vermehren, den Sturm beruhigen und das Feuer löschen sehen? Und ihr wundert euch, daß ein Feigenbaum vertrocknet?»

«Es ist nicht wegen des Feigenbaumes. Es ist nur, weil er gestern voller Leben war, als du ihn verflucht hast, und nun ist er verdorrt. Schau, er ist brüchig wie trockenes Stroh. Seine Zweige haben kein Mark mehr. Schau, sie werden zu Staub», und Bartholomäus zerreibt die Zweige zwischen den Fingern, die er mit Leichtigkeit abgebrochen hat.

«Sie haben kein Mark mehr. Du hast es gesagt. Und wenn kein Mark mehr da ist, dann bedeutet das den Tod, sei es nun bei einem Gewächs, einer Nation oder einer Religion; denn dann gibt es nur noch harte Rinde und unnütze Blätter: Härte und scheinheilige Äußerlichkeit. Das weiche innere Mark voller Lebenskraft gleicht der Heiligkeit, der Geistigkeit; die harte Rinde und das nutzlose Blattwerk ist die Menschheit ohne geistiges Leben und Gerechtigkeit. Wehe den Religionen, die weltlich werden, weil der Geist ihrer Priester und ihrer Gläubigen nicht mehr lebt. Wehe den Nationen, deren Häupter nur kalte, hochtönende Schwätzer sind ohne fruchtbare Ideen! Wehe den Menschen, denen das geistige Leben fehlt!»

«Wenn du dies den Großen von Israel sagen würdest, wärest du nicht klug, obgleich deine Worte der Wahrheit entsprechen. Laß dich nicht dadurch täuschen, daß sie dich bis jetzt haben reden lassen. Du selbst sagst ja, daß dies nicht eine Bekehrung der Herzen, sondern Berechnung ist. Also solltest auch du den Wert und die Folgen deiner Worte bedenken, denn es gibt eine Weisheit der Welt neben der Weisheit des Geistes. Und wir müssen sie zu unserem Vorteil gebrauchen, da wir noch auf der Welt und nicht im Reich des Himmels sind», sagt Iskariot zwar ohne Schärfe, aber in belehrendem Ton.

«Der wahrhaft Weise ist, wer die Dinge sieht, ohne daß die Schatten der

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eigenen Gefühle und der Widerschein der Berechnung sie verändern. Ich werde immer die Wahrheit sagen über das, was ich sehe.»

«Aber dieser Feigenbaum ist doch tot, weil du ihn verflucht hast... Oder ist es ein... Fall von... ein Zeichen... ich weiß es nicht?» fragt Philippus.

«Es ist all das, was du sagst. Aber was ich getan habe, könnt auch ihr tun, wenn ihr zum vollkommenen Glauben gelangt. Glaubt an den allerhöchsten Herrn. Wenn ihr diesen Glauben habt, wahrlich, das sage ich euch, könnt ihr dies und noch mehr tun. Wahrlich, ich sage euch, wenn einer vollkommen vertraut in die Kraft des Gebetes und in die Güte des Herrn, kann er zu diesem Berg sagen: "Hebe dich weg und stürze dich ins Meer" ' und wenn er, während er dies sagt, in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, daß was er gebietet möglich ist, so wird es geschehen.»

«Dann hält man uns für Zauberer, und wir werden gesteinigt, wie es den Zauberern ergeht. Es wäre ein gar törichtes Wunder und zu unserem Schaden!» sagt Iskariot und schüttelt den Kopf.

«Du bist töricht, weil du das Gleichnis nicht verstehst!» entgegnet ihm der andere Judas.

Jesus spricht nicht zu Judas, sondern zu allen: «Ich sage euch, und es ist eine alte Lehre, die ich in dieser Stunde wiederhole: Was immer ihr im Gebet erbittet, glaubt, daß ihr es erhalten werdet, und ihr werdet es erhalten. Wenn ihr aber, bevor ihr betet, etwas gegen jemanden habt, so verzeiht zuerst und schließt Frieden, damit ihr den Vater zum Freund habt, der im Himmel ist und euch vieles, so vieles verzeiht und euch von Morgen bis Abend, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nur Gutes tut.»

Sie betreten den Tempel. Die Soldaten der Antonia beobachten sie, wie sie vorübergehen.

Sie gehen und beten den Herrn an und kehren dann in den Hof zurück, in dem die Rabbis lehren.

Noch bevor die Leute herbeieilen, um sich um Jesus zu scharen, nähern sich ihm Sopherim, Lehrer Israels und Herodianer und sagen, nachdem sie ihn begrüßt haben, mit verlogener Ehrerbietung: «Meister, wir wissen, daß du weise und wahrhaftig bist, daß du die Wege Gottes lehrst und nach nichts und niemandem fragst, außer nach Wahrheit und Gerechtigkeit; daß dich das Urteil der anderen über dich wenig kümmert und du nur darauf bedacht bist, die Menschen zum Guten zu führen. Sage uns also: Ist es erlaubt, dem Caesar eine Steuer zu zahlen oder nicht? Was meinst du?»

Jesus sieht sie mit einem seiner Blicke von durchdringender, feierlicher Schärfe an und antwortet: «Was versucht ihr mich, ihr Heuchler? Ihr wißt doch, daß man mich mit scheinheiligen Ehren nicht täuschen kann! Doch zeigt mir ein Geldstück, eine Steuermünze.»

Sie zeigen ihm eine Münze.

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Er betrachtet sie von beiden Seiten, legt sie auf die linke flache Hand, zeigt mit dem Zeigefinger der Rechten darauf und sagt: «Wessen Bild ist das? Was sagt die Aufschrift?»

«Es ist das Bild des Caesar, und die Aufschrift ist sein Name: Cajus Tiberius Caesar, der Name des derzeitigen Kaisers von Rom.»

«Dann gebt also dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.» Und er wendet ihnen den Rücken zu, nachdem er die Münze zurückgegeben hat.

Er hört einen um den anderen der vielen Pilger an, die ihn um Rat bitten, tröstet, spricht los und heilt.

So vergehen mehrere Stunden.

Er verläßt den Tempel, um vielleicht außerhalb des Tores die Mahlzeit einzunehmen, die ihm die Diener des Lazarus in dessen Auftrag bringen.

Am Nachmittag kehrt er in den Tempel zurück. Er ist unermüdlich. Gnaden entströmen seinen Händen, die er den Kranken auflegt, und Weisheit fließt von seinen Lippen in den Ratschlägen, die er den vielen erteilt, die sich ihm nähern. Es scheint, als wolle er alle trösten und heilen, bevor ihm dies nicht mehr möglich ist.

Es ist schon beinahe Abend, und die müden Apostel sitzen auf dem Boden unter dem Säulengang und sind verwundert über dieses ununterbrochene Kommen und Gehen der Menge in den Höfen des Tempels so kurz vor dem Osterfest, als sich dem Unermüdlichen reiche Männer nähern. Den prunkvollen Gewändern nach zu schließen, müssen es wohl Reiche sein.

Matthäus, der nur mit einem Auge schlummert, steht auf und weckt die anderen. Er sagt: «Sadduzäer gehen zum Meister. Wir wollen ihn nicht allein lassen, damit sie ihn nicht wieder beleidigen oder versuchen, ihm zu schaden und ihn zu verhöhnen.»

Alle stehen sofort auf, gehen zum Meister und umringen ihn. Ich glaube zu verstehen, daß es Schwierigkeiten gegeben hat beim Verlassen des Tempels oder bei der Rückkehr um die sechste Stunde.

Die Sadduzäer, die Jesus durch übertriebene Verbeugungen ehren, sagen zu ihm: «Meister, du hast den Herodianern so klug geantwortet, daß in uns das Verlangen nach einem Strahl deines Lichtes geweckt wurde. Höre. Moses hat gesagt: "Wenn jemand kinderlos stirbt, so soll sein Bruder die Witwe heiraten und dem Bruder Nachkommenschaft sichern." Nun waren bei uns sieben Brüder. Der erste nahm eine Jungfrau zur Frau und starb, ohne Kinder zu haben, und so hinterließ er seine Frau seinem Bruder. Auch der zweite Bruder starb, ohne Kinder zu hinterlassen, und ebenso der dritte, der die Witwe seiner beiden Vorgänger geheiratet hatte, und so weiter bis zum siebten Bruder. Zuletzt, nachdem die Frau die sieben Brüder hintereinander geheiratet hatte, starb auch sie selbst. Sage uns nun: Bei der Auferstehung der Leiber – wenn es wirklich wahr ist, daß

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die Menschen auferstehen, daß unsere Seele uns überlebt und sich am Jüngsten Tag wieder mit dem Leib vereinigt und so die Lebenden wiederherstellt – welchem von den sieben Brüdern wird dann die Frau angehören, da sie ja auf Erden allen sieben angehört hat?»

«Ihr irrt. Ihr versteht weder die Schrift noch die Macht Gottes. Ganz anders als in diesem wird es im anderen Leben sein. Im ewigen Reich wird es keine Bedürfnisse des Fleisches geben, wie in diesem Leben. Denn wahrlich, nach dem letzten Gericht wird das Fleisch auferstehen, sich mit der unsterblichen Seele vereinigen und wieder ein Ganzes bilden; es wird leben, und besser leben als ich und ihr heute, aber es wird nicht mehr den Gesetzen, und vor allem nicht mehr den Reizen und Mißbräuchen unterworfen sein, die jetzt noch gelten. Bei der Auferstehung werden Männer und Frauen nicht mehr heiraten und nicht mehr geheiratet werden, sondern sie werden sein wie die Engel im Himmel, die nicht heiraten und nicht geheiratet werden und doch in vollkommener Liebe leben, der göttlichen und geistigen Liebe. Und was die Auferstehung der Toten betrifft: Habt ihr nicht gelesen, wie Gott zu Moses aus dem Dornbusch gesprochen hat? Was hat der Allerhöchste damals gesagt? "Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs." Er sagte nicht: "Ich war..." um damit zu verstehen zu geben, daß Abraham, Isaak und Jakob gewesen waren, aber nicht mehr waren. Er sagte: "Ich bin." Denn Abraham, Isaak und Jakob sind. Unsterblich. Wie der unsterbliche Teil aller Menschen, solange die Jahrhunderte andauern, und dann auch mit dem für die Ewigkeit auferstandenen Fleisch. Sie sind, ebenso wie Moses, wie die Propheten und die Gerechten, wie leider auch Kain und die Menschen der Sündflut, die Sodomiter und alle in der Todsünde Verstorbenen. Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.»

«Auch du wirst sterben und dann leben?» Sie versuchen Jesus. Sie sind es schon müde, sanft zu sein. Ihr Groll ist so heftig, daß sie sich nicht beherrschen können.

«Ich bin der Lebendige, und mein Fleisch wird die Verwesung nicht schauen. Die Bundeslade hat man uns genommen, und selbst das Symbol der jetzigen wird uns genommen werden. Das heilige Zelt wurde uns genommen und es wird zerstört werden. Doch der wahre Tempel Gottes kann nicht weggenommen und nicht zerstört werden. Wenn seine Gegner glauben, es geschafft zu haben, dann ist die Zeit gekommen, daß er im wahren Jerusalem in seiner ganzen Herrlichkeit errichtet wird. Lebt wohl.»

Jesus beeilt sich, zum Vorhof der Israeliten zu gelangen, denn die silbernen Trompeten rufen zum Abendopfer.

Jesus sagt mir:

«So wie ich dich angewiesen habe, den Satz "von meinem Kelch" zu unterstreichen bei

der Vision, in der die Mutter des Johannes und des Jakobus um einen Platz für ihre Söhne bat, ebenso sollst du bei der Vision von gestern die Stelle unterstreichen: "Wer gegen diesen

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Stein fällt, wird zerschmettert werden." In den Übersetzungen wird immer "auf" gebraucht. Ich habe gesagt "gegen", und nicht "auf". Es ist eine Prophezeiung gegen die Feinde meiner Kirche. Alle, die sie anfeinden und sich auf sie stürzen, werden zerschmettert, denn sie ist der Eckstein. Die Geschichte der Welt bestätigt seit zweitausend Jahren meine Aussagen. Die Verfolger der Kirche werden zerschmettert, wenn sie sich auf den Eckstein stürzen.

Aber, und das sollen sich auch jene vor Augen halten, die glauben, vor dem göttlichen Strafgericht sicher zu sein, weil sie zur Kirche gehören: Der, auf den das Gewicht der Verurteilung durch das Haupt und den Bräutigam dieser meiner Braut, dieses meines mystischen Leibes fällt, wird zermalmt werden.

Um einem Einwand der immer vorhandenen Schriftgelehrten und Sadduzäer zuvorzukommen, die meinen Dienern schlecht gesinnt sind, sage ich: Wenn bei den letzten Visionen Sätze zu lesen sind, die nicht im Evangelium stehen, wie die am Ende der heutigen Vision und an der Stelle, wo ich vom verdorrten Feigenbaum gesprochen habe, und auch anderswo, so sollen sie sich daran erinnern, daß die Evangelisten aus diesem Volk stammten und in einer Zeit lebten, in der jeder zu große Schock starke und schädliche Auswirkungen auf die Neubekehrten haben konnte.

Sie sollen die Apostelgeschichte nachlesen und sie werden sehen, daß die Verschmelzung so vieler unterschiedlicher Gedanken nicht auf friedliche Weise vor sich gehen konnte; denn wenn sie sich auch gegenseitig bewunderten und einer des anderen Verdienste anerkannte, so fehlte es zwischen ihnen doch nicht an Meinungsverschiedenheiten; denn die Gedanken der Menschen sind verschieden und immer unvollkommen. Und um tiefgehende Brüche zwischen den verschiedenen Denkweisen zu vermeiden, unterließen es die vom Heiligen Geist erleuchteten Apostel bewußt, in ihren Schriften gewisse Dinge zu erwähnen, die die übermäßige Empfindlichkeit der Hebräer schockiert und den Heiden zum Ärgernis gereicht hätten. Denn diese mußten die Hebräer, den Kern der Kirche, noch für vollkommen halten, um sich nicht abzuwenden mit der Bemerkung: "Sie sind wie wir."

Sie sollten von den Verfolgungen Christi erfahren, ja, aber nicht von den geistigen Krankheiten des Volkes Israel, das besonders in den oberen Schichten verdorben war. Das wäre nicht gut gewesen, und so wurde so viel wie möglich davon verschleiert. Es ist zu beachten, daß die Evangelisten immer deutlicher werden, bis zum klaren Evangelium meines Johannes, je länger sie schreiben nach meiner Rückkehr zum Vater. Nur Johannes berichtet zur Gänze auch die schmerzlichsten Fehler selbst des Kerns der Apostel und nennt Judas offen einen Dieb. Nur er berichtet alles über die Niedertracht der Juden (ihren vergeblichen Willen, mich zum König zu machen, die Streitgespräche im Tempel, die Abwendung vieler von mir nach der Rede über das Brot vom Himmel, den Unglauben des Thomas). Als letzter Überlebender, der die Kirche schon erstarkt sah, lüftete er die Schleier, die die anderen nicht zu lüften gewagt hatten.

Aber nun will der Geist Gottes, daß auch diese Worte bekannt werden. Preisen wir den Herrn dafür, denn es sind viele Lichter und Anleitungen für die gerechten Herzen.»

655. DER DIENSTAG VOR DEM PASSAHFEST 11. DIE NACHT

«Ihr habt heute Heiden und Juden reden gehört. Ihr habt gesehen, wie die ersten sich vor mir verneigt und die zweiten mich fast verprügelt haben. Du, Petrus, hast beinahe die Hand erhoben, als du gesehen hast, daß man absichtlich Lämmer, Böcke und Kälber in meine Richtung gejagt hat, damit sie mich zu Boden in ihren Mist stoßen. Auch du, der sonst so

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kluge und vorsichtige Simon, hast den Mund geöffnet und die niederträchtigen Mitglieder des Synedriums beleidigt, die mich grob stießen und sagten: "Hebe dich hinweg, Dämon, die Gesandten Gottes gehen vorüber." Du, mein Vetter Judas, und du, Johannes, mein Lieblingsjünger, ihr habt geschrien, rasch eingegriffen und mich davor bewahrt, niedergefahren zu werden. Der eine hat das Pferd an den Zügeln gepackt, der andere hat sich vor mich gestellt, um den Stoß der auf mich gerichteten Deichsel abzufangen, als Sadok hohnlachend seinen schweren Wagen absichtlich und in voller Fahrt auf mich zulenkte. Ich danke euch für eure Liebe, die euch den Mut gibt, gegen die Angreifer des Wehrlosen aufzustehen. Aber ihr werdet noch ganz andere Beleidigungen und Grausamkeiten sehen. Wenn dieser Mond nach dem heutigen Abend zum zweiten Mal am Himmel lacht, dann werden die bisher nur mündlichen oder unbedeutenden tätlichen Angriffe massiv, und sie werden zunehmen wie die Blüten an den Obstbäumen, die in ihrem Eifer zu blühen immer noch dichter werden. Ihr habt einen verdorrten Feigenbaum und einen ganzen Obstgarten ohne Blüten gesehen und wundert euch darüber. Der Feigenbaum hat dem Menschensohn, wie Israel, Erquickung verweigert und ist in seiner Sünde gestorben. Der Obstgarten erwartet, wie die Heiden, die Stunde, von der ich heute gesprochen habe, um zu blühen und die letzte Erinnerung an die menschliche Grausamkeit auszulöschen durch die Zartheit der über das Haupt und unter die Füße des Siegers gestreuten Blüten.»

«Welche Stunde, Meister?» fragt Matthäus. «Du hast heute so viel und über so viele Dinge geredet. Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern. Ich möchte mich aber an alles erinnern. Vielleicht die Stunde der Rückkehr des Christus? Auch da hast du von Zweigen gesprochen, die saftig werden und Blätter treiben.»

«Aber nein!» ruft Thomas aus. «Der Meister spricht, als ob dieser Verrat, den er erwartet, nahe bevorstünde. Wie kann dann alles, was seiner Rückkehr vorausgehen soll, in so kurzer Zeit geschehen? Krieg, Zerstörungen, Sklaverei, Verfolgungen, in der ganzen Welt gepredigtes Evangelium, der Greuel der Verwüstung im Haus Gottes, und dann Erdbeben, Pest, falsche Propheten, Zeichen an Sonne und Sternen... Da braucht es doch Jahrhunderte, damit das alles geschehen kann. Der Besitzer der Apfelbäume müßte lange warten, um die Stunde der Blüte zu erleben.»

«Er würde seine Äpfel nicht mehr essen können, denn ich sage dir, es wird dann das Ende der Welt sein», bemerkt Bartholomäus.

«Um das Ende der Welt herbeizuführen, würde ein Gedanke Gottes genügen, und alles würde ins Nichts zurückkehren. Deshalb könnte dieser Obstgarten nicht lange warten müssen. Aber wie ich gesagt habe, wird es geschehen. Und daher werden Jahrhunderte zwischen dem einen und dem anderen vergehen, also bis zum endgültigen Sieg und der Rückkehr des Christus», erklärt Jesus.

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«Also, zu welcher Stunde?»

«Oh, ich kenne sie, die Stunde!» weint Johannes. «Ich kenne sie. Es wird nach deinem Tod und nach deiner Auferstehung sein! ...» Johannes umarmt Jesus fest.

«Warum weinst du denn, wenn er doch wieder aufersteht?» spöttelt Judas Iskariot.

«Ich weine, weil er zuerst sterben muß. Verspotte mich nicht, Dämon. Ich verstehe. Und ich darf nicht an diese Stunde denken.»

«Meister, er hat mich Dämon genannt. Er hat gegen seinen Gefährten gefehlt.»

«Judas, bist du sicher, diesen Namen nicht zu verdienen? Wenn dem so ist, dann rechne es ihm nicht an. Auch mich hat man Dämon genannt, und ich werde noch öfters so genannt werden.»

«Aber du hast doch gesagt, wer den Bruder beleidigt, ist schul...»

«Ruhe. Im Angesicht des Todes hören diese häßlichen Anschuldigungen, Streitereien und Lügen endlich auf. Betrübt nicht den, der stirbt.»

«Verzeih mir, Jesus», flüstert Johannes. «Bei seinem Gelächter hat sich in mir etwas empört... und ich habe mich nicht beherrschen können.» Johannes hat Jesus eng umarmt, Brust an Brust, und weint an seinem Herzen.

«Weine nicht. Ich verstehe dich. Laß mich reden.»

Aber Johannes läßt Jesus nicht los, selbst dann nicht, als dieser sich auf eine hervorstehende Wurzel setzt. Einen Arm um seinen Rücken, den anderen um seine Brust gelegt, und den Kopf auf seiner Schulter, weint er lautlos. Im Mondschein glänzen nur die Tränen, die auf das purpurfarbene Gewand Jesu fallen und Rubinen, blassen, im Licht schimmernden Blutstropfen gleichen.

«Ihr habt heute Juden und Heiden sprechen gehört. Es darf euch also nicht wundern, wenn ich sage: "Aus meinem Mund ist immer das Wort der Gerechtigkeit gekommen. Und es wird nicht widerrufen werden"; ich sage mit Isaias, und spreche von den Heiden, die zu mir kommen werden, nachdem ich von der Erde erhöht worden bin: "Vor mir wird jedes Knie sich beugen, und jede Zunge wird bei mir schwören." Und wenn ihr gesehen habt, wie es den Juden ergeht, werdet ihr nicht mehr bezweifeln, daß man leicht und ohne Furcht vor einem Irrtum sagen kann, daß vor mir alle beschämt erscheinen werden, die sich mir widersetzen.

Mein Vater hat mich nicht nur zu seinem Diener gemacht, um die Stämme Jakobs zu neuem Leben zu führen, um zu bekehren, was von Israel übrig ist: die Reste; sondern er hat mich den Nationen als Licht geschenkt, auf daß ich der Erlöser der ganzen Welt sei. Daher habe ich in diesen dreiunddreißig Jahren des Exils vom Himmel und vom Schoß des Vaters beständig zugenommen an Gnade und Weisheit vor Gott und den Menschen. Ich habe das vollkommene Alter erreicht; und nachdem ich in diesen

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letzten drei Jahren meine Seele und meinen Geist im Feuer der Liebe zum Glühen gebracht und sie durch das Eis der Buße gehärtet habe, habe ich "meinen Mund zu einem scharfen Schwert" gemacht.

Mein und euer heiliger Vater hat mich bis jetzt unter dem Schatten seiner Hand beschützt, denn noch war die Zeit der Sühne nicht gekommen. Nun läßt er mich gehen. Der auserwählte Pfeil, der Pfeil aus seinem göttlichen Köcher, der verwundet hat, um zu heilen, der die Menschen verwundet hat, um eine Bresche zu schlagen für das Wort und das Licht Gottes, findet nun rasch und sicher seinen Weg und verwundet die zweite Person, den Sühnenden, den anstelle des ganzen ungehorsamen Geschlechtes Adams Gehorsamen... Und wie ein getroffener Krieger werde ich fallen und für allzu viele sagen: "Vergebens und grundlos habe ich mich bemüht und nichts erreicht. Ich habe meine Kräfte für nichts verzehrt."

Aber nein! Nein, bei dem ewigen Herrn, der niemals etwas ohne Zweck tut! Weiche, Satan, der du mich durch Mutlosigkeit beugen und zum Ungehorsam verleiten willst! Am Alpha meiner Mission bist du gekommen, und du kommst auch am Omega wieder. Nun, ich erhebe mich zum Kampf. (Und er steht tatsächlich auf.) Ich messe mich mit dir, und ich schwöre mir selbst: ich werde dich besiegen! Dies zu sagen ist nicht Hochmut. Es ist Wahrheit. Der Menschensohn wird in seinem Fleisch besiegt werden vom Menschen, dem armseligen Wurm, der aus seinem stinkenden Schmutz beißt und vergiftet. Aber der Sohn Gottes, die zweite Person der unaussprechlichen Dreiheit, wird nicht von Satan besiegt werden. Du bist der Haß. Und dein Haß und deine Versuchungen sind mächtig. Aber mir wird eine Kraft beistehen, die dich flieht, denn du kannst sie nicht erreichen und kannst sie nicht festhalten. Die Liebe ist mit mir!

Ich weiß um die niemandem bekannte Marter, die mich erwartet. Nicht die, von der ich morgen sprechen werde, damit ihr wißt, daß nichts von dem, was meinetwegen oder in meiner Umgebung getan und verhandelt wird, nichts, was in euren Herzen geschieht, mir unbekannt ist; ich meine eine andere Marter... Nicht die Marter des Menschensohnes durch Lanzen und Stöcke, durch Spott und Schläge, sondern die Marter, die von Gott selbst kommt und nur von wenigen erkannt werden wird in ihrer ganzen Grausamkeit, und die noch wenigere überhaupt für erträglich halten werden. Aber in dieser Marter, deren hauptsächliche Urheber zwei sein werden: Gott durch seine Abwesenheit, und du, Satan, durch deine Gegenwart, wird dem Opfer die Liebe beistehen. Die lebendige Liebe im Opfer selbst, als die größte Kraft seines Widerstandes in der Prüfung, und die Liebe im geistigen Tröster, der schon seine goldenen Flügel regt, voll Sehnsucht, herniederzusteigen und meinen Schweiß zu trocknen; der alle Tränen der Engel im himmlischen Kelch sammelt und sie mit dem Honig der Namen der von mir Erlösten und mich Liebenden versüßt, um mit

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diesem Getränk den großen Durst des Gemarterten und seine grenzenlose Bitterkeit zu mildern.

Du wirst besiegt sein, Dämon. Einmal, beim Verlassen eines Besessenen, hast du mir gesagt: "Ich warte nur darauf, dich zu besiegen, wenn du ein Klumpen blutendes Fleisch geworden bist." Aber ich antworte dir: "Du wirst mich nicht haben. Ich werde siegen. Meine Mühe war heilig, meine Sache wird von meinem Vater vertreten. Er verteidigt das Werk seines Sohnes und wird nicht erlauben, daß mein Geist von seinem Vorhaben abläßt."

Vater, ich sage dir, schon jetzt sage ich dir für diese schreckliche Stunde: "In deine Hände empfehle ich meinen Geist."

Johannes, verlaß mich nicht... Ihr könnt gehen. Der Friede des Herrn sei überall, wo Satan nicht Gast ist. Lebt wohl.»

Alles ist zu Ende.

656. DER MITTWOCH VOR DEM PASSAHFEST 1. DER TAG

Jesus geht in den Tempel, in dem heute noch mehr Menschen als an den vorhergehenden Tagen sind. Er ist ganz in weiß und trägt ein Leinengewand. Es ist ein schwüler Tag.

Er geht, um im Vorhof der Israeliten anzubeten, und ein Schwarm Leute folgt ihm, während andere schon die besten Plätze in den Säulengängen eingenommen haben; es sind hauptsächlich Heiden, die nicht weiter als in den ersten Vorhof, den Vorhof der Heiden, gehen dürfen und die die Gelegenheit wahrgenommen haben, sich die guten Plätze auszusuchen, während die Hebräer Christus gefolgt sind.

Aber eine zahlreiche Gruppe von Pharisäern treibt sie auseinander. Sie sind immer so arrogant und drängen sich anmaßend vor, um zu Jesus zu gelangen, der sich über einen Kranken beugt. Sie warten, bis dieser geheilt ist, und schicken dann einen Schriftgelehrten zu Jesus, damit er ihn befrage.

Zuvor hat es unter ihnen einen kurzen Streit gegeben, denn Joel, genannt Alameth, will gehen und den Meister befragen. Aber ein Pharisäer widersetzt sich, und die anderen unterstützen ihn mit den Worten: «Nein. Wir wissen, daß du für den Rabbi Partei ergreifst, auch wenn du es nur heimlich tust. Laß Urias gehen...»

«Urias nicht», sagt ein anderer junger Schriftgelehrter, den ich noch nicht kenne. «Die Redeweise des Urias ist zu grob. Er würde die Leute verärgern. Ich gehe.»

Ohne auf die Proteste der anderen zu hören, geht er selbst zum Meister,

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gerade in dem Augenblick, als Jesus den Kranken entläßt und zu ihm sagt: «Habe Vertrauen. Du bist geheilt. Das Fieber und die Schmerzen werden nicht mehr wiederkehren.»

«Meister, welches ist das größte Gebot im Gesetz?»

Jesus, der ihn im Rücken hat, wendet sich um und schaut ihn an. Das sanfte Licht eines Lächelns erhellt sein Antlitz. Dann erhebt er das Haupt, das er gesenkt hatte – denn der Schriftgelehrte ist klein und hat sich zudem ehrerbietig verneigt – läßt den Blick über die Menge schweifen, richtet ihn auf die Gruppe der Pharisäer und Lehrer, entdeckt das blasse Gesicht Joels halb verborgen hinter einem dicken, schwammigen Pharisäer und lächelt noch mehr. Das Lächeln ist ein Licht, das den ehrlichen Schriftgelehrten liebkost. Dann senkt er das Haupt wieder, sieht sein Gegenüber an, und antwortet ihm: «Das größte der Gebote ist: "Höre, Israel: der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit allen deinen Kräften!' Dies ist das erste und höchste Gebot. Das zweite aber ist diesem gleich: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Es gibt keine größeren Gebote als diese. An ihnen hängt das ganze Gesetz und die Propheten.»

«Meister, du hast weise und wahr geantwortet. So ist es. Gott ist ein Einziger, und es gibt keinen anderen Gott außer ihm. Ihn zu lieben aus ganzem Herzen, aus ganzem Verstand, aus ganzer Seele und mit allen Kräften, und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, das ist weit mehr als jedes Brandopfer und andere Opfer. Ich denke oft daran, wenn ich die Worte Davids betrachte: "Brandopfer gefallen dir nicht; das Gott wohlgefällige Opfer ist ein reuiger Sinn."»

«Du bist nicht fern vom Reich Gottes, denn du hast begriffen, welches das Gott wohlgefällige Brandopfer ist.»

«Aber welches ist das vollkommenste Opfer?» fragt der Schriftgelehrte rasch und mit leiser Stimme, als würde er ein Geheimnis aussprechen.

Jesus strahlt vor Liebe und läßt diese Perle in das Herz dessen fallen, der für seine Lehre aufgeschlossen ist, für die Lehre des Reiches Gottes; über ihn geneigt sagt er: «Das vollkommenste Opfer ist: jene, die uns verfolgen, wie uns selbst zu lieben und nicht auf Rache zu sinnen. Wer dies tut, wird den Frieden besitzen. Es steht geschrieben: "Die Sanftmütigen werden die Erde besitzen, und sie genießen die Fülle des Friedens!' Wahrlich, ich sage dir, wer seine Feinde liebt, erreicht die Vollkommenheit und besitzt Gott.»

Der Schriftgelehrte grüßt ihn ehrerbietig und kehrt dann zu seiner Gruppe zurück, die ihn flüsternd tadelt, weil er den Meister gelobt hat. Und voll Zorn fragen sie: «Was hast du ihn im geheimen gefragt? Bist vielleicht auch du von ihm verführt?»

«Ich habe den Geist Gottes durch seinen Mund sprechen gehört.»

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«Du bist ein Dummkopf. Glaubst du etwa, daß er der Christus ist?»

«Ich glaube es.»

«Wahrlich, in Bälde werden keine Schriftgelehrten mehr in unseren Schulen sein, sie laufen alle diesem Menschen nach! Aber wieso siehst du in ihm den Christus?»

«Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich fühle, daß er es ist.»

«Verrückter!» Sie drehen ihm beunruhigt den Rücken zu.

Jesus hat das Gespräch beobachtet, und als die Pharisäer in einer geschlossenen Gruppe an ihm vorbeigehen, um sich wütend zu entfernen, ruft er sie und sagt: «Hört mich an. Ich möchte euch etwas fragen. Was haltet ihr von Christus? Wessen Sohn ist er?»

«Er wird der Sohn Davids sein», antworten sie ihm und betonen das «wird», denn sie wollen ihm zu verstehen geben, daß er für sie nicht der Christus ist.

«Und warum nennt ihn dann David im Geist "Herr" ' wenn er sagt: "Der Herr sprach zu meinem Herrn: 'Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde als Schemel dir zu Füßen lege'? Wenn also David den Christus "Herr" nennt, wie kann dann Christus sein Sohn sein?»

Da sie nicht wissen, was sie ihm antworten sollen, entfernen sie sich und schlucken ihr Gift hinunter.

Jesus verläßt die Stelle, an der er bisher gestanden ist und die nun ganz von Sonnenschein überflutet wird. Er begibt sich weiter zu den Eingängen der Schatzkammer, neben dem Raum mit dem Opferkasten. Diese noch schattige Seite des Hofes ist von den Rabbis besetzt, die mit vielen und großen Gesten ihre hebräischen Zuhörer belehren, die im Verlauf der Stunden immer mehr werden, wie auch immer mehr Leute in den Tempel kommen.

Die Rabbis bemühen sich, in ihren Reden die Lehren Jesu der vergangenen Tage oder von heute früh zu widerlegen. Sie erheben die Stimme immer mehr, je größer die Zahl der Zuhörer wird. Der riesige Platz wimmelt von Menschen, die aus allen Richtungen kommen und in alle Richtungen gehen...

Jesus sagt zu mir: «Füge hier die Vision des Scherfleins der Witwe ein. Dann setze die Vision fort.»

Zuerst sehe ich nur Säulengänge und Vorhöfe, die ich als zum Tempel gehörig erkenne, und Jesus, der einem Herrscher gleicht – so feierlich ist er in seinem leuchtend roten Gewand und dem etwas dunkleren Mantel – und an einer riesigen viereckigen Säule lehnt, die einen Bogen der Säulengänge stützt.

Er schaut mich fest an. Ich verliere mich in seiner Betrachtung und beselige mich an seinem Anblick, da ich ihn seit zwei Tagen nicht gesehen und gehört habe. Diese Vision dauert lange. Und solange sie dauert, schreibe ich nicht, denn sie erfüllt mich mit Freude. Aber nun, da die Szene sich belebt, verstehe ich, daß etwas geschieht, und schreibe.

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Der Platz füllt sich mit Menschen, die aus allen Richtungen kommen. Es sind Priester und Gläubige, Männer, Frauen und Kinder. Die einen gehen spazieren, andere bleiben stehen, um den Lehrern zuzuhören, wieder andere ziehen Lämmer hinter sich her oder tragen Tauben irgendwohin, vielleicht Opfertiere.

Jesus steht an seine Säule gelehnt und schaut. Er sagt nichts. Zweimal schon hat er auf Fragen seiner Apostel nur mit einem Kopfschütteln geantwortet, ohne ein Wort zu sagen. Er beobachtet sehr aufmerksam. Aus seinem Ausdruck schließe ich, daß er ein Urteil fällt über das, was er sieht. Seine Augen und sein Antlitz erinnern mich an die Vision des Paradieses, als er beim besonderen Gericht die Seelen richtete. Nun ist er natürlich Jesus, der Mensch; dort oben war er der verherrlichte Jesus und deshalb noch beeindruckender. Aber der Gesichtsausdruck ist ähnlich. Er ist ernst, prüfend, manchmal so streng, daß auch der Frechste erzittern muß, und manchmal so sanft, von einer lächelnden Traurigkeit, die mit Blicken zu liebkosen scheint.

Anscheinend hört er nichts. Aber er muß wohl alles genau hören, denn als sich aus einer Gruppe, die einige Meter entfernt um einen Lehrer versammelt ist, eine näselnde Stimme erhebt und erklärt: «Wichtiger als jedes andere Gebot ist dieses: Was für den Tempel ist, soll dem Tempel gegeben werden. Der Tempel steht über dem Vater und der Mutter, und wenn jemand dem Herrn zu Ehren alles geben will, was er übrig hat, so soll er es tun, und er wird gesegnet sein, denn kein Blut und keine Liebe steht über dem Tempel», da wendet Jesus sein Haupt in diese Richtung und schaut mit einem Blick... den ich nicht auf mich gerichtet sehen wollte.

Er scheint jetzt nur allgemein umherzuschauen. Doch als ein zitternder Greis sich bemüht, die fünf Stufen zu einer Art Terrasse hinaufzusteigen, die sich in der Nähe Jesu befindet und wohl zu einem anderen, weiter innen liegenden Vorhof führt, und beim Aufsetzen des Stockes, der sich in den Kleidern verfängt, beinahe fällt, streckt Jesus seinen Arm aus und fängt ihn auf. Er stützt ihn und läßt ihn nicht los, bis er wieder sicher auf den Beinen steht. Das alte Männchen erhebt sein graues Haupt, sieht seinen hochgewachsenen Retter an und flüstert ein Wort des Segens. Jesus lächelt ihm zu und liebkost seinen halb kahlen Kopf. Dann lehnt er sich wieder an seine Säule, verläßt sie aber noch einmal, um ein Kind aufzurichten, das sich von der Hand der Mutter losgemacht hat, gerade vor seinen Füßen gegen die erste Stufe gefallen ist und weint. Er hebt es auf, liebkost es, tröstet es. Die verwirrte Mutter dankt ihm, und Jesus lächelt auch ihr zu und gibt ihr das Kind zurück.

Aber er lächelt nicht mehr, als ein aufgeblasener Pharisäer vorübergeht, und auch nicht, als eine Gruppe von Schriftgelehrten und anderen

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Männern – ich weiß nicht, wer sie sind – vorbeikommt. Diese Gruppe grüßt ihn mit großen Gesten und tiefen Verbeugungen. Jesus schaut sie so fest an, als wolle er sie mit seinem Blick durchbohren, und grüßt sie trocken. Er ist streng. Auch einen Priester, der vorbeikommt und ein hohes Tier sein muß, da die Leute den Weg freigeben und ihn grüßen, während er selbst wie ein Pfau vorbeistolziert, sieht Jesus lange an. Mit einem Blick, der diesen trotz seines Hochmuts den Kopf senken läßt. Er grüßt nicht. Aber er kann dem Blick Jesu nicht standhalten.

Jesus wendet die Augen von ihm ab und beobachtet ein armes, dunkelbraun gekleidetes Frauchen, das verschämt die Stufen hinaufsteigt zu einer Wand, an der sich etwas wie Löwen- oder ähnliche Tierköpfe mit offenen Mäulern befinden. Viele gehen dorthin. Doch Jesus scheint bisher nicht darauf geachtet zu haben. Nun blickt er aufmerksam diesem Weiblein nach. Sein Auge drückt Mitleid aus und wird liebevoll, als er sieht, wie die Frau eine Hand ausstreckt, um etwas in das steinerne Maul eines dieser Löwen zu werfen. Als die Frau zurückkommt und nahe an ihm vorbeigeht, sagt er: «Der Friede sei mit dir, Frau.»

Diese erhebt erstaunt den Kopf und ist sprachlos.

«Der Friede sei mit dir», wiederholt Jesus. «Geh, der Allerhöchste segnet dich.» Die arme Frau kann es gar nicht fassen. Dann flüstert sie einen Gruß und geht.

«Sie ist glücklich in ihrem Unglück», sagt Jesus und bricht endlich sein Schweigen. «Nun ist sie glücklich, denn der Segen Gottes begleitet sie. Hört, Freunde, und ihr, die ihr mich umgebt. Seht ihr diese Frau? Sie hat nur zwei kleine Münzen gegeben, nicht einmal genug, um dafür Futter für einen Sperling im Käfig zu kaufen, und doch hat sie mehr gegeben als alle anderen, die ihren Beitrag in den Tempelschatz geworfen haben, seit der Tempel bei Sonnenaufgang geöffnet wurde.

Hört. Ich habe eine große Anzahl reicher Leute beobachtet, die in die Mäuler dort Geldmengen geworfen haben, die ausreichen würden, diese Arme ein Jahr lang zu ernähren und ihre Armut zu kleiden, die nur deshalb anständig aussieht, weil sie sauber ist. Ich habe gesehen, wie Reiche mit sichtlicher Genugtuung Summen dort hineingelegt haben, die ausgereicht hätten, die Armen der Heiligen Stadt einen oder mehrere Tage satt zu machen und Gott preisen zu lassen. Aber wahrlich, ich sage euch, niemand hat mehr gegeben als sie. Ihr Almosen ist Liebe, das der anderen nicht. Ihres ist Großmut, das der anderen nicht. Ihres ist Opfer, das der anderen nicht. Heute wird die Frau nichts essen, denn sie hat nichts mehr. Sie muß erst wieder um Lohn arbeiten, um ihren Hunger mit Brot stillen zu können. Sie hat keine Reichtümer und sie hat keine Verwandten, die für sie verdienen. Sie ist allein. Gott hat ihr die Eltern, den Mann und die Kinder genommen, er hat ihr das wenige genommen, was diese ihr hinterlassen hatten, und mehr als Gott haben es ihr die Menschen genommen;

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diese Menschen, die nun, ihr seht es, weiterhin mit großmütiger Geste von ihrem Überfluß dort hineinwerfen, den sie zu einem guten Teil durch Wucher den armen Händen der Schwachen und Hungernden entrissen haben. Sie sagen, es gibt kein Blut und keine Liebe, die höher stehen als der Tempel, und so lehren sie, den Nächsten nicht zu lieben. Ich sage euch, über dem Tempel steht die Liebe. Das Gesetz Gottes ist die Liebe, und wer kein Mitleid mit dem Nächsten hat, liebt nicht. Das überflüssige Geld, das von Wucher, Habgier, Härte und Heuchelei beschmutzte Geld singt nicht das Lob des Herrn und zieht auf seinen Spender den himmlischen Segen nicht herab. Gott lehnt es ab. Es füllt diese Kasse. Aber es taugt nicht für den Weihrauch. Es ist Schlamm, in dem ihr versinkt, ihr Diener, die ihr nicht Gott, sondern den eigenen Interessen dient. Es ist ein Strick, der euch erdrosselt, ihr Lehrer, die ihr eure eigene Lehre lehrt. Es ist Gift, das euch den Rest der Seele verdirbt, ihr Pharisäer, der euch noch geblieben ist. Gott will nicht, was übrig bleibt. Ihr seid nicht Kain. Gott will nicht, was Frucht der Hartherzigkeit ist. Gott will nicht, was mit tränenerstickter Stimme schreit: "Ich hätte einen Hungernden sättigen sollen, aber man hat mich ihm verweigert, um hier zu prahlen. Ich hätte einem alten Vater, einer hinfälligen Mutter helfen sollen, und man hat es nicht gestattet, da diese Hilfe vor der Welt verborgen geblieben wäre. Ich muß meine Glocke ertönen lassen, damit die Welt den Geber erkennt." Nein, Rabbi, der du lehrst, daß der Überfluß Gott gegeben werden soll, und daß es erlaubt ist, dem Vater oder der Mutter etwas vorzuenthalten, um es Gott zu geben. Das erste Gebot ist: "Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele, deinem ganzen Verstand und deinen ganzen Kräften." Daher muß man ihm nicht den Überfluß, sondern das eigene Blut geben, und man soll es lieben, für ihn zu leiden. Leiden. Nicht leiden machen. Und wenn es schwerfällt, viel zu geben, weil man sich nicht gerne von seinem Reichtum trennt, weil die Schätze der Mittelpunkt des von Natur aus lasterhaften Menschenherzens sind, dann muß man sich von ihnen trennen, gerade weil es schwerfällt. Aus Gerechtigkeit: denn alles, was man besitzt, besitzt man durch die Güte Gottes. Aus Liebe: denn es ist ein Beweis der Liebe, das Opfer zu lieben, um dem Freude zu schenken, den man liebt. Man soll leiden, um schenken zu können. Aber selbst leiden! Nicht leiden machen, ich wiederhole es. Denn das zweite Gebot heißt: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Das Gesetz erklärt, daß nach Gott die Eltern die Nächsten sind, denen man verpflichtet ist, Ehre und Hilfe zu erweisen. Daher sage ich euch, diese arme Frau hat das Gesetz wahrhaft besser verstanden als die Weisen und ist mehr als alle anderen gerechtfertigt und gesegnet; denn in ihrer Armut hat sie Gott alles gegeben, während ihr gebt, was übrig bleibt, und es nur gebt, um in der Achtung der Menschen zu steigen. Ich weiß, daß ihr mich haßt, weil ich so spreche. Aber solange dieser Mund sprechen kann, wird er solche Worte sprechen. Vereinigt

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euren Haß auf mich mit der Verachtung für die Arme, die ich lobe. Aber glaubt nicht, daß ihr aus diesen beiden Steinen ein doppeltes Postament für euren Hochmut errichten könnt. Sie werden die Mühlsteine sein, die euch zermalmen.

Gehen wir. Lassen wir die Vipern einander beißen, um ihr Gift zu vermehren. Wer rein, gut, demütig und zerknirscht ist und das wahre Antlitz Gottes kennenlernen will, soll mir folgen.»

Jesus sagt:

«Und du, die du nichts mehr hast, weil du mir alles gegeben hast, gib mir diese beiden letzten Geldstückchen. Gegenüber dem Vielen, das du gegeben hast, erscheinen sie Außenstehenden als ein Nichts. Aber für dich, die du nichts mehr hast als sie, sind sie alles. Lege sie in die Hand deines Herrn und weine nicht. Weine wenigstens nicht allein. Weine mit mir, denn ich bin der einzige, der dich verstehen kann, und der dich versteht ohne die Nebel des Menschlichen, die Interessen, die immer das Wahre verschleiern.»

Apostel, Jünger und Volk folgen ihm, als Jesus wieder zur ersten Umfassungsmauer zurückkehrt, die beinahe an der Tempelmauer liegt, denn dort ist es etwas kühler an diesem drückend heißen Tag. Dort ist der Boden aufgewühlt von den Hufen der Tiere und von Steinen bedeckt, die die Händler und Geldwechsler benutzen, um ihre Umzäunungen und Zelte zu befestigen. Aber die Rabbis von Israel sind dort nicht, denn sie haben zwar erlaubt, daß im Tempel Handel getrieben wird, aber sie muten es den Sohlen ihrer Sandalen nicht zu, dorthin zu gehen, wo noch die Spuren der Vierfüßler zu sehen sind, die man erst vor einigen Tagen vertrieben hat...

Jesus empfindet keinen Ekel und flüchtet sich an diesen Ort, umgeben von zahlreichen Zuhörern. Doch bevor er zu reden beginnt, ruft er seine Apostel zu sich und sagt: «Kommt und hört gut zu. Gestern wolltet ihr vieles wissen, was ich nun sagen werde, während ich es gestern nur andeuten konnte, als wir uns im Garten des Joseph ausgeruht haben. Seid also aufmerksam, denn es sind wichtige Lehren für alle, und besonders für euch, meine Stellvertreter und Nachfolger.

Hört. Auf den Lehrstuhl des Moses setzten sich zur rechten Zeit Schriftgelehrte und Pharisäer. Es waren traurige Zeiten für das Vaterland. Nachdem das Exil in Babylon zu Ende und die Nation dank der Großmut des Cyrus wieder aufgebaut war, erkannten die Führer des Volkes die Notwendigkeit, auch den Kult und die Kenntnis des Gesetzes wiederherzustellen. Denn wehe dem Volk, dem sie nicht zu seiner Verteidigung, Leitung und Stütze zur Verfügung stehen gegen die mächtigsten Feinde einer Nation, nämlich die Unmoral der Bürger, die Auflehnung gegen die Oberhäupter, die Zwietracht zwischen den verschiedenen Klassen und Parteien, die Sünden wider Gott und den Nächsten und die Religionslosigkeit, alles an sich schon zersetzende Elemente, die auch noch die Strafe des Himmels herausfordern!

So machten sich die Schriftgelehrten oder Gesetzeskundigen daran,

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das Volk zu belehren, das sich noch der chaldäischen Sprache aus der Zeit des harten Exils bediente und die in reinem Hebräisch geschriebenen Schriften nicht mehr verstand. Die Priester kamen ihnen zu Hilfe, obwohl auch ihre Zahl nicht groß genug war, um die Aufgabe zu meistern, das Volk zu unterweisen. Somit war das zusätzliche Vorhandensein gebildeter Laien gerechtfertigt, die sich der Ehre Gottes widmeten, Kenntnis von ihm zu den Menschen und die Menschen zu ihm brachten und hierdurch viel Gutes bewirkten. Denn, merkt es euch alle, selbst Dinge, die durch die menschliche Schwäche später einen Niedergang erleben, wie es hier im Laufe der Jahrhunderte geschah, haben immer auch etwas Gutes an sich und zumindest anfänglich ihren Daseinsgrund. Und daher läßt der Allerhöchste zu, daß sie entstehen und fortbestehen, und er zerstört sie nicht, bis das Maß ihrer Verkommenheit voll ist.

Aus einer Umwandlung der Asidäer ging dann die andere Sekte, die der Pharisäer, hervor. Sie sahen ihre Aufgabe darin, durch strengste Moral und striktesten Gehorsam das Gesetz des Moses hochzuhalten und den freiheitlichen Geist des Volkes zu stärken. Denn in der Zeit des Antiochus Epiphanes hatte sich, unter Druck und durch Verführung, die hellenistische Partei gebildet. Diese Verführung ging aber bald über in die Verfolgung all derer, die dem Druck dieses Listigen nicht nachgaben, der mehr auf den Verlust des Glaubens in den Herzen als auf seine Waffen vertraute, um uns zu Knechten zu machen und unser Vaterland zu unterwerfen.

Vergeßt auch das nie: Fürchtet mehr die leichtfertigen Bündnisse und die Schmeicheleien eines Fremden als dessen Legionen. Denn wenn ihr den Gesetzen Gottes und des Vaterlandes treu seid, werdet ihr siegen, auch wenn ihr von mächtigen Heeren eingeschlossen seid. Wenn euch aber das Gift verdorben hat, das euch der Fremde wie berauschenden Honig in geheimer Absicht einträufelt, wird Gott euch um eurer Sünden willen verlassen, und ihr werdet besiegt und unterworfen werden, auch ohne daß der falsche Kampfgenosse sich mit dem Blut eurer Heere befleckt. Wehe dem, der nicht gleich einem aufmerksamen Wachposten auf der Hut ist und sich gegen die raffinierte Bosheit eines verschlagenen und falschen Nachbarn oder Bundesgenossen oder Herrschers zur Wehr setzt. Denn dessen Herrschaft beginnt bei den Einzelnen; er betört ihre Herzen und verdirbt sie durch fremde, unheilige Sitten und Gebräuche, so daß ihnen der Herr sein Wohlwollen entzieht. Wehe! Denkt alle an die Folgen, die es für das Vaterland hatte, daß einige seiner Söhne Sitten und Gebräuche des Fremden annahmen, um sich bei ihm einzuschmeicheln und angenehm zu leben. Die Liebe zu allen ist etwas Gutes, auch zu Völkern, die nicht unseres Glaubens sind, unsere Bräuche nicht haben und uns jahrhundertelang geschadet haben. Aber die Liebe zu diesen Völkern, die trotz allem unsere Nächsten sind, darf niemals dazu führen, daß wir das Gesetz Gottes und das Vaterland verleugnen, um so einen Vorteil von

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ihnen zu erlangen. Nein, die Fremden verachten sogar jene, die sklavisch sind bis zur Verleugnung der heiligsten Dinge des Vaterlandes. Nicht durch Verleugnung von Vater und Mutter, von Gott und Vaterland, erlangt man Achtung und Freiheit.

Es war also gut, daß zur rechten Zeit die Pharisäer mit ihrem Werk begannen, einen Deich aufzurichten gegen die schmutzige Flut fremder Sitten und Bräuche. Ich wiederhole: Jede Sache, die entsteht und fortdauert, hat ihren Daseinsgrund. Sie muß geachtet werden um dessentwillen, was sie getan hat, wenn schon nicht um dessentwillen, was sie tut. Denn wenn sie nun auch schuldig ist, so steht es den Menschen doch nicht zu, sie zu beleidigen, und noch weniger, sie zu strafen. Das darf nur einer: Gott und der, den er gesandt hat und der das Recht und die Pflicht hat, seinen Mund zu öffnen und eure Augen zu öffnen, damit ihr die Gedanken des Allerhöchsten erkennt und danach handelt. Ich und kein anderer. Ich, denn ich spreche im Auftrag Gottes. Ich, denn ich darf sprechen. Denn in mir sind nicht die Sünden, an denen ihr bei Schriftgelehrten und Pharisäern Anstoß nehmt, die ihr aber selbst begeht, wenn ihr Gelegenheit dazu habt.»

Jesus hat langsam zu sprechen begonnen und seine Stimme nach und nach erhoben. Bei diesen letzten Worten ist sie mächtig wie ein Trompetenstoß.

Hebräer und Heiden hören gespannt und aufmerksam zu. Wenn die ersteren Beifall spenden, als Jesus vom Vaterland spricht und offen die Fremden beim Namen nennt, von denen sie unterworfen wurden und unter denen sie zu leiden hatten, so bewundern die anderen seine Redekunst und beglückwünschen sich, bei diesem Vortrag anwesend zu sein, der eines großen Redners würdig ist, wie sie sagen.

Jesus senkt nun wieder die Stimme und fährt fort: «Dies habe ich euch gesagt, um euch daran zu erinnern, weshalb es Schriftgelehrte und Pharisäer gibt, wie und weshalb sie sich auf den Lehrstuhl des Moses gesetzt haben, und wie und warum sie reden und ihre Worte nicht wertlos sind. Tut also, was sie euch sagen. Aber ahmt ihre Werke nicht nach. Denn sie sagen, daß man sich auf eine bestimmte Art verhalten soll, tun dann aber selbst nicht, was man tun muß. In der Tat, sie lehren die Gesetze der Menschlichkeit des Pentateuch, aber dann bürden sie anderen schwere, untragbare, unmenschliche Lasten auf, während sie selbst keinen Finger rühren, um diese Lasten anzufassen, geschweige denn, sie zu tragen.

Ihre Lebensregel ist, so zu handeln, daß sie gesehen und zur Kenntnis genommen werden und für ihre Werke Beifall erhalten; und sie tun sie so, daß sie dabei bemerkt und gelobt werden. Sie fehlen gegen das Gesetz der Liebe, denn sie ziehen es vor, sich abzusondern und verachten jene, die nicht zu ihrer Sekte gehören; sie nehmen den Titel eines Meisters für sich in Anspruch und verlangen eine Verehrung von ihren Schülern, wie sie sie

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nicht einmal Gott erweisen. Für Götter halten sie sich in ihrer Weisheit und Macht, wollen in den Herzen ihrer Schüler mehr gelten als Vater und Mutter, betrachten ihre Lehre als der Lehre Gottes überlegen und verlangen deren buchstabengetreue Ausführung; und dies auch, wenn es sich dabei um eine Verfälschung des wahren Gesetzes handelt, dem das ihre um so vieles unterlegen ist wie dieser Berg hier dem Großen Hermon, der ganz Palästina überragt. Und sie sind Häretiker, und wie die Heiden glauben manche von ihnen an die Seelenwanderung und an die Vorherbestimmung, während die anderen bestreiten, was die einen sagen; und so leugnen sie eigentlich, wenn auch nicht ausdrücklich das, was Gott zu glauben verlangt; der einzige Gott, dem Verehrung gebührt, und der Vater und Mutter an die zweite Stelle nach ihm gesetzt hat, denen man somit mehr Gehorsam schuldet als einem Meister, der nicht Gott ist. Wenn ich euch nun sage: "Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist nicht würdig, in das Reich Gottes einzugehen", so heißt dies nicht, daß ihr die Eltern nicht lieben sollt. Ihr schuldet ihnen Achtung und Hilfe und dürft ihnen nicht die Unterstützung verweigern, indem ihr sagt: "Das Geld gehört dem Tempel" ' oder die Wohnung, indem ihr sagt: "Mein Amt verbietet mir dies", oder das Leben, indem ihr sagt: "Ich töte dich, weil du den Meister liebst", sondern es heißt, daß ihr die richtige Liebe zu den Eltern haben sollt, also eine geduldige und in der Duldsamkeit starke Liebe, die zu wählen versteht zwischen meinem Gebot und dem familiären Egoismus, der familiären Bindung; eine Liebe, die sich nicht in Haß verwandelt, wenn die Eltern sündigen und Schmerz bereiten, da sie euch nicht auf dem Weg des Lebens, meinem Weg, folgen. Liebt die Eltern und gehorcht ihnen in allem, was heilig ist. Aber seid bereit zu sterben, nicht zu töten, sondern zu sterben, wenn sie euch dazu bringen wollen, eure Berufung durch Gott zu Bürgern des Reiches Gottes, das zu gründen ich gekommen bin, zu verraten.

Ahmt nicht die Schriftgelehrten und Pharisäer nach, die untereinander uneins sind und nur so tun, als seien sie einig. Ihr, Jünger des Christus, sollt wirklich eins sein. Die Vorgesetzten seien gut zu den Untergebenen und die Untergebenen gut zu ihren Herren, eins in der Liebe und im Ziel eurer Einigkeit: mein Reich zu erwerben und zu meiner Rechten zu stehen beim letzten Gericht. Denkt daran, daß ein geteiltes Reich kein Reich mehr ist und nicht bestehen kann. Seid daher einig untereinander in der Liebe zu mir und meiner Lehre. Merkmale des Christen – denn das wird der Name meiner Untergebenen sein – seien Liebe und Einigkeit, Gleichförmigkeit in der Kleidung, gemeinsamer Besitz und Brüderlichkeit in den Herzen. Alle für einen, einer für alle.

Wer hat, soll demütig geben. Wer nichts hat, soll demütig nehmen und demütig seine Bedürfnisse den Brüdern mitteilen. Die Brüder sollen liebevoll die Bedürfnisse der Brüder anhören und sich wirklich als Brüder

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fühlen. Erinnert euch, daß euer Meister oft Hunger, Kälte und tausend andere Nöte und Unannehmlichkeiten erleiden mußte und sie demütig den Menschen genannt hat, er, das Wort Gottes. Erinnert euch, daß der Barmherzige belohnt wird, sogar für einen Schluck Wasser. Erinnert euch, geben ist seliger denn nehmen. In diesen drei Erinnerungen soll der Arme die Kraft finden, zu bitten, ohne sich gedemütigt zu fühlen, da er weiß, daß ich es vor ihm getan habe; und zu verzeihen, wenn er abgewiesen wird, da er weiß, daß dem Menschensohn oft der Platz und die Speise verweigert wurden, die man dem Wachthund der Herde gibt. Der Reiche soll großmütig werden und seine Reichtümer verschenken, wenn er daran denkt, daß das schnöde Geld, der verabscheuenswerte, ihm von Satan eingeflüsterte Mammon, der die Ursache von neun Zehnteln allen Unglücks in der Welt ist, sich in eine unsterbliche Perle des Paradieses wandelt, wenn er mit Liebe gegeben wird.

Bekleidet euch mit euren Tugenden. Sie sollen groß, aber nur Gott allein bekannt sein. Macht es nicht wie die Pharisäer. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und ihre Mantelquasten lang. Sie lieben die ersten Sitze in den Synagogen und die Begrüßungen auf den Marktplätzen und daß sie von den Leuten Rabbi genannt werden. Einer nur ist der Meister: Christus. Ihr, die ihr die neuen Lehrer der Zukunft sein werdet... ich meine euch, meine Apostel und Jünger – denkt daran, daß ich allein euer Meister bin. Ich werde es sein, auch wenn ich nicht mehr unter euch bin, denn nur die Weisheit kann belehren. Laßt euch daher nicht Meister nennen, denn ihr selbst werdet immer Schüler sein.

Verlangt nicht und gebt nicht den Namen Vater irgend jemandem auf der Welt, denn nur einer ist der Vater aller: euer Vater, der im Himmel ist. Diese Wahrheit soll euch weise machen, so daß ihr euch wahrhaft als Brüder fühlt, sowohl jene, die führen, als auch jene, die geführt werden, und euch als gute Brüder liebt. Auch soll sich keiner von den Führenden Lehrer nennen lassen, denn ihr habt nur einen, der euch alle lehrt: Christus. Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Es ist keine Demütigung, Diener der Diener Gottes zu sein, sondern es bedeutet mich nachzuahmen, der ich sanft und demütig war und immer bereit, meine Brüder im Fleisch Adams zu lieben und ihnen mit meiner Macht als Gott zu helfen. Ich habe das Göttliche nicht gedemütigt, weil ich den Menschen gedient habe. Denn der wahre König ist, wer nicht so sehr die Menschen, sondern vielmehr die Leidenschaften der Menschen beherrscht, vor allem den törichten Stolz. Denkt daran: Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden, und wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden.

Die Frau, von der der Herr in der Genesis spricht, die Jungfrau, von der Isaias spricht, die Jungfrau – die Jungfrau-Mutter des Emmanuel – hat diese Wahrheit der neuen Zeit prophezeit und gesungen: "Der Herr hat die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Niedrigen erhöht." Die Weisheit

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Gottes sprach durch den Mund jener, die die Mutter der Gnade und der Sitz der Weisheit war. Und ich wiederhole die inspirierten Worte, die mich mit dem Vater und dem Heiligen Geist in unseren wunderbaren Werken priesen, als ich, der Mensch, mich im Schoß der unversehrten Jungfrau bildete, ohne dabei aufzuhören, Gott zu sein. Sie sollen Norm für alle sein, die Christus in ihren Herzen tragen und ins Himmelreich gelangen wollen. Es wird keinen Jesus und Erlöser, keinen Christus und Herrn und kein Reich des Himmels für jene geben, die stolz, unzüchtig und Götzendiener sind und sich selbst und ihren Willen anbeten.

Daher wehe euch, ihr Schriftgelehrten und heuchlerischen Pharisäer! Ihr glaubt, mit euren unmöglich zu befolgenden Vorschriften – die tatsächlich ein unüberwindliches Hindernis für die meisten Menschen wären, wenn sie von Gott bestätigt würden – ihr glaubt, das Reich des Himmels vor den Menschen verschließen zu können, die ihren Geist zu ihm erheben, um in ihren leidvollen irdischen Tagen Kraft zu finden! Wehe euch, die ihr nicht hineinkommt, nicht hineinkommen wollt, da ihr das Gesetz des himmlischen Reiches nicht annehmt und die anderen nicht hineinlaßt, die vor der Türe stehen, die ihr unnachsichtig mit Schlössern verschließt, die Gott nicht angebracht hat.

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und heuchlerischen Pharisäer! Ihr zehrt die Habe der Witwen auf und verrichtet zum Schein lange Gebete. Dafür erwartet euch ein strenges Gericht!

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und heuchlerischen Pharisäer! Denn ihr reist über Meer und Land und verbraucht fremden Besitz, um einen einzigen Proselyten zu machen, und wenn er es geworden ist, dann macht ihr aus ihm einen Sohn der Hölle, doppelt wie ihr.

Wehe euch, blinde Führer, die ihr sagt: "Wenn einer beim Tempel schwört, dann gilt sein Eid nicht, aber wenn er auf das Gold des Tempels schwört, dann ist er durch seinen Schwur gebunden." Ihr Toren und Blinden! Was ist denn größer? Das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt? Was heißt: "Wenn einer beim Altar schwört, dann hat sein Eid keinen Wert, aber wenn er auf die Gabe schwört, die auf dem Altar liegt, dann ist sein Eid gültig und er ist seinem Eid verpflichtet." Ihr Blinden! Was ist denn größer? Die Gabe oder der Altar, der die Gabe heiligt? Wer also beim Altar schwört, der schwört bei ihm und allem, was darauf liegt, und wer beim Tempel schwört, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt. Und wer beim Himmel schwört, schwört beim Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt.

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und heuchlerischen Pharisäer! Ihr gebt den Zehnten von Minze und Raute, von Anis und Kümmel, aber die wichtigsten Vorschriften des Gesetzes schiebt ihr beiseite: die Gerechtigkeit, die Barmherzigkeit und die Treue. Das sind die Tugenden, die man haben muß, ohne die anderen kleinen Dinge zu vernachlässigen! Ihr blinden

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Führer, ihr seiht die Getränke aus Furcht euch anzustecken, wenn ihr eine kleine ertrunkene Mücke verschluckt, und dann verschlingt ihr ein Kamel, ohne euch deswegen unrein zu fühlen. Wehe euch, Schriftgelehrte und heuchlerische Pharisäer! Ihr reinigt das Äußere von Becher und Schüssel, innen aber seid ihr voll Raub und Unmäßigkeit. Blinder Pharisäer, reinige zuerst, was im Becher und in der Schüssel ist, damit auch das Äußere rein werde.

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und heuchlerischen Pharisäer! Wie Nachtvögel benutzt ihr die Finsternis für eure sündigen Werke, und im Dunkeln paktiert ihr mit Heiden, Räubern und Verrätern, um dann am Morgen, nachdem ihr die Spuren eurer verborgenen Machenschaften getilgt habt, in schönen Gewändern zum Tempel hinaufzugehen.

Wehe euch, die ihr die Gebote der Liebe und der Gerechtigkeit lehrt, die im Leviticus enthalten sind, und dann gierig, räuberisch, verlogen, verleumderisch, ungerecht, rachsüchtig und gehässig seid und sogar tötet, wenn euch jemand stört, selbst wenn es euer eigenes Blut ist; ihr verstoßt die Jungfrau, die eure Frau geworden ist, und die Kinder, die sie euch geschenkt hat, weil sie unglücklich sind. Ihr klagt eure Frau des Ehebruchs oder einer unreinen Krankheit an, weil sie euch nicht mehr gefällt und ihr euch ihrer entledigen wollt, ihr, deren unzüchtige Herzen unrein sind, auch wenn es vor den Menschen, die eure Werke nicht kennen, nicht so zu sein scheint. Ihr gleicht getünchten Gräbern, die außen schön, innen aber voll sind von Totengebein und aller Unreinheit. So auch ihr. Ja. So! Äußerlich scheint ihr gerecht, aber innerlich seid ihr übervoll von Heuchelei und Ungerechtigkeit.

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und heuchlerischen Pharisäer! Ihr baut den Propheten prachtvolle Gräber und schmückt die Grabmäler der Gerechten und sagt: "Hätten wir in den Tagen unserer Väter gelebt, wir hätten uns nicht schuldig gemacht am Blut der Propheten." Und so stellt ihr euch selbst das Zeugnis aus, daß ihr Söhne der Prophetenmörder seid. Und im übrigen macht ihr das Maß eurer Väter voll... Ihr Schlangen, ihr Natterngezücht, wie wollt ihr dem Gericht der Hölle entrinnen?

Daher sage ich, das Wort Gottes, euch: Ich, Gott, werde euch neue Propheten, Weise und Schriftgelehrte schicken. Einige von ihnen werdet ihr töten, einige kreuzigen, einige in euren Gerichtshöfen und euren Synagogen und außerhalb eurer Mauern geißeln, und einige werdet ihr von Stadt zu Stadt verfolgen, damit nicht über euch alle das gerechte Blut komme, das auf die Erde ausgegossen wurde, vom Blut Abels, des Gerechten, bis zum Blut des Zacharias, des Sohnes des Barachias, den ihr getötet habt zwischen dem Vorhof und dem Altar, weil er euch aus Liebe zu euch eure Sünden vorgehalten hat, damit ihr sie bereut und zum Herrn zurückkehrt.

So ist es. Ihr haßt jene, die euer Bestes wollen und euch liebevoll auf die Wege Gottes zurückrufen.

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Wahrlich, ich sage euch, alles wird so kommen. Sowohl das Verbrechen als auch die Folgen. Wahrlich, ich sage euch, dies alles wird über dieses Geschlecht kommen.

0 Jerusalem! Jerusalem! Jerusalem, du steinigst, die zu dir gesandt sind, und tötest deine Propheten! Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt; aber du hast nicht gewollt!

So höre, o Jerusalem! So hört, ihr alle, die ihr mich haßt und alles haßt, was von Gott kommt. So hört, ihr, die ihr mich liebt und auch mit von der Strafe betroffen sein werdet, die für die Verfolger des Messias Gottes bestimmt ist. Hört auch ihr, die ihr nicht aus diesem Volk seid, mir aber trotzdem zuhört, hört, damit ihr wißt, wer der ist, der zu euch spricht und weissagt, ohne erst den Flug und den Gesang der Vögel, die Zeichen des Himmels oder die Eingeweide geopferter Tiere, die Flamme und den Rauch der Brandopfer befragen zu müssen; denn die Zukunft ist für den, der zu euch spricht, Gegenwart. "Euer Haus wird euch verödet überlassen werden. Ich sage euch, spricht der Herr, von nun an werdet ihr mich nicht mehr sehen, bis auch ihr ruft: 'Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn."'»

Jesus ist sichtlich müde und erhitzt. Sowohl von der Anstrengung der so langen und lauten Rede, als auch von der durch kein Lüftchen gekühlten Schwüle des Tages. Die Menge drückt ihn an die Mauer, Tausende von Augen durchbohren ihn, und er fühlt den ganzen Haß, der ihm unter den Säulengängen des Vorhofs der Heiden zuhört, und die ganze Liebe oder wenigstens Bewunderung, die ihn umgibt trotz der Sonne, die auf die Rücken und die roten, verschwitzten Gesichter brennt; er scheint wirklich erschöpft und ruhebedürftig. Und er sucht Ruhe, denn er sagt zu seinen Aposteln und den Zweiundsiebzig, die sich langsam durch die Menge gedrängt haben, nun ganz vorne stehen und eine Schranke treuer Liebe um ihn bilden: «Wir wollen den Tempel verlassen und ins Freie unter die Bäume gehen. Ich brauche Schatten, Ruhe und Kühle. Wahrlich, dieser Ort scheint schon zu brennen im Feuer des himmlischen Zorns.»

Sie bahnen ihm mit Mühe einen Weg und gehen durch das nächstgelegene Tor hinaus. Dort versucht Jesus vergeblich, viele zu entlassen. Sie wollen ihm um jeden Preis folgen.

Die Jünger betrachten unterdessen den in der Mittagssonne strahlenden Würfel des Tempels, und Johannes von Ephesus macht den Meister auf den mächtigen Bau aufmerksam: «Sieh, was für Steine und was für Bauten!»

«Und doch wird kein Stein davon auf dem anderen bleiben», antwortet Jesus.

«Nein? Wann? Wie?» fragen viele, aber Jesus antwortet nicht.

Er geht den Moriah hinunter und durch Ophel, verläßt rasch die Stadt

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durch das Tor von Ephraim oder des Mists und flüchtet sich in die üppigen Gärten der früheren Könige, bis alle, die darauf bestanden haben, ihm zu folgen und die weder Apostel noch Jünger sind, langsam fortgehen, als Manaen, der die schweren Tore hat öffnen lassen, sich gebieterisch vor sie stellt und zu allen sagt: «Geht. Hier kommen nur die herein, die ich will.»

Schatten und Stille, Düfte von Blumen, Kampfer, Nelken, Zimt, Speik und tausend anderen wohlriechenden Pflanzen, Blattlauben mit plätschernden Bächlein, die gewiß von den nahen Brunnen und Zisternen gespeist werden, und Vogelgezwitscher machen aus dem Garten einen Ort paradiesischer Ruhe. Die Stadt scheint meilenweit entfernt zu sein mit ihren engen, von Gewölben überspannten oder aber in der grellen, blendenden Sonne brütenden Gassen, mit ihren Gerüchen und dem Kloakengestank der nicht immer sauberen Straßen und besonders Nebenstraßen, durch die zu viele Tiere gehen, als daß sie immer sauber sein könnten.

Der Hüter des Gartens muß Jesus sehr gut kennen, denn er begrüßt ihn respektvoll und zugleich ungezwungen. Jesus fragt ihn nach seinen Söhnen und der Frau.

Der Mann möchte Jesus sein Haus als Aufenthalt anbieten, doch der Meister zieht den kühlen, geruhsamen Frieden des großen Königsgartens, eine wahre Erquickung, vor. Bevor die beiden unermüdlichen und getreuen Diener des Lazarus gehen, um den Korb mit den Speisen zu holen, sagt Jesus zu ihnen: «Sagt euren Herrinnen, daß sie kommen sollen. Wir werden uns hier einige Stunden mit der Mutter und den getreuen Jüngerinnen aufhalten. Und es wird so schön sein...»

«Du bist sehr müde, Meister! Man sieht es an deinem Gesicht», bemerkt Manaen.

«Ja, so sehr, daß ich keine Kraft mehr hatte, weiterzugehen.»

«Aber ich habe dir diese Gärten schon oft in diesen Tagen angeboten. Du weißt, daß ich glücklich bin, dir Frieden und Erholung schenken zu können!»

«Ich weiß es, Manaen.»

«Und gestern wolltest du an den traurigen Ort dort gehen! Mit seiner trostlosen Umgebung und seiner dieses Jahr so eigenartig nackten Vegetation! Und so nahe bei diesem traurigen Tor.»

«Ich wollte meine Apostel zufriedenstellen. Sie sind im Grund wie Kinder. Wie große Kinder. Sich sie dir an, wie sie sich dort glücklich erholen! ... Sie vergessen sofort, was man jenseits dieser Mauern gegen mich unternimmt ...»

«Und sie vergessen auch gleich, daß du so traurig bist... Aber ich glaube, es gibt keinen Grund, sich große Sorgen zu machen. Der Ort schien mir andere Male schon gefährlicher.»

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Jesus schaut ihn an und schweigt. Wie oft sehe ich Jesus in diesen letzten Tagen so schauen und schweigen.

Dann betrachtet Jesus die Apostel und die Jünger, die ihre Kopfbedeckungen, Mäntel und Sandalen abgelegt haben und sich Gesicht, Hände und Füße in den kühlen Bächlein erfrischen, und denen es viele der zweiundsiebzig Jünger nachmachen. Eigentlich sind es viel mehr, glaube ich, die sich nun, alle brüderlich verbunden durch die gleichen Ideale, da und dort zur Ruhe legen, ein wenig abseits, um Jesus nicht zu stören.

Auch Manaen zieht sich zurück und läßt Jesus in Frieden. Alle achten die Ruhe des Meisters, der sich erschöpft in eine dichte blühende Jasmin-Pergola zurückzieht, die einer Hütte gleicht und von Wasser umgeben ist, das murmelnd durch einen kleinen Kanal fließt, über den sich Kräuter und Blumen neigen. Ein richtiger Zufluchtsort des Friedens, zu dem man über ein zwei Spannen breites und vier Spannen langes Brückchen gelangt, dessen Geländer mit Girlanden von Jasminblüten geschmückt ist.

Die Diener kehren zusammen mit anderen zurück, denn Martha will für alle Jünger des Herrn sorgen, und sie richten aus, daß die Frauen bald kommen werden.

Jesus läßt Petrus rufen und sagt zu ihm: «Du wirst zusammen mit Jakobus, meinem Bruder, das Mahl segnen, aufopfern und verteilen, so wie ich es immer mache.»

«Verteilen, ja, aber nicht segnen, Herr! Es steht nur dir zu, zu opfern und zu segnen.»

«Als du als Oberhaupt mit den Gefährten fern von mir warst, hast du es da nicht auch getan?»

«Ja, aber damals... mußte ich es tun. Nun aber bist du bei uns, und du mußt segnen. Es schmeckt mir alles besser, wenn du es für uns aufopferst und verteilst ...» Und der treue Simon umarmt seinen Jesus, der müde im Schatten sitzt, legt seinen Kopf auf die Schulter des Meisters und ist selig, ihn so umarmen und küssen zu können...

Jesus erhebt sich und stellt ihn zufrieden. Er geht zu den Jüngern, opfert, segnet und verteilt die Nahrung, schaut ihnen zu, wie sie glücklich essen, und sagt: «Danach schlaft und ruht euch aus, solange noch Zeit ist, damit ihr wachen und beten könnt, wenn es nötig sein wird, und Mühen und Müdigkeit euch nicht Augen und Geist mit Schlaf beschweren, wenn ihr bereit und wach sein müßt.»

«Bleibst du denn nicht bei uns? Willst du nicht essen?»

«Laßt mich ausruhen. Ich brauche nur dies. Eßt nur, eßt!» Jesus liebkost im Vorbeigehen einige Jünger und kehrt an seinen Platz zurück...

Die Mutter kommt nun sanft und liebevoll zu ihrem Sohn. Maria nähert sich zielbewußt, denn Manaen, der nicht so müde ist wie die übrigen, hat am Tor Wache gehalten und ihr gezeigt, wo Jesus sich befindet.

Die anderen – alle hebräischen Jüngerinnen und Valeria als einzige

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Römerin – warten einige Zeit schweigend, um die Jünger nicht zu stören, die im Schatten der dichten Bäume schlafen und Schafen gleichen, die um die sechste Stunde im Gras liegen.

Maria geht in die Jasmin-Pergola und achtet darauf, daß die kleine Holzbrücke nicht knarrt und der Kies unter ihren Füßen nicht knirscht. Noch vorsichtiger nähert sie sich dem Sohn, der von Müdigkeit überwältigt eingeschlafen ist und den Kopf auf die Steinplatte des Tisches gelegt hat. Sein linker Arm dient ihm als Kissen, und die Haare sind über sein Gesicht gefallen. Maria setzt sich geduldig zu ihrem müden Sohn. Sie betrachtet ihn... lange, mit einem schmerzlichen, liebevollen Lächeln um die Lippen, während lautlose Tränen in ihren Schoß fallen. Aber wenn auch die Lippen verschlossen und stumm bleiben, so betet doch ihr Herz mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften. Die Kraft und Intensität dieses Gebetes verrät sich in der Haltung ihrer Hände, die sie im Schoß zusammenkrampft, damit sie nicht zittern, die aber trotzdem leicht zucken. Hände, die sich nur voneinander lösen, um eine eigensinnige Fliege zu verscheuchen, die sich auf dem Schlafenden niederlassen will und ihn wecken könnte.

Es ist die Mutter, die über ihren Sohn wacht; über den letzten Schlaf des Sohnes, den sie bewachen kann. Und wenn auch das Antlitz der Mutter an diesem Mittwoch vor Ostern anders ist als das der Mutter bei der Geburt des Herrn, da der Schmerz es bleich und eingefallen erscheinen läßt, so ist doch die liebevolle Reinheit des Blickes und die bange Sorge die gleiche, mit der sie sich auch über die Krippe von Bethlehem neigte, als ihre Liebe den ersten sorglosen Schlaf ihres Kindes behütete.

Jesus bewegt sich, und Maria trocknet sich rasch die Augen, um ihre Tränen vor dem Sohn zu verbergen. Aber Jesus ist nicht aufgewacht. Er hat nur den Kopf und das Gesicht auf die andere Seite gelegt. Maria sitzt wieder reglos da und wacht.

Aber plötzlich durchbohrt es ihr das Herz. Sie hört, daß ihr Jesus im Schlaf weint, und aus seinem unklaren Flüstern – denn er schläft mit dem Arm und den Ärmel vor dem Mund – hört sie den Namen des Judas heraus.

Maria steht auf, nähert sich dem Sohn, beugt sich über ihn und horcht auf dieses undeutliche Flüstern, die Hände auf das Herz gepreßt; denn wenn man auch nicht alles versteht, so doch genügend, um den Worten Jesu entnehmen zu können, daß er von der Gegenwart und von der Vergangenheit träumt und dann auch von der Zukunft, bis er mit einem Ruck erwacht, wie um etwas Furchtbarem zu entfliehen. Aber er findet die Brust seiner Mutter, die Arme seiner Mutter, das Lächeln seiner Mutter, die süße Stimme seiner Mutter, ihren Kuß, ihre Liebkosungen und die leichte Berührung ihres Schleiers, mit dem sie Tränen und Schweiß von seinem Antlitz wischt, während sie sagt: «Du sitzt unbequem und hast

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geträumt... Du bist schweißgebadet und sehr müde, mein Sohn.» Sie bringt sein Haar wieder in Ordnung, trocknet sein Gesicht und küßt es, umschlingt ihn mit einem Arm und drückt ihn an ihr Herz; denn sie kann ihn ja nicht mehr auf den Schoß nehmen wie damals, als er noch klein war.

Jesus lächelt ihr zu und sagt: «Du bist immer die Mama, die tröstet. Die Mama, die alles wieder gutmacht. Meine Mama!» Er fordert sie auf, sich neben ihn zu setzen und legt die Hand an ihren Schoß. Und Maria nimmt die schlanke, vornehme und doch so kräftige Hand des Handwerkers in ihre kleinen Hände, streichelt die Finger und den Handrücken und glättet die Adern, die durch das Herunterhängen im Schlaf angeschwollen sind. Sie versucht, Jesus zu zerstreuen...

«Wir sind gekommen. Wir sind alle da. Auch Valeria. Die anderen sind in der Antonia. Claudia hat es so gewollt, "denn sie ist sehr betrübt", hat die Freigelassene gesagt. Sie sagt, sie habe, ich weiß nicht warum, eine Vorahnung vieler Tränen. Alles Aberglauben! Nur Gott kennt die Dinge ...»

«Wo sind die Jüngerinnen?»

«Dort am Beginn der Gärten. Martha wollte Speisen und erfrischende, erquickende Getränke vorbereiten für dein Erwachen. Aber ich, schau: das hast du immer gern gehabt, und ich habe es dir gebracht. Das ist mein Beitrag, und er ist besser, denn er ist von deiner Mama.» Sie zeigt ihm ein Honigtöpfchen und einen kleinen Brotfladen, auf den sie den Honig streicht und den sie dann ihrem Sohn gibt mit den Worten: «Wie in Nazareth, wenn du dich in der heißesten Stunde ausgeruht hast, erhitzt erwacht bist, und ich dann von der kühlen Grotte mit dieser Stärkung kam...» Sie unterbricht sich, denn ihre Stimme zittert.

Ihr Sohn schaut sie an und sagt dann: «Als Joseph noch lebte, brachtest du die Stärkung für zwei und das kühle Wasser in dem tönernen Krug, den du unter das fließende Wasser gestellt hattest, damit es noch frischer würde und in das du wilde Minze gegeben hattest. Wieviel Minze gab es doch dort unter den Ölbäumen 1 Und wie viele Bienen auf den Blüten der Minze! Unser Honig schmeckte immer ein wenig danach...» Er denkt zurück... erinnert sich...

«Weißt du, daß wir Alphäus gesehen haben? Joseph hat sich verspätet, da eines der Kinder ein wenig krank war. Aber morgen wird er gewiß hier sein, zusammen mit Simon. Salome des Simon gibt auf unser Haus acht und auf das Marias.»

«Mama, wenn du einmal allein bist, bei wem wirst du dann bleiben?»

«Bei dem, den du mir nennst, mein Sohn. Ich habe dir gehorcht, bevor du zur Welt gekommen bist. Ich werde dir weiterhin gehorchen, nachdem du mich verlassen hast.» Ihre Stimme zittert, aber auf den Lippen ist ein heroisches Lächeln.

«Du verstehst zu gehorchen. Welch ein Frieden, bei dir zu sein! Denn siehst du, Mama, die Welt kann es nicht verstehen, aber ich finde Ruhe bei den Gehorsamen... Ja, Gott ruht sich bei den Gehorsamen aus. Gott hätte nicht leiden, sich nicht mühen müssen, wenn der Ungehorsam nicht in die Welt gekommen wäre. Alles passiert, weil man nicht gehorchen will. Daher der Schmerz auf der Welt... Daher unser Schmerz!»

«Aber auch unser Friede, Jesus, denn wir wissen, daß unser Gehorsam den Ewigen tröstet. Oh, besonders für mich ist das ein außerordentlicher Gedanke! Es ist mir, dem Geschöpf, vergönnt, den Schöpfer zu trösten!»

«Oh, Freude Gottes! Du weißt nicht, o unsere Freude, was dein Wort für uns bedeutet! Mehr als die Harmonie der himmlischen Chöre... Gesegnet seist du! Gesegnet, die du mich den letzten Gehorsam lehrst und ihn mir so wünschenswert machst bei diesem Gedanken!»

«Du hast es nicht nötig, daß ich dich belehre, mein Jesus. Ich habe alles von dir gelernt.»

«Alles hat Jesus der Maria von Nazareth, der Mensch, von dir gelernt.»

«Es war dein Licht, das aus mir strömte. Das Licht, das du bist, das ewige Licht, das sich in einem menschlichen Leib erniedrigt hat... Die Brüder der Johanna haben mir von deiner Rede erzählt. Sie waren hingerissen vor Bewunderung. Du bist streng mit den Pharisäern gewesen...»

«Es ist die Stunde der höchsten Wahrheiten, Mama. Für sie bleiben sie tote Wahrheiten. Aber für die anderen werden sie lebendige Wahrheiten sein. Mit Liebe und Strenge muß ich die letzte Schlacht wagen, um sie dem Bösen zu entreißen.»

«Das ist wahr. Man hat mir berichtet, daß Gamaliel, der mit anderen in einem der Säle der Vorhöfe war, am Ende der Rede sagte, als viele sehr unruhig geworden waren: "Wenn man die Rüge nicht will, handelt man als Gerechter..." Nach dieser Bemerkung ist er weggegangen.»

«Ich freue mich, daß der Rabbi mich gehört hat. Wer hat es dir gesagt?»

«Lazarus. Und ihm hat es Eleazar gesagt, der mit den anderen im Saal war. Lazarus ist um die sechste Stunde gekommen. Er hat gegrüßt und ist wieder gegangen, ohne auf die Schwestern zu hören, die ihn bis Sonnenuntergang zurückhalten wollten. Er hat gebeten, Johannes oder jemand anderen zu schicken, um die Früchte und Blumen abzuholen, die nun gerade reif oder aufgeblüht sind.»

«Morgen werde ich Johannes schicken.»

«Lazarus kommt jeden Tag. Aber Maria ist beunruhigt, denn sie sagt, daß er einer Erscheinung gleicht. Er steigt zum Tempel hinauf, kommt, gibt Anweisungen und geht wieder.»

«Auch Lazarus weiß zu gehorchen. ich habe es ihm so befohlen, denn auch er ist in Gefahr. Aber sage den Schwestern nichts. Es wird ihm nichts geschehen... Und nun gehen wir zu den Jüngerinnen.»

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«Bemühe dich nicht. Ich rufe sie. Die Jünger schlafen alle ...»

«Und wir wollen sie schlafen lassen. Sie schlafen nachts sehr wenig, denn ich unterweise sie in der Stille des Gethsemane.»

Maria geht und kommt mit den Frauen zurück, die schwerelos zu sein scheinen, so leicht sind ihre Schritte.

Sie grüßen ihn mit einer tiefen Verneigung, nur Maria des Kleophas etwas vertraulicher. Martha zieht aus einer geräumigen Tasche eine kleine feuchte Amphore, während Maria aus einem tönernen Gefäß frische Früchte aus Bethanien hervorholt und sie auf den Tisch legt neben die von ihrer Schwester schon hergerichtete, über dem Feuer gebratene Taube, die sehr knusprig und appetitlich aussieht. Sie bittet Jesus, sich zu bedienen und sagt: «Iß, das Fleisch wird dich stärken. Ich habe es selbst zubereitet.»

Johanna hat roten Essig gebracht. Sie erklärt: «Er ist sehr erfrischend bei dieser Hitze. Auch mein Mann benützt ihn, wenn er müde ist von einem langen Ritt.»

«Wir haben nichts», entschuldigen sich Maria Salome, Maria des Kleophas, Susanna und Elisa. Und Nike und Valeria ihrerseits sagen: «Auch wir haben nichts. Wir wußten nicht, daß wir kommen sollten.»

«Ihr habt mir euer ganzes Herz gegeben. Das genügt mir. Und ihr werdet mir noch mehr geben...»

Er ißt. Aber mehr noch trinkt er das kühle Honigwasser, das Martha aus der Amphore mischt, und genießt das frische Obst, das eine Erquickung für den Müden ist.

Die Jüngerinnen reden nicht viel. Sie sehen ihm zu, wie er sich erfrischt. Ihre Augen drücken Liebe und Sorge aus. Plötzlich fängt Elisa an zu weinen und entschuldigt sich: «Ich weiß nicht, mein Herz ist schwer und traurig...»

«Unser aller Herz ist schwer. Selbst Claudia leidet in ihrem Palast ...»sagt Valeria.

«Ich wollte, es wäre schon Pfingsten ...» flüstert Salome.

«Ich hingegen wollte, die Zeit bliebe jetzt stehen», sagt Maria von Magdala.

«Dann wärst du egoistisch, Maria», antwortet Jesus.

«Warum, Rabbuni?»

«Weil du die Freude deiner Erlösung für dich allein haben wolltest. Tausende, Millionen von Menschen erwarten diese Stunde, werden durch diese Stunde erlöst.»

«Das ist wahr. Daran habe ich nicht gedacht...» Sie neigt das Haupt und beißt sich auf die Lippen, um nicht die Tränen in ihren Augen und das Zittern ihrer Lippen zu zeigen. Aber sie ist immer die starke Kämpferin und sagt: «Wenn du morgen kommst, kannst du das Gewand wieder anziehen, das du geschickt hast. Es ist nun frisch und rein und des Ostermahles würdig.»

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«Ich werde kommen... Habt ihr mir nichts zu sagen? Ihr seid stumm und betrübt. Bin ich denn nicht mehr euer Jesus?» und er lächelt den Frauen einladend zu.

«Oh, du bist es. Aber du bist so groß in diesen Tagen, daß ich in dir nicht mehr das Kindlein sehen kann, das ich auf meinen Armen getragen habe!» ruft Maria des Alphäus aus.

«Und ich den einfachen Rabbi, der in meine Küche gekommen ist und Johannes und Jakobus gesucht hat», sagt Salome.

«Ich habe dich immer so gekannt: Als den König meiner Seele!» erklärt Maria von Magdala.

Und Johanna sanft und gütig: «Ich auch: göttlich, wie im Traum, in dem du der Sterbenden erschienen bist, um mich ins Leben zurückzurufen.»

«Du hast uns alles gegeben, o Herr. Alles!» seufzt Elisa, die sich beruhigt hat.

«Und auch ihr habt mir alles gegeben.»

«Viel zu wenig», sagen alle.

«Das Geben hört nicht auf nach dieser Stunde. Es wird erst enden, wenn ihr mit mir in meinem Reich seid. Meine treuen Jüngerinnen. Ihr werdet nicht an meiner Seite sitzen, auf den zwölf Thronen, um die zwölf Stämme Israels zu richten, aber ihr werdet zusammen mit den Engeln das Hosanna singen und den Ehrenchor meiner Mutter bilden, und dann wird das Herz Christi so wie heute seine Freude daran finden, euch zu betrachten.»

«Ich bin jung. Und es wird noch lange dauern, bis ich zu deinem Reich aufsteigen kann. Glückliche Annalia!» sagt Susanna.

«Ich bin alt, und ich bin glücklich, es zu sein. Ich hoffe, daß der Tod nahe ist», sagt Elisa.

«Ich habe die Söhne... Ich möchte ihnen dienen, diesen Dienern Gottes», seufzt Maria des Kleophas.

«Vergiß uns nicht, Herr!» sagt Maria Magdalena mit verhaltener Angst, ich würde sagen, mit einem Aufschrei der Seele; denn in ihrer Stimme, die zwar leise ist, um die Schlafenden nicht zu wecken, schwingt mehr Intensität als in einem Schrei.

«Ich werde euch nie vergessen. Ich werde kommen. Du, Johanna, weißt, daß ich kommen kann, auch wenn ich weit weg bin... Die anderen müssen es glauben. Und ich werde euch etwas... ein Geheimnis hinterlassen, das mich in euch und euch in mir erhalten wird, bis wir, ich und ihr, im Reich Gottes vereint sind. Geht nun. Ihr werdet sagen, es wäre nicht nötig gewesen, euch kommen zu lassen für das wenige, das ich euch gesagt habe. Aber ich habe danach verlangt, von Herzen umgeben zu sein, die mich ohne Berechnung lieben. Die mich um meiner selbst willen lieben, weil ich Jesus bin, und nicht, weil sie immer den zukünftigen erträumten König von Israel in mir sehen. Geht nun. Und seid noch einmal gesegnet.

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Auch die anderen, die nicht hier sind, die aber mit Liebe an mich denken: Anna, Myrtha, Anastasica, Noemi und die ferne Syntyche, Photinai, Aglaia und Sara, Marcella, die Töchter des Philippus, Miriam des Jairus, die Jungfrauen, die Erlösten, die Gattinnen, die Mütter, die zu mir gekommen sind, die mir Schwestern und Mütter gewesen sind, besser, o viel besser als selbst die besten Männer! ... Alle, alle! Ich segne sie alle. Die Gnade beginnt schon herabzusteigen, die Gnade und die Verzeihung, auf die Frau, durch diesen meinen Segen. Geht ...» Er entläßt sie und hält die Mutter zurück: «Vor dem Abend werde ich im Palast des Lazarus sein. Ich muß dich noch einmal sehen. Johannes wird mit mir kommen. Aber ich will nur dich, Mutter, und die anderen Marien, Martha und Susanna. Ich bin so müde ...»

«Wir werden allein sein. Leb wohl, Sohn ...»

Sie küssen sich und trennen sich... Maria entfernt sich langsam. Bevor sie hinausgeht, dreht sie sich noch einmal um. Sie dreht sich um, als sie auf der kleinen Brücke steht, sie dreht sich immer wieder um, solange sie Jesus sehen kann... Es scheint, als könne sie Jesus nicht verlassen...

Jesus ist wieder allein. Er steht auf und geht hinaus. Er ruft Johannes, der wie ein Kind auf dem Bauch in den Blumen liegt und schläft, und gibt ihm die kleine Amphore mit dem roten Essig, die Johanna gebracht hat. Dabei sagt er: «Heute abend gehen wir zu meiner Mutter. Aber nur wir beide allein.»

«Ich habe verstanden. Sind sie gekommen?»

«Ja. Ich wollte euch nicht wecken ...»

«Das war richtig. Deine Freude wird größer gewesen sein. Sie verstehen es besser als wir, dich zu lieben...» sagt Johannes untröstlich.

«Komm mit mir.»

Johannes folgt ihm.

«Was hast du?» fragt ihn Jesus, als sie wieder im grünen Halbdunkel der Pergola sind, wo noch die Reste der Mahlzeit liegen.

«Meister, wir sind sehr schlecht. Alle. Wir haben keinen Gehorsam... und kein Verlangen, bei dir zu sein. Auch Petrus und Simon sind fortgegangen. Ich weiß nicht wohin. Und Judas hat diese Gelegenheit benützt, um einen Streit zu beginnen.»

«Ist denn auch Judas fortgegangen?»

«Nein, Herr. Er ist nicht fortgegangen. Er sagt, es sei nicht nötig, er hätte keine Komplizen für unsere Machenschaften, durch die wir Schutz für dich suchen. Aber wenn ich zu Annas gegangen bin, und wenn andere zu den hier wohnenden Galiläern gegangen sind, so war es gewiß nicht, um Böses zu tun! ... Und ich kann nicht glauben, daß Simon des Jonas und Simon der Zelote Männer sind, die zu heimtückischen Ränken fähig wären...»

«Achte nicht darauf. Judas hat in der Tat keinen Grund fortzugehen, während ihr euch ausruht. Er weiß, wann und wo er hingehen muß, um alles das zu besorgen, was er zu tun hat.»

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«Und warum spricht er denn so? Das ist doch nicht schön, so vor den Jüngern!»

«Es ist nicht schön. Aber es ist so. Beruhige dich, mein Lamm.»

«Ich, dein Lamm? Das Lamm bist nur du allein!»

«Ja, du. Ich das Lamm Gottes und du das Lamm des Lammes Gottes.»

«Oh! Schon einmal, in den ersten Tagen, als ich bei dir war, hast du diese Worte zu mir gesagt. Wir beide waren ganz allein, wie jetzt, im Grünen, wie jetzt, und es war die schöne Jahreszeit.» Johannes ist ganz glücklich bei dieser wiederkehrenden Erinnerung. Er flüstert: «Ich bin immer noch das Lamm des Lammes Gottes ...»

Jesus liebkost ihn. Und er reicht ihm ein Stück des gebratenen Täubchens, das auf dem Pergament, in das es gewickelt war, auf dem Tisch liegt. Dann öffnet er saftige Feigen, gibt sie ihm und freut sich, ihn essen zu sehen. Jesus hat sich schräg an das Ende des Tischchens gesetzt und betrachtet Johannes so eingehend, daß dieser fragt: «Warum schaust du mich so an? Weil ich so gierig esse?»

«Nein, weil du wie ein Kind bist... O mein Geliebter! Wie sehr liebe ich dich um deines Herzens willen!» Und Jesus neigt sich, um den Apostel auf das blonde Haar zu küssen und sagt zu ihm: «Bleibe so, immer so, mit deinem Herzen ohne Stolz und Groll. Bleibe so auch in den Stunden entfesselter Gewalt. Ahme nicht jene nach, die sündigen, Kind.»

Johannes hat seinen Kummer überwunden und sagt: «Aber ich kann nicht glauben, daß Simon und Petrus...»

«Du würdest dich wahrlich irren, wenn du glaubtest, daß sie Sünder sind. Trink. Dieses Getränk ist gut und frisch. Martha hat es zubereitet... Nun bist du gestärkt. Ich bin sicher, daß du deine Mahlzeit nicht beendet hattest...»

«Das ist wahr. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Denn wenn die Welt uns haßt, ist das verständlich. Aber daß einer von uns dabei mitmachen könnte...»

«Denke nicht mehr daran. Ich und du, wir wissen, daß Simon und der Zelote zwei ehrbare Männer sind. Das genügt. Und du weißt auch, leider, daß Judas ein Sünder ist. Doch schweige. Wenn viele, viele Jahre vergangen sind und es Zeit ist, die ganze Größe meines Schmerzes zu beschreiben, dann wirst du auch das sagen, was ich wegen der Taten dieses Menschen, außer denen des Apostels, gelitten habe. Gehen wir. Es ist Zeit, diesen Ort zu verlassen und zum Lager der Galiläer zu gehen ...»

«Werden wir auch diese Nacht dort verbringen? Und gehen wir zuvor nach Gethsemane? Judas wollte es wissen. Er sagt, er sei es leid, die Nächte unter dem Tau des Himmels zu verbringen und sich nur wenig und unbequem auszuruhen.»

«Es wird bald ein Ende haben. Aber ich werde Judas meine Absichten nicht mitteilen...»

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«Das brauchst du auch nicht. Du bist es, der uns führen muß, und nicht wir dich.» Johannes ist so weit entfernt von jeglichem Verrat, daß er nicht einmal versteht, warum Jesus seit einigen Tagen vorsichtshalber nicht mehr sagt, was er zu tun gedenkt.

Nun stehen sie mitten unter den Schlafenden und rufen sie. Sie erwachen. Auch Manaen, der seine Pflicht erfüllt hat und sich nun beim Meister entschuldigt, daß er nicht bleiben kann und auch morgen nicht bei ihm im Tempel sein wird, da er im Palast bleiben muß. Während er dies sagt, sieht er Petrus und Simon fest an, die in der Zwischenzeit zurückgekommen sind. Petrus macht ein rasches Zeichen mit dem Kopf, wie um zu sagen: «Ich habe verstanden.»

Sie verlassen die Gärten. Es ist immer noch heiß, denn die Sonne scheint noch. Doch der Abendwind kühlt die Luft langsam ab und treibt einige Wölkchen am klaren Himmel dahin.

Sie gehen hinauf nach Siloe, vermeiden aber den Ort mit den Aussätzigen, zu denen sich Simon der Zelote begibt, um die Reste ihrer Mahlzeit den wenigen Übriggebliebenen zu bringen, die nicht an Jesus glauben konnten.

Matthias, der frühere Hirte, nähert sich Jesus und fragt: «Mein Herr und mein Meister. Ich habe mit den Gefährten viel über deine Worte nachgedacht, bis die Müdigkeit uns übermannt hat und wir eingeschlafen sind, ohne zu einem Ergebnis gekommen zu sein in der Frage, die wir uns gestellt hatten. Nun begreifen wir weniger als zuvor. Wenn wir deine Reden dieser Tage richtig verstanden haben, hast du vorhergesagt, daß viele Dinge sich ändern werden, das Gesetz aber unverändert bleiben wird. Daß man einen neuen Tempel erbauen muß, mit neuen Propheten, Weisen und Schriftgelehrten, und daß dieser Tempel bekämpft, aber nie vernichtet werden wird, während diesem hier, wenn wir recht verstanden haben, das Ende bestimmt ist.»

«Das Ende ist ihm bestimmt. Denke an die Prophezeiung des Daniel...»

«Aber wir, wir sind arm und nur wenige, wie können wir ihn neu erbauen, wenn die Könige schon Mühe hatten, diesen zu errichten? Wo werden wir ihn erbauen? Nicht hier, denn du sagst, daß dieser Ort verlassen bleiben wird, solange sie dich nicht als den Gesandten Gottes segnen.»

«So ist es.»

«In deinem Reich auch nicht. Denn wir sind überzeugt, daß dein Reich ein geistiges Reich ist. Wie und wo werden wir ihn also errichten? Du hast gestern gesagt, daß der wahre Tempel – und ist dies nicht der wahre Tempel? – daß der wahre Tempel, gerade wenn sie glauben, ihn zerstört zu haben, triumphierend zum wahren Jerusalem emporsteigen wird. Wo ist dies? Wir sind ganz verwirrt.»

«So ist es. Die Feinde werden auch den wahren Tempel zerstören. In drei Tagen werde ich ihn wieder aufbauen und dann wird er nicht mehr

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angegriffen werden, da er dort hinaufsteigen wird, wo der Mensch ihm nicht mehr schaden kann.

Was das Reich Gottes betrifft, so ist es in euch und überall dort, wo Menschen sind, die an mich glauben. Noch ist es zerstreut, doch wird es sich im Laufe der Jahrhunderte über die Welt ausbreiten und dann im Himmel ewig, vereint und vollkommen sein. Dort, im Reich Gottes, wird der neue Tempel erbaut werden, also dort, wo es Seelen gibt, die meine Lehre annehmen, die Lehre des Reiches Gottes, und die ihre Vorschriften halten. Wie er errichtet werden wird, da ihr arm und nur wenige seid? Oh, wahrlich, Geld und Macht braucht ihr nicht, um den Bau der neuen Wohnung Gottes zu errichten, weder den gemeinsamen noch den des Einzelnen. Das Reich Gottes ist in euch. Und die Vereinigung all jener, die das Reich Gottes in sich tragen, die Gott in sich haben – Gott: die Gnade, Gott: das Leben, Gott: das Licht, Gott: die Liebe – wird das große Reich Gottes auf Erden bilden. Das neue Jerusalem, das sich bis an die Grenzen der Erde erstrecken und vollständig und vollkommen, ohne Makel und Schatten, im Himmel ewig währen wird.

Wie werdet ihr den Tempel und die Stadt erbauen? Oh, nicht ihr, sondern Gott wird diese neuen Orte erbauen. Ihr müßt ihm nur euren guten Willen schenken. Guter Wille heißt, in mir zu bleiben. Meine Lehre zu leben, ist guter Wille. Einig zu sein, ist guter Wille. Eins mit mir zu sein, um einen einzigen Leib zu bilden, dessen einzelne Teile und Teilchen eine einzige Kraft nährt. Ein einziges Bauwerk, das auf einem einzigen Fundament ruht und das eine mystische Bindekraft zusammenhält. Ohne die Hilfe des Vaters aber, zu dem ich euch zu beten gelehrt habe und zu dem ich vor meinem Tod für euch beten werde, könnt ihr nicht in der Liebe, in der Wahrheit und im Leben bleiben, also auch nicht in mir, und mit mir in Gott dem Vater, dem Gott der Liebe – denn wir sind eine einzige Gottheit. Daher sage ich euch, daß ihr Gott in euch haben müßt, um der Tempel sein zu können, der niemals ein Ende haben wird. Allein könnt ihr es nicht schaffen. Wenn Gott nicht baut, und er kann nicht bauen, wo er nicht wohnen kann, bemühen sich die Menschen vergebens zu bauen oder wieder aufzubauen. Der neue Tempel, meine Kirche, wird nur erstehen, wenn euer Herz Gott beherbergt und er mit euch, den lebendigen Steinen, seine Kirche erbaut.»

«Aber hast du nicht gesagt, daß Simon des Jonas das Haupt ist, der Stein, auf dem du deine Kirche bauen wirst? Und hast du nicht auch gesagt, daß du der Eckstein bist? Wer ist also das Haupt? Gibt es diese Kirche oder gibt es sie nicht?» unterbricht ihn Iskariot.

«Ich bin das mystische Haupt und Petrus ist das sichtbare Haupt. Denn ich kehre zum Vater zurück und lasse euch das Leben, das Licht und die Gnade durch mein Wort, durch meine Leiden und durch den Paraklet, den Freund aller, die mir treu gewesen sind. Ich bin eins mit meiner Kirche,

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meinem geistigen Leib, dessen Haupt ich bin. Das Haupt enthält das Gehirn, den Verstand. Der Verstand ist der Sitz des Wissens. Das Gehirn steuert die Bewegung der Glieder durch seine unsichtbaren Befehle, die mehr vermögen, um die Glieder zu bewegen, als jeder andere Reiz. Betrachtet einen Toten, dessen Gehirn abgestorben ist. Bewegen sich seine Glieder etwa noch? Betrachtet einen vollständigen Idioten. Ist er nicht so träge, daß er nicht einmal mehr die grundlegendsten, instinktiven Bewegungen macht, die selbst das niedrigste Tier noch macht, der Wurm, den wir im Vorübergehen zertreten? Betrachtet einen Menschen, bei dem eine Lähmung die Verbindung des Gehirns mit einem oder mehreren Gliedern unterbrochen hat. Ist der Körperteil, dessen lebenswichtige Verbindung mit dem Kopf fehlt, etwa noch beweglich? Ist es aber der Verstand, der durch seine unsichtbaren Befehle steuert, so sind es die anderen Organe – Augen, Ohren, Nase, Zunge, Haut – die dem Verstand ihre Empfindungen mitteilen, und es sind die übrigen Teile des Körpers, die ausführen oder ausführen lassen, was der von den Organen – den im Gegensatz zum unsichtbaren Verstand sichtbaren und greifbaren Organen – benachrichtigte Verstand befiehlt. Könnte ich, ohne euch zu sagen: setzt euch, erreichen, daß ihr euch an diesen Berghang setzt? Wenn ich nur denke, daß ihr euch setzen sollt, dann könnt ihr es nicht wissen, bevor ich nicht meinen Gedanken in Worte fasse und diese ausspreche, indem ich Zunge und Lippen bewege. Könnte ich selbst mich setzen, wenn ich es nur denken würde, weil ich die Müdigkeit meiner Beine fühle, diese sich aber weigern würden, sich zu beugen, damit ich mich setzen kann?

