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 Gott ist der beste und liebste Vater, immer bereit zu verzeihen, Er sehnt sich nach dir, wende dich an Ihn
nähere dich deinem Vater, der nichts als Liebe ist. Bei Ihm findest du wahren und echten Frieden, der alles Irdische überstrahlt

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*Anbetung live*

Franz von Sales - Philotea

 

 
Den Anfängern  im Glauben ist der erste Teil der ³Anleitung" gewidmet, und sogar darin gibt es vieles, was jedermann angeht (z. B. Kapitel 1 bis 4, 22 bis 24).
Die vier übrigen Teile behandeln Fragen, die uns alle das ganze Leben hindurch beschäftigen, Aufgaben, die uns immer gestellt sind, Gefahren, die uns dauernd bedrohen, auf welcher Stufe des geistlichen Lebens wir stehen und welchen Standes immer wir sein mögen. Die ³Anleitung" ist wohl für den Christen überhaupt geschrieben, nicht für Mönche und Priester im besonderen, hat aber auch diesen Wesentliches zu sagen, wie ja auch das Evangelium die Norm für jeden Christen ist, ebenso aber auch für Priester und Ordensleute
Richtschnur ihres Strebens nach Vollkommenheit.
 
 
 

      Franz von Sales

 


 

      ANLEITUNG ZUM FROMMEN LEBEN

      Philothea

 


 


      © Franz-Sales-Verlag, Eichstätt und Wien, 1959

      Nach der vollständigen Ausgabe der Oeuvres des Saint FRANçOIS DE SALES der Heimsuchung Mariä zu Annecy (1892-1931)

      herausgegeben von den Oblaten des hl. Franz von Sales unter Leitung von P. Dr. Franz Reisinger OSFS.

      Das Original hat den Titel:

      INTRODUCTION A LA VIE DEVOTE.

      Aus dem Französischen übertragen und erläutert hat es P. Dr. Franz Reisinger OSFS.

      ISBN 3-7721-0000-7

      Alle Rechte vorbehalten.

 


 

      FRANZ VON SALES - EIN LEBENSBILD

      Es ist keineswegs als Einschränkung gedacht, wenn wir feststellen, daß Franz von Sales nicht Schriftsteller von Beruf war; wie könnte er sonst zu den Klassikern der französischen Literatur zählen und von den Humanisten als einer ihrer Großen in Anspruch genommen werden? Diese Feststellung kann nur bedeuten, daß seine Persönlichkeit nicht mit literarischem Maßstab zu messen ist. Die meisten seiner 26 Bände umfassenden Werke sind als ³Nebenprodukt" seines Wirkens als Priester, Bischof, Seelenführer und Reformator entstanden; selbst seine eigentlichen ³Werke" schrieb er in den kargen Stunden, die er seinen aufreibenden Pflichten förmlich abgelistet hat. Es ist darum ehrlich gemeint, wenn er betont, daß ihm die Muße fehlte, sie literarisch zu feilen.

      So besehen, erscheinen seine Schriften als Zeugnis und Ausstrahlung einer ungewöhnlich reichen Persönlichkeit weit über den Kreis seines Lebens hinaus. Sie strömen heute noch Leben aus und sprechen lebendiger an als die glänzendste Biographie. Deshalb halten wir es für angezeigt, der deutschen Ausgabe seiner Werke ein kurzes Lebensbild ihres Urhebers vorauszuschicken. Wer sich eingehend mit Franz von Sales und seinem Lebenskreis befassen will, dem empfehlen wir die im Franz Sales Verlag erschienenen Biographien:

      Etienne-Jean Lajeunie, FRANZ VON SALES - Leben, Lehre, Werk.
      Angela Hämel-Stier, FRANZ VON SALES. Der Heilige der Harmonie. Ein Lebensbild.
      Hans Berghuis, NICHTS SO SEHR ALS MENSCH. Franz von Sales, der liebenswürdige Heilige.
      Peter Ebner, DIE LIEBE GENÜGT. Franz von Sales - Erzählungen.
      André Ravier, WORAN FRANZ VON SALES GLAUBTE.

      Der Rahmen seines Lebens.

      Franz von Sales ist geboren zu Thorens in Savoyen im Jahre 1567. Nach humanistischen Studien in La Roche und Annecy widmete er sieben Jahre dem Studium der Rhetorik und Philosophie in Paris, weil sein Vater es so bestimmte, und der Theologie, weil er damals schon entschlossen war, Priester zu werden. Dann studierte er in Padua bürgerliches und kirchliches Recht, wieder aus Gehorsam gegen seinen Vater, und krönte seine Studien mit dem Doktorgrad beider Rechte; nebenher vertiefte er seine theologischen Kenntnisse.

      Im zähen Ringen erlangte er schließlich von seinem Vater die Zustimmung zu dem von ihm seit langem erwählten Beruf und empfing im Jahre 1593 die Priesterweihe. Schon vom nächsten Jahr an wirkte er an der Missionierung der Provinz Chablais, bis ihn sein Bischof 1597 zu seinem Koadjutor erwählte. Nun folgte eine Reise nach Rom und ein längerer Aufenthalt in Paris, der für die aszetische Entwicklung des Heiligen von größter Bedeutung war.

      Nach dem Tod des Bischofs Granier empfing er 1602 die Bischofsweihe. Er führte den Titel ³Fürstbischof von Genf", residierte aber in der kleinen Stadt Annecy. Dort gründete er 1610 den Orden von der Heimsuchung Mariä, 1622 starb er zu Lyon, wurde 1661 selig- und 1665 heiliggesprochen. Im Jahre 1877 erhob ihn Pius IX. zum Kirchenlehrer, 1923 erklärte ihn Pius XI. zum Patron der katholischen Schriftsteller.

      Die Bedeutung des Heiligen.

      Sie ist so vielseitig, daß es nicht möglich ist, mehr als eine unvollständige Skizze davon in diesem Rahmen zu geben.

      Der Missionar bekehrte in mehrjähriger schwerer Arbeit, unter den größten Schwierigkeiten, wiederholt durch Mörderhand mit dem Tode bedroht, eine ganze Provinz zum katholischen Glauben. Bemerkenswert ist nicht nur sein heldenhafter Mut und die Zähigkeit (eineinhalb Jahre hatte er so gut wie keinen Erfolg), sondern auch die Vielseitigkeit der modern anmutenden Mittel, die er dabei anwandte (Predigten in der Kirche und im Freien, öffentliche Streitgespräche, Flugschriften, Plakate, nächtliche Aussprachen) und die liebenswürdige, menschlich feine Art seines Umgangs auch mit seinen Gegnern, die ihm schließlich die Achtung und Zuneigung aller gewann.

      Der Bischof. Unerhörte Arbeitsleistung und edle Volkstümlichkeit kennzeichnen sein Wirken. Er predigt bei jeder Gelegenheit, hält selbst Katechesen für die Kinder, hört viele Stunden Beichte in seiner Kathedrale und auf seinen Visitationsreisen, beseitigt energisch Mißstände im Klerus und unter den Gläubigen. Der Zugang zu ihm steht allen offen, in seinem Haus in Annecy wie auf seinen Reisen. Seinem Klerus gibt er klare Weisungen für die Seelsorge, vor allem durch das Beispiel seiner Heiligkeit und seines unermüdlichen Eifers. Bei seinem Tod ist sein Bistum umgewandelt, bildet ein festes unerschütterliches Bollwerk gegen Irrtum und Unglauben. Doch dieses Bistum genügt seinem Eifer nicht.

      Er gilt als der beste Kanzelredner seiner Zeit. Paris, Toulouse, Dijon, Chambèry und andere Städte wollen ihn hören. Er schlägt keine Einladung ab, das Wort Gottes zu verkünden, und überall sind seine Kanzel, sein Beichtstuhl und Sprechzimmer umlagert. In seinen Predigten entwickelt er die katholische Lehre ruhig, schlicht, in herzgewinnender Weise. Selten spricht er gegen den protestantischen Irrtum, und doch bekehren sich viele Irrgläubige; so überzeugend wirkt die lichtvoll dargelegte Wahrheit. Was er wollte, hat er selbst einem berühmten Zeitgenossen erklärt: alloqui hominem, den Menschen ansprechen. In dieser herzlichen Zwiesprache mit seinem Hörer wie in der Heiligkeit des Predigers liegt wohl das Geheimnis der Durchschlagkraft seiner Rede.

      Der Seelenführer. Viele von denen, die er bekehrt oder denen er die Notwendigkeit eines christlichen Lebens erschlossen hat, bitten ihn um Rat. Er antwortet gern. Trotz seiner aufreibenden Tätigkeit findet er noch Zeit, täglich viele Briefe zu schreiben, darunter ganze Abhandlungen. Nach den eidlichen Aussagen seiner Hausgenossen gehen Tag für Tag 20 bis 25, manchmal auch 40 bis 50 Briefe von seiner ³Werkstatt", wie er selbst scherzhaft sagt, hinaus. So verbreitet und vertieft sich der Einfluß ins Unendliche, den er durch seine Predigten gewonnen. Franz von Sales ist nicht nur einer der glänzenden Brief-Stilisten seiner Zeit, sondern vor allem ein Meister der Seelenführung. Liebevoll versenkt er sich in jede Seele, die ihm ihren Zustand, ihren guten Willen und ihre Not offenbart; jede leitet er mit großer Ehrfurcht vor ihren gottgegebenen Anlagen, vor der Gnadenführung des Heiligen Geistes und der ³Freiheit der Kinder Gottes". Seine Seelenführung ist von hohen Grundsätzen getragen, sie bildet ein System von seltener Geschlossenheit, geht immer auf das Ganze, verlangt von jedem das Äußerste, dabei wirkt sie aber nie knechtend, verengend oder bedrückend.

      Der Schriftsteller. Ein Teil seiner Briefe, die Ratschläge für das religiöse Leben erhalten, geht von Hand zu Hand; man bittet den Heiligen, sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Daran dachte er selbst schon länger. So erscheint 1609 die ³Anleitung zum frommen Leben", allgemein bekannt unter dem Titel ³Philothea". Einige Jahre später (1616) erscheint ein zweites Meisterwerk aus seiner Hand, die ³Abhandlung über die Gottesliebe"; darin entwickelt er die philosophischen und theologischen Grundlagen seiner Frömmigkeit, in der Schilderung des Aufstiegs der Seele, des Gebetslebens und der Willensvereinigung mit Gott beschreibt er auch die höheren mystischen Zustände, in der begnadete Seelen von Gott erhoben werden.

      Diese zwei Bücher bilden die Bände 3 bis 5 der großen kritischen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales, die zu Annecy von den Schwestern der Heimsuchung herausgegeben wurde.* (*OEUVRES DE SAINT François DE sales. Edition complete et définitive, publiée par les soins de Religieuses de la Visitation du premier Monastere d'Annecy. 1892-1931.) Band 1 und 2 sind Verteidigungsschriften der katholischen Kirche aus seiner Zeit als Missionar. Band 6 enthält die ³Geistlichen Gespräche", die der Heilige mit seinen Töchtern von der Heimsuchung hielt, von den Schwestern gewissenhaft nachgeschrieben und nach seinem Tod veröffentlicht. Die Bände 7 bis 10 enthalten Predigten des Heiligen, die er selbst niedergeschrieben oder skizziert oder seine Zuhörer aufgezeichnet haben. Die Bände 11 bis 21 enthalten die Briefe, die aus der gewaltigen Korrespondenz des Heiligen auf uns gekommen sind, die Bände 22 bis 26 kleinere Schriften des Heiligen. Ein Ergänzungsband steht noch aus.

      Der Patron der Schriftsteller. Pius XI. erklärt in seiner Enzyklika vom 26. Januar 1923, inwiefern Franz von Sales den Schriftstellern Vorbild sein muß: ³Sie müssen die mit Mäßigung und Liebe verbundene Kraft des hl. Franz von Sales in der Auseinandersetzung nachahmen und sich an sie halten. Denn der Heilige mahnt sie ausdrücklich, was ihre Aufgabe ist: daß sie nämlich die katholische Lehre mit aller Sorgfalt erforschen und nach Kräften beherrschen.; daß sie die Wahrheit nicht entstellen noch abschwächen oder verschweigen unter dem Vorwand, Anstoß bei den Gegnern zu vermeiden; daß sie selbst sorgfältig auf eine anmutende Form der Sprache bedacht sind, die Gedanken durch lichtvolle Ausdrucksweise so schön und schmuckvoll darstellen, daß die Leser Freude an der Wahrheit finden; wenn sie aber gegen jemand Stellung nehmen müssen, sollen sie es verstehen, die Irrtümer zurückzuweisen, aber stets so, daß sie sich als Männer rechter Seelenverfassung als vor allem vom Geist der Liebe getrieben erweisen."

      Der Kirchenlehrer. Schon zu Lebzeiten genoß er den Ruf eines Kirchenvaters, wie Zeitgenossen bezeugen. Die Brevier-Lesung besagt von ihm: ³Durch seine himmlische Lehre enthaltenden Schriften hat er die Kirche erleuchtet, er zeigt einen sicheren und ebenen Weg zur Vollkommenheit." Die Päpste Alexander VII, Klemens IX, Benedikt XIV. und andere feierten einmütig die hohe Autorität seiner Lehre. Es blieb nur noch die Krönung dieser Ausnahmestellung unter den katholischen Schriftstellern vorzunehmen durch die Erhebung zum Kirchenlehrer, die Pius XI. vollzog durch sein Breve vom 16. November 1877, in dem er feierlich erklärte: ³Die erste und unbedingt notwendige Eigenschaft für einen Kirchenlehrer ist, daß in seinen Schriften eine über das gewöhnliche Maß hinausgehende, himmlische Lehre erscheine, die durch den Reichtum und Glanz ihrer Beweiskraft auf die ganze Kirche neues Licht werfe und eine Heilsquelle für alle Gläubigen sei. Dieses Verdienst und dieser Ruhm gebühren in reichem Maße den Büchern des Bischofs von Genf."

      Der Ordensstifter. Franz von Sales ist der Vater eines der ruhmreichsten Orden der Kirche, des Ordens der ³Töchter der Heimsuchung Mariä" (im deutschen Sprachraum gern ³Salesianerinnen" genannt), der sich schon zu seinen Lebzeiten rasch entwickelte, nach seinem Tod in wenigen Jahren über die ganze katholische Welt ausbreitete, wunderbare Früchte der Heiligkeit hervorbrachte und hervorbringt. Einer Tochter dieses Orden, der hl. Margareta Maria Alacoque verdankt die Kirche die Verbreitung der Verehrung des heiligsten Herzens Jesu und damit den reichen Segen, der sich durch diese Verehrung über die gläubige katholische Welt ergießt. Auch heute noch ist dieser Orden von jugendlichem Leben und Eifer getragen und eine der herrlichen Zierden der katholischen Kirche.

      Der Heilige. Die Kirche hat ihn in feierlicher Weise zu einem ihrer großen Vorkämpfer und Vorbilder erklärt. Es genüge hier, das Zeugnis zweier Heiliger anzuführen, des hl. Vinzenz von Paul und der hl. Johanna Franziska von Chantal; beide erklärten, Franz von Sales sei das lebendige Ebenbild des Heilands gewesen.

      Die Werke des hl Franz von Sales

      Wie schon gesagt wurde, hat der Heilige relativ wenige Werke geschrieben und selbst herausgegeben: ³Die Anleitung zum frommen Leben" (Philothea) und die ³Abhandlung über die Gottesliebe" (Theotimus), die ³Verteidigung der Kreuzesfahne" und einige kleinere Schriften. Trotzdem umfaßt die neue kritische Ausgabe seiner Werke 26 Bände, ein 27. Band ist in Vorbereitung. Von vielen tausend Briefen, die er geschrieben, sind mehr als 1800 erhalten und füllen 11 stattliche Bände; zwei Bände enthalten seine selbst geschriebenen Predigten und Predigtentwürfe, vier Bände kleinere, zumeist noch nicht veröffentlichte Schriften und Notizen, ein band die von ihm niedergeschriebenen, aber nicht als Buch veröffentlichten ³Kontroversen".

      Gesammelte Werke des heiligen wurden bald nach seinem Tod veröffentlicht. Im 19. Jahrhundert gab zunächst Blaise (1821) die gesammelten Werke des Heiligen heraus, dann Vivès (1856-1858), schließlich Migne (1861). Diese Ausgaben sind freilich mit vielen Mängeln und Fehlern behaftet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entschloß sich das Kloster der Heimsuchung zu Annecy zu einer vollständigen und kritischen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales; von 1892 bis 1937 erschienen die einzelnen Bände nach gründlicher Vorbereitung. Diese große Ausgabe liegt unserer deutschen Übersetzung zugrunde.

      Die vorliegende Deutsche Ausgabe.

      Die wichtigsten Werke des hl. Franz von Sales wurden bald nach seinem Tod auch ins Deutsche übersetzt, davon die ³Anleitung zum frommen Leben" in ungezählten Auflagen. In neuester Zeit gab Otto Karrer in vier Bänden ausgewählte (stark gekürzte) Schriften des hl. Franz von Sales (im Verlag J. Pfeiffer) heraus, eine andere geplante Sammlung der Schriften des hl. Franz von Sales ist nur bis zu zwei Bänden gediehen.

      Die jetzt vorliegende kritische Ausgabe der Werke des Heiligen ermöglicht nun eine deutsche Ausgabe der Werke des Heiligen, die seiner Bedeutung entspricht. Die großen Werke des Heiligen wurden nach der Ausgabe von Annecy übersetzt und ungekürzt wiedergegeben, die ³geistlichen Gespräche" nach der neuesten kritischen Ausgabe von 1930. Von den Predigten wird eine Auswahl getroffen, ebenso von den Briefen und den kleineren Abhandlungen. Diese Auswahl wird aber bestrebt sein, nichts Wesentliches von der Lehre des Heiligen zu übergehen und als Ganzes ein klares Bild des Seelenführers, Seelsorgers und Bischofs geben.

      Die Bände 1 und 2 dieser deutschen Ausgabe sind schon früher in mehreren Auflagen erschienen. Sie sind nun (teilweise verbessert) in die Sammlung aufgenommen und erscheinen in gleicher Ausstattung wie die übrigen Bände.

 


 

      Zur Einführung in die ³Anleitung zum frommen Leben."

      1. Ihre Entstehung.

      Der Aufenthalt des hl Franz von Sales zu Paris im Jahre 1602 und zu Dijon im Jahre 1604 bedeuten die Wende des Heiligen vom Apologeten zum Seelenführer.

      In Paris kam er mit heiligmäßigen Seelen und berühmten Seelenführern zusammen. Er konnte die Früchte seiner Studien und Erfahrungen mit denen anderer messen. Es waren Monate stillen Fragens, Lernens und Reifens, aus denen er mit fertigen Überzeugungen, mit einem vollständig ausgebauten System aszetischer Lehren und Methoden hervorging. Sofort nach diesem Aufenthalt in Paris setzten seine Briefe der Seelenführung ein, und schon in den ersten dieser Briefe tritt die charakteristische Eigenart des Heiligen im System wie in der Methode seiner Führung vollendet hervor.

      Bereits in Paris empfand er deutlich den Mangel eines Buches, das die Hauptlehren der Frömmigkeit für Weltleute zusammenfaßt. In Dijon lernte er 1604 eine Reihe hervorragender Menschen kennen, die sich unter seine Leitung stellten; ihnen schickte er nicht nur Briefe, sondern auch kleine Abhandlungen, die sie untereinander austauschen sollten. Im gleichen Jahr stellte sich auch Frau von Charmoisy unter seine Seelenleitung. Wie den anderen sandte auch ihr der Heilige nicht nur einzelne Ratschläge, sondern eine Reihe von Abhandlungen über verschiedene wichtige Fragen des geistlichen Lebens (vgl. Vorwort).

      Wir dürfen wohl annehmen, daß dem Heiligen bei Abfassung dieser ausgedehnten Arbeiten der Gedanke, sie einmal in ein großes Werk zusammenzufassen, vorschwebte. Den unmittelbaren Anstoß dazu gab Frau von Charmoisy; sie zeigte diese Abhandlungen dem Pater Fourier SJ., der von ihnen so begeistert war, daß er den Heiligen drängte, sie zu veröffentlichen. Franz von Sales verlangte die Abhandlungen von Frau von Charmoisy zurück, sah sie durch, fügte verschiedenes hinzu und konnte im August 1608 das fertige Werk an den Buchdrucker Thibaut nach Lyon schicken; dort erschien es Ende 1608 oder Anfang 1609. Franz von Sales hat selbst noch weitere vier Auflagen vorbereitet; schon die zweite war bedeutend reichhaltiger. Die 5. Auflage (1619), der unsere Überzeugung folgt, enthält 16 Kapitel mehr als die erste Auflage, sie war auch sonst in vielen Teilen erweitert.

      2. Ihr Erfolg.

      Dem Buch war ein außerordentlicher Erfolg beschieden. Im Jahre 1620 konnte der Heilige schreiben, daß sie bereits mehr als vierzigmal allein in französischer Sprache gedruckt worden war. In rascher Folge kamen die Übersetzungen; im Jahre 1656 gab es solche bereits in 17 Sprachen. Zeitgenossen bezeugen, daß die Buchhändler kaum die benötigte Zahl von Exemplaren beschaffen konnten. Der hl. Vinzenz von Paul sagt im Heiligsprechungsprozeß des hl. Franz von Sales aus, daß man überall auf ihn hinwies mit den Worten: ³Das ist der große Bischof Franz von Sales, der die Anleitung zum frommen Leben geschrieben hat." Im Jahre 1651 berichtet der Gesandte des Herzogs von Savoyen, daß am kaiserlichen Hof in Wien alle fürstlichen Persönlichkeiten, Herren und Damen die Anleitungen stets zur Hand hatten. (s. Oeuvres, Band 3, XXIV, Anm.).

      Die Päpste wetteiferten im Lob der ³Anleitung". Es genüge, hier anzuführen, was Pius IX. im Breve vom 28. Dezember 1877 schreibt: ³Franz von Sales hat in seiner Anleitung die Tugend in lebhaften Formen gemalt, hat schlechte Wege gerade gemacht, holperige geebnet, allen getreuen Christi einen so leichten Weg zu Ihm hin gezeigt, daß seither die Frömmigkeit überallhin ihr Licht verbreitet..." Pius XI. schreibt in der Enzyklika vom 26. Januar 1923: ³Möge dieses Buch, das die Zeitgenossen in jenen Tagen für das vollkommenste in seiner Art hielten, auch heute von allen durchgearbeitet werden, wie es zuvor so lange Zeit hindurch in den Händen aller war; dann würde die christliche Frömmigkeit bei allen Völkern wieder emporkommen und die Kirche Gottes würde sich über die gemeinsame Heiligkeit ihrer Kinder freuen..."

      Vor der Größe dieses Buches beugen sich nicht nur die Wortführer der katholischen Religion. Zur Zeit seines Heiligsprechungsprozesses berichteten zeugen unter Eid, daß im kalvinistischen Genf, das ihn zu seinen Lebzeiten so heftig bekämpft und gehaßt hatte, nun die ³Anleitung" in keinem guten Haus fehlte. Der gleiche begeisterte Empfang wurde dem Buch auch im protestantischen England zuteil (s. Oeuvres, Band 3, XXVIII f).

      3. Vorurteile.

      Im deutschen Sprachgebet wird die ³Anleitung zum frommen Leben" gern ³Philothea" genannt. Hier ist dieser Name nur als Untertitel genannt. Wir hoffen damit auch beizutragen, daß ein Vorurteil verschwindet, dem leider auch manche Vorreden neuerer Übersetzungen Nahrung geben: die Anleitung sei nur oder besonders für Frauen geschrieben. Schon Franz von Sales glaubte, sich gegen diese Auffassung verwahren zu müssen. Wer die ³Anleitung" wirklich genau kennt und ebenso durch eine jahrelange seelsorgliche Betreuung von Männern Kenntnis der männlichen Seele besitzt, wird wissen und immer wieder erfahren, wie überaus wertvoll die zeitlos gültigen Ratschläge des Heiligen für Männer ebenso wie für Frauen sind.

      Ein weiteres Vorurteil, die ³Anleitung" sei nur für Anfänger im geistlichen Leben geschrieben, erledigt sich bei genauerer Kenntnis des Buches von selbst. Den Anfängern ist nur der erste Teil der ³Anleitung" gewidmet, und sogar darin gibt es vieles, was jedermann angeht (z. B. Kapitel 1 bis 4, 22 bis 24). Die vier übrigen Teile behandeln Fragen, die uns alle das ganze Leben hindurch beschäftigen, Aufgaben, die uns immer gestellt sind, Gefahren, die uns dauernd bedrohen, auf welcher Stufe des geistlichen Lebens wir stehen und welchen Standes immer wir sein mögen. Die ³Anleitung" ist wohl für den Christen überhaupt geschrieben, nicht für Mönche und Priester im besonderen, hat aber auch diesen Wesentliches zu sagen, wie ja auch das Evangelium die Norm für jeden Christen ist, ebenso aber auch für Priester und Ordensleute Richtschnur ihres Strebens nach Vollkommenheit.

      4. Die neue Übersetzung.

      Wir legen hier eine neue Übersetzung der ³Anleitung" vor, bemüht, den Gedankeninhalt dieser berühmten Schrift auf das genaueste wiederzugeben, ohne allerdings sklavisch am Wort zu hängen. Worte haben ja nicht immer den gleichen Sinngehalt in den verschiedenen Sprachen, so daß eine wörtliche Übersetzung oft den Sinn unrichtig wiedergibt.

      Das soll freilich nicht heißen, daß der Übersetzer frei schalten und walten dürfe unter dem Vorwand, Franz von Sales hätte heute anders geschrieben als zu seiner Zeit. Es handelt sich hier um einen Klassiker unserer Religion, um das Werk eines Kirchenlehrers. Es kann nicht gestattet sein, unter seinem Namen eigene Ansichten zu verbreiten, mögen sie auch noch so richtig und zeitgemäß sein. Wenn auch nicht wortgetreu, so muß die Übersetzung doch absolut sinngetreu sein.

      Wir sehen keinen Grund, von den vielgeschmähten Vergleichen abzurücken, die der Heilige naturwissenschaftlichen Anschauungen seiner Zeit entnimmt. Jedermann weiß, daß Franz von Sales um die Wende des 17. Jahrhunderts geschrieben hat und nicht im 20. Jahrhundert. Kein vernünftiger Leser wird daran Anstoß nehmen, daß seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse nicht die unserer Zeit sind. Beispiele und Vergleiche sind nichts anderes als Bilder, mit denen er die Wahrheit anschaulich macht. Und wer möchte Bilder missen wie das von den zwei Herzen der Wachteln von Paphlagonien oder das Bild vom Mandelkern mit den eingekerbten Worten und so viele andere, die wissenschaftlich wohl unrichtig, aber so überaus anschaulich sind? Wir haben in der Übersetzung alle diese Bilder beibehalten, ausgenommen ganz wenige unübersetzbare.

      Großes Gewicht legten wir auf die Herausstellung des Gedankenganges und des Gedankeninhalts. Dazu dienen typographische Mittel, wie Gliederung des Textes in kleine Abschnitte und Hervorhebung durch Kursivdruck, ferner Anmerkungen, die auf beachtenswerte Gedanken aufmerksam machen sollen, die wegen der schlichten anspruchslosen Darstellung des Heiligen leicht übersehen werden.

      Man hat in den letzten Jahren viel von der Notwendigkeit einer Laienaszetik gesprochen. Hier liegt sie vor uns, geschrieben von berufenster Hand. Mögen viele katholische Männer und Frauen der oben angeführten Mahnung des Heiligen Vaters Pius XI. folgend die ³Anleitung" oft durchlesen, durchbetrachten und ihre Weisungen auszuführen suchen"; so werden sie ihren Wert erkennen und reichen nutzen daraus ziehen. Dies ist der sehnliche Wunsch des Übersetzers und seiner Helfer, zugleich reicher Lohn für ihre Mühen.

      P. Dr. Franz Reisinger OSFS
 

 

      Weihegebet

      Gütiger Jesus, mein Herr, mein Heiland und mein Gott! Ich lege dieses Werk zu Deinen Füßen nieder und weihe es Deiner Ehre.

      Belebe seine Worte durch Deinen Segen, damit die Seelen, für die ich es verfaßt habe, daraus die heiligen Eingebungen empfangen, die ich ihnen wünsche.

      Mögen sie vor allem Dein unendliches Erbarmen auf mich herabrufen, daß ich nicht anderen den Weg zur Frömmigkeit hienieden zeige und selbst im anderen Leben verworfen und auf ewig zuschanden werde.

      Laß mich mit ihnen ohne Ende den Triumphgesang singen, dieses herrliche Wort, das ich von ganzem Herzen als Treuegelöbnis inmitten dieses unsteten Lebens ausspreche:

      Es lebe Jesus! Es lebe Jesus!

      Ja, Herr Jesus. lebe und herrsche in unseren Herzen von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 


 

      Vorwort

      Mein lieber Leser, ich bitte dich, lies dieses Vorwort zu deiner und meiner Befriedigung.

      Die Blumenbinderin Glykera verstand es so geschickt, ihre Blumen auf mannigfaltige Art zusammenzustellen, daß der Maler Pausias, der die verschiedenen Sträuße zu malen versuchte, nicht imstande war, ihre stets neue Farbenpracht so auf die Leinwand zu bringen, wie sie Glykera durch geschickte Anordnung der Blumen hervorzauberte.

      So ist es auch mit den Unterweisungen für das geistliche Leben. Alle Diener Gottes tragen in ihren Predigten und Schriften die gleichen Lehren über die Frömmigkeit vor; unter der Leitung des Heiligen Geistes bringt sie aber jeder in anderer Anordnung und Zusammenstellung. Bei völlig gleichbleibender Lehre sieht daher die Darstellung immer wieder anders aus und wirkt auch anders.

      Auch ich will in dieser Anleitung das gleiche sagen wie meine Vorgänger, die über diesen Gegenstand schrieben. Ich biete Dir, lieber Leser, dieselben Blumen an wie sie. Mein Strauß wird aber anders aussehen, weil ich die Blumen anders zusammengestellt habe.1

      Die vor mir über die Frömmigkeit schrieben, hatten fast ausnahmslos Leser im Auge, die ein Leben fern von weltlichen Geschäften führten, oder solche, die sie zur Weltflucht bewegen wollten. Ich dagegen will gerade jenen helfen, die in der Stadt, im Haushalt oder bei Hof leben und durch ihren Stand notwendigerweise oft mit anderen zusammenkommen.2 Bei ihnen findet man oft die irrige Ansicht, ihnen sei das Streben nach Frömmigkeit unmöglich; sie wollen daran also nicht einmal denken.

      * * *

      Kein Tier wagt den Kern der sogenannten ³Palma Christi" auch nur mit der Zunge zu berühren; so meinen auch diese Menschen, sie dürften nicht wagen, nach der Palme der christlichen Frömmigkeit zu streben, solange sie unter dem Druck irdischer Geschäfte stehen.

      Ich frage Dich aber: Liegt nicht die Perlmutter im Meer, und läßt doch nicht einen Tropfen Meerwasser eindringen? Sprudeln nicht bei den Chelidonischen Inseln Süßwasserquellen aus Meerestiefen empor? Fliegt nicht der Feuervogel mitten durch die Flammen, ohne sich die Flügel zu versengen? - So will auch ich Dir zeigen, wie Menschen von starkem Charakter in der Welt leben können, ohne weltliches Wesen anzunehmen; wie sie inmitten der Flammen irdischer Begierlichkeit weilen können, ohne sich die Schwingen heiliger Sehnsucht nach der Frömmigkeit zu versengen; wie sich inmitten der bitteren Flut des Weltlebens ihnen Quellen erquickenden Wassers erschließen.

      Ich weiß wohl, das ist nicht leicht. Deshalb möchte ich, daß mehr Sorgfalt, mehr Eifer als bisher darauf verwendet werde. Das ist auch der Grund, warum ich trotz meiner Unfähigkeit versucht habe, in dieser Schrift allen jenen eine kleine Handhabe zu bieten, die sich hochherzig an diese hohe Aufgabe wagen.

      * * *

      Trotzdem erscheint diese Anleitung nicht etwa, weil ich mich aus eigenem Antrieb dazu entschlossen hätte. Vielmehr ersuchte mich eine tugendhafte Seele,3 die durch Gottes Gnade ein frommes Leben anstrebt, ihr dabei zu helfen. Ich war ihr verpflichtet und habe schon seit langem eine gute Anlage für dieses Vorhaben bei ihr bemerkt. So unterwies ich sie eingehend, lenkte sie durch Übungen entsprechend ihrem Wunsch und Stand und übergab ihr verschiedene Abhandlungen, die sie nach Bedarf durchlesen konnte. Ein frommer und gelehrter Ordensmann, dem sie diese Unterweisungen zeigte, war der Ansicht, sie könnten auch anderen von Nutzen sein. Er ermunterte mich sehr, sie zu veröffentlichen. Da seine Freundschaft viel über mich vermag und sein Urteil für mich maßgebend ist, gelang es ihm leicht, mich zu überreden.

      Um diese Abhandlungen nützlicher und ansprechender zu machen, habe ich alles durchgelesen, geordnet, zweckmäßige Unterweisungen und Bemerkungen hinzugefügt. Dazu stand mir aber wenig Zeit zur Verfügung. Du wirst daher nicht etwas Vollendetes finden, sondern eine Reihe gutgemeinter Ratschläge, die ich möglichst klar und verständlich darzustellen suchte. An eine schöngeformte Sprache wagte ich nicht einmal zu denken, denn ich hatte genug anderes zu tun.

      Ich rede meinen Leser mit ³Philothea" an. Was ich zuerst einer Seele schrieb, sollte nun mehreren dienen; deshalb wählte ich einen Namen, der allen gemeinsam ist, die nach Frömmigkeit streben. Philothea bedeutet ja ³Gott liebende Seele".4

      * * *

      Mit meiner Anleitung wende ich mich also an einen Menschen, der fromm sein will und nach der Gottesliebe strebt. Im ersten Teil bemühe ich mich, durch Erwägungen und Übungen den einfachen Wunsch dieses Menschen in einen festen Entschluß umzuwandeln, den er nach einer Generalbeichte in eine feierliche Erklärung faßt und mit der heiligen Kommunion besiegelt. Damit gibt er sich dem Heiland hin, empfängt ihn und hat dadurch das Glück, in den Bereich seiner heiligen Liebe zu treten.

      Um ihn auf diesem Wege weiterzuführen, zeige ich ihm zwei Hauptmittel, die ihn immer mehr mit der göttlichen Majestät vereinigen: Durch die heiligen Sakramente steigt Gott in seiner Güte zu uns herab, durch das Gebet zieht er uns zu sich empor. Darauf verwende ich den zweiten Teil meines Buches.

      lm dritten Teil zeige ich ihm, wie er sich in den verschiedenen Tugenden üben soll, die seinem inneren Fortschritt besonders förderlich sind. Hier halte ich mich länger nur bei einigen Ratschlägen auf, die er nicht leicht anderswo oder von selbst finden könnte.

      lm vierten Teil decke ich einige Fallstricke seiner Feinde auf und zeige ihm, wie er ihnen entgehen und sie überwinden kann.

      lm fünften Teil schließlich lade ich diesen Menschen ein, ein wenig in die Einsamkeit zu gehen. Hier soll er sich wieder auffrischen, Atem schöpfen und seine Kräfte erneuern. Dann vermag er um so kräftiger auszuholen und in der Frömmigkeit voranzukommen.

      * * *

      Wir leben in einer sonderbaren Zeit. Ich sehe voraus, daß manche sagen werden, um die persönliche Seelenführung sollten sich die Ordensleute und Aszeten annehmen; sie nehme mehr Zeit in Anspruch, als ein Bischof zur Verfügung habe, auf dem die Sorge für eine so schwierige Diözese lastet; außerdem nehme sie den Geist zu sehr in Anspruch, der auf wichtigere Dinge gerichtet sein sollte.

      Mit dem großen hl. Dionysius sage ich dir: Es ist in erster Linie Aufgabe der Bischöfe, die Seelen zur Vollkommenheit zu führen, da sie unter den Menschen den ersten Rang einnehmen, wie die Seraphim unter den Engeln. Sie können daher ihre freien Augenblicke nicht besser verwenden als auf diese Aufgabe. Die Bischöfe der ersten christlichen Jahrhunderte nahmen die Pflichten ihres Amtes nicht leichter als wir; trotzdem übernahmen sie die Seelenleitung bestimmter Menschen, die sie um Hilfe baten, wie wir aus ihren Briefen ersehen. Darin folgten sie den Aposteln, die wohl das große Saatfeld der Kirche bestellten, einzelner Ähren sich aber in besonderer Weise annahmen. So waren Timotheus, Titus, Philemon, Onesimus, Thekla, Appia die geliebten Kinder des hl. Paulus, Markus und Petronilla die des hl. Petrus; Petronilla war ja, wie Baronius und Galonius nachweisen, nicht die leibliche, sondern geistliche Tochter des hl. Petrus. Schreibt nicht auch der hl. Johannes einen seiner kanonischen Briefe an die fromme Frau Elekta?

      Ich gebe zu, es kostet Mühe, einzelne Seelen zu führen; aber es ist eine Mühe, die erquickt. Sie gleicht jener der Schnitter und Winzer, die nie zufriedener sind, als wenn sie sehr viel Arbeit haben. Es ist eine Arbeit, die durch ihre Schönheit das Herz derer stärkt und erquickt, die sie unternehmen. Um die Tigerkatze abzulenken, läßt der Jäger eines ihrer Jungen auf dem Wege liegen, während er die anderen davonträgt; findet sie es, dann packt sie es und wird in ihrem Lauf dadurch nicht behindert, sondern nur behender, so schwer es auch sein mag, denn die Liebe macht ihr die Last leicht. Um wieviel lieber wird ein väterliches Herz sich einer Seele annehmen, in der es den Wunsch nach Vollkommenheit festgestellt hat, wird sie mit Freuden tragen, wie eine Mutter ihr Kindlein, ohne die Schwere dieser geliebten Last zu spüren. Aber es muß wirklich ein väterliches Herz sein. Deshalb nannten die Apostel und die apostolischen Männer ihre Schüler nicht nur Kinder, sondern ganz zärtlich ³Kindlein".

      * * *

      Im übrigen, lieber Leser, ist es wohl wahr, daß ich über die Frömmigkeit schreibe, ohne selbst fromm zu sein, aber gewiß nicht ohne den Wunsch, es zu werden. Diese Liebe zur Frömmigkeit gibt mir den Mut, dich darin zu unterweisen; denn nach dem Ausspruch eines großen Schriftstellers ist ein guter Weg zu lernen das Studium, ein besserer das Hören, der beste aber das Lehren. Oft, schreibt der hl. Augustinus, empfängt man, indem man gibt. Wer zu lehren hat, ist zu lernen gezwungen.

      Alexander der Große ließ die schöne Kampaspe, die ihm sehr teuer war, von Apelles malen. Dabei mußte dieser sie eingehend betrachten; so bohrte sich die Liebe zu ihr um so tiefer in sein Herz hinein, je deutlicher er ihre Züge auf seinem Gemälde ausführte. Bald liebte er sie so leidenschaftlich, daß Alexander es merkte. Aus Mitleid gab er sie ihm zur Ehe und begab sich seiner treuen Freundin aus Liebe zu Apelles. Damit, sagt Plinius, bewies er seine Seelengröße ebenso, als hätte er eine große Schlacht gewonnen. So scheint Gott von mir als Bischof zu verlangen, daß ich nicht nur die gewöhnlichen Tugenden in die Herzen der Menschen zeichne, sondern auch die Frömmigkeit, die ihm so teuer ist, die er sehr liebt. Ich will es gern unternehmen, um ihm zu gehorchen und meine Pflicht zu erfüllen, aber auch, weil ich hoffe, daß mein Herz in heiliger Liebe zur Frömmigkeit entflammt werde, wenn ich sie in den Herzen anderer einzuprägen suche. Sieht Gott mich aber von der Liebe zu ihr erfaßt, dann wird er mich ihr gewiß auf ewig vermählen.

      Weil die schöne, keusche Rebekka die Kamele Isaaks tränkte, wurde sie zu seiner Gemahlin erkoren und empfing von ihm goldene Ohrgehänge und Armspangen. Ich führe Gottes geliebte Schäflein zu den heiligen Wassern der Frömmigkeit; darum erhoffe ich mir von seiner unermeßlichen Güte, daß er meine Seele zu seiner Braut erhebe, an mein Ohr die goldenen Worte seiner heiligen Liebe dringen lasse und meinen Armen die Kraft verleihe, diese Liebe auch in der Tat zu verwirklichen; denn darin besteht doch das Wesen der wahren Frömmigkeit. So bitte ich seine göttliche Majestät, diese Frömmigkeit den Kindern seiner Kirche zu verleihen, der ich ja für immer meine Schriften, meine Handlungen, meine Worte, mein Wollen und mein Denken unterwerfe.

      Annecy, am Fest der hl. Magdalena l609.

 


 

      ERSTER TEIL

      Anweisungen und Übungen, um den ersten

      Wunsch nach einem frommen Leben in einen

      festen Entschluß umzuwandeln.

      1. Kapitel

      Was ist wahre Frömmigkeit?

      Du sehnst dich nach Frömmigkeit, denn als Christ weißt du, daß sie eine Tugend ist, die der göttlichen Majestät überaus gefällt. Kleine Fehler am Beginn eines Unternehmens wirken sich aber immer schlimmer aus, je weiter es fortschreitet; am Ende sind sie nicht wieder gutzumachen. Deshalb mußt du zunächst wissen, was die Tugend der Frömmigkeit ist.

      Es gibt nur eine wahre Frömmigkeit, an falschen und irrigen Spielarten dagegen eine ganze Reihe. Wenn du die echte nicht kennst, kannst du dich leicht verirren und einer unbrauchbaren, abergläubischen nachlaufen.

      Aurelius gab auf seinen Bildern den Frauen die Züge jener, die er liebte. So malt sich jeder gern seine eigene Frömmigkeit aus, wie er sie wünscht und sich vorstellt. Wer gern fastet, hält sich für fromm, weil er fastet, obgleich sein Herz voll Rachsucht ist. Vor lauter Mäßigkeit wagt er nicht, seine Zunge mit Wein, ja nicht einmal mit Wasser zu benetzen, aber er schrickt nicht davor zurück, sie in das Blut seiner Mitmenschen zu tauchen durch Verleumdung und üble Nachrede. - Ein anderer hält sich für fromm, weil er täglich eine Menge Gebete heruntersagt, obwohl er nachher seiner Zunge alle Freiheit läßt für Schimpfworte, böse und beleidigende Reden gegen Hausgenossen und Nachbarn. - Der eine entnimmt seiner Geldbörse gern Almosen für die Armen, aber er kann aus seinem Herzen nicht die Liebe hervorbringen, seinen Feinden zu verzeihen. - Der andere verzeiht wohl seinen Feinden, seine Gläubiger befriedigt er aber nur, wenn ihn das Gericht dazu zwingt.

      Gewöhnlich hält man alle diese Menschen für fromm, sie sind es aber keineswegs. Die Leute Sauls suchten David in seinem Hause; Michol legte in sein Bett eine Holzfigur, angetan mit Davids Kleidern, und täuschte ihnen vor, David liege krank darnieder (1 Sam 19,11ff). So umhüllen sich auch viele Leute mit bestimmten Handlungen, die zur heiligen Frömmigkeit gehören, und die Welt hält sie deswegen für fromme, religiöse Menschen. In Wirklichkeit besitzen sie aber nur den Schein der Frömmigkeit.

      Die wahre und lebendige Frömmigkeit setzt die Gottesliebe voraus; ja sie ist nichts anderes als wahre Gottesliebe. Freilich nicht irgendeine Liebe zu Gott; denn die Gottesliebe heißt Gnade, insofern sie unserer Seele Schönheit verleiht und uns der göttlichen Majestät wohlgefällig macht; sie heißt Liebe, insofern sie uns Kraft zu gutem Handeln gibt; wenn sie aber jene Stufe der Vollkommenheit erreicht, daß wir das Gute nicht nur tun, sondern es sorgfältig, häufig und rasch tun, dann heißt sie Frömmigkeit.

      Der Strauß fliegt nie; die Hühner können wohl fliegen, aber nur schwerfällig, selten und nicht hoch; der Adler aber, die Tauben und Schwalben fliegen oft, mit Leichtigkeit und erheben sich hoch in die Lüfte. So schwingt sich auch der Sünder nie zu Göttlichem auf; er lebt nur auf der Erde und für die Erde. Gute Menschen erheben sich, ehe sie die Frömmigkeit erreicht haben, wohl zu Gott durch gute Handlungen, aber selten, langsam und schwerfällig. Fromme Menschen dagegen schwingen sich zu stolzen Höhen empor, sie tun es gern, häufig und schnell. Mit einem Wort: Frömmigkeit ist nichts anderes als Gewandtheit und Lebendigkeit im geistlichen Leben. Sie läßt die Liebe in uns oder uns in der Liebe tätig werden mit rascher Bereitschaft und Freude. Die Liebe bewirkt, daß wir alle Gebote Gottes beobachten; die Frömmigkeit; daß wir sie hurtig und bis ins kleinste erfüllen. Wer also nicht alle Gebote Gottes erfüllt, kann weder als gut noch als fromm bezeichnet werden; denn um gut zu sein, muß man die Gottesliebe besitzen; um fromm zu sein, außer der Gottesliebe noch eine große Behendigkeit und rasche Bereitschaft zu ihren Werken.

      Die Frömmigkeit ist eine höhere Stufe der Liebe; darum läßt sie uns nicht nur die Gebote Gottes eifrig, entschlossen und gewissenhaft beobachten, sondern darüber hinaus noch in liebevollem Eifer viele gute Werke vollbringen, die nicht geboten, sondern nur empfohlen sind oder zu denen wir uns angetrieben fühlen.

      Ein Mensch, der erst vom Krankenlager aufgestanden ist, geht zwar herum, soviel es notwendig ist, aber nur langsam und schwerfällig. So schreitet auch ein Sünder nach seiner Bekehrung voran, soweit es Gottes Gebot verlangt, aber schwerfällig und mühsam. Hat er aber die Frömmigkeit erreicht, dann schreitet er nicht nur kräftig aus wie ein ganz gesunder Mensch, sondern er läuft mit Leichtigkeit den Weg der Gebote Gottes; ja er schlägt sogar die Pfade der evangelischen Räte und der Eingebungen ein. um auf ihnen mutig voranzustürmen.

      So unterscheidet sich die Frömmigkeit von der Gottesliebe nicht anders, als die Flamme vom Feuer. Wenn das geistliche Feuer der Liebe hohe Flammen schlägt, dann heißt es Frömmigkeit. Die Frömmigkeit fügt zum Feuer der Liebe nur die lodernde Flamme froher Bereitschaft, Entschlossenheit und Sorgfalt nicht nur in der Beobachtung der göttlichen Gebote, sondern auch himmlischer Ratschläge und Einsprechungen.1

      2. Kapitel

      Eigenart und Wert der Frömmigkeit.

      Als die Israeliten sich anschickten, ins Gelobte Land zu ziehen, sagte man ihnen, diese Gegend ³fresse seine Bewohner" (Num 13,32f), d. h. das ungesunde Klima kürze die Lebenszeit ab; ferner seien die Einwohner Ungeheuer, wie Heuschrecken fräßen sie andere Menschen auf. Ebenso verleumdet die Welt die heilige Frömmigkeit, soviel sie kann. Sie dichtet den Frommen ein verdrießliches, trauriges und verbittertes Gesicht an, dann behauptet sie, die Frömmigkeit mache griesgrämig und unausstehlich. Josua und Kaleb verkündeten laut, das Gelobte Land sei gut und schön, es zu besitzen, müsse eine Freude sein (Num 14,7f). So versichert uns der Heilige Geist durch den Mund der Heiligen und der Herr sagt es selbst (Mt 11,28): fromm leben ist schön, beglückend und liebenswert!

      Die Welt sieht die Frommen fasten, beten, Unrecht ertragen, den Kranken dienen, die Armen beschenken, Nachtwachen halten, ihren Zorn niederringen, ihre Leidenschaften bezähmen und überwinden, irdischen Vergnügungen entsagen und ähnliches, was schwer und hart erscheint. Die Welt sieht aber nicht die innere Frömmigkeit des Herzens, die all dies begehrenswert, schön und leicht macht. Beobachte die Bienen auf dem Thymian: Sie finden dort einen bitteren Saft, sie verwandeln ihn aber in süßen Honig, indem sie ihn aufnehmen. Das ist ihre besondere Fähigkeit. So fühlen die Frommen gewiß das Bittere an den Werken der Abtötung; sie werden ihnen jedoch süß und angenehm, während sie mutig an die Ausführung gehen. Feuer und Flammen, Rad und Schwert erschienen den Märtyrern wie Blumen und Düfte, eben weil sie fromm waren. Wenn nun die Frömmigkeit den schlimmsten Qualen und sogar dem Tod ihre Bitterkeit nimmt, was wird dann erst ihre Wirkung auf die Werke der Tugend sein!

      Der Zucker süßt unreife Früchte. Er nimmt aber auch reifen Früchten das Herbe oder Schädliche. Ebenso nimmt die Frömmigkeit der Abtötung das Bittere, verhindert aber auch, daß die geistlichen Freuden ihr schaden. Sie nimmt den Armen ihren Kummer, den Reichen die Gier, den Bedrängten die Trostlosigkeit, den vom Schicksal Begünstigten die Anmaßung; sie überwindet die Traurigkeit der Einsamen und die Ausgelassenheit in der Gesellschaft. Sie ist wie das Feuer im Winter, wie kühler Tau im Sommer. Sie weiß im Reichtum zu leben und sich in Armut zu schicken; Achtung und Verachtung sind ihr gleicherweise nützlich; sie nimmt mit gleicher Gelassenheit Freude und Schmerz hin. Zu all dem verleiht sie der Seele eine wunderbare Anmut.

      Betrachte die Jakobsleiter (Gen 28,12); sie ist ein treffliches Bild des frommen Lebens. Die beiden Holme stellen das Gebet dar, das uns die Gottesliebe erbittet, und die Sakramente, die sie uns mitteilen. Die Sprossen der Leiter sind die verschiedenen Stufen der Liebe, auf denen man von Tugend zu Tugend gelangt; auf ihnen steigt man herab, um den Mitmenschen zu helfen und sie zu ertragen, oder steigt empor (durch die Beschauung) zur Liebesvereinigung mit Gott.

      Betrachte jene, die auf der Leiter stehen: Es sind Menschen mit Engelherzen oder Engel mit menschlicher Gestalt. Sie sind nicht jung, sehen aber kraftvoll und gelenkig aus; sie haben Flügel, um sich durch das heilige Gebet zu Gott zu erheben, aber auch Füße, um mit den Menschen zu verkehren in heiligem, liebenswürdigem Wandel. Ihr Antlitz ist schön und heiter, sie nehmen alles in Ruhe und Sanftmut an. Das Haupt, die Füße und Arme sind unbedeckt, weil ihre Gedanken, Wünsche und Handlungen kein anderes Ziel verfolgen, als Gott zu gefallen. Im übrigen ist ihr Körper bedeckt mit einem schönen, leichten Gewand, weil sie sich wohl der Welt und ihrer Güter bedienen, aber in ganz reiner und gerader Absicht, und nur gebrauchen, was ihr Stand verlangt. Das sind die frommen Menschen.

      Glaube mir, die Frömmigkeit ist das Schönste, was es gibt. Sie ist die Königin der Tugenden, die Vollendung der Liebe. Ist die Liebe eine Pflanze, dann ist die Frömmigkeit ihre Blüte; ist sie ein Edelstein, dann ist die Frömmigkeit sein Glanz; ist sie ein kostbarer Balsam, dann ist die Frömmigkeit dessen Duft, ein lieblicher Duft, der die Menschen erquickt und die Engel erfreut.

      3. Kapitel

      Die Frömmigkeit paßt zu jedem Stand und Beruf.

      Bei der Schöpfung befahl Gott den Pflanzen, Frucht zu tragen, jede nach ihrer Art (Gen 1,11). So gibt er auch den Gläubigen den Auftrag, Früchte der Frömmigkeit zu tragen; jeder nach seiner Art und seinem Beruf. Die Frömmigkeit muß anders geübt werden vom Edelmann, anders vom Handwerker, Knecht oder Fürsten, anders von der Witwe, dem Mädchen, der Verheirateten. Mehr noch: die Übung der Frömmigkeit muß auch noch der Kraft, der Beschäftigung und den Pflichten eines jeden angepaßt sein.1

      Wäre es denn in Ordnung, wenn ein Bischof einsam leben wollte wie ein Kartäuser? Oder wenn Verheiratete sich so wenig um Geld kümmerten wie die Kapuziner? Kann ein Handwerker den ganzen Tag in der Kirche verbringen, wie die Mönche es tun? Dürfen anderseits Mönche aus beschaulichen Orden jedermann zur Verfügung stehen, wie es der Bischof muß? - Eine solche Frömmigkeit wäre doch lächerlich, ungeordnet, ja unerträglich. Solche Dinge kommen aber oft vor. Weltmenschen, die den Unterschied zwischen der Frömmigkeit und ihren Zerrbildern nicht kennen oder nicht kennen wollen, schmähen dann die Frömmigkeit, die wahrhaftig keine Schuld an solcher Unordnung trifft.

      Nein, echte Frömmigkeit verdirbt nichts; im Gegenteil, sie macht alles vollkommen. Verträgt sie sich nicht mit einem rechtschaffenen Beruf, dann ist sie gewiß nicht echt. Die Bienen, sagt Aristoteles, entnehmen den Blumen Honig, ohne ihnen zu schaden; sie bleiben frisch und unversehrt. Die echte Frömmigkeit schadet keinem Beruf und keiner Arbeit; im Gegenteil, sie gibt ihnen Glanz und Schönheit. Kostbare Steine erhalten einen höheren Glanz, jeder in seiner Farbe, wenn man sie in Honig legt. So wird auch jeder Mensch wertvoller in seinem Beruf, wenn er die Frömmigkeit damit verbindet. Die Sorge für die Familie wird friedlicher, die Liebe zum Gatten echter, der Dienst am Vaterland treuer und jede Arbeit angenehmer und liebenswerter.

      Es ist ein Irrtum, ja sogar eine Irrlehre, die Frömmigkeit aus der Kaserne, aus den Werkstätten, von den Fürstenhöfen, aus dem Haushalt verheirateter Leute verbannen zu wollen.

      Gewiß, die beschauliche und klösterliche Frömmigkeit kann in diesen Berufen nicht geübt werden. Aber es gibt ja außerdem noch viele Formen eines frommen Lebens, die jene zur christlichen Vollkommenheit führen, die in einem weltlichen Stand leben. Im Alten Bund sehen wir als Beispiele Abraham, Isaak, Jakob, David, Job, Tobias, Sara, Rebekka, Judith. Im Neuen Bund führten ein Leben vollkommener Frömmigkeit die Heiligen Josef, Lydia, Krispin in den Werkstätten, Anna, Martha, Monika, Aquila und Priszilla im Haushalt, Kornelius, Sebastian, Mauritius als Soldaten, Konstantin, Helena, der hl. Ludwig, der selige Amatus, der hl. Eduard auf dem fürstlichen Thron.

      Es ist sogar geschehen, daß Menschen ihre Vollkommenheit in der Einsamkeit verloren haben, obwohl sie für ein frommes Leben so geeignet ist, und sie inmitten der Gesellschaft bewahrt haben, die dafür wenig günstig erscheint. Von Lot sagt der hl. Gregor, er sei in der Stadt ganz keusch geblieben, in der Einsamkeit habe er seine Seele befleckt. Wo immer wir sind, überall können und sollen wir nach einem Leben der Vollkommenheit streben.

      4. Kapitel

      Für den Beginn des frommen Lebens und dessen Fortschritt ist ein Seelenführer notwendig.

      Der junge Tobias erhielt von seinem Vater den Auftrag, nach Rages zu gehen; er wandte ein, daß er den Weg nicht kenne. ³Geh also", sagte der Vater, ³und suche dir einen Führer" (Tob 5,2ff). Ich sage dir dasselbe: Willst du dich mit Vorbedacht auf den Weg der Frömmigkeit begeben, so suche dir einen vortrefflichen Mann als Führer und Berater. Das ist der dringlichste Rat. den ich dir geben kann. Was du auch suchst, sagt der fromme Avila, du wirst den Willen Gottes nirgends so sicher finden als auf dem Weg demütigen Gehorsams, den einst alle Frommen geübt und sehr empfohlen haben.

      Die hl. Theresia bewunderte die strengen Bußübungen einer Katharina von Cordona und wollte es ihr gleichtun. Der Beichtvater verbot es ihr, sie war aber versucht, ihm darin nicht zu gehorchen. Da sprach Gott zu ihr: ³Meine Tochter, du hast einen guten und sicheren Weg. Siehst du auf ihre Bußübungen? Ich liebe mehr deinen Gehorsam." Von da an liebte sie den Gehorsam so sehr, daß sie außer dem pflichtmäßigen Gehorsam gegen ihre Oberen noch einem vortrefflichen Priester Gehorsam gelobte und sich verpflichtete, seiner Führung und Leitung zu folgen; dies brachte ihr sehr viel geistliche Freude ein. Vor und nach ihr haben viele frommen Menschen ihren Willen einem Diener Gottes unterstellt, um sich dadurch besser dem heiligen Willen Gottes zu unterwerfen. Die hl. Katharina von Siena hebt das in ihren Zwiegesprächen lobend hervor. Die heilige Fürstin Elisabeth leistete dem Meister Konrad unbedingten Gehorsam, der große hl. Ludwig gab vor dem Tod seinem Sohn unter anderem diesen Rat: ³Geh oft zur heiligen Beichte, suche dir einen geeigneten, klugen Beichtvater, der dich mit Sicherheit in den Dingen unterweisen kann, die dir notwendig sind."

      ³Ein treuer Freund", sagt die Heilige Schrift, ³ist ein starker Schutz; wer ihn findet, hat einen Schatz gefunden. Ein treuer Freund ist ein Balsam für das Leben und für die Unsterblichkeit; wer Gott fürchtet, findet ihn" (Sir 6,14ff). Du siehst, wie diese Worte vor allem die Unsterblichkeit betreffen, für die wir einen treuen Freund brauchen. Durch seine Ratschläge und Weisungen leitet er unseren Wandel und schützt uns vor den Nachstellungen und Verführungen des bösen Feindes. Er wird uns ein Born der Weisheit in unseren Schwierigkeiten sein, wenn wir niedergeschlagen oder gefallen sind. Er wird uns Arznei sein, um das Herz in seinen seelischen Nöten aufzurichten und zu trösten. Er wird uns vor dem Übel bewahren und das Wohl unserer Seele fördern. Befällt uns eine Schwäche, so wird er verhindern, daß sie zum Tode führe, und wird uns wieder aufhelfen.

      Wer aber wird diesen Freund finden? Der Weise antwortet: ³Wer Gott fürchtet", das heißt der Demütige, der durchdrungen ist von der Sehnsucht nach geistlichem Fortschritt. Da ein guter Führer auf dem Weg der Vollkommenheit so wichtig ist, bete inständig zu Gott, daß er dir einen nach seinem Herzen schenke. Sei versichert: müßte Gott dir auch einen Engel vom Himmel schicken wie dem jungen Tobias, er wird dir einen guten und treuen Führer geben.

      Er soll dir aber wirklich wie ein Engel sein; das heißt: hast du ihn gefunden, so betrachte ihn nicht als gewöhnlichen Menschen; setze dein Vertrauen nicht auf seine Person noch auf sein menschliches Wissen, sondern auf Gott. Er wird dir seine Gunst erweisen und durch diesen Menschen zu dir sprechen, ihm das in Herz und Mund legen, was deinem Glück dient. Deshalb mußt du auf ihn wie auf einen Engel hören, der vom Himmel herabgestiegen ist, um dich emporzuführen. Sprich mit ihm ganz offen, aufrichtig und einfach. Zeige ihm mit aller Klarheit das Gute wie das Böse an dir, ohne etwas zu verschleiern oder zu verheimlichen. So wird das Gute in dir erprobt und gefestigt, das Schlechte gebessert und geheilt. In Schwierigkeiten wirst du Erleichterung finden; wenn geistliche Freude dich erfüllt, wird er dich Maß und Ordnung halten lehren.

      Bring ihm großes Vertrauen entgegen, verbunden mit heiliger Ehrfurcht, so daß die Ehrfurcht nicht das Vertrauen mindert, das Vertrauen dagegen die Ehrfurcht nicht verhindert. Vertrau dich ihm an mit der Ehrfurcht einer Tochter vor dem Vater; verehre ihn mit dem Vertrauen eines Sohnes zur Mutter. Mit einem Wort: diese Freundschaft soll ganz stark, aber milde sein, ganz heilig, göttlich und geistig.

      ³Suche dafür einen aus tausend", sagt Avila. Und ich sage: einen aus zehntausend! Denn es finden sich weniger, die für diese Aufgabe geeignet sind, als man glauben möchte. Er soll voll Liebe, Wissenschaft und Klugheit sein. Fehlt eine dieser Eigenschaften, so bist du in Gefahr. Aber ich wiederhole: Bitte Gott darum, und hast du ihn gefunden, so danke der Majestät Gottes. Bleib bei ihm und suche nicht nach einem anderen. Wandle vertrauensvoll in aller Einfalt und Demut. Dann wird deine Reise glücklich sein.

      5. Kapitel

      Die Läuterung der Seele ist das erste.

      Der Bräutigam im Hohen Lied spricht: ³Die Blüten im Lande sind aufgegangen, die Zeit zum Reinigen und Beschneiden ist da" (Hld 2,12). Was sind die Blüten unseres Herzens anderes als die guten Wünsche? Sobald sie sich zeigen, müssen wir das Messer zur Hand nehmen und aus unserem Gewissen alle toten und unnützen Werke entfernen. Wollte ein fremdes Mädchen einen Israeliten heiraten, so mußte es das Kleid der Unfreien ablegen, Nägel und Haare beschneiden (Dtn 21,12ff). Eine Seele, die nach der Ehre einer Braut des Gottessohnes strebt, muß den alten Menschen ablegen und den neuen anziehen (Eph 4,22ff). Sie muß sich von der Sünde abkehren, alles entfernen und herausschneiden, was der Gottesliebe hinderlich und schädlich ist.1 Sind wir von den unreinen Säften gereinigt, so ist dies der Anfang unserer Genesung.

      Der hl. Paulus wurde in einem Augenblick und vollständig geläutert; ebenso die hl. Katharina von Genua, Magdalena, Pelagia und einige andere. Eine derart plötzliche Läuterung ist ein Wunder und in der Gnadenordnung so außergewöhnlich, wie etwa die Erweckung eines Toten in der Ordnung der Natur; wir dürfen sie also nicht anstreben. Gewöhnlich geschieht die Genesung des Leibes wie der Seele nur allmählich, Schritt für Schritt, von Stufe zu Stufe, mit großem Aufwand an Mühe und Zeit.

      Die Engel auf der Jakobsleiter haben Flügel, sie fliegen aber nicht, sondern steigen die Stufen auf und ab, eine nach der anderen. Eine Seele, die von der Sünde zur Frömmigkeit emporsteigt, wird mit der Morgenröte verglichen (Spr 4,18), die nicht plötzlich, sondern nur allmählich die Finsternis vertreibt. Eine Heilung, die nur langsam vor sich geht, bezeichnet der Volksmund als die sicherste. Die Krankheiten der Seele wie des Leibes kommen wie zu Pferd im Galopp, ziehen aber zu Fuß und im Schritt ab.

      Bei diesem Beginnen mußt du also Mut und Geduld haben. Wie bedauernswert sind doch Menschen, die nach anfänglichem Bemühen um die Frömmigkeit merken, daß sie noch mit verschiedenen Unvollkommenheiten behaftet sind, darüber unruhig, verwirrt und mutlos werden und nahe daran sind, alles aufzugeben und sich wieder der Sünde zu überlassen!

      Andererseits ist für manche Menschen eine entgegengesetzte Versuchung gefährlich; sie reden sich selbst ein, daß sie schon vom ersten Tag an von allen Unvollkommenheiten frei seien; sie glauben fertig zu sein, ehe sie richtig angefangen haben; sie setzen zum Flug an, bevor ihnen Flügel gewachsen sind. ln welcher Gefahr eines Rückfalls schweben doch solche Menschen, weil sie sich zu früh den Händen des Arztes entzogen haben! ³Steh nicht auf, bevor es Tag geworden", sagt der Prophet; ³steh erst auf, nachdem du ausgeruht" (Ps 127,2). Er hielt sich daran; da er schon gewaschen und gereinigt war, betete er darum, es noch mehr zu werden (Ps 51,4).

      Das Bemühen um die Reinigung unserer Seele kann und soll nur mit unserem Leben ein Ende finden. Regen wir uns also nicht auf über unsere Unvollkommenheiten: unsere Vollkommenheit besteht eben darin, daß wir die Unvollkommenheiten bekämpfen. Wir können sie aber nicht bekämpfen, wenn wir sie nicht sehen; wir können sie nicht überwinden, wenn wir ihnen nicht begegnen. Unser Sieg besteht nicht darin, daß wir sie nicht wahrnehmen, sondern darin, daß wir uns ihnen nicht beugen. Der aber beugt sich ihnen nicht, der sie unangenehm empfindet. Zur Übung der Demut müssen wir wohl manchmal in diesem geistlichen Kampf verwundet werden; besiegt wären wir aber erst dann, wenn wir das Leben oder den Mut verloren hätten. Unvollkommenheiten und läßliche Sünden zerstören nicht das geistliche Leben; es geht nur durch die Todsünde verloren. Eines ist also notwendig: den Mut nicht verlieren! ³Befreie mich, Herr, von Feigheit und Mutlosigkeit" (Ps 55,17), betete David. Es ist ein Glück für uns, daß wir in diesem Krieg immer Sieger sind, solange wir nur kämpfen wollen. 2

      6. Kapitel

      Erste Reinigung: von der Todsünde.

      Die erste Reinigung, der wir uns unterziehen müssen, ist die von der Sünde. Das Mittel dazu ist das heilige Bußsakrament. Suche dir dafür den besten Beichtvater, den du finden kannst. Bediene dich eines Buches, das eine gute Anleitung zur Beichte enthält, wie Granada, Bruno, Arias, Auger. Lies es aufmerksam durch und merke dir im einzelnen, was du an Fehlern seit deiner Kindheit bis zur Stunde begangen hast. Kannst du dich auf dein Gedächtnis nicht verlassen, dann notiere, was du gefunden hast. Hast du auf diese Weise alles Sündhafte aus deinem Leben zusammengetragen, dann verabscheue und verwirf es durch die aufrichtigste Reue, deren dein Herz fähig ist. Erwäge, daß du durch diese Sünden die Gnade Gottes verloren, dem Himmel den Rücken gekehrt, die ewigen Peinen der Hölle verdient, auf die unendliche Liebe Gottes verzichtet hast.

      Du siehst wohl, daß ich von einer Generalbeichte über dein ganzes Leben spreche. Sie ist gewiß nicht immer unbedingt notwendig, sicher aber für den Beginn eines frommen Lebens sehr nützlich. Deswegen rate ich dir dringend dazu. Die gewöhnlichen Beichten der Durchschnittschristen sind ja leider oft sehr mangelhaft; sie bereiten sich nur oberflächlich vor oder sie haben nicht die erforderliche Reue. Viele gehen sogar zur Beichte mit der heimlichen Absicht, wieder zur Sünde zurückzukehren, denn sie sind nicht entschlossen, die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden, noch die notwendigen Mittel zur Besserung des Lebens anzuwenden. In all diesen Fällen ist eine Generalbeichte zum Heil der Seele notwendig.

      Darüber hinaus führt uns die Generalbeichte zur Selbsterkenntnis, erweckt in uns eine heilsame Scham über das vergangene Leben; Bewunderung für die Barmherzigkeit Gottes, die mit solcher Langmut auf unsere Bekehrung gewartet hat; sie beruhigt das Herz, nimmt eine Last von der Seele, läßt gute Vorsätze reifen und gibt unserem geistlichen Vater Anhaltspunkte zu guten Ratschlägen nach unseren persönlichen Bedürfnissen. Haben wir ihm einmal unser Herz geöffnet, dann können wir uns in späteren Beichten vertrauensvoll aussprechen. Durch den Entschluß, ein frommes Leben zu führen, soll ja die vollständige Erneuerung des Herzens und die Hingabe der ganzen Seele an Gott erzielt werden. Du siehst also, daß ich dir mit Recht zur Generalbeichte rate.

      7. Kapitel

      Zweite Reinigung: von der Anhänglichkeit an die Sünde.1

      Als die lsraeliten Ägypten verließen, waren nicht alle mit dem Herzen dabei. Deshalb trauerten viele von ihnen in der Wüste dem Fleisch und den Zwiebeln nach, die sie in Ägypten reichlich genossen hatten (Num 11,4.5). So gibt es auch viele Menschen, die sich nach außen von der Sünde abwenden, nicht aber innerlich. Sie wollen zwar nicht mehr sündigen, bedauern aber, daß sie den unseligen Genüssen der Sünde entsagen müssen. Sie verzichten auf die Sünde und entfernen sich von ihr, können aber nicht unterlassen, manchmal nach ihr umzuschauen, wie Lots Frau nach Sodoma (Gen 19,26). Sie enthalten sich der Sünde, wie die Kranken der Melonen; der Arzt drohte, sie müßten daran sterben, deshalb essen sie nicht davon; aber sie jammern, weil sie darauf verzichten müssen, sie reden immer wieder davon, sie verhandeln, ob man sie nicht versuchen könnte, sie möchten wenigstens daran riechen und preisen jene glücklich, die sie essen dürfen.

      So machen es auch schwache, unentschlossene Menschen; sie meiden zwar die Sünde, aber mit Bedauern. Sie möchten gern sündigen, wenn sie deswegen nicht verdammt würden. Sie reden gern voll Behagen von der Sünde und beneiden die Sünder.

      Da ist ein rachsüchtiger Mensch. In der Beichte verzichtet er wohl darauf, sich zu rächen; wenig später erzählt er unter Freunden mit Behagen von seinem Streit: Wäre er nicht gottesfürchtig, dann hätte er es seinem Widersacher schon gezeigt ! Das göttliche Gebot, seinen Feinden zu verzeihen, sei schon schwer; wie schön wäre es, wenn es erlaubt wäre, sich an ihnen zu rächen... Wer sieht nicht, daß dieser arme Mann zwar nicht gerade die Sünde begeht, aber ganz verstrickt ist in der Liebe zur Sünde? Er hat Ägypten dem Leibe, nicht aber dem Herzen nach verlassen, denn er sehnt sich nach dem Knoblauch und den Zwiebeln zurück. Damit gleicht er einer Frau, die wohl sündhafter Liebe entsagt hat, sich aber freut, wenn man ihr den Hof macht. - In welcher Gefahr befinden sich doch solche Menschen!

      Du willst ein frommes Leben führen. Daher mußt du nicht nur von der Sünde lassen, sondern auch aus deinem Herzen alle Bindungen zur Sünde entfernen. Die erbärmlichen Anhänglichkeiten setzen dich nicht nur der Gefahr aus, wieder in Sünde zu fallen, sie schwächen außerdem dauernd deinen Willen und hemmen ihn so sehr, daß er nicht fähig ist, das Gute rasch, sorgfältig und häufig zu tun; darin aber besteht doch das Wesen der Frömmigkeit.

      Menschen, die den Zustand der Sünde verlassen haben, aber noch diesen Anhänglichkeiten und Schwächen unterworfen sind, kommen mir vor wie bleichsüchtige Mädchen: Sie sind nicht krank, aber ihr ganzes Gehaben kränkelt; sie essen ohne Appetit, schlafen, ohne auszuruhen, lachen ohne Freude; statt zu gehen, schleichen sie förmlich dahin. Auch diese Menschen tun das Gute in einer Art geistiger Müdigkeit; damit nehmen sie ihren guten Werken alle Anmut, sie bringen überhaupt nur wenige und noch weniger wirksame zustande.

      8. Kapitel

      Wie geschieht diese Reinigung?

      Der erste Beweggrund für diese zweite Reinigung ist die lebendige und starke Überzeugung, daß die Sünde ein großes Übel ist, und eine tiefe, aufrichtige Reue als Folge dieser Erkenntnis. Ist diese Reue echt, so reinigt sie uns in Verbindung mit der Kraft des Sakramentes von der Sünde, selbst wenn sie nicht sehr tief wäre. Ist sie aber stark und lebendig, dann befreit sie uns außerdem von jeder Anhänglichkeit an die Sünde. Ein schwacher Haß, eine bloße Abneigung bewirkt, daß man den Gegenstand des Hasses nicht leiden kann und seine Gesellschaft meidet. Ein leidenschaftlicher, tödlicher Haß dagegen läßt uns nicht nur jenen meiden und verabscheuen, den man haßt; vielmehr fliehen wir auch den Verkehr mit seinen Verwandten und Freunden, ja wir verabscheuen sogar sein Bild und alles, was mit ihm zu tun hat. Wer die Sünde mit einer zwar echten aber schwachen Reue haßt, ist wohl entschlossen, nicht mehr zu sündigen; haßt er sie aber mit einer starken, tiefen Reue, dann verabscheut er nicht nur die Sünde selbst, sondern auch jede Anhänglichkeit an sie und alles, was mit ihr zusammenhängt und zu ihr führt.

      Die Reue muß uns daher so tief und so stark erfassen, daß sie sich auch auf das geringste erstreckt, was mit der Sünde zusammenhängt. So verlor Magdalena so völlig den Geschmack an der Sünde und ihren Freuden, daß sie nie mehr daran dachte. David beteuert, daß er nicht nur die Sünde haßte, sondern alle ihre Spuren und Pfade (Ps 119,104.128). Darin besteht die Erneuerung der Seele, die dieser Prophet mit der Wiedergeburt des Adlers vergleicht (Ps 103,5).

      Um diese Reue zu erwecken, mußt du dich aufmerksam in den folgenden Betrachtungen1 üben. Sie werden dann mit der Gnade Gottes die Sünde und die wichtigsten Anhänglichkeiten an sie in deinem Herzen entwurzeln. Zu diesem Zweck habe ich sie zusammengestellt. Halte die Betrachtungen nacheinander in der Reihenfolge, wie ich sie angegeben habe; nimm täglich nur eine vor,2 womöglich am Morgen; das ist die beste Zeit für die Tätigkeit des Geistes. Tagsüber denke sie immer wieder durch. Weißt du noch nicht, wie man betrachtet, so lies vorher, was darüber im zweiten Teil steht.3

      9. Kapitel

      Erste Betrachtung: Die Schöpfung.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Bitte ihn um sein Licht.

      Erwägungen. 1. Es ist noch nicht lange her, da warst du noch nicht auf der Welt, warst in Wahrheit nichts. Wo waren wir damals, meine Seele? Die Welt existierte schon lange - und man hatte von uns noch nichts gehört.

      2. Gott hat dich aus diesem Nichts hervorgehen lassen, um dich zu dem zu machen, was du bist, ohne daß er dich gebraucht hätte, einzig durch seine Güte.

      3. Betrachte die Natur, die Gott dir gegeben: Sie ist die volkommenste der sichtbaren Welt, befähigt zum ewigen Leben und zur vollkommenen Vereinigung mit der göttlichen Majestät.

      Affekte und Entschlüsse. 1. Demütige dich tief vor Gott! Sprich von Herzen mit dem Psalmisten: ³Herr, vor Dir bin ich in Wahrheit nichts" (Ps 39,6). ³Wie hast Du doch meiner gedacht, mich zu erschaffen?" (Ps 8,5). Meine Seele, du warst versunken im Nichts; was wärest du in diesem Nichts?

      2. Danke Gott! Mein erhabener und gütiger Schöpfer, wieviel Dank schulde ich Dir, daß Du mich aus dem Nichts gezogen hast, um mich durch Deine Barmherzigkeit zu dem zu machen, was ich bin. Was kann ich nur tun, um Deinen Namen würdig zu preisen und Deiner unermeßlichen Güte gebührend zu danken?

      3. Schäme dich! Mein Schöpfer, statt Dir meine Liebe und meinen Dienst zu schenken, habe ich mich gegen Dich aufgelehnt. Ich hing ungeordneten Neigungen an, trennte und entfernte mich von Dir, um der Sünde nachzulaufen. So wenig habe ich Deine Güte geehrt, als ob Du gar nicht mein Schöpfer wärest.

      4. Demütige dich vor Gott! Wisse, meine Seele, daß Gott dein Herr ist; Er hat dich erschaffen, nicht du hast dich selbst gezeugt (Ps 100,3). O Gott, ich bin das Werk Deiner Hände (Ps 138,8)!

      5. Da ich also nichts bin, will ich mich nicht mehr selbstgefälligen Gedanken überlassen. - Wessen willst du dich denn rühmen, Staub und Asche? Ein wahres Nichts bist du; womit kannst du dich brüsten? (Sir 10,9). - Ich will mich demütigen und dies und jenes tun, diese oder jene Verachtung ertragen. Ich will mir der Ehre bewußt sein, daß er mir die menschliche Natur geschenkt hat, und sie ausschließlich zur Erfüllung seines Willens gebrauchen; dazu will ich mich aller Mittel bedienen, die mein Seelenführer anraten wird.

      Schluß. 1. Dank: Meine Seele preise den Herrn und mein Herz lobe seinen heiligen Namen (Ps 102,1), denn seine Güte hat mich aus dem Nichts gezogen, seine Barmherzigkeit hat mich erschaffen.

      2. Aufopferung: Mein Gott, ich opfere Dir das Sein auf, das Du mir gegeben; ich schenke und weihe Dir mein Herz.

      3. Bitte: Gott, stärke meine Empfindungen und Entschlüsse. Heilige Jungfrau, empfiehl sie der Barmherzigkeit Deines Sohnes, wie auch alle, für die ich beten soll. Vater unser. Gegrüßt seist Du, Maria.

      Nach der Betrachtung geh ein wenig auf und ab. Pflücke einen kleinen Blumenstrauß aus deinen Erwägungen, an dem du dich tagsüber erquicken kannst.

      10. Kapitel

      Zweite Betrachtung: Unser Ziel.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Bitte, daß er dich erleuchte.

      Erwägungen 1. Gott hat dich in das Leben gerufen, nicht etwa weil er dich gebraucht hätte; du kannst ihm doch nichts nützen. Er hat dich geschaffen, einzig um an dir durch das Geschenk seiner Gnade und seines Reichtums seine Güte zu betätigen. Deshalb gab er dir den Verstand, ihn zu erkennen; das Gedächtnis, dich seiner zu erinnern; den Willen, ihn zu lieben; die Phantasie, seine Wohltaten dir vorzustellen; die Augen, seine wunderbaren Werke zu sehen; die Zunge, ihn zu preisen; deshalb gab er dir auch all die anderen Fähigkeiten.

      2. In dieser Absicht bist du erschaffen und zur Welt gekommen; darum mußt du alles verwerfen und meiden, was ihr widerspricht, als nichtig und überflüssig betrachten, was ihr nicht dient.

      3. Wie unglücklich sind doch irdisch gesinnte Menschen, die daran nicht denken, sondern so leben, als wären sie nur auf der Welt, um Häuser zu bauen, Bäume zu pflanzen, Reichtümer aufzuhäufen und Kindereien zu treiben.

      Affekte und Entschlüsse. 1. Schäme dich deiner Armseligkeit, da du bisher so wenig oder überhaupt nicht an dies gedacht hast. Sprich: Mein Gott, woran dachte ich denn, da ich Deiner nicht gedachte ? Was erfüllte mein Gedächtnis, da ich Deiner vergaß? Was liebte ich, da ich Dich nicht liebte? Ach, ich sollte mich sättigen an der Wahrheit, und ich habe mich mit eitlen Dingen vollgestopft! Ich diente der Welt, die doch auch nur Dir zu dienen bestimmt ist.

      2. Verabscheue dein vergangenes Leben: Ich verzichte auf euch, eitle Gedanken, nutzlose Pläne; ich will nichts mehr von euch wissen, ihr abscheulichen und frivolen Erinnerungen; ich verzichte auf euch, ihr Freundschaften ohne Treue, bedauerliche Nachgiebigkeiten.

      3. Bekehre dich zu Gott: Mein Gott und Heiland, Du allein sollst in Zukunft der Gegenstand meines Denkens sein. Nie mehr will ich meinen Geist Gedanken zuwenden, die Dir mißfallen. Mein Gedächtnis soll alle Tage meines Lebens Deiner großen Güte gedenken, die Du mir so liebevoll erwiesen hast. Du sollst die Freude meines Herzens sein, die Wonne meiner Liebe. - Ein Greuel sollen mir in Zukunft die erbärmlichen Freuden sein, an denen ich hing, jene Dir mißfälligen Handlungen, die meine Tage ausfüllten, diese Liebe, die mein Herz gefangen hielt. Dafür werde ich diese und jene bestimmten Heilmittel anwenden.

      Schluß. 1. Danke Gott, der dich für dieses erhabene Ziel erschaffen hat: Herr, für Dich hast Du mich erschaffen, damit ich mich ewig Deiner unendlichen Herrlichkeit erfreue. Wann werde ich mich dessen würdig erweisen? Wann werde ich Dich so preisen, wie es meine Pflicht ist?

      2. Aufopferung: Mein Schöpfer, ich opfere Dir alle Regungen meines Herzens und alle Entschlüsse auf mitsamt meiner Seele und meinem Herzen.

      3. Bitte: Ich bitte Dich, mein Gott, nimm diese Wünsche und Entschlüsse wohlgefällig auf. Segne mich, daß ich diese Vorsätze ausführe, durch die Verdienste des kostbaren Blutes Christi, das er am Kreuz vergossen hat.

      Winde dir einen kleinen Blumenstrauß frommer Gedanken.

      11. Kapitel

      Dritte Betrachtung: Gottes Wohltaten.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Bitte ihn um sein Licht.

      Erwägungen. 1. Betrachte die äußeren Güter, die Gott dir gab: deinen Leib, die Möglichkeiten, ihn zu pflegen; die Gesundheit, erlaubte Freuden, deine Freunde, vielfache Hilfe, die du brauchst... Denke voll Mitleid, wieviele Menschen, die besser sind als du, diese Wohltaten entbehren müssen; ihnen fehlt die Gesundheit, der Gebrauch der Glieder; sie sind der Verachtung und Schande preisgegeben oder leben in Armut. Gott hat nicht zugelassen, daß du dieses Los teilst.

      2. Erwäge die Gaben des Geistes: Denke an die vielen Schwachsinnigen oder Irren; warum bist du nicht einer von ihnen? Gott hat dich davor bewahrt. Wie viele wachsen unwissend und ohne Bildung auf; seine Vorsehung hat dir eine gute Erziehung verschafft.

      3. Erwäge die übernatürlichen Gnaden: Du bist ein Kind der Kirche. Von Jugend an durftest du Gott kennen lernen. Wie oft hat er dir seine heiligen Sakramente gespendet! Wie oft Einsprechungen, innere Erleuchtungen, Mahnungen zur Umkehr gegeben! Wie oft deine Fehler verziehen, dich vor dem Verderben bewahrt, dem du ausgesetzt warst! Und gibt dir Gott nicht jetzt die Möglichkeit, in deinem Seelenleben voranzukommen? Betrachte doch im einzelnen, wie gütig Gott gegen dich ist.

