Kirche Weitental

†  Gott ist die Liebe - Er liebt dich  †
 Gott ist der beste und liebste Vater, immer bereit zu verzeihen, Er sehnt sich nach dir, wende dich an Ihn
nähere dich deinem Vater, der nichts als Liebe ist. Bei Ihm findest du wahren und echten Frieden, der alles Irdische überstrahlt

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Maria Valtorta - Der Gottmensch

 

 

Dieses Werk ist eine Gnade unseres lieben Herrn, man lernt hier Jesus und seine Worte in der richtigen Art und Weise kennen, seine Liebe, seinen Gehorsam, seine klaren und wahren Worte, nicht verdrehte, nicht unverständliche oder hoch theologische, nein, einfache Worte. Er erklärt für jeden verständlich die Gleichnisse. Glaube ist kein Studium, es ist Demut, Hingabe, Geduld, Vertrauen, nicht mein Wille muss an erster Stelle stehen, sondern den Willen Gottes gilt es zu suchen, die Gebote gilt es zu halten und hier erlangt man ein Verständnis hierfür. Zudem stimmen die Worte Jesu mit seinem Leben überein, voller Hingabe an den Willen seines und unseren Vaters. Nimm dir Zeit es aufmerksam zu lesen, du wirst es nicht bereuen.

Das Werk kann man hier in Buchform erwerben:

Parvis-Verlag, Route de l'Eglise 71, 1648 Hauteville, Schweiz, Tel. +41 26 915 93 93, buchhandlung@parvis.ch, www.parvis.ch

Aus rechtlichen Gründen dürfen nur Auszüge daraus veröffentlicht werden!
 
 
 
I N H A L T ( und Auszüge)
 




1. Einführung

Das Werk: der Gottmensch von Maria ValtortaMARIA VALTORTA wurde in Caserta, Italien, am 14. März 1897 geboren. Sie starb nach langer Krankheit 1961. Ihre wichtigste Hinterlassenschaft ist das 12-bändige Werk "DER GOTTMENSCH", es handelt vom Leben und Leiden unseres Herrn Jesus Christus. Diese von Jesus seinem «Instrument» Maria Valtorta diktierten 3 Jahre seines öffentlichen Wirkens ergänzen die analogen Bibelpassagen so dass die Zeit um 30 n. Chr. wunderbar lebendig wird. Das 12-bändige Werk ist weltweit der Bestseller unter Informierten Gläubigen. Aber auch Suchende ändern ihr Leben nach der Lektüre dieses Buches, von dem schon PATER PIO voraussagte, dass es wirkungsvoll über den Erdkreis verbreitet werde.

Dieses 12-bändige Werk gehört zu den wichtigsten Privatoffenbarungen Gottes seit Jesu Himmelfahrt. Das Leben der letzten 3 Jahre von Jesus in allen Einzelheiten. Ohne der Bibel im kleinsten zu widersprechen. Maria Valtorta, eine Frau aus Italien, die Ihr Leben Jesus weihte und sühnen wollte für alle Beleidigungen die Jesus täglich durch Sünden angetan werden. Sie durchlebte alle Episoden in Visionen die ihr das Gefühl gaben selbst dabei zu sein und es so nieder zu schreiben wie sie es empfand. Diese 12 Bände vertiefen das verstehen der Bibel (neues Testament) auf ein höchstes Niveau.

Maria Valtortas Werk "Der Gottmensch" ist von der Kirche nicht offiziell approbiert, doch hat sich Papst Pius XII. 1948 darüber anerkennend und treffend geäußert: "Veröffentlicht dieses Werk, so wie es ist. Wer es liest, wird es verstehen."

Ich möchte nur dazu sagen, dass es DAS Werk ist, das ich für alle Seminaristen, Theologen usw. zur Pflicht machen würde denn man lernt hier Jesus und seine Worte in der richtigen Art und Weise kennen, seine Liebe, seinen Gehorsam, seine klaren und wahren Worte, nicht verdrehte, nicht unverständliche oder hoch theologische, nein, EINFACHE Worte. Er erklärt für jeden verständlich die Gleichnisse. Glaube ist kein Studium, es ist Demut, Hingabe, Geduld, Vertrauen, nicht MEIN Wille muss an erster Stelle stehen, sondern den Willen Gottes gilt es zu suchen, die Gebote gilt es zu halten und hier erlangt man ein Verständnis hierfür. Zudem stimmen die Worte Jesu mit seinem Leben überein, voller Hingabe an den Willen seines und unseren Vaters. Andere Bücher vermitteln Wissen, oft getrennt vom Glauben. Hier wird das wahre Wissen mit dem wahren Glauben vermittelt, in Gottes Gegenwart gelebt, es wird Beispiel gegeben, so sollte es sein, dann wäre das Reich Gottes schon in dieser Welt unter uns.

Wie Papst Pius XII gesagt hat: „Wer es liest, wird verstehen“. Leider schreibt niemand mit Nachdruck über die WICHTIGKEIT dieses Werkes und wie so oft ist es so, dass solche GNADEN Gott Vaters verworfen werden, da man solche Offenbarungen nicht lesen WILL.

Eben durch diesen WILLEN können wir in den Himmel oder in die Hölle gelangen. Immer wieder ist es unser FREIER WILLE.

Gepriesen sei Gott unser Vater, unser Schöpfer,
Gepriesen sei Jesus Christus, der sich aus Liebe für uns geopfert hat,

Gepriesen sei der Hl. Geist, der unser Lehrmeister sein möchte.

 

DIE TODESANGST JESU IN GETHSEMANE

Die ganze Last liegt auf ihmJesus, Petrus, Johannes und Jakobus gehen bis an den ersten, steilen Hang des Ölberges. Jesus sagt: „Bleibt hier und wartet auf mich, während ich bete. Aber schlaft nicht, denn ich könnte euch brauchen. Und ich bitte euch von ganzem Herzen: betet! Euer Meister ist SEHR betrübt.“

Er ist wahrhaft von tiefster Mattigkeit gekennzeichnet. Eine schwere Last scheint ihn zu Boden zu drücken. Seine Stimme ist müde und bekümmert. Er ist traurig, traurig, so traurig…

Jesus lässt die Jünger zurück und geht in östlicher Richtung weiter in den Ölgarten hinein bis er an einem großen Steinblock stehen bleibt, wo er von den Blicken verborgen ist… Er sieht die Stadt nicht an, die im Mondlicht unten leuchtet. Er betet mit zum Kreuz geöffneten Armen und zum Himmel erhobenen Antlitz... Ein langes, inbrünstiges Gebet. Ab und zu höre ich einen Seufzer oder ein deutliches Wort. Es ist kein Psalm und auch kein Vaterunser. Es ist ein Gebet, das seiner Liebe und seiner Not entspringt. Eine wahre Ansprache an seinen Vater: «Du weißt es… Ich bin dein Sohn… Alles, doch hilf mir… Die Stunde ist gekommen… Ich gehöre nicht mehr der Welt. Dein Wort braucht keine Hilfe mehr… Gib, dass der Mensch dich als Erlöser zufrieden stellt, so wie das Wort dir gehorsam gewesen ist… Dein Wille geschehe… Für sie bitte ich um Erbarmen… Werde ich sie retten? Darum bitte ich dich. Ich möchte, dass sie vor der Welt, dem Fleisch und vor Satan gerettet werden… Darf ich noch bitten? Es ist eine gerechte Bitte, mein Vater. Nicht für mich. Für den Menschen, der dein Geschöpf ist und der sogar auch seine Seele in Schmutz verwandeln wollte. Ich nehme diesen Schmutz in mein Leiden und in mein Blut, damit das unverderbliche Wesen des Geistes wieder zu deinem Wohlgefallen erstrahle…. Er ist überall. Er ist heute Abend König. Im Palast und in den Häusern. Bei den Soldaten und im Tempel… Die Stadt ist in seiner Gewalt und wird morgen eine Hölle sein…»

Jesus wendet sich um, lehnt sich mit dem Rücken an den Stein und kreuzt die Arme. Er betrachtet Jerusalem. Das Antlitz Jesu wird immer trauriger. Er flüstert: «Es gleicht dem Schnee… und ist ganz Sünde. Wie viel habe ich auch dort geheilt! Wie viel habe ich auch dort gesprochen!... Wo sind sie nun, die mir treu zu sein schienen…?»

Jesus neigt das Haupt…und er weint, denn leuchtende Tropfen fallen von seinem Gesicht zur Erde.

Schließlich kehrt er zu den drei Aposteln zurück…

Jesus kehrt nach dem wiederholten, inbrünstigen Gebet das 2. Mal zu den Aposteln zurück.

Jeglicher Glanz ist aus seinem Antlitz gewichen in der tödlichen Ermattung. Jesus sagt: «Ich leide Qualen, die mich umbringen. O Ja! Meine Seele ist betrübt bis in den Tod. Freunde!... Freunde! Freunde! » Aber selbst wenn er dies nicht sagen würde, könnte man an seinem Aussehen erkennen, dass er wirklich einem Sterbenden, einem in furchtbarer und trostloser Verlassenheit Sterbenden ähnlich ist.

Er seufzt und kehrt an die vorige Stelle zurück.

Er betet wieder stehend, mit zum Kreuz ausgebreiteten Armen. Dann kniet er nieder wie zuvor, neigt das Gesicht über die kleinen Blümchen, denkt... schweigt. Dann beginnt er laut zu seufzen und zu schluchzen. Fast liegt er am Boden, so weit neigt er sich zurück, und ruft den Vater. Immer flehender, immer angstvoller. «Oh!» sagt er. «Zu bitter ist dieser Kelch! Ich kann nicht! Ich kann nicht! Es geht über meine Kräfte. Alles konnte ich! Aber dies nicht. Nimm ihn von mir, Vater, von deinem Sohn! Erbarme dich meiner!... Was habe ich getan? Womit habe ich dies verdient?» Dann beruhigt er sich und sagt: «Mein Vater, höre nicht auf meine Worte, wenn sie erbitten, was gegen deinen Willen ist. Denke nicht daran, dass ich dein Sohn bin, sondern nur daran, dass ich dein Diener bin. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.»

Einige Zeit bleibt er so. Dann stößt er einen gedämpften Schrei aus und erhebt sein von Schmerz zerwühltes Gesicht. Nur einen Augenblick, dann fällt er zu Boden, das Gesicht zur Erde, und bleibt so liegen. Ein Bild des Elends, der Mensch, auf dem die Sünden der ganzen Welt lasten, den die ganze Gerechtigkeit des Vaters trifft, auf den sich die Finsternis herabsenkt, die Trostlosigkeit, die Bitterkeit, und das Furchtbare, Furchtbare, Allerfurchtbarste, das Verlassensein von Gott, während Satan quält... Es ist das Ersticken der Seele, das lebendig Begrabensein in diesem Kerker, der die Welt ist, wenn man die Verbindung zwischen Gott und uns nicht mehr fühlt. Man fühlt sich in Ketten, geknebelt, gesteinigt sogar von den eigenen Gebeten, die scharf und sengend auf uns zurückfallen. Man stößt an den verschlossenen Himmel, den weder die Stimme noch die Blicke unserer Angst durchdringen, man fühlt sich als «Waise» Gottes. Es ist Wahnsinn, Todesangst, der Zweifel, sich bisher getäuscht zu haben, es ist die Überzeugung, von Gott verworfen zu sein, verdammt zu sein. Es ist die Hölle!

-Oh, ich weiß! Ich kann die Ängste und Schmerzen meines Christus nicht mit ansehen, ich kann es nicht, da ich doch weiß, dass sie millionenfach schrecklicher sind als jene, die ich letztes Jahr empfunden habe. Die Erinnerung daran erschüttert mich jedes Mal.

Jesus stöhnt unter Röcheln und Todesseufzern: «Nichts! ... Nichts! Fort! ... Der Wille des Vaters! Dieser! Nur dieser allein! ... Dein Wille, Vater, dein Wille, nicht meiner... Es ist nutzlos! Ich habe nur einen Herrn: den allerheiligsten Gott. Nur ein Gesetz: den Gehorsam.  Nur eine Liebe: die Erlösung... Nein. Ich habe keine Mutter mehr. Ich habe kein Leben mehr. Ich habe keine Göttlichkeit mehr. Ich habe keine Aufgabe mehr. Vergeblich versuchst du mich, Dämon, mit der Mutter, mit dem Leben, mit meiner Göttlichkeit und meiner Mission. Meine Mutter ist die Menschheit, und ich liebe sie so sehr, dass ich für sie sterben werde. Das Leben gebe ich dem zurück der es mir gegeben hat und es nun von mir verlangt, dem höchsten Herrn alles Lebenden. Die Göttlichkeit bestätige ich, da ich zu dieser Sühne fähig bin. Die Mission vollende ich durch meinen Tod. Nichts habe ich mehr. Ich kann nur noch den Willen des Herrn, meines Gottes tun. Weiche Satan! Ich habe es das erste und das zweite Mal gesagt. Ich sage es zum dritten Mal: «Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Doch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Weiche, Satan! Ich gehöre Gott!»

Dann sagt er nur noch keuchend: «Gott! Gott! Gott!» Bei jedem Schlag seines Herzens ruft er ihn, und es scheint, als quelle bei jedem dieser Schläge Blut hervor. Der über den Schultern gespannte Stoff seines Gewandes wird nass und ist nun wieder dunkel, trotz des Mondes, der alles in sein helles Licht taucht.

Da erscheint eine noch größere Helligkeit über seinem Haupt, etwa einen Meter über ihm, eine so lebhafte Helligkeit, dass auch der Daniederliegende sie durch die Wellen seines schon blutgetränkten Haares und durch den Schleier des Blutes vor seinen Augen bemerkt. Er hebt den Kopf... Der Mond beleuchtet sein armes Antlitz, und stärker noch leuchtet das dem bläulichen Diamanten, der Venus ähnliche Licht des Engels. Und nun erkennt man die ganze furchtbare Todesangst an dem Blut, das aus allen Poren dringt. Brauen, Haar, Bart sind voll Blut, getränkt von Blut. Blut fließt von den Schläfen, Blut dringt aus den Adern am Hals, Blut tropft von den Händen, und als er die Hände dem Engelslicht entgegenstreckt und die weiten Ärmel bis zum Ellenbogen zurückgleiten, sind auch die Unterarme Christi voll Blut. In seinem Gesicht hinterlassen die Tränen zwei helle Bahnen auf der roten Maske.

Jesus legt den Mantel ab und trocknet Hände, Antlitz, Hals und Arme. Aber er fährt fort, Blut zu schwitzen. Immer wieder drückt er das Tuch auf sein Antlitz, hält es eine Weile darauf, und jedes Mal, wenn er eine andere Stelle nimmt, sieht man deutlich die Spuren auf dem dunkelroten Stoff, denn da sie nass sind, erscheinen sie schwarz. Das Gras am Boden ist von Blut gerötet.