Das Gehirn braucht die Organe und die Glieder, um auszuführen und ausführen zu lassen, was der Gedanke denkt. So ist es auch beim geistigen Leib, der meine Kirche ist. Ich werde der Verstand, also der Kopf, der Sitz des Verstandes sein. Petrus und seine Mitarbeiter hingegen werden es sein, die die Reaktionen beobachten und die Empfindungen wahrnehmen, und sie dem Verstand mitteilen, damit er sie erleuchte und gebiete, was zum Wohl des ganzen Leibes zu tun ist. Von meinem Befehl erleuchtet und geführt, werden sie zu den anderen Teilen des Leibes sprechen und sie anleiten. Die Hand, die den Gegenstand beiseiteschafft, der den Körper verletzen könnte, oder entfernt, was verdorben ist und daher auch anderes verderben könnte; der Fuß, der das Hindernis übersteigt, ohne anzustoßen, zu fallen oder sich zu verletzen, sie haben einen Befehl von dem Teil, der gebietet, erhalten. Das Kind, oder auch der Mann, der vor einer Gefahr bewahrt wird oder einen Gewinn irgendeiner Art erzielt – Wissen, gute Geschäfte, eine Ehe, eine durch einen guten Rat oder ein Wort zustandegekommene Verbindung – er ist aufgrund dieses Rates oder dieses Wortes nicht zu Schaden gekommen oder hat einen Nutzen gehabt. So wird es in meiner Kirche sein. Das Haupt und die Vorsteher, vom Gedanken Gottes geleitet, erleuchtet vom göttlichen Licht und belehrt durch das

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ewige Wort, werden Rat geben und Befehle erteilen, und die Glieder werden sie ausführen und geistige Gesundheit und geistigen Gewinn erzielen.

Meine Kirche besteht schon, denn sie hat ihr übernatürliches und göttliches Haupt, und sie hat ihre Glieder, die Jünger. Noch ist sie klein: ein Keim, vollkommen einzig und allein im Haupt, das sie leitet, unvollkommen in allen anderen Teilen, die noch Zeit brauchen, um zu wachsen, und an die Gott noch Hand anlegen muß zu ihrer Vervollkommnung. In Wahrheit sage ich euch: die Kirche besteht schon, und sie ist heilig durch den, der das Haupt ist, und durch den guten Willen der Gerechten, aus denen sie besteht. Sie ist heilig und unbesiegbar. Einmal und tausendmal wird die Hölle sie durch ihre Dämonen und Menschen-Dämonen in tausend verschiedenen Schlachten bekämpfen, sie aber nicht besiegen. Der Bau kann nicht einstürzen.

Das Bauwerk besteht aber nicht aus einem einzigen Stein. Schaut den Tempel dort an, so groß und schön im Schein der sinkenden Sonne. Besteht er etwa aus einem einzigen Stein? Es sind viele Steine, die ein einziges harmonisches Ganzes ergeben. Man nennt es den Tempel. Das heißt, eine Einheit. Aber diese Einheit besteht aus vielen Steinen, aus denen sie sich zusammensetzt und die ihr Form geben. Es wäre nutzlos gewesen, Fundamente zu legen, wenn sie dann nicht die Mauern und das Dach tragen müßten, wenn man auf ihnen keine Mauern errichten würde. Und es wäre unmöglich gewesen, Mauern zu errichten, die das Dach tragen, wenn nicht zuvor solide und dieser großen Belastung angemessene Fundamente gelegt worden wären.

Durch diese Abhängigkeit der Teile voneinander wird der neue Tempel entstehen. Im Laufe der Jahrhunderte werdet ihr ihn errichten auf den von mir gelegten und für seine Größe vollkommenen Fundamenten. Unter der Führung Gottes werdet ihr ihn errichten, und aus dem verwendeten guten Material: Seelen, in denen Gott wohnt. Gott in euren Herzen, um sie in glatte, unbeschädigte Steine für den neuen Tempel zu verwandeln. Sein durch seine Gesetze in euren Seelen errichtetes Reich. Denn sonst wäret ihr schlecht gebrannte Ziegel, wurmstichiges Holz, gesplitterte, brüchige Steine, die nicht tragen und die der Baumeister verwirft, wenn er sie bemerkt, oder die zerbröckeln und nachgeben und einen Teil des Baues zum Einsturz bringen, wenn der oder die vom Vater bestimmten Baumeister in ihrer Selbstgefälligkeit Götzen dienen, nämlich sich selbst, anstatt sich zu bemühen und auf den Bau und auf das verwendete Material zu achten. Götzendiener die Baumeister, Götzendiener die Verwalter, Götzendiener die Aufseher, Götzendiener und Diebe! Diebe des Vertrauens Gottes, Diebe der Achtung der Menschen, Diebe und Hochmütige, die sich über die Gelegenheit freuen, Gewinn zu erzielen und Material aufzuhäufen, und nicht achtgeben, ob es gut ist oder minderwertig und Ursache des Verfalls!

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Ihr, meine neuen Priester und Schriftgelehrten des neuen Tempels, hört gut zu. Wehe euch und denen nach euch, die ihr eigener Götze sind und nicht wachen, die nicht sich selbst und die anderen, die Gläubigen, überwachen, die die Güte der Steine und des Holzes nicht prüfen und dem Schein vertrauen, die es zulassen, daß schlechtes oder sogar schädliches Material zum Bau des Tempels verwendet wird, so daß es zu Ärgernis und Verfall kommt. Wehe euch, wenn ihr Risse und unsicheres, schiefes, einsturzgefährdetes Mauerwerk entstehen laßt, das dem soliden und vollkommenen Fundament nicht entspricht. Nicht von Gott, dem Gründer der Kirche, sondern von euch käme dann das Unheil und ihr wäret vor dem Herrn und vor den Menschen verantwortlich. Fleiß, Wachsamkeit, Unterscheidungsvermögen und Klugheit sind erforderlich. Der Stein, der Ziegel oder der schwache Balken, der in einer Hauptmauer eine Gefahr darstellen würde, kann für weniger wichtige Teile noch dienen, und gut dienen. So müßt ihr zu wählen verstehen. Mit Liebe, um die schwachen Teile nicht zu kränken, mit Festigkeit, um Gott nicht zu kränken und seinen Bau nicht zu gefährden. Wenn ihr bemerkt, daß ein Stein, der schon gesetzt ist, um eine besonders wichtige Ecke zu tragen, nicht gut und im Gleichgewicht ist, dann seid mutig, kühn, und entfernt ihn von dieser Stelle, demütigt ihn und bearbeitet ihn mit dem Meißel eines heiligen Eifers. Es macht nichts, wenn er vor Schmerz schreit. Er wird euch in der Ewigkeit dafür segnen, denn ihr werdet ihn gerettet haben. Versetzt ihn und gebt ihm ein anderes Amt. Habt auch keine Furcht, ihn ganz zu entfernen, wenn ihr seht, daß er Gegenstand des Ärgernisses und der Zerstörung ist und sich eurer Arbeit widersetzt. Besser nur wenige Steine als viel Ballast. Habt keine Eile. Gott hat niemals Eile, denn was er schafft ist ewig, da wohlüberlegt vor der Ausführung. Wenn nicht ewig, so doch für alle Jahrhunderte. Betrachtet das Universum. Seit Jahrhunderten, seit Tausenden von Jahrhunderten ist es, wie Gott es nach und nach gemacht hat. Ahmt den Herrn nach. Seid vollkommen wie euer Vater. Tragt sein Gesetz, sein Reich in euch. Dann könnt ihr nicht scheitern.

Wenn ihr aber nicht so seid, dann stürzt der Bau ein, und vergebens habt ihr euch bemüht, ihn zu errichten. Er stürzt ein, und der Eckstein und das Fundament allein bleiben... So wie es bei diesem Bau sein wird! ... Wahrlich, ich sage euch, so wird es geschehen. Ebenso wird es dem euren ergehen, wenn ihr ihn aus dem errichtet, was in diesem ist: die kranken Teile des Stolzes, der Gier, der Sünde und der Unzucht. So wie ein Windhauch dieses schöne Wolkengebilde aufgelöst hat, das sich auf dem Gipfel des Berges dort niederlassen zu wollen schien, ebenso würden im Sturm einer übernatürlichen und menschlichen Strafe die Gebäude einstürzen, die nur dem Namen nach heilig sind...»

Jesus schweigt nachdenklich. Dann sagt er: «Setzen wir uns, um uns ein wenig auszuruhen.»

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Sie setzen sich an einen Abhang des Ölberges gegenüber dem Tempel, den die sinkende Sonne küßt. Jesus schaut ihn lange und traurig an. Die anderen betrachten voll Stolz seine Schönheit, doch ihr Stolz wird überschattet von der Sorge, die die Worte des Meisters hinterlassen haben. Sollte diese Pracht wirklich dem Untergang geweiht sein! ...

Petrus und Johannes reden miteinander. Dann flüstern sie Jakobus des Alphäus und Andreas, die in ihrer Nähe sind, etwas zu, und diese nicken. Petrus wendet sich nun an den Meister und sagt: «Komm mit uns beiseite und erkläre uns, wann deine Prophezeiungen über die Zerstörung des Tempels sich erfüllen werden. Daniel spricht davon. Aber wenn es so gehen würde, wie er sagt und wie auch du sagst, dann würde der Tempel nur noch wenige Stunden bestehen. Wir sehen aber keine Heere oder Kriegsvorbereitungen. Wann wird es also geschehen? Welches wird das Zeichen dafür sein? Du bist gekommen. Du, sagst du, bist im Begriff, uns zu verlassen. Doch weiß man, daß es erst geschehen wird, wenn du unter den Menschen weilst. Wirst du also zurückkommen? Wann findet diese Rückkehr statt? Erkläre es uns, damit wir wissen...»

«Es ist nicht nötig beiseitezugehen. Du siehst, die getreuesten Jünger sind geblieben, jene, die euch zwölfen eine große Hilfe sein werden. Sie dürfen die Worte hören, die ich euch sage. Kommt alle her!» ruft Jesus zum Schluß, um sie um sich zu versammeln.

Die am Hang verstreuten Jünger kommen näher, bilden eine geschlossene Gruppe um Jesus und seine Apostel und hören zu.

«Seht zu, daß euch niemand irreführt in der Zukunft. Ich bin Christus, und es wird keinen anderen Christus geben. Wenn deshalb viele kommen und sagen: "Ich bin Christus" und viele verführen, so glaubt diesen Worten nicht, auch wenn sie von Wundern begleitet sind. Satan, der Vater der Lüge und der Beschützer der Lügner, hilft seinen Dienern und Anhängern mit falschen Wundern, die man jedoch als solche erkennen kann, da sie immer mit Angst, Unruhe und Lügen verbunden sind. Die Wunder Gottes kennt ihr: Sie schenken heiligen Frieden, Freude, Heil und Vertrauen und führen zu heiligen Wünschen und Werken. Die anderen nicht. Achtet daher auf die Art und die Folgen der Wunder, die ihr in Zukunft sehen werdet als Werk der falschen Christusse und all derer, die sich in das Gewand eines Erlösers der Völker hüllen und stattdessen Raubtiere sind, die die Völker verderben.

Ihr werdet von Kriegen und Kriegsgerüchten hören, ihr werdet Kriege auch sehen, und man wird euch sagen: "Das sind die Zeichen des Endes." Erschreckt nicht. Es ist noch nicht das Ende. Dies alles muß vor dem Ende kommen, aber es ist noch nicht das Ende. Volk wird sich gegen Volk erheben und Reich gegen Reich, Nation gegen Nation, Kontinent gegen Kontinent, und Seuchen, Hungersnöte und Erdbeben werden kommen da und dort. Aber dies alles ist erst der Anfang der Wehen. Dann werden sie

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euch der Drangsal überliefern, euch töten und euch die Schuld an ihren Leiden geben in der Hoffnung, von diesen befreit zu werden, wenn sie meine Diener verfolgen und vernichten. Die Menschen beschuldigen immer die Unschuldigen, die Ursache der Übel zu sein, die sie, die Sünder, heraufbeschworen haben. Selbst Gott, die vollkommene Unschuld und höchste Güte, klagen sie an, die Ursache ihrer Leiden zu sein. Ebenso werden sie es mit euch machen, und ihr werdet um meines Namens willen gehaßt werden. Es ist Satan, der sie aufstachelt. Und dann werden viele zu Fall kommen und einander überliefern und einander hassen. Und es ist wieder Satan, der sie aufstachelt. Und falsche Propheten werden aufstehen und viele irreführen. Und wieder wird Satan der wahre Urheber von so viel Übel sein. Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden. Zuerst muß die Frohe Botschaft vom Reich Gottes in der ganzen Welt verkündet werden zum Zeugnis für alle Völker. Und dann wird das Ende kommen. Die Rückkehr Israels zum Messias, das ihn annehmen wird, und die Verkündigung meiner Liebe auf der ganzen Welt.

Dann ein anderes Zeichen. Ein Zeichen für das Ende des Tempels und für das Ende der Welt. Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung seht, von dem der Prophet Daniel spricht – wer mich hört, verstehe mich recht, und wer den Propheten liest, lese zwischen den Zeilen – dann fliehe in die Berge, wer in Judäa ist. Wer auf dem Dache ist, steige nicht herab um zu holen, was im Haus ist, und wer auf dem Feld ist, kehre nicht zurück, um seinen Mantel zu holen. Sondern er fliehe, ohne sich umzuwenden, denn er könnte sonst vielleicht nicht mehr fliehen; und er schaue auch nicht zurück auf der Flucht, damit er in seinem Herzen nicht die Erinnerung an das schreckliche Schauspiel bewahrt und dadurch wahnsinnig wird. Wehe aber den hoffenden und stillenden Müttern in jenen Tagen! Und wehe, wenn die Flucht auf einen Sabbat fällt! Die Flucht würde nicht genügen, um sich zu retten, ohne zu sündigen. Betet also, damit es nicht in den Winter oder auf einen Sabbat falle, denn es wird eine Drangsal sein, wie noch keine gewesen ist vom Anbeginn der Welt bis heute und auch keine mehr sein wird, denn es wird das Ende sein. Würden jene Tage nicht um der Auserwählten willen abgekürzt, so würde kein Mensch gerettet werden; denn die Menschen-Satane werden sich mit der Hölle verbünden, um die Menschen zu quälen.

Und dann werden, um die dem Herrn treu Gebliebenen zu versuchen und vom rechten Weg abzubringen, Leute auftreten, die sagen: "Christus ist hier, Christus ist dort. Seht, dort ist er." Glaubt ihnen nicht. Niemand soll ihnen glauben, denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, um womöglich auch die Auserwählten irrezuführen. Sie werden scheinbar tröstliche und gute Lehren verbreiten, die auch die Besten verführen könnten, wenn der

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Geist des Herrn nicht mit ihnen wäre, der sie über die Wahrheit und den satanischen Ursprung dieser Wunder und Lehren erleuchten wird. Ich sage es euch. Ich sage es euch, damit ihr euch darauf vorbereiten könnt. Aber fürchtet nicht zu fallen. Wenn ihr im Herrn bleibt, werdet ihr nicht in Versuchung und ins Verderben geführt werden. Denkt an das, was ich euch gesagt habe: "Ich habe euch die Macht gegeben, über Schlangen und Skorpione zu gehen, und alle Macht des Feindes wird euch nicht schaden, denn alles wird euch untertan sein." Vergeßt aber nicht, daß ihr Gott in euch haben müßt, um dies zu erlangen, und freut euch, nicht weil ihr die Macht des Bösen und die schädlichen Dinge beherrscht, sondern weil euer Name im Himmel geschrieben steht.

Bleibt im Herrn und in seiner Wahrheit. Ich bin die Wahrheit, und ich lehre die Wahrheit. Daher wiederhole ich euch noch einmal: Was sie auch über mich sagen mögen, glaubt es nicht. Ich allein habe die Wahrheit gesagt. Ich allein sage euch, daß Christus kommen wird, aber erst am Ende. Wenn sie euch daher sagen: "Er ist in der Wüste", so geht nicht hinaus. Wenn sie euch sagen: "Er ist in diesem Haus", so glaubt ihnen nicht. Denn bei seiner zweiten Ankunft wird der Menschensohn gleich dem Blitz, der von Osten ausfährt und bis zum Westen leuchtet, in weniger als einem Augenblick, über den großen, mit einemmal zur Leiche gewordenen Leib der Erde dahineilen, gefolgt von seinen strahlenden Engeln; und er wird richten. Wo ein Aas ist, da sammeln sich die Adler.

Sogleich aber nach der Drangsal jener letzten Tage, von der ihr gehört habt – ich spreche jetzt vom Ende der Zeiten und der Welt und der Auferstehung der Gebeine, von der auch die Propheten sprechen – wird die Sonne sich verfinstern, der Mond wird seinen Schein nicht mehr geben und die Sterne des Himmels werden herabfallen, wie ein Windstoß die Beeren einer überreifen Traube abschüttelt, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird am verdunkelten Firmament das strahlende Zeichen des Menschensohnes erscheinen, und alle Völker der Erde werden wehklagen. Und die Menschen werden den Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit. Er wird seinen Engeln gebieten, zu ernten und Weinlese zu halten, den Weizen von der Spreu zu trennen und die Trauben in die Kufe zu werfen, denn dann wird die Zeit der großen Ernte des Samens Adams gekommen sein. Und es wird nicht mehr nötig sein, Vorräte oder Saat aufzubewahren, da das Menschengeschlecht auf der toten Erde nicht fortbestehen wird. Er wird seine Engel aussenden mit lautem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten sammeln aus den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum anderen, und sie werden an der Seite des göttlichen Richters sitzen und mit ihm die letzten Lebenden und die Auferstandenen richten.

Vom Feigenbaum aber lernt das Gleichnis: Wenn ihr seht, daß seine

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Zweige schon saftig werden und Blätter hervortreiben, dann wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. So sollt auch ihr, wenn ihr dies alles seht, erkennen: Christus steht nahe vor der Tür. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht, das mich nicht gewollt hat, wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. Mein Wort wird nicht ungültig. Was ich euch gesagt habe, wird geschehen. Das Herz und die Gedanken der Menschen können sich ändern, aber mein Wort ändert sich nicht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.

Jenen Tag aber oder die Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel des Herrn, sondern nur der Vater. Wie in den Tagen Noahs, so wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein. In den Tagen vor der Sündflut aßen die Menschen, sie tranken, freiten und ließen sich freien, ohne auf das Zeichen zu achten bis zu dem Tag, da Noah in die Arche ging, die Schleusen des Himmels sich öffneten und alles Lebende und alle Dinge in den Fluten versanken. So wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein. Dann werden zwei Männer auf dem Feld sein: Der eine wird aufgenommen, der andere zurückgelassen. Zwei Frauen werden an der Mühle mahlen. Die eine wird aufgenommen, die andere zurückgelassen; von den Feinden im Vaterland und mehr noch von den Engeln, die den guten Samen von der Spreu trennen; und sie werden keine Zeit haben, sich auf das Gericht Christi vorzubereiten.

Wacht also, denn ihr wißt nicht, zu welcher Stunde euer Herr kommt. Denkt über diese Worte nach: Wenn der Hausvater wüßte, zu welcher Stunde der Dieb kommt, dann würde er wachen und nicht in sein Haus einbrechen lassen. Daher wacht und betet. Seid immer für mein Kommen bereit. Laßt eure Herzen nicht abstumpfen durch Mißbräuche und Unmäßigkeit aller Art, laßt euren Geist nicht ablenken oder unempfänglich machen für die Dinge des Himmels durch übermäßige Sorge um die irdischen Dinge, damit ihr nicht überraschend und unvorbereitet dem Tod anheimfallt. Denn denkt daran, alle müßt ihr sterben. Alle Menschen, die geboren wurden, müssen sterben, und dieser Tod ist die Ankunft Christi für den Einzelnen und das damit verbundene Gericht, das sich dann für die ganze Welt wiederholt bei der feierlichen Ankunft des Menschensohnes.

Was wird mit dem treuen und klugen Knecht geschehen, den der Hausherr über sein Gesinde gesetzt hat, um ihnen in seiner Abwesenheit Speise zu geben? Selig wird er sein, wenn der Herr unvorhergesehen zurückkommt und ihn antrifft, während er eifrig, gerecht und liebevoll seine Pflicht tut. Wahrlich, ich sage euch, er wird zu ihm sagen: "Komm, du guter und getreuer Knecht. Du hast die Belohnung verdient. Nimm sie und verwalte alle meine Güter." Wenn er aber nur gut und treu zu sein scheint und es nicht ist, wenn sein Inneres so böse ist wie sein Äußeres heuchlerisch, wenn er in seinem Herzen spricht, nachdem der Herr abgereist ist: "Der

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Herr kommt noch lange nicht. Machen wir uns ein angenehmes Leben", wenn er anfängt, seine Mitknechte zu schlagen und zu mißhandeln und ihnen Nahrung und anderes vorenthält, um mehr Geld mit den Schlemmern und Trinkern vergeuden zu können, was wird dann geschehen? Der Herr wird überraschend zurückkehren, wenn der Knecht am wenigstens daran denkt, wird den Übeltäter ertappen, ihm Amt und Geld wegnehmen und ihn verbannen, wohin die Gerechtigkeit es verlangt. Und dort wird er bleiben.

Ebenso wird es dem unbußfertigen Sünder ergehen, der nicht daran denkt, wie nahe der Tod und das Gericht sein können, der schwelgt und Mißbrauch treibt und dabei sagt: "Später werde ich bereuen." Wahrlich, ich sage euch, er wird keine Zeit mehr dazu haben und wird verdammt werden, auf ewig an dem furchtbaren Ort zu weilen, wo es nur Gotteslästerung, Tränen und Qual gibt. Und er wird ihn nur verlassen beim Jüngsten Gericht, wenn er sich wieder mit seinem auferstandenen Fleisch bekleidet, um in seiner Ganzheit vor dem Endgericht zu erscheinen, so wie er in seiner Ganzheit zur Zeit seines Erdenlebens gesündigt hat; und mit Leib und Seele wird er vor seinen Richter Jesus treten, den er nicht als seinen Erlöser wollte.

Alle werden vor dem Menschensohn versammelt sein. Eine unendliche Zahl von Leibern, die Erde und Meer wieder herausgeben und die auferstehen, nachdem sie so lange Staub waren. Und die Seelen in den Leibern. Zu jedem wieder von seinem Fleisch umhüllten Gebein kehrt die Seele zurück, die es einmal belebt hat. Sie werden vor dem Menschensohn stehen, der in der Glorie seiner göttlichen Majestät auf dem von Engeln getragenen Thron seiner Herrlichkeit sitzen wird.

Er wird die Menschen von den Menschen scheiden und auf die eine Seite die Guten und auf die andere die Bösen stellen, so wie ein Hirte die Schafe von den Böcken trennt. Und er wird die Schafe zu seiner Rechten, die Böcke aber zu seiner Linken stellen. Und mit sanfter Stimme und gütigem Ausdruck wird er denen sagen, die ihn friedvoll, in der wunderbaren Schönheit und im Glanz ihrer heiligen Leiber mit der ganzen Liebe ihrer Herzen ansehen: "Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, und nehmt das Reich in Besitz, das für euch bereitet ist seit Anbeginn der Welt. Denn ich war hungrig und ihr habt mich gespeist. Ich war durstig, und ihr habt mich getränkt. Ich war ein Pilger und ihr habt mich beherbergt. Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet. Ich war krank, und ihr habt mich besucht. Ich war gefangen, und ihr habt mich getröstet." Und die Gerechten werden fragen: "Wann, Herr, haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, durstig, und dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Pilger gesehen und dich aufgenommen? Wann haben wir dich nackt gesehen und dich bekleidet? Wann haben wir dich krank und gefangen gesehen und sind gekommen, um dich zu besuchen?" Und der König der

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Könige wird zu ihnen sagen: "Wahrlich, ich sage euch: Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

Dann wird er sich jenen zuwenden, die zu seiner Linken stehen. Sein Antlitz wird streng sein, seine Augen werden Blitze schleudern, die die Schuldigen vernichten, und aus seiner donnernden Stimme wird der Zorn Gottes sprechen: "Weichet von hier! Weichet von mir, ihr Verfluchten! In das ewige Feuer, das der Zorn Gottes dem Teufel und den Engeln der Finsternis bereitet hat und denen, die den Stimmen ihres dreifachen, schamlosen Lasters gefolgt sind. Denn ich war hungrig, und ihr habt mich nicht gespeist. Ich war durstig, und ihr habt mich nicht getränkt. Ich war nackt, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich kam als Pilger, und ihr habt mich nicht beherbergt. Ich war krank und gefangen, und ihr habt mich nicht besucht. Denn ihr hattet nur ein Gesetz: Euer eigenes Vergnügen." Sie werden fragen: "Wann haben wir dich hungrig, durstig, nackt, als Pilger, krank und gefangen gesehen? Wahrlich, wir haben dich nicht gekannt. Wir haben nicht gelebt, als du auf Erden weiltest." Und er wird ihnen antworten: "Das ist wahr. Ihr habt mich nicht gekannt, denn ihr habt noch nicht gelebt, als ich auf der Erde weilte. Aber ihr habt mein Wort gekannt und Arme, Hungrige, Durstige, Nackte, Kranke und Gefangene unter euch gehabt. Warum habt ihr diesen nicht getan, was ihr vielleicht mir getan hättet? Denn es ist nicht gesagt, daß jene, bei denen ich geweilt habe, barmherzig mit dem Menschensohn gewesen sind. Wißt ihr denn nicht, daß ich in meinen Brüdern bin und dort, wo einer von ihnen leidet, und daß ihr das, was ihr dem geringsten meiner Brüder nicht getan habt, mir, dem Erstgeborenen der Menschen, verweigert habt? Geht und brennt in eurem Egoismus. Geht, Finsternis und Kälte sollen euch umfangen, denn Finsternis und Kälte seid ihr gewesen, obwohl ihr wußtet, wo das Feuer und das Licht der Liebe waren." Diese werden der ewigen Strafe anheimfallen, die Gerechten aber in das ewige Leben eingehen.

Das sind die zukünftigen Dinge... Nun geht. Und bleibt beisammen. Ich gehe mit Johannes und werde um die Mitte der ersten Nachtwache bei euch sein, zur Abendmahlzeit und um euch weiter zu unterweisen.»

«Auch heute abend? Werden wir es nun jeden Abend so machen? Ich bin ganz krank von der Feuchtigkeit. Wäre es nicht besser, nun endlich in einem gastlichen Haus einzukehren? Immer in den Zelten! Und immer wachen in diesen Nächten, die kühl und feucht sind ...» beklagt sich Judas.

«Es ist die letzte Nacht. Morgen... wird es anders sein.»

«Ah! Ich habe schon geglaubt, du wolltest jede Nacht nach Gethsemane gehen. Aber wenn es die letzte ist...»

«Das habe ich nicht gesagt, Judas. Ich habe gesagt, daß es die letzte Nacht ist, die wir alle zusammen im Lager der Galiläer verbringen. Morgen werden wir das Passah vorbereiten und das Lamm essen und dann

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werde ich allein in den Ölgarten gehen, um zu beten. Und ihr könnt tun, was ihr wollt.»

«Aber wir werden mit dir kommen, Herr! Wie könnten wir dich je verlassen wollen?» sagt Petrus.

«Du sei nur still, du bist nicht unschuldig. Du und der Zelote, ihr schwirrt ständig da und dort herum, sobald der Meister euch nicht sieht... Ich behalte euch im Auge. Im Tempel ... während des Tages ... und dort oben bei den Zelten...» sagt Iskariot und freut sich, sie anklagen zu können.

«Genug! Wenn sie dies tun, so ist es recht. Doch ihr dürft mich nicht alleinlassen... Ich bitte euch darum...»

«Herr, wir tun nichts Böses. Glaube uns. Gott kennt unsere Werke, und sein Auge wendet sich nicht mit Abscheu von ihnen ab», sagt der Zelote.

«Ich weiß es. Aber es ist nutzlos. Und was nutzlos ist, kann immer schädlich sein. Bleibt soviel als möglich beisammen.» Dann wendet er sich an Matthäus: «Du, mein guter Chronist, wirst ihnen das Gleichnis von den zehn klugen und den zehn törichten Jungfrauen wiederholen und das von dem Herrn, der seinen drei Dienern Talente gibt, damit sie diese nutzbringend anlegen, und zwei das Doppelte dazuverdienen, während der Faule es vergräbt. Erinnerst du dich?»

«Ja, mein Herr, ganz genau.»

«Dann wiederhole sie den Jüngern hier. Nicht alle kennen sie. Auch die, die sie kennen, werden sie gerne noch einmal hören. So vertreibt ihr euch die Zeit bis zu meiner Rückkehr mit lehrreichen Reden. Seid wachsam! Seid wachsam! Haltet euren Geist wach! Diese Gleichnisse passen auch zu dem, was ich euch gesagt habe. Lebt wohl. Der Friede sei mit euch.»

Jesus nimmt Johannes bei der Hand und entfernt sich mit ihm in Richtung Stadt. Die anderen begeben sich zum Lager der Galiläer.

657. DER MITTWOCH VOR DEM PASSAHFEST 11. DIE NACHT

«Ich habe euch gesagt: "Wacht und betet, damit ihr nicht schläfrig angetroffen werdet." Aber ich sehe, daß eure müden Augen versuchen, sich zu schließen, und eure Körper, ohne es zu wollen, eine Ruhestellung suchen. Ihr habt recht, meine armen Freunde! Euer Meister hat in diesen Tagen viel von euch verlangt, und ihr seid sehr müde. Aber in wenigen Stunden, nunmehr wenigen Stunden, werdet ihr froh sein, auch nicht einen Augenblick meiner Gegenwart versäumt zu haben. Ihr werdet froh sein, daß ihr eurem Jesus nichts verweigert habt. Es ist übrigens das letzte

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Mal, daß ich euch von diesen traurigen Dingen spreche. Morgen werde ich zu euch von der Liebe sprechen und ein Wunder wirken, das ganz Liebe ist. Bereitet euch durch eine große Reinigung vor, es zu empfangen. Oh, wieviel mehr entspricht es meinem Wesen, von Liebe zu sprechen als von Strafe! Wie süß ist es für mich zu sagen: "Ich liebe euch. Kommt, mein ganzes Leben habe ich von dieser Stunde geträumt!" Aber es ist auch Liebe, vom Tod zu reden. Es ist Liebe insofern, als der Tod für jene, die uns lieben, die schwerste Prüfung der Liebe ist. Es ist Liebe, die treuen Freunde auf das Unglück vorzubereiten, vorausschauende Liebe, die sie in jener Stunde bereit und nicht bestürzt will. Es ist Liebe, denn wenn man jemandem ein Geheimnis anvertraut, beweist man damit, daß man den schätzt, dem man es mitteilt. Ich weiß, daß ihr Johannes mit Fragen bestürmt habt, um zu erfahren, worüber ich mit ihm gesprochen habe, als wir allein waren. Ihr habt ihm nicht geglaubt, daß wir uns nichts gesagt haben. Aber so ist es. Es genügte mir, einen Menschen in meiner Nähe zu haben ...»

«Warum ihn und nicht einen anderen?» fragt Iskariot mit entrüstetem Hochmut.

Auch Petrus, Thomas und Philippus fragen: «Ja, warum ihn und nicht die anderen?»

Jesus antwortet Iskariot: «Hättest du es sein wollen? Konntest du so etwas verlangen? ...

Es war ein kühler und heiterer Morgen im Adar... Ich war ein unbekannter Wanderer auf dem Weg am Fluß... Müde, verstaubt, blaß vom Fasten, mit ungepflegtem Bart und zerrissenen Sandalen, glich ich einem Bettler auf den Straßen der Welt... Er sah mich... und erkannte mich als den, auf den die Taube des ewigen Feuers herabgekommen war. Bei dieser meiner ersten Verklärung muß sich ihm ein Fünkchen meines göttlichen Glanzes geoffenbart haben. Die durch die Buße geöffneten Augen des Täufers und die von engelgleicher Reinheit bewahrten Augen sahen, was die anderen nicht sahen. Und die reinen Augen trugen diese Vision in den Tabernakel des Herzens und verschlossen sie dort, wie eine Perle im Schrein... Als sie sich fast zwei Monate später zu dem müden Wanderer erhoben, erkannte mich seine Seele... Ich war seine Liebe. Seine erste und einzige Liebe. Die erste und einzige Liebe vergißt man nicht. Die Seele fühlt sie kommen, auch wenn sie weit entfernt ist, und wird von Freude erfüllt. Sie weckt den Verstand und dieser das Fleisch, damit alle am Mahl der Freude, sich wiederzusehen und sich zu lieben, teilnehmen. Und die bebenden Lippen sagten zu mir: "Ich grüße dich, Lamm Gottes." Oh, Glaube der Reinen, wie groß bist du! Wie überwindest du alle Hindernisse! Er kannte meinen Namen nicht. Wer war ich? Woher kam ich? Was tat ich? War ich reich? Oder war ich arm? War ich weise? War ich töricht? Was braucht der Glaube dies alles zu wissen? Wird er größer oder kleiner,

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wenn er weiß? Er glaubte an das, was der Vorläufer ihm gesagt hatte. Wie der Stern, der der Schöpfungsordnung gemäß von einem Teil des Himmels in einen anderen wandert, so verließ er seinen Himmel, seine Konstellation – den Täufer – und kam zu seinem neuen Himmel: dem Christus, in die Konstellation des Lammes. Er ist zwar nicht der größte, doch der reinste und schönste Stern der Konstellation der Liebe.

Drei Jahre sind seither vergangen. Sterne und Sternlein haben sich zu meiner Konstellation gesellt und haben sie wieder verlassen. Einige sind gefallen und erloschen. Andere sind geschwärzt von schweren Dämpfen. Er hingegen ist mit seinem reinen Licht immer bei seinem Polarstern geblieben. Laßt mich sein Licht betrachten. Zwei Lichter wird es in der Finsternis des Christus geben: Maria und Johannes. Aber ich werde sie vor Schmerz kaum sehen können. Laßt mich meinen Augen diese vier Pupillen einprägen, dieses Stück Himmel zwischen blonden Wimpern, damit ich dorthin, wohin niemand mir folgen kann, das Andenken ihrer Reinheit mitnehme. Die ganze Sündenlast! Alles auf den Schultern des Menschen! Oh! Oh, dieser Tropfen Reinheit! ... Meine Mutter! Johannes! Und ich! ... Die drei Schiffbrüchigen, die beim Schiffbruch einer ganzen Menschheit im Meer der Sünde nicht untergehen!

Es wird die Stunde sein, in der ich, das Reis aus dem Geschlecht Davids, wie ehedem David seufzen werde: "Mein Gott, wende dich mir zu. Warum hast du mich verlassen? Der Schrei der Verbrechen, die ich für alle auf mich genommen habe, entfernt mich von dir... Ich bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott und des Volkes Verachtung." Und hört Isaias: "Meinen Rücken bot ich denen dar, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mir den Bart rauften; mein Angesicht verbarg ich nicht vor denen, die mich beleidigten und bespien." Hört noch einmal David: "Mich umgeben viele Stiere, viele Büffel schließen mich ein. Ihr Rachen tut sich auf wider mich, um mich zu zerreißen wie reißende, brüllende Löwen. Hingegossen bin ich wie Wasser." Und Isaias vervollständigt: "Selbst habe ich mir meine Kleider gefärbt." Oh, meine Kleider werde ich selbst färben, nicht mit meinem Zorn, sondern mit meinem Schmerz und mit meiner Liebe zu euch. Wie die beiden Steine der Kelter zermalmen sie mich und pressen mein Blut heraus. Ich unterscheide mich nicht von der gekelterten Traube, die schön in die Kelter geworfen wird und deren ausgepreßte Reste ohne Saft und Schönheit sind.

Und mein Herz, sage ich mit David, "wird wie Wachs und zerfließt in meiner Brust". Oh, vollkommenes Herz des Menschensohnes, was wirst du nun werden? Jenem gleich, das ein langes, ausschweifendes Leben lahm und kraftlos macht. Meine ganze Kraft vertrocknet. Meine Zunge klebt mir im Fieber des Todeskampfes am Gaumen. Der Tod nähert sich mit seinem Staub, der erstickt und blendet.

Und noch gibt es kein Mitleid! "Denn mich umlauert die Meute der

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Hunde und beißt mich. In die Wunden beißen sie, auf die Wunden fallen die Schläge. Kein Fleck an mir ist frei von Schmerzen. Meine ausgerenkten Gebeine knirschen unter der schändlichen Tortur. Ich weiß nicht mehr, wo ich meinen Leib anlehnen kann. Die furchtbare Krone ist ein Feuerring, der mein Haupt durchdringt. Ich hänge an den durchbohrten Händen und Füßen. Hoch erhoben zeige ich der Welt meinen Leib, und alle können meine Gebeine zählen..."»

«Oh, schweige! Schweige!» schluchzt Johannes.

«Sprich nicht weiter! Wir ertragen es nicht», flehen ihn die Vettern an.

Andreas sagt nichts, aber den Kopf zwischen den Knien weint er lautlos. Simon ist totenblaß. Petrus und Jakobus des Zebedäus gleichen Gefolterten. Philippus, Thomas und Bartholomäus scheinen drei steinerne Statuen, Darstellungen der Qual.

Judas Iskariot ist eine makabere, satanische Maske. Er gleicht einem Verdammten, der endlich begreift, was er getan hat. Mit offenem Mund, einem Schrei in seinem Inneren, der ihm in der Kehle erstickt, den weit aufgerissenen, angstvollen Augen eines Irren, den unter dem schwärzlichen Schatten seines rasierten Bartes erdfahlen Wangen, den wirren Haaren, in denen er immer wieder mit den Händen wühlt, und in kalten Schweiß gebadet, scheint er einer Ohnmacht nahe.

Matthäus, der seinen Blick vom Boden erhebt, um sich in seiner Qual nach Hilfe umzusehen, sieht ihn und sagt: «Judas, fühlst du dich nicht wohl? ... Meister, Judas leidet!»

«Ich auch», sagt Christus. «Aber ich leide in Frieden. Werdet Geist, um die Stunde ertragen zu können. Einer der "Fleisch" ist, kann sie nicht ertragen, ohne wahnsinnig zu werden...

Und wiederum sagt David, der die Qual seines Christus sieht: "Immer noch sind sie nicht zufrieden. Sie starren zu mir empor, brechen in Jubel aus, teilen meine Kleider unter sich und werfen über mein Gewand das Los. Ich bin der Missetäter. Sie haben ein Recht darauf."

Oh, Erde, sieh deinen Christus! Erkenne ihn wieder, obwohl so verunstaltet. Höre, gedenke der Worte des Isaias und verstehe das große Warum, warum er so geworden ist und der Mensch ihn in diesen Zustand versetzen und ihn töten konnte, ihn, das Wort des Vaters. "Er besaß weder Schönheit noch Glanz. Wir schauten, und es war kein Anblick, daß wir sein begehrten. Verachtet war er und von den Menschen gemieden, ein Mann der Schmerzen, leiderfahren; wie einer, vor dem man sein Angesicht verhüllt, verabscheut, von niemand beachtet." Es war seine Schönheit als Erlöser, diese Maske des Gepeinigten. Aber du, törichte Erde, hast sein heiteres Antlitz vorgezogen. "Wahrlich, unsere Krankheiten hat er auf sich genommen, und unsere Schmerzen hat er getragen. Wir hielten ihn für einen Geschlagenen, den Gott verflucht und geächtet hat. Doch er ward durchbohrt um unserer Sünden willen. Auf ihm lag die uns zugedachte Strafe,

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die Strafe, die uns den Frieden mit Gott wiederschenkt. Durch seine Schmerzen sind wir geheilt. Wir alle irrten umher wie die Schafe, jeder ging seine eigenen Wege. Aber der Herr ließ ihn treffen die Schuld von uns allen." Wer glaubt, sich selbst und Israel einen Dienst erwiesen zu haben, erwache aus seinem Irrtum; ebenso wer glaubt, stärker als Gott gewesen zu sein, und wer glaubt, keine Rechenschaft über diese Sünde ablegen zu müssen, nur weil ich mich gutwillig töten lasse. Ich tue meine heilige Pflicht im vollkommenen Gehorsam gegenüber dem Vater. Das entschuldigt aber nicht ihren Gehorsam gegenüber Satan und ihre ruchlose Tat. Ja. Er ist geopfert worden, weil er es gewollt hat, o Erde, dein Erlöser. "Er öffnet nicht seinen Mund und bittet nicht um Schonung, er verflucht nicht seine Mörder. Wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank führt; wie ein Schaf vor dem Scherer verstummt."

"Nach der Gefangennahme und der Verurteilung wurde er erhöht. Er wird keine Nachkommen haben. Wie ein Baum wurde er aus der Erde der Lebendigen gerissen. Gott hat ihn für die Sünden seines Volkes geschlagen. Wird nicht einer von seinem Geschlecht, seinem Land, Mitleid mit ihm haben? Wird der aus der Erde Gerissene keine Kinder haben?"

Oh, ich antworte dir, Prophet deines Christus. Wenn mein Volk kein Mitleid hat mit dem schuldlos Getöteten, dann werden die Engel des himmlischen Volkes ihn beweinen. Wenn seine Männlichkeit keine irdischen Söhne hat, weil seine Natur keine Verbindung mit sterblichem Fleisch eingehen konnte, so wird er doch Kinder haben; nicht aus der Materie, aus Fleisch und Blut gezeugte Kinder, sondern von der Liebe, vom göttlichen Blut, vom Geist gezeugte Kinder, und diese Nachkommenschaft wird ewig sein.

Und weiter erkläre ich dir, o Welt, die du den Propheten nicht verstehst, wer die Gottlosen an seinem Grab und der Reiche bei seinem Tod sind. Sieh, o Welt, ob ein einziger seiner Mörder Frieden und langes Leben hatte! Er, der Lebende, wird bald den Tod überwinden. Aber wie die Blätter, die der Herbstwind eines nach dem anderen in die Furche weht, nachdem er sie durch wiederholte Böen von den Ästen gerissen hat, ebenso werden sie bald in das schimpfliche Grab sinken, das ihm bestimmt war. Und einer, der nur für das Gold gelebt hat, könnte – wenn es zulässig wäre, den Unreinen hinzulegen, wo der Heilige gelegen ist – an dem Ort begraben werden, der noch feucht ist von den unzähligen Wunden des auf dem Berg Geopferten.

Angeklagt ohne Schuld, wird Gott ihn rächen, denn niemals war Lüge in seinem Mund und Unrecht in seinem Herzen. Er wird von seinen Leiden verzehrt werden. Doch nachdem alles vollbracht und sein Leben als Sühnopfer dargebracht ist, wird seine Herrlichkeit bei den Zukünftigen beginnen.

Alle Wünsche und die heiligen Ratschlüsse Gottes werden durch ihn in

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Erfüllung gehen. Um der Leiden seiner Seele willen wird er die Blüte des wahren Volkes Gottes sehen und sich an ihm erfreuen. Seine himmlische Lehre, die er mit seinem Blut besiegelt, wird die Rechtfertigung vieler der Besten sein, und von den Sündern wird er die Ungerechtigkeit nehmen. Daher, o Erde, wird dieser verkannte König, den die Bösen verspottet haben und die Besten nicht verstehen konnten, eine große Gefolgschaft haben. Und mit den Seinen wird er die Güter der Besiegten teilen. Er wird die Beute der Starken verteilen, als einziger Richter der drei Provinzen und des Königreiches.

Er hat alles verdient, denn er hat alles gegeben. Alles wird ihm übergeben werden, denn er hat sein Leben dem Tod übergeben und wurde zu den Missetätern gezählt, er, der ohne Sünde war. Ohne andere Schuld als seine vollkommene Liebe, seine unendliche Güte. Eine Schuld, die die Welt nicht verzeiht. Eine Liebe und eine Güte, die ihn dazu getrieben haben, die Sünden vieler, der ganzen Welt, auf sich zu nehmen und für die Sünder zu beten. Für alle Sünder. Auch für die, die ihn getötet haben.

Ich bin fertig. Ich habe nichts weiter zu sagen. Alles ist gesagt, was ich euch über die messianischen Prophezeiungen sagen wollte. Von der Geburt bis zum Tod habe ich sie euch alle erklärt, damit ihr mich erkennt und keine Zweifel und auch keine Entschuldigung für eure Sünde habt.

Nun wollen wir zusammen beten. Es ist der letzte Abend, an dem wir zusammen beten können, vereint wie die Beeren einer Traube. Kommt. Beten wir: "Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Zu uns komme dein Reich. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. Amen."

"Geheiligt werde dein Name." Vater, ich habe ihn geheiligt. Erbarme dich deines Sohnes.

"Zu uns komme dein Reich." Um es zu gründen, sterbe ich. Erbarme dich meiner.

"Dein Wille geschehe." Komm meiner Schwachheit zu Hilfe, der du das Fleisch des Menschen geschaffen und mit ihm dein Wort bekleidet hast, damit ich dir hier unten gehorche, wie ich dir immer im Himmel gehorcht habe. Erbarme dich des Menschensohnes.

"Gib uns unser Brot..." Ein Brot für die Seele. Ein Brot, das nicht von dieser Erde ist. Ich bitte nicht für mich. Ich brauche nur deinen geistigen Trost. Aber für sie bitte ich, strecke ich bittend die Hand nach dir aus. Bald wird sie durchbohrt und angenagelt sein und diese Geste der Liebe nicht mehr machen können. Aber jetzt kann sie es noch. Vater, gewähre mir, ihnen das Brot zu geben, das täglich die Schwachheit der armen Kinder Adams stärken wird. Sie sind schwach, o Vater, sie sind gering, weil sie

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das Brot nicht haben, das stärkt; das Brot der Engel, das den Menschen vergeistigt und ihn dazu führt, in uns vergöttlicht zu werden.

"Vergib uns unsere Schuld..."»

Jesus, der stehend und mit ausgebreiteten Armen gebetet hat, kniet nun nieder und erhebt Arme und Antlitz zum Himmel. Ein durch die Eindringlichkeit des Flehens und den Kuß des Mondes bleiches, von lautlosen Tränen überflossenes Gesicht.

«Verzeih deinem Sohn, o Vater, wenn er in irgendeiner Weise gefehlt hat. Deiner Vollkommenheit kann ich noch unvollkommen erscheinen, ich, dein Christus, den das Fleisch beschwert. Den Menschen... nicht. Mein Bewußtsein versichert mir, daß ich alles für sie getan habe. Aber du, verzeih deinem Jesus... Auch ich verzeihe. Weil du mir verzeihst, verzeihe ich. Wieviel habe ich zu verzeihen! Wieviel! ... Und doch verzeihe ich. Den Anwesenden, den abwesenden Jüngern, denen tauben Herzens, den Feinden, den Spöttern, den Verrätern, den Mördern, den Gottesmördern... Sieh, nun habe ich der ganzen Menschheit verziehen. Soweit es an mir ist, o Vater, betrachte ich jegliche Schuld des Menschen gegenüber dem Menschensohn als gelöscht. Um allen dein Reich zu schenken, sterbe ich, und ich will nicht, daß ihre Sünde gegen die fleischgewordene Liebe ihnen zu ihrer Verurteilung gereiche. Nein? Du sagst nein? Das tut mir weh. Dieses "Nein" ist der erste Schluck des bitteren Kelches in meinem Herzen. Aber, Vater, dem ich immer gehorcht habe, ich sage dir: "Dein Wille geschehe."

"Führe uns nicht in Versuchung." Oh, wenn du willst, kannst du Satan von uns fernhalten. Er ist die Versuchung, die das Fleisch, den Geist, das Herz aufstachelt. Er ist der Verführer. Entferne ihn, Vater! Sende uns deinen Erzengel zu Hilfe. Damit er ihn in die Flucht schlägt, der uns von der Geburt bis zum Tod nachstellt! ... O heiliger Vater, Erbarmen mit deinen Kindern!

"Erlöse uns, erlöse uns von dem Übel!" Du kannst es. Wir weinen hier... Der Himmel ist so schön und wir fürchten, ihn zu verlieren. Du sagst: "Mein Heiliger kann ihn nicht verlieren." Aber ich will, daß du in mir den Menschen, den Erstgeborenen der Menschen siehst. Ich bin ihr Bruder. Ich bete für sie und mit ihnen. Vater, erbarme dich! Oh, Erbarmen... !»

Jesus neigt sich bis zur Erde. Dann erhebt er sich: «Gehen wir. Wir wollen uns heute abend verabschieden. Morgen abend werden wir keine Gelegenheit mehr dazu haben. Wir werden zu unruhig sein. Und wo Unruhe ist, kann keine Liebe mehr sein. Geben wir uns den Friedenskuß. Morgen... morgen wird jeder für sich allein sein... Heute abend können wir noch einer für alle und alle für einen sein.»

Jesus küßt sie, einen nach dem anderen, bei Petrus beginnend, dann Matthäus, Simon, Thomas, Philippus, Bartholomäus, Iskariot, die beiden Vettern, Jakobus des Zebedäus, Andreas und zuletzt Johannes, auf den er sich stützt, als sie Gethsemane verlassen.

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658. DER DONNERSTAG VOR DEM PASSAHFEST: DER TAG

Ein neuer Morgen. So friedlich und so festlich. Nicht einmal die vereinzelten Wolken, die gestern im Kobalt des Himmels schwammen, sind mehr da. Auch die gestern so drückende Schwüle hat aufgehört. Eine sanfte Brise fächelt um die Gesichter. Sie duftet nach Blumen, nach Heu, nach Frische, und sachte bewegt sie das Laub der Ölbäume – eine Aufforderung, das schimmernde Silber der lanzettförmigen Blättchen zu bewundern. Sie scheint kleine, weiße, duftende Blüten auf den Weg und das blonde Haupt Jesu streuen zu wollen, damit sie ihn küssen und erfrischen, denn jeder winzige Kelch hat seinen eigenen Tautropfen. Damit sie ihn küssen und erfrischen, und dann sterben und den bevorstehenden Schrecken nicht sehen müssen. Und die Kräuter der Hänge verneigen sich und schütteln ihre Glöckchen, ihre Rispen und ihre tausend Blüten. Sterne mit goldenen Herzen, die großen Margariten, richten sich auf ihren Stielen auf, um die Hand zu küssen, die durchbohrt werden wird, und die Gänseblümchen und Kamillen küssen die selbstlosen Füße, die erst aufhören werden, zum Wohl der Menschen zu gehen, wenn sie sich annageln lassen, um ein noch größeres Heil zu schenken. Die Heckenrosen duften, und der schon verblühte Weißdorn bewegt seine gezahnten Blätter und scheint zu sagen: «Nein, nein», zu denen, die ihn gebrauchen werden, um den Erlöser zu quälen. Und «Nein» sagt auch das Schilfrohr am Kedron, das nicht schlagen will, das als kleines Geschöpf auch seinen Willen hat und dem Herrn nicht wehtun will. Und vielleicht sind sogar die Steine an den Hängen froh, außerhalb der Stadt auf dem Ölberg zu liegen, denn so werden sie den Märtyrer nicht verletzen. Und es weinen die zarten, rosafarbenen Winden, die Jesus so sehr liebt, und die Dolden der Akazien – Trauben weißer Schmetterlinge an einem Stiel – und denken wohl: «Wir werden ihn nicht wiedersehen.» Und die so zarten und reinen Vergißmeinnicht lassen ihre Blüten fallen, wenn sie das Purpurgewand berühren, das Jesus wieder trägt. Es muß schön sein, zu sterben und dabei etwas von Jesus zu berühren. Alle Blumen, auch ein vereinzeltes Maiglöckchen, das vielleicht zufällig hier zu Boden gefallen und zwischen den vorspringenden Wurzeln eines Ölbaumes angewachsen ist, sind glücklich, zu vergehen, von Thomas gepflückt und dem Herrn gereicht zu werden... Glücklich sind auch die tausend Vögel in den Bäumen, Jesus mit freudigem Singen zu grüßen. Oh, sie lästern ihn nicht, die Vöglein, die er immer geliebt hat! Sogar ein Häufchen Schafe scheint ihn grüßen zu wollen, trotz ihrer Trauer um die Jungen, die man ihnen genommen und als Passahopfer verkauft hat. Und blökend klagen die Muttertiere, rufen ihre Lämmchen, die nicht mehr zurückkehren werden, reiben ihren Kopf an Jesus und schauen ihn mit ihren sanften Augen an.

Der Anblick der Tiere erinnert die Apostel an das Fest, und sie fragen

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Jesus, als sie beinahe in Gethsemane sind: «Wo werden wir das Passahmahl halten? Welchen Ort wählst du? Sage es uns, und wir werden hingehen und alles vorbereiten», sagen sie.

Und Judas von Kerioth: «Gib mir Anweisungen, und ich werde gehen.»

«Petrus, Johannes, hört mir zu.»

Die beiden, die etwas vorausgegangen sind, kommen zu Jesus.

«Geht uns voraus und durch das Misttor in die Stadt. Sobald ihr sie betretet, werdet ihr einem Mann begegnen, der von En Rogel zurückkommt mit einem Krug dieses guten Wassers. Folgt ihm, bis er in ein Haus geht. Sagt zu dem, der darin wohnt: "Der Meister läßt sagen: 'Wo ist das Gemach, in dem ich mit meinen Jüngern das Passahmahl halten kann? Er wird euch einen großen Speisesaal zeigen. Darin bereitet alles vor. Geht rasch und kommt dann zu uns in den Tempel.»

Die beiden eilen fort. Jesus dagegen geht langsam weiter. Es ist ja noch so früh am Morgen, auf den Straßen zeigen sich kaum die ersten Pilger. Sie gehen über die kleine Kedronbrücke bei Gethsemane und betreten dann die Stadt. Die Tore sind jetzt nicht mehr von Legionären bewacht, vielleicht ein neuer Befehl des Pilatus, der nun beruhigt ist, da die Streitigkeiten um Jesus aufgehört haben. Wirklich herrscht auch überall größte Ruhe.

Oh, man soll ja nicht sagen, daß die Juden sich nicht beherrschen können. Niemand hat den Meister oder seine Jünger belästigt. Höflich, wenn auch nicht liebevoll, haben sie Jesus gegrüßt, selbst die Schlimmsten des Synedriums. Auch bei der gestrigen Anklagerede haben sie eine nicht zu übertreffende Selbstbeherrschung gezeigt.

Und gerade jetzt – das Landhaus des Kaiphas liegt nahe bei diesem Tor – gerade jetzt kommt von dort eine große Gruppe Pharisäer und Schriftgelehrte, unter ihnen der Sohn des Annas, und Elchias mit Doras und Sadok. Sie beugen die Rücken unter den weiten Mänteln und grüßen ehrfürchtig, umwallt von Kleidern, Fransen und umfangreichen Kopfbedeckungen. Jesus grüßt und geht vorüber wie ein König in seinem roten Wollgewand und dem etwas dunkleren Mantel von derselben Farbe, in der Hand die Kopfbedeckung Syntyches. Sein kupferrotes Haar leuchtet in der Sonne wie eine goldene Krone, und wie ein schimmernder Schleier fällt es auf seine Schultern. Die Rücken richten sich wieder auf, nachdem er vorbeigegangen ist, und die Gesichter kommen zum Vorschein: Tollwütige Hyänen.

Judas von Kerioth, der ständig herumgeschielt hat mit seinem Verrätergesicht, geht nun an den Straßenrand unter dem Vorwand, eine Sandale neu schnüren zu müssen und, ich sehe es gut, er gibt den auf ihn Wartenden ein Zeichen... Er macht sich an der Schnalle seiner Sandale zu schaffen, um sich einen Anschein zu geben, und läßt die Gruppe Jesu und der Jünger vorausgehen. Dann nähert er sich rasch den Wartenden und flüstert: «Bei

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der Schönen. Um die sechste Stunde. Einer von Euch.» Schon ist er wieder bei seinen Gefährten. Frech, schamlos frech! ...

Sie gehen zum Tempel hinauf. Es sind erst wenige Hebräer da, aber viele Heiden. Jesus geht, den Herrn anzubeten. Dann kommt er zurück und gebietet Simon und Bartholomäus, das Lamm zu kaufen und sich von Judas von Kerioth das Geld dafür geben zu lassen.

«Aber das hätte ich doch tun können!» sagt dieser.

«Du wirst anderes zu tun haben. Du weißt es. Da ist die Witwe, der du das Almosen der Maria des Lazarus bringen und sagen mußt, daß sie nach dem Fest nach Bethanien zu Lazarus gehen soll. Weißt du, wo sie wohnt? Hast du verstanden?»

«Ich weiß, ich weiß! Zacharias, der sie gut kennt, hat es mir gezeigt.»Er fügt hinzu: «Ich freue mich, dort hingehen zu können. Das mache ich noch lieber, als das Lamm kaufen. Wann soll ich gehen?»

«Später. Ich werde mich hier nicht lange aufhalten. Heute ruhe ich mich aus, damit ich am Abend und bei meinem nächtlichen Gebet stark bin.»

«Gut.»

Ich frage mich: Warum sagt Jesus, der in den letzten Tagen immer über seine Absichten geschwiegen hat, um Judas keine Einzelheiten wissen zu lassen, nun wiederholt das, was er in der Nacht tun wird? Hat die Passion schon begonnen mit der Unfähigkeit, das Kommende vorherzusehen, oder hat diese Fähigkeit im Gegenteil so zugenommen, daß er in den Büchern des Himmels liest, daß dies «die Nacht» ist, und daß er es deshalb den wissen lassen muß, der darauf wartet, ihn den Feinden auszuliefern? Oder hat er schon immer gewußt, daß in dieser Nacht sein Opfer beginnen muß? Ich weiß die Antwort nicht. Jesus gibt mir keine Antwort. Und ich bleibe bei meinem Warum, während ich Jesus betrachte, der die letzten Kranken heilt. Die letzten... Morgen, in einigen Stunden, wird er es nicht mehr tun können... Der mächtige Arzt des Leibes wird der Erde genommen sein. Das Opfer wird jedoch auf seiner Richtstätte die nun zwanzig Jahrhunderte dauernden Heilungen des Geistes beginnen.

Heute betrachte ich mehr, als daß ich beschreibe. Der Herr läßt mein geistiges Auge von dem, was ich am letzten Tag der Freiheit Christi geschehen sehe, über die Jahrhunderte schweifen. Heute betrachte ich mehr die Gefühle, die Gedanken des Meisters, als die Ereignisse um ihn herum. Ich habe schon eine schmerzliche Ahnung seiner Qualen in Gethsemane...

Jesus ist wie gewöhnlich von der nun schon größer gewordenen Menge umgeben. Sie besteht inzwischen in der Mehrzahl aus Hebräern, die ganz vergessen, zur Opferstätte der Lämmer zu eilen und stattdessen zu Jesus kommen, dem Lamm Gottes, das bald geopfert werden wird. Immer noch stellen sie Fragen und verlangen Erklärungen. Viele sind aus der Diaspora gekommene Hebräer, die von Christus, dem galiläischen Propheten, dem Rabbi aus Nazareth gehört haben und nun neugierig sind, ihn reden zu hören, oder darauf brennen, jeden möglichen Zweifel zu beseitigen. Diese drängen sich vor und bitten die Leute aus Palästina: «Ihr habt ihn immer. Ihr wißt, wer er ist. Ihr könnt ihn hören, wann ihr wollt. Wir sind von

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weither gekommen und reisen gleich wieder ab, wenn wir die Vorschriften erfüllt haben. Laßt uns zu ihm!»

Die Menge geht mit Mühe auseinander, um den Platz an sie abzutreten. Sie nähern sich Jesus, beobachten ihn neugierig, reden in Gruppen miteinander, und auch Jesus beobachtet sie, obwohl er gleichzeitig Leute aus Peräa anhört. Dann, nachdem er diese entlassen hat, die ihm wie viele andere Almosen für die Armen geben, und nachdem er, wie immer, das Geld Judas übergeben hat, beginnt er zu reden.

«Einig in der Religion, doch verschiedener Herkunft, fragen sich viele der Anwesenden: "Wer ist der, den man den Nazarener nennt?" Sie schwanken zwischen Hoffnung und Zweifel.

Hört. Es steht von mir geschrieben: "Ein Reis sproßt aus der Wurzel Jesse, eine Blüte kommt aus dieser Wurzel. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn. Nicht richtet er nach dem Augenschein, noch fällt er sein Urteil nach dem Hörensagen. Sondern er richtet die Armen in Gerechtigkeit und entscheidet nach Billigkeit über die Demütigen. Das Reis aus der Wurzel Jesse, zum Feldzeichen den Völkern gesetzt, suchen die Heiden auf, und seine Ruhestätte wird herrlich sein. Er pflanzt ein Panier für die Völker auf, sammelt die Vertriebenen Israels und bringt die Zerstreuten Judas von den vier Enden der Erde zusammen." Es steht auch geschrieben: "Seht, der Herr kommt mit Macht und sein Arm unterwirft ihm alles. Mit ihm kommt sein Siegeslohn, und seine Siegeszeichen gehen vor ihm her. Wie ein Hirte weidet er seine Herde." Es steht von mir geschrieben: "Seht meinen Knecht, den ich stütze, an dem ich mein Wohlgefallen habe. Auf ihn sende ich meinen Geist. Er wird den Völkern das Recht bringen. Er wird nicht schreien; das geknickte Rohr zerbricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus. In Treuen trägt er das Recht hinaus. Er läßt nicht nach und verzagt nicht, bis er das Recht auf Erden begründet, denn die Inseln harren auf seine Lehre." Es steht von mir geschrieben: "Ich, der Herr, habe dich in Gerechtigkeit berufen, ich habe deine Hand erfaßt und dich behütet. Ich habe dich zum Bunde für das Volk gemacht und zum Lichte für die Heiden, daß du die Augen der Blinden öffnest, die Gefangenen aus dem Gefängnis befreist und aus dem Kerker, die im Finstern sitzen." Es steht von mir geschrieben: "Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Armen die Frohe Botschaft zu bringen und zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, den Gefangenen Befreiung und den Gefesselten Erlösung anzukündigen und ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen." Es steht von mir geschrieben: "Er ist der Starke. Er wird die Herde weiden in der Kraft des Herrn, in der Hoheit des Namens seines Gottes. Sie werden sich zu ihm bekehren, denn von nun an wird er gepriesen werden bis an die Grenzen der Erde." Es steht von mir geschrieben: "Ich selbst will meine Schafe suchen. Das Verlorene will ich suchen, das Versprengte zurückführen, das Gebrochene

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verbinden, das Kranke stärken, das Fette aber und das Kräftige will ich schützen und weiden, wie es recht ist." Es steht geschrieben: "Er ist der Friedensfürst und wird der Friede sein." Es steht geschrieben: "Siehe, dein König, der Gerechte, der Retter, kommt zu dir. Er ist arm und reitet auf dem Füllen einer Eselin. Er gebietet Frieden den Völkern und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer, bis an die Grenzen der Erde." Es steht geschrieben: "Siebzig Wochen sind für dein Volk und deine heilige Stadt bestimmt, bis dem Frevel ein Ende gemacht, die Sünde versiegelt und die Schuld gesühnt wird; bis ewige Gerechtigkeit herbeigeführt, Gesicht und Prophetie erfüllt und das Allerheiligste gesalbt wird. Nach sieben und zweiundsiebzig Wochen wird der Gesalbte kommen. Nach zweiundsechzig Wochen wird er getötet. Nach einer Woche schließt er einen Bund, und in der Mitte der Woche macht er den Schlacht- und Speiseopfern ein Ende; und der Greuel der Verwüstung wird über den Tempel kommen und bis zum Ende der Zeiten dauern."

Werden also die Schlachtopfer in diesen Tagen fehlen? Wird der Altar kein Opfer haben? Er wird das große Opfer haben. Seht, der Prophet schaut es: "Wer ist dieser, der in roten Kleidern kommt? Er prangt in seinem Gewand und schreitet in der Größe seiner Macht einher."

Warum ist sein Kleid rot, da er arm ist? Der Prophet sagt es: "Meinen Rücken bot ich denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mir den Bart rauften, mein Angesicht verbarg ich nicht vor denen, die mich bespien. Keine Gestalt besaß ich, noch Schönheit, und die Menschen liebten mich nicht mehr. Verachtet werde ich von den Menschen und den Letzten gleichgestellt! Ein Mann der Schmerzen bin ich, das Haupt verhüllt und verhöhnt, und sie betrachten mich wie einen Aussätzigen, während ich für alle verwundet werde und sterbe. Hier ist das Opfer. Fürchte nicht, o Israel, fürchte nicht! Das Osterlamm wird nicht fehlen. Fürchte nicht, o Welt! Hier ist der Retter. Wie ein Schaf wird er zur Schlachtbank geführt, denn er hat es gewollt, und er wird den Mund nicht auftun, um jene zu verfluchen, die ihn töten. Nach der Verurteilung wird er erhöht und von Qualen verzehrt werden, die Glieder ausgerenkt, die Gebeine entblößt und Hände und Füße durchbohrt. Aber nach der Mühsal, durch die er viele rechtfertigen wird, wird er die Völker besitzen; denn nachdem er sein Leben in den Tod dahingegeben hat für das Heil der Welt, wird er auferstehen und die Welt regieren und die Völker nähren mit den Wassern, die Ezechiel gesehen hat, die aus dem wahren Tempel strömen, der, obgleich niedergerissen, aus eigener Kraft wiederersteht; mit dem Wein, der auch das weiße Gewand des makellosen Lammes rot gefärbt hat, und mit dem vom Himmel herabgekommenen Brot."

Wohlan, ihr Dürstenden, kommt zum Wasser. Ihr Hungernden, sättigt euch. Ihr Entkräfteten und ihr Kranken, trinkt meinen Wein! Kommt ihr, die ihr kein Geld habt, ihr, die ihr nicht gesund seid, kommt! Und ihr:

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die ihr in der Finsternis seid! Und ihr, die ihr tot seid, kommt! Ich bin der Reichtum und das Heil. Ich bin das Licht und das Leben. Kommt, ihr, die ihr den Weg sucht! Kommt, ihr, die ihr die Wahrheit sucht! Ich bin der Weg und die Wahrheit. Fürchtet nicht, das Osterlamm nicht essen zu können, weil in diesem geschändeten Tempel die wahrhaft heiligen Schlachtopfer fehlen. Ihr werdet alle essen von dem Lamm Gottes, das gekommen ist, die Sünden der Welt hinwegzunehmen, wie der letzte der Propheten meines Volkes von mir gesagt hat.

Desselben Volkes, das ich frage: "Mein Volk, was hab ich dir getan? Womit habe ich dich betrübt? Was hätte ich dir noch mehr tun sollen und habe es nicht getan? Ich habe dich gelehrt, deine Kranken geheilt, deinen Armen Wohltaten erwiesen, deine Volksscharen gespeist und dich in deinen Kindern geliebt; ich habe dir verziehen und für dich gebetet. Und wie dankst du es deinem Herrn? Eine Stunde, die letzte, ist dir gegeben, o mein Volk, o meine heilige und königliche Stadt. Bekehre dich in dieser Stunde zum Herrn, deinem Gott."»

«Er hat wahre Worte gesprochen.»

«So steht es geschrieben. Und er tut wahrhaft, was geschrieben steht.»

«Wie ein Hirte hat er für alle gesorgt.»

«So als wären wir die zerstreuten Schafe, krank und in der Finsternis, ist er gekommen, um uns auf den rechten Weg zu führen, uns an Seele und Leib zu heilen und uns zu erleuchten.»

«Wahrlich, alle Völker kommen zu ihm. Seht die Heiden dort, wie sie ihn bewundern.»

«Er hat Frieden gepredigt.»

«Er hat Liebe geschenkt.»

«Ich verstehe nicht, was er vom Opfer sagt. Er spricht, als ob man ihn töten wollte.»

«So ist es, wenn er der Mensch ist, den die Propheten gesehen haben, der Erlöser.»

«Er redet, als ob das ganze Volk ihn schlagen wollte. Das wird niemals geschehen. Das Volk, und wir sind das Volk, liebt ihn.»

«Er ist unser Freund. Wir werden ihn verteidigen.»

«Er ist Galiläer, und wir aus Galiläa würden unser Leben für ihn geben.»

«Er ist aus dem Geschlecht Davids, und wir werden nur die Hand erheben, um ihn zu verteidigen, wir aus Judäa.»

«Und wir, die er uns ebenso liebt wie er euch liebt, wir aus der Auranitis, aus Peräa und der Dekapolis, können wir ihn vergessen? Alle, alle werden wir ihn verteidigen.»

Das sind Stimmen aus dem nun sehr zahlreichen Volk. O Unbeständigkeit der menschlichen Absichten! Nach dem Stand der Sonne zu schließen, ist es ungefähr neun Uhr vormittags unserer Zeit. Vierundzwanzig

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Stunden später wird dieses Volk schon seit vielen Stunden den Märtyrer umgeben, um ihn mit Haß und Schlägen zu quälen und schreiend seinen Tod zu fordern. Wenige, sehr wenige, zu wenige unter den Tausenden Menschen, die aus allen Gegenden Palästinas und von noch weiter her zusammengeströmt sind und die Licht, Gesundheit, Wissen und Vergebung von Christus erhalten haben, werden nicht nur nicht versuchen, ihn seinen Feinden zu entreißen, da ihre kleine Zahl im Gegensatz zu den Übelwollenden dies nicht zuläßt, sondern sie werden ihn nicht einmal trösten, indem sie ihm, als Beweis ihrer Liebe, als mitfühlende Freunde folgen.

Die Lobreden, die Zustimmung und die bewundernden Bemerkungen breiten sich in dem weiten Vorhof aus wie Wellen, die von der hohen See kommen und am Ufer verebben.

Schriftgelehrte, Juden und Pharisäer versuchen die Begeisterung des Volkes einzudämmen, und auch den gärenden Zorn des Volkes gegen die Feinde des Christus, indem sie sagen: «Er phantasiert. Er ist sehr müde und fängt an, irre zu reden. Er sieht Verfolgungen, wo nur Ehren sind. Seine Reden enthalten wie immer viel Weisheit, lassen aber auch seinen Wahn erkennen. Niemand will ihm etwas Böses zufügen. Wir haben verstanden, wer er ist ...»

Aber die Leute trauen einem solchen Stimmungswechsel nicht. Einer sagt aufbegehrend: «Er hat meinen schwachsinnigen Sohn geheilt. Ich weiß daher, was Wahnsinn ist. So spricht keiner, der den Verstand verloren hat.»

Und ein anderer: «Laßt sie reden. Es sind Vipern, die fürchten, daß die Prügel des Volkes sie zu Brei schlagen könnten. Sie singen das süße Lied der Nachtigall, um uns zu täuschen. Aber wenn du gut zuhörst, wirst du auch das Zischen der Schlange vernehmen.»

Und wieder ein anderer: «Ihr Angehörigen des Volkes Christi, gebt acht! Wenn der Feind schmeichelt, dann hat er das Messer im Ärmel verborgen und streckt die Hand aus, um zuzustechen. Haltet die Augen offen und das Herz bereit! Die Schakale können nicht zahme Lämmer werden.»

«Du sagst es gut: Die Eule lockt und verführt die harmlosen Vöglein durch ihre Reglosigkeit und die lügenhafte Fröhlichkeit ihres Grußes. Sie lacht und lockt mit ihrem Ruf, ist aber schon bereit, die ahnungslose Beute zu verschlingen.»

Und so weiter, von Gruppe zu Gruppe.

Aber da sind auch die Heiden. Diese Heiden, die dem Meister in immer größerer Zahl zuhören an diesen Feiertagen. Immer am Rand der Volksmenge, denn die hebräisch-palästinensische Exklusivität ist groß, schiebt sie beiseite und beansprucht die vordersten Plätze um den Rabbi, obwohl sie gerne näherkommen und mit ihm sprechen würden. Eine große Gruppe dieser Heiden entdeckt Philippus, den die Volksmenge in einen Winkel

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gedrängt hat. Sie gehen zu ihm und sagen: «Herr, wir möchten deinen Meister Jesus aus der Nähe sehen und wenigstens einmal mit ihm reden.»

Philippus stellt sich auf die Fußspitzen, um zu sehen, ob er irgendeinen Apostel in der Nähe des Herrn entdeckt. Er sieht Andreas und schreit, nachdem er ihn mit Namen gerufen hat: «Hier sind Heiden, die den Meister grüßen möchten. Frage ihn, ob er für sie Zeit hat.»

Andreas, der sich einige Meter von Jesus in der Menge befindet, drängt sich energisch, unter großzügigem Einsatz der Ellbogen, durch und schreit: «Macht Platz! Macht Platz, sage ich euch. Ich muß zum Meister.»

Schließlich schafft er es und teilt ihm den Wunsch der Heiden mit.

«Führe sie in die Ecke dort. Ich komme zu ihnen.»

Und als Jesus versucht, sich durch die Leute zu drängen, helfen ihm Johannes, der mit Petrus zurückgekommen ist, Petrus selbst, Judas Thaddäus, Jakobus des Zebedäus und Thomas, der seine Verwandten in der Menge gefunden hat und sie nun verläßt.

Nun ist Jesus bei den Heiden, die ihm huldigen.

«Der Friede sei mit euch. Was wollt ihr von mir?»

«Wir wollen dich sehen, dich sprechen. Deine Worte haben uns beunruhigt. Wir wollten schon lange mit dir sprechen, um dir zu sagen, daß deine Worte uns sehr beeindrucken. Aber wir wollten einen geeigneten Moment abwarten. Heute... Du sprichst von Tod... Wir fürchten, dich nicht mehr sprechen zu können, wenn wir es nicht sofort tun. Aber ist es denn möglich, daß die Hebräer ihren besten Sohn töten? Wir sind Heiden, und deine Hand hat uns nicht Gutes getan. Dein Wort war uns unbekannt. Wir hatten nur Unbestimmtes über dich gehört. Wir haben dich nie gesehen, waren nie in deiner Nähe. Und doch, du siehst es! Wir verehren dich. Die ganze Welt ehrt dich mit uns.»

«Ja, die Stunde ist gekommen, da der Menschensohn verherrlicht werden muß, von den Menschen und den Seelen.»

Nun drängen sich die Leute wieder um Jesus. Aber mit dem Unterschied, daß in der ersten Reihe die Heiden sind und dahinter die anderen.

«Aber wenn dies die Stunde deiner Verherrlichung ist, dann wirst du nicht sterben, wie du sagst, oder wie wir es verstanden haben. Denn auf diese Art zu sterben, ist keine Verherrlichung. Wie kannst du die Welt unter deinem Szepter vereinigen, wenn du vorher stirbst? Wenn dein Arm im Tod erstarrt, wie kann er dann triumphieren und die Völker versammeln?»

«Indem ich sterbe, gebe ich Leben. Indem ich sterbe, baue ich auf. Indem ich sterbe, schaffe ich das neue Volk. Im Opfer erringt man den Sieg. Wahrlich, ich sage euch, wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es unfruchtbar. Wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht. Wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Wer sein Leben in dieser Welt haßt, wird es für das ewige Leben bewahren. Daher muß ich sterben, um allen, die mir nachfolgen und der Wahrheit dienen, dieses ewige

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Leben zu schenken. Wer mir dienen will, komme: Die Plätze in meinem Reich sind nicht diesem oder jenem Volk vorbehalten. Jeder, der mir dienen will, komme und folge mir. Und wo ich bin, wird auch mein Diener sein. Und wer mir dient, wird meinen Vater ehren, den einen, wahren Gott, den Herrn des Himmels und der Erde, den Schöpfer alles dessen, was ist; er ist Geist, Wort, Liebe, Leben, Weg, Wahrheit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, der Eine und doch Dreieine, der Dreieine und doch Eine, der einzige, wahre Gott. Doch nun ist meine Seele erschüttert. Soll ich vielleicht sagen: "Vater, errette mich vor dieser Stunde" ? Nein. Denn dazu bin ich gekommen: diese Stunde zu erleben. Und daher sage ich: "Vater, verherrliche deinen Namen."»

Jesus breitet die Arme in Kreuzform aus, ein purpurrotes Kreuz vor dem weißen Marmor des Portikus, erhebt das Antlitz, opfert sich betend auf und erhebt seine Seele zum Vater.

Und eine Stimme, mächtiger als der Donner, eine unwirkliche Stimme insofern, daß sie keiner menschlichen Stimme gleicht und doch von allen gut verstanden wird, erfüllt den ganzen heiteren Himmel dieses herrlichen Apriltages, tönt gewaltiger als die Akkorde einer riesigen, wunderbar klingenden Orgel und verkündet: «Ich habe ihn verherrlicht, und ich werde ihn wieder verherrlichen.»

Die Leute haben Angst bekommen. Diese so mächtige Stimme, die die Erde und alles auf ihr erzittern läßt, diese geheimnisvolle Stimme unbekannten Ursprungs, die so verschieden ist von allen anderen, diese Stimme, die alles erfüllt, von Norden bis Süden, von Osten bis Westen, erschreckt die Hebräer und versetzt die Heiden in Staunen. Erstere werfen sich, so weit sie können, zu Boden und flüstern zitternd: «Nun werden wir sterben. Wir haben die Stimme des Himmels vernommen. Ein Engel hat zu ihm gesprochen.» Und sie schlagen sich an die Brust in Erwartung des Todes. Die anderen rufen: «Ein Donnern! Ein Tosen! Fliehen wir! Die Erde grollt! Sie hat gebebt!» Aber die Flucht ist unmöglich bei dem Andrang derer, die außerhalb der Tempelmauer gewesen sind und nun herein wollen und schreien: «Erbarmen! Schnell. Dies ist ein heiliger Ort. Der Berg, auf dem der Altar Gottes steht, wird nicht bersten.» Jeder bleibt deshalb, wo er ist, wo ihn die Menge und der Schrecken festhält.

Priester, Schriftgelehrte, Pharisäer, Leviten und die Tempelwachen, die irgendwo im Labyrinth des Tempels waren, eilen auf die Terrassen. Sie sind erregt und verstört, aber keiner von ihnen geht zu den Leuten in die Vorhöfe, außer Gamaliel und sein Sohn. Jesus sieht ihn vorübergehen in seinem ganz weißen, in der Sonne leuchtenden Leinengewand.

Jesus sieht Gamaliel an und sagt mit lauter Stimme, so als spreche er zu allen: «Nicht meinetwegen, sondern euretwegen ist diese Stimme vom Himmel gekommen.»

Gamaliel bleibt stehen, wendet sich um, und der Blick seiner tiefen

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kohlschwarzen Augen – die die Gewohnheit, ein verehrter Meister, ein Halbgott zu sein, unwillkürlich hart wie Raubtieraugen hat werden lassen – begegnet dem klaren, saphirblauen, sanften und doch majestätischen Blick Jesu...

Und Jesus fährt fort: «Nun ist das Gericht über diese Welt. Nun wird der Fürst der Finsternis hinausgeworfen werden. Und ich werde, wenn ich von der Erde erhöht bin, alle an mich ziehen, denn so wird der Menschensohn erlösen.»

«Wir haben aus den Gesetzesbüchern gelernt, daß der Christus in Ewigkeit leben wird. Du nennst dich Christus und sagst, daß du sterben mußt. Weiter sagst du, daß du der Menschensohn bist und erlösen wirst, wenn du erhöht bist. Wer bist du also? Der Menschensohn oder der Christus? Wer ist der Menschensohn?» sagt die Volksmenge, die sich nun wieder sicherer fühlt.

«Ich bin beides in einer Person. Öffnet eure Augen dem Licht. Noch eine kleine Weile ist das Licht bei euch. Geht der Wahrheit entgegen, solange ihr das Licht noch unter euch habt, damit die Finsternis euch nicht überrasche. Die im Dunkeln wandeln, wissen nicht, wohin sie gehen. Glaubt an das Licht, solange ihr es unter euch habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet.» Er schweigt.

Die Leute sind unentschlossen und verschiedener Ansicht. Die einen schütteln den Kopf und gehen fort. Die anderen beobachten das Verhalten der Würdenträger, der Pharisäer, der obersten Priester, der Schriftgelehrten... und besonders des Gamaliel und richten sich danach. Wieder andere stimmen mit einem Kopfnicken zu, verneigen sich vor Jesus, und bringen dadurch deutlich zum Ausdruck: «Wir glauben! Wir verehren dich als den, der du bist.» Aber sie wagen es nicht, sich offen zu ihm zu bekennen. Sie fürchten die aufmerksamen Augen der Feinde Christi, die Mächtigen, die von den Terrassen über den herrlichen Säulenhallen, die die Höfe des Tempels umgeben, alles beobachten und überwachen.

Auch Gamaliel, der einige Minuten nachdenklich stehengeblieben ist und den Marmor des Bodens zu befragen scheint, um von ihm eine Antwort auf seine inneren Fragen zu erhalten, begibt sich nun zum Ausgang, nachdem er anscheinend enttäuscht oder verächtlich den Kopf geschüttelt und die Achseln gezuckt hat... Er geht gerade an Jesus vorbei und sieht ihn nicht mehr an.

Jesus dagegen betrachtet ihn mitleidig... und erhebt noch einmal laut seine Stimme – sie klingt wie eine bronzene Glocke – um allen Lärm zu übertönen und von dem großen Schriftgelehrten gehört zu werden. Es scheint, daß er für alle spricht, aber es ist offensichtlich, daß er nur für ihn allein spricht. Er sagt mit sehr lauter Stimme: «Wer an mich glaubt, glaubt in Wahrheit nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat, und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat. Und dieser ist der

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Gott Israels! Denn es gibt keinen Gott außer ihm. Deshalb sage ich: Wenn ihr nicht an mich glauben könnt als an den, der genannt wird Sohn des Joseph des David und Sohn der Maria aus dem Geschlecht Davids, der von dem Propheten geschauten Jungfrau; der geboren ist zu Bethlehem, wie es bei dem Propheten geschrieben steht, dessen Vorläufer der Täufer war, wie es ebenfalls seit Jahrhunderten geschrieben steht, dann glaubt wenigstens der Stimme eures Gottes, der vom Himmel zu euch gesprochen hat. Glaubt an mich als den Sohn dieses Gottes Israels. Wenn ihr dem nicht glaubt, der vom Himmel zu euch gesprochen hat, dann beleidigt ihr nicht mich, sondern euren Gott, dessen Sohn ich bin.

Bleibt nicht in der Finsternis. Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. Schafft euch nicht Gewissensbisse, die ihr nicht wiedergutmachen könnt, wenn ich dorthin zurückgekehrt sein werde, von wo ich gekommen bin. Es wäre eine harte Strafe Gottes für euren Starrsinn. Ich bin bereit zu verzeihen, solange ich bei euch bin. Solange das Urteil noch nicht gefällt ist und soweit es an mir liegt, habe ich den Wunsch zu verzeihen. Aber die Gedanken meines Vaters sind anders. Denn ich bin die Barmherzigkeit, er aber ist die Gerechtigkeit.

Wahrlich, ich sage euch, wer meine Worte nicht hört und sie nicht bewahrt, den richte ich nicht. Denn ich bin nicht gekommen, die Welt zu richten, sondern die Welt zu retten. Aber wenn ich auch nicht richte, so sage ich euch in Wahrheit, daß es einen gibt, der euch für eure Werke richtet. Mein Vater, der mich gesandt hat, richtet alle, die sein Wort abweisen. Ja, wer mich verachtet und das Wort Gottes nicht anerkennt und die Worte des Wortes nicht aufnimmt, der hat schon einen, der ihn richtet: dasselbe Wort, das ich verkündet habe, wird euch am Jüngsten Tag richten.

Gott läßt seiner nicht spotten. Und der verspottete Gott wird furchtbar sein für alle, die ihn einen Irren und Lügner genannt haben.

Denkt alle daran, daß die Worte, die ihr von mir gehört habt, von Gott kommen. Denn ich habe nicht aus mir selbst gesprochen, sondern der Vater, der mich gesandt hat, er selbst hat mir aufgetragen, was ich sagen und was ich sprechen muß. Und ich gehorche seinem Befehl, denn ich weiß, daß sein Befehl gerecht ist. Jedes Gebot Gottes bedeutet ewiges Leben. Und ich, euer Meister, gebe euch ein Beispiel des Gehorsams allen Geboten Gottes gegenüber. Seid daher gewiß, daß ich die Dinge, die ich euch gesagt habe und euch sage, so gesagt habe und so sage, wie mein Vater mir aufgetragen hat, sie euch zu sagen. Und mein Vater ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott des Moses, der Patriarchen und der Propheten, der Gott Israels, euer Gott.»

Worte des Lichtes, die in das Dunkel fallen, das sich schon in den Herzen ausbreitet!

Gamaliel, der noch einmal gesenkten Hauptes stehengeblieben ist, geht

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wieder weiter... Andere folgen ihm kopfschüttelnd oder hämisch lächelnd.

Auch Jesus geht... Zuerst aber sagt er zu Judas von Kerioth: «Geh, wohin du gehen mußt» und zu den anderen: «Jeder ist frei zu gehen, wohin er gehen muß oder gehen will. Die Hirtenjünger sollen bei mir bleiben.»

«Oh, nimm auch mich mit dir, Herr!» sagt Stephanus.

«Komm ...»

Sie trennen sich. Ich weiß nicht, wohin Jesus geht. Aber ich weiß, wohin Judas von Kerioth geht. Er geht zu der Schönen Pforte, steigt die vielen Stufen vom Vorhof der Heiden zu dem der Frauen hinauf, durchquert diesen und schaut, nachdem er auf der anderen Seite weitere Stufen hinaufgestiegen ist, in den Vorhof der Hebräer. Nun stampft er zornig mit dem Fuß auf den Boden, weil er den, den er sucht, nicht findet. Er kehrt zurück und sieht eine von den Tempelwachen. Er ruft sie zu sich und befiehlt mit seiner üblichen Arroganz: «Geh zu Eleazar ben Annas. Er soll sofort zum Schönen Tor kommen. Judas des Simon erwartet ihn dort aus schwerwiegenden Gründen.»

Er lehnt sich an eine Säule und wartet. Nicht lange, denn Eleazar, der Sohn des Annas, Elchias, Simon, Doras, Cornelius, Sadok, Nahum und andere eilen bald mit wehenden Gewändern herbei.

Judas spricht leise aber erregt: «Heute abend! Nach der Abendmahlzeit. In Gethsemane. Kommt und ergreift ihn. Gebt mir das Geld.»

«Nein. Wir werden es dir heute abend geben, wenn du uns holen kommst. Wir trauen dir nicht! Wir wollen, daß du auf unserer Seite bist. Man kann nie wissen!» grinst Elchias. Die anderen stimmen im Chor zu.

Judas glüht vor Zorn über diese Unterstellung. Er schwört: «Ich schwöre bei Jahwe, daß ich die Wahrheit sage.»

Sadok antwortet ihm: «Gut. Aber es ist besser so. Wenn es Zeit ist, kommst du, nimmst die für die Gefangennahme vorgesehenen Häscher und gehst mit ihnen, damit die törichten Wachen nicht etwa Lazarus festnehmen und wir Unannehmlichkeiten bekommen. Du wirst ihnen durch ein Zeichen den Mann zu erkennen geben ... Du mußt verstehen: Es ist Nacht... es wird wenig Licht geben ... die Wachen werden müde sein, schläfrig... Aber wenn du sie führst! ... Was meint ihr?» Der heimtückische Sadok wendet sich an die Gefährten und sagt: «Ich würde als Zeichen einen Kuß vorschlagen. Einen Kuß! Das beste Zeichen, um den verratenen Freund zu bezeichnen. Ha, ha, ha!»

Alle lachen. Ein Chor hohnlachender Dämonen.

Judas ist wütend. Aber er kann nicht mehr zurück. Er kann nicht mehr. Er leidet unter ihrem Spott, nicht dessentwegen, was er zu tun im Begriff ist. Er sagt: «Aber vergeßt nicht, daß ich die abgezählten Münzen in der Börse will, bevor ich mit den Wachen hier hinausgehe.»

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«Du wirst sie bekommen. Du wirst sie bekommen! Auch die Börse werden wir dir geben, damit du die Münzen wie Reliquien deiner Liebe aufbewahren kannst. Ha, ha, ha! Leb wohl, Schlange!»

Judas ist grün vor Zorn. Er ist schon grün im Gesicht. Und er wird diese Farbe und diesen Ausdruck verzweifelten Schreckens nun nicht mehr verlieren. Dieser Ausdruck wird vielmehr von Stunde zu Stunde immer ausgeprägter werden, bis er nicht mehr anzusehen sein wird, wenn er am Baum hängt... Er flieht davon...

Jesus hat sich in den Garten eines befreundeten Hauses geflüchtet. Ein ruhiger Garten bei den ersten Häusern von Sion. Hohe alte Mauern umgeben ihn. Es ist still und frisch. Die Zweige der alten Bäume bewegen sich leicht. Eine Frauenstimme in der Nähe singt ein sanftes Wiegenlied.

Es müssen Stunden vergangen sein, denn die Diener des Lazarus, die, ich weiß nicht woher, zurückkehren, sagen: «Deine Jünger sind schon in dem Haus, in dem das Abendmahl bereitet wird. Johannes, der mit uns den Kindern der Johanna des Chuza das Obst gebracht hat, ist gegangen, um die Frauen abzuholen. Er begleitet sie zu Joseph des Alphäus, der erst heute gekommen ist, als seine Mutter schon nicht mehr damit rechnete, ihn zu sehen, und dann von dort zum Haus des Abendmahls, denn es ist schon Abend.»

«Auch wir werden gehen. Die Stunde des Abendmahls ist gekommen ...» Jesus erhebt sich und legt seinen Mantel um.

«Meister, draußen sind Leute. Leute vom Census. Sie möchten dich sprechen, ohne von den Pharisäern gesehen zu werden», sagt ein Diener.

«Laß sie hereinkommen. Esther wird nichts dagegen haben. Nicht wahr, Frau?» fragt Jesus und wendet sich an eine reife Frau, die gerade herbeieilt, um ihn zu begrüßen.

«Nein, Meister. Mein Haus ist dein Haus, du weißt es. Du hast viel zu wenig Gebrauch davon gemacht.»

«Genug, um mir sagen zu können: es war das Haus von Freunden.» Er gebietet dem Diener: «Führe die Wartenden herein.»

Ungefähr dreißig Personen vornehmen Aussehens kommen herein. Sie grüßen und einer spricht für alle: «Meister, deine Worte haben uns erschüttert. Wir haben in dir die Stimme Gottes erkannt. Aber sie nennen uns Verrückte, weil wir an dich glauben. Was sollen wir also tun?»

«Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat und dessen allerheiligste Stimme ihr heute gehört habt. Wer mich sieht, sieht nicht mich, sondern den, der mich gesandt hat, denn ich bin eins mit meinem Vater. Daher sage ich euch, daß ihr glauben müßt, um Gott nicht zu beleidigen, der mein und euer Vater ist und euch so sehr liebt, daß er sogar seinen Eingeborenen für euch opfert. Wenn es auch in den Herzen Zweifel darüber gibt, ob ich Christus bin, so gibt es doch keinen Zweifel, daß Gott im Himmel ist. Und die Stimme Gottes, den ich

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heute im Tempel Vater genannt habe und den ich gebeten habe, seinen Namen zu verherrlichen, hat dem geantwortet, der ihn Vater nannte, und hat mich nicht als Lügner oder Gotteslästerer bezeichnet, wie es viele tun. Gott hat bestätigt, wer ich bin. Sein Licht. Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist, damit alle, die an mich glauben, nicht im Finstern bleiben. Wer meine Worte hört und sie nicht bewahrt, den richte ich nicht. Ich bin nicht gekommen, die Welt zu richten, sondern sie zu retten. Wer mich verachtet und meine Worte nicht aufnimmt, hat einen, der ihn richtet. Das von mir verkündete Wort wird euch am Jüngsten Tag richten. Denn es war weise, vollkommen, sanft und einfach, so wie Gott ist. Denn dieses Wort ist Gott. Nicht ich habe gesprochen, Jesus von Nazareth, genannt der Sohn des Zimmermanns Joseph aus dem Geschlecht Davids und Sohn der Maria, der dem Joseph angetrauten Jungfrau aus dem Geschlecht Davids. Nein, ich habe nicht aus mir selbst gesprochen. Sondern mein Vater, der im Himmel ist und Jahwe genannt wird, er ist es, der heute gesprochen hat und der mir aufgetragen hat, was ich sagen soll und wovon ich sprechen muß. Ich weiß, daß sein Gebot ewiges Leben bedeutet. Die Worte, die ich sage, sage ich so, wie der Vater sie mir gesagt hat, und in ihnen ist das Leben. Daher sage ich euch: Hört sie an und befolgt sie, dann werdet ihr das Leben haben. Denn mein Wort ist Leben. Wer es annimmt, nimmt mit mir zusammen den Vater im Himmel an, der mich gesandt hat, um euch das Leben zu schenken. Wer Gott in sich hat, hat das Leben in sich. Geht. Der Friede komme über euch und bleibe bei euch.»

Er segnet und entläßt sie. Er segnet auch die Jünger und hält nur Isaak und Stephanus zurück. Die anderen küßt und entläßt er. Als sie gegangen sind, macht er sich als letzter zusammen mit den beiden auf den Weg und geht durch die einsamsten und schon finsteren Gäßchen zum Haus des Abendmahls. Dort angekommen, umarmt und segnet er Isaak und Stephanus besonders liebevoll, küßt sie, segnet sie noch einmal und schaut ihnen nach, wie sie fortgehen. Dann klopft er an und betritt das Haus...

659. BESCHREIBUNG DES ABENDMAHLSAALES; ABSCHIED VON DER MUTTER VOR DEM LETZTEN ABENDMAHL

Ich sehe den Abendmahlsaal, in dem das Passahmahl gehalten werden soll. Ich sehe ihn sehr genau. Ich könnte alle Risse in den Wänden und die Sprünge im Boden zählen. Es ist ein nicht ganz quadratischer, aber auch nicht ganz rechteckiger Saal. Es besteht ein Unterschied von höchstens etwa einem Meter oder etwas mehr zwischen der Längs- und der Querseite.

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Die Decke ist niedrig. Vielleicht sieht es auch wegen seiner Größe so aus, der die Höhe nicht entspricht. Die Decke ist leicht gewölbt, so daß die beiden kürzeren Seiten nicht im rechten Winkel zur Decke enden, sondern in einer Rundung.

An diesen beiden kürzeren Seiten sind zwei breite, niedrige, einander gegenüberliegende Fenster. Ich kann nicht sehen, ob sie auf einen Hof oder auf eine Straße schauen, denn zu dieser Stunde sind die Läden geschlossen. Ich habe gesagt: Läden. Ich weiß nicht, ob diese Bezeichnung richtig ist. Es sind Bretter, die durch eine darübergelegte Eisenstange befestigt sind. Der Fußboden besteht aus großen viereckigen Terrakotta-Ziegeln, die im Lauf der Zeit matt geworden sind. Von der Mitte der Decke hängt eine mehrarmige Öllampe. Eine der beiden längeren Wände ist ohne Öffnung. In der anderen ist eine kleine Tür, ganz in der Ecke, zu der man sechs Stufen ohne Geländer hinaufsteigt. Sie enden in einer kleinen Plattform von einem Quadratmeter Größe, auf der sich an der Wand eine weitere Stufe in gleicher Höhe mit der Tür befindet. Ich weiß nicht, ob ich das richtig erklärt habe.

Die Wände sind einfach weiß gestrichen, ohne Verzierungen oder Muster. In der Mitte des Saales, parallel zu den längeren Wänden, steht ein großer, rechteckiger, im Verhältnis zu seiner Breite sehr langer Tisch aus einfachstem Holz. An den längeren Wänden stehen die Sitze, an den kürzeren Wänden befindet sich auf einer Seite unter einem Fenster eine Art Truhe, und darauf Schüsseln und Krüge, und unter dem anderen Fenster eine niedrige, lange Anrichte, auf der noch nichts steht.

Das ist die Beschreibung des Saales, in dem das Ostermahl gehalten werden wird.

Den ganzen Tag sehe ich schon alles so genau, daß ich sogar die Stufen gezählt und alle

Einzelheiten betrachtet habe. Nun, da die Nacht hereinbricht, läßt mich mein Jesus auch alles übrige sehen.

Ich sehe, daß man von dem Saal über die sechs Stufen in einen dunklen Gang gelangt, der links durch eine breite, niedrige und sehr massive, mit Eisenbeschlägen versehene Tür auf die Straße führt. Gegenüber dem Türchen, das vom Abendmahlsaal in den Gang führt, ist eine weitere Tür, die in einen anderen, nicht so großen Raum führt. Ich würde sagen, daß der Abendmahlsaal teilweise ausgeschachtet wurde aus einem Höhenunterschied zwischen dem Erdboden und dem Rest des Hauses und der Straße. Er liegt zur Hälfte unter dem Niveau des Bodens, wie ein besserer, hergerichteter Keller, immerhin gut einen Meter niedriger als das Gelände, vielleicht um ihn höher und proportionierter erscheinen zu lassen im Vergleich zu seiner Größe.

In dem Raum, den ich nun sehe, ist Maria mit anderen Frauen. Ich erkenne Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, Judas und Simon.

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Es scheint, als seien sie soeben in Begleitung von Johannes angekommen, denn sie ziehen die Mäntel aus und legen sie gefaltet auf die da und dort im Saal stehenden Hocker, während sie den Apostel, der wieder geht, grüßen, und auch einen Mann und eine Frau, die bei ihrer Ankunft herbeigeeilt sind und von denen ich glaube, daß sie die Besitzer des Hauses und Jünger oder zumindest dem Nazarener wohlgesinnt sind. Denn sie bemühen sich respektvoll und doch vertraulich um Maria.

Diese ist in Dunkelblau gekleidet, ein sehr dunkles Indigo. Auf dem Kopf hat sie einen weißen Schleier, den man erst sieht, als sie den Mantel ablegt, der auch ihr Haupt bedeckt. Ihr Gesicht ist sehr mager geworden. Sie scheint gealtert und sehr traurig, obgleich sie sanft lächelt. Sie ist sehr bleich. Auch die Bewegungen sind müde und unsicher, wie die eines in Gedanken versunkenen Menschen.

Durch die halbgeöffnete Tür sehe ich den Besitzer des Hauses, der hin- und hergeht im Gang und im Abendmahlsaal, diesen hell erleuchtet und alle Arme des Leuchters anzündet. Dann geht er an die Tür zur Straße und öffnet sie. Jesus und die Apostel kommen herein. Ich sehe, daß es Abend ist, denn die Schatten der Nacht sinken schon hernieder in der engen Gasse zwischen den hohen Häusern. Alle Apostel sind bei ihm.

Jesus grüßt den Eigentümer mit seinem üblichen Gruß: «Der Friede sei mit diesem Haus», und während die Apostel in den Abendmahlsaal hinuntergehen, betritt er den Raum, in dem sich Maria befindet.

Die frommen Frauen grüßen mit tiefer Ehrerbietung, gehen hinaus und schließen die Tür, um Mutter und Sohn allein zu lassen.

Jesus umarmt seine Mutter und küßt sie auf die Stirn. Maria küßt zuerst die Hand ihres Sohnes und dann seine rechte Wange. Jesus fordert Maria auf, sich zu setzen und setzt sich dann neben sie auf einen Hocker. Er fordert sie auf, sich zu setzen und hält dabei ihre Hand; und er läßt sie auch nicht los, als Maria sich gesetzt hat.

Auch Jesus ist gedankenverloren, traurig und nachdenklich, obwohl er sich bemüht zu lächeln. Maria beobachtet ihn angstvoll. Arme Mama, die durch die Gnade Gottes und durch die Liebe die Bedeutung dieser Stunde erfaßt. Ihr Gesicht verkrampft sich vor Schmerz, und ihre Augen weiten sich in einer inneren angstvollen Schau. Aber sie macht keine Szene. Sie ist majestätisch wie ihr Sohn. Er spricht zu ihr. Er grüßt sie und empfiehlt sich ihrem Gebet.

«Mama, ich bin gekommen, um Kraft und Trost bei dir zu holen. Ich bin wie ein kleines Kind, Mama, das das Herz der Mutter für seinen Schmerz braucht und den Schoß der Mutter, um Kraft zu schöpfen. Ich bin in dieser Stunde wieder dein kleiner Jesus von einst. Ich bin nicht der Meister, Mama. Ich bin nur dein Sohn, wie in Nazareth, als ich noch klein war, wie in Nazareth vor dem Ende des verborgenen Lebens. Ich habe nur dich. Die Menschen sind in diesem Augenblick keine Freunde deines Jesus

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und nicht treu. Sie haben nicht einmal den Mut zum Guten. Nur die Bösen sind ausdauernd und stark in ihren bösen Werken. Aber du bist mir treu und bist in dieser Stunde meine Stärke, Mama. Hilf mir mit deiner Liebe und deinem Gebet. Von all denen, die mich mehr oder weniger lieben, weißt nur du in dieser Stunde zu beten. Zu beten und zu verstehen. Die anderen feiern und sind ganz von festlichen Gedanken oder verbrecherischen Plänen erfüllt, während ich aus so vielen Gründen leide. Viele Dinge werden nach dieser Stunde sterben. Unter anderem der schwache Mensch in ihnen. Dann werden sie meiner würdig sein, alle, bis auf den, der verloren ist und den keine Macht wenigstens zur Reue zurückzuführen vermag. Aber jetzt sind sie noch schwerfällige Menschen, die nicht fühlen, daß ich sterbe, während sie jubeln und glauben, daß mein Triumph näher denn je bevorsteht. Die Hosanna von vor wenigen Tagen haben sie trunken gemacht. Mama, für diese Stunde bin ich gekommen, und aus der Sicht des Übernatürlichen gehe ich ihr freudig entgegen. Aber mein Inneres fürchtet sie auch, denn dieser Kelch heißt: Verrat, Verleugnung, Gewalt, Lästerung und Verlassenheit. Steh mir bei, Mama. Wie damals, als dein Gebet den Heiligen Geist auf dich herabgerufen hat und du dadurch der Welt den von den Völkern Erwarteten geschenkt hast. Ziehe nun auf deinen Sohn die Kraft herab, die mir hilft, das Werk zu vollbringen, um dessentwillen ich gekommen bin. Mama, leb wohl. Segne mich, Mama; auch anstelle des Vaters. Und verzeihe allen. Wir wollen miteinander verzeihen. Schon jetzt wollen wir unseren Peinigern verzeihen.»

Jesus ist, während er gesprochen hat, zu Füßen seiner Mutter auf die Knie gesunken, schaut sie an und umarmt sie.

Maria weint lautlos, das Antlitz leicht erhoben in einem stillen Gebet zu Gott. Die Tränen rinnen über die bleichen Wangen und fallen in ihren Schoß und auf das Haupt Jesu, das an ihrem Herzen ruht. Maria legt ihre Hand auf das Haupt Jesu, wie um es zu segnen, und beugt sich dann hinab, um sein Haar zu küssen. Sie streichelt sein Haar, seine Schultern und seine Arme, nimmt dann sein Antlitz in die Hände, wendet es zu sich und drückt es an ihr Herz. Sie küßt ihn nochmals unter Tränen auf die Stirn, die Wangen und die schmerzerfüllten Augen und wiegt das arme, müde Haupt, als ob er ein Kind wäre, so wie ich sie in der Höhle das göttliche Kind habe in den Schlaf wiegen sehen. Aber diesmal singt sie nicht. Sie sagt nur mit herzzerreißender Stimme: «Sohn! Sohn! Jesus! Mein Jesus!»

Schließlich erhebt sich Jesus wieder. Er bringt seinen Mantel in Ordnung, bleibt vor Maria stehen, die immer noch weint, und segnet sie seinerseits. Dann geht er zur Tür. Vor dem Hinausgehen sagt er: «Mama, ich werde noch einmal kommen, bevor ich mein Passah feiere. Warte auf mich und bete.» Und er geht hinaus.

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660. DAS PASSAHMAHL

Es beginnt das Leiden des Gründonnerstag.

Die Apostel, zehn von ihnen, sind eifrig mit der Vorbereitung des Abendmahlsaales beschäftigt. Judas ist auf den Tisch geklettert und sieht nach, ob alle Behälter des großen Leuchters mit Öl gefüllt sind. Der Leuchter gleicht einer doppelten Fuchsienblüte, denn fünf Lämpchen in Form von Blütenblättern sitzen rings um einen Stiel. Darunter ist eine zweite Reihe, ein Krönchen aus kleinen Flammen, und ganz unten schließlich hängen an Ketten drei noch kleinere Lämpchen, die die Staubgefäße der leuchtenden Blume bilden. Dann springt Judas mit einem Satz herunter und hilft Andreas, das Geschirr künstlerisch auf dem Tisch zu verteilen, nachdem sie zuvor eine kostbare Tischdecke ausgebreitet haben. Ich höre Andreas sagen: «Was für eine herrliche Leinwand.»