      Anmutungen und Entschlüsse. 1. Staune über Gottes Güte: Wie gut ist doch Gott gegen mich! Wie gut ist er! Wie reich an Erbarmen ist Dein Herz, o Herr! Wie freigebig an Güte! Meine Seele, wir wollen immer wieder davon sprechen, wieviel Gnade uns der Herr gewährt.

      2. Wundere dich über deinen Undank: Wer bin ich denn, o Herr, daß Du meiner gedacht? Ich habe Deine Wohltaten mit Füßen getreten, Deine Gnade verunehrt, Deine große Güte mißbraucht und verachtet, Deiner abgrundtiefen Güte und Freigebigkeit meinen bodenlosen Undank entgegengesetzt.

      3. Erwecke in dir Gefühle des Dankes: Wohlan, mein Herz, du darfst gegen deinen großen Wohltäter nicht mehr treulos und undankbar sein. Wie sollte meine Seele Gott nicht für alle Zukunft ganz gehören? Er hat in mir und für mich so viel Wunderbares an Gnaden gewirkt!

      4. Entzieh also deinen Leib dieser oder jener Sinnenlust, um ihn dem Dienste Gottes zu weihen; Gott hat viel mehr für dich getan. Bemühe dich, Gott zu erkennen und ihm dankbar zu sein durch diese oder jene dafür geeigneten Handlungen. Gebrauche eifrig alle Mittel, die dir die Kirche an die Hand gibt, um dich zu retten und zur Liebe Gottes zu führen. Ja, ich will in Zukunft gern beten, die heiligen Sakramente empfangen, das Wort Gottes hören, seine heiligen Einsprechungen und Ratschläge befolgen.

      Schluß. 1. Danke Gott, daß er dich deine Pflicht erkennen ließ, und für alle Wohltaten, die du von ihm empfangen.

      2. Opfere ihm dein Herz auf mit all seinen Entschlüssen.

      3. Bitte ihn, daß er dich stärke, diese Entschlüsse treu auszuführen, durch die Verdienste des bitteren Leidens und Sterbens seines Sohnes.

      Bitte die allerseligste Jungfrau und die Heiligen um ihre Fürsprache. - Vater unser. Gegrüßt seist Du, Maria.

      Pflücke einen kleinen geistlichen Blumenstrauß.

      12. Kapitel

      Vierte Betrachtung: Die Sünde.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Bitte ihn um sein Licht.

      Erwägungen. 1. Denke zurück an die Zeit, da du zu sündigen begonnen. Sieh, wie sich die Sünden seit jenem ersten Mal in deinem Herzen vervielfacht haben; von Tag zu Tag sind sie zahlreicher geworden: Sünden wider Gott, gegen dich selbst, wider deine Mitmenschen; Sünden durch Handlungen, Worte, Begierden, Gedanken.

      2. Denke an deine schlechten Anlagen; wieviel hast du ihnen nachgegeben? Du wirst sehen, daß deiner Fehler mehr sind, als die Haare deines Hauptes (Ps 40,13), mehr als die Sandkörner am Meeresstrand.

      3. Erwäge besonders den Undank gegen Gott; diese Sünde teilt ihre Bosheit allen Sünden mit und macht sie verabscheuungswert. Sieh, Gott schenkte dir so viele Wohltaten, du aber hast sie gegen ihren Spender mißbraucht. Wieviel mißachtete Eingebungen, wieviel vertrödelte gute Regungen! Und was noch schlimmer ist als alles: wie oft hast du die heiligen Sakramente empfangen, - und wo sind die Früchte davon? Was ist aus dem kostbaren Geschmeide geworden, mit dem dich dein liebevoller Bräutigam geschmückt hat? All seine Wohltaten sind verschüttet von deinen Missetaten! Wie hast du dich auf ihren Empfang vorbereitet? Bedenke diese Undankbarkeit: Gott ging dir immer nach, um dich zu retten, und du bist stets vor ihm geflohen, zu deinem eigenen Schaden.

      Anmutungen und Entschlüsse. 1. Schäme dich über deine Erbärmlichkeit: Mein Gott, wie kann ich es wagen, vor Deinem Angesicht zu erscheinen? Ich bin ein verworfener Mensch, undankbar und sündig. Wie ist das möglich, daß ich so treulos sein konnte? Nicht einen meiner Sinne, nicht eine meiner seelischen Fähigkeiten habe ich vor der Sünde bewahrt, unversehrt und rein erhalten! Kein Tag verging, an dem ich nicht Böses getan hätte! Sollte das meine Erwiderung auf die Wohltaten meines Schöpfers und das Blut meines Erlösers sein?

      2. Bitte um Verzeihung und wirf dich dem Herrn zu Füßen, wie der verlorene Sohn, wie Maria Magdalena, wie das ehebrecherische Weib: Herr, Verzeihung für mich Sünder! Lebendige Quelle des Erbarmens, sei barmherzig mit mir Armen!

      3. Nimm dir vor, besser zu leben: Nein, Herr, nie mehr will ich mich der Sünde hingeben! Ich baue auf Deine Gnade. Ich habe die Sünde zu sehr geliebt; ich verabscheue sie jetzt und wende mich Dir zu, barmherziger Vater. ln Dir will ich leben und sterben.

      4. Um die begangenen Sünden auszulöschen, will ich sie mutig bekennen. Alle will ich tilgen, alle ohne Ausnahme.

      5. Ich will alles tun, um die Sünden aus meinem Herzen zu reißen, vor allem diese und jene, die mir besonders mißfallen.

      6. Dazu will ich stets die Mittel gebrauchen, die man mir empfehlen wird. Nie kann ich zu viel tun, um so große Fehler wieder gutzumachen.

      Schluß. Danke Gott, der bis jetzt auf dich gewartet und dir diese guten Entschlüsse eingegeben hat. Opfere ihm dein Herz auf. Bitte ihn, daß er dich stärke, um sie auszuführen.

      13. Kapitel

      Fünfte Betrachtung: Der Tod.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Bitte ihn um seine Gnade. Stelle dir vor, du liegest todkrank auf dem Sterbebett, ohne Hoffnung, dem Tod zu entrinnen.

      Erwägungen: 1. Erwäge, wie unbestimmt der Tag deines Todes ist: Meine Seele, du wirst eines Tages deinen Leib verlassen. Wann aber? Im Winter oder Sommer? In der Stadt oder auf einem Dorf? Während des Tages oder zur Nachtzeit? Unerwartet oder vorhergesehen? Durch eine Krankheit oder einen Unfall? Wirst du vorher beichten können? Wird dir dein Beichtvater oder Seelenführer beistehen? Von all dem wissen wir leider gar nichts. Nur das eine ist sicher, daß wir sterben werden - wahrscheinlich früher, als wir denken.

      2. Erwäge, daß es dann mit der Welt für dich aus ist. Alles wird in deinen Augen umgewertet werden. Vergnügungen, Eitelkeiten, weltliche Freuden, nichtige Liebeleien: all das wird uns dann wie ein nebelhaftes Trugbild erscheinen. Ich Armer! Um solcher Bagatellen und Einbildungen willen habe ich Gott beleidigt. Für ein Nichts Gott verlassen! - Die Frömmigkeit dagegen, die guten Werke wirst du als schön und begehrenswert erkennen. Warum bin ich nicht diesen herrlichen, gnadenvollen Weg gegangen? - Deine Sünden, die du früher für klein gehalten, werden dir auf einmal wie ragende Berge erscheinen, deine Frömmigkeit dagegen sehr klein.

      3. Erwäge, daß deine Seele von allen Dingen dieser Welt Abschied nehmen muß: vom Reichtum, von den Eitelkeiten, von sinnlosen Gesellschaften, Vergnügungen, Unterhaltungen, von Freunden, Nachbarn, von deinen Eltern und deinen Kindern, von deinem Mann oder deiner Frau; kurz von allen Geschöpfen; schließlich vom eigenen Leib; sie wird ihn totenblaß, entstellt, häßlich und übelriechend zurücklassen.

      4. Erwäge, wie eilig man deinen Leichnam fortschaffen und unter die Erde bringen wird. Nachher wird kaum noch jemand an dich denken, so wie du sehr wenig an die Verstorbenen denkst. ³Herr, gib ihm die ewige Ruhe", wird man sagen - das ist alles. Tod, wie bist du gewaltig! Wie unerbittlich bist du!

      5. Erwäge: wenn deine Seele den Leib verlassen hat, wird sie ihren Platz zur Rechten oder zur Linken finden. Nach welcher Seite wird deine Seele sich wenden, welche Richtung wird sie einschlagen? Keine andere, als sie schon in dieser Welt genommen hat.

      Affekte und Entschlüsse. 1. Bete zu Gott. Wirf dich in seine Arme: Herr, nimm mich an diesem Tag der Schrecken in Deinen Schutz! Gib, daß diese Stunde glücklich und gnädig für mich sei; mögen alle anderen Stunden meines Lebens voll Traurigkeit und Kummer sein.

      2. Verachte die Welt. Da ich die Stunde nicht kenne, zu der ich dich, o Welt, verlassen muß, will ich mich nicht an dich hängen. - Liebe Freunde, laßt mich euch nur noch in heiliger Freundschaft zugetan sein; sie allein ist ja von Dauer. Wozu eine Freundschaft, die man doch einmal aufgeben, wozu eine Verbindung, die man eines Tages lösen muß?

      3. Ich will mich auf diese Stunde vorbereiten. Meine Sorge sei, daß der Übergang ins Jenseits ein glücklicher werde. Ich will den Zustand meines Gewissens nach Möglichkeit sichern; darum werde ich diese und jene Sache in Ordnung bringen.

      Schluß. Danke Gott für die Vorsätze, die er dir geschenkt. Opfere sie seiner göttlichen Majestät auf. Bitte sie um die Gnade eines seligen Todes durch die Verdienste des bitteren Leidens und Sterbens seines Sohnes. Bitte die allerseligste Jungfrau und die Heiligen um ihre Hilfe. Vater unser. Gegrüßt seist Du, Maria.

      Winde dir einen geistlichen Blumenstrauß.

      14. Kapitel

      Sechste Betrachtung: Das Gericht.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Bitte, daß er dich erleuchte.

      Erwägungen. 1. Nach Ablauf der Zeit, die Gott für die Dauer der Welt bestimmt hat, nach Vorzeichen, die so furchtbar sein werden, daß die Menschen vor Entsetzen vergehen (vgl. Lk 21,26), wird ein Feuerregen gleich einem Wolkenbruch auf die Erde fallen und alles in Asche verwandeln. Nichts von allem, was wir sehen, wird davor verschont bleiben.

      2. Nach diesem Flammen- und Feuerregen werden alle Menschen, soweit sie nicht schon auferstanden sind, wieder zum Leben erweckt und werden auf den Ruf des Erzengels im Tale Josaphat versammelt. Aber welch ein Unterschied! Die einen werden einen herrlich leuchtenden Leib haben, die anderen einen grauenhaft häßlichen.

      3. Betrachte, mit welcher Majestät der oberste Richter erscheint, umgeben von allen Engeln und Heiligen, mit dem heller als die Sonne strahlenden Kreuz, der Gnadenstandarte für die Guten, dem Zeichen der Strenge für die Bösen.

      4. Dieser oberste Richter wird durch einen machtvollen Urteilsspruch, der sofort vollzogen wird, die Guten von den Bösen scheiden, die einen zu seiner Rechten, die anderen zu seiner Linken. Diese Trennung ist ewig, nie mehr werden die zwei Lager zusammenkommen.

      5. Nach dieser Trennung werden die Gewissen wie Bücher aufgeschlagen. Dann wird man mit aller Klarheit die Bosheit der Schlechten sehen, die Verachtung Gottes, deren sie sich schuldig gemacht; ebenso aber die Buße der Guten, das Wirken der Gnade in ihnen. Nichts wird verborgen bleiben. O Gott, welche Schande für die einen, welche Freude für die anderen!

      6. Erwäge das endgültige Urteil über die Bösen: ³Hinweg, Verfluchte, in's ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Gefährten bereitet ist!" (Mt 25,41). Wäge diese folgenschweren Worte einzeln ab. ³Hinweg!" sagt er; mit diesem Wort gibt Gott sie für immer auf, verbannt sie auf ewig von seinem Angesicht. ³Verfluchte": welche Verdammnis!

      Allgemeine Verdammung, die alle Übel einschließt; unwiderrufliche Verdammung, die Zeit und Ewigkeit umfaßt. ³ln's ewige Feuer": Schau diese schreckliche Ewigkeit, o Seele. Wie furchtbar bist du, ewige Ewigkeit der Qualen!

      7. Erwäge das gegenteilige Urteil für die Guten: ³Kommt", sagt der Richter: Beglückendes Wort des Heiles, durch das uns Gott an sich zieht und in den Schoß seiner Güte aufnimmt. ³Gesegnete meines Vaters": Kostbarer Segen, der allen Reichtum einschließt. ³Nehmt in Besitz das Reich, das euch bereitet ist seit Gründung der Welt" (Mt 25,34): Welche Gnade, denn dieses Reich hat kein Ende!

      Affekte und Entschlüsse. 1. Bange, o Seele, wenn du dies bedenkst: Mein Gott, wer kann mir eine Sicherheit für diesen Tag geben, an dem die Säulen des Himmels (Job 26,11) erbeben werden vor Schrecken?

      2. Verabscheue deine Sünden; sie allein können dich an diesem Tag verderben.

      3. Ich will mich jetzt schon richten, um nicht gerichtet zu werden. lch will mein Gewissen erforschen, mich anklagen und bessern, damit mich nicht der Richter verurteilt an jenem Tage. Also werde ich beichten und mich gern allem fügen, was der Beichtvater mir raten wird.

      Schluß. 1. Danke Gott, daß er dir die Mittel bietet, dich für diesen Tag zu sichern, und dir Zeit zur Buße gewährt.

      2. Opfere ihm dein Herz und deinen ernsten Willen zur Buße auf.

      3. Bitte um seine Gnade dazu, damit du es gut machst. Vater unser. Gegrüßt seist Du, Maria.

      Winde den geistlichen Blumenstrauß.

      15. Kapitel

      Siebente Betrachtung: Die Hölle.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Demütige dich vor ihm. Bitte ihn um seinen Beistand. Stelle dir eine düstere Stadt vor, eingehüllt in Qualm von Pech und Schwefel, voll von Menschen, die sie nicht verlassen können.

      Erwägungen. 1. Die Verdammten im Abgrund der Hölle sind wie in einer solchen Stadt des Unglücks. Sie leiden unsagbare Qualen an allen Sinnen und Gliedern. Da sie diese zur Sünde mißbraucht haben, müssen sie an ihnen die Strafe der Sünde erleiden. Die Augen müssen den fürchterlichen Anblick der Teufel und der Hölle ertragen für die falschen und sündhaften Blicke; die Ohren werden nur mehr Weinen, Klagen und Verzweiflungsschreie hören, weil sie einst lasterhaften Reden zuhörten; ähnlich alle anderen Sinne.

      2. Außer diesen gibt es noch viel ärgere Qualen. Die Verdammten sind der Herrlichkeit Gottes beraubt, auf ewig von ihrem Anblick ausgeschlossen. Absalom empfand schwerer als die Verbannung das Fernsein vom Anblick des Vaters (2.Sam 14,32); welch ein Schmerz erst, auf ewig der Hoffnung beraubt zu sein, jemals Dein gütiges Antlitz zu schauen, o mein Gott!

      3. Erwäge besonders die ewige Dauer dieser Strafen, die allein schon die Hölle unerträglich macht. Können Zahnschmerzen oder die Hitze eines kleinen Fiebers uns eine Nacht lang und qualvoll machen, wie entsetzlich wird erst die ewige Nacht dieser Qualen sein! Verzweiflung ohne Ende, furchtbare Wut, grauenhafte Flüche wird sie gebären.

      Affekte und Entschlüsse. 1. Rüttle deine Seele auf mit den Worten des lsaias: ³Meine Seele, könntest du ewig in diesen unauslöschlichen Flammen verzehrenden Feuers leben?" (Jes 33,14). Willst du wirklich deinen Gott auf ewig verlassen?

      2. Gestehe: Ich habe es verdient, und wie oft verdient! Aber jetzt will ich den entgegengesetzten Weg einschlagen. Warum sollte ich mich auch in diesen Abgrund stürzen?

      3. Ich will dies und jenes unternehmen, um die Sünde zu meiden; sie allein kann mich ja in den ewigen Abgrund stürzen.

      Danke, opfere auf, bete.

      16. Kapitel

      Achte Betrachtung: Der Himmel.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Rufe Gott um seinen Beistand an.

      Erwägungen. 1. Denke an eine schöne, helle Nacht. Wie herrlich ist der Himmel mit seinen funkelnden Sternen! Zu dieser Pracht füge die eines strahlenden Tages, aber so, daß der Glanz der Sonne nicht den der Sterne und des Mondes überstrahle. Und dann sage kühn: Alle diese Schönheit zusammengenommen ist nichts gegen die Herrlichkeit des Himmels. Wie begehrenswert, wie liebenswert ist doch dieser Ort, wie kostbar diese Stätte!

      2. Erwäge den Adel, die Schönheit, die große Zahl der Bürger dieses glücklichen Reiches: Millionen von Engeln, Cherubim und Seraphim; die Scharen der Apostel, Märtyrer, Bekenner, Jungfrauen und heiligen Frauen. Unermeßliche Schar, selige Gemeinschaft! Der Geringste unter ihnen ist herrlicher anzuschauen, als die ganze Welt, - welche Seligkeit, sie alle zu sehen! Und, o mein Gott, wie glücklich sind sie! Sie singen immerdar das liebliche Lied der ewigen Liebe. Sie erfreuen sich eines nie versiegenden Frohsinns. Sie beglücken einander in unsagbarer Weise. Sie leben in der Freude einer seligen, unzertrennlichen Gemeinschaft.

      3. Erwäge, wie glücklich sie sind, Gott zu besitzen. Immer dürfen sie seinen Anblick genießen, der Liebe weckt und in ihre Herzen einen Abgrund von Wonne senkt. Welche Freude, immer mit seinem Schöpfer verbunden zu sein! Gleich unbeschwerten Vögeln, die munter singend sich durch die Lüfte schwingen, schweben sie jubilierend in der Seligkeit Gottes, die sie dem Äther gleich überall umgibt und mit unerhörten Wonnen erfüllt. Ohne Neid wetteifern alle, das Lob des Schöpfers zu singen: ³Sei gepriesen ohne Ende, gütiger, erhabener Schöpfer und Erlöser! Du bist so gütig gegen uns, Du teilst uns so freigebig Deine Herrlichkeit mit!" Und Gott segnet alle seine Heiligen mit ewigem Segen: Seid gesegnet ohne Ende, meine geliebten Geschöpfe! Ihr habt mir voll Liebe und Mut gedient; ihr sollt mir nun mit gleicher Liebe und Hingabe ewig Lob singen."

      Affekte und Entschlüsse. 1. Bewundere und preise deine himmlische Heimat: Wie schön bist du und wie glücklich sind deine Bewohner!

      2. Tadle dein Herz ob des kläglichen Mutes, den es bisher aufgebracht hat. Tadle es, daß es so weit vom Weg zu dieser unvergleichlichen Wohnung abgewichen ist: Ich Armer, warum habe ich mich so weit von meinem höchsten Glück entfernt? Dieser seichten und oberflächlichen Vergnügungen wegen habe ich tausend- und abertausendmal die ewigen, unendlichen Wonnen auf's Spiel gesetzt. Wie töricht war ich doch, so begehrenswerte Güter zu mißachten und so nichtigen, verächtlichen Begierden nachzulaufen!

      3. Erwecke eine innige Sehnsucht nach dieser herrlichen Stätte: Es hat Dir gefallen, allgütiger Herr, meine Schritte auf Deinen Weg zu lenken, darum will ich nie mehr davon abweichen. Geh, meine Seele, geh ein in diese unendliche Ruhe, wandere nach diesem gesegneten Land! Was wollen wir noch hier in der Verbannung?

      4. Ich werde also diese oder jene Dinge meiden, die mich von diesem Weg abbringen oder im Vorankommen behindern.

      5. Ich will dies und jenes tun, das mir vorankommen hilft.

      17. Kapitel

      Neunte Betrachtung: Wahl des Himmels

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Demütige dich. Bitte, daß er dich erleuchte.

      Stelle dir vor, du seist auf weitem Felde, ganz allein mit deinem Schutzengel, wie der junge Tobias, als er nach Rages zog. Er zeigt dir in der Höhe den Himmel offen, mit allen Freuden, die du in der vorausgehenden Betrachtung erwogen hast; dann in der Tiefe die gähnende Hölle, mit allen Qualen, wie sie in der Betrachtung von der Hölle beschrieben sind.

      Erwägungen. Nachdem du dich durch diese Vorbereitung zwischen Himmel und Hölle gestellt siehst, knie in Gegenwart deines Schutzengels nieder und erwäge:

      1. Es ist wirklich wahr, du stehst zwischen Himmel und Hölle; beide stehen offen, dich aufzunehmen, je nach der Wahl, die du treffen wirst.

      2. Die Entscheidung für Himmel oder Hölle, die du in diesem Leben triffst, gilt auf ewig im anderen.

      3. Beide stehen offen, dich aufzunehmen, je nach deiner Entscheidung. Gott, der aus Gerechtigkeit mit der Hölle bestraft und aus Barmherzigkeit mit dem Himmel belohnt, wünscht mit sehnlichem Verlangen, daß du den Himmel wählst. Dein Schutzengel drängt dich dazu mächtig; er bietet dir von Gott tausend Gnaden und Hilfen an, um dir beim Aufstieg beizustehen.

      4. Jesus Christus blickt dich vom Himmel her gütig an und lädt dich herzlich ein: ³Komm zur ewigen Ruhe, teure Seele! Komm in die Arme meiner Güte, die dir in ihrer überreichen Liebe endlose Freuden bereitet hat." Schau im Geiste die seligste Jungfrau; sie redet dir mütterlich zu: ³Mut, mein Kind! Mißachte nicht den Wunsch meines Sohnes und meine innigen Gebete für dich! Mit ihm wünsche ich sehr dein ewiges Heil." Betrachte die Heiligen, die dich ermutigen, die Millionen heiliger Seelen, die dir liebevoll zureden und nur das eine wünschen, eines Tages dein Herz mit den ihren vereint zu sehen im Lobpreis Gottes. Sie versichern dir: Der Weg zum Himmel ist nicht so schwer, wie die Welt vorgibt: ³Mut", sagen sie dir, ³wer den Weg der Frömmigkeit, den wir emporgestiegen sind, aufmerksam betrachtet, der sieht, daß wir in diese Seligkeit durch Freuden gelangten, die unvergleichlich tiefer sind als die Freuden der Welt."

      Wahl: 1. Hölle, dich verabscheue ich jetzt und auf ewig. Ich verabscheue deine Qualen und Peinen. Ich verabscheue deine unselige, unglückliche Ewigkeit, besonders die unaufhörlichen Flüche, die du ewig gegen meinen Gott ausspeist. - Dann wende Herz und Gemüt dem Himmel zu und sprich: Glücklicher Himmel, ewige Herrlichkeit, Seligkeit ohne Ende, ich wähle unwiderruflich deine schönen und heiligen Gefilde, deine seligen und begehrenswerten Zelte zu meiner Wohnstätte. O Gott, ich preise Deine Barmherzigkeit und nehme dankbar das Geschenk an, das Du in Deiner Güte mir anbietest. Jesus, mein Heiland, ich nehme Deine ewige Liebe an. Ich weiß, daß du mir einen Platz in der himmlischen Seligkeit bereitet hast, damit ich Dich ewig lieben und preisen kann.

      2. Nimm die Gnadenerweise an, die dir die allerseligste Jungfrau und die Heiligen anbieten. Versprich ihnen, daß du ihren Weg einschlagen willst. Ergreife die Hand deines Schutzengels, damit er dich führe. Mache deiner Seele Mut zu dieser Wahl.

      18. Kapitel

      Zehnte Betrachtung: Wahl des frommen Lebens.

      Vorbereitung. Versetze dich in Gottes Gegenwart. Demütige dich vor ihm. Bitte ihn um seine Hilfe.

      Erwägungen. 1. Stelle dir wieder vor, du seist auf weitem Felde, allein mit deinem Schutzengel. Zur Linken denke dir Satan auf hohem Throne, umgeben von höllischen Geistern und einer großen Schar von Lebemenschen, die ihn entblößten Hauptes als ihren Herrn anerkennen und ihm huldigen, die einen durch diese Sünde, die anderen durch jene. Beachte die Haltung der unseligen Höflinge dieses abscheulichen Fürsten: Die einen wüten in Haß, Neid und Zorn; die anderen morden sich gegenseitig; wieder andere sind bleich in sich verbohrt vor Gier nach Reichtümern; andere der Eitelkeit ergeben, nur auf unsinnige und nichtige Vergnügungen bedacht; andere gemein, verliert und verkommen in ihrer zügellosen Gier. Sieh, wie unruhig sie alle sind, zerfahren, unbeherrscht. Sieh, wie sie einander verachten, und Liebe nur heucheln. Mit einem Wort, du hast vor dir ein unseliges, bedauernswertes Volk, bedrückt von einem verfluchten Fürsten.

      2. Sieh, zur Rechten Jesus am Kreuz, wie er mit herzlicher Liebe für diese armen Untertanen Satans betet, damit sie sich von seiner Tyrannei befreien; wie er sie zu sich ruft. Um ihn versammelt siehst du eine große Schar Frommer mit ihren Schutzengeln. Betrachte die Schönheit dieses Reiches der Frömmigkeit: Wie herrlich ist diese Schar jungfräulicher Männer und Frauen anzusehen, weißer als Lilien; diese Witwenschar, geschmückt mit heiliger Selbstüberwindung und Demut. Sieh die Eheleute, die so herzlich miteinander leben und einander mit einer Ehrfurcht begegnen, die nicht denkbar ist ohne eine große Liebe. Sieh, diese Frommen verbinden die Sorge um das Hauswesen mit der Sorge um ihr Innerstes, die Liebe zum Gatten mit der Liebe zum himmlischen Bräutigam. Sieh dich um: Du findest sie alle in heiliger, gütiger, liebevoller Haltung; sie hören auf unseren Herrn und alle möchten ihn in ihrem Herzen tragen. Sie freuen sich, aber ihre Freude ist schön, liebevoll, geordnet. Sie lieben einander, aber ihre Liebe ist heilig und ganz rein. Wer unter diesen Frommen ein Leid trägt, quält sich nicht viel damit und verharrt in beherrschter Haltung. Sieh, wie der Anblick des Heilands sie erfreut, wie alle einmütig zu ihm hinstreben.

      3. Satan und seinen traurigen, unseligen Anhang hast du bereits verlassen durch die guten Vorsätze, die du gefaßt hast. Du bist aber noch nicht zu Christus, dem König, gelangt, du hast dich noch nicht der glücklichen und heiligen Schar seiner Frommen beigesellt. Du stehst immer noch zwischen beiden Lagern.

      4. Die allerseligste Jungfrau, der hl. Josef, der hl. Ludwig, die hl. Monika und hunderttausend andere, die ebenfalls inmitten der Welt gelebt haben, laden dich ein, sprechen dir Mut zu.

      5. Dein gekreuzigter König, ruft dich bei deinem Namen: Komm, geliebte Seele! Komm, ich will dich krönen (Hld 4,8).

      Wahl: 1. Abscheuliche Schar, niemals sollst du mich unter deiner Fahne sehen! Auf ewig entsage ich deinen Narreteien und Torheiten. Unseliger Fürst des Hochmuts, höllischer Geist, ich entsage dir und allem eitlen Gepränge, das du entfaltest. Ich verabscheue dich und deine Werke.

      2. Mein guter Jesus, seliger König der ewigen Herrlichkeit, Dir wende ich mich zu; ich umfange Dich mit der ganzen Kraft meiner Seele. Ich bete Dich von ganzem Herzen an, ich erwähle Dich heute für immer zu meinem König. Dir will ich unverletzliche Treue bewahren. Ich gebe mich Dir ohne Widerruf hin und verpflichte mich zum Gehorsam gegen Deine heiligen Gesetze und Anordnungen.

      3. Seligste Jungfrau, Unsere liebe Frau, ich erwähle Dich zu meiner Führerin, stelle mich unter Deine Fahne und komme in heiliger Ehrfurcht zu Dir. Heiliger Schutzengel, führe mich in diese heilige Gemeinschaft. Verlaß mich nicht, bis ich inmitten dieser heiligen Schar stehe. Mit ihr rufe ich zum Zeugnis meiner Wahl, die ich getroffen habe, jetzt und immer: Es lebe Jesus! Es lebe Jesus!

      19. Kapitel

      Wie ist die Generalbeichte abzulegen?

      Soweit die für unseren Zweck notwendigen Betrachtungen. Bist du mit ihnen zu Ende, so geh mutig und demütig an deine Generalbeichte. Ich bitte dich: Laß dich in keiner Weise durch Angst verwirren! Der Skorpion ist giftig, wenn er sticht; zu einer breiigen Masse zerquetscht dagegen ergibt er ein Heilmittel gegen seinen eigenen Stich. So ist die Sünde eine Schande, wenn wir sie begehen; in Beichte und Buße umgewandelt aber ist sie ehrenvoll und heilsam. Reue und Beichte sind so wohltuend, daß sie die Häßlichkeit der Sünde tilgen und ihren Gestank vertreiben. Simon der Aussätzige nannte Magdalena eine Sünderin; der Heiland verneinte es und sprach nur mehr vom Salböl, das sie ausgoß, und von der Größe ihrer Liebe (Lk 7,44). Sind wir demütig, so wird uns die Sünde unendlich mißfallen, weil Gott dadurch beleidigt wird; wir nehmen aber das Bekenntnis der Sünden gern auf uns, weil Gott dadurch geehrt wird. Es ist uns eine Erleichterung, dem Arzt das Übel zu nennen, das uns quält.

      Kniest du vor deinem geistlichen Vater, dann stelle dir vor, du seist auf dem Kalvarienberg zu Füßen des gekreuzigten Heilands. Sein kostbares Blut fließt aus allen Wunden, um dich von deiner Schlechtigkeit reinzuwaschen. Ist es auch nicht das Blut des Heilands selbst, so sind es doch die Verdienste seines vergossenen Blutes, die sich reichlich über den Beichtenden ergießen.

      So schließe denn dein Herz auf, um die Sünden durch das Bekenntnis daraus zu entfernen. ln dem Maß, als sie verschwinden, strömen die kostbaren Verdienste des göttlichen Leidens in dein Herz, um es mit Segen zu erfüllen.

      Sag aber bestimmt alles! Sag es einfach und schlicht. Bring damit dein Gewissen ein für allemal in Ordnung. Dann höre die Mahnungen und Weisungen des Dieners Gottes und sprich in deinem Herzen: ³Rede, Herr, Dein Diener hört" (1.Sam 3,9). Ja, du hörst auf Gott, denn er hat seinen Stellvertretern gesagt: ³Wer euch hört, der hört mich" (Lk 10,16).

      Nimm dann die folgende feierliche Erklärung zur Hand. Sie soll die Frucht deiner Reue sein. Betrachte und erwäge sie daher gut. Lies sie so aufmerksam und mit dem Herzen empfindend, als es dir nur möglich ist.

      20. Kapitel

      Feierliche Erklärung als Abschluß der verschiedenen Bußübungen.

      Sie will der Seele den Entschluß einprägen, Gott zu dienen.1

      Ich versetze mich in die Gegenwart Gottes und des ganzen himmlischen Hofes. Ich habe die unendliche Barmherzigkeit seiner göttlichen Güte erwogen, gegen mich, sein unwürdiges und schwaches Geschöpf, das er aus dem Nichts erschaffen, erhalten, aus so vielen Gefahren befreit, mit so vielen Wohltaten überhäuft hat.

      Ich habe vor allem die unbegreifliche Güte und Langmut erwogen, mit der Gott mich so väterlich in meinen Sünden ertragen, so oft und liebevoll zur Umkehr eingeladen, so langmütig auf meine reuige Buße gewartet hat, bis zu diesem ... Jahr meines Lebens, trotz all meiner Undankbarkeit, Unredlichkeit und Untreue. Immer wieder habe ich meine Bekehrung hinausgeschoben, seine Gnade mißachtet, Gott schändlich beleidigt.

      Ich habe auch erwogen, daß ich am Tag meiner heiligen Taufe ein Kind Gottes geworden bin. Zu meinem Glück und zu meiner Heiligung wurde ich ihm geweiht und dargebracht. Entgegen dem Gelöbnis, das damals in meinem Namen abgelegt wurde, habe ich meinen Geist so oft und so schändlich entweiht und vergewaltigt, da ich ihn gegen Gottes Majestät wandte und mißbrauchte.

      Nun komme ich zu Dir und werfe mich im Geist vor dem Throne der göttlichen Gerechtigkeit nieder. Ich erkenne und bekenne mich schuldig des Verbrechens, die Majestät Gottes beleidigt zu haben, schuldig am Leiden und Sterben Jesu durch die Sünden, die ich begangen habe. Für sie ist er gestorben und hat die Kreuzesqualen erduldet; darum habe ich verdient, für ewig verloren und verdammt zu sein.

      Ich wende mich nun dem Thron der unendlichen Barmherzigkeit Gottes zu. lch verabscheue von ganzem Herzen und aus allen Kräften die Sünden meines bisherigen Lebens. lch bitte demütig um Gnade, Barmherzigkeit und Verzeihung, um vollständige Vergebung meines Verbrechens, kraft des Leidens und Todes Jesu, des Herrn und Erlösers meiner Seele. Auf diese einzige Grundlage stütze ich meine Hoffnung. So erneuere ich das heilige Treuegelöbnis, das ich am Tage meiner Taufe abgelegt habe: Ich widersage dem Teufel, der Welt und dem Fleisch. Ich verabscheue ihre unseligen Ratschläge, ihre Eitelkeiten und ihre Lust für mein ganzes Leben und für alle Ewigkeit.

      Ich wende mich meinem gütigen und barmherzigen Gott zu und bin unwiderruflich entschlossen, ihm zu dienen und ihn zu lieben, jetzt und ewig. Ich weihe ihm zu diesem Zweck meinen Geist mit all seinen Fähigkeiten, meine Seele mit all ihren Kräften, mein Herz mit all seiner Liebe, meinen Leib mit all seinen Sinnen. Ich erkläre hiermit, daß ich nie mehr eine meiner Fähigkeiten gegen seinen göttlichen Willen und seine alles überragende Majestät mißbrauchen will. Im Geiste bringe ich mich ihm zum Opfer. Auf ewig will ich ihm treu und als Geschöpf redlich ergeben sein. Nie mehr will ich mich von ihm abwenden oder meine Hingabe bereuen.

      Sollte ich jemals durch Versuchung des Teufels oder durch menschliche Schwäche irgendwie gegen diesen Entschluß und diese Weihe verstoßen, so erkläre ich hiermit feierlich: Ich bin entschlossen, mit der Gnade des Heiligen Geistes davon abzulassen, sobald ich es bemerke, um mich sogleich ohne Zögern und Zaudern der göttlichen Barmherzigkeit zuzuwenden.

      Dies ist mein Wille, meine Absicht, mein unabänderlicher und unwiderruflicher Entschluß, den ich hiermit bekunde, und bekräftige, ohne Ausnahme und Vorbehalt. Ich erkläre ihn im Angesicht Gottes, der triumphierenden und der streitenden Kirche, meiner Mutter; sie nimmt diese Erklärung in der Person dessen entgegen, der mich als ihr Vertreter bei diesem Akt anhört.

      Möge es Dir gefallen, ewiger, allmächtiger und allgütiger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, diesen Entschluß in mir zu stärken und dieses Opfer meines Herzens und meiner Seele gütig anzunehmen. Du hast mir durch Deine Eingebung den Entschluß geschenkt, gib mir auch die Kraft und Gnade, es zu vollziehen. O Gott, Du bist mein Gott (Ps 16,2), der Gott meiner Seele und meines Geistes. So will ich Dich sehen und anbeten jetzt und in alle Ewigkeit. Es lebe Jesus!

      21. Kapitel

      Abschluß dieser ersten Seelenläuterung.

      Hast du diese Erklärung abgegeben, dann öffne Sinne und Herz, um das Wort deiner Lossprechung aufzunehmen; der Heiland deiner Seele spricht es im Himmel auf dem Thron seiner Barmherzigkeit, während es der Priester auf Erden in seinem Namen sagt: Die Gemeinschaft der Heiligen teilt deine Freude, stimmt ein Jubellied an und begrüßt mit dem Friedensgruß deine Seele, die nunmehr im Besitz der Gnade und Heiligkeit ist.

      O Gott, welch wunderbarer Vertrag! Er hat dich in glücklicher Weise Gott verbunden; du gibst dich ihm, dafür gewinnst du ihn und dich selbst für das ewige Leben. Nun brauchst du nur noch die Feder zur Hand nehmen, entschlossen deine Erklärung unterzeichnen und an den Altar treten; dort wird Gott seinerseits deine Lossprechung und seine Verheißung des ewigen Lebens bestätigen und besiegeln, indem er sich selbst wie ein heiliges Siegel auf dein wiedergeborenes Herz legt (Hld 8,6). So scheint es mir, daß damit deine Seele von der Sünde und von jeder Anhänglichkeit an die Sünde gereinigt wird.

      Sie kehren aber leicht wieder in die Seele zurück infolge unserer Schwachheit und durch die Begierlichkeit; diese kann wohl niedergehalten werden, aber sie stirbt nicht, solange wir in diesem Leben wandeln. Deshalb will ich dir nun Ratschläge geben, die dich in Zukunft vor der Todsünde und vor jeder Anhänglichkeit an sie bewahren können. Wenn du sie genau beachtest, werden sie nie mehr Macht über dein Herz gewinnen.

      Diese Ratschläge sollen aber zugleich einer vollkommenen Reinigung dienen, darum will ich zuvor noch von dieser tieferen Läuterung der Seele sprechen, zu der ich dich führen möchte.1

      22. Kapitel

      Wir müssen uns von der Anhänglichkeit an läßliche Sünden reinigen.

      Je heller es wird, desto deutlicher sehen wir im Spiegel Flecken und Unsauberkeiten an unserem Gesicht. Ebenso sehen wir in dem Maße, als das innere Licht des Heiligen Geistes unser Gewissen erleuchtet, an ihm deutlicher und klarer Sünden, Neigungen und Unvollkommenheiten, die uns daran hindern können, die wahre Frömmigkeit zu erlangen; und dasselbe Licht, das uns diese Mängel und Schwächen zeigt, erwärmt unser Herz, daß es seine Reinigung und Läuterung anstrebe.

      Durch die bisher behandelten Übungen bist du von der Todsünde und von der Anhänglichkeit an sie gereinigt. Du wirst aber in deiner Seele außerdem noch verschiedene Neigungen und Anhänglichkeiten an läßliche Sünden entdecken.

      Ich spreche nicht davon, daß du läßliche Sünden in dir vorfindest, sondern ich sage: Du wirst Anhänglichkeiten und Neigungen finden. Das ist nicht dasselbe. Wir können nie ganz frei von läßlichen Sünden sein, jedenfalls können wir es nicht lange bleiben. Aber von der Anhänglichkeit an sie können wir wohl frei werden. Es ist gewiß ein Unterschied, ob ich das eine oder andere Mal freiwillig in einer unwichtigen Sache lüge oder ob ich am Lügen Freude habe und an dieser Sünde hänge.

      Ich sage also, man muß sein Herz von jeder Anhänglichkeit an läßliche Sünden reinigen.1 Das heißt, man darf nicht freiwillig die Absicht hegen, irgendeine läßliche Sünde weiter zu begehen und in ihr zu beharren. Es wäre doch wahrhaftig eine gefährliche Lauheit, wollte man wissentlich etwas Gott so Mißfälliges in seinem Herzen bestehen lassen, wie es der Wille ist, ihm zu mißfallen.

      Die läßliche Sünde, so gering sie auch sein mag, mißfällt Gott, freilich nicht so sehr, daß er uns dafür verdammen und verderben will. Mißfällt sie ihm aber, so ist das freiwillige Festhalten an ihr nichts anderes als der Entschluß, der göttlichen Majestät zu mißfallen. Ist es denn möglich, daß eine wohlgestaltete Seele Gott nicht nur mißfallen will, sondern noch Freude daran hat, ihm zu mißfallen?

      Solche Anhänglichkeit widerspricht der Frömmigkeit genau so, wie die Anhänglichkeit an Todsünden der Gottesliebe. Sie schwächt die Seelenkräfte, behindert die Freude am Göttlichen, öffnet der Versuchung Tür und Tor; die Seele stirbt zwar nicht an ihr, aber sie wird doch schwerkrank.

      ³Tote Mücken", sagt der Weise (Koh 10,1), ³zerstören und verderben den Wohlgeruch der Salben." Er will sagen: Mücken, die nicht auf der Salbe sitzen bleiben, sondern nur im Vorübergeben davon naschen, verderben nur das, was sie nehmen; bleiben sie aber an der Salbe hängen, so daß sie zugrunde gehen, dann wird diese verdorben und unbrauchbar. So schaden auch läßliche Sünden einem frommen Menschen wenig, wenn er nicht an ihnen hängt; schlagen sie aber in der Seele Wurzeln, indem man sie lieb gewinnt, dann verderben sie die heilige Frömmigkeit.

      Die Spinnen töten nicht die Bienen, wohl aber verderben sie den Honig. Wenn sie im Bienenstock bleiben, dann überziehen sie die Waben mit ihrem Gewebe, und die Bienen können nicht mehr arbeiten. So tötet auch die läßliche Sünde nicht das Leben der Seele, sie verdirbt aber die Frömmigkeit und behindert die Seelenkräfte so sehr durch schlechte Gewohnheiten und Neigungen, daß die frische Tatbereitschaft, darin die Frömmigkeit besteht, lahmgelegt ist; dies allerdings nur, wenn die läßliche Sünde durch die Anhänglichkeit dauernd im Herzen wohnt.

      Es hat nicht viel zu bedeuten, wenn einem eine kleine Lüge unterlaufen ist oder wenn man einen kleinen Fehler in Worten, Handlungen, Blicken, in Kleidung, Schmuck, Spiel oder Tanz begangen hat, - vorausgesetzt, daß wir die Spinnen des Geistes sofort nach ihrem Eindringen aus dem Herzen verjagen und entfernen, wie es die Bienen mit den Spinnen machen. Denn gestatten wir ihnen, in unserem Herzen festen Fuß zu fassen, ja halten wir sie freiwillig fest und nähren sie, dann werden wir bald unseren Honig verdorben, unser Gewissen verpestet und zerstört sehen.

      Noch einmal frage ich: Wie kann eine hochherzige Seele Gefallen daran finden, Gott zu mißfallen? Wie kann sie es lieben, ihm weh zu tun? Wie kann sie etwas wollen, was er verabscheut?

      23. Kapitel

      Wir müssen uns von der Anhänglichkeit an Unnützes und Gefährliches reinigen.1

      Spiele und Tänze, Gastmähler, Festlichkeiten und Schauspiele, dies alles ist seiner Natur nach nicht schlecht, sondern gleichgültig; es kann zum Guten wie zum Bösen gebraucht werden. Eine gewisse Gefahr steckt aber immer in diesen Dingen; besonders gefährlich ist die Liebe zu ihnen. lch sage also: Wenn es auch erlaubt ist, zu spielen, zu tanzen, sich zu putzen, anständige Schauspiele anzusehen, an einem Festessen teilzunehmen, so ist es doch der Frömmigkeit abträglich, ja äußerst schädlich und gefährlich, eine Vorliebe dafür zu haben. Es ist nicht schlecht, dies alles zu tun, aber es ist schlecht, daran zu hängen. Unser Herz ist zu kostbar, um auf seinem Boden solch eitle und dumme Liebe zu säen. Sie nimmt guten Eindrücken den Raum und hindert uns, die ganze Kraft unserer Seele auf gute Neigungen zu verwenden.

      Die alten Nasiräer enthielten sich nicht nur berauschender Getränke, sondern auch der Trauben, ja sogar unreifer Trauben; nicht etwa weil reife oder unreife Trauben berauschen könnten, sondern weil zu befürchten ist, daß das Verkosten unreifer Trauben das Verlangen nach reifen Trauben weckt, der Genuß der Trauben aber Appetit nach Most und Wein hervorruft.

      Ich sage nicht, daß der Gebrauch jener gefährlichen Dinge unerlaubt sei, wohl aber, daß wir keine Vorliebe für sie haben können, ohne die Frömmigkeit in Frage zu stellen.

      Ist der Hirsch zu feist geworden, so birgt er sich im Gebüsch; er fühlt, daß bei einer Verfolgung ihm das Fett im Laufen hinderlich wäre. Wird das Herz mit der Liebe zu unnützen, überflüssigen und gefährlichen Dingen belastet, dann kann es gewiß nicht mehr rasch, leicht und beweglich seinem Gott entgegeneilen; gerade darin aber besteht die Frömmigkeit.

      Kleine Kinder laufen geschäftig und voll Eifer hinter Schmetterlingen her. Daran stößt sich niemand; es sind eben Kinder. Aber ist es nicht lächerlich, ja beklagenswert zu sehen, wie erwachsene Menschen sich um solcher Kleinigkeiten willen ereifern? Sie sind nicht nur unnütz, sondern setzen uns außerdem der Gefahr aus, daß wir die Grenzen überschreiten, wenn wir hastig hinter ihnen her sind.

      Ich sage dir, du mußt dich von solchen Anhänglichkeiten reinigen, denn sie sind immer von Nachteil für die Frömmigkeit, mögen auch die Handlungen im einzelnen ihr nicht direkt entgegengesetzt sein.

      24. Kapitel

      Wir müssen uns von Charakterfehlern läutern.

      Wir haben gewisse natürliche Anlagen, die zwar nicht sündhaften Ursprungs und daher weder schwere noch läßliche Sünde sind. Wir müssen sie aber Unvollkommenheiten nennen; ihre Wirkungen sind Fehler und Verfehlungen. So war die hl. Paula nach Hieronymus sehr zur Trauer und Schwermut veranlagt, so daß sie beim Tod ihres Mannes und ihrer Kinder Gefahr lief, vor Gram zu sterben. Das war eine Unvollkommenheit, keine Sünde; es geschah ja gegen ihren Willen und ohne ihre Zustimmung.

      Der eine ist von Natur aus leichtfertig, der andere mürrisch, ein dritter unnachgiebig; andere neigen zum Zorn, zur Verdrossenheit, zu Liebeleien... Es gibt jedenfalls ganz wenige Menschen, an denen man nicht irgendeine schlechte Anlage entdeckte.

      Zwar scheinen diese Anlagen zu unserer Natur zu gehören und unsere Eigenart zu bilden, man kann sie aber mildern und mäßigen, wenn man sich Mühe gibt, die entgegengesetzten Tugenden anzustreben. Man kann sich sogar ganz davon freimachen und reinigen, und ich sage dir: Das muß man tun. Man hat ein Mittel gefunden, den bitteren Mandelbaum in einen süßen umzuwandeln; man schneidet an seinem Fuß eine Kerbe in die Rinde und läßt den Saft abfließen. Warum sollten wir nicht auch unsere schlechten Anlagen entfernen und besser werden können? Es gibt keinen so guten Charakter, daß er durch schlechte Gewohnheiten nicht verdorben, - und keinen so schlechten, daß er nicht durch die Gnade Gottes und eifriges Bemühen in Zucht genommen und überwunden werden könnte.

      Ich werde dir nun Ratschläge geben und Übungen vorschlagen, mit deren Hilfe du deine Seele von jeder gefährlichen Vorliebe, von den Unvollkommenheiten und von der Anhänglichkeit an läßliche Sünde reinigen kannst. So wirst du dein Gewissen mehr und mehr gegen die Todsünde sichern. Möge Gott dir die Gnade geben, sie gut zu verwerten.

 


 

      Zweiter Teil

      Verschiedene Ratschläge, um die Seele durch das Gebet

      und die Sakramente zu Gott zu erheben.

      1. Kapitel

      Notwendigkeit des Gebetes.

      1. Nichts ist geeigneter, unseren Verstand von Unwissenheit und unseren Willen von seinen verderbten Anhänglichkeiten zu reinigen, als das Gebet, das unseren Verstand in die Helle göttlichen Lichtes rückt und unseren Willen der Wärme göttlicher Liebe aussetzt.

      Das Gebet ist die segensreiche Quelle, deren belebende Wasser die Pflänzchen unserer guten Wünsche zum Grünen und Blühen bringen, jeden Makel von unserer Seele hinwegspülen und das von Leidenschaft erhitzte Herz abkühlen.1

      2. Vor allem aber empfehle ich dir das Gebet des Geistes und des Herzens, ganz besonders jenes, das zum Gegenstand das Leben und Leiden des Heilands hat. Wenn du ihn oft betrachtest, wird deine Seele von ihm erfüllt, du lernst seine Art und Weise kennen und deine Handlungen nach den seinen formen.

      Er ist das Licht der Welt. In ihm, durch ihn und für ihn müssen wir folglich erleuchtet werden. Er ist die sprudelnde Jakobsquelle (Joh 4,6), die uns von jedem Makel reinwäscht.

      Kinder lernen sprechen, indem sie der Mutter zuhören und alles nachzusprechen versuchen; so werden auch wir, wenn wir durch die Betrachtung beim Heiland weilen, seine Worte und Handlungen, sein Denken und Fühlen beobachten, bald durch seine Gnade reden, handeln und wollen lernen wie er selbst.

      Glaube mir, wir können zu Gott dem Vater nur durch diese Pforte (Joh 14,6) gehen; denn wie der Spiegel unser Bild nicht auffinge, hätte er nicht eine Schicht Zinn oder Blei auf seiner Rückseite, so können auch wir auf Erden nicht die Gottheit betrachten, wäre sie nicht mit der heiligen Menschheit des Heilands verbunden, dessen Leben und Sterben der geeignetste, schönste und nützlichste Gegenstand für unsere gewöhnliche Betrachtung ist.

      Der Heiland nennt sich nicht ohne Grund das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist (Joh 6,1); denn wie das Brot zu jeder Speise genossen wird, so sollen auch wir den Heiland in all unseren Gebeten und Handlungen betrachten, ansehen und suchen.2 Sein Leben und Sterben wurde von verschiedenen Schriftstellern in Betrachtungen vorgelegt, so von Bonaventura, Bellintani, Bruno, Capiglia, Granada, de Ponte.3

      3. Verwende darauf täglich eine Stunde vormittags, womöglich am Morgen; nach der Nachtruhe ist dein Geist beweglicher und frischer. Verwende nicht mehr als eine Stunde darauf, außer dein geistlicher Vater bestimmt es ausdrücklich anders.4

      4. Kannst du diese Übung in der Kirche halten und findest du dort genug Ruhe, dann wird dies am leichtesten und bequemsten für dich sein, denn dort kann dich niemand stören, nicht Vater, Mutter, nicht Gattin oder Gatte, noch sonst jemand, während du zu Hause wohl kaum eine ruhige Stunde finden wirst.

      5. Beginne jedes Gebet, das innerliche wie das mündliche, damit, dich in Gottes Gegenwart zu versetzen. Daran halte dich ausnahmslos, du wirst bald sehen, wie nützlich dir dies sein wird.

      6. Lerne das Vater unser, Gegrüßt seist du Maria und das Glaubensbekenntnis auch lateinisch beten. Du mußt aber zugleich sehen, daß du die Worte auch verstehst, die du betest; so mußt du beides vereinen: das Beten in der Sprache der Kirche und das Verkosten des wundersamen und erquickenden Sinnes dieser heiligen Gebete. Dringe beim Beten mit deinem Geist tief in diesen Sinn ein, begleite es mit innigen Bewegungen des Herzens. Bete nicht hastig, um recht viel beten zu können, sondern bemühe dich, was du betest, von Herzen zu beten. Ein Vater unser innig gebetet ist mehr wert, als viele rasch und eilfertig heruntergeleiert.

      7. Der Rosenkranz ist eine sehr nützliche Gebetsform, vorausgesetzt, daß du ihn richtig zu beten verstehst. Bediene dich dazu einer guten Anleitung. Es ist auch gut, die gebräuchlichen Litaneien und andere mündliche Gebete zu beten. Hast du aber die Gabe des innerlichen Gebetes, so soll dieses den Vorrang haben. Kannst du danach wegen deiner vielen Arbeit oder aus einem anderen Grund keine mündlichen Gebete mehr verrichten, so mach dir darüber keine Sorgen, sondern begnüge dich mit einem Vater unser, dem Gegrüßt seist du Maria und dem Glaubensbekenntnis vor oder nach der Betrachtung.

      8. Fühlst du dich während des mündlichen Gebetes zum inneren Gebet hingezogen, dann sträube dich nicht dagegen, sondern laß deinen Geist sich ruhig dorthin wenden und sei unbesorgt um dein unvollendetes mündliches Gebet, denn das Geistesgebet ist Gott angenehmer und deiner Seele nützlicher. Ich nehme freilich das kirchliche Stundengebet aus, wenn du dazu verpflichtet bist, denn diese Pflicht hat den Vorrang.

      9. War es dir morgens wegen zu vieler Arbeit oder aus einem anderen Grund nicht möglich, deine Betrachtung zu halten (was möglichst selten vorkommen soll), dann hol es im Laufe des Nachmittags nach - aber nicht gleich nach dem Essen; während der Verdauungszeit könnte dich der Schlaf überwältigen, auch deiner Gesundheit wäre das nicht förderlich. Ist es dir den ganzen Tag nicht möglich, die Betrachtung nachzuholen, dann ersetze sie durch häufige Stoßgebete und durch die Lesung eines frommen Buches. Lege dir eine Bußübung auf, um in Zukunft diesen Fehler zu vermeiden, und sei fest entschlossen, am nächsten Tag die Betrachtung bestimmt einzuhalten.

      2. Kapitel

      Kurze Betrachtungsmethode.

      Erster Teil der Vorbereitung: sich in Gottes Gegenwart versetzen.

      Du weißt vielleicht nicht, wie du das innerliche Gebet pflegen sollst; leider verstehen das heute nur wenige. Ich will dir eine kurze Anleitung dafür geben. Später wirst du ja durch Bücher, die davon handeln, und besonders durch die Übung deine Kenntnisse vervollständigen.

      Die Vorbereitung besteht aus zwei Teilen: 1. sich in Gottes Gegenwart versetzen; 2. um seinen Beistand bitten.

      Um sich in Gottes Gegenwart zu versetzen, schlage ich hauptsächlich vier Mittel vor, die dir für den Anfang dienen können.

      1. Das lebendige und aufmerksame Erfassen der Allgegenwart Gottes. Gott ist ja in allem und überall; es gibt keinen Ort und kein Ding, wo er nicht wirklich gegenwärtig wäre. Wohin die Vögel auch fliegen, sie finden ihr Element, die Luft, in der sie sich bewegen; so finden auch wir, wohin immer wir gehen mögen, Gott überall gegenwärtig. Jeder kennt diese Wahrheit, aber wie viele gibt es, die sie wirklich erfassen? Blinde sehen den Fürsten nicht, der vor ihnen steht, aber sie nehmen eine ehrfürchtige Haltung an, wenn man ihnen sagt, daß er zugegen ist. Da sie ihn aber nicht sehen, vergessen sie leicht auf seine Gegenwart und lassen sich dann auch in der Haltung gehen. Wir sehen den allgegenwärtigen Gott nicht; obwohl uns der Glaube dessen versichert, vergessen wir auf seine Gegenwart oft und benehmen uns, als wäre Gott weit entfernt von uns. Denn obwohl wir Gott überall gegenwärtig wissen, denken wir nicht daran und tun, als wüßten wir es nicht.

      Deshalb müssen wir vor dem Gebet in unserer Seele das Bewußtsein der göttlichen Gegenwart erneuern. David verstand das, als er ausrief: ³Steig ich zum Himmel hinauf, so bist Du auch dort, mein Gott; steig ich hinab zur Hölle, so bist Du auch dort" (Ps 139,8). Machen wir uns die Worte Jakobs zu eigen: ³Wie erschütternd ernst ist dieser Ort! Wahrhaftig, Gott ist hier, und ich wußte es nicht" (Gen 28,16ff). Er wollte sagen, daß er nicht daran dachte. Wenn du dich also zu beten anschickst, dann sag von ganzem Herzen zu deiner Seele: Wahrhaftig, Gott ist hier.

      2. Das zweite Mittel, sich in seine heilige Gegenwart zu versetzen, ist der Gedanke, daß Gott sich nicht nur am gleichen Ort mit dir befindet, sondern noch auf besondere Weise in deinem Herzen, auf dem Grunde deiner Seele, die er durch seine göttliche Gegenwart belebt, gleichsam als Herz deines Herzens, als Seele deiner Seele. Wie die Seele den ganzen Leib durchdringt, in allen Teilen des Leibes gegenwärtig ist und doch ihren besonderen Sitz hat, so ist Gott überall gegenwärtig, er steht aber in besonderer Weise unserer Seele bei. Deshalb nannte ihn David den Gott seines Herzens (Ps 73,26) und der hl. Paulus sagte: ³ln Gott leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17,28). Bei der Betrachtung dieser Wahrheit wirst du in deinem Herzen eine große Ehrfurcht vor Gott erwecken, der in dir so innig gegenwärtig ist.

      3. Das dritte Mittel ist, den Heiland zu betrachten, der in seiner Menschheit vom Himmel her auf alle Menschen blickt, besonders aber auf die Christen, die seine Kinder sind, und noch mehr auf die Betenden, deren Handeln und Verhalten er sieht. - Das ist keine bloße Einbildung, sondern die reine Wahrheit; wenn auch wir ihn nicht sehen, er betrachtet uns doch von oben, - der hl. Stephanus sah ihn im Augenblick seines Martertodes - so daß wir mit der Braut des Hohen Liedes (2,9) sagen können: ³Er ist hinter der Wand, er schaut durch das Fenster, er blickt durch die Gitter."

      4. Die vierte Art ist, sich der Einbildungskraft zu bedienen und sich den Heiland in seiner heiligen Menschheit als bei uns gegenwärtig vorzustellen, wie wir unsere Freunde uns vorzustellen gewohnt sind, und zu sagen: Ich glaube zu sehen, wie er dies oder jenes macht, es scheint mir, ich sehe ihn, usw. Sind wir aber vor dem allerheiligsten Altarsakrament, dann ist diese Gegenwart Jesu wirklich und nicht nur in unserer Phantasie, denn die Brotgestalten sind wie ein Schleier, hinter dem der Herr wirklich gegenwärtig uns sieht und betrachtet, obwohl wir ihn nicht in eigener Gestalt sehen.

      Bediene dich also eines dieser vier Mittel, um deine Seele vor dem Gebet in Gottes Gegenwart zu versetzen. Es ist nicht notwendig, alle vier anzuwenden; nimm nur eines davon, kurz und einfach.

      3. Kapitel

      Zweiter Teil der Vorbereitung: die Anrufung.

      Die Anrufung geschieht folgendermaßen: Fühlt sich die Seele in Gottes Gegenwart, dann wirft sie sich ehrfurchtsvoll vor der göttlichen Majestät nieder im Bewußtsein ihrer Unwürdigkeit, vor Gottes Hoheit zu verbleiben. Da sie aber weiß, daß Gottes Güte dies will, bittet sie um die Gnade, in dieser Betrachtung ihm einen wohlgefälligen Dienst, eine würdige Anbetung zu erweisen.

      Wenn du willst, kannst du dich dabei kurzer und feuriger Gebete bedienen, wie der Worte Davids: ³Verwirf mich nicht, o mein Gott, von Deinem Angesicht, nimm mir nicht die Gunst Deines heiligen Geistes!" (Ps 51,13). ³Laß leuchten Dein Antlitz über Deinem Diener" (Ps 31,17; 119,135). ³lch werde Deine Wunder betrachten" (Ps 119,18). ³Gib mir Einsicht, und ich werde Dein Gesetz betrachten und von ganzem Herzen bewahren" (Ps 18,34). ³Ich will Dir dienen, gib mir Deinen Geist!" (Ps 119,125), und ähnlicher.

      Es wird dir von Nutzen sein, auch deinen Schutzengel anzurufen und die Heiligen, die am Geheimnis teilnehmen, das du betrachtest. So kannst du vor der Betrachtung des Todes Jesu Unsere liebe Frau anrufen, den hl. Johannes, die hl. Maria Magdalena und den guten Schächer, damit die Gefühle und Herzensregungen, die sie dabei empfanden, auf dich übergehen. Bei der Betrachtung über den Tod rufe den Schutzengel an, der dann auch bei dir sein wird; bitte ihn, daß er dir die geeigneten Erwägungen einflöße. So geh auch bei anderen Geheimnissen vor.

      4. Kapitel

      Dritter Teil der Vorbereitung: die Vorstellung des Geheimnisses.

      Außer diesen zwei gewöhnlichen Vorbereitungspunkten gibt es noch einen dritten, der aber nicht für alle Betrachtungen zutrifft. Er hat verschiedene Bezeichnungen und besteht darin, daß man sich den Vorgang, den man betrachten will, so vorstellt, als spiele er sich wirklich und tatsächlich vor unseren Augen ab.

      Du willst z.B. Jesus am Kreuz betrachten; stelle dir also vor, du befindest dich auf dem Kalvarienberg, du sehest und hörest alles, was beim Leiden Christi geschah und gesagt wurde. Oder du stellst dir vor, daß die Kreuzigung sich an dem Ort vollziehe, wo du gerade bist, wenn es dir so lieber ist. - So kannst du es auch bei der Betrachtung über den Tod oder die Hölle machen, wie ich es angegeben habe, so auch bei ähnlichen Betrachtungen, bei denen es um Sichtbares und Sinnenfälliges geht. Denn bei anderen kann diese Art der Vorstellung nicht in Frage kommen, so bei der Betrachtung über die Größe Gottes, die Schönheit der Tugenden, unser Ziel usw. Man könnte wohl Ähnlichkeiten und Vergleiche heranziehen, die sind aber schwer beizuholen, und ich will mit dir ganz einfach verfahren, damit dein Geist sich nicht abplagen muß, um alles mögliche auszutüfteln.

      Durch die Vorstellung wird dein Geist in das Geheimnis eingeschlossen, das du betrachten willst, damit er nicht hin- und herflattere, so wie man einen Vogel in den Käfig sperrt oder den Sperber an die Leine legt, damit er auf der Faust sitzen bleibe.

      Manche werden dir sagen, es sei besser, beim einfachen Gedanken des Glaubens zu bleiben, oder sie werden vom rein seelischen und geistigen Erfassen sprechen oder raten, dir vorzustellen, daß die Geheimnisse sich in deinem Geist vollziehen. All das ist für den Anfang zu überspitzt. lch rate dir, in den Talniederungen zu bleiben, die ich dir zeige, bis Gott dich zu Höherem emporhebt.

      5. Kapitel

      Zweiter Teil der Betrachtung: die Erwägungen.

      Nach der Tätigkeit der Vorstellungskraft kommt die des Verstandes, die wir Betrachtung nennen. Sie besteht in einer oder mehreren Erwägungen, die unser Herz für Gott und Göttliches erwärmen sollen.1 Dadurch unterscheidet sich die Betrachtung vom Studium, von anderen Gedanken und Erwägungen, deren Zweck nicht das Erlangen einer Tugend oder der Gottesliebe ist, sondern etwa gelehrt zu werden oder darüber schreiben und disputieren zu können.

      Hast du also deinen Geist in den Betrachtungsstoff eingeschlossen - durch die Phantasie, wenn er sinnfällig, durch die einfache Vorstellung, wenn er geistiger Natur ist, - dann beginne darüber Erwägungen anzustellen; Beispiele dafür findest du in den Betrachtungen des ersten Teils.

      Findet dein Geist Geschmack, Licht und Frucht an einer Erwägung, dann bleib dabei, ohne weiterzugehen, wie die Bienen von einer Blume nicht fortfliegen, solange sie Honig in ihr finden. Findest du aber nichts an einer Erwägung, nachdem du davon gekostet hast, dann geh zu einer anderen über, - aber immer ganz einfach, ruhig und ohne Hast.

      6. Kapitel

      Dritter Teil der Betrachtung: Affekte und Entschlüsse.

      Die Betrachtung weckt Regungen des Herzens im Willen, dem Sitz der Affekte: so die Liebe zu Gott und dem Nächsten, die Sehnsucht nach dem Himmel, den Eifer für das Heil der Seelen und für die Nachfolge Christi, Mitleid, Bewunderung, Freude, Furcht vor Gottes Ungnade, vor dem Gericht und der Hölle, Haß gegen die Sünde, Vertrauen in Gottes Güte und Erbarmen, Scham über das frühere Sündenleben. In diesen Affekten soll sich die Seele ergießen und entfalten, soviel es ihr nur möglich ist. Brauchst du dazu Hilfe, so nimm den ersten Band der Betrachtungen von Don Andrea Capiglia zur Hand und lies seine Vorrede, in der er zeigt, wie man seine Affekte vertieft; noch eingehender spricht davon P. Arias in seiner Abhandlung über die Betrachtung.

      Du darfst dich aber nicht mit diesen allgemeinen Affekten begnügen, mußt sie vielmehr in besondere, ins einzelne gehende Vorsätze für deine Besserung umwandeln.1 So wird wohl das erste Wort des Herrn am Kreuz in dir den Wunsch wecken, ihm nachzufolgen, deinen Feinden zu verzeihen und sie zu lieben. Ich muß aber sagen, das ist zu wenig, wenn du nicht einen besonderen Entschluß hinzufügst, wie diesen: Ich werde mich also nicht mehr über diese und jene Worte beleidigt zeigen, die der oder jener, mein Nachbar oder meine Nachbarin, mein Diener oder meine Magd über mich sagen, noch auch über die Geringschätzung, die dieser oder jener zeigt; im Gegenteil, ich will dies oder das tun, um sie zu gewinnen und zu besänftigen usw.

      So wirst du deine Fehler in kurzer Zeit bessern, durch bloße Affekte dagegen läßt sich das nur langsam und mangelhaft erreichen.

      7. Kapitel

      Schluß und geistlicher Blumenstrauß.

      Beschließe die Betrachtung mit drei Dingen, die du so demütig wie möglich verrichten sollst.

      Das erste: die Danksagung. Danke Gott für die Affekte und Entschlüsse, die er dir gegeben, für seine Güte und Barmherzigkeit, die du in der Betrachtung von neuem geschaut hast.

      Das zweite: die Aufopferung. Opfere Gott seine Güte und Barmherzigkeit auf, das kostbare Blut, das Leiden und Sterben, die Tugenden seines Sohnes, und in Vereinigung mit ihnen deine Affekte und Entschlüsse.

      Das dritte: die Bitte. Bitte Gott, beschwöre ihn, daß er dir die Gnaden und Tugenden seines Sohnes mitteile, daß er deine Affekte und Entschlüsse segne, damit du sie treu durchführen mögest. Bete dann für die Kirche, deine Seelenhirten, deine Eltern, Freunde und andere liebe Menschen. Rufe die Fürbitte Unserer lieben Frau, der Engel und Heiligen an. Zum Schluß bete das Vater unser und Gegrüßt seist du, Maria, das Gebet, das für alle Gläubigen bestimmt und allen notwendig ist.

      Ich habe noch hinzugefügt, du sollst einen kleinen Blumenstrauß frommer Gedanken mitnehmen. Ich verstehe das so: Wer in einem schönen Garten spazieren geht, nimmt gern einige Blumen mit, um sich an ihrem Wohlgeruch zu erfreuen und sie den ganzen Tag bei sich zu haben. Wenn unser Geist sich in einem Geheimnis ergangen hat, dann wählen wir zwei oder drei Gedanken aus, die uns am besten gefielen, die für unseren Fortschritt am nützlichsten sind, um tagsüber öfter daran zu denken und ihren geistigen Duft in uns aufzunehmen. Das tun wir am besten am Ort unserer Betrachtung, indem wir dort noch eine Weile bleiben oder nachher einige Zeit allein auf- und abgehen.

      8. Kapitel

      Nützliche Ratschläge für die Betrachtung.

      1. Es ist vor allem notwendig, daß du nach der Betrachtung die Entschlüsse, die du in ihrem Verlauf gefaßt hast, festhältst und tagsüber sorgfältig ausführst. Sie sind ja die große Frucht der Betrachtung, ohne die sie nicht nur unnütz, sondern oft sogar schädlich ist, weil bloß betrachtete, aber nicht geübte Tugenden Geist und Herz nur aufblähen. Man meint dann, das zu sein, wozu man sich entschlossen hat; das stimmt dann, wenn die Entschlüsse lebendig und fest sind; das sind sie aber nicht, sondern eitel und gefährlich, wenn sie nicht ausgeführt werden. Deshalb muß man sich auf jede Weise bemühen, sie auszuführen, und dazu die Gelegenheiten suchen, die großen wie die kleinen.

      Habe ich mir z.B. vorgenommen, durch Güte jene zu gewinnen, die mich beleidigt haben, so suche ich an diesem Tag den Betreffenden zu begegnen, um sie freundlich zu grüßen; kann ich sie nicht treffen, dann will ich wenigstens gut von ihnen sprechen und für sie beten.

      2. Nach der Betrachtung mußt du dich in acht nehmen, deinem Herzen keinen Stoß zu versetzen; damit würdest du das Kostbare verschütten, das du durch die Betrachtung gewonnen hast. Ich will sagen: Bleib eine Zeit lang still, wende dich ganz ruhig vom Gebet zur Arbeit hin und halte, solang es dir möglich ist, die Stimmung und Affekte fest, die du empfangen hast.

      Wer in einem schönen Porzellangefäß eine kostbare Flüssigkeit nach Hause trägt, wird gewiß vorsichtig gehen, nicht seitwärts, sondern vor sich hin schauen, um nicht über einen Stein zu stolpern oder einen Fehltritt zu machen; er wird auf das Gefäß schauen, ob er es auch gerade hält. So handle auch du nach der Betrachtung. Zerstreue dich nicht sogleich, sondern schau ruhig vor dich hin. Triffst du jemand, mit dem du sprechen mußt, so tu es ruhig, schau aber zugleich auf dein Herz, daß die kostbare Flüssigkeit deiner Geistessammlung so wenig wie möglich ausfließe.

      3. Du mußt auch lernen, vom Gebet zu jeder Arbeit überzugehen, die dein Beruf und Stand verlangen, auch wenn sie weitab von den Affekten deiner Betrachtung liegt. So muß der Rechtsanwalt nach der Betrachtung an die Prozeßrede gehen, der Kaufmann zu seinem Geschäft, die verheiratete Frau an ihre Ehepflichten und häuslichen Arbeiten, - und das so ruhig und friedlich, daß es keine Störung im Seelenleben gibt. Das eine wie das andere ist ja Gottes Wille, darum muß man auch im Geist der Demut und Frömmigkeit vom einen zum anderen übergehen können.

      4. Zuweilen wird es vorkommen, daß dein Herz sogleich nach der Vorbereitung ganz von Gott ergriffen und bewegt ist. Dann überlaß dich ruhig diesem Zug ohne Rücksicht auf die Methode, die ich dir gegeben habe. Für gewöhnlich soll wohl die Erwägung den Affekten vorausgehen; gibt aber der Heilige Geist Affekte vor der Erwägung, so bemühe dich nicht um Erwägungen, denn sie dienen doch nur dazu, Affekte hervorzurufen. Mit einem Wort: Sei jederzeit bereit, die Affekte aufzunehmen, ob sie sich nun vor oder nach den Erwägungen einstellen.

      Wenn ich die Affekte nach den Erwägungen eingereiht habe, so geschah es nur, um die einzelnen Bausteine der Betrachtung besser darzustellen. Allgemein jedoch gilt die Regel: Man darf die Affekte nicht zurückdrängen, sondern muß ihnen freien Lauf lassen, sobald sie sich einstellen. - Das sage ich nicht nur von den Affekten, sondern auch vom Dankgebet, der Aufopferung, dem Bittgebet, die ebenso während der Erwägung verrichtet werden können. Man darf sie ebensowenig zurückhalten wie die Affekte, wenn man sie auch am Schluß der Betrachtung noch einmal erwecken soll. Die Entschlüsse soll man erst nach den Affekten am Ende der Betrachtung fassen; da wir uns hierzu unsere alltäglichen persönlichen Lebensverhältnisse vergegenwärtigen müssen, bestünde die Gefahr der Zerstreuung, wollte man sie während der Affekte fassen.

      5. Bei den Affekten und Entschlüssen ist es gut, mit dem Heiland zu sprechen oder mit den Engeln oder mit den Personen, die in dem Geheimnis vorkommen, mit den Heiligen oder auch mit sich selbst, d.h. mit seinem eigenen Herzen. Man kann auch die Sünder ansprechen und sogar die vernunftlose Kreatur, wie wir es in den Psalmen Davids oder in den Gebeten und Betrachtungen der Heiligen finden.

      9. Kapitel

      Trockenheit bei der Betrachtung.

      Kommt es vor, daß du an der Betrachtung keinen Geschmack und keine Freude findest, so bitte ich dich: beunruhige dich deshalb nicht! Verrichte in solchen Zeiten mündliche Gebete; klage beim Herrn über dich selbst, bekenne deine Unwürdigkeit, bitte ihn um seine Hilfe oder küsse sein Bild, wenn du es bei der Hand hast, und sprich mit Jakob: ³Ich lasse nicht von Dir, o Herr, Du segnetest mich denn" (Gen 32,26), oder mit der Kanaaniterin: ³Ja, Herr, ich bin ein Hündlein, aber die Hunde fressen doch auch die Brosamen, die vom Tisch des Herrn abfallen" (Mt 15,27). - Ein anderes Mal nimm ein Buch zur Hand, lies es aufmerksam, bis dein Geist wieder rege und ausgeruht ist. Oder sporne dein Herz an durch körperliche Bewegungen oder fromme Haltung: kreuze z.B. deine Arme über der Brust, küsse das Kruzifix, wirf dich auf die Knie, - natürlich nur, wenn du allein für dich bist.

      Empfindest du nach all dem noch immer keine Freude, dann rege dich darüber nicht auf, so groß auch die Dürre deiner Seele sein mag; bleib einfach in frommer Haltung vor Gott. Wie viele Höflinge betreten oft und oft im Laufe des Jahres die Gemächer des Fürsten, nur um von ihm gesehen zu werden und ihm ihre Aufwartung zu machen, ohne Hoffnung, ihn auch sprechen zu können. So müssen auch wir ganz schlicht und einfach vor Gott hintreten im Gebet, um unsere Pflicht zu erfüllen und unsere Treue zu zeigen. Gefällt es der göttlichen Majestät, mit uns zu sprechen und sich mit uns durch heilige Einsprechungen und Empfindungen der Freude zu unterhalten, dann soll es uns eine große Ehre und festliche Freude sein. Gefällt es aber Gott, uns diese Gnade nicht zu erweisen, läßt er uns stehen, ohne mit uns zu sprechen, als ob er uns gar nicht sähe und wir gar nicht in seiner Gegenwart wären, so dürfen wir trotzdem nicht fortgehen, sondern müssen im Gegenteil vor der unendlichen Güte in frommer und ruhiger Haltung verharren. Dann wird Gott unfehlbar unsere Geduld wohlgefällig aufnehmen, unsere unbeirrbare Beharrlichkeit sehen und ein anderes Mal, wenn wir wieder zu ihm kommen, uns mit seinen Freuden beschenken und uns die Seligkeit des heiligen Gebetes fühlen lassen. - Tut er es aber nicht, dann wollen wir uns auch damit zufrieden geben; es ist für uns schon eine zu große Ehre, bei ihm zu sein und von ihm gesehen zu werden.

      10. Kapitel

      Die Morgenübung

      Außer dieser ganz durchformten innerlichen Gebetszeit und den dazu gehörenden mündlichen Gebeten, die du einmal am Tag verrichten sollst, gibt es noch fünf verschiedene kürzere Gebetsübungen, die diesem großen Gebet gleichsam entsprießen. Die erste ist am Morgen zu verrichten und eine allgemeine Vorbereitung auf das ganze Tagewerk.1 Verrichte sie folgendermaßen:

      1. Bete Gott an und danke ihm für die Gnade, daß er dich in der vergangenen Nacht erhalten hat. Hast du während dieser irgendwie gesündigt, so bitte ihn um Verzeihung.

      2. Denke daran, daß der gegenwärtige Tag dir gegeben wurde, damit du durch ihn die Ewigkeit gewinnest. Nimm dir fest vor, den Tag dafür gut zu nützen.

      3. Überlege im voraus, welche Arbeiten, Geschäfte und Gelegenheiten dir an diesem Tag begegnen werden, Gott zu dienen, welche Versuchungen wohl kommen können, ihn durch Zorn, Eitelkeit oder andere Verfehlungen zu beleidigen. Bereite dich durch einen heiligen Entschluß vor, die sich bietenden Möglichkeiten, Gott zu dienen und in der Frömmigkeit voranzukommen, gut zu nützen; nimm dir vor, alles zu vermeiden, zu bekämpfen und zu überwinden, was mit deinem Seelenheil und Gottes Ehre nicht vereinbar ist.

      Es genügt aber nicht, diesen Entschluß zu fassen; man muß auch die Mittel vorbereiten, ihn zu verwirklichen. Sehe ich z.B., daß ich mit einem leidenschaftlichen, zornmütigen Menschen zu tun haben werde, dann will ich mir nicht nur vornehmen, alles zu vermeiden, was ihn reizen könnte, sondern ich werde auch meine Worte überlegen, um ihm zuvorzukommen, oder auch nachdenken, wen ich beiziehen könnte, um ihn zu besänftigen. - Sehe ich voraus, daß ich einen Kranken besuchen soll, so wähle ich die geeignete Zeit dafür und überlege, womit ich ihn trösten und ihm helfen könnte. Das gleiche gilt auch für andere Gelegenheiten und Möglichkeiten.

      4. Dann demütige dich vor Gott; gib zu, daß du die Entschlüsse nicht aus eigener Kraft durchzuführen vermagst; daß du allein weder das Schlechte meiden, noch das Gute vollbringen kannst. Opfere dein Herz mit all seinen guten Entschlüssen der göttlichen Majestät auf; bitte sie, es unter ihren Schutz zu nehmen und zum guten Gelingen in ihrem Dienste zu stärken. Sprich in deinem Herzen dies oder ähnliches: Herr, sieh dies arme und elende Herz, das durch Deine Güte gute Regungen empfunden; es ist aber zu schwach und armselig, um das Gute zu wirken, das es wünscht, wenn Du nicht Deinen himmlischen Segen gibst, um den ich Dich bitte, guter Vater, durch die Verdienste des Leidens Deines Sohnes, dessen Ehre ich diesen Tag und mein ganzes Leben weihe. - Rufe auch Unsere liebe Frau an, deinen Schutzengel und die Heiligen, damit sie dir dabei helfen.

      Alle diese geistlichen Affekte sollen aber kurz und lebendig vollzogen werden; nach Möglichkeit, bevor du aus deinem Zimmer gehst, damit durch diese Übung alles von Gottes Segen befruchtet sei, was du tagsüber tust. Ich bitte dich, sie niemals zu unterlassen.

      11. Kapitel

      Die Abendübung und die Gewissenserforschung.

      Wie du vor dem Mittagessen deine Seele durch die Betrachtung nährst, so wirst du ihr auch vor dem Abendessen noch etwas geistliche Nahrung geben.1 Nimm dir also vorher etwas Zeit zum Gebet.

      Wirf dich anbetend vor Gott nieder, halte dich gesammelt beim gekreuzigten Jesus (den du dir durch eine einfache Erwägung und einen inneren Blick vorstellst) und erneuere in deinem Herzen die Flammen der Morgenbetrachtung durch einige lebhafte Stoßgebete zum göttlichen Heiland deiner Seele. Du kannst auch die Punkte wiederholen, die dich in der Morgenbetrachtung am meisten angesprochen haben, oder deine Seele durch andere Gegenstände anregen, wie es dir gelegener ist.

      Die Gewissenserforschung, die man immer vornimmt, ehe man zu Bett geht, soll wie folgt gehalten werden:

      1. Danke Gott, daß er dich diesen Tag erhalten hat.

      2. Prüfe dein Verhalten während des ganzen Tages. Um dies leichter zu können, überlege, wo und bei wem du warst, womit du dich beschäftigt hast.

      3. Glaubst du etwas Gutes getan zu haben, so danke Gott. Hast du aber in Gedanken, Worten oder Werken gesündigt, dann bitte die göttliche Majestät um Verzeihung und nimm dir vor, es bei der nächsten Gelegenheit zu beichten und dich gründlich zu bessern.

      4. Dann empfiehl der göttlichen Vorsehung deinen Leib und deine Seele, die Kirche, die Eltern und Freunde. Bete zu Unserer lieben Frau, zum Schutzengel und zu den Heiligen, daß sie über dich und für dich wachen mögen. Bitte Gott um seinen Segen und begib dich zur Ruhe, die uns nach seinem Willen notwendig ist.

      Diese Übung darf man nie vergessen, ebensowenig wie die Morgenübung. Durch die eine öffnen wir die Augen unserer Seele der Sonne der Gerechtigkeit, durch die andere schließen wir sie vor der Finsternis der Hölle.

      12. Kapitel

      Die geistliche Einkehr.

      Hier will ich dich recht besorgt wissen, meinen Ratschlägen zu folgen; denn in diesem Kapitel findest du eines der sichersten Mittel zum geistlichen Fortschritt.1

      Sooft es dir tagsüber möglich ist, rufe deinen Geist in die Gegenwart Gottes zurück auf eine der vier Arten, die ich dir angegeben habe. Denke an das, was Gott tut und womit du dich beschäftigst. Du wirst sein Auge auf dir ruhen sehen, das mit unbeschreiblicher Liebe ständig auf dich gerichtet ist. Warum, mein Gott, wirst du sagen, blicke ich nicht ständig auf Dich, wie Du immer auf mich schaust? Warum denkst Du so oft an mich, Herr, und ich denke so selten an Dich? Wo bist du, meine Seele? Deine wahre Heimat ist Gott; wo aber sind wir tatsächlich?

      Die Vögel haben ihre Nester auf den Bäumen, um sich dorthin zurückzuziehen, wenn sie dessen bedürfen; der Hirsch hat sein Gebüsch und sein Dickicht, in dem er sich verbirgt und vergräbt und im Sommer der Kühle des Schattens erfreut. So muß auch unser Herz sich jeden Tag irgendeinen Platz suchen, den Kalvarienberg, die Wunden des Herrn oder einen Ort nahe bei ihm, um sich dorthin inmitten der äußeren Arbeiten bei jeder Gelegenheit zurückzuziehen, sich dort zu stärken und zu erholen und sich wie in einer Festung gegen die Versuchung zu verteidigen. Glücklich eine Seele, die in Wahrheit zum Herrn sagen kann: ³Du bist meine Zuflucht, mein Schutzwall, mein Dach gegen den Regen, mein Schatten gegen die Hitze" (Ps 31,3; Sir 34,19).

      Führe also dein Herz immer wieder in die Einsamkeit, während du nach außenhin im Gespräch oder bei Geschäften bist. Diese geistige Einkehr kann in keiner Weise durch die Gegenwart vieler Menschen verhindert werden; sie umgeben dich ja nur äußerlich, während dein Herz ausschließlich in der Gegenwart des alleinigen Gottes bleibt.

