Kirche Weitental

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*Anbetung live*

Franziskus

Artikel über den Papst

(aus Zeit Online)

 

Seit 1 1/2 Jahren ist er an der Spitze der Kirche. Ein Gespräch mit dem Papst: Dieser Mann hat keine Angst vor Konflikten innerhalb des Klerus. Und er stellt Tabus infrage. Und er erklärte der Mafia den Krieg...

INHALT
 
 

1. Interview mit dem Papst

 

Heute ist Donnerstag, der 10. Juli, fünf Uhr nachmittags (2014):

Ich treffe Papst Franziskus zu einem gemeinsamen Gespräch. Worüber? Über sein Pontifikat, das er vor etwas mehr als einem Jahr angetreten hat, und darüber, dass er in so kurzer Zeit bereits eine Revolution in Gang gesetzt hat; über das Zweite Vatikanische Konzil, das vor 50 Jahren zu Ende ging und dessen Beschlüsse bis heute nur zum Teil umgesetzt sind; über die moderne Welt und die christliche Tradition und allem voran über die Figur des Jesus von Nazareth. Wir sprechen aber auch, und besonders, über die zwei brennenden Themen, die der Papst kürzlich zur Sprache gebracht hat: die Pädophilie und die Mafia.

Es war Papst Franziskus selbst, der dieses Gespräch wünschte; denn unter den vielen Menschen aller nur möglichen Religionen, Gesellschaften, Altersstufen, denen er Tag für Tag begegnet, sollte sich auch ein Nichtgläubiger befinden, mit dem er Gedanken und Gefühle austauschen wollte. Und ich bin ein solcher Nichtgläubiger, der dennoch Jesus als humane Erscheinung liebt und seinen Mythos, seine Botschaft, seine Legende mit den Augen dessen zu schätzen weiß, der darin eine außergewöhnliche Menschlichkeit, aber keinerlei Göttlichkeit erkennt.

Der Papst will, dass die Nächstenliebe, zu der sich vor zweitausend Jahren der Sohn von Maria und Josef bekannte, das höchste Gut der menschlichen Spezies werde. Doch leider bricht die Nächstenliebe sich nur selten Bahn, sie wird vielmehr immer wieder vom Egoismus überwältigt und scheitert an dem, was Franziskus die "Gier nach Macht und den Wunsch nach Besitztum" nannte. Er sieht darin die andere, dunkle Seite der Menschheit, und eben in der Dynamik, die zwischen dem Guten und dem Böse entsteht, entwickelt sich die Geschichte der Welt.

Seit einigen Minuten warte ich nun auf ihn in dem kleinen ebenerdigen Zimmer des Hauses Santa Marta, in dem der Papst seine Freunde und Mitarbeiter zu empfangen pflegt. Er erscheint pünktlich, ohne jede Begleitung. Er weiß schon, dass ich in den vergangenen Tagen Probleme mit meiner Gesundheit hatte, und tatsächlich fragt er mich sofort danach. Er legt mir seine Hand auf den Kopf, eine Art Segnung, dann umarmt er mich.

Er schließt die Tür, stellt seinen Stuhl dem meinen gegenüber, und dann beginnen wir.

Sprechen wir also über die Pädophilie.

"Der Missbrauch eines Kindes ist das Schrecklichste und Schmutzigste, was man sich denken kann", sagt er, "vor allem wenn, wie aus Berichten hervorgeht, die ich selbst überprüft habe, diese abscheulichen Vergehen sich größtenteils innerhalb der Familien abspielen oder zumindest in eng vertrauten Gemeinschaften. Die Familie müsste die heilige Stätte sein, in der das zunächst kleine, dann etwas größere und schließlich adoleszente Kind in Liebe zum Guten erzogen und zum Heranwachsen ermutigt wird. Die Kinder sollten dort Anregung zur Bildung der eigenen Persönlichkeit und Gelegenheit zur Begegnung mit Gleichaltrigen finden. Zusammen spielen, zusammen lernen, die Welt und das Dasein zusammen erleben. Das gilt für die Gleichaltrigen. Doch für die Eltern, die sie zur Welt gebracht haben, oder für jene, die sie zur Welt kommen sahen, sollte es sein, als pflegten sie eine Blume, ein ganzes Beet voller Blumen, das man vor Unwetter schützen und von Ungeziefer fernhalten muss. Man erzählt ihnen Märchen vom Leben und erklärt ihnen nach und nach dessen Wirklichkeit. Dieserart sollte die Erziehung sein, die sodann von der Schule ergänzt und von der Religion auf die Ebene des Denkens gehoben wird und sie für das göttliche Empfinden empfänglich macht, wenn es sich in den Seelen regt. Oft verwandelt sich dieses in echten Glauben, doch in jedem Fall hinterlässt es einen Samen, der die Seele in gewisser Weise befruchtet und sie zum Guten wendet."