Und Iskariot: «Eine der besten des Lazarus. Martha wollte sie unbedingt bringen.»

«Und diese Kelche, und diese Amphoren!» bemerkt Thomas, der den Wein in die kostbaren Krüge geschüttet hat und sie nun betrachtet, sich in den schlanken Rundungen spiegelt und die ziselierten Griffe mit Kennerblick liebkost.

«Wer weiß, wieviel sie wert sind», bemerkt Judas Iskariot.

«Sie sind gehämmert. Mein Vater wäre begeistert. Silber und Gold in Folien lassen sich leicht biegen, wenn sie heiß sind. Aber wenn man sie so verarbeitet... In einem Augenblick kann man alles zerstören. Ein ungeschickter Schlag genügt. Da braucht es Kraft und Gewandtheit zugleich. Siehst du die Griffe? Herausgearbeitet. Nicht angelötet. Etwas für Reiche... Von der groben Vorarbeit und dem Feilen ist keine Spur mehr zu sehen. Ich weiß nicht, ob du mich verstehst.»

«Und ob ich dich verstehe! Es ist wie bei einem Bildhauer.»

«Genau so.»

Alle bewundern die Amphore. Dann kehren sie zu ihrer Arbeit zurück. Die einen stellen die Stühle auf, die anderen bereiten die Anrichten vor.

Petrus und Simon kommen gleichzeitig herein.

«Oh, da seid ihr endlich! Wo wart ihr denn schon wieder? Nachdem wir mit dem Meister hier angekommen sind, seid ihr noch einmal verschwunden», sagt Iskariot.

«Noch eine Obliegenheit vor dem Mahl», antwortet Simon kurz.

«Hast du Kummer?»

«Ich glaube, daß wir bei dem, was wir in diesen Tagen gehört haben, und aus dem Mund, der nie lügt, allen Grund dazu haben.»

«Und bei dem Gestank von... Petrus, reiß dich zusammen», murmelt Petrus zwischen den Zähnen.

«Auch du... ! Du scheinst mir seit einigen Tagen von Sinnen zu sein. Du

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hast das Gesicht eines Feldhasen, der hinter sich den Schakal spürt», antwortet Judas Iskariot.

«Und du siehst aus wie ein scheuer Fuchs. Auch du bist seit einigen Tagen nicht besonders schön. Du schaust so eigenartig drein. Du schielst direkt... Wen erwartest du oder wen hoffst du zu sehen? Du scheinst selbstsicher, willst selbstsicher erscheinen, aber du gleichst einem, der Angst hat», entgegnet Petrus.

«Oh, was die Angst betrifft: Auch du bist gewiß kein Held!»

«Keiner von uns ist es, Judas. Du trägst den Namen des Makkabäers, aber du bist kein Held. Mein Name bedeutet: "Gott erweist Gnade" ' aber ich schwöre dir, innerlich zittere ich wie einer, der das Unglück mit sich herumträgt und der vor allem bei Gott in Ungnade gefallen ist. Simon des Jonas, der den Namen "der Fels" erhalten hat, ist nun weich geworden wie Wachs über dem Feuer. Und sein Wille reicht nicht aus, daß er sich wieder faßt. Und wer hat ihn je ängstlich gesehen beim schlimmsten Sturm? Matthäus, Bartholomäus und Philippus gleichen Schlafwandlern. Mein Bruder und Andreas seufzen nur noch. Schau dir die beiden Vettern an, sie leiden nicht nur aus Liebe zum Meister, sondern auch als Verwandte. Sie gleichen schon alten Männern. Thomas hat seinen ganzen Frohsinn verloren. Simon scheint wieder der Aussätzige von vor drei Jahren zu sein, so sehr hat ihn der Schmerz angegriffen, ich würde sagen, ausgehöhlt, entmutigt», antwortet ihm Johannes.

«Ja, er hat uns alle angesteckt mit seiner Melancholie», bemerkt Iskariot.

«Mein Vetter Jesus, mein und euer Meister und Herr, ist und ist auch wieder nicht melancholisch. Wenn du damit meinst, daß er traurig ist über den allzu großen Schmerz, den ihm ganz Israel zufügt und den wir sehen, und über den anderen verborgenen Schmerz, den nur er kennt, dann sage ich dir: "Du hast recht." Aber wenn du mit diesem Wort sagen willst, daß er verrückt ist, dann verbiete ich dir das», sagt Jakobus des Alphäus.

«Ist eine melancholische fixe Idee nicht Verrücktheit? Ich habe auch die weltlichen Wissenschaften studiert und kenne mich aus. Er hat zu viel gegeben. Nun ist sein Geist müde.»

«Das heißt wohl, daß er schwachsinnig geworden ist, nicht wahr?» fragt der andere Vetter Judas anscheinend ganz ruhig.

«Genau das! Dein Vater, der Gerechte seligen Angedenkens, dem du so sehr gleichst in deiner Gerechtigkeit und Weisheit, hat es richtig gesehen. Jesus – und das ist das traurige Schicksal vornehmer, aber zu alter und auch geistig altersschwacher Familien – hat immer zu dieser Krankheit geneigt. Zuerst hat sie sich nur wenig bemerkbar gemacht, dann immer stärker. Du hast ja gesehen, wie er Pharisäer und Schriftgelehrte, Sadduzäer und Herodianer angegriffen hat. Er macht sich selbst das Leben

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schwer und wirft sich Prügel in den Weg. Er selbst tut es. Wir... wir haben ihn so sehr geliebt, daß uns die Liebe blind gemacht hat. Aber die, die ihn nicht so abgöttisch liebten: dein Vater, dein Bruder Joseph und vor allen anderen Simon, haben richtig gesehen... Die Augen hätten uns aufgehen sollen bei ihren Worten. Dagegen haben wir uns vom sanften Zauber eines Kranken verführen lassen. Und nun... Au!»

Judas Thaddäus, der so groß ist wie Iskariot, ihm genau gegenübersteht und ihm anscheinend ruhig zuhört, fährt plötzlich auf und schleudert Judas mit einer gewaltigen Ohrfeige rücklings auf einen der Sitze. Dann beugt er sich über den Feigling, der sich nicht wehrt, da er vielleicht fürchtet, Thaddäus könnte sein Verbrechen kennen, und zischt ihm ins Gesicht: «Das ist für den Schwachsinn, du Schlange! Nur weil Passah ist und er nebenan, schlage ich dich nicht in Stücke! Aber merke es dir, merke es dir gut! Wenn ihm etwas zustößt und er nicht mehr da ist, um mich in Schach zu halten, dann kann dir niemand mehr helfen. Es ist, als hätte man dir schon die Schlinge um den Hals gelegt, und meine ehrlichen und starken Handwerkerhände eines Galiläers und Abkömmlings des Siegers über Goliath werden sie zuziehen! Steh auf, du schamloser Feigling! Und richte dich danach!»

Judas steht auf, ganz grün im Gesicht, aber ohne die geringste Reaktion. Und was mich am meisten verwundert, keiner protestiert gegen das ungewohnte Benehmen des Thaddäus. Im Gegenteil... Es ist offensichtlich, daß alle damit einverstanden sind.

Kaum ist die Ruhe wiederhergestellt, kommt Jesus herein. Er erscheint auf der Schwelle der kleinen Tür, die für ihn fast nicht hoch genug ist, betritt die kleine Plattform, breitet die Arme aus und sagt mit seinem sanften, traurigen Lächeln: «Der Friede sei mit euch!» Seine Stimme ist müde, wie die eines Menschen, der seelisch und körperlich leidet.

Er steigt die sechs Stufen hinunter und streichelt das blonde Haupt des Johannes, der ihm entgegengeeilt ist. Er lächelt, als ob er von nichts wüßte, seinem Vetter Judas zu und sagt zu dem anderen Vetter: «Deine Mutter läßt dich bitten, sanftmütig mit Joseph zu sein. Er hat die Frauen nach mir und nach dir gefragt. Es tut mir leid, daß ich ihn nicht begrüßen konnte.»

«Das kannst du morgen noch tun.»

«Morgen? ... Aber es wird noch Zeit sein, ihn zu sehen... Oh, Petrus! Endlich können wir etwas beisammen sein. Seit gestern kommst du mir wie ein Irrlicht vor. Ich sehe dich, dann sehe ich dich wieder nicht. Heute kann ich fast sagen, dich verloren zu haben. Auch dich, Simon.»

«Unsere mehr weißen als schwarzen Haare können dir die Sicherheit geben, daß wir uns nicht aus fleischlichem Hunger entfernt haben», sagt Simon ernst.

«Was das betrifft... kann man diesen Hunger in jedem Alter haben...

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Die Alten sind oft schlimmer als die Jungen ...» sagt Iskariot in beleidigendem Ton.

Simon schaut ihn an und will etwas entgegnen. Aber auch Jesus schaut ihn an und sagt: «Hast du Zahnschmerzen? Deine rechte Wange ist rot und geschwollen.»

«Ja, ich habe Schmerzen. Aber es ist nicht der Rede wert.»

Die anderen sagen nichts, und die Sache ist beendet.

«Habt ihr alles erledigt, was zu tun war? Du, Matthäus? Und du, Andreas? Und du, Judas, hast du an das Opfer für den Tempel gedacht?»

Sowohl die beiden ersteren als auch Iskariot antworten: «Wir haben alles getan, was du uns für heute aufgetragen hast. Sei beruhigt.»

«Ich habe die ersten Früchte des Lazarus zu Johanna des Chuza gebracht. Für die Kinder. Sie haben mir gesagt: "Aber die Äpfel damals waren besser." Sicher, sie hatten den Geschmack des Hungers. Und es waren deine Äpfel!» sagt Johannes lächelnd und verträumt.

Auch Jesus lächelt bei der Erinnerung...

«Ich habe Nikodemus und Joseph gesehen», sagt Thomas.

«Du hast sie gesehen? Du hast mit ihnen gesprochen?» fragt Iskariot mit übertriebenem Interesse.

«Ja. Was ist daran sonderbar? Joseph ist ein guter Kunde meines Vaters.»

«Du hast das vorher nicht gesagt... Deshalb war ich erstaunt... !» Judas versucht die merkliche Angst zu vertuschen, die ihm die Begegnung von Joseph und Nikodemus mit Thomas eingejagt hat.

«Es wundert mich, daß sie nicht hergekommen sind, um dir zu huldigen. Sie nicht, Chuza nicht, Manaen nicht... Keiner von...»

Doch Iskariot unterbricht Bartholomäus mit einem falschen Lachen und sagt: «Das Krokodil zieht sich rechtzeitig in seinen Schlupfwinkel zurück.»

«Was willst du damit sagen? Worauf spielst du an?» fragt Simon so aggressiv wie nie zuvor.

«Friede! Friede! Was habt ihr denn? Es ist der Abend des Passahfestes. Noch nie haben wir das Lamm in einem so würdigen Rahmen verzehrt. Nehmen wir also das Abendmahl im Geist des Friedens ein. Ich sehe, daß ich euch mit meinen Unterweisungen der letzten Abende sehr beunruhigt habe. Aber wie ihr seht, habe ich sie beendet. Nun werde ich euch nicht mehr beunruhigen. Es ist zwar noch nicht alles gesagt, was sich auf mich bezieht. Nur das Wesentliche. Das übrige werdet ihr später verstehen. Es wird euch gesagt werden... Ja, es wird einer kommen, der es euch sagt. Johannes, geh mit Judas und einigen anderen und hole die Becken für die Reinigung. Dann wollen wir uns zu Tisch setzen.» Jesus ist von einer ergreifenden Sanftmut.

Johannes, Andreas, Judas Thaddäus und Jakobus bringen das große

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Becken, gießen Wasser hinein und reichen Jesus und den Gefährten die Handtücher. Danach machen sie es umgekehrt und stellen dann das metallene Becken in eine Ecke.

«Und nun jeder an seinen Platz. Ich hier, Johannes zu meiner Rechten, auf der anderen Seite mein getreuer Jakobus – die beiden ersten Jünger. Nach Johannes mein starker Fels, und nach Jakobus jener, der der Luft gleicht. Man bemerkt ihn nicht, aber er ist immer da und spendet Trost: Andreas. Neben ihm mein Vetter Jakobus. Du bist nicht betrübt, mein lieber Bruder, wenn ich die ersten Plätze den ersten Jüngern gebe? Du bist der Neffe des Gerechten, dessen Geist über mir schwebt und der mir in dieser Stunde näher ist denn je. Sei im Frieden, du Vater des schwachen Kindes, du Eiche, in deren Schatten Mutter und Sohn Erquickung fanden! Sei im Frieden... ! Nach Petrus, Simon... Simon, komm einen Augenblick hierher. Ich will dein treues Gesicht betrachten. Später werde ich dich nur schlecht sehen können, denn andere werden mir dein ehrliches Gesicht verdecken. Danke, Simon, für alles», und Jesus küßt ihn.

Als er ihn losläßt, geht Simon an seinen Platz und schlägt einen Augenblick, von Trauer überwältigt, die Hände vors Gesicht.

«Simon gegenüber, mein Bartholomäus. Zwei Rechtschaffene und zwei Weise, die sich ineinander spiegeln. Sie passen gut zusammen. Daneben du, mein Bruder Judas. So kann ich dich sehen... und glaube, in Nazareth zu sein... als die Feste uns alle an einem Tisch vereinten... Auch zu Kana... Erinnerst du dich? Wir waren beisammen. Ein Fest... ein Hochzeitsfest... das erste Wunder... das in Wein verwandelte Wasser... Auch heute ein Fest... Und auch heute wird es ein Wunder geben... Der Wein wird sich verwandeln... und wird zu...»

Jesus versinkt in Gedanken. Mit seinem gebeugten Haupt scheint er allein zu sein in seiner verborgenen Welt. Die anderen sehen ihn an und sagen nichts.

Dann erhebt er das Haupt wieder und sieht Judas Iskariot fest an und sagt: «Du wirst mir gegenüber sitzen.»

«So sehr liebst du mich? Mehr als Simon, da du mich immer vor Augen haben willst?»

«So sehr, du hast es gesagt.»

«Warum, Meister?»

«Weil du derjenige bist, der mehr als alle anderen zu dieser Stunde beigetragen hat.»

Judas schaut den Meister und die Gefährten mit Blicken sehr verschiedener Art an. Den Meister mit etwas ironischem Mitleid, die anderen mit sieghafter Miene.

«Und neben dir auf der einen Seite Matthäus und auf der anderen Thomas.»

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«Also dann Matthäus zu meiner Linken und Thomas zu meiner Rechten.»

«Wie du willst, wie du willst», sagt Matthäus. «Es genügt mir, wenn ich meinen Erlöser vor mir habe.»

«Zuletzt Philippus. So, seht ihr? Wer nicht die Ehre hat, an meiner Seite zu sitzen, der hat die Ehre, mir gegenüber zu sitzen.»

Jesus, der sehr gerade an seinem Platz sitzt, gießt Wein in den großen Kelch, der vor ihm steht. Alle haben hohe Kelche vor sich, aber der Kelch Jesu ist sehr viel größer als die übrigen: es muß wohl der rituelle Kelch sein. Er erhebt den Kelch, opfert ihn und stellt ihn wieder auf den Tisch.

Alle fragen nun miteinander in psalmodierendem Ton: «Warum diese Zeremonie?» Eine formelle Frage, die zum Ritus gehört, versteht sich.

Worauf Jesus als Familienoberhaupt antwortet: «Dieser Tag erinnert uns an die Befreiung aus Ägypten. Jahwe sei gepriesen, der die Früchte des Weinstocks geschaffen hat.» Er trinkt einen Schluck von diesem aufgeopferten Wein und reicht den Kelch den anderen. Dann opfert er das Brot, bricht es und verteilt es, ebenso die Kräuter, die er in eine rötliche Sauce taucht, die sich in vier Schüsselchen befindet.

Nach Beendigung dieses Teils des Mahles singen alle im Chor Psalmen. Dann bringt man von der Anrichte die große Platte mit dem gebratenen Lamm und stellt sie vor Jesus.

Petrus, der... sozusagen die Hauptrolle im Chor spielt, fragt nun: «Warum dieses Lamm?»

«Zum Andenken daran, daß Israel durch das geschlachtete Lamm gerettet wurde. Kein Erstgeborener wurde getötet, wo das Blut an Türpfosten und Türsturz glänzte. Und danach, als ganz Ägypten, vom Palast bis in die elendste Hütte, die tote Erstgeburt beweinte, zogen die Hebräer, geführt von Moses, zum Land der Freiheit und der Verheißung. Die Lenden gegürtet, Schuhe an den Füßen und den Wanderstab in den Händen, machte sich das Volk Abrahams unter Hymnen der Freude auf den Weg.»

Alle erheben sich nun und stimmen an: «Als Israel zog aus Ägypten, Jakobs Stamm aus dem fremden Volk: Zum Heiligtum ward Juda» usw. usw.

Nun zerlegt Jesus das Lamm, füllt nochmals den Kelch und reicht ihn, nachdem er getrunken hat, weiter. Sie singen jetzt: «Ihr Diener des Herrn, lobsinget dem Namen des Herrn! Der Name des Herrn sei gepriesen, jetzt und in Ewigkeit. Vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang: der Name des Herrn sei gepriesen» usw.

Jesus teilt aus und achtet darauf, daß jeder seinen Teil erhält; wie ein Familienvater unter seinen Kindern, die er alle liebt. Er ist feierlich, ein wenig traurig, während er sagt: «Sehnlichst habe ich danach verlangt, dieses Ostermahl mit euch zu essen. Es war mein größter Wunsch seit aller Ewigkeit, da ich "der Erlöser" war. Ich wußte, daß diese Stunde der anderen

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vorausgehen würde, und die Freude, mich hinzugeben, bedeutete schon im voraus Linderung meiner Leiden... Sehnlichst habe ich danach verlangt, mit euch dieses Ostermahl zu essen, denn nie mehr werde ich von der Frucht des Rebstocks kosten, bis das Reich Gottes gekommen ist. Dann werde ich mich erneut mit den Auserwählten zum Mahl des Lammes setzen, bei der Hochzeit der Lebenden mit dem Lebenden. Aber daran werden nur teilnehmen, die demütig und reinen Herzens gewesen sind, wie ich es bin.»

«Meister, vor kurzem hast du gesagt, wer nicht die Ehre hat, an deiner Seite zu sitzen, der hat die Ehre, dir gegenüber zu sitzen. Wie können wir also wissen, wer der erste unter uns ist?» fragt Bartholomäus.

«Alle und keiner. Einmal... kamen wir müde zurück... und waren angewidert vom Haß der Pharisäer. Aber ihr wart nicht zu müde, um darüber zu streiten, wer der größte unter euch sei... Ein Kind kam zu mir... ein kleiner Freund... und seine Unschuld besänftigte meinen Widerwillen gegen so vieles. Nicht zuletzt gegen eure menschliche Starrköpfigkeit. Wo bist du nun, kleiner Benjamin, mit deiner weisen Antwort, die dir vom Himmel eingegeben wurde, weil du ein Engel warst und der Geist zu dir sprach 9 Ich habe euch damals gesagt: "Wer der erste sein will, soll der letzte Diener aller sein." Und ich habe euch das weise Kind als Beispiel vor Augen gestellt. Nun sage ich euch: "Die Könige der Völker herrschen über sie. Und die unterdrückten Völker jubeln ihnen zu, obwohl sie sie hassen. Und die Könige lassen sich 'Wohltäter' und 'Vater des Vaterlandes' nennen, aber der Haß schwelt unter der falschen Ehrerbietung." Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch werde wie der Geringste, und der Führer wie der Diener. Denn wer ist größer? Der zu Tische sitzt oder der bedient? Der zu Tische sitzt. Und doch diene ich euch. Und bald werde ich euch noch mehr dienen. Ihr seid die, die mit mir ausgeharrt haben in meinen Prüfungen. Und ich bestimme euch einen Platz in meinem Reich, so wie ich darin König sein werde, wie es mir mein Vater bestimmt hat. Ihr sollt essen und trinken an meinem ewigen Tisch und auf Thronen sitzen, zu richten die zwölf Stämme Israels. Ihr habt mit mir ausgeharrt in meinen Prüfungen... Nur dies macht euch groß in den Augen des Vaters.»

«Und die noch kommen werden? Werden sie keinen Platz im Reich erhalten? Nur wir allein?»

«Oh, wie viele Fürsten wird es in meinem Haus geben! Alle, die in den Prüfungen des Lebens Christus treu geblieben sind, werden Fürsten in meinem Reich sein. Denn alle, die bis zum Ende im Martyrium des irdischen Lebens ausgeharrt haben, werden euch gleich sein, die ihr mit mir in meinen Prüfungen ausgeharrt habt. Ich identifiziere mich mit meinen Gläubigen. Der Schmerz, den ich für euch und für alle Menschen auf mich nehme, ist eine Lehre für die besonders Erwählten. Wer mir im Leid treu ist, wird wie ihr, meine Erwählten, selig werden und euch gleich.»

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«Wir haben bis zum Ende ausgeharrt.»

«Glaubst du, Petrus? Ich sage dir, die Stunde der Prüfung steht noch bevor. Simon, Simon des Jonas, siehe, Satan hat verlangt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, auf daß dein Glaube nicht wanke. Du aber, stärke deine Brüder nach deiner Umkehr.»

«Ich weiß, daß ich ein Sünder bin. Aber ich werde dir bis zum Tod treu bleiben. Diese Sünde habe ich nicht begangen. Nie werde ich sie begehen.»

«Sei nicht überheblich, mein Petrus. Diese Stunde wird viele Dinge ändern, die zuvor so waren und nun anders sein werden. Wie viele! ... Sie bringen neue Notwendigkeiten und ziehen sie nach sich. Ihr wißt es. Ich habe euch immer gesagt, auch wenn wir durch einsame Gegenden gingen, wo es Räuber gab: "Fürchtet euch nicht. Es wird euch nichts Böses geschehen, denn die Engel des Herrn sind bei uns. Bekümmert euch um nichts." Erinnert ihr euch noch daran, als ich zu euch sagte: "Sorgt euch nicht, was ihr essen oder womit ihr euch bekleiden sollt. Der Vater kennt unsere Bedürfnisse?" Ich habe euch auch gesagt: "Der Mensch ist viel mehr als ein Sperling oder eine Blume, die heute Gras und morgen Heu ist. Und doch sorgt der Vater auch für die Blume und den Vogel. Könnt ihr also daran zweifeln, daß er für euch sorgt?" Ich habe gesagt: "Gebt allen, die euch um etwas bitten, und dem, der euch schlägt, haltet auch die andere Wange hin." Ich habe gesagt: "Nehmt weder Tasche noch Stab." Denn ich habe euch Liebe und Vertrauen gelehrt. Aber nun... Nun ist eine andere Zeit. Nun frage ich euch: "Hat euch bis jetzt jemals etwas gefehlt? Seid ihr je beleidigt worden?"»

«Nichts, Meister. Und nur du bist beleidigt worden.»

«Seht ihr also, daß mein Wort Wahrheit ist? Aber nun hat der Herr alle seine Engel zurückgerufen. Nun ist die Stunde der Dämonen... Die Engel des Herrn bedecken ihre Augen mit ihren goldenen Flügeln. Sie verhüllen sich und bedauern, daß ihre Flügel nicht die Farbe der Trauer haben, denn dies ist die Stunde der Trauer, der grausamen Trauer, des Sakrilegs... Heute abend sind keine Engel auf der Erde. Sie sind am Thron Gottes, um mit ihren Gesängen die Flüche der gottesmörderischen Welt und die Klagen der Unschuldigen zu übertönen. Wir sind allein... Ich und ihr: allein. Und die Dämonen sind die Herren der Stunde. Daher werden wir das Äußere und die Maßstäbe der armen Menschen, die nicht lieben und mißtrauen, annehmen. Wer nun eine Tasche hat, der nehme noch einen Sack, und wer kein Schwert hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe eines. Denn auch dies steht in der Schrift über mich geschrieben und muß sich erfüllen: "Unter die Übeltäter ward er gezählt." Wahrlich, ich sage euch, alles was mir bestimmt ist, kommt jetzt zu Ende.»

Simon, der sich erhoben hat und zu der Truhe gegangen ist, auf der er seinen prächtigen Mantel abgelegt hat – denn heute abend tragen sie alle ihre besten Kleider und auch Dolche, verzierte, sehr kurze Dolche, eher

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Messer als Dolche, an den schönen Gürteln – nimmt zwei Schwerter, zwei wirkliche, lange, leicht gekrümmte Schwerter, und bringt sie Jesus: «Ich und Petrus, wir haben uns heute abend bewaffnet. Wir haben dies hier. Aber die anderen haben nur ihre kurzen Dolche.»

Jesus nimmt die Schwerter und betrachtet sie, zieht eines aus der Scheide und prüft die Klinge mit dem Fingernagel. Es ist ein sonderbarer Anblick und ein noch sonderbarerer Eindruck, diese grausame Waffe in den Händen Jesu zu sehen.

«Wer hat sie euch gegeben?» fragt Iskariot, während Jesus ihn betrachtet und schweigt. Judas scheint auf glühenden Kohlen zu sitzen...

«Wer? Erinnere dich, daß mein Vater vornehm und mächtig war.»

«Aber Petrus ...»

«Nun und? Seit wann muß ich Rechenschaft ablegen über die Geschenke, die ich meinen Freunden machen will?»

Jesus hebt das Haupt, nachdem er die Waffe wieder in die Scheide gesteckt hat. Er gibt sie dem Zeloten zurück.

«Es ist gut. Sie genügen. Du hast gut daran getan, sie mitzubringen. Aber nun, bevor wir den dritten Kelch trinken, wartet einen Augenblick. Ich habe euch gesagt, daß der Größte dem Geringsten gleich ist, und daß ich an diesem Tisch das Gewand des Dieners trage und euch noch mehr dienen werde. Bisher habe ich euch Speise gegeben und damit dem Leib gedient. Nun will ich euch eine Nahrung für die Seele geben. Es ist kein Gericht des alten Ritus. Es gehört zum neuen Ritus. Ich wollte mich taufen lassen, bevor ich der "Meister" wurde. Um das Wort zu verkünden, genügte diese Taufe. Nun wird das Blut vergossen werden. Und auch für euch ist noch eine Waschung nötig, obwohl ihr euch schon seinerzeit beim Täufer und auch heute im Tempel gereinigt habt. Aber das genügt nicht. Unterbrecht das Mahl. Es gibt etwas Höheres und Notwendigeres als die Speise, die nur den Bauch füllt, auch wenn es eine heilige Speise ist wie das Ostermahl. Und es ist ein reiner Geist, der bereit ist, die Gabe des Himmels zu empfangen, die schon herniedersteigt, um ihren Thron in euch zu errichten und euch das Leben zu geben; um den Reinen das Leben zu geben.»

Jesus steht auf, heißt auch Johannes aufstehen, um besser seinen Platz verlassen zu können, geht zu einer Truhe, zieht das rote Gewand aus und legt es auf den schon zusammengefalteten Mantel, bindet sich ein großes Handtuch um die Lenden und geht dann zu einem leeren und noch unbenutzten Becken. Er gießt Wasser hinein, trägt es in die Mitte des Saales und stellt es auf einen Schemel. Die Apostel schauen verwundert zu.

«Ihr fragt mich nicht, was ich tue?»

«Wir wissen es nicht. Aber ich sage dir, wir sind schon gereinigt», antwortet Petrus.

«Und ich wiederhole dir, das spielt keine Rolle. Meine Reinigung wird jene, die schon rein sind, noch reiner machen.»

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Er kniet nieder, löst Iskariot die Sandalen und wäscht ihm die Füße, einen nach dem anderen. Das ist nicht schwierig, denn die Liegen stehen so, daß die Füße nach außen zeigen. Judas ist erstaunt, sagt aber nichts. Nur als Jesus, bevor er die linke Sandale wieder anlegt und aufsteht, den rechten, schon bekleideten Fuß küssen will, zieht Judas ihn so heftig zurück, daß er mit der Sohle den göttlichen Mund trifft. Er tut es, ohne es zu wollen, und es ist kein starker Stoß. Aber er schmerzt mich sehr. Jesus lächelt und zu dem Apostel, der ihn fragt: «Habe ich dir wehgetan? Das habe ich nicht gewollt... Verzeih!», sagt er: «Nein, Freund, du hast es ohne böse Absicht getan, und das tut nicht weh.» Judas sieht ihn an. Es ist ein unruhiger, ausweichender Blick...

Jesus geht nun zu Thomas, dann zu Philippus... Nun geht er um die Schmalseite des Tisches herum und kommt zu seinem Vetter Jakobus. Er wäscht ihn und küßt ihn dann beim Aufstehen auf die Stirn. Er kommt zu Andreas, der rot vor Scham ist und gegen die Tränen ankämpft. Er wäscht und liebkost ihn wie ein Kind. Dann ist Jakobus des Zebedäus an der Reihe, der nur ständig murmelt: «Oh, Meister! Meister! Meister! So demütigt sich mein höchster Meister!» Johannes hat schon seine Sandalen gelöst, und während Jesus sich bückt, um seine Füße abzutrocknen, küßt Johannes ihn auf den Scheitel. Aber Petrus! ... Es ist nicht leicht, ihn von der Notwendigkeit dieses Ritus zu überzeugen.

«Du mir die Füße waschen? Gar nicht daran zu denken! Solange ich lebe, werde ich dies nie erlauben! Ich bin ein Wurm, und du bist Gott. Jeder an seinem Platz.»

«Was ich jetzt tue, kannst du noch nicht verstehen. Aber später wirst du es verstehen. Laß mich nur gewähren.»

«Alles, was du willst. Meister. Willst du mir den Hals abschneiden, dann tue es. Aber die Füße wäschst du mir nicht.»

«Oh, mein Simon, weißt du nicht, daß du keinen Anteil an meinem Reich haben wirst, wenn ich dich nicht wasche?! Simon, Simon! Du hast dieses Wasser nötig für deine Seele und den weiten Weg, den du gehen mußt. Willst du nicht mit mir kommen? Wenn ich dich nicht wasche, kommst du nicht in mein Reich.»

«Oh, mein gepriesener Herr! Dann wasche mich nur ganz! Füße, Hände und Haupt!»

«Wer, wie ihr, ein Bad genommen hat, braucht nur noch die Füße zu waschen. Dann ist er vollkommen rein. Die Füße... Der Mensch geht mit den Füßen durch den Schmutz. Aber das wäre noch wenig, denn ich habe euch bereits gesagt: nicht das, was mit der Nahrung hinein- und herauskommt, verunreinigt, und nicht der Staub der Straße an den Füßen befleckt den Menschen, sondern was in seinem Herzen gärt und reift und dort herauskommt verunreinigt seine Werke und seine Glieder. Die Füße des Menschen mit unreinem Herzen gehen zur Prasserei, zur Unzucht, zu

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unerlaubten Geschäften, zum Verbrechen... Daher sind es von allen Gliedern des Leibes die Füße, die am meisten der Reinigung bedürfen... zusammen mit den Augen, dem Mund... Oh, Mensch! Mensch! Einst ein vollkommenes Geschöpf! Am ersten Tag. Und dann durch den Verführer so verdorben! Keine Bosheit war in dir, o Mensch, und keine Sünde! ... Und nun? Du bist ganz Bosheit und Sünde, und es ist kein Teil an dir, der nicht sündigt!»

Jesus hat Petrus die Füße gewaschen und geküßt, und der Apostel weint und ergreift mit seinen großen Händen die beiden Hände Jesu, legt sie auf seine Augen und küßt sie dann.

Auch Simon hat seine Sandalen ausgezogen und läßt sich wortlos die Füße waschen. Aber dann, als Jesus zu Bartholomäus gehen will, kniet Simon nieder und küßt seine Füße mit den Worten: «Reinige mich vom Aussatz der Sünde, wie du mich vom Aussatz des Leibes gereinigt hast, damit ich in der Stunde des Gerichtes nicht beschämt werde, mein Erlöser!»

«Fürchte nicht, Simon. Du wirst in die himmlische Stadt eingehen, so rein und weiß wie der Schnee der Berge.»

«Und ich, Herr? Was sagst du deinem alten Bartholomäus? Du hast mich im Schatten des Feigenbaumes gesehen und in meinem Herzen gelesen. Und nun, was siehst du, und wo siehst du mich? Beruhige einen armen Greis, der fürchtet, keine Kraft und Zeit mehr zu haben, um so zu werden, wie du uns haben willst!» Bartholomäus ist zutiefst erschüttert.

«Auch du, fürchte nicht. Ich habe damals gesagt: "Siehe, ein wahrer Israelit, an dem kein Falsch ist." Nun sage ich: "Siehe, ein wahrer Christ, der Christi würdig ist." Wo ich dich sehe? Auf einem ewigen Thron, mit Purpur bekleidet. Ich werde immer mit dir sein.»

Nun ist Judas Thaddäus an der Reihe. Als er Jesus zu seinen Füßen sieht, kann er sich nicht mehr beherrschen. Er neigt das Haupt auf seinen auf den Tisch gestützten Arm und weint.

«Weine nicht, mein lieber Bruder. Nun gleichst du einem, der die Abtrennung eines Gliedes erleiden muß und glaubt, es nicht ertragen zu können. Aber es wird nur ein kurzer Schmerz sein. Dann... oh, dann wirst du glücklich sein, denn du liebst mich. Du heißt Judas und du bist wie unser großer Judas: ein Riese. Du bist der, der beschützt. Deine Taten sind die eines brüllenden Löwen und Löwenjungen. Du wirst die Gottlosen beschämen, die vor dir zurückweichen werden, und die Ungerechten werden vor dir zuschanden werden. Ich weiß es. Sei stark! Eine ewige Vereinigung wird unsere Verwandtschaft im Himmel noch enger und vollkommener werden lassen.» Jesus küßt ihn, wie den anderen Vetter, auf die Stirn.

«Ich bin ein Sünder, Meister. Mir nicht...»

«Du warst ein Sünder, Matthäus. Nun bist du der Apostel. Du bist eine meiner "Stimmen". Ich segne dich. Diese Füße, welch weiten Weg sind sie gegangen, vorwärts, zu Gott... Die Seele hat sie geführt, und sie haben

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jeglichen Weg verlassen, der nicht mein Weg war. Gehe weiter. Weißt du, wo der Weg endet? Am Herzen meines und deines Vaters.»

Jesus ist fertig. Er nimmt das Handtuch ab, wäscht sich in sauberem Wasser die Hände, legt das Oberkleid wieder an, kehrt an seinen Platz zurück, setzt sich und sagt:

«Nun seid ihr rein. Aber nicht alle. Nur die, die den Willen haben, es zu sein.»

Jesus schaut Judas Iskariot fest an, der vorgibt, nichts zu hören, und gerade Matthäus erklärt, wie sein Vater beschloß, ihn nach Jerusalem zu schicken. Ein unnützes Gespräch, mit dem Judas nur bezweckt, sich Haltung zu geben, denn er muß sich sehr unwohl fühlen, trotz aller Frechheit.

Jesus füllt zum dritten Mal den gemeinsamen Kelch. Er trinkt daraus und gibt ihn weiter. Dann stimmt er den Psalm an und die anderen fallen ein: «Ich liebe den Herrn, denn er hörte die Stimme meines Flehens. Er neigte sein Ohr mir zu. Alle Tage meines Lebens rufe ich ihn an. Mich umwanden die Stricke des Todes», usw. Ein Augenblick Pause. Dann fängt Jesus wieder zu singen an: «Ich war voll Vertrauen, auch wenn ich sagte: Gar tief bin ich niedergebeugt. Ich sprach in meiner Bestürzung: Die Menschen alle, sie trügen!» Er schaut Judas fest an. Die heute abend müde Stimme meines Jesus wird kräftiger, als er nun ausruft: «Gar kostbar in den Augen des Herrn ist der Tod seiner Heiligen. Du hast gelöst meine Fessel. Dir will ich weihen das Opfer des Lobes, und anrufen will ich den Namen des Herrn» usw. usw. Nach einer weiteren kurzen Pause fährt er fort: «Lobet den Herrn, ihr Nationen, ihr Völker alle, lobpreiset ihn! Denn mächtig waltet über uns seine Gnade, und seine Wahrheit währet ewiglich.» Noch eine kurze Pause, dann ein langer Lobgesang: «Danket dem Herrn, denn er ist gut und ewig währet sein Erbarmen ...»

Judas Iskariot singt so falsch, daß Thomas ihm zweimal mit seinem mächtigen Bariton den Ton angibt und ihn dabei fest anschaut. Auch die anderen schauen ihn an, denn im allgemeinen singt er immer richtig, und ich habe bemerkt, daß er sich ebenso etwas auf seine Stimme zugute tut wie auf vieles andere. Aber heute abend! Manche Sätze bringen ihn so aus der Fassung, daß er völlig falsch singt, und ebenso einige Blicke Jesu, die diese Sätze noch unterstreichen. Einer davon ist: «Besser, seine Zuflucht nehmen zum Herrn, als zu bauen auf Menschen.» Ein anderer ist: «Gestoßen ward ich, ich sollte fallen; der Herr aber stand mir bei.» Noch ein anderer ist: «Ich werde nicht sterben, ich lebe, und künden will ich die Taten des Herrn.» Und endlich die beiden, bei denen dem Verräter die Stimme gänzlich im Hals steckenbleibt: «Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden» und «Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.»

Als der Psalm zu Ende ist und Jesus noch einmal Stücke von dem Lamm

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abschneidet und verteilt, fragt Matthäus Judas Iskariot: «Geht es dir nicht gut?»

«Nein. Laß mich in Ruhe. Kümmere dich nicht um mich.»

Matthäus zuckt die Achseln.

Johannes, der zugehört hat, sagt: «Auch dem Meister geht es nicht gut. Was hast du, mein Jesus? Deine Stimme ist schwach. Wie die eines Kranken oder eines Menschen, der viel geweint hat», und er umarmt ihn und legt sein Haupt an Jesu Brust.

«Er hat nur viel geredet, und ich bin viel gelaufen und habe mich erkältet», sagt Judas nervös.

Ohne darauf einzugehen, sagt Jesus zu Johannes: «Du kennst mich nun... und du weißt, was mich müde macht...»

Das Lamm ist beinahe aufgegessen. Jesus, der nur sehr wenig gegessen und von jedem Kelch nur einen Schluck Wein genommen hat, stattdessen aber viel Wasser trinkt, als ob er Fieber hätte, beginnt nun wieder zu reden: «Ich will, daß ihr meine Geste von zuvor versteht. Ich habe euch gesagt, daß der Erste wie der Letzte ist, und daß ich euch eine Speise geben werde, die nicht für den Leib ist. Eine Speise der Demut habe ich euch gegeben. Für eure Seele. Ihr nennt mich: Meister und Herr. Ihr habt recht, denn ich bin es. Wenn ich euch nun die Füße gewaschen habe, so müßt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr tut wie ich. Wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht mehr als sein Herr und der Apostel nicht mehr als der, der ihn zum Apostel gemacht hat. Versucht, diese Dinge zu verstehen. Wenn ihr sie versteht und danach handelt, werdet ihr selig sein. Aber nicht alle werdet ihr selig sein. Ich kenne euch. Ich weiß, wen ich erwählt habe. Nicht von euch allen spreche ich. Aber ich sage die Wahrheit. Andererseits muß sich erfüllen, was über mich geschrieben steht: "Der mein Brot ißt, hat seine Ferse wider mich erhoben." Alles sage ich euch, ehe es eintritt, damit ihr nicht an mir zweifelt. Wenn alles erfüllt ist, wird euer Glaube, daß ich bin, der ich bin, noch stärker sein. Wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat: den heiligen Vater, der im Himmel ist. Wer einen aufnimmt, den ich sende, der nimmt mich auf. Denn ich bin im Vater, und ihr seid in mir... Aber nun wollen wir den Ritus beenden.»

Er gießt wieder Wein in den großen Kelch. Bevor er aber trinkt und den anderen den Kelch reicht, steht er auf – alle folgen seinem Beispiel -und singt noch einmal einen der Psalmen von zuvor: «Ich war voll Vertrauen, auch wenn ich sagte ...» und dann einen, der endlos zu sein scheint. Er ist schön, aber endlos! Ich glaube ihn als den Psalm 118 zu erkennen, wegen seiner Anfangsworte und seiner Länge. Einen Teil singen sie alle zusammen. Dann singt einer ein Distichon und die anderen ein Stück im Wechsel, und so bis zum Ende. Ich wundere mich nicht, daß sie am Ende Durst haben!

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Jesus setzt sich. Er streckt sich nicht aus, sondern setzt sich so wie wir und sagt: «Nun, da der alte Ritus beendet ist, feiere ich den neuen Ritus. Ich habe euch ein Wunder der Liebe versprochen. Nun ist die Stunde, es zu wirken. Deshalb habe ich dieses Passahfest herbeigesehnt. Von nun an ist dies die Opfergabe, die in einem ewigen Ritus der Liebe dargebracht werden wird. Ich habe euch mein ganzes irdisches Leben lang geliebt, meine Freunde. Ich habe euch seit aller Ewigkeit geliebt, meine Kinder. Ich will euch lieben bis ans Ende. Es gibt nichts Größeres als dies. Denkt daran. Ich gehe von euch. Doch durch das Wunder, das ich nun wirke, werden wir für immer vereint bleiben.»

Jesus nimmt ein noch ganzes Brot und legt es auf den vollen Kelch. Er segnet und opfert beides, bricht dann das Brot in dreizehn Stücke, gibt jedem Apostel eines und sagt: «Nehmet und esset. Das ist mein Leib. Tut dies zu meinem Gedächtnis, denn ich verlasse euch.»

Dann reicht er ihnen den Kelch und sagt: «Nehmet und trinket. Das ist mein Blut. Das ist der Kelch des neuen Bundes in meinem Blut und durch mein Blut, das für euch zur Vergebung eurer Sünden vergossen wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis.»

Jesus ist todtraurig. Jegliche Spur eines Lächelns, aller Glanz und alle Farbe sind aus seinem Gesicht gewichen. Es ist schon von Todesangst gezeichnet. Die Apostel betrachten ihn bange.

Jesus erhebt sich und sagt: «Bleibt sitzen. Ich komme sofort zurück.» Er nimmt das dreizehnte Brotstückchen und den Kelch und verläßt den Saal.

«Er geht zur Mutter», flüstert Johannes.

Judas Thaddäus seufzt: «Arme Frau!»

Petrus fragt leise: «Glaubst du, sie weiß es?»

«Sie weiß alles. Sie hat immer alles gewußt.»

Alle sprechen sie so leise, als ob ein Toter im Raum wäre.

«Aber glaubt ihr, daß er wirklich...» fragt Thomas, der es immer noch nicht fassen kann.

«Du zweifelst noch daran? Es ist seine Stunde», antwortet ihm Jakobus des Zebedäus.

«Gott möge uns die Kraft geben, ihm treu zu bleiben», sagt der Zelote.

«Oh, ich ...» will Petrus eben sagen. Aber Johannes, der achtgibt, sagt: «Pst! Er kommt.»

Jesus kommt wieder herein. Er hat den leeren Kelch in der Hand. Auf seinem Grund ist noch eine Spur Wein zurückgeblieben und im Schein der Lampe sieht er wirklich wie Blut aus.

Judas Iskariot, der den Kelch vor sich hat, schaut ihn wie gebannt an und wendet dann den Blick ab. Jesus bemerkt es, und ein Schauer läuft über seinen Körper, den Johannes, der sich wieder an seine Brust gelehnt hat, spürt. «Aber, du zitterst ja ...» ruft er aus.

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«Nein, ich zittere nicht im Fieber. – . Ich habe euch alles gesagt und alles gegeben. Mehr konnte ich euch nicht geben. Mich selbst habe ich euch gegeben.»

Er macht die sanfte Bewegung seiner Hände, bei der er sie zuerst faltet, dann öffnet und etwas ausstreckt, während er das Haupt senkt, als wollte er sagen: «Verzeiht, wenn ich nicht mehr kann. So ist es.»

«Alles habe ich euch gesagt, und alles habe ich euch gegeben. Ich wiederhole euch, der neue Ritus ist erfüllt. Tut dies zu meinem Gedächtnis. Ich habe euch die Füße gewaschen, um euch zu lehren, rein und demütig zu sein wie euer Meister. Denn wahrlich, ich sage euch, wie der Meister ist, so sollen auch die Jünger sein. Denkt daran, denkt daran. Auch wenn ihr oben sein werdet, denkt daran. Kein Jünger ist mehr als der Meister. Wie ich euch gewaschen habe, so tut es auch gegenseitig. Das heißt, liebt einander wie Brüder, helft einander, achtet euch gegenseitig und gebt einander ein gutes Beispiel. Seid rein. Um würdig das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist, zu essen, damit ihr durch dieses Brot die Kraft erhaltet, meine Jünger zu sein in einer feindlichen Welt, die euch um meines Namens willen hassen wird. Aber einer von euch ist nicht rein. Einer von euch wird mich verraten. Daher ist meine Seele erschüttert... Die Hand meines Verräters ist mit mir auf dem Tisch, und weder meine Liebe, noch mein Fleisch und Blut, noch mein Wort können ihn ändern und zur Reue bewegen. Ich würde ihm verzeihen und auch für ihn in den Tod gehen.»

Die Jünger sehen sich entsetzt an. Sie prüfen sich gegenseitig mißtrauisch. Petrus durchbohrt Judas mit Blicken und erinnert sich an alle seine Zweifel. Judas Thaddäus springt auf die Füße und schaut Iskariot über Matthäus hinweg an.

Aber Judas gibt sich so sicher. Er sieht nun seinerseits Matthäus an, so als würde er ihn verdächtigen. Dann schaut er Jesus lächelnd an und fragt: «Bin ich es etwa?» Es scheint, daß er seiner eigenen Redlichkeit am allersichersten ist und dies nur sagt, damit die Unterhaltung nicht ins Stocken gerät.

Jesus wiederholt seine Geste von zuvor und sagt: «Du sagst es, Judas des Simon. Nicht ich. Du sagst es. Ich habe dich nicht genannt. Warum klagst du dich an? Frage deinen inneren Warner, dein Gewissen als Mensch, das Gott der Vater dir gegeben hat, damit du dich wie ein Mensch benimmst, und höre, ob es dich anklagt. Du wirst es vor allen anderen wissen. Aber wenn es dich beruhigt, warum sagst du dann ein Wort und denkst an eine Tatsache, die auszusprechen oder zu denken selbst im Scherz schon Gotteslästerung ist?»

Jesus spricht ganz ruhig. Er scheint die aufgestellte These auszuführen, wie es etwa ein Gelehrter vor seinen Schülern tut. Die Aufregung ist groß. Doch durch die Ruhe Jesu legt sie sich.

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Aber Petrus, der Judas am meisten mißtraut – vielleicht Thaddäus ebenso, obwohl es weniger den Anschein hat, denn die Frechheit des Iskariot hat ihn entwaffnet – zieht Johannes, der sich an Jesus geschmiegt hat, als von Verrat die Rede war, am Ärmel. Und als Johannes sich umdreht, flüstert er ihm zu: «Frage ihn, wer es ist.»

Johannes nimmt seine vorige Stellung wieder ein, hebt nur leicht das Haupt, als wolle er Jesus küssen, und flüstert ihm dabei ins Ohr: «Meister, wer ist es?»

Jesus antwortet ganz leise und küßt Johannes auf den Scheitel: «Der ist es, dem ich den Bissen Brot eintauchen und reichen werde.»

Er nimmt ein noch ganzes Brot, nicht den Rest des für die Eucharistie Verwendeten, und bricht einen großen Bissen ab, taucht ihn in den Saft des Lammes in der Schüssel, streckt seinen Arm über den Tisch und sagt: «Nimm, Judas. Du magst dies gern.»

«Danke, Meister. Ja, ich mag das gern.» In Unkenntnis darüber, was dieser Bissen bedeutet, ißt er ihn. Johannes schließt entsetzt die Augen, um das gräßliche Lachen des Iskariot nicht sehen zu müssen, während dieser mit seinen kräftigen Zähnen in das anklagende Brot beißt.

«Gut. Nun, da du zufrieden bist, geh», sagt Jesus zu Judas. «Alles ist hier (er betont dieses Wort ganz besonders) vollbracht. Was anderswo noch zu tun ist, das tue bald, Judas des Simon.»

«Ich gehorche dir sofort, Meister. Später treffe ich dich in Gethsemane. Du gehst doch dorthin, nicht wahr? Wie immer?»

«Ich gehe dorthin... wie immer... ja.»

«Was hast du zu tun?» fragt Petrus. «Gehst du allein?»

«Ich bin doch kein Kind», spöttelt Judas, der bereits seinen Mantel anlegt.

«Laß ihn gehen. Er und ich wissen, was zu tun ist», sagt Jesus.

«Ja, Meister.» Petrus schweigt. Vielleicht glaubt er, daß er mit seinem Verdacht gegen den Gefährten gesündigt hat. Er legt die Hand an die Stirn und denkt nach.

Jesus drückt Johannes ans Herz und flüstert ihm nochmals ins Haar: «Sage Petrus noch nichts. Es wäre ein unnötiges Ärgernis.»

«Leb wohl, Meister. Lebt wohl, Freunde.» Judas verabschiedet sich.

«Leb wohl», sagt Jesus.

Und Petrus: «Leb wohl, Junge.»

Johannes, das Haupt beinahe im Schoß Jesu, murmelt: «Satan!» Jesus allein hört es und seufzt.

Hier hört alles auf. Jesus sagt: «Ich unterbreche aus Mitleid mit dir die Vision. Zu gegebener Zeit lasse ich dich das Ende des Abendmahles schauen.»

Einige Minuten herrscht absolutes Schweigen. Jesus hält das Haupt gesenkt und streichelt mechanisch das blonde Haar des Johannes.

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Dann gibt er sich einen Ruck, hebt das Haupt, läßt den Blick über die Apostel schweifen und tröstet sie durch ein Lächeln. Er sagt: «Wir wollen den Tisch verlassen und uns nahe zusammensetzen, wie Kinder um ihren Vater.»

Sie nehmen die Liegen, die hinter dem Tisch stehen (die von Jesus, Johannes, Jakobus, Petrus, Simon, Andreas und dem Vetter Jakobus), und tragen sie auf die andere Seite.

Jesus setzt sich auf die seine, wiederum zwischen Johannes und Jakobus. Als er aber sieht, daß Andreas sich auf den von Iskariot verlassenen Platz setzen will, ruft er aus: «Nein, nicht dorthin!» Ein impulsiver Ausruf, den selbst seine große Klugheit nicht verhindern kann. Dann verbessert er: «Wir brauchen nicht so viel Platz. Wenn wir uns setzen, genügen diese Liegen. Ich möchte euch ganz nahe bei mir haben.»

Nun sitzen sie alle auf den in U-Form aufgestellten Liegen und Jesus ihnen gegenüber in der Mitte am Tisch, auf dem nun keine Speisen mehr stehen.

Jakobus des Zebedäus ruft Petrus: «Setze dich hierher. Ich setze mich auf diesen Schemel zu Füßen Jesu.»

«Gott segne dich, Jakobus! Das habe ich mir so sehr gewünscht!» sagt Petrus und setzt sich dicht neben seinen Meister, der sich nun zwischen Johannes und Petrus eingezwängt befindet, mit Jakobus zu seinen Füßen.

Jesus lächelt: «Ich sehe, daß meine vor kurzem gesprochenen Worte schon zu wirken beginnen. Die guten Brüder lieben sich. Auch ich sage dir, Jakobus: "Gott segne dich." Und der Ewige wird diese deine Tat nicht vergessen, und du wirst dort oben den Lohn dafür empfangen.

Ich vermag alles, worum ich bitte. Ihr habt es gesehen. Mein Wunsch hat genügt, und der Vater hat dem Sohn erlaubt, sich den Menschen als Speise zu geben. Durch das, was jetzt geschehen ist, ist der Menschensohn verherrlicht; denn das Wunder, das nur den Freunden Gottes möglich ist, beweist seine Macht. Je größer das Wunder, desto gewisser und tiefer ist diese Freundschaft Gottes. Es ist dies ein Wunder, das in seiner Art, Dauer und Natur, und durch seine Bedeutung und seine Tragweite nicht größer sein könnte. Ich sage euch: Es ist so gewaltig, so übernatürlich und so unfaßbar für den Hochmut des Menschen, daß nur sehr wenige es verstehen werden, wie es verstanden werden muß, und viele werden es leugnen. Was werde ich dann sagen? Fluch über sie? Nein. Ich werde sagen: Erbarmen!

Aber je größer das Wunder ist, desto größer ist die Ehre dessen, der es wirkt. Es ist Gott selbst, der sagt: "Seht, dieser mein Auserwählter hat es gewollt und hat es erhalten. Ich habe es ihm gewährt, denn er findet große Gnade vor meinen Augen." Und hier sagt er: "Er findet unendliche Gnade, so wie das von ihm gewirkte Wunder unendlich ist." Und ebenso, wie die Herrlichkeit von Gott auf den Urheber des Wunders herabkommt,

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steigt die Herrlichkeit von ihm zum Vater auf. Denn alle übernatürliche Herrlichkeit kehrt, da sie von Gott kommt, zu ihrer Quelle zurück. Und die Herrlichkeit Gottes, obwohl sie unendlich ist, wird noch vermehrt und noch strahlender durch die Herrlichkeit seiner Heiligen. Daher sage ich: Wie der Menschensohn durch Gott verherrlicht ist, so ist Gott durch den Menschensohn verherrlicht. Ich habe Gott in mir verherrlicht. Gott wird seinerseits seinen Sohn in sich verherrlichen. Sehr bald wird er ihn verherrlichen.

Frohlocke, o geistiger Wesenskern der zweiten Person, der du nun zu deinem Thron zurückkehrst! Frohlocke, o Fleisch, das du aufsteigst nach so langem Exil im Staub. Nicht mehr das Paradies des Adam, sondern das erhabene Paradies des Vaters wird dir zur Wohnstatt gegeben werden! Wenn geschrieben steht, daß die Sonne stillstand aus Verwunderung über einen Befehl Gottes, der durch den Mund eines Menschen erging, was wird dann erst mit den Sternen geschehen, wenn sie das Wunder am Fleisch des Menschen sehen, das auffährt und sich in der Vollkommenheit der verherrlichten Materie zur Rechten des Vaters setzt? Meine Kinder, nur noch eine kleine Weile bin ich bei euch. Dann werdet ihr mich suchen, wie Waisen ihren toten Vater suchen. Weinend werdet ihr umherirren und von ihm sprechen, und vergeblich werdet ihr an das stumme Grab pochen und dann an die blauen Pforten des Himmels und bittend eure Seelen erheben auf der Suche nach Liebe und sagen: "Wo ist unser Jesus? Wir wollen ihn bei uns haben. Ohne ihn ist kein Licht mehr in der Welt, keine Freude, keine Liebe! Oh, gebt ihn uns wieder oder laßt uns hinein. Wir wollen sein, wo er ist." Aber vorerst könnt ihr nicht kommen, wohin ich gehe. Ich habe es auch zu den Juden gesagt: "Dann werdet ihr mich suchen, aber wo ich hingehe, dorthin könnt ihr mir nicht folgen." Ich sage es auch zu euch.

Denkt an die Mutter... Selbst sie kann nicht kommen, wohin ich gehe. Und doch habe ich den Vater verlassen, um zu ihr zu kommen und in ihrem unbefleckten Schoß Jesus zu werden. Und doch bin ich aus der Unversehrten gekommen, in der strahlenden Ekstase meiner Geburt. Von ihrer zu Milch gewordenen Liebe habe ich mich genährt. Ich bin aus Reinheit und Liebe hervorgegangen, denn Maria hat mich genährt mit ihrer von der vollkommenen Liebe, die im Himmel lebt, befruchteten Jungfräulichkeit. Durch sie bin ich herangewachsen und habe sie Mühen und Tränen gekostet... Und doch verlange ich einen bisher nie erreichten Heroismus von ihr, im Vergleich zu dem Judith und Jael nur die Heldentaten armer Frauen, die einer Rivalin am Dorfbrunnen gegenübertreten, vollbracht haben. Und doch liebt mich niemand wie sie. Und trotzdem verlasse ich sie und gehe dorthin, wohin sie erst nach langer Zeit kommen kann. Das Gebot, das ich euch gebe, gilt nicht für sie: "Heiligt euch Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag, Stunde um Stunde, damit ihr zu

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mir kommen könnt, wenn eure Stunde schlägt." In ihr ist alle Gnade und Heiligkeit. Sie ist das Geschöpf, das alles erhalten und alles gegeben hat. Nichts ist hinzuzufügen oder wegzunehmen. Sie ist der heiligste Beweis dessen, was Gott kann.

Aber um sicher zu sein, daß ihr fähig sein werdet, zu mir zu kommen und den Schmerz und die Trauer der Trennung von eurem Jesus zu überwinden, gebe ich euch ein neues Gebot. Es ist das Gebot, daß ihr einander lieben sollt. Liebt einander, wie ich euch geliebt habe. Daran wird man erkennen, daß ihr meine Jünger seid. Wenn ein Vater viele Söhne hat, woran erkennt man diese? Nicht so sehr am Aussehen – denn es gibt Menschen, die anderen gleichen und doch nicht zur gleichen Familie und nicht einmal zum gleichen Volk gehören – als vielmehr an der gemeinsamen Liebe zur Familie, zu ihrem Vater und zueinander. Und auch nach dem Tod des Vaters löst sich die gute Familie nicht auf; denn alle sind eines Blutes und in allen fließt das Blut des Vaters und schafft Bindungen, die nicht einmal der Tod löst; denn die Liebe ist stärker als der Tod. Wenn ihr einander nun liebt, auch nachdem ich euch verlassen habe, werden alle erkennen, daß ihr meine Kinder seid, daß ihr meine Jünger seid, und untereinander Brüder, da ihr nur einen Vater habt.»

«Herr, Jesus, aber wohin gehst du denn?» fragt Petrus.

«Ich gehe, wohin du jetzt noch nicht folgen kannst. Doch später wirst du mir folgen.»

«Und warum nicht jetzt? Ich bin dir immer gefolgt, seit du mir gesagt hast: "Folge mir." Alles habe ich ohne Bedauern verlassen... Wenn du jetzt fortgehst ohne deinen armen Simon und mich ohne dich, mein Alles, zurückläßt, nachdem ich für dich mein voriges geringes Gut verlassen habe, so ist das nicht gerecht und nicht schön von dir. Du gehst in den Tod? Nun gut. Auch ich gehe mit. Wir gehen zusammen in die andere Welt. Aber erst, nachdem ich dich verteidigt habe. Ich bin bereit, mein Leben für dich hinzugeben.»

«Dein Leben willst du für mich hingeben? Jetzt? Jetzt nicht. Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Nun ist noch die erste Nachtwache, dann kommt die zweite... und dann die dritte. Vor dem Hahnenschrei wirst du deinen Herrn dreimal verleugnet haben.»

«Unmöglich, Meister! Ich glaube alles, was du sagst. Aber dies glaube ich nicht. Ich bin meiner sicher.»

«Jetzt, in diesem Augenblick, bist du deiner sicher, denn jetzt hast du mich noch. Du hast Gott bei dir. Bald wird der menschgewordene Gott gefangengenommen werden, und ihr werdet ihn nicht mehr haben. Nachdem Satan euch gelähmt hat – gerade deine Selbstsicherheit ist eine List Satans, Ballast, um dich zu beschweren – wird er euch Furcht einflößen. Er wird euch einreden: "Gott ist nicht. Ich bin." Und da ihr, obgleich

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starr vor Schrecken, noch vernünftig denken könnt, werdet ihr verstehen: Wenn Satan Herr der Stunde ist, stirbt das Gute und herrscht das Böse, unterliegt der Geist und gewinnt das Menschliche die Oberhand. Dann werdet ihr führerlosen, vom Feind verfolgten Kriegern gleichen, und mit der Kopflosigkeit von Besiegten werdet ihr euren Rücken vor dem Sieger beugen und den gefallenen Helden verleugnen, damit man euch nicht tötet. Aber ich bitte euch, euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich. Gegen allen Anschein, glaubt an mich. Glaubt an meine Barmherzigkeit und an die des Vaters, sowohl der, der bleibt, als auch der, der flieht. Sowohl der, der schweigt, als auch der, der den Mund öffnet und sagt: "Ich kenne ihn nicht." Und glaubt ebenso an meine Verzeihung. Glaubt, was immer ihr in Zukunft tut, an das Gute und an meine Lehre, an meine Kirche also. So werdet ihr einen Platz im Himmel haben. Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen. Wäre es nicht so, hätte ich es euch gesagt. Ich gehe voraus, um euch einen Platz zu bereiten. Machen es die guten Väter nicht so, wenn sie mit ihren Kindern die Wohnung wechseln? Sie gehen voraus, richten das Haus her, stellen die Möbel auf und sorgen für Vorräte. Dann kehren sie zurück und holen ihre lieben Kinder. Sie tun es aus Liebe. Damit es den Kleinen an nichts fehlt und sie sich in der neuen Umgebung wohlfühlen. Ich mache es ebenso. Und aus demselben Grund. Nun gehe ich. Wenn ich für jeden den Platz im himmlischen Jerusalem bereitet habe, komme ich wieder und nehme euch mit mir, damit ihr seid, wo ich bin und wo es keinen Tod und keine Trauer, noch Tränen, Jammer, Hunger, Schmerz, Finsternis oder Betrübnis gibt, sondern nur Licht, Frieden, Seligkeit und Gesänge. Oh, Himmelsklänge, wenn die zwölf Auserwählten mit den zwölf Patriarchen der Stämme Israels auf den Thronen sitzen und im Feuerbrand der geistigen Liebe und im Meer der Seligkeiten das ewige Lied singen werden, begleitet von den Harfenklängen des ewigen Halleluja der Heerscharen der Engel... Ich will, daß auch ihr seid, wo ich sein werde. Und ihr wißt, wohin ich gehe, und kennt den Weg.»

«Aber Herr! Wir wissen nichts. Du sagst uns nicht, wohin du gehst. Wie können wir wissen, welchen Weg wir nehmen müssen, um zu dir zu kommen und die Wartezeit zu verkürzen?» fragt Thomas.

«Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ihr habt es mich oft sagen und erklären gehört, und wahrlich, einige, die nicht einmal wußten, daß es einen Gott gibt, haben sich auf meinen Weg gemacht und sind euch schon vorausgegangen. Oh, wo bist du, verlorenes Schaf Gottes, das ich in den Schafstall zurückgeführt habe? Und wo bist du, auferstandene Seele?»

«Wer? Von wem sprichst du? Von Maria des Lazarus? Sie ist drüben, bei deiner Mutter. Willst du, daß wir sie rufen? Oder Johanna? Sie ist sicher in ihrem Palast. Aber wenn du willst, holen wir sie...»

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«Nein, nicht diese... Ich denke an jene, die erst im Himmel entschleiert wird... und an Photinai... Sie haben mich gefunden. Sie haben meinen Weg nicht mehr verlassen. Der einen habe ich den Vater als wahren Gott gezeigt und den Geist als Leviten zu ihrer besonderen Verehrung. Der anderen, die nicht einmal wußte, daß sie eine Seele hat, habe ich gesagt: "Mein Name ist 'Erlöser. Ich rette, die den guten Willen haben, gerettet zu werden. Ich bin der, der die Verlorenen sucht, der das Leben, die Wahrheit und die Reinheit gibt. Wer mich sucht, findet mich." Und beide haben Gott gefunden... Ich segne euch, schwache Evas, die ihr stärker als Judith geworden seid... Ich komme dorthin, wo ihr seid, ich komme... Ihr tröstet mich... Seid gesegnet...»

«Zeige uns den Vater, Herr, und wir werden diesen gleich sein», sagt Philippus.

«Schon so lange bin ich bei euch, und du, Philippus, kennst mich noch nicht? Wer mich sieht, sieht meinen Vater. Wie kannst du also sagen: "Zeige uns den Vater"? Kannst du glauben, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, sage ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir lebt, tut alle meine Werke. Ihr glaubt nicht, daß ich im Vater bin und er in mir ist? Was muß ich sagen, damit ihr glaubt? Wenn ihr den Worten nicht glaubt, dann glaubt wenigstens den Werken. Ich sage euch, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke tun, die ich tue, und er wird noch größere tun, denn ich gehe zum Vater. Und alles, um was ihr den Vater in meinem Namen bitten werdet, werde ich tun, damit der Vater in seinem Sohn verherrlicht werde. Und um was ihr mich in meinem Namen bitten werdet, das werde ich tun. Mein wirklicher Name ist nur mir allein, dem Vater, der mich gezeugt hat, und dem Heiligen Geist, der aus unserer Liebe hervorgeht, bekannt. Und in diesem Namen ist alles möglich. Wer mit Liebe an meinen Namen denkt, liebt mich und wird erhalten, um was er bittet. Aber es genügt nicht, mich zu lieben. Es ist nötig, meine Gebote zu halten, um die wahre Liebe zu haben. Es sind die Werke, die die Gefühle bezeugen. Um dieser Liebe willen werde ich den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster senden, der immer bei euch bleibt. Einen, dem Satan und die Welt nichts anhaben können, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen und gegen den sie nichts ausrichten kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Sie wird ihn verlachen. Aber er ist so erhaben, daß der Spott ihn nicht trifft, während er, der über alle Maßen barmherzig ist, immer mit denen sein wird, die ihn lieben, selbst wenn sie arm und schwach sind. Ihr werdet ihn kennenlernen, denn er ist schon bei euch, und bald wird er in euch sein. Ich lasse euch nicht als Waisen zurück. Ich habe euch schon gesagt: "Ich werde zu euch zurückkehren." Aber schon vor der Stunde, da ich euch holen und in mein Reich führen werde, komme ich. Zu euch komme ich. Noch eine kleine Weile, und die Welt sieht mich nicht

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mehr. Aber ihr seht mich und werdet mich sehen. Denn ich lebe, und auch ihr lebt. Denn ich werde leben, und auch ihr werdet leben. An jenem Tag werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. Denn wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. Wer aber mich liebt, den wird mein Vater lieben, und er wird Gott besitzen. Und ich werde ihn lieben, da ich Gott in ihm sehe, und ich werde mich ihm offenbaren in den Geheimnissen meiner Liebe, meiner Weisheit und meiner fleischgewordenen Gottheit. Das wird meine Rückkehr zu den Menschenkindern sein, die ich liebe, obwohl sie schwach sind und sogar meine Feinde. Aber diese werden nur schwach sein; und ich werde sie stärken und zu ihnen sagen: "Steh auf!", ich werde sagen: "Komm heraus!", ich werde sagen: "Folge mir!", ich werde sagen: "Höre!", ich werde sagen: "Schreibe!". Und ihr werdet unter ihnen sein.»

«Warum, Herr, offenbarst du dich uns und nicht der Welt?» fragt Judas Thaddäus.

«Weil ihr mich liebt und meine Worte bewahrt. Wer dies tut, den wird der Vater lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm, in ihm, nehmen. Wer mich aber nicht liebt, bewahrt meine Worte nicht und gehorcht dem Fleisch und der Welt. Wißt, was ich euch sage, sind nicht die Worte Jesu, des Nazareners, sondern die Worte des Vaters; denn ich bin das Wort des Vaters, der mich gesandt hat. Ich habe euch diese Dinge gesagt, während ich unter euch weile, weil ich euch auf den vollkommenen Besitz der Wahrheit und der Weisheit vorbereiten will. Aber jetzt könnt ihr sie weder verstehen noch sie in eurem Gedächtnis bewahren. Doch wenn der Tröster kommt, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, dann werdet ihr verstehen. Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

Meinen Frieden hinterlasse ich euch. Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Und auch nicht, wie ich ihn bisher gegeben habe: den gesegneten Gruß des Gesegneten für die Gesegneten. Tiefer ist der Friede, den ich euch jetzt gebe. Bei diesem Lebewohl teile ich euch mich selbst, meinen Geist des Friedens, mit, so wie ich euch mein Fleisch und Blut gegeben habe, um euch für die bevorstehende Schlacht zu stärken. Satan und die Welt entfesseln einen Krieg gegen euren Jesus. Es ist ihre Stunde. Habt in euch Frieden, meinen Geist, der ein Geist des Friedens ist, da ich selbst der König des Friedens bin. Habt diesen Frieden in euch, damit ihr euch nicht zu verlassen fühlt. Wer im Frieden Gottes leidet, leidet, aber er lästert und verzweifelt nicht.

Weint nicht. Ihr habt doch gehört, daß ich gesagt habe: "Ich gehe zum Vater und komme wieder." Wenn ihr mich über das Fleisch hinaus liebtet, würdet ihr euch freuen, daß ich nach einem so langen Exil zum Vater gehe... Ich gehe zu dem, der größer ist als ich und der mich liebt. Nun habe ich es euch gesagt, ehe es eintritt, so wie ich euch alle Leiden des

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Erlösers gesagt habe, bevor er sie auf sich nimmt, damit ihr immer mehr an mich glaubt, wenn es eintritt. Seid nicht so bange! Verzagt nicht! Euer Herz hat Gleichmut nötig... Ich werde nicht mehr lange zu euch sprechen... und ich hätte euch noch so vieles zu sagen! Nun bin ich am Ende meiner Verkündigung angekommen, und es scheint mir, als hätte ich noch nichts gesagt und als bliebe noch viel, viel, so viel zu tun. Euer Zustand verstärkt diesen meinen Eindruck. Was soll ich also sagen? Daß ich meine Pflicht vernachlässigt habe? Oder, daß eure Herzen so verhärtet sind, daß alles umsonst war? Soll ich zweifeln? Nein. Ich vertraue mich Gott an, und ihm vertraue ich auch euch, meine Auserwählten, an. Er wird das Werk seines Wortes vollenden. Ich bin nicht wie ein Vater, der stirbt und kein anderes Licht hat als das irdische. Ich hoffe auf Gott. Und obwohl ich euch noch so viele Ratschläge geben müßte, die ihr offensichtlich nötig habt, und obwohl ich die Zeit fliehen fühle, gehe ich ruhig meinem Schicksal entgegen. Ich weiß, daß auf die in euch gesäten Samen der Tau herniederfällt, der alle zum Keimen bringt. Dann wird die Sonne des Paraklet erscheinen, und sie werden zu mächtigen Bäumen heranwachsen. Der Fürst dieser Welt ist im Kommen, er, mit dem ich nichts zu tun habe. Und wenn es nicht der Erlösung diente, würde er nichts über mich vermögen. Doch dies geschieht, damit die Welt erkenne, daß ich den Vater liebe, daß ich ihn im Gehorsam bis zum Tod liebe und daher tue, was er mir befohlen hat.

Es ist Zeit zu gehen. Steht auf. Hört die letzten Worte. Ich bin der wahre Weinstock. Der Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe, die keine Frucht bringt, entfernt er, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein durch mein Wort. Bleibt in mir und ich in euch, damit ihr rein bleibt. Die vom Weinstock getrennte Rebe kann keine Frucht bringen. So auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, wird viele Frucht bringen. Wer sich jedoch von mir trennt, verdorrt wie der Rebzweig und wird ins Feuer geworfen und verbrennt. Denn ohne die Vereinigung mit mir, könnt ihr nichts tun. Bleibt also in mir und bewahrt meine Worte in euch; dann bittet um was ihr wollt, und es wird euch gegeben werden. Mein Vater wird immer mehr verherrlicht, je mehr ihr Frucht bringt und meine Jünger seid.

Wie mich der Vater geliebt hat, so liebe ich euch. Bleibt in meiner erlösenden Liebe. Wenn ihr mich liebt, werdet ihr mir gehorchen, und der Gehorsam wird die gegenseitige Liebe vermehren. Sagt nicht, daß ich mich wiederhole. Ich kenne eure Schwäche. Und ich will, daß ihr gerettet werdet. Das habe ich zu euch geredet, damit die Freude, die ich euch geben wollte, in euch sei, und eure Freude vollkommen werde. Liebt einander! Liebt einander! Das ist mein neues Gebot. Liebt euch gegenseitig mehr, als jeder sich selbst liebt. Es gibt keine größere Liebe als die Liebe

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dessen, der sein Leben hingibt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, und ich gebe mein Leben für euch hin. Tut also, was ich euch lehre und gebiete. Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; ihr aber wißt, was ich tue. Ihr wißt alles von mir. Ich habe euch nicht nur mich selbst zu erkennen gegeben, sondern auch den Vater und den Paraklet und alles, was ich von Gott gehört habe. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, daß ihr zu den Völkern geht und Frucht in euch und in den Herzen der Bekehrten bringt, und daß eure Frucht bleibe und der Vater euch gebe, was immer ihr von ihm in meinem Namen erbittet.

Sagt nicht: "Wenn du uns erwählt hast, warum hast du dann auch einen Verräter erwählt? Wenn du alles weißt, warum hast du das getan?" Fragt euch auch nicht, wer er ist. Er ist kein Mensch. Er ist Satan. Ich habe es dem treuen Freund gesagt, und ich habe es den Lieblingssohn aussprechen lassen. Er ist Satan. Wenn Satan – der ewige Affe Gottes – nicht Fleisch angenommen hätte in einer sterblichen Hülle, wäre dieser Besessene der Macht Jesu nicht entkommen. Ich habe gesagt: "Besessene". Nein, er ist viel mehr: er ist ein in Satan Ausgelöschter.»

«Aber du hast doch Dämonen ausgetrieben. Warum hast du dann ihn nicht befreit?» fragt Jakobus des Alphäus.

«Fragst du das aus Selbstliebe, weil du fürchtest, jener zu sein? Hab keine Angst.»

«Ich vielleicht?»

«Ich?»

«Oder ich?»

«Schweigt. Ich werde den Namen nicht nennen. Ich übe Barmherzigkeit, und ihr sollt ebenso tun.»

«Aber warum hast du ihn nicht besiegt? Konntest du es nicht?»

«Ich hätte es gekonnt. Aber um zu verhindern, daß Satan Fleisch annimmt, um mich zu töten, hätte ich das ganze Menschengeschlecht vor der Erlösung ausrotten müssen. Was hätte ich dann noch erlöst?»

«Sage es mir, Herr! Sage es mir!» Petrus ist auf die Knie gesunken und schüttelt Jesus heftig, als ob er von Fieber befallen wäre. «Bin ich es? Bin ich es? Ich prüfe mich. Ich glaube es nicht. Aber du... Du hast gesagt, daß ich dich verleugnen werde... Und ich zittere. Oh, wie entsetzlich, wenn ich es wäre... !»

«Nein, Simon des Jonas, du nicht.»

«Warum nennst du mich nicht mehr "Fels"? Bin ich nun wieder Simon? Siehst du! Du sagst es! ... Ich bin es! Aber wie konnte ich das? Sagt es mir... Sagt ihr es mir... Wann und wie konnte ich zum Verräter werden? ... Simon? ... Johannes? ... So redet doch! ...»

«Petrus, Petrus, Petrus! Ich nenne dich Simon, weil ich an unsere erste Begegnung denke, als du noch Simon warst. Ich denke auch daran, wie du

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von Anfang an immer treu gewesen bist. Du bist es nicht. Ich, die Wahrheit, sage es dir.»

«Wer dann?»

«Es ist doch Judas von Kerioth! Hast du das noch nicht begriffen?»schreit Thaddäus, der sich nicht mehr beherrschen kann.

«Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Warum?» schreit nun auch Petrus.

«Ruhe. Er ist Satan. Er hat keinen anderen Namen. Wo gehst du hin, Petrus?»

«Ihn suchen.»

«Lege sofort den Mantel und die Waffe ab. Oder muß ich dich fortjagen und verfluchen?»

«Nein, nein! Oh, mein Herr! Aber ich... aber ich... bin ich vielleicht fieberkrank?» Petrus weint am Boden zu Füßen Jesu.

«Ich gebe euch das Gebot, zu lieben und zu verzeihen. Habt ihr verstanden? Wenn in der Welt auch Haß ist, in euch soll nur Liebe sein. Zu allen. Wie viele Verräter werdet ihr auf eurem Weg finden! Aber ihr dürft sie nicht hassen und ihnen Böses mit Bösem vergelten. Sonst wird der Vater euch hassen. Vor euch haben sie mich gehaßt und verraten. Und doch, ihr seht es, ich hasse nicht. Die Welt kann nicht lieben, was anders ist als sie. Daher wird sie euch nicht lieben. Wenn ihr von der Welt wäret, würde sie euch lieben; aber ihr seid nicht von der Welt, da ich euch von der Welt auserwählt habe. Deshalb werdet ihr gehaßt.

Ich habe euch gesagt: Der Knecht ist nicht mehr als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen. Haben sie mein Wort gehalten, so werden sie auch das eure halten. Aber all das werden sie euch antun um meines Namens willen, weil sie den nicht kennen, nicht kennen wollen, der mich gesandt hat. Wäre ich nicht gekommen und hätte ich nicht zu ihnen geredet, so wären sie ohne Sünde. Nun aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde. Sie haben meine Werke gesehen, meine Worte gehört, und doch haben sie mich gehaßt, und mit mir den Vater; denn ich und der Vater bilden eine Einheit mit der Liebe. Es steht geschrieben: "Sie hassen mich grundlos." Wenn aber der Tröster, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, kommt, wird er Zeugnis von mir geben. Auch ihr werdet von mir Zeugnis geben, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen. Dies sage ich euch, damit ihr, wenn die Stunde gekommen ist, nicht irre werdet und Anstoß nehmt. Die Zeit wird kommen, da man euch aus den Synagogen ausstößt und jeder, der euch tötet, Gott damit einen Dienst zu erweisen glaubt. Sie haben weder mich noch den Vater kennengelernt. Das ist ihre Entschuldigung. Früher habe ich euch diese Dinge nicht so ausführlich gesagt, denn ihr wart wie neugeborene Kinder. Aber nun verläßt euch die Mutter. Ich gehe. Ihr müßt euch an andere Nahrung gewöhnen. Ich will, daß ihr es wißt.

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Keiner fragt mich mehr: "Wohin gehst du?" Die Traurigkeit macht euch stumm. Und doch ist es auch für euch gut, daß ich gehe. Denn sonst würde der Tröster nicht kommen. Ich werde ihn euch senden. Wenn er gekommen ist, wird er durch die Weisheit und das Wort, die Werke und den Heroismus, die er euch einflößt, die Welt von ihrer Sünde des Gottesmordes überzeugen und meiner Heiligkeit Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Menschheit wird sich spalten in Verworfene, die Feinde Gottes, und in Gläubige. Letztere werden mehr oder weniger heilig sein, je nach ihrem Willen. Aber das Gericht über den Fürsten der Welt und seine Diener wird stattfinden. Mehr kann ich euch nicht sagen, denn ihr könnt es noch nicht verstehen. Aber er, der göttliche Paraklet, wird euch die ganze Wahrheit lehren, denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern alles sagen, was er von den Gedanken Gottes hört, und er wird euch die Zukunft verkünden. Er wird von dem Meinigen nehmen, das heißt, von dem, was der Vater hat, und wird es euch sagen.

Noch eine kleine Weile sehen wir uns. Dann seht ihr mich nicht mehr. Und wiederum eine kleine Weile, und ihr seht mich wieder.

Ihr murrt untereinander und in euren Herzen. Hört ein Gleichnis. Das letzte eures Meisters. Wenn eine Frau empfangen hat und die Stunde der Geburt naht, hat sie Trauer, denn sie leidet und stöhnt. Hat sie aber das Kind geboren und drückt es an ihr Herz, hört aller Schmerz auf, und die Trauer wandelt sich in Freude, denn ein Mensch ist zur Welt gekommen.

So wird es auch euch ergehen. Ihr werdet weinen, und die Welt wird euch verspotten. Aber dann wird eure Trauer sich in Freude wandeln. Eine Freude, die die Welt nicht kennt. Jetzt seid ihr traurig. Aber wenn ihr mich wiederseht, wird euer Herz voll einer Freude sein, die euch niemand mehr nehmen kann. Eine so große Freude wird es sein, daß sie jedes Bedürfnis des Geistes, des Herzens und des Fleisches in den Schatten stellt. Ihr werdet euch ganz der Freude, mich wiederzusehen, hingeben und alles andere vergessen. Aber gerade von da an könnt ihr alles in meinem Namen erbitten, und es wird euch vom Vater gegeben werden, damit eure Freude noch zunehme. Bittet, bittet und ihr werdet empfangen.

Es kommt die Stunde, da ich offen zu euch vom Vater sprechen werde; denn ihr werdet treu gewesen sein in der Prüfung, und alles wird überstanden sein. Daher wird eure Liebe vollkommen sein, denn sie hat euch Kraft in der Prüfung verliehen. Und was euch fehlt, das werde ich ergänzen. Ich werde es von meinen unendlichen Schätzen nehmen und sagen: "Vater, sieh. Sie haben mich geliebt und haben geglaubt, daß ich von dir komme." Ich bin in die Welt herabgekommen und verlasse euch nun. Ich gehe zum Vater und bitte für euch.»

«Oh, nun sprichst du klar! Nun verstehen wir, was du sagen willst, und daß du alles weißt und antwortest, bevor man dich fragt. Wahrlich, du kommst von Gott!»

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«Nun glaubt ihr? In der letzten Stunde? Seit drei Jahren spreche ich zu euch! Aber in euch wirkt schon das Brot, das Gott ist, und der Wein, der Blut ist und nicht vom Menschen stammt. Sie verleihen euch den ersten Schauer der Vergöttlichung. Wenn ihr ausdauernd in meiner Liebe seid und mich immer besitzt, werdet ihr zu Göttern. Nicht wie Satan es Adam und Eva versprach, sondern wie ich es euch sage. Es ist dies die wahre Frucht vom Baum des Guten und des Lebens. Das Böse ist besiegt in dem, der sich davon nährt, und der Tod ist überwunden. Wer davon ißt, wird ewig leben und "Gott" im Reich Gottes werden. Ihr werdet Götter sein, wenn ihr in mir bleibt. Und doch... obwohl ihr dieses Brot und dieses Blut in euch habt – denn die Stunde naht, da ihr zerstreut werdet – werdet ihr eures Weges gehen und mich alleinlassen... Aber ich bin nicht allein. Ich habe den Vater bei mir. Vater! Vater! Verlaß mich nicht! Ich habe euch alles gesagt... Um euch den Frieden zu geben. Meinen Frieden. Noch werdet ihr betrübt sein. Doch glaubt mir. Ich habe die Welt überwunden.»

Jesus erhebt sich, öffnet weit die Arme und spricht mit leuchtendem Antlitz das erhabene, an den Vater gerichtete Gebet. Johannes gibt es uns wortwörtlich wieder.

Die Apostel weinen mehr oder weniger laut und offen. Zuletzt singen sie ein Loblied.

Jesus segnet sie. Dann gebietet er: «Wir wollen jetzt die Mäntel anlegen und gehen. Andreas, sage dem Hausherrn, daß er alles so lassen soll. Das ist mein Wille. Morgen... werdet ihr euch freuen, diesen Ort wiederzusehen.» Jesus betrachtet ihn. Er scheint die Wände, die Möbel, alles zu segnen. Dann hüllt er sich in seinen Mantel und geht, gefolgt von den Aposteln und Johannes an seiner Seite, auf den er sich stützt.

«Grüßt du deine Mutter nicht?» fragt ihn der Sohn des Zebedäus.

«Nein. Es ist schon alles geschehen. Macht keinen Lärm.»

Simon, der eine Fackel an der Lampe entzündet hat, leuchtet voran im weiten Korridor, der zur Tür führt. Petrus öffnet vorsichtig das Haustor. Sie gehen auf die Straße hinaus und riegeln durch eine Vorrichtung von außen zu. Dann machen sie sich auf den Weg.

661. BETRACHTUNGEN ÜBER DAS LETZTE ABENDMAHL

Jesus sagt:

«Aus der Episode des Abendmahls sind, außer der Betrachtung der Liebe eines Gottes, der sich den Menschen zur Speise gibt, vier hauptsächliche Lehren zu entnehmen:

1. Die Pflicht aller Kinder Gottes, dem Gesetz zu gehorchen.

Das Gesetz gebot, am Passahfest das Osterlamm zu verzehren mit dem

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Ritual, das der Allerhöchste dem Moses vorgeschrieben hatte; und ich, der wahre Sohn des wahren Gottes, fühlte mich durch meine Gottheit nicht über dieses Gesetz erhaben. Ich war auf der Erde: Mensch unter Menschen und Meister der Menschen. Ich mußte daher meine Pflicht als Mensch gegen Gott wie die anderen und besser als sie erfüllen. Die Gnaden Gottes entbinden nicht vom Gehorsam und von der Bemühung, eine immer vollkommenere Heiligkeit zu erreichen. Wenn ihr die höchste Heiligkeit mit der göttlichen Vollkommenheit vergleicht, werdet ihr sie noch immer voller Mängel finden, und sie ist deshalb gezwungen sich zu bemühen, diese Mängel auszumerzen und einen Grad der Vollkommenheit zu erreichen, der sich so weit als möglich der Vollkommenheit Gottes annähert.

2. Die Macht des Gebetes Marias.

Ich war fleischgewordener Gott. Ein Fleisch, das, weil ohne Makel, die geistige Kraft besaß, das Fleisch zu beherrschen. Dennoch habe ich die Hilfe der Gnadenvollen nicht verschmäht, sondern vielmehr darum gebeten; denn wenn sie auch in dieser Stunde der Sühne den Himmel über sich verschlossen fand, so doch nicht so vollständig, daß es ihr, der Königin der Engel, nicht gelungen wäre, dem Himmel einen Engel abzuringen als Trost für ihren Sohn. Oh, nicht für sich selbst, die arme Mama! Auch sie hat die Bitterkeit verkostet, vom Vater verlassen zu sein; aber dieser für die Erlösung aufgeopferte Schmerz hat mir die Kraft erlangt, die Todesangst im Ölgarten zu überwinden und die Passion durchzustehen in der Vielfalt ihrer Schmerzen, von denen jeder dazu diente, eine bestimmte Art und Weise der Sünde zu tilgen.

3. Sich selbst zu beherrschen und Beleidigungen zu erdulden – was der höchste Grad der Liebe ist – gelingt nur denen, die das Gebot der Liebe zum Leitsatz ihres Lebens machen. Das Gebot der Liebe, das ich nicht nur gelehrt, sondern auch in die Tat umgesetzt habe.

Ihr könnt euch nicht vorstellen, was es für mich bedeutet hat, den Verräter an meinem Tisch zu haben, mich ihm geben zu müssen, mich vor ihm demütigen zu müssen, mit ihm aus dem Kelch des Rituals trinken zu müssen, meine Lippen an die Stelle zu legen, von der er getrunken hatte, und auch meine Mutter dort trinken zu lassen. Eure Ärzte haben oft über meinen so rasch eingetretenen Tod diskutiert und tun es immer noch. Sie nehmen als Ursache eine Verletzung des Herzens bei der Geißelung an. Ja, auch dadurch wurde mein Herz krank. Aber es war schon beim Abendmahl krank. Gebrochen, gebrochen von der Anstrengung, den Verräter an meiner Seite ertragen zu müssen. Es war schon der Anfang meines körperlichen Sterbens. Alles übrige war nur eine Steigerung dieses Todeskampfes. Was ich tun konnte, habe ich getan, denn ich war die Liebe. Auch in der Stunde, da der Gott der Liebe sich von mir zurückzog, war ich noch Liebe, denn ich hatte alle meine dreiunddreißig Jahre von

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Liebe gelebt. Man kann nicht die Vollkommenheit erreichen, die nötig ist, um den, der uns beleidigt, zu ertragen und ihm zu verzeihen, wenn die Liebe nicht zur Gewohnheit geworden ist. Ich hatte diese Gewohnheit und konnte verzeihen und diesen Meister der Beleidigung, der Judas war, ertragen.

4. Das Sakrament ist um so wirksamer, je würdiger man ist, es zu empfangen. Man wird seiner würdig durch einen ausdauernden Willen, der das Fleisch vernichtet und den Geist zum Herrscher erhebt, der die Leidenschaften besiegt, das ganze Sein den Tugenden unterwirft und es auf die Vervollkommnung dieser Tugenden und vor allem der Liebe ausrichtet.

Denn wer liebt, versucht, den Geliebten zu erfreuen. Bei Johannes, der mich liebte wie kein anderer und der rein war, bewirkte das Sakrament die größte Transformation. Von diesem Augenblick an begann er der Adler zu sein, der sich in den Himmelshöhen Gottes zu Hause fühlt, dem es leichtfällt, aufzusteigen und die ewige Sonne zu schauen. Aber wehe dem, der das Sakrament durchaus unwürdig empfängt, der sogar seine immer gegebene menschliche Unwürdigkeit noch durch Todsünden vergrößert. Dann wird es nicht zum Mittel der Bewahrung, des Schutzes und des Lebens, sondern es führt zum Verderben und zum Tod. Zum Tod des Geistes und zur Fäulnis des Fleisches, das bersten wird, wie Petrus vom Fleisch des Judas sagt. Ein solcher vergießt nicht den lebendigen, schönen Purpur seines Blutes, sondern die von allen Begierden schwarz gewordenen Eingeweide; die Fäulnis quillt aus seinem verdorbenen Fleisch, wie aus dem Aas eines unreinen, bei den Vorübergehenden Abscheu erregenden Tieres. Wer das Sakrament entweiht, stirbt immer den Tod der Verzweiflung. Er kennt nicht den sanften Übergang eines Menschen im Stand der Gnade, noch den heroischen Übergang des Opfers, das unter schweren Leiden, aber mit zum Himmel gerichtetem Blick stirbt und dessen Seele des Friedens gewiß ist. Der Tod des Verzweifelten ist furchtbar und voller Schrecken. Er ist ein entsetzlicher Krampf der Seele, die sich schon in den Klauen Satans windet, der sie würgt, um sie aus dem Leib zu reißen, und sie mit seinem Pesthauch erstickt. Das ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der ins andere Leben hinübergeht, nachdem er sich in diesem von Liebe, Glauben, Hoffnung und jeder anderen Tugend, von der himmlischen Lehre und dem Brot der Engel genährt hat, dessen Früchte, oder besser noch, dessen wirkliche Gegenwart ihn auch auf der letzten Reise begleitet, und dem Menschen, der nach einem lasterhaften Leben den Tod des Verworfenen stirbt, den die Gnade und das Sakrament nicht trösten. Ersteres ist das sanfte Ende des Heiligen, dem der Tod das ewige Reich öffnet. Das andere ist der furchtbare Fall des Verdammten, der sich in den ewigen Tod stürzen sieht und in einem Augenblick erkennt, was er aus eigenem Willen verloren hat, und daß er nun nichts mehr wiedergutmachen

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kann. Für den einen ein Gewinn, für den anderen ein Verlust. Für den einen Freude, für den anderen Schrecken.

Das ist es, was ihr euch selbst erwerbt, je nachdem, ob ihr meine Gabe liebt und an sie glaubt oder über sie lacht und nicht an sie glaubt. Das ist die Lehre, die ihr aus dieser Betrachtung ziehen sollt.

662. DIE TODESANGST UND DIE GEFANGENNAHME IN GETHSEMANE

Die Straße ist ruhig und verlassen. Nur das Plätschern eines Brunnens, dessen Wasser sich in ein steinernes Becken ergießt, erfüllt die tiefe Stille. Entlang den Hausmauern auf der Ostseite ist es noch dunkel, während der Mond schon die Dächer auf der anderen Seite aufleuchten läßt; und dort, wo die Straße in einen kleinen Platz mündet, steigt der milchige Silberschein hinunter und verschönt auch die Steine und den Staub der Straße. Aber unter den zahlreichen Gewölben, die ein Haus mit dem anderen verbinden, gleich Zugbrücken oder Streben zwischen diesen alten Häusern mit ihren wenigen Öffnungen zur Straße, die nun alle verschlossen und finster sind, so als wären die Häuser verlassen, ist es vollkommen dunkel. Dort leuchtet die rötliche Fackel Simons besonders lebhaft und ist wohl auch besonders nützlich. In ihrem roten, flackernden Licht zeichnen sich die Gesichter scharf ab, und jedes verrät einen anderen Seelenzustand.

Das feierlichste und ruhigste ist das Gesicht Jesu. Die Müdigkeit macht es älter und gräbt sonst nicht vorhandene Linien darauf ein, die schon das zukünftige Bild seines Antlitzes im Tod erkennen lassen.

Johannes an seiner Seite betrachtet alles mit erstauntem, leidendem Blick. Er gleicht einem durch eine Erzählung oder eine furchterregende Ankündigung verschreckten Kind, das hilfesuchend nach jemandem Umschau hält, der mehr weiß als er. Aber wer kann ihm schon helfen?

Simon, der auf der anderen Seite Jesu geht, macht ein verschlossenes, düsteres Gesicht und scheint über schrecklichen Gedanken zu brüten. Dabei ist er noch der einzige nach Jesus, der ein würdiges Aussehen hat.

Die anderen, die zwei sich fortwährend verändernde Gruppen bilden, sind ganz Unruhe. Ab und zu erhebt sich die rauhe Stimme des Petrus oder der Bariton des Thomas und erzeugt einen eigenartigen Widerhall. Dann werden sie wieder leise, so als hätten sie Angst vor dem, was sie sagen. Sie diskutieren darüber, was zu tun ist, und schlagen dies und das vor. Doch alle Vorschläge werden verworfen, denn nun beginnt wahrlich die Stunde der Finsternis, und das menschliche Urteil ist verdunkelt und verworren.

«Man hätte es mir vorher sagen sollen», murrt Petrus.

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«Aber nicht einer hat etwas gesagt. Weder der Meister...»

«Doch! Gerade er hat es dir gesagt. Aber Bruder! Mir scheint, du kennst ihn immer noch nicht...»

«Ich habe etwas Schlimmes vermutet und gesagt: "Wir wollen mit ihm sterben." Erinnert ihr euch? Aber bei unserem allerhöchsten Gott, hätte ich gewußt, daß es Judas des Simon ist... !» donnert Thomas drohend.

«Und was hättest du getan?» fragt Bartholomäus.

«Ich? Ich würde es auch jetzt noch tun, wenn ihr mir helfen würdet!»

«Was? Würdest du gehen und ihn umbringen? Und wohin?»

«Nein. Ich würde den Meister wegbringen. Das wäre leichter.»

«Er würde nicht mitgehen.»

«Ich würde ihn nicht erst fragen, ob er mitkommen will. Ich würde ihn entführen, wie man eine Frau entführt.»

«Das wäre keine schlechte Idee!» sagt Petrus, macht sofort kehrt und geht zur Gruppe der beiden Söhne des Alphäus, die leise wie Verschwörer mit Matthäus und Jakobus tuscheln.

«Hört. Thomas meint, wir sollten Jesus wegbringen. Alle zusammen. Wir könnten... von Gethsemane über Bethphage nach Bethanien, und von dort... irgendwohin. Sollen wir es tun? Wenn er in Sicherheit gebracht ist, kommen wir zurück und rechnen mit Judas ab.»

«Es wäre sinnlos. Israel ist eine einzige Falle», sagt Jakobus des Alphäus.

«Und sie ist dabei, zuzuschnappen. Es war vorauszusehen. Zu viel Haß!»

«Aber Matthäus, du machst mich wütend! Du hattest mehr Mut, als du noch ein Sünder warst! Was meinst du, Philippus?»

Philippus, der ganz allein geht und ein Selbstgespräch zu führen scheint, hebt den Kopf und bleibt stehen. Petrus kommt zu ihm, und sie flüstern miteinander. Dann kehren sie zur ersten Gruppe zurück. «Ich meine, der beste Ort ist immer noch der Tempel», sagt Philippus.

«Bist du von Sinnen?» rufen die Vettern, Matthäus und Jakobus. «Aber die dort wollen ihn doch töten!»

«Ssss... Schreit nicht so. Ich weiß, was ich sage. Sie werden ihn überall suchen. Aber nicht dort. Du und Johannes, ihr habt gute Freunde unter den Dienern des Annas. Wir geben ihnen einen Batzen Geld... und alles ist erledigt. Glaubt mir, der beste Platz, um einen Gesuchten zu verstecken, ist das Haus der Gefangenenwärter.»

«Ich tue es nicht», sagt Jakobus des Zebedäus. «Aber frage auch die anderen. Zuerst Johannes. Und wenn sie ihn dann gefangennehmen? Ich will nicht, daß man sagt, ich sei ein Verräter...»

«Daran habe ich nicht gedacht. Was dann?» Petrus ist am Boden zerstört.

«Ich will euch sagen, was wir aus Barmherzigkeit tun sollten. Das einzige, was wir tun können. Die Mutter wegbringen ...» sagt Judas der Alphäus.

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«Schon... Aber wer geht zu ihr? Und was sollen wir ihr sagen? Geh du, du bist ein Verwandter.»

«Ich bleibe bei Jesus. Das ist mein Recht. Geh du.»

«Ich? Ich habe mich mit einem Schwert bewaffnet, um wie Eleazar Auaran zu sterben. Ich werde mich durch Legionen hindurchkämpfen, um meinen Jesus zu verteidigen, und rücksichtslos zuschlagen. Wenn dann die Übermacht mich überwältigt, so macht das nichts. Ich werde ihn wenigstens verteidigt haben», erklärt Petrus.

«Bist du wirklich sicher, daß es Iskariot ist?» fragt Philippus Thaddäus.

«Ich bin ganz sicher. Keiner von uns hat das Herz einer Schlange. Nur er... Matthäus, geh du zu Maria und sage ihr...»

«Ich? Sie belügen? Sie an meiner Seite ahnungslos sehen und dann? ... O nein! Ich bin bereit zu sterben, aber nicht, diese Taube zu verraten...»

Die Stimmen verlieren sich in einem Flüstern.

«Hörst du, Meister. Wir lieben dich», sagt Simon.

«Ich weiß es. Aber es braucht nicht solche Worte, damit ich es weiß. Wenn sie auch dem Herzen Christi Frieden schenken, so verletzen sie doch seine Seele.»

«Warum mein Herr? Es sind Worte der Liebe.»

«Ganz menschlicher Liebe. Wahrlich, in diesen drei Jahren habe ich nichts erreicht, denn ihr seid noch mehr Mensch, als ihr es in der ersten Stunde gewesen seid. Heute abend gärt in euch alle schmutzige Hefe. Aber es ist nicht eure Schuld.»

«Rette dich, Jesus!» fleht Johannes.

«Ich rette mich.»

«Ja? Oh! Mein Gott, ich danke dir!» Johannes gleicht einer von der Hitze der Sonne versengten Blume, die sich wieder auf ihrem Stengel aufrichtet. «Ich werde es den anderen sagen. Wohin gehen wir?»

«Ich in den Tod. Ihr zum Glauben.»

«Aber hast du nicht gerade gesagt, daß du dich retten wirst?» Der Lieblingsjünger ist erneut niedergeschlagen.

«Ich werde mich retten. Ja, ich rette mich. Wenn ich dem Vater nicht gehorchen würde, wäre ich verloren. Aber ich gehorche, und daher rette ich mich. Aber weine doch nicht so! Du bist weniger tapfer als die Schüler dieses griechischen Philosophen, von dem ich dir einmal erzählt habe. Sie sind bei ihrem Meister geblieben, der am Schierling gestorben ist, und haben ihn durch ihren mannhaften Schmerz getröstet. Du... du gleichst einem Kind, das seinen Vater verloren hat.»

«Ist es etwa nicht so? Mehr als den Vater werde ich verlieren! Ich verliere dich ...»

«Du verlierst mich nicht. Denn du wirst mich weiterhin lieben. Nur der ist verloren, der von uns getrennt ist durch das Vergessen auf Erden und

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durch das Gericht Gottes im Jenseits. Aber wir werden nicht getrennt sein. Niemals! Weder durch das eine noch durch das andere.»

Aber Johannes will keine Vernunft annehmen.

Simon kommt noch näher zu Jesus und vertraut ihm heimlich an: «Meister... ich... ich und Simon Petrus, wir hofften, etwas Gutes zu tun... Aber... du, der du alles weißt, sage mir: In wie vielen Stunden, glaubst du, wird man dich gefangennehmen?»

«Wenn der Mond seinen höchsten Stand erreicht hat.»

Mit einer Geste von Traurigkeit und Ungeduld, um nicht zu sagen Ärger, antwortet Simon: «Dann ist alles umsonst gewesen... Meister, laß mich dir erklären. Du hast Simon Petrus und mich beinahe gescholten, weil wir dich so allein gelassen haben die letzten Tage... Aber wir sind deinetwegen weggewesen... Aus Liebe zu dir. Petrus ist in der Nacht des Montag sehr betrübt über deine Worte zu mir gekommen, hat mich geweckt und gesagt: "Ich und du – denn dir vertraue ich – wir müssen etwas für Jesus tun. Auch Judas hat gesagt, daß er sich darum kümmern wird." Ach, warum haben wir es nicht sofort begriffen? Warum hast du uns nichts gesagt? Aber sage mir: Hast du es niemandem gesagt? Wirklich niemandem? Vielleicht weißt du es selbst erst seit einigen Stunden?»

«Ich habe es immer gewußt. Schon bevor er zu den Jüngern gehörte. Und damit sein Verbrechen nicht vollkommen werde, sowohl in göttlicher als auch in menschlicher Hinsicht, habe ich mit allen Mitteln versucht, ihn von mir zu entfernen. Jene, die meinen Tod wollen, sind die Henker Gottes. Dieser mein Jünger und Freund ist auch der Verräter, der Henker des Menschen. Mein erster Henker, denn die Mühe, ihn an meiner Seite, an meinem Tisch ertragen zu müssen, ihn vor euch in Schutz nehmen zu müssen, hat mich schon umgebracht.»

«Und niemand weiß es?»

«Nur Johannes. Ich habe es ihm am Ende des Abendmahls gesagt. Aber was habt ihr getan?»

«Und Lazarus? Weiß Lazarus wirklich nichts? Heute sind wir bei ihm gewesen, denn er ist am frühen Morgen gekommen, hat sein Opfer dargebracht und ist dann, ohne sich auch nur in seinem Palast aufzuhalten oder im Prätorium vorbeizuschauen, wieder fortgegangen. Sonst geht er immer dorthin. Diese Gewohnheit hat er von seinem Vater übernommen... Und Pilatus ist doch in diesen Tagen in der Stadt, das weißt du...»

«Ja, alle sind da. Rom ist da, das neue Sion, in der Person des Pilatus. Israel ist da, mit Kaiphas und Herodes. Ganz Israel ist da, denn das Passahfest hat die Kinder dieses Volkes am Fuß des Altares Gottes versammelt... Hast du Gamaliel gesehen?»

«Ja. Warum diese Frage? Ich werde ihn auch morgen wieder sehen...»

«Gamaliel ist heute abend in Bethphage. Ich weiß es. Wenn wir Gethsemane erreicht haben, wirst du zu Gamaliel gehen und ihm sagen: "Bald

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wirst du das Zeichen erhalten, auf das du seit einundzwanzig Jahren wartest." Sonst nichts. Dann kommst du zu den Gefährten zurück.»

«Aber woher weißt du das? Oh, mein Meister, mein armer Meister, du hast nicht einmal den Trost, nicht um die Werke der anderen zu wissen.»

«Du hast recht. Den Trost, nicht zu wissen! Armer Meister! Denn es gibt mehr böse Taten als gute Werke. Aber ich sehe auch die guten Werke und freue mich darüber.»

«Dann weißt du auch, daß...»

«Simon, es ist die Stunde meiner Passion. Um sie vollkommener zu machen, nimmt der Vater das Licht von mir, je näher sie rückt. Bald wird nur noch Finsternis um mich sein und die Betrachtung dessen, was Finsternis ist: alle Sünden der Menschen. Du kannst, ihr könnt dies nicht verstehen. Keiner, mit Ausnahme dessen, der von Gott als besondere Aufgabe dazu berufen wird, wird diese Passion in der großen Passion begreifen; und da der Mensch stofflich ist, auch im Lieben und Betrachten, wird es viele geben, die weinen und leiden wegen der Schläge und Qualen des Erlösers, die aber die geistigen Qualen niemals ermessen können. Und diese, glaubt es mir, ihr, die ihr mich hört, werden die furchtbarsten sein... Sprich nun, Simon. Führe mich die Wege, die deine Freundschaft für mich gegangen ist, denn ich bin arm und geblendet und sehe Gespenster, aber nicht wirkliche Dinge...»

Johannes drückt Jesus an sich und fragt: «Wie? Siehst du deinen Johannes nicht mehr?»

«Ich sehe dich. Aber die Gespenster tauchen aus dem Nebel Satans auf. Visionen des Schreckens und der Schmerzen. Alle sind wir heute abend von diesen Dünsten der Hölle umgeben. In mir versuchen sie, Feigheit, Ungehorsam und Schmerz zu erzeugen. In euch werden sie Enttäuschung und Angst erzeugen. Andere, die weder ängstlich noch verbrecherisch sind, werden sie zu Feiglingen und Verbrechern machen. In anderen, die schon Satan angehören, werden sie übernatürliche Verderbtheit auslösen. Ich sage so, da ihre Vollkommenheit im Bösen alle menschlichen Möglichkeiten übersteigen wird; und eine Vollkommenheit zu erreichen, ist immer etwas Überirdisches. Sprich, Simon.»

«Ja. Seit Dienstag tun wir nichts anderes als herumlaufen, um etwas zu erfahren, vorzubeugen und Hilfe zu suchen.»