      Wie die Psalmen zeigen, verfuhr David so bei all seinen Beschäftigungen: ³Herr, ich bin immer bei Dir" (Ps 73,23). ³Ich sehe meinen Gott immer vor mir" (Ps 15,8). ³Ich habe meine Augen zu Dir erhoben, o Gott, der Du im Himmel thronst" (Ps 123,1). ³Meine Augen sind immer auf Gott gerichtet" (Ps 25,15). - Gespräche sind ja gewöhnlich nicht so wichtig, daß man nicht von Zeit zu Zeit sein Herz davon zurückziehen könnte, um es in diese göttliche Einsamkeit zu führen.

      Die Eltern der hl. Katharina von Siena hatten dieser jede äußere Möglichkeit zu beten genommen. Da lehrte sie der Herr, in ihrem Herzen ein kleines Heiligtum zu errichten, wohin sie sich im Geist zurückziehen und dadurch mitten in äußeren Beschäftigungen der heiligen Herzenseinsamkeit obliegen könnte. Wenn die Welt sie angriff, dann lag ihr nichts daran; sie schloß sich in ihr Heiligtum ein, wo der göttliche Bräutigam sie tröstete. Deshalb riet sie auch allen geistlichen Kindern, sich im Herzen ein solches Gemach einzurichten und darin zu verweilen.

      Zieh dich also zuweilen von allen Gedanken zurück in dein Herz, damit deine Seele fern von allen Menschen innigste Zwiesprache mit ihrem Gott halten und mit David sagen kann: ³Gleich dem einsamen Falken habe ich gewacht, wie Nachtkauz und Eule mich in alten Mauern verborgen und war dem einsamen Sperling auf dem Dache gleich" (Ps 102,7). Diese Worte zeigen uns in ihrer ursprünglichen Bedeutung, daß dieser große König manche Stunde einsam in der Betrachtung göttlicher Dinge verbrachte; im mystischen Sinn weisen sie uns auf drei vorzügliche Zufluchtsorte hin, gleichsam drei Einsiedeleien, wo wir uns in der Einsamkeit bemühen können, dem Heiland ähnlich zu werden. Er war ja auf dem Kalvarienberg dem ³einsamen Pelikan" gleich, der durch sein Blut seine Jungen wieder ins Leben zurückruft; er war bei seiner Geburt im verlassenen Stall gleich der ³Eule im alten Gemäuer", als er weinend unsere Fehler und Sünden beklagte; und am Tage der Himmelfahrt war er dem ³Sperling" gleich, als er zum Himmel emporstieg, der das Dach der Welt ist. Zu jeder dieser drei Stätten können wir aus dem Trubel unserer Geschäfte unsere Zuflucht nehmen.

      Als der selige Graf Eleazar von Arien in der Provence lange Zeit fern von seiner frommen und keuschen Frau Delphina weilte, sandte sie ihm einen Boten, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Eleazar schickte ihr folgende Antwort: ³Es geht mir gut, liebste Gemahlin. Wenn Du mich sehen willst, dann suche mich in der Seitenwunde unseres gütigen Heilands; dort wohne ich, dort wirst Du mich finden. Anderswo suchst Du mich vergeblich."

      13. Kapitel

      Stoßgebete und fromme Gedanken.

      Man zieht sich zu Gott zurück, wenn man sich zu ihm erhebt; und man erhebt sich zu ihm, um sich in ihn zurückzuziehen. So sind die Erhebungen zu Gott und das Zurückziehen in die geistige Einsamkeit eng miteinander verbunden; beide entspringen frommen Erwägungen.

      Erhebe dich also oft zu Gott durch kurze, feurige Herzensgebete.1 Bewundere seine Schönheit, bitte ihn um Hilfe, wirf dich im Geiste am Fuß des Kreuzes nieder, bete seine Güte an, befrage ihn oft über dein Seelenheil, schenke ihm deine Seele von neuem, richte deine Augen auf seine Liebe. Reiche ihm die Hand, wie ein Kind dem Vater, daß er dich führe; lege ihn auf dein Herz, wie einen Blumenstrauß; richte ihn in deiner Seele auf wie eine Standarte und halte dein Herz in Bewegung, so gut du nur kannst, damit du ihm die Liebe zu Gott einflößen und eine lebhafte, zärtliche Liebe zum göttlichen Bräutigam in ihm zu wecken vermagst.

      In solcher Weise übe die Stoßgebete, die der große hl. Augustinus so eindringlich der frommen Frau Proba empfahl. Wenn unser Geist ständig vertraulich und innig mit Gott verkehrt, dann wird er ganz vom Duft göttlicher Vollkommenheit durchdrungen werden.

      Diese Übung ist bestimmt nicht schwer. Man kann sie in alle Arbeiten und Beschäftigungen einflechten, ohne diesen irgendwie zu schaden; denn wie bei der geistlichen Einsamkeit wendet man sich bei diesen Stoßgebeten nur kurz von seiner Arbeit ab; sie wird dadurch nicht gestört, sondern vielmehr gefördert. Der Wanderer bleibt wohl einen Augenblick stehen, wenn er einen Schluck Wein nimmt, um Herz und Mund zu erfrischen; dadurch unterbricht er aber keineswegs seine Reise, sondern holt sich nur Kraft, um rascher und besser ausschreiten zu können.

      Manche haben eine Anzahl von Stoßgebeten gesammelt, die sehr nützlich sind. Wenn ich dir aber einen Rat geben darf, so lege dich nicht auf bestimmte Worte fest, sondern sprich im Herzen oder mit dem Mund diejenigen aus, die dir im Augenblick die Liebe eingibt. Sie wird dich die richtigen Worte finden lassen. Allerdings haben gewisse Worte eine besondere Eignung, das Herz zu stärken, so die häufigen Ausrufe in den Psalmen Davids, die verschiedenen Anrufungen des heiligen Namens Jesu, die Liebesworte des Hohen Liedes. Auch geistliche Lieder können dazu dienen, wenn du sie andächtig singst.

      Wer von menschlicher, natürlicher Liebe erfaßt ist, hat seine Gedanken fast immer beim Gegenstand seiner Liebe, sein Herz strömt über von Zärtlichkeit gegen ihn und sein Mund ist voll des Lobes für ihn; ist das geliebte Wesen fern, so versäumt er keine Gelegenheit, seiner Neigung durch Briefe Ausdruck zu geben, er sieht keinen Baum, ohne in dessen Rinde den Namen des Geliebten zu schneiden. So können auch jene, die Gott lieben, nicht aufhören, an ihn zu denken, für ihn zu atmen, nach ihm zu streben, von ihm zu sprechen; sie möchten den hochheiligen Namen Jesus nach Möglichkeit in die Herzen aller Menschen schreiben. Alles dient ihnen als Anregung dazu; es gibt kein Geschöpf, das ihnen nicht das Lob des Geliebten verkündet. Wie Augustinus nach einem Wort des hl. Antonius sagt, spricht alles auf der Welt eine stumme, aber sehr verständliche Sprache im Dienste ihrer Liebe. Alles regt sie zu guten Gedanken an, die wieder eine Erhebung zu Gott zur Folge haben.

      Dafür einige Beispiele: Der hl. Gregor von Nazianz - er erzählt es selbst in einer Predigt - ging eines Tages am Meeresufer auf und ab; da sah er, wie die Wellen Muscheln, Pflanzen, kleine Austern und ähnliches anschwemmten, was das Meer ausstieß, sozusagen ausspie. Dann kamen andere Wellen und schwemmten einiges davon wieder ins Meer zurück; die Felsen ringsum aber blieben fest und unbeweglich, so sehr auch die Wellen dagegen brandeten. Darüber kam ihm der schöne Gedanke, daß schwache Menschen gleich Muscheln und entwurzelten Pflanzen sich bald zur Traurigkeit, bald zur Freude hinreißen lassen, hin- und hergespült von den Wellen und Wogen des Schicksals; die Mutigen aber bleiben fest und unbeweglich in allen Stürmen. Von diesem Gedanken ausgehend betete er mit David: ³Herr, rette mich vor den tiefen Wassern. Ich werde auf die hohe See hinausgetrieben, der Sturm hat mich zum Sinken gebracht" (Ps 69,2; 16,3). - Er war ja damals in schwerer Bedrängnis, weil Maximus sich seinen Bischofssitz widerrechtlich angeeignet hatte.

      Der heilige Bischof Fulgentius von Ruspe befand sich in einer großen Versammlung des römischen Adels, die der Gotenkönig Theoderich einberufen hatte; da er die Pracht dieser Versammlung sah, rief er aus: ³Mein Gott, wie schön muß das himmlische Jerusalem sein, da schon das irdische Rom solchen Pomp entfaltet! Und wenn in dieser Welt so viel Pracht denen gelassen ist, die die Eitelkeit lieben, wieviel Herrlichkeit wird in der anderen Welt jenen zuteil werden, die die Wahrheit schauen!"

      Es heißt, der heilige Erzbischof Anselm von Canterbury, auf dessen Abstammung unser Bergland so stolz ist, habe es vorzüglich verstanden, solche gute Gedanken zu erwecken. Ein Hase, der von den Hunden verfolgt wurde, flüchtete unter das Pferd des heiligen Bischofs, das ihm eine Zuflucht in drohender Todesgefahr erschien. Die Hunde umstanden kläffend das Pferd, wagten aber das Asyl nicht zu verletzen, in das ihre Beute sich geflüchtet hatte. Alle lachten über das merkwürdige Schauspiel, während der Heilige unter Tränen sagte: ³Ihr lacht, das arme Tier aber lacht nicht. Die Feinde der Seele, die sie auf ihren lrrwegen durch Sünden verfolgt und gepeinigt haben, harren ihrer am Engpaß des Todes, um sie wegzuraffen und zu verderben. Voll Schrecken sucht sie überall nach einer Hilfe und einem Asyl, findet sie aber nicht, während die Feinde über sie lachen und spotten."

      Konstantin der Große schrieb an den hl. Antonius einen ehrenden Brief. Darüber waren seine Ordensbrüder sehr erstaunt; er aber sagte ihnen: ³lhr wundert euch, daß ein König einem Menschen schreibt? Wundert euch doch eher darüber, daß der ewige Gott sein Gesetz den Sterblichen geschrieben und sogar mit ihnen in der Person seines Sohnes gesprochen hat." Der hl. Franz von Assisi sah ein Schaf in einer Herde von Böcken. ³Seht doch", sagte er zu seinen Begleitern, ³ebenso sanft wie dieses Schäflein inmitten der Böcke, so mild und demütig wandelte der Herr inmitten der Pharisäer." Ein andermal sah er, wie Schweine ein Lamm fraßen. ³Ach, mein kleines Lämmlein", rief er weinend aus, ³wie lebhaft erinnerst du mich doch an den Tod meines Heilands!"

      Franz Borgias, damals noch Herzog von Gandia, hegte auf seinen Jagden viele fromme Gedanken. ³Wie seltsam", meinte er, ³daß die Falken auf die Faust zurückkehren, sich die Augen bedecken und sich an den Stock binden lassen, während die Menschen gegen die Stimme Gottes so widerspenstig sind."

      Der große Basilius sagte, daß die Rose inmitten der Dornen den Menschen folgende Lehre gebe: ³Auch das Angenehmste auf dieser Welt, o Sterblicher, ist mit dem Schmerzlichen verbunden; keine Freude ist ungetrübt: Leid folgt auf Fröhlichkeit, Witwenschaft auf die Ehe, Sorge auf Überfluß, Schande auf Ruhm, Verlust auf Ehren, Überdruß auf Entzücken und Krankheit auf Gesundheit. Die Rose ist eine schöne Blume", sagte der Heilige weiter, ³aber ich werde immer traurig, wenn ich sie sehe, denn sie erinnert mich an die Sünde; durch sie wurde die Erde verurteilt, Dornen zu tragen."

      Ein frommer Mensch sah die Sterne sich bei heller Nacht in einem Bach spiegeln und sagte: ³Mein Gott, diese Sterne werden mir zu Füßen liegen, wenn Du mich in Dein heiliges Zelt aufgenommen hast. Wie die Sterne ihren Schein auf die Erde werfen, so werden sich im Himmel die irdischen Menschen in dem lebendigen Quell der göttlichen Liebe spiegeln."

      Ein anderer rief beim Anblick eines dahinströmenden Flusses aus: ³Meine Seele wird keine Ruhe finden, bis sie sich im Meer der Gottheit verloren hat, wo ihr Ursprung ist."

      Die hl. Franziska wurde beim Betrachten eines lieblichen Baches, an dessen Ufer sie zum Beten niedergekniet, zur Verzückung hingerissen und rief immer wieder: ³Die Gnade meines Gottes fließt so still und mild dahin wie dieses Bächlein."

      Ein anderer klagte beim Anblick blühender Bäume: ³Warum stehe ich allein blütenlos im Garten der Kirche ? ³ Wieder ein anderer sagte beim Anblick der Kücken unter den Fittichen der Henne: ³O Herr, behüte mich im Schatten Deiner Fittiche!" (Ps 17,8), ein dritter beim Anblick der Sonnenblume: ³Wann wird sich meine Seele Deiner Güte erschließen?" und beim Anblick der wohl schönen, aber geruchlosen Stiefmütterchen: ³So sind leider meine Erkenntnisse: schön in Worte gefaßt, aber ohne Frucht und Wirkung."

      Siehst du, so schöpft man gute Gedanken und heilige Stoßgebete aus allem, was uns im Laufe dieses sterblichen Lebens begegnet. Unselig, wen die Geschöpfe von ihrem Schöpfer weg zur Sünde hinziehen; selig aber, wer die Geschöpfe zur Ehre ihres Schöpfers hinlenkt und mit ihrer Geringfügigkeit die Wahrheit verherrlicht. ³Ich pflege alles zu meinem geistlichen Nutzen zu gebrauchen", sagte Gregor von Nazianz. Lies die fromme Grabschrift, die der hl. Hieronymus der hl. Paula gesetzt; sie ist durchwoben von heiligen Gebeten und Gedanken, die sie bei allen Gelegenheiten erweckte.

      In dieser Übung der geistlichen Einsamkeit und der kurzen Herzenserhebungen zu Gott besteht das große Werk der Frömmigkeit. Sie kann im Notfall alle übrigen Gebete ersetzen, ihre Unterlassung kann aber kaum durch irgendetwas gutgemacht werden. Ohne sie kann man nicht gut ein beschauliches Leben führen, ohne sie wird man auch die Pflichten des täglichen Lebens nur sehr mangelhaft erfüllen. Ohne sie wird Ruhe zur Trägheit und Arbeit zur Last. Deshalb beschwöre ich dich, wende dieser Übung die größte Sorgfalt zu und lasse niemals davon ab.2

      14. Kapitel

      Die heilige Messe

      1. Ich habe dir noch nichts gesagt von der Sonne der geistlichen Übungen: vom hochheiligen und erhabenen Meßopfer, dem Mittelpunkt der christlichen Religion, dem Herz der Frömmigkeit, der Seele der Andacht; ein unfaßbares Geheimnis, das den Abgrund der göttlichen Liebe umfaßt, durch das Gott sich wirklich mit uns vereinigt und uns seine Gnaden und Gaben in herrlicher Fülle spendet.1

      2. Dem Gebet in Vereinigung mit diesem göttlichen Opfer wohnt eine unsagbare Kraft inne. Die Seele ist dann überreich an himmlischen Gnaden; sie stützt sich auf ihren Vielgeliebten (Hld 8,5), der sie so sehr mit geistlichen Wohlgerüchen und Freuden erfüllt, daß sie einer Rauchsäule von wohlriechendem Holz gleicht, bestreut mit Myrrhe, Weihrauch, Aloe und anderen duftenden Körnern, wie es im Hohen Lied (3,6) heißt.

      3. Bemühe dich also ganz besonders, jeden Tag der heiligen Messe beizuwohnen, um mit dem Priester das Opfer deines Erlösers Gott dem Vater für dich und die ganze Kirche darzubringen. Stets sind die Engel in großer Zahl dabei gegenwärtig, sagte der hl. Johannes Chrysostomus, um dieses heilige Geheimnis zu ehren; da wir uns mit ihnen in der gleichen Absicht einfinden, können wir durch den segensreichen Einfluß der Gemeinschaft mit ihnen nur viel gewinnen. Die Chöre der triumphierenden und streitenden Kirche vereinigen sich in dieser göttlichen Handlung mit dem Herrn, um mit ihm, durch ihn und in ihm das Herz Gottes des Vaters zu erfreuen und seine Barmherzigkeit uns zuzuwenden. Welches Glück für eine Seele, durch ihr frommes Gebet an einem so kostbaren und begehrenswerten Geheimnis mitzuwirken!

      4. Ist es dir ganz unmöglich, an der Feier dieses hochheiligen Opfers in Wirklichkeit teilzunehmen, so schicke wenigstens dein Herz hin, nimm im Geiste teil. Finde dich also im Geist zur bestimmten Morgenstunde dabei ein, wenn dir die wirkliche Teilnahme nicht möglich ist. Vereinige deine Meinung mit der aller Christen; erwecke da, wo du bist, dieselben Akte des Herzens, als wohntest du wirklich der heiligen Messe in einer Kirche bei.

      5. Um nun wirklich oder geistig das heilige Meßopfer in der rechten Weise mitzufeiern, beachte folgendes: 1) Bereite dich mit dem Priester vor, ehe er an den Altar tritt; denke an Gottes Gegenwart, bekenne deine Unwürdigkeit, bitte um Vergebung deiner Sünden. - 2) Vom Bußakt bis zum Evangelium betrachte ganz allgemein die Menschwerdung und das Erdenleben unseres Herrn. - 3) Vom Evangelium bis nach dem Credo betrachte die Predigt des Herrn. Bekenne, daß du im Glauben, im Gehorsam gegen sein heiliges Wort, in Verbundenheit mit der heiligen katholischen Kirche leben und sterben willst. - 4) Vom Credo bis zum Pater noster wende dein Herz den Geheimnissen des Leidens und Sterbens unseres Erlösers zu; sie sind tatsächlich und wesentlich in diesem heiligen Opfer dargestellt, das du mit dem Priester und dem übrigen Volk Gott dem Vater zu seiner Ehre und zu deinem Heil darbringst. - 5) Vom Pater noster bis zur Kommunion bemühe dich, dein Herz zu heiligen Wünschen zu entflammen; sehne dich innig darnach, für immer mit unserem Heiland in ewiger Liebe verbunden und vereinigt zu sein. - 6) Von der Kommunion bis zum Schluß der heiligen Messe danke der göttlichen Majestät für ihre Menschwerdung, ihr Leben, Leiden und Sterben sowie für die Liebe, die sie uns im heiligen Opfer bezeigt. Beschwöre den Heiland bei diesem Opfer, dir, deinen Verwandten und Freunden und der ganzen Kirche immer gnädig zu sein. Demütige dich von ganzem Herzen und empfange andächtig den göttlichen Segen, den der Herr dir durch seinen Priester spendet.

      Willst du aber während der heiligen Messe deine tägliche Betrachtung halten, dann ist es nicht notwendig, daß du dich von ihr abwendest, um diese besonderen Übungen zu verrichten; es genügt, wenn du zu Beginn der heiligen Messe die Meinung hast, dieses heilige Opfer durch die Übung deiner Betrachtung und deines innerlichen Gebetes Gott darzubringen und ihn dadurch anzubeten, da ja in der Betrachtung alle oben erwähnten Akte ausdrücklich oder einschlußweise enthalten sind.

      15. Kapitel

      Andere öffentliche und gemeinsame Übungen

      An Sonn- und Feiertagen wohne dem Nachmittagsgottesdienst (Vesper, Andacht) bei; soweit es dir möglich ist. Diese Tage sind Gott geweiht; man soll an ihnen mehr zu seiner Ehre und Verherrlichung tun als an anderen Tagen. - So wirst du auch viel mehr Freude an der Frömmigkeit finden, wie der hl. Augustinus in seinen Bekenntnissen bezeugt, wenn er sagt, daß in der ersten Zeit nach seiner Bekehrung sein Herz beim Anhören der kirchlichen Gebete von Freude überströmte und seine Augen sich mit Tränen füllten. Außerdem sind (das sage ich dir ein für allemal) die öffentlichen Gebete der Kirche wertvoller und erhebender als Privatandachten, denn Gott hat es so angeordnet, daß die Gemeinschaft jeder Art von Sonderheit vorgezogen werde.

      Tritt gern kirchlichen Vereinigungen bei, die an deinem Wohnort bestehen, besonders jenen, deren Übungen am meisten Frucht und Erbauung bringen. Damit leistest du Gott wohlgefälligen Gehorsam; denn ist auch der Beitritt zu solchen Vereinigungen nicht Pflicht, so sind sie doch von der Kirche empfohlen; sie erteilt deshalb auch ihren Mitgliedern Ablässe und Privilegien und bringt damit den Wunsch zum Ausdruck, daß ihnen viele beitreten. Ferner ist es immer ein wichtiges Werk der Nächstenliebe, sich mit anderen zusammenzutun und mit ihnen nach der Verwirklichung guter Ziele zu streben. Mag es auch zutreffen, daß man gleichgute Andachten allein verrichten könnte und mehr Freude daran hätte, so wird dennoch Gott durch die Verbindung unserer guten Werke mit jenen unserer Mitmenschen mehr verherrlicht.

      Das gleiche behaupte ich für alle öffentlichen Gebete und Andachtsübungen, zu denen wir nach Möglichkeit beitragen müssen durch unser gutes Beispiel zur Erbauung des Nächsten und durch unsere Liebe zur Ehre Gottes und zu den gemeinsamen Anliegen.

      16. Kapitel

      Verehrung und Anrufung der Heiligen

      Da uns Gott seine Einsprechungen oft durch seine Engel zukommen läßt, sollen wir auch unsere Gebete oft durch sie zu Gott emporschicken. Die heiligen Seelen der Verstorbenen, die im Himmel mit den Engeln vereint und wie der Herr sagt, den Engeln gleich sind (Mt 22,30), tun dasselbe; auch sie wirken auf uns ein und beten für uns. Vereinigen wir unsere Herzen mit diesen himmlischen Geistern und heiligen Seelen. Wie die jungen Nachtigallen mit den alten singen lernen, so werden auch wir durch den Umgang mit den Heiligen das Lob Gottes schöner singen lernen: ³lch werde im Angesicht der Engel singen", sagt David.

      Ehre und verehre mit besonderer Liebe die heilige und glorreiche Jungfrau Maria. Sie ist die Mutter unseres höchsten Vaters. Gehen wir zu ihr wie kleine Kinder, schmiegen wir uns mit vollkommenem Vertrauen an ihre Brust. Rufen wir bei jeder Gelegenheit diese gütige Mutter an, wenden wir uns an ihre Mutterliebe; bemühen wir uns, ihr Tugendleben nachzuahmen, und hegen wir eine wirklich kindliche Liebe zu ihr.

      Mit den Engeln mußt du ganz vertraut werden. Betrachte sie oft, wie sie deinem Leben unsichtbar zur Seite stehen. Liebe und verehre den Schutzengel deines Bistums, die Schutzengel der Menschen, mit denen du zusammenlebst, besonders aber deinen eigenen. Bete oft zu ihnen, preise sie, nimm ihren Beistand in Anspruch in deinen geistlichen und zeitlichen Anliegen, damit sie nach deinen Wünschen mit dir wirken.

      Der große Petrus Faber, der erste Priester, Prediger und Lektor der Theologie der Gesellschaft Jesu, der erste Gefährte des hl. lgnatius, kam einmal von Deutschland her, wo er zur Ehre Gottes Großes geleistet hatte, durch sein Heimatbistum und erzählte, daß er auf der Reise durch häretische Orte immer die Schutzengel jeder Pfarrgemeinde begrüßte und dadurch viel Trost empfing. Er habe förmlich gefühlt, wie sie ihm halfen, ihn gegen die Anschläge der Häretiker zu schützen und viele Seelen für die Heilslehre empfänglich und gelehrig zu stimmen. Er sagte dies so eindringlich, daß mir vor vier Jahren, also 60 Jahre später, dies eine Dame mit großer Ergriffenheit erzählte, die es aus seinem eigenen Mund gehört hatte. Es war mir eine große Freude, in dem kleinen Dorf Villaret inmitten unserer rauhen Berge vor einem Jahr einen Altar an der Stelle zu weihen, wo dieser heilige Mann das Licht der Welt erblickt hat.

      Wähle dir auch noch einige Heilige, deren Leben dir besonders gefällt und gut nachgeahmt werden kann, zu deren Fürbitte du ein besonderes Vertrauen hast. Dein Namenspatron ist dir ja schon in der heiligen Taufe bestimmt worden.

      17. Kapitel

      Wie sollen wir das Wort Gottes aufnehmen?

      Pflege die Andacht zum Wort Gottes. Ob du es in der Predigt hörst oder in vertraulicher Zwiesprache mit geistlichen Freunden, höre es immer mit Aufmerksamkeit und Ehrfurcht an. Laß es nicht zur Erde fallen, sondern zieh Nutzen daraus: nimm es in dein Herz auf wie einen kostbaren Balsam, gleich der allerseligsten Jungfrau, die, ³in ihrem Herzen sorgfältig die Worte bewahrte", die man zum Lob ihres Kindes sagte (Lk 2,19). Sei eingedenk, daß der Herr die Worte, die wir in unseren Gebeten an ihn richten, so aufnimmt, wie wir die Worte aufnehmen, die er an uns durch die Predigt richtet.

      Hab' immer ein frommes Buch zur Hand, wie die von Bonaventura, Gerson,1 Dionysius dem Kartäuser, Blosius, Granada, Arias, Pinelli, Ponte, Avila, den ³Geistlichen Kampf", die Bekenntnisse des hl. Augustinus, die Briefe des hl. Hieronymus und ähnliche. Lies jeden Tag ein wenig darin und zwar andächtig, als lesest du Sendschreiben der Heiligen vom Himmel her, die dir den Weg dorthin zeigen und dir Mut dazu machen wollen.

      Lies auch Heiligenleben, in denen du wie in einem Spiegel das Bild des christlichen Lebens finden wirst. Mache dir je nach deinem Beruf zunutze, was sie taten. Vieles aus dem Leben der Heiligen kann ja von Menschen, die in der Welt leben, nicht genau in der gleichen Weise nachgeahmt werden, sie können uns aber doch alle in irgendeiner Form Vorbild sein. Die Zurückgezogenheit des heiligen Einsiedlers Paulus sei dir Vorbild für deine geistliche und wirkliche Einsamkeit, von der schon die Rede war und noch sein wird; die äußerste Armut des hl. Franz von Assisi für die Übung der Armut, wie wir sie noch beschreiben werden, und ähnlich die Tugenden anderer Heiliger. Freilich geben uns manche Heiligenleben mehr Licht für unser Leben als andere, so das Leben der seligen Mutter Theresia, das besonders bewundernswert ist, das Leben der ersten Jesuiten, das des heiligen Erzbischofs Karl Borromäus von Mailand, des hl. Ludwig, des hl. Bernhard, des hl. Franz von Assisi und vieler Heiligen. Andere wieder haben wir mehr zu bewundern als nachzuahmen, so das der hl. Maria von Ägypten, des hl. Simon Stylites, der beiden Heiligen Katharina von Siena und von Genua, der hl. Angela und anderer; auch diese machen uns trotzdem die heilige Gottesliebe recht anziehend.

      18. Kapitel

      Die Einsprechungen

      Einsprechungen nennen wir die inneren Antriebe, Regungen und Mahnungen, die Gewissensbisse, das Licht und die Erkenntnisse, die Gott in uns bewirkt. Er kommt unserem Herzen in seiner väterlichen Liebe und Sorge mit seinen Segnungen zuvor (Ps 21,3), um uns zu den heiligen Tugenden anzuspornen, zur göttlichen Liebe, zu guten Entschlüssen anzuregen und zu drängen: mit einem Wort zu allem, was unserem ewigen Heil frommt. Das nennt der göttliche Bräutigam ³an die Tür klopfen"(Hld 2,5), dem Herzen der Braut zusprechen (Jes 40,2; Hos 2,14), sie aufwecken, wenn sie schläft (Hld 5,2), sie rufen und wieder rufen, wenn sie abwesend ist (ebd. 2,10ff), sie zum Honig, zum Pflücken der Äpfel und Blumen im Garten einladen (ebd. 5,1; 6,1), singen und seine liebliche Stimme an ihr Ohr dringen lassen (ebd. 2,14).

      Zu einer Eheschließung sind für ein Mädchen, das heiraten will, drei Dinge notwendig: Erstens schlägt man ihr einen Mann vor, zweitens billigt es den Vorschlag, drittens nimmt es ihn an.

      Wenn Gott in uns, durch uns und mit uns ein großes Werk der Liebe vollbringen will, dann schlägt er es uns zuerst durch die Einsprechung vor, wir heißen es gut und schließlich stimmen wir zu. Wie wir zur Sünde auf drei Stufen hinabsteigen - durch die Versuchung, die Freude an ihr und endlich die Zustimmung, - so steigen wir auch auf drei Stufen zur Tugend empor: durch die Einsprechung, die das Gegenstück zur Versuchung ist, durch die Freude an der Einsprechung, das Gegenstück zur Freude an der Versuchung, und schließlich durch die Zustimmung zur Einsprechung, die das Gegenstück zur Einwilligung in die Versuchung ist.

      Hielte eine Einsprechung die ganze Zeit unseres Lebens an, so wären wir Gott doch keineswegs wohlgefällig, wenn wir an ihr keine Freude hätten. lm Gegenteil, das wäre eine Beleidigung der göttlichen Majestät gleich jener, als Gott die lsraeliten 40 Jahre lang zur Bekehrung aufrief und sie nicht hören wollten, so daß er in seinem Zorn schwur: ³Nicht sollen sie in meine Ruhestätte kommen'' (Ps 95,11). - Wenn ein Mann einem Mädchen lang seine Zuneigung gezeigt, ohne daß es von einer Ehe schließlich etwas wissen wollte, dann wäre er darüber gewiß sehr ungehalten.

      Die Freude an den göttlichen Einsprechungen ist schon ein großer Schritt zur Verherrlichung Gottes. Dadurch beginnt man der göttlichen Majestät wohlgefällig zu sein; denn bedeutet diese Freude auch noch nicht völlige Zustimmung, so liegt darin doch eine gewisse Geneigtheit dazu. Denn wie es ein gutes Zeichen und sehr nützlich ist, wenn man gern das Wort Gottes als äußere Einsprechung hört, so ist es doch auch gut und Gott wohlgefällig, wenn man an inneren Einsprechungen Freude hat. Von dieser Freude spricht die heilige Braut: ³Meine Seele ist zerflossen, als mein Geliebter sprach" (Hld 5,4). So ist auch ein junger Mann sehr zufrieden und fühlt sich glücklich, wenn das Mädchen, dem er huldigt, sich über seine Aufmerksamkeit freut.

      Den Tugendakt macht aber schließlich erst die Zustimmung. Es wäre grober Undank und eine Beleidigung der göttlichen Majestät, wenn wir eine Einsprechung erhielten, uns daran freuten, aber die Zustimmung verweigerten. Das erweckte den Anschein, daß wir die Einsprechung geringschätzen. So geschah es der Braut des Hohen Liedes: obwohl die liebliche Stimme des Bräutigams ihr Herz mit Freude erfüllte, öffnete sie ihm nicht unter einem nichtssagenden Vorwand; darauf verließ sie der Bräutigam in berechtigtem Zorn (Hld 5,6). - Wollte ein Mädchen die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes lange Zeit annehmen, schließlich aber seine Werbung abweisen und übergehen, dann hätte er mehr Grund zur Unzufriedenheit, als wären seine Aufmerksamkeiten niemals angenommen und begünstigt worden.

      Sei entschlossen, alle Einsprechungen gern anzunehmen, die Gott dir zu geben beliebt. Nimm sie auf als Gesandte des himmlischen Königs, der um dich wirbt. Höre ruhigen Gemütes seine Vorschläge, erwäge die Liebe, aus der sie gegeben sind, und freue dich seiner Einsprechungen. Dann stimme der Eingebung mit ganzer Seele voll Liebe und Beharrlichkeit zu. So wird Gott, den du anders nicht verpflichten kannst, sich deiner Liebe verpflichtet fühlen.

      Bevor du aber Einsprechungen zustimmst, die wichtige und außergewöhnliche Dinge enthalten, berate dich mit deinem Seelenführer, um nicht getäuscht zu werden. Er soll prüfen, ob die Einsprechung echt oder falsch ist. Denn der böse Feind versucht oft Seelen zu täuschen, die bereitwillig den Einsprechungen folgen; das gelingt ihm aber nicht bei einer Seele, die ihrem Seelenführer demütig gehorcht.

      Hast du deine Zustimmung gegeben, dann mußt du mit großer Sorgfalt an die Verwirklichung und Ausführung der Einsprechungen gehen; das erst ist ja der Gipfel der echten Tugend, denn die Zustimmung im Herzen tragen, ohne sie zu verwirklichen, hieße einen Weinberg pflanzen, ohne zu wollen, daß er Frucht bringt.

      Zu all dem dient vorzüglich die gute Übung des Morgengebetes und der geistlichen Einkehr, wie ich sie oben beschrieben habe. Durch sie bereiten wir uns nicht nur allgemein, sondern im besonderen vor, das Gute zu tun.

      19. Kapitel

      Die heilige Beichte

      Unser Heiland hinterließ seiner Kirche das heilige Bußsakrament, um uns von allen Sünden reinzuwaschen, mit denen wir uns befleckt haben. Laß also nie zu, daß dein Herz länger an der Sünde krank ist, da dir ein so sicheres und einfaches Heilmittel zur Verfügung steht. Eine Seele, die ihre Zustimmung zur Sünde gegeben hat, muß vor sich selbst erschrecken und sich möglichst bald reinigen aus Ehrfurcht vor der Majestät Gottes, der ständig auf sie herabblickt. Ach, wäre es nicht ein Übermaß an Torheit, den geistlichen Tod zu sterben, da uns ein so wirksames Heilmittel gegeben ist?!

      Beichte demütig jede Woche und nach Möglichkeit, sooft du die heilige Kommunion empfängst,1 auch wenn dir dein Gewissen keine Todsünde vorwirft. Durch die Beichte erhältst du ja nicht nur die Lossprechung von den läßlichen Sünden, die du bekennst, sondern darüber hinaus viel Kraft, um sie in Zukunft zu meiden, Licht, um sie klar zu erkennen, reiche Gnade, um den ganzen Verlust auszugleichen, den sie dir verursacht haben. Du übst dabei auch Demut, Gehorsam, Einfalt und Liebe, somit bei der Beichte mehr Tugenden als bei irgendeiner anderen Handlung.

      Die Sünden, die du beichtest, müssen dir wirklich leid tun, so gering sie auch sein mögen. Sei auch fest entschlossen, sie in Zukunft zu meiden. Viele beichten läßliche Sünden rein gewohnheitsmäßig, ohne die Absicht, sie zu meiden; dadurch verlieren sie viele geistliche Werte und Möglichkeiten des Fortschritts. Beichtest du also, gelogen zu haben, ohne zu schaden, oder ein unpassendes Wort gesagt oder zu viel gespielt zu haben, so bereue es und sei fest entschlossen, dich zu bessern. Es ist ein Mißbrauch, irgendeine Sünde, ob schwer oder läßlich, zu beichten ohne den Willen, sich davon zu reinigen; denn einzig zu diesem Zweck ist die Beichte eingesetzt worden.

      Beichte nichts Überflüssiges. Auch das tun manche gewohnheitsmäßig: ³Ich habe Gott nicht genügend geliebt; ich habe nicht so fromm gebetet, wie es meine Pflicht war; ich habe den Nächsten nicht geliebt, wie ich sollte; ich habe die heiligen Sakramente nicht mit der geziemenden Ehrfurcht empfangen...'' Wenn du so beichtest, sagst du nichts, woraus der Beichtvater den Zustand deines Gewissens erkennen könnte, denn alle Heiligen des Himmels und alle Menschen auf Erden könnten das gleiche sagen. Sieh vielmehr, welchen besonderen Grund du zu dieser Anklage hast; hast du ihn gefunden, dann beichte den Fehler schlicht und einfach.

      Wenn du z.B. beichtest, du habest den Nächsten nicht nach Gebühr geliebt, dann meinst du damit vielleicht, daß du dich einmal eines recht bedürftigen Armen nicht angenommen hast, dem du leicht hättest helfen und Trost spenden können. Beichte also diesen besonderen Fehler und sag: ³lch habe einen bedürftigen Armen gesehen und ihm nicht pflichtgemäß geholfen" - aus Nachlässigkeit, Herzenshärte oder Geringschätzung, worin du eben die Ursache dieses Fehlers siehst. Desgleichen beichte nicht, du habest nicht andächtig genug gebetet, sondern sag, ob du freiwillig zerstreut warst oder versäumt hast, den richtigen Ort zu wählen, die für ein andächtiges Gebet erforderliche Zeit aufzuwenden oder die entsprechende Haltung einzunehmen. Klage dich ganz einfach an, wie du meinst, gefehlt zu haben, ohne allgemeine Formeln, die die Beichte weder kalt noch warm machen.

      Bei den läßlichen Sünden begnüge dich nicht damit, die Tatsachen zu nennen, sondern beichte auch die Beweggründe dazu. So begnüge dich nicht mit dem Bekenntnis, daß du gelogen hast, ohne jemand zu schaden, sondern sag auch, ob es aus Eitelkeit geschehen ist, um dich hervorzutun oder zu entschuldigen, ob zum Scherz oder aus Eigensinn. Hast du dich durch das Spielen versündigt, dann gib an, ob es aus Gewinnsucht oder aus Gefallen an der Unterhaltung geschah; so mache es bei allen Sünden. Sag auch, ob du lang in der Sünde verweiltest, denn gewöhnlich wächst die Sünde mit der Dauer. Es ist ja ein großer Unterschied zwischen einer vorübergehenden Eitelkeit, die eine Viertelstunde anhielt, und einer Eitelkeit, die unser Herz einen, zwei, drei Tage erfüllte. Sag also die Tatsache, den Beweggrund und die Dauer deiner Sünden; wenn auch bei läßlichen Sünden im allgemeinen keine Verpflichtungen zu diesem genauen Bekenntnis besteht und man sie an sich überhaupt nicht beichten muß, so sollen doch jene, die ihre Seele gründlich läutern wollen, um zur wahren Frömmigkeit zu streben, sorgsam darauf bedacht sein, dem Seelenarzt auch das kleinste Übel aufzudecken, von dem sie geheilt werden wollen.

      Versäume nicht zu sagen, was notwendig ist, um die besondere Art deiner Sünden erkennen zu lassen, also warum du zornig wurdest oder jemand in seinem Laster unterstützt hast. So nehme ich z.B. einem unsympathischen Menschen ein Scherzwort übel und gerate darüber in Zorn, während ich von einem mir angenehmen Menschen auch ein heftiges Wort ruhig aufnehme. Dann beichte also: ³lch habe mich zu zornigen Worten hinreißen lassen, nicht wegen der Worte, die man mir sagte, sondern weil ich den Betreffenden nicht leiden kann.'' Wenn es zum besseren Verständnis notwendig ist, noch mehr Einzelheiten zu sagen, dann halte ich es für gut, dies zu tun; denn wenn man sich in dieser Weise kindlich anklagt, deckt man nicht nur die begangenen Sünden auf, sondern auch die schlechten Neigungen, Gewohnheiten und andere Wurzeln der Sünde. Dadurch gewinnt der geistliche Vater eine gründlichere Kenntnis des Herzens, das er betreut, und sieht auch, welche Heilmittel ihm guttun. Man muß aber sehr sorgfältig verschweigen, wer an der Sünde teilgenommen hat.

      Achte auf gewisse Sünden, die oft ganz unbemerkt im Herzen wohnen und herrschen. Sieh zu, daß du dich davon reinigst. Lies zu diesem Zweck aufmerksam im dritten Teil dieses Buches die Kapitel 6,27 bis 29,35,36 und das 8. Kapitel des vierten Teils.

      Wechsle deinen Beichtvater nicht ohne triftigen Grund. Hast du einen gewählt, dann bleib dabei, ihm an den bestimmten Tagen Rechenschaft über deine Seele abzulegen. Sag ihm einfach und offen die Sünden, die du begangen hast. Von Zeit zu Zeit, z.B. jeden Monat oder jeden zweiten Monat gib ihm Einblick in den Stand deiner Neigungen, auch wenn sie dir nicht Anlaß zur Sünde wurden; sag ihm, ob dich Traurigkeit oder Kummer quält, ob dich Freude bewegt oder der Wunsch nach Besitz und ähnliches.

      20. Kapitel

      Die häufige Kommunion

      König Mithridates von Pontus soll ein Gift gefunden haben, mit dem er seinen Körper so stählte, daß es ihm unmöglich war, sich zu vergiften, als er sich dadurch der Knechtschaft der Römer entziehen wollte. Der Heiland hat das hochheilige Altarssakrament eingesetzt, das wirklich und wahrhaftig sein Fleisch und Blut birgt, damit ewig lebe, wer davon ißt (Joh 6,50 ff). Wer also häufig und andächtig davon Gebrauch macht, stärkt das Leben und die Gesundheit seiner Seele in einem Maß, daß diese kaum durch eine Anhänglichkeit an Schlechtes vergiftet werden kann. Man kann nicht von diesem lebenspendenden Fleisch genährt werden und gleichzeitig todbringende Neigungen hegen. Wie die Menschen im Paradies dem Leibe nach unsterblich waren durch die Frucht des Lebensbaumes, den Gott dort gepflanzt hatte, so können die Menschen auch den seelischen Tod vermeiden kraft dieses lebenspendenden Sakramentes. Die zartesten und am leichtesten verderblichen Früchte wie Kirschen, Erdbeeren, Aprikosen halten sich lange, wenn sie in Zucker oder Honig eingemacht sind; ist es dann ein Wunder, wenn unser Herz, obgleich zart und schwach, vor der Fäulnis der Sünde bewahrt bleibt durch den kostbaren, dem Verfall nicht ausgesetzten Leib und das unverwesliche Blut des Gottessohnes? Die Christen, die verdammt werden, müssen vor dem gerechten Richter verstummen, wenn er ihnen vor Augen führen wird, wie unrecht sie daran taten, ihre Seele dem Tod zu überantworten, während sie sich gesund und lebendig erhalten könnten durch den Genuß seines Leibes, den er uns dafür hinterlassen hat. ³Unselige'', wird er sagen, ³warum seid ihr gestorben, da euch die Frucht des Lebens, die Lebensspeise zur Verfügung stand?''

      Der hl. Augustinus sagt: ³Ich liebe es nicht und tadle es nicht, wenn jemand die heilige Kommunion täglich empfängt. Aber ich rate jedem und ermuntere ihn, jeden Sonntag zu kommunizieren, vorausgesetzt, daß die Seele frei ist vom Willen zu sündigen.'' Ebenso wie der hl. Augustinus will ich die tägliche heilige Kommunion weder loben noch tadeln, sondern überlasse die Entscheidung darüber dem geistlichen Vater, wenn jemand sich dazu entschließen will.

      Es ist nicht gut, eine so häufige heilige Kommunion allgemein anzuraten, da die Seelenverfassung dafür ganz vorzüglich sein muß. Anderseits kann sie bei manchen guten Seelen vorhanden sein, also ist es ebenfalls nicht gut, allgemein davon abzuraten und sie davon abzuhalten. Die Entscheidung darüber kann nur aus der Beobachtung der Seelenverfassung des einzelnen in jedem Fall getroffen werden. Es wäre unklug, sie unterschiedslos jedermann zu empfehlen, es wäre aber ebenso unklug, allgemein jeden zu tadeln, besonders wenn er dabei dem Rat eines klugen Seelenführers folgt. Der hl. Katharina von Siena wurde einmal wegen ihres häufigen Kommunionempfangs jenes Wort des hl. Augustinus vorgehalten; sie gab darauf die feine Antwort: ³Wenn also der hl. Augustinus es nicht tadelt, daß man täglich kommuniziert, dann bitte ich Sie, es auch nicht mehr zu tadeln, und ich bin es zufrieden."

      Du siehst aber, daß der hl. Augustinus eindringlich rät und ermahnt, jeden Sonntag die heilige Kommunion zu empfangen. Tu das also, soweit es dir möglich ist. Da ich voraussetzen kann, daß du keine Anhänglichkeit an Todsünden, auch nicht an läßliche Sünden hast, bist du in der richtigen Seelenverfassung, die der hl. Augustinus verlangt, ja sogar in einer besseren, denn du willst nicht nur die Sünde meiden, sondern du hast auch keinerlei Liebe mehr zur Sünde. Somit kannst du, wenn es dein geistlicher Vater für gut findet, auch öfter als jeden Sonntag, die heilige Kommunion empfangen.

      Es können allerdings verschiedene Schwierigkeiten auftreten, nicht von deiner Seite, sondern von Seiten deiner Umgebung; dann wird dir ein kluger Seelenführer zuweilen den Rat geben müssen, nicht so oft zu kommunizieren. Bist du z.B. irgendwie Untergebener und sind die Vorgesetzten, denen du Gehorsam und Ehrfurcht schuldest, so schlecht unterrichtet oder so wunderlich, daß dein häufiges Kommunizieren sie beunruhigt und aufregt, dann ist es wohl besser, aus Nachsicht mit ihrer Schwäche nur alle vierzehn Tage zum Tisch des Herrn zu gehen; dies freilich nur, wenn diese Schwierigkeit unmöglich zu überwinden ist. Man kann in dieser Sache nicht leicht eine allgemeine Entscheidung treffen; handle deshalb einfach nach dem Rat deines geistlichen Vaters. Soviel kann ich dir wohl mit Sicherheit sagen: wer Gott in einem frommen Leben dienen will, muß wenigstens einmal im Monat die heilige Kommunion empfangen.

      Bist du wirklich klug, dann werden Mutter oder Ehefrau, Ehemann oder Vater dich nicht hindern können, oft zu kommunizieren. Du wirst ja an Tagen, da du beim Tisch des Herrn warst, alle deine Pflichten genau so sorgfältig erfüllen, ja du wirst deinen Mitmenschen gegenüber noch freundlicher und liebevoller sein als sonst und ihnen keinen Dienst abschlagen. So ist es wenig wahrscheinlich, daß sie dich von einer Übung abhalten wollen, die ihnen keine Unannehmlichkeiten bereitet, außer sie wären von schwierigem und unvernünftigem Charakter; dann wird dir wohl dein Beichtvater sagen, wieweit du ihrer Schwäche nachgeben sollst.

      Noch ein Wort für die Eheleute. Gott verurteilte es im Alten Bund, daß die Gläubigen an Festtagen eine ausstehende Schuld eintrieben, aber er verurteilte es nicht, daß die Schuldner an solchen Tagen ihre Schulden zahlten und damit ihren Verpflichtungen nachkamen. - Es ist ungebührlich, wenn auch keine Sünde, am Kommuniontag den ehelichen Verkehr zu fordern, aber es ist nicht ungebührlich, sondern sogar verdienstlich, ihn zu leisten, wenn er gefordert wird. Es soll auch niemand deswegen der heiligen Kommunion beraubt werden, wenn er sie an solchen Tagen aus Frömmigkeit wünscht. In der Urkirche gingen die Christen täglich zum Tisch des Herrn, obwohl sie verheiratet und mit Kindern gesegnet waren. Deshalb sage ich, daß die häufige Kommunion weder den Eltern noch den Ehegatten Unannehmlichkeiten bereiten kann, vorausgesetzt, daß man klug und taktvoll ist. Auch körperliche Krankheiten können uns nicht daran hindern, außer solche, die zu häufigem Erbrechen reizen.

      Um jede Woche zu kommunizieren, ist also Voraussetzung, daß man frei ist von Todsünden und vom Willen, läßliche Sünden zu begehen; ferner ist eine große Sehnsucht nach der heiligen Kommunion notwendig. Zur täglichen Kommunion ist außerdem die Überwindung der meisten schlechten Neigungen und das Einverständnis des geistlichen Vaters erforderlich.1

      21. Kapitel

      Wie soll man kommunizieren?

      Beginne schon am Vorabend, dich auf die heilige Kommunion vorzubereiten durch häufige herzliche, liebevolle Stoßgebete. Geh früh zu Bett, um früh aufstehen zu können. Wachst du während der Nacht auf, dann laß Herz und Mund überströmen von innigen Gebetsworten, damit deine Seele würdig werde, den göttlichen Bräutigam zu empfangen; ihn, der wacht, während du schläfst, und sich anschickt, dich mit seinen Gnaden und Gaben reich zu beschenken, wenn du nur bereit bist, sie aufzunehmen.

      Am Morgen erhebe dich voll Freude beim Gedanken an die Seligkeit, die deiner harrt; nachdem du gebeichtet hast, empfange voll Vertrauen aber auch voll Demut diese himmlische Speise, die dich für die Unsterblichkeit nährt. Nachdem du die heiligen Worte: ³O Herr, ich bin nicht würdig'' gesprochen, bewege weder Kopf noch Lippen, um zu beten, sondern öffne ruhig und bescheiden deinen Mund, erhebe deinen Kopf so weit, um den Priester bei seiner heiligen Handlung zu unterstützen, und empfange voll Glauben und Liebe IHN, an den du glaubst, auf den du hoffst, den du liebst, der Gegenstand, Ursache und Ziel dieser drei göttlichen Tugenden ist. Die Biene sammelt auf den Blumen Himmelstau und saugt aus ihnen die feinste Süßigkeit der Erde, verwandelt beides in Honig und trägt es in den Bienenkorb. So nimmt auch der Priester vom Altar den Heiland der Welt, den wahren Gottessohn, der wie Himmelstau von oben kam und als Sohn der Jungfrau wie eine Blume aus unserer irdischen Menschheit hervorsproßt, und legt ihn als köstliche Speise dir in Mund und Herz.

      Hast du ihn empfangen, dann rege dein Herz an, diesem König des Heils zu huldigen. Besprich mit ihm deine Seelenanliegen, betrachte ihn in dir, da er zu dir kam, um dich zu beglücken. Bereite ihm den schönsten Empfang, dessen du fähig bist, und verhalte dich so, daß man an jeder Handlung sieht: Gott ist bei dir.

      Kannst du in der heiligen Messe nicht wirklich kommunizieren, dann tu es wenigstens dem Herzen und dem Geiste nach, indem du voll heißer Sehnsucht dich mit dem lebenspendenden Leib des Heilands vereinigst.

      Dein großes Anliegen bei der heiligen Kommunion sei, dich in der Gottesliebe weiter zu vertiefen, zu bestärken und durch sie froher zu werden. Denn die Liebe soll dein Ziel sein, wenn du Den empfängst, der sich einzig aus Liebe hingibt. Nein, man kann sich keine liebevollere und zärtlichere Tat des Heilands vorstellen als jene, durch die er sich sozusagen vernichtet, zur Speise herabwürdigt, um unsere Seele zu durchdringen und sich aufs innigste mit dem Herzen und dem Leib seiner Gläubigen zu vereinigen.

      Fragen dich weltlich Gesinnte, warum du so oft kommunizierst, dann antworte ihnen: um Gott lieben zu lernen, um dich von deinen Unvollkommenheiten zu reinigen, von deinen Armseligkeiten zu befreien, in deinen Sorgen Trost zu finden und in deinen Schwächen eine Stütze zu haben. Sag ihnen, zwei Arten von Menschen müßten oft kommunizieren: Die Vollkommenen - da sie in der rechten Verfassung sind, wäre es ein Unrecht, wollten sie dem Born der Vollkommenheit fernbleiben - und die Unvollkommenen, um erst nach Vollkommenheit streben zu können; also die Starken, damit sie nicht schwach werden, und die Schwachen, damit sie stark werden; die Kranken, um gesund zu werden, und die Gesunden, um nicht krank zu werden. Somit müßtest du als unvollkommener, schwacher, kranker Mensch dich oft mit deiner Vollkommenheit, deiner Kraft und deinem Arzt vereinigen.

      Sag ihnen: jene, die nicht viel mit irdischen Dingen zu tun haben, sollten oft zum Tisch des Herrn gehen, weil sich ihnen Zeit und Möglichkeit dafür bietet; aber auch jene, die viel von weltlichen Geschäften in Anspruch genommen sind, weil sie es notwendig haben; denn wer hart arbeitet und schwere Lasten trägt, muß oft und kräftig essen. Sag ihnen, du empfangest das heilige Sakrament, um es gut empfangen zu lernen, denn nur durch Übung lerne man eine Handlung gut ausführen.

      Empfange also den Heiland oft, sooft du es nach der Weisung deines geistlichen Vaters tun kannst. Glaube mir, die Hasen werden im Schnee weiß, weil sie nichts anderes sehen und am Schnee schlecken; so wirst auch du ganz schön, ganz gut und ganz rein werden, wenn du immer wieder die verkörperte Schönheit, Güte und Reinheit im göttlichen Sakrament anbetest und in dich aufnimmst.

 


 

      Dritter Teil

      Verschiedene Weisungen über die Übung der Tugenden.

      1. Kapitel

      Geordnetes Tugendstreben (I).

      Die Bienenkönigin fliegt nicht aus, ohne von ihrem kleinen Volk umgeben zu sein; so zieht die Liebe nicht in ein Herz ein, ohne in ihrem Gefolge die anderen Tugenden zu haben, denen sie Befehle erteilt, die sie den Erfordernissen entsprechend einsetzt, wie ein Hauptmann seine Soldaten, jedoch nicht alle gleichzeitig und in gleicher Weise, nicht immer und überall. Der Gerechte ist ³wie ein Baum, gepflanzt an Wasserläufen, der Frucht trägt zu seiner Zeit'' (Ps 1,3); denn wenn die Liebe eine Seele durchdringt, bringt sie in ihr die Tugendwerke hervor, jedes zu seiner Zeit.1

      Musik, im allgemeinen angenehm, ist unangebracht zur Zeit der Trauer, sagt das Sprichwort (Sir 22,6). In ihrem Streben, eine bestimmte Tugend zu üben, begehen manche den großen Fehler, daß sie sich darauf versteifen, bei jeder Gelegenheit Akte dieser Tugend zu setzen. Wie die bekannten Philosophen des Altertums wollen sie entweder immer weinen oder immer lachen; ja sie tadeln und bekritteln auch noch jene, die nicht ständig mit ihren Lieblingstugenden beschäftigt sind wie sie. Man soll sich aber nach den Worten des Apostels ³freuen mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden" (Röm 12,15). ³Die Liebe ist geduldig, gütig'' ( 1.Kor 13,4), weitherzig, klug, nachgiebig.

      Trotzdem gibt es Tugenden, die man fast immer nötig hat, weil sie nicht nur ihrer eigenen Werke wegen geübt werden, sondern eigentlich jede andere Tugendhandlung begleiten sollen. - Man hat nicht oft Gelegenheit, die Tugenden der Stärke, der Großmut, der Freigebigkeit zu üben; aber die Sanftmut, das Maßhalten, die Redlichkeit, die Demut sollen allen Handlungen unseres Lebens ihr Gepräge geben. Es gibt wohl erhabenere, aber keine notwendigeren Tugenden als diese. Zucker schmeckt besser als Salz, aber Salz braucht man öfter. Deshalb sollen wir auch diese Tugenden immer in Bereitschaft haben, da wir sie praktisch immer brauchen.

      Unter den Tugenden müssen wir jene vorziehen, die den Pflichten unseres Berufes entsprechen, nicht jene, die uns mehr zusagen. Die hl. Paula liebte strenge Kasteiungen, um durch sie geistliche Tröstungen zu erlangen; zum Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten aber war sie verpflichtet. Der hl. Hieronymus tadelte sie deshalb, daß sie gegen die Weisung ihres Bischofs zu viel gefastet habe. Es war die Aufgabe der Apostel, das Evangelium zu predigen und den Seelen das himmlische Brot zu reichen; sie urteilten daher richtig, daß sie sich von dieser heiligen Pflicht nicht abhalten lassen durften durch den Dienst an den Armen, so schön diese Tugend auch ist.

      Jeder Beruf verlangt besondere Tugenden; ein Bischof muß andere Tugenden pflegen als ein Fürst, andere der Soldat als die verheiratete Frau, andere eine Witwe. Alle müssen zwar alle Tugenden üben, aber nicht in gleicher Weise; jeder soll sich vielmehr besonders um jene bemühen, die der Lebensweise entsprechen, zu der er berufen ist.

      Abgesehen von den Standestugenden müssen wir unter den übrigen die wertvollsten wählen, nicht die auffallendsten. - Die Kometen erscheinen dem Auge größer als die Sterne, sind aber unvergleichlich kleiner und geringer; sie erscheinen aber größer, weil sie uns näher sind. So gibt es auch gewisse Tugenden, die uns näher liegen und deshalb augenfälliger, sozusagen greifbar erscheinen; daher werden sie gewöhnlich höher eingeschätzt. So zieht man meist eine Geldspende einem geistlichen Almosen vor; den Bußgürtel, das Fasten, die Geißel, Kasteiungen des Leibes der Sanftmut, Güte, Bescheidenheit und den Überwindungen des Herzens, die zweifellos wertvoller sind. - Wähle also die wichtigen Tugenden, nicht die beliebten, die vorzüglichen, nicht die auffallenden, die besseren, nicht die glänzenden.

      Es ist von Nutzen, wenn sich jeder die besondere Übung einer Tugend angelegen sein läßt; nicht um die anderen zu vernachlässigen, sondern um seinen Geist in Tätigkeit und Zucht zu halten. Dem heiligen Bischof Johannes von Alexandrien erschien ein schönes Mädchen, glänzender als die Sonne, königlich geschmückt, mit einem Kranz von Olivenzweigen gekrönt, und sagte: ³lch bin die älteste Tochter des Königs; wählst du mich zur Freundin, dann führe ich dich zu ihm." Er verstand, daß es die Barmherzigkeit gegen die Armen war, die Gott ihm empfahl, und gab sich dieser Tugend in einem Maß hin, daß er der ³Almosenspender" genannt wird.

      Eulogius von Alexandrien wünschte Gott in besonderer Weise zu dienen; da er weder zum Einsiedler noch zum Mönch kräftig genug war, nahm er einen völlig verkommenen, mit Aussatz bedeckten Armen zu sich, um auf diese Weise Nächstenliebe und Abtötung zu üben. Um seine Übung noch wertvoller zu machen, legte er das Gelübde ab, ihn zu ehren und ihm zu dienen, wie ein Knecht seinem Herrn und Meister.

      Als nun sowohl der Kranke als auch Eulogius versucht waren, sich wieder zu trennen, fragten sie den großen hl. Antonius um Rat, der ihnen antwortete: ³Davor hütet euch wohl! Ihr seid beide nahe eurem Ziel; findet euch der Engel nicht beisammen, dann lauft ihr Gefahr, eure Krone zu verlieren.''

      Der heilige König Ludwig besuchte die Spitäler und pflegte die Kranken mit eigener Hand, als wäre er dafür angestellt; der hl. Franz von Assisi liebte besonders die Armut, die er seine Braut nannte, der hl. Dominikus das Predigen, wovon sein Orden auch den Namen hat. St. Gregor liebte es, nach dem Vorbild Abrahams die Pilger liebevoll aufzunehmen, und wie jener empfing er den Herrn der Herrlichkeit in der Gestalt eines Pilgers. Tobias übte das Liebeswerk, die Toten zu begraben; die hl. Elisabeth, obwohl eine hohe Fürstin, erachtete die Verdemütigung für das größte; die hl. Katharina von Genua widmete sich, nachdem sie Witwe geworden, der Krankenpflege. Kassian erzählt, daß ein frommes Mädchen an den hl. Athanasius herantrat mit dem Wunsch, in der Geduld geübt zu werden; er schickte ihr eine arme, stets mißmutige und zornige, reizbare und unausstehliche Witwe, die das fromme Mädchen ohne Unterlaß quälte, so daß es Gelegenheit genug fand, Sanftmut und Nachgiebigkeit zu üben.

      So widmen sich von den Dienern Gottes die einen dem Krankendienst, die anderen den Armen, diese der religiösen Unterweisung der Kinder, der Bekehrung der verlorenen und in die lrre gegangenen Seelen, jene dem Schmücken der Kirchen und Altäre, andere der Vermittlung von Frieden und Eintracht zwischen den Menschen. Gleich jenen, die auf der Leinwand mit verschiedenfarbigen Seiden-, Silber- und Goldfäden allerlei Blumen sticken, unternehmen sie ein besonderes Werk der Frömmigkeit, um auf seinem Grund die Vielfalt der anderen Tugenden sichtbar zu machen; durch die Beziehung zu ihrer Hauptübung erhalten alle Handlungen und Affekte ihre Einheit und Ordnung und lassen ihren Geist erkennen.

      Haben wir besondere Schwierigkeiten mit einem bestimmten Fehler, dann verlegen wir uns soviel wie möglich auf die dem Fehler entgegengesetzte Tugend und beziehen auch die anderen Tugenden darauf. So werden wir unseren Feind besiegen und dabei in allen Tugenden vorankommen. Habe ich unter Angriffen des Hochmuts oder des Zorns zu leiden, dann muß ich meine Aufmerksamkeit besonders auf die Demut und Sanftmut richten und mich in diesem Sinne aller Gebete, der Sakramente, der Tugenden der Klugheit, Beständigkeit und Mäßigkeit bedienen. Der Eber wetzt seine Hauer an den anderen Zähnen; diese werden dadurch ebenfalls geschliffen und bleiben scharf. So muß der Mensch eine Tugend, in der er sich vervollkommnen will, weil er sie zu seiner Verteidigung besonders notwendig hat, durch die Übung der anderen Tugenden feilen und schleifen; diese werden ihrerseits noch vorzüglicher und besser, während sie zur Vollendung der Haupttugend beitragen. - Job übte sich während der vielen Versuchungen, die ihn bedrängten, vor allem in der Geduld; dadurch wurde er heilig und reich auch an allen Tugenden.

      Gregor von Nazianz sagt, daß manche den Gipfel des Tugendlebens durch die vollendete Übung einer einzigen Tugend erklommen, und er führt Rahab an, die durch Gastfreundschaft zum höchsten Ruhm gelangte (Jos 2,3-21;6,22-25;Hebr 11,31;Jak 2,25). Das gilt natürlich nur, wenn diese Tugend vorzüglich, mit großem Eifer und mit großer Liebe geübt wird.

      2. Kapitel

      Geordnetes Tugendstreben (II).

      Der hl. Augustinus sagt ganz richtig, daß Anfänger im Frömmigkeitsstreben leicht gewisse Fehler begehen, die wohl tadelnswert sind, wenn wir sie nach strengen Maßstäben der Vollkommenheit messen; sie sind aber auch lobenswert als gute Vorzeichen eines künftigen Seelenadels, den sie sogar vorbereiten. So ist eine niedrige und grobe Angst, die in der eben erst von der Sünde aufgestandenen Seele Skrupel hervorruft, für den Anfang nur zu begrüßen als sicheres Vorzeichen künftiger Gewissenszartheit. Dieselbe Angst wäre aber an Fortgeschrittenen zu tadeln; in ihrem Herzen soll die Liebe herrschen, die nach und nach diese Art knechtischer Furcht verdrängt.1

      Der hl. Bernhard war am Anfang ganz streng und hart gegen jene, die sich seiner Leitung unterstellten. Gleich beim Eintritt erklärte er ihnen, sie müßten ihren Leib draußen lassen und dürften zu ihm nur mit ihrer Seele kommen. Wenn er ihre Beichte hörte, verurteilte er mit unerhörter Strenge alle, auch die kleinsten Fehler und drängte seine Beichtkinder mit solchem Ungestüm zur Vollkommenheit, daß er damit gerade das Gegenteil erreichte; denn sie verloren Atem und Mut, weil er sie auf einem so steil ansteigenden Weg mit solcher Heftigkeit antrieb. Sieh, es war brennender Eifer für die vollkommene Reinheit, die diesen großen Heiligen zu solcher Handlungsweise veranlaßte, und dieser Eifer war eine große Tugend; trotzdem war er tadelnswert. Deshalb wies Gott selbst in einer Erscheinung ihn zurecht und goß den Geist der Milde und Güte in seine Seele; nun änderte er sich vollständig, warf sich selbst seine Strenge vor und wurde gegen jedermann so gütig und so entgegenkommend, daß er allen alles ward, um sie alle zu gewinnen.

      Der hl. Hieronymus erzählt von seiner geliebten geistlichen Tochter Paula, sie sei in der Übung von Kasteiungen nicht nur übereifrig, sondern auch so eigensinnig gewesen, daß sie den gegenteiligen Weisungen ihres Bischofs, des hl. Epiphanius, nicht gehorchen wollte. Außerdem habe sie sich von der Trauer über den Tod ihrer Angehörigen so hinreißen lassen, daß sie jedesmal in Lebensgefahr schwebte. Er fügte hinzu: ³Man wird mir vorwerfen, daß ich mit meinen Worten die Heilige tadle, statt sie zu loben. Ich rufe Jesus, dem sie gedient und dem ich dienen will, zum Zeugen an, daß ich weder nach der einen noch der anderen Seite die Unwahrheit sage, sondern nur ganz schlicht von ihr als Christ über eine Christin berichte; das heißt, ich schreibe ihre Geschichte, nicht eine Lobrede; ihre Fehler wären bei anderen Menschen Tugenden.

      Er will sagen: die Mängel und Fehler der hl. Paula wären bei einer minder vollkommenen Seele Tugenden gewesen; es gibt ja auch Handlungen, die man bei Vollkommenen als Fehler ansieht, während sie bei Unvollkommenen als Tugenden gelten würden. Es gilt als gutes Zeichen, wenn einem Kranken gegen Ausgang der Krankheit die Beine anschwellen; das zeigt, daß die schon kräftige Natur die schädlichen Säfte ausscheidet. Bei einem Gesunden wäre das gleiche ein schlechtes Zeichen, weil es erkennen ließe, daß die Natur nicht stark genug ist, die Säfte zu verteilen und aufzulösen. - Denken wir also gut von solchen, die fromm leben wollen, auch wenn wir Fehler an ihnen sehen; auch die Heiligen hatten Fehler. Wir müssen aber für uns selbst darauf achten, die Tugenden nicht nur gewissenhaft, sondern auch in kluger Weise zu üben; halten wir uns darin an den Rat des Weisen, ³uns nicht auf unsere eigene Klugheit zu stützen'' (Spr 3,5), sondern auf die Klugheit jener, die uns Gott zu Führern gegeben.

      Es gibt Dinge, die manche für Tugenden halten, die es aber keineswegs sind, nämlich Ekstasen, Verzückungen, Verklärungen, Schwebezustände und ähnliches, wovon gewisse Bücher sprechen, um die Seele zur ³rein geistigen Beschauung'', zur ³wesentlichen Geistesvereinigung'' und zum ³übererhabenen Leben'' zu führen.

      Sieh, all das ist nicht Tugend, sondern eher eine göttliche Belohnung für ein Leben der Tugend, ja mehr noch ein Vorgeschmack des Jenseits, der manchen Menschen gegeben wird, damit sie sich nach der vollen Seligkeit des Himmels sehnen. Aber deswegen brauchen wir nach diesen Gaben nicht zu streben; sie sind keineswegs notwendig, um Gott zu dienen und ihn zu lieben, was unser einziges Verlangen sein soll. Außerdem sind sie im allgemeinen nicht Gaben, die wir durch unseren Eifer und unser Bemühen erwerben können; sie sind eher erlittene Zustände denn Handlungen, die wir wohl auf uns nehmen, nicht aber selbst hervorrufen können.

      Ich füge noch hinzu, daß wir nur unternommen haben, anständige und fromme Menschen zu werden; darauf müssen wir hinarbeiten. Gefällt es Gott, uns zur Vollkommenheit der Engel zu erheben, dann werden wir auch gute Engel sein. Vorläufig aber üben wir uns einfach, demütig und eifrig in den kleinen Tugenden, deren Erwerb der Herr unserer Sorge und unserem Eifer anvertraut hat, in Geduld, Herzensabtötung, Demut und Armut, im Gehorsam, in der Keuschheit, in der Liebe zum Nächsten, im Ertragen unserer Fehler, in der Sorgfalt und im heiligen Eifer.

      Lassen wir die Übererhabenheit den übererhabenen Seelen; wir verdienen keinen so hohen Rang im Dienste Gottes; wir wollen uns überglücklich schätzen, wenn wir in der Küche oder Bäckerei arbeiten, seine Lakaien, Packträger und Diener sein dürfen; es bleibt dann seinem Gutdünken vorbehalten, ob er uns zu sich berufen und in seinen Rat aufnehmen will. Ja der König der Herrlichkeit belohnt seine Diener nicht nach der Würde der Ämter, die sie bekleiden, sondern nach der Liebe und Demut, mit der sie ihre Aufgabe erfüllen. Saul suchte die Esel seines Vaters und fand die Königskrone (1.Sam 9 u. l0), Rebekka tränkte die Kamele Abrahams und wurde die Braut seines Sohnes (Gen 24,44), Ruth sammelte die liegengebliebenen Ähren des Booz, schlief zu seinen Füßen und wurde zu seiner Gattin erhoben (Ruth 2-4). Das Streben nach den hohen und erhabenen Dingen ist Illusionen, Täuschungen und Irrtümern ausgesetzt; es kommt oft vor, daß solche, die sich für Engel halten, nicht einmal gute Menschen sind; sie geben sich wohl großartig in Worten, erhaben im Reden, weniger aber in der Gesinnung und in den Werken.

      Trotzdem dürfen wir nichts verachten, nichts ungerecht verurteilen, über nichts ungerecht nörgeln. Preisen wir Gott für die Erhabenheit der anderen, für unseren Teil aber bleiben wir bescheiden auf unserem niedrigen, gewöhnlichen aber sicheren Weg; er ist zwar weniger glänzend, aber unserem Ungenügen und unserer geringen Bedeutung angemessener. Gehen wir auf diesem Weg demütig und gewissenhaft weiter, dann wird uns Gott zu erhabener Größe führen.

      3. Kapitel

      Vom Ertragen.

      ³Euch tut Geduld not, damit ihr nach Erfüllung des göttlichen Willens die Verheißung erlangt'' (Hebr 10,36). Ja, denn ³durch die Geduld wirst du von deiner Seele Besitz ergreifen'', spricht der Herr (Lk 21,19). Darin liegt das große Glück des Menschen, wenn er von seiner Seele Besitz ergriffen hat. Je vollkommener unsere Geduld ist, desto vollkommener besitzen wir unsere Seele.

      Denke oft daran, daß der Heiland uns durch Leiden und Dulden erlöst hat; auch wir können unser Heil nur wirken durch Leiden und Kummer, durch möglichst geduldiges Ertragen der Schwierigkeiten, Widerwärtigkeiten und Unannehmlichkeiten.

      Begnüge dich nicht mit dem Ertragen dieser oder jener Widerwärtigkeit, sondern sei bereit, alles zu erdulden, was Gott schickt oder zuläßt. Manche möchten nur ehrenvolles Leid auf sich nehmen, z.B. im Krieg verwundet oder gefangen, für die Religion verfolgt werden oder in einem siegreichen Prozeß verarmen. Sie lieben nicht das Leid, sondern den Ruhm, den es mit sich bringt. Der wahre Dulder, der wahre Diener Gottes erträgt in gleicher Weise das schmachvolle wie das ruhmreiche Leid. Von schlechten Menschen angefeindet, getadelt und angeklagt zu werden, macht dem mutigen Mann nur Freude. Dasselbe von guten Menschen, von Freunden und Verwandten zu erfahren, das tut aber weh. Ich schätze die Ruhe des hl. Karl Borromäus, mit der er lange Zeit hindurch den öffentlichen Tadel eines strengen Ordensmannes hinnahm, höher als alle Angriffe, die er von anderen Seiten erdulden mußte. Wie die Stiche der Bienen mehr schmerzen als Mückenstiche, so schmerzt auch das Leid mehr, das gute Menschen zufügen, und ihre Gegnerschaft ist viel schwerer zu ertragen als jede andere; und doch geschieht es oft, daß gute Menschen, beide guten Willens, durch die Verschiedenheit ihrer Ansichten einander große Schwierigkeiten und viel Leid bereiten.

      Ertrage nicht nur das Leid als solches, sondern auch alle seine Umstände. Manche möchten das Leid annehmen, nicht aber die damit verbundenen Unannehmlichkeiten. Der eine sagt: ³Es macht mir nichts aus, daß ich arm geworden bin, wenn es mich nicht hinderte, meinen Freunden Dienste zu erweisen, meine Kinder gut zu erziehen und standesgemäß zu leben, wie ich wünschte.'' Ein anderer: ³Ich würde mir darum keinen Kummer machen, wenn man nicht dächte, ich sei schuld daran.'' Einem dritten wäre es gleich, daß man schlecht von ihm spricht, er würde das geduldig ertragen, wenn nur keiner dieser üblen Nachrede Gehör schenkte. Andere wollen wohl einen Teil der Unannehmlichkeiten ihres Leides auf sich nehmen, aber nicht alle: nicht das Kranksein macht sie ungeduldig, sondern daß sie kein Geld haben, sich pflegen zu lassen, oder auch daß sie ihrer Umgebung zur Last fallen. Ich sage aber: Man muß nicht nur das Kranksein ertragen, sondern auch die Art der Krankheit, wie Gott sie will, wo er sie will, bei welchen Menschen und mit allen Unannehmlichkeiten, die er will. Und so müssen wir auch jedes andere Leid ertragen.

      Stößt dir ein Übel zu, dann wende dagegen die Heilmittel an, die möglich und von Gott erlaubt sind. Wer anders handelt, versucht Gott. Hast du getan, was in deinen Kräften steht, dann erwarte ganz ergeben, welchen Erfolg Gott deinem Bemühen bescheiden wird. Ist es sein Wille, daß die Heilmittel das Übel beseitigen, dann danke ihm demütig dafür; gefällt es ihm aber, daß das Übel stärker ist als die Heilmittel, dann opfere es in aller Geduld Gott auf.

      Ich folge hier dem Rat des hl. Gregor: Wirst du mit Recht eines Fehlers beschuldigt, den du begangen hast, so gestehe demütig, daß du diese Anklage verdienst. Ist die Beschuldigung falsch, so verteidige dich ruhig und verneine deine Schuld; das bist du der Ehrfurcht vor der Wahrheit und der Erbauung des Nächsten schuldig. Fährt man aber fort, dich zu beschuldigen, obwohl du den wahren Sachverhalt dargelegt hast, dann rege dich nicht darüber auf und suche nicht mit deiner Entschuldigung durchzudringen; nachdem du deine Pflicht der Wahrheit gegenüber erfüllt hast, mußt du sie auch der Demut gegenüber erfüllen.

      So wirst du weder die notwendige Sorge um deinen guten Ruf vernachlässigen, noch die pflichtmäßige Liebe zum Herzensfrieden und zur Demut.

      Klage so wenig wie möglich über das erlittene Unrecht. Gewöhnlich sündigt, wer sich beklagt. Die Eigenliebe läßt uns ja das erlittene Unrecht immer härter empfinden, als es in Wirklichkeit ist. Vor allem beklage dich nicht bei Leuten, die sich leicht aufregen und gleich Schlechtes denken. Wenn du dich schon bei jemand aussprechen mußt, damit die erlittene Kränkung wieder gutgemacht werde, oder um dich zu beruhigen, so suche dir dafür besonnene und gottliebende Menschen aus, sonst wird dein Herz nicht erleichtert, sondern noch mehr aufgeregt; statt den Dorn aus deinem Fuß zu ziehen, werden ihn diese Menschen noch tiefer hineinstoßen.

      Manche klagen zwar nicht, wenn sie krank oder traurig sind oder beleidigt wurden; sie wollen sich nicht empfindlich zeigen, denn das würde ihrer Meinung nach (und mit Recht) als Schwäche und als Mangel an Hochherzigkeit ausgelegt. Sie lieben es aber, beklagt zu werden, und suchen mit allen Mitteln zu erreichen, daß jedermann sie bedauere, daß man großes Mitleid mit ihnen empfinde, sie nicht nur für schwer geprüft, sondern außerdem für mutig und geduldig im Ertragen halte. Das ist nun gewiß keine echte Geduld, sondern nur eine ganz raffinierte Ehrsucht und Eitelkeit. ³Sie haben ihren Ruhm, aber nicht vor Gott'', sagt der Apostel (Röm 4,2). Wer geduldig ist, klagt nicht und wünscht nicht beklagt zu werden. Er spricht von seinem Leid offen, wahrheitsgemäß und einfach, ohne zu jammern, sich zu beklagen oder das Übel größer hinzustellen. Bedauert man ihn, so nimmt er es ruhig hin; beklagt man ihn aber wegen eines Übels, das ihn nicht getroffen hat, dann stellt er bescheiden den Irrtum richtig. So bleibt er in aller Ruhe zugleich wahr und geduldig, gibt sein Leid zu, klagt aber nicht.

      Bei Anfeindungen wegen deines Strebens nach Frömmigkeit (sie werden nicht ausbleiben) erinnere dich der Heilandsworte: ³Eine Frau ist voll Angst, wenn ihre Stunde gekommen ist; hat sie aber das Kind geboren, dann denkt sie nicht mehr an die Angst aus Freude darüber, daß ein Mensch auf die Welt gekommen ist'' (Joh 16,21). Du hast nun in deiner Seele den Heiland empfangen und er wird nur unter Schmerzen aus dir geboren werden; sei aber guten Mutes, denn die Schmerzen gehen vorüber, doch die Freude, ihn zur Welt gebracht zu haben, wird ewig in dir bleiben. Der Heiland wird wieder Mensch für dich, wenn du durch Nachahmung seines Lebens ihn vollkommen in deinem Herzen und in deinen Werken nachgebildet hast.

      Bist du krank, so opfere deine Schmerzen dem Heiland auf. Bitte ihn, er möge sie mit seinem bitteren Leiden vereinigen. Gehorche dem Arzt, nimm die Arznei, die vorgeschriebenen Speisen und Heilmittel aus Liebe zu Gott. Denke dabei an die Galle, die er aus Liebe zu uns trank. Wünsche geheilt zu werden, um Gott dienen zu können, sei aber auch bereit, ein langes Siechtum auf dich zu nehmen, um ihm zu gehorchen, und auch zu sterben, wenn es sein Wille ist, um ihn ewig zu loben und in seinem Besitz selig zu sein.

      Erinnere dich, daß die Bienen sich von Bitterem nähren, wenn sie Honig erzeugen. So können auch wir nie besser Geduld und Sanftmut üben und den Honig vortrefflicher Tugenden bereiten, als wenn wir das Brot der Bitterkeit essen und inmitten von Ängsten leben. Wie der Honig aus dem Thymian, einer kleinen bitteren Blume, der beste ist, so ist auch die Tugend am vorzüglichsten, die in der Bitterkeit des niedrigen und verachteten Leidens geübt wird.

      Schau oft geistigerweise auf den gekreuzigten, nackten, gelästerten, verleumdeten, verlassenen und mit aller Art von Traurigkeit und Leiden beladenen Jesus. Bedenke, daß alle deine Leiden weder in der Art noch im Ausmaß auch nur im geringsten damit verglichen werden können, daß du niemals etwas für ihn leiden wirst, was dem Wert seines Leidens für dich gleichkäme.

      Erwäge die Qualen der Märtyrer und so vieler Menschen, die viel mehr als du leiden, und sage dir: Meine Leiden sind Freuden und meine Dornen Rosen im Vergleich mit den Leiden jener, die ohne Hilfe, ohne Beistand und ohne Erleichterung einen ständigen Tod sterben, von unendlich schweren Qualen niedergedrückt.1

      4. Kapitel

      Demut in der äußeren Haltung.

      Elischa sagte zu einer Witwe: ³Leih dir viele leere Gefäße und gieße Öl hinein'' (2 Kön 4,3). Um die Gnade Gottes in unser Herz aufnehmen zu können, darf dieses nicht voll von uns selbst sein. Der Turmfalke schreckt die Raubvögel durch seinen Schrei und seinen Blick; deshalb lieben ihn die Tauben vor allen anderen Vögeln und nisten in seiner Nähe in Sicherheit. So vertreibt auch die Demut den Teufel und bewahrt in uns die Gnaden und Gaben des Heiligen Geistes. Deshalb haben auch die Heiligen, besonders aber der König aller Heiligen und seine gebenedeite Mutter diese erhabene Tugend mehr als alle anderen sittlichen Tugenden geschätzt und geliebt.1

      Eitlen Ruhm nennen wir, wenn man sich etwas einbildet auf eine Sache, die nicht in uns ist, oder wenn in uns, dann nicht unser Eigen, oder wenn in uns und unser Eigentum, dann unwert, daß man sich ihrer rühme. Adelige Geburt, Fürstengunst, Volksgunst sind Dinge, die nicht an uns liegen, sondern an unseren Vorfahren oder in der Meinung anderer. Manche sind stolz und eingebildet, weil sie ein schönes Pferd reiten, weil sie eine Feder auf ihrem Hut tragen oder prunkvoll gekleidet sind. Was für ein Unsinn! Wenn darin ein Ruhm liegt, dann steht er dem Pferd zu, dem Vogel oder dem Schneider. Wie kläglich, seine Ehre von einem Pferd, einer Feder oder einem Stück Tuch herzuleiten! - Andere brüsten und zieren sich wegen eines aufgezwirbelten Schnurrbartes, eines gepflegten Bartes, wegen ihrer gekräuselten Haare oder zarten Hände, oder weil sie tanzen, spielen, singen können. Wie armselig, sich auf so verrückte und kindische Dinge etwas einzubilden und sich ihretwegen für etwas Besonderes zu halten! - Wieder andere wollen für ein wenig Wissen geehrt und geschätzt sein; alle sollen von ihnen lernen und sie als ihre Meister betrachten; man nennt sie deshalb auch Pedanten. - Andere stolzieren daher wie Pfaue und meinen, jeder müßte ihrer Schönheit wegen ihnen den Hof machen. All das ist außerordentlich eitel, dumm und anmaßend; demnach heißt auch der Ruhm, den man von diesen nichtigen Dingen ableitet, eitel, dumm und leichtfertig.

      Echten Wert erkennt man wie echten Balsam. Man prüft den Balsam, indem man ihn ins Wasser tropfen läßt; sinkt er unter und bleibt am Boden, so gilt er als besonders fein und kostbar. Will man erkennen, ob ein Mensch wirklich weise, gelehrt, hochherzig und edel ist, dann muß man prüfen, ob diese Eigenschaften mit Demut, Bescheidenheit und Duldsamkeit gepaart sind, denn dann sind sie echte Werte. Wenn sie aber obenauf schwimmen, wenn sie zur Schau gestellt sein wollen, dann werden sie um so weniger echte Werte sein, je mehr sie scheinen wollen. Perlen, die im Brausen des Sturmes und unter dem Krachen des Donners entstehen, sind hohl und haben nur eine schöne Schale aber keinen Kern. So haben auch die guten Eigenschaften und Tugenden der Menschen nur den Schein des Guten ohne Mark, Saft und Kraft, wenn sie unter Hochmut, Prahlerei und Eitelkeit entstehen und wachsen.

      Ehre und Würde sind dem Safran vergleichbar; er gedeiht kräftig und entwickelt sich üppig, wenn er mit Füßen getreten wird. Es ist keine Ehre, schön zu sein, wenn man sich damit brüstet; soll Schönheit angenehm wirken, dann darf sie nicht zur Schau getragen werden. Wissen entwürdigt, wenn es sich aufbläht und in Schulmeisterei entartet. Wer auf seinen Rang, auf seine Stellung und seinen Titel erpicht ist, setzt seine Forderungen genauester Prüfung und Kritik aus, macht sich verächtlich und gemein. So schön die Ehre ist, wenn sie uns als Geschenk zufällt, so häßlich wird sie, wenn man sich um sie bemüht, nach ihr verlangt und sie fordert. Wenn der Pfau sein Rad schlägt und die Federn spreizt, enthüllt er zugleich das Niedrigste. Die Blumen blühen, solang sie im Boden wurzeln; in der Hand verwelken sie. Die Alraune duftet lieblich von weitem; kommt man ihr aber nahe, dann wird man von ihrem Geruch betäubt und krank. So erfreut auch eine Ehrung, wenn man sie nur von weitem gewahrt, ohne sich dabei aufzuhalten oder um sie besorgt zu sein; hängt man aber an ihr, bläht man sich damit auf, dann wird sie häßlich und widerlich.