Jesus ist einer Ohnmacht nahe. Er öffnet das Gewand am Hals, als wäre er am Ersticken. Er führt die Hand zum Herzen und dann zum Haupt und bewegt sie vor seinem Antlitz, als wolle er sich Luft zufächeln; sein Mund ist leicht geöffnet. Er kriecht zu dem Fels, mehr dem Rand des Hanges zu, und lehnt sich mit dem Rücken an den Stein. Seine Arme hängen herunter, und das Haupt hängt auf die Brust, fast als wäre er schon tot. Er rührt sich nicht mehr.

Das Licht des Engels nimmt ganz langsam ab. Dann scheint es sich im Mondschein aufzulösen. Jesus öffnet die Augen wieder. Mit Mühe hebt er das Haupt und blickt um sich. Er ist allein. Aber er leidet jetzt weniger.

Er streckt eine Hand aus, zieht den Mantel an sich, der im Gras liegen geblieben ist, und trocknet sich wieder das Antlitz, die Hände, den Hals, den Bart und die Haare. Er nimmt ein großes, ganz taunasses Blatt, das gerade dort am Rand des Hanges wächst, säubert sich damit, wäscht sich Gesicht und Hände und trocknet sie. Das wiederholt er mehrmals mit anderen Blättern, bis alle Spuren seines furchtbaren Schweißes getilgt sind. Nur das Gewand ist noch befleckt, besonders an den Schultern, in den Beugen der Ellbogen, am Hals, am Gürtel und an den Knien. Er betrachtet es und schüttelt den Kopf. Dann schaut er auch den Mantel an und da er sieht, dass er zu sehr befleckt ist, faltet er ihn und legt ihn auf den Stein, dort auf den Sims, neben die Blümchen.

In seiner Schwäche dreht er sich mit Mühe um, kniet nieder und betet, das Haupt auf den Mantel gelegt, auf dem bereits die Hände ruhen. Dann stützt er sich auf den Stein und steht auf. Leicht wankend begibt er sich zu den Jüngern. Sein Antlitz ist totenbleich, aber nicht mehr verstört. Es ist ein Antlitz voll göttlicher Schönheit, obwohl blutleer und trauriger denn je.

Hermann: Jesus ist bei den Jüngern angekommen und wird kurz darauf gefangen genommen, verraten durch den Kuss des Judas…

 

 

JUDAS NACH SEINEM VERRAT

Der Kuss des VerrätersIch sehe Judas. Er ist allein. Er trägt ein hellgelbes Gewand mit einer roten Kordel als Gürtel. Meine innere Stimme sagt mir, dass Jesus kurz zuvor gefangen genommen wurde und dass Judas, der gleich nach der Gefangennahme geflohen ist, sich nun in einem inneren Zwiespalt befindet. Tatsächlich gleicht Judas einem rasenden, von einer Meute Bluthunde verfolgten wilden Tier. Jedes Seufzen des Windes in den Zweigen, jedes geringste Geräusch auf den Wegen und selbst das Plätschern eines Brünnleins lässt ihn aufhorchen und sich misstrauisch und erschrocken umwenden, so als wäre ihm der Scharfrichter schon auf den Fersen. Er dreht den gesenkten Kopf auf dem eingezogenen Hals nach allen Seiten, schaut in alle Richtungen wie einer, der sehen will und sich doch fürchtet zu sehen, und wenn das Spiel des Mondlichts einen menschenähnlichen Schatten erzeugt, bedeckt er die Augen, macht einen Sprung zurück, wird noch bleicher als er schon ist, bleibt einen Augenblick stehen und flieht dann überstürzt zurück und schlägt einen anderen Weg ein, bis ein neues Geräusch, ein neues Lichtspiel ihn schreckt und ihn wieder in eine andere Richtung fliehen lässt.

Bei diesem irren Hin und Her gelangt er ins Stadtinnere. (...)

 Judas wird von einem Hund verfolgt und angefallen.

 Ein Biss hat seine Wange verletzt, genau an der Stelle, wo er Jesus geküsst hat. Die Wange blutet, und das Blut befleckt das gelbliche Gewand des Judas am Hals. Es bildet sozusagen ein blutiges Halsband, da es die rote Kordel tränkt, die das Gewand am Hals zusammenhält, und sie noch röter macht. (...)

 Er geht einige Meter und befindet sich am Eingang des Ölgartens. «Nein, nein!» schreit er, als er den Platz wieder erkennt. Aber dann, und ich weiß nicht, welche unwiderstehliche Kraft oder welcher teuflische Sadismus ihn zieht, geht er weiter. Er sucht den Ort der Gefangennahme. Die von vielen Füßen aufgewühlte Erde des Pfades, das zertretene Gras an einer bestimmten Stelle und die Blutspuren auf dem Boden zeigen ihm an, dass er hier den Unschuldigen seinen Schergen übergeben hat.

 Er schaut und schaut ... dann stößt er einen heiseren Schrei aus und springt zurück. Er schreit: «Dieses Blut, dieses Blut... !» und zeigt es... –wem? – mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger. Im zunehmenden Licht erscheint sein Gesicht fahl und gespenstisch. Er gleicht einem Verrückten. Seine Augen sind aufgerissen und glänzend, wie im Delirium. Die vom Laufen und vom Schrecken zerzausten Haare scheinen sich ihm zu sträuben, und die Wange, die langsam anschwillt, verzieht seinen Mund zu einem Grinsen. In seinem zerrissenen, blutbesudelten, nassen und schmutzigen Gewand – denn der Staub hat sich durch die Nässe in Schlamm verwandelt – gleicht er einem Bettler. Der ebenfalls schmutzige und zerrissene Mantel hängt ihm in Fetzen von den Schultern, und er stolpert darüber, während er immer noch schreit: «Dieses Blut, dieses Blut!» Er weicht zurück, als würde das Blut zum Meer, dessen Flut steigt und in dem er ertrinkt. Judas fällt rückwärts und verletzt sich den Kopf, den Hinterkopf, an einem Stein. Er stöhnt vor Schmerz und Angst. «Wer ist da?» schreit er. Er muss glauben, jemand habe ihn umgestoßen, um ihn zu verletzen. Er dreht sich voll Entsetzen um. Niemand. Er steht auf. Nun tropft das Blut auch auf den Nacken. Der rote Kreis breitet sich auf dem Gewand aus. Das Blut fällt nicht zur Erde, denn es ist wenig und wird von seinem Gewand aufgesaugt. Nun scheint sich die rote Schlinge schon um seinen Hals zu legen. (...)

Nun ist der Tag bereits angebrochen, und man kann alles sofort und genau erkennen. Judas sieht den Mantel Jesu zusammengefaltet auf dem Felsen liegen. Er erkennt ihn. Er will ihn anfassen, hat aber Angst. Er streckt die Hand aus und zieht sie wieder zurück. Er will, will nicht. Dieser Mantel fasziniert ihn. Er stöhnt: «Nein, nein.» Dann sagt er: «Ja, zum Teufel! Ja, ich will ihn berühren. Ich habe keine Angst. Ich habe keine Angst!» Er sagt, er hat keine Angst, aber seine Zähne klappern vor Schrecken, und als über seinem Kopf ein Ast eines Ölbaumes im Wind gegen einen Stamm schlägt, schreit er wieder auf. Dennoch zwingt er sich und ergreift den Mantel. Und lacht. Er lacht wie ein Irrer, ein Dämon. Ein hysterisches, stossweises finsteres Lachen, das kein Ende nimmt, denn er hat seine Angst überwunden. Und er sagt es: «Du machst mir keine Angst mehr, Christus, nicht mehr. Ich hatte so große Angst vor dir, da ich an dich als einen Gott, einen starken Gott, glaubte. Nun machst du mir keine Angst mehr, denn du bist kein Gott. Du bist ein armer Irrer, ein Schwächling. Du konntest dich nicht verteidigen. Du hast mich nicht zerschmettert, wie du auch den Verrat in meinem Herzen nicht gelesen hast. Meine Ängste! ... Ich Dummkopf! Noch gestern Abend, als du sprachst, glaubte ich, du wüsstest alles. Nichts hast du gewusst. Es war meine Angst, die deinen gewöhnlichen Worten das Gewicht von Prophezeiungen verlieh. Du bist ein Nichts. Du hast dich verkaufen, anzeigen und wie eine Maus in ihrem Loch fangen lassen. Deine Macht! Deine Herkunft! Ha, ha, ha, du Narr! Satan ist der Mächtige! Stärker als du! Er hat dich besiegt! Ha, ha, ha! Der Prophet! Der Messias! Der König Israels! Und drei Jahre hast du mich unterjocht! Immer mit der Angst im Herzen! Ich musste lügen, um dich geschickt zu täuschen, wo ich doch das Leben genießen wollte! Aber selbst wenn ich ohne all die angewendete List gestohlen und Unzucht getrieben hätte, du hättest mir nichts tun können. Du Schwächling! Du Narr! Du Feigling! So! So! So! Ich hätte mit dir tun sollen, was ich nun mit deinem Mantel tue, um mich für die Zeit zu rächen, die du mich als einen Sklaven der Angst gehalten hast. Angst vor einem Hasen! ... So! So! So!»

Bei jedem «So!» beißt Judas in den Mantel Jesu und versucht, ihn zu zerreißen. Er zerdrückt ihn in den Händen. Aber dabei faltet er ihn etwas auseinander und die nassen Flecken kommen zur Vorschein. Judas hält in seinem Wüten inne. Er starrt auf die Flecken, berührt sie, riecht an ihnen. Es ist Blut... Er faltet den Mantel ganz auseinander. Der Abdruck der beiden blutigen Hände, mit denen Jesus den Stoff auf sein Gesicht gedrückt hat, ist deutlich zu sehen.

«Ach... Blut! Blut! Sein Blut! ... Nein!» Judas lässt den Mantel fallen und schaut sich um. Auch auf dem Felsen, an den Jesus sich mit dem Rücken gelehnt hatte, als der Engel ihn tröstete, ist ein dunkler Fleck trockenen Blutes. «Dort! ... Dort! ... Blut! Blut! ...» Er senkt den Blick, um nichts zu sehen, und sieht das ganz von Blut gerötete Gras. Dieses Blut, das durch den Tau noch nass ist, scheint eben erst heruntergetropft zu sein. Es ist rot und glänzt im ersten Sonnenschein. «Nein! Nein! Nein! Ich will es nicht sehen! Ich kann dieses Blut nicht sehen! Hilfe!» Er fährt sich mit den Händen an den Hals und keucht, als ob er in einem Meer von Blut ersticken würde. «Zurück! Zurück! Lass mich! Lass mich, Verfluchter! Aber dieses Blut ist ein Meer! Es bedeckt die ganze Erde! Die ganze Erde! Die ganze Erde! Auf der Welt ist kein Platz mehr für mich, denn ich kann dieses Blut nicht sehen, das sie bedeckt! Ich bin der Kain des Unschuldigen!» Ich glaube, dass der Gedanke an Selbstmord ihm in diesem Augenblick gekommen ist.

Das Gesicht des Judas ist furchterregend. Er springt den Hang hinunter, flieht wie ein von wilden Bestien Verfolgter aus dem Ölgarten, auf einem anderen Weg als dem, auf dem er gekommen ist, und kehrt in die Stadt zurück. So gut es geht wickelt er sich in seinen Mantel, versucht, die Verletzung und sein Gesicht einigermaßen zu bedecken, und läuft zum Tempel hinauf. Aber als er sich dem Gewölbe nähert, stößt er auf den Pöbel, der Jesus zu Pilatus schleppt. Ausweichen kann er nicht mehr, denn eine andere Menschenmenge, die hinter ihm herbeiläuft, um etwas zu sehen, keilt ihn ein. Und da er groß ist, größer als die meisten, kann er nicht umhin zu sehen. Und begegnet dem Blick Christi...

Einen Augenblick schauen sie sich an. Dann geht Jesus weiter, gefesselt und geschlagen. Judas fällt wie ohnmächtig auf den Rücken. Die Leute treten ihn erbarmungslos, und er wehrt sich nicht. Er scheint es vorzuziehen, von allen getreten zu werden, als diesen Blick ertragen zu müssen.

Nachdem die gottesmörderische Meute mit dem Märtyrer vorübergezogen und die Straße wieder leer ist, steht er auf und eilt zum Tempel. Am Tor des Tempelbezirks stößt er mit einem Wächter zusammen und wirft ihn beinahe um. Andere Wachen eilen herbei, um dem Rasenden den Eintritt zu verwehren. Aber wie ein wütender Stier schlägt er sie alle in die Flucht. Einen, der ihn umklammert und ihn hindern will, den Saal des Synedriums(Anm. wo Jesu Tod beschlossen wurde) zu betreten, in dem noch alle versammelt sind und diskutieren, packt er am Hals, würgt ihn und schleudert ihn, wenn nicht tot, so doch sicher sterbend, drei Stufen hinunter.

«Euer Geld, ihr Verfluchten, will ich nicht!» schreit Judas und steht dabei mitten im Saal, genau an der Stelle, wo noch vor kurzem Jesus gestanden ist. Er gleicht einem Dämon der Hölle. Blutig, rasend, mit wirrem Haar, Schaum vor dem Mund und Händen wie Klauen schreit er, bellt fast, so rau, heiser und heulend ist seine Stimme. «Euer Geld, ihr Verfluchten, will ich nicht. Ihr seid mein Verderben. Ihr habt mich die größte Sünde begehen lassen. Wie ihr, wie ihr bin ich nun verflucht. Ich habe unschuldiges Blut verraten. Dieses Blut und mein Tod mögen über euch kommen. Über euch... Nein! Ach! ...» Judas sieht den blutbefleckten Boden. «Auch hier, auch hier Blut! Überall Blut! Überall sein Blut! Ach, wie viel Blut hat das Lamm Gottes, dass es ohne zu sterben die Erde damit bedecken kann. Und ich habe es vergossen! Ihr habt mich dazu angestiftet! Ihr Verfluchten! Ihr Verfluchten! Ihr auf ewig Verfluchten! Verflucht seien diese Mauern! Verflucht dieser geschändete Tempel! Verflucht der gottesmörderische Hohepriester! Verflucht seien die unwürdigen Priester, die falschen Gelehrten, die heuchlerischen Pharisäer, die grausamen Juden, die arglistigen Schriftgelehrten! Fluch auch über mich! Über mich Fluch! Über mich! Nehmt euer Geld, und möge es euch die Seele im Leib erwürgen wie mich der Strick!» Judas wirft Kaiphas den Beutel ins Gesicht und läuft heulend fort, während die Münzen klingend über den Boden springen, nachdem sie den Mund des Hohenpriesters blutig geschlagen haben.

Niemand wagt es, ihn aufzuhalten. Er läuft hinaus, irrt durch die Straßen. Und das Schicksal will es, dass er Jesus noch zweimal begegnet, der zu Herodes geführt wird und von Herodes kommt und. Schließlich verlässt er die Stadtmitte und verliert sich in ärmlichen Gassen, bis er plötzlich wieder vor dem Haus des Abendmahles steht, das ganz verschlossen ist und völlig verlassen erscheint.