«Und was habt ihr erreicht?»

«Nichts. Oder doch nur recht wenig.»

«Und das Wenige wird sich in Nichts auflösen, wenn die Angst die Herzen lähmt.»

«Ich habe mich auch mit Lazarus gestritten... Es ist das erste Mal, daß mir dies passiert... Gestritten, weil es mir schien, daß er teilnahmslos zusieht... Er könnte etwas tun. Er ist ein Freund des Statthalters. Er ist immerhin der Sohn des Theophilus! Aber Lazarus hat alle meine Vorschläge

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abgelehnt. Ich habe ihn stehengelassen und geschrien: "Ich glaube, der Freund, von dem der Meister spricht, bist du. Ich verabscheue dich!" Und ich wollte nicht mehr zu ihm zurückkehren... Doch heute morgen hat er mich gerufen und gesagt: "Bist du immer noch der Meinung, daß ich der Verräter bin?" Ich hatte schon Gamaliel, Joseph und Chuza, Nikodemus und Manaen und endlich deinen Bruder Joseph gesehen... und konnte so etwas nicht mehr glauben. Also sagte ich zu ihm: "Verzeih, Lazarus. Mein Geist ist so verwirrt, mehr als damals, als ich selbst verurteilt war." Und so ist es, Meister... Ich bin nicht mehr ich selbst... Aber warum lächelst du?»

«Weil du bestätigst, was ich dir zuvor gesagt habe. Der Nebel Satans umgibt und verwirrt dich. Was hat Lazarus geantwortet?»

«Er hat gesagt: "Ich verstehe dich. Komm heute mit Nikodemus. Ich muß dich sehen." Also bin ich zu ihm gegangen, während Simon Petrus zu den Galiläern gegangen ist. Denn dein Bruder – obwohl er von weither gekommen ist – weiß mehr als wir. Er sagt, er habe es zufällig im Gespräch mit einem alten Galiläer erfahren, einem Freund des Alphäus und des Joseph, der in der Nähe des Marktes wohnt.»

«Ah! ... ja... Ein guter Freund des Hauses...»

«Er ist dort, mit Simon und den Frauen. Auch die Familie von Kana ist dort.»

«Ich habe Simon gesehen.»

«Nun, Joseph hat von diesem Freund, der auch mit jemandem im Tempel befreundet ist, der durch Heirat mit ihm verwandt ist, erfahren, daß deine Gefangennahme beschlossen wurde, und er hat dem Petrus gesagt: "Ich war nie mit ihm einverstanden. Aber aus Liebe zu ihm und solange er noch stark war. Nun, da er wie ein Kind die Beute seiner Feinde ist, bin ich, sein Verwandter, der ihn immer geliebt hat, mit ihm. Es ist eine Pflicht des Blutes und des Herzens."»

Jesus lächelt und sein Antlitz leuchtet einen Augenblick, wie in den Stunden der Freude.

«Und Joseph hat zu Petrus gesagt: "Die Pharisäer von Galiläa sind Vipern, wie alle Pharisäer. Aber in Galiläa gibt es nicht nur Pharisäer. Und hier sind viele Galiläer, die ihn lieben. Wir gehen zu ihnen und fordern sie auf, sich zusammenzuschließen und ihn zu verteidigen. Wir haben nichts als Messer. Aber auch Prügel sind Waffen, wenn man sie zu gebrauchen versteht. Und wenn das römische Militär nicht eingreift, werden wir leicht mit diesem feigen Gesindel, den Häschern des Tempels, fertig." Petrus ist mit ihm gegangen. Ich bin indessen mit Nikodemus zu Lazarus gegangen. Wir hatten beschlossen, Lazarus zu überreden, mit uns zu kommen und sein Haus zu öffnen, um in deiner Nähe zu sein. Er aber hat gesagt: "Ich muß Jesus gehorchen und hierbleiben. Und doppelt leiden..." Ist das wahr?»

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«Es ist wahr. Ich habe ihm diesen Befehl gegeben.»

«Aber er hat mir die Schwerter gegeben. Sie gehören ihm. Eines für mich und das andere für Petrus. Auch Chuza wollte mir Schwerter geben. Aber... was sind schon zwei Stück Eisen gegen eine ganze Welt? Chuza kann nicht glauben, daß deine Worte wahr sind. Er schwört, daß er von nichts weiß und daß man am Hof nur daran denkt, das Fest zu genießen... Eine Prasserei, wie üblich. Deshalb hat er Johanna geraten, sich in eines ihrer Häuser in Judäa zurückzuziehen. Aber Johanna will hierbleiben. Eingeschlossen in ihren Palast, so als ob sie nicht hier wäre. Und sie geht nicht fort. Bei ihr sind Plautina, Anna, Nike und zwei römische Damen aus dem Haus der Claudia. Sie weinen, sie beten und lassen die unschuldigen Kinder beten. Aber jetzt ist es nicht Zeit zu beten. Es ist Zeit, Blut zu vergießen. Ich fühle den "Zeloten" in mir zum Leben erwachen und brenne darauf, zu töten, um zu rächen... !»

«Simon! Wenn du verflucht sterben solltest, hätte ich dich nicht aus der Trostlosigkeit befreit!» Jesus ist äußerst streng.

«Oh, verzeih, Meister... Verzeih! Ich bin wie betrunken, wie im Delirium.»

«Und Manaen, was sagt er?»

«Manaen sagt, es könne nicht wahr sein, und wenn, dann würde er dir nachfolgen, auch in den Tod.»

«Wie seid ihr eurer selbst alle so sicher! ... Wieviel Stolz ist im Menschen! Und Nikodemus und Joseph? Was wissen sie?»

«Nicht mehr als ich. Vor einiger Zeit hat sich Joseph bei einer Versammlung mit dem Synedrium angelegt, denn er hat sie Mörder genannt, die einen Unschuldigen töten wollen, und hat gesagt: "Hier drinnen ist alles gesetzwidrig." Er hat recht: Der Greuel ist im Haus des Herrn. Dieser Altar muß zerstört werden, denn man hat ihn geschändet. Sie haben ihn nicht gesteinigt, weil er Joseph ist. Aber von da an haben sie ihn über alles im dunkeln gelassen. Nur Gamaliel und Nikodemus sind seine Freunde geblieben. Aber ersterer spricht nicht. Und der andere... Weder er noch Joseph sind mehr zu den Versammlungen des Synedriums gerufen worden, in denen es um Entscheidungen ging. Das Synedrium versammelt sich entgegen der Vorschrift da und dort, zu verschiedenen Stunden, aus Angst vor ihnen und vor Rom. Ach! ... Beinahe hätte ich es vergessen... Die Hirten. Auch sie sind bei den Galiläern. Aber wir sind nur wenige! Wenn Lazarus auf uns gehört hätte und zum Prätor gegangen wäre! Aber er wollte nicht auf uns hören... Dies haben wir getan... Viel... und nichts... Und ich bin so niedergeschlagen, daß ich in die Felder laufen und wie ein Schakal heulen möchte, daß ich mich in einer Orgie betäuben und wie ein Räuber töten möchte, nur um von dem Gedanken loszukommen, daß alles "nutzlos" ist, wie Lazarus gesagt hat, wie auch Joseph und Chuza und Manaen und Gamaliel gesagt haben ...» Der Zelote scheint nicht mehr er selbst zu sein.

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«Was hat der Rabbi gesagt?»

«Er hat gesagt: "Ich kenne die Absichten des Kaiphas nicht genau. Aber ich sage euch, nur für den Christus ist prophezeit, was ihr sagt. Und da ich diesen Propheten nicht für den Christus halte, finde ich, daß kein Grund zur Aufregung besteht. Ein Mensch wird getötet werden. Ein guter Mensch. Ein Freund Gottes. Aber von wie vielen seinesgleichen hat Sion nicht schon das Blut getrunken?!" Und da wir auf deiner göttlichen Natur bestanden, hat er hartnäckig wiederholt: "Wenn ich das Zeichen sehe, werde ich glauben." Er hat versprochen, daß er an der Abstimmung über dein Todesurteil nicht teilnehmen wird und vielmehr, wenn möglich, versuchen wird, die anderen zu überzeugen, dich nicht zu verurteilen. Das ist alles. Er glaubt nicht! Er glaubt nicht! Wenn wir nur bis morgen Zeit hätten... Aber du sagst nein. Oh, was werden wir tun?»

«Du wirst zu Lazarus gehen und versuchen, so viele als möglich mitzunehmen. Nicht nur die Apostel. Auch die auf den Feldwegen herumirrenden Jünger. Versuche, die Hirten zu treffen, und bringe ihnen diese Anordnung. Das Haus von Bethanien ist mehr denn je das Haus von Bethanien: das Haus der guten Gastlichkeit. Wer nicht den Mut hat, dem Haß eines ganzen Volkes zu begegnen, soll sich dorthin zurückziehen. Und warten...»

«Aber wir werden dich nicht verlassen.»

«Trennt euch nicht... Getrennt würdet ihr ein Nichts sein. Vereint seid ihr immer noch eine Kraft. Simon, versprich mir dies. Du bist ruhig und verläßlich, und auch Petrus hört auf dein Wort. Du schuldest mir sehr viel. Ich erinnere dich zum ersten Mal daran, um dich zum Gehorsam zu verpflichten. Schau, wir sind am Kedron. Von dort bist du als Aussätziger zu mir gekommen, und rein hast du diesen Ort verlassen. Um dessentwillen, was ich für dich getan habe, gib mir. Gib dem Menschen, was ich dem Menschen gegeben habe. Nun bin ich der Aussätzige...»

«Nein! Sage so etwas nicht!» stöhnen die beiden Jünger gleichzeitig.

«So ist es! Petrus, meine Brüder werden sich am schlimmsten fühlen. Wie ein Verbrecher wird sich mein ehrlicher Petrus fühlen und keinen Frieden finden. Und die Brüder... sie werden nicht das Herz haben, zu ihrer und meiner Mutter aufzuschauen... Ich empfehle sie dir...»

«Und ich, Herr? Wer wird sich meiner annehmen? An mich denkst du nicht?»

«0 mein Junge! Du bist deiner Liebe anvertraut. Sie ist stark und wird dich wie eine Mutter leiten. Ich gebe dir weder Befehl noch Führer. Ich lasse dich auf den Wassern der Liebe, dem starken und tiefen Strom in dir, der keine Zweifel an deinem Morgen gestattet. Simon, hast du gehört? Versprich mir, versprich mir!» Es ist schmerzlich, Jesus so angstvoll zu sehen... Er fährt fort: «Bevor die anderen kommen! Oh! Danke! Sei gesegnet.»

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Die ganze Gruppe ist nun beisammen.

«Wir wollen uns nun trennen. Ich gehe hinauf und bete. Petrus, Johannes und Jakobus nehme ich mit. Ihr bleibt hier. Wenn man euch Gewalt antut, ruft. Habt keine Angst. Es wird euch kein Haar gekrümmt werden. Betet für mich. Legt Haß und Angst ab. Es wird nur ein Augenblick sein... und dann wird die Freude vollkommen sein. Lächelt, damit ich euer Lächeln im Herzen habe. Und noch einmal Dank für alles, Freunde. Lebt wohl. Der Herr möge euch nicht verlassen...»

Jesus trennt sich von den Aposteln und geht voraus, während Petrus sich von Simon die Fackel geben läßt, nachdem dieser harzige Reiser an ihr entzündet hat, die nun prasselnd am Rand des Olivenhaines brennen und den Duft von Wacholder verbreiten.

Thaddäus tut mir leid. Er schaut Jesus mit so eindringlichen, schmerzerfüllten Blicken nach, daß dieser sich umdreht um zu sehen, wer ihn anschaut. Doch Thaddäus verbirgt sich hinter Bartholomäus und beißt sich auf die Lippen, um sich zu beherrschen.

Jesus macht eine Handbewegung zwischen Segen und Gruß und geht dann weiter. Das Licht des nun schon hoch am Himmel stehenden Mondes fließt um seine hohe Gestalt und läßt sie noch größer, vergeistigter erscheinen; das Rot des Kleides ist heller und das Gold der Haare bleicher. Hinter Jesus beschleunigen Petrus mit der Fackel und die beiden Söhne des Zebedäus ihre Schritte.

Sie gehen bis an den ersten steilen Hang des Amphitheaters, das der Ölgarten bildet. Man betritt es über einen kleinen, unregelmäßigen Platz, von dem aus die Hänge in Stufen voller Ölbäume bis zum höchsten Punkt des Berges aufsteigen. Jesus sagt: «Bleibt hier und wartet auf mich, während ich bete. Aber schlaft nicht. Ich könnte euch brauchen. Und ich bitte euch von ganzem Herzen: betet! Euer Meister ist sehr betrübt.»

Er ist wahrhaft von tiefster Mattigkeit gezeichnet. Eine schwere Last scheint ihn zu Boden zu drücken. Wo ist der männliche Jesus, der zu den Massen sprach, der schöne, starke Jesus mit dem Blick eines Herrschers, dem friedvollen Lächeln und der wohlklingenden, schönen Stimme? Er scheint keuchend zu atmen wie einer, der rasch gelaufen ist oder geweint hat. Seine Stimme ist müde und bekümmert. Er ist traurig, traurig, so traurig...

Petrus antwortet für alle: «Sei beruhigt, Meister. Wir werden wachen und beten. Du brauchst uns nur zu rufen, und wir kommen.»

Jesus verläßt sie, während die drei sich bücken, um Laub und Reiser zu sammeln und damit ein Feuerchen zu machen, das sie wachhalten und auch vor der Feuchtigkeit schützen soll, denn der Tau fällt schon reichlich.

Er läßt sie zurück und geht in östlicher Richtung weiter. Der Mond scheint ihm ins Gesicht. Ich sehe, daß sich seine Augen durch den großen Schmerz noch geweitet haben; vielleicht sind es auch von der Müdigkeit

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herrührende dunkle Ringe, die sie vergrößern, oder der Schatten der Brauen. Ich weiß es nicht. Ich sehe nur, daß seine Augen weiter offen sind und tiefer liegen. Er steigt hinauf mit geneigtem Haupt, nur hie und da erhebt er es mit einem Seufzer, als hätte er Mühe und müßte um Atem ringen. Dann schweift sein so trauriger Blick über den friedlichen Olivenhain. Er steigt noch einige Meter höher und geht dann um eine Stufe herum, die somit zwischen ihm und den drei weiter unten liegt.

Die zuerst nur wenige Zentimeter hohe Stufe steigt an und ist schon bald über zwei Meter hoch, so daß Jesus völlig vor allen mehr oder weniger diskreten und freundschaftlichen Blicken verborgen ist. Jesus geht bis zu einem großen Steinblock, der an einer Stelle den Pfad versperrt. Vielleicht hat man ihn dort als Stütze für den Hang angebracht, der nach unten baumlos und noch steiler abfällt zu einer öden Stelle vor den Mauern Jerusalems, und nach oben in Stufen mit Ölbäumen weiter aufsteigt. Genau oberhalb dieses Blocks wächst ein knorriger, krummer Ölbaum – er gleicht einem bizarren Fragezeichen, das die Natur hierhergesetzt hat in der Frage nach irgendeinem Warum. Die dichten Zweige des Wipfels geben der Frage seines Stammes eine Antwort, sagen «ja», wenn sie sich zur Erde neigen, und «nein», wenn sie sich nach rechts und links bewegen im leichten Wind, der immer wieder durch die Blätter weht und einmal nur nach Erde riecht, ein anderes Mal den etwas bitteren Geruch der Ölbäume und dann wieder den Duft von Rosen und Maiglöckchen bringt, von dem ich nicht weiß, woher er kommen könnte. Jenseits des Pfades, weiter unten, stehen noch mehr Ölbäume. Und einer, genau unterhalb des Felsblocks – ein Blitz muß ihn gespalten haben, und doch hat er überlebt, oder er ist aus sonst einem Grund auseinandergebrochen – wächst nun statt mit seinem ursprünglichen Stamm mit zwei Stämmen weiter, wie die zwei Hälften eines V in Blockschrift. Und die beiden Wipfel erheben sich nun zu beiden Seiten des Felsens, so als ob sie zusehen und gleichzeitig wachen wollten, oder als ob sie diesem Fels als friedfertige, silbergraue Unterlagen dienen wollten.

Dort bleibt Jesus stehen. Er sieht die Stadt nicht an, die im Mondlicht unten leuchtet. Er kehrt ihr vielmehr den Rücken und betet mit zum Kreuz geöffneten Armen und zum Himmel erhobenem Antlitz. Ich sehe sein Gesicht nicht, denn es ist im Schatten. Und wenn auch der Mond gerade über ihm steht, so dringt doch nur wenig Licht durch das dichte Laub eines Ölbaumes zwischen ihm und dem Mond, und die durch die Blätter gefilterten Strahlen zeichnen sich ständig verändernde Punkte und Striche. Ein langes, inbrünstiges Gebet. Ab und zu höre ich einen Seufzer oder ein deutlicheres Wort. Es ist kein Psalm und auch kein Vaterunser. Es ist ein Gebet, das seiner Liebe und seiner Not entspringt. Eine wahre Ansprache an seinen Vater.

Ich erkenne dies aus den wenigen Worten, die ich verstehe: «Du weißt

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es... Ich bin dein Sohn... Alles, doch hilf mir... Die Stunde ist gekommen ... Ich gehöre nicht mehr der Welt. Dein Wort braucht keine Hilfe mehr ... Gib, daß der Mensch dich als Erlöser zufriedenstellt, so wie das Wort dir gehorsam gewesen ist... Dein Wille geschehe... Für sie bitte ich um Erbarmen... Werde ich sie retten? Darum bitte ich dich. Ich möchte, daß sie vor der Welt, dem Fleisch und Satan gerettet werden... Darf ich noch bitten? Es ist eine gerechte Bitte, mein Vater. Nicht für mich. Für den Menschen, der dein Geschöpf ist und der sogar auch seine Seele in Schmutz verwandeln wollte. Ich nehme diesen Schmutz in mein Leiden und in mein Blut, damit das unverderbliche Wesen des Geistes wieder zu deinem Wohlgefallen erstrahle... Er ist überall. Er ist heute abend König. Im Palast und in den Häusern. Bei den Soldaten und im Tempel... Die Stadt ist in seiner Gewalt und wird morgen eine Hölle sein ...»

Jesus wendet sich um, lehnt sich mit dem Rücken an den Stein und kreuzt die Arme. Er betrachtet Jerusalem. Das Antlitz Jesu wird immer trauriger. Er flüstert: «Es gleicht dem Schnee... und ist ganz Sünde. Wie viele habe ich auch dort geheilt! Wieviel habe ich gesprochen! ... Wo sind sie nun, die mir treu zu sein schienen ... ?»

Jesus neigt das Haupt und starrt auf den mit kurzem, tauglänzendem Gras bewachsenen Boden. Obwohl er sein Haupt gesenkt hält, verstehe ich, daß er weint, denn leuchtende Tropfen fallen von seinem Gesicht zur Erde. Dann erhebt er das Haupt, löst die Arme, faltet die Hände über dem Haupt und ringt sie so.

Schließlich kehrt er zu den drei Aposteln zurück, die um ihr Reisigfeuerchen sitzen. Und findet sie halb schlafend. Petrus lehnt an einem Baumstamm mit über der Brust verschränkten Armen und läßt vom Schlaf überwältigt immer wieder den Kopf sinken. Jakobus und sein Bruder sitzen auf einer vorstehenden Wurzel. Um die Knoten nicht zu sehr zu spüren, haben sie ihre Mäntel daraufgelegt und sind – obgleich sie es noch weniger bequem als Petrus haben – schon fast eingeschlummert. Jakobus hat seinen Kopf auf die Schulter des Johannes gelegt und dieser lehnt den Kopf an die Schulter des Jakobus. Es sieht aus, als seien sie im Halbschlaf in dieser Haltung erstarrt.

«Schlaft ihr? Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen? Ich habe euren Trost und eure Gebete so nötig.»

Die drei springen verwirrt auf. Sie reiben sich die Augen, murmeln eine Entschuldigung und führen ihre Schläfrigkeit hauptsächlich auf die Mahlzeit zurück: «Es ist der Wein... das Essen... Aber nun ist es vorbei. Es war nur ein Augenblick. Wir hatten keine Lust zu reden, und so sind wir eingeschlafen. Doch nun werden wir laut beten, damit das nicht mehr passiert.»

«Ja, betet und wacht. Auch für euch selbst habt ihr es nötig.»

«Ja, Meister, wir werden dir gehorchen.»

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Jesus entfernt sich wieder. Der Mond scheint ihm ins Gesicht, und sein silbernes Licht ist so hell, daß das rote Gewand immer blasser wirkt, so als wäre es von weißem, leuchtendem Staub bedeckt. Der Mond läßt mich sein trauriges, schmerzerfülltes, gealtertes Antlitz erkennen. Die Augen sind immer noch weit offen, aber sie scheinen jetzt getrübt. Um den Mund legt sich eine müde Falte.

Er kehrt zu seinem Stein zurück, langsamer und gebeugter. Er kniet nieder und stützt seine Arme auf den Fels, der nicht ganz glatt ist, sondern auf halber Höhe eine Art Sims hat, fast als hätte man ihn absichtlich so geformt. Und auf diesem kleinen Sims ist ein Pflänzchen gewachsen. Es scheinen mir die kleinen, Lilien ähnlichen Blümchen zu sein, die ich auch in Italien schon gesehen habe, mit winzigen runden, am Rand gezackten fleischigen Blättchen und ebenso winzigen Blüten an den hauchfeinen Stielen. Sie gleichen über das Grau des Felsens und das Dunkelgrün der Blättchen gestreuten Schneeflöckchen. Jesus stützt seine Hände neben ihnen auf, und die Blümchen liebkosen seine Wange, denn er legt den Kopf auf die zum Gebet gefalteten Hände. Nach einer Weile fühlt er die Kühle der kleinen Blüten und hebt das Haupt. Er sieht sie an, streichelt sie, spricht zu ihnen: «Ihr seid rein! ... Ihr tröstet mich! Auch in der Grotte meiner Mutter gab es solche Blümchen... und meine Mutter liebte sie, denn sie sagte: "Als ich klein war, sagte mein Vater: 'Du bist so eine kleine Lilie und voll vom Tau des Himmels .... ..» Die Mama! Oh, meine Mama!» Jesus bricht in Tränen aus. Den Kopf auf den gefalteten Händen und auf die Fersen zurückgesunken, höre und sehe ich ihn weinen und die Hände ringen. Ein Finger quält den anderen. Ich höre, wie er sagt: «Auch in Bethlehem... und ich habe sie dir gebracht, Mama. Aber diese hier, wer wird sie dir bringen ... ?»

Dann betet und betrachtet er wieder. Seine Betrachtung muß sehr traurig sein, mehr angsterfüllt als traurig, denn um ihr zu entfliehen, steht er auf, geht vorwärts und rückwärts und murmelt Worte, die ich nicht verstehe, erhebt das Antlitz, senkt es wieder, macht verschiedene Gesten und fährt sich mit mechanischen, aufgeregten Bewegungen mit den Händen über Augen, Wangen und Haar, wie einer, der in großer Angst ist. Dies zu sagen ist nichts. Es ist unmöglich, es zu beschreiben. Es sehen heißt, seine Angst mitfühlen.

Er macht eine Geste in Richtung Jerusalem. Dann erhebt er wieder die Arme zum Himmel, wie um von dort Hilfe zu erbitten. Er legt den Mantel ab, als ob er ihm zu warm wäre, und schaut ihn an... Aber was sieht er? Seine Augen sehen nichts als seine Qual, und alles wird ihm zur Qual und vermehrt sie noch. Auch der von der Mutter gewebte Mantel. Er küßt ihn und sagt: «Verzeihung, Mama, Verzeihung!» Es scheint, als bitte er das von der Mutterliebe gesponnene und gewebte Tuch um Verzeihung... Er legt den Mantel wieder an. Der Schmerz zerreißt ihm das Herz. Er will

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beten, um ihn zu überwinden. Aber mit dem Gebet kehren die Erinnerungen, die Ängste, die Zweifel, das Bedauern wieder... Eine Lawine von Namen... Städten... Personen... Ereignissen... Ich kann nicht folgen, denn es geht zu rasch und sprunghaft. Es ist sein ganzes evangelisches Leben, das an ihm vorüberzieht... und ihm Judas, den Verräter, zeigt. Sein Schmerz ist so groß, daß er, um ihn zu beherrschen, die Namen Petrus und Johannes hinausschreit. Und er sagt – «Nun werden sie kommen. Sie sind treu!»Aber «sie» kommen nicht. Er ruft noch einmal und scheint so entsetzt, als ob er Gott weiß was sähe. Dann flieht er zu der Stelle, an der er Petrus und die beiden Brüder gelassen hat. Er findet sie in bequemerer Stellung und in tiefem Schlaf an der schwachen Glut, die am Erlöschen ist und nur noch da und dort unter der grauen Asche glimmt.

«Petrus! Schon dreimal habe ich euch gerufen! Was tut ihr? Ihr schlaft wieder? Fühlt ihr denn nicht, wie sehr ich leide? Betet, damit das Fleisch nicht siegt, euch nicht besiegt. Keinen von euch. Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach. Helft mir ...»

Die drei wachen nur langsam auf. Doch endlich kommen sie zu sich und entschuldigen sich mit noch ganz verschlafenen Augen. Sie richten sich auf und setzen sich zuerst. Dann stehen sie auf.

«Also nein!», murmelt Petrus, «das ist uns noch nie passiert! Es muß der Wein gewesen sein. Er war stark. Und dann diese Kühle. Wir haben uns zugedeckt, um nicht zu frieren (sie hatten sich tatsächlich die Mäntel über die Köpfe gezogen); und so haben wir das Feuer nicht mehr gesehen und die Kälte nicht mehr gefühlt, und der Schlaf hat uns übermannt. Du sagst, daß du uns gerufen hast? Und doch habe ich nicht geglaubt, so tief zu schlafen... Auf, Johannes, gehen wir Zweige suchen, bewegen wir uns, damit der Schlaf vergeht. Sei versichert, Meister, von jetzt an! ... Wir bleiben auf den Füßen ...» und er wirft eine Handvoll trockene Blätter auf die Asche und bläst, bis die Flammen wieder aufflackern. Dann legt er Brombeergestrüpp darauf, das Johannes herbeibringt, während Jakobus einen großen Wacholderzweig oder etwas Ähnliches aus dem nahen Gebüsch schlägt und zum übrigen wirft.

Die Flammen flackern hoch und fröhlich auf und beleuchten das arme Antlitz Jesu. Ein so unendlich trauriges Antlitz, daß man es nicht ansehen kann, ohne zu weinen. Jeglicher Glanz ist aus diesem Antlitz gewichen in der tödlichen Ermattung. Jesus sagt: «Ich leide Qualen, die mich umbringen. O ja! Meine Seele ist betrübt bis in den Tod. Freunde! ... Freunde! Freunde!» Aber selbst wenn er dies nicht sagen würde, könnte man an seinem Aussehen erkennen, daß er wirklich einem Sterbenden, einem in furchtbarer und trostloser Verlassenheit Sterbenden ähnlich ist. Jedes Wort scheint ein Aufschluchzen zu sein...

Aber die drei sind zu müde. Fast wie Betrunkene wanken sie mit halbgeschlossenen Augen umher... Jesus schaut sie an... Er demütigt sie nicht

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durch Tadel. Er schüttelt nur das Haupt, seufzt und kehrt an die vorige Stelle zurück.

Er betet wieder stehend, mit zum Kreuz ausgebreiteten Armen. Dann kniet er nieder wie zuvor, neigt das Gesicht über die kleinen Blümchen, denkt... schweigt. Dann beginnt er laut zu seufzen und zu schluchzen. Fast liegt er am Boden, so weit neigt er sich zurück, und ruft den Vater. Immer flehender, immer angstvoller...

«Oh!» sagt er. «Zu bitter ist dieser Kelch! Ich kann nicht! Ich kann nicht! Es geht über meine Kräfte. Alles konnte ich! Aber dies nicht ... Nimm ihn von mir, Vater, von deinem Sohn! Erbarme dich meiner! ... Was habe ich getan? Womit habe ich dies verdient?» Dann beruhigt er sich und sagt: «Mein Vater, höre nicht auf meine Worte, wenn sie erbitten, was gegen deinen Willen ist. Denke nicht daran, daß ich dein Sohn bin, sondern nur daran, daß ich dein Diener bin. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.»

Einige Zeit bleibt er so. Dann stößt er einen gedämpften Schrei aus und erhebt sein von Schmerz zerwühltes Gesicht. Nur einen Augenblick, dann fällt er zu Boden, das Gesicht zur Erde, und bleibt so liegen. Ein Bild des Elends, der Mensch, auf dem die Sünden der ganzen Welt lasten, den die ganze Gerechtigkeit des Vaters trifft, auf den sich die Finsternis herabsenkt, die Trostlosigkeit, die Bitterkeit, und das Furchtbare, Furchtbare, Allerfurchtbarste, das Verlassensein von Gott, während Satan quält... Es ist das Ersticken der Seele, das lebendig Begrabensein in diesem Kerker, der die Welt ist, wenn man die Verbindung zwischen Gott und uns nicht mehr fühlt. Man fühlt sich in Ketten, geknebelt, gesteinigt sogar von den eigenen Gebeten, die scharf und sengend auf uns zurückfallen. Man stößt an den verschlossenen Himmel, den weder die Stimme noch die Blicke unserer Angst durchdringen, man fühlt sich als «Waise» Gottes. Es ist Wahnsinn, Todesangst, der Zweifel, sich bisher getäuscht zu haben, es ist die Überzeugung, von Gott verworfen zu sein, verdammt zu sein. Es ist die Hölle! ...

Oh, ich weiß! Ich kann die Ängste und Schmerzen meines Christus nicht mitansehen, ich kann es nicht, da ich doch weiß, daß sie millionenfach schrecklicher sind als jene, die ich letztes Jahr empfunden habe. Die Erinnerung daran erschüttert mich jedesmal.

Jesus stöhnt unter Röcheln und Todesseufzern: «Nichts! ... Nichts! ... Fort! ... Der Wille des Vaters! Dieser! Nur dieser allein! ... Dein Wille, Vater, dein Wille, nicht meiner... Es ist nutzlos! Ich habe nur einen Herrn: den allerheiligsten Gott. Nur ein Gesetz: den Gehorsam. Nur eine Liebe: die Erlösung... Nein. Ich habe keine Mutter mehr. Ich habe kein Leben mehr. Ich habe keine Göttlichkeit mehr. Ich habe keine Aufgabe mehr. Vergeblich versuchst du mich, Dämon, mit der Mutter, mit dem Leben, mit meiner Göttlichkeit und meiner Mission. Meine Mutter ist die Menschheit,

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und ich liebe sie so sehr, daß ich für sie sterben werde. Das Leben gebe ich dem zurück, der es mir gegeben hat und es nun von mir verlangt, dem höchsten Herrn alles Lebenden. Die Göttlichkeit bestätige ich, da ich zu dieser Sühne fähig bin. Die Mission vollende ich durch meinen Tod. Nichts habe ich mehr. Ich kann nur noch den Willen des Herrn, meines Gottes, tun. Weiche Satan! Ich habe es das erste und das zweite Mal gesagt. Ich sage es zum dritten Mal: "Vater, wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an mir vorübergehen. Doch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe." Weiche, Satan! Ich gehöre Gott!»

Dann sagt er nur noch keuchend: «Gott! Gott! Gott!» Bei jedem Schlag seines Herzens ruft er ihn, und es scheint, als quelle bei jedem dieser Schläge Blut hervor. Der über den Schultern gespannte Stoff seines Gewandes wird naß und ist nun wieder dunkel, trotz des Mondes, der alles in sein helles Licht taucht.

Da erscheint eine noch größere Helligkeit über seinem Haupt, etwa einen Meter über ihm, eine so lebhafte Helligkeit, daß auch der Darniederliegende sie durch die Wellen seines schon blutgetränkten Haares und durch den Schleier des Blutes vor seinen Augen bemerkt. Er hebt den Kopf... Der Mond beleuchtet sein armes Antlitz, und stärker noch leuchtet das dem bläulichen Diamanten, der Venus ähnliche Licht des Engels. Und nun erkennt man die ganze furchtbare Todesangst an dem Blut, das aus allen Poren dringt. Brauen, Haar, Bart sind voll Blut, getränkt von Blut. Blut fließt von den Schläfen, Blut dringt aus den Adern am Hals, Blut tropft von den Händen, und als er die Hände dem Engelslicht entgegenstreckt und die weiten Ärmel bis zum Ellenbogen zurückgleiten, sind auch die Unterarme Christi voll Blut. In seinem Gesicht hinterlassen die Tränen zwei helle Bahnen auf der roten Maske.

Jesus legt den Mantel ab und trocknet Hände, Antlitz, Hals und Arme. Aber er fährt fort, Blut zu schwitzen. Immer wieder drückt er das Tuch auf sein Antlitz, hält es eine Weile darauf, und jedesmal, wenn er eine andere Stelle nimmt, sieht man deutlich die Spuren auf dem dunkelroten Stoff, denn da sie naß sind, erscheinen sie schwarz. Das Gras am Boden ist von Blut gerötet.

Jesus ist einer Ohnmacht nahe. Er öffnet das Gewand am Hals, als wäre er am Ersticken. Er führt die Hand zum Herzen und dann zum Haupt und bewegt sie vor seinem Antlitz, als wolle er sich Luft zufächeln; sein Mund ist leicht geöffnet. Er kriecht zu dem Fels, mehr dem Rand des Hanges zu, und lehnt sich mit dem Rücken an den Stein. Seine Arme hängen herunter, und das Haupt hängt auf die Brust, fast als wäre er schon tot. Er rührt sich nicht mehr.

Das Licht des Engels nimmt ganz langsam ab. Dann scheint es sich im Mondschein aufzulösen. Jesus öffnet die Augen wieder. Mit Mühe hebt er das Haupt und blickt um sich. Er ist allein. Aber er leidet jetzt weniger.

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Er streckt eine Hand aus, zieht den Mantel an sich, der im Gras liegengeblieben ist, und trocknet sich wieder das Antlitz, die Hände, den Hals, den Bart und die Haare. Er nimmt ein großes, ganz taunasses Blatt, das gerade dort am Rand des Hanges wächst, säubert sich damit, wäscht sich Gesicht und Hände und trocknet sie. Das wiederholt er mehrmals mit anderen Blättern, bis alle Spuren seines furchtbaren Schweißes getilgt sind. Nur das Gewand ist noch befleckt, besonders an den Schultern, in den Beugen der Ellbogen, am Hals, am Gürtel und an den Knien. Er betrachtet es und schüttelt den Kopf. Dann schaut er auch den Mantel an und da er sieht, daß er zu sehr befleckt ist, faltet er ihn und legt ihn auf den Stein, dort auf den Sims, neben die Blümchen.

In seiner Schwäche dreht er sich mit Mühe um, kniet nieder und betet, das Haupt auf den Mantel gelegt, auf dem bereits die Hände ruhen. Dann stützt er sich auf den Stein und steht auf. Leicht wankend begibt er sich zu den Jüngern. Sein Antlitz ist totenbleich, aber nicht mehr verstört. Es ist ein Antlitz voll göttlicher Schönheit, obwohl blutleer und trauriger denn je.

Die drei schlafen tief. Ganz in ihre Mäntel gehüllt, haben sie sich an dem erloschenen Feuer ausgestreckt, und man hört sie tief atmen und beinahe schon laut schnarchen. Jesus ruft sie. Vergebens. Er muß sich bücken und Petrus kräftig schütteln.

«Was gibt es? Wer will mich gefangennehmen?» sagt dieser und schlägt verwirrt und erschrocken seinen dunkelgrünen Mantel zurück.

«Niemand. Ich bin es, der dich ruft.»

«Ist es schon Tag?»

«Nein, die zweite Nachtwache ist fast zu Ende.»

Petrus ist ganz benommen, Jesus schüttelt Johannes, der einen Schreckensschrei ausstößt, da er über sich das Antlitz eines Gespenstes zu sehen glaubt, so marmorweiß ist Jesus. «Oh! Du siehst wie ein Toter aus.»

Er schüttelt Jakobus und dieser, der glaubt, sein Bruder würde ihn rufen, sagt: «Haben sie den Meister gefangengenommen?»

«Noch nicht, Jakobus», antwortet Jesus. «Aber steht nun auf, und gehen wir. Mein Verräter naht.»

Die drei, noch ganz verwirrt, erheben sich. Sie schauen um sich... Ölbäume, Mond, Nachtigallen, ein leichter Wind, Friede... sonst nichts. Doch sie folgen Jesus, ohne ein Wort zu sagen. Auch die anderen acht sind um das erloschene Feuer herum mehr oder weniger eingeschlafen.

«Steht auf!» ruft Jesus laut. «Während Satan kommt, zeigt dem Schlaflosen und seinen Söhnen, daß die Kinder Gottes nicht schlafen.»

«Ja, Meister.»

«Wo ist er, Meister?»

«Jesus, ich ...»

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«Aber was ist denn los?»

Zwischen sich überstürzenden Fragen und Antworten legen sie ihre Mäntel an...

Gerade noch rechtzeitig, um ordentlich vor der bewaffneten Bande zu erscheinen, die von Judas angeführt den friedlichen Platz überschwemmt und ihn mit vielen brennenden Fackeln grell erleuchtet. Eine Horde als Soldaten verkleideter Banditen, in teuflischem Grinsen verzerrte Galgengesichter. Auch der eine oder andere Kämpe vom Tempel ist dabei.

Die Apostel springen alle in einen Winkel. Petrus vorne, die anderen in einer Gruppe hinter ihm. Jesus bleibt, wo er ist.

Judas nähert sich ihm und hält seinem Blick stand, der nun wieder strahlend ist wie in den besten Tagen. Doch Judas senkt den Kopf nicht. Er geht vielmehr mit dem Grinsen einer Hyäne auf Jesus zu und küßt ihn auf die rechte Wange.

«Freund, wozu bist du gekommen? Mit einem Kuß verrätst du mich?»

Judas senkt einen Moment den Kopf, dann hebt er ihn wieder... Er ist nun taub gegenüber jedem Vorwurf und jeder Aufforderung zur Reue.

Nach den ersten Worten, die er noch mit der Würde des Meisters gesprochen hat, erkennt man am traurigen Ton der Stimme Jesu, daß er sich in sein Schicksal ergeben hat.

Die Häscherbande nähert sich schreiend mit Stricken und Stöcken und versucht, sich Jesu und auch der Apostel zu bemächtigen; natürlich mit Ausnahme des Judas Iskariot.

«Wen sucht ihr?» fragt Jesus ruhig und feierlich.

«Jesus von Nazareth.»

«Ich bin es.» Die Stimme gleicht dem Donner. Vor der mörderischen und vor der unschuldigen Welt, vor der Natur und vor den Sternen legt Jesus von sich selbst Zeugnis ab, offen, ehrlich und sicher; ich würde sagen, er freut sich sogar, es tun zu können.

Wäre ein Blitz von ihm ausgegangen, er hätte nicht mehr bewirkt. Wie eine Garbe gemähter Halme fallen alle zu Boden. Stehen bleiben nur Judas, Jesus und die Apostel, die angesichts der niedergeworfenen Soldaten wieder Mut fassen. So sehr, daß sie sich Jesus nähern und Drohungen ausstoßen, die so deutlich Judas gelten, daß dieser einen Sprung zur Seite macht, gerade noch rechtzeitig, um dem gekonnten Schwertstreich des Simon auszuweichen. Die übrigen Apostel, die keine Schwerter haben, werfen ihm Steine und Prügel nach, aber vergeblich. Und Judas flieht über den Kedron und verschwindet auf einem Feldweg in der Dunkelheit.

«Steht auf. Wen sucht ihr? Ich frage euch noch einmal.»

«Jesus von Nazareth.»

«Ich habe euch gesagt, daß ich es bin», sagt Jesus sanft. «Laßt diese also gehen. Ich komme mit euch. Legt die Schwerter und die Prügel weg. Ich bin kein Räuber. Ich bin immer unter euch gewesen. Warum habt ihr

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mich damals nicht festgenommen? Aber dies ist eure Stunde und die Stunde Satans ...»

Doch während Jesus spricht, nähert sich Petrus dem Mann, der schon die Stricke vorbereitet, um den Meister zu fesseln, und schlägt ungeschickt mit dem Schwert auf ihn ein. Hätte er mit der Spitze zugestoßen, hätte er ihn wie einen Hammel abgestochen. So aber schlägt er ihm nur das Ohr fast ganz ab, das nun stark blutend herunterhängt. Der Mann schreit, als wäre er tödlich verletzt. Ein großer Tumult entsteht, denn die einen wollen vorwärtsstürzen und die anderen bekommen Angst, als sie Schwerter und Dolche blitzen sehen.

«Steckt die Waffen in die Scheide. Ich befehle es. Wenn ich wollte, würden die Engel des Vaters mich verteidigen. Und du, sei heil. Zuerst an der Seele, wenn du kannst.» Und bevor Jesus seine Hände fesseln läßt, berührt er das Ohr und heilt es.

Die Apostel schreien unerhörte Dinge... Ja, ich bedauere, es sagen zu müssen, aber es ist so. Der eine schreit dies, der andere das. Einer ruft: «Du hast uns verraten!» Einer: «Aber er ist verrückt!» und einer schreit: «Wer kann dir noch glauben?» Wer nicht schreit, flieht...

Und Jesus bleibt allein... Er und die Schergen... Und der Weg beginnt...

663. DIE VERSCHIEDENEN PROZESSE

Es beginnt der schmerzvolle Weg auf dem steinigen Sträßchen, das vom Platz der Gefangennahme Jesu zum Kedron führt und von dort auf einem weiteren Sträßchen zur Stadt. Und gleichzeitig beginnen Spott und Mißhandlungen.

Jesus ist an den Händen gefesselt, und man hat ihm sogar einen Strick um den Leib gebunden, als wäre er ein gefährlicher Geisteskranker. Die Strickenden halten zwei haßerfüllte Rohlinge, die ihn hin- und herzerren, wie ein Rudel wütender Hunde einen alten Lappen. Aber wenn es Hunde wären, die sich so benehmen, könnte man sie noch entschuldigen. Diese hingegen nennen sich Menschen, obwohl sie von Menschen nur das Aussehen haben. Um ihm noch mehr wehzutun, haben sie sich eine Fesselung mit zwei entgegengesetzten Stricken ausgedacht. Mit einem sind nur die Handgelenke zusammengebunden, aber der sehr straffe, rauhe Strick kratzt und schneidet tief ins Fleisch ein. Der andere, um die Taille gebundene, preßt die Ellenbogen an den Körper und drückt auf die Magengegend, die Leber und das Kreuz, wo sich ein riesiger Knoten befindet. Von Zeit zu Zeit schlagen die Männer, die die Strickenden halten, damit auf ihn ein und schreien: «Hü! Hott! Lauf, Esel!» und geben dem Gequälten Fußtritte in die Kniekehlen, so daß er wankt und nur deshalb

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nicht fällt, weil die Stricke ihn auf den Füßen halten. Das hindert aber nicht, daß Jesus an Mäuerchen und Baumstämme stößt und dann durch einen noch kräftigeren Ruck hart gegen das Geländer der Brücke fällt, als er über den Kedron geht; denn der eine reißt ihn an dem Strick um die Handgelenke nach rechts, der andere an dem Strick um die Taille nach links. Sein verletzter Mund blutet. Jesus hebt die gefesselten Hände, um das Blut, das in seinen Bart tropft, abzuwischen und sagt kein Wort. Er ist wahrhaft das Lamm, das sich nicht gegen seine Peiniger auflehnt.

Inzwischen sind Leute zum Kedron hinuntergelaufen, um Kies und Steine im Bachbett zu holen, und nun hagelt es von unten Steine auf das leicht zutreffende Ziel. Denn auf dem schmalen, unsicheren Brückchen, auf dem sich die Leute stauen und sich gegenseitig behindern, geht es nur langsam voran, und die Steine treffen Jesus am Kopf, an den Schultern und am Rücken; und nicht nur Jesus. Seine Schergen reagieren darauf, indem sie nun selbst Stöcke und die gleichen Steine werfen. Alles dient nur dazu, daß Jesus noch häufiger an Kopf und Hals getroffen wird. Aber schließlich sind sie am Ende der Brücke, und nun wirft ein enges Gäßchen seine Schatten auf das Gewühl, denn der Mond beginnt unterzugehen und scheint nicht mehr in diesen krummen Durchgang. Auch sind viele Fackeln im allgemeinen Durcheinander erloschen.

Aber der Haß dient als Leuchte und läßt sie den armen Märtyrer erkennen, für den selbst seine hohe Gestalt zur Qual wird. Er ist der größte von allen. So ist es leicht, ihn zu schlagen, ihn an den Haaren zu packen und sein Haupt gewaltsam nach hinten zu reißen, um ihm eine Handvoll Kot ins Gesicht zu werfen, der ihn in Mund und Augen trifft und ihm gewiß Schmerz und Ekel bereitet.

Nun durchqueren sie den Vorort Ophel, den Vorort, in dem Jesus so viel Gutes getan und so viele Liebkosungen ausgeteilt hat. Der lärmende Haufe ruft Schläfer auf die Schwellen der Häuser, und wenngleich die Frauen schmerzerfüllt aufschreien und entsetzt fliehen, als sie sehen, was geschieht, so senken doch die Männer – die Männer, denen er ja auch Heilungen, Hilfe und Freundesworte geschenkt hat – gleichgültig die Köpfe, scheinen zumindest teilnahmslos, oder ihre Neugierde verwandelt sich in Haß, in Hohnlachen, in eine Drohung. Und viele schließen sich dem Zug an, um die Qualen noch zu vermehren. Satan ist schon am Werk...

Ein Mann, ein Ehemann, der ihm folgen will, um ihn zu beleidigen, wird von seiner schreienden Frau zurückgehalten, die ihm zuruft: «Du Feigling! Wenn du noch lebst, so hast du es nur ihm zu verdanken, du schmutziger, schlechter Kerl. Denk daran!» Doch der Mann überwältigt die Frau, schlägt wild auf sie ein, wirft sie zu Boden und läuft davon, um den Märtyrer einzuholen und ihm einen Stein an den Kopf zu werfen.

Eine andere alte Frau versucht, sich ihrem Sohn in den Weg zu stellen, der mit dem Gesicht einer Hyäne und einem Stock herbeieilt, um Jesus zu

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schlagen. Sie ruft ihm zu: «Solange ich lebe, wirst du nicht der Mörder deines Erlösers sein!» Doch ein brutaler Fußtritt des Sohnes trifft die Arme am Unterleib, und sie bricht schreiend zusammen: «Gottesmörder und Mörder deiner Mutter! Um des Leibes willen, den du zum zweitenmal zerreißt, und um des Messias willen, den du schlägst, sollst du verflucht sein!»

Die Szenen werden immer grausamer, je näher sie zur Stadt kommen.

Bevor sie die Stadtmauern erreichen – die Tore sind schon geöffnet, und die römischen Soldaten halten ihre Waffen bereit und beobachten den Verlauf des Tumults, und wohin er sich wendet, um sofort eingreifen zu können, falls das Ansehen Roms verletzt würde – erscheinen Johannes und Petrus. Ich nehme an, daß sie auf einer Abkürzung oberhalb der Brücke über den Kedron gelangt und der Menge vorausgeeilt sind, die nur sehr langsam vorankommt, da sie sich gegenseitig behindert. Sie befinden sich im Halbschatten eines Hausflures, an einem kleinen Platz vor der Mauer. Sie haben die Mäntel über den Kopf gezogen, um ihre Gesichter zu verbergen. Doch als Jesus dort ankommt, läßt Johannes seinen Mantel fallen und zeigt offen sein blasses, verstörtes Gesicht im Licht des Mondes, der hier noch scheint, bevor er jenseits der Mauer hinter dem Hügel, den ich die Schergen Tophet nennen höre, verschwindet. Petrus wagt es nicht, sein Gesicht zu zeigen, kommt aber etwas näher, um gesehen zu werden... Jesus schaut sie an... und lächelt ihnen unendlich gütig zu. Petrus dreht sich um, kehrt in seinen finsteren Winkel zurück und bedeckt die Augen mit den Händen – ein gebeugter, gealterter, gebrochener Mensch... Johannes bleibt mutig an seinem Platz, und erst, als die schreiende Menge vorbeigezogen ist, geht er zu Petrus, nimmt ihn am Ellbogen und führt ihn, wie ein Junge seinen blinden Vater, hinter dem lärmenden Volk in die Stadt.

Ich höre die erstaunten, spöttischen und bedauernden Ausrufe der römischen Soldaten. Einer von ihnen flucht, weil man ihn aus dem Bett geworfen hat wegen dieses «dummen Hammels». Ein anderer verspottet die Juden, die imstande sind, «ein halbes Weib gefangenzunehmen». Wieder ein anderer bemitleidet das Opfer, das ihm «immer gut» erschienen war. Und einer sagt sogar: «Ich wäre lieber gestorben, als ihn in diesen Händen zu sehen. Er ist ein Großer. Meine Verehrung gilt zwei Dingen in der Welt: Ihm und Rom.»

«Beim Jupiter», ruft der Ranghöchste aus. «Ich will keine Unannehmlichkeiten. Ich gehe jetzt zum Offizier. Er soll benachrichtigen, wen es angeht. Ich will nicht abkommandiert werden und gegen die Germanen kämpfen. Diese Hebräer stinken zwar und sind Schlangen, die Scherereien machen. Aber man ist hier seines Lebens sicher. Meine Zeit geht bald zu Ende, und bei Pompeji wartet ein Mädchen auf mich ...»

Den Rest höre ich nicht, da ich Jesus folge, der weitergeht auf der

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Straße, die in einem Bogen zum Tempel hinaufführt. Aber ich sehe und verstehe, daß das Haus des Annas, in das sie ihn bringen wollen, zu dem Labyrinth des Tempels gehört, der den ganzen Berg Sion einnimmt, und doch auch wieder nicht. Denn es liegt an seinem äußersten Rand, in der Nähe einiger Mauern, die an dieser Stelle anscheinend die Stadtgrenze bilden und sich dann von dort mit Gewölben und Höfen den Berg hinauf bis zum eigentlichen Tempelbezirk hinziehen, in den sich die Israeliten zu ihren verschiedenen Kulthandlungen begeben. Ein hohes, eisenbeschlagenes Tor befindet sich in der Mauer. Dorthin eilen die eifrigen Hyänen und klopfen kräftig an. Kaum hat sich das Tor einen Spalt geöffnet, stürmen sie hinein, und beinahe werfen sie die alte Dienerin um und zertrampeln sie, die ihnen geöffnet hat. Sie reißen das Tor weit auf, damit die lärmende Menge mit dem Gefangenen in ihrer Mitte hereinkommen kann. Kaum sind sie drinnen, schließen und verriegeln sie das Tor wieder, vielleicht aus Furcht vor den Römern oder den Anhängern des Nazareners.

Vor seinen Anhängern? Wo sind sie denn? ...

Nun gehen sie durch die Vorhalle, dann über einen weiten Innenhof und durch einen Gang, eine weitere Säulenhalle und noch einen Hof. Danach schleppen sie Jesus drei Stufen hinauf und fast im Laufschritt durch eine etwas höher als der Hof gelegene Säulenhalle, um möglichst schnell zu einem prächtigen Saal zu gelangen, in dem schon ein alter Mann in Priestergewändern wartet.

«Gott tröste dich, Annas», sagt einer, der anscheinend der Offizier ist, wenn man den Halunken, der diese Räuberbande kommandiert, Offizier nennen kann. «Hier hast du den Schuldigen. Deiner Heiligkeit vertraue ich ihn an, damit Israel von der Sünde gereinigt wird.»

«Gott möge dich für deine Klugheit und deinen Glauben segnen.»

Schöne Klugheit! Die Stimme Jesu genügte, um ihn in Gethsemane zu Boden zu werfen.

«Wer bist du?»

«Jesus von Nazareth, der Rabbi, der Christus. Du kennst mich. Ich habe nicht in der Finsternis gewirkt.»

«In der Finsternis nicht. Aber du hast das Volk mit Lehren der Finsternis verwirrt. Und der Tempel hat das Recht und die Pflicht, für das Wohl der Seelen der Kinder Abrahams zu sorgen.»

«Die Seelen! Priester Israels, kannst du behaupten, daß du je für die Seele des Geringsten oder des Größten dieses Volkes gelitten hast?»

«Und du? Was hast du getan, was man Leiden nennen könnte?»

«Was ich getan habe? Warum fragst du mich? Ganz Israel spricht davon. Von der heiligen Stadt bis zum ärmsten Dorf reden auch die Steine von dem, was ich getan habe. Ich habe die Blinden sehend gemacht: sehend mit den Augen und mit dem Herzen. Ich habe die Ohren der Tauben geöffnet: für die Stimmen der Erde und die Worte des Himmels. Ich habe

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die Lahmen und die Krüppel gehen gemacht, damit sie den Weg zu Gott beginnen, zuerst mit dem Leib und dann mit der Seele. Ich habe die Aussätzigen rein gemacht: von dem Aussatz, von dem das Gesetz des Moses spricht, und von dem, der in den Augen Gottes unrein macht, den Sünden. Ich habe die Toten erweckt. Ich nenne es nicht groß, das Fleisch zum Leben wiederzuerwecken, sondern es ist groß, einen Sünder zu erlösen; und ich habe es getan. Ich habe den Armen geholfen und die geizigen und reichen Hebräer das heilige Gebot der Liebe zum Nächsten gelehrt. Ich bin arm geblieben trotz des Goldstromes, der durch meine Hände geflossen ist, und habe allein mehr Tränen getrocknet, als ihr alle zusammen, die ihr Reichtümer besitzt. Schließlich habe ich einen Reichtum geschenkt, der keinen Namen hat: die Kenntnis des Gesetzes, die Kenntnis Gottes, die Gewißheit, daß wir alle gleich sind, und daß in den heiligen Augen des Vaters auch die Tränen oder die Verbrechen gleich sind, ob nun die des Tetrarchen oder des Hohenpriesters, oder die des Bettlers oder des Aussätzigen, der am Weg stirbt. Das habe ich getan. Sonst nichts.»

«Weißt du, daß du dich selbst beschuldigst? Du sagst: der Aussatz, der in den Augen Gottes unrein macht, und dieser wurde nicht von Moses genannt. Du beleidigst Moses und unterstellst, daß in seinem Gesetz Lücken sind...»

«Nicht sein, vielmehr Gottes Gesetz. Das ist es. Ich sage, schlimmer als der Aussatz, das Verhängnis des Fleisches, das einmal endet, ist die Sünde, das Verhängnis der Seele, das niemals endet.»

«Du wagst zu sagen, daß du Sünden vergeben kannst. Wie machst du das?»

«Wenn es erlaubt und glaubhaft ist, daß man durch ein wenig reinigendes Wasser und das Opfer eines Widders von seinen Sünden rein wird und sie tilgt und sühnt, wie sollten es dann meine Tränen, mein Blut und mein Wille nicht vermögen?»

«Aber du bist nicht tot. Wo ist also das Blut?»

«Noch bin ich nicht tot. Aber ich werde es sein, denn so steht es geschrieben. Im Himmel stand es schon geschrieben, als Sion noch nicht war, als Moses noch nicht war, noch Jakob und Abraham, seit der Biß des Fürsten des Bösen das Herz des Menschen und seiner Nachkommen vergiftet hat. Auf Erden steht es geschrieben in dem Buch, das die Stimmen der Propheten enthält. Es steht geschrieben in den Herzen. In deinem, in dem des Kaiphas und der Synedristen, die mir nicht verzeihen, nein, diese Herzen verzeihen mir nicht, daß ich gut bin. Ich habe schon losgesprochen, bevor Blut geflossen ist. Nun vollende ich die Lossprechung durch die Waschung im Blut.»

«Du nennst uns habgierig und des Gebotes der Liebe unkundig ...»

«Ist dem etwa nicht so? Warum tötet ihr mich? Weil ihr fürchtet, ich könnte euch entthronen. Oh, fürchtet nicht. Mein Reich ist nicht von

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dieser Welt. Ich lasse euch die Herrschaft und alle Gewalt. Der Ewige weiß, wann er das "genug" sagen und euch mit seinem Blitz zerschmettern wird...»

«Wie Doras, nicht wahr?»

«Er starb an seinem Zorn. Nicht durch den Blitz des Himmels. Gott hat ihn im Jenseits erwartet, um ihn zu zerschmettern.»

«Und das sagst du mir, seinem Verwandten? Du wagst es?»

«Ich bin die Wahrheit. Die Wahrheit ist niemals feige.»

«Du Hochmütiger und Irrsinniger!»

«Nein: Aufrichtiger. Du beschuldigst mich, euch zu beleidigen. Aber haßt ihr denn nicht alle? Einer haßt den anderen. Nun vereint euch der Haß gegen mich. Aber morgen, wenn ihr mich getötet habt, wird der Haß noch unbarmherziger zu euch zurückkehren, und ihr werdet verfolgt von dieser Hyäne und mit dieser Schlange im Herzen leben. Ich habe die Liebe gelehrt, aus Mitleid mit der Welt. Ich habe gelehrt, nicht habgierig zu sein und Barmherzigkeit zu üben. Wessen beschuldigst du mich?»

«Daß du eine neue Lehre eingeführt hast.»

«0 Priester! In Israel wimmelt es von neuen Lehren. Die Essener haben die ihre, die Zadokiter die ihre, die Pharisäer die ihre, alle haben sie ihre geheime Lehre; für den einen ist es die Lust, für den anderen das Gold, für den dritten die Macht, und jeder hat seinen Götzen. Ich nicht. Ich habe das mit Füßen getretene Gesetz meines Vaters, des ewigen Gottes, erneut aufgegriffen und habe einfach wieder die Zehn Gebote des Dekalogs gepredigt. Ich habe mir keine Ruhe gegönnt, um sie in den Herzen zu verankern, die sie nicht mehr kannten.»

«Furchtbar! Gotteslästerung! Mir, dem Priester, sagst du das? Hat denn Israel keinen Tempel? Sind wir die von Babylon Heimgesuchten? Antworte.»

«Das seid ihr. Und noch schlimmer. Es gibt einen Tempel, ja. Ein Gebäude. Aber Gott ist nicht mehr darin. Er ist geflohen vor dem Greuel in seinem Haus. Aber warum fragst du mich so vieles, da doch mein Tod beschlossen ist?»

«Wir sind keine Mörder. Wir töten nur, wenn wir aufgrund erwiesener Schuld ein Recht dazu haben. Aber ich will dich retten. Antworte mir, und ich werde dich retten. Wo sind deine Jünger? Wenn du sie mir auslieferst, lasse ich dich frei. Ich will die Namen aller, und mehr noch die der geheimen als die der bekannten. Sage, gehört Nikodemus zu dir? Gehört Joseph von Arimathäa zu dir? Und Gamaliel? Und Eleazar? Und... Nun, von diesem weiß ich es... Es ist nicht nötig. Also sprich, sprich. Du weißt es, ich kann töten oder retten. Ich bin mächtig.»

«Du bist Schlamm. Ich lasse dem Schlamm das Handwerk des Spions. Ich bin das Licht.»

Ein Henkersknecht versetzt ihm einen Faustschlag.

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«Ich bin das Licht. Das Licht und die Wahrheit. Ich habe offen zur Welt gesprochen. Ich habe in den Synagogen und im Tempel gelehrt, wo sich die Juden versammeln, und ich habe nichts im Verborgenen gesagt. Ich wiederhole es. Warum fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich geredet habe. Sie wissen es.»

Ein anderer Scherge gibt ihm einen Backenstreich und schreit: «Antwortest du so dem Hohenpriester?»

«Ich rede mit Annas. Der Hohepriester ist Kaiphas. Ich spreche mit dem gebührenden Respekt zu dem Greis. Wenn du glaubst, daß ich ungehörig gesprochen habe, beweise es mir. Wenn nicht, warum schlägst du mich?»

«Laß ihn in Ruhe. Ich gehe zu Kaiphas. Ihr behaltet ihn hier, bis ich weiteres befehle. Und sorgt dafür, daß er mit niemandem spricht.» Annas geht hinaus.

Nein, Jesus spricht nicht. Nicht einmal mit Johannes, der sich trotz des Häschergesindels bis zur Tür gewagt hat. Aber Jesus muß Johannes ohne Worte einen Befehl gegeben haben, denn dieser geht nach einem letzten traurigen Blick fort, und ich verliere ihn aus den Augen.

Jesus bleibt mit seinen Peinigern allein, die ihn mit Stricken schlagen, ihn anspeien, ihn verhöhnen, ihm Fußtritte geben und ihn an den Haaren ziehen. Das ist, was ihm bleibt, bis ein Diener mit dem Befehl kommt, den Gefangenen in das Haus des Kaiphas zu bringen.

Jesus wird, immer noch gebunden, unter Mißhandlungen wieder in die Säulenhalle gezerrt. Er durchquert sie und gelangt in einen Gang und dann durch einen Hof, in dem sich viele Leute an einem Feuer wärmen, denn die Nacht ist windig und kalt geworden in diesen ersten Stunden des Freitags. Auch Johannes und Petrus befinden sich in der feindseligen Menge. Sie müssen schon recht mutig sein, um dort zu bleiben... Jesus schaut sie an, und die Spur eines Lächelns zeigt sich um seinen von den erhaltenen Schlägen schon geschwollenen Mund.

Es folgt ein langer Weg durch Hallen, Höfe und Gänge. Was für Häuser hatten diese Leute vom Tempel!

Zum Bereich des Hohenpriesters hat das Volk keinen Zutritt. Es wird in das Atrium des Annas zurückgedrängt. Jesus geht allein weiter zwischen Henkersknechten und Priestern. Er betritt einen großen Saal, der seine rechteckige Form zu verlieren scheint durch die vielen Bänke auf Eisenböcken, die an drei Seiten aufgestellt sind und in der Mitte einen freien Raum lassen. Gegenüber stehen zwei oder drei erhöhte Sitze auf Podien.

Als Jesus gerade den Saal betreten will, erscheint der Rabbi Gamaliel neben ihm, und die Wachen geben dem Gefangenen einen Stoß, damit er dem Rabbi von Israel den Vortritt läßt. Doch dieser, steif wie eine Statue und hieratisch, verlangsamt seinen Schritt und fragt, wobei er kaum die Lippen bewegt und niemanden anschaut: «Wer bist du? Sage es mir.»

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Jesus antwortet sanft: «Lies die Propheten, und du wirst die Antwort finden. Das erste Zeichen ist in ihren Schriften enthalten. Das andere wird folgen.»

Gamaliel rafft seinen Mantel und geht hinein. Hinter ihm betritt Jesus den Saal. Während Gamaliel zu einer Bank geht, wird Jesus in die Mitte des Saales geschleppt vor den Hohenpriester: ein wahres, wirkliches Verbrechergesicht. Man wartet noch, bis alle Mitglieder des Synedriums versammelt sind. Dann wird die Sitzung eröffnet. Doch Kaiphas sieht zwei oder drei leere Plätze und fragt: «Wo ist Eleazar? Wo ist Johannes?»

Ein junger Schriftgelehrter – glaube ich – steht auf, verneigt sich und sagt: «Sie weigern sich zu kommen. Hier ist das Schreiben.»

«Man bewahre das Schreiben auf. Sie werden Rechenschaft darüber ablegen müssen. Was haben die heiligen Mitglieder dieses Rates über diesen hier zu sagen?»

«Ich spreche. Er hat in meinem Haus den Sabbat geschändet. Gott ist mein Zeuge, ob ich lüge. Ismael ben Fabi lügt niemals.»

«Ist es wahr, Angeklagter?»

Jesus schweigt.

«Ich habe ihn mit bekannten Dirnen zusammenleben gesehen. Er gab sich als Prophet aus und hat aus seinem Schlupfwinkel ein Bordell gemacht, und dazu noch mit heidnischen Frauen. Mit mir zusammen waren Sadok, Callascebona und Nahum, der Vertrauensmann des Annas. Sage ich die Wahrheit, Sadok und Callascebona? Widersprecht mir, wenn ich es verdiene.»

«Es ist wahr! Es ist wahr!»

«Was sagst du dazu?»

Jesus schweigt.

«Er hat keine Gelegenheit ausgelassen, uns zu verspotten und uns zum Gespött des Volkes zu machen. Das Volk liebt uns seinetwegen nicht mehr.»

«Hörst du? Du hast die heiligen Mitglieder des Synedriums entehrt.»

Jesus schweigt.

«Dieser Mensch ist besessen. Aus Ägypten zurückgekehrt, betreibt er schwarze Magie.»

«Wie kannst du das beweisen?»

«Ich schwöre es auf meinen Glauben und die Gesetzestafeln.»

«Eine schwerwiegende Anschuldigung. Verteidige dich.»

Jesus schweigt.

«Gesetzwidrig ist das Amt, das du dir angemaßt hast, du weißt es. Darauf steht der Tod. Sprich!»

«Gesetzwidrig ist diese unsere Sitzung. Steh auf, Simeon, wir gehen», sagt Gamaliel.

«Aber Rabbi, hast du den Verstand verloren?»

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«Ich halte mich an die Regeln. Es ist nicht erlaubt, so vorzugehen, wie wir es tun. Ich werde öffentliche Anklage erheben.» Und der Rabbi Gamaliel geht steif wie eine Statue hinaus, gefolgt von einem etwa fünfunddreißigjährigen Mann, der ihm sehr ähnlich sieht.

Es entsteht ein kleiner Tumult, den Nikodemus und Joseph benutzen, um zugunsten des Märtyrers zu sprechen.

«Gamaliel hat recht. Gesetzwidrig ist die Stunde und der Ort, und die Anklagen sind nicht stichhaltig. Kann ihn jemand einer allgemein bekannten Mißachtung des Gesetzes bezichtigen? Ich bin sein Freund, und ich schwöre, daß ich ihn immer das Gesetz achten gesehen habe», sagt Nikodemus.

«Und auch ich. Um nicht an einem Verbrechen teilzunehmen, bedecke ich mein Haupt, nicht seinetwegen, sondern unseretwegen, und gehe.» Joseph schickt sich an, von seinem Sitz herabzusteigen und hinauszugehen.

Aber Kaiphas keift: «Ach, so meint ihr! Laßt die geschworenen Zeugen herein. Hört sie euch an, dann könnt ihr gehen.»

Zwei Sträflingsgesichter kommen herein. Ausweichende Blicke, grausames Grinsen, arglistiges Gebaren...

«Redet.»

«Es ist nicht erlaubt, sie zusammen zu verhören», ruft Joseph.

«Ich bin der Hohepriester. Ich gebiete hier. Ruhe!»

Joseph schlägt mit der Faust auf einen Tisch und sagt: «Das Feuer des Himmels falle herab auf dich! Wisse, daß der Ratsherr Joseph von nun an ein Feind des Synedriums und ein Freund des Christus ist. Und daher gehe ich jetzt zum Prätor und melde ihm, daß hier ohne Rücksicht auf die römischen Gesetze getötet wird.» Er geht zornig hinaus und versetzt dabei einem mageren, jungen Schriftgelehrten, der ihn zurückhalten will, einen Stoß.

Der ruhigere Nikodemus verläßt schweigend den Saal. Im Hinausgehen kommt er an Jesus vorüber und sieht ihn an...

Ein neuer Tumult. Man fürchtet Rom. Jesus ist wiederum der Sündenbock.

«Deinetwegen, du siehst es, geschieht all dies. Du Verderber der besten Juden! Du hast sie verführt.»

Jesus schweigt.

«Die Zeugen sollen reden», schreit Kaiphas.

«Ja, er hat das... das... benützt. Wir wußten es... Wie heißt es doch gleich?»

«Vielleicht das Tetragrammaton ?»

«Das ist es! Er hat die Toten beschworen. Er hat gelehrt, daß man sich gegen das Sabbatgebot auflehnen und die Altäre schänden soll. Wir schwören es. Er hat gesagt, daß er den Tempel niederreißen und mit Hilfe der Dämonen in drei Tagen wieder aufbauen wird.»

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«Nein. Er hat gesagt: "Es wird nicht Menschenwerk sein."»

Kaiphas steigt von seinem Sitz herab und kommt zu Jesus. Er ist klein, dick und häßlich und gleicht einer riesigen Kröte neben einer Blume. Denn Jesus, obgleich verletzt, zerschlagen, schmutzig und mit wirrem Haar, ist immer noch so schön und majestätisch.

«Du antwortest nicht? Hörst du, welche Anklagen sie gegen dich erheben? Furchtbare Anklagen! Sprich, um dich von dieser Schmach zu reinigen!»

Aber Jesus schweigt. Er sieht ihn an und schweigt.

«Antworte wenigstens mir. Ich bin dein Hoherpriester. Im Namen des lebendigen Gottes beschwöre ich dich. Sage mir: Bist du der Messias, der Sohn Gottes?»

«Du sagst es. Ich bin es. Ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Kraft des Vaters sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen. Aber weshalb fragst du mich? Drei Jahre habe ich öffentlich gesprochen. Ich habe nichts im verborgenen gesagt. Frage die, die mich gehört haben. Sie werden dir sagen, was ich gesagt und getan habe.»

Einer der Soldaten, die Jesus halten, schlägt ihn auf den Mund, so daß dieser wieder zu bluten beginnt, und schreit: «So antwortest du, o Satan, dem Hohenpriester?»

Und Jesus entgegnet diesem wie dem vorigen sanft: «Wenn ich recht geredet habe, warum schlägst du mich? Wenn ich unrecht geredet habe, warum sagst du mir nicht, worin ich gefehlt habe? Ich wiederhole: Ich bin der Christus, der Sohn Gottes. Ich kann nicht lügen. Der Hohepriester, der Ewige Priester, bin ich. Ich allein trage das wahre Brustschild, auf dem geschrieben steht: Lehre und Wahrheit. Diesen bin ich treu. Bis zum Tod, dem schändlichen Tod in den Augen der Welt, dem heiligen Tod in den Augen Gottes, bis zur seligen Auferstehung. Ich bin der Gesalbte. Der Hohepriester und König bin ich. Ich bin im Begriff, mein Szepter zu ergreifen und damit, wie mit einer Wurfschaufel, die Tenne zu reinigen. Dieser Tempel wird zerstört werden und neu und heilig wiedererstehen. Denn dieser hier ist verdorben, und Gott überläßt ihn seinem Schicksal.»

«Du Gotteslästerer!» schreien alle im Chor.

«In drei Tagen willst du ihn wieder aufbauen, du Verrückter, Besessener?»

«Nicht dieser, sondern meiner wird errichtet werden, der Tempel des wahren Gottes, des lebendigen und dreimal heiligen Gottes.»

«Anathema!» schreien sie wieder im Chor.

Kaiphas erhebt seine heisere Stimme, zerreißt seine linnenen Gewänder in einer einstudierten Geste des Entsetzens und sagt: «Was brauchen wir noch Zeugen? Die Gotteslästerung ist ausgesprochen. Was tun wir nun?»

Und alle im Chor: «Er ist des Todes schuldig!»

Mit Gesten des Abscheus und der Entrüstung verlassen sie den Saal

207

und überlassen Jesus der Gnade seiner Schergen und dem Spott der falschen Zeugen, dieses Pöbels, der ihm Backenstreiche gibt, ihn mit Fäusten schlägt, ihn anspeit, ihm mit einem Lappen die Augen verbindet und ihn heftig an den Haaren reißt. Sie stoßen ihn mit seinen gefesselten Händen hierhin und dorthin, so daß er an Tische, Kästen und Wände stößt, und dabei fragen sie ihn: «Wer hat dich geschlagen? Rate?» Mehrere Male stellen sie ihm ein Bein, so daß er der Länge nach zu Boden aufs Gesicht fällt, und dann lachen sie unmäßig, wenn sie sehen, wie er sich mit gebundenen Händen bemüht, wieder aufzustehen.

So vergehen die Stunden, und die ermüdeten Henkersknechte beschließen endlich, sich etwas auszuruhen. Sie bringen Jesus in einen kleinen Nebenraum, wozu sie ihn viele Höfe durchqueren lassen und ihn dem Spott der im Bereich der priesterlichen Häuser schon zahlreichen Menge aussetzen. Jesus kommt nun in den Hof, in dem Petrus an einem Feuer steht. Er sieht ihn an, aber Petrus weicht seinem Blick aus. Johannes ist nicht mehr da. Ich sehe ihn jedenfalls nicht. Vielleicht ist er mit Nikodemus fortgegangen...

Eine grünliche Morgendämmerung bricht langsam an. Ein Befehl wird gegeben: Der Gefangene soll in den Saal des Rates zurückgeführt werden und einen ordnungsgemäßen Prozeß erhalten. Gerade da leugnet Petrus zum dritten Mal, Christus zu kennen, als dieser, schon von der Qual gezeichnet, vorüberkommt. In dem fahlen Licht der Dämmerung erscheinen die blauen Flecken auf dem totenblassen Antlitz noch viel furchtbarer, die Augen noch tiefliegender und glasiger. Ein von allem Schmerz der Welt gezeichneter Jesus... Das spöttische, sarkastische, höhnische Krähen eines Hahnes ertönt durch die kaum bewegte Luft des Morgens. Und in dem Augenblick großer Stille, die dem Erscheinen Jesu folgt, hört man nur die rauhe Stimme des Petrus sagen: «Ich schwöre es, Frau. Ich kenne ihn nicht.» Eine sichere, entschiedene Behauptung, auf die wie ein nachäffendes Gelächter sofort das unverschämte Kikeriki des Hahnes antwortet.

Petrus schrickt zusammen. Er dreht sich um, um zu fliehen, und findet sich Jesus gegenüber, der ihn mit unendlichem Erbarmen ansieht, mit einem so traurigen und tiefen Schmerz, daß es mir das Herz zerreißt; so als ob mir mein Jesus nach diesem Vorfall für immer entschwinden würde. Petrus weint laut auf und geht schwankend wie ein Betrunkener fort. Hinter zwei Dienern, die auf die Straße hinausgehen, flieht er und verschwindet auf der noch halbdunklen Straße.

Jesus wird in den Saal zurückgebracht. Sie wiederholen ihm noch einmal im Chor die verfängliche Frage: «Im Namen des wahren Gottes, sage uns: Bist du der Messias?» Nachdem sie dieselbe Antwort wie zuvor erhalten haben, verurteilen sie ihn zum Tod und geben den Befehl, ihn zu Pilatus zu bringen.

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Jesus geht hinaus in Begleitung aller seiner Feinde, mit Ausnahme des Annas und des Kaiphas, und durchquert noch einmal alle die Höfe des Tempels, in denen er so oft geredet, Wohltaten gespendet und geheilt hat. Er läßt die zinnengekrönte Außenmauer hinter sich und steigt, mehr geschleppt als geführt, durch die Straßen in die Stadt hinunter, die die sich ankündigende Morgenröte mit einem rosaroten Schimmer übergießt.

Ich glaube, daß sie Jesus, nur um ihn länger zu quälen, einen langen, mühsamen Weg durch Jerusalem machen lassen und absichtlich an den Märkten, Stallungen und Herbergen vorbeigehen, die wegen des Passahfestes überfüllt sind. Sowohl das weggeworfene Gemüse auf den Märkten, als auch der Kot der Tiere in den Stallungen wird zu Wurfgeschossen, so daß das Antlitz des Unschuldigen immer mehr blaue Flecken und kleine blutende Verletzungen aufweist und von all dem Schmutz bedeckt ist, den man auf ihn wirft. Sein Haar hängt schwer und glatter als sonst, naß von Schweiß und Blut, wirr und voll Stroh und Schmutz, über seine Augen, denn sie zerzausen es, um sein Gesicht zu bedecken.

Die Leute auf den Märkten, Händler wie Käufer, lassen alles im Stich, um dem Unglücklichen zu folgen, allerdings nicht aus Liebe. Die Stallburschen und Herbergsdiener kommen in Scharen herbeigelaufen und sind taub für alle Rufe und Befehle ihrer Herrinnen. Denn diese, um die Wahrheit zu sagen, sind, wie fast alle anderen Frauen, entweder mit den Beleidigungen nicht einverstanden oder zumindest gleichgültig dem Tumult gegenüber und ziehen sich murrend zurück, da sie sich nun allein um so viele Gäste kümmern müssen.

Der schreiende Schwarm wächst von Minute zu Minute, und es scheint, daß eine plötzlich aufgetretene Seuche die Herzen und die Gesichter verwandelt. Die ersteren werden zu Verbrecherherzen, die zweiten zu Masken rasender Wut auf den Gesichtern, die grün vor Haß und rot vor Zorn sind. Die Hände werden zu Krallen, die Münder zu heulenden Wolfsmäulern, die blutunterlaufenen, schielenden Augen bekommen den irren Blick von Verrückten. Nur Jesus ist immer der gleiche, obwohl er nun von oben bis unten voll Schmutz und voll blauer Flecken und Schwellungen ist.

Bei einem Gewölbe, das die Straße wie ein Ring verengt, staut und verlangsamt sich alles und ein Schrei durchdringt die Luft: «Jesus!» Es ist Elias, der Hirte, der, einen schweren Stock schwingend, versucht, sich einen Weg zu bahnen. Dem kräftigen, starken und drohenden Alten gelingt es, fast bis zum Meister durchzukommen. Aber das von dem unerwarteten Angriff überraschte Volk drängt sich nun wieder zusammen und trennt sie, schiebt ihn fort, und er geht als einzelner in der Masse unter.

«Meister!» schreit er, während der Strudel der Menge ihn fortreißt und schiebt.

«Geh! ... Die Mutter... Ich segne dich...»

Der Zug hat nun die schmale Stelle hinter sich. Und wie das Wasser sich

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nach einer Talenge wieder in sein breites Bett ergießt, so strömt er nun im Tumult in eine große, etwas erhöht liegende Straße über einer Niederung zwischen zwei Hügeln, an deren Ende sich die herrlichen Paläste großer Herren befinden.

Ich sehe wieder den Tempel auf der Höhe seines Hügels und verstehe, daß der nutzlose Umweg, den der Verurteilte machen mußte, um ihn vor der ganzen Stadt an den Pranger zu stellen und es allen zu ermöglichen, ihn zu beleidigen – wobei die Beleidiger bei jedem Schritt mehr wurden – nun bald zu Ende geht und wieder zum Ausgangspunkt zurückführt.

Aus einem der Paläste kommt im Galopp ein Reiter. Die Purpurschabracke seines edlen arabischen Pferdes, sein beeindruckendes Äußere und das gezückte Schwert, dessen Schneide und Breitseite er auf blutende Rücken und Köpfe sausen läßt, lassen ihn wie einen Erzengel erscheinen. Als das Pferd tänzelt, steigt und sich aufbäumt, seine Hufe zur Verteidigung seiner selbst und seines Herrn gebraucht – das beste Mittel, um die Menge auseinanderzutreiben und sich einen Weg zu bahnen – fällt der golddurchwirkte und von einem Goldreif gehaltene Purpurschleier des Reiters, und ich erkenne Manaen.

«Zurück!» schreit er. «Was erlaubt ihr euch, die Ruhe des Tetrarchen zu stören?» Aber das ist nur ein Vorwand, um sein Eingreifen zu rechtfertigen und zu Jesus durchzukommen. «Dieser Mensch... Laßt mich ihn sehen... Halt, oder ich rufe die Wachen ...»

Das Volk teilt sich in Anbetracht der Schwertstreiche, Hufschläge und Drohungen des Reiters, und Manaen erreicht Jesus und die Tempelwächter, die ihn festhalten.

«Fort mit euch! Der Tetrarch ist mehr als ihr, ihr feigen Knechte. Zurück! Ich will mit ihm sprechen.» Und er hat Erfolg, nachdem er mit seinem Schwert den verbissensten der Schergen angegriffen hat.

«Meister... !»

«Danke. Doch geh! Gott tröste dich!» Jesus segnet ihn so gut er kann mit den gebundenen Händen.

Die Menge pfeift von weitem, und kaum sieht sie, daß Manaen sich zurückzieht, rächt sie sich durch einen Hagel von Steinen und Schmutz auf den Verurteilten dafür, daß man sie verjagt hat...

Auf der ansteigenden, schon von der Sonne erwärmten Straße geht es nun zum Turm der Antonia hinauf, dessen gewaltige Mauern man bereits in der Ferne sieht.

Der schrille Schrei einer Frau: «Oh, mein Erlöser! Mein Leben für sein Leben, o Ewiger!» durchdringt die Luft.

Jesus wendet das Haupt und sieht auf der blumengeschmückten Loggia eines sehr schönen Hauses Johanna des Chuza mit Knechten und Mägden und den Kindern Maria und Matthias an ihrer Seite, die die Arme zum Himmel erhebt.

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Aber der Himmel erhört heute keine Gebete! Jesus hebt die Hände in einer Geste des Segens und des Grußes.

«Tod! Tod dem Gotteslästerer, dem Verderber, dem Dämon. Tod seinen Freunden!» Pfiffe ertönen, und Steine fliegen auf die hohe Terrasse. Ich weiß nicht, ob jemand verletzt ist. Ich höre nur einen durchdringenden Schrei und sehe dann, wie sich die Gruppe auflöst und verschwindet.

Weiter, immer weiter hinauf... Jerusalem zeigt seine leeren, in der Sonne liegenden Häuser. Geleert von einem Haß, der eine ganze Stadt mit ihren Bewohnern und den zum Passahfest gekommenen Fremden gegen einen Wehrlosen hetzt.

Römische Soldaten, ein ganzer Manipel, kommen im Laufschritt mit eingelegten Lanzen aus der Antonia, und der Pöbel zerstreut sich schreiend. Auf der Straße bleiben nur Jesus und die Wächter und die Oberhäupter der Priester, Schriftgelehrten und Ältesten des Volkes.

«Dieser Mann? Dieser Aufruhr? Dafür werdet ihr euch vor Rom verantworten», sagt ein Centurio hochmütig.

«Nach unserem Gesetz ist er des Todes schuldig.»

«Und seit wann ist euch das jus gladii et sanguinis 1) wiedergegeben?» fragt der älteste der Centurionen – ein strenges, echt römisches Gesicht mit einer tiefen Narbe auf der Wange. Und er spricht mit so viel Abscheu und Verachtung, wie er etwa zu verlausten Galeerensträflingen sprechen würde.

«Wir wissen, daß wir dieses Recht nicht haben. Wir sind getreue Untertanen Roms ...»

«Ha, ha, ha! Hörst du sie, Longinus? Getreu! Untertanen! Aas seid ihr. Die Pfeile meiner Bogenschützen möchte ich euch zur Belohnung geben.»

«Viel zu vornehm, ein solcher Tod! Die Rücken der Maulesel brauchen nur die Peitsche!» entgegnet mit ironischer Lässigkeit Longinus.

Die Oberhäupter der Priester, Schriftgelehrten und Ältesten schäumen vor Zorn. Aber sie wollen ihr Ziel erreichen und schweigen, schlucken die Beleidigung hinunter, lassen sich nicht anmerken, daß sie sie verstanden haben, verneigen sich vor den beiden Centurionen und bitten, Jesus vor Pontius Pilatus zu bringen, damit er ihn «richte und verurteile mit der wohlbekannten und angemessenen Gerechtigkeit Roms».

«Ha, ha, ha! Höre sie dir nur an. Wir sind weiser als Minerva geworden... Hier! Gebt ihn her und geht voraus. Man kann nie wissen. Ihr seid stinkende Schakale. Euch im Rücken zu haben ist gefährlich. Vorwärts.»

«Wir können nicht.»

«Und warum? Wenn einer anklagt, muß er zusammen mit dem Angeklagten vor dem Richter erscheinen. Das ist die römische Vorschrift.»

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1) Das Recht des Schwertes und des Blutes.

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«Das Haus eines Heiden ist unrein in unseren Augen, und wir haben uns schon für das Passahfest gereinigt.»

«Oh, die Ärmsten! Sie verunreinigen sich, wenn sie hereinkommen... Und die Tötung des einzigen Hebräers, der ein Mensch ist und kein Schakal und Reptil wie ihr, die beschmutzt euch nicht? Nun gut. Dann bleibt also, wo ihr seid. Keinen Schritt weiter, sonst werdet ihr auf die Lanzen gespießt. Eine Decurie um den Angeklagten. Die anderen gegen dieses stinkende Pack mit seinen ungewaschenen Mäulern.»

Jesus betritt inmitten der zehn Bewaffneten das Prätorium. Die Soldaten bilden mit ihren Hellebarden ein Quadrat um ihn. Die beiden Centurionen gehen weiter. Während Jesus in einem weiten Atrium wartet, durch das man in einen Hof gelangt, der hinter einem im Wind wehenden Vorhang zu sehen ist, verschwinden sie durch eine Tür. Sie kommen wieder mit dem Statthalter, der in eine schneeweiße Toga und einen Purpurmantel gekleidet ist. Vielleicht war das die Amtstracht, wenn man Rom offiziell vertreten mußte.

Er kommt nachlässig herein, mit einem skeptischen Lächeln auf dem bartlosen Gesicht, zerreibt etwas Zitronenkraut zwischen den Fingern und riecht genüßlich daran. Dann geht er zu einer Sonnenuhr, dreht sich um, nachdem er die Zeit gesehen hat, und wirft Weihrauchkörner in das Kohlebecken zu Füßen einer Gottheit. Er läßt sich Zitronenwasser bringen, gurgelt damit, betrachtet noch einmal seine schön gewellte Frisur in einem glänzenden Metallspiegel. Es scheint, als habe er den Verurteilten vergessen, der seine Zustimmung erwartet, um getötet zu werden. Selbst der Allergleichgültigste könnte zornig werden.

Das Atrium ist an der Vorderseite ganz offen und liegt noch um drei große Stufen höher als die Vorhalle, von der wiederum drei Stufen zur Straße hinunterführen. Daher können die Hebräer alles beobachten und toben innerlich. Aber sie wagen nicht aufzubegehren aus Furcht vor den Speeren.

Endlich, nachdem er in dem weiten Atrium wieder und wieder hierhin und dorthin gegangen ist, kommt Pilatus auf Jesus zu, sieht ihn an und fragt die beiden Centurionen: «Dieser?»

«Ja, dieser.»

«Seine Ankläger sollen vortreten», und er geht und setzt sich auf den Stuhl, den man auf ein Podest gestellt hat. Über seinem Haupt befinden sich die Insignien Roms mit ihren goldenen Adlern und der Inschrift seiner Macht. 1)

«Sie können nicht kommen. Sie verunreinigen sich.»

«Ach so?! Um so besser. Dann ersparen wir uns Ströme von Essenzen, um ihren Bocksgestank von hier wieder zu vertreiben. Sie sollen wenigstens

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1) SPQR – S(enatus) P(opulus) Q(ue) R(omanus) = Senat und Volk von Rom.

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näherkommen. Bis hier unten. Und sorgt dafür, daß sie nicht hereinkommen, nachdem sie es schon nicht wollen. Dieser Mann hier könnte ein Vorwand für einen Aufstand sein.»

Ein Soldat geht, um den Befehl des römischen Prokurators zu überbringen. Die anderen stellen sich in regelmäßigen Abständen vor das Atrium. Sie sind schön wie neun Heroenstatuen anzusehen.

Die Obersten der Priester, Schriftgelehrten und Ältesten treten näher, grüßen mit kriecherischen Verbeugungen und bleiben auf dem Platz vor dem Prätorium unterhalb der drei Stufen der Vorhalle stehen.

«Redet und faßt euch kurz. Ihr seid schon schuldig, weil ihr die Nachtruhe gestört und mit Gewalt die Öffnung der Tore erzwungen habt. Ich werde die Sache überprüfen lassen, und sowohl die Auftraggeber als auch die Ausführenden werden sich wegen ihres Ungehorsams gegen die Vorschrift verantworten müssen.»

«Wir kommen, um Rom, dessen göttlichen Kaiser du hier vertrittst, unser Urteil über diesen hier zu unterbreiten.»

«Welche Anklage bringt ihr gegen ihn vor? Er scheint mir harmlos zu sein.»

«Wenn er kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht gebracht.» In ihrer Begierde anzuklagen, treten sie näher.

«Jagt dieses Gesindel zurück! Sechs Schritte hinter die drei Stufen zum Platz. Die beiden Centurien an die Waffen!»

Die Soldaten gehorchen sofort. Hundert stellen sich auf die oberste der drei äußeren Stufen mit dem Rücken zur Vorhalle und weitere hundert auf den kleinen Platz vor dem Eingangstor zum Palast des Pilatus. Ich habe gesagt: Eingangstor, doch ich müßte eigentlich sagen: Portal oder Triumphbogen, denn es ist eine riesige Öffnung mit einem nun weit offenen Gitter, von dem aus man durch die mindestens sechs Meter breite Vorhalle in das Atrium gelangt. Man sieht also sehr gut, was in dem höher liegenden Atrium geschieht. Von der anderen Seite der großen Vorhalle schauen die grausamen Gesichter der Juden teuflisch drohend herein. Sie schauen durch den bewaffneten Wall der wie bei einer Parade dicht nebeneinanderstehenden Soldaten, die zweihundert Speerspitzen auf die mörderischen und zugleich feigen Hasen richten.

«Welche Anklage bringt ihr gegen diesen hier vor, frage ich nochmals.»

«Er hat ein Verbrechen gegen das Gesetz unserer Väter begangen.»

«Und deshalb kommt ihr und belästigt mich? Nehmt ihn und verurteilt ihn nach euren Gesetzen.»

«Wir dürfen niemanden zum Tod verurteilen. Wir sind nicht gelehrt. Das hebräische Recht ist ein zurückgebliebenes Kind im Vergleich zum vollkommenen römischen Recht. Als Unwissende und Untertanen der Meisterin Rom brauchen wir ...»

«Seit wann seid ihr Honig und Butter? ... Aber ihr habt eine Wahrheit

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gesagt, ihr Meister der Verstellung! Ihr braucht Rom! Ja. Um den loszuwerden, der euch lästig ist. Ich habe verstanden.» Pilatus lacht und betrachtet den heiteren Himmel, eine rechteckige Platte aus dunklem Türkis, die die weißen Marmorwände des Atriums umrahmen.

«Sagt, worin hat er gegen eure Gesetze verstoßen?»

«Wir haben festgestellt, daß dieser hier Unordnung in unserem Volk hervorruft und es hindert, den Tribut an den Caesar zu entrichten, indem er sich als Messias und König der Juden ausgibt.»

Pilatus geht wieder zu Jesus, den die Soldaten zwar gefesselt, aber sonst unbewacht in der Mitte des Atriums gelassen haben, denn seine Sanftmut ist offensichtlich. Er fragt: «Bist du der König der Juden?»

«Fragst du dies aus dir selbst, oder haben es dir andere gesagt?»

«Meinst du, mich würde dein Reich interessieren? Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und seine Häupter haben dich mir überliefert, damit ich dich richte. Was hast du getan? Ich kenne dich als rechtschaffenen Menschen. Sprich. Ist es wahr, daß du die Herrschaft anstrebst?»

«Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre es von dieser Welt, so hätten meine Diener und Soldaten gekämpft, und die Juden hätten mich nicht gefangengenommen. Aber mein Reich ist nicht von dieser Welt. Und du weißt, daß ich nicht nach Macht strebe.»

«Das ist wahr. Ich weiß es. Es ist mir gesagt worden. Doch du leugnest nicht, daß du ein König bist?»

«Du sagst es. Ich bin ein König. Dazu bin ich in die Welt gekommen: daß ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Wer die Wahrheit liebt, hört auf meine Stimme.»

«Was ist Wahrheit? Bist du ein Philosoph? Das hilft nicht angesichts des Todes. Sokrates ist trotzdem gestorben.»

«Aber es hat ihm geholfen im Leben. Es hat ihm geholfen, gut zu leben. Und auch gut zu sterben und in das zweite Leben einzugehen ohne den Namen: Verräter der bürgerlichen Tugenden.»

«Beim Jupiter!» Pilatus schaut ihn einige Augenblicke bewundernd an. Dann ergreift sein sarkastischer Skeptizismus wieder von ihm Besitz. Er macht eine gelangweilte Geste, kehrt ihm den Rücken und wendet sich wieder den Juden zu.

«Ich finde keine Schuld an ihm.»

Die Menge tobt, da sie befürchtet, ihre Beute zu verlieren und auf das Schauspiel der Hinrichtung verzichten zu müssen. Sie schreit: «Er ist ein Rebell!» «Ein Gotteslästerer!» «Er fördert die Unzucht!» «Er ruft zum Aufstand auf!» «Er verweigert dem Caesar die gebührende Achtung!» «Er gibt sich als Prophet aus, ohne es zu sein!» «Er treibt Zauberei!» «Er ist ein Satan!» «Er wiegelt das Volk auf durch seine Lehren und lehrt nicht nur in Galiläa, von wo er gekommen ist, sondern auch in Judäa!»«Tod für ihn! Tod!»

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«Ein Galiläer ist er? Bist du ein Galiläer?» Pilatus wendet sich Jesus zu. «Hörst du, wessen sie dich anklagen? Verteidige dich!»

Aber Jesus schweigt. Pilatus denkt nach... Er beschließt: «Eine Centurie. Und dann bringt diesen Mann zu Herodes. Er soll ihn richten. Er ist sein Untertan. Ich anerkenne das Recht des Tetrarchen, und sein Urteil unterschreibe ich im voraus. Sagt ihm das. Und nun geht.»

Von hundert Soldaten umgeben, wird Jesus wieder wie ein Verbrecher durch die Stadt geschleppt und begegnet noch einmal Judas Iskariot, den er schon einmal in der Nähe eines Marktes gesehen hat. Ich habe vergessen, es zu sagen, da ich mich zu sehr über die Gemeinheiten des Volkes aufgeregt habe. Jesus wirft wieder einen erbarmungsvollen Blick auf den Verräter...

Nun ist es schwieriger, ihn mit Fußtritten und Stockschlägen zu treffen, aber die Steine und der Unrat fehlen nicht... Die Steine prallen zwar krachend an den Helmen und Harnischen der Römer ab, ohne diese zu verletzen, hinterlassen jedoch bei Jesus, der nur mit dem Gewand bekleidet ist, da er seinen Mantel in Gethsemane gelassen hat, deutliche Spuren.

Als er den prunkvollen Palast des Herodes betritt, sieht er Chuza... der ihn nicht anzuschauen wagt, sich den Mantel über den Kopf zieht und flieht, um ihn nicht sehen zu müssen in diesem Zustand.

Nun ist er im Saal und vor Herodes. Und hinter ihm kommen die Schriftgelehrten und Pharisäer, die sich hier als falsche Ankläger wohlfühlen. Nur der Centurio und vier Soldaten führen ihn vor den Tetrarchen.

Dieser verläßt seinen Sitz und geht um Jesus herum, während er die Anklage seiner Feinde anhört. Er lächelt und spottet. Dann heuchelt er Mitleid und Achtung, was jedoch den Märtyrer ebenso wenig berührt wie zuvor der Spott.

«Du bist groß. Ich weiß es. Ich habe dich beobachtet und habe mich darüber gefreut, daß Chuza dein Freund und Manaen dein Jünger geworden ist. Ich... die Staatsangelegenheiten... Aber wie groß war mein Wunsch dir zu sagen, daß du groß bist. Dich um Verzeihung zu bitten... Die Augen des Johannes... und seine Stimme klagen mich an und verfolgen mich. Du bist der Heilige, der die Sünden der Welt vergibt. Sprich mich los, o Christus!»

Jesus schweigt.

«Ich habe gehört, daß du angeklagt bist, dich gegen Rom aufgelehnt zu haben. Aber bist du nicht die verheißene Rute, die Assur schlagen wird?»

Jesus schweigt.

«Man hat mir gesagt, daß du das Ende des Tempels und Jerusalems prophezeist. Aber ist denn der geistige Tempel nicht ewig, da ihn der Ewige will?»

Jesus schweigt.

215

«Bist du verrückt? Hast du deine Macht verloren? Hat Satan dir das Wort genommen? Hat er dich im Stich gelassen?»

Herodes lacht jetzt. Doch dann gibt er einen Befehl. Und einige Diener eilen herbei und bringen einen kläglich heulenden Windhund mit gebrochenem Bein und einen schwachsinnigen, sabbernden Stallknecht mit einem Wasserkopf, eine Mißgeburt, mit der sich die Diener die Zeit vertreiben.

Die Schriftgelehrten und die Priester weichen zurück und schreien: «Sakrileg!» als sie die Bahre mit dem Hund erblicken.

Herodes erklärt falsch und spöttisch: «Es ist der Lieblingshund der Herodias. Ein Geschenk von Rom. Er hat sich gestern ein Bein gebrochen, und sie weint. Befiehl, daß er geheilt wird. Wirke ein Wunder an ihm.»

Jesus sieht ihn streng an und schweigt.

«Habe ich dich beleidigt? Dann diesen hier. Er ist ein Mensch, wenn er auch nur wenig mehr als ein wildes Tier ist. Gib ihm den Verstand, du, Geist des Vaters... Sagst du nicht so?» Er lacht beleidigend.

Ein noch strengerer Blick Jesu, und Schweigen.

«Dieser Mensch ist zu enthaltsam, und nun ist er betäubt von all den Schmähungen. Bringt Wein und Weiber! Und bindet ihn los.»

Sie binden ihn los. Und während ein Heer von Dienern Krüge und Becher bringt, kommen Tänzerinnen herein... praktisch hüllenlos. Die einzige Bekleidung ist eine bunte, um Taille und Hüfte ihrer schlanken Körper geschlungene Leinenschärpe. Sonst nichts. Es sind bronzehäutige Afrikanerinnen. Gewandt wie junge Gazellen beginnen sie einen lautlosen und unzüchtigen Tanz.

Jesus weist die Becher zurück und schließt schweigend die Augen. Die Höflinge des Herodes lachen über seinen Abscheu.

«Nimm die, die du willst. Lebe! Lerne zu leben! ...» fordert Herodes ihn auf.

Jesus gleicht einer Statue. Mit verschränkten Armen und geschlossenen Augen steht er da und rührt sich auch nicht, als die schamlosen Tänzerinnen ihn mit ihren nackten Körpern streifen.

«Genug. Ich habe dich als Gott behandelt, und du hast nicht als Gott gehandelt. Ich habe dich als Mensch behandelt, und du hast nicht als Mensch gehandelt. Du bist verrückt. Legt ihm ein weißes Gewand an, damit Pontius Pilatus weiß, daß der Tetrarch seinen Untergebenen für verrückt hält. Centurio, melde dem Prokonsul, daß Herodes ihm seine Hochachtung bezeigt und Rom seine Verehrung. 1)»


 

1) Der Prätor oder Prokonsul war der Gouverneur einer Provinz des römischen Reiches mit militärischer, ziviler und richterlicher Gewalt. Er war demnach der Oberkommandierende des Heeres, das aus fünf Kohorten (etwa 3000 Soldaten) bestand, von denen eine in Jerusalem stationiert war. Er erhob die Steuern durch die Zöllner, er übte die richterliche

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Jesus wird erneut gefesselt und hinausgeführt, mit einer bis an die Knie reichenden Leinen-Tunika über dem roten Wollgewand.

Sie kehren zu Pilatus zurück.

Als nun die Soldaten die Menge mit Mühe zurückgedrängt haben, die es nicht müde geworden ist, vor dem Palast des Prokonsuls zu warten – es ist befremdend, so viele Menschen an diesem Ort und in dieser Umgebung zu sehen, während der Rest der Stadt wie ausgestorben scheint – sieht Jesus die Hirten, alle beisammen in einer Gruppe: Isaak, Jonathan, Levi, Joseph, Elias, Matthias, Johannes, Simeon, Benjamin und Daniel; und neben ihnen ein Häufchen Galiläer, von denen ich Alphäus und Joseph des Alphäus wiedererkenne. Auch zwei andere, die ich nicht kenne, sind dabei, die ich aber nach ihrem Äußeren zu schließen für Judäer halte. Etwas weiter drüben, schon in der Vorhalle und halb hinter einer Säule verborgen, sieht er Johannes zusammen mit einem Römer, der wohl ein Diener ist. Er lächelt ihm und den anderen zu... seinen Freunden... Aber was sind diese wenigen und Johanna, Manaen und Chuza in einem Meer brodelnden Hasses? ...

Der Centurio grüßt Pontius Pilatus und erstattet Bericht.

«Wieder hier?! Puh! Diese verfluchte Rasse! Laßt den Pöbel näher kommen und bringt den Angeklagten hierher. Ach je, wie lästig!»

Er geht der Menge entgegen, bleibt aber in der Mitte der Vorhalle stehen.

«Hebräer, hört! Ihr habt diesen Menschen zu mir gebracht und behauptet, er wiegle das Volk auf. Vor euren Augen habe ich ihn geprüft und habe ihn keines der Vergehen schuldig befunden, deren ihr ihn anklagt. Auch Herodes hat nicht mehr als ich gefunden und ihn zu mir zurückgesandt. Er verdient den Tod nicht. Rom hat gesprochen. Um euch jedoch nicht ungefällig zu sein und euch nicht um euer Schauspiel zu bringen, gebe ich euch an seiner Statt Barabbas. Diesen hier werde ich mit vierzig Peitschenhieben bestrafen lassen. Das ist genug.»

«Nein, nein! Nicht Barabbas! Nicht Barabbas! Jesus muß sterben! Eines schrecklichen Todes. Gib Barabbas frei und verurteile den Nazarener!»

«Aber hört! Ich habe die Auspeitschung angeordnet. Genügt das nicht? Dann lasse ich ihn geißeln! Das ist furchtbar, ihr wißt es. Man kann daran sterben. Was hat er Böses getan? Ich finde keine Schuld an ihm und werde ihn freilassen.»

Gewalt aus und besaß das dem Synedrium verwehrte Recht, zum Tod zu verurteilen (jus gladii). Die Residenz eines solchen Gouverneurs, die auch der Sitz des Gerichtes war, wurde Prätorium genannt. Pilatus war Prokurator von Judäa, Idumäa und Samaria von 26 bis 36 nach Christus. Der Tetrarch hingegen, in den Evangelien auch volkstümlich König genannt, war das Oberhaupt einer der (ursprünglich vier) Regionen, in die eine Provinz des römischen Imperiums eingeteilt wurde. Herodes Antipas, der Sohn des Herodes des Großen, war Tetrarch von Galiläa und Peräa von 4 vor Christus bis 39 nach Christus.

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«Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! Er muß sterben! Du schützst die Verbrecher! Heide! Auch du bist ein Teufel!»

Die Menge kommt näher, und die erste Reihe der Soldaten wankt unter dem Aufprall und kann die Lanzen nicht gebrauchen. Doch die zweite Reihe kommt eine Stufe herunter, legt die Speere ein und befreit die Gefährten.

«Er soll gegeißelt werden», befiehlt Pilatus einem der Centurionen.

«Wann?»

«Wann du willst... damit es ein Ende hat. Ich bin sehr verärgert. Geh!»

Jesus wird von vier Soldaten in den Hof hinter dem Atrium geführt, der einen Boden aus buntem Marmor hat und in dessen Mitte eine hohe Säule steht, ähnlich denen des Portikus. Daran befindet sich etwa drei Meter über dem Boden eine eiserne Querstange, die in einem Ring endet. An diesen wird Jesus mit über den Kopf erhobenen Händen gebunden, nachdem er sich entkleidet hat. Er hat jetzt nur noch eine kurze Leinenhose und Sandalen an. Die an den Gelenken zusammengebundenen Hände werden hinaufgezogen bis zu dem Ring, so daß er trotz seiner Größe den Boden nur noch mit den Fußspitzen berührt... Schon diese Stellung muß eine Tortur sein.

Ich habe irgendwo gelesen, daß die Säule niedrig gewesen sei und Jesus gebückt stehen mußte. Mag sein. Ich sehe es so und sage es so.

Hinter Jesus stellt sich einer mit einem Henkergesicht reinsten hebräischen Profils. Vor Jesus ein anderer mit demselben Aussehen. Sie haben eine Geißel aus sieben Lederriemen, die an einem Griff befestigt sind und in einem Hämmerchen aus Blei enden. Rhythmisch, als wäre es eine Übung, fangen sie an zu schlagen. Der eine von vorne, der andere von hinten, so daß der Körper Jesu ringsum von Schlägen getroffen wird. Die vier Soldaten, denen man ihn übergeben hat, machen gleichgültig mit drei anderen Soldaten, die noch dazugekommen sind, ein Würfelspiel.

Die Stimmen der Spieler vermischen sich mit dem Geräusch der Geißeln, die wie Schlangen zischen und sich dann anhören wie Steine, die auf das straff gespannte Leder einer Trommel fallen, wenn sie den armen schlanken Körper von der Farbe alten Elfenbeins treffen. Zuerst hinterlassen sie rosarote Streifen, die immer dunkler und schließlich violett werden, dann bilden sich dunkelblaue, blutgefüllte Schwellungen, die aufreißen und am ganzen Körper Blut fließen lassen. Sie schlagen hauptsächlich auf den Oberkörper und den Unterleib, aber auch Beine, Arme und sogar den Kopf lassen sie nicht aus, damit kein schmerzfreies Fleckchen Haut übrigbleibt.

Und keine Klage... Wenn der Strick ihn nicht halten würde, würde er zu Boden fallen. Aber er fällt nicht und er stöhnt nicht. Nur der Kopf sinkt ihm auf die Brust nach so vielen Schlägen, so als wenn er ohnmächtig geworden wäre.