      Das Streben nach Tugend und die Liebe zu ihr machen uns allmählich selbst tugendhaft; das Streben nach Ehre und die Anhänglichkeit daran machen uns verächtlich und lächerlich. Vernünftige Menschen befassen sich nicht mit all dem kindischen Getue von Rangstufen, Ehren und Titeln. Sie haben anderes zu tun und überlassen das den Nichtstuern. Wer Perlen haben kann, behängt sich nicht mit Muscheln; wer nach Tugend strebt, kümmert sich nicht um äußere Ehren.

      Gewiß kann jeder, ohne die Demut zu verletzen, seinen Rang einnehmen und behalten, wenn er darauf kein besonderes Gewicht legt und nicht deswegen einen Streit anfängt. Die Geschäftsleute bringen aus Peru Gold und Silber mit, aber auch Affen und Papageien; sie kosten nicht viel und belasten das Schiff kaum. So nehmen auch Menschen, die nach Tugend streben, Rang und Ehren an, die ihnen zustehen, wenn sie darauf nicht viel Sorge und Aufmerksamkeit verwenden müssen, wenn es weder Unruhe, Aufregung noch Streit verursacht. Ich meine damit freilich nicht Persönlichkeiten, deren Würde die Öffentlichkeit betrifft, noch bestimmte Fälle, die wichtige Folgen haben können; dann muß man freilich auf dem bestehen, was einem gebührt, aber mit Klugheit und Takt, gepaart mit Liebe und Höflichkeit.

      5. Kapitel

      Die innere Demut.

      Du möchtest aber tiefer in die Demut eingeführt werden; denn was ich dir bisher sagte, betrifft mehr die Klugheit als die Demut. Ich gehe also auf deinen Wunsch ein.

      1. Manche wollen nicht an die Gnaden denken, die Gott ihnen im besonderen geschenkt hat, und wagen sie nicht zu betrachten, weil sie fürchten, darüber eitel und eingebildet zu werden; das ist aber ein Irrtum. Nach dem hl. Thomas von Aquin ist der Weg zur Gottesliebe die Erwägung seiner Wohltaten. Gnaden, die wir im besonderen empfangen, bewegen uns mehr als jene, die alle erhalten, daher sollen wir sie auch eingehender betrachten.

      Gewiß kann uns angesichts der Güte Gottes nichts mehr demütigen als die Fülle seiner Wohltaten und angesichts seiner Gerechtigkeit nichts mehr erniedrigen als die Menge unserer Sünden. Erwägen wir, was er für uns getan und was wir gegen ihn verbrochen haben; ebenso wie wir unsere Fehler genau betrachten, so erwägen wir auch die Gnaden Gottes in allen Einzelheiten.

      Wir brauchen nicht zu fürchten, daß uns die Kenntnis dessen aufbläht, was Gott in uns hineingelegt hat, wenn wir uns nur die Wahrheit vor Augen halten, daß nicht von uns stammt, was Gutes in uns ist. Sind die Maulesel weniger dumm und stinkend, wenn sie kostbares und duftendes Gepäck eines Fürsten tragen? Was haben wir denn Gutes, das wir nicht empfangen hätten? Haben wir es aber empfangen, welches Recht haben wir dann, darüber stolz zu sein? Wir werden im Gegenteil durch die eingehende Betrachtung der empfangenen Gnaden nur demütiger werden, denn die Erkenntnis führt zur Erkenntlichkeit. Fühlst du aber beim Blick auf die Gnaden, die Gott dir gegeben, den Kitzel der Eitelkeit, dann schau auf deinen Undank, deine Unvollkommenheit und Armseligkeit, und du wirst unfehlbar geheilt. Denken wir an das, was wir verbrochen, als Gott nicht mit uns war, dann wird uns klar, daß das nicht auf unserem Boden gewachsen und nicht von uns ist, was wir vollbringen, wenn er mit uns ist. Wir werden es genießen und uns über seinen Besitz freuen, aber Gott allein die Ehre dafür geben, denn er allein ist dessen Urheber. So bekennt auch die allerseligste Jungfrau, daß Gott Großes an ihr getan, aber nur, um sich selbst zu erniedrigen und Gott zu preisen: ³Hoch preist meine Seele den Herrn, denn er hat Großes an mir getan'' (Lk 1,46 ff).

      2. Wir sagen oft, daß wir nichts sind, das verkörperte Elend und das Schlechteste auf der Welt; wir wären aber sehr betroffen, wenn man uns beim Wort nähme und uns öffentlich als das hinstellte, was wir uns selbst genannt haben. Wir tun, als wollten wir fliehen und uns verstecken, aber nur, damit man uns nachlaufe und suche; wir tun, als wären wir die Letzten und möchten ganz unten am Tisch sitzen, aber nur, um leichter aufrücken zu können. Wahre Demut will nicht demütig erscheinen und äußert sich kaum in demütigen Worten; sie will nicht nur die anderen Tugenden verbergen, sondern vor allem sich selbst. Wäre es ihr gestattet zu lügen, zu täuschen oder den Mitmenschen Ärgernis zu geben, sie trüge Anmaßung und Hochmut zur Schau, um sich darunter zu verstecken, unerkannt und verborgen zu bleiben.

      Höre also meine Meinung: Entweder gebrauchen wir überhaupt keine Ausdrücke der Demut, oder wir sagen sie wirklich mit der inneren Überzeugung, die unseren Worten völlig entspricht. Schlagen wir doch niemals die Augen nieder, ohne auch im Herzen demütig zu sein! Tun wir nicht, als ob wir die Letzten sein wollten, wenn das nicht wirklich unsere ehrliche Absicht ist. Das halte ich für eine so allgemein gültige Regel, daß ich keine Ausnahme davon gelten lasse. Ich füge nur hinzu, daß wir manchmal aus Höflichkeit anderen den Vortritt anbieten müssen, obwohl wir wissen, daß sie ihn nicht annehmen werden. Das ist nicht Doppelzüngigkeit und falsche Demut; denn das Anbieten allein ist schon der Ansatz zu einer Ehrung, zu der wir uns wenigstens anschicken sollen, wenn wir sie schon nicht ganz erweisen können. Das gleiche gilt für ehrende und achtungsvolle Worte, die streng genommen nicht ganz der Wahrheit zu entsprechen scheinen; in Wirklichkeit sind sie dann wahr, wenn jener, der sie ausspricht, wirklich die Absicht hat, den zu ehren und zu achten, dem er sie sagt. Wenn auch die Ausdrücke etwas übertrieben sind, tun wir damit nichts Schlechtes, falls der allgemeine Brauch es so erfordert. Allerdings wünschte ich, die Worte mögen mit unserem Denken und Fühlen möglichst übereinstimmen, damit immer und überall herzliche Offenheit und Einfachheit herrschen.

      Ein wirklich demütiger Mensch hört lieber andere sagen, daß er unbedeutend, armselig und zu nichts nütze ist, als es selbst von sich zu sagen; zum mindesten widerspricht er nicht, wenn andere es behaupten, und stimmt ihnen aufrichtig zu. Da er selbst fest davon überzeugt ist, freut er sich, wenn andere der gleichen Ansicht sind.

      3. Manche sagen, sie überließen das innerliche Gebet den Vollkommenen, sie selbst seien nicht würdig, es zu pflegen. Andere beteuern, sie wagten nicht oft zur heiligen Kommunion zu gehen, weil sie sich nicht für rein genug hielten. Wieder andere fürchten, durch ihre Armseligkeit und Schwachheit dem Ruf der Frömmigkeit zu schaden, wenn sie sich darum bemühen. Andere weigern sich, ihre Fähigkeiten in den Dienst Gottes und des Nächsten zu stellen; angeblich kennen sie ihre Schwäche und fürchten stolz zu werden, wenn sie zum Guten beitragen, oder sich zu verzehren, wenn sie anderen Licht spenden. - Das alles ist unnatürlich; es ist nicht nur eine falsche, sondern eine böswillige Demut; mit dieser Begründung wagt man heimlich und hinterlistig Göttliches zu tadeln oder zum mindesten das Hängen an seiner Meinung, seinen Launen und seiner Bequemlichkeit mit einem Schein von Demut zu bemänteln.

      ³Erbitte von Gott ein Zeichen vom Himmel oben oder unten in der Tiefe des Meeres'', sagte der Prophet zum unseligen Achaz; dieser entgegnete: ³Nein, ich will keines erbitten, ich will den Herrn nicht versuchen'' (Jes 7,11 f). Der Bösewicht tut, als hätte er große Ehrfurcht vor Gott, und weigert sich unter dem Vorwand der Demut, der Aufforderung Gottes gemäß eine Gnade zu erbitten. Erkennt er denn nicht, daß die Gnaden Gottes uns verpflichten, sie anzunehmen, daß die Demut uns den Wünschen Gottes auf das genaueste gehorchen und entsprechen läßt? Gott wünscht aber, daß wir durch die Vereinigung mit ihm, verbunden mit unserem Streben, ihm ähnlich werden, uns vervollkommnen (vgl. Mt 5,48). Gerade der Hochmütige, der auf sich selbst vertraut, hat allen Grund, kein Unternehmen zu wagen, der Demütige dagegen ist um so mutiger, je machtloser er sich selbst weiß, er wird in dem Maße kühner, als er sich selbst schwach fühlt, weil er dann sein ganzes Vertrauen auf Gott setzt, der sich darin gefällt, seine Allmacht in unserer Schwachheit zu verherrlichen und unsere Armseligkeit zum Throne seiner Barmherzigkeit zu machen. Es gilt also, demütig und vertrauend alles zu wagen, was unser Seelenführer für geeignet zu unserem Fortschritt erachtet.

      4. Etwas zu wissen meinen, das man nicht weiß, ist offenkundige Dummheit; den Gelehrten spielen in Dingen, von denen man nichts versteht, ist eine unerträgliche Eitelkeit. Ich möchte nicht einmal den Fachmann spielen in Dingen, die ich wirklich verstehe, allerdings auch nicht den Unwissenden. Wenn es die Liebe verlangt, soll man ehrlich und schlicht dem Nächsten nicht nur das mitteilen, was er notwendig zu seiner Belehrung braucht, sondern auch, was ihm nützlich ist und ihn erbaut. Die Demut verbirgt die Tugenden, um sie zu bewahren, zeigt sie aber dann, wenn es die Liebe fordert, um sie zu mehren, zu stärken und zu vervollkommnen. Sie gleicht dem Baum auf der Insel Thylos, der seine schönen roten Blüten nachts schließt und erst bei Sonnenaufgang wieder öffnet; die Einheimischen sagen daher, daß die Blüten in der Nacht schlafen. So bedeckt und verbirgt auch die Demut alle unsere menschlichen Tugenden und Vollkommenheiten und läßt sie nur um der Liebe willen sichtbar werden; die Liebe ist ja keine menschliche, sondern eine himmlische, keine sittliche, sondern eine göttliche Tugend, die wahre Sonne der Tugenden, die sie stets beherrscht. Eine Demut, die der Liebe schadet, ist daher ohne Zweifel falsch.

      5. Ich möchte weder den Verrückten spielen noch den Weisen. Die Demut hindert mich, als Weiser zu erscheinen, die Einfachheit und Aufrichtigkeit, mich als Verrückten zu geben. Die Eitelkeit ist der Demut entgegengesetzt, wie das Gekünstelte, Affektierte und Falsche der Aufrichtigkeit und Einfachheit. Wenn einzelne von den größten Gottesmännern den Narren spielten, um sich vor der Welt verächtlich zu machen, so muß man das wohl bewundern, aber nicht nachahmen. Sie hatten dafür ihre eigenen und so außergewöhnlichen Gründe, daß niemand für sich daraus Schlüsse ziehen darf. Wenn David vor der Bundeslade mehr tanzte und hüpfte, als es die Sitte erforderte, so tat er das nicht, um den Narren zu spielen, sondern aus der außergewöhnlichen, übergroßen Freude, die ihn im lnnersten bewegte (2. Sam 6,14-16). Als ihm dann seine Frau Michal vorwarf, er habe sich närrisch benommen, war er über diese Beschuldigung nicht erbost, sondern gab sich weiter seiner echten, natürlichen Begeisterung hin und freute sich, für seinen Gott eine Schmähung zu ertragen. So soll es auch bei dir sein: Verachtet man dich wegen einer Handlung, die einer echten und schlichten Frömmigkeit entspringt, oder hält man dich deswegen für verrückt, dann wird die Demut dir helfen, dich über diese selige Schmach zu freuen, deren Ursache nicht in dir liegt, sondern in denen, die sie dir zufügen.1

      6. Kapitel

      Demut läßt uns die Erniedrigung lieben.

      Ich gehe noch weiter und sage: Du mußt immer und jederzeit deine eigene Erniedrigung lieben. Du fragst mich, was das heißt. Im Lateinischen bedeutet abjectio (Erniedrigung) und humilitas (Demut) das gleiche. Wenn Unsere liebe Frau im Magnificat singt, ³Quia respexit humilitatem ancillae suae, beatam me dicent omnes generationes'', so will sie sagen, daß der Herr in Güte auf ihre Demut, Niedrigkeit und Armseligkeit herabgeschaut hat, um sie mit Gnade und Gunst zu überhäufen. Abjectio ist das Kleinsein, die Niedrigkeit und Armseligkeit, die in uns ist, ohne daß wir daran denken; die Tugend der Demut aber ist die ehrliche Kenntnis und das freiwillige Anerkennen unserer Niedrigkeit. Der Gipfel der Demut aber besteht darin, daß man nicht nur freiwillig seine Niedrigkeit anerkennt, sondern sie liebt und gern auf sich nimmt - nicht aus Mangel an Mut und Hochherzigkeit, sondern um angesichts der eigenen Niedrigkeit die göttliche Majestät um so mehr zu preisen und den Nächsten höher zu schätzen. Dazu will ich dich ermuntern.

      Wisse, daß von den Übeln, an denen wir leiden, die einen uns Geringschätzung, andere dagegen Ehre einbringen. Viele schicken sich in die ehrenden Übel, fast niemand aber in die erniedrigenden.

      Schau dir einen frommen, in Lumpen gehüllten, vor Kälte zitternden Einsiedler an: Alles ehrt seine ärmliche Kleidung und hat Mitleid mit ihm. Wenn aber ein armer Handwerker, ein verarmter Adeliger oder ein mittelloses Mädchen in der gleichen Lage sind, dann werden sie verachtet und verspottet; ihre Armut ist erniedrigend. Ein Ordensmann nimmt demütig eine strenge Zurechtweisung von seinem Obern an, ein Kind von seinem Vater; jedermann wird das Selbstüberwindung, Gehorsam und Weisheit nennen. Wenn aber ein Ritter oder eine Dame dasselbe erträgt aus Liebe zu Gott, dann nennt man es Feigheit; das ist also ein anderes erniedrigendes Übel. Der eine hat ein Geschwür am Arm, ein anderer im Gesicht; der eine hat nur das Übel, der andere außer dem Übel auch noch die Geringschätzung und Erniedrigung zu tragen. Nun sage ich dir: Du mußt nicht nur das Übel lieben (wozu uns die Tugend der Geduld verhilft), sondern auch die daraus erwachsende Erniedrigung, was die Tugend der Demut bewirkt.

      Es gibt erniedrigende Tugenden und ehrenvolle. Geduld, Milde, Einfachheit, Demut, werden von Weltmenschen für niedrig und verächtlich gehalten; sie schätzen dagegen sehr die Klugheit, Tapferkeit und Freigebigkeit. Von der gleichen Tugend gibt es aber sowohl verachtete wie geschätzte Übungen: Almosengeben ist ebenso ein Akt der Liebe wie Beleidigungen verzeihen; das erste schätzt jeder, das zweite ist in den Augen der Welt verächtlich. Ein junger Mann, eine junge Dame, die sich nicht der Zügellosigkeit der Gesellschaft im Reden, Spielen, Tanzen, Trinken oder in der Mode anschließen, werden von anderen verspottet und bekrittelt, ihre Bescheidenheit nennt man Betschwesterntum oder Ziererei. Stimmt man innerlich diesem Verkanntwerden zu, dann liebt man seine Erniedrigung. Ein anderes Beispiel: Wir besuchen Kranke; schickt man mich zum Ärmsten von ihnen, so wird das in den Augen der Welt eine Erniedrigung sein, als solche werde ich sie lieben; schickt man mich hingegen zu vornehmen Kranken, so ist das eine Erniedrigung vom religiösen Standpunkt, weil weniger Tugend und Verdienst dabei ist, und ich werde diese Erniedrigung ebenso lieben. Falle ich mitten auf der Straße hin, dann habe ich nicht nur den Schmerz, sondern obendrein die Beschämung, eine Erniedrigung mehr, über die wir uns freuen können.

      Es gibt sogar Fehler, die uns nicht schaden, sondern nur demütigen. Die Demut verlangt nun nicht, daß wir sie absichtlich begehen, wohl aber, daß wir uns nicht beunruhigen, wenn wir sie begangen haben. Dazu gehören gewisse Ungeschicklichkeiten, Unhöflichkeiten und Unaufmerksamkeiten. Man soll sie zwar aus Höflichkeit und Klugheit vermeiden; hat man sie aber begangen, dann füge man sich in die Erniedrigung und nehme diese willig an, um die heilige Demut zu üben. Ja, ich sage sogar: Habe ich in Zorn oder Ausgelassenheit Ungeziemendes gesagt und dadurch Gott und den Nächsten beleidigt, so werde ich es lebhaft bereuen, betrübt über die Beleidigung, diese soweit möglich wieder gutzumachen suchen; die Erniedrigung und Geringschätzung aber, die mir daraus erwächst, will ich gern annehmen. Könnte man beides trennen, so würde ich die Sünde voll Abscheu von mir weisen, die Erniedrigung aber demütig für mich behalten.

      Wenn wir nun auch die Geringschätzung lieben, die dem Übel entspringt, so müssen wir dennoch dem Übel selbst, das sie verursacht, durch geeignete und erlaubte Mittel steuern, besonders dann, wenn es ernste Folgen nach sich zieht. Habe ich ein Geschwür im Gesicht, das mich gleichzeitig abstoßend macht, dann werde ich mich wohl um die Heilung bemühen, nicht aber darum, diese Erniedrigung vergessen zu machen, die mir daraus erwächst. Habe ich eine Unschicklichkeit begangen, die niemand kränkte, dann werde ich mich nicht entschuldigen; wenn es auch ein Fehler war, so blieb er doch ohne ernste Folgen. Eine Entschuldigung diente nur dazu, der nachfolgenden Erniedrigung zu entgehen; das kann aber die Demut nicht zulassen. Habe ich aber aus Unachtsamkeit oder Ungeschick jemand eine Beleidigung oder Ärger zugefügt, dann werde ich es durch eine aufrichtige Entschuldigung wieder gut zu machen versuchen; denn hier hat mein Fehler Folgen und die Liebe verpflichtet mich, sie zu beseitigen.

      Die Liebe verlangt übrigens zuweilen, daß wir die Demütigung nicht auf uns ruhen lassen, wenn von unserem guten Ruf das Wohl des Nächsten abhängt. Entziehen wir uns in diesem Fall der Geringschätzung in den Augen des Nächsten, um kein Ärgernis zu geben, so müssen wir sie um so mehr unserem Herzen einprägen und darin bewahren, damit es daraus Nutzen ziehe.

      Du fragst nach den wertvollsten Erniedrigungen. Ich sage dir ganz offen: Der Seele am nützlichsten und Gott am wohlgefälligsten sind jene, die uns unerwartet und aus den Lebensumständen zustoßen; die haben wir uns nicht ausgesucht, sondern nehmen sie so an, wie Gott sie uns schickt, der seine Wahl immer besser trifft als wir. Wenn wir aber die Wahl haben, dann gelten die größten als die wertvollsten; die größten aber sind jene, die am meisten unseren Neigungen widersprechen, vorausgesetzt, daß sie nicht im Widerspruch zu unserem Beruf stehen. Ein- für allemal sei gesagt, daß unsere eigene Wahl und Einschätzung fast alle Tugenden verdirbt und im Wert mindert. Wer wird uns die Gnade schenken, daß wir mit dem großen König sagen können: ³Ich habe es vorgezogen, im Hause Gottes verachtet zu weilen, als in den Zelten der Sünder zu wohnen'' (Ps 84,11)? Das kann nur einer: Er, der - um uns zu erhöhen - so lebte und starb, daß er ³den Menschen zum Abscheu und dem Volk zum Gespött wurde'' (Ps 22,7).

      Ich habe dir vieles gesagt, was deinem Verstand hart erscheinen wird; aber glaube mir, es wird dir süßer als Zucker und Honig sein, wenn du es übst.1

      7. Kapitel

      Wie man bei der Übung der Demut den guten Ruf wahrt.

      Lob, Ehre und Ruhm fallen den Menschen nicht für eine einfache, sondern nur für eine hervorragende Tugend zu. Durch das Lob wollen wir andere von der Vortrefflichkeit eines Menschen überzeugen und sie zur Hochschätzung für ihn bewegen. Durch die Ehre, die wir ihm erweisen, bekennen wir, daß wir selbst ihn hochschätzen. Der Ruhm ist meines Erachtens nichts anderes als ein bestimmter Glanz im Ruf eines Menschen, der aus dem Zusammenklingen vieler Lobsprüche und Ehrungen entsteht. Der Ruhm geht also aus der Häufung von Lob und Ehrungen hervor, wie der Glanz aus der Häufung kostbarer Steine sprüht.

      Da nun die Demut nicht zuläßt, daß wir uns hervortun oder anderen vorgezogen werden wollen, so kann sie auch nicht zulassen, daß wir Lob, Ehre und Ruhm suchen, die nur den Vortrefflichen zustehen. Wohl aber stimmt sie der Mahnung des Weisen zu, auf unseren Ruf zu achten (Sir 41,12). Der gute Ruf beruht ja nicht auf hervorragenden Eigenschaften, sondern auf einer gewöhnlichen, schlichten Anständigkeit und Rechtschaffenheit. Die Demut hindert aber niemand, uns diese Eigenschaften zuzuschreiben, noch daß wir diesen Ruf von anderen anerkannt wissen wollen. Die Demut würde wohl den guten Ruf verachten, wenn die Liebe ihn nicht bräuchte, denn er ist eine der Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft. Ohne ihn wären wir für die Gesellschaft nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich durch das Ärgernis, das wir erregten. Daher fordert die Liebe, daß wir unseren guten Ruf bejahen und ihn sorgfältig hüten, und die Demut stimmt dem zu.

      Die Blätter eines Baumes haben an sich keinen besonderen Wert; trotzdem tragen sie nicht nur zur Schönheit des Baumes bei, sondern schützen auch die Früchte, solange diese noch zart sind. So ist auch der gute Ruf an sich nichts besonders Begehrenswertes, aber er ist doch sehr nützlich, nicht nur als Zierde unseres Lebens, sondern weil er auch unsere Tugenden schützt, besonders wenn sie noch zart und schwach sind. Die Verpflichtung, unseren Ruf zu wahren und das zu sein, wofür man uns hält, übt auf ein hochherziges Gemüt einen mächtigen, wenngleich milden Zwang aus.

      Wahren wir also unsere Tugenden, weil sie Gott, dem erhabenen und höchsten Ziel all unseres Tuns, wohlgefällig sind! Will man Früchte aufbewahren, so konserviert man sie nicht nur, sondern gibt sie außerdem in geeignete Gefäße. So ist es wohl in erster Linie Aufgabe der Liebe zu Gott, in uns das Tugendleben zu bewahren, doch können wir uns auch des guten Rufes als geeignetes und brauchbares Gefäß zu diesem Zweck bedienen.

      Wir dürfen aber nicht hitzig, übergenau und kleinlich auf unseren Ruf bedacht sein. Wer überempfindlich um seinen Ruf besorgt ist, gleicht denen, die bei der geringsten Unpäßlichkeit gleich Medizin einnehmen. Sie wollen ihre Gesundheit erhalten, in Wirklichkeit aber zerstören sie diese nur. So werden auch jene ihren guten Ruf ganz einbüßen, die so ängstlich besorgt sind, ihn zu wahren; denn durch diese Überempfindlichkeit werden sie wunderlich, starrköpfig, unausstehlich und fordern die Bosheit der bösen Zungen heraus.

      Beleidigungen und Verleumdungen übersehen und verachten, hilft meist mehr gegen sie als Ärger, Streit und Rache. Die Verachtung macht sie unwirksam; wird man aber zornig, so scheint man ihnen eine gewisse Berechtigung zuzugestehen. Krokodile schaden nur denen, die sie fürchten, und die üble Nachrede nur solchen, die sich darüber aufregen.

      Übermäßige Furcht, den guten Ruf zu verlieren, bezeugt ein großes Mißtrauen gegen seine Grundlagen, die in einem wirklich guten Leben bestehen. In Städten, wo Holzbrücken über die Flüsse führen, muß man bei jedem Hochwasser fürchten, daß sie fortgerissen werden; bei Steinbrücken dagegen braucht man nur außergewöhnlich schwere Überschwemmungen zu fürchten. So fürchtet auch eine recht christliche Seele für gewöhnlich nicht den Redeschwall böser Zungen; wer aber seinen Ruf schwach begründet weiß, dem bereitet alles Unruhe. Wer einen guten Ruf bei allen haben will, der verliert ihn bei allen; und wer auch bei lasterhaften und gewissenlosen Menschen gut angesehen sein will, verdient es, seinen ehrlichen Ruf zu verlieren.

      Der gute Ruf ist nur ein Wahrzeichen, das anzeigt, wo die Tugend wohnt; die Tugend selbst muß ihm in allem und überall vorgezogen werden. Wenn man also sagt, du seist ein Heuchler, weil du fromm sein willst, wenn man dich für feige hält, weil du Beleidigungen verzeihst, so lache darüber! Denn erstens werden solche Urteile von albernen und dummen Leuten gefällt, zweitens darf man nicht von der Tugend lassen, selbst wenn der gute Ruf verloren ginge; die Frucht ist doch den Blättern, das innere und geistige Gut den äußeren Gütern vorzuziehen. Wir müssen für unseren Ruf sorgen, dürfen ihn aber nicht vergöttern; gewiß sollen wir den Augen der Guten nicht mißfallen, wir dürfen aber nicht darnach fragen, ob wir den Schlechten gefallen. Der Bart ist eine Zierde des Mannes, das Haar eine Zierde der Frau; reißt man die Haare aus, dann werden sie kaum wieder nachwachsen, schneidet oder rasiert man sie nur ab, dann kommen sie wieder, noch dichter und stärker. So brauchen wir uns auch nicht zu beunruhigen, wenn unser Ruf durch böse Zungen gleich scharfen Rasiermessern, wie David (Ps 52,2) sagt, abgeschnitten oder wegrasiert wird; er wird wiederkommen, schöner und kräftiger als vorher. Haben uns aber Laster, Feigheit oder schlechtes Leben den Ruf geraubt, so ist er schwerlich wieder herzustellen, denn seine Wurzeln sind ausgerissen. Die Wurzeln des guten Rufes sind Güte und Rechtschaffenheit; solange sie in uns sind, können sie immer die uns gebührende Ehre neu erstehen lassen.

      Eine sinnlose Unterhaltung, eine unnötige Beschäftigung, eine leichtfertige Freundschaft, einen anrüchigen Bekanntenkreis muß man aufgeben, wenn sie dem Ruf schaden, denn der gute Ruf ist mehr wert als jede leere Befriedigung. Schimpft man aber über uns, verleumdet man uns wegen unseres Strebens nach Frömmigkeit, nach geistlichem Fortschritt und nach den ewigen Gütern, dann lassen wir doch ruhig die Hunde den Mond anbellen! Wenn es ihnen auch gelingt, unseren Ruf zu schädigen, uns sozusagen Haare und Bart abzuschneiden, so wird er doch wiederkommen und das Messer der üblen Nachrede wird unserer Ehre dienen, wie das Winzermesser dem Weinstock, der um so reichere Frucht trägt.

      Richten wir unsere Augen immer auf den gekreuzigten Jesus. Unser Leben in seinem Dienst soll vertrauensvoll und einfach sein, gleichzeitig aber weise und taktvoll. Er wird unseren Ruf schützen; und wenn er zuläßt, daß dieser uns genommen wird, dann tut er es nur, um uns einen noch besseren Ruf zu geben oder um uns in der heiligen Demut zu fördern, von der eine Unze mehr wert ist als tausend Pfund Ehre.

      Tadelt man uns ungerechter Weise, so setzen wir der Verleumdung in Ruhe die Wahrheit entgegen; bleibt man beim Tadel, so bleiben wir in Demut und vertrauen Gott mit unserer Seele auch unseren Ruf an; wir können ihn nicht besser sichern. Dienen wir Gott nach dem Vorbild des hl. Paulus (2.Kor 6,8) durch den guten wie durch den schlechten Ruf, damit wir wie David beten können: ³Mein Gott, für Dich hat Schamröte mein Antlitz bedeckt'' (Ps 69,8). Ich nehme aber gewisse Verbrechen aus, die so grauenhaft und schrecklich sind, daß niemand eine solche Verleumdung auf sich ruhen lassen darf, wenn er sich davon mit Recht freisprechen kann. Ich nehme auch bestimmte Personen aus, von deren Ruf die Erbauung vieler abhängt; in diesem Fall muß man ruhig die Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts nach der Weisung der Theologen fordern.

      8. Kapitel

      Sanftmut - Mittel gegen den Zorn.1

      Der heilige Chrisam, dessen man sich nach apostolischer Überlieferung in der Kirche Gottes für die Firmung und die Weihen bedient, ist zusammengesetzt aus Olivenöl und Balsam; sie versinnbilden zwei kostbare, überaus begehrenswerte Tugenden, die an der Person des göttlichen Heilands erstrahlen. Er hat sie uns so eindringlich empfohlen, als würde durch diese beiden Tugenden unser Herz in besonderer Weise seinem Dienst geweiht und für seine Nachfolge bestimmt. ³Lernt von mir", sagt er, ³denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen'' (Mt 11,29). Die Demut macht uns vollkommen vor Gott, die Sanftmut dem Nächsten gegenüber. Wie schon früher (vgl. 4. Kapitel) erwähnt, sinkt der Balsam in allen Flüssigkeiten zu Boden; damit ist er ein Sinnbild der Demut. Das Olivenöl schwimmt obenauf; dadurch versinnbildet es die Sanftmut und Güte, die über allem steht und alle Tugenden überragt. Sie ist ja die Blüte der Liebe, die nach dem hl. Bernhard ihre Vollkommenheit erreicht, wenn sie nicht nur geduldig, sondern auch sanftmütig und gütig ist.

      Sei aber darauf bedacht, daß Sanftmut und Demut in deinem Herzen wohnen.2 Es ist ja einer der teuflischen Schliche, daß viele sich nur in Worten und äußeren Gesten dieser beiden Tugenden bedienen, ohne deren innere Akte zu pflegen. Sie bilden sich ein, demütig und sanftmütig zu sein, sind es aber in Wirklichkeit gar nicht. Das erkennt man daran, daß sie trotz allen sanftmütigen und demütigen Gehabens beim geringsten Widerspruch, bei der kleinsten Beleidigung mit unerhörter Heftigkeit aufbrausen. Wer jenes Vorbeugungsmittel gegen Vipernbisse nimmt, das allgemein ³Paulusgnade'' genannt wird, bei dem ruft der Biß einer Viper, sofern das Heilmittel ganz fein zubereitet ist, keine Schwellungen hervor. So schützen auch Demut und Sanftmut, wenn sie gut und echt sind, vor der Aufwallung des Zornes, die eine Beleidigung gewöhnlich im Herzen bewirkt. Wenn wir, von bösen und feindlichen Zungen gestochen, aufbrausen, aufgebracht und ärgerlich werden, so ist dies ein Zeichen, daß unser demütiges und sanftes Reden und Gehaben nicht echt und wahrhaftig ist, sondern erkünstelt und geheuchelt.

      Als der heilige und berühmte Patriarch Joseph seine Brüder von Ägypten zu ihrem Vater zurückschickte, gab er ihnen nur den einen Rat mit: ³Zürnet einander nicht auf dem Weg!" (Gen 45,24). Das gleiche sage ich dir: Dieses armselige Leben ist nur ein Wandern zum ewigen Leben; zürnen wir also einander nicht auf dem Weg, gehen wir ruhig, friedlich und freundlich in der Gesellschaft unserer Brüder und Gefährten. Ich sage dir aber ganz eindeutig und lasse keine Ausnahme zu: Zürne überhaupt nie, wenn es möglich ist. Lasse keinen Vorwand gelten, der dein Herz dem Zorn zu öffnen vermöchte. Der hl. Jakobus sagt ganz kurz und ohne Einschränkung, daß der Zorn eines Menschen nicht tut, was vor Gott gerecht macht (Jak 1,20).

      Gewiß müssen wir dem Bösen widerstehen und gegen die Fehler derjenigen vorgehen, für die wir Verantwortung tragen: beharrlich und furchtlos, zugleich aber stets ruhig und friedlich.3 Nichts besänftigt den rasenden Elefanten so leicht wie der Anblick eines Lammes, und nichts bricht so leicht die Wucht eines Geschosses wie weiche Wolle. Auf eine Zurechtweisung, die der Leidenschaft entspringt, mag sie auch von der Vernunft begleitet sein, achtet man weniger als auf eine, die nur von der Vernunft erteilt wird. Denn die vernunftbegabte Seele ist der Vernunft von Natur aus untertan, der Leidenschaft wird sie nur durch herrische Gewalt unterworfen. Daher macht sich die Vernunft verhaßt, wenn die Leidenschaft sie begleitet, weil ihre gerechte Herrschaft durch die Verbindung mit der Tyrannei herabgewürdigt wird. Fürsten erfreuen und ehren die Bevölkerung durch ihren Besuch, wenn sie mit friedlichem Gefolge kommen; führen sie aber Heere mit sich, dann wird ihr Kommen immer als unangenehm und schädlich empfunden, selbst wenn es dem allgemeinen Wohl dient. Wenn sie auch streng auf militärische Zucht achten, irgendwelche Disziplinlosigkeiten kommen doch immer vor, unter denen der friedliche Bürger leidet. Ebenso hat es jeder gern und findet es recht, wenn die Vernunft herrscht und ruhig, wenn auch streng und genau tadelt, zurechtweist und straft; kommt sie aber mit Zorn und Heftigkeit, die nach St. Augustinus ihre Soldaten sind, dann flößt sie mehr Schrecken als Liebe ein und das Herz wird dabei immer getreten und mißhandelt. Weiter sagt der hl. Augustinus: ³Es ist besser, auch dem gerechten Zorn den Eintritt zu verwehren, so klein er auch sein mag, denn hat er einmal Platz ergriffen, dann ist es schwer, ihn wieder hinauszuwerfen. Aus dem ursprünglich kleinen Wurzelreis wird im Nu ein Baum. Dauert er einmal bis zur Nacht und geht die Sonne darüber unter (wovor der Apostel so sehr warnt, vgl. Eph. 4,26), dann wird er zum Haß und man kann ihn fast nicht mehr loswerden, denn dann nährt er sich von tausend falschen Gründen. Noch jeder zornige Mensch hat seinen Zorn für gerecht gehalten.

      Man bemüht sich also besser, ohne Zorn auszukommen, als selbst mäßigen und berechtigten Zorn zu dulden. Werden wir einmal aus Schwäche und Unvollkommenheit davon überrascht, dann ist es besser, ihn rasch niederzuschlagen, als mit ihm zu unterhandeln; denn sowenig Freiheit man ihm auch zugesteht, er macht sich doch schnell zum Herrn der Lage, der Schlange gleich, die leicht ihren ganzen Leib nachzieht, wo sie einmal den Kopf durchstecken konnte.

      Wie aber schlägt man den Zorn nieder?4 Nimm schnell deine Kraft zusammen, sobald du ihn aufsteigen fühlst: nicht heftig und ungestüm, sondern ruhig und doch ernsthaft. Bei Parlaments- und Gerichtssitzungen machen oft die Türhüter, die ³Ruhe !" schreien, mehr Lärm als die Leute, die sie zum Schweigen bringen wollen; so geht es auch oft mit dem Zorn: wenn wir heftig dagegen ankämpfen, machen wir unser Herz unruhiger, als es vorher war, so daß es vor Aufregung nicht mehr Herr über sich selbst ist.

      Nach diesem ruhigen Bemühen befolge die Weisung des hl. Augustinus an den jungen Bischof Auxilius: ³Handle, wie ein Mann handeln soll. Trifft dich, was der Mann Gottes im Psalm sagt: ,Mein Herz ist von großem Zorn erregt', dann rufe zu Gott, auf daß er seine Rechte ausstrecke, um deinem Zorn zu gebieten: ,Herr, hab Erbarmen mit mir!' (Ps 31,10)." Damit will ich sagen, daß wir Gott um Hilfe anrufen müssen, wenn wir uns vom Zorn erregt fühlen, wie die Apostel, als sie mitten auf dem See von Sturm und Unwetter hin- und hergeschleudert wurden. Es wird unsere Leidenschaft zum Schweigen bringen und es wird eine große Ruhe sein. Aber eines sage ich dir immer wieder: Wenn du im Gebet gegen einen vorhandenen oder aufsteigenden Zorn ankämpfst, dann bete immer ruhig, ja nicht heftig! So müssen alle Mittel gegen dieses Übel gehandhabt werden.

      Hast du im Zorn gehandelt, dann mache den Fehler sofort wieder gut durch einen Akt der Sanftmut gegen jene, über die du in Zorn geraten bist. Das beste Mittel gegen die Lüge ist, sie zurückzunehmen, sobald man sich ihrer bewußt wird; so ist es auch ein gutes Heilmittel gegen den Zorn, ihn schnellstens durch einen Akt der Sanftmut wieder gutzumachen. Es heißt doch, daß frische Wunden am raschesten heilen.

      Lege dir ferner einen Vorrat an Ruhe und Sanftmut an in der Zeit, da du ruhig bist und keinen Anlaß zum Zorn hast, indem du alles, Großes und Kleines, so ruhig und sanft wie möglich sagst und tust. Erinnere dich, daß die Braut im Hohen Lied den Honig nicht nur auf der Zunge und auf den Lippen hat, sondern auch im Herzen (Hld 4,11), und nicht nur Honig, sondern auch Milch. So sollen nicht nur unsere Worte voll Milde gegen den Nächsten sein, sondern auch unser Herz, unsere ganze Gesinnung. Und nicht nur duftenden Honig sollen wir haben, d. h. Höflichkeit und Liebenswürdigkeit im Verkehr mit Freunden, sondern auch süße Milch für die Hausleute und Nachbarn. In dieser Hinsicht verfehlen sich diejenigen schwer, die auf der Straße wie Engel sind, daheim aber Teufeln gleichen.

      9. Kapitel

      Sanftmut gegen sich selbst.

      Die Sanftmut können wir gut an uns selbst üben, indem wir über uns oder unsere Fehler niemals in Zorn geraten. Gewiß verlangt die Vernunft, daß uns die Fehler mißfallen und leidtun, aber dieses Mißfallen darf nicht bitter, ärgerlich und zornig sein. Darin fehlen viele, die nach einem Zornausbruch in Zorn geraten, weil sie zornig waren; sie ärgern sich über ihren Ärger und dadurch sind sie die Ursache, daß ihr Herz immer von Zorn wie durchtränkt ist. Wenn es auch scheint, als ob der zweite Zorn den ersten aus der Welt schaffen sollte, in Wirklichkeit bahnt er doch schon einen neuen Zornausbruch für die nächste Gelegenheit an. Übrigens laufen dieser Zorn und Ärger, diese Erbitterung über sich selbst auf den Stolz hinaus, ihre Wurzel ist die Eigenliebe, die sich aufregt und in Unruhe gerät, weil sie uns noch unvollkommen findet.

      Der gewiß notwendige Abscheu vor unseren Fehlern muß also ruhig, ernst und fest sein. Das Strafurteil des Richters über den Verbrecher ist wirkungsvoller, wenn der Richter sein Urteil ruhig und mit Vernunftgründen fällt, als wenn er es heftig und leidenschaftlich tut. Denn urteilt er leidenschaftlich, dann straft er die Fehler nicht nach der Schwere des Vergehens, sondern nach der Stärke seiner Leidenschaft. So strafen wir uns selbst auch wirksamer durch eine ruhige und beharrliche Reue als durch eine verbitterte, aufgeregte und zornige. Für eine heftige und ungestüme Reue ist der Maßstab nicht die Größe der Sünde, sondern die Heftigkeit unserer Neigungen. Wer z. B. die Keuschheit liebt, wird über den geringsten Fehler gegen diese Tugend mit beispielloser Bitterkeit aufgebracht sein, über eine schwere Verleumdung dagegen, die er begangen hat, nur lachen. Ein anderer wieder haßt die üble Nachrede und wird sich wegen einer geringfügigen Nörgelei abquälen, eine schwere Sünde gegen die Keuschheit aber nicht einmal beachten, usw. Das alles kommt davon, daß das Gewissen nicht nach der Vernunft, sondern aus Leidenschaft urteilt.

      Glaube mir, ruhige und herzliche Ermahnungen des Vaters vermögen ein Kind viel eher zu bessern als Zorn und Wutausbrüche. So ist es auch bei uns. Haben wir einen Fehler begangen, dann mahnen wir unser Herz ruhig und liebevoll, mehr aus Mitleid als in leidenschaftlichem Unwillen; reden wir ihm zu, sich zu bessern, dann wird die Reue viel tiefer ins Herz eindringen und es nachhaltiger beeinflußen als eine verärgerte, zornige und stürmische Reue. Wäre mir z. B. viel daran gelegen, ja nicht durch Eitelkeit zu sündigen, und ich beginge trotzdem einen schweren Fehler dagegen, so würde ich mein Herz nicht etwa so tadeln: ³Was bist du doch abscheulich und erbärmlich, daß du dich nach vielen Vorsätzen wieder der Eitelkeit ergeben hast! Stirb vor Scham! Erhebe mir nie mehr die Augen zum Himmel, du blindes, schamloses, verräterisches, gegen deinen Gott treuloses Herz...'' Ich würde ihm vielmehr vernünftig und voll Mitleid zureden: ³Mein armes Herz, jetzt bist du wieder in die Grube gefallen, die wir zu meiden so entschlossen waren. Laß uns wieder aufstehen und ein für allemal der Eitelkeit entsagen! Rufen wir die Barmherzigkeit Gottes an, vertrauen wir auf sie; sie wird uns helfen, in Zukunft tapferer zu sein. Kehren wir wieder auf den Weg der Demut zurück. Mut! Seien wir von jetzt an recht auf der Hut; mit Gottes Hilfe wird es gehen.'' Auf dieser Selbstermahnung würde ich dann einen festen, kräftigen Entschluß aufbauen, nicht mehr in den Fehler zu fallen und alle Mittel dagegen anzuwenden, besonders den Rat meines Seelenführers.

      Wer aber findet, daß durch diese milde Zurechtweisung sein Herz nicht genug erschüttert wird, der mag es auch ernst und schwer tadeln, um sich zu einer tiefen Herzenszerknirschung anzuregen. Nachdem er aber gegen sich gezürnt und sich abgekanzelt hat, soll er seine Reue durch einen friedlichen Akt heiligen Vertrauens auf Gott beschließen nach dem Vorbild des großen Büßers, der seiner betrübten Seele wieder Mut macht mit dem Gebet: ³Warum bist du so traurig, meine Seele, warum erregt? Hoffe auf Gott, denn ich werde ihn preisen als meines Antlitzes Heil und meinen wahren Gott" (Ps 43,5).

      Erhebe also dein Herz ganz sanft, wenn es gefallen ist, und demütige dich tief vor Gott in der Erkenntnis deines Elends, ohne jemals über deinen Fall erstaunt zu sein. Es ist ja kein Wunder, wenn die Schwäche schwach, die Kraftlosigkeit kraftlos, das Elend armselig ist. Verabscheue aber trotzdem von ganzem Herzen die Beleidigung, die du Gott zugefügt hast, und kehre mit großem Mut und Vertrauen auf seine Barmherzigkeit zurück auf den Weg der Tugend, von dem du abgewichen bist.1

      10. Kapitel

      Gewissenhafte Arbeit mit Gott ohne Unruhe und Hast.

      Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt, die unsere Arbeit auszeichnen sollen, sind wohl zu unterscheiden von Unruhe, Ängstlichkeit und Übereilung. Die Engel kümmern sich um unser Heil und erfüllen diese Aufgabe mit Sorgfalt, aber ohne Unruhe, Aufregung und Hast. Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt sind Eigenschaften ihrer Liebe! Aufregung und Überhastung aber wären mit der Seligkeit der Engel nicht vereinbar. Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt stören den Frieden und die Ruhe der Seele nicht, wohl aber Ängstlichkeit, Hast und aufgeregte Geschäftigkeit.

      Sei sorgfältig und gewissenhaft in allen Obliegenheiten. Gott hat sie dir anvertraut und will, daß du große Sorgfalt darauf verwendest. Vermeide aber dabei jede Ängstlichkeit und Aufregung, d. h. verrichte sie ohne Unruhe, ohne ängstliche Besorgnis oder hitzigen Eifer. Verrichte deine Arbeit niemals hastig, denn jede aufgeregte Hast trübt Vernunft und Urteil; damit hindert sie uns, eine Sache gut zu machen, auf die wir solch blinden Eifer verwenden.

      Der Heiland tadelte Martha mit den Worten: ³Martha, Martha, du bekümmerst und beunruhigst dich um vieles'' (Lk 10,41). Siehst du: Hätte sie einfach ihre Pflicht erfüllt, dann wäre sie nicht in Aufregung geraten; da sie aber voll unruhiger Besorgnis war, tat sie ihre Arbeit hastig und verwirrt, und deswegen tadelte sie der Herr.

      Flüsse, die in der Ebene ruhig dahinfließen, tragen große Schiffe mit reicher Fracht; ein Regen, der sanft auf das Feld niederrieselt, macht es fruchtbar. Tosende Wildbäche dagegen und reißende Ströme überschwemmen das Land und sind für den Schiffsverkehr ungeeignet, wie auch Platzregen und Wolkenbrüche Wiesen und Felder verwüsten.

      Nie ward gut getan, was mit Hast und Ungestüm verrichtet wurde. ³Eile mit Weile'', sagt das Sprichwort. ³Wer eilt'', sagt Salomon, ³läuft Gefahr anzustoßen'' (Spr 19,2). Wir arbeiten rasch genug, wenn wir gut arbeiten. Die Hummeln machen mehr Lärm und gebärden sich geschäftiger als die Bienen, aber sie erzeugen weder Wachs noch Honig. So arbeitet weder viel noch gut, wer sich überhastet. Die Fliegen sind eine Plage nicht wegen ihrer Stärke, sondern wegen ihrer Menge; deswegen verwirren uns große Aufgaben weniger als eine große Zahl kleiner Geschäfte. Nimm sie alle in Ruhe hin, wie sie kommen. Bemühe dich, sie der Reihe nach zu erledigen, eins nach dem anderen. Wolltest du sie alle auf einmal ohne rechte Ordnung bewältigen, dann übernimmst du dich, ermüdest deinen Geist und wirst unter der Last erliegen, ohne etwas erreicht zu haben.

      Stütze dich in allen Arbeiten völlig auf die Vorsehung Gottes; nur sie gibt deinen Plänen das Gelingen. Trage ruhigen Gemütes deinen Teil dazu bei und sei überzeugt, wenn du dein ganzes Vertrauen auf Gott gesetzt hast, wirst du den besten Erfolg haben, mag er nun deinem menschlichen Ermessen gut oder schlecht erscheinen. Mache es wie die kleinen Kinder: Mit der einen Hand halten sie sich am Vater fest, mit der anderen pflücken sie Erdbeeren und Brombeeren am Wegrain. So sammle und gebrauche auch du die irdischen Güter mit der einen Hand, mit der anderen halte dich an der Hand des himmlischen Vaters fest. Schau immer wieder zu ihm auf, ob ihm dein Tun und dein Wandel recht ist. Hüte dich vor allem, seine Hand loszulassen und dich seiner Obhut zu entziehen, in der Meinung, du könntest dann mehr zusammenraffen. Hält er dich nicht mehr, dann wirst du keinen Schritt tun, ohne hinzufallen.

      Hast du nur gewöhnliche Beschäftigungen, die keine gesammelte Aufmerksamkeit verlangen, dann schau mehr auf Gott als auf deine Arbeit. Hast du aber eine Arbeit, die deine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, dann blicke wenigstens von Zeit zu Zeit zu Gott auf, gleich dem Seemann auf offenem Meer; um seine Richtung einzuhalten, schaut er mehr auf den Himmel als auf das Wasser, auf dem er dahinfährt. So wird Gott mit dir, in dir und für dich arbeiten, und deine Arbeit wird dir Freude bereiten.

      11. Kapitel

      Vom Gehorsam.

      Vollkommen macht uns allein die Liebe; Gehorsam, Keuschheit und Armut aber sind die drei großen Mittel, zur Vollkommenheit zu gelangen.1

      Der Gehorsam weiht unser Herz, die Keuschheit unseren Leib, die Armut unseren Besitz der Liebe und dem Dienst Gottes. Sie sind die drei Arme des geistlichen Kreuzes; alle drei aber stehen auf dem Stamm der Demut.

      Hier will ich nicht vom feierlichen Gelübde dieser drei Tugenden sprechen, das betrifft ja nur die Mönche; auch nicht von den einfachen Gelübden. Das Gelübde fügt zwar den Tugenden viel Gnade und Verdienst hinzu, es ist aber zur Vollkommenheit nicht notwendig, sie zu geloben, sondern sie zu üben. Wenn sie als Gelübde, besonders als feierliche Gelübde übernommen werden, dann stellen sie den Menschen in den Stand der Vollkommenheit; aber um den Menschen vollkommen zu machen, genügt es, sie zu üben. Zwischen der Vollkommenheit und dem Stand der Vollkommenheit ist ja ein großer Unterschied: Alle Bischöfe und Ordensleute sind im Stande der Vollkommenheit, leider aber nicht alle vollkommen, wie es nur zu offenkundig ist.

      Bemühen wir uns also, diese drei Tugenden gut zu üben, jeder seinem Stand entsprechend. Wenn sie uns auch nicht in den Stand der Vollkommenheit versetzen, so geben sie uns doch die Vollkommenheit selbst. Darum sind wir alle verpflichtet, diese Tugenden zu üben, wenn auch nicht alle auf gleiche Weise.

      Es gibt zwei Arten von Gehorsam: den gebotenen und den freiwilligen. Der gebotene Gehorsam verpflichtet uns, der kirchlichen Obrigkeit zu gehorchen: dem Papst, unserem Bischof, unserem Pfarrer und den von ihnen bestimmten Vorgesetzten. Du mußt auch weltlichen Obrigkeiten gehorchen; dem Staatsoberhaupt und den rechtmäßigen Behörden des Landes; ferner deinen persönlichen Vorgesetzten: dem Vater, der Mutter, den Lehrern. Man spricht hier von Pflichtgehorsam, weil sich keiner der Verpflichtung entziehen darf, diesen Vorgesetzten zu gehorchen; sie haben ihre Gewalt zu befehlen und zu regieren von Gott, jeder in seinem Bereich. Tu also, was sie anordnen, das ist deine Pflicht.

      Willst du aber vollkommen sein, dann folge auch ihren Ratschlägen, Wünschen und Meinungen, soweit Liebe und Klugheit es zulassen. Gehorche, wenn sie Angenehmes befehlen, z. B. zu essen oder sich zu erholen; obwohl es zu diesem Gehorsam keiner großen Tugend bedarf, wäre der Ungehorsam doch ein grober Fehler. Gehorche in gleichgültigen Dingen, z. B. dieses oder jenes Kleid zu tragen, den einen oder anderen Weg zu gehen, zu singen oder zu schweigen, und es wird ein sehr lobenswerter Gehorsam sein. Gehorche aber auch in schwierigen, unangenehmen und beschwerlichen Dingen, dann wird dein Gehorsam vollkommen sein. Gehorche endlich ruhig, ohne Widerrede, rasch, ohne Zögern, freudig und ohne Ärger; besonders aber gehorche liebevoll, aus Liebe zu dem, der gehorsam ward bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,8), der lieber das Leben aufgeben wollte als den Gehorsam, wie St. Bernhard sagt.

      Damit du deinen Vorgesetzten leichter gehorchen lernst, gib gern dem Willen Gleichgestellter nach; füge dich ihren Ansichten, soweit sie nicht schlecht sind, ohne streitsüchtig oder rechthaberisch zu sein. Passe dich auch gerne den Wünschen deiner Untergebenen an, soweit es die Vernunft zuläßt, ohne herrisch Gewalt über sie auszuüben, solange sie gut sind.

      Es ist falsch zu glauben, daß man im Kloster leichter gehorchen würde, wenn man nur schwer und widerwillig denen Gehorsam leistet, die Gott über uns gesetzt hat.

      Freiwilligen Gehorsam nennen wir jenen, zu dem wir uns aus freien Stücken verpflichten, ohne daß ihn ein anderer uns auferlegt. Man kann sich gewöhnlich nicht seinen Fürsten oder Bischof, Vater oder Mutter aussuchen, oft nicht einmal den Gatten, wohl aber den Beichtvater und Seelenführer. Ob man sich nun durch ein Gelübde zum Gehorsam gegen ihn verpflichtet (wie die hl. Theresia, die außer dem feierlich gelobten Ordensgehorsam sich noch durch ein einfaches Gelübde zum Gehorsam gegen Pater Gracian verpflichtete) oder ohne Gelübde einem Menschen zu gehorchen verspricht, man nennt in beiden Fällen diesen Gehorsam einen freiwilligen, weil er von unserem Willen und unserer Wahl abhängt.

      Man muß allen Vorgesetzten gehorchen, jedem aber in seinem Amtsbereich: den staatlichen Behörden in irdischen Dingen, den Bischöfen in kirchlichen, dem Vater, Lehrer und Gatten in persönlichen, in den seelischen Angelegenheiten dem Seelenführer und Beichtvater.

      Bitte deinen Beichtvater, daß er dir Andachtsübungen vorschreibe; sie gewinnen dadurch an Wert und bringen dir doppelte Gnade: einmal als fromme Übung und zweitens als Akt des Gehorsams, der sie angeordnet hat und kraft dessen sie ausgeführt werden. Selig die Gehorsamen, denn Gott wird sie niemals irregehen lassen.

      12. Kapitel

      Die Notwendigkeit der Keuschheit

      Die Keuschheit ist die Lilie unter den Tugenden. Sie macht die Menschen fast den Engeln gleich. Nichts ist schön außer durch die Reinheit; die Reinheit des Menschen aber ist die Keuschheit. Man nennt die Keuschheit Ehrbarkeit und ihren Besitz Ehre. Sie heißt auch Unversehrtheit und ihr Gegenteil Verdorbenheit. Kurz gesagt, sie hat allein den Ruhm, die schöne und leuchtend weiße Tugend der Seele und des Leibes zu sein.

      Es ist niemals erlaubt, seinen Leib zu irgendeinem unkeuschen Vergnügen zu mißbrauchen. Nur in der rechtmäßigen Ehe ist der sinnlichen Lust Raum gegeben; ihre Heiligkeit vermag das seelische Abgleiten auszugleichen, das die sinnliche Freude verursacht. Außerdem muß in der Ehe die Absicht ganz rein sein, so daß die eheliche Hingabe, in reiner Absicht vollzogen, doch nicht unehrenhaft ist, sofern ihr Unschönes anhaftet. Gleich der Perlmutter, die keinen Tropfen aufnehmen kann, der nicht vom Himmel kommt, kennt das keusche Herz sinnliche Freuden nur in der Ehe, die vom Himmel angeordnet ist. Außerhalb dieser ist es ihm nicht einmal gestattet, daran zu denken und freiwillig an unreinen Vorstellungen festzuhalten.

      Die erste Stufe dieser Tugend besteht darin, daß du dich jeder sinnlichen Lust enthältst, die außerhalb der Ehe liegt oder innerhalb der Ehe gegen die von Gott bestimmte Ordnung verstößt.

      Die zweite Stufe erblicke ich darin, dich soviel als möglich aller unnötigen und überflüssigen sinnlichen Freuden und Vergnügungen zu enthalten, auch wenn sie erlaubt sind.

      Die dritte Stufe erreichst du, wenn du dein Herz nicht an sinnliche Freuden und Vergnügungen hängst, die pflichtgemäß und notwendig sind. Wenn es auch deine Pflicht ist, dich den notwendigen sinnlichen Freuden hinzugeben, die im Zweck und im Wesen der Ehe begründet sind, dein Geist und dein Herz sollen nicht daran hängen.

      Im übrigen ist diese Tugend unbedingt notwendig. Die Verwitweten brauchen eine mutige Keuschheit, die nicht nur gegenwärtige und zukünftige Gegenstände der Sinnlichkeit abweist, sondern auch den sinnlichen Vorstellungen widersteht, wie sie die Erinnerung an den Genuß der sinnlichen Freuden während der Ehe hervorrufen kann; ihre Seele ist deshalb für unanständige Lockungen empfänglicher. Der hl. Augustinus bewunderte deshalb seinen Freund Alypius, der die sinnlichen Verirrungen völlig vergaß und verachtete, denen er sich in seiner Jugend einige Male hingegeben hatte.

      Unversehrte Früchte kann man auf Stroh, im Sand oder in ihren Blättern lange Zeit aufbewahren; sind sie aber einmal angeschlagen, dann kann man sie nur in Honig oder Zucker eingemacht haltbar machen. So kann man auch die unversehrte Keuschheit auf verschiedene Weise bewahren; ist sie aber einmal verletzt, dann kann nur mehr eine hervorragende Frömmigkeit sie bewahren, die der wahre Zucker und Honig des Geistes ist.

      Jungfräuliche Menschen brauchen eine einfache und zarte Keuschheit, um ihrem Herzen alle vorwitzigen Gedanken fernzuhalten und alle unlauteren Vergnügungen mit unbedingter Verachtung abzuweisen; sie sind wirklich nicht wert, von Menschen begehrt zu werden, für Esel und Schweine taugen sie eher. Reine Seelen mögen sich sehr vor jedem Zweifel hüten, daß die Keuschheit unvergleichlich besser ist als alles, was im Widerspruch zu ihr steht. Wie St. Hieronymus sagt, weckt der böse Feind in jungfräulichen Seelen den heftigen Wunsch nach sinnlichen Freuden, indem er sie ihnen köstlich vorgaukelt, als sie in Wirklichkeit sind. Da ihnen das Unbekannte so süß scheint, werden sie nicht selten dadurch verwirrt.

      Wie der kleine Schmetterling neugierig die Flamme umflattert, um zu sehen, ob sie ebenso angenehm wie schön ist, und in diesem Verlangen nicht abläßt, bis ihn die Flamme versengt hat, so lassen sich auch junge Leute manchmal von einer falschen und dummen Einschätzung der Freuden sinnlicher Lust zu neugierigem Grübeln verleiten, bis sie sich schließlich in ihre Flammen stürzen und darin zugrunde gehen. Dabei sind sie noch dümmer als die Schmetterlinge, die hinter der Schönheit der Flamme das Süße suchen; sie wissen ja, daß das, was sie lockt, überaus unehrenhaft ist, und doch schätzen sie diese unsinnige und verzehrende Lust so hoch ein.

      Was aber die Verheirateten angeht, so ist gerade ihnen die Keuschheit sehr notwendig, obwohl einem dies zunächst nicht recht einleuchten will. Für sie besteht sie nicht darin, sich der sinnlichen Lust zu enthalten, sondern darin, sie zu zügeln. Meiner Ansicht nach ist das Gebot ³Zürne, aber sündige nicht!" viel schwerer zu beobachten als ³Zürne nicht!" Es ist leichter, den Zorn zu vermeiden, als ihn zu regeln. So ist es auch leichter, sich der sinnlichen Lust ganz zu enthalten, als sie mit Maß zu genießen. Wohl gibt die heilige Freiheit der Ehe eine besondere Kraft, das Feuer der Begierlichkeit zu dämpfen, aber die Schwachheit jener, die sie genießen, überschreitet leicht die Grenzen des Erlaubten zur Zügellosigkeit, des Gebrauches zum Mißbrauch. Man sieht oft reiche Leute stehlen, nicht aus Armut, sondern aus Geiz; ebenso sieht man auch viele Verheiratete sich Ausschweifungen hingeben aus reiner Maßlosigkeit und Geilheit, obwohl ihnen genügen sollte und könnte, was ihnen gestattet ist. Ihre Begierlichkeit ist wie fliegendes Feuer, das da und dort versengt und nirgends bleibt. Es ist immer gefährlich, starke Arzneien einzunehmen; sie schaden sehr, wenn man mehr als notwendig nimmt oder wenn sie nicht gut zubereitet sind. So wurde auch die Ehe eingesetzt und gesegnet als Heilmittel gegen die Begierlichkeit; sie ist gewiß ein sehr gutes Mittel dagegen, aber ein sehr heftiges und daher auch sehr gefährliches, wenn es nicht maßvoll angewendet wird.

      Schließlich will ich noch bemerken, daß die Männer durch Krankheit oder Geschäfte oft länger ihren Frauen fern sind; deshalb tut den Eheleuten eine zweifache Keuschheit not: vollständige Enthaltsamkeit, wenn sie aus den genannten Gründen voneinander getrennt sind, und das Maßhalten, wenn sie in gewohnter Weise wieder vereint sind.

      Die hl. Katharina von Siena sah unter den Verdammten mehrere schwere Qualen leiden, weil sie die Heiligkeit der Ehe verletzt hatten. Sie litten nicht so sehr wegen der Schwere ihres Vergehens, sagte sie (Mord und Fluchen sind schlimmere Sünden), aber solche Menschen sündigen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, und verharren folglich lange in diesem Zustand.

      Du siehst also, daß die Keuschheit jedem notwendig ist. ³Suchet den Frieden mit allen und die Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn schauen kann'', sagt der Apostel (Hebr 12,14). Wie Hieronymus und Chrysostomus bemerken, versteht Paulus unter Heiligkeit die Keuschheit. Nein, niemand wird Gott schauen, der nicht keusch ist; keiner wird in seinem heiligen Zelt wohnen, der nicht reinen Herzens ist (Ps 15,1; 24,4). Der Heiland selbst sagt: ³Die Hunde und die Unreinen werden daraus verbannt sein'' (Offb 22,15). Anderseits aber: ³Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen'' (Mt 5,8).

      13. Kapitel

      Ratschläge zur Bewahrung der Keuschheit

      Wende dich unbedingt sogleich von allen Lockungen und Versuchungen zur sinnlichen Lust ab! Dieses Übel dringt nämlich möglichst unauffällig in die Seele ein: es beginnt unscheinbar und entwickelt sich dann zu unheimlicher Größe.

      Es ist immer besser, vor dem Übel zu fliehen, als nachher Heilung suchen zu müssen. Der menschliche Leib gleicht einem Glas, das bei der Berührung mit einem anderen stets Gefahr läuft zu zerbrechen; oder einer Frucht, die zwar unversehrt und gesund ist, aber zu faulen beginnt, wenn sie mit anderen in Berührung kommt. Das Wasser bleibt kühl im Krug, es verliert aber seine Frische, wenn es von einem Tier berührt wird. Erlaube also keinem Menschen, dich in ungeziemender Weise zu berühren, weder im Scherz noch aus Liebe. Mag bei solchen mehr leichtfertigen als böswilligen Berührungen die Keuschheit auch nicht verloren gehen, sie büßt doch etwas von ihrer Frische und ihrem Glanz ein und leidet Schaden. Sich unanständig berühren zu lassen, ist aber immer der vollständige Ruin der Keuschheit.

      Die Keuschheit hat ihren Ursprung im Herzen, ihren Sitz jedoch im Leib. Also kann man sie verlieren sowohl durch die Sinne des Leibes wie auch durch Gedanken und Begierden des Herzens. Es ist unschamhaft, Unanständiges anzusehen, anzuhören, zu sprechen, zu beriechen, zu berühren, wenn das Herz sich damit beschäftigt und Gefallen daran findet. Der hl. Paulus sagt ganz kurz: ³Unreines soll unter euch nicht einmal erwähnt werden'' (Eph 5,3). Die Bienen vermeiden nicht nur, ein Aas zu berühren, sondern sie fliehen und verabscheuen auch den Gestank, den es ausströmt.

      Von den Händen der Braut im Hohen Lied träufelt Myrrhe (Hld 1,13; 4,6; 5,5; 5,13), eine Flüssigkeit, die vor Fäulnis bewahrt; auf ihren Lippen liegt ein purpurrotes Band, ein Zeichen der Sauberkeit ihrer Worte; ihre Augen gleichen denen der Taube wegen der Klarheit ihres Blickes; ihre Ohren tragen goldene Gehänge als Merkmal ihrer Unschuld. So soll ein frommer Mensch sein: keusch, rein und sauber die Hände, die Lippen, die Ohren, die Augen und der ganze Leib.

      Kassian erwähnt ein Wort des großen hl. Basilius, der von sich sagte: ³Ich weiß nicht, was ein Weib ist, und doch bin ich nicht jungfräulich." Die Keuschheit kann gewiß auf so vielerlei Weise verloren gehen, als es unschamhafte und sinnliche Handlungen gibt; je nach ihrer Schwere schwächen, verletzen oder töten sie diese. Es gibt bestimmte Freiheiten und leidenschaftliche Taktlosigkeiten, die die Keuschheit zwar nicht verletzen, wohl aber schwächen, ankränkeln und ihren reinen Glanz trüben. Es gibt aber auch andere Freiheiten, die nicht nur taktlos sind, sondern lasterhaft, nicht nur unvernünftig sondern unanständig, nicht nur sinnlich sondern fleischlich; sie verletzen und gefährden die Keuschheit zum mindesten. Ich sage ³zum mindesten'', denn sie stirbt und geht völlig zugrunde, wenn diese dumme Unehrbarkeit die letzte Wirkung der sinnlichen Lust im Fleische hervorruft. Die Keuschheit auf diese Weise verlieren, ist sogar noch unwürdiger, erbärmlicher und beklagenswerter als durch Ehebruch oder Blutschande; diese beiden sind wohl abscheuliche Sünden, jene anderen aber wahre Ungeheuer von Bosheit und Sünde, wie Tertullian im Buch von der Keuschheit sagt. Kassian (und ich mit ihm) glaubt zwar nicht, daß Basilius sich solcher Zügellosigkeit schuldig gemacht hätte, ich glaube vielmehr, er habe auf schlechte, sinnliche Gedanken angespielt, die zwar den Leib nicht beflecken, wohl aber das Herz, dessen Keuschheit hochherzige Seelen eifersüchtig hüten.

      Verkehre nicht mit schamlosen Leuten, besonders wenn sie dazu auch noch unverschämt sind, wie es fast immer zutrifft. Wenn ein Bock den süßen Mandelbaum beleckt, dann werden dessen Früchte bitter. So können diese stinkenden Wesen mit ihrem verdorbenen Herzen kaum mit einem Menschen ihres oder des anderen Geschlechtes sprechen, ohne dessen Reinheit auf irgendeine Weise zu verletzen. Gleich den Basilisken haben sie Gift im Blick und Atem.

      Verkehre dagegen gern mit keuschen und tugendhaften Menschen. Lies oft heilige Bücher, denn das Wort Gottes ist rein (Ps 11,7) und macht alle keusch, die daran Gefallen finden. David vergleicht es daher mit dem Topas, jenem kostbaren Stein, der die Eigenschaft hat, das Feuer der Begierlichkeit zu dämpfen (vgl. Ps 119,127).

      Halte dich immer ganz nahe beim gekreuzigten Jesus, geistig durch die Betrachtung und in Wirklichkeit durch die heilige Kommunion. Wer sich auf das Kraut ³Agnus castus'' (keusches Lamm) bettet, wird selbst keusch und schamhaft. So wird auch dein Herz von jeder Makel und böser Lust gereinigt, wenn es im Heiland ruht, dem wahrhaft reinen und makellosen Lamm.

      14. Kapitel

      Von der Armut im Geiste, wenn man reich ist.

      ³Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich'' (Mt 5,3); unglücklich also die Reichen im Geiste, denn das Elend der Hölle harrt ihrer.

      Reich im Geiste ist, wer die Reichtümer in seinem Geist oder den Geist immer in seinen Reichtümern hat. Arm im Geist dagegen ist, wer keine Reichtümer in seinem Geist und seinen Geist nicht in den Reichtümern hat. Die Seeschwalben bauen ihr Nest kugelförmig und lassen nur oben eine kleine Öffnung; auf die Wellen des Meeres gesetzt, ist dieses Nest so fest und so dicht, daß kein Wasser eindringen kann, so hoch die Wogen auch gehen mögen, die dagegen anstürmen; sie halten sich mitten in der Brandung über Wasser und beherrschen das Meer.

      So muß auch dein Herz sein: offen nur dem Himmel, unzugänglich für vergänglichen Reichtum. Hast du Besitz, so halte dein Herz frei von der Liebe dafür; es soll immer über den Reichtümern stehen und sie beherrschen, inmitten der Reichtümer arm sein. Nein, stecke diesen himmlischen Geist nicht in irdische Güter, handle so, daß er ihnen immer überlegen bleibt, daß er über ihnen steht, nicht in ihnen steckt.

      Es ist doch ein Unterschied, ob einer Gift besitzt oder vergiftet ist. Die Apotheker halten fast alle Gifte, um sie nach Bedarf zu verwenden; sie sind aber deswegen nicht vergiftet, denn sie haben das Gift nicht in ihrem Leib, sondern im Laden. So kannst auch du Reichtümer besitzen, ohne von ihnen vergiftet zu sein, dann nämlich, wenn du sie im Haus, auf der Bank, nicht aber in deinem Herzen hast. Das ist das große Glück des Christen: tatsächlich reich zu sein und doch arm im Geiste, weil das Herz nicht am Reichtum hängt. So hat er die Vorteile des Reichtums für diese Welt und das Verdienst der Armut für die andere.

      Nie hat einer zugegeben, geizig zu sein; jeder weist diese niedrige und häßliche Gesinnung von sich. Man entschuldigt sich mit der drückenden Kinderlast oder mit der Klugheit, die verlange, daß man über Besitz verfügen kann. Aber nie hat man genug, immer hält man noch mehr für nötig. Dem größten Geizhals fiele es nicht ein zuzugeben, daß er geizig ist. Er glaubt es auch selbst nicht, denn der Geiz ist ein sonderbares Fieber: je heftiger es brennt, desto weniger fühlt man es. Moses sah das heilige Feuer, das im Dornbusch brannte, ihn aber nicht verzehrte (Ex 3,2); das unheilige Feuer des Geizes dagegen verbrennt und verzehrt den Geizigen, ohne daß er es merkt. Jedenfalls behauptet er auch in der größten Hitze, es sei angenehm kühl; seinen unstillbaren Durst hält er für eine ganz natürliche und angenehme Sache.

      Wenn du andauernd, leidenschaftlich und ruhelos Güter anstrebst, die du nicht hast, kannst du noch so sehr behaupten, daß du sie nicht ungerechter Weise haben willst, du bist dennoch habgierig. Wer gierig, unablässig und ungestüm zu trinken verlangt, und sei es nur Wasser, zeigt damit, daß er Fieber hat.

      Ich zweifle, ob das ein gerechter Wunsch ist, etwas gerechterweise haben zu wollen, was schon ein anderer rechtmäßig besitzt. Mir scheint, daß wir mit diesem Wunsch unseren Vorteil im Nachteil des anderen suchen. Hat der nicht mehr Grund, sein rechtmäßiges Eigentum rechtmäßig zu behalten, als wir, wenn wir es rechtmäßig erwerben wollen? Warum greifen wir mit unserem Wunsch darnach, um ihn seines Vorteils zu berauben?

      Zum mindesten entspräche dieser Wunsch, selbst wenn er sich in den Grenzen der Gerechtigkeit hielte, nicht der christlichen Liebe. Auch uns wäre es bestimmt nicht angenehm, wenn ein anderer nach unserem rechtmäßigen Eigentum strebte, sei es auch in rechtlich einwandfreier Form. Das eben war die Sünde Achabs, daß er den Weinberg Naboths zwar auf rechtmäßige Weise zu erwerben suchte, während dieser mit mehr Recht ihn behalten wollte. Achab verlangte leidenschaftlich, unaufhörlich und rastlos nach dessen Besitz und beleidigte dadurch Gott (1. Kön 12,2f).

      Begehre das Gut des Nächsten erst, wenn dieser es zu veräußern wünscht. Dann rechtfertigt sein Wunsch den deinen und läßt ihn sogar als liebevoll erscheinen. O ja, ich bin wohl damit einverstanden, daß du dein Hab und Gut zu vermehren trachtest, aber nicht nur in gerechter Weise, sondern auch ruhig und liebevoll.

      Wenn du deinen Besitz lebhaft liebst, sehr um ihn besorgt bist, dein Herz an ihn hängst und deine Gedanken immer damit beschäftigst, wenn du lebhaft und aufgeregt fürchtest, ihn zu verlieren, - glaube mir, dann hast du noch Fieber. Fieberkranke trinken, was man ihnen gibt, mit einer Hast, Hingabe und Gier, die ein Gesunder gewöhnlich nicht zeigt. Man hat unmöglich so heftige Neigung für etwas, was man nicht sehr liebt. Merkst du bei einem Verlust an Hab und Gut, daß ihm dein Herz nachtrauert, dann hängst du noch mit großer Liebe an ihm, denn nichts zeigt deutlicher die Liebe zu einer Sache als die Trauer über ihren Verlust.

      Begehre also nicht absichtlich und ausdrücklich ein Gut, das du nicht hast. Hänge nicht dein Herz an den Besitz, den du hast. Verzweifle nicht bei einem Verlust, den du erleidest. Dann hast du guten Grund zu glauben, daß du zwar tatsächlich reich bist, da du aber nicht daran hängst, innerlich arm und folglich selig, denn das Himmelreich ist dein (vgl. Mt 5,3).

      15. Kapitel

      Wie man wirkliche Armut übt, wenn man reich ist.

      Der Maler Parrhasius verstand es ausgezeichnet, die Bewohner Athens in ihren verschiedenartigen, wandelbaren Charakteren darzustellen. Er malte sie zornentbrannt, ungerecht, unbeständig; dann wieder höflich, gütig, barmherzig; einerseits hochmütig und ruhmsüchtig, aber auch demütig, anderseits prahlerisch und feige, schließlich all dies zugleich. So möchte ich dir Reichtum und Armut gleichzeitig ins Herz legen: eine große Sorgfalt für die zeitlichen Güter, gepaart mit einer tiefen Verachtung für sie.

      Sei noch sorgfältiger als weltlich Gesinnte darauf bedacht, deinen Besitz nutzbringend und fruchtbar zu machen. Sage mir: sind die Gärtner im Dienst der großen Fürsten nicht sorgfältiger und eifriger, die ihnen anvertrauten Gärten zu pflegen und zu verschönern, als wenn sie ihnen selbst gehörten? Warum dies ? Wohl deshalb, weil sie diese Gärten als Eigentum des Fürsten oder Königs betrachten, dessen Gunst sie durch ihren Dienst zu gewinnen suchen. Auch uns gehört nicht, was wir besitzen: Gott hat es uns zur Verwaltung übergeben und er will, daß wir es nützlich und gewinnbringend verwalten. Also dienen wir Gott in wohlgefälliger Weise, wenn wir diese Sorgfalt auf unseren Besitz verwenden.

      Unsere Sorgfalt muß aber größer und gewissenhafter sein, als die der Weltmenschen, denn sie arbeiten nur aus Eigenliebe, wir dagegen aus Liebe zu Gott. Die Eigenliebe ist eine heftige, ungestüme und aufgeregte Liebe, also ist auch ihre Sorgfalt voller Aufregung, Ärger und Unruhe. Die Gottesliebe dagegen ist milde, friedlich und ruhig, daher auch ihre Sorgfalt, selbst wenn sie sich mit irdischen Gütern befaßt. Verwenden wir also diese friedliche Sorgfalt auf die Erhaltung, ja sogar auf die Vermehrung unserer zeitlichen Güter bei jeder günstigen Gelegenheit nach den Erfordernissen unseres Standes. Gott will ja, daß wir aus Liebe zu ihm so handeln. Nimm dich aber in acht, daß dich die Eigenliebe nicht täusche! Sie weiß die Gottesliebe so geschickt nachzumachen, daß man sie kaum von ihr unterscheiden kann. Um nun zu verhindern, daß uns die Eigenliebe hintergehe und unsere Sorge um die zeitlichen Güter in Habsucht ausarte, müssen wir außer der Übung im Sinn des vorausgehenden Kapitels recht oft die wirkliche und tatsächliche Armut üben bei allem Wohlstand und Reichtum, den Gott uns gegeben hat.

      Trenne dich also immer wieder von einem Teil deines Vermögens, indem du gern den Armen davon gibst. Was du von deinem Eigentum verschenkst, um das wirst du ärmer; je mehr du gibst, um so ärmer bist du. Allerdings wird es Gott dir zurückerstatten, nicht nur in der anderen Welt, sondern schon in dieser, denn nichts ist geeigneter, den irdischen Wohlstand zu vermehren, als das Almosengeben. Bis dir Gott alles vergolten hat, bist du freilich um das ärmer, aber welch heilige Verarmung bewirkt doch Almosengeben!

      Liebe die Armen und die Armut, denn durch diese Liebe wirst du selbst arm. Sagt doch die Heilige Schrift, daß wir den Dingen gleichen, die wir lieben (Hos 9,10). Die Liebe macht die Liebenden einander gleich: ³Wer ist schwach, mit dem ich nicht schwach bin?" sagt der hl. Paulus (2. Kor 11,29). Er hätte auch sagen können: Wer ist arm, mit dem ich nicht arm bin? Die Liebe machte ihn ja denen gleich, die er liebte. Liebst du also die Armen, dann wirst du wahrhaft teilhaben an ihrer Armut und arm sein wie sie. Liebst du sie aber, dann suche ihre Gesellschaft, freue dich, sie bei dir zu sehen, suche sie selbst auf, sprich gern mit ihnen, sei froh, wenn sie in der Kirche, auf der Straße oder sonstwo in deine Nähe kommen.

      Sprich gern mit ihnen in ihrer Sprache, wie einer ihresgleichen. Sei auf diese Weise arm im Wort, reich aber mit den Händen, indem du ihnen von deinem Besitz gibst, an dem du ja mehr gesegnet bist als sie.

      Willst du noch mehr tun ? Dann begnüge dich nicht damit, arm wie die Armen zu sein, sondern sei noch ärmer als sie. Wie das ? Der Diener steht unter dem Herrn (Joh 13,13). Werde also zum Diener der Armen. Bediene sie, wenn sie krank sind, richte mit eigenen Händen ihr Bett, koche für sie, und zwar auf deine Kosten, wasche und bügle für sie. Wahrlich, ein solcher Dienst steht höher als die Würde eines Königs.

      Ich kann nicht genug den Eifer bewundern, mit dem der hl. Ludwig diesen Rat befolgte; er ist in jeder Hinsicht einer der größten Könige, die je die Sonne gesehen. Er bediente die Armen beim Essen, das er ihnen gab, und lud täglich deren drei an seinen Tisch. Oft aß er selbst mit unvergleichlicher Liebe die Suppenreste, die sie übriggelassen hatten. Wenn er (was sehr oft geschah) die Kranken in den Hospitälern besuchte, bediente er vor allem jene mit den schrecklichsten Krankheiten: die Aussätzigen, Krebskranken und andere Unglückliche. Bloßen Hauptes und kniend leistete er ihnen seine Dienste. Er verehrte in ihnen den Heiland der Welt und liebte sie so zärtlich, wie eine Mutter ihre Kinder. - Die hl. Elisabeth, eine Tochter des Königs von Ungarn, mischte sich gern unter die Armen. Manchmal kam sie als arme Frau gekleidet zu ihren Hofdamen: ³Wenn ich arm wäre, würde ich mich so kleiden'', sagte sie dann. O Gott, wie waren dieser König und diese Fürstin innerlich arm bei allem Reichtum und wie reich in ihrer Armut! ³Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich" (Mt 5,3). ³Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich habe Kälte gelitten, und ihr habt mich bekleidet... Nehmt Besitz von dem Reich, das euch von Anbeginn der Welt bereitet ist'' (Mt 25,34), wird der König der Armen und der Könige am Tag des Gerichtes sagen.

      Es gibt niemand, dem es nicht ab und zu an irgend etwas mangelt. Ein Gast kommt zu uns, den wir gern bewirten möchten und sollten, und gerade jetzt ist es uns unmöglich. Oder man hat seine Festtagskleider gerade nicht da, wo man sie bräuchte; aller Wein im Keller ist sauer geworden oder gärt, und es bleibt nur schlechter und halbgegorener Wein. Oder man ist irgendwo auf dem Land, in einer armseligen Hütte, wo alles fehlt: Bett, Zimmer, Tisch und Bedienung. Jedenfalls wird es oft vorkommen, daß uns etwas abgeht, so reich wir auch sein mögen. Dann bist du in Wirklichkeit arm dadurch, daß dir verschiedenes fehlt. Sei froh, wenn dir solches zustößt, nimm es gern an und ertrag es fröhlich.

      Trifft dich ein Mißgeschick, das dich mehr oder minder arm macht, wie Hagel, Schadenfeuer, Überschwemmung oder Trockenheit, Diebstahl oder ein Prozeß, dann ist der rechte Augenblick gekommen, die Armut zu üben, die Minderung des Vermögens ruhig hinzunehmen, sich mutig und geduldig den ärmeren Verhältnissen anzupassen.

      Esau kam mit seinen stark behaarten Händen zum Vater, desgleichen Jakob (Gen 27). Weil aber die Haare auf den Händen Jakobs nicht in der eigenen Haut steckten, sondern im übergezogenen Fell, hätte man ihm die Haare ausreißen können, ohne ihm weh zu tun. Bei Esau dagegen war die Behaarung natürlich; wollte man ihm die Haare ausreißen, dann hätte er wohl Schmerz empfunden, geschrien und sich gewehrt. Hängt unser Herz am Geld, welche Klage, welche Unruhe und Aufregung, wenn ein Unwetter, ein Dieb oder Betrüger uns eines Teiles beraubt! Hängen wir nicht unser Herz an den Besitz, sondern verwenden darauf nur die von Gott gewollte Sorgfalt, dann werden wir nicht Besonnenheit und Ruhe verlieren, sobald wir einen Verlust erleiden. ln der Bekleidung ist ein Unterschied zwischen Mensch und Tier: dem Tier ist sie angewachsen, dem Menschen aber nur anerzogen; er kann sie nach Belieben an- und ausziehen.

      16. Kapitel

      Wie ist man reich im Geist bei wirklicher Armut?

      Bist du tatsächlich arm, so sei es auch im Geiste. Mache aus der Notwendigkeit eine Tugend und schätze den kostbaren Edelstein der Armut nach seinem wahren Wert; ist auch sein Glanz in dieser Welt nicht sichtbar, er ist doch von großer Schönheit und hohem Wert.