Er sagt das zu mir, doch es ist, als redete er mit sich selbst, während er dieses Bild der Hoffnung zeichnet. Vielleicht, antworte ich, gehe es ja größtenteils tatsächlich so zu. Er sieht mich an mit Blicken, die hart und traurig geworden sind.

"Nein, leider ist das nicht der Fall. Jeder ist mit seinen Angelegenheiten beschäftigt, oftmals um der Familie einen angenehmen Lebensstandard zu ermöglichen, manchmal um des persönlichen Erfolgs willen. Die Erziehung als erste Pflicht gegenüber den Kindern scheint geradezu aus den Häusern geflohen zu sein. Dies ist eine schlimme Unterlassung, aber damit haben wir das größte Übel noch nicht erfasst. Wenn es nämlich nicht bei der unterlassenen Erziehung bleibt, sondern der Missbrauch hinzukommt, das Laster, jene abscheulichen Handlungen, denen schon kleine Kinder ausgesetzt sind und die immer aggressiver und einschlägiger ausfallen, je mehr die Kinder heranwachsen und zu Halbwüchsigen werden. Es kommt in den Familien sehr häufig vor, dass Kinder missbraucht werden, von den Vätern, den Großvätern, Onkeln, Freunden. Oft wissen die anderen Familienmitglieder sehr wohl Bescheid, doch sie schreiten nicht ein, weil anderweitige Interessen und Schändlichkeiten sie davon zurückhalten."

Sie haben also den Eindruck, dass dieses Phänomen weit verbreitet ist?

"Leider ist es das, und es tritt meist gemeinsam mit anderen Lastern auf, wie dem Drogenkonsum."

Und die Kirche? Was tut die Kirche?

"Die Kirche bemüht sich, dieses Laster zu bekämpfen und die Erziehung wiederherzustellen. Doch wir haben diese Seuche auch im eigenen Haus."

Sind die Fälle häufig?

"Viele meiner Mitarbeiter, die mit mir diesen Kampf führen, versichern mir, gestützt auf glaubhafte Daten, dass die Pädophilen unter den Klerikern zwei Prozent ausmachten. Diese Auskünfte sollen mich beruhigen, aber sie beruhigen mich keineswegs. Ich halte das vielmehr für sehr schlimm. Diese zwei Prozent Pädophile sind Priester oder gar Bischöfe und Kardinäle. Und ein weiterer Teil, viel größer an der Zahl, weiß es und schweigt, man verteilt Strafen, aber ohne den Grund dafür zu nennen. Ich halte diesen Zustand für unhaltbar, und ich habe die Absicht, ihm mit der ganzen Härte zu begegnen, die er fordert."

Ich erinnere den Papst daran, dass er in einem unserer vorhergehenden Gespräche zu mir gesagt hatte, Jesus sei zwar der Inbegriff der Sanftheit, aber er habe nach dem Stock gegriffen, um ihn auf den Rücken der Gauner niedersausen zu lassen, die den Tempel moralisch besudelten.

"Ich zitierte aus den Evangelien von Markus und Matthäus. Jesus liebte alle, selbst die Sünder, die er erlösen wollte, indem er ihnen vergab und sich ihrer erbarmte, doch wenn er den Stock zur Hand nahm, tat er das, um den Dämon zu vertreiben, der sich ihrer Seelen bemächtigt hatte."

Die Seele des Sünders – auch das sagten Sie mir in unserem vorigen Gespräch – wird selbst dann gerettet werden, wenn er erst im allerletzten Augenblick bereut; er wird dennoch Gnade finden.

"Das stimmt, das ist unsere Lehre und der Weg, den Christus uns gewiesen hat."