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«Halt! Hört auf! Er muß noch lebendig hingerichtet werden!» höhnt ein Soldat.

Die beiden Henker halten ein und trocknen sich den Schweiß ab.

«Wir sind völlig erledigt», sagen sie. «Gebt uns den Lohn, damit wir trinken und uns erholen können.»

«Hängen sollte man euch! Doch nehmt ...» und ein Decurio wirft jedem der beiden eine große Münze zu.

«Ihr habt eure Pflicht getan. Er gleicht einem Mosaik. Titus, sag, war dieser Mensch wirklich die Liebe des Alexander? Dann wollen wir ihn benachrichtigen, damit er Trauer tragen kann. Binden wir ihn jetzt los.»

Sie binden Jesus los, und dieser sinkt wie tot zu Boden. Sie lassen ihn liegen und stoßen ihn nur ab und zu mit den Stiefeln an, um zu sehen, ob er klagt.

Aber er schweigt.

«Ob er tot ist? Wäre es möglich? Er ist jung und ein Handwerker, hat man mir gesagt... aber er gleicht einer zarten Dame ...»

«Laß mich nur machen», sagt ein Soldat. Er setzt ihn auf und lehnt ihn mit dem Rücken an die Säule. Wo er gelegen ist, sind Blutlachen... Dann geht der Soldat zu einem Brunnen, der unter dem Tor plätschert, füllt einen Eimer mit Wasser und schüttet es über den Kopf und den Körper Jesu. «So, den Blumen tut das Wasser gut.»

Jesus seufzt tief und will aufstehen, aber noch bleibt er mit geschlossenen Augen sitzen.

«Oh! Gut! Auf, Schöner! Eine Dame wartet auf dich! ...»

Aber vergebens stemmt Jesus die Hände auf den Boden, um aufzustehen.

«Los, rasch! Bist du schwach? Hier ist eine Erfrischung», grinst ein anderer Soldat. Mit dem Schaft seiner Hellebarde versetzt er Jesus einen Schlag ins Gesicht und trifft ihn zwischen dem rechten Jochbogen und der Nase, die zu bluten beginnt.

Jesus öffnet die Augen und blickt um sich. Ein verschleierter Blick. Er schaut den Soldaten an, der ihn geschlagen hat, wischt sich mit der Hand das Blut ab und stellt sich dann mit großer Mühe auf die Füße.

«Zieh dich an. Es ist nicht anständig, so herumzustehen, Schamloser!»Alle umringen Jesus und lachen.

Jesus gehorcht wortlos. Aber während er sich bückt – und nur er weiß, was er dabei leidet, zerschlagen wie er ist und mit Wunden, die sich durch die Anspannung der Haut noch weiter öffnen, und blutgefüllten Schwellungen, die aufbrechen – gibt ein Soldat den Kleidern einen Tritt und zerstreut sie. Und jedesmal, wenn Jesus sich nach ihnen bücken will, nachdem er sie wankend erreicht hat, stößt oder wirft ein Soldat sie in eine andere Richtung. Jesus, der furchtbar leidet, sagt nichts und versucht sie zu holen, während die Soldaten obszöne Späße über ihn machen.

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Endlich kann er sich wieder anziehen. Er legt auch das weiße Gewand wieder an, das in einer Ecke gelegen und sauber geblieben ist. Es sieht aus, als wolle er sein armes rotes Gewand verbergen, das gestern noch so schön war und heute von Unrat beschmutzt und von dem in Gethsemane geschwitzten Blut befleckt ist. Bevor er die kurze Tunika anzieht, wischt er sich damit sogar das nasse Antlitz ab und reinigt es von Staub und Speichel. Und das arme, heilige Antlitz erscheint rein und nur von kleinen bläulichen Wunden gezeichnet. Jesus streicht seine zerzausten Haare und seinen Bart glatt, in einem angeborenen Bedürfnis, ordentlich auszusehen.

Dann kauert er sich in der Sonne zusammen, denn er zittert, mein Jesus... Das Fieber beginnt, und damit auch der Schüttelfrost. Auch die Schwäche nach dem Blutverlust, dem Fasten und dem vielen Gehen macht sich bemerkbar.

Sie binden ihm erneut die Hände. Der Strick schneidet dort ein, wo schon ein roter Streifen abgeschürfter Haut ist.

«Und nun? Was tun wir mit ihm? Mir ist langweilig.»

«Warte. Die Juden wollen einen König. Nun, wir geben ihnen einen. Diesen da...» sagt ein Soldat.

Er eilt hinaus, gewiß in einen weiter hinten liegenden Hof, von wo er mit einem Bündel Weißdorn zurückkommt. Jetzt, im Frühling, sind die Zweige noch relativ weich und biegsam, die langen, spitzen Dornen aber sehr hart. Mit ihren Dolchen entfernen sie Blätter und Blüten, biegen die Zweige zu einem Kranz und drücken ihn auf das arme Haupt. Aber die barbarische Krone fällt auf den Hals.

«Sie paßt nicht. Wir müssen sie kleiner machen. Nimm sie wieder weg.»

Sie nehmen die Krone herunter, zerkratzen ihm dabei die Wangen, stechen ihm beinahe die Augen aus und reißen ihm auch Haare aus. Sie machen sie kleiner. Aber nun ist sie zu klein, und soviel sie auch drücken und dadurch die Dornen in Jesu Kopf treiben, droht sie doch herunterzufallen. Wieder nehmen sie sie herunter und reißen noch mehr Haare aus. Sie verändern sie noch einmal, und nun paßt sie. Vorne ist ein dreifacher Dornenreif. Hinten, wo die Enden der drei Zweige ineinandergeschlungen sind, ist ein richtiger Knoten aus Dornen, die Jesus in den Nacken dringen.

«Siehst du, wie gut sie dir steht? Naturbronze und echte Rubine. Spiegle dich in meinem Harnisch, o König!» spottet der Erfinder dieser Qual.

«Eine Krone allein genügt nicht, um einen König zu machen. Er braucht auch Purpur und ein Szepter. Im Stall ist ein Rohr, und auf dem Abfall liegt ein roter Mantel. Hole sie, Cornelius.»

Bald darauf legen sie Jesus den schmutzigen roten Fetzen um die Schultern, und bevor sie ihm das Rohr in die Hände geben, schlagen sie ihn damit auf das Haupt, verneigen sich und grüßen: «Ave, König der Juden!»Dabei schütteln sie sich vor Lachen.

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Jesus läßt sie gewähren. Er läßt sich auf einen «Thron» setzen, eine umgestülpte Wanne, die sonst wohl als Pferdetränke dient; er läßt sich schlagen und verspotten, ohne jemals etwas zu sagen. Er schaut sie nur an... und sein Blick ist so voll Güte, aber auch so voll des furchtbarsten Schmerzes, daß ich ihn nicht ertragen kann, ohne mein Herz dadurch verwundet zu fühlen.

Die Soldaten hören erst auf zu spotten, als ihnen die rauhe Stimme eines Vorgesetzten gebietet, den Schuldigen wieder vor Pilatus zu bringen.

Schuldig? Wessen?

Jesus wird in das Atrium zurückgeführt, das nun durch einen kostbaren Vorhang vor der Sonne geschützt ist. Jesus hat noch die Krone, den Umhang und das Rohr.

«Komm nach vorne, damit ich dich dem Volk zeigen kann.»

Obwohl er schon völlig gebrochen ist, richtet sich Jesus doch würdevoll auf. Oh, er ist wirklich ein König!

«Hört, Hebräer! Hier ist der Mensch. Ich habe ihn bestraft. Aber nun laßt ihn gehen.»

«Nein, nein! Wir wollen ihn sehen! Heraus mit ihm! Wir wollen den Gotteslästerer sehen!»

«Führt ihn hinaus und gebt acht, daß man sich nicht seiner bemächtigt!»

Während Jesus in die Vorhalle hinausgeht und sich im Viereck der Soldaten dem Volk zeigt, weist Pontius Pilatus mit der Hand auf ihn und sagt: «Seht, welch ein Mensch! Euer König! Ist es noch nicht genug?»

Die Sonne eines schwülen Tages, die nun fast im Zenit steht, denn es ist schon zwischen der dritten und der sechsten Stunde, entzündet und akzentuiert noch die Blicke und die Gesichter. Sind das noch Menschen? Nein. Es sind tollwütige Hyänen. Sie heulen, schütteln die Fäuste und fordern den Tod...

Jesus steht aufrecht da, und ich kann versichern: Niemals war er so erhaben wie jetzt. Nicht einmal, als er die größten Wunder vollbrachte. Der Adel des Schmerzes! Aber so göttlich, daß er schon allein deshalb als Gott anerkannt werden müßte. Doch um diesen Namen sagen zu können, muß man wenigstens ein Mensch sein. In Jerusalem gibt es heute aber keine Menschen, sondern nur Dämonen.

Jesus läßt seine Blicke über die Menge schweifen, sucht und findet im Meer der haßerfüllten Gesichter die Gesichter der Freunde. Wie viele? Weniger als zwanzig unter Tausenden von Feinden... Er neigt das Haupt in Trauer über diese Verlassenheit. Eine Träne fällt... noch eine... und noch eine... Der Anblick seiner Tränen erzeugt kein Mitleid, sondern noch wilderen Haß.

Er wird in das Atrium zurückgebracht.

«Nun? Laßt ihn gehen. Es ist gerecht.»

«Nein. Zum Tod. Kreuzige ihn.»

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«Ich gebe euch Barabbas.»

«Nein, den Messias!»

«So nehmt ihr ihn. Kreuzigt ihn selbst, denn ich finde keine Schuld an ihm.»

«Er hat sich Sohn Gottes genannt. Unser Gesetz sieht die Todesstrafe für den vor, der einer solchen Gotteslästerung schuldig ist.»

Pilatus wird nachdenklich. Er geht wieder hinein und setzt sich auf seinen Thron. Er führt eine Hand an die Stirn, stützt den Ellbogen auf sein Knie und schaut Jesus prüfend an.

«Komm näher», sagt er.

Jesus begibt sich zu dem Podest.

«Ist das wahr? Antworte.»

Jesus schweigt.

«Woher kommst du? Wer ist Gott?»

«Er ist das Alles!»

«Ja und? Was heißt, das Alles? Was ist das Alles für den, der stirbt? Du bist verrückt... Gott ist nicht. Ich bin.»

Jesus schweigt. Er hat ein großes Wort gesprochen und hüllt sich nun in Schweigen.

«Pontius, die Freigelassene der Claudia Procula bittet, eintreten zu dürfen. Sie hat ein Schreiben für dich.»

«Domine! Auch noch die Frauen jetzt! Sie soll kommen.»

Eine Römerin kommt herein, kniet nieder und reicht ihm ein Wachstäfelchen. Es muß das Täfelchen sein, auf dem Procula den Gatten bittet, Jesus nicht zu verurteilen. Die Frau zieht sich rückwärts gehend zurück, während Pilatus liest.

«Man rät mir, deinen Tod zu vermeiden. Ist es wahr, daß du mehr als ein Haruspex bist? Du machst mir Angst.»

Jesus schweigt.

«Weißt du denn nicht, daß ich Macht habe, dich freizugeben oder dich zu kreuzigen?»

«Du hättest keine Macht, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre. Deshalb hat der, der mich dir überliefert hat, eine größere Schuld als du.»

«Wer ist es? Dein Gott? Ich habe Angst ...»

Jesus schweigt.

Pilatus sitzt auf Kohlen. Er möchte und möchte nicht. Er fürchtet die Strafe Gottes, fürchtet Rom, fürchtet die Rache der Juden. Einen Augenblick siegt die Furcht vor Gott. Er geht nach vorne im Atrium und ruft laut: «Er ist nicht schuldig!»

«Wenn du das sagst, bist du ein Feind des Caesar. Wer sich zum König macht, ist sein Feind. Du willst den Nazarener freigeben. Wir werden es den Caesar wissen lassen.»

Pilatus wird von Menschenfurcht ergriffen.

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«Ihr wollt also seinen Tod? Es sei denn. Aber das Blut dieses Gerechten sei nicht an meinen Händen.» Pilatus läßt sich ein Becken bringen und wäscht sich die Hände im Beisein des Volkes, das in Raserei gerät und schreit: «Über uns, über uns komme sein Blut. Über uns und unsere Kinder komme es. Wir fürchten ihn nicht. Ans Kreuz! Ans Kreuz!»

Pontius Pilatus geht zu seinem Thron zurück und ruft den Centurio Longinus und einen Sklaven zu sich. Von dem Sklaven läßt er sich einen Tisch und ein Schild bringen, auf das er schreiben läßt: «Jesus von Nazareth, der König der Juden.» Dann zeigt er es dem Volk.

«Nein, nicht so. Nicht König der Juden. Schreibe, daß er behauptet hat, der König der Juden zu sein.»

«Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben!» sagt Pilatus hart. Er steht sehr gerade, streckt die Hand aus mit nach vorne gekehrter und nach unten zeigender Handfläche und befiehlt: «Dann soll er ans Kreuz! Soldat, geh. Bereite das Kreuz vor.» (Ibis ad crucem! I, miles, expedi crucem.) Er steigt von seinem Podest herab und verläßt das Atrium, ohne sich auch nur zu der lärmenden Menge oder dem bleichen Verurteilten umzudrehen.

Jesus bleibt unter Aufsicht der Soldaten in der Mitte des Atriums stehen, in Erwartung des Kreuzes.

Wem kann ich beschreiben, was ich leide? Keinem auf dieser Erde, denn es ist kein Leiden der Erde und würde nicht verstanden werden. Es ist ein Leiden, das Süßigkeit ist, und eine Süßigkeit, die Leiden ist. Ich möchte zehnmal, hundertmal so viel leiden. Um nichts auf der Welt möchte ich diese Leiden missen. Das ändert aber nichts daran, daß ich leide, wie einer, dem der Hals zugeschnürt, der in einen Schraubstock gepreßt, in einem Ofen verbrannt oder dem das Herz durchbohrt wird.

Wäre es mir möglich, mich zu rühren, mich von allen abzusondern und in der Bewegung und im Gesang meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen – denn es ist ein Schmerz des Gefühls – würde mir dies Erleichterung verschaffen. Aber ich bin wie Jesus am Kreuz. Es ist mir weder gewährt, mich zu bewegen noch mich zu isolieren, und ich muß die Lippen zusammenpressen, um den Neugierigen meine süße Agonie nicht preiszugeben. Es ist nicht nur Redensart: die Lippen zusammenpressen. Ich muß mich sehr bemühen, den Impuls zu beherrschen, meinem Schrei der Freude und des übernatürlichen Schmerzes Luft zu machen, denn er bewegt mein Innerstes und steigt mit der Macht einer Flamme oder eines starken Wasserstrahls auf.

Die von Schmerz getrübten Augen Jesu: Ecce Homo, ziehen mich an wie ein Magnet. Er steht vor mir und sieht mich an, aufrecht steht er auf den Stufen des Prätoriums, mit gekröntem Haupt und den gebundenen Händen über dem weißen Gewand eines Geistesgestörten, mit dem sie ihn verspotten wollten, während sie ihn doch in das des Unschuldigen würdige Weiß gekleidet haben. Er spricht nicht. Aber alles an ihm spricht, ruft mich, bittet mich.

Was erbittet er? Daß ich ihn liebe. Das weiß ich, und das gebe ich ihm, bis ich mich sterben fühle, so als hätte ich ein Messer in der Brust. Er bittet mich aber noch um etwas, das ich nicht verstehe. Ich würde es gern verstehen. Das quält mich. Ich möchte ihm alles geben, was er will, selbst wenn ich daran sterben sollte. Und es gelingt mir nicht.

Sein schmerzerfülltes Antlitz zieht mich an und entzückt mich. Er ist schön, wenn er der Meister oder der auferstandene Christus ist. Aber dieser Anblick macht mir nur Freude. Der

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jetzige hingegen flößt mir eine so tiefe Liebe ein, daß die Liebe einer Mutter zu ihrem kranken Kind nicht größer sein kann.

Ja, ich verstehe. Die mitleidende Liebe ist die Kreuzigung des Geschöpfes, das dem Meister bis zur letzten Qual folgt. Es ist eine despotische Liebe, die jeglichen anderen Gedanken ausschließt, der sich nicht auf seinen Schmerz bezieht. Man gehört sich selbst nicht mehr. Man lebt, um ihn in seiner Qual zu trösten, und seine Qual ist unser Schmerz, der uns tötet, nicht nur im übertragenen Sinn. Und doch ist jede durch diesen Schmerz vergossene Träne für uns wertvoller als eine Perle, und jeder Schmerz, der dem seinen ähnlich erscheint, ist uns erwünschter und begehrenswerter als ein Schatz.

Pater, ich habe mich bemüht zu sagen, was ich empfinde. Aber es ist zwecklos. Von allen Ekstasen, die Gott mir schenken kann, wird die seines Leidens immer jene sein, die meine Seele in den siebten Himmel trägt. Aus Liebe zu sterben in der Betrachtung meines leidenden Jesus scheint mir der schönste Tod zu sein.

664. ANMERKUNGEN ÜBER DAS VERHALTEN DES PILATUS

JESUS GEGENÜBER

Jesus sagt:

«Ich will dich über meine Begegnungen mit Pilatus nachdenken lassen.

Johannes, der fast immer anwesend oder doch in der Nähe war, ist der genaueste Zeuge und Berichterstatter. Er erzählt, daß ich, nachdem ich das Haus des Kaiphas verlassen hatte, zum Prätorium geführt wurde. Und er gibt an, daß dies am frühen Morgen geschah. Du hast gesehen, daß der Tag gerade angebrochen war. Er berichtet auch: "Sie (die Juden) gingen nicht hinein, um sich nicht zu verunreinigen und das Passahmahl essen zu können." Heuchlerisch wie immer, sahen sie eine Gefahr sich zu verunreinigen, wenn sie in den Staub des Hauses eines Heiden treten würden, während sie die Ermordung eines Unschuldigen nicht als Sünde betrachteten und in der Genugtuung über das vollendete Verbrechen das Passahfest noch besser genießen konnten.

Sie haben auch heute noch ihresgleichen. All jene, die insgeheim schlecht handeln und nach außen vorgeben, die Religion zu achten und Gott zu lieben, sind wie sie. Floskeln, Phrasen, aber keine wahre Religion! Sie stoßen mich ab, ich verachte sie.

Da die Juden nicht zu Pilatus hineingingen, kam Pilatus zu ihnen heraus, um zu hören, was die schreiende Menge wollte, und da er in der Verwaltung und Rechtspflege erfahren war, verstand er auf den ersten Blick, daß der Schuldige nicht ich, sondern dieses von Haß trunkene Volk war. Die Begegnung unserer Blicke war ein gegenseitiges Erkennen unserer Herzen. Ich beurteilte den Mann als den, der er war. Er beurteilte mich als den, der ich war. Ich bekam Mitleid mit ihm, denn er war ein schwacher Mann. Er empfand Mitleid für mich, weil ich unschuldig war. Er versuchte vom ersten Augenblick an, mich zu retten. Da allein Rom das Recht hatte,

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die Todesstrafe über einen Übeltäter zu verhängen, versuchte er mich zu retten, indem er sagte: "Richtet ihn nach eurem Gesetz."

Als Heuchler, nun zum zweiten Mal, wollten die Juden die Verurteilung nicht aussprechen. Es ist wahr, daß Rom die oberste Gerichtsbarkeit innehatte. Als aber beispielsweise Stephanus gesteinigt wurde, herrschte Rom noch immer über Jerusalem. Und trotzdem beschlossen und sprachen die Juden das Urteil aus und vollzogen die Hinrichtung, ohne sich im geringsten um Rom zu kümmern. Mit mir, den sie nicht liebten, sondern haßten und fürchteten – denn sie wollten nicht an mich als an den Messias glauben, sie wollten mich aber auch nicht töten, falls ich es etwa doch wäre – verfuhren sie auf andere Art. Sie klagten mich an als Aufwiegler gegen die Macht Roms, ihr würdet sagen, als Rebell, um zu erreichen, daß Rom mich verurteilt. In ihren schändlichen Versammlungen, und dies mehrmals in den drei Jahren meines öffentlichen Wirkens, hatten sie mich als Gotteslästerer und falschen Propheten angeklagt. Als solchen hätten sie mich steinigen oder auf irgendeine Art töten müssen. Aber nun, um das Verbrechen nicht direkt zu begehen, denn sie wissen instinktiv, daß es bestraft werden wird, lassen sie es Rom ausführen, indem sie mich als Missetäter und Rebell anklagen. Wenn das Volk verderbt ist und die Vorsteher besessen sind, ist nichts leichter, als einen Unschuldigen anzuklagen, um die eigenen Zornesgelüste an ihm auszulassen und jemanden aus der Welt zu schaffen, der ein Hindernis darstellt und als Richter empfunden wird.

Wir befinden uns heute wieder in einer ähnlichen Zeit wie damals. Immer wieder einmal erfolgt in der Welt, nachdem sie perverse Ideen ausgebrütet hat, ein Ausbruch, eine Kundgebung von Verderbtheit. Wie eine riesige Schwangere gebiert die Menge ein Ungeheuer, das sie zuvor in ihrem Busen mit den Lehren einer reißenden Bestie genährt hat, auf daß es verschlinge. Und es verschlingt, zuerst die Guten, dann sich selbst.

Pilatus kommt in das Prätorium zurück und ruft mich zu sich. Und er verhört mich. Er hatte schon von mir gehört. Unter seinen Centurionen waren einige, die meinen Namen mit dankbarer Liebe, mit Tränen in den Augen und einem Lächeln im Herzen wiederholten und von mir als von einem Wohltäter sprachen. In ihren Berichten an den Prätor, der sie über diesen Propheten befragte, der die Mengen um sich sammelte und eine neue Lehre predigte, in der von einem merkwürdigen Reich die Rede war, das für einen heidnischen Verstand unbegreiflich ist, hatten sie immer bestätigt, daß ich gut und sanftmütig war und die Ehren dieser Welt nicht suchte, sondern Achtung und Gehorsam gegenüber der Autorität lehrte und auch übte. Aufrichtiger als die Israeliten, sahen und berichteten sie die Wahrheit. Am Sonntag zuvor hatte Pilatus, vom Lärm und Beifall des Volkes angezogen, auf die Straße hinausgeschaut und einen waffenlosen Mann auf einem Eselchen vorbeireiten sehen, der segnete und von Frauen

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und Kindern umgeben war. Es war ihm klar, daß dieser Mann keine Gefahr für Rom bedeuten konnte. Also wollte er wissen, ob ich ein König bin. In seinem ironischen, heidnischen Skeptizismus wollte er ein wenig über diesen König lachen, der auf einem Esel geritten kommt und dessen Hofstaat barfüßige Kinder, lächelnde Frauen und Männer aus dem Volk sind; über diesen König, der seit drei Jahren predigt, daß er sich weder von Reichtum noch von Macht angezogen fühlt und der von keiner anderen Eroberung spricht als der des Geistes und der Seele. Was ist schon die Seele für einen Heiden? Nicht einmal seine Götter haben eine Seele. Und da soll der Mensch eine Seele haben? Und auch jetzt wiederholt dieser König ohne Krone, ohne Reich, ohne Hofstaat und ohne Soldaten, daß sein Reich nicht von dieser Welt ist. So mußte es sein, denn kein Beamter und kein Militär greift ein, um seinen König zu verteidigen und ihn seinen Feinden zu entreißen. Pilatus setzt sich und schaut mich fragend an, denn ich bin ihm ein Rätsel. Würde er seine Seele befreien von irdischen Belangen, vom Hochmut seines Amtes, vom Irrtum des Heidentums, dann würde er sofort verstehen, wer ich bin. Aber wie kann das Licht dort eindringen, wo allzu viele Dinge ihm den Eintritt verwehren?

Es ist immer so, meine Kinder. Auch heute noch. Wie können Gott und sein Licht hereinkommen, wo kein Platz mehr für sie ist und Türen und Fenster verrammelt sind und Hochmut, allzu Menschliches, Laster und Wucher sie verteidigen – viele, so viele Wächter im Dienst Satans und gegen Gott?

Pilatus kann nicht begreifen, was mein Reich ' ist. Und was besonders schmerzlich ist, er bittet nicht darum, daß ich es ihm erkläre. Auf meine Einladung, die Wahrheit kennenzulernen, antwortet der unverbesserliche Heide: "Was ist Wahrheit?" und läßt die Frage mit einem Achselzucken fallen.

Oh, Kinder, meine Kinder! Oh, meine Pilatusse von heute! Auch ihr schüttelt, wie Pontius Pilatus, mit einem Achselzucken die lebenswichtigsten Fragen ab. Sie scheinen euch unnütze, überholte Dinge. Was ist Wahrheit? Geld? Nein. Frauen? Nein. Macht? Nein. Ein gesunder Körper? Nein. Menschliche Ehre? Nein. Also ist es besser, die Sache zu vergessen. Es lohnt sich nicht, einer Schimäre nachzulaufen. Frauen, Geld, Macht, Gesundheit, Bequemlichkeit und Ehren, das sind konkrete, nützliche Dinge, begehrens- und erstrebenswert um jeden Preis. So argumentiert ihr. Schlimmer als Esau verschleudert ihr die ewigen Güter für ein schlechtes Gericht, das der Gesundheit des Leibes und der Seele schadet. Warum besteht ihr nicht darauf, zu erfahren, was Wahrheit ist? Sie, die Wahrheit, wartet nur darauf, sich zu erkennen zu geben und euch zu belehren. Sie steht vor euch wie vor Pilatus und sieht euch mit liebevollen Augen bittend an: "Frage mich, ich werde dich unterweisen." Siehst du, wie ich Pilatus anschaue? Genauso schaue ich euch alle an. Und wenn ich

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mit Blicken freudvoller Liebe auf alle schaue, die mich lieben und um mein Wort bitten, so schaue ich mit Blicken trauriger Liebe auf die anderen, die mich nicht lieben, mich nicht suchen und nicht auf mich hören. Liebe und immer nur Liebe habe ich für alle, denn mein ganzes Wesen ist Liebe.

Pilatus läßt mich stehen, ohne mich weiter zu fragen, und geht zu den Böswilligen, die eine lautere Stimme haben und sich durch ihre Gewalttätigkeit durchsetzen. Auf sie hört er, dieser Unglückliche, der mich nicht anhört und mit einem Achselzucken meine Einladung zur Erkenntnis der Wahrheit ablehnt. Er hört auf die Lüge. Der Götzendiener, welcher Art er auch sei, neigt immer dazu, jedwede Lüge zu verehren und zu glauben. Und die Lüge, die ein Schwacher glaubt, führt den Schwachen zum Verbrechen. Und doch versucht Pilatus, schon an der Schwelle zum Verbrechen, mich noch ein- oder zweimal zu retten. Und daher schickt er mich zu Herodes. Er weiß nur zu gut, daß dieser gerissene König, der zwischen Rom und seinem Volk laviert, so handeln wird, daß er Rom nicht beleidigt und das hebräische Volk nicht verstimmt. Wie alle Schwächlinge verschiebt er die Entscheidung, die er nicht zu treffen wagt, um eine Stunde, in der Hoffnung, daß das aufgeregte Volk sich beruhigt.

Ich habe gesagt: "Eure Rede sei: ja, ja; nein, nein." Aber er hat es nicht gehört, und wenn jemand es ihm wiederholt hat, dann hat er wie üblich die Achseln gezuckt. Um in der Welt zu siegen, um Ehren und Gewinn zu erlangen, muß man es verstehen, aus einem "Ja" ein "Nein" oder aus einem "Nein" ein "Ja" zu machen, je nachdem, wie der Verstand (lies: der menschliche Verstand) es rät. Wie viele, wie viele Pilatusse hat das zwanzigste Jahrhundert! Wo sind die Helden des Christentums, die "Ja" sagen, immer "Ja" zur Wahrheit und um der Wahrheit willen, und "Nein", immer "Nein" zur Lüge? Wo sind die Helden, die der Gefahr und den Ereignissen mit vollendetem Starkmut und heiterer Bereitschaft begegnen und nicht zögern, das Gute sofort zu tun und das Böse sofort zu fliehen, ohne "wenn" und "aber"?

Bei meiner Rückkehr von Herodes folgt nun das neue Unternehmen des Pilatus: die Geißelung. Was erhoffte er sich davon? Wußte er nicht, daß das Volk die wilde Bestie ist, die noch wilder wird, wenn sie Blut riecht? Aber ich mußte zerfleischt werden, um eure Fleischessünden zu sühnen. Und immer noch werde ich zerfleischt. Es gibt an meinem Körper keine Stelle mehr, die nicht zerschlagen ist. Ich bin der Mensch, von dem Isaias spricht. Zu der befohlenen Marter kommt die nicht befohlene, aber von der menschlichen Grausamkeit erdachte: die Dornenkrönung.

Ihr seht ihn, o Menschen, euren Erlöser, euren König, mit Schmerzen gekrönt, um eure Köpfe von so vielen Sünden zu befreien, die in euch gären. Denkt ihr denn nicht daran, welche Schmerzen mein unschuldiges Haupt erduldet hat, um für euch, für eure immer schlimmeren

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Gedankensünden, die oft zur Tat werden, zu bezahlen? Ihr, die ihr beleidigt seid, auch wenn ihr keinen Grund dazu habt, betrachtet den beleidigten König, der Gott ist, mit seinem Spottmantel aus zerrissenem Purpur, dem Rohr als Szepter und der Dornenkrone! Er ist schon am Sterben, und immer noch schlagen sie ihn mit ihren Händen und ihrem Spott. Aber ihr habt kein Mitleid. Wie die Juden schüttelt ihr unaufhörlich die Fäuste und schreit: "Fort, fort, wir haben keinen Gott als den Caesar." Oh, ihr Götzendiener, die ihr nicht Gott, sondern euch selbst anbetet und den, der unter euch der Überheblichste ist. Ihr wollt den Sohn Gottes nicht. Er hilft euch nicht bei euren Verbrechen. Satan ist diensteifriger. Daher wollt ihr Satan. Vor dem Sohn Gottes habt ihr Angst. Wie Pilatus. Und wenn ihr seine Macht in euch am Werk fühlt, die euch aufrütteln will durch die Stimme des Gewissens, dann fragt ihr wie Pilatus: "Wer bist du?"

Ihr wißt, wer ich bin. Auch die, die mich leugnen, wissen, daß ich bin und wer ich bin. Lügt nicht. Zwanzig Jahrhunderte sprechen für mich, zeigen euch, wer ich bin, und belehren euch über meine Wunder. Pilatus ist eher zu verzeihen. Nicht euch, die ihr zweitausend Jahre Christentum hinter euch habt, die euren Glauben stützen oder euch zum Glauben führen müßten. Aber ihr wollt davon nichts wissen. Trotzdem war ich mit Pilatus strenger als mit euch. Ich habe ihm nicht geantwortet. Mit euch spreche ich. Und doch gelingt es mir nicht, euch zu überzeugen, daß ich es bin, daß ihr mir Anbetung und Gehorsam schuldet. Auch jetzt beschuldigt ihr mich, daß ich mich selbst zerstöre in euch, weil ich euch nicht erhöre. Ihr sagt, daß ihr deshalb den Glauben verliert. Oh, ihr Lügner! Wo ist euer Glaube? Wo ist eure Liebe? Wann betet ihr denn und lebt mit Liebe und Glauben? Seid ihr angesehen? Vergeßt nicht, daß ihr es seid, weil ich es erlaube. Seid ihr Namenlose in der Menge? Denkt daran, daß es keinen Gott gibt als mich. Niemand ist größer als ich und niemand hat Vorrang vor mir. Gebt mir daher die Liebe, die mir zusteht, und ich werde euch erhören, denn ihr werdet nicht mehr Bastarde sein, sondern Kinder Gottes.

Pilatus unternimmt nun noch einen letzten Versuch, mein Leben zu retten, sofern es nach der mitleidlosen und langen Geißelung noch zu retten gewesen wäre. Er stellt mich dem Volk vor: "Seht, welch ein Mensch!" Er hat menschliches Mitleid mit mir. Er hofft auf das allgemeine Mitleid. Aber angesichts der Härte, die ihm widersteht, und der zunehmenden Drohung bringt er es nicht fertig, mit übernatürlicher Gerechtigkeit und daher gut zu handeln und zu sagen: "Ich lasse ihn frei, denn er ist unschuldig. Ihr seid die Schuldigen, und wenn ihr euch nicht zerstreut, werdet ihr die ganze Strenge Roms kennenlernen." Das hätte er sagen müssen, wenn er ein Gerechter gewesen wäre, der nicht an die späteren Schwierigkeiten denkt, die ihm daraus entstehen würden.

Pilatus ist nicht wirklich gut. Gut ist Longinus, der, obwohl nicht so

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mächtig wie der Prätor und weniger geschützt, mitten auf dem Weg, von nur wenigen Soldaten, aber von einer großen feindseligen Menge umgeben, es wagt, mich zu verteidigen. Er hilft mir, gestattet mir eine Ruhepause, gönnt mir den Trost der frommen Frauen, läßt mir durch den Cyrenäer helfen und erlaubt schließlich meiner Mutter, am Fuß des Kreuzes bei mir zu stehen. Er war ein Held der Gerechtigkeit und wurde deshalb ein Held des Christus.

Wißt, o Menschen, die ihr euch einzig und allein um euer materielles Wohl sorgt, daß Gott euch auch hier zu Hilfe kommt, wenn er sieht, daß ihr in der Gerechtigkeit verharrt, die ein Ausfluß Gottes ist. Ich belohne immer den, der rechtschaffen handelt. Ich verteidige den, der mich verteidigt. Ich liebe ihn und helfe ihm. Ich bin immer noch der, der gesagt hat: "Wer einen Becher Wasser in meinem Namen reicht, wird seinen Lohn erhalten." Wer mir Liebe schenkt, Wasser, das meinen Durst als göttlicher Märtyrer stillt, dem gebe ich mich selbst, also Schutz und Segen.»

665. JUDAS VON KERIOTH NACH SEINEM VERRAT

31.3.44, Karfreitag, 2 Uhr früh.

Hier ist die schmerzliche Vision dieser ersten Stunden des Karfreitags, die ich gehabt habe, als ich die Stunde der Schmerzensmutter hielt. Ich hatte mir gedacht, die beste Vorbereitung auf die Ablegung des Gelübdes bestehe darin, die Nacht in Gesellschaft der Jungfrau der Sieben Schmerzen zu verbringen.

Ich sehe Judas. Er ist allein. Er trägt ein hellgelbes Gewand mit einer roten Kordel als Gürtel. Meine innere Stimme sagt mir, daß Jesus kurz zuvor gefangengenommen wurde und daß Judas, der gleich nach der Gefangennahme geflohen ist, sich nun in einem inneren Zwiespalt befindet. Tatsächlich gleicht Judas einem rasenden, von einer Meute Bluthunde verfolgten wilden Tier. Jedes Seufzen des Windes in den Zweigen, jedes geringste Geräusch auf den Wegen und selbst das Plätschern eines Brünnleins läßt ihn aufhorchen und sich mißtrauisch und erschrocken umwenden, so als wäre ihm der Scharfrichter schon auf den Fersen. Er dreht den gesenkten Kopf auf dem eingezogenen Hals nach allen Seiten, schaut in alle Richtungen wie einer, der sehen will und sich doch fürchtet zu sehen, und wenn das Spiel des Mondlichts einen menschenähnlichen Schatten erzeugt, bedeckt er die Augen, macht einen Sprung zurück, wird noch bleicher als er schon ist, bleibt einen Augenblick stehen und flieht dann überstürzt zurück und schlägt einen anderen Weg ein, bis ein neues Geräusch, ein neues Lichtspiel ihn schreckt und ihn wieder in eine andere Richtung fliehen läßt.

Bei diesem irren Hin und Her gelangt er ins Stadtinnere. Aber das

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Lärmen einer Volksmenge läßt ihn erkennen, daß er nahe beim Haus des Kaiphas ist. Da faßt er sich mit den Händen an den Kopf, duckt sich, als ob diese Schreie ebenso viele Steine wären, die ihn treffen, und flieht, flieht. Auf der Flucht gerät er in ein Gäßchen, das geradewegs zu dem Haus führt, in dem sie das Abendmahl gehalten haben. Er bemerkt es, als er davorsteht, denn ein Brünnlein plätschert an dieser Stelle der Straße. Das Weinen des tropfenden Wassers, das in das kleine Steinbecken fällt, und das leise Pfeifen des Windes, der durch die enge Gasse weht, hören sich an wie eine gedämpfte Klage, müssen ihm vorkommen wie das Weinen des Verratenen und die Klagen des Gemarterten. Judas hält sich die Ohren zu, um nichts zu hören, und hetzt mit geschlossenen Augen weiter, um die Tür nicht zu sehen, durch die er erst vor einigen Stunden mit dem Meister gegangen ist und durch die er sich auch entfernt hat, um die Bewaffneten für seine Gefangennahme zu holen.

Als er so blindlings weiterläuft, stößt er mit einem streunenden Hund zusammen – der erste Hund, den ich sehe, seit ich die Visionen habe. Es ist ein großer, grauer, struppiger Hund, der knurrend ausweicht und dann überlegt, ob er sich auf den Ruhestörer stürzen soll. Judas öffnet die Augen und sieht sich diesen phosphoreszierenden Augen gegenüber, die ihn anschauen. Er sieht das Weiß der Zähne, die ihn teuflisch anzugrinsen scheinen. Er stößt einen Schrei aus. Der Hund, der das vielleicht für eine Drohung hält, greift ihn an, und die beiden wälzen sich im Staub: Judas, den die Angst lähmt, unten, der Hund oben. Als das Tier seine Beute losläßt, die ihm wohl eines Kampfes unwürdig erscheint, blutet Judas aus einigen Wunden und in seinem Mantel sind große Risse.

Ein Biß hat seine Wange verletzt, genau an der Stelle, wo er Jesus geküßt hat. Die Wange blutet, und das Blut befleckt das gelbliche Gewand des Judas am Hals. Es bildet sozusagen ein blutiges Halsband, da es die rote Kordel tränkt, die das Gewand am Hals zusammenhält, und sie noch röter macht. Judas legt eine Hand auf die Wange, schaut dem Hund nach, der davongetrottet, aber unter einem Torbogen stehengeblieben ist und ihn beobachtet, und murmelt: «Beelzebub!» Dann flieht er mit einem erneuten Schrei, und der Hund folgt ihm noch eine Weile. Er folgt ihm bis zum Brückchen beim Gethsemane. Hier, vielleicht weil er müde ist, vielleicht weil er wasserscheu ist und das Wasser ihn verscheucht, gibt der Hund die Verfolgung auf und macht knurrend kehrt. Judas, der in den Bach gesprungen ist, um Steine zu holen und den Hund damit zu vertreiben, sieht, daß der Hund sich entfernt, blickt um sich und findet sich bis zu halber Wadenhöhe im Wasser. Ohne sich um das Gewand zu kümmern, das sich immer mehr vollsaugt, beugt er sich zum Wasser hinunter und trinkt gierig wie im Fieber und wäscht sich die blutende Wange, die ihn schmerzen muß. Beim ersten Morgengrauen steigt er aus dem Bachbett,

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auf der entgegengesetzten Seite, so als hätte er Angst vor dem Hund und getraue sich nicht in die Stadt zurück.

Er geht einige Meter und befindet sich am Eingang des Ölgartens. «Nein, nein!» schreit er, als er den Platz wiedererkennt. Aber dann, und ich weiß nicht, welche unwiderstehliche Kraft oder welcher teuflische Sadismus ihn zieht, geht er weiter. Er sucht den Ort der Gefangennahme. Die von vielen Füßen aufgewühlte Erde des Pfades, das zertretene Gras an einer bestimmten Stelle und die Blutspuren auf dem Boden, vielleicht von Malchus, zeigen ihm an, daß er hier den Unschuldigen seinen Schergen übergeben hat.

Er schaut und schaut ... dann stößt er einen heiseren Schrei aus und springt zurück. Er schreit: «Dieses Blut, dieses Blut... !» und zeigt es... -wem? – mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger. Im zunehmenden Licht erscheint sein Gesicht fahl und gespenstisch. Er gleicht einem Verrückten. Seine Augen sind aufgerissen und glänzend, wie im Delirium. Die vom Laufen und vom Schrecken zerzausten Haare scheinen sich ihm zu sträuben, und die Wange, die langsam anschwillt, verzieht seinen Mund zu einem Grinsen. In seinem zerrissenen, blutbesudelten, nassen und schmutzigen Gewand – denn der Staub hat sich durch die Nässe in Schlamm verwandelt – gleicht er einem Bettler. Der ebenfalls schmutzige und zerrissene Mantel hängt ihm in Fetzen von den Schultern, und er stolpert darüber, während er immer noch schreit: «Dieses Blut, dieses Blut!» Er weicht zurück, als würde das Blut zum Meer, dessen Flut steigt und in dem er ertrinkt. Judas fällt rückwärts und verletzt sich den Kopf, den Hinterkopf, an einem Stein. Er stöhnt vor Schmerz und Angst. «Wer ist da?» schreit er. Er muß glauben, jemand habe ihn umgestoßen, um ihn zu verletzen. Er dreht sich voll Entsetzen um. Niemand. Er steht auf. Nun tropft das Blut auch auf den Nacken. Der rote Kreis breitet sich auf dem Gewand aus. Das Blut fällt nicht zur Erde, denn es ist wenig und wird von seinem Gewand aufgesaugt. Nun scheint sich die rote Schlinge schon um seinen Hals zu legen.

Er geht weiter und findet die Reste des kleinen Feuers, das Petrus am Fuß eines Ölbaums entzündet hat. Aber er weiß nicht, daß es Petrus war und glaubt, Jesus sei hier gewesen. Er schreit: «Fort, fort!» und streckt beide Arme aus, als wolle er ein Gespenst, das ihn quält, abwehren. Er läuft davon und kommt genau an den Fels der Todesangst.

Nun ist der Tag bereits angebrochen, und man kann alles sofort und genau erkennen. Judas sieht den Mantel Jesu zusammengefaltet auf dem Felsen liegen. Er erkennt ihn. Er will ihn anfassen, hat aber Angst. Er streckt die Hand aus und zieht sie wieder zurück. Er will, will nicht. Dieser Mantel fasziniert ihn. Er stöhnt: «Nein, nein.» Dann sagt er: «Ja, zum Teufel! Ja, ich will ihn berühren. Ich habe keine Angst. Ich habe keine Angst!» Er sagt, er hat keine Angst, aber seine Zähne klappern vor

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Schrecken, und als über seinem Kopf ein Ast eines Ölbaumes im Wind gegen einen Stamm schlägt, schreit er wieder auf. Dennoch zwingt er sich und ergreift den Mantel. Und lacht. Er lacht wie ein Irrer, ein Dämon. Ein hysterisches, stoßweises finsteres Lachen, das kein Ende nimmt, denn er hat seine Angst überwunden. Und er sagt es: «Du machst mir keine Angst mehr, Christus, nicht mehr. Ich hatte so große Angst vor dir, da ich an dich als einen Gott, einen starken Gott, glaubte. Nun machst du mir keine Angst mehr, denn du bist kein Gott. Du bist ein armer Irrer, ein Schwächling. Du konntest dich nicht verteidigen. Du hast mich nicht zerschmettert, wie du auch den Verrat in meinem Herzen nicht gelesen hast. Meine Ängste! ... Ich Dummkopf! Noch gestern abend, als du sprachst, glaubte ich, du wüßtest alles. Nichts hast du gewußt. Es war meine Angst, die deinen gewöhnlichen Worten das Gewicht von Prophezeiungen verlieh. Du bist ein Nichts. Du hast dich verkaufen, anzeigen und wie eine Maus in ihrem Loch fangen lassen. Deine Macht! Deine Herkunft! Ha, ha, ha, du Narr! Satan ist der Mächtige! Stärker als du! Er hat dich besiegt! Ha, ha, ha! Der Prophet! Der Messias! Der König Israels! Und drei Jahre hast du mich unterjocht! Immer mit der Angst im Herzen! Ich mußte lügen, um dich geschickt zu täuschen, wo ich doch das Leben genießen wollte! Aber selbst wenn ich ohne all die angewendete List gestohlen und Unzucht getrieben hätte, du hättest mir nichts tun können. Du Schwächling! Du Narr! Du Feigling! So! So! So! Ich hätte mit dir tun sollen, was ich nun mit deinem Mantel tue, um mich für die Zeit zu rächen, die du mich als einen Sklaven der Angst gehalten hast. Angst vor einem Hasen! ... So! So! So!»

Bei jedem «So!» beißt Judas in den Mantel Jesu und versucht, ihn zu zerreißen. Er zerdrückt ihn in den Händen. Aber dabei faltet er ihn etwas auseinander und die nassen Flecken kommen zur Vorschein. Judas hält in seinem Wüten inne. Er starrt auf die Flecken, berührt sie, riecht an ihnen. Es ist Blut... Er faltet den Mantel ganz auseinander. Der Abdruck der beiden blutigen Hände, mit denen Jesus den Stoff auf sein Gesicht gedrückt hat, ist deutlich zu sehen.

«Ach... Blut! Blut! Sein Blut! ... Nein!» Judas läßt den Mantel fallen und schaut sich um. Auch auf dem Felsen, an den Jesus sich mit dem Rücken gelehnt hatte, als der Engel ihn tröstete, ist ein dunkler Fleck trockenen Blutes. «Dort! ... Dort! ... Blut! Blut! ...» Er senkt den Blick, um nichts zu sehen, und sieht das ganz von Blut gerötete Gras. Dieses Blut, das durch den Tau noch naß ist, scheint eben erst heruntergetropft zu sein. Es ist rot und glänzt im ersten Sonnenschein. «Nein! Nein! Nein! Ich will es nicht sehen! Ich kann dieses Blut nicht sehen! Hilfe!» Er fährt sich mit den Händen an den Hals und keucht, als ob er in einem Meer von Blut ersticken würde. «Zurück! Zurück! Laß mich! Laß mich, Verfluchter! Aber dieses Blut ist ein Meer! Es bedeckt die ganze Erde! Die ganze Erde! Die ganze Erde! Auf der Welt ist kein Platz mehr für mich, denn ich

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kann dieses Blut nicht sehen, das sie bedeckt! Ich bin der Kain des Unschuldigen!» Ich glaube, daß der Gedanke an Selbstmord ihm in diesem Augenblick gekommen ist.

Das Gesicht des Judas ist furchterregend. Er springt den Hang hinunter, flieht wie ein von wilden Bestien Verfolgter aus dem Ölgarten, auf einem anderen Weg als dem, auf dem er gekommen ist, und kehrt in die Stadt zurück. So gut es geht wickelt er sich in seinen Mantel, versucht, die Verletzung und sein Gesicht einigermaßen zu bedecken, und läuft zum Tempel hinauf. Aber als er sich dem Gewölbe nähert, stößt er auf den Pöbel, der Jesus zu Pilatus schleppt. Ausweichen kann er nicht mehr, denn eine andere Menschenmenge, die hinter ihm herbeiläuft, um etwas zu sehen, keilt ihn ein. Und da er groß ist, größer als die meisten, kann er nicht umhin zu sehen. Und begegnet dem Blick Christi...

Einen Augenblick schauen sie sich an. Dann geht Jesus weiter, gefesselt und geschlagen. Judas fällt wie ohnmächtig auf den Rücken. Die Leute treten ihn erbarmungslos, und er wehrt sich nicht. Er scheint es vorzuziehen, von allen getreten zu werden, als diesen Blick ertragen zu müssen.

Nachdem die gottesmörderische Meute mit dem Märtyrer vorübergezogen und die Straße wieder leer ist, steht er auf und eilt zum Tempel. Am Tor des Tempelbezirks stößt er mit einem Wächter zusammen und wirft ihn beinahe um. Andere Wachen eilen herbei, um dem Rasenden den Eintritt zu verwehren. Aber wie ein wütender Stier schlägt er sie alle in die Flucht. Einen, der ihn umklammert und ihn hindern will, den Saal des Synedriums zu betreten, in dem noch alle versammelt sind und diskutieren, packt er am Hals, würgt ihn und schleudert ihn, wenn nicht tot, so doch sicher sterbend, drei Stufen hinunter.

«Euer Geld, ihr Verfluchten, will ich nicht!» schreit Judas und steht dabei mitten im Saal, genau an der Stelle, wo noch vor kurzem Jesus gestanden ist. Er gleicht einem Dämon der Hölle. Blutig, rasend, mit wirrem Haar, Schaum vor dem Mund und Händen wie Klauen schreit er, bellt fast, so rauh, heiser und heulend ist seine Stimme. «Euer Geld, ihr Verfluchten, will ich nicht. Ihr seid mein Verderben. Ihr habt mich die größte Sünde begehen lassen. Wie ihr, wie ihr bin ich nun verflucht. Ich habe unschuldiges Blut verraten. Dieses Blut und mein Tod mögen über euch kommen. Über euch... Nein! Ach! ...» Judas sieht den blutbefleckten Boden. «Auch hier, auch hier Blut! Überall Blut! Überall sein Blut! Ach, wieviel Blut hat das Lamm Gottes, daß es ohne zu sterben die Erde damit bedecken kann. Und ich habe es vergossen! Ihr habt mich dazu angestiftet! Ihr Verfluchten! Ihr Verfluchten! Ihr auf ewig Verfluchten! Verflucht seien diese Mauern! Verflucht dieser geschändete Tempel! Verflucht der gottesmörderische Hohepriester! Verflucht seien die unwürdigen Priester, die falschen Gelehrten, die heuchlerischen Pharisäer, die grausamen Juden, die arglistigen Schriftgelehrten! Fluch auch über mich! Über mich

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Fluch! Über mich! Nehmt euer Geld, und möge es euch die Seele im Leib erwürgen wie mich der Strick!» Judas wirft Kaiphas den Beutel ins Gesicht und läuft heulend fort, während die Münzen klingend über den Boden springen, nachdem sie den Mund des Hohenpriesters blutig geschlagen haben.

Niemand wagt es, ihn aufzuhalten. Er läuft hinaus, irrt durch die Straßen. Und das Schicksal will es, daß er Jesus noch zweimal begegnet, der von Herodes kommt und zu Herodes geführt wird. Schließlich verläßt er die Stadtmitte und verliert sich in ärmlichen Gassen, bis er plötzlich wieder vor dem Haus des Abendmahles steht, das ganz verschlossen ist und völlig verlassen erscheint.

Judas bleibt stehen und schaut es an. «Die Mutter!» flüstert er. «Die Mutter... !» und bleibt unschlüssig stehen... «Auch ich habe eine Mutter! Und ich habe den Sohn einer Mutter getötet! ... Und doch... Ich will hineingehen... den Raum noch einmal sehen. Dort ist kein Blut...» Er klopft an die Tür. Noch einmal... und noch einmal... Die Hausfrau kommt und öffnet die Tür ein Stückchen. Einen Spalt... Doch als sie den verstörten, unkenntlichen Mann sieht, schreit sie auf und versucht die Tür wieder zu schließen. Aber Judas stößt die Tür mit der Schulter auf, schiebt die bestürzte Frau beiseite und betritt das Haus.

Er eilt zu dem Pförtchen, das in den Abendmahlsaal führt, öffnet es und geht hinein. Eine herrliche Sonne dringt durch die offenen Fenster. Judas atmet erleichtert auf und geht etwas weiter. Hier ist alles ruhig und schweigsam. Das Geschirr steht noch auf dem Tisch, wie sie es stehengelassen haben. Man sieht, daß sich bis jetzt niemand darum gekümmert hat. Man könnte meinen, daß man im Begriff ist, sich zu Tisch zu setzen.

Judas geht zum Tisch. Er sieht nach, ob noch Wein in den Krügen ist. Es ist noch ein wenig darin. Er trinkt gierig gleich aus dem Krug, den er mit beiden Händen hochhebt. Dann läßt er sich auf einen Sitz sinken und legt den Kopf auf die auf dem Tisch gekreuzten Arme. Er bemerkt nicht, daß er an dem Platz Jesu sitzt und daß vor ihm der für die Eucharistie benützte Kelch steht. Einige Zeit bleibt er so sitzen, bis sich sein vom Laufen keuchender Atem beruhigt. Dann hebt er den Kopf und sieht den Kelch. Und merkt, wohin er sich gesetzt hat.

Wie besessen springt er auf. Doch der Kelch fasziniert ihn. Ein wenig Rotwein ist noch auf dem Grund, und die Sonnenstrahlen, die das silberglänzende Metall treffen, entzünden diese Flüssigkeit. «Blut! Blut! Auch hier Blut! Sein Blut! Sein Blut!... "Tut dies zu meinem Gedächtnis! ... Nehmt und trinkt... Dies ist mein Blut... Das Blut des neuen Bundes, das für euch vergossen wird..." Ach, ich Verfluchter! Für mich kann es nicht mehr vergossen werden zur Vergebung meiner Sünde. Ich bitte nicht um Vergebung, denn er kann mir nicht verzeihen. Fort! Fort! Es gibt keinen Ort mehr, wo der Kain Gottes Ruhe finden könnte. Der Tod! Nur der Tod...»

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Judas geht hinaus und sieht sich Maria gegenüber, die aufrecht an der Tür des Raumes steht, in dem Jesus sich von ihr verabschiedet hat. Sie hat ein Geräusch gehört und herausgeschaut, vielleicht in der Hoffnung, Johannes zu sehen, der seit so vielen Stunden abwesend ist. Sie ist so blaß, als wäre sie völlig ausgeblutet. Der Schmerz verleiht ihren Augen noch mehr Ähnlichkeit mit denen ihres Sohnes. Judas begegnet dem Blick dieser Augen, die ihn anschauen mit derselben wissenden und betrübten Kenntnis, mit der Jesus ihn auf dem Weg angeschaut hat. Mit einem ängstlichen «Oh!» weicht er an die Mauer zurück.

«Judas» sagt Maria, «Judas, wozu bist du gekommen?» Dieselben Worte, die Jesus gesagt, und mit schmerzerfüllter Liebe gesagt hat. Judas erinnert sich daran und schreit auf.

«Judas», fährt Maria fort, «was hast du getan? Auf so viel Liebe hast du mit Verrat geantwortet.» Die Stimme Marias ist eine zitternde Liebkosung.

Judas will fliehen. Maria ruft ihn mit einer Stimme, die einen Dämon bekehren würde. «Judas! Judas! Bleib! Warte! Höre! Ich sage dir in seinem Namen: Bereue, Judas! Er verzeiht ...» Judas ist fortgelaufen. Die Stimme Marias und ihr Anblick sind der Anruf der Gnade, die ihm zur Ungnade wird, da er ihr widersteht.

Er stürzt davon und begegnet Johannes, der gerade zum Haus eilt, um Maria abzuholen. Das Urteil ist gesprochen. Jesus ist im Begriff, den Kalvarienberg hinaufzusteigen. Es ist Zeit, daß die Mutter zu ihrem Sohn geführt wird. Johannes erkennt Judas, obgleich von dem schönen Judas von früher wenig übriggeblieben ist. «Du hier?» fragt Johannes mit offensichtlichem Abscheu. «Du hier? Fluch über dich, du Mörder des Sohnes Gottes! Der Meister ist verurteilt worden. Freue dich, wenn du kannst. Aber gib den Weg frei. Ich gehe und hole die Mutter, und sie, dein zweites Opfer, soll dir, du Schlange, nicht begegnen.»

Judas flieht. Er hat seinen Kopf in die Fetzen seines Mantels gehüllt und nur für die Augen einen Spalt freigelassen. Die Leute, die wenigen Leute, die nicht beim Prätorium sind, weichen ihm wie einem Irren aus. Und er gleicht auch einem Irren.

Er irrt über die Felder. Ab und zu trägt ihm der Wind ein Echo der lärmenden Menge zu, die Jesus unter Verwünschungen folgt. Jedesmal, wenn Judas ein solches Echo hört, heult er auf wie ein Schakal.

Ich nehme an, daß er wirklich den Verstand verloren hat, denn er schlägt den Kopf rhythmisch gegen die Steinmauern. Oder er ist tollwütig geworden; denn jedesmal, wenn er eine Flüssigkeit sieht, sei es nun Wasser oder Milch, die ein Kind in einem Gefäß trägt, oder Öl, das aus einem Schlauch tropft, dann schreit er, schreit und brüllt. «Blut! Blut! Sein Blut!»

Er will an den Bächlein und Brunnen trinken. Aber er kann nicht, denn

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das Wasser scheint ihm Blut zu sein, und er sagt es auch: «Es ist Blut! Es ist Blut! Es ertränkt mich! Es verbrennt mich! Ich habe Feuer in mir! Sein Blut, das er mir gestern gegeben hat, ist in mir zu Feuer geworden! Fluch über mich und über dich!»

Er geht die Hügel hinauf und hinunter, die Jerusalem umgeben. Sein Blick wird unwiderstehlich von Golgotha angezogen. Zweimal sieht er von weitem den Zug, der sich den Hang hinaufbewegt. Er schaut und schreit.

Nun ist er auf dem Gipfel angekommen. Auch Judas ist oben auf einem kleinen Hügel voller Ölbäume. Er hat ein rustikales Pförtchen geöffnet, um dorthin zu gelangen, so als ob er der Besitzer des Gartens wäre oder sich zumindest gut auskennen würde. Ich hatte schon früher den Eindruck, daß Judas fremdes Eigentum sehr wenig achtet. Steif steht er unter einem Ölbaum am Rand eines Steilhanges und schaut nach Golgotha hinüber. Er sieht, wie die Kreuze aufgerichtet werden und begreift, daß Jesus nun gekreuzigt ist. Er kann es nicht sehen und nicht hören. Aber das Delirium oder ein Zauber Satans lassen ihn alles sehen und hören, als wäre er auf dem Gipfel des Kalvarienbergs.

Er schaut, schaut als hätte er eine Halluzination. Er schlägt um sich: «Nein! Nein! Sieh mich nicht an! Sprich nicht zu mir! Ich ertrage es nicht! Stirb, stirb, du Verfluchter! Möge der Tod dir die Augen verschließen, die mir Furcht einflößen, und diesen Mund, der mich verflucht! Aber auch ich verfluche dich. Weil du mich nicht gerettet hast.»

Sein Gesicht ist so verwüstet, daß man es nicht mehr ansehen kann. Speichel rinnt ihm aus dem schreienden Mund. Die verletzte Wange ist blau und geschwollen und verzerrt das Gesicht. Das verklebte Haar und der sehr dunkle, in diesen Stunden gewachsene Bart umschatten düster Wangen und Kinn. Und die Augen! ... Sie rollen, verdrehen sich und sprühen – ein wahrer Dämon! Er reißt die dreimal herumgewickelte Kordel aus dicker roter Wolle von seiner Taille und prüft ihre Festigkeit, indem er sie um einen Ölbaum schlingt und mit aller Kraft daran zieht. Sie hält stand, ist stark. Er wählt einen für sein Vorhaben geeigneten Ölbaum. Dieser hier, dessen zerzauste Krone über den Hang hinaushängt, ist der richtige. Er steigt auf den Baum und befestigt ein Ende des Strickes am stärksten, ins Leere ragenden Ast. Die Schlinge hat er schon gemacht. Ein letztes Mal schaut er nach Golgotha, dann steckt er den Kopf in die Schlinge. Nun scheint er zwei rote Halsbänder an der Halswurzel zu haben. Er setzt sich auf den Vorsprung. Und plötzlich läßt er sich ins Leere fallen.

Die Schlinge zieht sich zusammen und würgt ihn. Eine Weile schlägt er um sich, dann verdreht er die Augen, wird schwarz im Gesicht, erstickt, öffnet den Mund. Die Adern am Hals schwellen an und werden schwarz. In seinen letzten Zuckungen tritt er noch vier- fünfmal in die Luft. Dann öffnet sich der Mund, die dunkle, schleimige Zunge hängt heraus und die

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offenen, blutunterlaufenen Augen quellen hervor. Die Iris verschwindet nach oben. Er ist tot. Der starke Wind, der sich vor dem Sturm erhoben hat, schaukelt das makabere Pendel und läßt es kreisen, wie eine scheußliche Spinne am Faden ihres Netzes.

Die Vision endet so. Und ich hoffe, daß ich all dies bald vergessen werde, denn ich versichere Ihnen, es war eine schreckliche Vision.

666. «WENN JUDAS SICH DER MUTTER ZU FÜSSEN GEWORFEN UND UM ERBARMEN GEFLEHT HÄTTE, DANN HÄTTE DIE BARMHERZIGE IHN WIE EINEN VERWUNDETEN AUFGEHOBEN»

Jesus sagt:

«Schrecklich, aber nicht unnütz. Zu viele glauben, Judas habe nichts besonders Schlimmes getan. Einige gehen sogar so weit zu sagen, er habe sich Verdienste erworben, denn ohne ihn sei die Erlösung nicht möglich gewesen und daher sei er vor Gott gerechtfertigt.

In Wahrheit sage ich euch, hätte es die Hölle noch nicht gegeben, wäre sie nicht vollendet gewesen mit allen ihren Qualen, so wäre sie für Judas noch furchtbarer und ewig geschaffen worden; denn von allen Sündern und Verdammten ist er der größte Sünder und der am tiefsten Verdammte, und für ihn wird es in Ewigkeit keine Milderung der Strafe geben.'

Die Gewissensbisse hätten ihn sogar retten können, wenn aus den Gewissensbissen Reue geworden wäre. Aber er wollte nicht bereuen, und zum ersten Verbrechen, dem Verrat – den ich in meiner Barmherzigkeit, die meine liebevolle Schwäche ist, noch verziehen hätte – kamen Gotteslästerung und Widerstand gegen die Stimme der Gnade, die zu ihm sprechen wollte durch die Erinnerungen, die Schrecken, durch mein Blut und meinen Mantel, durch die Überreste der Einsetzung der Eucharistie, durch die Worte meiner Mutter. Er hat allem widerstanden. Er wollte widerstehen. Wie er auch verraten wollte. Wie er verfluchen wollte. Wie

' «Und für ihn wird es in Ewigkeit keine Milderung der Strafe geben» bezieht sich direkt und ausdrücklich nur auf Judas, den Verräter des göttlichen Meisters. Das Werk spricht sich nicht klar hinsichtlich aller anderen Verdammten in der Hölle aus. Aber selbst wenn es zu verstehen geben wollte, daß die ewigen Leiden der übrigen Verdammten oder mancher Verdammter aus irgendwelchen Gründen oder unter irgendwelchen Umständen durch die Barmherzigkeit Gottes gemildert werden, könnte man es nicht der Häresie beschuldigen. Wenn auch bis heute viele bedeutende Theologen der Auffassung von einer Milderung der Leiden der Verdammten ablehnend gegenüberstehen, fehlt es doch auch nicht an anderen, die sie befürworten,

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er Selbstmord begehen wollte. Und es ist der Wille, der bei allem zählt, im Guten wie im Bösen.

Wenn einer fällt, ohne den Willen zu fallen, verzeihe ich ihm. Petrus ist ein Beispiel. Er hat mich verleugnet. Warum? Er wußte es selbst nicht genau. War Petrus feige? Nein, mein Petrus war kein Feigling. In Gegenwart der Kohorte und der Tempelwachen hat er es gewagt, Malchus zu verletzen, um mich zu verteidigen, und sich so der Gefahr ausgesetzt, dafür umgebracht zu werden. Er ist dann geflohen, ohne es zu wollen. Danach hat er mich verleugnet, ohne es zu wollen. Später aber hat er es sehr wohl fertiggebracht, auf dem blutigen Weg des Kreuzes, meinem Weg, zu bleiben und fortzuschreiten, bis zu seinem Kreuzestod. Und sehr gut hat er es verstanden, Zeugnis von mir abzulegen, bis man ihn wegen seines unerschrockenen Glaubensbekenntnisses tötete. Ich verteidige meinen Petrus. Die Verleugnung seines Herrn ist die letzte Verwirrung seiner Menschlichkeit gewesen. Doch der Wille des Geistes war in diesem Augenblick nicht gegeben. Abgestumpft durch die Last des Menschlichen schlief er. Als er wieder erwachte, wollte er nicht länger in der Sünde verharren, sondern vollkommen werden. Ich habe ihm sofort verziehen.

Judas wollte nicht. Du sagst, daß er wahnsinnig und tollwütig zu sein schien. Er war es in seiner satanischen Wut. Sein Schrecken beim Anblick des Hundes, ein sehr seltenes Tier, besonders in Jerusalem, rührte daher, daß man seit undenklichen Zeiten glaubte, der Teufel würde den Menschen in dieser Gestalt erscheinen. In den Büchern über Zauberei heißt es noch heute, daß Satan den Menschen vorzugsweise in Gestalt eines geheimnisvollen Hundes, einer Katze oder eines Bockes erscheint. Judas, den schon das Entsetzen über sein Verbrechen gepackt hatte und der glaubte, wegen dieses Verbrechens dem Satan anzugehören, sah in dem streunenden Hund Satan.

Wer schuldig ist, sieht überall furchterregende Schatten. Satan benützt diese Schatten, die das Herz noch zur Reue führen könnten, und verwandelt sie in Schreckgespenster, die zur Verzweiflung treiben. Und die Verzweiflung führt zum letzten Verbrechen: zum Selbstmord. Warum den Preis des Verrats wegwerfen, wenn diese Entäußerung nur eine Frucht des Zornes und nicht mit einem redlichen Willen zur Reue verbunden ist? Nur dann ist es verdienstvoll, sich der Früchte des Bösen zu entäußern. So wie er es gemacht hat nicht, so war es ein unnützes Opfer.

Meine Mutter – und sie war die Gnade, die sprach, und meine Schatzmeisterin, die in meinem Namen Vergebung schenkte – sagte es ihm: "Bereue, Judas. Er verzeiht..." Oh, und ob ich ihm verziehen hätte! Wenn er sich der Mutter zu Füßen geworfen und gefleht hätte: "Erbarmen" ' hätte sie, die Barmherzige, ihn wie einen Verwundeten aufgehoben und seine satanischen Wunden, durch die der Feind ihm das Verbrechen eingeimpft hatte, mit ihren rettenden Tränen gewaschen; sie hätte ihn zu mir

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an den Fuß des Kreuzes gebracht, sie hätte ihn an der Hand gehalten, damit Satan ihn nicht packen und die Jünger ihn nicht erschlagen könnten, sie hätte ihn gebracht, und mein Blut wäre zuerst auf ihn, auf den größten aller Sünder gefallen. Und sie wäre die wunderbare Priesterin an ihrem Altar zwischen der Reinheit und der Schuld gewesen; denn sie ist die Mutter der Jungfräulichen und der Heiligen, aber auch die Mutter der Sünder.

Aber er wollte nicht. Denkt nach über die Macht eures Willens, dessen unumschränkter Herr ihr seid. Durch ihn könnt ihr in den Himmel oder in die Hölle kommen. Denkt darüber nach, was es heißt, in der Sünde zu verharren.

Der Gekreuzigte, der mit ausgebreiteten Armen angenagelt ist, um euch zu sagen, daß er euch liebt, und der euch nicht schlagen will, nicht schlagen kann, weil er euch liebt; der es sich lieber versagt, euch zu umarmen – der einzige Schmerz der Annagelung – als daß er die Freiheit behält, euch zu strafen; der Gekreuzigte, der Gegenstand göttlicher Hoffnung für alle, die bereuen, die sich von der Sünde lossagen wollen, wird für die Unbußfertigen zum Gegenstand so großen Schreckens, daß sie Gott lästern und sich selbst Gewalt antun. Sie töten ihren Geist und ihren Leib, weil sie in der Schuld verharren. Und der Sanftmütige, der sich, in der Hoffnung sie zu retten, geopfert hat, erscheint ihnen wie ein Schreckgespenst.

Maria, du hast dich über diese Vision beklagt. Aber es ist Karfreitag, Tochter. Du mußt leiden. Zu den Leiden wegen meiner und Marias Leiden mußt du deine Bitterkeit, deinen Schmerz über den Anblick der Sünder, die Sünder bleiben wollen, hinzufügen. Dies war unser Schmerz. Es muß auch der deine sein. Deshalb hat Maria gelitten und leidet sie noch immer, ebenso wie wegen meiner Qualen. Und deshalb mußt auch du das ertragen. Nun ruhe dich aus. In drei Stunden wirst du ganz mir und Maria angehören. Ich segne dich, Veilchen meiner Passion und Passionsblume Marias.»

667. «MARIA MUSS EVA ANNULLIEREN»

Jesus sagt:

«Das Paar Jesus-Maria ist das Gegenstück zu dem Paar Adam-Eva und dazu bestimmt, das von Adam und Eva Angerichtete zu annullieren und die Menschheit zu dem Zustand zurückzuführen, in dem sie sich bei der Erschaffung befand. Die Menschheit hat eine totale Erneuerung erfahren durch das Werk des Paares Jesus-Maria, die so die neuen Stammeltern der Menschheit wurden. Die gesamte vorhergehende Zeit ist nun gegenstandslos. Die Zeit und die Geschichte des Menschen zählt man von dem Augenblick an, in dem die neue Eva durch eine Ausnahme in der Schöpfungsordnung, einen direkten Eingriff Gottes des Herrn, aus ihrem unversehrten Schoß den neuen Adam gebiert.

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Aber um die Werke der ersten Menschen zu tilgen, die Ursache tödlicher Krankheit, immerwährender Verstümmelung, Verarmung, mehr noch, geistigen Elends waren – denn nach der Sünde waren Adam und Eva bar alles dessen, was ihnen der heiligste Vater gegeben hatte, all der unendlichen Reichtümer – mußten diese beiden Zweiten in allem und durch alles das Gegenteil von dem tun, was die beiden Ersten getan hatten. Sie mußten also den Gehorsam üben bis zur Vollkommenheit, die sich selbst vernichtet und Fleisch, Gefühle, Gedanken und Willen opfert, um alles anzunehmen, was Gott will. Deshalb mußte ihre Reinheit eine absolute Keuschheit sein, für die das Fleisch... Was war das Fleisch für uns zwei Reine? Ein Wasserschleier über dem siegreichen Geist; Liebkosungen des Windes für den Geist, den König; ein Kristall, der den Geist und Herrn einschließt, aber ihn nicht verdirbt, ein Impuls, der emporträgt und nicht durch sein Gewicht zu Boden drückt. Das war das Fleisch für uns. Leichter und weniger spürbar als ein Linnengewand! Die leichte Substanz zwischen der Welt und dem Glanz des übermenschlichen Selbst, das Mittel, um tun zu können, was Gott wollte. Nichts anderes.

Haben wir die Liebe besessen? Ja, die vollkommene Liebe. Ihr Menschen, der Hunger der Sinne, der euch treibt, euch gierig an einem Fleisch zu sättigen, ist nicht Liebe. Es ist Wollust. Nicht mehr. Das ist sehr wahr, denn obwohl ihr euch so liebt – ihr glaubt, es sei Liebe – könnt ihr nicht miteinander fühlen, einander nicht helfen und nicht verzeihen. Was ist also eure Liebe? Sie ist Haß. Einzig und allein ein irrer Wahn, der euch treibt, den Geschmack verdorbener Speisen der gesunden, kraftspendenden Nahrung der erhabenen Gefühle vorzuziehen. Wir hatten die "vollkommene Liebe". Wir, die vollkommen Keuschen. Diese Liebe umfaßte Gott im Himmel, und vereint mit ihm, wie die Zweige mit dem Stamm, der sie nährt, breitete sie sich aus und stieg, Ruhe, Schutz, Nahrung und Trost schenkend, auf die Erde und ihre Bewohner herab. Niemand war von dieser Liebe ausgeschlossen. Nicht unseresgleichen, nicht die niedrigen Geschöpfe, nicht die pflanzliche Natur, nicht die Wasser und die Sterne. Nicht einmal die Bösen waren von unserer Liebe ausgeschlossen; denn auch sie, obgleich tote Glieder, waren dennoch Glieder des großen Leibes der Schöpfung, und deshalb sahen wir in ihnen, wenn auch entstellt und von Bosheit verunstaltet, das heilige Abbild des Herrn, der sie nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hatte.

Wir haben uns mit den Guten gefreut, und wir haben geweint über die nicht Guten; wir haben gebetet (tätige Liebe, die sich äußert im Erbitten und Erlangen von Schutz für jene, die man liebt), wir haben gebetet für die Guten, damit sie immer besser werden und sich immer mehr der Vollkommenheit des Guten annähern, der Vollkommenheit des Vaters, der uns vom Himmel aus liebt; wir haben gebetet für die zwischen Gut und Böse Schwankenden, um sie zu stärken, damit die Güte zu ihrem Geist

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spreche, sie vielleicht sogar durch den Blitz ihrer Macht niederwerfe und sie zum Herrn, ihrem Gott, bekehre. Wir haben geliebt, wie kein anderer je geliebt hat! Wir haben den Gipfel der Vollkommenheit in der Liebe erreicht, um mit unserem Ozean der Liebe den Abgrund zu füllen, den der Mangel an Liebe der Ersten geöffnet hatte, die sich selbst mehr liebten als Gott und die mehr haben wollten als erlaubt, um mehr zu sein als Gott. Deshalb mußten wir Reinheit, Gehorsam und Loslösung von allen Reichtümern der Erde – Fleisch, Macht und Geld, die Dreiheit Satans, die der Dreiheit Gottes, Glaube, Hoffnung und Liebe gegenübersteht; und Haß, Wollust, Zorn und Hochmut, die vier verderbten Gegensätze zu den vier heiligen Tugenden: Stärke, Mäßigkeit, Gerechtigkeit und Klugheit – mit der fortwährenden Übung alles dessen verbinden, was das Gegenteil der Handlungsweise Adams und Evas darstellte.

Und wenn uns dank unseres grenzenlosen guten Willens auch vieles leichtfiel, so weiß der Ewige doch, welch heroische Anstrengung uns diese Übung in gewissen Momenten und gewissen Fällen kostete. Ich möchte hier nur von einem Fall sprechen. Und von meiner Mutter, nicht von mir. Von der neuen Eva, die schon von frühester Jugend an die Blendwerke zurückgewiesen hatte, die Satan gebrauchte, um sie dazu zu verführen, in die Frucht zu beißen und den Geschmack zu verspüren, der die Gefährtin des Adam den Kopf verlieren ließ; von der neuen Eva, die sich nicht darauf beschränkte, Satan abzuweisen, sondern ihn auch zertrat durch ihren Willen zum Gehorsam, zur Liebe und zu einer umfassenden Keuschheit, so daß er, der Verfluchte, besiegt und gebändigt wurde. Nein, unter der Ferse meiner Jungfrau-Mutter kann Satan sich nicht erheben. Er geifert und schäumt, brüllt und lästert. Aber sein Geifer fließt hinunter, und sein Geschrei berührt nicht die Atmosphäre, die meine Heilige umgibt. Sie bemerkt nicht den Gestank, hört nicht das unmäßige Lachen, sieht nicht, sieht nicht einmal den ekelerregenden Geifer der ewigen Schlange, denn die himmlischen Harmonien und die himmlischen Düfte tanzen ihren verliebten Reigen um die Schöne, die Heilige. Und ihr Auge, reiner als die Lilie und verliebter als die gurrende Turteltaube, schaut nur ihren ewigen Herrn, dessen Tochter, Mutter und Braut sie ist.

Als Kain den Abel getötet hatte, sprach der Mund der Mutter die Flüche, die ihr von Gott getrennter Geist ihr eingegeben hatte, gegen den ihr am nächsten Stehenden aus: den Sohn ihres von Satan geschändeten und durch ungeordnete Wünsche entstellten Leibes. Und diese Flüche wurden zum Makel im Reich der menschlichen Moral, wie das Verbrechen des Kain zum Makel im Reich des animalischen Menschen wurde. Blut auf der Erde, von der Hand des Bruders je vergossen. Das erste Blut, das wie ein mächtiger Magnet alles Blut anzog, das Menschenhand je vergossen hat, das aus den Adern von Menschen fließt. Fluch über der Erde aus Menschenmund. Als wäre die Erde noch nicht genügend verflucht durch

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die Rebellion des Menschen gegen seinen Gott, als kennte sie nicht schon die Plagen, die Dornen und die Härte der Scholle, die Dürre, den Hagel, den Frost, die sengende Hitze – sie, die vollkommen und mit vollkommenen Elementen erschaffen worden war, um eine angenehme und schöne Wohnstatt für den Menschen, ihren König, zu sein.

Maria muß Eva auslöschen. Maria sieht den zweiten Kain: Judas. Maria weiß, daß er der Kain ihres Jesus ist: des zweiten Abel. Sie weiß, daß das Blut des zweiten Abel von diesem Kain verkauft wurde und vergossen wird. Aber sie verflucht nicht. Sie liebt und verzeiht. Sie liebt und ruft zur Umkehr auf.

Oh, Mutterschaft der Märtyrerin Maria! Oh, Mutterschaft, so erhaben, wie deine Jungfräulichkeit göttlich ist! Diese Jungfräulichkeit wurde dir von Gott geschenkt. Aber erstere hast du, heilige Mutter, Miterlöserin, dir selbst geschenkt; denn du, du allein konntest in jener Stunde solche Worte zu Judas sprechen, obwohl die Geißelhiebe, die mein Fleisch zerrissen, auch dein Herz verwundeten. Du, du allein konntest lieben und verzeihen, als du das Kreuz schon dein Herz zerreißen fühltest.

Maria: die neue Eva. Sie lehrt euch die neue Religion, die die Liebe dazu treibt, auch dem zu verzeihen, der einen Sohn tötet. Seid nicht wie Judas, der sein Herz dieser Meisterin der Gnade verschließt, verzweifelt und sagt: "Er kann mir nicht verzeihen"; der an den Worten der Mutter der Wahrheit zweifelt und damit an den Worten, die ich immer wiederholt habe: daß ich gekommen bin, um zu retten, und nicht um zu richten. Um allen zu verzeihen, die reuig zu mir kommen.

Auch Maria, die neue Eva, hat von Gott einen neuen Sohn erhalten "anstelle des Abel, der von Kain getötet worden war". Aber sie hat ihn nicht in einer Stunde brutalen Genusses empfangen, der den Schmerz in den Nebeln der Sinnenlust und in der Müdigkeit der Befriedigung verbirgt. Sie empfing ihn in einer Stunde des absoluten Schmerzes, am Fuß des Kreuzes, unter dem Röcheln des Sterbenden, der ihr Sohn war, unter den Schmähungen eines gottesmörderischen Volkes, und einer unverdienten und vollkommenen Trostlosigkeit, da auch Gott ihr seinen Trost versagte.

Das neue Leben beginnt für die Menschheit und die einzelnen Menschen mit Maria. Ihre Tugenden und ihre Lebensweise sind eure Schule. Und in ihrem Schmerz, der alle Gesichter hatte, auch das der Vergebung für den Mörder ihres Sohnes, liegt euer Heil.»

Jesus sagt:

«Eines Tages werde ich auf Kain und die Stammeltern zurückkommen. Es gibt viel über sie zu sagen, und man sollte oft über sie nachdenken.»

Jesus sagt:

«In der Genesis steht geschrieben: "Dann gab Adam seinem Weib den Namen Eva, denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen."

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O ja! Die Frau war aus der "Virago" hervorgegangen, die Gott aus einer Rippe des Adam gebildet und ihm zur Gefährtin gegeben hatte. Sie war mit ihrem schmerzhaften Los geboren worden, weil sie geboren werden wollte. Sie wollte kennenlernen, was Gott ihr verborgen hatte, da er sich die Freude vorbehalten wollte, ihr die Freude einer Nachkommenschaft zu schenken ohne Erniedrigung durch die Sinne. Die Gefährtin des Adam wollte das Gute kennenlernen, das sich im Bösen verbirgt, und vor allem das Böse, das sich im Guten, im scheinbar Guten verbirgt. Da sie von Luzifer verführt worden war, verlangte sie nach Erkenntnissen, die nur Gott gefahrlos besitzen konnte, und wurde zur Schöpferin. Aber da sie diese Kraft des Guten unwürdig gebrauchte, wurde sie durch einen Akt des Bösen erniedrigt, denn Ungehorsam gegen Gott ist Bosheit und Gier des Fleisches.

Nun war sie die "Mutter". Unendliche Klage der Dinge, die die Unschuld der entwürdigten Königin umgaben! Untröstlicher Jammer der Königin über ihre Entwürdigung, deren ganzes Ausmaß und die Unmöglichkeit, sie rückgängig zu machen, sie erkannte! Wenn Finsternis und Naturkatastrophen den Tod des Unschuldigen begleiteten, so begleiteten Finsternis und Sturm ebenso den Tod der Unschuld und der Gnade in den Herzen der Stammeltern. So kam der Schmerz in die Welt. Und die Vorsehung Gottes, die ihn nicht ewig währen lassen wollte, schenkt euch die Möglichkeit, nach Jahren der Tränen und des Schmerzes in die Freude einzugehen, wenn ihr es versteht, rechtschaffen zu leben. Wehe dem Menschen, wenn er nur mit menschlichen Mitteln Herr des Lebens hätte werden müssen; wenn er mit der Erinnerung an seine Verbrechen hätte leben müssen, die ständig zahlreicher werden; denn ohne Sünde zu leben, ist euch unmöglicher als zu leben ohne zu atmen, ihr Geschöpfe, die ihr erschaffen wurdet, um das Licht kennenzulernen, die aber die Finsternis vergiftet und zu ihren Opfern gemacht hat.

Die Finsternis! Sie umgibt euch immerdar. Sie umhüllt euch und läßt in euch wiederaufleben, was das Sakrament gelöscht hat. Und da ihr sie nicht bekämpft mit dem Willen, Gott zu gehören, gelingt es ihr, euch erneut zu verderben mit dem Gift, das die Taufe unschädlich gemacht hatte.

Gott Vater verjagte den Menschen, dessen Ungehorsam offenkundig war, von dem Ort der paradiesischen Freuden, damit er nicht noch einmal und schlimmer sündige und die diebische Hand nach dem Baum des Lebens ausstrecke. Der Vater konnte seinen Kindern kein Vertrauen mehr schenken und sich in seinem irdischen Paradies nicht sicher fühlen. Satan war einmal eingedrungen, um den geliebten Geschöpfen nachzustellen, und da es ihm gelungen war, sie zur Sünde zu verleiten, als sie noch unschuldig waren, hätte er es nun noch viel leichter gehabt, da sie nicht mehr unschuldig waren.

Der Mensch wollte alles besitzen und Gott nicht den Schatz lassen, der

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Zeugende zu sein. So mußte er mit seinem gewaltsam erworbenen Reichtum das Paradies verlassen und ihn mit in sein Exil auf der Erde nehmen, damit er den gedemütigten und seiner Gaben beraubten König immer an seine Sünde erinnere. Das paradiesische Geschöpf war zu einem irdischen Geschöpf geworden. Jahrhunderte der Leiden mußten vergehen, bis der einzige, der die Hand nach der Frucht des Lebens ausstrecken durfte, kommen und für die ganze Menschheit diese Frucht pflücken konnte. Er pflückte sie mit seinen durchbohrten Händen und gab sie den Menschen, damit sie wieder zu Miterben des Himmels und Besitzern des Lebens würden, das in Ewigkeit nicht stirbt.

Weiter sagt die Genesis: "Adam erkannte sein Weib Eva."

Sie wollten die Geheimnisse des Guten und des Bösen kennen. Daher war es gerecht, daß sie auch den Schmerz kennenlernten, sich selbst im Fleisch fortzupflanzen. Und die einzige direkte Hilfe Gottes bestand darin, daß er hinzufügte, was der Mensch nicht schaffen kann: die Seele; den Funken, der von Gott ausgeht, den Hauch, der von Gott eingegeben wird, das Siegel, das dem Fleisch das Zeichen des ewigen Schöpfers aufdrückt. Und Eva gebar Kain. Eva war schuldbeladen.

Ich möchte hier eure Aufmerksamkeit auf eine Tatsache lenken, die den meisten entgeht. Eva war schuldbeladen. Sie hatte noch nicht genügend Schmerzen erlitten, um dadurch ihre Schuld zu vermindern. Als vergiftetes Geschöpf hatte sie dem Sohn übertragen, was in ihr brodelte. Und Kain, der erste Sohn Evas, war hart, eifersüchtig, zornig, wollüstig und verderbt, nur wenig anders als die Raubtiere hinsichtlich seiner Instinkte und viel schlimmer als sie hinsichtlich des Übernatürlichen. Denn sein wildes Wesen verweigerte Gott die Ehrfurcht, betrachtete ihn als seinen Feind und hielt sich für berechtigt, ihm keine aufrichtige Verehrung zu erweisen. Satan stachelte ihn an, Gott zu verhöhnen. Und wer Gott verhöhnt, achtet niemanden auf der Welt. Daher kennen alle, die mit den Spöttern des Ewigen in Verbindung stehen, die Bitterkeit der Tränen, denn sie haben keine Hoffnung auf die ehrerbietige Liebe ihrer Kinder. Sie sind sich der treuen Liebe ihres Gatten nicht sicher, noch der aufrichtigen Freundschaft ihrer Freunde.

Tränen über Tränen furchten das Antlitz und das Herz Evas wegen der Härte des Sohnes und legten in ihr Herz den Keim der Reue. Tränen über Tränen erlangten ihr eine Verminderung der Schuld, denn Gott verzeiht dem, der bereut. Und die Seele des Zweitgeborenen war gewaschen von den Tränen der Mutter. Er war sanft und ehrerbietig gegen die Eltern und seinem Gott ergeben, dessen Allmacht er vom Himmel herabstrahlen sah. Er war die Freude der Gefallenen.

Doch der Leidensweg Evas mußte lang und schmerzhaft sein, entsprechend dem Weg ihrer sündigen Erfahrungen. Hier ein Freudenrausch. Dort ein Schauer des Schmerzes. Hier Küsse. Dort Blut. Hier ein Sohn.

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Dort der Tod eines Sohnes, des wegen seiner Güte bevorzugten Sohnes. Abel wurde zum Instrument der Reinigung für die Schuldige. Aber welch schmerzhafte Reinigung! Sie erfüllte mit ihrem Wehklagen die über den Brudermord bestürzte Erde und vermischte die Tränen einer Mutter mit dem Blut eines Sohnes, während der, der es in seinem Zorn auf Gott und den von Gott geliebten Bruder vergossen hatte, von seiner Reue verfolgt, floh.

Der Herr sprach zu Kain: "Warum bist du zornig?" Warum bist du zornig, weil ich dich nicht gütig ansehe, da du doch gegen mich fehlst?

Wie viele Kaine gibt es auf der Erde! Sie erweisen mir eine lächerliche, heuchlerische Verehrung oder überhaupt keine und wollen, daß ich sie mit Liebe ansehe und sie mit Glück überhäufe. Gott ist euer König, nicht euer Diener. Gott ist euer Vater. Aber ein Vater ist niemals ein Diener, wenn man es gerecht betrachtet. Gott ist gerecht. Ihr seid es nicht. Aber er ist es. Und da er euch mit Gaben überhäuft, wenn ihr ihn nur ein wenig liebt, muß er euch auch strafen, wenn ihr ihn so sehr verhöhnt. Die Gerechtigkeit kennt nicht zwei Wege. Einer nur ist ihr Weg. Was ihr tut, wird euch zuteil werden. Seid ihr gut, erhaltet ihr Gutes. Seid ihr schlecht, erhaltet ihr Schlechtes. Und, glaubt mir, ihr erhaltet immer noch sehr viel mehr Gutes im Vergleich zu dem Schlechten, das ihr erhalten solltet wegen eurer Lebensweise und Auflehnung gegen das Gesetz Gottes.

Gott hat gesagt: "Ist es nicht wahr, daß du Gutes erhältst, wenn du recht handelst, und ist nicht die Sünde sofort an deiner Tür, wenn du nicht recht handelst?" Tatsächlich führt das Gute zu einer beständigen geistigen Erhebung und vergrößert die Fähigkeit, immer mehr Gutes zu tun und bis zur Vollkommenheit und Heiligkeit zu gelangen, während es genügt, Böses zu tun, um sich zu entwürdigen und sich von der Vollkommenheit zu entfernen, um die Herrschaft der Sünde kennenzulernen, die ins Herz einkehrt und es nach und nach in immer größere Schuld verstrickt.

"Aber", sagt wiederum Gott, "sie wird nach dir verlangen, und du wirst über sie herrschen." Ja, Gott hat euch nicht zu Sklaven der Sünde gemacht. Die Leidenschaften sind unter euch, nicht über euch. Gott hat euch Verstand und Kraft gegeben, damit ihr euch beherrscht. Auch den ersten Menschen, die die Strenge Gottes zu spüren bekamen, hat er Intelligenz und moralische Kraft gelassen. Nun, seit der Erlöser sein Opfer für euch vollbracht hat, kommen der Intelligenz und moralischen Kraft die Ströme der Gnade zu Hilfe, und ihr könnt, ihr müßt die Neigung zum Bösen beherrschen. Durch euren durch die Gnade gestärkten Willen müßt ihr dies tun. Deshalb sangen die Engel bei meiner Geburt auf Erden: "Friede den Menschen, die guten Willens sind." Ich bin gekommen, um euch die Gnade wiederzubringen, und durch die Verbindung von ihr und eurem guten Willen würde für die Menschen der Frieden kommen. Der Frieden: die Herrlichkeit des Himmels Gottes.

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Kain sagte zu seinem Bruder: "Gehen wir hinaus." Lüge, die hinter einem Lächeln den todbringenden Verrat verbirgt. Der Verbrecher ist immer ein Lügner. Er lügt seine Opfer und die Welt an, die er zu täuschen versucht, und er möchte auch Gott betrügen. Aber Gott liest in den Herzen. "Gehen wir hinaus."

Viele Jahrhunderte später sagte einer: "Salve, Meister", und küßte ihn. Die beiden Kaine verbargen das Verbrechen hinter einem harmlosen Anschein und tobten ihre Eifersucht, ihren Zorn, ihre Überheblichkeit und alle bösen Eigenschaften an dem Opfer aus, denn sie konnten sich nicht beherrschen und hatten ihren Geist zum Sklaven ihres verdorbenen Ichs gemacht.

Eva steigt auf durch die Sühne. Kain steigt hinab zur Hölle; die Verzweiflung packt ihn und läßt ihn immer tiefer sinken. Und mit der Verzweiflung, dem letzten tödlichen Schlag gegen den schon wegen seines Verbrechens dahinsiechenden Geist, kommt die feige Angst vor der irdischen, körperlichen Strafe. Ein Mensch mit einer toten Seele kann sich nicht mehr an den Himmel erinnern. Er ist wie ein Tier, das um sein animalisches Leben zittert. Der Tod, bei dessen Anblick die Gerechten lächeln, da sie durch ihn in die Freude des Besitzes Gottes eingehen, ist der Schrecken derer, die wissen, daß das Sterben der Übergang von der Hölle des Herzens in die ewige Hölle Satans bedeutet. Und wie ein an Halluzinationen Leidender sehen sie überall Rache, die bereit ist, sie zu treffen.

Aber ihr sollt wissen – ich spreche zu den Gerechten – wenn die Gewissensbisse und die Finsternis eines schuldbeladenen Herzens auch zu Wahnvorstellungen des Sünders führen und sie fördern, so ist es doch niemandem erlaubt, sich zum Richter des Bruders zu erheben, und noch viel weniger, das Urteil zu vollstrecken. Einer allein ist Richter: Gott. Und wenn die menschliche Gerechtigkeit ihre Gerichte geschaffen hat, so sind diese verpflichtet, ihre Aufgabe wahrzunehmen und Recht zu sprechen. Und wehe denen, die diesen Namen mißbrauchen und das Urteil als Deckmantel für die eigenen Leidenschaften gebrauchen oder dem Druck von seiten anderer nachgeben. Verflucht sei, wer sich selbst zum Richter von Seinesgleichen macht! Aber noch mehr verflucht soll sein, wer nicht aus impulsiver Empörung, sondern aus kalter menschlicher Berechnung ungerecht zum Tod oder zur Unehre des Kerkers verurteilt. Wenn den, der den Mörder tötet, eine siebenfache Strafe erwartet – wie es nach den Worten des Herrn dem Mörder Kains geschehen wäre – so wird den Menschen, der dem Satan hörig ist und der im Gewand menschlicher Überlegenheit zu Unrecht verurteilt, die Strafe Gottes siebenundsiebzigfach treffen. Das sollte man sich immer vor Augen halten, besonders in dieser Zeit, o ihr Menschen, die ihr euch gegenseitig tötet, um aus den Gefallenen den Grundstein eures eigenen Erfolges zu erbauen, und nicht wißt, daß ihr unter euren Füßen die Grube grabt, in die ihr von Gott und den Menschen

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Verfluchten selbst stürzen werdet. Denn ich habe gesagt: "Du sollst nicht töten."

Eva steigt empor auf ihrem Weg der Sühne. Die Reue wächst in ihr angesichts der Folgen ihrer Sünde. Sie wollte das Gute und das Böse kennenlernen. Die Erinnerung an das verlorene Gute ist für sie wie die Erinnerung an die Sonne für einen plötzlich Erblindeten; und das Böse ist gegenwärtig vor ihr im Leichnam des getöteten Sohnes und rings um sie durch die Leere, die ihr flüchtiger Sohn, der Mörder, hinterlassen hat.

Dann wurde Seth geboren, und von ihm stammt Enos ab, der erste Priester. Ihr stopft eure Köpfe voll mit Unmengen eurer Wissenschaft und redet von Evolution als Beweis eurer Zufallsentstehung. Der Tier-Mensch wird sich zum Übermenschen entwickeln. So sagt ihr. Ja, so ist es. Aber auf meine Art. Und auf meinem Gebiet. Nicht auf eurem. Nicht durch die Entwicklung vom Vierfüßler zum Menschen, sondern durch die Entwicklung vom Menschen zum vergeistigten Menschen. Je geistiger ihr werdet, desto weiter entwickelt ihr euch.

Ihr redet von Drüsen und nehmt den Mund voll, indem ihr von Hypophyse und Zirbeldrüse redet und den Sitz des Lebens in sie verlegt, nicht nur für die Zeit, da ihr lebt, sondern für die Zeiten, die eurem derzeitigen Leben vorangegangen sind und ihm folgen werden. Wißt, eure wahre Drüse, die euch zu Besitzern des ewigen Lebens macht, ist eure Seele. Je stärker sie entwickelt ist, um so mehr werdet ihr das göttliche Licht erkennen und euch aus Menschen zu Göttern entwickeln, zu unsterblichen Göttern. Und so werdet ihr, ohne dem Wunsch Gottes und seinem Befehl im Hinblick auf den Baum des Lebens zuwiderzuhandeln, dieses Leben erlangen und es so besitzen, wie Gott es will. Denn er hat es ewig und strahlend für euch geschaffen, die selige Umarmung mit seiner Ewigkeit, die euch in sich aufnimmt und euch an ihrem Eigentum teilhaben läßt.

Je mehr der Geist sich entwickeln wird, desto mehr werdet ihr Gott erkennen. Gott erkennen heißt, ihn lieben, ihm dienen, fähig sein, ihn anzurufen für sich selbst und für die anderen, und so zu Priestern zu werden, die auf Erden für ihre Brüder beten. Denn der Geweihte ist Priester; aber auch der überzeugte, liebende, treue Gläubige ist es; vor allem die Sühneseele, die sich aus Liebe selbst opfert. Gott schaut nicht auf das Kleid, sondern auf die Seele. In Wahrheit sage ich euch, vor meinen Augen erscheinen viele Tonsurträger, die vom Priester nur die Tonsur haben, und viele Laien, bei denen die Liebe, die sie besitzen und die sie verzehrt, das Salböl ist, das sie zu meinen Priestern macht; der Welt unbekannten, aber mir, der ich sie segne, bekannten Priestern.»

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668. JOHANNES GEHT UND HOLT DIE MUTTER

10.30 Uhr am Karfreitag 1944, die Stunde, in der, wie meine innere Stimme mir sagt, Johannes zu Maria geht.

Ich sehe den Lieblingsjünger noch bleicher, als er zuvor im Hof des Kaiphas, zusammen mit Petrus, schon war. Vielleicht hat der warme Schein des Feuers dort seinen Wangen etwas Farbe verliehen. Nun sind sie eingefallen wie bei einer schweren Krankheit und blutleer, und sein Gesicht über der violetten Tunika gleicht dem eines Ertrunkenen, so groß ist die fahle Blässe. Auch die Augen sind umschattet, die Haare glanzlos und zerzaust. Der Bart, der in diesen Stunden gewachsen ist, legt einen hellen Schimmer über Wangen und Kinn und läßt sie, da er hellblond ist, noch blasser erscheinen. Der Lieblingsjünger hat nichts mehr von dem sanften, heiteren Johannes und auch nichts mehr von dem erregten Johannes, der sich noch vor kurzem mit Zornesröte im Gesicht nur mit Mühe zurückhalten konnte, Judas anzugreifen.

Johannes klopft an die Tür des Hauses und sagt sofort: «Ich bin es, Johannes», so als ob jemand im Innern des Hauses aus Furcht, Judas vor sich zu haben, fragen würde, wer geklopft hat. Die Tür öffnet sich, und Johannes tritt ein.

Auch er geht sofort in den Abendmahlsaal, ohne der Hausfrau zu antworten, die ihn fragt: «Aber was ist denn in der Stadt los?»

Er schließt sich ein, fällt auf die Knie vor dem Ruhebett, auf dem Jesus gelegen ist, weint und ruft ihn schmerzerfüllt. Er küßt das Tischtuch an der Stelle, die Jesu gefaltete Hände berührt haben, liebkost den Kelch, den er in seinen Händen gehalten hat... Dann sagt er: «Oh! Allmächtiger Gott, hilf mir! Hilf mir, es der Mutter zu sagen! Ich habe nicht den Mut dazu! ... Und doch muß ich es ihr sagen. Ich muß es sagen, denn nur ich bin geblieben!»

Er steht auf und denkt nach. Dann berührt er noch einmal den Kelch, gleichsam um Kraft zu schöpfen aus diesem Gegenstand, den der Meister berührt hat, und schaut umher... Er sieht, noch in der Ecke, in die Jesus es gelegt hat, das Handtuch, mit dem der Meister sich die Hände getrocknet hat nach der Fußwaschung, und das andere, das er um die Lenden geschlungen hatte. Er nimmt sie, faltet sie, liebkost und küßt sie. Nun bleibt er unentschlossen in der Mitte des leeren Saales stehen. Er sagt: «Ich muß gehen!» Aber er begibt sich nicht zur Tür, sondern kehrt zum Tisch zurück und ergreift den Kelch und das an einem Ende angebrochene Brot, von dem Jesus Judas den eingetauchten Bissen gegeben hat. Er küßt das Brot und den Kelch und drückt sie mit den beiden Tüchern an sein Herz wie eine Reliquie. Schließlich wiederholt er: «Ich muß gehen!» und seufzt. Er begibt sich mit gebeugtem Rücken und

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zögernden, schleppenden Schritten zu den Stufen, steigt hinauf, öffnet die Tür und geht hinaus.

«Johannes, bist du gekommen?» Maria erscheint wieder an der Tür ihres Zimmers und hält sich am Rahmen fest, als hätte sie nicht die Kraft, ohne diese Stütze aufrecht zu stehen.

Johannes hebt das Haupt und schaut sie an. Er will reden und öffnet den Mund. Aber er bringt kein Wort heraus. Zwei dicke Tränen fließen über seine Wangen. Er senkt, beschämt über seine Schwäche, den Kopf.

«Komm her, Johannes. Weine nicht. Du darfst nicht weinen. Du hast ihn immer geliebt und glücklich gemacht. Das möge dir zum Trost dienen.»

Diese Worte öffnen den Tränen des Johannes alle Schleusen, und sein Weinen wird nun so heftig und laut, daß die Hauswirtin, Maria Magdalena, die Frau des Zebedäus und andere Frauen ihre Köpfe aus ihrem Zimmer strecken.

«Komm zu mir, Johannes.» Maria löst sich vom Türrahmen, nimmt den Jünger bei der Hand, zieht ihn ins Zimmer wie ein Kind, und schließt leise die Tür, um mit ihm allein zu sein.

Johannes reagiert nicht. Doch als er die zitternde Hand Marias auf seinem Haupt fühlt, sinkt er in die Knie, legt die Gegenstände, die er ans Herz gedrückt hatte, auf den Boden, preßt den Saum des Gewandes Marias auf sein schmerzverzerrtes Gesicht und schluchzt: «Verzeihung! Verzeihung! Mutter, verzeih!»

Maria, die aufrecht und bekümmert dasteht, eine Hand auf dem Herzen, während die andere an ihrer Seite herabhängt, sagt mit herzzerreißender Stimme: «Was soll ich dir verzeihen, armer Sohn? Was? Gerade dir!»

Johannes hebt das Antlitz, zeigt es so, wie es ist, ohne jegliche Spur männlichen Stolzes: das Gesicht eines armen, weinenden Kindes, und ruft: «Daß ich ihn verlassen habe! Daß ich geflohen bin! Daß ich ihn nicht verteidigt habe! Oh, mein Meister! O Meister, verzeih mir! Ich hätte eher sterben sollen, als dich verlassen! Mutter, Mutter, wer wird mich von diesen Gewissensbissen befreien?»

«Friede, Johannes! Er verzeiht dir, er hat dir schon verziehen. Er hat dir deine Verwirrung nicht angerechnet. Er liebt dich.» Maria spricht mit kurzen Unterbrechungen zwischen den kurzen Sätzen, wie von Atemnot befallen, eine Hand auf dem Haupt des Johannes und die andere auf dem armen, angstvoll klopfenden Herzen.

«Aber ich habe ihn nicht einmal gestern abend verstanden... und bin eingeschlafen, obwohl er uns um den Trost gebeten hatte, mit ihm zu wachen. Ich habe ihn allein gelassen, meinen Jesus! Und dann bin ich weggelaufen, als der Verfluchte mit den Henkersknechten gekommen ist...»

«Johannes, du sollst nicht verfluchen. Und nicht hassen, Johannes. Überlasse dem Vater das Gericht. Höre... wo ist er jetzt?»

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Johannes neigt sein Haupt wieder bis zum Boden und weint noch heftiger.

«Antworte, Johannes. Wo ist mein Sohn?»

«Mutter... ich ... Mutter... er ist... Mutter...»

«Er ist verurteilt worden, ich weiß es. Ich frage dich, wo ist er in diesem Augenblick?»

«Ich habe alles irgend mögliche getan, um von ihm gesehen zu werden... Ich habe versucht, Erbarmen zu erbetteln bei den Mächtigen, damit er... damit er weniger leiden muß. Sie haben ihn nicht sehr gequält...»

«Du sollst nicht lügen, Johannes. Nicht einmal aus Mitleid mit einer Mutter. Es würde außerdem nichts nützen. Ich weiß. Seit gestern abend folge ich ihm in seinem Leiden. Du kannst es nicht sehen, aber dieselben Geißelhiebe haben mein Fleisch zerschlagen, die Dornen durchbohren meine Stirn, ich habe die Schläge gefühlt... alles. Aber nun... sehe ich ihn nicht mehr. Nun weiß ich nicht, wo sich mein zum Kreuz verurteilter Sohn befindet... Zum Kreuz! Zum Kreuz! ... O Gott, gib mir Kraft! Er muß mich sehen. Ich darf nicht auf meinen Schmerz achten, solange er seinen Schmerz ertragen muß. Wenn alles zu Ende ist, dann, o Gott, laß mich sterben, wenn du willst. Jetzt nicht. Seinetwegen nicht. Damit er mich sieht. Gehen wir, Johannes. Wo ist Jesus ?»

«Er verläßt gerade das Haus des Pilatus. Diesen Lärm macht das Volk, das um ihn herum tobt, während er gefesselt auf den Stufen des Prätoriums steht, in Erwartung des Kreuzes... Vielleicht ist er auch schon auf dem Weg nach Golgotha.»

«Gib deiner Mutter Bescheid, Johannes, und den anderen Frauen. Und gehen wir. Nimm den Kelch, das Brot und das Linnen... Lege sie hierher. Sie werden uns später ein Trost sein... Und nun gehen wir.»

Johannes hebt die auf dem Boden liegenden Gegenstände auf und geht dann hinaus, um die Frauen zu rufen. Während sie auf ihn wartet, fährt sie sich mit dem Linnen über das Gesicht, wie um in ihm die liebkosende Hand des Sohnes wiederzufinden. Sie küßt den Kelch und das Brot und legt alles auf ein Regal. Dann hüllt sie sich fest in ihren Mantel, zieht ihn herab bis zu den Augen, über den Schleier, der ihr Haupt bedeckt und den sie um den Hals gebunden hat. Sie weint nicht, aber sie zittert. Es scheint, als ringe sie nach Atem, so sehr keucht sie mit offenem Mund. Johannes kommt mit den weinenden Frauen zurück.

«Töchter, schweigt! Helft mir, daß ich nicht weinen muß! Gehen wir.»Und sie stützt sich auf Johannes, der sie wie eine Blinde führt und hält.

Die Vision endet so. Nun ist es 12.30 Uhr, also 11.30 Uhr nach der Sonnenzeit.