      Ertrage deine Armut geduldig. Du bist in guter Gesellschaft: der Heiland, Unsere liebe Frau, die Apostel, so viele Heilige waren arm und verachteten den Reichtum, den sie hätten haben können. Wie viele Vornehme haben gegen den heftigen Widerstand der Weltkinder mit einer Hingabe ohnegleichen die heilige Armut gesucht in Klöstern und Hospitälern! Wie haben sie sich darum bemüht: die Heiligen Alexius, Paula, Paulinus, Angela und viele andere. Nun kommt die Armut selbst zu dir, um es dir leichter zu machen. Du bist ihr ohne Suchen und ohne Mühe begegnet: umarme sie als treue Freundin Jesu, der in ihr geboren wurde, lebte und starb, dem sie das ganze Leben hindurch wie das tägliche Brot war.

      Deine Armut hat zwei große Vorteile, die dir viel Verdienst bringen können: der erste besteht darin, daß dir die Armut ohne eigene Wahl zugefallen ist, allein nach dem Willen Gottes, der dich arm gemacht hat ohne irgendeine Mitwirkung deines eigenen Willens. Was wir aber ausschließlich vom Willen Gottes annehmen, ist ihm sehr wohlgefällig, wenn wir es nur gern und aus Liebe zu seinem heiligen Willen aufnehmen. Wo weniger vom Eigenwillen ist, da ist mehr vom heiligen Willen Gottes. Die einfache, widerspruchslose Annahme des göttlichen Willens macht ein Leid erst völlig lauter und rein.

      Der zweite Vorteil dieser Armut liegt in ihrer wahrhaft armen Armut. Eine Armut, die man lobt und hochschätzt, der man schmeichelt, hilft und beisteht, hat etwas vom Reichtum an sich; jedenfalls ist sie nicht ganz arm. Aber eine Armut, die man verachtet, verurteilt und tadelt, um die man sich nicht kümmert, ist wirklich arm. So ist gewöhnlich die Armut der Leute in der Welt: weil sie nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen arm sind, achtet man nicht besonders auf sie. Und weil man sie nicht groß beachtet, ist die Armut ärmer als die der Ordensleute, die jedoch wegen des Gelübdes und durch die Beweggründe, warum sie erwählt wurde, einen sehr hohen Wert hat und nicht genug empfohlen werden kann.

      Klage also nicht über deine Armut, denn man klagt nur über das, was einem mißfällt. Mißfällt dir aber die Armut, dann bist du nicht mehr arm im Geiste, sondern reich durch deine Anhänglichkeit an Hab und Gut.

      Sei nicht verzagt, wenn du nicht die Hilfe erfährst, die du brauchst. Darin besteht ja gerade der hohe Wert der Armut. Arm sein und davon nichts spüren wollen, das ist zu viel verlangt. Das hieße den Ruhm der Armut und die Bequemlichkeit des Reichtums begehren.

      Schäme dich weder, arm zu sein, noch um Almosen zu bitten. Nimm das, was man dir gibt, demütig an. Verweigert man dir die Hilfe, so nimm es ruhigen Gemütes hin. Denke oft an die Reise Unserer lieben Frau nach Ägypten, wieviel Verachtung, Armut und Entbehrung sie da ertragen mußte! Wenn du so lebst, dann wirst du bei all deiner Armut sehr reich sein.

      17. Kapitel

      Schlechte und leichtfertige Freundschaften.

      Die Liebe ist die höchste unter den Fähigkeiten der Seele; sie ist die Königin aller Herzensregungen; sie zieht alles an sich und macht uns dem gleich, was wir lieben (Hos 9,10). Bemühe dich also, nichts Schlechtes zu lieben, denn dann würdest du bald ganz schlecht sein. Die Freundschaft aber ist die allergefährlichste Liebe: Jede andere kann der Mitteilung entraten, die Freundschaft beruht aber gerade auf ihr; man kann also fast keine Freundschaft mit anderen haben, ohne an ihren Eigenschaften teilzunehmen.

      Nicht jede Liebe ist Freundschaft. Erstens kann man lieben, ohne wieder geliebt zu werden; das ist dann Liebe, nicht aber Freundschaft, die in der gegenseitigen Liebe besteht. Ohne Liebe von beiden Seiten gibt es keine Freundschaft. Zweitens müssen sich die Liebenden dieser gegenseitigen Liebe bewußt sein; wüßten sie nicht, daß ihr Gefühl erwidert wird, so wäre dies wieder nur Liebe und keine Freundschaft. Drittens muß irgendeine Art der Mitteilung zwischen ihnen bestehen als eigentliche Grundlage der Freundschaft.

      Je nach den verschiedenen Gütern, die man einander mitteilt, ist auch die Freundschaft verschieden zu beurteilen. Sind es falsche und nichtige Güter, dann ist auch die Freundschaft falsch und nichtig; sind es echte Werte, dann ist auch die Freundschaft echt; und je wertvoller die Güter, um so höher steht die Freundschaft. Wie der Honig aus den Blütenkelchen der edelsten Blumen der beste ist, so steht auch die Liebe am höchsten, die auf der Mitteilung der edelsten Güter beruht. Zu Heraklea im Pontus gibt es einen giftigen Honig, der alle irrsinnig macht, die von ihm essen, weil er aus den Blüten des dort sehr verbreiteten Eisenhutes gewonnen wird. So ist auch die Freundschaft falsch und giftig, wenn sie auf der Mitteilung falscher und lasterhafter Güter beruht.

      Die Mitteilung fleischlicher Wollust ist nichts als tierischer Trieb zueinander, der ebensowenig bei den Menschen Freundschaft genannt werden kann wie der Trieb bei Eseln und Pferden. Gäbe es in der Ehe nichts anderes als dies, so könnte man sie nicht Freundschaft nennen. Weil sie aber außerdem eine Lebens-, Arbeits-, Liebes- und unauflösliche Treuegemeinschaft ist, deshalb ist die eheliche Gemeinschaft eine wahre und heilige Freundschaft.

      Freundschaft, die auf der Mitteilung sinnlicher Freuden beruht, ist etwas ganz Rohes und verdient den Namen Freundschaft ebensowenig wie eine, die auf gemeinen und nichtigen Eigenschaften beruht, weil auch sie von den Sinnen abhängen. Sinnliche Freuden nenne ich solche, die unmittelbar und in erster Linie die äußeren Sinne betreffen, wie das Vergnügen, etwas Schönes zu sehen, eine angenehme Stimme zu hören, etwas zu berühren usw. Gemeine Eigenschaften nenne ich bestimmte Fähigkeiten, die von kleinen Geistern für Vollkommenheiten gehalten werden. Hört nur einmal die Mehrzahl der Mädchen, Frauen und jungen Leute an, die sich nicht scheuen, einen Kavalier vollkommen zu nennen, bloß weil er gut tanzt, in allen Spielen bewandert ist, sich gut kleidet, schön singt, zu schmeicheln versteht und elegant aussieht. Die Komödianten halten den unter sich für den Tüchtigsten, der die tollsten Possen reißt. - Daß alles betrifft nur die Sinne, deshalb nennt man auch eine Freundschaft, die darauf beruht, eine sinnliche, eitle und gemeine. Sie verdient eher, Verrücktheit genannt zu werden als Freundschaft. So sind die Freundschaften junger Leute, die sich in einen Schnurrbart, in gekräuselte Haare, zärtliche Blicke, schöne Kleider, in geckenhaftes Gebaren oder leeres Geschwätz verlieben. Wahrlich Freundschaften, würdig eines jugendlichen Alters, in dem Tugend und Urteil kaum knospen! Daher sind diese Freundschaften nur kurzlebig und vergehen wie der Schnee in der Sonne.1

      18. Kapitel

      Liebeleien und Flirt.

      Leichtfertige Freundschaften dieser Art zwischen Personen verschiedenen Geschlechtes ohne ernste Eheabsichten nennt man Liebeleien oder Flirt. Da sie nur Mißgeburten oder Trugbilder von Freundschaft sind, verdienen sie wegen ihrer beispiellosen Leere nicht den Namen Freundschaft oder Liebe: zwei Herzen fangen Feuer und verstricken sich ineinander in dieser eitlen, unsinnigen Liebe, deren läppische Grundlage ganz gewöhnliche Äußerlichkeiten sind. Tatsächlich entwickelt sich eine solche Liebe immer weiter bis zu fleischlichen Sünden, zu abscheulicher Unzucht. Meist besteht am Anfang dazu nicht die Absicht, sonst wäre es ja auch keine Liebelei, sondern offenkundig Unzucht. Manchmal können sogar mehrere Jahre vergehen, ohne daß zwischen zwei Menschen, die in solche Verrücktheiten verstrickt sind, etwas vorkommt, was direkt gegen die Keuschheit des Leibes verstößt; aber sie verweichlichen ihr Herz durch Wünsche, Seufzer, Komplimente und ähnliche dumme Nichtigkeiten.

      Die Absichten für solche Liebeleien können verschieden sein. Die einen möchten nur ihr liebedurstiges Herz befriedigen, das Liebe schenken und empfangen will. Ihre Liebe wählt nur nach Geschmack und Trieb. Treffen sie jemand, der ihnen gefällt, dann denken sie gar nicht daran, erst seinen Charakter und seine Lebensführung zu prüfen, sondern sie stürzen sich einfach in die Verliebtheit und verstricken sich so in ihren armseligen Netzen, daß sie sich später nur mehr mit äußerster Anstrengung daraus befreien können.

      Andere lassen sich in solche Abenteuer ein aus Eitelkeit; sie rechnen es sich als Ehre an, Herzen zu angeln und zu fesseln. Da sie ihre Wahl treffen, um damit prahlen zu können, legen sie ihre Netze an besonders auffälligen, sichtbaren, seltsamen und berühmten Plätzen. Wieder andere sind von Liebesdurst und Eitelkeit zugleich getrieben; sie haben ein liebesüchtiges Herz, möchten aber nebenbei auch ihre eitle Ruhmsucht befriedigen.

      Alle diese Freundschaften sind schlecht, närrisch und nichtig. Schlecht, denn sie enden schließlich doch in Fleischessünden, entziehen Gott, dem Gatten, der Gattin die Liebe und das Herz, die ihnen gehören sollten. - Närrisch, weil sie keine Berechtigung haben und sinnlos sind. - Nichtig, weil sie keinen Nutzen, keine Ehre, keine Befriedigung bringen; im Gegenteil, man verliert mit ihnen seine Zeit; sie beeinträchtigen die Ehre, vermitteln keine Freude außer einem unruhigen Sehnen und Schmachten, man weiß selbst nicht, was man will. Diese armen Schwachköpfe glauben von solchen Liebesbeteuerungen immer etwas erhoffen zu können, aber was das ist, das wissen sie selbst nicht. So wird ihre Sehnsucht niemals gestillt, ihr Herz aber immer von Bangen, Eifersucht und Unruhe bedrängt.

      Gregor von Nazianz spricht vortrefflich zu den eitlen Frauen (es paßt aber auch gut für die Männer): ³Deine natürliche Schönheit genügt für deinen Gatten; bedienst du dich ihrer jedoch gleich einem Netz, das für viele Vögel gespannt ist, um mehrere Männer damit zu fangen, was wird dann geschehen? Wer deine Schönheit bewundert, der wird auch dir gefallen; erst ist es nur ein zärtlicher Blick, den du zurückgibst, dann ein Zulächeln, ein verliebtes Wort, heimlich geflüstert, und bald schon folgt eine Vertraulichkeit, die zu offenen Zärtlichkeiten führt. Verschweige, meine Zunge, was das Ende ist! Nur will ich noch sagen: Keine der dummen Liebeleien dieser jungen Leute, Männer und Frauen ist frei von dem gefährlichen Stachel. Alle diese Liebeständeleien greifen ineinander und hängen zusammen, wie ein vom Magnet angezogenes Eisen wieder andere Eisenstücke anzieht."

      Wie scharf dieser große Bischof die Dinge sieht! Was willst du tun? Du willst Liebe schenken, nicht wahr? Aber niemand gibt hier freiwillig, der nicht notwendig auch empfängt; nimmt er sie an, ist er schon in diesem Spiel gefangen. Die Pflanze Aproxis fängt Feuer, sobald sie es sieht. So ergeht es auch unserem Herzen: sobald es merkt, daß ein anderer in Liebe zu ihm entflammt ist, fängt es selbst Feuer.

      Vielleicht meint einer: ³Ich will wohl ein wenig davon kosten, aber nicht zu weit gehen.'' Darin täuscht er sich leider. Du kannst dir nicht vorstellen, wie versengend und verzehrend dieses Feuer der Liebe ist. Du meinst, nur ein kleiner Funke sei in dein Herz gefallen, und mußt erstaunt feststellen, wie dein Herz plötzlich in hellen Flammen steht, die deine guten Vorsätze in Asche legen und deinen guten Ruf in Rauch aufgehen lassen. Der Weise sagt: ³Wer hat Mitleid mit einem Schlangenbeschwörer, wenn ihn die Schlange beißt?" (Sir 12,13). So rufe ich euch zu: Ihr Narren! Glaubt ihr, die Liebe beschwören zu können, daß ihr sie nach Wunsch zu lenken vermögt? Ihr wollt mit ihr spielen, sie aber wird euch mit ihrem giftigen Biß verwunden. Und wißt ihr, was man dann sagen wird? Jeder wird sich über euch lustig machen und euch auslachen, weil ihr glaubtet, die Liebe bannen zu können, in falscher Sicherheit eine Natter an eurer Brust hegtet, die euch Seele und Ehre vergiftet und euch zugrundegerichtet hat.

      Mein Gott, welche Verblendung. den besten Teil unserer Seele so leichtsinnig mit so schwachen Bürgschaften aufs Spiel zu setzen! Ja, Gott will den Menschen nur der Seele wegen, die Seele nur des Willens wegen und den Willen nur der Liebe wegen. Wir haben nicht annähernd so viel Liebeskraft, als uns nötig wäre; wir sind unendlich weit davon entfernt, Gott hinreichend zu lieben, und wir Elenden verschwenden und vergeuden unsere Liebe an so dumme, nichtige und leichtfertige Gegenstände, als ob wir ein Zuviel an Liebe besäßen. Dieser große Gott, der sich als Dank für unsere Erschaffung, Erhaltung und Erlösung die ganze Liebe unserer Seele vorbehalten hat, wird strenge Rechenschaft verlangen über diese närrischen Abwege, die wir gehen. Wenn er schon die unnützen Worte genau prüft (Mt 12,36), wie wird er es erst halten mit den nutzlosen, frechen, verrückten und unheilvollen Freundschaften!

      Wenn ein Nußbaum in einem Weinberg oder in einer Wiese steht, schadet er den anderen Pflanzen, weil er bei seiner Größe der Erde viele Säfte entzieht, außerdem ist seine Krone so dicht, daß sie einen schweren, dunklen Schatten wirft. Schließlich zieht er noch die Vorübergehenden an, die rings um ihn den Boden zertreten und verwüsten, wenn sie die Nüsse herunterschlagen. Gleichen Schaden richten Liebeleien in der Seele an; sie beschäftigen und bewegen die Seele so sehr, daß sie keine Kraft mehr für das Gute hat. Die Blätter, das sind hier die Unterhaltungen, Spielereien und das Getändel, stehen so dicht, daß sie alle freie Zeit in Anspruch nehmen. Und schließlich ziehen sie so viele Versuchungen, Zerstreuungen, Verdächtigungen und andere Folgen nach sich, daß das Herz von ihnen völlig zertreten und verwüstet wird.

      Mit einem Wort: diese Liebeleien verdrängen nicht nur die Gottesliebe, sondern auch noch die Gottesfurcht aus dem Herzen, entnerven den Geist, schwächen den guten Ruf; kurz, sie gelten im weltlichen Treiben als Spielerei, sind aber in Wirklichkeit eine Pest für das Herz.

      19. Kapitel

      Die echten Freundschaften.

      Liebe jeden mit echter, starker Nächstenliebe; Freundschaft dagegen schenke nur solchen, die mit dir Verbindung in wertvollen Dingen aufnehmen können. Je höher die Werte sind, die ihr einander mitteilt, um so vollkommener wird eure Freundschaft sein. Wenn ihr eure wissenschaftlichen Kenntnisse austauscht, so ist eure Freundschaft gewiß lobenswert; noch besser ist sie, wenn ihr einander zur Tugend der Klugheit, der taktvollen Mäßigung, der Stärke und Gerechtigkeit aneifert; wenn ihr einander aber die Liebe, die Frömmigkeit, die christliche Vollkommenheit vermittelt, wie wertvoll wird dann eure Freundschaft sein! Sie wird eine ausgezeichnete sein, weil sie von Gott kommt, weil sie auf

      Gott hinzielt, weil Gott ihr Band ist, weil sie ewig in Gott weiterleben wird. Wie schön ist es, auf Erden so zu lieben, wie man im Himmel lieben wird, und zu lernen, einander auf dieser Welt so herzlich verbunden zu sein, wie wir es in der anderen ewig sein werden!

      Ich spreche hier nicht von der einfachen Nächstenliebe, die wir allen Menschen schulden, sondern von der geistlichen Freundschaft, in der zwei, drei oder mehr Seelen einander ihre Frömmigkeit mitteilen, ihre geistigen Empfindungen austauschen und eins werden im Geist. Mit Recht können diese glücklichen Menschen singen: ³Wie schön und lieblich ist es, wenn Brüder einig zusammenleben!" (Ps 133,1). Ja, denn unaufhörlich wird der königliche Balsam der Frömmigkeit von einem Herzen in das andere strömen, so daß man sagen kann, daß Gott auf diese Freundschaft seinen Segen ausgegossen hat und das Leben für alle Ewigkeit (vgl. Ps 133,3).

      Ich meine, daß jede andere Freundschaft im Vergleich damit nur ein Schatten ist und ihre Bande nur gläserne Ketten, verglichen mit diesem goldenen, ganz herrlichen Band der heiligen Frömmigkeit.

      Suche keine andere Art von Freundschaft. Ich spreche von Freundschaften, die man selbst wählt, denn man darf deswegen nicht eine Freundschaft brechen oder verachten, die uns Natur und Notwendigkeit aufrechtzuhalten verpflichten: mit den Eltern, Verwandten, Wohltätern, Nachbarn und anderen.

      Manche werden dir vielleicht sagen, man dürfe überhaupt keine besondere Freundschaft unterhalten, weil sie das Herz beschäftige, den Geist zerstreue und Eifersucht hervorrufe. Sie irren aber; sie haben wohl in verschiedenen frommen Büchern gelesen, daß Sonderfreundschaften den Ordensleuten sehr schaden; nun meinen sie, das gelte für alle. Dagegen ist aber vieles zu sagen.

      In einem geordneten Kloster ist die wahre Frömmigkeit das gemeinsame Ziel aller; daher sind dort besondere Verbindungen nicht am Platz. Wenn man in abgesonderten Gruppen anstrebt, was alle erstreben sollen, liegt die Gefahr nahe, daß man sich nicht nur absondert, sondern auch Parteien bildet. Für solche aber, die mitten unter Weltmenschen die wahre Tugend anstreben, ist es notwendig, sich untereinander durch eine heilige Freundschaft zu verbinden; dadurch ermuntern sie sich gegenseitig, helfen einander und tragen sich gleichsam gegenseitig zum guten Ziel. Die auf ebenem Weg gehen, brauchen einander nicht an der Hand zu halten; die aber steinige und abschüssige Wege betreten, müssen sich gegenseitig stützen, um sicher zu gehen. So brauchen zwar die Ordensleute keine Sonderfreundschaften, wohl aber die Menschen in der Welt, um auf den rauhen Wegen, die sie gehen müssen, sich gegenseitig zu sichern und einander zu helfen. In der Welt streben nicht alle nach dem gleichen Ziel, haben nicht alle denselben Geist; es ist also notwendig, sich abzusondern und Freundschaften für unsere besonderen Bestrebungen zu pflegen. Das ist zwar eine Absonderung, aber eine heilige, die keinen anderen Keil zwischen die Menschen treibt, als den, der schon zwischen Gut und Böse steckt, zwischen Schafen und Böcken, zwischen Bienen und Drohnen: eine notwendige Trennung.

      Niemand kann leugnen, daß der Herr in besonders liebevoller Freundschaft den Heiligen Johannes, Lazarus, Martha, Magdalena zugetan war, da es die Heilige Schrift bezeugt (Joh 13,23; 11,5). Wir wissen auch, daß der hl. Petrus in besonderer Weise die Heiligen Markus und Petronilla liebte, wie Paulus die Heiligen Timotheus und Thekla. Der hl. Gregor von Nazianz rühmt sich wiederholt der unvergleichlichen Freundschaft, die ihn mit dem großen hl. Basilius verband, und beschreibt sie folgendermaßen: ³Es schien, als ob wir beide nur eine Seele in zwei Körpern hätten. Wenn man auch den Philosophen keinen Glauben schenken darf, daß alles in allem sei, so muß man uns doch glauben, daß wir beide in jedem von uns waren und der eine im anderen. Ein einziger Wille beseelte uns beide, die Tugend zu pflegen und unsere irdischen Pläne den ewigen anzupassen und dadurch schon vor unserem Tode über diese vergängliche Erde hinauszuwachsen.'' Der hl. Augustinus bezeugt, daß der hl. Ambrosius der hl. Monika wegen ihrer seltenen Tugend sehr zugetan war und daß sie ihrerseits ihn wie einen Engel Gottes liebte.

      Aber ich handle unrecht, dir so selbstverständliche Dinge zu erzählen. Hieronymus, Augustinus, Gregorius, Bernhard und alle großen Diener Gottes pflegten solche besondere Freundschaften, ohne dadurch ihrer Vollkommenheit zu schaden. Wenn der hl. Paulus von der seelischen Zerrüttung der Heiden spricht, wirft er ihnen vor, sie seien Menschen ohne Liebe, d.h. Menschen, die keine Freundschaft kennen (Röm 1,31). Und der hl. Thomas bekennt wie alle wahren Philosophen, daß die Freundschaft eine Tugend ist; er spricht aber von der besonderen Freundschaft, da (wie er sagt) die vollkommene Freundschaft sich nicht auf viele Menschen erstrecken kann. Die Vollkommenheit besteht also nicht darin, keine Freundschaft zu pflegen, sondern darin, nur eine gute und heilige.

      20. Kapitel

      Der Unterschied zwischen echter und eitler Freundschaft.

      Vernimm diese wichtige Weisung: Der überaus giftige Honig von Heraklea hat dasselbe Aussehen wie jeder andere, der so heilsam ist. Es besteht also große Gefahr, daß man den einen für den anderen nimmt oder beide miteinander vermengt, denn die Güte des einen hebt die Schädlichkeit des anderen nicht auf. Man muß also auf der Hut sein, um in der Freundschaft sich nicht zu irren, besonders wenn sie zwischen Personen verschiedenen Geschlechts besteht, unter welcher Begründung auch immer. Denn bei liebenden Menschen gelingt es dem Teufel sehr oft, sie irrezuführen. Anfangs empfindet man eine tugendhafte Liebe; läßt man aber die Vorsicht außer acht, dann schleicht sich bald eine leichtfertige Liebe ein, die zur sinnlichen und schließlich zur fleischlichen wird. Sogar in der geistlichen Liebe liegen Gefahren, wenn man nicht sehr auf der Hut ist, obwohl hier eine lrreführung nicht so leicht ist, denn ihre Reinheit und Klarheit läßt jede vom Teufel versuchte Trübung sogleich erkennen. Deshalb geht er hier auch viel schlauer zu Werke und versucht, fast unmerklich Unreines sich einschleichen zu lassen.

      Du wirst die irdische Freundschaft von der heiligen, tugendhaften an den gleichen Merkmalen unterscheiden, wie den Honig von Heraklea von dem anderen.

      Der Honig von Heraklea erscheint der Zunge süßer als der andere, denn der Aconit-Gehalt verstärkt die Süßigkeit. So steigert sich auch die irdische Freundschaft durch viele süße Worte, kleine leidenschaftliche Schmeicheleien und Lobreden auf die Schönheit, Anmut und auf sinnliche Eigenschaften; die heilige Freundschaft aber führt eine einfache, offene Sprache, sie kann nur die Tugend und die Gnade Gottes als ihre Grundlage rühmen. Der Genuß von herakleischem Honig verursacht ein Schwindelgefühl im Kopf, die falsche Freundschaft aber eine Verwirrung im Geist, so daß Keuschheit und Frömmigkeit ins Wanken geraten. Sie führt zu schmachtenden, verliebten, unbeherrschten Blicken, zu sinnlichen Zärtlichkeiten, zu unsinnigen Seufzern und kindischen Klagen, nicht geliebt zu werden, zu kleinen, berechneten und auffallenden Gebärden, zu galanten Aufmerksamkeiten und weiter zu Küssen, anderen Freiheiten und ungeziemenden Liebesbezeigungen: lauter sichere und untrügliche Vorzeichen, daß die Keuschheit bald verlorengeht. Die heilige Freundschaft hat dagegen nur einfache und klare Blicke, sie ist lauter und aufrichtig in ihrem herzlichen Verhalten, sie sehnt sich nur nach dem Himmel, kennt Freiheiten nur für den Geist, klagt höchstens, daß Gott nicht geliebt wird: zuverlässige Kennzeichen der Reinheit.

      Der Honig von Heraklea trübt die Sehkraft. Auch irdische Freundschaft trübt das Urteil; die in ihr Befangenen meinen gut zu handeln, während sie in Wirklichkeit Schlechtes tun; sie glauben, daß ihre Entschuldigungen, Vorwände und Ausreden stichhaltige Gründe seien; sie scheuen das Licht und suchen die Finsternis. Die heilige Freundschaft aber hat hellsichtige Augen, sie verbirgt sich nicht und erscheint gern vor Gutgesinnten.

      Schließlich läßt der Honig von Heraklea eine große Bitterkeit im Mund zurück. So wandelt sich auch die eitle Freundschaft: sie endet schließlich in lüsternen, sündhaften Worten und Forderungen, ja - wenn ihr nicht stattgegeben wird - in Beschimpfungen, Verleumdungen, Schmähungen, Trübsinn, Schande und Eifersucht, die oft genug zur Vertierung und Raserei führen. Die keusche Freundschaft dagegen ist immer anständig, höflich, liebenswürdig. Sie wandelt sich nur in eine immer vollkommenere und reinere Seelengemeinschaft um: ein lebendiges Bild der seligen Freundschaft, die im Himmel herrschen wird.

      Der hl. Gregor von Nazianz sagt: Wenn ein Pfau schreit und sein Rad schlägt, erregt er das Weibchen. Benimmt sich ein Mann wie ein Pfau, putzt er sich auf und stolziert einher, um einer Frau oder einem Mädchen Schmeichelworte ins Ohr zu flüstern, ohne ernste Heiratsabsichten, dann will er sie nur zu Unkeuschheit verführen. Eine Frau von Ehre wird dann ihre Ohren verschließen, um nicht mehr den Pfauenschrei der Stimme des Betrügers zu hören, der sie listig bezaubern will (vgl. Ps 58,6). Hört sie aber zu, dann ist das ein schlimmes Vorzeichen, das den bevorstehenden Ruin ihres Herzens ahnen läßt.

      Junge Leute, die bei ihrem Verhalten, ihren Grimassen, Zärtlichkeiten und Reden nicht von ihren Eltern oder Gatten oder von ihrem Beichtvater beobachtet werden möchten, zeigen, daß ihre Ehre und ihr Gewissen ausgeschaltet sind. Unsere liebe Frau erschrak, als sie einen Engel in Menschengestalt erblickte, denn sie war allein und er spendete ihr höchstes, wenn auch himmlisches Lob, - und da sollte ein unreines Wesen nicht einen Menschen, selbst in Engelsgestalt, fürchten, wenn er ihr sinnliches und menschliches Lob spendet?!

      21. Kapitel

      Weisungen und Heilmittel gegen schlechte Freundschaften.

      Welche Mittel aber gibt es gegen diese wimmelnde Brut von verrückten Liebschaften und unsauberen Narreteien?

      Sobald du die ersten Anzeichen davon feststellst, eile voll Abscheu über diese Eitelkeit auf dem entgegengesetzten Weg zum Heiland am Kreuze und umwinde dein Herz mit seiner Dornenkrone, damit die kleinen Füchse es nicht erreichen können (vgl. Hld 2,15).

      Laß dich auf keinerlei Verhandlungen mit diesem Feind ein. Sag nicht, ³Ich will ihn anhören, werde aber nicht tun, was er von mir will; ich werde ihm das Ohr leihen, das Herz aber verschließen.'' Mein Kind, sei um Himmels willen in diesen Dingen ganz streng! Herz und Ohr halten zusammen. Wie es unmöglich ist, einen Sturzbach aufzuhalten, der einen Berghang herunterschießt, ebenso schwer ist es zu verhindern, daß eine Liebe, die das Ohr berührt hat, nicht auch bis zum Herzen vordringt. Nach Alkmeon atmen die Ziegen durch die Ohren, nicht durch die Nase; Aristoteles bestreitet dies. Sicher ist jedenfalls, daß unser Herz durch das Ohr atmet; wie es seine Gedanken durch die Zunge ausatmet, so atmet es durch das Ohr die Gedanken anderer ein. Hüten wir also unsere Ohren sorgfältig vor dem Pesthauch törichter Worte, sonst wird er gar bald unser Herz vergiften. Höre nie auf irgendeinen unsauberen Antrag, unter welchem Vorwand auch immer; in diesem einzigen Fall ist es erlaubt, unhöflich und grob zu sein.

      Denke daran, daß du dein Herz Gott geweiht hast. Da du ihm deine Liebe geschenkt hast, wäre es ein Gottesraub, sie ihm auch nur durch einen Gedanken zu entziehen. Weihe es ihm vielmehr von neuem durch wiederholte Entschlüsse und Beteuerungen. Verbirg dich in ihnen, wie der Hirsch in seiner Waldfestung. Rufe Gott an, er wird dir helfen; seine Liebe wird die deine unter ihren Schutz nehmen, damit sie ganz allein für ihn lebe.

      Bist du aber schon in die Netze solch unsinniger Liebschaften geraten, - o Gott, wie schwer wird es sein, dich daraus zu befreien! Tritt vor Gottes Majestät hin und erkenne vor seinem Angesicht die Größe deiner Erbärmlichkeit, Schwäche und Nichtigkeit. Dann verabscheue diese Liebeleien, soviel du vermagst, aus ganzem Herzen, strebe aus dem unwürdigen Zustand fort, in den du durch sie geraten bist, verzichte auf alle Versprechungen, die du erhalten hast. Dann festige dein Herz durch einen starken, bedingungslosen Entschluß, dich niemals wieder in solche Liebeleien einzulassen.

      Kannst du dich vom Gegenstand deiner Liebe entfernen, dann tu es; ich kann dir dazu nur dringend raten. Wer von einer Schlange gebissen wurde, kann nicht leicht in Gegenwart von Leuten geheilt werden, denen das gleiche geschehen ist. So wird auch ein Mensch, der von solcher Liebe verwundet ist, schwerlich von dieser Leidenschaft gesunden, solang er mit der gleicherweise verliebten Person beisammen ist. Eine Ortsveränderung trägt hier sehr viel dazu bei, alle Unruhe und Hitze der leidenschaftlichen Liebe zu lindern. Ambrosius spricht im zweiten Buch seiner Schrift über die Buße von einem Burschen, der nach einer langen Reise völlig geheilt von seinen verrückten Liebschaften und ganz verändert heimkam. Als ihm seine frühere Geliebte begegnete und ihn fragte: ³Kennst du mich nicht mehr? lch bin noch die gleiche'', da antwortete er: ³Ja, aber ich bin nicht mehr derselbe.'' So sehr war er während der Trennung ein anderer geworden. Der hl. Augustinus bekennt, daß er nach Karthago übersiedelte, um den großen Schmerz über den Tod seines Freundes zu mildern, der in Tagaste gestorben war.

      Was aber soll jener tun, dem eine Trennung unmöglich ist? Er muß jedes gewollte Zusammentreffen, jede heimliche Unterhaltung, jedes Liebäugeln und Zulächeln, überhaupt jede Art der Mitteilung und Lockung unbedingt vermeiden, die dieses unlautere und rauchende Feuer nähren könnte. lst man aber gezwungen, mit dem Partner zu reden, dann geschehe es nur, um freimütig, klar und unerbittlich den Entschluß zu bekunden, für immer Schluß zu machen. Jedem, der in diesem Netz der Liebelei gefangen ist, möchte ich laut zurufen: Schneide, hacke ab, zerreiße! Du darfst dich nicht dabei aufhalten, diese verrückten Freundschaften allmählich aufzulösen, du mußt sie zerreißen; du darfst nicht versuchen, die Knoten zu entwirren, sondern mußt die Stricke mit einem Hieb zerschneiden, denn sie taugen nichts. Es hat keinen Sinn, schonend mit einer Liebe umzugehen, die der Gottesliebe so entgegengesetzt ist.

      Wenn ich die Ketten dieser schmählichen Sklaverei zerbrochen habe, werden mir dann nicht schmerzliche Empfindungen zurückbleiben? Werden nicht die Narben des Eisens an meinen Füßen sichtbar bleiben, d. h. werden nicht die seelischen Fesseln ihre Spuren hinterlassen? Nein, sie werden es nicht, wenn du den nötigen Abscheu vor dem Übel hast. lst dies der Fall, dann wird dir keine andere Empfindung bleiben als ein tiefinnerliches Erschaudern vor dieser niedrigen Liebe und allem, was mit ihr zusammenhängt, und du wirst von jeder Anhänglichkeit daran frei sein; in dir wird nur die ganz reine Liebe zu Gott bleiben.

      Sollten aber wegen der Unvollkommenheit deiner Reue noch schlechte Neigungen zurückbleiben, dann verschaffe deiner Seele die geistige Einsamkeit, von der ich früher gesprochen habe; zieh dich dorthin zurück und entsage diesen Neigungen durch stets erneute Anrufungen und Herzensgebete, verleugne sie aus allen Kräften, lies mehr als gewöhnlich in der Heiligen Schrift, beichte öfter als sonst, empfange die heilige Kommunion, sprich dich womöglich bei deinem Seelenführer schlicht und demütig über alle Gedanken und Versuchungen in dieser Hinsicht aus oder wenigstens bei einem treuen und klugen Freund. Zweifle nicht daran, daß Gott dich von allen Leidenschaften befreien wird, wenn du nur treu in diesen Übungen beharrst.

      Aber, wirst du mir entgegnen, ist das nicht undankbar, eine Freundschaft so hart abzubrechen? O selige Undankbarkeit, die uns Gott wohlgefällig macht! Nein, bei Gott, nein! Es ist keine Undankbarkeit, sondern eine große Wohltat, die du dem geliebten Menschen erweist, denn mit deinen Ketten zerbrichst du auch die seinen; sie waren euch ja gemeinsam. Wenn er auch nicht sofort einsieht, daß es so für ihn gut war, später wird er es wohl erkennen und dann mit dir Gott danken: ³Herr, Du hast meine Ketten zerbrochen, ich will Dir ein Lobopfer darbringen und Deinen heiligen Namen anrufen" (Ps 115,7).

      22. Kapitel

      Weitere Ratschläge über die Freundschaft.

      Die Freundschaft setzt eine enge Verbundenheit und Gemeinschaft zwischen den Freunden voraus, sonst kann sie weder entstehen noch bestehen. Darum geschieht es auch oft, daß mit der Freundschaft noch anderes gegenseitig mitgeteilt wird, daß unmerklich gewisse Neigungen, Wünsche, Ansichten von Herz zu Herz überspringen oder sich einschleichen. Das trifft besonders dann zu, wenn wir unseren Freund sehr hochschätzen; denn dann öffnen wir unser Herz so sehr seiner Freundschaft, daß wir mit ihr zugleich alle seine Neigungen und Ansichten, gute oder schlechte, aufnehmen. Gewiß suchen die Bienen, die den Honig von Heraklea sammeln, nur den Honig, aber mit ihm saugen sie unmerklich aus der Blüte des Eisenhutes auch sein Gift ein. Also mußt du das Wort wohl beherzigen, das der Heiland unserer Seele zu sagen pflegte, wie wir von den Alten (Klemens von Alexandrien, Origenes u. a.) wissen: ³Seid gute Wechsler'', d. h. nehmt nicht schlechtes Geld für gutes, nicht minderwertiges für Feingold. Trennt darum das Wertvolle vom Wertlosen (vgl. Jer 15,19), denn es gibt wohl keinen, der nicht irgendwelche Unvollkommenheiten an sich hätte. Und mußt du denn alles, auch Fehler und Unvollkommenheiten des Freundes mit seiner Freundschaft in dich aufnehmen ? Gewiß sollst du ihn trotz seiner Fehler lieben, aber die Unvollkommenheiten als solche sollst du weder lieben noch annehmen. Die Freundschaft verlangt ja die Mitteilung des Guten, nicht des Schlechten. Die Goldwäscher am Tajo holen den Sand aus dem Fluß, waschen das Gold heraus und behalten es, während sie den Sand am Ufer liegen lassen. So muß auch der Freund den Sand der Fehler vom Gold der Freundschaft trennen und ihn nicht in seine Seele einlassen.

      Der hl. Gregor von Nazianz bezeugt, daß manche, die den hl. Basilius liebten und bewunderten, so weit gingen, ihn auch in seinen äußeren Unvollkommenheiten nachzuahmen, in seiner langsamen Sprechweise, in seiner etwas zerstreuten und abwesenden Art, im Schnitt seines Bartes und in seiner Haltung. So sehen wir auch, daß Männer, Frauen und Kinder, Freunde, die ihre Gatten, Eltern und Freunde hochschätzen, sich durch den Umgang mit ihnen aus Nachgiebigkeit oder Anhänglichkeit manche Grillen und unangenehme Eigenheiten angewöhnen. Jeder hat schon genug an seinen eigenen schlechten Neigungen und braucht sich nicht außerdem mit denen der anderen zu belasten. Nicht nur, daß die Freundschaft dies nicht verlangt, sie verpflichtet uns im Gegenteil zu gegenseitiger Hilfe, damit wir unsere Unvollkommenheiten ablegen lernen. Gewiß sollen wir unseren Freund mit all seinen Fehlern ertragen, wir dürfen ihn aber darin nicht bestärken und noch weniger seine Fehler auf uns übertragen.

      Dabei spreche ich nur von Unvollkommenheiten, denn Sünden dürfen wir am Freund weder dulden noch zulassen. Das wäre eine schwache, schlechte Freundschaft, wenn man den Freund untergehen sähe und ihm nicht zu Hilfe eilte; wenn man ihn an einem Geschwür sterben ließe, ohne den Schnitt der Zurechtweisung zu wagen, der ihn retten könnte. Die wahre und lebendige Freundschaft kann unter Sünden nicht bestehen. Man sagt, der Salamander lösche das Feuer aus, in das er sich hineinlegt; so zerstört die Sünde die Freundschaft, wenn sie sich in ihr einnistet. Taucht die Sünde nur vorübergehend auf, dann jagt die Freundschaft sie durch Zurechtweisung in die Flucht; hält sie sich aber auf und bleibt, dann muß die Freundschaft an ihr zugrundegehen, denn sie kann nur bei echter Tugend bestehen.

      Noch viel weniger ist es erlaubt, aus Freundschaft zu sündigen. Der Freund wird zum Feind, wenn er uns zur Sünde verleiten will; er verdient es, die Freundschaft zu verlieren, wenn er den Freund verderben und in die Verdammnis fallen lassen will. Es ist daher eines der sichersten Kennzeichen einer falschen Freundschaft, wenn sie mit einer lasterhaften Person geschlossen wird, ganz gleich, welchem Laster sie ergeben ist. Ist der, den wir lieben, lasterhaft, so ist es zweifellos auch unsere Freundschaft; da sie nicht auf einem echten Wert beruhen kann, muß sie einen Scheinwert im Auge haben und irgendeine sinnliche Eigenschaft.

      Vereinigungen mit dem Zweck zeitlichen Vorteils haben nur den Anschein wahrer Freundschaft, denn sie sind nicht aus Liebe zu den Personen dieses Kreises geschlossen, sondern aus Liebe zum Gewinn.

      Zwei göttliche Worte schließlich sind die starken Säulen, die dem christlichen Leben seine Festigkeit geben. Das eine vom Weisen: ³Wer Gott fürchtet, wird auch eine gute Freundschaft haben'' (Sir 6,17); und das andere vom hl. Jakobus: ³Die Freundschaft dieser Welt ist Gott feind'' (Jak 4,4).

      23. Kapitel

      Die Übung der äußeren Abtötung.

      Wenn man, so erzählen die Naturkundigen, auf eine ungeteilte Mandel ein Wort schreibt, sie in ihre Schale zurücklegt, sorgfältig verschließt und in die Erde pflanzt, dann wird in alle Früchte dieses Baumes dieses Wort eingegraben sein.

      Nie habe ich das Vorgehen jener billigen können, die bei Äußerlichkeiten beginnen, um den Menschen zu bessern: bei Haltung, Kleidung oder Frisur.1 Mir scheint im Gegenteil, man muß beim inneren Menschen anfangen. ³Bekehre dich zu mir'', spricht Gott, ³von ganzem Herzen!" (Joel 2,12). ³Mein Sohn, gib mir dein Herz!'' (Spr 23,26). Weil das Herz die Quelle unserer Handlungen ist, werden diese so sein, wie unser Herz beschaffen ist. Der göttliche Bräutigam ladet die Seele ein mit den Worten: ³Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, gleich einem Siegel auf deinen Arm'' (Hld 8,6). Ja, wahrhaftig, wer Jesus in seinem Herzen trägt, gleicht ihm bald auch in all seinen äußeren Handlungen. Darum möchte ich vor allem das erhabene und heilige Wort ³Es lebe Jesus!" in dein Herz schreiben. lch bin sicher, dann wird dein Leben, das aus dem Herzen sprießt, wie der Mandelbaum aus dem Kern, als Früchte nur Handlungen hervorbringen, denen dieses Heilswort aufgeprägt und eingegraben ist. Wie der geliebte Jesus in deinem Herzen lebt, so wird er auch in deinen Handlungen lebendig sein, wird sein Name geschrieben stehen auf deinen Augen, auf deinem Mund, auf deinen Händen, ja, auf deinen Haaren, und du wirst mit dem hl. Paulus sagen können: ³Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Jesus Christus lebt in mir" (Gal 2,20). Mit einem Wort: Wer das Herz des Menschen gewonnen hat, besitzt den ganzen Menschen.

      Aber dieses Herz, mit dem wir beginnen sollen, muß belehrt werden, wie es den äußeren Lebenslauf, die äußere Haltung beeinflußen soll, damit nicht nur heilige Frömmigkeit an ihnen sichtbar werde, sondern auch hohe Weisheit und großes Verständnis. Zu diesem Zweck will ich dir nun kurz einige Ratschläge geben.

      Wenn du das Fasten2 vertragen kannst, dann tust du gut, an einigen Tagen, außer den von der Kirche vorgeschriebenen, zu fasten. Gewöhnlich bewirkt ja das Fasten eine Stärkung des Geistes, eine Zähmung des Fleisches, die Übung der Tugend und eine größere Belohnung im Himmel. Außerdem ist es ein gutes Mittel, um Herr über die Gaumenlust zu bleiben, damit aber die sinnlichen Begierden und den Leib unter das Gesetz des Geistes zu bringen. Wenn man auch nicht viel fastet, der böse Feind fürchtet es doch sehr, weil er sieht, daß wir zu fasten verstehen. Mittwoch, Freitag und Samstag sind die Tage, an denen die alten Christen zu fasten pflegten; tu desgleichen, soweit deine Frömmigkeit und dein Seelenführer dazu raten.

      Ich möchte dir das gleiche sagen wie der hl. Hieronymus zu Laeta: Das lange und übermäßige Fasten mißfällt mir sehr, besonders bei solchen, die noch in zartem Alter stehen. lch weiß aus Erfahrung, daß junge Esel vom Weg abweichen, wenn sie müde werden. So wenden sich auch junge Leute, wenn sie durch ein Übermaß an Fasten geschwächt sind, gern der Verweichlichung zu. Der Hirsch kann schlecht laufen, wenn er zu feist und wenn er zu mager ist. So sind auch wir starken Versuchungen ausgesetzt, wenn unser Leib zu gut genährt oder wenn er ermattet ist. lm ersten Fall wird er in seiner Üppigkeit frech, im zweiten versagt er aus Schwäche. Wie wir ihn schwer tragen können, wenn er zu fett ist, so kann er uns nicht tragen, wenn er geschwächt ist. Die Maßlosigkeit im Fasten, Geißeln, im Tragen des Bußgürtels und anderen Kasteiungen macht bei vielen die besten Jahre unfruchtbar für den Dienst der Liebe, wie es beim hl. Bernhard geschah, der es bereute, sich zu viel kasteit zu haben. Weil sie ihren Leib früher mißhandelt haben, müssen sie ihm später schmeicheln. Hätten sie nicht besser daran getan, ihn stets gleichmäßig zu behandeln, entsprechend den Aufgaben und Arbeiten, zu denen ihr Stand sie verpflichtet?

      Fasten und Arbeit zügeln und beherrschen in gleicher Weise das Fleisch. lst deine Arbeit notwendig oder der Ehre Gottes besonders dienlich, so erachte ich die Anstrengung der Arbeit für besser als die des Fastens. Das ist auch die Meinung der Kirche; sie enthebt sogar jene von der Verpflichtung der gebotenen Fasttage, deren Arbeiten dem Dienste Gottes und des Nächsten nützen. Dem einen fällt das Fasten schwer, dem anderen der Krankendienst, der Besuch Gefangener, das Beichten oder Predigen, das Trösten der Heimgesuchten, das Beten oder andere Übungen. Die Überwindung in diesen Dingen ist besser als alle Kasteiungen. Sie bändigt in gleicher Weise das Fleisch, trägt aber zugleich viele wünschenswerte Früchte. Es ist gewiß besser, überschüssige Körperkräfte zu haben, als davon mehr als notwendig abzutöten. Schwächen kann man sie immer, wenn man will, nicht aber auf Wunsch sofort wiederherstellen.

      Meiner Meinung nach sollten wir große Ehrfurcht vor dem Wort Jesu an seine Jünger haben: ³Eßt, was man euch vorsetzt!" (Lk 10,8). Ich halte es für tugendhafter, ohne Wahl zu essen, was man dir vorsetzt, und in der Reihenfolge wie man es anbietet, ob es dir schmeckt oder nicht, als immer das Schlechtere zu wählen. Das zweite scheint zwar strenger zu sein, im ersten liegt dennoch mehr Entsagung, denn man entsagt nicht nur seinem Geschmack, sondern auch seiner Wahl. Es ist gewiß keine kleine Überwindung für unseren Geschmack, sich allem anzupassen und alles anzunehmen; außerdem macht diese Übung kein Aufsehen, stört niemand und ist sehr förderlich für die Gemeinschaft. Ein Stück Fleisch zurückweisen, um ein anderes zu nehmen, herumzustochern und nichts gut zubereitet oder appetitlich genug zu finden, bei jedem Stück geheimnisvoll tun, das verrät ein verweichlichtes Herz, einen auf Schüssel und Fleischplatten eingestellten Geist.

      Am hl. Bernhard schätze ich mehr, daß er Öl für Wasser getrunken hat, als hätte er mit Absicht Wermut genommen, denn es zeigt, daß er nicht darauf achtete, was er trank. In dieser Gleichgültigkeit für das Essen und Trinken liegt die vollkommene Erfüllung der heiligen Worte ³Eßt, was man euch vorsetzt". Ich nehme allerdings Speisen aus, die der Gesundheit schaden oder sogar den Geist beschweren, wie schwere und stark gewürzte, geräucherte oder blähende Speisen, die manchen nicht bekömmlich sind. Ich nehme auch bestimmte Gelegenheiten aus, wenn unsere Natur der Erholung und Stärkung bedarf, um irgendeine Aufgabe zur Ehre Gottes zu erfüllen. Eine beständige und mäßige Nüchternheit ist besser als zeitweilig übertriebenes Fasten, dem wieder eine Zeit der Zügellosigkeit folgt.

      Mäßig angewendet, besitzt die Geißel eine vorzügliche Kraft, das Verlangen nach Frömmigkeit zu wecken. Der Bußgürtel bändigt mächtig den Leib; sein Gebrauch ist aber im allgemeinen ungeeignet für Verheiratete und für Schwächliche, auch für solche, die sonst viel Schweres zu tragen haben. An besonderen Tagen der Buße darf man ihn nach der Weisung eines klugen Seelenführers tragen.

      Die Nacht soll dem Schlaf dienen. Jeder soll so viel schlafen, als seine körperliche Veranlagung braucht, um tagsüber mit frischer Kraft seiner Arbeit nachgehen zu können. Die Heilige Schrift, die Heiligen und die natürliche Vernunft empfehlen wiederholt die Morgenstunden als die besten und kostbarsten des Tages. Der Herr selbst wird die ³aufgehende Sonne" genannt (Sach 3,8; 6,12) und Unsere liebe Frau die ³Morgenröte des Tages'' (Hld 6,9). lch halte es daher für tugendhaft, abends früher zu Bett zu gehen, um früh am Morgen aufzuwachen und aufzustehen. Diese Zeit ist gewiß die schönste, angenehmste und ungestörteste. Selbst die Vögel fordern uns auf, uns zu erheben und Gott zu loben. Zeitiges Aufstehen am Morgen nützt also der Gesundheit wie der Heiligkeit.

      Balaam ritt auf einer Eselin zu Balak (Num 22,21 ff); weil ihm aber die lautere Absicht fehlte, trat ihm der Engel mit dem Schwert in den Weg, um ihn zu töten. Die Eselin sah den Engel und blieb dreimal nacheinander stehen, als ob sie störrisch wäre. Balaam schlug sie grausam mit dem Stock, um sie voranzutreiben, bis sie das dritte Mal sich niederlegte und durch ein großes Wunder zu reden anfing: ³Was habe ich dir getan? Warum schlägst du mich schon das dritte Mal?" Da wurden die Augen Balaams geöffnet und er sah den Engel, der ihm sagte: ³Warum hast du deine Eselin geschlagen? Wäre sie nicht vor mir zurückgewichen, hätte ich dich getötet und sie laufen lassen." Baalam antwortete dem Engel: ³Herr, ich habe gesündigt! Ich wußte nicht, daß du dich mir in den Weg stellst.'' Siehst du, Balaam selbst ist schuldig, und doch schlägt er die arme Eselin, die nichts dafür kann.

      So geht es auch uns oft. Da ist eine Frau, deren Kind oder Mann krank ist; gleich beginnt sie zu fasten, Bußgürtel und Geißel anzuwenden, wie David es in einem ähnlichen Fall tat (vgl. 2. Sam 12,16). Aber, meine arme Freundin, du schlägst den armen, Esel, du peinigst deinen Leib, der keine Schuld trägt, der nichts dafür kann, daß Gott sein Schwert gegen dich gezückt hat. Bessere dein Herz, das deinen Gatten abgöttisch liebt, das deinem Kind tausend Fehler durchgehen läßt und es hochmütig, eitel und ehrgeizig erzogen hat. - Ein Mann sündigt oft und schwer gegen die Keuschheit. Vorwürfe überfallen sein Gewissen gleichsam mit dem Schwert in der Hand, um ihn mit heiliger Furcht zu durchbohren. ln plötzlicher Erkenntnis ruft er aus: ³Du geiles Fleisch, du unbotmäßiger Leib hast mich verraten!'' Und nun züchtigt er dieses Fleisch mit Geißelhieben, mit maßlosem Fasten, mit strengem Bußgürtel. Armer Mensch! Wenn dein Fleisch reden könnte wie die Eselin Balaams, es würde dir sagen: ³Warum schlägst du mich, Elender: Gegen dich, meine Seele, wendet sich Gottes Zorn. Du bist die Verbrecherin. Warum führst du mich in schlechte Gesellschaft? Warum mißbrauchst du meine Augen, meine Hände, meine Lippen zur Unkeuschheit? Warum verwirrst du mich durch schlechte Vorstellungen? Erwecke gute Gedanken, dann werden meine Handlungen nicht schlecht sein; verkehre mit anständigen Leuten, und ich werde nicht von unreinen Begierden geplagt sein. Du bist es, der mich ins Feuer wirft, und willst nicht, daß ich brenne; du treibst mir den Rauch in die Augen, und willst nicht, daß sie entzündet sind."

      ln diesen Fällen sagt dir Gott ohne Zweifel: ³Schlage, zerbrich, spalte und zerreibe dein Herz (Joel 2,13), denn gegen dieses Herz ist mein Zorn entbrannt.'' Um einen Ausschlag zu heilen, ist es weniger notwendig, sich zu waschen und zu baden, als vielmehr das Blut zu reinigen. Um uns von unseren Fehlern zu reinigen, ist es zwar gut, das Fleisch abzutöten, besonders notwendig aber ist es, seine Wünsche zu reinigen und sein Herz zu erneuern.

      Niemals und nirgends nehme man körperliche Kasteiungen auf sich ohne die Zustimmung seines Seelenführers.

      24. Kapitel

      Gesellschaft und Einsamkeit.

      Der Geselligkeit nachlaufen oder sie fliehen, das sind zwei gleich tadelnswerte Übertreibungen für jemand, der in der Welt fromm leben will, wovon ich ja zu dir spreche: Sie fliehen, heißt seine Mitmenschen geringschätzen und verachten; ihr nachlaufen, heißt nichts zu tun haben und ein unnützes Leben führen. Man muß den Nächsten lieben wie sich selbst (Mt 22,39); um ihm seine Liebe zu zeigen, darf man ihn nicht meiden; um aber zu bekunden, daß man sich selbst liebt, muß man in sich selbst bleiben, wenn man dahin gelangt ist; und man ist in sich selbst, bei seinem eigenen Ich, wenn man allein ist. Denke an dich, sagt der hl. Bernhard, und dann an die anderen. Wenn du also keine Veranlassung hast, in Gesellschaft zu gehen oder jemand einzuladen, so bleib in dir und halte Zwiesprache mit deinem Herzen. Kommt aber Gesellschaft zu dir oder mußt du aus irgendeinem vernünftigen Grund eine solche aufsuchen, dann geh mit Gott, sei gern mit deinen Mitmenschen beisammen und sei freundlich mit ihnen.

      Schlechte Gesellschaften entstehen entweder aus böser Absicht, oder sie setzen sich aus Menschen zusammen, die selbst lasterhaft, schamlos und liederlich sind. Solchen Gesellschaften mußt du fernbleiben, wie sich Bienen von Bremsen- oder Hornissenschwärmen fernhalten. Wer von einem tollwütigen Hund gebissen wurde, dessen Schweiß, Atem und Speichel sind ansteckend, vor allem für Kinder und wenig widerstandsfähige Leute. So ist auch der Umgang mit lasterhaften und zügellosen Menschen stets ein Wagnis und mit Gefahr verbunden, besonders wenn man selbst noch in den zarten und schwachen Anfängen des frommen Lebens steht.

      Es gibt Unterhaltungen, die nur der Erholung dienen; man will einfach nach ernster Arbeit etwas ausspannen. Solchen Unterhaltungen soll man zwar nicht zu viel Zeit widmen, doch darf man in ihnen die zur Erholung notwendige Zerstreuung suchen.

      Andere Geselligkeiten werden aus Höflichkeit gepflegt, so gegenseitige Besuche und bestimmte Veranstaltungen, durch die man Mitmenschen ehren will. Solche Besuche soll man weder durch ein Zuviel übertreiben, noch durch unhöfliches Zuwenig verachten, sondern bescheiden seinen Verpflichtungen nachkommen, um so weder ungeschlacht noch leichtfertig zu sein.

      Schließlich sind noch die wertvollen Geselligkeiten unter frommen und tugendhaften Leuten zu erwähnen. Ein solches Beisammensein wird dir immer von Nutzen sein. Die zwischen Olivenbäumen gepflanzte Rebe trägt saftige Trauben mit Olivengeschmack; ein Mensch, der häufig mit tugendhaften Leuten umgeht, wird nicht unbeeinflußt von deren Eigenschaften bleiben. Die Drohnen können allein keinen Honig erzeugen, sie helfen aber den Bienen dabei; so ist auch uns der Umgang mit frommen Menschen eine große Hilfe im Streben nach eigener Frömmigkeit.

      ln jeder Gesellschaft sind schlichte Einfachheit und bescheidene Liebenswürdigkeit stets beliebt. Es gibt Leute, die in jeder Haltung und bei jeder Bewegung gekünstelt sind; kein Mensch mag sie leiden. Wer nicht gehen wollte, ohne seine Schritte zu zählen, nicht reden, ohne zu singen, der müßte allen lästig fallen. So wirken auch jene, deren Gehaben stets geziert und abgezirkelt ist, in einer Gesellschaft nur störend; das sind auch stets eingebildete Leute.

      Im allgemeinen soll bei unseren Gesprächen eine maßvolle Fröhlichkeit vorherrschen. Das rühmte man so sehr an den Heiligen Romuald und Antonius, daß sie trotz ihres strengen Lebens stets froh in Miene und Wort waren, heiter und liebenswürdig. ³Freut euch mit denen, die sich freuen" (Röm 12,15). Und noch einmal sage ich euch mit dem Apostel: ³Freut euch allezeit im Herrn und eure Bescheidenheit sei allen Menschen kund'' (Phil 4,4 f). Damit aber deine Freude ³im Herrn" sei, muß der Gegenstand deiner Freude nicht nur erlaubt, sondern auch anständig sein. Es gibt nämlich Dinge, die an sich nicht verboten, trotzdem aber nicht anständig sind. Damit deine Bescheidenheit offenkundig werde, hüte dich vor jeder Anmaßung, die immer tadelnswert ist. Jemand zu Fall zu bringen, ihm das Gesicht zu schwärzen, einen anderen zu stechen, einem armen Narren wehtun, das sind dumme und ungezogene Scherze.

      Du sollst aber nicht nur stets die geistige Einsamkeit pflegen, in die du dich in der lebhaftesten Unterhaltung jederzeit zurückziehen kannst, wie ich dir bereits früher geraten habe, sondern du sollst auch das tatsächliche Alleinsein wirklich lieben, zwar nicht, um in die Wüste zu fliehen wie Maria von Ägypten, Paulus, Antonius, Arsenius und die anderen heiligen Einsiedler, wohl aber um ein wenig für dich zu sein: in deinem Zimmer, im Garten oder sonstwo, wo du leichter Einkehr halten und deine Seele durch gute und heilige Gedanken, durch gute Lektüre neu beleben und stärken kannst. So erzählte der große Bischof von Nazianz von sich: ³Bei Sonnenuntergang pflegte ich immer für mich allein am Meeresstrand auf- und abzuwandeln, um in dieser Erholung die Sorgen des Tages abzuschütteln und mich auszuruhen'', worauf er den guten Gedanken, der ihm bei dieser Gelegenheit gekommen war, weiter ausführte (s. 2. Teil, 13. Kap.). Beachte auch das Beispiel des hl. Ambrosius, von dem der hl. Augustinus erzählt, daß er oft in sein Zimmer trat (denn man verweigerte niemand den Zutritt), ihn beim Lesen traf, und nachdem er einige Zeit gewartet hatte, wieder fortging, ohne etwas gesprochen zu haben, um ihn nicht zu stören. Er habe eben gedacht, daß man diesem großen Seelenhirten nichts von der wenigen Zeit wegnehmen dürfe, die ihm inmitten seiner schweren Sorgen und Arbeiten übrig blieb, um seinen Geist zu stärken und zu erholen. Aus dem gleichen Grund hat ja auch der Herr seinen Aposteln, als sie ihm von ihrer Predigt und der vielen Arbeit berichtet hatten, gesagt: ³Kommt in die Einsamkeit und erholt euch dort ein wenig'' (Mt 6,31).

      25. Kapitel

      Von der geziemenden Kleidung.

      Der hl. Paulus verlangt, daß die frommen Frauen (das gleiche gilt auch für die Männer) in geziemender Kleidung erscheinen, mit Sittsamkeit und Züchtigkeit geschmückt (1.Tim 2,9).

      Die Kleidung und jeglicher Schmuck sind schicklich, wenn sie sauber sind, aus passendem Stoff und in entsprechender Form angefertigt. Sauber muß unsere Kleidung immer sein; soweit es möglich ist, sollen wir an ihr weder Schmutz noch Flecken dulden. Die äußere Reinlichkeit ist in bestimmtem Maß ein Sinnbild der inneren Sauberkeit. Gott verlangt sogar die körperliche Reinheit von denen, die sich seinem Altar nahen, denen die Frömmigkeit berufsmäßige Aufgabe ist (vgl. Is 52,11).

      Für Stoff und Schnitt der Kleidung sind die Regeln der Schicklichkeit maßgebend, je nach der Zeit, dem Alter und Stand, der Gesellschaft und den Gelegenheiten. Man zieht sich an Festtagen besser an und macht auch da noch Unterschiede nach dem Rang der Feste. Während der Bußzeit, z. B. in der Fastenzeit kleidet man sich einfacher, auf einer Hochzeit erscheint man in festlicher Kleidung, bei einer Beerdigung im Trauergewand. Hat man Audienz bei hohen Persönlichkeiten, so kleidet man sich entsprechend, zu Hause ist man einfacher angezogen. Die verheiratete Frau kann und soll sich schmücken für ihren Mann, wenn er es wünscht; tut sie es aber auch in seiner Abwesenheit, so wird man fragen, für wessen Augen sie diesen Aufwand macht. Mehr Putz erlaubt man den jungen Mädchen, denn sie dürfen mehreren zu gefallen wünschen, freilich nur zu dem Zweck, einen davon für den heiligen Ehestand zu gewinnen. Man wird auch nichts daran auszusetzen haben, wenn Witwen, die wieder heiraten wollen, etwas Schmuck anlegen, wenn sie ihn nur nicht auffallend zur Schau stellen; da sie doch schon einmal verheiratet waren und die Trauer des Witwenstandes durchgemacht haben, setzt man bei ihnen eine gewisse Reife und Abgeklärtheit voraus. Für die wahren Witwen aber, die es nicht nur äußerlich, sondern auch dem Herzen nach sind, schickt sich kein anderer Schmuck als Demut, Bescheidenheit und Frömmigkeit. Wenn sie nämlich in Männern Liebe wecken wollen, dann sind sie in Wahrheit nicht Witwen; wollen sie das aber nicht, wozu beladen sie sich dann mit Dingen, die dazu reizen? Wer keine Gäste aufnehmen will, darf auch kein Gasthausschild aushängen. Über alte Leute, die sich hübsch machen wollen wie junge Mädchen, hat man stets gespottet; solche Eitelkeit gestattet man nur der Jugend.

      Sei sauber! Nichts an dir soll schlampig und vernachlässigt sein. Unordentliche Kleidung bedeutet eine Mißachtung der Leute, mit denen man umgeht. Hüte dich aber vor allem Gezierten und Eitlen, vor jedem auffallenden und unsinnigen Aufputz. Soviel du kannst, halte dich stets an Einfachheit und Bescheidenheit, den größten Schmuck der Schönen und die beste Entschuldigung der Häßlichen. Der hl. Petrus mahnt die jungen Frauen, ihre Haare nicht übermäßig gekräuselt und gewellt, geringelt und geschniegelt zu tragen (1.Petr 3,3; vgl. 1.Tim 2,9). Männer, die so weichlich sind, mit solchen Auswüchsen der Gefallsucht ihre Zeit zu verlieren, sind mit Recht als weibisch verrufen, und eitle Frauen hält man für schwach in der Keuschheit; zum mindesten ist von ihr bei diesen Tändeleien und dieser Putzsucht nichts zu sehen. Man sagt wohl, man denke dabei nichts Schlechtes; der Teufel tut es aber gewiß, wie ich immer wieder betonen muß.

      Ich für meinen Teil wünsche, daß der fromme Mann, die fromme Frau stets die bestgekleideten aber am wenigsten auffallenden und aufgeputzten in ihrer Umgebung seien; sie sollen sich mit Anmut, Wohlerzogenheit und Würde schmücken, wie das Buch der Sprüche (31,25) sagt. Der hl. Ludwig faßt all dies in wenige Worte zusammen: ³Jeder soll sich standesgemäß kleiden, damit nicht die Weisen und Guten sagen können, du gibst zu viel auf Kleidung, oder die jungen Leute, du hältst zu wenig darauf.'' Scheint aber den jungen Leuten das Schickliche zu wenig, dann halte man sich an den Rat der Weisen.

      26. Kapitel

      Vom Reden - Wie man von Gott sprechen soll.

      An der Zunge erkennen die Ärzte, ob ein Mensch gesund oder krank ist. So zeigen auch unsere Reden die Beschaffenheit unserer Seele an. ³Auf Grund deiner Worte wirst du freigesprochen und auf Grund deiner Worte wirst du verurteilt werden", sagt der Heiland (Mt 12,36). Wie wir sogleich unsere Hand auf eine schmerzende Stelle unseres Körpers legen, so lenken wir unsere Zunge auf den Gegenstand unserer Liebe.

      Wenn du Gott innig liebst, wirst du auch gern mit deinen Hausgenossen, Freunden und Nachbarn von Gott sprechen, denn der Mund des Gerechten spricht Weisheit und seine Zunge redet recht (Ps 37,30). Die Bienen nehmen nichts anderes auf als Honig und ihre kleinen Rüssel sind voller Süßigkeit; so wird auch dein Sprechen ganz von Gott durchdrungen sein und deine Lippen werden keine größere Süßigkeit kennen, als ihn zu loben und zu preisen. So wird vom hl. Franziskus gesagt, daß er beim Aussprechen des heiligsten Namens die Süßigkeit förmlich auf seinen Lippen spürte.

      Sprich von Gott in einer Weise, die Gottes würdig ist, d. h. ehrfürchtig und fromm, nicht großsprecherisch, selbstgefällig oder salbungsvoll, sondern sanft, liebevoll und demütig. Wie es von der Braut im Hohen Lied (4,11) heißt, so laß den köstlichen Honig der Frömmigkeit und des Göttlichen bald in dieses, bald in jenes Herz träufeln und bitte Gott im stillen, dieser heilige Tau möge bis ins Innerste deiner Zuhörer dringen.

      Vor allem soll man dieses wirklich engelgleiche Werk in milder und gewinnender Art verrichten, nicht in nörglerischem Ton, sondern herzlich. Wie wunderbar gelingt es einem doch, Herzen zu gewinnen und mitzureißen, wenn man eine gute Sache geschickt und liebenswürdig vertritt!

      Sprich also niemals von Gott aus reiner Gewohnheit oder um des Gespräches willen, sondern stets mit Aufmerksamkeit und Andacht. Ich sage dir das, weil ich an dir das dumme Getue der Betschwestern und Frömmler nicht sehen möchte, die bei jeder Gelegenheit ihre frommen Sprüche loslassen, ohne darüber im geringsten nachzudenken. Nachher meinen sie dann, ihr Leben entspräche diesen Worten; das ist aber bestimmt nicht der Fall.

      27. Kapitel

      Anstand im Reden - Achtung vor den Mitmenschen.

      Wenn jemand mit der Zunge nicht sündigt, ist er vollkommen, sagt der hl. Jakobus (3,2). Hüte dich sorgfältig, irgendein unanständiges Wort zu sagen; wenn du es auch nicht in böser Absicht sagst, deine Zuhörer können es so auffassen. Wenn die unanständige Rede eine schwache Seele trifft, greift sie um sich und breitet sich aus wie ein Öltropfen auf der Leinwand; sie packt zuweilen das Herz mit solcher Gewalt, daß sie es mit tausend lüsternen Gedanken und Versuchungen erfüllt. Wie das körperliche Gift durch den Mund in den Körper eindringt, so gelangt das geistige durch das Ohr in das Herz. Die Zunge, die ihm dieses Gift einflößt, ist die Mörderin. Wenn auch das Gift, das sie verspritzt, nicht immer wirkt, weil das Herz mancher Zuhörer durch ein Gegengift gefeit ist, so mangelt es ihm doch nicht an Schärfe, um anderen den Tod zu bringen.

      Keiner soll mir sagen, daß er nicht daran gedacht habe! Denn der Herr, der die Gedanken kennt, hat gesagt, daß der Mund aus der Fülle des Herzens spricht (Mt 12,34). Wenn wir auch nichts Schlechtes dabei dächten, der böse Feind denkt es um so mehr und bedient sich heimlich solcher anstößiger Worte, um das Herz des einen oder anderen damit zu verwunden.

      Man sagt, wer vom sogenannten englischen Kraut esse, habe immer einen angenehmen Atem. Wer im Herzen anständig und rein, also den Engeln ähnlich ist, der führt stets nur saubere, höfliche und keusche Reden im Mund. Unanständiges soll man nach der Weisung des Apostels nicht einmal erwähnen (Eph 5,3). Er versichert, daß nichts mehr die Sitten verdirbt als schlechte Reden (1.Kor 15,33).

      Wenn Unanständiges versteckt, zweideutig und witzig gesagt wird, ist es noch viel gefährlicher. Je spitzer der Pfeil ist, desto leichter dringt er in den Körper ein; je feiner geschliffen eine solche Rede ist, desto tiefer dringt sie ins Herz. Wenn jemand glaubt, ein galanter Mann zu sein, weil er solche Worte in Gesellschaft gebraucht, dann weiß er nicht, wozu man in Gesellschaft geht. Sie soll einem Bienenschwarm gleichen, der Honig sammelt, angenehme und sittsame Unterhaltung pflegen, nicht aber wie ein Wespenhaufen sich auf Schmutz und Fäulnis stürzen.

      Sagt dir irgendein Dummkopf anstößige Worte, dann zeig ihm, daß sie dich beleidigen, wende ihm den Rücken oder laß es ihn auf andere Weise merken, wie es dir die Klugheit eingeben wird.

      Spott ist eine der schlechtesten Geistesanlagen. Gott haßt dieses Laster aufs tiefste und hat es vormals schwer bestraft. Nichts ist der Liebe und noch mehr der Frömmigkeit so entgegengesetzt wie die Verachtung des Nächsten. Auslachen und Verspotten geht nie ohne Verachtung ab, daher ist es auch schwere Sünde. Die Lehrer der Frömmigkeit sagen mit Recht, daß der Spott die schlimmste Kränkung ist, die man durch Worte zufügen kann, weil bei anderen kränkenden Worten doch eine gewisse Achtung vorhanden sein kann, beim Spotten aber nur Verachtung.

      Wortspiele aber und Neckereien, die man einander bei fröhlicher, anständiger Unterhaltung zuwirft, gehören zur Tugend, die bei den Griechen Eutrapelia, bei uns Geselligkeit heißt. Man neckt einander fröhlich und spaßt miteinander in harmloser Weise über die kleinen Fehler und Menschlichkeiten, die jeder aufweist. Man muß nur achtgeben, daß man nicht von unschuldiger Neckerei zum Spott übergeht. Der Spott reizt nur durch die Geringschätzung des anderen zum Lachen, bei fröhlicher Neckerei aber lachen wir über die herzlich frohen Worte, die mit unbeschwertem Freimut in freundschaftlicher Offenheit gesagt werden. Manchmal wollten Ordensleute mit dem hl. Ludwig nach dem Mahl über ernste Dinge sprechen, er wies das aber zurück mit der Begründung, jetzt sei nicht die Zeit für theologische Gespräche, sondern für frohe und heitere Erholung, jeder möge in Ehrbarkeit sagen, was ihm Spaß mache. Damit wollte er den Edelleuten der Gesellschaft Gelegenheit zu ungezwungener Unterhaltung geben. Verbringen wir aber die Zeit unserer Erholung immer so, daß wir die ewige Seligkeit durch unsere Frömmigkeit bewahren!

      28. Kapitel

      Das freventliche Urteil.

      ³Richte nicht, und du wirst nicht gerichtet werden'', sagt der Heiland unserer Seele, ³verurteile nicht, und du wirst nicht verurteilt werden'' (Lk 6,37). Und der Apostel sagt: ³Richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt. Er wird auch das im Dunkel Verborgene ans Licht bringen und die Gesinnung der Herzen offenbar machen'' (1. Kor 4,5).

      Wie sehr mißfällt Gott doch das freventliche Urteilen! Es ist freventlich: 1. weil kein Mensch Richter des anderen ist; wenn also jemand urteilt, maßt er sich die Richterwürde des Herrn an; 2. weil die wesentliche Bosheit der Sünde in der Absicht, in der Gesinnung des Herzens liegt, die für uns im Dunkel verborgen bleibt; 3. weil jeder genug zu tun hat, über sich selbst zu richten, ohne sich außerdem das Richten über seine Mitmenschen erlauben zu können.

      Um nicht gerichtet zu werden, ist beides gleicherweise notwendig: wohl nicht über die anderen aber über dich selbst zu urteilen. Wie uns der Herr das erste verbietet, so gebietet uns der Apostel das zweite: ³Wenn wir uns selbst richteten, würden wir nicht gerichtet werden'' (1.Kor 11,31). Aber, o Gott, wir tun genau das Gegenteil! Was uns verboten ist, das tun wir unaufhörlich; wir urteilen über den Nächsten bei jeder Gelegenheit; uns selbst aber richten, wie uns geboten ist, das wollen wir niemals.

      Das freventliche Urteilen müssen wir in seinen Ursachen bekämpfen.1 Es gibt Menschen mit verbittertem, essigsaurem, vergrämtem Charakter, die alles bitter und sauer machen, was sie anfassen, und wie der Prophet Amos (6,3) sagt, jedes Urteil mit Wermut tränken, die über den Nächsten nicht anders als mit unerbittlicher Strenge urteilen. Ihnen tut vor allem not, in die Hände eines guten Seelenarztes zu kommen; da ihnen diese Bitterkeit des Herzens angeboren ist, kann sie nur schwer überwunden werden. Sie ist zwar keine Sünde, sondern ein Charakterfehler, eine Unvollkommenheit, sie ist dennoch gefährlich, denn durch sie dringen freventliches Urteil und üble Nachrede in die Seele ein und halten sie umklammert.

      Manche Menschen urteilen freventlich nicht aus Verbitterung, sondern aus Stolz. Sie meinen ihre eigene Ehre in dem Maß zu steigern, als sie die des anderen herabsetzen: freche und anmaßende Leute, die sich selbst bewundern und sich so erhaben dünken, daß alle Menschen in ihren Augen unbedeutend sind und tief unter ihnen stehen. ³Ich bin nicht wie die übrigen Menschen'', sagte jener dumme Pharisäer (Lk 18,11).

      Andere sind zwar nicht so offenkundig hochmütig, haben aber eine gewisse selbstgefällige Freude an den Fehlern anderer, weil sie dann mehr im eingebildeten Besitz der entgegengesetzten guten Eigenschaften schwelgen und mit ihnen großtun können. Diese Selbstgefälligkeit ist so versteckt und getarnt, daß man sie nicht entdeckt, wenn man nicht sehr gute Augen hat. Selbst die davon befallen sind, erkennen sie nicht, wenn man sie nicht darauf aufmerksam macht.

      Gewisse Leute stellen mit Befriedigung fest, daß andere vom gleichen oder mit einem anderen ebenso häßlichen Fehler behaftet sind, um sich selbst zu schmeicheln, vor dem eigenen Gewissen zu entschuldigen und dieses zum Schweigen zu bringen. Sie scheinen zu glauben, daß ihre Sünden weniger schwer wiegen, wenn die Zahl der Missetäter größer ist.

      Andere geben sich dem freventlichen Urteilen hin aus Freude am Philosophieren, um die sittliche und charakterliche Haltung der anderen zu studieren und die Schärfe des eigenen Geistes zu erproben. Kommt es nun zuweilen vor, daß sie das Richtige getroffen haben, dann wächst ihr Übermut und die Freude am Urteilen so sehr, daß man alle Mühe hat, sie wieder davon abzubringen.

      Wieder andere urteilen aus Leidenschaft. Sie denken immer nur gut von denen, die sie lieben, und nur schlecht von jenen, die sie hassen. Allerdings tritt immer wieder der sonderbare Fall ein, daß eine übertriebene Liebe zu einem falschen Urteil über den Gegenstand der Liebe führt: ungeheuerliche Wirkung der Liebe, freilich einer unechten, unvollkommenen, verwirrten und krankhaften Liebe. lch meine damit die Eifersucht, die schon auf einen Blick, auf das harmloseste Lächeln hin andere der Untreue und des Ehebruchs beschuldigt.

      Endlich tragen auch Furcht, Ehrsucht und andere Mängel des Geistes vielfach zu Verdächtigungen und freventlichen Urteilen bei.

      Was gibt es nun für Gegenmittel? Wer den Saft der äthiopischen Schlangenpflanze trinkt, glaubt überall Schlangen und schreckliches Gewürm zu sehen. Wer von Hochmut, Neid, Ehrsucht und Haß eingenommen ist, sieht überall nur Schlechtes und Tadelnswertes. Die einen müssen als Heilmittel Palmwein trinken, den anderen rate ich: trinkt möglichst viel vom heiligen Wein der Liebe! Sie wird euch von diesem Gift befreien, das euch stets zu falschen Urteilen verleitet. Die Liebe fürchtet, dem Schlechten zu begegnen, und ist weit davon entfernt, es zu suchen. Begegnet sie ihm, dann wendet sie den Blick ab und tut, als sähe sie nichts, ja sie schließt schon beim leisesten Geräusch die Augen und glaubt dann in heiliger Einfalt, es sei nicht das Schlechte gewesen, sondern nur ein Schatten, ein Traumbild davon. Ist sie aber gezwungen, es als das Schlechte zu erkennen, so wendet sie sich sofort davon ab und sucht seinen Anblick zu vergessen.

      Die Liebe ist das wirksamste Heilmittel gegen jedes Übel,2 besonders gegen dieses. Den Augen der Gelbsüchtigen erscheint alles gelb; es heißt, sie werden gesund, wenn sie Schellkraut unter die Fußsohlen legen. Das Laster des freventlichen Urteils ist eine geistige Gelbsucht; sie läßt in den Augen der von ihr Befallenen alles schlecht erscheinen. Wer davon geheilt werden will, muß das Pflaster nicht auf die Augen oder den Verstand legen, sondern auf die Affekte, die man vergleichsweise die Füße der Seele nennen kann. Sind deine Affekte, deine Gesinnung gütig, so wird auch dein Urteil gütig sein; sind sie liebevoll, wird auch dein Urteil liebevoll sein.

      Das will ich dir an drei trefflichen Beispielen beweisen. Isaak hatte gesagt, Rebekka sei seine Schwester. Abimelech sah nun, wie er mit ihr spielte, d. h. sie zärtlich liebkoste. Er folgerte daraus, daß sie seine Frau sei (Gen 26,7-9). Ein argwöhnischer Geist hätte geurteilt, daß Rebekka ein schlechtes Weib sei, oder wenn seine Schwester, daß dann Isaak in Blutschande mit ihr lebte. Abimelech aber nahm das an, was am ehesten der Liebe entsprach. - So mußt auch du immer zugunsten des Nächsten urteilen, soweit es nur möglich ist. Hätte eine Handlung hundert Gesichter, so sollst du das schönste ansehen.

      Als Unsere liebe Frau ihr Kindlein unter dem Herzen trug, konnte der hl. Joseph, als er es bemerkte, nicht an einen Fehltritt glauben, da er sie ganz rein, heilig und engelgleich wußte; so entschloß er sich, sie zu verlassen und das Urteil Gott anheimzustellen. Obwohl alle Anzeichen gegen die Jungfrau sprachen, erlaubte er sich doch kein Urteil. Warum wohl? Weil er, wie der Geist Gottes bezeugt, gerecht war (Mt 1,19). Wenn der Gerechte bei einem sonst als anständig bekannten Menschen weder die Tatsache noch die Absicht entschuldigen kann, will er doch nicht urteilen, sondern wendet sich ab und überläßt Gott das Urteil.

      Der gekreuzigte Heiland konnte zwar nicht die Sünde seiner Peiniger entschuldigen, doch schwächte er wenigstens ihre Bosheit ab, die er mit ihrer Unwissenheit begründet (Lk 23,34). Wenn wir auch die Sünde nicht entschuldigen können, so wollen wir doch Mitleid haben und sie der noch am ehesten erträglichen Ursache zuschreiben, wie der Unwissenheit oder Schwäche.

      Darf man also niemals über den Nächsten urteilen? Nein, gewiß nicht. Gott urteilt über die Verbrecher im Gericht. Er bedient sich wohl der Stimme staatlicher Beamter, um sich unseren Ohren vernehmbar zu machen. Sie sind seine Dolmetscher und dürfen nichts aussprechen, was sie nicht von ihm wissen, da sie nur seine Sprecher sind. Handeln sie anders, folgen sie ihren Leidenschaften, dann richten sie selbst und werden demnach auch gerichtet werden, denn es steht keinem Menschen zu, als Mensch andere zu richten.

      Etwas sehen und wissen, heißt noch nicht urteilen. Das Richten setzt nach der Heiligen Schrift eine große oder kleine, wirkliche oder scheinbare Schwierigkeit voraus, die überwunden werden muß. Deshalb sagt auch die Heilige Schrift, daß die Ungläubigen schon gerichtet sind (Joh 3,18), weil es über ihre Verdammnis keinen Zweifel geben kann. Es ist deshalb noch kein Unrecht, wenn man über Mitmenschen Zweifel hegt; denn nicht der Zweifel ist verboten, sondern das Richten. Allerdings darf man nur zweifeln und argwöhnen, soweit Gründe und Beweise uns dazu zwingen, sonst wären auch Zweifel und Argwohn freventlich. Wenn irgendein übelwollender Mensch Jakob gesehen hätte, wie er Rachel beim Jakobsbrunnen küßte (Gen 29,11), oder Rebekka, als sie von dem in ihrer Gegend ganz unbekannten Eliezer die Armspangen und Ohrgehänge annahm (ebd. 24,22), so hätte er gewiß von diesen zwei vorbildlich reinen Menschen zu Unrecht schlecht gedacht. Denn wenn eine Handlung an sich weder gut noch schlecht ist, dann ist es ein freventlicher Argwohn, daraus schlechte Folgerungen zu ziehen, außer es gäben verschiedene Umstände den Gründen Gewicht. Ein freventliches Urteil ist es auch, aus einer Handlung weitgehende Folgerungen zu ziehen, und jemand ihretwegen schlechte Eigenschaften zuzuschreiben. Darüber muß ich mich noch deutlicher ausdrücken.

      Wer um das eigene Gewissen wirklich Sorge trägt, wird schwerlich in den Fehler eines freventlichen Urteils verfallen. Wenn die Bienen sehen, daß es neblig ist, ziehen sie sich in den Stock zurück und beschäftigen sich mit dem Honig. So befassen sich auch die Gedanken guter Menschen nicht mit unklaren und nebelhaften Handlungen ihrer Mitmenschen, sondern ziehen sich in das eigene Herz zurück, um sich dort mit guten Vorsätzen für den eigenen Fortschritt zu beschäftigen. Nur müßige Seelen finden ein Vergnügen daran, das Leben anderer Leute zu untersuchen.

      Davon nehme ich jene aus, die Verantwortung für andere tragen, sei es nun in der Familie, oder in der Gesellschaft. Sie sind im Gewissen verpflichtet, auf das Gewissen der anderen zu achten und darüber zu wachen. Sie mögen ihre Pflicht in Liebe erfüllen, sonst aber sich in dieser Hinsicht zurückhalten.

      29. Kapitel

      Das lieblose Reden.