Aber es könnte doch sein, dass der eine oder andere Sünder das nur aus Berechnung tut. Er könnte ebendeshalb bereuen, um im Jenseits gerettet zu sein. Wäre ihm die Gnade in diesem Fall auf den Leim gegangen?

"Gott der Herr weiß es und urteilt. Seine Gnade ist grenzenlos, aber sie wird niemandem auf den Leim gehen."

Es gibt da einen grundsätzlichen Punkt, den ich klären möchte. Sie haben vielfach betont, dass Gott uns mit einem freien Willen ausgestattet habe. Nun, es kommt ja auch vor, dass wir Böses tun in der festen Überzeugung, dass daraus am Ende etwas Gutes entstehen werde. Wie steht das Christentum zu diesen Fällen?

"Das Gewissen ist frei. Wenn einer das Böse wählt in der Überzeugung, dass daraus ein Gutes entsteht, so werden seine Absicht und deren Folgen droben im Himmel beurteilt werden. Wir können dazu nicht mehr sagen, weil wir nicht mehr wissen. Die Gesetze Gottes werden von Gott geschaffen, nicht von seinen Kreaturen. Das Einzige, was wir wissen, weil Christus es uns gesagt hat, ist, dass Gottvater alle seine Kreaturen kennt und ihm nichts verborgen bleibt. Im Übrigen wird dieses Thema im Buch Hiob bis auf den Grund beleuchtet. Man müsste sich auch andere Bücher der Bibel daraufhin genauer ansehen, das Buch der Weisheit und die Evangelien dort, wo von Judas Ischariot die Rede ist. Das sind fundamentale Themen unserer Theologie."

Und auch der modernen Kultur, die ihr von Grund auf verstehen möchtet und an der ihr euch messen wollt.

"Das ist wahr. Dies war ein Hauptanliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils, wir sollten das so schnell wie möglich angehen."

Eure Heiligkeit, wir wollten noch über die Mafia sprechen. Haben Sie die Zeit?

"Dafür sind wir da."

"Ich habe keine wirklich gründlichen Kenntnisse über die Mafia-Vereinigungen, ich weiß, was sie anrichten, ich kenne ihre Verbrechen und ihren ungeheuren Einfluss. Aber ich weiß nicht, wie ein Mafioso denkt. In Argentinien trifft man überall auf Delinquenten, Mörder, Diebe, aber nicht auf die Mafia. Diesen Aspekt hoffe ich besser zu verstehen, indem ich mich in die zahlreichen Bücher und Zeugenberichte vertiefe, die es darüber gibt. Sie stammen doch aus Kalabrien, vielleicht können Sie mir helfen."

Das Wenige, was ich dazu sagen kann, ist: Die Mafia besteht nicht aus einem Haufen von versprengten Delinquenten, sie ist vielmehr eine Organisation mit eigenen Gesetzen, eigenen Verhaltenscodes, eigenen Maßstäben. Sie ist ein Staat im Staat. Wundern Sie sich nicht, wenn ich Ihnen sage, die Mafia habe eine eigene Ethik. Und halten Sie mich nicht für verrückt, wenn ich hinzufüge, sie habe auch einen eigenen Gott. Es gibt einen Gott der Mafiosi.

"Ich verstehe, was Sie meinen. Man kann das an den Frauen beobachten, die durch Verwandtschaft an die Mafia gebunden sind: Ehefrauen, Schwestern, Töchter der Mafiosi frequentieren eifrig die Kirchen ihrer Heimatorte, wo der Bürgermeister und die anderen lokalen Amtsträger meist von der Mafia gestellt werden. Und diese Frauen meinen, Gott verzeihe ihren Männern die grausamen Missetaten?"

Eure Heiligkeit, die Missetäter selbst gehen in die Kirchen, feiern Messen, Hochzeiten, Beerdigungen. Sie empfangen die Kommunion und taufen ihre Neugeborenen.

"Ich möchte hinzufügen, dass einige Priester dazu neigen, einfach über die Mafia hinwegzugehen. Selbstverständlich verurteilen sie die einzelnen Delikte, ehren die Opfer, stehen, so gut sie können, deren Familien bei – aber die beharrliche öffentliche Verurteilung der Mafia kommt nur selten vor. Der erste große Papst, der dies in den Mafia-Gebieten selbst getan hat, war Karol Wojtyła. Ich möchte darauf hinweisen, dass eine riesige Menschenmenge ihm applaudiert hat."