Danach, von 13 bis 16 Uhr (Sonnenzeit), bin ich sehr niedergeschlagen gewesen. Ich habe nicht geschlafen, aber ich war derart erschöpft, daß ich weder reden noch mich rühren oder die Augen öffnen konnte. Ich konnte nur leiden. Und ohne etwas zu sehen, betrachtete ich unaufhörlich die Agonie Jesu. Gegen 16 Uhr, als ich an die durchbohrten Hände dachte, sah

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ich plötzlich Jesus in dem Augenblick, in dem er stirbt. Nur das. Eine letzte Muskelkontraktion, durch die sich der Kopf nach links drehte. Ein letzter tiefer Atemzug und dann der Versuch, noch etwas zu sagen, die Unmöglichkeit, es auszusprechen, eine laute Klage, die in einem Seufzer endete, dann Stille, der Tod. So blieb er. Mit geschlossenen Augen, halb offenem Mund, einen Augenblick noch mit erhobenem Haupt – wohl durch einen heftigen Krampf im Hals – dann fiel es auf die Brust, nach rechts.

Danach habe ich mich etwas erholt, doch nur recht wenig, bis gegen 19 Uhr (Sonnenzeit), und war bis nach Mitternacht wieder in einer schrecklichen Verfassung. Ich habe nicht den Trost einer Vision. Ich bin allein, wie Maria nach dem Begräbnis. Ich sehe nichts und kann nicht reden und leide sehr darunter. Um ein wenig Trost zu finden, beschreibe ich Ihnen, wie gut ich Jesus gestern abend gesehen habe, als ich noch einmal den Abschied von Maria vor dem Abendmahl sehen durfte.

Jesus kniete schon zu Füßen der Mutter, hielt sie umfangen und legte abwechslungsweise das Haupt auf ihre Knie und erhob es wieder, um sie anzublicken. Das Licht eines dreiflammigen Öllämpchens, das an der Ecke des Tisches neben Maria stand, erhellte das Gesicht meines Jesus, während das der Mutter mehr im Schatten blieb, da sie das Licht im Rücken hatte. Aber Jesus war ganz im Licht.

Und ich verlor mich darin, das Antlitz zu betrachten, bis in die kleinsten Einzelheiten. Ich wiederhole sie noch einmal. Die in der Mitte gescheitelten Haare fallen in langen Locken auf die Schultern. Eine gute Handbreit sind sie gewellt und enden dann in richtigen Locken. Glänzend, fein, wohlgeordnet, von einem leuchtenden Blond, das besonders am Ende bei den Locken in einen deutlichen Kupferton übergeht. Eine leichte Vertiefung an den Schläfen, auf die die bläulichen, durch die weiße Haut schimmernden Adern schwache, indigoblaue Schatten zeichnen. Die Haut hat das besondere Weiß mancher rotblonder Menschen, milchweiß mit einem Hauch von Elfenbein und einer kaum merklichen bläulichen Nuance. Eine zarte Haut, die dem Blütenblatt einer weißen Kamelie gleicht und so zart ist, daß das feinste Äderchen durchschimmert und jede Gemütsbewegung sich in einer tiefen Blässe oder lebhaften Röte äußert.

Aber ich habe Jesus immer bleich gesehen in den drei Jahren seiner Pilgerschaft durch Palästina, höchstens ein wenig gebräunt von der Sonne. Maria ist noch blasser, denn sie lebt mehr zurückgezogen, im Haus; ihre Haut ist von einem rosigen Weiß. Jesu Haut ist elfenbeinweiß mit eben diesem bläulichen Schimmer. Seine Nase ist lang und gerade, höchstens ganz oben eine Spur gewölbt. Eine schmale, wohlgeformte Nase. Wunderschön die tiefen Augen von der Farbe, die ich schon so oft beschrieben habe: einem sehr dunklen Saphirblau. Wimpern und Brauen sind dicht, aber nicht zu dicht, lang, schön, glänzend und dunkelbraun mit einem mikroskopischen Funken Gold an der Spitze jedes Härchens. Die Wimpern und Brauen Marias sind hellbraun, feiner und spärlicher. Vielleicht sieht es nur so aus, weil sie so viel heller sind, beinahe blond. Der regelmäßige, eher kleine und schön geformte Mund Jesu gleicht sehr dem Mund seiner Mutter, mit Lippen, die gerade die richtige Breite haben; nicht so schmal, daß sie nur einen Strich bilden, aber auch nicht zu voll. In der Mitte sind sie schön gewölbt und geschwungen, an den Seiten werden sie sehr schmal und lassen den schönen Mund kleiner erscheinen. Er ist von einem gesunden Rot und öffnet sich über einem regelmäßigen, kräftigen Gebiß mit länglichen, schneeweißen Zähnen. Die Zähne der Mutter sind ebenso regelmäßig, aber kleiner.

Die Wangen sind schmal, aber nicht hager, und bilden zusammen mit den weder zu breiten noch zu schmalen Backenknochen ein langes, sehr schönes Oval. Der Bart, der am Kinn dicht und in zwei krause Spitzen geteilt ist, umrahmt den Mund bis zur Unterlippe, bedeckt sie aber nicht und wird dann den Wangen zu immer kürzer. Auf der Höhe der Mundwinkel ist er so kurz, daß er nur noch einem Hauch Kupferstaub auf den blassen Wangen gleicht. An den dichten Stellen hat er die Farbe dunkler Bronze: ein dunkles Rotblond. Auch der nicht sehr dichte Oberlippenbart ist kurz gehalten, so daß er kaum den Zwischenraum zwischen Nase und Oberlippe bedeckt und nur um die Mundwinkel etwas

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länger ist. Die kleinen, wohlgeformten Ohren liegen dicht am Kopf an. Sie stehen fast überhaupt nicht ab.

Wenn ich daran denke, wie schön Jesus gestern abend war und wie entstellt das Antlitz war, das ich während der Passion und auch danach viele Male gesehen habe, so wird meine mitleidvolle Liebe für den Leidenden noch größer. Als ich sah, wie er sich neigte und seinen Kopf an die Brust der Mutter legte, wie ein liebebedürftiges Kind, habe ich mich einmal mehr gefragt, wie es die Menschen fertigbringen konnten, so mit ihm umzugehen, mit ihm, der doch so sanft und gut in all seinem Tun gewesen war und allein schon durch sein Aussehen die Herzen gewinnen mußte. Ich sah die schönen, langen, blassen Hände die Seiten Marias, die Taille Marias, die Arme Marias umarmen, und ich sagte mir: «Bald werden sie von Nägeln durchbohrt sein!» und litt. Auch weniger Aufmerksame müssen das bemerkt haben.

Heute habe ich sehr nach Ihnen verlangt, Pater, denn ich hatte das Gefühl, daß mein Herz zerspringen müsse oder zu schlagen aufhören würde. Es scheint mir eine Ewigkeit vergangen zu sein, seit ich Jesus das letzte Mal empfangen habe. Zum Glück ist es schon zwei Uhr morgens und Samstag: Die Stunde der heiligen Kommunion naht. Aber ich bin allein. Jesus schweigt, Maria schweigt. Auch Johannes schweigt. Ich hatte wenigstens ihn erwartet. Nichts. Absolutes Schweigen und absolute Dunkelheit. Es ist wahrhaft zum Verzweifeln...

669. VOM PRÄTORIUM ZUM KALVARIENBERG

Es vergeht einige Zeit, nicht mehr als eine halbe Stunde, vielleicht auch weniger. Dann gibt Longinus, der mit der Aufsicht über die Hinrichtung beauftragt ist, seine Befehle.

Doch bevor Jesus auf die Straße hinausgeführt wird, um das Kreuz auf sich zu nehmen und sich auf den Weg zu begeben, hat Longinus ihn zwei- oder dreimal neugierig und dann mitleidig angesehen mit dem geübten Auge eines Menschen, der kein Neuling mehr ist in gewissen Dingen. Er kommt nun mit einem Soldaten zu Jesus und bietet ihm eine Erfrischung an. Wein, nehme ich an, denn er gießt aus einer richtigen Feldflasche eine hellrote Flüssigkeit in einen Becher. «Das wird dir guttun. Du mußt Durst haben. Draußen scheint die Sonne, und der Weg ist lang.»

Doch Jesus antwortet: «Gott möge dir dein Mitleid vergelten. Aber behalte es für dich.»

«Ich bin gesund und kräftig... Du... Ich entbehre nichts ... und außerdem ... tue ich es gern, wenn ich dir damit ein wenig helfen kann ... Nimm wenigstens einen Schluck ... um mir zu zeigen, daß du die Heiden nicht verachtest.»

Jesus weigert sich nicht länger und trinkt einen Schluck von dem Getränk. Seine Hände sind nicht mehr gefesselt, und er hat auch kein Rohr mehr in der Hand und keinen Mantel, so daß er es selbst tun kann. Mehr will er nicht, obwohl das gute kühle Getränk eine große Erfrischung wäre bei dem Fieber, das sich schon durch rote Streifen auf den bleichen Wangen und den trockenen, rissigen Lippen bemerkbar macht.

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«Nimm, nimm. Es ist Honigwasser. Es stärkt und löscht den Durst... Du tust mir leid... ja ... leid ... Von allen Hebräern bist nicht du es, der getötet werden sollte ... Aber ... Ich hasse dich nicht ... und ich will alles tun, damit du nicht mehr als nötig leiden mußt.»

Doch Jesus trinkt nicht mehr... Er hat großen Durst... Den schrecklichen Durst des Ausgebluteten und Fiebernden... Er weiß, daß es kein betäubendes Getränk ist und würde gerne trinken. Aber er will nicht weniger leiden. Ich verstehe, eine innere Erleuchtung sagt mir, daß das Mitleid des Römers eine größere Labung für ihn ist als das Honigwasser.

«Gott vergelte dir diesen Trost mit seinem Segen», sagt er und lächelt dabei ... Ein herzzerreißendes Lächeln mit geschwollenen, verwundeten Lippen, die er nur mühsam bewegen kann, denn zwischen der Nase und dem rechten Jochbogen schwillt die nach der Geißelung durch einen Stockhieb verursachte Quetschung nun stark an.

Es kommen jetzt auch die zwei Räuber hinzu, jeder von einer Decurie Bewaffneter bewacht. Es ist an der Zeit aufzubrechen, und Longinus erteilt die letzten Befehle.

Eine Centurie stellt sich in zwei Reihen in etwa drei Meter Abstand voneinander auf und geht auf den Platz hinaus, auf dem bereits eine andere Centurie ein Viereck gebildet hat, um das Volk zurückzudrängen und für den Zug Platz zu schaffen. Auch Berittene sind auf dem Platz: eine Decurie Kavallerie mit den Feldzeichen und befehligt von einem jungen Offizier. Ein Fußsoldat hält den Rappen des Centurio am Zügel. Longinus steigt in den Sattel und begibt sich an seinen Platz, etwa zwei Meter vor den elf Berittenen.

Nun werden die Kreuze gebracht. Die der beiden Räuber sind kürzer, das Kreuz Jesu viel länger. Der Längsbalken ist mindestens vier Meter lang, würde ich sagen. Ich sehe, daß man das Kreuz schon fertig bringt.

Ich habe darüber gelesen, als ich noch lesen konnte... also schon vor Jahren, daß man das Kreuz erst auf der Höhe des Golgotha zusammengefügt hätte, und daß die Verurteilten nur die beiden Balken zusammengebunden auf den Schultern getragen hätten. Das ist schon möglich, aber ich sehe ein richtiges Kreuz, massiv und an der Verbindungsstelle der beiden Balken mit Nägeln und Bolzen verstärkt. Und wirklich, wenn man bedenkt, daß das Kreuz dazu bestimmt war, ein beachtliches Gewicht wie den Körper eines Erwachsenen zu tragen und den Krämpfen der Sterbenden standzuhalten, dann wird man verstehen, daß es nicht erst auf dem engen und unbequemen Gipfel des Kalvarienberges zusammengefügt werden konnte.

Bevor sie Jesus das Kreuz geben, hängen sie ihm die Tafel mit der Inschrift: «Jesus von Nazareth, der König der Juden» um den Hals, und die Schnur, an der die Tafel hängt, verfängt sich in der Krone, die sich verschiebt und kratzt, wo noch keine Kratzer sind, wieder an anderen Stellen in den Kopf eindringt und neue Blutungen und neuen Schmerz bereitet. Die Leute lachen in sadistischer Freude, höhnen und fluchen.

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Nun sind sie bereit. Longinus gibt den Befehl zum Abmarsch. «Zuerst der Nazarener, und hinter ihm die beiden Räuber; eine Decurie rings um jeden, die anderen sieben Decurien an den Seiten zur Verstärkung. Der Soldat, der es zuläßt, daß einer der Verurteilten tödlich verletzt wird, wird sich dafür verantworten müssen.»

Jesus geht die drei Stufen von der Vorhalle zum Platz hinunter. Auf einmal ist deutlich zu sehen, daß er sehr geschwächt ist. Er wankt, als er die Stufen hinuntersteigt, denn das Kreuz, das auf der wunden Schulter liegt, behindert ihn beim Gehen, ebenso die Tafel mit der Inschrift, die hin- und herpendelt und am Hals scheuert, und die Erschütterungen, die das Aufschlagen des Längsbalkens auf den Stufen und den Unebenheiten des Bodens verursacht.

Die Juden lachen, als sie bemerken, daß Jesus wie ein Betrunkener wankt, und rufen den Soldaten zu: «Stoßt ihn an, bringt ihn zu Fall. In den Staub mit dem Gotteslästerer!»

Aber die Soldaten tun nur, was ihre Pflicht ist, das heißt, sie befehlen dem Verurteilten, sich in die Mitte der Straße zu begeben und zu gehen. Longinus gibt dem Pferd die Sporen, und der Zug setzt sich langsam in Bewegung.

Longinus würde sich gerne beeilen und den kürzesten Weg nach Golgotha einschlagen, da er an der körperlichen Widerstandskraft des Verurteilten zweifelt. Aber der entfesselte Pöbel – und Pöbel ist noch gelinde gesagt – will es nicht so. Einige der Schlaueren sind bereits vorausgeeilt zur Weggabelung, wo die Straße auf der einen Seite zur Mauer und auf der anderen in die Stadt führt. Sie schreien und lärmen, als sie sehen, daß Longinus an der Mauer entlang gehen will. «Das darfst du nicht! Das darfst du nicht! Das Gesetz schreibt vor, daß die Verurteilten von der Stadt gesehen werden müssen, in der sie gesündigt haben.» Die Juden am Ende des Zuges verstehen, daß man dort vorne versucht, sie um ihr Recht zu betrügen, und vereinigen ihr Geschrei mit dem der Genossen.

Um des lieben Friedens willen biegt Longinus in die Straße ein, die in die Stadt führt, und reitet ein Stück auf ihr weiter. Gleichzeitig aber gibt er einem Decurio ein Zeichen, zu ihm zu kommen (ich sage Decurio, denn es ist der Offizier; aber vielleicht ist er, was wir einen Ordonnanzoffizier nennen würden) und sagt leise etwas zu ihm. Dieser reitet im Trab nach hinten und übermittelt dem Anführer jeder Decurie den Befehl. Dann teilt er Longinus mit, daß es ausgeführt ist, und begibt sich wieder an seinen vorigen Platz in der Reihe hinter Longinus.

Jesus geht keuchend weiter. Jedes Loch in der Straße ist eine Falle für seinen unsicheren Fuß und eine Tortur für seine verwundete Schulter und sein dornengekröntes Haupt, auf das eine ungewöhnlich heiße Sonne senkrecht herunterbrennt, die sich zwar ab und zu hinter einer bleiernen Wolkenwand verbirgt, aber auch dann nicht weniger brennt. Jesus glüht

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vor Anstrengung, Fieber und Hitze. Ich glaube, daß auch das grelle Licht und der Lärm ihm Qualen bereiten. Da er sich nicht die Ohren verstopfen kann, um dieses durchdringende Geschrei nicht zu hören, schließt er die Augen halb, um die in der Sonne blendende Straße nicht zu sehen... Aber er muß sie immer wieder öffnen, da er über Steine und Löcher stolpert; und jedes Stolpern ist ein neuer Schmerz, denn durch den Ruck stößt das Kreuz an die Krone, verschiebt sich auf der wunden Schulter, vergrößert die Wunde und vermehrt den Schmerz.

Die Juden können Jesus nicht mehr direkt schlagen. Trotzdem treffen ihn immer noch Steine und Stockschläge. Steine besonders auf den kleinen, von Menschen wimmelnden Plätzen. Stockhiebe an den Biegungen der engen, wegen der ständigen Höhenunterschiede der Stadt einmal eine, dann wieder drei oder mehr Stufen hinauf- oder hinunterführenden Gassen. An solchen Stellen kommt der Zug nur langsam voran, und es gibt immer wieder einen Eifrigen, der den römischen Lanzen trotzt und das Meisterwerk der Tortur, zu dem Jesus geworden ist, mit einem Stoß nachbessern will.

Die Soldaten verteidigen ihn, so gut sie können. Aber weil sie ihn verteidigen, quälen sie ihn auch wieder; denn mit den langen Schäften der auf so engem Raum geschwungenen Lanzen stoßen sie ihn und machen ihn straucheln. An einer bestimmten Stelle jedoch führen die Soldaten ein tadelloses Manöver durch, und trotz des Geschreis und der Drohungen schwenkt der Zug in eine Straße ein, die abwärts und direkt zur Mauer führt und den Weg zur Stätte der Hinrichtung stark abkürzt.

Jesus keucht immer mehr. Der Schweiß furcht sein Antlitz zusammen mit dem Blut, das aus den Wunden der Dornenkrone fließt. Der Staub bleibt an dem nassen Antlitz kleben und sprenkelt es mit eigenartigen Flecken; denn nun ist es auch windig. Windstöße in regelmäßigen, langen Abständen, in denen der zuvor aufgewirbelte Staub wieder zu Boden sinkt, wehen ihm Schmutz in Augen und Mund.

Am Gerichtstor wartet bereits eine große Menschenmenge. Einige besonders Vorsorgliche haben sich längst Plätze gesichert, von denen aus sie alles überblicken können. Doch kurz bevor Jesus das Tor erreicht, sieht es schon so aus, als ob er stürzen würde. Nur das rasche Eingreifen eines Soldaten, auf den er beinahe gefallen wäre, verhindert, daß Jesus zusammenbricht. Der Mob schreit und brüllt: «Laß ihn doch! Er hat zu allen gesagt: "Erhebt euch." Nun soll er selbst aufstehen ...»

Jenseits der Tores ist ein Bach mit einer kleinen Brücke. Eine neue Mühe für Jesus, über diese wackligen Bretter zu gehen, an denen der lange Balken des Kreuzes immer wieder und noch stärker aufschlägt. Und er wird wieder zur Zielscheibe für die Wurfgeschosse der Juden. Die Steine aus dem Bach fliegen durch die Luft und treffen den armen Märtyrer...

Nun beginnt der Aufstieg zum Kalvarienberg. Eine öde Straße ohne eine Spur von Schatten und voll herumliegender Steine führt direkt hinauf.

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Hierüber habe ich gelesen, als ich noch lesen konnte, daß der Kalvarienberg nur einige Meter hoch gewesen sein soll. Mag sein. Gewiß, er ist kein Berg, aber immerhin ein Hügel, und bestimmt nicht niedriger als der Kreuzberg in Florenz, auf dem die Kirche S. Miniato steht, im Vergleich zu den Straßen am Arno. Mancher wird sagen: «Oh, der ist ja nicht hoch.» Ja, für jemanden, der gesund und kräftig ist, ist es eine Kleinigkeit, dort hinaufzusteigen. Aber man braucht nur ein schwaches Herz zu haben, um zu spüren, ob es eine Kleinigkeit ist oder nicht... Ich weiß, daß ich nach meiner noch relativ geringfügigen Herzerkrankung diesen Weg nicht mehr ohne große Mühe und ohne immer wieder stehenzubleiben gehen konnte, obwohl ich keine Last auf den Schultern zu tragen hatte. Ich bin überzeugt, daß Jesus ein sehr schwaches Herz hatte nach der Geißelung und dem Blutschweiß... abgesehen von allem anderen.

Jesus leidet daher beim Aufstieg furchtbar unter der Last des Kreuzes, das so groß ist und so schwer sein muß...

Er kommt zu einem herausragenden Stein, und da er keine Kraft mehr hat, den Fuß hoch genug zu heben, stolpert er und fällt auf das rechte Knie. Es gelingt ihm jedoch, sich mit der linken Hand abzustützen. Die Menge schreit vor Freude... Jesus steht wieder auf und geht weiter. Immer gebeugter, keuchender, glühender und fiebriger...

Die Tafel mit der Aufschrift schaukelt vor ihm hin und her und hindert ihn am Sehen; das lange Kleid schleift nun, da er so gebeugt geht, vor ihm auf dem Weg und hindert ihn am Gehen. Er stolpert wieder, fällt auf beide Knie und verletzt sich noch einmal da, wo er schon verletzt ist. Das Kreuz entgleitet seinen Händen und fällt, nachdem es zuvor hart auf seinen Rücken aufgeschlagen ist, auf den Boden, so daß er sich bücken, es wieder aufheben und mühsam auf seine Schulter laden muß. Während er dies tut, sieht man deutlich die durch das Scheuern des Kreuzes auf der rechten Schulter erzeugte Wunde. Es hat die vielen Wunden der Geißelung erneut aufgerissen und eine einzige daraus gemacht, aus der nun Sekret und Blut fließen, so daß auf der weißen Tunika an dieser Stelle ein großer Fleck ist. Die Leute klatschen sogar und freuen sich, daß er so schlimm gefallen ist...

Longinus treibt zur Eile an, und die Soldaten zwingen den armen Jesus durch Schläge mit der Breitseite ihrer Klingen zum Weitergehen. Der Zug kommt aber immer langsamer voran, trotz aller Bemühungen.

Jesus sieht wirklich aus wie ein Betrunkener, da er so sehr schwankt und einmal an die rechte, dann wieder an die linke Reihe der Soldaten stößt, obwohl er die ganze Breite der Straße für sich hat. Und die Leute sehen es und schreien: «Ihm ist seine Lehre zu Kopf gestiegen. Seht nur, wie er schwankt!» Und andere, nicht gewöhnliches Volk, sondern Priester und Schriftgelehrte höhnen: «Nein. Das sind die Folgen der Feste im Haus des Lazarus. Waren sie schön? Nun wirst du unsere Speise zu dir nehmen...» und ähnliches mehr.

Longinus, der sich ab und zu umwendet, fühlt Mitleid und gebietet eine kurze Rast. Er wird so sehr vom Pöbel beschimpft, daß er den Soldaten

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befiehlt, anzugreifen. Die feige Menge weicht schreiend vor den aufblitzenden drohenden Lanzen zurück und zerstreut sich über den Berg.

Und nun sehe ich unter den wenigen Zurückgebliebenen hinter einem Steinhaufen, vielleicht einer eingefallenen Mauer, die Gruppe der Hirten erscheinen. Untröstlich und verwirrt, staubig und mit zerrissenen Gewändern ziehen sie mit ihren Blicken den Blick des Meisters an. Jesus wendet das Haupt und sieht sie... Er schaut sie an, als wären es die Gesichter von Engeln, scheint ihre Tränen zu trinken und Kraft aus ihnen zu schöpfen und lächelt... Der Befehl zum Weitergehen wird gegeben, und Jesus kommt direkt an ihnen vorbei und hört ihr klagendes Weinen. Mühevoll wendet er sein Haupt unter dem Joch des Kreuzes und lächelt noch einmal...

Sein Trost... Zehn Gesichter, eine Pause in der brennenden Sonne...

Und gleich darauf der Schmerz des dritten und gänzlichen Falles. Dieses Mal stürzt Jesus nicht, weil er gestolpert ist, sondern weil seine Kräfte ihn verlassen, weil er erschöpft ist. Er fällt der Länge nach vornüber mit dem Gesicht auf die Steine und bleibt im Staub liegen, unter dem Kreuz. Die Soldaten versuchen, ihn wieder aufzurichten. Doch da er wie tot daliegt, gehen sie und erstatten dem Centurio Bericht. Als sie zurückkehren, ist Jesus wieder zu sich gekommen. Mit Hilfe zweier Soldaten, von denen der eine das Kreuz aufhebt und der andere den Verurteilten beim Aufstehen stützt, nimmt er langsam wieder seinen Platz ein. Aber er ist völlig am Ende.

«Sorgt dafür, daß er erst am Kreuz stirbt!» schreit die Menge.

«Wenn ihr ihn vorher sterben laßt, werdet ihr euch beim Prokonsul verantworten müssen. Denkt daran, der Schuldige muß lebend die Richtstätte erreichen», sagen die Häupter der Schriftgelehrten zu den Soldaten.

Diese werfen ihnen bitterböse Blicke zu, sagen aber nichts, wie es die militärische Disziplin vorschreibt.

Longinus jedoch fürchtet ebenso wie die Juden, daß Christus unterwegs sterben könnte, und er will keine Unannehmlichkeiten. Ohne daß ihn jemand daran erinnern müßte, weiß er als Verantwortlicher für die Hinrichtung, was er zu tun hat, und ergreift die nötigen Maßnahmen. Er sorgt vor, sehr zur Verwirrung der Juden, die schon vorausgeeilt und von allen Seiten des Berges zusammengelaufen sind und schwitzend und zerkratzt von dem kümmerlichen Dorngestrüpp dieses kahlen, sonnenverbrannten Berges über die vielen herumliegenden Steine fallen – es sieht aus wie die Schutthalde Jerusalems. Aber ihre einzige Sorge ist es, weder einen Seufzer, noch einen schmerzerfüllten Blick, noch eine vielleicht unbewußte Geste des Leidens zu verpassen, und ihre einzige Angst ist es, daß es ihnen nicht gelingen könnte, einen guten Platz zu bekommen. Longinus befiehlt also, den längeren Weg einzuschlagen, der wie eine Spirale den Berg hinaufführt und daher viel weniger steil ist.

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Dieser Pfad ist durch die häufige Benutzung zu einem anscheinend ziemlich bequemen Weg geworden. Die beiden Wege kreuzen sich etwa auf halber Höhe des Berges zum ersten Mal. Aber ich sehe, daß der direkte Weg sich weiter oben noch viermal mit dem anderen kreuzt, der sehr viel weniger steil, aber dafür viel länger ist. Und auf diesem steigen Leute hinauf, die sich nicht beteiligen an dem unwürdigen Spektakel der Besessenen, die Jesus folgen, um sich an seinem Schmerz zu weiden. Es sind hauptsächlich verschleierte weinende Frauen und ein wirklich sehr spärliches Grüppchen Männer, die aber den Frauen weit vorausgehen und dann den Blicken entschwinden, als der Weg in einer Biegung um den Berg führt. An dieser Stelle hat der sonderbar geformte Kalvarienberg -dessen eine Seite sich etwas nach außen wölbt, während die andere steil abfällt – eine Art Spitze. Die Männer verschwinden hinter dieser Felsspitze, und ich verliere sie aus den Augen.

Die Leute, die Jesus gefolgt sind, erheben ein zorniges Geschrei. Für sie war es viel schöner, ihn fallen zu sehen. Unter obszönen Beschimpfungen des Verurteilten und seiner Begleiter folgt ein Teil von ihnen weiterhin dem Zug, die übrigen gehen, laufen fast den Rest des steilen Weges hinauf, um die erlittene Enttäuschung durch einen besonders guten Platz auf dem Gipfel wettzumachen.

Die Frauen, die weinend weitergegangen sind, drehen sich um, als sie das Geschrei hören, und sehen, daß der Zug auf sie zukommt. Sie bleiben auf der Bergseite stehen aus Furcht, von den wütenden Juden den Abhang hinuntergestoßen zu werden, und ziehen ihre Schleier noch tiefer über das Gesicht. Eine ist dabei, die das Gesicht wie eine Muselmanin verhüllt hat und nur die rabenschwarzen Augen sehen läßt. Sie sind sehr reich gekleidet und haben zu ihrem Schutz einen robusten alten Mann bei sich, den ich nicht erkennen kann, da auch er ganz in seinen Mantel gehüllt ist. Ich sehe nur den langen, mehr weißen als schwarzen Bart auf dem dunklen Mantel.

Als Jesus bei ihnen ankommt, weinen sie lauter und verneigen sich tief zum Gruß. Dann gehen sie mutig auf ihn zu. Die Soldaten wollen sie mit ihren Speeren zurückdrängen. Aber die wie eine Muselmanin Verhüllte lüftet einen Augenblick den Schleier vor dem Offizier, der sofort herbeigeritten ist um zu sehen, was es denn nun schon wieder für ein Hindernis gibt, und dieser erteilt den Befehl, sie durchzulassen. Ich kann weder das Gesicht noch das Kleid erkennen, denn das Aufheben des Schleiers ist blitzartig erfolgt, und das Kleid ist verborgen unter einem schweren, bodenlangen, von oben bis unten mit mehreren Spangen geschlossenen Mantel. Die Hand, die hervorkommt, um den Schleier zu lüften, ist weiß und schön. Sie und die tiefschwarzen Augen sind das einzige, was man von dieser hochgewachsenen Dame sieht, die gewiß einflußreich ist, da ihr der Adjutant des Longinus so prompt gehorcht.

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Weinend nähern sie sich Jesus und knien zu seinen Füßen nieder, während er keuchend stehenbleibt... und trotzdem lächelt er den barmherzigen Frauen und dem alten Mann zu, der nun sein Gesicht zeigt, so daß ich Jonathan erkenne. Ihn lassen die Wachen jedoch nicht passieren, nur die Frauen. Eine von ihnen ist Johanna des Chuza. Es geht ihr viel schlechter als damals, da sie dem Sterben nahe war. Rot sind nur die Spuren der Tränen, sonst ist ihr Antlitz schneeweiß, und die sanften schwarzen Augen sind so getrübt, daß sie manchen sehr dunkelvioletten Blumen gleichen. In den Händen hält sie eine silberne Amphore und bietet sie Jesus an. Aber er lehnt ab. Zudem keucht er so sehr, daß er nicht einmal trinken könnte. Mit der linken Hand wischt er sich den Schweiß und das Blut von den Augen, das ihm aus den von den mühsamen Schlägen seines Herzens angeschwollenen Adern über die bläulichen Wangen und den Hals rinnt und das Kleid an der Brust durchtränkt.

Eine andere Frau hat eine junge Dienerin dabei, die ein Kästchen trägt. Sie öffnet es, nimmt ein feines viereckiges Leinentuch heraus und reicht es dem Erlöser. Das nimmt er an. Da er es mit nur einer Hand nicht auf sein Gesicht drücken kann, hilft ihm die Mitleidige und achtet darauf, die Dornenkrone nicht zu berühren. Jesus drückt das frische Linnen eine ganze Weile auf sein armes Antlitz, als ob es eine große Wohltat für ihn wäre. Dann gibt er das Tuch zurück und sagt: «Danke, Johanna, danke Nike, Sara ... Marcella... Elisa... Lydia... Anna ... Valeria... und du... Aber weint nicht ... über mich... Töchter Jerusalems ... sondern über eure Sünden... und die Sünden eurer Stadt... Sei glücklich... Johanna... daß du keine... Kinder mehr haben wirst... Siehst du ... es ist Barmherzigkeit Gottes... keine Kinder zu haben ... damit sie nicht ... unter diesem hier... leiden müssen... Auch du... Elisa ... Besser so... als unter den Gottesmördern... Und ihr, Mütter ... weint über... eure Kinder... denn diese Stunde... wird nicht unbestraft ... vorübergehen... Und was für eine Strafe... da der Unschuldige... solches hat erleiden müssen... Dann werdet ihr weinen ... daß ihr empfangen habt... Wahrlich, ich sage euch... glücklich jene ... die dann... als erste... unter den Trümmern... fallen... Ich segne euch... Geht nach Hause... Betet... für mich. Leb wohl, Jonathan... führe sie weg ...»

Begleitet von dem lauten Klagen der weinenden Frauen und den Verwünschungen der Juden, geht Jesus weiter.

Jesus ist wieder schweißgebadet. Auch die Soldaten und die beiden anderen Verurteilten schwitzen, denn die Sonne dieses gewitterschwülen Tages brennt wie Feuer, und das glühend heiße Gestein des Berges verstärkt noch die Sonnenhitze. Was diese Sonne auf dem Wollkleid Jesu über den Wunden der Geißelung sein muß, kann man sich vorstellen. Es muß furchtbar sein... Aber er klagt nicht. Nur, obwohl der Weg viel weniger steil ist und hier auch nicht, wie auf dem anderen, die für seine nur noch schleifenden Füße so gefährlichen losen Steine herumliegen, schwankt

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Jesus immer mehr, stößt wieder gegen die Reihen der Soldaten auf beiden Seiten und geht immer tiefer gebeugt.

Sie versuchen ihm zu helfen, binden ihm einen Strick um die Mitte und halten die beiden Enden wie einen Zügel. Ja, das hält ihn auf den Füßen. Aber es erleichtert ihm nicht die Last. Im Gegenteil, der Strick zieht das Kreuz auf der Schulter hin und her, und es stößt an die Dornenkrone, die nun aus der Stirn Jesu eine blutende Tätowierung gemacht hat. Außerdem scheuert der Strick am Gürtel, wo so viele Wunden sind, die nun sicher wieder aufbrechen, denn die weiße Tunika färbt sich blaßrot. Obwohl sie ihm helfen wollen, bereiten sie ihm nur noch größere Schmerzen.

Der Weg führt weiter, um den Berg herum und beinahe wieder bis zu der steilen Straße vorn. Dort steht Maria mit Johannes. Wahrscheinlich hat Johannes Maria an diese schattige Stelle hinter dem Berghang geführt, um sie ein wenig zu Kräften kommen zu lassen. Es ist der steilere Teil des Berges, und nur dieser Weg führt hier um ihn herum. Sonst steigt der Hang steil an und fällt ebenso steil ab. Deshalb haben die Grausamen ihn auch gemieden. Dort ist es schattig, denn es ist wohl die Nordseite, und Maria, die sich an den Berg lehnt, ist vor der Sonne geschützt. Sie steht zwar, stützt sich aber auf das Erdreich und ist völlig erschöpft. Auch sie keucht und ist blaß wie der Tod in ihrem dunkelblauen, fast schwarzen Gewand.

Johannes betrachtet sie mit untröstlichem Mitleid. Auch er hat wie ein Kranker jede Spur von Farbe verloren und ist erdfahl, mit zwei müden, verstörten Augen, ungekämmt und mit eingefallenen Wangen. Die anderen Frauen, Maria und Martha des Lazarus, Maria des Alphäus und Maria des Zebedäus, Susanna von Kana, die Hauswirtin und andere, die ich nicht kenne, stehen alle mitten auf der Straße und halten nach dem Erlöser Ausschau. Als sie Longinus kommen sehen, eilen sie zu Maria, um es ihr mitzuteilen. Maria, von Johannes an einem Ellbogen gestützt, verläßt – majestätisch in ihrem Schmerz – die Bergwand und begibt sich entschlossen in die Mitte der Straße. Beim Herannahen des Longinus tritt sie ein wenig zur Seite. Dieser blickt von seinem Rappen herab auf die bleiche Frau und ihren blonden Begleiter, der dieselben sanften himmelblauen Augen hat wie sie, und schüttelt den Kopf im Vorüberreiten, gefolgt von den elf Berittenen.

Maria versucht, zwischen den zu Fuß gehenden Soldaten durchzukommen. Aber diese sind erhitzt und haben es eilig und versuchen, sie mit den Speerschäften abzuhalten, um so mehr, als Steine heranschwirren als Protest gegen so viel Mitleid. Es sind die Juden, die noch über den durch die frommen Frauen verursachten Aufenthalt verärgert sind und sagen: «Schnell! Morgen ist Passah. Alles muß vor dem Abend zu Ende sein! Ihr Komplizen! Ihr Verächter unseres Gesetzes! Ihr Unterdrücker! Tod den Invasoren und ihrem Christus! Sie lieben ihn! Und wie sie ihn lieben!

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Aber nehmt ihn euch nur! Bringt ihn in eure verfluchte Stadt! Wir lassen ihn euch! Wir wollen ihn nicht! Das Aas dem Aas! Der Aussatz den Aussätzigen!»

Longinus hat genug von dieser schimpfenden Meute und gibt dem Pferd die Sporen, gefolgt von den zehn Lanzenreitern, so daß die Leute zum zweiten Mal fliehen. Während er dies tut, bemerkt er einen Karren, der wohl von den Gärten am Fuß des Berges heraufgekommen ist und mit seiner Ladung Salat wartet, bis die Menge vorüber und der Weg zur Stadt frei ist. Mir scheint, daß auch etwas Neugier den Cyrenäer und seine beiden Söhne dort hinaufgeführt hat, denn eigentlich hätten sie diesen Weg nicht zu nehmen brauchen. Die beiden Söhne, die sich auf das Grünzeug gelegt haben, schauen den fliehenden Juden lachend nach. Der Mann, ein sehr kräftiger, etwa fünfundvierzigjähriger Mann, steht neben seinem erschrockenen Eselchen, das zurückzuweichen versucht, und betrachtet aufmerksam den Zug.

Longinus mustert ihn, denkt, daß er ihm gerade recht kommt und befiehlt: «Mann, komm her!» Der Cyrenäer tut, als habe er nichts gehört. Aber mit Longinus ist nicht zu spassen. Er wiederholt den Befehl in einem Ton, daß der Mann einem seiner Söhne die Zügel zuwirft und dem Centurio entgegengeht.

«Siehst du den Mann dort?» fragt er. Und während er es sagt, dreht er sich um, zeigt auf Jesus und sieht, wie Maria die Soldaten anfleht, sie durchzulassen. Er hat Mitleid mit ihr und ruft: «Laßt die Frau passieren!» Dann sagt er wieder zu dem Cyrenäer: «Er kann so beladen nicht weitergehen. Du bist kräftig. Nimm das Kreuz und trage es ihm bis zum Gipfel.»

«Ich kann nicht... Ich habe den Esel... Er ist bockig... Die Jungen können ihn nicht halten ...»

Aber Longinus entgegnet: «Geh, wenn du nicht den Esel verlieren und zwanzig Stockschläge Strafe bekommen willst.»

Der Cyrenäer wagt es nicht, sich weiterhin zu weigern. Er ruft den Jungen zu: «Geht rasch nach Hause und sagt, daß ich bald nachkomme», und geht zu Jesus.

Er erreicht ihn, als Jesus sich gerade der Mutter zuwendet, die er erst jetzt auf sich zukommen sieht, da er tief gebeugt und mit fast geschlossenen Augen geht und daher kaum etwas sieht, und ruft: «Mama!»

Es ist das erste Wort seit Beginn seiner Tortur, das sein unendliches Leiden zum Ausdruck bringt. Denn dieser Aufschrei enthält seinen ganzen furchtbaren geistigen, seelischen und körperlichen Schmerz. Es ist der gequälte, herzzerreißende Schrei eines Kindes, das allein sterben muß, unter Leiden und schlimmsten Martern... und das sich schließlich sogar vor seinen eigenen Atemzügen fürchtet. Es ist die Klage eines fiebernden, von bösen Alpträumen gequälten Kindes... Und es verlangt nach der

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Mutter, der Mama, denn nur ihre kühlenden Küsse lindern die Hitze des Fiebers, nur ihre Stimme verjagt die Gespenster, und nur ihre Umarmung läßt den Tod weniger furchtbar erscheinen...

Maria greift mit der Hand ans Herz, als ob es von einem Dolch durchbohrt worden wäre, und wankt leicht. Doch dann erholt sie sich, beschleunigt ihren Schritt und ruft, während sie mit ausgestreckten Armen zu ihrem gequälten Jesus eilt: «Sohn!» Sie sagt es so, daß es jedem das Herz zerreißt, der nicht das Herz einer Hyäne hat.

Ich sehe, daß sich auch unter den Römern Mitleid regt... und dabei sind es doch Soldaten, denen das Töten nicht fremd ist und die von Narben bedeckt sind... Aber die Worte: «Mama!», und: «Sohn!», sind immer dieselben und werden von allen, die nicht schlimmer als Hyänen sind, gesprochen und verstanden. Und sie erwecken daher überall Mitleid.

Auch der Cyrenäer empfindet dieses Mitleid... und als er sieht, daß Maria ihren Sohn nicht umarmen kann, da das Kreuz sie daran hindert, und daß sie die ausgestreckten Arme in Anbetracht dieser Unmöglichkeit wieder sinken läßt – sie sieht ihn nur an und will ihm zulächeln mit ihrem Märtyrerlächeln, um ihm Mut zu machen, während ihre bebenden Lippen ihre Tränen trinken; und er wendet ihr das Haupt unter dem Joch des Kreuzes zu und versucht ebenfalls, sie anzulächeln und ihr einen Kuß seiner armen, wunden, zerschlagenen und durch das Fieber aufgesprungenen Lippen zu schicken – da beeilt sich der Cyrenäer, ihm das Kreuz abzunehmen, und er tut es mit der Umsicht eines Vaters, um nicht an die Dornenkrone zu stoßen oder die Wunden zu berühren.

Aber Maria kann ihren Sohn nicht küssen... Schon die geringste Berührung wäre eine Tortur für den gemarterten Körper, und sie verzichtet darauf. Und zudem... die heiligsten Gefühle haben eine tiefe Scham. Sie verlangen Ehrfurcht oder zumindest Mitleid. Hier sind sie von Neugier und Verachtung umgeben. So küssen sich nur die beiden angstvollen Seelen.

Der Zug setzt sich wieder in Bewegung unter dem Druck des wütenden Volkes, das von hinten drängt und die Mutter von ihrem Sohn trennt. Sie wird an den Berg gedrückt und ist dem Spott eines ganzes Volkes ausgesetzt... Nun geht hinter Jesus der Cyrenäer mit dem Kreuz. Jesus fällt das Gehen jetzt, da er von dieser Last befreit ist, leichter. Er keucht zwar stark und legt oft die Hand aufs Herz, als hätte er einen großen Schmerz, eine Wunde dort in der Herzgegend, aber er kann nun, da seine Hände nicht mehr gebunden sind, die ins Gesicht hängenden, von Schweiß und Blut verklebten Haare hinter die Ohren zurückstreichen, um die Luft in seinem blutleeren Gesicht zu spüren, und die Kordel am Hals lösen, um leichter zu atmen. Er kann besser gehen.

Maria hat sich mit den Frauen zurückgezogen. Sie schließt sich dem Zug an, als dieser vorüber ist, erreicht über eine Abkürzung den Gipfel des Berges und trotzt allen Schmähungen des kannibalischen Pöbels.

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Nun, da Jesus frei ist, geht es rascher mit der letzten Wegstrecke um den Berg, und der Gipfel voll lärmender Leute ist schon nahe.

Longinus hält sein Pferd an und befiehlt, daß alle, ohne Ausnahme, weiter nach unten zurückgedrängt werden sollen, damit der Gipfel, der Ort der Hinrichtung, frei wird. Eine halbe Centurie führt den Befehl aus, eilt auf den Platz und verjagt mitleidlos alle, die sich dort befinden, unter Zuhilfenahme der Schwerter und Lanzen. Unter dem Hagel der Hiebe und Schläge fliehen die Juden vom Gipfel und würden nun gerne auf dem ebenen Platz weiter unten stehenbleiben. Aber die, die dort zuerst waren, lassen das nicht zu. So entstehen wilde Raufereien unter dem Volk, das sich wie irrsinnig gebärdet.

Wie schon einmal gesagt, hat der Gipfel des Kalvarienberges die Form eines ungleichen Trapezes, das auf der einen Seite etwas höher ist und von wo der Berg über die Hälfte seiner Höhe steil abfällt. Auf diesem kleinen Platz sind schon die drei tiefen Löcher vorbereitet und mit Ziegeln oder Schiefer ausgekleidet, eben eigens zu diesem Zweck hergerichtet. Daneben liegen Steine und Erde, um damit den Kreuzen Halt zu geben. Andere Löcher hat man voller Steine gelassen. Man versteht, daß diese von Fall zu Fall ausgeräumt werden, je nach der notwendigen Anzahl.

Unter dem trapezförmigen Gipfel befindet sich auf der Seite, wo der Berg nicht so steil ist, eine leicht abfallende Terrasse, die einen zweiten kleinen Platz bildet. Von diesem führen zwei breite Wege um den Gipfel, so daß dieser isoliert und auf allen Seiten ungefähr zwei Meter höher liegt.

Die Soldaten, die die Menschenmenge vom Gipfel vertrieben haben, legen die Streitigkeiten durch die Überzeugungskraft ihrer Lanzenschäfte bei und schaffen Platz, damit der Zug das letzte Stück Weg ohne Hindernisse zurücklegen kann; und sie bilden einen Schutzwall, während die drei Verurteilten, umgeben von den Reitern und gefolgt von der anderen halben Centurie an die Stelle gelangen, wo alle stehenbleiben müssen: am Fuß der natürlichen erhöhten Bühne, die der Gipfel des Golgotha ist.

Während dies geschieht, bemerke ich die Marien und etwas hinter ihnen Johanna des Chuza mit vier der Frauen von zuvor. Die übrigen haben sich zurückgezogen. Sie müssen es allein getan haben, denn Jonathan steht hinter seiner Herrin. Die, die wir Veronika nennen und die Jesus Nike genannt hat, ist nicht mehr da, und auch ihre Dienerin nicht. Auch die ganz Verschleierte, der die Soldaten gehorcht haben, ist nicht mehr da. Ich sehe Johanna, die alte Elisa, Anna und zwei, die ich nicht genau erkennen kann. Hinter diesen Frauen und den Marien sehe ich Joseph und Simon des Alphäus und Alphäus der Sara mit der Gruppe der Hirten. Sie haben sich gegen alle verteidigt, die sie unter Beschimpfungen vertreiben wollten, und die durch die Liebe und den Schmerz vervielfachten Kräfte dieser Männer und die angewendete Gewalt haben gesiegt. So bilden sie nun einen Halbkreis, und die feigen Juden beschränken sich darauf, ihnen schreiend zu drohen

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und die Fäuste zu schütteln. Mehr nicht, denn die Stöcke der Hirten sind knotig und schwer, und an Kraft und Zielgenauigkeit fehlt es diesen mutigen Männern auch nicht. Und was ich sage, ist nicht übertrieben. Es braucht schon wirklichen Mut, damit so wenige, die noch dazu als Galiläer oder Anhänger des Galiläers bekannt sind, sich gegen eine ganze feindselige Volksmenge behaupten. Die einzige Stelle auf dem ganzen Kalvarienberg, wo man Christus nicht lästert!

Der Berg gleicht auf den drei Seiten, die nicht so steil abfallen, einem Ameisenhaufen. Den gelben, nackten Boden kann man nicht mehr sehen. In der Sonne, die einmal scheint und dann wieder verschwindet, sieht es aus wie eine Wiese voll bunter Blumen, so dicht drängen sich die farbigen Kopfbedeckungen und Mäntel dieser Sadisten. Auf der anderen Seite des Baches, auf der Straße noch eine Volksmenge; hinter der Mauer und auf den Terrassen in der Nähe ebenfalls überall Menschen. Die übrige Stadt leer... verlassen... schweigend. Alles ist hier. Die ganze Liebe und der ganze Haß, das ganze Schweigen, das liebt und verzeiht, und der ganze Lärm, der haßt und beschimpft.

Während die mit der Hinrichtung beauftragten Männer ihr Werkzeug vorbereiten und die Löcher vollends entleeren, während die Verurteilten in der Mitte ihres Vierecks warten, beschimpfen die Juden, die sich auf die entgegengesetzte Seite geflüchtet haben, die Marien. Auch die Mutter beleidigen sie: «Tod den Galiläern! Tod! Galiläer! Galiläer! Verfluchte! Tod dem galiläischen Gotteslästerer! Schlagt auch den Leib, der ihn getragen hat, ans Kreuz! Weg mit den Schlangen, die Dämonen gebären! Zum Tod! Reinigt Israel von den Frauen, die sich mit dem Bock vereinigt haben... !»

Longinus, der vom Pferd gestiegen ist, wendet sich um und sieht die Mutter. Er befiehlt, diese Pöbeleien zu beenden... Die halbe Centurie hinter den Verurteilten geht auf das Gesindel los und macht auch den zweiten Platz frei, während die Juden über den Berg fliehen und sich dabei gegenseitig stoßen und treten. Auch die anderen Soldaten steigen vom Pferd, und einer nimmt die elf Pferde und das des Centurio und führt sie in den Schatten.

Der Centurio begibt sich zum Gipfel. Johanna des Chuza tritt vor und hält ihn an. Sie gibt ihm die Amphore und eine Börse. Dann zieht sie sich weinend zurück und geht mit den anderen an den äußersten Rand des Berges.

Oben ist alles bereit. Die Verurteilten werden hinaufgeführt. Jesus kommt noch einmal an der Mutter vorbei, die aufstöhnt, es jedoch zu verbergen versucht und sich den Mantel vor den Mund hält. Die Juden sehen es und lachen und spotten darüber.

Johannes, der sanfte Johannes, der einen Arm um Maria gelegt hat, um sie zu stützen, dreht sich mit zornblitzenden Blicken um. Seine Augen

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sprühen Feuer, und ich glaube, wenn er nicht die Frauen zu beschützen hätte, würde er einen der Feiglinge an der Kehle packen.

Kaum sind die Verurteilten auf dem Platz der Hinrichtung angelangt, umgeben die Soldaten den Ort von drei Seiten. Nur die Seite, wo der Fels steil abfällt, bleibt frei.

Der Centurio befiehlt dem Cyrenäer, sich zu entfernen. Dieser geht nun schweren Herzens, ich würde sagen, nicht aus Sadismus, sondern aus Liebe. Deshalb bleibt er bei den Galiläern stehen und teilt mit ihnen die Schmähungen, mit denen das Volk die wenigen Getreuen des Christus überschüttet.

Die beiden Räuber werfen fluchend ihre Kreuze zu Boden. Jesus schweigt.

Die via dolorosa ist zu Ende.

670. DIE KREUZIGUNG

Vier muskulöse Männer, dem Aussehen nach Juden, und des Kreuzes würdigere Juden als die Verurteilten, gewiß von der gleichen Sorte wie die Geißler, springen von einem Pfad zur Hinrichtungsstätte hinauf. Sie tragen kurze ärmellose Tuniken und haben Nägel, Hämmer und Stricke in den Händen, die sie den drei Verurteilten grinsend zeigen. Durch die Menge geht eine Bewegung grausamer Begeisterung.

Der Centurio bietet Jesus den Krug an, damit er den schmerzlindernden Myrrhenwein zu sich nimmt. Doch Jesus lehnt ab. Die beiden Räuber hingegen trinken viel davon. Dann stellt man die weithalsige Amphore neben einen großen Stein, fast an den äußersten Rand des Gipfels.

Den Verurteilten wird nun befohlen, sich zu entkleiden. Die beiden Räuber tun dies ohne die geringste Scham. Sie vergnügen sich sogar damit, obszöne Gesten in Richtung der Menge und besonders der Priester in ihren weißen Leinengewändern zu machen, die ganz langsam auf den unteren kleinen Platz zurückgekehrt sind und ihr Ansehen ausgenützt haben, um sich dorthin vorzudrängen. Zu den Priestern sind zwei oder drei Pharisäer gekommen und andere anmaßende Gestalten, die der Haß zu Freunden macht. Ich sehe bekannte Personen, wie die Pharisäer Jochanan und Ismael, den Schriftgelehrten Sadok, Eli von Kapharnaum...

Die Henker reichen den Verurteilten drei Lappen, damit sie sie um ihre Lenden binden. Die Räuber nehmen sie unter schrecklichen Flüchen. Jesus, der sich langsam entkleidet wegen der schmerzenden Wunden, lehnt ab. Vielleicht will er die kurzen Beinkleider anbehalten, die er auch bei der Geißelung getragen hat. Als ihm aber gesagt wird, daß er auch diese ablegen muß, streckt er die Hand aus, um vom Henker den Lappen

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zu erbitten und damit seine Blöße zu bedecken. Er ist nun wirklich der Erniedrigte, der selbst von Verbrechern einen Fetzen Stoff erbitten muß.

Doch Maria hat die Szene beobachtet und den langen weißen Schleier abgenommen, der ihr Haupt unter dem dunklen Mantel bedeckt und in den sie schon so viele Tränen geweint hat. Sie nimmt den Schleier ab, ohne daß der Mantel fällt, und gibt ihn Johannes, damit dieser ihn Longinus für den Sohn reiche. Der Centurio nimmt den Schleier widerspruchslos, und als er sieht, daß Jesus sich vollends entkleidet, wobei er sich vom Volk abwendet, so daß man seinen Rücken voll blauer Flecken und Blasen, offener blutender Wunden oder dunkler Blutkrusten sieht, übergibt er ihm das Tuch der Mutter. Jesus erkennt es. Er wickelt es mehrmals um die Hüften und befestigt es gut, damit es nicht rutscht... Und auf das bisher nur von Tränen benetzte Leinen fallen die ersten Blutstropfen, denn die vielen, kaum von Schorf bedeckten Wunden öffnen sich wieder, als er sich bückt, um Kleider und Sandalen abzulegen, und das Blut beginnt erneut zu fließen.

Nun wendet sich Jesus dem Volk zu. Und man sieht, daß auch die Brust, die Arme und die Beine voller Geißelhiebe sind. In der Lebergegend ist ein großer, blutunterlaufener Fleck, und unter dem linken Rippenbogen sind sieben geschwollene Striemen, die in einem violetten Kreis kleiner blutender Wunden enden... ein grausamer Geißelhieb in die so empfindliche Zwerchfellgegend. Die Knie sind durch die zahlreichen Stürze gleich nach der Gefangennahme und bis hinauf zum Kalvarienberg von schwarzen Blutergüssen bedeckt und an den Kniescheiben aufgeschlagen. Vor allem das rechte ist eine einzige blutige Wunde.

Das Volk verhöhnt ihn im Chor: «Oh, Schöner! Der Schönste unter den Menschenkindern! Die Töchter Jerusalems beten dich an...» und sie stimmen im Ton der Psalmen an: «Mein Geliebter ist weiß und rot, und er ragt hervor aus Zehntausenden. Sein Haupt ist feines Gold; wie Dattelrispen sind seine Locken, seidig wie das Gefieder der Raben. Seine Augen sind zwei Tauben am Wasser eines Baches, die sich baden in Milch, in der Milch seiner Augäpfel. Seine Wangen sind wie balsamische Beete. Wie Lilien sind seine Purpurlippen, sie träufeln flüssige Myrrhe. Es sind wie von Gold gedreht seine Hände, mit rosenroten Hyazinthen besetzt. Sein Leib ist wie Elfenbein, geschmückt mit Saphir. Seine Beine sind Marmorsäulen auf Sockeln von Feingold. Dem Libanon gleicht seine Majestät, den hohen Zedern sein Wuchs. Sein Mund ist voll Süße, alles ist Liebreiz an ihm.» Und sie lachen und schreien weiter: «Der Aussätzige, der Aussätzige! Hast du vielleicht mit einem Götzen Unzucht getrieben, daß Gott dich so sehr straft? Hast du dich gegen die Heiligen Israels aufgelehnt, wie Maria des Moses, daß du so gezüchtigt wirst? Oh! Oh, der Vollkommene! Du bist der Sohn Gottes? Aber nein! Die Mißgeburt Satans bist du! Aber er, Mammon, ist wenigstens mächtig und stark. Du... bist nur ein ohnmächtiges, schmutziges Nichts.»

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Die Räuber werden an die Kreuze gebunden und an ihre Plätze getragen, einer rechts und der andere links von dem für Jesus bestimmten Platz. Sie schreien, verwünschen und fluchen, besonders als man die Kreuze zu den Löchern trägt und die Stricke durch die Erschütterung in die Gelenke einschneiden. Ihre Flüche gegen Gott, gegen das Gesetz, gegen die Römer und gegen die Juden sind höllisch.

Nun ist Jesus an der Reihe. Er legt sich ohne Widerstand zu leisten auf das Holz. Die beiden Räuber waren so rebellisch, daß die vier Henker allein mit ihnen nicht fertig wurden und Soldaten zu Hilfe rufen mußten, um sie festzuhalten, damit sie nicht beim Anbinden der Handgelenke Fußtritte bekämen. Bei Jesus braucht es keine Hilfe. Er legt sich nieder, legt das Haupt an die bezeichnete Stelle. Er öffnet die Arme, wie sie ihm zu tun gebieten, und streckt die Beine aus, wie es befohlen wird. Er sorgt nur dafür, daß das Tuch richtig sitzt.

Nun hebt sich sein schlanker, weißer Körper von dem dunklen Holz und dem gelben Erdboden ab. Zwei Henker setzen sich auf seinen Oberkörper, um ihn festzuhalten. Ich denke darüber nach, welche Beklemmung und welchen Schmerz ihm dieses Gewicht verursachen muß. Ein dritter nimmt den rechten Arm und hält mit einer Hand den Unterarm und mit der anderen die Finger fest. Der vierte, der schon den langen, spitzen viereckigen Nagel mit dem großen, flachen, runden Kopf in der Hand hat, prüft, ob das bereits in das Holz gebohrte Loch sich an der dem Handgelenk entsprechenden Stelle, wo Elle und Speiche zusammen treffen, befindet. Es paßt. Der Henker setzt den Nagel an den Puls, hebt den Hammer und führt den ersten Schlag.

Jesus, der die Augen geschlossen hatte, schreit bei diesem Schmerz auf, zuckt zusammen und öffnet weit die in Tränen schwimmenden Augen. Es muß ein schrecklicher Schmerz sein, den er fühlt... Der Nagel dringt ein, zerreißt Muskeln, Adern und Nerven und zerbricht die Knochen...

Maria antwortet auf den Schrei ihres gequälten Sohnes mit einem Stöhnen, das dem Klagen eines geschlachteten Lammes gleicht. Sie krümmt sich vor Schmerz und faßt sich mit den Händen an den Kopf. Jesus gibt nun keinen Laut mehr von sich, um sie nicht zu quälen. Aber die Schläge sind regelmäßig und hart, Eisen auf Eisen... und darunter ist ein lebendiges Glied, das sie empfängt.

Die rechte Hand ist angenagelt. Nun kommt die linke. Das Loch entspricht nicht dem Gelenk. Also nehmen sie einen Strick, binden ihn an das linke Gelenk und ziehen daran, bis die Knochen ausgerenkt und die Sehnen und Muskeln und die schon von den Stricken der Gefangennahme wunde Haut zerrissen sind. Auch die andere Hand leidet natürlich darunter, denn durch das Zerren vergrößert sich die Nagelwunde. Nun liegt das Loch gerade zwischen Handfläche und Handgelenk. Sie finden sich damit ab und schlagen den Nagel ein, wo sie können, zwischen dem Daumen und

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den anderen Fingern, genau in der Mitte der Handfläche. Hier dringt er leichter ein, ist jedoch schmerzhafter, denn er durchtrennt wohl wichtige Nerven, so daß die Finger nun unbeweglich sind, während die Finger der rechten Hand zittern und zucken als Beweis ihrer Beweglichkeit. Doch Jesus schreit nicht mehr. Er stöhnt nur noch heiser mit aufeinandergepreßten Lippen, und Tränen des Schmerzes rinnen zur Erde, nachdem sie zuerst auf das Holz getropft sind.

Nun sind die Füße an der Reihe. Ungefähr zwei Meter oder mehr vom Ende des Kreuzes entfernt ist ein kleiner Keil, kaum ausreichend für einen Fuß. Auf dieses Holz legen sie die Füße, um zu sehen, ob das Maß stimmt. Da es etwas zu weit unten ist und die Füße nicht ganz bis zu dem Keil reichen, ziehen sie den armen Märtyrer an den Knöcheln. Das rauhe Holz des Kreuzes scheuert an den Wunden, verrückt die Dornenkrone, die noch mehr Haare ausreißt und herunterzufallen droht... Ein Henker drückt sie ihm durch einen Schlag mit der Hand wieder auf das Haupt.

Nun rücken die Männer, die auf der Brust Jesu gesessen sind, auf die Knie hinunter, denn Jesus zieht unwillkürlich die Beine an, als er in der Sonne den langen Nagel glänzen sieht, der doppelt so lang und doppelt so dick wie die Nägel für die Hände ist. Sie setzen sich auf seine zerschundenen Knie und drücken auf die armen zerschlagenen Schienbeine, während die beiden anderen das viel schwierigere Unternehmen, einen Fuß über dem anderen anzunageln, beginnen. Dabei sollen auch die Gelenke an der Fußwurzel aufeinanderliegen.

Aber so sehr sie auch achtgeben und die Füße am Knöchel und an den Zehen gegen den Keil drücken, verschiebt sich doch der untere Fuß wegen der Erschütterung durch den Nagel, und sie müssen diesen wieder fast ganz herausziehen. Denn nachdem er durch die weicheren Teile gedrungen ist, muss er nun etwas weiter in der Mitte eingeschlagen werden. Und er ist beim Durchbohren des rechten Fußes schon stumpf geworden. Sie hämmern und hämmern und hämmern... Man hört nichts als den schrecklichen Klang des Hammers auf dem Kopf des Nagels, denn alle auf dem Kalvarienberg sind ganz Auge und Ohr und verfolgen gespannt jede Bewegung und jeden Laut, um sich daran zu ergötzen...

Die leise Klage einer Taube begleitet das harte Klingen des Eisens: das heisere Stöhnen Marias, die sich bei jedem Hammerschlag mehr zusammenkrümmt, als ob der Hammer auf sie, die Mutter-Märtyrerin, niedersausen würde. Und sie ist zu recht von dieser Tortur zutiefst erschüttert. Die Kreuzigung ist furchtbar. Wenn auch die großen Schmerzen denen der Geißelung gleichen, so ist sie doch schrecklicher anzusehen, denn man sieht den Nagel in das lebendige Fleisch eindringen. Aber dafür dauert sie nur kurz, während die Geißelung durch ihre Länge erschöpft hat.

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Für mich sind die Todesangst am Ölberg, die Geißelung und die Kreuzigung die furchtbarsten Augenblicke. Sie enthüllen mir die ganze Qual des Christus. Der Tod ist für mich eine Erleichterung, denn ich sage mir: «Es ist vollbracht.» Doch diese Qualen sind nicht das Ende, sondern der Beginn neuer Leiden.

Nun schleifen sie das Kreuz zu dem Loch; es hüpft auf dem unebenen Boden und schüttelt den armen Gekreuzigten. Beim Aufrichten entgleitet es zweimal ihren Händen und fällt einmal auf die Rückseite, das andere Mal auf die rechte Seite, was Jesus neue schreckliche Schmerzen bereitet, denn die plötzlichen Erschütterungen zerren an den verletzten Gliedern. Als sie aber dann das Kreuz in sein Loch fallen lassen, schwankt es, bevor sie es mit Steinen und Erde befestigen, samt dem an drei Nägeln daran hängenden armen Körper in alle Richtungen, und das Leiden muß unaussprechlich sein.

Das ganze Gewicht des Körpers hängt nach vorn und nach unten, und die Löcher der Wunden erweitern sich, besonders das der linken Hand. Auch die Wunden der Füße werden größer und das Blut fließt stärker. Während das Blut der Füße von den Zehen zu Boden tropft und am Balken des Kreuzes entlangrinnt, rinnt das Blut von den Händen, die sich in größerer Höhe befinden als die Schultern, über den Unterarm zu den Achseln und an den Rippen hinunter bis zum Gürtel. Die Dornenkrone verschiebt sich, als das Kreuz schwankt, bevor man es befestigt; denn das Haupt fällt nach hinten, und der Nacken schlägt mit dem dicken dornigen Knoten am Ende der stacheligen Krone auf das Holz. Dann rutscht sie wieder auf die Stirn zurück und kratzt und kratzt erbarmungslos.

Endlich ist das Kreuz befestigt, und es bleibt nur noch der Schmerz, angenagelt zu sein. Man richtet auch die Räuber auf, die, kaum daß sie sich in der Vertikalen befinden, brüllen, als ob sie lebendig gekocht würden, denn die Stricke, die in die Gelenke einschneiden, die Adern dick anschwellen und die Hände schwarz werden lassen, bereiten große Schmerzen. Jesus schweigt. Das Volk aber schweigt nicht mehr, sondern schreit noch teuflischer.

Nun hat der Gipfel des Golgotha sein Siegeszeichen und seine Ehrenwache. An der höchsten Erhebung das Kreuz Jesu. Zu beiden Seiten die Schächer. Die halbe Centurie der Soldaten mit ihren Waffen unten rings um den Gipfel, und in diesem Kreis von Bewaffneten die zehn Fußsoldaten, die mit Würfeln um die Kleider der Verurteilten spielen. Zwischen dem Kreuz Jesu und dem rechten Schächer steht Longinus. Es scheint, als würde er dem Märtyrer-König die Ehrenwache halten. Die andere halbe Centurie ist in Ruhestellung und wartet auf dem Feldweg links und auf dem unteren Platz auf einen Befehl des Adjutanten des Longinus, falls sie zu etwas gebraucht würden. Die Soldaten zeigen fast völlige Teilnahmslosigkeit. Nur ab und zu schaut einer zu den Gekreuzigten empor.

Longinus hingegen betrachtet alles neugierig und interessiert, vergleicht

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und zieht seine Schlüsse. Er betrachtet die Gekreuzigten, besonders Christus, und die Zuschauer. Seinem forschenden Auge entgeht nicht die geringste Einzelheit. Um besser sehen zu können, beschattet er die Augen mit der Hand, da ihn die Sonne sicher stört.

Es ist wirklich eine eigenartige Sonne, rot und gelb wie das Feuer eines Brandes. Dann scheint es, als ob das Feuer plötzlich erlöschen würde, denn eine pechschwarze Wolke steigt hinter den Bergen Judäas auf, zieht mit großer Geschwindigkeit über den Himmel und verschwindet hinter einem anderen Gebirge. Als die Sonne nun wieder erscheint, ist sie so grell, daß das Auge sie kaum erträgt.

Als er um sich schaut, sieht er direkt unterhalb des höchsten Punktes Maria, die ihr schmerzgequältes Gesicht zu ihrem Sohn erhebt. Er ruft einen der würfelnden Soldaten und sagt: «Wenn die Mutter und ihr Sohn, der sie begleitet, heraufkommen wollen, sollen sie es tun. Begleite sie und hilf ihr.»

Maria steigt mit Johannes, dem vermeintlichen Sohn, die in den Tuffstein gehauenen Stufen empor, geht durch die Absperrung der Soldaten und an den Fuß des Kreuzes. Aber sie bleibt in geringer Entfernung davon stehen, damit sie von Jesus gesehen wird und ihn auch selbst sieht. Das Volk überhäuft sie sofort mit den schmutzigsten Schmähungen und schließt sie in die Lästerungen gegen ihren Sohn mit ein. Aber sie, mit bebenden und blutleeren Lippen, versucht nur, ihn zu trösten durch ein schmerzliches Lächeln, das Tränen überströmen, die kein noch so starker Wille in den Augen zurückhalten kann.

Das Volk, angefangen von den Priestern, den Schriftgelehrten, den Pharisäern, den Sadduzäern, den Herodianern und ähnlichen, hat seinen Spaß daran, wie bei einem Karussell den steilen Weg hinaufzusteigen, entlang der höchsten Erhebung zu gehen und dann auf der anderen Seite wieder hinunter, oder umgekehrt. Jedesmal, wenn sie am Fuß des Gipfels vorüberkommen, versäumen sie es nicht, dem Sterbenden zu Ehren lästerliche Worte hinaufzuschreien. Die ganze Schändlichkeit und Grausamkeit, der ganze Haß und Wahnsinn, deren die Zunge des Menschen fähig ist, wird hier ausgiebig von diesen höllischen Mäulern demonstriert. Die Erbarmungslosesten sind die Angehörigen des Tempels, unterstützt von den Pharisäern.

«Nun? Du Erlöser des Menschengeschlechtes, warum rettest du dich nicht? Hat dein König Beelzebub dich verlassen? Hat er dich verleugnet?» schreien drei Priester.

Und ein Schwarm Juden: «Du, der du vor kaum fünf Tagen mit Hilfe Satans den Vater hast sagen lassen... ha, ha, ha, daß er dich verherrlichen würde, warum erinnerst du ihn nicht daran, daß er sein Versprechen hält?»

Drei Pharisäer: «Gotteslästerer! Er sagt, er habe die anderen mit Gottes

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Hilfe gerettet. Und sich selbst kann er nicht retten! Du willst, daß man dir glaubt? So wirke doch ein Wunder! Du kannst es wohl nicht mehr? Nun haben wir dir die Hände angenagelt und dich entblößt.»

Einige Sadduzäer und Herodianer zu den Soldaten: «Vorsicht mit dem Zauber, ihr, die ihr seine Kleider genommen habt! Ein Zeichen der Hölle ist daran.»

Eine Volksmenge schreit: «Steige vom Kreuz, und wir werden dir glauben. Du, du willst den Tempel zerstören... Verrückter! ... Sieh ihn dir an, den herrlichen und heiligen Tempel Israels. Er ist unzerstörbar, du Schänder! Und du stirbst.»

Andere Priester sagen: «Gotteslästerer! Du willst der Sohn Gottes sein? Dann steige doch von dort herab! Zerschmettere uns, wenn du Gott bist. Wir fürchten dich nicht und spucken auf dich.»

Andere gehen vorüber und schütteln die Köpfe: «Er kann nur weinen! Rette dich doch, wenn es wahr ist, daß du der Erwählte bist!»

Die Soldaten: «So rette dich doch. Laß Feuer auf diesen Abschaum des Abschaums fallen! Ja, der Abschaum des Reiches seid ihr, jüdische Kanaillen! Tue es, und Rom wird dich auf das Kapitol erheben und dich wie einen Gott verehren!»

Die Priester mit ihrem Gefolge: «Die Arme der Frauen waren zarter als die des Kreuzes, nicht wahr? Aber schau, sie sind schon zu deinem Empfang bereit, deine... (und sie sagen ein häßliches Wort). Ganz Jerusalem steht dir zur Verfügung als Brautjungfer», und sie pfeifen wie Fuhrleute.

Andere werfen Steine: «Verwandle sie in Brot, du Brotvermehrer!»

Wieder andere äffen die Hosannarufe des Palmsonntags nach, werfen Zweige und schreien: «Verflucht sei, der da kommt im Namen des Teufels! Verflucht sei sein Reich! Ehre sei Sion, das die Lebenden von ihm befreit!»

Ein Pharisäer stellt sich vor das Kreuz, erhebt die Faust, macht ein Horn, um Unheil abzuwenden, und sagt: «"Ich übergebe dich dem Gott des Sinai", hast du einst gesagt. Nun bereitet dir der Gott des Sinai das höllische Feuer. Warum rufst du nicht Jonas, daß er dir den guten Dienst vergilt ?»

Ein anderer: «Beschädige das Kreuz nicht mit den Schlägen deines Kopfes. Wir brauchen es noch für deine Jünger. Eine ganze Legion von ihnen wird noch an deinem Holz sterben, das schwöre ich dir bei Jahwe! Als erster kommt Lazarus. Wir werden sehen, ob du ihn jetzt noch vor dem Tod rettest!»

«Ja! Ja! Gehen wir zu Lazarus! Nageln wir ihn an die andere Seite des Kreuzes!» Wie Papageien machen sie die langsame Redeweise Jesu nach und sagen: «Lazarus, mein Freund, komm heraus! Befreit ihn von den Binden und laßt ihn gehen.»

«Nein! Er hat zu Martha und Maria, seinen Weibern, gesagt: "Ich bin

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die Auferstehung und das Leben." Ha, ha, ha! Die Auferstehung kann den Tod nicht verjagen, und das Leben stirbt!»

«Dort sind Maria und Martha. Fragen wir sie, wo Lazarus ist, und dann gehen wir und holen ihn.» Sie gehen auf die Frauen zu und fragen sie frech: «Wo ist Lazarus? Im Palast?»

Maria Magdalena tritt auf sie zu, während die anderen entsetzt hinter die Hirten flüchten. In ihrem Schmerz kehrt die alte Dreistigkeit aus der Zeit ihrer Sünde wieder und sie ruft: «Geht nur! Ihr werdet im Palast römische Soldaten und fünfhundert Bewaffnete von meinen Feldern antreffen, die euch kastrieren werden wie alte Böcke, die zur Mahlzeit für die Sklaven an den Mühlen bestimmt sind.»

«Unverschämte! So redest du mit den Priestern?»

«Gotteslästerer! Schamlose! Verfluchte! Dreht euch um! Hinter euch, ich sehe es, lodern schon die Flammen des höllischen Feuers auf!»

Die Feiglinge wenden sich tatsächlich erschrocken um, denn Maria sagt dies mit so großer Sicherheit. Und wenn hinter ihnen auch keine Flammen sind, so doch die sehr spitzen Lanzen der Römer. Denn Longinus hat einen Befehl erteilt, und die halbe Centurie, die bisher inaktiv war, tut nun Dienst, indem sie die ersten, die ihr in den Weg geraten, in die Hinterbacken sticht. Diese fliehen schreiend auseinander, und die halbe Centurie bleibt, um die beiden Wege abzuriegeln und einen Wall um den Platz zu bilden. Die Juden fluchen, aber Rom ist stärker.

Magdalena läßt ihren Schleier, den sie zurückgeschlagen hatte, um den Beleidigern zu entgegnen, wieder herunter und kehrt an ihren Platz zurück. Auch die anderen Frauen kommen zu ihr zurück.

Doch der Räuber zur Linken setzt von seinem Kreuz aus die Beleidigungen fort. Es scheint, als wären alle Flüche der anderen in ihm angestaut, und er speit sie nun aus und fügt noch hinzu: «Rette dich und rette uns, wenn du willst, daß man dir glaubt. Du willst der Christus sein? Ein Irrer bist du! Die Welt gehört den Schlauen, und es gibt keinen Gott. Ich bin da. Das ist sicher, und mir ist alles erlaubt! Gott? ... Märchen! Das redet man uns ein, damit wir brav sind. Es lebe unser Ich! Unser Ich allein ist König und Gott!»

Der andere Räuber zur Rechten schaut Maria, die fast zu seinen Füßen steht, wohl noch mehr an als Jesus, weint seit einer Weile und flüstert: «Die Mutter!» Dann sagt er: «Schweig! Fürchtest du nicht einmal jetzt Gott, da du diese Strafe erleidest? Warum beleidigst du ihn, der gut ist? Er leidet noch mehr als wir, und er hat nichts Böses getan.»

Doch der Räuber fährt fort mit seinen Flüchen.

Jesus schweigt. Erschöpft durch seine Position, durch das Fieber und den Zustand seines Herzens und seiner Atmung als Folge der so heftigen Geißelung und der großen Todesangst, die ihn hat Blut schwitzen lassen, sucht er Erleichterung darin zu finden, daß er sich stärker an die Hände

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hängt, die Arme anspannt und so etwas Gewicht von den Füßen nimmt. Vielleicht tut er dies auch, um einen Krampf ein wenig abzuschwächen, der schon seine Füße befallen hat und sich in einem Zittern der Muskeln äußert. Aber dasselbe Zittern hat auch die Muskeln der Arme befallen, die in dieser Stellung übermäßig beansprucht sind. Die Hände müssen eiskalt sein, da sie am weitesten oben und nicht mehr durchblutet sind. Das Blut gelangt nur mit Mühe bis zu den Handgelenken, tropft dann aus den Löchern der Nägel und zirkuliert nicht mehr in den Fingern. Besonders die der linken Hand sind schon leichenblaß, reglos und nach innen gekrümmt. Auch die Zehen der Füße lassen ihre Qual erkennen – besonders die großen, deren Nerv vielleicht weniger verletzt ist – da sie sich heben und senken und sich spreizen.

Das ganze Leiden des Rumpfes zeigt sich in dem raschen, aber nicht tiefen Atem, der nur ermüdet und keine Erleichterung schafft. Der an sich schon breite und gewölbte Brustkasten – denn der Bau dieses Körpers ist vollkommen – ist nun über die Maßen ausgedehnt durch die Stellung des Körpers und das Lungenödem, das sich gewiß schon gebildet hat. Doch trägt dies nicht dazu bei, die mühevolle Atmung zu erleichtern, und der ganze Unterleib unterstützt sie durch die Bewegungen des Zwerchfells, die jedoch immer schwächer werden. Die Kongestion und die Erstickung nehmen von Minute zu Minute zu, wie man an der zyanotischen Farbe erkennt, die die Fieberröte der Lippen noch betont, und an den blauvioletten Streifen am Hals, entlang den geschwollenen Adern, die sich bis über die Wangen und in Richtung der Ohren und Schläfen ziehen. Die Nase ist spitz und blutleer, die Augen sind eingesunken und umgeben von einem bläulichen Ring – soweit das herabtropfende Blut der Dornenkrone ihn nicht bedeckt.

Unter dem linken Rippenbogen sieht man das unregelmäßige, aber heftige Schlagen der Herzspitze, und hie und da das durch einen inneren Krampf ausgelöste starke Zittern des Zwerchfells, das sich in der äußersten Ausdehnung der Haut zeigt, soweit sie sich noch ausdehnen kann an diesem armen verletzten, sterbenden Körper.

Das Antlitz hat schon den Ausdruck, den wir von den Fotografien des Grabtuchs kennen, mit der verunstalteten und auf einer Seite geschwollenen Nase. Auch das wegen der Schwellung auf dieser Seite fast geschlossene rechte Auge vergrößert die Ähnlichkeit noch. Der Mund hingegen ist geöffnet und die Verletzung an der Oberlippe nun von einer Kruste bedeckt.

Der durch den Blutverlust, das Fieber und die Sonne verursachte Durst muß sehr groß sein, denn Jesus trinkt mit mechanischen Bewegungen die Tropfen seines Schweißes und seiner Tränen und auch die Blutstropfen, die von der Stirn in den Schnurrbart rinnen, und benetzt damit seine Zunge... Die Dornenkrone erlaubt ihm nicht, das Haupt an das Kreuz anzulehnen,

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um mit den Armen mehr Kraft anzuwenden und die Füße zu entlasten. Die Nierengegend und das ganze Rückgrat wölben sich nach außen und sind vom Becken an aufwärts losgelöst vom Stamm des Kreuzes, entsprechend dem Trägheitsgesetz, das einen auf diese Weise aufgehängten Körper nach vorne fallen läßt.

Die von dem kleinen Platz vertriebenen Juden hören nicht auf zu beschimpfen, und der unbußfertige Räuber macht mit. Der andere, der nun mit immer größerem Mitleid die Mutter betrachtet und weint, rügt ihn hart, als er hört, daß auch Maria beschimpft wird.

«Schweig! Erinnere dich, daß eine Frau dich geboren hat. Und vergiß nicht, daß unsere Mütter um ihre Söhne geweint haben. Es waren Tränen der Scham... weil wir Verbrecher sind. Unsere Mütter sind tot... Ich wünschte, ich könnte die meine um Verzeihung bitten... Aber könnte ich das? Sie war eine Heilige... Ich habe sie getötet durch den Schmerz, den ich ihr zugefügt habe... Ich bin ein Sünder... Wer verzeiht mir? Mutter, im Namen deines sterbenden Sohnes, bitte für mich!»

Die Mutter erhebt einen Augenblick ihr schmerzgequältes Gesicht und sieht diesen Unglücklichen an, der durch die Erinnerung an seine Mutter und die Betrachtung der Mutter Jesu zur Reue gelangt; und es scheint, als liebkose sie ihn mit ihrem Taubenblick.

Dismas weint nun stärker. Dies läßt den Hohn der Menge und des Gefährten noch zunehmen. Erstere schreit: «Bravo! Nimm dir die zur Mutter. Dann hat sie zwei Verbrecher als Söhne!» Und der andere ist noch schlimmer: «Sie liebt dich, weil du eine kleinere Ausgabe ihres Vielgeliebten bist.»

Jesus spricht nun zum ersten Mal: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!»

Dieses Gebet besiegt die letzte Angst des Dismas. Er wagt es nun, Jesus anzusehen, und sagt: «Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst. Es ist gerecht, daß ich leide. Aber gewähre mir Barmherzigkeit und Frieden im anderen Leben. Einmal habe ich dich reden gehört, und töricht wie ich war, habe ich dein Wort abgelehnt. Nun bereue ich es. Ich bereue auch meine Sünden vor dir, Sohn des Allerhöchsten. Ich glaube, daß du von Gott kommst. Ich glaube an deine Macht. Ich glaube an deine Barmherzigkeit. Christus, verzeih mir im Namen deiner Mutter und deines heiligsten Vaters!»

Jesus wendet sich um, schaut ihn mit tiefem Mitleid an und hat ein immer noch wunderschönes Lächeln auf seinem armen, gequälten Mund. Er antwortet ihm: «Ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.»

Der reuige Schächer beruhigt sich, und da er die Gebete seiner Kinderzeit vergessen hat, wiederholt er wie ein Stoßgebet: «Jesus von Nazareth, König der Juden, erbarme dich meiner. Jesus von Nazareth, König der

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Juden, ich hoffe auf dich. Jesus von Nazareth, König der Juden, ich glaube an deine Gottheit.»

Der andere flucht weiter.

Der Himmel wird immer dunkler. Nun reißen die Wolken nur noch selten auf, um die Sonne scheinen zu lassen. Sie häufen sich in immer dickeren, bleiernen, weißen und grünlichen Schichten, schieben sich übereinander und verteilen sich dann wieder, je nach dem Verhalten eines kalten Windes, der von Zeit zu Zeit über den Himmel fegt, danach über die Erde, und sich dann wieder legt. Und die Atmosphäre ist fast noch unheimlicher, drückender und lebloser wenn er schweigt, als wenn er stark und schneidend weht und pfeift.

Das zuerst überaus grelle Licht wird nun ganz fahl. Die Gesichter bekommen ein sonderbares Aussehen. In dem grünlichen Licht unter dem aschgrauen Himmel erscheinen die Profile der Soldaten in ihren zuvor glänzenden und nun matt gewordenen Helmen und Panzern wie aus Stein gemeißelt. Die Juden, in der Mehrzahl braunhäutig mit braunem Haar und Bart, gleichen Ertrinkenden, so fahl sind ihre Gesichter. Die Frauen werden zu Statuen aus bläulich schimmerndem Schnee, denn das Licht verstärkt noch ihre große Blässe.

Auch Jesus scheint auf seltsame Weise bläulich zu werden, als würde die Auflösung schon beginnen, fast als wäre er schon gestorben. Das Haupt beginnt auf die Brust herabzuhängen. Die Kräfte lassen rasch nach. Er zittert trotz des Fiebers, das in ihm brennt. In seiner Schwäche flüstert er den Namen, den er bisher nur in seinem Herzen gesprochen hat: «Mama! Mama!» Er flüstert ihn so leise wie einen Seufzer, als würde ein leichtes Delirium es ihm schon unmöglich machen, das zurückzuhalten, was der Wille nicht preisgeben möchte. Maria streckt jedesmal spontan die Arme aus, als wolle sie ihm zu Hilfe eilen.

Das grausame Volk lacht über diese Qualen des Sterbenden und der leidenden Mutter. Die Priester und Schriftgelehrten steigen wieder zu den Hirten hinauf, die sich auf dem unteren Platz befinden. Und da die Soldaten sie zurückdrängen wollen, wehren sie sich und sagen: «Diese Galiläer bleiben hier? Dann bleiben auch wir hier, denn wir müssen uns vergewissern, daß bis zum Ende Gerechtigkeit geübt wird. Und aus der Ferne können wir bei dem eigenartigen Licht nichts erkennen.»

Viele fangen nun tatsächlich an, sich über das Licht zu wundern, das die Welt einhüllt, und einige haben Angst. Auch die Soldaten zeigen zum Himmel und auf eine Art Kegel, der aus Schiefer zu sein scheint und sich wie eine Pinie hinter einem Gipfel erhebt. Es scheint eine Wasserhose zu sein. Sie steigt immer höher, und es sieht aus, als ob sie immer schwärzere Wolken hervorbringen würde, fast wie ein Vulkan, der Rauch und Lava speit.

In diesem beängstigenden Dämmerlicht übergibt Jesus seine Mutter

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Johannes und Johannes seiner Mutter. Er neigt das Haupt, denn Maria ist direkt unter das Kreuz getreten, um ihn besser zu sehen, und sagt: «Frau, siehe da deinen Sohn. Sohn, siehe da deine Mutter.»

Marias Gesicht ist noch betrübter nach diesen Worten, die das Testament ihres Jesus sind, ihres Jesus, der seiner Mutter nichts geben kann als einen Menschen, er, der ihr aus Liebe zu den Menschen den aus ihr geborenen Gottmenschen nimmt. Doch die arme Mutter versucht, nur stumm zu weinen... denn sie bringt es nicht fertig, nicht zu weinen. Die Tränen fließen trotz aller Bemühungen, sie zurückzuhalten, auch wenn der Mund dabei unter Qualen lächelt, immer lächelt für ihn, um ihn zu trösten...

Die Leiden werden immer größer, während das Licht immer mehr abnimmt.

In diesem bläulichen Licht kommen plötzlich hinter den Juden Nikodemus und Joseph hervor und sagen: «Macht Platz!»

«Das geht nicht. Was wollt ihr?» entgegnen die Soldaten.

«Wir wollen durch. Wir sind Freunde des Christus.»

Die Köpfe der Priester fahren herum. «Wer wagt es hier, sich als Freund des Rebellen zu bekennen?» fragen sie entrüstet.

Joseph erwidert energisch: «Ich, ein erlauchtes Mitglied des Hohen Rates, Joseph von Arimathäa, der Älteste, und bei mir ist Nikodemus, Vorsteher der Juden.»

«Wer zu dem Rebellen hält, ist selbst ein Rebell.»

«Und wer zu den Mördern hält, ist selbst ein Mörder, Eleazar des Annas. Ich habe als Gerechter gelebt. Nun bin ich alt und dem Tod nahe. Ich will nicht ungerecht werden, während schon der Himmel auf mich herabkommt und mit ihm der ewige Richter.»

«Und du, Nikodemus! Ich wundere mich!»

«Ich auch. Und nur über eines: daß Israel so verdorben ist, daß es Gott nicht mehr erkennt.»

«Du ekelst mich an.»

«Dann tritt zur Seite und laß mich durch. Ich verlange nur das.»

«Um dich noch mehr zu verunreinigen?»

«Wenn ich dadurch nicht unrein geworden bin, daß ich in eurer Nähe war, dann kann mich nichts mehr verunreinigen. Soldat, hier ist der Passierschein und eine Börse für dich.» Und er gibt dem am nächsten stehenden Decurio einen Beutel und eine Wachstafel.

Der Decurio prüft sie und sagt zu den Soldaten: «Laßt die beiden durch.»

Joseph und Nikodemus gehen zu den Hirten. Ich weiß nicht, ob Jesus sie in dieser immer größeren Dunkelheit mit den sich im Todeskampf trübenden Augen noch sehen kann. Aber sie sehen ihn und weinen, ohne sich vor den Menschen zu schämen, obgleich sich nun die Schmähungen der Priester über sie ergießen.

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Die Leiden werden immer stärker. Der Körper krümmt sich in den ersten Anzeichen des Wundstarrkrampfes, und jedes neue Geschrei der Menge verschlimmert dies noch. Der Tod der Nerven und der Muskeln in den gemarterten Gliedern greift nun über auf den Rumpf, und die Atmung wird immer schwieriger, die Kontraktionen des Zwerchfells immer schwächer und die Herztätigkeit immer unregelmäßiger. Das Antlitz Jesu wechselt zwischen flammender Röte und der grünlichen Blässe eines an Ausblutung Sterbenden. Der Mund bewegt sich immer mühsamer, denn die überbeanspruchten Nerven und Muskeln des Halses und des Kopfes, die so viele Male als Hebel für den ganzen Körper dienen und sich gegen den Querbalken des Kreuzes stemmen mußten, übertragen nun den Krampf auf den Kiefer. Die von dem angestauten Blut in den Schlagadern geschwollene Kehle muß schmerzen und ihr Ödem auch auf die Zunge übertragen. Sie erscheint verdickt und bewegt sich nur langsam. Die Wirbelsäule wölbt sich immer stärker nach vorne – auch dann, wenn die Kontraktionen des Starrkrampfes sie nicht zu einem vollständigen Bogen vom Hals bis zu den Hüften spannen, wobei dann nur noch diese beiden Extreme den Stamm des Kreuzes berühren – denn die Glieder werden durch das Gewicht des toten Fleisches immer schwerer.

Die Leute sehen all dies nur schlecht oder undeutlich, denn der Himmel ist nun ein dunkles Aschgrau. Nur wer am Fuß des Kreuzes steht, kann es erkennen.

Auf einmal fällt Jesus vor und nach unten, so als sei er schon tot. Er keucht nicht mehr. Sein Kopf hängt herunter und der Körper hat sich von den Hüften an aufwärts ganz vom Kreuz gelöst und bildet einen Winkel zum Querbalken.

Maria schreit auf: «Er ist tot!» Ein tragischer Schrei, der durch die Dunkelheit hallt. Jesus scheint wirklich tot zu sein.

Der Schrei einer anderen Frau antwortet, und ich sehe ein Durcheinander in der Gruppe der Frauen. Dann entfernen sich etwa zehn Personen, die etwas tragen. Aber ich kann nicht sehen, wer sich entfernt. Das trübe Licht ist zu schwach. Es scheint, als ob alles in eine sehr dichte Wolke vulkanischer Asche gehüllt wäre.

«Das ist nicht möglich!» schreien die Priester und die Juden. «Man versucht nur, uns zu täuschen, damit wir fortgehen. Soldat, stich ihn mit der Lanze. Das ist eine gute Arznei, um ihm die Stimme wiederzugeben.»Und da die Soldaten es nicht tun, fliegen Steine und Erdschollen auf das Kreuz und treffen den Märtyrer und die Harnische der Römer.

Die Arznei, wie die Juden es ironisch nennen, wirkt das Wunder. Gewiß hat der eine oder andere Stein genau getroffen, vielleicht die Wunde einer Hand oder sogar das Haupt Jesu, denn sie haben nach oben gezielt. Jesus stöhnt mitleiderregend und kommt wieder zum Bewußtsein. Der Oberkörper beginnt erneut mühsam zu atmen, und der Kopf wendet sich

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von links nach rechts auf der Suche nach einer Position, die weniger schmerzt, doch er findet sie nicht und vermehrt nur die Schmerzen.

Mit großer Mühe stützt Jesus sich noch einmal auf die gequälten Füße – nur in seinem Willen findet er die Kraft dazu, nur darin – richtet sich am Kreuz auf, als wäre er gesund und ganz bei Kräften, erhebt das Antlitz und betrachtet mit weit offenen Augen die Welt zu seinen Füßen, die ferne Stadt, ein kaum sichtbarer weißer Schimmer in der Dunkelheit, und den schwarzen Himmel, von dem alles Blau und jede Spur von Licht verschwunden ist. Durch die Kraft seines Willens und in der Not seiner Seele überwindet Jesus das Hindernis des versteiften Kiefers, der verdickten Zunge und der ödematösen Kehle und ruft mit lauter Stimme zu diesem verschlossenen, undurchdringlichen, niedrigen Himmel, der einer riesigen dunklen Schiefertafel gleicht, hinauf: «Eloi, Eloi, lama sabachtani!»

Jesus muß sich sterben und absolut vom Himmel verlassen fühlen, wenn er mit einer solchen Stimme bekennt, daß ihn der Vater verlassen hat.

Das Volk lacht und verspottet ihn. Es schmäht: «Gott weiß mit dir nichts anzufangen. Die Dämonen sind von Gott verflucht.»

Andere rufen: «Nun werden wir sehen, ob Elias, den er ruft, ihn rettet.»

Und wieder andere: «Gebt ihm etwas Essig, damit er gurgeln kann. Das ist gut für die Stimme! Elias oder Gott – denn es ist nicht sicher, wen der Irre ruft – ist weit entfernt. Da braucht es eine starke Stimme, damit man gehört wird», und sie lachen wie Hyänen oder Dämonen.

Aber kein Soldat gibt Essig, und niemand kommt vom Himmel, um zu trösten. Es ist die einsame, totale, grausame, auch übernatürlich grausame Agonie des großen Opfers.

Die Flut trostlosesten Schmerzes, die ihn schon in Gethsemane überwältigt hat, kehrt wieder, und mit ihr die Wogen der Sünden der ganzen Welt, die den unschuldigen Schiffbrüchigen mit ihrer Bitterkeit überfluten. Vor allem kehrt das Gefühl wieder – das ihn mehr kreuzigt als das Kreuz selbst und mehr quält als jede andere Qual – daß Gott ihn verlassen hat und das Gebet nicht zu ihm aufsteigt...

Es ist die letzte Qual. Die Qual, die den Tod beschleunigt, da sie die letzten Tropfen Blut aus den Poren preßt und die letzten Fasern des Herzens zerreißt und herbeiführt, was durch die erste Erkenntnis dieser Verlassenheit begonnen hat: den Tod. Denn daran ist mein Jesus vor allem gestorben, o Gott, der du ihn unseretwegen geschlagen hast!

Was wird aus dem Menschen, wenn du ihn verläßt, wenn du ihn verlassen hast? Er verliert den Verstand oder er stirbt. Jesus konnte den Verstand nicht verlieren, denn seine Intelligenz war göttlich; und da die Intelligenz geistig ist, siegte sie über das totale Trauma des von Gott Getroffenen. Also starb er: der Tote, der heiligste Tote, der unschuldigste Tote. Tot, er, der das Leben war. Getötet durch das Verlassensein von dir und von unseren Sünden.

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Die Dunkelheit wird immer undurchdringlicher. Jerusalem verschwindet gänzlich. Selbst der Kalvarienberg scheint sich aufzulösen. Nur der Gipfel ist zu sehen, als würde ihn die Finsternis tragen, um das einzige und letzte verbleibende Licht zu sammeln und es wie ein Opfer mit seiner göttlichen Siegesbeute auf einen See von flüssigem Onyx zu legen, damit es von der Liebe und vom Haß gesehen werden kann.

Und aus dem Licht, das nicht mehr Licht ist, erklingt die klagende Stimme Jesu: «Mich dürstet!»

Es weht auch wirklich ein Wind, der selbst die Gesunden durstig werden läßt. Ein ständiger Wind, der jetzt stürmisch, voller Staub, kalt und beängstigend ist. Ich denke daran, welchen Schmerz dieser Wind mit seinem heftigen Wehen der Lunge, dem Herzen, dem Rachen und den eiskalten, gequälten verwundeten Gliedern Jesu bereiten muß. Alles hat sich verschworen, den Märtyrer zu quälen.

Ein Soldat geht zu einem Gefäß, in das die Gehilfen des Henkers Essig und Galle getan haben, die mit ihrer Bitterkeit den Speichelfluß der Hingerichteten vermehren sollen. Er nimmt den in die Flüssigkeit getauchten Schwamm, steckt ihn auf ein dünnes, aber steifes Rohr, das schon dafür bereitsteht, und reicht ihn dem Sterbenden. Jesus wendet sich begierig dem Schwamm zu. Er gleicht einem hungernden Kind, das die Brust der Mutter sucht.

Maria, die es sieht und gewiß ebenso denkt, lehnt sich an Johannes und seufzt: «Oh, und ich kann ihm nicht einmal eine Träne geben... Oh, meine Brust, warum hast du keine Milch? Oh, mein Gott, warum, warum verläßt du uns so? Ein Wunder für mein Kind! Wer hebt mich hinauf, damit ich ihn mit meinem Blut tränke, da ich keine Milch habe... ?»

Jesus, der gierig die scharfe, bittere Flüssigkeit eingesaugt hat, wendet angewidert den Kopf ab. Die Flüssigkeit muß vor allem eine ätzende Wirkung auf die wunden und rissigen Lippen haben. Er zieht sich zurück, sinkt in sich zusammen, gibt auf.

Das ganze Gewicht des Körpers fällt nun vor und auf die Füße. Und die durchbohrten Hände und Füße müssen den furchtbaren Schmerz erleiden, daß unter dem Gewicht des aufgegebenen Körpers ihre Wunden auseinanderklaffen und sich vergrößern. Keine Bewegung mehr, um diesen Schmerz zu lindern. Der Leib ist vom Becken an aufwärts vom Kreuz losgelöst und bleibt so.

Der Kopf hängt so schwer nach vorn, daß der Hals an drei Stellen ausgehöhlt zu sein scheint, an der Kehle und rechts und links des Kopfwender-Muskels. Das Atmen wird immer beschwerlicher und stockt von Zeit zu Zeit. Es ist schon mehr ein unterbrochenes Röcheln als ein Atmen. Ab und zu bringt ein schmerzlicher Hustenanfall einen leicht rosafarbenen Schaum auf die Lippen. Der Abstand zwischen dem Ein- und Ausatmen wird immer länger. Der Unterleib ist schon reglos. Nur die Brust hebt sich

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noch langsam und mühsam... Die Lungenlähmung nimmt unaufhaltsam

ZU.

Immer schwächer, wie eine kindliche Klage, erklingt der Ruf: «Mama!»Und die Arme flüstert: «Ja, mein Kleinod, ich bin hier!» Als sich ihm die Augen trüben, sagt er: «Mama, wo bist du? Ich kann dich nicht mehr sehen. Hast auch du mich verlassen?» Und es sind keine Worte mehr, sondern nur noch ein kaum hörbares Flüstern für den, der mehr mit dem Herzen als mit den Ohren jeden Seufzer des Sterbenden vernimmt. Und Maria antwortet: «Nein, nein, Sohn! Ich verlasse dich nicht! Höre mich, Lieber... Die Mama ist hier, hier ist sie... und ihr einziges Leid ist, daß sie nicht dorthin kommen kann, wo du bist ...»

Es ist herzzerreißend... und Johannes weint ganz offen. Jesus muß dieses Weinen hören, aber er sagt nichts. Ich nehme an, daß der eintretende Tod ihn wie im Delirium reden läßt, so daß er nicht mehr weiß, was er sagt, und nicht mehr den mütterlichen Trost und die Liebe des Lieblingsjüngers empfinden kann.

Longinus hat unbemerkt seine Ruhestellung mit den über der Brust verschränkten Armen und dem etwas vorgestellten Bein – einmal das eine, einmal das andere, um das lange Warten im Stehen etwas zu erleichtern – aufgegeben. Er steht nun stramm, die linke Hand am Schwert, die rechte gerade an der Seite, als ob er an den Stufen des kaiserlichen Thrones stehen würde, und will kein Mitleid zeigen. Aber sein Gesicht verändert sich in dem Bemühen, seine Rührung zu unterdrücken, und in seinen Augen glänzen Tränen, die nur seine eiserne Disziplin zurückhalten kann.

Die anderen, die würfelspielenden Soldaten, haben aufgehört, sind aufgestanden, haben ihre Helme, die ihnen als Würfelbecher gedient haben, wieder aufgesetzt und stehen nun schweigend und in Habachtstellung in einer Gruppe bei den aus dem Tuffstein gehauenen Stufen. Die übrigen sind bereits im Dienst und können ihre Stellung nicht ändern. Sie gleichen Statuen. Doch einer, der am nächsten steht und die Worte Marias hört, murmelt etwas zwischen den Zähnen und schüttelt den Kopf.

Tiefes Schweigen. Dann ganz klar und deutlich in der totalen Finsternis das Wort: «Es ist vollbracht.» Der Sterbende röchelt immer stärker, und der Abstand zwischen einem Röcheln und dem anderen wird immer länger.

Die Zeit verrinnt in diesem angstvollen Rhythmus. Das Leben kehrt zurück, wenn das rauhe Atmen des Sterbenden die Luft erfüllt... Das Leben schwindet, wenn man diesen schmerzlichen Klang nicht mehr hört.

Man leidet, wenn man ihn hört... Man leidet, wenn man ihn nicht hört... Man sagt: «Genug dieser Leiden!» und man sagt: «0 Gott, es wird doch nicht der letzte Seufzer sein!»

Die Marien weinen alle, das Haupt an die Erde des Hanges gelehnt.

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Und man hört ihr Weinen deutlich, denn das ganze Volk schweigt nun, um das Keuchen des Sterbenden zu vernehmen.

Wieder eine tiefe Stille. Dann, mit unendlicher Sanftmut und wie ein flehentliches Gebet, die Bitte: «Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist!»

Und wieder Schweigen. Auch das Röcheln wird leiser. Kaum ein Hauch vom Hals zu den Lippen.

Dann schließlich der letzte Krampf Jesu. Ein furchtbarer Krampf, der den mit den drei Nägeln an das Holz gehefteten Körper losreißen zu wollen scheint, läuft dreimal von den Füßen bis zum Kopf und durch alle die armen, gequälten Nerven, hebt dreimal den Unterleib auf unnatürliche Art und läßt ihn dann wieder sinken; nachdem er ihn aufgebläht hat wie bei einer Verstimmung der Eingeweide, fällt er zurück und sinkt ein, als wäre er leer. Den Oberkörper hebt er, bläht ihn auf und zieht ihn dann wieder so heftig zusammen, daß die Haut zwischen den stark hervortretenden Rippen verschwindet und die Geißelwunden sich erneut öffnen. Das Haupt wird einmal, zweimal, dreimal heftig zurückgeworfen und schlägt hart gegen das Holz. Alle Gesichtsmuskeln verkrampfen sich und ziehen sich zusammen, was noch die Verzerrung des Mundes nach rechts betont. Die Augen sind stark geweitet, und man sieht die Augäpfel kreisen und die Sklera erscheinen. Der ganze Körper spannt sich an, und beim letzten der drei Krämpfe ist er ein gespannter, zitternder, furchtbar anzusehender Bogen. Dann zerreißt ein gewaltiger, für diesen erschöpften Körper unvorstellbarer Schrei die Stille, der «große Schrei», von dem die Evangelien berichten und der die erste Hälfte des Wortes «Mama» ist ... Und dann nichts mehr...

Das Haupt fällt wieder auf die Brust, der Körper nach vorn. Das Zittern hört auf, der Atem ebenfalls. Jesus ist verschieden.

Die Welt antwortet auf den Schrei des Getöteten mit einem furchterregenden Getöse. Es scheint, als würden Tausende von Riesenmäulern ein einziges Brüllen ausstoßen. Und über diesem schrecklichen Akkord der ohrenbetäubende Lärm der einzelnen Blitze, die in alle Richtungen über den Himmel und auf die Stadt, den Tempel und die Menge herniederfahren... Es müssen Menschen vom Blitz erschlagen worden sein, denn das Volk ist direkt betroffen. Die Blitze sind das einzige sporadische Licht, das mir erlaubt zu sehen.

Und dann plötzlich, während die Entladungen der Blitze noch andauern, wird die Erde von einem zyklonartigen Wirbelsturm geschüttelt. Erdbeben und Sturm verbinden sich zu einer apokalyptischen Strafe für die Gotteslästerer. Der Gipfel des Golgotha bebt und wankt wie ein Teller in der Hand eines Irren bei den heftigen kurzen oder auch wellenartigen Stößen, die die drei Kreuze derart schütteln, daß man glaubt, sie müßten umfallen.

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Longinus, Johannes und die Soldaten halten sich fest, wo sie können und wie sie können, um nicht umzufallen. Johannes umfängt mit einem Arm das Kreuz und hält mit dem anderen Maria, die sich in ihrem Schmerz und wegen des Schwankens an seine Brust fallen läßt. Die anderen Soldaten, besonders die auf der steil abfallenden Seite, haben sich in die Mitte geflüchtet, um nicht über den Fels hinabzustürzen. Die Räuber schreien vor Schreck, die Menge schreit noch lauter und möchte fliehen, aber sie kann nicht. Einer fällt über den anderen, sie treten sich, stürzen in die Risse des Erdbodens, verletzen sich und rollen den Hang hinunter, wie von Sinnen.

Dreimal wiederholen sich Erdbeben und Sturmwind; dann herrscht die vollkommene Reglosigkeit einer toten Welt. Nur Blitze, auf die jedoch kein Donner folgt, fahren noch über den Himmel und beleuchten die Szene der in alle Richtungen fliehenden Juden. Sie fliehen, raufen sich die Haare, strecken die Hände vor sich aus oder zum Himmel, den sie bis jetzt verachtet haben und nun fürchten. Ein Lichtschimmer durchdringt die Finsternis und läßt mich zusammen mit den lautlosen magnetischen Blitzen erkennen, daß viele am Boden liegen: tot oder bewußtlos, ich weiß es nicht. Ein Haus brennt innerhalb der Mauern, und die Flammen steigen senkrecht auf in der ruhigen Luft und bilden einen feurigroten Punkt in dem grüngrauen Dunst.

Maria hebt das Haupt von der Brust des Johannes und schaut zu ihrem Jesus auf. Sie ruft ihn, denn sie kann bei dem schwachen Licht mit ihren armen Augen voller Tränen nur schlecht sehen. Dreimal ruft sie: «Jesus! Jesus! Jesus!» Es ist das erste Mal, daß sie ihn beim Namen ruft, seit sie auf dem Kalvarienberg ist. Endlich sieht sie ihn im Licht eines Blitzes, der eine Art Krone über dem Gipfel des Golgotha bildet. Reglos, ganz nach vorn hängend, mit so tief und zur rechten Seite geneigtem Haupt, daß es mit der Wange die Schulter und mit dem Kinn die Rippen berührt, und sie versteht. Sie streckt die in der dunklen Luft zitternden Arme aus und schreit: «Mein Sohn! Mein Sohn! Mein Sohn!» Dann horcht sie... Sie hat den Mund geöffnet, als wollte sie auch mit diesem hören, wie sie auch die Augen weit geöffnet hat, um zu sehen, zu sehen... Sie kann nicht glauben, daß ihr Sohn nicht mehr ist...

Johannes, der ebenfalls geschaut und gelauscht und verstanden hat, daß alles zu Ende ist, umarmt Maria und versucht, sie wegzuführen mit den Worten: «Er leidet nicht mehr.»