Judas bleibt stehen und schaut es an. «Die Mutter!» flüstert er. «Die Mutter...  !» und bleibt unschlüssig stehen... «Auch ich habe eine Mutter! Und ich habe den Sohn einer Mutter getötet! ... Und doch... Ich will hineingehen... den Raum noch einmal sehen. Dort ist kein Blut...» Er klopft an die Tür. Noch einmal... und noch einmal... . Die Hausfrau kommt und öffnet die Tür ein Stückchen. Einen Spalt... Doch als sie den verstörten, unkenntlichen Mann sieht, schreit sie auf und versucht die Tür wieder zu schließen. Aber Judas stößt die Tür mit der Schulter auf, schiebt die bestürzte Frau beiseite und betritt das Haus.

Er eilt zu dem Pförtchen, das in den Abendmahlsaal führt, öffnet es und geht hinein. Eine herrliche Sonne dringt durch die offenen Fenster. Judas atmet erleichtert auf und geht etwas weiter. Hier ist alles ruhig und schweigsam. Das Geschirr steht noch auf dem Tisch, wie sie es stehengelassen haben. Man sieht, dass sich bis jetzt niemand darum gekümmert hat. Man könnte meinen, dass man im Begriff ist, sich zu Tisch zu setzen.

Judas geht zum Tisch. Er sieht nach, ob noch Wein in den Krügen ist. Es ist noch ein wenig darin. Er trinkt gierig gleich aus dem Krug, den er mit beiden Händen hochhebt. Dann lässt er sich auf einen Sitz sinken und legt den Kopf auf die auf dem Tisch gekreuzten Arme. Er bemerkt nicht, dass er an dem Platz Jesu sitzt und dass vor ihm der für die Eucharistie benützte Kelch steht. Einige Zeit bleibt er so sitzen, bis sich sein vom Laufen keuchender Atem beruhigt. Dann hebt er den Kopf und sieht den Kelch. Und merkt, wohin er sich gesetzt hat.

Wie besessen springt er auf. Doch der Kelch fasziniert ihn. Ein wenig Rotwein ist noch auf dem Grund, und die Sonnenstrahlen, die das silberglänzende Metall treffen, entzünden diese Flüssigkeit. «Blut! Blut! Auch hier Blut! Sein Blut! Sein Blut!... "Tut dies zu meinem Gedächtnis! ... Nehmt und trinkt... Dies ist mein Blut... Das Blut des neuen Bundes, das für euch vergossen wird..." Ach, ich Verfluchter! Für mich kann es nicht mehr vergossen werden zur Vergebung meiner Sünde. Ich bitte nicht um Vergebung, denn er kann mir nicht verzeihen. Fort! Fort! Es gibt keinen Ort mehr, wo der Kain Gottes Ruhe finden könnte. Der Tod! Nur der Tod...»

Judas geht hinaus und sieht sich Maria gegenüber, die aufrecht an der Tür des Raumes steht, in dem Jesus sich von ihr verabschiedet hat. Sie hat ein Geräusch gehört und herausgeschaut, vielleicht in der Hoffnung, Johannes zu sehen, der seit so vielen Stunden abwesend ist. Sie ist so blass, als wäre sie völlig ausgeblutet. Der Schmerz verleiht ihren Augen noch mehr Ähnlichkeit mit denen ihres Sohnes. Judas begegnet dem Blick dieser Augen, die ihn anschauen mit derselben wissenden und betrübten Kenntnis, mit der Jesus ihn auf dem Weg angeschaut hat. Mit einem ängstlichen «Oh!» weicht er an die Mauer zurück.

«Judas» sagt Maria, «Judas, wozu bist du gekommen?» Dieselben Worte, die Jesus gesagt, und mit schmerzerfüllter Liebe gesagt hat. Judas erinnert sich daran und schreit auf.

«Judas», fährt Maria fort, «was hast du getan? Auf so viel Liebe hast du mit Verrat geantwortet.» Die Stimme Marias ist eine zitternde Liebkosung.

Judas will fliehen. Maria ruft ihn mit einer Stimme, die einen Dämon bekehren würde. «Judas! Judas! Bleib! Warte! Höre! Ich sage dir in seinem Namen: Bereue, Judas! Er verzeiht ...» Judas ist fortgelaufen. Die Stimme Marias und ihr Anblick sind der Anruf der Gnade, die ihm zur Ungnade wird, da er ihr widersteht.

Er stürzt davon und begegnet Johannes, der gerade zum Haus eilt, um Maria abzuholen. Das Urteil ist gesprochen. Jesus ist im Begriff, den Kalvarienberg hinaufzusteigen. Es ist Zeit, dass die Mutter zu ihrem Sohn geführt wird. Johannes erkennt Judas, obgleich von dem schönen Judas von früher wenig übrig geblieben ist. «Du hier?» fragt Johannes mit offensichtlichem Abscheu. «Du hier? Fluch über dich, du Mörder des Sohnes Gottes! Der Meister ist verurteilt worden. Freue dich, wenn du kannst. Aber gib den Weg frei. Ich gehe und hole die Mutter, und sie, dein zweites Opfer, soll dir, du Schlange, nicht begegnen.»

Judas flieht. Er hat seinen Kopf in die Fetzen seines Mantels gehüllt und nur für die Augen einen Spalt freigelassen. Die Leute, die wenigen Leute, die nicht beim Prätorium sind, weichen ihm wie einem Irren aus. Und er gleicht auch einem Irren.

Er irrt über die Felder. Ab und zu trägt ihm der Wind ein Echo der lärmenden Menge zu, die Jesus unter Verwünschungen folgt. Jedes Mal, wenn Judas ein solches Echo hört, heult er auf wie ein Schakal.

Ich nehme an, dass er wirklich den Verstand verloren hat, denn er schlägt den Kopf rhythmisch gegen die Steinmauern. Oder er ist tollwütig geworden; denn jedes Mal, wenn er eine Flüssigkeit sieht, sei es nun Wasser oder Milch, die ein Kind in einem Gefäß trägt, oder Öl, das aus einem Schlauch tropft, dann schreit er, schreit und brüllt. «Blut! Blut! Sein Blut!»

Er will an den Bächlein und Brunnen trinken. Aber er kann nicht, denn das Wasser scheint ihm Blut zu sein, und er sagt es auch: «Es ist Blut! Es ist Blut! Es ertränkt mich! Es verbrennt mich! Ich habe Feuer in mir! Sein Blut, das er mir gestern gegeben hat, ist in mir zu Feuer geworden! Fluch über mich und über dich!»

Er geht die Hügel hinauf und hinunter, die Jerusalem umgeben. Sein Blick wird unwiderstehlich von Golgatha angezogen. Zweimal sieht er von weitem den Zug, der sich den Hang hinaufbewegt. Er schaut und schreit.

Nun ist er auf dem Gipfel angekommen. Auch Judas ist oben auf einem kleinen Hügel voller Ölbäume. Er hat ein rustikales Pförtchen geöffnet, um dorthin zu gelangen, so als ob er der Besitzer des Gartens wäre oder sich zumindest gut auskennen würde. Ich hatte schon früher den Eindruck, dass Judas fremdes Eigentum sehr wenig achtet. Steif steht er unter einem Ölbaum am Rand eines Steilhanges und schaut nach Golgatha hinüber. Er sieht, wie die Kreuze aufgerichtet werden und begreift, dass Jesus nun gekreuzigt ist. Er kann es nicht sehen und nicht hören. Aber das Delirium oder ein Zauber Satans lassen ihn alles sehen und hören, als wäre er auf dem Gipfel des Kalvarienbergs.

Er schaut, schaut als hätte er eine Halluzination. Er schlägt um sich: «Nein! Nein! Sieh mich nicht an! Sprich nicht zu mir! Ich ertrage es nicht! Stirb, stirb, du Verfluchter! Möge der Tod dir die Augen verschließen, die mir Furcht einflößen, und diesen Mund, der mich verflucht! Aber auch ich verfluche dich. Weil du mich nicht gerettet hast.»

Sein Gesicht ist so verwüstet, dass man es nicht mehr ansehen kann. Speichel rinnt ihm aus dem schreienden Mund. Die verletzte Wange ist blau und geschwollen und verzerrt das Gesicht. Das verklebte Haar und der sehr dunkle, in diesen Stunden gewachsene Bart umschatten düster Wangen und Kinn. Und die Augen! ... Sie rollen, verdrehen sich und sprühen – ein wahrer Dämon! Er reißt die dreimal herumgewickelte Kordel aus dicker roter Wolle von seiner Taille und prüft ihre Festigkeit, indem er sie um einen Ölbaum schlingt und mit aller Kraft daran zieht. Sie hält stand, ist stark. Er wählt einen für sein Vorhaben geeigneten Ölbaum. Dieser hier, dessen zerzauste Krone über den Hang hinaushängt, ist der richtige. Er steigt auf den Baum und befestigt ein Ende des Strickes am stärksten, ins Leere ragenden Ast. Die Schlinge hat er schon gemacht. Ein letztes Mal schaut er nach Golgatha, dann steckt er den Kopf in die Schlinge. Nun scheint er zwei rote Halsbänder an der Halswurzel zu haben. Er setzt sich auf den Vorsprung. Und plötzlich lässt er sich ins Leere fallen.

Die Schlinge zieht sich zusammen und würgt ihn. Eine Weile schlägt er um sich, dann verdreht er die Augen, wird schwarz im Gesicht, erstickt, öffnet den Mund. Die Adern am Hals schwellen an und werden schwarz. In seinen letzten Zuckungen tritt er noch vier- fünfmal in die Luft. Dann öffnet sich der Mund, die dunkle, schleimige Zunge hängt heraus und die offenen, blutunterlaufenen Augen quellen hervor. Die Iris verschwindet nach oben. Er ist tot. Der starke Wind, der sich vor dem Sturm erhoben hat, schaukelt das makabere Pendel und lässt es kreisen, wie eine scheußliche Spinne am Faden ihres Netzes.

Die Vision endet so. Und ich hoffe, dass ich all dies bald vergessen werde, denn ich versichere Ihnen, es war eine schreckliche Vision.

 

Ich (Hermann) füge noch ein paar Sätze vom nächsten Kapitel 666 zum besseren Verständnis des vorigen Kapitels hinzu wo Jesus sagt:

Die Gewissensbisse hätten ihn retten können, wenn aus den Gewissenbissen Reue geworden wäre. Aber er wollte nicht bereuen. Und zum ersten Verbrechen, den Verrat -  den ich in meiner Barmherzigkeit, die meine liebevolle Schwäche ist, noch verziehen hätte – kamen Gotteslästerung und Widerstand gegen die Stimme der Gnade, die zu ihm sprechen wollte durch die Erinnerungen, die Schrecken, durch mein Blut und meinen Mantel, durch die Überreste der Einsetzung der Eucharistie, durch die Worte meiner Mutter. Er hat allem widerstanden. Er  WOLLTE widerstehen. Wie er auch verraten WOLLTE. Wie er verfluchen WOLLTE. Wie er Selbstmord begehen WOLLTE. Und es ist der Wille, der bei allem zählt, im Guten wie im Bösen… .

Meine Mutter sagte es ihm: „Bereue, Judas. Er verzeiht…“. Oh, und wie ich ihm verziehen hätte! Wenn er sich der Mutter zu Füßen geworfen hätte und gefleht hätte: „Erbarmen“, hätte sie, die Barmherzige, ihn wie einen Verwundenten aufgehoben und seine satanischen Wunden mit ihren rettenden Tränen gewaschen; sie hätte ihn zu mir an den Fuß des Kreuzes gebracht, sie hätte ihn an der Hand gehalten, damit Satan ihn nicht packen und die Jünger ihn nicht erschlagen konnten, sie hätte ihn gebracht, und mein Blut wäre zuerst auf ihn, auf den größten aller Sünder gefallen.

Aber er WOLLTE nicht. Denkt nach über die Macht eures Willens, dessen unumschränkter Herr ihr seid. Durch ihn könnt ihr in den Himmel oder in die Hölle kommen.  Denkt darüber nach, was es heißt, in der Sünde zu verharren… . Die Unbußfertigen töten ihren Geist in ihrem Leib, weil sie in der Schuld verharren. Und der Sanftmütige, der sich, in der Hoffnung sie zu retten, geopfert hat, scheint ihnen wie ein Schreckgespenst.


 

 

 

Ihr denkt nie daran, wie viel ihr mich gekostet habt

Jesus spricht:

Das Zeichen des Heiles - küsse esNun werde ich dir die Schmerzen zeigen, die ich während der Passion erduldet habe, jene Schmerzen, die euren Geist immer tiefer ergreifen, je mehr ihr sie betrachtet. Aber ihr betrachtet sie wenig. Zu wenig. Ihr denkt nicht daran, wie viel ihr mich gekostet habt und welche Qual mir eure Erlösung bereitet hat.

Die HAND, die Gott dem Menschen gegeben hatte, um ihn von den Tieren zu unterscheiden, die Hand, die zu gebrauchen Gott die Menschen gelehrt hatte, die Hand, die Gott in Beziehung zum Geist gebracht hatte, damit sie die Befehle des Geistes ausführe, dieser so vollkommene Teil von euch; die den Sohn Gottes nur hätte liebkosen dürfen, von dem sie nur Liebkosungen erhalten hatte, und Heilung, wenn sie krank war; diese Hand erhob sich gegen den Sohn Gottes, gab ihm Backenstreiche und Faustschläge, ergriff die Geissel, wurde zur Zange, um ihm Haar und Bart auszureißen, und nahm den Hammer, um die Nägel einzuschlagen.

Verehre, liebe das KreuzDie FÜSSE des Menschen, die einzig und allein zu mir hätten eilen müssen, um den Sohn Gottes anzubeten, liefen, um mich gefangen zu nehmen. Mich durch die Straßen zu treiben und zu zerren, meinen Henkern entgegen, und mir Fußtritte zu geben, wie man dies nicht einmal bei einem störrischen Maulesel tut.

Der MUND des Menschen, der das Wort hätte gebrauchen sollen – das Wort, das eine unter allen Lebewesen nur dem Menschen verliehene Gabe ist – um den Sohn Gottes zu loben und zu preisen, füllte sich mit Flüchen und Lügen und bespie mich mit diesen und mit seinem Geifer.

Der VERSTAND des Menschen, der Beweis seiner himmlischen Herkunft, ermüdete beim Ersinnen von Qualen von ausgesuchter Furchtbarkeit. Der Mensch gebrauchte alles, sein ganzes Selbst und alle seine Teile, um den Sohn Gottes zu quälen.

Und er rief die ERDE und alles auf ihr zu Hilfe, um mich zu quälen. Er machte aus den Steinen der Bäche Wurfgeschosse, um mich zu verwunden. Aus den Zweigen der Bäume Ruten, um mich zu schlagen. Aus dem gedrehten Hanf Seile, die mir ins Fleisch schnitten, um mich hinter ihnen herzuziehen, aus den Dornen eine Krone stechenden Feuers für mein müdes Haupt, aus den Mineralien eine noch furchtbarere Geißel, aus dem Rohr ein Marterwerkzeug, aus den Steinen der Straße ein Hindernis für den wankenden Fuß dessen, der sterbend hinaufstieg, um gekreuzigt zu werden.