      Das freventliche Urteil bewirkt Unruhe, Verachtung der Mitmenschen, Hochmut, Selbstgefälligkeit und viele andere schädliche Folgen, unter denen die lieblose Nachrede eine der schlimmsten ist, eine wahre Pest der Gesellschaft. Hätte ich doch eine der glühenden Kohlen vom heiligen Altar, um die Lippen der Menschen damit zu berühren, damit ihre Schlechtigkeit getilgt und sie von der Sünde gereinigt würden, wie es lsaias durch den Seraph geschah (Is 6,6 f). Wer die üble Nachrede aus der Welt schaffen könnte, hätte sie von einem großen Teil der Sünden und der Bosheit befreit.

      Wer dem Nächsten ungerechter Weise den guten Ruf nimmt, hat nicht nur eine Sünde begangen, er ist auch zur Wiedergutmachung verpflichtet, je nach der Art der üblen Nachrede. Keiner kann mit fremdem Gut belastet in den Himmel eingehen; von allen irdischen Gütern ist aber der gute Ruf das wertvollste.

      Die üble Nachrede ist eine Art Mord. Wir haben drei Leben: das geistliche, das in der Gnade Gottes besteht, das körperliche, das seinen Sitz in der Seele hat, und das bürgerliche, das im guten Ruf liegt. Die Sünde nimmt uns das erste, der Tod das zweite, die üble Nachrede das dritte. Mit einer einzigen Verleumdung begeht der Ehrabschneider drei Morde: er tötet seine eigene Seele und die Seele seines Zuhörers, indem er das geistliche Leben beider vernichtet, außerdem das bürgerliche Leben dessen, über den er Schlechtes aussagt. Nach dem hl. Bernhard hat sowohl jener, der Schlechtes aussagt, wie jeder, der es anhört, den Teufel in sich: ³der eine auf der Zunge, der andere im Ohr.'' David sagt von den Lästerern: ³Sie haben ihre Zunge gespitzt wie die Schlangen" (Ps 140,4). Die Schlange hat eine gegabelte Zunge mit zwei Spitzen, wie Aristoteles sagt. So ist auch die Lästerung beschaffen: mit einem einzigen Züngeln trifft sie das Ohr des Zuhörers und den guten Ruf ihres Opfers und vergiftet beide.

      Ich beschwöre dich also, niemals weder offen noch heimlich von irgend jemand lieblos zu reden. Hüte dich, deinen Mitmenschen fälschlich Verbrechen und Sünden anzudichten, heimlichen nachzuspüren, bestehende zu vergrößern, gute Handlungen schlecht auszulegen und das Gute, das du an jemand kennst, in Abrede zu stellen, durch Bosheit zu verdrehen und durch Worte herabzusetzen.

      Mit all dem würdest du Gott ernsthaft beleidigen, besonders dann, wenn du den Nächsten zu Unrecht beschuldigst oder zu seinem Schaden die Wahrheit verneinst. Lügen zum Nachteil des Nächsten ist doppelte Sünde.

      Besonders raffiniert wirkt das Gift der lieblosen Rede, wenn man ihr ehrende Worte vorausschickt oder sie mit Freundlichkeiten und Scherzworten spickt. ³Ich habe ihn gewiß gern, er ist ja auch ein feiner Mensch, aber um die Wahrheit zu sagen, er tat unrecht, eine solche Gemeinheit zu begehen." - ³Sie ist gewiß ein anständiges Mädchen, aber sie ist eben überrumpelt worden", und ähnliche Redewendungen. Merkst du die Hinterlist? Wer mit dem Bogen schießen will, zieht zuerst den Pfeil mit aller Kraft zurück, um ihn dann mit umso größerer Wucht abzuschießen. So erwecken auch diese Lästerzungen zunächst den Eindruck, ihre lieblosen Reden zurückzuhalten, um sie dann desto kräftiger loszulassen, damit sie recht tief in das Herz der Zuhörer eindringen.

      Die witzige Lieblosigkeit ist die grausamste von allen. Der Schierling ist an sich kein gefährliches Gift; er wirkt sehr langsam und man kann leicht Gegenmittel anwenden. Mit Wein genommen ist er aber ein tödliches Gift, gegen das es keine Rettung gibt. So geht auch die üble Nachrede bei einem Ohr hinein, beim anderen hinaus, wie man sagt; sie bleibt aber im Gedächtnis der Zuhörer haften, wenn sie in geschickter, witziger Form gebracht wird. ³Sie haben Natterngift auf ihren Lippen'', sagt David (Ps 12,5; 140,4). Der Biß der Natter ist fast unsichtbar, ihr Gift wirkt zuerst angenehm, so daß sich Herz und Gefäße erweitern und das Gift aufnehmen, gegen das es kein Heilmittel mehr gibt.

      Sag nicht: ³Der ist ein Trunkenbold'', wenn du ihn einmal betrunken gesehen hast; oder ³Der ist ein Ehebrecher", weil du ihn einmal sündigen sahst, noch nenne einen Blutschänder, den du in dieser unseligen Verirrung antrafst. Eine einzige Tat rechtfertigt nicht eine solche Bezeichnung. Die Sonne stand einmal still für den Sieg Josuas (Jos 10,13), sie verfinsterte sich für den Sieg des Herrn am Kreuz (Lk 23,45); deswegen wird aber keiner behaupten, sie stehe still oder sei verfinstert. Noe berauschte sich einmal, ebenso Lot, der dabei sogar in Blutschande verfiel; trotzdem kann man die beiden nicht Trunkenbolde nennen und Lot nicht einen Blutschänder. Den hl. Petrus darf man nicht blutrünstig nennen, weil er einmal Blut vergossen, ebenso nicht einen Flucher, weil er einmal einen Fluch ausgestoßen hat. Um ein Laster oder eine Tugend mit Recht als Beinamen zu erhalten, muß man darin fortgeschritten sein und sie gewohnheitsmäßig üben. Es ist also eine Verleumdung, jemand einen Dieb oder Jähzornigen zu heißen, weil man ihn einmal unehrlich oder zornig gesehen hat.

      Sogar wenn jemand lange Zeit hindurch lasterhaft war, läuft man Gefahr zu lügen, wenn man ihn lasterhaft nennt. Simon der Aussätzige nannte Magdalena eine Sünderin (Lk 7,39), weil sie es früher war; er sagte aber trotzdem die Unwahrheit, denn sie war es nicht mehr, sondern eine heilige Büßerin. Der Herr nimmt sie deshalb auch in Schutz. Jener unvernünftige Pharisäer hielt den Zöllner für einen großen Sünder, für einen unehrlichen Menschen, für einen Ehebrecher und Dieb; wie sehr täuschte er sich aber, denn ³dieser ging gerechtfertigt nach Hause'' (Lk 18,11 f). Die Güte Gottes ist so groß, daß ein Augenblick genügt, um seine Gnade zu erflehen und zu erlangen; welche Sicherheit haben wir also, daß der Sünder von gestern es auch heute noch ist? Wir können das Gestern nicht nach dem Heute beurteilen und das Heute nicht nach gestern; allein der letzte Tag entscheidet über alle. Wir können also niemals einen Menschen schlecht nennen, ohne Gefahr zu laufen, daß wir lügen. Wenn wir sprechen müssen, dann können wir das eine sagen, daß einer diese bestimmte schlechte Tat begangen, daß er eine gewisse Zeit lang ein schlechtes Leben geführt hat oder eben schlecht handelt; aber wir können nicht von gestern auf heute, nicht von heute auf gestern und noch weniger auf morgen Schlüsse ziehen.

      Wenn man auch außerordentlich vorsichtig sein muß, um nichts Schlechtes vom Nächsten zu sagen, so muß man sich ebenso vor der anderen Übertreibung hüten, das Laster zu loben, um die üble Nachrede zu vermeiden. Wenn jemand lieblose Reden führt, dann sag nicht zu seiner Entschuldigung, er spreche frei und offenherzig. Sag nicht von einer offenkundig eitlen Person, sie sei großzügig und reinlich; gefährliche Freiheiten darfst du nicht Einfalt und Natürlichkeit nennen; beschönige nicht den Ungehorsam mit dem Namen Offenheit, die Geilheit mit der Bezeichnung Freundschaft. Nein, es geht nicht an, daß man andere Laster begünstige, verharmlose und nähre, um dem Laster der üblen Nachrede zu entgehen. Man muß vielmehr schlicht und offen das Schlechte schlecht nennen, das Tadelnswerte tadeln. Tun wir das unter Beobachtung der folgenden Regeln, dann verherrlichen wir Gott.

      Um mit Recht die Laster anderer zu tadeln, muß es der Nutzen dessen erfordern, über den oder zu dem man spricht. Jemand erzählt vor Mädchen von taktlosen Vertraulichkeiten dieser oder jener Leute, Dinge, die wirklich gefährlich sind. Oder man gibt unanständige Worte wieder und schildert Ausschweifungen: Geschieht dies in meiner Gegenwart und ich tadle nicht offen diese Reden, sondern suche sie zu entschuldigen, dann kommen diese zarten Seelen in Gefahr, sich in solchen Dingen ebenfalls gehen zu lassen. Zu ihrem Nutzen ist es also erforderlich, daß ich sofort offen dagegen Stellung nehme, außer ich kann dieser Pflicht später zu einem geeigneteren Zeitpunkt und mit mehr Rücksichtnahme auf die Betroffenen genügen.

      Außerdem muß ich gegen diese Dinge Stellung nehmen, wenn ich zu den Ersten der Gesellschaft gehöre, denn durch mein Schweigen schiene ich das Schlechte gutzuheißen. Gehöre ich aber nicht zu den Tonangebenden, so ist es nicht meine Sache, den Tadel auszusprechen.

      Vor allem muß ich meine Worte sorgfältig wählen, um nicht ein Wort zu viel zu sagen. Wenn ich z. B. das freie Benehmen eines Burschen oder Mädchens tadle, weil es unschicklich oder zweideutig ist, bei Gott, dann muß ich meine Worte genau abwägen, um die Sache auch nicht im geringsten zu vergrößern! Wenn etwas nur den Anschein des Schlechten hatte, dann sage ich eben nur das und nicht mehr; war es nur Unklugheit, dann mache ich nicht mehr daraus; war es weder unklug noch anscheinend schlecht und könnte nur ein Böswilliger darin Grund zu übler Nachrede finden, dann sage ich entweder gar nichts oder nur dies. Meine Zunge ist, während ich vom Nächsten spreche, wie das Messer in der Hand des Chirurgen, der zwischen Nerven und Sehnen schneidet. Der von mir beabsichtigte Schnitt muß so haargenau geführt werden, daß ich nicht mehr und nicht weniger sage, als wirklich an der Sache ist. Außerdem muß ich beim Tadeln eines Fehlers soviel wie möglich die Person dessen schonen, der ihn begangen hat.

      Über öffentliche Sünder, die als solche allgemein bekannt sind, darf man sich allerdings freimütig äußern, vorausgesetzt, daß es immer im Geiste der Liebe und des Mitleids geschehe, nicht in selbstgefälligem Hochmut oder aus Schadenfreude, denn das verrät einen niedrigen und gemeinen Geist. Ich nenne hier vor allem die offenkundigen Feinde Gottes und seiner Kirche; sie muß man offen anprangern, soviel man nur kann. Es ist ein Liebesdienst, laut vor dem Wolf zu warnen, wenn er in die Schafherde einbricht oder sie umschleicht.

      Jeder nimmt sich die Freiheit, die Fürsten zu tadeln und ganzen Nationen Schlechtes nachzusagen, je nach seiner Einstellung zu ihnen. Begehe nicht den gleichen Fehler; er ist nicht nur eine Beleidigung Gottes, sondern auch Anlaß zu allen möglichen Streitigkeiten.

      Hörst du lieblos reden, so bezweifle die Anschuldigung, soweit du kannst; ist auch das unmöglich, dann zeige Mitleid mit ihm und suche das Gespräch auf etwas anderes abzulenken. Erinnere dich und die anderen daran, daß wir es nur der Gnade Gottes verdanken, wenn wir nicht auch gefallen sind. Suche den, der Liebloses spricht, auf sanfte Art umzustimmen; weißt du etwas Gutes über die Person, von der gesprochen wird, dann erzähle es.1

      30. Kapitel

      Weitere Ratschläge über das Reden.

      Deine Sprache soll ruhig, offen und gerade, schlicht, natürlich und aufrichtig sein. Hüte dich vor jeder Doppelzüngigkeit, Geziertheit und Schlauheit. Wenn es auch nicht immer gut ist, unbedingt alles herauszusagen, was wahr ist, so ist es doch nie gestattet, die Unwahrheit zu sagen. Gewöhne dich daran, niemals bewußt zu lügen, weder um dich zu entschuldigen, noch aus einem anderen Grund. Bedenke immer, daß Gott der Gott der Wahrheit ist (Ps 33,4). Hast du aus Unachtsamkeit gelogen, dann stelle womöglich sofort durch eine Erklärung oder Zurücknahme deine Behauptung richtig. Eine aufrichtige Entschuldigung wirkt immer besser als eine noch so schöne Lüge.

      Wenn man auch zuweilen taktvoll und klug die Wahrheit durch geschickt gewählte Worte verschleiern und verbergen darf, so soll das doch nur in ganz wichtigen Dingen geschehen, soweit es die Ehre und der Dienst Gottes offenkundig erfordern; sonst sind solche Kunstgriffe gefährlich, denn wie die Schrift sagt, wohnt der Heilige Geist nicht in einer listigen und doppelzüngigen Seele (Weish 1,5). Es gibt keine bessere und erstrebenswertere Klugheit als die Einfalt. Menschliche Schlauheit und irdische List sind das Erbteil der Kinder dieser Welt; die Kinder Gottes gehen den geraden Weg, ihr Herz hat keine verborgenen Falten. Wer einfach wandelt, sagt der Weise, wandelt sicher (Spr 10,9). Lüge, Doppelzüngigkeit und Verstellung lassen immer auf einen schwachen und gemeinen Charakter schließen.

      Der hl. Augustinus schreibt im 4. Buch seiner Bekenntnisse, daß er mit seinem Freund ein Herz und eine Seele war, so daß ihm nach dem Tod seines Freundes vor dem Leben bangte, weil es ihm nur ein halbes Leben schien; dennoch fürchtete er wiederum sein eigenes Sterben, damit sein Freund nicht auch mitsterbe. Diese Ausdrücke schienen ihm später zu gekünstelt und gemacht; er nahm sie deshalb auch im ³Buch der Widerrufe'' zurück und nannte sie einen Unsinn. Siehst du, wie empfindlich dieser Heilige gegen affektierte Worte war? Denn ohne Zweifel ist eine gerade, klare und offene Sprache die Zierde des christlichen Lebens. ³Ich habe gesagt, ich werde auf meine Wege achten, um nicht mit der Zunge zu sündigen. Herr, stelle eine Wache auf vor meinem Mund und verschließe meine Lippen mit einem Tor", betete David (Ps 39,1; 141,3).

      Der hl. Ludwig gibt den Rat, niemand zu widersprechen, außer jener hat gesündigt oder ist in Gefahr, es zu tun. Damit wollte er jeden Streit vermeiden. Sind wir gezwungen, zu widersprechen und unsere Ansicht der eines anderen entgegenzustellen, so soll es ruhig, taktvoll und ohne Heftigkeit geschehen. Mit Grobheit gewinnt man nichts.

      Die Weisen des Altertums empfehlen, wenig zu reden. Das heißt nicht, man soll nur wenige Worte sagen, sondern unnütze vermeiden. Beim Reden zählt man nicht die Worte, sondern wägt den lnhalt. Vor zwei Übertreibungen soll man sich in acht nehmen: 1. den verschlossenen Strengen zu spielen, so daß man in Gesellschaft nicht an der Unterhaltung teilnehmen will; das sieht nach Mißtrauen oder Verachtung aus; 2. unaufhörlich zu schwätzen und zu plaudern, so daß die anderen überhaupt nicht zu Worte kommen; dann wird man zu Recht für seicht und oberflächlich gehalten.

      Der hl. Ludwig sah es nicht gern, wenn man in Gesellschaft, vor allem bei Tisch miteinander flüsterte und leise beriet, denn das ließe den Verdacht aufkommen, daß man über andere Schlechtes sagte. Er sagte: ³Wer in guter Gesellschaft bei Tisch etwas Fröhliches und Aufheiterndes zu sagen weiß, soll es vor allen sagen; über wichtige Dinge aber soll man in diesem Fall nicht sprechen und lieber schweigen.''

      31. Kapitel

      Gute Erholungen.

      Geist und Körper verlangen von Zeit zu Zeit nach Entspannung durch irgendeine Erholung. Cassian erzählt, ein Jäger habe den heiligen Evangelisten Johannes eines Tages mit einem Rebhuhn auf dem Arm angetroffen, das er streichelte und mit dem er spielte; der Jäger konnte nicht verstehen, wie ein solcher Mann seine Zeit mit so gewöhnlichen Dingen vertun könnte, worauf der Heilige ihn fragte: ³Warum trägst du deinen Bogen nicht immer gespannt?" Der Jäger antwortete: ³Wäre der Bogen immer gespannt, dann hätte er nicht mehr die Kraft zurückzuschnellen, wenn man ihn braucht." - ³Wundere dich also nicht'', erwiderte der Apostel, ³wenn auch ich die angestrengte Aufmerksamkeit des Geistes ein wenig vermindere, um mich zu erholen; nachher kann ich mich umso frischer der Betrachtung widmen.'' Es ist gewiß keine gute Eigenschaft, wenn man so hart, ungeschliffen und ungesellig ist, daß man weder sich noch anderen irgendeine Erholung gönnen will.

      Sich ins Freie begeben, spazieren gehen, sich fröhlich und heiter unterhalten, auf der Gitarre oder einem anderen Instrument spielen, singen oder jagen, das alles sind anständige Erholungen und es bedarf nur des gesunden Menschenverstandes, um dabei vernünftig zu bleiben und jedem Ding seine Zeit, seinen Ort, sein Maß und seine Bedeutung zu lassen.

      Spiele, bei denen man einen Preis als Anerkennung für die Gewandtheit und Geschicklichkeit des Körpers oder Geistes gewinnt, Ball- und Laufspiele, Schach und andere, sind an sich gute und erlaubte Erholungen; man muß sich nur vor Übertreibungen hüten, sowohl in der Zeit, die man ihnen widmet, als auch im festgesetzten Preis. Zu viel Zeit dafür verwenden, ist keine Erholung mehr, sondern eine Anstrengung; man entspannt Geist und Körper nicht, sondern ermüdet sie. Wenn man fünf oder sechs Stunden Schach gespielt hat, ist man geistig ermattet und müde. Zu lang dauernde Ballspiele erholen den Körper nicht, sondern ermatten ihn. Ist der Gewinn, um den man spielt, zu hoch, dann werden die Leidenschaften der Spieler entfesselt; außerdem ist es ungerecht, so hohe Preise auf diese unwichtigen und nutzlosen Geschicklichkeiten und Anstrengungen zu setzen, wie sie diese Spiele erfordern.

      Vor allem hüte dich, dein Herz an diese Dinge zu hängen! So berechtigt auch eine Erholung ist, so ungeziemend ist es, sein Herz und seine Liebe daran zu hängen. Gewiß darf der Spieler Freude am Spiel haben, sonst wäre es keine Erholung. Ich wiederhole aber: man soll nicht sein Herz daran hängen, denn es geht nicht an, mit Leidenschaft darnach zu verlangen und sich dabei aufzuhalten.

      32. Kapitel

      Verbotene Spiele

      Würfel- und Kartenspiele oder ähnliche, bei denen der Gewinn in erster Linie vom Zufall abhängt, sind nicht nur gefährliche Unterhaltungen wie etwa das Tanzen, sondern einfach von Natur aus schlecht und tadelnswert; deshalb sind sie auch durch bürgerliche und kirchliche Gesetze verboten. Was aber ist denn schlecht an ihnen? Nicht Vernunftgründe entscheiden hier über den Gewinn, sondern der Zufall, der wider alle Vernunft sehr oft denjenigen begünstigt, der es weder durch seine Leistung noch durch seine Geschicklichkeit verdient; das aber ist vernunftwidrig. Du sagst: Wir haben es ja so ausgemacht. Nun, damit ist nur bewiesen, daß der Gewinner kein Unrecht gegen die anderen begeht, nicht aber, daß die Abmachung und das Spiel selbst vernünftig sind. Denn der Gewinn, der einer Leistung gelten soll, wird dem Zufall überlassen, der keinen Preis verdient, weil er nicht von uns abhängt.

      Weiterhin sollen Spiele eine Erholung sein; das ist doch ihr Sinn. Solche Spiele aber sind das keineswegs; sie sind eine anstrengende Beschäftigung. Ist es etwa nicht ermüdend, den Geist durch ständige Aufmerksamkeit angespannt zu halten, aufgewühlt von Unruhe, Furcht und Aufregung? Gibt es eine Aufmerksamkeit, die ernster, düsterer und anstrengender ist als die der Spieler? Während des Spieles darf keiner sprechen, lachen oder husten, sonst fahren die Spieler gleich ärgerlich auf.

      Dann gibt es bei diesen Spielen keine Freude außer der am Gewinn. Ist das nicht eine schlechte Freude, die man nur haben kann auf Kosten und zum Ärger der Mitspieler? Gewiß ein unbilliges Vergnügen! Aus diesen drei Gründen sind solche Spiele verboten.

      Der große heilige König Ludwig erfuhr, daß sein Bruder, der Graf von Anjou, mit Gauthier von Nemour am Spieltisch saß; da stand er trotz seiner Krankheit auf, ging schwankenden Schrittes in ihr Zimmer, ergriff den Tisch, die Würfel und einen Teil des Geldes und warf in flammendem Zorn alles zum Fenster hinaus ins Meer. Die keusche und fromme Sara betete zu Gott und beteuerte ihre Reinheit mit den Worten: ³Du weißt, o Herr, daß ich niemals mit Spielern Umgang hatte'' (Tob 3,16 f).

      33. Kapitel

      Bälle und andere erlaubte, aber gefährliche Unterhaltungen.

      Tanzunterhaltungen und Bälle sind an sich weder gut noch schlecht; aber die Art und Weise, in der sie gewöhnlich abgehalten werden, läßt sie zum Schlechten hinneigen und gefährlich werden. Sie werden nachts abgehalten, und im Schutz der Dunkelheit kann sich leicht Lichtscheues und Lasterhaftes unbemerkt einschleichen, zumal diese Vergnügungen an sich schon für Schlechtes sehr empfänglich sind. Ferner muß man dafür einen großen Teil der Nacht durchwachen; natürlich ist dann der Morgen verloren und damit auch die Möglichkeit der heiligen Messe, Kommunion und Betrachtung. Es ist immer unvernünftig, die Nacht zum Tag zu machen, das Licht mit der Finsternis zu vertauschen, die guten Werke für Verrücktheiten zu opfern. Zum Ball bringt jeder ein gerütteltes Maß an Eitelkeit mit, aus ihr entspringen oft sündhafte Empfindungen, gefährliche und tadelnswerte Liebschaften, die durch das Tanzen sehr gefördert werden.

      Ich sage dir von den Tänzen, was die Ärzte von den Steinpilzen und vom Champignon sagen: Die besten taugen nicht viel. Mußt du aber trotzdem Pilze essen, dann achte darauf, daß sie gut zubereitet sind; und wenn du aus einem triftigen Grund auf einen Ball gehen mußt, dann sieh zu, daß du dafür in der richtigen Verfassung bist: daß du Bescheidenheit, Anstand und eine gute Absicht mitbringst. Die Ärzte raten außerdem, Pilze nur selten und in geringen Mengen zu essen, denn trotz guter Zubereitung wirken sie bei reichlichem Genuß wie Gift. Ebenso sollst du nicht viel und nicht oft tanzen, sonst läufst du Gefahr, daran Gefallen zu finden.

      Da der Champignon sehr porös ist, soll er nach Plinius leicht alles Giftige aus seiner Umgebung in sich aufnehmen, so auch das Gift der Schlangen, wenn sie in seine Nähe kommen. Auch Bälle, Tanz und andere nächtliche Vergnügungen ziehen Laster und Sünde an, die auf ihrem Boden gut gedeihen: Streitigkeiten und Mißgunst, Spott, verrückte Liebschaften und anderes. Wie sich in der Bewegung des Tanzes die Poren der Haut öffnen, so weiten sich auch die Poren des Herzens; und wenn dann irgendeine Schlange Schmeicheleien, Liebeserklärungen oder Zärtlichkeiten ins Ohr flüstert oder eine Natter anzügliche Blicke wirft, dann läßt sich ein solches Herz leicht fangen und vergiften.

      Diese ungeziemenden Unterhaltungen sind zumeist gefährlich; sie zersetzen den Geist der Frömmigkeit, schwächen die Kräfte des Herzens, lassen die Liebe erkalten und wecken in der Seele tausend schlechte Empfindungen. Deshalb darf man davon nur mit großer Vorsicht Gebrauch machen.

      Es heißt, nach dem Genuß von Pilzen soll man guten Wein trinken; und ich sage dir, du sollst nach dem Tanzen heilige und gute Gedanken fassen, die den schlechten Eindrücken der eitlen Vergnügungen entgegenwirken.

      Bedenke also folgendes: 1. Während du auf dem Ball warst, brannten viele Seelen im Feuer der Hölle für die Sünden, die sie während oder infolge des Tanzes begangen haben. - 2. Zur selben Zeit knieten viele Ordensleute und fromme Menschen vor Gott, sangen sein Lob und betrachteten seine Schönheit; wieviel besser war doch ihre Zeit genützt als die deine! - 3. Während du tanztest, sind viele Menschen in bitterer Todesangst gestorben, Tausende und Abertausende mußten auf ihrem Krankenlager, in Spitälern oder auf der Straße schwere Leiden erdulden: Gicht, hohes Fieber und andere Krankheiten. Sie konnten keine Ruhe finden; hast du kein Mitleid mit ihnen? Wirst nicht auch du einmal klagen, wie sie, während andere tanzen, wie du jetzt getan? - 4. Der Heiland, Unsere liebe Frau, die Engel und Heiligen sahen dich auf dem Ball. Wie tatest du ihnen leid, da sie dein Herz mit einer solchen Albernheit beschäftigt, an so törichtes Tun hingegeben sahen! - 5. Während du dort weiltest, entfloh die Zeit, der Tod rückte immer näher. Siehst du, wie er sich über dich lustig macht und dich zu seinem Tanz auffordert, zu dem als Geigen die Klagen deiner Angehörigen aufspielen werden, bei dem der einzige Schritt der vom Leben zum Tod sein wird. Dieser Tod ist der wahre Zeitvertreib der Sterblichen, denn durch ihn werden sie in einem Augenblick aus der Zeit in die Ewigkeit der Seligkeit oder der Qualen getrieben.

      Diese Erwägungen schreibe ich dir auf; Gott wird dir noch andere zum gleichen Gegenstand eingeben, wenn du gottesfürchtig bist.

      34. Kapitel

      Wann darf man spielen und tanzen?

      Man darf spielen und tanzen zur Erholung, nicht aber aus Leidenschaft; nur kurze Zeit, nicht aber bis zur Ermattung und Erschöpfung; selten, denn die Gewohnheit macht aus der Erholung eine Beschäftigung.

      Bei welcher Gelegenheit darf man spielen und tanzen? Ein vernünftiger Anlaß zu Tanz und erlaubtem Spiel ergibt sich häufiger als zu verbotenem Glücksspiel, das außerdem viel verwerflicher und gefährlicher ist. Mit einem Wort: Spiele und tanze, wie ich oben angeführt habe, wenn Klugheit und Takt es anraten, um einer anständigen Gesellschaft einen Gefallen zu erweisen und ihrem Wunsch zu entsprechen; denn die Nachgiebigkeit, ein Kind der Liebe, macht gut, was an sich gleichgültig, und erlaubt, was gefährlich ist. Sie kann sogar manchen Handlungen das Schlechte nehmen, wenn sie nur in bestimmter Hinsicht schlecht sind; so könnten Glücksspiele angebracht sein, die sonst zu verurteilen wären, wenn gerechtfertigte Nachgiebigkeit uns dazu veranlaßt.

      Es war mir eine Freude, im Leben des hl. Karl Borromäus zu lesen, daß er sich den Gewohnheiten der Schweizer in Dingen anpaßte, in denen er sonst sehr streng war. Der hl. Ignatius von Loyola nahm ebenfalls eine Einladung zum Spielen an. Die hl. Elisabeth von Thüringen spielte und tanzte in fröhlicher Gesellschaft ohne Schaden für ihre Frömmigkeit, die in ihrer Seele so kräftig verwurzelt war, daß sie ebenso hoch über allem Prunk und alle Eitelkeit erhaben war, denen das Hofleben sie aussetzte, wie die Felsen am See von Riette sich über die Wellen erheben, die sie umbranden. Große Feuer flammen im Winde auf, kleine löscht der Wind aus, wenn man sie nicht schützt.

      35. Kapitel

      Treu sein im Großen und im Kleinen.

      Im Hohen Lied (4,9) sagt der Bräutigam, schon ein Blick, ein Haar der Braut habe sein Herz entzückt. Am menschlichen Körper gibt es nichts Edleres als das Auge und nichts Geringeres als das Haar. Der göttliche Bräutigam will also sagen, daß ihm nicht nur die großen Werke der Frömmigkeit wohlgefällig sind, sondern auch die kleinen und unscheinbaren. Wer ihm nach seinem Wohlgefallen dienen will, muß den kleinen und weniger geachteten Dingen ebensoviel Sorgfalt widmen wie den großen und erhabenen, denn mit dem einen wie mit dem anderen können wir seine Liebe gewinnen.1

      Sei also bereit, große Leiden, ja selbst den Martertod für den Herrn auf dich zu nehmen; sei entschlossen, ihm das Kostbarste zu opfern, wenn er es verlangen sollte: Vater, Mutter, Bruder, Gatten oder Gattin und Kinder, deine Augen sogar und dein Leben; dies alles hinzugeben, soll dein Herz bereit sein. Da dir aber die göttliche Vorsehung nicht so schmerzliche und große Prüfungen schickt, da sie nicht die Augen von dir fordert, so gib ihr wenigstens deine Haare, d. h. ertrage gelassen die kleinen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten, die kleinen alltäglichen Opfer. Mit jedem dieser kleinen Geschenke kannst du seine Liebe gewinnen, wenn du in sie viel Liebe und Hingabe hineinlegst. Diese täglichen kleinen Liebesdienste, das Kopfweh und die Zahnschmerzen, das Geschwür und die üble Laune des Mannes oder der Frau, ein zerbrochenes Glas, ein geringschätziges oder unwilliges Wort, der Verlust eines Ringes oder Taschentuchs, die kleine Unbequemlichkeit, früh schlafen zu gehen, um früh zu Gebet und Kommunion aufzustehen, die Scheu, gewisse Übungen der Frömmigkeit öffentlich zu verrichten, kurz alle diese kleinen Leiden in Liebe angenommen und ertragen, erfreuen die göttliche Güte überaus, die für ein einziges Glas Wasser das Meer der Seligkeit den Gläubigen versprochen hat (vgl. Mt 10,42). Da sich solche Gelegenheiten sehr oft bieten, können wir durch sie große geistliche Reichtümer anhäufen, wenn wir sie gut benützen.

      Als ich im Leben der hl. Katharina von Siena so viel von Ekstasen und Entrückungen des Geistes, von weisen Reden und sogar von Predigten hörte, die sie hielt, da zweifelte ich nicht daran, daß sie mit dem Auge ihrer Beschauung das Herz des himmlischen Bräutigams entzückte. Aber es hat mich nicht weniger erfreut, sie in der Küche ihres Vaterhauses demütig das Feuer im Herd anmachen, Fleisch zubereiten, Brot backen und die unbedeutendsten Hausarbeiten mit einem Herzen voll Liebe gegen Gott verrichten zu sehen. Und ich schätzte die kleinen und schlichten Gedanken, die sie bei diesen niedrigen und gewöhnlichen Arbeiten hegte, nicht minder hoch als die Ekstasen und Verzückungen, mit denen sie oft begnadet war, vielleicht nur als Belohnung für diese Demut und Bescheidenheit. Ihre Gedanken aber waren die: Sie stellte sich vor, daß sie das Mahl wie die hl. Martha für den Heiland bereite statt für ihren Vater, sie sah in ihrer Mutter Unsere liebe Frau, in ihren Brüdern die Apostel. So ermunterte sie sich, im Geist dem ganzen himmlischen Hof zu dienen und verrichtete diese gewöhnlichen Arbeiten mit so großer Liebe, weil sie in ihnen den Willen Gottes erkannte. Ich habe dieses Beispiel angeführt, um dir zu zeigen, wie wichtig es ist, alle Handlungen, so unscheinbar sie auch sein mögen, dem Dienste der göttlichen Majestät zu weihen.

      Dafür empfehle ich dir eindringlich die von Salomo so gepriesene starke Frau als Vorbild; wie er sagt, legt sie Hand an Großes, Erhabenes und Wichtiges, ohne darüber das Spinnen zu unterlassen: ³Sie hat die Hand an Großes gelegt, ihre Finger fassen die Spindel'' (Spr 31,19). Lege die Hand an Großes, übe dich im innerlichen Gebet, in der Betrachtung, empfange die Sakramente, flöße anderen die Liebe zu Gott ein, senke in ihre Herzen gute Regungen, wirke Großes und Wichtiges je nach deinem Beruf; darüber aber vergiß nicht deinen Spinnrocken und deine Spindel, die wie Blumen am Fuß des Kreuzes wachsen: Armendienst, Krankenbesuche, gewissenhafte Sorge für die eigene Familie mit allem, was dazu gehört, fleißige Arbeit, die dich nie müßig sein läßt. In all dies flicht ähnliche Gedanken ein, wie ich sie von der hl. Katharina erzählte.

      Die großen Gelegenheiten, Gott zu dienen, sind selten: kleine gibt es immer. Wer aber im Kleinen treu ist, sagt der Heiland, den wird man über Großes setzen (Mt 25,21). Verrichte also alles im Namen Gottes (Kol 3,17) und es wird gut getan sein. Ob du ißt oder trinkst (1.Kor 10,31), dich erholst oder am Herd stehst: wenn du deine Arbeit gut verrichtest, wirst du großen Nutzen vor Gott haben, wenn du alles tust, weil Gott es von dir verlangt.

      36. Kapitel

      Gerecht und vernünftig sein.

      Wir sind Menschen nur durch die Vernunft, und doch gibt es selten wirklich vernünftige Menschen,1 weil die Eigenliebe gewöhnlich unsere Vernunft trübt und uns in tausenderlei kleine aber gefährliche Ungerechtigkeiten und Schlechtigkeiten hineintreibt, die wie die kleinen Füchse des Hohen Liedes den Weinberg verwüsten (vgl. Hld 2,15). Weil sie so klein sind, achtet man ihrer nicht, wegen ihrer großen Zahl aber richten sie viel Schaden an.

      Ist das etwa nicht schlecht und unvernünftig, was ich dir nun sagen werde? Den Nächsten klagen wir wegen des kleinsten Vergehens an, uns selbst aber entschuldigen wir auch bei schweren Verfehlungen; wir wollen recht teuer verkaufen und billig einkaufen; für die anderen soll die strenge Gerechtigkeit gelten, für uns aber Barmherzigkeit und Nachsicht; unsere Worte soll man stets gut aufnehmen, wir dagegen sind empfindlich gegen das kleinste Wort der anderen und regen uns darüber auf.

      Wir möchten, daß andere uns ihr Eigentum gegen Bezahlung überlassen. Haben sie nicht mehr Recht, ihr Eigentum zu behalten und wir unser Geld? Wir sind ihnen gram, daß sie sich nicht unseren Wünschen fügen; haben sie nicht mehr Recht, über uns ungehalten zu sein, daß wir sie belästigen?

      Neigen wir sehr zu einer Übung, dann achten wir alles andere für gering und kritisieren alles, was nicht nach unserem Geschmack ist. Können wir einen unserer Untergebenen nicht leiden oder haben wir irgendetwas gegen ihn, dann kann er uns nichts recht machen und wir finden alles schlecht, was er tut; wir finden kein Ende, ihn zu tadeln, und nörgeln immer an ihm herum. Haben wir aber an einem sinnliches Gefallen, dann mag er tun was immer, wir wissen es stets zu entschuldigen. Es gibt Eltern, die durchaus tugendhafte Kinder nur deshalb nicht ausstehen können, weil sie einen körperlichen Fehler haben; dagegen sind manchmal ungezogene Kinder die Lieblinge der Eltern nur wegen ihrer körperlichen Reize.

      Wir ziehen immer die Reichen den Armen vor, obwohl sie weder besser noch tugendhafter sind; ja wir bevorzugen jene, die besser gekleidet sind. Wir fordern schroff unser Recht, erwarten aber, daß die anderen höflich vorgehen, wenn sie zu ihrem Recht kommen wollen. Wir sind kleinlich auf unseren Rang bedacht, wollen aber, daß die anderen demütig und herablassend seien. Wir klagen gleich über den Nächsten, wollen aber nicht, daß man sich über uns beklage. Was wir für andere tun, scheint uns immer zu viel, was andere für uns tun, zählt in unseren Augen nicht. Mit einem Wort, wir gleichen den Wachteln von Paphlagonien, die zwei Herzen haben: wir haben ein mildes, nachsichtiges und höfliches Herz für uns, gegen die anderen aber ein hartes, strenges und unerbittliches.

      Wir haben zweierlei Gewicht: eines, um unsere eigenen Interessen möglichst vorteilhaft, und ein zweites, um jene des Nächsten möglichst unvorteilhaft zu bestimmen. ³Trügerische Lippen reden mit Herz und Herz'', sagt die Heilige Schrift (Ps 12,3); d. h. sie haben zwei Herzen. Zweierlei Gewicht haben, ein schweres beim Kaufen, ein leichtes beim Verkaufen, ist vor Gott ein Greuel (vgl. Dtn 25,13; Spr 20,10).

      Sei also gleichmäßig gerecht in all deinem Tun. Versetze dich immer in die Lage deines Mitmenschen und ihn an deine Stelle, dann wirst du richtig urteilen. Wenn du kaufst, stelle dir vor, du seist der Verkäufer, wenn du verkaufst, du seist der Käufer, dann wirst du immer gerecht kaufen und verkaufen. Ungerechtigkeiten dieser Art sind klein, sie verpflichten uns nicht zur Rückgabe, denn wir bestehen ja nur auf strenger Gerechtigkeit, soweit es für uns günstig ist. Wir sind aber doch verpflichtet, uns zu bessern, denn das sind große Fehler gegen die Vernunft und die Liebe. Schließlich täuscht man sich dabei selbst, denn man verliert nichts, wenn man hochherzig, freundlich und zuvorkommend ist.

      Prüfe darum oft dein Herz, ob es gegen den Nächsten so gesinnt ist, wie du es von ihm erwartest, wenn du an seiner Stelle wärest, dann handelst du gewiß vernünftig. Trajan wurde einmal von seinen Vertrauten getadelt, daß er als Kaiser nach ihrer Meinung mit jedermann zu vertraulich sei. ³Soll ich nicht als Kaiser gegen meine Untergebenen so sein'', antwortete er, ³wie ich ihn mir wünschte, wenn ich selbst Untergebener wäre?''

      37. Kapitel

      Von den Wünschen.

      Jedermann weiß, daß man nichts Schlechtes wünschen darf, denn schon der Wunsch nach Bösem macht uns selbst schlecht. Ich sage noch mehr: Wünsche dir auch nichts, was deiner Seele gefährlich ist, wie Bälle, Spiele und ähnliche Unterhaltungen; auch nicht Ehren und Ämter, nicht Visionen und Ekstasen, denn darin liegt große Gefahr der Eitelkeit und Täuschung.1 Wünsche dir nicht fernliegende Dinge; manche ermüden und zerstreuen damit ihr Herz ganz unnütz und setzen sich der Gefahr großer Unruhe aus. Wenn sich ein junger Mensch heiß nach einem Amt sehnt, bevor die Zeit dafür gekommen ist, was nützt ihm dieser Wunsch? Wenn eine verheiratete Frau sich nach dem Ordensleben sehnt, welchen Sinn hat das? Wenn ich das Gut meines Nachbarn kaufen möchte, ehe er es zu verkaufen gewillt ist, verliere ich da nicht meine Zeit mit diesen Wünschen? Wenn ich krank bin und möchte predigen, die heilige Messe feiern, Kranke besuchen und die Arbeit der Gesunden verrichten, sind das nicht eitle Wünsche? Es liegt doch im Augenblick nicht in meiner Macht, sie zu verwirklichen.

      Die unnützen Wünsche nehmen überdies jenen den Raum, die ich jetzt haben soll: geduldig zu sein, alles auf mich zu nehmen und zu ertragen, mich willig zu fügen, in meinen Leiden ruhig zu bleiben; denn das verlangt Gott jetzt von mir. Aber wir sind in unseren Wünschen oft wie schwangere Frauen, die frische Kirschen im Herbst, und Trauben im Frühling verlangen.

      Auf keinen Fall kann ich es gutheißen, wenn Leute, die schon in einem Stand und Beruf leben, beständig nach einem anderen Leben verlangen, als ihren Pflichten entspricht, oder nach Andachtsübungen, die mit ihrem Beruf nicht vereinbar sind. Das verwirrt nur ihr Herz und hindert sie an der Erfüllung ihrer Pflichten. Wenn ich mich nach der Einsamkeit der Kartäuser sehne, verliere ich damit nur meine Zeit. Statt dieses Wunsches soll ich den hegen, meine augenblicklichen Pflichten gut zu erfüllen. Ich möchte nicht einmal, daß man sich einen besseren Verstand oder ein besseres Urteil wünscht, denn diese Wünsche sind zwecklos; vielmehr sollte man wünschen, seinen Verstand und sein Urteil, wie sie sind, zu pflegen. Ebenso soll man sich nicht sehnen nach Mitteln, Gott zu dienen, die man nicht hat, vielmehr jene gewissenhaft gebrauchen, die uns zur Verfügung stehen. - Allerdings spreche ich hier von einer Sehnsucht, mit der man sich abgibt; einfache Wünsche schaden ja nicht, wenn sie nicht häufig sind.

      Sehne dich nur in dem Maß nach Kreuzen, als du jene gut getragen hast, die dir bisher auferlegt wurden. Es ist ein Unfug, sich nach dem Martertod zu sehnen, wenn man nicht den Mut hat, eine Beleidigung zu ertragen. Der böse Feind flößt uns eine mächtige Sehnsucht nach fernen Dingen ein, die niemals geschehen werden, um unseren Geist von dem abzulenken, was wir jetzt zu tun haben oder was uns viel nützen könnte, wenn es auch unscheinbar ist. Wir kämpfen in der Phantasie gegen die afrikanischen Ungeheuer und lassen uns von den kleinen Schlangen am Weg töten, weil wir ihrer nicht achten. Wünsche dir keine Versuchungen; das wäre Anmaßung. Begnüge dich damit, sie mutig zu erwarten und dich gegen sie zu wehren, wenn sie kommen.

      Vielerlei Speisen, besonders wenn sie in großen Mengen genossen werden, beschweren den Magen; wenn er schwach ist, geht er daran zugrunde. Beschwere auch deine Seele nicht mit vielerlei Wünschen, sie schaden ihr nur; nicht einmal mit geistlichen Wünschen, denn sie hemmen deinen Fortschritt.

      Wenn die Seele gereinigt ist und sich von allen schlechten Stimmungen befreit fühlt, hat sie einen großen Appetit nach geistlicher Nahrung; wie ausgehungert sehnt sie sich nach tausenderlei Übungen der Frömmigkeit, der Abtötung, Buße und Demut, der Liebe und des Gebetes. Es ist gewiß ein erfreuliches Zeichen, wenn du solchen Appetit hast; sieh aber zu, ob du das alles auch verdauen kannst. Wähle also nach den Weisungen deines geistlichen Vaters unter all diesen Wünschen jene aus, die du jetzt verwirklichen kannst, und führe sie gut aus. Gott wird dir nachher wieder andere schicken, die du zu ihrer Zeit aufgreifen sollst. So verlierst du deine Zeit nicht mit unnützen Wünschen.

      lch sage nicht, daß man alle guten Wünsche fallen lassen, sondern daß man sie regeln soll. Die man jetzt nicht ausführen kann, soll man in einem Winkel des Herzens zurückstellen, bis ihre Zeit gekommen ist, und inzwischen jene ausführen, die reif und jetzt zeitgemäß sind. Das sage ich nicht nur für die geistlichen, sondern auch für alle irdischen Wünsche; sonst leben wir nur in Unruhe und Aufregung.

      38. Kapitel

      Weisungen für Eheleute.

      Die Ehe ist ein großes Sakrament: ³Ich sage das im Hinblick auf Christus und seine Kirche'' (Eph 5,32). Sie ist ³ehrbar für alle" (Hebr 13,4), in allen und in allem, d. h. in allen Teilen; für alle, denn auch jungfräuliche Menschen sollen sie in Demut hochschätzen; sie ist gleich heilig bei den Armen wie bei den Reichen; in allem, denn ihr Ursprung, ihr Ziel, ihr Nutzen, ihre Form und ihr Gegenstand sind heilig. Sie ist die Pflanzschule des Christentums, die der Erde die Gläubigen schenkt, um im Himmel die Zahl der Auserwählten voll zu machen. Die Erhaltung der Ehe ist für das öffentliche Leben ungeheuer wichtig, denn sie ist Ursprung und Quelle aller seiner Ströme.

      Gebe Gott, daß sein vielgeliebter Sohn bei allen Hochzeiten zugegen sei, wie er es bei der zu Kana war! Nie wird dann der Wein der Freude und des Segens ausgehen. Daß er oft nur für die erste Zeit reicht, hat nämlich seinen Grund darin, daß man anstelle des Herrn und Unserer lieben Frau die Götter der Schönheit und Lust, Adonis und Venus, zu Gast geladen hat. Wer schöne, scheckige Lämmer haben will, muß wie Jakob den trächtigen Schafen schöne farbige Stäbe vor die Augen halten (vgl. Gen 30,38 f); und wer Segen für seine Ehe wünscht, sollte bei der Trauung die Heiligkeit und Würde dieses Sakramentes vor Augen haben. Leider wird die Hochzeit meist mit ausgelassenen Festen, Unterhaltungen und vielen Reden gefeiert; ist es dann verwunderlich, wenn ihre Wirkungen ebenfalls ungeregelt sind?

      Ich ermahne alle Eheleute zu jener gegenseitigen Liebe, die der Heilige Geist so eindringlich in der Heiligen Schrift empfiehlt. Es genügt nicht, ihr Eheleute, euch zu sagen: Liebet einander mit natürlicher Liebe, denn das tun auch die Turteltauben; auch nicht mit menschlicher Liebe, das taten auch die Heiden. Ich sage euch deshalb mit dem großen Apostel: ³Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Jesus Christus seine Kirche liebt'' (Eph 5,25); ihr Frauen, liebt eure Männer, wie die Kirche ihren Heiland liebt! Gott selbst führt Eva unserem Stammvater Adam zu, und gab sie ihm zum Weib; und, meine Freunde, Gott selbst war es, der mit unsichtbarer Hand das heilige Band eurer Ehe knüpfte und euch einander zum Besitz gab; warum liebt ihr euch nicht gegenseitig mit einer ganz heiligen, geheiligten und göttlichen Liebe?

      Die erste Wirkung dieser Liebe ist die unlösbare Einheit eurer Herzen. Leimt man zwei Fichtenhölzer aneinander, so verbinden sie sich, einen guten Leim vorausgesetzt, so fest, daß man sie viel eher an einer anderen Stelle spalten kann als an der Verbindungsstelle. Gott aber hat Mann und Frau in seinem eigenen Blut vereinigt; deshalb ist diese Verbindung so stark, daß eher die Seele sich vom Leib trennen soll als der Mann von der Frau. Diese Verbindung betrifft aber nicht in erster Linie den Leib, sondern das Herz, seine Zuneigung und Liebe.

      Die zweite Wirkung dieser Liebe muß die unverletzliche Treue zueinander sein. Früher war in die Ringe, die man am Finger trug, das Siegel eingelassen, wie selbst die Heilige Schrift bezeugt (vgl. Est 8, 8; Dan 6,17; 14,10). Darin liegt auch der tiefe Sinn der kirchlichen Trauungszeremonien: Die Kirche segnet durch die Hand des Priesters den Ring und reicht ihn zuerst dem Mann; damit will sie zeigen, daß sie sein Herz mit diesem heiligen Sakrament versiegelt und verschließt, auf daß weder Name noch Liebe einer anderen Frau jemals Einlaß finde, solange jene lebt, die ihm zur Gattin gegeben wurde. Der Mann steckt den Ring an den Finger seiner Braut, damit auch sie wisse, daß ihr Herz in gleicher Weise keinem anderen Mann sich in Liebe zuwenden darf, solange der lebt, den der Herr ihr eben gegeben hat.

      Die dritte Frucht der Ehe ist die Zeugung und Erziehung der Kinder, Gott will die Zahl der Seelen vermehren, die ihn die ganze Ewigkeit hindurch loben und preisen dürfen. Es ist eine große Ehre für euch, ihr Eheleute, daß Gott, euch dabei mitwirken läßt, indem ihr den Leib zeugt, in den Gott selbst die Seele, die er erschaffen hat, als himmlische Gabe senkt.

      Bewahrt also euren Frauen eine zarte, beständige und herzliche Liebe, ihr Ehemänner! Deshalb wurde ja die Frau aus nächster Herzensnähe des ersten Menschen genommen, damit sie von ihm herzlich und zärtlich geliebt werde. Die körperliche und geistige Unterlegenheit der Frau darf in euch keinerlei Geringschätzung entstehen lassen, sondern ein gütiges und liebevolles Verständnis. Gott hat sie so geschaffen, daß sie von euch abhängig sei, euch Achtung und Ehrfurcht entgegenbringe, daß sie zwar eure Gefährtin sei, ihr aber zugleich ihr Haupt und Vorgesetzter.

      Ihr Frauen, liebt euren Mann, den Gott euch gegeben hat, zärtlich und herzlich, gleichzeitig aber voll Achtung und Hochschätzung! Gott hat ihn deswegen kräftiger und euch überlegen geschaffen; er wollte, daß die Frau vom Mann abhängig ist, als Gebein von seinem Gebein, als Fleisch aus seinem Fleisch (vgl. Gen 2,23). Nach Gottes Plan wurde die Frau aus seinem Leib unterhalb des Armes entnommen, um damit zu zeigen, daß der Mann seine Hand über sie halten und sie führen soll. Die Heilige Schrift empfiehlt immer wieder diese Unterordnung der Frau unter den Mann, sie macht diese Unterordnung aber zu einer liebevollen; die Frau soll sich in Liebe fügen, der Mann aber seine Autorität mit inniger, zärtlicher Güte ausüben. Der hl. Petrus sagt: ³Ihr Männer, seid verständig gegen eure Frauen; sie sind die schwächeren Geschöpfe, erweist ihnen Achtung'' (1.Petr 3,7).

      Eure Liebe zueinander soll immer stärker und inniger werden; hütet euch aber, daß sie nicht zur Eifersucht entarte. Der Wurm frißt gern den saftigsten und reifsten Apfel an; so entsteht die Eifersucht unter Eheleuten meist da, wo die Liebe am heftigsten und leidenschaftlichsten ist, verdirbt und zerstört sie aber, denn sie ruft Streit, Zwietracht und schließlich die Entfremdung hervor. Mit Sicherheit wird die Eifersucht dort nie entstehen, wo auf beiden Seiten die Liebe in der wahren Tugend begründet ist. Eifersucht ist ein untrügliches Zeichen einer grob-sinnlichen und unvollkommenen Liebe, einer mangelhaften und fragwürdigen Tugend. Es wäre also törichte Prahlerei, wenn man die Tiefe einer Zuneigung durch den Grad der Eifersucht kennzeichnen wollte; die Eifersucht ist wohl ein Gradmesser der Größe und Heftigkeit der Liebe, nicht aber ihrer Echtheit, Reinheit und Vollkommenheit. Eine vollkommene Freundschaft setzt das sichere Vertrauen auf die Tugend des geliebten Menschen voraus; die Eifersucht aber besteht gerade im Mißtrauen gegen diese Tugend.

      Wenn ihr Männer wollt, daß euch die Frauen treu sind, dann geht ihnen mit gutem Beispiel voran! ³Wie habt ihr die Stirn," sagt Gregor von Nazianz, ³von euren Frauen Keuschheit zu verlangen, wenn ihr selbst unkeusch lebt? Wie könnt ihr von ihnen erwarten, was ihr selbst nicht gebt''? Wollt ihr, daß sie keusch sind? Dann seid keusch mit ihnen, wie der hl. Paulus sagt: ³Jeder soll seine Gattin besitzen in Heiligkeit und Ehrbarkeit'' (1.Thes 4,4). Wenn ihr sie aber Schimpfliches lehrt, dann ist es kein Wunder, daß euch die Schmach wird, sie zu verlieren.

      Ihr Frauen, deren Ehre unzertrennlich mit der Keuschheit und Ehrbarkeit verbunden ist, bewahrt eifersüchtig euren Ruf: gestattet nicht, daß die geringste Unehrbarkeit euren makellosen Ruf trübe. Fürchtet jeden auch noch so geringfügigen Angriff auf diesen Ruf, duldet kein Hofieren. Wer deine Schönheit und Anmut lobt, muß dir verdächtig sein; denn wer eine Ware lobt, die er nicht kaufen kann, ist gewöhnlich sehr versucht, sie zu stehlen. Wer aber den Schmeicheleien für dich geringschätzige Worte über deinen Mann hinzufügt, beleidigt dich in gröbster Weise. Die Sache ist ganz klar: er will dich nicht nur verderben, sondern hält dich schon für halb verdorben; denn ein Handel ist schon zur Hälfte mit dem zweiten Käufer abgeschlossen, wenn man des ersten überdrüssig wird. Wie früher pflegen auch heute noch die Frauen Perlen als Ohrgehänge zu tragen; Plinius behauptet, es sei der Freude am Klirren wegen, wenn sie aufeinanderschlagen. Ich denke aber, daß der große Gottesfreund Isaak der keuschen Rebekka als erstes Zeichen seiner Liebe Ohrgehänge sandte (Gen 24,22), um zu sagen, daß dieser geheimnisvolle Schmuck auf das hinweist, was dem Mann an einer Frau zuerst gehören und was sie ihm treu bewahren muß, nämlich ihr Ohr, damit kein anderes Wort und kein Laut dort Zutritt erhalte als der freundliche und liebenswürdige Klang reiner und keuscher Worte, die den morgenländischen Perlen der Heiligen Schrift vergleichbar sind. Man halte sich stets vor Augen, daß die Seele durch das Ohr vergiftet wird, wie der Leib durch den Mund.

      Liebe und Treue, miteinander verbunden, erzeugen stets die Vertraulichkeit und das Vertrauen. Deshalb liebkosten verheiratete Heilige einander gern in liebevoller aber keuscher Weise, zärtlich aber ohne Falsch. So konnten Isaak und Rebekka, das keuscheste Ehepaar der alten Zeit, am Fenster gesehen werden, wie sie einander in allen Ehren innig liebkosten, so daß Abimelech sie als Eheleute betrachten mußte. Der große hl. Ludwig, ebenso streng gegen sich selbst wie liebevoll gegen seine Gemahlin, wurde seiner überströmenden Liebkosungen wegen fast getadelt. Eher hätte er dafür Lob verdient, da er sich trotz seines kriegerischen und tapferen Wesens zu diesen kleinen Gefälligkeiten herabließ, die für die Erhaltung der ehelichen Liebe notwendig sind. Wenn diese kleinen Beweise einer reinen und aufrichtigen Freundschaft auch nicht gerade die Herzen aneinander ketten, so bringen sie diese doch einander nahe und sind eine angenehme Beigabe der Lebensgemeinschaft.

      Als die hl. Monika den hl. Augustinus unter ihrem Herzen trug, weihte sie ihn wiederholt der christlichen Religion und dem Dienst der Ehre Gottes. Er selbst bezeugt, daß er die Liebe Gottes schon im Mutterschoß verkostete. Das ist eine ernste Mahnung an die christlichen Frauen, die Frucht ihres Leibes der göttlichen Majestät aufzuopfern, noch ehe sie das Licht der Welt erblickt. Gott, der die Opfergabe eines demütigen und willigen Herzens gern annimmt, unterstützt gewöhnlich die guten Wünsche der Mütter in dieser Zeit. Zeugen dafür sind Samuel, Thomas von Aquin, der hl. Andreas von Fiesole und viele andere. Die Mutter des hl. Bernhard, die würdige Mutter eines großen Sohnes, nahm ihre Kinder sogleich nach der Geburt in ihre Arme und opferte sie Jesus auf. Darauf liebte sie diese voll Ehrfurcht als geheiligte und ihr von Gott anvertraute Wesen; das beglückende Ergebnis war, daß alle sieben Heilige wurden.

      Sobald die Kinder heranwachsen und sich der Vernunft zu bedienen beginnen, müssen Vater und Mutter sich mit heiliger Sorgfalt bemühen, ihnen die Gottesfurcht ins Herz zu senken. Die edle Königin Blanca erwies diesen Liebesdienst ihrem Sohn, dem heiligen König Ludwig, dem sie oft und oft sagte: ³Ich möchte dich lieber vor meinen Augen sterben als eine einzige Todsünde begehen sehen.'' Das prägte sich dem Herzen dieses heiligen Kindes so fest ein, daß nach seinem eigenen Geständnis kein Tag verging, ohne daß er daran dachte und sich mit allen Kräften bemühte, dieser heiligen Lehre zu folgen.

      Geschlechter und Generationen nennt man zuweilen ³Häuser"; bei den Hebräern hieß der Kindersegen auch der ³Aufbau des Hauses''. Deshalb sagt auch die Heilige Schrift, daß Gott den Hebammen von Ägypten Häuser baute. Daraus wird deutlich, daß man ein Haus nicht dadurch groß macht, wenn man viele zeitliche Güter hineinsteckt, sondern wenn man die Kinder in Gottesfurcht und Tugend erzieht; dafür darf man keine Mühe und Anstrengung scheuen, da ja, ³die Kinder die Krone der Eltern sind'' (Spr 17,6). So wirkte die hl. Monika beharrlich und eifrig den schlechten Neigungen ihres Sohnes Augustinus entgegen, folgte ihm über Länder und Meer, bis dieses Kind ihrer Tränen nach seiner Bekehrung glücklicher war denn als Kind ihres Blutes durch seine leibliche Geburt.

      Der hl. Paulus weist den Frauen als Aufgabe die Pflege des Hauses zu (vgl. Tit 2,5). Deshalb nehmen viele mit Recht an, die Frömmigkeit der Frau sei für die Familie von größerem Nutzen als die des Mannes; sein Arbeitsfeld liegt gewöhnlich außerhalb des Hauses, deshalb kann er die Kinder und das Gesinde nicht so wirksam zur Tugend anhalten wie die Frau. Darum hängt nach dem Buch der Sprüche (Kap. 30) das Gedeihen des ganzen Hauses von der Sorgfalt und Mühe der starken Frau ab, deren Lob es singt.

      Als Isaak erkannte, daß seine Frau kinderlos blieb, bat er den Herrn für sie, oder nach dem hebräischen Text, betete er ihr gegenüber zum Herrn (Gen 25,21), so daß er auf der einen, seine Frau auf der anderen Seite des Raumes betete. Dieses Gebet wurde erhört. In der Frömmigkeit werden Mann und Frau sehr innig miteinander verbunden; diese Verbundenheit wirkt sich überaus segensreich für das Zusammenleben aus. Es gibt Früchte, wie die Quitte, die wegen ihrer Herbheit nur in Zucker eingemacht genießbar sind; andere wieder, wie Kirschen und Aprikosen, sind wegen ihres zarten, feinen Fleisches ebenfalls nur in Zucker haltbar. So müssen auch die Frauen ihre Männer von Frömmigkeit durchdrungen wünschen, denn der religiös kalte Mann ist wie ein wildes, ungebändigtes und rohes Tier. Die Männer dagegen sollen sich ihre Frauen fromm wünschen, denn ohne Frömmigkeit ist die Frau sehr schwach, der Verführung und der Trübung ihrer Tugend ausgesetzt. Der hl. Paulus sagt: ³Der ungläubige Mann wird durch seine gläubige Frau geheiligt und die ungläubige Frau durch ihren gläubigen Mann'' (1.Kor 7,14), denn in der innigen Gemeinschaft der Ehe kann der eine den anderen gut zur Tugend anleiten. Welcher Segen aber, wenn beide, Mann und Frau, gläubig einander in wahrer Gottesfurcht heiligen!

      Im übrigen sollen sie sich so gut vertragen, daß sie einander nie zürnen, daß es nie Streit oder Zank zwischen ihnen gibt. Die Bienen halten sich nicht an Orten auf, wo Echo und Widerhall jeden Laut verstärken; so weilt auch der Geist Gottes nicht in einem Haus, das von Vorwürfen, Geschimpfe, Streit und Schreien widerhallt.

      Der hl. Gregor von Nazianz bezeugt, daß zu seiner Zeit die Eheleute den Jahrestag ihrer Trauung feierlich zu begehen pflegten. Ich würde es sehr begrüßen, wenn dieser Brauch wieder eingeführt würde, doch ohne Aufwand von weltlichen und sinnlichen Vergnügungen. Mann und Frau sollen an diesem Tag zur heiligen Beichte und Kommunion gehen und inniger noch als sonst Gottes Segen auf das Gedeihen ihrer Ehe herabrufen, den festen Entschluß erneuern, einander in herzlicher Liebe und Treue zu heiligen; dadurch werden sie im Herrn neuen Mut fassen, um die Bürde ihres Standes tapfer zu tragen.

      39. Kapitel

      Von der ehelichen Keuschheit.

      ³Die Ehe sei in jeder Hinsicht ehrbar und unbefleckt das Ehebett'', schreibt der Apostel (Hebr 13,4), d. h. frei von Unzucht, Sünde und Entweihung. Die Ehe wurde schon im Paradies als heilige Gemeinschaft begründet; bis zum Sündenfall gab es auch keine ungeordnete Begierlichkeit und keine Unehrbarkeit.

      Es besteht einige Ähnlichkeit zwischen der Befriedigung des Geschlehtstriebes und der Eßlust; beide beziehen sich auf den Leib; wenn auch nur die erste wegen ihrer elementaren Gewalt Begierde des Fleisches genannt wird. Was ich also von dieser nicht gut sagen kann, will ich durch die andere andeuten.

      1. Wir müssen essen, um unseren Leib zu erhalten. Das Essen ist also gut, heilig und geboten, um uns zu ernähren und bei Kräften zu erhalten. Ebenso ist auch in der Ehe alles gut und heilig, was zur Kindererzeugung und zur Erhaltung des Menschengeschlechtes notwendig ist; das ist ja der Hauptzweck der Ehe.

      2. Man kommt zum Essen zusammen, nicht nur um das Leben zu erhalten, sondern auch um die Gesellschaft und die menschlichen Beziehungen zu pflegen; das ist durchaus in Ordnung. Ebenso in Ordnung ist die rechtmäßige gegenseitige Befriedigung der Gatten in der Ehe, die der hl. Paulus eine Pflicht nennt (1.Kor 7,3), und zwar eine so ernste Pflicht, daß er die Enthaltsamkeit eines Gatten nicht ohne freie und gern gewährte Zustimmung des anderen billigt, nicht einmal, um Übungen der Frömmigkeit zu obliegen (darüber habe ich im Kapitel über die heilige Kommunion schon die entsprechenden Bemerkungen gemacht), ganz zu schweigen von Gründen launenhafter Tugendanwandlungen oder von Zorn und Verachtung.

      3. Kommt man aus Geselligkeit zum Essen zusammen, dann soll man essen, ohne sich zu zieren oder den Eindruck eines Zwanges zu erwecken, sondern ruhig seinem Appetit folgen. Ebenso soll auch die eheliche Pflicht treu und ungezwungen geleistet werden und so, als sei Nachkommenschaft zu erwarten, auch wenn diese Möglichkeit aus irgendeinem Grund nicht besteht.

      4. Ißt man aus keinem der beiden Gründe, sondern einzig um die Eßlust zu befriedigen, so geht das noch an, wenn es auch nicht gerade lobenswert ist. Die Befriedigung der sinnlichen Lust allein läßt eine Handlung noch nicht lobenswert erscheinen, sondern höchstens erlaubt.

      5. Nicht nur mit Appetit, sondern über alles Maß und jede Ordnung hinaus zu essen, ist um so verwerflicher, je größer die Maßlosigkeit ist.

      6. Die Maßlosigkeit im Essen zeigt sich nicht nur in der Menge der Speisen, sondern auch in der Art und Weise zu essen. Der Honig ist für die Bienen so gut, er kann ihnen aber auch schaden, wenn sie im Frühling zu viel davon aufnehmen, ja sie können daran zugrunde gehen, wenn Kopf und Flügel mit Honig verklebt sind. Ebenso ist der eheliche Verkehr, sonst so heilig, gerecht, empfehlenswert und der Gesellschaft nützlich, in bestimmten Fällen gefährlich. Durch Übertreibung können die Seelen der Gatten erkranken an läßlicher Sünde, ja sie können dadurch sogar sterben an der Todsünde, wenn die von Gott bestimmte Ordnung des Kindersegens verletzt oder in das Gegenteil verkehrt wird. Je nach dem Grad der Naturwidrigkeit sind diese Sünden mehr oder minder fluchwürdig, auf jeden Fall aber sind sie Todsünden. Der Kindersegen ist der erste und wichtigste Zweck der Ehe; deshalb ist es nie gestattet, sich dieser von Gott gesetzten Ordnung zu entziehen; selbst wenn dieser Zweck aus irgendeinem Grund nicht erreicht wird, z. B. wenn Unfruchtbarkeit oder schon eingetretene Schwangerschaft ihn augenblicklich verhindern. Der eheliche Verkehr ist in Ordnung und ohne Sünde, solang nur die natürliche Ordnung eingehalten wird, denn zufällige Umstände tun dem Gesetz keinen Eintrag, das der Hauptzweck der Ehe auferlegt hat. Onans frevelhaftes und widernatürliches Verhalten, im ehelichen Verkehr den Kindersegen zu verhindern, war verabscheuungswürdig vor Gott, wie die Heilige Schrift bezeugt (Gen 38). Einige lrrlehrer unserer Zeit, darin hundertmal schlechter als die Zyniker, von denen der hl. Hieronymus in der Erklärung des Epheserbriefes spricht, meinten wohl, nur die Absicht Onans habe Gott mißfallen; die Heilige Schrift sagt aber ausdrücklich, daß die Handlung selbst verwerflich und Gott verhaßt war.

      7. Es zeugt von einem niedrigen, häßlichen, gemeinen und hemmungslosen Charakter, wenn man schon vor der Mahlzeit sich in Gedanken mit dem Essen und seinen verschiedenen Gängen beschäftigt, noch gemeiner ist es nach dem Essen alle Gedanken und Worte darauf gerichtet zu halten und sich in der Erinnerung an den Genuß zu ergehen, den man beim Schmausen der Leckerbissen empfand. So wandeln Leute, deren Gott ihr Bauch ist, wie Paulus sagt (Phil 3,19). Vornehme Menschen denken an die Tafel erst, wenn sie sich niedersetzen; nachher waschen sie Hände und Mund, damit an ihnen nicht Geschmack und Geruch der Speisen haften bleiben. - So sollen auch Eheleute nach Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten ihre Gedanken von jeder sinnlichen Lust lösen, Herz und Seele sogleich davon reinigen, um sich in voller Freiheit des Geistes Reinerem und Höherem zuzuwenden.

      Wer so handelt, befolgt die Lehre, die der hl. Paulus den Korinthern gab: ³Die Zeit ist kurz; wer ein Weib hat, handle, als hätte er keines'' (1.Kor 7,29). Wie der hl. Gregor sagt, besitzt jener eine Frau, als hätte er keine, der die sinnlichen Freuden mit ihr so genießt, daß sie ihn in seinen geistigen Bestrebungen nicht behindern. Dasselbe gilt auch von der Frau. Wieder sagt der hl. Paulus: ³Die von dieser Welt Gebrauch machen, mögen so handeln, als machten sie davon keinen Gebrauch'' (1.Kor 7,31). Es mache also jeder von dieser Welt Gebrauch je nach seinem Beruf, ohne jedoch seine Liebe daran zu hängen, damit er frei und bereit ist, Gott zu dienen, als machte er keinen Gebrauch von der Welt. ³Das ist das große Übel des Menschen'', sagt der hl. Augustinus, ³daß er Dinge genießen will, die er nur gebrauchen sollte, und nur gebrauchen will, was er genießen sollte.'' Die geistlichen Dinge sollen wir genießen, die irdischen nur gebrauchen; wenn ihr Gebrauch zum Genuß wird, dann entartet unsere vernunftbegabte Seele brutal und bestialisch.

      Damit glaube ich alles gesagt zu haben, was ich sagen wollte, und verständlich gemacht zu haben, ohne es auszusprechen, was ich nicht sagen wollte.

      40. Kapitel

      Ratschläge für die Witwen.

      Der hl. Paulus mahnt in der Person des Timotheus alle Bischöfe mit den Worten: ³Ehre die Witwen, die wahrhaft Witwen sind'' (1.Tim 5,3). Um wahrhaft Witwe zu sein, ist folgendes erforderlich:

      1. Sie soll nicht nur nach außen, sondern auch dem Herzen nach Witwe sein, d. h. sie soll heilig und fest entschlossen sein, im Stand keuscher Witwenschaft zu bleiben.

      Witwen, die es nur so lange sind, als sich keine Gelegenheit zu einer neuen Ehe bietet, sind nur äußerlich ohne Mann, dem Zug ihres Herzens nach aber sind sie verheiratet. Die echte Witwe weiht ihren Leib und ihre Keuschheit Gott, um ihrer Witwenschaft Bestand zu geben; das gereicht ihrem Stand zur Zierde und ihrem Entschluß zur Festigkeit. Nach diesem Gelübde kann sie ja nicht mehr die Keuschheit aufgeben, ohne den Himmel zu verlieren; deshalb wird sie ihren Entschluß mit solcher Sorgfalt hüten, daß sie den Gedanken an eine Ehe auch nicht einen Augenblick lang in ihrem Herzen dulden wird. So wird dieses heilige Gelöbnis eine starke Schranke zwischen ihre Seele und alle ihrem Entschluß entgegengesetzten Pläne stellen.

      Diesen Rat gibt der hl. Augustinus den christlichen Witwen mit allem Nachdruck. Der alte und gelehrte Origenes geht noch weiter: Er rät der verheirateten Frau, keusche Witwenschaft zu geloben, wenn der Mann vor ihr sterben sollte; damit wird sie trotz der sinnlichen Freuden, die ihr die Ehe schenkt, doch auch des Verdienstes der keuschen Witwenschaft teilhaftig durch dieses vorweggenommene Versprechen.

      Auf Grund eines Gelübdes verrichtete Werke sind Gott wohlgefälliger, das Gelübde stärkt außerdem den Mut, sie zu vollbringen, es schenkt Gott nicht nur die Werke als Früchte unseres guten Willens, sondern weiht ihm auch den Willen selbst als den Baum, von dem unsere guten Werke stammen. ln der einfachen Keuschheit leihen wir unseren Leib Gott, behalten uns aber die Freiheit vor, ihn wieder sinnlichen Freuden auszuliefern; durch das Gelübde der Keuschheit dagegen schenken wir ihn Gott bedingungslos und unwiderruflich, wir behalten uns keine Möglichkeit vor, das Versprechen zu widerrufen, und machen uns damit zu glücklichen Sklaven dessen, dem zu dienen mehr gilt, als König zu sein. Ich stimme der Meinung dieser beiden großen Männer vollkommen zu und wünsche sehr, daß Seelen, die so glücklich sind, diesem Rat zu folgen, ihn klug und mit heiligem Ernst ausführen, nachdem sie ihren Mut geprüft, Gott um seine heilige Eingebung angerufen, den Rat eines weisen und frommen Seelenführers eingeholt haben. Dann wird auf allem mehr Segen ruhen.

      2. Dieser Verzicht auf eine zweite Ehe soll außerdem klar und eindeutig ausgesprochen werden, um mit größerer Reinheit die ganze Liebe Gott zuzuwenden und das eigene Herz fest mit dem der göttlichen Majestät zu vereinigen. Denn wenn eine Witwe in ihrem Stand nur deshalb bliebe, um ihren Kindern den Besitz zu erhalten, oder aus einem anderen irdischen Grund, dann würde sie wohl Lob ernten, aber nicht vor Gott (vgl. Röm 4,2). Denn vor Gott kann nichts wahres Lob verdienen, was nicht für Gott getan wird.

      3. Um wahrhaft Witwe zu sein, muß eine Frau sich ferner von weltlichen Vergnügungen losgelöst haben und ihnen freiwillig entsagen. ³Eine Witwe, die ausschweifend lebt, ist lebendig tot'' (1.Tim 5,6). Witwe sein wollen und sich gleichzeitig darin gefallen, hofiert, umschmeichelt, liebkost zu werden, an Bällen, Festen, Gastmählern teilzunehmen, eine parfümierte, aufgeputzte Modedame zu spielen, das ist eine Witwe, die dem Leibe nach lebt, der Seele nach aber tot ist.

      Ob das Aushängeschild irdischer Liebe einen weißen Federbusch auf dem Kopf oder einen schwarzen Schleier vor dem Gesicht trägt, ist unbedeutend; des Kontrastes wegen zieht die Eitelkeit das Schwarz oft sogar vor. Eine Witwe, die aus Erfahrung weiß, wie man Männern gefallen kann, versteht es oft am besten, sie anzulocken. Lebt sie also in diesen närrischen Vergnügungen, dann ist sie lebendig tot, nicht mehr als der Schatten einer Witwe.

      ³Die Zeit, den Weinstock zu beschneiden, ist gekommen; die Stimme der Turteltaube ist in unserem Land zu hören'' (Hld 2,12). Wer fromm leben will, muß alles überflüssige Weltliche ablegen. Am meisten ziemt das der echten Witwe, die eben noch den Tod ihres Mannes beweint hat. Als Noemi von Moab nach Bethlehem kam, sagten die Frauen, die sie in der ersten Zeit ihrer Ehe gekannt hatten: ³lst das nicht Noemi?'' Sie aber antwortete: ³Nennt mich nicht Noemi (die Anmutige), nennt mich Mara, denn der Herr hat meine Seele mit Bitterkeit erfüllt'' (Rut 1,19 f); das sagte sie, weil ihr Mann gestorben war. So will auch die keusche Witwe nicht mehr wegen ihrer Schönheit gelobt werden; sie ist zufrieden, so zu sein, wie sie nach Gottes Willen sein soll: demütig und gering in ihren Augen.

      Lampen mit duftendem Öl verbreiten einen angenehmen Geruch, wenn man das Licht gelöscht hat. So verbreiten auch Witwen, deren eheliche Liebe rein war, einen feinen Wohlgeruch der Keuschheit, wenn ihr Licht, d. h. ihr Mann durch den Tod ausgelöscht ist. Seinen Mann lieben, solang er lebt, ist das Gewöhnliche unter den Frauen; ihn aber so lieben, daß man nach seinem Tod keinen anderen mehr will, ist eine Stufe der Liebe, die nur echte Witwen erreichen. Auf Gott vertrauen, solang man im Mann eine Stütze hat, das findet sich nicht selten; aber auf Gott vertrauen, wenn man dieser Stütze beraubt ist, das verdient hohes Lob.

      So erkennt man die Tugend einer Ehefrau am besten in ihrem Witwenstand. Hat eine Witwe Kinder, die noch ihre Führung und Leitung, vor allem für die Erziehung und Versorgung brauchen, dann darf sie diese auf keinen Fall verlassen. Der hl. Paulus sagt ganz klar, daß sie dazu verpflichtet ist, um damit ihren Eltern den schuldigen Dank abzustatten. ³Wenn jemand für die Seinen, besonders für seine Familie nicht Sorge trägt, der ist schlimmer als ein Ungläubiger," (1.Tim 5,8). Sind aber die Kinder so weit, daß sie keine Führung mehr brauchen, dann soll die Witwe alle Gedanken und Wünsche auf das eine Notwendige richten: auf den Fortschritt in der Gottesliebe.

      Wenn sie nicht wirklich im Gewissen verpflichtet ist, einen Prozeß oder andere aufregende Auseinandersetzungen zu führen, so rate ich ihr, davon die Finger zu lassen und ihre Geschäfte so ruhig und friedlich als möglich zu führen, auch wenn sie dann keinen so großen Gewinn abwerfen sollten. Der Gewinn solcher Streitigkeiten muß schon sehr hoch sein, um mit dem Gut des heiligen Friedens verglichen werden zu können, ganz abgesehen davon, daß Prozesse und ähnliche Auseinandersetzungen das Herz verwirren und den Feinden der Keuschheit nicht selten die Pforte öffen; denn man nimmt nur zu leicht eine der Frömmigkeit widersprechende und Gott mißfällige Haltung ein, um jenen zu gefallen, deren Gunst man braucht.

      Die ständige Übung der Witwe soll das Gebet sein. Da ihre Liebe nur mehr auf Gott gerichtet ist, werden auch ihre Worte fast nur noch ihm gelten. Das Eisen kann der Anziehung des Magnets nicht folgen, wenn ein Diamant in seiner Nähe liegt; nimmt man ihn weg, dann bewegt sich das Eisen sofort auf den Magnet zu. So war auch die Frau zu Lebzeiten ihres Mannes daran gehindert, sich ganz in Gott zu versenken und dem Zug der göttlichen Liebe zu folgen; nach dem Tod ihres Mannes aber hindert sie nichts mehr, sich Gott hinzugeben und mit der Braut im Hohen Lied zu sagen: ³Herr, jetzt, da ich ganz mir gehöre, nimm mich ganz als die Deine an. Zieh mich zu Dir hin, ich will Deinem Wohlgeruch eilends folgen!" (Hld 1,3).

      Die einer Witwe eigentümlichen Tugenden sind vollkommene Bescheidenheit, Verzicht auf Ehren, Gesellschaften, Titel und andere Eitelkeiten, Dienst an den Armen und Kranken, das Trösten der Betrübten, die Anleitung der Mädchen zum frommen Leben, endlich das Beispiel aller Tugenden für die jungen Frauen. Sauberkeit und Einfachheit seien der Schmuck ihrer Kleidung, Demut und Liebe der Schmuck ihres Tuns, Aufrichtigkeit und Güte der Schmuck ihrer Sprache, Bescheidenheit und Keuschheit der Schmuck ihrer Augen und Jesus Christus der Gekreuzigte die einzige Liebe ihres Herzens.

      Mit einem Wort: die echte Witwe ist in der Kirche wie ein kleines März-Veilchen, das den wundersamen Duft der Frömmigkeit verbreitet, sich fast ganz unter den breiten Blättern der Bescheidenheit verbirgt und durch seine unauffällige Farbe die Abtötung versinnbildet. Es blüht an frischen, wenig besuchten Plätzen; so will auch die Witwe nicht von der Gesellschaft umdrängt sein und die Frische ihres Herzens bewahren vor dem versengenden Verlangen nach Hab und Gut, Ehre und Liebe. ³Sie wird glücklich sein'', sagt der Apostel, ³wenn sie so bleibt'' (1.Kor 7,40).

      Dazu könnte ich noch viel sagen; ich sage aber alles, wenn ich der Witwe, die voll Eifer auf die Ehre ihres Standes bedacht ist, die schönen Briefe zu lesen rate, die der große hl. Hieronymus an Furia, Salvia und anderen Frauen schrieb, die unter seiner geistlichen Leitung standen. Nur das eine möchte ich noch hinzufügen: Eine echte Witwe soll jene nicht tadeln, die nach dem Tod ihres Mannes eine weitere, zweite, dritte oder gar vierte Ehe eingehen, denn Gott ordnet das in manchen Fällen zu seiner größeren Ehre an. Wir müssen dabei immer die Lehre der Alten vor Augen haben, daß Witwenschaft und Jungfräulichkeit im Himmel keinen anderen Rang haben, als ihnen die Demut verleiht.

      41. Kapitel

      Ein Wort an die Jungfrauen.

      Wenn ihr die Absicht habt, zu heiraten, dann bewahrt eifersüchtig eure erste Liebe für euren ersten Mann. Ich halte es für eine Täuschung, wenn man statt eines ungeteilten, aufrichtigen Herzens eines mitbringt, das schon von der Liebe abgenutzt, verwelkt und durchwühlt ist.

      Wenn ihr aber zu eurem Glück berufen seid, keusch und jungfräulich zu bleiben, und diese Jungfräulichkeit bewahren wollt, dann, o Gott, bewahrt auch eure Liebe ganz zart eurem himmlischen Bräutigam. Selbst die Reinheit in Person, liebt er nichts mehr als die Reinheit. lhm gebühren die Erstlingsgaben von allem, besonders, aber die der Liebe. lhr findet alle für euch notwendigen Ratschläge in den Briefen des hl. Hieronymus. Da euch euer Stand zum Gehorsam verpflichtet, wählt euch einen geistlichen Führer, unter dessen Leitung ihr euer Herz und euren Leib seiner göttlichen Majestät in heiliger Hingabe weihen könnt.

 


 

      Vierter Teil

      Die wichtigsten Weisungen gegen die gewöhnlichen Versuchungen.

      1. Kapitel

      Man darf sich nicht um das Gerede der Kinder dieser Welt kümmern.

      Sobald die weltlich Gesinnten merken, daß du ein frommes Leben zu führen beginnst, werden sie ihre Zungen über dich wetzen. Schlechte Menschen werden sagen, das alles sei nur Heuchelei, Betschwesterei und Verstellung, oder auch, du seist von der Welt enttäuscht und nur deswegen zu Kreuz gekrochen. Gute Freunde wieder werden sich verpflichtet fühlen, dir eine Menge ihrer Ansicht nach gescheiter und gutgemeinter Warnungen zukommen zu lassen: ³Du wirst ganz trübsinnig werden; man wird dir kein Vertrauen mehr schenken; du wirst unausstehlich, wirst vor der Zeit altern, deine häuslichen Angelegenheiten werden darunter leiden; man kann in den Himmel auch ohne diese Geschichten kommen; wenn man schon in der Welt lebt, muß man auch leben wie die Welt...'' und so fort.

      Das alles ist dummes und leeres Geschwätz. Diesen Leuten ist es weder um deine Gesundheit noch um deine Interessen zu tun. ³Wäret ihr von der Welt'', sagt der Heiland, ³dann würde die Welt lieben, was von ihr ist; weil ihr aber nicht von der Welt seid, deswegen haßt sie euch'' (Joh 15,19). Man sieht Männer und Frauen die ganze Nacht oder sogar mehrere Nächte hindurch beim Karten- und Schachspiel; gibt es eine Aufmerksamkeit, die ernster, anstrengender und empfindlicher ist als die der Spieler? Dazu sagt man nichts, die Kinder der Welt ebensowenig wie ihre Freunde. Wegen einer Betrachtung von einer Stunde aber, oder weil man etwas früher aufstehen mußte, um zur heiligen Kommunion zu gehen, läuft alles zum Arzt, um uns von Melancholie und Gelbsucht zu kurieren. Man kann dreißig Nächte hintereinander tanzen, keiner regt sich darüber auf; aber wegen der einzigen Christmette hustet man und jammert am nächsten Tag über Leibschmerzen. Wer sieht da nicht, daß die Welt ein parteiischer Richter ist, huldvoll für ihre Kinder, hart und streng gegen die Kinder Gottes ?!