Und Sie meinen, unter den Applaudierenden hätten sich keine Mafiosi befunden? Soviel ich weiß, waren viele dabei. Der Mafioso, ich sage es noch einmal, hat seine eigenen Maßstäbe und sein eigenes Recht: Die Verräter werden getötet, die Ungehorsamen werden bestraft, zuweilen wird der Mord an Kindern oder Frauen ausgeübt, um ein Exempel zu statuieren. Für den Mafioso sind das jedoch keine sündigen Taten, es entspricht seinem Gesetz. Gott hat damit nichts zu tun, ebenso wenig wie die heiligen Schutzpatrone. Haben Sie sich die Prozession in Oppido Mamertina in Kalabrien angesehen?

"Ja. Tausende haben daran teilgenommen. Und als der Zug mit der Madonnenstatue vor dem Haus eines im Gefängnis sitzenden Mafiabosses angekommen war, blieb er ehrfürchtig stehen ... Ebendas aber muss sich ändern und ist schon dabei, sich zu ändern. Unsere Verurteilung der Mafia wird kein einmaliges Ereignis bleiben, sie wird beharrlich wiederholt. Pädophilie, Mafia: Das sind die beiden Probleme, die die Kirche, die Priester, die Gemeinschaft der Gläubigen am dringlichsten zu bewältigen haben."

Eine Stunde ist vergangen. Der Papst umarmt mich und wünscht mir, so schnell wie möglich wieder gesund zu werden.

Ich stelle ihm noch eine letzte Frage: Sie arbeiten darauf hin, die katholische Kirche mit den anderen Kirchen, der orthodoxen, der anglikanischen, zu vereinen ...

Er unterbricht mich und fügt hinzu: "Und mit den Waldensern, die ich für eine Religion ersten Ranges halte, mit den Pfingstgemeinden und natürlich auch mit unseren jüdischen Brüdern."

Viele Priester oder Pastoren dieser Kirchen seien legal verheiratet, wende ich ein. Wird dieses Problem die römische Kirche nicht im Laufe der Zeit mehr und mehr belasten?

"Vielleicht ist Ihnen nicht bekannt, dass der Zölibat erst im 10. Jahrhundert eingeführt wurde, also 900 Jahre nach dem Tode Jesu Christi. In den katholischen Ostkirchen gibt es für die Priester auch heute noch die Möglichkeit zu heiraten. Das Problem existiert natürlich, aber es ist nicht von großer Bedeutung. Es braucht seine Zeit, aber es gibt Lösungen, und ich werde sie finden."

Wir stehen nun vor der Eingangstür zu Santa Marta. Wir umarmen uns ein weiteres Mal.

Aus dem Italienischen von Sabina Kienlechner

© "La Repubblica"

 

2. Papst erklärt Mafia den Krieg

In der italienischen Mafia spielen katholische Riten eine wichtige Rolle. Nun hat der Papst die Mafiosi exkommuniziert – eine historische Zäsur im Kampf gegen das Verbrechen. von Roberto Saviano

Der Papst sprach die entscheidenden Worte in Kalabrien aus, nicht in Rom. Er wusste, sie würden klar und deutlich vernommen werden. Er war nach Cassano an der ionischen Küste gefahren, um den Eltern des dreijährigen Cocò Trost zu spenden. Ihr Kind war durch einen Kopfschuss getötet und dann verbrannt worden (Cocò wurde im Januar Opfer eines Racheakts zwischen rivalisierenden Mafia-Clans, Anm. d. Red.).