Und zu den Dingen der Erde gesellten sich auch die des HIMMELS. Die Kälte des Morgens, die meinen schon durch die Todesangst im Garten erschöpften Körper erzittern ließ; der Wind, der die Schmerzen der Wunden verschlimmerte; die Sonne, die den brennenden Durst und das Fieber verstärkte und Fliegen und Staub brachte, die die müden Augen reizten, ohne dass die gefesselten Hände etwas dagegen tun konnten.

Dazu die STOFFE, das Leder wurde zur Peitsche, die Wolle der Kleider blieb an den offenen Wunden der Geißelhiebe kleben und verursachte mir bei jeder Bewegung durch ihr Reiben und erneutes Aufreißen der Wunden Qualen.

Alles, alles hat dazu beigetragen, den Sohn Gottes zu quälen.

An all das solltet ihr denken, wenn ihr leidet. Wenn ihr eure Unvollkommenheit mit meiner Vollkommenheit vergleicht und meinen Schmerz mit dem eurigen, werdet ihr erkennen, dass der Vater euch mehr liebt, als er mich in jener Stunde geliebt hat; und daher sollt ihr ihn mit eurem ganzen Sein lieben, wie ich ihn trotz seiner Strenge geliebt habe.

 

 

Die Anbetunge der Hirten

Ich sehe ein weites Feld. Der Mond steht im Zenit und segelt friedlich durch einen mit Sternen besäten Himmel. Dieser gleicht einem riesigen, mit zahllosen Diamanten geschmückten Baldachinaus dunkelblauem Samt. Und mittendrin lacht der Mond mit seinem runden weißen Gesicht, von dem sich Ströme von milchweißem Licht auf die Erde ergießen. Die kahlen Bäume scheinen höherund schwärzer auf dem lichtüberfluteten Boden, während die Mäuerchen, die sich hier und da als Grenze erheben, milchig weiß sind; ein Haus in der Ferne ähnelt einem Block aus Carraramarmor.Zu meiner Rechten sehe ich einen Platz, der auf zwei Seiten von einer Dornhecke und auf den anderen beiden von einer niederen, holprigen Mauer umgeben ist. Diese Mauer stützt das Dacheiner Art langen, niedrigen Schuppens, der innerhalb des Geheges teils Mauerkonstruktion, teils Holzwerk aufweist, als wenn zur Sommerszeit die Holzteile entfernt würden und so der Schuppen in eine offene Säulenhalle umgewandelt würde. Aus diesem geschlossenen Gehege ertönt von Zeit zu Zeit ein kurzes Geblöke. Es müssen Schafe sein, die träumen oder vielleicht wegen der Helle, die der Mond verbreitet, glauben, der Tagesanbruch sei schon nah. Es ist ein ungewöhnliches Licht, das gleichsam zunimmt, als ob der Trabant sich der Erde nähere oder infolge eines geheimnisvollen Brandes funkle.

Ein Hirte erscheint am Eingang; er hält einen Arm über die Stirn, um die Augen zu schützen, und schaut in die Höhe. Es scheint ihm unmöglich, daß man sich gegen die Helle des Mondes schützen muß. Aber sie ist so außerordentlich stark, daß sie blendet; besonders wenn man aus einem finsteren Raum kommt. Alles ist ruhig. Aber das Licht ist erstaunlich. Der Hirte ruft seine Gefährten. Sie werden alle am Eingang sichtbar; eine Schar Männer verschiedenen Alters mit struppigen Haaren. Einige sind kaum dem Kindesalter entwachsen, andere schon ergraut. Sie machen ihre Bemerkungen über diese eigenartige Erscheinung; die jüngeren haben Angst; besonders einer, ein Knabe von zwölf Jahren. Er beginnt zu weinen und setzt sich so dem Spott der älteren aus. «Wovor fürchtest du dich, du Dummkopf?» sagt der Älteste zu ihm. «Siehst du nicht, wie ruhig die Luft ist! Hast du noch nie den Mond leuchten sehen? Du bist immer am Schürzenzipfel deiner Mutter gehangen, wie die Küken sich unter der Henne verstecken, nicht wahr? Du wirst noch Dinge kennenlernen! Einmal bin ich bis zu den Bergen des Libanon vorgedrungen und noch weiter, hoch hinauf. Ich war noch jung, und das Gehen machte mir keine Mühe. Ich war auch reich, damals... Auf einmal sah ich ein solches Licht, daß ich glaubte, Elias wolle wiederkommen auf seinem Feuerwagen (2 Kön 2,11). Der Himmel war ganz in Flammen. Ein Alter - jetzt ist er selbst alt - sagte zu mir: “Es nähert sich ein großes Ereignis.” Für uns war es ein Unglück, denn es kamen die Soldaten aus Rom. Oh! Du wirst noch viel erleben, wenn...»

Verkündigung der Geburt an die HirtenAber der Hirtenknabe hört schon nicht mehr zu. Es scheint, daß er auch keine Angst mehr hat; denn er verläßt die Schwelle und schlüpft hervor hinter dem Rücken eines starken Schafhirten, hinter denen er sich geflüchtet hatte, und begibt sich auf den grasigen Platz vor dem Schuppen. Er schaut in die Höhe und geht wie ein Nachtwandler oder wie einer, der im Bann von irgend etwas steht, was ihn vollkommen gefangen nimmt. Plötzlich schreit er: «Oh!», und bleibt mit halbgeöffneten Armen wie angewurzelt stehen. Die anderen blicken sich erstaunt an.

«Was hat denn dieser dumme Junge?» fragt einer.

«Morgen schicke ich ihn zu seiner Mutter zurück. Ich will keinen Verrückten zum Hüten meiner Schafe», sagt ein anderer.

Aber der Alte, der kurz vorher gesprochen hat, sagt: «Sehen wir nach, bevor wir urteilen! Ruft auch die anderen, die noch schlafen, und holt die Stöcke! Vielleicht ist es ein wildes Tier, oder Straßenräuber sind in der Nähe...»

Sie gehen hinein, rufen die anderen Hirten, kommen dann mit Fackeln und Knüppeln heraus und gehen zum Knaben.

«Dort, dort», murmelt er lächelnd. «Dort über dem Baum! Schaut, welch ein Licht da kommt! Es scheint, als ob es auf den Strahlen des Mondes herabgleite. Seht, es nähert sich! Oh, wie schön ist es!»

«Ich sehe nur einen helleren Schein.»

«Ich auch.»

«Auch ich», sagen die anderen.

«Nein, ich sehe etwas wie einen Körper», sagt einer, in dem ich den Hirten erkenne, der Maria die Milch gegeben hat.

«Es ist ein... Engel!» schreit der Knabe. «Seht, er kommt herab und nähert sich... nieder auf die Knie vor dem Engel Gottes!»

Ein langes und ehrfurchtsvolles «Oh!» steigt aus der Gruppe der Hirten auf, die, das Gesicht zu Boden gerichtet, niederfallen; und je älter sie sind, um so mehr scheinen sie von der leuchtenden Erscheinung beeindruckt. Die Jüngeren sind auf den Knien, schauen aber auf den Engel, der immer näher kommt. Nun schwebt er ruhig über der Umfriedungsmauer und bewegt die großen, perlfarbigen Flügel, die weiß schimmern im milchigen Mondlicht.

«Fürchtet euch nicht! Ich bringe kein Unheil. Ich bringe euch die Kunde einer großen Freude für das Volk Israel und für alle Völker der Erde.» Die Stimme des Engels ist wie ein Harfenklang, vermischt mit dem Gesang von Nachtigallen.

«Heute ist in der Stadt Davids der Erlöser geboren!» Bei dieser Ankündigung öffnet der Engel seine Flügel noch mehr und bewegt sie wie in einem plötzlichen Aufwall der Freude, und ein Funkenregen von Gold und kostbaren Steinen scheint von ihm auszugehen: ein wahrer Regenbogen, der sich wie ein Triumphbogen über den armseligen Stall wölbt.

«...der Heiland, der Christus ist.» Der Engel schwebt in immer größerem Glanz. Seine beiden Flügel bewegen sich nicht mehr und sind mit ihren Spitzen zum Himmel gerichtet, wie zwei unbewegliche Segel auf dem Saphirblau des Meeres; sie gleichen zwei Flammen, die brennend emporlodern.

«...Christus, der Herr!» Der Engel zieht seine beiden leuchtenden Flügel ein und hüllt sich in sie ein wie in ein Überkleid aus diamantenen Perlen; er beugt sich wie zur Anbetung nieder, die Arme kreuzweise über dem Herzen; sein Antlitz neigt sich über die Brust und verschwindet unter den Spitzen der zusammengefalteten Flügel. Während der Dauer eines Gloria sieht man nichts mehr als eine längliche, unbewegliche Lichtgestalt.

Doch jetzt bewegt er sich wieder. Er öffnet die Flügel, erhebt das leuchtende Antlitz, und Licht fällt darauf und vereinigt sich mit seinem paradiesischen Lächeln. Er sagt: «Daran werdet ihr es erkennen: In einem armen Stall hinter Bethlehem werdet ihr ein Kindlein finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend; denn für den Messias war kein Platz in der Stadt.» Bei diesen Worten wird der Engel ernst, ja traurig.

Aber vom Himmel kommen nun viele - oh, wie viele - viele Engel, die ihm ähnlich sind: eine Leiter von Engeln, die jubelnd herabsteigen und den Mond mit ihrem paradiesischen Licht übertreffen; sich versammeln sich um den Verkündigungsengel, indem sic die Flügel schlagen und Wohlgerüche ausströmen, und im Wohlklang von Tönen, in denen die schönsten Stimmen der Schöpfung in der höchsten Vollkommenheit widerhallen. Wenn die Materie in der Farbe zu Licht wird, so ist hier die Melodie ein Aufklingen der Schönheit Gottes für die Menschen. Diese Melodie hören heißt das Paradies kennenlernen, wo alles Harmonie der Liebe ist, die von Gott ausstrahlt, um die Seligen zu beglücken, und von diesen zu Gott zurückkehrt, um ihm zu sagen: «Wir lieben dich!»

Das “Gloria” des Engels breitet sich in immer größeren Wellen über die ruhige Landschaft aus, und mit ihm das Licht; und die Vögel stimmen in den Gesang ein, um dieses frühe Licht zu begrüßen, und die Schafe beginnen mit ihrem Geblöke zu diesem vorzeitigen Sonnenlicht. Aber wie schon im Stall bei Ochs und Esel, glaube ich lieber, daß die Tiere ihren Schöpfer begrüßen, der mitten unter ihnen erschienen ist, um sie nicht nur als Gott, sondern auch als Mensch zu lieben.

Der Gesang wird schwächer, ebenso das Licht, während die Engel wieder zum Himmel aufsteigen.

Die Hirten kommen langsam zu sich.

«Hast du gehört?»

«Sollen wir hingehen, um nachzusehen?»

«Und die Tiere?»

«Oh, es wird ihnen nichts geschehen! Gehen wir, um dem Wort Gottes zu gehorchen!...» «Aber wohin sollen wir gehen?»

«Hat er nicht gesagt, daß er heute geboren worden ist? Und daß er keine Unterkunft in Bethlehem gefunden hat?»

Nun ergreift der Hirt, der die Milch gegeben hat, das Wort: «Kommt, ich weiß, wo wir ihn finden. Ich habe die Frau gesehen und hatte Mitleid mit ihr. Ich habe ihnen den Ort bezeichnet, denn ich dachte mir, daß sie keine Unterkunft finden würden; und dem Mann habe ich Milch für sie gegeben. Sie ist sehr jung und schön, und sie muß gut sein wie der Engel, der zu uns gesprochen hat. Kommt, kommt, nehmen wir Milch, Käse, Lämmer und gegerbte Felle mit. Sie müssen sehr arm sein, und... wer weiß, wie sehr jener frieren muß, dessen Name ich nicht auszusprechen wage. Und wenn ich daran denke, daß ich zu seiner Mutter geredet habe, wie zu einer armen Ehefrau!...»

Sie gehen in ihren Unterschlupf und kommen kurz darauf wieder heraus: der eine mit Krügen voller Milch, der andere mit rundem Käse in einem geflochtenen Netz, ein dritter mit einem blökenden Lämmlein in einem Korb und wieder ein anderer mit gegerbten Schaffellen.

«Ich bringe ein Schaf. Es hat vor einem Monat ein Junges bekommen und hat jetzt gute Milch. Es wird ihnen nützlich sein, wenn die Frau keine Milch hat. Sie schien mir noch ein Kind, und sie war so blaß!... Ein Antlitz wie Jasmin im Mondschein», sagt der Hirte mit der Milch. Und er führt das Schaf mit sich.

Sie gehen im Mondlicht und im Schein der Fackeln, nachdem sie Schuppen und Hürde verschlossen haben. Sie gehen auf Feldwegen, zwischen Dornenhecken, die der Winter geplündert hat. Sie gehen um Bethlehem herum, und sie kommen zum Stall. Aber nicht von der Seite, von der Joseph und Maria gekommen waren, sondern von der entgegengesetzten, so daß sie nicht an den schöneren Stallungen vorüberkommen, sondern gleich auf die gesuchte Unterkunft stoßen. Sie nähern sich ihr.

«Geh hinein!»

«Ich wage es nicht!»

«Dann geh du!»

«Nein.»

«So schau wenigstens!»

«Du, Levi, der du den Engel zuerst gesehen hast, ein Zeichen, daß du besser bist als wir, schau du!» Vorher hatten sie ihn verrückt gescholten; nun aber möchten sie, daß er wagt, was sie selbst nicht wagen.

Der Knabe zögert erst; dann faßt er Mut. Er nähert sich der Öffnung, hebt ein wenig den vorgehängten Mantel, schaut... und bleibt entzückt stehen.

«Was siehst du?» fragen sie ihn ängstlich mit leiser Stimme.

«Ich sehe eine junge, schöne Frau und einen Mann, der über eine Krippe gebeugt ist, und höre... höre ein Kindlein weinen, und die Frau spricht zu ihm mit einer Stimme... Oh! welch eine Stimme!»

«Was sagt sie?»

«Sie sagt: "Jesus, kleiner Jesus! Du Liebe deiner Mutter! Weine nicht, mein Söhnlein! Sie sagt: «Oh! Könnte ich zu dir sagen: Nimm die Milch, mein Kleiner! Aber ich habe noch keine. Sie sagt: "Dir ist so kalt, meine Liebe! Und dich sticht das Heu. Welch ein Schmerz für deine Mutter, dich so weinen zu hören und dir nicht helfen zu können! » Sie sagt: «Schlafe, meine Seele! Denn mein Herz zerspringt, wenn ich dich weinen höre und  deine Tränen sehe! » Und sie küßt es und wärmt ihm gewiß mit ihren Händen die Füßchen; denn sie steht gebeugt und hat die Hände in der Krippe.»

«Rufe! Mach dich bemerkbar!»

«Ich nicht. Du, der du uns geführt hast und sie schon kennst.»

Der Hirte öffnet den Mund und beschränkt sich darauf zu stöhnen.

Joseph wendet sich um und kommt an die Tür.

«Wer seid ihr?» «Hirten. Wir bringen euch Speisen und Wolle. Wir kommen, den Erlöser anzubeten.»