      Mit der Welt werden wir nur dann gut stehen, wenn wir bereit sind, mit ihr zugrunde zu gehen. Es ist unmöglich, sie zufriedenzustellen, denn sie ist zu sonderlich. ³Johannes ist gekommen'', sagt der Heiland, ³er aß und trank nicht, und ihr sagt, er ist vom Teufel besessen; der Menschensohn ißt und trinkt, und ihr sagt, er ist ein Fresser und Säufer." (Mt 11,18 ff). Das ist nun einmal so: Lassen wir uns aus Nachgiebigkeit herbei, zu lachen, zu spielen und zu tanzen, dann nimmt man daran Ärgernis; tun wir es nicht, dann heißt das Heuchelei und Trübsinn. Kleiden wir uns besser, dann wittert man dahinter etwas Besonderes; kleiden wir uns einfach, dann ist das unordentlich. Sind wir fröhlich, so nennt man das Ausgelassenheit; sind wir abgetötet, dann heißt man es Traurigkeit. Wir sind nun einmal den Weltmenschen ein Dorn im Auge, deshalb können wir ihnen nichts recht machen. Sie vergrößern den kleinsten Fehler an uns und posaunen ihn als große Sünde aus; aus läßlichen Sünden machen sie schwere; Fehler, die wir aus Schwäche begehen, legen sie als Bosheit aus. ³Die Liebe ist gütig'', sagt der hl. Paulus (1.Kor 13,4 f), die Welt aber ist böswillig. Die Liebe denkt nichts Schlechtes, die Welt aber denkt immer schlecht, und wenn sie unsere Handlungen nicht verurteilen kann, dann wenigstens unsere Absicht. Ob die Schafe Hörner haben oder nicht, ob sie weiß oder schwarz sind: der Wolf frißt sie ohne Unterschied, wenn er sie nur zu fassen bekommt.

      Die Welt wird uns immer bekämpfen, was wir auch tun. Wenn wir lang beim Beichtvater sind, wird sie fragen, was wir denn alles zu sagen hätten; sind wir nur kurz bei ihm, wird sie sagen, daß wir nicht alles beichten. Sie späht jede unserer Bewegungen aus; entschlüpft uns nur ein ungeduldiges Wort, nennt sie uns unausstehlich; kümmern wir uns um unsere Geschäfte, dann sind wir Geizhälse, unsere Güte aber nennt sie Dummheit. Bei den Kindern der Welt dagegen gibt man den Zorn als Mut aus, den Geiz als Sparsamkeit, unanständige Reden als Geselligkeit usw. Die Spinnen verderben eben immer die Arbeit der Bienen.

      Lassen wir die Blinden gehen! Sie mögen schreien, soviel sie wollen, wie der Waldkauz, der die Tagesvögel schreckt. Bleiben wir fest bei unserem Vorhaben, unwandelbar in unserem Entschluß! Die Beharrlichkeit wird zeigen, ob wir uns Gott wirklich und für immer hingegeben und für ein frommes Leben entschieden haben. Kometen und Planeten haben scheinbar denselben Glanz; aber die Kometen verschwinden bald, denn sie sind nur vorübergehend aufleuchtende Feuer, der Glanz der Planeten dagegen ist beständig. Auch Heuchelei und echte Tugend sehen sich äußerlich ähnlich, sie sind aber doch leicht voneinander zu unterscheiden: Die Heuchelei kann sich auf die Dauer nicht halten, schließlich geht es ihr wie dem Rauch, der sich in der Höhe verliert; echte Tugend dagegen ist fest und beständig.

      Es ist von großem Nutzen für die Festigung der Frömmigkeit, wenn wir anfangs um ihretwillen geschmäht und verleumdet werden. Das bewahrt uns vor Eitelkeit und Hochmut, die der Frömmigkeit schon in ihren Anfängen den Garaus machen, ähnlich den ägyptischen Hebammen, die vom Pharao den teuflischen Befehl erhielten, die israelitischen Knäblein am Tag ihrer Geburt zu töten (Ex 1,15 ff).

      Wir sind der Welt gekreuzigt und die Welt soll uns gekreuzigt sein (Gal 6,14); sie hält uns für verrückt, halten wir sie für närrisch!

      2. Kapitel

      Guten Mut haben!

      So sehr das Licht unseren Augen schön erscheint und so sehr sie sich darnach sehnen, es blendet sie doch, wenn wir lang im Dunkel waren. Wenn man in ein fremdes Land kommt, brauchen wir einige Zeit, bis wir uns an sein Volk gewöhnt haben, so höflich und freundlich es auch sein mag. So ist es auch im geistlichen Leben. Du hast dein Leben geändert, den Narreteien und Albernheiten der Welt Lebewohl gesagt; es kann leicht sein, daß dich Anwandlungen der Traurigkeit und Mutlosigkeit überkommen. Dann, ich bitte dich, bewahre Geduld; das hat keine große Bedeutung. Es ist nur ein Erstaunen über das Neue; hast du es überwunden, harren deiner viele Freuden.

      Vielleicht schmerzt dich der Verzicht auf die Huldigungen verrückter und witziger Menschen; willst du dafür auf die Huld verzichten, die Gott dir die ganze Ewigkeit hindurch erweisen wird? - All die eitlen Vergnügungen und Unterhaltungen der letzten Jahre werden vor deiner Phantasie auftauchen, um dich zu locken und zurückzuholen; könntest du es wirklich über dich bringen, um dieser trügerischen Leichtfertigkeiten willen auf die beseligende Ewigkeit zu verzichten?

      Glaube mir: Wenn du fest bleibst, wirst du bald so viele Freuden des Herzens, ein so tiefes Glück empfinden, daß du bekennen mußt: die Welt ist Bitterkeit im Vergleich mit diesen süßen Freuden und ein Tag des frommen Lebens ist mehr wert als tausend Jahre verweltlichten Lebens (Ps 84,11).

      Der Berg der christlichen Vollkommenheit kommt dir aber so hoch vor. ³Mein Gott'', sagst du, ³wie kann ich denn da hinaufsteigen?" Mut!

      Wenn die Bienlein Gestalt anzunehmen beginnen, können sie noch nicht zu den Blumen fliegen, um Honig zu sammeln; während sie sich aber vom Honig ernähren, den die großen Bienen gesammelt haben, bekommen sie allmählich Flügel, werden kräftig und können über Land fliegen. So sind auch wir noch klein in der Frömmigkeit, wir vermögen noch nicht unserem Wunsch zu folgen und zum Gipfel der christlichen Vollkommenheit zu fliegen, aber wir beginnen, uns allmählich umzuformen durch unsere Wünsche und Entschlüsse, die Flügel beginnen zu wachsen und es ist zu hoffen, daß auch wir eines Tages fliegen können wie die Bienen. Bis dahin leben wir vom Honig der Lehren, die fromme Menschen uns überliefert haben. Beten wir zu Gott, daß er uns Schwingen gebe gleich denen der Tauben, damit wir nicht nur fliegen können in diesem zeitlichen Leben, sondern auch Ruhe finden im künftigen Leben der Ewigkeit.

      3. Kapitel

      Die Natur der Versuchung.

      Der Unterschied zwischen Versuchung und Zustimmung.

      Stelle dir eine von ihrem Gemahl heißgeliebte Prinzessin vor, die ein Unhold zum Ehebruch verführen will. Er schickt ihr einen infamen Liebesboten, um sie von seinem ruchlosen Plan in Kenntnis zu setzen. Dieser legt zunächst der Prinzessin die Absicht seines Herrn dar. Die Prinzessin zeigt Wohlgefallen oder Mißfallen am Vorschlag und an der Botschaft; schließlich stimmt sie zu oder lehnt ab.

      So schicken Satan, Welt und Fleisch der Seele, die mit dem Sohne Gottes vereinigt ist, Versuchungen als ihre Boten. Dabei wird erstens die Sünde vorgeschlagen, zweitens wird die Seele daran Gefallen oder Mißfallen finden, drittens wird sie zustimmen oder die Versuchung abweisen. So steigt die Seele auf drei Stufen zum Bösen hinab: Versuchung, Wohlgefallen und Zustimmung. Wenn diese drei Stufen auch nicht so offenkundig bei allen Sünden erkennbar sind, so sind sie doch bei den großen, schweren Sünden förmlich greifbar.1

      Wenn eine Versuchung, zu welcher Sünde auch immer, unser ganzes Leben andauern sollte, so mißfallen wir dadurch der göttlichen Majestät keineswegs, solang sie uns nicht gefällt und wir ihr nicht zustimmen. Denn bei der Versuchung handeln nicht wir, sondern wir erleiden sie; weil wir daran keine Freude haben wollen, kann uns dabei auch keine Schuld treffen. Der hl. Paulus litt lange Zeit unter Versuchungen des Fleisches; trotzdem mißfiel er Gott nicht, sondern Gott wurde dadurch sogar verherrlicht (vgl. 2.Kor 12,7 ff). Die selige Angela von Foligno wurde von so grausamen sinnlichen Versuchungen gequält, daß man ihre Schilderung nicht ohne Ergriffenheit lesen kann. Schwere Versuchungen überfielen auch den hl. Franz von Assisi und den hl. Benedikt, von denen der eine sich in Dornen wälzte, der andere im Schnee, um sie zu mildern. Trotzdem verloren sie dabei nichts an Gnade bei Gott, sondern vermehrten sie noch bedeutend.

      Bleib also mutig in der Versuchung! Halte dich nie für besiegt, solang sie dir mißfällt. Achte wohl auf den Unterschied zwischen dem Gefühl und der Einwilligung. Man kann Versuchungen fühlen, und doch können sie uns mißfallen; man kann aber nicht zustimmen, ohne daß sie uns gefallen, denn das Gefallen daran ist die Stufe, auf der man gewöhnlich zur Einwilligung hinabsteigt.

      Die Feinde unseres Heils mögen uns also vorspiegeln, was sie wollen, sie mögen uns locken und reizen, sie mögen Tag und Nacht vor der Pforte unseres Herzens stehen, um einzudringen, sie mögen uns noch so viele Vorschläge unterbreiten; solange wir entschlossen sind, keine Freude daran zu haben, ist es unmöglich, Gott dadurch zu beleidigen. So kann auch der Gemahl jener Prinzessin, von der wir vorhin sprachen, dieser nicht böse sein wegen der Botschaft, die ihr gesandt wurde, wenn sie keine Freude daran hatte. Trotzdem besteht ein Unterschied zwischen der Seele und dieser Prinzessin: Sie kann den Boten fortjagen und nicht anhören, es steht aber nicht in der Macht der Seele, die Versuchung nicht zu fühlen; das einzige, was sie vermag, ist, ihr nicht zuzustimmen. So kann uns also die Versuchung nicht schaden, so lang sie uns mißfällt, auch wenn sie noch so lang anhält.

      Was nun die Freude betrifft, die auf eine Versuchung folgt, muß man wissen, daß wir zwei Bereiche in unserer Seele haben: den niederen und den höheren. Der niedere folgt nicht immer dem höheren, sondern betreibt seine eigene Politik. Es kommt vor, daß der niedere Bereich unserer Seele an der Versuchung Gefallen findet, ohne Zustimmung, ja gegen den Willen des höheren. Auf diesen Streit und Krieg spielt der Apostel Paulus an, wenn er sagt, daß das Fleisch gegen den Geist begehrt (Gal 5,17) und daß es ein Gesetz in den Gliedern und ein Gesetz des Geistes gibt (Röm 7,23).

      Hast du schon einmal eine große, mit Asche bedeckte Feuerstelle gesehen? Wenn man zehn oder zwölf Stunden später kommt, um Feuer zu holen, findet man nur mit Mühe noch ein wenig Glut unter der Asche, und doch ist noch Feuer da, sonst würde man es ja nicht finden. Damit kann man dann alle erloschenen Kohlen wieder zum Brennen bringen. Der Liebe, dem Leben unserer Seele, ergeht es bei schweren und heftigen Versuchungen wie diesem Feuer. Die Versuchung wirft ihre Lust auf den niederen Seelenbereich, bedeckt scheinbar die ganze Seele mit ihrer Asche und drängt die Liebe zu Gott so sehr zurück, daß sie kaum noch anderswo als in der Mitte des Herzens, im tiefsten Seelengrund erhalten bleibt. Ja, fast möchte man glauben, daß sie auch dort nicht mehr sei, und man findet sie nur mit vieler Mühe. Sie ist aber doch da, denn wir sind ja entschlossen, der Sünde und der Versuchung nicht nachzugeben, obwohl Seele und Leib in tiefste Verwirrung geraten sind. Die Lust, die dem äußeren Menschen gefällt, mißfällt dem inneren; wenn sie auch unseren Willen ganz umlagert, sie ist doch nicht in ihn eingedrungen. Sie ist somit unfreiwillig und kann daher keine Sünde sein.

      4. Kapitel

      Zwei anschauliche Beispiele.

      Es ist wichtig, daß du diesen Unterschied richtig erkennen lernst, darum will ich ihn durch zwei anschauliche Beispiele noch deutlicher machen.

      Der hl. Hieronymus erzählt von einem jungen Mann, der mit seidenen Bändern auf ein weiches Bett gefesselt und unzüchtigen Berührungen einer Dirne ausgesetzt wurde, die auf diese Weise seine Standhaftigkeit erschüttern sollte. Muß er das nicht gefühlt haben? Müssen nicht seine Sinne von der Lust erfaßt, seine Phantasie von lüsternen Bildern aufgewühlt worden sein? Ohne Zweifel? Trotzdem bezeugte er inmitten all der Wollust, die ihn umtobte, daß sein Herz nicht besiegt war und sein Wille keineswegs zustimmte: Weil sein Geist erkannte, daß sich alles gegen ihn auflehnte, und er nur mehr über seine Zunge Herr war, biß er sie ab und spie sie dem schlechten Weib ins Gesicht. Es hatte seine Seele durch die Wollust schrecklicher gepeinigt, als je ein Henker es durch die Folter vermocht hätte; deshalb hoffte ja auch der Tyrann, ihn durch die sinnliche Lust zu überwältigen, weil er sich zu schwach fühlte, ihn durch körperliche Peinen zu besiegen.

      Wie wunderbar ist doch die Geschichte der seelischen Kämpfe, welche die hl. Katharina von Siena auszufechten hatte! Gott erlaubte dem bösen Feind, die Reinheit dieser heiligen Jungfrau mit der größten Wut anzugreifen, deren er fähig war, es war ihm aber nicht gestattet, sie zu berühren. Also setzte er ihrem Herzen mit jeder Art unreiner Vorstellungen zu. Um sie noch mehr zu erregen, kam er mit seinen Gesellen in Gestalt von Männern und Frauen, verübte vor Katharinas Augen tausende von unkeuschen Handlungen, begleitet von unanständigen Worten und Aufforderungen. Obwohl sich dies außerhalb ihrer Person abspielte, drang es doch durch die Sinne tief ins Herz der Jungfrau ein, das nach ihrem eigenen Geständnis so sehr davon erfüllt war, daß nur der oberste Gipfel ihres Willens von diesem Sturm häßlicher, fleischlicher Lüste nicht erschüttert wurde.

      Das dauerte lange Zeit an, bis ihr eines Tages der Herr erschien. Sie fragte ihn: ³Wo warst Du, liebster Herr Jesus, als mein Herz von Finsternis und Schmutz erfüllt war?", worauf er antwortete: ³In deinem Herzen war ich, meine Tochter.'' Sie entgegnete: ³Wie konntest Du denn in meinem Herzen weilen, wo so viel Abscheuliches war? Wohnst Du an einem Ort mit solchen Schändlichkeiten?'' Darauf erwiderte der Herr: ³Sag mir: verursachten diese schmutzigen Gedanken Freude oder Traurigkeit, Bitterkeit oder Lust?'' Sie antwortete: ³Äußerste Bitterkeit und Traurigkeit'', darauf Jesus: ³Wer anders senkte diese Bitterkeit und Traurigkeit dir ins Herz als ich, der verborgen inmitten deiner Seele weilte? Glaube mir, meine Tochter: Wäre ich nicht dagewesen, dann hätten diese Gedanken, die deinen Willen belagerten und nicht erobern konnten, dich gewiß überwunden, wären eingedrungen, von deinem freien Willen mit Freuden aufgenommen worden und hätten deine Seele gemordet. Weil ich aber in dir wohnte, legte ich diese Ablehnung und diesen Widerstand in dein Herz, so daß es die Versuchung abwies, wo es nur konnte. Und weil es das nicht so lebhaft konnte, wie es wollte, fühlte es seinen Unwillen und Haß gegen die Versuchung und gegen sich selbst wachsen. Darum waren diese Qualen ein großes Verdienst und ein großer Gewinn für dich, ließen dich an Tugend und Festigkeit wachsen.''

      Siehst du, wie die Glut ganz von Asche bedeckt war? Siehst du, daß die Versuchung und Lust sogar in das Herz eingedrungen waren und den Willen belagerten; von seinem Heiland unterstützt, leistete er allein durch Bitterkeit, Unwillen und Abscheu dem Schlechten Widerstand und weigerte sich beharrlich, der Sünde zuzustimmen, von der er wie umzingelt war.

      Mein Gott, in welcher Not ist die gottliebende Seele, wenn sie nicht einmal mehr weiß, ob Gott noch in ihr wohnt oder nicht, ob die göttliche Liebe, für die sie kämpft, schon ganz erloschen ist oder nicht! Es ist doch die feinste und höchste Blüte der Vollkommenheit göttlicher Liebe, daß sie den Liebenden für die Liebe kämpfen und leiden läßt, für sie, aus deren Kraft er kämpfte.

      5. Kapitel

      Mut in der Versuchung! Ermunterung für die Zeit der Prüfung.

      So schwere Stürme furchtbarer Versuchungen läßt Gott nur bei Seelen zu, die er zu einer ganz reinen Liebe emporführen will. Daraus folgt freilich nicht, daß alle dahin gelangen, die schwer versucht werden. Oft haben Sieger über diese schweren Stürme der Güte Gottes später nicht treu entsprochen und wurden von viel geringeren Versuchungen überwältigt. So wisse also, daß Gott dir eine besondere Gunst erweist, wenn er schwere Versuchungen über dich kommen läßt. Er will, daß du vor ihm wachest. Bleib vor allem stets demütig und deiner Schwäche bewußt; trau dir nach Überwindung der schweren Versuchungen den Sieg über geringere nur zu, wenn du seiner göttlichen Majestät unwandelbar treu bleibst.

      Welche Versuchungen auch immer über dich kommen, welche Lust immer du dabei empfindest: beunruhige dich keineswegs, solang dein Wille die Zustimmung nicht nur zur Versuchung, sondern auch zur Lust verweigert; du hast Gott nicht beleidigt.

      Wenn ein Mensch ohnmächtig ist und kein Lebenszeichen mehr gibt, legt man ihm die Hand aufs Herz; spürt man, daß es noch ein wenig schlägt, so weiß man, daß noch Leben in ihm ist, daß man ihn durch Arzneien wieder zu Kraft und Besinnung bringen kann. Auch bei heftigen Versuchungen scheint die Seele zuweilen so schwach zu sein, daß Ohnmacht sie umfängt: kein geistliches Leben, keine Bewegung ist mehr in ihr. Wollen wir aber erkennen, wie es wirklich um sie steht, dann legen wir ihr die Hand aufs Herz, prüfen wir, ob Herz und Wille noch ihre geistliche Bewegungsfreiheit besitzen, d. h. ob sie noch ihre Aufgabe erfüllen und der Versuchung wie der Lust ihre Zustimmung verweigern. Solang sich noch diese Weigerung regt, haben wir die Gewißheit, daß die Liebe noch in der Seele lebendig ist, daß Jesus unser Heiland sich noch in unserer Seele aufhält, wenn auch unsichtbar verborgen; durch inständiges Beten, häufigen Empfang der heiligen Sakramente und Gottvertrauen wird unsere Kraft sich wieder erneuern und volles, freudiges Leben uns wieder beseelen.

      6. Kapitel

      Wie können Versuchung und Lust Sünde sein?

      Die Prinzessin, von der wir sprachen, trifft keine Schuld an dem unanständigen Antrag, der ihr gegen ihren Willen gemacht wurde. Wäre sie dem, der um ihre Gunst warb, auch nur im geringsten entgegengekommen, so wäre sie ohne Zweifel mitschuldig und verdiente Tadel und Strafe, wenn sie auch noch so sehr die Beleidigte spielen wollte.

      So kann zuweilen schon die Versuchung selbst Sünde sein, weil wir sie verursacht haben. lch weiß z. B., daß ich beim Spielen leicht zornig werde und fluche; das Spielen bringt mich in diese Versuchung. Dann sündige ich, sooft ich spiele, und bin schuld an allen Versuchungen, die mir beim Spielen kommen. lch weiß, daß bestimmte Gesellschaften mich in Versuchung führen und zu Fall bringen; gehe ich freiwillig hin, so bin ich ohne Zweifel verantwortlich für alle Versuchungen, die dort über mich kommen werden.

      Wenn die Lust, die aus der Versuchung entsteht, zurückgewiesen werden kann, ist es Sünde, sie anzunehmen; die Sünde ist groß oder gering, je nach dem Grad und der Dauer der Freude daran. Es wäre gewiß schlecht von jener Prinzessin, wenn sie den schmutzigen, unehrbaren Antrag nicht nur anhörte, sondern nachher noch mit Freude darüber nachdächte. Will sie auch das Schlechte nicht wirklich ausführen, das ihr angetragen wird, so hat sie ihm doch geistigerweise ihr Herz zugewandt durch das Wohlgefallen daran. Es ist aber immer unanständig, wenn Herz und Sinne sich mit Unehrbarem beschäftigen; ja, die Unlauterkeit liegt gerade darin, daß das Herz dafür eingenommen wird, denn der Leib kann gar nicht sündigen, wenn es nicht zustimmt.

      Wirst du also zu einer Sünde versucht, so prüfe, ob du dazu bewußt Anlaß gegeben hast; dann wäre schon die Versuchung selbst Sünde, weil du dich der Gefahr der Sünde ausgesetzt hast. Das ist dann der Fall, wenn man der Gelegenheit leicht aus dem Weg gehen und die Versuchung voraussehen konnte oder mußte. Hast du aber keinen Anlaß zur Versuchung gegeben, dann kann sie dir in keiner Weise als Sünde angerechnet werden.

      Konntest du die mit der Versuchung verbundene Lust abwehren, hast es aber unterlassen, so ist das Sünde; du sündigst mehr oder minder schwer je nach der Zeit, die du dabei bleibst, und nach der Ursache dieser Lust. Eine Frau, die keinen Anlaß gegeben hat, daß man ihr den Hof macht, daran aber Freude hat, tut Unrecht, wenn der Grund ihrer Freude nur das Hofiertwerden ist. Wenn aber ein Verehrer schön auf einem Instrument spielt, um ihre Gunst zu gewinnen, dann wäre es keine Sünde, wenn sie zwar nicht an seiner Werbung, wohl aber an der Schönheit seines Spiels Freude hätte. Sie sollte sich aber hüten, lang bei dieser Freude zu verweilen, sonst besteht die Gefahr, daß sie auch an seinem Antrag Freude bekommt. Wenn mir jemand einen schlauen und raffinierten Plan entwirft, mich an einem Feind zu rächen, dann sündige ich gewiß nicht, wenn ich der Rache nicht zustimme, aber an der Schlauheit des Planes Gefallen finde. Es wäre aber nicht klug, sich lang damit zu beschäftigen, weil sonst schließlich auch die Rachegedanken Besitz von mir ergreifen werden.

      Es kommt manchmal vor, daß wir von der Lust, die auf die Versuchung folgt, überrumpelt werden, ehe wir Zeit haben, uns vor ihr zu sichern. Das ist dann höchstens eine kleine läßliche Sünde; sie würde aber größer, wenn wir leichtsinnig länger mit der Lust unterhandelten, ob wir nachgeben oder widerstehen sollen, obwohl wir die Gefahr sehen, in der wir schweben. Noch ernster wird die Sünde, wenn man bewußt längere Zeit bei der Lust verweilt aus reiner Nachlässigkeit, ohne den Vorsatz, sie zu verwerfen. Ist man aber freiwillig und nach reiflicher Überlegung entschlossen, sich der Lust hinzugeben, so ist dieser überlegte Entschluß bereits eine schwere Sünde, wenn der Gegenstand der Lust sehr schlecht ist. Eine Frau ist schon lasterhaft, wenn sie sündhafte Liebschaften unterhält, selbst wenn sie nicht die Absicht hat, sich ihrem Liebhaber ganz hinzugeben.

      7. Kapitel

      Mittel gegen schwere Versuchungen.

      Sobald du die Versuchung fühlst, mache es wie die kleinen Kinder, die sofort zu Vater und Mutter laufen oder um Hilfe schreien, sobald sie einen Wolf oder Bär erblicken. So nimm auch du deine Zuflucht zu Gott; bitte ihn, daß er sich deiner erbarme und dir helfe. Der Heiland selbst lehrt uns: ³Betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet'' (Mt 26,41).

      Siehst du, daß die Versuchung anhält oder gar zunimmt, dann umfange eilends das Kreuz, als sähest du Jesus daran hängen. Beteure, daß du der Versuchung nicht zustimmen willst, bitte Jesus um Hilfe und setze deine Beteuerung fort, solang die Versuchung anhält. Betrachte dabei aber nicht die Versuchung, sondern den Herrn. Schaust du nämlich auf die Versuchung, so könnte sie deinen Mut erschüttern, besonders wenn sie heftig ist.

      Lenke deinen Geist ab durch eine gute und erlaubte Beschäftigung; sie wird deine Sinne und dein Denken einnehmen und die Versuchung mit ihren schlechten Vorstellungen verdrängen.

      Das große Heilmittel gegen alle Versuchungen, die schweren wie die leichten, ist, offenherzig alle Vorstellungen, Gefühle und Empfindungen dem Seelenführer mitzuteilen. Das erste, was der böse Feind von denen verlangt, die er verführen will, ist, daß sie schweigen sollen. Verführer von Frauen und Mädchen handeln ja auch so; sie verbieten zu allererst, daß sie von ihrem Antrag dem Vater oder Gatten erzählen, während Gott bei seinen Einsprechungen vor allem verlangt, daß wir sie unserem Vorgesetzten und Seelenführer mitteilen.

      Wenn die Versuchung uns trotzdem hartnäckig weiter plagt und verfolgt, dann bleiben auch wir hartnäckig bei der Beteuerung, daß wir nicht nachgeben wollen. Wie man ein Mädchen nicht heiraten kann, wenn es nein sagt, so kann die Seele wohl verwirrt aber nie verwundet werden, solang sie nein sagt.

      Streite nicht mit dem Feind! Erwidere kein Wort außer dem einen, womit der Herr ihn beschämte: ³Zurück, Satan! Du sollst den Herrn, deinen Gott anbeten und ihm allein dienen" (Mt 4,10). Eine anständige Frau würdigt den Verführer, der ihr schmutzige Anträge stellt, keines Wortes, ja sie sieht ihn nicht einmal an, sondern läßt ihn einfach stehen, wendet das Herz ihrem Mann zu und erneuert ihm den Treueschwur, ohne sich irgendwie auf Verhandlungen einzulassen. So darf auch der fromme Mensch, wenn er von einer Versuchung überfallen wird, sich keineswegs dabei aufhalten, mit ihr zu streiten oder ihr zu antworten, sondern er wendet sich einfach Jesus zu, beteuert ihm die Treue und erneuert seinen Willen, ihm allein anzugehören.

      8. Kapitel

      Widerstand gegen kleine Versuchung.

      Man muß gewiß den schweren Versuchungen mit unüberwindlichem Mut widerstehen, und der errungene Sieg ist ohne Zweifel sehr wertvoll; trotzdem ist es noch nützlicher, die kleinen Versuchungen tapfer zu bekämpfen. Die großen sind zwar heftiger, die kleinen dagegen um so zahlreicher, so daß ihre Überwindung dem Sieg über die schweren Versuchungen in etwa gleichkommt.

      Wölfe und Bären sind gewiß gefährlicher als Mücken, sie plagen, ärgern und reizen uns aber bestimmt nicht so zur Ungeduld. Es ist nicht schwer, sich eines Mordes zu enthalten, wohl aber, alle kleinen Zornausbrüche zu unterdrücken, wozu fast jeden Augenblick Gelegenheit ist. Es ist leicht, keinen Ehebruch zu begehen, nicht immer aber so leicht, jedes Liebäugeln zu meiden, zu verhindern, daß man Liebesäußerungen und Gunstbezeigungen empfängt oder gibt, Schmeichelworte unterdrückt oder zurückweist. Es ist leicht, den Diebstahl zu meiden, schwerer dagegen, fremdes Gut nicht zu begehren; leicht, keinen Meineid zu schwören, aber schwer, in Gesellschaft immer ganz bei der Wahrheit zu bleiben; leicht, dem Nächsten nicht den Tod zu wünschen, schwer, ihm einen Nachteil nicht zu gönnen; leicht, ihn nicht zu verleumden, schwer, ihm keine Geringschätzung zu zeigen.

      Mit einem Wort: diese kleinen Versuchungen zu Zorn, Argwohn, Eifersucht, Neid, Liebeleien, Narreteien, Eitelkeit, Doppelzüngigkeit und Geziertheit, unanständigen Gedanken, das sind die ständigen Plagen auch solcher Menschen, die am meisten zum frommen Leben entschlossen sind. Deshalb müssen wir uns sorgfältig für diesen Kampf rüsten. Sei versichert: soviel Siege über diese kleinen Feinde, soviel kostbare Perlen in der Siegeskrone, die uns Gott in seiner Herrlichkeit bereithält. Darum wiederhole ich: Wir sind entschlossen, schwere Versuchungen tapfer zurückzuweisen, wenn sie uns überfallen sollten, inzwischen aber wollen wir uns der kleineren und schwächeren Angriffe sorgfältig erwehren.

      9. Kapitel

      Mittel gegen kleine Versuchungen.

      Die kleinen Versuchungen zu Eitelkeit, Argwohn und Ärger, zu Eifersucht, Liebeleien und ähnlichen Torheiten tanzen wie Mücken und Fliegen vor unseren Augen herum, stechen uns bald auf die Wange, bald auf die Nase; es ist unmöglich, von dieser Belästigung ganz verschont zu bleiben. Wir leisten ihnen den wirksamsten Widerstand, wenn wir uns nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sie sind wohl unangenehm, können uns aber nicht schaden, wenn wir entschlossen sind, Gott zu dienen.

      Verachte also diese kleinen Angriffe! Laß dich nicht einmal dazu herab, an das zu denken, was sie von dir wollen. Laß sie um dich herumsummen und brummen, soviel sie wollen. Laß sie dich umschwärmen wie die Mücken. Wenn sie herankommen, um dich zu stechen und sich in deinem Herzen festzusetzen, dann wische sie einfach weg, ohne dich in einen Kampf einzulassen und dich weiter mit ihnen abzugeben. Tu irgendetwas, was ihnen entgegengesetzt ist; erwecke besonders Akte der Gottesliebe. Versteife dich nicht einmal auf die jeder Versuchung entgegengesetzte Tugend; das hieße ja, mit der Versuchung streiten. Setze einen Tugendakt, der einer bestimmten Versuchung widerspricht, wenn du Zeit hattest, die Art der Versuchung zu erkennen. Dann wende dein Herz dem gekreuzigten Heiland zu und küsse liebevoll seine heiligen Fußwunden; das ist das beste Mittel, den Feind zu besiegen, bei großen wie bei kleinen Versuchungen.

      Die Gottesliebe schließt die Vollkommenheit aller Tugenden ein und ist noch vorzüglicher als diese Tugenden selbst; darum ist sie auch ein überaus wirksames Mittel gegen alle Laster. Du wirst dich allmählich daran gewöhnen, bei allen Versuchungen sogleich dieses Mittel zu ergreifen, und brauchst dann nicht erst nachsehen und prüfen, welche Versuchung dich eigentlich befällt. Bist du irgendwie verwirrt, so wird dieses kräftige Heilmittel dich beruhigen. Es ist überdies dem bösen Feind so verhaßt, daß er davon ablassen wird, uns zu versuchen, sobald er merkt, daß Versuchungen uns nur zur Gottesliebe aneifern.

      So viel über diese kleinen und häufigen Versuchungen. Wer sich mit ihnen eingehend befassen wollte, würde nur Zeit verlieren und nichts gewinnen.

      10. Kapitel

      Wie man sein Herz gegen Versuchungen stark macht.

      Prüfe von Zeit zu Zeit, welche Leidenschaften in deiner Seele vorherrschen. Bist du dir darüber klar geworden, dann nimm die entgegengesetzte Haltung in Gedanken, Worten und Werken ein.

      Fühlst du z. B. eine starke Neigung zur Eitelkeit, dann denke oft an die Armseligkeit des menschlichen Lebens; bedenke, wie peinlich diese Eitelkeiten deinem Gewissen in der Todesstunde sein werden, wie unwürdig eines edelgesinnten Herzens sie sind. Bedenke, wie kindisch das alles ist. Sprich oft verächtlich von der Eitelkeit, auch wenn es dir scheint, daß du es nur ungern tust, denn dadurch bist du es dann deinem Ruf schuldig, zur Gegenpartei zu halten. Außerdem regen wir uns selbst zum Haß gegen das an, was wir mit Worten bekämpfen, wenn wir auch früher Zuneigung dafür empfanden. Nimm möglichst oft Erniedrigendes und Demütigendes auf dich, auch wenn es dir schwer fällt. So wirst du dich in der Demut üben und die Eitelkeit schwächen. Kommt dann die Versuchung, wird sie nicht mehr so stark von der Neigung begünstigt und du hast mehr Kraft, sie zu bekämpfen.

      Neigst du zum Geiz, dann denke oft über das Unsinnige dieser Sünde nach, die uns selbst zu Sklaven dessen macht, was geschaffen ist, uns zu dienen. Bedenke, daß du bei deinem Tod alles verlassen, es diesem oder jenem vererben mußt, der es verschwenden oder dem es zum Verderben gereichen wird. Sprich oft gegen den Geiz und preise die Verachtung der irdischen Güter. Zwinge dich oft dazu, Almosen zu geben, Werke der Nächstenliebe zu üben und Gelegenheiten ungenützt zu lassen, bei denen du Geld und Gut erraffen könntest.

      Neigst du zu Liebeleien, so denke oft daran, wie gefährlich sie für dich wie für die anderen sind, wie unwürdig es ist, unsere edelste Leidenschaft zu entweihen und zu einem Zeitvertreib herabzuwürdigen. Denke daran, daß man sich deswegen dem Tadel äußerster Leichtfertigkeit aussetzt. Lobe oft die Herzensreinheit und Herzenseinfalt, handle darnach, soviel du nur kannst, und meide alles zärtliche und eitle Getue.

      Mit einem Wort: übe die entgegengesetzten Tugenden in Friedenszeiten, also dann, wenn dich die Versuchungen nicht bedrängen, denen du ausgesetzt bist. Bieten sich Gelegenheiten dazu nicht von selbst, dann geh ihnen entgegen, um ihnen zu begegnen. So wirst du dein Herz stark machen, daß es auftretenden Versuchungen standzuhalten vermag.

      11. Kapitel

      Von der Unruhe.

      Die Unruhe ist nicht einfach eine Versuchung, sondern die Quelle vieler Versuchungen.1 Die Traurigkeit ist ein seelischer Schmerz über ein Übel, das uns gegen unseren Willen zustößt, gleichgültig, ob dieses Übel von außen kommt wie Armut, Krankheit, Verachtung, oder unserem Geist anhaftet wie Unwissenheit, geistliche Dürre, Widerwillen, Versuchung. Wenn die Seele fühlt, daß sie von einem Übel betroffen wird, dann ist sie darüber mißgestimmt, daß ihr etwas mangelt; das ist die Traurigkeit. Sie möchte sofort davon frei werden und sieht sich nach Mitteln dafür um. Soweit handelt sie richtig, denn jedermann sucht sein Wohl und flieht, was er für ein Übel hält.

      Sucht nun die Seele nach Mitteln zur Befreiung vom Übel, weil sie Gott liebt, so wird sie sich darum geduldig, demütig, sanftmütig und ruhig bemühen und die Befreiung mehr von der Güte der Vorsehung Gottes erhoffen als von ihrem eigenen Bemühen, ihrer Anstrengung und Geschicklichkeit. Strebt sie diese Befreiung aber aus Eigenliebe an, so wird sie sich auf der Suche nach den geeigneten Mitteln aufregen und erhitzen, als ob ihr Wohl mehr von ihr selbst als von Gott abhinge. lch sage nicht, daß sie das denkt, sondern ich sage, sie regt sich auf, als ob sie so dächte.

      Findet sie nun nicht, was sie wünscht, dann kommt große Unruhe und Ungeduld über sie. Das Übel weicht nicht, es wird im Gegenteil schlimmer, die Seele wird zutiefst geängstigt und verzagt. Mut und Kraft schwinden dahin, sodaß ihr das Übel schließlich unüberwindlich scheint. So gebiert die anfangs vernünftige Traurigkeit die Unruhe, diese Unruhe wieder bewirkt ein Wachsen der Traurigkeit, die dann äußerst gefährlich wird.

      Die Unruhe ist nach der Sünde das größte Übel, das eine Seele treffen kann. Wie Bürgerkriege und Aufstände einen Staat ruinieren und so schwächen, daß er einem Feind von außen keinen Widerstand mehr zu leisten vermag, so verliert auch die Seele durch Verwirrung und Unruhe die Kraft, bereits erworbene Tugenden zu bewahren, und damit auch die Fähigkeit, den Versuchungen des Feindes zu widerstehen, der dann sehr eifrig bemüht ist, in diesen aufgewühlten Wassern zu fischen.

      Die Unruhe entspringt dem ungeordneten Wunsch nach Befreiung von einem schmerzlich empfundenen Übel oder nach Erlangung von heißersehnten Gütern. Dabei verschlimmert nichts so sehr das Übel, rückt nichts so sehr das ersehnte Gut in die Ferne wie Unruhe und Hast. Die Vögel verstricken sich in den Netzen, weil sie hin- und herflattern, um zu entkommen, unruhig um sich schlagen und sich dadurch nur noch mehr verfangen.

      Wenn dich also der Wunsch bedrängt, von einem Übel befreit zu werden oder ein Gut zu gewinnen, so beruhige vor allem deinen Geist, mäßige Urteil und Verlangen, dann bemühe dich in aller Ruhe darum, indem du die dafür geeigneten Mittel anwendest. Wenn ich ³ruhig'' sage, meine ich nicht nachlässig, sondern ohne Hast, ohne Aufregung und Unruhe. Handelst du nicht so, dann wirst du, statt dein Ziel zu erreichen, alles zugrunderichten und selbst noch mehr in Verwirrung geraten.

      ³Meine Seele ist stets in meiner Hand, o Herr, ich habe Dein Gesetz nicht vergessen'', betete David (Ps 119,109). Prüfe dich täglich mehrmals, wenigstens am Morgen und am Abend, ob du deine Seele in der Hand hast oder ob irgendeine Leidenschaft oder Unruhe sie deiner Kontrolle entzogen hat. Schau, ob das Herz deinen Befehlen gehorcht oder ihnen ausweicht und sich in ungeordnete Affekte der Liebe oder des Hasses, der Sehnsucht und Furcht, des Ärgers oder der Freude verwickelt hat. Ist dein Herz in die Irre gegangen, dann geh es vor allem suchen, führe es ganz behutsam in die Gegenwart Gottes zurück und stelle von neuem deine Affekte und Wünsche unter den Gehorsam, unter die Führung seines göttlichen Willens. Wer einen kostbaren Gegenstand zu verlieren fürchtet, hält ihn stets sorgsam in der Hand; so wollen auch wir wie der Psalmist beten: ³Mein Gott, meine Seele ist gefährdet, deshalb trage ich sie in meinen Händen, so habe ich Dein heiliges Gesetz nicht vergessen.''

      Gestatte nie deinen Wünschen, auch nicht unwichtigen, dich zu beunruhigen. Nach kleinen würden auch große und wichtige Wünsche in deinem Herzen einen geeigneten Nährboden finden für Unruhe und Aufregung. Fühlst du Unruhe über dich kommen, so bete zu Gott, sei entschlossen, keinem deiner Wünsche nachzugeben, bevor sich die Unruhe gelegt hat, außer es handelt sich um etwas Unaufschiebbares. In diesem Fall mußt du mit ruhig-festem Bemühen den stürmischen Wünschen Einhalt gebieten, sie beruhigen und mäßigen, soweit es dir möglich ist, und dann die Sache ausführen, nicht nach deinen Wünschen, sondern nach der Vernunft.

      Kannst du die Unruhe deinem Seelenführer oder sonst einem vertrauten und frommen Freund offenbaren, dann darfst du versichert sein, daß du bald die Ruhe finden wirst. Denn die Mitteilung seelischer Schwierigkeiten wirkt auf die Seele, wie der Aderlaß auf den fiebernden Körper, sie ist das beste aller Heilmittel. Deshalb gab auch der heilige König Ludwig seinem Sohn den Rat: ³Fühlst du dich im Herzen irgendwie beklemmt, sag es sogleich deinem Beichtvater oder einem anderen guten Menschen, und du wirst gestärkt werden, um dein Leid leichter zu tragen.''

      12. Kapitel

      Von der Traurigkeit.

      ³Die Traurigkeit im Sinne Gottes'', sagt der hl. Paulus, ³bewirkt Bekehrung zum Heil, die Traurigkeit der Welt aber führt zum Tode'' (2.Kor 7,10).

      Es gibt also eine gute und eine schlechte Traurigkeit,1 je nach den Wirkungen, die ihr entspringen. Tatsächlich ruft sie mehr schlechte Wirkungen hervor als gute. An guten kann man nur zwei aufzählen: Barmherzigkeit und Buße, dagegen sechs schlechte: Angst, Trägheit, Empörung, Eifersucht, Neid und Ungeduld. Deshalb sagt auch der Weise: ³Die Traurigkeit tötet viele und es ist kein Nutzen in ihr'' (Sir 30,23); denn von acht Bächen, die dieser Quelle entspringen, sind nur zwei klar, sechs dagegen trüb.

      Der böse Feind bedient sich der Traurigkeit, um die Guten zu versuchen. Er will, daß die Schlechten an der Sünde Freude haben und die Guten über ihre guten Werke traurig seien. Er kann zum Schlechten nur dadurch locken, daß er es angenehm scheinen läßt, ebenso kann er vom Guten nur dadurch abhalten, daß er es unangenehm empfinden läßt.

      Der böse Feind hat Freude an unserer Traurigkeit und Schwermut, weil er selbst traurig und schwermütig ist und es ewig bleiben wird. Deshalb will er, daß ihm darin alle gleichen.

      Die schlechte Traurigkeit verwirrt die Seele, beunruhigt sie, flößt ihr übertriebene Furcht ein, verekelt das Gebet, betäubt und belastet den Geist, beraubt die Seele des Rates und der Entschlußkraft, des Urteils und Mutes und zerschlägt ihre Kraft. Sie ist wie ein strenger Winter, der alle Schönheit der Erde gleichsam hinwegrafft und alles Lebende erstarren läßt; mit einem Wort: sie nimmt der Seele alle Anmut, lähmt und entkräftet sie in all ihren Fähigkeiten.

      Sollte es dir jemals zustoßen, von dieser schlechten Traurigkeit befallen zu werden, dann wende folgende Heilmittel an: ³Wer traurig ist'', sagt der hl. Jakobus (5,13), ³der bete.'' Das Gebet ist ein unübertreffliches Mittel, denn es erhebt unseren Geist zu Gott, unserer einzigen Freude, unserem einzigen Trost. Dein Gebet aber bestehe in innerlichen oder auch ausgesprochenen Worten und Affekten, die auf Gottvertrauen und Gottesliebe abzielen, wie: ³Barmherziger Gott! Mein gütiger Gott! Mein lieber, gütiger Jesus! Du Gott meines Herzens! Meine Freude, meine Hoffnung! Geliebter meiner Seele!'' und ähnliche.

      Bekämpfe lebhaft den Hang zur Traurigkeit! Gib keine Übung auf, selbst wenn es dir scheint, als verrichtest du in dieser Zeit alles freudlos, lässig und kalt. Der böse Feind will uns durch die Traurigkeit dahin bringen, daß wir in der Übung des Guten nachlassen; sieht er aber, daß wir trotzdem ausharren, ja daß unsere Werke nur wertvoller werden, weil wir sie trotz inneren Widerstrebens ausführen, dann hört er bald auf, uns damit zu plagen.

      Singe fromme Lieder. Dadurch ist der böse Feind schon oft vertrieben worden. So wurde durch Psalmengesang das Ungestüm des bösen Geistes bezähmt, von dem Saul besessen war (vgl. 1 Sam 16,14ff).

      Es ist auch gut, sich mit körperlichen Arbeiten zu beschäftigen, und zwar mit verschiedenartigen, um dadurch den Geist vom Gegenstand der Traurigkeit abzulenken, ihn zu klären und zu erneuern, denn die Traurigkeit ist von Natur aus eine kalte und unfruchtbare Leidenschaft.

      Gib dich äußeren Werken des Eifers hin, auch wenn du sie gefühllos ausführst. Umfange das Kreuz, drücke es an die Brust, küsse Hände und Füße des Gekreuzigten, erhebe Augen und Hände zum Himmel, während du dein Herz durch Worte der Liebe und des Vertrauens zu Gott emporschwingst, z. B. durch diese: ³Mein Geliebter ist mein und ich bin sein" (Hld 2,16). ³Mein Geliebter ist mir wie ein Myrrhenstrauß, ich halte ihn umfangen'' (Hld 1,12). ³Meine Augen sind auf Dich geheftet, mein Gott; wann wirst Du mich trösten?" (Ps 119,82). ³Jesus, sei mir Jesus! Es lebe Jesus, und meine Seele wird leben.'' ³Wer wird mich von der Liebe meines Gottes trennen? `' (Röm 8,35) und ähnliche kurze Gebete.

      Mäßiger Gebrauch der Geißel ist ein gutes Mittel gegen die Traurigkeit, weil dieser freiwillige körperliche Schmerz innere Freude bewirkt. Die Seele leidet den körperlichen Schmerz mit und wird dadurch von ihrem eigenen Leid abgelenkt.

      Meist wirkt der Empfang der heiligen Kommunion am nachhaltigsten gegen die Traurigkeit; denn dieses Himmelsbrot stärkt das Herz (Ps 104,15) und erfreut das Gemüt.

      Eröffne deinem Beichtvater und Seelenführer demütig und gewissenhaft alle Gefühle, Affekte und Gedanken, die deiner Traurigkeit entspringen. Suche die Gesellschaft von Menschen religiöser Gesinnung und pflege mit ihnen während dieser Zeit möglichst häufigen Umgang.

      Schließlich ergib dich in Gottes Hand, sei bereit, diese Last der Traurigkeit als gerechte Strafe für deine eitlen Vergnügungen geduldig zu tragen. Zweifle nicht daran, daß Gott dich nach der Zeit der Prüfung von diesem Leid befreien wird.

      13. Kapitel

      Vom Verhalten in fühlbaren geistlichen Freuden.

      I.

      Gott läßt den Bestand der Welt in ständigem Wechsel vor sich gehen: Der Tag wird zur Nacht, der Frühling zum Sommer, der Sommer zum Herbst, dieser zum Winter und der Winter wieder zum Frühling. Kein Tag gleicht vollkommen dem anderen: bewölkte, regnerische wechseln mit heiteren und stürmischen ab. Diese bunte Verschiedenheit gibt dem Weltall seine große Schönheit.1

      So geht es auch dem Menschen, der ja nach den alten griechischen Philosophen eine Welt im Kleinen ist. Niemals bleibt er im gleichen Zustand. Sein Leben strömt hienieden dahin wie das Wasser: Es kann ruhig hinströmen und dann wieder gewaltige Wogen schlagen, die es emporheben in freudiger Hoffnung, aber auch in tiefe Täler banger Furcht hinabschleudern, es zur Rechten hintreiben durch die Freude, dann wieder zur Linken durch das Leid. Kein Tag gleicht dem anderen, ja nicht einmal eine Stunde ist ganz wie die andere.

      Da ergeht an uns die ernste Mahnung, uns zu bemühen, daß wir bei aller Wandelbarkeit der Ereignisse beständigen und unerschütterlichen Gleichmut bewahren. Mag alles um uns herum dauernd sich ändern, wir müssen unveränderlich fest dabei bleiben, stets auf Gott hin zu schauen, zu streben und zu arbeiten.

      Mag das Schiff diesen oder jenen Kurs nehmen, mag es nach Westen oder Osten, nach Süden oder Norden streben, mag dieser oder jener Wind es treiben, die Kompaßnadel wird doch stets nach Norden zeigen. Mag nicht nur um uns herum, sondern auch in uns alles drunter und drüber gehen, mag unsere Seele traurig oder vergnügt und fröhlich, verbittert und unruhig oder friedlich, im Licht oder in der Finsternis der Versuchung, mag sie ruhig und voll Freude oder voll Ekel sein, in Trockenheit oder Seligkeit, mag die Sonne sie versengen oder der Tau sie erfrischen: immer soll unser Herz, unser Geist und der höhere Wille gleich der Kompaßnadel unablässig auf die Gottesliebe als ihr einziges und höchstes Gut schauen und ausgerichtet sein.

      ³Ob wir leben oder sterben", sagt der Apostel, ³wir gehören Gott an'' (Röm 14,8). ³Wer wird uns von der Liebe Gottes trennen?" Nein, nichts wird uns je von dieser Liebe trennen, weder Leid noch Angst, weder Tod noch Leben, weder gegenwärtiges Leid noch Furcht vor zukünftigem Unglück oder den Ränken des bösen Feindes, weder die Höhen geistlicher Freuden noch Tiefen der Trübsal, weder Gefühlsüberschwang noch geistliche Dürre: ³Nichts wird uns trennen von dieser heiligen Liebe, die in Jesus Christus begründet ist," (Röm 8,35).

      Dieser unwandelbare Entschluß, niemals Gott zu verlassen oder seine beglückende Liebe aufzugeben, dient unserer Seele als Gegengewicht, um sie in heiligem Gleichmut mitten im Wandel der wechselnden Lebensumstände und Ereignisse zu halten. Wenn die Bienen auf offenem Feld vom Sturm überrascht werden, umklammern sie Steinchen, um im Flug das Gleichgewicht besser zu bewahren und nicht vom Ziel abgetrieben zu werden. So umklammert auch unsere Seele durch einen kräftigen Entschluß die überaus kostbare Liebe zu ihrem Gott und bleibt dann fest inmitten des Um und Auf der geistlichen und körperlichen, äußeren wie inneren Freuden und Leiden.

      II.

      Soweit die allgemein gültige Lehre. Wir brauchen nun aber noch besondere Anweisungen.

      1. Ich sage also, daß die Frömmigkeit nicht in der Süßigkeit des Trostes, in fühlbarer Zärtlichkeit des Herzens besteht, die in uns Tränen und Seufzer hervorrufen und uns in geistlichen Übungen eine bestimmte wohltuende Befriedigung empfinden läßt. Nein, diese Dinge sind bestimmt nicht mit der Frömmigkeit gleichzusetzen. Es gibt Seelen, die solche Zärtlichkeiten und Tröstungen genießen und trotzdem sehr lasterhaft sind, folglich nicht die wahre Gottesliebe und noch weniger eine echte Frömmigkeit besitzen.

      Saul trat bei der Verfolgung Davids in der Wüste Engaddi allein in eine Höhle, in der sich David und seine Getreuen verborgen hielten. David hätte ihn bei dieser Gelegenheit leicht töten können; er schenkte ihm aber das Leben und wollte ihn nicht einmal erschrecken. Deshalb rief er ihn erst an, nachdem er die Höhle wieder verlassen hatte; damit wollte er ihn überzeugen, daß er nichts Böses gegen ihn plane, zugleich aber sollte Saul erkennen, daß er soeben dem ausgeliefert war, den er verfolgte.

      Was tat nun Saul nicht alles, um zu zeigen, daß seine Gesinnung gegen David sich geändert habe! Er nannte ihn seinen Sohn, weinte laut, lobte David ob seiner Güte, betete zu Gott für ihn, sagte seine künftige Größe voraus und empfahl ihm seine Nachkommen (vgl. 1.Sam 24). Konnte er wohl eine zärtlichere Liebe zeigen? Trotzdem hatte er seine Gesinnung nicht geändert und verfolgte David weiterhin ebenso grausam wie zuvor.

      So gibt es auch Leute, die bei der Betrachtung der Güte Gottes und der Leiden Jesu in zärtlicher Liebe zerfließen, seufzen und weinen, innig beten und Dank sagen; man möchte meinen, ihr Herz sei von einer ganz großen Frömmigkeit ergriffen. Kommt es aber zur Bewährung, so geht es wie bei einem Platzregen im heißen Sommer: wie dort die schweren Tropfen zwar auf die Erde fallen, aber nicht eindringen und nur Pilze sprießen lassen, so fallen auch diese Tränen und Zärtlichkeiten auf ein lasterhaftes Herz, dringen aber nicht ein und sind deshalb ganz und gar unnütz. Diese bedauernswerten Leute würden trotz alldem nicht einen Pfennig des unredlich erworbenen Vermögens herausgeben, nicht auf eine einzige ihrer verkehrten Neigungen verzichten, auch nicht die geringste Unbequemlichkeit im Dienste des Heilands auf sich nehmen, über den sie so heiße Tränen vergossen haben. So sind ihre guten Regungen wertlosen Pilzen vergleichbar: nicht echte Frömmigkeit, sondern oft nur eine große List des bösen Feindes. Er läßt die Seele sich mit diesen kleinen Tröstungen abgeben und will damit erreichen, daß sie damit zufrieden sei und nicht mehr nach einer ernsten und soliden Frömmigkeit strebe, die in einem festen und entschlossenen, stets bereiten und tätigen Willen besteht, alles auszuführen, was sie als Gott wohlgefällig erkennt.

      Ein Kind wird weinen, wenn es sieht, wie man der Mutter mit einem Schnitt zur Ader läßt; verlangt aber die Mutter zur gleichen Zeit von ihm einen Apfel oder ein Stück Zucker, das es in der Hand hält, so wird es nichts davon hergeben. So sind auch zumeist diese zärtlichen Frömmeleien: man weint und schluchzt, wenn man das Herz Jesu von einer Lanze durchbohrt sieht. Ja, es ist gewiß schön, wenn man das bittere Leiden und Sterben unseres Herrn und Erlösers beweint; aber warum geben wir ihm nicht den Apfel, den wir in der Hand halten, den er von uns so inständig verlangt, nämlich unser Herz, den einzigen Liebesapfel, den dieser treue Heiland von uns fordert? Warum verzichten wir nicht auf die kleinen Neigungen, Freuden und Befriedigungen, die er uns aus der Hand nehmen möchte und nicht kann, weil sie unsere Süßigkeit sind, nach der wir gieriger verlangen als nach seiner himmlischen Gnade? Ach, das sind Freundschaften von kleinen Kindern, zärtlich aber schwach, phantastisch aber wirkungslos! Die Frömmigkeit besteht nicht in diesen Zärtlichkeiten, in diesem Gefühlsüberschwang; das alles entstammt zuweilen einem weichen und empfindsamen Charakter, zuweilen kommt es vom bösen Feind; er will, daß wir damit herumtändeln, deshalb erregt und erhitzt er unsere Phantasie so lang, bis sie diese Wirkungen hervorbringt.

      2. Diese zärtlichen Liebesregungen sind aber zuweilen doch sehr gut und nützlich. Sie wecken den Hunger der Seele, stärken den Geist und fügen zur Bereitschaft der Frömmigkeit noch heilige Freude und inneren Jubel, die unseren Handlungen Schönheit und Anmut nach außen verleihen.

      Freude an göttlichen Dingen meint David, wenn er betet: ³Herr, Deine Worte sind süß meinem Mund, süßer als Honig meinem Gaumen'' (Ps 119,103). Ja, die geringste Regung der Freude in der Frömmigkeit wiegt in jeder Hinsicht die glänzendsten Vergnügungen auf, wie sie die Welt bieten kann. Köstlicher als der kostbarste Wein irdischer Freuden ist die Milch, d. h. die Gunst des göttlichen Bräutigams (vgl. Hld 1,1). Wer sie verkostet hat, dem sind alle anderen Freuden wie Galle und Wermut. Wer Skythenkraut im Mund hat, empfindet es so angenehm, daß er weder Hunger noch Durst verspürt. So kann auch jeder, dem Gott dieses himmlische Manna innerer Süßigkeit und Freude zu kosten gab, die Freuden der Welt nicht mehr wünschen und genießen, jedenfalls keinen Geschmack daran finden und noch weniger sein Herz daran hängen.

      Diese geistlichen Freuden sind ein Vorgeschmack der unsterblichen Freuden, die Gott denen schenkt, die ihn suchen. Sie sind Zuckerstücklein, die er seinen kleinen Kindern gibt, um sie zu locken; herzstärkende Wasser, um sie zu kräftigen, ein Vorgeschmack des ewigen Lohnes. Alexander der Große soll auf seiner Seefahrt die Nähe Arabiens aus den feinen Düften geschlossen haben, die der Wind ihm zutrug, und konnte darauf seinen Gefährten neuen Mut zusprechen. So empfangen auch wir oft Süßigkeiten und Freuden auf dem Meer des sterblichen Lebens, damit sie uns die Wonnen des himmlischen Vaterlandes ahnen lassen, nach denen unser Sinnen und Trachten geht.

      3. Du wirst nun sagen: Es gibt also fühlbare geistliche Freuden, die gut sind und von Gott kommen, aber auch solche, die unnütz, gefährlich und sogar schädlich sind und von unserer Natur oder vom bösen Feind kommen. Wie kann ich sie voneinander unterscheiden?

      ³An ihren Früchten könnt ihr sie erkennen" (Mt 7,16). Das ist ein allgemeiner Grundsatz, der auch für unsere Affekte und Leidenschaften gilt. Vergleichen wir unser Herz mit einem Baum, dann sind die Affekte und Leidenschaften seine Äste, die Werke und Handlungen seine Früchte. Das Herz ist gut, wenn es gute Affekte hervorbringt, und die Affekte und Leidenschaften sind gut, wenn sie in uns gute Wirkungen und heilige Taten sprießen lassen. Machen uns diese zärtlichen Liebesgefühle und geistlichen Freuden demütiger, geduldiger, verträglicher, liebevoller und barmherziger mit unseren Mitmenschen, machen sie uns eifriger, unsere Begierlichkeiten und schlechten Neigungen zu überwinden, werden wir durch sie in unseren Übungen noch ausdauernder, lenksamer und williger gegen unsere Vorgesetzten und einfacher in unserem Leben, dann sind diese geistlichen Freuden von Gott. Behalten wir dagegen diese Süße der geistlichen Freuden für uns, machen sie uns den anderen gegenüber sonderlich, bitter, pedantisch, ungeduldig, bockbeinig, stolz, anmaßend und hartherzig, halten wir uns ihretwegen schon für kleine Heilige, so daß wir uns nicht mehr führen und bessern lassen wollen, dann sind diese inneren Tröstungen ohne Zweifel falsch und verderblich. ³Ein guter Baum bringt nur gute Früchte hervor'' (Mt 7,17).

      4. Haben wir solche geistlichen Freudegefühle und Tröstungen, dann müssen wir uns erstens vor Gott demütigen. Hüten wir uns wohl, uns einzureden: Wie gut bin ich doch! Nein, diese Güter machen uns nicht besser; wie schon gesagt, darin besteht die Frömmigkeit nicht. Sagen wir uns vielmehr: Wie gut ist doch Gott gegen den, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht! (vgl. Klgl 3,25). Wer Zucker im Mund hat, kann nicht von seinem Mund sagen, daß er süß sei, sondern nur vom Zucker. So kann man auch nur sagen, daß diese geistliche Freude gut ist und Gott, der sie schenkt, nicht aber jener, der sie erhält.

      Zweitens müssen wir anerkennen, daß wir noch kleine Kinder sind, die der Milch bedürfen. Gott gibt uns Süßigkeiten, weil unser Geist noch recht zart ist und solche Mittel braucht, um zur Gottesliebe hingezogen zu werden.

      Drittens müssen wir im allgemeinen und für gewöhnlich diese Gnaden und Gunsterweise demütig annehmen und hochschätzen, nicht ihres eigenen Wertes wegen, sondern weil sie aus der Hand Gottes kommen, der sie uns in Herz senkt, wie eine Mutter ihrem Kind ein Stückchen Zucker nach dem anderen in den Mund steckt, um es zu beruhigen. Könnte das Kind überlegen, so würde es mehr die zärtliche Liebe der Mutter schätzen als die Süßigkeit des Zuckers. So ist es sicher viel, diese süßen Gefühle kosten zu dürfen, aber welch ungleich größere Wonne ist es, wenn wir beherzigen, daß Gott es ist, der sie uns liebevoll und mütterlich auf die Lippen, in Herz und Geist legt.

      Viertens: Haben wir sie also in demütiger Gesinnung angenommen, dann werten wir sie sorgfältig nach der Absicht des Spenders aus. Warum wohl schenkt Gott uns diese gute Empfindung? Doch nur deshalb, damit wir auch selbst gegen alle gut seien und sie inniger lieben. Die Mutter schenkt dem Kind ein Stückchen Zucker, damit es ihr einen Kuß gebe. Ähnlich soll auch unser Verhalten dem Heiland gegenüber sein, wenn er uns Süßigkeit gibt. Den Heiland küssen heißt aber, ihm gehorchen, seine Gebote halten, seinen Willen tun, seine Wünsche erfüllen, mit einem Wort, ihn liebevoll umarmen, ihm treu gehorchen. Wurde uns also eine geistliche Freude geschenkt, so müssen wir uns an diesem Tag noch mehr als sonst bemühen, alles recht gut zu machen und in demütiger Gesinnung zu verharren.

      Fünftens müssen wir außerdem von Zeit zu Zeit auf diese süßen, zärtlichen und tröstlichen Gefühle Verzicht leisten, indem wir unser Herz von ihnen losschälen und beteuern, daß wir sie wohl in Demut gern annehmen, weil Gott sie uns schickt und sie uns zu größerer Gottesliebe anregen, daß wir uns aber trotzdem nicht nach ihnen sehnen, sondern nach Gott und seiner heiligen Liebe: nicht nach der Tröstung, sondern nach dem Tröster, nicht nach süßen Gefühlen, sondern nach dem gütigen Heiland, nicht nach zärtlichen Empfindungen, sondern nach dem, der die Freude des Himmels und der Erde ist. In dieser Gesinnung müssen wir uns rüsten, fest in der heiligen Liebe zu Gott zu verharren. Sollten wir auch nie mehr in unserem Leben irgendwelche seelischen Freuden empfangen, so müssen wir lernen, auf dem Kalvarienberg ebenso wie auf dem Tabor zu sagen: ³Herr, hier ist gut sein mit Dir, ob Du am Kreuz oder in der Glorie bist'' (vgl. Mt 17,4).

      Zum Schluß möchte ich aufmerksam machen, daß du es gewissenhaft deinem Seelenführer mitteilst, falls eine außerordentliche Fülle freudiger, zärtlicher Gefühle, Tränen und süßer Empfindungen oder sonst etwas Außergewöhnliches über dich kommen sollte. So wirst du lernen, dich auch dabei zu mäßigen und richtig zu verhalten, denn es steht geschrieben: ³Hast du Honig gefunden, so iß davon nur, soviel dir guttut'' (Spr 25,16).

      14. Kapitel

      Von geistlicher Dürre und Unfruchtbarkeit.

      So mußt du dich also verhalten, wenn du geistliche Freuden erlebst. Aber diese schöne, wonnige Zeit hält nicht immer an. Es werden Zeiten über dich kommen, wo deine Seele einem einsamen, unfruchtbaren und dürren Land gleicht, in dem es keinen Pfad zu Gott gibt, kein Wasser der Gnade, es zu begießen, wo die Trockenheit alles in Wüste verwandelt. Wie beklagenswert ist doch eine Seele in diesem Zustand, besonders wenn dieses Übel heftig auftritt! Dann mag sie sich wohl gleich David Tag und Nacht von Tränen nähren, während der Feind sie mit tausend verführerischen Einflüsterungen zur Verzweiflung bringen will und sie höhnisch fragt: ³Du Arme, wo ist denn dein Gott?'' (Ps 42,4). ³Auf welchem Weg wirst du ihn finden? Wer mag dir wohl die heiligen Freuden seiner Gnade wiederbringen?" - Wie sollst du dich in solchen Zeiten verhalten?

      I.

      Sieh zunächst, woher das Übel kommt. Oft sind wir nämlich selbst schuld an Dürre und Trockenheit.

      1. Wie eine Mutter ihrem Kind den Zucker entzieht, wenn es Würmer hat, so nimmt uns Gott die tröstlichen Gefühle, wenn wir uns darin übermäßig gefallen und der Wurm des Übermuts in uns steckt. ³Es ist gut, o Gott, daß Du mich demütigst; denn bevor Du mich gedemütigt, hatte ich Dich beleidigt'' (Ps 119,71 u. 76).

      2. Wenn wir die Freuden der Gottesliebe vernachlässigen und sie nicht in uns aufnehmen, solang es Zeit ist, entzieht Gott sie zur Strafe für unsere Trägheit. Die Israeliten, die das Manna nicht frühmorgens sammelten, konnten es nach Sonnenaufgang nicht mehr auflesen, weil es dann schon zerschmolzen war (vgl. Ex 16,21).

      3. Wir liegen oft im Bett sinnlicher Befriedigung und vergänglicher Freuden, wie die Braut des Hohen Liedes (5,2 ff). Der Bräutigam unserer Seele klopft an die Tür unseres Herzens und will uns wecken zu unseren Übungen; wir aber versuchen mit ihm zu unterhandeln und empfinden es unangenehm, auf diese eitlen Vergnügungen zu verzichten, uns von dieser falschen Befriedigung zu trennen. So geht er vorüber und überläßt uns unserem Schicksal. Wenn wir ihn später suchen wollen, haben wir die größte Mühe, ihn zu finden. Wir haben es wohl verdient, da wir so untreu waren, so unehrlich seiner Liebe gegenüber, der wir Irdisches vorgezogen haben. Ihr habt also Mehl aus Ägypten? Nun, dann braucht ihr kein Manna vom Himmel. Sowenig die Bienen künstliche Düfte vertragen können, so wenig vertragen sich die Wonnen des Heiligen Geistes mit den Scheinfreuden der Welt.

      4. Doppelzüngigkeit bei der Beichte und geistlichen Aussprache mit dem Seelenführer haben ebenfalls Trockenheit und Dürre zur Folge. Wenn du den Heiligen Geist belügst, darfst du dich nicht wundern, daß er dir seinen Trost verweigert. Du willst nicht einfach und schlicht wie ein Kind sein, also bekommst du auch keinen Zucker, wie man ihn Kindern gibt.

      5. Bist du von weltlichen Freuden trunken, so ist es kein Wunder, wenn die geistlichen Freuden dich anekeln. ³Satte Tauben", heißt es im Sprichwort, ³finden die Kirschen bitter.'' Unsere liebe Frau sagt: ³Er hat die Ausgehungerten mit Gütern überhäuft und die Reichen ließ er leer ausgehen'' (Lk 1,53 ). Wer satt von weltlichen Vergnügungen ist, ist der geistlichen Freuden nicht fähig.

      6. Hast du die Früchte der geistlichen Freuden treu bewahrt, dann wirst du neue dazubekommen, denn wer hat, dem wird noch gegeben, wer aber nicht hat, was man ihm gab, sondern durch eigene Schuld verlor, dem wird man sogar das nehmen, was er hat (vgl. Mt 25,29), d. h. es werden ihm auch die Gnaden entzogen, die ihm zugedacht waren. Der Regen belebt wohl die Pflanzen, solang sie grün sind, den verdorrten aber nimmt er sogar die Möglichkeit, wieder aufzuleben, sie verfaulen ganz und gar.

      Aus diesen verschiedenen Gründen verlieren wir die Freude am geistlichen Leben und werden dürren, unfruchtbaren Geistes. Erforschen wir also unser Gewissen, ob wir einen dieser Fehler an uns entdecken. Seien wir dabei aber weder ängstlich noch kleinlich; untersuchen wir einfach unser Verhalten in dieser Hinsicht gründlich. Haben wir die Ursache des Übels in uns entdeckt, dann danken wir Gott, denn das Übel ist schon zur Hälfte geheilt, wenn wir seine Ursache gefunden haben.

      II.

      Findest du aber nichts Bestimmtes, was diese seelische Dürre verursacht haben mag, dann verliere keine Zeit mit weiterem Forschen im einzelnen, sondern tu in aller Einfachheit, was ich dir nun sage.

      1. Demütige dich tief vor Gott in der Erkenntnis deines Nichts und deines Elends. Mein Gott, was bin ich ohne Dich; was anders, o Herr, als dürres, rissiges, nach Regen lechzendes Erdreich, das in Staub zerfällt und vom Wind verweht wird?

      2. Rufe Gott an, bete zu ihm um Freude: ³Gib mir zurück, o Herr, Deines Heiles Freude!'' (Ps 51,14). ³Mein Vater, wenn es möglich ist, so laß diesen Kelch an mir vorübergehen'' (Mt 26,39). ³Hinweg von mir, ihr unfruchtbaren Winde, die meine Seele austrocknen! Kommt, ihr milden Lüfte der Tröstungen, weht in meinem Garten, daß der Balsamduft guter Empfindungen süßen Wohlgeruch verbreite'' (Hld 4,16).

      3. Geh zu deinem Beichtvater, öffne ihm dein Herz, zeig ihm die letzten Falten deiner Seele, nimm mit großer Einfalt und Demut die Ratschläge an, die er dir geben wird. Gott, der den Gehorsam über alles liebt, verleiht oft Kraft den Ratschlägen, besonders solchen, die man vom Seelenführer annimmt, auch wenn sie an sich nicht wertvoll zu sein scheinen. So gab er dem Wasser des Jordan Heilkraft für Naaman, dem Elisäus dessen Gebrauch angeordnet hatte, obwohl dies nicht vernünftig schien (2 Kön 5,14).

      4. Nach alldem ist aber nichts so nützlich und heilsam zur Zeit der Trockenheit und Dürre, als daß man sich nicht an den Wunsch hängt, davon befreit zu werden. Gewiß darf man es wünschen, aber man darf sich nicht an diesen Wunsch klammern, sondern soll sich einfach und schlicht der liebevollen Vorsehung überlassen. Gott möge sich unser inmitten dieser dornigen Wüste bedienen, solang es ihm gefällt. Sagen wir also in solchen Zeiten zu Gott: ³Vater, wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an mir vorübergehen''; fügen wir aber auch mutig hinzu: ³doch nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine'' (Mt 26,39; Lk 22,42). Bleiben wir dabei so ruhig, als es uns nur möglich ist. Wenn Gott uns in diesem heiligen Gleichmut sieht, wird er viele Gnaden und Gunsterweise zu unserem Trost schicken, wie er sie Abraham gab, als er ihn entschlossen sah, sich von seinem Kind zu trennen. Er begnügte sich damit, ihn voll Gleichmut in dieser reinen Ergebung zu sehen, und tröstete ihn mit einer lieblichen Erscheinung und seinem wonnevollen Segen (Gen 22,15 ff). Ebenso sollen auch wir bei allen Arten körperlicher und geistlicher Leiden, bei Zerstreuungen und beim Verlust fühlbarer Frömmigkeit von ganzem Herzen und mit tiefer Ergebung sagen: ³Der Herr hat mir Tröstungen geschenkt, der Herr hat sie genommen; sein heiliger Name sei gepriesen!" (Ijob 1,21). Wenn wir in dieser Demut verharren, wird er uns seine lieblichen Gunsterweise von neuem schenken, wie dem Patriarchen Job, der diese Worte in all seinen Nöten stets wiederholte.

      5. Vor allem verliere nicht den Mut in diesen Zeiten der Trockenheit und Unfruchtbarkeit. Geh ruhig deinen Weg weiter und warte geduldig auf die Rückkehr der Tröstungen. Gib deshalb keine Übung der Frömmigkeit auf, ja vermehre womöglich noch deine guten Werke. Kannst du deinem göttlichen Bräutigam nicht saftige Früchte anbieten, so gib ihm gedörrte; ihm gelten sie ebensoviel, wenn nur das Herz, das sie darbringt, völlig entschlossen ist, ihn zu lieben.

      Wenn der Frühling schön ist, verlegen sich die Bienen mehr auf das Honigsammeln als auf die Brut; das schöne Wetter lockt sie, emsig von Blume zu Blume zu fliegen, um Honig einzuheimsen, so daß sie sich weniger um ihre Nachkommenschaft kümmern. Ist aber der Frühling rauh und neblig, daß sie nicht ausschwärmen können, um Honig zu sammeln, dann beschäftigen sie sich mehr mit der Vermehrung des Volkes. So geschieht es auch oft, daß die Seele im lieblichen Lenz geistlicher Tröstungen ganz darin aufgeht, diese zu sammeln und sich an ihnen zu ergötzen, so daß sie bei der Fülle dieser wonnigen Freuden weniger gute Werke hervorbringt. Wird der Geist aber von Rauhreif oder Dürre heimgesucht, dann vervielfältigt die Seele die Werke echter Frömmigkeit in dem Maß, als sie sich der angenehmen Gefühle beraubt sieht, und in reicher Fülle blühen ihr die echten Tugenden auf: Geduld, Demut, Selbstverleugnung und Entsagung.

      Es ist also ein großer Irrtum, dem vor allem Frauen verfallen, zu meinen, daß unser Dienst am Werk Gottes seiner göttlichen Majestät weniger angenehm sei, wenn er ohne Geschmack, Herzensbefriedigung und Gefühl geleistet wird. lm Gegenteil, unsere Handlungen gleichen den Rosen, die wohl in ihrer Blüte schöner anzuschauen sind, getrocknet aber süßer und stärker duften. Ebenso ist es mit unseren Werken: wenn wir sie mit zärtlichen Herzensempfindungen verrichten, sind sie uns angenehmer; uns, sage ich, die wir auf unsere eigene Befriedigung schauen; werden sie aber in Trockenheit und Dürre verrichtet, so haben sie mehr Duft vor Gott. Ja, zur Zeit der Dürre drängt uns der Wille sozusagen gewaltsam zum Dienst Gottes, muß also kräftiger und nachhaltiger sein als zu Zeiten geistlicher Freude. Es ist keine Kunst, dem Fürsten in der Ruhe friedlicher Zeiten und in den Annehmlichkeiten des Hoflebens zu dienen; ihm dagegen in rauher Kriegszeit, bei Unruhen und Rückschlägen dienen, das ist echter Mut und echte Treue.

      Die selige Angela von Foligno sagt, das größte Wohlgefallen hat Gott am Gebet, zu dem wir uns zwingen und Gewalt antun müssen. Das ist ein Beten nicht nach Lust und Neigung, sondern rein um Gottes willen. Unser Wille bezwingt und überwältigt dabei Dürre und Widerwillen, die ihm widerstreben, und heißt uns auch gegen unser Gefühl beten.

      So ist es auch mit allen guten Werken. Je mehr äußeren und inneren Widerständen wir dabei begegnen, desto mehr achtet und schätzt sie Gott. Je weniger Eigeninteresse wir im Tugendstreben haben, desto mehr leuchtet daraus die reine Gottesliebe. Ein Kind wird gern seine Mutter herzen, wenn sie ihm Zucker gibt; es ist aber sicher ein Zeichen größerer Liebe, wenn es die Mutter auch küßt, nachdem sie ihm Wermut oder Bittersaft gab.1

      15. Kapitel

      Ein treffliches Beispiel

      Hier will ich eine Anekdote aus dem Leben des hl. Bernhard erzählen, wie ich sie bei einem gelehrten und weisen Schriftsteller gefunden habe. Sie wird das eben Gesagte noch verständlicher machen.

      Bei fast allen, die erst beginnen, Gott zu dienen, und noch keine Erfahrung im seelischen Auf und Ab haben und im Entzug der Gnaden durch Gott, trifft es zu, daß sie leicht außer Atem kommen, kleinmütig und traurig werden, sobald sie des Gefühls der Frömmigkeit ermangeln und das milde Licht schwindet, das sie einlädt, auf dem Wege des Herrn voranzuschreiten. Erfahrene Menschenkenner erklären das damit, daß die menschliche Natur nicht lang hungrig und freudlos bleiben kann, ob diese Freude nun himmlischen oder irdischen Ursprungs ist. Seelen, die durch das Verkosten der höheren Freuden über sich selbst hinausgehoben sind, verzichten leicht auf sichtbare Stützen. Wenn ihnen aber durch göttliche Fügung die geistliche Freude entzogen wird, sie anderseits aber der irdischen Freuden entbehren und nicht gewohnt sind, geduldig auf die Rückkehr der echten Freudensonne zu warten, dann glauben sie, weder im Himmel noch auf der Erde zu sein und in ewige Nacht gehüllt zu bleiben. Wie kleine Kinder, die man von der Mutterbrust entwöhnt, meinen sie zu verschmachten, jammern, werden verdrießlich und unerträglich, am meisten gegen sich selbst.

      Folgendes begegnete also einem Schüler Bernhards, Gottfried von Peronne, der im Dienste Gottes Neuling war. Als er sich plötzlich in geistliche Dürre versetzt fand, beraubt des inneren Trostes, eingehüllt in Finsternis, erinnerte er sich seiner Freunde in der Welt, der Eltern, des Reichtums, den er verlassen hatte, und es überfiel ihn eine so heftige Versuchung, daß es in seinem ganzen Verhalten sichtbar wurde. Einer seiner Vertrauten bemerkte es, sprach ihn taktvoll und freundlich darauf an, fragte ihn vertraulich, was ihn so sehr verändert habe, so grüblerisch und traurig mache. Darauf antwortete Gottfried seufzend: ³Ach, mein Bruder, ich werde nie mehr fröhlich sein!" Entsetzt über diese Worte, eilte jener, es dem gemeinsamen Vater St. Bernhard zu berichten.

      Der Heilige sah, in welcher Gefahr Gottfried schwebte, ging in die nächste Kirche und betete für ihn. Von Traurigkeit übermannt, legte Gottfried zur gleichen Zeit seinen Kopf auf einen Stein und schlief ein.

      Nach einiger Zeit erhoben sich beide: der eine vom Gebet, das die erflehte Gnade erlangt hatte, der andere vom Schlaf mit einem so strahlenden und fröhlichen Gesicht, daß sein Freund über die plötzliche und vollständige Veränderung ganz erstaunt war und sich nicht enthalten konnte, ihm freundlich vorzuhalten, was er ihm kurz zuvor gesagt hatte. Darauf erwiderte Gottfried: ³Wenn ich dir vorhin gesagt habe, daß ich nie mehr fröhlich sein werde, so versichere ich dir jetzt: Ich werde nie mehr traurig sein."

      Das also war der Ausgang der Versuchung dieses frommen Mannes. Beachte nun folgendes an dieser Geschichte:

      1. Gott gibt gewöhnlich einen Vorgeschmack der himmlischen Freuden jenen, die in seinen Dienst treten, um sie von den irdischen Freuden loszuschälen und sie zum Streben nach der himmlischen Liebe zu ermuntern.

      2. Derselbe gute Gott verfügt trotzdem zuweilen in seiner Weisheit den Entzug von Milch und Honig der geistlichen Freude. Damit will er uns lehren, das trockene aber kraftvolle Brot einer markigen Frömmigkeit zu essen, die in der Prüfung des Widerwillens und der Versuchung erprobt ist.

      3. Zuweilen erheben sich in solchen Zeiten geistlicher Dürre und Unfruchtbarkeit gewaltige Gewitterstürme. Dann gilt es, die Versuchungen beharrlich zu bekämpfen (sie kommen ja nicht von Gott), die geistliche Dürre aber geduldig zu ertragen, da sie Gott zu unserer Prüfung gefügt hat.

      4. lnmitten dieser inneren Bedrängnis dürfen wir nie den Mut verlieren und wie dieser gute Gottfried sagen: ³lch werde nie mehr fröhlich sein.'' ln der Nacht müssen wir des Lichtes harren. Ebensowenig aber dürfen wir in den schönsten Zeiten unseres geistlichen Lebens sagen: ³Ich werde nie mehr traurig sein.'' Nein, denn der Weise sagt: ³ln glücklichen Tagen sei des Unglücks gewärtig (Sir 11,23 ff). Mitten im Leid soll die Hoffnung bleiben wie die Furcht mitten im Wohlstand, und in der einen wie im anderen immer die Demut.

      5. Ein wirksames Heilmittel ist, sein Leid einem geistlichen Freund anzuvertrauen, der uns Erleichterung verschaffen kann.

      Zum Schluß dieser sehr notwendigen Belehrung weise ich noch darauf hin, daß in dieser Sache wie in allem Gott und der böse Feind entgegengesetzte Absichten verfolgen. Gott will uns zu größerer Herzensreinheit, zu vollständiger Loslösung von eigensüchtigen Interessen in seinem Dienst und zu einer vollkommenen Selbstverleugnung führen. Der böse Feind aber versucht diese Prüfungszeit dahin auszunützen, daß wir den Mut verlieren, uns wieder sinnlichen Vergnügungen zuwenden, uns selbst und anderen zur Last fallen, damit er die heilige Frömmigkeit herabsetzen und in Verruf bringen kann. Beachtest du aber die Lehren, die ich dir gegeben habe, dann wird durch die Übung der Tugend inmitten dieser seelischen Bedrängnis deine Vollkommenheit bestimmt zunehmen.

      Ich will aber diese Frage nicht abschließen, ohne noch eine Bemerkung anzufügen. Zuweilen entstammt dieser Ekel, die Dürre und Unfruchtbarkeit einer körperlichen Unpäßlichkeit, z. B. wenn wir infolge von Nachtwachen, Kasteiungen und Fasten von Müdigkeit, Schläfrigkeit, Schwerfälligkeit und anderen Schwächen übermannt werden, die zwar den Leib betreffen, wegen der engen Verbindung von Leib und Seele aber auch dem Geist Schwierigkeiten bereiten.

      In dieser Lage dürfen wir nicht unterlassen, Tugenden mit der Spitze unseres Geistes und des höheren Willens auszuführen. Denn scheint auch unsere Seele eingeschlafen zu sein, ganz niedergeschlagen, betäubt und ermüdet, so ist die Tätigkeit unseres Geistes Gott doch wohlgefällig. Wir können dann mit der heiligen Braut sagen: ³Ich schlafe, aber mein Herz wacht'' (Hld 5,2). Wie gesagt, man hat wohl weniger fühlbare Freude an solchen Handlungen, aber mehr Verdienst und Tugend.

      Das Heilmittel in diesem Fall ist die Kräftigung des Leibes durch erlaubte Erleichterungen und Erholung. So verordnet der hl. Franz von Assisi seinen Ordensleuten, daß sie mäßig in ihren Kasteiungen sein sollen, um nicht im Eifer des Geistes zu erlahmen.

      Dieser glorreiche Vater wurde einst von so tiefer Schwermut erfaßt, daß es gegen seinen Willen auch in seinem äußeren Wesen sichtbar wurde. Wollte er mit seinen Brüdern reden, so konnte er es nicht; ging er von ihnen weg, dann wurde es noch schlimmer; Fasten und Kasteiungen drückten ihn nieder, das Gebet bot ihm keine Erleichterung. Zwei Jahre verbrachte er in diesem Zustand; Gott schien ihn ganz verlassen zu haben. Nachdem er aber demütig diesen furchtbaren Sturm ertragen hatte, gab ihm der Heiland in einem Augenblick den Frieden der Seele zurück. Wir sehen also, daß auch die großen Diener Gottes solchen Erschütterungen ausgesetzt sind; darum dürfen die kleineren nicht erstaunt sein, wenn sie auch ihnen zustoßen.