Ein ermordetes Kind ist der definitive und unumstößliche Beleg für die Verlogenheit des Ehrbegriffs der Mafiosi. Franziskus hat mit einer einzigen Geste die Lüge der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, zunichtegemacht: die Lüge von der Ehrengemeinschaft, der Beschützerin der Armen und Schwachen, die angeblich für Gerechtigkeit, Arbeit und sozialen Frieden sorgt. Man sollte meinen, es sei selbstverständlich, dass die Kirche sich eines ermordeten Kindes annimmt und die Täter verdammt. Aber leider ist das nicht der Fall. Der Pfarrer von Cassano, ein Mann namens Silvio Renne, sagte kürzlich in einem Interview: "Wie, schon wieder Cocò? Die Sache ist abgeschlossen. Wir haben ihn beerdigt. Ich bin kein Ermittlungsbeamter. Ich bin nicht derjenige, der feststellen muss, wer es war. Und außerdem steht noch überhaupt nicht fest, ob tatsächlich die Drogenmafia oder die ’Ndrangheta dahintersteckt ..."

Für Papst Franziskus ist die Sache nicht abgeschlossen, und er fürchtet sich nicht, zu sagen, die Mafia sei schuld. Ihre Mitglieder aus der christlichen Gemeinschaft auszuschließen und diesen Ausschluss selbst in Kalabrien zu verkünden ist mutig ("Diejenigen, die den falschen Weg wählen, wie auch die Mafiosi, sind nicht in der in der Gemeinschaft mit Gott. Sie sind exkommuniziert", Anm. d. Red.). Die Exkommunikation, eine Strafe des kanonischen Kirchenrechts, hat im Laufe der Zeit den dramatischen Charakter verloren, den sie bis zum Ende des Kirchenstaates hatte. Jetzt aber ist sie eine Geste von größtmöglicher Symbolkraft, geeignet, die oftmals engen Verbindungen der mafiösen Clans zu den Pfarreien vor Ort zu kappen. Die Worte des Papstes klingen wie endgültige Urteile, und sie entlarven die Lügen der Mafiosi, die sich als gläubige Katholiken und treue Angehörige der römischen Kirche ausgeben.

Auch Papst Johannes Paul II. hatte – am 9. Mai 1993 in Agrigent – die Mafia hart attackiert: "Bekehrt euch, die Strafe Gottes wird kommen." Zwei Monate später antworteten die Mafiosi von Corleone mit einer Bombe an der Kirche San Giovanni in Laterano. Danach flaute das Anti-Mafia-Engagement der hohen kirchlichen Würdenträger wieder ab. Es schien, als habe man diese Aufgabe nach unten abgegeben, an die Straßenpriester, die Slumgeistlichen.

Zum Aufnahmeprozedere gehört ein Heiligenbild des Erzengels Michael

Will die Kirche nun die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, muss sie der Exkommunikation konsequenterweise weitere, ebenso fundamentale Schritte folgen lassen: keins der Geschenke mehr annehmen, die die Mafia ihr macht; die Priester, die der Mitwisserschaft überführt wurden, ihres Amtes entheben und verurteilen; eine kircheninterne Anti-Mafia-Kommission gründen, die unabhängig von den Polizeibehörden die Verknüpfungen durchleuchten kann; die Exkommunikationen auf katholische Politiker und Unternehmer ausweiten, die Beziehungen zum Organisierten Verbrechen unterhalten.

Die Exkommunikation ist eine so wirkungsvolle Waffe, weil die Religion im Selbstverständnis der Mafia eine grundlegende Rolle spielt: Die "Kultur" ihrer Clans ist durch ein ganzes Bündel von Ritualen geregelt. So wird man zum Mitglied der ’Ndrangheta mittels der Santina, eines papiernen Heiligenbildchens, auf dem ein Gebet geschrieben steht. Beim Aufnahmeritual lässt der Anwärter sein Blut auf das Bild tropfen, das den Erzengel Michael zeigt. Er ist der Schutzpatron der ’Ndrangheta-Familien. Die oberste Führung der Mafia wird Santa, die Heilige, genannt, einer der höchsten Ränge innerhalb ihrer Hierarchie heißt Vangelo, Evangelium.

Die Mafia versteht sich als von der Vorsehung gewollte Ordnungsmacht: Auch das Töten ist gerecht, wenn die Zielperson den Frieden und die Sicherheit der "Familie" gefährdet. Die Muttergottes wird als Mittlerin angesehen: Durch sie erkennt ihr Sohn Jesus, dass in einer Welt der Sünde und des Unrechts dieser Gewaltakt dem Guten dient. Selbst die Sakramente werden zur Stärkung der mafiösen Beziehungen genutzt. Früher wurden den männlichen Säuglingen am Tag ihrer Taufe ein Messer und ein Schlüssel an die Seite gelegt. Berührte das Kind das Messer, war es zur "Ehre" bestimmt, griff es nach dem Schlüssel, würde aus ihm ein Polizist werden. Natürlich lag der Schlüssel immer weit weg.