Die Anbetung der Hirten«Tretet ein.» Sie gehen hinein, und der Stall wird vom Licht der Fackeln erhellt. Die Alten schieben die Jungen vor sich her.

Maria wendet sich um und lächelt. «Kommt!», sagt sie. «Kommt!» Und sie lädt sie mit der Hand und mit ihrem Lächeln ein und nimmt den, der den Engel gesehen hat, bei der Hand und führt ihn zur Krippe. Und der Knabe schaut selig hinein.

Die anderen, von Joseph aufgefordert, kommen mit ihren Geschenken näher und legen sie mit bewegten Worten zu Fußen Marias nieder; dann schauen sie auf das Kindlein, das leise weint, und lächeln gerührt und selig.

Und einer, der beherzter als die anderen ist, sagt: «Nimm, o Mutter! Sie ist weich und sauber. Ich habe sie für das Kind, das mir bald geboren wird, vorbereitet. Aber ich gebe sie dir. Lege deinen Sohn in diese Wolle, sie ist weich und warm!» Er bietet ihr ein Schaffell an. Es ist ein sehr schönes Fell mit reicher, weißer und langhaariger Wolle.

Maria nimmt Jesus und wickelt ihn ein. Sie zeigt ihn den Hirten, die auf den mit Stroh bedeckten Boden niederknien und ihn voller Entzücken betrachten.

Sie werden nun mutiger, und einer schlägt vor: «Man sollte ihm einen Schluck Milch geben; besser noch Wasser und Honig. Aber wir haben keinen Honig. Er tut den ganz Kleinen gut. Ich habe sieben Kinder und weiß...»

«Hier ist die Milch. Nimm sie, o Frau!»

«Aber sie ist kalt. Sie muß warm sein. Wo ist Elias? Er hat das Schaf.»

Elias muß der Hirte mit der Milch sein. Aber er ist nicht da. Er ist draußen stehengeblieben und schaut durch den Spalt hinein; im Dunkel der Nacht sieht man ihn nicht.

«Wer hat euch hierhergeführt?»

«Ein Engel hat uns gesagt, wir sollen kommen, und Elias hat uns hierher geführt. Aber wo ist er jetzt?»

Das Schaf verrät ihn mit seinem Blöken.

«Komm herein, man braucht dich!»

Nun tritt er mit seinem Schaf ein, beschämt, im Mittelpunkt zu stehen. 

«Du bist es?» sagt Joseph, der ihn wiedererkennt; und Maria lächelt ihm zu und sagt: «Du bist gütig.»

Sie melken das Schaf, und mit der Spitze eines in die warme und schäumende Milch getauchten linnenen Tüchleins benetzt Maria die Lippen des Kindleins, das die süße Sahne einsaugt. Alle freuen sich, und ihre Freude wächst noch an, als Jesus mit dem Linnenzipfel zwischen den kleinen Lippen in der warmer Wolle einschläft.

«Aber hier könnt ihr nicht bleiben! Es ist feucht und kalt hier Und dann... hier riecht es zu stark nach Tieren. Das ist nicht gut... und schickt sich nicht für unseren Heiland.»

«Ich weiß es», sagt Maria mit einem tiefen Seufzer. «Aber es ist kein Platz für uns in Bethlehem.»

«Sei getrost, Frau, wir werden dir ein Haus suchen.»

«Ich werde es meiner Herrin sagen», versichert derjenige mit der Milch, Elias. «Sie ist gut. Sie wird euch aufnehmen, selbst wenn sie ihr Zimmer räumen müßte. Sobald es Tag ist, werde ich es ihr sagen. Ihr Haus ist voller Menschen; aber sie wird euch ein Plätzchen geben.»

«Wenigstens für mein Kind! Joseph und ich, wir können auf dem Boden schlafen. Aber für den Kleinen...»

«Seufze nicht, Frau! Ich werde mich darum kümmern. Und wir werden vielen verkünden, was uns gesagt worden ist. Es wird euch an nichts fehlen. Für jetzt nehmt das, was unsere Armut euch geben kann. Wir sind Hirten...»

«Auch wir sind arm. Und wir können es euch nicht vergelten», sagt Joseph.

«Oh, wir wollen nichts! Auch wenn ihr könntet, würden wir nichts nehmen. Der Herr hat es uns schon vergolten. Er hat allen den Frieden versprochen. Die Engel sagten: “Friede den Menschen guten Willens!” Und uns hat er ihn schon gegeben, denn der Engel hat gesagt, daß dieses Kind der Erlöser ist, der Christus, der Herr. Wir sind arme und unwissende Schäfer; aber wir wissen, daß die Propheten sagen, der Erlöser werde der Friedensfürst sein (Is 9,6), und man hat uns gesagt, wir sollen hingehen und Ihn anbeten. Daher hat Er uns seinen Frieden gegeben. Ehre sei Gott in der Höhe, und Ehre diesem kleinen Gesalbten; und gebenedeit bist du, Frau, die du Ihn geboren hast! Heilig bist du, denn du bist würdig gewesen, Ihn zu tragen! Befiehl uns als Königin, denn wir werden glücklich sein, dir zu dienen. Was können wir für dich tun?»

«Meinen Sohn lieben und stets im Herzen die Gedanken hegen, die ihr jetzt habt.»

«Aber für dich? Für dich willst du nichts? Hast du keine Verwandten, denen du melden möchtest, daß er geboren ist?»

«Ja, ich hätte solche. Aber sie sind nicht in der Nähe. Sie leben in Hebron...» 

«Ich gehe hin», sagt Elias. «Wer sind sie?»

«Zacharias, der Priester, und Elisabeth, meine Base.»

«Zacharias? Oh, den kenne ich gut. Im Sommer gehe ich dort auf die Berge, denn die Weiden sind reich und grün, und ich bin mit seinen Hirten befreundet; sobald ich dich wohlversorgt weiß, gehe ich zu Zacharias.»

«Danke, Elias.»

«Nichts zu danken. Es ist eine große Ehre für mich, den armen Hirten, zum Priester zu gehen und ihm zu sagen: "Der Erlöser ist geboren.»

«Nein, du wirst sagen: “Maria von Nazareth, deine Base, hat gesagt, daß Jesus geboren ist, und bittet dich, nach Bethlehem zu kommen.”»

«So werde ich es sagen.»

«Gott vergelte es dir! Ich werde deiner gedenken, euer aller...»

«Wirst du deinem Kind von uns erzählen?»

«Ja, das werde ich.»

«Ich bin Elias.»

«Und ich Levi.»

«Und ich Samuel.»

«Und ich Jonas.»

«Und ich Tobias.»

«Und ich Jonathan.»

«Und ich Daniel.»

«Und ich Simeon.»

«Und ich heiße Johannes.»

«Ich heiße Joseph und mein Bruder Benjamin; wir sind Zwillinge.»

«Ich werde mich eurer Namen erinnern.»

«Wir müssen gehen... Aber wir kommen wieder... Und wir werden andere mitbringen zur Anbetung...»

«Wie kann man zur Herde zurückkehren und dieses Kind verlassen?»

«Ehre sei Gott, der es uns gezeigt hat!»

«Laß uns sein Kleid küssen!» sagt Levi mit einem engelhaften Lächeln. Maria nimmt Jesus vorsichtig aus der Krippe, und auf dem Heu sitzend, hält sie die in Leinwand eingehüllten Füßlein hin zum Kuß. Die Hirten verneigen sich und küssen die in Leinwand gewickelten Füßlein. Wer einen Bart hat, streicht ihn vorher zurecht, und fast alle weinen. Als sie schließlich aufbrechen, gehen sie rückwärts hinaus... und lassen ihr Herz zurück...

So endet meine Vision, mit Maria, die auf dem Heu sitzt, das Kind im Schoß, und Joseph, der, einen Arm auf die Krippe gestützt, betrachtet und anbetet.

 

Der Kreuzweg JesU - via Dolorosa

via dolorosa


Es vergeht einige Zeit, nicht mehr als eine halbe Stunde, vielleicht auch weniger. Dann gibt Longinus, der mit der Aufsicht über die Hinrichtung beauftragt ist, seine Befehle.

Doch bevor Jesus auf die Straße hinausgeführt wird, um das Kreuz auf sich zu nehmen und sich auf den Weg zu begeben, hat Longinus ihn zwei- oder dreimal neugierig und dann mitleidig angesehen mit dem geübten Auge eines Menschen, der kein Neuling mehr ist in gewissen Dingen. Er kommt nun mit einem Soldaten zu Jesus und bietet ihm eine Erfrischung an. Wein, nehme ich an, denn er gießt aus einer richtigen Feldflasche eine hellrote Flüssigkeit in einen Becher. »Das wird dir guttun. Du mußt Durst haben. Draußen scheint die Sonne, und der Weg ist lang.«

Doch Jesus antwortet: »Gott möge dir dein Mitleid vergelten. Aber behalte es für dich.« »Ich bin gesund und kräftig . . . Du . . . Ich entbehre nichts . . . und außerdem . . . tue ich es gern, wenn ich dir damit ein wenig helfen kann . . . Nimm wenigstens einen Schluck . . . um mir zu zeigen, daß du die Heiden nicht verachtest.«

Jesus weigert sich nicht länger und trinkt einen Schluck von dem Getränk. Seine Hände sind nicht mehr gefesselt, und er hat auch kein Rohr mehr in der Hand und keinen Mantel, so daß er es selbst tun kann. Mehr will er nicht, obwohl das gute kühle Getränk eine große Erfrischung wäre bei dem Fieber, das sich schon durch rote Streifen auf den bleichen Wangen und den trockenen, rissigen Lippen bemerkbar macht.

»Nimm, nimm. Es ist Honigwasser. Es stärkt und löscht den Durst . . . Du tust mir leid . . . ja . . . leid . . . Von allen Hebräern bist nicht du es, der getötet werden sollte . . . Aber . . . Ich hasse dich nicht . . . und ich will alles tun, damit du nicht mehr als nötig leiden mußt.«

Doch Jesus trinkt nicht mehr . . . Er hat großen Durst . . . Den schrecklichen Durst des Ausgebluteten und Fiebernden . . . Er weiß, daß es kein betäubendes Getränk ist und würde gerne trinken. Aber er will nicht weniger leiden. Ich verstehe, eine innere Erleuchtung sagt mir, daß das Mitleid des Römers eine größere Labung für ihn ist als das Honigwasser.

»Gott vergelte dir diesen Trost mit seinem Segen«, sagt er und lächelt dabei . . . Ein herzzerreißendes Lächeln mit geschwollenen, verwundeten Lippen, die er nur mühsam bewegen kann, denn zwischen der Nase und dem rechten Jochbogen schwillt die nach der Geißelung durch einen Stockhieb verursachte Quetschung nun stark an.

Es kommen jetzt auch die zwei Räuber hinzu, jeder von einer Dekurie Bewaffneter bewacht. Es ist an der Zeit aufzubrechen, und Longinus erteilt die letzten Befehle.

Eine Zenturie stellt sich in zwei Reihen in etwa drei Meter Abstand voneinander auf und geht auf den Platz hinaus, auf dem bereits eine andere Zenturie ein Viereck gebildet hat, um das Volk zurückzudrängen und für den Zug Platz zu schaffen. Auch Berittene sind auf dem Platz: eine Dekurie Kavallerie mit den Feldzeichen und befehligt von einem jungen Offizier. Ein Fußsoldat hält den Rappen des Zenturio am Zügel. Longinus steigt in den Sattel und begibt sich an seinen Platz, etwa zwei Meter vor den elf Berittenen. Nun werden die Kreuze gebracht. Die der beiden Räuber sind kürzer, das Kreuz Jesu viel länger. Der Längsbalken ist mindestens vier Meter lang, würde ich sagen. Ich sehe, daß man das Kreuz schon fertig bringt.

Ich habe darüber gelesen, als ich noch lesen konnte . . . also schon vor Jahren, daß man das Kreuz erst auf der Höhe des Golgota zusammengefügt hätte, und daß die Verurteilten nur die beiden Balken zusammengebunden auf den Schultern getragen hätten. Das ist schon möglich, aber ich sehe ein richtiges Kreuz, massiv und an der Verbindungsstelle der beiden Balken mit Nägeln und Bolzen verstärkt. Und wirklich, wenn man bedenkt, daß das Kreuz dazu bestimmt war, ein beachtliches Gewicht wie den Körper eines Erwachsenen zu tragen und den Krämpfen der Sterbenden standzuhalten, dann wird man verstehen, daß es nicht erst auf dem engen und unbequemen Gipfel des Kalvarienberges zusammengefügt werden konnte. Bevor sie Jesus das Kreuz geben, hängen sie ihm die Tafel mit der Inschrift: »Jesus von Nazaret, der König der Juden« um den Hals, und die Schnur, an der die Tafel hängt, verfängt sich in der Krone, die sich verschiebt und kratzt, wo noch keine Kratzer sind, wieder an anderen Stellen in den Kopf eindringt und neue Blutungen und neuen Schmerz bereitet. Die Leute lachen in sadistischer Freude, höhnen und fluchen.

Nun sind sie bereit. Longinus gibt den Befehl zum Abmarsch. »Zuerst der Nazarener, und hinter ihm die beiden Räuber; eine Dekurie rings um jeden, die anderen sieben Dekurien an den Seiten zur Verstärkung. Der Soldat, der es zuläßt, daß einer der Verurteilten tödlich verletzt wird, wird sich dafür verantworten müssen.«

Jesus geht die drei Stufen von der Vorhalle zum Platz hinunter. Auf einmal ist deutlich zu sehen, daß er sehr geschwächt ist. Er wankt, als er die Stufen hinuntersteigt, denn das Kreuz, das auf der wunden Schulter liegt, behindert ihn beim Gehen, ebenso die Tafel mit der Inschrift, die hin- und herpendelt und am Hals scheuert, und die Erschütterungen, die das Aufschlagen des Längsbalkens auf den Stufen und den Unebenheiten des Bodens verursacht.

Die Juden lachen, als sie bemerken, daß Jesus wie ein Betrunkener wankt, und rufen den Soldaten zu: »Stoßt ihn an, bringt ihn zu Fall. In den Staub mit dem Gotteslästerer!«

Aber die Soldaten tun nur, was ihre Pflicht ist, das heißt, sie befehlen dem Verurteilten, sich in die Mitte der Straße zu begeben und zu gehen. Longinus gibt dem Pferd die Sporen, und der Zug setzt sich langsam in Bewegung.

Longinus würde sich gerne beeilen und den kürzesten Weg nach Golgota einschlagen, da er an der körperlichen Widerstandskraft des Verurteilten zweifelt. Aber der entfesselte Pöbel – und Pöbel ist noch gelinde gesagt – will es nicht so. Einige der Schlaueren sind bereits vorausgeeilt zur Weggabelung, wo die Straße auf der einen Seite zur Mauer und auf der anderen in die Stadt führt. Sie schreien und lärmen, als sie sehen, daß Longinus an der Mauer entlang gehen will. »Das darfst du nicht! Das darfst du nicht! Das Gesetz schreibt vor, daß die Verurteilten von der Stadt gesehen werden müssen, in der sie gesündigt haben.« Die Juden am Ende des Zuges verstehen, daß man dort vorne versucht, sie um ihr Recht zu betrügen, und vereinigen ihr Geschrei mit dem der Genossen.