Doch bevor der Apostel den Satz beendet hat, befreit sich Maria, die nun auch verstanden hat, aus seinem Arm, dreht sich um, krümmt sich fast bis zum Boden, schlägt die Hände vor die Augen und schreit: «Ich habe keinen Sohn mehr!»

Dann wankt sie und würde fallen, wenn Johannes sie nicht auffangen und an sein Herz drücken würde. Er setzt sich auf den Boden, um sie

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besser halten zu können, bis die Marien, die nun nicht mehr von dem oberen Ring der Bewaffneten zurückgehalten werden, den Apostel bei der Mutter ablösen. Denn seit die Juden geflohen sind, stehen die Römer alle zusammen auf dem unteren Platz und machen ihre Kommentare über das Vorgefallene.

Magdalena setzt sich an die Stelle, an der Johannes gesessen ist, und nimmt Maria fast auf den Schoß, hält sie in den Armen an ihrer Brust, küßt das blutleere, an die barmherzige Schulter gelehnte Gesicht. Martha und Susanna befeuchten ihr mit einem in Essig getauchten Schwamm und einem Tuch die Schläfen und die Nasenlöcher, während die Schwägerin Maria die Hände küßt und sie verzweifelt beim Namen ruft; und als Maria die Augen öffnet und benommen vor Schmerz um sich schaut, sagt sie: «Kind, mein liebes Kind, hör zu... Sage mir, daß du mich siehst... Ich bin deine Maria... Schau mich nicht so an... !» Und als das erste Schluchzen aus der Kehle Marias dringt und die ersten Tränen fallen, sagt sie, die gute Maria des Alphäus: «Ja, ja, weine nur... Hier bei mir, wie bei einer Mutter, mein armes, heiliges Kind!» Als sie sagen hört: «Oh, Maria! Maria, hast du gesehen?», da stöhnt sie: «Ja, ja... aber... aber Kind... Oh, Kind... !» Sie weiß nichts anderes zu sagen und weint, die alte Maria. Ein trostloses Weinen, in das alle anderen einstimmen, also Martha und Maria, die Mutter des Johannes und Susanna.

Die anderen frommen Frauen sind nicht mehr da. Ich nehme an, daß sie fortgegangen sind, und ebenso die Hirten, als man den Schrei der Frau gehört hat...

Die Soldaten schwatzen miteinander.

«Hast du die Juden gesehen? Nun haben sie aber Angst bekommen.»

«Sie haben sich an die Brust geschlagen.»

«Die Priester sind am meisten erschrocken.»

«Welch ein Schreck! Ich habe schon andere Erdbeben erlebt, aber so eines noch nie. Sieh nur, der Boden ist voller Risse.»

«Dort ist ein Teil der langen Straße abgerutscht.

«Dort unten liegen Leichen.»

«Laß sie nur. Einige Schlangen weniger!»

«Oh, noch ein Brand! Auf dem Feld ...»

«Aber ist er wirklich tot?»

«Siehst du es denn nicht? Hast du noch Zweifel?»

Joseph und Nikodemus kommen hinter dem Felsen hervor. Sicher haben sie sich dorthin in den Schutz des Berges geflüchtet, um sich vor den Blitzen zu retten. Sie gehen zu Longinus: «Wir wollen den Leichnam haben.»

«Nur der Prokonsul kann das erlauben. Geht und beeilt euch, denn ich habe gehört, daß die Juden zum Prätorium gehen wollten, um das Zerbrechen der Knochen zu fordern. Ich möchte nicht, daß dies geschieht.»

«Woher weißt du das?»

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«Eine Meldung des Fähnrichs. Geht. Ich warte.»

Die beiden eilen den steilen Weg hinunter und verschwinden.

Nun begibt sich Longinus zu Johannes und sagt leise etwas zu ihm, was ich nicht verstehe. Dann läßt er sich von einem Soldaten eine Lanze reichen. Er schaut die Frauen an, die sich um Maria bemühen, die langsam wieder zu Kräften kommt. Sie drehen alle dem Kreuz den Rücken zu.

Longinus stellt sich vor das Kreuz, zielt gut und stößt zu. Die breite Lanze dringt tief von unten nach oben und von rechts nach links ein.

Johannes kämpft mit sich zwischen, dem Wunsch zu sehen und der Angst zu sehen und wendet einen Augenblick das Gesicht ab.

«Es ist geschehen, Freund», sagt Longinus und fügt hinzu: «Besser so, wie bei einem Ritter. Und ohne die Gebeine zu zerbrechen... Er war wirklich ein Gerechter!»

Aus der Wunde quillt viel Wasser und kaum ein wenig Blut, das schon gerinnt. Quillt, habe ich gesagt. Es rinnt nur langsam aus dem glatten reglosen Schnitt, der sich öffnen und schließen würde, wenn der Atem den Brustkorb noch bewegen würde...

Während der tragische Anblick des Kalvarienberges unverändert bleibt, hole ich Joseph und Nikodemus ein, die auf einer Abkürzung hinuntersteigen, um rascher ans Ziel zu gelangen.

Sie sind beinahe am Fuß des Berges angekommen, als sie Gamaliel begegnen. Einem ungekämmten Gamaliel, ohne Kopfbedeckung, ohne Mantel, das herrliche Gewand mit Erde beschmutzt und von Dornen zerrissen. Einem Gamaliel, der eilenden Schrittes und keuchend hinaufläuft, die Hände in den schütteren, stark ergrauten Haaren, die ihn als alten Mann kennzeichnen. Sie reden ohne stehenzubleiben.

«Gamaliel! Du?»

«Du, Joseph? Du verläßt ihn?»

«Nein. Aber weshalb bist du hier? Und in diesem Zustand ... ?»

«Furchtbares ist geschehen! Ich war im Tempel! Das Zeichen! Der Tempel ist aus den Fugen geraten! Der Vorhang aus Purpur und Hyazinth ist zerrissen! Das Allerheiligste ist enthüllt! Der Fluch ist über uns!»Während er gesprochen hat, ist er weitergelaufen, wie von Sinnen über den Beweis.

Die beiden schauen ihm nach... Sie schauen sich an und sagen dann gleichzeitig: «"Diese Steine werden bei meinen letzten Worten erbeben." Er hatte es ihm versprochen... !»

Sie beschleunigen ihre Schritte in Richtung zur Stadt.

Über die Felder zwischen dem Berg und den Mauern und noch weiter weg irren in der noch dunstigen Luft Menschen mit verstörten Gesichtern... Rufe, Klagen, Weinen... Die einen sagen: «Sein Blut hat Feuer regnen lassen!» Andere: «Zwischen den Blitzen ist Jahwe erschienen und hat den Tempel verflucht!» Wieder andere stöhnen: «Die Gräber! Die Gräber!»

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Joseph packt einen, der den Kopf an die Mauer schlägt, ruft ihn beim Namen und zieht ihn mit sich, während er in die Stadt hineingeht: «Simon, aber was sagst du da?»

«Laß mich! Auch du bist ein Toter! Alle sind tot! Alle sind herausgekommen! Und alle verfluchen mich!»

«Er ist verrückt geworden», sagt Nikodemus.

Sie lassen ihn laufen und gehen weiter zum Prätorium.

Die Stadt ist eine Beute des Schreckens. Herumirrende Menschen schlagen sich an die Brust. Andere springen zurück oder wenden sich entsetzt um, wenn sie hinter sich eine Stimme oder einen Schritt hören.

Unter einem der vielen finsteren Bögen läßt die Gestalt des Nikodemus in seinem weißen Wollgewand – denn um rascher gehen zu können, hat er auf dem Golgotha den dunklen Mantel abgelegt – einen fliehenden Pharisäer einen Schreckschrei ausstoßen. Als er dann erkennt, daß es Nikodemus ist, hängt er sich in einem sonderbaren Gefühlserguß an seinen Hals und schreit: «Verfluche mich nicht! Meine Mutter ist mir erschienen und hat mir gesagt: "Sei verflucht in alle Ewigkeit".» Dann wirft er sich zu Boden und stöhnt: «Ich habe Angst! Ich habe Angst!»

«Sind sie denn alle verrückt geworden?» sagen die beiden.

Das Prätorium ist erreicht. Erst hier erfahren Joseph und Nikodemus den Grund so großen Schreckens, während sie darauf warten, vom Prokonsul empfangen zu werden. Viele Gräber haben sich während des Erdbebens geöffnet, und es gibt einige, die schwören, die Skelette herauskommen gesehen zu haben; einen Augenblick lang haben sie wieder menschliches Aussehen angenommen, die Schuldigen des Gottesmordes angeklagt und sie verflucht.

Ich lasse sie im Atrium des Prätoriums, in das die beiden Freunde Jesu, ohne törichten Widerwillen und Furcht, sich zu verunreinigen, eintreten, kehre zum Kalvarienberg zurück und hole Gamaliel ein, der nun völlig erschöpft die letzten Meter zum Gipfel hinaufsteigt. Dabei schlägt er sich unablässig an die Brust, und als er den unteren Platz erreicht, wirft er sich in seiner ganzen weißen Länge auf den gelblichen Erdboden und klagt: «Das Zeichen! Das Zeichen! Sage mir, daß du mir verzeihst! Ein Seufzer, nur ein Seufzer, um mir zu sagen, daß du mich hörst und mir verzeihst.»

Ich verstehe, daß Gamaliel glaubt, Jesus sei noch am Leben. Er glaubt es so lange, bis ein Soldat ihn mit der Lanze berührt und sagt: «Steh auf und sei still. Es nützt nichts mehr. Du hättest es dir früher überlegen sollen. Er ist tot. Und ich, ein Heide, sage dir: Dieser, den ihr gekreuzigt habt, war wahrhaft Gottes Sohn!»

«Tot? Tot bist du? Oh!» Gamaliel erhebt das zutiefst erschrockene Antlitz und versucht, im Dämmerlicht den Gipfel zu erkennen. Er sieht wenig, aber genug um zu begreifen, daß Jesus tot ist. Er sieht die fromme Gruppe, die Maria tröstet, den weinenden Johannes links vom Kreuz und

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rechts Longinus, der gerade und feierlich in respektvoller Haltung dasteht.

Gamaliel richtet sich auf den Knien auf, breitet die Arme aus und weint: «Du bist es gewesen! Du bist es gewesen! Nun kann uns nicht mehr verziehen werden. Wir haben dein Blut über uns herabgerufen. Und es schreit zum Himmel, und der Himmel verflucht uns... Oh, aber du warst die Barmherzigkeit! ... Ich sage dir, ich, der vernichtete Rabbi von Judäa: "Dein Blut komme über uns, aus Erbarmen." Besprenge uns damit! Denn nur dies kann uns Vergebung erlangen ...» Er weint. Dann bekennt er mit leiserer Stimme seine geheime Qual: «Ich habe das verlangte Zeichen... Aber Jahrhunderte über Jahrhunderte geistiger Blindheit liegen auf meinen inneren Augen, und gegen meinen jetzigen Willen erhebt sich wieder die Stimme meines stolzen Denkens von gestern... Habe Erbarmen mit mir! Licht der Welt, sende deinen Strahl in die Finsternis, die dich nicht begriffen hat. Ich bin der alte Jude, der immer dem treu geblieben ist, was er für Gerechtigkeit hielt und was in Wirklichkeit Irrtum war. Nun bin ich ein ödes Land, ohne einen der alten Bäume des alten Glaubens, ohne Samen oder Halme des neuen Glaubens. Ich bin eine dürre Wüste. Wirke du das Wunder, und laß eine Blume sprießen, die deinen Namen trägt, in diesem armen Herzen des alten hartnäckigen Israeliten. Durchdringe du, Befreier, diese meine armen Gedanken, die Gefangene der Formeln sind. Isaias sagt es: "Er bezahlte für die Sünder und nahm die Schuld der vielen auf sich." Oh, auch meine, Jesus von Nazareth...»

Er erhebt sich, betrachtet das Kreuz, das immer klarer erkennbar ist im zunehmenden Licht, und geht dann gebeugt, gealtert, vernichtet weg.

Auf dem Kalvarienberg kehrt das kaum vom Weinen Marias unterbrochene Schweigen wieder.

Die beiden Räuber, erschöpft vor Angst, sprechen nicht mehr.

Joseph und Nikodemus kommen eilenden Schrittes zurück und sagen, daß sie von Pilatus die Erlaubnis haben. Aber Longinus, der ihnen nicht ganz traut, schickt einen Soldaten zu Pferd zum Prokonsul, auch um zu erfahren, was er mit den beiden Räubern tun soll. Der Soldat geht und kehrt bald darauf im Galopp zurück mit dem Befehl, Jesus zu übergeben und den beiden anderen die Gebeine zu zerbrechen, gemäß dem Wunsch der Juden.

Longinus ruft die vier Henkersknechte, die sich feige hinter den Felsen verkrochen haben und immer noch vor Angst über das Vorgefallene zittern, und befiehlt ihnen, die beiden Räuber mit Keulenschlägen zu töten. Dies geschieht ohne Protest bei Dismas, der, als ihn ein Keulenschlag auf das Herz trifft, nachdem man ihm schon die Knie zerschlagen hat, gerade röchelnd den Namen Jesu ausspricht. Der andere Räuber hingegen stößt schreckliche Flüche aus. Ihr Röcheln ist schaurig.

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Die vier Henker wollen sich nun auch mit Jesus befassen und ihn vom Kreuz abnehmen. Doch Joseph und Nikodemus erlauben es nicht.

Auch Joseph legt seinen Mantel ab und fordert Johannes auf, dasselbe zu tun und die Leiter zu halten, während die beiden mit Hebeln und Zangen hinaufsteigen.

Maria erhebt sich zitternd, gestützt von den Frauen, und nähert sich dem Kreuz.

Die Soldaten ziehen ab, da ihre Aufgabe beendet ist. Longinus wendet sich, bevor er den unteren Platz verläßt, noch einmal auf seinem Rappen um und betrachtet Maria und den Gekreuzigten. Dann hört man das sich immer weiter entfernende Klappern der Hufe auf den Steinen und das Klirren der Waffen, die gegen die Harnische schlagen.

Der linke Nagel ist herausgezogen, und der Arm fällt am Körper herunter, der nun halb losgelöst herabhängt. Die beiden bitten Johannes, ebenfalls heraufzusteigen und die Leitern den Frauen zu überlassen.

Johannes steht nun auf der Leiter, wo zuvor Nikodemus war, legt sich den Arm Jesu um den Hals und hält ihn so auf seiner Schulter; mit einem Arm umfaßt er seine Mitte und hält mit der anderen Hand die linke Hand Jesu an den Fingerspitzen, um die furchtbare klaffende Wunde nicht zu berühren. Als der Nagel an den Füßen entfernt ist, hat Johannes große Mühe, den Leichnam seines Meisters zwischen dem Kreuz und seinem Körper zu halten.

Maria setzt sich schon mit dem Rücken zum Kreuz an seinen Fuß und ist bereit, Jesus in ihrem Schoß zu empfangen.

Doch die Loslösung des rechten Armes ist sehr schwierig. So sehr sich Johannes auch bemüht, hängt der Körper doch sehr weit vor und der Kopf des Nagels bohrt sich in die Hand hinein. Da die beiden Barmherzigen diese nicht noch mehr verwunden wollen, müssen sie sich viel Mühe geben. Endlich gelingt es ihnen, den Nagel mit der Zange zu fassen und ihn ganz langsam herauszuziehen.

Johannes hält Jesus, dessen Kopf über seine Schulter hängt, immer noch unter den Achseln, während Nikodemus die Schenkel und Joseph die Knie umfaßt. So steigen sie vorsichtig die Leiter hinunter.

Unten angelangt wollen sie den Leichnam auf ein Leinentuch legen, das sie auf ihren Mänteln ausgebreitet haben. Doch Maria will ihren Sohn haben. Sie hat ihren Mantel geöffnet und ihn auf einer Seite ausgebreitet, und sie hat auch ihre Knie etwas geöffnet, so daß sie für ihren Jesus eine Wiege bilden.

Während die Jünger sich umdrehen, um ihr den Sohn zu geben, fällt das dornengekrönte Haupt nach hinten und die Arme hängen zur Erde und würden mit den verwundeten Händen am Boden streifen, wenn die mitleidigen frommen Frauen sie nicht halten würden.

Nun liegt er im Schoß der Mutter... Er gleicht einem großen, müden

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Kind, das ganz zusammengekauert an der Brust der Mutter ruht. Maria hält ihn in ihrem rechten Arm, den sie um die Schultern des Sohnes gelegt hat, und mit dem linken faßt sie über seinen Leib und hält ihn an der Hüfte. Der Kopf liegt auf der mütterlichen Schulter. Und sie ruft ihn... sie ruft ihn mit herzzerreißender Stimme. Dann löst sie ihn von ihrer Schulter und liebkost ihn mit der Linken. Sie nimmt seine Hände, biegt sie gerade, küßt sie und beweint die Wunden, bevor sie sie über dem toten Schoß kreuzt. Dann liebkost sie die Wangen, besonders dort, wo der blaue Fleck und die Schwellung ist. Sie küßt die eingesunkenen Augen und den auf der rechten Seite etwas schief gebliebenen und leicht geöffneten Mund. Sie möchte auch sein Haar ordnen, wie sie den blutverkrusteten Bart in Ordnung gebracht hat. Aber dabei stößt sie auf die Dornen. Sie sticht sich, als sie die Krone abnimmt, und will es doch selbst tun mit der einen freien Hand, weist alle ab und sagt: «Nein, nein! Ich! Ich!» Es scheint, als habe sie das zarte Köpfchen eines Neugeborenen vor sich, so sanft geht sie dabei vor. Und als es ihr gelungen ist, diese quälende Krone abzunehmen, neigt sie sich, um alle Kratzer der Dornen mit Küssen zu heilen. Mit zitternder Hand teilt sie das wirre Haar, ordnet es und spricht leise, leise, leise und wischt mit den Fingern die Tränen ab, die auf den armen, kalten, blutigen Körper fallen, und will ihn dann mit ihren Tränen und ihrem Schleier reinigen, der noch die Lenden Jesu bedeckt. Sie zieht ein Ende davon herauf und säubert und trocknet damit die heiligen Glieder. Immer wieder liebkost sie das Antlitz, die Hände, dann die zerschlagenen Knie und beginnt erneut, den Körper zu trocknen, auf den Tränen über Tränen fallen.

Während sie das tut, berührt ihre Hand die Seitenwunde. Die kleine, von dem leichten Linnen bedeckte Hand verschwindet fast ganz in der weiten Öffnung der Wunde. Maria beugt sich vor, um in dem inzwischen eingetretenen Zwielicht zu sehen, und sie sieht. Sie sieht die geöffnete Brust und das Herz ihres Sohnes und schreit auf. Es ist, als ob ein Schwert ihr Herz durchbohren würde. Sie schreit, fällt dann vorwärts über ihren Sohn und scheint ebenfalls tot zu sein.

Die anderen eilen ihr zu Hilfe und trösten sie. Sie wollen ihr den göttlichen Toten abnehmen, und da sie klagt: «Wo, wo werde ich dich niederlegen, damit du in Sicherheit bist und an einem Ort, der deiner würdig ist?», antwortet Joseph mit einer tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugung, die Hand auf die Brust gelegt: «Tröste dich, Frau. Mein Grab ist neu und eines Vornehmen würdig. Ich gebe es ihm. Dieser hier, Nikodemus, der Freund, hat schon die Aromen als seinen Beitrag zum Grab gebracht. Aber ich bitte dich, da es bereits Abend wird, laß uns handeln... Es ist Rüsttag. Sei gut, o heilige Frau!»

Auch Johannes und die Frauen bitten sie, und Maria läßt sich ihren Sohn vom Schoß nehmen. Sie erhebt sich mühsam, während man Jesus in das Leinentuch hüllt, und bittet: «Oh, seid vorsichtig!»

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Sie heben nun, Nikodemus und Johannes an den Schultern und Joseph an den Füßen, den nicht nur in das Linnen gehüllten, sondern auch auf den Mänteln, die als Tragbahre dienen, ruhenden Leichnam auf und begeben sich auf den Weg abwärts.

Von der Schwägerin und Magdalena gestützt und von Martha, Maria des Zebedäus und Susanna, die die Nägel, die Zangen, die Dornenkrone, den Schwamm und das Rohr aufgehoben haben, gefolgt, geht Maria zum Grab hinunter.

Auf dem Kalvarienberg bleiben die drei Kreuze zurück, von denen das mittlere leer ist, während die anderen beiden ihre sterbende Trophäe aus Fleisch und Blut tragen.

«Und nun», sagt Jesus, «paß gut auf. Ich erspare dir die Beschreibung der Grablegung, die schon letztes Jahr am 19. Februar 1944 gegeben wurde. Ihr sollt daher diese nehmen, und P. M. soll an deren Ende die Klage Marias setzen, die ich am 4. Oktober 1944 gegeben habe. Dann kannst du anfügen, was du danach sehen wirst. Es sind neue Teile der Passion, und sie müssen genau an ihrem Platz eingefügt werden, damit es kein Durcheinander gibt und keine Lücken entstehen.»

671. DAS GRAB DES JOSEPH VON ARIMATHÄA; DIE FURCHTBARE SEELENQUAL MARIAS UND DIE EINBALSAMIERUNG DES ERLÖSERS

Zu sagen, was ich empfinde, ist unnötig. Es wäre nur eine Beschreibung meines Leidens, das unbedeutend ist in Anbetracht des Leidens, das ich sehe. Ich beschreibe also, ohne etwas über mich selbst zu sagen.

Ich bin bei der Grablegung unseres Herrn anwesend.

Nachdem der kleine Zug den Kalvarienberg hinabgestiegen ist, befindet er sich an seinem Fuß vor dem in den Kalkstein gehauenen Grab des Joseph von Arimathäa. Dort hinein gehen die Barmherzigen mit dem Leichnam Jesu.

Ich sehe das Grab so: Es ist eine in den Stein gehauene Stätte am Ende eines blühenden Gemüsegartens. Sie gleicht einer Höhle, aber man erkennt, daß sie von Menschenhand geschaffen wurde. Sie enthält die eigentliche Grabkammer mit ihren Grabnischen, die aber anders sind als bei den Katakomben. Diese hier sind eine Art in den Stein gehauene runde Löcher, ähnlich den Öffnungen eines Bienenstocks – damit man eine ungefähre Vorstellung davon hat. Die leere Höhlung jeder Grabnische sieht aus wie ein schwarzer Fleck auf dem gräulichen Stein. Vor dieser Grabkammer befindet sich etwas wie ein Vorraum und in seiner Mitte der steinerne Tisch für die Einbalsamierung. Auf diesen legt man Jesus in seinem Leinentuch.

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Es kommen nun auch Johannes und Maria herein. Sonst niemand, denn der Vorbereitungsraum ist klein, und wenn es mehr Personen wären, könnten sie sich nicht mehr bewegen. Die anderen Frauen stehen an der Tür, das heißt, an der Öffnung, denn es gibt keine eigentliche Tür.

Die beiden Träger wickeln Jesus aus.

Während sie in einer Ecke, auf einer Art Regal, im Schein zweier Fackeln die Binden und die Salben vorbereiten, neigt sich Maria über ihren Sohn und weint. Und wieder trocknet sie ihn mit dem Ende des Schleiers, der noch um die Lenden Jesu gewickelt ist. Diese mütterlichen Tränen sind die einzige Waschung für den Leichnam Jesu, und obgleich sie reichlich fließen, gelingt es mit ihnen nur oberflächlich und teilweise, Staub, Schweiß und Blut von diesem gequälten Körper abzuwaschen.

Maria wird nicht müde, die eiskalten Glieder zu liebkosen. Mit einer noch größeren Zartheit als wenn sie ein Neugeborenes berühren würde, nimmt sie die armen zerrissenen Hände in die ihren, küßt die Finger, streckt sie und versucht, die offenen Wunden zu schließen, wie um dadurch den Schmerz zu lindern. Sie drückt diese Hände, die nicht mehr liebkosen können, an ihre Wangen und seufzt, stöhnt in ihrem übergroßen Schmerz. Sie streckt und legt die armen Beine nebeneinander, um die sich nun, da sie todmüde sind von ihrem weiten Weg für uns, niemand kümmert. Aber die Füße sind am Kreuz zu sehr verrenkt worden, und besonders der linke ist so flach, als hätte er keine Ferse mehr.

Dann wendet sie sich wieder dem Rumpf zu und liebkost ihn, der so kalt und schon starr ist. Und als sie noch einmal den Einstich der Lanze sieht, der nun, da der Erlöser auf der Steinplatte ausgestreckt ist, wie ein offener Mund gähnt und noch besseren Einblick in den Brustkorb gewährt (man sieht deutlich die Herzspitze zwischen dem Brustbein und dem linken Rippenbogen, und etwa zwei Zentimeter weiter oben ist der Einstich der Lanzenspitze im Pericardium und im Cardium, gut eineinhalb Zentimeter lang, während der äußere an der rechten Seite mindestens sieben lang ist), schreit Maria wieder auf wie auf dem Kalvarienberg. Es ist als würde die Lanze sie durchbohren, so sehr windet sie sich in ihrem Schmerz. Und sie preßt die Hände auf ihr Herz, das durchbohrt ist wie das Herz Jesu. Wie viele Küsse auf diese Wunde, arme Mutter!

Dann wendet sie sich wieder dem Haupt zu und legt es gerade, denn es ist leicht nach hinten und stark nach rechts gedreht. Sie versucht, die Lider zu schließen, die sich immer wieder halb öffnen, und den verkrampften offenen Mund, der auf der rechten Seite ein wenig schief ist. Sie glättet die Haare, die gestern noch so schön und ordentlich waren und nun ein blutgetränktes Gewirr sind. Sie entwirrt die längeren Strähnen, streicht sie glatt über ihren Fingern und rollt sie auf, um ihnen die Form der schönen Haare ihres Sohnes wiederzugeben, die so weich und lockig waren. Sie seufzt und seufzt, denn sie erinnert sich an die Zeit, als er noch ein

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Kind war... Dies ist der Hauptgrund ihres Schmerzes: die Erinnerung an die Kindheit Jesu, an ihre Liebe zu ihm, an ihre Sorge, die schon ein etwas lebhafteres Lüftchen für das göttliche Kind fürchtete, und der Vergleich mit dem, was ihm die Menschen nun angetan haben.

Ihre Klage macht mich krank. Und ihre Geste, als sie stöhnt: «Was haben sie, was haben sie dir getan, mein Sohn?» und, da sie ihn nicht so sehen kann, nackt und steif auf einem Stein, nimmt sie ihn in ihre Arme, indem sie einen Arm unter seine Schultern schiebt, ihn mit der anderen Hand an ihre Brust drückt und ihn wiegt mit derselben Bewegung wie in der Geburtsgrotte – all das treibt mir die Tränen in die Augen, und ich leide, als ob eine Hand in meinem Herzen wühlen würde.

Die furchtbare Seelenqual Marias.

Die Mutter steht aufrecht am Tisch der Einbalsamierung, liebkost und betrachtet, seufzt und weint. Das zitternde Licht der Fackel beleuchtet ab und zu ihr Antlitz, und ich sehe große Tränen über die bleichen Wangen und das gequälte Gesicht rinnen. Und ich höre die Worte. Alle. Sehr deutlich, obgleich sie nur geflüstert sind; ein wahres Zwiegespräch des mütterlichen Herzens mit der Seele des Sohnes. Ich erhalte die Weisung, sie aufzuschreiben.

«Armer Sohn! Wie viele Wunden! ... Wie sehr hast du gelitten! Schau, was sie dir angetan haben! ... Wie bist du kalt, mein Sohn! Deine Finger sind eisig. Und wie leblos sie sind! Sie scheinen gebrochen zu sein. Niemals, weder im sorglosen Schlaf deiner Kindheit noch im schweren Schlaf des müden Handwerkers habe ich sie je so reglos gesehen... Und wie kalt sie sind! Arme Hände! Gib sie deiner Mutter, mein Kleinod, heilige Liebe, du meine Liebe! Schau, wie verwundet sie sind! Sieh doch, Johannes, welche Wunde! Oh, ihr Grausamen! Hier, hier, gib deiner Mutter diese verwundete Hand, damit ich sie pflege. Oh, ich werde dir nicht wehtun... Mit Küssen und Tränen werde ich sie heilen und sie mit meinem Atem und meiner Liebe erwärmen. Schenke mir eine Liebkosung, mein Sohn. Du bist Eis, und ich glühe im Fieber. Dein Eis wird mein Fieber lindern, und mein Fieber wird dein Eis erwärmen. Eine Liebkosung, Sohn! Erst wenige Stunden sind es, daß du mich nicht liebkost, und es scheinen mir Jahrhunderte zu sein. Es gab Monate, da ich deine Liebkosungen vermißte, und sie kamen mir wie Stunden vor, denn ich wartete immer auf dein Kommen; aus jedem Tag machte ich eine Stunde, und aus jeder Stunde eine Minute, um mir zu sagen, daß du nicht seit einem oder mehreren Monaten fern warst, sondern erst seit wenigen Tagen, seit wenigen Stunden. Warum erscheint mir die Zeit jetzt so lang? Ach, unmenschliche Qual! Warum bist du tot? Sie haben dich mir getötet! Nun bist du nicht mehr auf Erden. Nicht mehr! Überall, wo ich meine Seele hinwende, um

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die deine zu suchen und sie zu umarmen – denn dich zu finden, zu besitzen, zu fühlen, war ja das Leben meines Fleisches und meines Geistes -wo immer ich dich suche mit der Woge meiner Liebe, ich finde dich nicht mehr, nicht mehr! Von dir bleibt mir nur diese kalte Hülle, diese seelenlose Hülle! O Seele meines Jesus, o Seele meines Christus, o Seele meines Herrn, wo bist du? Warum habt ihr meinem Sohn die Seele geraubt, ihr grausamen Hyänen, die ihr mit Satan im Bunde seid? Warum habt ihr mich nicht mit ihm gekreuzigt? Habt ihr euch vor einem zweiten Verbrechen gefürchtet? (Die Stimme wird immer lauter und herzzerreißender.) Was hätte es schon bedeutet, eine arme Frau zu töten, für euch, die ihr euch nicht gescheut habt, den fleischgewordenen Gott zu töten? Habt ihr kein zweites Verbrechen begangen? Ist es denn nicht noch viel abscheulicher, die arme Mutter eines hingeschlachteten Sohnes überleben zu lassen?»

Die Mutter, die mit der Stimme auch das Haupt erhoben hat, neigt sich nun wieder über das erloschene Antlitz, um leise und nur für ihn zu sprechen: «Wenigstens im Grab, wenigstens hier wären wir zusammen gewesen, so wie wir bei der Agonie am Kreuz zusammen gewesen wären. Und zusammen hätten wir uns auf die Reise ins andere Leben begeben, wären wir dem anderen Leben entgegengegangen. Aber wenn ich dir auf der Reise ins andere Leben nicht folgen kann, so kann ich wenigstens hier auf dich warten.»

Sie richtet sich wieder auf und sagt laut zu den Anwesenden: «Geht alle. Ich bleibe. Schließt mich hier mit ihm ein. Ich warte auf ihn... Was sagt ihr? Das geht nicht? Warum nicht? Wenn ich tot wäre, läge ich dann nicht auch hier an seiner Seite ausgestreckt, in Erwartung der Einbalsamierung? Ich werde an seiner Seite sein, aber auf den Knien. Ich war auf den Knien, als er zart und rosig in einer Dezembernacht zu wimmern begann. Ich werde in dieser Nacht der Welt, die keinen Christus mehr hat, hier auf den Knien sein. Oh! Wahre Nacht! Das Licht ist nicht mehr! ... O eisige Nacht! Die Liebe ist tot! Was sagst du, Nikodemus? Daß ich mich verunreinige? Sein Blut verunreinigt nicht. Ich habe mich auch nicht verunreinigt, als ich ihn empfangen und geboren habe. Ach, wie tratest du hervor, Blüte meines Schoßes, ohne eine Faser zu beschädigen; wie die Blüte einer duftenden Narzisse, die aus dem Herzen der mütterlichen Zwiebel entspringt und erblüht, ohne daß die Umarmung der Erde sie berührt. Jungfräuliches Erblühen, das dem deinen gleicht, o Sohn, aus himmlischer Umarmung entstanden und geboren unter dem strahlenden Glanz des Himmels.»

Nun neigt sich die betrübte Mutter wieder über ihren Sohn, vergißt alles, was nicht er ist, und flüstert leise: «Erinnerst du dich noch, Sohn, jenes herrlichen Glanzes, der alles umgab, als dein Lächeln der Welt geboren wurde? Erinnerst du dich des beseligenden Lichtes, das der Vater vom

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Himmel sandte, um das Geheimnis deines Erblühens einzuhüllen und dir diese finstere Welt weniger abstoßend erscheinen zu lassen, dir, der du das Licht warst und aus dem Licht des Vaters und des Heiligen Geistes kamst? Und nun? ... Nun ist es finster und kalt... Wie kalt! So kalt! Ich zittere. Mehr als in jener Dezembernacht. Damals erwärmte mir die Freude, dich zu haben, das Herz. Und du hattest zwei, die dich liebten... Nun... Nun bin ich allein, und auch ich sterbe. Aber ich werde dich für zwei lieben; ich werde dich für jene lieben, die dich so wenig geliebt haben, daß sie dich im Augenblick des Schmerzes verlassen haben; ich werde dich lieben für alle, die dich gehaßt haben; für die ganze Welt werde ich dich lieben, o Sohn. Du wirst das Eis der Welt nicht fühlen. Nein, du wirst es nicht fühlen. Du hast meinen Schoß nicht geöffnet, um geboren zu werden. Aber damit du die Kälte nicht fühlst, bin ich bereit, mich zu öffnen, um dich in die Umarmung meines Schoßes zu verschließen. Erinnerst du dich noch, wie dieser Schoß dich geliebt hat, kleiner lebender Keim? ... Es ist immer noch derselbe Schoß. Oh, es ist mein Recht und meine Pflicht als Mutter. Es ist mein Wunsch. Nur die Mutter kann sie haben, kann für den Sohn eine Liebe haben, die so groß ist wie das Universum.»

Sie hat ihre Stimme nach und nach wieder erhoben und sagt nun ganz laut: «Geht. Ich bleibe. Kommt in drei Tagen wieder, dann werden wir zusammen hinausgehen. Oh, die Welt wiedersehen zu können, auf deinen Arm gestützt, mein Sohn! Wie schön wird die Welt sein im Licht deines auferstandenen Lächelns! Die bei dem Schritt ihres Herrn erbebende Welt! Die Welt zitterte, als der Tod dir die Seele entriß und der Geist aus deinem Herzen wich. Aber nun wird sie zittern... nicht mehr aus Furcht und Schrecken, sondern in einem süßen Schauer, der mir zwar unbekannt ist, den ich aber als Frau erahne: dem Schauer, der eine Jungfrau überläuft, die nach langer Abwesenheit die Schritte des zur Hochzeit eintreffenden Bräutigams vernimmt. Mehr noch: Die Welt wird von einem heiligen Schauer erfaßt werden, wie ich erschüttert wurde bis in die tiefsten Tiefen, als ich den einen und dreieinen Herrn in meinem Innern fühlte und der Wille des Vaters mit dem Feuer der Liebe den Samen schuf, aus dem du hervorgingst, o mein heiliges Kind, mein Geschöpf! Ganz mein! Ganz! Ganz der Mutter gehörend, der Mutter!... Jedes Kind hat einen Vater und eine Mutter, sogar das uneheliche hat einen Vater und eine Mutter. Du aber hast nur die Mutter gehabt, die für dich das Fleisch aus Rosen und Lilien gebildet hat, diese Stickerei der Adern, blau wie unsere Bäche von Galiläa; diese Lippen, rot wie Granatäpfel; diese Haare, die feiner und blonder sind als das Haar unserer Bergziegen; und diese Augen, zwei kleine Seen des Paradieses. Nein, vielmehr sind sie die Wasser, aus denen der einzige und vierfache Strom des Ortes der Seligkeiten hervorgeht, und er bringt mit sich in seinen vier Armen das Gold, den Onyx, das Bdellium und das Elfenbein, und die Diamanten, die Palmen, die Rosen

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und unendliche Reichtümer, o Pischon, o Gichon, o Tigris, o Euphrat: du Weg der in Gott jubelnden Engel, du Weg der Könige, die dich anbeten, du Seinsgrund, der – bekannt oder unbekannt – doch der Lebendige ist und gegenwärtig selbst in den verfinstertsten Herzen! Nur deine Mutter hat dir dies alles gegeben durch ihr "Ja!'... Aus Harmonien und Liebe habe ich dich gebildet. Aus Reinheit und Gehorsam habe ich dich gebildet, o meine Freude! Was ist dein Herz? Die Flamme meines Herzens, die sich geteilt hat, um als Krone den Kuß Gottes für seine Jungfrau zu umgeben. Dies ist dein Herz. Ach! (Der Schrei ist so herzzerreißend, daß Magdalena und Johannes zu Hilfe eilen. Die anderen wagen es nicht und schauen weinend und verschleiert vom Eingang des Raumes aus zu.) Ach, sie haben dir das Herz gebrochen. Deshalb bist du so kalt, und deshalb bin ich so kalt! Du hast in dir nicht mehr die Flamme meines Herzens, und ich kann nicht mehr weiterleben ohne den Widerschein jener Flamme, die mein war und die ich dir gegeben habe, um dir ein Herz zu schaffen. Hierher, hierher, komm hierher an mein Herz! Bevor der Tod mich dahinrafft, will ich dich wärmen, will ich dich wiegen. Ich habe für dich gesungen: "Kein Haus, keine Nahrung, nichts als Schmerz." O welch prophetische Worte! Schmerz, Schmerz und wieder Schmerz für dich und für mich! Ich habe für dich gesungen: "Schlafe, schlafe an meinem Herzen." Auch jetzt, hier, hier, hier ...»

Und sie setzt sich auf den Rand des Steines und nimmt den Sohn auf ihren Schoß, legt einen seiner Arme um ihre Schultern, lehnt sein Haupt an ihre Brust, neigt das ihre auf seines, drückt ihn fest an sich und wiegt und küßt ihn, erschüttert und erschütternd!

Nikodemus und Joseph kommen näher und legen auf eine Art Sitz auf der anderen Seite des Steines Gefäße und Binden, das reine Grabtuch und, wie mir scheint, ein Becken mit Wasser und etwas wie Wattebäusche.

Maria schaut auf und fragt laut: «Was tut ihr da? Was wollt ihr? Ihn vorbereiten? Wozu? Laßt ihn im Schoß seiner Mutter. Wenn es mir gelingt, ihn zu wärmen, wird er früher auferstehen. Wenn es mir gelingt, den Vater zu trösten und ihn zu trösten über den gottesmörderischen Haß, wird der Vater eher verzeihen und er eher zurückkehren.»

Die Schmerzenreiche ist völlig außer sich.

«Nein, ich gebe ihn euch nicht. Ich habe ihn einmal gegeben, einmal habe ich ihn der Welt gegeben, und die Welt hat ihn nicht gewollt. Sie hat ihn getötet, weil sie ihn nicht wollte. Nun gebe ich ihn nicht mehr her. Was sagt ihr? Daß ihr ihn liebt? Schön. Aber warum habt ihr ihn dann nicht verteidigt? Ihr habt gewartet, um zu sagen, daß ihr ihn liebt, bis es soweit war, daß er euch nicht mehr hören konnte. Eine arme Liebe ist die eure! Aber wenn ihr die Welt schon so sehr gefürchtet habt, daß ihr nicht den Mut hattet, einen Unschuldigen zu verteidigen, hättet ihr ihn wenigstens mir zurückgeben müssen, mir, der Mutter, damit sie ihr Kind verteidigt.

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Sie wußte, wer er war und was ihm gebührte. Ihr! ... Ihr habt ihn als Meister gehabt, aber ihr habt nichts gelernt. Ist dies vielleicht nicht wahr? Lüge ich etwa? Seid ihr euch nicht im klaren, daß ihr nicht an seine Auferstehung glaubt? Oder glaubt ihr daran? Nein. Warum steht ihr da und bereitet die Binden und die Salben vor? Weil ihr ihn für einen armen Toten haltet, der heute kalt ist und morgen verwesen wird. Und deshalb wollt ihr ihn einbalsamieren. Laßt eure Salben. Kommt und betet den Erlöser an mit dem reinen Herzen der Hirten von Bethlehem. Seht her, es ist nur der Schlaf des Müden, der sich ausruht. Wie sehr hat er sich in seinem Leben gemüht! Immer mehr Mühen hat er auf sich genommen! Und in diesen letzten Stunden erst! ... Nun ruht er sich aus. Für mich, für seine Mutter ist er nichts als ein großes, müdes Kind, das schläft. Das Bett und der Raum sind armselig! Aber auch sein erstes Bett war nicht schöner und seine erste Wohnung nicht freundlicher. Die Hirten beteten den Erlöser an in seinem Schlaf als kleines Kind. Ihr sollt den Erlöser anbeten in seinem Schlaf als Sieger über Satan. Und dann geht hin, wie die Hirten, und verkündet der Welt: "Ehre sei Gott! Die Sünde ist tot! Satan ist besiegt! Frieden auf Erden und im Himmel zwischen Gott und dem Menschen!" Bereitet die Wege für seine Rückkehr. Ich sende euch aus. Ich, die die Mutterschaft zur Priesterin des Ritus macht. Geht. Ich habe gesagt, daß ich nicht will. Ich habe ihn mit meinen Tränen gewaschen. Das genügt. Alles übrige ist nicht nötig. Und laßt euch nicht einfallen, ihn einzuwickeln. Es wird einfacher für ihn sein, aufzuerstehen, wenn ihn diese unnötigen Begräbnisbinden nicht behindern. Warum siehst du mich so an, Joseph? Und du, Nikodemus? Haben die Schrecken dieses Tages euren Verstand verdunkelt? Oder euch das Gedächtnis genommen? Erinnert ihr euch nicht mehr "Diesem bösen, ehebrecherischen Geschlecht, das ein Zeichen fordert, wird nur das Zeichen des Jonas gegeben werden... So wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein?" Erinnert ihr euch nicht? "Der Menschensohn wird den Menschen überliefert und getötet werden, aber am dritten Tage wird er auferstehen." Erinnert ihr euch nicht? "Zerstört diesen Tempel des wahren Gottes, und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten?' Der Tempel war sein Leib, o Menschen. Du schüttelst das Haupt? Du bedauerst mich? Du glaubst, daß ich den Verstand verloren habe? Aber... Er, der die Toten erweckt hat, soll sich selbst nicht erwecken können? Johannes?»

«Mutter!»

«Ja, nenne mich Mutter! Ich kann nicht leben bei dem Gedanken, daß niemand mehr mich so nennen wird! Johannes, du bist dabeigewesen, als er die Tochter des Jairus und den Jüngling von Naim erweckt hat. Sie waren beide tot, nicht wahr? Oder war es etwa nur ein tiefer Schlaf? Antworte!»

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«Sie waren tot. Das Mädchen seit zwei Stunden, und der Jüngling seit eineinhalb Tagen.»

«Und sie sind auf seinen Befehl hin auferstanden?»

«Ja, sie sind auf seinen Befehl hin auferstanden.»

«Habt ihr gehört? Ihr beiden, habt ihr gehört? Warum schüttelt ihr den Kopf? Wollt ihr vielleicht sagen, daß das Leben in einen jungen, unschuldigen Menschen leichter zurückkehrt? Aber mein Kind ist der Unschuldige und ewig Junge. Er ist Gott, mein Sohn... !»

Die Mutter schaut mit schmerzerfüllten und fiebrigen Augen die beiden Männer an, die betrübt, aber unbeirrbar die nunmehr mit Aromen getränkten Rollen der Bandagen zurechtlegen. Maria macht zwei Schritte. Sie hat ihren Sohn auf den Stein zurückgelegt mit der Sorgfalt, mit der man ein Neugeborenes in die Wiege legt. Nun geht sie zwei Schritte, neigt sich am Fußende des Totenbettes, wo Magdalena auf den Knien weint, faßt sie an den Schultern, schüttelt sie und ruft: «Maria, antworte! Diese beiden hier glauben, daß Jesus nicht auferstehen kann, weil er ein Mensch und an seinen Wunden gestorben ist. Aber ist denn dein Bruder nicht älter als er?»

«Ja.»

«Und war nicht sein ganzer Leib von Wunden bedeckt?»

«Ja.»

«War er nicht schon verwest, bevor er ins Grab gelegt wurde?»

«Ja.»

«Und ist er nicht nach vier Tagen der Atemlosigkeit und der Verwesung auferstanden?»

«Ja.»

«Also?»

Es folgt ein langes, bedrückendes Schweigen. Dann ein unmenschlicher Schrei. Maria wankt und führt eine Hand zum Herzen. Man will sie stützen, doch Maria weist alle zurück. Es sieht aus, als würde sie die Barmherzigen abweisen. In Wirklichkeit aber weist sie den von sich, den nur sie allein sieht. Und sie schreit: «Zurück! Zurück, du Grausamer! Nicht diese Rache! Schweige! Ich will dich nicht hören! Schweige! Ach, er trifft mich mitten ins Herz!»

«Wer, Mutter?»

«0 Johannes! Satan ist es. Satan, der sagt: "Er wird nicht auferstehen. Kein Prophet hat es gesagt." O allmächtiger Gott! Helft mir alle, ihr seligen Geister und ihr guten Menschen! Ich verliere den Verstand! Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Was sagen die Propheten? Was steht in den Psalmen? Oh, wer wiederholt mir die Stellen, die von meinem Jesus handeln ?»

Und Maria Magdalena spricht mit ihrer vollen, schönen Stimme den Psalm Davids über das Leiden des Messias.

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Die Mutter weint, von Johannes gestützt, noch stärker, und ihre Tränen fallen auf den toten Sohn, der ganz naß davon ist. Maria sieht es, trocknet ihn ab und sagt mit leiser Stimme: «So viele Tränen! Und als du so durstig warst, konnte ich dir keine einzige geben. Nun... wasche ich dich damit. Du gleichst einem von schwerem Tau bedeckten Strauch. Laß dich von deiner Mutter abtrocknen. Du hast schon so viel Bitterkeit verkostet! Auf deine Lippen sollen nicht auch die Bitterkeit und das Salz der mütterlichen Tränen fallen... !»

Dann ruft sie laut: «Maria, David sagt es nicht... Kennst du Isaias? Wiederhole mir seine Worte...»

Magdalena sagt den Abschnitt über die Passion auf und endet mit einem Schluchzen: «... er gab sein Leben in den Tod dahin und ward unter die Übeltäter gezählt. Er, der die Schuld der Welt trug und für die Sünder eintrat.»

«Oh, schweige! Nicht Tod! Nicht dem Tod dahingegeben! Nein! Nein! Oh, euer Unglaube verbündet sich mit der Versuchung durch Satan und will mir Zweifel ins Herz streuen! Sollte ich dir nicht glauben, o Sohn? Deinem heiligen Wort nicht glauben? Oh, sage es meiner Seele! Sprich! Von den fernen Ufern, zu denen du gegangen bist, um die auf dein Kommen Wartenden zu erlösen, sende die Stimme deiner Seele meiner sehnsüchtig wartenden Seele; sie ist hier, weit offen, um deine Stimme zu vernehmen. Sage deiner Mutter, daß du zurückkommst. Sage: "Am dritten Tag werde ich auferstehen." Ich bitte dich, Sohn und Gott! Hilf mir, meinen Glauben zu bewahren. Satan versucht, ihn zu erschüttern und zu erwürgen. Satan hat mit seinem Schlangenmaul abgelassen vom Fleisch des Menschen, da du ihm diese Beute entrissen hast, und schlägt nun seine giftigen Fangzähne in mein Herz, lähmt seinen Schlag und seine Kraft, nimmt ihm seine Wärme. Gott! Gott! Gott! Laß nicht zu, daß ich dir mißtraue. Laß nicht zu, daß der Zweifel mich erstarren läßt. Gewähre Satan nicht die Freiheit, mich in die Verzweiflung zu treiben. Sohn! Sohn! Lege mir deine Hand aufs Herz. Sie wird Satan vertreiben. Lege sie mir aufs Haupt. Sie wird mir das Licht zurückbringen. Heilige mit einem Kuß meine Lippen, damit sie stark werden und sagen: "Ich glaube", auch gegen eine ganze Welt, die nicht glaubt. Oh, welch ein Schmerz ist es, nicht zu glauben! Vater! Denen, die nicht glauben, muß man viel verzeihen. Denn wenn man nicht mehr glaubt... wenn man nicht mehr glaubt... ist man allen Schrecknissen ausgesetzt. Ich sage es dir... ich, die ich diese Qual am eigenen Leib erfahre. Vater, habe Mitleid mit den Glaubenslosen. Gib ihnen, heiliger Vater, gib ihnen für diese dargebrachte Hostie und für mich, die Hostie, die noch dargebracht wird, gib deinen Glauben den Ungläubigen.»

Ein langes Schweigen.

Dann geben Nikodemus und Joseph, Johannes und Magdalena ein Zeichen.

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«Komm, Mutter.» Magdalena hat das Wort ergriffen und versucht, Maria von ihrem Sohn wegzuführen, die Finger Jesu aus denen der Mutter zu lösen, die sie immer noch küßt und weint.

Die Mutter richtet sich feierlich auf. Ein letztes Mal streckt sie die armen, blutleeren Finger aus und legt die leblose Hand in die Seite des Leichnams. Dann läßt sie die Arme sinken, steht sehr gerade und mit leicht zurückgeneigtem Haupt und betet und opfert. Man hört kein Wort. Aber ihr ganzes Aussehen läßt erkennen, daß sie betet. Sie ist wahrlich die Priesterin am Altar, die Priesterin im Augenblick der Opferung. «Offerimus praeclarae majestati tuae de tuis donis, ac datis, hostiam puram, hostiam sanctam, hostiam immaculatam ...»

Dann wendet sie sich um: «Fangt also an. Aber er wird auferstehen. Es ist unnütz, daß ihr meinem Verstand mißtraut und taub seid für die Wahrheit, die er euch gesagt hat. Vergebens versucht Satan, meinen Glauben zu trüben. Um die Welt zu erlösen, ist auch die meinem Herzen vom besiegten Satan zugefügte Qual nötig. Ich ertrage sie und opfere sie für die zukünftigen Menschen auf. Leb wohl, Sohn! Leb wohl, mein Geschöpf! Leb wohl, mein Kind! Leb wohl... Leb wohl... Heiliger... Guter... Geliebtester und Liebenswertester... Schönheit... Freude ... Quelle des Heils... Leb wohl... Auf deine Augen... auf deine Lippen ... auf dein goldenes Haar... auf deine erkalteten Glieder... auf dein durchbohrtes Herz... oh, auf dein durchbohrtes Herz... meinen Kuß... meinen Kuß... meinen Kuß... Leb wohl... Leb wohl! ... Herr! Erbarme dich meiner!»

Jesus sagt:

«Und diese Qual hat in periodischen Anfällen bis zum Sonntagmorgen fortgedauert. Für mich gab es bei der Passion eine einzige Versuchung. Die Mutter hingegen, die Frau, mußte für die Frau, die an allem Bösen schuldig war, immer wieder büßen. Und Satan hat sich auf die Siegerin mit hundertfacher Grausamkeit gestürzt. Maria hatte ihn besiegt. Deshalb wartete auf Maria die schrecklichste Versuchung. Die Versuchung des Fleisches der Mutter. Die Versuchung des Herzens der Mutter. Die Versuchung des Geistes der Mutter. Die Weit glaubt, die Erlösung sei bei meinem letzten Atemzug vollendet gewesen. Nein. Die Mutter hat sie vollendet durch die Hinzufügung ihrer dreifachen Qual, um von der dreifachen Begierlichkeit zu erlösen. Drei Tage hat sie Satan bekämpft, der sie dazu bringen wollte, mein Wort zu verleugnen und nicht an meine Auferstehung zu glauben. Maria war die einzige, die weiterhin geglaubt hat. Sie ist groß und heilig auch dieses Glaubens wegen.

Nun hast du auch dies kennengelernt. Die Qual, die das Gegenstück zur Qual meines Gethsemane ist. Die Welt wird diese Seite nicht verstehen; doch jene, "die in der Welt sind, aber nicht von der Welt, werden sie verstehen und ihre Liebe zur Schmerzensmutter wird dadurch wachsen. Dazu habe ich sie gegeben. Geh in Frieden mit unserem Segen.»

Die beiden Männer sind nun fertig mit der Vorbereitung der Binden. Sie treten an den steinernen Tisch und nehmen das Lendentuch Jesu ab. In großer Eile wischen sie die überall tropfenden Glieder ab, wie mir scheint mit einem Schwamm oder einem Leinenbausch. Dann bestreichen sie den ganzen Körper mit Salben. Sie begraben ihn geradezu unter einer

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dicken Schicht Salbe. Zuvor noch haben sie ihn hochgehoben und auch den steinernen Tisch gereinigt und das Grabtuch darübergebreitet, von dem mehr als die Hälfte am Kopfende hinunterhängt. Sie legen ihn auf den Bauch und salben den ganzen Rücken, die Schenkel, die Beine, die ganze Rückseite. Dann drehen sie ihn vorsichtig um und achten darauf, daß der duftende Balsam nicht abgewischt wird, und salben nun auch die Vorderseite. Zuerst den Rumpf, dann die Glieder. Sie beginnen an den Füßen und enden mit den Händen, die sie über dem Unterleib zusammenlegen. Die Salbenmischung muß klebrig wie Leim sein, denn ich sehe, daß die Hände an ihrem Platz bleiben, während sie vorher durch das Gewicht des toten Fleisches immer hinuntergerutscht sind. Die Füße nicht. Sie bleiben an ihrem Platz, der eine etwas gerader, der andere leicht gestreckt. Zum Schluß kommt das Haupt. Nachdem sie es sorgfältig gesalbt haben, so daß die Züge unter der Salbenschicht verschwinden, binden sie das Kinn auf, um den Mund geschlossen zu halten.

Maria stöhnt lauter. Dann heben sie das herunterhängende Stück des Grabtuchs auf und schlagen es über Jesus. Er verschwindet unter dem dicken Grableinen, ist nur noch eine stoffbedeckte Form.

Joseph gibt acht, daß alles richtig an seinem Platz ist, breitet noch ein Schweißtuch über das Gesicht und weitere Tücher – kurze und lange rechteckige Streifen – von rechts nach links über den Körper, die das Grabtuch eng anliegend um den Leichnam festhalten sollen. Es ist nicht die typische Bandagierung, die man von den Mumien kennt, und nicht einmal die, die ich bei der Auferstehung des Lazarus gesehen habe. Es ist nur ein Ansatz von Bandagierung.

Jesus ist nicht mehr. Auch die Gestalt löst sich auf unter den Leinentüchern. Sie gleicht einem langen Haufen weißer Tücher, schmäler an den beiden Enden und in der Mitte etwas breiter, auf dem grauen Stein. Maria weint lauter.

672. DIE RÜCKKEHR ZUM ABENDMAHLSAAL

Joseph von Arimathäa löscht eine der Fackeln, wirft noch einen prüfenden Blick um sich und begibt sich dann zur Öffnung des Grabes, wobei er die andere Fackel in die Höhe hält.

Maria neigt sich noch einmal, um den Sohn durch seine Bandagen hindurch zu küssen. Und sie will dabei ihren Schmerz beherrschen, eine respektvolle Haltung bewahren vor dem Leichnam, der schon einbalsamiert ist und ihr nicht mehr gehört. Doch als sie sich dem verhüllten Gesicht nähert, kann sie sich nicht mehr beherrschen und wird von einer neuen Krise der Verzweiflung überwältigt.

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Nur mit Mühe gelingt es, sie aufzuheben, und mit noch größerer Mühe führen sie sie fort vom Totenbett. Sie bringen die durcheinandergeratenen Tücher wieder in Ordnung und müssen die arme Mutter mehr forttragen als stützen, während sie zurückblickt, um ihren Jesus zu sehen, noch einmal zu sehen, der dort im Dunkel des Grabes allein zurückbleibt.

Im Abendschein verlassen sie den stillen Garten. Das schwache Tageslicht, das nach der Tragödie von Golgotha wiedergekehrt ist, weicht nun der einbrechenden Nacht. Und hier, unter dem dichten Geäst – das noch keine Blätter und gerade erst die noch nicht erblühten rosaroten und weißen Apfelknospen trägt, die sich in diesem Garten des Joseph so seltsam verspätet haben, während sie anderswo längst in voller Blüte stehen oder sogar schon befruchtet und zu winzigen Äpfelchen geworden sind – hier ist es noch dunkler als draußen.

Der schwere Stein wird vor das Grab gewälzt. Lange Zweige eines zerzausten Rosenbusches hängen von der Höhe der Höhle auf den Boden und scheinen an die steinerne Pforte zu klopfen und zu sagen: «Warum verschließt du dich vor einer Mutter, die weint?» Und auch sie scheinen blutige Tränen zu weinen mit ihren roten, abfallenden Blütenblättchen, mit ihren Blüten, die sich über den dunklen Stein legen, mit ihren verschlossenen Knospen, die an das unerbittliche Tor pochen. Doch bald benetzen andere Tränen und anderes Blut dieses Tor des Todes.

Maria, die Johannes bisher gestützt und deren Schluchzen sich ziemlich beruhigt hat, macht sich von dem Apostel los und wirft sich mit einem Schrei, der, glaube ich, sogar die Gewächse in ihrem Innersten erzittern läßt, auf die Tür, hängt sich an einen Vorsprung und will sie zur Seite schieben. Sie reibt sich die Finger wund und zerbricht sich die Nägel, ohne etwas zu erreichen, und stemmt sogar den Kopf gegen den rauhen Vorsprung. Und ihr Stöhnen erinnert an das Brüllen einer Löwin, die sich vor der Falle, in der ihre Jungen gefangen sind, in ihrer mitleidigen, wilden Mutterliebe verzehrt.

Sie hat nichts mehr von der sanftmütigen Jungfrau von Nazareth, von der geduldigen Frau, als die man sie bisher kannte. Sie ist die Mutter. Ganz einfach die Mutter, die mit allen Fasern und Nerven des Fleisches und der Liebe an ihrem Geschöpf hängt. Sie ist die wahre «Besitzerin» dieses Fleisches, das sie geboren hat, die einzige Besitzerin nach Gott, und sie duldet nicht, daß man sie dieses Eigentums beraubt. Sie ist die «Königin», die ihre Krone verteidigt: den Sohn, den Sohn, den Sohn.

Alle Auflehnung und aller Widerstand, die jede andere Frau in dreiunddreißig Jahren gegen die Ungerechtigkeit der Welt gegenüber ihrem Kind gezeigt hätte, alle heilige und erlaubte Wildheit, mit der sich jede andere Mutter während dieser letzten Stunden gegen die Mörder ihres Sohnes gewandt hätte, um sie mit Händen und Zähnen zu verletzten und zu töten, all das, was sie aus Liebe zum Menschengeschlecht immer bezähmt

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hat, rührt sich nun in ihrem Herzen und kocht in ihrem Blut. Aber selbst in diesem Schmerz, der sie fast den Verstand verlieren läßt, verwünscht sie nicht und lehnt sich nicht auf, sondern fleht nur den Stein an, sich zu öffnen und ihr den Weg freizugeben; denn ihr Platz ist dort drinnen, wo er ist. Sie bittet nur die Menschen, die unbarmherzig in ihrer Barmherzigkeit sind, ihr zu gehorchen und zu öffnen.

Nachdem sie sich Lippen und Hände an dem unnachgiebigen Stein verletzt und blutig geschlagen hat, wendet sie sich um, lehnt sich mit ausgebreiteten Armen an, hält dabei die beiden Ränder des Steines fest und befiehlt mit der furchterregenden Würde der Mater Dolorosa: «Öffnet! Ihr wollt nicht? Gut, dann bleibe ich hier. Nicht drinnen? Hier draußen also. Hier ist mein Brot und mein Lager. Hier ist meine Bleibe. Ich habe kein anderes Haus mehr und kein anderes Ziel. Geht nur. Geht zurück in die Welt, die ein Abscheu ist. Ich bleibe hier, wo es keine Begierde und keinen Blutgeruch gibt.»

«Du kannst nicht, Frau!»

«Du kannst nicht, Mutter!»

«Du kannst nicht, Maria, Liebe!»

Sie versuchen, ihre Hände vom Fels zu lösen und sind verängstigt durch diese Augen, deren Blitzen, das sie hart, beherrschend, gläsern und phosphoreszierend macht, sie noch nicht kennen.

Die Sanftmütigen sind nicht herrschsüchtig, und die Demütigen können nicht im Hochmut verharren... Und bei Maria legt sich die Heftigkeit des Wollens und das Befehlende sofort. Sie bekommt wieder den sanften Blick der gequälten Taube, verliert den gebietenden Ausdruck, beugt sich wieder flehend vor und bittet mit gefalteten Händen: «Oh, laßt mich doch! Um eurer Toten willen, um deretwillen, die ihr unter den Lebenden liebt, habt Erbarmen mit einer armen Mutter! ... Hört... hört mein Herz. Es braucht Frieden, damit dieses grausame Klopfen aufhört. Dort oben, auf dem Kalvarienberg, hat es begonnen, so zu klopfen. Der Hammer ging bumm, bumm, bumm... und jeder Schlag verletzte mein Kind... und drang mir ins Hirn und ins Herz... Und mein Kopf ist voll von diesen Schlägen, und das Herz schlägt rasch, wie der Hammer auf die Hände und auf die Füße meines Jesus, meines kleinen Jesus... Mein Kind! Mein Kind... !»

Der ganze Schmerz kehrt wieder, nachdem er sich bei dem Gebet zum Vater am Tisch der Einbalsamierung beruhigt zu haben schien. Alle weinen.

«Ich kann keine Schreie und keine Schläge mehr hören. Und die Welt ist voller Stimmen und Geräusche. Jede Stimme ist für mich "der große Schrei", der mir das Blut in den Adern gerinnen ließ, und jedes Geräusch ist für mich wie ein Hammerschlag auf den Nagel. Ich kann keine Menschengesichter mehr sehen. Und die Welt ist voller Gesichter... Seit fast

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zwölf Stunden sehe ich nur Mördergesichter... Judas... die Henker... die Priester... die Juden... Alle, alle Mörder! ... Weg! Weg! Ich will niemanden mehr sehen... In jedem Menschen steckt ein Wolf und eine Schlange. Ich empfinde Angst und Abscheu vor den Menschen... Laßt mich hier, unter diesen ruhigen Bäumen, auf diesem blühenden Rasen... Bald werden die Sterne erscheinen... Sie sind immer seine Freunde und meine Freunde gewesen... Gestern abend haben sie uns Gesellschaft geleistet in unserer einsamen Todesangst... Sie wissen so viele Dinge... Sie kommen von Gott! ... Oh! Gott! Gott!» Sie weint und kniet nieder. «Frieden, mein Gott. Ich habe nur noch dich!»

«Komm, Kind. Gott wird dir Frieden schenken. Aber komm. Morgen ist der Passahsabbat. Wir können nicht herkommen und dir Speisen bringen.»

«Nichts! Nichts! Ich will keine Speisen! Ich will meinen Sohn! Ich nähre mich von meinem Schmerz und stille meinen Durst mit den Tränen... Da... Hört ihr, wie das Käuzchen klagt? Es weint mit mir, und bald werden auch die Nachtigallen klagen. Und morgen bei Sonnenaufgang werden die Lerchen und die Schwarzköpfchen klagen und alle Vögel, die er liebgehabt hat; und die Turteltauben werden mit mir an diesen Fels klopfen und sagen: "Steh auf, mein Geliebter, und komm! Mein Geliebter, der du ruhst in felsigen Klüften, im Versteck am Felsensteig, laß mich dein Antlitz sehen, laß mich deine Stimme hören." Ach, was sage ich! Auch sie, auch sie, die tückischen Mörder, haben ihm die Worte des Hohenliedes zugerufen! Ja, kommt, ihr Töchter Jerusalems, und schaut den König mit der Krone, mit der sein Vaterland ihn krönte am Tag seiner Hochzeit mit dem Tod, am Tag seines Sieges als Erlöser!»

«Schau, Maria! Die Tempelwachen kommen. Komm, damit sie dich nicht schmähen.»

«Die Tempelwachen? Mich schmähen? Nein, sie sind feige. Feige sind sie. Und wenn ich, furchtbar in meinem Schmerz, auf sie zugehen würde, dann würden sie fliehen wie Satan vor Gott. Aber ich vergesse nicht, daß ich Maria bin... und ich werde mich nicht an ihnen rächen, wie es mein Recht wäre. Ich werde gut sein... Sie werden mich nicht einmal sehen. Und wenn sie mich sehen und mich fragen: "Was willst du hier?", dann werde ich antworten: "Das Almosen, die balsamgetränkte Luft atmen zu dürfen, die aus diesem Spalt dringt." Ich werde sagen: "Im Namen eurer Mutter." Alle haben eine Mutter... Auch der reuige Schächer hat es gesagt...»

«Aber diese sind schlimmer als Räuber. Sie werden dich beschimpfen.»

«Oh, gibt es denn eine Schmähung, die ich noch nicht kenne nach den heutigen?»

Es ist Magdalena, die einen Grund findet, der überzeugend genug ist, die Schmerzenreiche zum Gehorsam zu bewegen. «Du bist gut, heilig bist

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du, und glaube es nur, du bist auch stark. Aber wir, was sind wir? ... Du siehst es! Die meisten sind weggelaufen. Die Übriggebliebenen fürchten sich. Der Zweifel, der schon in uns wühlt, würde uns aufgeben lassen. Du bist die Mutter. Du hast nicht nur Rechte und Pflichten deinem Sohn gegenüber, sondern auch Pflichten und Rechte gegenüber dem Eigentum deines Sohnes. Du mußt mit uns zurückkehren, unter uns zurückkehren, um uns zu sammeln, uns Gewißheit zu geben, um uns deinen Glauben einzuflößen. Du selbst hast doch gesagt, nach deinem gerechten Tadel unserer Furchtsamkeit und unseres mangelnden Glaubens: "Es wird einfacher für ihn sein aufzuerstehen, wenn ihn diese unnötigen Binden nicht behindern." Ich sage dir: Wenn es uns gelingt, uns im Glauben an seine Auferstehung zu vereinen, wird er um so rascher auferstehen. Wir würden ihn durch unsere Liebe erwecken... Mutter, Mutter meines Erlösers, komm mit uns. Komm mit uns, du, die Geliebte Gottes, um uns diese deine Liebe zu schenken. Willst du vielleicht, daß die arme Maria Magdalena erneut verlorengeht, nachdem er sie in seiner großen Barmherzigkeit gerettet hat?»

«Nein, er würde mich tadeln. Du hast recht. Ich muß zurückkehren... die Apostel suchen... die Jünger... die Verwandten... alle... sagen... ihnen sagen: "Glaubt... Er verzeiht euch..." Wem habe ich dies schon gesagt? ... Ach! Dem Iskariot... Man muß... ja, man muß auch ihn suchen... denn er ist der größte Sünder...» Maria läßt das Haupt auf die Brust sinken, zitternd vor Abscheu, und sagt dann: «Johannes, du wirst ihn suchen. Und wirst ihn zu mir bringen. Du mußt es tun. Und ich muß es tun. Vater, auch dies soll geschehen, damit die Menschheit erlöst werde. Gehen wir.»

Sie steht auf. Alle verlassen den halbdunklen Garten. Die Wachen sehen sie hinausgehen, sagen aber kein Wort.

Die staubige und durch die Füße, Steine und Knüttel der Volksmengen aufgewühlte Straße macht einen Bogen um den Kalvarienberg und führt zur Hauptstraße, die parallel zur Stadtmauer verläuft. Hier sind die Spuren des Vorgefallenen noch deutlicher. Zweimal schreit Maria auf und bückt sich, um bei dem schwachen Licht den Boden genauer zu betrachten, denn sie meint, Blut zu sehen, und glaubt, daß es von ihrem Jesus stammen könnte. Aber es sind nur Fetzen von zerrissenen Stoffen, die bei dem Durcheinander der Flucht dort liegengeblieben sind, wie mir scheint.

Das Bächlein, das längs der Straße verläuft, murmelt leise in dem großen Schweigen, das über allem liegt. Die Stadt scheint verlassen, so still ist es. Hier ist die kleine Brücke, die zum steilen Weg auf den Kalvarienberg führt. Und ihm gegenüber liegt das Gerichtstor. Bevor sie durch dieses Tor verschwinden, wendet sich Maria noch einmal um, um den Gipfel des Kalvarienberges zu sehen... und weint untröstlich. Dann sagt sie: «Gehen wir. Doch ihr müßt mich führen. Ich will Jerusalem mit seinen Straßen und Bewohnern nicht sehen.»

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«Ja, ja. Aber beeilen wir uns. Sie sind schon dabei, die Tore zu schließen, siehst du? Und die Torwachen sind verstärkt worden. Rom fürchtet Aufruhr.»

«Da haben sie nicht unrecht. Jerusalem ist eine Tigerhöhle. Ein Volk von Mördern! Eine Räuberbande. Nicht nur nach Hab und Gut, sondern nach dem Leben strecken diese Übeltäter ihre räuberischen Klauen aus. Seit dreiunddreißig Jahren trachten sie nach dem Leben meines Kindes... Es war ein Lämmlein aus Milch und Rosen, ein Lämmlein mit goldenen Locken... Kaum konnte es "Mama" sagen, die ersten Schrittchen machen und mit wenigen Zähnchen zwischen den Korallenlippen lächeln, kamen sie schon, um es zu töten... Nun sagen sie, daß er Gott gelästert, den Sabbat geschändet und zum Widerstand aufgerufen hat, daß er nach dem Thron getrachtet und mit Frauen gesündigt hat... Aber damals, was hatte er da getan? Welche Gotteslästerung konnte er ausgesprochen haben, als er noch kaum die Mama rufen konnte? Wie hätte er das Gesetz übertreten können, da er, der Ewig-Unschuldige, noch ein kleines unschuldiges Menschenkind war? Welchen Aufstand hätte er anzetteln können, da er nicht zum geringsten Ungehorsam fähig war! Nach welchem Thron hätte er trachten sollen? Er hatte seinen Thron auf Erden und im Himmel und verlangte nach keinem anderen: Im Himmel hatte er den Schoß des Vaters und auf der Erde meinen Schoß. Nie hat er Augen für Sinnliches gehabt, und ihr, ihr schönen, jungen Frauen, könnt es bezeugen. Aber damals... damals... beschränkte sich seine Sinnlichkeit auf das Bedürfnis nach Wärme und Nahrung, und er liebelte, ja, aber mit meiner warmen Brust, um sein Gesichtlein daran zu schmiegen und so zu schlafen an dem runden Kissen, aus dem meine Liebe als Milch floß...

Oh, mein Kind! Und sie wollten dich tot! Das Leben wollten sie dir nehmen! Deinen einzigen Besitz! Die Mutter dem Sohn und den Sohn der Mutter wollten sie nehmen, um uns zu den Elendsten und Unglücklichsten des Universums zu machen. Warum dem Lebendigen das Leben nehmen? Warum sich das Recht anmaßen, diesen Besitz, das Leben, zu entreißen: das Gut der Blume und des Tieres, und das Gut des Menschen? Mein Jesus verlangte nichts von euch. Weder Geld, noch Schmuck, noch Häuser. Ein Haus hatte er, klein und heilig, und er verließ es aus Liebe zu euch menschlichen Hyänen. Auf das, was das Tierjunge besitzt, hat er euretwegen verzichtet; er ist arm und allein durch die Welt gezogen, ohne das Bett, das der Gerechte für ihn gemacht hatte, ohne das Brot, das die Mutter für ihn bereitete, und er hat geschlafen und gegessen, wo und wie er konnte. In den Häusern der Guten, wie jedes Menschenkind, oder auf dem Graslager der Wiesen, bewacht von den Sternen. An einem Tisch sitzend oder mit den Vöglein Gottes die Körner und die Früchte der wilden Brombeere teilend. Und er hat nichts von euch verlangt. Im Gegenteil, er hat euch beschenkt. Er wollte nur sein Leben, um euch durch sein Wort

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das Leben zu geben. Und ihr, und du, Jerusalem, ihr habt ihm das Leben geraubt. Bist du nun gesättigt von seinem Fleisch, und hast du nun deinen Durst gestillt an seinem Blut? Oder hast du noch nicht genug? Willst du dich als Hyäne – nachdem du Vampir und Geier warst – nun an seinem Leichnam weiden? Hast du noch nicht genügend geschmäht und gequält, und willst du ihm nun noch mehr antun und dich ergötzen, indem du seine sterbliche Hülle entehrst und noch einmal seine Krämpfe, sein Zittern, seine Tränen und Zuckungen bei mir, bei der Mutter des Getöteten betrachtest? ... Sind wir schon angekommen? Warum bleibt ihr stehen? Was will dieser Mann von Joseph? Was sagt er?»

Joseph ist in der Tat von einem der seltenen Vorübergehenden aufgehalten worden, und in der absoluten Stille der verlassenen Stadt kann man ihre Worte sehr gut verstehen.

«Es ist bekannt, daß du das Haus des Pilatus betreten hast. Du entweihst das Gesetz. Du wirst Rechenschaft ablegen müssen, und es ist dir nicht erlaubt, am Passahfest teilzunehmen. Du hast dich verunreinigt.»

«Auch du, Elchias. Du hast mich berührt, und ich bin voll vom Blut des Christus und seinem Todesschweiß.»

«Wie schrecklich! Fort! Fort! Dieses Blut, fort!»

«Habe keine Angst, es hat dich schon verlassen. Und verflucht.»

«Auch du bist verflucht. Und glaube nur nicht, nun da du mit Pilatus liebäugelst, daß du den Leichnam unterschlagen kannst. Wir haben vorgesorgt, und das Spiel wird ein Ende haben.»

Nikodemus hat sich langsam genähert, während die Frauen mit Johannes sich an ein tief in der Mauer liegendes, verschlossenes Tor drücken.

«Wir haben es gesehen», antwortet Joseph. «Ihr Feiglinge! Ihr habt sogar vor einem Toten Angst! Aber in meinem Garten und mit meinem Grab mache ich, was ich will.»

«Wir werden sehen.»

«Wir werden sehen. Ich werde mich an Pilatus wenden.»

«Ja, treibe jetzt nur Unzucht mit Rom!»

Nikodemus tritt vor: «Besser mit Rom als mit Teufeln wie euch, ihr Gottesmörder! Und übrigens, sag einmal: Wie kommt es, daß du schon wieder die Stimme erhebst? Eben erst bist du voller Schrecken geflohen. Ist schon wieder alles vorbei? Hat dir das noch nicht gereicht? Ist keines deiner Häuser abgebrannt? Zittere! Die Strafe ist noch nicht vorüber, sie kommt erst. Wie die Nemesis der Heiden schwebt sie über dir. Weder Wachen noch Siegel werden den Rächer hindern, zu erscheinen und zu bestrafen.»

«Verfluchter!» Elchias flieht und stößt mit den Frauen zusammen. Er erkennt sie und schleudert Maria ein furchtbares Schimpfwort ins Gesicht.

Johannes sagt kein Wort. Mit einem Panthersprung stürzt er sich auf

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ihn und wirft ihn zu Boden, hält ihn mit den Knien nieder, drückt ihm den Hals zu und sagt: «Bitte sie um Verzeihung, oder ich bringe dich um, du Teufel!» Und er läßt ihn nicht los, bis der andere, von den Händen des Johannes gedrückt und halb erwürgt, krächzt: «Verzeihung.»

Aber sein Schrei hat die Aufmerksamkeit der Militärstreife auf sie gezogen. «Halt! Was geschieht hier? Neuer Aufruhr? Steht alle, oder wir schlagen zu. Wer seid ihr?»

«Joseph von Arimathäa und Nikodemus. Wir hatten die Erlaubnis des Prokonsuls zur Beisetzung des getöteten Nazareners und befinden uns auf dem Rückweg vom Grab mit der Mutter, dem Sohn, den Verwandten und Freunden. Dieser hier hat die Mutter beleidigt und ist gezwungen worden, sich zu entschuldigen.»

«Nur das? Ihr hättet ihn umbringen sollen. Geht weiter. Soldaten, nehmt diesen dort fest. Was wollen diese Blutsauger denn noch? Das Herz der Mütter? Salve, ihr Juden.»

«Wie schrecklich! Das sind doch keine Menschen mehr... Johannes, sei gut zu ihnen. Denke an meinen und deinen Jesus. Er hat Vergebung gepredigt.»

«Mutter, du hast recht. Aber sie sind Verbrecher, und sie bringen mich um den Verstand. Sie sind Gotteslästerer, und sie beleidigen dich. Das kann ich nicht erlauben.»

«Ja, sie sind Verbrecher. Und sie wissen, daß sie es sind. Sieh, wie wenige von ihnen auf den Straßen sind. Und diese wenigen stehlen sich heimlich davon. Nach dem Verbrechen haben die Verbrecher Angst. Es ist schrecklich für mich, sie so fliehen zu sehen; zu sehen, wie sie sich aus Angst in ihren Häusern einsperren. Ich fühle, daß sie alle des Gottesmordes schuldig sind. Schau dort, Maria, der Alte. Er steht schon mit einem Fuß im Grab, und doch glaube ich, nun da er die Tür öffnet und das Licht auf ihn fällt, ihn gesehen zu haben, als er auf dem Kalvarienberg vorüberging und meinen Jesus anklagte... Er nannte ihn einen Räuber... Einen Räuber, meinen Jesus! ... Und dieser Jüngling, noch ein halbes Kind, hat unflätig gelästert und das Blut über sich herabgerufen... Oh, der Unglückliche! ... Und der Mann dort? Stark und kräftig wie er ist, wird er sich gewiß nicht zurückgehalten und ihn geschlagen haben. Oh, ich will nichts sehen. Hinter ihren eigentlichen Gesichtern, erkennt man das Gesicht der Seelen und... und sie gleichen nicht mehr Menschen, sondern Dämonen ... So mutig waren sie im Angesicht des Gefesselten, des Gekreuzigten ... Und nun fliehen sie, verbergen sich, schließen sich ein und haben Angst. Sie haben Angst. Vor wem? Vor einem Toten. Für sie ist er ja nichts als ein Toter, da sie leugnen, daß er Gott ist. Wovor haben sie also Angst? Vor wem verschließen sie die Türen? Vor den Gewissensbissen. Vor der Bestrafung. Doch es nützt nichts. Die Gewissensbisse sind in euch. Und sie werden euch in alle Ewigkeit verfolgen. Und die Strafe wird

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keine menschliche sein. Schlösser und Prügel, Türen und Barrikaden helfen nichts gegen sie. Sie kommt vom Himmel, von Gott, dem Rächer des Geopferten, und dringt durch Mauern und Türen, und mit ihrer himmlischen Flamme zeichnet sie euch für die übernatürliche Strafe, die euch erwartet. Die Welt wird zu Christus kommen, zum Sohn Gottes und meinem Sohn, sie wird zu dem kommen, den ihr durchbohrt habt, aber ihr werdet auf ewig die Gezeichneten, die Kaine eines Gottes sein und als Abschaum des menschlichen Geschlechtes gebrandmarkt sein. Ich, die ich aus euch geboren bin, ich, die ich die Mutter aller bin, muß sagen, daß ihr euch mir, eurer Tochter, gegenüber schlimmer als Stiefväter benommen habt, und daß ihr in der unbegrenzten Zahl meiner Kinder diejenigen seid, die es mir am schwersten machen, sie aufzunehmen; denn ihr seid mit dem Verbrechen an meinem Kind besudelt. Und ihr bereut es auch nicht und sagt nicht: "Du warst der Messias. Wir anerkennen dich und beten dich an." Da kommt eine zweite römische Militärstreife. Die Liebe ist nicht mehr auf der Erde. Der Friede ist nicht mehr unter den Menschen. Und der Haß und der Krieg flammen auf wie diese rauchenden Fackeln. Die Herrschenden haben Angst vor der aufgebrachten Menge. Sie wissen aus Erfahrung, daß die Bestie Mensch, wenn sie Blut gerochen hat, mordgierig wird... Aber fürchtet euch nicht vor diesen. Sie sind weder Löwen noch Panther, sie sind feige Hyänen. Sie überfallen nur das wehrlose Lamm. Aber sie fürchten den mit Lanzen und Autorität bewaffneten Löwen. Fürchtet nicht diese schleichenden Schakale. Euer eisenklirrender Schritt treibt sie in die Flucht, und das Aufblitzen eurer Lanzen läßt sie zahmer als Kaninchen werden. Diese Lanzen! Eine hat das Herz meines Sohnes geöffnet! Welche von ihnen? Sie zu sehen, durchbohrt mein Herz... Und doch möchte ich sie alle in meine zitternden Hände nehmen, um die zu finden, an der noch Blut klebt, und zu sagen: "Diese ist es! Gib sie mir, Soldat! Gib sie der Mutter im Gedanken an deine ferne Mutter, und ich werde für dich und für sie beten." Kein Soldat würde sie mir verweigern; denn sie, die Krieger, waren die Besten angesichts des Todeskampfes des Sohnes und der Mutter! Oh, warum habe ich dort oben nicht daran gedacht? Ich war, als hätte man mich auf den Kopf geschlagen. Ich war betäubt von den Hammerschlägen... Oh, diese Schläge! Wer entfernt sie aus meinem armen Kopf, hier, damit ich sie nicht mehr fühle? Die Lanze... Wie gerne möchte ich sie haben...»

«Wir können sie suchen, Mutter. Mir scheint, der Hauptmann ist sehr gut zu uns gewesen. Ich denke, er wird sie uns nicht verweigern. Morgen gehe ich zu ihm.»

«Ja, ja, Johannes. Ich bin arm. Ich habe nur wenig Geld. Aber ich gebe alles her bis zum letzten Heller, um dieses Eisen zu erhalten... Warum habe ich nicht sofort darum gebeten?»

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«Maria, Teuerste, keiner von uns hat von dieser Wunde gewußt... Als du sie entdeckt hast, waren die Soldaten schon gegangen.»

«Das ist wahr... Ich bin ganz benommen vor Schmerz. Und die Kleider? Ich habe nichts von seinen Sachen! Ich würde mein Blut geben, um sie zu bekommen ...» Maria weint wieder ganz untröstlich.

Und so erreichen sie die Straße, in der sich der Abendmahlsaal befindet. Es ist höchste Zeit, denn sie ist erschöpft und schleppt sich wie eine hinfällige Greisin vorwärts. Und sie sagt es auch.

«Nur Mut! Wir sind schon da.»

«Schon da? So kurz ist der Weg, der mir heute morgen endlos erschien? Heute morgen? Ist es wirklich heute morgen gewesen? Nicht früher? Wie viele Stunden oder wie viele Jahrhunderte sind vergangen, seit ich gestern abend hier eingetreten und heute früh von hier fortgegangen bin? Bin ich es wirklich, die fünfzigjährige Mutter, oder bin ich eine hundertjährige Alte, eine noch ältere Frau mit hunderten von Jahren auf dem gebeugten Rücken und auf dem ergrauten Haupt? Es scheint mir, daß ich allen Schmerz der Welt erlitten habe und daß aller Schmerz auf meinen Schultern lastet und sie beugt unter seinem Gewicht. Kein materielles Kreuz, aber so schwer! Ein Kreuz aus Stein. Vielleicht noch schwerer als das meines Jesus. Denn ich trage das meine und das seine mit der Erinnerung an seine Qualen und der Wirklichkeit meiner Qualen. Gehen wir hinein. Denn wir müssen hineingehen. Aber es wird kein Trost sein, sondern nur Vermehrung der Qual. Durch diese Tür ist mein Sohn eingetreten zu seiner letzten Mahlzeit. Und durch diese Tür ist er hinausgegangen, um dem Tod entgegenzugehen. Und er mußte seinen Fuß in die Fußstapfen seines Verräters setzen, der hinausgegangen war, um die Häscher des Unschuldigen zu rufen. An dieser Tür habe ich Judas gesehen... Judas habe ich gesehen! Und ich habe ihn nicht verflucht, sondern habe als betrübte Mutter zu ihm gesprochen. Betrübt wegen des guten und wegen des bösen Sohnes... Ich habe Judas gesehen! Den Satan habe ich in ihm gesehen! Ich, die ich immer Luzifer unter meiner Ferse zertreten, die Augen zu Gott erhoben und nie den Blick zu ihm gesenkt habe, ich habe sein Gesicht erkannt, als ich den Verräter ansah. Ich habe mit Satan gesprochen... Und er ist geflohen, denn er kann meine Stimme nicht ertragen. Ob er nun aus ihm ausgefahren ist? So daß ich mit diesem Toten reden und – ich, die Gebärerin – ihn durch das Blut eines Gottes erneut empfangen und der Gnade gebären kann? Johannes, schwöre mir, daß du ihn suchen und nicht grausam zu ihm sein wirst. Ich bin es nicht, obwohl ich ein Recht dazu hätte... Oh, laßt mich in den Saal hineingehen, in dem mein Sohn sein letztes Mahl eingenommen hat; in dem mein Kind seine letzten Worte in Frieden gesprochen hat.»

«Ja, wir werden hineingehen. Aber nun, sieh, komm hier herein, wo wir gestern waren. Ruhe dich aus. Verabschiede dich von Joseph und Nikodemus, die sich zurückziehen.»

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«Ich will mich verabschieden, ja. Oh, ich grüße sie. Ich danke ihnen. Ich segne sie!»

«Aber komm, komm. Dort kannst du es mit mehr Ruhe tun.»

«Nein, hier. Joseph... Oh, ich habe niemanden dieses Namens kennengelernt, der mich nicht geliebt hätte...»

Maria des Alphäus bricht in heftiges Weinen aus.

«Weine nicht... Auch Joseph... Dein Sohn hat nur aus Liebe gefehlt. Er wollte mir auf menschliche Weise Frieden verschaffen... Aber heute! ... Du hast es gesehen... Oh, alle, die Joseph heißen, sind gut zu Maria ... Joseph, ich danke dir. Und auch dir, Nikodemus. Mein Herz wirft sich zu euren Füßen nieder, die müde sind, weil ihr seinetwegen so viel gegangen seid... um ihm die letzten Ehren zu erweisen... Ich habe nichts als mein Herz, um es euch zu geben... Und ich gebe es euch, ihr treuen Freunde meines Sohnes... und... und verzeiht der armen Mutter, was sie euch am Grab gesagt hat.»

«Oh, Heilige! Du mußt verzeihen!» sagt Nikodemus.

«Sei nun brav. Ruhe dich aus in deinem Glauben. Morgen werden wir wiederkommen», fügt Joseph hinzu.

«Ja, wir werden kommen. Wir stehen dir zu Diensten.»

«Morgen ist Sabbat», bemerkt die Hausherrin.

«Der Sabbat ist tot. Wir werden kommen. Leb wohl. Der Herr sei mit euch.» Und sie gehen.

«Komm, Maria.»

«Ja, Mutter, komm.»

«Nein, macht auf. Ihr habt mir versprochen, es zu tun nach der Verabschiedung. Öffnet mir diese Türe! Ihr könnt das einer Mutter nicht verwehren. Einer Mutter, die in der Luft den Duft des Atems, des Körpers ihres Kindes riechen möchte. Wißt ihr denn nicht, daß ich ihm den Atem und den Leib gegeben habe? Ich, die ihn neun Monate getragen und dann geboren, genährt, aufgezogen und gepflegt habe? Dieser Atem gehört mir! Dieser Duft des Körpers gehört mir! Laßt ihn mich noch einmal einatmen.»

«Aber ja, Liebste. Morgen. Jetzt bist du müde. Du glühst vor Fieber. Jetzt kannst du nicht. Es geht dir schlecht.»

«Ja, schlecht. Aber nur, weil ich sein Blut immer vor Augen habe und den Geruch seines verwundeten Körpers rieche. Laßt mich den Tisch sehen, an dem er lebend und gesund gesessen ist, damit ich den Duft seines jugendlichen Körpers rieche. Öffnet! Begrabt ihn mir nicht ein drittes Mal! Ihr habt ihn mir schon unter dem Balsam und den Binden verborgen; dann habt ihr ihn mit einem Stein eingeschlossen. Warum, warum wollt ihr jetzt einer Mutter verweigern, die letzte Spur von ihm in dem Atem zu finden, den er hinter dieser Tür hinterlassen hat? Laßt mich hinein. Ich werde am Boden, auf dem Tisch und auf den Sitzen die Spuren

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seiner Füße und seiner Hände suchen. Und ich werde sie küssen, sie immer wieder küssen, bis meine Lippen wund werden. Ich werde suchen, suchen... Vielleicht finde ich ein Haar seines blonden Hauptes. Ein Haar, an dem kein Blut klebt. Wißt ihr überhaupt, was ein Haar des Sohnes für eine Mutter ist? Du, Maria des Kleophas, und du, Salome, ihr seid Mütter. Und ihr begreift das nicht? Johannes! Johannes! Höre mich an. Ich bin deine Mutter. Er hat mich dazu gemacht. Er! Du bist mir Gehorsam schuldig. Öffne! Ich liebe dich, Johannes. Ich habe dich immer geliebt, denn du hast ihn geliebt. Ich werde dich noch mehr lieben. Aber öffne! Mach auf, sage ich! Du willst nicht? Du willst nicht? Dann habe ich also keinen Sohn mehr? Jesus hat mir nie etwas verweigert, denn er war mein Sohn. Du verweigerst es mir. Du bist es also nicht. Du verstehst meinen Schmerz nicht... Oh, Johannes! Verzeih, verzeih... Öffne... Weine nicht... Öffne... Oh, Jesus! Jesus! ... Höre mich an... Dein Geist möge ein Wunder wirken! Öffne du deiner Mutter diese Tür, die keiner aufmachen will. Jesus! Jesus!»

Maria schlägt mit den zu Fäusten geballten Händen an die wohlverschlossene Tür. Sie ist außer sich vor Schmerz. Bis sie schließlich erbleicht und flüstert: «Oh, mein Jesus, ich komme! Ich komme!» Sie fällt kraftlos in die Arme der weinenden Frauen, die sie auffangen, um zu verhindern, daß sie an der Schwelle der Tür zusammenbricht, und sie in das Zimmer gegenüber tragen.

673. DIE NACHT DES KARFREITAGS

Maria kommt mit Hilfe der weinenden Frauen wieder zu sich und weint, hat nur noch die Kraft, zu weinen und weinen. Es scheint wirklich, daß ihr Leben sie in diesen Tränen verläßt und sich verbraucht.

Die Frauen wollen ihr eine Erfrischung reichen. Martha bietet ihr etwas Wein an. Die Hausherrin möchte, daß Maria wenigstens etwas Honig zu sich nimmt. Maria des Alphäus kniet vor ihr nieder, bietet ihr eine Schale lauwarmer Milch an und sagt: «Ich selbst habe die Ziege der kleinen Rachel gemolken» (anscheinend die Tochter der Bewohner dieses Hauses des Lazarus, von denen ich nicht weiß, ob sie Mieter oder Verwalter sind). Aber Maria will nichts. Sie will nur weinen, nur weinen... Und bitten und das Versprechen hören, daß die Apostel und die Jünger gesucht werden, daß die Lanze und die Kleider gesucht werden und daß sie, sobald der Tag angebrochen ist, in den Abendmahlsaal gehen darf, da man es ihr jetzt nicht erlauben will.

«Ja. Wenn du dich etwas beruhigst, wenn du dich etwas ausruhst, gehe ich mit dir hinein», sagt die Schwägerin. «Wir werden hineingehen, und

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ich werde dir auf den Knien jede kleinste Spur von Jesus suchen...» und Maria des Alphäus schluchzt. «Aber siehst du? Hier hast du den Kelch und das von ihm gebrochene Brot, das er für die Eucharistie verwendet hat. Gibt es heiligere Andenken? Siehst du? Johannes hat sie schon heute morgen für dich gebracht, damit du sie heute abend siehst... Der arme Johannes. Er hat Angst und weint...»

«Angst? Warum? Komm, Johannes.»

Johannes tritt hervor aus der Dunkelheit, denn im Raum brennt eine einzige kleine Lampe auf dem Tisch neben den Leidenswerkzeugen. Er kniet vor Maria nieder, die ihn liebkost und fragt: «Warum hast du Angst?»

Und Johannes küßt ihre Hände und sagt weinend: «Weil du dich nicht wohlfühlst. Weil du Fieber hast und krank bist... Weil du dich nicht beruhigen kannst. Und wenn du so weitermachst, wirst du sterben, wie er gestorben ist...»

«Oh, wenn das nur wahr wäre!»

«Nein! Mutter! Mama! Oh, es ist viel schöner, "Mama" zu sagen, wie ich es zu meiner Mama sage... Laß es mich sagen... Ich finde keinen Unterschied zwischen meiner Mutter und dir, und ich liebe dich sogar noch mehr als sie, denn du bist die Mama, die er mir gegeben hat, und du bist seine Mama. Und du darfst keinen zu großen Unterschied zwischen dem von dir geborenen Sohn und dem dir übergebenen Sohn machen... Liebe mich ein wenig, wie du ihn liebst... Wenn er zu dir sagen würde: "Ich habe Angst, daß du sterben wirst" ' würdest du dann antworten: "Oh, wenn das nur wahr wäre!"? Nein, du würdest nicht so reden. Es würde dich schmerzen, gehen zu müssen und ihn in einer Welt von Wölfen zurückzulassen. Ihn, dein Lamm... Und um mich sorgst du dich nicht? ... Ich bin viel mehr Lamm als er. Nicht was Güte und Reinheit betrifft, sondern hinsichtlich Dummheit und Angst. Wenn du mir fehlst, wird der arme Johannes von den Wölfen zerrissen, ohne auch nur ein Blöken von sich geben zu können, das von seinem Meister spricht... Willst du, daß er so stirbt, ohne ihm gedient zu haben? Dumm im Sterben wie im Leben? Nein, nicht wahr? Darum, Mama, versuche dich zu beruhigen... Tue es für ihn... Oh! Sagst du nicht, daß er aufersteht? Ja, du sagst es, und es ist wahr. Und du willst also, daß du fehlst im Haus, wenn er aufersteht? Denn ganz gewiß wird er hierher kommen... Oh, armer, armer Jesus, wenn er anstelle des Ausrufes deiner Liebe unsere Klagelieder hören muß, wenn er sein gemartertes, glorreiches Haupt nicht an deine Brust legen kann und nur dein verschlossenes Grab vorfindet. Du mußt leben. Um ihn zu begrüßen, wenn er wiederkehrt... Ich sage nicht "uns zuliebe". Wir verdienen nur Tadel für unser Verhalten. Aber ihm und dir zuliebe. Oh, wie wird die Begegnung sein? Und er, wie wird er sein? Mutter der Weisheit, Mama des törichten Johannes, du, die du alles weißt, sage uns, wie er sein wird, wenn er uns nach der Auferstehung erscheint.»

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«Die Wunden an den Beinen von Lazarus hatten sich geschlossen, aber man konnte noch die Narben sehen. Und die Bandagen waren voller Fäulnis», sagt Martha.

«Wir mußten ihn waschen...» fügt Maria hinzu.

«Und er war schwach, und wir mußten ihm zu essen geben auf Anordnung des Meisters», sagt wiederum Martha.

«Der Sohn der Witwe von Naim war verstört und glich einem Kind, das noch nicht richtig gehen und sprechen kann, und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück, die ihn lehren sollte, wieder zu leben. Und das Töchterlein des Jairus hat er selbst die ersten Schritte machen lassen ...» sagt Johannes.

«Ich denke, daß mein Herr uns einen Engel senden wird, um uns sagen zu lassen: "Kommt und bringt ein sauberes Gewand." Und meine Liebe hat es schon vorbereitet. Es ist im Palast. Ich konnte es nicht selbst weben. Aber ich habe es von meiner Amme weben lassen, die nun hinsichtlich meiner Zukunft beruhigt ist und nicht mehr weint. Ich habe das kostbarste Linnen genommen und von Plautina den Purpur bekommen. Noemi hat ihn in die Borte gewebt, und ich habe den Gürtel, die Börse und das Talith gefertigt und bei Nacht bestickt, um nicht gesehen zu werden. Ich habe von dir gelernt, Mutter. Es ist keine vollkommene Arbeit; aber mehr als die Perlen, aus denen sein Name auf dem Gürtel und auf der Börse besteht, schmücken sie die Diamanten der Tränen meiner Liebe und meine Küsse. Jeder Stich ist ein Herzschlag der Verehrung für ihn. Und ich werde sie ihm bringen. Das erlaubst du doch, nicht wahr?»

«Oh! ... Ich hätte nie gedacht, daß sie ihm sein Gewand nehmen würden... Ich kenne die Bräuche und die Härte der Welt nicht... Ich glaubte, sie zu kennen... (und Tränen rinnen wieder über die wachsbleichen Wangen) aber nun sehe ich, daß ich noch nichts wußte... Ich dachte: "Er wird das Kleid seiner Mutter auch nachher tragen können." Es hat ihm so gut gefallen. Er hatte es sich so gewünscht. Schon vor langer Zeit hat er mir gesagt: "Du sollst ein Kleid anfertigen, das so und so aussieht, und es mir für das Passahfest bringen. Denn Jerusalem soll mich im Purpurgewand des Königs sehen..." Oh, diese Wolle, die weißer war als Schnee, wurde vor den Augen Gottes und vor meinen Augen rot, während ich sie spann, denn mein Herz wurde bei diesen Worten erneut verwundet... Die anderen Wunden hatten sich nach Jahren und Monaten zwar noch nicht geschlossen, aber sie bluteten nicht mehr. Aber diese! Jeden Tag, jede Stunde hat sich das Schwert in meinem Herzen gedreht: "Ein Tag weniger! Eine Stunde weniger! Dann wird er tot sein!" Oh! Oh! ... Und das Gespinst an der Spindel oder auf dem Webstuhl erschien mir rot... Es wurde dann in Farbe getaucht, für die Weit... Aber es war schon vorher rot...» Maria weint wieder.

Sie versuchen sie aufzumuntern, indem sie von der Auferstehung sprechen. Susanna fragt. «Was sagst du? Wie wird er sein nach der Auferstehung? Und wie wird er auferstehen?»

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Und Maria, verwirrt und blind in dieser Stunde des Martyriums der Erlösung, antwortet: «Ich weiß es nicht... Ich weiß nichts mehr... Nur, daß er tot ist... !» Und sie weint wieder heftig, küßt die Leinwand, die die Lenden ihres Sohnes bedeckt hat, drückt sie an ihr Herz und wiegt sie, als wäre es ein Kind...

Sie berührt die Nägel, die Dornen, den Schwamm und schreit auf: «Dies! Diese Dinge hat dir dein Vaterland gegeben! Eisen, Dornen, Essig und Galle! Und Beleidigungen, Schmähungen, Beschimpfungen! Und unter allen Söhnen Israels mußte es ein Cyrenäer sein, der dir das Kreuz trug. Dieser Mensch ist mir heilig wie ein Bräutigam. Und wenn ich einen anderen kennen würde, der meinem Sohn zu Hilfe gekommen ist, würde ich ihm die Füße küssen. Aber hat denn niemand Mitleid gehabt? Geht hinaus! Geht! Es schmerzt mich auch, euch zu sehen. Denn ihr alle, ihr alle konntet nicht einmal eine weniger grausame Folter erlangen. Ihr unnützen und faulen Knechte eures Königs! Hinaus!» Maria ist furchtbar bei diesem Ausbruch. Aufrecht und starr steht sie da und erscheint größer als sie ist mit ihren gebieterischen Augen und dem ausgestreckten Arm, der zur Tür weist. Sie befiehlt wie eine Königin auf dem Thron.

Alle gehen ohne Widerrede hinaus, um sie nicht noch mehr zu erregen. Sie setzen sich vor die geschlossene Tür und horchen auf ihre Klagen und jeglichen Ton, der von ihr kommen könnte. Aber nach den Geräuschen des zurückgeschobenen Stuhles und ihrer auf den Boden fallenden Knie – denn sie kniet nieder und lehnt das Haupt an den Tisch, auf dem die Gegenstände der Passion liegen – ist nichts mehr zu hören als ihr unaufhörliches, trostloses Weinen.

Sie spricht leise, so leise, daß die draußen ihre Worte nicht hören können: «Vater, Vater, Verzeihung! Ich werde stolz und böse. Aber du siehst, es ist wahr, was ich sage. Es war eine so große Menge um ihn. Ganz Palästina ist an diesem Fest in den heiligen Mauern versammelt... Heilig? Nein, sie sind nicht mehr heilig... Sie wären es geblieben, wenn er in ihnen gestorben wäre. Aber Jerusalem hat ihn ausgespien wie ekelerregenden Auswurf. Deshalb ist in Jerusalem nur das Verbrechen... Und in der großen Menge, die ihm folgte, fand sich nicht einmal eine Handvoll, die Druck ausgeübt hätte, ich sage nicht, um ihn zu retten. Denn er mußte sterben, um zu erlösen. Aber um ihm einen weniger qualvollen Tod zu erlangen. Sie haben sich verborgen gehalten oder sind geflohen... Mein Herz bäumt sich auf vor so viel Feigheit. Ich bin die Mutter. Deshalb verzeih meine Sünde der stolzen Härte...» und sie weint.

Draußen sitzen die anderen wie auf Kohlen, und dies aus verschiedenen Gründen.

Der Hausherr, der ausgegangen war, um sich in der Stadt umzuhören, ist mit schrecklichen Nachrichten zurückgekehrt. Man sagt, daß viele bei dem Erdbeben umgekommen sind, daß viele bei Zusammenstößen

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zwischen den Anhängern des Nazareners und den Juden verletzt wurden, daß viele verhaftet wurden, daß es neue Hinrichtungen geben wird nach Aufständen und Drohungen gegen Rom, und daß Pilatus die Gefangennahme aller Jünger des Nazareners und der Vorsteher des Synedriums, die entweder in der Stadt geblieben oder schon irgendwohin in Palästina geflüchtet sind, angeordnet hat, daß Johanna sterbend in ihrem Palast liegt, und daß Manaen von Herodes eingesperrt wurde, weil er ihn vor dem ganzen Hof als Komplizen der Gottesmörder angeklagt hat. Ein ganzer Haufen katastrophaler Nachrichten...

Die Frauen stöhnen. Sie fürchten nicht so sehr für sich selbst, sondern für die Kinder und die Ehemänner. Susanna denkt an ihren Mann, der in Galiläa als Jünger Jesu bekannt ist. Maria des Zebedäus denkt an den ihren, der als Gast bei einem Freund weilt, und an den Sohn Jakobus, von dem sie seit dem Abend zuvor keine Nachricht mehr hat. Und Martha schluchzt: «Sie sind sicher schon nach Bethanien gegangen! Wem ist nicht bekannt, was Lazarus für den Meister war?»

«Aber er wird doch von Rom beschützt», entgegnet Maria Salome.

«Oh! Beschützt! Wer weiß, welche Anschuldigungen die Vorsteher Israels gegen ihn bei Pilatus vorbringen bei dem Haß, den sie gegen uns hegen... Oh! Gott!» Martha rauft sich die Haare und schreit: «Die Waffen! Die Waffen! Das Haus ist voll davon... und auch der Palast! Ich weiß es. Heute morgen bei Sonnenaufgang ist Levi, der Verwalter, gekommen und hat mir gesagt... Aber du weißt das ja auch schon! Und du hast es den Juden auf dem Kalvarienberg gesagt... Törichte! Du hast den Grausamen damit die Waffe in die Hand gegeben, um Lazarus zu töten... !»

«Ich habe es gesagt, ja. Ich habe, ohne es zu wissen, die Wahrheit gesagt. Aber so schweig doch, du verschrecktes Huhn! Was ich gesagt habe, ist die sicherste Garantie für Lazarus. Sie werden sich wohl hüten, sich in Gefahr zu begeben und dort zu suchen, wo sie wissen, daß Bewaffnete sind! Sie sind feige!»

«Die Juden, ja. Aber die Römer nicht!»

«Ich fürchte Rom nicht. Es ist gerecht und klug in seinen Anordnungen.»

«Maria hat recht», sagt Johannes. «Longinus hat zu mir gesagt: "Ich hoffe, daß man euch in Frieden läßt. Wenn dem aber nicht so ist, so komm oder schicke jemanden zum Prätorium. Pilatus ist den Jüngern des Nazareners wohlgesinnt. Er war es auch ihm. Wir werden euch verteidigen."»

«Aber wenn die Juden selbst handeln? Gestern abend waren sie die Häscher Jesu! Und wenn sie sagen, daß wir Gotteslästerer sind, dann haben sie das Recht, uns gefangenzunehmen. Oh, meine Söhne! Vier Söhne habe ich! Wo können Joseph und Simon sein? Sie waren auf dem Kalvarienberg und sind weggegangen, als Johanna es nicht mehr aushielt. Sie

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wollten den Frauen helfen und sie verteidigen. Sie, die Hirten, Alphäus... alle! Oh, man hat sie gewiß schon getötet. Hast du gehört, daß Johanna im Sterben liegt? Sicher durch eine Verletzung. Und damit der Pöbel sich nicht an einer Frau vergreift, werden meine Söhne sie verteidigt haben und nun tot sein! ... Und Judas und Jakobus? Mein kleiner Judas! Mein ein und alles! Und Jakobus, der so sanft ist wie ein Mädchen! Oh, ich habe keine Söhne mehr! Nun geht es mir wie der Mutter der Makkabäer... !»