Die ’Ndrangheta ist ganz und gar von der katholischen Kultur durchtränkt. Am 2. September findet alljährlich am Aspromonte-Gebirge das Fest der Madonna von Polsi statt. Die Clanchefs mischen sich unter die Gläubigen, um neue Mitglieder zu rekrutieren, Verbindungen zu knüpfen und Verträge zu besiegeln. Nicht zufällig steht der "Baum der Weisheit", ein Sinnbild der ’Ndrangheta-Struktur, hier gleich neben dem Heiligtum.

Die Tochter eines Mafia-Bosses bekam zur Hochzeit den päpstlichen Segen

Unzählige Episoden bezeugen die Verflechtung von ’Ndrangheta und katholischer Kirche. Die Gotteshäuser dienten den verschiedenen Clans als Verhandlungsstätten: Während einer Messe im Jahr 1987 forderte die Witwe von Paolo De Stefano – Boss des Archi-Clans und von der rivalisierenden Imerti-Familie ermordet –, endlich die blutige Fehde zu beenden. Einer Reihe von Priestern wird vorgeworfen, mit der Mafia zu kooperieren, etwa Don Nuccio Cannizzaro, Pfarrer von Condera, der der Falschaussage zugunsten zweier ’Ndrangheta-Familien beschuldigt wird, oder Don Salvatore Santaguida, Priester in Vibo Valentina, der der Beihilfe zu Mafia-Verbrechen angeklagt ist.

Im Jahr 2009 konnte der mächtige Condello-Clan bei einer Hochzeit sogar in der Kathedrale von Reggio Calabria die Glückwünsche verlesen, die Papst Benedikt XVI. durch die Vermittlung des Pfarrers von Archi, einem Stadtteil Reggio Calabrias, dem Brautpaar zukommen ließ. Die Braut war Caterina Condello, Tochter eines der gefährlichsten Mafia-Bosse Italiens. Ihr Bräutigam: Daniele Ionetti, Sohn des Clan-Schatzmeisters.

Wenn ein Brautpaar einen päpstlichen Segen oder Glückwunsch wünscht, wendet es sich üblicherweise an einen Pfarrer oder Priester seines Vertrauens, der den Antrag an das Heiratsbüro der Kurie weiterleitet. Der Segen, den die amtierende Kurie dieser Trauung im Condello-Clan zukommen ließ, ist ein Skandal. Es ist kaum vorstellbar, dass man dem Familiennamen der Brautleute keine Aufmerksamkeit geschenkt hat. Schon allein deshalb, weil Caterina Condello und Daniele Ionetti Cousine und Cousin ersten Grades sind: Das kanonische Kirchenrecht erlaubt die Heirat von Blutsverwandten nur in begründeten Ausnahmefällen und nur auf einen von Pfarrer und Bischof unterzeichneten Antrag hin.

Eine Kirche, deren Papst nun solche Worte in Richtung Mafia ausspricht, ist nicht länger bloß eine Kirche der Märtyrer, sondern all jener Geistlichen, die schon im Diesseits in höchst schwierigen und gefährlichen Regionen für Gerechtigkeit kämpfen. Regionen, in denen der Staat oftmals nur bei geringfügigen Gesetzesbrüchen einschreitet oder um Steuern einzutreiben. Regionen, in denen den Menschen oft nur die Wahl bleibt, fortzugehen oder ein Leben in hoffnungsloser Arbeitslosigkeit zu führen. In Kalabrien gehören Don Giovanni Ladiana und Don Giacomo Panizza zu jenen herausragenden Geistlichen, dank derer die Kirche praktischen Widerstand leistet: einen Widerstand, der sich nicht bloß symbolisch gegen die Mafia wendet.

Die Exkommunikation ist nur der Anfang eines Verlaufs, der sich als epochal erweisen könnte.

Aus dem Italienischen von Sabina Kienlechner

© 2014 Roberto Saviano

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Herr, danke für Deinen Diener Bendikt XVI

Amen.

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