Um des lieben Friedens willen biegt Longinus in die Straße ein, die in die Stadt führt, und reitet ein Stück auf ihr weiter. Gleichzeitig aber gibt er einem Dekurio ein Zeichen, zu ihm zu kommen (ich sage Dekurio, denn es ist der Offizier; aber vielleicht ist er, was wir einen Ordonnanzoffizier nennen würden) und sagt leise etwas zu ihm. Dieser reitet im Trab nach hinten und übermittelt dem Anführer jeder Dekurie den Befehl. Dann teilt er Longinus mit, daß es ausgeführt ist, und begibt sich wieder an seinen vorigen Platz in der Reihe hinter Longinus.

Jesus geht keuchend weiter. Jedes Loch in der Straße ist eine Falle für seinen unsicheren Fuß und eine Tortur für seine verwundete Schulter und sein dornengekröntes Haupt, auf das eine ungewöhnlich heiße Sonne senkrecht herunterbrennt, die sich zwar ab und zu hinter einer bleiernen Wolkenwand verbirgt, aber auch dann nicht weniger brennt. Jesus glüht vor Anstrengung, Fieber und Hitze. Ich glaube, daß auch das grelle Licht und der Lärm ihm Qualen bereiten. Da er sich nicht die Ohren verstopfen kann, um dieses durchdringende Geschrei nicht zu hören, schließt er die Augen halb, um die in der Sonne blendende Straße nicht zu sehen . . . Aber er muß sie immer wieder öffnen, da er über Steine und Löcher stolpert; und jedes Stolpern ist ein neuer Schmerz, denn durch den Ruck stößt das Kreuz an die Krone, verschiebt sich auf der wunden Schulter, vergrößert die Wunde und vermehrt den Schmerz.

Die Juden können Jesus nicht mehr direkt schlagen. Trotzdem treffen ihn immer noch Steine und Stockschläge. Steine besonders auf den kleinen, von Menschen wimmelnden Plätzen. Stockhiebe an den Biegungen der engen, wegen der ständigen Höhenunterschiede der Stadt einmal eine, dann wieder drei oder mehr Stufen hinauf- oder hinunterführenden Gassen. An solchen Stellen kommt der Zug nur langsam voran, und es gibt immer wieder einen Eifrigen, der den römischen Lanzen trotzt und das Meisterwerk der Tortur, zu dem Jesus geworden ist, mit einem Stoß nachbessern will.

Die Soldaten verteidigen ihn, so gut sie können. Aber weil sie ihn verteidigen, quälen sie ihn auch wieder; denn mit den langen Schäften der auf so engem Raum geschwungenen Lanzen stoßen sie ihn und machen ihn straucheln. An einer bestimmten Stelle jedoch führen die Soldaten ein tadelloses Manöver durch, und trotz des Geschreis und der Drohungen schwenkt der Zug in eine Straße ein, die abwärts und direkt zur Mauer führt und den Weg zur Stätte der Hinrichtung stark abkürzt.

Jesus keucht immer mehr. Der Schweiß furcht sein Antlitz zusammen mit dem Blut, das aus den Wunden der Dornenkrone fließt.

Der Staub bleibt an dem nassen Antlitz kleben und sprenkelt es mit eigenartigen Flecken; denn nun ist es auch windig. Windstöße in regelmäßigen, langen Abständen, in denen der zuvor aufgewirbelte Staub wieder zu Boden sinkt, wehen ihm Schmutz in Augen und Mund.

Am Gerichtstor wartet bereits eine große Menschenmenge. Einige besonders Vorsorgliche haben sich längst Plätze gesichert, von denen aus sie alles überblicken können. Doch kurz bevor Jesus das Tor erreicht, sieht es schon so aus, als ob er stürzen würde. Nur das rasche Eingreifen eines Soldaten, auf den er beinahe gefallen wäre, verhindert, daß Jesus zusammenbricht. Der Mob schreit und brüllt:

»Laß ihn doch! Er hat zu allen gesagt: „Erhebt euch.“ Nun soll er selbst aufstehen . . . «

Jenseits der Tores ist ein Bach mit einer kleinen Brücke. Eine neue Mühe für Jesus, über diese wackligen Bretter zu gehen, an denen der lange Balken des Kreuzes immer wieder und noch stärker aufschlägt.

Und er wird wieder zur Zielscheibe für die Wurfgeschosse der Juden. Die Steine aus dem Bach fliegen durch die Luft und treffen den armen Märtyrer . . .

Nun beginnt der Aufstieg zum Kalvarienberg. Eine öde Straße ohne eine Spur von Schatten und voll herumliegender Steine führt direkt hinauf.

Hierüber habe ich gelesen, als ich noch lesen konnte, daß der Kalvarienberg nur einige Meter hoch gewesen sein soll. Mag sein. Gewiß, er ist kein Berg, aber immerhin ein Hügel, und bestimmt nicht niedriger als der Kreuzberg in Florenz, auf dem die Kirche S. Miniato steht, im Vergleich zu den Straßen am Arno. Mancherwird sagen: »Oh, der ist ja nicht hoch.« Ja, für jemanden, der gesund und kräftig ist, ist es eine Kleinigkeit, dort hinaufzusteigen. Aber man braucht nur ein schwaches Herz zu haben, um zu spüren, ob es eine Kleinigkeit ist oder nicht . . . Ich weiß, daß ich nach meiner noch relativ geringfügigen Herzerkrankung diesen Weg nicht mehr ohne große Mühe und ohne immer wieder stehenzubleiben gehen konnte, obwohl ich keine Last auf den Schultern zu tragen hatte. Ich bin überzeugt, daß Jesus ein sehr schwaches Herz hatte nach der Geißelung und dem Blutschweiß . . . abgesehen von allem anderen.

Jesus leidet daher beim Aufstieg furchtbar unter der Last des Kreuzes, das so groß ist und so schwer sein muß . . .

Er kommt zu einem herausragenden Stein, und da er keine Kraft mehr hat, den Fuß hoch genug zu heben, stolpert er und fällt auf das rechte Knie. Es gelingt ihm jedoch, sich mit der linken Hand abzustützen. Die Menge schreit vor Freude . . . Jesus steht wieder auf und geht weiter. Immer gebeugter, keuchender, glühender und fiebriger . . .

Die Tafel mit der Aufschrift schaukelt vor ihm hin und her und hindert ihn am Sehen; das lange Kleid schleift nun, da er so gebeugt geht, vor ihm auf dem Weg und hindert ihn am Gehen. Er stolpert wieder, fällt auf beide Knie und verletzt sich noch einmal da, wo er schon verletzt ist. Das Kreuz entgleitet seinen Händen und fällt, nachdem es zuvor hart auf seinen Rücken aufgeschlagen ist, auf den Boden, so daß er sich bücken, es wieder aufheben und mühsam auf seine Schulter laden muß. Während er dies tut, sieht man deutlich die durch das Scheuern des Kreuzes auf der rechten Schulter erzeugte Wunde. Es hat die vielen Wunden der Geißelung erneut aufgerissen und eine einzige daraus gemacht, aus der nun Sekret und Blut fließen, so daß auf der weißen Tunika an dieser Stelle ein großer Fleck ist. Die Leute klatschen sogar und freuen sich, daß er so schlimm gefallen ist . . .

Longinus treibt zur Eile an, und die Soldaten zwingen den armen Jesus durch Schläge mit der Breitseite ihrer Klingen zum Weitergehen.

Der Zug kommt aber immer langsamer voran, trotz aller Bemühungen. Jesus sieht wirklich aus wie ein Betrunkener, da er so sehr schwankt und einmal an die rechte, dann wieder an die linke Reihe der Soldaten stößt, obwohl er die ganze Breite der Straße für sich hat.

Und die Leute sehen es und schreien: »Ihm ist seine Lehre zu Kopf gestiegen. Seht nur, wie er schwankt!« Und andere, nicht gewöhnliches Volk, sondern Priester und Schriftgelehrte höhnen: »Nein. Das sind die Folgen der Feste im Haus des Lazarus. Waren sie schön? Nun wirst du unsere Speise zu dir nehmen . . . « und ähnliches mehr.

Longinus, der sich ab und zu umwendet, fühlt Mitleid und gebietet eine kurze Rast. Er wird so sehr vom Pöbel beschimpft, daß er den Soldaten befiehlt, anzugreifen. Die feige Menge weicht schreiend vor den aufblitzenden drohenden Lanzen zurück und zerstreut sich über den Berg.

Und nun sehe ich unter den wenigen Zurückgebliebenen hinter einem Steinhaufen, vielleicht einer eingefallenen Mauer, die Gruppe der Hirten erscheinen. Untröstlich und verwirrt, staubig und mit zerrissenen Gewändern ziehen sie mit ihren Blicken den Blick des Meisters an. Jesus wendet das Haupt und sieht sie . . . Er schaut sie an, als wären es die Gesichter von Engeln, scheint ihre Tränen zu trinken und Kraft aus ihnen zu schöpfen und lächelt . . . Der Befehl zum Weitergehen wird gegeben, und Jesus kommt direkt an ihnen vorbei und hört ihr klagendes Weinen. Mühevoll wendet er sein Haupt unter dem Joch des Kreuzes und lächelt noch einmal . . . Sein Trost . . . Zehn Gesichter, eine Pause in der brennenden Sonne . . .

Und gleich darauf der Schmerz des dritten und gänzlichen Falles. Dieses Mal stürzt Jesus nicht, weil er gestolpert ist, sondern weil seine Kräfte ihn verlassen, weil er erschöpft ist. Er fällt der Länge nach vornüber mit dem Gesicht auf die Steine und bleibt im Staub liegen, unter dem Kreuz. Die Soldaten versuchen, ihn wieder aufzurichten.

Doch da er wie tot daliegt, gehen sie und erstatten dem Zenturio Bericht. Als sie zurückkehren, ist Jesus wieder zu sich gekommen.

Mit Hilfe zweier Soldaten, von denen der eine das Kreuz aufhebt und der andere den Verurteilten beim Aufstehen stützt, nimmt er langsam wieder seinen Platz ein. Aber er ist völlig am Ende.

»Sorgt dafür, daß er erst am Kreuz stirbt!« schreit die Menge.

»Wenn ihr ihn vorher sterben laßt, werdet ihr euch beim Prokonsul verantworten müssen. Denkt daran, der Schuldige muß lebend die Richtstätte erreichen«, sagen die Häupter der Schriftgelehrten zu den Soldaten.

Diese werfen ihnen bitterböse Blicke zu, sagen aber nichts, wie es die militärische Disziplin vorschreibt.

Longinus jedoch fürchtet ebenso wie die Juden, daß Christus unterwegs sterben könnte, und er will keine Unannehmlichkeiten. Ohne daß ihn jemand daran erinnern müßte, weiß er als Verantwortlicher für die Hinrichtung, was er zu tun hat, und ergreift die nötigen Maßnahmen. Er sorgt vor, sehr zur Verwirrung der Juden, die schon vorausgeeilt und von allen Seiten des Berges zusammengelaufen sind und schwitzend und zerkratzt von dem kümmerlichen Dorngestrüpp dieses kahlen, sonnenverbrannten Berges über die vielen herumliegenden Steine fallen – es sieht aus wie die Schutthalde Jerusalems. Aber ihre einzige Sorge ist es, weder einen Seufzer, noch einen schmerzerfüllten Blick, noch eine vielleicht unbewußte Geste des Leidens zu verpassen, und ihre einzige Angst ist es, daß es ihnen nicht gelingen könnte, einen guten Platz zu bekommen. Longinus befiehlt also, den längeren Weg einzuschlagen, der wie eine Spirale den Berg hinaufführt und daher viel weniger steil ist.

Dieser Pfad ist durch die häufige Benutzung zu einem anscheinend ziemlich bequemen Weg geworden. Die beiden Wege kreuzen sich etwa auf halber Höhe des Berges zum ersten Mal. Aber ich sehe, daß der direkteWeg sich weiter oben noch viermal mit dem anderen kreuzt, der sehr viel weniger steil, aber dafür viel länger ist. Und auf diesem steigen Leute hinauf, die sich nicht beteiligen an dem unwürdigen Spektakel der Besessenen, die Jesus folgen, um sich an seinem Schmerz zu weiden. Es sind hauptsächlich verschleierte weinende Frauen und ein wirklich sehr spärliches Grüppchen Männer,

die aber den Frauen weit vorausgehen und dann den Blicken entschwinden, als der Weg in einer Biegung um den Berg führt. An dieser Stelle hat der sonderbar geformte Kalvarienberg – dessen eine Seite sich etwas nach außen wölbt, während die andere steil abfällt – eine Art Spitze. Die Männer verschwinden hinter dieser Felsspitze, und ich verliere sie aus den Augen.

Die Leute, die Jesus gefolgt sind, erheben ein zorniges Geschrei.

Für sie war es viel schöner, ihn fallen zu sehen. Unter obszönen Beschimpfungen des Verurteilten und seiner Begleiter folgt ein Teil von ihnen weiterhin dem Zug, die übrigen gehen, laufen fast den Rest des steilen Weges hinauf, um die erlittene Enttäuschung durch einen besonders guten Platz auf dem Gipfel wettzumachen.

Die Frauen, die weinend weitergegangen sind, drehen sich um, als sie das Geschrei hören, und sehen, daß der Zug auf sie zukommt.

Sie bleiben auf der Bergseite stehen aus Furcht, von den wütenden Juden den Abhang hinuntergestoßen zu werden, und ziehen ihre Schleier noch tiefer über das Gesicht. Eine ist dabei, die das Gesicht wie eine Muselmanin verhüllt hat und nur die rabenschwarzen Augen sehen läßt. Sie sind sehr reich gekleidet und haben zu ihrem Schutz einen robusten alten Mann bei sich, den ich nicht erkennen kann, da auch er ganz in seinen Mantel gehüllt ist. Ich sehe nur den langen, mehr weißen als schwarzen Bart auf dem dunklen Mantel.

Als Jesus bei ihnen ankommt, weinen sie lauter und verneigen sich tief zum Gruß. Dann gehen sie mutig auf ihn zu. Die Soldaten wollen sie mit ihren Speeren zurückdrängen. Aber die wie eine Muselmanin Verhüllte lüftet einen Augenblick den Schleier vor dem Offizier, der sofort herbeigeritten ist um zu sehen, was es denn nun schon wieder für ein Hindernis gibt, und dieser erteilt den Befehl, sie durchzulassen. Ich kann weder das Gesicht noch das Kleid erkennen, denn das Aufheben des Schleiers ist blitzartig erfolgt, und das Kleid ist verborgen unter einem schweren, bodenlangen, von oben bis unten mit mehreren Spangen geschlossenen Mantel. Die Hand, die hervorkommt, um den Schleier zu lüften, ist weiß und schön. Sie und die tiefschwarzen Augen sind das einzige, was man von dieser hochgewachsenen Dame sieht, die gewiß einflußreich ist, da ihr der Adjutant des Longinus so prompt gehorcht.