Sie weinen alle verzweifelt. Alle, mit Ausnahme der Hausherrin, die gegangen ist, um ein Versteck für ihren Mann zu suchen, und Maria Magdalena, die nicht weint. Aber ihre Augen sprühen Feuer, und sie ist wieder die herrschsüchtige Frau von einst geworden. Sie sagt nichts. Aber sie schaut die niedergeschlagenen Gefährtinnen verächtlich an, und ihre Augen sagen ganz klar: «Ihr Memmen!»

So vergeht die Zeit... Ab und zu steht jemand auf, öffnet leise die Tür, schaut hinein und macht die Tür wieder zu.

«Was tut sie?» fragen die anderen.

Und die, die gerade nachgesehen hat, antwortet: «Sie kniet immer noch und betet», oder: «Es sieht so aus, als rede sie mit jemandem», oder aber: «Sie ist aufgestanden und geht gestikulierend im Zimmer auf und ab.»

674. DIE KLAGE DER JUNGFRAU

«Jesus! Jesus! Wo bist du? Hörst du mich noch? Hörst du deine arme Mutter, die deinen heiligen, gepriesenen Namen ruft, nachdem sie ihn so viele Stunden nur im Herzen genannt hat? Deinen heiligen Namen, der meine Liebe war, die Liebe meiner Lippen; meiner Lippen, die Honigsüße verspürten beim Nennen deines Namens; meiner Lippen, die nun, wenn sie ihn nennen, nur die Bitterkeit zu trinken scheinen, die auf deinen Lippen zurückgeblieben ist. Die Bitterkeit der furchtbaren Mischung... Dein Name, die Liebe meines Herzens, das vor Freude schwoll, wenn es ihn aussprach, so wie es sich weitete, um dir sein Blut zu geben, um dich zu empfangen und dich mit ihm zu bekleiden, als du vom Himmel zu mir kamst, so klein, so winzig, daß du im Blütenkelch der wilden Minze Platz gefunden hättest.

Du, der du so groß bist, du, der Mächtige, hast dich für das Heil der Welt gedemütigt und bist Mensch geworden. Dein Name, der Schmerz meines Herzens, nun, da sie dich den Liebkosungen deiner Mutter entrissen haben, um dich den Händen der Henker auszuliefern, die dich bis zum Tod gemartert haben. Mein Herz ist zermalmt von diesem deinen Namen, den ich so lange in mir verschließen mußte und der immer lauter

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schrie, je größer dein Schmerz wurde, bis es zermalmt war wie unter dem Tritt eines Riesen. O ja, mein Schmerz ist riesengroß und zermalmt und zerreißt mich, und es gibt nichts, was ihn lindern könnte.

Wem soll ich deinen Namen sagen? Nichts antwortet meinem Schrei. Selbst wenn ich so laut schreien würde, daß der Stein, der dein Grab verschließt, zerspringt, du würdest mich nicht hören, denn du bist tot. Hörst du deine Mutter nicht mehr? Wie oft hat sie dich, mein Sohn, in diesen vierunddreißig Jahren gerufen! Seit ich wußte, daß ich Mutter sein und daß der Name meines Kindes Jesus sein würde. Du warst noch nicht geboren, da streichelte ich meinen Leib, in dem du heranwuchsest, und rief dich leise: "Jesus", und es schien mir, als würdest du dich bewegen, um mich "Mama" zu nennen! Für mich hattest du schon eine Stimme, ich erträumte sie mir, deine Stimme. Ich hörte deine Stimme schon, bevor sie war. Und als ich sie dann vernahm, zart wie die Stimme eines neugeborenen Lämmchens und zitternd in der Kälte der Geburtsnacht, da lernte ich die höchste Freude kennen... Und ich glaubte, den Abgrund des Schmerzes kennengelernt zu haben, da ich die Tränen meines Kindes sah, das fror und sich nicht wohlfühlte, das seine ersten Erlösertränen weinte, und ich hatte weder Feuer noch Wiege und konnte nicht an deiner Statt leiden, Jesus. Ich hatte nur meine Brust, um dich zu wärmen und zu betten, und meine Liebe, um dich anzubeten, mein heiliges Kind.

Ich glaubte, den Abgrund des Schmerzes kennengelernt zu haben... Aber es war erst das Morgengrauen, der Beginn dieses Schmerzes. Nun ist es Mittag. Nun habe ich die Tiefe des Abgrunds erreicht, nach einem Abstieg von vierunddreißig Jahren. So vieles hat mich hinabgestoßen und mich heute niedergestreckt in dieser furchtbaren Tiefe deines Kreuzes.

Als du klein warst, da habe ich dich gewiegt und gesungen: "Jesus! Jesus!" Gibt es eine schönere und heiligere Harmonie als diesen Namen, der die Engel des Himmels lächeln macht? Dein Name war für mich schöner als der süße Gesang der Engel in der Nacht deiner Geburt. Ich sah durch ihn in den Himmel... den ganzen Himmel sah ich in diesem Namen. Und nun, da du tot bist und mich nicht hörst und mir nicht mehr antwortest, als ob du nie gewesen wärest, sehe ich die Hölle, wenn ich ihn ausspreche. Die ganze Hölle. Nun weiß ich, was es heißt, verdammt zu sein. Nicht mehr sagen zu können: "Jesus"! Schrecklich! Schrecklich! Schrecklich! ...

Wie lange wird diese Hölle für deine Mutter dauern? Du hast gesagt: "In drei Tagen werde ich diesen Tempel wieder aufrichten." Den ganzen Tag schon wiederhole ich mir diese Worte, damit ich nicht tot umfalle; um bereit zu sein, dich bei deiner Rückkehr zu begrüßen und dir wieder dienen zu können... Aber wie werde ich drei Tage lang deinen Tod ertragen können? Drei Tage lang tot, du mein Leben?

Wie ist es möglich, daß du, der du alles weißt, weil du die unendliche

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Weisheit bist, nichts von der Verzweiflung deiner Mutter weißt? Kannst du es dir nicht vorstellen, wenn du dich erinnerst, wie ich dich in Jerusalern verlor und du mich sahst, wie ich die dich umgebende Menge teilte mit dem Gesicht einer Schiffbrüchigen, die nach endlosem Kampf mit den Wellen und dem Tod den Strand erreicht, mit dem Gesicht einer erschöpften, ausgebluteten, gealterten, zerschmetterten Gefolterten? Und damals konnte ich dich nur verloren glauben. Ich konnte mich der Hoffnung hingeben, daß es nur das war. Heute nicht. Heute nicht. Ich weiß, daß du tot bist. Es gibt keine Hoffnung. Ich habe gesehen, wie man dich umgebracht hat. Hier ist der Beweis. Selbst wenn der Schmerz mein Gedächtnis trüben würde, hier ist dein Blut auf meinem Schleier, das mir sagt: "Er ist tot. Er hat kein Blut mehr! Dies ist der letzte Tropfen aus seinem Herzen!" Aus seinem Herzen! Aus dem Herzen meines Kindes. Meines Sohnes! Meines Jesus! Oh, Gott! Barmherziger Gott, erinnere mich nicht daran, daß sie ihm das Herz durchbohrt haben...

Jesus, ich kann nicht allein hier bleiben, während du allein dort bist. Ich, die ich nie die Wege der Welt und die Menschenmengen geliebt habe, und du weißt es, bin dir immer häufiger gefolgt, seit du Nazareth verlassen hast, um nicht fern von dir leben zu müssen. Ich habe Neugier und Spott ertragen, und ich zähle die Mühen nicht auf, denn sie wurden bei deinem Anblick zu nichts. Ich wollte nur dort leben, wo du warst. Und nun bin ich hier allein. Und du bist dort allein. Warum haben sie mich nicht in deinem Grab gelassen? Ich hätte mich neben dein kaltes Bett gesetzt, eine deiner Hände in meinen Händen, um dich fühlen zu lassen, daß ich in deiner Nähe bin... Nein, um zu fühlen, daß du in meiner Nähe bist. Du fühlst nichts mehr. Du bist tot!

Wie viele Nächte habe ich an deiner Wiege verbracht, betend, liebend, von deinem Anblick beseligt. Willst du, daß ich dir sage, wie du geschlafen hast und deine Fäustchen wie zwei Blütenknospen neben dem heiligen Gesichtlein lagen? Soll ich dir sagen, wie du im Schlaf gelächelt, dich gewiß an die Milch deiner Mama erinnert und schlafend den Mund bewegt und gesaugt hast? Soll ich dir sagen, wie du dann erwacht bist, die Äuglein geöffnet und gelacht hast, als du mich über dich geneigt sahst, wie du die Händchen in ungeduldiger Freude ausgestreckt hast, um in die Arme genommen zu werden, und mit einem leisen Jauchzen, mit dem Triller einer Mönchsgrasmücke deine Mahlzeit verlangt hast? Oh, wie selig war ich, wenn du an meiner Brust lagst und ich die Wärme deiner Wange und die Liebkosungen deiner kleinen Händchen fühlte!

Du wolltest nie ohne deine Mama sein. Und nun bist du allein! Verzeih mir, Kind, daß ich dich allein gelassen habe; daß ich nicht zum ersten Mal in meinem Leben aufbegehrt habe und bei dir geblieben bin. Dort ist mein Platz. Ich würde mich nicht so untröstlich fühlen, wenn ich an deinem Totenbett wäre, dich wie einst umwickeln und deine Binden wechseln

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könnte... Auch wenn du mich nicht anlächeln und nicht mit mir sprechen könntest, es würde mir scheinen, als wärst du wieder mein Kind. Ich würde dich an mein Herz drücken, damit du die Kälte des Steins, die Härte des Marmors nicht fühlst. Habe ich dich nicht auch heute in meinen Armen gehalten? Auf dem Schoß einer Mutter ist immer Platz für ihren Sohn, auch wenn er schon ein Mann ist. Der Sohn ist immer das Kind für seine Mutter, auch wenn er vom Kreuz abgenommen und von Wunden bedeckt ist.

Wie viele, wie viele Wunden! Wie viele Schmerzen! Oh, mein Jesus, mein ganz von Wunden bedeckter Jesus! So verwundet! So getötet! Nein. Nein. Nein, Herr, das kann nicht wahr sein! Ich bin von Sinnen! Jesus tot? Ich fiebere. Jesus kann nicht sterben! Leiden, ja, aber nicht sterben! Er ist das Leben! Er ist der Sohn Gottes. Er ist Gott. Und Gott stirbt nicht.

Stirbt nicht? Aber warum hat er dann "Jesus" geheißen? Was bedeutet "Jesus" ? Es bedeutet... Oh, es bedeutet "Erlöser"! Er ist tot! Er ist tot, weil er der Erlöser ist. Er mußte alle erlösen und sich selbst dahingeben... Ich fiebere nicht, o nein. Ich bin nicht von Sinnen. Nein. Wäre ich es nur! Ich würde weniger leiden. Er ist tot. Hier ist sein Blut. Hier ist seine Dornenkrone. Hier sind die drei Nägel. Mit diesen, mit diesen haben sie ihn durchbohrt!

Menschen, seht, womit ihr Gott, meinen Sohn, durchbohrt habt! Und ich muß euch verzeihen. Und ich muß euch lieben. Denn auch er hat verziehen. Denn er verlangt von mir, daß ich euch liebe. Er hat mich zu eurer Mutter gemacht, zur Mutter der Mörder meines Sohnes! Eines seiner letzten Worte im Kampf gegen das Todesröcheln war: "Mutter, siehe da deinen Sohn... deine Kinder." Selbst wenn ich nicht die Gehorsame wäre, so hätte ich doch heute gehorchen müssen, denn es war der Befehl eines Sterbenden.

Sieh, Jesus, ich verzeihe. Ich liebe sie. Ach! Es zerreißt mir das Herz bei dieser Verzeihung, bei dieser Liebe! Hörst du, daß ich ihnen verzeihe und sie liebe? Ich bete für sie. Schau, ich bete für sie... Ich schließe die Augen, um diese Marterwerkzeuge nicht zu sehen, damit ich ihnen verzeihen, damit ich sie lieben, damit ich für sie beten kann. Jeder Nagel soll meinen Willen, sie nicht zu lieben, ihnen nicht zu verzeihen und nicht für deine Henker zu beten, kreuzigen.

Ich will und muß denken, daß ich an deiner Wiege weile. Auch damals habe ich für die Menschen gebetet. Doch damals war es leicht. Du lebtest, und ich – obwohl ich wußte, daß die Menschen grausam sind – hätte niemals geglaubt, daß sie so grausam gegen dich sein könnten, der du ihnen so viel Gutes getan hast. Ich betete, da ich überzeugt war, daß dein Wort sie bessern würde. In meinem Herzen sagte ich zu ihnen, wenn ich sie betrachtete: "Ihr seid jetzt böse, krank. Doch bald wird er zu euch

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sprechen und Satan in euch besiegen. Er wird euch das verlorene Leben zurückgeben." Das verlorene Leben! Du, du hast ihretwegen dein Leben verloren, mein Jesus!

Hätte ich damals, als du noch in den Windeln lagst, den Schrecken dieses Tages sehen können, wäre meine süße Milch vor Schmerz zu Gift geworden! Simeon hat es gesagt: "Deine Seele wird ein Schwert durchdringen." Ein Schwert? Eine Unzahl von Schwertern! Wie viele Wunden haben sie dir geschlagen, Sohn? Wie viele Seufzer hast du ausgestoßen? Wie viele Krämpfe hast du erlitten? Wie viele Blutstropfen hast du vergossen? Sieh, jeder ist ein Schwert für mich. Es sind eine Unzahl von Schwertern. An dir ist kein Flecken Haut, das nicht verwundet ist. An mir ist keine Stelle, die nicht durchbohrt ist. Sie durchbohren mein Fleisch und dringen bis ins Herz.

Als ich deine Geburt erwartete, bereitete ich die Binden und Windeln vor und spann das weichste Leinen der Erde. Ich achtete nicht auf den Preis, um das glatteste Garn zu erhalten. Wie schön warst du in den Windeln deiner Mutter! Alle sagten zu mir: "Frau, dein Kind ist schön!" Du warst schön. Aus dem weißen Linnen schaute dein rosiges Gesichtlein hervor. Du hattest zwei Äuglein blauer als der Himmel, und dein Köpfchen war von einem goldenen Flaum bedeckt, so leicht und blond waren deine Haare. Sie dufteten nach frisch aufgesprungenen Mandelblüten. Alle glaubten, ich würde dich parfümieren. Nein. Mein Kleinod hatte nur den Duft der von seiner Mutter gewaschenen Windeln, die ihr Herz und ihre Lippen geküßt hatten. Niemals wurde ich müde, für dich zu arbeiten.

Und nun? Nun kann ich nichts mehr für dich tun. Seit drei Jahren bist du von zu Hause fort. Aber immer noch warst du der einzige Inhalt meiner Tage. Ich dachte an dich, an deine Kleider, an deine Nahrung. Ich rührte das Mehl und bereitete Brot, pflegte die Bienen, um Honig für dich zu haben, und wachte über die Bäume, damit sie dir Obst gaben. Wie hast du dich über die Dinge gefreut, die deine Mutter dir brachte! Keine Speise einer reichen Tafel und kein Gewand aus kostbarem Tuch war dir so lieb, wie die von den Händen deiner Mutter gewebten, genähten, gepflegten und geernteten Dinge. Wenn ich dich besuchte, schautest du sofort auf meine Hände wie damals, als du klein warst und Joseph und ich dir unsere armen Geschenke gaben, um dir zu zeigen, daß du unser König warst. Du bist nie naschhaft gewesen, mein Kind, aber du hast die Liebe gesucht; sie war deine Nahrung, und in unserer Fürsorge hast du sie gefunden. Auch jetzt hast du sie gefunden und gesucht, mein armer Sohn, der du von der Welt so wenig geliebt wirst!

Nun ist alles vorbei. Alles vollbracht. Deine Mama kann nichts mehr für dich tun. Du brauchst nichts mehr... Nun bist du allein... Und auch ich bin allein... Oh, glücklicher Joseph, der du diesen Tag nicht erleben mußtest. Hätte doch auch ich ihn nicht mehr erleben müssen! Aber dann

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hättest du nicht einmal den Trost gehabt, deine arme Mutter zu sehen. Du wärest am Kreuz allein gewesen, so wie du nun im Grab allein bist. Allein mit deinen Wunden.

Oh! Gott! Gott, wie viele Wunden hat dein Sohn, mein Sohn! Wie konnte ich sie ansehen, ohne darüber zu sterben, ich, die ich zu Tode erschrak, wenn er sich 1 Kind verletzte?

Einmal bist du im Garten von Nazareth gefallen und hast dich an der Stirn verletzt. Nur einige Blutstropfen. Aber ich, die ich schon schwach wurde, als ich bei deiner Beschneidung ein wenig Blut sah – und Joseph mußte mich stützen, da ich wie eine Sterbende zitterte – hatte Angst, daß diese kleine Wunde dich töten könnte, und mehr mit Tränen als mit Wasser und Öl habe ich sie behandelt. Und ich habe mich erst zufrieden gegeben, als kein Blut mehr kam. Ein andermal, als du zu arbeiten lerntest, hast du dich mit der Säge verletzt. Eine kleine Wunde nur. Aber mir war, als hätte mich die Säge in zwei geteilt. Und ich hatte keine Ruhe, bis nach sechs Tagen deine Hand wieder geheilt war.

Und nun? Und nun? Nun sind deine Hände, deine Füße, deine Seite geöffnet. Nun ist dein ganzes Fleisch zerfetzt und dein Antlitz zerschlagen. Dieses Antlitz, das ich kaum mit Küssen zu berühren wagte, ist von der Stirne bis zum Nacken eine einzige Wunde. Und niemand hat dir Arznei und Trost gegeben.

Sieh mein Herz, o Gott, das du in meinem Kind getroffen hast! Sieh es an! Ist es nicht verwundet wie der Körper deines und meines Sohnes? Die Geißeln haben mich wie Hagel getroffen, während er geschlagen wurde. Was bedeutet die Entfernung für die Liebe? Ich habe die Martern meines Sohnes erlitten. Hätte doch nur ich allein sie erlitten! Läge doch ich auf dem Grabtisch! Sieh mich an, o Gott! Tropft etwa nicht Blut aus meinem Herzen? Da ist die Dornenkrone. Ich fühle sie. Sie ist ein Reif, der mich drückt und durchbohrt. Hier sind die Löcher der Nägel: drei Schwerter in meinem Herzen.

Oh, diese Schläge! Diese Schläge! Warum ist der Himmel nicht auf die Erde herabgestürzt bei diesen sakrilegischen Schlägen in das Fleisch Gottes? Und ich durfte nicht schreien! Ich durfte mich nicht auf sie stürzen, um den Mördern die Waffe zu entreißen und damit mein sterbendes Kind zu verteidigen! Ich mußte zuhören, zuhören, und durfte nichts tun! Ein Schlag auf den Nagel, und der Nagel dringt in das lebendige Fleisch. Ein weiterer Schlag, und er dringt noch tiefer ein. Und noch einer und wieder einer, und sie brechen die Knochen und zerreißen die Nerven, und das Fleisch meines Kindes wird durchbohrt und gleichzeitig das Herz seiner Mutter.

Und als sie dich am Kreuz aufgerichtet haben? Wie sehr mußt du da gelitten haben! Heiliger Sohn! Ich sehe immer noch deine Hand aufreißen bei der Erschütterung durch den Fall. Mein Herz ist wie sie zerrissen.

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Ich bin verwundet, zerschlagen, gegeißelt, getroffen und durchbohrt wie du. Ich war nicht mit dir am Kreuz. Aber schau sie an, deine Mutter! Ist sie anders als du? Nein, es gibt keinen Unterschied in unserem Martyrium. Nur ist deines zu Ende, und meines dauert noch an. Du hörst nicht mehr die verlogenen Anklagen. Ich aber höre sie. Du hörst nicht mehr die schrecklichen Flüche. Ich aber höre sie immer noch. Du spürst nicht mehr die Stiche der Dornen, den Schmerz der Nägel, den Durst und das Fieber. Ich aber fühle überall die brennenden Stiche und sterbe vor Durst im Fieberwahn.

Hätten sie mir wenigstens erlaubt, dir einen Tropfen Wasser zu geben! Meine Tränen, wenn die Grausamkeit der Menschen dem Schöpfer schon das von ihm geschaffene Wasser verweigerte. Ich habe dir so viel Milch gegeben, denn wir waren arm, mein Sohn, und auf der Flucht nach Ägypten haben wir so viel verloren. Wir mußten uns wieder ein Dach über dem Kopf, Möbel, Kleider und Nahrung beschaffen, und wir wußten nicht, wie lange das Exil dauern würde und was wir bei der Rückkehr in die Heimat vorfinden würden. Ich habe dir länger als üblich Milch gegeben, um dich nicht den Mangel an Nahrung spüren zu lassen. Bis wir die kleine Ziege hatten, war ich, o Kind deiner Mutter, deine kleine Ziege... Du hast schon so viele Zähnchen gehabt und damit zugebissen... Oh, welche Freude, dich bei deinen kindlichen Spielen lachen zu sehen! ... Du wolltest gehen, denn du warst so stark und gesund. Stundenlang habe ich dich gehalten, ohne daß mein Rücken schmerzte, wenn ich über dich gebeugt war und dich das Laufen lehrte und du bei jedem Schrittchen "Mama! Mama!" sagtest. Oh, welche Seligkeit, dich diesen Namen singen zu hören.

Auch heute hast du gesagt: "Mama! Mama!" Doch deine Mutter konnte dich nur sterben sehen. Nicht einmal deine Füße konnte ich liebkosen! Die Füße? Oh, ich hätte sie nicht berührt, auch wenn meine Hände sie hätten erreichen können, um deine Schmerzen nicht zu vermehren. Wie mußten deine armen Füße leiden, o mein Jesus! Hätte ich doch zu dir hinaufsteigen und mich zwischen deinen Körper und das Kreuz schieben können, damit er nicht in den Krämpfen des Todeskampfes auf das Holz aufschlägt. Ich höre noch deinen Kopf beim letzten Aufbäumen gegen das Kreuz schlagen. Und dieser Klang, dieser Klang läßt mich den Verstand verlieren. Es ist, als hätte ich einen Hammer in meinem Kopf.

Komm zurück, komm zurück, mein lieber Sohn, mein heiliger Sohn! Ich sterbe. Ich halte diese Trostlosigkeit nicht aus. Zeige mir wieder dein Antlitz. Rufe mich noch einmal. Ich kann mir dich nicht vorstellen ohne Stimme und ohne Blick, eine kalte, leblose Hülle! Oh, Vater, komm du mir zu Hilfe! Jesus, hörst du mich nicht! Ist denn die Passion nicht zu Ende? Ist denn nicht alles vollbracht? Genügen denn diese Nägel, diese Dornen, dieses Blut, diese Tränen nicht? Braucht es noch mehr, um das Menschengeschlecht zu heilen?

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Vater, ich nenne dir die Werkzeuge seiner Schmerzen und meine Tränen. Aber das ist das wenigste. Was ihm bei seinem Sterben einen übermenschlichen Schmerz bereitet hat, war das Verlassensein von dir. Und was mich schreien macht, ist, daß ich mich von dir verlassen fühle. Ich fühle deine Nähe nicht mehr. Wo bist du, heiliger Vater? Ich war die "Gnadenvolle". Der Engel hat gesagt: "Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen." Nein. Nein, das ist nicht wahr! Ich bin wie eine von dir wegen ihrer Sünden Verfluchte. Du bist nicht mehr mit mir. Die Gnade hat sich zurückgezogen, als ob ich eine zweite sündige Eva wäre.

Aber ich bin dir immer treu gewesen. Worin habe ich dir mißfallen? Du konntest mit mir machen, was du wolltest, und ich habe immer gesagt: "Ja, Vater, ich bin bereit." Können denn die Engel lügen? Und Anna, die mir versichert hatte, daß du mir in der Stunde des Leidens einen Engel senden würdest? Ich bin allein. Ich finde keine Gnade mehr in deinen Augen. Ich habe dich, die Gnade, nicht mehr in mir. Ich habe keinen Engel mehr. Lügen also die Heiligen? Worin habe ich dir mißfallen, wenn sie lügen und ich diese Stunde verdient habe?

Und Jesus? Worin hat dein reines, sanftmütiges Lamm gefehlt? Womit haben wir dich beleidigt, daß wir, außer dem von den Menschen zugefügten Martyrium, auch noch die unbeschreibliche Qual deiner Abkehr von uns ertragen müssen? Ihn, ihn, der dein Sohn war und dich mit einer Stimme rief, die die Erde erschauern machte und sie in mitleidigem Aufschluchzen erbeben ließ, wie konntest du ihn in seiner großen Qual verlassen?

Armes Herz Jesu, das dich so sehr geliebt hat! Wo ist das Zeichen der Herzwunde? Hier ist es. Sieh, Vater, dieses Zeichen. Hier ist der Abdruck meiner Hand, die in die Wunde der Lanze eingedrungen ist. Hier, hier... Weder die Tränen noch der Kuß der Mutter, deren Augen brennen vom Weinen und deren Lippen wund sind vom Küssen, löschen es. Dieses Zeichen schreit und klagt an. Dieses Zeichen schreit lauter als das Blut Abels von der Erde zu dir. Und du, der du Kain verflucht und dich an ihm gerächt hast, du bist meinem von seinen Kainen schon so sehr verletzten Abel nicht zu Hilfe gekommen und hast ihnen sogar das letzte Verbrechen erlaubt! Du hast ihm das Herz zerrissen durch deine Abkehr und hast zugelassen, daß ein Mensch es freilegt, damit ich es sehe und auch durch seinen Anblick zermalmt werde. Aber nicht meinetwegen, sondern seinetwegen, seinetwegen rufe ich dich und bitte dich um eine Antwort. Du hättest es nicht tun dürfen...

Du hättest es nicht tun dürfen... Oh, Verzeihung, Vater! Verzeihung, heiliger Vater! Verzeih einer Mutter, die ihr Kind beweint... Er ist tot! Mein Sohn ist tot! Mit durchbohrtem Herzen gestorben... Oh, Vater, Vater, Erbarmen! Ich liebe dich! Wir haben dich geliebt, und du hast uns so

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sehr geliebt. Wie konntest du zulassen, daß das Herz unseres Sohnes durchbohrt wurde? Oh, Vater! ... Habe Mitleid mit einer armen Frau. Ich bin von Sinnen, Vater! Ich gehöre dir, ich bin dein Nichts, und ich wage es, dich zu tadeln! Barmherzigkeit! Du bist gut gewesen. Die Wunde, die einzige Wunde, die ihn nicht geschmerzt hat, ist diese.

Deine Abkehr hat ihn noch vor Sonnenuntergang sterben lassen und ihm so weitere Qualen erspart. Du bist gut gewesen. Alles tust du aus Güte und Liebe. Wir sind Geschöpfe, die nichts verstehen. Du bist gut gewesen. Gut bist du gewesen. Sprich diese Worte, meine Seele, um meinem Leiden den Stachel zu nehmen. Gott ist gut und hat dich immer geliebt, meine Seele. Von der Wiege bis zum heutigen Tag hat er dich immer geliebt. Er hat dir alle Freuden des irdischen Lebens geschenkt. Er hat dir sich selbst geschenkt. Er ist gut gewesen, gut, gut. Danke, Herr. Sei gepriesen für deine unendliche Güte.

Danke, Jesus. Ich danke auch dir. Ich allein habe sie in meinem Herzen gefühlt, als ich dein geöffnetes Herz gesehen habe. Nun ist deine Lanze in meinem Herzen und bohrt und wühlt. Doch es ist besser so. Du spürst sie nicht.

Aber, habe Erbarmen, Jesus. Gib ein Zeichen! Eine Liebkosung, ein Wort für deine arme Mutter mit dem verwundeten Herzen! Ein Zeichen, ein Zeichen, Jesus, wenn du mich bei deiner Rückkehr noch lebend antreffen willst.»

Ein energisches Klopfen an der Tür läßt alle aufschrecken. Der tapfere Hausherr flieht. Maria des Zebedäus möchte, daß ihr Johannes ihm folgt und schiebt ihn in Richtung Hof. Die anderen, außer Maria Magdalena, drängen sich zusammen und jammern. Maria Magdalena geht aufrecht und mutig zur Tür und fragt: «Wer klopft?»

Eine Frauenstimme antwortet: «Ich bin Nike. Ich muß der Mutter etwas bringen. Öffnet schnell, die Militärstreife ist unterwegs.»

Johannes, der sich von seiner Mutter losgerissen hat und zu Magdalena geeilt ist, macht sich an den vielen Riegeln zu schaffen, die heute abend alle sorgfältig vorgeschoben sind. Er öffnet, und Nike kommt mit einer Dienerin und einem kräftigen Begleiter herein. Die Tür wird wieder geschlossen.

«Ich habe etwas», sagt Nike weinend, und die Stimme versagt ihr...

«Was? Was?» Alle drängen sich neugierig heran.

«Auf dem Kalvarienberg... Ich habe den Erlöser in diesem Zustand gesehen... Ich hatte den Schleier für die Lenden vorbereitet, damit er die Lappen der Henker nicht braucht... Aber er war so verschwitzt, mit Blut in den Augen, daß ich ihm den Schleier geben wollte, damit er sich abtrocknen konnte. Und er hat es getan ... und mir den Schleier zurückgegeben. Ich habe ihn nicht mehr benützt ... Ich wollte ihn mit seinem Schweiß

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und seinem Blut als Reliquie aufbewahren. Und als wir kurz darauf die Gehässigkeit der Juden gegen Plautina und die anderen Römerinnen, Lydia und Valeria, sahen, beschlossen wir, zurückzukehren, aus Furcht, daß man uns dieses Tuch wegnehmen könnte. Die Römerinnen sind tapfere Frauen. Sie haben uns in ihre Mitte genommen, mich und die Dienerin, und haben uns beschützt. Obwohl sie eine Verunreinigung für Israel darstellen... und es gefährlich ist, Plautina zu berühren. Aber daran denkt man in ruhigen Zeiten. Heute waren alle in einem Rausch... Zu Hause habe ich geweint... stundenlang... Dann ist das Erdbeben gekommen, und ich bin ohnmächtig geworden... Als ich wieder zu mir kam, wollte ich den Schleier küssen und habe gesehen... Oh! ... Das Antlitz des Erlösers ist darauf! ...»

«Laß sehen! Laß sehen!»

«Nein, zuerst die Mutter! Es ist ihr Recht!»

«Sie ist völlig am Ende! Sie wird es nicht ertragen ...»

«Oh, sagt das nicht. Es wird ihr im Gegenteil ein Trost sein. Benachrichtigt sie!»

Johannes klopft leise an die Tür.

«Wer ist da?»

«Ich, Mutter. Nike ist draußen... Sie ist bei Nacht gekommen... Sie hat dir ein Andenken... ein Geschenk gebracht. Sie hofft, daß es dir ein Trost sein wird.»

«Oh, ein einziges Geschenk könnte mich trösten: das Lächeln seines Gesichtes ...»

«Mutter!» Johannes umarmt sie, aus Furcht, daß sie fallen könnte, und sagt, als würde er ihr den wahren Namen Gottes anvertrauen: «Das ist es. Sein Lächeln ist auf dem Tuch, mit dem Nike auf dem Kalvarienberg sein Antlitz getrocknet hat.»

«Oh, Vater! Allmächtiger Gott! Heiliger Sohn! Ewige Liebe! Seid gepriesen! Das Zeichen! Das Zeichen, um das ich euch gebeten habe! Laß sie, laß sie eintreten!»

Maria muß sich setzen, denn sie kann sich nicht mehr auf den Beinen halten, und während Johannes den Frauen ein Zeichen gibt, Nike hereinzuschicken, beruhigt sich die Jungfrau wieder.

Nike kommt herein und kniet mit ihrer Dienerin vor Maria nieder. Johannes steht neben Maria und legt einen Arm um ihre Schultern, wie um sie zu stützen. Nike sagt kein Wort. Sie öffnet das Kästchen, nimmt das Tuch heraus und faltet es auseinander. Und das Antlitz Jesu, das lebendige Antlitz Jesu, das schmerzerfüllte und doch lächelnde Antlitz Jesu sieht die Mutter an und lächelt ihr zu.

Maria schreit in schmerzlicher Liebe auf und streckt die Arme aus. Ein Echo ertönt aus dem Vorraum, wo sich die Frauen an der Tür versammelt haben. Und alle knien wie die Mutter vor dem Antlitz des Erlösers nieder.

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Nike findet keine Worte. Sie läßt das Tuch aus ihren Händen in die Hände der Mutter gleiten und neigt sich dann, um seinen Saum zu küssen. Schließlich geht sie rückwärts aus dem Raum, ohne abzuwarten, daß Maria aus ihrer Ekstase erwacht.

Sie geht in die Nacht hinaus und ist schon verschwunden, bevor die anderen dessen gewahr werden. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als das Tor wie zuvor zu schließen.

Maria ist wieder allein, in ein Gespräch der Seele mit dem Bild ihres Sohnes vertieft, denn die anderen haben sich alle zurückgezogen.

Einige Zeit vergeht. Dann sagt Martha: «Wie machen wir es mit den Salben? Morgen ist Sabbat ...»

«Und wir werden nichts kaufen können...» sagt Salome.

«Und doch muß es getan werden. Viele Pfund Aloe und Myrrhe... Aber er war so schlecht gewaschen...»

«Auf jeden Fall muß alles bereit sein bei Sonnenaufgang des ersten Tages nach dem Sabbat», bemerkt Maria des Alphäus.

«Und die Wachen? Wie werden wir es anstellen?» fragt Susanna.

«Wir werden es Joseph sagen, wenn sie uns nicht hineinlassen», antwortet Martha.

«Wir können den Stein nicht allein wegrücken.»

Maria Magdalena sagt: «Oh, du meinst, zu fünft können wir das nicht? Wir sind alle kräftig... und die Liebe tut das übrige.»

«Und auch ich werde mit euch gehen», sagt Johannes.

«Du auf keinen Fall. Ich will nicht auch noch dich verlieren, Sohn.»

«Mache dir keine Sorgen. Wir genügen.»

«Nun gut... aber wer gibt euch die Salben?»

Alle sind niedergeschlagen... Dann sagt Martha: «Wir hätten Nike fragen können, ob es wahr ist, was wir über Johanna und von den Unruhen gehört haben...»

«Das ist wahr! Aber wir sind töricht. Wir hätten auch die Salben holen können. Isaak war auf der Schwelle, als wir zurückkamen ...»

«Im Palast sind viele Gefäße mit Essenzen, und auch feinen Weihrauch haben wir dort. Ich werde sie holen.» Maria Magdalena steht von ihrem Platz auf und legt ihren Mantel um.

Martha schreit: «Du gehst nicht!»

«Ich gehe!»

«Du bist von Sinnen! Sie werden dich gefangennehmen!»

«Deine Schwester hat recht. Geh nicht!»

«Oh, was seid ihr für unnütze, heulende Frauenzimmer! Jesus hatte wahrhaftig eine schöne Schar von Anhängern. Ist euer Vorrat an Mut schon erschöpft? Bei mir ist es umgekehrt. Je mehr ich davon verbrauche, desto größer wird er.»

«Dann werde ich mit ihr gehen. Ich bin ein Mann.»

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«Und ich bin deine Mutter und verbiete es dir!»

«Beruhige dich, Maria Salome. Und du sei brav, Johannes. Ich gehe allein. Ich habe keine Angst. Ich weiß, was es heißt, bei Nacht auf den Straßen zu sein. Ich war der Sünde wegen tausendmal unterwegs... Und nun sollte ich Angst haben, da ich gehe, um dem Sohn Gottes zu dienen?»

«Aber heute ist es unruhig in der Stadt. Du hast den Mann gehört.»

«Der ist ein Angsthase. Und ihr ebenfalls. Ich gehe.»

«Und wenn dich die Soldaten sehen?»

«Dann werde ich sagen: "Ich bin die Tochter von Theophilus dem Syrer, dem treuen Diener Caesars." Und sie werden mich laufen lassen. Und außerdem... ein Mann ist für eine junge, schöne Frau ein geringeres Hindernis als ein Strohhalm. Ich weiß es, zu meiner Schande ...»

«Aber wo willst du im Palast Salben finden, da er doch seit Jahren unbewohnt ist?»

«Glaubst du das? Oh, Martha! Hast du vergessen, daß Israel euch gezwungen hat, ihn zu verlassen, weil er einer der Orte war, an denen ich meine Liebhaber traf? In dem Palast war alles, was ich brauchte, um den Männern noch mehr die Köpfe zu verdrehen. Als ich durch meinen Erlöser gerettet wurde, habe ich die Alabastergefäße und den Weihrauch, die ich für meine Liebesorgien gebraucht hatte, an einem nur mir bekannten Ort versteckt. Und ich habe geschworen, daß nur die Tränen über meine Sünden und die Anbetung des allerheiligsten Jesus die Essenzen und der Weihrauch der büßenden Maria sein würden, und daß ich diese Zeichen des Dienstes der Sinne und des Fleisches nur verwenden würde, um sie zu heiligen und ihn zu salben. Nun ist die Zeit dazu gekommen. Ich gehe. Bleibt. Und seid ruhig. Der Engel Gottes begleitet mich, und es wird mir nichts Böses zustoßen. Lebt wohl. Ich werde euch Nachrichten bringen. Doch Maria solltet ihr nichts sagen... Sie würde sich nur noch größere Sorgen machen...»

Und Maria von Magdala geht mit beeindruckender Selbstsicherheit fort.

«Mutter, laß dir das eine Lehre sein... Es möge dir sagen: Handle nicht so, daß die Welt deinen Sohn einen Feigling nennt. Morgen, nein heute, denn es ist bereits die zweite Nachtwache, werde ich gehen und die Gefährten suchen, wie sie es wünscht...»

«Es ist Sabbat... Du kannst nicht gehen...» entgegnet Salome, um ihn zurückzuhalten.

«"Der Sabbat ist tot", sage auch ich mit Joseph. Die neue Zeit hat begonnen. Andere Gesetze, andere Opfer und andere Zeremonien wird es in ihr geben.»

Maria Salome neigt das Haupt auf die Knie und weint, ohne weiter zu widersprechen.

«Oh, könnten wir doch etwas über Lazarus erfahren!» jammert Maria des Kleophas.

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«Wenn ihr mich gehen laßt, werdet ihr etwas erfahren. Denn die Gefährten wurden zu Lazarus gebracht von Simon dem Kananiter, der den Auftrag dazu erhalten hatte. Jesus hat es Simon in meiner Gegenwart gesagt.»

«0 weh! Alle dort? Dann sind sie alle verloren!» Maria des Kleophas und Salome weinen untröstlich.

Die Zeit vergeht. Man wartet, und viele Tränen werden vergossen. Dann kehrt Maria Magdalena triumphierend und mit Taschen beladen zurück, die kostbare Gefäße enthalten.

«Seht ihr, daß nichts passiert ist? Hier: Öle aller Art, und Narden, Lavendel und Benzoeharz. Myrrhe und Aloe sind nicht dabei... Ich wollte nichts Bitteres... Bitterkeit verkoste ich jeden Augenblick... Wir werden vorerst dies verwenden, und morgen holen wir... Oh, Isaak wird für Geld auch am Sabbat verkaufen... Bei ihm kaufen wir dann Myrrhe und Aloe.»

«Hat man dich gesehen?» «Niemand. Nicht einmal eine Fledermaus ist unterwegs.»«Und die Soldaten?»«Die Soldaten? Ich denke, die schnarchen in ihren Betten.» «Aber der Aufruhr... die Verhaftungen ...»«Die hat nur die Angst dieses Mannes gesehen ...»«Wer ist im Palast?»

«Nun, Levi und seine Frau. Unbesorgt wie Kinder. Die Bewaffneten sind geflohen. Ha, ha, schöne Helden haben wir, das muß ich schon sagen... Sie sind geflohen, als sie von der Verurteilung gehört haben. Es ist wahr, Rom ist streng und gebraucht die Peitsche... Aber dadurch erreicht es, daß man es fürchtet und ihm dient. Und Rom hat Männer, keine Hasen... O ja, er hat gesagt: "Meine Jünger werden dasselbe Schicksal wie ich erleiden." Wenn viele Römer Jesus nachfolgen, dann ist das schon möglich. Aber wenn es Märtyrer unter den Israeliten braucht, wird er allein bleiben... Hier, das ist meine Tasche. Und die ist von Johanna, die... Ja, nicht nur feige, sondern Lügner sind wir. Johanna ist nur sehr niedergeschlagen. Sie und Elisa haben sich auf Golgotha übel gefühlt. Die eine ist eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat, und so wurde ihr übel, als sie Jesus röcheln hörte. Die andere ist zart und so lange Wege unter der Sonne nicht gewohnt. Aber keine ist verletzt oder liegt im Sterben. Johanna weint wie wir alle, gewiß; aber mehr nicht. Sie bedauert, daß man sie weggebracht hat. Morgen wird sie zu uns kommen. Sie schickt diese Aromen, alle, die sie im Haus hatte. Valeria ist auf Anordnung von Plautina bei ihr geblieben, und nun ist sie mit den Sklaven zum Haus Claudias gegangen, denn dort haben sie viel Weihrauch. Wenn sie kommt – denn auch sie ist, dem Himmel sei Dank, kein immer zitternder Angsthase – dann schreit nicht alle, als ob man euch ein Messer an die Kehle setzen würde. Los, steht auf. Holen wir die Mörser. Arbeiten wir.

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Weinen nützt nichts. Oder arbeitet wenigstens, während ihr weint. Unser Balsam soll mit unseren Tränen vermischt sein. Er wird es fühlen ... Er wird unsere Liebe spüren.» Sie beißt sich auf die Lippen, um nicht selbst zu weinen und den anderen, die so sehr betrübt sind, Mut einzuflößen.

Sie arbeiten eifrig.

Maria ruft Johannes.

«Mutter, was möchtest du?»

«Diese Schläge...»

«Sie zerstoßen den Weihrauch.»

«Ach... Aber... Verzeiht mir... Macht nicht so ein Geräusch... Es erinnert mich an die Hämmer ...»

Die Bronzestößel, die auf den Marmor der Mörser schlagen, klingen tatsächlich wie Hämmer.

Johannes sagt es den Frauen, und diese gehen in den Hof hinaus, um weniger gehört zu werden.

Johannes kehrt zur Mutter zurück.

«Wo haben sie das bekommen?»

«Maria des Lazarus ist in ihr Haus und zu Johanna gegangen... Man wird noch mehr bringen...»

«Ist niemand gekommen?»

«Außer Nike niemand.»

«Sieh ihn an, Johannes, wie schön er auch in seinem Schmerz ist.» Maria verliert sich mit gefalteten Händen in der Betrachtung des Schleiers, den sie über eine Truhe gehängt und mit Gewichten befestigt hat.

«Ja, Mutter, schön. Und er lächelt dir zu... Nun weine nicht mehr... Es sind schon einige Stunden vergangen, und wir müssen nicht mehr so lange auf seine Rückkehr warten...» und Johannes weint.

Maria streichelt seine Wange, ohne die Augen von dem Bildnis ihres Sohnes abzuwenden. Johannes geht mit tränenverschleiertem Blick hinaus.

Auch Magdalena, die zurückgekommen ist, um Amphoren zu holen, ist in derselben Verfassung. Aber sie sagt dem Apostel: «Es ist nicht gut, daß sie uns weinen sehen. Sonst tun die dort nichts anderes mehr. Und wir müssen etwas tun ...»

«... und wir müssen glauben», fügt Johannes hinzu.

«Ja, glauben. Wenn man nicht glauben könnte, würde man verzweifeln. Ich glaube. Und du?»

«Ich auch ...»

«Du scheinst nicht sehr überzeugt. Du liebst noch nicht genug. Wenn du mit deinem ganzen Sein lieben würdest, könntest du nicht anders als glauben. Die Liebe ist Licht und Stimme. Auch gegen das Dunkel der Ablehnung und das Schweigen des Todes sagt sie: "Ich glaube."»

Herrlich ist diese Magdalena bei ihrem Glaubensbekenntnis, eine hohe, eindrucksvolle, gebieterische Gestalt! Sie muß ein wundes Herz haben.

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Ihre vom Weinen brennenden Augen verraten es. Doch die Seele ist unbezwingbar.

Johannes betrachtet sie voller Bewunderung und murmelt: «Du bist stark!»

«Immer. Ich war es so sehr, daß ich die Welt herausgefordert habe. Und damals war ich ohne Gott. Nun, da ich Gott besitze, fühle ich, daß ich selbst der Hölle trotzen würde. Du, der du gut bist, müßtest viel stärker sein als ich. Denn die Sünde schwächt, weißt du? Mehr als die Schwindsucht. Aber du bist unschuldig... Daher hat er dich so sehr geliebt...»

«Auch dich hat er geliebt...»

«Und ich war nicht unschuldig. Aber ich war seine Eroberung und ...»

Jemand klopft kräftig an die Tür.

«Es wird Valeria sein. Mach auf.»

Johannes öffnet ohne Furcht, da die Ruhe Marias sich auf ihn überträgt.

Es ist tatsächlich Valeria mit ihren Sklaven, die die Sänfte tragen, aus der sie gerade gestiegen ist. Sie tritt ein mit dem römischen Gruß: «Salve.»

«Der Friede sei mit dir, Schwester. Tritt ein», sagt Johannes.

«Kann ich der Mutter das Geschenk Plautinas bringen? Auch Claudia hat beigesteuert. Aber nur, wenn es ihr nicht unangenehm ist, mich zu sehen.»

Johannes geht zu Maria.

«Wer hat geklopft? Petrus? Judas? Joseph?»

«Nein, es ist Valeria. Sie hat kostbare Harze gebracht. Sie möchte sie dir übergeben... wenn es dir nicht unangenehm ist.»

«Ich muß meine Abneigung überwinden. Er hat zu seinem Reich die Kinder Israels und die Heiden berufen. Er hat alle berufen. Nun... ist er tot... Aber ich bin an seiner Stelle hier. Und ich empfange alle. Sie soll hereinkommen.»

Valeria tritt ein. Sie hat den dunklen Mantel abgelegt und ist nun ganz in Weiß in ihrer Stola. Sie verneigt sich tief, grüßt und sagt: «Domina, du weißt, wer wir sind. Die ersten aus der Finsternis des Heidentums Erlösten. Finsternis und Schmutz waren wir. Dein Sohn hat uns Flügel und Licht gegeben. Nun ist er... in Frieden entschlafen. Wir kennen eure Bräuche und wollen, daß auch die Salben Roms über den Sieger ausgegossen werden.»

«Gott segne euch, Töchter meines Herrn. Und... verzeiht, wenn ich nicht mehr sagen kann ...»

«Bemühe dich nicht, Domina. Rom ist stark. Aber es versteht auch den Schmerz und die Liebe. Es versteht dich, Mater Dolorosa. Leb wohl.»

«Der Friede sei mit dir, Valeria. Plautina und euch allen meinen Segen.»

Valeria zieht sich zurück, nachdem sie den Weihrauch und die Essenzen vor Maria gestellt hat.

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«Siehst du, Mutter? Die ganze Welt gibt etwas für den König des Himmels und der Erde.»

«Ja», sagt Maria, «die ganze Welt. Und die Mutter wird ihm nur Tränen gegeben haben.»

Ein Hahn kräht fröhlich irgendwo in der Nähe, und Johannes zuckt zusammen.

«Was hast du, Johannes?» fragt die Jungfrau.

«Ich muß an Simon Petrus denken ...»

«Aber ist er nicht mit dir zusammengewesen?» fragt Magdalena, die wieder ins Zimmer gekommen ist.

«Ja, im Haus des Annas. Dann habe ich verstanden, daß ich hierher kommen mußte. Und seither habe ich ihn nicht mehr gesehen.»

«Es wird bald Morgen.»

«Ja, öffnet die Fenster.»

Sie öffnen die Läden, und die Gesichter erscheinen im grünlichen Morgenlicht noch fahler.

Die Nacht des Karfreitags ist zu Ende...

675. DER TAG DES KARSAMSTAGS

Nur langsam, mühsam bricht der Tag an. Es ist ein eigenartig verspäteter Sonnenaufgang, trotz des wolkenlosen Himmels. Doch es scheint, daß die Himmelskörper all ihre Leuchtkraft verloren haben. Und ebenso blaß wie der nächtliche Mond ist nun auch die aufgehende Sonne. Trübe. Haben vielleicht auch sie geweint, daß sie trüb sind wie die Augen der Guten, die den Tod des Herrn beweint haben und noch beweinen?

Sobald Johannes bemerkt, daß die Tore geöffnet worden sind, geht er trotz der mütterlichen Bitten fort. Die Frauen schließen sich wieder im Haus ein und sind noch mehr verängstigt, nun, da der Apostel gegangen ist.

Maria, immer noch in ihrem Zimmer, die Hände im Schoß gefaltet, schaut durch das Fenster in den Garten, der zwar nicht sehr, aber doch ziemlich groß ist und voll blühender Rosen entlang den Mauern und auf den Beeten. Die Lilienbüschel hingegen haben noch nicht den Stengel der künftigen Blüte: Sie sind dicht und schön, bestehen aber nur aus Blättern. Maria schaut und schaut, doch ich glaube, daß sie nichts sieht. Sie sieht nur, worum sich ihre armen, müden Gedanken drehen: die Agonie ihres Sohnes.

Die Frauen kommen und gehen. Sie nähern sich Maria, liebkosen sie und bitten sie, eine Erfrischung anzunehmen... und jedesmal bringen sie eine Welle schwerer, mannigfaltiger, betäubender Düfte mit in den Raum.

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Maria schaudert jedesmal. Sonst nichts. Kein Wort. Keine Bewegung. Nichts. Sie ist erschöpft. Sie wartet. Sie wartet nur. Sie wartet auf ihn.

Ein Klopfen an der Tür... Die Frauen eilen herbei, um zu öffnen. Maria dreht sich auf ihrem Sessel um, ohne aufzustehen, und schaut zur halb geöffneten Tür.

Magdalena tritt ein: «Manaen ist gekommen... Er möchte irgendwie dienlich sein ...»

«Wen hattest du erwartet, Mutter ... ?»

«Später... später. Laß ihn hereinkommen.»

Manaen kommt herein. Er ist nicht wie sonst prunkvoll gekleidet, sondern trägt ein ganz gewöhnliches schwarzbraunes Gewand und einen passenden Mantel. Keinen Schmuck und kein Schwert. Er gleicht einem wohlhabenden Mann aus dem Volk.

Manaen verneigt sich zuerst mit über der Brust gekreuzten Armen zum Gruß; dann kniet er nieder, wie vor einem Altar.

«Steh auf. Und verzeih, wenn ich deine Verneigung nicht erwidere. Ich kann nicht...»

«Du sollst auch nicht. Ich würde es nicht zulassen. Du weißt, wer ich bin. Deshalb bitte ich dich, mich als deinen Diener zu betrachten. Brauchst du mich? Ich sehe, es ist kein Mann bei euch. Ich weiß von Nikodemus, daß alle geflohen sind. Es war nichts zu machen, das ist wahr. Aber sie hätten sich wenigstens sehen lassen können, um ihn zu trösten. Ich ... ich habe ihn beim Xystos gegrüßt. Dann war es nicht mehr möglich, weil ... Aber es ist unnütz, darüber zu reden. Auch dies war von Satan gewollt. Nun bin ich frei und komme, um dir zu Diensten zu sein. Befiehl, Frau.»

«Ich möchte etwas über Lazarus erfahren und es auch den anderen sagen... Die Schwestern sind in Sorge, und meine Schwägerin und die andere Maria auch. Wir möchten wissen, ob Lazarus, Jakobus, Judas und der andere Jakobus in Sicherheit sind.»

«Judas ? Iskariot? Aber er hat ihn doch verraten!»

«Judas, der Sohn des Bruders meines Bräutigams.»

«Ach so! Ich gehe.» Und er steht auf. Aber beim Aufstehen verzerrt er vor Schmerz das Gesicht.

«Bist du verletzt?»

«Nun ja... Nicht der Rede wert. Ein Arm tut mir ein wenig weh.»

«Vielleicht unseretwegen? Warst du deshalb nicht dort oben?»

«Ja, deshalb. Und nur dies schmerzt mich. Nicht die Wunde. Der Rest des Pharisäertums, des Hebräismus, des Satanismus – denn Satanskult ist der Kult Israels geworden – der noch in mir war, ist mit diesem Blut aus meinen Adern geflossen. Ich bin wie ein Kind, das nach der Durchtrennung der Nabelschnur keine Verbindung mit dem Blut der Mutter mehr hat; die wenigen Tropfen, die noch in der abgetrennten Schnur sind,

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können nicht eindringen, da sie durch das Leinenband abgebunden sind. Sie fallen zu Boden, sind nun nutzlos. Das Neugeborene lebt mit seinem eigenen Herzen und seinem eigenen Blut. So ergeht es mir. Bisher war ich noch etwas unfertig. Nun bin ich am Ende meiner Entwicklung angelangt und dem Licht geschenkt und komme. Gestern wurde ich geboren. Meine Mutter ist Jesus von Nazareth. Er hat mich geboren, bei seinem letzten Schrei. Ich weiß es... denn ich bin heute nacht ins Haus des Nikodemus geflohen. Ich möchte ihn nur sehen ... Oh, wenn ihr zum Grab geht, dann sagt es mir. Ich werde mitkommen ... Ich kenne sein Antlitz als Erlöser noch nicht.»

«Er sieht dich an, Manaen. Dreh dich um.»

Der Mann, der gesenkten Hauptes eingetreten ist und dann nur Augen für Maria gehabt hat, wendet sich fast erschrocken um und sieht das Schweißtuch. Er wirft sich anbetend zu Boden...

Und weint. Dann steht er auf, verneigt sich vor Maria und sagt: «Ich gehe.»

«Aber es ist Sabbat. Du weißt es. Sie beschuldigen uns schon, durch ihn Gesetzesbrecher geworden zu sein.»

«Dann sind wir ihnen gleich, denn sie übertreten das Gebot der Liebe. Das erste und größte Gebot. Er hat es gesagt. Der Herr möge dich trösten.» Er geht hinaus.

Die Stunden vergehen. Wie langsam vergehen sie doch für jene, die warten...

Maria steht auf, hält sich an den Möbeln und geht zur Tür. Sie versucht, die große Eingangshalle zu durchqueren. Doch als sie sich nirgends mehr stützen kann, beginnt sie zu wanken. Martha, die es vom gegenüber dem Ausgang liegenden Hof aus bemerkt, eilt ihr zu Hilfe.

«Wo willst du hin?»

«Dort hinein. Ihr habt es mir versprochen.»

«Warte auf Johannes.»

«Ich habe genug gewartet. Ihr seht, daß ich ruhig bin. Geht, da ihr von innen habt abschließen lassen, und laßt öffnen. Ich warte hier.»

Susanna – denn alle sind herbeigekommen – holt den Hausherrn mit den Schlüsseln. Maria lehnt sich indessen an das Türchen, als wolle sie es durch die Kraft ihres Willens öffnen. Hier ist nun der Mann. Ängstlich, verzagt schließt er auf und zieht sich wieder zurück. Und Maria betritt, von Martha und Maria des Alphäus gestützt, den Abendmahlsaal.

Alles ist noch, wie es am Ende des Abendmahles war. Der Verlauf der Dinge und der von Jesus erteilte Befehl haben Veränderungen verhindert. Nur die Liegen hat man an ihren Platz zurückgebracht. Und Maria geht, obwohl sie nicht dabei war, doch direkt auf die Liege zu, auf der Jesus gelegen ist. Es scheint, als würde eine Hand sie führen. Und sie gleicht fast einer Mondsüchtigen, so steif ist ihr mühsamer Gang... Sie geht um

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die Liege herum und bleibt zwischen ihr und dem Tisch einen Augenblick stehen. Dann wirft sie sich in einem erneuten Aufschluchzen über den Tisch. Schließlich beruhigt sie sich und betet mit an den Rand des Tisches gelehntem Kopf. Sie streichelt das Tischtuch, die Liege, das Geschirr, den Rand der großen Platte, auf der das Osterlamm gelegen ist, das große Tranchiermesser und den an diesem Platz stehenden Krug. Sie weiß nicht, daß sie berührt, was auch Iskariot berührt hat. Dann legt sie wie betäubt den Kopf auf die auf dem Tisch liegenden Arme und bleibt so.

Alle schweigen, bis die Schwägerin sagt. «Komm, Maria. Wir fürchten die Juden. Möchtest du vielleicht, daß sie hier hereinkommen?»

«Nein, nein, dies ist ein heiliger Ort. Gehen wir. Helft mir... Es war gut, daß du mich daran erinnert hast. Ich hätte gerne eine schöne, große verschließbare Truhe, um darin alle meine Schätze aufzubewahren.»

«Morgen lasse ich dir eine aus dem Palast bringen. Die schönste Truhe des Hauses. Stark und sicher. Ich schenke sie dir mit Freuden», verspricht Magdalena.

Sie gehen hinaus. Maria ist völlig erschöpft. Sie wankt, als sie die wenigen Stufen hinaufsteigt. Und wenn ihr Schmerz jetzt weniger dramatisch zum Ausdruck kommt, so nur deshalb, weil sie weniger Kraft hat. Aber in ihrer Ruhe liegt noch mehr Tragik.

Sie kehren in den Raum von zuvor zurück. Und bevor Maria sich wieder an ihren Platz begibt, liebkost sie das Schweißtuch mit dem heiligen Antlitz, als ob es ein Gesicht aus Fleisch und Blut wäre.

Wieder klopft jemand an die Tür. Die Frauen eilen hinaus und öffnen die Tür einen Spalt. Mit ihrer müden Stimme sagt Maria: «Wenn es die Jünger sein sollten, besonders Simon Petrus und Judas, sollen sie sofort zu mir kommen.»

Aber es ist der Hirte Isaak. Er kommt nach einigen Minuten weinend herein und wirft sich sogleich vor dem Schweißtuch und dann vor Maria nieder. Er weiß nicht, was er sagen soll. So ist es Maria, die sagt: «Danke. Er hat dich gesehen, und auch ich habe dich gesehen. Er schaute euch an, solange er konnte.»

Isaak weint heftiger. Er kann erst sprechen, als er zu weinen aufhört. «Wir wollten nicht fortgehen. Aber Jonathan hat uns darum gebeten. Die Juden haben die Frauen bedroht... und danach konnten wir nicht zurückkehren. Alles... war zu Ende... Wo sollten wir also hingehen? Wir haben uns über die Felder zerstreut, und als die Nacht kam, trafen wir uns auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Bethlehem. Wir glaubten, wir würden weniger an seinen Tod denken, wenn wir zu seiner Höhle gingen... Aber dann fühlten wir, daß es nicht recht wäre, dorthin zu gehen. Es wäre Egoismus gewesen, und so sind wir zur Stadt zurückgekehrt... Und ohne zu wissen wie, waren wir in Bethanien...»

«Und meine Söhne?»

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«Und Lazarus?»

«Und Jakobus?»

«Sie sind alle dort. Die Felder des Lazarus waren bei Sonnenaufgang voll von weinenden Herumirrenden... Seinen unnützen Freunden und Jüngern! Ich... bin zu Lazarus gegangen in der Meinung, der erste zu sein. Es waren aber schon deine Söhne dort, Frau, und auch der deine, zusammen mit Andreas, Bartholomäus und Matthäus. Simon der Zelote hatte sie überredet, dorthin zu gehen. Und Maximinus, der am frühen Morgen auf die Felder gegangen ist, hat noch andere gefunden. Lazarus hat allen geholfen. Und er tut es noch. Er sagt, daß der Meister es ihm befohlen hat. Und auch der Zelote sagt es.»

«Aber wo sind meine anderen Söhne, Simon und Joseph?»

«Ich weiß es nicht, Frau. Wir waren bis zum Erdbeben alle zusammen. Danach... weiß ich nichts Genaueres. In der immer größeren Finsternis, bei den Blitzen und den aus den Gräbern auferstandenen Toten, bei dem Beben der Erde und dem wilden Sturm habe ich den Verstand verloren. Ich fand mich im Tempel wieder. Und ich frage mich immer noch, wie ich dort hineinkam, ins Innere der heiligen Abgrenzung. Stelle dir vor, zwischen mir und dem Rauchopferaltar war vielleicht eine Elle... Stelle dir vor, ich an dem Ort, den sonst nur die diensthabenden Priester betreten dürfen! Und ich habe das Allerheiligste gesehen! Ja... denn der Vorhang des Allerheiligsten ist von oben bis unten zerrissen, wie von der Hand eines Riesen... Hätten sie mich dort gesehen, wäre ich gesteinigt worden. Aber keiner schien mehr etwas zu sehen. Ich bin nur Geistern von Toten und Geistern von Lebenden begegnet. Denn wir glichen alle Gespenstern mit entsetzten Gesichtern im Flammen der Blitze und im Schein der Brände...»

«Oh, mein Simon, mein Joseph!»

«Und Simon Petrus? Und Judas Iskariot? Und Thomas und Philippus?»

«Ich weiß nicht, Mutter... Lazarus hat mich geschickt, damit ich nach euch sehe, denn jemand hatte ihm gesagt, daß... man euch getötet habe.»

«Dann geh sofort zurück und beruhige ihn. Ich habe schon Manaen gesandt. Aber geh auch du und sage... sage, daß nur er getötet wurde. Und ich mit ihm. Und wenn du andere Jünger triffst, dann nimm sie mit dorthin. Aber Iskariot und Simon Petrus, die schicke zu mir.»

«Mutter... Verzeih uns, daß wir nicht mehr getan haben.»

«Ich verzeihe alles... Geh.»

Isaak geht hinaus, und Martha, Maria, Salome und Maria des Alphäus überhäufen ihn mit Bitten, Empfehlungen und Aufträgen. Susanna weint leise, denn niemand spricht von ihrem Mann. Da erinnert sich Salome, daß auch sie einen Mann hat, und beginnt ebenfalls zu weinen.

Nun herrscht wieder Stille, bis erneut am Tor geklopft wird.

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Da die Stadt ruhig ist, sind die Frauen nicht mehr so ängstlich. Aber als sie durch den Türspalt das bartlose Gesicht des Longinus erblicken, fliehen sie alle, als hätten sie einen Toten in seinem Leichentuch oder den Teufel in Person gesehen. Der Herr des Hauses, der neugierig in der Vorhalle auf- und abgegangen ist, läuft als erster davon.

Magdalena, die bei Maria war, eilt herbei. Longinus ist mit einem unwillkürlich amüsierten Lächeln auf den Lippen eingetreten und hat selbst das schwere Tor hinter sich geschlossen. Er ist nicht in Uniform, sondern trägt ein graues, kurzes Gewand unter einem dunklen Mantel.

Maria Magdalena schaut ihn an, und er schaut sie an. Dann fragt Longinus, immer noch an die Tür gelehnt: «Darf ich eintreten, ohne daß jemand verunreinigt wird? Und auch ohne jemanden zu erschrecken? Ich habe heute früh den Bürger Joseph gesehen, und er hat mir den Wunsch der Mutter mitgeteilt. Ich bitte um Verzeihung, daß ich nicht selbst darauf gekommen bin. Hier ist die Lanze. Ich hatte sie behalten als Andenken... an... den Heiligen der Heiligen. O ja, das ist er! Doch es ist nur recht und billig, daß die Mutter die Lanze bekommt. Was die Kleider betrifft... wird es schwieriger sein. Sage es ihr nicht ... aber wahrscheinlich sind sie schon für wenige Denare verkauft worden ... Das ist das Recht der Soldaten. Doch will ich versuchen, sie zu finden...»

«Komm, sie ist dort drüben.»

«Aber ich bin ein Heide!»

«Das macht nichts. Ich werde dich anmelden, wenn du es wünschst.»

«Oh! ... Ich dachte nur, dessen nicht würdig zu sein.»

Maria Magdalena geht zur Jungfrau. «Mutter, Longinus ist draußen. Er schenkt dir die Lanze.»

«Laß ihn eintreten.»

Der Hausherr, der am Tor steht, murrt: «Aber er ist doch ein Heide.»

«Ich bin die Mutter aller, Mann, so wie er der Erlöser aller ist.»

Longinus tritt ein, nachdem er auf der Schwelle auf römische Art mit ausgestrecktem Arm gegrüßt hat (er hat den Mantel abgelegt), und sagt: «Ave, Domina. Ein Römer grüßt dich, Mutter des Menschengeschlechtes. Du bist die wahre Mutter. Ich wollte nicht bei... bei dieser Sache... dabei sein. Aber es war ein Befehl. Und wenn es dazu gedient hat, daß ich dir nun bringen kann, was du wünschst, dann verzeihe ich dem Schicksal, das mich für dieses furchtbare Geschehen bestimmt hat. Hier», und er überreicht ihr die in ein rotes Tuch gewickelte Lanze. Nur das Eisen, nicht den Schaft.

Maria nimmt sie und wird noch bleicher. Selbst die Lippen heben sich fast nicht mehr von der blassen Gesichtshaut ab. Die Lanze scheint ihr die Adern zu öffnen. Selbst ihre Lippen zittern, als sie sagt: «Er möge dich an sich ziehen. Deiner Güte wegen.»

«Er war der einzige Gerechte, dem ich im großen römischen Reich

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begegnet bin. Es tut mir leid, daß ich ihn nur durch die Worte der Kameraden kennengelernt habe. Nun... ist es zu spät!»

«Nein, Sohn. Er hat aufgehört zu predigen. Aber sein Evangelium bleibt. In seiner Kirche.»

«Wo ist seine Kirche?» fragt Longinus leicht ironisch.

«Hier ist sie. Heute ist sie verfolgt und zerstreut. Doch morgen wird sie sich vereinigen wie ein Baum, der seinen Wipfel nach einem Sturm wieder aufrichtet. Und wenn auch sonst niemand mehr da wäre, ich bin da. Und das Evangelium Jesu Christi, der der Sohn Gottes und mein Sohn ist, steht in meinem Herzen geschrieben. Ich brauche nur in mein Herz zu sehen, um es euch wiederholen zu können.»

«Ich werde kommen. Eine Religion, die als Oberhaupt einen solchen Helden hat, kann nur göttlich sein. Ave, Domina!»

Und auch Longinus geht wieder.

Maria küßt die Lanze, an der noch das Blut des Sohnes klebt... Sie will dieses Blut auch nicht entfernen, sondern läßt es als «Rubin Gottes auf der grausamen Lanze», wie sie sagt.

Der Tag vergeht, während der Himmel sich abwechselnd aufhellt und mit dunklen Gewitterwolken bedeckt.

Johannes kehrt erst zurück, als die im Zenith stehende Sonne anzeigt, daß es Mittag ist.

«Mutter, ich habe keinen gefunden, außer... Judas von Kerioth.»

«Wo ist er?»

«Oh, Mutter! Wie schrecklich! Er hängt an einem Ölbaum, schwarz und aufgedunsen, als ob er schon seit Wochen tot wäre. Verwest. Schrecklich... Über ihm fliegen mit schauerlichem Krächzen die Geier und Raben. Ihr Geschrei hat mich an die Stelle geführt. Ihr Geschrei hat meine Aufmerksamkeit erregt. Ich war auf dem Weg zum Ölberg; da sah ich auf einmal Schwärme von schwarzen Vögeln. Ich bin hingegangen... Warum? Ich weiß es nicht. Und so habe ich ihn gesehen. Wie schrecklich ...»

«Wie schrecklich! Du hast recht. Doch über der Güte stand die Gerechtigkeit. Wahrlich, die Güte ist jetzt abwesend... Aber Petrus... Petrus! ... Johannes, ich habe die Lanze. Aber die Kleider... Longinus hat nicht davon gesprochen.»

«Mutter, ich möchte nach Gethsemane gehen. Er ist ohne Mantel gefangengenommen worden. Vielleicht ist er noch dort. Dann werde ich nach Bethanien gehen.»

«Geh. Geh wegen des Mantels... Die anderen sind bei Lazarus. Du brauchst also nicht zu ihm zu gehen. Geh, und dann komm hierher zurück.»

Johannes eilt davon, ohne eine Stärkung zu sich zu nehmen. Auch Maria hat noch nichts gegessen. Die Frauen haben stehend Brot und Oliven gegessen und nebenbei weiter an den Salben gearbeitet.

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Und dann kommen Jonathan und Johanna des Chuza. Vom vielen Weinen ist ihr Gesicht zur Maske geworden. Als sie Maria sieht, sagt sie: «Er hat mich gerettet. Mich hat er gerettet, und er ist tot. Nun wünsche ich, ich wäre nie gerettet worden.»

Und die Schmerzensmutter muß dieses geheilte Geschöpf trösten, das von einer krankhaften Empfindsamkeit geblieben ist. Sie tröstet und stärkt sie und sagt: «Wenn du ihn nicht gekannt und geliebt hättest, könntest du ihm jetzt nicht dienen. Wieviel wird es in Zukunft zu tun geben! Und wir werden es tun müssen, denn du siehst... Wir sind geblieben, während die Männer geflohen sind. Die Frau ist immer die wahre Gebärerin, im Guten wie im Bösen. Wir werden den neuen Glauben gebären. Wir sind von ihm erfüllt. Er wurde vom göttlichen Bräutigam in uns gelegt. Und wir werden ihn der Erde gebären. Zum Heil der Welt. Sieh, wie schön er ist! Wie er lächelt und bittet um dieses unser heiliges Werk! Johanna, ich liebe dich, du weißt es. Weine nicht mehr.»

«Aber er ist tot! Ja, hier auf dem Tuch gleicht er noch einem Lebenden. Doch nun lebt er nicht mehr. Was ist die Welt ohne ihn?»

«Er wird zurückkommen. Geh. Bete und warte. Je mehr du glaubst, desto eher wird er auferstehen. Dieser Glaube ist meine Stärke... Und nur ich, Gott und Satan wissen, wie viele Angriffe auf diesen meinen Glauben an seine Auferstehung es gibt.»

Auch Johanna geht, zart und gebeugt wie eine verregnete Lilie. Aber als sie fort ist, überkommt Maria wieder eine große Trostlosigkeit.

«Allen, allen muß ich Kraft geben. Und wer gibt sie mir?» Und sie weint und liebkost das Antlitz auf dem Bild, denn sie hat sich jetzt neben die Truhe gesetzt, auf der das Schweißtuch ausgebreitet ist.

Joseph und Nikodemus kommen. Die Frauen müssen nun nicht mehr fortgehen, um Myrrhe und Aloe zu kaufen, denn sie bringen beides in kleinen Säckchen. Doch ihre Kräfte verlassen sie, als sie das Antlitz auf dem Linnen und das verzweifelte Gesicht der Mutter sehen.

Sie setzen sich in eine Ecke, nachdem sie gegrüßt haben, und schweigen, ernst und traurig... Dann gehen sie wieder. Auch Maria hat nicht mehr die Kraft zu sprechen. Je weiter die wegen der drückenden Wolken vorzeitige Abenddämmerung fortschreitet, desto mehr ist sie nur noch das arme, schmerzzerrissene Geschöpf. Die Schatten des Abends sind für sie, wie für alle Betrübten, Quelle noch größerer Schmerzen.

Auch die anderen werden trauriger. Besonders Salome, Maria des Alphäus und Susanna. Doch für sie kommt endlich ein Trost, denn in einer Gruppe erscheinen Zebedäus, der Mann der Susanna, Simon und Joseph des Alphäus. Die beiden ersteren bleiben in der Vorhalle und erzählen, daß Johannes sie gefunden hat, als er durch den Vorort Ophel gegangen ist. Die beiden anderen hingegen hat Isaak gefunden, während sie auf den Feldern umherirrten und nicht wußten, ob sie in die Stadt zurückkehren

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oder zu den Brüdern gehen sollten, von denen sie annahmen, daß sie in Bethanien seien.

Simon sagt: «Wo ist Maria? Ich will sie sehen», und er geht hinter seiner Mutter zu Maria hinein und küßt die schmerzerfüllte Verwandte.

«Bist du allein? Warum ist Joseph nicht bei dir? Warum habt ihr euch getrennt? Seid ihr immer noch miteinander im Streit? Das sollt ihr nicht. Ihr seht, die Ursache der Zwietracht ist tot.» Und sie zeigt auf das Antlitz des Schweißtuches.

Simon betrachtet es und weint. Er sagt: «Wir haben uns nicht mehr getrennt. Und wir werden uns nicht trennen. Ja, die Ursache der Zwietracht ist tot. Aber nicht so, wie du glaubst. Sie ist tot, weil Joseph nun begriffen hat... Joseph ist dort draußen... er getraut sich nicht hereinzukommen.»

«0 nein. Vor mir fürchtet sich niemand. Ich bin nur Erbarmen. Und ich hätte auch dem Verräter verziehen. Aber nun kann ich es nicht mehr. Er hat sich umgebracht.»

Maria steht auf. Sie geht gebeugt und ruft: «Joseph! Joseph!»

Aber Joseph ist ganz in Tränen aufgelöst und antwortet nicht.

Sie geht zur Tür, wie sie es getan hat, um mit Judas zu reden, hält sich am Türrahmen und legt die andere Hand auf den Kopf des ältesten und hartnäckigsten der Neffen. Sie liebkost ihn und sagt: «Ich möchte mich auf einen Joseph stützen. Alles war Frieden und Ruhe, solange ich diesen Namen als König in meinem Haus hatte. Dann ist mein Heiliger gestorben... Und all das menschliche Gut der armen Maria ist ebenfalls gestorben. Nur das übernatürliche Gut meines Gottes und Sohnes ist mir geblieben... Nun bin ich die Schmerzenreiche... Aber wenn ich in den Armen eines Joseph sein kann, den ich liebe, und du weißt, daß ich dich liebe, fühle ich mich weniger traurig. Dann glaube ich, die alte Zeit kehrt wieder. Dann kann ich sagen: "Jesus ist nicht da, aber er ist nicht tot. Er ist in Kana, in Naim bei der Arbeit, aber er kommt bald zurück..." Komm, Joseph, wir wollen zusammen hineingehen, wo er auf dich wartet, um dir zuzulächeln. Er hat uns sein Lächeln hinterlassen, um uns zu sagen, daß er keinen Groll gegen uns hegt.»

Joseph geht hinein, und Maria hält ihn dabei an der Hand; und als er sieht, daß sie sich gesetzt hat, kniet er nieder, legt seinen Kopf in ihren Schoß und schluchzt: «Verzeihung! Verzeihung!»

«Nicht von mir, von ihm mußt du sie erbitten.»

«Er kann sie mir nicht geben. Auf dem Kalvarienberg habe ich versucht, seinen Blick auf mich zu lenken. Alle hat er angesehen, nur mich nicht... Er hat recht... Ich habe ihn zu spät als Meister erkannt und geliebt. Nun ist es zu Ende...»

«Nun beginnt es erst. Du wirst nach Nazareth gehen und sagen: "Ich glaube." Dein Glaube wird einen unendlichen Wert haben. Du wirst ihn

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mit der Vollkommenheit der zukünftigen Apostel lieben, die das Verdienst haben werden, Jesus nur im Geist gekannt zu haben. Wirst du das tun?»

«Ja! Ja! Um wiedergutzumachen. Aber ich möchte ein Wort von ihm hören. Und ich werde nie wieder eines hören ...»

«Am dritten Tag wird er auferstehen und zu denen sprechen, die er liebt. Die ganze Welt wartet auf seine Stimme.»

«Du Gesegnete, die du glauben kannst ...»

«Joseph! Joseph! Mein Bräutigam war dein Onkel. Und er hat etwas geglaubt, was weit schwerer zu glauben war als dies. Er hat geglaubt, daß die arme Maria von Nazareth die Braut und Mutter Gottes war. Warum kannst du, der Neffe dieses Gerechten, der seinen Namen trägt, nicht glauben, daß Gott dem Tod gebieten kann: "Genug!" und dem Leben: "Kehre zurück!?»

«Ich verdiene diesen Glauben nicht, weil ich schlecht gewesen bin. Ich bin ungerecht gegen ihn gewesen. Aber du... du bist die Mutter. Segne mich ... Verzeih mir... Gib mir Frieden ...»

«Ja ... Frieden... Verzeihung... Oh, Gott! Einmal habe ich gesagt: "Wie schwer ist es, der Erlöser zu sein." Nun sage ich: "Wie schwer ist es, die Mutter des Erlösers zu sein." Erbarmen, mein Gott! Erbarmen! ... Geh, Joseph. Deine Mutter hat in diesen Stunden so sehr gelitten. Tröste sie... Ich bleibe hier... mit allem, was ich von meinem Kind habe... Und meine einsamen Tränen werden dir den Glauben erlangen. Leb wohl, mein Neffe. Sage allen, daß ich schweigen... nachdenken... beten will. Ich bin eine arme Frau, die an einem Faden über einem Abgrund hängt... Der Faden ist mein Glaube... Und euer Unglaube – denn keiner versteht es, bedingungslos und heiligmäßig zu glauben – reißt unaufhörlich an diesem Faden. Ihr wißt nicht, welche Mühe ihr mich kostet... Ihr wißt nicht, daß ihr Satan helft, mich zu beunruhigen und zu quälen. Geh ...»

Und Maria bleibt allein...

Sie kniet vor dem Schweißtuch nieder. Sie küßt die Stirn, die Augen, den Mund des Sohnes und sagt: «So! So! Um Kraft zu erlangen... Ich muß glauben. Ich muß glauben. Für alle.»

Die Nacht ist hereingebrochen. Eine sternenlose Nacht. Es ist finster und schwül. Maria bleibt mit ihrem Schmerz im Dunkeln.

Der Tag des Karsamstags ist zu Ende.

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676. DIE NACHT DES KARSAMSTAGS

Maria des Alphäus kommt vorsichtig herein und lauscht. Vielleicht glaubt sie, daß die Jungfrau eingeschlafen ist. Sie nähert sich und neigt sich vor. Und sieht sie auf den Knien, das Gesicht auf dem Schweißtuch. Sie flüstert: «Oh, die Unglückliche! So ist sie geblieben...»

Sie muß der Meinung sein, daß sie in dieser Stellung eingeschlafen oder ohnmächtig geworden ist. Aber Maria beendet ihr Gebet und sagt: «Nein, ich habe gebetet.»

«Aber auf den Knien! Im Dunkeln! In dieser Kälte! Bei offenem Fenster! Merkst du nicht, daß du eiskalt bist?»

«Aber es geht mir so viel besser, Maria. Während ich betete – und nur der Ewige weiß, wie erschöpft ich war, nachdem ich so viele im Glauben Wankende stärken und so viele Seelen erleuchten mußte, die nicht einmal sein Tod erleuchtet hatte – war mir, als umgebe mich der Duft der Engel und die Frische des Himmels, als fühlte ich die Liebkosung von Flügeln... Einen Augenblick... nicht länger. Aber mir schien, daß in das Meer der Bitterkeit, das mich seit drei Tagen zornig überflutet, ein Tropfen friedvoller Süßigkeit gefallen sei. Das verschlossene Gewölbe des Himmels schien sich einen Spalt geöffnet zu haben, und ein Strahl leuchtender Liebe fiel auf die Verlassene. Ich glaubte, daß aus unendlichen Fernen eine unirdische Stimme flüsterte: "Es ist wirklich vollbracht." Und mein zuvor untröstliches Gebet wurde ruhig. Es wurde in den leuchtenden Frieden getaucht – oh, nur einen Widerschein des leuchtenden Friedens – der meine Berührung mit Gott im Gebet war... Meine Gebete! ... Maria, hast du deinen Alphäus sehr geliebt, als du die bräutliche Jungfrau warst?»

«Oh, Maria! ... Ich jubelte jeden Morgen und sagte: "Eine Nacht ist vorüber. Eine Nacht des Wartens weniger." Am Abend jubelte ich und sagte: "Ein weiterer Tag ist vergangen. Mein Einzug unter sein Dach ist nähergerückt." Und beim Sinken der Sonne sang ich wie eine Lerche und dachte: 'Bald wird er kommen." Und wenn ich ihn kommen sah, schön wie mein Judas – daher ist Judas auch mein Lieblingssohn – aber mit den Augen eines verliebten Rehes, wie mein Jakobus, oh, dann war ich wie von Sinnen. Und wenn er mich grüßte und sagte: "Süße Braut", und ich antworten konnte: "Mein Herr"... Ich glaube, wenn ich im gleichen Augenblick von einem schweren Wagen überfahren oder von einem Pfeil getroffen worden wäre, ich hätte keinen Schmerz empfunden. Und später... als ich seine Frau geworden war... Ach... !» Maria verliert sich in der Ekstase der Erinnerung. Dann fragt sie: «Aber warum diese Frage?»

«Um dir zu erklären, was meine Gebete für mich waren. Verhundertfache deine Gefühle, vervielfache sie tausendmal und abertausendmal, dann wirst du verstehen, was das Gebet immer für mich war, die Erwartung jener Stunde. Ja, ich glaube, auch wenn ich nicht im Frieden der

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Grotte oder meines Zimmers gebetet, sondern die Arbeiten der Frauen verrichtet habe, hat meine Seele pausenlos gebetet. Aber wenn ich sagen konnte: "Nun kommt die Stunde, in der ich mich in Gottes Gegenwart versenke", dann brannte mein Herz und klopfte rascher. Und wenn ich mich in Gott verloren hatte... dann... Nein, das kann ich dir nicht erklären. Wenn du einst im Licht Gottes sein wirst, wirst du es verstehen... All dies war seit drei Tagen verloren. Und es war schmerzlicher, als keinen Sohn mehr zu haben. Und Satan wühlte in diesen beiden Wunden, die der Tod meines Kindes und die Gottverlassenheit mir geschlagen hatten, und schlug die dritte Wunde: die furchtbare Angst vor dem Unglauben. Maria, ich habe dich lieb, und du bist meine Verwandte. Du wirst es später deinen Söhnen, den Aposteln, sagen, damit sie in ihrem Apostolat ausharren und über Satan triumphieren können. Ich bin sicher, daß die ganze Erlösung hinfällig gewesen wäre, wenn ich dem Zweifel unterlegen wäre, wenn ich der Versuchung durch Satan nachgegeben, Gott geleugnet und gesagt hätte: "Es ist nicht möglich, daß er aufersteht"; denn dies zu sagen, wäre einer Leugnung Gottes mit seiner Macht und Wahrheit gleichgekommen. Ich, die neue Eva, hätte wieder in den Apfel des Stolzes und der geistigen Sinnlichkeit gebissen und das Werk meines Erlösers zerstört. Die Apostel werden unaufhörlich auf diese Weise versucht werden, von der Welt, dem Fleisch, der Macht und dem Satan. Sie müssen standhaft bleiben, trotz aller Qualen – und die körperlichen werden noch die geringsten sein – um nicht zu zerstören, was Jesus geschaffen hat.»

«Sage du es meinen Söhnen, Maria... Wie soll deine arme Schwägerin es ihnen sagen können?! Oh, wären sie doch gekommen! Die Flucht in der ersten Stunde, das verstehe ich noch. Aber dann!»

«Du siehst, daß Lazarus und Simon den Befehl erhalten hatten, sie nach Bethanien zu führen. Jesus weiß alles ...»

«Ja... Aber... Oh! Wenn ich sie sehe, werde ich ihnen ordentlich die Meinung sagen. Sie sind feige gewesen. Alle anderen können feige sein, aber nicht sie: meine Söhne! Ich werde es ihnen nie verzeihen ...»

«Verzeih, verzeih... Es war nur ein Augenblick der Verwirrung... Sie glaubten nicht, daß er gefangengenommen werden könnte. Er hatte es gesagt...»

«Dann ist es also richtig, wenn ich ihnen nicht verzeihe. Sie haben es gewußt. Sie waren also vorbereitet. Wenn man etwas weiß und dem glaubt, der es sagt, darf man doch nicht mehr überrascht sein!»

«Maria, auch zu euch hat er gesagt: "Ich werde auferstehen." Und doch... Könnte ich in eure Brust und in euren Kopf schauen, würde ich in eurem Herzen und in eurem Gehirn lesen: "Es ist nicht möglich."»

«Aber wenigstens... Ja... Es ist schwer, zu glauben... Aber wir sind auf dem Kalvarienberg geblieben.»

«Durch die von Gott geschenkte Gnade. Sonst wären auch wir geflohen.

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Hast du gehört, was Longinus gesagt hat: "Ein furchtbares Geschehen"? Und er ist ein Krieger. Wir Frauen, allein mit einem Jüngling, haben nur dank der direkten Hilfe Gottes ausgeharrt. Rühme dich daher nicht. Es ist nicht unser Verdienst.»

«Und warum hat Gott ihnen diese Hilfe nicht gewährt?»

«Weil sie die Priester von morgen sind. Sie müssen daher wissen, aus eigener Erfahrung wissen, wie leicht ein Glaubender vom Glauben abfallen kann. Jesus will keine Priester, die es so wenig und so schlecht sind wie jene, die seine schlimmsten Feinde waren.»

«Du sprichst von Jesus, als ob er schon zurückgekehrt wäre.»

«Siehst du? Auch du gestehst damit ein, daß du nicht glaubst. Wie willst du also deine Söhne tadeln?»

Maria des Alphäus kann ihr nicht widersprechen. Sie neigt den Kopf und schiebt mechanisch Gegenstände umher. Dann findet sie die Lampe und trägt sie aus dem Zimmer, um bald darauf mit derselben, nun brennenden Lampe zurückzukehren und sie an den üblichen Platz zu stellen.

Maria hat sich wieder neben das ausgebreitete Schweißtuch gesetzt. Das Antlitz auf dem Schweißtuch scheint im gelben Schein der Öllampe mit dem flackernden Flämmchen lebendig zu werden und den Mund und die Augen zu bewegen.

«Möchtest du nichts essen?» fragt die Schwägerin beschämt.

«Nur ein wenig Wasser... Ich habe Durst.»

Maria geht und kommt mit Milch zurück.

«Bestehe nicht darauf. Ich kann nicht. Nur Wasser. Ich habe keine Flüssigkeit mehr in mir... Ich glaube, ich habe nicht einmal mehr Blut. Aber ...»

Man klopft ans Tor. Maria des Alphäus geht hinaus. Eine Unterredung in der Vorhalle, dann steckt Johannes den Kopf ins Zimmer.

«Johannes, du bist zurück? Immer noch nichts?»

«Doch... Simon Petrus... und der Mantel Jesu ... in Gethsemane. Der Mantel...» Johannes kniet nieder und sagt: «Hier ... Aber er ist ganz zerrissen und blutverschmiert. Die Handabdrücke sind von Jesus. Nur er hatte so lange und schlanke Hände. Aber die Risse stammen von Zähnen. Man sieht genau, daß es das Gebiß eines Menschen war. Ich vermute, daß es... Judas Iskariot gewesen ist, denn am gleichen Ort, an dem Petrus den Mantel gefunden hat, lag ein Fetzen des gelben Gewandes von Judas. Er ist dorthin zurückgekehrt... später, bevor er sich umgebracht hat. Schau, Mutter.»

Maria hat den schweren, roten Mantel des Sohnes nur gestreichelt und geküßt; doch auf Drängen des Johannes entfaltet sie ihn und sieht die dunklen Blutflecken auf dem Rot und die Spuren der Zähne. Sie zittert und flüstert: «Wieviel Blut!» Es scheint, daß sie nur dies sieht.

«Mutter... der Boden ist ganz rot. Simon, der in den ersten

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Morgenstunden hinaufgeeilt ist, sagt, daß noch frisches Blut an den Grashalmen war... Jesus... Ich weiß nicht... Mir schien er nicht verletzt zu sein... Woher das viele Blut?»

«Von seinem Körper. In der Todesangst... Oh, Jesus... vollständiges Opfer! Oh, mein Jesus!» Maria weint so bitterlich und unter schwachen Klagen, daß die Frauen an die Tür kommen, um nach ihr zu sehen und sich dann wieder zurückzuziehen. «Dies, während alle dich verließen... Was habt ihr getan, während er seine erste Todesangst durchlitt?»

«Wir haben geschlafen, Mutter ...» Johannes weint.

«Und du hast Simon dort angetroffen? Erzähle.»

«Ich war gegangen, um den Mantel zu suchen. Ich wollte Jonas und Markus danach fragen... Aber sie sind geflohen. Das Haus ist jetzt verschlossen und verlassen. Also ging ich an der Mauer entlang den ganzen Weg, den wir am Donnerstag zurückgelegt haben... Ich war so erschöpft und so betrübt an jenem Abend, daß ich mich jetzt nicht mehr erinnern konnte, wo Jesus den Mantel abgelegt hatte. Mir schien, daß er ihn anhatte, und später dann nicht mehr... Auf dem Platz der Gefangennahme war nichts... Wo wir drei waren, auch nichts... Ich bin dem Pfad gefolgt, den der Meister eingeschlagen hatte... Und ich glaubte, vielleicht sei auch Simon Petrus tot, denn ich sah ihn dort ganz zusammengekauert an einem Felsen. Ich rief ihn, und er hob den Kopf... Er war so verändert, daß mir schien, er habe den Verstand verloren. Und mit einem Schrei versuchte er zu entfliehen. Aber er strauchelte, denn die Tränen trübten seine Augen, und ich hielt ihn fest. Er sagte mir: "Laß mich. Ich bin ein Dämon. Ich habe ihn verleugnet. So, wie er es vorhergesagt hatte... Der Hahn hat gekräht, und er hat mich angesehen. Ich bin geflohen... Ich bin auf den Feldern hin- und hergerannt, und dann war ich auf einmal hier. Und siehst du? Hier hat Jahwe mich sein Blut finden lassen, um mich anzuklagen. Überall Blut! Überall Blut! Auf dem Felsen, auf der Erde, auf dem Gras. Ich habe es ihn vergießen lassen. Wie du, wie alle. Aber ich habe dieses Blut verleugnet." Er schien mir von Sinnen zu sein. Ich habe alles versucht, um ihn zu beruhigen und fortzuführen. Aber er wollte nicht. Er sagte: "Hier, hier will ich bleiben, um dieses Blut und diesen Mantel zu bewachen. Mit meinen Tränen will ich ihn waschen. Wenn kein Blut mehr an dem Mantel ist, werde ich vielleicht zu den Lebenden zurückkehren, an meine Brust schlagen und sagen: "Ich habe den Herrn verleugnet." Ich habe ihm gesagt, daß du ihn sehen willst, daß du mich auf die Suche nach ihm geschickt hast. Aber er wollte mir nicht glauben. Also habe ich ihm gesagt, daß du auch Judas sehen wolltest, um ihm zu verzeihen, und daß du sehr leidest, weil du es durch seinen Selbstmord nicht mehr tun kannst. Erst dann hat sich sein Weinen etwas beruhigt. Und er wollte alles wissen und hat mir auch erzählt, daß noch frisches Blut im Gras war und daß Judas, von dessen Gewand er einen Fetzen gefunden hatte, den Mantel zerrissen

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hat. Ich habe ihn lange reden lassen und dann gesagt: "Komm mit zur Mutter." Oh, wie mußte ich bitten und betteln, um ihn zu überzeugen. Und als ich glaubte, es sei mir gelungen, und aufstand um zu gehen, wollte er nicht mehr. Erst gegen Abend haben wir uns auf den Weg gemacht. Aber kurz vor der Tür hat er sich wieder in einem verlassenen Garten versteckt und gesagt: "Ich will nicht, daß die Leute mich sehen. Auf meiner Stirn steht geschrieben: Gottesleugner." Erst als es ganz dunkel wurde, ist es mir gelungen, ihn hierherzuschleppen.»

«Wo ist er?»

«Hinter der Tür.»

«Laß ihn hereinkommen.»

«Mutter...»

«Johannes ...»

«Tadle ihn nicht. Er bereut.»

«Kennst du mich immer noch so wenig? Laß ihn hereinkommen.»

Johannes geht hinaus. Doch er kommt allein zurück und sagt: «Er hat nicht den Mut... Versuche du, ihn zu rufen.»

Und Maria sagt sanft: «Simon des Jonas, komm.» Nichts. «Simon Petrus, komm.» Nichts. «Petrus von Jesus und Maria, komm.» Ein lautes, bitterliches Weinen. Aber er kommt nicht herein. Maria steht auf. Sie legt den Mantel auf den Tisch und geht zur Tür.

Petrus hat sich draußen zusammengekauert. Wie ein herrenloser Hund. Er weint so laut, daß er das Geräusch der sich öffnenden, quietschenden Tür nicht hört, und auch nicht das Knirschen der Sandalen Marias. Er bemerkt sie erst, als sie vor ihm steht, sich über ihn neigt, eine seiner auf die Augen gedrückten Hände ergreift und ihn auffordert, aufzustehen. Sie geht in das Zimmer und zieht Petrus hinter sich her wie ein Kind. Dann verriegelt sie die Tür und kehrt, gebeugt in ihrem Schmerz, wie Petrus in seiner Scham, an ihren Platz zurück.

Petrus geht zu ihr, kniet zu ihren Füßen nieder und weint hemmungslos. Maria streichelt das ergraute und vor Schmerz schweißnasse Haar. Sonst nichts, nur diese Liebkosung, bis er ruhiger geworden ist. Dann, als Petrus schließlich sagt: «Du kannst mir nicht verzeihen. Streichle mich also nicht. Denn ich habe ihn verleugnet», entgegnet Maria: «Petrus, du hast ihn verleugnet. Das ist wahr. Du hast den Mut gehabt, ihn öffentlich zu verleugnen, den feigen Mut, es zu tun. Die anderen... Alle, außer den Hirten, Manaen, Nikodemus, Joseph und Johannes, sind nur feige gewesen. Alle haben sie ihn verleugnet, die Männer und die Frauen Israels, mit Ausnahme einiger Frauen... Ich spreche nicht von den Neffen und Alphäus der Sara. Sie waren Verwandte und Freunde. Aber die anderen! ... Sie hatten nicht einmal den satanischen Mut, zu lügen, um sich zu retten; und sie hatten weder den geistigen Mut, zu bereuen und zu weinen, noch den noch größeren Mut, öffentlich ihren Fehler einzugestehen. Du bist ein

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armer Mensch. Du bist es vielmehr gewesen, solange du auf dich selbst vertraut hast. Nun bist du ein Mensch. Und morgen wirst du ein Heiliger sein. Aber selbst, wenn du nicht so wärest, wie du bist, ich hätte dir trotzdem verziehen. Ich hätte Judas verziehen, um seine Seele zu retten; denn um eine Seele zu retten, selbst eine einzige Seele, sollte man keine Mühe scheuen und jeden Ekel und allen Widerwillen und allen Groll überwinden, auch wenn es einem das Herz zerreißt. Denke daran, Petrus. Ich wiederhole dir: "Der Wert einer Seele ist so groß, daß man sie – selbst auf die Gefahr hin, ihre Nähe nicht zu ertragen und daran zu sterben – mit den Armen umfassen und festhalten muß, so wie ich jetzt dein ergrautes Haupt halte, wenn man verstanden hat, daß man sie durch dieses Festhalten retten kann." So wie eine Mutter, die nach der väterlichen Züchtigung das Haupt ihres schuldigen Sohnes an ihr Herz zieht und mit den Worten ihres gequälten, in Liebe und Schmerz schlagenden Herzens mehr gutmacht und erreicht als der Vater mit seiner Strenge. Petrus meines Sohnes, armer Petrus, der du wie alle in dieser Stunde der Finsternis in die Hand Satans geraten und dir dessen nicht bewußt gewesen bist, der du glaubst, alles allein getan zu haben, komm, komm an das Herz der Mutter der Söhne meines Sohnes. Hier kann Satan dir nichts anhaben. Hier beruhigen sich die Gewitter in Erwartung der Sonne, meines Jesus, der auferstehen und dir sagen wird: "Friede, mein Petrus." Der Morgenstern erscheint, rein und schön, und sein Kuß verleiht Reinheit und Schönheit, wie es auf dem klaren Wasser unseres Meeres an den kühlen Frühlingsmorgen geschieht. Deshalb habe ich so sehr nach dir verlangt. Am Fuß des Kreuzes wurde ich seinetwegen und euretwegen gemartert, und – wie konntest du mich nicht hören? – ich habe eure Seelen so laut gerufen, daß ich glaube, sie sind wahrhaftig zu mir gekommen. Und, verschlossen in meinem Herzen, nein, vielmehr auf meinem Herzen, wie die Schaubrote, habe ich sie emporgehoben, damit sie in seinem Blut und seinen Tränen gewaschen werden. Ich durfte es tun, denn er hat mich in Johannes zur Mutter seiner ganzen Nachkommenschaft gemacht... Wie sehr habe ich nach dir verlangt! ... An jenem Morgen, am Nachmittag, in der Nacht und am nächsten Tag ... Warum hast du eine Mutter so lange warten lassen, armer, von Satan verwundeter und getretener Petrus? Weißt du nicht, daß es die Aufgabe der Mütter ist, wiedergutzumachen, zu heilen, zu verzeihen, zu führen? Ich führe dich zu ihm. Möchtest du ihn sehen? Möchtest du sein Lächeln sehen, um dich zu überzeugen, daß er dich immer noch liebt? Ja? Oh, dann löse dich aus den Armen der armen Frau und lege deine Stirn an die gekrönte Stirn, deinen Mund auf die wunden Lippen, und küsse deinen Herrn.»

«Er ist tot... Ich werde es nie mehr tun können.»

«Petrus, antworte mir. Welches, glaubst du, ist das letzte Wunder deines Herrn?»

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«Das der Eucharistie. Nein, vielmehr das des geheilten Soldaten... Oh, ich erinnere mich nicht daran... !»

«Eine treue, liebevolle und starke Frau ist auf dem Kalvarienberg zu ihm gekommen und hat sein Antlitz abgetrocknet. Und er, um zu zeigen, was die Liebe vermag, hat dem Linnen sein Antlitz aufgeprägt. Hier, Petrus. Das hat eine Frau erreicht, in der Stunde der höllischen Finsternis und des göttlichen Zornes. Nur weil sie geliebt hat. Denke immer daran, Petrus! In den Stunden, da du meinst, Satan sei stärker als Gott. Gott war der Gefangene der Menschen. Er war unterdrückt, verurteilt und gegeißelt worden und dem Tod schon nahe... Und doch, selbst in den schwersten Verfolgungen ist Gott immer Gott. Und wenn auch die Idee getroffen wird, Gott, der sie erweckt hat, ist unangreifbar und antwortet daher ohne Worte, mit diesem Tuch, den Gottesleugnern, den Ungläubigen, den Menschen mit dem törichten "Warum", dem sündhaften "Es ist nicht möglich" und dem gotteslästerlichen "Was ich nicht verstehe, das kann nicht wahr sein". Schau es an, das Linnen. Einmal, du selbst hast es mir erzählt, hast du zu Andreas gesagt: "Der Messias soll sich dir geoffenbart haben? Das kann nicht wahr sein." Und dann mußte sich dein menschlicher Verstand der Kraft des Geistes beugen, der den Messias dort sah, wo der Verstand ihn nicht gesehen hatte. Ein anderes Mal hast du im Sturm auf dem Meer gefragt: "Soll ich kommen, Meister?", und dann hast du auf halbem Weg, auf den tobenden Wellen zu zweifeln begonnen und gesagt: "Das Wasser kann mich nicht tragen", und mit dem Zweifel als Ballast wärest du beinahe ertrunken. Erst als der Glaube des Geistes, entgegen dem menschlichen Verstand, die Oberhand gewann, hast du Hilfe bei Gott gefunden. Ein anderes Mal hast du gesagt: "Wenn Lazarus schon seit vier Tagen tot ist, warum sind wir dann gekommen? Um sinnlos zu sterben?" Denn du konntest mit deinem menschlichen Verstand zu keinem anderen Ergebnis kommen. Und dein Verstand wurde vom Geist beschämt, der dir in dem Auferweckten die Herrlichkeit des Erweckers bewies und dir zeigte, daß ihr nicht umsonst dorthin gegangen wart. Ein andermal, ja, sogar mehrmals hast du gesagt, wenn du deinen Herrn vom Tod, vom schrecklichen Tod sprechen hörtest: "Das wird dir niemals zustoßen." Und du siehst, wie dein Verstand Lügen gestraft wurde. Ich erwarte nun das Wort deines Geistes zu diesem letzten Geschehnis ...»

«Verzeihung.»«Nicht dieses. Ein anderes Wort.»«Ich glaube.»«Ein anderes.»«Ich weiß nicht ...»

«Ich liebe. Petrus, liebe! Es wird dir verziehen werden. Du wirst glauben. Du wirst stark sein. Du wirst der Priester sein und nicht der Pharisäer, der unterdrückt und statt des lebendigen Glaubens nur Äußerlichkeiten

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kennt. Sieh ihn an. Finde den Mut, ihn anzusehen... Alle haben ihn angeschaut und verehrt. Auch Longinus... Und du solltest es nicht können? Du hast ihn doch verleugnen können! Wenn du ihn jetzt nicht ansiehst, durch das Feuer meines mütterlich-liebenden Schmerzes, der euch vereint, der euch versöhnt, dann wirst du es nie wieder tun können. Er wird auferstehen. Wie wirst du ihn in seiner neuen Herrlichkeit ansehen können, wenn du nicht sein Antlitz kennst im Übergang vom Meister, den du kennst, zum Sieger, den du nicht kennst? Denn der Schmerz, aller Schmerz der Jahrhunderte und der Welt, hat ihn mit Meißel und Hammer bearbeitet in den Stunden von der Vesper des Donnerstags bis zur neunten Stunde des Freitags. Und er hat sein Antlitz verändert. Zuerst war er nur der Meister und Freund. Nun ist er der Richter und König. Er hat seinen Thron bestiegen, um zu richten. Und er hat seine Krone aufgesetzt. So wird er bleiben. Nur wird er nach seiner glorreichen Auferstehung nicht mehr der menschliche Richter und König, sondern der göttliche Richter und König sein. Sieh ihn an. Schau ihn an, solange noch die Menschheit und der Schmerz ihn verschleiern, um ihn betrachten zu können, wenn er in seiner Gottheit triumphieren wird.»

Petrus hebt endlich das Haupt vom Schoß der Mutter und betrachtet sie mit vom Weinen geröteten Augen und dem Gesicht eines alten Kindes, das über das angerichtete Übel verzweifelt und über die ihm entgegengebrachte Güte verwundert ist.

Maria zwingt ihn, seinen Herrn anzusehen. Und nun stöhnt Petrus wie vor einem lebendigen Antlitz: «Verzeihung! Verzeihung! Ich weiß nicht, wie es geschehen konnte... was es war. Ich bin es nicht gewesen. Etwas hat mich verändert, und ich war nicht mehr ich selbst. Aber ich liebe dich, Jesus! Ich liebe dich, mein Meister! Komm zurück. Komm zurück! Geh nicht fort, ohne mir zu sagen, daß du mich verstanden hast!»

Maria wiederholt die Geste, die sie schon in der Grabkammer gemacht hat. Mit ausgestreckten Armen und aufrecht stehend gleicht sie der Priesterin im Augenblick der Opferung. Und wie sie dort die unbefleckte Hostie geopfert hat, so opfert sie hier den reuigen Sünder. Sie ist wahrlich die Mutter der Heiligen und der Sünder. Dann hilft sie Petrus beim Aufstehen und tröstet ihn wiederum. Sie sagt zu ihm: «Nun, da du hier bist, geht es mir besser. Geh jetzt hinüber zu den Frauen und Johannes. Ihr braucht Ruhe und Nahrung. Geh, sei gut...» Sie spricht wie zu einem Kind.

Und während das Haus, das nun in dieser zweiten Nacht nach seinem Tod ruhiger geworden ist, zu den menschlichen Gewohnheiten des Schlafens und Essens zurückkehrt und das müde und ergebene Aussehen von Räumen hat, in denen die Hinterbliebenen nach dem Schock dieses Todes langsam wieder zu sich kommen, will nur Maria allein wachen. An ihrem Platz. In der Erwartung. Im Gebet. Immer. Immer. Immer. Für die Lebenden und

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die Toten. Für die Gerechten und die Schuldigen. Für die Wiederkehr. Die Wiederkehr. Die Wiederkehr des Sohnes.

Die Schwägerin wollte bei ihr bleiben. Aber nun schläft sie tief, sitzt in einer Ecke und lehnt den Kopf an die Wand. Martha und Maria kommen zweimal nachsehen; doch dann ziehen sie sich müde in ein nahes Zimmer zurück, und nach einigen Worten fallen auch sie in einen bleiernen Schlaf... Etwas abseits schlafen Salome und Susanna in einer winzigen Kammer, während auf zwei auf den Boden geworfenen Matten Petrus und Johannes schnarchen. Ersterer schluchzt ab und zu immer noch unwillkürlich. Johannes lächelt wie ein Kind, das irgend etwas Erfreuliches träumt.

Das Leben kehrt wieder, und das Fleisch macht seine Rechte geltend.. Nur der Morgenstern leuchtet schlaflos mit seiner Liebe, die bei dem Bildnis des Sohnes wacht.

So vergeht die Nacht des Karsamstags, bis im ersten schwachen Schein des Morgens ein Hahn kräht und Petrus mit einem Schrei auf die Füße springt. Sein angstvoller Schrei weckt auch die anderen Schlafenden.

Die Nachtruhe ist zu Ende. Das Leid beginnt wieder, während für Maria die Qual des Wartens nur noch größer wird.

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Gepriesen sei Gott unser Vater, unser Schöpfer,
Gepriesen sei Jesus Christus, der sich aus Liebe für uns geopfert hat,

Gepriesen sei der Hl. Geist, der unser Lehrmeister sein möchte.

 

 

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