 


 

      Fünfter Teil

      Übungen und Ratschläge, um die Seele zu erneuern und in der Frömmigkeit zu festigen.

      1. Kapitel

      Alljährliche Erneuerung der guten Vorsätze.

      Vor allem gilt es, die Wichtigkeit dieser Erneuerung zu erkennen. Die menschliche Natur sinkt infolge der Schwäche und der schlechten Neigungen des Fleisches leicht von der Höhe ihrer guten Empfindungen herab; das Fleisch beschwert die Seele und zieht nach unten, wenn sie sich nicht immer wieder durch kräftige Vorsätze aufschwingt. So fallen auch die Vögel zu Boden, wenn sie nicht ständig die Schwingen bewegen. Deshalb mußt du oft deinen Entschluß erneuern, Gott zu dienen, sonst fällst du in den früheren Zustand zurück oder noch tiefer (vgl. Lk 11,26). Das ist ja das Eigenartige im geistlichen Leben: wenn wir abzugleiten beginnen, fallen wir gewöhnlich tiefer als bis zu dem Zustand, von dem wir zur Frömmigkeit aufgestiegen sind.

      Es gibt keine noch so gute Uhr, die man nicht täglich aufziehen müßte. Außerdem muß man sie wenigstens einmal im Jahr zerlegen, den Rost entfernen, verbogene Teile geradebiegen, abgenützte erneuern. So muß auch jeder, der für seine Seele Sorge trägt, sie am Morgen und am Abend durch die beschriebenen Übungen zu Gott erheben, außerdem oft ihren Zustand überprüfen, um sie wieder aufzurichten und instandzusetzen. Darüber hinaus muß er sie jedes Jahr gleichsam auseinandernehmen, d. h. die Empfindungen und Leidenschaften einzeln prüfen und die Fehler verbessern, die etwa vorliegen. Der Uhrmacher ölt die Räder, die Federn und alle beweglichen Teile der Uhr, damit sie lautlos gehen und nicht so leicht rosten. Ebenso muß der fromme Mensch nach einer genauen Prüfung seinem Herzen durch die Sakramente der Buße und des Altares die heilige Salbung geben. Diese Übung wird die im Lauf der Zeit erschlafften Kräfte wieder herstellen, das Herz erwärmen, gute Empfindungen wecken und die Tugenden zur Blüte bringen.

      Die alten Christen pflegten diese Erneuerung mit großer Sorgfalt am Jahrestag der Taufe des Herrn vorzunehmen; nach dem Bericht des hl. Gregor von Nazianz erneuerten sie an diesem Tag ihr Taufgelübde. Tun wir desgleichen, bereiten wir uns eifrig darauf vor und erneuern wir es mit allem Ernst.

      Wähle also nach dem Rat deines geistlichen Vaters dafür eine geeignete Zeit, ziehe dich ein wenig in die geistige oder wirkliche Einsamkeit zurück,1 dann halte eine oder zwei Betrachtungen über die folgenden Punkte nach der Methode, die ich dir im zweiten Teil angegeben habe.

      2. Kapitel

      Erwägungen über die Gnade der Berufung

      1. Erwäge deine feierliche Erklärung (vgl. 1. Teil 20. Kapitel) in ihren einzelnen Punkten. Als erstes hast du für immer jeder schweren Sünde entsagt, sie verworfen und verabscheut; zweitens hast du deine Seele, dein Herz und deinen Leib mit allem der Liebe und dem Dienst Gottes geweiht; drittens hast du versprochen, dich mit der Gnade Gottes sofort wieder zu erheben, solltest du jemals irgendwie Böses tun. Sind das nicht ausnahmslos schöne, richtige, wertvolle und hochherzige Entschlüsse? Bedenke, wie heilig, vernünftig und begehrenswert diese Beteuerung ist.

      2. Erwäge, wem du sie gegeben hast: Gott. Wenn uns ein ernstes Versprechen, das wir einem Menschen geben, streng verpflichtet, wieviel mehr das Wort, das wir Gott gegeben haben. ³Herr, zu Dir hat mein Herz gesprochen'', sagte David, ³mein Herz hat dieses gute Wort gesagt; nie und nimmer will ich es vergessen" (Ps 27,8; 45,1; 119,6).

      3. Bedenke, in wessen Gegenwart du sie ausgesprochen hast: im Angesicht des himmlischen Hofes. Die allerseligste Jungfrau, der hl. Josef, dein Schutzengel, der hl. Ludwig schauten auf dich, begleiteten deine Worte in freudiger Zustimmung mit ihrem Gebet, sahen dich mit unbeschreiblicher Freude zu Füßen des Heilands, als du ihm dein Herz weihtest. Es war ein Freudenfest im himmlischen Jerusalem, das nun erneuert wird, wenn du deine Entschlüsse herzhaft erneuerst.

      4. Erwäge, wie du zu dieser Beteuerung gekommen bist. Wie gut und gnädig war doch Gott zu dir! Gestehe ehrlich: Fühltest du dich nicht hingezogen durch die gütigen Lockungen des Heiligen Geistes? Waren die Seile, mit denen Gott deine kleine Barke in den Hafen des Heils zog, nicht lauter Liebe und Güte? (vgl. Hos 11,4). Wie lockte er dich durch die heiligen Sakramente, durch Lesungen, durch das Gebet! Ja, du schliefst, doch Gott wachte über dich, gab deinem Herzen Gedanken des Friedens (Jer 29,11) und dachte Pläne der Liebe für dich.

      5. Erwäge, zu welcher Zeit Gott dich zu diesem großen Entschluß antrieb: in der Blüte deiner Jugend. Welches Glück, schon früh erfahren zu dürfen, was wir nicht früh genug wissen können! Der hl. Augustinus, der im Alter von 30 Jahren bekehrt wurde, rief aus: ³O ewig alte Schönheit, wie spät habe ich Dich erkannt! Ach, ich sah Dich und betrachtete Dich nicht!'' Auch du kannst sagen: O ewige Liebe, warum habe ich Dich nicht schon früher verkostet? Gewiß, du hast es überhaupt nicht verdient; würdige also dankbar die Gnade, daß Gott dich schon in deiner Jugend an sich zog, und sprich mit David: ³Mein Gott, Du hast mich seit meiner Jugend erleuchtet und Deine Hand auf mich gelegt; ewig werde ich Deine Barmherzigkeit verkünden'' (Ps 71,17). Rief Gott dich aber im Greisenalter, welche Gnade für dich, der seine Jahre so mißbraucht hat! Gott rief dich noch vor dem Tod, er hielt deinen traurigen Lauf zum Abgrund zu einer Zeit auf, da du noch nicht auf ewig unglücklich warst, was sonst geschehen wäre.

      6. Bedenke die Wirkungen dieser Berufung. Du wirst wohl manches in dir zum Guten gewendet sehen im Vergleich mit dem, was du früher warst. Hältst du es nicht für ein Glück, im Gebet mit Gott sprechen zu können, ihn lieben zu dürfen, viele Leidenschaften gedämpft zu sehen, die dich beunruhigten, von vielen Sünden und Gewissensnöten verschont zu sein, so oft die heilige Kommunion empfangen und dich darin mit der reichsten Quelle ewigwährender Gnaden vereinigt zu haben? Wie groß sind doch diese Gnaden! Du mußt sie mit dem Gewicht des Heiligtums wägen: Gottes Hand hat das alles getan. ³Die gute Hand Gottes'' sagt David, ³hat ihre Kraft erwiesen, seine Hand hat mich aufgerichtet. lch werde nicht sterben, ich werde leben und mit dem Herzen, dem Mund und in Werken die Herrlichkeiten seiner Güte offenbaren'' (Ps 118,16).

      Nach all diesen Erwägungen, die viele gute Affekte enthalten, wie du siehst, schließe einfach mit einer Danksagung und der herzlichen Bitte, daraus Nutzen zu ziehen. Versenke dich voll Demut und Vertrauen in Gott. Deine Entschlüsse fasse erst nach dem zweiten Teil dieser Übung.

      3. Kapitel

      Prüfung der Seele über ihren Fortschritt

      Dieser zweite Teil der Erneuerung ist ziemlich lang.1

      Es ist auch nicht notwendig, daß du ihn auf einmal vornimmst; du kannst ihn auf mehrere Tage aufteilen: einmal dein Verhalten gegen Gott prüfen, ein anderes Mal das Verhalten gegen dich selbst und gegen den Nächsten und schließlich die Leidenschaften überprüfen. Es ist nicht notwendig und auch nicht empfehlenswert, alles knieend zu verrichten, wohl aber den Anfang und den Schluß mit den Affekten. Die anderen Punkte der Prüfung kannst du vornehmen, indem du auf- und abgehst, noch besser im Bett, wenn du liegen kannst, ohne einzuschlafen; dann mußt du sie aber vorher gut durchgelesen haben. Auf keinen Fall soll dieser zweite Teil der Übung mehr als drei Tage und zwei Nächte in Anspruch nehmen, und zwar jeden Tag und jede Nacht nur eine gewisse Zeit, wie es dir eben möglich ist. Wolltest du diese Übung zu lang ausdehnen, dann könnte sie ihre Wirkung einbüßen und nur schwache Eindrücke hinterlassen.

      Nach jedem Punkt der Erforschung merke dir, worin du gefehlt, welche Unordnung du im besonderen gefunden hast, um Rat zu holen und Entschlüsse fassen zu können und deine Seele zu festigen.

      Obwohl es nicht notwendig ist, dich an den Tagen dieser Übungen vollständig von jeder Gesellschaft zurückzuziehen, sollst du es doch teilweise tun, besonders gegen Abend, damit du früher zu Bett gehen und dem Körper wie dem Geist die notwendige Entspannung für diese Erwägungen verschaffen kannst. Tagsüber rufe Gott, Unsere liebe Frau, die Engel und alle Heiligen des Himmels an. Schließlich muß alles mit einem Herzen getan werden, das Gott liebt und sich nach der Vollkommenheit der Seele sehnt.

      Um diese Übung gut zu beginnen, versetze dich vorher in die Gegenwart Gottes, rufe den Heiligen Geist an, bitte ihn um Licht und Kraft, dich selbst recht zu erkennen. Bete mit Augustinus, der vor dem Angesicht Gottes im Geist der Demut ausrief: ³Herr, daß ich doch Dich erkenne und mich erkenne!'' und mit dem hl. Franz von Assisi: ³Wer bist Du, o Gott, und wer bin ich!'' Beteure, daß du deinen Fortschritt nicht erkennen willst, um dich deinetwegen zu freuen, sondern Gottes wegen; nicht um dich selbst, sondern um Gott zu preisen und ihm zu danken. Beteure, daß du in keiner Weise der Mutlosigkeit oder Verzagtheit Raum geben willst, falls du in dir keinen Fortschritt, sondern im Gegenteil einen Rückgang feststellen solltest; du wollest deshalb nicht niedergeschlagen sein, sondern mutiger, dich noch mehr ermuntern, dich demütigen und mit Gottes Gnade daran arbeiten, deine Fehler zu überwinden.

      Darauf bedenke in Ruhe, wie du bisher zu Gott, zum Nächsten und zu dir selbst stehst.

      4. Kapitel

      Prüfung unserer Seelenhaltung gegen Gott

      1. Wie verhält sich dein Herz zur Todsünde? Bist du fest entschlossen, sie niemals zu begehen, was immer auch kommen mag? Hast du an diesem Entschluß festgehalten vom Tag deiner Beteuerung bis heute? Dieser Entschluß ist die Grundlage des geistlichen Lebens.

      2. Wie verhält sich dein Herz zu den Geboten Gottes? Findest du sie gut, milde und liebenswert? Wer einen gesunden Geschmack und einen kräftigen Magen hat, liebt gute Speisen und lehnt minderwertige ab.

      3. Wie verhält sich dein Herz zur läßlichen Sünde? Wohl wird uns von Zeit zu Zeit eine unterlaufen; aber hast du nicht zu bestimmten eine besondere Neigung? Was noch schlimmer ist: hängst du nicht an einzelnen und liebst sie?

      4. Wie verhält sich dein Herz zu den geistlichen Übungen? Liebst du sie? Sind sie dir teuer oder unangenehm? Empfindest du etwa Ekel davor? Zu welchen von ihnen fühlst du dich mehr hingezogen? Das Wort Gottes hören, Gutes lesen, geistliche Gespräche, betrachten, beten, beichten, die Aussprache mit dem Seelenführer, die Vorbereitung und der Empfang der heiligen Kommunion, die Bezähmung deiner Neigungen: was von all dem widerstrebt dir? Findest du etwas, zu dem dein Herz weniger hinneigt, so prüfe, woher der Widerwille kommt und was dessen Ursprung ist.

      5. Wie verhält sich dein Herz gegen Gott selbst? Denkst du gern an Gott? Empfindest du bei diesem Gedanken Freude? David sagt: ³Ich habe Gottes gedacht und mich darüber gefreut'' (Ps 70,5). Fühlst du in deinem Herzen eine gewisse Leichtigkeit, ihn zu lieben, und eine besondere Freude, diese Liebe zu verkosten? Freut sich dein Herz beim Gedanken an die Unendlichkeit Gottes, seiner Güte und Milde? Wenn dir der Gedanke an Gott inmitten irdischer Beschäftigungen und Eitelkeiten kommt, schafft er sich dann Raum? Packt er dein Herz? Scheint es dir nicht, daß dein Herz sich ihm zuwendet, ja ihm gewissermaßen entgegeneilt? Es gibt gewiß solche Seelen. Sieht die Frau ihren Mann von der Reise heimkehren und hört seine Stimme, so mag sie vielleicht gerade viel zu tun haben und durch wichtige Arbeiten zurückgehalten werden, aber ihr Herz läßt sich nicht zurückhalten, es drängt alle anderen Gedanken beiseite, um einzig dem Gedanken an den Mann Platz zu schaffen. So geht es auch den Seelen, die Gott innig lieben. Mögen sie noch so beschäftigt sein, wenn der Gedanke an Gott sie berührt, dann verlieren sie fast die Fassung vor Freude, wieder beim Gegenstand ihrer Liebe zu sein. Das ist gewiß ein sehr gutes Zeichen.

      6. Wie verhält sich dein Herz gegen Jesus Christus, den Gottmenschen? Hast du Gefallen daran, bei ihm zu sein? Die Bienen sind gern beim Honig, die Wespen beim Gestank; so finden gute Seelen ihre Befriedigung beim Heiland und lieben ihn zärtlich, während schlechte ihre Freude an Eitelkeiten finden.

      7. Wie verhält sich dein Herz zu Unserer lieben Frau, zu den Heiligen, zu Deinem Schutzengel? Liebst du sie aufrichtig? Hegst du besonderes Vertrauen auf ihre Fürbitte: Hast du Freude an ihren Bildern, ihrer Lebensgeschichte, hörst du es gern, wenn man sie lobt?

      8. Wie steht es mit deiner Zunge? Wie sprichst du von Gott? Hast du Gefallen daran, nach deinem Stand und deinen Fähigkeiten von Gott zu sprechen und ihn zu preisen? Liebst du es, fromme Lieder zu singen?

      9. Bezüglich der Werke frage ich dich, ob dir die Verherrlichung Gottes am Herzen liegt, ob du gern etwas zu seiner Ehre tust. ³Die Gott lieben, lieben mit ihm die Zierde seines Hauses" (Ps 26,8). Findest du, daß du aus Liebe zu Gott eine Anhänglichkeit überwunden, für Gott auf etwas verzichtet hast? Es ist ein gutes Zeichen der Liebe, wenn man sich einer Sache beraubt für jenen, den man liebt. Was also hast du aus Liebe zu Gott verlassen?

      5. Kapitel

      Prüfung der Haltung gegen sich selbst.

      1. Wie liebst du dich selbst? Liebst du dich nicht zu sehr für diese Welt? Wenn dem so ist, wirst du wünschen, immer hier zu bleiben und dich auf dieser Erde gut einzurichten. Liebst du dich aber für den Himmel, dann wirst du bestrebt oder wenigstens damit einverstanden sein, von der Erde Abschied zu nehmen, sobald es dem Herrn gefällt.

      2. Hältst du gute Ordnung in der Liebe zu dir selbst? Nur die ungeordnete Selbstliebe schadet uns. Die geordnete Liebe aber verlangt, daß wir die Seele mehr lieben als den Leib, daß unsere Hauptsorge darauf gerichtet ist, Tugenden zu erwerben, daß wir mehr Wert auf die himmlische als auf die vergängliche irdische Ehre zu legen. Ist die Liebe wohlgeordnet, so fragt man sich zuerst: ³Was werden die Engel sagen, wenn ich so etwas denke?" statt: ³Was werden die Menschen dazu sagen?"

      3. Wie liebst du dein eigenes Herz? Ist es dir nicht lästig, ihm in seinen Krankheiten zu dienen? Ach, du schuldest ihm diese Sorge, ihm zu helfen und helfen zu lassen, wenn Leidenschaften es quälen; du mußt dafür alles andere im Stich lassen.

      4. Wofür hältst du dich vor Gott? Wohl für ein Nichts? Nun, es ist keine große Demut für eine Mücke, neben einem Berg sich als Nichts einzuschätzen, auch nicht für den Wassertropfen, sich für nichts zu halten im Vergleich zum Meer, und nicht für einen Funken, sich für nichts zu halten neben der Sonne. Die Demut besteht aber darin, daß man auch von anderen nicht höher eingeschätzt werden will. Wie steht es in dieser Hinsicht?

      5. Wie verhält sich deine Zunge? Prahlst du nicht offen oder versteckt? Schmeichelst du dir nicht selbst, wenn du von dir sprichst?

      6. Was die Handlungen betrifft, gibst du dich nicht Vergnügungen hin, die deiner Gesundheit schaden? Ich meine eitle, unnütze Vergnügungen, sinnlos durchwachte Nächte und ähnliches.

      6. Kapitel

      Prüfung der Seelenhaltung gegen den Nächsten.

      Eheleute müssen einander lieben, ihre Liebe muß sanft und ruhig, fest und beharrlich sein, vor allem deshalb, weil Gott es so befiehlt und will. Das gleiche gilt von der Liebe zu den Kindern, den nächsten Verwandten und Freunden, je nach ihrem Rang.

      Aber sprechen wir nun ganz allgemein: Wie verhält sich dein Herz gegen den Nächsten? Liebst du ihn herzlich und aus Liebe zu Gott? Um dies genau zu erkennen, stelle dir bestimmte unangenehme, mürrische Menschen vor. An solchen übt man bestimmt die Liebe zu Gott im Nächsten; mehr noch bei Menschen, die uns durch Wort und Tat Böses zugefügt haben. Prüfe dich genau, ob dein Herz gegen sie in Ordnung ist, ob es dir sehr schwer fällt, sie zu lieben.

      Bist du schnell zu lieblosen Reden bereit, besonders über Menschen, die dir nicht gut gesinnt sind? Fügst du dem Nächsten Böses zu, unmittelbar oder mittelbar? Wenn du nur einigermaßen nach der Vernunft urteilst, wirst du das leicht erkennen.

      7. Kapitel

      Prüfung der Seele über die Affekte.

      Diese Punkte habe ich so breit ausgeführt, weil wir durch diese Prüfung unseren geistlichen Fortschritt erkennen. Denn auf die Sünden beschränken jene ihre Gewissenserforschung, die an einen seelischen Aufstieg nicht denken.

      Man darf sich aber trotzdem nicht abquälen mit jeder einzelnen dieser Fragen, sondern soll nur ruhig prüfen und erwägen, wie unser Herz in diesen Punkten seit unserer Bekehrung gesinnt war und welche bedeutenden Fehler wir darin begangen haben.

      Wollen wir aber das Ganze kürzer fassen, dann müssen wir unsere Erforschung auf die Prüfung unserer Leidenschaften richten. Ist es uns beschwerlich, alles im einzelnen zu erwägen, wie ich vorgeschlagen habe, dann können wir auch prüfen, wie wir gesinnt waren und uns verhalten haben:

      In unserer Liebe zu Gott, zum Nächsten, zu uns selbst;

      In unserem Haß gegen die eigenen Sünden und gegen die Sünden anderer; denn wir müssen die Ausrottung aller Sünden wünschen;

      In unseren Wünschen nach zeitlichen Gütern, nach Vergnügungen und Ehren;

      In der Furcht vor der Gefahr der Sünde und des Verlustes zeitlicher Güter; man fürchtet ja meist das zweite zu viel und das erste zu wenig;

      In der Hoffnung, die man zu sehr auf die Welt und die Geschöpfe setzt und zu wenig auf die ewigen Dinge und auf Gott;

      In der Traurigkeit, ob sie wegen nichtiger Dinge zu groß war;

      In der Freude, ob sie übertrieben war und unwürdigen Dingen galt;

      Schließlich: Welche Anhänglichkeiten hemmen dein Herz, welche Leidenschaften nehmen es ein? Worin ist es besonders entgleist? Man erkennt den Zustand der Seele an den Leidenschaften, indem man sie der Reihe nach abtastet. Ein Lautenspieler zupft an allen Saiten und stimmt die falsch klingenden richtig, indem er sie entweder spannt oder nachläßt. So prüfen wir nacheinander die Liebe, den Haß, die Wünsche, die Furcht, die Hoffnung, die Traurigkeit und die Freude unserer Seele: Stimmen sie nicht gut zur Melodie, die wir spielen wollen, d. h. zur Ehre Gottes, dann können wir sie mit seiner Gnade und nach dem Rat unseres geistlichen Vaters darauf abstimmen, damit sie harmonisch zusammenklingen.

      8. Kapitel

      Affekte am Schluß dieser Prüfung.

      Hast du jeden Punkt dieser Prüfung ruhig erwogen und gesehen, wie es mit dir steht, dann kommst du zu folgenden Empfindungen:

      Danke Gott für die kleine Besserung, die du in deinem Leben seit deinem großen Entschluß festgestellt hast; erkenne, daß einzig seine Barmherzigkeit sie in dir und für dich bewirkt hat.

      Demütige dich tief vor Gott. Bekenne, daß es deine Schuld war, wenn du nur wenig vorangekommen bist, weil du nicht treu, mutig und beharrlich den Einsprechungen und Regungen entsprochen hast, die er dir im Gebet und sonst gab.

      Versprich, ihn immer zu preisen für die Gnaden, die er dir gab, um dich von deinen Neigungen zu befreien und dir zu dieser kleinen Besserung zu verhelfen.

      Bitte ihn um Verzeihung für die Untreue, mit der du seine Güte beantwortet hast. Opfere ihm dein Herz auf, daß es ganz ihm gehöre. Bitte ihn, dich ganz treu zu machen. Rufe die Heiligen an, die allerseligste Jungfrau, deinen Schutzengel und deinen Namenspatron, den hl. Josef und andere Heilige.

      9. Kapitel

      Erwägungen zur Erneuerung unserer guten Entschlüsse.

      Hast du dich in dieser Weise geprüft und mit einem guten Seelenführer deine Fehler und die geeigneten Heilmittel besprochen, so bediene dich der folgenden Erwägungen; nimm jeden Tag eine als Gegenstand der Betrachtung. Verwende darauf die gewöhnliche Zeit deiner Betrachtung; Vorbereitung und Affekte halte nach der Methode, die wir den Betrachtungen des ersten Teils zugrundegelegt haben. Vor allem versetze dich in Gottes Gegenwart, bitte ihn um seine Gnade, um dich in seiner Liebe und in seinem heiligen Dienst zu festigen.

      10. Kapitel

      Erste Erwägung: Die Vortrefflichkeit unserer Seele.

      Erwäge den Adel und den hohen Rang deiner Seele. Sie besitzt ja den Verstand, der nicht nur diese sichtbare Welt erkennt, sondern auch weiß, daß es Engel und einen Himmel gibt, einen höchst gütigen, unendlich großen Gott, eine Ewigkeit, und was geeignet ist, in dieser sichtbaren Welt so zu leben, daß wir einst mit den Engeln im Himmel vereint ewig Gottes Anschauung genießen dürfen.

      Deine Seele besitzt ferner einen ganz adeligen Willen, der Gott lieben und ihn an sich nicht hassen kann.

      Sieh, wie edelmütig dein Herz geschaffen ist. Wie die Bienen sich nicht auf etwas Verdorbenes niederlassen, sondern nur auf Blumen, so hat auch dein Herz keine Ruhe, außer in Gott allein; kein Geschöpf kann es voll befriedigen. Nimm dir den Mut, an die liebsten und ausgelassensten Vergnügungen zurückzudenken, die je dein Herz eingenommen haben: urteile, ob sie nicht voll lästiger Unruhe, voll quälender Gedanken und unangenehmer Sorgen waren, die deinem Herzen arg zusetzten.

      Ach, unser Herz läuft den Geschöpfen mit fiebernder Hast nach; es meint, an ihnen seine heißen Wünsche befriedigen zu können. Hat es aber erreicht, wonach es strebte, dann sieht es, daß es wieder von vorn anfangen muß und durch nichts befriedigt werden kann. Gott will, daß unser Herz keinen Ort finde, an dem es ausruhen könnte, wie die Taube, die aus der Arche Noes ausgeflogen war, eben damit es zu Gott zurückkehre, von dem es ausgegangen ist. Welche Schönheit ziert unser Herz von Natur aus! Warum wollen wir es erniedrigen und im Gegensatz zu seiner Bestimmung den Geschöpfen dienstbar machen?

      Herrliche Seele, sollst du sagen, du kannst Gott sehen und lieben; warum vertust du deine Zeit mit geringeren Dingen? Du kannst nach der Ewigkeit streben; warum verlierst du dich in Vergänglichem? Das war die brennende Reue des verlorenen Sohnes, daß er aus dem Trog der Tiere seine armselige Nahrung holen mußte, da er doch am Tisch seines Vaters herrlich leben konnte. Meine Seele, du bist Gottes fähig! Wehe dir, wenn du dich mit weniger als Gott begnügst! - Mit diesen Gedanken richte deine Seele auf; zeige ihr, daß sie unsterblich ist und der Ewigkeit würdig. Mache ihr Mut dafür.

      11. Kapitel

      Zweite Erwägung: Die Erhabenheit der Tugenden.

      Erwäge, daß einzig die Tugend und die Frömmigkeit deiner Seele in diesem Leben Zufriedenheit schenken können. Sieh, wie schön sie sind. Vergleiche die Tugenden mit den Lastern, die ihnen entgegengesetzt sind: die Geduld mit der Rachsucht, die Sanftmut mit Zorn und Ärger, die Demut mit Frechheit und Ehrsucht, die Freigebigkeit mit dem Geiz, die Liebe mit dem Neid, die Mäßigkeit mit der Ausschweifung.

      Die Tugenden haben die wundersame Wirkung, daß ihre Übung die Seele mit unvergleichlicher Wonne und Freude erfüllt, während die Laster sie erschöpft und zerschlagen zurücklassen. Fangen wir also an! Warum wagen wir nicht den Aufstieg zu diesen Herrlichkeiten?

      Wer von den Lastern nur einige hat, ist unzufrieden, wer viel davon hat, erst recht. Wer aber von den Tugenden nur ein wenig besitzt, empfindet daran schon Freude, die immer größer wird, je weiter er vorankommt. Frommes Leben, wie schön, wie wohltuend und lieblich bist du! Du milderst die Trübsal und vermehrst die Schönheit der Freuden. Ohne dich ist das Gute wertlos und die Vergnügungen sind voll Unruhe, Verwirrung und Schwäche. Wer dich kennt, kann wohl mit der Samariterin sagen: ³Herr, gib mir von diesem Wasser!" (Joh 4,15). Diesen Gebetsruf pflegten die heilige Mutter Theresia und die hl. Katharina von Genua oft zu sprechen, wenngleich aus verschiedenem Anlaß.

      12. Kapitel

      Dritte Erwägung: Das Beispiel der Heiligen.

      Betrachte das Beispiel der verschiedenen Heiligen; was haben sie alles getan, um Gott zu lieben und fromm zu leben!

      Sieh die Märtyrer: Sie waren unüberwindlich in ihrer Standhaftigkeit. Welche Qualen haben sie erduldet, um ihre Entschlüsse zu halten! Die herrlichen Blüten der Jungfrauen und Frauen: weißer als Lilien in ihrer Reinheit, leuchtender als Rosen in ihrer Liebe, haben die einen mit zwölf Jahren, andere mit dreizehn, fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig Jahren lieber tausendfache Qualen erduldet, als den Glauben zu verleugnen oder auch nur auf ihr frommes Leben zu verzichten. Die einen starben lieber, als ihre Jungfräulichkeit preiszugeben, andere gaben lieber ihr Leben hin, als aufzuhören, den Leidenden zu helfen, die Betrübten zu trösten, die Toten zu begraben. Gott, welchen Starkmut hat doch gerade das schwache Geschlecht oft gezeigt!

      Betrachte die große Zahl heiliger Bekenner: mit welcher Tapferkeit haben sie die Welt verachtet! Wie unüberwindlich waren sie in ihren Entschlüssen! Nichts konnte sie davon abbringen, sie haben daran vorbehaltlos festgehalten und sie auch ausgeführt. Was sagt der hl. Augustinus von der hl. Monika? Mit welcher Festigkeit hat sie ihren Entschluß ausgeführt, Gott in ihrer Ehe und in ihrem Witwenstand zu lieben! Was sagt der hl. Hieronymus von der hl. Paula? Unter wieviel Schwierigkeiten inmitten der verschiedenen Umstände ist sie ihren Entschlüssen treu geblieben!

      Was werden wir also tun, um diesen herrlichen Vorbildern zu folgen? Sie waren das, was wir sind; sie taten es für denselben Gott, für die gleichen Tugenden. Warum sollten wir das nicht auch tun können in unserem Stand und Beruf, für unseren heiligen Vorsatz und die liebevolle Beteuerung? (siehe 1. Teil, 20. Kapitel).

      13. Kapitel

      Vierte Erwägung: Die Liebe Jesu zu uns.

      Erwäge die Liebe, mit der Jesus der Herr so viel gelitten, besonders auf dem Ölberg und Kalvarienberg. Diese Liebe schaute dich an und erlangte durch diese Peinen und Leiden von Gott dem Vater für dein Herz gute Entschlüsse, Vorsätze und alles Notwendige, um diese Entschlüsse aufrechtzuerhalten, zu nähren, zu stärken und auszuführen. Heilige Entschlüsse, wie seid ihr wertvoll, ist doch das Leiden unseres Heilands eure Mutter! Wie muß euch meine Seele lieben, da ihr Jesus so teuer wart! Heiland meiner Seele, Du bist gestorben, um mir diese Entschlüsse zu verdienen, gib mir die Gnade, eher zu sterben, als sie aufzugeben!

      Sieh, es ist wahr, daß das Herz unseres teuren Heilands vom Kreuzesstamm auf dich herabschaute, dich liebte und durch diese Liebe alle Güter für dich erlangt hat, die du je besitzen wirst, ebenso auch deine Vorsätze. Ja, wir können alle mit Jeremias sagen: ³Herr, ehe ich war, sahst Du mich und nanntest mich bei meinem Namen'' (Jer 1,5). Denn seine göttliche Güte hat dir wirklich in ihrer Liebe und Barmherzigkeit alle Mittel zu deinem Heil im allgemeinen wie im besonderen bereitgestellt, also auch deine Entschlüsse. Wie eine Frau vor ihrem Wochenbett die Wiege bereitstellt und die Wäsche für das Kindlein richtet, ja sogar an eine Amme für das Kindlein denkt, das sie erwartet, obwohl es noch nicht da ist, so bereitete der Heiland am Kreuz alles vor, was du brauchst, um glücklich zu werden, da er dir in seiner Güte zum Heil verhelfen will: alle Mittel und Gnadenregungen, durch die er deine Seele lenken und zur Vollkommenheit einladen will.

      Wie tief müssen wir das unserem Gedächtnis einprägen! Ist es möglich, daß ich vom Heiland geliebt, so gütig geliebt werde, daß er an mich im besondern dachte und an alle die kleinen Dinge, durch die er mich an sich zieht? Wie innig muß ich doch all dies lieben und zu meinem Nutzen gebrauchen!

      Wie ergreifend ist doch dieser Gedanke: Gott dachte in seiner Güte an dich, er liebte dich und verschaffte dir so viele Mittel zum Heil, als gäbe es sonst keine Seele auf dieser Welt, an die er dächte. Wie die Sonne deshalb einem Platz der Erde nicht weniger Licht spendet, wenn sie ihre Strahlen gleichzeitig auch an andere sendet, so hat der Heiland aller seiner Kinder gedacht und für sie gesorgt. Er hat an jeden von uns gedacht, als ob er sich um alle anderen nicht kümmerte. ³Er hat mich geliebt'', sagt der hl. Paulus, ³und hat sich für mich hingegeben," (Gal 2,20), als wollte er sagen: für mich allein, als hätte er es nicht gleichzeitig für alle getan. Das mußt du deiner Seele tief einprägen, um deine Entschlüsse zu lieben und zu stärken, denn sie sind dem Herzen deines Heilands so teuer.

      14. Kapitel

      Fünfte Erwägung: Gottes ewige Liebe zu uns.

      Erwäge die ewige Liebe, die Gott uns erwiesen hat. Schon ehe unser Herr und Heiland am Kreuz für uns litt, warst du durch Gottes unendliche Güte Gegenstand seiner ewigen Entschlüsse. Gott liebte dich; wann begann er dich zu lieben? Als er begann, Gott zu sein, d. h. da er immer war, ohne Beginn und Ende, hat er dich immer und ewig mit grenzenloser Liebe geliebt. Von Ewigkeit hält er die Gnaden und Gunsterweise, die er dir gab, für dich bereit. Er sagt es durch den Propheten: ³lch habe dich geliebt (er spricht zu dir, als wärest du allein) mit ewiger Liebe; deshalb habe ich dich an mich gezogen, da ich mich deiner erbarmte'' (Jer 31,3). Er hat also unter anderem auch daran gedacht, dir den Entschluß einzugeben, daß du ihm dienst.

      Mein Gott, welche Entschlüsse sind das, die Du von Ewigkeit erdacht, erwogen und geplant hast! Wie teuer und wertvoll müssen sie mir sein! Lieber müssen wir alles erdulden, als das geringste davon preiszugeben. Nein, gewiß nicht, auch wenn die Welt zugrunde ginge! Die ganze Welt zusammen ist ja nicht so viel wert wie eine Seele; und eine Seele ist nichts wert ohne unsere Entschlüsse.

      15. Kapitel

      Affekte über diese Erwägungen als Abschluß der Übung

      Teure Entschlüsse, ihr seid der Baum des Lebens, den Gott mit eigener Hand in mein Herz gepflanzt, den mein Heiland mit seinem Blut begossen hat, damit er Frucht bringe. Lieber tausendmal sterben als zulassen, daß ein Sturm ihn entwurzle. Nein, weder Eitelkeit noch Vergnügungen, weder Reichtümer noch Leiden werden jemals mein Vorhaben mir entreißen können.

      Heiland, Du hast diesen Baum gepflanzt und in Deiner Vatergüte für Deinen Garten bestimmt. Wie viele Seelen gibt es, denen solche Gunst nicht ward! Wie kann ich mich genug demütigen unter Deine Barmherzigkeit?

      O schöne und heilige Entschlüsse, wenn ich euch bewahre, werdet ihr mich bewahren; wenn ihr in meiner Seele lebt, wird meine Seele durch euch leben. So bleibt denn auf ewig lebendig, ihr Entschlüsse, die von Ewigkeit bestehen in Gottes Barmherzigkeit; seid ewig lebendig in mir, daß ich euch doch nie aufgeben möge!

      Nach diesen Affekten mußt du die Mittel im einzelnen sehen, um die heiligen Entschlüsse zu halten, und beteuern, daß du sie gewissenhaft anwenden willst: häufige Betrachtung, oftmaliger Empfang der Sakramente, viele gute Werke, Überwindung der Fehler, die du im zweiten Teil dieser Übung erkannt hast, Flucht vor der Gelegenheit zur Sünde, Befolgung der Ratschläge, die dir dafür gegeben werden.

      Hast du das getan, so schöpfe wieder Atem und neue Kraft, beteure oft und oft, daß du auf deinen Entschlüssen beharren willst. Weihe und opfere deine Seele Gott auf, als trügest du sie mit Herz und Willen in deinen Händen. Beteure, daß du sie nie wieder zurücknehmen, sondern in Gottes Hand legen willst, um in allem und immer seinen Befehlen zu gehorchen. Bete zu Gott, daß er dich vollständig erneuere, daß er die Wiederholung deiner heiligen Beteuerung segne und stärke. Rufe die allerseligste Jungfrau, deinen Schutzengel, den hl. Ludwig und andere Heilige an.

      In dieser Herzensverfassung knie vor deinem geistlichen Vater nieder; klage dich der wichtigen Fehler an, die du seit der Generalbeichte begangen hast, empfange die Lossprechung in der gleichen Gesinnung wie das erste Mal. Dann lies vor ihm wieder deine Beteuerung und unterzeichne sie. Schließlich geh hin und vereinige dein erneuertes Herz mit seinem Urheber und Erlöser im allerheiligsten Sakrament des Altares.

      16. Kapitel

      Bleibende Eindrücke dieser Erneuerung.

      Am Tag der Erneuerung und an den folgenden Tagen wiederhole oft folgende feurige Gebetsworte des hl. Paulus und Augustinus, der hl. Katharina von Genua und anderer: ³Nein, ich gehöre nicht mehr mir, ob ich lebe oder sterbe: ich gehöre meinem Heiland. Ich habe kein Ich und kein Mein mehr; mein Ich ist Jesus, mein Anteil ist, ihm zu gehören. Welt, du bleibst immer, was du bist; auch ich war immer ich selbst, aber nun will ich nicht mehr ich sein.'' Nein, wir wollen nicht mehr wir selbst sein, unser Herz wird umgewandelt sein; und die Welt, die uns so oft betrogen hat, soll sich in uns täuschen. Sie wird unsere Wandlung nur allmählich gewahr werden, daher wird sie uns noch immer für Esau halten, während wir schon längst Jakob sind.

      Alle diese Übungen müssen in unser Herz eingebettet sein. Dann werden wir ganz ruhig von den Erwägungen und Betrachtungen zu den Arbeiten und Gesellschaften übergehen, damit unsere Entschlüsse sich nicht plötzlich verflüchtigen, sondern wie lebenspendende Wasser alle Teile der Seele durchtränken und durchdringen. Schließlich soll all dies ohne seelische oder körperliche Anstrengung geschehen.

      17. Kapitel

      Einwände gegen diese Anleitung.

      Die Welt wird dir sagen, diese Übungen und Ratschläge seien so zahlreich, daß wir zu nichts anderem mehr kommen, wenn wir sie alle durchführen wollen. Nun, wenn wir auch nichts anderes täten, so wäre das schon genug, weil wir dann das tun, was wir in dieser Welt zu tun haben. Merkst du nicht die List? Müßten wir alle diese Übungen jeden Tag machen, dann würden sie uns wohl voll beschäftigen; aber wir brauchen ja nur jede zu ihrer Zeit und an ihrem Platz ausführen, wenn sie eben fällig ist. Wie viele Gesetze gibt es doch im bürgerlichen Gesetzbuch, die beobachtet werden müssen: aber jedes, wenn es eben zutrifft, und nicht alle gleichzeitig jeden Tag. Übrigens tat David neben seinen vielen schwierigen Geschäften mehr, als ich angeführt habe. Der hl. Ludwig, ebenso bewundernswert im Krieg wie im Frieden, der mit unvergleichlicher Sorgfalt Recht sprach und allen Regierungsgeschäften oblag, wohnte täglich zwei Messen bei, betete Vesper und Komplet mit seinen Hofkaplänen, hielt seine Betrachtung, besuchte die Spitäler, beichtete und geißelte sich jeden Freitag, hörte oft Predigten, hielt häufig geistliche Gespräche; bei all dem vernachlässigte er das Gemeinwohl nicht im geringsten, er führte vielmehr alles mit größter Sorgfalt durch und sein Königshof war schöner und blühender als je unter seinen Vorfahren. - Tu also mutig alles, was ich angegeben habe, Gott wird dir genug Zeit und Kraft geben, deinen Geschäften richtig nachzukommen, selbst wenn er die Sonne aufhalten müßte wie zur Zeit Josuas (Jos 10,12 ff). Wir tun immer genug, wenn Gott mit uns arbeitet.

      Die Welt wird sagen, daß ich bei allen die Gabe des innerlichen Gebetes voraussetze; die besitze aber nicht jeder, also könne diese Anleitung nicht allen dienen. Gewiß habe ich das vorausgesetzt; es ist auch wahr, daß nicht jeder die Gabe des innerlichen Gebetes besitzt. Es ist aber ebenso wahr, daß jeder sie besitzen kann, sogar ungebildete Menschen, wenn sie einen guten Seelenführer haben und sich in dem Maß um sie bemühen, wie es diese wichtige Sache verdient. Sollte sich jemand finden, der diese Gabe nicht im geringsten besitzt (was meiner Ansicht nach nur sehr selten zutreffen wird), dann soll der kluge geistliche Vater dies in der Weise ersetzen, daß er den Betreffenden die Erwägungen recht aufmerksam durchlesen läßt, die bei den Betrachtungen stehen.

      18. Kapitel

      Drei letzte wichtige Ratschläge

      Wiederhole regelmäßig am ersten Tag des Monats die Beteuerung, die im ersten Teil nach den Betrachtungen steht. Versichere immer wieder, daß du sie halten willst. Sprich mit David: ³Nein, in alle Ewigkeit will ich Dein Gesetz nicht vergessen, denn damit hast Du mir das Leben geschenkt'' (Ps 119,93). Fühlst du, daß deine Seele irgendwie aus dem Geleise gekommen ist, dann nimm diese Beteuerung zur Hand, wirf dich in Demut nieder, lies sie mit Herz und Seele, und du wirst dich erleichtert fühlen.

      Bekenne offen, daß du fromm sein willst. Ich sage nicht, daß du fromm bist, sondern daß du es sein willst. Schäme dich nicht der notwendigen und gewöhnlichen Übungen, die uns zur Gottesliebe führen. Gestehe mutig, daß du dich in der Betrachtung versuchst, daß du lieber sterben als schwer sündigen willst; daß du die heiligen Sakramente empfangen und deinem Seelenführer folgen willst (obwohl es oft aus verschiedenen Gründen nicht notwendig sein wird, seinen Namen zu nennen). Dieses offene Bekenntnis, daß man Gott dienen will und sich seiner Liebe besonders geweiht hat, ist seiner göttlichen Majestät sehr wohlgefällig, denn er will nicht, daß man sich seiner und seines Kreuzes schämte. Außerdem verhindert es von vornherein viele Einwände, die die Welt sonst machen möchte. Ferner schulden wir es nach diesem Bekenntnis unserem guten Ruf, unser Vorhaben auch auszuführen. Die Philosophen bekannten sich als solche, damit man sie in ihrer Art leben lasse; wir müssen bekennen, daß wir nach Frömmigkeit streben, damit man uns fromm leben lasse. Sagt dir jemand, daß man auch ohne die Beobachtung dieser Ratschläge und Übungen fromm leben könnte, so bestreite das nicht. Antworte nur freundlich, daß deine große Schwäche mehr Hilfe und Unterstützung brauche als andere.

      Zum Schluß beschwöre ich dich bei allem, was dir heilig ist im Himmel und auf Erden, bei deiner Taufe, bei der allerseligsten Jungfrau, beim heiligsten Herzen, das dich liebt, bei der Barmherzigkeit Gottes, auf die du hoffst: bleib treu und beharrlich bei deinem Vorhaben eines frommen Lebens!

      Unsere Tage gehen dahin, der Tod steht vor der Tür. ³Die Trompete'', sagt der hl. Gregor von Nazianz, ³bläst zur Heimkehr; das Gericht ist nahe." Die Mutter des hl. Symphorianus rief ihrem Sohn nach, als man ihn zum Martertod führte: ³Mein Sohn, mein Sohn, gedenke des ewigen Lebens! Blicke auf zum Himmel, betrachte den, der dort herrscht. Bald wird der kurze Lauf deines Lebens zu Ende sein." Das gleiche sage ich dir: Blicke auf zum Himmel, verliere ihn nicht um der Erde willen! Blicke hinab zur Hölle; stürze dich nicht hinein aus Liebe zu vergänglichen Augenblicken! Blicke auf zu Jesus; verleugne ihn nicht aus Furcht vor der Welt!

      Wenn die Mühen des frommen Lebens dir hart scheinen, dann rufe mit dem hl. Franz von Assisi aus: ³Wenn ich an die großen Güter denke, die meiner harren, scheinen mir alle Leiden nur wie ein Zeitvertreib."

      ES LEBE JESUS,

      DEM MIT DEM VATER UND DEM HEILIGEN GEIST

      EHRE UND HERRLICHKEIT SEI

      JETZT UND IN ALLE EWIGKEIT. AMEN.

 


 

      ANMERKUNGEN

      Vorwort

      1. In der reizenden Erzählung von der Blumenbinderin gibt Franz von Sales ein treffliches Bild der sowohl konservativen wie neuen Art seiner Lehre: es sind die altbekannten Grundsätze des christlichen Lebens, neu ist die Art der Darstellung. Es kommt ganz darauf an, was Hauptsache und was Nebensache ist; und hier ist Franz von Sales wirklich bahnbrechend, zugleich ab sehr konservativ, denn er stößt über verschiedene Auffassungen seiner Zeit und der vor ihm bis zum Evangelium vor. Er legt den Akzent auf jene Tugenden, die auch der Heiland hervorhob; die Gottesliebe, das Gebet, die Erfüllung des göttlichen Willens, Nächstenliebe und Sanftmut.

      2. Franz von Sales will eine Laienaszetik schreiben, d. h. er schreibt nicht für Menschen im Kloster, sondern für die Christen in der Welt. Da aber der Kern seiner Lehre das Evangelium ist, paßt sie (wenige Kapitel ausgenommen, die den speziellen Bedürfnissen der Laien angepaßt sind, z. B. über die Ehe, über Tänze, Spiele und ähnliche) auch für Ordensleute. Vergleiche dazu ³Geistliche Gespräche", Seite 220.

      3. Frau von Charmoisy (vgl. Einführung Seite 19).

      4. Die Anrede ³Philothea" findet sich im französischen Text sehr oft. In der Vorrede zur ³Abhandlung über die Gottesliebe" beklagt sich Franz von Sales, daß schon damals Männer sie in dem Sinn mißverstanden, als sei die ³Anleitung" nur für Frauen bestimmt. Um diesem Vorurteil zu begegnen ist die Anrede in der deutschen Ausgabe ausgelassen.

      Erster Teil

      1. Kapitel

      1. Die Grundzüge der Frömmigkeit nach der Lehre des hl. Franz von Sales sind demnach: 1.) Gottesliebe, die sich -b) in der Tat äußert, und zwar c) in der Erfüllung des ausdrücklichen Willens Gottes und der von Gott empfohlenen Tugenden - d) in der lebendig frischen, stets bereiten und eifrigen Erfüllung des göttlichen Willens.

      3. Kapitel

      1. Der Beruf entscheidet, auf welche Tugenden außer den allgemein christlichen das Hauptgewicht zu legen ist, und bei den allgemein christlichen, in welcher Weise sie zu üben sind. Die Erfüllung der Berufspflichten und die Übung der Standestugenden gehen allem anderen vor, was nicht ausdrückliches Gebot Gottes ist, wie in den verschiedenen Gebetsübungen u. a. Da ist eine der wichtigsten Lehren des Heiligen, auf die er oft zurückkommt.

      5. Kapitel

      1. Wie alle anderen Lehrer betont Franz von Sales die Notwendigkeit der Seelenläuterung. Was ihn von anderen unterscheidet, ist sein psychologisch feine und theologisch allein richtiges Vorgehen: Was muß geläutert werden? Wo muß diese Reinigung besonders ansetzen?

      Soll die Gottesliebe in der Seele herrschen und ihre Früchte vorbringen, so muß zunächst alles entfernt werden, was die Gottesliebe zerstört, also die Todsünde und die Anhänglichkeit an sie (siehe Kapitel 6 und 7), ferner alles, was sie beeinträchtigt und schwächt, also jede Liebe und Anhänglichkeit, die ihr entgegengesetzt ist oder die Kräfte der Seele unnütz verzehrt (siehe Kapitel 22 und 23). Es kommt weniger auf einzelne Fehler an als auf ihre Quelle, das Herz (vgl. 3. Teil, Kapitel 23).

      2. Eine immer wiederkehrende trostvolle Lehre des Heiligen: Es gilt, sein Leben lang zu arbeiten, zu kämpfen und jeden Tag neu zu beginnen. Man muß nicht nur mit anderen Geduld haben, sondern auch mit sich selbst.

      7. Kapitel

      1. In deutschen Ausgaben der ³Anleitung" ist manchmal bei diesem Kapitel und bei den Kapiteln 22 und 23 zu lesen: ³Reinigung von der Neigung der Sünde..." Der Heilige schreibt aber: ³Reinigung von der Liebe, von der Anhänglichkeit..." Die Neigung zur Sünde ist in jedem Menschen, sie wird uns immer bleiben; von der Liebe zur Sünde aber können und müssen wir unser Herz reinigen.

      8. Kapitel

      1. Hier wendet Franz von Sales bereits den Grundsatz praktisch an, den er im 1.Kapitel des 2. Teils aufstellt: Das innerliche Leben reinigt die Seele, weil es diese in das Licht der Wahrheit rückt und der Wärme göttlicher Liebe aussetzt. Liebendes Versenken in die Wahrheiten des Glaubens wird die Seele zur Abkehr von der Sünde bewegen und der Liebe zu Gott zuwenden.

      2. Das sind richtige Bekehrungs-Exerzitien, die der Heilige hier empfiehlt. Beachte, daß er jeden Tag nur eine Betrachtung vorschreibt; sie soll die Seele ganz durchdringen. Geist und Herz sollen sich den ganzen Tag mit ihr beschäftigen. Also keine Überfütterung der Seele; lieber weniger, das aber gründlich! Ein Gedanke soll auf die Seele einwirken und nicht gleich wieder von anderen Gedanken und Empfindungen verdrängt werden.

      3. Diese Bekehrungen sind schöne Beispiele für die Methode, die der Heilige im 2. Teil lehrt.

      20. Kapitel

      1. Auf diese feierliche Erklärung legt Franz von Sales großen Wert; sie ist etwa mit der Profeß der Ordensleute vergleichbar. Im 5. Teil kommt er mehrmals darauf zurück. Der Wendepunkt des Lebens, der ernste Entschluß zu einem religiösen Leben soll durch einen feierlichen Akt markiert werden, der tief in der Seele haftet und sie immer wieder erinnert, daß sie entschlossen ist, wirklich ein Leben für Gott, ein wahrhaft christliches Leben zu führen.

      21. Kapitel

      1. Die Ratschläge des 2. Teils sollen Sicherungen gegen die Todsünde schaffen, zugleich eine weitere Läuterung der Seele bewirken. Der Schluß des 1. und der Anfang des 2. Teils nennen deutlich die wichtigsten Mittel dazu: das Gebetsleben und der häufige Empfang der Sakramente.

      22. Kapitel

      1. Vielfach wird empfohlen, das geistliche Leben mit der Bekämpfung des Hauptfehlers zu beginnen. Franz von Sales läßt das gelten, wenn man unter Hauptfehlern jene versteht, an denen man hängt, von denen man bisher nicht lassen wollte. Gewiß gilt es auch Fehler zu überwinden, die unserer Anlage entspringen, viel mehr aber schaden jene unserer Seele, an denen unser Herz hängt, sie verhindern die Entfaltung der Gottesliebe, ihnen muß daher in erster Linie unser Kampf gelten.

      23. Kapitel

      1. Es ist sehr interessant festzustellen, daß in der salesianischen Rangfolge noch vor den Charakterfehlern die Anhänglichkeit an Unnützes und Gefährliches zu bekämpfen ist. Die Gottesliebe soll eben uneingeschränkt herrschen; jede Liebe, die nicht auf sie bezogen ist, wird als ein Raub an der Gottesliebe betrachtet, als Schmarotzer, der unserer Seele wertvolle Kräfte entzieht und sie im Streben nach einem vollchristlichen Leben schwächt, ob das nun Spiel und Tanz ist, Vergnügungssucht, Lesewut oder ähnliches.

      Zweiter Teil

      1. Kapitel

      1. Im 1. Teil (Kapitel 6-21) hat Franz von Sales Mittel und Wege zur Überwindung der Todsünde gezeigt. Die Seele muß aber gegen ihre Rückkehr gesichert, außerdem noch von anderen schädlichen Anhänglichkeiten und Fehlern gereinigt werden. Weisungen dazu kündigt er im 21. und 24. Kapitel an.

      Die Überschrift des 2. Teils sagt, worin sie bestehen: im Gebet und in den Sakramenten; also nicht in Bußwerken, auch nicht in der systematischen Gewissenserforschung oder ähnlichen Übungen. Das begründet und betont der erste Abschnitt dieses Kapitels mit aller wünschenswerten Deutlichkeit, der sozusagen die theologische Grundlage enthält: Gottes erleuchtender Gnade, seiner umwandelnden Liebe verdanken wir jeden Fortschritt. Durch das Gebet setzen wir unsere Seele ihrer Einwirkung aus, vor allem durch das innerliche Gebet, das tiefer und nachhaltiger wirkt. Dadurch stellen wir unsere Seele unter den Einfluß der göttlichen Wahrheit und überwinden damit das große Hindernis des Gnadenwirkens: die Unwissenheit im Göttlichen; ferner eröffnen wir unsere Seele dem Einfluß der göttlichen Liebe, der die verkehrten schlechten Affekte und Leidenschaften weichen müssen; sie sind das zweite wichtige Hindernis für das Wirken Gottes in uns. Somit bereitet das Gebet dem Wirken der Gnade ein geeignetes Feld, macht unsere Seele empfänglich für die geheimnisvolle, umwälzende, reinigende und erhebende Tätigkeit Gottes in uns.

      Daraus geht hervor, daß dieses innere Gebet fortdauern muß, um unser ganzes Leben zu durchdringen; freilich braucht es auch seine besonderen Brennpunkte, um immer von neuem an den Gluten göttlicher Liebe angefacht zu werden. Deshalb die Notwendigkeit einer bestimmten Betrachtungszeit (vgl. Anm. 3 u. 4, außerdem Kapitel 2-9), das Gebetsleben soll aber all unser Tun begleiten (vgl. Anm. 2, Kapitel 12 u. 13).

      Der Heilige strebt eine Reinigung der Seele von innen heraus an; seine Methode ist nicht die systematische Zerstörung eines Fehlers nach dem anderen, sondern die Angleichung unserer Herzensgesinnung an die des Heilands; dadurch fällt wie selbstverständlich alles, was Gott mißfällt. Daher auch seine stets wiederkehrende Parole: ³Es lebe Jesus in unseren Herzen!" (vgl. Weihegebet, 1/24 und besonders 3/23, wo er ausdrücklich seine Methode mit der anderer Lehrer des geistlichen Lebens vergleicht.)

      2. Franz von Sales will eine christozentrische, d. h. auf Christus hingeordnete Frömmigkeit; so war sie im Urchristentum, so prägt sie den hl. Paulus den ersten Christen in verschiedenen Wendungen ein.; das Evangelium setzt sie ebenfalls voraus. (vgl. die Parabeln vom Weinstock, vom Guten Hirten, die Reden Jesu im Johannes-Evangelium). Durch die Gnade sind wir tatsächlich mit Christus engstens als Haupt verbunden, wir sollen aus auch mit Geist und Herz sein durch den ständigen Gebetsverkehr mit ihm. Damit wird die jeden Christen verpflichtende Nachfolge Christi sowohl innerliche als auch sichtbare Wirklichkeit.

      3. das beste Betrachtungsbuch über das Leben Jesu wird stets das Evangelium sein; es gibt davon eine Reihe guter, teilweise auch preiswerter Ausgaben. Man kann auch ein Buch über das Leben Jesu nehmen oder Betrachtungen über das Leben Jesu (z. B. vom Meschler, Hoppe u. a.).

      4. Die Dauer von einer Stunde darf nicht zu eng genommen werden; in Briefen spricht Franz von Sales von einer halben Stunde (vgl. Brief vom 21. 11. 1604, vom 8. 6. 1606; von Mutter Chaugy erfahren wir, daß er dem Fräulein Favre nur eine Viertelstunde vorschrieb; vgl. E. Couturier, L'oeuvre littèraire de la Mère Chaugy, 1933, S. 102). Die Dauer der Betrachtung wird sich eben nach den Umständen und Möglichkeiten richten.

      5. Kapitel

      1. Die Erwägungen sind also nicht Selbstzweck, die Betrachtung ist kein Studium, ihre Aufgabe ist es, das Herz zu Affekten anzuregen, die sich im Herzensgebet und im Willen zur religiösen Tat äußern.

      6. Kapitel

      1. Die Betrachtung nach Franz von Sales ist gewiß gefühlsbetont; er weiß um die Macht des Affektlebens, aber auch um seine Gefahren, wenn die Gefühle in sich eingekapselt bleiben, nur die Phantasie erhitzen und nicht im religiösen Tun ihren Ausdruck finden, oder wenn sie zum Selbstzweck werden, so daß der Wille zum religiösen Leben zusammenbricht, sobald sie ausbleiben. Deshalb betont der Heilige die Pflicht, die Affekte in Entschlüsse einmünden zu lassen, uzw. nicht nur in allgemein gehaltene, die nichts Greifbares bitten und leicht vergessen werden, sondern in genau festgelegte Vorsätze, an denen man nicht achtlos vorübergehen kann. (vgl. Anfang des 8. Kapitels)

      10. Kapitel

      1. Die große Ausrichtung auf das Leben mit Christus darf uns nicht unaufmerksam für das eigene Ich machen. Gewiß soll unser religiöses Leben nicht dieses Ich zum Mittelpunkt haben, sondern Gott; gewisse Sicherungen sind bei unserer Unüberlegtheit, Unbeständigkeit und Schwäche trotzdem vonnöten. Als erste empfiehlt Franz von Sales die Morgenübung, mit der er eine Vorschau auf die Möglichkeiten zum Guten wie zum Bösen während des kommenden Tages verbindet, eine ruhige Überlegung vor Gott über unser Verhalten bei diesen Gelegenheiten und als Ergebnis klare, konkrete Entschlüsse. - Ihr entspricht als Nachkontrolle unseres Verhaltens die Gewissensforschung am Abend.

      11. Kapitel

      1. Vor dem Abendessen setzt Franz von Sales eine besondere Zeit innerlichen Gebetes als Zusammenfassung und Erneuerung der Morgenbetrachtung an. Er gibt weder eine bestimmte Zeit noch einen Ort an, beides richtet sich nach den bestehenden Möglichkeiten.

      Vor dem Schlafengehen ist das Abendgebet zu verrichten, mit dem die Gewissenserforschung als zweite Sicherung gegen unser Ich verbunden ist (vgl. Anm. zum 10. Kapitel). Der Heilige legt also wohl Gewicht auf die tägliche Gewissenserforschung, nicht aber so, daß sie das Um und Auf des geistlichen Lebens wäre. Es ist auch bemerkenswert, daß er vom vielfach empfohlenen Partikularexamen (d. h. der Erforschung über bestimmte Fehler oder Tugenden nach Art einer Buchführung) überhaupt nicht spricht und von der Gewissenserforschung nur hier und im Zusammenhang mit der Beichte. Die Hauptsache bleibt für ihn das Gebetsleben (vgl. die folgenden Kapitel).

      12. Kapitel

      1. Die Bedeutung dieses Kapitels zeigen schon die einleitenden Worte; sie wird noch unterstrichen durch die Schlußworte des folgenden: ³In dieser Übung der geistlichen Einsamkeit und der kurzen Herzenserhebungen zu Gott besteht das große Werk der Frömmigkeit..." Die Verbundenheit mit Christus ist für Franz von Sales das große Mittel zum geistlichen Fortschritt. Unser ganzes Leben soll christlich sein, d. h. nach Christus gestaltet durch die innige Vereinigung mit ihm, auf den stets unser Auge gerichtet ist, damit wir nach seinem Vorbild und gedrängt von seiner Liebe seinen Geist in unser Leben hineintragen (vgl. 3/10, 5/4).

      13. Kapitel

      1. Die Gottverbundenheit und Vereinigung mit Christus findet ihren naturgemäßen Ausdruck im Gebetsgeist; beide gehören zusammen und werden vom Heiligen am Schluß dieses Kapitels als eine Einheit betrachtet. Deshalb gibt er auch dem freien, spontanen Gebet den Vorzug vor den Formeln, die leicht etwas Gezwungenes an sich haben; darum auch die zahlreichen Beispiele, wie die Gottverbundenheit sich bei verschiedenen Anlässen ganz von selbst in religiösen Gedanken und Herzensgebeten offenbart.

      2. In diesem Abschnitt ist jedes Wort wichtig. Er zeigt, welch überragende Bedeutung Franz von Sales dem Gebetsleben beimißt. Er preist es in ähnlich begeisterten Ausdrücken wie die Frömmigkeit selbst (vgl. 1/2 u. 3). Der Gebetsgeist ist für ihn eben das große Mittel zum geistlichen Fortschritt; deutlicher könnte er es kaum sagen.

      14. Kapitel

      1. Franz von Sales feiert in erhabenen Worten die Hoheit und Wirksamkeit des heiligen Opfers und wünscht unsere tägliche Teilnahme daran. Er verlangt wirkliche Teilnahme, d. h. tiefgläubiges innerliches Miterleben dessen, was auf dem Altar geschieht, Aufmerksamkeit auf das Wesentliche der Gebete und Handlungen; das kann geschehen durch das Mitbeten nach einem der gebräuchlichen Meßbücher (was gewiß nützlich aber nicht unerläßlich ist), durch betrachtendes Beten oder durch den Rosenkranz, wie es in manchen Kirchen Brauch ist. Jedenfalls ist das Lesen der Meßtexte nicht das allein Mögliche.

      17. Kapitel

      1. Mit ³Gerson" sind wohl die Werke dieses Schriftstellers gemeint, wahrscheinlich aber die ³Nachfolge Christi" im besonderen, die damals allein Gerson zugeschrieben wurde (vgl. Oeuvres Bd I, S. 107, Anm. 1).

      19. Kapitel

      1. Die Empfehlung, vor jedem Empfang der heiligen Kommunion zu beichten, gilt natürlich nur, wenn man sie selten empfängt, wie es zur Zeit des Heiligen üblich war. Bei öfterer bzw. täglicher Kommunion ist es empfehlenswert, je nach Alter und Umständen wöchentlich, alle zwei Wochen oder jeden Monat zu beichten, man halte sich dabei an den Rat des Beichtvaters.

      20. Kapitel

      1. Franz von Sales ist ein eifriger Förderer der heiligen Kommunion. Der Grundton des ganzen Kapitels zeigt, daß seine Tendenz gegen die Verfechter der seltenen Kommunion gerichtet ist. Die monatliche Kommunion betrachtet er als das Mindeste für einen Katholiken, der ein christliches Leben führen will, er befürwortet aber warm die wöchentliche Kommunion und vertritt sogar die für seine Zeit kühne Absicht, auch tägliche Kommunion könne bestimmten Seelen gestattet werden.

      Durch die Kommuniondekrete Pius X. ist eine neue Lage geschaffen: Er empfiehlt die häufige, ja tägliche Kommunion und stellt dafür nur zwei Bedingungen: 1. der Gnadenstand (d. h. Freisein von der Todsünde), 2. die gerade und fromme Absicht. Damit sind die strengeren Bedingungen, die Franz von Sales hier stellt, außer Kraft gesetzt oder vielmehr als wünschenswerte Seelenhaltung zu betrachten, die jeder aus Ehrfurcht vor dem Allerheiligsten anstreben soll, wenn er täglich den Heiland empfängt.

      Dritter Teil

      1. Kapitel

      1. Die Überschrift dieses Kapitels lautet wörtlich übersetzt: ³Von der Auswahl, die man bei der Übung der Tugenden treffen muß." Wir hören von vielen Tugenden, die wir zu üben haben; manche davon sind für jeden Christen unbedingt verpflichtend, andere sind nur empfohlen oder verpflichten nur bestimmte Stände. Welche Auswahl ist also zu treffen? - Franz von Sales gibt eine klare Rangordnung: a) die christlichen Gesinnungstugenden, die jeden Christen in seinem Wesen bestimmen sollen. Als Beispiele zählt er auf: Sanftmut, vernünftiges Maßhalten, Ehrlichkeit, Demut; - b) jene Tugenden, die unser Beruf und Stand erfordert; - c) im übrigen sind die wertvolleren, innerlichen, unauffälligen vorzuziehen; - d) schließlich empfiehlt er, sich auf die Übung der einen oder anderen Tugend besonders zu verlegen, z. B. auf die unseren gewöhnlichen Fehlern entgegengesetzten.

      Man beachte die große Bedeutung, die er sowohl den Gesinnungs- wie auch den Standestugenden beimißt; den einen entsprechend seiner Auffassung von der Wichtigkeit unserer inneren Einstellung gegen Gott, gegen uns selbst und gegen den Mitmenschen (1/21-24; 3/23; 5/4-7), den anderen, weil ihm Gottes Wille über alles geht, der sich auch im Pflichtenkreis ausdrückt, in den uns Gottes Vorsehung gestellt hat.

      2. Kapitel

      1. Dieses Kapitel behandelt die Fehler im Tugendstreben: Ängstlichkeit und Übereifer; ferner falsche Ziele des Tugendstrebens, das nicht auf Außerordentliches gerichtet sein soll, sondern auf die überaus wichtigen ³kleinen Tugenden".

      3. Kapitel

      1. Schon die Stellung dieses Kapitels vor allen anderen Tugenden zeigt, wie wichtig die Geduld im Ertragen alles Unangenehmen ist: die Angleichung unseres Willens an den göttlichen in allen Widerwärtigkeiten, großen wie kleinen, in allem, was Gott schickt oder zuläßt, wie er es schickt, mit allen Begleitumständen.

      Dieses Leben nach der Vorsehung Gottes soll uns heiligen; die Abtötungen und Überwindungen, die es uns bringt, sind Gottes Wille, entsprungen aus Gottes Weisheit und Güte, daher unendlich wertvoller für uns als Tugend- und Bußübungen, die wir uns selbst aussuchen, weil damit meist die Eigenliebe ihre Befriedigung sucht (vgl. auch 6. Kapitel).

      4. Kapitel

      1. Der Demut widmet Franz von Sales vier Kapitel; ein Beweis, welchen Wert er ihr beimißt. In diesen zeigt er, wie lächerlich Hochmut, Ruhm- und Ehrsucht sind.

      5. Kapitel

      1. Dieses Kapitel wendet sich gegen falsche Auffassungen von der Demut; sie sind zum großen Teil schuld an der Ablehnung und Verkennung dieser Tugend.

      6. Kapitel

      1. Franz von Sales zeigt Möglichkeiten, die Demut zu üben. In den Vordergrund stellt er wieder jene, die das Leben selbst bietet oder vielmehr die göttliche Vorsehung, die unser Leben lenkt und leitet. Demütig sein heißt also, von Herzen einverstanden sein mit dem, was Gott will und zuläßt; heißt auch die verachteten Leiden willig und liebevoll annehmen, die von der Welt wenig geschätzten Tugenden ebenso gern und tapfer üben wie alle anderen; heißt kleine und große Demütigungen, die uns mit oder ohne unsere Schuld widerfahren, gern annehmen; heißt: mit einem Wort, sich nicht gegen die Wahrheit stemmen oder sie verwischen wollen, sondern sich ihr willig beugen.

      8. Kapitel

      1. Nächst der Demut kommt der Sanftmut große Bedeutung zu, der die nächsten drei Kapitel gewidmet sind. Sie ist die Selbsterkenntnis und innere Ruhe, mit der man die Menschen (8. Kapitel), sich selbst (9. Kapitel) und die Dinge meistert.

      2. Demut und Sanftmut, die eins ohne das andere nicht sein können, müssen Herzensgesinnungen sein, sonst bewähren sie sich nicht; rein äußerliches Gehaben hat hier keinen Wert.

      3. Ein wichtiger pädagogischer Grundsatz: Nie im Zorn tadeln oder strafen! Man schadet dabei sich selbst und denen, die man bessern soll. Ruhiges, herzliches Zureden gewinnt, zorniges Anschreien und Strafen stößt ab und verbittert.

      4. Mittel gegen den Zorn: a) ruhige Abwehr - b) Gebet - c) gutmachen, was im Zorn falsch gemacht wurde - d) sich daran gewöhnen, alles ruhig zu machen.

      9. Kapitel

      1. Franz von Sales ist ein offener Feind aller Aufregung und Unruhe. Er weiß, daß innere Gereiztheit der beste Nährboden für eine Reihe von Verfehlungen ist. Also ist wohl eine innige, tiefe Reue am Platz, nicht aber Verzagtheit, Verzweiflung und Zorn gegen sich selbst, das alles schadet noch mehr als der Fehler selbst (vgl. 4/11 u. 12).

      11. Kapitel

      1. In den folgenden Kapiteln behandelt Franz von Sales die drei Tugenden, die im Ordensstand Gott feierlich gelobt werden, weil sie die großen Wegbereiter der Vollkommenheit sind. Deshalb sind sie auch dem Christen in der Welt notwendig, legen ihm freilich nicht die gleichen Pflichten auf, wie den Ordensleuten. Wie sie in der Welt geübt werden können und dem Streben nach christlicher Vollkommenheit dienen, ist Gegenstand dieser Kapitel.

      17. Kapitel

      1. Der wichtigsten Frage der Freundschaft gelten die nächsten Kapitel. So wertvoll gute Freundschaften sind, so verheerend können sich schlechte auf den Menschen auswirken. Franz von Sales beschreibt die einen wie die anderen (17.-19. Kapitel), weist in feinsinniger Weise auf die Unterscheidungsmerkmale hin (20. Kapitel), schließlich weist er noch auf einige Gefahren auch der guten Freundschaft hin (21. Kapitel), deren Berechtigung und hohen Wert er im 19. Kapitel so warm verteidigt hat.

      23. Kapitel

      1. Mit diesem Kapitel beginnt die Erörterung einer Reihe von Fragen des äußeren Verhaltens. Franz von Sales hält es für notwendig, diesen Ratschlägen eine grundsätzliche Erklärung vorauszuschicken; er kennzeichnet seine Methode für die Umwandlung der Seele, die sich von anderen deutlich unterscheidet: Er will nicht beim Äußeren beginnen, sein Streben geht vielmehr dahin, die Seele zu erfassen, das Herz für Gott zu gewinnen. Ist erst das Herz gewonnen, denn wird bald das ganze Wesen des Menschen auf Christus hin ausgerichtet sein.

      Diese grundsätzliche Erklärung gibt uns den Schlüssel zur ganzen ³Anleitung". Von da aus verstehen wir, warum die Läuterung des Seele vor allem auf die Anhänglichkeiten abzielt, auf die verkehrte, schlechte oder ungeordnete Liebe zu Fehlern oder Dingen (vgl. 1/7; 1/22 u. 23), warum das große Mittel zur Seelenläuterung und zum seelischen Aufstieg das Gebetsleben ist (2/1; 2/12 u. 13), der innige Gebetsverkehr mit dem Heiland, der unsere Seele durch die Verbindung mit der göttlichen, im Heiland Mensch gewordenen Wahrheit freimacht von Irrtum und Unklarheit und das Herz, dem ständig die Liebe des Heilands gegenwärtig ist, für den Heiland gewinnen und ihm ganz zuwenden soll.

      Also eine Reform von innen heraus, wie es der Heilige hier grundsätzlich festlegt und nochmals am Ende des Kapitels betont. Daher hat auch die Gewissenserforschung bei der jährlichen Erneuerung vor allem über die Einstellung des Herzens gegen Gott, gegen uns selbst und gegen den Mitmenschen festzustellen. Im ganzen ein völlig in sich geschlossenen System der Seelenerneuerung.

      2. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels bespricht Franz von Sales die althergebrachten Übungen der Abtötung: Fasten, Geißeln, Bußgürtel und Nachtwachen. Dieses letzte lehnt er ganz ab, die anderen läßt er gelten, schränkt sie aber insofern ein, als er dafür die Billigung des Seelenführers verlangt, ferner jedes Übermaß tadelt und vor allem auf die Abtötung des Herzens den Akzent legt und der gottgewollten Arbeit den Vorzug vor diesen Abtötungen gibt, ebenso der Abtötung des Essens ohne Auswahl vor dem Fasten und der Wahl des Schlechteren. Auch hier zieht er der eigenen Wahl den Willen Gottes vor, der sich in den Standespflichten und in den angenehmen wie unangenehmen Dingen äußert, die uns treffen.

      28. Kapitel

      1. Es folgt eine feinsinnige Aufdeckung der verschiedenen Ursachen liebloser Gedanken und Urteile. Wir wissen, wie Griesgram, Stolz und Eitelkeit, der Wunsch, sich zu entschuldigen, die Freude am Analysieren anderer, die Leidenschaften das Urteilen über andere fördern, sehr oft aber auch das Urteil trüben, so daß nicht nur ein liebloses, sondern wirklich ein freventliches Urteil entsteht.

      2. Das große Gegenmittel hier wie ³gegen alle Übel" ist die Liebe, die Grundeinstellung liebevoller Hingabe an Gott und damit auch an die Mitmenschen. Es kommt ganz auf die Gesinnung an; ist sie auf Gott gerichtet, nicht für unser Ich eingenommen, dann wird sie auch gütig, verständnisvoll und herzlich gegen den Nächsten sein. Man wird um so weniger das Bedürfnis haben, anderer abzuurteilen, je mehr man sich selbst klein und bedürftig vor Gott weiß.

      29. Kapitel

      1. Ebenso entschieden wie das lieblose Denken lehnt der Heilige das lieblose Reden ab, das er ³eine wahre Pest der Gesellschaft" nennt. Auch hier wird er sehr konkret; er weist auf das Teuflische des lieblosen Redens hin, auf die Gemeinheit, es in Worte des Lobes oder in witzige Form ³einzuwickeln", auf die Ungerechtigkeit durch Übertreibung.

      35. Kapitel

      1. Dieses und die zwei folgenden Kapitel gehören wohl zu jenen, von denen der Heilige in seinem Vorwort sagt, daß man sie kaum anderswo finden wird: Treue Hingabe an Gott in allen kleinen Dingen de Lebens, gewissenhafte Pflichterfüllung bis ins kleinste, mutiges Ertragen der vielen kleinen Leiden und Widerwärtigkeiten des Alltags, all dies ist nichts anderes als Angleichung unseres Willens an den göttlichen Willen bis zum letzten.

      36. Kapitel

      1. Vernünftig ist eigentlich nur ein Leben aus dem Glauben, ein Leben mit der liebevollen Grundeinstellung gegen Gott und die Mitmenschen. Ein Leben der Eigenliebe muß dagegen notwendig unvernünftig und ungerecht sein. Der Heilige zeigt dies an drastischen Beispielen. Daher also die wiederholte Mahnung, der Vernunft zu folgen, nicht den Launen und Leidenschaften des Egoismus. Dieses Kapitel ist im Grunde ein realistischer Kommentar zum Gebot der Nächstenliebe: ³Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."

      37. Kapitel

      1. Bekannt ist das Wort des Heiligen: ³Ich habe wenig Wünsche, und was ich wünsche, wünsche ich nur wenig; käme ich noch einmal auf die Welt, dann möchte ich überhaupt keine Wünsche mehr haben;" ebenso sein Vermächtnis an seine Schwestern: ³Nichts begehren, nichts abschlagen!" Er weiß eben um die Gefahren des Wünschens und Sehnens nach fremden Zielen, während die naheliegende Pflicht unserer ganze Aufmerksamkeit verlangt.

      Vierter Teil

      3. Kapitel

      1. Franz von Sales stellt für die Versuchungen zwei wichtige Grundsätze auf: a) Man darf keine Angst vor ihnen haben; sie sind Menschenlos und machen uns nicht schlechter, wenn wir nur entschlossen sind, ihnen nicht nachzukommen. b) Die Freude bei der Versuchung ist nur dann Sünde, wenn sie in den höheren Bereich unseres Seelenlebens eingedrungen ist, d. h. wenn wir sie ganz bewußt und frei bejahen. Diese Klarstellung ist besonders wichtig für die Gedankenversuchungen gegen das 6. Gebot, die naturgemäß stets von einer gewissen Lust begleitet sind, so daß man sich hinterher immer wieder fragt, ob man nicht doch zugestimmt habe, weil man doch ³Freude daran gehabt" hat. Solang man nicht mit Überlegung und freiem Willen sein Ja dazu gegeben hat, kann von einer freiwilligen und daher sündhaften Freude keine Rede sein, man braucht sich also darüber keine Sorgen machen (vgl. 4.-6. Kapitel). Es hat überhaupt keinen Sinn, darüber zu grübeln, ob man eingewilligt habe; hätte man mit Überlegung und freiem Willen zugestimmt, dann würde das so fest im Bewußtsein haften, daß man daran kaum zweifeln könnte.

      11. Kapitel

      1. Nachdem Franz von Sales eingehend die Gefahren besprochen hat, die von Versuchungen drohen, wendet er sich seelischen Zuständen zu, die ebenfalls Gefahrenherde für den Bestand und den Fortschritt der Frömmigkeit sind; das ist nicht immer sofort einleuchtend, deshalb werden sie in den Andachtsbüchern meist kaum als solche angeführt.

      Zunächst die Unruhe. Franz von Sales hat von ihr schon bei anderen Gelegenheiten gesprochen (vgl. 3/9; 3/37); hier nennt er sie das größte Übel, das die Seele treffen kann, die Sünde ausgenommen. Darin offenbart sich wieder der Psychologe in Franz von Sales; er hatte in vielen Seelen die Verheerungen festgestellt, die unbeherrschtes Verlangen nach immer Neuem in den Seelen anrichtet, die Unzufriedenheit und innere Verärgerung wegen unbefriedigter Wünsche. Aber auch der Theologe spricht mit und dringt mit aller Energie darauf, daß einzig der Wille Gottes die Richtschnur unseres Tuns sei, nicht Ichsucht und aufgebauschtes Wunschleben, die eigentlichen Ursachen der Unruhe.

      12. Kapitel

      1. Das sind Gedanken, die von den herkömmlichen Andachtsbüchern weit abweichen, die wohl von Buße, Zerknirschung, Tränen, Vernichtung usw. handeln, aber nicht zu wissen scheinen, daß Jesus uns die frohe Botschaft verkündet und Paulus zur Freude aufgerufen hat.

      Auch hier treffen sich der Psychologe und der Theologe. Der eine weiß, daß die Traurigkeit die Nerven zerrüttet; das hat ein Zunehmen jener Versuchungen zur Folge, die von den Nerven abhängen, und eine Minderung der seelischen Abwehrkräfte infolge der nervösen Depression (die Erfahrung bestätigt dies vor allem bei Versuchungen auf geschlechtlichem Gebiet). Der Theologe führt die Traurigkeit auf die enttäuschte, gedemütigte Ichsucht zurück, auf mangelnde Ausrichtung auf den göttlichen Willen, auf Mangel an Demut. Gerade bei schweren sittlichen Kämpfen und Niederlagen muß mit der ernsten Reue eine freudige, frohe Zuversicht auf der Grundlage gläubigen Gottvertrauens verbunden und den traurigen Grübeleien der Krieg erklärt werden.

      13. Kapitel

      1. Auch in diesen grundsätzlichen Ausführungen über den Wert und die Gefahren der religiösen Gefühle (vgl. auch 2/6) spricht sowohl der erfahrene Seelenkenner wie der Gottesgelehrte. Er anerkennt den hohen Wert religiöser Gefühle, der Freude am Gebet und Tugendstreben, warnt aber auch eindringlich vor jeder Überschätzung. Die Frömmigkeit besteht nicht in erhabenen Gefühlen; man kann ohne sie fromm sein, und man kann sie empfinden, ohne wirklich fromm zu sein, denn sie können auch vom Temperament oder vom Teufel stammen. Es kommt nicht auf Gefühle an, sondern auf das fromme Leben. Eine Gefahr sind sie, wenn jemand sich auf dieses Gefühlsleben beschränkt und daran berauscht. Man muß sie also auch zu entbehren verstehen und auch ohne sie seine Pflicht mutig erfüllen. Werden sie einem aber geschenkt, dann soll man Gott dafür danken, sie gut verwerten und stets bereit sein, auf sie zu verzichten.

      14. Kapitel

      1. Man hat keine Freude mehr am Gebet, ja es wird zum Ekel, man empfindet keine Lust mehr zum Tugendstreben und möchte am liebsten alles hinwerfen. Wer ist nicht schon durch diese Prüfung gegangen oder gar daran gescheitert?

      Hier geht Franz von Sales behutsam zu Werke. Zunächst spürt er den Ursachen nach: man kann selbst daran schuld sein (er führt eine Reihe möglicher Quellen an), die Ursache kann in körperlicher Schwäche liegen, dieser Zustand kann aber auch eine Prüfung sein. Zunächst muß man die Ursache zu beheben suchen, um das Übel zu heilen (vgl. 15. Kapitel), dann aber es geduldig tragen, Mut bewahren und um so gewissenhafter sein, je schwerer das religiöse Leben fällt, das dann um so wertvoller vor Gott ist.

      Fünfter Teil

      1. Kapitel

      1. Der ganze fünfte Teil mit Ausnahme der letzten zwei Kapitel enthält Ratschläge und übungen für die jährlichen Erneuerungs-Exerzitien, die Franz von Sales klar von den Bekehrungs-Exerzitien unterscheidet, denen er den ersten Teil dieses Buches gewidmet hat. Dort war der Zweck der Exerzitien, die Seele aufzurütteln zur Absage an die Sünde und zum Entschluß eines frommen Lebens bis zur Generalbeichte und zur feierlichen Erklärung, von jetzt an ein Leben im Dienste Gottes zu führen.

      Zweck der Erneuerungs-Exerzitien dagegen ist, ³die im Lauf der Zeit erschlafften Kräfte wieder herzustellen... und die Tugenden zur Blüte zu bringen." Daher beziehen sich die Übungen sowohl auf die Vergangenheit (Erwägungen über die Gnade Gottes und Prüfung unseres Seelenzustandes) wie auch auf die Beweggründe Gott in Zukunft noch treuer zu sein (Betrachtungen über die Erhabenheit der Seele und der Tugenden, über das Beispiel der Heiligen, über die Liebe Gottes zu uns). Betrachtungen über die letzten Dinge fehlen hier, die Seele soll ja nicht erschüttert werden, sie soll sich festigen im Guten, wachsen in der Liebe.

      Auch bei diesen Exerzitien zieht es der Heilige vor, täglich nur einen großen Gedanken innerlich verarbeiten zu lassen (vgl. 9. Kapitel).

      3. Kapitel

      1. Die Gewissenserforschung soll in den ersten Tagen der Exerzitien stattfinden, damit die übrigen Tage ganz dem positiven Aufbau der Festigung der Gottesliebe und den Entschlüssen gehören. Ihr Gegenstand sind weniger die einzelnen Fehler als die Gesinnung, die große Einstellung der Seele gegen Gott, gegen sich selbst und den Nächsten. Das entspricht dem Grundsatz, daß es vor allem auf die Gesinnung des Herzens ankommt (vgl. 4/23).

 

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