Weinend nähern sie sich Jesus und knien zu seinen Füßen nieder, während er keuchend stehenbleibt . . . und trotzdem lächelt er den barmherzigen Frauen und dem alten Mann zu, der nun sein Gesicht zeigt, so daß ich Jonatan erkenne. Ihn lassen die Wachen jedoch nicht passieren, nur die Frauen. Eine von ihnen ist Johanna des Chuza. Es geht ihr viel schlechter als damals, da sie dem Sterben nahe war.

Rot sind nur die Spuren der Tränen, sonst ist ihr Antlitz schneeweiß, und die sanften schwarzen Augen sind so getrübt, daß sie manchen sehr dunkelvioletten Blumen gleichen. In den Händen hält sie eine silberne Amphore und bietet sie Jesus an. Aber er lehnt ab. Zudem keucht er so sehr, daß er nicht einmal trinken könnte. Mit der linken Hand wischt er sich den Schweiß und das Blut von den Augen, das ihm aus den von den mühsamen Schlägen seines Herzens angeschwollenen Adern über die bläulichen Wangen und den Hals rinnt und das Kleid an der Brust durchtränkt.

Eine andere Frau hat eine junge Dienerin dabei, die ein Kästchen trägt. Sie öffnet es, nimmt ein feines viereckiges Leinentuch heraus und reicht es dem Erlöser. Das nimmt er an. Da er es mit nur einer Hand nicht auf sein Gesicht drücken kann, hilft ihm die Mitleidige und achtet darauf, die Dornenkrone nicht zu berühren. Jesus drückt das frische Linnen eine ganze Weile auf sein armes Antlitz, als ob es eine große Wohltat für ihn wäre. Dann gibt er das Tuch zurück und sagt: »Danke, Johanna, danke Nike, Sara . . . Marcella . . . Elisa . . . Lydia . . . Hanna . . . Valeria . . . und du . . . Aber weint nicht . . . über mich . . . Töchter Jerusalems . . . sondern über eure Sünden . . . und die Sünden eurer Stadt . . . Sei glücklich . . . Johanna . . . daß du keine . . . Kinder mehr haben wirst . . . Siehst du . . . es ist Barmherzigkeit Gottes . . . keine Kinder zu haben . . . damit sie nicht . . . unter diesem hier . . . leiden müssen . . . Auch du . . . Elisa . . . Besser so . . . als unter den Gottesmördern . . . Und ihr, Mütter . . . weint über . . . eure Kinder . . . denn diese Stunde . . . wird nicht unbestraft . . . vorübergehen . . . Und was für eine Strafe . . . da der Unschuldige . . . solches hat erleiden müssen . . . Dann werdet ihr weinen . . . daß ihr empfangen habt . . . Wahrlich, ich sage euch . . . glücklich jene . . . die dann . . . als erste . . . unter den Trümmern . . . fallen . . . Ich segne euch . . . Geht nach Hause . . . Betet . . . für mich. Leb wohl, Jonatan . . . führe sie weg . . . «

Begleitet von dem lauten Klagen der weinenden Frauen und den Verwünschungen der Juden, geht Jesus weiter.

Jesus ist wieder schweißgebadet. Auch die Soldaten und die beiden anderen Verurteilten schwitzen, denn die Sonne dieses gewitterschwülen Tages brennt wie Feuer, und das glühend heiße Gestein des Berges verstärkt noch die Sonnenhitze.Was diese Sonne auf dem Wollkleid Jesu über denWunden der Geißelung sein muß, kann man sich vorstellen. Es muß furchtbar sein . . . Aber er klagt nicht. Nur, obwohl der Weg viel weniger steil ist und hier auch nicht, wie auf dem anderen, die für seine nur noch schleifenden Füße so gefährlichen losen Steine herumliegen, schwankt Jesus immer mehr, stößt wieder gegen die Reihen der Soldaten auf beiden Seiten und geht immer tiefer gebeugt.

Sie versuchen ihm zu helfen, binden ihm einen Strick um die Mitte und halten die beiden Enden wie einen Zügel. Ja, das hält ihn auf den Füßen. Aber es erleichtert ihm nicht die Last. Im Gegenteil, der Strick zieht das Kreuz auf der Schulter hin und her, und es stößt an die Dornenkrone, die nun aus der Stirn Jesu eine blutende Tätowierung gemacht hat. Außerdem scheuert der Strick am Gürtel, wo so viele Wunden sind, die nun sicher wieder aufbrechen, denn die weiße Tunika färbt sich blaßrot. Obwohl sie ihm helfen wollen, bereiten sie ihm nur noch größere Schmerzen.

Der Weg führt weiter, um den Berg herum und beinahe wieder bis zu der steilen Straße vorn. Dort steht Maria mit Johannes. Wahrscheinlich hat Johannes Maria an diese schattige Stelle hinter dem Berghang geführt, um sie ein wenig zu Kräften kommen zu lassen.

Es ist der steilere Teil des Berges, und nur dieser Weg führt hier um ihn herum. Sonst steigt der Hang steil an und fällt ebenso steil ab. Deshalb haben die Grausamen ihn auch gemieden. Dort ist es schattig, denn es ist wohl die Nordseite, und Maria, die sich an den Berg lehnt, ist vor der Sonne geschützt. Sie steht zwar, stützt sich aber auf das Erdreich und ist völlig erschöpft. Auch sie keucht und ist blaß wie der Tod in ihrem dunkelblauen, fast schwarzen Gewand.

Johannes betrachtet sie mit untröstlichem Mitleid. Auch er hat wie ein Kranker jede Spur von Farbe verloren und ist erdfahl, mit zwei müden, verstörten Augen, ungekämmt und mit eingefallenen Wangen.

Die anderen Frauen, Maria und Marta des Lazarus, Maria des Alphäus und Maria des Zebedäus, Susanna von Kana, die Hauswirtin und andere, die ich nicht kenne, stehen alle mitten auf der Straße und halten nach dem Erlöser Ausschau. Als sie Longinus kommen sehen, eilen sie zu Maria, um es ihr mitzuteilen. Maria, von Johannes an einem Ellbogen gestützt, verläßt – majestätisch in ihrem Schmerz – die Bergwand und begibt sich entschlossen in die Mitte der Straße.

Beim Herannahen des Longinus tritt sie ein wenig zur Seite. Dieser blickt von seinem Rappen herab auf die bleiche Frau und ihren blonden Begleiter, der dieselben sanften himmelblauen Augen hat wie sie, und schüttelt den Kopf im Vorüberreiten, gefolgt von den elf Berittenen.

Maria versucht, zwischen den zu Fuß gehenden Soldaten durchzukommen. mater dolorosaAber diese sind erhitzt und haben es eilig und versuchen, sie mit den Speerschäften abzuhalten, um so mehr, als Steine heranschwirren als Protest gegen so viel Mitleid. Es sind die Juden, die noch über den durch die frommen Frauen verursachten Aufenthalt verärgert sind und sagen: »Schnell! Morgen ist Pascha. Alles muß vor dem Abend zu Ende sein! Ihr Komplizen! Ihr Verächter unseres Gesetzes! Ihr Unterdrücker! Tod den Invasoren und ihrem Christus!

Sie lieben ihn! Und wie sie ihn lieben! Aber nehmt ihn euch nur! Bringt ihn in eure verfluchte Stadt! Wir lassen ihn euch! Wir wollen ihn nicht! Das Aas dem Aas! Der Aussatz den Aussätzigen!«

Longinus hat genug von dieser schimpfenden Meute und gibt dem Pferd die Sporen, gefolgt von den zehn Lanzenreitern, so daß die Leute zum zweiten Mal fliehen. Während er dies tut, bemerkt er einen Karren, der wohl von den Gärten am Fuß des Berges heraufgekommen ist und mit seiner Ladung Salat wartet, bis die Menge vorüber und der Weg zur Stadt frei ist. Mir scheint, daß auch etwas Neugier den Zyrenäer und seine beiden Söhne dort hinaufgeführt hat, denn eigentlich hätten sie diesen Weg nicht zu nehmen brauchen.

Die beiden Söhne, die sich auf das Grünzeug gelegt haben, schauen den fliehenden Juden lachend nach. Der Mann, ein sehr kräftiger, etwa fünfundvierzigjähriger Mann, steht neben seinem erschrockenen Eselchen, das zurückzuweichen versucht, und betrachtet aufmerksam den Zug.

Longinus mustert ihn, denkt, daß er ihm gerade recht kommt und befiehlt: »Mann, komm her!« Der Zyrenäer tut, als habe er nichts gehört. Aber mit Longinus ist nicht zu spaßen. Er wiederholt den Befehl in einem Ton, daß der Mann einem seiner Söhne die Zügel zuwirft und dem Zenturio entgegengeht.

»Siehst du den Mann dort?« fragt er. Und während er es sagt, dreht er sich um, zeigt auf Jesus und sieht, wie Maria die Soldaten anfleht, sie durchzulassen. Er hat Mitleid mit ihr und ruft: »Laßt die Frau passieren!« Dann sagt er wieder zu dem Zyrenäer: »Er kann so beladen nicht weitergehen. Du bist kräftig. Nimm das Kreuz und trage es ihm bis zum Gipfel.«

»Ich kann nicht . . . Ich habe den Esel . . . Er ist bockig . . . Die Jungen können ihn nicht halten . . . «

Aber Longinus entgegnet: »Geh, wenn du nicht den Esel verlieren nd zwanzig Stockschläge Strafe bekommen willst.«

Der Zyrenäer wagt es nicht, sich weiterhin zu weigern. Er ruft den Jungen zu: »Geht rasch nach Hause und sagt, daß ich bald nachkomme «, und geht zu Jesus.

Er erreicht ihn, als Jesus sich gerade der Mutter zuwendet, die er erst jetzt auf sich zukommen sieht, da er tief gebeugt und mit fast geschlossenen Augen geht und daher kaum etwas sieht, und ruft: »Mama!«

Es ist das erste Wort seit Beginn seiner Tortur, das sein unendliches Leiden zum Ausdruck bringt. Denn dieser Aufschrei enthält seinen ganzen furchtbaren geistigen, seelischen und körperlichen Schmerz. Es ist der gequälte, herzzerreißende Schrei eines Kindes, das allein sterben muß, unter Leiden und schlimmsten Martern . . .

und das sich schließlich sogar vor seinen eigenen Atemzügen fürchtet.

Es ist die Klage eines fiebernden, von bösen Alpträumen gequälten Kindes . . . Und es verlangt nach der Mutter, der Mama, denn nur ihre kühlenden Küsse lindern die Hitze des Fiebers, nur ihre Stimme verjagt die Gespenster, und nur ihre Umarmung läßt den Tod weniger furchtbar erscheinen . . .

Maria greift mit der Hand ans Herz, als ob es von einem Dolch durchbohrt worden wäre, und wankt leicht. Doch dann erholt sie sich, beschleunigt ihren Schritt und ruft, während sie mit ausgestreckten Armen zu ihrem gequälten Jesus eilt: »Sohn!« Sie sagt es so, daß es jedem das Herz zerreißt, der nicht das Herz einer Hyäne hat.

Ich sehe, daß sich auch unter den Römern Mitleid regt . . . und dabei sind es doch Soldaten, denen das Töten nicht fremd ist und die von Narben bedeckt sind . . . Aber die Worte: »Mama!«, und: »Sohn!«, sind immer dieselben und werden von allen, die nicht schlimmer als Hyänen sind, gesprochen und verstanden. Und sie erwecken daher überall Mitleid.

Auch der Zyrenäer empfindet dieses Mitleid . . . und als er sieht,

daß Maria ihren Sohn nicht umarmen kann, da das Kreuz sie daran hindert, und daß sie die ausgestreckten Arme in Anbetracht dieser Unmöglichkeit wieder sinken läßt – sie sieht ihn nur an und will ihm zulächeln mit ihrem Märtyrerlächeln, um ihm Mut zu machen, während ihre bebenden Lippen ihre Tränen trinken; und er wendet ihr das Haupt unter dem Joch des Kreuzes zu und versucht ebenfalls, sie anzulächeln und ihr einen Kuß seiner armen, wunden, zerschlagenen und durch das Fieber aufgesprungenen Lippen zu schicken – da beeilt sich der Zyrenäer, ihm das Kreuz abzunehmen, und er tut es mit der Umsicht eines Vaters, um nicht an die Dornenkrone zu stoßen oder die Wunden zu berühren.

Aber Maria kann ihren Sohn nicht küssen . . . Schon die geringste Berührung wäre eine Tortur für den gemarterten Körper, und sie verzichtet darauf. Und zudem . . . die heiligsten Gefühle haben eine tiefe Scham. Sie verlangen Ehrfurcht oder zumindest Mitleid. Hier sind sie von Neugier und Verachtung umgeben. So küssen sich nur die beiden angstvollen Seelen.

Der Zug setzt sich wieder in Bewegung unter dem Druck des wütenden Volkes, das von hinten drängt und die Mutter von ihrem Sohn trennt. Sie wird an den Berg gedrückt und ist dem Spott eines ganzes Volkes ausgesetzt . . . Nun geht hinter Jesus der Zyrenäer mit dem Kreuz. Jesus fällt das Gehen jetzt, da er von dieser Last befreit ist, leichter. Er keucht zwar stark und legt oft die Hand aufs Herz, als hätte er einen großen Schmerz, eine Wunde dort in der Herzgegend, aber er kann nun, da seine Hände nicht mehr gebunden sind, die ins Gesicht hängenden, von Schweiß und Blut verklebten Haare hinter die Ohren zurückstreichen, um die Luft in seinem blutleeren Gesicht zu spüren, und die Kordel am Hals lösen, um leichter zu atmen. Er kann besser gehen.

Maria hat sich mit den Frauen zurückgezogen. Sie schließt sich dem Zug an, als dieser vorüber ist, erreicht über eine Abkürzung den Gipfel des Berges und trotzt allen Schmähungen des kannibalischen Pöbels. Nun, da Jesus frei ist, geht es rascher mit der letzten Wegstrecke um den Berg, und der Gipfel voll lärmender Leute ist schon nahe.

Longinus hält sein Pferd an und befiehlt, daß alle, ohne Ausnahme, weiter nach unten zurückgedrängt werden sollen, damit der Gipfel, der Ort der Hinrichtung, frei wird. Eine halbe Zenturie führt den Befehl aus, eilt auf den Platz und verjagt mitleidlos alle, die sich dort befinden, unter Zuhilfenahme der Schwerter und Lanzen. Unter dem Hagel der Hiebe und Schläge fliehen die Juden vom Gipfel und würden nun gerne auf dem ebenen Platz weiter unten stehenbleiben.

Aber die, die dort zuerst waren, lassen das nicht zu. So entstehen wilde Raufereien unter dem Volk, das sich wie irrsinnig gebärdet.

Wie schon einmal gesagt, hat der Gipfel des Kalvarienberges die Form eines ungleichen Trapezes, das auf der einen Seite etwas höher ist und von wo der Berg über die Hälfte seiner Höhe steil abfällt. Auf diesem kleinen Platz sind schon die drei tiefen Löcher vorbereitet und mit Ziegeln oder Schiefer ausgekleidet, eben eigens zu diesem Zweck hergerichtet. Daneben liegen Steine und Erde, um damit den Kreuzen Halt zu geben. Andere Löcher hat man voller Steine gelassen. Man versteht, daß diese von Fall zu Fall ausgeräumt werden, je nach der notwendigen Anzahl.

Unter dem trapezförmigen Gipfel befindet sich auf der Seite, wo der Berg nicht so steil ist, eine leicht abfallende Terrasse, die einen zweiten kleinen Platz bildet. Von diesem führen zwei breite Wege um den Gipfel, so daß dieser isoliert und auf allen Seiten ungefähr zwei Meter höher liegt.

Die Soldaten, die die Menschenmenge vom Gipfel vertrieben haben, legen die Streitigkeiten durch die Überzeugungskraft ihrer Lanzenschäfte bei und schaffen Platz, damit der Zug das letzte Stück Weg ohne Hindernisse zurücklegen kann; und sie bilden einen Schutzwall, während die drei Verurteilten, umgeben von den Reitern und gefolgt von der anderen halben Zenturie an die Stelle gelangen, wo alle stehenbleiben müssen: am Fuß der natürlichen erhöhten Bühne, die der Gipfel des Golgota ist.

Während dies geschieht, bemerke ich die Marien und etwas hinter ihnen Johanna des Chuza mit vier der Frauen von zuvor. Die übrigen haben sich zurückgezogen. Sie müssen es allein getan haben, denn Jonatan steht hinter seiner Herrin. Die, die wir Veronika nennen und die Jesus Nike genannt hat, ist nicht mehr da, und auch ihre Dienerin nicht. Auch die ganz Verschleierte, der die Soldaten gehorcht haben, ist nicht mehr da. Ich sehe Johanna, die alte Elisa, Hanna und zwei, die ich nicht genau erkennen kann. Hinter diesen Frauen und den Marien sehe ich Josef und Simon des Alphäus und Alphäus der Sara mit der Gruppe der Hirten. Sie haben sich gegen alle verteidigt, die sie unter Beschimpfungen vertreiben wollten, und die durch die Liebe und den Schmerz vervielfachten Kräfte dieser Männer und die angewendete Gewalt haben gesiegt. So bilden sie nun einen Halbkreis, und die feigen Juden beschränken sich darauf, ihnen schreiend zu drohen und die Fäuste zu schütteln. Mehr nicht, denn die Stöcke der Hirten sind knotig und schwer, und an Kraft und Zielgenauigkeit fehlt es diesen mutigen Männern auch nicht.

Und was ich sage, ist nicht übertrieben. Es braucht schon wirklichen Mut, damit so wenige, die noch dazu als Galiläer oder Anhänger des Galiläers bekannt sind, sich gegen eine ganze feindselige Volksmenge

behaupten. Die einzige Stelle auf dem ganzen Kalvarienberg, wo man Christus nicht lästert!

Der Berg gleicht auf den drei Seiten, die nicht so steil abfallen, einem Ameisenhaufen. Den gelben, nackten Boden kann man nicht mehr sehen. In der Sonne, die einmal scheint und dann wieder verschwindet, sieht es aus wie eine Wiese voll bunter Blumen, so dicht drängen sich die farbigen Kopfbedeckungen und Mäntel dieser Sadisten.

Auf der anderen Seite des Baches, auf der Straße noch eine Volksmenge; hinter der Mauer und auf den Terrassen in der Nähe ebenfalls überall Menschen. Die übrige Stadt leer . . . verlassen . . . schweigend. Alles ist hier. Die ganze Liebe und der ganze Haß, das ganze Schweigen, das liebt und verzeiht, und der ganze Lärm, der haßt und beschimpft.

Während die mit der Hinrichtung beauftragten Männer ihr Werkzeug vorbereiten und die Löcher vollends entleeren, während die Verurteilten in der Mitte ihres Vierecks warten, beschimpfen die Juden, die sich auf die entgegengesetzte Seite geflüchtet haben, die Marien. Auch die Mutter beleidigen sie: »Tod den Galiläern! Tod!

Galiläer! Galiläer! Verfluchte! Tod dem galiläischen Gotteslästerer! Schlagt auch den Leib, der ihn getragen hat, ans Kreuz! Weg mit den Schlangen, die Dämonen gebären! Zum Tod! Reinigt Israel von den Frauen, die sich mit dem Bock vereinigt haben . . . !«

Longinus, der vom Pferd gestiegen ist, wendet sich um und sieht die Mutter. Er befiehlt, diese Pöbeleien zu beenden . . . Die halbe Zenturie hinter den Verurteilten geht auf das Gesindel los und macht auch den zweiten Platz frei, während die Juden über den Berg fliehen und sich dabei gegenseitig stoßen und treten. Auch die anderen Soldaten steigen vom Pferd, und einer nimmt die elf Pferde und das des Zenturio und führt sie in den Schatten.

Der Zenturio begibt sich zum Gipfel. Johanna des Chuza tritt vor und hält ihn an. Sie gibt ihm die Amphore und eine Börse. Dann zieht sie sich weinend zurück und geht mit den anderen an den äußersten Rand des Berges.

Oben ist alles bereit. Die Verurteilten werden hinaufgeführt. Jesus kommt noch einmal an der Mutter vorbei, die aufstöhnt, es jedoch zu verbergen versucht und sich den Mantel vor den Mund hält. Die Juden sehen es und lachen und spotten darüber.

Johannes, der sanfte Johannes, der einen Arm um Maria gelegt hat, um sie zu stützen, dreht sich mit zornblitzenden Blicken um. Seine Augen sprühen Feuer, und ich glaube, wenn er nicht die Frauen zu beschützen hätte, würde er einen der Feiglinge an der Kehle packen. Kaum sind die Verurteilten auf dem Platz der Hinrichtung angelangt, umgeben die Soldaten den Ort von drei Seiten. Nur die Seite, wo der Fels steil abfällt, bleibt frei.

Der Zenturio befiehlt dem Zyrenäer, sich zu entfernen. Dieser geht nun schweren Herzens, ich würde sagen, nicht aus Sadismus, sondern aus Liebe. Deshalb bleibt er bei den Galiläern stehen und teilt mit ihnen die Schmähungen, mit denen das Volk die wenigen Getreuen des Christus überschüttet.

Die beiden Räuber werfen fluchend ihre Kreuze zu Boden. Jesus schweigt.

Die via dolorosa ist zu Ende.

 

Jesu Gebet für Judas

...Ich weiß, daß ich alles erleiden muß. Ich weiß es. Als Gott weiß ich es, und als Gott will ich es auch, zum Heil der Welt.

Auch als Mensch weiß ich es, denn mein göttlicher Geist teilt es meiner Menschlichkeit mit, und auch als Mensch will ich es, zum Heil der Welt.

Doch welch ein Schmerz, o mein Vater! Diese Stunde ist viel leidvoller als jene, die ich mit meinem und deinem Geist in der Wüste erlebt habe . . .

Die jetzige Versuchung, dieses abstoßende und quälende Wesen, das den Namen Judas trägt, nicht mehr an meiner Seite zu dulden und zu ertragen, ist viel stärker. Er ist die Ursache so vieler Schmerzen, die mich tränken und durchdringen und die Seelen quälen, denen ich den Frieden geschenkt habe.

Vater, ich fühle es. Du wirst immer strenger mit deinem Sohn, je mehr ich mich dieser meiner Sühne für das Menschengeschlecht nähere. Deine Güte wendet sich immer mehr von mir ab, und dein strenges Antlitz erscheint meinem Geist, der immer tiefer in den Abgrund gestoßen wird, in dem die Menschheit, durch deine Strafe geschlagen, seit Jahrtausenden seufzt.

Es war mir süß zu leiden, und süß war der Weg zu Beginn meines Lebens, süß auch, als ich vom Sohn des Zimmermanns zum Lehrer der Welt wurde, mich von der Mutter losriß, um dich, den Vater, dem gefallenen Menschen zurückzugeben.

Im Vergleich zur heutigen Stunde war der Kampf mit dem Feind bei der Versuchung in der Wüste noch leicht. Ich habe mich ihm gestellt mit der Kühnheit eines Helden, der auf alle seine Kräfte zählen kann . . . Oh, mein Vater! . . . Wie sind jetzt meine Kräfte geschwächt von der Lieblosigkeit und der Kenntnis vieler, allzu vieler Dinge . . .

Ich wußte, daß Satan, nachdem er mich versucht hatte, mich verlassen würde, und er verschwand. Die Engel kamen, um deinen Sohn zu trösten, da er Mensch und als solcher der Versuchung Satans ausgesetzt war.

Doch jetzt wird die Versuchung kein Ende nehmen, nach dieser Stunde, in der der Freund leidet wegen der Freunde, die weit weggeschickt worden sind, und wegen des verräterischen Freundes, der ihm in der Nähe und in der Ferne schadet.

Sie wird kein Ende haben. Deine Engel werden nicht kommen, um mich in dieser Stunde und nach dieser Stunde zu trösten.

Doch die Welt wird kommen. Mit all ihrem Haß, ihrem Spott, ihrer Verständnislosigkeit. Er wird kommen, immer näher, quälender und gemeiner, der Verräter, der Meineidige, der sich an Satan verkauft hat, o Vater . . . !«

Es ist wirklich ein herzzerreißender Aufschrei, ein angstvoller Flehruf, und Jesus wird so unruhig, daß er mich an Getsemani erinnert.

»Vater! Ich weiß es. Ich kann ihn sehen . . . Während ich hier leide und leiden werde, während ich meine Leiden für seine Bekehrung aufopfere und für alle, die mir aus den Armen gerissen wurden und nun mit verwundetem Herzen ihrem Schicksal entgegengehen, verkauft er sich, um größer zu werden als ich, der Menschensohn! Nicht wahr, ich bin der Menschensohn?

Ja! Aber ich bin ja nicht der einzige. Das ganze Menschengeschlecht ist da, die fruchtbare Eva hat ihre Kinder zur Welt gebracht, und wenn ich Abel, der Unschuldige, bin, so fehlt auch Kain nicht in der Nachkommenschaft der Menschheit. Wenn ich der Erstgeborene bin, so wie die Menschenkinder es in deinen Augen sein sollten, ohne Makel, so ist er, der in Sünde Geborene, der Schlimmste von denen, die so geworden sind, wie sie sind, nachdem sie in die vergiftete Frucht gebissen haben.

Noch nicht zufrieden damit, die abstoßenden und gotteslästerlichen Triebe der Lüge, der Lieblosigkeit, des Blutdurstes, der Geldgier, des Stolzes und der Unzucht in sich herumzutragen, hat er sich mit Satan verbündet; dieser Mensch, der ein Engel hätte werden können, wird zum Dämon . . .
„Luzifer wollte Gott gleich sein, und daher wurde er aus dem Paradies vertrieben und wohnt, in einen Dämon verwandelt, in der Hölle.“

Aber Vater! Oh, mein Vater! Ich liebe ihn . . . ich liebe ihn noch. Er ist ein Mensch . . . Einer von denen, derentwegen ich dich verlassen habe . . . Um meiner Verdemütigung willen rette ihn . . . Allerhöchster Herr, gewähre mir, ihn zu erlösen.
Diese Buße möge mehr für ihn als für die anderen bestimmt sein! Oh, ich weiß, wie unangebracht es ist, darum zu bitten, ich, der ich alles weiß! . . . Doch, mein Vater, schaue nur einen Augenblick nicht auf mich als dein Wort, betrachte nur meine Menschlichkeit des Gerechten . . . und laß mich nur für einen Augenblick „der Mensch“ in deiner Gnade sein, ein Mensch, der die Zukunft nicht kennt und sich täuschen kann . . . ein Mensch, der das unvermeidliche Schicksal nicht kennt und deshalb mit absoluter Hoffnung beten kann, um dir das Wunder zu entreißen.

Ein Wunder! Ein Wunder für Jesus von Nazaret, für Jesus der Maria von Nazaret, der von uns ewig Geliebten! Ein Wunder, das die Vorherbestimmung außer Kraft setzt und sie nichtig macht! Die Rettung des Judas! Er hat an meiner Seite gelebt, hat meine Worte in sich aufgenommen, die Nahrung mit mir geteilt und an meiner Brust geruht . . . Nicht er, nicht er sei mein Satan! . . .

Ich bitte dich nicht darum, nicht verraten zu werden . . . Dies muß sein und wird sein . . . denn durch meinen Schmerz, verraten zu werden, mögen alle Lügen vergeben werden, durch meinen Schmerz, verkauft worden zu sein, möge alle Habgier gesühnt und ausgelöscht werden, durch meinen Schmerz als Verfluchter mögen alle Gotteslästerungen wiedergutgemacht werden, dafür, daß man nicht an mich glaubt und nicht glauben wird, möge den Glaubenslosen der Glaube geschenkt werden, und durch meine Qual mögen die Menschen von allen Sünden des Fleisches gereinigt werden. Aber ich bitte dich: nicht er, nicht er, Judas, mein Freund und mein Apostel!

Ich wollte, daß niemand mein Verräter wäre . . . Niemand! . . . Nicht einmal der Entfernteste in den nördlichsten eisigen Zonen oder im Feuer der heißesten Gegenden . . . Ich wollte, daß der Opfernde du allein seist . . . wie du es schon andere Male gewesen bist, als du mit deinem Feuer die Brandopfer entzündet hast.

Da ich jedoch durch Menschenhand sterben muß, durch die Henkershand eines verräterischen Freundes, des Schamlosen, der die Fäulnis Satans in sich hat und schon danach trachtet, mir an Macht gleich zu sein – so denkt er in Hochmut und Unzucht – da ich durch Menschenhand sterben muß; Vater, gewähre, daß nicht er es sei, den ich Freund genannt und als solchen geliebt habe.

Vermehre, Vater, meine Qualen, aber gib mir die Seele des Judas. Ich lege diese Bitte auf den Altar meiner selbst als Sühneopfer . . . Vater, nimm sie an! . . .

Der Himmel ist verschlossen und stumm! . . . Ist also dies der Schrecken, den ich bis zum Tod ertragen muß?

Der Himmel ist stumm und verschlossen! . . . Wird dies also das Schweigen und der Kerker sein, in dem ich meinen Geist aushauchen werde?

Der Himmel ist stumm und verschlossen! . . . Wird dies also die größte Pein des Märtyrers sein? . . .

Vater, dein Wille geschehe, nicht mein Wille . . .

Doch um meiner Leiden willen, oh, wenigstens dies! Um meiner Leiden willen gib Frieden und Hoffnung dem anderen Märtyrer des Judas, Johannes von En-Dor! Mein Vater . . . er ist wahrlich besser als viele andere.

Er ist einen Weg gegangen, den wenige gehen und gehen werden können. Für ihn ist die Erlösung schon vollzogen. Verleihe ihm daher deinen vollkommenen Frieden, damit ich ihn einst bei mir in meiner Herrlichkeit habe, wenn auch für mich alles erfüllt sein wird zu deiner Ehre und im Gehorsam gegen dich . . . Mein Vater . . . !«

Jesus ist allmählich auf die Knie gesunken und weint, das Gesicht am Boden.
...
 

 

 

 

 

 

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